Der Pedlar

Der Pedlar

Es war drei Monate nach den zuletzt beschriebenen Begebenheiten, deren Folgen trotz dieser langen Zeit noch nicht an uns vorübergegangen waren. Die Hoffnung, Old Firehand retten zu können, hatte sich zwar erfüllt, aber seine Genesung schritt außerordentlich langsam vorwärts; er konnte vor großer Schwäche noch nicht aufstehen, und wir hatten unsern ursprünglichen Gedanken, ihn nach dem Fort zu transportieren, aufgegeben; er sollte bis zu seiner vollständigen Gesundung in der Festung bleiben, wo, wie wir uns überzeugt hatten, die Pflege durch uns für ihn hinreichend war.

Harrys Verwundung hatte sich glücklicherweise als nicht bedeutend herausgestellt. Winnetou war an vielen Stellen seines Körpers, doch auch nicht gefährlich, verletzt gewesen, und seine Wunden gingen nun der vollständigen Vernarbung entgegen. Die Schrammen und Kniffe, welche ich erhalten hatte, waren von keiner Bedeutung; sie taten bei der Berührung zwar noch weh, doch war ich gegen Schmerzen wie ein Indianer abgehärtet. Am besten war Sam Hawkens davongekommen; er hatte einige ganz unbedeutende Quetschungen erlitten, welche eigentlich gar nicht erwähnt zu werden brauchen.

Es war vorauszusehen, daß Old Firehand sich selbst nach seiner vollständigen Genesung noch lange, lange Zeit zu schonen haben werde; das Leben eines Westmannes sofort wieder zu beginnen, war für ihn eine Unmöglichkeit; darum hatte er sich entschlossen, sobald er die Reise unternehmen könne, nach dem Osten zu seinem älteren Sohne zu gehen und Harry mitzunehmen. Da verstand es sich denn ganz von selbst, daß die Vorräte von Fellen, welche er mit seiner Pelzjägergesellschaft gesammelt hatte, nicht liegen bleiben konnten; sie mußten verwertet, das heißt also, verkauft werden. Auf dem Fort gab es gegenwärtig leider keine Gelegenheit dazu, und doch war es für Rekonvaleszenten wenn nicht schwer, so doch höchst unbequem, eine solche Menge von Fellen weit fort zu transportieren. Wie war dem abzuhelfen? Da half uns einer der Soldaten, welche für einige Zeit zu unserm Schutze bei uns zurückgelassen worden waren, mit einem guten Rate aus. Er hatte erfahren, daß sich drüben am Turkey-River ein Pedlar aufhielt, welcher alles Mögliche, was ihm angeboten wurde, aufkaufte und dabei nicht bloß Tauschgeschäfte trieb, sondern die erhandelten Waren auch mit barem Gelde bezahlte. Dieser Mann konnte uns aus der Verlegenheit helfen.

Aber wie ihn herbeibringen? Einen Boten konnten wir ihm nicht schicken, denn wir hatten Niemand als nur die Soldaten bei uns, und von diesen durfte keiner seinen Posten verlassen. Da ging es denn nicht anders, als daß einer von uns fort mußte, um den Pedlar zu benachrichtigen. Ich bot mich an, nach dem Turkey-River zu reiten, wurde aber darauf aufmerksam gemacht, daß die für die Weißen sehr gefährlichen Okananda-Sioux jetzt dort ihr Wesen trieben. Der Pedlar konnte sich getrost zu ihnen wagen, denn die Roten pflegen selten einem Händler etwas zu tun, weil sie sich bei diesen Leuten alles eintauschen können, was sie brauchen; desto mehr aber hatten sich andere Weiße vor ihnen in acht zu nehmen, und wenn ich mich auch nicht gerade fürchtete, so war es mir doch lieb, daß Winnetou sich erbot, mich zu begleiten. Wir konnten wohl abkommen, weil Old Firehand an Sam Hawkens und Harry genug hatte. Sie pflegten ihn, und für Nahrung sorgten die Soldaten, welche abwechselnd auf die Jagd gingen. Wir machten uns also auf den Weg und kamen, da Winnetou die Gegend genau kannte, schon am dritten Tage an den Turkey-River oder Turkey-Creek. Es gibt mehrere kleine Flüsse dieses Namens; der, welchen ich hier meine, ist bekannt wegen der vielen und blutigen Zusammenstöße, welche die Weißen im Laufe der Zeit mit den verschiedenen Stämmen der Sioux dort gehabt haben.

Wie nun den Pedlar finden? Wenn er bei den Indianern war, galt es für uns, außerordentlich vorsichtig zu sein. Es gab aber am Flusse und in der Nähe desselben auch weiße Ansiedler, welche es vor einigen Jahren gewagt hatten, sich da niederzulassen, und so war es also geraten, zunächst einen von ihnen aufzusuchen, um uns bei ihm zu erkundigen. Wir ritten also den Fluß entlang, doch ohne die Spur einer Wohnung zu finden, bis wir gegen Abend endlich ein Roggenfeld erblickten, an welches sich andere Felder schlossen. An einem Bache, welcher sein Wasser in den Fluß ergoß, lag ein aus rohen, starken Baumstämmen zusammengefügtes, ziemlich großes Blockhaus mit einem von einer starken Fenz umgebenen Garten. Seitwärts davon umschloß eine ebensolche Fenz einen freien Raum, auf welchem sich einige Pferde und Kühe befanden. Dorthin ritten wir, stiegen ab, banden unsere Pferde an und wollten nach dem Hause gehen, welches schmale, schießschartenähnliche Fenster besaß. Da sahen wir aus zwei von diesen Fenstern je einen auf uns gerichteten doppelten Gewehrlauf erscheinen, und eine barsche Stimme rief uns zu:

„Halt! Bleibt stehen! Hier ist kein Taubenhaus, wo man ein- und ausfliegen kann wie es einem beliebt. Wer seid Ihr, Weißer, und was wollt Ihr hier?“

„Ich bin ein Deutscher und suche den Pedlar, der sich in dieser Gegend befinden soll,“ antwortete ich.

„So seht, wo Ihr ihn findet! Ich habe nichts mit Euch zu tun. Trollt Euch von dannen!“

„Aber, Sir, Ihr werdet doch so vernünftig sein, mir die Auskunft, wenn Ihr sie geben könnt, nicht zu verweigern. Man weist doch nur Gesindel von der Tür.“

„Ist sehr richtig, was Ihr da sagt, und darum weise ich Euch eben fort.“

„Ihr haltet uns also für Gesindel?“

Yes!“

„Warum?“

„Das ist meine Sache; brauche es Euch eigentlich nicht zu sagen; aber Eure Angabe, daß Ihr ein Deutscher seid, ist jedenfalls eine Lüge.“

„Es ist die Wahrheit.“

Pshaw! Ein Deutscher getraut sich nicht so weit hierher; es müßte denn Old Firehand sein, der einer ist.“

„Von dem komme ich.“

„Ihr? Hm! Woher denn?“

„Drei Tagesritte weit von hier, wo er sein Lager hat. Vielleicht habt Ihr davon gehört?“

„Ein gewisser Dick Stone war einmal da und hat mir allerdings gesagt, daß er ungefähr so weit zu reiten habe, um zu Old Firehand zu kommen, zu dem er gehörte.“

„Der lebt nicht mehr; er war ein Freund von mir.“

„Mag sein; aber ich darf Euch nicht trauen, denn Ihr habt einen Roten bei Euch, und die gegenwärtigen Zeiten sind nicht danach, daß man Leute dieser Farbe bei sich eintreten läßt.“

„Wenn dieser Indianer zu Euch kommt, so müßt Ihr es als eine Ehre für Euch ansehen, denn er ist Winnetou, der Häuptling der Apachen.“

„Winnetou? Alle Wetter, wenn das wahr wäre! Er mag mir doch einmal sein Gewehr zeigen!“

Winnetou nahm seine Silberbüchse vom Rücken und hielt sie so, daß der Settler sie sehen konnte, da rief dieser:

„Silberne Nägel! Das stimmt. Und Ihr, Weißer, habt zwei Gewehre, ein großes und ein kleines; da komme ich auf eine Idee. Ist das große etwa ein Bärentöter?“

„Ja.“

„Und das kleine ein Henrystutzen?“

„Ja.“

„Und Ihr habt einen Prairienamen, welcher anders lautet als Euer eigentlicher, den Ihr mir gesagt habt?“

„Sehr richtig!“

„Seid Ihr etwa Old Shatterhand, der allerdings ein Deutscher von drüben her sein soll?“

„Der bin ich allerdings.“

„Dann herein, schnell herein, Mesch’schurs! Solche Leute sind mir freilich hochwillkommen. Ihr sollt Alles haben, was Euer Herz begehrt, wenn ich es besitze.“

Die Gewehrläufe verschwanden, und gleich darauf erschien der Settler unter der Tür. Er war ein ziemlich alter, kräftiger und starkknochiger Mann, dem man es beim ersten Blick ansah, daß er mit dem Leben gekämpft hatte, ohne sich werfen zu lassen. Er streckte uns beide Hände entgegen und führte uns in das Innere des Blockhauses, wo sich seine Frau und sein Sohn, ein junger, kräftiger Bursche, befanden. Zwei andere Söhne waren, wie wir erfuhren, im Walde beschäftigt.

Das Innere des Hauses bestand aus einem einzigen Raume. An den Wänden hingen Gewehre und verschiedene Jagdtrophäen. Über dem aus Steinen errichteten einfachen Herde brodelte kochendes Wasser in einem eisernen Kessel; das notwendigste Geschirr stand dabei auf einem Brette. Einige Kisten dienten als Kleiderschrank und Vorratskammern, und an der Decke hing so viel geräuchertes Fleisch, daß die aus fünf Personen bestehende Familie monatelang davon leben konnte. In der vordern Ecke stand ein selbstgezimmerter Tisch mit einigen ebensolchen Stühlen. Wir wurden aufgefordert, uns da niederzusetzen, und erhielten, während der Sohn draußen unsere Pferde besorgte, von dem Settler und seiner Frau ein Abendessen aufgetragen, welches, die Verhältnisse berücksichtigt, nichts zu wünschen übrig ließ. Während des Essens kamen die beiden Söhne aus dem Walde und setzten sich ohne große Umstände bei uns nieder, um tüchtig zuzulangen, ohne sich an der Unterhaltung zu beteiligen, welche ausschließlich ihr Vater mit uns führte.

„Ja, Mesch’schurs,“ sagte er, „ihr dürft es mir nicht übel nehmen, daß ich euch etwas rauh angesprochen habe. Man hat hier mit den Roten zu rechnen, besonders mit den Okananda-Sioux, welche erst kürzlich einen Tagesritt von hier ein Blockhaus überfallen haben. Und fast noch weniger ist den Weißen zu trauen, denn hierher kommen nur solche, die sich im Osten nicht mehr sehen lassen dürfen. Darum freut man sich doppelt, wenn man einmal Gentlemen, wie ihr seid, zu sehen bekommt. Also den Pedlar wollt ihr haben? Beabsichtigt ihr ein Geschäft mit ihm?“

„Ja,“ antwortete ich, während Winnetou sich nach seiner Gewohnheit schweigsam verhielt.

„Was für eines ist es? Ich frage nicht aus Neugierde, sondern um euch Auskunft zu erteilen.“

„Wir wollen ihm Felle verkaufen.“

„Viel?“

„Ja.“

„Gegen Waren oder Geld?“

„Wo möglich Geld.“

„Da ist er euer Mann, und zwar der einzige, den ihr hier finden könnt. Andere Pedlars tauschen nur; dieser aber hat stets auch Geld oder doch Gold bei sich, weil er auch die Diggins besucht. Er ist ein Kapitalist, sage ich euch, und nicht etwa ein armer Teufel, der seinen ganzen Kram auf dem Rücken herumträgt.“

„Ob auch ehrlich?“

„Hm, ehrlich! Was nennt ihr ehrlich? Ein Pedlar will Geschäfte machen, will verdienen und wird also nicht so dumm sein, sich einen Vorteil entgehen zu lassen. Wer sich von ihm betrügen läßt, ist selber schuld. Dieser heißt Burton; er versteht sein Fach aus dem Fundamente und treibt es so, daß er stets mit vier oder fünf Gehilfen reist.“

„Wo denkt Ihr, daß er jetzt zu finden ist?“

„Werdet es noch heut abend hier bei mir erfahren. Einer seiner Gehilfen, welcher Rollins heißt, war gestern da, um nach Aufträgen zu fragen; er ist flußaufwärts zu den nächsten Settlers geritten und wird zurückkommen, um bis morgen früh dazubleiben. Übrigens hat Burton in letzter Zeit einigemal Pech gehabt.“

„Wieso?“

„Es ist ihm in kurzem fünf- oder sechsmal passiert, daß er, wenn er kam, um Geschäfte zu machen, die betreffende Niederlassung von den Indsmen ausgeraubt und niedergebrannt gefunden hat. Das bedeutet für ihn nicht nur einen großen Zeitverlust, sondern auch einen direkten Schaden, gar nicht gerechnet, daß es selbst für einen Pedlar gefährlich ist, den Roten so im Wege herumzulaufen.“

„Sind diese Überfälle in eurer Nähe geschehen?“

„Ja, wenn man nämlich in Betracht zieht, daß hier im Westen die Worte nahe oder fern nach einem andern Maßstabe genommen werden als anderswo. Mein nächster Nachbar wohnt neun Meilen von hier.“

„Das ist zu beklagen, denn bei solchen Entfernungen könnt ihr im Falle einer Gefahr einander nicht beistehen.“

„Freilich richtig; habe aber trotzdem keine Angst. Dem alten Corner sollen die Roten ja nicht kommen; ich heiße nämlich Corner, Sir. Würde ihnen schön heimleuchten!“

„Obgleich ihr nur vier Personen seid?“

„Vier? Ihr könnt meine Frau getrost auch als Person rechnen, und als was für eine! Die fürchtet sich vor keinem Indsman und weiß mit dem Gewehre grad so umzugehen, wie ich selbst.“

„Das glaube ich gern; aber wenn die Indianer in Masse kommen, so geht es eben nach dem alten Sprichworte: Viele Hunde sind des Hasen Tod.“

Well! Aber muß man grad ein Hase sein? Ich bin zwar kein so berühmter Westmann wie Ihr und habe weder eine Silberbüchse noch einen Henrystutzen; aber zu schießen verstehe ich auch; unsere Gewehre sind gut, und wenn ich meine Türe zumache, kommt mir gewiß kein Roter herein. Und wenn hundert draußen ständen, wir würden sie alle wegputzen, einen nach dem andern. Doch horch! Das wird wohl Rollins sein.“

Wir hörten den Huftritt eines Pferdes, welches draußen vor der Tür angehalten wurde. Corner ging hinaus. Wir hörten ihn mit jemand sprechen, und dann brachte er einen Mann herein, den er uns mit den Worten vorstellte:

„Dies ist Mr. Rollins, von dem ich euch gesagt habe, der Gehilfe des Pedlars, den ihr sucht.“

Und sich wieder zu dem Eingetretenen wendend, fuhr er fort:

„Ich habe draußen gesagt, daß Euch eine große Überraschung bevorstehe, eine Überraschung nämlich darüber, was für Männer Ihr heute bei mir zu sehen bekommt. Diese beiden Gentlemen sind nämlich Winnetou, der Häuptling der Apachen, und Old Shatterhand, von denen Ihr gewiß schon oft gehört haben werdet. Sie suchen nach Mr. Burton, dem sie eine ganze Menge von Fellen und Pelzen verkaufen wollen.“

Der Händler war ein Mann in den mittleren Jahren, eine ganz gewöhnliche Erscheinung, ohne irgend etwas Auffälliges im guten oder im bösen Sinne. Seine Physiognomie war gar nicht etwa geeignet, bei der ersten Betrachtung irgend ein negatives Urteil hervorzurufen, und dennoch wollte mir der Gesichtsausdruck, mit dem er uns betrachtete, nicht gefallen. Waren wir wirklich so hervorragende Männer, wie er jetzt zu hören bekommen hatte, so mußte er sich freuen, uns kennen zu lernen; zugleich war ihm ein gutes Geschäft in Aussicht gestellt worden; das mußte ihm lieb sein; aber in seinen Zügen war nichts von Freude oder Befriedigung zu lesen; ich glaubte vielmehr zu bemerken, daß es ihm nicht recht zu sein schien, mit uns zusammenzutreffen. Doch war es leicht möglich, daß ich mich täuschte; das, was mir nicht gefiel, konnte eine ganz unschuldige Zaghaftigkeit sein, welche er, der Gehilfe eines Händlers, zwei bekannten Westmännern gegenüber empfand. Darum überwand ich das mir grundlos erscheinende Vorurteil und forderte ihn auf, sich zu uns zu setzen, da wir geschäftlich mit ihm zu sprechen hätten.

Er bekam auch zu essen, schien aber keinen Appetit zu haben und stand bald vorn Tische auf, um hinauszugehen und nach seinem Pferde zu sehen. Dazu brauchte er nicht lange Zeit, und doch verging weit über eine Viertelstunde, ohne daß er wiederkam. Ich kann es nicht Mißtrauen nennen, aber es war doch etwas Ähnliches, was mich veranlaßte, auch hinauszugehen. Sein Pferd stand angebunden vor dem Hause; er aber war nicht zu sehen. Es war längst Abend, doch schien der Mond so hell, daß ich ihn hätte bemerken müssen, wenn er in der Nähe gewesen wäre. Erst nach längerer Zeit sah ich ihn um die Ecke der Umzäunung kommen. Als er mich erblickte, blieb er für einen Augenblick stehen, kam aber dann schnell vollends heran.

„Seid Ihr vielleicht ein Freund von Mondscheinpromenaden, Mr. Rollins?“ fragte ich ihn.

„Nein, so poetisch bin ich nicht,“ antwortete er.

„Es scheint mir aber doch!“

„Warum?“

„Ihr geht ja doch spazieren.“

„Aber nicht dem Monde zuliebe. Ich fühle mich nicht wohl; habe mir heut früh den Magen verdorben; dann das lange Sitzen im Sattel; mußte mir ein wenig Bewegung machen. Das ist es, Sir.“

Er band sein Pferd los und führte es in die Umzäunung, wohin die unserigen auch gebracht worden waren; dann kam er mir nach in das Haus. Was hatte ich mich um ihn zu kümmern? Er war ja sein eigener Herr und konnte tun, was ihm beliebte; doch ist der Westmann nun einmal zur größten Vorsicht, zum Mißtrauen verpflichtet und geneigt; aber der Grund, den Rollins mir für seine Entfernung angegeben hatte, war ein völlig stichhaltiger und befriedigender. Er hatte vorhin so wenig gegessen, darum war es leicht zu glauben, daß die Schuld an seinem Magen lag. Und dann, als wir drinnen wieder beisammen saßen, gab er sich so natürlich bescheiden, so unbefangen und harmlos, daß mein Mißtrauen, wenn ich ja noch welches gehabt hätte, ganz gewiß geschwunden wäre.

Wir sprachen natürlich vom Geschäft, von den jetzigen Preisen der Pelze, von der Behandlung, dem Transporte derselben und von allem, was sich auf unseren Handel bezog. Er zeigte sehr gute Fachkenntnisse und brachte dieselben in so anspruchsloser Weise zum Vorscheine, daß selbst Winnetou Wohlgefallen an ihm zu haben schien und sich an dem Gespräche mehr, als sonst in seiner Gewohnheit lag, beteiligte. Wir erzählten unsere letzten Erlebnisse und fanden sehr aufmerksame Zuhörer. Natürlich erkundigten wir uns auch nach dem Pedlar selbst, ohne dessen Anwesenheit und Zustimmung das Geschäft ja nicht abgeschlossen werden konnte. Hierauf antwortete Rollins:

„Ich kann Euch leider nicht sagen, wo mein Prinzipal sich grad heut befindet oder morgen oder übermorgen befinden wird. Ich sammle die Aufträge und überbringe sie ihm zu gewissen Tagen, an denen ich weiß, wo ich ihn treffen werde. Wie lange hat man zu reiten, um zu Mr. Firehand zu kommen?“

„Drei Tage.“

„Hm! Von heut an in sechs Tagen wird Mr. Burton oben am Riffley-Fork sein, und ich hätte also Zeit, mit Euch zu gehen, um mir die Ware anzusehen und den ungefähren Wert derselben zu bestimmen. Dann erstatte ich ihm Bericht und bringe ihn zu Euch, natürlich aber nur dann, wenn ich bei Euch der Ansicht werde, daß wir auf das Geschäft eingehen können und er derselben Meinung ist. Was sagt Ihr dazu, Sir?“

„Daß Ihr allerdings die Ware sehen müßt, ehe Ihr sie kaufen könnt. Nur wäre es mir lieber, wenn wir Mr. Burton selbst da hätten.“

„Das ist nun einmal nicht der Fall, und selbst wenn er hier wäre, fragte es sich sehr, ob er gleich mit Euch reiten könnte. Unser Geschäft hat einen größern Umfang, als Ihr denkt, und der Prinzipal besitzt nicht die nötige Zeit, drei Tage weit zu reiten, ohne vorher zu wissen, ob es ihm möglich sein werde, ein Gebot zu machen. Ich bin überzeugt, daß er Euch nicht selbst begleiten, sondern Euch einen von uns mitgeben würde, und da trifft es sich ja ganz gut, daß ich es grad jetzt ermöglichen kann, den Weg mit Euch zu machen. Sagt also ja oder nein, damit ich weiß, woran ich bin!“

Es gab nicht den mindesten Grund, seinen Vorschlag zurückzuweisen; ich war vielmehr überzeugt, ganz im Sinne Old Firehands zu handeln, indem ich antwortete:

„Habt Ihr die Zeit dazu, so ist es uns recht, daß Ihr mit uns reitet; aber dann gleich morgen früh!“

„Natürlich! Unsereiner hat keine Stunde, noch viel weniger ganze Tage zu verschenken. Wir brechen auf, sobald der Morgen graut, und darum schlage ich vor, daß wir uns zeitig niederlegen.“

Auch hiergegen gab es nichts einzuwenden, obwohl wir dann später freilich erfuhren, daß dieser Mann ganz und gar nicht so harmlos war, wie er sich den Anschein gab. Er stand vorn Tische auf und half der Settlersfrau, die Felle und Decken ausbreiten, auf welchen geschlafen werden sollte. Als sie damit fertig waren, gab er uns beiden unsere Plätze an.

„Danke!“ sagte ich. „Wir ziehen vor, im Freien zu liegen. Die Stube ist voller Rauch; draußen haben wir frische Luft.“

„Aber, Mr. Shatterhand, Ihr werdet nicht schlafen können, wenn Euch der helle Mond bescheint, und außerdem ist es jetzt kühl des Nachts.“

„Diese Kühle sind wir gewöhnt, und was den Mond betrifft, so kommt es uns nicht in den Sinn, ihm zu verbieten, dahin zu gucken, wohin es ihm beliebt.“

Er machte noch einige Versuche, uns von diesem Vorhaben abzubringen, doch vergeblich. Wir nahmen keinen Anstoß daran, und erst später, als wir ihn kennen gelernt hatten, erinnerten wir uns, freilich zu spät, daran, daß dieses sein Zureden eigentlich auffällig gewesen war; wir hätten die Absichtlichkeit bemerken sollen.

Ehe wir hinausgingen, machte der Wirt gegen uns die Bemerkung:

„Ich bin gewöhnt, die Tür zu verriegeln. Soll ich sie heut offen lassen, Mesch’schurs?“

„Warum das?“

„Ihr könntet etwas zu wünschen haben.“

„Wir werden nichts wünschen. In diesen Gegenden ist es nicht geraten, die Türen des Nachts unverschlossen zu halten. Hätten wir Euch ja etwas zu sagen, so würden wir es durch das Fenster tun.“

„Ja, die werden nicht zugemacht.“

Als wir aus dem Hause getreten waren, hörten wir deutlich, daß der Wirt hinter uns den Riegel vor die Türe schob. Der Mond stand so niedrig, daß das Gebäude seinen Schatten über die Umfriedigung warf, in welcher sich die Pferde befanden; wir gingen also dahinein, um im Dunkeln zu liegen. Swallow und Winnetous Pferd hatten sich nebeneinander niedergetan; ich breitete neben dem ersteren meine Decke aus, legte mich auf dieselbe und nahm den Hals des Rappen zum Kopfkissen, wie ich schon oft getan hatte. Er war dies nicht nur gewöhnt, sondern er hatte es sehr gern. Bald schlief ich ein.

Ich mochte eine Stunde geschlafen haben, als ich durch eine Bewegung meines Pferdes aufgeweckt wurde. Es rührte sich nie, so lange ich bei ihm lag, außer wenn etwas Ungewöhnliches passierte; jetzt hatte es den Kopf hoch erhoben und sog die Luft mißtrauisch durch die Nüstern. Sofort war ich auf und ging in der Richtung, nach welcher Swallow windete, nach der Fenz; dies tat ich in gebückter Haltung, um nicht von außen gesehen zu werden. Indem ich vorsichtig über die Umzäunung lugte, bemerkte ich in der Entfernung von vielleicht zweihundert Schritten eine Bewegung, welche sich langsam näherte. Das war eine Anzahl von Menschen, welche am Boden lagen und herbeigekrochen kamen. Ich drehte mich um, Winnetou schnell zu benachrichtigen; da stand er schon hinter mir; er hatte im Schlafe die leisen Schritte gehört, mit denen ich fortgeschlichen war.

„Sieht mein Bruder die Gestalten dort?“ fragte ich ihn.

„Ja,“ antwortete er; „es sind rote Krieger.“

„Wahrscheinlich Okanandas, welche das Blockhaus überfallen wollen.“

„Old Shatterhand hat das Richtige erraten. Wir müssen in das Haus.“

„Ja, wir stehen dem Settler bei. Aber die Pferde können wir nicht hier lassen, denn die Okanandas würden sie mitnehmen.“

„Wir schaffen sie mit in das Haus. Komm schnell! Es ist gut, daß wir uns im Schatten befinden; da sehen uns die Sioux nicht.“

Wir kehrten schnell zu den Pferden zurück, ließen sie aufstehen und führten sie aus dem umfenzten Platze nach dem Hause. Eben wollte Winnetou die Schläfer drin durch das offene Fenster wecken, da sah ich, daß die Türe nicht verschlossen war, sondern eine Lücke offen stand; ich stieß sie vollends auf und zog Swallow in das Innere. Winnetou folgte mir mit seinem Pferde und schob hinter sich den Riegel vor. Das Geräusch, welches wir verursachten, weckte die Schlafenden auf.

„Wer ist da? Was gibt es? Pferde im Hause?“ fragte der Settler, indem er aufsprang.

„Wir sind es, Winnetou und Old Shatterhand,“ antwortete ich, weil er uns nicht erkennen konnte, denn das Feuer war ausgegangen.

„Ihr? Wie seid ihr hereingekommen?“

„Durch die Tür.“

„Die habe ich doch zugemacht!“

„Sie war aber offen.“

„Alle Wetter! Da muß ich den Riegel nicht ganz zugeschoben haben, als ihr hinausginget. Aber warum bringt ihr die Pferde herein?“

Er hatte freilich den Riegel vorgeschoben, aber der Händler hatte denselben, als die Settlers schliefen, wieder aufgemacht, damit die Indianer hereinkönnten. Ich antwortete:

„Weil wir sie uns nicht stehlen lassen wollen.“

„Stehlen lassen? Von wem?“

„Von den Okananda-Sioux, welche soeben herangeschlichen kommen, euch zu überfallen.“

Es läßt sich denken, welche Aufregung diese Worte hervorriefen. Corner hatte zwar am Abend gesagt, er fürchte sich nicht vor ihnen, aber nun sie wirklich kamen, erschrak er ungeheuer. Rollins gab sich den Anschein, als ob er ebenso entsetzt sei wie die Andern. Da gebot Winnetou Ruhe, indem er sagte:

„Seid still! Mit Schreien kann man keinen Feind besiegen. Wir müssen eiligst darüber einkommen, wie wir die Okananda von uns abwehren wollen.“

„Darüber brauchen wir doch nicht erst zu beraten,“ antwortete Corner. „Wir putzen sie mit unserm‘ Gewehr weg, einen nach dem andern, grad so, wie sie kommen. Erkennen können wir sie, denn der Mond scheint hell genug dazu.“

„Nein, das werden wir nicht tun,“ erklärte der Apache.

„Warum nicht?“

„Weil man nur dann Menschenblut vergießen soll, wenn es durchaus notwendig ist.“

„Hier ist es notwendig, denn diese roten Hunde müssen eine Lehre bekommen, welche die Überlebenden nicht so leicht vergessen werden.“

„Mein weißer Bruder nennt die Indianer also rote Hunde? Er mag doch beherzigen, daß ich auch ein Indianer bin. Ich kenne meine roten Brüder besser, als er sie kennt. Wenn sie sich an einem Bleichgesichte vergreifen, so haben sie stets Ursache dazu. Entweder sind sie von ihm angefeindet worden, oder ein anderer Weißer hat sie durch irgend ein Vorgeben, dem sie Glauben schenken müssen, dazu beredet. Die Ponkas überfielen uns bei Old Firehand, weil ihr Anführer ein Weißer war, und wenn diese Okananda-Sioux jetzt kommen, um dich zu berauben, so ist ganz gewiß auch ein Bleichgesicht schuld daran.“

„Das glaube ich nicht.“

„Was du glaubst, das ist dem Häuptling der Apachen sehr gleichgültig, denn er weiß, daß es ganz gewiß so ist, wie er sagt!“

„Und wenn es so wäre, so müßten die Okanandas auf das strengste dafür bestraft werden, daß sie sich haben verführen lassen. Wer bei mir einbrechen will, den schieße ich nieder; das ist mein Recht und ich bin entschlossen, es auszuüben.“

„Dein Recht geht uns nichts an; wahre du es, wenn du allein bist; jetzt aber sind Old Shatterhand und Winnetou hier, und überall, wo sie sich befinden, sind sie gewohnt, daß man sich nach ihnen richtet. Von wem hast du dieses Settlement gekauft?“

„Gekauft? Daß ich so dumm wäre, es zu kaufen! Ich habe mich hierher gesetzt, weil es mir hier gefiel, und wenn ich die von dem Gesetze vorgeschriebene Zeit hier bleibe, gehört es mir.“

„Die Sioux, denen dieses Land gehört, hast du also wohl nicht gefragt?“

„Ist mir nicht eingefallen!“

„Und da wunderst du dich, daß sie dich als ihren Feind, als den Dieb und Räuber ihres Landes behandeln? Da nennst du sie rote Hunde? Da willst du sie erschießen? Tu nur einen einzigen Schuß, so jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!“

„Aber was soll ich denn tun?“ fragte der Settler, jetzt kleinlaut geworden, da er von dem berühmten Apachen in dieser Weise angesprochen wurde.

„Nichts sollst du tun, gar nichts,“ antwortete dieser. „Ich und mein Bruder Old Shatterhand werden für dich handeln. Wenn du dich nach uns richtest, wird dir nichts, gar nichts geschehen.“

Diese Reden waren so schnell gewechselt worden, daß sie kaum mehr als eine Minute in Anspruch genommen hatten. Ich stand indessen an einem der Fenster und sah hinaus, um die Annäherung der Okanandas zu beobachten. Es war noch keiner zu sehen. Sie umschlichen das Haus jedenfalls erst von weitem, um sich zu überzeugen, daß sie nichts zu befürchten hätten und ihr Kommen nicht bemerkt worden sei. Jetzt kam Winnetou zu mir hin und fragte:

„Sieht mein Bruder sie kommen?“

„Noch nicht,“ antwortete ich.

„Bist du mit mir einverstanden, daß wir keinen von ihnen töten?“

„Ganz und gar. Der Settler hat ihnen ihr Land gestohlen, und vielleicht hat ihr Kommen auch noch einen andern Grund.“

„Sehr wahrscheinlich. Wie aber machen wir es, sie von hier zu vertreiben, ohne Blut zu vergießen?“

„Mein Bruder Winnetou weiß das ebensogut wie ich.“

„Old Shatterhand errät meine Gedanken wie stets und immer. Wir fangen einen von ihnen.“

„Ja, und zwar den, der an die Tür kommt, um zu lauschen. Oder nicht?“

„Ja. Es wird jedenfalls ein Späher kommen, um zu horchen; den nehmen wir fest.“

Wir gingen an die Tür, schoben den Riegel zurück und öffneten sie so weit, daß nur eine kleine Spalte entstand, grad weit genug, um hinausblicken zu können. An diese stellte ich mich und wartete. Es verging eine geraume Zeit. Im Innern des Hauses war es absolut dunkel und still. Niemand regte sich. Da hörte ich den Späher kommen, oder vielmehr, ich hörte ihn nicht, denn es war wohl nicht das Ohr, mit welchem ich seine Annäherung vernahm, sondern jener eigenartige Instinkt, welcher sich bei jedem guten Westmann ausbildet, sagte es mir. Und wenige Augenblicke später sah ich ihn. Er lag an der Erde und kam an die Tür gekrochen. Die Hand erhebend, befühlte er dieselbe. Im Nu hatte ich sie ganz geöffnet, lag auf ihm und faßte mit beiden Händen seinen Hals; er versuchte, sich zu wehren, strampelte mit den Beinen und schlug mit den Armen um sich, konnte aber keinen Ton hervorbringen. Ich zog ihn auf und schaffte ihn in das Haus, worauf Winnetou die Tür wieder verriegelte.

„Macht Licht, Mr. Corner!“ forderte ich den Settler auf. „Wollen uns den Mann einmal ansehen.“

Der Ansiedler kam dieser Aufforderung nach, indem er eine Hirschtalgkerze anzündete und mit derselben dem Indianer, den ich beim Halse losgelassen, aber bei den beiden Oberarmen wieder gepackt hatte, in das Gesicht leuchtete.

„Das Braune Pferd, der Häuptling der Okananda-Sioux!“ rief Winnetou aus. „Da hat mein Bruder Old Shatterhand einen sehr guten Fang gemacht!“

Der Indsman war unter meinem Griffe beinahe erstickt. Er holte jetzt einigemal tief Atem und stieß dann bestürzt hervor:

„Winnetou, der Häuptling der Apachen!“

„Ja, der bin ich,“ antwortete der Genannte. „Du kennst mich, denn du hast mich schon gesehen. Dieser da aber hat noch nicht vor deinen Augen gestanden. Hast du seinen Namen gehört, den ich soeben genannt habe?“

„Old Shatterhand?“

„Ja. Daß er es ist, hast du empfunden, denn er hat dich ergriffen und hereingebracht, ohne daß du ihm zu widerstehen vermochtest. Du befindest dich in unserer Gewalt. Was meinst du wohl, daß wir mit dir anfangen werden?“

„Meine berühmten Brüder werden mich wieder freigeben und fortgehen lassen.“

„Denkst du das wirklich?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil die Krieger der Okanandas nicht Feinde der Apachen sind.“

„Sie sind Sioux, und die Ponkas, welche uns kürzlich überfallen haben, gehören zu demselben Volke.“

„Wir haben nichts mit ihnen zu tun.“

„Das darfst du Winnetou nicht sagen. Ich bin der Freund aller roten Männer, aber wer unrecht tut, der ist mein Feind, von welcher Farbe er auch sei. Und wenn du behauptest, mit den Ponkas nichts zu tun zu haben, so ist das eine Unwahrheit, denn ich weiß ganz genau, daß die Okanandas und die Ponkas sich niemals gegenseitig bekriegt haben und grad jetzt sehr eng miteinander verbunden sind; deine Ausrede gilt also nichts in meinen Ohren. Ihr seid gekommen, diese Bleichgesichter hier zu überfallen; meinst du, daß ich und Old Shatterhand dies dulden werden?“

Der Okananda blickte eine Weile finster vor sich nieder und fragte dann:

„Seit wann ist Winnetou, der große Häuptling der Apachen, ungerecht geworden? Der Ruhm, welcher von ihm ausgeht, hat darin seinen Grund, daß er stets bestrebt gewesen ist, keinem Menschen unrecht zu tun. Und heut tritt er gegen mich auf, der ich in meinem Rechte bin!“

„Du täuschest dich, denn das, was ihr hier tun wollt, ist nicht recht.“

„Warum nicht? Gehört dieses Land nicht uns? Hat nicht jeder, der hier wohnen und bleiben will, die Erlaubnis dazu von uns zu holen?“

„Ja.“

„Diese Bleichgesichter haben es aber nicht getan; ist es da nicht unser gutes Recht, daß wir sie vertreiben?“

„Ja; dieses Recht euch abzusprechen, liegt mir fern; aber es kommt auf die Art und Weise an, in welcher ihr es ausübt. Müßt ihr denn sengen, brennen und morden, um die Eindringlinge los zu werden? Müßt ihr wie Diebe und Räuber, die doch sie sind, ihr aber nicht seid, des Nachts und heimlich kommen? jeder tapfere Krieger scheut sich nicht, dem Feinde sein Angesicht offen und ehrlich zu zeigen; du aber kommst mit so viel Kriegern des Nachts, um einige wenige Menschen zu überfallen. Winnetou würde sich schämen, dies zu tun; er wird überall, wohin er kommt, erzählen, welch furchtsame Leute die Söhne der Okanandas sind; Krieger darf man sie gar nicht nennen.“

Braunes Pferd wollte zornig auffahren, aber das Auge des Apachen ruhte mit einem so mächtigen Blicke auf ihm, daß er nicht wagte, es zu tun, sondern nur in mürrischem Tone sagte:

„Ich habe nach den Gewohnheiten aller roten Männer gehandelt; man überfällt den Feind des Nachts.“

„Wenn ein Überfall nötig ist!“

„Soll ich diesen Bleichgesichtern etwa gute Worte geben? Soll ich sie bitten, wo ich befehlen kann?“

„Du sollst nicht bitten, sondern befehlen; aber du sollst nicht wie ein Dieb des Nachts geschlichen kommen, sondern offen, ehrlich und stolz als Herr dieses Landes am hellen Tage hier erscheinen. Sage ihnen, daß du sie nicht auf deinem Gebiete dulden willst; stelle ihnen einen Tag, bis zu welchem sie fort sein müssen, und dann, wenn sie deinen Willen nicht achten, kannst du deinen Zorn über sie ergehen lassen. Würdest du so gehandelt haben, so sähe ich in dir den Häuptling der Okananda, der mir gleichsteht; so aber erblicke ich in dir einen Menschen, der sich heimtückisch an Andere schleicht, weil er sich nicht offen an sie wagt.“

Der Okananda starrte in eine Ecke des Raumes und sagte nichts; was hätte er dem Apachen auch entgegnen können! Ich hatte seine Arme losgelassen; er stand also frei vor uns, aber freilich in der Haltung eines Mannes, welcher sich bewußt ist, sich in keiner beneidenswerten Situation zu befinden. Über Winnetous ernstes Gesicht ging ein leises Lächeln, als er sich jetzt mit der Frage an mich wendete:

Braunes Pferd hat geglaubt, daß wir ihn freigeben. Was sagt mein Bruder Old Shatterhand dazu?“

„Daß er sich da verrechnet hat,“ antwortete ich. „Wer wie ein Mordbrenner kommt, wird als Mordbrenner behandelt. Er hat das Leben verwirkt.“

„Will Old Shatterhand mich etwa ermorden?“ fuhr der Okananda auf.

„Nein; ich bin kein Mörder. Ob ich einen Menschen ermorde oder ob ich ihn mit dem wohlverdienten Tode bestrafe, das ist ein großer Unterschied.“

„Habe ich den Tod verdient?“

„Ja.“

„Das ist nicht wahr. Ich befinde mich auf dem Gebiete, welches uns gehört.“

„Du befindest dich im Wigwam eines Bleichgesichtes; ob dieses auf deinem Gebiete liegt, das ist gleichgültig. Wer ohne meine Erlaubnis in mein Wigwam eindringt, der hat nach den Gesetzen des Westens den Tod zu erwarten. Mein Bruder Winnetou hat dir gesagt, wie du hättest handeln sollen, und ich stimme vollständig mit ihm überein. Es kann uns kein Mensch tadeln, wenn wir dir jetzt das Leben nehmen. Aber du kennst uns und weißt, daß wir niemals Blut vergießen, wenn es nicht unumgänglich nötig ist. Vielleicht ist es möglich, mit dir ein Übereinkommen zu treffen, durch welches du dich retten kannst. Wende dich an den Häuptling der Apachen; dieser wird dir sagen, was du zu erwarten hast.“

Er war gekommen, um zu richten, und nun standen wir als Richter vor ihm; er befand sich in großer Verlegenheit; dies war ihm anzusehen, obgleich er sich große Mühe gab, es zu verbergen. Er hätte wohl gern noch etwas zu seiner Verteidigung gesagt, konnte aber nichts vorbringen. Darum zog er es vor, zu schweigen, und sah dem Apachen mit einem Ausdrucke, welcher halb derjenige der Erwartung und halb der des unterdrückten Zornes war, in das Gesicht. Hierauf schweifte sein Auge zu Rollins, dem Gehilfen des Pedlars, hinüber. Ob dies Zufall war, oder ob es absichtlich geschah, das wußte ich in diesem Augenblicke nicht, doch kam es mir vor, als ob in diesem Blicke eine Aufforderung, ihn zu unterstützen, liege. Der Genannte nahm sich auch wirklich seiner an, indem er sich an Winnetou wendete:

„Der Häuptling der Apachen wird nicht blutgierig sein. Man pflegt selbst hier im wilden Westen nur Taten zu bestrafen, welche wirklich ausgeführt worden sind; es ist aber hier noch nichts geschehen, auf was eine Strafe folgen muß.“

Winnetou warf ihm, wie ich sah, einen mißtrauisch forschenden Blick zu und antwortete:

„Was ich und mein Bruder Old Shatterhand zu denken und zu beschließen haben, das wissen wir, ohne daß jemand es uns zu sagen braucht. Deine Worte sind also unnütz, und du magst dir merken, daß ein Mann kein Schwätzer sein soll, sondern nur dann redet, wenn es notwendig ist.“

Warum diese Zurechtweisung? Winnetou wußte es wohl selbst kaum, aber wie es sich später herausstellte, hatte sein stets bewährter Instinkt auch hier wieder einmal das Richtige gefunden. Er fuhr, sich wieder an den Okananda wendend, fort:

„Du hast die Worte Old Shatterhands gehört; seine Meinung ist auch die meinige. Wir wollen dein Blut nicht vergießen, aber nur dann, wenn du mir jetzt die Wahrheit sagest. Versuche nicht, mich zu täuschen; es würde dir nicht gelingen. Sag mir also ehrlich, weshalb ihr hierher gekommen seid. Oder solltest du so feig sein, es leugnen zu wollen?“

„Uff!“ stieß der Gefragte zornig hervor. „Die Krieger der Okananda sind keine so furchtsamen Menschen, wie du vorhin sagen wolltest. Ich leugne nicht. Wir wollten dieses Haus überfallen.“

„Und verbrennen?“

„Ja.“

„Was sollte mit den Bewohnern geschehen?“

„Wir wollten sie töten.“

„Habt ihr dies aus eigenem Antriebe beschlossen?“

Der Okananda zögerte mit der Antwort; darum sprach Winnetou sich deutlicher aus:

„Seid ihr vielleicht von irgend jemand auf diesen Gedanken gebracht worden?“

Auch jetzt schwieg der Gefragte, was in meinen Augen ebensoviel wie ein laut ausgesprochenes ja bedeutete.

„Das Braune Pferd scheint keine Worte zu finden,“ fuhr der Apache fort. „Er mag bedenken, daß es sich um sein Leben handelt. Wenn er es erhalten will, muß er reden. Ich will wissen, ob es einen Urheber dieses Überfalles gibt, welcher nicht zu den Kriegern der Okanandas gehört.“

„Ja, es gibt einen solchen,“ ließ der Gefangene sich endlich hören.

„Wer ist es?“

„Würde der Häuptling der Apachen einen Verbündeten verraten?“

„Nein,“ gab Winnetou zu.

„So darfst du mir nicht zürnen, wenn auch ich den meinigen nicht nenne.“

„Ich zürne dir nicht. Wer einen Freund verrät, verdient, wie ein räudiger Hund erschlagen zu werden. Du magst also den Namen verschweigen; aber ich muß wissen, ob der Mann ein Okananda ist.“

„Er ist keiner.“

„Gehört er zu einem andern Stamme?“

„Nein.“

„So ist er ein Weißer?“

„Ja.“

„Befindet er sich mit draußen bei deinen Kriegern?“

„Nein; er ist nicht hier.“

„So ist es also doch so, wie ich dachte, und auch mein Bruder Old Shatterhand hat es geahnt: es hat ein Bleichgesicht die Hand im Spiele. Das soll uns zur Milde stimmen. Wenn die Okananda-Sioux keine widerrechtliche Niederlassung der Bleichgesichter auf dem ihnen gehörigen Gebiete dulden wollen, so ist ihnen dies nicht zu verdenken; aber zu morden brauchen sie deshalb doch nicht. Die Absicht dazu war da; sie ist jedoch nicht zur Ausführung gekommen, und so soll ihrem Häuptlinge das Leben und die Freiheit geschenkt sein, wenn er auf die Bedingung eingeht, die ich ihm stelle.“

„Was forderst du von mir?“ fragte Braunes Pferd.

„Zweierlei. Erstens mußt du dich von dem Weißen, der euch verführt hat, lossagen.“

Diese Bedingung gefiel dem Okananda nicht; aber er ging nach einigem Zögern doch auf sie ein; als er dann nach der zweiten fragte, erhielt er zur Antwort:

„Du forderst von diesem Bleichgesichte hier, welches sich Corner nennt, die Ansiedlung von euch zu kaufen oder sie zu verlassen. Erst wenn er keine von diesen beiden Forderungen erfüllt, kehrst du mit deinen Kriegern zurück, ihn von hier zu vertreiben.“

Hierauf ging Braunes Pferd schneller ein; aber der Settler war dagegen. Er berief sich auf das Heimstättengesetz und brachte eine lange Rede hervor, auf welche ihm Winnetou die kurze Antwort gab:

„Wir kennen die Bleichgesichter nur als Räuber unserer Ländereien; was bei solchen Leuten Gesetz, Recht oder Sitte ist, geht uns nichts an. Wenn du glaubst, hier Land stehlen zu dürfen und dann von eurem Gesetze gegen die Bestrafung geschützt zu werden, so ist das deine Sache. Wir haben für dich getan, was wir tun konnten; mehr darfst du nicht verlangen. Jetzt werden Old Shatterhand und ich mit dem Häuptlinge der Okananda das Calumet rauchen, um dem, was wir ausgemacht haben, Geltung zu verleihen.“

Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß Corner darauf verzichtete, etwas dagegen vorzubringen. Winnetou stopfte seine Friedenspfeife, und dann wurde das Übereinkommen, welches wir mit dem Braunen Pferde getroffen hatten, unter den gewöhnlichen, wohlbekannten Zeremonien besiegelt. Ob dem Okanandahäuptlinge darauf zu trauen sei, das bezweifelte ich kaum, und Winnetou war derselben Ansicht, denn er ging zu der Tür, schob den Riegel zurück und sagte zu ihm:

„Mein roter Bruder mag zu seinen Kriegern hinausgehen und sie fortführen; wir sind überzeugt, daß -er das, was er versprochen hat, ausführen wird.“

Der Okananda verließ das Haus. Wir schlossen hinter ihm wieder zu und stellten uns an die Fenster, um als vorsichtige Leute ihn so weit wie möglich mit unseren Blicken zu verfolgen. Er entfernte sich nur einige Schritte und blieb dann im Mondscheine stehen; er wollte also von uns gesehen werden. Zwei Finger in den Mund steckend, ließ er einen gellenden Pfiff hören, auf welchen seine Krieger herbeigeeilt kamen. Sie waren natürlich höchst erstaunt darüber, von ihm so laut und auffällig zusammengerufen zu werden, während sie doch von ihm jedenfalls angewiesen worden waren, äußerst vorsichtig zu sein und ja kein Geräusch zu verursachen. Da erklärte er ihnen mit lauter Stimme, so daß wir jedes Wort hörten:

„Die Krieger der Okananda mögen hören, was ihr Häuptling ihnen zu sagen hat! Wir sind gekommen, um das Bleichgesicht Corner dafür zu züchtigen, daß es sich ohne unsere Erlaubnis hier bei uns eingenistet hat. Ich schlich mich voran, um das Haus zu umspähen, und dies wäre mir gelungen, wenn sich nicht die zwei berühmtesten Männer der Prairie und der Berge hier befänden. Old Shatterhand und Winnetou, der Häuptling der Apachen, sind gekommen, um diese Nacht bei diesem Hause zu lagern. Sie hörten und sie sahen uns kommen und öffneten ihre starken Arme, um mich zu empfangen, ohne daß ich dies ahnen konnte; ich wurde ihr Gefangener und von der Faust Old Shatterhands in das Haus gezogen. Von ihm besiegt worden zu sein, ist keine Schande, sondern es ist eine Ehre, mit ihm und Winnetou ein Bündnis zu schließen und das Calumet zu rauchen. Wir haben das getan und dabei beschlossen, daß den Bleichgesichtern, welche dieses Haus bewohnen, das Leben geschenkt sein soll, wenn sie es entweder kaufen oder zu einer Zeit verlassen, welche ich ihnen bestimmen werde. Dies ist zwischen uns fest bestimmt worden, und ich werde das Wort halten, welches ich gegeben habe. Winnetou und Old Shatterhand stehen an den Fenstern und hören, was ich meinen Kriegern jetzt sage. Es ist Friede und Freundschaft zwischen uns und ihnen. Meine Brüder mögen mir folgen, nach unsern Wigwams heimzukehren.“

Er ging und verschwand mit seinen Leuten um die Ecke der Fenz. Wir verließen natürlich alle das Haus, um ihnen nachzusehen und uns zu überzeugen, daß sie sich wirklich entfernten. Sie taten dies, und wir waren sicher, daß es ihnen nicht einfallen würde, zurückzukehren. Darum holten wir unsere Pferde wieder aus dem Hause und legten uns da zu ihnen nieder, wo wir vorher gelegen hatten. Rollins aber, der Händler, war mißtrauisch und ging ihnen nach, sie noch länger zu beobachten. Später freilich stellte es sich heraus, daß er sich aus einem ganz andern Grunde entfernt hatte. Wann er zurückgekehrt war, wußten wir nicht, doch als wir am Morgen aufstanden, war er da. Er saß mit dem Wirte auf einem Baumklotze, welcher als Bank diente, vor der Tür.

Corner bot uns einen guten Morgen, welcher keineswegs freundlich klang. Er war wütend über uns, denn er hegte die Überzeugung, daß es unbedingt vorteilhafter für ihn gewesen wäre, wenn wir die Roten alle weggeputzt hätten, wie er sich ausdrückte. Nun mußte er entweder fort oder bezahlen. Er tat mir übrigens nicht allzu sehr leid; warum hatte er sich in dieses Territorium gewagt. Was würde man in Illinois oder Vermont sagen, wenn ein Sioux-Indianer käme, sich mit seiner Familie in eine Gegend, die ihm gefiele, setzte und nun behauptete, das ist mein!

Wir machten uns aus seinem Gezanke nichts, bedankten uns für das bei ihm Genossene und ritten fort.

Der Händler begleitete uns natürlich, doch war es fast ebenso, als ob er sich nicht bei uns befunden hätte, denn er hielt sich nicht zu uns, sondern ritt in gewisser Entfernung hinter uns her, ungefähr so wie ein Untergebener, welcher in dieser Weise den Vorgesetzten seinen Respekt zu erzeigen hat. Das hatte an sich gar nichts Auffälliges und war uns sogar lieb, da wir ungestört miteinander sprechen konnten und uns nicht mit ihm zu beschäftigen brauchten.

Erst nach einigen Stunden kam er an unsere Seite, um mit uns über das abzuschließende Geschäft zu sprechen. Er erkundigte sich nach der Art und der Zahl der Fellvorräte, welche Old Firehand zu verkaufen beabsichtigte, und wir gaben ihm diejenige Auskunft, die wir zu geben vermochten. Hierauf fragte er nach der Gegend, wo Old Firehand auf uns wartete, und nach der Art und Weise, wie er seine Felle dort versteckt halte. Wir hätten ihm auch hierauf antworten können, taten dies aber nicht, weil wir ihn noch gar nicht kannten und es überhaupt nicht Gepflogenheit eines Westmannes und Jägers ist, von den Verstecken zu sprechen, an denen er seine Vorräte heimlich aufbewahrt. Ob er uns dies übel nahm oder nicht, das war uns gleich; er hielt sich von nun an wieder zurück, und zwar in noch größerer Entfernung als vorher.

Wir hatten auf dem Rückwege dieselbe Richtung eingeschlagen, aus welcher wir hergekommen waren, und fanden infolgedessen keine Veranlassung, die Gegend, durch welche wir ritten, so zu untersuchen, wie es nötig gewesen wäre, wenn wir sie nicht gekannt hätten. Ausgeschlossen war dabei natürlich aber nicht diejenige Vorsicht, welche der Westmann selbst an Orten anwendet, die er so genau wie seine Tasche kennt. Wir blickten also immer nach Spuren von Menschen oder Tieren aus, und diese immerwährende Aufmerksamkeit war die Ursache, daß uns gegen Mittag eine Fährte auffiel, welche uns andernfalls vielleicht entgangen wäre, weil sichtlich sehr viel Sorgfalt darauf verwendet worden war, sie zu verwischen. Vielleicht hätten wir sie dennoch übersehen, wenn wir nicht an einer Stelle auf sie getroffen wären, wo die Betreffenden eine kurze Rast gemacht hatten und das Gras, welches von ihnen niedergedrückt worden war, sich noch nicht wieder ganz aufgerichtet hatte. Wir hielten natürlich an und stiegen ab, um die Spur zu untersuchen. Während wir dies taten, kam Rollins heran und sprang auch aus dem Sattel, die Eindrücke zu betrachten.

„Ob dies wohl von einem Tiere oder von einem Menschen ist?“ fragte er dabei.

Winnetou antwortete nicht; ich aber hielt es für unhöflich, auch zu schweigen, und machte darum die Bemerkung:

„Ihr scheint im Fährtenlesen nicht sehr geübt zu sein. Hier muß einem doch gleich der erste Blick sagen, wer dagewesen ist.“

„Also wohl Menschen?“

„Ja.“

„Das glaube ich nicht, denn da wäre das Gras weit mehr zerstampft.“

„Meint Ihr, daß es hier Leute gibt, welche es sich zum Vergnügen machen, den Boden zu zerstampfen, um dann entdeckt und ausgelöscht zu werden?“

„Nein; aber mit Pferden ist es gar nicht zu umgehen, deutlichere Spuren zu verursachen.“

„Die Personen, welche hier gewesen sind, haben eben keine Pferde gehabt.“

„Keine Pferde? Das wäre auffällig, vielleicht sogar verdächtig. Ich denke, in dieser Gegend kann kein Mensch, der nicht beritten ist, existieren.“

„Ist auch meine Meinung; aber habt Ihr noch nicht erlebt oder gehört, daß jemand auf irgend eine Weise um sein Pferd gekommen ist?“

„Das wohl. Aber Ihr redet nicht von einem, sondern von mehreren Menschen. Einer kann sein Pferd verlieren, ob aber mehrere – – –?!“

Er tat so altklug, obgleich er nicht viel zu verstehen schien; ich hätte ihm nicht wieder geantwortet, selbst wenn ich nicht jetzt von Winnetou gefragt worden wäre:

„Weiß mein Bruder Old Shatterhand, woran er mit dieser Fährte ist?“

„Ja.“

„Drei Bleichgesichter ohne Pferde; sie haben nicht Gewehre, sondern Stöcke in den Händen getragen. Sie sind von hier aus fortgegangen, indem einer in die Stapfen des andern trat und der hinterste die Eindrücke zu verwischen suchte; sie scheinen also anzunehmen, daß sie verfolgt werden.“

„Das kommt auch mir so vor. Ob sie vielleicht gar keine Waffen haben?“

„Wenigstens Flinten haben diese drei Weißen nicht. Da sie ausgeruht haben, müßten wir die Spuren ihrer Gewehre sehen.“

„Hm! Sonderbar! Drei unbewaffnete Bleichgesichter in dieser gefährlichen Gegend! Man kann sich das nur damit erklären, daß sie Unglück gehabt haben, vielleicht gar überfallen und beraubt worden sind.“

„Mein weißer Bruder hat ganz meine Meinung. Diese Männer haben sich auf Stöcke gestützt, welche sie abgebrochen haben; man sieht die Löcher deutlich im Boden. Sie bedürfen wohl der Hilfe.“

„Wünscht Winnetou, daß wir sie ihnen gewähren?“

„Der Häuptling der Apachen hilft gern jedem, der seiner bedarf, und fragt nicht, ob es ein Weißer oder ein Roter ist. Doch mag Old Shatterhand bestimmen, was wir tun. Ich möchte helfen, aber ich habe kein Vertrauen.“

„Warum nicht?“

„Weil das Verhalten dieser Bleichgesichter ein zweideutiges ist. Sie haben sich große Mühe gegeben, ihre weiterführenden Spuren auszulöschen; warum haben sie die hier an der Lagerstelle nicht ebenso vertilgt?“

„Vielleicht glaubten sie, keine Zeit dazu zu haben. Oder: daß sie hier ausgeruht haben, das konnte man wissen; aber wohin sie dann gegangen sind, das wollten sie verbergen.“

„Vielleicht ist es so, wie mein Bruder sagt; aber dann sind diese Weißen nicht gute Westmänner, sondern unerfahrene Leute. Wir wollen ihnen nach, um ihnen zu helfen.“

„Ich bin gern einverstanden, zumal es nicht den Anschein hat, daß wir da von unserer Richtung sehr abzuweichen brauchen.“

Wir stiegen wieder auf; Rollins aber zögerte damit und sagte in bedenklichem Tone:

„Ist es nicht besser, diese Leute sich selbst zu überlassen? Es kann uns doch nichts nützen, ihnen nachzureiten.“

„Uns freilich nicht, sondern ihnen,“ antwortete ich.

„Aber wir versäumen unsere Zeit dabei!“

„Wir sind nicht so pressiert, daß wir versäumen müßten, Leuten zu helfen, -welche der Unterstützung sehr wahrscheinlich bedürfen.“

Ich sagte das in einem etwas scharfen Tone; er brummte einige mißmutige Worte in den Bart und stieg aufs Pferd, um uns zu folgen, die wir nun der Spur nachritten. Ich hatte noch immer kein rechtes Vertrauen zu ihm, doch kam es mir nicht bei, ihn für so außerordentlich verschlagen zu halten, wie er wirklich war.

Die Fährte verließ den Wald und das Gebüsch und führte auf die offene Savanne hinaus; sie war frisch, höchstens eine Stunde alt, und da wir schnell ritten, dauerte es nicht lange, so sahen wir die Gesuchten vor uns. Als wir sie bemerkten, mochten sie ungefähr eine englische Meile von uns entfernt sein, und wir hatten diese Strecke erst halb zurückgelegt, als sie auf uns aufmerksam wurden. Einer von ihnen sah sich um, erblickte uns und teilte es den Andern mit. Sie blieben eine kurze Zeit stehen, vor Schreck, wie es schien; dann aber begannen sie, zu laufen, als ob es sich um ihr Leben handele. Wir trieben unsere Pferde an; es war uns natürlich eine Leichtigkeit, sie einzuholen, doch rief ich ihnen, ehe wir sie erreichten, einige beruhigende Worte zu, und dies hatte zur Folge, daß sie stehen blieben.

Sie waren wirklich unbewaffnet, vollständig unbewaffnet; sie hatten nicht einmal ein Messer besessen, um sich die Stöcke abzuschneiden, sondern diese abgebrochen; ihre Anzüge aber befanden sich in gutem Zustande. Der Eine von ihnen hatte ein Tuch um die Stirne gewickelt, und der Andere trug den linken Arm in der Binde; der Dritte war unverletzt. Sie sahen uns mit mißtrauischen, ja ängstlichen Blicken entgegen.

„Was rennt ihr denn in dieser Weise, Mesch’schurs?“ fragte ich, als wir bei ihnen anhielten.

„Wissen wir, wer und was ihr seid?“ antwortete der älteste von ihnen.

„Das war gleich. Wir mochten sein, wer wir wollten, wir hätten euch auf alle Fälle eingeholt; darum war euer Rennen unnütz. Doch braucht ihr euch nicht zu sorgen; wir sind ehrliche Leute und euch, als wir eure Spur sahen, nachgeritten, um euch zu fragen, ob wir euch vielleicht mit etwas dienen können. Wir vermuteten nämlich, daß euer gegenwärtiges Befinden nicht ganz nach euren Wünschen sei.“

„Da habt Ihr Euch freilich nicht getäuscht, Sir. Es ist uns übel ergangen, und wir sind froh, daß wir wenigstens das nackte Leben erhalten haben.“

„Bedaure es. Wer hat euch denn in dieser Weise mitgespielt? Etwa Weiße?“

„O nein, sondern die Okananda-Sioux.“

„Ach diese! Wann?“

„Gestern früh.“

„Wo?“

„Da droben am obern Turkey-River.“

„Wie ist das denn gekommen? Oder meint ihr vielleicht, daß ich lieber nicht darnach fragen soll?“

„Warum nicht, wenn ihr nämlich wirklich das seid, wofür ihr euch ausgebt, nämlich ehrliche Leute. Wenn dies der Fall ist, so werdet ihr uns wohl erlauben, nach euren Namen zu fragen.“

„Die sollt ihr erfahren. Dieser rote Gentleman hier ist Winnetou, der Häuptling der Apachen; mich pflegt man Old Shatterhand zu nennen, und dieser dritte Mann ist Mr. Rollins, ein Pedlar, der sich uns aus Geschäftsgründen angeschlossen hat.“

Heigh-day, da ist ja jedes Mißtrauen vollständig ausgeschlossen! Von Winnetou und Old Shatterhand haben wir genug gehört, wenn wir uns auch nicht zu den Westmännern rechnen dürfen. Das sind zwei Männer, auf welche man sich in jeder Lage verlassen kann, und wir danken dem Himmel, daß er euch in unsern Weg geführt hat. Ja, wir sind hilfsbedürftig, sehr hilfsbedürftig, Mesch’schurs, und ihr verdient ein Gotteslohn, wenn ihr euch unser ein wenig annehmen wollt.“

„Das werden wir gern; sagt uns nur, in welcher Weise dies geschehen kann!“

„Da müßt ihr erst erfahren, wer wir sind. Ich heiße Warton; dieser hier ist mein Sohn und der andere mein Neffe. Wir kommen aus der Gegend von Neu-Ulm herüber, um uns am Turkey-River anzusiedeln.“

„Eine große Unvorsichtigkeit!“

„Leider! Aber wir wußten dies nicht. Es wurde uns alles so schön und leicht hergemacht; es klang so, als ob man sich nur herzusetzen und die Ernten einzuheimsen brauche.“

„Und die Indianer? Habt ihr denn an diese gar nicht gedacht?“

„O doch; aber sie wurden uns ganz anders geschildert, als wir sie gefunden haben. Wir kamen wohlausgerüstet, um uns zunächst die Gelegenheit anzusehen und ein Stück gutes Land auszuwählen. Dabei fielen wir den Roten in die Hände.“

„Dankt Gott, daß ihr noch am Leben seid!“

„Freilich, freilich! Es sah erst weit schlimmer aus, als es hernach geschah. Die Kerls sprachen vom Marterpfahle und andern schönen Dingen; dann begnügten sie sich aber damit, uns außer den Kleidern alles, was wir besaßen, abzunehmen und dann fortzujagen. Sie schienen doch notwendigere Dinge vorzuhaben, als sich mit uns zu schleppen.“

„Notwendigere Dinge? Habt Ihr vielleicht erfahren, was das gewesen ist?“

„Wir verstehen ihre Sprache nicht; aber der Häuptling hat, als er englisch mit uns radebrechte, einen Settler Namens Corner erwähnt, auf den sie es, wie es schien, abgesehen hatten.“

„Das stimmt. Den wollten sie am Abend überfallen, und darum hatten sie nicht Zeit und Lust, sich mit euch zu befassen. Diesem Umstande habt ihr euer Leben zu verdanken!“

„Aber was für ein Leben!“

„Wieso?“

„Ein Leben, welches kein Leben ist. Wir haben keine Waffe, nicht einmal ein Messer, und können kein Wild schießen oder fangen. Seit gestern früh haben wir Wurzeln und Beeren gegessen, und auch dies hat hier in der Prairie aufgehört. Ich glaube, wenn wir euch nicht getroffen hätten, müßten wir verhungern. Denn ich darf doch hoffen, daß ihr uns mit einem Stückchen Fleisch oder so etwas aushelfen könnt?“

„Das werden wir; aber sagt, wohin ihr eigentlich wollt!“

„Nach Wilkes Fort.“

„Kennt ihr den Weg dorthin?“

„Nein, doch glaubten wir, die Richtung so ungefähr getroffen zu haben.“

„Dies ist allerdings der Fall. Habt ihr denn einen Grund, grad dorthin zu wollen?“

„Den besten, den es giebt. Ich sagte bereits, daß wir drei vorausgegangen seien, um uns das Land anzusehen; unsere Angehörigen sind hinterhergekommen und warten in Wilkes Fort auf uns. Erreichen wir glücklich diesen Ort, so ist uns dann geholfen.“

„Da habt ihr es jetzt möglichst gut getroffen. Wir haben ganz dieselbe Richtung mit euch und stehen in guter Verbindung mit Wilkes Fort. Ihr könnt euch uns anschließen.“

„Wirklich? Wollt Ihr uns das erlauben, Sir?“

„Natürlich. Wir können euch doch nicht hier im Stiche lassen.“

„Aber die Roten haben uns die Pferde genommen; wir müssen also laufen, und das wird Euch Zeit kosten!“

„Das ist nicht zu ändern. Setzt euch jetzt nieder, und ruht euch aus; ihr sollt vor allen Dingen etwas zu essen haben.“

Der Pedlar schien mit diesem Gange der Sache nicht einverstanden zu sein; er fluchte leise vor sich hin und murmelte etwas von Zeitversäumnis und unnützer Mildherzigkeit; wir achteten aber nicht darauf, stiegen ab, lagerten uns mit in das Gras und gaben den drei Hilfsbedürftigen zu essen. Sie ließen es sich wohl schmecken, und dann, als sie sich ausgeruht hatten, setzten wir den unterbrochenen Ritt fort, indem wir von ihrer bisherigen Richtung ab- und in unsere frühere einbogen. Sie waren ganz glücklich darüber, von uns gefunden worden zu sein, und hätten sich wohl gern mehr mit uns unterhalten, wenn wir, nämlich Winnetou und ich, gesprächigere Leute gewesen wären.

Was den Pedlar betrifft, so machten sie zwar einige Male den Versuch, ihn zum Reden und Erzählen zu bringen, doch vergeblich; er war zornig über unser Zusammentreffen mit ihnen und wies sie scharf von sich. Das machte ihn mir noch unsympathischer, als er mir vorher gewesen war, und infolgedessen schenkte ich ihm jetzt mehr, allerdings heimliche, Aufmerksamkeit, als ich bis jetzt für ihn gehabt hatte. Das Resultat dieser Aufmerksamkeit war aber ein ganz anderes, als man denken sollte.

Ich bemerkte nämlich, daß, wenn er sich unbeobachtet wähnte, ein höhnisches Lächeln oder ein Ausdruck schadenfroher Genugtuung über sein Gesicht glitt. Und wenn dies der Fall war, so warf er dann allemal einen scharf forschenden Blick auf Winnetou und mich. Das hatte ganz gewiß etwas zu bedeuten, und zwar etwas für uns nicht Vorteilhaftes. Ich beobachtete ihn schärfer, wobei ich mich jedoch so in acht nahm, daß er es nicht bemerken konnte, und sah hierauf noch ein zweites.

Er nahm nämlich zuweilen einen von den drei Fußgängern ins Auge, und wenn sich da die Blicke beider trafen, so glitten sie zwar schnell voneinander ab, aber es war mir dabei ganz so, als ob ein gewisses, heimliches Einvernehmen zu bemerken sei. Sollten die vier einander kennen, sollten sie wohl gar zusammengehören? Sollte das abstoßende Wesen des Pedlar bloß Maske sein?

Aber welchen Grund konnte er haben, uns zu täuschen? Die andern Drei waren uns zu Dank verpflichtet. Konnte ich mich nicht irren?

Sonderbar! Die – – ich möchte fast sagen, Kongruenz der Gefühle, Ansichten und Gedanken zwischen dem Apachen und mir machte sich auch jetzt wieder geltend. Eben als ich über die erwähnte Beobachtung nachdachte, hielt er sein Pferd an, stieg ab und sagte zu dem alten Warton:

„Mein weißer Bruder ist lang genug gegangen; er mag sich auf mein Pferd setzen. Old Shatterhand wird das seinige auch gern herleihen. Wir sind sehr schnelle Läufer und werden gleichen Schritt mit den Rossen halten.“

Warton tat so, als ob er diesen Dienst nicht annehmen wollte, fügte sich aber gern; sein Sohn bekam mein Pferd. Der Pedlar hätte das seinige nun eigentlich dem Neffen borgen sollen, tat dies aber nicht; darum wechselte dieser später mit dem Sohne ab.

Da wir nun zu Fuße waren, konnte es nicht auffallen, daß wir hinterdrein schritten. Wir hielten uns so weit zurück, daß die Andern unsere Worte nicht verstehen konnten, und waren außerdem so vorsichtig, uns der Apachensprache zu bedienen.

„Mein Bruder Winnetou hat sein Pferd nicht aus Mitleid, sondern aus einem andern Grunde hergegeben?“ fragte ich ihn.

„Old Shatterhand errät es,“ antwortete er.

„Hat Winnetou die vier Männer auch beobachtet?“

„Ich sah, daß Old Shatterhand Mißtrauen gefaßt hatte, und hielt darum meine Augen auch offen. Es war mir aber schon vorher Verschiedenes aufgefallen.“

„Was?“

„Mein Bruder wird es erraten.“

„Wohl die Bandagen?“

„Ja. Der Eine hat den Kopf verbunden, und der Andere trägt den Arm in der Binde. Diese Blessuren sollen von dem gestrigen Zusammentreffen mit den Okananda-Sioux herstammen. Glaubst du das?“

„Nein; ich denke vielmehr, daß diese Leute gar nicht verwundet worden sind.“

„Sie sind es nicht. Seit wir sie getroffen haben, sind wir an zwei Wassern vorübergekommen, ohne daß sie halten geblieben sind, um ihre Wunden zu kühlen. Wenn aber die Blessuren erlogen sind, so ist es auch eine Lüge, daß sie von den Okanandas überfallen und ausgeraubt wurden. Und hat mein weißer Bruder sie beim Essen beobachtet?“

„Ja. Sie aßen viel.“

„Aber doch nicht so viel und so hastig wie einer, der seit gestern nur Beeren und Wurzeln genossen hat. Und am oberen Turkey-Creek wollen sie überfallen worden sein. Können sie sich da jetzt schon hier befinden?“

„Das weiß ich nicht, weil ich am oberen Creek noch nicht gewesen bin.“

„Sie könnten nur dann hier sein, wenn sie geritten wären. Also haben sie entweder Pferde, oder sie sind nicht am oberen Turkey gewesen.“

„Hm! Gesetzt, sie haben Pferde, warum leugnen sie es, und wem haben sie die Tiere anvertraut?“

„Das werden wir erforschen. Hält mein Bruder Old Shatterhand den Pedlar für einen Feind von ihnen?“

„Nein; er verstellt sich.“

„Das tut er; ich sah es auch. Er kennt sie. Vielleicht gehört er gar zu ihnen.“

„Warum aber diese Heimlichkeit? Welchen Grund und welchen Zweck kann sie haben?“

„Das können wir nicht erraten, aber wir werden es erfahren.“

„Wollen wir es ihnen nicht gleich in das Gesicht sagen, was wir von ihnen denken?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ihre Heimlichkeit auch eine Ursache haben kann, welche uns nichts angeht. Diese vier Männer können trotz des Mißtrauens, welches sie in uns erwecken, ehrliche Leute sein. Wir dürfen sie nicht kränken; wir dürfen nicht eher etwas sagen, als bis wir überzeugt sind, daß sie böse Menschen sind.“

„Hm! Mein Bruder Winnetou beschämt mich zuweilen. Er besitzt manchmal weit mehr Zartgefühl als ich.“

„Will Old Shatterhand mir damit vielleicht einen Vorwurf machen?“

„Nein. Winnetou weiß, daß mir dies fern liegt.“

„Howgh! Man soll keinem Menschen ein Leid antun, bis man weiß, daß er es verdient. Es ist besser, ein Unrecht erleiden, als eins begehen. Mein Bruder Shatterhand mag nachdenken. Hat der Pedlar einen Grund, Böses gegen uns im Schilde zu führen?“

„Ganz und gar nicht. Er hat vielmehr alle Ursache, sich freundschaftlich gegen uns zu stellen.“

„So ist es. Er will unsere Vorräte sehen; sein Herr soll ein gutes Geschäft mit Old Firehand machen. Dies kann aber nicht geschehen, wenn unterwegs etwas Feindseliges gegen uns ausgeführt wird. Man würde von uns nie erfahren, wo Old Firehand mit seinen Schätzen sich befindet. Also selbst wenn dieser Händler für später eine böse Tat planen sollte, bis er die Vorräte gesehen hat, haben wir nichts von ihm zu fürchten. Stimmt mir mein Bruder bei?“

„Ja.“

„Und nun die drei Männer, welche sich für überfallene Ansiedler ausgeben – – –“

„Sie sind es nicht.“

„Nein; sie sind etwas anderes.“

„Aber was?“

„Mag es sein, was es wolle, so lange wir uns unterwegs befinden, haben wir auch von ihnen nichts Böses zu erwarten.“

„Aber dann vielleicht? Wenn wir mit ihnen in der Festung angekommen sind?“

„Uff!“ lächelte Winnetou vor sich hin. „Mein Bruder Shatterhand hat wieder einmal dieselben Gedanken wie ich!“

„Das ist kein Wunder; diese Vermutung liegt so nahe; es gibt fast keine andere.“

„Daß diese vier alle Händler sind und zusammengehören?“

„Ja. Corner sagte ja gestern, daß Burton, der Pedlar, mit vier oder fünf Gehilfen arbeite. Vielleicht heißt dieser angebliche alte Warton Burton. Beide Namen klingen einander ähnlich. Er ist in der Nähe von Comers Settlement gewesen, und Rollins, der Gehilfe, war in der Nacht fort. Er hat seinen Herrn von dem großen Geschäfte, welches er machen kann, benachrichtigt, und dieser hat sich mit zwei andern Gehilfen unterwegs zu uns gesellt.“

„Aber in welcher Absicht? In guter oder in böser? Was meint mein weißer Bruder?“

„Hm, ich möchte das letztere behaupten. Wäre die Absicht keine böse, so könnte sie nur darin bestehen, sich unter falscher Flagge bei uns Eingang zu verschaffen, um die Vorräte selbst taxieren zu können, ohne uns merken zu lassen, daß er der eigentliche Händler, der Besitzer des Geschäftes ist. Das hat aber eigentlich gar keinen Zweck, weil der Gehilfe das Taxieren wohl ebenso gut vornehmen kann.“

„Das ist richtig. Es bleibt also nur das Eine übrig, daß die Drei mit dem Gehilfen Rollins‘ zu uns wollen, um die Felle zu sehen und sie uns dann ohne Bezahlung abzunehmen.“

„Also Raub, gar Mord?“

„Ja.“

„Ich nehme dies auch an.“

„Es ist das Richtige. Wir haben es mit bösen Menschen zu tun! Aber unterwegs brauchen wir keine Sorge zu haben; es wird uns nichts geschehen. Die Tat soll erst dann vorgenommen werden, wenn alle Vier sich in der Festung befinden.“

„Und dies ist ja ganz leicht zu vermeiden. Rollins müssen wir mitnehmen; das ist nicht zu umgehen; die Andern aber verabschieden wir vorher; wir haben guten Grund dazu, denn sie wollen nach dem Fort zu ihren Familien. Dennoch aber dürfen wir auch unterwegs keine Vorsicht versäumen. Wir glauben zwar, das Richtige getroffen zu haben, können uns aber doch noch täuschen. Wir müssen diese vier Männer nicht nur bei Tage, sondern auch während der Nacht scharf beobachten.“

„Ja, das müssen wir, denn es ist anzunehmen, daß sich jemand mit ihren Pferden stets in der Nähe befindet. Es darf stets nur Einer von uns beiden schlafen; der Andere muß wach und zum Kampfe gerüstet sein, doch so, daß diese Leute es nicht bemerken.“

Dies waren die Mitteilungen, die wir uns gegenseitig machten. Winnetou hatte mit seinem Scharfsinne wieder einmal das Richtige getroffen, das Richtige, aber doch nicht das Vollständige; hätten wir ahnen können, worin dieses letztere bestand, so wären wir wohl kaum imstande gewesen, äußerlich ruhig zu bleiben und unsere Erregung vor unsern Begleitern zu verbergen.

Wir nahmen während des Nachmittags unsere Pferde nicht zurück, obgleich sie uns wiederholt angeboten wurden. Als der Abend anbrach, hätten wir am liebsten auf der freien, offenen Prairie gelagert, weil wir da den nötigen Rundblick hatten und jede Annäherung eines uns bisher etwa Verborgenen leichter bemerken konnten; aber es wehte ein scharfer Wind, welcher Regen mit sich brachte, und wir wären durch und durch naß geworden; darum zogen wir es doch vor, weiter zu reiten, bis wir an einen Wald gelangten. Am Rande desselben gab es einige hohe und sehr dichtbelaubte Bäume, deren Blätterdach den Regen von uns abhielt. Dies bildete für uns eine Annehmlichkeit, welcher wir die Gefahr unterordneten, die es wahrscheinlich heute noch für uns gab, und der wir, wenn sie doch wider Erwarten eintreten sollte, durch die gewohnte Vorsicht begegnen konnten.

Unser Proviant war nur für zwei Personen berechnet gewesen; aber Rollins hatte auch welchen mit, und so langte er heut abend für uns alle; es blieb noch welcher übrig, und morgen konnten wir uns um ein Wild bekümmern.

Nach dem Essen sollte eigentlich geschlafen werden; aber unsere Begleiter hatten noch keine Lust dazu; sie unterhielten sich sehr angelegentlich, obgleich wir ihnen das laute Reden verboten. Sogar Rollins war gesprächig geworden und erzählte einige Abenteuer, die er während seiner Handelsreisen erlebt haben wollte. Da gab es für Winnetou und mich natürlich auch keinen Schlaf; wir mußten also wach bleiben, obwohl wir uns nicht am Gespräch beteiligten.

Diese Unterhaltung kam mir nicht ganz zufällig vor; sie machte den Eindruck auf mich, als ob sie mit Absicht in dieser Weise geführt werde. Sollte dadurch etwa unsere Aufmerksamkeit von der Umgebung abgelenkt werden? Ich beobachtete Winnetou und bemerkte, daß er den gleichen Gedanken hegte, denn er hatte alle seine Waffen, selbst das Messer auch, griffbereit und hielt scharfen Ausguck nach allen Seiten, obgleich nur ich allein, der ihn genau kannte, dies bemerkte. Seine Lider waren fast ganz auf die Augen gesenkt, so daß es schien, als ob er schlafe; aber ich wußte, daß er durch die Wimpern hindurch alles auf das sorgfältigste beobachtete. Bei mir war natürlich dasselbe auch der Fall.

Der Regen hatte aufgehört, und der Wind wehte nicht mehr so steif wie vorher, Am liebsten hätten wir den Lagerplatz nun hinaus in das Freie verlegt, aber dies konnte nicht geschehen, ohne daß wir Anstoß erregten und Widerspruch erweckten; darum mußte es so bleiben, wie es war.

Ein Feuer brannte nicht. Da die Gegend, in der wir uns befanden, den feindlichen Siouxindianern gehörte, hatten wir einen guten Vorwand gehabt, das Anzünden einer Flamme zu untersagen. Ein Feuer mußte uns nicht nur den Roten, sondern auch den etwaigen Verbündeten unserer Begleiter verraten, und da unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, hatten wir die Gewißheit, jede Annäherung nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen. Das Hören wurde uns durch die Unterhaltung allerdings einstweilen noch erschwert; desto tätiger aber waren unsere Augen.

Wir saßen, wie gesagt, unter den Bäumen am Waldesrande und hielten dem Walde die Gesichter zugekehrt, denn es war anzunehmen, daß, falls ein Feind sich uns nähern sollte, er dies von dort aus tun werde. Dann ging die dünne Sichel des Mondes auf und warf ihr leises, mattes Licht unter den Wipfel, der sich über uns wölbte. Das Gespräch wurde noch immer ununterbrochen fortgesetzt; man richtete die Worte zwar nicht direkt an uns, aber es war doch nicht zu verkennen, daß unsere Aufmerksamkeit gefesselt und von Anderem abgelenkt werden sollte. Winnetou lag lang ausgestreckt am Boden, mit dem linken Ellbogen im Grase und den Kopf in die hohle Hand gestützt. Da bemerkte ich, daß er das rechte Bein langsam und leise näher an den Leib zog, so daß das Innenknie einen stumpfen Winkel bildete. Hatte er etwa vor, einen Knieschuß zu tun, den berühmten, aber äußerst schwierigen Knieschuß, den ich schon an anderer Stelle beschrieben habe?

Ja wirklich! Er griff nach dem Kolben seiner Silberbüchse und legte, anscheinend ganz ohne alle Absicht oder nur spielend, den Lauf eng an den Oberschenkel. Ich folgte mit dem Auge der nunmehrigen Richtung dieses Laufes und sah unter dem vierten Baume von uns ein Buschwerk stehen, zwischen dessen Blättern ein leises, leises, wie phosphoreszierendes Schimmern zu bemerken war, zu bemerken allerdings nur für das geübte Auge eines Mannes von der Sorte des Apachen. Das waren zwei Menschenaugen; dort im Gebüsche steckte einer, der uns beobachtete. Winnetou wollte, ohne eine auffällige Bewegung zu machen, ihn durch den Knieschuß zwischen die Augen, die allein sichtbar waren, schießen. Noch ein klein, klein wenig höher die Gewehrmündungen, dann waren die Augen fixiert. Ich wartete mit größter Spannung auf den nächsten Augenblick; Winnetou verfehlte nie sein Ziel, selbst des Nachts und bei diesem schwierigen Schusse nicht. Ich sah, daß er den Finger an den Drücker legte; aber er schoß nicht; er nahm den Finger wieder weg und ließ das Gewehr sinken, um das Bein wieder auszustrecken. Die Augen waren nicht mehr zu sehen; sie waren verschwunden.

„Ein kluger Kerl!“ raunte er mir in der Sprache der Apachen zu.

„Einer, dem der Knieschuß wenigstens bekannt ist, wenn er ihn auch nicht selbst fertig bringt,“ antwortete ich ihm leise in derselben Mundart.

„Es war ein Bleichgesicht.“

„Ja. Ein Sioux, und nur solche gibt es hier, macht die Augen nicht so weit auf. Wir wissen nun, daß ein Feind in der Nähe ist.“

„Er weiß aber auch, daß wir seine Anwesenheit kennen.“

„Leider. Er hat es daraus ersehen, daß du auf ihn schießen wolltest, und wird sich nun sehr in acht nehmen!“

„Das nützt ihm nichts, denn ich beschleiche ihn.“

„Höchst gefährlich!“

„Für mich?“

„Er wird es erraten, sobald du dich von hier entfernst.“

Pshaw! Ich tue, als ob ich nach den Pferden sehen will. Das fällt nicht auf.“

„Überlaß es lieber mir, Winnetou!“

„Soll ich dich in die Gefahr schicken, weil ich sie scheue? Winnetou hat die Augen eher gesehen als du und besitzt also das Recht, den Mann zuerst zu ergreifen. Mein Bruder mag mir nur dazu verhelfen, daß ich mich entfernen kann, ohne daß der Mann ahnt, wem es gilt.“

Infolge dieser Aufforderung wartete ich noch eine kleine Weile und wendete mich dann an die in ihr Gespräch vertieften Gefährten:

„Jetzt hört einmal auf! Wir brechen morgen zeitig auf und wollen nun schlafen. Mr. Rollins, habt Ihr Euer Pferd gut angebunden?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte in unwilligem Tone über diese Störung.

„Das meinige ist noch frei,“ meinte Winnetou laut. „Ich gehe, es draußen im Grase anzuhobbeln, damit es während der Nacht fressen kann. Soll ich das meines Bruders Shatterhand auch mitnehmen?“

„Ja,“ stimmte ich bei, damit es den Anschein habe, daß es sich wirklich um die Pferde handle.

Er erhob sich langsam, schlang seine Santillodecke um die Schultern und ging, um die Pferde eine Strecke weit fortzuführen. Ich wußte, daß er sich dann auf die Erde legen und nach dem Walde kriechen würde. Die Santillodecke konnte er dabei nicht gebrauchen; er hatte sie trotzdem mitgenommen, um den Betreffenden zu täuschen.

Das kurz unterbrochene Gespräch wurde jetzt wieder fortgesetzt; dies war mir einesteils lieb und andernteils unlieb. Ich konnte nicht hören, was Winnetou tat, aber auch er konnte nun von dem, den er beschleichen wollte, nicht gehört werden. Ich senkte die Lider und tat, als ob ich mich um nichts bekümmerte, beobachtete aber den Rand des Waldes auf das schärfste.

Es vergingen fünf Minuten, zehn Minuten; es wurde eine Viertel-, ja fast eine halbe Stunde daraus. Es wollte mir angst um Winnetou werden; aber ich wußte, wie schwer das Anschleichen unter solchen Umständen ist und wie langsam es geht, wenn es sich um einen Feind handelt, welcher scharfe Sinne besitzt und dazu ahnt, daß er überrumpelt werden soll. Da endlich hörte ich seitwärts hinter mir Schritte, also in der Gegend, nach welcher sich der Apache mit den Pferden entfernt hatte. Den Kopf leicht wendend, sah ich ihn von weitem kommen; er hatte die Santillodecke wieder umgehängt und den versteckten Feind also unschädlich gemacht. Erleichterten Herzens drehte ich den Kopf wieder herum, ruhig abzuwarten, daß er sich neben mich niederlassen werde. Seine Schritte kamen näher und näher; sie blieben hinter mir stehen, und eine Stimme, welche nicht die seinige war, rief.

„Nun diesen hier!“

Mich rasch wieder umblickend, sah ich zwar die Santillodecke, aber der sie sich, um mich zu täuschen, umgehängt hatte, war nicht Winnetou, sondern ein bärtiger Kerl, der mir bekannt vorkam. Er hatte die drei Worte gesprochen und dabei mit dem Gewehrkolben zum Schlage gegen mich ausgeholt. Mich blitzschnell zur Seite wälzend, suchte ich dem Hiebe zu entgehen, aber doch schon zu spät; er traf mich noch, zwar nicht auf den Kopf, aber in das Genick, also an einer noch gefährlicheren Stelle; ich war sofort gelähmt und bekam einen zweiten Hieb auf den Schädel, so daß ich die Besinnung verlor.

Ich mußte, wahrscheinlich infolge des Schlages ins Genick, wenigstens fünf oder sechs Stunden so gelegen haben, denn als ich wieder zu mir kam und es nach langer Anstrengung fertig brachte, die bleischweren Lider ein wenig zu öffnen, graute bereits der Morgen. Die Augen fielen mir sofort wieder zu; ich befand mich in einem Zustande, welcher weder dem Schlafe noch dem Wachen noch einem Mitteldinge zwischen beiden glich. Es war mir, als ob ich gestorben sei und als ob mein Geist aus der Ewigkeit herüberlausche auf das Gespräch, welches an meiner Leiche geführt wurde. Aber ich konnte die einzelnen Worte nicht verstehen, bis ich eine Stimme, deren Klang mich vom Tode hätte erwecken können, sagen hörte:

„Dieser Hund von Apachen will nichts gestehen, und den Andern habe ich erschlagen! Jammerschade! Auf ihn hatte ich mich ganz besonders gefreut. Er sollte es doppelt und zehnfach fühlen, was es heißt, in meine Hände zu fallen! Ich gäbe viel, sehr viel drum, wenn ich ihn nur betäubt und nicht getötet hätte.“

Der Klang dieser Stimme riß mir förmlich die Augen auf; ich starrte den Mann an, den ich wegen des dichten Vollbartes, den er jetzt trug, bei dem ersten, todesmatten Blicke nicht erkannt hatte. Diese außerordentliche Wirkung wird begreiflich erscheinen, wenn ich sage, daß ich Santer, keinen Andern als Santer, mir gegenübersitzen sah. ich wollte die Augen wieder schließen, wollte es nicht merken lassen, daß ich noch lebte; aber ich brachte es nicht fertig; es war mir unmöglich, die Lider, die mir erst von selbst so schwer zugefallen waren, zu senken; ich starrte ihn an, geradeaus, in einem fort, ohne den Blick von ihm wenden zu können, bis er es bemerkte. Er sprang auf und rief, indem sein Gesicht in plötzlicher Freude strahlte:

„Er lebt; er lebt! Seht ihr es, daß er die Augen geöffnet hat? Wollen doch gleich einmal sehen, ob ich mich täusche oder nicht.“

Er richtete eine Frage an mich; als ich diese nicht sogleich beantwortete, kniete er neben mir nieder, faßte mich hüben und drüben beim Kragen und rüttelte mich auf und nieder, so daß der Hinterkopf hart gegen die Steine schlug, aus denen der Erdboden an dieser Stelle bestand. Ich konnte mich nicht dagegen wehren, weil ich so gefesselt war, daß ich kein Glied zu rühren vermochte. Dabei brüllte er:

„Willst du wohl antworten, Hund! Ich sehe, daß du lebst, daß du bei Besinnung bist, daß du antworten kannst. Wenn du nicht reden willst, werde ich dir Worte machen!“

Bei dem Auf- und Niederschlagen meines Kopfes bekam dieser eine Richtung, welche es mir ermöglichte, seitwärts zu blicken. Da sah ich Winnetou liegen, krumm geschlossen, in Form eines Ringes, ungefähr in der Weise, welche man durch den Ausdruck in den Bock gespannt zu bezeichnen pflegt. Eine solche Lage hätte selbst einem Kautschukmanne die größten Schmerzen bereitet. Was mußte er ausstehen! Und vielleicht waren ihm die Glieder schon stundenlang in dieser unmenschlichen Weise zusammengebunden. Außer ihm und Santer sah ich nur den angeblichen Warton mit seinem Sohne und seinem Neffen; Rollins, der Gehilfe des Pedlars, war nicht da.

„Also, wirst du reden?“ fuhr Santer in drohendem Tone fort. „Soll ich dir die Zunge mit meinem Messer lösen? Ich will wissen, ob du mich kennst, ob du weißt, wer ich bin, und ob du hörst, was ich sage!“

Was hätte das Schweigen genützt? Unsere Lage wäre dadurch nur verschlimmert worden. Ich durfte mich schon um Winnetous willen nicht starrköpfig zeigen. Freilich, ob ich reden konnte, das wußte ich nicht; ich versuchte es, und siehe da, es ging; ich brachte, wenn auch mit schwacher, lallender Stimme, die Worte her-vor:

„Ich erkenne Euch; Ihr seid Santer.“

„So, so! Erkennst du mich?“ lachte er mir höhnisch in das Gesicht. „Hast wohl große Freude? Bist wohl ganz entzückt, mich hier zu sehen? Eine herrliche, eine unvergleichlich frohe Überraschung für dich! Nicht?“

Ich zögerte, diese hämische Frage zu beantworten; da zog er sein Messer, setzte mir die Spitze desselben auf die Brust und drohte:

„Willst du auf der Stelle ja sagen, ein lautes ja! Sonst stoße ich dir augenblicklich die Klinge in den Leib!“

Da warf mir Winnetou trotz seiner Schmerzen die Mahnung zu:

„Mein Bruder Shatterhand wird nicht ja sagen, sondern sich lieber erstechen lassen.“

„Schweig, Hund!“ brüllte ihn Santer an. „Wenn du noch ein Wort sagst, so spannen wir deine Fesseln so sehr an, daß dir die Knochen brechen. Also, Old Shatterhand, du Freund, dem meine ganze, ganze Liebe gehört, nicht wahr, du bist entzückt, mich wiederzusehen?“

„Ja,“ antwortete ich laut und fest trotz der Worte des Apachen.

„Hört ihr es? Habt ihr es gehört?“ grinste Santer die drei Andern triumphierend an. „Old Shatterhand, der berühmte, unbesiegliche Old Shatterhand hat eine solche Angst vor meinem Messer, daß er wie ein kleiner Junge zugibt, Freude über mich zu fühlen!“

War mein vorheriger Zustand vielleicht nicht so schlimm gewesen, wie man meinen sollte, oder bewirkte der Hohn dieses Menschen diese Veränderung in mir, ich weiß es nicht, aber ich fühlte meinen Kopf jetzt plötzlich frei, als ob ich die Kolbenhiebe gar nicht empfangen hätte, und antwortete, ihm nun meinerseits in das Gesicht lachend:

„Ihr irrt Euch da gewaltig; ich habe nicht aus Angst vor Eurem Messer ja gesagt.“

„So? Nicht? Warum denn?“

„Weil es Wahrheit ist. Ich freue mich wirklich darüber, daß ich Euch endlich wiedersehe.“

Trotz meines Lachens sagte ich dies nicht etwa ironisch oder höhnisch, sondern mit einem solchen Ausdrucke der Wahrheit, daß es ihn frappierte. Er fuhr mit dem Kopfe zurück, zog die Brauen empor, sah mich einige Augenblicke lang forschend an und sagte dann:

„Wie? Was? Höre ich recht? Haben die Hiebe, die du erhalten hast, dein Gehirn so erschüttert, daß du phantasierest? Du freust dich in Wirklichkeit?“

„Natürlich!“ nickte ich.

„Alle Teufel! Ich möchte fast annehmen, daß dieser Kerl im Ernste spricht!“

„Es ist allerdings mein völliger Ernst!“

„Dann bist du freilich verrückt, vollständig verrückt!“

„Fällt mir nicht ein! Ich bin so bei Sinnen, wie ich es noch niemals besser gewesen bin.“

„Wirklich? Dann ist es Frechheit, eine so bodenlose, verdammte Frechheit, wie mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen ist! Mensch, ich schließe dich ebenso krumm wie Winnetou, oder ich hänge dich verkehrt da an den Baum, mit dem Kopfe nach unten, daß dir das Blut aus allen Löchern spritzt!“

„Das werdet Ihr bleiben lassen!“

„Bleiben lassen? Warum sollte ich es nicht tun? Was für einen Grund könnte ich dazu haben?“

„Einen, den Ihr so gut kennt, daß ich ihn Euch nicht zu sagen habe.“

„Oho! Ich weiß keinen solchen Grund!“

Pshaw! Mich täuscht Ihr nicht. Hängt mich immer auf! Dann bin ich in zehn Minuten tot, und Ihr erfahrt nicht, was Ihr wissen wollt.“

Ich hatte das Richtige getroffen; das sah ich ihm an. Er blickte zu Warton hinüber, schüttelte den Kopf und sagte:

„Wir haben diesen Halunken für tot gehalten, aber er ist nicht einmal besinnungslos gewesen, denn er hat alle meine Fragen gehört, die ich an Winnetou richtete, ohne daß diese verdammte Rothaut mir eine einzige davon beantwortet hat.“

„Ihr irrt Euch abermals,“ erklärte ich. „Ich war wirklich betäubt; aber Old Shatterhand hat Grütze genug im Kopfe, Euch zu durchschauen.“

„So? Nun, dann sag mir doch einmal, was das ist, was ich von euch wissen will!“

„Unsinn! Laßt diese Kinderei! Ihr werdet nichts erfahren. Ich sage Euch im Gegenteile, daß ich mich wirklich über das Zusammentreffen freue. Wir haben uns so lange vergeblich nach Euch gesehnt, daß diese Freude eine sehr aufrichtige und herzliche sein muß. Wir haben Euch ja endlich, endlich, endlich!“

Er starrte mich eine ganze Weile wie abwesend an, stieß dann einen Fluch aus, welcher nicht wiederzugeben ist, und schrie mich an:

„Schuft, sei froh darüber, daß ich dich für wahnsinnig halte! Denn wenn ich wüßte, daß du doch bei Sinnen seiest und mit Absicht und Überlegung so redetest, so würde ich dich durch tausend Martern überzeugen, daß ich nicht mit mir scherzen lasse. Ich will also nachsichtig mit dir sein und in Ruhe mit dir reden; aber falls du mir nicht offen und gutwillig antwortest, so hast du einen Tod zu erwarten, wie ihn noch kein Mensch gestorben ist.“

Er setzte sich vor mich hin, sah einige Zeit wie nachdenkend vor sich nieder und fuhr dann fort:

„Ihr beide haltet euch für außerordentlich gescheite Kerls, natürlich für die allergescheitesten im ganzen wilden Westen; aber wie dumm, wie unendlich dumm seid ihr in Wirklichkeit! Wie war damals dieser Winnetou hinter mir her! Hat er mich erwischt? Ein jeder Andere an seiner Stelle würde sich vor Scham darüber vor keinem Menschen wieder sehen lassen! Und jetzt! Wirst du eingestehen, daß ihr gestern abend meine Augen gesehen habt?“

„Ja,“ nickte ich.

„Er wollte auf mich schießen?“

„Ja.“

„Ich sah es und verschwand natürlich auf der Stelle. Da ging er fort, um mich zu beschleichen. Giebst du auch das zu?“

„Warum nicht?“

„Mich beschleichen, hahahaha! Ich wußte doch, daß ich bemerkt worden war; das hätte sich ein jedes Kind gesagt. Mich dennoch beschleichen zu wollen, war eine Dummheit, die mit gar keiner andern zu vergleichen ist. Ihr habt dafür Prügel, ja wirklich Prügel verdient. Anstatt er mich, beschlich ich ihn und schlug ihn, als er kam, mit einem einzigen Kolbenhiebe nieder. Dann holte ich seine Decke, die er weggelegt hatte, nahm sie über und machte mich über dich her. Was dachtest du denn eigentlich, als du sahst, daß ich es war anstatt des Apachen?“

„Ich freute mich darüber.“

„Auch über die Hiebe, die du bekamst? jedenfalls nicht. Ihr habt euch übertölpeln lassen wie achtjährige Jungens, die man nicht auslachen, sondern nur bemitleiden kann. Nun befindet ihr euch so vollständig in unserer Gewalt, daß Rettung für euch absolut unmöglich ist, wenn mich nicht etwa eine milde Regung überläuft. Es ist nicht ganz ausgeschlossen, daß ich mich zur Nachsicht geneigt fühle, aber nur in dem allereinzigen Falle, daß du mir aufrichtig Auskunft gibst. Schau diese drei Männer! Sie gehören zu mir; ich schickte sie euch in den Weg, um euch zu überlisten. Für was hältst du uns wohl jetzt?“

Wer und was er war, das ahnte ich nicht nur, sondern ich wußte es nun ganz genau; aber die Klugheit verbot mir, dies merken zu lassen; darum antwortete ich:

„Ein Schurke seid Ihr stets gewesen und seid es jedenfalls noch heut; mehr brauch ich nicht zu wissen.“

„Schön! Ich will dir eins sagen: Jetzt nehme ich diese Beleidigungen ruhig hin; ist dann unser Gespräch zu Ende, so kommt die Strafe; das schreib dir hinter die Ohren! Ich will dir zunächst sehr aufrichtig gestehen, daß wir allerdings lieber ernten als säen; das Säen ist so anstrengend, daß wir es andern Leuten überlassen; doch wo wir eine Ernte finden, die uns keine große Mühe macht, da greifen wir schnell zu, ohne viel darnach zu fragen, was diejenigen Leute dazu sagen, welche behaupten, daß das Feld ihnen gehöre. So haben wir es bisher gehalten, und so werden wir es auch weiter treiben, bis wir genug haben.“

„Wann wird dies wohl der Fall sein?“

„Vielleicht sehr bald. Es steht nämlich hier in der Nähe ein Feld in voller, reifer Frucht, welches wir abmähen wollen. Wenn uns das gelingt, so können wir sagen, daß wir unser Schaf ins Trockene gebracht haben.“

„Gratuliere!“ sagte ich ironisch.

„Danke dir!“ antwortete er ebenso. „Da du uns gratulierst und es also gut mit uns meinest, so nehme ich an, daß du uns gern behilflich sein wirst, dieses Feld zu finden.“

„Ach, ihr wißt also noch gar nicht, wo es liegt?“

„Nein. Wir wissen nur, daß es gar nicht weit von hier zu suchen ist.“

„Das ist unangenehm.“

„O nein, da wir den Ort von dir erfahren werden.“

„Hm, das bezweifle ich.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Warum?“

„Ich weiß kein Feld, welches für euch paßt.“

„O doch!“

„Gewiß nicht!“

„Das denkst du nur. Ich werde deinem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Es handelt sich natürlich nicht um ein Feld im gewöhnlichen Sinne, sondern um ein Versteck, welches wir ausleeren möchten.“

„Was für ein Versteck?“

„Von Häuten, Fellen und dergleichen.“

„Hm! Und ich soll es kennen?“

„Ja.“

„Wahrscheinlich täuscht ihr euch da.“

„O nein. Ich weiß, woran ich bin. Du gibst doch wohl zu, daß ihr bei dem alten Comer am Turkey-River gewesen seid?“

„Ja.“

„Was wolltet ihr bei ihm?“

„Das war wohl nur so ein Besuch, wie man zuweilen ohne alle Absicht macht.“

„Versuche doch nicht, mich irre zu machen. Ich traf Corner, als ihr fort waret, und erfuhr von ihm, wen ihr bei ihm gesucht habt.“

„Nun, wen?“

„Einen Pedlar, welcher Burton heißt.“

„Das brauchte der Alte nicht zu sagen!“

„Nein; aber er hat es gesagt. Der Pedlar soll euch Felle, viele Felle abkaufen.“

„Uns?“

„Weniger euch, als vielmehr Old Firehand, der eine ganze Gesellschaft von Pelzjägern kommandiert und einen großen Vorrat von Fellen beisammen hat.“

„Alle Wetter, seid ihr gut unterrichtet!“ „Nicht wahr?“ lachte er schadenfroh, ohne meinen ironischen Ton zu beachten. „Ihr habt den Pedlar nicht gefunden, sondern nur einen Gehilfen von ihm und diesen mit euch genommen. Wir sind euch schnell nach, um euch und ihn festzunehmen; der Kerl aber, der, glaube ich, Rollins heißt, ist uns leider entwischt, während wir uns mit euch beschäftigen mußten.“

Gewohnt, alles, selbst das scheinbar Unbedeutendste, zu beobachten, entging es mir nicht, daß er bei dieser Versicherung einen Blick dorthin warf, wo wir gestern abend seine Augen gesehen hatten. Dieser Blick war ein unbeabsichtigter, unwillkürlicher, von ihm nicht genug bewachter; er fiel mir also auf. Gab es etwa dort in dem Gesträuch etwas, was mit dem, von dem er sprach, also mit Rollins, zusammenhing? Das mußte ich erfahren, aber ich hütete mich, mein Auge jetzt sogleich nach der betreffenden Stelle zu richten, weil ihm dies wahrscheinlich aufgefallen wäre. Er fuhr in seiner Rede fort:

„Es schadet das aber nichts, denn diesen Rollins brauchen wir nicht, wenn wir nur Euch haben. Ihr kennt Old Firehand?“

„Ja.“

„Und seinen Versteck?“

„Ja.“

„Ah! Freut mich ungemein, daß Ihr dies so bereitwillig zugebt!“

Pshaw! Warum sollte ich etwas leugnen, was doch wahr ist?“

Well! So nehme ich also an, daß Ihr mir keine große Plage machen werdet.“

„Nehmt Ihr das wirklich an?“

„Ja, denn Ihr werdet einsehen, daß es für Euch das Beste ist, uns alles mitzuteilen.“

„Inwiefern soll es das Beste sein?“

„Insofern, als Ihr Euch Euer Schicksal dadurch bedeutend erleichtert.“

„Welches Schicksal nennt Ihr denn eigentlich das unserige?“

„Den Tod. Ihr kennt mich, und ich kenne Euch; wir wissen ganz genau, wie wir miteinander stehen: Wer in die Gewalt des Andern gerät, der ist verloren, der muß sterben. Ich habe Euch erwischt, und so ist es also mit Euerm Leben zu Ende. Da ist aber nun die Frage, welches Ende? ich habe stets die feste Absicht gehabt, Euch langsam und mit Genuß zu Tode zu schinden; jetzt aber, da es sich um Old Firehands Versteck handelt, denke ich nicht mehr ganz so streng.“

„Sondern wie?“

„Ihr sagt mir, wo sich dieses Versteck befindet, und beschreibt es mir.“

„Und was bekommen wir dafür?“

„Einen schnellen schmerzlosen Tod, nämlich eine rasche Kugel durch den Kopf.“

„Sehr schön! Das ist zwar sehr gefühlvoll, aber nicht sehr klug von Euch.“

„Wieso?“

„Wir können, um einen schnellen, leichten Tod zu finden, Euch irgend einen Ort beschreiben, der aber gar nicht der richtige ist.“

„Da haltet Ihr mich für unvorsichtiger, als ich bin; ich weiß es schon so anzufassen, daß ich Beweise von Euch erhalte. Vorher will ich wissen, ob Ihr geneigt sein wollt, mir den Ort zu verraten.“

„Verraten, das ist das richtige Wort. Ihr werdet aber wissen, daß Old Shatterhand kein Verräter ist. Ich sehe, daß Winnetou Euch auch nicht zu Willen gewesen ist; vielleicht hat er Euch nicht eine einzige Antwort gegeben, denn er ist viel zu stolz, mit solchen Halunken, wie Ihr seid, zu reden. Ich aber habe mit Euch gesprochen, weil ich dabei eine gewisse Absicht verfolgte.“

„Absicht? Welche?“

Er blickte mir bei dieser Frage mit großer Spannung in das Gesicht.

„Das braucht Ihr nicht zu wissen; später werdet Ihr es ohne mich erfahren.“

Er hatte jetzt verhältnismäßig höflicher gesprochen und mich auch nicht mehr Du, sondern ihr genannt; nun fuhr er zornig auf:

„Du willst dich also auch weigern?“

„Ja.“

„Nichts sagen?“

„Kein Wort.“

„So schließen wir dich krumm wie Winnetou!“

„Tut es.“

„Und martern euch zu Tode.“

„Das wird Euch keinen Nutzen bringen.“

„Meinst du? Ich sage dir, daß wir das Versteck auf alle Fälle finden werden.“

„Höchstens durch einen blinden Zufall, aber dann zu spät; denn wenn wir nicht zur bestimmten Zeit zurückkehren, schöpft Old Firehand Verdacht und räumt das Versteck aus. In dieser Weise haben wir es mit ihm besprochen.“

Er blickte finster und nachdenklich vor sich nieder und spielte dabei mit seinem Messer, doch bedeutete diese Beschäftigung seiner Hände keine Gefahr für mich. Ich durchschaute ihn und seinen Doppelplan. Die erste Hälfte desselben war mißlungen; nun mußte er zur zweiten Hälfte desselben schreiten. Er gab sich Mühe, seine Verlegenheit zu verbergen, aber dies gelang ihm nicht ganz so, wie er es wünschte.

Die Sache lag so, daß er es auf unser Leben, aber auch auf die Reichtümer Old Firehands abgesehen hatte; die letzteren standen ihm höher als sein Haß gegen uns; um sie zu erlangen, war er jedenfalls bereit, uns laufen zu lassen, falls es nicht anders ging. Darum war es keineswegs das Gefühl der Sorge oder gar der Angst, mit dem ich nun seinen weiteren Entschließungen entgegensah. Da endlich erhob sich sein Gesicht wieder und er fragte:

„Du verrätst mir also nichts?“

„Nein.“

„Und wenn es euch sofort das Leben kostet?“

„Erst recht nicht, denn ein schneller Tod ist ja weit besser, als der qualvolle, der uns eigentlich erwarten soll.“

Well! Ich werde dich zwingen. Wollen doch sehen, ob deine Glieder ebenso gefühllos sind wie diejenigen des Apachen.“

Er gab den drei Andern einen Wink; sie standen auf, faßten mich an und trugen mich dorthin, wo Winnetou lag. Dabei konnte ich für kurze Zeit bequem nach der Stelle sehen, an welcher wir gestern abend seine Augen erblickt hatten. Meine Ahnung war richtig: Dort lag ein Mensch versteckt. Um zu sehen, was mit mir geschah, schob er seinen Kopf ein Stück durch das Gezweig, und ich glaubte das Gesicht Rollins‘ zu erkennen.

Um es kurz zu machen, will ich nur sagen, daß ich auch krumm geschlossen wurde. So lag ich drei volle Stunden neben Winnetou, ohne daß wir ein leises Wort miteinander wechselten und unsern Peiniger einen Atemzug hören oder eine schmerzliche Miene sehen ließen. Von Viertelstunde zu Viertelstunde kam Santer und fragte, ob wir gestehen wollten; er bekam aber keine Antwort. Es galt, wer länger Geduld hatte, er oder wir. Ich wußte, daß Winnetou die Sachlage ebenso kannte und durchschaute wie ich.

Da, gegen Mittag, als Santer wieder einmal vergeblich gefragt hatte, setzte er sich zu seinen drei Gefährten und verhandelte leise mit ihnen. Nach kurzer Unterhaltung meinte er laut, so daß wir es hörten.

„Ich glaube auch, daß er sich noch in der Nähe versteckt hält, weil es ihm nicht gelungen ist, sein Pferd mit fortzunehmen. Durchsucht die Gegend doch einmal genau! Ich bleibe hier, um die Gefangenen zu bewachen.“

Er meinte Rollins. Daß er dies so laut sagte, ließ ihn durchschauen. Wenn man wirklich einen in der Nähe Versteckten fangen will, sagt man dies nicht so, daß er es hören kann oder gar hören muß. Die drei griffen zu ihren Waffen und entfernten sich. Da endlich flüsterte mir Winnetou leise zu:

„Ahnt mein Bruder, was geschehen wird?“

„Ja.“

„Sie werden Rollins fangen und herbeibringen.“

„Ganz gewiß. Man erwartet in ihm einen Gegner, und dann wird und muß es sich herausstellen, daß er ein guter Bekannter von Santer ist. Er wird für uns bitten – – –“

„Und Santer wird uns nach dem notwendigen Zögern freigeben. Das wird genau so gemacht werden, wie in den großen schönen Häusern der Bleichgesichter, in denen man Theater spielt.“

„Ja. Dieser Santer ist natürlich kein Anderer als jener Pedlar, der sich jetzt Burton nennt, und Rollins hat uns ihm in die Hände führen müssen. Falls wir aber Old Firehands Versteck nicht verraten, müssen wir freigegeben werden, damit man uns heimlich folgen und es entdecken kann. Zu diesem Zwecke ist Rollins nicht hiergeblieben und soll nun scheinbar nachträglich noch ergriffen werden, um uns zur Freiheit zu verhelfen.“

„Mein Bruder denkt genau wie ich. Wenn Santer klug gewesen wäre, hätte er dies alles nicht nötig gehabt. Er konnte Rollins mit uns gehen lassen und dann von ihm erfahren, wo Old Firehand und natürlich auch wir zu finden sind.“

„Er hat voreilig gehandelt. Jedenfalls befand er sich bei den Okananda-Sioux, als sie Comers Settlement überfallen wollten. Er ist ihr Verbündeter, und Rollins, sein Gehilfe, machte den Spion. Als dieser hörte, wer wir waren, meldete er es Santer, und dieser beschloß, weil die Sioux uns nichts anhaben konnten, uns selbst zu überfallen. Rollins ritt mit uns; die drei andern Gehilfen mußten uns zu Fuße voran, und Santer selbst kam mit den Pferden hinterdrein. Dieser Plan wurde in der großen Freude, uns zu erwischen, viel zu schnell und gedankenlos entworfen. Diese Kerls haben dabei nicht in Berechnung gezogen, daß wir doch keine solchen Schurken sind, Old Firehands Versteck zu verraten. Da sie dies aber unbedingt finden und ausrauben wollen, müssen sie nun den begangenen Fehler dadurch gutmachen, daß sie uns wieder loslassen, um uns heimlich folgen zu können. Es ist sehr gut, daß wir diesem Rollins keine Beschreibung des Versteckes gegeben haben.“

Wir wechselten diese Mitteilungen, ohne die Lippen zu bewegen; Santer bemerkte also nicht, daß wir miteinander sprachen. Er saß übrigens halb von uns abgewendet und lauschte in den Wald hinein. Nach einiger Zeit ertönte da drin ein lauter Ruf und noch einer; eine zweite, eine dritte Stimme antwortete; dann folgte ein lauteres Geschrei, welches schnell näher kam, bis wir die drei Wartons aus dem Gebüsch treten sahen; sie hatten Rollins in der Mitte, der sich scheinbar sträubte, ihnen zu folgen.

„Bringt ihr ihn?“ rief Santer ihnen entgegen, indem er aufsprang. „Habe ich es nicht gesagt, daß er sich noch in der Nähe befindet! Schafft den Kerl zu den beiden andern Gefangenen, und schließt ihn auch so krumm wie – – –“

Er hielt mitten in der Rede inne, machte eine Bewegung größter Überraschung und fuhr dann, wie vor Freude stotternd, fort:

„Wa-wa-was? We-wer ist denn das? Sehe ich recht, oder ist’s nur eine Ähnlichkeit?“

Rollins stellte sich ebenso freudig erstaunt, riß sich von den Dreien los, eilte auf ihn zu und rief:

„Mr. Santer, Ihr seid es! Ist’s die Möglichkeit? O, nun ist alles gut; nun wird mir nichts geschehen!“

„Geschehen? Euch? Nein, Euch kann nichts geschehen, Mr. Rollins. Also ich täusche mich nicht; Ihr seid der Rollins, den ich fangen wollte! Wer hätte das gedacht, daß ihr mit diesem Manne identisch seid! Ihr befindet Euch also jetzt bei Burton, dem Pedlar?“

„Ja, Mr. Santer. Es ist mir bald gut, bald schlecht ergangen; jetzt aber bin ich zufrieden. Grad auf dem jetzigen Ritte stehe ich im Begriffe, ein ausgezeichnetes Geschäft zu machen, leider aber wurden wir gestern abend von – – –“

Auch er brach seine Rede ab. Sie hatten sich wie gute Freunde, die sich lange nicht gesehen haben, in herzlicher Weise die Hände geschüttelt; jetzt machte er ein plötzlich betroffenes Gesicht, sah Santer wie verblüfft an und fuhr dann fort:

„Ja, wie ist es denn? Seid Ihr es etwa, der uns überfallen hat, Mr. Santer?“

„Allerdings.“

„Teufel! Ich werde von dem Manne, der mein bester Freund ist und mir verschiedene Male das Leben zu verdanken hat, angefallen! Was habt Ihr Euch dabei gedacht?“

„Gar nichts. Was konnte ich mir denken, da ich Euch nicht zu sehen bekommen habe? Ihr habt Euch doch schleunigst aus dem Staube gemacht.“

„Das ist freilich wahr. Ich hielt es für das Beste, zunächst mich in Sicherheit zu bringen, um dann diesen Gentlemen, zu denen ich gehöre, zur Flucht behilflich sein zu können. Darum bin ich nicht fort, sondern ich habe mich hier versteckt, um den geeigneten Augenblick abzuwarten. Aber was sehe ich! Sie sind gefesselt und noch dazu in einer solchen Weise? Das darf nicht sein; das kann ich unmöglich zugeben; ich werde sie losbinden!“

Er wendete sich uns zu, jedoch Santer ergriff ihn beim Arm und antwortete:

„Halt, was fällt Euch ein, Mr. Rollins! Diese Kerls sind meine ärgsten Todfeinde.“

„Aber meine Freunde!“

„Das geht mich nichts an. Ich habe eine Rechnung mit ihnen, die sie mit dem Leben bezahlen müssen; darum überfiel ich sie und nahm sie fest, freilich ohne zu ahnen, daß Ihr zu ihnen gehörtet.“

„Alle Wetter, ist das unangenehm! Eure Todfeinde? Und doch muß ich ihnen helfen! Ist es denn gar so viel, was Ihr gegen sie habt?“

„Mehr als genug, um ihnen zehnmal an den Hals zu gehen.“

„Aber bedenkt, wer sie sind!“

„Meint Ihr etwa, daß ich sie nicht kenne?“

„Winnetou und Old Shatterhand! Die bringt man nicht so mir nichts dir nichts um!“

„Grad weil es diese beiden sind, gibt es bei mir kein Erbarmen.“

„Ist das wirklich Euer Ernst, Mr. Santer?“

„Mein völligster und blutigster Ernst. Ich gebe Euch die Versicherung, daß sie verloren sind.“

„Selbst dann, wenn ich für sie bitte?“

„Auch dann.“

„Aber bedenkt, was Ihr mir zu verdanken habt. Ich habe Euch mehrere Male das Leben gerettet!“

„Das weiß ich sehr wohl und werde es Euch auch nicht vergessen, Mr. Rollins.“

„Wißt Ihr denn auch noch, was bei dem letzten Mal geschah?“

„Was?“

„Ihr schwurt mir zu, daß Ihr mir jeden Wunsch, jede Bitte erfüllen würdet.“

„Hm! Ich glaube, so sagte ich.“

„Wenn ich nun jetzt eine Bitte ausspreche?“

„Tut es nicht, denn in diesem Falle kann ich sie nicht erfüllen und möchte doch mein Wort nicht gern brechen. Hebt es lieber für später auf.“

„Das kann ich nicht. Ich habe hier Verpflichtungen, die mir heilig sind. Kommt also einmal her, Mr. Santer, und laßt mit Euch reden!“

Er nahm ihn beim Arme und zog ihn ein Stück fort, wo sie stehen blieben und, heftig gestikulierend, miteinander sprachen, ohne daß wir die Worte verstehen konnten. Sie führten die Spiegelfechterei so gut aus, daß sie uns wohl getäuscht hätten, wenn wir weniger fest überzeugt gewesen wären. Dann kam Rollins allein zu uns und sagte:

„Ich habe wenigstens die Erlaubnis bekommen, euch eure Lage etwas zu erleichtern, Mesch’schurs. Ihr seht und hört, welche Mühe ich mir gebe. Hoffentlich gelingt es mir doch noch, euch ganz frei zu bekommen.“

Er lockerte unsere Fesseln so weit, daß wir nicht mehr krumm gebunden waren, und kehrte dann wieder zu Santer zurück, um seine scheinbare Fürbitte auf das lebhafteste fortzusetzen. Nach längerer Zeit kamen beide zu uns, und Santer redete uns an:

„Es ist, als ob der Teufel euch beschützen wolle. Ich habe diesem Gentleman hier einst ein Versprechen gegeben, welches ich halten muß. Er beruft sich jetzt darauf und läßt sich nicht davon abbringen. Ich will ihm zuliebe die größte Dummheit meines Lebens begehen und euch freigeben, aber alles, was ihr bei euch habt, also auch eure Waffen, sind mein Eigentum.“

Winnetou sagte kein Wort, und ich antwortete ebensowenig.

„Nun? Ihr könnt wohl vor Erstaunen über meinen Edelmut nicht sprechen?“

Als auch hierauf keine Antwort erfolgte, meinte Rollins:

„Natürlich sind sie sprachlos über diese Gnade. Ich werde sie losbinden.“

Er griff nach meinen Banden.

„Halt!“ sagte ich. „Laßt diese Riemen so, wie sie sind, Mr. Rollins!“

„Seid Ihr des Teufels? Warum denn?“

„Entweder alles oder gar nichts.“

„Wie meint Ihr das?“

„Die Freiheit ohne unsere Waffen und alles unser Eigentum mögen wir nicht.“

„Ist das möglich? Ist das zu denken?“

„Andere mögen anders denken, als wir; Winnetou und ich aber gehen ohne das, was ihnen gehört, nicht von der Stelle. Lieber tot als hören zu müssen, daß wir von unsern Waffen lassen mußten.“

„Aber seid doch froh, daß – – –“

„Schweigt!“ unterbrach ich ihn. „Ihr kennt unsere Ansicht, die kein Mensch anders macht.“

„Tod und Hölle! Ich will euch retten und muß mich in dieser Weise abfahren lassen!“

Er zog Santer wieder mit sich fort, und zu der nun weiter folgenden Beratung wurden auch die Wartons zugezogen.

„Das hat mein Bruder recht gemacht,“ flüsterte mir Winnetou zu. „Es ist gewiß, daß sie uns den Willen tun werden, denn sie meinen, daß sie später doch alles bekommen.“

Auch ich war davon überzeugt. Freilich mußte sich Santer noch längere Zeit scheinbar sträuben, endlich -kamen sie alle herbei, und er erklärte:

„Ihr habt heut ein unmenschliches Glück. Mein Wort zwingt mich, etwas zu tun, was sonst Wahnsinn sein würde. Ihr werdet mich auslachen, aber ich schwöre es euch zu, daß ich es bin, der zuletzt lachen wird; das werdet ihr noch eher einsehen, als ihr jetzt für möglich haltet! Hört also jetzt, was wir ausgemacht haben!“

Er hielt inne, um dem, was zu folgen hatte, Nachdruck zu geben, und fuhr dann fort:

„Ich lasse euch für diesmal frei, und ihr behaltet alles, was euch gehört; aber ihr werdet bis zum Abend hier an diese Bäume gebunden, damit ihr uns nicht eher als von morgen früh an verfolgen könnt. Wir reiten jetzt fort, dorthin, woher wir gekommen sind, und nehmen Mr. Rollins mit, damit er euch nicht vor der Zeit losmachen kann. Wir lassen ihn aber so zurückkehren, daß er hier bei euch eintrifft, wenn es dunkel geworden ist. Ihm habt ihr euer Leben zu verdanken; seht, daß ihr quitt mit ihm werdet!“

Weiter sprach niemand. Wir wurden an zwei nebeneinander stehende Bäume befestigt; nachher band man unsere Pferde in der Nähe an, und hierauf wurde alles, was man uns abgenommen hatte, neben uns hingelegt. Wie froh war ich, daß sich die Waffen dabei befanden! Als dies geschehen war, ritten die fünf Kerle fort.

Wir blieben wohl eine Stunde lang still, nur beschäftigt, mit unsern Sinnen jedes Geräusch aufzunehmen und zu bestimmen. Dann sagte der Apache:

„Sie sind noch hier, um uns, wenn wir aufbrechen, gleich folgen zu können. Um nicht gesehen zu werden, lassen sie uns erst am Abend frei. Wir müssen Santer haben. Wie denkt mein Bruder, daß wir ihn am sichersten fangen?“

„Jedenfalls nicht so, daß wir ihn bis zu Old Firehand locken.“

„Nein. Er darf das Versteck gar nicht kennen lernen. Wir reiten die ganze Nacht hindurch und würden also am Abend in der Festung ankommen; wir halten aber eher an. Rollins wird, hinter uns herreitend, ihnen heimlich Zeichen zurücklassen, denen sie folgen. Wenn die Zeit gekommen ist, machen wir ihn unschädlich und reiten eine kleine Strecke zurück, um sie auf unserer Fährte zu erwarten. Ist mein Bruder Shatterhand mit diesem Plane einverstanden?“

„Ja, er ist der beste, den es gibt. Santer ist überzeugt, uns zu bekommen, wir aber bekommen ihn.“

„Howgh!“

Er sagte nur dies eine Wort, aber in demselben klang eine tiefe, unendliche Befriedigung darüber, daß der so lange und vergeblich Gesuchte nun endlich, endlich in seine Hand gegeben sein sollte.

Der Tag kroch wie eine Schnecke dem Abende zu, aber es wurde schließlich doch finster, und da hörten wir auch bald den Hufschlag eines Pferdes. Rollins kam, stieg ab und machte uns von den Fesseln los. Es versteht sich ganz von selbst, daß er dabei nicht unterließ, sich als unser Retter in das hellste Licht zu stellen und uns weiszumachen, wie weit er mit unserm Todfeinde noch geritten sei. Wir taten, als ob wir ihm glaubten, und versicherten ihn unserer größten Dankbarkeit, hüteten uns aber sehr, dabei in überschwengliche Ausdrücke zu verfallen. Dann saßen wir auf und ritten langsam davon.

Er hielt sich selbstverständlich hinter uns. Wir hörten, daß er, um gute Spuren zu hinterlassen, sein Pferd öfters tänzeln ließ. Als dann der sichelförmige Mond am Himmel stand, konnten wir beobachten, daß er von Zeit zu Zeit zurückblieb, um einen Zweig abzureißen und auf den Weg zu werfen, oder sonst irgend ein Zeichen zurückzulassen.

Am Morgen wurde eine kurze Rast gemacht und zu Mittag wieder; diese letztere aber war länger, wohl drei Stunden lang. Wir wollten Santer, der erst am Morgen hatte folgen können, möglichst heranlassen. Hierauf ritten wir noch zwei Stunden weiter, bis wir ungefähr ebenso weit noch bis zur Festung hatten. Nun war es Zeit, uns mit Rollins auseinanderzusetzen. Wir hielten an und stiegen ab. Das mußte ihm auffallen, und er fragte, indem er auch aus dem Sattel sprang:

„Warum anhalten, Mesch’schurs? Das ist nun heut zum drittenmal. Es kann doch nicht mehr weit zu Old Firehand sein. Wollen wir diese Strecke nicht vollends zurücklegen, anstatt hier noch ein Nachtlager zu machen?“

Winnetou, der sonst so Schweigsame, antwortete:

„Zu Old Firehand dürfen keine Schurken.“

„Schurken? Wie meint das der Häuptling der Apachen?“

„Ich meine, daß du einer bist.“

„Ich? Seit wann ist Winnetou so ungerecht und undankbar, seinen Lebensretter zu beschimpfen?“

„Lebensretter? Hast du wirklich geglaubt, Old Shatterhand und mich zu täuschen? Wir wissen alles, alles: Santer ist Burton, der Pedlar, und du bist sein Spion. Du hast ihnen während des ganzen Rittes Zeichen hinterlassen, damit sie uns und Old Firehands Versteck finden sollen. Du willst uns an Santer ausliefern und sagst, daß du unser Lebensretter seist. Wir haben dich beobachtet, ohne daß du es ahntest; nun aber ist unsere und auch deine Zeit gekommen; Santer mahnte uns, mit dir quitt zu werden; gut, wir rechnen mit dir ab!“

Er streckte die Hand nach Rollins aus. Dieser begriff die Situation schnell, wich zurück und schwang sich blitzschnell in den Sattel, um zu fliehen; ebenso schnell hatte ich sein Pferd beim Zügel und noch viel, viel schneller schwang sich Winnetou hinter ihm auf, um ihn beim Genick zu nehmen. Rollins sah in mir, weil ich sein Pferd hielt, den gefährlicheren Feind, zog sein Doppelpistol hervor, richtete es auf mich und drückte ab. Ich bückte mich nieder und zugleich griff Winnetou nach der Waffe; die beiden Schüsse gingen los, doch ohne mich zu treffen; einen Augenblick später flog Rollins, von Winnetou herabgeschleudert, vom Pferde; noch eine halbe Minute, und er war entwaffnet, gebunden und geknebelt. Wir befestigten ihn mit den Riemen, mit denen wir gefesselt gewesen waren, einstweilen an einen Baum und banden sein Pferd in der Nähe an. Später, nach der Überwältigung Santers, wollten wir ihn hier abholen. Dann stiegen wir wieder auf und ritten eine Strecke zurück, nicht auf unserer Spur, sondern parallel mit derselben, bis wir ein vorspringendes Gebüsch erreichten, an dessen anderer Seite unsere Fährte vorüberführte und wo Santer also vorbei mußte. In dieses Gesträuch führten wir unsere Pferde und setzten uns nieder, um auf die zu warten, die es auf uns abgesehen hatten.

Sie mußten aus Westen kommen; nach dorthin streckte sich eine kleine, offene Prairie, so daß wir Santer also sehen konnten, ehe er unsern Hinterhalt erreichte. Nach unserer Berechnung konnte er nicht sehr weit hinter uns sein. Es war noch anderthalb Stunden Tag, und bis dahin, wahrscheinlich aber noch viel eher, mußte er uns eingeholt haben.

Wir saßen still nebeneinander, ohne ein Wort zu sprechen. Wie wir uns kannten und verstanden, war es nicht nötig, uns zu besprechen, in welcher Weise der Überfall auszuführen sei. Wir hatten unsere Lassos losgeschnallt; Santer und die drei Wartons waren uns sicher.

Aber es verging eine Viertelstunde, eine zweite und eine dritte, ohne daß unsere Erwartung sich erfüllte. Beinahe war die volle Stunde vorüber, da bemerkte ich drüben, auf der Südseite der erwähnten kleinen Prairie, einen sich sehr schnell vorwärts bewegenden Gegenstand, und zu gleicher Zeit sagte Winnetou, indem er nach derselben Gegend deutete:

„Uff! Ein Reiter dort drüben!“

„Allerdings ein Reiter. Das ist sonderbar!“

„Uff, uff! Er reitet Galopp, nach der Gegend zu, aus welcher Santer kommen muß. Kann mein Bruder die Farbe des Pferdes erkennen?“

„Es scheint ein Brauner zu sein.“

„Ja, es ist ein Brauner, und braun war ja Rollins’Pferd.“

„Rollins‘? Unmöglich! Wie könnte der losgekommen sein?“

Winnetous Augen blitzten; sein Atem ging schneller, und die leichte Bronze seines Gesichts färbte sich dunkler, doch bezwang er sich und sagte ruhig:

„Noch eine Viertelstunde warten.“

Diese Zeit verging; der Reiter war längst verschwunden, aber Santer kam nicht. Da forderte mich der Apache auf:

„Mein Bruder mag schnell zu Rollins reiten und mir Nachricht von ihm bringen!“

„Aber wenn die vier Kerls inzwischen kommen!“

„So überwindet Winnetou sie allein.“

Ich zog mein Pferd aus dem Gebüsch und ritt zurück. Als ich nach zehn Minuten an die Stelle kam, wo wir Rollins an- und festgebunden hatten, war er fort und sein Pferd auch. Ich brauchte weitere fünf Minuten, um die Spuren, welche ich neu vorfand, genau zu untersuchen, und kehrte dann zu Winnetou zurück. Er fuhr wie eine Spannfeder auf, als ich ihm sagte, daß Rollins fort sei.

„Wohin?“ fragte er.

„Santer entgegen, um ihn zu warnen.“

„Sahst du die Spur so liegen?“

„Ja.“

„Uff! Er wußte, daß wir fast auf unserer eigenen Fährte zurück sind, um Santer zu fangen, und hat sich ein wenig südlicher gehalten und einen kleinen Umweg gemacht, um nicht an uns vorüber zu müssen. Darum sahen wir ihn da drüben am Rande der Prairie. Aber wie ist er losgekommen? Sahst du keine Spur davon?“

„O doch. Es ist ein Reiter von Osten gekommen und bei ihm abgestiegen; dieser hat ihn losgemacht.“

„Wer mag das gewesen sein? Ein Soldat aus Wilkes Fort?“

„Nein. Die Fußstapfen waren so groß, daß sie nur von den uralten, riesigen Indianerstiefeln unsers Sam Hawkens herrühren können. Auch meine ich, in den Spuren seines Tieres diejenigen der alten Mary erkannt zu haben.“

„Uff! Vielleicht ist es noch Zeit, Santer zu fassen, obgleich er gewarnt worden ist. Mein Bruder Shatterhand mag kommen!“

Wir stiegen auf die Pferde, gaben ihnen die Sporen und flogen davon, nach Westen zu, immer auf unserer Fährte. Winnetou sagte kein Wort, doch in seinem Innern war Sturm. Dreimal wehe über Santer, wenn er ihn noch ergriff!

Die Sonne war schon hinter dem Horizonte verschwunden. In fünf Minuten hatten wir die Prairie hinter uns; drei Minuten später kam die Spur des entflohenen Rollins von links herüber und vereinigte sich mit der unserigen; nach abermals drei Minuten erreichten wir die Stelle, wo Rollins auf Santer und die drei Wartons getroffen war. Sie hatten sich nur einige Augenblicke verhalten, um Rollins‘ Meldung zu hören, und waren dann schleunigst umgekehrt. Hätten sie das auf derselben Fährte getan, so wären wir ihnen, da wir dieselbe kannten, trotz der hereinbrechenden Dunkelheit gefolgt; aber sie waren so klug gewesen, von derselben abzuweichen und eine andere Richtung einzuschlagen. Da uns diese unbekannt war, mußten wir, als es noch dunkler wurde, von der Verfolgung absehen, weil die Fährte nicht mehr zu erkennen war. Winnetou wendete, ohne auch diesmal ein Wort zu sagen, sein Pferd, und wir galoppierten zurück. Ostwärts ging es wieder, erst an der Stelle vorüber, wo wir auf Santer gewartet hatten, und dann an derjenigen, wo Rollins von uns gebunden worden war. Wir ritten nach der Festung. Santer war uns abermals entgangen, ob nur für heut, oder für immer? Die Verfolgung mußte morgen früh, sobald seine Spur zu erkennen war, aufgenommen werden, und es stand zu erwarten, daß Winnetou sich bis zur äußersten Möglichkeit an dieselbe hängen werde.

Der Mond ging eben auf, als wir die Nähe des Mankizila erreichten und in die Schlucht kamen, wo im Cottongesträuch die Schildwache zu stehen pflegte. Sie war auch heut abend da und rief uns an. Auf unsere Antwort bemerkte der Mann:

„Dürft es nicht übel deuten, daß ich so scharf fragte. Müssen heut vorsichtiger sein als sonst.“

„Warum?“ fragte ich.

„Scheint hier herum etwas los zu sein.“

„Was?“

„Weiß es nicht genau. Muß sich aber etwas ereignet haben, denn der kleine Mann, Sam Hawkens heißt er wohl, hielt eine lange Predigt, als er heimkam.“

„Er war also fort?“

„Ja.“

„Noch jemand?“

„Nein; er allein.“

Es war also richtig, daß der sonst so kluge Sam die Dummheit begangen und Rollins befreit hatte.

Als wir durch die Enge und das Felsentor geritten waren und in die Festung kamen, war das Erste, was wir erfuhren, daß sich das Befinden Old Firehands verschlimmert hatte. Es war zwar keine Gefahr vorhanden, aber ich erwähne es, weil dieser Zufall mich von Winnetou trennte.

Dieser warf seinem Pferde die Zügel über und ging nach dem Lagerfeuer, an welchem Sam Hawkens, Harry und der Offizier von Wilkes Fort bei Old Firehand saßen, welcher in weiche Decken gehüllt war.

„Gott sei Dank! – Wieder da!“ begrüßte uns der Letztere mit matter Stimme. „Habt ihr den Pedlar gefunden?“

„Gefunden und wieder verloren,“ antwortete Winnetou. „Mein Bruder Hawkens ist heute fort gewesen?“

„Ja, ich war draußen,“ antwortete der Kleine ahnungslos.

„Weiß mein kleiner, weißer Bruder, was er ist?“

„Ein Westmann, wenn ich mich nicht irre.“

„Nein, kein Westmann, sondern ein Dummkopf, wie Winnetou einen so großen noch nie gesehen hat und auch niemals sehen wird. Howgh!“

Mit diesem Beteuerungsworte drehte er sich um und ging fort. Dieser Ausspruch des sonst so ruhigen und sogar zarten Apachen erregte natürlich Aufsehen; der Grund ward aber allen leicht begreiflich, als ich mich niedersetzte und erzählte, was wir erlebt hatten. Santer gefunden und doch wieder entkommen! Das war ein Ereignis, wie es gar kein bedeutenderes geben konnte. Der kleine Sam war außer sich; er gab sich alle möglichen ehrenrührigen Namen; er fuhr und wühlte sich mit beiden Händen in seinem Bartwalde herum, doch ohne Trost zu finden; er riß sich die Perücke vom Kopfe und quetschte sie in die verschiedensten unmöglichen Gestalten, wurde aber auch dadurch nicht beruhigt; da warf er sie zornig zu Boden und rief aus:

„Winnetou hat recht, vollständig recht: ich bin der größte Dummkopf, das albernste Greenhorn, das es geben kann, und werde bis an das Ende meiner Tage so dumm bleiben.“

„Wie konnte es nur geschehen, daß dieser Rollins losgekommen ist, lieber Sam?“ fragte ich ihn:

„Eben nur durch diese meine Dummheit. Ich hörte zwei Schüsse fallen und ritt der Gegend zu, wo sie ertönten. Dort traf ich einen an einen Baum gebundenen Menschen und ein daneben angehängtes Pferd, wenn ich mich nicht irre. Ich fragte ihn natürlich, wie er in diese Lage gekommen sei, und er gab sich für den Pedlar aus, der Old Firehand aufsuchen wolle; er sei von Indianern überfallen und hier angefesselt worden, sagte er.“

„Hm! Ein Blick auf die Spuren mußte doch zeigen, daß von Indianern keine Rede war!“

„Ist richtig; aber ich hatte meinen schwachen Tag, und da machte ich ihn los. Ich wollte ihn hierher bringen; er aber sprang auf sein Pferd und jagte in ganz entgegengesetzter Richtung davon. Es wurde mir unheimlich, zumal der Indsmen wegen, von denen er gesprochen hatte, und so hielt ich es für das Beste, schleunigst hierher zu reiten und zur Vorsicht zu mahnen, wenn ich mich nicht irre. Ich möchte mir vor Ärger alle Haare einzeln ausreißen, aber auf dem Kopfe habe ich keine, und daß ich mir meine Perücke damit verderbe und schimpfiere, das macht die Sache auch nicht anders. Aber morgen mit dem frühesten werde ich die Fährte dieser Kerls aufsuchen und nicht eher von ihr lassen, als bis ich sie alle gefangen und ausgelöscht habe!“

„Mein Bruder Sam wird das nicht tun,“ ließ sich da Winnetou hören, welcher wieder in die Nähe gekommen war. „Der Häuptling der Apachen wird dem Mörder allein folgen; seine weißen Brüder müssen alle hier bleiben, denn es ist möglich, daß Santer doch noch nach der Festung sucht, um sie auszurauben; da sind kluge und tapfere Männer zur Verteidigung nötig.“

Später, als man sich über das Ereignis einstweilen beruhigt hatte und schlafen ging, suchte ich nach Winnetou. Sein Pferd weidete am Wasser, und er hatte sich in der Nähe in das Gras gestreckt. Als er mich kommen sah, stand er auf, ergriff meine Hand und sagte:

„Winnetou weiß, was sein lieber Bruder Scharlieh zu ihm sagen will; du möchtest mit mir fort, um Santer zu fangen?“

„Ja.“

„Das darfst du nicht. Die Schwäche Old Firehands hat sich gesteigert; sein Sohn ist noch ein Kind; Sam Hawkens wird alt, wie du heut gesehen hast, und die Soldaten aus dem Fort müssen als Fremdlinge betrachtet werden. Old Firehand braucht dich nötiger als ich. Ich jage Santer allein und bedarf dazu keiner Hilfe. Wie aber, wenn er, während ich nach ihm suche, Gesindel an sich zieht und hier einbricht? Beweise mir dadurch deine Liebe, daß du Old Firehand beschützest! Willst du diesen Wunsch deines Bruders Winnetou erfüllen?“

Es wurde mir schwer, in die Trennung von ihm zu willigen, doch drang er so lange in mich, bis ich es tat; er hatte recht: Old Firehand bedurfte meiner nötiger als er. Aber ein Stück begleiten mußte ich ihn. Noch schien der Morgenstern hell, so ritten wir miteinander hinaus in den Wald, und grad als es tagte, hielten wir an der Stelle, wo wir von der neuen Fährte Santers umgekehrt waren. Für das scharfe Auge des Apachen war sie noch zu erkennen.

„Hier scheiden wir,“ sagte er, indem er sich auf seinem Pferde zu mir herüberbeugte und den Arm um mich Schlang, „der große Geist gebietet, daß wir uns jetzt trennen; er wird uns zur rechten Zeit wieder zusammenführen, denn Old Shatterhand und Winnetou können nicht geschieden sein. Mich treibt die Feindschaft fort, dich hält die Freundschaft hier; die Liebe wird mich wieder mit dir vereinigen. Howgh!“

Ein Kuß für mich, ein lauter, gellender Zuruf an sein Pferd, und er jagte davon, daß sein langes, herrliches Haar wie eine Mähne hinter ihm herwehte. Ich blickte ihm nach, bis er verschwand.

Wirst du den Feind erjagen? Wann sehe ich dich wieder, du lieber, lieber Winnetou? – – –

Schluß des 2. Bandes.

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Die Kukluxer

Die Kukluxer

Obiges Wort ist noch heute ein sprachliches Rätsel, das verschiedentliche Lösungen gefunden hat. Der Name des berüchtigten Kukluxklan, oder anders geschrieben Ku-Klux-Klan, soll nach einigen nur eine Nachahmung des Geräusches sein, welches durch das Spannen des Gewehrhahnes hervorgebracht wird. Andere setzen ihn zusammen aus cuc, Warnung, gluck, glucksen und clan, dem schottischen Worte für Stamm, Geschlecht oder Bande. Mag dem sein, wie ihm wolle; die Mitglieder des Ku-Klux-Klan wußten wohl selber nicht, woher ihr Name stammte und was er zu bedeuten hatte; es war ihnen auch gewiß ganz gleichgültig. Einem von ihnen war das Wort vielleicht in den Mund gekommen, die andern fingen es auf und sprachen es nach, ohne sich um den Sinn oder Unsinn dieser Bezeichnung zu bekümmern.

Nicht so unklar war der Zweck, welchen diese Verbindung verfolgte, die zuerst in einigen Grafschaften Nordkarolinas auftrat, dann sich schnell über Südkarolina, Georgien, Alabama, Mississippi, Kentucky und Tennessee verbreitete und endlich gar ihre Glieder auch nach Texas sandte, um dort für ihre Zwecke tätig zu sein. Der Bund umfaßte eine Menge grimmiger, gegen die Nordstaaten erbitterter Feinde, deren Aufgabe es war, mit allen Mitteln, auch den unerlaubtesten und verbrecherischsten, gegen die nach der Beendigung des Bürgerkrieges eingetretene Ordnung anzukämpfen. Und in der Tat hielten die Kukluxer eine ganze Reihe von Jahren hindurch den Süden in beständiger Aufregung, machten jeden Besitz unsicher, hemmten Industrie und Handel, und selbst die strengsten Maßregeln vermochten es nicht, diesem unerhörten Treiben ein Ende zu machen.

Der Geheimbund, welcher infolge der Rekonstruktionsmaßregeln, welche die Regierung dem besiegten Süden gegenüber zu treffen gezwungen war, entstand, rekrutierte sich aus Leuten, welche Anhänger der Sklaverei, aber Feinde der Union und der republikanischen Partei waren. Die Mitglieder wurden durch schwere Eide zum Gehorsam gegen die heimlichen Satzungen und durch Androhung der Todesstrafe zur Geheimhaltung ihrer Organisation verbunden. Sie scheuten vor keiner Gewalttat, auch nicht vor Brand und Mord zurück, hatten regelmäßige Zusammenkünfte und erschienen bei Ausübung ihrer ungesetzlichen Taten stets zu Pferde und in tiefer Vermummung. Sie schossen Pfarrherren von den Kanzeln und Richter von ihren Plätzen, überfielen brave Familienväter, um sie mit bis auf die Knochen zerfleischten Rücken inmitten ihrer Familien liegen zu lassen. Alle Raufbolde und Mordbrenner zusammengenommen waren nicht so zu fürchten, wie dieser Ku-Klux-Klan, welcher es so entsetzlich trieb, daß zum Beispiel der Gouverneur von Südkarolina den Präsidenten Grant ersuchte, ihm militärische Hilfe zu senden, da dem Geheimbunde, welcher bereits die bedenklichsten Dimensionen angenommen hatte, nicht anders beizukommen sei. Grant legte die Angelegenheit dem Kongresse vor, und dieser erließ ein Anti-Ku-Klux-Gesetz, welches dem Präsidenten diktatorische Gewalt verlieh, die Bande zu vernichten. Daß man gezwungen war, nach einem so drakonischen Ausnahmegesetz zu greifen, ist ein sicherer Beweis, welche außerordentliche Gefahr sowohl für den Einzelnen, wie für die ganze Nation in dem Treiben der Kukluxer lag. Der Klan wurde nachgerade zu einem infernalischen Abgrunde, in welchem sich alle umstürzlerisch gesinnten Geister zusammenfanden. Einer der geistlichen Herren, welcher von der Kanzel geschossen wurde, hatte nach der Predigt für das Seelenheil einer Familie gebetet, deren Glieder bei hellem Tage von den Kukluxern ermordet worden waren. In seinem frommen Eifer und auch ganz der Wahrheit gemäß bezeichnete er das Treiben des Klans als einen Kampf der Kinder des Teufels gegen die Kinder Gottes. Da erschien auf der gegenüberliegenden Empore eine vermummte Gestalt und jagte ihm eine Kugel durch den Kopf. Ehe die erschrockene Gemeinde sich von ihrem Entsetzen zu erholen vermochte, war dieser Teufel verschwunden.

Als unser Steamboot in La Grange anlangte, war es Abend geworden, und der Kapitän erklärte uns, daß er wegen der im Flußbett drohenden Gefahren für heute nicht weiterfahren könne. Wir waren also gezwungen, in La Grange auszusteigen. Winnetou ritt vor uns über die Planke und verschwand zwischen den nahestehenden Häusern im Dunkel der Nacht.

Auch in La Grange stand der Commissioner bereit, die Interessen des Schiffseigners zu versehen. Old Death wendete sich sofort an ihn:

„Sir, wann ist das letzte Schiff aus Matagorda hier angekommen, und stiegen alle Passagiere aus?“

„Das letzte Schiff kam vorgestern um dieselbe Zeit an und alle Passagiere gingen an Land, denn der Steamer fuhr erst am andern Morgen weiter.“

„Und Ihr waret hier, als früh wieder eingestiegen wurde?“

„Ganz natürlich, Sir.“

„So könnt Ihr mir vielleicht Auskunft erteilen. Wir suchen zwei Freunde, welche mit dem betreffenden Steamer gefahren und also auch hier geblieben sind. Wir möchten gern wissen, ob sie dann früh die Fahrt fortgesetzt haben.“

„Hm, das ist nicht leicht zu sagen. Es war so dunkel und die Passagiere drängten so von Bord, daß man dem einzelnen gar keine besondere Aufmerksamkeit schenken konnte. Wahrscheinlich sind die Leute frühmorgens alle wieder mitgefahren, einen gewissen Master Clinton ausgenommen.“

„Clinton? Ah, den meine ich. Bitte, kommt einmal her zu Eurem Lichte! Mein Freund wird Euch eine Photographie zeigen, um zu erfahren, ob es die Master Clintons ist.“

Wirklich erklärte der Commissioner mit aller Entschiedenheit, daß es diejenige des Mannes sei, den er meine.

„Wißt Ihr, wo er geblieben ist?“ fragte Old Death.

„Genau nicht; aber sehr wahrscheinlich bei Sennor Cortesio, denn dessen Leute waren es, welche die Koffer holten. Er ist Agent für alles, ein Spanier von Geburt. Ich glaube, er beschäftigt sich jetzt mit heimlichen Waffenlieferungen nach Mexiko hinein.“

„Hoffentlich lernt man in ihm einen Gentleman kennen?“

„Sir, heutzutage will jeder ein Gentleman sein, selbst wenn er seinen Sattel auf dem Rücken trägt.“

Das galt natürlich uns beiden, die wir mit unsern Sätteln vor ihm standen, doch war die Stichelei nicht bös gemeint. Darum fragte Old Death in ungeminderter Freundlichkeit weiter:

„Gibt es hier in diesem gesegneten Orte, wo außer Eurer Laterne kein Licht zu brennen scheint, ein Gasthaus, in welchem man schlafen kann, ohne von Menschen und andern Insekten belästigt zu werden?“

„Es ist nur ein einziges da. Und da Ihr so lange hier bei mir stehen geblieben seid, so werden die andern Passagiere Euch zuvorgekommen sein und die wenigen vorhandenen Räume in Beschlag genommen haben.“

„Das ist freilich nicht sehr angenehm,“ antwortete Old Death, der auch diese Stichelei überhörte. „In Privathäusern darf man wohl keine Gastfreundschaft erwarten?“

„Hm, Sir, ich kenne Euch nicht. Bei mir selbst könnte ich Euch nicht aufnehmen, da meine Wohnung sehr klein ist. Aber ich habe einen Bekannten, der Euch wohl nicht fortweisen würde, falls Ihr ehrliche Leute seid, Er ist ein Deutscher, ein Schmied, aus Missouri hergezogen.“

„Nun,“ entgegnete mein Freund, „mein Begleiter hier ist ein Deutscher, und auch mir ist die deutsche Sprache geläufig. Spitzbuben sind wir nicht; bezahlen wollen und können wir auch; so kalkuliere ich, daß Euer Bekannter es einmal mit uns versuchen könnte. Wollt Ihr uns nicht seine Wohnung beschreiben?“

„Das ist nicht nötig. Ich würde euch hinführen; aber ich habe noch auf dem Schiffe zu tun. Master Lange, so heißt der Mann, ist jetzt nicht zu Hause. Um diese Zeit sitzt er gewöhnlich im Wirtshause. Das ist so deutsche Sitte hier. Ihr braucht also nur nach ihm zu fragen, Master Lange aus Missouri. Sagt ihm, daß der Commissioner euch geschickt habe! Geht grad aus und dann links um das zweite Haus; da werdet ihr das Schänkhaus an den brennenden Lichtern erkennen. Die Läden sind wohl noch offen.“

Ich gab dem Manne ein Trinkgeld für die erteilte Auskunft, und dann wanderten wir mit unsern Pferdegeschirren weiter. Das Vorhandensein des Wirtshauses war nicht nur an den Lichtern, sondern noch weit mehr an dem Lärm zu erkennen, welcher aus den geöffneten Fenstern drang. Über der Türe war eine Tierfigur angebracht, welche einer Riesenschildkröte glich, aber Flügel und nur zwei Beine hatte. Darunter stand zu lesen: Hawks inn. Die Schildkröte sollte also einen Raubvogel vorstellen, und das Haus war der Gasthof zum Geier.

Als wir die Stubentüre öffneten, kam uns eine dicke Wolke übelriechenden Tabaksqualmes entgegen. Die Gäste mußten mit vortrefflichen Lungen ausgerüstet sein, da sie in dieser Atmosphäre nicht nur nicht erstickten, sondern sich augenscheinlich ganz wohl zu befinden schienen. Übrigens erwies sich der ausgezeichnete Zustand ihrer Lungen bereits aus der ungemein kräftigen Tätigkeit ihrer Sprachwerkzeuge, denn keiner sprach, aber jeder schrie, so daß es schien, als ob niemand auch nur eine Sekunde schweige, um zu hören, was ein anderer ihm vorbrüllte. Angesichts dieser angenehmen Gesellschaft blieben wir einige Minuten an der Türe stehen, um unsere Augen an den Qualm zu gewöhnen und die einzelnen Personen und Gegenstände unterscheiden zu können. Dann bemerkten wir, daß es zwei Stuben gab, eine größere für gewöhnliche und eine kleinere für feinere Gäste, für Amerika eine sonderbare und sogar gefährliche Einrichtung, da kein Bewohner der freien Staaten einen gesellschaftlichen oder gar moralischen Unterschied zwischen sich und andern anerkennen wird.

Da vorn kein einziger Platz mehr zu finden war, so gingen wir nach der hinteren Stube, die wir ganz unbeachtet erreichten. Dort standen noch zwei Stühle leer, die wir für uns in Anspruch nahmen, nachdem wir die Sättel in eine Ecke gelegt hatten. An dem Tische saßen mehrere Männer, welche Bier tranken und sich in deutscher Sprache unterhielten. Sie hatten uns nur einen kurzen, forschenden Blick zugeworfen, und es schien mir, daß sie bei unserem Nahen schnell auf ein anderes Thema übergegangen seien, wie ihre unsichere suchende Sprachweise vermuten ließ. Zwei von ihnen waren einander ähnlich. Man mußte sie auf den ersten Blick für Vater und Sohn halten, hohe kräftige Gestalten mit scharf markierten Zügen und schweren Fäusten, ein Beweis fleißigen und anstrengenden Schaffens. Ihre Gesichter machten den Eindruck der Biederkeit, waren aber jetzt von lebhafter Aufregung gerötet, als ob man sich über ein unliebsames Thema unterhalten hätte.

Als wir uns niedersetzten, rückten sie zusammen, so daß zwischen ihnen und uns ein freier Raum entstand, ein leiser Wink, daß sie nichts von uns wissen wollten.

„Bleibt immerhin sitzen, Mesch’schurs!“ sagte Old Death. „Wir werden euch nicht gefährlich, wenn wir auch seit heut früh fast gar nichts gegessen haben. Vielleicht könnt ihr uns sagen, ob man hier etwas Genießbares bekommen kann, was einem die liebe Verdauung nicht allzu sehr malträtiert?“

Der eine, den ich für den Vater des andern hielt, kniff das rechte Auge zusammen und antwortete lachend:

„Was das Verspeisen unserer werten Personen betrifft, Sir, so würden wir uns wohl ein wenig dagegen wehren. Übrigens seid Ihr ja der reine Old Death, und ich glaube nicht, daß Ihr den Vergleich mit ihm zu scheuen brauchtet.“

„Old Death? Wer ist denn das?“ fragte mein Freund mit möglichst dummem Gesicht.

„Jedenfalls ein berühmteres Haus als Ihr, ein Westmann und Pfadfinder, der in jedem Monate seines Herumstreichens mehr durchgemacht hat, als tausend andere in ihrem ganzen Leben. Mein junge, der Will, hat ihn gesehen.“

Dieser Junge war vielleicht sechsundzwanzig Jahre alt, tief gebräunten Angesichtes, und machte den Eindruck, als ob er es gern und gut mit einem halben Dutzend anderer aufnehmen würde. Old Death betrachtete ihn von der Seite her und fragte:

„Der hat ihn gesehen? Wo denn?“

„Im Jahre Zweiundsechzig, droben im Arkansas, kurz vor der Schlacht bei Pea Ridge. Doch werdet Ihr von diesen Ereignissen wohl kaum etwas wissen.“

„Warum nicht? Bin oft im alten Arkansas gewandert und glaube, um die angegebene Zeit nicht weit von dort gewesen zu sein.“

„So? Zu wem habt Ihr Euch denn damals gehalten, wenn man fragen darf? Die Verhältnisse liegen jetzt und in unserer Gegend so, daß man die politische Farbe eines Mannes, mit welchem man an einem Tische sitzt, genau kennen muß.“

„Habt keine Sorge, Master! Ich vermute, daß Ihr es nicht mit den besiegten Sklavenzüchtern haltet, und bin vollständig Eurer Meinung. Daß ich übrigens nicht zu dieser Menschensorte gehöre, konntet Ihr daraus ersehen, daß ich deutsch spreche!“

„Seid uns willkommen. Aber irrt Euch nicht, Sir! Die deutsche Sprache ist ein trügerisches Erkennungszeichen. Es gibt im andern Lager auch Leute, welche mit unserer Muttersprache ganz leidlich umzugehen wissen und dies benutzen, um sich in unser Vertrauen einzuschleichen. Das habe ich zur Genüge erfahren. Doch wir sprachen von Arkansas und Old Death. Ihr wißt vielleicht, daß dieser Staat sich beim Ausbruche des Bürgerkrieges für die Union erklären wollte. Es kam aber unerwartet ganz anders. Viele tüchtige Männer, denen das Sklaventum und ganz besonders das Gebaren der Südbarone ein Greuel war, taten sich zusammen und erklärten sich gegen die Sezession. Aber der Mob, zu dem ich natürlich auch diese Barone rechne, bemächtigte sich schleunigst der öffentlichen Gewalt; die Verständigen wurden eingeschüchtert, und so fiel Arkansas dem Süden zu. Es verstand sich ganz von selbst, daß dies besonders unter den Einwohnern deutscher Abstammung eine große Erbitterung erweckte. Sie konnten aber vorderhand nichts dagegen tun und mußten es dulden, daß namentlich die nördliche Hälfte des schönen Landes unter den Folgen des Krieges außerordentlich zu leiden hatte. Ich wohnte in Missouri, in Poplar Bluff, nahe der Grenze von Arkansas. Mein Junge, der da vor Euch sitzt, war, wie sich ganz von selbst versteht, in eines der deutschen Regimenter getreten. Man wollte den Unionisten in Arkansas zu Hilfe kommen und schickte eine Abteilung zur Kundschaftung über die Grenze. Will war bei diesen Leuten. Sie trafen unversehens auf eine erdrückende Übermacht und wurden nach verteufelter Gegenwehr überwältigt.“

„Also kriegsgefangen? Das war damals freilich schlimm. Man weiß, wie die Südstaaten es mit ihren Gefangenen trieben, denn von hundert derselben starben mindestens achtzig an schlechter Behandlung. Aber direkt ging es doch nicht ans Leben?“

„Oho? Da seid Ihr gewaltig auf dem Holzwege. Die braven Kerle hatten sich wacker gehalten, alle ihre Munition verschossen und dann noch mit Kolben und Messer gearbeitet. Das ergab für die Sezessionisten gewaltige Verluste, und darüber erbost, entschlossen sie sich, die Gefangenen über die Klinge springen zu lassen. Will war mein einziger Sohn, und ich stand also ganz nahe daran, ein verwaister Vater zu werden, und daß ich es nicht wurde, habe ich nur Old Death zu verdanken.“

„Wie so, Master? Ihr macht mich außerordentlich neugierig. Hat dieser Pfadfinder etwa ein Streifkorps herbeigeführt, um die Gefangenen zu befreien?“

„Da wäre er zu spät gekommen, denn bevor solche Hilfe erscheinen konnte, wäre der Mord geschehen gewesen. Nein, er fing es als echter, richtiger und verwegener Westmann an. Er holte die Gefangenen ganz allein heraus.“

„Alle Wetter! Das wäre ein Streich!“

„Und was für einer! Er schlich sich in das Lager, auf dem Bauche, wie man Indianer beschleicht, eine List, die ihm durch einen Regen, welcher an jenem Abende in Strömen niederfiel und die Feuer auslöschte, erleichtert wurde. Daß dabei einige Vorposten sein Messer gefühlt haben, versteht sich ganz von selbst. Die Sezessionisten lagen in einer Farm, ein ganzes Bataillon. Die Offiziere hatten natürlich das Wohnhaus für sich behalten, und die Truppen waren untergebracht worden, wie es eben ging; die Gefangenen aber, über zwanzig an der Zahl, hatte man in die Zuckerpresse eingeschlossen. Dort wurden sie von vier Posten bewacht, je einer an jeder Seite des Gebäudes. Am nächsten Morgen sollten die armen Teufel füsiliert werden. Des Nachts, kurz nach der Ablösung der Posten, hörten sie ein außergewöhnliches Geräusch über sich, auf dem Dache, das nicht vom aufprasselnden Regen herrührte. Sie lauschten. Da krachte es plötzlich. Das aus langen, aus Weichholz geschleißten Schindeln bestehende Dach war aufgesprengt worden. Irgend jemand arbeitete das so entstandene Loch weiter, bis der Regen in die Presse fiel. Dann blieb es wohl über zehn Minuten lang still. Nach dieser Zeit aber wurde ein junger Baumstamm, an welchem sich noch die Aststummeln befanden, und der stark genug war, einen Menschen zu tragen, herabgelassen. An demselben stiegen die Gefangenen auf das Dach des niedrigen Gebäudes und von demselben zur Erde herab. Dort sahen sie die vier Posten, welche wohl nicht bloß geschlafen haben werden, regungslos liegen und nahmen ihnen augenblicklich die Waffen. Der Retter brachte die Befreiten mit großer Schlauheit aus dem Bereiche des Lagers und auf den nach der Grenze führenden Weg, den sie alle kannten. Erst hier erfuhren sie, daß es Old Death, der Pfadfinder sei, der sein Leben gewagt hatte, um ihnen das ihrige zu erhalten.“

„Ist er mit ihnen gegangen?“ fragte Old Death.

„Nein. Er sagte, er habe noch Wichtiges zu tun, und eilte fort, in die finstere, regnerische Nacht hinein, ohne ihnen Zeit zu lassen, sich zu bedanken oder ihn sich anzusehen. Die Nacht war so dunkel, daß man das Gesicht eines Menschen nicht erkennen konnte. Will hat nichts bemerken können als nur die lange, hagere Gestalt. Aber gesprochen hat er mit ihm und weiß noch heute jedes Wort, welches der wackere Mann zu ihm sagte. Käme Old Death uns einmal in die Hände, so sollte er erfahren, daß wir Deutsche dankbare Menschen sind.“

„Das wird er wohl auch ohnedies wissen. Ich kalkuliere, daß Euer Sohn nicht der erste Deutsche ist, den dieser Mann getroffen hat. Aber, Sir, kennt Ihr vielleicht hier einen Master Lange aus Missouri?“

Der Andere horchte auf.

„Lange?“ fragte er. „Warum fragt Ihr nach ihm?“

„Ich fürchte, daß wir hier im Geier keinen Platz mehr finden, und erkundigte mich bei dem Commissioner am Flusse nach einem Manne, der uns vielleicht ein Nachtlager geben werde. Er nannte uns Master Lange und riet uns, diesem zu sagen, daß der Commissioner uns zu ihm schicke. Dabei meinte er, daß wir den Gesuchten hier finden würden.“

Der ältere Mann richtete nochmals einen prüfenden Blick auf uns und sagte dann:

„Da hat er sehr recht gehabt, Sir, denn ich selbst bin Master Lange. Da der Commissioner Euch sendet, und ich Euch für ehrliche Leute halte, so seid Ihr mir willkommen, und ich will hoffen, daß ich mich nicht etwa in Euch täusche. Wer ist denn da Euer Gefährte, der noch gar kein Wort gesprochen hat?“

„Ein Landsmann von Euch, ein Sachse, gar ein studierter, der herübergekommen ist, um hier sein Glück zu machen.“

„O wehe! Die guten Leute da drüben denken, die gebratenen Tauben fliegen ihnen nur so in den Mund. Ich sage Euch, Sir, daß man hier hüben viel, viel härter arbeiten und bedeutend mehr Täuschungen erfahren muß, um es zu etwas zu bringen, als drüben. Doch nichts für ungut! Ich wünsche Euch Erfolg und heiße Euch willkommen.“

Er gab nun auch mir die Hand. Old Death drückte sie ihm noch einmal und sagte:

„Und wenn Ihr nun noch im Zweifel seid, ob wir Euer Vertrauen verdienen oder nicht, so will ich mich an Euern Sohn wenden, welcher mir bezeugen wird, daß ich kein Mißtrauen verdiene.“

„Mein Sohn, der Will?“ fragte Lange erstaunt.

„Ja, er und kein anderer, Ihr sagtet, daß er sich mit Old Death unterhalten habe und noch jedes Wort genau wisse. Wollt Ihr mir wohl mitteilen, junger Mann, was da gesprochen worden ist? Ich interessiere mich sehr lebhaft dafür.“

Jetzt antwortete Will, an den die Frage gerichtet war, in lebhaftem Tone:

„Als Old Death uns auf den Weg brachte, schritt er voran. Ich hatte einen Streifschuß in den Arm bekommen, welcher mich sehr schmerzte, denn ich war nicht verbunden worden und der Ärmel war an der Wunde festgeklebt. Wir gingen durch ein Gebüsch. Old Death ließ einen starken Ast hinter sich schnellen, welcher meine Wunde traf. Das tat so weh, daß ich einen Schmerzensruf ausstieß, und – – –“

„Und da nannte der Pfadfinder Euch einen Esel!“ fiel Old Death ein.

„Woher wißt Ihr das?“ fragte Will erstaunt.

Der Alte fuhr, ohne zu antworten, fort:

„Darauf sagtet Ihr ihm, daß Ihr einen Schuß erhalten hättet, dessen Wunde entzündet sei, und er riet Euch, den Ärmel mit Wasser aufzuweichen und dann fleißig die Wunde mit dem Safte von Way-bread zu kühlen, wodurch der Brand verhütet werde.“

„Ja, so ist es! Wie könnt Ihr das wissen, Sir?“ rief der junge Lange überrascht.

„Das fragt Ihr noch? Weil ich es selbst bin, der Euch diesen guten Rat gegeben hat. Euer Vater sagte vorhin, ich könne mich recht gut mit Old Death vergleichen. Nun, er hat sehr recht, denn ich gleiche dem alten Kerl freilich so genau, wie eine Ehefrau der Gattin gleicht.“

„So – so – so seid Ihr es selber?“ rief Will erfreut, indem er von seinem Stuhle aufsprang und mit ausgebreiteten Armen auf Old Death zueilte; aber sein Vater hielt ihn zurück, zog ihn mit kräftiger Hand auf den Stuhl nieder und sagte:

„Halt, junge! Wenn es sich um eine Umarmung handelt, so hat der Vater das erste Recht und zunächst die Pflicht, deinem Retter die Vorderpranken um den Hals zu legen. Das wollen wir aber unterlassen, denn du weißt, wo wir uns befinden, und wie man auf uns achtet. Bleib also ruhig sitzen!“ Und sich zu Old Death wendend, fuhr er fort: „Nehmt mir diesen Einspruch nicht übel, Sir! Ich habe meine guten Gründe dafür. Hier ist nämlich der Teufel los. Daß ich Euch dankbar bin, dürft Ihr mir glauben, aber gerade darum bin ich verpflichtet, alles zu vermeiden, was Euch in Gefahr bringen kann. Ihr seid, wie ich weiß und oft gehört habe, als Parteigänger der Abolitionisten bekannt. Ihr habt während des Krieges Coups ausgeführt, welche Euch berühmt gemacht, den Südländern aber großen Schaden gebracht haben. Ihr seid Heeresteilen des Nordens als Führer und Pfadfinder beigegeben gewesen und habt sie auf Wegen, auf welche sich kein Anderer gewagt hätte, in den Rücken der Feinde geführt. Wir haben Euch deshalb hoch geehrt; die Südländer aber nannten Euch und nennen Euch heut noch einen Spion. Ihr wißt wohl, wie jetzt die Sachen stehen. Geratet Ihr in eine Gesellschaft von Sezessionisten, so lauft Ihr Gefahr, aufgeknüpft zu werden.“

„Das weiß ich sehr wohl, Master Lange; ich mache mir aber nichts daraus,“ entgegnete Old Death äußerst kühl. „Ich habe zwar keine Leidenschaft dafür, aufgehangen zu werden, aber man hat mir schon oft damit gedroht, ohne es wirklich fertig zu bringen. Erst heut‘ wollte eine Bande von Rowdies uns beide an den Schornstein des Dampfers hängen, auch sie sind nicht dazu gekommen.“

Und Old Death erzählte den Vorfall auf dem Dampfer. Als er geendet hatte, meinte Lange sehr nachdenklich:

„Das war sehr brav von dem Kapt’n, aber auch gefährlich für ihn. Er bleibt bis morgen früh hier in La Grange, die Rowdies aber kommen vielleicht noch während der Nacht hierher; dann kann er sich auf ihre Rache gefaßt machen. Und Euch ergeht es vielleicht noch schlimmer.“

„Pah! Ich fürchte diese paar Menschen nicht. Habe bereits mit andern Kerlen zu tun gehabt.“

„Seid nicht allzu sicher, Sir! Die Rowdies werden hier ganz bedeutende Hilfe bekommen. Es ist in La Grange seit einigen Tagen nicht ganz geheuer. Von allen Seiten kommen Fremde, welche man nicht kennt, und die in allen Winkeln und an allen Ecken beisammen stehen und heimlich tun. Geschäftlich haben sie hier nichts zu suchen, denn sie lungern müßig herum und tun gar nichts, was auf ein Geschäft schließen läßt. Jetzt sitzen sie da drinnen in der Stube und reißen das Mundwerk auf, daß ein Grizzlybär es sich zum Lager wählen könnte. Sie haben schon entdeckt, daß wir Deutsche sind, und uns zu reizen versucht. Wenn wir ihnen antworteten, würde es sicher Mord und Totschlag geben. Ich habe heut‘ übrigens keine Lust, mich lange zu verweilen, und Ihr werdet Euch nach Ruhe sehnen. Aber mit dem Abendessen sieht es nicht allzugut aus. Wir führen nämlich, da ich Witwer bin, einen Junggesellentisch und gehen des Mittags in den Gasthof speisen. Auch habe ich vor einigen Tagen mein Haus verkauft, da mir hier der Boden zu heiß wird. Damit will ich nicht sagen, daß die Menschen mir hier nicht gefallen. Sie sind eigentlich nicht schlimmer als überall, aber in den Staaten ist der mörderische Krieg kaum beendet, und die Folgen liegen noch schwer auf dem Lande, und drüben in Mexiko schlachtet man sich noch immer ab. Texas liegt so recht zwischen diesen beiden Gebieten; es gärt, wohin man blickt; aus allen Gegenden zieht sich das Gesindel hierher, und das verleidet mir den Aufenthalt. Darum beschloß ich, zu verkaufen und dann zu meiner Tochter zu gehen, die sehr glücklich verheiratet ist, und bei deren Mann ich eine Stelle finde, wie ich sie mir nicht besser wünschen kann. Dazu kommt, daß ich hier im Orte einen Käufer gefunden habe, dem die Liegenschaft paßt und der mich sofort bar bezahlen konnte. Vorgestern hat er mir das Geld gegeben; ich kann also fort, sobald es mir beliebt. Ich gehe nach Mexiko.“

„Seid Ihr des Teufels, Sir?“ rief Old Death.

„Ich? Weshalb denn?“

„Weil Ihr vorhin über Mexiko geklagt habt. Ihr gabt zu, daß man sich da drüben abschlachte. Und nun wollt Ihr selbst hin!“

„Geht nicht anders, Sir. Übrigens ist es nicht in der einen Gegend Mexikos wie in der andern. Da, wohin ich will, nämlich ein wenig hinter Chihuahua, ist der Krieg zu Ende, Juarez mußte zwar bis nach EI Paso fliehen, hat sich aber bald aufgemacht und die Franzmänner energisch nach dem Süden zurückgetrieben. Ihre Tage sind gezählt; sie werden aus dem Lande gejagt, und der arme Maximilian wird die Zeche zu bezahlen haben. Es tut mir leid, denn ich bin ein Deutscher und gönne ihm alles Gute. Um die Hauptstadt wird die Sache ausgefochten werden, während die nördlichen Provinzen verschont bleiben. Dort wohnt mein Schwiegersohn, zu dem ich mit dem Will gehen werde. Dort erwartet uns alles, was wir nur hoffen können, denn, Sir, der wackere Kerl ist als Silberminenbesitzer sehr wohlhabend. Er befindet sich jetzt über anderthalb Jahre in Mexiko und schreibt in seinem letzten Briefe, daß ein kleiner Silberminenkönig angekommen sei, der ganz gewaltig nach dem Großvater schreie. Alle Teufel, kann ich da hier bleiben? Ich soll an der Mine eine gute Anstellung erhalten, mein junge, der Will hier, ebenso. Dazu kann ich dem kleinen Minenkönig das erste Abendgebet und dann das Einmaleins beibringen. – Ihr seht, Mesch’schurs, daß es für mich kein Halten gibt. Ein Großvater muß unbedingt bei seinen Enkeln sein, sonst ist er nicht am richtigen Platze. Also will ich nach Mexiko, und wenn es Euch beliebt, mit mir zu reiten, so soll es mir lieb sein.“

„Hm!“ brummte Old Death. „Macht keinen Scherz, Sir! Es könnte kommen, daß wir Euch beim Worte hielten.“

„Was, Ihr wollt mit hinüber? Das wäre freilich prächtig. Schlagt ein, Sir! Wir reiten zusammen.“

Er hielt ihm seine Hand hin.

„Langsam, langsam!“ lachte Old Death. „Ich meine allerdings, daß wir wahrscheinlich nach Mexiko gehen werden, aber ganz gewiß ist es doch noch nicht, und wenn der Fall eintreten sollte, so wissen wir jetzt noch nicht, welche Richtung wir einschlagen werden.“

„Wenn es nur das ist, Sir, so reite ich mit Euch, wohin Ihr wollt. Von hier ausführen alle Wege nach Chibuahua, und es ist mir ganz gleich, ob ich heute dort ankomme oder morgen. Ich bin ein eigennütziger Kerl und sehe gern auf meinen Vorteil. ihr seid ein gewandter Westmann und berühmter Fährtensucher. Wenn ich mit Euch reiten darf, komme ich sicher hinüber, und das ist in der jetzigen unruhigen Zeit von großem Werte. Wo gedenkt Ihr denn das Nähere zu erfahren?“

„Bei einem gewissen Sennor Cortesio. Kennt Ihr den Mann vielleicht?“

„Ob ich den kenne! La Grange ist so klein, daß sich alle Katzen mit Du anreden, und dieser Sennor ist ja derjenige, welcher mir das Haus abgekauft hat.“

„Vor allen Dingen möchte ich wissen, ob er ein Schuft oder ein Ehrenmann ist.“

„Das letztere, das letztere. Seine politische Färbung geht mich natürlich nichts an. Ob einer kaiserlich oder republikanisch regiert sein will, das ist mir ganz gleich, wenn er nur sonst seine Pflicht erfüllt. Er steht mit der jenseitigen Grenze in reger Verbindung. Ich habe beobachtet, daß des Nachts Maultiere mit vollen, schweren Kisten beladen werden, und daß sich heimlich Leute bei ihm versammeln, welche dann nach dem Rio del Norte gehen. Darum meine ich, man habe mit der Vermutung recht, daß er den Anhängern des Juarez Waffen und Munition liefere und ihnen auch Leute hinüberschicke, welche gegen die Franzosen kämpfen wollen. Das ist bei den hiesigen Verhältnissen ein Wagnis, welches man nur dann unternimmt, wenn man der Überzeugung ist, selbst bei einem jeweiligen Verluste dabei gute Geschäfte zu machen.“

„Wo wohnt er? Ich muß noch heute mit ihm reden.“

„Um zehn Uhr werdet Ihr ihn sprechen können. Ich hatte heute noch eine Unterredung mit ihm, deren Gegenstand sich aber indessen erledigt hat, so daß sie nicht mehr nötig ist. Er sagte, daß ich um zehn Uhr zu ihm kommen könne, er werde kurz vorher ankommen.“

„Hatte er Besuch, als Ihr bei ihm waret?“

„Den hatte er. Es waren Männer, welche bei ihm saßen, ein junger und ein älterer.“

„Wurden ihre Namen genannt?“ warf ich gespannt ein.

„Ja. Wir saßen fast eine Stunde lang beisammen, und während einer solchen Zeit bekommt man schon die Namen derjenigen, mit denen man redet, zu hören. Der jüngere hieß Ohlert, und der ältere wurde Sennor Gavilano genannt. Dieser letztere schien ein Bekannter von Cortesio zu sein, denn sie sprachen davon, daß sie sich vor mehreren Jahren in der Hauptstadt Mexiko getroffen hätten.“

„Gavilano? Kenne den Mann nicht. Sollte Gibson sich jetzt so nennen?“

Diese Frage war an mich gerichtet. Ich zog die Photographien hervor und zeigte sie dem Schmiede. Er erkannte die beiden sofort und bestätigte:

„Das sind sie, Sir. Dieser hier mit dem hagern, gelben Kreolengesichte ist Sennor Gavilano; der andere ist Master Ohlert, welcher mich in eine nicht geringe Verlegenheit brachte. Er fragte mich immerfort nach Gentlemen, die ich in meinem Leben noch nicht gesehen hatte, so z. B. nach einem Nigger, Namens Othello, nach einer jungen Miß aus Orleans, Johanna mit Namen, welche erst Schafe weidete und dann mit dem König in den Krieg zog, nach einem gewissen Master Fridolin, welcher einen Gang nach dem Eisenhammer gemacht haben soll, nach einer unglücklichen Lady Maria Stuart, der sie in England den Kopf abgeschlagen haben, nach einer Glocke, die ein Lied von Schiller gesungen haben soll, auch nach einem sehr poetischen Sir, Namens Ludwig Uhland, welcher zwei Sänger verflucht hat, wofür ihm irgend eine Königin die Rose von ihrer Brust herunterwarf. Er freute sich, einen Deutschen in mir zu finden, und brachte eine Menge Namen, Gedichte und Theaterhistorien zum Vorscheine, von denen ich mir nur das gemerkt habe, was ich soeben sagte. Das ging mir alles wie ein Mühlenrad im Kopf herum. Dieser Master Ohlert schien ein ganz braver und ungefährlicher Mensch zu sein, aber ich möchte wetten, daß er einen kleinen Klapps hatte. Und endlich zog er ein Blatt mit einer Reimerei hervor, welche er mir vorlas. Es war da die Rede von einer schrecklichen Nacht, welche zweimal hintereinander einen Morgen, aber das drittemal keinen Morgen hatte. Es kamen da vor das Regenwetter, die Sterne, der Nebel, die Ewigkeit, das Blut in den Adern, ein Geist, der nach Erlösung brüllt, ein Teufel im Gehirn und einige Dutzend Schlangen in der Seele, kurz, lauter konfuses Zeug, was gar nicht möglich ist und auch gar nicht zusammenpaßt. Ich wußte wirklich nicht, ob ich lachen oder ob ich weinen sollte.“

Es war kein Zweifel vorhanden, er hatte mit William Ohlert gesprochen. Sein Begleiter Gibson hatte jetzt zum zweitenmale seinen Namen geändert. Wahrscheinlich war der Name Gibson auch nur ein angenommener. Daß der Ver- und Entführer einen gelben Kreolenteint hatte, wußte ich auch, denn ich hatte ihn ja gesehen. Vielleicht stammte er wirklich aus Mexiko und hieß ursprünglich Gavilano, unter welchem Namen ihn Sennor Cortesio kennen gelernt hatte. Gavilano heißt zu deutsch Sperber, eine Bezeichnung, welche dem Mann freilich alle Ehre machte. Vor allen Dingen lag mir daran, zu erfahren, welches Vorwandes er sich bediente, William so mit sich herumzuführen. Dieser Vorwand mußte für den Geisteskranken ein sehr verlockender sein und mit dessen fixer Idee, eine Tragödie über einen wahnsinnigen Dichter schreiben zu müssen, in naher Verbindung stehen. Vielleicht hatte Ohlert sich auch darüber gegen den Schmied ausgesprochen. Darum fragte ich den letzteren:

„Welcher Sprache bediente sich dieser junge Mann während des Gespräches mit Euch?“

„Er redete Deutsch und sprach sehr viel von einem Trauerspiel, das er schreiben wollte, es sei aber nötig, daß er alles das, was in jenem enthalten sein solle, auch selbst vorher erlebe.“

„Das ist ja gar nicht zu glauben!“

„Nicht? Da bin ich ganz anderer Meinung, Sir! Die Verrücktheit besteht ja grad darin, Dinge zu unternehmen, die einem vernünftigen Menschen gar nicht in den Sinn kommen. Jedes dritte Wort war eine Sennorita Felisa Perilla, die er mit Hilfe seines Freundes entführen müsse.“

„Das ist ja wirklich Wahnsinn, der reine Wahnsinn! Wenn dieser Mann die Gestalten und Begebenheiten seines Trauerspiels in die Wirklichkeit überträgt, so muß man das unbedingt zu verhindern suchen. Hoffentlich ist er noch hier in La Grange?“

„Nein. Er ist fort, gestern abgereist. Er ist eben mit Sennor Cortesio nach Hopkins Farm, um von da nach dem Rio grande zu gehen.“

„Das ist unangenehm, höchst unangenehm! Wir müssen schleunigst nach, womöglich noch heute. Wißt Ihr vielleicht, ob man hier zwei gute Pferde zu kaufen bekommen kann?“

„Ja, eben bei Sennor Cortesio. Er hat immer Tiere, jedenfalls, um sie den Leuten abzulassen, welche er für Juarez anwirbt. Aber von einem nächtlichen Ritte möchte ich Euch doch abraten. Ihr kennt den Weg nicht und bedürft also eines Führers, den Ihr für heute wahrscheinlich nicht mehr bekommen werdet.“

„Vielleicht doch. Wir werden alles versuchen, heute noch fortkommen zu können. Vor allen Dingen müssen wir mit Cortesio sprechen. Es ist zehn Uhr vorüber, und da er um diese Zeit zu Hause sein wollte, so möchte ich Euch bitten, uns jetzt seine Wohnung zu zeigen.“

„Gern. Brechen wir also auf, wenn es Euch beliebt, Sir!“

Als wir aufstanden, um zu gehen, hörten wir Hufschlag vor dem Hause und einige Augenblicke später traten neue Gäste in die vordere Stube. Zu meinem Erstaunen und nicht mit dem Gefühle der Beruhigung erkannte ich diese Leute, neun oder zehn der Sezessionisten, welchen der Kapitän heute so schöne Gelegenheit gegeben hatte, sich an das Ufer zu retten. Sie schienen mehreren der anwesenden Gäste bekannt zu sein, denn sie wurden von denselben lebhaft begrüßt. Wir hörten aus den hin und her fliegenden Fragen und Antworten, daß sie erwartet worden waren. Sie wurden zunächst so in Beschlag genommen, daß sie keine Zeit fanden, auf uns zu achten. Das war uns auch sehr lieb, denn es konnte keineswegs unser Wunsch sein, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Darum setzten wir uns einstweilen wieder nieder. Wären wir jetzt gegangen, so hätten wir an ihnen vorüber gemußt, und diese Gelegenheit hätten sie ganz sicher benutzt, mit uns anzubinden. Als Lange hörte, wer sie waren, stieß er die Verbindungstüre so weit zu, daß sie uns nicht sehen, wir aber alles hören konnten, was gesprochen wurde. Außerdem tauschten er und die Andern mit uns die Plätze, so daß wir mit dem Rücken nach der vorderen Stube saßen und die Gesichter von derselben abgewendet hatten.

„Es ist nicht notwendig, daß sie Euch sehen,“ meinte der Schmied. „Denn schon früher herrschte eine für uns nicht eben günstige Stimmung da draußen, Bemerkten sie Euch, die sie für Spione halten und heute schon aufknüpfen wollten, so wäre der Krawall sofort fertig.“

„Das ist ganz gut,“ antwortete Old Death. „Aber meint Ihr etwa, daß wir Lust haben, hier sitzen zu bleiben, bis sie sich entfernt haben? Dazu ist keine Zeit vorhanden, da wir unbedingt zu Cortesio müssen.“

„Das könnt Ihr, Sir! Wir gehen einen Weg, auf welchem sie uns nicht sehen.“

Old Death schaute sich in dem Zimmer um und sagte dann:

„Wo wäre das? Wir können ja nur durch die Vorderstube.“

„Nein. Da hinaus haben wir es viel bequemer.“

Er deutete nach dem Fenster.

„Ist das Euer Ernst?“ fragte der Alte. „Ich glaube gar, Ihr fürchtet Euch! Sollen wir uns französisch empfehlen wie Mäuse, welche aus Angst vor der Katze in alle Löcher kriechen? Man würde uns schön auslachen.“

„Furcht kenne ich nicht. Aber es ist ein gutes, altes, deutsches Sprichwort, daß der Klügste nachgibt. Es genügt mir vollständig, mir selbst sagen zu können, daß ich es nicht aus Furcht, sondern nur aus Vorsicht tue. Ich will gar nicht erwähnen, daß da draußen eine zehnfach größere Zahl, als wir sind, sitzt. Die Vagabunden sind übermütig und ergrimmt. Sie werden uns nicht vorüberlassen, ohne uns zu belästigen, und da ich nicht der Mann bin, der dies duldet, und Euch auch nicht für Leute halte, die so etwas ruhig hinnehmen, so wird es eine bedeutende Keilerei geben. In einem Kampfe mit der Faust, mit Stößen oder mit abgebrochenen Stuhlbeinen scheue ich eine solche Übermacht nicht, denn ich bin ein Schmied und verstehe es, Köpfe breit zu hämmern. Aber ein Revolver ist eine verteufelt dumme Waffe. Der feigste Knirps kann mit einer erbsengroßen Kugel den mutigsten Riesen niederstrecken. Darum rät uns die einfachste Klugheit, diesen Kerlen ein Schnippchen zu schlagen, indem wir uns heimlich durch das Fenster aus dem Staube machen. Sie werden sich mehr darüber ärgern, als wenn wir uns stellen und einigen von ihnen die Schädel einschlagen, uns aber selbst dabei blutige Nasen oder gar etwas noch Schlimmeres holen.“

Ich gab dem verständigen Manne im stillen recht, und auch Old Death sagte nach einer Pause:

„So ganz unklug ist Eure Meinung freilich nicht. Ich will auf Euren Vorschlag eingehen und meine Beine mit allem, was daran hängt, zum Fenster hinausschieben. Hört doch einmal, wie sie brüllen! Ich glaube, sie sprechen von dem Abenteuer auf dem Steamer.“

Er hatte recht. Die Neuangekommenen erzählten, wie es ihnen auf dem Dampfer ergangen war, dann von Old Death, dem Indianer und mir, sowie von der Hinterlist des Kapitäns. Über die Ausübung ihrer Rache waren sie nicht einig gewesen. Die sechs Rowdies und deren Anhang hatten den Dampfer erwarten wollen, die Andern aber nicht Lust oder Zeit dazu gehabt.

„Wir konnten uns natürlich nicht eine ganze Ewigkeit lang an das Ufer setzen,“ sagte der Erzähler, „denn wir mußten hierher, wo wir erwartet wurden. Darum war es ein Glück, daß wir eine naheliegende Farm fanden, auf welcher wir uns Pferde borgten.“

„Borgten?“ fragte einer lachend.

„Ja, borgten, aber freilich nach unserer Weise. Sie reichten indessen nicht für uns, und wir mußten zu zweien auf einem Tiere sitzen. Später machte sich die Sache besser. Wir fanden noch andere Farmen, so daß schließlich auf jeden Mann ein Pferd kam.“ Ein unbändiges Gelächter folgte dieser Diebstahlsgeschichte. Dann fuhr der Erzähler fort: „Ist hier alles in Ordnung? Und sind die Betreffenden gefunden?“

„Ja, wir haben sie.“

„Und die Anzüge?“

„Haben zwei Kisten mitgebracht; das wird ausreichen.“

„So gibt es ein Vergnügen. Aber auch die Spione und der Kapitän sollen ihr Teil haben. Der Steamer hält ja heute nacht hier in La Grange, und so wird der Kapitän zu finden Sein, und den Indianer und die beiden Spione werden wir auch nicht lange vergeblich zu suchen brauchen. Sie sind sehr leicht zu erkennen. Der Eine trug einen neuen Trapperanzug, und beide hatten Sättel mit, ohne aber Pferde bei sich zu haben.“

„Sättel?“ ertönte es jetzt in fast freudigem Tone. „Hatten nicht die Zwei, welche vorhin kamen und da draußen sitzen, ihre – – –“

Er sagte das übrige leiser, das galt natürlich uns.

„Mesch’schurs,“ meinte der Schmied, „es ist Zeit, daß wir uns von dannen machen, denn in einigen Minuten kommen sie heraus. Steigt Ihr schnell voran! Eure Sättel reichen wir Euch hinaus.“

Er hatte sehr recht, drum fuhr ich, ohne mich zu genieren, schleunigst zum Fenster hinaus; Old Death folgte, worauf die Schmiede uns unsere Sachen, auch die Gewehre, nachreichten und dann auch hinaussprangen.

Wir befanden uns an der Giebelseite des Hauses auf einem kleinen, eingezäunten Platz, welcher wohl ein Grasgärtchen sein sollte. Als wir über den Zaun sprangen, bemerkten wir, daß auch die andern Gäste, welche sich mit uns in der kleinen Stube befunden hatten, durch das Fenster gestiegen kamen. Auch sie durften nicht hoffen, von Sezessionisten freundlich behandelt zu werden, und hielten es für das beste, unserm Beispiele zu folgen.

„Nun,“ lachte Lange, „sie werden Augen machen, die Kerle, wenn sie die Vögel ausgeflogen finden. Ist aber wirklich am besten so.“

„Aber eine verteufelte Blamage für den Augenblick!“ schimpfte Old Death. „Es ist mir ganz so, als ob ich ihr höhnisches Gelächter hörte.“

„Laßt sie lachen! Wir lachen später, und das ist bekanntlich besser. Ich werde Euch schon beweisen, daß ich mich nicht vor ihnen fürchte, aber auf eine Wirtshausbalgerei lasse ich mich nicht ein.“

Die beiden Schmiede nahmen uns unsere Sättel ab und versicherten, sie könnten es nicht zugeben, daß ihre Gäste eine solche Last selbst schleppen müßten. Bald standen wir zwischen zwei Gebäuden. Das eine, links von uns, lag in tiefes Dunkel gehüllt, in dem andern, rechts, schimmerte ein Licht durch die Ladenritze.

„Sennor Cortesio ist zu Hause,“ sagte Lange. „Dort, wo der Lichtstreifen durchdringt, wohnt er. Ihr braucht nur an die Türe zu klopfen, so wird er Euch öffnen. Seid Ihr mit ihm fertig, so kommt da links herüber, wo wir wohnen. Klopft an den Laden, welcher sich neben der Türe befindet! Wir werden indessen einen Imbiß fertig machen.“

Sie begaben sich nach ihrem Hause, und wir beide wendeten uns nach rechts. Auf unser Klopfen wurde die Türe um eine schmale Lücke geöffnet, und eine Stimme fragte:

„Wer sein da?“

„Zwei Freunde,“ antwortete Old Death. „Ist Sennor Cortesio daheim?“

„Was wollen von Sennor?“

Der Ausdrucksweise nach war es ein Neger, welcher diese Fragen stellte.

„Ein Geschäft wollen wir mit ihm machen.“

„Was, ein Geschäft? Es sagen, sonst nicht herein dürfen.“

„Sage nur, daß Master Lange uns schickt!“

„Massa Lange? Der sein gut. Dann wohl herein dürfen. Einen Augenblick warten!“

Er machte die Türe zu, öffnete sie aber bereits nach kurzer Zeit wieder und brachte Bescheid:

„Kommen herein! Sennor haben sagen, daß mit Fremden reden wollen.“

Wir traten durch einen engen Hausflur in eine kleine Stube, welche als Kontor benutzt zu werden schien, denn ein Schreibpult, ein Tisch und einige Holzstühle waren das ganze, einfache Meublement. An dem Pulte stand ein langer, hagerer Mann, mit dem Gesicht nach der Türe gekehrt. Der erste Blick in sein Gesicht brachte das Ergebnis, daß er ein Spanier sei.

Buenas tardes!“ beantwortete er unsern höflichen Gruß. „Sennor Lange sendet Euch? Darf ich erfahren, was Euch zu mir führt, Sennores?“

Ich war neugierig, was Old Death antworten werde. Er hatte mir vorher gesagt, daß ich ihn sprechen lassen solle.

„Vielleicht ist’s ein Geschäft, vielleicht auch nur eine Erkundigung, Sennor. Wir wissen es selbst noch nicht genau,“ sagte der Alte.

„Wir werden ja sehen. Setzt Euch, und nehmt einen Zigarillo.“

Er hielt uns das Zigarrenetui und Feuerzeug entgegen, welches wir nicht abschlagen durften. Der Mexikaner kann sich nichts, am allerwenigsten aber ein Gespräch, eine Unterhandlung ohne Zigaretten denken. Old Death, welchem ein Primchen zehnmal lieber war als die feinste Zigarre, nahm sich so ein kleines, dünnes Ding, brannte es an, tat einige gewaltige Züge, und – die Zigarette hatte ausgeraucht. Ich verfuhr mit der meinigen sparsamer.

„Was uns zu Euch führt,“ begann Old Death, „ist nicht von großer Bedeutung. Wir kommen nur deshalb so spät, weil Ihr nicht früher zu treffen waret. Und wir wollen mit diesem Besuche nicht bis morgen warten, weil uns die hiesigen Zustände gar nicht zu einem langen Bleiben hier einladen. Wir haben die Absicht, nach Mexiko zu gehen und Juarez unsere Dienste anzubieten. So etwas tut man natürlich nicht gern aufs Geratewohl. Man möchte eine gewisse Sicherheit haben, willkommen zu sein und angenommen zu werden. Darum haben wir uns unter der Hand erkundigt und dabei in Erfahrung gebracht, daß man hier in La Grange angeworben werden kann. Euer Name wurde uns dabei genannt, Sennor, und so sind wir zu Euch gekommen, und nun habt Ihr vielleicht die Gewogenheit, uns zu sagen, ob wir uns bei dem richtigen Manne befinden.“

Der Mexikaner antwortete nicht sogleich, sondern betrachtete uns mit forschenden Blicken. Sein Auge schien mit Befriedigung auf mir zu haften; ich war jung und sah rüstig aus. Old Death gefiel ihm wohl weniger. Die hagere, nach vorn gebeugte Gestalt des Alten schien nicht geeignet zu sein, große Strapazen auszuhalten. Dann fragte er:

„Wer war es, der Euch meinen Namen nannte, Sennor?“

„Ein Mann, den wir auf dem Steamer trafen,“ log Old Death. „Zufällig begegneten wir dann auch Master Lange und erfuhren von ihm, daß Ihr vor zehn Uhr nicht zu Hause sein würdet. Wir sind Nordländer deutscher Abstammung und haben gegen die Südstaaten gekämpft. Wir besitzen also militärische Erfahrung, sodaß wir dem Präsidenten von Mexiko wohl nicht ganz ohne Nutzen dienen würden.“

„Hm! Das klingt recht gut, Sennor; aber ich will Euch aufrichtig sagen, daß Ihr nicht den Eindruck macht, den Anstrengungen und Entbehrungen, welche man von Euch fordern wird, gewachsen zu sein.“

„Das ist freilich sehr aufrichtig, Sennor,“ lächelte der Alte. „Doch brauche ich Euch wohl nur meinen Namen zu nennen, um Euch zu überzeugen, daß ich sehr wohl zu gebrauchen bin. Ich werde gewöhnlich Old Death genannt.“

„Old Death!“ rief Cortesio erstaunt. „Ist es möglich! Ihr wäret der berühmte Pfadfinder, welcher dem Süden so großen Schaden zugefügt hat?“

„Ich bin es. Meine Gestalt wird mich legitimieren.“

„Allerdings, allerdings, Sennor. Ich muß sehr vorsichtig sein. Es darf keineswegs an die Öffentlichkeit gelangen, daß ich für Juarez werbe; besonders jetzt bin ich gezwungen, mich in acht zu nehmen. Aber da Ihr Old Death seid, so ist für mich kein Grund der Zurückhaltung vorhanden, und ich kann Euch also ganz offen eingestehen, daß Ihr Euch an die richtige Adresse gewendet habt. Ich bin sofort und sehr gern bereit, Euch anzuwerben, kann Euch sogar eine Charge in sicherste Aussicht stellen, denn einen Mann wie Old Death wird man natürlich zu verwerten wissen und steckt ihn nicht unter die gemeinen Soldaten.“

„Das hoffe ich allerdings, Sennor. Und was meinen Gefährten betrifft, so wird auch er, selbst wenn er als Soldat eintreten müßte, es sehr bald zu etwas Besserem bringen. Er hat es unter den Abolitionisten trotz seiner Jugend bis zum Kapitän gebracht. Sein Name ist allerdings bloß Müller, aber vielleicht, ja höchst wahrscheinlich habt Ihr dennoch von ihm gehört. Er diente unter Sheridan und hat als Leutnant bei dem berühmten Flankenmarsche über die Missionary-Ridge die Spitze der Avantgarde befehligt. Ihr wißt gewiß, welch kühne Raids damals ausgeführt worden sind. Müller war der besondere Liebling Sheridans und hatte infolgedessen den Vorzug, stets zu diesen gewagten Unternehmungen kommandiert zu werden. Er war auch der vielfach gefeierte Kavallerie-Offizier, welcher in der blutigen und in ihren Folgen so entscheidenden Schlacht bei Five-Forks den General Sheridan, welcher bereits gefangen war, wieder heraushieb. Darum meine ich, daß er keine schlechte Akquisition für Euch ist, Sennor.“

Der Alte log ja das Blaue vom Himmel herunter! Aber durfte ich ihn Lügen strafen? Ich fühlte, daß mir das Blut in die Wangen stieg, aber der gute Cortesio hielt mein Erröten für Bescheidenheit, denn er reichte mir die Hand und sagte, ebenfalls lügend wie ein Zeitungsschreiber:

„Dieses wohlverdiente Lob braucht Euch nicht peinlich zu berühren, Sennor Müller. Ich habe allerdings von Euch und Euern Taten gehört und heiße Euch herzlich willkommen. Auch Ihr werdet natürlich sofort als Offizier eintreten, und ich bin bereit, Euch gleich jetzt eine Summe bar zur Verfügung zu stellen, welche zur Anschaffung alles Nötigen ausreicht.“

Old Death wollte beistimmen. Ich sah ihm das an; darum fiel ich schnell ein:

„Das ist nicht nötig, Sennor. Wir haben nicht die Absicht, uns von Euch equipieren zu lassen. Zunächst haben wir nichts nötig, als zwei Pferde, die wir vielleicht bekommen können. Sättel haben wir.“

„Das trifft sich gut. Ich kann Euch zwei tüchtige Tiere ablassen, und wenn Ihr sie wirklich bezahlen wollt, so werde ich sie Euch für den Einkaufspreis geben. Wir können morgen früh in den Stall gehen, wo ich Euch die Pferde zeigen werde. Es sind die besten, die ich habe. Habt Ihr schon ein Unterkommen für die Nacht?“

„Ja. Master Lange hat uns eingeladen.“

„Das trifft sich ausgezeichnet. Wäre dies nicht der Fall, so hätte ich Euch eingeladen, bei mir zu bleiben, obgleich meine Wohnung eine sehr beschränkte ist. Wie meint Ihr, wollen wir das übrige gleich jetzt oder morgen früh abmachen?“

„Gleich jetzt,“ antwortete Old Death. „Welche Formalitäten sind denn zu erledigen?“

„Für jetzt gar keine. Ihr werdet, da Ihr alles selbst zahlt, erst nach Eurem Eintreffen beim Korps in Pflicht und Eid genommen. Das einzige, was zu tun ist, besteht darin, daß ich Euch mit Legitimation versehe und außerdem mit einem Empfehlungsschreiben, welches Euch die Chargen sichert, die Ihr nach Euern Eigenschaften zu beanspruchen habt. Es ist freilich besser, diese Schriftstücke sofort anzufertigen. Man kann hier nie wissen, was im nächsten Augenblicke geschieht. Habt also hier eine Viertelstunde Geduld. Ich werde mich beeilen. Da liegen Zigarillos, und hier will ich Euch auch einen guten Schluck vorsetzen, von welchem ich sonst niemandem gebe. Davon ist leider nur eine einzige Flasche vorhanden.“

Er schob uns die Zigaretten hin und holte eine Flasche Wein herbei. Dann trat er an das Pult, um zu schreiben. Old Death zog mir hinter dem Rücken des Mexikaners eine Grimasse, aus welcher ich ersah, daß er sich höchst befriedigt fühle. Dann goß er sich ein Glas voll, brachte die Gesundheit Cortesios aus und leerte es auf einen Zug. Ich war bei weitem nicht so befriedigt wie er, denn die beiden Männer, auf welche ich es abgesehen hatte, waren noch gar nicht erwähnt worden. Das flüsterte ich dem Alten zu. Er antwortete mit einer Gebärde, welche mir sagen sollte, daß er das schon auch noch besorgen werde.

Nach Verlauf einer Viertelstunde hatte Old Death die vorher volle Flasche ganz allein ausgetrunken und Cortesio war fertig. Der letztere las uns vor dem Versiegeln das Empfehlungsschreiben vor, mit dessen Inhalte wir sehr zufrieden sein konnten. Dann füllte er nicht zwei, sondern vier Blanketts aus, von denen jeder von uns zwei erhielt. Zu meinem Erstaunen sah ich, daß es Pässe waren, der eine in französischer, der andere in spanischer Sprache gedruckt, und der erstere war von Bazaine und der letztere von Juarez unterschrieben. Cortesio mochte mein Erstaunen bemerken, denn er sagte unter einem Lächeln schlauer Befriedigung:

„Ihr seht, Sennor, daß wir imstande sind, Euch gegen alle möglichen Vorkommnisse in Schutz zu nehmen. Wie ich zu der französischen Legitimation komme, das ist meine Sache. Ihr wißt nicht, was Euch begegnen kann; und es ist also gut, dafür zu sorgen, daß Ihr für alle Fälle gesichert seid. Andern diese Doppelpässe zu geben, würde ich mich wohl hüten, denn sie werden nur ganz ausnahmsweise ausgestellt, und diejenigen Mannschaften, welche unter Bedeckung von hier abgehen, erhalten überhaupt keine Legitimation.“

Dies benutzte Old Death endlich zu der von mir so heiß ersehnten Frage:

„Seit wann sind die letzten dieser Leute hinüber?“

„Seit gestern. Ich hatte einen Transport von über dreißig Rekruten, welchen ich bis Hopkins Farm selbst begleitet habe. Es befanden sich diesesmal zwei Sennores in Privat dabei.“

„Ah, so befördert ihr auch Privatleute?“ fragte Old Death in verwundertem Tone.

„Nein. Das würde zu Unzuträglichkeiten führen. Nur gestern machte ich eine Ausnahme, weil der eine dieser Herren ein guter Bekannter von mir war. Übrigens werdet Ihr ausgezeichnet beritten sein und könnt, wenn Ihr morgen zeitig von hier fortreitet, das Detachement einholen, bevor es den Rio Grande erreicht,“

„An welchem Punkte wollen die Leute über den Fluß gehen?“

„Sie nehmen die Richtung auf den Eagle-Paß. Da sie sich aber dort nicht sehen lassen dürfen, so halten sie sich ein wenig nördlicher. Zwischen dem Rio Nueres und dem Rio grande durchschneiden sie den von San Antonio kommenden Maultierweg, kommen an Fort Inge vorüber, welches sie aber auch vermeiden müssen, und gehen zwischen den beiden Nebenflüßchen Las Moras und Moral über den Rio grande, weil es dort eine leicht passierbare Furt gibt, welche nur unsere Führer kennen. Von dort an halten sie sich westlich, um über Baya, Cruces, San Vinzente, Tabal und San Carlos die Stadt Chihuahua zu erreichen.“

Alle diese Orte waren mir böhmische Dörfer. Old Death aber nickte mit dem Kopf und wiederholte jeden Namen laut, als ob er die Gegend sehr genau kenne.

„Wir werden sie sicher einholen, wenn unsere Pferde wirklich nicht schlecht und die ihren nicht allzu gut sind,“ sagte er. „Aber werden sie es erlauben, daß wir uns anschließen?“

Cortesio bejahte lebhaft. Doch mein Freund fragte weiter:

„Werden indessen die beiden Masters, welche Ihr Privatleute nanntet, auch damit einverstanden sein?“

„Jedenfalls. Sie haben gar nichts zu befehlen, ja, müssen sich freuen, unter dem Schutze des Detachements reisen zu dürfen. Da Ihr mit ihnen zusammentreffen werdet, so kann ich Euch sagen, daß Ihr sie als Gentlemen behandeln dürft. Der eine, ein geborener Mexikaner, namens Gavilano, ist ein Bekannter von mir. Ich habe schöne Stunden in der Hauptstadt mit ihm verlebt. Er hat eine jüngere Schwester, welche allen Sennores die Köpfe verdrehte.“

„So ist wohl auch er ein schöner Mann?“

„Nein. Sie sehen einander nicht ähnlich, da sie Stiefgeschwister sind. Sie heißt Felisa Perillo und war als reizende Cantora und entzückende Ballerina in der guten Gesellschaft eingeführt. Später verschwand sie, und jetzt erst habe ich von ihrem Bruder gehört, daß sie noch in der Umgegend von Chihuahua lebt. Genaue Auskunft konnte er mir nicht geben, da auch er sich erst nach ihr erkundigen muß, wenn er dorthin kommt.“

„Darf ich fragen, was dieser Sennor eigentlich war oder ist?“

„Dichter.“

Old Death machte ein sehr verblüfftes und geringschätzendes Gesicht, so daß der brave Cortesio hinzusetzte:

„Sennor Gavilano dichtete umsonst, denn er besitzt ein bedeutendes Vermögen und braucht sich seine Gedichte nicht bezahlen zu lassen.“

„So ist er freilich zu beneiden!“

„Ja, man beneidete ihn, und infolge der Kabalen, welche man deshalb gegen ihn schmiedete, hat er die Stadt und sogar das Land verlassen müssen. Jetzt kehrt er mit einem Yankee zurück, welcher Mexiko kennen lernen will und ihn gebeten hat, ihn in das Reich der Dichtkunst einzuführen. Sie wollen in der Hauptstadt ein Theater bauen.“

„Wünsche ihnen sehr viel Glück dazu! Also hat Gavilano gewußt, daß Ihr Euch jetzt in La Grange befindet?“

„O nein. Ich befand mich zufällig am Flusse, als der Dampfer anlangte, damit die Passagiere hier die Nacht zubringen könnten. Ich erkannte den Sennor sofort und lud ihn natürlich ein, mit seinem Begleiter bei mir zu bleiben. Es stellte sich heraus, daß die beiden nach Austin wollten, um von da aus über die Grenze zu gehen, und ich bot ihnen die passende Gelegenheit an, schneller und sicherer hinüber zu kommen. Denn für einen Fremden, zumal wenn er nicht sezessionistisch gesinnt ist, ist es nicht geraten, hier zu verweilen. In Texas treiben jetzt Leute ihr Wesen, welche gern im Trüben fischen, allerhand nutzloses oder gefährliches Gesindel, dessen Herkommen und Lebenszweck man nicht kennt. Man hört allerorts von Gewalttaten, von Überfällen und Grausamkeiten, deren Veranlassung niemand kennt. Die Täter verschwinden spurlos, wie sie gekommen sind, und die Polizei steht dann den Tatsachen völlig ratlos gegenüber.“

„Sollte es sich etwa um den Ku-Klux-Klan handeln?“ fragte Old Death.

„Das haben viele gefragt, und in den letzten Tagen sind Entdeckungen gemacht worden, welche es wahrscheinlich machen, daß man es mit dieser Geheimbande zu tun habe. Vorgestern hob man unten in Halletsville zwei Leichen auf, denen Zettel mit der Inschrift Yankee-Hounds angeheftet waren. Drüben in Shelby wurde eine Familie fast tot gepeitscht, weil der Vater derselben unter General Grant gedient hat. Und heute habe ich erfahren, daß drunten bei Lyons eine schwarze Kapuze gefunden worden ist, auf welche zwei weiße, eidechsenartig geschnittene Zeugstücke aufgenäht waren.“

„Alle Wetter! Solche Masken tragen die Kukluxer!“

„Ja, sie hängen sich schwarze, mit weißen Figuren versehene Kapuzen über das Gesicht. Jeder einzelne soll sich einer besonderen Figur bedienen, an welcher man ihn erkennt, denn ihre Namen sollen sie nicht einmal untereinander wissen.“

„So steht allerdings zu vermuten, daß der Geheimbund anfängt, sein Wesen auch hier zu treiben. Nehmt Euch in acht, Don Cortesio. Sie kommen sicher hierher. Zuerst waren sie in Halletsville, und die Kapuze hat man in Lyons gefunden. Der letztere Ort liegt doch wohl bedeutend näher nach hier als der erstere?“

„Allerdings, Sennor, Ihr habt recht. Ich werde von heute an Türen und Fenster doppelt sorgfältig verschließen und meine geladenen Gewehre bereit halten.“

„Daran tut Ihr sehr recht. Diese Kerle dürfen nicht geschont werden, denn sie schonen auch nicht. Wer sich ihnen ohne Gegenwehr ergibt, weil er auf ihre Milde rechnet, der hat sich getäuscht. Ich würde nur mit Pulver und Blei zu ihnen sprechen. Übrigens scheint es drüben im Wirtshause nicht ganz geheuer zu sein, denn wir sahen da Gentlemen, denen nichts Gutes zuzutrauen ist. Ihr werdet klug tun, alles sorgfältig zu verstecken, womit man Euch beweisen kann, daß Ihr zu Juarez haltet. Tut das heute schon! Es ist besser, einmal unnötigerweise vorsichtig zu sein, als sich wegen einer kleinen Unterlassung durchpeitschen oder gar erschießen zu lassen. Jetzt denke ich, daß wir fertig sind. Morgen früh sehen wir uns wieder. Oder hättet Ihr uns heute noch etwas zu bemerken?“

„Nein, Sennores. Für heute sind wir fertig. Ich freue mich sehr, Euch kennen gelernt zu haben, und hoffe, später recht Gutes von Euch zu hören. Ich bin überzeugt, daß Ihr bei Juarez Euer Glück machen und schnell avancieren werdet.“

Damit waren wir entlassen. Cortesio reichte uns freundlich die Hand, und wir gingen. Als sich die Haustüre hinter uns geschlossen hatte und wir nach Langes Wohnung hinübergingen, konnte ich mich doch nicht halten, dem Alten einen gelinden Rippenstoß zu versetzen und dabei zu sagen:

„Aber Master, was fiel Euch ein, den Sennor in dieser Weise anzuflunkern! Eure Lügen waren ja häuserhoch!“

„So? Hin! Das versteht Ihr nicht, Sir! Es war immerhin möglich, daß wir abgewiesen wurden. Darum erweckte ich bei dem Sennor möglichst großen Appetit nach uns.“

„Und sogar Geld wolltet Ihr nehmen! Das wäre der offenbare Betrug gewesen!“

„Nun, offenbar gerade nicht, denn er wußte nichts davon. Warum sollte ich nicht nehmen, was er uns freiwillig anbot?“

„Weil wir nicht die Absicht haben, dies Geld zu verdienen.“

„So! Nun, in diesem Augenblicke haben wir diese Absicht freilich nicht. Aber woher wißt Ihr denn so ganz genau, daß wir nicht Gelegenheit finden werden, der Sache Juarez zu dienen? Wir können sogar um unser selber willen dazu gezwungen sein. Doch kann ich Euch nicht unrecht geben. Es ist sehr gut, daß wir kein Geld nahmen, denn nur dadurch sind wir zu den Pässen und zu dem Empfehlungsschreiben gekommen. Das Allerbeste aber ist, daß wir nun wissen, wohin sich Gibson gewendet hat. Ich kenne den Weg sehr genau. Wir brechen frühzeitig auf, und ich bin überzeugt, daß wir ihn einholen werden. Infolge unserer Papiere wird der Kommandeur des Detachements sich nicht eine Sekunde lang weigern, uns die beiden auszuliefern.“

Wir brauchten bei Lange nicht zu klopfen. Er lehnte unter der geöffneten Türe und führte uns in die Stube. Diese hatte drei Fenster, welche mit dicken Decken verhangen waren.

„Wandert Euch nicht über diese Vorhänge, Mesch’schurs!“ sagte er. „Ich habe sie mit Absicht angebracht. Wollen überhaupt möglichst leise sprechen. Die Kukluxer brauchen nicht zu wissen, daß Ihr bei uns seid.“

„Habt Ihr die Halunken gesehen?“

„Ihre Kundschafter wenigstens. Ich hatte, während Ihr so lange drüben bei Sennor Cortesio waret, Langeweile und ging hinaus, auf Euch zu warten, damit Ihr nicht erst zu klopfen brauchtet. Da hörte ich jemand heranschleichen von der Seite, wo das Wirtshaus liegt. Ich schob die Türe bis zu einer schmalen Spalte zu und lugte durch diese letztere hinaus. Drei Männer kamen und blieben nahe bei der Türe stehen. Trotz der Dunkelheit sah ich, daß sie sehr lange, weite Hosen, ebenso weite Jacken und dazu Kapuzen trugen, welche über die Gesichter gezogen waren. Diese Verkleidung war aus dunklem Stoffe gemacht und mit hellen Figuren besetzt.“

„Ah, wie es bei den Kukluxern der Fall ist!“

„Ganz recht. Zwei von den dreien blieben bei der Türe stehen. Der dritte schlich sich an das Fenster und versuchte, durch den Laden zu blicken. Als er zurückkehrte, meldete er, daß nur ein junger Mensch in der Stube sei, welcher der junge Lange sein müsse; der Alte sei nicht da, aber es stehe Essen auf dem Tische. Da meinte einer der beiden andern, daß wir jetzt zu Abend essen und dann schlafen gehen würden. Sie wollten rund um das Haus gehen, um zu sehen, wie man am besten hineinkommen könne. Dann verschwanden sie um die Ecke, und Ihr kamt, nachdem wir soeben die Fenster verhängt hatten. Aber über diesen Schuften darf ich nicht vergessen, daß Ihr meine Gäste seid. Setzt Euch nieder! Eßt und trinkt! Ihr findet heute nur die Kost eines Hinterwäldlers bei mir; doch was ich habe, gebe ich herzlich gern. Wir können auch während des Essens über die Gefahr sprechen, welche mir droht.“

„Eine Gefahr, in welcher wir Euch nicht verlassen werden, wie sich ganz von selbst versteht,“ sagte Old Death. „Wo habt Ihr denn Euren Sohn?“

„Als Ihr drüben herauskamt, schlich er sich davon. Ich habe einige gute Freunde, Deutsche, auf welche ich rechnen kann. Die soll er heimlich holen. Zwei von ihnen kennt ihr schon. Sie saßen im Wirtshause mit an unserm Tische.“

„Sie werden doch trachten, unbemerkt ins Haus zu kommen? Es ist Euer Vorteil, die Kukluxer denken zu lassen, daß sie es nur mit Euch und Eurem Sohne zu tun haben.“

„Habt keine Sorge! Diese Leute wissen schon, was sie tun, und übrigens habe ich meinem Will gesagt, wie er sich verhalten soll.“

Das Essen bestand in Schinken, Brot und Bier. Wir hatten kaum begonnen, so hörten wir, scheinbar einige Häuser weit, das Winseln eines Hundes.

„Das ist das Zeichen,“ sagte Lange, indem er aufstand. „Die Leute sind da.“

Er ging hinaus, um zu öffnen, und kehrte mit seinem Sohne und fünf Männern zurück, welche mit Gewehren, Revolvern und Messern bewaffnet waren. Sie nahmen schweigend Platz, wo sie irgend einen Gegenstand zum Sitzen fanden. Keiner sprach ein Wort, aber alle musterten die Fenster, ob dieselben auch gut verhangen seien. Das waren die richtigen Leute. Nicht sprechen und viele Worte machen, aber bereit zur Tat. Unter ihnen war ein alter, grauhaariger und graubärtiger Mann, welcher kein Auge von Old Death wendete. Er war der erste, welcher sprach, und zwar zu meinem Begleiter-.

„Verzeiht, Master! Will hat mir gesagt, wen ich hier treffen werde, und ich habe mich sehr darüber gefreut, denn ich meine, daß wir uns schon einmal gesehen haben.“

„Möglich!“ antwortete der Fährtensucher. „Habe schon vieler Leute Kinder gesehen.“

„Könnt Ihr Euch nicht auf mich besinnen?“

Old Death betrachtete den Sprecher genau und sagte dann:

„Ich kalkuliere allerdings, daß wir uns bereits einmal begegnet sein müssen, kann mich aber nicht besinnen, wo das geschehen ist.“

„Drüben in Kalifornien vor etwa zwanzig Jahren und zwar im Chinesenviertel. Besinnt Euch einmal! Es wurde scharf gespielt und nebenbei Opium geraucht. Ich hatte all mein Geld verspielt, nahe an tausend Dollars. Eine einzige Münze hatte ich noch; die wollte ich nicht auf die Karte setzen, sondern verrauchen und mir dann eine Kugel durch den Kopf jagen. Ich war ein leidenschaftlicher Spieler gewesen und stand am Ende meines Könnens. Da – – –“

„Schon gut! Besinne mich!“ unterbrach ihn Old Death. „Ist nicht notwendig, daß Ihr das erzählt.“

„O doch, Sir, denn Ihr habt mich gerettet. Ihr hattet die Hälfte meines Verlustes gewonnen. Ihr nahmt mich beiseite, gabt mir das Geld wieder und nahmt mir dafür das heilige Versprechen ab, nie wieder zu spielen und vor allen Dingen auf die Bekanntschaft mit dem Opiumteufel ein für allemal zu verzichten. Ich gab Euch dieses Versprechen und habe es gehalten, wenn es mir auch sauer genug geworden ist. Ihr seid mein Retter. Ich bin inzwischen ein wohlhabender Mann geworden, und wenn Ihr mir eine große Freude machen wollt, so erlaubt Ihr mir, Euch das Geld zurückzugeben.“

„So dumm bin ich nicht!“ lachte Old Death. „Bin lange Zeit stolz darauf gewesen, auch einmal etwas Gutes verbrochen zu haben, und werde mich hüten, dieses Bewußtsein gegen Euer Geld zu verkaufen. Wenn ich einmal sterbe, so habe ich nichts, gar nichts Gutes vorzubringen als nur dieses Eine, und das gebe ich also niemals her! Reden wir von andern Dingen, die jetzt viel notwendiger sind. Ich habe Euch damals vor zwei Teufeln gewarnt, welche ich leider genau kannte. Aber Eurer Willenskraft habt Ihr allein Eure Rettung zu verdanken. Reden wir nicht mehr davon!“

Bei diesen Worten des Scout ging mir eine Ahnung auf. Er hatte mir in New Orleans gesagt, seine Mutter habe ihn auf den Weg gesetzt, welcher zum Glücke führe, er aber habe seine eigene Richtung eingeschlagen, Jetzt bezeichnete er sich als einen genauen Kenner der beiden fürchterlichen Laster des Spieles und des Opiumrauchens. Konnte er diese Kenntnis allein durch die Beobachtung Anderer erlangt haben? Wohl schwerlich. Ich vermutete, er sei selbst leidenschaftlicher Spieler gewesen, sei es vielleicht noch. Und was das Opium betrifft, so wies seine dürre, skelettartige Gestalt auf den zerstörenden Genuß desselben hin. Sollte er noch jetzt heimlicher Opiumraucher sein? Vielleicht doch nicht, denn das Rauchen dieses Giftes setzt einen gewissen Überfluß an Zeit voraus, welcher dem Scout während unsers Rittes nicht zur Verfügung stand. Vielleicht aber war er Opiumesser. Auf alle Fälle war er dem Genusse dieser gefährlichen Substanz noch jetzt ergeben. Hätte er demselben entsagt, so wäre es seinem Körper wohl schon gelungen, sich nach und nach von den Folgen zu erholen. Ich begann, den Alten mit andern Augen zu betrachten. Zu der Achtung, welche er mir bisher eingeflößt hatte, trat ein gutes Teil Mitleid. Wie mochte er gegen die beiden Teufel gekämpft haben! Weich einen gesunden Körper, welch einen hochbegabten Geist mußte er besessen haben, da das Gift es bis heute noch nicht fertig gebracht hatte, beide völlig zu zerstören. Was waren alle Abenteuer, die er erlebt hatte, alle Anstrengungen und Entbehrungen des Lebens in der Wildnis gegen die Szenen, die sich in seinem Innern abgespielt haben mußten! Er rang vielleicht ebenso wild gegen die unerbittlichen, übermächtigen Leidenschaften, wie der dem Aussterben geweihte Indianer gegen das überlegene Bleichgesicht. Er hatte erfahren, daß jede Phase dieses Kampfes mit seiner Niederwerfung endige, und dennoch wehrte er sich weiter, selbst am Boden liegend, noch immer widerstehend. Old Death, dieser Name hatte von jetzt an einen grauenhaften Beiklang für mich. Der berühmte Scout war einem Untergange geweiht, gegen welchen das rein körperliche Sterben eine unbeschreibliche Wohltat ist!

Old Deaths letzte Worte: „Reden wir nicht mehr davon“, waren in einem solchen Tone gesprochen, daß der alte Deutsche auf Widerspruch verzichtete. Er antwortete:

Well, Sir! Wir haben es jetzt mit einem Feinde zu tun, der ebenso grimmig und unerbittlich ist wie das Spiel und das Opium. Glücklicherweise aber ist er leichter zu packen als diese beiden, und packen wollen wir ihn. Der Ku-Klux-Klan ist ein ausgesprochener Gegner des Deutschtums, und wir alle müssen uns seiner wehren, nicht nur derjenige allein, der zunächst und direkt von ihm angegriffen wird. Er ist eine Bestie, welche aus tausend und abertausend Gliedern besteht. Jede Nachsicht wäre ein Fehler, der sich unbedingt rächen würde. Wir müssen gleich beim ersten Angriffe zeigen, daß wir unerbittlich sind. Gelingt es den Kukluxern, sich hier festzusetzen, so sind wir verloren; sie werden sich über uns hermachen und einen nach dem andern abwürgen. Darum bin ich der Meinung, daß wir ihnen heute einen Empfang bereiten, der ihnen einen solchen Schreck einjagt, daß sie es nicht wagen, wiederzukommen. Ich hoffe, daß dies auch eure Meinung ist.“

Die andern stimmten ihm alle bei.

„Schön!“ fuhr er fort, da man ihm als dem Ältesten das Wort ließ. „So haben wir unsere Vorbereitungen so zu treffen, daß nicht nur ihre Absicht mißlingt, sondern daß sie es selbst sind, gegen welche der Spieß gerichtet wird. Will einer von euch einen Vorschlag machen? Wer einen guten Gedanken hat, der mag ihn hören lassen.“

Seine Augen und diejenigen der Andern richteten sich auf Old Death. Dieser wußte als erfahrener Westmann jedenfalls besser als sie alle, wie man sich gegen solche Feinde zu verhalten habe. Er sah die erwartungsvollen Blicke und die in denselben liegende stille Aufforderung, zog eine seiner Grimassen, nickte leise vor sich hin und sagte:

„Wenn die Andern schweigen, so will ich einige Worte sagen, Mesch’schurs. Wir haben nur mit dem Umstande zu rechnen, daß sie erst dann kommen werden, wenn Master Lange sich niedergelegt hat. Wie ist Eure Hintertüre verschlossen? – Durch einen Riegel?“

„Nein, durch ein Schloß, wie alle meine Türen.“

Well! Auch das werden sie wissen, und ich kalkuliere, daß sie sich mit falschen Schlüsseln versehen haben. Wenigstens wäre es unverzeihlich von ihnen, wenn sie das nicht getan hätten, Die Gesellschaft wird jedenfalls auch Mitglieder haben, die Schlosser sind oder mit einem Dietrich umzugehen wissen. Sie kommen also ganz gewiß herein, und es liegt nun an uns, zu beraten, wie wir sie empfangen werden.“

„Natürlich mit den Gewehren. Wir schießen sofort auf sie!“

„Und sie schießen auf Euch, Sir! Das Aufblitzen eurer Gewehre verrät ihnen, wo ihr euch befindet, wo ihr steht. Nein, nicht schießen. Ich kalkuliere, daß es eine wahre Wonne wäre, sie gefangen zu nehmen, ohne uns der Gefahr auszusetzen, mit ihren Waffen in Berührung zu kommen.“

„Haltet Ihr das für möglich?“

„Sogar für verhältnismäßig leicht. Wir verstecken uns im Hause und lassen sie herein. Sobald sie sich in Eurer Kammer befinden, werfen wir die Türen zu und verschließen sie. Einige von uns halten vor den letzteren Wacht und einige draußen vor dem Fenster, So können sie nicht heraus und müssen sich einfach ergeben.“

Der alte Deutsche schüttelte bedächtig den Kopf und stimmte energisch dafür, die Einbrecher niederzuschießen. Old Death kniff bei der Entgegnung des Alten das eine Auge zu und zog ein Gesicht, welches sicher ein allgemeines Gelächter hervorgerufen hätte, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre.

„Was macht Ihr da für ein Gesicht, Sir?“ fragte Lange. „Seid Ihr nicht einverstanden?“

„Gar nicht, Master. Der Vorschlag unseres Freundes scheint sehr praktisch und leicht ausführbar zu sein; aber ich kalkuliere, daß es ganz anders kommen würde, als er denkt. Die Geheimbündler wären ja geradezu Prügel wert, wenn sie es so machten, wie er es ihnen zutraut. Er meint, daß sie alle zugleich hereinkommen und sich wie auf einen Präsentierteller vor unsere Gewehre stellen werden. Wenn sie das täten, so hätten sie kein Hirn in ihren Köpfen. Ich bin der Überzeugung, daß sie die Hintertüre leise öffnen und dann aber erst einen oder zwei hereinschicken werden, um zu rekognoszieren. Diesen einen oder diese zwei Kerle können wir freilich niederschießen; die Andern aber machen sich schleunigst aus dem Staube, um bald wieder zu kommen und das Versäumte nachzuholen. Nein, Sir, mit diesem Plane ist es nichts. Wir müssen sie alle, alle hereinlassen, um sie zu fangen. Dafür habe ich auch noch einen andern und sehr triftigen Grund. Selbst wenn Euer Plan ausgeführt würde, so widerstrebt es mir, eine solche Menge von Menschen mit einem einzigen Pulverkrache und ohne daß ihnen ein Augenblick bleibt, an ihre Sünden zu denken, in den Tod zu befördern. Wir sind Menschen und Christen, Mesch’schurs. Wir wollen uns zwar gegen diese Leute wehren und ihnen das Wiederkommen verleiden, aber das können wir auf weniger blutige Art und Weise erreichen. Bleibt Ihr dabei, sie wie ein Rudel wilder Tiere niederzuschießen, so tut es meinetwegen; ich aber und mein Gefährte haben keinen Teil daran. Wir gehen und suchen uns einen andern Ort, wo wir diese Nacht zubringen können, ohne später mit Schaudern und Selbstvorwürfen an sie denken zu müssen!“

Er hatte mir ganz aus der Seele gesprochen, und seine Worte machten den beabsichtigten Eindruck. Die Männer nickten einander zu, und der Alte meinte:

„Was Ihr da zuletzt gesagt habt, Sir, das ist freilich sehr begründet. Ich habe geglaubt, daß ein solcher Empfang sie ein für allemal aus La Grange vertreiben würde; aber ich dachte nicht an die Verantwortung, welche wir auf uns laden; darum möchte ich mich wohl zu Eurem Plane bequemen, wenn es mir nur einleuchtete, daß derselbe gelingen werde.“

„Jeder, auch der allerbeste Plan kann mißlingen, Sir. Es ist nicht nur menschlich, sondern auch klug, die Leute herein zu lassen und einzuschließen, so daß wir sie lebend in unsere Hände bekommen. Glaubt mir, daß dies besser, viel besser ist, als wenn wir sie erschießen. Denkt daran, daß Ihr die Rache des ganzen Klans auf Euch ladet, wenn Ihr eine solche Anzahl seiner Mitglieder tötet, Ihr würdet die Kukluxer nicht von La Grange fern halten, sondern sie im Gegenteil herbeiziehen, um den Tod der Ihrigen grausam zu rächen. Ich bitte Euch also, meinen Plan anzunehmen. Es ist das beste, was Ihr tun könnt. Um ja nichts zu versäumen, was das Gelingen desselben beeinträchtigen könnte, werde ich jetzt einmal um das Haus schleichen. Vielleicht ist da etwas für uns Günstiges zu entdecken.“

„Wollt Ihr das nicht lieber unterlassen, Sir?“ fragte Lange. „Ihr sagt ja selbst, daß man einen Posten aufgestellt haben werde. Dieser Mann könnte Euch sehen.“

„Mich sehen?“ lache Old Death. „So etwas hat mir noch niemand gesagt! Old Death soll so dumm sein, sich sehen zu lassen, wenn er ein Haus oder einen Menschen beschleicht! Master, das ist lächerlich! Wenn Ihr ein Stück Kreide habt, so zeichnet mir jetzt einmal den Grundriß Eures Hauses und Hofes da auf den Tisch, damit ich mich nach demselben richten kann! Laßt mich zur Hintertüre hinaus, und wartet dort auf meine Rückkehr. Ich werde nicht klopfen, sondern mit den Fingerspitzen an die Türe kratzen. Wenn also jemand klopft, so ist es ein Anderer, den Ihr nicht einlassen dürft.“

Lange nahm ein Stückchen Kreide von dem Türensims und zeichnete den verlangten Riß auf den Tisch. Old Death betrachtete denselben genau und gab seine Befriedigung durch ein wohlgefälliges Grinsen zu erkennen. Die beiden Männer wollten nun gehen. Sie befanden sich schon unter der Türe, da drehte sich Old Death noch einmal um und fragte mich:

„Habt Ihr schon einmal irgend ein Menschenkind heimlich angeschlichen, Sir?“

„Nein,“ antwortete ich der Verabredung mit Winnetou gemäß.

„So habt Ihr jetzt eine vortreffliche Gelegenheit, zu sehen, wie man das macht. Wenn Ihr mitgehen wollt, so kommt!“

„Halt, Sir!“ fiel Lange ein. „Das wäre ein allzu großes Wagnis, da Euer Gefährte selbst gesteht, daß er in diesen Dingen unerfahren ist. Wenn der geringste Fehler gemacht wird, bemerkt der Posten euch, und alles ist verdorben.“

„Unsinn! Ich kenne diesen jungen Master allerdings erst seit kurzer Zeit; aber ich weiß, daß er darauf brennt, die Eigenschaften eines guten Westmannes zu erwerben. Er wird sich die Mühe geben, jeden Fehler zu vermeiden. Ja, wenn es sich darum handelte, uns an einen indianischen Häuptling zu schleichen, da würde ich mich sehr hüten, ihn mitzunehmen. Aber ich versichere Euch, daß kein braver Prairieläufer sich herablassen wird, in den Ku-Klux-Klan zu treten. Darum steht gar nicht zu erwarten, daß der Posten so viel Übung und Gewandtheit besitzt, uns erwischen zu können. Und selbst wenn er uns bemerkte, so wäre Old Death sofort da, den Fehler auszugleichen. Ich will den jungen Mann mitnehmen, folglich geht er mit! Also kommt, Sir! Aber laßt Euern Sombrero hier, wie ich den meinigen. Das helle Geflecht leuchtet zu sehr und könnte uns verraten. Schiebt Euer Haar auf die Stirn herunter und schlagt den Kragen über das Kinn empor, damit das Gesicht möglichst bedeckt wird. Ihr habt Euch immer hinter mir zu halten und genau das zu tun, was ich tue. Dann will ich den Klux oder Klex sehen, der uns bemerkt!“

Es wagte keiner eine weitere Widerrede, und so begaben wir uns in den Flur und an die Hintertüre, um von Lange hinausgelassen zu werden. Dieser öffnete leise und verschloß hinter uns wieder. Sobald wir draußen standen, kauerte Old Death sich nieder, und ich tat dasselbe. Er schien die Finsternis mit seinen Augen durchdringen zu wollen, und ich hörte, daß er die Luft in langen Zügen durch die Nase einzog.

„Ich kalkuliere, daß sich da vor uns kein Mensch befindet,“ flüsterte mir der Alte zu, indem er über den Hof nach dem Stallgebäude zeigte. „Dennoch will ich mich überzeugen. Man muß vorsichtig sein. Habt Ihr vielleicht als Knabe es gelernt, mit einem Grashalme zwischen den beiden Daumen das Zirpen einer Grille nachzuahmen?“

Ich bejahte die Frage leise.

„Da vor der Türe steht Gras. Nehmt Euch einen Halm, und wartet bis ich zurückkehre. Regt Euch nicht von der Stelle. Sollte aber etwas geschehen, so zirpt. Ich komme sofort herbei.“

Er legte sich auf den Boden und verschwand, auf allen vieren kriechend, in der Finsternis. Es vergingen wohl zehn Minuten, bevor er zurückkehrte. Und wahrhaftig, ich hatte ihn nicht kommen sehen, aber der Geruch sagte mir, daß er sich nähere.

„Es ist so, wie ich dachte,“ flüsterte er. „Im Hofe niemand und auch da um die Ecke an der einen Giebelseite kein Mensch. Aber hinter der andern Ecke, wo das Fenster der Schlafstube sich befindet, wird einer stehen. Legt Euch auch zur Erde, und schleicht hinter mir her! Aber nicht etwa auf dem Bauche wie eine Schlange, sondern wie eine Eidechse auf den Fingern und Zehen. Tretet nicht mit den ganzen Fußsohlen, sondern nur mit den Fußspitzen auf. Untersucht den Boden mit den Händen, damit Ihr nicht ein Ästchen knickt, und knöpft Euern Jagdrock ganz zu, damit nicht etwa ein Zipfel auf der Erde hinstreift! – Nun vorwärts!“

Wir krochen bis an die Ecke. Old Death blieb dort halten, ich also auch. Nach einer Weile wendete er den Kopf zu mir zurück und raunte mir zu:

„Es sind zwei. Seid ja vorsichtig!“

Er schob sich weiter fort, und ich folgte abermals. Er hielt sich nicht nahe der Mauer des Hauses, sondern kroch von derselben fort bis zu einem aus aufrecht stehenden Fenzriegeln, an denen wilder Wein oder eine ähnliche Pflanzenart emporrankte, errichteten Zaune, der den Garten umschloß. Diesen Zaun entlang krochen wir der Giebelseite des Hauses parallel, von derselben vielleicht zehn Schritte entfernt. Auf dem dadurch entstehenden Zwischenraume sah ich bald einen dunklen Haufen vor uns auftauchen, der fast wie ein Zelt geformt war. Wie ich später erfuhr, waren es zusammengestellte Bohnen- und Hopfenstangen. Am Fuße derselben wurde leise gesprochen. Old Death griff nach mir zurück, faßte mich beim Kragen, zog mich zu sich heran, so daß mein Kopf neben den seinigen kam, und raunte mir zu:

„Da sitzen sie. Wir müssen hören, was sie reden. Eigentlich sollte ich allein hin, denn Ihr seid ein Greenhorn, welches mir den ganzen Spaß verderben kann. Aber zwei hören mehr als einer. Getraut Ihr Euch, unvermerkt so nahe an sie heranzuschleichen, daß Ihr sie hört?“

„Ja,“ antwortete ich.

„So wollen wir es versuchen. Ihr geht von dieser Seite an sie und ich von der andern. Wenn Ihr nahe seid, legt Ihr das Gesicht auf den Boden, damit sie nicht etwa Eure Augen funkeln sehen. Sollten sie Euch dennoch bemerken, vielleicht weil Ihr zu laut atmet, so müssen wir sie sofort unschädlich machen.“

„Töten?“ flüsterte ich.

„Nein. Das müßte still geschehen, also mit dem Messer, und dazu habt Ihr kein Geschick. Ein Revolverschuß darf nicht gewagt werden. Sobald sie Euch oder mich entdecken, werfe ich mich auf den Einen, Ihr Euch auf den Andern, legt ihm beide Hände um den Hals und drückt ihm die Gurgel zu, daß er keinen Laut von sich geben kann. Dabei müßt Ihr ihn zur Erde niederreißen. Was dann geschehen Soll, werde ich Euch sagen. Aber nur ja keinen Lärm! Ich habe gesehen, daß Ihr ein starker Kerl seid, aber seid Ihr auch überzeugt, so einen Strolch still niederlegen zu können?“

„Unbedingt,“ antwortete ich.

„Also vorwärts, Sir!“

Er kroch um die Stangen herum, und ich schob mich auf dieser Seite nach ihnen hin. Jetzt hatte ich die Stangenpyramide erreicht. Die beiden Strolche saßen dicht neben einander, mit den Gesichtern nach dem Hause zu. Es gelang mir, ganz lautlos so nahe an sie heranzukommen, daß mein Kopf sich kaum eine Elle weit von dem Körper des mir Nächstsitzenden befand. Nun legte ich mich auf den Bauch und das Gesicht nach unten in die Hände. Das hatte zweierlei Vorteil, wie ich bald bemerkte. Erstens konnte meine helle Gesichtsseite mich nicht verraten, und dann konnte ich in dieser Lage viel besser hören als mit erhobenem Kopfe. Sie sprachen in jenem hastigen Flüstertone, welcher die Worte auf einige Schritte hin verständlich macht.

„Den Kapitän lassen wir ungeschoren,“ sagte eben derjenige, in dessen Nähe ich lag. „Er hat euch zwar auf das Trockene gesetzt, streng genommen aber seine Pflicht getan. Weißt du, Locksmith, er ist zwar auch ein verdammter Deutscher, aber es kann uns nichts nützen, sondern nur schaden, wenn wir ihm an den Kragen gehen. Wenn wir uns hier in Texas festsetzen und auch halten wollen, so dürfen wir es mit den Steamleuten nicht verderben.“

„Gut! Ganz wie Ihr wollt, Capt’n. Der Indsman ist uns entgangen, wie ich vermute. Kein Indianer setzt sich nach La Grange, um eine ganze Nacht lang auf das Abgehen des Bootes zu warten. Aber die beiden Andern sind noch da, die deutschen Hunde, welche wir aufknüpfen wollten. Sie sind Spione und müssen gelyncht werden. Könnte man nur erfahren, wo sie sind. Sie sind wie Luft aus ihrer Gaststube verschwunden, zum Fenster hinaus, diese Feiglinge!“

„Wir werden es erfahren. Die Schnecke ist ja deshalb im Wirtshause sitzen geblieben, und er wird nicht ruhen, als bis er erfährt, wo sie stecken. Er ist ein schlauer Patron, Ihm haben wir es auch zu danken, daß wir wissen, daß dieser Lange hier von dem Mexikaner das Geld für sein Haus erhalten hat. Wir werden also ein sehr gutes Geschäft machen und vielen Spaß haben. Der Junge hat als Offizier gegen uns gekämpft und soll dafür aufgeknüpft werden. Der Alte hat ihn in die Uniform gesteckt und muß dafür bezahlt werden; aber hängen wollen wir ihn nicht. Er wird soviel Prügel bekommen, daß ihm das Fleisch vom Rücken springt. Dann werfen wir ihn heraus und stecken die Bude an.“

„Ihm bringt das keinen Schaden, denn sie gehört ihm nicht mehr,“ entgegnete der Andere.

„Desto mehr wird es den Mexikaner ärgern, der sicherlich niemand mehr über den Rio grande hinüberschickt, um Juarez zu dienen. Wir räumen auf und geben ihm einen Denkzettel, den er sicher nicht hinter den Spiegel steckt. Die Leute sind instruiert. Aber bist du wirklich überzeugt, Locksmith, daß deine Schlüssel passen werden?“

„Beleidigt mich nicht, Capt’n! Ich verstehe mein Geschäft. Die Türen, um welche es sich in diesem Hause handelt, können meinem Dietrich nicht widerstehen.“

„So mag es gehen. Wenn die Kerle sich nur bald zur Ruhe legten. Unsere Leute werden ungeduldig sein, denn es sitzt sich verteufelt schlecht in den alten Hollunderbüschen dort hinter dem Stalle. Lange’s haben alle ihre Scherben dort hingeworfen. Ich wollte, Ihr könntet bald gehen und unseren Kameraden ein Zeichen geben. Will doch noch einmal an dem Laden horchen, ob sie wirklich noch nicht im Bette sind, diese deutschen Nachteulen.“

Der Capt’n stand auf und ging leise zu dem einen Laden der Wohnstube. Er wurde von seinen Gefährten Capt’n genannt; diese Bezeichnung und auch die Unterredung, welche ich eben gehört hatte, gaben Grund zu der Vermutung, daß er der Anführer sei. Der Andere war mit dem Worte „Locksmith“ bezeichnet worden. Das heißt Schlosser. Vielleicht hieß er so; wahrscheinlich aber war er Schlosser, da er gesagt hatte, daß er sich auf den Gebrauch des Dietrichs verstehe. Und eben jetzt machte er eine Bewegung, bei welcher ich ein leises Klirren hörte. Er hatte Schlüssel bei sich. Aus diesen Gedanken wurde ich aufgestört durch ein leises Zupfen an meinem Bein. Ich kroch zurück. Old Death lag hinter den Stangen. Ich schob mein Gesicht an das seinige, und er fragte mich leise, ob ich alles gehört und verstanden hätte. Ich bejahte.

„So wissen wir, woran wir sind. Werde diesen Burschen einen Streich spielen, über den sie noch lange die Köpfe schütteln sollen! Wenn ich mich nur auf Euch verlassen könnte!“

„Versucht es einmal mit mir! Was soll ich denn tun?“ antwortete ich.

„Den einen Kerl bei der Gurgel nehmen.“

Well, Sir, das werde ich!“

„Gut, um aber ganz sicher zu gehen, will ich Euch erklären, wie Ihr es anzufangen habt. Horcht! Er wird doch nicht hierher hinter die Stangen kommen!“

Der Capt’n kehrte vom Laden zurück. Glücklicherweise setzte er sich gleich wieder nieder.

Old Death hielt es nicht für notwendig, sie weiter zu belauschen. Er raunte mir zu:

„Also, ich will Euch sagen, wie Ihr den Kerl zu fassen habt. Ihr kriecht zu ihm hin und befindet Euch also hinter ihm. Sobald ich einen halblauten Ruf ausstoße, legt Ihr ihm die Hände um den Hals, aber richtig, versteht Ihr? Die beiden Daumen kommen ihm in den Nacken, so daß sie mit den Spitzen zusammenstoßen, und die andern acht Finger, je vier von jeder Seite, an die Gurgel. Mit diesen acht Fingerspitzen drückt Ihr ihm den Kehlkopf so fest, wie Ihr könnt, einwärts!“

„Da muß er doch ersticken!“

„Unsinn! Das Ersticken geht nicht so schnell. Schufte, Schurken und ähnliches Gelichter gehören in eine Raubtierklasse, welche ein ungeheuer zähes Leben besitzt. Wenn Ihr ihn festhabt, drückt Ihr ihn nieder, weil Ihr dann weit mehr Kraft anwenden könnt, aber ja nicht falsch! Ihr befindet Euch, wie gesagt, hinter ihm und dürft ihn nicht etwa nach Euch niederziehen, sondern Ihr müßt ihn seitwärts nach links niederdrücken, so daß er erst auf die Seite und dann auf den Bauch und Ihr auf ihn zu liegen kommt. So habt Ihr ihn am sichersten. Da Ihr an solche Kunstgriffe nicht gewöhnt seid, so ist es möglich, daß es ihm doch gelingt, einen Laut auszustoßen. Das wird aber höchstens ein kurzes verzweifeltes „Bäh“ sein. Dann ist er still, und Ihr haltet ihn so lange fest, bis ich bei Euch bin. Werdet Ihr das fertig bringen?“

„Gewiß. Ich habe früher viel gerauft.“

„Gerauft!“ höhnte der Alte. „Das will ganz und gar nichts sagen! Und Ihr müßt auch noch bedenken, daß der Capt’n länger ist als der Andere. Macht Eurem Lehrer Ehre, Sir, und laßt Euch von denen da drin nicht auslachen! Also vorwärts! Wartet auf meinen Ruf!“

Er schob sich wieder fort von mir, und ich kroch dahin zurück, wo ich vorhin gelegen hatte; ja, ich näherte mich dem Capt’n noch weiter und zog die Kniee an den Leib, um mich augenblicklich aufrichten zu können.

Die beiden Kukluxer setzten ihre Unterhaltung fort. Sie sprachen ihren Ärger darüber aus, daß sie und ihre Gefährten so lange zu warten hatten. Dann erwähnten sie uns beide und äußerten die Hoffnung, daß die „Schnecke“ unsern Aufenthaltsort ausspähen werde. Da hörte ich Old Deaths halblaute Stimme:

„Da sind wir ja, Mesch’schurs! Paßt doch auf!“

Schnell richtete ich mich hinter dem Capt’n auf und schlug ihm die Hände in der Weise, wie der Scout es mir gesagt hatte, um den Hals. Mit den Fingerspitzen fest auf seinem Kehlkopfe, drückte ich ihn seitwärts zu Boden nieder, stieß ihn mit dem Knie noch weiter um, so daß er auf das Gesicht zu liegen kam, und kniete ihm dann auf den Rücken. Er hatte keinen Laut ausgestoßen, zuckte krampfhaft mit den Armen und Beinen und lag dann still. Da kauerte sich Old Deaths Gestalt vor uns hin. Der Alte versetzte dem Capt’n einen Schlag mit dem Revolverknaufe auf den Kopf und sagte dann:

„Laßt los, Sir, sonst erstickt er wirklich! Ihr habt es für den Anfang gar nicht übel gemacht. Anlagen scheint Ihr zu besitzen, und ich kalkuliere, daß einmal ein famoser Bösewicht oder aber ein tüchtiger Westmann aus Euch wird. Nehmt den Kerl auf die Achsel, und kommt!“

Er nahm den Einen, ich den Andern auf die Schulter, und wir kehrten nach der Hintertüre zurück, wo Old Death, wie es besprochen worden war, zu kratzen begann. Lange ließ uns ein.

„Was bringt Ihr denn da?“ fragte er leise, als er trotz der Dunkelheit bemerkte, daß wir Lasten trugen.

„Werdet es sehen,“ antwortete Old Death lustig. „Schließt zu, und kommt mit herein!“

Wie staunten die Männer, als wir unsere Beute auf die Diele legten.

„Alle Wetter!“ fuhr der alte Deutsche auf. „Das sind ja zwei Kukluxer! Tot?“

„Hoffentlich nicht,“ sagte der Scout. „Ihr seht, wie recht ich tat, daß ich diesen jungen Master mit mir nahm. Er hat sich brav gehalten, hat sogar den Anführer der Bande überwältigt.“

„Den Anführer? Ah, das ist prächtig! Aber wo stecken seine Leute, und warum bringt Ihr diese Beiden herein?“

„Muß ich Euch das erst sagen? Es ist doch sehr leicht zu erraten. Ich und der junge Sir da, wir werden die Kleider der beiden Lumpen anlegen und die Bande, welche sich am Stalle versteckt hält, herein holen.“

„Seid Ihr des Teufels! Ihr riskiert das Leben. Wenn man nun entdeckt, daß ihr gefälschte Kukluxer seid?“

„Das wird man eben nicht entdecken,“ entgegnete der Alte in überlegenem Tone. „Old Death ist ein pfiffiger Kerl, und dieser junge Master ist auch nicht ganz so dumm, wie er aussieht.“

Old Death erzählte, was wir belauscht und getan hatten, und erklärte ihnen dann seinen Plan. Ich sollte als Locksmith hinter den Stall gehen, um die Kukluxer herein zu holen. Er wollte die Verkleidung des Capt’ns, welche grad für seine Länge paßte, anlegen und den Anführer spielen. „Es versteht sich von selbst,“ fügte der Scout hinzu, „daß nur leise gesprochen wird, und beim Flüstern sind alle Stimmen gleich.“

„Nun, wenn Ihr es wagen wollt, so tut es!“ sagte Lange, „Ihr tragt nicht unsere Haut zu Markte, sondern Eure eigene. – Was aber wollen wir inzwischen tun?“

„Zunächst leise hinausgehen und einige starke Pfähle oder Stangen hereinholen, welche wir gegen die Kammer- oder Stubentüre stemmen, damit diese nicht von innen geöffnet werden kann. Sodann verlöscht Ihr die Lichter und versteckt Euch im Hause. Das ist alles, was Ihr zu tun habt. Was dann noch geschehen muß, läßt sich jetzt noch nicht bestimmen.“

Vater und Sohn gingen in den Hof, um Pfähle zu holen. Inzwischen nahmen wir den beiden Gefangenen ihre Verkleidungen ab. Dieselben waren schwarz und trugen weiße, aufgenähte Abzeichen. Diejenige des Capt’ns war an Kapuze, Brust und Oberschenkel mit einem Dolch, die des Locksmith an denselben Stellen mit Schlüsseln versehen. Der Dolch war also das Abzeichen des Anführers. Derjenige, welcher in der Schenke saß, um unsern Aufenthaltsort zu erfahren, war Schnecke genannt worden. Er trug also wohl vorkommenden Falls eine mit Schnecken ausgezeichnete Verkleidung. Eben als wir dem Capt’n seine Hose, welche den Schnitt der Schweizer Wildheuerhosen hatte und über dem eigentlichen Beinkleid befestigt war, vom Leibe zogen, erwachte er. Er blickte wirr und erstaunt umher und machte dann eine Bewegung, aufzuspringen, wobei er nach der Leibesgegend griff, in welcher sich vorher die Tasche mit dem Revolver befunden hatte. Old Death aber drückte ihn schnell wieder nieder, hielt ihm die Spitze des Bowiemessers auf die Brust und drohte:

„Ruhig, mein Junge! Nur einen unerlaubten Laut oder eine Bewegung, so fährt dir dieser schöne Stahl in den Leib!“

Der Kuklux war ein Mann im Anfange der Dreißiger mit militärisch geschnittenem Bart. Sein scharf gezeichnetes, dunkel angehauchtes und ziemlich verlebtes Gesicht ließ einen Südländer in ihm vermuten. Er griff mit den beiden Händen an den schmerzenden Kopf, wo ihn der Hieb getroffen hatte, und fragte: „Wo bin ich? Wer seid Ihr?“

„Hier wohnt Lange, den Ihr überfallen wolltet, Boy. Und ich und dieser junge Mann sind die Deutschen, deren Aufenthalt die Schnecke erkunden sollte. Du siehst, daß du dich da befindest, wohin deine Sehnsucht dich trieb.“

Der Mann kniff die Lippen zusammen und ließ einen wilden aber erschrockenen Blick umherschweifen. In diesem Augenblick kam Lange mit seinem Sohne zurück. Sie brachten einige Stangen und eine Säge mit. „Material zum Binden ist da, ausreichend für zwanzig Mann,“ sagte der Erstere.

„So gebt her, einstweilen nur für diese Beiden.“

„Nein, binden lasse ich mich nicht!“ rief der Capt’n, indem er abermals versuchte, sich aufzurichten. Aber sofort hielt ihm Old Death wieder das Messer vor und sagte:

„Wage es ja nicht, dich zu rühren! Jedenfalls hat man vergessen, dir zu sagen, wer ich bin. Man nennt mich Old Death,,und du wirst wissen, was das zu bedeuten hat. Oder meinst du gar, daß ich ein Freund der Sklavenzüchter und Kukluxer sei?“

„Old – Old Death seid Ihr!“ stammelte der Capt’n aufs höchste erschrocken.

„Ja, mein Junge, der bin ich. Und nun wirst du dir keine unnützen Einbildungen machen. Ich weiß, daß du den jungen Lange aufknüpfen und seinen Vater bis auf die Knochen peitschen lassen wolltest, um dann dieses Haus in Brand zu stecken. Wenn du noch irgend welche Nachsicht erwartest, so kannst du sie nur dann haben, wenn du dich in dein Schicksal ergibst.“

„Old Death, Old Death!“ wiederholte der leichenblaß gewordene Mann. „Dann bin ich verloren!“

„Noch nicht. Wir sind nicht ruchlose Mörder wie ihr. Wir werden euer Leben schonen, wenn ihr euch uns ohne Kampf ergebt. Tut ihr das nicht, so wird man morgen eure Leichen in den Fluß werfen können. Ich teile dir jetzt mit, was ich dir zu sagen habe. Handelst du danach, so mögt ihr das County und meinetwegen Texas verlassen, um nicht wiederzukommen. Verachtest du meinen Rat, so ist es aus mit euch. Ich hole jetzt deine Leute herein. Sie werden ebenso unsere Gefangenen sein, wie du es bist. Befiel ihnen, sich zu ergeben. Tust du das nicht, so schießen wir euch zusammen, wie einen Baum voll wilder Tauben!“

Der Kuklux wurde gebunden und erhielt ein Taschentuch in den Mund. Der Andere war auch zu sich gekommen, zog aber vor, kein Wort zu sagen. Auch er wurde gefesselt und geknebelt. Dann trug man die Beiden hinaus in die Betten, in denen Lange und sein Sohn zu schlafen pflegten, und band sie noch besonders fest, so daß sie sich nicht regen konnten, und deckte sie bis an den Hals zu.

„So!“ lachte Old Death. „Nun kann die Komödie beginnen. Wie werden die Kerls sich wundern, wenn sie in diesen sanften Schläfern ihre eigenen Genossen erkennen. Es wird ihnen ein ungeheures Vergnügen machen! Aber sagt, Master Lange, wie könnte man denn, wenn wir sie haben, mit den Leuten reden, ohne daß sie einen sehen und fassen können, aber doch so, daß es möglich ist, sie dabei zu beobachten?“

„Hm!“ meinte der Gefragte, indem er nach der Decke deutete, „von da oben. Die Decke besteht nur aus einer Bretterlage. Wir könnten eins der Bretter lossprengen.“

„So kommt alle heraus, und nehmt eure Waffen mit. Ihr steigt die Treppe hinauf und bleibt oben, bis es Zeit ist. Vorher aber wollen wir für passende Stemmhölzer sorgen.“

Es wurden einige der Stangen mit der Säge so verkürzt, daß sie genau für den beabsichtigten Zweck paßten, und dann bereit gelegt. Ich zog die Hose und Bluse des Locksmith an, während Old Death die andere Verkleidung anlegte. In der weiten Tasche meiner Hose steckte ein eiserner Ring mit einer Menge falscher Schlüssel.

„Ihr werdet sie gar nicht gebrauchen“ sagte Old Death. „Ihr seid kein Schlosser und auch kein Einbrecher und würdet Euch durch Euere Ungeschicklichkeit verraten. Ihr müßt also die echten Schlüssel hier abziehen und mitnehmen. Dann tut Ihr so, als ob Ihr mit dem Dietrich öffnetet. Unsere Messer und Revolver stecken wir bei; unsere Büchsen aber nehmen hier die Masters zu sich, die, während wir draußen unsere Aufgabe erledigen, droben ein Brett lossprengen werden. Dann aber müssen alle Lichter verlöscht werden.“

Dieser Weisung wurde gefolgt. Man ließ uns hinaus, und draußen verschloß ich die Türen. Ich hatte nun die drei Schlüssel zur Haus-, Stuben- und Kammertüre bei mir. Old Death instruierte mich jetzt genauer, als es vorher geschehen war. Als wir den Knall hörten, welcher durch das Lossprengen des Brettes verursacht worden war, trennten wir uns. Er ging nach der Giebelseite des Hauses, wo die Stangen standen, und ich begab mich über den Hof hinüber, um meine lieben Kameraden zu holen. Ich wendete mich zum Stalle. Ich trat dabei nicht allzu leise auf, denn ich wollte gehört und angesprochen sein, um nicht etwa mit meiner Anrede einen Fehler zu machen. Eben als ich um die Ecke treten wollte, erhob sich eine Gestalt, über welche ich beinahe hinweggestolpert wäre, vom Boden.

Stop!“ sagte er. „Bist du es, Locksmith?“

Yes. Ihr sollt kommen; aber sehr leise.“

„Will es dem Leutnant sagen. Warte hier!“

Er huschte fort. Also auch einen Leutnant gab es! Der Ku-Klux-Klan schien eine militärische Organisation zu besitzen. Ich hatte noch keine Minute gewartet, so kam ein Anderer, In leisem Tone sagte er:

„Das hat lange gedauert. Schlafen denn die verwünschten Deutschen endlich?“

„Endlich! Aber nun auch desto fester. Sie haben miteinander einen ganzen Krug Brandy ausgestochen.“

„So werden wir leichtes Spiel haben. Wie steht es mit den Türen?“

„Klappt alles aufs trefflichste.“

„So wollen wir gehen. Mitternacht ist schon vorüber, und dann wird es auch drüben bei Cortesio losgehen, wofür die erste Stunde nach Mitternacht festgesetzt war. Führe uns!“

Hinter ihm tauchten eine Menge vermummter Gestalten auf, die mir folgten. Als wir an das Haus kamen, trat Old Death leise zu uns, dessen Gestalt in der Dunkelheit nicht von derjenigen des Capt’n zu unterscheiden war.

„Habt Ihr besondere Befehle, Capt’n?“ fragte der zweite Offizier.

„Nein,“ antwortete der Alte in seiner sichern, selbstverständlichen Weise. „Wird sich alles danach richten, wie wir es drinnen finden. Nun, Locksmith, wollen wir es mit der Haustüre versuchen.“

Ich trat zur Türe und hielt den richtigen Schlüssel in der Hand. Doch tat ich, als ob ich erst einige andere versuchen müsse. Als ich dann geöffnet hatte, blieb ich mit Old Death stehen, um die Andern an uns vorbei zu lassen. Auch der Leutnant blieb bei uns. Als alle leise eingetreten waren, fragte er:

„Laternen heraus?“

„Nur die Eurige einstweilen.“

Wir traten ebenfalls ein; ich machte die Türe wieder zu, doch ohne sie zu verschließen, und der Leutnant zog eine brennende Blendlaterne aus der Tasche seiner weiten Hosen. Sein Anzug war mit weißen Figuren von der Gestalt eines Bowiemessers gezeichnet. Wir hatten fünfzehn Personen gezählt. Jeder trug ein anderes Zeichen. Da waren Kugeln, Halbmonde, Kreuze, Schlangen, Sterne, Frösche, Räder, Herzen, Scheren, Vögel, vierfüßige Tiere und viele andere Figuren zu sehen. Der Leutnant schien gern zu kommandieren. Er leuchtete, während die Andern regungslos standen, umher und fragte dann:

„Einen Posten hier an die Türe?“

„Wozu?“ antwortete Old Death. „Ist gar nicht nötig. Locksmith mag zuschließen; da kann niemand herein.“

Ich schloß augenblicklich zu, um dem Leutnant keine Veranlassung zu Bedenken zu geben, ließ aber den Schlüssel stecken.

„Wir müssen alle hinein,“ sagte Old Death jetzt. „Die Schmiede sind baumstarke Leute.“

„So seid Ihr heute ganz anders als sonst, Capt’n!“

„Weil die Verhältnisse anders sind. Vorwärts!“

Er schob mich nach der Stubentüre, wo dieselbe Prozedur sich wiederholte. Ich tat, als ob ich nicht sofort den passenden Schlüssel fände. Dann traten wir alle ein. Old Death nahm dem Leutnant die Laterne aus der Hand und leuchtete nach der Kammertüre.

„Dort hinaus!“ sagte er. „Aber leise, leise!“

„Sollen wir nun auch die anderen Laternen herausnehmen?“

„Nein, erst in der Kammer.“

Old Death wollte mit dieser Weisung verhüten, daß die sanften Schläfer zu zeitig erkannt würden. Die fünfzehn Personen fanden Raum in der Kammer; es kam nur darauf an, sie alle hineinzubringen, damit die Belagerung sich nicht auch mit auf die Stube erstrecken mußte. Jetzt verfuhr ich beim Öffnen noch langsamer und scheinbar sorgfältiger. Endlich ging die Türe auf. Old Death ließ den Schein der Laterne in den Schlafraum fallen, sah hinein und flüsterte:

„Sie schlafen. Schnell hinein! Leise, aber leise! Der Leutnant voran!“

Er ließ dem letzteren gar keine Zeit zur Widerrede und zum Nachdenken, schob ihn vorwärts, und die Andern folgten auf den Fußspitzen. Kaum aber war der Letzte drin, so schob ich die Türe zu und drehte den Schlüssel um.

„Schnell die Stangen!“ sagte Old Death.

Sie lagen da, grad so lang, daß man sie zwischen den Fensterstock und der Türkante schief einklemmen konnte. Das taten wir, und nun wäre die Kraft eines Elefanten erforderlich gewesen, um die Türe aufzusprengen. Jetzt eilte ich hinaus an die Treppe.

„Seid Ihr da?“ fragte ich hinauf. „Sie sind in der Falle. Kommt herab!“

Sie kamen eilends herabgesprungen.

„Sie befinden sich alle in der Schlafstube. Drei von euch hinaus vor das Fenster, um Stangen gegen dasselbe zu stemmen. Wer aussteigen will, bekommt eine Kugel!“

Ich öffnete die Hintertüre wieder, und drei eilten hinaus. Die Andern folgten mir nach der Wohnstube. Inzwischen hatte sich in der Schlafkammer ein entsetzlicher Lärm erhoben. Die gefoppten Halunken hatten bemerkt, daß sie eingeschlossen seien, ihre Laternen herausgenommen und beim Lichte derselben bemerkt, wer in den Betten lag. Jetzt fluchten und brüllten sie wild durcheinander und schlugen mit den Fäusten gegen die Türe.

„Auf, auf, sonst demolieren wir alles!“ ertönte es. Als ihre Drohungen nichts fruchteten, versuchten sie, die Türe aufzusprengen, aber sie gab nicht nach, die Stützen hielten fest. Dann hörten wir, daß sie das Fenster öffneten und den Laden aufzustoßen versuchten.

„Es geht nicht!“ rief eine zornige Stimme. „Man hat draußen etwas dagegen angestemmt.“

Da hörten wir es draußen drohend erschallen:

„Weg vom Laden! Ihr seid gefangen. Wer den Laden aufstößt, bekommt eine Kugel!“

„Ja,“ fügte in der Stube Old Death laut hinzu: „Auch diese Türe ist besetzt. Hier stehen genug Leute, euch alle ins jenseits zu befördern. Fragt euern Capt’n, was ihr tun sollt.“

Und leiser sagte er zu mir.

„Kommt mit hinauf auf den Boden. Nehmt die Laterne und Eure Büchse mit! Die Andern mögen die Lampe hier anbrennen.“

Wir gingen hinauf, wo sich eine über dem Schlafraume liegende offene Bodenkammer befand. Wir fanden sehr leicht das losgesprengte Brett. Nachdem wir die Laterne maskiert und die Kapuzen abgelegt hatten, hoben wir das Brett ab und konnten nun hinunter in die von mehreren Laternen erleuchtete Schlafstube sehen.

Da standen sie eng aneinander. Man hatte den beiden Gefangenen die Fesseln und Knebel abgenommen, und der Capt’n sprach leise und wie es schien, sehr eindringlich zu den Leuten.

„Oho!“ sagte der Leutnant lauter. „Ergeben sollen wir uns! Mit wie viel Gegnern haben wir es denn zu tun?“

„Mit mehr als hinreichend, euch in fünf Sekunden niederzuschießen!“ rief Old Death hinab.

Aller Augen richteten sich empor. In demselben Augenblicke hörten wir draußen einen Schuß fallen, noch einen. Old Death begriff sogleich, was das zu bedeuten habe und wie er es benützen könne.

„Hört ihr’s!“ fuhr er fort. „Eure Kumpane werden auch drüben bei Cortesio mit Kugeln abgewiesen. Ganz La Grange ist gegen euch. Man hat sehr wohl gewußt, daß ihr da seid, und euch ein Willkommen bereitet, wie ihr es euch nicht dachtet. Wir brauchen keinen Ku-Klux-Klan. In der Stube neben euch stehen zwölf, draußen vor dem Laden sechs, und wir hier oben sind auch sechs. Ich heiße Old Death, verstanden! Zehn Minuten gebe ich euch. Legt ihr dann die Waffen ab, so werden wir glimpflich mit euch verfahren. Tut ihr es aber nicht, so schießen wir euch zusammen. Weiter habe ich euch nichts zu sagen, es ist mein letztes Wort. Überlegt es euch!“

Er warf das Brett wieder zu und sagte leise zu mir:

„Nun schnell hinab, um Cortesio Hilfe zu bringen!“

Wir holten zwei Mann aus der Stube, wo Lange mit seinem Sohne zurückblieb, und zwei draußen vom Laden weg, wo eine Wache einstweilen genug war. So waren wir fünf. Eben fiel wieder ein Schuß. Wir huschten hinüber und sahen dort vier oder fünf vermummte Gestalten stehen. Ebensoviele kamen grad hinter Cortesios Haus hervorgerannt, und einer derselben rief lauter, als er wohl beabsichtigte:

„Hinten schießen sie auch. Wir kommen nicht hinein!“

Ich hatte mich auf den Boden gelegt und war näher gekrochen; ich hörte, daß einer von denen, welche vorn gestanden hatten, antwortete.

„Verteufelte Geschichte! Wer konnte das ahnen! Der Mexikaner hat Lunte gerochen und weckt mit seinen Schüssen die Leute auf. Überall werden die Lichter angebrannt. Da hinten hört man schon Schritte. In einigen Minuten ist man auf unsern Fersen; beeilen wir uns. Schlagen wir mit den Kolben die Türe ein! Wollt ihr?“

Ich wartete die Antwort nicht ab, sondern huschte eiligst zu den Gefährten zurück und bat:

„Mesch’schurs, schnell, schlagen wir mit den Kolben auf die Bande! Sie wollen Cortesios Türe stürmen.“

Well, well! Tüchtig drauf!“ lautete die Antwort, und da fielen auch schon die Hiebe auf die verzweifelten Burschen wie aus den Wolken herab. Sie rissen schreiend aus und ließen vier ihrer Spießgesellen zurück, welche so getroffen waren, daß sie nicht fliehen konnten. Sie wurden entwaffnet, und dann trat Old Death an die Türe von Cortesios Haus, um zu klopfen.

„Wer da?“ fragte es von drinnen.

„Old Death, Sennor. Wir haben Euch die Halunken vom Halse geschafft. Sie sind fort. Macht einmal auf!“

Die Türe wurde vorsichtig geöffnet. Der Mexikaner erkannte den Scout, obgleich dieser noch mit der Hose und Bluse des Capt’n bekleidet war, und sagte:

„Sind sie wirklich fort?“

„Über alle Berge. Vier haben wir hier gefangen. Ihr habt geschossen?“

„Ja. Es war ein Glück, daß Ihr mich warntet, sonst wäre es mir schlecht ergangen. Ich schoß vom und mein Neger hinten aus dem Hause, so daß sie nicht herein konnten. Dann sah ich freilich, daß Ihr über sie herfielt.“

„Ja, wir haben Euch erlöst. Nun kommt aber auch uns zu Hilfe! Zu Euch kehren sie nicht zurück, wir jedoch haben noch fünfzehn dieser Kerle drüben, die wir nicht entwischen lassen wollen. Euer Neger mag indessen von Haus zu Haus laufen und Lärm machen. Ganz La Grange muß auf die Beine gebracht werden, damit den Buben gehörig heimgeleuchtet werde.“

„So mag er vor allen Dingen zum Sheriff laufen. Horcht, da kommen Leute! Auch ich werde gleich drüben sein, Sennor.“

Er trat in das Haus zurück, Von rechts her kamen zwei Männer mit Gewehren in der Hand und fragten, was die Schüsse zu bedeuten hätten. Als wir ihnen Auskunft erteilt hatten, waren sie sofort bereit, uns beizustehen. Selbst diejenigen Bewohner von La Grange, welche sezessionistisch gesinnt waren, hielten es trotzdem noch lange nicht mit den Kukluxern, deren Treiben den Anhängern jeden politischen Bekenntnisses ein Greuel sein mußte. Wir nahmen die vier Blessierten beim Kragen und schafften sie hinüber in Langes Stube. Letzterer meldete uns, daß die Kukluxer sich bis jetzt ruhig verhalten hätten. Sennor Cortesio kam nach, und bald folgten so viele andere Einwohner von La Grange, daß die Stube nicht für sie ausreichte, und manche draußen bleiben mußten. Das gab ein Gewirr von Stimmen und ein Geräusch von hin und her eilenden Schritten, aus welchem die Kukluxer entnehmen konnten, wie die Sache stand. Old Death nahm mich wieder mit hinauf in die Bodenkammer. Als wir das Brett entfernt hatten, bot sich uns ein Bild stillgrimmiger Verzweiflung. Die Gefangenen lehnten an den Wänden, saßen auf den Betten oder lagen auf der Diele und ließen in des Wortes eigentlichster Bedeutung die verhüllten Köpfe hängen.

„Nun,“ sagte Old Death, „die zehn Minuten sind vorüber. Was habt ihr beschlossen?“

Er bekam keine Antwort. Nur einer stieß einen Fluch aus. „Ihr schweigt? Nun, so nehme ich an, daß ihr euch nicht ergeben wollt; das Schießen mag beginnen.“

Er legte sein Gewehr an und ich das meinige. Sonderbarerweise fiel es keinem von ihnen ein, den Revolver auf uns zu richten. Die Schurken waren eben feig, und ihr Mut bestand nur in Gewalttätigkeiten gegen Wehrlose.

„Also antwortet, oder ich schieße!“ drohte der Alte. „Es ist mein letztes Wort.“

Keiner antwortete. Da flüsterte mir Old Death zu:

„Schießt auch Ihr. Treffen müssen wir, sonst flößen wir ihnen keinen Respekt ein. Zielt dem Leutnant nach der Hand, ich dem Capt’n!“

Unsere zwei Schüsse krachten zu gleicher Zeit. Die Kugeln trafen genau. Die beiden Offiziere schrieen laut auf, und bald schrieen und heulten alle in einem widerlichen Konzert. Unsere Schüsse waren gehört worden. Man glaubte uns im Kampfe mit den Kukluxern; darum krachte es in der Stube und draußen vor dem Fenster. Kugeln flogen durch die Türe und durch den Laden in die Schlafkammer. Mehrere Kukluxer wurden getroffen. Alle warfen sich zu Boden, wo sie sich sicherer fühlten, und schrieen, als ob sie am Marterpfahle gebraten werden sollten. Der Capt’n kniete vor dem Bette, hatte seine blutende Hand in das Leintuch gewickelt und rief zu uns empor:

„Haltet ein! Wir ergeben uns!“

„Gut!“ antwortete Old Death. „Tretet alle vom Bette weg! Werft eure Waffen auf dasselbe, dann wird man euch herauslassen. Aber derjenige, bei welchem dann noch eine Waffe gefunden wird, hat unerbittlich eine Kugel im Leibe! Ihr hört, daß draußen Hunderte von Leuten stehen. Nur völlige Ergebung kann euch retten.“

Die Situation, in welcher sich die Geheimbündler befanden, war eine hoffnungslose, denn an Flucht konnten sie nicht denken. Das wußten sie. Ergaben sie sich, was konnte ihnen da geschehen? Ihre Absichten waren nicht zur Ausführung gekommen; man konnte sie also der Ausführung eines Verbrechens nicht beschuldigen. Jedenfalls war es besser, sich dem Verlangen Old Deaths zu fügen, als einen nutzlosen Versuch, sich durchzuschlagen, zu machen, welcher schwere Folgen nach sich ziehen mußte. Also flogen ihre Messer und Revolver auf das Bett.

„Gut, Mesch’schurs!“ rief der Alte ihnen zu. „Und nun will ich euch nur sagen, daß ich auch jeden niederschießen werde, welcher eine Bewegung macht, seine Waffe wieder wegzunehmen, wenn die Türe geöffnet wird. Nun wartet noch einen Augenblick.“

Er schickte mich hinunter in die Wohnstube, um Lange die Weisung zu überbringen, die Kukluxer herauszulassen und gefangen zu nehmen. Aber die Ausführung dieses Auftrages war nicht so leicht, wie wir dachten. Der ganze von mehreren schnell requirierten Laternen erleuchtete Hausflur war dicht mit Menschen gefüllt. Ich trug außer der Kapuze noch die Verkleidung, so daß man mich für ein Mitglied der Geheimbande hielt und sich sofort meiner Person bemächtigte. Auf meinen Widerspruch wurde gar nicht gehört; ich erhielt Püffe und Stöße in Menge, so daß mich die getroffenen Stellen noch nach einigen Tagen schmerzten. Ich sollte augenblicklich vor das Haus geschafft und dort gelyncht werden.

Ich war nicht wenig in der Klemme, da meine Angreifer mich nicht kannten. Besonders war es ein langer, starkknochiger Kerl, welcher mir seine Faust unausgesetzt in die Seite stieß und dabei brüllte:

„Hinaus mit ihm, hinaus! Die Bäume haben Äste, schöne Äste, prächtige Äste, starke Äste, welche sicherlich nicht knicken, wenn ein solches Mannskind daran aufgeknüpft wird.“

Dabei drängte er mich nach der Hintertüre zu.

„Aber, Sir,“ schrie ich ihn an, „ich bin kein Kuklux. Fragt doch Master Lange!“

„Schöne Äste, herrliche Äste!“ antwortete er mit einem neuen Stoße nach meiner Hüfte.

„Ich verlange, zu Master Lange in die Stube geschafft zu werden! Ich habe diese Verkleidung nur angelegt, um –“

„Veritabel prächtige Äste! Und einen Strick findet man in La Grange auch, einen feinen, wirklich eleganten Strick aus gutem Hanfe!“

Er schob mich weiter und stieß mir die Faust abermals und zwar so in die Seite, daß mir die Geduld ausging. Der Kerl war imstande, die Leute so aufzuregen, daß sie mich lynchten. Hatte man mich einmal draußen, so war nichts Gutes zu erwarten.

„Herr,“ brüllte ich ihn jetzt an, „ich verbitte mir Eure Roheit! Ich will zu Master Lange, verstanden?“

„Herrliche Äste! Unvergleichliche Stricke!“ schrie er noch lauter als ich und bedachte mich dabei mit einem gewaltigen Box an die Rippen. Jetzt kochte der Topf über. Ich stieß ihm die Faust mit aller Kraft unter die Nase, daß er sicherlich hintenüber und zu Boden geflogen wäre, wenn es den dazu nötigen Raum gegeben hätte. Die Leute standen zu eng. Aber ein wenig Raum bekam ich doch. Ich benützte diese Gelegenheit sofort, indem ich mit Gewalt vordrang, aus Leibeskräften brüllte und, wie blind um mich schlagend, Püffe, Stöße und Hiebe austeilte, vor denen man wenigstens so weit zurückwich, daß ich mir eine enge Gasse erkämpfte, durch welche ich in die Stube gelangte. Aber während ich auf diesem Wege nach vorn so kräftig meine Fäuste gebrauchte, schloß sich die Gasse sofort hinter mir, und alle Arme, welche mich erreichten, kamen in Bewegung, sodaß es Fäuste buchstäblich auf mich hagelte. Wehe den wirklichen Kukluxern, wenn schon ein imitierter in dieser Weise blau gegerbt wurde! Der Starkknochige war mir möglichst schnell gefolgt. Er schrie wie ein angestochener Eber und gelangte fast zugleich mit mir in die Stube. Als Lange ihn erblickte, fragte er:

„Um des Himmels willen, was ist denn los, lieber Sir? Warum schreit Ihr so? Warum blutet Ihr?“

„An den Baum mit diesem Kuklux!“ antwortete der Wütende. „Hat mir die Nase zerschlagen, die Zähne eingestoßen, zwei Zähne oder drei oder vier. Herrliche Zähne! Die einzigen, die ich vorn noch hatte! Hängt ihn!“

Jetzt war sein Zorn begründeter als vorher, denn er blutete wirklich ganz leidlich.

„Der da?“ fragte Lange, auf mich deutend. „Aber Sir, werter Sir, der ist ja gar kein Kuklux! Er ist unser Freund, und grad ihm verdanken wir es am meisten, daß wir die Kerle erwischt haben. Ohne ihn lebten wir und Sennor Cortesio nicht mehr, und unsere Häuser ständen in Flammen!“

Der Starkknochige riß die Augen und den blutenden Mund möglichst weit auf, deutete auf mich und fragte:

„Ohne – ohne – diesen da?“

Famoses Tableau! Alle Umstehenden lachten. Er trocknete sich mit dem hervorgezogenen Taschentuche den Schweiß von der Stirn und das Blut von Mund und Nase, und ich rieb mir die verschiedenen Stellen, an denen noch später die Augenblicksphotographien seiner Knochenfinger zu sehen waren.

„Da hört Ihr es, Sir!“ donnerte ich ihn dabei an. „Ihr waret ja geradezu rasend darauf, mich baumeln zu lassen! Und von Euren verteufelten Püffen fühle ich jedes Knöchelchen meines Leibes. Ich bin der veritable geschundene Raubritter, Sir!“

Der Mann wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er den Mund abermals aufriß und uns stumm die linke Hand geöffnet hinhielt. Auf der letzteren lagen die zwei einzigen Vorderzähne, welche bis vorhin in dem ersteren ihr sicheres und friedliches Domizil gehabt hatten. Jetzt mußte auch ich lachen, denn er sah gar zu kläglich aus. Und nun brachte ich endlich meinen Auftrag an den Mann.

Man hatte fürsorglicherweise alle vorhandenen Stricke zusammengetragen. Sie lagen mit Schnüren, Leinen und Riemen in der Ecke zum Gebrauche bereit.

„Also laßt sie heraus!“ sagte ich. „Aber einzeln. Und jeder wird gebunden, sobald er heraustritt. Old Death wird gar nicht wissen, weshalb so lange gezögert wurde. Eigentlich sollte der Sheriff da sein. Cortesios Neger wollte ihn doch sofort holen!“

„Der Sheriff?“ fragte Lange erstaunt. „Der ist doch da! Am Ende wißt Ihr gar nicht, wem Ihr die Püffe zu verdanken habt? Hier steht er ja!“

Er deutete auf den Knochigen.

„Alle Wetter, Sir!“ fuhr ich diesen an. „Ihr selbst seid der Sheriff? Ihr seid der oberste Exekutivbeamte dieses schönen County? Ihr habt auf Ordnung und gehörige Befolgung der Gesetze zu sehen und macht dabei in höchst eigener Person den Richter Lynch? Das ist stark! Da ist es kein Wunder, daß die Kukluxer sich in Eurem County so breit zu machen wagen!“

Das brachte ihn in unbeschreibliche Verlegenheit. Er konnte sich nicht anders helfen, als daß er mir die beiden Zähne abermals vor die Augen hielt und dabei stotterte:

„Pardon, Sir! Ich irrte mich, weil Ihr ein gar so kriminales Gesicht habt!“

„Danke ergebenst! Dafür sieht das Eurige um so kläglicher aus. Nun tut wenigstens von jetzt an Eure Pflicht, wenn Ihr nicht in den Verdacht kommen wollt, nur deshalb brave Leute lynchen zu wollen, weil Ihr es heimlich mit den Kukluxern haltet!“

Das gab ihm das volle Bewußtsein seiner amtlichen Würde zurück.

„Oho!“ rief er, sich in die Brust werfend. „Ich, der Sheriff des sehr ehrenwerten County Fayette soll ein Kuklux sein? Ich werde Euch sofort das Gegenteil beweisen. Gegen die Halunken soll noch in dieser Nacht verhandelt werden. Tretet zurück, Mesch’schurs, damit wir Raum für sie bekommen. Tretet hinaus auf den Flur, aber laßt eure Gewehre zur Türe hereinblicken, damit sie sehen, wer jetzt Herr im Hause ist. Nehmt Stricke zur Hand, und öffnet die Türe l“

Der Befehl wurde ausgeführt, und ein halbes Dutzend Doppelläufe drohten zur Türe herein. In der Stube befanden sich jetzt der Sheriff, die beiden Langes, Cortesio, zwei der gleich anfangs mit uns verbündeten Deutschen und ich. Draußen schrie die Menge nach Beschleunigung der Aktion. Darum stießen wir die Läden auf, damit die Leute hereinblicken und sehen könnten, daß wir nicht müßig seien. Und nun wurden die Stützen entfernt; ich schloß die Kammertüre auf. Keiner der Kukluxer wollte zuerst heraus. Ich forderte den Capt’n und dann den Leutnant auf, zu kommen. Beide hatten ihre verwundeten Hände mit Taschentüchern umwickelt. Außer ihnen waren noch drei oder vier Mitglieder der Bande blessiert worden. Droben an der durch das aufgerissene Brett entstandenen Deckenlücke saß Old Death, welcher den Lauf seiner Büchse berabgerichtet hielt. Den von ihm so erfolgreich Überlisteten wurden die Hände auf den Rücken gebunden; dann mußten sie zu den ebenfalls gebundenen vier Genossen treten, welche wir von Cortesio herübergebracht hatten. Die Draußenstehenden sahen, was vorging, und riefen laut Hallo und Hurra. Wir ließen den Gefangenen ihre Kapuzen noch, doch wurden die Gesichter des Capt’ns und des Leutnants entlarvt. Auf meine Fragen und Bemühungen wurde ein Mann herbeigeschafft, den man mir als Wundarzt bezeichnete und welcher behauptete, alle möglichen Schäden in kürzester Zeit verbinden, operieren und heilen zu können. Er mußte die Verwundeten untersuchen und trieb dann ein halbes Schock La Grange-Leute im Hause umher, um nach Watte, Werg, Lappen, Pflaster, Fett, Seife und andern Dingen zu suchen, deren er zur Ausübung seines menschenfreundlichen Berufes bedurfte.

Als wir endlich alle Kukluxer sicher hatten, wurde die Frage aufgeworfen, wohin sie zu schaffen seien, denn ein Gefängnis für neunzehn Männer gab es in La Grange nicht.

„Schafft sie nach dem Salon des Wirtshauses!“ gebot der Sheriff. „Am besten ist’s, die Angelegenheit so rasch wie möglich zu erledigen. Wir bilden eine Jury mit Geschworenen und vollziehen das Urteil sofort. Wir haben es mit einem Ausnahmefall zu tun, welcher auch mit Ausnahmemaßregeln zu behandeln ist.“

Die Kunde von diesem Beschlusse pflanzte sich schnell nach außen fort. Die Menge kam in Fluß und eilte nach dem Wirtshause, um einen guten Platz im Salon zu erwischen. Viele, denen das nicht gelungen war, standen auf der Treppe, im Flur und im Freien vor dem Gasthofe. Sie bewillkommneten die Kukluxer mit argen Drohungen, so daß die Eskorte sich sehr stramm zu halten hatte, um Tätlichkeiten abzuwehren. Nur mit großer Mühe gelangten wir in den Salon, einen größern aber sehr niedrigen Raum, welcher zur Abhaltung von Tanzvergnügen bestimmt war. Das Orchester war besetzt, wurde aber sofort geräumt, um die Gefangenen dort unterzubringen. Als man diesen nun die Kapuzen abnahm, stellte es sich heraus, daß sich kein einziger Bewohner der Umgegend unter ihnen befand.

Nun wurde die Jury gebildet, in welcher der Sheriff den Vorsitz hatte. Sie bestand aus einem öffentlichen Ankläger, einem Anwalt zur Verteidigung, einem Schriftführer und den Geschworenen. Der Gerichtshof war in einer Weise zusammengesetzt, welche mich gruseln machte, doch war das durch die gegenwärtigen Verhältnisse des Kreises und die Natur des vorliegenden Falles leidlich zu entschuldigen.

Als Zeugen waren vorhanden die beiden Langes, Cortesio, die fünf Deutschen, Old Death und ich. Als Beweismaterial lagen die Waffen der Angeklagten auf den Tischen, auch ihre Gewehre. Old Death hatte dafür gesorgt, daß dieselben aus ihrem Verstecke hinter dem Pferdestalle herbeigebracht worden waren. Es stellte sich heraus, daß in jedem Laufe die Ladung steckte. Der Sheriff erklärte die Sitzung für eröffnet mit der Bemerkung, daß von einer Vereidigung der Zeugen abzusehen sei, da die „sittliche Beschaffenheit der Angeklagten nicht ausreiche, so moralische und ehrenwerte Gentlemen wie uns mit den Beschwerden eines Eides zu belästigen“. Außer den Kukluxern seien überhaupt nur Männer im Salon vorhanden, deren „rechtliche und gesetzliche Gesinnung über allen Zweifel erhaben stehe, was er hiermit zu seiner großen Freude und Genugtuung feststellen wolle“. Ein vielstimmiges Bravo lohnte ihm diese Schmeichelei, und er dankte mit einer sehr würdigen Verbeugung. Ich aber erblickte verschiedene Gesichter, welche nicht so unfehlbar auf die gelobte „rechtliche und gesetzliche“ Gesinnung der Betreffenden schließen ließen.

Zunächst wurden die Zeugen vernommen, von denen Old Death das Ereignis ausführlich erzählte. Wir Andern konnten uns darauf beschränken, ihm beizustimmen. Dann trat der Staaten-Attorney, der Staatsanwalt, auf. Er wiederholte unsere Aussagen und stellte fest, daß die Angeklagten einer verbotenen Verbindung angehörten, welche den verderblichen Zweck verfolge, die gesetzliche Ordnung zu untergraben, das Fundament des Staates zu zerstören und jene verdammungswürdigen Verbrechen zu verbreiten, welche mit langjährigem oder lebenslänglichem Zuchthause oder gar mit dem Tode zu bestrafen seien. Schon diese Mitgliedschaft sei hinreichend, eine zehn- oder zwanzigjährige Einsperrung zu rechtfertigen. Außerdem aber habe sich erwiesen, daß die Angeklagten die Tötung eines früheren Offiziers der Republik, die grausame Durchpeitschung zweier sehr angesehener Gentlemen und die Einäscherung eines Hauses dieser gesegneten Stadt beabsichtigten. Und endlich habe man die Absicht gehabt, zwei fremde, außerordentlich friedliche und ehrenhafte Männer – bei diesen Worten machte er Old Death und mir zwei Verbeugungen – aufzuknüpfen, was höchst wahrscheinlich unsern Tod zur Folge gehabt hätte und also streng zu bestrafen sei, besonders da man es grad uns beiden zu verdanken habe, daß das über La Grange heraufbeschworene Unheil glücklich abgewendet worden sei. Er müsse also auf die unnachsichtlichste Ahndung dringen und beantrage, einige der Kukluxer, welche der Scharfblick des sehr ehrwürdigen Gerichtes wohl auszuwählen wissen werde, am Halse aufzuhängen, die Andern aber zu ihrer eigenen moralischen Beherzigung tüchtig auszupeitschen und dann lebenslänglich zwischen dicke Mauern zu tun, damit es ihnen fernerhin unmöglich sei, den Staat und die anerkannt ehrenwerten Bürger desselben in Gefahr zu bringen.

Auch dem Staatsanwalt wurden Bravos zugerufen, und auch er bedankte sich mit einer würdigen Verneigung. Nach ihm ließ sich der Anwalt hören, welcher zunächst bemerkte, daß der Vorsitzende eine unverzeihliche Unterlassungssünde begangen habe, indem die Angeklagten nicht einmal nach ihren Namen und sonstigen Umständen befragt worden seien, was nachzuholen er hiermit ergebenst anrate, da man doch wohl wissen müsse, wen man aufknüpfen oder einsperren wolle, schon des Totenscheines und anderer Schreibereien wegen – – eine geistreiche Bemerkung, die aber meine volle, wenn auch stille Zustimmung hatte. Er gab die besagten Absichten der Kukluxer vollständig zu, denn er müsse die Wahrheit anerkennen, aber es sei keine dieser Absichten wirklich ausgeführt worden, sondern sie alle hätten im Stadium des Versuches stehen bleiben müssen. Darum könne von Aufknüpfen oder lebenslänglichem Einsperren keine Rede sein. Er frage hiermit jedermann, ob der bloße Versuch einer Tat irgend jemand in Schaden gebracht habe oder überhaupt in Schaden bringen könne. Gewiß niemals und auch hier nicht! Da also keinem Menschen ein Schaden erwachsen sei, so müsse er unbedingt auf vollständige Freisprechung dringen, wodurch die Mitglieder des hohen Gerichtshofes und alle weiteren respektablen Anwesenden sich das Zeugnis menschenfreundlicher Gentlemen und friedfertiger Christen ausstellen würden. Auch ihm gaben einige wenige Stimmen Beifall. Er machte eine tiefe, halbkreisförmige Verbeugung, als ob alle Welt ihm zugejubelt hätte.

Darauf erhob sich der Vorsitzende zum zweitenmal. Zunächst bemerkte er, daß er es in voller Absicht unterlassen habe, nach den Namen und sonstigen Angewohnheiten der Angeschuldigten zu fragen, da er vollständig überzeugt sei, daß sie ihn doch belogen hätten. Im Falle des Aufknüpfens schlage er also vor, der Kürze wegen einen einzigen und summarischen Totenschein auszustellen, welcher ungefähr lauten werde: „Neunzehn Kukluxer aufgehängt, weil sie selbst daran schuld waren.“ Er gebe ferner zu, daß man es nur mit Versuchen zu tun habe, und wolle danach die Schuldfrage stellen. Aber den beiden fremden Gentlemen haben wir es zu verdanken, daß aus dem Versuche nicht die Tat geworden sei. Der Versuch sei gefährlich, und diese Gefahr müsse bestraft werden. Er habe weder Lust noch Zeit, sich stundenlang zwischen dem Staatsanwalte und dem Verteidiger hin und her zu bewegen; auch könne es ihm nicht einfallen, sich übermäßig lange mit einer Bande zu beschäftigen, weiche, neunzehn Mann stark und sehr gut bewaffnet, sich von zwei Männern habe gefangen nehmen lassen; solche Helden seien nicht einmal der Aufmerksamkeit eines Kanarienvogels oder Sperlings wert. Er habe sich schon sagen lassen müssen, daß er wohl gar ein Freund der Kukluxer sei; das könne er nicht auf sich sitzen lassen, sondern er werde dafür sorgen, daß diese Leute wenigstens beschämt abziehen und das Wiederkommen für immer vergessen müßten. Er stelle also hiermit an die Herren Geschworenen die Frage, ob die Angeklagten des Versuches des Mordes, des Raubes, der Körperverletzung und der Brandstiftung schuldig seien, und bitte, die Antwort ja nicht bis zum letzten Dezember des nächsten Jahres hinauszuschieben, denn es seien da vor der Jury eine ganze Menge sehr hochachtbarer Zuhörer versammelt, denen man die Entscheidung nicht lange vorenthalten dürfe.

Seine sarkastische Ausführung wurde mit lautem Beifall belohnt. Die Herren Geschworenen traten in eine Ecke zusammen, besprachen sich nicht zwei Minuten lang, und dann teilte ihr Obmann dem Vorsitzenden das Resultat mit, welches letzterer verkündigte. Es lautete auf schuldig. Nun begann eine leise Beratung des Sheriffs mit seinen Beisitzern. Auffällig war es, daß der erstere während dieser Beratung den Befehl erteilte, den Gefangenen alles abzunehmen, was sie in ihren Taschen mit sich führten, besonders aber nach Geld zu suchen. Als dieser Befehl ausgeführt worden war, wurde das vorhandene Geld gezählt. Der Sheriff nickte befriedigt vor sich hin und erhob sich dann, um das Urteil zu verkündigen.

„Mesch’schurs,“ sagte er ungefähr- „die Angeklagten sind als schuldig erkannt. Ich glaube, es entspricht eurem Wunsche, wenn ich euch, ohne dabei viele Worte zu machen, sage, worin die Strafe besteht, zu deren Verhängung und sehr energischen Durchführung wir uns geeinigt haben. Die in Rede stehenden Verbrechen sind nicht ausgeführt worden; daher haben wir, dem Herrn Verteidiger gemäß, welcher an unsere Humanität und christliche Gesinnung appellierte, beschlossen, von einer direkten Bestrafung abzusehen – – –“

Die Angeklagten atmeten auf; das sah man ihnen an. Unter den Zuhörern wurden einzelne Rufe der Unzufriedenheit laut. Der Sheriff fuhr fort:

„Ich sagte bereits, daß der Versuch eines Verbrechens eine Gefahr mit sich bringe. Wenn wir diese Kukluxer nicht bestrafen, so müssen wir wenigstens dafür sorgen, daß sie uns fernerhin nicht mehr gefährlich werden können. Daher haben wir beschlossen, sie aus dem Staate Texas zu entfernen, und zwar in so beschämender Weise, daß es ihnen wohl nicht einfallen wird, sich hier jemals wieder sehen zu lassen. Darum wird zunächst bestimmt, daß ihnen allen jetzt sofort das Haar und die Bärte bis ganz kurz auf die Haut abzuscheren sind. Einige der anwesenden Gentlemen werden sich wohl gern den Spaß machen, dies zu tun. Wer nicht weit zu laufen hat, mag nach Hause gehen, um eine Schere zu holen; solchen, welche nicht gut schneiden, wird die sehr ehrwürdige Jury den Vorzug geben.“

Allgemeines Gelächter erscholl. Einer riß das Fenster auf und schrie hinab:

„Scheren herbei! Die Kukluxer sollen geschoren werden. Wer eine Schere bringt, wird eingelassen.“

Ich war sehr überzeugt, daß im nächsten Augenblicke alle Untenstehenden nach Scheren rannten. Und wirklich hörte ich sogleich, daß ich ganz richtig vermutet hatte. Man hörte ein allgemeines Laufen und lautes Rufen nach Shears und Scissars. Eine Stimme brüllte sogar nach shears for clipping trees und shears for clipping sheeps, also nach Baum- und Schafscheren.

„Ferner wird beschlossen,“ fuhr der Sheriff fort, „die Verurteilten nach dem Steamer zu schaffen, welcher noch nach elf Uhr von Austin gekommen ist und mit Anbruch des Tages nach Matagorda gehen wird. Dort angekommen, werden sie auf das erste beste Schiff gebracht, welches abgeht, ohne wieder in Texas landen zu wollen. Sie werden an Deck dieses Fahrzeuges gebracht, gleichviel, wer sie sind, woher sie kamen und wohin dieses Schiff geht. Von jetzt an bis zur Einschiffung dürfen sie ihre Verkleidungen nicht ablegen, damit jeder Passagier das Recht habe, zusehen, wie wir Texaner mit den Kukluxern verfahren. Auch werden ihnen die Fesseln nicht abgenommen. Wasser und Brot erhalten sie erst in Matagorda. Die auflaufenden Kosten werden von ihrem eigenen Gelde bezahlt, welches die schöne Summe von über dreitausend Dollars ausmacht, die sie wohl zusammengeraubt haben werden. Außerdem wird all ihr Eigentum, besonders die Waffen, konfisziert und sofort versteigert. Die Jury hat bestimmt, daß der Ertrag der Auktion zum Ankaufe von Bier und Brandy verwendet werde, damit die ehrenwerten Zeugen dieser Verhandlung mit ihren Ladies einen Schluck zu dem Reel haben, den wir nach Beendigung dieses Gerichtes hier tanzen werden, um dann bei Tagesanbruch die Kukluxer mit einer würdigen Musik und dem Gesange eines tragischen Liedes nach dem Steamer zu begleiten. Sie werden diesem Balle da zusehen und zu diesem Zwecke da stehen bleiben, wo sie sich befinden. Wenn der Verteidiger etwas gegen dieses Urteil einzuwenden hat, so sind wir gerne bereit, ihn anzuhören, falls er die Gewogenheit haben will, es kurz zu machen. Wir haben die Kukluxer zu scheren und ihre Sachen zu versteigern, also sehr viel zu tun, bevor der Ball beginnen kann.“

Das Beifallsrufen, welches sich jetzt erhob, war eher ein Brüllen zu nennen. Vorsitzender und Verteidiger mußten sich sehr anstrengen, Ruhe zu schaffen, damit der letztere zu Worte kommen könne.

„Was ich noch zum Nutzen meiner Klienten zu sagen habe,“ meinte er, „ist folgendes. Ich finde das Urteil des hochachtbaren Gerichtshofes einigermaßen hart, doch ist diese Härte durch den letzten Teil der richterlichen Entscheidung, welcher Bier, Brandy, Tanz, Musik und Gesang betrifft, mehr als zur Genüge ausgeglichen. Darum erkläre ich mich im Namen derjenigen, deren Interessen ich zu vertreten habe, mit dem Urteile völlig einverstanden und hoffe, daß sie sich dasselbe als Aufforderung zum Beginn eines besseren und nützlicheren Lebenswandels dienen lassen. Ich warne sie auch, jemals wieder zu uns zu kommen, da ich in diesem Falle mich weigern würde, ihre Verteidigung nochmals zu übernehmen, und sie also nicht wieder einen so ausgezeichneten juridischen Beirat finden würden. Geschäftlich bemerke ich noch, daß ich für meine Verteidigung pro Klient zwei Dollars zu fordern habe, macht für neunzehn Mann achtunddreißig Dollars, wofür ich nicht schriftlich zu quittieren brauche, wenn sie mir gleich jetzt vor so vielen Zeugen ausgehändigt werden. In diesem Falle nehme ich nur achtzehn für mich und gebe die übrigen zwanzig für Licht und Miete des Saales. Die Musikanten können durch ein Entree entschädigt werden, welches ich vorschlage, auf fünfzehn Cents pro Gentleman zu stellen. Die Ladies haben natürlich nichts zu zahlen.“

Er setzte sich, und der Sheriff erklärte sich völlig mit ihm einverstanden.

Ich saß da, als wenn ein Traum mich befangen hielte. War das alles Wirklichkeit? Ich konnte nicht daran zweifeln, denn der Verteidiger erhielt sein Geld, und Viele rannten fort, um ihre Frauen zum Ball zu holen; viele Andere kamen und brachten alle möglichen Arten von Scheren mit sich geschleppt. Ich wollte mich gern ärgern, brachte es aber nicht fertig und stimmte in Old Deaths Gelächter ein, dem dieser Ausgang des Abenteuers außerordentlichen Spaß bereitete. Die Kukluxer wurden wirklich kahl geschoren. Dann begann die Versteigerung. Die Gewehre gingen schnell weg und wurden sehr gut bezahlt. Auch von den übrigen Gegenständen war bald nichts mehr vorhanden. Der dabei verursachte Lärm, das Kommen und Gehen, das Drängen und Stoßen war unbeschreiblich. Jeder wollte im Salon sein, obgleich derselbe nicht den zehnten Teil der Anwesenden faßte. Dann stellten sich die Musikanten ein, ein Klarinettist, ein Violinist, ein Trompeter und jemand mit einem alten Fagotte. Diese wunderbare Kapelle postierte sich in eine Ecke und begann, ihre vorsündflutlichen Instrumente zu stimmen, was mir einen nicht eben angenehmen Vorgeschmack der eigentlichen Leistung gab. Ich wollte gehen, besonders da jetzt die Ladies auf dem Schauplatz erschienen, aber da kam ich bei Old Death schön an. Er erklärte, wir beiden, die wir doch die Hauptpersonen seien, müßten nach all den Mühen und Gefahren nun auch das Vergnügen genießen. Der Sheriff hörte das und stimmte ihm bei, ja, behauptete mit aller Energie, daß es eine Beleidigung der ganzen Bürgerschaft von La Grange sein würde, wenn wir beide uns weigerten, den ersten Rundtanz anzuführen. Er stellte dazu Old Death seine Gemahlin und mir seine Tochter zur Verfügung, welche beide ausgezeichnete Tänzerinnen seien. Da ich ihm zwei Zähne ausgeschlagen habe und er mir einigemale in die Rippen geraten sei, müßten wir uns selbstverständlich als wahlverwandt betrachten, und so würde ich seine Seele auf das tiefste kränken, falls ich ihm seine dringende Bitte, hier zu bleiben, nicht erfülle. Er werde dafür sorgen, daß ein Extratisch für uns reserviert werde. Was konnte ich machen? Unglücklicherweise stellten sich in diesem Augenblicke seine beiden Ladies ein, denen wir vorgestellt wurden. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen! Ich sah ein, daß ich den berühmten Rundtanz riskieren müsse und vielleicht noch einige Rutscher und Hopser dazu, ich, einer der Helden des heutigen Tages und –Privatdetektiv inkognito.

Der gute Sheriff freute sich vielleicht außerordentlich, uns den Göttinnen seiner Häuslichkeit geweiht zu haben. Er besorgte uns einen Tisch, welcher den großen Fehler hatte, nur für vier Personen auszureichen, so daß wir ohne Gnade und Barmherzigkeit den beiden Ladies verfallen waren. Die Damen waren kostbar. Die amtliche Stellung ihres Gatten und Vaters erforderte, daß sie sich mit möglichster Würde gaben. Die Mama war etwas über fünfzig, strickte an einer wollenen Leibjacke und sprach einmal vorn Codex Napoleon; dann aber schloß sich ihr Mund für immer. Das Töchterlein, über dreißig alt, hatte einen Band Gedichte mitgebracht, in welchem sie trotz des uns umtobenden Höllenspektakels unausgesetzt zu lesen schien, beehrte Old Death mit einer geistreich sein sollenden Bemerkung über Pierre Jean de Béranger, und als der alte Scout ihr aufrichtig versicherte, daß er mit diesem Sir noch niemals gesprochen habe, versank sie in ein ewiges Stillschweigen. Als Bier herumgereicht wurde, tranken unsere Damen nicht; als aber der Sheriff ihnen zwei Gläser Brandy brachte, belebten sich ihre scharfen, menschenfeindlichen Züge.

Bei dieser Gelegenheit gab mir der würdige Beamte einen seiner bekannten Rippenstöße und flüsterte mir zu:

„Jetzt kommt der Rundtanz. Greift nur rasch zu!“

„Werden wir nicht abgewiesen werden?“ fragte ich in einem Tone, welchem jedenfalls viel Vergnügen nicht anzumerken war.

„Nein. Die Ladies sind gut informiert.“

Ich erhob und verbeugte mich vor der Tochter, murmelte etwas von Ehre, Vergnügen und Vorzug und erhielt – das Buch mit den Gedichten, an welchem die Miß festhing. Old Death fing die Sache praktischer an. Er rief der Mama zu.

„Na, kommt also, Mis’siß! Rechts herum oder links hinum, ganz wie es Euch recht ist. Ich springe mit allen Beinen.“

Wie wir beide tanzten, welches Unheil mein alter Freund anrichtete, indem er mit seiner Tänzerin zu Boden stürzte, wie die Gentlemen zu trinken begannen – davon schweige ich. Genug, als es Tag wurde, waren die Vorräte des Wirtes ziemlich auf die Neige gegangen, und der Sheriff versicherte, daß doch das aus der Versteigerung gewonnene Geld noch nicht alle sei, man könne morgen oder vielleicht heute abend noch einen kleinen Reel tanzen. In den beiden Parterrestuben, im Garten und vor dem Hause saßen oder lagen die Angeheiterten, teilweise wohl mit schweren Köpfen. Sobald aber die Kunde erschallte, daß der Zug nach dem Landungsplatze vor sich gehen solle, waren alle auf den Beinen. Der Zug war folgendermaßen geordnet: Voran die Musikanten, dann die Mitglieder des Gerichtshofes, die Kukluxer in ihrer seltsamen Bekleidung, ferner wir Zeugen und hinter uns die Masters, Sirs und Gentlemen nach Gefallen und Belieben.

Der Amerikaner ist ein wunderbarer Kerl. Was er braucht, ist stets da. Woher die Leute alles so schnell bekommen oder geholt hatten, das wußten wir nicht, aber so viel ihrer sich dem Zug anschlossen, und das waren wohl alle, die würdigen Prediger und die Ladies ausgenommen, jeder hatte irgend ein zur Katzenmusik geeignetes Instrument in der Hand. Als alle in Reihe und Glied standen, gab der Sheriff das Zeichen; der Zug setzte sich in Bewegung, und die voranschreitenden Virtuosen begannen das Yankee-doodle zu malträtieren. Am Schlusse desselben fiel die Katzenmusik ein. Was alles dazu gepfiffen, gebrüllt, gesungen wurde, das ist nicht zu sagen. Es war, als ob ich mich unter lauter Verrückten befände. So ging es im langsamen Trauerschritt nach dem Flusse, wo die Gefangenen dem Kapitän abgeliefert wurden, welcher sie, wie wir uns überzeugten, in sichern Gewahrsam nahm. An Flucht war nicht zu denken, dafür verbürgte sich der Kapitän. Übrigens wurden sie von den mitfahrenden Deutschen auf das strengste bewacht.

Als sich das Schiff in Bewegung setzte, bliesen die Musikanten ihren schönsten Tusch, und die Katzenmusik begann von neuem. Während aller Augen dem Schiff folgten, nahm ich Old Death beim Arme und trollte mich nun mit Lange und Sohn heim. Dort angelangt, beschlossen wir, einen kurzen Schlaf zu halten; aber er dauerte länger, als wir uns vorgenommen hatten. Als ich erwachte, war Old Death schon munter. Er hatte vor Schmerzen in der Hüfte nicht schlafen können und erklärte mir zu meinem Schreck, daß es ihm unmöglich sei, heute weiter zu reiten. Das waren die schlimmen Folgen seines Sturzes beim Tanze. Wir schickten nach dem Wundarzte. Dieser kam, untersuchte den Patienten und erklärte, das Bein sei aus dem Leibe geschnappt und müsse also wieder hineingeschnappt werden. Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige gegeben. Er zerrte eine halbe Ewigkeit an dem Beine herum und versicherte uns, daß wir es schnappen hören würden. Wir lauschten aber natürlich vergebens. Dieses Zerren verursachte dem Scout fast gar keine Schmerzen; darum schob ich den Pflastermann zur Seite und sah die Hüfte an. Es gab da einen blauen Fleck, welcher in einen gelben Rand auslief, und ich war darum überzeugt, daß es sich um eine Quetschung handelte.

„Wir müssen für eine Einreibung mit Senf oder einem andern Spiritus sorgen, das wird Euch aufhelfen,“ sagte ich. „Freilich, wenigstens heute müßt Ihr Euch ruhig verhalten. Schade, daß Gibson indessen entkommt!“

„Der?“ antwortete der Alte. „Habt keine Sorge, Sir! Wenn man die Nase so eines alten Jagdhundes, wie ich bin, auf eine Fährte richtet, so läßt er sicher nicht nach, bis das Wild gepackt ist. Darauf könnt Ihr Euch getrost verlassen.“

„Das tue ich auch; aber er gewinnt mit William Ohlert einen zu großen Vorsprung!“

„Den holen wir schon noch ein. Ich kalkuliere, es ist ganz gleich, ob wir sie einen Tag früher oder später finden, wenn wir sie eben nur finden. Haltet den Kopf empor! Dieser sehr ehrenwerte Sheriff hat uns mit seinem Reel und seinen beiden Ladies einen kleinen Strich durch die Rechnung gemacht; aber Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß ich die Scharte gewiß auswetzen werde. Man nennt mich Old Death. Verstanden!“

Das klang freilich leidlich tröstlich, und da ich dem Alten zutraute, daß er Wort halten werde, so gab ich mir Mühe, unbesorgt zu sein. Allein konnte ich doch nicht fort. Darum war es mir auch sehr willkommen, als Master Lange beim Mittagessen sagte, er wolle mit uns reisen, da sein Weg vorläufig derselbe sei.

„Schlechte Kameraden erhaltet ihr an mir und meinem Sohn nicht,“ versicherte er. „Ich weiß ein Pferd zu regieren und mit einer Büchse umzugehen. Und sollten wir unterwegs auf irgend welches weißes oder rotes Gesindel stoßen, so wird es uns nicht einfallen, davonzulaufen. Also wollt ihr uns mitnehmen? Schlagt ein!“

Natürlich schlugen wir ein. Später kam Cortesio, der noch länger geschlafen hatte als wir, und wollte uns die beiden Pferde zeigen. Old Death hinkte trotz seiner Schmerzen in den Hof. Er wollte die Pferde selbst sehen.

„Dieser junge Master behauptet zwar, reiten zu können,“ sagte er; „aber unsereins weiß, was davon zu halten ist. Und einen Pferdeverstand traue ich ihm nicht zu. Wenn ich ein Pferd kaufe, so suche ich mir vielleicht dasjenige aus, welches das schlechteste zu sein scheint. Natürlich aber weiß ich, daß es das beste ist. Das ist mir nicht nur einmal passiert.“

Ich mußte ihm alle im Stalle stehenden Pferde vorreiten, und er beobachtete jede ihrer Bewegungen mit Kennermiene, nachdem er vorsichtigerweise nach dem Preise gefragt hatte. Wirklich kam es so, wie er gesagt hatte; er nahm die beiden, welche für uns bestimmt gewesen waren, nicht.

„Sehen besser aus, als sie sind,“ sagte er. „Würden aber nach einigen Tagen schon marode sein. Nein, wir nehmen die beiden alten Füchse, die wunderbarerweise so billig sind.“

„Aber das sind ja die reinen Karrengäule!“ meinte Cortesio.

„Weil Ihr es nicht versteht, Sennor, mit Eurer Erlaubnis zu sagen. Die Füchse sind Prairiepferde, haben sich aber in schlechter Hand befunden. Ihnen geht die Luft nicht aus, und ich kalkuliere, daß sie wegen einer kleinen Strapaze nicht in Ohnmacht fallen. Wir behalten sie. Basta, abgemacht!“ –

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Durch Die Mapirni

Durch die Mapirni

Ich war der Überzeugung gewesen, Gibsons noch im Bereiche der Vereinigten Staaten habhaft zu werden. Nun mußte ich ihm nach Mexiko und sogar in die allergefährlichste Gegend dieses Landes folgen. Der Weg, welcher erst hatte eingeschlagen werden sollen, um Chihuahua zu erreichen, berührt den Norden des wüsten Gebietes der Mapimi und führt meist durch freies, offenes Land. Nun aber hatten wir uns südlich wenden müssen, wo Gefahren uns erwarteten, denen wir wohl kaum gewachsen waren. Zu diesen niederschlagenden Gedanken trat die körperliche Ermüdung, deren sich selbst die Comanchen nicht mehr erwehren konnten. Wir hatten von der Hacienda del Caballero aus einen wahren Parforceritt gemacht. Den Roten war das getrocknete Fleisch ausgegangen, welches ihren Proviant gebildet hatte, und auch wir besaßen nur noch wenig von dem Speisevorrate, welchen uns der Haciendero hatte einpacken lassen. Das Terrain stieg nach und nach höher an. Wir erreichten Berge, welche wir am Mittage gesehen hatten, steinige Massen ohne alles pflanzliche Leben. Wir wandten uns zwischen ihnen hindurch, immer nach Süden. Zwischen den steilen Abhängen war die Hitze noch größer als draußen auf der freien Ebene. Die Pferde verlangsamten ihre Schritte immer mehr. Auch der Haupttrupp der Comanchen war hier sehr langsam geritten, wie man aus den Spuren ersah. Über uns schwebten mehrere Geier, welche uns seit Stunden gefolgt waren, als ob sie erwarteten, daß unsere Erschöpfung ihnen eine Beute bringen werde. Da färbte sich plötzlich, als wir um eine Felsenecke schwenkten, der Süden dunkler. Dort schien es bewaldete Berge zu geben, und sofort fielen die Pferde, als ob auch sie diese Bemerkung gemacht hätten, in lebhafteren Schritt. Das Gesicht Old Deaths heiterte sich auf.

„Jetzt ahne ich, wohin wir kommen,“ sagte er. „Ich rechne, daß wir uns in der Nähe des Flußgebietes des Rio Sabinas befinden, welcher aus der Mapimi herabkommt. Wenn die Comanchen sich entschlossen haben, seinem Laufe aufwärts zu folgen, so hat die Not ein Ende. Wo Wasser ist, gibt es Wald und Gras und wohl auch Wild, selbst in dieser traurigen Gegend. Wollen den Pferden die Sporen zeigen. Je mehr wir sie jetzt anstrengen, desto eher können sie sich ausruhen.“

Die Fährte hatte sich wieder ostwärts gewendet. Wir gelangten in eine lange, schmale Schlucht, und als dieselbe sich öffnete, sahen wir ein grünes Tal vor uns liegen, welches durch einen Bach bewässert wurde. Nach diesem Bache stürmen und dort aus dem Sattel springen, war eines. Selbst wenn die Comanchen sich hätten beherrschen wollen, so hätten sie doch ihren Pferden den Willen lassen müssen. Aber als die letzteren getrunken hatten, saßen wir gleich wieder auf, um weiter zu reiten. Der Bach ergoß sich nach kurzer Zeit in einen größeren, welchem wir aufwärts folgten. Derselbe führte uns in einen Cañon, dessen steile Wände stellenweise mit Büschen bewachsen waren. Als wir diesen durchritten hatten, kamen wir an grünenden Berglehnen vorüber, deren Färbung unseren geblendeten Augen wohl tat. Mittlerweile hatte es zu dunkeln begonnen, und wir mußten uns nach einem Lagerplatz umsehen. Der Anführer der Comanchen bestand darauf, noch ein Stück weiter zu reiten, bis wir auch Bäume finden würden, und wir mußten uns seinem Willen fügen. Die Pferde stolperten über Steine, welche im Wege lagen. Fast war es Nacht; da wurden wir plötzlich angerufen. Der Anführer gab seine Antwort in freudigem Tone, denn der Ruf war in der Sprache der Comanchen erfolgt. Wir blieben halten. Old Death ritt mit dem Anführer vor, kehrte aber bald zurück und meldete:

„Die Comanchen lagern vor uns. Ihrer Fährte nach war das Zusammentreffen jetzt noch nicht zu erwarten. Aber sie haben sich nicht weiter gewagt, ohne die Gegend zu erkunden. Darum haben sie sich hier gelagert und am Mittag Kundschafter ausgeschickt, welche bis jetzt noch nicht zurückgekehrt sind. Kommt vor! Ihr werdet sogleich die Lagerfeuer sehen.“

„Ich denke, daß auf einem solchen Kriegszuge keine Lagerfeuer angebrannt werden,“ sagte ich.

„Das Terrain wird es ihnen erlauben. Da sie Kundschafter vor sich her gesandt haben, so sind sie sicher, daß sich kein Feind in der Nähe befindet, welcher die Feuer sehen kann.“

Wir ritten vorwärts. Die Schlucht war zu Ende, und wir sahen wohl gegen zehn Feuer brennen, nicht mit hohen, sondern gedämpften Flammen, wie es bei Indianern stets der Fall ist. Es schien ein runder, baumleerer Talkessel zu sein, welchen wir vor uns hatten. Die Höhen stiegen, so viel ich bei der Dunkelheit erkennen konnte, rundum steil an, ein Umstand, welchen die Comanchen als günstig für ihre Sicherheit zu betrachten schienen.

Die Roten, bei denen wir uns befunden hatten, ritten stracks auf das Lager zu, während uns bedeutet wurde, zu warten, bis man uns holen werde. Es dauerte eine ziemliche Weile, bis einer kam, um uns zum Häuptling zu führen, der seinen Platz am mittleren Feuer hatte, um welches die andern im Kreise brannten. Er saß in Gesellschaft von zwei Männern, welche wohl ausgezeichnete Krieger waren. Sein Haar war grau, aber lang und in einen Schopf gebunden, in welchem drei Adlerfedern befestigt waren. Er trug Mokassins, schwarze Tuchhose, Weste und Jacke von hellerem Stoffe und hatte ein Doppelgewehr neben sich liegen. Im Gürtel sah man eine alte Pistole. Messer und ein Stück Fleisch hielt er in den Händen, legte aber, als er uns sah, beides weg. Er war eben mit dem Essen beschäftigt gewesen. Der Geruch gebratenen Pferdefleisches lag in der Luft. Dicht neben der Stelle, an welcher er saß, murmelte ein Quell aus der Erde hervor. Wir waren noch nicht von den Pferden gestiegen, so hatte sich schon ein weiter Kreis eng aneinander stehender Krieger um uns gebildet, unter denen ich mehrere weiße Gesichter bemerkte. Man bemächtigte sich sofort unserer Pferde, um sie fort zu schaffen. Da Old Death es geschehen ließ, ohne Einspruch zu erheben, konnte ich nichts Gefährliches darin sehen. Der Häuptling stand auf und die beiden Andern mit ihm. Er trat Old Death entgegen, reichte ihm ganz nach Art der Weißen die Hand und sagte in freundlich ernstem Tone:

„Mein Bruder Old Death überrascht die Krieger der Comanchen. Wie hätten sie ahnen können, ihn hier zu treffen. Er ist willkommen und wird mit uns gegen die Hunde der Apachen kämpfen.“

Er hatte, wohl damit auch wir ihn verstehen könnten, im Mischjargon gesprochen. Old Death antwortete in eben demselben:

„Der weise Manitou leitet seine roten und bleichen Kinder auf wunderbaren Wegen. Glücklich ist der Mann, welcher auf jedem dieser Wege einem Freunde begegnet, auf dessen Wort er sich verlassen kann. Wird der weiße Biber auch mit meinen Gefährten die Pfeife des Friedens rauchen?“

„Deine Freunde sind auch meine Freunde, und wen du liebst, den liebe ich auch. Sie mögen sich an meine Seite setzen und aus dem Calumet des Häuptlings der Comanchen den Frieden trinken.“

Old Death setzte sich nieder, und wir folgten seinem Beispiel. Nur der Schwarze trat zur Seite, wo er sich ebenfalls im Grase niederließ. Die Roten standen stumm und bewegungslos wie Statuen im Kreise. Die Gesichtszüge der einzelnen Weißen zu erkennen, war mir unmöglich. Der Schein des Feuers reichte dazu nicht aus. Oyo-koltsa band sein Calumet vom Halse, stopfte den Kopf desselben voll Tabak aus dem Beutel, welcher ihm am Gürtel hing, und brannte ihn an. Nun folgte fast ganz genau dieselbe Zeremonie, welche beim Zusammentreffen mit seinem Sohne stattgefunden hatte. Dann erst gewannen wir die Gewißheit, keine Feindseligkeiten seitens der Comanchen befürchten zu müssen.

Während wir vor dem Lager warten mußten, hatte der Anführer der Fünfzig dem Häuptling über uns Mitteilung gemacht, wie wir jetzt aus dem Munde des Letzteren hörten. Er bat Old Death, ihm nun auch seinerseits zu erzählen, wie die Angelegenheit sich zugetragen habe. Der Alte tat es in einer Weise, daß -weder auf uns, noch auf Sennor Atanasio ein Mißtrauen fallen konnte.

Der weiße Biber blickte eine Zeit lang sinnend vor sich nieder und sagte dann:

„Ich muß meinem Bruder Glauben schenken. Selbst wenn ich zweifeln wollte, finde ich in seiner Erzählung nichts, woraus ich schließen könnte, daß er mich täuschen will. Aber auch dem andern Bleichgesicht muß ich trauen, denn er hat keinen Grund, die Krieger der Comanchen zu belügen, und eine Lüge würde ihm das Leben kosten. Er befindet sich bei uns und hätte sich längst von uns entfernt, wenn er uns die Unwahrheit gesagt hätte. Ich kann also nichts anders denken, als daß einer von euch sich getäuscht hat.“

Das war sehr scharfsinnig gedacht, nämlich von seinem Standpunkte aus. Old Death mußte vorsichtig sein. Wie leicht konnte der Häuptling auf den Gedanken kommen, noch einmal eine Abteilung zurückzusenden, um den Haciendero des Nachts zu überraschen! Am allerbesten war es, eine glaubliche Erklärung des vermuteten Irrtums zu geben. Das dachte auch der Scout. Darum sagte er:

„Eine Täuschung liegt allerdings vor; aber nicht ich, sondern das Bleichgesicht wurde getäuscht. Wo wäre der Mann, welcher Old Death zu täuschen vermöchte! Das weiß mein roter Bruder auch.“

„So mag mein Bruder mir sagen, wie sich die Sache zugetragen hat!“

„Zunächst muß ich da sagen, daß der Häuptling der Comanchen selbst getäuscht worden ist.“

„Von wem?“ fragte der weiße Biber indem er plötzlich ein sehr ernstes Gesicht machte.

„Von den sämtlichen Bleichgesichtern, welche du bei dir hast, vermute ich.“

„Auf eine Vermutung darf ich nicht hören. Gib mir den Beweis! Wenn die mich täuschen, mit denen wir die Pfeife des Friedens geraucht haben, so müssen sie sterben!“

„Also nicht nur die Friedenshand hast du ihnen gegeben, sondern sogar das Calumet mit ihnen geraucht? Wäre ich bei dir gewesen, so hätte ich dich gehindert, es zu tun. Ich werde dir den verlangten Beweis geben. Sage mir, wessen Freund du bist, etwa des Präsidenten Juarez?“

Der Gefragte machte eine wegwerfende Handbewegung und antwortete:

„Juarez ist eine abgefallene Rothaut, welche in Häusern wohnt und das Leben der Bleichgesichter führt. Ich verachte ihn. Die Krieger der Comanchen haben ihre Tapferkeit dem großen Napoleon geliehen, welcher ihnen dafür Waffen, Pferde und Decken schenkt und ihnen die Apachen in die Hände gibt. Auch die Bleichgesichter sind Napoleons Freunde.“

„Das ist eben eine Lüge. Damit haben sie dich getäuscht. Sie sind nach Mexiko gekommen, um Juarez; zu dienen. Hier sitzen meine Gefährten als Zeugen. Du weißt doch, wen der große, weiße Vater in Washington in seinen Schutz genommen hat?“

„Juarez.“

„Und daß drüben jenseits der Grenze Soldaten angeworben werden, welche man auf heimlichen Wegen an Juarez herübersendet, weißt du auch. Nun, zu La Grange wohnt ein Mexikaner, welcher Sennor Cortesio heißt. Wir selbst sind bei ihm gewesen, und diese beiden Männer waren seine Nachbarn und Freunde. Er selbst hat es ihnen und uns gesagt, daß er viele Männer für Juarez anwirbt, und am Tage, bevor wir zu ihm kamen, einige der bei dir befindlichen Weißen zu Soldaten des Juarez gemacht hat. Die andern aber sind Truppen, welche die Angeworbenen begleiten müssen. Du bist ein Feind des Juarez und hast doch mit seinen Soldaten die Pfeife des Friedens geraucht, weil sie dich belogen haben.“

Das Auge des Häuptlings flammte zornig auf. Er wollte sprechen, doch Old Death fiel ihm in die Rede:

„Laß mich vor dir sprechen! Also diese Bleichgesichter sind Soldaten des Juarez. Sie kamen auf die Hacienda des Sennor Atanasio, der ein Freund Napoleons ist. Er hatte einen hohen, alten Anführer der Franzosen als Gast bei sich.

Die Bleichgesichter hätten diesen Mann getötet, wenn sie ihn erkannt hätten. Darum mußte er sich krank stellen und sich niederlegen. Man bestrich sein Gesicht mit dunkler Farbe, um ihm das Aussehen eines Indianers zu geben. Als nun die Bleichgesichter ihn sahen und fragten, wer er sei, wurde geantwortet, er sei der gute Mann, der Häuptling der Apachen.“

Der Häuptling zog die Augenbrauen hoch. Er glaubte dem Erzähler, war aber doch so vorsichtig, zu fragen:

„Warum sagte man grad diesen Namen?“

„Weil die Apachen es mit Juarez halten. Die Bleichgesichter mußten also in diesem Manne einen Freund erkennen. Und er war alt und hatte graues Haar, welches er nicht verbergen konnte. Man wußte, daß der gute Mann auch graues Haar hat; darum gab man ihm den Namen dieses Apachen.“

„Uff! Jetzt verstehe ich dich. Dieser Sennor muß ein sehr kluger Mann sein, daß er auf eine solche Ausrede gekommen ist. Aber wo war der Anführer des Napoleon, als meine Krieger kamen? Sie haben ihn nicht gesehen.“

„Er war bereits wieder fort. Du siehst also, es ist nur eine Ausrede gewesen, daß Winnetou den guten Mann gebracht habe. Die Bleichgesichter haben das geglaubt. Dann sind sie auf dich und deine Krieger gestoßen. Sie haben gewußt, daß die Comanchen Freunde der Franzosen sind, und sich also auch für deren Freunde ausgegeben.“

„Ich glaube dir, aber ich muß einen sicheren Beweis haben, daß sie Anhänger des Juarez sind, sonst kann ich sie nicht bestrafen, denn sie haben aus unserm Calumet geraucht.“

„Ich wiederhole, daß ich dir diesen Beweis geben werde. Vorher aber muß ich dir sagen, daß sich unter diesen Bleichgesichtern zwei Männer befinden, welche ich gefangen nehmen will.“

„Warum?“

„Sie sind unsere Feinde, und wir haben unsere Pferde viele Tage lang auf ihrer Spur gehabt.“

Das war die beste Antwort. Hätte Old Death eine lange Erzählung über Gibson und William Ohlert gemacht, so hätte er das nicht erreicht, was er mit den kurzen Worten Sie sind unsere Feinde erreichen konnte. Das zeigte sich sofort, denn der Häuptling sagte:

„Wenn sie deine Feinde sind, so sind sie auch die unserigen, sobald wir ihnen den Rauch des Friedens wieder genommen haben. Ich werde dir die Beiden schenken.“

„Gut! So laß den Anführer der Bleichgesichter hierher kommen! Wenn ich mit ihm rede, so wirst du bald erkennen, wie recht ich habe, wenn ich behaupte, daß er Anhänger des Juarez ist.“

Der Häuptling winkte. Einer seiner Krieger kam herbei und erhielt den betreffenden Befehl. Er schritt auf einen Weißen zu, sagte ihm einige Worte, und dann kam dieser zu uns, eine hohe, starke Gestalt, mit bärtigem Gesicht und von martialischem Aussehen.

„Was soll ich?“ fragte er, indem er uns mit einem finstern, feindseligen Blicke maß. Ich war jedenfalls von Gibson erkannt worden, und dieser hatte ihm gesagt, daß von uns nichts Gutes zu erwarten sei. Meine Neugierde, zu hören, wie Old Death seinen Kopf aus der Schlinge ziehen werde, war nicht gering. Der alte, pfiffige Scout sah dem Frager mit sehr freundlichem Blicke in das Gesicht und antwortete auf das höflichste:

„Ich habe Euch von Sennor Cortesio in La Grange zu grüßen, Sennor.“

„Kennt Ihr ihn denn?“ fragte der Mann schnell, ohne zu ahnen, daß er soeben an eine sehr gefährliche Angel beiße.

„Natürlich kenne ich ihn,“ meinte der Alte. „Wir sind Freunde seit langer Zeit. Leider kam ich zu spät, um Euch bei ihm zu treffen, doch gab er mir die Richtung an, in welcher wir Euch treffen könnten.“

„Wirklich? So müßt Ihr freilich ein guter Freund von ihm sein. Welche Richtung nannte er?“

„Die Furt zwischen dem Las Moras und Rio Moral, und dann über Baya und Tabal nach Chihuahua. Ihr seid allerdings von dieser Route ein wenig abgewichen.“

„Weil wir unsere Freunde, die Comanchen trafen.“

„Eure Freunde? Ich denke, die Krieger der Comanchen sind Eure Gegner!“

Der Mann kam ganz sichtlich in große Verlegenheit; er räusperte sich und hustete, um Old Death ein Zeichen zu geben, welcher aber nichts zu bemerken schien. Old Death fuhr fort:

„Ihr haltet es ja mit Juarez; die Comanchen aber kämpfen für die Franzosen.“

Jetzt hatte sich der Mexikaner gefaßt. Er erklärte:

„Sennor, da irrt Ihr Euch sehr. Auch wir stehen auf der Seite der Franzosen.“

„Und schafft Angeworbene aus den Vereinigten Staaten nach Mexiko?“

„Ja, aber für Napoleon.“

„Ah so! Also Sennor Cortesio wirbt für Napoleon an?“

„Natürlich! Für wen anders?“

„Ich denke für Juarez.“

„Das fällt ihm gar nicht ein!“

„Schön! Ich danke Euch für diese Aufklärung, Sennor! Ihr könnt jetzt wieder an Euren Platz zurückkehren.“

Über das Gesicht des Mannes zuckte es zornig. Sollte er sich von diesem unscheinbaren Menschen wie ein Untergebener fortweisen lassen?

„Sennor,“ sagte er, „woher habt Ihr das Recht, mich so einfach in dieser Weise gehen zu heißen?“

„An diesem Feuer sitzen nur Häuptlinge und hervorragende Personen.“

„Ich bin ein Offizier!“

„Des Juarez?“ fragte Old Death schnell emporfahrend.

„Ja – nein, nein, Napoleons, wie ich bereits sagte.“

„Nun, soeben habt Ihr Euch glanzvoll versprochen. Ein Offizier, zumal in solchen Verhältnissen, sollte seine Zunge doch besser bewahren können. Ich bin mit Euch fertig, Ihr könnt gehen.“

Der Offizier wollte noch etwas sagen. Da aber machte der Häuptling eine gebieterisch fortweisende Armbewegung, welcher er gehorchen mußte.

„Nun, was sagt mein Bruder jetzt?“ fragte Old Death.

„Sein Gesicht klagt ihn an,“ antwortete der weiße Biber, „aber auch das ist noch kein Beweis.“

„Du bist aber überzeugt, daß er Offizier und bei jenem Sennor Cortesio gewesen ist?“

„Ja.“

„Er muß also zu der Partei gehören, für welche Cortesio anwirbt?“

„So ist es. Beweise mir aber, daß dieser Mann für Juarez anwirbt, so bin ich befriedigt!“

„Nun, hier ist der Beweis.“

Er griff in die Tasche und zog den Paß hervor, welcher mit Juarez unterschrieben war. Er öffnete ihn und fuhr fort:

„Um uns selbst zu überzeugen, daß Cortesio für Juarez arbeitet und daß alle Bleichgesichter, welche zu ihm kommen, Freunde von Juarez sind, haben wir so getan, als ob auch wir uns anwerben lassen wollten. Er hat uns angenommen und jedem von uns einen Paß gegeben, welcher mit dem Namen Juarez unterzeichnet ist. Mein Gefährte kann dir den seinigen ebenfalls zeigen.“

Der Häuptling nahm den Paß und betrachtete ihn genau. Ein grimmiges Lächeln glitt über sein Gesicht.

„Der weiße Biber hat nicht die Kunst der Weißen gelernt, auf dem Papiere zu sprechen,“ sagte er; „aber er kennt das Zeichen ganz genau, welches er hier sieht; es ist das Totem des Juarez. Und unter meinen Kriegern ist ein junger Mann, ein Halbblut, welcher als Knabe viel bei den Bleichgesichtern gewesen ist und die Kunst versteht, das Papier sprechen zu lassen. Ich werde ihn rufen.“

Er rief laut einen Namen aus. Ein junger, hell gefärbter Mann trat herbei und nahm auf einige Worte des Häuptlings den Paß in die Hand, kniete neben dem Feuer nieder und las, zugleich übersetzend, die Worte vor. Ich verstand ihn nicht; aber Old Deaths Gesicht wurde heller und immer heller. Als der Halbwilde geendet hatte, gab er den Paß mit sichtlichem Stolz, eine solche Kunst ausgeübt zu haben, zurück und entfernte sich. Old Death steckte den Paß ein und fragte:

„Soll auch mein Gefährte den seinigen zeigen?“

Der Häuptling schüttelte den Kopf.

„Weiß mein roter Bruder nun, daß diese Bleichgesichter ihn belogen haben und seine Feinde sind?“

„Er weiß es nun ganz gewiß. Er wird seine hervorragendsten Krieger sofort versammeln, um mit ihnen zu beraten, was geschehen soll.“

„Soll ich an dieser Beratung teilnehmen?“

„Nein. Mein Bruder ist klug im Rate und mutig bei der Tat; aber wir brauchen ihn nicht, denn er hat bewiesen, was er beweisen wollte. Was nun zu geschehen hat, ist nur Sache der Comanchen, welche belogen worden sind.“

„Noch eins. Es gehört zwar nicht zu der bisherigen Angelegenheit, ist aber von großer Wichtigkeit für uns. Warum ist mein roter Bruder so weit südwärts gezogen? Warum wagt er sich hinauf auf die Höhen der Wüste?“

„Die Comanchen wollten erst weiter nördlich reiten; aber sie haben erfahren, daß Winnetou mit großen Scharen nach dem Rio Conchos ist, und daß infolgedessen die Dörfer der Apachen hier unbewacht stehen. Wir haben uns daher schnell nach Süden gewendet und werden hier eine so große Beute machen, wie noch keine heimgeschafft wurde.“

„Winnetou nach dem Rio Conchos! Hin! Ist diese Nachricht zuverlässig? Von wem hast du sie? Wohl von den zwei Indianern, welche nordwärts von hier auf euch trafen?“

„Ja. Ihr habt ihre Fährte gesehen?“

„Wir sahen sie. Was für Indianer waren es?“

„Sie sind vom Stamme der Topia, Vater und Sohn.“

„Befinden sie sich noch bei dir, und darf ich mit ihnen sprechen?“

„Mein Bruder darf alles tun, was ihm gefällt.“

„Auch mit den beiden Bleichgesichtern sprechen, welche du mir ausliefern wirst?“

„Wer soll dich daran hindern?“

„So habe ich nur noch eine Bitte: Erlaube mir, um das Lager zu gehen! Wir sind in Feindesland, und ich möchte mich überzeugen, daß alles zu unserer Sicherheit Erforderliche geschehen ist.“

„Tue es, obgleich es nicht nötig ist. Der weiße Biber hat das Lager und die Wachen geordnet. Auch sind unsere Kundschafter vor uns. Also ist alles in Ordnung.“

Seine Freundschaft für Old Death mußte sehr groß sein, da er sich nicht beleidigt fühlte durch das Verlangen des Scout, selbst nach den getroffenen Sicherheitsmaßregeln zu sehen. Die beiden vornehmen Comanchen, welche vollständig wortlos bei ihm gesessen hatten, erhoben sich jetzt und schritten in gemessener Haltung davon, um die Teilnehmer der Beratung zusammen zu holen. Die andern Comanchen nahmen nun wieder an ihren Feuern Platz. Die beiden Langes und Sam bekamen einen Platz an einem derselben angewiesen und drei tüchtige Stücke gebratenen Pferdefleisches vorgelegt. Old Death aber nahm mich beim Arme und zog mich fort nach dem Feuer, an welchem die Weißen allein saßen. Als man uns dort kommen sah, stand der Offizier auf, kam uns zwei Schritte entgegen und fragte in englischer Sprache in feindseligem Tone:

„Was hatte denn eigentlich das Examen zu bedeuten, Master, welches Euch beliebte, mit mir anzustellen?“

Der Alte grinste ihn freundlich an und antwortete:

„Das werden Euch nachher die Comanchen sagen; darum kann ich mir die Antwort ersparen. Übrigens befinden sich unter euch Pferdediebe. Sprecht ja nicht in einem so hochtrabenden Tone mit Old Death! Es stehen sämtliche Comanchen zu mir und gegen euch, so daß es nur eines kleinen Winkes von mir bedarf, und es ist um euch geschehen.“

Er wendete sich mit stolzer Gebärde von ihnen ab, blieb aber stehen, um mir Gelegenheit zum Sprechen zu lassen. Gibson und William Ohlert saßen ebenfalls in der Runde. Der letztere sah außerordentlich leidend und verkommen aus. Seine Kleidung war zerrissen und sein Haar verwildert. Die Wangen waren eingefallen, und die Augen lagen tief in ihren Höhlen. Er schien weder zu sehen noch zu hören, was um ihn vorging, hatte einen Bleistift in der Hand und ein Blatt Papier auf dem Knie liegen und stierte in einemfort auf dasselbe nieder. Mit ihm hatte ich zunächst nichts zu tun. Er war willenlos. Darum wendete ich mich an seinen Verführer:

„Treffen wir uns endlich, Master Gibson? Hoffentlich bleiben wir von jetzt an für längere Zeit beisammen.“

Er lachte mir geradezu in das Gesicht und antwortete:

„Mit wem redet Ihr denn da, Sir?“

„Mit Euch natürlich!“

„Nun, so natürlich ist das wohl nicht. Ich ersehe nur aus Eurem Blicke, daß ich gemeint bin. Ihr nanntet mich Gibson, glaube ich?“

„Allerdings.“

„Nun, so heiße ich nicht.“

„Seid Ihr nicht in New Orleans vor mir davongelaufen?“

„Master, bei Euch rappelt es wohl unter dem Hute! Ich heiße nicht Gibson.“

„Ja, wer so viele Namen hat, kann sehr leicht einen von ihnen verleugnen. Nanntet Ihr Euch nicht in New-Orleans Clinton? Und in La Grange hießt Ihr wieder Sennor Gavilano?“

„Das ist allerdings mein richtiger und eigentlicher Name. Was wollt Ihr überhaupt von mir? Ich habe nichts mit Euch zu schaffen. Laßt mich in Ruhe! Ich kenne Euch nicht!“

„Glaube es. Ein Polizist kommt zuweilen in die Lage, nicht erkannt zu werden. Mit dem Leugnen entkommt Ihr mir nicht. Ihr habt Eure Rolle ausgespielt. Ich bin Euch nicht von New York aus bis hierher gefolgt, um mich von Euch auslachen zu lassen. Ihr werdet mir von jetzt an dahin folgen, wohin ich Euch führe.“

„O! Und wenn ich es nicht tue?“

„So werde ich Euch hübsch auf ein Pferd binden, und ich denke, daß das Tier mir dann gehorchen wird.“

Da fuhr er auf, zog den Revolver und schrie.

„Mann, sagt mir noch ein solches Wort, so soll Euch der Teufel auf – – –“

Er kam nicht weiter. Old Death war hinter ihn getreten und schlug ihm den Gewehrkolben auf den Arm, daß er den Revolver fallen ließ.

„Führt nicht das große Wort, Gibson!“ sagte der Alte. „Es befinden sich hier Leute, welche sehr im stande sind, Euch den großen Mund zu stopfen!“

Gibson hielt sich den Arm, wendete sich um und schrie:

„Herr, soll ich Euch das Messer zwischen die Rippen geben? Meint Ihr, weil Ihr Old Death heißt, soll ich mich vor Euch fürchten?“

„Nein, mein Junge, fürchten sollst du dich nicht; aber gehorchen wirst du. Wenn du noch ein Wort sagst, welches mir in die Nase fährt, so niese ich dich mit einer guten Büchsenkugel an. Hoffentlich wissen es uns die Gentlemen Dank, wenn wir sie von so einem Halunken befreien, wie Ihr seid.“

Sein Ton und seine Haltung waren nicht ohne Einfluß auf Gibson. Dieser meinte bedeutend kleinlauter:

„Aber, ich weiß ja gar nicht, was ihr wollt. Ihr verkennt mich. Ihr verwechselt mich mit einem Andern!“

„Das ist sehr unwahrscheinlich. Du hast ein so ausgesprochenes Spitzbubengesicht, daß es nie mit einem andern verwechselt werden kann. Und übrigens sitzt der Hauptzeuge gegen dich hier neben dir.“

Er deutete bei diesen Worten auf William Ohlert.

„Der? Ein Zeuge gegen mich?“ fragte Gibson. „Das ist wieder ein Beweis, daß ihr mich verkennt. Fragt ihn doch einmal!“

Ich legte William die Hand auf die Schulter und nannte seinen Namen. Er erhob langsam den Kopf, stierte mich verständnislos an und sagte nichts.

„Master Ohlert, Sir William, hört Ihr mich nicht?“ wiederholte ich. „Euer Vater sendet mich zu Euch.“

Sein leerer Blick blieb an meinem Gesichte haften, aber er sprach kein Wort. Da fuhr Gibson ihn in drohendem Tone an:

„Deinen Namen wollen wir hören. Nenne ihn sofort.“

Der Gefragte wendete den Kopf nach dem Sprecher und antwortete halblaut in ängstlichem Tone wie ein eingeschüchtertes Kind:

„Ich heiße Guillelmo.“

„Was bist du?“

„Dichter.“

Ich fragte weiter:

„Heißest du Ohlert? Bist du aus New York? Hast du einen Vater?“ Aber alle Fragen verneinte er, ohne sich im mindesten zu besinnen. Man hörte, daß er abgerichtet war. Es war gewiß, daß, seit Ohlert sich in den Händen dieses raffinierten Mannes befand, sich sein Geist mehr und mehr umnachtet hatte.

„Da habt ihr euern Zeugen!“ lachte der Bösewicht. „Er hat euch bewiesen, daß ihr euch auf einem falschen Wege befindet. Also habt die Gewogenheit, uns von jetzt an ungeschoren zu lassen!“

„Will ihn doch um etwas Besonderes fragen,“ sagte ich. „Vielleicht ist sein Gedächtnis doch noch stärker als die Lügen, die ihr ihm eingepaukt habt.“

Mir war ein Gedanke gekommen. Ich zog die Brieftasche hervor. Ich hatte das Zeitungsblatt mit Ohlerts Gedicht in derselben, nahm es heraus und las langsam und mit lauter Stimme den ersten Vers. Ich glaubte, der Klang seines eigenen Gedichtes werde ihn aus seiner geistigen Unempfindlichkeit reißen. Aber er blickte fort und fort auf sein Knie nieder. Ich las den zweiten Vers, ebenso vergeblich. Dann den dritten:

„Kennst du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens um Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich ums Gedächtnis schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?“

Die letzten beiden Zeilen hatte ich lauter als bisher gelesen. Er erhob den Kopf; er stand auf und streckte die Hände aus. Ich fuhr fort:

„O sei vor ihr ja stets in wachen Sorgen – –
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!“

Da schrie er auf, zu mir hinspringend und nach dem Blatte greifend. Ich ließ es ihm. Er bückte sich zu dem Feuer nieder und las selbst, laut, von Anfang bis zu Ende. Dann richtete er sich auf und rief in triumphierendem Tone, so daß es -weit durch das nächtliche stille Tal schallte:

„Gedicht von Ohlert, von William Ohlert, von mir, von mir selbst! Denn ich bin dieser William Ohlert, ich selbst. Nicht du heißest Ohlert, nicht du, sondern ich!“

Die letzten Worte waren an Gibson gerichtet. Ein fürchterlicher Verdacht stieg in mir auf. Gibson befand sich im Besitze von Williams Legitimationen – sollte er, trotzdem er älter als dieser war, sich für ihn ausgeben wollen? Sollte er – –? Aber ich fand keine Zeit, diesen Gedanken auszudenken, denn der Häuptling kam, ganz die Ratsversammlung und seine Würde vergessend, herbeigesprungen, stieß William auf den Boden nieder und gebot:

„Schweig, Hund! Sollen die Apachen hören, daß wir uns hier befinden? Du rufst ja den Kampf und den Tod herbei!“

William Ohlert stieß einen unverständlichen Klageruf aus und sah mit einem stieren Blick zu dem Indianer empor. Das Aufflackern seines Geistes war plötzlich wieder erloschen. Ich nahm ihm das Blatt aus der Hand und steckte es wieder zu mir. Vielleicht gelang es mir mit Hilfe desselben später wieder, ihn zum Bewußtsein seiner selbst zu bringen.

„Zürne ihm nicht!“ bat Old Death den Häuptling. „Sein Geist ist umnachtet. Er wird fortan ruhig sein. Und nun sage mir, ob diese beiden Männer die Topias sind, von denen du zu mir sprachest!“

Er deutete auf zwei indianisch gekleidete Gestalten, welche mit an dem Feuer der Weißen saßen.

„Ja, sie sind es,“ antwortete der Gefragte. „Sie verstehen die Sprache der Comanchen nicht gut. Du mußt mit ihnen in der Sprache der Grenze reden. Aber sorgt dafür, daß dieser Weiße, dessen Seele nicht mehr vorhanden ist, sich still verhalte, sonst muß ich ihm den Mund verbinden lassen!“

Er kehrte wieder zu dem Feuer der Beratung zurück. Old Death entfernte sich noch nicht, ließ vielmehr seinen Blick scharf und forschend über die beiden Indianer gleiten und fragte den Ältesten von ihnen:

„Meine roten Brüder sind von dem Hochlande von Topia herabgekommen? Sind die Krieger, welche da oben wohnen, die Freunde der Comanchen?“

„Ja,“ antwortete der Mann. „Wir leihen unsere Tomahawks den Kriegern der Comanchen.“

„Wie kommt es aber, daß eure Fährte vom Norden herbei führte, wo nicht eure Brüder wohnen, sondern diejenigen, -welche die Feinde der Comanchen sind, die Llanero- und Taraconapachen?“

Diese Frage schien den Indianer in Verlegenheit zu setzen, was man deutlich sehen konnte, weil weder er, noch sein Sohn eine Malerei im Gesicht trug. Er antwortete nach einer Weile:

„Mein weißer Bruder tut da eine Frage, welche er sich sehr leicht selbst beantworten kann. Wir haben das Kriegsbeil gegen die Apachen ausgegraben und sind nach Norden geritten, um den Aufenthaltsort derselben auszukundschaften.“

„Was habt ihr da gefunden?“

„Wir haben Winnetou gesehen, den größten Häuptling der Apachen. Er ist mit allen seinen Kriegern aufgebrochen, um den Krieg über den Rio Conchos zu tragen. Da kehrten wir zurück, dies den Unsern zu melden, damit dieselben sich beeilen möchten, über die Dörfer der Apachen herzufallen. Wir trafen dabei auf die Krieger der Comanchen und haben sie hierher geführt, damit auch sie das Verderben über unsere Feinde bringen möchten.“

„Die Comanchen werden euch dankbar dafür sein. Aber seit wann haben die Krieger der Topias vergessen, ehrliche Leute zu sein?“

Es war klar, daß der Alte irgend einen Verdacht gegen die Beiden hegte; denn er sprach zwar sehr freundlich mit ihnen, aber seine Stimme hatte eine eigentümliche Färbung, einen Klang, welchen ich stets an derselben beobachtet hatte, wenn er die heimliche Absicht hegte, jemand zu überlisten. Den vermeintlichen Topias waren seine Fragen sehr unbequem.

Der jüngere blitzte ihn mit feindseligen Augen an. Der ältere gab sich alle Mühe, freundlich zu antworten, doch hörte man, daß seine Worte nur widerstrebend über seine Lippen kamen.

„Warum fragt mein weißer Bruder nach unserer Ehrlichkeit?“ sagte er jetzt. „Welchen Grund hat er, an ihr zu zweifeln?“

„Ich habe nicht die Absicht, euch zu kränken. Aber wie kommt es, daß ihr nicht bei den Kriegern der Comanchen sitzet, sondern euch hier bei den Bleichgesichtern niedergelassen habt?“

„Old Death fragt mehr, als er sollte. Wir sitzen hier, weil es uns so gefällt.“

„Aber ihr erweckt dadurch die Meinung, daß die Comanchen die Topias verachten. Es sieht ganz so aus, als ob sie Vorteil von euch ziehen wollen, euch aber nicht erlauben, bei ihnen zu sitzen.“

Das war eine Beleidigung. Der Rote brauste auf:

„Sprich nicht solche Worte, sonst hast du mit uns zu kämpfen. Wir haben bei den Comanchen gesessen und sind nun zu den Bleichgesichtern gekommen, um von ihnen zu lernen. Oder ist es vielleicht verboten, zu erfahren, wie es in den Gegenden und Städten der Weißen zugeht?“

„Nein; das ist nicht verboten. Aber ich an eurer Stelle würde vorsichtiger verfahren. Dein Auge hat den Schnee vieler Winter erblickt; darum solltest du wissen, was ich meine.“

„Wenn ich es nicht weiß, so sage es mir!“ erklang es höhnisch. Da trat Old Death nahe zu ihm hin, bückte sich ein wenig zu ihm nieder und fragte in fast strengem Tone:

„Haben die Krieger der Comanchen mit euch die Pfeife des Friedens geraucht, und habt ihr auch den Rauch des Calumets durch eure Nasen geblasen?“

„Ja.“

„So seid ihr streng verpflichtet, nur das zu tun, was zu ihrem Vorteile dient.“

„Meinst du etwa, daß wir dies nicht tun wollen?“

Die Beiden sahen einander scharf in die Augen. Es war, als ob ihre Blicke sich umkrallen wollten, um miteinander zu ringen. Dann antwortete Old Death:

„Ich sehe es dir an, daß du mich verstanden und meine Gedanken erraten hast. Wollte ich dieselben aussprechen, so wäret ihr beide verloren.“

„Uff!“ rief der Rote, indem er emporsprang und zu seinem Messer griff. Auch sein Sohn richtete sich drohend auf und zog den Tomahawk aus dem Gürtel. Old Death aber beantwortete diese feindlichen Bewegungen nur mit einem ernsten Kopfnicken und sagte:

„Ich bin überzeugt, daß ihr euch nicht lange bei den Comanchen befinden werdet. Wenn ihr zu denen zurückkehrt, welche euch ausgesandt haben, so sagt ihnen, daß wir ihre Freunde sind. Old Death liebt alle roten Männer und fragt nicht, zu welchem Stamme sie gehören.“

Da zischte ihm der Andere die Frage entgegen:

„Meinst du vielleicht, daß wir nicht zu dem Stamme der Topias gehören?“

„Mein roter Bruder mag bedenken, wie unvorsichtig es von ihm ist, diese Frage auszusprechen. Ich habe meine Gedanken verschwiegen, weil ich nicht dein Feind sein will. Warum verrätst du sie selbst? Stehst du nicht inmitten eines fünfhundertfachen Todes?“

Die Hand des Roten zuckte mit dem Messer, als ob er zustoßen wolle. „Sage mir also, wofür du uns hältst!“ forderte er den Alten auf:

Dieser ergriff den Arm, dessen Hand das Messer hielt, zog den Indianer ein Stück beiseite, bis hin zu mir und sagte leise, doch so, daß ich es hörte, zu ihm die Worte: „Ihr seid Apachen!“ Der Indianer trat einen Schritt zurück, riß seinen Arm aus der Hand des Alten, zückte das Messer zum Stoße und sagte.

„Hund, du lügst!“

Old Death machte keine Bewegung, den Stoß von sich abzuwehren. Er raunte dem Aufgeregten leise zu:

„Du willst den Freund Winnetous töten?“

War es der Inhalt dieser Worte oder war es der scharfe, stolze Blick des Alten, welcher die beabsichtigte Wirkung hervorbrachte, kurz und gut, der Indianer ließ den Arm sinken. Er näherte seinen Mund dem Ohre Old Deaths und sagte drohend:

„Schweig!“

Dann wendete er sich ab und setzte sich wieder nieder. Sein Gesicht war so ruhig und von undurchdringlichem Ausdrucke, als ob gar nichts geschehen sei. Er sah sich durchschaut, aber es war ihm nicht die geringste Spur von Mißtrauen oder Furcht anzusehen. Kannte er Old Death so genau, um ihm keinen Verrat zuzutrauen? Oder wußte er sich aus irgend einem andern Grunde sicher? Auch sein Sohn setzte sich ganz ruhig neben ihm nieder und steckte den Tomahawk wieder in den Gürtel. Die beiden Apachen hatten es gewagt, sich als Führer an die Spitze ihrer Todfeinde zu stellen, eine Kühnheit, welche bewundernswert war. Wenn ihre Absicht gelang, so waren die Comanchen dem sichern Verderben geweiht. Wir wollten nun die Gruppen verlassen, aber eine unter den Comanchen entstehende Bewegung veranlaßte uns, stehen zu bleiben. Wir sahen, daß die Beratung zu Ende war. Die Teilnehmer hatten sich erhoben, und den Roten war von ihrem Häuptlinge ein Befehl geworden, infolgedessen auch sie ihre Feuer verließen und einen dichten Kreis um dasjenige bildeten, an welchem wir uns befanden. Die Weißen wurden von ihnen eingeschlossen. Der weiße Biber trat in würdevoller Haltung in den Kreis und erhob den Arm, zum Zeichen, daß er sprechen wolle. Tiefes Schweigen herrschte rundum. Die Weißen ahnten noch nicht, was jetzt kommen werde. Sie waren aufgestanden. Nur die beiden vermeintlichen Topias blieben sitzen und blickten ruhig vor sich nieder, als ob der Vorgang sie gar nichts angehe. Auch William Ohlert saß noch auf seinem Platze und starrte auf den Bleistift, den er wieder in den Fingern hielt.

Jetzt begann der Häuptling in langsamer, schwer betonter Rede:

„Die Bleichgesichter sind zu den Kriegern der Comanchen gekommen und haben ihnen gesagt, daß sie ihre Freunde seien. Darum wurden sie von ihnen aufgenommen und haben mit ihnen die Pfeife des Friedens geraucht. Jetzt aber haben die Comanchen erfahren, daß sie von den Bleichgesichtern belogen wurden. Der weiße Biber hat alles, was für sie und was gegen sie spricht, genau abgewogen und mit seinen erfahrensten Männern beraten, was geschehen soll. Er ist mit ihnen darüber einig geworden, daß die Bleichgesichter uns belogen haben und unsere Freundschaft und unsern Schutz nicht länger verdienen. Darum soll von diesem Augenblicke an der Bund mit ihnen aufgehoben sein und die Feindschaft soll an die Stelle der Freundschaft treten.“

Er hielt für einen Augenblick inne. Der Offizier ergriff schnell die Gelegenheit, indem er fragte:

„Wer hat uns verleumdet? jedenfalls sind es die vier Männer gewesen, welche mit ihrem Schwarzen gekommen sind, eine Gefahr über uns heraufzubeschwören, welche wir nicht verdient haben. Es ist von uns bewiesen worden, und wir wiederholen es, daß wir Freunde der Comanchen sind. Die Fremden aber mögen den Beweis bringen, daß sie es ehrlich mit unsern roten Brüdern meinen! Wer sind sie, und wer kennt sie? Haben sie Böses über uns gesprochen, so verlangen wir, es zu erfahren, um uns verteidigen zu können. Wir lassen uns nicht richten, ohne angehört worden zu sein! Ich bin Offizier, also ein Häuptling unter den Meinen. Ich kann und muß verlangen, an jeder Beratung, welche über uns stattfinden soll, teilnehmen zu dürfen!“

„Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, zu sprechen?“ fragte der Häuptling in strengem, stolzem Tone. „Wenn der weiße Biber redet, so hat jeder zu warten, bis er ausgesprochen hat! Du verlangst, gehört zu werden. Du bist gehört worden, als Old Death vorhin mit dir sprach. Es ist erwiesen, daß ihr Krieger von Juarez seid. Wir aber sind Freunde von Napoleon; folglich seid ihr unsere Feinde. Du fragst, wer diese vier Bleichgesichter seien, und ich sage dir: sie sind tapfere, ehrliche Kriegen Wir kannten Old Death viele Winter vorher, bevor wir eure Gesichter erblickten. Du forderst, an unserer Beratung teilnehmen zu dürfen, Ich sage dir, daß selbst Old Death nicht die Erlaubnis dazu erhalten hat. Die Krieger der Comanchen sind Männer. Sie bedürfen nicht der List der Bleichgesichter, um zu wissen, was klug oder unklug, was richtig oder falsch ist. Ich bin jetzt zu euch getreten, um euch zu sagen, was wir beschlossen haben. Ihr habt das ruhig anzuhören und kein Wort dazu zu sagen, denn – –“

„Wir haben das Calumet mit euch geraucht,“ unterbrach ihn der Offizier. „Wenn ihr uns feindselig behandelt, so –“

„Schweig, Hund!“ donnerte ihn der Häuptling an. „Du hattest jetzt eine Beleidigung auf den Lippen. Bedenke, daß ihr von über fünfhundert Kriegern umgeben seid, welche bereit sind, dieselbe augenblicklich zu rächen! Ihr habt das Calumet nur infolge einer Täuschung, einer Lüge bekommen. Aber die Krieger der Comanchen kennen den Willen des großen Geistes. Sie achten die Gesetze, welche bei ihnen herrschen, und wissen, daß ihr euch noch jetzt unter dein Schutze des Calumets befindet und daß sie euch als Freunde behandeln müssen, bis ihr aus demselben getreten seid. Rot ist der heilige Pfeifenton, aus welchem das Calumet geschnitten wird. Rot ist die Farbe des Lichtes, des Tages und der Flamme, mit welcher das Calumet in Brand gesteckt wird. Ist sie erloschen, so gilt der Friede, bis das Licht von neuem erscheint. Wenn das Licht des Tages beginnt, ist die Ruhe vorüber und unser Bund zu Ende. Bis dahin seid ihr unsere Gäste. Dann aber wird Feindschaft sein zwischen uns und euch. Ihr sollt hier sitzen und schlafen, und niemand wird euch berühren. Aber sobald der Tag zu grauen beginnt, sollt ihr davonreiten in der Richtung, aus welcher ihr mit uns gekommen seid. Ihr sollt einen Vorsprung haben von einer Zeit, welche ihr fünf Minuten nennt; dann werden wir euch verfolgen. Ihr sollt bis dahin alles behalten und mitnehmen dürfen, was euch gehört; dann aber werden wir euch töten und es uns holen. Die beiden aber unter euch, welche Old Death für sich haben will, sollen zwar auch bis dahin unsere Gäste sein, weil sie auch das Calumet mit uns rauchten; aber sie werden nicht mit euch reiten dürfen, sondern hier bleiben als Gefangene Old Deaths, welcher mit ihnen machen kann, was ihm beliebt. Das ist der Beschluß, den ihr hören sollt. Der weiße Biber, der Häuptling der Comanchen, hat gesprochen!“

Er wendete sich ab.

„Was?“ rief Gibson. „Ich soll ein Gefangener dieses alten Mannes sein? Ich werde – –“

„Seid still!“ unterbrach ihn der Offizier. „Es ist an den Anordnungen des Häuptlings nichts mehr zu ändern. Ich kenne die Roten. Übrigens bin ich überzeugt, daß der gegen uns gezielte Schlag auf die Verleumder zurückfallen wird. Noch ist es nicht Morgen. Bis dahin kann sehr viel geschehen. Vielleicht ist die Rache näher, als man denkt.“

Sie setzten sich wieder nieder, wie sie vorhin gesessen hatten. Die Comanchen aber nahmen ihre Sitze nicht wieder ein, sondern verlöschten ihre Feuer und lagerten sich in einem vierfachen Kreis um die Weißen, so daß diese von allen Seiten eingeschlossen waren. Old Death nahm mich aus diesem Kreise hinaus. Er wollte rekognoszieren gehen.

„Meint Ihr, daß wir Gibson nun sicher haben, Sir?“ fragte ich ihn.

„Wenn nicht etwas Unerwartetes geschieht, so kann er uns nicht entgehen,“ antwortete er.

„Am allerbesten wäre es wohl, wir bemächtigten uns der Beiden sofort?“

„Das ist unmöglich. Die verteufelte Friedenspfeife macht uns zu schaffen. Vor dem Anbruche der Morgenröte werden die Comanchen nicht dulden, daß wir Hand an Gibson legen. Dann aber können wir ihn kochen oder braten, mit oder ohne Gabel verzehren, ganz wie es uns beliebt.“

„Ihr spracht von etwas Unerwartetem. Befürchtet ihr so etwas?“

„Leider! Ich kalkuliere, daß sich die Comanchen von den beiden Apachen in eine gefährliche Falle haben locken lassen.“

„So haltet Ihr sie in der Tat für Apachen?“

„Ihr sollt mich aufhängen dürfen, wenn sie keine sind. Zunächst kam es mir verdächtig vor, als ich hörte, daß zwei Topias vom Rio Conchos her gekommen seien. Das darf man wohl einem roten Comanchen, nicht aber so einem alten Scout weismachen, wie ich bin. Als ich sie dann sah, wußte ich sofort, daß mein Verdacht mich nicht irre geführt habe. Die Topias gehören zu den halbzivilisierten Indianern. Sie haben einen weichen, verschwommenen Gesichtsausdruck. Nun seht Euch dagegen diese scharfen, spitzen, kühn geschnittenen Züge der zwei Roten an! Und gar dann, als ich sie sprechen hörte! Sie verrieten sich sofort durch die Aussprache. Und dann, als ich dem Einen ins Gesicht sagte, daß er ein Apache sei, hat mir da nicht sein ganzes Verhalten recht gegeben?“

„Könnt Ihr Euch nicht täuschen?“

„Nein. Er nannte Winnetou den größten Häuptling der Apachen. Wird ein Feind der Apachen sich eines Ausdruckes bedienen, welcher eine solche Ehre und Auszeichnung enthält? Ich wette mein Leben, daß ich mich nicht irre.“

„Ihr habt allerdings gewichtige Gründe. Aber wenn Ihr wirklich recht haben solltet, so sind diese Leute geradezu zu bewundern. Zwei Apachen, welche sich in eine Schar von über fünfhundert Comanchen wagen, das ist mehr als ein Heldenstück!“

„O, Winnetou kennt seine Leute!“

„Ihr meint, daß er sie gesandt hat?“

„Jedenfalls. Wir wissen von Sennor Atanasio, wann und wo Winnetou den Rio Grande überschwommen hat. Er kann unmöglich schon am Rio Conchos sein, zumal mit seinen sämtlichen Kriegern. Nein, wie ich ihn kenne, so ist er direkt nach der Bolson de Mapimi geritten, um seine Apachen zu sammeln. Er hat sofort verschiedene Späher ausgesandt, um die Comanchen aufzusuchen und in die Mapimi zu locken. Während diese ihn am Rio Conchos vermuten und die Dörfer der Apachen für von aller Verteidigung entblößt halten, erwartet er sie hier und wird über sie herfallen, um sie mit einem einzigen Schlage zu vernichten.“

„Alle Wetter! Dann sitzen wir mitten drin; denn die beiden Apachen betrachten uns als ihre Feinde!“

„Nein. Sie wissen, daß ich sie durchschaut habe. Ich brauchte dem weißen Biber nur ein einziges Wort zu sagen, so müßten sie eines gräßlichen Todes sterben. Daß ich das nicht tue, ist ihnen der sicherste Beweis, daß ich ihnen nicht nur nicht feindlich, sondern sehr freundlich gesinnt bin.“

„So begreife ich nur eins noch nicht, Sir! Ist es nicht Eure Pflicht, die Comanchen zu warnen?“

„Hm! Ihr berührt da einen verteufelt heiklen Punkt. Die Comanchen sind Verräter und halten es mit Napoleon. Sie haben die unschuldigen Apachen mitten im Frieden überfallen und elendiglich hingemordet. Das muß nach göttlichem und menschlichem Rechte bestraft werden. Aber wir haben die Friedenspfeife mit ihnen geraucht und dürfen nicht an ihnen zu Verrätern werden.“

„Da habt Ihr freilich recht. Aber meine ganze Sympathie gehört diesem Winnetou.“

„Die meinige auch. Ich wünsche ihm und den Apachen alles Gute. Wir dürfen seine zwei Leute nicht verraten; aber dann sind die Comanchen verloren, auf deren Seite wir auch stehen müssen. Was ist da zu tun? ja, wenn wir Gibson und Ohlert hätten, so könnten wir unsers Weges ziehen und die beiden Feinde sich selbst überlassen.“

„Nun, das wird ja morgen früh der Fall sein.“

„Oder auch nicht. Es ist wohl möglich, daß wir morgen abend grad um diese Stunde in den ewigen Jagdgründen sowohl mit Apachen wie mit Comanchen einige Dutzend Biber fangen oder gar einen alten Büffelstier töten und verzehren.“

„Ist die Gefahr so nahe?“

„Ich denke es, und dazu habe ich zwei Gründe. Erstens liegen die nächsten Dörfer der Apachen nicht allzu weit von hier, und Winnetou darf doch die Comanchen nicht zu nahe an diese kommen lassen. Und zweitens führte dieser mexikanische Offizier Reden, welche mich irgend einen Streich für heute vermuten lassen.“

„Sehr wahrscheinlich. Wir können uns auf das Calumet der Comanchen und auch auf mein Totem verlassen, zumal Winnetou Euch kennt und auch mich bereits gesehen hat. Aber wer zwischen zwei Mühlsteine kommt, selbst wenn er von dem einzelnen Steine nichts zu befürchten hat, der wird eben zermahlen.“

„So gehen wir entweder nicht dazwischen, oder wir sorgen dafür, daß sie nicht anfangen, zu mahlen. Wir rekognoszieren jetzt. Vielleicht ist es trotz der Dunkelheit möglich, irgend etwas zu sehen, was meinen Gedanken eine kleine Erleichterung gibt. Kommt leise und langsam hinter mir her! Wenn ich nicht irre, so bin ich schon einmal in diesem Tale gewesen; darum kalkuliere ich, daß ich mich schnell zurechtfinden werde.“

Es zeigte sich so, wie er vermutet hatte. Wir befanden uns in einem kleinen, fast kreisrunden Talkessel, dessen Breite man sehr leicht in fünf Minuten durchlaufen konnte. Er hatte einen Eingang, durch welchen wir gekommen waren, und einen Ausgang, welcher ebenso schmal wie der vorige war. Da hinaus waren die Kundschafter geschickt worden. In der Mitte des Tales befand sich das Comanchenlager. Die Wände des kleinen Kessels bestanden aus Fels, welcher steil anstieg und die Gewähr zu geben schien, daß niemand da weder hinauf noch herab, könne, Wir waren rundum gegangen und an den Posten vorübergekommen, welche sowohl am Ein- als auch am Ausgange standen. Jetzt näherten wir uns dem Lager wieder.

„Fatal!“ brummte der Alte. „Wir stecken ganz richtig in der Falle, und es will mir kein Gedanke kommen, wie man sich da losmachen könne. Müßten es machen wie der Fuchs, der sich das Bein wegbeißt, mit dem er in das Eisen getappt ist.“

„Könnten wir den weißen Biber nicht so weit bringen, daß er das Lager sofort verläßt, um ein anderes aufzusuchen?“

„Das wäre das einzige, was wir versuchen könnten. Aber ich glaube nicht, daß er darauf eingeht, ohne daß wir ihm sagen, daß er zwei Apachen bei sich hat. Und das wollen wir absolut vermeiden.“

„Vielleicht seht Ihr zu schwarz, Sir. Vielleicht sind wir hier ganz sicher. Die beiden Punkte, durch welche man herein kann, sind ja mehr als zur Genüge mit Wachen besetzt.“

„Ja, zehn Mann hüben und zehn Mann drüben, das sieht ganz gut aus. Aber wir dürfen nicht vergessen, daß wir es mit einem Winnetou zu tun haben. Wie der sonst so kluge und vorsichtige weiße Biber auf den dummen Gedanken gekommen ist, sich grad in so einem eingeschlossenen Tale festzusetzen, das ist ein Rätsel. Die beiden Apachenkundschafter müssen ihm ein ganz gewaltiges X für das richtige U aufs Kamisol geschrieben haben. Ich werde mit ihm sprechen. Sollte er bei seiner Meinung bleiben und es passiert etwas, so halten wir uns möglichst neutral. Wir sind Freunde der Comanchen, müssen uns aber auch hüten, einen Apachen zu töten. Na, da haben wir das Lager, und dort steht der Häuptling. Kommt mit hin zu ihm!“

Man erkannte gegen das Feuer hin den weißen Biber an seinen Adlerfedern. Als wir zu ihm traten, fragte er:

„Hat mein Bruder sich überzeugt, daß wir uns in Sicherheit befinden?“

„Nein,“ antwortete der Alte.

„Was hat er an diesem Ort auszusetzen?“

„Daß er einer Falle gleicht, in der wir alle stecken.“

„Mein Bruder irrt sich sehr. Dieses Tal ist keine Falle, sondern es gleicht ganz genau einem solchen Orte, den die Bleichgesichter Fort nennen. Es kann kein Feind herein.“

„Ja, zu den Eingängen vielleicht nicht, denn dieselben sind so eng, daß sie durch zehn Krieger leicht verteidigt werden können. Aber können die Apachen nicht an den Höhen herabsteigen?“

„Nein. Sie sind zu steil.“

„Hat mein roter Bruder sich hiervon überzeugt?“

„Sehr genau. Die Söhne der Comanchen sind am hellen Tage hierher gekommen. Sie haben alles untersucht. Sie haben die Probe gemacht, an dem Fels empor zu klettern; es ist ihnen nicht gelungen.“

„Vielleicht ist es leichter, von oben herab als von unten hinauf zu kommen. Ich weiß, daß Winnetou klettern kann wie das wilde Dickhornschaf der Berge.“

„Winnetou ist nicht hier. Die beiden Topias haben es mir gesagt.“

„Vielleicht haben sie sich geirrt; sie haben es vielleicht von jemand erfahren, der es selbst nicht genau wußte.“

„Sie haben es gesagt. Sie sind Feinde Winnetous, und ich glaube ihnen.“

„Aber, wenn es wahr ist, daß Winnetou auf Fort Inge war, so kann er nicht schon hier gewesen sein, seine Krieger gesammelt haben und sich bereits jenseits des Rio Conchos befinden. Mein Bruder möge die kurze Zeit mit dem langen Wege vergleichen.“

Der Häuptling senkte nachdenklich das Haupt. Er schien zu einem Resultate gekommen zu sein, welches mit der Meinung des Scout übereinstimmte, denn er sagte:

„Ja, die Zeit war kurz, und der Weg ist lang. Wir wollen die Topias noch einmal fragen.“

Er ging nach dem Lagerfeuer, und wir folgten ihm. Die Weißen blickten uns finster entgegen. Seitwärts von ihnen saßen Lange, sein Sohn und der Neger Sam. William Ohlert schrieb auf sein Blatt, taub und blind für alles Andere. Die vermeintlichen Topias blickten erst auf, als der Häuptling das Wort an sie richtete:

„Wissen meine Brüder ganz genau, daß – – –“

Er hielt inne. Von der Höhe des Felsens erklang das ängstliche Kreischen eines kleinen Vogels und gleich darauf der gierige Schrei einer Eule. Der Häuptling lauschte, Old Death auch. Als ob er damit spielen wolle, ergriff Gibson einen neben ihm liegenden Ast und stieß mit demselben in das Feuer, daß es einmal kurz und scharf aufflackerte. Er wollte es zum zweitenmal tun, wobei die Augen sämtlicher Weißen befriedigt auf ihn gerichtet waren; da aber tat Old Death einen Sprung auf ihn, riß ihm den Ast aus der Hand und rief drohend:

„Das laßt bleiben, Sir! Wir müssen es uns verbitten!“

„Warum?“ fragte Gibson zornig. „Darf man nicht einmal das Feuer schüren?“

„Nein. Wenn da oben die Eule schreit, so antwortet man nicht hier unten mit diesem vorher verabredeten Zeichen.“

„Ein Zeichen? Seid Ihr denn toll?“

„Ja, ich bin so toll, daß ich einem jeden, der es wagt, noch einmal in dieser Weise in das Feuer zu stoßen, sofort eine Kugel durch den Kopf jagen werde!“

„Verdammt! Ihr gebärdet Euch ganz so, als ob Ihr hier der Herr wäret!“

„Der bin ich auch, und Ihr seid mein Gefangener, mit dem ich verteufelt kurzen Prozeß machen werde, wenn mir Eure Physiognomie nicht mehr gefällt. Bildet Euch ja nicht ein, daß Old Death sich von Euch täuschen läßt!“

„Das, das muß man sich bieten lassen? Müssen wir das wirklich, Sennores?“

Diese Frage war an die Andern gerichtet. Old Death hatte seine beiden Revolver in den Händen, ich ebenso. Im Nu standen die beiden Langes und Sam neben uns, auch mit den Revolvern. Wir hätten auf jeden geschossen, der so unvorsichtig gewesen wäre, nach seiner Waffe zu greifen. Und zum Überflusse rief der Häuptling seinen Leuten zu:

„Legt alle die Pfeile an!“

Im Nu hatten die Comanchen sich erhoben, und Dutzende von Pfeilen waren auf die Weißen gerichtet, welche inmitten der auf sie gerichteten Spitzen saßen.

„Da seht ihr es!“ lachte Old Death. „Noch schützt euch das Calumet. Man hat euch sogar die Waffen gelassen. Aber sobald ihr nur die Hand nach einem Messer streckt, ist es aus mit dem Schutze, in welchem ihr noch steht.“

Da ertönte das Gekreisch und der Eulenruf abermals, hoch, grad wie vom Himmel herab. Die Hand Gibsons zuckte, als ob er nach dem Feuer greifen wolle; aber er wagte doch nicht, es zu tun. Nun wiederholte der Häuptling seine vorher unterbrochene Frage an die Topias.

„Wissen meine Brüder ganz genau, daß Winnetou sich jenseits des Conchos befindet?“

„Ja, sie wissen es,“ antwortete der Ältere.

„Sie mögen sich besinnen, bevor sie mir Antwort geben!“

„Sie irren sich nicht. Sie waren in den Büschen versteckt, als er vorüberzog, und haben ihn gesehen.& Und nun fragte der Häuptling noch weiter und der Topia antwortete prompt. Schließlich sagte der weiße Biber:

„Deine Erklärung hat den Häuptling der Comanchen befriedigt. Meine weißen Brüder mögen wieder mit mir gehen!“

Diese Aufforderung war an Old Death und an mich gerichtet; aber der Erstere winkte den beiden Langes, mitzukommen. Sie taten es und brachten auch Sam mit.

„Warum ruft mein Bruder auch seine andern Gefährten herbei?“ fragte der Häuptling.

„Weil ich denke, daß ich sie bald brauchen werde. Wir wollen in der Gefahr beisammenstehen.“

„Es gibt keine Gefahr.“

„Du irrst. Hat dich der Ruf der Eule nicht auch aufmerksam gemacht? Ein Mensch stieß ihn aus.“

„Der weiße Biber kennt die Stimme aller Vögel und aller Tiere. Er weiß sie zu unterscheiden von den nachgemachten Tönen aus der Kehle des Menschen. Das war eine wirkliche Eule.“

„Und Old Death weiß, daß Winnetou die Stimmen vieler Tiere so getreu und genau nachahmt, daß man sie von den wirklichen nicht zu unterscheiden vermag. Ich bitte dich, vorsichtig zu sein! Warum schlug dieses Bleichgesicht in das Feuer? Es war ein verabredetes Zeichen, welches zu geben er beauftragt war.“

„So müßte er es mit den Apachen verabredet haben, und er kann doch mit ihnen nicht zusammengetroffen sein!“

„So hat es ein Anderer mit ihnen verabredet, und dieses Bleichgesicht hat den Auftrag erhalten, das Zeichen zu geben, damit der eigentliche Verräter sich durch dasselbe nicht vor euch bloßstelle.“

„Meinst du, daß wir Verräter unter uns haben? Ich glaube es nicht. Und selbst wenn dies der Fall wäre, so brauchten wir die Apachen nicht zu fürchten, denn sie können nicht an den ausgestellten Posten vorüber und auch nicht zu den Felsen herab.“

„Vielleicht doch. Mit Hilfe der Lassos können sie sich von Punkt zu Punkt herablassen, denn es ist – – – horch!“

Der Eulenruf erscholl abermals, und zwar nicht von der Höhe aus, sondern von weiter unten.

„Es ist der Vogel wieder,“ meinte der Comanche ohne alle Beunruhigung. „Deine Sorge ist sehr überflüssig.“

„Nein. Alle Teufel! Die Apachen sind da, mitten im Tale. Hörst du?“

Von dem Ausgange des Tales her erscholl ein lauter, schriller, erschütternder Schrei, ein Todesschrei. Und gleich darauf erzitterte die stille Luft von dem vielstimmigen Kriegsgeheul der Apachen. Wer dasselbe auch nur ein einzigesmal vernommen hat, der kann es nie, nie wieder vergessen. Kaum war dieses Geschrei erschollen, so sprangen alle Weißen am Feuer auf.

„Dort stehen die Hunde,“ rief der Offizier, indem er auf uns deutete. „Drauf auf sie!“

„Ja drauf!“ kreischte Gibson. „Schlagt sie tot!“

Wir standen im Dunkeln, so daß sie ein sehr unsicheres Zielen hatten. Darum zogen sie es vor, nicht zu schießen, sondern sich mit hochgeschwungenen Gewehren auf uns zu werfen. Jedenfalls war dies vorher verabredet, denn ihre Bewegungen waren so schnell und sicher, daß sie nicht die Folge einer augenblicklichen Eingebung sein konnten. Wir standen höchstens dreißig Schritte von ihnen entfernt. Aber dieser zu durcheilende Raum gab Old Death Zeit zu der Bemerkung:

„Nun, habe ich nicht recht? Schnell in die Höhe mit den Gewehren! Wollen sie gehörig empfangen.“

Sechs Gewehre richteten sich auf die gegen uns Anstürmenden, denn auch der Häuptling hielt das seinige in der Hand. Unsere Schüsse krachten – zweimal aus den Doppelbüchsen. Ich hatte keine Zeit, zu zählen, wie viele getroffen niederstürzten. Auch die Comanchen waren aufgesprungen und hatten ihre Pfeile den Kerls von der Seite zu und in den Rücken geschickt. Ich sah nur noch, daß Gibson trotz seines auffordernden Rufes nicht mit auf uns eingedrungen war. Er stand noch am Feuer, hatte Ohlerts Arm ergriffen und bemühte sich, ihn vom Boden empor zu zerren, Mein Auge konnte diese beiden nur für einen Augenblick erfassen. Weitere Beobachtungen waren unmöglich, denn das Geheul war schnell näher gekommen, und jetzt drangen die Apachen auf die Comanchen ein.

Da der Schein des Feuers nicht weit genug reichte, so konnten die Ersteren nicht sehen, wie viel Feinde sie vor sich hatten. Die Letzteren standen noch immer im Kreise, doch wurde dieser augenblicklich durchbrochen und durch den Anprall auf der einen Seite aufgerollt. Schüsse krachten, Lanzen sausten, Pfeile schwirrten, Messer blinkten. Dazu das Geheul der beiden gegnerischen Scharen und der Anblick des Chaos dunkler, miteinander ringender Gestalten, welche das Aussehen wütender Teufel hatten! Allen Apachen voran war einer mit gewaltigem Stoße durch die Linie der Comanchen gedrungen. Er hatte in der Linken den Revolver und in der Rechten den hoch erhobenen Tomahawk. Während jede Kugel aus dem ersteren mit Sicherheit einen Comanchen niederstreckte, sauste das Schlachtbeil wie ein Blitz von Kopf zu Kopf. Er trug keine Auszeichnung auf dem Kopfe, auch war sein Gesicht nicht bemalt. Wir sahen dasselbe mit größter Deutlichkeit. Aber auch wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, so hätte die Art und Weise, in welcher er kämpfte, und der Umstand, daß er einen Revolver hatte, uns erraten lassen, wer er sei. Der weiße Biber erkannte ihn ebenso schnell wie wir.

„Winnetou!“ rief er. „Endlich habe ich ihn! Ich nehme ihn auf mich.“

Er sprang von uns fort und in das Kampfgewühl hinein. Die Gruppen schlossen sich so dicht hinter ihm, daß wir ihm nicht mit den Augen folgen konnten.

„Was tun wir?“ fragte ich Old Death. „Die Apachen sind in der Minderzahl, und wenn sie sich nicht schnell zurückziehen, werden sie aufgerieben. Wir müssen sie warnen; ich muß hin, um Winnetou herauszuhauen!“

Ich wollte fort; der Alte aber ergriff mich beim Arme, hielt mich zurück und sagte:

„Macht keine Dummheit! Wir dürfen nicht verräterisch gegen die Comanchen handeln, denn wir haben das Calumet mit ihnen geraucht. Übrigens braucht Winnetou Eure Hilfe nicht; er ist selber klug genug. Ihr hört es ja.“

Ich hörte allerdings die Stimme meines roten Freundes; er rief:

„Wir sind betrogen worden. Weicht schnell zurück! Fort, fort!“

Das Feuer war während des kurzen aber sehr energischen Kampfes fast ausgetreten worden; aber es erleuchtete die Umgegend doch immer noch so, daß ich sehen konnte, was geschah. Die Apachen zogen sich zurück. Winnetou hatte eingesehen, daß eine viel zu große Übermacht gegen ihn stand. Ich wunderte mich außerordentlich darüber, daß er, ganz gegen seine sonstige Art und Weise, nicht vorher rekognosziert hatte, um die Feinde zu zählen; der Grund wurde mir aber bald darauf bekannt.

Die Comanchen wollten nachdrängen, wurden aber durch die Kugeln der Apachen daran verhindert. Besonders fleißig hörte ich dabei den Knall von Winnetous Silberbüchse, welche er von seinem Vater geerbt hatte. Der weiße Biber ließ das Feuer wieder nähren, so daß es heller wurde, kam zu uns und sagte:

„Die Apachen sind uns entkommen; aber morgen mit dem frühesten werde ich sie verfolgen und vernichten.“

„Meinst du, daß dir das wirklich gelingen werde?“ fragte Old Death.

„Ganz gewiß! Denkt mein Bruder etwa anders als ich? So irrt er sich.“

„Hast du nicht, als ich dich vorhin warnte, auch gesagt, daß ich mich irre? Ich habe dieses Tal eine Falle genannt. Vielleicht wird es dir unmöglich, sie zu verlassen.“

„Laß nur den Tag erscheinen, dann sehen wir die Feinde, die wenigen, welche übrig geblieben sind, und werden sie schnell erlegen. Jetzt sind sie durch die Dunkelheit geschützt.“

„So ist es doch unnötig, auf sie zu schießen! Wenn ihr eure Pfeile verschossen habt, so gibt euch dieses Tal zwar Holz genug, neue zu fertigen; aber habt ihr auch Eisenspitzen dazu? Vergeudet eure Verteidigungsmittel nicht! Und wie sieht es mit den zehn Kriegern der Comanchen aus, welche den Eingang des Tales bewachten? Befinden sie sich noch dort?“

„Nein; sie sind hier. Der Kampf hat sie herbeigelockt.“

„So sende sie unverzüglich wieder hin, damit dir wenigstens der Rückzug offen bleibt!“

„Die Sorge meines Bruders ist ganz überflüssig. Die Apachen sind durch den Ausgang geflohen. Zum Eingange aber kann keiner gelangen.“

„Und doch rate ich dir, es zu tun. Die zehn Mann können dir hier nichts nützen; dort sind sie nötiger als hier.“

Der Häuptling folgte dieser Aufforderung, freilich mehr aus Achtung für Old Death als aus Überzeugung, daß diese Maßregel eine notwendige sei. Bald stellte es sich heraus, wie recht der Alte gehabt habe; denn als die zehn den betreffenden Befehl erhalten hatten und fort waren, ertönten vom Eingang des Tales her zwei Büchsenschüsse, welchen ein wildes Geheul antwortete. Einige Minuten später kehrten zwei von den zehn zurück, um zu melden, daß sie mit zwei Kugeln und vielen Pfeilen empfangen worden seien; sie beide seien die einzigen Übriggebliebenen.

„Nun, habe ich mich abermals geirrt?“ fragte der Scout, „Die Falle ist hinten und vorn geschlossen, und wir stecken drin.“

Der weiße Biber fand keine Erklärung. Er fragte im betroffenen Tone:

„Uff! Was soll ich tun?“

„Verschwende nicht die Kräfte und die Waffen deiner Leute! Stelle je zwanzig oder dreißig Mann gegen den Aus- und Eingang des Tales, um diese beiden Punkte bewachen zu lassen. Die übrigen Leute mögen sich zurückziehen, um zu ruhen, damit sie früh gute Kräfte haben. Das ist das Einzige und wohl auch das Beste, was man dir raten kann.“

Diesesmal befolgte der Häuptling den Rat sofort. Dann zählten wir die Gefallenen, und da dachte ich erst wieder an die Weißen. Nur die Toten lagen da; die Übrigen waren fort. Es fehlten mit Gibson und William Ohlert grad zehn Mann.

„Das ist schlimm!“ rief ich aus. „Die Kerle haben sich zu den Apachen in Sicherheit gebracht.“

„Ja, und dort sind sie natürlich gut aufgenommen worden, da sie es mit den beiden Kundschaftern, den vermeintlichen Topias, gehalten haben.“

„So ist uns Gibson abermals verloren!“

„Nein. Wir haben das Totem des guten Mannes; die Apachen kennen mich; also versteht es sich ganz von selbst, daß wir von ihnen als Freunde aufgenommen werden. Dann werde ich es schon so weit bringen, daß Gibson und Ohlert uns ausgeliefert werden. Wir verlieren einenn Tag, das ist alles.“

„Aber wenn nun die Beiden sich auf und davon machen?“

„Das glaube ich nicht. Sie müßten quer durch die Mapimi, und das können sie nicht wagen… Aber, was ist denn das?“

Ein Haufe der Comanchen stand beisammen. Aus der Mitte desselben erklang ein markerschütterndes Stöhnen und Wimmern. Wir gingen hinzu und sahen einen Weißen, welcher nicht tot, sondern wieder zu sich gekommen war. Er hatte einen Lanzenstich durch den Unterleib erhalten, von hinten her, also von einem Comanchen, als die Weißen auf uns eindrangen.

Old Death kniete zu ihm nieder und untersuchte seine Wunde.

„Mann,“ sagte er, „Ihr habt vielleicht noch zehn Minuten zu leben. Macht Euer Herz leicht, und geht mit keiner Lüge in die Ewigkeit. Ihr habt es mit den Apachen gehalten?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte wimmernd.

„Ihr wußtet, daß wir in dieser Nacht überfallen werden sollten?“

„Ja. Die beiden Topias hatten die Comanchen zu diesem Zwecke hierher geführt.“

„Und Gibson sollte das Zeichen mit dem Feuer geben?“

„Ja, Sir. Eigentlich mußte er so oft in das Feuer schlagen, als es hundert Comanchen waren. Dann hätte Winnetou sie nicht heute, sondern erst morgen an einem andern Orte angegriffen, weil er heute nur hundert Mann bei sich hatte. Morgen aber stoßen die Übrigen zu ihm.“

„Dachte es mir. Daß ich Gibson verhindert habe, noch viermal in das Feuer zu stöbern, hat die Apachen veranlaßt, uns jetzt schon zu überfallen. Nun aber haben sie die Ausgänge besetzt. Wir können nicht fort, und morgen wird sich dieses Tal zu einem offenen Grabe gestalten, in welchem wir langsam abgeschlachtet werden.“

„Wir werden uns wehren!“ knirschte der Häuptling, welcher dabei stand, grimmig. „Dieser Verräter hier aber soll als räudiger Hund in die Jagdgründe gehen, um dort von den Wölfen gejagt zu werden, daß ihm der Geifer in Ewigkeit von der Zunge trieft.“

Er zog sein Messer und stieß es dem Verwundeten ins Herz.

„Torheit!“ rief Old Death zornig. „Du brauchtest an ihm nicht zum Mörder zu werden.“

„Ich habe ihn getötet, und nun ist seine Seele die Sklavin der meinigen. Wir aber wollen jetzt Kriegsrat halten. Die Krieger der Comanchen haben nicht Lust, zu warten, bis die Hunde der Apachen in Menge herbeigekommen sind. Wir können noch heut in der Nacht durch den Ausgang dringen.“

Er setzte sich mit seinen Unteranführern an dem Feuer nieder. Old Death mußte auch teilnehmen. Ich saß mit Lange, dessen Sohn und dem Neger so weit vom Feuer entfernt, daß ich nichts hören konnte, da die Verhandlung in unterdrücktem Tone geführt wurde. Doch ersah ich aus den Zügen und lebhaften Handbewegungen des Scout, daß dieser nicht der Meinung der Indianer war. Er schien die seinige lebhaft zu verteidigen, doch ohne Erfolg. Endlich sprang er zornig auf, und ich hörte ihn sagen:

„Nun, so rennt in euer Verderben! Ich habe euch bereits wiederholt gewarnt, ohne gehört zu werden. Ich habe stets recht gehabt und werde es auch diesesmal haben. Macht, was ihr wollt. Ich aber und meine Gefährten, wir bleiben hier zurück.“

„Bist du zu feig, mit uns zu kämpfen?“ fragte einer der Unteranführer.

Old Death machte eine heftige Bewegung gegen ihn und wollte ihm eine strenge Antwort geben, besann sich aber und sagte ruhig:

„Mein Bruder muß erst seinen Mut beweisen, bevor er mich nach dem meinigen fragen darf. Ich heiße Old Death, und das ist genug gesagt.“

Er kam zu uns und setzte sich da nieder, während die Roten noch eine Weile fortberieten. Endlich waren sie zu einem Entschlusse gekommen und standen von ihren Sitzen auf. Da ertönte von jenseits der das Lagerfeuer rund umgebenden Comanchen eine laute Stimme:

„Der weiße Biber mag hierher sehen. Meine Büchse ist sehr hungrig auf ihn.“

Aller Augen wendeten sich nach der Stelle, von welcher aus die Worte ertönten. Dort stand Winnetou, hoch aufgerichtet mit angeschlagenem Gewehre. Die beiden Läufe desselben blitzten nacheinander auf. Der weiße Biber stürzte getroffen nieder und neben ihm einer der Unterhäuptlinge:

„So werden sterben alle Lügner und Verräter!“ erklang es noch. Dann war der Apache verschwunden. Das war so schnell geschehen, daß die Comanchen gar nicht auf den Gedanken gekommen waren, oder vielmehr gar nicht Zeit gefunden hatten, aufzuspringen. Nun aber fuhren sie alle empor und stürzten nach der Gegend, in welcher er verschwunden war. Nur wir vier blieben zurück. Old Death trat zu den beiden Häuptlingen. Sie waren tot.

„Welch ein Wagnis!“ rief Lange. „Dieser Winnetou ist ein wahrer Teufel!“

„Pah!“ lachte Old Death. „Das Richtige kommt noch. Paßt einmal auf!“

Kaum hatte er die Worte gesagt, so hörten wir ein durchdringendes Geheul.

„Da habt Ihr es!“ meinte er. „Er hat nicht nur die beiden Häuptlinge für ihre Verräterei bestraft, sondern auch die Comanchen fortgelockt in den Bereich der Seinigen. Die Pfeile der Apachen werden ihre Opfer fordern. Horcht!“

Der scharfe, dünne Knall eines Revolvers war zu hören, drei-, fünf-, achtmal hintereinander.

„Das ist Winnetou,“ meinte Old Death. „Er bedient sich seiner Revolver. Ich glaube, der Kerl steckt mitten unter den Comanchen, ohne daß sie ihm etwas anhaben können!“

Dem alten Westmanne waren solche Ereignisse etwas ziemlich Gewöhnliches. Sein Gesicht war so ruhig, als ob er im Theater den Verlauf eines Stückes verfolge, dessen Aufbau und Schluß ihm schon bekannt war. Die Comanchen kehrten zurück, da es ihnen nicht gelungen war, Winnetou zu treffen; anstatt dessen aber brachten sie mehrere der Ihrigen getragen, welche tot oder verwundet waren. Zivilisierte Leute hätten sich dabei sowohl aus Teilnahme, als auch aus Klugheit ruhig verhalten. Die Roten aber heulten und brüllten, als ob sie gepfählt werden sollten, und tanzten mit um die Köpfe geschwungenen Kriegsbeilen um die Leichen.

„Ich würde das Feuer auslöschen lassen, und mich an Stelle dieser Kerle sehr ruhig verhalten,“ sagte Old Death. „Sie heulen ihren eigenen Todesgesang.“

„Was ist denn eigentlich im Kriegsrate beschlossen worden?“ fragte Lange.

„Sich nach Westen durchzuschlagen und zwar sofort.“

„Welche Dummheit! Da gehen sie ja den Apachen, welche hier eintreffen sollen, grad entgegen.“

„Das wohl nicht, Master, denn es wird ihnen nicht gelingen, durchzukommen. Allerdings, wenn es ihnen glückte, so hätten sie Winnetou hinter sich und die von ihm erwarteten Hilfstruppen vor sich; sie befänden sich also in der Mitte und würden aufgerieben. Aber sie glauben die Apachen in der Minderzahl und sind gewiß, dieselben vernichten zu können. Übrigens wissen sie, daß der Sohn des weißen Bibers mit seiner Schar, welche wir getroffen haben, nachkommen wird; das verdoppelt ihre Zuversicht. Nun werden sie erst recht vor Begierde brennen, den Tod der beiden Häuptlinge zu rächen. Aber die Comanchen sollten den Anbruch des Tages erwarten und dann nach der andern Seite durchbrechen, rückwärts, woher wir gekommen sind. Am Tage sieht man den Feind und die Hindernisse, welche derselbe einem bereitet. Aber meine Ansicht drang nicht durch. Uns freilich kann es gleichgültig sein, was sie tun. Wir machen nicht mit.“

„Das werden uns die Comanchen übelnehmen.“

„Habe nichts dagegen. Old Death hat gar keine Lust, sich nutzlos den Kopf einzurennen. Horcht! Was war das?“

Die Comanchen heulten noch immer, so daß sich nicht bestimmen ließ, welcher Art das Geräusch gewesen war, welches wir soeben gehört hatten.

„Diese Toren!“ zürnte Old Death. „Winnetou ist ganz der Mann, den unzeitigen Lärm, den sie da vollführen, sich zu nutze zu machen. Vielleicht legt er Bäume nieder, um den Ausgang zu verschließen, denn es klang ganz wie das Krachen und Prasseln eines fallenden Baumes. ich möchte darauf schwören, daß keiner von den Comanchen entkommen wird, eine schreckliche, aber gerechte Strafe dafür, daß sie mitten im Frieden ahnungslose Indianerortschaften überfallen und sogar die Abgesandten ermordet haben. Wenn es Winnetou gelingt, die Ausgänge zu verschließen, so kann er seine Leute zurückziehen, hier im Tale zusammennehmen und die Unvorsichtigen von hinten angreifen. Ich traue ihm das zu.“

Endlich war die vorläufige Totenklage zu Ende, und die Comanchen verhielten sich still, traten zusammen und erhielten die Weisungen des Unteranführers, welcher nunmehr den Befehl übernahm.

„Sie scheinen jetzt aufbrechen zu wollen,“ sagte Old Death. „Wir müssen zu unsern Pferden, damit sie sich nicht etwa an denselben vergreifen. Master Lange, geht mit Eurem Sohne und Sam hin, um sie zu holen. Wir beide bleiben hier, denn ich vermute, daß der Häuptling uns noch eine kleine Rede halten wird.“

Er hatte recht. Als die drei fort waren, kam der jetzige Anführer langsamen Schrittes auf uns zu und sagte:

„Die Bleichgesichter sitzen ruhig an der Erde, während die Comanchen sich zu ihren Pferden begeben. Warum stehen sie nicht auch auf?“

„Weil wir noch nicht erfahren haben, was von den Comanchen beschlossen worden ist.“

„Wir werden das Tal verlassen.“

„Aber es wird euch nicht gelingen, hinaus zu kommen.“

„Old Death ist wie eine Krähe, deren Stimme stets häßlich klingt, Die Comanchen werden alles niederreiten, was sich ihnen in den Weg stellt.“

„Sie werden nichts und niemand niederreiten als sich selbst. Wir aber bleiben hier.“

„Ist Old Death nicht unser Freund? Hat er nicht die Pfeife des Friedens mit uns geraucht? Ist er nicht verpflichtet, mit uns zu kämpfen? Die Bleichgesichter sind tapfere und kühne Krieger. Sie werden uns begleiten und sich an unsere Spitze stellen.“

Da stand Old Death auf, trat ganz nahe an den Comanchen heran, lachte ihm in das Gesicht und antwortete:

„Mein Bruder hat einen schlauen Gedanken. Die Bleichgesichter sollen voranreiten, um den Roten den Weg zu öffnen und dabei unterzugehen. Wir sind Freunde der Comanchen, aber wir haben nicht ihren Häuptlingen zu gehorchen. Wir sind zufällig auf sie getroffen, aber wir haben uns nicht verpflichtet, an ihrem Kriegszuge teilzunehmen. Wir sind mutig und tapfer; mit diesen Worten hat mein Bruder die Wahrheit gesagt. Wir helfen unsern Freunden bei jedem Kampfe, welcher mit Sinn und Überlegung geführt wird; aber wir nehmen nicht teil an Plänen, von denen wir schon vorher wissen, daß sie mißlingen werden.“

„So werden die Weißen nicht mitreiten? ich hatte sie für kühne Leute gehalten!“

„Wir sind es. Aber wir sind auch vorsichtig. Wir sind die Gäste der Comanchen. Wann ist bei ihnen die Sitte aufgekommen, ihre Gäste, die sie doch beschützen sollten, grad an die Spitze zu stellen, wo der Tod unvermeidlich ist? Mein Bruder ist schlau, aber wir sind nicht dumm. Auch mein Bruder ist ein sehr tapferer Krieger, und darum bin ich überzeugt, daß er seinen Leuten voranreiten wird, denn das ist die Stelle, wohin er gehört.“

Der Rote wurde verlegen. Seine Absicht, uns zu opfern, um sich zu retten, war sehr unverfroren. Als er sah, daß er bei uns nicht durchkam, wurde er nicht nur verlegen, sondern auch zornig. Sein bisher ruhiger Ton wurde strenger, als er sich erkundigte:

„Was werden die Bleichgesichter tun, wenn die Comanchen fort sind? Werden sie sich etwa den Apachen anschließen?“

„Wie wäre das möglich, da mein Bruder die Apachen doch vernichten will! Es sind dann also gar keine vorhanden, denen wir uns anschließen könnten.“

„Aber es werden welche nachkommen. Wir dürfen nicht dulden, daß die Bleichgesichter hier zurückbleiben. Sie müssen mit uns fort.“

„Ich habe bereits gesagt, daß wir bleiben.“

„Wenn die Weißen nicht mit uns gehen, müssen wir sie als unsere Feinde betrachten.“

„Und wenn die Roten uns als solche ansehen, werden wir sie auch als Feinde behandeln.“

„Wir werden ihnen ihre Pferde nicht geben.“

„Und wir haben sie uns bereits genommen. Da werden sie uns eben gebracht.“

In der Tat kamen unsere Freunde gerade mit unsern Pferden heran. Der Häuptling zog die Brauen finster zusammen und sagte:

„So haben die Weißen also bereits ihre Vorkehrungen getroffen. Ich sehe, daß sie uns feindlich gesinnt sind, und werde sie von meinen Kriegern gefangen nehmen lassen.“

Der Scout ließ ein kurzes, unheimlich klingendes Lachen hören und antwortete:

„Der Häuptling der Comanchen täuscht sich sehr in uns. Ich habe dem weißen Biber bereits gesagt, daß wir hier bleiben werden. Wenn wir diesen Entschluß nun ausführen, so enthält er nur das, was ich gesagt habe, aber nicht die mindeste Feindseligkeit gegen die Comanchen. Es ist also gar kein Grund vorhanden, uns gefangen zu nehmen.“

„Wir werden es aber dennoch tun, wenn die Weißen mir nicht sofort versprechen, mit uns zu reiten und sich an unsere Spitze zu stellen.“

Der Blick Old Deaths schweifte forschend umher. Über sein Gesicht glitt jenes Grinsen, welches bei ihm stets anzeigte, daß er im Begriffe stehe, jemandem eine Schlappe beizubringen. Wir drei standen am Feuer. Wenige Schritte von uns hielten die Andern mit den Pferden. Kein einziger Comanche befand sich mehr in der Nähe. Sie waren alle zu ihren Pferden gegangen. Old Death sagte in deutscher Sprache, so daß der Comanche seine Worte nicht verstehen konnte:

„Wenn ich ihn niederschlage, dann schnell auf die Pferde und mir nach, dem Eingange des Tales zu, denn die Comanchen befinden sich auf der andern Seite.“

„Mein Bruder mag nicht diese Sprache reden. Ich will wissen, was er seinen Gefährten zu sagen hat.“

„Das soll der Häuptling sofort erfahren. Ihr habt heute wiederholt meinen Rat mißachtet und seid durch den darauf folgenden Schaden selbst jetzt noch nicht klug geworden. Ihr geht dem sicheren Tode entgegen und wollt uns zwingen, euch und uns selbst hineinzuführen. Ihr kennt, wie es scheint, Old Death noch immer nicht. Meinst du, ich ließe mich zwingen, etwas zu tun, was ich zu unterlassen beschlossen habe? Ich sage dir, daß ich mich weder vor dir noch all deinen Comanchen fürchte. Du willst uns gefangen nehmen? Merkst du denn nicht, daß du dich in meiner Hand befindest. Sich diese Waffe! Nur die kleinste Bewegung, so schieße ich dich nieder!“

Er hielt ihm den Revolver entgegen. Der Indianer wollte nach seinem Messer greifen; aber sofort saß ihm Old Deaths Waffe auf der Brust.

„Die Hand weg!“ donnerte ihn der Alte an. Jener ließ die Hand sinken.

„So! Ich mache keinen Spaß mit dir. Du zeigst dich als Feind von uns, und so gebe ich dir die Kugel, wenn du mir nicht augenblicklich gehorchst!“

Die bemalten Züge des Roten kamen in Bewegung. Er blickte sich forschend um, aber Old Death bemerkte:

„Suche nicht Hilfe von deinen Leuten! Selbst wenn sie sich hier befänden, würde ich dich niederschießen. Deine Gedanken sind so schwach, wie diejenigen eines alten Weibes, dessen Gehirn vertrocknet ist. Du bist von Feinden eingeschlossen, denen ihr unterliegen müßt, und doch schaffst du dir in. uns weitere Feinde, welche noch mehr zu fürchten sind, als die Apachen. Wie wir bewaffnet hier stehn, schießen wir hundert von euch nieder, bevor ein Pfeil von euch uns erreichen kann. Willst du deine Leute mit aller Gewalt in den Tod führen, so tue es. Für uns aber gelten deine Befehle nicht.“

Der Indianer stand eine kurze Weile schweigend. Dann sagte er:

„Mein Bruder muß bedenken, daß meine Worte nicht so gemeint waren!“

„Ich nehme deine Worte, wie sie klingen. Was du mit denselben meinst, das geht mich nichts an.“

„Nimm deine Waffe weg, und wir wollen Freunde bleiben!“

„Ja, das können wir. Aber bevor ich die Waffe von deiner Brust nehme, muß ich Sicherheit haben, daß es mit deiner Freundschaft ehrlich gemeint ist.“

„Ich habe es gesagt, und mein Wort gilt.“

„Und soeben noch sprachst du davon, daß du deine Worte anders meinst, als sie klingen. Man kann sich also auf deine Rede und dein Versprechen nicht verlassen.“

„Wenn du mir nicht glaubst, so kann ich dir keine weitere Sicherheit geben.“

„O doch. Ich verlange von dir, daß du mir deine Friedenspfeife gibst und – – –“

„Uff!“ rief der Indianer, ihn erschrocken unterbrechend. „Das Calumet gibt man nicht weg.“

„Ich bin damit aber noch gar nicht zufrieden. Ich verlange nicht nur dein Calumet, sondern auch deine Medizin.“

„Uff, uff, uff! Das ist unmöglich!“

„Du sollst mir beides nicht für immer geben, nicht schenken. In dem Augenblicke, in welchem wir uns friedlich trennen, erhältst du es wieder.“

„Kein Krieger gibt seinen Medizinbeutel aus der Hand!“

„Und doch verlange ich ihn. Ich kenne eure Sitte. Habe ich dein Calumet und deine Medizin, so bin ich du selbst und jede Feindseligkeit gegen uns würde dich um die Freuden der ewigen Jagdgründe bringen.“

„Und ich gebe sie nicht her!“

„Nun, so sind wir also fertig. Ich werde dir jetzt die Kugel geben und dir dann auch deinen Skalp nehmen, so daß du nach deinem Tode mein Hund und Sklave wirst. Ich werde meine linke Hand dreimal erheben. Beim drittenmal schieße ich, wenn du mir nicht gehorchst.“

Er erhob die Hand zum ersten-, und zum zweitenmal, während er mit der Rechten den Revolver noch immer auf das Herz des Roten gerichtet hielt. Schon war die dritte Handbewegung halb vollendet, da sagte der Indianer:

„Warte! Wirst du mir beides wiedergeben?“

„Ja.“

„So sollst du es haben. Ich werde – –“

Er erhob die Hände, wie um nach dem Medizinbeutel und der Pfeife, welche beide er um den Hals hängen hatte, zu greifen.

„Halt!“ fiel Old Death ihm in die Rede. „Nieder mit den Händen, sonst schieße ich! Ich traue dir erst dann, wenn ich diese beiden Gegenstände wirklich besitze. Mein Gefährte mag sie dir von dem Halse nehmen, um sie mir an den meinigen zu hängen.“

Der Comanche ließ die Hände wieder sinken. Ich nahm ihm die Sachen ab und hing sie Old Death um, worauf dieser den ausgestreckten Arm mit dem Revolver zurückzog.

„So!“ sagte er. „Jetzt sind wir wieder Freunde, und mein Bruder mag nun tun, was ihm beliebt. Wir werden hier zurückbleiben, um abzuwarten, wie der Kampf ausfällt!“

Der Häuptling hatte wohl noch nie eine solche Wut wie jetzt gefühlt. Seine Hand fuhr nach dem Messer, aber er wagte doch nicht, dasselbe herauszuziehen. Doch tat er wenigstens das Eine, in zischendem Tone hervorzustoßen:

„Die Bleichgesichter sind jetzt sicher, daß ihnen nichts geschieht, aber sobald sie mir das Calumet und die Medizin zurückgegeben haben, wird Feindschaft zwischen ihnen und uns sein, bis sie am Marterpfahle gestorben sind!“

Er wendete sich um und eilte von dannen.

„Wir sind jetzt so sicher wie in Abrahams Schoß,“ sagte der Scout, „trotzdem aber wollen wir keine Vorsichtsmaßregel unterlassen. Wir bleiben nicht hier beim Feuer, sondern ziehen uns nach dem Hintergrunde des Tales zurück und warten da ganz ruhig ab, was nun geschehen wird. Kommt, Mesch’schurs, nehmt die Pferde mit!“

Jeder nahm sein Pferd am Zügel. So begaben wir uns in die bezeichnete Gegend, wo wir die Pferde anpflockten und uns am Fuße der Talwand unter den Bäumen niederließen. Das Feuer leuchtete vom verlassenen Lagerplatze her. Rundum herrschte tiefe Stille.

„Warten wir die Sache ab,“ sagte der Scout. „Ich vermute, daß der Tanz sehr bald beginnen wird. Die Comanchen werden unter einem satanischen Geheul losbrechen, aber mancher von ihnen wird seine Stimme zum letztenmal erhoben haben. Da – da habt ihr es ja schon!“

Das Geheul, von welchem er gesprochen hatte, erhob sich jetzt, als ob eine Herde wilder Tiere losgelassen worden sei.

„Horcht! Hört ihr einen Apachen antworten?“ fragte der Alte. „Gewiß nicht. Die sind klug und machen ihre Arbeit in aller Stille ab.“

Die Felswände gaben das Kriegsgeschrei in vervielfachter Stärke zurück, ebenso wiederholte das Echo die beiden Schüsse, welche jetzt fielen.

„Das ist wieder Winnetous Silberbüchse,“ sagte der Scout, „ein sicheres Zeichen, daß die Comanchen angehalten werden.“

Wenn abgeschossene Pfeile und geworfene Lanzen einen Schall oder Knall verursachten, so wäre das Tal ganz gewiß jetzt von einem wilden Getöse erfüllt gewesen. So hörten wir nur die Stimmen der Comanchen und die fortgesetzten Schüsse Winnetous. Das dauerte wohl gegen zwei Minuten. Dann aber erklang ein mark- und beindurchdringendes Iwiwiwiwiwiwi zu uns herüber.

„Das Apachen sein!“ jubelte Sam. „Haben gesiegt und Comanchen zurückgeschlagen.“

Jedenfalls hatte er recht; denn als dieses Siegesgeheul verklungen war, trat tiefe Stille ein, und zu gleicher Zeit sahen wir am Feuer die Gestalten von Reitern erscheinen, zu denen sich mehrere und immer mehrere gesellten. Es waren die Comanchen. Der Durchbruch war nicht gelungen. Für einige Zeit herrschte beim Feuer eine außerordentliche Verwirrung. Wir sahen, wie Menschen herbeigetragen wurden, welche tot oder verwundet waren, und das bereits erwähnte Klagegeheul hob jetzt von neuem an. Old Death rückte in größtem Ärger auf seinem Platze hin und her und schimpfte in allen Tonarten über die Unvernunft der Comanchen. Nur eins erwähnte er beifällig, nämlich, daß sie eine Schar von Posten in der Richtung der beiden Ausgänge fortschickten, denn das war eine ganz nötige Vorsichtsmaßregel. Als nach langer Zeit die Totenklagen verstummt waren, schienen die Comanchen sich zu einer Beratung niedergesetzt zu haben. Von da an verging wohl eine halbe Stunde; dann sahen wir mehrere der Krieger sich von dem Lager entfernen und in der Richtung nach der hintern Seite des Tales zerstreuen, wo wir uns befanden.

„Jetzt werden wir gesucht,“ sagte Old Death. „Sie haben wohl eingesehen, welche Dummheiten sie begangen haben, und werden nicht zu stolz sein, auf unsern Rat zu hören.“

Einer der ausgesandten Boten kam in unsere Nähe. Old Death hustete leise. Der Mann hörte es und kam herbei.

„Sind die Bleichgesichter hier?“ fragte er. „Sie sollen an das Feuer kommen.“

„Wer sendet dich?“

„Der Häuptling.“

„Was sollen wir dort?“

„Eine Beratung soll abgehalten werden, an welcher die Bleichgesichter diesesmal teilnehmen dürfen.“

„Dürfen? Wie gütig von euch! Sind wir es endlich einmal wert, von den klugen Kriegern der Comanchen angehört zu werden? Wir liegen hier, um zu ruhen. Wir wollen schlafen. Sage das dem Häuptlinge! Eure Feindschaft mit den Apachen ist uns von jetzt an sehr gleichgültig.“

Jetzt legte sich der Rote aufs Bitten. Das blieb nicht ohne Erfolg auf den gutherzigen Alten, denn er sagte:

„Nun wohl, wenn ihr ohne unsern Rat keinen Weg der Rettung findet, so sollt ihr ihn haben. Aber es beliebt uns nicht, uns von eurem Häuptlinge kommandieren zu lassen. Sage ihm, daß er her zu uns kommen solle, wenn er mit uns sprechen will.“

„Das tut er nicht, denn er ist ein Häuptling.“

„Höre, Mann, ich bin ein viel größerer und berühmterer Häuptling als er. Ich kenne nicht einmal seinen Namen. Sag ihm das!“

„Auch kann er nicht gehen, selbst wenn er wollte, weil er am Arm verwundet ist.“

„Seit wann gehen die Söhne der Comanchen nicht mehr auf den Beinen, sondern auf den Armen? Wenn er nicht zu uns kommen will, so mag er bleiben, wo er ist. Wir brauchen ihn und euch alle nicht!“

Das war in einem so entschiedenen Tone gesprochen, daß der Rote nun doch meinte:

„Ich werde ihm die Worte Old Deaths mitteilen. Vielleicht kommt er doch.“

„So sage ihm aber, daß er allein kommen soll. Zu einer langen Beratung unter vielen habe ich keine Lust. Nun gehe!“

Der Mann entfernte sich. Wir sahen ihn nach dem Feuer gehen und dort in den Kreis der Krieger treten. Eine geraume Zeit verging, ehe etwas geschah. Endlich sahen wir, daß eine Gestalt sich in der Mitte der Sitzenden erhob, das Lagerfeuer verließ und auf uns zukam. Er trug Adlerfedern auf dem Kopfe.

„Schaut, er hat dem toten weißen Biber den Häuptlingsschmuck abgenommen und sich selbst angelegt. Jetzt wird er mit größter Grandezza herbeisteigen.“

Als der Häuptling näher kam, sahen wir, daß er allerdings den linken Arm in einem Riemen trug. Der Ort, an welchem wir uns befanden, mußte ihm ganz genau beschrieben worden sein, denn er kam grad auf denselben zu und blieb vor uns stehen. Er hatte wohl erwartet, angeredet zu werden, denn er sagte nichts. Old Death aber blieb ruhig liegen und schwieg. Wir Andern verhielten uns natürlich ganz ebenso.

„Mein weißer Bruder ließ mich bitten, zu ihm zu kommen?“ fragte der Rote nun doch.

„Old Death hat nicht nötig, zu einer Bitte niederzusteigen. Du wolltest mit mir sprechen. Also du bist es, welcher zu bitten hat, wenn überhaupt von einer Bitte die Rede sein kann. Jetzt aber werde ich dich sehr höflich ersuchen, mir deinen Namen zu sagen. Ich kenne ihn noch nicht.“

„Er ist bekannt über die ganze Prairie. Ich werde der flinke Hirsch genannt.“

„Ich bin auf allen Prairien gewesen, habe aber trotzdem diesen Namen nicht gehört. Du mußt sehr heimlich damit umgegangen sein. Nun aber, da ich ihn gehört habe, erlaube ich dir, dich zu uns zu setzen.“

Der Häuptling trat einen Schritt zurück. Erlauben wollte er sich nichts lassen; aber er fühlte sehr wohl, daß die Umstände ihn zwangen, nachzugeben. Darum ließ er sich langsam und gravitätisch Old Death gegenüber nieder, und nun erst richteten wir uns in sitzende Stellung auf. Erwartete der Comanche, daß der Scout das Gespräch beginnen werde, so hatte er sich geirrt. Letzterer behielt seine angenommene Gleichgültigkeit bei, und der Rote mußte anfangen:

„Die Krieger der Comanchen wollen eine große Beratung abhalten, und die Bleichgesichter sollen an derselben teilnehmen, damit wir ihren Rat hören.“

„Das ist überflüssig. Ihr habt meinen Rat schon oft gehört und doch nie befolgt. Ich aber bin gewohnt, daß meine Worte Beachtung finden, und so werde ich von jetzt an meine Gedanken für mich behalten!“

„Will mein Bruder wohl bedenken, daß wir seiner Erfahrung bedürfen!“

„Ah, endlich! Haben die Apachen euch belehrt, daß Old Death doch klüger war, als alle fünfhundert Comanchen? Wie ist euer Angriff ausgefallen?“

„Wir konnten nicht durch den Ausgang, denn er war mit Steinen, Sträuchern und Bäumen versperrt.“

„Dachte es mir! Die Apachen haben die Bäume mit ihren Tomahawks gefällt, und ihr hörtet es nicht, weil ihr eure Toten zu laut beklagtet. Warum habt ihr das Feuer nicht verlöscht? Seht ihr denn nicht ein, daß ihr euch dadurch in großen Schaden bringt?“

„Die Krieger der Comanchen mußten tun, was beraten worden war. Jetzt wird man etwas Klügeres beschließen. Du wirst doch mit uns sprechen?“

„Aber ich bin überzeugt, daß ihr meinen Rat abermals nicht befolgen werdet.“

„Wir befolgen ihn.“

„Wenn du mir das versprichst, so bin ich bereit, ihn euch zu geben.“

„So komme mit mir zum Feuer!“

„Ich danke! Dorthin komme ich nicht. Es ist eine große Unvorsichtigkeit, ein Feuer zu unterhalten, denn da können die Apachen sehen, was bei euch geschieht. Auch habe ich keine Lust, mich mit deinen Roten herumzustreiten. Ich werde sagen, was ich denke, und du kannst tun, was dir beliebt.“

„So sage es!“

„Die Apachen befinden sich nicht nur an den beiden Ausgängen des Tales, sondern sie sind im Tale selbst. Sie haben sich da vorn festgesetzt und die Ausgänge verbarrikadiert. So können sie sich nach links und rechts wenden, ganz wie es ihnen nötig erscheint. Sie zu vertreiben, ist unmöglich.“

„Wir sind ihnen ja weit überlegen.“

„Wie viele Krieger habt ihr bereits eingebüßt?“

„Der große Geist hat viele von uns zu sich gefordert. Es sind schon über zehnmal zehn. Und auch Pferde sind zu Grunde gegangen.“

„So dürft ihr in dieser Nacht nichts mehr unternehmen, weil es euch grad so ergehen würde, wie das letztemal. Und am Tage werden die Apachen sich so aufstellen, daß sie euch mit ihren Waffen, ihr aber nicht sie mit den eurigen erreichen könnt. Dann werden auch die Scharen eintreffen, nach denen Winnetou gesandt hat, und es sind nachher mehr Apachen als Comanchen vorhanden. Ihr seid dem Tode geweiht.“

„Ist das wirklich die Meinung meines Bruders? Wir werden seinen Rat befolgen, wenn er uns zu retten vermag.“

„Da du von Rettung sprichst, so hast du hoffentlich eingesehen, daß ich recht hatte, als ich dieses Tal eine Falle nannte. Wenn ich über die Sache nachdenke, so finde ich zwei Wege, auf denen die Rettung versucht werden könnte, aber auch nur versucht, denn ob sie wirklich gelingen wird, das kann ich nicht wissen. Der erste ist, daß ihr versucht, ob es möglich ist, an den Felsen empor zu klettern. Aber ihr müßtet dafür den Anbruch des Tages abwarten; die Apachen würden euch somit sehen und sich jenseits des Tales auf euch werfen. Dort sind sie euch überlegen, weil ihr eure Pferde nicht mitnehmen könnt. Es gibt also nur noch ein Mittel, euch zu retten. Tretet in Unterhandlung mit den Apachen!“

„Das tun wir nicht!“ brauste der Häuptling auf. „Die Apachen würden unsern Tod verlangen.“

„Das verdenke ich ihnen auch nicht, weil ihr ihnen Grund dazu gegeben habt. Ihr habt mitten im Frieden ihre Dörfer Überfallen, ihre Habe geraubt, ihre Weiber und Töchter fortgeführt und ihre Krieger getötet oder zu Tode gemartert. Ihr habt dann ihren Abgesandten das Wort gebrochen und sie ermordet. So schändliche Taten schreien um Rache, und es ist darum gar kein Wunder, daß ihr keine Gnade von den Apachen zu erwarten habt. Du siehst das selbst ein und gibst damit‘ zu, daß ihr ganz unverantwortlich an ihnen gesündigt habt.“

Das war höchst aufrichtig gesprochen, so aufrichtig, daß der Häuptling für eine ganze Weile verstummte.

„Uff!“ stieß er dann hervor. „Das sagst du mir – mir, dem Häuptling der Comanchen!“

„Ich würde es dir sagen, auch wenn du der große Geist selber wärest. Es war eine Schändlichkeit von euch, in dieser Weise an den Apachen zu handeln, welche euch nichts zugefügt hatten. Was taten euch ihre Gesandten, daß ihr sie tötetet? Was taten sie euch wieder, daß ihr den jetzigen Kriegszug unternehmt, um Tod, Verderben und Schande über sie zu bringen? Antworte mir!“

Der Indianer stieß erst nach längerer Zeit grimmig hervor:

„Sie sind unsere Feinde.“

„Nein. Sie lebten im Frieden mit euch, und kein Abgesandter von euch hat ihnen die Botschaft gebracht, daß ihr das Kriegsbeil gegen sie ausgegraben habt. Ihr seid euch eurer Schuld sehr wohl bewußt. Darum hegst du die Überzeugung, daß ihr keine Gnade zu erwarten habt. Und doch wäre es möglich, einen leidlichen Frieden mit ihnen zu schließen. Es ist ein Glück für euch, daß Winnetou ihr Anführer ist, denn er trachtet nicht nach Blut. Er ist der einzige Häuptling der Apachen, welcher sich vielleicht zur Milde gegen euch entschließen könnte. Sendet einen Mann an ihn, um eine Unterhandlung herbeizuführen. Ich selbst will mich sogar bereit finden lassen, zu gehen, um ihn nachgiebig für euch zu stimmen.“

„Die Comanchen werden lieber sterben, als die Apachen um Gnade bitten.“

„Nun, das ist eure Sache. Ich habe dir jetzt meinen Rat erteilt. Ob du ihn befolgest oder nicht, das ist mir außerordentlich gleichgültig.“

„Weiß mein Bruder keine andere Hilfe? Er redet zu Gunsten der Apachen; also ist er ein Freund derselben.“

„Ich bin allen roten Männern wohlgesinnt, so lange sie mich nicht feindselig behandeln. Die Apachen haben mir nicht das geringste Leid getan. Warum soll ich ihr Feind sein? Aber ihr habt uns feindselig behandeln wollen. Du wolltest uns gefangen nehmen. Nun wäge ab, wer größeres Anrecht auf unsere Freundschaft hat, ihr oder sie!“

„Du trägst mein Calumet und meinen Medizinbeutel, also ist das, was du sagst, grad so, als ob es meine Worte seien.

Darum darf ich dir nicht die Antwort geben, welche ich dir geben möchte. Dein Rat taugt nichts. Du hast damit die Absicht, uns in die Hände der Apachen zu bringen. Wir werden nun selbst wissen, was wir zu tun haben.“

„Nun, wenn ihr das wißt, warum willst du dann meinen Rat haben? Wir sind fertig und haben nichts mehr zu besprechen.“

„Ja, wir sind fertig,“ stimmte der Comanche bei. „Aber bedenke wohl, daß du trotz des Schutzes, unter welchem du jetzt noch stehst, unser Feind bist. Du darfst mein Calumet und meine Medizin nicht behalten. Du wirst sie hergeben müssen, ehe wir diesen Ort verlassen, und dann wird alles über dich kommen, was du veranlaßt hast.“

Well! Ich bin einverstanden. Was über mich kommen soll, erwarte ich mit großer Ruhe. Du hast Old Death gedroht. Ich wiederhole, daß wir mit einander fertig sind, und du kannst gehen.“

„Uff!“ stieß der Häuptling wild hervor. Dann wendete er sich ab und kehrte gemessenen Schrittes nach dem Feuer zurück.

„Diese Kerls sind wirklich wie vor den Kopf geschlagen,“ zürnte Old Death hinter ihm her. „Sie können sich wirklich nur dadurch retten, daß sie um Frieden bitten. Anstatt dies zu tun, bauen sie noch immer auf ihre Überzahl. Aber wie die Verhältnisse jetzt liegen, ist Winnetou allein für hundert Mann zu rechnen. Das werdet Ihr nicht glauben, weil Ihr ein Neuling im wilden Westen seid und also gar nicht ahnt, was unter Umständen ein einziger tüchtiger Kerl zu bedeuten hat. Ihr solltet zum Beispiel nur wissen, was dieser junge Apache mit: seinem weißen Freunde Old Shatterhand ausgeführt hat. Habe ich Euch schon davon erzählt?“

Er nannte meinen Namen jetzt zum ersten Male.

„Nein,“antwortete ich. „Wer ist dieser Old Shatterhand?“

„Ein grad so junger Mann, aber doch ein ganz anderer Kerl als Ihr. Schlägt alle Feinde mit der Faust zu Boden, schießt mit dem Teufel um die Wette und ist ein Pfiffikus, an den kein Anderer kommt.“

Da raschelte es leise hinter uns, und eine unterdrückte Stimme sagte:

„Uff! Old Death hier? Das habe ich nicht gewußt. Wie freu’ich mich darüber!“

Der Alte drehte sich erschrocken um, zog sein Messer schnell und fragte:

„Wer ist da? Wer wagt es, uns hier zu belauschen?“

„Mein alter, weißer Bruder mag das Messer in seinem Gürtel lassen; er wird doch Winnetou nicht stechen wollen!“

„Winnetou? Alle Teufel! Allerdings nur Winnetou konnte es fertig bringen, sich hinter Old Death zu schleichen, ohne von ihm bemerkt zu werden. Das ist ein Meisterstück, welches ich mir nicht getraue, nachzumachen!“

Der Apache kam vollends herangekrochen und antwortete, ohne sich merken zu lassen, daß er mich kannte:

„Der Häuptling der Apachen hat keine Ahnung davon gehabt, daß Old Death hier ist, sonst hätte er sich schon eher zu ihm geschlichen und mit ihm gesprochen.“

„Aber du begibst dich ja in eine ganz außerordentliche Gefahr! Du hast dich durch die Posten und dann noch bis hierher schleichen müssen und mußt auch wieder zurück.“

„Nein, das habe ich nicht. Die Bleichgesichter sind meine Freunde, und ich kann ihnen mein Vertrauen schenken. Dieses Tal liegt im Gebiete der Apachen, und Winnetou hat es zu einer Falle eingerichtet für Feinde, welche etwa bei uns eindringen wollen. Diese Felswände sind nicht so unwegbar, wie es scheint. Die Apachen haben einen schmalen Pfad angelegt, welcher in der Höhe mehrerer Männer rund um das Tal läuft. Durch einen Lasso kommt man leicht hinauf und wieder herab. Die Comanchen sind durch meine Kundschafter in diese Falle gelockt worden und sollen darin untergehen.“

„Ist ihr Tod denn wirklich beschlossen?“

„Ja. Winnetou hat dein Gespräch mit dem Häuptling gehört und aus demselben ersehen, daß du dich zur Seite der Apachen neigest. Du hast gesagt, was die Comanchen an uns verbrochen haben, und gibst es zu, daß wir diesen vielfältigen Mord zu rächen haben.“

„Aber müssen deswegen Ströme Blutes fließen?“

„Du hast selbst gehört, daß die Comanchen weder ihre Sünde bekennen, noch das tun wollen, was du ihnen rietest und was die Klugheit ihnen gebietet. So mag nun ihr Blut über sie selbst kommen. Die Apachen werden ein Beispiel geben, wie sie den Verrat zu bestrafen wissen. Das müssen sie tun, um vor Wiederholungen sicher zu sein.“

„Es ist grauenhaft! Doch fühle ich keinen Beruf, meinen Rat abermals vor Ohren hören zu lassen, welche desselben gar nicht zu bedürfen vermeinen.“

„Du würdest abermals nicht gehört. Ich vernahm aus deinen Worten, daß du die Heiligtümer des Häuptlings besitzest. Wie bist du zu ihnen gekommen?“

Old Death erzählte es. Als er geendet hatte, sagte Winnetou:

„Da du ihm versprochen hast, sie ihm wiederzugeben, so mußt du dein Wort halten. Du wirst sie ihm gleich jetzt geben und zu uns kommen. Ihr werdet als Freunde bei uns aufgenommen werden.“

„Gleich jetzt sollen wir zu euch kommen?“

„Ja. In drei Stunden werden über sechshundert Krieger der Apachen hier ankommen. Viele von ihnen haben Gewehre. Ihre Kugeln streichen über das Tal weg, und euer Leben ist nicht mehr sicher.“

„Aber wie sollen wir es anfangen, zu euch zu kommen?“

„Das fragt Old Death?“

„Hm, ja! Wir setzen uns auf die Pferde und reiten zum Lagerfeuer. Dort gebe ich dem Häuptling seine Heiligtümer zurück, und dann sprengen wir fort, den Apachen entgegen. Die im Wege stehenden Posten reiten wir nieder. Wie aber kommen wir über die Barrikaden hinweg?“

„Sehr leicht. Wartet nur, wenn ich hier fort bin, noch zehn Minuten, bevor ihr aufbrecht. Dann werde ich rechts, am Ausgange des Tales, stehen und euch empfangen.“

Er huschte davon.

„Na, was sagt Ihr nun?“ fragte Old Death.

„Ein außerordentlicher Mann!“ antwortete Lange.

„Darüber gibt es gar keinen Zweifel. Wäre dieser Mann ein Weißer, ein Soldat, er könnte es bis zum Feldherrn bringen. Und wehe den Weißen, wenn es ihm in den Sinn käme, die Roten um sich zu versammeln, um ihre angestammten Rechte zu verfechten. Er aber liebt den Frieden und weiß, daß die Roten trotz allen Sträubens dem Untergange gewidmet sind, und verschließt die fürchterliche Last dieser Überzeugung still in seiner Brust. Na, setzen wir uns also auf zehn Minuten wieder nieder.“

Es blieb so ruhig im Tale, wie es in der letzten halben Stunde gewesen war. Die Comanchen berieten noch. Nach zehn Minuten stand Old Death wieder auf und stieg in den Sattel.

„Macht genau das nach, was ich tue!“ sagte er.

Langsamen Schrittes ritten wir bis zum Lagerplatze. Der Kreis der Comanchen öffnete sich, und wir ritten in denselben hinein. Wären die Gesichter nicht bemalt gewesen, so hätten wir gewiß das größte Erstaunen in denselben bemerken können.

„Was wollt ihr hier?“ fragte der Häuptling, indem er aufsprang. „Weshalb kommt ihr zu Pferde?“

„Wir kommen als Reiter, um den tapfern und klugen Kriegern der Comanchen eine Ehre zu erweisen. Nun, was werdet ihr also tun?“

„Die Beratung ist noch nicht zu Ende. Aber steigt ab! Ihr seid unsere Feinde, und wir dürfen nicht zugeben, daß ihr zu Pferde seid. Oder kommst du vielleicht, mir meine Heiligtümer zurückzubringen?“

„Wäre das nicht sehr unklug von mir gehandelt? Du hast ja gesagt, daß von dem Augenblicke an, an welchem du dein Eigentum zurück hast, Feindschaft zwischen euch und uns sein solle, bis wir am Marterpfahle sterben.“

„So wird es sein. Ich habe es gesagt, und ich halte Wort. Der Zorn der Comanchen wird euch vernichten!“

„Wir fürchten uns so wenig vor diesem Zorne, daß ich die Feindschaft gleich jetzt beginnen lasse. Da hast du deine Sachen! Und nun seht, was ihr uns tun könnt!“

Er riß die beiden Gegenstände vorn Halse und schleuderte sie weit von sich. Zugleich spornte er sein Pferd an, daß es in einem weiten Bogen über das Feuer wegsetzte und drüben eine Bresche in die Reihen der Comanchen riß. Sam, der Neger, war der erste hinter ihm. Er ritt den Häuptling nieder. Wir andern Drei folgten augenblicklich. Zehn oder fünfzehn Comanchen wurden umgeritten, dazu einer der draußen dem voranstürmenden Old Death im Wege stehenden Posten; dann flogen wir über die ebene Grasfläche hin, verfolgt von einem unbeschreiblichen Wutgeheul unserer bisherigen so unzuverlässigen Freunde.

„Uff!“ rief uns eine Stimme entgegen. „Anhalten! Dasteht Winnetou!“

Wir parierten die Pferde. Vor uns stand eine Anzahl Apachen, welche unsere Tiere an den Zügeln nahmen, als wir abgestiegen waren. Winnetou geleitete uns nach der Enge, welche aus dem Tale führte. Dort war bereits Platz gemacht worden, so daß wir und auch die Pferde einzeln passieren konnten.

Als wir die Barrikade hinter uns hatten, wurde der Ausgang breiter, und bald sahen wir einen hellen Schein. Die Enge öffnete sich, und nun erblickten wir ein schwach brennendes Feuer, an welchem zwei Rote bei einem improvisierten Bratspieße hockten. Sie entfernten sich ehrerbietig, als wir uns näherten. Auch die andern Apachen zogen sich zurück, als sie unsere Pferde angepflockt hatten. In einiger Entfernung weidete eine ganze Schar von Pferden, bei denen Wächter standen. Das hatte fast einen militärischen Anstrich. Die Bewegungen der Apachen waren so exakt und sicher, fast wie einexerziert gewesen.

„Meine Brüder mögen sich an das Feuer setzen,“ sagte Winnetou. „Ich habe ein Stück Lende des Büffels braten lassen. Sie können davon essen, bis ich wiederkehre.“

„Bleibst du lange fort?“ fragte Old Death.

„Nein. Ich muß in das Tal zurück. Die Comanchen könnten sich von dem Zorne über euch haben fortreißen lassen, sich meinen Kriegern zu nähern. Da werde ich ihnen einige Kugeln geben.“

Er entfernte sich. Old Death ließ sich behaglich am Feuer nieder, zog das Messer und untersuchte den Braten. Er war ausgezeichnet. Der Alte und ich hatten überhaupt noch nicht gegessen, und auch von den Andern war das Pferdefleisch der Comanchen nur gekostet worden. Das große Stück Lende schrumpfte sehr schnell zusammen. Da kehrte Winnetou zurück; er sah mich fragend an, und ich verstand seinen Blick. Er wollte wissen, ob er mich auch jetzt noch verleugnen solle, darum stand ich vom Feuer auf, streckte ihm beide Hände entgegen und sagte:

„Mein Bruder Winnetou sieht, daß ich nicht nach dem Rio Pecos zu gehen brauche, um ihn wieder zu treffen. Mein Herz freut sich, ihm schon hier zu begegnen.“

Wir umarmten uns. Als Old Death dies sah, fragte er erstaunt:

„Was ist denn das? Ihr kennt euch schon?“

„Es ist mein weißer Bruder Old Shatterhand,“ erklärte der Apache.

„Old – Shat-ter-hand!“ rief der Alte, indem er ein wahrhaft köstliches Gesicht machte. Und als ich die Worte Winnetous lachend bestätigte, fuhr er zornig fort:

„So habt Ihr mich also belogen und betrogen, habt Old Death an der Nase geführt! Old Shatterhand! Und das hat nicht dergleichen getan, sondern sich immerfort ein Greenhorn und einen Neuling schimpfen lassen!“

Wir überließen ihn seinem Erstaunen, denn Winnetou hatte mir zu erzählen:

„Mein Bruder weiß, daß ich nach Fort Inge mußte. Dort erfuhr ich – – –“

„Ich weiß schon alles,“ unterbrach ich ihn. „Wenn wir mehr Zeit haben als jetzt, werde ich dir sagen, wie wir es erfahren haben. Jetzt muß ich vor allen Dingen schnell wissen, wo die zehn Bleichgesichter sind, welche bei den Comanchen waren und mit deinen beiden Spähern, die sich für Topias ausgaben, zu euch übergegangen sind.“

„Sie sind fort.“

„Fort? Wohin?“

„Nach Chihuahua zu Juarez.“

„Schon fort? Wirklich, wirklich?“

„Ja. Sie hatten große Eile und mit den Comanchen einen großen Umweg machen müssen, den sie einholen mußten.“

„Das ist ein Schlag für uns, denn bei ihnen waren die beiden Männer, denen ich folgte!“

„Uff, uff! Die waren dabei? Das wußte ich nicht. Sie mußten zur bestimmten Zeit in Chihuahua eintreffen und hatten viel Zeit versäumt. Winnetou liebt Juarez; darum unterstützte er sie, schnell fortzukommen. Ich gab ihnen frische Pferde und Proviant und als Führer die beiden angeblichen Topias, welche den Weg über die Mapimi nach Chihuahua genau kennen. Die Bleichgesichter erklärten, keine Minute länger säumen zu dürfen.“

„Auch das! Frische Pferde, Proviant und zuverlässige Führer! Ich hatte diesen Gibson schon in der Hand; nun wird er mir entkommen!“

Winnetou sann einen Augenblick nach und sagte dann:

„Ich habe einen großen Fehler begangen, ohne es zu wissen, werde ihn aber gutmachen. Gibson wird in deine Hände fallen. Der Auftrag, den ich in Matagorda auszuführen hatte, ist erledigt; sobald ich die Comanchen hier bestraft habe, bin ich frei und werde euch begleiten. Ihr sollt die besten Pferde haben, und wenn nicht etwas ganz Unerwartetes geschieht, haben wir bis Mittag des zweiten Tages die Weißen eingeholt.“

Da kam ein Apache aus dem Tale gelaufen und meldete:

„Die Hunde der Comanchen haben das Feuer verlöscht und sind vom Lagerplatze fort. Sie haben einen Angriff vor.“

„Sie werden wieder abgewiesen werden, wie vorher,“ antwortete Winnetou. „Wenn meine weißen Brüder mitkommen, werde ich sie dahin stellen, von wo aus sie alles hören können.“

Wir standen natürlich sofort auf. Er führte uns in die Enge zurück, fast bis an die Barrikade. Dort gab er einen am Felsen niederhängenden Lasso in Old Deaths Hand und sagte:

„Turnt euch an dem Riemen empor, zweimal so hoch, wie ein Mann ist. Dort werdet ihr Sträucher finden und hinter ihnen den Weg, von welchem ich euch gesagt habe. Ich kann nicht mit hinauf, sondern muß zu meinen Kriegern.“

Er nahm etwas da am Felsen Lehnendes mit sich. Es war seine Büchse.

„Hm!“ brummte der Scout. „An so einem dünnen Lasso zwölf Fuß empor zu kriechen! Ich bin doch keine Affe, der gelernt hat, zwischen Lianen herum zu klettern. Wollen es versuchen.“

Es gelang ihm doch. Ich folgte ihm, und auch die Anderen kamen nach, freilich nur mit Schwierigkeit. Der Felsen trug da einen Baum, um dessen Stamm der Lasso geschlungen war. Daneben standen Sträucher, welche den Steig verdeckten, Da es so dunkel war, daß wir uns anstatt der Augen des Gefühles oder vielmehr des Tastsinnes bedienen mußten, tappten wir uns mit Hilfe der Hände eine kleine Strecke fort, bis Old Death stehen blieb. An den Felsen gelehnt, warteten wir nun, was kommen werde. Mir schien es, als ob die Stille des Todes auf dem Tale liege. So sehr ich mein Ohr anstrengte, ich konnte nichts hören, als ein leises Schnüffeln, welches aus der Nase Old Deaths kam.

„Dumme Kerle, die Comanchen! Meint Ihr nicht, Sir?“ sagte er. „Da drüben rechts riecht es nach Pferden, nach Pferden, welche sich bewegen. Das ist nämlich etwas ganz anderes, als Pferde, welche unbeweglich stehen. Über stillstehenden Pferden liegt der Geruch dick und unbeweglich; man kann die Nase, sozusagen, hineinstoßen. Sobald aber die Pferde sich bewegen, kommt auch er in Bewegung, wird feiner und flüssiger und leicht davongetragen. So unglaublich es klingen mag, der Westmann merkt aus der Dichtheit oder Dünne dieses Geruches, ob er stehende oder laufende Pferde vor sich hat. Natürlich ruhige Luft vorausgesetzt. Jetzt kommen nun von da rechts solche leichte Pferdelüftchen herüber, und meinen alten Ohren war es auch, als ob sie das Stolpern eines Pferdehufes vernommen hätten, leicht und dumpf wie auf Grasboden. Ich kalkuliere, daß die Comanchen jetzt sich leise nach dem Eingange hinziehen, um da durchzubrechen.“

Da hörten wir eine helle Stimme rufen:

„Ntsa-ho!“

Dieses Wort bedeutet Jetzt. Im Augenblicke darauf krachten zwei Schüsse – Winnetous Silberbüchse. Revolverschüsse folgten. Ein unbeschreibliches Geheul erscholl zu uns herauf. Wilde Indianerrufe schrillten über das Tal; Tomahawks klirrten. Der Kampf war ausgebrochen.

Er währte nicht lange. Durch das Schnauben und Wiehern der Pferde und das Wutgeschrei der Comanchen brach sich das siegreiche Iwiwiwiwiwi der Apachen Bahn. Wir hörten, daß die ersteren sich in wilder Flucht zurückzogen. Ihre Schritte und das Stampfen ihrer Pferde entfernten sich nach der Mitte des Tales hin.

„Habe ich es nicht gesagt!“ meinte Old Death. „Eigentlich hätte man nicht losschlagen sollen. Die Apachen halten sich wundervoll. Sie schießen ihre Pfeile und stechen mit ihren Lanzen aus sicheren Verstecken hervor. Die Comanchen sind dicht gedrängt, so daß jeder Pfeil, jeder Speer, jede Kugel Winnetous treffen muß. Und nun, da die Feinde sich zurückziehen, sind die Apachen klug genug, ihnen nicht zu folgen. Sie bleiben in ihrer Deckung, denn sie wissen, daß die Comanchen ihnen nicht entgehen können. Warum also sich in das Tal wagen!“

Auch in der Beziehung befolgten die Comanchen jetzt Old Deaths Rat, daß sie sich nach dem Mißerfolge ruhig verhielten. Ihr Geheul war verstummt, und da das Feuer nicht mehr brannte, ließen sie ihre Gegner über ihre Bewegungen im Unklaren. Wir warteten noch eine Weile. Es wollte sich nichts Neues begeben. Da hörten wir unter uns Winnetous gedämpfte Stimme:

„Meine weißen Brüder können wieder herabkommen. Der Kampf ist vorüber und wird auch nicht wieder losbrechen.“

Wir kehrten zu dem Lasso zurück und ließen uns an demselben hinab. Unten stand der Häuptling, mit dem wir uns wieder hinaus zu dem Feuer begaben.

„Die Comanchen versuchten es jetzt auf der andern Seite,“ sagte er. „Es ist ihnen ebensowenig geglückt. Sie werden von neuem bewacht und können nichts unternehmen, ohne daß Winnetou es erfährt. Die Apachen sind ihnen gefolgt und liegen in einer langen Linie, welche von einer Seite des Tales bis zur andern reicht, im Grase, um alles scharf zu beobachten.“

Während er das sagte, hielt er den Kopf nach der rechten Seite geneigt, als ob er auf etwas horche. Dann sprang er auf, so daß das Feuer seine Gestalt hell beleuchtete.

„Warum tust du das?“ fragte ich ihn.

Er deutete hinaus in die finstre Nacht und antwortete:

„Winnetou hat gehört, daß dort ein Pferd auf steinigtem Weg strauchelte. Es kommt ein Reiter, einer meiner Krieger. Er wird absteigen wollen, um zu untersuchen, wer hier am Feuer sitzt. Darum bin ich aufgestanden, damit er bereits von weitem erkennen möge, daß Winnetou sich hier befindet.“

Sein feines Gehör hatte ihn nicht getäuscht. Es kam ein Reiter im Trabe herbei, hielt bei uns sein Pferd an und stieg ab. Der Häuptling empfing ihn mit einem nicht sehr freundlichen Blick. Er tadelte ihn wegen des von dem Pferde gemachten Geräusches.

Der Gescholtene stand in aufrechter und doch ehrerbietiger Haltung da, ein freier Indianer, der aber gern die größere Begabung seines Anführers anerkennt.

„Sie kommen,“ antwortete er.

„Wie viele Pferde?“

„Alle. Es fehlt kein einziger Krieger. Wenn Winnetou ruft, bleibt kein Apache bei den Frauen zurück.“

„Wie weit sind sie noch von hier?“

„Sie kommen mit dem Grauen des Tages an.“

„Gut. Führe dein Pferd zu den andern, und setze dich zu den Wachen, um auszuruhen!“

Der Mann gehorchte augenblicklich. Winnetou setzte sich wieder zu uns nieder, und wir mußten ihm von unserem Aufenthalte auf der Hacienda del Caballero und dann auch von dem Ereignisse in La Grange erzählen. Darüber verging die Zeit, und vom Schlafen war natürlich keine Rede. Der Häuptling hörte unsere Erzählung an und warf nur zuweilen eine kurze Bemerkung oder Frage ein. So wich allmählich die Nacht, und die Morgendämmerung begann. Da streckte Winnetou die Hand nach Westen aus und sagte:

„Meine weißen Brüder mögen sehen, wie pünktlich die Krieger der Apachen sind. Dort kommen sie.“

Ich sah nach der angegebenen Richtung. Der Nebel lag wie ein grauer, wellenloser See im Westen und schob seine undurchsichtigen Massen buchten- und busenartig zwischen die Berge hinein. Aus diesem Nebelmeere tauchte ein Reiter auf, dem in langer Einzelreihe viele, viele andere folgten. Als er uns erblickte, hielt er für einen Augenblick an. Dann erkannte er Winnetou und kam in kurzem Trabe auf uns zu. Er war ein Häuptling, denn er trug zwei Adlerfedern im Haarschopfe. Keiner dieser Reiter hatte ein wirkliches Zaumzeug; sie alle führten ihre Pferde am Halfter, und doch war die Lenkung, als sie jetzt im eleganten Galoppe heran kamen, um in fünffacher Reihe Aufstellung zu nehmen, eine so sichere, wie man sie selbst bei einer europäischen Kavallerie nur selten trifft. Die meisten von ihnen waren mit Gewehren bewaffnet, und nur wenige trugen Bogen, Lanze und Köcher. Der Anführer sprach eine kurze Weile mit Winnetou. Dann gab der Letztere einen Wink, und im Nu saßen die Krieger ab. Diejenigen, welche keine Gewehre besaßen, bemächtigten sich der Pferde, um dieselben zu beaufsichtigen. Die Andern schritten in die Enge hinein. Der Lasso, an welchem wir zum Pfade emporgeklettert waren, hing noch dort, und ich sah, daß sich Einer nach dem Andern an demselben hinaufschwang. Das ging alles so still, geräuschlos und exakt vor sich, als ob es lange vorher eingehend besprochen worden sei. Winnetou stand ruhig da, um die Bewegungen der Seinen mit aufmerksamem Blicke zu verfolgen. Als der Letzte von ihnen verschwunden war, wendete er sich zu uns:

„Meine weißen Brüder werden nun erkennen, daß die Söhne der Comanchen verloren Sind, wenn ich es so befehle.“

„Wir sind davon überzeugt,“ antwortete Old Death. „Aber will Winnetou wirklich das Blut so vieler Menschen vergießen?“

„Haben sie es anders verdient? Was tun die weißen Männer, wenn einer von ihnen gemordet worden ist? Suchen sie nicht nach dem Mörder? Und wenn er gefunden worden ist, so treten ihre Häuptlinge zusammen und halten einen Rat, um das Urteil zu sprechen und ihn töten zu lassen. Könnt ihr die Apachen tadeln, wenn sie nichts als nur dasselbe tun?“

„Ihr tut ja nicht dasselbe!“

„Kann mein Bruder das beweisen?“

„Ja. Wir bestrafen den Mörder, indem wir ihn töten. Du willst aber auch diejenigen erschießen lassen, welche gar nicht dabei waren, als eure Dörfer überfallen wurden.“

„Sie tragen ganz dieselbe Schuld, denn sie sind damit einverstanden gewesen. Auch waren sie dabei, als die gefangenen Apachen am Marterpfahle sterben mußten. Sie sind nun die Männer unserer Frauen und Töchter und die Besitzer unseres Eigentums, unserer Pferde, welche uns geraubt wurden.“

„Aber Mörder kannst du sie nicht nennen!“

„Ich weiß nicht, was Old Death will. Bei seinen Brüdern gibt es außer dem Morde noch andere Taten, welche mit dem Tode bestraft werden. Die Westmänner schießen jeden Pferdedieb nieder. Wird einem Weißen sein Weib oder seine Tochter geraubt, so tötet er alle, welche zu dieser Tat in Beziehung stehen. Da drin im Tale befinden sich die Besitzer unserer geraubten Frauen, Mädchen und Pferde. Sollen wir ihnen dafür etwa das geben, was die Weißen ein Kreuz oder einen Orden nennen?“

„Nein; aber ihr könnt ihnen verzeihen und euer Eigentum zurücknehmen.“

„Pferde nimmt man zurück, aber Frauen nicht. Und verzeihen? Mein Bruder spricht wie ein Christ, welcher stets nur das von uns fordert, dessen gerades Gegenteil er tut! Verzeihen die Christen uns? Haben sie uns überhaupt etwas zu verzeihen? Sie sind zu uns gekommen und haben uns die Erde genommen. Wenn bei euch einer einen Grenzstein weitersetzt, oder ein Tier des Waldes tötet, so steckt man ihn in das finstere Gebäude, welches ihr Zuchthaus nennt. Was aber tut ihr selbst? Wo sind unsere Prairien und Savannen? Wo sind die Herden der Pferde, Büffel und anderer Tiere, welche uns gehörten? Ihr seid in großen Scharen zu uns gekommen, und jeder Knabe brachte ein Gewehr mit, um uns das Fleisch zu rauben, dessen wir zum Leben bedurften. Ein Land nach dem andern entriß man uns, ohne alles Recht. Und wenn der rote Mann sein Eigentum verteidigte, so wurde er ein Mörder genannt, und man erschoß ihn und die Seinigen. Du willst, ich soll meinen Feinden verzeihen, denen wir nichts zuleide getan haben! Warum verzeiht denn ihr es uns nicht, ihr, die ihr uns alles zuleide tut, ohne daß wir euch Veranlassung dazu gegeben haben? Wenn wir uns wehren, so tun wir unsere Pflicht; dafür aber bestraft ihr uns mit dem Untergange. Was würdet ihr sagen, wenn wir zu euch kämen, um euch unsere Art und Weise aufzuzwingen? Wollten wir es erzwingen, so wie ihr es bei uns erzwungen habt, so würdet ihr uns bis auf den letzten Mann töten oder uns gar in eure Irrenhäuser stecken. Warum sollen wir nicht ebenso handeln dürfen? Aber dann heißt es in aller Welt, der rote Mann sei ein Wilder, mit dem man weder Gnade noch Barmherzigkeit haben dürfe; er werde nie Bildung annehmen und müsse deshalb verschwinden. Habt ihr durch euer Verhalten bewiesen, daß ihr Bildung besitzet? Ihr zwingt uns, eure Religion anzunehmen. Zeigt sie uns doch! Die roten Männer verehren den großen Geist in einer und derselben Weise. jeder von euch aber will in anderer Weise selig werden. Ich kenne einen Glauben der Christen, welcher gut war. Diesen lehrten die frommen Patres, welche in unser Land kamen, ohne uns töten und verdrängen zu wollen. Sie bauten Missionen bei uns und unterrichteten unsere Eltern und Kinder. Sie wandelten in Freundlichkeit umher und lehrten uns alles, was gut und nützlich für uns war. Das ist nun viel anders geworden. Die frommen Männer haben mit uns weichen müssen, und wir mußten sie sterben sehen, ohne Ersatz für sie zu erhalten. Dafür kommen jetzt Andersgläubige von hundert Sorten. Sie schmettern uns die Ohren voller Worte, die wir nicht verstehen. Sie nennen sich gegenseitig Lügner und behaupten doch, daß wir ohne sie nicht in die ewigen Jagdgründe gelangen können. Und wenn wir, von ihrem Gezänk ermüdet, uns von ihnen wenden, so schreien sie Ach und Wehe über uns und sagen, sie wollen den Staub von ihren Füßen schütteln und ihre Hände in Unschuld waschen. Dann währt es nicht lange, so rufen sie die Bleichgesichter herbei, welche sich bei uns eindrängen und unsern Pferden die Weide nehmen. Sagen wir dann, daß dies nicht geschehen dürfe, so kommt ein Befehl, daß wir abermals weiter zu ziehen haben. Das ist meine Antwort, welche ich dir zu geben habe. Sie wird dir nicht gefallen; aber du an meiner Stelle würdest noch ganz anders sprechen. Howgh!“

Mit diesem letzteren indianischen Bekräftigungsworte wendete er sich von uns ab und trat um einige Schritte zur Seite, wo er, in die Ferne blickend, stehen blieb. Er war innerlich erregt und wollte das überwinden. Dann kehrte er sich uns wieder zu und sagte zu Old Death:

„Ich habe meinem Bruder eine lange Rede gehalten. Er wird mir recht geben, denn er ist ein Mann, welcher gerecht und billig denkt. Dennoch will ich ihm gestehen, daß mein Herz nicht nach Blut trachtet. Meine Seele ist milder, als meine Worte es waren. Ich glaubte, die Comanchen würden mir einen Unterhändler senden. Da sie es nicht tun, brauchte ich kein Erbarmen mit ihnen zu haben, aber dennoch will ich ihnen einen Mann senden, welcher mit ihnen reden soll.“

„Das freut mich ungemein,“ rief Old Death. „Ich hätte diesen Ort in sehr trüber Stimmung verlassen, wenn alle diese Leute ohne einen Versuch, sie zu retten, getötet worden wären. Ich trage ja auch einen Teil der Schuld, daß sie in deine Hände geraten sind.“

„Von diesem Vorwurfe kann ich dich befreien, denn ich hätte sie auch ohne deine Beihilfe besiegt,“ entgegnete Winnetou.

„Aber weißt du auch, daß noch Hunderte von ihnen nachkommen?“

„Winnetou weiß es. Er hat ja mit dem guten Manne zwischen ihnen hindurchzuschleichen gehabt. Es sind nur hundert. Ich werde sie in eben demselben Tale einschließen und vernichten wie die Andern, wenn sie sich nicht freiwillig ergeben.“

„So siehe zu, daß sie nicht zu zeitig kommen. Du mußt mit denen, welche sich hier befinden, fertig sein, ehe die Übrigen hier eintreffen.“

„Winnetou fürchtet sich auf keinen Fall. Doch wird er sich beeilen.“

„Hast du einen Mann, welcher die Verhandlung mit den Comanchen führen kann?“

„Ich habe ihrer viele; aber am liebsten wäre es mir, wenn mein Bruder das tun wollte.“

„Das übernehme ich sehr gern. Ich gehe eine kurze Strecke vor und rufe ihren Häuptling zu mir. Welche Bedingungen stellst du ihnen?“

„Sie sollen uns für jeden Getöteten fünf, für jeden Gemarterten aber zehn Pferde geben.“

„Das ist sehr billig, aber seit es keine großen Herden wilder Pferde mehr gibt, ist ein Pferd nicht leicht zu erlangen.“

„Was sie uns sonst an Eigentum geraubt haben, verlangen wir zurück. Ferner haben sie uns so viele junge Mädchen auszuliefern, wie sie uns Frauen und Töchter raubten. Frauen der Comanchen mögen wir nicht. Dazu verlangen wir auch die Kinder zurück, welche sie fortgeführt haben. Hältst du das für hart?“

„Nein.“

„Endlich verlangen wir, daß ein Ort bestimmt werde, an welchem die Häuptlinge der Apachen und Comanchen sich versammeln, um einen Frieden zu beraten, welcher wenigstens dreißig Sommer und Winter währen soll.“

„Wenn sie darauf eingehen, werde ich sie beglückwünschen.“

„Dieser Ort soll das Tal sein, in welchem sich jetzt ihre Krieger hier befinden. Hierher soll auch alles gebracht werden, was sie uns auszuliefern haben. Bis alles geschehen ist, was ich von ihnen fordere, bleiben die Comanchen, welche sich heute ergeben müssen, unsere Gefangenen.“

„Ich finde, daß deine Forderung nicht zu hoch ist, und werde sie ihnen sofort übermitteln.“

Er warf sein Gewehr über und schnitt sich einen Zweig ab, welcher als Parlamentärzeichen dienen sollte. Dann verschwand er mit dem Häuptlinge in der Enge. Es war für ihn keineswegs ohne Gefahr, sich jetzt den Comanchen zu nähern; aber der Alte kannte eben keine Angst.

Als Winnetou sich überzeugt hatte, daß der Scout sich mit dem Anführer der Comanchen in Unterredung befand, kehrte er zu uns zurück und führte uns zu den zuletzt angekommenen Pferden. Es waren auch ledige dabei gewesen, teils von einer bessern Sorte, welche man schonen und nur dann in Gebrauch nehmen wollte, wenn es darauf ankam, eine ungewöhnliche Leistung zu entwickeln, teils aber auch Tiere von gewöhnlicher Güte, welche als Reservepferde mitgeführt werden mußten.

„Ich habe meinen Brüdern versprochen, ihnen bessere Pferde zu geben,“ sagte er. „Ich werde sie ihnen jetzt aussuchen. Mein weißer Bruder soll eines meiner eigenen Rosse erhalten.“

Er suchte fünf Pferde aus. Ich war ganz entzückt über das prächtige Tier, welches er mir brachte. Auch die beiden Langes und Sam waren sehr erfreut. Der Letztere zeigte alle Zähne und rief:

„Oh, oh, welch ein Pferd Sam bekommen! Sein schwarz wie Sam und sein auch prachtvoll ganz wie Sam. Passen sehr gut zusammen, Pferd und Sam. Oh, oh!“

Wohl dreiviertel Stunden waren vergangen, als Old Death zurückkehrte. Sein Angesicht war sehr ernst. Ich hatte die feste Überzeugung gehabt, daß die Comanchen auf die Forderung Winnetous eingehen würden, doch ließ das Gesicht des Scout das Gegenteil erwarten.

„Mein Bruder hat mir das zu sagen, was ich vermutete,“ sagte Winnetou. „Die Comanchen wollen nicht, was ich will.“

„So ist es leider.“ antwortete der Alte.

„Der große Geist hat sie mit Taubheit geschlagen, um sie für das zu strafen, was sie taten; er will nicht, daß sie Gnade finden sollen. Aber welche Gründe geben sie an?“

„Sie glauben, noch siegen zu können.“

„Hast du ihnen gesagt, daß noch über fünfhundert Apachen gekommen sind; und wo diese sich jetzt befinden?“

„Auch das. Sie glaubten es nicht. Sie lachten mich vielmehr aus.“

„So sind sie dem Tode geweiht, denn ihre andern Krieger werden zu spät kommen.“

„Es treibt mir die Haare zu Berge, wenn ich denke, daß so viele Menschen in zwei oder drei Sekunden vom Erdboden vertilgt werden sollen!“

„Mein Bruder hat recht. Winnetou kennt weder Furcht noch Angst, aber der Rücken wird ihm kalt, wenn er daran denkt, daß er das Zeichen der Vernichtung geben soll. Ich brauche nur die flache Hand zu erheben, so krachen alle Schüsse. Ich werde noch ein Letztes versuchen. Vielleicht gibt der große Geist ihnen einen hellen Augenblick. Ich werde mich ihnen selbst zeigen, und mit ihnen reden. Meine Brüder mögen mich bis an die Barriere begleiten. Wenn auch meine Worte nicht gehört werden, so darf mir dann der große, gute Geist nicht zürnen, daß ich seinen Befehl ausrichte.“

Wir gingen mit ihm bis zu der angegebenen Stelle. Dort schwang er sich an dem Lasso empor und ging in aufrechter Haltung oben auf dem Pfade hin, so daß die Comanchen ihn sehen konnten. Er war noch nicht weit gekommen, so sahen wir Pfeile schwirren, die ihn aber nicht trafen, da sie zu kurz flogen. Ein Schuß krachte aus der Büchse des weißen Bibers, mit welcher der neue Häuptling der Comanchen auf Winnetou gezielt hatte. Dieser schritt so ruhig weiter, als ob er die Kugel, welche neben ihm an den Felsen geprallt war, gar nicht fürchte oder den Schuß überhaupt nicht gehört habe. Dann blieb er stehen und erhob seine Stimme. Er redete wohl fünf Minuten lang und zwar in lautem, eindringlichem Tone. Mitten in der Rede erhob er die Hand, und sofort sahen wir, daß alle Apachen, soweit unsere Augen reichten und also wohl weiter hin um das ganze Tal, vom Boden aufstanden, um sich den Comanchen zu zeigen. So mußten die Letzteren sehen, daß sie rundum von einer überlegenen Menge von Feinden eingeschlossen seien. Das war aufrichtig von Winnetou gehandelt, der letzte Versuch von ihm, sie zur Ergebung zu bewegen. Dann sprach er weiter. Da fuhr er plötzlich zu Boden nieder, so daß seine Gestalt verschwand, und zugleich krachte ein zweiter Schuß.

„Der Anführer der Comanchen hat abermals auf ihn geschossen. Das ist seine Antwort,“ sagte Old Death. „Winnetou hat gesehen, daß er das Gewehr wieder lud, und sich in dem Augenblicke, als es auf ihn gerichtet wurde, niedergeworfen. Nun wird – – seht, seht!“

So schnell, wie Winnetou sich niedergeworfen hatte, so schnell fuhr er jetzt wieder empor. Er legte seine Silberbüchse an und drückte ab. Ein lautes Geheul der Comanchen beantwortete seinen Schuß.

„Er hat ihren Anführer niedergeschossen,“ erklärte Old Death.

Jetzt erhob Winnetou abermals die Hand, indem er den Handteller flach, horizontal ausstreckte. Wir sahen alle Apachen, welche wir mit dem Blicke erreichen konnten, ihre Gewehre anlegen. Weit über vierhundert Schüsse krachten – –

„Kommt, Mesch’schurs!“ meinte der Alte. „Das wollen wir nicht mit ansehen. Das ist zu indianisch für meine alten Augen, obgleich ich sagen muß, daß die Comanchen es verdient haben. Winnetou hat alles Mögliche getan, es zu verhüten.“

Wir kehrten zu den Pferden zurück, wo der Alte das für ihn bestimmte besichtigte. Noch eine Salve hörten wir; dann ertönte das Siegesgeschrei der Apachen. Nach wenigen Minuten kehrte Winnetou zu uns zurück. Sein Angesicht war außerordentlich ernst, als er sagte:

„Es wird sich ein großes Klagen erheben in den Zelten der Comanchen, denn keiner ihrer Krieger kehrt zurück. Der große Geist hat es gewollt, daß unsere Toten gerächt werden sollen. Die Feinde wollten nicht anders, und so konnte ich auch nicht anders; aber mein Blick will nicht in dieses Tal des Todes zurückkehren. Was hier noch zu geschehen hat, werden meine Krieger tun; ich reite mit meinen weißen Brüdern sogleich fort.“

Eine halbe Stunde später brachen wir, mit allem Nötigen reichlich versehen, auf. Winnetou nahm noch zehn gut berittene Apachen mit. Wie froh war ich, diesen entsetzlichen Ort verlassen zu können!

Die Mapimi liegt im Gebiete der beiden mexikanischen Provinzen Chihuahua und Chohahuila, und ist eine sehr ausgedehnte Niederung des dortigen Plateaus, welches weit über elfhundert Meter über dem Meere liegt. Sie wird, außer im Norden, von allen Seiten von steilen Kalkfelsenzügen eingefaßt, welche durch zahlreiche Cannons von der eigentlichen Mapimi getrennt sind. Letztere besteht aus welligen, waldlosen Flächen, welche mit einem spärlichen, kurzen Graswuchse bedeckt sind, weite Sandunterbrechungen zeigen und nur selten ein Strauchwerk sehen lassen. Zuweilen steigt aus dieser wüsten Ebene ein einzelner Berg empor. Öfters ist der Boden durch tiefe, senkrecht abfallende Risse zerklüftet, was zu bedeutenden Umwegen nötigt. Aber wasserlos ist die Mapimi doch nicht so sehr, wie ich es mir gedacht hatte. Es gibt da Seen, welche in der heißen Jahreszeit zwar den größten Teil ihres Wassers einbüßen, aber doch so viel Luftfeuchtigkeit verbreiten, daß sich ein genügendes Pflanzenleben um ihre Ufer sammelt.

Nach einem dieser Seen, der Laguna de Santa Maria, war unser Ritt gerichtet. Er war ungefähr zehn deutsche Meilen von dem Tale entfernt, an welchem unser Ritt begonnen hatte, ein ganz tüchtiger Tagesmarsch nach einer schlaflos verbrachten Nacht. Wir ritten fast nur durch Schluchten, aus einer in die andere, in denen es keine Aussicht gab.

Wir sahen die Sonne den ganzen Tag fast nicht, und wenn es geschah, doch nur für einige kurze Augenblicke. Dabei ging es bald rechts, bald links, zuweilen sogar scheinbar rückwärts, daß ich fast irre in der Hauptrichtung geworden wäre, welcher wir eigentlich folgten.

Es war gegen Abend, als wir an der Lagune anlangten. Der Boden war sandig. Bäume gab es an der Stelle, an welcher wir uns lagerten, auch nicht, nur Sträucher, deren Namen ich nicht kannte. Eine trübe Wasserfläche, von sehr spärlichem Buschwerk umgeben; dann eine Ebene, über welcher im Westen sich einige niedrige Kuppeln erhoben, hinter denen die Sonne bereits niedergegangen war. Hier oben aber hatten ihre Strahlen mit aller Macht wirken können. In den tiefen, engen, düsteren Cannons war es mir fast zu kühl geworden. Da oben aber strahlte der Boden nun eine Wärme aus, bei der man hätte Kuchen backen können. Dafür war die Nacht, als der Boden seine Wärme an die Luft abgegeben hatte, um so kälter, und gegen Morgen strich ein Wind über uns hin, welcher uns nötigte, uns dichter in unsere wollenen Decken zu hüllen.

Frühzeitig ging es weiter, zuerst gerade nach Westen. Bald aber nötigten uns die zahlreichen Cannons zu öfteren Umwegen. An so einem senkrechten Felsenriß hinab zu gelangen, wäre unmöglich, wenn nicht die Natur selbst ein Einsehen gehabt und einen halsbrecherischen, treppenartigen Abstieg gebildet hätte. Und ist man unten, so kann man nicht wieder heraus. Man muß durch zehn und mehr Haupt- und Seitenschluchten reiten, bevor man eine Stelle findet, an der man endlich zur Erdoberfläche gelangen kann, aber auch wieder nur mit Gefahr. Der Reiter hängt auf seinem Pferde an dem Felsen, über sich einen schmalen Strich des glühenden Himmels und unter sich die grausige Tiefe. Und in dieser Tiefe gibt es keinen Tropfen Wasser, nur Steingeröll und nichts als nacktes, trockenes, scharfes Steingeröll. Droben schweben die Geier, welche den Reisenden von früh bis zum Abende begleiten und sich, wenn er sich zur Ruhe legt, in geringer Entfernung von ihm niederlassen, um ihn vom Morgen an wieder zu begleiten und ihm mit ihrem schrillen, heiseren Schreien zu sagen, daß sie nur darauf warten, bis er vor Ermattung zusammenbreche oder infolge eines Fehltrittes seines Pferdes in die Tiefe des Cannons stürze. Höchstens sieht man einmal um irgend eine Felsenecke einen skelettmageren Schakal wie einen Schatten verschwinden, welcher dann hinter dem Reiter wieder auftaucht, um ihm heißhungrig nachzutrotteln, auf dieselbe Mahlzeit wartend wie der Geier.

Am Mittage hatten wir wiederum ein schlimmes Gewirr von Cannons hinter uns und ritten im Galoppe über eine grasige Ebene. Auf derselben stießen wir auf eine Spur von über zehn Reitern, welche in spitzem Winkel mit der unserigen von rechts her kam. Winnetou behauptete, daß es die gesuchte sei. Er zeigte uns sogar die Spuren der beschlagenen Pferde der Weißen und der barfüßigen der beiden Apachen, die jenen von Winnetou als Führer mitgegeben worden waren. Auch Old Death war der Ansicht, es sei gar nicht zu bezweifeln, daß wir uns auf der richtigen Fährte befänden. Leider stellte sich heraus, daß Gibson einen Vorsprung von wenigstens sechs Stunden vor uns hatte. Seine Truppe mußte die ganze Nacht hindurch geritten sein, jedenfalls in der Voraussetzung, daß wir sie verfolgen würden.

Gegen Abend blieb Old Death, welcher voran ritt, halten, und ließ uns, die wir etwas zurückgeblieben waren, herankommen. Da, wo er hielt, stieß von Süden her eine neue Fährte zu der bisherigen, ebenfalls von Reitern, und zwar zwischen dreißig und vierzig. Sie waren einzeln hintereinander geritten, was die Bestimmung ihrer Anzahl sehr erschwerte. Dieses Im-Gänsemarsch-Reiten, und der Umstand, daß ihre Pferde nicht beschlagen waren, ließen vermuten, daß sie Indianer seien. Sie waren nach links in unsere Richtung eingebogen, und aus dem fast ganz gleichen Alter der beiden Fährten war zu vermuten, daß sie später mit den Weißen zusammengetroffen seien. Old Death brummte mißmutig etwas vor sich hin. Er meinte:

„Was für Rote mögen es gewesen sein? Apachen sicherlich nicht. Wir haben keineswegs Freundliches von ihnen zu erwarten.“

„Mein weißer Bruder hat recht,“ stimmte Winnetou bei. „Apachen sind jetzt nicht hier und außer ihnen gibt es in diesem Tale der Mapimi nur noch feindliche Horden. Wir haben uns also in acht zu nehmen.“

Wir ritten weiter und erreichten bald die Stelle, an welcher die Roten mit den Weißen zusammengetroffen waren. Beide Trupps hatten hier gehalten und miteinander verhandelt. Jedenfalls war das Ergebnis für die Weißen ein günstiges gewesen, denn sie hatten sich in den Schutz der Roten begeben. Ihre bisherigen Führer, die beiden Apachen, welche wir erst als Topias kennen gelernt hatten, waren von ihnen verabschiedet worden. Die Spuren dieser beiden Reiter trennten sich hier von den übrigen.

Nach einer Weile erreichten wir einen Höhenzug, der mit Gras und Gestrüpp bewachsen war. Von demselben kam, hier eine Seltenheit, ein dünnes Bächlein herabgeflossen. Da hatten die von uns Verfolgten gehalten, um ihre Pferde zu tränken. Die Ufer des Baches waren vollständig strauchlos, so daß man den Lauf desselben sehr weit verfolgen konnte. Er floß nach Nordwest. Old Death stand da, beschattete mit der Hand seine Augen und blickte in der soeben angegebenen Richtung. Nach dem Grunde befragt, antwortete er:

„Ich sehe weit vor uns zwei Punkte. Ich kalkuliere, daß es Wölfe sind. Aber was haben die Bestien dort zu sitzen? Ich denke, wenn es wirklich welche wären, so würden sie vor uns davongelaufen sein, denn kein Tier ist so feig, wie diese Prairiewölfe.“

„Meine Brüder mögen schweigen. Ich hörte etwas,“ sagte Winnetou.

Wir vermieden alles Geräusch, und wirklich, da klang von dort her, wo sich die beiden Punkte befanden, ein schwacher Ruf zu uns herüber.

„Das ist ein Mensch!“ rief Old Death. „Wir wollen hin.“

Er stieg auf und wir mit ihm. Als wir uns der Stelle näherten, erhoben sich die beiden Tiere und trollten davon. Sie hatten am Ufer des Baches gesessen, und mitten im Bache erblickten wir einen unbedeckten menschlichen Kopf, welcher aus dem Wasser sah. Das Gesicht wimmelte vor Mücken, welche in den Augen, den Ohren, in der Nase und zwischen den Lippen saßen.

„Um Gottes willen, rettet mich, Sennores!“ stöhnte es aus dem Munde. „Ich kann es nicht länger aushalten.“

Wir warfen uns natürlich sofort von den Pferden.

„Was ist’s mit Euch?“ fragte Old Death in spanischer Sprache, da der Mann sich derselben bedient hatte. „Wie seid Ihr denn in das Wasser geraten? Warum kommt Ihr nicht heraus? Es ist ja kaum zwei Fuß tief!“

„Man hat mich hier eingegraben.“

„Warum? Alle Teufel! Einen Menschen eingraben! Wer hat es getan?“

„Indianer und Weiße.“

Wir hatten gar nicht darauf geachtet, daß von dem Tränkplatze mehrere Fußspuren bis hierher führten.

„Dieser Mann muß schleunigst heraus. Kommt, Mesch’schurs! Wir graben ihn aus, und da wir keine Werkzeuge haben, so nehmen wir unsere Hände.“

„Der Spaten liegt hinter mir im Wasser. Sie haben ihn mit Sand zugedeckt,“ sagte der Mann.

„Ein Spaten? Wie kommt denn Ihr zu so einem Werkzeuge?“

„Ich bin Garnbusino [Fußnote]. Wir haben stets Hacke und Spaten bei uns.“

Der Spaten wurde gefunden, und nun traten wir in das Wasser und gingen an die Arbeit. Das Bett des Baches bestand aus leichtem, tiefem Sande, welcher sich unschwer ausgraben ließ. Wir sahen jetzt erst, daß hinter dem Manne eine Lanze eingestoßen worden war, an welche man ihm den Hals in der Weise festgebunden hatte, daß er den Kopf nicht nach vorn beugen konnte. So befand sich sein Mund nur drei Zoll über dem Wasser, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, einen einzigen Schluck zu trinken. Außerdem hatte man ihm das Gesicht mit frischem, blutigem Fleische eingerieben, um Insekten anzulocken, die ihn peinigen sollten. Er hatte sich nicht aus seiner Situation befreien können, weil ihm die Hände auf den Rücken und die Füße zusammengebunden worden waren. Das Loch, welches man für ihn gegraben hatte, war zwei Ellen tief. Als wir ihn endlich aus demselben hoben und von den Fesseln befreiten, sank er in Ohnmacht. Kein Wunder, denn man hatte ihn von allen Kleidungsstücken entblößt und seinen Rücken blutrünstig geschlagen.

Der arme Mensch kam bald wieder zu sich. Er wurde nach der Stelle getragen, an welcher wir auf den Bach getroffen waren, weil dort gelagert werden sollte. Der Mann bekam zunächst zu essen. Dann holte ich mein Reservehemde aus der Satteltasche, damit er verbunden werden könne. Nun erst war er im stande, uns die erwünschte Auskunft zu geben.

„Ich bin als Gambusino zuletzt in einer Bonanza tätig gewesen,“ sagte er, „welche eine Tagreise von hier zwischen den Bergen liegt. Ich hatte da einen Kameraden, einen Yankee, namens Harton, welcher – –“

„Harton?“ unterbrach ihn Old Death schnell. „Wie ist sein Vorname?“

„Fred.“

„Wißt Ihr, wo er geboren wurde und wie alt er ist?“

„In New York ist er geboren und vielleicht sechzig Jahre alt.“

„Wurde davon gesprochen, daß er Familie hat?“

„Seine Frau ist gestorben. Er hat einen Sohn, welcher in Frisco irgend ein Handwerk treibt, welches, das weiß ich nicht. Ist Euch der Mann bekannt?“

Old Death hatte seine Fragen in ungemein heftiger Weise ausgesprochen. Seine Augen leuchteten und seine tief eingesunkenen Wangen glühten. jetzt gab er sich Mühe, ruhig zu erscheinen, und antwortete in gemäßigtem Tone:

„Hab‘ ihn früher einmal gesehen. Soll sich in sehr guten Verhältnissen befunden haben. Hat er Euch nichts davon erzählt?“

„Ja. Er war der Sohn anständiger Eltern und wurde Kaufmann. Er brachte es nach und nach zu einem guten Geschäfte, aber er hatte einen mißratenen Bruder, der sich wie ein Blutegel an ihn hing und ihn aussaugte.“

„Habt Ihr erfahren, wie dieser Bruder hieß?“

„Ja. Sein Vorname war Henry“

„Stimmt. Hoffentlich gelingt es mir, Euern Harton einmal zu sehen!“

„Schwerlich. Er wird am längsten gelebt haben, denn die Halunken, welche mich eingruben, haben ihn mit sich genommen.“

Old Death machte eine Bewegung, als ob er aufspringen wolle, doch gelang es ihm, sich zu beherrschen und in ruhigem Tone zu fragen:

„Wie ist denn das gekommen?“

„So, wie ich es erzählen wollte, bevor ich von Euch unterbrochen wurde. Harton war also Kaufmann, wurde aber von seinem Bruder um sein ganzes Vermögen betrogen. Mir scheint, er liebt noch heute jenen gewissenlosen Buben, der ihn um alles brachte. Nachdem er verarmt war, trieb er sich lange Zeit als Digger in den Placers herum, hatte aber niemals Glück. Dann wurde er Vaquero, kurz, alles mögliche, aber immer ohne Erfolg, bis er zuletzt unter die Gambusinos ging. Aber zum Abenteurer hat er das Zeug nicht. Als Gambusino ist es ihm noch viel schlechter ergangen als vorher.“

„So hätte er keiner werden sollen!“

„Ihr habt gut reden, Sennor. Millionen Menschen werden das nicht, wozu sie Geschick hätten, sondern das, wozu sie am allerwenigsten taugen. Vielleicht hatte er einen heimlichen Grund, unter die Gambusinos zu gehen. Sein Bruder ist nämlich einer gewesen, und zwar ein sehr glücklicher. Vielleicht hoffte er, ihn in dieser Weise einmal zu treffen.“

„Das ist Widerspruch. Dieser liederliche Bruder soll ein glücklicher Gambusino gewesen sein und doch seinen Bruder um das ganze Vermögen betrogen haben? Ein glücklicher Gambusino hat doch das Geld in Hülle und Fülle.“

„Ja, aber wenn er es schneller verpraßt, als er es findet oder verdient, so ist es eben alle. Er war im höchsten Grade ein Verschwender! Zuletzt kam Harton nach Chihuahua, wo er sich von meinem Prinzipal engagieren ließ. Hier lernte ich ihn kennen und lieb gewinnen. Das ist eine große Seltenheit, denn es läßt sich leicht denken, daß die Gambusinos im höchsten Grade eifersüchtig gegen und neidisch auf einander sind. Von dieser Zeit an sind wir miteinander auf Entdeckungen ausgegangen.“

„Wie heißt denn Euer Herr?“

„Davis.“

„Wetter! – Hört mal, Sennor, sprecht Ihr auch englisch?“

„So gut wie spanisch.“

„So habt die Güte, englisch zu reden, denn hier sitzen zwei, welche das Spanische nicht verstehen und sich doch außerordentlich für Eure Erzählung interessieren werden.“

Er deutete auf die beiden Langes.

„Warum interessieren?“ fragte der Gambusino.

„Das werdet Ihr sofort erfahren. Hört, Master Lange, dieser Mann ist ein Goldsucher und steht im Dienste eines gewissen Davis in Chihuahua.“

„Was? Davis?“ fuhr Lange auf. „Das ist ja der Prinzipal meines Schwiegersohnes!“

„Nur nicht so schnell, Sir! Es -kann ja mehrere Davis geben.“

„Wenn dieser Master den Davis meint, welcher das einträgliche Geschäft betreibt, Gold- und Silberminen zu kaufen, so gibt es nur einen einzigen dieses Namens,“ erklärte der Gambusino.

„So ist er es!“ rief Lange. „Kennt Ihr den Herrn, Sir?“

„Natürlich! Ich stehe ja in seinem Dienste.“

„Und auch meinen Schwiegersohn?“

„Wer ist das?“

„Ein Deutscher, namens Uhlmann. Er hat in Freiberg studiert.“

„Das stimmt. Er ist Bergwerksdirektor geworden mit höchst ansehnlichen Tantiemen. Und seit einigen Monaten steht die Sache gar so, daß er nächstens Compagnon sein wird. Ihr seid also sein Schwiegervater?“

„Natürlich! Seine Frau, die Agnes, ist meine Tochter.“

„Wir nennen sie Sennora Ines. Sie ist uns allen wohl bekannt, Sir! Ich habe gehört, daß ihre Eltern in Missouri wohnen. Wollt Ihr sie besuchen?“

Lange bejahte.

„So braucht Ihr gar nicht nach Chihuahua zu gehen, sondern nach der Bonanza, von welcher ich vorhin gesprochen habe. Habt Ihr denn noch nicht von ihr gehört? Sie gehört ja Eurem Schwiegersohne! Er machte jüngst einen Erholungsritt in die Berge und hat dabei ein Goldlager entdeckt, wie man es hier noch nicht gefunden hat. Sennor Davis hat ihm die Arbeitskräfte gegeben, es sofort auszubeuten. Jetzt wird fleißig geschafft, und die Funde sind derart, daß zu vermuten steht, Sennor Davis werde Sennor Uhlmann die Compagnonschaft antragen, was für beide von größtem Vorteile wäre.“

„Was Ihr da sagt! Will, hörst du es?“

Diese Frage galt seinem Sohne. Dieser antwortete nicht. Er schluchzte leise vor sich hin; es waren Freudentränen, welche er weinte.

Natürlich freuten auch wir Andern uns außerordentlich über das Glück unserer beiden Gefährten. Old Death zog allerlei Grimassen, welche ich nicht verstehen konnte, obgleich ich sonst die Bedeutung derselben ziemlich genau kannte.

Es währte eine Weile, bevor die Aufregung über die Nachricht, daß Langes Schwiegersohn eine Bonanza entdeckt habe, sich legte. Dann konnte der Gambusino fortfahren:

„Ich half Harton mit, den Betrieb der Bonanza einzurichten. Dann brachen wir auf, um die Mapimi zu durchsuchen. Wir ritten drei Tage lang in dieser Gegend herum, fanden aber kein Anzeichen, daß Gold vorhanden sei. Heute vormittags rasteten wir hier am Bache. Wir hatten während der Nacht fast gar nicht geschlafen und waren ermüdet. Wir schliefen somit ein, ohne es zu beabsichtigen. Als wir erwachten, waren wir von einer großen Schar weißer und roter Reiterumgeben.“

„Was für Indianer waren es?“

„Tschimarra, vierzig an der Zahl, und zehn Weiße.“

„Tschimarra! Das sind noch die tapfersten von allen diesen Schelmen. Und sie machten sich an euch zwei arme Teufel? Warum? Leben sie denn in Feindschaft mit den Weißen?“

„Man weiß nie, wie man mit ihnen daran ist. Sie sind weder Freunde noch Feinde. Zwar hüten sie sich sehr wohl, in offene Feindschaft auszubrechen, denn dazu sind sie zu schwach, aber sie stellen sich auch niemals zu uns in ein wirklich gutes Verhältnis, dem man Vertrauen schenken könnte. Und das ist gefährlicher als eine ausgesprochene Feindschaft, da man niemals weiß, wie man sich zu verhalten hat.“

„So möchte ich den Grund wissen, euch so zu behandeln. Habt ihr sie beleidigt?“

„Nicht im geringsten. Aber Sennor Davis hatte uns sehr gut ausgerüstet. Jeder hatte zwei Pferde, gute Waffen, Munition, Proviant, Werkzeuge und alles, dessen man zu einem längeren Aufenthalte in einer so öden Gegend bedarf.“

„Hm! Das ist freilich für solches Volk mehr als genug.“

„Sie hatten uns umringt und fragten uns, wer wir seien und was wir hier wollten. Als wir ihnen der Wahrheit gemäß antworteten, taten sie äußerst ergrimmt und behaupteten, die Mapimi gehöre ihnen samt allem, was sich auf und in derselben befinde. Darauf hin verlangten sie die Auslieferung unserer Habseligkeiten.“

„Und ihr gabt sie hin?“

„Ich nicht. Harton war klüger als ich, denn er legte alles ab, was er besaß; ich aber griff zur Büchse, nicht um zu schießen, denn das wäre bei ihrer Übermacht die reine Tollheit gewesen, sondern nur um sie einzuschüchtern. Ich wurde augenblicklich überwältigt, niedergerissen und bis auf die Haut ausgeraubt. Die Weißen kamen uns nicht zu Hilfe! Aber sie stellten Fragen an uns. Ich wollte nicht antworten und wurde deshalb mit den Lassos gepeitscht. Harton war abermals klüger als ich. Er konnte nicht wissen, was sie beabsichtigten oder beschließen würden. Er sagte ihnen alles, auch das von der neuen Bonanza Sennor Uhlmanns. Da horchten sie auf. Er mußte sie ihnen beschreiben. Ich fiel ihm in die Rede, damit er es verschweigen solle. Er merkte nun doch, daß ihnen nicht zu trauen sei, und gab weiter keine Auskunft. Dafür wurde ich gefesselt und hier eingegraben. Harton aber erhielt so lange Hiebe, bis er Alles sagte. Und da sie glaubten, daß er sie doch vielleicht falsch berichtet habe, so nahmen sie ihn mit und drohten ihm mit dem qualvollsten Tode, wenn er sie nicht bis morgen abend zur Bonanza geführt habe.“

Das Gesicht, welches Old Death jetzt machte, hatte ich bei ihm noch nicht gesehen, obgleich er von mir in allen möglichen Seelenstimmungen beobachtet worden war. Es lag ein Zug finsterster, wildester, unerbittlicher Entschlossenheit auf demselben. Er hatte das Aussehen eines Mörders, welcher sich vornimmt, um keinen Preis Nachsicht mit seinem Opfer zu haben. Seine Stimme klang fast heiser, als er fragte:

„Und glaubt Ihr, daß sie von hier aus nach der Bonanza sind?“

„Ja. Sie wollen die Bonanza überfallen und ausrauben. Es sind dort große Vorräte an Munition, Proviant und sonstigen‘ Gegenständen, welche für einen Spitzbuben großen Wert haben. Auch Silber gibt es da in Menge.“

„Alle Teufel! Sie werden teilen wollen. Die Weißen nehmen das Metall und die Roten das Andere. Wie weit ist es bis dahin?“

„Ein tüchtiger Tagesritt, so daß sie morgen abend dort ankommen können, wenn Harton nicht den Rat befolgt, welchen ich ihm gab.“

„Welchen?“

„Er solle sie einen Umweg führen. Ich dachte, daß doch vielleicht jemand des Weges kommen könne, um mich zu erlösen. In diesem Falle wollte ich ihn bitten, schleunigst nach der Bonanza zu reiten, uni die Leute dort zu warnen. Ich selbst hätte freilich nicht mitreiten können, denn ich hatte kein Pferd.“

Der Alte blickte eine kurze Welle sinnend vor sich nieder. Dann sagte er:

„Ich möchte am allerliebsten augenblicklich fort. Wenn man jetzt aufbricht, kann man der Fährte dieser Schufte folgen, aber auch nur, bis es dunkel ist. Könnt Ihr mir dann nicht den Weg so genau beschreiben, daß ich ihn des Nachts finde?“

Der Mann verneinte und warnte entschieden vor einem nächtlichen Ritt. Old Death beschloß also, bis zum nächsten Morgen zu warten.

„Wir sechzehn,“ fuhr er fort, „haben es mit vierzig Roten und zehn Weißen zu tun, macht zusammen fünfzig; da meine ich nicht, daß wir uns fürchten müssen. Wie waren denn die Tschimarra bewaffnet?“

„Nur mit Lanzen, Pfeil und Bogen. Nun aber haben sie uns unsere beiden Gewehre und Revolver abgenommen,“ antwortete der Gambusino.

„Das tut nichts, da sie nicht verstehen, mit solchen Waffen umzugehen. Übrigens werden wir uns alle Umstände zu nutze machen. Dazu ist es nötig, zu erfahren, wo und wie die Bonanza liegt. Ihr sagtet, sie sei nur durch einen Zufall zu finden. Das begreife ich nicht. Bei einer Bonanza gibt, es wahrscheinlich Wasser. Dieses fließt in einer Schlucht, einem Cannon, und das ist doch in dieser offenen, baumlosen Gegend zu finden. Beschreibt mir den Ort einmal!“

„Denkt Euch eine tief in den Wald eingeschnittene Schlucht, welche sich in ihrer Mitte erweitert und rund von steilen Kalkfelsen eingeschlossen ist. Diese Kalkfelsen sind ungeheuer reich an Silber-, Kupfer- und Bleilagern. Der Hochwald tritt von allen Seiten bis an die Kante dieser Schlucht heran und sendet sogar Bäume und Sträucher an den Wänden derselben herab. Im Hintergrunde entspringt ein Wasser, welches gleich stark und voll wie ein Bach aus der Erde tritt. Die Schlucht oder vielmehr dieses Tal ist fast zwei englische Meilen lang. Aber trotz dieser bedeutenden Länge gibt es nirgends eine Stelle, an welcher man von oben herniedersteigen könnte. Der einzige Ein- und Ausgang ist da, wo das Wasser aus dem Tale tritt. Und dort schieben sich die Felsen so eng zusammen, daß neben dem Wasser nur Raum für drei Männer oder zwei Reiter bleibt.“

„So ist der Ort doch ungemein leicht gegen einen Überfall zu verteidigen!“

„Gewiß. Einen zweiten Eingang gibt es nicht, wenigstens nicht für Leute, welche nicht zu den jetzigen Bewohnern des Tales gehören. In der Mitte des Tales wird gearbeitet. Da war es beschwerlich, in gebotenen Fällen stets eine halbe Stunde weit zu gehen, um aus dem Tale zu kommen. Darum hat Sennor Uhlmann einen Aufstieg errichten lassen, welcher an einer geeigneten Stelle angebracht wurde. Dort steigt der Fels nicht senkrecht, sondern stufenweise empor. Der Sennor ließ Bäume fällen und auf die verschiedenen Absätze so herabstürzen, daß sie gegen die Felsen gelehnt liegen blieben. Dadurch wurde eine von oben bis ganz herab gehende Masse von Stämmen, Ästen und Zweigen gebildet, unter deren Schirm man Stufen einhaute. Kein Fremder kann dieselben sehen.“

„Oho! Ich mache mich anheischig, diese famose Treppe sofort zu entdecken. Ihr selbst habt Euch verraten durch das Fällen der Bäume. Wo Bäume künstlich entfernt worden sind, da müssen sich Menschen befinden oder befunden haben.“

„Wenn Ihr an die betreffende Stelle kommt, so ahnt Ihr gar nicht, daß die Bäume da künstlich mit Hilfe von Seilen, Lassos und unter großer Anstrengung, ja sogar Lebensgefahr hinabgelassen worden sind. Versteht mich wohl! Sie sind nicht im gewöhnlichen Sinne gefällt worden. Kein Stumpf ist zu sehen. Sennor Uhlmann hat sie entwurzeln lassen, so daß sie sich langsam nach der Schlucht neigten und ihren ganzen Wurzelballen aus der Erde hoben. Über dreißig Mann haben dann an den Seilen gehalten, damit der Baum nicht zur Tiefe schmetterte, sondern langsam niederglitt und auf dem Felsenabsatze festen Halt bekam.“

„So viele Arbeiter hat er?“

„Jetzt fast vierzig.“

„Nun, so brauchen wir wegen des Überfalles gar keine Sorge zu haben. Wie hat er denn die Verbindung mit der Außenwelt organisiert?“

„Durch Maultierzüge, welche alle zwei Wochen ankommen, um das Tal mit allem Notwendigen zu versorgen und die Erze fortzuschaffen.“

„Läßt der Sennor den Eingang bewachen?“

„Des Nachts, wenn alles schläft. Übrigens streift ein Jäger, den er zu diesem Zwecke engagiert hat, während des ganzen Tages in der Gegend umher, um die Gesellschaft mit Wildbret zu versorgen. Diesem kann nichts entgehen.“

„Hat Uhlmann Gebäude anlegen lassen?“

„Gebäude nicht. Er wohnt in einem großen Zelte, in welchem sich Alle nach der Arbeit versammeln. Ein Nebenzelt bildet den Vorratsraum. Beide stoßen an die Wand des Tales. Und im Halbkreise um dieselben sind einstweilen aus Ästen und dergleichen Hütten errichtet, in denen die Arbeiter kampieren.“

„Aber ein Fremder oben auf der Talkante kann die hellen Zelte sehen!“

„Nein, denn sie sind von dichten Baumkronen überdacht und nicht mit weißem Zeltleinen, sondern mit dunklem Gummistoffe überzogen.“

„Das will ich eher gelten lassen. Wie steht es mit der Bewaffnung?“

„Vorzüglich. Jeder der Arbeiter hat sein Doppelgewehr nebst Messer und Revolver.“

„Nun, so mögen die lieben Tschimarra immerhin kommen. Freilich ist dazu erforderlich, daß wir eher eintreffen als sie. Wir müssen unsere Pferde morgen anstrengen. Nun aber wollen wir versuchen, den Schlaf zu finden. In Anbetracht dessen, was uns morgen erwartet, müssen wir gut ausgeruht sein und unsere Pferde auch.“

Mir wollte die erwartete Ruhe nicht kommen, obgleich ich während der vorigen Nacht keinen Augenblick hatte schlafen können. Der Gedanke, morgen Gibson zu erwischen, regte mich auf. Und Old Death schlief auch nicht. Er wendete sich wiederholt von einer Seite auf die andere. Das war ich an ihm gar nicht gewöhnt. Ich hörte ihn seufzen, und zuweilen murmelte er leise Worte vor sich hin, welche ich nicht verstehen konnte, obgleich ich neben ihm lag. Es gab irgend etwas, was ihm das Herz schwer machte. Sein Benehmen, als auf den Gambusino Harton die Rede gekommen war, war mir aufgefallen, doch war dasselbe dadurch erklärt, daß er diesen Mann kannte. Sollte er zu ihm in noch anderer Beziehung als nur derjenigen eines bloßen Bekannten stehen?

Als wir ungefähr drei Stunden gelegen hatten, bemerkte ich, daß er sich aufrichtete. Er lauschte auf unsern Atem, um sich zu überzeugen, daß wir schliefen. Dann stand er auf und entfernte sich längs des Baches. Der Wachtposten, ein Indianer, hinderte ihn natürlich nicht daran. Ich wartete. Es verging eine Viertelstunde, noch eine, eine dritte, und der Alte kehrte nicht zurück. Dann stand ich auf und schritt ihm nach.

Er war weit fortgegangen. Erst nach zehn Minuten erblickte ich ihn. Er stand am Bache und starrte in den Mond, mit dem Rücken nach mir gewendet. Ich gab mir keine Mühe, leise aufzutreten, doch dämpfte das Gras meine Schritte. Dennoch hätte er sie hören müssen, wenn ihn seine Gedanken nicht allzusehr in Anspruch genommen hätten. Erst als ich fast hinter ihm stand, fuhr er herum. Er riß den Revolver aus dem Gürtel und fuhr mich an:

„Alle Teufel! Wer seid Ihr? Was schleicht Ihr Euch hier herum? Wollt Ihr eine Kugel von mir ha – – –“

Er hielt inne. Er mußte geistig sehr weit abwesend gewesen sein, da er mich erst jetzt erkannte.

„Ah, Ihr seid es!“ fuhr er fort. „Hätte Euch fast eine Kugel gegeben, denn ich hielt Euch wahrhaftig für einen Fremden. Warum schlaft Ihr denn nicht?“

„Weil mir der Gedanke an Gibson und Ohlert keine Ruhe gibt.“

„So? Glaube es. Na, morgen kommen beide endlich in unsere Hände, oder ich will nicht Old Death heißen. Kann ihnen nicht länger nachlaufen, denn ich muß in der Bonanza bleiben.“

„Ihr! Weshalb? Handelt es sich um ein Geheimnis?“

„Ja.“

„Nun, so will ich nicht in Euch dringen und Euch auch nicht länger stören. Ich hörte Euer Seufzen und Murmeln und dachte, daß ich teilnehmen könne an irgend einem Herzeleid, welches nicht von Euch lassen will. Gute Nacht, Sir!“

Ich wendete mich zum Gehen. Er ließ mich eine kleine Strecke fort, dann hörte ich:

„Master, lauft nicht fort. Es ist wahr, was Ihr von dem Herzeleid denkt; es liegt mir schwer auf der Seele und will nicht heraus. Ich habe Euch kennen gelernt als einen verschwiegenen und gutherzigen Kerl, der mit mir wohl nicht allzu streng ins Gericht gehen will. Darum sollt Ihr jetzt einmal hören, was mich drückt. Alles brauche ich nicht zu sagen, nur Einiges; das Übrige werdet Ihr Euch leicht dazu denken können.“

Er nahm meinen Arm unter den seinigen und schritt langsam mit mir am Bache hin.

„Was habt Ihr denn eigentlich für eine Ansicht von mir?“ fragte er dann plötzlich. „Was denkt Ihr von meinem Charakter, von – von – na, von dem moralischen Old Death?“

„Ihr seid ein Ehrenmann; darum liebe und achte ich Euch.“

„Hm! Habt Ihr einmal ein Verbrechen begangen?“

„Hm!“ brummte nun auch ich. „Die Eltern und Lehrer geärgert. Dem Nachbar durch den Zaun in den Obstgarten gekrochen. Andere Buben, welche nicht meiner Meinung waren, weidlich durchgewalkt, und so weiter!“

„Schwatzt nicht dummes Zeug! Ich spreche von wirklichen Verbrechen, kriminell strafbar.“

„Auf so etwas kann ich mich freilich nicht besinnen.“

„Dann seid Ihr ein außerordentlich glücklicher Mensch, Sir. Ich beneide Euch; es ist eine Strafe, ein böses Gewissen zu haben! Kein Galgen und kein Zuchthaus reicht da hinan!“

Er sagte das in einem Tone, welcher mich tief erschütterte.

Ja, dieser Mann schleppte das Andenken eines schweren Verbrechens mit sich herum, sonst hätte er nicht in diesem entsetzlichen Tone sprechen können. Ich sagte nichts. Es verging eine Weile, bis er fortfuhr:

„Master, vergeßt das nicht: Es gibt eine göttliche Gerechtigkeit, gegen welche die weltliche das reine Kinderspiel ist. Das ewige Gericht sitzt im Gewissen und donnert einem bei Tag und bei Nacht den Urteilsspruch zu. Es muß heraus; ich muß es Euch sagen. Und warum grad Euch? Weil ich trotz Eurer Jugend ein großes Vertrauen zu Euch habe. Und weil es mir in meinem Innern ganz so ist, als ob morgen etwas passieren werde, was den alten Scout verhindern wird, seine Sünden zu bekennen.“

„Seid Ihr des Kuckucks, Sir? Ihr habt doch nicht etwa gar eine Todesahnung?“

„Ja, die habe ich,“ nickte er. „Ihr habt gehört, was der Gambusino vorhin von dem Kaufmanne Harton erzählte. –Was haltet Ihr von dem Bruder dieses Mannes?“

Jetzt ahnte ich das Richtige; darum antwortete ich in mildem Tone:

„Er war jedenfalls leichtsinnig.“

Pshaw! Damit wollt Ihr wohl ein mildes Urteil sprechen? Ich sage Euch, der Leichtsinnige ist viel gefährlicher als der wirklich boshaft Schlechte. Der Schlechte kennzeichnet sich bereits von weitem; der Leichtsinnige ist aber meist ein liebenswürdiger Kerl; darum ist er gemeingefährlicher als der Erstere. Tausend Schlechte können gebessert werden, denn die Schlechtigkeit hat Charakter, bei welchem die Zucht anzufassen vermag. Unter tausend Leichtsinnigen aber kann kaum einer gebessert werden, denn der Leichtsinn hat keinen Halt, keine feste Handhabe, an welcher er zu fassen und auf bessere Wege zu bringen ist. Eigentlich schlecht bin ich nie gewesen, aber leichtsinnig, bodenlos leichtsinnig, denn jener Henry Harton, der seinen Bruder um alles, alles brachte, der war – ich, ich, ich!“

„Aber, Sir, Ihr habt mir einen andern Namen genannt!“

„Ganz natürlich! Ich nenne mich anders, weil ich den Namen, den ich trug, entehrt habe. Kein Verbrecher spricht gern von dem, an dem er sich versündigt hat. Könnt Ihr Euch besinnen, was ich Euch noch in New-Orleans sagte, nämlich, daß meine brave Mutter mich auf den Weg zum Glück gesetzt, ich aber dasselbe auf einem ganz andern Weg gesucht habe?“

„Ich erinnere mich.“

„So will ich nicht viele Worte machen. Meine sterbende Mutter zeigte mir den Weg der Tugend, ich aber wandelte denjenigen des Leichtsinnes. Ich wollte reich werden, wollte Millionen besitzen. Ich spekulierte ohne Verstand und verlor mein väterliches Erbteil und meine kaufmännische Ehre. Da ging ich in die Diggins. Ich war glücklich und fand Gold in Menge. Ich verschleuderte es ebenso schnell, wie ich es erworben hatte, denn ich wurde leidenschaftlicher Spieler. Ich plagte mich monatelang in den Diggins ab, um das Gewonnene auf eine einzige Nummer zu setzen und in fünf Minuten zu verspielen. Das genügte mir nicht. Die Placers ergaben keine solche Summen, wie ich haben wollte. Hunderttausend Dollars wollte ich verrückter Kerl setzen, um die Bank und dann alle übrigen Banken zu sprengen. Ich ging nach Mexiko und wurde Gambusino und hatte geradezu empörendes Glück, aber ich verspielte alles. Dieses Leben richtete mich körperlich zugrunde. Dazu kam, daß ich Opiumraucher geworden war. Ich war vordem ein starker, muskulöser Kerl, ein Riese. Ich kam herab bis auf den Lumpen. Ich konnte nicht mehr weiter. Kein Mensch wollte mich mehr ansehen, aber alle Hunde bellten mich an. Da begegnete ich meinem Bruder, welcher ein Geschäft in Frisco hatte. Er erkannte mich trotz meiner gegenwärtigen Erbärmlichkeit und nahm mich mit in sein Haus. Hätte er es doch nicht getan! Hätte er mich verderben lassen! Alles Unglück wäre ihm und mir aller Gewissensjammer erspart geblieben!“

Er schwieg eine Weile. Ich sah, wie seine Brust arbeitete, und fühlte herzliches Mitleid mit ihm.

„Ich war gezwungen, gut zu tun,“ fuhr er dann fort. „Mein Bruder glaubte, ich sei vollständig gebessert, und gab mir eine Anstellung in seinem Geschäfte. Aber der Spielteufel schlummerte bloß, und als er erwachte, nahm er mich fester in seine Krallen als zuvor. Ich griff die Kasse an, um das Glück zu zwingen. Ich gab falsche Wechsel aus, um das Geld dem Moloch des Spieles zu opfern. Ich verlor, verlor und verlor, bis keine Rettung mehr möglich war. Da verschwand ich. Der Bruder bezahlte die gefälschten Wechsel und wurde dadurch zum Bettler. Auch er verschwand mit seinem kleinen Knaben, nachdem er sein Weib begraben hatte, welche aus Schreck und Herzeleid gestorben war. Das erfuhr ich freilich erst nach Jahren, als ich mich einmal wieder nach Frisco wagte. Der Eindruck dieser Kunde warf mich auf bessere Wege. Ich hatte wieder als Gambusino gearbeitet und war glücklich gewesen. Ich kam, um Schadenersatz zu leisten, und nun war der Bruder verschwunden. Von da an habe ich ihn gesucht allüberall, ihn aber nicht gefunden. Dieses ruhelose Wanderleben bildete mich aus zum Scout. Ich bin auch vielen in moralischer Beziehung ein Scout geworden. Das Spiel habe ich gelassen, aber das Opium nicht. Ich bin nicht mehr Raucher, sondern Opiumesser. Ich mische das Gift in den Kautabak und genieße es jetzt nur noch in verschwindend kleinen Gaben. So, da habt Ihr mein Bekenntnis. Nun speit mich an, und tretet mich mit den Füßen; ich habe nichts dagegen, denn ich habe es verdient!“

Er ließ meinen Arm los, setzte sich in das Gras nieder, stemmte die Ellbogen auf die Kniee und legte das Gesicht in die Hände. So saß er lange, lange Zeit, ohne einen Laut hören zu lassen. Ich stand dabei mit Gefühlen, welche sich gar nicht beschreiben lassen. Endlich sprang er wieder auf, stierte mich mit geisterhaftem Blicke an und fragte:

„Ihr steht noch hier? Graut es Euch denn nicht vor diesem elenden Menschen?“

„Grauen? Nein. Ihr tut mir herzlich leid, Sir! Ihr habt viel gesündigt, aber auch viel gelitten, und Eure Reue ist ernst. Wie könnte ich, wenn auch nur im Stillen, mir ein Urteil anmaßen. Ich bin ja selbst auch Sünder und weiß nicht, welche Prüfungen mir das Leben bringt.“

„Viel gelitten! Ja, da habt Ihr recht, sehr, sehr recht! O du lieber Herr und Gott, was sind die Töne aller Posaunen der Welt gegen die nie ruhende Stimme im Innern eines Menschen, welcher sich einer schweren Schuld bewußt ist. Ich muß büßen und gut machen, so viel ich kann. Morgen soll ich endlich den Bruder sehen. Mir ist, als ob mir eine neue Sonne aufgehe, keine irdische. Aber das alles geht Euch nichts an. Es ist etwas Anderes, was ich Euch sagen und um was ich Euch bitten muß. Wollt Ihr mir diesen Wunsch erfüllen?“

„Von Herzen gern!“

„So hört, was ich Euch sage! Es gibt einen sehr triftigen Grund, daß ich selbst dann, wenn ich für einige Zeit einmal kein Pferd besitze, meinen Sattel mit mir schleppe. Wenn man das Futter desselben aufschneidet, so gelangt man zu Gegenständen, welche ich für meinen Bruder, aber auch nur für ihn allein, bestimmt habe. Wollt Ihr Euch das merken, Sir?“

„Eure Bitte ist eine höchst bescheidene.“

„Nicht so sehr. Aber vielleicht erfahrt Ihr noch, welch ein Vertrauen ich in Euch setze, indem ich Euch bitte, das nicht zu vergessen. Und nun geht, Sir! Laßt mich allein! Es ist mir ganz so, als ob ich noch während dieser Nacht mein Schuldbuch durchlesen müsse. Morgen ist vielleicht keine Zeit mehr dazu. Es gibt Ahnungen, Ahnungen, denen man es sofort anmerkt, daß sie die Verkünderinnen der Wahrheit sind. Ich bitte Euch, geht! Schlaft in Gottes Namen; Ihr habt kein böses Gewissen. Gute Nacht, Sir!“

Ich kehrte langsam zum Lager zurück und legte mich dort nieder. Wohl erst nach Stunden schlief ich ein, kurz vor dem Morgengrauen, und noch war der Alte nicht da. Als geweckt wurde, saß er bereits auf seinem Pferde, als ob er große Eile habe, seine Todesahnung in Erfüllung gehen zu lassen. Der Gambusino erklärte, daß er sich, außer einigen Schmerzen auf dem Rücken, ganz frisch und gesund fühle. Er erhielt eine Pferdedecke wie einen Frauenrock umgeschnallt und darüber eine zweite Decke als Mantel. Ein Apache nahm ihn zu sich auf das Pferd; dann brachen wir auf.

Wir kamen von neuem durch Cannons, in deren Tiefen wir fast bis zur Mittagszeit ritten. Sodann aber hatten wir dieses schwierige Terrain wenigstens für heute hinter uns. Es gab grasige Ebenen, über welche wir stundenlang ritten und aus denen einzelne Berge aufstiegen. Bis dahin hatten wir stets die Fährte der Tschimarra vor den Pferdehufen.

Nun aber ließ uns der Gambusino halten und sagte in befriedigtem Tone:

„Hier müssen wir die Spur verlassen. Harton hat meinen Rat befolgt und einen Umweg eingeschlagen. Wir aber biegen nach rechts ab, wohin der gerade Weg führt.“

Well! Folgen wir also nun Eurer Richtung.“

Im Nordwesten, wohin wir jetzt ritten, lagerten bläuliche Massen am Horizonte. Der Gambusino erklärte, daß es Berge seien. Aber dieselben waren so weit entfernt, daß wir erst nach Stunden merkten, daß wir ihnen näher kamen. Kurz nach Mittag wurde eine kleine Rast gehalten; dann ging es mit erneuter Schnelligkeit weiter. Endlich sahen wir den ersten, freilich ziemlich dürren Strauch. Bald fanden wir mehrere, und dann ging es über grüne Prairien, in denen hier und da Inseln von Gebüsch zu umreiten waren. Wir lebten von Neuem auf. Wirklich bewundernswert aber hielten sich unsere Pferde. Das waren freilich noch ganz andere Tiere als diejenigen, welche uns Sennor Atanasio gegeben hatte. Sie trabten so frisch dahin, als ob sie soeben erst vom Lagerplatze kämen.

Die Berge waren uns mittlerweile näher getreten. Es war aber auch Zeit dazu, denn die Sonne neigte sich bereits zu ihren Spitzen nieder. Da sahen wir den ersten Baum. Er stand mitten auf der Prairie, mit von den Stürmen zerfetzten Ästen. Aber wir begrüßten ihn als Vorboten des willkommenen Waldes. Bald rechts, bald links, bald grad vor uns erblickten wir andere, welche hier näher zusammen, dort weiter auseinander traten und endlich einen lichten Hain bildeten, dessen Boden lehnenartig emporstieg und uns auf eine Höhe brachte, jenseits welcher das Terrain steil in ein nicht zu tiefes Tal abfiel. Da hinunter mußten wir, um es zu durchkreuzen. Dort aber stieg der Boden langsam zu einer beträchtlichen Höhe an. Sie war nackt und kahl, trug aber eine grüne Waldkrone auf ihrem Rücken. Längs dieses lang gedehnten Rückens ging es nun unter Bäumen hin und dann in eine steile Tiefe hinab. Dann kamen wir durch eine Schlucht hinauf auf eine kleine, baumfreie und grasbewachsene Hochebene. Kaum hatten die Hufe unserer Pferde sie betreten, so sahen wir einen Strich, welcher sich quer über unsere Richtung durch das Gras zog.

„Eine Fährte!“ rief der Gambusino. „Wer mag hier geritten sein?“

Er stieg ab, um sie zu untersuchen.

„Kann es sehen, ohne abzusteigen,“ zürnte Old Death. „So eine Fährte kann nur eine Truppe machen, welche über vierzig Reiter zählt. Wir kommen also zu spät.“

„Meint Ihr wirklich, daß es die Tschimarra gewesen sind?“

„Ja, das meine ich sogar sehr, Sennor!“

Winnetou stieg auch ab. Er schritt die Spur eine Strecke weit ab und berichtete sodann:

„Zehn Bleichgesichter und viermal so viel Rote. Seit sie hier vorüberkamen, ist die Zeit einer Stunde vergangen.“

„Nun, was sagt Ihr dazu, Sennor Gambusino?“ fragte Old Death.

„Wenn es auch wirklich so ist, so können wir ihnen doch noch zuvorkommen,“ antwortete der Gefragte. „Auf jeden Fall rekognoszieren sie doch vor dem Angriff. Und das erfordert Zeit.“

„Sie werden Harton zwingen, ihnen alles zu beschreiben, so daß sie nicht mit langem Suchen ihre Zeit zu verschwenden haben.“

„Aber Indianer greifen ja stets erst vor Tagesgrauen an.“

„Bleibt mir mit Eurem Tagesgrauen vom Leibe! Ich sagte Euch ja, daß Weiße bei ihnen sind! Die werden sich den Teufel um die Angewohnheiten der Roten kümmern. Ich möchte wetten, daß sie sogar am hellen Tage in die Bonanza gehen. Macht also, daß wir vorwärts kommen!“

Jetzt wurden die Sporen eingesetzt, und wir flogen über die Ebene dahin, in ganz anderer Richtung, als die Tschimarra geritten waren. Harton hatte sie nicht nach dem Eingange der Bonanza geführt, sondern war beflissen gewesen, sie nach der hintersten Kante des Tales zu bringen. Den Eingang suchten nun hingegen wir so schnell wie möglich zu erreichen. Leider aber stellte sich jetzt die Dunkelheit mit großer Schnelligkeit ein. Auf der Ebene ging es noch. Aber wir kamen wieder in Wald, ritten unter den Bäumen auf, wie sich ganz von selbst versteht, völlig ungebahntem Boden, bald aufwärts, bald wieder niederwärts und mußten uns endlich ganz und gar auf den jetzt voranschreitenden Gambusino und die Augen unserer Pferde verlassen. Aber die Äste und Zweige waren uns im Wege. Sie schlugen uns in die Gesichter und konnten uns leicht von den Pferden schnellen. Darum stiegen auch wir ab und gingen zu Fuße, die Pferde hinter uns herführend, den gespannten Revolver in der freien Hand, da wir gewärtig sein mußten, jeden Augenblick auf die Feinde zu stoßen. Endlich hörten wir Wasser rauschen.

„Wir sind am Eingange,“ flüsterte der Gambusino. „Nehmt euch in acht! Rechts ist das Wasser. Geht einzeln und haltet euch links an den Felsen!“

„Schön!“ antwortete Old Death. „Steht denn kein Nachtposten hier?“

„Jetzt noch nicht. Es ist nicht Schlafenszeit.“

„Schöne Wirtschaft das! Und noch dazu in einer Bonanza! Wie ist nun der Weg? Es ist stockfinster.“

„Immer grad aus. Der Boden ist eben. Es gibt kein Hindernis mehr, bis wir an das Zelt gelangen.“

Wir sahen in der Dunkelheit nur so viel, daß wir einen freien Talboden vor uns hatten. Links stiegen finstere Massen hoch empor. Das war die Bergeswand. Rechts rauschte das Wasser. Bis zu der dortigen Seite des Berges konnten wir nicht sehen. So gingen wir weiter, die Pferde noch immer an den Zügeln führend. Ich schritt mit Old Death und dem Gambusino voran. Da war es mir, als ob ich eine Gestalt wie einen Hund zwischen uns und den Felsen dahinhuschen sähe, nur für einen Augenblick. Ich machte die Anderen darauf aufmerksam. Sie blieben stehen und lauschten. Nichts war zu hören.

„Die Finsternis täuscht,“ sagte der Gambusino. „Übrigens ist hinter uns die Stelle, an welcher sich der verborgene Aufstieg befindet.“

„So kann die Gestalt von dorther gekommen sein,“ sagte ich.

„Wenn das der Fall ist, so hätten wir nichts zu sorgen; es wäre ein Freund gewesen. Ein Bewohner des Tales hat aber jetzt hier nichts zu suchen. Ihr habt Euch geirrt, Sennor.“

Damit war die Sache abgemacht, welche für uns so verhängnisvoll werden sollte, wenigstens für einen von uns. Nach kurzer Zeit sahen wir einen unbestimmten Lichtschimmer, den Schein der Lampen, welcher durch die Zeltdecke drang. Stimmen ertönten. Wir drei waren voran.

„Erwartet die Andern,“ sagte Old Death zu dem Gambusino. „Sie mögen vor dem Zelte halten bleiben, bis wir Sennor Uhlmann benachrichtigt haben.“

Der Hufschlag unserer Pferde mußte im Innern des Zeltes gehört werden, dennoch wurde die Türe nicht zurückgeschlagen.

„Kommt mit herein, Sir!“ meinte der Alte zu mir. „Wollen sehen, welche Freude und Überraschung wir anrichten.“

Man sah von außen, an welcher Stelle sich die Türe, der Vorhang, befand. Old Death trat ein, mir voran.

„Da sind sie schon!“ rief eine Stimme. „Laßt ihn nicht herein!“

Noch während dieser Worte fiel ein Schuß. Ich sah, wie der Scout sich mit beiden Händen an den Rahmen des Vorhanges krampfte, ich sah zugleich mehrere Gewehre nach der Türe gerichtet. Der Alte konnte sich nicht aufrecht erhalten; er glitt zu Boden.

„Meine Ahnung –– mein Bruder –– Vergebung –– im Sattel – – –!“ stöhnte er.

„Sennor Uhlmann, um Gottes willen, schießt nicht!“ schrie ich auf. „Wir sind Freunde, Deutsche! Euer Schwiegervater und Schwager sind mit uns. Wir kommen, Euch vor dem beabsichtigten Überfalle zu schützen.“

„Herrgott! Deutsche“ antwortete es innen. „Ist es wahr?“

„Ja, schießt nicht. Laßt mich ein, nur mich ganz allein!“

„So kommt! Aber kein Anderer mit.“

Ich trat hinein. Da standen wohl an die zwanzig Männer, alle mit Flinten bewaffnet. Drei von der Zeltdecke hängende Lampen brannten. Ein junger Mann trat mir entgegen. Neben ihm stand ein ganz herabgekommen aussehender Mensch.

„War der dabei, Harton?“ fragte der Erstere den Zweiten.

„Nein, Sennor!“

„Unsinn!“ rief ich. „Haltet kein Examen. Wir sind Freunde, aber die Feinde sind hinter uns. Sie können jeden Augenblick kommen. Ihr nennt diesen Mann Harton. Ist er derjenige, welchen die Tschimarra schon seit längerer Zeit mit sich schleppten?“

„Ja, er ist ihnen entkommen. Er trat vor kaum zwei Minuten hier bei uns ein.“

„So seid Ihr an uns vorüber geschlichen, Master Harton. Ich sah Euch. Die Andern glaubten mir nicht. Wer hat geschossen?“

„Ich,“ antwortete einer der Männer.

„Gott sei Dank!“ atmete ich auf, denn ich hatte bereits gedacht, daß der eine Bruder den andern erschossen habe. „Ihr habt einen Unschuldigen getötet, einen Mann, welchem ihr eure Rettung dankt!“

Da traten die beiden Langes herein, mit ihnen der Gambusino, die sich draußen nicht halten ließen. Es gab eine wirre überlaute Freudenszene. Aus den umliegenden Hütten kamen die übrigen Bewohner des Tales herbei. Ich mußte ein Machtwort sprechen, um Ruhe hervorzubringen. Old Death war tot, grad durch das Herz geschossen. Der Neger Sam brachte seine Leiche herein und legte sie unter lautem Klagen mitten unter uns nieder. Zwei Frauen waren aus einer Abteilung des Zeltes gekommen. Die eine trug ein Knäbchen. Sie war die Wärterin. Die andere lag in den Armen ihres Vaters und Bruders.

Unter diesen Umständen durfte ich mich nur auf mich selbst verlassen. Ich fragte Harton, wie es ihm gelungen sei, zu entkommen. Während die Andern unter sich herum fuhren und sprachen, erklärte er mir:

„Ich führte sie irre und brachte sie hinauf in den Wald hinter dem Tale. Dort lagerten sie, während der Häuptling rekognoszieren ging, und als es dunkel geworden war, brachen sie auf. Sie ließen ihre Pferde mit einigen Wachen zurück. Bei den letzteren lag ich mit gebundenen Händen und Füßen. Es gelang mir, die Hände frei zu bekommen und dann die Füße auch. Dann huschte ich fort, schnell zur geheimen Treppe und ins Tal hinab. Da kam ich an euch vorüber und hielt euch für die Feinde, eilte hierher, fand die meisten der Arbeiter hier versammelt und meldete ihnen den Überfall. Der erste, welcher eintreten wollte, wurde erschossen.“

„Wäret Ihr geblieben, wo der Pfeffer wächst! Ihr habt großes Unheil angerichtet. Nach dem, was Ihr sagt, können die Kerle jeden Augenblick hier sein. Man muß Ordnung schaffen.“

Ich wendete mich natürlich an Uhlmann selbst, den Mann, welcher bei meinem Eintritte neben Harton gestanden hatte. In fliegender Eile unterrichtete ich ihn über die Sachlage, und mit seiner Hilfe waren in weniger als zwei Minuten die Vorbereitungen getroffen. Unsere Pferde wurden weiter hinter ins Tal geschafft. Die Apachen postierten sich hinter das Zelt, zu ihnen die Arbeiter Uhlmanns. Old Deaths Leiche kam wieder hinaus. Ein Fäßchen Petroleum und eine Flasche Benzin wurden hinaus an den Bach geschafft. Den Deckel des Fasses entfernte man, und ein Mann stand dabei, welcher den Befehl erhielt, auf einen bestimmten Zuruf das Benzin in das Petroleum zu gießen und anzubrennen. Sobald die Masse brenne, sollte er das Faß in den Bach stoßen. Das brennende Öl mußte mit dem Wasser fortgeführt werden und das ganze Tal erleuchten.

So standen jetzt mehr als fünfzig Mann bereit, die Feinde zu erwarten, denen wir an Zahl gleich, an Waffen aber weit überlegen waren. Einige schlaue und erfahrene Arbeiter waren gegen den Eingang beordert worden, um die Ankunft der Feinde zu melden.

An der Hinterwand des Zeltes wurden die untern Ringe gelockert, um daselbst aus- und eingehen zu können.

Die Frauen waren mit dem Kinde natürlich nach dem Hintergrunde des Tales in Sicherheit gebracht worden. Ich saß mit Uhlmann, Winnetou und den beiden Langes allein im Zelte. Sam war bei den Apachen geblieben. Seit wir warteten, mochten wohl zehn Minuten vergangen sein. Da kam einer der Leute, welche wir nach vorn gesandt hatten. Er meldete uns, daß er zwei Weiße bringe, welche Sennor Uhlmann ihre Aufwartung machen wollten. Hinter diesen Weißen aber habe sich eine Bewegung bemerkbar gemacht, aus welcher zu schließen sei, daß auch die Andern im Anzuge sich befänden. Sie erhielten den Bescheid, einzutreten. Ich aber versteckte mich mit den beiden Langes und Winnetou in der Nebenabteilung des Zeltes.

Ich sah – – Gibson mit William Ohlert eintreten. Sie wurden höflich bewillkommnet und zum Sitzen eingeladen, was sie auch taten. Gibson nannte sich Gavilano und gab sich für einen Geographen aus, welcher mit seinem Kollegen diese Berge besuchen wolle. Er habe sein Lager in der Nähe aufgeschlagen und da sei ein gewisser Harton, ein Gambusino, zu ihm gekommen. Von diesem habe er erfahren, daß sich hier eine ordentliche Wohnung befinde. Sein Kollege sei krank, und so habe er sich von Harton herführen lassen, um Sennor Uhlmann zu bitten, den Kollegen für diese Nacht bei sich aufzunehmen.

Ob dies klug oder albern ausgedacht sei, das zu beurteilen, nahm ich mir nicht die Zeit. Ich trat aus meinem Verstecke hervor. Bei meinem Anblicke fuhr Gibson empor. Er starrte mich mit dem Ausdrucke des größten Entsetzens an.

„Sind die Tschimarra auch krank, welche hinter Euch kommen, Master Gibson?“ fragte ich ihn. „William Ohlert wird nicht nur hier bleiben, sondern mit mir gehen. Und Euch nehme ich auch mit.“

Ohlert saß wie gewöhnlich ganz teilnahmslos da. Gibson aber faßte sich schnell.

„Schurke!“ schrie er mich an. „Verfolgst du ehrliche Leute auch hierher! Ich will – – –“

„Schweig, Mensch!“ unterbrach ich ihn. „Du bist mein Gefangener!“

„Noch nicht!“ entgegnete er wütend. „Nimm zunächst das!“

Er hatte sein Gewehr in der Hand und holte zum Kolbenhiebe aus. Ich fiel ihm in den Arm. Er erhielt dadurch eine halbe Wendung; der Kolben sauste nieder und traf den Kopf Ohlerts, welch letzterer sofort zusammenbrach. Im nächsten Augenblicke drängten sich einige Arbeiter von hinten in das Zelt herein. Sie richteten ihre Gewehre auf Gibson, den ich noch gefaßt hielt.

„Nicht schießen!“ rief ich, da ich ihn ja lebendig haben wollte. Aber es war zu spät. Ein Krach und er stürzte aus meinen Armen, durch den Kopf geschossen, tot zu Boden.

„Nichts für ungut, Herr! So ist es hierzulande Sitte!“ sagte derjenige, welcher geschossen hatte.

Als ob der Schuß ein Signal gewesen sei, was vielleicht auch zwischen Gibson und seinen Komplizen verabredet worden war, erhob sich unweit der Hütte ein indianisches Kriegsgeheul. So weit waren die Tschimarra mit den verbündeten Weißen bereits vorgedrungen.

Uhlmann stürzte hinaus; die Andern hinter ihm her. Ich hörte seine Stimme erschallen. Schüsse fielen, Menschen schrieen und fluchten. ich war mit Ohlert allein im Zelte. Ich kniete bei ihm, um zu sehen, ob er tot sei. Sein Puls ging noch. Das beruhigte mich. Nun konnte ich am Kampfe teilnehmen.

Als ich hinauskam, bemerkte ich, daß dies gar nicht nötig war. Das Tal war von dem im Bache brennenden Petroleum fast tageshell erleuchtet. Die Feinde waren ganz anders empfangen worden, als sie gedacht hatten. Die meisten von ihnen lagen am Boden; die andern flohen, verfolgt von den Siegern, dem Ausgange zu. Hier oder da rang ein einzelner der Angreifer gegen zwei oder drei von Uhlmanns Leuten, aber freilich ohne Hoffnung auf Erfolg.

Dieser Letztere stand neben dem Zelte und schickte eine Kugel nach der andern dahin, wo er ein Ziel sah. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß es ratsam sei, einen Trupp seiner Leute mit Harton als Führer mittels des geheimen Aufstieges zu den Pferden der Feinde zu senden, um sich derselben zu bemächtigen. Dort konnte man auch diejenigen empfangen, denen es gelingen sollte, durch den Ausgang aus dem Tale zu entkommen. Er pflichtete diesem Rate bei und befolgte denselben auf der Stelle.

Kaum drei Minuten waren seit dem ersten Schusse vergangen und schon war der Platz gesäubert.

Gern gehe ich über das nun Folgende hinweg. Bilder, bei deren Anblick sich das Menschenherz empört, soll man weder mit dem Pinsel noch mit der Feder malen. Das wahre Christentum untersagt es selbst dem Sieger, sich an seinem Triumphe zu ergötzen.

Dem abgesandten Trupp war es leicht gelungen, sich der Pferde zu bemächtigen. Diese Leute blieben während der Nacht bei denselben. Nur Harton kehrte zurück. Er hatte keine Ahnung, wer unsererseits der einzige Tote des heutigen Abends war, der noch dazu infolge eines Mißverständnisses von der Kugel eines Freundes getötet worden war. Ich ging mit ihm hinaus in das Tal, wo einige indessen angezündete Feuer brannten, schritt mit ihm nach einer dunkeln Stelle, wo wir uns niedersetzten, und teilte ihm mit, was er erfahren mußte.

Er weinte wie ein Kind, laut und herzbrechend. Er hatte seinen Bruder stets geliebt, hatte ihm alles längst vergeben und war nur in der Hoffnung Gambusino geworden, ihn in der Ausübung dieses Berufes da oder dort einmal zu treffen. Ich mußte ihm alles erzählen, von meinem ersten Zusammentreffen mit dem Scout bis zu dem letzten Augenblicke, an welchem den Reuigen die irrende Kugel traf. Jedes Wort wollte er wissen, was zwischen ihm und mir gewechselt worden war, und als wir dann nach mehr als einer Stunde zum Zelte gingen, um den Toten zu sehen, bat er mich, ihn so in mein Herz zu schließen, wie ich es mit seinem armen Bruder getan hatte.

Am Morgen wurde Old Deaths Sattel herbeigeholt. Unter vier Augen schnitten wir das Futter los. Wir fanden eine Brieftasche. Sie war dünn, aber trotzdem sehr reichen Inhaltes. Der Tote hinterließ seinem Bruder Bankanweisungen zu sehr bedeutender Höhe und, was die Hauptsache war, die genaue Beschreibung und den minutiös gezeichneten Situationsplan einer Stelle in der Sonora, an welcher Old Death eine vielverheißende Bonanza entdeckt hatte. Von diesem Augenblicke an war Fred Harton ein steinreicher Mann.

Welche Pläne Gibson eigentlich mit William Ohlert verfolgt hatte, das war nun nicht zu erfahren. Selbst seine Schwester Felisa Perillo, zu welcher sein Weg doch wahrscheinlich hatte führen sollen, wäre nicht imstande gewesen, einen Aufschluß zu erteilen. Ich fand bei ihm all die in Banknoten erhobenen Summen, natürlich abzüglich dessen, was er für die Reise ausgegeben hatte.

Ohlert lebte zwar, aber er wollte nicht aus seiner Betäubung erwachen. Es stand zu erwarten, daß ich aus diesem Grunde hier einen längeren Aufenthalt zu nehmen gezwungen sein werde. Das war mir eigentlich gar nicht unlieb. Ich konnte mich von den Strapazen erholen und das Leben und Treiben einer Bonanza gründlich kennen lernen, bis der Zustand Ohlerts es erlaubte, ihn nach Chihuahua in die Pflege eines tüchtigen Arztes zu geben.

Old Death wurde begraben. Wir errichteten ihm ein Grabmal mit einem Kreuze aus silberhaltigem Erze. Sein Bruder trat aus dem Dienste Uhlmanns, um sich zunächst nach den Anstrengungen seines Gambusinolebens in Chihuahua einige Zeit zu pflegen.

Groß war das Glück, welches Uhlmann und dessen Frau über die Ankunft ihrer beiden Verwandten empfanden. Sie waren liebe, gastfreundliche Leute, denen dieses Glück zu gönnen war. Als Fred Harton sich von ihnen und mir verabschiedete, bat er mich, ihn zur Aufsuchung der Bonanza in die Sonora zu begleiten. Ich konnte keine entscheidende Antwort geben und vertröstete ihn auf meine Ankunft in Chihuahua. Winnetou beschloß, bei mir zu bleiben, und schickte seine zehn Apachen heim. Sie wurden von Uhlmann reich beschenkt. Der Neger Sam reiste mit Harton ab. Er hatte seinen Auftrag jedenfalls glücklich ausgeführt. Ob er zu Sennor Cortesio zurückgekehrt ist, weiß ich nicht. – – –

Und zwei Monate später saß ich bei dem guten Religioso Benito von der Kongregation EI buono Pastor in Chihuahua. Ihm, dem berühmtesten Arzte der nördlichen Provinzen, hatte ich meinen Patienten gebracht, und es war ihm gelungen, denselben vollständig herzustellen. Ich sage vollständig, denn wunderbarerweise hatte sich mit der leiblichen Heilung auch das geistige Normalbefinden eingestellt. Es war, als sei mit dem Kolbenhiebe die unglückselige Monomanie, ein wahnsinniger Dichter zu sein, erschlagen worden. Er war munter und wohlauf, sogar zuweilen lustig, und sehnte sich nach seinem Vater. Ich hatte ihm noch nicht gesagt, daß ich denselben erwarte. Es war natürlich ein Bericht von mir abgegangen, und darauf hatte ich die Nachricht erhalten, daß er selbst kommen werde, um seinen Sohn abzuholen. Nebenbei hatte ich ihn gebeten, mir bei Master Josy Tailor meine Entlassung zu erwirken. Es war mir doch die Lust gekommen und von Tag zu Tag gewachsen, mit Harton in die Sonora zu gehen.

Dieser Letztere kam täglich, um uns beide und den lieben Pater zu besuchen. Er hatte eine wahrhaft rührende Freundschaft zu mir gefaßt und freute sich ganz besonders auch über die Gesundung unseres Patienten.

In Beziehung hierauf mußte man allerdings gestehen, daß ein wahres Wunder geschehen sei. Ohlert wollte das Wort Dichter nicht mehr hören. Er konnte sich an jede Stunde seines Lebens erinnern; die Zeit aber von seiner Flucht mit Gibson bis zu seinem endlichen Erwachen in der Bonanza bildete ein vollständig leeres Blatt in seiner Erinnerung.

Also heute saßen wir auch zusammen, der Pater, Ohlert, Harton und ich. Wir erzählten von unsern Erlebnissen und Hoffnungen. Da klopfte der Famulus an, öffnete und schob einen Herrn herein, bei dessen Anblick William einen Freudenschrei ausstieß. Welchen Schmerz und welche Sorgen er dem Vater bereitet hatte, wußte er eigentlich nur durch mich. Er warf sich weinend in seine Arme. Wir Andern aber gingen still hinaus.

Später gab es Zeit, uns auszusprechen und alles zu erzählen. Vater und Sohn saßen Hand in Hand dabei. Der Erstere brachte mir die erbetene Entlassung, und augenblicklich erhielt Fred Harton mein Wort, daß ich ihn begleiten werde. Lieber freilich wäre es uns gewesen, wenn noch ein Dritter an diesem Ritte hätte teilnehmen können. Und mit diesem Dritten meine ich natürlich keinen andern als den Scout.

 

Als Detektive

Als Detektive

Kaum ist der erste Band von Winnetou ausgegeben worden, so gehen von den Lesern desselben schon zahlreiche Fragen nach dem weiteren Verlaufe der Ereignisse bei mir ein. Dieser wurde ein ganz anderer, als ich damals dachte.

Wir kamen nach einem wahren Parforceritte an die Mündung des Rio Boxo de Natchitoches, wo wir erwarteten, einen von Winnetou zurückgelassenen Apachen vorzufinden. Leider ging diese Hoffnung nicht in Erfüllung. Freilich Spuren von Menschen, welche dagewesen waren, fanden wir, aber was für welche! Nämlich die Leichen der beiden Traders, welche uns Auskunft über das Dorf der Kiowas gegeben hatten. Sie waren erschossen worden, und zwar von Santer, wie ich später durch Winnetou erfuhr.

Santers Kanoefahrt war so rasch vor sich gegangen, daß er die Mündung des genannten Flusses zugleich mit den Händlern erreicht hatte, obgleich diese eher als er das Zeltlager Tanguas verlassen hatten. Er war gezwungen gewesen, auf die Nuggets Winnetous zu verzichten, und also mittellos; da stachen ihm die Waren der Traders in die Augen, und um sich derselben zu bemächtigen, erschoß er die zwei ahnungslosen Männer, höchst wahrscheinlich aus dem Hinterhalte. Hierauf machte er sich mit ihren Mauleseln aus dem Staube. Dies las Winnetou aus den Spuren, welche er bei seiner Ankunft an der betreffenden Stelle vorfand.

Der Mörder hatte sich nichts Leichtes vorgenommen, denn der Transport so vieler Packtiere über die Savanne ist für einen einzelnen Menschen mit großen Schwierigkeiten verknüpft. Dazu kam, daß er zur größten Eile gezwungen war, weil er die Verfolger hinter sich wußte.

Unglücklicherweise trat ein mehrtägiger Regen ein, welcher alle Spuren verwischte, so daß Winnetou sich nicht mehr auf sein Auge, sondern nur auf Kombinationen verlassen konnte. Höchst wahrscheinlich hatte Santer, um seinen Raub zu verwerten, eine der nächstliegenden Niederlassungen aufgesucht, und so blieb dem Apachen nichts anderes übrig, als diese Ansiedelungen nacheinander abzureiten.

Erst nach einer Reihe von verlorenen Tagen fand er auf Gaters Faktorei die verschwundene Spur wieder. Santer war dagewesen, hatte alles verkauft und sich ein gutes Pferd erworben, um auf der damaligen Red River-Straße nach dem Osten zu gehen. Winnetou verabschiedete alle seine Apachen, die ihm nun nur hinderlich sein konnten, schickte sie in ihre Heimat zurück und nahm die weitere Verfolgung nun allein auf. Er hatte genug Goldkörner bei sich, besaß also die nötigen Mittel, im Osten längere Zeit existieren zu können.

Da er uns infolgedessen am Natchitoches keine Weisung hinterlassen hatte, wußten wir nicht, wo er sich befand, konnten ihm also nicht folgen und wendeten uns nach dem Arkansas hinüber, um auf dem geradesten Landwege nach St. Louis zu kommen. Es tat mir außerordentlich leid, den Freund jetzt nicht wiedersehen zu können, doch dies zu ändern, lag ja nicht in meiner Macht.

Es war eines Abends, als wir nach langer Reise in St. Louis ankamen. Ganz selbstverständlich suchte ich sofort meinen alten Mr. Henry auf. Als ich in seine Werkstatt trat, saß er bei der Lampe an der Drehbank und überhörte das Geräusch, welches ich beim Öffnen der Tür verursacht hatte.

Good evening, Mr. Henry!“ grüßte ich, als ob ich erst gestern zum letztenmal bei ihm gewesen sei. „Seid Ihr mit dem neuen Stutzen bald im Geschick?“

Bei diesen Worten setzte ich mich auf die Ecke der Bank, grad so, wie ich es früher oft getan hatte. Er fuhr von seinem Sitze auf, starrte mich eine Weile wie abwesend an und schrie dann vor Freude förmlich auf.

„Ihr – Ihr – – Ihr seid es? Ihr seid da? Der Hauslehrer – – der – – der Surveyor – – der – – der – der verteufelte Old Shatterhand!“

Dann warf er seine Arme um mich, zog mich an sich und küßte mich wiederholt hüben und drüben auf die Wangen, daß es nur so klatschte.

„Old Shatterhand! Woher kennt Ihr diesen Namen?“ fragte ich, als der Ausdruck seiner Freude ruhiger geworden war.

„Woher? Das fragt Ihr noch? Es wird ja überall von Euch erzählt, Ihr Schwerenöter! Seid ein Westmann geworden, wie er im Buche steht! Mr. White, der Ingenieur von der nächsten Sektion, war der erste, welcher Nachricht brachte; war voll des Lobes über Euch; das muß ich sagen. Die Krone hat Euch Winnetou aufgesetzt.“

„Wieso?“

„Hat mir alles erzählt – alles!“

„Was? Wie? War er denn da?“

„Natürlich war er da – natürlich!“

„Wann denn, wann?“

„Vor drei Tagen. Ihr hattet ihm von mir erzählt, von mir und dem alten Bärentöter, und da konnte er nicht hier sein, ohne mich zu besuchen. Hat mir wohl gesagt, was für ein Westmann Ihr geworden seid. Büffelbulle, Grizzlybär und so weiter, und so weiter! Habt sogar die Würde eines Häuptlings erhalten!“

In diesem Tone ging es noch lange Zeit fort, und es half nichts, daß ich ihn verschiedene Male unterbrach. Er umarmte mich wieder und immer wieder und freute sich riesenhaft darüber, daß er es gewesen war, der meinem Lebenswege die Richtung nach dem wilden Westen gegeben hatte.

Winnetou hatte Santers Spur nicht wieder verloren und war ihr in Eilmärschen bis nach St. Louis gefolgt, von wo aus sie nach New Orleans gezeigt hatte. Diese seine Eile war der Grund, daß ich später als er nach St. Louis gekommen war. Er hatte bei Henry hinterlassen, daß ich ihm nach New Orleans folgen solle, falls ich Lust dazu verspüre, und ich war sofort entschlossen, dies zu tun.

Natürlich mußte ich vorher meinen geschäftlichen Obliegenheiten nachkommen, was am nächsten Morgen geschah.

Da saß ich schon zeitig mit Hawkens, Stone und Parker hinter jener Glastür, wo man mich ohne mein Wissen examiniert hatte. Mein alter Henry hatte es nicht unterlassen können, mitzugehen. Da gab es denn zu erzählen, zu berichten, zu erklären, und es stellte sich heraus, daß unter allen Sektionen die meinige die interessantesten und gefährlichsten Erlebnisse gehabt hatte. Freilich war ich als der einzige Surveyor übrig geblieben.

Sam gab sich alle Mühe, eine Extragratifikation für mich herauszuschlagen, doch vergeblich; wir bekamen unser Geld sofort, aber keinen einzigen Dollar mehr, und ich gestehe aufrichtig, daß ich die mit solcher Mühe angefertigten und geretteten Zeichnungen und Notizen nicht ohne das Gefühl ärgerlicher Enttäuschung ablieferte. Die Herren hatten fünf Surveyors angestellt, bezahlten aber nur einen und steckten das Honorar der vier übrigen in ihre Taschen, obgleich sie das volle Resultat unserer Gesamtarbeit in die Hände bekamen – – eigentlich freilich aber das Resultat nur meiner Überanstrengung.

Sam ließ deshalb eine geharnischte Rede los, erreichte aber dadurch weiter nichts, als daß er ausgelacht und mit Dick und Will zur Türe hinauskomplimentiert wurde. Ich ging natürlich mit und schüttelte den Staub von den Füßen. Übrigens war die Summe, welche ich erhalten hatte, für meine Verhältnisse eine bedeutende.

Also ich wollte Winnetou nach, welcher mir die Adresse eines Hotels in New Orleans bei Mr. Henry zurückgelassen hatte. Aus Höflichkeit oder auch Anhänglichkeit fragte ich Sam und seine beiden Gefährten, ob sie mitwollten; sie hatten aber die Absicht, sich in St. Louis erst einmal gehörig auszuruhen, was ich ihnen nicht übel nehmen konnte. Ich kaufte Wäsche u. s. w., auch einen neuen Anzug, den ich mit meinem indianischen vertauschte, und dampfte nach dem Süden ab. Die wenigen Habseligkeiten, welche ich nicht mitnehmen wollte, darunter auch den schweren Bärentöter, übergab ich Henry, der sie mir heilig aufzuheben versprach. Den Rotschimmel ließ ich natürlich auch zurück; ich brauchte ihn nicht mehr. Wir alle waren der Ansicht, daß meine Abwesenheit nur eine kurze sein werde.

Es sollte aber anders kommen. Wir befanden uns, was ich noch gar nicht erwähnt habe, weil es auf die bisher erzählten Ereignisse keinen Einfluß gehabt hatte, mitten im Bürgerkriege. Zufälligerweise war grad jetzt der Mississippi offen, denn der berühmte Admiral Farragut hatte ihn wieder in die Gewalt der Nordstaaten gebracht; dennoch aber wurde die Fahrt des Steamers, auf dem ich mich befand, durch allerlei Maßregelungen, die freilich wohl notwendig waren, sehr verzögert, und als ich in New Orleans ankam und in dem betreffenden Hotel nach Winnetou fragte, wurde mir der Bescheid, daß er gestern fort sei und für mich die Weisung zurückgelassen habe, daß er nach Vicksburg hinter Santer her sei, mir aber der Unsicherheit wegen nicht raten könne, ihm zu folgen, und später bei Mr. Henry in St. Louis sagen werde, wo er zu finden sei.

Was nun tun? Es drängte mich, meine in der Heimat befindlichen Verwandten, welche der Unterstützung bedurften, zu besuchen; die Mittel hatte ich ja dazu. Nach St. Louis zurückkehren, um da auf Winnetou zu warten? Nein. Wer weiß, ob es ihm möglich war, dorthin zu kommen. Ich erkundigte mich nach einem abgehenden Schiffe. Es gab eines, einen Yankee, welcher die gegenwärtige ruhige Kriegslage benutzen wollte, nach Cuba zu gehen, wo ich Gelegenheit nach Deutschland oder wenigstens zunächst nach New York finden konnte. Ich entschloß mich kurz und ging an Bord.

Vorsichtigerweise hätte ich mein Bargeld bei einer Bank gegen eine Anweisung umtauschen sollen; aber auf welchen Bankier in New Orleans war damals Verlaß! Dazu kam, daß es kaum die nötige Zeit dazu gab, weil ich nur kurz vor der Abfahrt des Schiffes hatte Passage nehmen können; ich trug also mein ganzes Geld bar in der Tasche bei mir.

Um über dieses fatale Ereignis kurz hinwegzugehen, will ich nur sagen, daß uns des Nachts ein Hurrikan vollständig überraschte. Wir hatten zwar trübes, windiges Wetter, aber gute Fahrt gehabt, und nichts deutete am Abende auf einen gefährlichen Wirbelsturm. Ich ging also, ebenso wie die andern Passagiere, welche die Gelegenheit, aus New Orleans fortzukommen, auch benutzt hatten, unbesorgt schlafen. Nach Mitternacht wurde ich von dem plötzlichen Heulen und Brausen des Sturmes geweckt und sprang vom Lager auf. In diesem Augenblicke erhielt das Schiff einen so gewaltigen Stoß, daß ich hinstürzte und die Kabine, welche ich mit noch drei Passagieren teilte, mit ihrem ganzen Inhalte auf mich niederkrachte. Wer denkt in einem solchen Augenblicke an das Geld. Das Leben kann an einem einzigen Momente hängen, und bei der tiefen Finsternis und heillosen Verwirrung konnte lange Zeit vergehen, ehe ich meinen Rock mit der Brieftasche fand. Ich arbeitete mich also schnell aus den Trümmern heraus und eilte – nein taumelte nach dem Deck hinaus, denn das Schiff schlingerte und stampfte entsetzlich.

Draußen sah ich nichts; es war stockdunkel; der Hurrikan warf mich augenblicklich nieder, und eine Sturzsee rollte über mich weg. Ich glaubte schreiende Stimmen zu hören, doch war das Heulen des Wirbelsturmes stärker als sie. Da zuckten kurz nacheinander mehrere Blitze durch die Nacht, die sie auf einige Augenblicke erhellten. Ich sah Brandung vor uns und jenseits derselben Land. Das Schiff hatte sich zwischen Klippen eingebohrt und wurde durch den Andrang der Wogen hinten hoch emporgehoben. Es war verloren und konnte jeden Augenblick auseinandergerissen werden. Die Boote waren fortgespült. Wo gab es Rettung? Nur durch Schwimmen! Ein neuer Blitz zeigte mir Menschen, welche, auf dem Deck liegend, sich an allen möglichen Gegenständen festhielten, um nicht von den Sturzseen mitgenommen zu werden. Ich hingegen war der Ansicht, daß man grad nur einer solchen See sich anvertrauen müsse.

Da kam eine, scheinbar haushoch, heran, trotz der Dunkelheit durch ihren phosphoreszierenden Glanz zu erkennen. Sie erreichte das Schiff; dieses krachte, daß ich sicher war, es geht jetzt in Trümmer. Ich hatte mich an einem eisernen Träger festgehalten, ließ aber jetzt los; Herrgott, hilf, und rette mich! Es war mir, als ob ich von der See turmhoch emporgetragen würde; es drehte mich wie einen Ball im Kreise; es wirbelte mich in die Tiefe hinab und nahm mich wieder nach oben. Ich bewegte kein Glied, denn jetzt hätte mir alle Anstrengung nichts genützt, aber sobald die See das Land erreichte, mußte ich arbeiten, um nicht von ihr wieder zurückgerissen zu werden.

Ich befand mich jedenfalls kaum eine halbe Minute in der Gewalt der stürzenden See, aber es dünkte mir, stundenlang zu sein. Da wurde ich von der gewaltigen Woge durch die Luft geschleudert. Sie spie mich aus und warf mich zwischen Felsen in ruhiges Wasser. Nur nicht wieder von ihr erfaßt werden! Ich stieß und strich aus Leibeskräften mit Armen und Beinen aus und schwamm mit einer Anstrengung, wie ich noch nie geschwommen hatte. Wenn ich soeben den Ausdruck ruhiges Wasser gebraucht habe, so war dies natürlich nur relativ gemeint. Die Sturzsee hatte mich über die Brandung hinweggetragen; ich hatte es nun nicht mehr mit haushohen Wogen zu tun, aber der Sturm wühlte und pflügte das Wasser doch so auf, daß ich auf und nieder und hin und her geworfen wurde wie ein leichter Kork in einem geschüttelten Wassergefäße. Es war ein großes Glück, daß ich das Land gesehen hatte. Ohne diesen günstigen Umstand wäre ich höchst wahrscheinlich verloren gewesen. Ich wußte, nach welcher Richtung ich zu schwimmen hatte, und wenn ich in dem fürchterlichen Aufruhr der Elemente auch nur geringe Fortschritte machte, so erreichte ich endlich doch die Küste, aber nicht in der Weise, wie ich es wollte. Die See war dunkel und das Land auch; ich konnte in der dichten Finsternis die eine nicht von dem andern unterscheiden, mir also keine zum Landen passende Stelle suchen und trieb mit dem Kopfe in der Weise gegen eine Klippe an, als hätte mir jemand mit einem Beil einen Hieb gegeben. Ich hatte noch die Geistesgegenwart, mich schnell an diesen Felsen emporzuarbeiten, und verlor dann das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, war der Hurrikan noch nicht vorüber. Mein Kopf schmerzte mich, doch beachtete ich dies nicht. Viel größere Sorge machte mir der Umstand, daß ich nicht wußte, wo ich mich befand. Lag ich auf dem festen Lande, oder auf einer aus dem Wasser ragenden Klippe? Ich durfte nicht von der Stelle fort, auf welcher ich mich befand. Sie war glatt und eben und ich hatte Mühe, sie zu behaupten, denn die Kraft des Sturmes war groß genug, mich wegzufegen. Nach einiger Zeit aber bemerkte ich, daß sie sich verminderte, und dann dauerte es, wie es bei derartigen Wirbelstürmen fast stets der Fall zu sein pflegt, gar nicht lange, so war der Hurrikan ganz plötzlich, wie mit einem Schlage, vorüber, der Regen auch, und die Sterne erschienen am Himmel.

Bei ihrem Scheine konnte ich mich orientieren. Ich befand mich an der Küste. Hinter mir tobte die Brandung; vor mir sah ich einzelne Bäume stehen. Ich ging auf dieselben zu; sie hatten dem Sturme getrotzt; andere aber hatte er aus der Erde gerissen und niedergeworfen, oder gar streckenweit mit fortgenommen. Dann bemerkte ich einige Lichter, welche sich bewegten; da mußten Menschen sein, und ich beeilte mich, sie aufzusuchen.

Sie befanden sich bei einigen Gebäuden, denen der Sturm arg mitgespielt hatte; von einem derselben hatte er das ganze Dach mit fortgenommen. Wie staunten die Leute, als sie mich erblickten! Sie starrten mich an, als ob sie mich für ein Gespenst hielten. Die See tobte noch so, daß wir brüllen mußten, um uns zu verstehen. Sie waren Fischersleute. Der Sturm hatte unser Schiff gegen die Tortugas getrieben, und zwar gegen diejenige Insel, auf welcher sich Fort Jefferson befindet. In diesem waren damals konföderierte Kriegsgefangene interniert.

Die Fischer nahmen sich meiner auf das freundlichste an und versahen mich mit frischer Wäsche und den notwendigsten Kleidungsstücken, denn ich war nur so bekleidet, wie man sich während einer Seereise schlafen zu legen pflegt. Dann schlugen sie Alarm, denn es galt, die Küste nach andern vielleicht Geretteten abzusuchen. Es wurden bis zum Morgen sechzehn Personen gefunden. Bei dreien gelang es, sie ins Leben zurückzurufen; die andern waren tot. Als es Tag wurde, sah ich das Ufer mit angespülten Trümmern bedeckt; das Schiff war zerschellt; das Vorderteil des Rumpfes saß auf der Klippe, auf welche ihn der Hurrikan getrieben hatte.

Ich war also ein Schiffbrüchiger, und zwar im vollsten Sinne des Wortes, denn ich besaß nichts, gar nichts mehr; das Geld, welches einem so Freude erregenden Zweck hatte dienen sollen, lag auf dem Grunde der See. Natürlich bedauerte ich diesen Verlust, doch nicht ohne mich über denselben zu trösten; ich selbst war ja gerettet worden, ich und noch drei von so vielen, gewiß ein großes Glück!

Der Kommandant des Forts nahm sich unser an; wir bekamen, was wir brauchten, und mir erwirkte er die Gelegenheit, per Schiff nach New York zu gehen. Dort angekommen, stand ich ärmer da, wie damals, wo ich die Stadt zum erstenmal betreten hatte. Ich besaß nichts als den Mut, von neuem anzufangen.

Warum hatte ich mich nach New York und nicht nach St. Louis gewendet, wo ich Bekannte besaß und wenigstens auf die Hilfe des alten Henry sicher rechnen konnte? Weil ich ihm schon so sehr zu Dank verpflichtet war und diese Verpflichtung nicht gern vergrößern wollte. Ja, wenn ich sicher gewesen wäre, Winnetou dort zu treffen! Dies war aber keineswegs der Fall. Seine Jagd nach Santer konnte monatelang und noch länger dauern, wo hatte ich ihn während dieser Zeit zu suchen? Ich war zwar fest entschlossen, wieder mit ihm zusammenzukommen; da mußte ich aber nach dem Westen, nach dem Pueblo am Rio Pecos, und um dies zu können, mußte ich mich vorher auf eigene Füße stellen. Bei den jetzigen Verhältnissen konnte mir dies, so war ich überzeugt, am besten in New York gelingen.

Diese Voraussetzung täuschte mich nicht; ich hatte Glück. Ich machte die Bekanntschaft des sehr honorablen Mr. Josh Tailor, Dirigent eines damals berühmten Privatdetektiv-Corps, und bat ihn um Aufnahme in dasselbe. Als er hörte, wer ich war und was ich in der letzten Zeit getrieben hatte, erklärte er, eine Probe mit mir machen zu wollen, obgleich ich ein Deutscher sei. Er hielt nämlich die Deutschen nicht für sehr brauchbar für sein Fach, doch gelang es mir, durch einige gute Erfolge, welche ich aber mehr dem Zufalle als meinem Scharfsinne zu verdanken hatte, sein Vertrauen zu erwerben, welches sich nach und nach vergrößerte, so daß er mir schließlich gar sein besonderes Wohlwollen schenkte und mich vorzugsweise mit solchen Aufträgen bedachte, die ein sicheres Gelingen und nebenbei eine gute Gratifikation verhießen.

Eines Tages ließ er mich nach dem Appell in sein Kabinett kommen, wo ein älterer, sorgenvoll dreinschauender Herr saß. Bei der Vorstellung wurde er mir als ein Bankier Ohlert genannt, der gekommen sei, sich in einer Privatangelegenheit unseres Beistandes zu bedienen. Der Fall war für ihn ebenso betrübend wie für sein Geschäft gefährlich.

Er besaß ein einziges Kind, einen Sohn, Namens William, fünfundzwanzig Jahre alt und unverheiratet, dessen geschäftliche Dispositionen dieselbe Gültigkeit hatten, wie die des Vaters, der mit einer deutschen Frau verheiratet gewesen und selbst deutscher Abstammung war. Der Sohn, mehr träumerisch als tatkräftig angelegt, hatte sich mehr mit wissenschaftlichen, schöngeistigen und Büchern metaphysischen Inhaltes als mit dem Hauptbuch beschäftigt und sich nicht nur für einen bedeutenden Gelehrten, sondern sogar für einen Dichter gehalten. In dieser Überzeugung war er durch die Aufnahme einiger Gedichte in einer der deutschen Zeitungen New Yorks bestärkt worden. Auf irgend eine Weise war er auf die Idee geraten, eine Tragödie zu schreiben, deren Hauptheld ein wahnsinniger Dichter sein sollte. Um dies zu können, hatte er gemeint, den Wahnsinn studieren zu müssen, und sich eine Menge darauf bezüglicher Werke angeschafft. Die schreckliche Folge davon war gewesen, daß er sich nach und nach mit diesem Dichter identifizierte und nun glaubte, selbst wahnsinnig zu sein. Vor kurzem hatte der Vater einen Arzt kennen gelernt, welcher angeblich die Absicht gehabt hatte, eine Privatheilanstalt für Geisteskranke gründen zu wollen. Der Mann wollte lange Zeit Assistent berühmter Irrenärzte gewesen sein und hatte dem Bankier ein solches Vertrauen einzuflößen gewußt, daß dieser ihn gebeten hatte, die Bekanntschaft seines Sohnes zu machen, um zu versuchen, ob sein Umgang mit dem letzteren von guter Wirkung sei.

Von diesem Tage an hatte sich eine innige Freundschaft zwischen dein Arzte und Ohlert junior entwickelt, welche die ganz unerwartete Folge hatte, daß beide ganz plötzlich – – verschwanden. Nun erst hatte der Bankier sich genauer nach dem Arzte erkundigt und erfahren, daß derselbe einer jener Medizinpfuscher sei, wie sie zu Tausenden in den Vereinigten Staaten ungestört ihr Wesen treiben.

Tailor fragte, wie dieser angebliche Irrenarzt heiße, und als der Name Gibson und dessen Wohnung genannt wurde, stellte es sich heraus, daß wir es da mit einem alten Bekannten zu tun hatten, welchen ich bereits wegen einer anderen Angelegenheit einige Zeit lang scharf im Auge gehabt hatte. Ich besaß sogar eine Photographie von ihm. Sie lag im Bureau, und als ich sie Ohlert zeigte, erkannte dieser sofort den zweifelhaften Freund und Arzt seines Sohnes.

Dieser Gibson war ein Schwindler ersten Ranges und hatte sich lange Zeit in verschiedenen Eigenschaften in den Staaten und Mexiko herumgetrieben. Gestern war der Bankier zu dem Wirt desselben gegangen und hatte erfahren, daß er seine Schuld bezahlt habe und dann abgereist sei, wohin, das wisse niemand. Der Sohn des Bankiers hatte eine bedeutende Barsumme mitgenommen, und heute war von einem befreundeten Bankhause in Cincinnati die telegraphische Meldung eingelaufen, daß William dort fünftausend Dollars erhoben habe und dann nach Louisville weiter gereist sei, um sich von dort seine Braut zu holen. Das letztere war natürlich Lüge.

Es war alle Ursache vorhanden, anzunehmen, daß der Arzt seinen Patienten entführt habe, um sich in den Besitz großer Summen zu setzen. William war den hervorragendsten Geldmännern seiner Branche persönlich bekannt und konnte von ihnen erhalten, so viel ihm nur beliebte. Infolgedessen galt es, sich des Verführers zu bemächtigen und den Kranken nach Hause zu bringen. Die Lösung dieser Aufgabe wurde mir anvertraut. Ich erhielt die nötigen Vollmachten und Anweisungen, auch eine Photographie von William Ohlert, und dampfte zunächst nach Cincinnati ab. Da Gibson mich kannte, so nahm ich auch diejenigen Requisiten mit, deren ich bedurfte, wenn ich in die Lage kommen sollte, mich durch Verkleidung unkenntlich zu machen.

In Cincinnati suchte ich den betreffenden Bankier auf und erfuhr von ihm, daß Gibson sich wirklich bei William Ohlert befunden habe. Von da ging es nach Louisville, wo ich in Erfahrung brachte, daß die beiden sich Billetts nach St. Louis genommen hatten. Natürlich reiste ich nach, fand aber erst nach längerem und angestrengtem Suchen ihre Spur. Hierbei war mir mein alter Mr. Henry behilflich; denn es versteht sich ganz von selbst, daß ich ihn sofort aufsuchte. Er war nicht wenig erstaunt, mich als Detektive zu sehen, bedauerte den Verlust, den ich durch den Schiffbruch erlitten hatte, auf das lebhafteste und nahm mir, als wir uns trennten, das Versprechen ab, nach Lösung meiner jetzigen Aufgabe meine Stellung aufzugeben und nach dem wilden Westen zu gehen. Ich sollte dort sein neu erfundenes Repetiergewehr probieren, und den Bärentöter wollte er mir auch aufheben.

Ohlert und Gibson waren auf einem Mississippidampfer nach New Orleans gefahren, wohin ich ihnen folgen mußte. Ohlert sen. hatte mir ein Verzeichnis derjenigen Geschäftshäuser gegeben, mit denen er in Verbindung stand. In Louisville und St. Louis war ich zu den Betreffenden gegangen und hatte erfahren, daß William bei ihnen gewesen sei und Geld erhoben habe. Dasselbe hatte er auch in New Orleans bei zwei Geschäftsfreunden getan; die übrigen warnte ich und bat sie, sofort zu mir zu schicken, falls er noch kommen werde.

Das war alles, was ich erfahren hatte, und nun stak ich mitten in der Brandung der Menschenwogen, welche die Straßen von New Orleans durchfluten. Wie sich ganz von selbst versteht, hatte ich mich an die Polizei gewendet und konnte nun weiter nichts tun, als abwarten, welchen Erfolg die Hilfe dieser Leute haben werde. Um nicht ganz untätig zu bleiben, trieb ich mich suchend in dem Gewühl herum. Vielleicht kam mir ein günstiger Zufall zu statten.

New Orleans hat einen ganz entschieden südlichen Charakter, besonders in seinen älteren Teilen. Da gibt es schmutzige, enge Straßen mit Häusern, die mit Laubenvorbauten und Balkons versehen sind. Dorthin zieht sich dasjenige Leben zurück, welches das Licht des Tages zu scheuen hat. Da sind alle möglichen Gesichtsfarben vom krankhaften gelblichen Weiß bis zum tiefsten Negerschwarz vertreten. Leierkastenmänner, ambulante Sänger und Gitarrespieler produzieren ihre ohrenzerreißenden Leistungen. Männer schreien, Frauen kreischen; hier zerrt ein zorniger Matrose einen scheltenden Chinesen am Zopfe hinter sich her; dort balgen sich zwei Neger, von einem Kreise lachender Zuschauer umgeben. An jener Ecke prallen zwei Packträger zusammen, werfen sofort ihre Lasten ab und schlagen wütend aufeinander los. Ein dritter kommt dazu, will Frieden stiften und bekommt nun von beiden die Hiebe, welche ursprünglich nicht für ihn bestimmt waren.

Einen bessern Eindruck machen die vielen kleinen Vorstädtchen, welche aus netten Landhäusern bestehen, die sämtlich von sauberen Gärten umfriedet sind, in denen Rosen, Stechpalmen, Oleander, Birnen, Feigen, Pfirsiche, Orangen und Zitronen wachsen. Dort findet der Bewohner die ersehnte Ruhe und Beschaulichkeit, nachdem ihn der Lärm der Stadt umtobt hat.

Am Hafen geht es natürlich am regsten zu. Da wimmelt es förmlich von Schiffen und Fahrzeugen aller Arten und Größen. Da hegen riesige Wollballen und Fässer aufgestapelt, zwischen denen sich Hunderte von Arbeitern bewegen. Man könnte sich auf einen der Baumwollenmärkte Ostindiens versetzt denken.

So wanderte ich durch die Stadt und hielt die Augen offen – vergeblich. Es war Mittag und sehr heiß geworden. Ich befand mich in der schönen, breiten Common-Street, als mir das Firmenschild einer deutschen Bierstube in die Augen fiel. Ein Schluck Pilsener in dieser Hitze konnte nichts schaden. Ich ging hinein.

Welcher Beliebtheit sich schon damals dieses Bier erfreute, konnte ich aus der Menge der Gäste ersehen, welche in dem Lokale saßen. Erst nach langem Suchen sah ich einen leeren Stuhl, ganz hinten in der Ecke. Es stand da ein kleines Tischchen mit nur zwei Sitzplätzen, deren einen ein Mann eingenommen hatte, dessen Äußeres wohl geeignet gewesen war, die Besucher von der Benutzung des zweiten Platzes abzuschrecken. Ich ging nichtsdestoweniger hin und bat um die Erlaubnis, mein Bier bei ihm trinken zu dürfen.

Über sein Gesicht ging ein fast mitleidiges Lächeln. Er musterte mich mit prüfendem, beinahe verächtlichem Blicke und fragte:

„Habt Ihr Geld bei Euch, Master?“

„Natürlich!“ antwortete ich, mich über diese Frage wundernd.

„So könnt Ihr das Bier und auch den Platz, den Ihr einnehmen wollt, bezahlen?“

„Ich denke es.“

Well, warum fragt Ihr da nach meiner Erlaubnis, Euch zu mir setzen zu können? Ich kalkuliere, daß Ihr ein Dutchman seid, ein Greenhorn hierzulande. Der Teufel sollte einen jeden holen, der es wagen wollte, mich zu verhindern, da Platz zu nehmen, wo es mir gefällt! Setzt Euch also nieder; legt Eure Beine dahin, wo es Euch beliebt, und gebt demjenigen, der es Euch verbieten will, sofort eins hinter die Ohren!“

Ich gestehe aufrichtig, daß die Art und Weise dieses Mannes mir imponierte. Ich fühlte, daß meine Wangen sich gerötet hatten. Streng genommen, waren seine Worte beleidigend für mich, und ich hatte das dunkle Gefühl, daß ich sie mir nicht gefallen lassen dürfe und wenigstens einen Versuch der Abwehr machen müsse. Darum antwortete ich, indem ich mich niedersetzte:

„Wenn Ihr mich für einen German haltet, so habt Ihr das Richtige getroffen, Master; die Bezeichnung Dutchman aber muß ich mir verbitten, sonst sehe ich mich gezwungen, Euch zu beweisen, daß ich eben kein Greenhorn bin. Man kann höflich und doch dabei ein alter Schlaukopf sein.“

Pshaw!“ meinte er gleichmütig. „Ihr seht mir just nicht so schlau aus. Gebt Euch keine Mühe, in Zorn zu kommen; es würde zu nichts führen. Ich habe es nicht bös mit Euch gemeint und wüßte faktisch nicht, wie Ihr es anfangen wolltet, Euch mir gegenüber ein Relief zu geben. Old Death ist nicht der Mann, der sich durch eine Drohung aus seinem Gleichmute bringen läßt.“

Old Death! Ah, dieser Mann war Old Death! Ich hatte von diesem bekannten, ja berühmten Westmanne oft gehört. Sein Ruf war an allen Lagerfeuern jenseits des Mississippi erklungen und auch bis in die Städte des Ostens gedrungen. Wenn nur der zehnte, der zwanzigste Teil dessen, was man von ihm erzählte, auf Wahrheit beruhte, so war er ein Jäger und Pfadfinder, vor welchem man den Hut ziehen mußte. Er hatte sich ein ganzes Menschenalter lang im Westen umhergetrieben und war trotz der Gefahren, denen er sich ausgesetzt hatte, niemals verwundet worden. Darum wurde er von denen, welche abergläubisch waren, für kugelfest gehalten.

Wie er eigentlich hieß, das wußte man nicht. Old Death war sein nom de guerre; er hatte denselben wegen seiner außerordentlich dürren Gestalt erhalten. Der alte Tod! Als ich ihn so vor mir sitzen sah, leuchtete es mir ein, wie man darauf gekommen war, ihn so zu nennen.

Er war sehr, sehr lang, und seine weit nach vorn gebeugte Gestalt schien wirklich nur aus Haut und Knochen zu bestehen. Die ledernen Hosen schwappten ihm nur so um die Beine. Das ebenfalls lederne Jagdhemde war mit der Zeit so zusammen- und eingeschrumpft, daß ihm die Ärmel nicht viel über den halben Vorderarm reichten. An diesem letzteren konnte man die beiden Knochen, Elle und Speiche, so deutlich wie bei einem Gerippe unterscheiden. Auch die Hände waren ganz diejenigen eines Skeletts.

Aus dem Jagdhemde ragte ein langer, langer Totenhals hervor, in dessen Haut der Kehlkopf wie in einem Ledersäckchen herniederhing. Und nun erst der Kopf! Er schien nicht fünf Lot Fleisch zu enthalten. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, und auf dem Schädel gab es nicht ein einziges Haar.

Die schrecklich eingefallenen Wangen, die scharfen Kinnladen, die weit hervortretenden Backenknochen, die zurückgefallene Stumpfnase mit den weiten, aufgerichteten Löchern -wahrhaftig, es war ein Totenkopf, über den man sich entsetzen konnte, wenn man ihn unerwartet zu Gesicht bekam. Der Anblick dieses Kopfes wirkte wahrhaftig auch auf meine Nase: ich glaubte, die Dünste der Verwesung, den Odeur von Schwefelwasserstoff und Ammoniak zu riechen. Es konnte einem dabei der Appetit zum Essen und Trinken vollständig abhanden kommen.

Seine langen, dürren Füße steckten in stiefelartigen Futteralen, welche je aus einem einzigen Stücke Pferdeleders geschnitten waren. Über dieselben hatte er wahrhaft riesige Sporen angeschnallt, deren Räder aus mexikanischen silbernen Pesostücken bestanden.

Neben ihm an der Erde lag ein Sattel mit vollständigem Zaumzeuge, und dabei lehnte eine jener ellenlangen Kentuckybüchsen, welche jetzt nur noch äußerst selten zu sehen sind, weil sie den Hinterladern weichen mußten. Seine sonstige Bewaffnung bestand aus einem Bowiemesser und zwei großen Revolvern, deren Griffe aus seinem Gürtel ragten. Dieser letztere bestand aus einem Lederschlauche von der Form einer sogenannten Geldkatze, welcher rundum mit handtellergroßen Skalphäuten besetzt war. Da diese Skalpe nicht auf den Köpfen von Bleichgesichtern gesessen hatten, so war zu vermuten, daß sie von ihrem jetzigen Besitzer den von ihm besiegten Indianern abgenommen worden waren.

Der Boardkeeper brachte mir das bestellte Bier. Als ich das Glas an die Lippen setzen wollte, hielt der Jäger mir das seinige entgegen und sagte:

„Halt! Nicht so eilig, Boy! Wollen vorher anstoßen. Ich habe gehört, daß dies drüben in Eurem Vaterlande Sitte ist.“

„Ja, doch nur unter guten Bekannten,“ antwortete ich, indem ich zögerte, seiner Aufforderung nachzukommen.

„Ziert Euch nicht! jetzt sitzen wir beisammen und haben es gar nicht nötig, uns, wenn auch nur in Gedanken, die Hälse zu brechen. Also stoßt an! Ich bin kein Spion oder Bauernfänger, und Ihr könnt es getrost für eine Viertelstunde mit mir versuchen.“

Das klang anders als vorhin; ich berührte also sein Glas mit dem meinigen und sagte:

„Für was ich Euch zu halten habe, das weiß ich, Sir. Wenn Ihr wirklich Old Death seid, so brauche ich nicht zu befürchten, mich in schlechter Gesellschaft zu befinden.“

„Ihr kennt mich also? Nun, dann brauche ich nicht von mir zu reden. Sprechen wir also von Euch! Warum seid Ihr denn eigentlich in die Staaten gekommen?“

„Aus demselben Grunde, welcher jeden andern herbeiführt – um mein Glück zu machen.“

„Glaube es! Da drüben im alten Europa denken die Leute eben, daß man hier nur die Tasche aufzumachen habe, um die blanken Dollars hineinfliegen zu sehen. Wenn es einmal Einem glückt, so schreiben alle Zeitungen von ihm; von den Tausenden aber, welche im Kampfe mit den Wogen des Lebens untersinken und spurlos verschwinden, spricht kein Mensch. Habt Ihr denn das Glück gefunden, oder befindet Ihr Euch wenigstens auf seiner Fährte?“

„Ich denke, das letztere bejahen zu können.“

„So schaut nur scharf aus, und laßt Euch die Spur nicht wieder entgehen! Ich weiß am besten, wie schwer es ist, eine solche Fährte festzuhalten. Vielleicht habt Ihr gehört, daß ich ein Scout bin, der es mit jedem andern Westmanne aufzunehmen vermag, und dennoch bin ich bisher dem Glücke vergeblich nachgelaufen. Hundertmal habe ich geglaubt, nur zugreifen zu brauchen, aber sobald ich die Hand ausstreckte, verschwand es wie ein Castle in the air, welches nur in der Einbildung des Menschen existiert.“

Er hatte das in trübern Tone gesprochen und blickte dann still vor sich nieder. Als ich keine Bemerkung zu seinen Worten machte, sah er nach einer Weile wieder auf und meinte:

„Ihr könnt nicht wissen, wie ich zu solchen Reden komme. Die Erklärung ist sehr einfach. Es greift mir immer ein wenig an das Herz, wenn ich einen Deutschen, zumal einen jungen Deutschen sehe, von dem ich mir sagen muß, daß er wohl auch – – untergehen werde. Ihr müßt nämlich wissen, daß meine Mutter eine Deutsche war. Von ihr lernte ich ihre Muttersprache, und wenn es Euch beliebt, können wir also deutsch sprechen. Sie hat mich bei ihrem Tode auf den Punkt gesetzt, von welchem aus ich das Glück vor mir liegen sah. Ich aber hielt mich für klüger und lief in falscher Richtung davon. Master, seid gescheiter als ich! Es ist Euch anzusehen, daß es Euch grad so gehen kann wie mir.“

„Wirklich? Wieso?“

„Ihr seid zu fein; Ihr duftet nach Wohlgerüchen. Wenn ein Indianer Eure Frisur sähe, so würde er vor Schreck tot hinfallen. An Eurem Anzuge gibt es kein Fleckchen und kein Stäubchen. Das ist nicht das Richtige, um im Westen sein Glück zu machen.“

„Ich habe keineswegs die Absicht, es grad hier zu suchen.“

„So! Wollt Ihr wohl die Güte haben, mir zu sagen, welchem Stande oder Fache Ihr angehört?“

„Ich habe studiert.“

Ich sagte das mit einem gewissen Stolze. Er aber sah mir mit leichtem Lächeln – das bei seinen Totenkopfzügen wie ein höhnisches Grinsen erschien – in das Gesicht, schüttelte den Kopf und sagte:

„Studiert! O wehe! Darauf bildet Ihr Euch jedenfalls viel ein? Und doch sind grad Leute Eurer Sorte am wenigsten befähigt, ihr Glück zu machen. Ich habe das oft genug erfahren. Habt Ihr eine Anstellung?“

„Ja, in New York.“

„Was für eine?“

Es war ein so eigener Ton, in welchem er seine Fragen stellte, daß es fast unmöglich war, ihm die Antwort zu verweigern. Da ich ihm die Wahrheit nicht sagen durfte, erklärte ich ihm:

„Ich bin engagiert von einem Bankier, in dessen Auftrag ich mich hier befinde.“

„Bankier? Ah! Dann freilich ist Euer Weg ein viel ebenerer, als ich gedacht habe. Haltet diese Stelle fest, Sir! Nicht jeder Studierte findet seine Stellung bei einem amerikanischen Geldmanne. Und sogar in New York? Da genießt Ihr bei Eurer Jugend ein bedeutendes Vertrauen. Man sendet von New York nach dem Süden nur einen, auf den man sich verlassen kann. Freut mich sehr, daß ich mich in Euch geirrt habe, Sir! So ist’s jedenfalls ein Geldgeschäft, welches Ihr abzuwickeln habt?“

„Etwas Aehnliches.“

„So! Hm!“

Er ließ abermals einen seiner scharf forschenden Blicke über mich hingleiten, lächelte grinsend wie vorher und fuhr fort:

„Aber ich glaube, den eigentlichen Grund Eurer Anwesenheit erraten zu können.“

„Das bezweifle ich.“

„Habe nichts dagegen, will Euch aber einen guten Rat erteilen. Wenn Ihr nicht merken lassen wollt, daß Ihr hierher gekommen seid, jemand zu suchen, so nehmt Eure Augen besser in acht. Ihr habt Euch alle hier im Lokale Anwesenden auffällig genau angesehen, und Euer Blick hängt beständig an den Fenstern, um die Vorübergehenden zu beobachten. Ihr sucht also jemand. Habe ich es erraten?“

„Ja, Master. Ich habe die Absicht, einem zu begegnen, dessen Wohnung ich nicht kenne.“

„So wendet Euch an die Hotels!“

„War vergeblich, und ebenso vergeblich die Bemühung der Polizei.“

Da ging jenes freundlich sein sollende Grinsen wieder über sein Gesicht; er kicherte vor sich hin, schlug mir mit dem Finger ein Schnippchen und sagte.

„Master, Ihr seid trotzdem ein Greenhorn, ein echtes, richtiges Greenhorn. Nehmt es mir nicht übel; aber es ist wirklich so.“

In diesem Augenblicke sah ich freilich ein, daß ich zu viel gesagt hatte. Er bestätigte diese meine Ansicht, indem er fortfuhr:

„Ihr kommt hierher in einer Angelegenheit, welche etwas einem Geldgeschäfte Ähnliches ist, wie Ihr mir sagtet. Der Mann, auf welchen sich diese Sache bezieht, wird in Eurem Auftrage von der Polizei gesucht. Ihr selbst lauft in den Straßen und Bierhäusern herum, um ihn zu finden – – ich müßte nicht Old Death sein, wenn ich nun nicht wüßte, wen ich vor mir habe.“

„Nun wen, Sir?“

„Einen Detektive, einen Privatpolizisten, welcher eine Aufgabe zu lösen hat, welche mehr familiärer als krimineller Natur ist.“

Dieser Mann war wirklich ein Muster von Scharfsinnigkeit. Sollte ich zugeben, daß er ganz richtig vermutet habe? Nein. Darum antwortete ich:

„Euern Scharfblick in Ehren, Sir; aber dieses Mal dürftet Ihr Euch doch verrechnet haben.“

„Glaube es nicht!“

„O gewiß!“

Well! Es ist Eure Sache, ob Ihr es zugeben wollt oder nicht. Ich kann und mag Euch nicht zwingen. Aber wenn Ihr nicht wollt, daß man Euch durchschaue, dürft Ihr Euch nicht so durchsichtig verhalten. Es handelt sich um eine Geldsache. Man hat die Aufgabe einem Greenhorn anvertraut; man will also schonend verfahren; folglich ist der Betreffende ein guter Bekannter oder gar ein Glied der Familie des Geschädigten. Etwas Kriminelles ist doch dabei, sonst würde die hiesige Polizei Euch nicht ihre Hilfe zugesagt haben. Vermutlich hat der Betreffende einen Verführer, welcher sich bei ihm befindet und ihn ausnützen will. Ja, ja, schaut mich nur an, Sir! Ihr wundert Euch über meine Phantasie? Nun, ein guter Westmann konstruiert sich aus zwei Fußstapfen einen ganzen langen Weg von hier bis meinetwegen ins Kanada hinein, und es ist gar selten, daß er sich dabei irrt.“

„Ihr entwickelt allerdings eine außerordentliche Einbildungskraft, Master.“

Pshaw! Leugnet meinetwegen immerfort! Mir macht es keinen Schaden. Ich bin hier leidlich bekannt und hätte Euch wohl einen guten Rat geben können. Doch wenn Ihr meint, auf eigenem Weg schneller zum Ziele zu gelangen, so ist das zwar recht lobenswert von Euch, ob aber klug, das möchte ich bezweifeln.“

Er stand auf und zog einen alten Lederbeutel aus der Tasche, um sein Bier zu bezahlen. Ich glaubte, ihm durch mein Mißtrauen wehe getan zu haben, und sagte, um das wieder gut zu machen:

„Es gibt Geschäfte, in welche man keinen andern, am allerwenigsten aber einen Fremden, blicken lassen darf. Ich habe keineswegs die Absicht gehabt, Euch zu beleidigen und denke – – –“

„Ay, ay!“ unterbrach er mich, indem er ein Geldstück auf den Tisch legte. „Von einer Beleidigung ist keine Rede. Ich habe es gut mit Euch gemeint, denn Ihr habt etwas an Euch, was mein Wohlwollen erweckte.“

„Vielleicht begegnen wir uns wieder!“

„Schwerlich. Ich gehe heut hinüber ins Texas und will nach Mexiko hinein. Es ist wohl nicht anzunehmen, daß Euer Spaziergang dieselbe Richtung haben werde, und so – fare well, Sir! Und denkt bei Gelegenheit daran, daß ich Euch ein Greenhorn genannt habe! Von Old Death dürft Ihr das ruhig hinnehmen, denn er verbindet nicht die Absicht der Beleidigung damit, und es kann keinem Neulinge Schaden bringen, wenn er ein klein wenig bescheiden von sich denkt.“

Er setzte den breitkrempigen Sombrero auf, welcher über ihm an der Wand gehangen hatte, nahm Sattel und Zaumzeug auf den Rücken, griff nach seinem Gewehre und ging. Aber als er drei Schritte gemacht hatte, wendete er sich schnell wieder um, kam noch einmal zurück und raunte mir zu:

„Nichts für ungut, Sir! Ich habe nämlich auch – studiert und denke heute noch mit großem Vergnügen dran, was für ein eingebildeter Dummkopf ich damals gewesen bin. Good bye!“

Jetzt verließ er das Lokal, ohne sich nochmals umzudrehen. Ich sah ihm nach, bis seine auffällige und von den Passanten belächelte Gestalt in der Menschenmenge verschwand. Gern hätte ich ihm gezürnt. Ich gab mir ordentlich Mühe, bös auf ihn zu sein, und brachte es doch nicht fertig. Sein Äußeres hatte eine Art von Mitleid in mir erweckt; seine Worte waren rauh, aber seine Stimme hatte dabei sanft und eindringlich wohlmeinend geklungen. Es war ihr anzuhören gewesen, daß er es ernsthaft gut mit mir meine. Er hatte mir trotz seiner Häßlichkeit gefallen, aber ihn darum in meine Absichten einzuweihen, das wäre nicht nur unvorsichtig, sondern sogar leichtsinnig gewesen, obgleich allerdings anzunehmen war, daß er mir vielleicht einen guten Wink geben konnte. Das Wort Greenhorn hatte ich ihm nicht übelgenommen; ich war durch Sam Hawkens so an dasselbe gewöhnt worden, daß es mich nicht beleidigen konnte. Ebensowenig hatte ich es für nötig gehalten, ihm zu sagen, daß ich schon einmal im Westen gewesen war.

Ich legte den Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hand und blickte sinnend vor mir nieder. Da wurde die Tür geöffnet, und der, welcher hereintrat, war kein anderer als – – Gibson.

Er blieb am Eingange stehen und musterte die Anwesenden. Als ich annahm, daß sein Blick auf mich fallen müsse, wendete ich mich um, der Türe den Rücken zukehrend. Es gab keinen leeren Platz außer demjenigen, welchen Old Death inne gehabt hatte. Gibson mußte also zu mir kommen, um sich bei mir niederzusetzen. Ich freute mich bereits im stillen über den Schreck, welchen mein Anblick ihm einjagen würde.

Aber er kam nicht. Ich hörte das Geräusch der sich wieder in ihren Angeln drehenden Türe und drehte mich schnell um. Wahrhaftig, er hatte mich erkannt; er floh. Ich sah ihn hinaustreten und schnellen Schrittes davoneilen. Im Nu hatte ich den Hut, auf dem Kopf, warf dem Boardkeeper eine Bezahlung zu und schoß hinaus. Da, rechts, lief er, sichtlich bemüht, hinter einer dichten Menschengruppe zu verschwinden. Er drehte sich um, sah mich und verdoppelte seine Schritte. Ich folgte mit gleicher Schnelligkeit. Als ich an der Gruppe vorüber war, sah ich ihn in einer Seitengasse verschwinden. Ich erreichte diese eben, als er am Ende derselben um die Ecke bog. Vorher aber drehte er sich abermals um, zog den Hut und schwenkte denselben gegen mich. Das ärgerte mich natürlich, und ich fiel, ohne zu fragen, ob die Passanten über mich lachen würden, in scharfen Trab. Kein Polizist war zu sehen. Privatpersonen um Hilfe zu bitten, wäre vergeblich gewesen; es hätte mir keiner beigestanden.

Als ich die Ecke erreichte, befand ich mich auf einem kleinen Platze. Mir zu beiden Seiten standen geschlossene Reihen kleiner Häuser; gegenüber erblickte ich Villen in prächtigen Gärten. Menschen gab es genug auf dem Platze; aber Gibson bemerkte ich nicht. Er war verschwunden.

An der Türe eines Barbierladens lehnte ein Schwarzer. Er schien schon lange dagestanden zu haben; der Flüchtige mußte ihm unbedingt aufgefallen sein. Ich trat zu ihm, zog höflich den Hut und fragte ihn, ob er nicht einen weißen Gentleman flüchtig aus der Gasse habe kommen sehen. Er fletschte mir seine langen, gelben Zähne lachend entgegen und antwortete:

Yes, Sir! Habe ihn schon. Lief sehr schnell, sehr. Ist da hinein.“

Er deutete nach einer der kleinen Villen. Ich dankte ihm und beeilte mich, das Häuschen zu erreichen. Die eiserne Pforte des Gartens, in welchem es stand, war verschlossen, und ich klingelte wohl fünf Minuten lang, bevor mir ein Mann, wieder ein Neger, öffnete. Ihm trug ich mein Anliegen vor; er schlug indessen die Türe vor meiner Nase zu und meinte:

„Erst Massa fragen. Ohne Erlaubnis von Massa ich nicht aufmachen.“

Er ging, und ich stand wenigstens zehn Minuten lang wie auf Kohlen. Endlich kehrte er mit dem Bescheide zurück:

„Nicht aufmachen darf. Massa verboten. Kein Mann heut hereingekommen. Türe zugeschlossen stets. ihr also schnell fortgehen, denn wenn etwa über Zaun springen, dann Massa sein Hausrecht brauchen und mit Revolver schießen.“

Da stand ich nun! Was sollte ich tun? Mit Gewalt eindringen durfte ich nicht; ich war überzeugt, daß in diesem Falle der Besitzer wirklich auf mich geschossen hätte; denn der Amerikaner versteht in Beziehung auf sein Heim keinen Spaß. Es blieb mir nichts anderes übrig, als zur Polizei zu gehen.

Als ich höchst ergrimmt über den Platz zurückschritt, kam ein junge auf mich zugelaufen. Er hatte einen Zettel in der Hand.

„Sir, Sir!“ rief er. „Wartet einmal! Ihr sollt mir zehn Cents für diesen Zettel geben.“

„Von wem ist er denn?“

„Von einem Gentleman, welcher eben da drüben“ – er deutete nicht nach der Villa, sondern in grad entgegengesetzte Richtung – „aus dem Hause kam. Er zeigte Euch mir und schrieb mir die Zeilen auf. Zehn Cents, so bekommt Ihr sie!“

Ich gab ihm das Geld und erhielt den Zettel. Der junge sprang von dannen. Auf dem verwünschten Papiere, welches aus einem Notizbuche gerissen war, stand:

„Mein werter Master Dutchman.

Seid Ihr etwa meinetwegen nach New Orleans gekommen? Ich vermute das, weil Ihr mir folgt. Ich habe Euch für albern gehalten; für so dumm, mich fangen zu wollen, aber doch nicht. Wer nicht mehr als nur ein halbes Lot Gehirn besitzt, der darf sich so etwas nicht unterfangen. Kehrt getrost nach New York zurück, und grüßt Master Ohlert von mir. Ich habe dafür gesorgt, daß er mich nicht vergißt, und hoffe, daß auch Ihr zuweilen an unsere heutige Begegnung denkt, welche freilich nicht sehr ruhmvoll für Euch abgelaufen ist.

Gibson.“

Man kann sich denken, welches Entzücken ich empfand, als ich diese liebenswürdige Epistel las. Ich knillte den Zettel zusammen, steckte ihn in die Tasche und ging weiter. Es war möglich, daß ich von ihm heimlich beobachtet wurde, und ich wollte dem Menschen nicht die Genugtuung bereiten, mich in Verlegenheit zu sehen.

Dabei blickte ich forschend über den Platz. Gibson war nicht zu sehen. Der Neger war vom Barbierladen verschwunden; den jungen konnte ich ebenfalls nicht entdecken und ihn nach Gibson fragen. Er hatte jedenfalls die Weisung erhalten, sich schnell davonzumachen.

Während ich wegen des Einlasses in die Villa kapitulierte, hatte Gibson Zeit gefunden, mir in aller Gemütlichkeit einen Brief von dreiundzwanzig Zeilen zu schreiben. Der Neger hatte mich genarrt; Gibson lachte mich ohne Zweifel aus, und der junge hatte eine Miene gemacht, aus welcher ich ersehen mußte, daß er wußte, ich sei einer, der geprellt werden solle.

Ich befand mich in einer ärgerlichen Stimmung, denn ich war blamiert, im höchsten Grade blamiert, und durfte nicht einmal auf der Polizei erwähnen, daß ich Gibson begegnet sei. Ich ging also still davon.

Ohne den freien Platz wieder zu betreten, durchsuchte ich die in denselben einmündenden Gassen, natürlich ohne den blassen Schimmer eines Erfolges, denn es verstand sich ganz von selbst, daß Gibson ein für ihn so gefährliches Stadtviertel schleunigst verlassen hatte. Es war sogar zu vermuten, daß er die erste Gelegenheit, aus New Orleans zu kommen, benutzen werde.

Auf letzteren Gedanken kam ich trotz meines nur ein halbes Lot wiegenden Gehirnes und begab mich infolgedessen nach dem Platze, an welchem die an jenem Tage abgebenden Schiffe lagen. Zwei in Zivil gekleidete Polizisten unterstützten mich – auch vergeblich. Der Ärger, so übertölpelt worden zu sein, ließ mich nicht ruhen, und ich durchwanderte, in alle möglichen Restaurants und Tavernen blickend, bis in die späte Nacht hinein die Straßen. Dann, als ich mich gar zu ermüdet fühlte, ging ich nach meinem Lodging-House und legte mich nieder.

Der Traum versetzte mich in ein Irrenhaus. Hunderte von Wahnsinnigen, welche sich für Dichter hielten, streckten mir ihre dickleibigen Manuskripte entgegen, welche ich durchlesen sollte. Natürlich waren es lauter Tragödien, welche einen verrückten Dichter zum Haupthelden hatten. Ich mußte lesen und lesen, denn Gibson stand mit dem Revolver neben mir und drohte, mich sofort zu erschießen, wenn ich nur einen Augenblick pausiere. Ich las und las, daß mir der Schweiß von der Stirne lief. Um denselben abzutrocknen, zog ich mein Taschentuch, hielt eine Sekunde lang inne und -wurde von Gibson erschossen!

Das Krachen des Schusses weckte mich, denn es war nicht ein vermeintliches, sondern ein wirkliches Krachen gewesen. Ich hatte mich vor Aufregung im Bette hin und her geworfen und in der Absicht, Gibson den Revolver aus der Hand zu schmettern, die Lampe von dem Kammerdiener, einem kleinen, hart am Bette stehenden Tischchen, geschlagen. Sie wurde mir am Morgen mit nur acht Dollars angerechnet.

Vollständig in Schweiß gebadet, erwachte ich. Ich trank meinen Tee und fuhr dann hinaus nach dem herrlichen See Pontchartrain, wo ich ein Bad nahm, welches mich erfrischte. Dann begab ich mich von neuem auf die Suche. Dabei kam ich wieder an die deutsche Bierstube, in welcher ich gestern Old Death getroffen hatte. Ich ging hinein, und zwar ohne alle Ahnung, hier eine Spur finden zu können. Das Lokal war in diesem Augenblicke nicht so gefüllt wie am vergangenen Tage. Gestern war keine Zeitung zu bekommen gewesen; heut lagen mehrere Blätter unbenutzt auf dem Tische, und ich ergriff das erste beste, die bereits damals in New Orleans erscheinende Deutsche Zeitung, welche noch heute existiert, wenn sie auch wahrscheinlich inzwischen nach amerikanischem Muster den Verleger und Redakteur viele Male gewechselt hat.

Ohne die Absicht, das Blatt wirklich durchzustudieren, schlug ich es auf, und das erste, was mir auffiel, war ein Gedicht. Gedichte lese ich bei der Durchsicht einer Zeitung entweder zuletzt oder lieber gar nicht. Die Überschrift glich der Kapitelüberschrift eines Schauerromans. Das stieß mich ab. Sie lautete: Die fürchterlichste Nacht. Schon wollte ich die Seite umwenden, als mein Auge auf die beiden Buchstaben fiel, mit denen das Gedicht unterzeichnet war: W.O. Das waren ja die Anfangsbuchstaben des Namens William Ohlert! Der Name hatte mir so lange Zeit und so unausgesetzt im Sinne gelegen, daß es nicht wundernehmen kann, wenn ich ihn in Beziehung zu diesen Buchstaben brachte. Ohlert junior hielt sich ja für einen Dichter. Sollte er seinen Aufenthalt in New Orleans dazu benutzt haben, eine Reimerei an das Publikum zu bringen? Vielleicht war die Veröffentlichung so schnell erfolgt, weil er die Aufnahme bezahlt hatte. Bewahrheitete sich meine Vermutung, so konnte ich durch dieses Gedicht auf die Spur der Gesuchten gebracht werden. Ich las also:

Die fürchterlichste Nacht.

Kennst du die Nacht, die auf die Erde sinkt
Bei hohlem Wind und schwerem Regenfall,
Die Nacht, in der kein Stern vom Himmel blinkt,
Kein Aug‘ durchdringt des Wetters dichten Wall?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen;
O lege dich zur Ruh, und schlafe ohne Sorgen.

Kennst du die Nacht, die auf das Leben sinkt,
Wenn dich der Tod aufs letzte Lager streckt
Und nah der Ruf der Ewigkeit erklingt,
Daß dir der Puls in allen Adern schreckt?
So finster diese Nacht, sie hat doch einen Morgen;
O lege dich zur Ruh, und schlafe ohne Sorgen!

Kennst du die Nacht, die auf den Geist dir sinkt,
Daß er vergebens nach Erlösung schreit,
Die schlangengleich sich um die Seele schlingt
Und tausend Teufel ins Gehirn dir speit?
O halte fern dich ihr in wachen Sorgen,
Denn diese Nacht allein hat keinen Morgen!

Ich gestehe, daß die Lektüre des Gedichtes mich tief ergriff. Mochte man es für literarisch wertlos erklären, es enthielt doch den Entsetzensschrei eines begabten Menschen, welcher vergebens gegen die finstern Gewalten des Wahnsinns ankämpft und fühlt, daß er ihnen rettungslos verfallen müsse. Doch schnell überwand ich meine Rührung, denn ich mußte handeln. Ich hatte die Überzeugung, daß William Ohlert der Verfasser dieses Gedichtes sei, suchte im Directory nach der Adresse des Herausgebers der Zeitung und begab mich hin.

Expedition und Redaktion befanden sich in demselben Hause. In der ersteren kaufte ich mir ein Exemplar und ließ mich sodann bei der Redaktion melden, wo ich erfuhr, daß ich sehr richtig vermutet hatte. Ein gewisser William Ohlert hatte das Gedicht am Tage vorher persönlich gebracht und um schleunige Aufnahme gebeten. Da das Verhalten des Redakteurs ein ablehnendes gewesen war, so hatte der Dichter zehn Dollars deponiert und die Bedingung gestellt, daß es in der heutigen Nummer erscheine und ihm die Revision zuzuschicken sei. Sein Benehmen sei ein sehr anständiges gewesen, doch habe er ein wenig verstört drein geschaut und wiederholt erklärt, daß das Gedicht mit seinem Herzblute geschrieben sei – übrigens eine Redensart, deren sich begabte und unbegabte Dichter und Schriftsteller gern zu bedienen pflegen. Wegen der Zusendung der Revision hatte er seine Adresse angeben müssen, und ich erfuhr dieselbe natürlich. Er wohnte oder hatte gewohnt in einem als fein und teuer bekannten Privatkosthause in einer Straße des neueren Stadtteils.

Dorthin verfügte ich mich, nachdem ich mich in meiner Wohnung unkenntlich gemacht hatte, was mir nach meiner Ansicht sehr gut gelang. Dann holte ich mir zwei Polizisten, welche sich vor der Türe des gedachten Hauses aufstellen sollten, während ich mich im Innern befand.

Ich war so ziemlich überzeugt, daß mir die Festnahme des gesuchten Spitzbuben und seines Opfers gelingen werde, und in ziemlich gehobener Stimmung zog ich die Hausglocke, über welcher auf einem Messingschilde zu lesen war:

First class pension for Ladies and Gentlemen. Ich befand mich also am richtigen Orte. Haus und Geschäft waren Eigentum einer Dame. Der Portier öffnete, fragte mich nach meinem Begehr und erhielt den Auftrag, mich bei der Dame zu melden; auch übergab ich ihm eine Visitenkarte, welche auf einen andern Namen lautete als den meinigen. Ich wurde in das Parlour geführt und hatte nicht lange auf die Lady zu warten.

Sie war eine fein gekleidete, behäbig aussehende Dame von ungefähr fünfzig Jahren. Wie es schien, hatte sie einen kleinen Rest von schwarzem Blute in ihren Adern, wie ihr gekräuseltes Haar und eine leichte Färbung ihrer Nägel vermuten ließen. Sie machte den Eindruck einer Frau von Gemüt und empfing mich mit großer Höflichkeit.

Ich stellte mich ihr als den Feuilletonredakteur der Deutschen Zeitung vor, zeigte ihr das betreffende Blatt und gab an, daß ich den Verfasser dieses Gedichtes sprechen müsse; dasselbe habe solchen Anklang gefunden, daß ich ihm Honorar und neue Aufträge bringe.

Sie hörte mir ruhig zu, betrachtete mich aufmerksam und sagte dann:

„Also ein Gedicht hat der Herr bei Ihnen drucken lassen? Wie hübsch! Schade, daß ich nicht Deutsch verstehe, sonst würde ich Sie bitten, es mir vorzulesen. Ist es gut?“

„Ausgezeichnet! Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu sagen, daß es sehr gefallen habe.“

„Das ist mir von größtem Interesse. Dieser Herr hat den Eindruck eines fein gebildeten Mannes, eines wahrhaften Gentleman auf mich gemacht. Leider sprach er nicht viel und verkehrte mit niemand. Er ist nur ein einziges Mal ausgegangen, jedenfalls als er Ihnen das Gedicht brachte.“

„Wirklich? Ich entnahm aus der kurzen Unterhaltung, welche ich mit ihm hatte, daß er hier Gelder erhoben habe. Er muß also öfters ausgegangen sein.“

„So ist es während meiner Abwesenheit vom Hause geschehen, vielleicht auch hat sein Sekretär diese geschäftlichen Dinge abgemacht.“

„Er hat einen Sekretär? Davon sprach er nicht. Er muß also ein wohlsituierter Herr sein.“

„Gewiß! Er zahlte gut und speiste auf das feinste. Sein Sekretär, Master Clinton, führte die Kasse.“

„Clinton! Ah, wenn dieser Sekretär Clinton heißt, so muß ich ihn im Klub getroffen haben. Er stammt aus New York oder kommt wenigstens von dort und ist ein vorzüglicher Gesellschafter. Wir trafen uns gestern zur Mittagszeit – –“

„Das stimmt,“ fiel sie ein. „Da war er ausgegangen.“

„Und fanden,“ fuhr ich fort, „ein solches Wohlgefallen aneinander, daß er mir seine Photographie verehrte. Die meinige hatte ich nicht bei mir, mußte sie ihm aber bestimmt versprechen, da wir uns heute wieder treffen wollen. Hier ist sie.“ Und ich zeigte ihr Gibsons Bild, welches ich immer bei mir trug.

„Richtig, das ist der Sekretär,“ sagte sie, als sie einen Blick darauf geworfen hatte. „Leider werden Sie ihn nicht so bald wieder sehen, und von Master Ohlert werden Sie kein weiteres Gedicht erhalten können; sie sind beide abgereist.“

Ich erschrak, faßte mich indessen schnell und sagte:

„Das tut mir sehr leid. Der Einfall, abzureisen, muß ihnen ganz plötzlich gekommen sein?“

„Allerdings. Es ist das eine sehr, sehr rührende Geschichte. Master Ohlert freilich sprach nicht davon, denn niemand greift in die eigenen Wunden, aber sein Sekretär hat sie mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt. Sie müssen nämlich wissen, daß ich mich stets des besonderen Vertrauens derjenigen erfreue, welche zeitweilig bei mir wohnen.“

„Das glaube ich Ihnen. Ihre feinen Manieren, Ihre zarten Umgangsformen lassen das als ganz natürlich erscheinen,“ flunkerte ich mit der größten Unverfrorenheit.

„O bitte!“ meinte sie, trotz der Unbeholfenheit dieser Adulation geschmeichelt. „Die Geschichte hat mich fast zu Thränen gerührt, und ich freue mich, daß es dem unglücklichen jungen Manne gelungen ist, noch zur rechten Zeit zu entkommen.“

„Entkommen? Das klingt ja genau so, als ob er verfolgt werde!“

„Es ist auch wirklich der Fall.“

„Ah! Wie interessant! Ein so hochbegabter, genialer Dichter, und verfolgt! in meiner Eigenschaft als Redakteur, gewissermaßen also als Kollege des Unglücklichen, brenne ich vor Verlangen, etwas Näheres zu hören. Die Zeitungen repräsentieren eine bedeutende Macht. Vielleicht wäre es mir möglich, mich seiner in einem Artikel anzunehmen. Wie schade, daß Ihnen diese interessante Geschichte nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt worden ist!“

Ihre Wangen röteten sich. Sie zog ein nicht ganz reines Taschentuch, um es im Falle des Bedürfnisses sofort bei der Hand zu haben, und sagte:

„Was diese Diskretion betrifft, Sir, so fühle ich mich jetzt nicht mehr zu ihr verpflichtet, da die Herren abgereist sind. Ich weiß, daß man das Zeitungswesen eine Großmacht nennt, und würde ganz glücklich sein, wenn Sie dem armen Dichter zu seinem Rechte helfen könnten.“

„Was in meinen Kräften steht, soll ja ganz gern geschehen; nur müßte ich von den betreffenden Verhältnissen unterrichtet sein.“

Ich muß gestehen, daß es mir Mühe kostete, meine Aufregung zu verbergen.

„Das werden Sie, denn mein Herz gebietet mir, Ihnen alles mitzuteilen. Es handelt sich nämlich um eine ebenso treue, wie unglückliche Liebe.“

„Das habe ich mir gedacht, denn eine unglückliche Liebe ist das größte, herzzerreißendste, überwältigendste Leiden, welches ich kenne.“

Natürlich hatte ich von Liebe noch nicht die blasse Ahnung.

„Wie sympathisch Sie mir mit diesem Ausspruche sind, Sir! Haben auch Sie dieses Leiden empfunden?“

„Noch nicht.“

„So sind Sie ein glücklicher Mann. Ich habe es ausgekostet bis fast zum Sterben. Meine Mutter war eine Mulattin. Ich verlobte mich mit dem Sohne eines französischen Pflanzers, also mit einem Kreolen. Unser Glück wurde zerrissen, weil der Vater meines Bräutigams keine Coloured-Lady in seine Familie aufnehmen wollte. Wie sehr muß ich also mit dem bedauernswerten Dichter sympathisieren, da er aus demselben Grunde unglücklich werden soll!“

„So liebt er eine Farbige?“

„Ja, eine Mulattin. Der Vater hat ihm diese Liebe verboten und sich schlauerweise in den Besitz eines Reverses gesetzt, in welchem die Dame unterschrieben hat, daß sie auf das Glück der Vereinigung mit William Ohlert verzichte.“

„Welch ein Rabenvater!“ rief ich erbittert aus, was mir einen wohlwollenden Blick von der Dame eintrug.

Sie nahm sich das, was Gibson ihr weisgemacht hatte, mächtig zu Herzen. Gewiß hatte die sprachselige Lady ihm von ihrer einstigen unglücklichen Liebe erzählt, und er war mit einem Märchen bereit gewesen, durch welches es ihm gelang, ihr Mitgefühl zu erregen und die Plötzlichkeit seiner Abreise zu erklären. Die Mitteilung, daß er sich jetzt Clinton nenne, war mir natürlich von der größten Wichtigkeit.

„Ja, ein wahrer Rabenvater!“ stimmte sie bei. „William aber hat ihr seine Treue bewahrt und ist mit ihr bis hierher entflohen, wo er sie in Pension gegeben hat.“

„So kann ich doch noch nicht ersehen, warum er New Orleans verlassen hat.“

„Weil sein Verfolger hier angekommen ist.“

„Der Vater läßt ihn verfolgen?“

„Ja, durch einen Deutschen. O, diese Deutschen! Ich hasse sie. Man nennt sie das Volk der Denker, aber lieben können sie nicht. Dieser erbärmliche Deutsche hat sie, mit einem Reverse in der Hand, von Stadt zu Stadt bis hierher gejagt. (Ich mußte innerlich lachen über die Entrüstung der Dame gegen einen Herrn, mit dem sie soeben recht gemütlich verkehrte.) Er ist nämlich Polizist. Er soll William ergreifen und nach New York zurückbringen.“

„Hat der Sekretär Ihnen diesen Wüterich beschrieben?“ fragte ich, gespannt auf weitere Mitteilungen über mich selbst.

„Sehr genau, da ja anzunehmen ist, daß dieser Barbar die Wohnung Williams entdecken und zu mir kommen wird. Aber ich werde ihn empfangen! Ich habe mir schon jedes Wort überlegt, welches ich zu ihm sagen werde. Er soll nicht erfahren, wohin sich William gewendet hat. Ich werde ihn grad nach der entgegengesetzten Richtung schicken.“

Sie beschrieb nun diesen Barbaren und nannte auch seinen Namen – – es war der meinige, und die Beschreibung stimmte sehr gut, wenn sie auch in einer für mich sehr wenig schmeichelhaften Weise vorgetragen wurde.

„Ich erwarte ihn jeden Augenblick,“ fuhr sie fort. „Als Sie mir gemeldet wurden, glaubte ich, er sei es bereits. Aber ich hatte mich glücklicherweise getäuscht. Sie sind nicht dieser Verfolger der Liebenden, dieser Räuber süßesten Glückes, dieser Abgrund von Unrecht und Verrat. Ihren treuherzigen Augen sieht man es an, daß Sie in Ihrer Zeitung einen Artikel bringen werden, um den Deutschen niederzuschmettern und die von ihm Gejagten in Schutz zu nehmen.“

„Wenn ich das tun soll, was ich allerdings sehr gern möchte, so ist es freilich notwendig, zu erfahren, wo William Ohlert sich befindet. Ich muß ihm jedenfalls schreiben. Hoffentlich sind Sie über seinen gegenwärtigen Aufenthalt unterrichtet?“

„Wohin er gereist ist, das weiß ich allerdings; aber ich kann nicht sagen, ob er sich noch dort befinden wird, wenn Ihr Brief ankommt. Diesen Deutschen hätte ich nach dem Nordwesten geschickt. Ihnen aber sage ich, daß er nach dem Süden ist, ins Texas. Er beabsichtigte, nach Mexiko zu gehen und in Veracruz zu landen. Aber es war kein Schiff zu haben, das sofort die Anker lichtete. Die Gefahr drängte zur größten Eile, und so fuhr er mit dem Delphin, welcher nach Quintana bestimmt war.“

„Wissen Sie das genau?“

„Ganz sicher. Er hatte sich zu beeilen. Es gab grad noch Zeit, das Gepäck an Bord zu bringen. Mein Portier hat das besorgt und ist an Deck gewesen. Dort sprach er mit den Matrosen und erfuhr, daß der Delphin wirklich nur bis Quintana gehen, vorher aber noch in Galveston anlegen werde. Mit diesem Dampfer ist Master Ohlert wirklich fort, denn mein Portier hat gewartet, bis das Schiff abfuhr.“

„Und sein Sekretär und die Miß sind auch mitgereist?“

„Natürlich. Der Portier hat die Dame indessen nicht gesehen, da sie sich nach der Damenkajüte zurückgezogen hatte. Er hat auch gar nicht nach ihr gefragt, denn meine Bediensteten sind gewöhnt, im höchsten Grade diskret und rücksichtsvoll zu sein; aber es versteht sich doch ganz von selbst, daß William nicht seine Braut zurücklassen und der Gefahr aussetzen wird, von dem deutschen Wüterich ergriffen zu werden. Ich freue mich eigentlich auf seine Ankunft bei mir. Es wird eine sehr interessante Szene geben. Zunächst werde ich versuchen, sein Herz zu rühren, und dann, wenn dieses mir nicht gelingt, so werde ich ihm meine Donnerworte in das Gesicht schleudern und in einer Weise mit ihm sprechen, daß er sich unter meiner Verachtung förmlich krümmen muß.“

Die gute Frau befand sich in wirklicher Aufregung. Sie hatte sich die Angelegenheit sehr zu Herzen genommen. Jetzt war sie von ihrem Sessel aufgestanden, ballte die kleinen, fleischigen Fäuste gegen die Türe und rief drohend:

„Ja, komme nur, komme nur, du diabolischer Dutchmani Meine Blicke sollen dich durchbohren und meine Worte dich zerschmettern!“

Ich hatte nun genug gehört und konnte gehen. Ein anderer hätte das auch getan und die Dame einfach in ihrem Irrtum gelassen. Ich aber sagte mir, es sei meine Pflicht, sie aufzuklären. Sie sollte nicht länger einen Schurken für einen ehrlichen Menschen halten. Ein Vorteil erwuchs mir aus dieser Offenherzigkeit gar nicht. Ich sagte also:

„Ich glaube nicht, daß Sie Gelegenheit haben werden, ihm Ihre Blicke und Worte in so zerschmetternder Weise entgegen zu werfen.“

„Warum?“

„Weil er die Sache wohl ganz anders anfangen wird, als Sie meinen. Auch wird es Ihnen nicht gelingen, ihn nach dem Nordwesten zu schicken. Er wird vielmehr direkt nach Quintana fahren, um sich Williams und seines sogenannten Sekretärs zu bemächtigen.“

„Er kennt ja ihren Aufenthalt gar nicht!“

„O doch, denn Sie selbst haben ihm denselben mitgeteilt.“

„Ich? Unmöglich! Das müßte ich doch wissen! Wann sollte das geschehen sein?“

„Soeben jetzt.“

„Sir, ich begreife Sie nicht!“ rief die Dame höchst erstaunt.

Ach werde Ihnen behilflich sein, mich zu verstehen. Erlauben Sie mir nur, eine kleine Veränderung meiner Person vorzunehmen.“

Bei diesen Worten nahm ich die dunkle Perücke, den Vollbart und auch die Brille ab. Die Dame trat erschrocken zurück.

„Um Gottes willen!“ rief sie aus. „Sie sind nicht ein Redakteur, sondern jener Deutsche! Sie haben mich betrogen!“

„Ich mußte das tun, weil man Sie vorher getäuscht hatte. Die Geschichte mit der Mulattin ist vom Anfang bis zum Ende eine Lüge. Man hat mit Ihrem guten Herzen Mißbrauch und Spott getrieben. Clinton ist gar nicht der Sekretär Williams. Er heißt in Wahrheit Gibson und ist ein gefährlicher Betrüger, den ich allerdings unschädlich machen soll.“

Sie sank wie ohnmächtig auf den Sessel nieder und rief:

„Nein, nein! Das ist unmöglich! Dieser liebe, freundliche, prächtige Mann kann kein Betrüger sein. Ich glaube Ihnen nicht.“

„Sie werden mir glauben, sobald Sie mich angehört haben. Lassen Sie mich Ihnen erzählen!“

Ich unterrichtete sie über den wirklichen Stand der Angelegenheit und hatte den Erfolg, daß ihre bisherige Sympathie für den lieben, freundlichen, prächtigen Sekretär sich in den heftigsten Zorn umwandelte. Sie sah ein, daß sie in schmählichster Weise belogen worden sei, und gab mir schließlich sogar ihre Genugtuung darüber zu erkennen, daß ich in Verkleidung zu ihr gekommen sei.

„Hätten Sie das nicht getan,“ sagte sie, „so hätten Sie nicht die Wahrheit von mir erfahren und wären meiner Weisung gemäß gen Norden nach Nebraska oder Dakota gedampft. Das Verhalten dieses Gibson-Clinton erfordert die allerstrengste Ahndung. Ich hoffe, daß Sie sofort aufbrechen, um ihn zu verfolgen, und bitte Sie, mir von Quintana aus zu schreiben, ob es Ihnen gelungen ist, ihn dort festzunehmen. Auf dem Transporte nach New York müssen Sie mir ihn hierher bringen, damit ich ihm sagen kann, wie sehr ich ihn verachte.“

„Das wird wohl kaum möglich sein. Es ist nicht so leicht, sich in Texas eines Menschen zu bemächtigen und ihn nach New York zu bringen. Ich würde äußerst zufrieden sein, wenn es mir gelänge, William Ohlert aus den Händen seines Verführers zu befreien und wenigstens einen Teil der Summen zu retten, welche beide unterwegs einkassiert haben. Für jetzt aber würde es mich außerordentlich freuen, von Ihnen vernehmen zu können, daß Sie die Deutschen nicht länger für Barbaren halten, welche nicht lieben können. Es hat mich geschmerzt, meine Landsleute grad von Ihnen so verkannt zu sehen.“

Die Antwort war eine Entschuldigung ihrerseits und die Versicherung, daß sie sich von ihrem Irrtume bekehrt fühle. Wir schieden in herzlichster Weise voneinander, und ich sagte den beiden vor dem Hause wartenden Polizisten, daß die Angelegenheit erledigt sei. Ich drückte ihnen ein Trinkgeld in die Hände und eilte fort.

Natürlich mußte ich möglichst schnell nach Quintana und und suchte zunächst nach einem Schiffe, welches dorthin ging. Die Gelegenheit war mir nicht günstig. Ein Dampfer lag bereit, nach Tampico zu gehen, legte aber auf der Tour nirgends an. Schiffe, welche mich nach Quintana gebracht hätten, gingen erst in einigen Tagen ab. Endlich fand ich einen schnellsegelnden Klipper, welcher Ladung für Galveston hatte und nach Mittag abgehen wollte. Mit ihm konnte ich fahren. In Galveston hoffte ich, schnelle Gelegenheiten nach Quintana zu finden. Ich ordnete schnell meine Angelegenheiten und ging an Bord.

Leider sollte meine Erwartung, in Galveston ein Schiff nach Quintana zu finden, nicht zutreffen. Ich fand eine Gelegenheit über dieses Ziel hinaus, nach Matagorda, am Ausflusse des östlichen Colorado. Doch wurde mir versichert, daß es mir leicht sein werde, von dort schnell zurück nach Quintana zu kommen. Das veranlaßte mich, diese Gelegenheit zu benutzen, und die Folge zeigte, daß ich dies nicht zu bereuen hatte.

Damals war die Aufmerksamkeit des Kabinetts von Washington nach Süden gerichtet, nach Mexiko, welches Land noch unter den blutigen Wirren des Kampfes zwischen der Republik und dem Kaisertume litt.

Benito Juarez war von den Vereinigten Staaten als Präsident der Republik von Mexiko anerkannt worden, und dieselben weigerten sich ganz entschieden, ihn gegen Maximilian fallen zu lassen. Sie betrachteten den Kaiser nach wie vor als Usurpator und begannen, auf Napoleon jenen Druck auszuüben, welcher ihn dann zu der erzwungenen Erklärung veranlaßte, seine Truppen aus Mexiko zurückzuziehen. Durch die Erfolge Preußens im deutschen Kriege indirekt gezwungen, hielt er auch Wort, und von da an war der Untergang Maximilians besiegelt.

Texas hatte sich beim Ausbruche des Bürgerkrieges für die Sezession erklärt und sich also an die Seite der Sklavenstaaten gestellt. Die Niederwerfung der letzteren hatte keineswegs eine schnelle Beruhigung der Bevölkerung zur Folge. Man war erbittert gegen den Norden und verhielt sich infolgedessen feindselig gegen dessen Politik. Eigentlich war die Bevölkerung von Texas gut republikanisch gesinnt. Man schwärmte für Juarez, den indianischen Helden, welcher sich nicht gescheut hatte, es mit Napoleon und einem Sprossen des mächtigen Hauses Habsburg aufzunehmen. Aber weil die Regierung von Washington es mit diesem Helden hielt, konspirierte man im stillen gegen denselben. So ging ein tiefer Riß durch die Bevölkerung von Texas. Die einen traten offen für Juarez auf; die andern erklärten sich gegen denselben, nicht aus Überzeugung, sondern nur aus reiner Widerstandslust. Infolge dieses Zwiespalts war es nicht leicht, durch das Land zu reisen. Alle Vorsicht des Einzelnen, seine politische Farbe verbergen zu wollen, war vergeblich; man wurde förmlich gezwungen, mit derselben hervorzutreten.

Was die in Texas ansässigen Deutschen betrifft, so waren sie mit sich selbst uneins. Als Deutsche sympathisierten sie mit Maximilian, doch entsprach es ihrem Patriotismus nicht, daß er unter der Aegide Napoleons nach Mexiko gekommen war. Sie hatten genug republikanische Luft eingeatmet, um zu glauben, daß der Einfall der Franzosen im Lande Montezumas ein ungerechter sei und nur den Zweck verfolge, durch Auffrischung der französischen Gloire den Blick der Franzosen von den eigenen unheilbaren Gebrechen abzulenken. Aus diesem Grunde verhielten sich die Deutschen schweigend und standen jeder politischen Demonstration fern, zumal sie es während des Sezessionskrieges mit den Nordstaaten und gegen die Sklavenbarone gehalten hatten.

So standen die Verhältnisse, als wir die flache, langgestreckte Nehrung zu Gesicht bekamen, welche die Matagorda-Bai von dem mexikanischen Golfe trennt. Wir segelten durch den Paso Caballo ein, mußten dann aber schnell Anker fallen lassen, da die Bai so seicht ist, daß tiefer gehende Schiffe Gefahr laufen, auf den Grund zu geraten.

Hinter der Nehrung ankerten kleinere Fahrzeuge, vor derselben in See mehrere große Schiffe, Dreimaster, und auch ein Dampfer. Ich ließ mich natürlich sofort nach Matagorda rudern, um mich zu erkundigen, ob es eine baldige Gelegenheit nach Quintana gebe. Leider hörte ich, daß erst nach Verlauf von zwei Tagen ein Schoner dorthin gehen werde. Ich saß also fest und ärgerte mich, denn Gibson erhielt nun einen Vorsprung von vier Tagen, welchen er benutzen konnte, spurlos zu verschwinden. Ich hatte nur den einen Trost, alles getan zu haben, was unter den obwaltenden Verhältnissen möglich gewesen war.

Da mir nichts anderes übrig blieb, als geduldig zu warten, so suchte ich mir ein Gasthaus und ließ mein Gepäck vom Schiffe holen.

Matagorda war damals ein kleinerer Ort als jetzt. Er liegt im östlichen Teile der Bai und ist ein Hafenplatz von weit geringerer Bedeutung als zum Beispiel Galveston. Wie überall in Texas, so besteht auch hier die Küste aus einer sehr ungesunden Niederung, welche zwar nicht gerade morastig genannt werden kann, aber doch sehr wasserreich ist. Man kann sich da sehr leicht das Fieber holen, und so war es mir gar nicht lieb, hier so lange verweilen zu müssen.

Mein Hotel glich einem deutschen Gasthofe dritten oder vierten Ranges, mein Zimmer einer Schiffskoje, und das Bett war so kurz, daß ich beim Schlafen entweder den Kopf oben oder die Beine unten hinaushängen lassen mußte.

Nachdem meine Sachen untergebracht waren, ging ich aus, um mir den Ort anzusehen. Aus meiner Stube tretend, mußte ich, um zur Treppe zu gelangen, an einer jetzt offen stehenden Türe vorüber. Ich warf einen Blick in den Raum und sah, daß derselbe genau so wie der meinige möbliert war. An der Wand lag ein Sattel auf dem Boden und über demselben hing ein Zaum. In der Ecke, nahe beim Fenster, lehnte eine lange Kentuckybüchse. Ich mußte unwillkürlich an Old Death denken, doch konnten diese Gegenstände auch irgend einem Andern gehören.

Aus dem Hause getreten, schlenderte ich langsam die Gasse hinab. Als ich um die Ecke biegen wollte, wurde ich von einem Manne angerannt, welcher von der andern Seite kam und mich nicht gesehen hatte.

Thunder-storm!“ schrie er mich an. „Paßt doch auf, Sir, bevor Ihr in dieser Weise um die Ecken stürmt!“

„Wenn Ihr meinen Schneckengang für ein Stürmen haltet, so ist die Auster ein Mississippisteamer,“ antwortete ich lachend.

Er fuhr einen Schritt zurück, sah mich an und rief:

„Das ist ja der deutsche Greenfish, welcher nicht zugeben wollte, daß er ein Detektiv sei! Was habt Ihr denn hier in Texas und gar in Matagorda zu suchen, Sir?“

„Euch nicht, Master Death!“

„Glaube es wohl! Ihr scheint zu den Leuten zu gehören, welche niemals finden, was sie suchen, dafür aber mit allen Leuten zusammenrennen, mit denen sie nichts zu schaffen haben. Jedenfalls habt Ihr Hunger und Durst. Kommt, wir wollen uns irgendwo vor Anker legen, wo es ein gutes Bier zu trinken gibt. Euer deutsches Lagerbier scheint sich überall breit zu machen. In diesem elenden Neste ist es auch bereits zu finden, und ich kalkuliere, daß dieses Bier das Beste ist, was man von Euch haben kann. Habt Ihr schon Logis?“

„Ja, da unten im Uncle Sam.“

„Sehr schön! Da habe ich auch mein Wigwam aufgeschlagen.“

„Etwa in der Stube, in welcher ich ein Reitzeug und die Büchse bemerkte, eine Treppe hoch?“

„Ja. Ihr müßt nämlich wissen, daß ich von diesem Zeug nicht lasse. Es ist mir lieb geworden. Ein Pferd ist überall zu bekommen, ein guter Sattel nicht. Aber kommt, Sir! Soeben war ich in einer Bude, wo es ein kühles Bier gibt, an diesem Junitage ein wahres Labsal. Bin gern bereit, noch eins oder einige zu trinken.“

Er führte mich in ein kleines Lokal, in weichem Flaschenbier zu einem übrigens sehr hohen Preise ausgeschenkt wurde. Wir waren die einzigen Gäste. Ich bot ihm eine Zigarre an; er lehnte sie aber ab. Dafür zog er eine Tafel Kautabak aus der Tasche und schnitt sich von derselben ein Primchen ab, welches für fünf Vollmatrosen ausgereicht hätte. Dieses schob er in den Mund, brachte es liebevoll in der einen Backe unter und sagte dann:

„So, jetzt stehe ich Euch zu Diensten. Ich bin begierig, zu hören, welcher Wind Euch so schnell hinter mir hergetrieben hat. War es ein günstiger?“

„Im Gegenteile, ein sehr widriger.“

„So wolltet Ihr wohl gar nicht hierher?“

„Nein, sondern nach Quintana. Da es aber dorthin keine schnelle Gelegenheit gab, so bin ich hierher gekommen, weil man mir sagte, daß ich hier leicht ein Schiff finden werde, welches nach dem genannten Ort bestimmt sei. Leider muß ich zwei volle Tage warten.“

„Tragt das in Geduld, Master, und tröstet Euch mit der süßen Überzeugung, daß Ihr eben ein Pechvogel seid!“

„Schöner Trost! Meint Ihr, daß ich Euch für denselben eine Dankesadresse überreichen lassen soll?“

„Bitte,“ lachte Old Death. „Gebe meinen Rat stets unentgeltlich. Übrigens geht es mir grad so wie Euch; sitze auch so nutzlos hier, weil ich zu langsam gewesen bin. Wollte hinauf nach Austin und dann weiter, ein wenig über den Rio grande del Norte hinüber. Die Jahreszeit ist günstig. Es hat geregnet, und so besitzt der Colorado genug Wasser, um flache Dampfboote nach Austin zu tragen. Der Fluß ist nämlich den größten Teil des Jahres über sehr wasserarm.“

„Ich habe gehört, daß eine Barre die Schiffahrt hindere.“

„Das ist keine eigentliche Barre, sondern eine Raft, eine gewaltige Anschwemmung von Treibholz, welche ungefähr acht englische Meilen oberhalb von hier den Fluß zwingt, sich in mehrere Arme zu spalten. Hinter dieser Raft gibt es dann ein stetig freies Wasser, bis Austin und darüber hinaus. Da durch die Raft die Fahrt unterbrochen wird, so tut man klug, von hier aus bis hinauf zu ihr zu gehen, und erst dann an Bord zu steigen. Das wollte ich auch; aber Euer deutsches Lagerbier hatte es mir angetan. Ich trank und trank, verweilte mich in Matagorda zu lange, und als ich bei der Raft ankam, pfiff das Dampfboot eben ab. Habe also meinen Sattel wieder zurücktragen müssen und muß nun warten bis morgen früh, wo das nächste Boot abgeht.“

„So sind wir Leidensgefährten, und Ihr könnt Euch mit demselben Troste beruhigen, welchen Ihr vorhin mir zugesprochen habt. Ihr seid eben auch ein Pechvogel.“

„Der bin ich nicht. Ich verfolge niemanden, und bei mir ist es sehr gleichgültig, ob ich heute oder in einer Woche in Austin eintreffe. Aber ärgerlich ist es doch, ganz besonders weil jener dumme Greenfrog mich auslachte. Er war schneller gewesen als ich und pfiff mich vom Verdeck herüber an, als ich mit meinem Sattel am Ufer zurückbleiben mußte. Treffe ich diesen Kerl irgendwo, so erhält er noch eine ganz andere Ohrfeige, als diejenige war, welche er am Bord unseres Dampfers einstecken mußte.“

„Ihr habt eine Prügelei gehabt, Sir?“

„Prügelei? Was meint Ihr damit, Sir? Old Death prügelt sich nie. Aber es war auf dem Delphin, mit welchem ich hierher kam, ein Kerl vorhanden, welcher sich über meine Gestalt mokierte und lachte, so oft er mich sah. Da fragte ich ihn denn, was ihn so lustig mache, und als er mir antwortete, daß mein Gerippe ihn so heiter stimme, da erhielt er einen Slap in the face, daß er sich niedersetzte. Nun wollte er mit dem Revolver auf mich los, doch der Capt’n kam dazu und befahl ihm, sich von dannen zu trollen; es sei ihm recht geschehen, da er mich beleidigt habe. Darum lachte mich der Schelm aus, als ich zu spät an die Raft gekommen war. Schade um den Gefährten, mit welchem er reiste! Schien ein veritabler Gentleman zu sein, nur immer traurig und düster; starrte stets wie ein geistig Gestörter vor sich hin.“

Diese letzteren Worte erregten meine Aufmerksamkeit im höchsten Grade.

„Ein geistig Gestörter?“ fragte ich. „Habt Ihr vielleicht seinen Namen gehört?“

„Er wurde vom Capt’n Master Ohlert genannt.“

Es war mir, als hätte ich einen Schlag ins Gesicht erhalten. Hastig fragte ich weiter:

„Ah! Und sein Begleiter?“

„Hieß Clinton, wenn ich mich recht entsinne.“

„Ist’s möglich, ist’s möglich?“ rief ich, von meinem Stuhle aufspringend. „Diese beiden sind an Bord mit Euch gewesen?“

Er sah mich staunend an und fragte:

„Habt Ihr einen Raptus, Sir? Ihr fahrt ja auf wie eine Rakete! Gehen Euch diese zwei Männer etwas an?“

„Viel, sehr viel! Sie sind es ja, die ich finden will!“

Wieder ging jenes freundliche Grinsen, welches ich wiederholt bei ihm gesehen hatte, über sein Gesicht.

„Schön, schön!“ nickte er. „Ihr gebt also endlich zu, daß Ihr zwei Männer sucht? Und grad diese zwei? Hm! Ihr seid wirklich ein Greenhorn, Sir! Habt Euch selber um den schönen Fang gebracht.“

„Wieso?“

„Dadurch, daß Ihr in New Orleans nicht aufrichtig mit mir waret.“

„Ich durfte ja nicht,“ antwortete ich.

„Der Mensch darf alles, was ihn zum guten Ziele führt. Hättet Ihr mir Eure Angelegenheit offenbart, so befänden sich die Beiden jetzt in Euren Händen. Ich hätte sie erkannt, sobald sie an Bord des Dampfers kamen, und Euch sofort geholt oder holen lassen. Seht Ihr das nicht ein?“

„Wer konnte denn wissen, daß Ihr dort mit ihnen zusammentreffen würdet! Übrigens haben sie nicht nach Matagorda, sondern nach Quintana gewollt.“

„Das haben sie nur so gesagt. Sie sind dort gar nicht ans Land gekommen. Wollt Ihr klug sein, so erzählt mir Eure Geschichte. Vielleicht ist es mir möglich, Euch behilflich zu sein, die Kerls zu erwischen.“

Der Mann meinte es aufrichtig gut mit mir. Es fiel ihm gar nicht ein, mich kränken zu wollen, und doch fühlte ich mich beschämt. Gestern hatte ich ihm die Auskunft verweigert, und heute wurde ich von den Verhältnissen gezwungen, sie ihm zu geben. Mein Selbstgefühl flüsterte mir zu, ihm nichts zu sagen; aber der Verstand behielt doch die Oberhand. Ich zog die beiden Photographien hervor, gab sie ihm und sagte:

„Bevor ich Euch eine Mitteilung mache, betrachtet Euch einmal diese Bilder. Sind das die Personen, welche Ihr meint?“

„Ja, ja, sie sind es,“ nickte er, als er einen Blick auf die Photographien geworfen hatte. „Es ist gar keine Täuschung möglich.“

Ich erzählte ihm nun aufrichtig den Sachverhalt. Er hörte mir aufmerksam zu, schüttelte, als ich geendet hatte, den Kopf und sagte nachdenklich:

„Was ich da von Euch gehört habe, ist alles glatt und klar.

Nur eins leuchtet mir nicht ein. Ist dieser William Ohlert denn vollständig wahnsinnig?“

„Nein. Ich verstehe mich zwar nicht auf Geisteskrankheiten, möchte hier aber doch nur von einer Monomanie reden, weil er, abgesehen von einem Punkte, vollständig Herr seiner geistigen Tätigkeiten ist.“

„Um so unbegreiflicher ist es mir, daß er diesem Gibson einen so unbeschränkten Einfluß auf sich einräumt. Er scheint diesem Menschen in allem zu folgen und zu gehorchen. jedenfalls geht dieser schlau auf die Monomanie des Kranken ein und bedient sich derselben zu seinen Zwecken. Nun, hoffentlich kommen wir hinter all seine Schliche.“

„Ihr seid also überzeugt, daß sie auf dem Wege nach Austin sind? Oder haben sie die Absicht, unterwegs auszusteigen?“

„Nein, Ohlert hat dem Capt’n des Dampfers gesagt, daß er nach Austin wolle.“

„Sollte mich wundern. Er wird doch nicht sagen, wohin zu gehen er beabsichtigt.“

„Warum nicht? Ohlert weiß vielleicht gar nicht, daß er verfolgt wird, daß er sich auf Irrwegen befindet. Er ist wohl in dem guten Glauben, ganz recht zu handeln, lebt nur für seine Idee, und das andere ist Gibsons Sache. Der Irre hat es nicht für unklug gehalten, Austin als Ziel seiner Reise anzugeben. Der Capt’n sagte mir es wieder. Was gedenkt Ihr zu tun?“

„Natürlich muß ich ihnen nach und zwar schleunigst.“

„Bis morgen früh müßt Ihr trotz aller Ungeduld doch warten; es geht kein Schiff eher ab.“

„Und wann kommen wir an?“

„Unter den gegenwärtigen Wasserverhältnissen erst übermorgen.“

„Welch eine lange, lange Zeit!“

„Ihr müßt bedenken, daß die beiden wegen der Wasserarmut des Flusses eben auch spät ankommen. Es ist gar nicht zu vermeiden, daß das Schiff zuweilen auf den Grund fährt, und da dauert es stets eine geraume Weile, bevor es wieder loskommt.“

„Wenn man nur wüßte, was Gibson eigentlich beabsichtigt, und wohin er Ohlert schleppen will?“

„Ja, das ist freilich ein Rätsel. Irgend eine bestimmte Absicht hat er ja. Die Gelder, welche bisher erhoben worden sind, würden ausreichen, ihn zum wohlhabenden Manne zu machen. Er braucht sie nur an sich zu nehmen und Ohlert einfach sitzen zu lassen. Daß er das nicht tut, ist ein sicheres Zeichen, daß er ihn noch weiter ausbeuten will. Ich interessire mich außerordentlich für diese Angelegenheit, und da wir, wenigstens einstweilen, den gleichen Weg haben, so stelle ich mich Euch zur Verfügung, Wenn Ihr mich braucht, so könnt Ihr mich haben.“

„Euer Anerbieten wird mit großem Danke akzeptiert, Sir. Ihr flößt mir ein aufrichtiges Vertrauen ein; Euer Wohlwollen ist mir angenehm, und ich denke, daß Eure Hilfe mir von Vorteil sein wird.“

Wir schüttelten uns die Hände und leerten unsere Gläser. Hätte ich mich diesem Manne doch bereits gestern anvertraut!

Wir bekamen eben die Gläser neu gefüllt, als sich draußen ein wüster Lärm hören ließ. Johlende, menschliche Stimmen und heulendes Hundegebell kamen näher. Die Türe wurde ungestüm aufgerissen, und sechs Männer traten ein, die alle schon ein beträchtliches Quantum getrunken haben mochten; keiner von ihnen war mehr nüchtern zu nennen. Rohe Gestalten und Gesichter, südlich leichte Kleidung und prächtige Waffen fielen an ihnen sofort auf. Jeder von ihnen war mit Gewehr, Messer, Revolver oder Pistole versehen, außerdem hatten alle eine wuchtige Niggerpeitsche an der Seite hängen, und jeder führte an starker Leine einen Hund bei sich. Alle diese Hunde von ungeheurer Größe waren von jener sorgfältig gezüchteten Rasse, welche man in den Südstaaten zum Einfangen flüchtig gewordener Neger verwendete und Bluthunde oder Menschenfänger nannte.

Die Strolche starrten uns, ohne zu grüßen, mit unverschämten Blicken an, warfen sich auf die Stühle, daß diese krachten, legten die Füße auf den Tisch und trommelten mit den Absätzen auf ihm herum, womit sie an den Wirt das höfliche Ersuchen richteten, sich zu ihnen zu bemühen.

„Mensch, hast du Bier?“ schrie ihn einer an. „Deutsches Bier?“ Der geängstigte Wirt bejahte.

„Das wollen wir trinken. Aber bist du auch selbst ein Deutscher?“

„Nein.“

„Das ist dein Glück. Das Bier der Deutschen wollen wir trinken; sie selbst aber sollen in der Hölle braten, diese Abolitionisten, weiche dem Norden geholfen haben und schuld sind, daß wir unsere Stellen verloren!“

Der Wirt zog sich schleunigst zurück, um seine noblen Gäste so rasch wie möglich zu bedienen. Ich hatte mich unwillkürlich umgedreht, um den Sprecher anzusehen. Er bemerkte es. Ich bin überzeugt, daß in meinem Blicke gar nichts für ihn Beleidigendes lag; aber er hatte einmal keine Lust, sich ansehen zu lassen, vielleicht große Sehnsucht, mit jemand anzubinden, und schrie mir zu:

„Was starrst du mich an! Habe ich etwa nicht wahr gesprochen?“

Ich wendete mich ab und antwortete nicht.

„Nehmt Euch in acht!“ flüsterte Old Death mir zu. „Das sind Rowdies der schlimmsten Sorte. Jedenfalls entlassene Sklavenaufseher, deren Herren durch die Abschaffung der Sklaverei bankerott geworden sind. Die haben sich nun zusammengetan, um allerlei Unfug zu treiben. Es ist besser, wir beachten sie gar nicht. Trinken wir rasch aus, um dann zu gehen.“

Aber grad dieses Flüstern gefiel dem Manne nicht. Er schrie zu uns herüber:

„Was hast du Heimliches zu reden, altes Gerippe? Wenn du von uns sprichst, so tu‘ es laut, sonst werden wir dir den Mund öffnen!“

Old Death setzte sein Glas an den Mund und trank, sagte aber nichts. Die Leute bekamen Bier und kosteten. Das Gebräu war wirklich gut; die Gäste befanden sich aber in echter Rowdylaune und gossen es in die Stube. Derjenige, welcher vorhin gesprochen hatte, hielt sein volles Glas noch in der Hand und rief:

„Nicht auf den Boden! Dort sitzen zwei, denen dieses Zeug sehr gut zu bekommen scheint. Sie sollen es haben.“

Er holte aus und goß sein Bier über den Tisch herüber auf uns beide aus. Old Death fuhr sich ruhig mit dem Ärmel über das naßgewordene Gesicht; ich aber brachte es nicht fertig, so ruhig wie er die schändlichsten Beleidigungen einzustecken. Mein Hut, mein Kragen, mein Rock, alles tropfte an mir, da mich der Hauptstrahl getroffen hatte. Ich drehte mich um und sagte:

„Sir, ich bitte Euch sehr, das nicht zum zweitenmal zu tun! Treibt Euern Spaß mit Euern Kameraden; wir haben nichts dagegen; uns aber laßt gefälligst in Ruhe.“

„So! Was würdet Ihr denn tun, wenn ich Lust empfände, Euch nochmals zu begießen?“

„Das wird sich finden.“

„Sich finden? Nun, da müssen wir doch gleich einmal sehen, was sich finden wird. Wirt, neue Gläser!“

Die Andern lachten und johlten ihrem Matador Beifall zu. Es war augenscheinlich, daß er seine Unverschämtheit wiederholen werde.

„Um Gottes willen, Sir, bindet nicht mit den Kerlen an!“ warnte mich Old Death.

„Fürchtet Ihr Euch?“ fragte ich ihn.

„Fällt mir nicht ein! Aber sie sind mit den Waffen schnell bei der Hand, und gegen eine tückische Kugel vermag auch der Mutigste nichts. Bedenkt, daß sie Hunde haben!“

Die Strolche hatten ihre Hunde an die Tischbeine gebunden. Um nicht wieder von hinten getroffen zu werden, verließ ich meinen bisherigen Platz und setzte mich so, daß ich den Rowdies die rechte Seite zukehrte.

„Ah! Er setzt sich in Positur!“ lachte der Wortführer. „Er will sich wehren, aber sobald er nur eine Bewegung macht, laß ich Pluto auf ihn los. Der ist auf Menschen dressiert.“

Er band den Hund los und hielt ihn an der Schnur bei sich. Noch hatte der Wirt das Bier nicht gebracht; noch war es Zeit für uns, ein Geldstück auf den Tisch zu legen und zu gehen, doch glaubte ich nicht, daß uns die Bande erlauben werde, uns zu entfernen, und sodann widerstrebte es mir, vor diesen verachtenwerten Menschen die Flucht zu ergreifen. Denn solche Prahlhänse sind im Grund ihrer Seele Feiglinge.

Ich griff in die Tasche und spannte meinen Revolver. Im Ringen stellte ich meinen Mann; das wußte ich, doch war mir zweifelhaft, ob es mir gelingen werde, die Hunde zu bewältigen. Aber ich hatte Tiere, welche auf den Mann dressiert gewesen waren, unter den Händen gehabt, und brauchte mich wenigstens vor einem einzelnen Packer nicht zu fürchten.

Jetzt kam der Wirt. Er stellte die Gläser auf den Tisch und sagte in bittendem Tone zu seinen streitsüchtigen Gästen:

„Gentlemen, euer Besuch ist mir sehr angenehm; aber ich bitte euch, die beiden Männer dort in Ruhe zu lassen. Sie sind ebenfalls meine Gäste.“

„Schurke!“ brüllte ihn einer an. „Willst du uns gute Lehren geben? Warte, wir werden deinen Eifer gleich abkühlen.“ Und der Inhalt von zwei oder drei Gläsern ergoß sich über ihn, der es für das Klügste hielt, die Stube schnell zu verlassen.

„Und nun der Großsprecher dort!“ rief mein Gegner. „Er soll es haben!“

Den Hund mit der Linken haltend, schleuderte er den Inhalt seines Glases mit der Rechten nach mir. Ich fuhr vom Stuhle auf und zur Seite, so daß ich nicht getroffen wurde. Dann erhob ich die Faust, um zu ihm hinzuspringen und ihn zu züchtigen. Er aber kam mir zuvor.

„Pluto, go on!“ rief er, indem er den Hund losließ und auf mich deutete.

Ich hatte grad noch Zeit, an die Wand zu treten, da tat das gewaltige Tier einen wahrhaft tigerähnlichen Satz auf mich zu. Der Hund war ungefähr fünf Schritte von mir entfernt gewesen. Diesen Raum durchmaß er mit einem einzigen Sprunge. Dabei war er seiner Sache so gewiß, daß er mich mit den Zähnen bei der Gurgel fassen mußte, wenn ich stehen blieb. Aber eben als er mich packen wollte, wich ich zur Seite und er flog mit der Schnauze an die Mauer. Der Sprung war so kräftig gewesen, daß der Bluthund durch den Anprall fast betäubt wurde. Er stürzte zu Boden. Blitzschnell hatte ich ihn bei den Hinterläufen, schwang seinen Körper und schleuderte ihn mit dem Kopf voran gegen die Mauer, daß der Schädel zerbrach.

Nun erhob sich ein entsetzlicher Lärm. Die Hunde heulten und zerrten an ihren Leinen die Tische von der Stelle; die Männer fluchten, und der Besitzer des toten Hundes wollte sich auf mich werfen. Da aber rief Old Death, der sich erhoben hatte und den Kerls seine beiden Revolver entgegenhielt:

„Stop! Jetzt ist’s nun gerade genug, Boys. Noch einen Schritt oder einen Griff nach euern Waffen, so schieße ich. Ihr habt euch in uns geirrt. Ich bin Old Death, der Pfadfinder. Ich hoffe, daß ihr von mir gehört habt. Und dieser Sir, mein Freund, fürchtet sich ebensowenig vor euch wie ich. Setzt euch nieder, und trinkt euer Bier in Bescheidenheit! Keine Hand nach der Tasche, oder bei meiner Seele, ich schieße!“

Diese letzte Warnung war an einen der Sklavenaufseher gerichtet, welcher seine Hand der Tasche genähert hatte, wohl in der Absicht, nach einem Revolver zu greifen. Auch ich hatte den meinen gezogen. Wir beide hatten achtzehn Schüsse. Ehe einer der Kerle zu seiner Waffe kam, mußte er von unserer Kugel getroffen sein. Der alte Pfadfinder schien ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Seine sonst gebeugte Gestalt hatte sich hoch aufgerichtet; seine Augen leuchteten, und in seinem Gesichte lag ein Ausdruck überlegener Energie, der keinen Widerstand aufkommen ließ. Spaßhaft war es, zu sehen, wie kleinlaut die vorher so frech auftretenden Menschen auf einmal wurden. Sie brummten zwar einige halblaute Bemerkungen vor sich hin, doch setzten sie sich nieder, und selbst der Herr des toten Hundes wagte es nicht, zu dem Tiere zu treten, da er sonst ganz in meine Nähe gekommen wäre.

Noch standen wir beide da, die Revolver drohend in den Händen, als ein weiterer Gast eintrat – – ein Indianer.

Er trug ein weißgegerbtes und mit roter, indianischer Stickerei verziertes Jagdhemde. Die Leggins waren aus demselben Stoffe gefertigt und an den Nähten mit dicken Fransen von Skalphaaren besetzt. Kein Fleck, keine noch so geringe Unsauberkeit war an Hemd und Hose zu bemerken. Seine kleinen Füße steckten in mit Perlen gestickten Mokassins, welche mit Stachelschweinsborsten geschmückt waren. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die kunstvoll geschnitzte Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Krallen des grauen Bären, welche er dem gefürchtetsten Raubtiere der Felsengebirge abgewonnen hatte. Um seine Taille schlang sich ein breiter Gürtel, aus einer kostbaren Santillodecke bestehend. Aus demselben schauten die Griffe eines Messers und zweier Revolver hervor. In der Rechten hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Den Kopf trug der Indianer unbedeckt. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder, kein Unterscheidungszeichen schmückte diese Frisur, und dennoch sagte man sich gleich beim ersten Blicke, daß dieser noch junge Mann ein Häuptling, ein berühmter Krieger sein müsse. Der Schnitt seines ernsten, männlichschönen Gesichtes konnte römisch genannt werden; die Backenknochen standen kaum merklich vor; die Lippen des vollständig bartlosen Gesichtes waren voll und doch fein geschwungen, und die Hautfarbe zeigte ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Mit einem Worte, es war Winnetou, der Häuptling der Apachen, mein Blutsbruder.

Er blieb einen Augenblick an der Türe stehen. Ein forschender scharfer Blick seines dunklen Auges flog durch den Raum und über die in demselben befindlichen Personen; dann setzte er sich in unserer Nähe nieder, von den ihn anstarrenden Rowdies möglichst entfernt.

Ich hatte schon den Fuß erhoben, um auf ihn zuzuspringen und ihn auf das freudigste zu begrüßen, aber er beachtete mich nicht, obwohl er mich gesehen und selbstverständlich auch erkannt hatte. Er mußte einen Grund dazu haben; darum setzte ich mich wieder nieder und bemühte mich, eine gleichgültige Miene zu zeigen.

Man sah es ihm an, daß er die Situation sofort begriffen hatte. Seine Augen zogen sich ein ganz klein wenig und wie verächtlich zusammen, als er einen zweiten, kurzen Blick auf unsere Gegner warf, und als wir uns nun niedersetzten und die Revolver wieder einsteckten, zeigte sich ein kaum bemerkbares wohlwollendes Lächeln auf seinen Lippen.

Die Wirkung seiner Persönlichkeit war so groß, daß sich bei seinem Eintreten eine wahre Kirchenstille einstellte. Diese Geräuschlosigkeit mochte den Wirt überzeugen, daß die Gefahr vorüber sei. Er steckte den Kopf zur halb geöffneten Türe herein und zog dann, als er sah, daß er nichts zu fürchten brauche, die übrige Gestalt vorsichtig nach.

„Ich bitte um ein Glas Bier, deutsches Bier!“ sagte der Indianer mit wohlklingender, sonorer Stimme und im schönsten, geläufigen Englisch.

Das war den Rowdies merkwürdig. Sie steckten die Köpfe zusammen und begannen zu flüstern. Die versteckten Blicke, mit denen sie den Indianer musterten, ließen verraten, daß sie nichts Vorteilhaftes über ihn sprachen.

Er erhielt das Bier, hob das Glas gegen das Fensterlicht, prüfte es mit einem behaglichen Kennerblick und trank.

Well!“ sagte er zum Wirte, indem er mit der Zunge schnalzte. „Euer Bier ist gut. Der große Manitou der weißen Männer hat sie viele Künste gelehrt, und das Bierbrauen ist nicht die geringste unter denselben.“

„Sollte man glauben, daß dieser Mann ein Indianer sei!“ sagte ich leise zu Old Death, so tuend, als ob Winnetou mir unbekannt sei.

„Er ist einer, und zwar was für einer!“ antwortete mir der Alte ebenso leise, aber mit Nachdruck.

„Kennt Ihr ihn? Habt Ihr ihn schon einmal getroffen oder gesehen?“

„Gesehen noch nicht. Aber ich erkenne ihn an seiner Gestalt, seiner Kleidung, seinem Alter, am meisten aber an seinem Gewehre. Es ist die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlt. Ihr habt das Glück, den berühmtesten Indianerhäuptling Nordamerikas kennen zu lernen, Winnetou, den Häuptling der Apachen. Er ist der hervorragendste unter allen Indianern. Sein Name lebt in jedem Palaste, in jeder Blockhütte, an jedem Lagerfeuer. Gerecht, klug, ehrlich, treu, stolz, tapfer bis zur Verwegenheit, Meister im Gebrauch aller Waffen, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel, ob sie rot oder weiß von Farbe sind, ist er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und weit über deren Grenzen hinaus als der ehrenhafteste und berühmteste Held des fernen Westens.“

„Aber wie kommt er zu diesem Englisch und zu den Manieren eines weißen Gentleman?“

„Er verkehrt sehr viel im Osten, und man erzählt sich, ein europäischer Gelehrter sei in die Gefangenschaft der Apachen geraten und von ihnen so gut behandelt worden, daß er sich entschlossen habe, bei ihnen zu bleiben und die Indianer zum Frieden zu erziehen. Er ist der Lehrer Winnetous gewesen, wird aber mit seinen philanthropischen Ansichten nicht durchgedrungen und nach und nach verkommen sein.“

Das war sehr, sehr leise gesprochen worden; kaum hatte ich es verstehen können. Und doch wendete sich der über fünf Ellen von uns entfernte Indianer zu meinem neuen Freunde:

„Old Death hat sich geirrt. Der weiße Gelehrte kam zu den Apachen und wurde freundlich von ihnen aufgenommen. Er wurde der Lehrer Winnetous und hat ihn unterrichtet, gut zu sein und die Sünde von der Gerechtigkeit, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Er ist nicht verkommen, sondern er war hochgeehrt und hat sich niemals nach den weißen Männern zurückgesehnt. Als er starb, wurde ihm ein Grabstein errichtet und mit Lebenseichen umpflanzt. Er ist hinübergegangen in die ewig grünenden Savannenländer, wo die Seligen sich nicht zerfleischen und vom Angesichte Manitous wonniges Entzücken trinken. Dort wird Winnetou ihn wiedersehen und allen Haß vergessen, den er hier auf Erden schaut.“

Old Death war unendlich glücklich, von diesem Manne erkannt worden zu sein. Sein Gesicht strahlte vor Freude, als er ihn fragte:

„Wie, Sir, Ihr kennt mich? – Wirklich?“

„Ich habe Euch noch nicht gesehen, aber dennoch sofort erkannt, als ich hereintrat. Ihr seid ein Scout, dessen Name bis hinüber zum las Animas erklingt.“

Nach diesen Worten wendete er sich wieder ab. Während seiner Rede hatte sich kein Zug seines ehernen Gesichtes bewegt – jetzt saß er still und scheinbar in sich selbst versunken da; nur seine Ohrmuscheln zuckten zuweilen, als ob sie sich mit etwas außer ihm Vorgehenden beschäftigten.

Indessen flüsterten die Rowdies immer unter sich weiter, sahen sich fragend an, nickten einander zu, und schienen endlich zu einem Entschluß zu kommen. Sie kannten den Indsman nicht, hatten auch aus seiner Rede nicht geschlossen, wer er sei, und wollten nun wohl die Niederlage, welche sie uns gegenüber erlitten hatten, dadurch ausgleichen, daß sie ihn fühlen ließen, wie sehr sie einen rothäutigen Menschen verachteten. Dabei mochten sie der Ansicht sein, daß es mir und Old Death nicht einfallen werde, uns seiner anzunehmen, denn wenn nicht wir es waren, welche beleidigt wurden, so hatten wir uns nach den herrschenden Regeln ruhig zu verhalten und zuzuschauen, wie ein harmloser Mensch moralisch mißhandelt wurde. Also stand einer von ihnen auf, derselbe, welcher vorher mit mir angebunden hatte, und schritt langsam und in herausfordernder Haltung auf den Indsman zu. Ich zog meinen Revolver aus der Tasche, um ihn so vor mich auf den Tisch zu legen, daß ich ihn bequem erreichen konnte.

„Ist nicht notwendig,“ flüsterte Old Death mir zu. „Ein Kerl wie Winnetou nimmt es mit der doppelten Anzahl dieser Buben auf.“

Der Rowdy pflanzte sich breitspurig vor den Apachen hin, stemmte die Hände in die Hüften und sagte:

„Was hast du hier in Matagorda zu suchen, Rothaut? Wir dulden keine Wilden in unserer Gesellschaft.“

Winnetou würdigte den Mann keines Blickes, führte sein Glas an den Mund, tat einen Schluck und setzte es dann, behaglich mit der Zunge schnalzend, wieder auf den Tisch.

„Hast du nicht gehört, was ich sagte, verwünschte Rothaut?“ fragte der Rowdy. „Ich will wissen, was du hier treibst. Du schleichst umher, um uns auszuhorchen, den Spion zu spielen. Die Rothäute halten es mit dem Halunken Juarez, dessen Fell ja auch ein rotes ist; aber wir sind auf seiten des Imperators Max und werden jeden Indianer aufknüpfen, welcher uns in den Weg kommt. Wenn du nicht sofort in den Ruf einstimmst: Es lebe Kaiser Max, legen wir dir den Strick um den Hals!“

Auch jetzt sagte der Apache kein Wort. Kein Zug seines Gesichtes bewegte sich.

„Hund, verstehst du mich? Antwort will ich haben!“ schrie ihn der Andere jetzt in offenbarer Wut an, indem er ihm die Faust auf die Achsel legte.

Da richtete sich die geschmeidige Gestalt des Indianers blitzschnell in die Höhe.

„Zurück!“ rief er in befehlendem Tone. „Ich dulde nicht, daß ein Cojote mich anheult.“

Cojote wird der feige Prairiewolf genannt, der allgemein als ein verächtliches Tier angesehen wird. Die Indianer bedienen sich dieses Schimpfwortes, sobald sie jemandem ihre höchste Geringschätzung ausdrücken wollen.

„Ein Cojote?“ rief der Rowdy. „Das ist eine Beleidigung, für welche ich dir zur Ader lassen werde, und zwar augenblicklich!“

Er zog seinen Revolver. Da aber geschah etwas, was er nicht erwartet hatte: Der Apache schlug ihm die Waffe aus der Hand, faßte ihn an den Hüften, hob ihn empor und schleuderte ihn gegen das Fenster, welches natürlich in Stücke und Scherben ging und mit ihm hinaus auf die Straße flog.

Das war viel schneller geschehen, als man es erzählen kann. Das Klirren des Fensters, das Heulen der Hunde, das zornige Aufbrüllen der Genossen des auf diese Weise an die Luft Beförderten, das alles verursachte einen Heidenskandal, welcher aber von Winnetous Stimme übertönt wurde. Er trat auf die Burschen zu, deutete mit der Hand nach dem Fenster und rief:

„Will noch einer von euch dort hinaus? Er mag es sagen!“

Er war einem der Hunde zu nahe gekommen. Dieser fuhr nach ihm, erhielt aber von dem Apachen einen Fußtritt, daß er sich winselnd unter den Tisch verkroch. Die Sklavenaufseher wichen scheu zurück und schwiegen. Winnetou hielt keine Waffe in der Hand. Seine Persönlichkeit allein war es, welche allen imponierte. Keiner der Angegriffenen antwortete. Der Indianer glich einem Tierbändiger, wenn er in den Käfig tritt und die Wildheit der Katzen mit dem Blick seines Auges niederhält.

Da wurde die Türe aufgerissen, und der durch das Fenster Geworfene, dessen Gesicht durch die Scherben des Glases leicht beschädigt worden war, trat herein. Er hatte das Messer gezogen und sprang unter einem wütenden Schrei auf Winnetou los. Dieser machte nur eine kleine Seitenbewegung und packte mit schnellem Griffe die Hand, welche das Messer hielt. Dann faßte er ihn grad so wie vorhin bei den Hüften, hob ihn empor und schmetterte ihn auf den Boden, wo der Rowdy besinnungs- und bewegungslos liegen blieb. Keiner der Gefährten des letzteren machte Miene, sich an dem Sieger zu vergreifen. Dieser griff so ruhig, als ob gar nichts geschehen sei, nach seinem Biere und trank es aus. Dann winkte er dem Wirt, welcher sich angstvoll nach der in sein Kabinett führenden Türe zurückgezogen hatte, zu sich, nahm einen Lederbeutel aus dem Gürtel und legte ihm aus demselben einen kleinen gelben Gegenstand in die Hand, dabei sagend:

„Nehmt das für das Bier und für das Fenster, Master Landlord! Ihr seht, daß der Wilde seine Schuld bezahlt. Hoffentlich erhaltet Ihr auch von den Zivilisierten Euer Geld. Sie wollen keine Rothaut bei sich dulden. Winnetou, der Häuptling der Apachen, aber geht nicht, weil er sich vor ihnen fürchtet, sondern weil er erkannt hat, daß nur die Haut, nicht aber die Seele dieser Bleichgesichter von heller Farbe ist. Es gefällt ihm nicht bei ihnen.“

Er verließ das Lokal, nachdem er seine Silberbüchse ergriffen hatte, ohne noch irgend wem auch nur einen Blick zuzuwerfen; auch mich sah er nicht an.

Jetzt kam wieder Leben in die Rowdies. Ihre Neugierde aber schien größer zu sein als ihr Zorn, ihre Beschämung und auch ihre Sorge um den bewußtlosen Gefährten. Sie fragten vor allen Dingen den Wirt, was er erhalten habe.

„Ein Nugget,“ antwortete er, indem er ihnen das über haselnußgroße Stück gediegenen Goldes zeigte. „Ein Nugget, welches wenigstens zwölf Dollars wert ist. Da ist das Fenster reichlich bezahlt; es war alt und morsch und hatte mehrere Sprünge in den Scheiben. Er schien den ganzen Beutel voll solcher Nuggets zu haben.“

Die Rowdies äußerten ihren Ärger darüber, daß eine Rothaut sich im Besitze einer solchen Menge Goldes befinde. Das Goldstück ging von Hand zu Hand und wurde nach seinem Werte abgeschätzt. Wir benutzten die Gelegenheit, um unsere Zeche zu bezahlen und uns zu entfernen.

„Nun, was sagt Ihr zu dem Apachen, Master?“ fragte mich Old Death, als wir uns glücklich draußen befanden. „Kann es einen zweiten solchen Indsman geben? Die Schurken wichen vor ihm zurück, wie die Sperlinge beim Anblicke eines Falken. Wie schade, daß ich ihn nicht mehr sehe! Wir hätten ihm ein wenig nachgehen können, denn ich möchte gar zu gern wissen, was er hier treibt, ob er außerhalb der Stadt lagert oder in einem Gasthause sich niedergelassen hat. Er muß sein Pferd irgendwo eingestellt haben, denn ohne Roß ist nie ein Apache und auch Winnetou nicht zu denken. Übrigens, Sir, habt auch Ihr Eure Sache gar nicht übel gemacht. Beinahe wäre mir Angst geworden, denn es ist immer gefährlich, mit solchen Leuten anzubinden; aber die kühne und gewandte Art, mit welcher Ihr die Hundebestie bedientet, läßt vermuten, daß Ihr nicht allzu lange Zeit ein Greenhorn bleiben werdet. Aber nun sind wir in der Nähe unseres Logementes angekommen. Gehen wir hinein? Ich denke nicht. Ein alter Trapper wie ich klemmt sich nicht gern zwischen Mauern ein, und ich habe am liebsten den freien Himmel über mir. Laufen wir also noch ein wenig in diesem schönen Matagorda umher. Ich wüßte nicht, wie wir die Zeit anders totschlagen wollten. Oder liebt Ihr es vielleicht, ein Spielchen zu machen?“

„Nein. Ich bin kein Spieler und habe auch nicht die Absicht, einer zu werden.“

„Recht so, junger Mann! Hier aber spielt fast jedermann, und nach Mexiko hinein wird es noch viel schlimmer; da spielt Mann und Weib, Katze und Maus, und die Messer sitzen nicht sehr fest. Erfreuen wir uns an einem Spaziergange! Dann essen wir und legen uns beizeiten auf das Ohr. In diesem gesegneten Lande weiß man ja niemals, ob, wie oder wo man sich des andern Abends zur Ruhe legen kann.“

„So schlimm wird es doch wohl nicht sein!“

„Ihr dürft nicht vergessen, Sir, daß Ihr Euch in Texas befindet, dessen Verhältnisse noch bei weitem nicht geordnet sind. Wir haben zum Beispiel vor, nach Austin zu gehen. Es ist aber sehr fraglich, ob wir dorthin kommen. Die Ereignisse in Mexiko haben ihre Wogen auch über den Rio grande herübergewälzt. Da geschieht manches, was sich sonst nicht zu ereignen pflegt, und überdies haben wir mit den Einfällen dieses Gibson zu rechnen. Wenn es ihm in den Sinn gekommen ist, die Fahrt nach Austin zu unterbrechen und irgendwo auszusteigen, sind wir natürlich gezwungen, dasselbe zu tun.“

„Aber wie erfahren wir, ob er von Bord gegangen ist?“

„Durch Nachfrage. Der Dampfer nimmt sich hier auf dem Colorado Zeit. Man hastet noch nicht so wie auf dem Mississippi und anderwärts. Es bleibt uns an jedem Orte ein kleines Viertelstündchen übrig, unsere Nachforschungen zu halten. Wir können uns sogar darauf gefaßt machen, irgendwo an das Land gehen zu müssen, wo es weder Stadt noch irgend ein Hotel gibt, in welchem wir uns pflegen können.“

„Aber was geschieht in diesem Falle mit meinem Koffer?“ Er lachte laut auf bei meiner Frage.

„Koffer, Koffer!“ rief er. „Einen Koffer mitzunehmen, das ist noch ein Rest längst vergangener vorsintflutlicher Verhältnisse. Welcher vernünftige Mensch schleppt ein solches Gepäckstück mit sich! Wenn ich alles, was ich jemals während meiner Reisen und Wanderungen gebrauchte, hätte mitnehmen wollen, so wäre ich niemals weit gekommen. Nehmt mit, was für den Augenblick notwendig ist; alles übrige kauft Ihr Euch zu seiner Zeit. Was habt Ihr denn in Eurem alten Kasten für wichtige Dinge?“

„Kleider, Wäsche, Toilettengegenstände, Verkleidungsstücke und so weiter.“

„Das sind alles ganz schöne Sachen, die man aber überall haben kann. Und wo sie nicht zu haben sind, da ist eben kein Bedürfnis dafür vorhanden. Man trägt ein Hemde, bis man es nicht mehr braucht, und kauft sich dann ein neues. Toilettensachen? Nehmt es nicht übel, Sir, aber Haar- und Nagelbürsten, Pomaden, Bartwichse und dergleichen schänden bloß den Mann. Verkleidungsgegenstände? Die mögen da, wo Ihr jetzt gewesen seid, ihre Dienste leisten, hier aber nicht mehr. Hier braucht Ihr Euch nicht hinter einer falschen Haartour zu verstecken. Solch romantischer Unsinn führt Euch nicht zum Ziele. Hier heißt es, frisch zugreifen, sobald Ihr Euern Gibson findet. Und ––“

Er blieb stehen, betrachtete mich von oben bis unten, zog eine lustige Grimasse und fuhr dann fort:

„So, wie Ihr hier vor mir steht, könnt Ihr im Zimmer der anspruchvollsten Lady oder im Parkett irgend eines Theaters erscheinen. Texas aber hat mit einem Boudoir oder einer Theaterloge nicht die mindeste Aehnlichkeit. Leicht kann es geschehen, daß bereits nach zwei oder drei Tagen Euer feiner Anzug in Fetzen um Euch hängt und Euer schöner Zylinderhut die Gestalt einer Ziehharmonika erhalten hat. Wißt Ihr denn, wohin Gibson sich wenden wird? In Texas zu bleiben, kann unmöglich seine Absicht sein; er will verschwinden und muß also die Grenze der Vereinigten Staaten hinter sich haben. Daß er die Richtung hierher eingeschlagen hat, macht es über allen Zweifel erhaben, daß er nach Mexiko will. Er kann in den Wirren dieses Landes untertauchen, und kein Mensch, auch keine Polizei wird Euch helfen, ihn empor zu ziehen.“

„Vielleicht habt Ihr recht. Ich denke aber, wenn er wirklich nach Mexiko wollte, so würde er direkt nach einem dortigen Hafen gegangen sein.“

„Unsinn! Er hat New Orleans so schnell verlassen müssen, daß er sich des ersten abfahrenden Schiffes bedienen mußte. Ferner befinden sich die mexikanischen Häfen im Besitze der Franzosen. Wißt Ihr denn, ob er von diesen etwas wissen will? Er hat keine Wahl; er muß den Landweg einschlagen und ist jedenfalls klug genug, sich an den größeren Orten nicht allzuviel sehen zu lassen, So ist es möglich, daß er auch Austin vermeidet und bereits vorher ausgestiegen ist. Er geht nach dem Rio grande, zu Pferde natürlich, durch wenig angebautes Land. Wollt Ihr ihm dorthin mit Eurem Koffer, Eurem Zylinderhut und in diesem eleganten Anzuge folgen? Wenn das Eure Absicht wäre, so müßte ich Euch auslachen.“

Ich wußte natürlich, daß er recht hatte, machte mir aber den Spaß, kläglich an meinem guten Anzuge niederzusehen. Da klopfte er mir lachend auf die Schulter und sagte:

„Laßt es Euch nicht leid tun; trennt Euch getrost von diesem unpraktischen Anzuge. Geht hier zu einem Händler, um all Euern unnützen Krimskrams zu verkaufen, und schafft Euch dafür andere Kleider an. Ihr müßt unbedingt einen festen, dauerhaften Trapperanzug haben. Ich kalkuliere, daß man Euch mit genug Geld versehen hat?“ Ich nickte. „Nun, so ist ja alles recht. Weg also mit dem Schwindel! Ihr könnt doch reiten und schießen?“ Ich bejahte. „Ein Pferd müßt Ihr auch haben, aber hier an der Küste kauft man sich keins. Hier sind die Tiere teuer und schlecht. Drin im Lande aber läßt Euch jeder Farmer eins ab, doch nicht auch einen Sattel dazu. Den müßt Ihr hier kaufen.“

„O weh! Soll ich etwa so laufen wie Ihr, mit dem Sattel auf dem Rücken?“

„Ja. Warum nicht? Geniert Ihr Euch etwa vor den Leuten?

Wen geht es etwas an, daß ich einen Sattel trage? Keinen Menschen! Wenn es mir beliebt, so schleppe ich ein Sofa mit mir herum, um mich in der Prairie oder im Urwalde gelegentlich darauf ausruhen zu können. Wer da über mich lacht, dem gebe ich einen Nasenstüber, daß ihm alle möglichen Fixsterne vor den Augen funkeln. Man hat sich nur dann zu schämen, wenn man ein Unrecht oder eine Albernheit begeht. Gesetzt, Gibson ist mit William irgendwo ausgestiegen, hat Pferde gekauft und ist davongeritten, so sollt Ihr sehen, wie vorteilhaft es für Euch ist, sofort einen Sattel zur Hand zu haben. Tut, was Ihr wollt. Wenn Ihr aber wirklich wünscht, daß ich bei Euch bleibe, so folgt meinem Rate. Entscheidet Euch also schnell!“

Er sagte das, ohne aber meine Entscheidung abzuwarten, faßte mich vielmehr am Arme, drehte mich um, deutete auf ein Haus mit einem großen Laden, über welchem in ellenhohen Buchstaben zu lesen war: Store for all things, und zog mich fort nach dem Eingang, gab mir einen Stoß, daß ich in den Laden und an ein offenstehendes Heringsfaß schoß, und schob sich dann schmunzelnd hinterdrein.

Die Firmenschrift enthielt keine Lüge. Der Laden war sehr groß und enthielt wirklich alles, was man unter den hiesigen Verhältnissen nötig haben konnte, sogar Sättel und Gewehre.

Die nun folgende Szene war einzig in ihrer Art. Ich glich geradezu einem Schulbuben, welcher mit seinem Vater vor der Jahrmarktsbude steht, seine Wünsche nur unter Zagen äußern darf und vielmehr das nehmen muß, was der erfahrene Vater für ihn aussucht. Old Death stellte gleich anfangs die Bedingung, daß der Besitzer des Ladens meinen gegenwärtigen Anzug und auch den ganzen Inhalt meines Koffers mit an Zahlungsstatt anzunehmen habe. Der Mann ging gern darauf ein und schickte sofort seinen Storekeeper fort, den Koffer zu holen. Als derselbe ankam, wurden meine Sachen taxiert, und nun begann Old Death, für mich auszusuchen. Ich erhielt: eine schwarze Lederhose, ein Paar hohe Stiefel, natürlich mit Sporen, ein rotwollenes Leibhemd, eine Weste von derselben Farbe mit unzähligen Taschen, ein schwarzwollenes Halstuch, einen hirschledernen Jagdrock, ungefärbt, einen ledernen Gürtel, zwei Hände breit und innen natürlich hohl, Kugelbeutel, Tabaksblase, Tabakspfeife, Kompaß und zwanzig andere notwendige Kleinigkeiten, Fußlappen anstatt der Strümpfe, einen riesigen Sombrero, eine wollene Decke mit einem Schlitze in der Mitte, um den Kopf hindurch zu stecken, einen Lasso, Pulverhorn, Feuerzeug, Bowiemesser, Sattel mit Taschen und Zaumzeug. Dann ging es zu den Gewehren. Old Death war kein Freund von Neuerungen. Er schob alles, was neueren Datums war, beiseite und griff nach einer alten Rifle, die ich jedenfalls gar nicht beachtet hätte. Nachdem er sie mit der Miene eines Kenners untersucht hatte, lud er sie, trat vor den Laden hinaus und schoß nach der Giebelverzierung eines sehr entfernten Hauses. Die Kugel saß.

Well!“ nickte er befriedigt. „Die wird’s tun. Dieses Schießeisen hat sich in famosen Händen befunden und ist mehr wert als aller Krimskrams, den man jetzt mit dem Namen Büchse beehrt. Ich kalkuliere, daß dieses Gewehr von einem sehr tüchtigen Meister angefertigt worden ist, und will hoffen, daß Ihr ihm Ehre macht. Nun noch eine Kugelform dazu. Dann sind wir fertig. Blei können wir hier auch haben; so gehen wir nach Hause und gießen einen Kugelvorrat, vor welchem die da drüben in Mexiko erschrecken sollen.“

Nachdem ich mir noch einige Kleinigkeiten, wie Taschentücher u. s. w., welche Old Death natürlich für ganz überflüssig hielt, ausgesucht hatte, mußte ich in einen kleinen Nebenraum treten, um mich umzuziehen. Als ich in den Laden zurückkehrte, betrachtete der Alte mich wohlgefällig.

Im stillen hatte ich mich der Hoffnung hingegeben, daß er den Sattel tragen werde; aber das fiel ihm gar nicht ein; er packte mir die Geschichte auf und schob mich hinaus.

„So!“ schmunzelte er draußen. „Jetzt seht einmal, ob Ihr Euch wirklich zu schämen habt! jeder verständige Mensch wird Euch für einen sehr vernünftigen Gentleman halten, und was die unverständige Welt sagt, das geht Euch den Teufel an.“

Jetzt hatte ich nichts mehr vor Old Death voraus und mußte mein Joch geduldig nach dem Gasthofe schleppen, während er stolz nebenher schritt und es ihm jedenfalls heimlichen Spaß machte, mich als meinen eignen Packträger in Tätigkeit zu sehen.

Als wir im Hotel ankamen, legte er sich nieder; ich aber ging, um nach Winnetou zu suchen. Es läßt sich denken, wie entzückt ich über dieses Wiedersehen war. Es hatte meiner ganzen Selbstbeherrschung bedurft, ihm nicht um den Hals zu fallen. Wie kam er nach Matagorda, und was wollte er hier? Warum hatte er so getan, als ob er mich gar nicht kenne? Das mußte einen Grund haben; aber welchen?

Er hatte jedenfalls ebenso die Absicht, mit mir zu sprechen, wie ich mich sehnte, mit ihm reden zu können. Wahrscheinlich wartete er irgendwo auf mich. Da ich seine Art und Weise kannte, war es mir nicht schwer, ihn zu finden. Er hatte uns gewiß beobachtet und in das Hotel gehen sehen und war also in der Nähe desselben zu suchen, Ich ging nach der hintern Seite des Hauses, welche an das freie Feld stieß. Richtig! Ich sah ihn in der Entfernung von einigen hundert Schritten an einem Baume lehnen. Als er mich bemerkte, verließ er seinen Standort und ging langsam dem Walde zu; ich folgte ihm natürlich. Unter den Bäumen, wo er auf mich wartete, kam er mir mit freudestrahlendem Gesicht entgegen und rief:

„Scharlieh, mein lieber, lieber Bruder! Welche Freude hat dein unverhoffter Anblick meinem Herzen bereitet! So freut sich der Morgen, wenn nach der Nacht die Sonne erscheint!“

Er zog mich an sich und küßte mich. Ich antwortete:

„Der Morgen weiß, daß die Sonne kommen muß; wir aber konnten nicht ahnen, daß wir einander hier sehen würden. Wie glücklich bin ich, deine Stimme wieder zu hören!“

„Was führt deinen Fuß in diese Stadt? Hast du hier zu tun, oder bist du in Matagorda gelandet, um von da aus zu uns nach dem Rio Pecos zu gehen?“

„Ich habe eine Aufgabe zu lösen, welche mich hierher führte.“

„Darf mein weißer Bruder mir diese Aufgabe sagen? Wird er mir erzählen, wo er sich befunden hat, seit wir droben am Red River voneinander schieden?“

Er zog mich ein Stückchen tiefer in den Wald hinein, wo wir uns niedersetzten. Hand in Hand an seiner Seite, erzählte ich ihm meine Erlebnisse. Als ich zu Ende war, nickte er ernst vor sich hin und sagte:

„Wir haben den Pfad des Feuerrosses vermessen, damit du das Geld bekommen solltest; der Hurrikan hat es dir wieder genommen. Wolltest du bei den Kriegern der Apachen bleiben, die dich lieben, so würdest du des Geldes nie bedürfen. Du tatest klug, nicht nach St. Louis zu gehen und bei Henry auf mich zu warten, denn ich wäre nicht gekommen.“

„Hat mein Bruder den Mörder Santer ergriffen?“

„Nein. Der böse Geist hat ihn beschützt, und der große, gute Manitou ließ es geschehen, daß er mir entkam. Er ist zu den Soldaten der Südstaaten gegangen, wo er unter so vielen Tausenden mir entschwand. Aber mein Auge wird ihn wiedersehen, und dann entkommt er mir nicht! Ich kehrte nach dem Rio Pecos zurück, ohne ihn bestraft zu haben. Unsere Krieger haben während des ganzen Winters den Tod Intschu tschunas und meiner Schwester betrauert. Dann mußte ich viele und weite Ritte Machen, um die Stämme der Apachen zu besuchen und sie von übereilten Schritten abzuhalten, denn sie wollten nach Mexiko, um sich an den dortigen Kämpfen zu beteiligen. Hat mein Bruder von Juarez, dem roten Präsidenten, gehört?“

„Ja.“

„Wer hat recht, er oder Napoleon?“

„Juarez.“

„Mein Bruder denkt grad so wie ich. Ich bitte dich, mich nicht zu fragen, was ich hier in Matagorda tue! Ich muß es selbst gegen dich verschweigen, denn ich habe das Juarez versprochen, den ich in EI Paso del Norte traf. Du wirst, obgleich du mich hier getroffen hast, den beiden Bleichgesichtern folgen, welche du suchst?“

„Ich bin dazu gezwungen. Wie würde ich mich freuen, wenn du mich begleiten könntest! Ist dir das nicht möglich?“

„Nein. Ich habe eine Pflicht zu erfüllen, welche ebenso groß ist wie die deinige. Heut muß ich noch bleiben; aber morgen fahre ich mit dem Schiffe nach La Grange, von wo aus ich über Fort Inge nach dein Rio Grande del Norte muß.“

„Wir fahren mit demselben Schiffe, nur weiß ich nicht, wie weit. Wir werden also morgen noch beieinander sein.“

„Nein.“

„Nicht? Warum nicht?“

„Weil ich meinen Bruder nicht in meine Sache verwickeln möchte; darum habe ich vorhin getan, als ob ich dich nicht kenne. Auch wegen Old Death habe ich nicht mit dir gesprochen.“

„Warum wegen ihm?“

„Weiß er, daß du Old Shatterhand bist?“

„Nein. Dieser Name ist zwischen uns gar nicht gefallen.“

„Er kennt ihn dennoch ganz gewiß. Du bist bisher im Osten gewesen und weißt also nicht, wie oft im Westen von dir gesprochen wird. Old Death hat sicher auch von Old Shatterhand gehört; dich aber scheint er für ein Greenhorn zu halten?“

„Das ist allerdings der Fall.“

„So wird es später eine große Überraschung geben, wenn er hört, wer dieses Greenhorn ist; die möchte ich meinem Bruder nicht verderben. Wir werden also auf dem Schiffe nicht miteinander sprechen. Wenn du Ohlert und seinen Entführer gefunden hast, dann werden wir um so länger beisammen sein, denn du wirst doch zu uns kommen?“

„Ganz gewiß!“

„So wollen wir jetzt scheiden, Scharlieh. Es gibt hier Bleichgesichter, welche auf mich warten.“

Er stand auf. Ich mußte sein Geheimnis achten und nahm Abschied von ihm, hoffentlich nur für kurze Zeit.

Am andern Morgen mieteten wir zwei Maultiere, auf denen wir hinaus nach der Raft ritten, wo der Dampfer auf die Passagiere wartete. Die Tiere erhielten unsere Sättel aufgelegt, wodurch es glücklicherweise vermieden wurde, daß wir dieselben tragen mußten.

Der Steamer war ein sehr flachgehendes Boot und ganz nach amerikanischer Manier gebaut. Es befanden sich bereits zahlreiche Passagiere auf demselben. Als wir, nun allerdings die Sättel tragend, über die Planke schritten und an Deck kamen, rief eine laute Stimme:

„Bei Jove! Da kommen ein paar zweibeinige, gesattelte Maulesel! Hat man schon so etwas gesehen? Macht Platz, Leute! Laßt sie hinab in den Raum! Solch Viehzeug darf doch nicht unter Gentlemen verweilen!“

Wir kannten diese Stimme. Die besten Plätze des mit einem Glasdache versehenen ersten Platzes waren von den Rowdies eingenommen, welche wir gestern kennen gelernt hatten. Der laute Schreier von gestern, welcher überhaupt ihren Anführer zu machen schien, hatte uns mit dieser neuen Beleidigung empfangen. Ich richtete mich nach Old Death. Da er die Worte ruhig über sich ergehen ließ, tat auch ich so, als ob ich sie gar nicht vernommen hätte. Wir nahmen den Kerlen gegenüber Platz und schoben die Sättel unter unsere Sitze.

Der Alte machte es sich bequem, zog seinen Revolver hervor, spannte ihn und legte ihn neben sich hin; ich folgte seinem Beispiele und legte den meinen auch bereit. Die Kerls steckten die Köpfe zusammen und zischelten unter sich, wagten es aber nicht, wieder eine laute Beleidigung hören zu lassen. Ihre Hunde, von denen nun freilich einer fehlte, hatten sie auch heute bei sich. Der Sprecher betrachtete uns mit ganz besonders feindseligen Blicken. Seine Haltung war gebeugt, jedenfalls infolge des Fluges durch das Fenster und der nachfolgenden nicht eben sanften Behandlung durch Winnetou. Sein Gesicht zeigte die noch frischen Spuren der Fensterscheiben.

Als der Conductor kam, uns zu fragen, wie weit wir mitfahren wollten, gab Old Death den Ort Kolumbus an, bis wohin wir bezahlten. Wir konnten ja dort weitere Passage nehmen. Er war der Ansicht, daß Gibson nicht ganz bis Austin gefahren sei.

Die Glocke hatte bereits das zweite Zeichen gegeben, als ein neuer Passagier kam –Winnetou. Er ritt einen auf indianische Weise gezäumten Rapphengst, ein prachtvolles Tier, stieg erst an Bord aus dem Sattel und führte sein Pferd nach dem Vorderteile des Deckes, wo für etwa mitzunehmende Pferde ein schulterhoher Bretterverschlag angebracht worden war. Dann setzte er, scheinbar ohne jemand zu beachten, sich daneben auf die Brüstung des Schiffgeländers. Die Rowdies nahmen ihn scharf in die Augen. Sie räusperten sich und husteten laut, um seine Blicke auf sich zu lenken, doch vergebens. Er saß, sich auf die Mündung seiner Silberbüchse stützend, halb abgewendet von ihnen und schien kein Ohr für sie zu haben.

Jetzt läutete es zum letzenmal; noch einige Augenblicke des Wartens, ob vielleicht noch ein Reisender kommen werde; dann drehten sich die Räder, und das Schiff begann die Fahrt.

Unsere Reise schien ganz gut verlaufen zu wollen. Es herrschte vollständige Ruhe an Bord bis Wharton, wo ein einziger Mann ausstieg, dafür aber zahlreiche Passagiere an Bord kamen. Old Death ging für einige Minuten an das Ufer, wo der Commissioner stand, um sich bei demselben nach Gibson zu erkundigen. Er erfuhr, daß zwei Männer, auf welche seine Beschreibung paßte, hier nicht ausgestiegen seien. Dasselbe negative Resultat hatte seine Erkundigung auch in Kolumbus, weshalb wir dort bis La Grange weiter bezahlten. Von Matagorda bis Kolumbus hat das Schiff einen Weg von vielleicht fünfzig Gehstunden zurückzulegen. Es war also nicht mehr zeitig am Nachmittage, als wir uns am letzteren Orte befanden. Während dieser langen Zeit hatte Winnetou seinen Platz nur ein einziges Mal verlassen, um seinem Pferde Wasser zu schöpfen und ihm Maiskörner zu geben.

Die Rowdies schienen ihren gegen ihn und uns gerichteten Ärger vergessen zu haben. Sie hatten sich, sobald neue Passagiere anlangten, mit diesen beschäftigt, waren aber meist abweisend behandelt worden. Sie brüsteten sich mit ihrer antiabolitionistischen Gesinnung, fragten einen jeden nach der seinigen und schimpften auf alle, die nicht ihrer Meinung waren. Ausdrücke wie verdammter Republikaner, Niggeronkel, Yankeediener und andere noch schlimmere flossen nur so von ihren Lippen, und so kam es, daß man sich von ihnen zurückzog und nichts von ihnen wissen wollte. Das war jedenfalls auch der Grund, daß sie es unterließen, mit uns anzubinden. Sie durften nicht hoffen, von andern gegen uns unterstützt zu werden. Hätten sich jedoch mehr Sezessionisten an Bord befunden, so wäre es ganz gewiß um den Schiffsfrieden geschehen gewesen.

In Kolumbus nun stiegen viele von den friedlich gesinnten Leuten aus, und es kamen dafür andere an Bord, welche das gerade Gegenteil zu denken schienen. Unter anderen taumelte eine Bande von vielleicht fünfzehn bis zwanzig Betrunkenen über die Planke, welche nichts Gutes ahnen ließen und von den Rowdies mit stürmischer Freude bewillkommnet wurden. Andere der neu Eingestiegenen schlossen sich ihnen an, und bald konnte man sehen, daß das unruhige Element sich jetzt in der Übermacht befand. Die Unholde flegelten sich auf die Sitze, ohne zu fragen, ob sie andern unbequem wurden oder nicht, stießen sich zwischen den ruhigen Passagieren hin und her und taten alles, um zu zeigen, daß sie sich als Herren des Platzes fühlten. Der Kapitän ließ sie ruhig rumoren; er mochte meinen, daß es das Beste sei, sie nicht zu beachten. So lange sie ihn nicht in der Leitung des Schiffes störten, überließ er es den Reisenden, sich gegen Übergriffe selbst zu schützen. Er hatte keinen einzigen Yankeezug im Gesichte. Seine Gestalt war voll, wie man es beim Amerikaner selten sieht, und über sein rotwangiges Gesicht breitete sich ein immerwährendes gutmütiges Lächeln, welches, ich hätte darauf wetten wollen, echt germanischer Abstammung sein mußte.

Die meisten Sezessionisten waren nach der Schiffsrestauration gegangen. Von dort her erscholl wüstes Gejohle. Flaschen wurden in Scherben geschlagen, und dann kam ein Neger schreiend gerannt, jedenfalls der Kellner, kletterte zum Kapitän hinauf und jammerte ihm seine uns fast unverständlichen Klagen vor. Nur so viel hörte ich, daß er mit der Peitsche geschlagen worden sei und später am Rauchschlot aufgehangen werden solle.

Jetzt machte der Kapitän ein bedenklicheres Gesicht. Er schaute aus, ob das Schiff den richtigen Kurs habe, und stieg dann herab, um sich nach der Restauration zu begeben. Da kam der Conductor ihm entgegen. Ganz in unserer Nähe trafen die beiden zusammen. Wir hörten, was sie sprachen.

„Capt’n,“ meldete der Conductor, „wir dürfen nicht länger ruhig zusehen. Die Leute planen Arges. Laßt den Indianer dort an das Land! Sie wollen ihn aufhängen. Er hat sich gestern an einem von ihnen vergriffen. Außerdem sind zwei Weiße hier, ich weiß nur nicht, welche, die auch gelyncht werden sollen, weil sie gestern dabei waren. Sie sollen Spione von Juarez sein.“

„Alle Teufel! Das wird Ernst. Welche beiden Männer werden das sein!“ Sein Auge schweifte forschend umher.

„Wir sind es, Sir,“ antwortete ich, indem ich aufstand und zu ihnen trat.

„Ihr? Na, wenn ihr Spione von Juarez seid, so will ich mein Steamboot als Frühstück verzehren!“ meinte er, indem er mich musterte.

„Fällt mir nicht ein! Ich bin ein Deutscher und bekümmere mich nicht im mindesten um eure Politik.“

„Ein Deutscher? Da sind wir ja Landsleute! Ich habe mein erstes fließendes Wasser im Neckar gesehen. Euch darf ich nichts tun lassen. Ich werde sofort am Ufer anlegen, damit Ihr Euch in Sicherheit bringen könnt.“

„Da mache ich nicht mit. Ich muß unbedingt mit diesem Boote weiter und habe keine Zeit zu verlieren.“

„Wirklich! Das ist unangenehm. Wartet einmal!“

Er ging zu Winnetou und sagte ihm etwas. Der Apache hörte ihn an, schüttelte verächtlich mit dem Kopfe und wendete sich ab. Der Kapitän kehrte zu uns zurück und meldete mit verdrießlicher Miene:

„Dachte es mir! Die Roten haben eiserne Köpfe. Er will auch nicht ans Land gesetzt werden.“

„Dann ist er mit diesen beiden Herren verloren, denn die Kerle werden Ernst machen,“ meinte der Conductor besorgt. „Und wir paar Mann vom Steamer können gegen eine solche Übermacht nichts tun.“

Der Kapitän blickte sinnend vor sich nieder. Dann zuckte es lustig über sein gutmütiges Gesicht, als ob er einen vortrefflichen Einfall habe, und er wendete sich zu uns:

„Ich werde diesen Sezessionisten einen Streich spielen, an den sie noch lange denken sollen. Ihr müßt euch aber genau so verhalten, wie ich es von euch verlange. Macht vor allen Dingen keinen Gebrauch von der Waffe. Steckt eure Büchsen da unter die Bank zu den Sätteln. Gegenwehr würde die Sache verschlimmern.“

All devils! Sollen wir uns ruhig lynchen lassen, Master?“ rief Old Death verdrießlich.

„Nein. Haltet euch an passive Gegenwehr! Im richtigen Augenblicke wird mein Mittel wirken. Wir wollen diese Halunken durch ein Bad abkühlen. Verlaßt euch auf mich! Habe keine Zeit zur Explikation. Die Kerle nahen schon.“

Wirklich kam grad jetzt die Rotte aus der Restauration gestiegen. Der Kapitän wendete sich schnell von uns ab und erteilte dem Conductor einige leise Befehle. Dieser eilte zum Steuermanne, bei welchem die zwei zum Boote gehörigen Deckhands standen. Kurze Zeit später sah ich ihn beschäftigt, den ruhigeren Passagieren heimliche Weisungen zuzuflüstern, konnte aber nicht weiter auf ihn achten, da ich mit Old Death von den Sezessionisten in Anspruch genommen wurde. Nur so viel bemerkte ich im Verlaufe der nächsten zehn Minuten, daß die erwähnten friedlichen Reisenden sich möglichst eng am Vorderdeck zusammenzogen.

Kaum hatten die betrunkenen Sezessionisten die Restauration verlassen, so waren wir beide von ihnen umringt. Wir hatten nach der Weisung des Kapitäns die Gewehre weggelegt.

„Das ist er!“ rief der Sprecher von gestern, indem er auf mich deutete. „Ein Spion der Nordstaaten, die es mit Juarez halten. Gestern noch ging er als feiner Gentleman gekleidet; heute hat er einen Trapperanzug angelegt. Warum verkleidet er sich? Meinen Hund hat er mir getötet, und beide haben uns mit ihren Revolvern bedroht.“

„Ein Spion ist er, ja, ein Spion!“ riefen die andern wirr durcheinander. „Das beweist die Verkleidung. Und er ist ein Deutscher. Bildet eine Jury! Er muß am Halse baumeln! Nieder mit den Nordstaaten, mit den Yankees und ihren Geschöpfen!“

„Was treibt ihr da unten, Gentlemen?“ rief in diesem Augenblicke der Kapitän von oben herab. „Ich will Ruhe und auch Ordnung an Bord. Laßt die Passagiere ungeschoren!“

„Schweigt, Sir!“ brüllte einer aus der Rotte hinauf. „Auch wir wollen Ordnung, und wir werden sie uns jetzt verschaffen. Gehört es zu Euren Obliegenheiten, Spione an Bord zu nehmen?“

„Es gehört zu meinen Obliegenheiten, Leute zu befördern, welche die Passage bezahlen. Kommen Führer der Sezessionisten zu mir, so sollen sie mitfahren dürfen, vorausgesetzt, daß sie zahlen und anständig sind. Das ist meine Loyalität. Und wenn ihr mir mit der eurigen das Geschäft verderbt, so setze ich euch ans Ufer und ihr mögt zu Lande nach Austin schwimmen.“

Ein höhnisches, wieherndes Gelächter antwortete ihm. Man drängte Old Death und mich so eng zusammen, daß wir uns nicht rühren konnten. Wir protestierten natürlich, doch wurden unsere Worte durch das fast tierische Geschrei dieser rohen Bande verschlungen. Man stieß uns vom ersten Platze fort, hinaus, bis an die rauchende Esse, an welcher wir aufgeknüpft werden sollten. Dieselbe war oben mit eisernen Ösen versehen, durch welche Taue liefen, also eine wunderbar schöne und praktische Vorrichtung, um jemanden aufzuhängen. Man brauchte die Taue nur schlaff zu lassen und uns mit der empfindlichen Gegend des Halses an dieselben zu befestigen, um uns dann gemächlich emporzuhissen. Hier also wurde ein Kreis um und ein Gerichtshof über uns gebildet. Das letztere war eine reine Lächerlichkeit. Ich glaube, die Schufte sind gar nicht dazu gekommen, sich zu fragen, warum wir gar nicht Miene machten, uns zur Wehr zu setzen; sie sahen doch, daß wir im Besitz von Messern und Revolvern waren, uns derselben aber nicht bedienten. Das mußte doch einen Grund haben.

Old Death mußte sich gewaltige Mühe geben, ruhig zu erscheinen. Seine Hand zuckte öfters nach dem Gürtel; aber sobald dann sein Blick nach dem Kapitän flog, winkte dieser verstohlen ab.

„Na,“ meinte er zu mir, und zwar deutsch, um nicht verstanden zu werden, „ich will mich noch fügen. Aber wenn sie mir es zu toll treiben, so haben sie in einer einzigen Minute unsere vierundzwanzig Kugeln im Leibe. Schießt nur gleich, wenn ich anfange!“

„Hört ihr es!“ rief der ofterwähnte Rowdy. „Sie reden deutsch. Es ist also erwiesen, daß sie verdammte Dutchmen sind und zu den Schuften gehören, welche den Südstaaten am meisten zusetzen. Was wollen sie hier in Texas? Sie sind Spione und Verräter. Machen wir es kurz mit ihnen!“

Seinem Vorschlage wurde brüllend beigestimmt. Der Kapitän rief ihnen eine strenge Mahnung zu, wurde aber wieder ausgelacht. Dann warf man die Frage auf, ob man nun den Indianer prozessieren oder uns vorher hängen solle, und man entschied sich für das erstere. Der Vorsitzende schickte zwei Männer ab, den Roten herbeizuholen.

Da wir rundum von Menschen umgeben waren, konnten wir Winnetou nicht sehen. Wir hörten einen lauten Schrei. Winnetou hatte einen der Abgesandten niedergeschlagen und den andern über Bord geschleudert. Dann war er in die aus Eisenblech gefertigte Kabine des Conductors geschlüpft, welche sich am Radkasten befand. Diese hatte ein kleines Fensterchen, durch welches jetzt die Mündung seiner Doppelbüchse schaute. Natürlich erregte der Vorfall einen fürchterlichen Lärm. Alles rannte an die Schiffsbrüstung, und man schrie dem Kapitän zu, einen Mann ins Boot zu senden, um den in das Wasser Expedierten aufzufischen. Er kam diesem Rufe nach und gab einem der Deckhands einen Wink. Der Mann sprang in das am Hinterteile befestigte Boot, löste das Tau, an welchem es gehalten wurde, und ruderte nach dem Betreffenden, welcher glücklicherweise ein wenig schwimmen konnte und sich alle Mühe gab, über Wasser zu bleiben.

Ich stand mit Old Death allein. Von Hängen war einstweilen keine Rede mehr. Wir sahen die Augen des Steuermanns und der übrigen Schiffsleute auf den Kapitän gerichtet, welcher uns näher winkte und mit unterdrückter Stimme sagte:

„Paßt auf, Mesch’schurs! jetzt geh ich ihnen das Bad. Bleibt nur ruhig an Bord, es mag geschehen, was da wolle. Macht aber so viel Lärm wie möglich!“

Er hatte stoppen lassen, und das Schiff wurde langsam abwärts getrieben, dem rechten Ufer zu. Dort gab es eine Stelle, über welche sich das Wasser brach, eine seichte Bank. Der Fluß war von da bis zum Ufer überhaupt nicht tief. Ein Wink vom Kapitän – der Steuermann nickte lächelnd und ließ das Boot gerade gegen die Bank treiben. Ein kurzes Knirschen unter uns, ein Stoß, daß alle taumelten, viele aber niederstürzten -wir saßen fest. Das lenkte die allgemeine Aufmerksamkeit vom Kahne auf das Schiff. Die ruhigen Passagiere waren alle vom Conductor unterrichtet worden, schrieen aber laut Verabredung, als ob sie die höchste Todesangst auszustehen hätten. Die andern, welche an einen wirklichen Unfall glaubten, stimmten natürlich mit ein. Da tauchte einer der Deckhands hinten auf, kam scheinbar voller Entsetzen zum Kapitän gerannt und schrie:

„Wasser im Raume, Capt’n! Das Riff hat den Kiel mitten entzwei geschnitten. In zwei Minuten sinkt das Schiff.“

„Dann sind wir verloren!“ rief der Kapitän. „Rette sich, wer kann! Das Wasser ist seicht bis zum Ufer. Schnell hinein!“

Er eilte von seinem Platze herab, warf den Rock, die Weste und die Mütze von sich, zog in höchster Eile die Stiefel aus und sprang über Bord. Das Wasser ging ihm nur bis an den Hals.

„Herunter, herunter!“ schrie er. „Jetzt ist es noch Zeit. Wenn das Schiff sinkt, begräbt es in seinem Strudel alle, die sich noch an Bord befinden!“

Daß der Kapitän der erste war, der sich rettete, daß er sich vorher halb entkleidete, darüber dachte keiner der Sezessionisten nach. Das Entsetzen hatte sie ergriffen. Sie sprangen über Bord und arbeiteten sich schleunigst nach dem Ufer, ohne darauf zu achten, daß der Kapitän nach der andern, dem Ufer abgekehrten Seite des Schiffes schwamm und dort am schnell niedergelassenen Fallreep an Bord stieg. Das Schiff war nun gesäubert, und wo eine Minute vorher der bleiche Schrecken geherrscht hatte, ertönte jetzt ein lautes lustiges Lachen.

Eben als die ersten der sich Rettenden an das Land stiegen, gab der Kapitän den Befehl, vorwärts zu dampfen. Das seicht gehende, unten breit und sehr stark gebaute Fahrzeug hatte nicht den mindesten Schaden gelitten, und gehorchte willig dem Drucke der Räder. Seinen Rock wie ein Flagge schwenkend, rief der Kapitän zum Ufer hinüber:

Farewell, Gentlemen! Habt ihr wieder einmal Lust, eine Jury zu bilden, so hängt euch selber auf. Eure Sachen, welche sich noch an Bord befinden, werde ich in La Grange abgeben. Holt sie euch dort ab.“

Es läßt sich denken, welchen Eindruck diese höhnischen Worte auf die Gefoppten machten. Sie erhoben ein wütendes Geheul, forderten den Kapitän auf, sie augenblicklich wieder aufzunehmen, drohten mit Anzeige, Tod und anderen Schreckmitteln, ja schossen ihre Gewehre, soweit dieselben nicht naß geworden waren, auf den Steamer ab, doch ohne irgend welchen Schaden anzurichten. Endlich brüllte einer in ohnmächtiger Wut zu dem Kapitän herüber:

„Hund! Wir warten hier auf deine Rückkehr und hängen dich an deiner eigenen Esse auf!“

Well, Sir! Kommt dann gefälligst an Bord! Bis dahin aber laßt mir die Generale Mejia und Marquez grüßen!“ Jetzt hatten wir volle Kraft und dampften in beschleunigtem Tempo weiter, um die versäumte Zeit einzuholen. – –

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Fünftes Kapitel

„Schöner Tag“.

Als wir jetzt nach dem Pueblo zurückkehrten und bei demselben anlangten, sah ich erst, welch ein mächtiger, imposanter Steinbau dasselbe war. Man hält die amerikanischen Völkerschaften für bildungsunfähig; aber Menschen, welche solche Felsenmassen zu bewegen und zu einer solchen mit den damaligen Waffen uneinnehmbaren Festung aufeinander zu türmen verstanden hatten, konnten unmöglich nur auf der untersten, niedrigsten Kulturstufe gestanden haben. Und wenn man sagt, daß diese Nationen früher bestanden haben und daß die jetzigen Indianer keineswegs Abkömmlinge derselben seien, so will ich das weder zugeben noch bestreiten; aber wenn es wirklich so sein sollte, dann ist das noch kein Grund zu der Behauptung, daß die Indianer geistig nicht vorwärts kommen können. Natürlich, wenn man ihnen nicht die Zeit und den Raum dazu gönnt, so müssen sie verkommen und untergehen.

Wir stiegen mittels der vorhandenen Leitern bis zur dritten Plattform empor, hinter welcher die besten Räume des Pueblo lagen. Da wohnte Intschu tschuna mit seinen beiden Kindern, und da bekamen wir unsere Wohnung angewiesen.

Die meinige war groß. Sie hatte zwar auch keine Fensteröffnungen und erhielt ihr Licht nur durch die Tür, aber diese war so breit und hoch, daß es an der nötigen Helligkeit nicht mangelte. Der Raum war leer, doch Nscho-tschi möblierte ihn mir bald mit Fellen, Decken und Gerätschaften so gut aus, daß ich mich weit mehr als den Verhältnissen angemessen behaglich fühlen konnte. Hawkens, Stone und Parker bekamen zusammen ein ähnliches Gemach angewiesen.

Als mein Gastzimmer so weit eingerichtet war, daß ich es betreten konnte, brachte Schöner Tag mir eine prächtig geschnittene Friedenspfeife und Tabak dazu. Sie stopfte sie mir selbst und setzte den Tabak dann in Brand. Als ich die ersten Züge tat, sagte sie:

„Dieses Calumet sendet dir Intschu tschuna, mein Vater. Er selbst hat den Thon dazu aus den heiligen Steinbrüchen geholt, und ich habe den Kopf daraus geschnitten. Sie ist noch in keines Menschen Munde gewesen, und wir bitten dich, sie von uns als dein Eigentum anzunehmen und unser zu gedenken, wenn du daraus rauchest.“

„Eure Güte ist groß,“ antwortete ich. „Sie beschämt mich fast, denn ich kann dieses Geschenk nicht erwidern.“

„Du hast uns bereits soviel gegeben, daß wir dir gar nicht dafür danken können, nämlich wiederholt das Leben Intschu tschunas und Winnetous, meines Bruders. Beide waren wiederholt in deine Hand gegeben, ohne daß du sie tötetest. Heut wieder konntest du Intschu tschuna das Leben nehmen, ohne daß du dafür bestraft worden wärest; du hast es aber nicht getan. Dafür sind dir unsere Herzen zugewendet, und du sollst unser Bruder sein, wenn du es unsern Kriegern erlaubst, dich als solchen zu betrachten.“

„Wenn das geschieht, so ist mein größter Wunsch erfüllt. Intschu tschuna ist ein sehr berühmter Häuptling und Krieger, und Winnetou habe ich gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt. Es ist mir nicht nur eine große Ehre, sondern eine ebenso große Freude, der Bruder solcher Männer genannt zu werden. Ich wünsche nur, daß meine Gefährten auch daran teilnehmen dürfen.“

„Wenn sie wollen, wird man sie so betrachten, als ob sie als Apachen geboren worden seien.“

„Wir danken euch dafür. Also du selbst hast diesen Pfeifenkopf aus dem heiligen Thone geschnitten? Wie kunstvoll deine Hände sind!“

Sie errötete über dieses Lob und antwortete:

„Ich weiß, daß die Frauen und Töchter der Bleichgesichter noch viel kunstfertiger und geschickter sind als wir. Ich werde dir jetzt noch etwas holen.“

Sie ging und brachte mir dann meine Revolver, mein Messer, alle meine Munition und die sonstigen Gegenstände, welche sich nicht in meinen Taschen befunden hatten; denn alles, was darin gewesen war, das hatte man mir gelassen. Ich bedankte mich, erkannte an, daß mir nun nicht mehr das Geringste fehle, und fragte:

„Werden auch meine Kameraden wieder bekommen, was ihnen abgenommen worden ist?“

„Ja, alles. Sie werden es jetzt schon haben, denn während ich dich hier bediene, sorgt Intschu tschuna für sie.“

„Und wie steht es mit unsern Pferden?“

„Die sind auch da. Du wirst das deinige wieder reiten und Hawkens seine Mary auch.“

„Ah, du kennst den Namen seines Maultiers?“

„Ja, auch den Namen seiner alten Flinte, welche er Liddy nennt. Ich habe oft, ohne daß ich es dir erzählte, mit ihm gesprochen. Er ist ein sehr scherzhafter Mann, aber doch ein tüchtiger Jäger.“

„Ja, das ist er, und noch weit mehr, nämlich ein treuer, aufopferungsfähiger Gefährte, den man lieb haben muß. Aber ich möchte dich etwas fragen; wirst du mir die richtige Antwort geben, mir die Wahrheit sagen?“

„Nscho-tschi lügt nicht,“ antwortete sie stolz und doch so einfach. „Am allerwenigsten aber würde sie dir eine Unwahrheit sagen.“

„Eure Krieger hatten den gefangenen Kiowas alles abgenommen, was sie bei sich hatten?“

„Ja.“

„Auch meinen drei Kameraden?“

„Ja.“

„Warum da mir nicht auch? Man hat den Inhalt meiner Taschen nicht angerührt.“

„Weil Winnetou, mein Bruder, es so befohlen hatte.“

„Und weißt du, weshalb er diesen Befehl gab?“

„Weil er dich liebte.“

„Trotzdem er mich für seinen Feind hielt?“

„Ja. Du sagtest vorhin, daß du ihn gleich vom ersten Augenblicke an lieb gehabt habest; dasselbe ist auch bei ihm mit dir der Fall gewesen. Es hat ihm sehr leid getan, dich für einen Feind halten zu müssen, und nicht nur für einen Feind“

Sie hielt inne, denn sie hatte etwas sagen wollen, wovon sie dachte, daß es mich beleidigen werde.

„Sprich weiter,“ bat ich.

„Nein.“

„So will ich es an deiner Stelle tun. Mich für seinen Feind halten zu müssen, das konnte ihm nicht wehe tun, denn man kann auch einen Feind achten; aber er hat geglaubt, daß ich ein Lügner, ein falscher, hinterlistiger Mensch sei. Nicht?“

„Du sagst es.“

„Hoffentlich sieht er nun ein, daß er sich da geirrt hat. Und nun noch eine Frage: Wie steht es mit Rattler, dem Mörder Klekih-petras?“

„Der wird soeben an den Marterpfahl gebunden.“

„Was? Jetzt? Soeben?“

„Ja.“

„Und das sagt man mir nicht? Warum hat man es mir verschwiegen?“

„Winnetou wollte es so haben.“

„Ja, aber warum?“

„Er glaubte, deine Augen könnten es nicht ersehen und deine Ohren es nicht erhören.“

„Wahrscheinlich hat er sich da nicht geirrt, und doch ist es mir möglich, es zu ersehen und auch zu erhören, wenn man meinen Wunsch berücksichtigt.“

„Welchen?“

„Sag erst, wo die Marter stattfinden wird!“

„Unten am Flusse, wo du dich vorhin befunden hast. Intschu tschuna hat euch fortgeführt, weil ihr nicht dabei sein sollt.“

„Ich will aber dabei sein! Welche Qualen hat man denn für ihn bestimmt?“

„Alle, welche gegen Gefangene ausgeübt zu werden pflegen. Er ist das schlimmste Bleichgesicht, welches den Apachen jemals in die Hände geraten ist. Er hat unsern weißen Vater, den wir liebten und verehrten, den Lehrer Winnetous, ohne alle Veranlassung ermordet; darum soll er nicht an nur einigen Qualen sterben, wie es bei anderen Gefangenen zu geschehen pflegt, sondern man wird alle Martern, die wir kennen, nach und nach an ihm erproben.“

„Das darf nicht sein; das ist unmenschlich!“

„Er hat es verdient!“

„Könntest du dabei sein, es mit ansehen?“

„Ja.“

„Du, ein Mädchen!“

Ihre langen Wimpern senkten sich. Sie richtete den Blick einige Zeit zur Erde, hob ihn dann wieder, sah mir ernst, beinahe vorwurfsvoll in die Augen und antwortete:

„Wunderst du dich darüber?“

„Ja. Ein Weib soll so etwas nicht ansehen können.“

„Ist es so bei euch?“

„Ja.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Du sagst die Unwahrheit, bist aber doch kein Lügner, denn du sagst sie unabsichtlich, unwissentlich. Du irrst dich.“

„So willst du das Gegenteil behaupten?“

„Ja.“

„Dann müßtest du unsere Frauen und Mädchen besser kennen als ich!“

„Vielleicht kennst du sie nicht! Wenn eure Verbrecher vor dem Richter stehen, so können andere Leute mit zuhören. Ist es so?“

„Ja.“

„Ich habe gehört, daß es da mehr Zuhörerinnen als Zuhörer gibt. Gehört eine Squaw dorthin? Ist es schön von ihr, sich von ihrer Neugierde nach einem solchen Orte treiben zu lassen?“

„Nein.“

„Und wenn bei euch ein Mörder hingerichtet wird, wenn man ihn aufhängt oder ihm den Kopf abschlägt, sind dann keine weißen Squaws dabei?“

„Das war früher.“

„Jetzt ist es ihnen verboten?“

„Ja.“

„Und den Männern auch?“

„Ja.“

„Also ist es allen verboten! Wäre es allen noch erlaubt, so würden auch die Squaws mitkommen. Oh, die Frauen der Bleichgesichter sind nicht so zart, wie du denkst. Sie können die Schmerzen sehr gut ertragen, aber die Schmerzen, welche Andere, Menschen oder Tiere erdulden. Ich bin nicht bei euch gewesen, aber Klekih-petra hat es uns erzählt. Dann ging Winnetou nach den großen Städten des Ostens, und als er zurückkehrte, berichtete er mir alles, was er gesehen und beobachtet hatte. Weißt du, was eure Squaws mit den Tieren tun, die sie kochen, braten und dann essen?“

„Nun?“

„Sie ziehen ihnen die Haut bei lebendigem Leibe ab; sie ziehen ihnen auch, während sie noch leben, den Darm heraus und werfen sie in das kochende Wasser. Und weißt du, was die Medizinmänner der Weißen tun?“

„Was meinst du?“

„Sie werfen lebendige Hunde in das kochende Wasser, um zu erfahren, wie lange sie dann noch leben, und ziehen ihnen die verbrühte Haut vom Leibe. Sie schneiden ihnen die Augen, die Zungen heraus; sie öffnen ihnen die Leiber; sie quälen sie auf noch viele andere Arten, um dann Bücher darüber zu machen.“

„Das ist Vivisektion und geschieht zum Besten der Wissenschaft.“

„Wissenschaft! Klekih-petra ist auch mein Lehrer gewesen; darum weiß ich, was du mit diesem Worte meinst. Was muß euer großer, guter Geist zu einer Wissenschaft sagen, welche nichts lehren kann, ohne daß sie seine Geschöpfe zu Tode martert! Und solche Martern nehmen eure Medizinmänner in ihren Wohnungen vor, wo die Squaws doch mit wohnen und es sehen müssen! Oder hören sie nicht das Schmerzgeheul der armen Tiere? Haben eure Squaws nicht Vögel in Käfigen in ihren Zimmern? Wissen sie nicht, welche Qual dies für den Vogel ist? Sitzen eure Squaws nicht zu tausenden dabei, wenn bei Wettrennen Pferde zu Tode geritten werden? Sind nicht Squaws dabei, wenn Boxer sich zerfleischen? Ich bin ein junges, unerfahrenes Mädchen und werde von euch zu den Wilden gerechnet; aber ich könnte dir noch vieles sagen, was eure zarten Squaws tun, ohne daß sie dabei den Schauder empfinden, den ich fühlen würde. Zähle die vielen Tausende von zarten, schönen, weißen Frauen, welche ihre Sklaven zu Tode gepeinigt und mit lächelndem Munde dabei gestanden haben, wenn eine schwarze Dienerin totgepeitscht wurde! Und hier haben wir einen Verbrecher, einen Mörder. Er soll sterben, so wie er es verdient hat. Ich will dabei sein, und das verurteilst du! Ist es wirklich unrecht von mir, daß ich so einen Menschen ruhig sterben sehen kann? Und wenn es ein Unrecht wäre, wer trägt die Schuld, daß die Roten ihre Augen an solche Dinge gewöhnt haben? Sind es nicht die Weißen, welche uns zwingen, ihre Grausamkeiten mit Härte zu vergelten?“

„Ich glaube nicht, daß ein weißer Richter einen gefangenen Indianer zum Marterpfahle verurteilen wird.“

„Richter! Zürne mir nicht, wenn ich das Wort sage, welches ich so oft von Hawkens gehört habe: Greenhorn! Du kennst den Westen nicht. Wo gibt es hier Richter, nämlich das, was du mit diesem Worte meinst? Der Stärkere ist der Richter, und der Schwache wird gerichtet. Laß dir erzählen, was an den Lagerfeuern der Weißen geschehen ist! Sind die unzähligen Indianer, welche im Kampfe gegen die weißen Eindringlinge untergingen, alle schnell an einer Kugel, an einem Messerstiche gestorben? Wie viele von ihnen wurden zu Tode gemartert! Und doch hatten sie nichts getan als ihre Rechte verteidigt! Und nun bei uns ein Mörder sterben soll, der seine Strafe verdient hat, soll ich meine Augen davon abwenden, weil ich eine Squaw, ein Mädchen bin? Ja, einst waren wir anders; aber ihr habt uns gelehrt, Blut fließen zu sehen, ohne daß wir mit der Wimper zucken. Ich werde gehen, um dabei zu sein, wenn der Mörder Klekih-petras seine Strafe erleidet!“

Ich hatte die schöne, junge Indianerin als ein sanftes, stilles Wesen kennen gelernt; jetzt stand sie vor mir mit blitzenden Augen und glühenden Wangen, das lebende Bild einer Rachegöttin, die kein Erbarmen kennt. Fast wollte sie mir da noch schöner als vorher vorkommen. Durfte ich sie verurteilen? Hatte sie unrecht?

„So geh,“ sagte ich; „aber ich gehe mit.“

„Bleib lieber hier!“ bat sie, wieder in einem ganz andern Tone sprechend. „Intschu tschuna und Winnetou sehen es nicht gern, wenn du mitkommst.“

„Werden sie mir zürnen?“

„Nein. Sie wünschen es nicht, werden es dir aber nicht verbieten; du bist unser Bruder.“

„So gehe ich mit, und sie werden es verzeihen.“

Als ich mit ihr hinaus auf die Plattform trat, stand Sam Hawkens da. Er rauchte aus seiner alten, kurzen Savannenpfeife, denn er hatte auch Tabak erhalten.

„Ist jetzt eine andere Sache, Sir,“ sagte er schmunzelnd. „Bis vorhin Gefangene gewesen und jetzt die großen Herren spielen; das ist ein Unterschied. Wie geht es Euch unter den neuen Verhältnissen?“

„Danke, gut,“ antwortete ich.

„Mir auch ausgezeichnet. Der Häuptling hat uns selbst bedient. Das ist doch fein, wenn ich mich nicht irre!“

„Wo ist Intschu tschuna jetzt?“

„Fort, wieder nach dem Flusse.“

„Wißt Ihr, was jetzt dort geschieht?“

„Kann es mir denken.“

„Nun, was?“

„Zärtlicher Abschied von den lieben Kiowas.“

„Das weniger.“

„Was denn sonst?“

„Rattler wird gemartert.“

„Rattler wird gemartert? Und da führt man uns hierher? Da muß ich auch dabei sein! Kommt, Sir! Wir wollen schnell hinab!“

„Langsam! Könnt Ihr denn solche Szenen ersehen, ohne daß Euch der Schauder forttreibt?“

„Ersehen? Schauder? Was Ihr doch für ein Greenhorn seid, geliebter Sir! Wenn Ihr Euch erst länger hier im Westen befindet, so werdet Ihr auch nicht mehr ans Schaudern denken. Der Kerl hat den Tod verdient und wird auf indianische Weise hingerichtet; das ist alles!“

„Aber es ist Grausamkeit.“

„Pshaw! Redet doch bei so einem Subjekte nicht von Grausamkeit! Sterben muß er doch! Oder seid Ihr etwa auch damit nicht einverstanden?“

„O ja. Aber sie mögen es kurz mit ihm machen! Er ist ein Mensch!“

„Ein solcher Mann, der einen Andern, welcher ihm nicht das Mindeste getan hat, niederschießt, der ist kein Mensch mehr. Er war betrunken wie ein Vieh.“

„Das ist doch ein Milderungsgrund. Er wußte nicht mehr, was er tat.“

„Laßt Euch nicht auslachen! Ja, da drüben bei Euch im alten Lande, da sitzen die Herren Juristen zu Gericht und rechnen einem Jeden, dem es beliebt, in der Betrunkenheit ein Verbrechen zu begehen, den Schnaps als Milderungsgrund an. Verschärfen sollten sie die Strafe, Sir, verschärfen! Wer sich so sinnlos betrinkt, daß er wie ein wildes Tier über seinen Nebenmenschen herfällt, der sollte doch doppelt bestraft werden. Ich habe nicht das geringste Mitleid mit diesem Rattler. Denkt doch daran, wie er Euch behandelt hat!“

„Ich denke daran, aber ich bin ein Christ und kein Indianer. Ich werde alles versuchen, einen kurzen Tod für ihn zu erreichen.“

„Das laßt bleiben, Sir! Erstens verdient er es nicht, und zweitens wird alle Eure Mühe vergeblich sein. Klekih-petra ist der Lehrer, der geistige Vater des Stammes gewesen; sein Tod ist ein unersetzlicher Verlust für die Apachen, und der Mord geschah ohne alle Veranlassung. Aus diesen Gründen ist es gewiß unmöglich, die Roten zur Nachsicht zu bewegen.“

„Ich versuche es doch!“

„Aber vergeblich!“

„In diesem Falle schieße ich Rattlern eine Kugel in das Herz.“

„Um seine Qualen zu beenden? Das laßt ums Himmels willen sein! Ihr würdet Euch dadurch den ganzen Stamm zum Feinde machen. Es ist sein gutes Recht, die Art der Strafe zu bestimmen, und wenn Ihr ihn um dieses bringt, so ist es mit der jungen Freundschaft, welche wir geschlossen haben, sofort wieder aus. Also geht Ihr mit?“

„Ja.“

„Schön; aber macht ja keine Dummheiten! Ich will Dick und Will rufen.“

Er verschwand im Eingange zu seiner Wohnung und kehrte bald mit den beiden Genannten zurück. Wir stiegen die Etagen hinab. Nscho-tschi war uns vorangegangen und nicht mehr zu sehen. Als wir aus dem Seitentale in das Haupttal des Rio Pecos kamen, sahen wir die Kiowas nicht mehr. Sie waren mit ihrem verwundeten Häuptling fortgeritten, und Intschu tschuna war so klug und umsichtig gewesen, ihnen heimlich Späher nachzusenden, da es ihnen einfallen konnte, unbemerkt zurückzukehren, um sich zu rächen.

Ich habe schon gesagt, daß unser Ochsenwagen auf dem Platze stand. Als wir kamen, hatten die Apachen einen weiten Kreis um denselben gebildet. In der Mitte desselben standen die beiden Häuptlinge mit einigen Kriegern. Nscho-tschi war bei ihnen und sprach mit Winnetou. Obgleich sie die Tochter des Häuptlings war, durfte sie sich nicht in die Angelegenheiten der Männer mischen; wenn sie sich trotzdem jetzt nicht bei den Frauen befand, so war es gewiß nichts Unwichtiges, was sie ihrem Bruder zu sagen hatte. Als sie uns kommen sah, machte sie ihn, wie ich bemerkte, auf uns aufmerksam und zog sich dann zu den Squaws zurück. Sie hatte also wohl von uns mit ihm gesprochen. Winnetou durchbrach den Kreis seiner Krieger, kam uns entgegen und sagte in ernstem Tone:

„Warum sind meine weißen Brüder nicht oben im Pueblo geblieben? Gefallen ihnen die Wohnungen nicht, in welche sie geführt worden sind?“

„Sie gefallen uns,“ antwortete ich, „und wir danken unsrem roten Bruder für die Fürsorge, die er für uns getroffen hat. Wir kehren zurück, weil wir hörten, daß Rattler jetzt sterben soll. Ist dies so?“

„Ja.“

„Ich sehe ihn doch nicht!“

„Er liegt im Wagen bei der Leiche des Ermordeten.“

„Welche Todesart soll er erleiden?“

„Den Martertod.“

„Ist dies unvermeidlich beschlossen worden?“

„Ja.“

„Einen solchen Tod kann mein Auge nicht ersehen!“

„Deshalb hat Intschu tschuna, mein Vater, euch nach dem Pueblo gebracht. Warum seid ihr zurückgekehrt? Warum willst du etwas ansehen, was du nicht ersehen kannst?“

„Ich hoffe, daß ich seinem Tode beiwohnen kann, ohne daß ich mich mit Grauen abzuwenden brauche. Meine Religion gebietet mir, für Rattler zu bitten.“

„Deine Religion? War sie nicht auch die seinige?“

„Ja.“

„Hat er nach den Geboten derselben gehandelt?“

„Leider nein.“

„So hast du nicht nötig, ihre Gebote seinetwegen zu erfüllen. Deine und seine Religion verbietet den Mord; er hat trotzdem gemordet, folglich sind die Lehren dieser Religion nicht auf ihn anzuwenden.“

„Nach dem, was er getan hat, kann ich mich nicht richten. Ich muß meine Pflicht erfüllen, ohne nach den Gesinnungen und Taten anderer Menschen zu fragen. Ich bitte dich, eure Strenge zu mildern und diesen Mann eines schnellen Todes sterben zu lassen!“

„Was beschlossen ist, muß ausgeführt werden!“

„Unbedingt?“

„Ja.“

„So gibt es also kein Mittel, meinen Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen?“

Er blickte sehr ernst und nachdenklich zu Boden; dann antwortete er:

„Es gibt eines.“

„Welches?“

„Ehe ich es meinem weißen Bruder sage, muß ich ihn bitten, es lieber nicht in Anwendung zu bringen, weil dir dies bei unsern Kriegern sehr, sehr schaden würde.“

„Inwiefern?“

„Sie würden dich nicht so achten können, wie ich es um deinetwillen wünsche.“

„So ist dieses Mittel ein ehrloses, ein verächtliches?“

„Nach den Begriffen der roten Männer, ja.“

„Sage es mir!“

„Du müßtest unsere Dankbarkeit anrufen.“

„Ah! Das tut allerdings kein braver Mann!“

„Nein. Wir haben dir unser Leben zu verdanken. Wolltest du dich darauf berufen, so würdest du mich und Intschu tschuna, meinen Vater, zwingen, uns deines Wunsches anzunehmen.“

„In welcher Weise?“

„Wir würden eine neue Beratung halten und während derselben so für dich sprechen, daß unsere Krieger den Dank, den du forderst, anerkennen müßten. Dann aber würde alles, was du getan hast, ferner wertlos sein. Ist dieser Rattler ein solches Opfer wert?“

„Allerdings nicht!“

„Mein Bruder hört, daß ich aufrichtig mit ihm rede. Ich weiß, welche Gedanken und Gefühle in seinem Herzen wohnen; aber meine Krieger können solche Empfindungen nicht begreifen. Ein Mann, welcher Dank fordert, wird von ihnen verachtet. Soll Old Shatterhand, welcher der größte und berühmteste Krieger der Apachen werden kann, heute von uns fortgehen müssen, weil meine Krieger vor ihm ausspucken werden?“

Es wurde mir schwer, hierauf eine Antwort zu geben. Mein Herz gebot mir, bei meiner Fürbitte zu bleiben; mein Verstand, oder besser gesagt, mein Stolz war dagegen. Winnetou fühlte Teilnahme für den Zwiespalt in meinem Innern und sagte:

„Ich werde mit Intschu tschuna, meinem Vater, sprechen. Mein Bruder mag hier warten!“

Er ging.

„Macht keine Dummheiten, Sir!“ bat Sam. „Ihr ahnt gar nicht, was hierbei auf dem Spiele steht, vielleicht gar das Leben.“

„Das jedenfalls nicht!“

„O doch! Es ist wahr: der Rote verachtet einen Jeden, welcher direkt Dank von ihm fordert, ihn an das mahnt, was er ihm schuldet. Er tut dann wohl das, was man von ihm fordert, aber nachher kennt er den Betreffenden nicht mehr. Wir müßten wirklich heut noch fort und haben die feindlichen Kiowas vor uns. Was das bedeutet, das muß ich Euch doch wohl nicht erst sagen.“

Intschu tschuna und Winnetou sprachen eine Weile sehr ernst miteinander; dann kamen sie zu uns herbei, und der Erstere sagte:

„Hätte Klekih-petra uns nicht so viel von eurem Glauben gesagt, so würde ich dich für einen Mann halten, mit dem zu sprechen eine Schande ist. So aber kann ich deinen Wunsch sehr wohl begreifen, doch meine Krieger würden es nicht verstehen und dich verachten.“

„Es handelt sich nicht nur um mich, sondern auch um Klekih-petra, von dem du redest.“

„Wieso um ihn?“

„Er besaß denselben Glauben, der mir meine Bitte gebietet, und ist in diesem Glauben gestorben. Seine Religion gebot ihm, dem Feinde zu verzeihen. Glaube mir, wenn er noch lebte, so würde er es nicht zugeben, daß sein Mörder eines solchen Todes sterbe.“

„Denkst du das wirklich?“

„Ja, ich bin davon überzeugt.“

Er schüttelte langsam den Kopf und sagte:

„Was sind diese Christen doch für Menschen! Entweder sind sie schlecht, und dann ist ihre Schlechtigkeit so groß, daß man sie nicht zu begreifen vermag. Oder sie sind gut, und dann ist ihre Güte ebenso unbegreiflich!“

Hierauf sah er seinem Sohne und dieser wieder ihm in die Augen. Sie verstanden sich; sie hielten Zwiesprache miteinander nur durch diese Blicke. Dann wendete sich Intschu tschuna wieder mir zu, indem er fragte:

„Dieser Mörder war auch dein Feind?“

„Ja.“

„Hast du ihm verziehen?“

„Ja.“

„So höre, was ich dir sage! Wir wollen erfahren, ob noch eine kleine, kleine Spur des Guten in ihm wohnt. Ist dies der Fall, so werde ich versuchen, dir deinen Wunsch zu erfüllen, ohne daß es dir Schaden macht. Setzt euch hier nieder und wartet, was geschieht. Wenn ich dir einen Wink gebe, so kommst du zu dem Mörder und forderst von ihm, daß er dich um Verzeihung bitte. Tut er dies, so soll er schnell sterben.“

„Darf ich ihm dies sagen?“

„Ja.“

Intschu tschuna kehrte mit Winnetou wieder in den Kreis zurück, und wir setzten uns da nieder, wo wir jetzt gestanden hatten.

„Das hätte ich nicht gedacht,“ meinte Sam, „daß der Häuptling doch auf Euren Wunsch eingeht. Ihr müßt sehr gut bei ihm stehen.“

„Das tut es nicht; der Grund ist ein anderer.“

„Welcher?“

„Es ist der Einfluß Klekih-petras, der sich selbst nach seinem Tode geltend macht. Diese Roten haben vom wahren, innern Christentume mehr in sich aufgenommen, als sie ahnen. Ich bin sehr neugierig, was nun geschieht.“

„Werdet es gleich sehen. Paßt nur auf!“

Jetzt wurde die Plahe von dem Wagen entfernt. Wir sahen, daß man einen langen, kofferähnlichen Gegenstand, auf welchem ein Mensch festgebunden war, herabnahm.

„Das ist der Sarg,“ meinte Sam Hawkens; „aus hohlgebrannten Baumklötzen zusammengesetzt und mit naßgemachten Fellen überzogen. Wenn das Leder trocken wird, zieht es sich zusammen, und der Sarg wird dadurch luftdicht verschlossen.“

Unfern von der Stelle, wo das Seiten- auf das Haupttal stieß, erhob sich ein Felsen, an welchem aus großen Steinen ein vorn offenes Viereck zusammengesetzt worden war. Daneben lagen noch viele Steine, welche hier zusammengetragen worden waren. Nach diesem Steinvierecke wurde der Sarg mitsamt dem Manne, der mit ihm zusammengebunden war, getragen. Dieser Mann war Rattler.

„Wißt Ihr, warum man dort die Steine zusammengeschafft hat?“ fragte Sam.

„Ich denke es mir.“

„Nun, wozu?“

„Man will das Grab daraus bauen.“

„Richtig! Ein Doppelgrab.“

„Für Rattler mit?“

„Ja. Der Mörder wird mit seinem Opfer begraben, was eigentlich nach jedem Morde geschehen sollte, wenn es möglich wäre.“

„Schrecklich! Lebendig an den Sarg des Ermordeten gefesselt zu sein und dabei zu wissen, daß dies zugleich die eigene letzte Lagerstätte ist!“

„Ich glaube gar, Ihr bedauert den Menschen wirklich! Daß Ihr für ihn gebettelt habt, das kann ich noch begreifen, aber Mitleid mit ihm zu haben, das verstehe ich wirklich nicht.“

Jetzt wurde der Sarg aufgerichtet, so daß Rattler auf seine Füße zu stehen kam. Man band beide, den Sarg und den Menschen, mit starken Riemen an die Steinmauer fest. Die Roten, Männer, Frauen und Kinder, näherten sich der Stelle und bildeten einen Halbkreis um dieselbe. Es herrschte tiefe, erwartungsvolle Stille. Winnetou und Intschu tschuna standen neben dem Sarge, der Eine rechts und der Andere links davon. Da erhob der Häuptling seine Stimme:

„Die Krieger der Apachen sind hier versammelt, Gericht zu halten, denn es hat das Volk der Apachen ein großer, schwerer Verlust betroffen, den der Schuldige mit seinem Leben bezahlen soll.“

Intschu tschuna sprach weiter, indem er in der indianischen, bilderreichen Weise von Klekih-petra, seinem Charakter und seinem Wirken redete und dann ausführlich erzählte, in welcher Weise sich die Ermordung ereignet hatte. Er berichtete über die Gefangennahme Rattlers und machte zum Schlusse bekannt, daß dieser jetzt zu Tode gemartert und dann grad so, wie er an den Sarg gebunden war, mit dem Toten begraben werden solle. Hierauf sah er zu mir herüber und gab mir den erwarteten Wink.

Wir standen auf und wurden, als wir hinkamen, in den Halbkreis aufgenommen. Vorhin hatte ich wegen der Entfernung den Verurteilten nicht deutlich sehen können; jetzt stand ich vor ihm und fühlte, so schlecht und gottlos er gewesen war, doch ein tiefes Mitleid mit diesem Menschen.

Der auf das Fußende gestellte Sarg war über doppelt mannesstark und über vier Ellen lang. Er sah aus, als habe man von einem dicken Baumstamm einen Klotz abgesägt und diesen mit Leder überzogen. Rattler war in der Weise mit dem Rücken auf diesen Sarg befestigt, daß seine Arme nach hinten lagen und seine Füße jetzt auseinander standen. Man sah ihm an, daß er weder Hunger noch Durst zu leiden gehabt hatte. Ein Knebel verschloß ihm den Mund; er hatte also jetzt nicht sprechen können. Auch sein Kopf war so befestigt, daß er denselben nicht bewegen konnte. Als ich kam, nahm Intschu tschuna ihm den Knebel aus dem Mund und sagte zu mir:

„Mein weißer Bruder hat mit diesem Mörder reden wollen. Es mag geschehen!“

Rattler sah, daß ich frei war; ich mußte mich also mit den Indianern befreundet haben; das konnte er sich sagen. Darum hatte ich geglaubt, er werde mich bitten, bei ihnen ein gutes Wort für ihn einzulegen. Statt dessen aber fuhr er, sobald der Knebel entfernt worden war, mich giftig an:

„Was wollt Ihr von mir? Packt Euch fort; ich mag nichts mit Euch zu schaffen haben!“

„Ihr habt gehört, daß Ihr zum Tode verurteilt worden seid, Mr. Rattler,“ antwortete ich ruhig. „Daran ist nichts zu ändern. Sterben müßt Ihr unbedingt. Aber ich will Euch“

„Fort, Hund, fort!“ unterbrach er mich, wobei er mich anspucken wollte, mich aber nicht traf, weil er den Kopf nicht bewegen konnte.

„Also sterben müßt Ihr,“ fuhr ich unbeirrt fort, „doch in welcher Weise, das soll auf Euch ankommen. Ihr sollt zu Tode gemartert werden; das heißt, man wird Euch lange, lange quälen, vielleicht heut, vielleicht auch noch morgen den ganzen Tag. Das ist entsetzlich, und ich mag es nicht haben. Auf meine Bitte hat sich Intschu tschuna bereit erklärt, Euch schnell sterben zu lassen, falls Ihr die Bedingung erfüllt, welche er daran knüpfte.“

Ich hielt inne, denn ich dachte, daß er mich nach dieser Bedingung fragen werde. Statt dessen aber warf er mir einen so schrecklichen Fluch zu, daß es ganz unmöglich ist, denselben wiederzugeben.

„Diese Bedingung ist, daß Ihr mich um Verzeihung bitten sollt,“ erklärte ich weiter.

„Um Verzeihung? Dich um Verzeihung bitten?“ schrie er. „Lieber beiße ich mir die Zunge ab und erleide alle Qualen, die sich diese roten Schufte ausdenken können!“

„Wohlgemerkt, Mr. Rattler, ich bin es nicht, der diese Bedingung gestellt hat, denn ich brauche Eure Bitte nicht. Intschu tschuna hat es so gewollt, und da ich es Euch sagen sollte, so will ich dies hiermit getan haben. Bedenkt, in welcher Lage Ihr Euch befindet, und was Euch droht! Es steht Euch Schreckliches bevor, eine ganz entsetzliche Todesart, welcher Ihr dadurch entgehen könnt, daß Ihr nur das eine, kleine Wort Pardon aussprecht.“

„Fällt mir nicht ein, nie, nie! Macht Euch fort von hier! Ich mag Euer schurkisches Gesicht nicht sehen. Geht zum Teufel und meinetwegen auch noch weiter!“

„Wenn ich Euch den Willen tue und fortgehe, ist’s für Euch zu spät; ich komme dann nicht wieder. Also seid verständig, und sagt das kleine Wort!“

„Nein, nein und nein!“ brüllte er.

„Ich bitte Euch darum!“

„Fort, fort, sage ich! Himmel und Hölle, warum bin ich angebunden! Hätte ich die Hände frei, so wollte ich Euch den Weg zeigen!“

„Well, Ihr sollt Euren Willen haben, aber ich sage Euch, daß ich nicht wiederkommen werde, wenn Ihr mich nachher ruft.“

„Ich dich rufen? Dich, dich? Das bilde dir ja nicht ein! Packe dich fort, sage ich, packe dich!“

„Ich will gehen. Vorher aber noch Eins: Habt Ihr noch einen Wunsch? Ich will ihn Euch erfüllen. Einen Gruß an irgend Jemand? Habt Ihr Verwandte, denen ich vielleicht Nachricht bringen kann?“

„Geh in die Hölle, und sag dort, daß du ein verdammter Schurke bist! Du hast mit diesen Roten gemeinschaftliche Sache gemacht und mich in ihre Gewalt gebracht. Dafür mag“

„Ihr irrt,“ unterbrach ich ihn. „Also Ihr habt keinen Wunsch vor Eurem Tode?“

„Nur den einen, daß Ihr mir bald nachfolgen mögt, nur diesen einen!“

„Gut, so sind wir fertig, und ich habe nichts mehr zu tun, als Euch als Christ den Rat zu geben: Fahrt nicht in Euern Sünden dahin, sondern denkt an Eure Taten und an die Vergeltung, die Euch jenseits erwartet!“

Was er hierauf antwortete, kann ich wieder nicht sagen; es überlief mich eiseskalt bei seinen Worten. Intschu tschuna nahm mich bei der Hand und führte mich fort, indem er sagte:

„Mein junger, weißer Bruder sieht, daß dieser Mörder keine Fürbitte verdient; er ist ein Christ. Ihr nennt uns Heiden; aber würde ein roter Krieger solche Worte sprechen?“

Ich antwortete ihm nicht, denn was hätte ich auch sagen können oder sollen? Dieses Verhalten Rattlers hatte ich nicht erwartet. Er hatte sich früher so feig, so furchtsam gezeigt und wirklich gezittert, als von den Marterpfählen der Indianer die Rede gewesen war. Und nun, heute tat er so, als ob er sich aus allen Qualen der Welt gar nichts mache!

„Das ist nicht etwa Mut von ihm,“ sagte Sam, „sondern Wut, nichts als Wut.“

„Worüber?“

„Ueber Euch, Sir. Er denkt, Ihr seid schuld, daß er in die Hände der Roten gefallen ist. Er hat Euch seit dem Tage, an welchem wir gefangen genommen wurden, nicht erblickt; jetzt sieht er Euch und uns frei; die Roten sind freundlich gegen uns, während er sterben soll. Das ist für ihn natürlich Grund genug, anzunehmen, daß wir falsche Karte gespielt haben. Aber laßt nur die Qualen beginnen, so wird er ganz anders pfeifen. Paßt auf, ich habe es gesagt, wenn ich mich nicht irre!“

Die Apachen ließen uns nicht lange auf den Beginn des traurigen Spieles warten. Ich hatte eigentlich die Absicht, mich zu entfernen; aber ich hatte so Etwas noch nicht gesehen und beschloß also, so lange zu bleiben, bis es mir nicht mehr möglich sei, länger zuzusehen.

Die Zuschauer setzten sich nieder. Mehrere junge Krieger traten, mit den Messern in den Händen, vor und stellten sich ungefähr fünfzehn Schritte von Rattler auf. Sie warfen ihre Messer nach ihm, hüteten sich aber, ihn zu treffen, sondern die Klingen fuhren alle in den Sarg, auf den er gebunden war. Das erste Messer stak links und das zweite rechts von seinem Fuße, aber so nahe an demselben, daß fast gar kein Zwischenraum vorhanden war. Die beiden nächsten Messer wurden weiter aufwärts gezielt, und so ging es fort, bis seine beiden Beine von vier Messerreihen eng eingesäumt waren.

Bis jetzt hatte er sich leidlich gehalten. Nun aber schwirrten die Messer höher und immer höher auf ihn zu, denn es galt, die Umrisse seines Körpers mit denselben zu spicken. Da bekam er Angst. Sobald ein Messer auf ihn zugeflogen kam, stieß er einen Angstschrei aus. Und diese Schreie wurden um so lauter und schriller, je höher die Indianer ihr Ziel nahmen.

Als dann der Oberkörper auch zwischen lauter Messern steckte, kam der Kopf daran. Das erste Messer fuhr rechts neben seinem Halse in den Sarg, das zweite links; so ging es hüben und drüben am Gesichte bis zum Scheitel empor, bis keine Klinge mehr Platz finden konnte. Dann wurden die Messer alle wieder herausgezogen. Es war das nur ein Vorspiel gewesen, ausgeführt von jungen Leuten, welche zeigen sollten, daß sie gelernt hatten, ruhig zu zielen und sicher zu werfen. Sie suchten ihre Plätze auf und setzten sich nieder.

Hierauf bestimmte Intschu tschuna ältere Leute, welche auf dreißig Schritte Entfernung werfen sollten. Als der Erste dazu bereit war, trat der Häuptling zu Rattler heran, zeigte auf seinen rechten Oberarm und gebot:

„Hierher treffen.“

Das Messer kam geflogen, traf ganz genau den bezeichneten Punkt und fuhr durch den Muskel, diesen anspießend, in den Sargdeckel. Das war Ernst. Rattler fühlte den Schmerz und stieß ein Geheul aus, als ob es ihm bereits an das Leben gehe. Das zweite Messer fuhr durch denselben Muskel des andern Armes, und das Geheul verdoppelte sich. Der dritte und vierte Wurf waren nach dem Oberschenkel gerichtet und trafen auch dort ganz genau die Stellen, welche der Häuptling jedesmal vorher bezeichnete. Man sah kein Blut fließen, da Rattler nicht entkleidet war und die Indianer für jetzt nur solche Stellen treffen durften, wo die Verwundung keine Gefahr und also keine Verkürzung des Schauspieles mit sich brachte.

Vielleicht hatte Rattler geglaubt, daß man es gar nicht so ernst mit seinem Tode meine; jetzt mußte er einsehen, daß dies eine falsche Ansicht gewesen war. Er bekam noch Messer in die Vorderarme und in die Unterschenkel. Hatte er vorher nur einzelne Schreie ausgestoßen, so heulte er jetzt in Einem fort.

Die Zuschauer murrten, zischten und gaben in vielfältig anderer Weise ihre Mißachtung zu erkennen. Ein Indianer am Marterpfahle benimmt sich da ganz anders. Sobald das Schauspiel, welches mit seinem Tode endigen soll, beginnt, stimmt er seinen Sterbegesang an, in welchem er seine Taten preist und diejenigen, die ihn martern, verhöhnt. Je größere Schmerzen man ihm zufügt, desto größer sind die Beleidigungen, die er ihnen zuwirft; nie aber wird er eine Klage ausstoßen, einen Schmerzensschrei hören lassen. Ist er dann tot, verkündigen seine Feinde seinen Ruhm und begraben ihn mit allen indianischen Ehren. Es ist ja dann auch für sie eine Ehre gewesen, zu einem so ruhmvollen Tode beizutragen.

Anders ist es bei einem Feiglinge, welcher bei der geringsten Verwundung schreit und brüllt und wohl gar um Gnade bittet. Diesen zu martern, ist keine Ehre, sondern beinahe eine Schande; darum findet sich schließlich kein wackerer Krieger mehr, der sich ferner mit ihm beschäftigen will, und er wird erschlagen oder auf sonst eine ehrlose Weise vom Leben zum Tode gebracht.

So ein Feigling war Rattler. Seine Verwundungen waren gering und noch nicht gefährlich; sie mochten ihm zwar einige Schmerzen bereiten, aber von Qualen war noch gar keine Rede. Dennoch heulte und zeterte er, als ob er alle Qualen der Hölle fühle, und brüllte dabei immerfort meinen Namen, mich auffordernd, zu ihm zu kommen. Da ließ Intschu tschuna eine Pause eintreten und forderte mich auf:

„Mein junger, weißer Bruder mag zu ihm gehen und ihn fragen, warum er so schreit. Die Messer können ihm bis jetzt noch gar nicht wehe getan haben.“

„Ja, kommt her, Sir, kommt her!“ rief Rattler. „Ich muß mit Euch reden!“

Ich ging hin und fragte:

„Was wollt Ihr nun von mir?“

„Zieht mir die Messer aus den Armen und Beinen!“

„Das darf ich nicht.“

„Aber ich muß doch daran sterben! Wer kann denn so viele Verwundungen aushalten?“

„Sonderbar! Habt Ihr denn etwa geglaubt, daß Ihr leben bleiben sollt?“

„Ihr lebt doch auch!“

„Ich habe niemanden ermordet!“

„Ich kann nicht dafür, daß ich es tat. Ihr wißt ja, daß ich betrunken war!“

„Die Tat bleibt dieselbe. Ich habe Euch oft vor dem Branntwein gewarnt. Ihr hörtet nicht und habt nun die Folgen zu tragen.“

„Ihr seid ein ganz harter und gefühlloser Mensch! So bittet doch für mich!“

„Das habe ich getan. Sagt Pardon, so werdet Ihr schnell sterben und nicht langsam gequält werden.“

„Schnell sterben! Ich will aber nicht sterben! Ich will leben, leben, leben!“

„Das ist unmöglich.“

„Unmöglich? Also gibt es keine Rettung?“

„Nein.“

„Keine Rettung keine, keine, keine!“

Er brüllte das aus vollem Halse hinaus und begann dann ein solches Wehklagen und Jammern, daß ich es nicht länger bei ihm aushalten konnte, sondern mich entfernte.

„Bleibt doch, Sir, bleibt bei mir!“ schrie er mir nach. „Sonst fangen sie wieder mit mir an!“

Da fuhr ihn der Häuptling an:

„Heule nicht länger, Hund! Du bist ein stinkender Coyote, den kein Krieger mit seiner Waffe mehr berühren mag.“

Und sich an seine Leute wendend, fuhr er fort:

„Welcher von den Söhnen der tapferen Apachen will sich noch mit diesem Feiglinge abgeben?“

Keiner antwortete.

„Also niemand?“

Wieder dasselbe Schweigen wie vorher.

„Uff! Dieser Mörder ist nicht wert, von uns getötet zu werden. Er soll auch nicht mit Klekih-petra begraben werden. Wie könnte eine solche Kröte neben einem Schwane in den ewigen Jagdgründen erscheinen. Schneidet ihn los!“

Er gab zwei kleinen Knaben einen Wink. Diese sprangen auf, liefen hin, zogen ihm die Messer aus den Gliedern und schnitten ihn von dem Sarge los.

„Bindet ihm die Hände auf den Rücken!“ befahl der Häuptling weiter.

Die Knaben, die nicht älter als zehn Jahre waren, taten dies, und Rattler wagte nicht die geringste Bewegung des Widerstandes dabei. Welch eine Schande! Ich schämte mich fast, ein Weißer zu sein.

„Führt ihn an den Fluß, und stoßt ihn in das Wasser!“ lautete die nächste Weisung. „Wenn er das jenseitige Ufer glücklich erreicht, soll er frei sein.“

Rattler stieß einen Jubelruf aus und ließ sich von den Knaben nach dem Flusse schaffen. Sie stießen ihn auch wirklich hinein, denn er besaß nicht einmal so viel Ehrgefühl, selbst hineinzuspringen. Er ging zunächst unter, kam aber bald wieder empor und bemühte sich, auf dem Rücken schwimmend vorwärts zu kommen. Das war gar nicht schwer, obwohl ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Der Mensch geht infolge seines geringen spezifischen Gewichtes im Wasser nicht ganz unter, und die Beine hatte er ja frei; er konnte sich mit ihrer Hilfe fortbewegen, was ihm auch ganz leidlich gelang.

Sollte er das jenseitige Ufer erreichen dürfen? Das wünschte ich selbst gar nicht. Er hatte den Tod verdient. Ließ man ihn leben und entkommen, so machte man sich geradezu der Verbrechen schuldig, welche er in Zukunft begehen würde. Die beiden Knaben standen noch hart am Wasser und blickten ihm nach. Da gab ihnen Intschu tschuna den Befehl:

„Nehmt Flinten, und schießt ihn in den Kopf!“

Sie liefen zu der Stelle, wo einige der Krieger ihre Gewehre hingelegt hatten, und nahmen sich jeder eins davon. Diese kleinen Kerls wußten ganz wohl, wie man eine solche Waffe zu handhaben hat. Sie knieten am Ufer nieder und zielten auf Rattlers Kopf.

„Nicht schießen, um Gottes willen, nicht schießen!“ schrie er voller Entsetzen.

Die Knaben sprachen einige Worte mit einander; sie behandelten den Vorfall als kleine Sportsmen, indem sie ihn weiter und immer weiter schwimmen ließen, was ihnen der Häuptling stillschweigend zuließ. Ich ersah daraus, daß er gar wohl wußte, ob sie schießen konnten oder nicht. Dann stießen sie mit ihren hellen Kinderstimmen einen auffordernden Schrei aus und schossen ihre Gewehre ab. Rattler wurde in den Kopf getroffen und verschwand augenblicklich unter dem Wasser.

Kein Jubelruf erscholl, wie es sonst Gewohnheit der Roten ist, bei dem Tode dieses ihres Feindes. Ein solcher Feigling war es nicht wert, daß man seinetwegen nur einen Laut hören ließ. Die Verachtung der Indianer war so groß, daß sie sich gar nicht um seine Leiche kümmerten; sie ließen ihn flußabwärts treiben, ohne ihm einen Blick nachzusenden. Er konnte ja auch nur verwundet anstatt erschossen worden sein; ja, er konnte nur so getan haben, als ob er getroffen worden sei, und, so wie ich, untergetaucht sein, um an einer andern, für sie unsichtbaren Stelle wieder auf der Oberfläche zu erscheinen. Sie hielten es aber gar nicht für der Mühe wert, sich weiter mit ihm zu beschäftigen.

Intschu tschuna kam zu mir und fragte:

„Ist mein junger, weißer Bruder jetzt mit mir zufrieden?“

„Ja. Ich danke dir!“

„Du hast keinen Grund zum Danke. Auch wenn ich deinen Wunsch nicht gekannt hätte, würde ich genau so gehandelt haben. Dieser Hund war gar nicht wert, den Martertod zu erleiden. Heut hast du den Unterschied zwischen uns Heiden und euch Christen, zwischen tapfern, roten Kriegern und weißen Feiglingen gesehen. Die Bleichgesichter sind zu allen bösen Taten fähig, aber wenn es gilt, Mut zu zeigen, dann heulen sie vor Angst wie Hunde, welche Schläge bekommen sollen.“

„Der Häuptling der Apachen darf nicht vergessen, daß es überall tapfere und feige, gute und böse Menschen gibt!“

„Du hast recht, und ich wollte dich nicht beleidigen; aber dann darf auch kein Volk denken, daß es besser als ein anderes sei, weil dieses nicht dieselbe Farbe hat.“

Um ihn von diesem heiklen Gegenstand abzulenken, erkundigte ich mich:

„Was werden die Krieger der Apachen jetzt nun tun? Klekih-petra begraben?“

„Ja.“

„Darf ich mit meinen Gefährten dabei sein?“

„Ja. Wenn du nicht gefragt hättest, würde ich dich darum gebeten haben. Du hast damals mit Klekih-petra gesprochen, als wir fortgingen, um die Pferde zu holen. War es nur ein gewöhnliches Gespräch?“

„Nein, sondern ein sehr ernstes, für ihn und auch für mich wichtiges. Darf ich euch sagen, wovon wir geredet haben?“

Ich wendete jetzt die Mehrzahl an, weil Winnetou zu uns getreten war.

„Sage es!“ antwortete dieser.

„Als ihr fort waret, setzten wir uns zueinander. Wir bemerkten bald, daß seine Heimat auch die meinige sei, und unterhielten uns in unserer Muttersprache. Er hatte viel erlebt und viel erduldet und erzählte es mir. Er sagte mir, wie lieb er euch habe und daß es sein Wunsch sei, für Winnetou sterben zu können. Der große Geist hat ihm diesen Wunsch nur wenige Minuten später erfüllt.“

„Warum wollte er für mich sterben?“

„Weil er dich liebte, und aus noch einem anderen Grunde, den ich dir später wohl mitteilen werde. Sein Tod sollte eine Sühne sein.“

„Als er sterbend an meinem Herzen lag, redete er zu dir in einer Sprache, welche ich nicht verstand. Welche war es?“

„Unsere Muttersprache.“

„Sprach er da auch von mir?“

„Ja.“

„Was?“

„Er bat mich, dir treu zu bleiben.“

„Mir treu zu bleiben ? Du kanntest mich doch noch gar nicht!“

„Ich kannte dich, denn ich hatte dich gesehen, und wer Winnetou sieht, der weiß, wen er vor sich hat, und er hatte mir ja von dir erzählt!“

„Was antwortetest du ihm?“

„Ich versprach ihm, diesen Wunsch zu erfüllen.“

„Es war sein letzter, den er im Leben hatte. Du bist sein Erbe geworden. Du hast ihm gelobt, mir treu zu sein, hast mich behütet, bewacht und geschont, während ich dich als meinen Feind verfolgte. Der Stich meines Messers wäre für jeden Andern tödlich gewesen, doch dein starker Körper hat ihn überwunden. Ich stehe in tiefer, tiefer Schuld bei dir. Sei mein Freund!“

„Ich bin es längst.“

„Mein Bruder!“

„Von ganzem Herzen gern.“

„So wollen wir den Bund am Grabe dessen schließen, der meine Seele der deinigen übergeben hat! Ein edles Bleichgesicht ist von uns gegangen und hat uns, noch im Verscheiden, ein anderes, ebenso edles zugeführt. Mein Blut soll dein Blut und dein Blut soll mein Blut sein! Ich werde das deinige und du wirst das meinige trinken. Intschu tschuna, der größte Häuptling der Apachen, der mein Vater und Erzeuger ist, wird es mir erlauben!“

Intschu tschuna reichte uns seine Hände und sagte in einem von Herzen kommenden Tone:

„Ich erlaube es. Ihr werdet nicht nur Brüder, sondern ein einziger Mann und Krieger mit zwei Körpern sein. Howgh!“

Wir begaben uns nach der Stelle, wo das Grab errichtet werden sollte. Ich erkundigte mich nach dem Maße, der Bauart und der Höhe desselben und bat mir dann einige Tomahawks aus. Hierauf ging ich mit Sam, Dick Stone und Will Parker flußaufwärts in den Wald, wo wir uns passendes Holz aussuchten und mit Hilfe der Tomahawks aus demselben ein Kreuz zimmerten. Als wir mit demselben nach dem Lagerplatze zurückkehrten, hatten die Trauerfeierlichkeiten begonnen. Die Roten hatten sich um den Bau, der rasch fortgeschritten und beinahe beendet war, niedergelassen und sangen ihre eintönigen, ganz eigenartigen und tief ergreifenden Totenlieder. Der dumpfe, monotone Klang derselben wurde von Zeit zu Zeit von einem schrillen, spitzen Klageschrei übertönt, welcher wie ein rascher Blitz aus schweren, dichten Wolkenmassen emporschoß.

Ein Dutzend Indianer waren unter Anleitung der beiden Häuptlinge an dem Baue beschäftigt, und zwischen ihnen und der klagenden Schar tanzte in grotesken, langsamen Bewegungen und Sprüngen eine sonderbar verhüllte und mit allerlei Insignien behangene Gestalt herum.

„Wer ist das?“ fragte ich. „Der Medizinmann?“

„Ja,“ antwortete Sam.

„Indianische Gebräuche bei dem Begräbnisse eines Christen! Was sagt Ihr dazu, lieber Sam?“

„Paßt Euch das nicht?“

„Eigentlich nicht.“

„Laßt es Euch ruhig gefallen, Sir! Sagt ja kein Wort dagegen! Ihr würdet die Apachen ganz fürchterlich beleidigen.“

„Aber dieser Mummenschanz widerstrebt mir außerordentlich, mehr, als Ihr denkt!“

„Er ist gut gemeint. Meint Ihr vielleicht, daß er heidnisch sei?“

„Natürlich!“

„Unsinn! Diese braven, guten Leute glauben an einen großen Geist, zu dem der verstorbene Freund und Lehrer gegangen ist. Sie begehen die Abschieds-, die Todesfeier in ihrer Weise, und alles, was der Medizinmann dabei tut und vornimmt, ist von symbolischer Bedeutung. Laßt sie also ruhig gewähren! Sie werden uns auch nicht hindern, das Grabmal mit unserm Kreuze zu krönen.“

Als wir dieses neben dem Sarge niederlegten, fragte Winnetou:

„Soll dieses Zeichen des Christentums mit an die Steine kommen?“

„Ja.“

„Das ist recht. Ich hätte meinen Bruder Old Shatterhand gebeten, ein Kreuz zu machen, denn Klekih-petra hatte in seiner Wohnung eins und betete vor demselben. Darum wünschte ich, daß dieses Zeichen seines Glaubens auch an seinem Grabe wache. Welchen Platz soll es bekommen?“

„Es soll oben aus dem Grabmale ragen.“

„So wie bei den großen, hohen Häusern, in denen die Christen zum guten Geiste beten? Ich werde es so anbringen lassen, wie du es wünschest. Setzt euch nieder, und seht zu, ob wir es richtig machen!“

Nach einiger Zeit war der Bau vollendet; er wurde von unserm Kreuze gekrönt und hatte vorn eine Oeffnung für den Sarg, der jetzt noch im Freien stand.

Da kam Nscho-tschi. Sie war eben im Pueblo gewesen, um zwei aus Ton gebrannte Schalen zu holen, mit denen sie zum Flusse ging, um sie mit Wasser zu füllen. Als sie dies getan hatte, kam sie zu uns und stellte sie auf den Sarg, wozu, das sollte ich bald erfahren.

Jetzt war alles für das Begräbnis vorbereitet. Intschu tschuna gab mit der Hand ein Zeichen, worauf die Klagegesänge verstummten. Der Medizinmann hockte sich auf die Erde nieder. Der Häuptling trat an den Sarg und sprach langsam und in feierlichem Tone:

„Die Sonne geht des Morgens im Osten auf und sinkt des Abends im Westen nieder, und das Jahr erwacht zur Frühlingszeit und geht im Winter wieder schlafen. So ist es auch mit dem Menschen. Ist es so?“

„Howgh!“ erschallte es dumpf rund umher.

„Der Mensch geht auf wie die Sonne und sinkt wieder nieder in das Grab. Er kommt wie ein Frühling auf die Erde und legt sich wie der Winter zur Ruhe. Aber wenn die Sonne untergegangen ist, so erscheint sie am nächsten Morgen wieder, und wenn der Winter verstreicht, so ist der Frühling wieder da. Ist es so?“

„Howgh!“

„So hat uns Klekih-petra gelehrt. Der Mensch wird in das Grab gelegt, aber jenseits des Todes steht er auf wie ein neuer Tag und wie ein neuer Frühling, um im Lande des großen, guten Geistes weiter zu leben. Das hat uns Klekih-petra gesagt, und jetzt weiß er, ob er die Wahrheit gesprochen hat, denn er ist verschwunden wie der Tag und das Jahr, und seine Seele ging ein zur Wohnung der Verstorbenen, nach der er sich immer sehnte. Ist es so?“

„Howgh!“

„Sein Glaube war nicht der unserige, und der unserige war nicht der seinige. Wir lieben unsere Freunde und hassen unsere Feinde; er aber lehrte, daß man auch seine Feinde lieben solle, denn sie seien auch unsere Brüder. Das wollten wir nicht glauben; aber so oft wir ihm und seinen Worten gehorchten, hat es uns zum Nutzen und zur Freude gereicht. Vielleicht ist sein Glaube doch auch der unserige, nur daß wir ihn nicht so begreifen konnten, wie er wünschte, daß wir ihn verstehen sollten. Wir sagen, unsere Seelen gehen nach den ewigen Jagdgründen, und er behauptete, die seinige gehe ein zur ewigen Seligkeit. Oft denke ich, unsere Jagdgründe seien diese ewige Seligkeit. Ist es so?“

„Howgh!“

„Oft erzählte er uns von dem Erlöser, welcher gekommen sei, alle Menschen selig zu machen. Wir haben an die Wahrheit seiner Worte geglaubt, denn in seinem Munde hat es niemals eine Lüge gegeben. Dieser Erlöser ist für alle Menschen gekommen. Ist er auch schon bei den roten Männern gewesen? Wenn er käme, so würden wir ihn willkommen heißen, denn wir werden von den Bleichgesichtern unterdrückt und ausgerottet und sehnen uns nach ihm. Ist es so?“

„Howgh!“

„Das war seine Lehre. Nun spreche ich von seinem Ende. Es ist über ihn gekommen wie das Raubtier über seine Beute. Plötzlich und unerwartet war es da. Er war gesund und rüstig und stand an unserer Seite. Er sollte zu Pferde steigen und mit uns heimkehren; da traf ihn die Kugel eines Mörders. Meine Brüder und Schwestern mögen es beklagen!“

Es erschallte ein dumpfes Wehegeschrei, welches immer stärker und heller wurde, bis es in einem durchdringenden Heulen endete. Dann fuhr der Häuptling fort:

„Wir haben seinen Tod gerächt. Aber die Seele des Mörders ist ihm entgangen; sie kann ihn nicht jenseits des Grabes bedienen, denn sie war feig und wollte ihm nicht im Tode folgen. Der räudige Hund, dem sie gehörte, ist von Kindern erschossen worden, und seine Leiche schwimmt den Fluß hinab. Ist es so?“

„Howgh!“

„Nun ist er fort von uns; aber sein Körper ist uns geblieben, damit wir ihm ein Denkmal setzen, an welchem wir und unsere Nachkommen uns und sich erinnern können an den guten, weißen Vater, der unser Lehrer war und den wir lieb gehabt haben. Er war nicht in diesem Lande geboren, sondern er kam aus einem fernen Reiche, welches jenseits des großen Wassers liegt und welches man daran erkennt, daß dort die Eichen wachsen. Darum haben wir ihm zu Liebe und ihm zu Ehren Eicheln geholt, um sie um sein Grab zu säen. So wie sie keimen und aus der Erde wachsen, so wird seine Seele aus dem Grabe erwachen und jenseits desselben groß werden. Und so wie diese Eichen wachsen, so werden die Worte, die wir von ihm gehört haben, sich in unsern Herzen ausbreiten, daß unsere Seelen unter ihnen Schatten finden können. Er hat stets an uns gedacht und für uns gesorgt. Er ist auch nicht von uns gegangen, ohne uns ein Bleichgesicht zu senden, welches an seiner Stelle unser Freund und Bruder werden soll. Hier seht ihr Old Shatterhand, den weißen Mann, welcher aus demselben Lande stammt, aus welchem Klekih-petra zu uns kam. Er weiß alles, was dieser wußte, und ist ein noch stärkerer Krieger als er. Er hat den Grizzlybären mit dem Messer erstochen und schlägt jeden Feind mit seiner Faust zu Boden. Intschu tschuna und Winnetou waren wiederholt in seine Hand gegeben; aber er hat uns nicht getötet, sondern uns das Leben gelassen, weil er uns liebt und ein Freund der roten Männer ist. Ist es so?“

„Howgh!“

„Es ist Klekih-petras letztes Wort und letzter Wille gewesen, daß Old Shatterhand sein Nachfolger bei den Kriegern der Apachen sein möge, und Old Shatterhand hat ihm versprochen, diesen Wunsch zu erfüllen. Darum soll er in den Stamm der Apachen aufgenommen werden und als Häuptling gelten. Es soll so sein, als ob er rote Farbe hätte und bei uns geboren wäre. Damit dies bekräftigt werde, müßte er mit jedem erwachsenen Krieger der Apachen das Calumet rauchen; aber dies ist nicht nötig, denn er wird das Blut Winnetous trinken, und dieser wird das seinige genießen; dann ist er Blut von unserm Blute und Fleisch von unserm Fleische. Sind die Krieger der Apachen damit einverstanden?“

„Howgh, howgh, howgh!“ lautete dreimal die freudige Antwort aller Anwesenden.

„So mögen Old Shatterhand und Winnetou herbei zum Sarge treten und ihr Blut in das Wasser der Brüderschaft tropfen lassen!“

Also eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie kommt bei vielen wilden oder halbwilden Völkerschaften vor und wird dadurch geschlossen, daß die beiden Betreffenden entweder Blut von sich mischen und dann trinken oder daß das Blut des Einen von dem Andern und so auch umgekehrt getrunken wird. Die Folge davon ist, daß diese Beiden dann fester, inniger und uneigennütziger zusammenhalten, als wenn sie von Geburt Brüder wären.

Hier war es so, daß ich Winnetous Blut und er das meinige trinken sollte. Wir stellten uns zu beiden Seiten des Sarges auf, und Intschu tschuna entblößte den Vorderarm seines Sohnes, um ihn mit dem Messer zu ritzen. Es quollen aus dem kleinen, unbedeutenden Schnitte einige Blutstropfen, welche der Häuptling in die eine Wasserschale fallen ließ. Dann nahm er mit mir dieselbe Prozedur vor, bei welcher einige Tropfen in die andere Schale fielen. Winnetou bekam die Schale mit meinem Blute und ich die mit dem seinigen in die Hand; dann sagte Intschu tschuna:

„Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands. Trinkt!“

Ich leerte meine Schale und Winnetou die seinige. Es war Rio Pecos-Wasser mit einigen Blutstropfen, die man nicht schmeckte. Darauf reichte der Häuptling mir die Hand und sagte:

„Du bist nun grad wie Winnetou, der Sohn meines Leibes und ein Krieger unseres Volkes. Der Ruf deiner Taten wird schnell und überall bekannt werden, und kein anderer Krieger wird dich übertreffen. Du trittst als Häuptling der Apachen ein, und alle Stämme unseres Volkes werden dich als solchen ehren!“

Das war ein schnelles Avancement! Vor kurzem noch Hauslehrer in St. Louis, war ich dann Surveyor geworden, um jetzt als Häuptling unter Wilden aufgenommen zu werden! Aber ich gestehe, daß diese Wilden mir weit besser gefielen als die Weißen, mit denen ich es in der letzten Zeit zu tun gehabt hatte.

Um etwaigen Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich hier eine Bemerkung machen. Es kommt auch bei uns vor, daß von abenteuerlich gestimmten Leuten Blutsbruderschaften in ähnlicher Weise oder wohl gar mit absonderlichen, auf Aberglauben beruhenden Zeremonien geschlossen werden. Solchen Bruderschaften schreibt man ganz außerordentliche, geheimnisvolle Wirkungen zu, unter anderm auch die, daß beide Brüder in demselben Augenblicke sterben müssen. Wenn z. B. der eine, schwächere, kränkliche, nach Italien reist und dort an der Cholera stirbt, so wird der andere, starke, gesunde, der in Deutschland zurückgeblieben ist, in ganz derselben Sekunde tot umfallen. Das ist natürlich Unsinn. Von einem solchen Aberglauben war bei dem, was zwischen Winnetou und mir geschah, ganz und gar keine Rede. Es wurde dabei dem Genusse des Blutes weder von mir, noch von den Apachen irgendwelche Wirkung zugeschrieben, sondern er hatte nur eine rein symbolische, also bildliche Bedeutung.

Und doch, höchst sonderbar, trafen später stets die Worte Intschu tschunas zu, daß wir eine Seele mit zwei Körpern sein würden. Wir verstanden uns, ohne uns unsere Gefühle, Gedanken und Entschlüsse mitteilen zu müssen. Wir brauchten uns nur anzusehen, um genau zu wissen, was wir gegenseitig wollten; ja, dies war gar nicht einmal notwendig, sondern wir handelten selbst dann, wenn wir voneinander fern waren, mit einer wirklich erstaunlichen Uebereinstimmung, und es hat nie, niemals irgend eine Differenz zwischen uns gegeben. Das war aber nicht etwa die Wirkung des genossenen Blutes, sondern eine sehr natürliche Folge unserer innigen gegenseitigen Zuneigung und des liebevollen Eingehens und Einlebens des Einen in die Ansichten und individuellen Eigentümlichkeiten des Andern.

Als Intschu tschuna seine letzten Worte sprach, hatten sich alle Apachen, auch die Kinder, erhoben, um ein lautes, bekräftigendes Howgh auszurufen. Dann fügte der Häuptling hinzu:

„Jetzt ist der neue, der lebende Klekih-petra bei uns aufgenommen, und wir können den Toten seinem Grabe übergeben. Meine Brüder mögen dies nun tun!“

Er meinte diejenigen, welche mit an dem Grabmale gebaut hatten. Ich bat um Aufschub und winkte Hawkens, Stone und Parker herbei. Als sie bei mir standen, sprach ich über dem Sarge einige kurze Worte und schloß ein Gebet daran. Dann wurden die Ueberreste des einstigen Revolutionärs und späteren Büßers in das Innere des Steinbaues geschoben, worauf sich die Roten daran machten, die Oeffnung zu verschließen.

Das war meine erste Leichenfeier unter Wilden. Sie hatte mich tief ergriffen. Ich will nicht die Anschauungen kritisieren, welche Intschu tschuna dabei vorgebracht hatte. Es war viel Wahrheit mit viel Unklarheit vermengt gewesen; aber aus allem hatte ein Schrei nach Erlösung geklungen, nach einer Erlösung, welche er, wie einst das Volk Israel, sich äußerlich dachte, während sie doch nur eine innerliche, eine geistige sein konnte.

Während das Grab geschlossen wurde, erklangen wieder die Totenklagen der Indianer, und erst dann, als der letzte Stein eingefügt worden war, konnte die Feier als beendet gelten, und Jeder ging nun heiterern Beschäftigungen nach. Dies war vor allen Dingen das Essen, zu welchem mich Intschu tschuna zu sich einlud.

Er bewohnte das größte Gemach der schon erwähnten Etage. Es war sehr einfach ausgestattet, aber an den Wänden hing eine reiche, indianische Waffensammlung, welche mein lebhaftes Interesse in Anspruch nahm. Schöner Tag bediente uns, nämlich ihren Vater, Winnetou und mich, und ich fand, daß sie Meisterin in der Zubereitung indianischer Gerichte war. Gesprochen wurde wenig, ja fast gar nicht. Der Rote schweigt überhaupt gern, und heute war schon so viel geredet worden, daß man alles, was noch zu verhandeln war, gern für später aufhob. Nach dem Essen war die Dämmerung schnell da. Winnetou fragte mich:

„Will mein weißer Bruder ruhen oder mit mir gehen?“

„Ich gehe mit,“ antwortete ich, ohne mich zu erkundigen, wohin er wollte.

Wir stiegen vom Pueblo herab und gingen nach dem Flusse. Das hatte ich erwartet. Eine so tief gegründete Natur wie Winnetou wurde unbedingt zum Grabe des heute bestatteten Lehrers getrieben. Bei demselben angekommen, setzten wir uns dort nebeneinander nieder. Winnetou ergriff meine Hand und behielt sie in der seinigen, ohne lange Zeit ein Wort zu sagen, und ich hatte keine Veranlassung, die Stille zu unterbrechen.

Notwendigerweise muß ich hier bemerken, daß nicht alle Apachen, welche ich bisher gesehen hatte, mit ihren Angehörigen im Pueblo wohnten. Dazu wäre dieses, so groß es war, denn doch viel, viel zu klein gewesen. Es wurde nur von Intschu tschuna und seinen hervorragendsten Kriegern bewohnt und bildete den Mittelpunkt für die mit ihren Pferdeherden und jagend herumziehenden Zugehörigen des Stammes der Mescalero-Apachen. Von hier aus regierte der Häuptling diesen Stamm, und von hier aus unternahm er auch die weiten Ritte zu den andern Stämmen, die ihn als obersten Häuptling anerkannten. Dies waren die Llaneros, Jicarillas, Taracones, Chiriguais, Pinalenjos, Gilas, Mimbrenjos, Lipans, Kupferminenapachen und andere; ja selbst die Navajos pflegten sich, wenn nicht seinen Befehlen, so doch seinen Anordnungen zu fügen.

Diejenigen Mescaleros, welche nicht in das Pueblo gehörten, hatten sich nach dem Begräbnisse entfernt, und es waren nur so viele von ihnen zurückgeblieben, wie nötig waren, um die von den Kiowas überkommenen Pferde, welche in der Nähe weideten, zu beaufsichtigen. Darum saß ich jetzt mit Winnetou allein und unbeobachtet am Grabe Klekih-petras. Von diesem will ich erwähnen, daß am nächsten Tage wirklich Eicheln um dasselbe in die Erde gebracht wurden, welche später aufgingen. Die Bäume stehen noch jetzt.

Endlich brach Winnetou das Schweigen, indem er mich fragte:

„Wird mein Bruder Old Shatterhand vergessen, daß wir seine Feinde gewesen sind?“

„Es ist bereits vergessen,“ antwortete ich.

„Aber eines wirst du nicht vergeben können.“

„Was?“

„Die Beleidigung, welche mein Vater dir zugefügt hat.“

„Wann?“

„Als wir dich zum erstenmale trafen.“

„Ah, daß er mir in das Gesicht spuckte?“

„Ja.“

„Warum sollte ich dies nicht vergeben können?“

„Weil Speichel nur mit dem Blute des Betreffenden abgewaschen werden kann.“

„Winnetou mag sich nicht sorgen. Auch das ist bereits vergessen.“

„Mein Bruder sagt etwas, was ich unmöglich glauben kann.“

„Du kannst es glauben. Es ist ja längst bewiesen, daß ich es vergeben habe.“

„Wodurch?“

„Dadurch, daß ich es Intschu tschuna, deinem Vater, gar nicht übelgenommen habe. Oder meinst du, Old Shatterhand lasse sich anspucken, ohne auf diese Beleidigung, wenn er sie als eine solche betrachtet, sofort mit der Faust zu antworten?“

„Ja, wir wunderten uns später, daß du dies nicht getan hast.“

„Der Vater meines Winnetou konnte mich nicht beleidigen. Ich wischte den Speichel ab; dann war es vergeben und vergessen. Sprechen wir nicht mehr davon!“

„Und doch muß ich davon sprechen; das bin ich dir, meinem Bruder, schuldig.“

„Warum?“

„Du mußt die Sitten unsers Volkes erst noch kennen lernen. Kein Krieger gesteht gern einen Fehler ein, und ein Häuptling darf dies noch weniger tun. Intschu tschuna weiß, daß er unrecht gehabt hat, aber er darf dich nicht um Verzeihung bitten. Darum hat er mich beauftragt, mit dir zu sprechen. Winnetou bittet dich an Stelle seines Vaters.“

„Das ist gar nicht nötig; wir sind quitt, denn auch ich habe euch beleidigt.“

„Nein.“

„Doch! Ist nicht ein Faustschlag eine Beleidigung? Und ich habe euch doch mit der Faust geschlagen.“

„Das war im Kampfe, wo es nicht als Beleidigung gilt. Mein Bruder ist edel und großmütig; wir werden es ihm nicht vergessen.“

„Reden wir von anderen Dingen! Ich bin heut Apache geworden. Wie steht es mit meinen Kameraden?“

„Die können nicht in den Stamm aufgenommen werden, aber sie sind unsere Brüder.“

„Ohne Zeremonie?“

„Wir werden morgen mit ihnen die Pfeife des Friedens rauchen. In der Heimat meines weißen Bruders gibt es wohl kein Calumet?“

„Nein. Christen sind alle Brüder, ohne daß es der Ausübung irgend eines Gebrauches bedarf.“

„Alle Brüder? Gibt es keinen Krieg zwischen ihnen?“

„Allerdings auch.“

„So sind sie auch nicht anders und besser als wir. Sie lehren die Liebe und fühlen sie nicht. Warum hat mein Bruder sein Vaterland verlassen?“

Es ist bei den Roten nicht Sitte, solche Fragen auszusprechen. Winnetou konnte es aber tun, weil er jetzt mein Bruder war, der mich kennen lernen mußte. Doch wurde seine Frage nicht nur aus teilnehmender Neugierde ausgesprochen; er hatte noch einen andern Grund dabei.

„Um hier hüben das Glück zu suchen,“ antwortete ich.

„Das Glück! Was ist das Glück?“

„Reichtum!“

Er ließ, als ich dies sagte, meine Hand los, die er bis jetzt fest gehalten hatte, und es trat wieder eine Pause ein. Ich wußte, er hatte jetzt das Gefühl, sich doch in mir getäuscht zu haben.

„Reichtum!“ flüsterte er dann.

„Ja, Reichtum,“ wiederholte ich.

„Also darum darum darum!“

„Was?“

„Darum haben wir dich bei bei“

Es tat ihm doch wehe, das Wort aussprechen zu sollen. Ich vollendete es:

„Bei den Länderdieben gesehen?“

„Du sagst es. Du tatest es also, um reich zu werden. Meinst du denn wirklich, daß Reichtum glücklich macht?“

„Ja.“

„Da irrst du dich. Das Gold hat die roten Männer nur unglücklich gemacht; des Goldes wegen drängen uns noch heut die Weißen von Land zu Land, von Ort zu Ort, so daß wir langsam aber sicher untergehen werden. Das Gold ist die Ursache unsers Todes. Mein Bruder mag ja nicht danach trachten.“

„Das tu ich auch nicht.“

„Nicht? Und doch sagtest du, daß du das Glück im Reichtum suchest.“

„Ja, das ist wahr. Aber es gibt Reichtum verschiedener Art, Reichtum an Gold, an Weisheit und Erfahrung, an Gesundheit, an Ehre und Ruhm, an Gnade bei Gott und den Menschen.“

„Uff, uff! So meinst du es! Welcher Reichtum ist es denn, nach welchem du da trachtest?“

„Der letztere.“

„Gnade bei Gott! So bist du wohl ein sehr frommer, ein sehr gläubiger Christ?“

„Ob ich ein guter Christ bin, das weiß ich nicht, das weiß nur Gott; aber ich möchte es gern sein.“

„So hältst du uns für Heiden?“

„Nein. Ihr glaubt an den großen, guten Geist und betet keine Götzen an.“

„So erfülle mir eine Bitte!“

„Gern! Welche?“

„Sprich nicht vom Glauben zu mir! Trachte nicht danach, mich zu bekehren! Ich habe dich sehr, sehr lieb und möchte nicht, daß unser Bund zerrissen werde. Es ist so, wie Klekih-petra sagte. Dein Glaube mag der richtige sein, aber wir roten Männer können ihn noch nicht verstehen. Wenn uns die Christen nicht verdrängten und ausrotteten, so würden wir sie für gute Menschen halten und auch ihre Lehre für eine gute. Dann fänden wir wohl auch Zeit und Raum, das zu lernen, was man wissen muß, um euer heiliges Buch und eure Priester zu verstehen. Aber der, welcher langsam und sicher zu Tode gedrückt wird, kann nicht glauben, daß die Religion dessen, der ihn tötet, eine Religion der Liebe sei.“

„Du mußt unterscheiden zwischen der Religion und dem Anhänger derselben, welcher sich nur äußerlich zu ihr bekennt, aber nicht nach ihr handelt!“

„So sagen die Bleichgesichter alle; sie nennen sich Christen, handeln aber nicht danach. Wir aber haben unsern großen Manitou, welcher will, daß alle Menschen gut seien. Ich bemühe mich, ein guter Mensch zu sein, und bin da vielleicht ein Christ, ein besserer Christ als diejenigen, die sich zwar so nennen, aber keine Liebe besitzen und nur nach ihrem Vorteile trachten. Also sprich nie zu mir vom Glauben, und versuche nie, aus mir einen Mann zu machen, der ein Christ genannt wird, ohne es vielleicht zu sein! Das ist die Bitte, welche du mir erfüllen mußt!“

Ich habe sie ihm erfüllt und nie ein Wort der Bekehrung zu ihm gesagt. Aber muß man denn reden? Ist nicht die Tat eine viel gewaltigere, eine viel überzeugendere Predigt als das Wort? An ihren Werken sollt ihr sie erkennen, sagt die heilige Schrift, und nicht in Worten, sondern durch mein Leben, durch mein Tun bin ich der Lehrer Winnetous gewesen, bis er einst, nach Jahren, an einem mir unvergeßlichen Abende, mich selbst aufforderte, zu sprechen. Da saßen wir stundenlang beisammen, und in jener weihevollen Nacht ging all der im Stillen gesäete Samen plötzlich auf und brachte herrliche Frucht.

Jetzt begnügte ich mich damit, ihm die Hand zu drücken, zum Zeichen, daß ich seinen Wunsch erfüllen wolle. Dann fuhr er fort:

„Wie ist es denn gekommen, daß mein Bruder Old Shatterhand sich den Länderdieben angeschlossen hat? Wußte er denn nicht, daß dies ein Verbrechen an den roten Männern war?“

„Ich hätte es mir sagen können, habe aber gar nicht daran gedacht. Ich war froh, Surveyor werden zu dürfen, denn ich wurde sehr gut bezahlt.“

„Bezahlt? Ich denke, ihr seid gar nicht fertig geworden? Bezahlte man euch denn, bevor die Arbeit vollendet war?“

„Nein. Ich erhielt einen Vorschuß und die Ausrüstung. Das, was ich mir verdient habe, wäre mir nach beendetem Werke ausgezahlt worden.“

„Und nun kommst du um dieses Geld?“

„Ja.“

„Ist es viel?“

„Für meine Verhältnisse sehr viel.“

Er schwieg eine Weile; dann sagte er:

„Es tut mir sehr leid, daß mein Bruder durch uns solchen Schaden erlitten hat. Du bist nicht reich?“

„An allem andern reich, aber in Beziehung auf das Geld bin ich ein armer Teufel.“

„Wie lange hättet ihr noch zu messen gehabt, um zu Ende zu kommen?“

„Nur einige Tage.“

„Uff! Hätte ich dich so gekannt, wie ich dich jetzt kenne, so wären wir einige Tage später über die Kiowas hergefallen.“

„Damit ich hätte fertig werden können?“ fragte ich gerührt durch diesen Edelmut.

„Ja.“

„Das heißt, du hättest uns den Diebstahl vollends ausführen lassen?“

„Den Diebstahl nicht, sondern nur die Vermessung. Die Linien, welche ihr auf das Papier zeichnet, schaden uns noch nichts, denn damit ist der Raub noch nicht ausgeführt. Dieser beginnt vielmehr eigentlich erst dann, wenn die Arbeiter der Bleichgesichter kommen, um den Pfad des Feuerrosses zu bauen. Ich würde dir“

Er hielt mitten in seiner Rede inne, um über einen Gedanken, der ihm gekommen war, klar zu werden. Dann fuhr er fort:

„Müßtest du, um dein Geld zu erhalten, die Papiere haben, von denen ich soeben sprach?“

„Ja.“

„Uff! So wird es dir nie ausgezahlt werden, denn alles, was ihr gezeichnet habt, ist vernichtet worden.“

„Und was ist mit unsern Instrumenten geschehen?“

„Die Krieger, denen sie in die Hände fielen, wollten sie zerschlagen, aber ich gab dies nicht zu. Obgleich ich keine Schule der Bleichgesichter besucht habe, weiß ich doch, daß solche Gegenstände einen hohen Wert besitzen, und darum gab ich den Befehl, sie sorgfältig aufzubewahren. Wir haben sie mit hierher gebracht und gut aufgehoben. Ich werde sie meinem Bruder Old Shatterhand wiedergeben.“

„Ich danke dir. Ich nehme dieses Geschenk von dir an, obgleich es mir direkt nun keinen Nutzen bringt. Es ist mir aber sehr lieb, daß ich die Instrumente wieder abliefern kann.“

„Nutzen also bringen sie dir nicht?“

„Nein. Den würde ich nur dann haben, wenn ich die Vermessung vollends ausführen könnte.“

„Aber es fehlen dir doch die Papiere, welche vernichtet worden sind!“

„Nein. Ich war so vorsichtig, die Zeichnungen zweimal anzufertigen.“

„So besitzest du die zweiten noch?“

„Ja, hier in meiner Tasche. Du bist so gütig gewesen, zu befehlen, daß mir nichts genommen werden solle.“

„Uff, uff!“

Dieser Ausruf klang halb wie Verwunderung und halb wie Befriedigung; dann schwieg er wieder. Er bewegte, wie ich später erfuhr, in seinem Herzen einen Gedanken von solchem Edelmute, wie ein Weißer ihn wohl nie gefaßt, am allerwenigsten aber ausgeführt haben würde. Nach einiger Zeit stand er auf und sagte:

„Wir wollen heimkehren. Mein weißer Bruder ist durch uns geschädigt worden. Winnetou wird für Ersatz dieses Verlustes sorgen. Zunächst aber mußt du dich bei uns vollends erholen.“

Wir gingen nach dem Pueblo zurück, in welchem wir vier Weiße heut zum erstenmal als freie Männer schliefen. Am nächsten Tage wurde unter großen Feierlichkeiten zwischen Hawkens, Stone, Parker und den Apachen die Pfeife des Friedens geraucht. Es versteht sich ganz von selbst, daß dabei lange Reden gehalten wurden. Die schönste davon war diejenige Sams, welcher sie nach seiner Art so mit drolligen Ausdrücken spickte, daß die ernsten Indianer sich alle Mühe geben mußten, die Lustigkeit, welche sich ihrer dabei bemächtigte, nicht äußerlich merken zu lassen. Im Verlaufe dieses Tages wurde alles, was in Beziehung auf die Ereignisse der letzten Zeit unklar geblieben war, an das Tageslicht gezogen. Dabei kam wieder in Erwähnung, daß ich Intschu tschuna und Winnetou an jenem Abend losgeschnitten hatte, und Hawkens hielt mir da die folgende Standrede:

„Ihr seid ein hinterlistiger Mensch, ein ganz und gar hinterlistiger Mensch, Sir! Man pflegt doch gegen Freunde aufrichtig zu sein, besonders wenn man ihnen so viel zu verdanken hat wie Ihr uns. Wer und was waret Ihr denn eigentlich, als wir Euch in St. Louis zum erstenmal sahen? Ein Hauslehrer, welcher seinen Kindern das A b c vorwärts und das kleine Einmaleins rückwärts einbläuen mußte. Und so ein unglücklicher Kerl wäret Ihr geblieben, wenn wir uns Eurer nicht so liebevoll und nachsichtig angenommen hätten. Wir haben Euch aus diesem unglücklichen Einmaleins herausgerissen und mit bewundernswerter Sanftmut über die Savanne geschleppt, wenn ich mich nicht irre. Wir haben über Euch gewacht, wie eine zärtliche Mutter über ihr kleinstes Baby oder eine Henne über die von ihr ausgebrütete junge Ente wacht. Bei uns seid Ihr nach und nach zu Verstand gekommen, und wir sind es gewesen, die Euer Gehirn so ausgebildet haben, daß es nach der bisherigen Dunkelheit in demselben nun schon zuweilen bei Euch zu dämmern beginnt. Kurz und gut, wir sind Vater und Mutter, Onkel und Tante für Euch gewesen, haben Euch auf den Händen getragen, haben Euch körperlich mit den saftigsten Fleischbissen und geistig mit unserer Weisheit und Erfahrung aufgefüttert und dürfen dafür erwarten, daß Ihr uns Achtung, Ehrerbietung und Dankbarkeit zollt und nicht als Ente in das Wasser lauft, in welchem wir als Hennen elendiglich ertrinken müßten. Trotzdem habt Ihr stets das, was Euch verboten war, getan. Es tut mir in meinem alten Jagdrocke wehe, so viel Liebe und Aufopferung mit so viel Ungehorsam und Undankbarkeit vergolten zu sehen. Wollte ich alle Eure schlechten Streiche nacheinander aufzählen, so wäre gar kein Ende abzusehen. Der allerschlimmste aber war der, daß Ihr die beiden Häuptlinge losmachtet, ohne es uns dann zu sagen. Das kann ich weder vergessen noch vergeben und werde es Euch nachtragen, so lange ich in dieser meiner jetzigen Haut stecke. Die Folgen dieser heimtückischen Verschwiegenheit haben dann auch nicht auf sich warten lassen. Anstatt gestern so recht hübsch am Pfahl geschmort und gebraten zu werden und heut in den lieblichen Jagdgründen der abgeschiedenen Indianerseelen zu erwachen, sind wir gar nicht für wert gehalten worden, umgebracht zu werden. Nun sitzen wir bei vollem Leben und guter Gesundheit hier in diesem abgelegenen Pueblo, wo man sich alle Mühe gibt, uns mit Leckerbissen den Magen zu verderben und aus einem Greenhorn, welches Ihr doch seid, einen wahren Halbgott zu machen. Dieses Unheil haben wir nur Euch zu verdanken, besonders deshalb, weil Ihr ein so ganz und gar niederträchtiger Schwimmer seid. Aber die Liebe ist unter allen Umständen ein unbegreifliches Frauenzimmer; je mehr sie mißhandelt wird, desto wohler fühlt sie sich, und so wollen wir Euch selbst dieses Mal noch nicht aus unserer Mitte und aus unserem Herzen stoßen, sondern glühende Kohlen auf Eurem Haupte sammeln, indem wir Euch verzeihen, allerdings in der festen und bestimmten Hoffnung, daß Ihr nun endlich in Euch geht und anders werdet, wenn ich mich nicht irre. Hier ist meine Hand. Wollt Ihr mir Besserung versprechen, geliebter Sir?“

„Ja,“ antwortete ich, indem ich ihm die Hand schüttelte. „Ich werde dem edlen Vorbilde, welches Ihr mir gegeben habt und jetzt noch gebt, so eifrig nachstreben, daß man mich schon in kurzer Zeit für den reinen Sam Hawkens halten soll.“

„Verehrtester, das laßt hübsch bleiben! Es wäre eine ganz vergebliche Mühe, die Ihr Euch da geben würdet. Ein Greenhorn, wie Ihr seid, und Sam Hawkens ähnlich werden! Die reinste Unmöglichkeit! Das wäre grad und genau so, als wenn ein Grasfrosch Opernsänger werden wollte, und so will“

Da fiel ihm Dick Stone, zwar lachend aber doch ein wenig unwillig in die Rede:

„Stop! Sei endlich einmal still, alter Schwadronör! Es ist ja gar nicht mehr zum Aushalten mit dir! Du drehst ja alles um, machst alles verkehrt und ziehst den rechten Handschuh an die linke Hand! Ich an Old Shatterhands Stelle würde mir das ewige Greenhorn nicht so ruhig gefallen lassen.“

„Was kann und soll er denn dagegen haben? Es ist doch wahr; er ist ja eins!“

„Unsinn! Wir haben ihm unser Leben zu verdanken. Unter hundert erfahrenen Westmännern, uns und dich nicht ausgenommen, wäre wohl kein einziger, der das fertig gebracht hätte, was er gestern tat. Anstatt daß wir ihn beschützen, beschützt er uns; das merke dir! Wenn er nicht gewesen wäre, säßen wir nicht so munter hier, und du stäkst nicht so heiler Haut unter deiner alten, falschen Perücke!“

„Was? Falsche Perücke? Das sag mir ja nicht noch einmal! Es ist eine ganz richtige Perücke. Wenn du das noch nicht weißt, so schau sie dir einmal an!“

Er nahm sie ab und hielt sie Stone hin.

„Fort, fort mit diesem Fell!“ lachte dieser.

Sam stülpte sie sich wieder auf den Kopf und sagte in vorwurfsvollem Tone:

„Schäme dich, Dick, die Zierde meines Hauptes ein Fell zu nennen! Das hätte ich von so einem guten Kameraden, wie du bist, nicht gedacht! Ihr versteht es alle nicht, den Wert Eures alten Sam zu würdigen. Ich strafe Euch also mit Verachtung und suche jetzt meine Mary auf. Muß doch sehen, ob diese sich auch so wohl befindet wie ich.“

Er fuhr mit den Armen geringschätzig durch die Luft und ging. Wir lachten lustig hinter ihm her, denn es war wirklich unmöglich, ihm etwas übel zu nehmen.

Am nächsten Tage kehrten die Kundschafter zurück, welche den Kiowas heimlich gefolgt waren; sie meldeten, daß diese ohne Unterbrechung fortgezogen seien und also nicht die Absicht hegten, jetzt eine Feindseligkeit auszuführen.

Hierauf folgte eine Zeit der Ruhe und für mich doch der Tätigkeit. Sam, Dick und Will ließen sich die Gastfreundschaft der Apachen sehr gefallen; sie ruhten sich gründlich aus. Die einzige Tätigkeit, welcher Hawkens sich hingab, war die, daß er seine Mary täglich spazieren ritt, damit sie, wie er sich ausdrückte, seine Finessen bewundern lerne und sich an seine Art und Weise, zu reiten, gewöhne.

Ich aber legte mich nicht auf die Bärenhaut. Winnetou hatte es darauf abgesehen, mich in die indianische Schule zu nehmen. Wir waren oft ganze Tage fort, machten weite Ritte, während welcher ich mich in allem, was zur Jagd und zum Kriege gehörte, üben mußte. Wir krochen in den Wäldern herum, wobei ich vortrefflich Unterricht im Anschleichen erhielt. Er führte förmliche Felddienstübungen mit mir aus. Oft trennte er sich von mir und stellte mir die Aufgabe, ihn zu suchen. Er gab sich alle Mühe, seine Spuren zu verwischen, und ich strengte mich ebenso an, sie aufzufinden. Wie oft steckte er dann in einem dichten Gebüsche oder stand, von dem überhängenden Gesträuch versteckt, im Wasser des Pecos und sah zu, wie ich nach ihm suchte. Er machte mich auf meine Fehler aufmerksam und zeigte mir durch sein Beispiel, wie ich mich zu benehmen und was ich zu tun oder zu lassen hatte. Das war ein außerordentlich vortrefflicher Unterricht, den er mit eben solcher Lust erteilte, wie ich mit Freude und Bewunderung sein Schüler war. Dabei kam nie ein Lob über seine Lippen, auch nie das, was man unter einem Tadel versteht. Ein Meister in allen Fertigkeiten, welche das Indianerleben erfordert, war er auch ein Meister im Unterrichte.

Wie oft kam ich da ermüdet und wie mit zerschlagenen Gliedern heim! Aber dann gab es noch keine Ruhe für mich, denn ich wollte die Sprache der Apachen erlernen und nahm im Pueblo Unterricht. Ich hatte da zwei Lehrer und eine Lehrerin: Nscho-tschi lehrte mich den Dialekt der Mescaleros, Intschu tschuna denjenigen der Llaneros und Winnetou den der Navajos. Da diese Sprachen untereinander sehr verwandt sind und keinen großen Wortschatz besitzen, so ging es auch mit diesen Uebungen schnell vorwärts.

Wenn Winnetou sich mit mir nicht weit vom Pueblo entfernte, so kam es zuweilen vor, daß Nscho-tschi sich an unsern Ausgängen beteiligte. Sie hatte dann sichtlich große Freude, wenn ich meine Aufgaben gut löste.

Einmal befanden wir uns im Walde, wo Winnetou mich aufforderte, mich zu entfernen und erst nach einer Viertelstunde wieder an Ort und Stelle zu sein. Ich sollte dann beide nicht mehr vorfinden und nach Nscho-tschi suchen, welche sich sehr gut verstecken werde. Ich ging also eine ziemliche Strecke fort, wartete da, bis die Zeit verflossen war, und kehrte dann zurück. Die Spuren beider, welche von hier ausgingen, waren anfangs ziemlich deutlich; dann aber fehlten plötzlich die Fußeindrücke der Indianerin. Ich wußte freilich, daß sie einen außerordentlich leichten Gang hatte; aber der Boden war weich, und so mußte also unbedingt wenigstens eine, wenn auch noch so leise Andeutung der Fährte vorhanden sein; aber ich fand nichts, gar nichts, nicht ein einziges niedergedrücktes oder umgebrochenes Pflänzchen, obgleich es grad an dieser Stelle sehr dichtes und empfindliches Moos gab. Nur die Spur Winnetous war deutlich eingedrückt; aber die ging mich nichts an, denn ich sollte nicht ihn, sondern seine Schwester suchen. Er hielt sich jedenfalls in der Nähe, um mich heimlich zu beobachten, ob ich Fehler mache oder nicht.

Ich suchte noch einmal und noch einmal im Kreise, fand aber auch nicht den leisesten Anhalt. Das war befremdlich. Ich überlegte. Sie mußte und mußte unbedingt eine Spur hinterlassen haben, denn es konnte hier kein Fuß den Boden berühren, ohne von dem weichen Moose verraten zu werden. Ein Fuß den Boden berühren? Ah! Wie nun, wenn Nscho-tschi ihn gar nicht berührt hatte?

Ich untersuchte Winnetous Stapfen; sie waren tief eingedrückt, tiefer als vorher. Sollte er seine Schwester auf die Arme genommen und fortgetragen haben? Dann war die Aufgabe, welche er mir gestellt hatte, seiner Ansicht nach eine sehr schwere, aber meiner Ansicht nach eine sehr leichte von dem Augenblicke an, an welchem ich eben erriet, daß er Nscho-tschi getragen habe.

Infolge dieser Last hatten sich seine Füße tiefer eingedrückt. Es kam nun darauf an, Spuren von der Indianerin zu finden. Diese durfte ich freilich nicht unten an der Erde, sondern ich mußte sie weiter oben suchen.

War Winnetou allein durch den Wald gegangen, so hatte er die Arme frei und keine Mühe gehabt, durch das Unterholz zu kommen. Hatte er aber seine Schwester getragen, so mußte es unbedingt zerknickte Zweige geben. Ich folgte seinen Stapfen und richtete dabei mein Hauptaugenmerk nicht auf die Fährte, sondern auf das Gebüsch. Richtig! Indem er mit seiner Last durch dasselbe gedrungen war, hatte er die Arme nicht frei gehabt und dasselbe nicht vorsichtig auseinander schieben können; Nscho-tschi war nicht auf den Gedanken gekommen, dies zu tun, und so fand ich an mehreren Stellen geknickte Zweige und beschädigte Blätter, also Zeichen, welche nicht hätten entstehen können, wenn Winnetou allein hindurchgegangen wäre.

Die Spur führte in schnurgerader Richtung nach einer lichten Stelle des Waldes und in ebenso gerader Linie über dieselbe hinüber. Da drüben, am jenseitigen Rande der Lichtung, steckten jedenfalls die beiden, stillvergnügt darüber, daß es mir unmöglich sein werde, meine Aufgabe zu lösen. Ich hätte direkt hinübergehen können; aber ich wollte es noch besser machen und sie förmlich überrumpeln. Darum schlich ich mich, immer sorgfältig in Deckung bleibend, um die Lichtung herum.

Jenseits angekommen, suchte ich zunächst wieder nach Winnetous Spur. War er weiter gegangen, so mußte ich sie sehen. Sah ich sie nicht, so hatte er sich mit Nscho-tschi versteckt. Ich legte mich auf die Erde nieder und schob mich geräuschlos in einem Halbkreise fort, indem ich mich bemühte, immer hinter Bäumen und Büschen verborgen zu bleiben. Es war kein Fußeindruck zu sehen. Folglich steckten sie, wie ich vermutet hatte, am Rande der freien Stelle, und zwar da, wo die Fährte, welcher ich bis vorhin gefolgt war, diesen Rand berührte.

Leise, ganz, ganz leise, schob ich mich nach dieser Stelle hin. Sie saßen still, und ihren geübten Ohren konnte kein Geräusch entgehen; ich mußte also eine ungewöhnliche Vorsicht entfalten. Es gelang mir besser, als ich es für möglich gehalten hatte. Ich sah die Beiden. Sie saßen eng nebeneinander mitten in einem wilden Pflaumengebüsch, mit dem Rücken nach mir, da sie mich, falls ich ja kommen würde, von der entgegengesetzten Seite erwarten mußten. Sie sprachen miteinander, aber flüsternd, so daß ich ihre Worte nicht verstehen konnte.

Ich freute mich ungemein auf die Ueberraschung und schob mich immer weiter zu ihnen hinan. Jetzt war ich so nahe, daß ich beide mit der Hand erreichen konnte. Schon wollte ich den Arm ausstrecken und Winnetou von hinten fassen, da wurde ich durch ein Wort, welches er sagte, abgehalten, dies zu tun.

„Soll ich ihn holen?“ fragte er flüsternd.

„Nein,“ antwortete Nscho-tschi. „Er kommt selbst.“

„Er kommt nicht.“

„Er kommt!“

„Meine Schwester irrt sich. Er hat alles sehr schnell gelernt; aber deine Spur geht durch die Luft. Wie will er sie finden?“

„Er findet sie. Mein Bruder Winnetou hat mir gesagt, daß Old Shatterhand schon jetzt nicht mehr irre zu führen sei. Warum spricht er jetzt das Gegenteil?“

„Weil es heut die schwierigste Aufgabe ist, die es geben kann. Sein Auge wird jede Fährte finden; die deinige ist aber nur mit den Gedanken zu lesen, und das hat er noch nicht gelernt.“

„Er wird dennoch kommen, denn er kann alles, alles, was er will.“

Sie flüsterte diese Worte nur, dennoch war ihrem Tone eine Zuversicht, ein Vertrauen anzuhören, daß ich darauf hätte stolz sein können.

„Ja, ich habe noch keinen Mann gekannt, der sich so leicht in alles findet. Es gibt nur eins, worein er sich nicht finden wird, und dies tut Winnetou sehr leid.“

„Was ist das?“

„Der Wunsch, den wir alle haben.“

Eben jetzt hatte ich mich ihnen bemerkbar machen wollen; da sprach Winnetou von einem Wunsche; das bestimmte mich, noch zu warten. Welchen Wunsch hätte ich diesen lieben, guten Menschen nicht gern erfüllt! Sie hegten einen und sagten ihn mir nicht, weil sie glaubten, daß ich ihn nicht erfüllen werde. Vielleicht hörte ich jetzt, was für einer es war. Darum schwieg ich noch und lauschte.

„Hat mein Bruder Winnetou schon mit ihm darüber gesprochen?“ fragte Nscho-tschi.

„Nein,“ antwortete Winnetou.

„Und Intschu tschuna, unser Vater, auch noch nicht?“

„Nein. Er wollte es ihm sagen, aber ich gab es nicht zu.“

„Nicht? Warum? Nscho-tschi liebt dieses Bleichgesicht sehr; sie ist die Tochter des obersten Häuptlings aller Apachen!“

„Das ist sie, und sie ist noch mehr, noch weit mehr. Jeder rote Krieger und jedes Bleichgesicht würde glücklich sein, wenn meine Schwester seine Squaw werden wollte, nur Old Shatterhand nicht.“

„Wie kann mein Bruder Winnetou dies wissen, da er noch nicht mit ihm darüber gesprochen hat?“

„Ich weiß es trotzdem, denn ich kenne ihn. Er ist nicht wie andere Weiße; er trachtet nach Höherem als sie. Er nimmt keine Indianerin zur Squaw.“

„Hat er dies gesagt?“

„Nein.“

„Gehört sein Herz vielleicht einer Weißen?“

„Auch nicht.“

„Das weißt du sicher?“

„Ja. Wir sprachen von weißen Frauen, und da habe ich aus seinen Worten entnommen, daß sein Herz noch nicht gesprochen hat.“

„So wird es bei mir sprechen!“

„Meine Schwester mag sich nicht täuschen! Old Shatterhand denkt und empfindet anders, als du meinst. Wenn er sich eine Squaw erwählt, so muß sie unter den Frauen das sein, was er unter den Männern ist.“

„Bin ich das nicht?“

„Unter den roten Mädchen, ja; da kommt meiner schönen Schwester keines gleich. Aber was hast du gesehen und gehört? Was hast du gelernt? Du kennst das Frauenleben der roten Völker, aber nichts von dem, was eine weiße Squaw gelernt haben und wissen muß. Old Shatterhand sieht nicht auf den Glanz des Goldes und auf die Schönheit des Angesichtes; er trachtet nach andern Dingen, die er bei einem roten Mädchen nicht finden kann.“

Sie senkte den Kopf und schwieg. Da strich er ihr mit der Hand liebkosend über die Wange und sagte:

„Es schmerzt mich, daß ich dem Herzen meiner guten Schwester wehe tue, aber Winnetou ist gewöhnt, stets die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie keine frohe ist. Vielleicht kennt er einen Weg, auf welchem Nscho-tschi zu dem Ziele, nach welchem sie strebt, gelangen kann.“

Da hob sie rasch den Kopf wieder und fragte:

„Welcher Weg ist dies?“

„Der nach den Städten der Bleichgesichter.“

„Dorthin soll ich, meinst du?“

„Ja.“

„Warum?“

„Um zu lernen, was du wissen und können mußt, wenn Old Shatterhand dich lieben soll.“

„So will ich hin, bald, sehr bald! Will mein Bruder Winnetou mir einen Wunsch erfüllen?“

„Welchen?“

„Sprich mit Intschu tschuna, unserm Vater darüber! Bitte ihn, mich nach den großen Städten der Bleichgesichter gehen zu lassen! Er wird nicht Nein sagen, denn“

Mehr hörte ich nicht, denn ich kroch jetzt leise wieder zurück. Es kam mir fast wie eine Sünde vor, dieses Gespräch der Geschwister belauscht zu haben. Wenn sie es nur nicht merkten! Welche Verlegenheit für sie und noch viel mehr auch für mich! Es galt, jetzt bei meinem Rückzuge noch viel vorsichtiger zu sein als vorhin bei meiner Annäherung. Das geringste Geräusch, der kleinste Zufall konnte es verraten, daß ich das Geheimnis der schönen Indianerin erfahren hatte. Und in diesem Falle war ich gezwungen, meine roten Freunde heut noch zu verlassen.

Glücklicherweise gelang es mir, mich unbemerkt zurückzuziehen. Als ich außer Hörweite angelangt war, erhob ich mich vom Boden und ging im Kreise schnell um die Lichtung herum, bis ich wieder auf die Fährte traf. Auf dieser trat ich dann auf der Seite, von welcher ich vorhin gekommen war, und von welcher ich von Nscho-tschi erwartet wurde, zwei oder drei Schritte auf die Lichtung hinaus und rief über dieselbe hinüber:

„Mein Bruder Winnetou mag herüberkommen!“

Es regte sich nichts drüben; darum fuhr ich fort:

„Mein Bruder mag kommen, denn ich sehe ihn!“

Er kam trotzdem nicht.

„Er sitzt drüben im Gebüsch der wilden Pflaumen. Soll ich ihn vielleicht holen?“

Da bewegten sich die Zweige, und Winnetou trat hervor, doch allein. Er hatte nicht länger stecken bleiben können, wollte aber das Versteck seiner Schwester noch geheim halten und fragte mich:

„Hat mein Bruder Old Shatterhand Nscho-tschi gefunden?“

„Ja.“

„Wo?“

„Da, wo sie verborgen ist, im Gebüsch.“

„In welchem Gebüsch?“

„In demjenigen, wohin mich ihre Fährte führt.“

„Hast du denn ihre Fährte gesehen?“

Das klang sehr verwundert. Er wußte nicht, woran er mit mir war. Daß ich die Unwahrheit sagte, das glaubte er nicht; aber von einer Fährte wußte er nichts, und da er nicht einen Augenblick von seiner Schwester weggekommen war, so hegte er die Ueberzeugung, daß ich sie nicht entdeckt hatte. Seiner Meinung nach mußte ich mich im Irrtume befinden, durch irgend etwas getäuscht worden sein.

„Ja,“ antwortete ich; „ich habe sie gesehen.“

„Aber meine Schwester hat sich doch so in acht genommen, daß keine Spur zu sehen ist!“

„Du irrst. Sie ist zu sehen.“

„Nein.“

„An der Erde nicht, aber im Gezweig. Nscho-tschi hat mit ihren Füßen den Boden nicht berührt, aber indem du sie trugest, habt ihr Zweige geknickt und Blätter beschädigt.“

„Uff! Ich hätte sie getragen?“

„Ja.“

„Wer sagte es dir?“

„Deine Fußstapfen. Sie waren plötzlich tiefer geworden, weil du schwerer geworden warst. Da du aber dein Gewicht nicht verändert haben konntest, so mußtest du eine Last aufgenommen haben. Diese Last war deine Schwester, deren Fuß, wie ich sah, das Moos nicht berührt hatte.“

„Uff! Du irrst. Geh noch einmal zurück, und suche nach!“

„Das würde vergeblich sein und ist auch höchst überflüssig, denn Nscho-tschi sitzt dort, wo du gesessen hast. Ich werde sie holen.“

Ich ging vollends über die Lichtung hinüber; da kam sie aber schon aus dem Gesträuch und sagte im Tone der Befriedigung zu ihrem Bruder:

„Ich sagte dir, daß er mich finden würde, und ich hatte recht.“

„Ja, meine Schwester hatte recht, und ich irrte mich. Mein Bruder Old Shatterhand kann die Fährte eines Menschen nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Gedanken lesen. Es gibt da fast nichts mehr, was er noch zu lernen hat.“

„O noch sehr, sehr viel,“ antwortete ich. „Mein Bruder Winnetou sagt da ein Lob, welches ich noch nicht verdiene; aber was ich noch nicht kann, das werde ich noch von ihm lernen.“

Es war wirklich das erste Lob, welches ich aus seinem Munde hörte, und ich gestehe es, daß ich ebenso stolz auf dasselbe war, wie früher auf ein gelegentliches Lob irgend eines meiner Professoren.

Am Abend desselben Tages brachte er mir einen sehr gut gearbeiteten und mit roten, indianischen Stichstickereien verzierten Jagdanzug von weißgegerbtem Leder.

„Nscho-tschi, meine Schwester, bittet dich, diese Kleidung zu tragen,“ sagte er. „Dein Anzug ist für Old Shatterhand nicht mehr gut genug.“

Da hatte er freilich sehr recht. Mein Habit sah sogar für indianische Augen sehr herabgekommen aus. Wäre ich in einer europäischen Stadt in demselben ertappt worden, so hätte man mich auf der Stelle als einen Hauptvagabunden arretiert. Aber durfte ich von Nscho-tschi ein solches Geschenk annehmen? Winnetou schien meine Gedanken zu erraten; er sagte:

„Du darfst diesen Anzug nehmen, denn ich habe ihn bestellt; er ist ein Geschenk von Winnetou, den du vom Tode errettet hast, und nicht von seiner Schwester. Ist es den Bleichgesichtern verboten, von einer Squaw Geschenke anzunehmen?“

„Wenn es nicht seine eigene Squaw oder Verwandte ist, ja.“

„Du bist mein Bruder; Nscho-tschi ist dir also verwandt. Dennoch ist dies Geschenk von mir und nicht von ihr; sie hat es nur für dich gefertigt.“

Als ich den Anzug am nächsten Morgen anprobierte, saß er wie angegossen. Ein New Yorker Herrenschneider hätte das Maß nicht besser treffen können. Ich zeigte mich natürlich meiner schönen Freundin, welche außerordentlich über das Lob, welches ich aussprach, erfreut war. Kurze Zeit später stellten sich Dick Stone und Will Parker bei mir ein, um sich von mir bewundern zu lassen; sie waren auch mit neuen Anzügen beschenkt worden, welche aber nicht von Nscho-tschi, sondern von andern Squaws gefertigt worden waren. Und abermals kurze Zeit später befand ich mich im Haupttale, um mich im Werfen des Tomahawk zu üben, da kam eine kleine, sonderbare Gestalt in sehr gravitätischer Haltung auf mich zu. Es war ein neuer, lederner, indianischer Anzug, welcher unten in einem Paar alter, ungeheuer großer Indianerstiefel endete. Oben drüber gab es einen noch älteren Filzhut mit sehr wehmütig herabhängender Krämpe, unter welcher ein sehr verworrener Bartwald, eine riesige Nase und zwei kleine, listige Aeuglein hervorblickten. Daran erkannte ich meinen kleinen Sam Hawkens. Er pflanzte sich, die dünnen, krummen Beinchen weit auseinander spreizend, höchst anspruchsvoll vor mir auf und fragte:

„Sir, kennt Ihr vielleicht den Mann, der jetzt vor Euch steht?“

„Hm!“ antwortete ich. „Will einmal sehen!“

Ich nahm ihn bei seinen Armen, drehte ihn dreimal um sich selbst, betrachtete ihn dabei von allen Seiten und sagte dann:

„Das scheint wahrhaftig Sam Hawkens zu sein, wenn ich mich nicht irre!“

„Yes, mylord! Ihr irrt Euch nicht. Ich bin es, in eigener Person und Lebensgröße. Merkt Ihr etwas?“

„Funkelnagelneuer Anzug!“

„Will es meinen!“

„Von wem?“

„Von der Bärenhaut, die Ihr mir geschenkt habt.“

„Das sehe ich, Sam. Wenn ich aber frage: von wem? so will ich die Person wissen, von der Ihr den Anzug habt.“

„Die Person? Hm! Ach so! Ja, die Person, Sir! Das ist so eine Sache. Eigentlich ist sie gar keine Person.“

„Was denn?“

„Ein Persönchen.“

„Wieso?“

„Na, kennt Ihr denn die hübsche Kliuna-ai nicht?“

„Nein. Kliuna-ai heißt Mond. Ist’s ein Mädchen oder eine Squaw?“

„Beides, oder vielmehr keins von beiden.“

„Also Großmutter?“

„Unsinn! Wenn sie sowohl Squaw als auch Mädchen oder vielmehr keins von beiden ist, so muß sie natürlich Witwe sein. Sie ist die hinterlassene Squaw eines Apachen, der im letzten Kampfe mit den Kiowas gefallen ist.“

„Und die Ihr darüber trösten wollt?“

„Well, Sir,“ nickte er. „Bin ihr gar nicht abgeneigt; habe sogar ein Auge auf sie geworfen, oder vielmehr alle beide.“

„Aber, Sam, eine Indianerin!“

„Was ist’s weiter? Würde sogar eine Negerin heiraten, wenn sie nicht schwarz wäre. Uebrigens ist Kliuna-ai eine vortreffliche Partie.“

„Warum?“

„Weil sie das beste Leder im ganzen Stamme gerbt.“

„Wollt Ihr Euch gerben lassen?“

„Macht keine Witze, Sir! Es ist mir ernst. Ein trautes Heim versteht Ihr mich? Sie hat so ein volles, rundes Gesicht, grad wie der Mond.“

„Mit einem ersten und einem letzten Viertel?“

„Ich bitte nochmals, mit dem Monde keine Witze zu machen! Sie ist Vollmond, und ich heirate sie, wenn ich mich nicht irre.“

„Hoffentlich wird kein Neumond draus. Wie habt Ihr denn diese Bekanntschaft gemacht?“

„Eben durch die Gerberei. Erkundigte mich nach der besten Gerberin, nämlich des Bärenfells wegen; da wurde sie mir empfohlen. Trug ihr also das Fell hin und merkte sofort, daß sie Wohlgefallen hatte.“

„An dem Felle?“

„Unsinn! An mir natürlich!“

„Das verrät Geschmack, lieber Sam!“

„Ja, den hat sie! O, die ist gar nicht ungebildet! Das beweist sie auch schon dadurch, daß sie nicht bloß das Fell gegerbt, sondern einen neuen Anzug für mich daraus angefertigt hat. Wie gefalle ich Euch?“

„Der reine Stutzer!“

„Gentleman, nicht wahr? Ja, Gentleman! Sie war ganz weg, als sie mich vorhin in diesem Anzuge sah. Könnt Euch darauf verlassen, Sir; ich heirate sie!“

„Wo steckt Euer alter Anzug?“

„Habe ihn weggeschmissen.“

„So, so! Und eines schönen Tages sagtet Ihr einmal, daß Euch Euer Rock nicht für zehntausend Dollars feil sei!“

„Das war damals. Da gab es keine Kliuna-ai. Die Zeiten ändern sich. Well!“

Das kleine, bärenlederne Freiersmännchen drehte sich um und stampfte stolz von dannen. Das menschenfreundliche Gefühl, welches er für die indianische Wittib empfand, verursachte mir gar keine moralischen Schmerzen und Bedenken. Man mußte Sam ansehen, um vollständig beruhigt zu sein. Die übermäßig großen Füße, die dünnen, krummen Beinchen, dann das Gesicht, o weh! Er glich einer männlichen Pastrana mit einem Geierschnabel im Gesichte. Das war selbst für eine Indianerin zu toll. Er war noch nicht weit fort von mir, da drehte er sich noch einmal um und rief mir zu:

„Ist doch ein ganz anderes Ding, dieser neue Habitus, Sir! Bin wie neugeboren. Mag den alten nicht wiedersehen. Sam geht auf Freiersfüßen, hihihihi!“

Am nächsten Tage begegnete ich ihm unten am Pueblo. Er machte ein nachdenkliches Gesicht.

„Was gehen Euch für astronomische Gedanken durch den Kopf, lieber Sam?“ fragte ich ihn.

„Astronomische? Warum grad solche?“

„Weil Ihr ein Gesicht macht, als ob Ihr einen Kometen oder einen Nebelfleck entdecken wolltet.“

„Ist auch fast so. Dachte, daß es ein Komet sei, wird aber wohl ein Nebelfleck sein.“

„Wer?“

„Sie, die Kliuna-ai.“

„Ach so! Der Vollmond ist heut schon ein Nebelfleck! Warum?“

„Habe sie gefragt, ob sie sich wieder einen Mann nehmen will. Nein hat sie geantwortet.“

„Das darf Euch nicht abhalten, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken. Rom wurde nicht an einem Tage gebaut.“

„Und mein neuer Anzug nicht in einer Stunde geflickt. Ihr habt recht, Sir; ich gehe noch immer auf Freiersfüßen.“

Er stieg die Treppe hinan, um seine Kliuna-ai zu besuchen. Am nächsten Tage sattelte ich meinen Rotschimmel, um mit Winnetou auf die Büffeljagd zu reiten, da kam Sam Hawkens zu mir und fragte:

„Darf ich mit, Sir?“

„Auf die Büffeljagd? Nein, nein! Ihr jagt doch jetzt ein besseres Wild.“

„Hält aber nicht stand!“

„So?“

„Ja. Und macht Ansprüche.“

„Wieso?“

„War wieder bei ihr. Da sagte sie mir, den Anzug habe sie mir auf Befehl Winnetous nähen müssen.“

„Also nicht aus Liebe?“

„Es scheint nicht so. Dann meinte sie weiter, das Gerben hätte ich bei ihr bestellt; was ich ihr dafür geben wolle.“

„Also Bezahlung!“

„Yes! Ist das ein Zeichen von Liebe?“

„Weiß nicht. Habe keine Erfahrung in solchen Sachen. Kinder lieben ihre Eltern, und doch müssen diese alles für sie bezahlen. Vielleicht ist dies grad ein Beweis für die Gegenliebe Eures Vollmondes.“

„Vollmond? Hm! Ist auch möglich, daß es nur das letzte Viertel ist. Also Ihr nehmt mich nicht mit?“

„Winnetou will allein mit mir reiten.“

„So kann ich nichts dagegen haben.“

„Ihr würdet auch Euern neuen Jagdrock zu Schanden machen, lieber Sam!“

„Allerdings, das ist wahr. Blutflecke sind nichts für ein so feines Habit.“

Er ging, drehte sich aber nochmals um und fragte: „Meint Ihr nicht, Sir, daß mein alter Anzug doch viel praktischer war?“

„Möglich.“

„Nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich.“

Damit war die Sache für heute abgemacht. Aber in den nächsten Tagen wurde Sam immer nachdenklicher und einsilbiger. Sein Mond schien immer weiter abzunehmen. Da, eines Morgens sah ich ihn aus seiner Wohnung treten im alten Anzuge!

„Was ist denn das, Sam?“ fragte ich ihn. „Ich denke, Ihr habt dieses Habit abgelegt, oder gar weggeschmissen, wie Ihr Euch ausdrücktet.“

„War auch so.“

„Und es doch wieder hervorgesucht!“

„Yes.“

„Vor Aerger?“

„Natürlich! Bin förmlich wütend!“

„Auf das letzte Viertel?“

„Ist Neumond geworden. Kann und mag diese Kliuna-ai gar nicht mehr sehen!“

„Habe es Euch also ganz richtig prophezeit!“

„Ja. Ist genau so geworden, wie Ihr sagtet. War aber eine Bewandtnis dabei, die mich fuchsteufelswild gemacht hat.“

„Darf ich erfahren, welche?“

„Ja, Euch will ich es sagen. War also gestern wieder bei ihr. Hat mich in den letzten Tagen schlecht behandelt, sehr schlecht, mich fast gar nicht angesehen und mir immer nur ganz kurz geantwortet. Sitze also gestern bei ihr und lehne mich dabei mit dem Kopf an einen hölzernen Pfahl. Dieser mag einen Splitter gehabt haben, an den mein Haar geraten ist.

Als ich aufstehe, um zu gehen, gibt’s einen gewaltigen Zupfer auf meinem ehrwürdigen Schädel; da drehe ich mich um, und was sehe ich da, Sir was sehe ich?“

„Eure Perücke, wie ich vermute?“

„Ja, meine Perücke ist an dem Holzsplitter hängen geblieben und der Hut heruntergerissen worden und zu Boden gefallen.“

„Da wurde natürlich der frühere hübsche Vollmond zum Neumonde?“

„Ganz und gar! Erst stand sie da und starrte mich an wie wie nun, wie einen Menschen, der auf dem Kopfe keine Haare hat.“

„Und dann?“

„Dann schrie und heulte sie, als ob sie selber einen Glatzkopf hätte.“

„Und endlich?“

„Endlich? Nun, endlich wurde Neumond draus. Sie stürzte nämlich fort und war nicht mehr zu sehen.“

„Vielleicht geht sie Euch bald wieder als erstes Viertel und Vollmond auf!“

„Die nicht! Sie hat mir’s nämlich sagen lassen.“

„Was?“

„Daß ich nicht mehr zu ihr kommen soll. Sie will nämlich dummerweise nur einen solchen Mann haben, der Haare auf dem Kopfe hat. Ist das nicht höchst albern?“

„Hm!“

„Da wird nichts gehmt, Sir! Wenn eine Frau heiratet, kann es ihr doch höchst gleichgültig sein, ob ihr Mann seine Haare auf dem Kopfe oder in der Perücke hat, wenn ich mich nicht irre. Es ist sogar weit ehrenvoller, sie in der Perücke zu haben, denn da haben sie Geld gekostet; wachsen aber tun sie umsonst!“

„So würde ich an Eurer Stelle sie mir auch wachsen lassen, lieber Sam!“

„Verehrter Sir, Euch soll der Kuckuck holen! Ich suche Trost in meinem Liebesgram und Heiratskummer bei Euch und bekomme Spott zu hören. Ich wollte, Ihr hättet auch eine Perücke und dann eine rote Witwe, die Euch zur Türe hinauswirft. Gehabt Euch wohl!“

Er rannte wütend davon.

„Sam!“ rief ich ihm nach, „noch eine Frage!“

„Was denn?“ erkundigte er sich, indem er stehen blieb.

„Wo ist er denn?“

„Wer?“

„Der neue Anzug?“

„Habe ihn ihr zurückgeschickt. Mag nichts davon wissen. Wollte Hochzeit darinnen machen, ihn bei der Trauung tragen; nun aber nichts aus der Hochzeit wird, mag ich auch den Rock nicht haben. Howgh!“

So endete die Freundschaft meines Sam mit Kliuna-ai, dem immer mehr abnehmenden roten Monde. Uebrigens war er sehr bald wieder guter Dinge und gestand mir, daß er sich freue, ein unverheirateter Jüngling geblieben zu sein. Er werde seinem alten Rocke nie wieder den Abschied geben, denn dieser sei besser, praktischer und bequemer als sämtliche Jagdröcke von allen indianischen Schneiderinnen. Es war also ganz so gekommen, wie ich mir gedacht hatte. Sam als Ehemann war einfach undenkbar.

Am Abende desselben Tages aß ich, wie gewöhnlich, mit Intschu tschuna und Winnetou zusammen. Der Letztere entfernte sich nach dem Essen, und ich wollte auch gehen, da fing der Häuptling mit mir von Sams Abenteuer mit Kliuna-ai an und brachte hierauf die Rede auf Verbindungen zwischen Weißen und Indianerinnen. Ich merkte, daß er mich examinieren wollte.

„Hält mein junger Bruder Old Shatterhand eine solche Ehe für unrecht oder recht?“ fragte er.

„Wenn sie von einem Priester geschlossen und die Indianerin vorher Christin geworden ist, sehe ich nichts Unrechtes darin,“ antwortete ich.

„Also mein Bruder würde nie ein rotes Mädchen so, wie sie ist, zur Squaw nehmen?“

„Nein.“

„Und ist es sehr schwer, Christin zu werden?“

„Nein, gar nicht.“

„Darf eine solche Squaw dann ihren Vater noch ehren, auch wenn er nicht Christ ist?“

„Ja. Unsere Religion fordert von jedem Kinde, die Eltern zu achten und zu ehren.“

„Was für eine Squaw würde mein junger Bruder vorziehen, eine rote oder eine weiße?“

Durfte ich sagen, eine weiße? Nein, denn das hätte ihn beleidigt. Darum antwortete ich:

„Das kann ich nicht so beantworten. Es kommt auf die Stimme des Herzens an. Wenn diese spricht, so gehorcht man ihr, gleichviel, was die Squaw für eine Farbe hat. Vor dem großen Geiste sind alle Menschen gleich, und die, welche für einander passen und für einander bestimmt sind, die werden sich finden.“

„Howgh! Die werden sich finden, wenn sie zu einander passen. Mein Bruder hat sehr richtig gesprochen; er redet ja immer recht und gut.“

Hiermit war dieses Thema beendet, so, wie ich es wünschte, glaubte ich. Daß eine Indianerin erst Christin werden müsse, wenn sie die Squaw eines Weißen sein wolle, das hatte ich in ganz bestimmter Absicht scharf betont. Ich gönnte Nscho-tschi den allerbesten, edelsten roten Krieger und Häuptling; ich aber war nicht nach dem wilden Westen gekommen, um mir eine rote Squaw zu nehmen; ich hatte nicht einmal an eine weiße gedacht. Mein Lebensplan schloß, wie ich annahm, eine Verheiratung überhaupt aus.

Welchen Erfolg meine Unterredung mit Intschu tschuna gehabt hatte, erfuhr ich am zweiten Tag darauf. Er führte mich hinunter in das erste Stockwerk, wo ich noch nicht gewesen war. Dort lagen in einem besonderen, kleinen Behältnisse unsere Meßinstrumente.

„Siehe diese Sachen an, ob etwas davon fehlt,“ forderte mich der Häuptling auf.

Ich tat es und fand, daß nichts abhanden gekommen war. Die Gegenstände waren auch nicht beschädigt worden, einige Verbiegungen abgerechnet, welche ich leicht reparieren konnte.

„Diese Sachen sind für uns Medizin gewesen,“ sagte er. „Darum wurden sie so gut verwahrt und aufgehoben. Mein junger, weißer Bruder mag sie nehmen; sie sind wieder sein.“

Ich wollte mich für diese hochwillkommene Gabe bedanken; er wehrte aber den Dank ab, indem er, mir in die Rede fallend, erklärte:

„Sie sind dein gewesen, und wir nahmen sie, weil wir dich für unsern Feind hielten; nun wir aber wissen, daß du unser Bruder bist, mußt du alles wieder bekommen, was dir gehört. Du hast für nichts zu danken. Was wirst du nun mit diesen Gegenständen tun?“

„Wenn ich von hier fortgehe, nehme ich sie mit, um sie den Leuten wiederzugeben, von denen ich sie habe.“

„Wo wohnen diese?“

„In St. Louis.“

„Ich kenne den Namen dieser Stadt und weiß auch, wo sie liegt. Winnetou mein Sohn ist dort gewesen und hat mir von ihr erzählt. Also du willst fort von uns?“

„Ja, wenn auch nicht sofort.“

„Das tut uns leid. Du bist ein Krieger unsers Stammes geworden, und ich habe dir sogar die Macht und Ehre eines Häuptlings der Apachen gegeben. Wir glaubten, du würdest für immer bei uns bleiben, wie Klekih-petra bis zu seinem Tode bei uns geblieben ist.“

„Meine Verhältnisse sind anders, als die seinigen waren.“

„Kennst du sie denn?“

„Ja. Er hat mir alles erzählt.“

„So hat er ein großes Vertrauen zu dir gehabt, obwohl er dich zum erstenmal sah.“

„Wohl, weil wir aus demselben Lande stammten.“

„Das ist es nicht allein gewesen. Er sprach sogar noch bei seinem Tode mit dir. Ich konnte die Worte nicht verstehen, weil ich die Sprache nicht kenne, in welcher sie gesprochen wurden; aber du hast es uns gesagt, was es war. Du bist nach Klekih-petras Willen der Bruder Winnetous geworden und willst ihn doch verlassen. Ist das nicht ein Widerspruch?“

„Nein. Brüder brauchen nicht stets beisammen zu sein; sie gehen oft auseinander, wenn sie verschiedene Aufgaben zu erfüllen haben.“

„Aber sie sehen sich doch wieder?“

„Ja. Ihr werdet mich wiedersehen, denn mein Herz wird mich zu euch zurücktreiben.“

„Das hört meine Seele gern. So oft du kommst, wird große Freude bei uns vorhanden sein. Ich beklage es sehr, daß du von einer andern Aufgabe sprichst. Könntest du dich denn nicht auch hier bei uns glücklich fühlen?“

„Das weiß ich nicht. Ich bin so kurze Zeit hier, daß ich diese Frage nicht beantworten kann. Es wird wohl so sein, wie wenn zwei Vögel im Schatten eines Baumes sitzen. Der eine ernährt sich von den Früchten dieses Baumes und bleibt also da; der andere aber braucht eine andere Speise und kann also nicht lange bleiben; er muß fort.“

„Und doch darfst du glauben, daß wir dir alles geben würden, wonach du verlangtest.“

„Das weiß ich; aber wenn ich jetzt von Speise sprach, so war nicht die Nahrung gemeint, welche der Körper braucht.“

„Ja, ich weiß es, daß ihr Bleichgesichter auch von einer Speise des Geistes redet; ich habe das von Klekih-petra erfahren. Ihm fehlte diese Speise bei uns; darum war er zuweilen sehr traurig, obwohl er uns das nicht merken lassen wollte. Du bist jünger, als er war, und so würdest du dich wohl noch eher und noch leichter fortsehnen als er. Darum magst du gehen; aber wir bitten dich, wiederzukommen. Vielleicht hast du dann deinen Sinn geändert und siehst ein, daß du dich auch bei uns wohlbefinden kannst. Aber wissen möchte ich gern, was du tun wirst, nachdem du in die Städte der Bleichgesichter zurückgekehrt bist.“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Wirst du bei den Weißen bleiben, welche den Pfad des Feuerrosses bauen wollen?“

„Nein.“

„Daran tust du recht. Du bist ein Bruder der roten Männer geworden und darfst nicht mittun, wenn die Bleichgesichter uns wieder um unser Land und Eigentum betrügen wollen. Aber da, wohin du willst, kannst du nicht von der Jagd leben wie hier. Du mußt Geld haben, und Winnetou sagte mir, daß du arm seiest. Du hättest Geld bekommen, wenn wir Euch nicht überfallen hätten; darum hat mein Sohn mich gebeten, dir Ersatz zu bieten. Willst du Gold?“

Er sah mich bei dieser Frage so scharf und forschend an, daß ich mich wohl hütete, mit einem Ja zu antworten. Er wollte mich auf die Probe stellen.

„Gold?“ sagte ich. „Ihr habt mir keines abgenommen, und so habe ich keines von euch zu verlangen.“

Das war eine diplomatische Antwort, weder ein Ja noch ein Nein. Ich wußte, daß es Indianer gibt, welche Fundorte edler Metalle kennen, aber niemals einem Weißen einen solchen Ort verraten. Intschu tschuna kannte jedenfalls solche Stellen, und jetzt fragte er mich: Willst du Gold? Welcher Weiße hätte da wohl mit einem direkten Nein geantwortet! Ich habe nie nach Schätzen getrachtet, welche von dem Roste und von Motten gefressen werden; dennoch hat das Gold für mich als Mittel zum guten Zwecke einen Wert, den ich gar nicht leugnen will. Diese Anschauung aber konnte der Apachenhäuptling wohl schwerlich begreifen.

„Nein, geraubt haben wir dir keines,“ antwortete er; „aber du hast wegen uns nicht bekommen, was du bekommen hättest, und dafür will ich dich entschädigen. Ich sage dir, in den Bergen liegt das Gold in großen Mengen. Die roten Männer kennen die Stellen, wo es zu finden ist; sie brauchen nur hinzugehen, um es wegzunehmen. Wünschest du, daß ich welches für dich hole?“

Hundert Andere an meiner Stelle hätten dieses Angebot angenommen und nichts bekommen; das sah ich dem eigentümlich lauernden Blicke seiner Augen an; darum sagte ich:

„Ich danke dir! Den Reichtum mühelos geschenkt zu bekommen, das bringt keine Befriedigung; nur das, was man sich erarbeitet und erworben hat, besitzt wahren Wert. Wenn ich auch arm bin, so ist das kein Grund, zu glauben, daß ich nach meiner Rückkehr zu den Bleichgesichtern Hungers sterben werde.“

Da ließ die Spannung, welche auf seinem Gesichte gelegen hatte, nach; er gab mir die Hand und meinte in einem wirklich wohltuenden herzlichen Tone:

„Diese deine Worte sagen mir, daß wir uns nicht in dir getäuscht haben. Der Goldstaub, nach welchem die weißen Goldsucher streben, ist ein Staub des Todes; wer ihn zufällig findet, geht daran zu Grunde. Trachte nie danach, ihn zu erlangen, denn er tötet nicht nur den Leib, sondern auch die Seele! Ich wollte dich prüfen. Gold hätte ich dir nicht gegeben, aber Geld sollst du bekommen, jenes Geld, auf welches du gerechnet hast.“

„Das ist nicht möglich.“

„Ich will es so, also ist es möglich. Wir werden nach der Gegend reiten, in welcher ihr gearbeitet habt. Du wirst die unterbrochene Arbeit vollenden und dann den Lohn bekommen, welcher euch versprochen worden ist.“

Ich sah ihm staunend und wortlos in das Gesicht. Scherzte er? Nein; solchen Spaß treibt ein Indianerhäuptling nicht. Oder sollte dies wieder eine Prüfung sein? Auch dies war unwahrscheinlich.

„Mein junger, weißer Bruder sagt nichts,“ fuhr er fort. „Ist ihm mein Anerbieten nicht willkommen?“

„Sogar außerordentlich willkommen! Aber ich kann nicht glauben, daß du im Ernste sprichst.“

„Warum nicht?“

„Ich soll das vollenden, was du an meinen weißen Mitarbeitern mit dem Tode bestraft hast! Ich soll das tun, was du bei unserer ersten Begegnung so streng an mir verurteiltest!“

„Du handeltest ohne Erlaubnis derer, denen das Land gehört; jetzt aber sollst du diese Erlaubnis bekommen. Mein Anerbieten kommt nicht von mir, sondern von meinem Sohne Winnetou. Er hat mir gesagt, daß es uns keinen Schaden macht, wenn du das unterbrochene Werk zu Ende führst.“

„Das ist ein Irrtum. Die Bahn wird gebaut; die Weißen kommen ganz gewiß!“

Er sah finster vor sich nieder und gab dann nach einer kleinen Weile zu:

„Du hast recht. Wir können sie nicht hindern, uns aber- und abermal zu berauben. Erst senden sie so kleine Trupps voran, wie der eurige war; die können wir vernichten; aber das ändert nichts, denn später kommen sie in Scharen, vor denen wir zurückweichen müssen, wenn wir uns nicht erdrücken lassen wollen. Aber auch du kannst dies nicht anders machen. Oder meinst du, daß sie nicht kommen werden, wenn du darauf verzichtest, die Strecke vollends zu vermessen?“

„Nein, das meine ich nicht. Wir mögen tun oder lassen, was wir wollen, das Feuerroß wird unbedingt durch jene Gegend dampfen.“

„So nimm mein Anerbieten an! Du nützest dir viel und schadest uns nichts. Ich habe mich mit Winnetou besprochen. Wir reiten mit dir, er und ich, und dreißig Krieger werden uns begleiten. Das ist genug, dich während deiner Arbeit zu beschützen und dir bei derselben behilflich zu sein. Dann bringen uns diese dreißig Mann so weit nach dem Osten, bis wir sichere Pfade finden und mit dem Kanoe des Dampfes nach St. Louis fahren können.“

„Was sagt mein roter Bruder? Habe ich ihn richtig verstanden? Er will nach dem Osten?“

„Ja, mit dir, ich, Winnetou und Nscho-tschi.“

„Nscho-tschi auch?“

„Meine Tochter auch. Sie möchte gern die großen Wohnplätze der Bleichgesichter sehen und so lange dortbleiben, bis sie ganz so geworden ist wie eine weiße Squaw.“

Ich mochte wohl kein sehr geistreiches Gesicht zu diesen Worten machen, denn er fügte, mich lächelnd ansehend, hinzu:

„Mein junger, weißer Bruder scheint überrascht zu sein. Hat er vielleicht etwas dagegen, daß wir ihn begleiten? Er mag es aufrichtig sagen!“

„Etwas dagegen? Wie könnte ich! Ich freue mich im Gegenteil außerordentlich darüber! Unter eurer Begleitung komme ich ohne Gefahr nach dem Osten zurück; schon deshalb muß dieselbe mir willkommen sein. Dazu ist noch zu rechnen, daß die, welche ich so liebgewonnen habe, bei mir bleiben.“

„Howgh!“ nickte er befriedigt. „Du wirst deine Arbeit vollenden, und dann geht es nach dem Osten. Wird Nscho-tschi dort Leute finden, bei denen sie wohnen und lernen kann?“

„Ja. Ich werde das sehr gern besorgen. Aber der Häuptling der Apachen muß dabei in Betracht ziehen, daß die Bleichgesichter nicht die Gastfreundschaft der roten Männer ausüben können.“

„Ich weiß es. Wenn Bleichgesichter nicht als Feinde zu uns kommen, so erhalten sie alles, was sie brauchen, ohne daß sie uns etwas dafür zu geben haben; suchen aber wir sie auf, so müssen wir nicht nur alles bezahlen, sondern doppelt so viel geben, als weiße Wanderer geben würden. Und selbst dann bekommen wir alles schlechter als diese. Nscho-tschi wird also auch bezahlen müssen.“

„Das ist leider wahr, braucht euch aber nicht zu kümmern. Infolge deines edelmütigen Anerbietens bekomme ich viel Geld ausgezahlt, und ihr werdet dann meine Gäste sein.“

„Uff, uff! Was denkt mein junger, weißer Bruder von Intschu tschuna und Winnetou, den Häuptlingen der Apachen! Ich habe dir vorhin doch gesagt, daß die roten Männer viele Orte kennen, an denen Gold zu finden ist. Es gibt Berge, welche mit goldenen Adern durchzogen sind, und Täler, in denen der herabgewaschene Goldstaub unter der dünnen Erddecke liegt. Wenn wir nach den Städten der Weißen gehen, haben wir zwar kein Geld, aber Gold, soviel Gold, daß niemand uns auch nur einen Schluck Wassers zu schenken braucht. Und wenn Nscho-tschi mehrere Sonnen lang dort bleiben müßte, so würde ich ihr mehr Gold zurücklassen, als sie für diese lange Zeit nötig hat. Nur die Ungastlichkeit der Bleichgesichter zwingt uns, die Fundorte des goldenen Staubes aufzusuchen, sonst aber beachten und benützen wir sie nie. Wann wird mein junger Bruder zum Aufbruche fertig sein?“

„Zu jeder Zeit, sobald es euch beliebt.“

„So wollen wir nicht zögern, denn es ist die Zeit des späten Herbstes, auf welchen schnell der Winter folgt. Ein roter Krieger braucht selbst für einen so weiten Ritt keine Vorkehrungen zu treffen; wir könnten also schon morgen aufbrechen, falls auch du dazu bereit wärest.“

„Ich bin bereit. Es ist nichts nötig, als kurz zu sagen, was wir mitzunehmen haben, wie viele Pferde und“

„Das wird Winnetou besorgen,“ unterbrach er mich. „Er hat schon an alles gedacht, und mein junger, weißer Bruder braucht sich um nichts zu sorgen.“

Wir verließen das Stockwerk, in welchem wir uns befanden, und kehrten nach oben zurück. Als ich in meine Wohnung treten wollte, kam Sam Hawkens heraus.

„Ich habe Euch etwas Neues mitzuteilen, Sir,“ sagte er freudestrahlend. „Werdet Euch wundern, außerordentlich wundern, wenn ich mich nicht irre.“

„Worüber?“

„Ueber die Nachricht, welche ich Euch bringe. Oder wißt Ihr es vielleicht schon?“

„Laßt erst hören, was Ihr meint, lieber Sam!“

„Es geht fort, fort von hier!“

„Ach so! Das weiß ich freilich schon.“

„Ihr wißt es schon? Wollte Euch mit meiner Mitteilung eine Freude machen; komme also zu spät.“

„Ich habe es soeben von Intschu tschuna erfahren. Wer hat es Euch gesagt?“

„Winnetou. Traf ihn unten am Wasser, wo er die betreffenden Pferde auswählte. Sogar Nscho-tschi reitet mit! Wißt Ihr das auch?“

„Ja.“

„Ist ein sonderbarer Gedanke, mir aber sehr recht. Soll, wie es scheint, im Osten in einem Pensionate untergebracht werden; weshalb und wozu, das ist mir unbegreiflich, wenn nicht“

Er hielt mitten im Satze inne, ließ seine kleinen Aeuglein mit einem vielsagenden Ausdrucke an mir niedergleiten und fuhr dann fort:

„Wenn nicht wenn nicht hm! Nscho-tschi soll vielleicht Eure Kliuna-ai werden. Meint Ihr nicht, geliebter Sir und Shatterhand?“

„Meine Kliuna-ai, also mein Mond? Solche Geschichten überlasse ich Euch, Sam. Was nützt mir ein Mond, der immerfort abnimmt, bis er ganz verschwindet? Es kann mir nicht einfallen, einer Indianerin wegen meine Perücke zu verlieren.“

„Eure Perücke? Hört, das habt Ihr schlecht gemacht. Das war ein sehr fauler Witz, auf den Ihr Euch nichts einbilden dürft. Ist überdies sehr gut, daß meine Liebe zu diesem abnehmenden Monde eine so unglückliche war.“

„Warum?“

„Weil ich ihn doch nicht hier lassen könnte, sondern mitnehmen müßte. Wer aber reitet gern mit einem Neumonde über die Prairie! Hihihihi! Ist doch bei jedem Unglück auch ein Glück! Es ärgert mich nur eins dabei!“

„Was?“

„Das schöne Grizzlyfell. Hätte ich es selbst verarbeitet, so würde ich jetzt in einem famosen Jagdrocke stecken; so aber ist der Rock und auch das Fell dahin.“

„Leider! Hoffentlich gibt es später einmal Gelegenheit, wieder einen Grizzly zu erlegen. Dann schenke ich Euch die Haut.“

„Ihr mir? Oder wohl ich Euch? Ihr dürft nicht denken, daß die grauen Bären nur so herumlaufen, um sich von dem ersten besten Greenhorn niederstechen zu lassen. Das war damals ein Zufall, auf den Ihr Euch noch viel weniger einzubilden braucht, als auf Euern Witz vorhin. Wollen uns überhaupt keine Bären wünschen, wenigstens nicht in nächster Zeit, wo wir zu arbeiten haben. Ist doch ein kolossaler Gedanke, daß Ihr weitermessen sollt! Nicht?“

„Edelmütig, Sam, sehr edelmütig!“

„Yes! Dadurch kommt Ihr zu Euerm Gelde, und wir erhalten das unserige auch. Vielleicht thunderstorm! Wollte es Euch gönnen, wenn ich jetzt richtig geraten hätte!“

„Was habt Ihr geraten?“

„Daß Ihr das ganze Geld bekommt das ganze!“

„Ich verstehe Euch nicht.“

„Ist aber ganz leicht zu verstehen. Wenn die Arbeit gemacht ist, muß sie auch bezahlt werden. Die Andern sind ausgelöscht worden; sie leben nicht mehr, also müssen ihre Anteile Euch mit ausbezahlt werden.“

„Das bildet Euch nicht ein, Sam. Man wird sich sehr hüten, das, was Ihr so klug erraten habt, in Erfüllung gehen zu lassen.“

„Ist alles möglich, alles! Müßt es nur richtig anfangen; müßt das Ganze verlangen. Habt ja auch fast die ganze Arbeit getan. Wollt Ihr?“

„Nein. Es fällt mir natürlich nicht ein, mich dadurch lächerlich zu machen, daß ich mehr verlange, als ich zu bekommen habe.“

„Greenhorn, wieder Greenhorn! Ich sage Euch, daß hier in diesem Lande Eure deutsche Bescheidenheit ganz am unrechten Platze ist. Ich meine es gut mit Euch; darum hört auf das, was ich Euch sage: Den Gedanken, ein Westmann zu werden, den laßt ja fallen; denn so etwas wird im ganzen Leben nicht aus Euch; dazu habt Ihr nicht das mindeste Geschick. Ihr müßt also an eine andere Laufbahn denken, und dazu gehört zunächst Geld und dann wieder Geld. Jetzt könnt Ihr, wenn Ihr gescheit seid, es zu einer hübschen Summe bringen, und dann ist Euch für einige Zeit hinaus geholfen. Folgt Ihr aber meinem Rate nicht, so schwimmt Euer Stock verkehrt den Fluß hinab, und Ihr geht zugrunde wie ein Fisch, der auf das Land gerät.“

„Wollen das abwarten. Ich bin nicht über den Mississippi gegangen, um ein Westmann zu werden, also habe ich, wenn keiner aus mir wird, nicht etwa eine verlorene Hoffnung zu beklagen. In diesem Falle wäret nur Ihr zu bedauern.“

„Ich? Warum ich?“

„Weil Ihr Euch so viel Mühe gegeben habt, etwas aus mir zu machen. Ich höre schon im voraus die Leute zu mir sagen, daß ich einen Lehrmeister gehabt haben muß, der nichts versteht.“

„Nichts versteht? Ich? Sam Hawkens und nichts verstehen, hihihihi! Ich verstehe alles, alles; ich verstehe es sogar, Euch hier stehen zu lassen, Sir!“

Er ging, drehte sich aber nach einigen Schritten wieder um und sagte:

„Merkt Euch aber das: Wenn Ihr nicht das ganze Geld verlangt, so verlange ich es und stecke es Euch dann in die Tasche! Howgh!“

Nach diesen Worten entfernte er sich mit Schritten, welche gravitätisch sein sollten, aber grad das Gegenteil davon waren. Das liebe Kerlchen wünschte mir alles Gute, also auch das ganze Honorar, woran aber gar nicht zu denken war.

Das, was Intschu tschuna gesagt hatte, bewährte sich: ein roter Krieger bedarf selbst zur weitesten Reise keiner großen Vorkehrungen. Das Leben im Pueblo nahm auch heut seinen gewöhnlichen, ruhigen Verlauf, ohne daß irgend etwas auf unsere baldige Abreise schließen ließ. Auch Nscho-tschi, welche uns, wie stets vorher, beim Essen bediente, war so wie immer. Welche Aufregung und Vorarbeit gibt es bei einer weißen Dame, die einen kleinen Ausflug machen will! Diese Indianerin hatte einen weiten und gefährlichen Ritt vor sich, um die vielgerühmten Herrlichkeiten der Zivilisation kennen zu lernen, und doch war nicht die leiseste Spur einer Veränderung an ihr zu bemerken. Ich wurde weder nach etwas gefragt noch sonst zu Rate gezogen oder gar belästigt. Das einzige, was ich vorzunehmen hatte, war die Verpackung der Instrumente, zu welchem Zwecke ich von Winnetou eine Anzahl weicher, wollener Decken bekam. Wir saßen, wie gewöhnlich, während des ganzen Abends beisammen, ohne daß ein Wort über den beabsichtigten Ritt gesprochen wurde, und als ich mich schlafen legte, war es mir gar nicht so, als ob ich vor einer so weiten Reise stünde. Die Ruhe und Kaltblütigkeit der Indianer hatte mich angesteckt. Am Morgen erwachte ich nicht von selbst, sondern ich wurde von Hawkens geweckt, welcher mir sagte, daß alles zum Aufbruche bereit sei. Der Tag war kaum angebrochen, ein später Herbstmorgen, dessen Kühle allerdings bewies, daß es Zeit gewesen war, die Reise nicht länger aufzuschieben.

Es gab ein kurzes Frühstück, und dann begleiteten uns sämtliche Bewohner des Pueblo, Kind und Kegel, wie man sich auszudrücken pflegt, hinab nach dem Flusse, wo eine Zeremonie vorgenommen werden sollte, die ich noch nicht gesehen hatte: der Medizinmann hatte zu erklären, ob die Reise eine glückliche oder unglückliche sein werde.

Zu dieser Feierlichkeit waren auch die in der Nähe des Pueblo sich aufhaltenden Apachen herbeigekommen. Unser großer Ochsenwagen stand noch da; er konnte von uns natürlich nicht mitgenommen werden, weil er zu schwerfällig war und die Schnelligkeit, welche wir uns vorgenommen hatten, beeinträchtigt hätte. Er bildete das Sanktuarium des Medizinmannes, welcher ihn mit Decken verhangen hatte, hinter denen er steckte.

Es wurde ein weiter Kreis um den Wagen gebildet. Als dieser geschlossen war, begann die für die Roten heilige Handlung, welche ich aber im Stillen mit dem Ausdrucke Vorstellung bezeichnete, mit einem aus dem Wagen tönenden Knurren und Pfauchen, als ob mehrere Hunde und Katzen im Begriffe ständen, einen Kampf zu beginnen.

Ich stand zwischen Winnetou und seiner Schwester. Die große Aehnlichkeit, welche zwischen den Geschwistern herrschte, trat heut ganz besonders hervor, weil Nscho-tschi nicht ein Frauengewand trug, sondern Männerkleider angelegt hatte. Ihr Anzug glich genau demjenigen ihres Bruders, welcher schon beschrieben worden ist. Auch sie hatte keine Kopfbedeckung und ihr Haar in einen solchen Schopf geordnet, wie er das seinige. An ihrem Gürtel hingen mehrere Beutel mit verschiedenem Inhalte; in demselben steckten ein Messer und eine Pistole, und über ihrem Rücken hing ein Gewehr. Ihr Anzug war neu und mit bunten Fransen und Stickereien verziert. Sie sah sehr kriegerisch und dabei doch so mädchenhaft und reizend aus, daß aller Blicke auf sie gerichtet waren. Da ich den Anzug trug, welchen ich geschenkt bekommen hatte, so waren wir drei beinahe gleich gekleidet.

Ich mochte, als das Pfauchen sich hören ließ, ein nicht grad feierliches Gesicht machen, denn Winnetou sagte:

„Mein Bruder kennt diesen unsern Gebrauch noch nicht; er wird im Stillen über uns lachen.“

„Mir ist kein religiöser Gebrauch, und wenn ich ihn noch so wenig verstehen und begreifen kann, lächerlich,“ antwortete ich.

„Das ist das richtige Wort: religiös. Was du hier sehen und hören wirst, ist keine heidnische Mummerei, sondern jede Bewegung und jeder Laut des Medizinmannes hat eine Bedeutung. Das, was du jetzt vernimmst, sind die gegen einander streitenden Stimmen des guten und des bösen Geschickes.“

In dieser Weise erklärte er mir auch den fernern Verlauf des Medizintanzes.

Auf das Pfauchen folgte ein immer wiederkehrendes Geheul, welches mit sanfteren Tönen abwechselte. Das Geheul ertönte in den Augenblicken, wenn der in die Zukunft forschende Medizinmann böse Anzeichen wahrnahm, und die zarteren Laute dann, wenn er Gutes voraussah. Als dies längere Zeit gedauert hatte, kam er plötzlich aus dem Wagen gesprungen und rannte wie ein Wütender und brüllend im Kreise herum. Nach und nach verlangsamten sich seine Schritte; das Brüllen hörte auf; die so gut gemimte Angst, welche ihn herumgetrieben hatte, legte sich, und er begann einen langsamen, grotesken Tanz, welcher um so seltsamer war, als er sich das Gesicht mit einer schrecklich aussehenden Maske bedeckt und den Körper mit allerlei wunderlichen, teils auch ungeheuerlichen Gegenständen behangen hatte. Diesen Tanz begleitete er mit einem eintönigen Gesange. Beide, Gesang und Tanz, waren erst bewegter, wurden nach und nach immer ruhiger, bis sie aufhörten und der Medizinmann sich niedersetzte, um, den Kopf zwischen die Knie niederbeugend, eine ganze lange Weile laut- und bewegungslos zu verharren, bis er plötzlich aufsprang und das Resultat seiner Seherschaft in den laut gerufenen Worten verkündete:

„Hört, hört, ihr Söhne und Töchter der Apachen! Das ist es, was Manitou, der große, gute Geist, mich erforschen ließ. Intschu tschuna und Winnetou, die Häuptlinge der Apachen, und Old Shatterhand, der unser weißer Häuptling ist, reiten mit ihren roten und weißen Kriegern fort, um Nscho-tschi, die junge Tochter unseres Stammes, nach den Wohnplätzen der Bleichgesichter zu begleiten. Der gute Manitou ist bereit, sie zu beschützen. Sie werden einige Abenteuer erleben, ohne Schaden davon zu haben, und glücklich zu uns zurückkehren. Auch Nscho-tschi, welche längere Zeit bei den Bleichgesichtern bleibt, kommt glücklich wieder, und nur einer von ihnen ist es, den wir nicht wiedersehen werden.“

Er hielt inne und senkte den Kopf tief herab, um seiner Trauer über diese letztere Tatsache Ausdruck zu geben.

„Uff, uff, uff!“ riefen die Roten neugierig und bedauernd aus; aber keiner wagte es, zu fragen, wen er meine.

Da der Medizinmann längere Zeit in seiner gebückten Haltung und seinem Schweigen verharrte, so ging meinem kleinen Sam Hawkens die Geduld aus, und er fragte:

„Wer ist es denn, der nicht zurückkehren wird? Der Mann der Medizin mag es doch sagen!“

Der Angerufene machte eine verweisende Armbewegung, wartete nun grad noch lange Zeit, erhob dann seinen Kopf, richtete die Augen auf mich und rief:

„Es wäre besser, wenn nicht nach ihm gefragt worden wäre. Ich wollte ihn nicht nennen; nun aber hat Sam Hawkens, das neugierige Bleichgesicht, mich gezwungen, es zu sagen. Old Shatterhand ist es, der nicht wiederkommen wird. Der Tod trifft ihn in kurzer Zeit. Die, denen ich eine glückliche Heimkehr verkündet habe, mögen sich vor seiner Nähe hüten, wenn sie nicht ihr Leben mit dem seinen lassen wollen! Sie befinden sich bei ihm in Gefahr, von ihm entfernt aber stets in Sicherheit. Das sagt der große Geist Howgh!“

Nach diesen Worten kehrte er in den Wagen zurück. Die Roten ließen, scheue Blicke auf mich richtend, Ausdrücke des Bedauerns hören. Ich galt ihnen von jetzt an als ein verfemter Mann, den man zu meiden hatte.

„Was ist diesem Kerl denn eingefallen?“ meinte Sam zu mir. „Ihr sollt sterben? Fällt außer diesem Schafskopf keinem andern Menschen ein! Diese Idee ist natürlich seinem schwindsüchtigen Gehirn entsprungen. Wie mag er doch auf sie gekommen sein?“

„Fragt lieber, welche Absicht er dabei verfolgt! Er will mir nicht wohl. Kein indianischer Medizinmann wird der Freund eines Christen sein; dieser hier hat niemals ein Wort an mich gerichtet, und ich habe ihn natürlich mit gleicher Münze bezahlt; er war Luft für mich. Er fürchtet meinen Einfluß auf die Häuptlinge, welcher sich bald auf den ganzen Stamm erstrecken kann, und hat nunmehr die passende Gelegenheit ergriffen, dem zuvorzukommen.“

„Soll ich hingehen und ihm einige Ohrfeigen in das rote Gesicht pflanzen, Sir?“

„Macht keine Dummheit, Sam! Die Sache ist ja der Aufregung gar nicht wert.“

Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi hatten, als sie die Weissagung des Medizinmannes hörten, einander betroffen angeschaut. Ob sie an die Wahrheit der Prophezeiung glaubten oder nicht, das blieb sich gleich; aber sie kannten die Wirkung derselben auf ihre Untergebenen. Es sollten dreißig Mann mit uns reiten; wenn diese glaubten, daß meine Nähe Verderben bringe, so waren Unzuträglichkeiten aller Art gar nicht zu vermeiden. Dem konnte, da der Ausspruch des Medizinmannes nicht abzuändern war, nur dadurch vorgebeugt werden, daß die Anführer gegen mich dieselben blieben wie vorher und dies ihren Leuten sogleich zeigten. Darum ergriffen sie beide meine Hände und Intschu tschuna sagte so laut, daß alle es hörten:

„Meine roten Brüder und Schwestern mögen meine Worte vernehmen! Unser Medizinbruder besitzt den Blick, in die Geheimnisse der Zukunft zu dringen, und sehr oft ist das, was er vorherverkündet hat, eingetroffen; aber wir haben auch erfahren, daß er sich irren kann. Er hat in der Zeit großer Dürre den Regen herbeigezogen, der aber nicht gekommen ist. Vor dem letzten Zuge gegen die Komanchen verkündete er uns, daß wir große Beute machen würden, doch der Sieg, den wir errangen, hat uns nur einige alte Pferde und drei schlechte Gewehre eingebracht. Als er uns im vorletzten Herbste sagte, daß wir nach dem Wasser des Tugah gehen müßten, wenn wir viel Büffel erlegen wollten, haben wir nach seinen Worten getan, jedoch wir machten so wenig Fleisch, daß dann im Winter beinahe eine Hungersnot ausbrach. Ich könnte euch noch mehrere solche Beispiele anführen, welche beweisen, daß sein Auge zuweilen dunkel ist. Darum ist es sehr wohl möglich, daß er sich auch jetzt mit unserm Bruder Old Shatterhand irrt. Ich nehme seine Worte so, als ob sie nicht gesprochen worden seien, und fordere meine Brüder und Schwestern auf, dies auch zu tun. Wir wollen abwarten, ob sie zutreffen.“

Da trat mein kleiner Sam Hawkens vor und rief:

„Nein, wir warten nicht; wir brauchen nicht zu warten, denn es gibt ein Mittel, sofort zu erfahren, ob der Medizinmann die Wahrheit verkündet hat.“

„Welches Mittel meint mein weißer Bruder?“ erkundigte sich der Häuptling.

„Ich will es euch sagen. Nicht nur die Roten, sondern auch die Weißen haben ihre Medizinmänner, welche es verstehen, die Zukunft zu erforschen, und ich, Sam Hawkens, bin der berühmteste unter ihnen.“

„Uff, uff!“ riefen die Apachen erstaunt.

„Ja, da wundert ihr euch! Ihr habt mich bisher für einen gewöhnlichen Westmann gehalten, weil ihr mich noch nicht kennt; aber ich kann mehr als Kirschen essen, und ihr sollt mich kennen lernen, hihihihi! Einige von den roten Kriegern mögen ihre Tomahawks nehmen und ein enges, aber tiefes Loch in die Erde graben.“

„Will mein weißer Bruder in das Innere der Erde blicken?“ fragte Intschu tschuna.

„Ja, denn die Zukunft liegt im Schoße der Erde verborgen, zuweilen auch in den Sternen; da ich jedoch jetzt am hellen Tage keine Sterne sehe, die ich befragen könnte, muß ich mich an die Erde wenden.“

Einige Indianer folgten seiner Aufforderung, indem sie mit ihren Kriegsbeilen ein Loch machten.

„Treibt keinen Humbug, Sam,“ flüsterte ich ihm zu. „Wenn die Roten merken, daß Ihr Unsinn macht, so verschlimmert Ihr die Sache, anstatt daß Ihr sie verbessert!“

„Humbug? Unsinn? Was ist es denn, was der Medizinmann treibt? Doch auch Unsinn! Was der kann und darf, das kann und darf ich auch, wenn ich mich nicht irre, verehrter Sir. Ich weiß, was ich tue. Wenn nichts geschieht, so zeigen sich die Leute, welche wir mitnehmen, obstinat. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Davon bin ich allerdings auch überzeugt; aber ich bitte Euch, ja nichts Lächerliches vorzunehmen!“

„O, es ist ernst, sehr ernst. Habt keine Sorge!“

Es war mir trotz dieser seiner Aufforderung nicht ganz wohl zu Mute. Ich kannte ihn nur zu gut. Er war ein Spaßvogel. Darum hätte ich ihn gern noch weiter gewarnt, aber er ließ mich stehen und ging zu den Indianern, um ihnen zu sagen, wie tief das Loch zu machen sei.

Als es fertig war, trieb er sie fort und zog seinen alten, ledernen Jagdrock aus. Nachdem er ihn wieder zugeknöpft hatte und auf die Erde setzte, stand das alte Kleidungsstück so steif, als wäre es aus Blech oder Holz gemacht. Er stellte den Rock, welcher einen hohlen Zylinder bildete, auf das Loch, gab sich ein wichtiges Aussehen und rief:

„Die Männer, Frauen und Kinder der Apachen werden sehen, was ich tue und erfahre, und darüber staunen. Die Erde wird mir, wenn ich meine Zauberworte gesprochen habe, ihren Schoß öffnen, so daß ich alles sehe, was in nächster Zeit mit uns geschehen wird.“

Hierauf entfernte er sich ein kleines Stück von dem Loche und ging dann langsam und mit feierlichen Schritten um dasselbe herum, wobei er zu meinem Entsetzen das kleine Einmaleins von der Eins bis mit der Neun hersagte. Glücklicherweise tat er dies so schnell, daß die Roten wohl gar nicht merkten, was er sprach. Als er mit der Neun zu Ende war, wurden seine Schritte immer schneller, bis er im Galopp um den Rock sprang, wobei er ein lautes Geheul hören ließ und seine Arme wie Windmühlenflügel bewegte. Als er sich außer Atem gelaufen und gebrüllt hatte, trat er zu seinem Rocke hin, machte mehrere tiefe Verbeugungen und steckte den Kopf oben hinein, um durch den Jagdrock hinab ins Loch zu sehen.

Mir war um den Erfolg dieser Kinderei bange. Ich blickte mich im Kreise um und bemerkte zu meiner Beruhigung, daß die Roten alle mit großem Ernste bei der Sache waren. Auch die Gesichter der beiden Häuptlinge verrieten keine Mißbilligung; ich war aber überzeugt, daß Intschu tschuna recht wohl wußte, daß Sams Treiben bloße Spiegelfechterei war.

Sein Kopf steckte wohl fünf Minuten lang in der Kragenöffnung seines Rockes. Während dieser Zeit bewegte er zuweilen seine Arme in einer Weise, welche andeuten sollte, daß er ganz Wichtiges und Wunderbares vor den Augen habe. Endlich zog er den Kopf heraus. Seine Miene war im höchsten Grade ernst. Er knöpfte den Rock wieder auf, zog ihn an und gebot:

„Meine roten Brüder mögen das Loch zumachen, denn so lange es offen steht, darf ich nichts sagen!“

Als diese Aufforderung befolgt worden war, holte er tief Atem, als ob er sich sehr angegriffen fühle, und rief dann:

„Euer roter Medizinbruder hat falsch gesehen, denn es wird grad das Gegenteil von dem geschehen, was er sagte. Ich habe alles erfahren, was uns die nächsten Wochen bringen; aber es ist mir verboten, es mitzuteilen. Nur einiges darf ich berichten. Ich habe Gewehre in dem Loche gesehen und Schüsse gehört; wir werden also Kämpfe zu bestehen haben. Der letzte Schuß kam aus dem Bärentöter Old Shatterhands. Wer den letzten Schuß hat, kann doch nicht gefallen und gestorben, sondern er muß Sieger sein. Meinen roten Brüdern droht Unheil. Sie können demselben nur dadurch entgehen, daß sie sich in der Nähe Old Shatterhands halten. Wenn sie aber das tun, was der Medizinmann von ihnen forderte, so gehen sie zugrunde. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Die Wirkung dieser Weissagung war, wenigstens in diesem Augenblicke, diejenige, welche Sam beabsichtigt hatte. Die Roten glaubten ihm, das sah man ihnen an. Sie blickten erwartungsvoll nach dem Wagen. Sie glaubten wohl, daß der Medizinmann aus demselben kommen werde, um sich zu verteidigen. Er ließ sich aber nicht sehen, und so nahmen sie an, daß er sich besiegt fühle. Sam Hawkens kam auf mich zu, funkelte mich mit seinen kleinen Aeuglein listig an und fragte:

„Nun, Sir, wie habe ich meine Sache gemacht?“

„Wie ein echter, richtiger Schwindelmeier.“

„Well! Also gut? Nicht?“

„Ja. Wenigstens hat es den Anschein, als ob Ihr Euern Zweck erreicht hättet.“

„Habe ihn vollständig erreicht. Der Medizinmann ist geschlagen; er läßt sich nicht sehen und nicht hören.“

Winnetou ließ seine Augen mit einem stillen und doch vielsagenden Blicke auf uns ruhen. Sein Vater war weniger schweigsam; er trat zu uns und sagte zu Sam:

„Mein weißer Bruder ist ein kluger Mann; er hat den Worten unsers Medizinmannes die Kraft genommen, und er besitzt einen Rock, in welchem wichtige Weissagungen stecken. Dieser kostbare Rock wird berühmt werden von einem großen Wasser bis zum andern. Aber Sam Hawkens ist mit seiner Vorherverkündigung zu weit gegangen.“

„Zu weit? Wieso?“ erkundigte sich der Kleine.

„Es hätte genügt, zu sagen, daß Old Shatterhand uns keinen Schaden bringe. Warum hat Sam Hawkens hinzugefügt, daß uns Schlimmes bevorstehe?“

„Weil ich es im Loche gesehen habe.“

Da machte Intschu tschuna eine abwehrende Handbewegung und erklärte:

„Der Häuptling der Apachen weiß, woran er ist; das mag Sam Hawkens glauben. Es war nicht nötig, von schlimmen Dingen zu sprechen und unsere Leute mit Besorgnis zu erfüllen.“

„Mit Besorgnis? Die Krieger der Apachen sind doch tapfere Männer, die sich nicht fürchten werden.“

„Sie fürchten sich nicht; das werden sie beweisen, falls unser Ritt, der ein friedlicher sein soll, uns mit Feinden zusammenführen sollte. Wir wollen ihn nun beginnen.“

Die Pferde wurden gebracht. Es war eine ziemliche Zahl von Packtieren dabei, von denen einige meine Instrumente zu tragen hatten; die übrigen waren mit Proviant und andern Notwendigkeiten beladen.

Es herrscht bei den Indianern der Brauch, daß die fortziehenden Krieger von den zurückbleibenden eine Strecke weit begleitet werden. Dies geschah heut nicht, weil Intschu tschuna es nicht gewollt hatte. Die dreißig Roten, welche mit uns ritten, nahmen nicht einmal von ihren Frauen und Kindern Abschied. Sie hatten dies wohl schon vorher getan, denn es öffentlich zu tun, erlaubte ihre Kriegerwürde nicht.

Einen Einzigen gab es, welcher mit Worten Abschied nahm, nämlich Sam Hawkens. Er sah Kliuna-ai unter den Frauen stehen, lenkte, als er bereits im Sattel saß, sein Maultier zu ihr hin und fragte:

„Hat Mond gehört, was ich im Loche der Erde gesehen habe?“

„Du hast es gesagt, und ich hörte es,“ antwortete sie.

„Ich hätte noch mehr, noch viel mehr sagen können, zum Beispiele auch von dir.“

„Von mir? Habe ich auch mit im Loche gesteckt?“

„Ja. Ich sah deine ganze Zukunft vor mir liegen. Soll ich sie dir mitteilen?“

„Ja, tue das!“ bat sie schnell und eifrig. „Was wird mir die Zukunft bringen?“

„Sie wird dir nicht etwas bringen, sondern etwas rauben, etwas, was dir sehr wert und teuer ist.“

„Was ist das?“ erkundigte sie sich ängstlich.

„Dein Haar. Du wirst es in einigen Monden verlieren und einen fürchterlichen Kahlkopf bekommen, grad so wie der Mond, der ja auch keine Haare hat. Dann werde ich dir meine Perücke schicken. Leb wohl, du trauriger Mondschein, du!“

Er trieb lachend sein Maultier von dannen, und sie wendete sich ab, sehr beschämt darüber, daß sie sich durch ihre Neugierde hatte auf das Eis führen lassen.

Die Ordnung, in welcher wir ritten, machte sich ganz von selbst. Intschu tschuna und Winnetou mit seiner Schwester und ich waren an der Spitze; dann folgten Hawkens, Parker und Stone, und hinter ihnen kamen die dreißig Apachen, welche miteinander abwechselten, die Packpferde zu leiten.

Nscho-tschi saß rittlings, also nach Männerart, auf ihrem Pferde. Sie war, wie ich schon wußte und es sich auch im Verlaufe unserer Reise zeigte, eine ausgezeichnete und auch ausdauernde Reiterin. Ebenso gut wußte sie ihre Waffen zu handhaben. Wer uns begegnet wäre, ohne sie zu kennen, hätte sie für einen jüngeren Bruder Winnetous halten müssen; einem schärferen Auge aber konnte die frauenhafte Weichheit ihrer Gesichtszüge und Körperformen nicht entgehen. Sie war schön, wirklich schön, selbst trotz ihres männlichen Anzuges und ihrer männlichen Art, zu reiten, schön!

Die ersten Tage unserer Reise verliefen ohne irgend ein Ereignis, welches erwähnt zu werden verdiente. Wie bekannt, hatten die Apachen fünf Tage gebraucht, um von dem Orte des Ueberfalles nach dem Pueblo am Rio Pecos zu kommen. Der Transport der Gefangenen und Verwundeten hatte diesen Ritt verlangsamt. Wir erreichten schon nach drei Tagen die Stelle, an welcher Klekih-petra von Rattler ermordet worden war. Dort wurde Halt und Nachtlager gemacht. Die Apachen trugen Steine zu einem einfachen Denkmale zusammen. Winnetou war an dieser Stätte noch ernster als gewöhnlich gestimmt. Ich erzählte ihm, seinem Vater und seiner Schwester, was Klekih-petra mir über sein früheres Leben mitgeteilt hatte.

Am nächsten Morgen ging es weiter, bis in die Gegend, wo unsere Meßarbeit so plötzlich durch den Ueberfall unterbrochen worden war. Die Pfähle steckten noch, und ich konnte sofort beginnen, tat dies aber nicht, weil es zunächst noch Notwendigeres zu tun gab.

Es war nämlich den Apachen damals nach dem Kampfe nicht eingefallen, die toten Weißen und Kiowas zu begraben, sondern sie hatten die Leichen liegen lassen, wie sie lagen. Was von ihnen unterlassen worden war, hatten die Geier und andere Raubtiere übernommen, doch freilich in anderer Weise. Die Knochen lagen umher, oft völlig abgenagt, oft auch mit faulenden Fleischresten behangen; es war eine schaurige Arbeit für mich, Sam, Dick und Will, diese Ueberreste zu sammeln und in ein gemeinschaftliches Grab zu legen. Die Apachen beteiligten sich natürlich nicht dabei.

Darüber verging der Tag, und ich fing erst am nächsten Morgen meine Arbeit an. Abgesehen von den Kriegern, welche mir die nötigen Handreichungen taten, half mir besonders Winnetou dabei, und seine Schwester kam kaum von meiner Seite.

Es war ein ganz anderes Schaffen als damals, wo ich es mit so unsympathischen Menschen zu tun gehabt hatte. Die Roten, welche ich nicht beschäftigte, streiften in der Gegend herum und brachten dann abends manche Jagdbeute mit.

Es läßt sich denken, daß ich die Arbeit sehr rasch förderte. Ich erreichte trotz der Schwierigkeit des Terrains den Anschluß an die nächste Sektion schon nach drei Tagen und bedurfte nur noch eines vierten Tages, um die Zeichnungen und Notizen zu vervollständigen. Dann war ich fertig, und das war gut, denn der Winter rückte schnell heran; die Nächte waren schon empfindlich kalt, so daß wir die Feuer bis zum Morgen nicht ausgehen ließen.

Wenn ich gesagt habe, daß die Apachen mir behilflich waren, so kann ich doch leider nicht behaupten, daß sie dies gern getan hätten. Sie gehorchten dabei den Befehlen ihrer Häuptlinge; ohne dieselben hätten sie mich wohl schwerlich unterstützt. Man sah es jedem, den ich beschäftigte, an, daß er sich freute, wenn seine Handreichungen nicht mehr gebraucht wurden. Und wenn wir dann am Abende beisammen saßen, so lagerten die dreißig Indsmen stets entfernter von uns, als nötig war und ihnen die Achtung vor ihren Häuptlingen gebot. Diese letzteren bemerkten dies sehr wohl, schwiegen aber darüber. Sam beobachtete es auch und meinte zu mir:

„Wollen gar nicht so recht ans Zeug, diese Roten. Es ist und bleibt doch immer wahr: der Rote ist ein tüchtiger Jäger und tapferer Krieger, sonst aber ein Faulpelz. Die Arbeit schmeckt ihm nicht.“

„Das, was sie für mich tun, strengt nicht im mindesten an und ist gar keine Arbeit zu nennen. Ihr Widerwille hat wohl einen andern Grund.“

„So? Welchen denn?“

„Sie scheinen an die Prophezeiung ihres Medizinmannes zu denken und derselben mehr zu glauben als der Eurigen, lieber Sam.“

„Mag sein, wäre aber dumm von ihnen.“

„Und sodann ist ihnen meine Arbeit doch jedenfalls ein Greuel. Die hiesige Gegend gehört ihnen, und ich vermesse sie für andere Leute, für ihre Feinde. Daran müßt Ihr auch denken, Sam.“

„Aber ihre Häuptlinge wollen es doch so!“

„Allerdings. Das setzt aber nicht voraus oder vielmehr hat nicht zur Folge, daß sie auch damit einverstanden sind. Sie sind im Stillen dagegen. Und wenn ich sie beobachte, wie sie beisammen sitzen und leise miteinander sprechen, so sehe ich es ihren Mienen an, daß sie von mir reden, und zwar nichts, worüber ich mich freuen würde, wenn ich es hörte.“

„Kommt mir auch so vor. Kann uns aber sehr gleichgültig sein. Was sie denken und reden, kann uns nichts schaden. Wir haben es mit Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi zu tun, und über diese Drei können wir doch wohl nicht klagen.“

Da hatte er recht. Winnetou und sein Vater waren mir in Allem behilflich und von einer wahrhaft brüderlichen Zuvorkommenheit, und die Indianerin sah mir gar jeden Wunsch an den Augen ab. Es war, als ob sie jeden meiner Gedanken erraten könne. Sie tat immer nur, was ich wollte, ohne daß ich es auszusprechen brauchte, und das erstreckte sich auf Dinge und Kleinigkeiten, die kein Mensch sonst zu beachten pflegt. Ich wurde ihr mit jedem Tage mehr zur Dankbarkeit verpflichtet. Sie war eine scharfe Beobachterin und aufmerksame Zuhörerin, und ich bemerkte zu meiner Freude und Genugtuung, daß ich, absichtlich oder unabsichtlich, ihr Lehrer war, von dem sie mit Begierde lernte. Wenn ich sprach, hing ihr Auge an meinen Lippen, und was ich tat, tat sie dann später genau ebenso, selbst wenn es den Gewohnheiten ihrer Rasse widersprach. Sie schien nur für mich da zu sein und war für meine Bequemlichkeit und mein Wohlbefinden viel besorgter als ich selbst, der ich gar nicht daran dachte, es besser haben zu wollen als die Andern.

Also am Ende des vierten Tages war ich fertig und verpackte die Meßinstrumente in die dazu mitgebrachten Decken. Wir machten uns reisefertig und brachen am Morgen des fünften Tages auf. Die beiden Häuptlinge hatten sich für ganz dieselbe Route entschlossen, auf welcher ich von Sam in diese Gegend gebracht worden war.

Als wir derselben zwei Tage lang gefolgt waren, hatten wir eine Begegnung. Wir befanden uns in einer flachen, grasigen und hier und da durch Buschwerk unterbrochenen Gegend, die uns einen guten Ausblick gewährte, was im Westen immer von Vorteil ist. Man kann nicht wissen, auf was für Menschen man trifft, und da ist es gut, wenn man jede Annäherung im Voraus bemerkt. Wir sahen vier Reiter uns entgegenkommen; sie waren Weiße. Sie erblickten uns natürlich ebenso wie wir sie und hielten an, ungewiß, ob sie ihren Weg fortsetzen oder uns ausweichen sollten. Dreißig Roten zu begegnen, das ist nicht angenehm für Weiße, die nur zu Vieren sind, zumal wenn sie nicht wissen, welchem Stamme die Indianer angehören. Aber sie sahen, daß Weiße bei den Indsmen waren, und das schien ihr Bedenken zu heben, denn sie ließen ihre Pferde in derselben Richtung weitergehen.

Sie waren wie Cowboys gekleidet und mit Gewehren, Messern und Revolvern bewaffnet. Als sie uns auf zwanzig Schritte nahe gekommen waren, hielten sie ihre Pferde an, nahmen, der Uebung gemäß, ihre Gewehre schußfertig in die Hand, und der Eine von ihnen rief uns an:

„Good day, Mesch’schurs! Ist es nötig, den Finger am Drücker zu haben, oder nicht?“

„Good day, Gents,“ antwortete Sam. „Tut eure Schießhölzer getrost weg! Wir haben nicht die Absicht, euch aufzufressen. Darf man erfahren, woher ihr kommt?“

„Vom alten Mississippi herüber.“

„Und wohin wollt ihr?“

„Hinauf ins New-Mexiko und von dort aus nach Kalifornien hinüber. Haben gehört, daß dort Rinderhirten gebraucht und besser bezahlt werden als da, woher wir kommen.“

„Könnt recht haben, Sir; müßt aber noch einen weiten Weg machen, bis ihr eine solche feine Anstellung erhaltet. Wir kommen von da oben herunter und wollen nach St. Louis. Ist der Weg jetzt rein?“

„Ja. Wenigstens haben wir nichts vom Gegenteile gehört. Brauchtet euch aber auch in einem solchen Falle nicht zu fürchten; seid ja zahlreich genug. Oder reiten die roten Gentlemen nicht weit mit?“

„Nur die beiden Krieger hier mit ihrer Tochter und Schwester, Intschu tschuna und Winnetou, die Häuptlinge der Apachen.“

„Was Ihr sagt, Sir! Eine rote Lady, welche nach St. Louis will? Darf man vielleicht eure Namen erfahren?“

„Warum nicht! Sind ehrliche Namen; brauchen sie nicht zu verheimlichen. Ich werde Sam Hawkens genannt, wenn ich mich nicht irre. Da sind meine Kameraden Dick Stone und Will Parker, und hier neben mir seht ihr Old Shatterhand, einen Boy, der den grauen Bär mit dem Messer ersticht und den stärksten Menschen mit der Faust zu Boden schlägt. Nun habt ihr wohl die Gewogenheit, mir eure Namen auch zu nennen?“

„Gern. Von Sam Hawkens haben wir gehört, von den andern Gentlemen noch nicht. Ich heiße Santer und bin kein so berühmter Westläufer wie Ihr, sondern ein einfacher, armer Cowboy.“

Er nannte auch die Namen seiner drei Gefährten, welche ich mir nicht gemerkt habe, tat noch einige Fragen, welche sich auf den Weg bezogen, und dann ritten sie weiter. Als sie fort waren, fragte Winnetou Sam:

„Warum hat mein Bruder diesen Leuten so genaue Auskunft gegeben?“

„Sollte ich sie ihnen verweigern?“

„Ja.“

„Wüßte nicht, warum. Wir wurden höflich gefragt, und so mußte ich höflich antworten; so wenigstens tut Sam Hawkens stets.“

„Der Höflichkeit der Bleichgesichter traue ich nicht. Sie waren höflich, weil wir achtmal mehr zählten als sie. Es ist mir nicht lieb, daß du ihnen gesagt hast, wer wir sind.“

„Warum? Meinst du, daß dies uns Schaden machen kann?“

„Ja.“

„In welcher Weise?“

„In mancherlei Weise. Diese Bleichgesichter haben mir nicht gefallen. Die Augen dessen, der mit dir sprach, waren keine guten Augen.“

„Habe das nicht bemerkt. Aber selbst wenn es so wäre, uns tut es nichts. Sie sind fort; sie reiten dahin und wir dorthin; es wird ihnen nicht einfallen, umzukehren und uns zu belästigen.“

„Dennoch will ich wissen, was sie tun. Meine Brüder mögen langsam weiterreiten; ich aber werde mit Old Shatterhand umkehren und diesen Bleichgesichtern eine Strecke folgen.

Ich muß wissen, ob sie wirklich weiterreiten oder sich nur den Schein gegeben haben, dies zu tun.“

Während die Andern hierauf ihren Weg fortsetzten, ritt er mit mir auf unserer Spur, welcher die vier Fremden gefolgt waren, zurück. Ich muß sagen, daß dieser Santer mir auch nicht gefallen hatte, und seine drei Gefährten hatten ebenso wenig vertrauenswürdig ausgesehen. Nur vermochte ich mir nicht zu sagen, was sie uns anhaben konnten oder wollten. Selbst wenn sie zu den Leuten gehörten, welche das Eigentum anderer Menschen mit dem ihrigen zu verwechseln pflegen, fragte ich mich vergeblich, was sie verlocken könnte, anzunehmen, daß bei uns ein Fang zu machen sei. Und selbst wenn sie dies glaubten, war es mir höchst unwahrscheinlich, daß sie es wagen würden, sie, die Vier, gegen siebenunddreißig wohl bewaffnete Personen vorzugehen. Aber als ich eine hierauf bezügliche Frage an Winnetou richtete, erklärte er mir:

„Wenn sie Diebe sind, so kehren sie sich nicht an unsere Ueberzahl, da sie nicht beabsichtigen, uns offen anzugreifen; sie folgen uns vielmehr heimlich, um den Augenblick zu erlauschen, an welchem sich der, auf den sie es abgesehen haben, von der Gesellschaft absondert.“

„Auf wen könnten sie es abgesehen haben? Sie kennen uns ja gar nicht.“

„Auf den, bei dem sie Gold vermuten.“

„Gold? Wie können sie wissen, ob welches vorhanden ist, und welche von so vielen Personen es bei sich hat? Sie müßten allwissend sein.“

„O nein. Sie brauchen nur nachzudenken, um es sich fast mit Sicherheit sagen zu können. Sam Hawkens ist so unvorsichtig gewesen, ihnen zu verraten, daß wir Häuptlinge sind und nach St. Louis wollen. Mehr brauchen sie nicht zu wissen.“

„Ah, jetzt ahne ich, was mein roter Bruder meint. Wenn Indianer nach dem Osten gehen, brauchen sie Geld; da sie nun keine geprägten Münzen haben, so nehmen sie Gold mit sich, dessen Fundorte sie kennen. Und wenn sie gar Häuptlinge sind, so kennen sie solche Orte ganz gewiß und nehmen sehr wahrscheinlich viel Gold mit.“

„Mein Bruder Old Shatterhand hat es erraten. Wir beiden Häuptlinge sind es, auf welche diese Weißen ihr Augenmerk richten würden, falls sie einen Diebstahl oder Raub beabsichtigten. Sie würden freilich jetzt nichts bei uns finden.“

„Nicht? Ihr wolltet Euch doch mit Gold versehen!“

„Wir werden dies erst morgen tun. Warum es bei uns tragen, wenn wir es nicht brauchen? Wir haben bisher nichts zu bezahlen gehabt; dies wird erst geschehen, wenn wir in den Forts einkehren, die auf unserm Wege liegen. Darum werden wir uns nun erst Gold holen, wahrscheinlich morgen schon.“

„So liegt ein Fundort in der Nähe unserer Route?“

„Ja. Es ist ein Berg, welcher Nugget-tsil genannt wird, doch nur von uns; bei andern Leuten, welche nicht wissen, daß es dort Gold gibt, hat er einen andern Namen. Wir kommen heut abend in seine Nähe und werden uns holen, was wir brauchen.“

Ich gestehe, daß mich eine Bewunderung überkam, welche mit ein wenig Neid gemischt war. Diese Menschen wußten das kostbare Metall in Menge liegen und führten, anstatt es zu benutzen, ein Leben, welches fast gar keinen Anspruch zivilisierter Menschen kannte! Sie führten keine Börsen und Portemonnaies bei sich, aber sie hatten überall, wohin sie kamen, verborgene Schatzkammern liegen, in welche sie nur zu greifen brauchten, um sich die Taschen mit Gold zu füllen. Wer dies, wenigstens das Letztere und nicht ihr anspruchsloses Leben, nur auch so haben könnte!

Wir mußten vorsichtig sein, denn Santer sollte nicht merken, daß wir ihm folgten; daher benutzten wir jede Erderhöhung und jeden Strauch, um uns zu decken. Nach einer guten Viertelstunde sahen wir die Vier. Sie trabten munter und unaufhaltsam ihres Weges; sie schienen es eilig zu haben, vorwärts zu kommen, und an ein Umkehren gar nicht gedacht zu haben oder noch zu denken. Wir hielten an. Winnetou beobachtete sie, bis sie unsern Augen entschwanden, und sagte dann:

„Sie haben keine bösen Absichten, und wir können also ruhig sein.“

Er ahnte ebenso wenig wie ich, wie sehr er sich da irrte. Diese Kerls hatten gar wohl Absichten; aber sie waren außerordentlich schlaue Menschen, wie ich später durch sie selbst erfuhr.

Sie nahmen an, daß wir sie eine Weile beobachten würden, und gaben sich darum den Anschein, als ob sie Eile hätten. Später aber kehrten sie um und folgten uns.

Wir wendeten unsere Pferde und holten unsere Gefährten, da wir galoppierten, schnell wieder ein. Am Abend machten wir an einem Wasser Halt. Gewöhnt, stets vorsichtig zu sein, suchten die Häuptlinge die Umgegend erst sehr sorgfältig ab, ehe sie die Weisung erteilten, uns zu lagern. Das Wasser war ein Spring, der hell und stark aus der Erde hervorsprudelte. Gras für die Pferde gab es genug, und da der Platz rings von Bäumen und Gebüsch umschlossen war, so konnten wir helle Feuer brennen, ohne daß dieselben weit gesehen wurden. Zudem stellte Intschu tschuna zwei Wachen aus, und so schien alles geschehen zu sein, was durch die Sorge für unsere Sicherheit geboten war.

Die dreißig Apachen lagerten sich, wie gewöhnlich, in gar nicht nötiger Entfernung von uns nieder, um, als die Feuer brannten, ihre Portion Dürrfleisch zu essen. Wir Sieben saßen am Rande des Buschwerkes um unser Feuer. Diese Nähe des Gesträuches war aufgesucht worden, weil wir da vor dem kühlen Winde geschützt waren, welcher heut abend wehte.

Nach dem Abendessen pflegten wir uns einige Zeit zu unterhalten; so auch heut. Im Laufe dieses Gespräches sagte Intschu tschuna, daß wir morgen später als gewöhnlich, nämlich erst zu Mittag, aufbrechen würden, und von Sam Hawkens nach dem Grunde dieser Verzögerung gefragt, erklärte er mit einer Aufrichtigkeit, welche ich später tief beklagte:

„Es sollte eigentlich ein Geheimnis sein; aber meinen weißen Brüdern darf ich es anvertrauen, wenn sie mir versprechen, demselben nicht nachzuspüren.“

Als wir dieses Versprechen gegeben hatten, fuhr er fort:

„Wir brauchen Geld; darum werde ich morgen früh mit meinen Kindern von hier fortgehen, um Nuggets zu holen, und erst am Mittag wiederkommen.“

Stone und Parker ließen Rufe der Verwunderung hören, und Hawkens erkundigte sich, nicht weniger erstaunt:

„So gibt es Gold hier in der Nähe?“

„Ja,“ antwortete Intschu tschuna. „Niemand ahnt etwas davon; auch meine Krieger wissen es nicht. Ich habe es von meinem Vater erfahren, der es von dem seinigen erfuhr. Solche Geheimnisse vererben sich nur von den Vätern auf die Söhne und werden sehr heilig gehalten. Man teilt sie selbst dem besten Freund nicht mit. Ich habe jetzt zwar davon gesprochen, würde aber den Ort keinem Menschen sagen oder gar zeigen und einen jeden niederschießen, der es wagte, uns zu folgen, um ihn zu erfahren.“

„Auch uns würdest du töten?“

„Auch euch! Ich habe euch Vertrauen erwiesen; wenn ihr es täuschtet, hättet ihr den Tod verdient. Ich weiß aber, daß ihr diesen Lagerplatz nicht eher verlassen werdet, als bis wir von unserem Gange zurückgekehrt sind.“

Damit brach er kurz und in warnendem Tone ab, und das Gespräch nahm eine andere Wendung. Dasselbe wurde nach einiger Zeit durch Sam unterbrochen. Intschu tschuna, Winnetou, Nscho-tschi und ich saßen mit dem Rücken nach dem Gebüsch gekehrt; Sam, Dick und Will hatten die Plätze an der andern Seite des Feuers inne und also das Gesträuch vor ihren Augen. Mitten in der Unterhaltung stieß Hawkens einen Ruf aus, griff nach seinem Gewehre, legte es an und schickte eine Kugel in die Büsche. Dieser Schuß versetzte natürlich das ganze Lager in Alarm. Die Indianer sprangen auf und kamen herbei. Auch wir erhoben uns schnell und fragten Sam, warum er geschossen habe.

„Ich habe zwei Augen gesehen, welche hinter Intschu tschuna aus dem Gesträuch hervorblickten,“ erklärte er.

Sofort rissen die Roten Brände aus den Feuern und drangen in das Gebüsch ein. Ihr Suchen war vergeblich. Man beruhigte sich und setzte sich wieder nieder.

„Sam Hawkens wird sich geirrt haben,“ sagte Intschu tschuna. „Bei einem flackernden Feuer sind solche Täuschungen sehr leicht möglich.“

„Sollte mich wundern; glaube, die zwei Augen ganz gewiß gesehen zu haben.“

„Der Wind wird zwei Blätter umgedreht haben; mein weißer Bruder hat da ihre untere Seite gesehen, welche heller ist, und sie für Augen gehalten.“

„Das wäre allerdings möglich; habe also Blätter totgeschossen hihihihi!“

Er lachte in seiner Weise in sich hinein. Winnetou betrachtete die Sache nicht von dieser spaßhaften Seite, sondern sagte in ernstem Tone:

„Mein Bruder Sam hat auf jeden Fall einen Fehler begangen, vor welchem er sich später stets hüten mag!“

„Einen Fehler? Ich? Wieso?“

„Es durfte nicht geschossen werden.“

„Nicht? Das wäre! Wenn ein Spion im Busche steckt, so habe ich das Recht, ihm eine Kugel zu geben, wenn ich mich nicht irre.“

„Weiß man, ob der Späher feindliche Absichten hat? Er entdeckt uns und schleicht sich heran, um zu erfahren, wer wir sind. Vielleicht tritt er dann hervor, um uns zu grüßen.“

„Hm, das ist freilich wahr,“ gestand der Kleine ein.

„Der Schuß war für uns gefährlich,“ fuhr Winnetou fort. „Entweder hat Sam sich geirrt und keine Augen gesehen; da war der Knall überflüssig und kann nur Feinde herbeilocken, die sich vielleicht in der Nähe befinden. Oder es ist wirklich ein Mensch dagewesen, dessen Augen Sam bemerkt hat; auch da war es falsch, auf ihn zu schießen, weil vorauszusehen war, daß die Kugel nicht treffen würde.“

„Oho! Sam Hawkens ist seiner Kugel sicher! Möchte den sehen, der mir einen Fehlschuß nachweist!“

„Ich kann auch schießen, würde aber wahrscheinlich doch nicht treffen. Der Späher sieht doch, daß ich auf ihn ziele; er erkennt daraus, daß er bemerkt worden ist, und wird eine schnelle Bewegung machen, um von der Mündung meines Gewehrs wegzukommen. Die Kugel geht dann fehl, und der Mann verschwindet in der Nacht.“

„Ja, ja; aber was hätte mein roter Bruder denn an meiner Stelle getan?“

„Entweder den Knieschuß angewendet oder mich still von hier entfernt, um dem Späher auf einem Umwege in den Rücken zu kommen.“

Der Knieschuß ist der schwierigste Schuß, den es gibt. Viele, viele Westmänner, die sonst gute Schützen sind, bringen ihn nicht fertig. Ich hatte nichts davon gewußt, mich aber dann, von Winnetou auf ihn aufmerksam gemacht, in der letzten Zeit darin geübt.

Ich setze den Fall, daß ich mich, allein oder mit Anderen, das ist gleich, am Lagerfeuer befinde; mein Gewehr liegt mir, wie es Regel ist, griffbereit zur rechten Hand. Da bemerke ich zwei Augen, welche aus einem Verstecke mich beobachten. Das Gesicht des Spähers kann ich nicht sehen, denn es befindet sich im Dunkeln; aber die Augen sind zu sehen, wenn er nicht so vorsichtig ist, durch die gesenkten Wimpern zu blicken. Sie haben einen matten, phosphoreszierenden Glanz, welcher um so bemerkbarer wird, je mehr der Mann das Auge anstrengt. Man glaube aber ja nicht, daß es leicht ist, des Nachts unter Millionen von Blättern im Gebüsch zwei geöffnete Augen zu gewahren. Das lernt man nicht, sondern diese Schärfe, diese Sicherheit des Blickes muß angeboren sein.

Bin ich überzeugt, einen feindlichen Späher vor mir zu haben, so muß ich, um mich zu retten, ihn unschädlich machen, ihn töten, und zwar durch eine Kugel, welche ihn zwischen die Augen trifft, denn auf diese muß ich zielen, weil sie das Einzige sind, was ich von ihm sehe. Wenn ich aber das Gewehr wie gewöhnlich anlege, es also an die Wange nehme, so sieht er, daß ich auf ihn ziele, und verschwindet augenblicklich. Ich muß mein Ziel also in einer Weise nehmen, daß er es nicht bemerkt. Dies geschieht beim Knieschusse. Ich krümme nämlich das rechte Bein derart, daß sich das Knie erhebt und mein Oberschenkel eine Linie bildet, deren Verlängerung die beiden Augen, welche ich sehe, treffen würde. Dann greife ich, scheinbar gedankenlos, wie spielend, nichts beabsichtigend, zum Gewehre, nehme den Lauf an meinen Oberschenkel, so daß er genau in die Verlängerung desselben zu liegen kommt, und drücke ab. Das ist schwer, sehr schwer, zumal man nur die rechte Hand dazu nehmen darf, da beim Gebrauche beider Hände der Vorgang keineswegs die so notwendige scheinbare Harmlosigkeit besitzen würde. Mit dieser einen Hand das Gewehr richten, es fest an den Schenkel halten und dann abdrücken, das bringen hunderte nicht fertig. Dabei ist noch gar nicht mitgerechnet, wie schwer es ist, in dieser Lage und ohne das Auge an das Visier bringen zu können, ein sicheres Ziel zu nehmen. Und dieses Ziel besteht noch dazu nur aus zwei kaum und ungewiß sichtbaren Punkten mitten in einer vom Flackenfeuer überzitterten, und vielleicht auch vom Winde bewegten Laub- und Blättermasse! Dies meinte Winnetou, als er vom Knieschusse sprach; er war Meister in demselben. Mir war dieser Schuß meist deshalb nicht leicht geworden, weil mein Bärentöter so schwer wog und mit einer Hand in dieser Weise kaum regiert werden konnte. Die fortgesetzte Uebung brachte mich dann aber doch zu dem gewünschten Erfolge.

Während die andern alle sich durch das resultatlose Durchsuchen der Umgebung befriedigt oder beruhigt fühlten, war dies mit Winnetou nicht der Fall. Er stand nach einiger Zeit wieder auf und entfernte sich, um die Forschung selbst noch einmal vorzunehmen und fortzusetzen. Es verging über eine Stunde, bis er wiederkam.

„Es ist kein Mensch da,“ sagte er; „Sam Hawkens wird sich also wohl geirrt haben.“

Trotzdem stellte er statt der bisherigen zwei nun vier Wachen aus und wies sie an, möglichst aufmerksam zu sein und den Umkreis des Lagers öfters abzupatrouillieren. Dann legten wir uns schlafen.

Mein Schlaf war kein ruhiger; ich wachte öfters auf und hatte in den Zwischenzeiten kurze, aber unangenehme Träume, in denen Santer mit seinen drei Gefährten die Hauptrolle spielte. Das war gewiß die einfache, leicht erklärliche Folge unserer Begegnung mit ihm, gab aber, als wir mit dem Morgen aufstanden, seiner Person eine Bedeutung, die ich mir vergeblich auszureden suchte. Man macht ja die Erfahrung, daß die Person, von welcher ein Mensch träumt, dann eine größere Wichtigkeit für ihn besitzt als vorher.

Nach dem Frühstücke, welches aus Fleisch und einer Einrührung von Mehl in Wasser bestand, machte sich Intschu tschuna mit seinem Sohne und seiner Tochter auf den Weg. Ehe sie gingen, bat ich um die Erlaubnis, sie wenigstens eine Strecke weit begleiten zu können. Damit sie überzeugt sein sollten, daß ich dies nicht in der Absicht tue, den Weg nach dem Goldorte zu finden, sagte ich ihnen, daß ich den Gedanken an Santer nicht los werden könne. Ich wunderte mich über mich selber, denn ich hegte, ohne irgend einen stichhaltigen Grund zu haben, heute früh die Ueberzeugung, daß er mit seinen Leuten doch zurückgekehrt sei. Das war wohl die Folge meiner Träume.

„Mein Bruder braucht sich nicht um uns zu sorgen,“ antwortete Winnetou. „Um ihn zu beruhigen, werde ich noch einmal nach Spuren suchen. Wir wissen, daß er nicht nach Gold strebt; aber wenn er auch nur eine kurze Strecke mit uns ginge, würde er den Ort ahnen und ganz sicher dann das Fieber bekommen, welches nach dem tödlichen Staube strebt und das Bleichgesicht nicht eher verläßt, bis es an Leib und Seele zu Grunde gegangen ist. Wir bitten dich also nicht aus Mißtrauen, sondern aus Liebe und Vorsicht, nicht mit uns zu gehen.“

Damit mußte ich mich bescheiden. Er forschte noch einmal nach, ohne aber eine Spur zu entdecken, und dann gingen sie fort. Daraus, daß sie nicht ritten, zog ich den Schluß, daß der Ort, den sie aufsuchen wollten, nicht sehr weit entfernt sein könne.

Ich legte mich ins Gras, brannte mein Calumet an und unterhielt mich mit Sam, Dick und Will, alles nur, um meine grundlosen Befürchtungen loszuwerden. Aber ich hatte keine Ruhe; ich stand bald wieder auf; es war etwas in mir, was mich forttrieb. Darum warf ich das Gewehr über und entfernte mich. Vielleicht entdeckte ich ein Wild, welches meine Gedanken ablenkte.

Intschu tschuna hatte das Lager südwärts verlassen; darum ging ich nordwärts, damit es ja nicht heißen solle, daß ich auf verbotenen Wegen gehen wolle.

Als ungefähr eine Viertelstunde vergangen war, traf ich zu meinem Erstaunen auf eine Fährte, welche von drei Personen hinterlassen worden war. Sie hatten Mokassins getragen. Ich unterschied zwei große, zwei mittlere und zwei kleinere Füße. Die Spuren waren neu. Das mußten Intschu tschuna, Winnetou und Nscho-tschi gewesen sein. Sie hatten sich südwärts entfernt, dann aber ihren Weg nach Norden genommen, natürlich um uns zu täuschen. Wir sollten den Fundort des Goldes im Süden vermuten.

Durfte ich weitergehen? Nein. Es war möglich, daß sie mich sahen; höchst wahrscheinlich stießen sie bei ihrer Rückkehr auf meine Spur, und da sollte bei ihnen nicht der Gedanke aufkommen, daß ich ihnen heimlich nachgelaufen sei. Aber in das Lager wollte ich auch noch nicht, und so spazierte ich in östlicher Richtung weiter.

Schon nach kurzer Zeit mußte ich wieder anhalten, denn ich traf auf eine zweite Fährte. Die Untersuchung derselben ergab, daß sie von vier Männern stammte, welche Stiefel mit Sporen getragen hatten. Ich dachte sofort an Santer. Die Spur führte nach der Richtung, in welcher ich die beiden Häuptlinge wußte, und schien aus einem nicht weit entfernten Gebüsch zu kommen, aus welchem einige noch belaubte Scharlacheichen hoch emporragten. Dorthin mußte ich zunächst.

Es war richtig: die Fährte kam aus diesem Gebüsch, und als ich in dasselbe eindrang, fand ich die vier Pferde angebunden, welche Santer und seine Leute geritten hatten. Dem Boden war deutlich anzusehen, daß die vier Kerls hier während der Nacht geherbergt hatten. Sie waren also doch umgekehrt! Warum? Jedenfalls unsertwegen. Sie trugen sich gewiß mit den Gedanken herum, welche Winnetou mir gestern erklärt hatte. Sam Hawkens hatte gestern abend sich nicht geirrt, sondern wirklich zwei Augen gesehen, den Späher aber durch sein falsches Verhalten vertrieben, noch ehe der Schuß abgefeuert wurde. Wir waren also belauscht worden. Santer beobachtete uns, um einen Augenblick zu erwarten, an welchem er den, auf den er es abgesehen hatte, allein abfangen könne. Aber diese Stelle war so weit von unserem Lager entfernt. Wie konnte er uns da beobachten?

Ich betrachtete die Bäume. Sie waren zwar sehr hoch, doch nicht zu stark und leicht zu erklettern. Die Rinde des einen zeigte Risse, welche nur von Sporen eingeritzt sein konnten. Man war also hinaufgeklettert, und von dieser Höhe aus konnte man unbedingt, wenn nicht das Lager selbst, aber doch jeden, der dasselbe verließ, recht gut sehen. Himmel! Welcher Gedanke kam mir jetzt! Wovon hatten wir gestern abend gesprochen, ehe Sam die Augen entdeckte? Davon, daß Intschu tschuna heut fortgehen wollte, um mit seinen Kindern Gold zu holen! Das hatte der Lauscher gehört. Heut früh war die Eiche von ihm bestiegen worden, und da hatte er die drei Erwarteten vorüberkommen sehen. Kurz darauf war er ihnen mit seinen drei Spießgesellen gefolgt. Winnetou in Gefahr! Nscho-tschi und ihr Vater auch! Ich mußte fort, augenblicklich fort und möglichst schnell hinter den Buschkleppern her. Ich durfte mir gar nicht Zeit nehmen, vorher nach unserem Lager zurückzukehren, um dasselbe zu alarmieren. Rasch band ich eins der vier Pferde los, zog es aus dem Gebüsch ins Freie, schwang mich auf und galoppierte auf ihrer eigenen Fährte, welche sich bald mit den Spuren der Häuptlinge vereinigte, den Halunken nach.

Dabei suchte ich nach Anhaltepunkten, zu erraten, wo, falls ich diese Fährte verlieren sollte, der Fundort des Goldes gesucht werden müsse. Winnetou hatte von einem Berge, den er Nugget-tsil nannte, gesprochen. Nuggets sind Goldkörner, welche man in verschiedener Größe findet; tsil ist ein Apachenwort und bedeutet Berg. Nugget-tsil heißt also Nuggetberg. Der Ort lag sonach jedenfalls hoch. Ich musterte die Gegend, durch welche ich jagte. Nördlich von mir, grad in meiner Richtung, lagen einige beträchtliche Höhen, welche mit Wald bewachsen waren. Eine von ihnen mußte der Nuggetberg sein; das war für mich in diesem Augenblicke zweifellos.

Der alte Gaul, auf welchem ich saß, war mir nicht schnell genug. Ich riß im Vorüberjagen eine Rute von einem Busch und trieb ihn mit derselben an. Er tat, was seine Kräfte vermochten, und die Ebene verschwand hinter mir; die Berge öffneten sich. Die Spur führte zwischen zwei derselben hinein, doch konnte ich sie nach einiger Zeit nicht mehr erkennen, denn die Bergwasser hatten hier viel grobes Steingeröll von den Höhen geschwemmt. Ich stieg aber trotzdem nicht ab, denn es verstand sich ganz von selbst, daß die Gesuchten hier weiter, das Tal hinauf, gegangen waren.

Später aber öffnete sich rechts eine Seitenschlucht, deren Grund ebenso steinig war. Jetzt galt es, zu erfahren, ob sie da rechts abgewichen oder geradeaus gegangen waren. Ich sprang aus dem Sattel und untersuchte das Geröll; es wurde mir nicht leicht, die Spur zu entdecken; ich fand sie aber doch; sie führte in die Schlucht hinein. Ich stieg wieder auf und folgte ihr. Bald aber teilte sich der Weg, und ich mußte abermals absteigen. Voraussichtlich geschah dies später wieder, und da konnte mir das Pferd nur hinderlich sein. Ich band es also an einen Baum und eilte zu Fuße weiter, nachdem ich gesehen hatte, wohin die Fährte wies.

Ich hastete in einem engen, felsigen Gerinne weiter, in welchem sich jetzt kein Wasser befand. Die Angst trieb mich zu einer Eile an, welche mir nach und nach den Atem raubte. Auf einer scharfkantigen Höhe angekommen, mußte ich stehen bleiben, um die Lunge ruhiger werden zu lassen; dann ging es weiter, drüben ein Stück hinab, bis die Spur plötzlich links in den Wald einbog. Ich rannte mehr, als ich lief, unter den Bäumen hin. Sie standen erst dicht beisammen, dann weiter auseinander, bis es so licht vor mir wurde, daß ich annahm, einen freien Platz vor mir zu haben. Noch hatte ich denselben nicht erreicht, da hörte ich mehrere Schüsse fallen. Einige Augenblicke darauf erscholl ein Schrei, der mir wie ein Degen durch den Körper drang; es war der Todesschrei der Apachen.

Nun rannte ich nicht nur, sondern ich schnellte mich förmlich weiter, in langen Sätzen wie ein Raubtier, welches sich auf seine Beute werfen will. Wieder ein Schuß und noch einer das war das Doppelgewehr Winnetous; ich kannte seinen Knall. Gott sei Dank! Er lebte also noch; denn wer tot ist, kann nicht schießen. Ich hatte nur noch einige Sprünge zu tun, dann hatte ich die Lichtung erreicht und blieb unter dem letzten Baume stehen, denn was ich sah, fesselte meinen Fuß förmlich an den Boden.

Die Lichtung war nicht groß. Fast mitten auf ihr lagen Intschu tschuna und seine Tochter. Ob sie noch lebten, sich noch bewegten, konnte ich zunächst nicht bestimmen. Unweit davon befand sich ein kleiner Felsblock, hinter welchem Winnetou steckte; er war soeben beschäftigt, sein abgeschossenes Gewehr wieder zu laden. Links von mir standen zwei Kerls, von Bäumen beschützt, mit angelegten Gewehren bereit, sofort zu schießen, sobald sich Winnetou eine Blöße geben werde. Rechts von mir schlich ein dritter vorsichtig unter den Bäumen hin, um Winnetou zu umgehen und ihm in den Rücken zu kommen. Der Vierte lag grad vor mir, tot, durch den Kopf geschossen.

Die zwei waren für den Augenblick dem jungen Häuptlinge gefährlicher als der Dritte. Ich nahm den Bärentöter auf und schoß sie Beide nieder; dann sprang ich, ohne mir vorher Zeit zum Laden zu nehmen, hinter dem Dritten her. Er hatte meine Schüsse gehört und sich rasch umgedreht. Er sah mich kommen, zielte auf mich und drückte ab. Ich sprang zur Seite; er traf mich nicht; da gab er sein Spiel verloren und floh in den Wald hinein. Ich eilte ihm nach, denn es war Santer; ich wollte ihn fangen. Aber die Entfernung zwischen ihm und mir war so groß gewesen, daß ich ihn zwar am Rande der Lichtung hatte sehen können, im Walde jedoch nicht mehr sah. Ich mußte mich also nach seinen Fußeindrücken richten, da konnte ich leider nicht so schnell hinter ihm her, wie ich wollte. Es war nicht möglich, ihn einzuholen; darum kehrte ich schon nach kurzer Zeit wieder um, zumal ich mir sagte, daß Winnetou mich vielleicht brauchen werde.

Er kniete, als ich die Waldblöße wieder erreichte, bei seinem Vater und seiner Schwester, ängstlich suchend, ob noch Leben in ihnen sei. Als er mich kommen sah, stand er für einen Augenblick auf. Seine Augen hatten einen Ausdruck, den ich niemals vergessen werde. Es sprach ein fast wahnsinniger Grimm und Schmerz aus ihnen.

„Mein Bruder Old Shatterhand sieht, was geschehen ist. Nscho-tschi, die schönste und beste der Apachentöchter, wird nicht nach den Städten der Bleichgesichter gehen; es ist noch ein wenig Leben in ihr, aber sie wird wohl ihre Augen nicht wieder öffnen.“

Ich war keines Wortes fähig; ich konnte nichts sagen und nichts fragen. Wonach hätte ich auch fragen sollen? Ich sah ja, wie es stand! Sie lagen in einer tiefen Blutlache nebeneinander, Intschu tschuna mitten durch den Kopf und Schöner Tag durch die Brust geschossen. Er war sofort tot gewesen; sie atmete noch, schwer und röchelnd, während die schöne Bronze ihres Gesichtes immer matter und matter wurde. Die vollen Wangen fielen ein, und der Ausdruck des Todes breitete sich über die mir so teuern Züge.

Da bewegte sie sich leise. Sie wendete den Kopf nach der Seite, wo ihr Vater lag, und öffnete langsam die Augen. Sie sah Intschu tschuna im Blute liegen und erschrak auf das Heftigste, nur daß bei ihrer Mattigkeit der Schreck nicht den lebhaften Ausdruck wie sonst finden konnte. Sie schien nachzusinnen; dann kam sie zum Bewußtsein dessen, was geschehen war und fuhr sich mit dem kleinen Händchen nach dem Herzen. Sie fühlte das warme, von dort entrinnende Blut und stieß einen tiefen, röchelnden Seufzer aus.

„Nscho-tschi, meine gute, einzige Schwester!“ klagte Winnetou mit einem Ausdrucke seiner brechenden Stimme, der unmöglich in Worten wiedergegeben werden kann.

Da erhob sie den Blick zu ihm.

„Winnetou mein Bruder !“ flüsterte sie. „Räche räche mich!“

Dann glitt ihr Auge von ihm zu mir herüber, und ein frohes, aber schnell ersterbendes Lächeln spielte um ihre erblichenen Lippen.

„Old Shatter hand!“ hauchte sie. „Du bist da! Nun sterbe ich so“

Mehr hörten wir nicht, denn der Tod ließ sie nicht aussprechen, sondern schloß ihr für immer den Mund. Es war, als wolle mir das Herz zersprengen; ich mußte mir Luft machen, sprang auf, denn wir hatten uns bei ihr niedergekniet, und stieß einen lauten, lauten Schrei aus, dessen Echo von den Wänden der benachbarten Berge widerhallte.

Winnetou stand auch auf, langsam, als ob er von zentnerschweren Gewichten niedergehalten werde. Er schlang beide Arme und mich und sagte:

„Nun sind sie tot! Der größte, edelste Häuptling der Apachen und Nscho-tschi, meine Schwester, welche dir ihre Seele gegeben hatte. Sie starb mit deinem Namen auf den Lippen. Vergiß dies nicht, vergiß es nicht, mein lieber Bruder!“

„Nie, nie werde ich es vergessen!“ rief ich aus.

Dann nahm sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck an, und seine Stimme klang wie fernes, drohendes Donnerrollen, als er fragte:

„Hast du gehört, was ihre letzte Bitte an mich war?“

„Ja.“

„Rache! Ich soll sie rächen, und, ja, ich werde sie rächen, wie noch nie ein Mord gerächt worden ist. Weißt du, wer die Mörder waren? Du hast sie gesehen. Bleichgesichter waren es, denen wir nichts getan hatten. So ist es stets gewesen, und so wird es immer, immer sein, bis der letzte rote Mann ermordet worden ist. Denn wenn er auch eines natürlichen Todes sterben sollte, ein Mord ist es doch, ein Mord, welcher an meinem Volke geschieht. Wir wollten nach den Städten dieser verruchten Bleichgesichter; Nscho-tschi wollte werden wie eine weiße Squaw, denn sie liebte dich und glaubte, dein Herz zu gewinnen, wenn sie sich das Wissen und die Sitten der Weißen aneignete. Das hat sie mit dem Leben bezahlt. Mögen wir euch hassen, oder mögen wir euch lieben, es ist ganz gleich: Wo ein Bleichgesicht seinen Fuß hinsetzt, da folgt hinter ihm das Verderben für uns. Es wird ein Klagen gehen durch alle Stämme der Apachen, und ein Wut- und Rachegeheul wird erklingen überall, an jedem Orte, wo sich ein Angehöriger unserer Nation befindet. Die Augen aller Apachen schauen jetzt auf Winnetou, um zu sehen, wie er den Tod seines Vaters und seiner Schwester rächen wird. Mein Bruder Old Shatterhand mag hören, was ich hier bei diesen beiden Leichen gelobe! Ich schwöre bei dem großen Geiste und bei allen meinen tapfern Vorfahren, welche in den ewigen Jagdgründen versammelt sind, daß ich von heut an jeden Weißen, jeden, jeden Weißen, der mir begegnet, mit dem Gewehre, welches der toten Hand meines Vaters entfallen ist, erschießen oder“

„Halt!“ fiel ich ihm schaudernd in die Rede, denn ich wußte, daß es ihm unnachsichtlicher, unerbittlicher Ernst mit diesem Schwure sein würde. „Halt! Mein Bruder Winnetou mag jetzt nicht schwören jetzt nicht!“

„Warum jetzt nicht?“ fragte er, fast zornig.

„Ein Schwur muß mit ruhiger Seele gesprochen werden.“

„Uff! Meine Seele ist in diesem Augenblicke so ruhig wie das Grab, in welches ich diese meine beiden Toten legen werde. Wie es sie nie wieder zurückgeben wird, ebenso wenig werde ich jemals ein Wort von dem, was ich schwöre, zurückneh“

„Sprich nicht weiter!“ unterbrach ich ihn abermals.

Da funkelten mich seine Augen beinahe drohend an, und er rief aus:

„Will Old Shatterhand mich hindern, meine Pflicht zu tun? Sollen die alten Weiber mich anspucken, und soll ich aus meinem Volke gestoßen werden, weil ich nicht den Mut besitze, das zu rächen, was heut hier geschehen ist?“

„Es sei ferne von mir, dies von dir zu verlangen. Auch ich will Strafe für den Mörder. Drei von ihnen hat sie schon ereilt; der vierte ist entflohen, doch entkommen wird er uns nicht.“

„Wie sollte er entkommen!“ fuhr er auf. „Aber ich habe es nicht allein mit ihm zu tun. Er hat gehandelt als Sohn jener bleichen Rasse, die uns Vernichtung bringt; sie ist verantwortlich für das, was sie ihn gelehrt hat, und ich werde sie zur Verantwortung ziehen, ich, Winnetou, nunmehr der erste und oberste Häuptling aller Stämme der Apachen!“

Er stand stolz und hoch aufgerichtet vor mir, ein Mann, der sich trotz seiner Jugend als König all der Seinen fühlte! Ja, er war der Mann dazu, das auszuführen, was er wollte. Ihm, ihm wäre es gewiß gelungen, die Krieger aller roten Nationen unter sich zu versammeln und mit den Weißen einen Riesenkampf zu beginnen, einen Verzweiflungskampf, dessen Ende zwar kein zweifelhaftes sein konnte, der aber den wilden Westen mit Hunderttausenden von Opfern bedecken mußte. Jetzt, in diesem Augenblicke entschied es sich, ob der Tomahawk des Todes in dieser erbitterten Weise wüten sollte oder nicht!

Ich nahm ihn bei der Hand und sagte:

„Du sollst und wirst tun, was du willst; vorher aber höre eine Bitte, welche vielleicht meine letzte sein wird; dann wirst du die Stimme deines weißen Freundes und Bruders niemals wieder hören. Hier liegt Nscho-tschi. Du sagst es selbst, daß sie mich lieb gehabt hat und mit meinem Namen auf den Lippen gestorben ist. Auch dich hat sie lieb gehabt, mich als Freund und dich als Bruder, und du hast ihr ihre Liebe reichlich zurückgegeben. Bei dieser unserer Liebe bitte ich dich, sprich den Schwur, welchen du tun willst, nicht jetzt aus, sondern erst dann, wenn die Steine des Grabes sich über der edelsten Tochter der Apachen geschlossen haben!“

Er sah mich ernst, fast finster an und senkte dann den Blick auf die Tote nieder. Ich sah, daß seine Züge milder wurden, und endlich richtete er das Auge wieder auf mich und sagte:

„Mein Bruder Old Shatterhand hat eine große Macht über die Herzen aller, mit denen er verkehrt. Nscho-tschi würde ihm seine Bitte gewiß erfüllen, und so will auch ich sie ihm gewähren. Erst dann, wenn mein Auge diese beiden Leichen nicht mehr sieht, mag es sich entscheiden, ob der Mississippi mit allen seinen Nebenflüssen das Blut der weißen und der roten Völker nach dem Meere führen soll. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Gott sei Dank! Es war mir, wenigstens für einstweilen, gelungen, großes Unheil abzuwenden. Ich drückte ihm dankend die Hand und sprach:

„Mein roter Bruder wird sogleich einsehen, daß ich keine Gnade für den Schuldigen erbitten will; ihn mag die Strafe so schwer und so streng treffen, wie er es verdient. Es muß dafür gesorgt werden, daß er nicht Zeit findet, zu entkommen. Wir dürfen ihm keinen Vorsprung einräumen. Winnetou mag mir sagen, was in Beziehung auf ihn jetzt geschehen soll!“

„Meine Füße sind gebunden,“ erklärte er, nun wieder düster. „Die Gebräuche meines Volkes gebieten mir, bei diesen Toten, weil sie mir so nahe verwandt waren, zu bleiben, bis sie begraben sind. Erst nachher darf ich den Weg der Rache antreten.“

„Und wann wird das Begräbnis stattfinden?“

„Das will ich mit meinen Kriegern beraten. Entweder begraben wir sie hier an der Stelle, wo sie gestorben sind, oder wir schaffen sie nach dem Pueblo, wo sie bei den Ihren wohnten. Aber selbst dann, wenn sie hier ihre Ruhestätte finden, werden mehrere Tage vergehen, bevor den Erfordernissen Genüge geschehen ist, welche beim Begräbnisse eines so großen Häuptlings zu machen sind.“

„Dann wird aber der Mörder sicher entkommen!“

„Nein. Denn wenn Winnetou ihn auch nicht verfolgen darf, so kann doch von andern geschehen, was nötig ist. Mein Bruder mag mir recht kurz erzählen, wie es geschah, daß er hierher kam!“

Jetzt, wo es sich um rein Sachliches handelte, war er so ruhig wie gewöhnlich. Ich erzählte ihm, was er zu wissen begehrte, und dann trat eine kurze Pause des Nachdenkens ein. Während derselben hörten wir einen schweren Seufzer, welcher von der Stelle kam, wo die beiden Strolche lagen, die ich glaubte erschossen zu haben. Wir gingen schnell hin. Dem Einen war meine Kugel grad durch das Herz gegangen; der Andere war so wie Nscho-tschi getroffen worden; er hatte noch Leben und kam grad jetzt wieder zu sich. Er starrte uns verständnislos an und murmelte Worte, welche ich nicht verstehen konnte. Ich bog mich zu ihm nieder und rief ihm zu:

„Mann, kommt zu Euch! Wißt Ihr, wer jetzt bei Euch ist?“

Er gab sich sichtlich Mühe, sich zu besinnen. Sein Auge wurde auch wirklich klarer, und ich hörte leise fragen:

„Wo wo ist Santer?“

„Entflohen,“ antwortete ich, denn es wollte mir nicht gelingen, einen Sterbenden, obgleich er ein Mörder war, zu belügen.

„Wo wohin?“

„Das weiß ich nicht; aber ich hoffe, von Euch einen Wink zu erhalten. Eure andern Gefährten sind tot, und auch Ihr habt nur noch Sekunden zu leben. Ihr werdet doch an der Pforte des Grabes besser handeln, als vorher! Woher stammt Santer?“

„Weiß es nicht.“

„Heißt er wirklich Santer?“

„Hat viele viele Namen.“

„Was ist er eigentlich?“

„Weiß auch auch nicht.“

„Habt ihr Bekannte hier in der Nähe, vielleicht auf irgend einem Fort?“

„Nein nicht.“

„Wo wolltet ihr hin?“

„Nir nirgends. Hin, wo Geld Beute“

„Also waret ihr Gauner von Profession! Schrecklich! Wie kamt ihr denn auf den Gedanken, die beiden Apachen mit dem Mädchen zu überfallen?“

„Nug Nuggets.“

„Aber ihr konntet doch von den Nuggets nichts wissen.“

„Wollten nach nach dem“

Er hielt inne. Es fiel ihm außerordentlich schwer, zu antworten. Ich erriet, was er sagen wollte, und fragte:

„Ihr hörtet, daß diese Apachen nach dem Osten wollten, und nahmt infolgedessen an, daß sie Gold bei sich hätten?“

Er nickte.

„Ihr nahmt euch also vor, sie zu überfallen; da ihr aber dachtet, daß wir vorsichtig sein und euch beobachten würden, rittet ihr eine tüchtige Strecke weiter und kehrtet erst dann um, als ihr annehmen konntet, daß wir beruhigt sein würden?“

Er nickte wieder.

„Dann seid ihr umgekehrt und uns nachgeritten. Habt ihr uns am Abende belauscht?“

„Ja Santer.“

„Also Santer selbst war es! Hat er euch gesagt, was er bei uns erhorcht hat?“

„Apachen Nugget-tsil Nuggets holen früh“

„Ganz so, wie ich dachte. Dann habt ihr euch in das Gebüsch versteckt und uns von den Bäumen aus beobachtet. Ihr wolltet den Ort, wo die Apachen das Gold holten, kennen lernen?“

Er hatte die Augen geschlossen und antwortete nicht.

„Oder wolltet ihr sie bloß bei ihrer Rückkehr überfallen, um“

Da unterbrach mich Winnetou:

„Mein Bruder mag nicht weiter fragen, denn dieses Bleichgesicht kann nicht mehr antworten; es ist tot. Diese weißen Hunde wollten unser Geheimnis kennen lernen; aber sie kamen zu spät. Wir befanden uns schon auf dem Rückwege, als sie uns kommen hörten. Da versteckten sie sich hinter die Bäume und schossen auf uns. Intschu tschuna und Schöner Tag stürzten getroffen nieder; mir aber streifte die Kugel nur den Aermel hier. Da schoß ich auf einen, der aber, eben als ich losdrückte, hinter einen andern Baum sprang; darum traf ich ihn nicht; aber meine zweite Kugel streckte einen andern nieder. Dann suchte ich hinter diesem Steine Schutz, der mir aber das Leben nicht hätte retten können, wenn mein Bruder Old Shatterhand nicht gekommen wäre. Denn zwei hielten mich von dieser Seite fest, und der dritte wollte hinter mich, wo ich keine Deckung hatte; seine Kugel hätte mich treffen müssen. Da aber hörte ich die starke Stimme von Old Shatterhands Bärentöter und war gerettet. Nun weiß mein Bruder alles und soll erfahren, wie es anzufangen ist, Santer zu ergreifen.“

„Wem wird diese Aufgabe zufallen?“

„Old Shatterhand wird sie lösen; er wird die Spur des Flüchtlings ganz gewiß finden.“

„Allerdings; aber während ich mühsam nach ihr suche, wird viel Zeit vergehen.“

„Nein. Mein Bruder braucht nicht nach ihr zu suchen, denn sie wird ganz gewiß zu seinen Pferden führen, welche er zunächst aufsuchen muß. Dort, wo er mit seinen Leuten während der Nacht gelagert hat, gibt es Gras, und Old Shatterhand wird also sehr leicht sehen, wohin er sich gewendet hat.“

„Und dann?“

„Dann nimmt mein Bruder zehn Krieger mit sich, um ihm zu folgen und ihn festzunehmen. Die andern zwanzig Krieger sendet er mir hierher, damit sie mit mir die Klagen des Todes anstimmen.“

„So soll es geschehen. Und ich hoffe, daß ich das Vertrauen, welches mein roter Bruder in mich setzt, rechtfertigen werde.“

„Ich weiß, daß Old Shatterhand grad so handeln wird, als ob ich selbst an seiner Stelle wäre. Howgh!“

Er reichte mir die Hand hin; ich schüttelte sie ihm, beugte mich noch einmal auf die Gesichter der beiden Toten nieder und ging. Am Rande der Lichtung drehte ich mich um. Winnetou verhüllte soeben ihre Köpfe und stieß dabei jene dumpfen Klagetöne aus, mit denen die Roten ihre Todesgesänge beginnen. Wie weh war mir, o wie so weh! Aber ich hatte zu handeln und eilte den Weg zurück, auf welchem ich gekommen war.

Ich war der Ansicht, daß Winnetous Vorhersagung eintreffen werde; aber während ich über den erwähnten Höhengrat stieg, kam mir ein Bedenken.

Santer mußte vor allen Dingen auf schleunigste Flucht bedacht sein, vor allen Dingen so schnell wie möglich aus unserer Nähe zu kommen suchen; das gerade Gegenteil davon geschah aber, wenn er nach seinem Lager lief. Dies konnte er nur in der Absicht tun, sich ein Pferd zu holen. Wie aber nun, wenn er dasjenige fand, auf welchem ich gekommen war? Er war doch wohl auf demselben Weg geflohen, der ihn auch hergeführt hatte. Da sah er unbedingt das Pferd.

Dieser Gedanke verdoppelte meine Schritte. Ich rannte den Berg hinab, im höchsten Grade darauf gespannt, ob ich es noch antreffen würde. Welcher Aerger für mich, als ich an die betreffende Stelle kam und da sah, daß es fort war! Ich hielt nur einen Augenblick an und flog mehr, als ich lief, durch die Schlucht. Hier konnte ich mich noch beeilen, weil wegen des Steingerölles ein zeitraubendes Suchen nach der Spur doch erfolglos gewesen wäre. Als ich aber unten das Tal erreichte, hielt ich an, um die Fährte sorgfältig zu lesen. Es gelang mir nicht sofort, denn der Boden war hier noch zu hart. Zehn Minuten später gab es weichen Grund, wo es leichter war, die Eindrücke der Füße und Hufe zu erkennen.

Da sah ich mich denn vollständig enttäuscht. Ich konnte suchen und forschen, wie ich wollte, und meine Augen und meinen Scharfsinn noch so sehr anstrengen, es wurde nicht anders Santer war hier nicht geritten. Er mußte weiter oben an einer dazu passenden Stelle, wo auf dem Fels keine Spur zurückblieb, die Schlucht verlassen haben; anders war es gar nicht möglich. Da stand ich nun! Was war zu tun? Sollte ich zurück, um nach der betreffenden Stelle zu suchen? Es konnten Stunden vergehen, ehe ich sie fand, und einen solchen Zeitverlust glaubte ich denn doch nicht verantworten zu können. Besser war es auf alle Fälle, nach unserm Lager zu eilen und dort Hilfe zu holen.

Dies tat ich denn. Es war ein Dauerlauf, wie ich noch keinen gemacht hatte, doch hielt ich ihn aus, weil ich von Winnetou belehrt worden war, wie man sich dabei zu verhalten hat, um bei Atem zu bleiben und nicht zu ermüden. Man läßt nämlich das Körpergewicht nur von einem Beine tragen und wechselt dann, wenn dieses ermüdet ist, auf das andere über. Auf diese Weise kann man stundenlang Trab laufen, ohne daß man sich allzu sehr anzustrengen hat; aber eine gute, gesunde Lunge muß man haben.

Als ich meinem Ziele nahe gekommen war, wendete ich mich zunächst nach Santers Lager. Die drei Pferde standen noch im Gesträuch. Ich band sie los, bestieg eins, nahm die andern beiden an den Zügeln und ritt nach unserm Lager. Es war längst Mittag vorüber, und Sam rief mir zu:

„Wo treibt Ihr Euch denn herum, Sir! Habt das Essen versäumt, und ich“ er stockte in der Rede, musterte die Pferde mit einem erstaunten Blicke und fuhr dann fort: „Alle Wetter! Ihr seid zu Fuß fortgegangen und kommt beritten zurück! Seid wohl gar Pferdedieb geworden?“

„Das weniger. Habe diese Tiere erbeutet.“

„Wo?“

„Gar nicht weit von hier.“

„Von wem?“

„Seht sie nur richtig an! Ich erkannte sie sofort, und Ihr habt doch auch gute Augen.“

„Ja, die habe ich. Sah sogleich, wem sie gehören, wollte es aber nicht begreifen. Das sind ja die Pferde von Santer und seinen Begleitern; es fehlt aber eins.“

„Das werden wir uns suchen und auch den, der darauf sitzt.“

„Aber wie kommt“

„Still, lieber Sam!“ unterbrach ich ihn. „Es ist sehr Wichtiges, sehr Trauriges geschehen. Wir müssen sofort fort von hier.“

„Von hier? Warum?“

Anstatt ihm zu antworten, rief ich die Apachen, von denen sich einige entfernt hatten, zusammen und teilte ihnen die Kunde von dem Tode Intschu tschunas und seiner Tochter mit. Nach meinem letzten Worte herrschte ein tiefes, allgemeines Schweigen ringsum. Man konnte nicht glauben, was ich sagte; meine Botschaft war zu ungeheuerlich. Da erzählte ich ausführlicher, was geschehen war, und fügte hinzu:

„Nun mögen mir meine roten Brüder sagen, wer die Zukunft besser verkündet hat, Sam Hawkens oder euer Medizinmann! Intschu tschuna und Nscho-tschi haben den Tod gefunden, weil sie sich von mir entfernten, und Winnetou ist durch mich gerettet worden. Bringt meine Nähe also den Tod oder das Leben?“

Jetzt konnten sie nicht mehr zweifeln, und es erhob sich ein Geheul, welches sicher meilenweit zu hören war, selbstverständlich englische Meilen gemeint. Die Roten rannten wie wütend umher, schwangen ihre Waffen und schnitten, um ihrem Grimm Ausdruck zu geben, die fürchterlichsten Gesichter. Erst nach einiger Zeit war es meiner Stimme möglich, ihr Geschrei zu überschallen.

„Die Krieger der Apachen mögen schweigen,“ gebot ich ihnen. „Das Geheul führt zu nichts. Wir müssen fort, um den Mörder zu fangen.“

„Fort, ja fort, fort, fort!“ schrieen sie, indem sie zu ihren Pferden sprangen.

„Ruhig doch!“ befahl ich abermals. „Meine Brüder wissen ja gar nicht, was sie tun sollen. Ich werde es ihnen sagen.“

Nun drängten sie sich so an mich, daß ich mich wehren mußte, nicht umgerissen zu werden. Wäre Santer jetzt hier gewesen, so hätten sie ihn in Stücke gerissen. Hawkens, Stone und Parker standen still beisammen. Die Nachricht hatte einen niederschmetternden Eindruck auf sie gemacht. Jetzt kamen sie herbei, und Sam sagte:

„Ich bin wie vor den Kopf geschlagen und kann es noch immer nicht fassen. Schrecklich, entsetzlich! Die liebe, schöne, gute, junge rote Miß! Ist stets so freundlich mit mir gewesen und soll nun ausgelöscht worden sein! Wißt Ihr, Sir, es ist mir grad so“

„Wie es Euch ist, das behaltet für Euch, lieber Sam!“ fiel ich ihm in die Rede. „Wir müssen dem Mörder nach. Sprechen nützt nichts.“

„Well! Stimme Euch bei. Aber wißt Ihr denn, wohin er ist?“

„Jetzt noch nicht.“

„Dachte es mir. Habt ja seine Spur nicht gesehen. Wie sollen wir sie nun auffinden? Scheint unmöglich oder wenigstens außerordentlich schwierig zu sein.“

„Es ist nicht schwierig, sondern sehr leicht.“

„Meint Ihr? Hm! Wollt wohl sagen, daß wir hinauf in die Schlucht müssen, wo er seitwärts ausgekniffen ist? Wird ein langes Suchen geben!“

„Von der Schlucht ist gar keine Rede.“

„Nicht? Dann bin ich neugierig, was Ihr für einen Gedanken bringen werdet. Ja, manchmal kann ein Greenhorn auch einen Gedanken haben, doch“

„Schweigt mit Eurem Greenhorn! Mir ist nicht so zu Mute, solche Redensarten anzuhören. Mir blutet das Herz; darum behaltet Eure Witze für Euch!“

„Witze? Halloh! Wer da etwa denkt, daß ich die Sache scherzhaft nehme, der bekommt von mir einen Box in den Leib, daß er von hier bis hinüber nach Kalifornien fliegt! Kann nur nicht begreifen, wie Ihr Santer finden wollt, ohne daß wir unsere Augen auf die Stelle setzen, wo seine Spur verloren gegangen ist.“

„Da müßten wir, wie schon gesagt, lange Zeit suchen. Und wenn wir die Spur fänden, hätten wir ihr über Berg und Tal und durch den dichten Wald zu folgen, was auch sehr langsam gehen würde. Darum denke ich, wir fangen es anders an. Nämlich wenn ich mir die Berge dort so betrachte, so möchte ich behaupten, daß sie nicht mit andern zusammenhängen, sondern isoliert stehen“

„Ist auch ganz richtig. Kenne diese Gegend recht leidlich. Haben hier Ebene und jenseits wieder Ebene. Diese Berge gehören nicht zu einem Gebirgs- oder Höhenzug, sondern sie haben sich ganz für sich allein in die offene Prärie hineingesetzt.“

„Prärie? Also gibt es Gras?“

„Ja, rundum Gras, grad so wie hier.“

„Darauf habe ich gerechnet. Santer mag auf oder zwischen diesen Bergen reiten, wie er will; das geht uns nichts an; aber sobald er sie verläßt, kommt er auf die offene Prärie und muß im Grase eine Spur hinterlassen.“

„Das versteht sich ja ganz von selbst, verehrter Sir!“

„Hört nur weiter. Wir bilden zwei Trupps und umreiten die Berge, wir vier Weißen von rechts und die zehn Apachen, welche Winnetou mir angewiesen hat, von links. Jenseits treffen wir zusammen und werden dann erfahren, ob einer der Trupps auf die Fährte gestoßen ist. Ich bin überzeugt, daß dies der Fall sein wird, und dann folgen wir ihr.“

Mein kleiner Sam sah mich von der Seite an, machte ein nicht außerordentlich erbautes Gesicht und rief aus:

„Lack-a-day! Wer hätte das gedacht! Daß ich nicht auch darauf gekommen bin! Ist ja das Einfachste und Sicherste was es gibt; das muß eigentlich jedes Kind einsehen, wenn ich mich nicht irre!“

„Ihr seid also einverstanden, Sam?“

„Vollständig, Sir, vollständig. Sucht Euch nur schnell zehn Rote aus!“

„Ich werde diejenigen wählen, welche am besten beritten sind. Wer weiß, wie lange wir den Kerl zu jagen haben. Darum müssen wir uns auch reichlich mit Proviant versehen. Wenn Ihr diese Gegend leidlich kennt, so wißt Ihr vielleicht, wie lange es dauert, bis man von hier aus die andere Seite der Berge erreicht?“

„Wenn wir uns sehr beeilen, so kann es trotzdem über zwei Stunden währen.“

„So wollen wir nicht länger zögern.“

Ich bestimmte die zehn Apachen, welche sich über meine Wahl freuten, denn dem Mörder nachzusetzen, war ihnen lieber, als bei den Leichen Totenlieder zu singen. Die übrigen zwanzig instruierte ich genau über den Weg, welcher zu Winnetou führte, und dann ritten sie davon.

Kurze Zeit später brachen meine zehn auf, um die Berge nach links, also in einem nach Westen gekrümmten Bogen zu umreiten, während unsere Richtung uns ostwärts um die Höhen führte. Als wir vier dann auch aufsaßen, ritt ich zunächst nach Santers Nachtlager und suchte mir von da aus eine Stelle, wo der Huf des Pferdes, welches ich geritten hatte, tief in den Boden gedrungen war. Von diesem sehr deutlichen Eindrucke nahm ich mir eine genaues Maß auf Papier. Sam Hawkens schüttelte den Kopf darüber und meinte lächelnd:

„Gehört das auch zur Kunst eines Surveyors, Pferdefüße abzumalen?“

„Nein; aber ein Westmann sollte es kennen.“

„Der? Warum?“

„Weil es ihm vorkommenden Falls von großem Nutzen sein kann.“

„In welcher Weise?“

„Werdet es wohl nachher sehen. Wenn ich eine Pferdespur finde, vergleiche ich die Stapfen mit dieser Zeichnung.“

„Ah! Hm! Richtig! Ist gar nicht so übel! Habt Ihr das auch aus Euern Büchern?“

„Nein.“

„Woher denn?“

„Der Gedanke ist mir selbst gekommen.“

„Also gibt es wirklich Gedanken, die sich das Vergnügen machen, zu Euch zu kommen? Hätte das gar nicht gedacht hihihihi!“

„Pshaw! Bei mir befinden sie sich jedenfalls wohler als unter Eurer Perücke, Sam!“

„Recht so, recht so!“ rief Dick Stone. „Laßt Euch nur nichts mehr von ihm gefallen! Man sieht ja stündlich, daß Ihr ihn überflügelt habt, Sir.“

„Schweig!“ herrschte ihn Sam in komischem Zorne an. „Was willst du vom Fliegen verstehen, und gar vom Ueberfliegen! Es ist eine Beleidigung, mich immer bei der Perücke zu nehmen; ich kann das gar nicht länger dulden.“

„Was willst du dagegen machen?“

„Ich schenke sie dir; dann bin ich sie los, und du erfährst, was für Gedanken darunter wohnen. Uebrigens habe ich ja zugegeben, daß die Ansicht unsers Greenhorns gar keine so üble ist; nur hätte er den zehn Apachen, welche die Berge auf der andern Seite zu umreiten haben, auch ein solches schönes Pferdefußbild mitgeben sollen.“

„Ich habe dies nicht getan, weil ich es für unnötig hielt,“ antwortete ich.

„Unnötig? Warum?“

„Weil es ihnen nicht zuzutrauen ist, eine Hufspur mit dieser Zeichnung zu vergleichen. Sie sind doch immerhin Wilde, denen man eine Zeichnung vergeblich in die Hände geben würde. Und sodann bin ich überzeugt, daß sie gar nicht auf Santers Fährte treffen werden.“

„Und ich behaupte das Gegenteil. Nicht wir, sondern sie werden sie finden. Es versteht sich ja ganz von selbst, daß Santer westwärts reiten wird.“

„Das halte ich gar nicht für so selbstverständlich.“

„Nicht? Seine Richtung, als wir ihn trafen, war ja nach Westen; das ist sie jetzt nun wieder.“

„Schwerlich. Er ist ein durchtriebener Kerl, wie ich aus seinem spurlosen Verschwinden ersehe, und wird sich also sagen, daß wir den Gedanken haben werden, den Ihr jetzt ausgesprochen habt. Das heißt, er wird denken, daß wir ihn westwärts suchen, weil er bei unserer Begegnung nach Westen wollte. Aus diesem Grunde wird er sich nach einer andern Richtung, wahrscheinlich ostwärts, retirieren. Das ist doch leicht einzusehen.“

„Wenn Ihr es in dieser Weise sagt, so ist es freilich leicht einzusehen. Wollen nur hoffen, daß es zutrifft.“

Nun gaben wir unsern Pferden die Sporen und jagten über die Prärie dahin, so reitend, daß wir die verhängnisvollen Berge stets zur linken Hand liegen hatten. Natürlich suchten wir es so einzurichten, daß wir immer auf weichem Boden ritten, wo Santer, wenn er dagewesen war, eine deutliche Spur hatte zurücklassen müssen. Dabei waren unsere Augen stets zur Erde gerichtet; denn je schneller wir ritten, desto schärfer mußten wir aufpassen, weil die Fährte uns sonst entgehen konnte.

So verging eine Stunde und noch eine halbe, und wir hatten unsern Halbkreis um die Berge fast zu Ende gebracht, da endlich bemerkten wir einen dunkeln Strich, welcher vor unserer Richtung quer durch das Gras lief. Es war eine Fährte, und zwar die Spur eines einzelnen Reiters, also sehr wahrscheinlich die, welche wir suchten. Wir stiegen ab, und ich schritt eine Strecke ihr entlang, um einen recht deutlichen Eindruck zu finden. Als mir dies glückte, verglich ich ihn genau mit der Zeichnung, und beide waren einander so kongruent, daß es Santer ohne allen Zweifel gewesen sein mußte.

„So eine Zeichnung ist wirklich außerordentlich praktisch,“ meinte Sam. „Werde mir das merken.“

„Ja, merke es dir!“ stimmte Parker bei. „Und merke dir noch Eins recht gut dazu!“

„Was?“

„Daß es schon so weit gekommen ist, daß der Lehrer, der du ja gewesen sein willst, nun von seinem Schüler lernt!“

„Willst mich wohl ärgern, alter Will? Das wird dir nicht gelingen, hihihihi!“ lachte Sam. „Es ist doch wohl eine Ehre für den Lehrer, wenn er den Schüler so weit bringt, daß dieser schließlich klüger und geschickter als der Lehrer ist. Mit dir freilich muß man auf solche Erfolge gleich von vornherein verzichten. Wie viele, viele, lange Jahre habe ich mich bemüht, einen Westmann aus dir zu machen, und es ist alles vergeblich gewesen. Du wirst in deinen alten Tagen nichts verlernen können, weil du in den jungen Tagen nichts gelernt hast.“

„Weiß schon! Möchtest mich gern ein Greenhorn nennen, weil du ohne dieses Wort nicht leben kannst und unserm Old Shatterhand nicht mehr damit kommen darfst.“

„Bist auch eins, und was für eins! Nämlich ein altes, welches sich vor diesem jungen hier zu schämen hat, weil dieses dem alten schon weit überlegen ist, wenn ich mich nicht irre.“

Trotz dieses Wortgefechtes stimmten wir darin überein, daß die Fährte Santers nicht viel über zwei Stunden alt war. Wir wären ihr gern sogleich gefolgt, mußten aber auf die zehn Apachen warten. Das dauerte leider drei Viertelstunden. Ich schickte einen von ihnen zu Winnetou, um diesen wissen zu lassen, daß wir die Spur gefunden hätten; er konnte bei ihm bleiben; dann ritten wir, nun in östlicher Richtung, weiter.

Wir hatten in dieser vorgerückten Jahreszeit nicht mehr ganz zwei Stunden bis zum Abende und mußten uns sehr beeilen. Es galt, bis zur Dunkelheit eine möglichst große Strecke zurückzulegen, weil wir dann bis zum Morgen warten mußten. Wir konnten doch nicht reiten, ohne die Spur zu sehen.

Dagegen war als ganz gewiß anzunehmen, daß Santer den Abend und wohl auch die Nacht dazu benützen werde, uns recht weit vorauszukommen, denn daß man ihn verfolgen werde, das mußte er sich doch unbedingt sagen. Wir hatten dann morgen einen heißen Ritt vor uns, welcher dadurch erschwert und verlangsamt wurde, daß wir auf die Fährte achten mußten, während er eine solche Verzögerung nicht nötig hatte. Glücklicherweise mußte er, wenn er während der Nacht ritt, dann früh ermüdet sein und nicht nur sich, sondern noch viel mehr seinem Pferde eine längere und ausgiebige Ruhe gönnen, ein Umstand, welcher den Unterschied so ziemlich ausglich.

Die von Winnetou und seinem Vater Nuggetberge genannten Höhen verschwanden schnell hinter uns, und wir hatten nun immerfort die ebene Prärie vor uns, welche erst strauchig war und dann nur Rasen, erst noch grünen und später verdorrten, zeigte. Die Spur war sehr deutlich zu sehen, denn Santer war meist scharf geritten, und so hatten die Hufe seines Pferdes deutliche Eindrücke hinterlassen.

Als es zu dunkeln begann, stiegen wir ab und folgten der Spur, die wir im Gehen deutlicher als reitend sahen, noch so lange, bis sie gar nicht mehr zu erkennen war. Da blieben wir halten, glücklicherweise an einer Stelle, wo das Gras wieder einmal einiges Grün zeigte. Da konnten die Pferde fressen. Wir hüllten uns in Decken und legten uns gleich so nieder, wie wir standen.

Die Nacht war sehr kühl, und ich bemerkte, daß meine Begleiter deshalb oft aufwachten. Ich hätte ohnedem nicht schlafen können. Der gewaltsame Tod Intschu tschunas und seiner Tochter hielt mir die Augen offen, und wenn ich sie ja einmal schloß, so sah ich ihre Gestalten in der Blutlache vor mir liegen und hörte Nscho-tschis letzte Worte. Nun machte ich mir Vorwürfe darüber, daß ich nicht freundlicher mit ihr gewesen war und mich in jenem Gespräch mit ihrem Vater nicht anders ausgedrückt hatte. Es war mir, als ob ich sie dadurch in den Tod getrieben hätte.

Gegen Morgen wurde es noch kälter, und ich stand auf, um mich durch Hin- und Hergehen zu erwärmen. Sam Hawkens merkte das und fragte:

„Friert Euch wohl, verehrter Sir? Hättet eine Wärmflasche mit nach dem Westen bringen sollen. Greenhorns pflegen sich doch gern mit solchen Sächelchen zu versehen. Da lobe ich mir meinen alten Rock; kann kein Indianerpfeil und auch keine Kälte hindurch. Soll ich ihn Euch borgen, hihihihi?“

Wegen dieser unangenehmen Kühle waren alle schon vor der Morgendämmerung munter, und kaum konnten wir die Fährte nur einigermaßen wieder erkennen, so saßen wir auf und setzten den Ritt fort. Unsere Pferde hatten ausgeruht und des Nachts wohl auch gefroren; sie griffen daher, weil sie das erwärmte, wacker aus, ohne daß wir sie anzutreiben brauchten.

Noch immer hatten wir Prärie; sie wurde wellig. Auf den Wellenhöhen war das Gras trocken und hart, in den Wellentälern mehr grün und auch weicher. Ja, es gab da zuweilen eine Wasserlache, wo wir anhielten und unsere Tiere trinken ließen.

Während die Spur bisher eine fast genau östliche Richtung gehabt hatte, wendete sie sich zur Mittagszeit mehr südlich. Als Hawkens dies bemerkte, machte er ein bedenkliches Gesicht. Ich fragte ihn nach der Ursache und erhielt die Antwort:

„Wenn es so ist, wie ich vermute, werden unsere Bemühungen wahrscheinlich vergeblich sein.“

„Aus welchem Grunde?“

„Der Kerl ist pfiffig. Er scheint sich zu den Kiowas wenden zu wollen.“

„Das wird er doch nicht tun!“

„Warum nicht? Soll er etwa Euch zuliebe mitten in der alten Prärie stehen bleiben und sich beim Schopfe nehmen lassen? Was Ihr denkt! Er tut sein Möglichstes, sich zu retten. Er hat jedenfalls die Augen offen gehabt und gesehen, daß unsere Pferde besser waren als die seinigen. Darum vermutet er, daß wir ihn wohl bald einholen werden, und ist auf den ganz guten Gedanken gekommen, bei den Kiowas Schutz zu suchen.“

„Ob ihn diese aber freundlich aufnehmen werden?“

„Daran ist keinen Augenblick zu zweifeln. Er braucht bloß zu erzählen, daß er Intschu tschuna und Nscho-tschi erschossen hat, da jubeln sie ihm zu. Wollen uns recht dazuhalten, daß wir vielleicht noch vor Abend an ihn kommen.“

„Wie alt schätzt Ihr die heutige Fährte?“

„Darauf kommt es nicht an. Diese hier hat er in der Nacht geritten. Müssen warten, bis wir dahin kommen, wo er gelagert hat. Dann wollen wir sehen, wie alt seine neue, seine heutige Spur ist. Je länger er ausgeruht hat, desto eher werden wir ihn einholen.“

Gegen Mittag zeigte es sich, wo Santer Halt gemacht hatte. Man sah, daß sich sein Pferd niedergelegt hatte; es war sehr müde gewesen; das hatten wir schon bisher den Spuren angesehen. Wahrscheinlich war er nicht weniger angegriffen gewesen, denn wir schätzten seine neue Spur unter zwei Stunden alt; er mochte länger geschlafen haben, als er gewollt hatte. Der Vorsprung, den er durch den Nachtritt gewonnen hatte, war also eingeholt; ja, wir waren ihm jetzt wohl eine halbe Stunde näher als gestern beim Beginn der Verfolgung.

Seine Spur strebte nun noch mehr nach Süden. Er schien das Gebiet des Canadian verlassen und sich dem Red River nähern zu wollen. Wir ließen unsere Pferde nur von Zeit zu Zeit verschnaufen, denn wir nahmen uns vor, ihn, wenn nur irgend möglich, noch vor Abend einzuholen.

Am Nachmittage hatten wir wieder grüne Prärie, und später trafen wir sogar Buschwerk an. Nach der sorgfältigsten Beurteilung der Fährte konnte der Vorsprung nun nur noch eine halbe Stunde betragen. Vor uns färbte sich der Horizont dunkel.

„Das ist Wald,“ erklärte Sam. „Ich vermute, daß wir auf ein Nebenflüßchen des Nordarmes stoßen. Wollte, wir hätten noch länger Prärie; das wäre besser für uns.“

Freilich wäre dies besser gewesen, denn auf der Savanne sah man alles vor sich, während man im Walde leicht auf einen Hinterhalt stoßen konnte. Und bei der Eile, mit welcher wir ritten, war es unmöglich, das Terrain zu untersuchen, bevor wir es betraten.

Sam hatte Recht. Es gab einen kleinen Fluß, der aber kein fließendes Wasser führte, sondern nur hier und da welches in einer Vertiefung zeigte. An den Ufern standen Büsche und Bäume, doch gab dies keinen eigentlichen Wald, sondern nur, um mich so auszudrücken, größere oder kleinere Baumgruppen, welche in verschiedenen Intervallen an den Ufern lagen.

Kurz vor Abend waren wir dem Verfolgten so nahe, daß er jeden Augenblick vor uns auftauchen konnte. Das machte uns eifriger, als wir bisher gewesen waren. Ich ritt allein voran, weil mein Rotschimmel sich am besten gehalten und seine Kräfte noch beisammen hatte. Auch folgte ich, wenn ich mich so an der Spitze hielt, einem innern Triebe. Ich hatte die Ermordeten vor mir liegen sehen und wollte den Mörder haben. Es war nicht das, was man mit Grimm, mit Durst nach Rache bezeichnet, aber doch ein dringendes Verlangen, den Mörder bestraft zu sehen.

Wir ritten wieder durch eine jener Baumgruppen, welche am linken Ufer des Flüßchens lag. Als ich, den andern voran, die letzten Bäume erreichte, sah ich, daß die Fährte rechts ab, hinunter in das wasserleere Bette führte. Ich hielt einen Augenblick an, um dies den hinter mir Herankommenden mitzuteilen, und dies war ein Glück für uns, denn als ich, einige Augenblicke auf sie wartend, dem Flußbette mit meinen Augen folgte, machte ich eine Entdeckung, welche mich veranlaßte, schleunigst vom Rande des Wäldchens zurückzuweichen und mich zu verstecken.

Wenn man von diesem Wäldchen aus nur fünfhundert Schritte zu Fuße ging, kam man wieder an ein Wäldchen, welches aber drüben auf dem rechten Ufer lag. Vor demselben tummelten Indianer ihre Pferde. Ich sah Pfähle in der Erde stecken, welche mit Riemen verbunden waren, an denen Fleisch hing. Wäre ich nur noch eine Pferdelänge weitergeritten, so hätten mich die Roten gesehen. Ich stieg vom Pferde und zeigte unsern Leuten die vor uns liegende Szene.

„Kiowas!“ sagte einer der Apachen.

„Ja, Kiowas,“ stimmte Sam ihm bei. „Der Teufel muß diesen Santer sehr lieb haben, daß er ihn noch im letzten Augenblicke diese Hilfe finden läßt. Ich streckte schon alle zehn Finger nach ihm aus; aber er soll uns trotzdem nicht entgehen.“

„Es ist keine starke Abteilung der Kiowas,“ bemerkte ich.

„Hm! Wir sehen nur die, welche sich diesseits der Bäume befinden; jenseits derselben gibt es jedenfalls auch welche. Sind auf der Jagd gewesen und machen nun hier ihr Fleisch.“

„Was tun wir, Sam? Kehren wir um, um uns möglichst weit zurückzuziehen?“

„Fällt mir nicht ein! Wir bleiben hier.“

„Aber das ist gefährlich!“

„Gar nicht!“

„Wie leicht kann ein Roter hierher kommen!“

„Fällt keinem ein. Erstens befinden sie sich drüben am andern Ufer, und zweitens wird es gleich dunkel werden; da entfernen sie sich nicht mehr aus ihrem Lager.“

„Aber je größer die Vorsicht, desto besser!“

„Und je größer die Angst, desto greenhornlicher! Ich sage Euch, daß wir vor diesen Kiowas so sicher sind als ob wir uns in New York befänden. Die denken nicht daran, hierher zu kommen; aber wir werden zu ihnen gehen. Ich muß diesen Santer haben und wenn ich ihn aus tausend Kiowas herausholen müßte!“

„Ihr seid heut das, was Ihr immer an mir tadelt, nämlich unvorsichtig!“

„Wie? Was? Unvorsichtig? Sam Hawkens und unvorsichtig! Da muß ich lachen, hihihihi! Das hat mir noch kein Mensch vorgeworfen! Sir, Ihr habt doch sonst keine Angst und geht sogar dem Grizzly mit dem Messer zu Leibe; warum da heut diese Bangigkeit!“

„Es ist nicht Bangigkeit, sondern Vorsicht. Wir befinden uns zu nahe bei den Feinden.“

„Zu nahe? Lächerlich! Ich denke sogar, daß wir ihnen noch näher rücken werden. Wartet nur bis es dunkel ist.“

Er war heut anders als gewöhnlich. Der Tod der schönen, lieben, guten, roten Miß hatte ihn so empört, daß er nach Rache lechzte. Die Apachen gaben ihm recht; Parker und Stone stimmten ihm auch bei, und so konnte ich nichts dagegen tun. Wir banden unsere Pferde an und setzten uns nieder, um den Anbruch der Dunkelheit zu erwarten.

Ich muß freilich gestehen, daß die Kiowas sich so bewegten, als ob sie sich völlig sicher fühlten. Sie ritten oder liefen auf dem offenen Plane umher, riefen einander zu, kurz und gut, taten so unbefangen, als ob sie sich daheim in ihrem sichern, gut bewachten Indianerdorfe befänden.

„Seht Ihr, wie ahnungslos sie sind!“ sagte Sam. „Bei denen gibt es heut keinen einzigen argen Gedanken.“

„Wenn Ihr Euch nicht irrt!“

„Sam Hawkens irrt sich nie!“

„Pshaw! Ich könnte Euch das Gegenteil beweisen. Ich habe etwas in mir wie eine Ahnung, daß sie sich verstellen.“

„Ahnung! Alte Squaws haben Ahnungen, sonst niemand. Merkt Euch das, verehrter Sir! Welchen Zweck könnte es denn haben, sich zu verstellen?“

„Um uns anzulocken.“

„Das ist ganz unnötig, denn wir werden auch ohne Lockung kommen.“

„Ihr nehmt doch an, daß Santer bei ihnen ist?“

„Natürlich. Als er hier an diese Stelle kam, hat er sie gesehen und ist über das leere Flußbette hinüber zu ihnen.“

„Und denkt Ihr, daß er ihnen erzählt hat, was geschehen ist und warum er Schutz bei ihnen sucht?“

„Welche Frage! Es versteht sich ganz von selbst, daß er ihnen das gesagt hat.“

„So hat er ihnen auch mitgeteilt, daß seine Verfolger ihm wahrscheinlich sehr nahe seien.“

„Meinetwegen auch das.“

„Dann wundert es mich, daß sie so gar keine Vorsichtsmaßregeln getroffen haben.“

„Ist gar nicht zu verwundern. Sie halten es einfach für unmöglich, daß die Nähe, von welcher Ihr redet, eine so bedeutende ist, und erwarten uns wohl erst morgen. Sobald es dunkel genug ist, schleiche ich mich hinüber und sehe mir die Gelegenheit an. Dann wird sich finden, was wir tun. Ich muß diesen Santer haben!“

„Nun gut, so gehe ich mit!“

„Ist nicht nötig.“

„Ich halte es für sehr nötig.“

„Wenn Sam Hawkens auf Kundschaft geht, so braucht er keinen Gehilfen. Ich nehme Euch nicht mit. Ich kenne Euch und Eure zwecklose Humanität. Wahrscheinlich wollt Ihr diesem Mörder das Leben erhalten.“

„Fällt mir nicht im Traume ein!“

„Verstellt Euch nicht!“

„Ich spreche so, wie ich denke. Auch ich will diesen Santer haben; ich will ihn lebendig fangen, um ihn Winnetou zu bringen. Und sobald ich sehe, daß dies unmöglich ist, daß ich ihn lebend nicht bekommen kann, so gebe ich ihm eine Kugel in den Kopf. Darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Daß ist es eben: eine Kugel in den Kopf! Ihr wollt nicht, daß er gemartert werden soll. Auch ich bin ein Feind von solchen Hinrichtungen; diesem Schurken aber gönne ich einen solchen qualvollen Tod von ganzem Herzen. Wir fangen ihn und bringen ihn Winnetou. Muß nur erst wissen, wie viel Kiowas es sind; denn daß es mehr sind, als sich uns hier zeigen, das ist ausgemacht.“

Ich zog es vor, zu schweigen, denn seine Worte hatten die Apachen mißtrauisch gemacht. Sie wußten, daß ich mir für Rattler Mühe gegeben hatte, und so lag für sie der Gedanke nahe, daß ich jetzt eine ähnliche Absicht hege. Ich tat also, als ob ich mich in Sams Willen füge, und streckte mich neben mein Pferd auf die Erde nieder.

Die Sonne war schon längere Zeit verschwunden, und nun senkte sich die Dämmerung nieder. Drüben bei den Kiowas wurden mehrere Feuer angezündet. Die Flammen derselben loderten hoch empor. Dies ist gar nicht Gebrauch bei den vorsichtigen Roten, und so setzte sich in mir der vorhin ausgesprochene Gedanke fester, daß sie es darauf abgesehen hätten, uns anzulocken. Wir sollten glauben, daß sie von unserm Hiersein nichts ahnten, und auf die Idee kommen, sie zu überfallen; taten wir dies, so liefen wir ihnen in die geöffneten Hände.

Während ich so nachdachte, war es mir, als hätte ich ein Geräusch vernommen, welches von keinem von uns verursacht worden war; es war hinter mir, wo niemand von uns lag, weil ich den äußersten Platz eingenommen hatte. Ich lauschte und das Geräusch wiederholte sich; ich hörte es deutlich und unterschied es genau. Es war ein leises Bewegen zäher Ranken, an denen dürre Blätter hingen, ungefähr so, wie wenn man einige Halme aus einem Strohbündel zieht. Es war nicht die Bewegung eines glatten Zweiges, sondern, wie gesagt, einer Ranke, und diese mußte Stacheln oder Dornen haben, denn das Geräusch war in einzelnen Rucken geschehen, von Stachel zu Stachel verursacht worden.

Dieser Umstand sagte mir sofort, wo ich die Ursache zu suchen hatte. Nämlich hinter mir gab es zwischen drei einander nahestehenden Bäumen ein Brombeergesträuch, von welchem eine Ranke bewegt worden sein mußte. Es konnte ein kleines Tier da stecken, aber unsere Lage riet zur Vorsicht. Es konnte auch ein Mensch sein, und das mußte ich untersuchen, mußte es sehen. Sehen? In dieser Dunkelheit? Ja, doch!

Ich habe gesagt, daß drüben bei den Kiowas hohe Feuer loderten. Sie konnten ihren Schein zwar nicht herüberwerfen, aber ich mußte jeden Gegenstand sehen, den ich zwischen sie und mein Auge brachte. Dies konnte ich mit der Brombeerhecke dadurch erreichen, daß ich die andere Seite derselben aufsuchte, was aber unbemerkt zu geschehen hatte. Ich stand also von meinem Platze auf und schlenderte langsam fort, nicht nach der Richtung, in welche ich eigentlich wollte. Als ich weit genug weg war, wendete ich mich um und näherte mich dann dem Wäldchen von der richtigen Seite. Nahe herangekommen, legte ich mich nieder und kroch leise, leise nach der Beerenhecke, welche ich, sogar unbemerkt von meinen Leuten, erreichte. Sie lag grad vor mir; ich konnte sie mit der Hand erreichen, und in derselben Richtung brannten drüben die Feuer. Ich konnte durch einige wenige Stellen blicken, sonst aber war die Hecke zu dicht. Da ja, wirklich, da gab es wieder das erwähnte Geräusch, und zwar nicht in der Mitte, sondern an der Seite der Hecke. Ich rutschte dorthin und sah nun freilich das, was ich geahnt hatte.

Es hatte ein Mensch, ein Indianer, in der Hecke gesteckt und wollte sich nun entfernen. Dies mußte natürlich ein Geräusch verursachen, welches er auf verschiedene Zeitabstände zu verteilen trachtete, und er brachte dies in wahrhaft meisterhafter Weise fertig, denn anstatt eines einzigen lauten Raschelns gab es nun von Minute zu Minute nur ein leises, strohartiges Knistern, welches nur von mir gehört worden war, weil ich so nahe gelegen hatte. Das schwere Kunststück war ihm beinahe gelungen. Sein ganzer Körper befand sich schon im Freien, und nur die eine Schulter mit dem Arme, der Hals und der Kopf steckten noch in der Hecke.

Ich kroch zu ihm hinan, so daß ich hinter seinem Rücken lag. Er befreite sich mehr und mehr. Er bekam die Schulter frei, den Hals, den Kopf und hatte nun nur noch den Arm herauszuziehen. Da richtete ich mich auf die Kniee empor, faßte mit der Linken seinen Hals und hieb ihm die rechte Faust zwei-, dreimal an den Kopf; da lag er still.

„Was war das?“ fragte Sam. „Habt ihr nichts gehört?“

„Old Shatterhands Pferd stampfte,“ antwortete Dick.

„Er ist fort. Wo er sein mag? Er wird doch keine Dummheiten machen!“

„Dummheiten? Der? Der hat noch keine gemacht und wird auch niemals welche machen.“

„Oho! Er ist imstande und sucht die Kiowas heimlich auf, um sie zu alarmieren und diesem Santer das Leben zu erhalten!“

„Nein, das tut er nicht. Lieber erwürgt er den Mörder, als daß er ihn entkommen läßt. Der Tod der beiden Ermordeten ist ihm riesig nahe gegangen; das mußt du ihm doch angesehen haben.“

„Mag sein. Aber ich nehme ihn nicht mit, wenn ich nachher die Kiowas beschleiche; er kann mir auch gar nichts dabei nützen. Ich will die Kerls zählen und die Oertlichkeit sehen; dann läßt es sich bestimmen, wie wir angreifen müssen. Er macht seine Sache als Greenhorn oft ganz gut, aber sich bei solchen Feuerflammen dem Lager der Kiowas zu nähern, das bringt er doch nicht fertig. Diese Kerls wissen, daß wir kommen; sie sind also vorsichtig und werden die Ohren so spitzen, daß nur ein alter Westmann an sie kommen kann; ihn aber würden sie gewiß sehen und auch hören.“

Da stand ich auf, trat schnell zu ihm und sagte: „Da irrt Ihr, lieber Sam. Ihr glaubt mich fort, und ich bin doch da. Verstehe ich es also oder nicht, mich anzuschleichen?“

„Alle Wetter!“ antwortete er. „Ihr seid wirklich da? Man hat Euch doch gar nicht bemerkt!“

„Das ist ein Beweis, daß Euch das mangelt, was mir nach Euern Worten mangeln soll. Es sind überhaupt, ohne daß Ihr es wißt, noch ganz andere Leute da als ich.“

„Wer denn, wer? Wen meint Ihr?“

„Geht hin zu den Brombeeren dort; da werdet Ihr ihn sehen, Sam!“

Er stand auf und folgte meiner Weisung; die andern taten nach seinem Beispiele.

„Hallo!“ rief er aus. „Da liegt ein Kerl, ein Indianer! Wie kommt der hierher?“

„Das laßt Euch von ihm selbst sagen!“

„Er ist ja tot!“

„Nein. Ich habe ihn nur betäubt.“

„Wo denn? Doch nicht etwa hier? Ihr waret fort. Ihr habt ihn irgendwo überrascht, ihm einen Eurer Jagdhiebe gegeben und ihn dann hierher gebracht.“

„Das denkt nicht! Er lag hier in den Brombeeren versteckt, und ich habe ihn bemerkt. Als er heraus wollte, um sich davonzuschleichen, gab ich ihm den Hieb. Ihr habt diesen Hieb auch gehört, denn Ihr fragtet danach, und er wurde für ein Stampfen meines Pferdes gehalten.“

„Alle Teufel, das stimmt! Er ist also wirklich dagewesen, hat im Busche gesteckt und alles gehört, was wir gesprochen haben. Welch ein Unheil für uns, wenn es ihm gelungen wäre, unbemerkt fortzukommen! Wie gut, daß Ihr ihn unschädlich gemacht habt! Bindet und knebelt ihn, wenn ich mich nicht irre! Aber warum ist er nicht drüben bei seinen Leuten? Was hat er hier zu tun gehabt? Er muß doch eher dagewesen sein als wir?“

„Ihr sprecht solche Fragen aus und nennt andere Leute Greenhorns? Das sind doch so recht eigentliche Greenhornsfragen! Natürlich ist er eher dagewesen als wir. Die Kiowas wußten, daß wir kommen; sie nahmen an, daß wir der Spur Santers folgen und also hier erscheinen würden. Sie wollten uns empfangen, und um den richtigen Zeitpunkt nicht zu versäumen, stellten sie hier einen Posten aus, der sie benachrichtigen sollte. Aber weil wir zu schnell ritten oder weil er grad nicht gut aufpaßte oder aber weil er grad hier ankam, als wir auch kamen, haben wir ihn überrascht, so daß er sich in die Brombeeren verstecken mußte.“

„Er hätte doch fliehen können, hinüberfliehen zu den Seinen!“

„Dazu fand er keine Zeit, denn wir hätten ihn noch laufen sehen und also erraten müssen, daß die Kiowas von uns wüßten und von ihm gewarnt worden seien. Es ist auch möglich, daß er von vornherein entschlossen war, sich hier zu verstecken, um uns zu belauschen.“

„Dies ist alles ganz gut und möglich. Mag es nun sein, wie es will, es ist ein Glück, daß wir ihn erwischt haben. Nun wird er beichten und alles gestehen müssen.“

„Er wird sich hüten, etwas zu sagen. Ihr bringt nichts aus ihm heraus.“

„Kann sein. Es ist auch gar nicht nötig, daß wir uns Mühe mit ihm geben. Wir wissen doch ohnedem, woran wir sind, und was ich noch nicht weiß, das werde ich bald erfahren, denn ich gehe jetzt hinüber.“

„Um vielleicht nicht wieder herüberzukommen!“

„Warum?“

„Weil Euch die Kiowas behalten werden. Ihr habt ja selbst gesagt, daß es bei diesen vielen großen und hellen Feuern sehr schwer sei, sich anzuschleichen.“

„Ja, für Euch, für mich aber nicht. Darum wird es so, wie ich Euch gesagt habe: ich gehe hinüber, und Ihr bleibt da.“

Er sagte das in einem so bestimmten, gebieterischen Tone, daß ich ihm nun denn doch entgegnete:

„Ihr seid heute ganz ausgewechselt, Sam. Ihr glaubt doch nicht etwa, mir Befehle erteilen zu können? Oder solltet Ihr doch?“

„Natürlich glaube ich das.“

„Nun, da muß ich Euch in aller Freundschaft sagen, daß Ihr Euch irrt. Als Surveyor stehe ich über Euch, denn Ihr seid uns nur als Sicherheitswache zukommandiert gewesen. Sodann wißt Ihr, daß ich unter Zustimmung des ganzen Stammes von Intschu tschuna zum Häuptling erklärt worden bin. Ihr mögt also Eure Stellung zu mir von welcher Seite betrachten, wie Ihr wollt, so stehe ich über Euch und bin es, der zu befehlen hat.“

„Mir hat kein Häuptling etwas zu sagen,“ behauptete er. „Und außerdem bin ich ein alter Westmann, während Ihr ein Greenhorn und mein Schüler seid. Das solltet Ihr nicht vergessen, wenn Ihr nicht für undankbar gehalten werden wollt. Es bleibt dabei: Ich gehe jetzt, und Ihr bleibt hier!“

Er ging wirklich. Die Apachen murrten über ihn, und auch Stone meinte verdrossen:

„Er ist heut wirklich ganz anders als sonst. Euch Undankbarkeit vorzuwerfen! Wir sind es doch, die sich bei Euch zu bedanken haben, denn ohne Euch lebten wir nicht mehr. Hat er Euch denn auch einmal das Leben gerettet!“

„Laßt ihn!“ antwortete ich. „Er ist ein kleiner, prächtiger Kerl, und grad sein heutiges Auftreten spricht für ihn. Es ist die Wut über Intschu tschunas und Nscho-tschis Tod. Gehorchen werde ich ihm allerdings nicht. Ich gehe jetzt auch. In der Aufregung, in welcher er sich befindet, kann er sich leicht zu etwas hinreißen lassen, was er bei gewöhnlicher Stimmung vermeiden würde. Bleibt hier, bis ich wiederkomme, und selbst wenn Ihr Schüsse hören solltet, geht Ihr nicht vom Platze. Nur dann, wenn Ihr meine Stimme hört, welche bis hierher zu vernehmen ist, kommt Ihr mir zu Hilfe.“

Ich ließ meinen Bärentöter liegen, ebenso wie Sam seine alte Liddy dagelassen hatte, und entfernte mich. Ich hatte bemerkt, wie Hawkens gleich von uns weg durch das Flußbett gegangen war; er wollte sich also von drüben anschleichen. Ich hielt dies für falsch und beabsichtigte, es anders und besser zu machen. Die Kiowas wußten, daß wir flußaufwärts von ihnen zu suchen waren, und richteten also ihre Aufmerksamkeit ganz besonders dorthin; darum handelte Hawkens sehr falsch, indem er sich von dorther annähern wollte. Ich dagegen nahm mir vor, von der entgegengesetzten Seite zu kommen.

Darum ging ich am diesseitigen Ufer abwärts, doch so weit von demselben, daß mich der Schein der jenseits brennenden Feuer nicht treffen konnte, bis das Wäldchen drüben zu Ende war. Da unten war kein Feuer angezündet worden, und die Bäume hielten den Lichtschein ab. Es war hier also so dunkel, daß ich unbemerkt hinunter in das Flußbett und jenseits wieder hinaufgelangen konnte. Nun befand ich mich unter den Bäumen, legte mich nieder und kroch vorwärts. Es brannten acht Feuer. So viele wurden nicht gebraucht, denn ich zählte nur gegen vierzig Indianer; sie waren also nur angebrannt, um uns zu zeigen, wo die Kiowas lagerten.

Diese saßen unter den Bäumen in verschiedenen Gruppen beisammen und hatten ihre Gewehre schußfertig in den Händen. Wehe uns, wenn wir so unvorsichtig gewesen wären, in die uns gestellte Falle zu laufen! Diese war übrigens eine so bemerkbar und dumm gelegte, daß nur ganz unerfahrene Menschen in dieselbe hätten gehen können. Die Pferde der Roten sah ich draußen auf der freien Prärie weiden.

Ich hätte gar zu gern eine der Gruppen belauscht, womöglich die, bei welcher sich der Anführer befand, weil dort sicherer zu hören war, was ich wissen wollte. Aber wo war der Anführer zu suchen? Jedenfalls bei der Gruppe, bei welcher auch Santer saß; so sagte ich mir. Also schob ich mich von Baum zu Baum, um den letzteren zu entdecken.

Nach einigem Suchen sah ich ihn; er saß mit vier Indianern zusammen, von denen allerdings keiner das Abzeichen der Häuptlingswürde trug; das war auch gar nicht nötig, denn nach den Gebräuchen der Roten mußte der Aelteste dieser vier der Anführer sein. Leider konnte ich mich nicht so nahe hinwagen, wie ich gern wollte, denn es gab kein Unterholz, in dem ich Schutz und Deckung gefunden hätte. Aber einige Bäume standen so, daß ihr Gesamtschatten mir eine, wenn auch nur zweifelhafte Sicherheit bot. Da acht Feuer brannten, warf jeder Baum mehrere Schatten, Halbschatten, welche hin und her zitterten und dem Innern des Wäldchens ein gespenstisches Aussehen verliehen.

Zu meiner Freude sprachen die Roten nicht leise, sondern laut miteinander, denn es lag doch nicht in ihrer Absicht, heimlich zu tun; wir sollten sie nicht nur sehen, sondern auch hören. Ich erreichte den erwähnten Schatten und blieb dort liegen, vielleicht zwölf Schritte von Santers Gruppe entfernt. Es war kein geringes Wagnis von mir, da ich von den andern Roten viel leichter als von dieser Gruppe aus entdeckt werden konnte.

Ich hörte, daß Santer das große Wort hatte. Er erzählte von dem Nuggetberge und forderte die Roten auf, mit ihm dorthin zu ziehen und den Schatz zu heben.

„Weiß mein weißer Bruder den Ort, an dem er zu finden ist?“ fragte der älteste der vier Indianer.

„Nein. Wir wollten ihn erfahren, aber die Apachen kamen zu schnell zurück. Wir glaubten, sie würden sich so lange verweilen, daß wir sie belauschen könnten.“

„Dann ist alles Suchen vergeblich. Es können zehnmal hundert Mann hingehen, um nachzuforschen; sie werden nichts finden. Die roten Männer verstehen es sehr gut, solche Stellen völlig unkenntlich zu machen. Aber da mein Bruder den größten unserer Feinde und seine Tochter erschossen hat, so werden wir ihm den Gefallen tun, später mit ihm hinzureiten und ihm suchen helfen. Vorher aber müssen wir deine Verfolger fangen und dann auch Winnetou töten.“

„Winnetou? Der wird doch bei ihnen sein!“

„Nein, denn er darf nicht von seinen Toten fort und wird auch die größere Hälfte seiner Krieger bei sich behalten. Die kleinere Hälfte ist dir nach und wird von Old Shatterhand, dem weißen Hunde, angeführt, welcher unserm Häuptlinge die Knie zerschmettert hat. Diese Schar werden wir heute überwältigen.“

„Dann reiten wir nach dem Nuggetberge, um Winnetou kalt zu machen und nach dem Golde zu suchen!“

„Das ist nicht so möglich, wie mein Bruder denkt. Winnetou hat seinen Vater und seine Schwester zu begraben, wobei er nicht gestört werden darf, denn der große Geist würde uns dies nie verzeihen. Aber dann, wenn er fertig ist, überfallen wir ihn. Er wird nun nicht nach den Städten der Bleichgesichter ziehen, sondern heimkehren. Da legen wir ihm einen Hinterhalt oder locken ihn so heran, wie wir es heut mit Old Shatterhand tun, der ganz gewiß dabei ist. Ich warte nur, daß mein Späher zurückkehrt, der sich drüben versteckt hat. Und auch die Wächter, welche sich weit draußen hingelegt haben, haben mir noch keine Meldung gesandt.“

Als ich dies hörte, erschrak ich. Es lagen also Posten vor dem Wäldchen. Wenn Sam Hawkens diese nicht bemerkte und zwischen sie geriet! Kaum hatte ich dies gedacht, so hörte ich ein kurz ausgestoßenes Geschrei mehrerer Stimmen. Der Anführer sprang auf und lauschte. Auch alle andern Kiowas waren still und horchten.

Da näherte sich dem Wäldchen eine Gruppe, welche aus vier Roten bestand, die einen Weißen geschleppt brachten. Er sträubte sich, doch ohne Erfolg; er war zwar nicht gefesselt, wurde aber von den vier Messern seiner Besieger in Schach gehalten. Dieser Weiße war mein unvorsichtiger Sam! Mein Entschluß stand sofort fest: ich durfte ihn nicht stecken lassen, obwohl ich dabei mein Leben wagte.

„Sam Hawkens!“ rief Santer, der ihn erkannte. „Good evening, Sir! Habt wohl nicht geglaubt, mich hier wiederzusehen?“

„Schuft, Räuber, Mörder!“ antwortete ihm der furchtlose Kleine, indem er ihn bei der Gurgel packte. „Gut, daß ich dich habe; nun bekommst du deinen Lohn, wenn ich mich nicht irre.“

Der Angegriffene wehrte sich. Die Roten griffen zu und rissen Sam von ihm weg. Das gab einen kurzen Tumult, den ich schnell benutzte. Ich zog die beiden Revolver, sprang nach der Stelle hin und mitten unter die Indianer hinein.

„Old Shatterhand!“ schrie Santer, indem er erschrocken davonrannte.

Ich schickte ihm zwei Kugeln nach, die aber wohl nicht trafen, gab die übrigen Schüsse auf die Roten ab, welche zurückwichen, und rief Sam zu:

„Fort, mir nach, genau hinter mir her!“

Es war, als ob die Roten vor Entsetzen unfähig zur Bewegung seien; sie standen starr, obgleich ich auf sie geschossen hatte, doch absichtlich nach ungefährlichen Körperstellen. Ich faßte Sam beim Arme und riß ihn mit mir fort, in das Wäldchen hinein, durch dasselbe hindurch und in das Flußbette hinab. Das ging alles so schnell, daß von dem Augenblicke meines Angriffes an bis jetzt kaum mehr als eine Minute vergangen war.

„All devils, war das zur rechten Zeit!“ meinte Sam, als wir unten angekommen waren. „Ich wurde von diesen Schurken“

„Schwatzt nicht, sondern folgt mir,“ unterbrach ich ihn, indem ich seinen Arm fahren ließ und mich nach rechts wandte, um im Flußbette abwärts zu rennen, denn es galt zunächst, außer Schußweite zu kommen.

Nun erst kamen die völlig überrumpelten und verblüfften Roten zu sich. Ihr Geheul erscholl hinter uns her, so daß ich Sams Schritte nicht mehr hören konnte. Schrille Rufe erschallten, Schüsse krachten; es war ein wahrer Höllenlärm.

Warum flüchtete ich nicht flußaufwärts, unserm Lager zu, sondern abwärts, demselben grad entgegengesetzt? Aus einem sehr triftigen Grunde. Die Roten konnten uns zunächst nicht sehen, weil es unten im Flußbette dunkel war, und rannten jedenfalls aufwärts, weil sie als sicher annahmen, daß wir in dieser Richtung geflohen seien; wir befanden uns also, indem wir abwärts rannten, so ziemlich in Sicherheit und konnten dann in einem Bogen nach unserm Lager zurückkehren.

Als ich glaubte, weit genug gelaufen zu sein, hielt ich an. Das Geheul der Roten ertönte immer noch in der Ferne; da wo ich stand, regte sich nichts.

„Sam!“ rief ich mit unterdrückter Stimme.

Es erfolgte keine Antwort.

„Sam, hört Ihr mich?“ fragte ich lauter.

Er antwortete auch jetzt nicht. Wo steckte er? Er mußte mir doch gefolgt sein! War er vielleicht gestürzt und hatte sich verletzt? Denn meine Flucht war über rissigen, vertrockneten Schlamm und tiefe Wasserlachen gegangen. Ich nahm Patronen aus dem Gürtel, lud die Revolver wieder und kehrte dann um, langsamen Schrittes nach ihm zu suchen.

Der Höllenlärm, den die Kiowas machten, währte noch immer fort; dennoch wagte ich mich näher und näher, bis ich wieder unter dem Wäldchen an der Stelle stand, wo ich Sam aufgefordert hatte, mir zu folgen. Ich hatte ihn nicht gefunden. Er war wohl anderer Ansicht als ich gewesen und gleich an das andere Ufer gestiegen, ohne auf meine Worte zu achten. Aber da mußte ihn der Schein der Feuer getroffen und beleuchtet haben, und er hatte sich nicht nur den Augen der Kiowas, sondern auch ihren Kugeln preisgegeben. Welche Unbedachtsamkeit von dem kleinen, heut so obstinaten Kerlchen! Es wurde mir abermals angst um ihn; ich entfernte mich wieder von dem Wäldchen, bis ich von demselben aus nicht bemerkt werden konnte, und lief in einem Bogen auf unser Lager zu.

Dort fand ich alles in großer Aufregung. Die roten und weißen Gefährten drängten sich an mich heran, und Dick Stone rief in vorwurfsvollem Tone aus:

„Sir, warum habt Ihr uns verboten, Euch nachzukommen, selbst wenn Schüsse fallen sollten! Wir haben mit wahrer Gier gewartet, daß Ihr rufen würdet. Gott sei Dank, daß wenigstens Ihr wieder da seid, und zwar unverletzt, wie ich sehe!“

„Wo ist Sam? Nicht hier?“ erkundigte ich mich.

„Hier? Wie könnt Ihr nur so fragen! Habt Ihr denn nicht gesehen, wie es ihm ergangen ist?“

„Wie denn?“

„Als Ihr fort waret, warteten wir. Nach längerer Zeit hörten wir einige Rote rufen; dann wurde es wieder still. Da auf einmal hörten wir Revolverschüsse und kurz darauf ein entsetzliches Geheul. Dann krachten Flintenschüsse, und wir sahen Sam erscheinen.“

„Wo?“

„Drunten beim Wäldchen, am diesseitigen Ufer.“

„Dachte es mir! Sam ist heut so unvorsichtig gewesen wie noch nie. Weiter, weiter!“

„Er kam auf uns zugelaufen, aber es war eine ganze Menge Kiowas hinter ihm her, die ihn ereilten und festnahmen. Wir sahen dies deutlich, weil die Feuer hell brennen, und wollten ihm Hilfe bringen; aber ehe wir die Stelle erreichen konnten, waren sie mit ihm schon über das Flußbette hinüber und verschwanden unter den Bäumen. Wir hatten große Lust, ihnen nachzufolgen, um sie anzugreifen und Sam zu befreien; aber wir dachten an Euer Verbot und unterließen es.“

„Daran habt ihr sehr klug getan, denn ihr elf Mann hättet nichts erreicht und wäret alle ausgelöscht worden.“

„Aber was tun wir, Sir? Sam ist gefangen!“

„Leider ja, und zwar nun zum zweitenmal!“

„Zum zweiten ?!“ rief er erstaunt.

„Ja. Nach dem ersten Male hatte ich ihn schon wieder frei; er brauchte mir nur zu folgen, so stände er jetzt grad so hier wie ich; aber er hat heut eben seinen Kopf für sich.“

Ich erzählte ihnen, was geschehen war. Als ich geendet hatte, sagte Will Parker:

„Da trifft Euch keine Schuld, Sir! Ihr habt weit mehr getan, als was jeder andere gewagt hätte. Sam hat sich selbst in diese Tinte geritten; aber wir dürfen ihn deshalb doch nicht drin sitzen lassen!“

„Nein; er muß heraus. Das wird uns aber nun weit schwerer werden, als es mir zum erstenmal geworden ist; denn wir können uns darauf verlassen, daß die Kiowas doppelt scharf aufpassen werden.“

„Das ist gewiß. Aber vielleicht ist es dennoch möglich, ihn noch einmal herauszuhauen!“

„Hm, möglich ist alles; aber zwölf Mann gegen fünfzig, die nur darauf warten, überfallen zu werden! Und doch ist dies wahrscheinlich die einzige Art und Weise, denn am Tage dürfen wir den Angriff auf das Wäldchen noch viel weniger wagen.“

„Well, so greifen wir noch in dieser Nacht an!“

„Langsam, langsam! Das will überlegt sein.“

„Ueberlegt es, Sir; aber gebt mir inzwischen die Erlaubnis, mich einmal hinüberzuschleichen, um nachzuforschen, wie es steht.“

„Das mögt Ihr tun, doch nicht jetzt, sondern später, wenn einige Zeit verflossen ist und ihre Aufmerksamkeit sich vermindert hat. Und dann geht Ihr nicht allein, sondern ich begleite Euch, und wahrscheinlich nehmen wir auch die andern alle mit.“

„Schön, sehr gut, Sir! Das will ich gelten lassen. Die andern auch gleich mitnehmen, das klingt schon ganz wie Ueberfall. Wir werden unsere Pflicht tun. Sechs bis acht Kiowas nehme ich auf mich allein, und Dick Stone wird nicht weniger haben wollen. Nicht, alter Dick?“

„Yes, hast’s getroffen, alter Will,“ antwortete der Gefragte. „Es kommt mir auf einige mehr oder weniger gar nicht an, wenn es sich darum handelt, Sam loszumachen. Ist sonst ein kleiner Pfiffikus; hat aber heut grad seinen schwachen Tag gehabt.“

Ja, allerdings, an diesem Tage war Sam recht schwach gewesen. Ich ging im stillen mit mir zu Rate, auf welche Weise er am besten zu befreien sei. Mein Leben hatte ich für ihn wagen dürfen, aber war ich berechtigt, seinetwegen auch dasjenige der Apachen auf das Spiel zu setzen? Vielleicht konnte man auf dem Wege der List leichter und ungefährlicher an das Ziel gelangen. Das mußte sich nachher ergeben, wenn wir uns hinüberschlichen. Um für alle Fälle gerüstet zu sein, wollte ich da die Apachen auch mitnehmen. Vielleicht stellte es sich heraus, daß ein plötzlicher Angriff Vorteile bot, welche wir mit keinen großen Wagnissen erreichen konnten.

Jetzt mußten wir noch warten, denn wir machten die Bemerkung, daß es drüben noch sehr lebhaft zuging. Bald aber wurde es ruhiger, und diese Stille wurde nur durch kräftige, weithin schallende Tomahawkhiebe unterbrochen. Die Roten schlugen Holz von den Bäumen; wahrscheinlich hatten sie die Absicht, Feuer bis zum Morgen in der jetzigen, ungewöhnlichen Weise zu unterhalten.

Dann hörten auch die Axtschläge auf. Die Sterne deuteten Mitternacht an, und ich hielt es für an der Zeit, ans Werk zu gehen. Zunächst sorgten wir dafür, daß die Pferde, welche wir zurücklassen mußten, gut angebunden waren und nicht loskommen konnten; dann sah ich noch einmal nach den Fesseln und dem Knebel des gefangenen Kiowa. Hierauf verließen wir unsern Lagerplatz und schlugen genau denselben Weg ein, auf welchem ich vorhin nach dem Flußbette gegangen war.

Als wir unterhalb des Wäldchens in demselben standen, befahl ich den Apachen, unter der Anführung Dick Stones hier zurückzubleiben und ja jedes Geräusch zu vermeiden. Dann stieg ich mit Will Parker leise zu den Bäumen empor. Als wir die Uferhöhe erreicht hatten, legten wir uns nieder und lauschten. Es herrschte tiefste Stille ringsumher. Nun krochen wir langsam vorwärts. Die acht Feuer brannten noch immer so hoch. Ich sah, daß ganze Haufen starker Aeste in dieselben geworfen worden waren. Das machte mich stutzig. Wir rückten weiter und weiter vor und sahen keinen Menschen. Endlich überzeugten wir uns, freilich unter Beachtung aller Vorsicht, daß das Wäldchen leer war. Es gab keinen einzigen Kiowa mehr da.

„Sie sind fort, wirklich fort, heimlich fort!“ sagte Parker erstaunt. „Und doch haben sie die Feuer noch so geschürt!“

„Um ihren Rückzug zu maskieren. So lange die Feuer brennen, müssen wir denken, daß sie noch da sind.“

„Aber wohin sind sie? Ganz fort?“

„Ich vermute es, weil Sam für sie eine gute Beute ist, die sie in Sicherheit bringen wollen. Aber es ist auch möglich, daß sie eine Teufelei beabsichtigen.“

„Welche?“

„Uns drüben zu überfallen, wie wir sie jetzt hier hüben angegriffen hätten.“

„Wetter, das ist freilich möglich! Da müssen wir schleunigst vorbeugen, Sir!“

„Ja; wir müssen hinüber und unsere Pferde in Sicherheit bringen, auch wenn es sich später als unnötig erweisen sollte. Besser ist besser.“

Wir stiegen zu den Apachen hinab und eilten nach unserm Lagerplatze, wo wir alles in Ordnung fanden. Doch die Kiowas konnten auch noch später kommen; darum stiegen wir auf und ritten ein tüchtiges Stück in die Prairie hinein, wo wir uns lagerten. Wenn die Kiowas ja noch kamen, so fanden sie uns nicht am alten Platze und mußten den Tag abwarten, um uns zu sehen. Den Gefangenen hatten wir natürlich nicht liegen lassen, sondern mitgenommen.

Nun blieb auch uns nichts anderes übrig, als uns bis zum Morgen zu gedulden. Wer schlafen konnte, der schlief; wer das nicht fertig brachte, der wachte. So verging die Nacht, und als der Morgen zu dämmern begann, setzten wir uns auf die Pferde und ritten zunächst nach unserem Lagerplatz zurück. Es war niemand dagewesen, und wir hatten uns also ohne Grund entfernt; doch das schadete nichts. Dann ging es über den Fluß nach dem Wäldchen hinüber. Die Feuer waren niedergebrannt und hatten Aschenhaufen hinterlassen als die einzigen Zeichen davon, daß es gestern hier so lebhaft zugegangen war.

Nun untersuchten wir die Spuren. Von der Stelle, an welcher ich die Pferde gesehen hatte, führte die Gesamtspur der Kiowas fort; sie waren hier aufgestiegen, und hatten sich in südöstlicher Richtung entfernt. Es lag klar, daß sie es aufgegeben hatten, sich in einen Kampf mit uns einzulassen, welcher ihnen keinen Nutzen bringen konnte, weil es ihnen nicht mehr möglich war, uns zu überraschen.

Und Sam? Den hatten sie mitgenommen, was Dick Stone und Will Parker außerordentlich in das Gemüt griff. Auch mir tat das liebe Kerlchen herzlich leid, und ich war gern bereit, alles halbwegs Vernünftige zu seiner Befreiung zu unternehmen.

„Wenn wir ihn nicht losmachen, so werden sie ihn am Pfahle martern,“ klagte Dick Stone.

„Nein,“ tröstete ich ihn. „Wir haben ja auch einen Gefangenen, eine Geisel für ihn.“

„Aber ob sie das wissen!“

„Jedenfalls. Sam ist unbedingt so klug gewesen, es ihnen zu sagen. Wie man es ihm macht, so machen wir es mit unserm Gefangenen.“

„Aber wir müssen diesen Indsmen nachreiten, es mag stehen, wie es will!“

„Nein.“

„Was? Ihr wollt ihn im Stiche lassen?“

„Auch nein.“

„Aber wie reimt Ihr dieses beides zusammen?“

„Dadurch, daß ich mich von diesen roten Kerls nicht an der Nase in der Savanne herumführen lasse.“

„An der Nase? Ich verstehe Euch nicht.“

„Nun, seht Euch einmal ihre Fährte an! Wie alt ist sie wohl?“

„Sie sind schon vor Mitternacht fort, wie es den Anschein hat.“

„Das denke ich auch. Von da an bis jetzt sind gegen zehn Stunden vergangen. Denkt Ihr, daß wir diesen Vorsprung heut einholen können?“

„Nein.“

„Oder morgen?“

„Auch nicht.“

„Und wohin meint Ihr, daß sie geritten sind?“

„Nach ihrem Dorfe.“

„So kommen sie dort an, ehe wir sie einholen können. Seid Ihr nun vielleicht der Ansicht, daß wir zwölf Personen uns mitten in das weite Gebiet der Kiowas wagen können, um eines ihrer Dörfer zu überfallen und einen Gefangenen zu befreien?“

„Das würde Wahnsinn sein.“

„Schön! Wir sind also einer Meinung; wir reiten ihnen nicht nach.“

Da kratzte er sich hinter dem Ohre und murmelte ratlos und ärgerlich:

„Aber Sam, Sam, Sam! Unser alter Sam, was wird mit dem? Wir können ihn doch nicht aufgeben!“

„Nein, das tun wir nicht, sondern wir werden ihn im Gegenteile befreien.“

„Hol Euch der Teufel, Sir! Ich bin nicht dazu geschaffen, diese Art von Rätseln zu lösen. Einmal sagt Ihr, daß wir den Roten nicht folgen wollen, und gleich darauf behauptet Ihr, daß ihr Gefangener befreit werden soll. Das ist doch ganz so, als ob Ihr einen Esel in einem Atem erst ein Kamel und dann einen Affen nennt! Das mag begreifen, wer will, ich aber nicht!“

„Es ist schon etwas anderes, denn Euer Beispiel trifft nicht zu. Die Kiowas wollen nämlich gar nicht nach ihrem Dorfe.“

„Nicht? Wohin denn?“

„Erratet Ihr das nicht?“

„Nein.“

„Hm! Was für alte, erfahrene Westmänner ihr doch seid! Da lobe ich mir doch die Greenhorns, welche solche Nüsse knacken, ohne sich die Zähne daran auszubeißen! Die Roten wollen nämlich nach dem Nuggetberg.“

„Nach dem behold! Sollte das die Wirklichkeit sein, Sir?“

„Sie ist es; darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Zuzutrauen wäre es ihnen wirklich!“

„Ich traue es ihnen nicht nur zu, sondern ich behaupte es mit Bestimmtheit.“

„Aber sie dürfen doch das Begräbnis nicht stören!“

„Das beabsichtigen sie auch nicht. Sie werden warten, bis es vorüber ist. Sie sind uns und den Apachen feindlich gesinnt; sie streben nach Rache. Da war ihnen Santers Ankunft sehr willkommen. Sie erfuhren den Tod Intschu tschunas und seiner Tochter und freuten sich darüber. Wie gern werden sie Winnetou und uns das gleiche Schicksal wünschen. Sie hatten es uns zugedacht, als sie hörten, daß Santer Verfolger hinter sich habe. Wir aber waren vorsichtig und gingen, Sam ausgenommen, nicht in die Falle. Nun versuchen sie es anders. Sie tun, als ob sie die Absicht hätten, nach ihrem Dorfe zu reiten; das hält uns ihrer Ansicht nach davon ab, ihnen zu folgen; sie nehmen also an, daß wir zu Winnetou zurückkehren werden. Wenn sie aber einige Zeit südöstlich geritten sind und dabei, wenn der Zufall es bietet, noch mehr Krieger an sich gezogen haben, wenden sie um und gehen nach dem Nuggetberge, wo wir, wie sie denken, uns ahnungslos überfallen und abschlachten lassen werden.“

„Schönes Exempel, jawohl, schönes Exempel! Werden aber dafür sorgen, daß es ein anderes Fazit ergibt!“

„Ja, das werden wir. Wahrscheinlich ist ihnen dieser Plan von Santer eingegeben worden, welcher diese Gelegenheit benützen will, sich Gold zu holen. Kurz und gut, ich bin vollständig überzeugt, daß der Stock so schwimmt, wie ich es jetzt erklärt habe. Wollt Ihr nun noch hinter den Kiowas her?“

„Fällt mir nicht ein. Eure Berechnung erscheint mir zwar etwas gewagt, aber so lange ich Euch kenne, habt Ihr Euch noch nie geirrt, sondern stets recht gehabt; darum denke ich, daß es diesmal auch so zutreffen wird. Was meinst du dazu, alter Will?“

„Ich meine, daß es genau so ist, wie Old Shatterhand sagt. Wir müssen fort von hier, augenblicklich fort, um Winnetou rechtzeitig warnen zu können. Seid Ihr einverstanden, Sir?“

„Ja.“

„Und den Gefangenen nehmen wir mit?“

„Natürlich. Wir binden ihn auf Sams Mary, was ihm freilich keinen großen Genuß bereiten wird. Nachdem ihr das besorgt habt, brechen wir gleich auf. Vorher jedoch wollen wir unten im Flusse einen Wassertümpel suchen, um unsere Pferde zu tränken.“

Eine halbe Stunde später waren wir unterwegs, keineswegs sehr zufrieden mit dem Erfolge unseres Rittes. Anstatt Santer zu fangen, hatten wir Sam Hawkens verloren, aber durch seine eigene Schuld, und wenn meine Voraussetzung sich später bewahrheitete, so stand fast mit Sicherheit zu erwarten, daß wir Sam Hawkens befreien und Santer ergreifen würden.

Bei der Verfolgung des Letzteren waren wir natürlich gezwungen gewesen, auf seiner Spur zu bleiben, und hatten infolgedessen einen Umweg gemacht, weil er von seiner ursprünglichen Richtung abgewichen war, und einen stumpfen Winkel geritten hatte. Ich beschloß, diesen Winkel abzuschneiden, und die Folge davon war, daß wir schon kurz nach Mittag des nächsten Tages vor der Schlucht hielten, welche hinauf nach der Lichtung führte, auf der der Ueberfall und Doppelmord geschehen war.

Wir ließen die Pferde unter der Obhut eines Apachen unten im Tale und stiegen empor. Am Rande der Lichtung stand ein Wächter, der uns nur mit einer stillen Bewegung der Hand begrüßte. Wir sahen beim ersten Blicke, wie fleißig die zwanzig Apachen gewesen waren, um das Begräbnis ihres Häuptlings und seiner Tochter vorzubereiten. Ich sah eine Menge schlanker Bäume liegen, welche mit den Tomahawks gefällt und zum Gerüste bestimmt waren. Sodann gab es große Haufen von Steinen, welche herbeigeschleppt worden waren und noch immer herbeigetragen wurden. Zu diesen Arbeitern gesellten sich sogleich die Apachen, welche ich mit mir gehabt hatte. Ich erfuhr, daß das Begräbnis am nächsten Tage stattfinden sollte.

Seitwärts hatte man eine interimistische Hütte errichtet, in welcher die beiden Leichen aufbewahrt wurden. Winnetou befand sich in derselben. Es wurde ihm gesagt, daß wir angekommen seien, und er trat heraus. Wie sah er aus!

Er war ja überhaupt sehr ernst und nur in seltenen Fällen glitt einmal ein Lächeln über sein Gesicht; laut lachen aber habe ich ihn niemals hören; jedoch lag auf seinen männlich schönen Zügen trotz dieses Ernstes stets ein Ausdruck der Güte und des Wohlwollens, und sein dunkles Sammetauge konnte bei Gelegenheit sogar außerordentlich freundlich blicken. Wie oft hat es auf mir mit einer Liebe und Zärtlichkeit geruht, deren Licht man sonst nur in Frauenaugen zu finden pflegt! Heut aber gab es von alledem keine Spur. Sein Gesicht schien steinhart geworden zu sein, und sein Auge blickte düster innenwärts. Seine Bewegungen waren langsam und schwer. So kam er auf mich zu, warf einen trüben, forschenden Blick umher, schüttelte mir matt die Hand, sah mir mit einem Ausdrucke, der mir tief in die Seele schnitt, in die Augen und fragte:

„Wann ist mein Bruder zurückgekehrt?“

„Soeben.“

„Wo befindet sich der Mörder?“

„Er ist uns entgangen.“

Die Aufrichtigkeit gebietet mir, zu gestehen, daß ich bei dieser Antwort den Blick zu Boden senkte. Ich möchte beinahe sagen, daß ich mich schämte, diese Worte auszusprechen.

Auch er sah zur Erde nieder. Ich hätte in sein Inneres blicken mögen! Erst nach einer langen Pause erkundigte er sich:

„Hat mein Bruder die Spur verloren?“

„Nein; ich habe sie noch jetzt. Er wird hierher kommen.“

„Old Shatterhand mag mir erzählen!“

Er setzte sich auf einen Stein; ich tat desgleichen und lieferte ihm einen genauen, wahrheitsgetreuen Bericht. Er hörte ihn wortlos bis zu Ende an, schwieg auch noch darüber hinaus und fragte dann:

„So weiß mein Bruder nicht genau, ob der Mörder von den Revolverkugeln getroffen worden ist?“

„Nein, ich möchte aber annehmen, daß ich ihn nicht verwundet habe.“

Er nickte leise, drückte mir die Hand und sagte:

„Mein Bruder mag mir die Frage verzeihen, welche ich vorhin aussprach, die Frage, ob er die Spur verloren habe! Old Shatterhand hat alles getan, was er tun konnte, und am Schlusse noch außerordentlich weise gehandelt. Sam Hawkens wird es sehr bedauern, unvorsichtig gewesen zu sein; wir werden es ihm verzeihen und ihn befreien. Ich denke auch wie mein Bruder: die Kiowas werden kommen; sie sollen uns aber anders finden, als sie uns zu finden hoffen. Der Gefangene mag nicht hart behandelt, aber scharf beobachtet werden. Morgen sollen die Gräber über Intschu tschuna und Nscho-tschi errichtet werden. Wird mein Bruder dabei sein?“

„Es würde mich sehr schmerzen, wenn Winnetou es mir nicht erlaubte!“

„Ich erlaube es nicht, sondern ich bitte dich darum. Deine Gegenwart wird vielleicht vielen Söhnen der Bleichgesichter das Leben erhalten. Das Gesetz des Blutes fordert den Tod vieler weißer Menschen; aber dein Auge ist wie die Sonne, deren Wärme das harte Eis zerweicht und in erquickendes Wasser verwandelt. Du weißt, wen ich verloren habe. Sei du mir Vater, und sei du mir Schwester zugleich; ich bitte dich darum, Scharlih!“

Eine Träne stand in seinem Auge. Er schämte sich ihrer, die er vor einem andern als mir unmöglich sehen lassen durfte, eilte davon und verschwand bei den Toten in der Hütte. Er nannte mich heut zum erstenmal bei meinem Vornamen Karl und hat ihn auch in Zukunft nie anders als jetzt, nämlich Scharlih, ausgesprochen.

Nun sollte ich von dem Begräbnisse erzählen, welches mit allen indianischen Feierlichkeiten vorgenommen wurde; ich weiß auch sehr wohl, daß eine eingehende Beschreibung dieser Feierlichkeiten gewiß interessieren würde, aber wenn ich an jene traurigen Stunden denke, fühle ich noch heut ein so tiefes Weh, als ob sie erst gestern vergangen wären, und die Schilderung derselben kommt mir wie eine Entweihung vor, nicht eine Entweihung der Grabmäler, welche wir den beiden Toten damals am Nugget-tsil erbauten, sondern des Denkmales, welches ich ihnen in meinem Herzen errichtete und stets treu gehütet habe. Darum bitte ich, die Beschreibung unterlassen zu dürfen.

Intschu tschunas Leiche wurde auf sein Pferd gebunden, worauf man um beide Erde häufte, bis sich das Tier nicht mehr bewegen konnte; dann bekam es eine Kugel in den Kopf. Der Erdhaufen wurde erhöht, bis er den Reiter, seine Waffen und seine Medizin ganz bedeckte, und dann rundum mit mehreren Steinschichten bis zur Spitze bedeckt.

Nscho-tschi erhielt auf meine Bitte ein anderes Grab. Ich wollte sie nicht so unmittelbar mit Erde bedeckt haben. Wir richteten sie an dem Stamme eines Baumes in sitzende Stellung auf und fügten dann um sie herum Steine zu einer festen, hohlen Pyramide zusammen, aus deren Spitze der Gipfel des Baumes ragte.

Ich bin später einigemal mit Winnetou am Nugget-tsil gewesen, um die Gräber zu besuchen. Wir haben sie immer unverletzt gefunden.

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Sechstes Kapitel

Sams Befreiung.

Es läßt sich denken, welch großen Schmerz Winnetou über den Verlust seines Vaters und seiner Schwester empfand. Während des Begräbnisses durfte er demselben noch Ausdruck geben, dann aber mußte er ihn streng in seinem Innern verschließen; dies wurde ihm einesteils durch die indianische Sitte und andernteils durch die Notwendigkeit geboten, seine ganze Aufmerksamkeit auf die erwartete Ankunft der Kiowas zu richten. Er war jetzt nicht mehr der durch den herben Verlust fast niedergeschmetterte Sohn und Bruder, sondern der Anführer seiner Kriegerschar, mit welcher er den Angriff der Feinde abzuweisen hatte und den Mörder Santer fangen wollte. Er schien mit dem Plane dazu schon fertig zu sein, denn gleich nach dem Begräbnisse befahl er den Apachen, sich zum Aufbruche bereit zu machen und darum die Pferde, welche sich unten im Tale befanden, heraufzuholen.

„Warum erteilt mein Bruder diese Weisung?“ fragte ich ihn. „Das Terrain ist so schwierig, daß es sehr viel Mühe machen wird, die Tiere hierher zu bringen.“

„Das weiß ich,“ antwortete er; „aber es muß dennoch geschehen, weil ich die Kiowas dadurch überlisten will. Sie haben sich des Mörders angenommen und werden alle sterben müssen alle!“

Sein Gesicht hatte bei diesen Worten einen drohenden, entschlossenen Ausdruck; wenn er seinen Vorsatz zur Ausführung brachte, waren die Kiowas verloren. Ich hegte mildere Gesinnungen als er. Sie waren allerdings unsere Feinde, trugen aber doch nicht die Schuld an dem Tode Intschu tschunas und seiner Tochter. Durfte ich es wagen, ihn anders zu stimmen? Vielleicht lud ich dadurch seinen Zorn auf mich; aber die Gelegenheit zu einer solchen Bitte war günstig, weil wir uns ganz allein auf der Lichtung befanden. Die Apachen hatten seinen Befehl sofort befolgt und sich entfernt, und Stone und Parker waren mit ihnen gegangen. Es hörte es also niemand, wenn er mir in der Erzürnung eine Antwort gab, welche mich in Gegenwart anderer hätte beleidigen müssen. Ich sprach ihm also die soeben erwähnte Ansicht aus, und zu meiner Ueberraschung trat die Wirkung nicht ein, welche ich befürchtet hatte. Er sah mich zwar mit großen, finstern Augen an, antwortete aber in ruhigem Tone:

„Das mußte ich freilich von meinem Bruder erwarten; er hält es nicht für eine Schwachheit, dem Feinde auszuweichen.“

„So habe ich es nicht gemeint, von einem Ausweichen kann keine Rede sein; ich habe sogar schon daran gedacht, wie wir sie alle festnehmen werden. Aber sie sind nicht an Dem schuld, was hier geschehen ist, und es wäre ungerecht, sie die Strafe dafür mittragen zu lassen.“

„Sie haben sich des Mörders angenommen und kommen hierher, um uns zu überfallen! Ist das nicht Grund genug für uns, sie ohne Schonung zu behandeln?“

„Nein, es ist kein Grund, wenigstens für mich nicht. Es tut mir leid, zu hören, daß mein Bruder Winnetou in den Fehler fallen will, welcher die Ursache zum Untergange aller roten Nationen ist.“

„Welchen Fehler meint Old Shatterhand?“

„Den, daß die Indsmen sich gegenseitig zerfleischen, anstatt einander gegen den allgemeinen Feind beizustehen. Erlaube mir, recht aufrichtig zu dir zu reden! Wer meinst du wohl, wer im allgemeinen listiger und klüger ist, der rote Mann oder das Bleichgesicht?“

„Das Bleichgesicht. Ich sage dies, weil es die Wahrheit ist. Die Weißen haben mehr Kenntnisse und Geschicklichkeiten als wir; sie sind uns fast in allem überlegen.“

„Das ist richtig; wir sind euch überlegen. Du aber bist kein gewöhnlicher Indianer. Der große Geist hat dir Gaben verliehen, welche auch unter den Weißen nur selten einer besitzt, und darum möchte ich haben, daß du anders denkst als ein gewöhnlicher roter Mann. Dein Verstand ist scharf, und dein Blick reicht weit, viel, viel weiter als das körperliche und geistige Auge eines gewöhnlichen Kriegers. Wie oft ist der Tomahawk des Kampfes unter euch ausgegraben! Du mußt einsehen, daß dies ein fortgesetzter, gräßlicher Selbstmord ist, den der rote Mann an sich selbst begeht, und wer in derselben Weise handelt, nimmt an diesem Selbstmorde teil. Intschu tschuna und Nscho-tschi sind getötet worden, nicht von roten, sondern von weißen Männern; einer der Mörder hat sich zu den Kiowas geflüchtet und sie beredet, euch zu überfallen; das ist wohl Grund, sie hier zu erwarten und mit ihnen zu kämpfen, rechtfertigt es aber nicht, sie wie gefangene, tolle Hunde niederzuschießen. Sie sind rote Brüder von dir, bedenke das wohl!“

In dieser Weise fuhr ich noch einige Zeit fort. Er hörte mir ruhig zu, reichte mir, als ich das letzte Wort gesprochen hatte, die Hand und sagte:

„Old Shatterhand ist ein wirklicher, aufrichtiger Freund aller roten Männer, und er hat recht, wenn er vom Selbstmorde spricht. Ich werde tun, was er wünscht; ich will die Kiowas gefangen nehmen, sie dann aber wieder freigeben und nur den Mörder festhalten.“

„Gefangen nehmen? Das wird schwer halten, denn sie werden in Ueberzahl kommen. Oder solltest du denselben Gedanken haben wie ich?“

„Welchen?“

„Die Kiowas an einen Ort zu locken, wo sie sich nicht wehren können?“

„Ja, das ist mein Plan.“

„Der meinige auch. Du kennst die hiesige Gegend, und ich wollte dich fragen, ob es hier wohl einen solchen Ort gibt.“

„Es gibt einen, und er liegt gar nicht weit von hier, nämlich eine enge Felsenschlucht, welche einem schmalen Kañon gleicht. Da hinein will ich die Feinde locken.“

„Hoffst du, daß es dir gelingt?“

„Ja. Wenn sie sich in dieser Schlucht befinden, welche zu beiden Seiten nicht erstiegen werden kann, werden wir sie von vorn und auch von hinten angreifen, und sie müssen sich ergeben, wenn sie sich nicht wehrlos niederschießen lassen wollen. Ich werde ihnen das Leben schenken und damit zufrieden sein, daß ich Santer in meine Hand bekomme.“

„Ich danke dir! Mein Bruder Winnetou hat für ein gutes Wort ein offenes Herz. Vielleicht denkt er in einer andern Angelegenheit ebenso milde.“

„Was meint mein Bruder Old Shatterhand?“

„Du wolltest allen Weißen Rache schwören, und ich bat dich, dies nicht gleich zu tun, sondern bis nach dem Begräbnisse zu warten. Darf ich erfahren, was du nun beschlossen hast?“

Er blickte eine kurze Zeit zur Erde nieder, richtete dann sein Auge hell auf mich, deutete auf die Hütte, in welcher die Leichen gelegen hatten, und antwortete:

„Ich habe die vergangene Nacht dort bei den Toten zugebracht und im Kampfe mit mir selbst gelegen. Die Rache gab mir einen großen, kühnen Gedanken ein. Ich wollte die Krieger aller roten Nationen zusammenrufen und mit ihnen gegen die Bleichgesichter ziehen. Ich wäre besiegt worden. Aber in dem Kampfe gegen mich selbst heut in der Nacht bin ich Sieger geblieben.“

„So hast du diesen großen, kühnen Gedanken fallen lassen?“

„Ja. Ich habe drei Personen, welche ich liebe, befragt, zwei Tote und einen Lebenden; sie rieten mir, diesen Plan fallen zu lassen, und ich beschloß, ihrem Rate zu folgen.“

Ich sprach eine Frage aus, nicht durch Worte, sondern durch den Blick, welchen ich auf ihn richtete; da fuhr er fort:

„Mein Bruder weiß nicht, von welchen Personen ich spreche? Ich meine Klekih-petra, Nscho-tschi und dich. Euch drei habe ich in Gedanken befragt und eine dreifache, aber gleichlautende Antwort erhalten.“

„Ja, wenn beide noch lebten und du sie fragen könntest, sie würden dir ganz gewiß dasselbe sagen, was ich dir rate. Der Plan, den du hegtest, war groß, und du wärest der Mann dazu gewesen, ihn auszuführen, doch“

„Mein Bruder mag bescheidener von mir denken und sprechen,“ unterbrach er mich. „Sollte es wirklich einem roten Häuptlinge gelingen, die Krieger aller Stämme unter sich zu vereinigen, so könnte es doch nicht so schnell geschehen, wie ich es wünschte, sondern es würde eines langen, mühevollen Menschenlebens bedürfen, um an dieses Ziel zu gelangen, und es wäre dann, am Schlusse dieses Lebens, zu spät, den Kampf zu beginnen. Einer allein, und wäre er ein noch so großer und berühmter roter Mann, kann diese Aufgabe nicht lösen, und nach seinem Tode würde der würdige Nachfolger fehlen, der imstande wäre, das Werk fortzusetzen und zu Ende zu führen.“

„Es freut mich, daß mein Bruder Winnetou zu dieser Ansicht gekommen ist; sie ist die richtige. Einer reicht nicht aus, und ein Nachfolger würde sich schwerlich finden. Aber selbst wenn dies der Fall sein sollte, so würde der Kampf der Roten gegen die Weißen für euch unglücklich enden.“

„Ich weiß es; er würde unsern Untergang nur beschleunigen. Und wenn wir aus allen Kämpfen als Sieger hervorgingen, so sind der Bleichgesichter so viele, daß sie immer neue Scharen gegen uns senden könnten, während es uns unmöglich wäre, unsere Verluste zu ersetzen. Die Siege würden uns zwar langsamer aber doch grad auch so aufreiben, als wenn wir geschlagen würden. Das habe ich mir gesagt, als ich während der Nacht bei meinen Toten saß, und den Entschluß gefaßt, auf die Ausführung meines Planes zu verzichten. Ich wollte mich damit begnügen, den Mörder zu fangen und mich an denen zu rächen, welche ihm Hilfe geleistet haben und nun mit ihm kommen, uns zu überfallen. Aber auch dies hat mir mein Bruder Old Shatterhand ausgeredet, und so soll meine Rache denn nun nur darin bestehen, daß ich Santer festnehme und ihn bestrafe. Die Kiowas lassen wir laufen.“

„Diese deine Worte machen mich stolz auf die Freundschaft, welche uns verbündet; ich werde sie dir nie vergessen. Wir beide sind, obgleich wir es nicht mit Sicherheit behaupten können, doch überzeugt, daß die Kiowas kommen werden. Es handelt sich nun darum, den Zeitpunkt ihrer Ankunft zu erfahren.“

„Der Tag ihrer Ankunft hier ist heut,“ behauptete er in einem so sichern Tone, als ob es sich um eine vollständig festgestellte Tatsache handle.

„Wie ist es dir möglich, dies so bestimmt zu sagen?“

„Ich schließe es aus dem, was du mir von eurem letzten Ritte erzählt hast. Die Kiowas sind scheinbar nach ihrem Dorfe gezogen, um euch hinter sich her zu locken, wollen aber eigentlich hierher; sie haben also einen Umweg gemacht, sonst hätten sie schon gestern eintreffen können. Sie haben auch noch andere Abhaltungen gehabt, durch welche ihre Ankunft verzögert worden ist.“

„Andere Abhaltungen? Welche?“

„Wegen Sam Hawkens. Den bringen sie natürlich nicht mit hierher, sondern sie haben ihn heim zu den Ihrigen geschickt; dazu mußte ein passender Ort und der geeignete Zeitpunkt abgewartet werden, vielleicht auch eine Gelegenheit, welche sich zufällig bot. Ebenso war es nötig, einen Boten abzusenden, welcher eure Ankunft zu melden hatte.“

„Ah, du meinst, daß die Krieger des Dorfes uns entgegenreiten sollten?“

„Ja. Die Krieger, mit denen ihr es dort am ausgetrockneten Flusse zu tun hattet, haben euch hinter sich her ziehen wollen, hatten aber, weil sie beabsichtigten, hierher zu reiten, nicht die nötige Zeit, dann mit euch anzubinden. Sie haben also jedenfalls einen oder einige Boten an die Ihrigen abgeschickt, damit man euch vom Dorfe aus entgegenziehe. Diesen Boten ist Sam Hawkens mitgegeben worden. Dann, nachdem dies geschehen ist, sind die Kiowas von ihrer Richtung abgewichen und haben den Weg nach dem Nugget-tsil eingeschlagen. Diese Schwenkung durftet ihr aber nicht entdecken; darum mußte sie an einer Stelle vor sich gehen, an welcher keine Spuren zurückbleiben konnten. Dergleichen Stellen sind selten; sie liegen meist nicht am Wege und müssen extra aufgesucht werden. Auch das ergibt einen Zeitverlust. Darum konnten die Kiowas unmöglich schon gestern hier sein. Sie sind auch bis jetzt noch nicht angekommen, werden aber ganz gewiß heut noch eintreffen.“

„Woher weißt du, daß sie jetzt noch nicht da sind?“

Er deutete nach der nächsten Bergkuppe. Der Wald, welcher sie bedeckte, wurde von einem sehr hohen Baume überragt. Dort war der höchste Punkt der Nuggetberge, und wer auf dem Baume saß und ein scharfes Auge hatte, der konnte rundum die angrenzende Prairie überblicken.

„Mein Bruder weiß nicht,“ antwortete er, „daß ich einen Krieger dort hinaufgeschickt habe, welcher aufpassen soll und die Ankunft der Kiowas bemerken wird, denn er besitzt die Augen eines Falken. Sobald er sie kommen sieht, steigt er herab, um es mir zu melden.“

„Das ist gut. Die Meldung ist noch nicht erfolgt, also sind sie noch nicht da. Und du meinst aber, daß sie ganz bestimmt heut noch kommen?“

„Ja, denn länger dürfen sie nicht zögern, wenn sie uns antreffen wollen.“

„Sie hatten aber nicht die Absicht, bis zum Nugget-tsil vorzugehen, sondern sie wollten dir in der Nähe desselben einen Hinterhalt legen, um euch auf eurer Heimkehr zu überfallen.“

„Dies wäre ihnen vielleicht gelungen, wenn du sie nicht belauscht hättest; nun ich es aber weiß, wird aus dem Hinterhalte nichts, sondern ich locke sie hierher. Die Heimkehr hätte mich nach Süden geführt, und in dieser Richtung hätten sie sich also lagern müssen; nun tue ich aber, als ob ich nordwärts gegangen sei, und locke sie hinter mir her.“

„Ob sie dir folgen werden?“

„Gewiß. Sie müssen auf alle Fälle einen Späher senden, um zu erfahren, ob wir überhaupt noch da sind. Diesem Kundschafter tun wir natürlich nichts, sondern lassen ihn unbelästigt zu ihnen zurückkehren. Seinetwegen habe ich den Befehl gegeben, die Pferde hier heraufzubringen. Das sind über dreißig Tiere; er muß trotz des harten Bodens und trotz des Steingerölls ihre Spuren unbedingt sehen und wird ihnen folgen. Wir suchen von hier aus die Schlucht auf, welche die Falle sein soll, in der wir sie fangen wollen. Dorthin wird er uns nicht nachgehen, sondern er wird unserer Fährte nur eine kurze Strecke folgen, um sich zu überzeugen, daß wir wirklich fort sind, und dann schnell wieder umkehren, um den Seinen zu melden, daß wir nicht südwärts, sondern nach Norden davongeritten sind. Stimmt mein Bruder mir da bei?“

„Ja. Sie werden dadurch gezwungen, auf den beabsichtigten Hinterhalt zu verzichten, und es läßt sich beinahe mit Sicherheit erwarten, daß sie dann hierherkommen und uns von hier aus nachreiten.“

„Das werden sie; ich bin überzeugt davon. Santer, den ich haben muß, wird noch heut in meinen Händen sein.“

„Was wirst du mit ihm machen?“

„Ich bitte meinen Bruder, mich nicht danach zu fragen. Er wird sterben; das ist genug.“

„Wo? Hier? Oder transportierst du ihn nach dem Pueblo?“

„Das ist noch unbestimmt. Hoffentlich ist er nicht so ein Feigling wie Rattler, dem wir den schnellen Tod einer hündischen Memme gewähren mußten. Horch! Ich höre den Hufschlag unserer Pferde. Wir werden diesen Ort verlassen, um ihn dann mit unsern Gefangenen wieder aufzusuchen.“

Die Pferde wurden gebracht. Das meinige und die Mary Sams waren auch mit dabei. Aufsteigen konnten wir nicht, dazu war der Weg nicht bequem genug; es mußte ein jeder sein Tier am Zügel führen.

Winnetou ging voran. Er brachte uns nordwärts von der Blöße weg in den Wald hinein, welcher in einer ziemlich steilen Senkung niederfiel. Unten gab es einen offenen Wiesenplan; wir bestiegen die Pferde und ritten über denselben hinüber nach einer Bergwand, welche wie eine hohe, senkrechte Felsenmauer vor uns lag. Sie war durch eine schmale Schlucht gespalten. Winnetou deutete auf dieselbe und sagte:

„Das ist die Falle, von welcher ich sprach. Wir reiten jetzt hindurch.“

Der Ausdruck Falle paßte sehr gut auf den engen Durchgang, den wir nun passierten. Die Wände desselben stiegen zu beiden Seiten fast lotrecht himmelan, und es gab keine Stelle, an welcher sie erklimmt werden konnte. Wenn die Kiowas so dumm waren, hier herein zu reiten, und wir besetzten die beiden Eingänge dieser Schlucht, so wäre es Wahnsinn von ihnen gewesen, sich zur Gegenwehr zu setzen.

Der Weg führte nicht in gerader Richtung, sondern er wand sich bald nach rechts, bald nach links, und es währte wohl eine Viertelstunde, bis wir den Ausgang erreichten. Dort blieben wir halten und stiegen ab. Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Apachen kommen, welcher von dem Baume auf der Bergkuppe aus nach den Kiowas ausgelugt hatte.

„Sie sind gekommen,“ meldete er. „Ich wollte sie zählen, konnte dies aber nicht, weil sie nicht einzeln ritten und sehr entfernt waren.“

„Haben sie die Richtung nach dem Tale genommen?“ erkundigte sich Winnetou.

„Nein. Sie hielten draußen auf der Prairie an, wo sie sich zwischen Büschen gelagert haben. Aber dann trennte sich ein einzelner Krieger von ihnen; er war zu Fuße, und ich sah ihn nach dem Tale gehen.“

„Das ist der Späher. Wir haben grad noch Zeit, die Falle zu öffnen, um sie dann zu schließen. Mein Bruder Shatterhand mag Stone, Parker und zwölf meiner Krieger mit sich nehmen und hier links um den Berg gehen. Sobald er eine sehr starke, hohe Birke erblickt, dringt er in den Wald ein, welcher langsam empor- und jenseits wieder niedersteigt. Kommt mein Bruder drüben an, so befindet er sich in der Verlängerung des Tales, von welchem aus wir nach dem Nugget-tsil emporgestiegen sind. Geht er dieses Tal hinab, so erreicht er bald die Stelle, an welcher wir unsere Pferde zurückließen; der fernere Weg ist ihm bekannt. Er darf aber nicht im offenen Tale gehen, sondern muß an der Seite desselben im Walde verborgen bleiben. Old Shatterhand steckt also hüben im Walde, wo jenseits drüben unsere Schlucht nach oben führt. Er wird den feindlichen Späher bemerken, ihm aber nicht hinderlich sein. Dann wird er die Feinde kommen sehen und sie in die Schlucht eindringen lassen.“

„Das ist also dein Plan,“ führte ich seine Rede fort. „Du bleibst hier, um den Ausgang der Falle besetzt zu halten, und ich kehre auf dem Umwege, den du mir jetzt beschrieben hast, nach dem Fuße des Nugget-tsil zurück, um die Feinde zu erwarten und ihnen heimlich zu folgen, bis sie hier in die Falle eingedrungen sind?“

„Ja, so meine ich es. Wenn mein Bruder Old Shatterhand keinen Fehler begeht, so wird uns der Fang ganz gewiß gelingen.“

„Ich werde so vorsichtig wie möglich sein. Hat Winnetou mir noch weitere Winke zu erteilen?“

„Nein. Ich überlasse alles weitere dir.“

„Wer verhandelt mit den Kiowas, wenn es uns gelungen ist, sie einzuschließen?“

„Ich. Old Shatterhand hat nichts zu tun, als sie nicht aus der Felsenschlucht zu lassen, wenn sie mich und meine Krieger bemerken und dann umkehren wollen. Aber sputet euch! Der Nachmittag ist fast vorüber, und die Kiowas werden nicht bis morgen warten, uns zu folgen, sondern dies noch heut, bevor es dunkel wird, tun wollen.“

Die Sonne hatte ihren Tagesbogen allerdings schon fast vollendet, und der Abend war in nicht viel über einer Stunde zu erwarten. Ich machte mich also mit Dick, Will und den mir zugeteilten Apachen auf den Weg, zu Fuße, wie sich ganz von selbst versteht.

Nach einer kleinen Viertelstunde sahen wir die Birke stehen und drangen in den Wald ein. Wir fanden die Gegend genau so, wie Winnetou sie beschrieben hatte, und erreichten jenseits unser Tal und in demselben die Stelle, wo unsere Pferde geweidet hatten. Uns gegenüber öffnete sich die Seitenschlucht, welche hinauf nach der Lichtung und den beiden Gräbern führte.

Da, wo wir uns unter den Bäumen niedersetzten, konnten wir die Kiowas kommen sehen wenn sie überhaupt kamen, hatten aber nicht zu befürchten, von ihnen bemerkt zu werden, denn es war ja anzunehmen, daß sie nicht herüber nach unserer Seite kommen, sondern drüben der Seitenschlucht folgen würden.

Die Apachen verhielten sich schweigsam; Stone und Parker sprachen leise miteinander. Wie ich hörte, waren sie überzeugt, daß die Kiowas, und mit ihnen Santer, in unsere Hände fallen würden. Ich war dieser Sache nicht so sicher wie sie. Wir hatten nun höchstens noch zwanzig Minuten Tag, und die Kiowas kamen noch nicht; ich glaubte also, daß erst der nächste Morgen die Entscheidung bringen werde, zumal von dem Späher, den die Feinde nach dem Tale geschickt hatten, auch nichts zu sehen war. Bei uns unter den Bäumen wurde es schon dunkel.

Das Flüstern zwischen Parker und Stone hatte aufgehört; ein Luftzug strich über die Wipfel und verursachte jenes monotone Rauschen, welches eigentlich kein Rauschen, sondern besser ein ununterbrochener, leise und tief klingender Hauch zu nennen ist, von welchem man jedes andere, noch so unbedeutende Geräusch leicht zu unterscheiden vermag. So auch jetzt. Es war mir, als ob etwas hinter mir auf dem weichen Waldboden hinstreife. Ich horchte schärfer; ja, es bewegte sich etwas. Was war es? Ein vierfüßiges Tier hätte sich nicht so nahe zu uns herangewagt. Ein Reptil? Nein, auch nicht. Ich drehte mich schnell um und legte mich nieder, um von unten herauf besser sehen zu können. Dies geschah noch zur rechten Zeit, um mich einen dunklen Gegenstand bemerken zu lassen, welcher wohl hinter mir gelegen hatte und nun zwischen den Bäumen fortschlüpfte. Ich sprang auf und eilte ihm nach. Wie einen dunklen Schlag- im helleren Halbschatten sah ich ihn vor mir und griff zu, wobei ich ein Stück Zeug in die Hand bekam.

„Away!“ rief eine erschrockene Stimme, und das Zeug wurde mir aus der Hand gerissen. Der Schatten war nicht mehr zu sehen; und ich blieb stehen und horchte, um ihn wenigstens zu hören. Aber meine Gefährten hatten meine schnellen Bewegungen bemerkt und den Ausruf vernommen. Sie sprangen auf und fragten mich, was es gebe.

„Still, seid still!“ antwortete ich und lauschte von neuem. Es war nichts zu hören.

Es war ein Mensch gewesen, welcher uns belauscht hatte, und zwar ein Weißer, wie der englische Ausruf bewies, vielleicht gar Santer selbst, weil sich außer diesem kein anderes Bleichgesicht bei den Kiowas befand. Ich mußte ihm unbedingt nach, trotz der Dunkelheit nach!

„Setzt euch wieder nieder und wartet, bis ich zurückkehre!“ gebot ich meinen Leuten und rannte fort.

Welche Richtung ich einzuschlagen hatte, darüber gab es keinen Zweifel; natürlich hinaus nach der Prairie zu, wo sich die Kiowas befanden; der Lauscher ging zu ihnen, nirgends wo anders hin.

Es galt, seine Flucht zu verlangsamen; wollte ich dies erreichen, so mußte ich ihn ängstlich machen. Ich rief ihm also zu:

„Halt, bleib stehen, sonst schieße ich!“

Und einige Sekunden später gab ich zur Bekräftigung dieser Drohung zwei Revolverschüsse ab. Dies war kein Fehler, weil unsere Anwesenheit nun doch einmal verraten war. Jetzt konnte ich annehmen, daß der Flüchtling aus Angst vor mir tiefer in den Wald eindringen werde, wo sich seine Flucht verzögern mußte, weil es dort nun völlig dunkel war. Ich hingegen, der ihm zuvorkommen wollte, sprang nach dem Waldesrande, wo ich noch sehen konnte, und eilte an demselben hin. Ich wollte in dieser Weise das ganze Tal hinab, bis es auf die Prairie mündete, und mich dort verstecken. Wenn der Mann dann kam, mußte er an mir vorüber, und ich konnte ihn fassen.

Dieser Plan war wohl ganz gut, konnte aber nicht zur Ausführung kommen, denn eben als ich einer Krümmung des Tales folgen wollte und um eine vorstehende Buschgruppe bog, sah ich Menschen und Pferde vor mir und konnte es kaum ermöglichen, mich noch rechtzeitig wieder nach rückwärts zu werfen und unter die Bäume zu schlüpfen.

Die Kiowas hatten hier hinter den Büschen ihr Lager aufgeschlagen, warum, das war gar nicht schwer zu erraten.

Erst hatten sie draußen auf der Prairie Halt gemacht und einen Kundschafter ausgesandt. Dieser hatte gar keine schwierige Arbeit zu verrichten, wie ich bald erfuhr. Santer war nämlich, weil er die Oertlichkeit schon kannte, den Indianern weit vorausgeritten, um die Gegend nach uns zu durchspähen und ihnen gleich bei ihrer Ankunft Nachricht zu geben; er war aber, als sie kamen, noch nicht wieder da, und so schickten sie einen roten Späher aus, welcher nur seiner Spur zu folgen brauchte und keine Gefahr zu fürchten hatte, weil im Falle einer solchen Santer jedenfalls zurückgekehrt wäre, um die Indianer zu warnen. Der Kundschafter schritt also in das Tal hinein, so weit es ihm gut dünkte, fand keinen Feind und ging wieder zurück, um dies zu melden. Da das Tal für die Nacht einen besseren Aufenthalt bot als die freie Prairie, so entschlossen sich die Kiowas, diese letztere zu verlassen und das erstere aufzusuchen. Santer konnte sie nicht umgehen, sondern er mußte sie finden, sobald er vorüberkam, obgleich sie aus Vorsicht kein Feuer brennen durften.

Nun war es gewiß, daß wir sie heut nicht in unsere Hände bekommen konnten, wahrscheinlich auch morgen nicht, wenn Santer so klug gewesen war, unsern Plan zu erraten. Was war zu tun? Sollte ich an meinen Posten zurückkehren und auf demselben warten, ob die Kiowas morgen früh doch in die Falle gehen würden? Oder sollte ich Winnetou aufsuchen, ihm meine Entdeckung mitteilen und ihn um andere Verhaltungsmaßregeln bitten? Es gab noch ein drittes, was ich tun konnte; aber dies war gefährlich für mich, nämlich hier bleiben. Es war jedenfalls von großem Werte für uns, zu erfahren, was die Roten beschließen würden, nachdem sie von Santer über das, was er gesehen hatte, unterrichtet worden waren. Wenn ich sie belauschen konnte! Aber ich riskierte viel, sehr viel, sogar alles dabei. Santer sagte jedenfalls, daß ich hinter ihm her sei, und das konnte, ja es mußte beinahe zu meiner Entdeckung führen. Dennoch beschloß ich, es zu wagen, falls nur irgend eine Möglichkeit des Gelingens abzusehen sei. Sie brannten kein Feuer, um nicht bemerkt zu werden; dieser Umstand, der sie schützte, mußte auch mir Schutz gewähren.

Unter den Bäumen lagen hohe Steinblöcke, mit Moos bewachsen und von Farnkräutern umgeben; vielleicht konnte ich mich hinter einen solchen verbergen.

Die Mehrzahl der Roten war noch mit den Pferden beschäftigt, welche angepflockt wurden, damit sie sich nicht entfernen und das Lager verraten könnten; die übrigen hatten sich am Waldesrande niedergesetzt oder -gelegt. An einer Stelle desselben ertönte eine halblaute, befehlende Stimme; dort stand also der Anführer, und ich durfte vermuten, daß er diesen Punkt auch später beibehalten werde. Dorthin mußte ich, wenn es nur halbwegs möglich war!

Auf dem Boden liegend, schob ich mich in dieser Richtung fort. Nach Deckung brauchte ich nicht sehr zu suchen, denn es war rundum dunkel, und die Roten befanden sich meist jenseits der Stelle, welche ich erreichen wollte. Entdeckt konnte ich für jetzt nur in dem Falle werden, daß einer mir in den Weg kam und über mich stolperte. Glücklicherweise geschah dies nicht, und ich gelangte glücklich an mein Ziel. Da lagen zwei Felsblöcke nebeneinander, der eine lang und hoch, der andere niedriger; da oben suchte man gewiß keinen Horcher; ich stieg von dem niedrigen auf den hohen und streckte mich auf demselben lang aus. Ich lag über zwei Meter hoch in ziemlicher Sicherheit, denn es war wohl kein Grund vorhanden, welcher einen Roten veranlassen konnte, mir nachzusteigen.

Die bis jetzt mit ihren Pferden beschäftigten Indianer kamen nun auch herbei und setzten oder legten sich nieder. Da, wo ich den Anführer vermutete, wurden einige halblaute Befehle gegeben, welche ich nicht verstand, weil mir die Sprache der Kiowas fremd war. Hierauf entfernten sich einige Rote. Sie waren jedenfalls die Wachen, welche ausgestellt wurden. Ich bemerkte, daß sie nur die Talseite des Lagers, nicht aber auch den Wald besetzten, und dies war ein glücklicher Umstand für mich, weil ich mich später entfernen konnte, ohne befürchten zu müssen, auf Vorposten zu stoßen.

Die Lagernden sprachen miteinander, zwar in gedämpftem Tone, doch immerhin so, daß ich jedes Wort hören konnte. Leider aber verstand ich es nicht. Wie vorteilhaft wäre es gewesen, wenn ich hätte erfahren können, was sie sagten! Wie oft muß ich erzählen, daß ich während meiner Streifzüge im Westen Indianer ganz verschiedener Stämme und auf meinen Reisen in anderen Ländern wiederholt Lagerplätze angeschlichen und die dort befindlichen Menschen belauscht habe. Dieser Angewohnheit verdanke ich viele meiner Erfolge, oft sogar auch das Leben. Wer es liest, denkt wohl nicht daran oder hat keinen Begriff davon, wie schwer und wie gefährlich ein solches Anschleichen ist. Und diese Schwierigkeit bezieht sich nicht nur auf die Anforderungen, welche dabei der körperlichen Gewandtheit, Kraft und Ausdauer gemacht werden, sondern auch und vor allen Dingen auf das geistige Geübtsein, auf die unerläßliche Intelligenz und die Kenntnisse, welche man besitzen muß. Was nützt es mir, wenn ich ein Indianer-, Beduinen- oder Kurdenlager, eine sudanesische Seribah oder eine südamerikanische Gauchostätte noch so meisterhaft zu beschleichen verstehe, aber der betreffenden Sprache nicht mächtig bin und also nicht erfahren kann, was gesprochen wird! Und meist ist grad der Inhalt der Gespräche viel wichtiger als alles andere, was man dabei erfährt. Darum ist es stets mein erstes Bestreben gewesen, die Sprache der Menschen, mit denen ich es zu tun bekam, kennen zu lernen. Winnetou beherrschte sechzehn Indianerdialekte und ist auch hierin mein hervorragendster Lehrer gewesen. Es ist mir später niemals vorgekommen, daß ich einen Lagerplatz beschlich, ohne zu verstehen, was auf demselben gesprochen wurde.

Ich mochte ungefähr zehn Minuten auf dem Steine gelegen haben, als ich einen Posten rufen hörte; darauf erfolgte die für mich sehr erwünschte Antwort:

„Ich bin es, Santer. Ihr seid also herein in das Tal gekommen?“

„Ja. Mein weißer Bruder mag weitergehen; er wird die roten Krieger sogleich sehen.“

Diese Worte konnte ich verstehen, weil mit Santer in dem aus indianischen und englischen Worten bestehenden Jargon, den ich nun auch kannte, gesprochen werden mußte. Er kam herbei; der Anführer rief ihn zu sich und sagte:

„Mein weißer Bruder ist viel länger fortgewesen, als vorher bestimmt worden war. Er wird wichtige Gründe dazu gehabt haben.“

„Wichtiger, als ihr ahnen könnt. Seit wann befindet ihr euch hier?“

„Seit nicht ganz der Zeit, welche die Bleichgesichter eine halbe Stunde nennen.“

„Ihr habt mein Pferd getroffen?“

„Ja, denn wir sind ja deiner Spur gefolgt. Da, wo du es angebunden hattest, machten wir Halt, und als wir dann hierher ritten, haben wir es mitgenommen.“

„Ihr hättet draußen auf der Prairie bleiben sollen! Es ist hier nicht geheuer.“

„Wir blieben nicht dort, weil es sich hier besser lagert und weil wir glaubten, daß hier keine Gefahr zu befürchten sei; du wärest sonst ja schnell zurückgekommen, um uns zu warnen.“

„Es ist umgekehrt. Ich blieb so lange aus, weil wir uns hier in großer Gefahr befinden und ich lange Zeit brauchte, zu entdecken, worin dieselbe besteht. Old Shatterhand ist hier.“

„Das dachte ich. Hat mein Bruder ihn gesehen?“

„Ja.“

„Wir werden ihn fangen und unserm Häuptling bringen, dem er die Beine zerschmettert hat. Der Tod am Marterpfahle ist ihm gewiß. Wo befindet er sich denn?“

Also die Kiowas hatten uns nicht nach ihrem Dorfe locken wollen, sondern angenommen, daß wir zu Winnetou zurückkehren würden.

„Ob ihr ihn fangen werdet, das ist noch sehr ungewiß,“ antwortete Santer.

„Es wird geschehen, denn diese Hunde haben nur dreißig Krieger bei sich, wir aber zählen über fünfmal zehn, und sie wissen nicht, daß wir da sind. Wir werden sie also vollständig überrumpeln.“

„Da irrst du dich gewaltig. Sie wissen, daß wir kommen wollen; sie wissen vielleicht sogar schon, daß ihr da seid, denn sie haben uns jedenfalls Späher entgegengesandt.“

„Uff! Sie wissen es?“

„Ja.“

„Dann können wir sie ja nicht überraschen!“

„Freilich nicht.“

„Es wird also, wenn wir sie angreifen, zum Kampfe kommen, welcher Blut kostet, denn Winnetou und Old Shatterhand sind jeder für zehn Krieger zu rechnen.“

„Ja, das sind sie. Der Tod Intschu tschunas und seiner Tochter hat sie jedenfalls mit Wut erfüllt; sie kochen Rache und werden sich wie tolle Hunde, wie wütende Raubtiere verteidigen. Aber unser müssen sie doch werden. Winnetou wenigstens muß ich auf alle Fälle fangen.“

„Warum ihn?“

„Der Nuggets wegen. Er ist nun wahrscheinlich der einzige, welcher den Fundort kennt.“

„Und wird ihn keinem Menschen verraten.“

„Auch dann nicht, wenn wir ihn gefangen nehmen?“

„Nein.“

„Ich martere ihn so lange, bis er mir das Geheimnis mitteilt.“

„Er wird dennoch schweigen. Dieser junge Hund der Apachen spottet aller Qualen. Und wenn er weiß, daß wir kommen, wird er sich hüten, in unsere Hände zu fallen.“

„O, ich weiß, wie wir es anfangen müssen, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.“

„Wenn du es weißt, so sage es uns!“

„Wir brauchen nur die Falle, welche sie uns gestellt haben, schlau zu benutzen.“

„Eine Falle haben sie uns gelegt? Welche?“

„Sie wollen uns in eine enge Schlucht locken, in welcher wir keinen Platz zur Verteidigung haben, und uns da gefangen nehmen.“

„Uff! Weiß mein Bruder Santer dies genau?“

„Ja.“

„Kennt er auch die Schlucht?“

„Ich bin drin gewesen.“

„Erzähle mir, wie du es erfahren hast!“

„Ich habe viel, sehr viel gewagt. Wenn man mich bemerkt hätte, so wäre ich jedenfalls dem gräßlichsten Martertode verfallen, und ich bin verteufelt froh, daß es so glücklich abgelaufen ist. Diesen guten Erfolg habe ich nur dem Umstande zu verdanken, daß ich den Weg nach dem Nugget-tsil schon einmal gemacht hatte und die Oertlichkeit da oben, wo die Gräber stehen, kannte.“

„Die Gräber? Winnetou hat also, so wie ich es vermutete, seine Toten da oben begraben?“

„Ja. Das war für mich sehr vorteilhaft, denn dadurch ist die Aufmerksamkeit der Apachen abgelenkt worden. Ich sagte mir selbstverständlich, daß sie droben auf der Lichtung seien, und nahm mich außerordentlich in acht. Ich habe schon manches durchgemacht und darf mich rühmen, kein unerfahrener Westmann zu sein; aber so vorsichtig wie heut bin ich doch noch nie gewesen. Ich ging natürlich nicht im offenen Tale, sondern im Walde an der Lehne desselben. Da, wo es rechts in die Schlucht hinaufgeht, hatten die Kerls ihre Pferde. Es war keine Kleinigkeit, hinaufzukommen, ohne sich der Schlucht als Weg zu bedienen, aber es gelang mir doch. Droben mußte ich diese Vorsicht noch verdoppeln und alle meine Schlauheit zusammennehmen. Ich hielt es nicht für möglich, unbemerkt bis zur Blöße vordringen zu können; aber die Apachen hatten nur Augen und Ohren für das Begräbnis, und so wagte ich mich bis hinter einen Felsen, der am Rande der Lichtung liegt. Von dort aus konnte ich alles beobachten.“

„Mein weißer Bruder ist sehr kühn gewesen; daß er noch lebt, hat er nur dem Begräbnisse zu verdanken.“

„Das sagte ich ja schon! Als die Gräber zugemacht worden waren, schickte Winnetou seine Leute fort, um die Pferde holen zu lassen.“

„Dort hinauf? Ist das nicht schwer?“

„Sehr mühevoll!“

„Dann muß er einen Grund dazu gehabt haben!“

„Allerdings. Wir sollen, wenn wir sehen, daß sie mit den Pferden da hinauf sind, ihnen mit den unserigen nachklettern und dann ihrer Fährte weiter folgen, welche in die Falle führt.“

„Warum vermutest du das?“

„Ich vermute es nicht, sondern ich weiß es; ich habe es gehört.“

„Von wem?“

„Von Winnetou. Als er seine Leute nach den Pferden geschickt hatte, war er mit Old Shatterhand allein; sie standen gar nicht weit von meinem Verstecke, und was sie miteinander sprachen, das habe ich gehört.“

„Uff! Es ist ein großes Wunder geschehen! Winnetou ist belauscht worden! Das ist nur dadurch möglich geworden, daß seine Gedanken nicht bei uns, sondern bei seinem Vater und seiner Schwester waren.“

„O, sie waren doch auch bei uns. Er hatte einen Späher auf die höchste Bergesspitze geschickt, der von einem Baume aus unsere Ankunft erforschen sollte.“

„Hat er sie bemerkt?“

„Nein; ich weiß wenigstens nichts davon. Du siehst also, wie gut es ist, daß ich allein vorausgeritten bin; als einzelner Reiter bin ich dem Auge dieses Spähers entgangen.“

„Ja, du hast sehr klug gehandelt. Erzähle weiter!“

„Als die Roten die Pferde brachten, wurde nicht länger gewartet; sie verließen die Lichtung, um jenseits derselben ins Tal herabzukommen. Ist man über dasselbe hinüber, so gelangt man in eine sehr schmale und lange Schlucht, deren Seiten nicht zu erklettern sind; da hinein sollen wir gelockt werden.“

„So beabsichtigt Winnetou wohl, den Ein- und Ausgang derselben zu verschließen, zu besetzen?“

„Ja. Natürlich aber erst dann, wenn wir hinein sind.“

„Da muß er seine Leute teilen. Die eine Hälfte reitet durch die Schlucht und wartet am Ende derselben auf uns, während die andere Hälfte zurückbleibt und sich versteckt, um dann hinter uns her zu folgen.“

„Das dachte ich auch.“

„Ist der Boden felsig oder grasig dort?“

„In der Schlucht felsig, vor derselben, also im Tale, aber grasig.“

„So muß die zweite Abteilung der Apachen, wenn sie sich versteckt, Spuren hinterlassen, welche wir bemerken werden. Wir würden also auf keinen Fall in die Falle gegangen sein.“

„O doch! Diese Kerls sind pfiffiger, als du denkst. Die zweite Abteilung ist nämlich nicht zurückgeblieben, sondern mit durch die Schlucht geritten.“

„Uff! Wie wollen sie uns da hinten und vorn einschließen?“

„Das fragte ich mich auch. Es gab nur eine einzige Antwort darauf, nämlich die, daß diese Abteilung nun auf einem andern Wege uns in den Rücken und wieder an die Schlucht gelangen will.“

„Da hat mein Bruder abermals sehr klug gedacht. Hast du diesen andern Weg entdeckt?“

„Ja. Ich bin zunächst auch in die Schlucht hinein, obgleich dies gefährlich war; aber ich mußte sie doch kennen lernen. Ganz hindurch konnte ich natürlich nicht, weil ich da auf die Apachen getroffen wäre, welche sie hinten besetzt hatten. Ich kehrte also sehr bald um, hatte sie aber noch nicht ganz verlassen, als ich eilige Schritte hörte. Glücklicherweise lagen mehrere hohe Steine an der Seite, hinter welche ich mich schnell niederducken konnte; ein Apache kam vorüber, er sah mich nicht.“

„Ob dies vielleicht der Späher von der Bergeshöhe gewesen ist?“

„Wahrscheinlich.“

„So hat er uns kommen sehen und eilte, dies Winnetou zu melden.“

„Vielleicht auch nicht. Winnetou hat, als er sein bisheriges Lager oben bei den Gräbern verließ, ihn davon benachrichtigt und ihm sagen lassen, daß er nachkommen soll.“

„Nein, denn da wäre derjenige bei ihm gewesen, der ihm diese Nachricht zu bringen hatte; er kam aber allein. Es ist also so, wie ich denke. Er hat unsere Ankunft bemerkt und sich so beeilt, Winnetou davon zu benachrichtigen. Wie gut, daß du noch Zeit fandest, dich zu verbergen! Was tatest du dann?“

„Ich überlegte. Wenn die Feinde uns in den Rücken kommen wollten, so geschah dies am leichtesten dadurch, daß sie an einer bequemen Stelle, wo wir vorüber mußten, heimlich auf uns warteten. Welche Stelle konnte das sein? Jedenfalls dieses Tal hier, in welchem wir uns befinden, und zwar der hintere Teil desselben, wo rechts die Schlucht zur Höhe geht. Wenn die Apachen sich dort diesseits unter den Bäumen verstecken, so müssen sie uns kommen sehen und können uns unbemerkt bis zur Falle folgen und diese hinter uns verschließen. Das sagte ich mir, und darum kehrte ich nach hier zurück und schlich mich dahin, wo ich glaubte, daß ich sie finden werde, falls meine Berechnung richtig sein sollte.“

„Und fandest du sie?“

„Nicht gleich, denn ich war eher dort als sie; aber ich hatte noch nicht lange gewartet, so kamen sie.“

„Wer? Hast du sie deutlich gesehen und gezählt?“

„Old Shatterhand war es, mit den beiden andern Weißen und etwas über zehn Indianern.“

„So befehligt also Winnetou die andere Abteilung, welche das Ende der engen Schlucht besetzt hält.“

„So ist es. Die Kerls setzten sich nieder. Ich hatte heut so viel gewagt und war glücklich dabei gewesen; darum wagte ich es auch noch, mich ganz nahe an sie hinanzuschleichen, um zu hören, was sie zu einander sagten.“

„Was sprachen sie?“

„Nichts. Als ich noch nicht ganz bei ihnen war, unterhielten sich die beiden anderen Weißen miteinander, aber nicht laut genug für mich; dann aber, als ich nahe genug war, sie zu verstehen, schwiegen sie. Die Apachen waren still, und auch Old Shatterhand sagte kein Wort. Ich lag so nahe hinter ihm, daß ich ihn beinahe mit der Hand berühren konnte. Wie würde er sich ärgern, wenn er das wüßte!“

Da hatte Santer sehr recht. Ich ärgerte mich, und wie! Dieser Mensch war wirklich ein ebenso schlauer wie verwegener Kerl! Winnetou und mich zu belauschen, als wir oben bei den Gräbern allein mit einander sprachen! Uns dann bis in die Schlucht zu folgen, unsern Plan vollends zu erraten und endlich gar noch da, wohin ich von Winnetou geschickt wurde, auf uns zu warten! Er hatte hinter mir gelegen, ja, ich hatte ihn sogar schon bei einem Zipfel seines Rockes festgehabt! Das war Pech, außerordentliches Pech, so großes Pech, wie sein Glück heut groß gewesen war! Wenn es mir gelungen wäre, ihn festzuhalten, so hätten, wie ich jetzt weiß, die Ereignisse für mich einen ganz andern Verlauf genommen; vielleicht hätte mein Leben überhaupt eine völlig andere Richtung bekommen. So hängt das Schicksal des Menschen scheinbar oft von einem Augenblicke, von einer einzigen, vielleicht gar nicht wichtigen Tat oder Unterlassung oder Begebenheit ab, aber auch nur scheinbar, denn über jedem seiner Kinder wacht der große Weltenlenker, ohne dessen Willen keine Sonne sich bewegt und kein Schmetterling von Blüte zu Blüte flattert.

Bei dem Aerger, den ich empfand, war es wenigstens eine kleine Genugtuung für mich, daß ich jetzt hier so viel erlauschte, während Santer bei uns gar nichts erfahren hatte.

„So nahe bist du diesem Hunde gewesen?“ rief der Kiowa aus. „Warum hast du ihm dein Messer nicht von hinten in das Herz gestoßen?“

„Konnte mir nicht einfallen!“

„Warum nicht?“

„Weil ich dadurch alles verdorben hätte. Welch einen Lärm hätte das gegeben! Die Apachen wären zu Winnetou gerannt, und dieser hätte erfahren, daß sein Plan verraten ist. Da wäre es mir nicht mehr möglich gewesen, ihn zu fangen, und wie wollte ich dann zu den Nuggets kommen, welche ich haben muß!“

„Du wirst sie überhaupt nicht erhalten. Befindet sich Old Shatterhand noch dort, wo du ihn verlassen hast?“

„Ich hoffe es.“

„Du hoffst es nur? So ist es also möglich, daß er fort ist? Ich denke, er will auf uns warten!“

„Das wollte er; aber nun kann es sein, daß er diesen Vorsatz aufgegeben hat.“

„Welchen Grund könnte er dazu haben?“

„Er weiß, daß er beobachtet worden ist.“

„Uff! Wie konnte er es erfahren?“

„Durch ein Loch, durch ein fatales, verfluchtes Loch, welches sich im Erdboden befand, vielleicht von irgend einem Tier gegraben.“

„Können Löcher sprechen?“

„Unter Umständen, ja. Dieses wenigstens hat gesprochen. Ich wollte mich fortschleichen und drehte mich um. Dabei mußte ich das Körpergewicht auf die Hände legen und brach mit der rechten durch den weichen Boden in ein darunter befindliches Loch, wobei ein Geräusch entstand, welches Old Shatterhand hörte. Er drehte sich augenblicklich um und muß mich gesehen haben, denn als ich nun schnell aufsprang und fort wollte, war er ebenso rasch auf und hinter mir her. Beinahe hätte er mich erwischt, denn er ergriff meinen Rock; ich riß mich aber los und huschte nach der Seite. Er rief zwar, daß ich stehen bleiben solle, sonst werde er schießen, doch fiel es mir natürlich nicht ein, diese Dummheit zu begehen. Ich machte mich im Gegenteile noch tiefer in den Wald hinein, wo mir das Dunkel Sicherheit gewährte, und setzte mich da nieder, um zu warten, bis ich ohne Gefahr weiter konnte.“

„Was taten seine Leute?“

„Sie wollten wahrscheinlich mit nach mir suchen; aber er verbot es ihnen. Er befahl ihnen, bis zu seiner Wiederkehr zu bleiben, und suchte dann weiter. Ich hörte noch einige Augenblicke lang seine Schritte, dann wurde es still.“

„Er ging also fort?“

„Ja.“

„Wohin?“

„Das weiß ich nicht. Er wird nicht weit gelaufen sein und ist, als er einsah, daß ich nicht zu finden war, jedenfalls wieder umgekehrt.“

„Hat er dich erkannt?“

„Wohl kaum; dazu war es zu finster.“

„Vielleicht ist er gar hierhergegangen und steckt nun irgendwo, um uns zu beobachten!“

„Unmöglich! Er konnte ja gar nicht sehen, wohin ich dann ging. Er ist auf alle Fälle zu seinem Posten zurückgekehrt. Ich schlich, als ich lange genug gewartet hatte, mich fort, aus dem Walde hinaus und in das Freie, wo ich rascher laufen konnte. Da rief mich deine Wache an, und ich erfuhr, daß ihr euch hier befindet.“

Es trat jetzt eine Pause ein. Der Anführer hatte erfahren, was er wissen mußte, und schien nun darüber nachzudenken. Nach einiger Zeit hörte ich ihn fragen:

„Was gedenkt mein weißer Bruder nun zu tun?“

„Ich gedenke, zunächst zu erfahren, was du beschließen wirst.“

„Wie ich von dir hörte, ist es ganz anders geworden, als wir vermuteten. Wenn es uns gelungen wäre, die Apachen zu überrumpeln, so wären sie tot oder lebendig in unsere Hände gefallen, ohne daß es uns wohl Blut gekostet hätte. Nun aber erwarten sie uns. Old Shatterhand hat dich bemerkt; er weiß also, daß sein Plan verraten ist, und wird die größte Vorsicht anwenden. Es ist am besten, wir verlassen diese Gegend.“

„Verlassen? Fort willst du? Was fällt dir ein! Fürchtest du dich vor dieser handvoll Apachen?“

„Mein weißer Bruder wird mich nicht beleidigen wollen! Ich kenne keine Furcht; aber wenn ich einen Feind sowohl mit als auch ohne Blutvergießen in meine Hand bekommen kann, so wähle ich das letztere; das tut jeder kluge Krieger, auch wenn er sonst noch so tapfer ist.“

„Meinst du etwa, daß wir durch das Verlassen dieser Gegend diese Weißen und die Apachen fangen können?“

„Ja.“

„Oho! Möchte wissen, wie!“

„Sie werden uns verfolgen.“

„Das ist nicht so gewiß.“

„Es ist gewiß. Winnetou muß sich an dir rächen, und er weiß, daß du bei uns bist; er wird also keinen Augenblick von unserer Fährte lassen. Wir machen diese Spur mit Absicht so deutlich, daß sie leicht zu erkennen ist, und reiten direkt nach unserem Dorfe, wohin ich das gefangene Bleichgesicht Sam Hawkens geschickt habe.“

„Und du bist der Ansicht, daß die Apachen uns dorthin folgen werden?“

„Ja, sie werden sogar mit sehr großer Eile hinter uns her kommen.“

„Ah! Um mich zu fangen? Soll mir das etwa Freude machen? Ich soll mich wieder von ihnen jagen lassen, während ich hier die beste Gelegenheit habe, meine Absichten zu erreichen!“

„Du wirst hier nichts, gar nichts erreichen und befindest dich während unseres Rittes heimwärts nicht in der allergeringsten Gefahr.“

„Wenn sie uns aber einholen, ist die Gefahr für mich so groß, wie sie nur sein kann!“

„Sie werden uns aber nicht einholen, denn wir nehmen einen Vorsprung, welcher uns vor ihnen Sicherheit gibt. Wir brechen jetzt sofort auf, und sie können uns erst dann folgen, wenn sie bemerken, daß wir fort sind; das wird aber kaum vor morgen mittag sein.“

„Jetzt fort, jetzt gleich? Das gebe ich nicht zu. Was wird euer Häuptling sagen, wenn er erfährt, daß du einen so großen Vorteil, den du hier in den Händen hast, aufgibst, ohne dazu gezwungen zu sein. Bedenke das!“

Der Anführer nahm diese Verwarnung auf, ohne eine Antwort zu geben; sie machte also Eindruck auf ihn. Santer merkte das gar wohl und fuhr fort:

„Ja, wir befinden uns hier so im Vorteile, wie wir es durch deinen neuen Plan gar nicht erreichen können. Wir haben nichts weiter zu tun, als die Falle, welche man uns gestellt hat, umzudrehen, so daß die Apachen hineingehen.“

„Uff! Wie sollen wir das machen?“

„Wir greifen die beiden Abteilungen, welche uns in der Schlucht einschließen wollen, einzeln an, so daß wir gar nicht eingeschlossen werden können.“

„Da müßten wir erst Old Shatterhands Abteilung nehmen. Meinst du das?“

„Ja.“

„Wir ziehen also morgen an ihr vorüber und tun so, als ob wir gar nicht wüßten, daß sie uns folgt.“

„Nein. So lange brauchen wir gar nicht zu warten. Wir vernichten sie schon heut.“

„Uff! Mein weißer Bruder mag mir sagen, wie er das anfangen will!“

„Es ist so einfach und selbstverständlich, daß es eigentlich gar nicht notwendig sein sollte, es dir zu erklären. Ich kenne die Stelle, an welcher sich Old Shatterhand mit seinen Leuten jetzt befindet, doch ganz genau und führe euch hin. Die Augen der Kiowas sind an die Dunkelheit gewöhnt, und ihre Bewegungen gleichen denen der Schlange, die nicht gehört werden kann, wenn sie durch das Moos des Waldes gleitet. Wir umzingeln die drei Weißen mit ihren Apachen und fallen auf ein gegebenes Zeichen über sie her. Es kann uns ganz gewiß keiner von ihnen entgehen. Wir stechen sie nieder, ehe es ihnen nur einfällt, sich zur Wehr zu setzen.“

„Uff, uff, uff!“ ließen sich einige der Zuhörer zustimmend vernehmen. Der Vorschlag Santers gefiel ihnen also.

Ihr Anführer war nicht so schnell mit seinem Urteile da, meinte aber auch nach einer kurzen Weile des Nachdenkens:

„Es kann allerdings gelingen, wenn wir recht vorsichtig verfahren.“

„Es kann nicht, sondern es muß gelingen! Die Hauptsache ist, daß wir sie völlig unhörbar umzingeln, und das ist ja gar nicht schwer. Dann gibt es einige sichere Messerstöße, und die Sache ist abgetan. Die Beute, welche wir diesen Kerls abnehmen, gehört euch; ich will nichts davon haben. Dann machen wir uns über Winnetou her.“

„Auch noch in der Nacht?“

„Nein, sondern am Morgen. Seine Person ist mir so wichtig, daß ich sie beim Angriffe in den Augen haben muß; dies ist aber bei Nacht nicht möglich. Wir machen es so, wie es die Apachen gemacht haben, wir teilen uns. Die eine Hälfte von uns führe ich noch während der Nacht in die Schlucht, in welcher wir gefangen werden sollen. Sie bleibt da, bis der Tag zu grauen beginnt, und dringt dann weiter vor, bis sie am Ende der Schlucht von Winnetou angegriffen wird, denn dieser wird denken, daß sich Old Shatterhand mit seinen Leuten hinter ihr befindet. Die andere Abteilung sucht mit mir beim ersten Tagesscheine den Weg, auf welchem Old Shatterhand hierher ins Tal zurückgekehrt ist; ich weiß, daß ich ihn sicher finden werde. Ich bin überzeugt, daß er erst grad durch den Wald und dann um den Fuß des Berges herum nach dem Ausgange der Schlucht führt, wo Winnetou hält. Dieser wird alle seine Aufmerksamkeit nach dem Innern der Schlucht richten und unsere erste Abteilung bemerken. Dabei und dadurch wird es ihm entgehen, daß wir uns ihm von hinten nähern. Er wird also so eingeschlossen, wie er uns einschließen wollte, und da er nur fünfzehn Mann oder wenig mehr bei sich hat, so muß er sich ergeben, wenn er nicht mit den Seinen vernichtet werden will. Das ist mein Plan.“

„Wenn er so ausgeführt werden kann, wie mein Bruder ihn entworfen hat, so ist er gut.“

„Er hat also deine Zustimmung?“

„Ja. Ich will Winnetou lebendig haben, um ihn dem Häuptling zu bringen, weiter nichts, und durch deinen Vorschlag können wir dies schon jetzt erreichen, ohne noch länger warten zu müssen.“

„So laß uns nicht zaudern, ihn auszuführen!“

„Old Shatterhand im Dunkel des Waldes zu umzingeln, ohne daß er es bemerkt, das ist sehr schwer. Ich werde dazu diejenigen meiner Krieger auswählen, welche auch des Nachts scharfe Augen haben und im Schleichen am geübtesten sind.“

Er begann, die Namen dieser Leute zu nennen, und da wurde es hohe Zeit für mich, zu meinen Leuten zurückzukehren, die ich sonst, wenn die Kiowas schnell aufbrachen, gar nicht warnen konnte. Ich glitt also von dem hohen Steine auf den niedrigen und von diesem auf den Boden herab und schlich mich fort. Als ich die oben erwähnte, vorstehende Buschecke hinter mir hatte, trat ich aus dem Walde ins Freie hinaus und rannte, wobei der Sternenschimmer mir hinreichend leuchtete, das Tal hinauf, bis ich mich parallel mit meinen Leuten befand. Da durchquerte ich den Waldesrand und traf sie an, mit großer Spannung meiner wartend.

„Wer kommt da?“ fragte Dick Stone, als er meine Schritte hörte. „Seid Ihr es, Sir?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Wo habt Ihr denn so lange Zeit gesteckt? Nicht wahr, ein Kerl war da? Natürlich ein roter Kiowa, der auf einer Schleicherei zufällig auf uns stieß?“

„Nein; Santer ist’s gewesen.“

„Alle Wetter! Dieser? Und wir haben ihn nicht ertappt! Rennt dieser Kerl uns da in die Hände, und wir greifen nicht zu! Sollte man das für möglich halten!“

„Es ist noch mehr vorgekommen, was eigentlich unmöglich sein sollte. Ich habe jetzt keine Zeit, es Euch zu sagen, denn wir müssen rasch von hier fort. Später werdet Ihr es hören.“

„Fort von hier? Warum?“

„Die Kiowas kommen, uns jetzt zu überfallen.“

„Ist das Euer Ernst, Sir?“

„Ja. Ich habe sie belauscht. Sie wollen uns jetzt hier auslöschen und dann morgen früh Winnetou angreifen. Sie kennen unsern Plan. Darum schnell fort von hier!“

„Wohin?“

„Zu Winnetou.“

„Mitten durch den dunklen Wald? Das wird Kopfstöße und Beulen geben.“

„Nehmt die Augen in die Hände! Also fort!“

Ein Gang des Nachts durch den weglosen Urwald ist freilich für die Schönheit des menschlichen Angesichts eine höchst gefährliche Sache, weil sie anstößig in des Wortes eigenster Bedeutung ist. Wir mußten, meiner Aufforderung gemäß, die Augen in die Hände nehmen, das heißt, uns weit mehr auf den Tastsinn als auf das Gesicht verlassen. Zwei tasteten mit ihren Händen voran, und die anderen folgten ihnen in der Weise, daß sich der Hintermann immer an dem Vordermanne anhielt. Es währte auf diese Weise über eine Stunde, bis wir den Wald hinter uns hatten; das Schwerste dabei war, die Richtung einzuhalten. Als wir uns dann im Freien befanden, ging es besser und schneller. Wir gingen um den Berg herum und auf die Schlucht zu, an deren Ausgange Winnetou lagerte.

Dieser hatte, wenigstens von der Seite aus, von welcher wir kamen, nichts Feindseliges zu erwarten, aber doch einen Posten ausgestellt, welcher uns mit lauter Stimme anrief. Ich antwortete ebenso laut; die Apachen erkannten diese Stimme und sprangen von der Erde auf.

„Mein Bruder Old Shatterhand kommt?“ fragte Winnetou im Tone der Befremdung. „Da muß etwas geschehen sein. Wir haben vergeblich auf die Kiowas gewartet.“

„Sie wollen erst morgen früh kommen, doch nicht nur durch die Schlucht, sondern auch von dieser Seite, um euch zu vernichten.“

„Uff! Um dies zu beschließen, müßten sie erst dich besiegt haben und überhaupt wissen, was wir zu tun beabsichtigten.“

„Sie wissen es.“

„Unmöglich!“

„Sie wissen es wirklich. Santer ist oben bei den Gräbern gewesen und hat alles gehört, was du mir sagtest, als wir allein waren.“

Ich konnte das Gesicht Winnetous nicht erkennen, aber er antwortete mir nicht. Dieses momentane Schweigen verriet mir die Größe seines Erstaunens. Dann setzte er sich wieder nieder, forderte mich auf, neben ihm Platz zu nehmen, und sagte:

„Wenn du das weißt, mußt du ihn ebenso belauscht haben wie er uns.“

„Allerdings.“

„So sind unsere Berechnungen zunichte. Erzähle, was geschehen ist!“

Ich folgte dieser Aufforderung. Die Apachen drängten sich heran, um sich kein Wort entgehen zu lassen. Zuweilen wurde meine Rede durch ein erstauntes „Uff“ unterbrochen; Winnetou aber schwieg, bis ich zu Ende war; dann fragte er:

„Mein Bruder Shatterhand hielt es unter diesen Umständen für das Allerbeste, seinen Posten aufzugeben?“

„Ja. Ich hätte allerdings noch zweierlei tun können, entweder das eine oder das andere, aber keins von beiden hätte mit der Sicherheit, die ich für notwendig hielt, zum Ziele geführt.“

„Was hätte dies sein können?“

„Erstens hätten wir, um nicht überfallen zu werden, uns nur eine Strecke zurückziehen und dann den Morgen abwarten können, anstatt uns ganz bis hierher zu entfernen.“

„Das wäre falsch gewesen, denn am Morgen hättet ihr über fünfzig Feinde gegen euch gehabt, und unser Plan wäre doch vereitelt gewesen. Was ist das zweite?“

„Wir hätten auf unserm Posten bleiben können. Als mir dieser Gedanke kam, hätte ich ihn gar zu gern ausgeführt. Santer wollte die Kiowas zu uns führen; er schlich ihnen also voran und mußte der erste sein, der bei uns ankam. Wenn ich scharf aufpaßte, mußte ich ihn kommen hören, konnte ihn durch einen Faustschlag betäuben und mich dann mit ihm davonmachen.“

„Mein Bruder ist ein kühner Krieger, aber eine solche Verwegenheit wäre ihm gewiß verderblich geworden. Mit Santer auf den Armen hättest du dich nicht schnell genug entfernen können und wärest überwältigt und getötet worden.“

„Das stand freilich zu erwarten; auch war es nicht so ganz sicher und gewiß, daß Santer der vorderste sein werde. Er konnte die Kiowas nur bis in die Nähe bringen und dann zurückbleiben, um sie die Arbeit machen zu lassen. Darum hielt ich es für das Allerbeste, dich aufzusuchen.“

„Daran hast du sehr recht getan. Mein Bruder handelt stets so, wie ich handeln würde, wenn ich mich an seiner Stelle befände.“

„Auch sagte ich mir, daß es geraten sei, zu dir zu gehen, weil wir nun besprechen können, was zu geschehen hat.“

„Was zu geschehen hat! Was wird mein Bruder Old Shatterhand uns da vorschlagen?“

„Hier kann man nicht eher einen Vorschlag machen, als bis man weiß, was die Kiowas unternommen haben, nachdem sie bemerkten, daß wir nicht mehr da waren.“

„Muß man dies erst erfahren? Kann man es nicht vielleicht auch erraten?“

„Ja, erraten kann man es, aber das Erraten bietet nie die Sicherheit wie das Sehen und Hören, das wirkliche Erfahren. Man kann sich irren.“

„Hier nicht. Die Kiowas sind keine Kinder, sondern erwachsene Krieger; sie werden von allem, was hier möglich ist, das Klügste tun, und das ist nur eins.“

„Sie reiten fort? Nach ihrem Dorfe?“

„Ja. Wenn sie dich nicht angetroffen haben, so wissen sie, daß Santers Absicht nun nicht auszuführen ist, und der Anführer wird wieder auf seinen Vorschlag zurückkommen. Ich bin überzeugt, daß sie es aufgeben, uns hier noch anzugreifen.“

„Santer wird doch versuchen, sie dazu zu bereden!“

„Das tut er gewiß, aber niemand wird auf ihn hören. Sie reiten fort.“

„Und wir? Was tun da wir? Reiten wir, wie sie erwarten, ihnen nach?“

„Oder ihnen voran!“

„Auch gut! Da kommen wir ihnen vor und können sie überrumpeln.“

„Ja, das könnten wir; aber es gibt etwas weit Besseres. Wir müssen Santer haben, und wir wollen Sam Hawkens befreien. Unser Weg führt uns also nach dem Dorfe Tanguas, wo sich Hawkens in Gefangenschaft befindet; aber es braucht nicht ganz derselbe Weg zu sein, den diese Kiowas von hier aus einschlagen. Diesen müssen wir vermeiden, weil man uns auf demselben erwartet. Wenn wir ihn einschlagen, können wir nicht unbemerkt bleiben, und dies ist doch erforderlich, wenn wir das, was wir beabsichtigen, erreichen wollen.“

„Kennt mein Bruder Winnetou das Dorf des Häuptlings Tangua?“

„Ja.“

„Und weißt du ganz genau, wo es liegt?“

„So genau, wie ich die Lage meines eigenen Pueblo kenne. Es liegt am Salt Fork des Red River-Nordarmes.“

„Also südöstlich von hier?“

„Ja.“

„So werden wir aus Nordwesten erwartet und sollten es ermöglichen, von der entgegengesetzten Richtung, also aus Südosten, zu kommen.“

„Das ist es, was auch ich will. Mein Bruder Shatterhand hat stets dieselben Gedanken wie ich. Es ist ganz so, wie Intschu tschuna, mein Vater, sagte, als wir das Blut der Brüderschaft miteinander getrunken hatten: Die Seele lebt im Blute. Die Seelen dieser beiden jungen Krieger mögen ineinander übergehen, daß sie eine einzige Seele bilden. Was Old Shatterhand dann denkt, das sei auch Winnetous Gedanke, und was Winnetou will, das sei auch der Wille Old Shatterhands! So hat er gesprochen, und so ist es geschehen. Sein Auge blickte in unsere Herzen und es sah unsere Zukunft offen. Es wird ihn auch in den ewigen Jagdgründen freuen und seine Seligkeit erhöhen, daß seine Vorhersagung so eingetroffen ist. Howgh!“

Er schwieg bewegt, und alle, die wir uns bei ihm befanden, achteten dieses Schweigen. Es war ein stummer und doch so beredter Ausdruck der Pietät, die der Sohn seinem toten Vater widmete. Erst nach einigen Minuten räusperte er sich wie verlegen über die Rührung, der er sich hingegeben hatte, und fuhr fort:

„Ja, wir werden das Dorf Tanguas aufsuchen, doch nicht auf dem geraden und kürzesten Wege, den die Kiowas einschlagen, sondern sein Gebiet umreiten, damit wir von der anderen Seite kommen. Diese ist unbewacht, und da kann uns das, was wir beabsichtigen, leichter gelingen. Es fragt sich nur, wann wir von hier aufbrechen sollen. Wie denkt Old Shatterhand hierüber?“

„Wir könnten sogleich fortreiten; der Weg ist weit, und je früher wir ihn antreten, desto eher kommen wir an das Ziel. Aber ich möchte doch nicht raten, dies zu tun.“

„Warum nicht?“

„Weil wir nicht wissen, wann die Kiowas diese Gegend verlassen.“

„Wahrscheinlich schon heut abend.“

„Das nehme auch ich als wahrscheinlich an; aber möglich ist es doch, daß es erst morgen geschieht. Es erscheint mir auch als noch gar nicht so ausgeschlossen, daß sie doch wieder auf den Gedanken kommen, uns noch anzugreifen. Auf alle Fälle müssen wir, wenn wir eher fortgehen als sie, darauf gefaßt sein, daß sie unsere Fährte entdecken und derselben folgen. Dann merken oder erraten sie, was wir vorhaben, und vereiteln es.“

„Mein Bruder spricht abermals meine Gedanken aus. Wir müssen hier bleiben, bis sie fort sind; dann sind wir sicher, daß sie uns nicht schaden können. Aber an dem Platze, wo wir uns jetzt befinden, dürfen wir die Nacht nicht zubringen, denn wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß sie uns hier aufsuchen; das darf ihnen nicht gelingen.“

„Dann müssen wir uns aber nach einer Stelle begeben, von welcher aus wir, wenn es Tag wird, diesen Schluchtausgang beobachten können.“

„Ich weiß einen solchen Ort. Meine Brüder mögen ihre Pferde bei den Zügeln nehmen und mir folgen!“

Wir holten unsere Pferde, welche in der Nähe weideten, und folgten ihm in die Prairie hinaus. Nach einigen hundert Schritten kamen wir an eine größere Baumgruppe, hinter welcher wir wieder Halt machten. Hier konnten wir lagern, ohne von den Kiowas, wenn sie es ja noch in dieser Nacht auf uns abgesehen haben sollten, aufgefunden zu werden. Und wenn der Morgen anbrach, lag uns die Schlucht gegenüber, und es war leicht, alles zu beobachten, was etwa dort geschah.

Die Nacht war ebenso kalt wie die vorigen Nächte; ich wartete, bis mein Pferd sich legte, und lagerte mich dann so an seinen Leib, daß er mich erwärmte. Das Tier lag so ruhig, als wüßte es, welchen Dienst ich von ihm verlangte, und ich wachte bis zum Morgen nur einmal auf.

Wir kamen, als es hell geworden war, nicht hinter den Bäumen hervor und beobachteten die Schlucht weit über eine Stunde lang. Es regte sich nichts da drüben. Darum hielten wir es nun für angezeigt, nach den Kiowas zu forschen. Für den Fall, daß sie doch noch da waren, mußten wir vorsichtig sein und uns ihnen heimlich nähern; dies erforderte aber viel Zeit; darum machte ich Winnetou den Vorschlag:

„Sie sind über die Prairie nach dem Nugget-tsil gekommen und werden den Berg jedenfalls auf demselben Wege verlassen. Warum da mühsam nach ihnen suchen! Wenn wir die Berge bis nach der Stelle umreiten, auf welcher sie dein Späher gestern erblickte, müssen wir unbedingt sehen, ob sie fort sind oder nicht. Warum lange Zeit auf etwas verwenden, was man viel kürzer und mühelos erreichen kann!“

„Mein Bruder hat das Richtige getroffen. Wir werden nach seinen Worten handeln.“

Wir stiegen auf unsere Pferde und ritten in einem nach Süden gerichteten und nach Westen ausgebogenen Halbkreise um die Berge. Dies war derselbe Weg, nur rückwärts, den die Apachen geritten waren, als wir nach der Spur Santers suchten, nachdem er die Flucht ergriffen hatte. Als wir dann die südlich von dem Nugget-tsil liegende Prairie erreichten, kam es so, wie ich gedacht hatte: Wir sahen zwei große, starke Fährten; die von gestern führte in das Tal hinein, und die von heut nacht kam aus demselben heraus; die Kiowas waren also fort; darüber war kein Zweifel möglich. Trotzdem ritten wir, um ganz sicher zu gehen, in das Tal hinein und untersuchten dasselbe so weit nach hinten, bis uns auch die dortigen Spuren vollständig überzeugten, daß es von den Kiowas verlassen worden war.

Nun folgten wir ihrer neuen, von dem Nugget-tsil wegführenden Fährte, welche mit der herbeiführenden zusammenfiel und so scharf ausgeprägt war, daß wir die Absicht, sie uns zu zeigen, gar nicht verkennen konnten. Sie wollten eben, daß wir ihnen folgen sollten, und hatten sich darum selbst an Stellen, an denen sonst keine Spur zurückgeblieben wäre, geradezu Mühe gegeben, deutliche Eindrücke zu hinterlassen. Winnetou ließ ein kleines Lächeln um seine Lippen spielen und sagte:

„Diese Kiowas sollten uns doch kennen und grad darum ihre Spur verbergen, die wir dennoch entdecken würden. Daß sie dies nicht tun, muß doch unser Mißtrauen erwecken. Sie wollen sehr klug handeln, tun aber das Gegenteil, weil sie kein Gehirn in den Köpfen haben.“

Er sagte dies so laut, daß es auch der gefangene Kiowa hörte, den wir selbstverständlich noch immer bei uns hatten. Und sich direkt an diesen wendend, fügte er hinzu:

„Du wirst wahrscheinlich sterben müssen, denn wenn wir Sam Hawkens nicht frei bekommen, oder wenn wir erfahren, daß er gequält worden ist, werden wir dich töten; aber falls dies nicht geschieht und wir dir die Freiheit wiedergeben sollten, so sage euren Kriegern, daß sie wie kleine Knaben handeln, welche noch nichts gelernt haben und ausgelacht werden müssen, wenn sie sich als Erwachsene gebärden. Es wird uns nicht einfallen, diesen ihren Spuren weiterzufolgen.“

Er lenkte diesen Worten gemäß von der nach Südosten führenden Fährte ab, indem er sich grad östlich wendete. Wir befanden uns zwischen dem Quellgebiete des südlichen Canadian und demjenigen des nördlichen Red River-Armes, und es war Winnetous Absicht, diesen letzteren aufzusuchen.

Die Pferde derjenigen Apachen, welche Santer mit mir verfolgt hatten, waren ziemlich angegriffen; darum konnte unser Ritt nicht so schnell von statten gehen, wie wir es wünschten. Dazu kam, daß der Proviant, den wir mitgenommen hatten, fast zur Neige ging. Sobald er zu Ende war, sahen wir uns auf die Jagd angewiesen, und dies mußte bei der Absicht, welche wir verfolgten, uns zum großen Nachteile gereichen, denn erstens nahm es unsere Zeit, von der wir eigentlich keine Stunde zu versäumen hatten, in Anspruch, und zweitens konnten wir während der Jagd die Vorsicht nicht anwenden, welche unbedingt geboten war; wir waren gezwungen, Spuren zu machen und zurückzulassen, was wir sonst vermieden hätten.

Glücklicherweise trafen wir am Spätnachmittage auf einen kleinen Bisontrupp. Das waren Nachzügler der großen Büffelherden, die ihre Wanderung nach Süden schon vollendet hatten. Wir schossen zwei Kühe und bekamen von ihnen so viel Fleisch, daß wir für eine ganze Woche versehen waren und nun nur noch an den eigentlichen Zweck unsers Rittes zu denken brauchten.

Am nächsten Tage erreichten wir den nördlichen Arm des Red River, dem wir abwärts folgten. Er führte wenig Wasser, doch waren die Ufer grün, während wir bisher verdorrtes Büffelgras unter uns gehabt hatten. Das gab Futter für unsere Pferde.

Der Salt Fork kommt aus westlicher Richtung und mündet also von rechts her in den Red River. In dem Winkel, der dadurch gebildet wird, lag damals das Kiowa-Dorf, dessen Häuptling Tangua war. Wir befanden uns auf der anderen, der linken Seite des roten Flusses und konnten darum wohl hoffen, nicht gesehen zu werden, ritten aber dennoch, als wir die Mündungsgegend des Salt Fork erreichten, einen weiten Bogen, um eine halbe Tagesreise unterhalb derselben wieder an den Red River zu kommen. Aus weiteren Vorsichtsgründen benutzten wir dazu die Nacht, und es war am frühen Morgen, als wir den Fluß wieder vor uns sahen. Wir befanden uns nun so, wie wir beabsichtigt hatten, auf der entgegengesetzten Seite der Richtung, aus welcher wir von den Kiowas erwartet wurden, und suchten eine versteckte Stelle auf, um da von dem nächtlichen Ritte auszuruhen. Nur für Winnetou und mich gab es keine Erholung, denn er wollte rekognoszieren, und forderte mich auf, ihn zu begleiten.

Während unser bisheriger Weg uns stromabwärts geführt hatte, mußte dieses Auskundschaften nun stromaufwärts vorgenommen werden, und zwar auf dem jenseitigen Ufer. Wir mußten also über den Fluß hinüber, was uns selbst dann, wenn er mehr Wasser gehabt hätte, nicht schwer geworden wäre.

Natürlich bewerkstelligten wir den Uebergang nicht in der Nähe unseres Lagers, weil dieses leicht entdeckt werden konnte, wenn später jemand auf unsere Fährte traf und derselben aus irgend einem Grunde folgte. Wir ritten vielmehr noch ein Stück flußabwärts, bis wir an einen Wasserlauf kamen, welcher in den Red River mündete. In diesen trieben wir unsere Pferde und ritten im Wasser gegen den Strom desselben. Da gingen unsere Spuren verloren. Nach einer halben Stunde verließen wir dieses Gerinne und lenkten die Pferde auf die Prairie, um, nun nach dem Red River zurückkehrend, diesen an einer Stelle zu erreichen, welche sich einige englische Meilen oberhalb unsers Lagers befand.

Dieser Umweg mit seinem Spurenverbergen war zeitraubend gewesen, aber die Mühe, welche wir darauf verwendet hatten, wurde schneller belohnt, als wir hatten denken können. Wir hatten nämlich den Fluß noch nicht wieder erreicht, sondern befanden uns noch auf der Prairie, da sahen wir zwei Reiter, welche wohl ein ganzes Dutzend Packtiere bei sich hatten. Sie kamen uns nicht gerade entgegen, sondern ihre Richtung führte sie rechts an uns vorüber. Der eine ritt vor und der andere hinter den wohlbeladenen Mauleseln, und wenn wir ihre Gesichter auch nicht erkennen konnten, so mußten wir nach ihrer Kleidung Weiße in ihnen vermuten.

Sie sahen uns auch und hielten an. Es wäre höchst auffällig gewesen, wenn wir vorüber geritten wären; wir konnten im Gegenteile Nützliches von ihnen erfahren, denn sie kamen jedenfalls aus dem Dorfe der Kiowas. Schaden konnten sie uns wohl kaum, und unsere Fährte zu suchen, um zu erfahren, woher wir gekommen waren, das fiel ihnen wohl auch nicht ein, da sie viel nördlicher auf den kleinen Wasserlauf treffen mußten als da, wo wir ihn verlassen hatten. Darum fragte ich Winnetou:

„Gehen wir hin?“

„Ja,“ antwortete er. „Es sind Bleichgesichter, Händler, welche mit den Kiowas ein Tauschgeschäft gemacht haben. Aber sie dürfen nicht wissen, wer wir sind.“

„Gut! Ich bin der Unterbeamte eines Indianeragenten und muß in dieser Eigenschaft zu den Kiowas, verstehe aber ihre Sprache nicht; darum habe ich dich mitgenommen. Du bist ein Pawnee-Indianer.“

„So ist es gut. Mein Bruder mag mit diesen beiden Bleichgesichtern sprechen.“

Wir ritten auf sie zu. Sie hatten, wie man bei Begegnungen im wilden Westen stets zu tun pflegt, ihre Gewehre zur Hand genommen und sahen uns erwartungsvoll entgegen.

„Tut eure Büchsen weg, Mesch’schurs,“ forderte ich sie auf, als wir sie ziemlich erreicht hatten. „Wir haben nicht die Absicht, euch anzubeißen.“

„Würde euch auch schlecht bekommen,“ antwortete der eine von ihnen. „Wir können nämlich auch beißen. Zu den Gewehren haben wir nicht etwa aus Angst gegriffen, sondern weil es so Gebrauch ist und weil ihr uns verdächtig vorkommt.“

„Verdächtig? Wieso?“

„Nun, wenn zwei Gentlemen, von denen der eine ein weißer und der andere ein roter ist, so allein in der Prärie herumreiten, dann sind sie gewöhnlich Spitzbuben. Dazu ist euer Habit ein ganz indianisches. Sollte mich wundern, wenn ihr ehrliche Kerle wäret!“

„Danke Euch für diese Aufrichtigkeit! Es ist immer nützlich, zu wissen, was andere von einem halten. Kann Euch aber versichern, daß Ihr Euch irrt.“

„Möglich. Eine Galgenvisage habt ihr nicht; das ist richtig. Kann mir auch ganz gleichgültig sein, ob ihr früher oder später irgendwo aufgehangen werdet, denn da bekommt ihr den Strick an euern und nicht an meinen Hals. Vielleicht habt ihr die Gewogenheit, uns zu sagen, woher ihr kommt?“

„Ganz gern. Wir haben keinen Grund, heimlich damit zu tun. Wir kommen vom False Washita herüber.“

„So! Und wo wollt ihr hin?“

„Ein wenig zu den Kiowas.“

„Zu welchen?“

„Zu dem Stamme, dessen Häuptling Tangua heißt.“

„Das ist nicht weit von hier.“

„Weiß es. Das Dorf liegt zwischen dem Red River und dem Salt Fork.“

„Richtig! Aber wenn ihr einen guten Rat annehmen wollt, so kehrt schnell wieder um und laßt euch vor keinem Kiowa sehen.“

„Warum?“

„Weil es eine schlechte Angewohnheit ist, sich von den Roten umbringen zu lassen.“

„Pshaw! Habe mir das bisher noch nicht angewöhnt und werde es auch später niemals tun.“

„Was später geschieht, kann niemand wissen. Meine Warnung ist gut gemeint und hat ihren Grund. Wir kommen nämlich von Tangua. Derselbe hat die löbliche Absicht, jeden Weißen, der in seine Hände fällt, auszulöschen und auch jeden Roten, der kein Kiowa ist.“

„Dann ist er ja ein außerordentlich wohlmeinender Gentleman! Hat er euch das selbst gesagt?“

„Jawohl, und zwar wiederholt.“

„Der Spaßvogel!“

„Oho! Es war ihm ungeheuer ernst dabei!“

„Ernst? Wirklich? Wie komme ich da zu dem Vergnügen, euch so hübsch lebendig und bei guter Gesundheit vor mir zu sehen? Er will jeden Weißen umbringen und auch jeden Roten, wie ihr behauptet. Habe euch auch für Weiße gehalten. Solltet ihr vielleicht Neger sein?“

„Macht keine dummen Witze! Uns tut er nichts; mit uns hat er eine Ausnahme gemacht, weil wir alte, gute Bekannte von ihm sind und schon viele Male in seinem Dorfe waren. Wir sind nämlich Trader, wie ihr wohl schon erraten habt, und zwar ehrliche Trader, nicht solche Halunken, welche die Roten mit ihren Waren betrügen und sich dann nicht wieder bei ihnen sehen lassen dürfen. Darum heißt man uns überall willkommen. Die Roten brauchen doch unsere Waren und werden also nicht so dumm sein, einem ehrlichen Kerl, auf den sie sich verlassen können und von dem sie Nutzen haben, an den Kragen zu gehen. Euch aber werden sie kalt machen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Werde wohl warm bleiben, denn ich meine es auch ehrlich mit ihnen und suche sie eben jetzt auf, um ihnen Nutzen zu bringen.“

„So? Dann sagt uns doch einmal, was Ihr seid und was Ihr bei ihnen wollt.“

„Ich gehöre zur Agentur.“

„Zur Agentur? Hört, das ist ja noch viel schlimmer! Nehmt es mir nicht übel, aber ich will Euch um Euertwillen offen sagen, daß die Roten grad auf die Agenten gewaltig schlecht zu sprechen sind, weil weil“

Er zögerte, fortzufahren, darum ergänzte ich seine Rede:

„Weil sie so oft von ihnen betrogen worden sind. Das meint Ihr wohl. Ich gebe dies zu.“

„Freut mich ungemein, aus Eurem eigenen Munde zu hören, daß ihr Agenten Spitzbuben seid!“ lachte er. „Grad die Kiowas sind bei den letzten Lieferungen großartig übers Ohr gehauen worden. Wenn Ihr die Absicht habt, ein wenig zu Tode gemartert zu werden, so reitet hin; es wird Euch sofort geholfen werden.“

„Kann darauf verzichten, Sir. Ich sage Euch, daß die Kiowas mich zwar nicht gut empfangen, dann aber um so größere Freude haben werden, wenn ich ihnen sage, was ich bei ihnen will. Ich habe es nämlich durchgesetzt, daß der Fehler, welcher gemacht worden ist, ausgebessert wird. Sie werden nachgeliefert bekommen, und ich will ihnen eben sagen, wo sie die Waren in Empfang nehmen sollen.“

„Alle Wetter, was seid Ihr da für ein weißer Rabe!“ rief er erstaunt aus. „In diesem Falle werden sie Euch freilich nichts tun. Aber warum habt Ihr da einen Roten bei Euch?“

„Weil ich den Dialekt der Kiowas nicht verstehe; er ist mein Dolmetscher, ein Pawnee, den Tangua auch kennt.“

„Well! Dann ist ja alles in bester Ordnung, und meine Warnung war überflüssig. Aber ich hatte guten Grund dazu, denn Tangua ist förmlich wütend auf alles, was nicht Kiowa heißt.“

„Warum?“

„Hat in letzter Zeit verdammt schlechte Erfahrungen gemacht. Die Apachen sind in sein Gebiet eingefallen und haben ihm mehrere hundert Stück Pferde gestohlen. Er hat sie natürlich verfolgt; aber weil sie drei- oder viermal mehr Krieger hatten als er, ist er geschlagen worden. Dies wäre trotz ihrer Uebermacht nicht geschehen, wenn nicht eine Gesellschaft von weißen Westmännern den Apachen geholfen hätte. Einer von diesen Leuten hat den Häuptling zum Krüppel geschossen. Heißt Old Shatterhand, dieser Mann, ein Kerl, der den stärksten Menschen mit der Faust zu Boden schlägt. Wird ihm aber nicht gut bekommen.“

„Nicht? Wollen sich die Roten rächen?“

„Natürlich. Tangua ist durch beide Knie geschossen worden, ein fürchterliches Schicksal für einen Kriegshäuptling! Er schäumt förmlich vor Wut und wird nicht eher ruhen, als bis er diesen Old Shatterhand und Winnetou in seine Hände bekommen hat.“

„Winnetou? Wer ist das?“

„Ein junger Apachenhäuptling, der mit einer kleinen Kriegerschar ungefähr zwei Tagesritte von hier gelagert hat. Die Weißen sind bei ihm, und eine Anzahl Kiowas ritten hin, um diese Kerls in ihr Dorf zu locken.“

„Hm! Werden diese Weißen und diese Apachen so dumm sein, in die Falle zu gehen?“

„Wahrscheinlich. Tangua ist überzeugt davon und hat die Gegend, durch welche sie kommen müssen, besetzen lassen. Diese Leute sind unbedingt verloren. Mich geht das eigentlich gar nichts an, aber weil Weiße dabei sind, habe ich mich aus dem Staube gemacht. Ich wäre wohl noch einige Tage bei Tangua geblieben, aber zuzusehen, wie Weiße zu Tode gemartert werden, das ist mein Gusto nicht.“

„Wäre es Euch denn nicht möglich gewesen, ihnen Hilfe zu bringen?“

„Nein, selbst dann nicht, wenn ich gewollt hätte. Aber warum soll ich meine gesunden Hände, die ich brauche, in fremde Feuer stecken und sie mir verbrennen! Ich bin, sozusagen, Geschäftsfreund der Kiowas, und es fällt mir nicht ein, mir dadurch bei ihnen zu schaden, daß ich mich ihrer Feinde annehme. Ich bin so gutherzig gewesen, einen kleinen Versuch zu riskieren, habe aber schleunigst davon ablassen müssen, denn Tangua bellte mich an wie ein wütender Kettenhund.“

„Das läßt sich denken, denn es war ja noch gar nicht die Zeit dazu, sich der Gefangenen anzunehmen, weil sie eben noch nicht gefangen waren. Ihr hättet warten sollen.“

„O, einer war doch schon gefangen, ein Weißer von den Leuten Old Shatterhands. Ein sonderbarer Kerl, der immer nur lachte, und gar nicht so tat, als ob er den Tod vor Augen habe.“

„Ihr habt ihn gesehen?“

„Ich sah ihn bringen und wohl eine Stunde lang gefesselt an der Erde liegen. Dann wurde er nach der Insel gebracht.“

„Nach einer Insel? Die also als Gefängnis dient?“

„Ja. Sie liegt im Salt Fork, einige Schritte vom Dorfe und wird gut bewacht.“

„Habt Ihr mit dem Gefangenen gesprochen?“

„Einige Worte. Ich fragte ihn, ob ich vielleicht etwas für ihn tun könne. Da lachte er mich freundlich an und sagte, er hätte so großen Appetit nach Buttermilch, ob ich nicht nach Cincinnati reiten und ihm ein Glas voll holen wolle. Ein ganz närrischer Kerl. Ich sagte ihm, daß seine Lage nicht zum Lachen sei; da kicherte er mich wieder an und meinte, ich solle mich nur nicht um ihn sorgen, denn dazu seien ganz andere Leute da. Dennoch bat ich beim Häuptling für ihn, wurde aber hundegrob abgewiesen. Er wird übrigens nicht schlecht behandelt, denn Old Shatterhand hat einen gefangenen Kiowa als Geisel bei sich. Nur Santer gibt sich Mühe, ihm das bißchen Leben, welches er noch haben wird, schwer zu machen.“

„Santer? Dem Namen nach ein Weißer! Sind denn außer euch noch andere Weiße bei den Kiowas gewesen?“

„Nur dieser eine, der sich Santer nennt. Ein Kerl, der mir widerwärtig ist. Er kam gestern mit den Roten hier an, welche Winnetou herbeigelockt haben, und machte sich gleich über den Gefangenen her. Werdet ihn ja auch kennen lernen, wenn Ihr nachher in das Dorf kommt.“

„Wißt Ihr denn, was er eigentlich bei Tangua will?“

„Nein. Habe ihn zwar begrüßt, aber dann nicht wieder beachtet, weil ihm meine Gegenwart nicht zu gefallen schien. Hätte es von den Roten erfahren können, habe aber nicht gefragt. Was mich nichts angeht, das nehme ich nicht in den Mund; das ist mein Grundsatz, mit welchem ich am besten vorwärts komme.“

„Ist dieser Santer der Gast des Häuptlings, oder hat er ein besonderes Zelt?“

„Es ist ihm eines angewiesen worden, nicht etwa gleich neben demjenigen des Häuptlings, was die gewöhnliche Auszeichnung für gern gesehene Gäste ist, sondern eine alte Lederhütte, die fast am Ende des Dorfes liegt. Er scheint also beim Häuptlinge nicht in besonderer Gunst zu stehen.“

„Wißt Ihr vielleicht, wie der weiße Gefangene heißt?“

„Sam Hawkens, ein fast berühmter Westmann trotz seiner Drolligkeit. Tut mir leid, daß er ausgelöscht werden soll, kann ihm aber nicht helfen. Vielleicht hört der Häuptling auf Euch mehr, als er auf mich gehört hat, wenn Ihr ein gutes Wort für ihn einlegt.“

„Werde es versuchen. Könnt Ihr mir die Lage des Zeltes, in welchem Santer wohnt, nicht genauer angeben?“

„Wozu? Ihr werdet es ja sehen, wenn Ihr hinkommt. Es ist das vierte oder fünfte, flußaufwärts gerechnet. Glaube nicht, daß Euch der Mann gefallen wird; hat ein Galgengesicht. Hütet Euch vor ihm! Ihr seid trotz Eures Amtes noch sehr jung und werdet mir einen guten Rat nicht übelnehmen. Ich muß nun weiter. Lebt wohl, und kommt heiler Haut wieder von hier fort!“

Sollte ich ihn halten, um mehr zu erfahren? Da hätte ich ihm aufrichtig sagen müssen, wer wir waren und was wir wollten, und das erschien mir doch gewagt. Winnetou war auch dieser Ansicht, denn er ritt weiter und sagte mit unterdrückter Stimme:

„Es ist genug. Mein Bruder mag nicht weiter fragen, denn dies würde diesen Leuten auffallen, welche Freunde der Kiowas sind.“

„Ich glaube auch, daß wir genug erfahren haben. Wir wissen mit ziemlicher Genauigkeit, wo Hawkens steckt und auch wo Santer wohnt, und werden beide finden. Wie weit reiten wir jetzt?“

„So weit, bis uns diese beiden Händler aus den Augen sind; dann kehren wir nach unserm Lager um. Das Zusammentreffen mit ihnen war für uns sehr vorteilhaft. Um das auszukundschaften, was wir von ihnen erfahren haben, hätten wir uns in große Gefahr begeben müssen. Nun wissen wir, woran wir sind, und werden heut abend miteinander das Dorf der Kiowas beschleichen.“

Die beiden Trader kamen uns nach und nach aus den Augen. Sie mußten langsam reiten, weil sie so viele Packtiere bei sich hatten. Ich erfuhr später, wie verhängnisvoll ihnen das geworden war. Ebenso erfuhr ich, daß sie bei den Kiowas Felle verschiedener Pelztiere eingetauscht hatten. Der, welcher mit uns gesprochen hatte, war der eigentliche Händler, der andere nur sein Gehilfe gewesen. Nun, da sie fort waren und uns nicht mehr sahen, kehrten wir auf demselben Wege, auf welchem wir gekommen waren, nach unserm Lager zurück und gaben uns unterwegs wieder alle Mühe, unsere Spuren zu verbergen.

Dick Stone und Will Parker waren mit dem Erfolge unserer Rekognoszierung sehr zufrieden. Besonders freuten sie sich darüber, daß ihr kleiner Sam sich verhältnismäßig wohl befand und seine unverwüstliche gute Laune noch besaß. Sie baten uns, sie heut abend mitzunehmen, doch Winnetou schlug ihnen diesen Wunsch ab, indem er erklärte:

„Meine beiden weißen Brüder mögen heut noch dableiben, denn wir werden auf diesem Gange Sam Hawkens wohl schwerlich befreien können. Dies kann wahrscheinlich erst morgen geschehen, und da werdet ihr dabei sein.“

Unser Versteck war ein verhältnismäßig gutes; aber wir befanden uns mitten auf feindlichem Gebiete, und der Zufall konnte leicht einen oder einige Kiowas an die Uferstelle führen, wo wir lagerten. Darum schlug Winnetou vor:

„Ich kenne eine Insel, welche eine kleine Strecke abwärts mitten im Flusse liegt. Sie hat Büsche und Bäume, die uns verbergen werden. Dorthin wird niemand kommen. Meine Brüder mögen sich mit mir nach dieser Insel begeben.“

Wir verließen also unser Lager und ritten am Flusse hinunter, bis wir die Insel sahen. Das Wasser war hier tief und hatte ein ziemliches Gefälle, doch kamen wir auf unsern Pferden ganz gut hinüber, wo es sich zeigte, daß Winnetou recht gehabt hatte: die Insel war groß und auch bewachsen genug, um uns und unsern Pferden vollständige Deckung zu gewähren.

Ich machte mir zwischen den Büschen ein Lager zurecht und schlief, denn es war vorauszusehen, daß in der nächsten Nacht von einem Schlafe keine Rede sein werde. Nicht daß es keine Zeit oder Gelegenheit dazu gegeben hätte, sondern des Wassers wegen.

Sam Hawkens war auf einer kleinen Insel interniert, die ich beschleichen wollte. Da mußte ich in das Wasser. Ja, schon vorher, gleich beim Aufbruche, mußte ich mit Winnetou von unserer Insel an das Ufer schwimmen, wobei wir vollständig durchnäßt werden mußten. Wir standen in der Mitte des Dezember, und das Wasser war also kalt; wer hätte da in den durchnäßten Kleidern schlafen können.

Als es dunkel geworden war, wurden wir geweckt, denn auch Winnetou hatte geschlafen. Es war Zeit, nach dem Dorfe aufzubrechen. Wir legten die nicht durchaus notwendigen Kleidungsstücke ab und ließen auch alles, was wir in den Taschen hatten, zurück. Von unsern Waffen nahmen wir nur die Messer mit. Dann sprangen wir in den Fluß und schwammen nach dem rechten Ufer desselben, weil wir von diesem aus an den Salt Fork gelangen konnten. Als wir eine kleine Stunde lang an diesem Ufer aufwärts gegangen waren, kamen wir an die Stelle, wo der Salt Fork in den Red River-Arm mündete, und hatten dem ersteren nur wenige hundert Schritte nach links zu folgen, bis wir die Feuer des Dorfes sahen. Es lag hart am linken Ufer des Salt-Fork, während wir uns auf dem rechten befanden. Wir mußten also hinüber.

Dies taten wir aber nicht gleich, sondern wir schritten erst langsam, natürlich diesseits, die ganze Länge des jenseits liegenden Dorfes ab. Das Wort Dorf bezeichnet hier nicht den europäischen Begriff, eine Ansammlung von festen Häusern, bei denen und um welche Gärten und Felder liegen. Von Gärten und Feldern gab es hier keine Spur, und die Wohnungen bestanden jetzt aus dicken Lederzelten, während die Roten im Sommer leinene zu bewohnen pflegen.

Fast vor jedem Zelte brannte ein Feuer, an welchem die Bewohner saßen, um sich zu wärmen und ihr Abendessen zu bereiten. Das größte Zelt stand ungefähr in der Mitte des Dorfes. Der Eingang war mit Lanzen geschmückt, an denen Adlerfedern und sonderbar gestaltete Medizinen hingen. An dem dort befindlichen Feuer saß Tangua, der Häuptling, mit einem jungen, vielleicht achtzehnjährigen Indianer und zwei Knaben, welche zwölf und vierzehn Jahre zählen mochten.

„Diese drei sind seine Söhne,“ sagte Winnetou. „Der älteste ist sein Liebling und wird ein tapferer Krieger werden. Sein Lauf ist so rasch, daß er den Namen Pida bekommen hat, was Hirsch bedeutet.“

Auch Frauen gingen geschäftig ab und zu, doch ist es bei den Indianern den Frauen und Töchtern nicht erlaubt, mit den Männern und Söhnen zu essen. Sie essen später und müssen nehmen, was übrig bleibt, dafür aber alle, selbst die schwerste, Arbeit verrichten.

Ich suchte nach der Insel. Der Himmel hing schwarz voller Wolken und kein Stern war zu sehen, doch die Feuer ermöglichten es uns, drei Inseln zu erkennen, welche in geringen Entfernungen voneinander am Ufer lagen.

„Auf welcher mag sich Sam befinden?“ fragte ich.

„Wenn mein Bruder das wissen will, so mag er an das denken, was der Trader gesagt hat,“ antwortete Winnetou.

„Daß die Insel nahe am Ufer liege? Die erste und die dritte liegen weiter hüben nach uns zu; es wird also die zweite, die mittlere, sein.“

„Wahrscheinlich. Und da rechts ist das untere Ende des Dorfes, wo im vierten oder fünften Zelte Santer wohnt. Wir werden nicht beisammen bleiben, sondern uns trennen. Ich habe es auf den Mörder meines Vaters und meiner Schwester abgesehen und werde also seine Wohnung auskundschaften. Sam ist mehr dein Gefährte als der meinige, darum wirst du nach ihm forschen.“

„Und wo treffen wir uns wieder?“

„Hier, an der Stelle, wo wir auseinander gehen.“

„Wenn nichts Ungewöhnliches geschieht, können wir das; aber wenn zufälligerweise einer von uns bemerkt werden sollte, wird ein großer Aufruhr entstehen; da müssen wir einen andern Ort bestimmen, einen Ort, der weiter entfernt von dem Dorfe ist.“

„Unser Vorhaben ist nicht leicht; deine Aufgabe ist noch schwerer als die meinige, denn du mußt nach der Insel schwimmen, wo du von den Wächtern leicht gesehen werden kannst. Man wird dich also leichter entdecken als mich. Sollte man dich dabei ergreifen, so werde ich dir beispringen; kommst du aber frei, so kehrst du nach unserer Insel zurück, aber auf einem Umwege, damit sie die Richtung deiner Flucht nicht entdecken.“

„Aber morgen früh werden sie die Spuren sehen!“

„Nein, denn wir werden sehr bald Regen bekommen, welcher die Spuren auslöscht.“

„Gut! Und wenn du Unglück haben solltest, haue ich dich heraus.“

„Das wird nicht geschehen, wenn nicht ein böser Zufall spielt. Schau hinüber! Vor der fünften Hütte brennt kein Feuer; sie wird Santer gehören, denn er ist nirgends zu sehen und wird drinliegen und schlafen. Es ist also sehr leicht, zu erfahren, wie es mit ihm steht.“

Nach diesen Worten ging er fort, rechts von mir weg, ein Stück den Fluß hinunter, um dann außerhalb des Dorfbereiches hinüberzuschwimmen und jenseits heimlich nach den Zelten zurückzukehren.

Ich mußte es anders anfangen. Ich hatte ein Ziel, welches im Bereiche des Feuerscheines lag; das war bös. Ich durfte mich nicht auf der Oberfläche des Wassers sehen lassen, mußte die Insel also tauchend erreichen. Das ging aber auf direktem Wege sehr schwer. Unter Wasser bis hinüber zu kommen, das getraute ich mir wohl, aber wie nun, wenn ich grad vor einem Wächter auftauchte? Nein, ich mußte erst nach der benachbarten Insel, auf welcher sich wahrscheinlich niemand befand. Sie, die erste, lag vielleicht zwanzig Meter von der zweiten, mittlern, auf welche ich es abgesehen hatte, entfernt. Also konnte ich von ihr aus wahrscheinlich sehen, wie die Verhältnisse auf der zweiten waren.

Ich ging also eine Strecke flußaufwärts und richtete mein Auge so scharf wie möglich nach der obersten Insel. Es war dort nicht die geringste Bewegung zu bemerken; also befand sich wahrscheinlich niemand drüben. Da stieg ich langsam in das Wasser, tauchte unter und schwamm hinüber. Ich kam glücklich drüben an und schob zunächst nur den Kopf bis an den Mund, um Atem zu holen, aus dem Wasser. Ich befand mich am oberen Ende der ersten Insel und sah da, daß es eine noch bessere Weise, meine Aufgabe zu lösen, gab, als ich drüben gedacht hatte.

Die Insel, an deren Rande ich im Wasser stand, war vielleicht auch zwanzig Meter vom Flußufer entfernt, wo eine ganze Reihe von Kanoes angebunden waren. Diese Kähne konnten mir vortrefflich Deckung geben. Ich tauchte also wieder unter und schwamm nach dem ersten Kanoe, von da nach dem zweiten, dritten und so weiter, bis ich, hinter dem sechsten steckend, der mittlern Insel so nahe war, daß ich sie überblicken konnte.

Sie lag dem Lande näher als die beiden andern Inseln und hatte niedriges Buschwerk, welches zwei Bäume überragten. Von dem Gefangenen und seinen Wächtern konnte ich nichts sehen. Eben wollte ich wieder untertauchen, um hinüberzuschwimmen, als ich über mir auf dem hohen Ufer ein Geräusch hörte. Ich sah hinauf. Ein Indianer kam herabgestiegen. Es war Pida, der Hirsch, der Häuptlingssohn. Glücklicherweise stieg er schräg herab nach einem weiter abwärts hängenden Kanoe, so daß er mich nicht sah. Er sprang in dieses Boot, band es los, und ruderte sich nach der mittlern Insel. Da konnte ich noch nicht hinüber; ich mußte warten.

Bald hörte ich Leute drüben sprechen und erkannte die Stimme meines kleinen Sam. Ich mußte hören, was sie redeten, und schwamm unter Wasser nach einem weiteren Kanoe. Es gab deren so viele da, daß jeder selbständige Dorfbewohner eines zu besitzen schien. Als ich wieder auftauchte und, hinter diesem Kanoe verborgen, dem Gespräche lauschte, hörte ich den Sohn des Häuptlings sagen:

„Tangua, mein Vater, will es wissen!“

„Fällt mir nicht ein, es zu verraten!“ antwortete Sam.

„Dann wirst du zehnfache Qualen erdulden müssen!“

„Laß dich nicht auslachen! Sam Hawkens, und Qualen erdulden, hihihihi! Dein Vater hat mich schon einmal martern lassen wollen, dort am Rio Pecos, bei den Apachen. Was ist die Folge davon gewesen? Kannst du mir das sagen?“

„Daß Old Shatterhand, dieser Hund, ihn zum Krüppel gemacht hat!“

„Well! So ähnlich wird es auch hier werden. Ihr könnt mir nichts anhaben.“

„Wenn du das im Ernste sagst, so ist der Wahnsinn in deinem Kopfe eingezogen. Wir haben dich fest, und du kannst uns nicht entrinnen. Bedenke, daß dein ganzer Körper mit Riemen umschnürt ist, so daß du kein Glied bewegen kannst!“

„Ja; diese Fesselung habe ich dem guten Santer zu verdanken und befinde mich ganz wohl dabei!“

„Du leidest Schmerzen, ich weiß es; aber du gibst es nicht zu. Außer dieser Umschnürung bist du an den Baum festgebunden, und es sitzen bei Tag und bei Nacht vier Krieger hier, dich zu bewachen. Wie willst du entkommen?“

„Das ist meine Sache, geliebter Junge! Jetzt gefällt es mir noch hier; warte also, bis ich fort will; dann könnt ihr mich nicht halten.“

„Wir würden dich frei lassen, wenn du uns sagtest, wohin er gehen wird.“

„Ich sage es aber nicht. Ich weiß schon, wie es geht. Der gute Santer ist so freundlich gewesen, mir die Geschichte zu erzählen, um mir Angst zu machen, was ihm aber nicht gelungen ist. Ihr seid nach dem Nugget-tsil geritten, um Old Shatterhand und Winnetou zu fangen. Lächerlich! Old Shatterhand zu fangen, der mein Schüler ist hihihihi!“

„Aber du, sein Lehrer, hast dich doch von uns fangen lassen?“

„Nur so zum Zeitvertreib. Ich wollte gern einmal einige Tage bei euch sein, weil ich euch so lieb habe, wenn ich mich nicht irre. Also ihr habt den Ritt vergeblich gemacht und bildet euch nun ein, daß Winnetou mit seinen Apachen und Old Shatterhand euch nachlaufen werden. So ein unsinniger Gedanke ist mir doch noch nicht vorgekommen! Heut seht ihr ein, daß ihr euch verrechnet habt. Sie sind nicht gekommen, und ihr wißt nicht, wo sie stecken. Da soll ich euch nun sagen, wohin Old Shatterhand geritten sein kann. Ihr denkt, daß ich das wissen muß. Und ich will es dir aufrichtig sagen, daß ich es auch weiß.“

„Nun, wohin?“

„Pshaw! Du wirst es sehr bald erfahren, ohne daß ich es dir sage, denn“

Er wurde durch ein lautes Geschrei unterbrochen; ich verstand leider die Worte nicht, aber der Tonfall war so, wie wenn man bei uns hinter einem Flüchtlinge her: Haltet ihn auf, haltet ihn auf! ruft, und dazu wurde der Name Winnetou gebrüllt.

„Hörst du, wo sie sind!“ rief Hawkens frohlockend. „Wo Winnetou ist, da ist auch Old Shatterhand. Sie sind da sie sind da!“

Das Gebrüll verdoppelte sich im Dorfe, und ich hörte die Indianer laufen. Sie hatten Winnetou gesehen, aber noch nicht erwischt. Das machte mir einen großen Strich durch die Rechnung. Ich sah, daß der Sohn des Häuptlings sich auf der Insel hoch aufrichtete und nach dem Ufer blickte. Dann sprang er in sein Kanoe und rief den vier Wächtern zu:

„Nehmt die Gewehre zur Hand und tötet dieses Bleichgesicht sofort, wenn sich jemand sehen läßt, es zu befreien.“

Dann ruderte er sich dem Ufer zu. Ich hatte Sam schon heut, falls es nur einigermaßen möglich war, losmachen wollen; dies konnte nun freilich nicht geschehen. Selbst wenn ich es hätte wagen wollen, nur mit dem Messer bewaffnet, mit den vier Roten anzubinden, so hätte das seinen augenblicklichen Tod zur Folge gehabt; sie hätten Pida gehorcht und Hawkens ermordet.

Aber da kam mir ein Gedanke, noch viel schneller, als Pida das Ufer erreichen konnte. Er war der Lieblingssohn des Häuptlings. Wenn ich ihn in meine Hand bekam, konnte ich ihn dann gegen Sam auswechseln. Dieser Gedanke war wohl beinahe verrückt, aber das kam in diesem Augenblicke nicht in Betracht. Es galt nur, den jungen Häuptling so, daß es niemand sah, zu ergreifen.

Ein einziger Blick zeigte mir, daß die Situation günstig sei. Winnetou war nach dem Red River zu entflohen, also nach links, während unser Lager sich rechts unten auf der Insel befand. Das war klug von ihm, denn er führte dadurch die Verfolger irre. Von dorther, wohin er floh, erscholl das Geschrei der Roten, die ihm nachrannten, und dorthin hatten die vier Wächter ihre Gesichter gerichtet; sie kehrten mir fast ihre Rücken zu, und weiter war niemand da.

Der Häuptlingssohn erreichte mit seinem Kanoe das Ufer, wollte es anbinden und dann forteilen; er bückte sich. Da tauchte ich bei ihm auf; ein Fausthieb streckte ihn nieder; ich warf ihn ins Kanoe, sprang selbst hinein und ruderte fort, gegen den Strom und hart am Ufer hin. Der tolle Streich war gelungen. Oben im Dorfe gab es keinen Menschen, der auf mich achtete, und die Wächter blickten noch immer in die entgegengesetzte Richtung.

Ich legte mich mit allen Kräften in das Zeug, um möglichst schnell aus dem Bereiche des Dorfes zu kommen; dann, als der Schein der Feuer mich nicht mehr traf, ruderte ich mich an das rechte Ufer des Salt Fork, wo ich den ohnmächtigen Häuptlingssohn in das Gras legte. Dann schnitt ich den Riemen, mit welchem das Kanoe angebunden zu werden pflegte, los, um mit demselben den Gefangenen zu fesseln, und gab dem Kahne einen Stoß, daß er fortschwamm; er sollte nicht zum Verräter an mir werden. Als ich Pidas Arme ihm fest an den Leib gebunden hatte, nahm ich ihn auf die Achsel und trat die Rückkehr nach unserer Insel an.

Das war ein schweres Stück Arbeit, nicht etwa, weil mir die Last, die ich trug, zu schwer wurde, sondern weil er mir nicht gutwillig folgen wollte, als er wieder zu sich gekommen war. Ich mußte ihm öfters mit dem Messer drohen. Seine Waffen hatte ich ihm natürlich abgenommen.

„Wer bist du?“ fragte er endlich wütend. „Ein räudiges Bleichgesicht, welches Tangua, mein Vater, schon morgen ergreifen und verderben wird!“

„Dein Vater wird mich nicht ergreifen; er kann ja gar nicht gehen,“ antwortete ich.

„Aber er hat unzählige Krieger, welche er nach mir aussenden wird!“

„Eure Krieger verlache ich. Es kann leicht jedem von ihnen so ergehen, wie es deinem Vater ergangen ist, als er es wagte, mit mir zu kämpfen.“

„Uff! Du hast mit ihm gekämpft?“

„Ja.“

„Wo?“

„Da, wo er niederstürzte, als er meine Kugel in beide Beine bekam.“

„Uff, uff! So bist du Old Shatterhand?“ fragte er erschrocken.

„Wie kannst du da erst fragen! Ich habe dich doch mit der Faust niedergeschlagen. Wer anders als Winnetou und Old Shatterhand konnten es wagen, mitten in euer Dorf zu dringen und den Sohn des Häuptlings herauszuholen!“

„Uff! So werde ich sterben; aber ihr sollt keinen Laut des Schmerzes aus meinem Munde hören.“

„Wir töten dich nicht. Wir sind keine solchen Mörder wie ihr. Wenn dein Vater die beiden Bleichgesichter herausgibt, welche sich bei euch befinden, lassen wir dich frei.“

„Santer und Hawkens?“

„Ja.“

„Er wird sie herausgeben, denn sein Sohn ist ihm mehr wert als zehnmal zehn Hawkens, und auf Santer wird er gar nicht achten.“

Von jetzt an weigerte er sich nicht mehr, mit mir zu gehen. Die Prophezeiung Winnetous ging in Erfüllung, denn es begann zu regnen, und zwar so sehr, daß es ganz unmöglich für mich war, die Uferstelle zu finden, welche unserer Insel gegenüberlag. Ich suchte also einen recht dicht belaubten Baum auf, um unter demselben entweder das Ende des Regens oder den Anbruch des Tages zu erwarten.

Das war eine sehr langweilige Geduldsprobe. Der Regen wollte nicht aufhören und der Morgen nicht erscheinen. Ich hatte nur den einen Trost, daß ich nässer, als ich war, nicht werden konnte, nämlich bis auf die Haut; aber diese Nässe war so kalt, daß ich zuweilen aufstand, um mich durch freiturnerische Bewegungen zu erwärmen. Mich dauerte der junge Häuptlingssohn, der so still liegen mußte; aber er war viel abgehärteter als damals ich.

Endlich wurden meine beiden Wünsche zu gleicher Zeit erfüllt: der Regen hörte auf, und der Tag begann zu grauen. Aber es lag ein dichter, schwerer Nebel ringsumher. Doch wurde es mir nicht schwer, die Uferstelle zu finden. Ich rief ein lautes Hallo hinüber.

„Halloo!“ antwortete sofort die Stimme Winnetous. „Ist’s mein Bruder Shatterhand?“

„Ja.“

„So komm! Warum rufst du erst! Das ist gefährlich.“

„Ich habe einen Gefangenen. Schicke einen guten Schwimmer und einige Riemen herüber!“

„Ich komme selbst.“

Wie freute ich mich darüber, daß er nicht in die Hände der Kiowas gefallen war! Bald sah ich seinen Kopf zwischen Nebel und Wasser erscheinen. Als er an das Ufer trat und den Indianer sah, sagte er erstaunt:

„Uff! Pida, der Sohn des Häuptlings! Wo hat mein Bruder ihn ergriffen?“

„Am Flußufer, nicht weit von Hawkens‘ Insel.“

„Hast du Hawkens gesehen?“

„Nein; aber ich hörte ihn mit diesem schnellen Hirsch reden. Ich hätte noch mit ihm gesprochen und ihn wohl auch befreit, aber da wurdest du entdeckt, und ich mußte also fort.“

„Es war ein böser Zufall, für den ich nicht konnte. Ich hatte Santers Zelt fast erreicht, da kamen einige Kiowas, welche vorüber wollten. Ich durfte nicht aufspringen und wälzte mich zur Seite. Da blieben sie stehen und sprachen miteinander; dabei fiel das Auge des einen auf mich und sie taten die vier Schritt zu mir hin. Da mußte ich freilich auf und fort. Der Schein der Feuer zeigte ihnen meine Gestalt, und sie erkannten mich. Ich floh aufwärts anstatt abwärts, um sie irre zu führen, schwamm über den Fluß und entkam. Aber Santer habe ich freilich nicht gesehen.“

„Du wirst ihn bald zu sehen bekommen, denn dieser junge Krieger hier ist darauf eingegangen, sich gegen Santer und Sam Hawkens auswechseln zu lassen, und ich bin überzeugt, daß der Häuptling darauf eingehen wird.“

„Uff! Das ist gut; das ist sehr gut! Mein Bruder Shatterhand hat kühn, ja fast tollkühn gehandelt, indem er Pida gefangen nahm, aber es war das Beste, was für uns geschehen konnte.“

Wenn ich gesagt hatte, daß er Santer bald zu sehen bekommen werde, so sollte dies noch viel eher geschehen, als ich gedacht hatte. Wir banden den Gefangenen so an und zwischen uns fest, daß seine Schultern die unserigen berührten und sein Kopf also, obgleich ihm die Arme gebunden waren, über Wasser bleiben mußte; mit den Beinen konnte er uns beim Schwimmen helfen. Dann gingen wir in den Fluß. Pida leistete uns dabei keinen Widerstand, sondern stieß, als wir den Grund unter den Füßen verloren hatten, in gleichem Takte mit den Beinen kräftig aus.

Der Nebel lag so dicht auf dem Wasser, daß wir nicht sechs Manneslängen weit sehen konnten, aber bekanntlich hört man im Nebel um so besser. Wir waren noch gar nicht weit vom Ufer entfernt, da sagte Winnetou:

„Mach leise! Ich habe etwas gehört.“

„Was?“

„Ein Geräusch wie von Rudern, welche in das Wasser getaucht werden, da aufwärts von uns.“

„So bleiben wir halten!“

„Ja; horch!“

Wir machten jetzt nur diejenigen geringen Bewegungen, welche notwendig waren, uns über Wasser zu halten, und verursachten also kein Geräusch. Ja, Winnetou hatte richtig gehört; es kam jemand den Fluß herabgerudert. Er mußte Eile haben, da er trotz des Gefälles, welches der Fluß hier hatte, sich auch noch der Ruder bediente.

Er kam rasch näher. Sollten wir uns sehen lassen oder nicht? Es konnte ein feindlicher Späher sein; vielleicht aber war es vorteilhaft für uns, zu wissen, wer er war. Ich warf Winnetou einen fragenden Blick zu; er verstand denselben und antwortete leise:

„Nicht zurück! Ich will wissen, wer er ist. Er wird uns wohl nicht sehen, weil wir ganz still auf dem Wasser liegen.“

Es stand allerdings zu erwarten, daß wir unbemerkt bleiben würden, denn wir hatten ja nur die Köpfe über Wasser. Wir schwammen also nicht zurück. Pida war ebenso gespannt wie wir; er hätte uns durch einen Hilferuf verraten können, tat dies aber nicht, weil er wußte, daß ihm ohnedies die Freiheit sicher war.

Jetzt war uns der Ruderschlag ganz nahe, und ein indianisches Kanoe tauchte aus dem Nebel auf. In diesem saß wer? Wir hatten still bleiben wollen, aber als Winnetou den Mann erblickte, stieß er den lauten Ruf aus:

„Santer! Er entflieht!“

Mein sonst so ruhiger Freund wurde durch das so plötzliche Erscheinen seines Todfeindes so aufgeregt, daß er die Arme und Beine mit aller Gewalt ausstieß, um auf das Kanoe zuzuschwimmen, wurde aber dadurch zurückgehalten, daß er mit uns oder vielmehr mit Pida zusammengebunden war.

„Uff! Ich muß los; ich muß hin, muß ihn haben!“ rief er, indem er sein Messer zog und den Riemen zerschnitt, mit welchem er an Pida hing.

Santer hatte natürlich den Ausruf Winnetous gehört; er richtete sein Gesicht sofort zu uns herüber und sah uns.

„Thousand devils!“ schrie er erschrocken auf. „Da sind ja diese“

Er hielt inne. Der Ausdruck des Schreckes wich aus seinem Gesicht und machte dem der Schadenfreude Platz; er hatte unsere Situation erkannt, warf das Ruder ins Kanoe, griff nach seinem Gewehre, richtete es auf uns und rief:

„Eure letzte Wasserpartie, ihr Hunde!“

Er drückte glücklicherweise grad in dem Augenblicke los, in welchem sich Winnetou von uns freigemacht hatte und mit gewaltigen Stößen auf das Boot zuschoß; dadurch erhielt ich mit Pida einen Ruck, welcher uns von dem Punkte, nach welchem Santer gezielt hatte, entfernte, und die Kugel ging fehl.

Das was ich jetzt von Winnetou sah, war kein Schwimmen, sondern viel eher ein auf dem Wasser Hinschnellen zu nennen. Er hatte sein Messer zwischen die Zähne genommen und flog auf den Feind in weiten Sätzen zu, wie ein ricochettierender Stein, den man flach gegen das Wasser wirft. Santer hatte im zweiten Lauf noch einen Schuß, hielt dem Apachen die Mündung entgegen und rief hohnlachend:

„Komm her, verdammte Rothaut! Ich schicke dich zum Teufel!“

Er glaubte, leichtes Spiel zu haben und nur losdrücken zu brauchen, hatte sich aber in Winnetou geirrt, denn dieser tauchte sofort unter, um von unten an das Kanoe zu kommen und es umzustürzen. Wenn ihm dies gelang, so konnte dem in das Wasser stürzenden Santer sein Gewehr nichts mehr helfen, und es mußte zu einem Ringkampf kommen, in welchem der gewandte Apache jedenfalls Meister blieb. Das sah er ein, legte die Büchse schnell weg und ergriff das Ruder wieder. Es war die höchste Zeit für ihn gewesen, denn kaum hatte er es in Bewegung gesetzt, so kam Winnetou an der Stelle empor, an welcher sich das Kanoe im vorhergehenden Augenblicke befunden hatte. Santer gab den Angriff auf, brachte sich durch einige kräftige Ruderschläge aus der gefährlichen Nähe seines ergrimmten Feindes und schrie:

„Hast du mich, Hund? Ich heb‘ die Kugel auf fürs nächste Wiedersehen!“

Winnetou arbeitete mit allen Kräften, ihn doch noch zu erreichen, doch vergeblich. Kein Schwimmer, und wäre er der erste Champion der Welt, kann ein Boot einholen, welches durch Ruder im reißenden Wasser abwärts getrieben wird.

Der ganze Vorgang hatte sich in Zeit von kaum einer halben Minute abgespielt, und doch erschienen, als Santer eben im Nebel wieder verschwand, schon einige Apachen, welche die lauten Rufe und den Schuß gehört hatten und sofort von der Insel in das Wasser gesprungen waren, um uns zu Hilfe zu kommen. Ich rief sie zu mir, um mir zu helfen, Pida nach der Insel zu bringen. Als wir diese erreichten und ich den Kiowa von mir losbinden ließ, gebot Winnetou seinen Leuten:

„Meine roten Brüder mögen sich alle schnell fertig machen! Santer ist soeben in einem Kanoe den Fluß hinunter, und wir müssen ihm nach.“

Er war so aufgeregt, wie ich ihn noch nicht gesehen hatte.

„Ja, wir müssen ihm nach, augenblicklich nach,“ stimmte ich bei. „Aber was wird aus Sam Hawkens und unsern beiden Gefangenen?“

„Die überlasse ich dir,“ antwortete er.

„So soll ich hier bleiben?“

„Ja. Ich muß diesen Santer, den Mörder meines Vaters und meiner Schwester, haben; du aber bist verpflichtet, Sam Hawkens, der dein Gefährte ist, zu befreien; wir müssen uns also trennen.“

„Auf wie lange?“

Er überlegte nur einige Augenblicke und sagte dann:

„Wann wir uns wiedersehen werden, das weiß ich jetzt nicht. Des Menschen Wunsch und Wille ist dem großen Geist untertan. Ich glaubte, länger bei meinem Bruder Shatterhand sein zu können, doch Manitou hat jetzt plötzlich dagegen gesprochen; er will es anders haben. Weißt du, warum Santer fort ist?“

„Ich kann es mir denken. Wir sind nicht in die uns gestellte Falle gegangen, und man hat dich gestern abend gesehen. Man weiß also, daß wir hier sind und nicht ruhen werden, bis wir Santer ergriffen und Hawkens befreit haben. Da hat Santer Angst bekommen und sich aus dem Staube gemacht.“

„Ja; aber es kann sogar noch anders sein. Der Sohn des Häuptlings ist verschwunden, und dies bringen die Kiowas natürlich mit unserm Erscheinen in Verbindung; sie nehmen an, daß er in unsere Hände geraten ist. Darüber ist Tangua ergrimmt und hat seinen Zorn an Santer, der an allem schuld ist, ausgelassen und ihn fortgejagt.“

„Auch das ist wahrscheinlich. Santer wird haben hören müssen, daß ihm die Kiowas keinen Schutz mehr gewähren.“

„Und warum hat er den Wasserweg gewählt und auf sein Pferd verzichtet?“

„Aus Furcht vor uns. Er hatte Sorge, auf uns zu treffen, und wenn dies auch nicht geschah, so konnten wir seine Fährte entdecken und ihr folgen. Darum ist er im Kanoe fort, welches er wohl gegen sein Pferd ertauscht hat. Er ahnte natürlich nicht, daß wir uns hier auf der Insel befinden und gerade durch seine Vorsicht zur Kenntnis seiner Flucht gelangen würden. Nun er uns gesehen hat, weiß er, daß wir ihm folgen werden, und wird tüchtig rudern, um schnell fortzukommen. Glaubst du, daß ihr ihn zu Pferde einholen könnt?“

„Es ist schwer, aber doch möglich. Wir müssen die Windungen des Flusses abschneiden.“

„Das geht aber nicht. Ich mache meinen Bruder Winnetou darauf aufmerksam, daß dies ein Fehler sein würde.“

„Warum?“

„Weil er leicht auf den Gedanken kommen kann, den Fluß zu verlassen und die Flucht zu Lande fortzusetzen; da ist die Gewißheit, euch zu entgehen, größer. Da ihr nun nicht wißt, nach welcher Seite er in diesem Falle aus dem Wasser geht, so müßt ihr euch teilen, um dem Red River auf beiden Ufern zu folgen.“

„Mein Bruder hat recht. Wir werden das tun, was er gesagt hat.“

„Ihr müßt dabei sehr aufmerksam sein, damit euch die Stelle, an welcher er landet, nicht entgehe, und das erfordert leider Zeit. Auch könnt ihr die Krümmungen nicht abschneiden, denn was für das eine Ufer eine Ausbiegung ist, das ist für das andere eine Einbiegung, und während die eine Abteilung von euch einen Bogen abschnitte, würde die andere am gegenüberliegenden Ufer einen desto größeren Umweg zu machen haben, und ihr kämet infolgedessen auseinander.“

„Es ist so, wie mein Bruder sagt, und wir sind also gezwungen, allen Krümmungen des Flusses zu folgen. Da dürfen wir jetzt keine Minute versäumen.“

„Wie gern würde ich mit euch reiten; aber es ist wirklich meine Pflicht, für Sam Hawkens zu sorgen; ich darf ihn nicht verlassen.“

„Ich werde nie etwas von dir wünschen, was gegen deine Pflicht ist. Du darfst nicht mit. Aber wenn der große Geist es will, werden wir uns in einigen Tagen wiedersehen.“

„Wo?“

„Wenn du von hier fortreitest, so richte deinen Weg nach dem Zusammenflusse dieses Stromes hier mit dem Rio Bosco de Natchitoches. Da, wo der vereinte Strom beginnt, am linken Ufer desselben, wirst du einen meiner Krieger finden, falls ein Zusammentreffen möglich ist.“

„Und wenn ich keinen Krieger dort sehe?“

„Da bin ich noch hinter Santer her und weiß nicht, wohin er flieht, kann dir also auch nicht sagen lassen, wohin du kommen sollst. Dann reise mit deinen drei Gefährten nach St. Louis zu den Bleichgesichtern, welche den Pfad des Feuerrosses bauen wollen. Aber ich bitte dich, zu uns zurückzukehren, sobald der gute Manitou es dir erlaubt. Du bist im Pueblo am Rio Pecos stets willkommen, und sollte ich nicht dort sein, so wirst du erfahren, wo ich zu finden bin.“

Während dieses unseres Gespräches hatten seine Apachen sich zum Ritte bereit gemacht. Er gab Dick Stone und Will Parker die Hand, um sich von ihnen zu verabschieden, und wendete sich dann mir wieder zu:

„Mein Bruder weiß, wie froh unsere Herzen waren, als wir unsern Ritt am Rio Pecos begannen; er hat Intschu tschuna und Nscho-tschi den Tod gebracht. Wenn du einst zu uns zurückkehrst, wirst du nicht die Stimme der schönsten Tochter der Apachen hören, welche anstatt nach den Städten der Bleichgesichter in das Land der Abgeschiedenen gegangen ist. Nun treibt mich die Rache fort von dir, aber die Liebe wird dich wieder zu uns führen. Ich wünsche sehr, daß ich dir unten an der Mündung des Rio Bosco Nachricht geben kann; sollte dies aber nicht der Fall sein, so verweile dich nicht allzu lange in den Städten des Ostens, sondern kehre recht bald zu mir zurück. Du weißt, wen du mir zu ersetzen hast. Willst du mir versprechen, bald zu kommen, mein lieber, lieber Bruder Scharlih?“

„Ich verspreche es dir. Mein Herz geht mit dir, mein lieber Bruder Winnetou. Du weißt, welches Versprechen ich dem sterbenden Klekih-petra gegeben habe; ich werde es halten.“

„So leite der gute Manitou alle deine Schritte und beschütze dich auf allen deinen Wegen. Howgh!“

Er umarmte und küßte mich, gab seinen Leuten einen kurzen Befehl und stieg auf sein Pferd, um es in das Wasser zu treiben. Der Befehl hatte zur Folge, daß seine Apachen sich teilten; die eine Abteilung schwamm nach dem rechten und Winnetou mit der andern nach dem linken Ufer des Flusses. Ich blickte meinem Winnetou nach, bis er im Nebel verschwand. Es war mir, als sei ein Teil meines eigenen Ich von mir gegangen, und auch ihm war der Abschied schwer geworden.

Stone und Parker sahen mir an, wie wehmütig ich gestimmt war. Der erstere meinte in seiner geraden, treuherzigen Weise:

„Laßt’s Euch nicht so zu Herzen gehen, Sir! Wir werden die Apachen schon bald wieder erwischen. Wir reiten ihnen ja nach, sobald Sam frei ist. Wollen darum mit der Auswechslung unserer Gefangenen nicht lange warten. Wie denkt Ihr wohl, wie wir es anzufangen haben?“

„Laßt mich erst Eure Ansicht hören, lieber Dick. Ihr seid erfahrener als ich.“

Er streichelte sich, von diesem Lobe geschmeichelt, den Bart und erklärte:

„Ich halte es für das Einfachste, den gefangenen Kiowa jetzt gleich zu Tangua zu senden und ihm mitteilen zu lassen, wo sich sein Sohn befindet und unter welcher Bedingung er freigegeben werden soll. Was meinst du dazu, alter Will?“

„Hm!“ brummte Parker. „Hast noch niemals so einen dummen Gedanken gehabt wie eben jetzt.“

„Dumm? Ich? Alle Wetter! Wieso dumm?“

„Wenn wir sagen, wo wir stecken, so schickt Tangua seine Leute her, und diese nehmen uns Pida ab, ohne daß wir Sam dafür herausbekommen. Ich würde es anders machen.“

„Wie denn?“

„Wir machen uns hier von der Insel fort und ein gutes Stück in die Prairie hinein, wo wir freie Gegend haben, die wir überblicken können. Dann schicken wir den Kiowa ins Dorf und stellen die Bedingung, daß nur zwei Krieger, mehr ja nicht, kommen sollen, um uns Sam zu bringen, wofür sie dann Pida mitnehmen dürfen. Kommen mehr Leute als nur zwei, etwa um uns zu überwältigen, so sehen wir sie von weitem und können uns salvieren. Meint Ihr nicht, daß dies das Beste ist, Sir?“

„Ich möchte noch sicherer gehen und gar keinen Boten senden,“ antwortete ich.

„Keinen Boten? Aber wie soll da Tangua erfahren, daß sein Sohn“

„Er erfährt es ja,“ unterbrach ich ihn.

„Durch wen?“

„Durch mich.“

„Durch Euch? Wollt Ihr etwa selbst ins Dorf?“

„Ja.“

„Das laßt bleiben, Sir! Das ist ein gefährliches Ding. Man würde Euch sofort festnehmen.“

„Glaube es nicht.“

„Ganz gewiß ganz gewiß!“

„Dann wäre Pida verloren. Ich habe nicht Lust, von zwei Gefangenen den einen als Boten zu schicken und dadurch einen Geisel zu verlieren.“

„Das ist freilich richtig; aber warum wollt Ihr es sein, der in das Dorf geht? Ich kann es doch auch machen!“

„Ich glaube gern, daß Ihr den Mut dazu besitzet, halte es aber für besser, wenn ich selbst mit Tangua spreche.“

„Bedenkt aber, welche Wut er auf Euch hat! Wenn ich zu ihm komme, geht er wohl eher auf unsere Bedingung ein, als wenn er sich über Euern Anblick ärgern muß.“

„Grad darum will ich selber zu ihm. Er soll sich ärgern; er soll wütend darüber sein, daß ich es wage, zu ihm zu kommen, ohne daß er mir etwas anhaben darf. Wenn ich einen andern schicke, denkt er vielleicht, daß ich mich vor ihm fürchte, und in einen solchen Verdacht will ich doch nicht kommen.“

„So macht, was Ihr wollt, Sir! Wo bleiben wir inzwischen? Hier auf der Insel? Oder suchen wir uns eine andere, eine bessere Stelle?“

„Es gibt keine bessere.“

„Well! Aber wehe unsern Gefangenen, wenn Euch im Dorfe etwas geschieht! Wir würden in diesem Falle keinen Pardon geben. Wann werdet Ihr aufbrechen?“

„Heute abend.“

„Erst? Ist das nicht zu spät? Wenn es gut geht, kann die Auswechslung bis Mittag geschehen sein, und wir eilen dann hinter Winnetou her.“

„Und die Kiowas folgen uns in Masse und löschen uns aus!“

„Meint Ihr?“

„Ja. Tangua wird uns Sam gern geben, um seinen Sohn wieder zu bekommen; dann aber, wenn er ihn hat, wird er alles aufbieten, sich an uns zu rächen. Darum soll die Auswechslung am Abend geschehen, und dann reiten wir fort, um während der Nacht, wo man uns nicht folgen kann, einen tüchtigen Vorsprung zu bekommen. Daß wir bis zum Abend warten, ist auch schon deshalb besser, weil die Angst des Häuptlings um seinen Sohn bis dahin immer größer wird. Das wird ihn gefügiger machen.“

„Das ist wahr. Aber wenn man uns vorher hier entdeckt, Mr. Shatterhand?“

„So ist es auch nicht schlimm.“

„Es wird natürlich nach Pida gesucht werden, und da kommen die Roten vielleicht auch nach der Insel!“

„Nach der Insel nicht; aber am Ufer werden wir sie sehen. Da müssen sie Winnetous Fährte entdecken und werden denken, daß wir mit Pida fort sind. Das wird Tangua in noch größere Sorge versetzen. Horch!“

Es erklangen menschliche Stimmen. Der Nebel begann sich zu heben, und wir konnten die Ufer sehen. Dort standen mehrere Kiowas, welche sich laut ihre Ansichten über die Pferdespuren, die sie eben entdeckt hatten, mitteilten; dann verschwanden sie schnell, ohne nur einen Blick herüber nach der Insel geworfen zu haben.

„Sie sind fort; sie schienen es sehr eilig zu haben,“ sagte Dick Stone.

„Jedenfalls sind sie nach dem Dorfe, um Tangua von der Fährte zu benachrichtigen. Er wird sofort einen Reitertrupp schicken, welcher der Spur folgen soll.“

Diese Prophezeiung bestätigte sich nach nicht ganz zwei Stunden. Es kam eine Reiterschar drüben am Flusse herunter, setzte sich auf die Fährte und jagte dann auf derselben fort. Daß diese Kiowas Winnetou einholen würden, war nicht zu befürchten, da er wenigstens dieselbe Schnelligkeit wie sie zu entwickeln hatte.

Es ist selbstverständlich, daß wir drei leise gesprochen hatten; die Gefangenen brauchten nicht zu hören, was wir einander sagten. Sie hatten auch nicht gesehen, was am Ufer geschah, denn sie lagen gebunden hinter Sträuchern im Grase.

Am Vormittage machte die Sonne uns die Freude, recht warm auf uns herabzuscheinen; das machte nicht nur unsern Lagerplatz, sondern auch uns selbst trocken, und erhöhte die Behaglichkeit, mit welcher wir uns bis zum Abend der Ruhe hingaben.

Kurz nach Mittag sahen wir einen Gegenstand geschwommen kommen, welcher seine Richtung nach der Insel nahm und von dem nieder in das Wasser hängenden Gesträuch derselben festgehalten wurde. Es war ein Kanoe, in welchem ein Paddelruder lag; der Riemen, mit welchem es der Besitzer anzubinden pflegte, war abgeschnitten. Es war also das Kanoe, in welchem ich Pida entführt hatte; es war aus dem Salt Fork in den Red River getrieben und wohl nur deshalb so spät zur Insel gekommen, weil es unterwegs auch irgendwo hängen geblieben war. Da es mir sehr willkommen kam, zog ich es auf die Insel, um mich am Abend seiner zu bedienen; ich brauchte mich da nicht durch das Ueberschwimmen des Flusses wieder zu durchnässen.

Sobald es dunkel geworden war, schob ich das Boot wieder in das Wasser und ruderte mich flußauf; Stone und Parker gaben mir ihre besten Wünsche mit. Ich sagte ihnen, daß sie sich erst dann um mich beunruhigen sollten, wenn ich am nächsten Morgen nicht zurückgekehrt sein würde.

Es ging langsam gegen den Strom, so daß ich erst nach einer Stunde aus dem Red River in den Salt Fork lenkte. Als ich in der Nähe des Dorfes angekommen war, ruderte ich mich an das Ufer und band das Kanoe, welches ich mit einem Riemen versehen hatte, an einen Baum.

Ich sah wieder, wie gestern, die Feuer brennen, die Männer an denselben sitzen und die Frauen geschäftig hin und her laufen. Ich hatte geglaubt, daß das Dorf heut scharf bewacht sein werde, fand aber, daß dies nicht der Fall war. Die Kiowas hatten die Fährte der Apachen gefunden und ihnen Krieger nachgesandt, glaubten sich also in Sicherheit.

Tangua saß auch heut vor seinem Zelte, hatte aber nur die zwei jüngeren Söhne bei sich. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte düster in das Feuer. Ich befand mich heut auf dem linken Ufer des Salt Fork, an welchem das Dorf lag, schlich mich im rechten Winkel von dem Flusse fort und dann hinter den Zelten hinauf, bis dasjenige des Häuptlings vor mir lag. Ich hatte Glück, denn es war kein Mensch in der Nähe, der mich hätte entdecken können. Da legte ich mich auf den Boden nieder und kroch nach der hinteren Seite des Zeltes. Dort angekommen, hörte ich den tiefen, monotonen Klagegesang des Häuptlings; er trauerte in dieser indianischen Weise um den Verlust seines Lieblingssohnes. Nun kroch ich um das Zelt, nach der andern Seite, richtete mich auf und stand plötzlich neben dem Häuptling.

„Warum singt Tangua die Töne der Klage?“ fragte ich. „Ein tapferer Krieger soll doch keinen Laut der Klage hören lassen; das Jammern ist nur für die alten Squaws.“

Es läßt sich gar nicht beschreiben, wie mein Erscheinen ihn erschreckte. Er wollte sprechen, brachte aber kein Wort heraus; er wollte aufspringen, mußte aber seiner verletzten Kniee wegen sitzen bleiben. Er starrte mich mit weit aufgerissenen Augen wie ein Gespenst an und stammelte endlich:

„Old Old Shat Shat uff, uff, uff! wie kommst wo bist Ihr seid noch da nicht fort?“

„Wie du siehst, ich bin noch da. Ich bin gekommen, weil ich mit dir zu reden habe.“

„Old Shatterhand!“ brachte er endlich meinen Namen ganz heraus.

Als seine beiden Knaben ihn hörten, flohen sie in das Zelt.

„Old Shatterhand!“ wiederholte er, noch immer unter dem Eindrucke des Schreckens; dann jedoch nahm sein Gesicht den Ausdruck der Wut an und er schrie, gegen die anderen Zelte gerichtet, irgend einen Befehl, den ich nicht verstand, weil er sich seines Dialektes bediente; doch kam mein Name dabei vor.

Einen Augenblick später gab es im Dorfe ein Wutgeheul, daß ich glaubte, die Erde zittere unter meinen Füßen, und was an Kriegern anwesend war, kam mit geschwungener Waffe auf uns zugerannt. Da zog ich mein Messer und schrie Tangua in das Ohr:

„Soll Pida erstochen werden? Er schickt mich zu dir!“

Er verstand meine Worte trotz des Geheules seiner Leute und erhob die eine Hand. Eine Bewegung derselben genügte, und es trat Stille ein; aber die Kiowas umringten uns. Wenn es nach den Blicken ging, mit welchen sie mich verschlingen zu wollen schienen, so kam ich nicht lebendig von hier fort. Ich setzte mich zu Tangua nieder, sah ihm ruhig in das vor Erstaunen über meine Kühnheit starre Gesicht und sagte:

„Es herrscht Todfeindschaft zwischen mir und Tangua; ich bin nicht schuld daran, habe aber auch nichts dagegen; mir ist es sehr gleich, ob ich mit meinen Freunden einen seiner Krieger oder seinen ganzen Stamm verderben soll. Ob ich mich vor ihm fürchte, mag er daraus ersehen, daß ich mich jetzt mitten in sein Dorf begeben habe, um mit ihm zu reden. Wir wollen es kurz machen: Pida befindet sich in unseren Händen und wird an einem Baume aufgehängt, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit zurückgekehrt bin.“

Kein Wort, keine Bewegung der rundum stehenden Roten, von denen ich viele erkannte, verriet den Eindruck, welchen meine Worte machten. Die Augen des Häuptlings funkelten vor Wut darüber, daß er mir, ohne das Leben seines Sohnes zu gefährden, nichts anhaben konnte. Er stieß zwischen knirschenden Zähnen die Frage hervor:

„Wie wie ist er in eure Gewalt geraten?“

„Ich war gestern dort an der Insel, als er mit Sam Hawkens sprach, und habe ihn niedergeschlagen und mitgenommen.“

„Uff! Old Shatterhand ist der Liebling des bösen Geistes, der ihn abermals beschützt hat. Wo befindet sich mein Sohn?“

„An einem sicheren Orte, den du jetzt nicht erfahren wirst; er mag ihn dir später selber sagen. Aus diesen meinen letzten Worten wirst du ersehen, daß ich nicht die Absicht habe, Pida zu töten. Wir haben auch noch einen andern Kiowa bei uns, den wir gefangen nahmen; ich zog ihn aus dem Dorngebüsch hervor, in welchem er uns belauschte. Er soll mit deinem Sohne frei sein, wenn du mir Sam Hawkens dafür gibst.“

„Uff! Du sollst ihn haben. Bring nur erst Pida und den andern Kiowakrieger!“

„Bringen? Fällt mir nicht ein! Ich kenne Tangua und weiß, daß ihm nicht zu trauen ist. Ich gebe zwei für einen, bin also außerordentlich billig und gütig gegen euch. Dafür muß ich fordern, daß ihr euch jeder Hinterlist enthaltet.“

„Beweise mir vorher, daß Pida wirklich bei euch ist!“

„Beweisen? Was fällt dir ein! Ich sage es, und so ist es wahr. Old Shatterhand ist kein Tangua. Laß mich Sam Hawkens sehen! Er wird nicht mehr unten auf der Insel sein, wo ihr ihn nicht mehr für sicher haltet. Ich muß mit ihm reden.“

„Was willst du reden?“

„Ich will aus seinem Munde wissen, wie es ihm bei euch ergangen ist. Danach wird sich das weitere richten.“

„Ich muß mich da vorher mit meinen ältesten Kriegern beraten. Entferne dich bis zum nächsten Zelte; dann wirst du erfahren, was wir zu tun gedenken.“

„Gut! Aber macht es kurz, denn wenn ihr mich aufhaltet und ich nicht zur bestimmten Zeit zurückgekehrt bin, wird Pida aufgehängt.“

Aufgehängt zu werden, ist der schmachvollste Tod für einen Roten. Man kann sich denken, wie wütend Tangua war! Ich ging zum nächsten Zelte und setzte mich dort nieder, natürlich auch da grad so von Kriegern umringt wie vorher. Tangua rief seine alten Leute zu sich und beriet sich mit ihnen. Es brannte in jedem auf mich gerichteten Auge ein Feuer, welches nur aus Rücksicht auf Pida nicht verderblich wurde. Dabei bemerkte ich freilich auch, daß meine Furchtlosigkeit allgemein imponierte.

Nach einiger Zeit schickte der Häuptling einen Roten fort; dieser verschwand in einem Zelte und brachte dann meinen kleinen Sam aus demselben geführt. Ich sprang auf und ging ihm entgegen. Als er mich erblickte, rief er jubelnd:

„Heigh-day, Old Shatterhand! Habe es ja gesagt, daß Ihr unbedingt kommen würdet! Wollt wohl Euern alten Sam wieder haben?“

Er hielt mir die gefesselten Hände entgegen, um mich zu begrüßen.

„Ja,“ antwortete ich ihm, „das Greenhorn ist gekommen, um euch das Zeugnis zu geben, daß Ihr der größte Meister im Anschleichen seid, wie Ihr bewiesen habt. Man mag Euch sagen, was man will, Ihr rennt doch immer nach der verkehrten Seite!“

„Macht mir Eure Vorwürfe später, mein heißgeliebter Sir, und sagt mir lieber, ob meine Mary noch vorhanden ist.“

„Sie ist bei uns.“

„Und die Liddy?“

„Der Schießprügel? Den haben wir auch gerettet.“

„Dann ist ja alles, alles gut, wenn ich mich nicht irre. Kommt, laßt uns machen, daß wir von hier fortkommen! Es ist beinahe langweilig hier.“

„Geduld, Geduld, bester Sam! Ihr tut ja, als ob es gar nichts auf sich hätte und das reine Kinderspiel wäre, hierher zu kommen und Euch loszumachen.“

„Das ist es auch, Kinderspiel, aber nur für Euch. Möchte wissen, was Ihr nicht fertig brächtet. Würdet mich sogar vom Monde herunterholen, wenn ich mich hinauf verlaufen hätte hihihihi!“

„Lacht nur immer! Ich merke daraus, daß es Euch nicht allzu schlecht ergangen ist.“

„Schlecht? Was fällt Euch ein! Gut habe ich es gehabt, außerordentlich gut! Jeder Kiowa hat mich wie sein eigenes Kind geliebt; ich bin vor lauter Liebkosungen, Herzen und Küssen gar nicht zu Verstand gekommen; wie eine Braut haben sie mich gefüttert, und wenn ich schlafen wollte, brauchte ich mich gar nicht erst niederzulegen, denn ich lag überhaupt stets auf dem Rücken.“

„Hat man Euch ausgebeutelt?“

„Allerdings. Die Taschen sind mir leer gemacht worden.“

„Werdet alles wiederbekommen, falls es noch da ist. Die Beratung scheint zu Ende zu sein.“

Ich erklärte dem Häuptlinge, daß ich nun nicht mehr länger warten dürfe, wenn sein Sohn am Leben bleiben solle, und es begann nun eine zwar kurze, aber außerordentlich energische Verhandlung, aus welcher ich als Sieger hervorging, weil ich nicht im geringsten nachgab und der Häuptling Angst um seinen Sohn hatte. Die Schlußbestimmung war, daß vier bewaffnete Krieger in zwei Kanoes mich und Sam begleiten und unsere beiden Gefangenen in Empfang nehmen sollten. Für den Fall, daß uns noch mehrere Kiowas heimlich folgen sollten, drohte ich mit Pidas Tode.

Es war eigentlich viel von mir verlangt, mir Sam mitzugeben; ich konnte doch den vier uns begleitenden Indianern ein Schnippchen schlagen; aber man glaubte meinen Worten und hat Old Shatterhand auch später stets geglaubt. Wohin wir rudern würden, das sagte ich natürlich nicht. Als dem kleinen Sam die Hände entfesselt worden waren, warf er die kurzen Arme in die Luft und rief:

„Frei, wieder frei! Das werde ich Euch nie vergessen, Sir! Und werde auch nie wieder nach links hinaufrennen, wenn Eure gesegneten Beine nach rechts hinunterlaufen.“

Als wir uns zum Gehen anschickten, gab es hier und dort ein zorniges Gemurmel. Die Indsmen ärgerten sich doch gewaltig, daß sie den Gefangenen und sogar mich fortlassen mußten, und Tangua zischte mir noch zu:

„Bis zur Rückkehr meines Sohnes bist du sicher; dann aber wird der ganze Stamm hinter dir her sein und dich verfolgen. Wir werden deine Spur finden und dich ergreifen, und wenn du durch die Luft davonreiten solltest!“

Ich hielt es nicht für nötig, auf diese bissige Drohung eine Antwort zu geben, und führte Sam und die vier Kiowas nach dem Flusse, wo wir je zwei und zwei, ich natürlich mit Sam, in ein Kanoe stiegen. Von dem Augenblicke an, wo wir vom Ufer stießen, folgte uns ein Geheul, bis wir so weit fort waren, daß wir es nicht mehr hören konnten.

Während ich steuerte, mußte ich Sam erzählen, was seit seiner Gefangennahme geschehen war. Er bedauerte es, daß Winnetou sich hatte von uns trennen müssen, beklagte es aber auch nicht allzu sehr, weil er sich vor den Vorwürfen des Apachen gefürchtet hatte.

Wir landeten trotz der Dunkelheit glücklich an der Insel und wurden von Dick Stone und Will Parker jubelnd in Empfang genommen. Sie waren sich erst nach meiner Entfernung der Größe meines Wagnisses recht bewußt geworden.

Wir lieferten die beiden Gefangenen ab, die uns kein Wort des Abschiedes sagten, und warteten, bis wir die Ruderschläge der zurückkehrenden Kanoes nicht mehr hörten; dann stiegen wir auf unsere Pferde und lenkten sie nach der linken Seite des Flusses hinüber. Es galt, in dieser Nacht einen tüchtigen Ritt zu tun, und da war es gut, daß Sam die Gegend leidlich kannte. Er richtete sich auf seiner Mary im Sattel auf, erhob die Faust, nach rückwärts drohend, und sagte:

„Jetzt stecken sie da droben die Köpfe und die Schädel zusammen, um zu beraten, wie sie uns wieder in ihre Vorderfüße bekommen. Sollen sich wundern! Sam Hawkens ist nicht wieder so dumm, in einem Loche stecken zu bleiben, aus welchem ihn ein Greenhorn herausziehen muß. Mich fängt kein Kiowa wieder, wenn ich mich nicht irre!“

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Viertes Kapitel

Zweimal um das Leben gekämpft.

Das Verhalten der Kiowas ließ uns, obgleich wir sie nicht als ausgesprochene Feinde betrachten konnten, für unsere Sicherheit besorgt sein. Darum wurde, als wir uns wieder schlafen legten, bestimmt, daß wir, einander stündlich abwechselnd, bis zum Morgen wachen wollten. Dies geschah, und die Roten bemerkten natürlich, daß wir diese Vorsichtsmaßregel getroffen hatten; es verstand sich ganz von selbst, daß sie uns das übel nahmen und nun noch weniger Freundschaft für uns fühlten als vorher.

Als der Tag anbrach, weckte uns unser Wächter. Wir sahen, daß die Kiowas beschäftigt waren, nach den Spuren der entflohenen Häuptlinge zu suchen, die sie in der Nacht nicht hatten finden können. Sie trafen auf die Fährte und folgten ihr; sie führte nach der Stelle, an welcher die Apachen vor dem Ueberfalle ihre Pferde zurückgelassen hatten, natürlich unter der Beaufsichtigung einiger Wächter. Intschu tschuna und Winnetou waren mit diesen Wächtern fortgeritten und hatten keines der Pferde mitgenommen, sondern sie alle stehen lassen. Als wir dies erfuhren, machte Sam Hawkens eines seiner listigen Gesichter und fragte mich:

„Könnt Ihr Euch vielleicht denken, Sir, weshalb die beiden Häuptlinge dies getan haben?“

„Ja. Es ist gar nicht schwer, es zu erraten.“

„Oho, Sir! So ein Greenhorn, wie Ihr seid, darf sich ja nicht einbilden, aus reinem Zufalle gleich auf den richtigen Gedanken zu kommen. Es gehört Erfahrung dazu, meine Frage zu beantworten.“

„Die habe ich ja!“

„Ihr? Erfahrung? Möchte wissen, woher die Euch kommen sollte! Wollt Ihr mir das vielleicht sagen?“

„Warum nicht? Die Erfahrung, welche ich meine, habe ich aus Büchern geschöpft.“

„Wieder Eure Bücher! Es mag Euch einmal glücken, etwas gelesen zu haben, was Euch hier Nutzen bringt, aber da dürft Ihr doch nicht gleich denken, daß Ihr die Gescheitheit nur so mit Löffeln gegessen habt. Ich werde Euch gleich beweisen, daß Ihr nichts, aber auch gar nichts wißt. Also, warum haben die beiden entflohenen Häuptlinge nur ihre eigenen Pferde mitgenommen, aber diejenigen der Gefangenen dagelassen?“

„Eben um dieser Gefangenen willen.“

„Ah! Wieso?“

„Weil diese ihre Pferde noch sehr notwendig brauchen werden.“

„Meint Ihr? Inwiefern können denn Gefangene Pferde brauchen?“

Ich fühlte mich durch seine Fragen nicht etwa in meinem Ehrgefühle verletzt; es war nun einmal so seine Weise. Darum antwortete ich:

„Es kann zweierlei geschehen. Entweder kehren die beiden Häuptlinge bald mit einer genügenden Apachenschar zurück, um die Gefangenen zu befreien. Warum sollen sie da die Pferde erst mitnehmen und dann wieder mitbringen? Oder die Kiowas warten die Ankunft der Apachen nicht ab und verlassen mit ihren Gefangenen diese Gegend. Dann ist den letzteren ihre Lage dadurch erleichtert, daß sie reiten können. Ihr Transport verursacht da weniger Schwierigkeiten, und es ist zu hoffen, daß sie nach den Dörfern der Kiowas geschafft werden und unterwegs befreit werden können. Hätten sie aber keine Pferde, so daß sie laufen müßten, so könnten die Kiowas leicht auf den Gedanken kommen, den schwierigen und langweiligen Transport dadurch zu umgehen, daß sie sie hier und jetzt gleich umbringen.“

„Hm! Das ist wirklich gar nicht so dumm gedacht, wie man aus Eurem Gesichte schließen könnte. Aber Ihr habt einen dritten Fall vergessen. Es ist nämlich möglich, daß die Kiowas ihre Gefangenen trotz der Pferde töten.“

„Nein; das ist nicht möglich.“

„Nicht? Sir, wie kommt Ihr denn auf die Idee, etwas für unmöglich zu erklären, was Sam Hawkens für leicht möglich hält?“

„Weil dieser Sam Hawkens vergessen zu haben scheint, daß ich hier bin.“

„Ah, Ihr seid hier? Ist das wahr? Ihr haltet Eure hochverehrte Gegenwart wohl für ein ganz außerordentliches oder sogar welterschütterndes Ereignis?“

„Nein. Ich wollte nur sagen, daß die Gefangenen, so lange ich da bin und ein Glied für sie rühren kann, nicht ermordet werden.“

„Wirklich? Was Ihr doch für ein hochbedeutender Kerl seid, hihihihi! Die Kiowas sind zweihundert Mann stark, und Ihr, der einzelne Mensch, das Greenhorn, will sie hindern, zu tun, was ihnen beliebt!“

„Ich werde hoffentlich nicht einzeln dastehen.“

„Nicht? Auf wen rechnet Ihr denn noch?“

„Auf Euch, Sam, und auch auf Dick Stone und Will Parker! Ich hege das feste Vertrauen zu euch, daß ihr euch so einem Massenmorde ernstlich widersetzen würdet.“

„So! Also Vertrauen habt Ihr doch zu uns! Bin Euch sehr dankbar dafür, denn es ist wirklich kein Spaß, das Vertrauen eines solchen Mannes, wie Ihr seid, zu besitzen. Ich bilde mir natürlich außerordentlich viel darauf ein, wenn ich mich nicht irre!“

„Hört, Sam, ich spreche im Ernste und habe gar nicht die Absicht, diese Angelegenheit in das Scherzhafte zu ziehen. Wenn es sich um so viele Menschenleben handelt, da hat der Spaß einfach aufzuhören!“

Da blitzte er mich aus seinen kleinen Aeuglein ironisch listig an und sagte:

„Thunder-storm! Es ist Euch also wirklich Ernst? Ja, dann muß ich freilich ein ganz anderes Gesicht dazu machen.

Aber wie denkt Ihr Euch denn eigentlich die Sache, Sir? Auf die Andern können wir nicht rechnen; wir sind also nur vier Personen, welche unter Umständen mit zweihundert Kiowas anbinden wollen. Meint Ihr denn, daß dies ein gutes Ende für uns nehmen könnte?“

„Nach dem Ende frage ich nicht. Ich dulde nicht, daß in meiner Gegenwart ein solcher Mord geschieht.“

„Dann wird er trotzdem geschehen, doch mit dem Unterschiede, daß Ihr auch mit ausgelöscht werdet. Oder wollt Ihr Euch auf Euern neuen Namen Old Shatterhand verlassen? Meint Ihr, daß Ihr zweihundert rote Krieger mit Euern Fäusten niederschlagen könnt?“

„Unsinn! Ich habe mir diesen Namen nicht gegeben und weiß genau, daß wir Vier nicht gegen die Zweihundert aufkommen könnten. Aber ist denn die Anwendung von Gewalt durchaus notwendig? List ist da oft besser.“

„So? Das habt Ihr wohl gelesen?“

„Ja.“

„Richtig! Ihr seid dadurch aber auch ein furchtbar gescheiter Kerl geworden. Ich möchte Euch wirklich gern einmal listig sehen. Was würdet Ihr denn ungefähr für Gesichter dabei machen? Ich sage Euch, daß hier mit aller Eurer List nichts zu erreichen ist. Die Roten werden machen, was sie wollen, und sich gar nicht darum kümmern, ob wir drohende oder listige Mienen dazu schneiden.“

„Gut! Ich sehe, daß ich mich nicht auf Euch verlassen kann, und werde also, wenn man mich dazu zwingt, allein handeln.“

„Um Gottes willen, macht keine Dummheiten, Sir! Ihr habt gar nichts allein zu machen, sondern Euch in allem, was Ihr tut, nach uns zu richten. Ich habe ja gar nicht sagen wollen, daß ich mich der Apachen, falls ihnen Gefahr drohen sollte, nicht annehmen will, aber es ist nie meine Art gewesen, mit dem Kopfe dicke Mauern einzurennen. Ich sage Euch, die Mauern sind stets härter als die Köpfe.“

„Und ich habe ebensowenig sagen wollen, daß ich Unmögliches machen will. Jetzt wissen wir noch gar nicht, wie die Kiowas über ihre Gefangenen bestimmt haben, und brauchen uns also noch nicht mit Sorgen zu quälen. Sollten wir aber später zum Handeln gezwungen sein, so wird sich jedenfalls dann die beste Art und Weise dazu finden.“

„Möglich; aber darauf darf sich ein vorsichtiger Mann nicht verlassen. Was sich finden könnte, das geht mich gar nichts an. Wir haben mit einer ganz bestimmten Frage zu rechnen, und diese lautet: Was tun wir, falls die Apachen getötet werden sollen?“

„Wir geben es nicht zu.“

„Das ist nichts gesagt, gar nichts gesagt. Nicht zugeben! Drückt Euch deutlicher aus!“

„Wir erheben Einspruch dagegen.“

„Das wird keinen Erfolg haben.“

„So zwinge ich den Häuptling, sich nach meinem Willen zu richten.“

„Wie wollt Ihr das anfangen?“

„Ich werde mich, falls es gar nicht anders geht, seiner Person bemächtigen und ihm das Messer auf die Brust setzen.“

„Und ihn erstechen?“

„Wenn er mir nicht gehorcht, ja.“

„All devils, seid Ihr ein rabiater Mensch!“ rief er erschrocken aus. „So etwas ist Euch wirklich zuzutrauen!“

„Ich versichere Euch, daß ich es tun werde!“

„Das ist das ist“ Er hielt inne; seine erst erschrockene und dann besorgte Miene nahm nach und nach einen andern Ausdruck an, und endlich fuhr er fort: „Hört, dieser Gedanke ist gar nicht so übel. Dem Häuptlinge das Messer an die Kehle legen, das ist in diesem Falle wohl die einzige Art und Weise, ihn zu zwingen, das zu tun, was wir wollen. Es ist wirklich wahr, daß ein Greenhorn auch einmal eine kleine, sogenannte Idee haben kann. Die wollen wir festhalten.“

Er wollte weiter sprechen, aber da trat Bancroft zu uns und forderte mich auf, an die Arbeit zu gehen. Der Ingenieur hatte recht. Wir durften keine Stunde versäumen, um mit unserm Pensum womöglich noch fertig zu werden, ehe Intschu tschuna und Winnetou mit ihren Kriegern eintreffen konnten.

Wir waren bis Mittag in unausgesetzter, angestrengter Tätigkeit; da kam Sam Hawkens zu mir und sagte:

„Ich muß Euch leider stören, Sir, denn die Kiowas scheinen mit ihren Gefangenen etwas los zu haben.“

„Etwas? Das ist sehr unbestimmt. Wißt Ihr denn nicht, was?“

„Kann es vermuten, wenn ich mich nicht irre. Sie scheinen sie an dem Marterpfahle sterben lassen zu wollen.“

„Wann? Später oder bald?“

„Natürlich bald; sonst wäre ich nicht jetzt zu Euch gekommen. Sie haben Vorbereitungen getroffen, aus denen ich schließe, daß die Apachen gemartert werden sollen. Und zwar scheinen sie die Absicht zu haben, damit sehr bald zu beginnen.“

„Das wollen wir uns verbitten! Wo ist der Häuptling?“

„Mitten unter seinen Kriegern.“

„So müssen wir ihn von ihnen fortlocken. Wollt Ihr das besorgen, Sam?“

„Ja; doch auf welche Weise?“

Ich warf einen forschenden Blick zurück. Die Kiowas befanden sich auch nicht mehr da, wo wir gestern gelagert hatten. Sie waren unsern Vermessungsarbeiten gefolgt und hatten sich am Rande eines kleinen Prairiewäldchens niedergelassen. Rattler mit seinen Leuten war bei ihnen, und Sam Hawkens hatte sich, um sie zu beobachten, bis jetzt in ihrer Nähe herumgetrieben, während Parker und Stone in meiner Nähe saßen. Zwischen den Roten und der Stelle, an welcher ich in diesem Augenblicke stand, gab es ein Gebüsch, welches für meine Absicht sehr geeignet war, denn es erlaubte den Kiowas nicht, zu sehen, was bei uns geschah. Ich antwortete auf Sams Frage:

„Sagt ihm ganz einfach, ich hätte ihm etwas zu sagen, könne aber nicht von meiner Arbeit fort. Da wird er kommen.“

„Ich hoffe es. Aber wenn er einige Andere mitbringt?“

„Die überlasse ich Euch und Stone und Parker; ihn nehme ich auf mich. Haltet Riemen bereit, sie zu binden. Die Sache muß rasch, aber dabei möglichst ruhig vor sich gehen.“

„Well! Ich weiß nicht, ob das, was Ihr vorhabt, das Richtige ist; aber da mir nichts Besseres einfällt, so sollt Ihr Euren Willen haben. Wir riskieren das Leben; aber da ich keine Lust zum Sterben habe, so denke ich, daß wir mit einem oder mit einigen blauen Augen davonkommen werden hihihihi!“

So in seiner bekannten Weise heimlich in sich hineinlachend, entfernte er sich. Meine Herren Kollegen befanden sich gar nicht weit von mir, hatten aber unser Gespräch nicht hören können. Es fiel mir auch gar nicht ein, ihnen mitzuteilen, was ich tun wollte, denn ich war überzeugt, daß sie mich an der Ausführung gehindert hätten. Ihr Leben stand ihnen höher als das der gefangenen Apachen.

Ich war mir dessen, was ich riskierte, wohl bewußt. Durfte ich Dick Stone und Will Parker in die Gefahr, welche ich heraufbeschwören wollte, mit hineinziehen, ohne sie vorher zu benachrichtigen? Nein. Ich fragte sie also, ob ich sie aus dem Spiele lassen solle. Da antwortete Stone:

„Was fällt Euch ein, Sir! Haltet Ihr uns für Halunken, die einen Freund im Stich lassen, wenn er sich in Not befindet? Das, was Ihr vorhabt, ist ein echter, richtiger Westmannsstreich, an welchem wir uns mit wahrer Wonne beteiligen werden. Nicht wahr, alter Will?“

„Ja,“ nickte Parker. „Möchte doch sehen, ob wir Vier nicht die Leute dazu sind, es mit zweihundert Indsmen aufzunehmen! Freue mich schon darauf, wenn sie angebrüllt kommen werden und uns doch nichts tun dürfen!“

Ich arbeitete ruhig weiter und blickte nicht zurück, bis mir nach einiger Zeit Stone zurief:

„Macht Euch fertig, Sir; sie kommen!“

Nun wendete ich mich um. Sam kam mit Tangua. Leider waren noch drei Rote dabei.

„Jeder einen Mann,“ sagte ich. „Ich nehme den Häuptling. Aber faßt sie bei der Gurgel, damit sie nicht schreien können und wartet hübsch, bis ich anfange; ja nicht früher.“

Ich ging Tangua langsamen Schrittes entgegen; Stone und Parker folgten mir. Als wir zusammentrafen, standen wir so, daß die Kiowas uns wegen des bereits erwähnten Gebüsches nicht sehen konnten. Der Häuptling zeigte kein freundliches Gesicht und sagte in ebenso unfreundlichem Tone:

„Das Bleichgesicht, welches Old Shatterhand genannt wird, hat mich kommen lassen. Hast du vergessen, daß ich der Häuptling der Kiowas bin?“

„Nein; ich weiß, daß du es bist,“ antwortete ich ihm.

„So hättest du zu mir kommen müssen, anstatt ich zu dir. Da ich aber weiß, daß du dich erst seit kurzer Zeit in diesem Lande befindest und also erst lernen mußt, höflich zu sein, will ich dir diesen Fehler verzeihen. Was hast du mir zu sagen? Sprich kurz, denn ich habe keine Zeit!“

„Was ist es, was du so Notwendiges zu tun hast?“

„Wir wollen die Hunde der Apachen heulen lassen.“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Warum so bald? Ich dachte, ihr würdet die Gefangenen mit in eure Wigwams nehmen, um sie dort, in Gegenwart eurer Squaws und Kinder, an dem Marterpfahle sterben zu lassen.“

„Wir wollten es; aber sie würden uns hindern, den Kriegszug auszuführen, auf welchem wir uns befinden. Darum sollen sie schon heut ihr Leben lassen.“

„Ich bitte dich, dies nicht zu tun!“

„Du hast nichts zu bitten,“ fuhr er mich an.

„Willst du nicht ebenso höflich sprechen, wie ich mit dir rede? Ich habe nur eine Bitte ausgesprochen. Hätte ich die Absicht gehabt, dir einen Befehl zu geben, so könntest du vielleicht Veranlassung haben, grob zu sein.“

„Ich mag von euch nichts hören, weder einen Befehl, noch eine Bitte. Ich werde keines Bleichgesichtes wegen an dem, was ich beschlossen habe, etwas ändern.“

„Vielleicht doch! Habt ihr das Recht, die Gefangenen zu töten? Ich will deine Antwort nicht hören, denn ich kenne sie und werde nicht mit dir darüber streiten; aber es ist ein Unterschied, einen Menschen schnell und schmerzlos zu töten oder ihn langsam zu Tode zu martern. Wir werden es nicht zugeben, daß dies Letztere in unserer Gegenwart geschieht.“

Da reckte er seine Gestalt höher auf und antwortete in verächtlichem Tone:

„Nicht zugeben? Für wen hältst du dich! Du bist gegen mich wie eine Kröte, welche sich gegen den Bär des Felsengebirges auflehnen will. Die Gefangenen sind mein Eigentum, und ich tue mit ihnen, was ich will.“

„Sie gerieten nur durch unsere Hilfe in eure Hände; darum haben wir ganz dasselbe Recht auf sie wie ihr. Wir wünschen, daß sie leben bleiben.“

„Wünsche, was du willst, du weißer Hund; ich verlache deine Worte!“

Er spuckte vor mir aus und wollte sich abwenden; da traf ihn meine Faust, daß er niederstürzte. Aber er hatte einen harten Schädel; er war nicht vollständig betäubt und wollte wieder auf. Darum mußte ich mich zu ihm niederbücken, um ihm noch einen Hieb zu geben, und konnte also für einen Augenblick nicht auf die Andern achten. Als ich ihm den zweiten Schlag versetzt hatte und mich wieder aufrichtete, sah ich Sam Hawkens auf einem Roten knieen, den er beim Halse gepackt hatte. Stone und Parker rangen den Zweiten nieder; der Dritte rannte laut schreiend davon.

Ich kam Sam zu Hilfe. Als dies geschehen war und wir seinen Kiowa gebunden hatten, waren Dick und Will mit dem Ihrigen auch fertig.

„Das war nicht schlau von euch,“ sagte ich ihnen. „Warum habt ihr den Dritten entkommen lassen?“

„Weil ich grad denselben packte, auf den es Stone auch abgesehen hatte,“ antwortete Parker. „Dadurch gingen nur zwei Sekunden verloren, aber doch Zeit genug für den Halunken, sich davonzumachen.“

„Schadet nichts,“ tröstete Sam Hawkens. „Es hat ja keine andere üble Folge, als daß der Tanz etwas eher beginnt. Darüber wollen wir uns die Köpfe ja nicht zerstoßen. In zwei oder drei Minuten sind die Roten da. Wollen dafür sorgen, daß wir freies Feld zwischen uns und ihnen haben!“

Wir fesselten schnell auch den Häuptling. Die Surveyors hatten mit großem Schreck gesehen, was wir taten. Der Oberingenieur kam auf uns zugesprungen und schrie entsetzt:

„Was fällt euch ein, ihr Leute! Was haben euch die Indianer getan? Wir werden alle des Todes sein!“

„Das werdet Ihr allerdings, Sir, wenn Ihr Euch uns nicht schnell zugesellt,“ antwortete Sam. „Ruft Eure Leute herbei, und kommt mit uns! Wir werden euch beschützen.“

„Ihr uns beschützen? Das ist doch“

„Schweigt!“ fiel ihm der Kleine in die Rede. „Wir wissen ganz genau, was wir wollen. Wenn ihr euch nicht zu uns haltet, seid ihr verloren. Also schnell!“

Wir rafften die drei gefesselten Indianer auf und trugen sie eiligst fort, ein Stück in die offene Prairie hinein, wo wir halten blieben und sie niederlegten. Bancroft war uns mit den drei Surveyors nachgekommen. Wir hatten unsern jetzigen Haltepunkt ausgewählt, weil wir auf einem freien Terrain sicherer waren als an einer Stelle, die wir nicht ganz überblicken konnten.

„Wer soll mit den Roten sprechen, wenn sie kommen? Vielleicht ich?“ fragte ich.

„Nein, Sir,“ antwortete Sam. „Ich werde es tun, denn Ihr seid des halbindianischen Mischmasch noch nicht mächtig. Unterstützt mich aber im geeigneten Augenblicke, indem Ihr so tut, als ob Ihr den Häuptling erstechen wolltet.“

Kaum hatte er das gesagt, so hörten wir das Wutgeheul der Kiowas, und einige Augenblicke später sahen wir sie bei dem schon erwähnten Gebüsch erscheinen, welches uns sozusagen als Gardine gedient hatte. Sie kamen um dasselbe herumgesprungen und auf uns zugerannt; da aber der Eine schneller als der Andere war, bildeten sie keinen zusammenhängenden Haufen, sondern eine ziemlich lange Reihe einzelner Läufer. Dies war für uns günstig, weil eine geschlossene Schar nicht so leicht zum Stehen zu bringen gewesen wäre.

Der mutige Sam ging ihnen eine kurze Strecke entgegen und gab ihnen mit beiden Armen das Zeichen, stehen zu bleiben. Ich hörte, daß er ihnen etwas zurief, verstand es aber nicht. Es hatte nicht sofort die beabsichtigte Wirkung, doch als er seinen Ruf noch einige Male wiederholt hatte, sah ich, daß die vordersten Kiowas stehen blieben; die nachfolgenden Roten taten dann dasselbe. Er sprach zu ihnen und deutete dabei wiederholt auf uns. Da forderte ich Stone und Parker auf, den Häuptling stehend aufzurichten, und schwang ein Messer drohend gegen ihn. Die Roten ließen ein Geheul des Schreckens hören.

Sam redete weiter zu ihnen und dann sahen wir, daß einer von ihnen, der ein Unterhäuptling war, sich von der Schar trennte und mit Sam langsamen, würdevollen Schrittes zu uns kam. Als sie uns erreichten, deutete Sam auf unsere drei Gefangenen und sagte zu ihm:

„Du siehst, daß du die Wahrheit von mir gehört hast. Sie befinden sich vollständig in unserer Gewalt.“

Der Unterhäuptling, welchem man den Grimm, der ihn beherrschte, ansah, betrachtete die Drei und antwortete:

„Diese beiden gefesselten roten Krieger befinden sich noch am Leben; der Häuptling aber scheint tot zu sein!“

„Er ist nicht tot. Die Faust Old Shatterhands hat ihn zu Boden gestreckt; da ist die Besinnung von ihm gegangen; sie wird ihm aber zurückkehren. Warte so lange, indem du dich bei uns niedersetzest. Wenn der Häuptling zu sich gekommen ist und wieder sprechen kann, werden wir uns mit euch beraten. Aber sobald einer der Kiowas eine Waffe gegen uns erhebt, fährt das Messer Old Shatterhands in Tanguas Herz; darauf kannst du dich verlassen.“

„Wie dürft ihr die Hand gegen uns erheben, die wir eure Freunde sind!“

„Freunde? Da glaubst du wohl selber das nicht, was du sagst!“

„Ich glaube es. Haben wir nicht die Pfeife des Friedens mit euch geraucht?“

„Ja, aber diesem Frieden ist nicht recht zu trauen.“

„Warum?“

„Ist es Sitte der Kiowas, ihre Freunde und Brüder zu beleidigen?“

„Nein.“

„Nun, euer Häuptling hat Old Shatterhand beleidigt, folglich dürfen wir euch nicht als Brüder betrachten. Schau, er beginnt, sich zu bewegen!“

Tangua, den Stone und Parker wieder niedergelegt hatten, regte sich allerdings; bald schlug er die Augen auf und sah Einen nach dem Andern von uns an, als ob er sich auf das, was geschehen war, besinnen müsse; dann schien ihm das Bewußtsein vollständig zurückzukehren, und er rief aus:

„Uff, uff! Old Shatterhand hat mich niedergeschlagen. Wer fesselte mich?“

„Ich,“ antwortete ich.

„Man nehme mir die Riemen ab; ich befehle es!“

„Vorhin hörtest du nicht auf meine Bitte; nun höre ich nicht auf deinen Befehl. Du hast uns nichts zu befehlen!“

Seine Augen richteten sich mit einem wütenden Blicke auf mich, und er knirschte:

„Schweig, Knabe, sonst zermalme ich dich!“

„Das Schweigen wäre für dich rätlicher als für mich. Du hast mich vorhin beleidigt und wurdest dafür von mir zu Boden geschlagen. Old Shatterhand läßt sich nicht ungestraft eine Kröte und einen weißen Hund nennen. Wenn du nicht höflich wirst, kann es dir noch schlimmer ergehen.“

„Ich verlange, frei zu sein! Wenn du mir nicht gehorchst, werdet ihr von meinen Kriegern von der Erde vertilgt werden!“

„Da würdest du der Erste sein, den das Verderben träfe; denn höre, was ich dir sage: Dort stehen deine Leute; wenn ein Einziger von ihnen den Fuß erhebt, um sich ohne Erlaubnis uns zu nähern, fährt dir diese meine Messerklinge in das Herz. Howgh!“

Ich setzte ihm die Messerspitze auf die Brust. Er mußte einsehen, daß er sich in unserer Gewalt befand; er zweifelte wohl auch nicht daran, daß ich gegebenen Falles meine Drohung wahr machen würde; es trat eine Pause ein, während welcher er uns mit seinen wild rollenden Augen verschlingen zu wollen schien; dann gab er sich Mühe, seinen Zorn zu beherrschen, und fragte in ruhigerem Tone:

„Was willst du denn von mir?“

„Nichts anderes als das, um was ich dich vorhin gebeten habe: Die Apachen sollen nicht am Marterpfahle sterben.“

„Ihr verlangt wohl gar, daß sie überhaupt nicht getötet werden sollen?“

„Tut später mit ihnen, was ihr wollt; aber so lange wir bei euch und ihnen sind, darf ihnen nichts geschehen.“

Wieder ließ er eine Weile schweigend vorübergehen. Trotz der Kriegsfarben, welche sein Gesicht bedeckten, sah man, daß der Ausdruck verschiedener Empfindungen, Zorn, Haß, Schadenfreude, über dasselbe ging. Ich hatte angenommen, daß das Wortgefecht zwischen ihm und mir ein lang anhaltendes sein werde, und glaubte dies auch jetzt noch; darum wunderte ich mich nicht wenig, als er nun sagte:

„Es soll nach deinem Wunsche geschehen; ja, ich will dir noch mehr als ihn erfüllen, wenn du auf den Vorschlag eingehst, den ich dir machen werde.“

„Welcher Vorschlag ist das?“

„Zuvor muß ich dir sagen, daß du ja nicht denken darfst, ich fürchte mich vor deinem Messer. Du wirst dich hüten, mich zu erstechen, denn wenn du dies tätest, so würdet ihr in wenigen Minuten von meinen Kriegern in Stücke zerrissen. Ihr mögt noch so tapfer sein, zweihundert Gegner könnt ihr nicht besiegen. Also deine Drohung, mich zu erstechen, verlache ich. Ich könnte ruhig sagen, daß ich dein Verlangen nicht erfülle, und doch würdest du mir nichts tun. Dennoch sollen die Hunde der Apachen nicht am Marterpfahle sterben; ich verspreche dir sogar, daß wir sie überhaupt nicht töten werden, wenn du darauf eingehst, für sie auf Leben und Tod zu kämpfen.“

„Mit wem?“

„Mit einem meiner Krieger, welchen ich bestimmen werde.“

„Welche Waffe?“

„Nur das Messer. Wenn er dich ersticht, müssen auch die Apachen sterben; erstichst du aber ihn, so bleiben sie leben.“

„Und kommen frei?“

„Ja.“

Ich konnte mir wohl denken, daß er irgend einen Hintergedanken dabei hegte. Wahrscheinlich hielt er mich für den gefährlichsten unter den anwesenden Weißen und wollte mich unschädlich machen; denn es verstand sich ganz von selbst, daß seine Wahl nur auf einen Meister im Messerfechten fallen würde. Dennoch antwortete ich, ohne mich lange zu besinnen:

„Ich bin einverstanden. Wir werden die Bedingungen vereinbaren und die Pfeife des Schwures darüber rauchen; dann kann der Kampf sogleich beginnen.“

„Was fällt Euch ein!“ rief da Sam Hawkens aus. „Ich kann unmöglich zugeben, daß Ihr die Dummheit begeht, auf diesen Kampf einzugehen, Sir!“

„Es ist keine Dummheit, lieber Sam.“

„Die größte, welche es geben kann. Bei einem gerechten und ehrlichen Kampfe müssen die Chancen gleich stehen; dies ist aber hier nicht der Fall.“

„O doch!“

„Nein, ganz und gar nicht. Habt Ihr denn einmal mit irgend einem Menschen mit dem Messer auf Leben und Tod gekämpft?“

„Nein.“

„Da habt Ihr es! Ihr werdet natürlich einen Gegner bekommen, welcher Virtuos im Stechen ist. Und bedenkt die verschiedenen Folgen des Sieges! Werdet Ihr erstochen, so sterben die Apachen auch. Wird aber Euer Gegner erstochen, wer stirbt dann? Kein Mensch!“

„Aber die Apachen erhalten ihr Leben und die Freiheit dazu.“

„Glaubt Ihr das wirklich?“

„Ja, denn es wird mit dem Kalumet beraucht, was als Schwur gilt.“

„Der Teufel traue einem Schwure, bei welchem hundert Hintergedanken zu vermuten sind! Und selbst dann, wenn er ehrlich gemeint ist, seid Ihr ein Greenhorn und“

„Seid still mit Eurem Greenhorn, lieber Sam!“ fiel ich ihm in die Rede. „Ihr habt es ja wiederholt erlebt, daß dieses Greenhorn stets weiß, was es tut.“

Er widersprach trotzdem noch längere Zeit; auch Dick Stone und Will Parker rieten mir ab; ich blieb aber meinem Entschlusse treu, und so rief Sam endlich unmutig aus:

„Nun gut, rennt mit Eurem Dickkopfe meinetwegen durch zehn oder zwanzig Mauern; ich habe nichts mehr dagegen! Aber ich werde aufpassen, daß bei dem Kampfe alles ehrlich zugeht, und wehe dem, der Euch oder überhaupt uns betrügen will! Ich schieße ihn mit meiner Liddy in die Luft, daß er in tausend und abertausend Stücken droben in den Wolken hängen bleibt, wenn ich mich nicht irre!“

Nun wurde Folgendes vereinbart: Es sollte auf einer graslosen Stelle, welche in der Nähe lag, im Sande eine Acht (also 8) gebildet werden, die Zahl, welche aus zwei Schlingen oder Nullen besteht. Jeder der beiden Gegner sollte sich in eine dieser Nullen stellen, aus welcher er während des Kampfes nicht treten durfte. Schonung sollte es nicht geben; Einer von Beiden mußte sterben, doch durfte der Tote nicht von seinen Angehörigen an dem Sieger gerächt werden. Die übrigen Bedingungen und die Folgen des Sieges waren schon festgestellt worden.

Als wir uns hierüber geeinigt hatten, wurden dem Häuptling die Fesseln abgenommen, und ich rauchte das Kalumet mit ihm. Dann ließen wir auch die beiden andern Gebundenen frei, und die vier Roten begaben sich zu ihren Kriegern, um sie von dem zu erwartenden Schauspiele zu benachrichtigen.

Der Oberingenieur und die andern Surveyors machten mir Vorwürfe; ich achtete nicht auf ihre Reden. Auch Sam, Dick und Will waren nicht mit mir einverstanden, doch zankten sie wenigstens nicht mit mir. Hawkens meinte in besorgtem Tone:

„Hättet etwas Besseres tun können, als auf diese Teufelei eingehen, Sir! Aber ich habe es immer gesagt und sage es jetzt wieder: Ihr seid ein leichtsinniger Mensch, ein außerordentlich leichtsinniger Mensch! Was habt Ihr denn eigentlich davon, wenn Ihr erstochen werdet, heh? Sagt mir das doch einmal!“

„Was ich davon habe? Den Tod natürlich, weiter nichts.“

„Weiter nichts? Hört, macht ja nicht auch noch schlechte Witze dazu! Der Tod ist alles, was einem widerfahren kann, denn wenn man gestorben ist, kann einem nichts mehr widerfahren.“

„O doch!“

„So? Was denn zum Beispiele?“

„Man kann begraben werden.“

„Haltet den Schnabel, edler Sir! Wenn Ihr weiter nichts wißt, als mich zu aller Kränkung auch noch zu ärgern, so wollte ich, ich hätte meine Liebe an ein würdigeres Subjekt verschwendet.“

„Kränkt Ihr Euch denn wirklich, lieber Sam?“

„Natürlich kränke ich mich. Fragt doch nicht so dumm! Es ist ja fast sicher, daß Ihr ausgelöscht werdet, vollständig ausgelöscht. Was tue ich dann auf meine alten Tage auf dieser Welt? Heh, was tue ich? Ich muß ein Greenhorn haben, mit dem ich mich zuweilen zanken kann. Was soll aber dann geschehen, und mit wem soll ich mich dann zanken, wenn Ihr erstochen worden seid?“

„Ihr zankt Euch ganz einfach mit einem andern Greenhorn.“

„Das ist leichter gesagt als geschehen, denn so ein ganz und gar ausgemachtes und unverbesserliches Greenhorn, wie Ihr seid, finde ich all mein Lebtage nicht wieder. Aber ich sage Euch, Sir, wenn Euch etwas geschieht, so sollen diese Roten an mich denken! Ich fahre wie ein rasender Uhland mitten unter sie hinein und“

„Roland, Roland muß es heißen, lieber Sam,“ unterbrach ich ihn.

„Ist mir ganz gleich, ob ich dann ein rasender Roland oder Uhland bin; ich lasse es mir aber partout nicht gefallen, daß Ihr erstochen werden sollt. Und, wie ist es denn, Sir, mit Eurer Humanität? Ich weiß, Ihr habt ein gutes Herz und schlagt nicht gern einen Menschen tot. Ihr hegt doch nicht etwa die heimliche Absicht, den Kerl zu schonen, mit dem Ihr kämpfen müßt?“

„Hm, hm!“

„Hm, hm? Hier wird gar nichts gehmhmt! Es geht auf Leben und Tod, Sir!“

„Wenn ich ihn nun bloß verwunde?“

„Das gilt nichts, wie Ihr gehört habt.“

„Ich meine, daß ich ihn so verwunde, daß er nicht weiterkämpfen kann.“

„Gilt ebensowenig; Ihr seid dann nicht Sieger und müßt einen neuen Kampf mit einem Andern beginnen. Ihr habt ja gehört, daß der Besiegte sterben muß, hört Ihr es muß, muß! Wenn es Euch also gelingen sollte, Euren Gegner kampfunfähig zu machen, so müßt Ihr ihn vollends erstechen, ihm den Gnadenstoß geben, sonst gilt es nichts. Macht Euch nur ja kein Gewissen daraus! Wenn Ihr ein tüchtiger Westmann werden wollt, so wird Euer Messer noch manches Stück Menschenfleisch zu kosten bekommen. Denkt, daß diese Kiowas alle räuberische Schufte sind, daß sie die Schuld tragen an allem, was jetzt geschieht, weil sie die Pferde der Apachen stehlen wollten. Wenn Ihr einen solchen Schurken tötet, rettet Ihr so vielen braven Apachen das Leben; wenn Ihr ihn aber schont, so sind sie verloren; das müßt Ihr bedenken, wenn ich mich nicht irre. Nun sagt mir also aufrichtig, ob Ihr wacker draufgehn wollt wie ein richtiger Westmann, der nicht vor Schreck in Ohnmacht fällt, wenn er einen Blutstropfen rinnen sieht. Beruhigt mich, indem Ihr mir dies sagt!“

„Wenn es Euch beruhigt, so seid überzeugt, daß ich nicht nachsichtig sein werde, denn es wird ihm auch nicht einfallen, mich zu schonen. Ich rette dadurch so viele Menschenleben. Es ist ein Zweikampf. Drüben im alten Lande gehen die angesehensten Kavaliere wegen einer Kleinigkeit gegen einander los; hier steht aber mehr auf dem Spiele, und ich habe es nicht mit einem Kavalier, sondern mit einem roten Spitzbuben und Mörder zu tun. Ich verspreche Euch also, daß ich mich gar nicht mit zarten Gedanken und Bedenken herum tragen werde.“

„Schön! Das ist ein Wort, welches ich gelten lasse; ich sehe dem Dinge nun mit größerer Ruhe entgegen; aber dennoch ist es mir, als ob ein Sohn von mir zur Schlachtbank geführt werden solle. Am liebsten würde ich an Eurer Stelle kämpfen. Wollt Ihr mir das nicht überlassen, Sir?“

„Nein, bester Sam. Erstens denke ich, aufrichtig gesagt, daß es besser ist, ein Greenhorn stirbt, als so ein tüchtiger Westmann, wie Ihr seid, und zweitens“

„Haltet abermals den Schnabel! An mir liegt nicht viel, wenn ich alter Kerl sterbe. Aber wenn so ein junger, hoff“

„Nein, haltet Ihr den Mund!“ unterbrach ich ihn so, wie er mich vorher unterbrochen hatte. „Und zweitens wäre es geradezu ehrlos und feig von mir, wenn ich mich zurückziehen und einen Andern an meine Stelle treten lassen wollte. Uebrigens würde der Häuptling das gar nicht zugeben, denn er hat es grad auf mich abgesehen.“

„Das ist es ja grad, was mir nicht in den Kopf will! Er hat es auf Euch abgesehen, partout auf Euch. Ich will hoffen, daß sein Kanoe anders schwimmt, als er zu steuern gedenkt. Paßt auf; dort kommen sie!“

Die Indianer kamen jetzt langsam heranmarschiert. Sie zählten nicht zweihundert, weil eine Anzahl von ihnen als Wächter bei den gefangenen Apachen zurückgeblieben war. Tangua führte sie an uns vorüber bis an die Stelle, welche ich vorhin erwähnte. Dort angekommen, bildeten sie einen Dreiviertelkreis; das vierte Viertel sollten wir Weißen ausfüllen. Wir taten es. Dann winkte der Häuptling. Aus der Reihe der Roten trat ein Krieger von wahrhaft herkulischen Körperformen und legte alle seine Waffen außer dem Messer ab. Dann entkleidete er die obere Hälfte seines Körpers. Wer diese nun enthüllten Muskeln sah, dem mußte um mich angst und bange werden. Der Häuptling führte ihn in die Mitte und verkündete uns mit einer Stimme, aus welcher die Gewißheit des Sieges klang:

„Hier steht Metan-akva, der stärkste Krieger der Kiowas, dessen Messer noch kein Krieger widerstanden hat; der Feind stürzt unter seinem Stiche wie vom Blitz getroffen nieder. Er wird mit Old Shatterhand, dem Bleichgesichte, kämpfen.“

„All devils!“ flüsterte Sam mir zu. „Das ist ein wahrer Goliath! Hört, lieber Sir, es ist aus mit Euch!“

„Pshaw!“

„Unsinn! Bildet Euch nichts ein! Es gibt nur eine Weise, dieses Kerls Herr zu werden.“

„Welche?“

„Laßt Euch auf keinen langen Kampf ein, sondern drückt auf ein rasches Ende, sonst ermüdet er Euch, und Ihr seid verloren. Wie steht es mit Eurem Puls?“

Er faßte mich beim Handgelenk und lauschte; dann fuhr er fort:

„Gott sei Dank, nicht mehr als sechzig Schläge, also ganz regelrecht. Ihr seid nicht aufgeregt? Habt keine Angst?“

„Das fehlte noch! Aufregung und Angst in einer Lage, wo das Leben vom ruhigen Blute und Blicke abhängig ist! Der Name dieses Riesen sagt ebensoviel wie seine Gestalt. Weil er der Stärkste ist und ein unüberwindliches Messer führt, hat mir der Häuptling den Vorschlag gemacht, mit dem Messer für die Apachen zu kämpfen. Werden sehen, ob er wirklich so unüberwindlich ist.“

Ich hatte während dieser leise gesprochenen Worte meinen Oberkörper auch entkleidet. Das war zwar nicht zur Bedingung gemacht worden, aber es sollte nicht die Meinung aufkommen, daß ich in der Kleidung einen, wenn auch noch so geringen Schutz gegen das Messer des Gegners suchen wolle. Den Bärentöter und die Revolver übergab ich Sam; dann trat ich in die Mitte des Kreises vor. Dem guten Hawkens klopfte das Herz überlaut; ich aber fühlte keine Bangigkeit. Getrost sein, das ist das erste Erfordernis in jeder Gefahr.

Nun wurde mit dem Stiele eines Tomahawk eine ziemlich große Acht in den Sand gegraben, worauf der Häuptling uns aufforderte, unsere Plätze einzunehmen. Blitzmesser musterte mich mit einem höchst verächtlichen Blicke und sagte mit lauter Stimme:

„Der Körper dieses schwachen Bleichgesichtes bebt vor Angst. Wird er es wagen, diese Figur zu betreten?“

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so trat ich in die nach Süden liegende Schleife der Acht. Dazu hatte ich zwei Gründe. Ich bekam nämlich dadurch die Sonne in den Rücken, während der Rote, welcher ihr nun das Gesicht zuwenden mußte, von ihr geblendet wurde. Man mag dies eine unehrliche Uebervorteilung nennen; aber er hatte meiner gespottet und gelogen, als er behauptete, daß mein Körper vor Angst bebe; dafür nun dies als Strafe. Das Zartgefühl, ihn in meine Schleife treten zu lassen, wäre hier am ganz unrechten Platze gewesen. Ich sage hier noch einmal, es war schrecklich, daß es auf Tod und Leben ging. Einen Menschen töten zu müssen, ist entsetzlich, aber hier mußte mir die geringste Schonung das Leben kosten, und so war ich fest entschlossen, diesen Simson zu erstechen. Kaltblütig war ich trotz seiner Gestalt und seines imponierenden Namens geblieben, weil ich keinen Grund hatte, mich für einen schlechten Fechter zu halten, obgleich ich jetzt zum erstenmal im Leben einem Menschen mit dem Messer in der Hand gegenüberstand.

„Er wagt es wirklich!“ hohnlachte er. „Mein Messer wird ihn fressen. Der große Geist gibt ihn in meine Hand, indem er ihm den Verstand genommen hat.“

Bei den Indianern sind solche Redevorspiele gebräuchlich; ich wäre für feig gehalten worden, wenn ich geschwiegen hätte; darum antwortete ich:

„Du kämpfest mit dem Munde; ich aber stehe hier mit dem Messer. Nimm deinen Platz ein, wenn du dich nicht fürchtest!“

Da sprang er mit einem Satze in die andere Schlinge der Acht und schrie zornig:

„Fürchten? Metan-akva soll sich fürchten! Habt ihr es gehört, ihr Krieger der Kiowas? Ich werde diesem weißen Hunde mit dem ersten Stiche das Leben nehmen!“

„Mein erster Stich wird dich um das deinige bringen. Nun schweig! Du solltest eigentlich nicht Metan-akva, sondern Avat-ya heißen.“

„Avat-ya, Avat-ya! Dieser stinkige Coyote wagte es, mich zu beschimpfen! Wohlan, die Geier sollen seine Eingeweide fressen!“

Diese letztere Drohung war eine große Unvorsichtigkeit, ja geradezu eine Dummheit von ihm, denn sie machte mich aufmerksam auf die Art und Weise, in welcher er seine Waffe brauchen wollte. Meine Eingeweide! Also wahrscheinlich nicht einen Stich ins Herz, sondern ein Hieb, ein Messerstich von unten herauf, um mir den Leib aufzuschlitzen!

Wir standen so weit auseinander, daß man sich nur wenig vorzubeugen brauchte, um den Gegner mit dem Messer zu erreichen. Er bohrte seinen Blick in mein Auge. Sein rechter Arm hing grad herab; er hielt das Messer so, daß das Heftende am kleinen Finger lag und die Klinge vorn zwischen dem Daumen und dem Zeigefinger hervorragte; diese Klinge war mit der Schärfe der Schneide nach oben gerichtet. Er wollte also wirklich, wie ich vermutet hatte, einen Streich von unten nach oben führen, denn wer von oben nach unten stößt, der hält das Messer grad umgedreht, nämlich so, daß das Heftende beim Daumen liegt und die Klinge am kleinen Finger aus der Faust hervorragt.

Also die Richtung seines Angriffes kannte ich; nun war die Hauptsache die Zeit desselben; die mußte mir das Auge sagen. Ich kannte das eigentümliche, blitzartige Zucken, welches in jedem solchen Falle einen Moment vorher im Auge zu bemerken ist. Ich senkte die Lider, um ihn sicher zu machen, beobachtete ihn aber um so schärfer durch die Wimpern.

„Stich zu, Hund!“ forderte er mich auf.

„Sprich nicht abermals, sondern handle, roter Knabe!“ antwortete ich.

Das war eine große Beleidigung, auf welche entweder eine zornige Antwort oder der Angriff erfolgen mußte; es war das letztere der Fall. Eine blitzartige Erweiterung seiner Pupille verkündigte es mir, und im nächsten Augenblicke stieß er den rechten Arm mit dem Messer kraftvoll vor und nach oben, um mir den Leib aufzuschlitzen. Hätte ich einen Messerstoß von oben herab erwartet, so wäre es um mich geschehen gewesen; so aber parierte ich seinen Schnitt, indem ich ihm meine Klinge gedankenschnell abwärts in den Vorderarm stieß und ihm denselben aufschlitzte.

„Hund, räudiger!“ brüllte er, indem er den Arm zurückzog und vor Schreck und Schmerz das Messer fallen ließ.

„Nicht sprechen, sondern kämpfen!“ antwortete ich abermals, meinen Arm emporwerfend, und dann saß ihm meine Klinge bis an das Heft im Herzen. Ich zog sie augenblicklich wieder heraus. Der Stich saß so gut, daß ein fingerstarker, roter, warmer Blutstrahl auf mich spritzte. Der Riese wankte nur einmal hin und her, wollte schreien, brachte aber bloß einen ächzenden Seufzer hervor und stürzte dann tot zu Boden.

Die Indianer erhoben ein wütendes Geheul; nur einer von ihnen stimmte nicht ein, nämlich Tangua, der Häuptling. Er kam herbei, bückte sich zu meinem Gegner nieder, betastete die Ränder der Stichwunde, richtete sich wieder auf und betrachtete mich mit einem Blicke, den ich lange nicht vergessen konnte. Es lag in demselben ein Gemisch von Wut, Entsetzen, Furcht, Bewunderung und Anerkennung. Dann wollte er sich wortlos entfernen. Da sagte ich:

„Siehst du, daß ich noch auf meinem Platze stehe? Metan-akva aber hat den seinigen verlassen und liegt außerhalb der Figur. Wer hat gesiegt?“

„Du!“ antwortete er wütend und ging fort; aber er hatte vielleicht erst fünf oder sechs Schritte getan, so kehrte er wieder um und zischte mir zu: „Du bist ein weißer Sohn des bösen, schwarzen Geistes. Unser Medizinmann soll dir den Zauber nehmen, und dann wirst du uns dein Leben geben müssen!“

„Tu mit deinem Medizinmanne, was dir beliebt, aber halte nun dein Wort, welches du uns gegeben hast!“

„Welches Wort?“ fragte er höhnisch.

„Daß die Apachen nicht getötet werden.“

„Wir werden sie nicht töten; ich habe es gesagt und halte es.“

„Und sie werden frei sein?“

„Ja, sie sollen ihre Freiheit wieder haben. Was Tangua, der Häuptling der Kiowas, sagt, das geht stets in Erfüllung.“

„So werde ich jetzt mit meinen Freunden gehen, um den Gefangenen die Fesseln abzunehmen.“

„Das tue ich selbst, sobald die Zeit gekommen ist.“

„Sie ist gekommen; sie ist da, denn ich habe jetzt gesiegt.“

„Schweig! Haben wir vorhin über die Zeit gesprochen?“

„Sie wurde nicht besonders erwähnt; aber es versteht sich doch ganz von selbst, daß“

„Schweig!“ donnerte er mich abermals an. „Die Zeit habe ich zu bestimmen. Wir werden die Hunde der Apachen nicht töten; aber was können wir dafür, daß sie sterben, wenn sie nichts zu essen und kein Wasser bekommen? Was kann ich dafür, daß sie eher verhungern und verdürsten, als ich sie freigeben kann!“

„Schuft!“ sagte ich ihm in das Gesicht.

„Hund, sprich noch ein Wort, so“

Er wollte seine Drohung vollends aussprechen, hielt aber inne und starrte mir erschrocken in das Gesicht, dessen Ausdruck ihm wohl nicht behagen mochte. Ich hingegen setzte seine unterbrochene Rede fort:

„so schlage ich dich mit dieser meiner Faust zu Boden, dich, der der schändlichste aller Lügner ist!“

Er fuhr rasch einige Schritte zurück, zog sein Messer und drohte:

„Mit deiner Faust kommst du mir nicht wieder zu nahe. Sobald du so weit zu mir herkämst, daß du mich berühren könntest, würde ich dich niederstechen.“

„Das hat Blitzmesser auch gesagt und gewollt; nun liegt er selber da. Dir würde es ganz ebenso ergehen. Ueber das, was mit den Apachen geschehen soll, werde ich mit meinen weißen Brüdern sprechen. Krümmst du ihnen nur ein Haar, so ist es um dich und all die Deinen geschehen. Du weißt, daß wir euch alle in die Luft sprengen können.“

Erst nach diesen Worten trat ich aus der Acht heraus und ging zu Sam. Dieser hatte wegen des Wehegeschreies der Roten nicht hören können, was zwischen dem Häuptling und mir gesprochen worden war. Er kam mir entgegengesprungen, faßte mich mit beiden Händen und rief in hellem Entzücken:

„Willkommen, willkommen, Sir! Das rufe ich Euch zu, denn Ihr kommt aus dem Reiche des Todes zurück, welchem Ihr unbedingt verfallen waret. Mensch, Freund, Schatz, Jüngling und Greenhorn, was seid Ihr doch für ein Geschöpf! Hat noch keine Büffel gesehen und schießt die stärksten aus der Herde! Hat noch keinen Grizzly gesehen und sticht ihn nieder, wie man in einen Apfel sticht! Hat noch keinen Mustang gesehen und holt mir grad die neue Mary heraus! Und nun hier stellt er sich vor den stärksten und berühmtesten roten Messermann und trifft ihn gleich mit dem ersten Stiche ins Herz, ohne selbst einen einzigen Tropfen Blutes zu verlieren! Dick und Will, kommt doch mal her, und seht euch diesen deutschen Surveyor an! Was soll man aus ihm machen?“

„Einen Gesellen,“ schmunzelte Stone.

„Einen Gesellen? Was meinst du damit?“

„Er hat abermals bewiesen, daß er kein Greenhorn mehr ist, kein Lehrling. Wir wollen ihn zum Gesellen machen; später kann er dann Meister werden.“

„Kein Greenhorn mehr? Zum Gesellen machen? Wenn du wirklich einmal etwas sagen willst, so rede doch wenigstens keine solchen unreifen Preißelbeeren! Der Kerl ist ein Greenhorn durch und durch, sonst hätte er es nicht gewagt, mit diesem gewandten und riesigen Indianer anzubinden, aber leichtsinnige Menschen haben das größte Glück, und die dümmsten Bauern bekommen die größten Kartoffeln, so ist es bei ihm; dumm, leichtsinnig und Greenhorn! Daß er noch lebt, hat er nicht sich, sondern seiner Dummheit zu verdanken, wenn ich mich nicht irre. Als er losging, stand mir das Herz still; ich konnte kaum Atem holen und war allen meinen Gedanken mit dem Testamente dieses Greenhorns beschäftigt. Da, ein Hieb und ein Stoß, und der Rote prasselte zur Erde nieder! Nun haben wir erreicht, was wir wollten, nämlich das Leben und die Freiheit der gefangenen Apachen!“

„Da werdet Ihr Euch wohl irren,“ antwortete ich, ohne ihm wegen der Art und Weise, in der er über mich sprach, zu zürnen.

„Mich irren? Wie so?“

„Der Häuptling hat, als er uns sein Versprechen gab, sich im stillen Vorbehalte gemacht, die er nun zur Geltung bringt.“

„Dachte es mir, daß er Hintergedanken haben würde! Von welchen Vorbehalten redet Ihr denn da?“

Ich wiederholte ihm die Worte Tanguas; er war darüber so erzürnt, daß er augenblicklich zu ihm hinging, um ihn zur Rede zu stellen. Ich benutzte dies, mich wieder anzukleiden und meine Waffen wieder zu mir zu nehmen.

Die Kiowas waren vollständig überzeugt gewesen, daß Blitzmesser mich niederstechen würde. Der so ganz entgegengesetzte Ausgang des Kampfes hatte sie mit Trauer und aber auch mit Wut gegen uns erfüllt. Sie wären gewiß am liebsten über uns hergefallen; das aber durften sie nicht, weil es nicht nur ausgemacht, sondern sogar mit der Friedenspfeife beraucht worden war, daß die Partei des Besiegten den Tod desselben nicht an dem Sieger rächen dürfe. Daran war nun nicht zu rütteln. Jedenfalls aber gedachten sie, bald einen andern Grund zur Feindseligkeit gegen uns zu finden. Sie konnten jetzt noch warten, denn wir waren ihnen sicher. Darum drängten sie einstweilen ihren Grimm zurück und beschäftigten sich mit der Leiche ihres gefallenen Kameraden. Der Häuptling befand sich auch bei derselben, und da läßt es sich denken, daß Sam Hawkens für seine Vorstellungen kein williges oder gar freundliches Gehör fand. Er kehrte höchst verdrießlich zurück und meldete uns:

„Der Kerl will wirklich nicht Wort halten. Er scheint die Gefangenen verschmachten lassen zu wollen. Und das nennt der Schuft nicht töten! Wir werden aber die Augen offen halten, wenn ich mich nicht irre, und ihm doch ein Schnippchen schlagen, hihihihi!“

„Wenn nur dieses Schnippchen uns nicht selbst geschlagen wird!“ bemerkte ich. „Es ist schwer, Andere zu beschützen, wenn man des Schutzes selbst so sehr bedarf.“

„Ich glaube gar, Ihr fürchtet Euch vor diesen Roten, Sir!“

„Pshaw! Daß ich mich nicht fürchte, wißt Ihr ebenso gut wie ich selbst.“

„Mit nur einem Unterschiede. Nämlich da, wo ich mich scheuen würde, geht Ihr dick darauf wie der Ochse auf ein rotes Tuch. Und wo es den eigentlichen richtigen Mut gilt, da zeigt Ihr Bedenklichkeit. Das ist aber stets so Greenhornsweise. Was denkt Ihr denn eigentlich so jetzt in Euern Sinnen?“

„Worüber?“

„Ueber den Messerkampf, den Ihr bestanden habt.“

„Da denke ich, daß Ihr wahrscheinlich mit mir zufrieden sein werdet.“

„Das meine ich nicht. Ich rede von den etwaigen Vorwürfen.“

„Vorwürfe? Wer sollte mir die machen? Etwa Ihr?“

„Mein Himmel, seid Ihr doch schwer von Begriffen! Sagt einmal aufrichtig, Sir, habt Ihr vielleicht da drüben im alten Lande als Mörder irgend eines Menschen auf dem Schafott gestanden?“

„Glaube nicht. Wenigstens ist mir nichts davon erinnerlich,“ antwortete ich auf seine so drastische Frage.

„So habt Ihr also noch niemand umgebracht?“

„Nein.“

„So habt Ihr also heut Euern ersten Totschlag verübt. Wie ist es Euch nun da innerlich zu Mute? Das ist es, was ich wissen wollte.“

„Hm! Ein angenehmes Bewußtsein ist es wahrlich nicht. Es wird mir wohl nicht so leicht wieder geschehen, daß ich einem Menschen das Leben nehme. Es regt sich etwas in meinem Innern, was die größte Aehnlichkeit mit einem bösen Gewissen hat.“

„Bildet Euch nichts ein, und macht Euch keine dummen Gedanken! Es kann Euch, ohne daß Ihr es wollt, hier alle Tage vorkommen, daß Ihr einen Menschen auslöschen müßt, um Euer eigenes Leben zu retten. In einem solchen Falle muß man heavens, da ist ja gleich ein solcher Fall!“ unterbrach er sich. „Da sind wahrhaftig die Apachen schon! Da wird es blutige Köpfe geben. Macht Euch zum Kampfe fertig, Mesch’schurs!“

Es erscholl nämlich von da, wo die Gefangenen sich mit ihren Wächtern befanden, das hoch- und schrilltönende Hiiiiiiiiih, der Kriegsruf der Apachen. Intschu tschuna und Winnetou waren wider alles Erwarten jetzt schon da; sie überfielen das Lager der Kiowas. Diese, welche sich bei uns befanden, horchten erschrocken auf; dann schrie der Häuptling:

„Feinde da unten bei unsern Brüdern! Schnell hin, schnell ihnen zu Hilfe!“

Er wollte fortstürmen; da aber trat ihm Sam Hawkens entgegen und rief:

„Ihr könnt nicht hin; bleibt immer da, denn wir sind jedenfalls auch schon umringt. Oder meint Ihr, die beiden Häuptlinge der Apachen seien so dumm, nur Eure Wächter anzugreifen und nicht zu wissen, wo Ihr Euch befindet? Sie werden in nächsten Augen“

Er hatte schnell und hastig gesprochen, kam aber dennoch nicht zu Ende, denn jetzt erscholl der fürchterliche, durch Mark und Bein schneidende Schlachtruf auch rund um uns her. Wir befanden uns, wie schon erwähnt, zwar auf der offenen Prairie, doch standen auf derselben Büsche zerstreut, hinter welche sich die Apachen, von uns unbemerkt, weil wir so sehr mit uns beschäftigt gewesen waren, so geschlichen hatten, daß wir von ihnen vollständig umzingelt waren. Jetzt kamen sie in hellen Haufen von allen Seiten auf uns zugesprungen. Die Kiowas schossen auf sie und machten auch einige Treffer, doch so wenige, daß dieselben gar nicht zu rechnen waren. Dann waren die Angreifer auch schon dabei.

„Tötet keinen Apachen, ja keinen!“ rief ich Sam, Dick und Will zu; dann tobte aber auch schon der Nahekampf um uns her. Wir Vier beteiligten uns nicht an demselben; der Oberingenieur aber und die drei Surveyors wehrten sich; sie wurden niedergeschossen. Das war entsetzlich. Indem mein Auge an dieser Stelle hing, sah ich nicht, was hinter mir vorging. Wir wurden von da aus von einer bedeutenden Schar angefallen und auseinander gerissen. Zwar riefen wir diesen Leuten zu, daß wir ihre Freunde seien, doch ohne Erfolg; sie drangen mit Messern und Tomahawks auf uns ein, so daß wir uns wehren mußten, obwohl wir eigentlich nicht wollten. Wir schlugen mehrere von ihnen mit dem Kolben nieder, so daß sie Respekt bekamen und von uns ließen.

Diesen freien Augenblick benutzte ich zu einem schnellen Rundblicke. Es gab keinen Kiowa, der nicht mehrere Apachen gegen sich hatte. Sam sah das auch und rief:

„Schnell fort! Dort in die Sträucher hinein!“

Er deutete nach dem schon mehrfach erwähnten Gebüsch, welches uns Deckung gegen das Lager hin gegeben hatte, und rannte demselben zu. Dick Stone und Will Parker folgten ihm. Ich zögerte einige Augenblicke, indem ich nach der Stelle sah, wo sich die Surveyors befunden hatten. Sie waren Weiße, und ich hätte ihnen gern Hilfe gebracht; aber es war zu spät dazu. Darum wendete ich mich nun auch den Büschen zu. Ich hatte sie noch lange nicht erreicht, da sah ich Intschu tschuna bei denselben erscheinen.

Er hatte sich mit Winnetou bei der Abteilung der Apachen befunden, deren Aufgabe der Ueberfall des Lagers und die Befreiung der Gefangenen war. Als sie dies erreicht hatten, waren die beiden Häuptlinge von dort fortgerannt, um nach den Erfolgen der größeren Abteilung zu sehen, mit welcher wir es zu tun hatten. Intschu tschuna war seinem Sohne eine ziemliche Strecke voran. Als er um die Büsche gebogen war, erblickte er mich.

„Der Länderdieb!“ rief er mir entgegen und drang mit seiner umgekehrten Silberbüchse auf mich ein, um mich niederzuschlagen. Ich rief ihm zwar einige erklärende Worte zu, die ihm sagen sollten, daß ich kein Feind von ihm sei; aber er hörte nicht darauf und verdoppelte seine Stöße und Hiebe. Es ging gar nicht anders an, wenn ich nicht schwer verletzt oder gar erschlagen sein wollte, mußte ich ihm wehe tun. Grad als er wieder zum Hiebe ausholte, warf ich meinen Bärentöter, mit welchem ich pariert hatte, weg, hing im nächsten Momente mit der linken Hand an seinem Halse, während ich ihm mit der rechten Faust einige Hiebe gegen die Schläfe versetzte. Er ließ seine Büchse fallen, röchelte kurz auf und fiel dann auf die Erde nieder. Da ertönte hinter mir eine jubelnde Stimme:

„Das ist Intschu tschuna, der oberste der Apachenhunde! Ich muß sein Fell, seinen Skalp haben!“

Mich umdrehend, gewahrte ich Tangua, den Kiowahäuptling, welcher aus irgend einem Grunde dieselbe Richtung wie ich eingeschlagen hatte. Er warf sein Gewehr weg, zog sein Messer und stürzte sich auf den besinnungslosen Apachen, um ihn zu skalpieren. Ich faßte ihn beim Arme und gebot:

„Laß die Hand davon! Den habe ich besiegt; er gehört also nicht dir, sondern mir!“

„Schweig, weißes Ungeziefer!“ antwortete er mir. „Was habe ich nach dir zu fragen. Der Häuptling ist mein! Laß mich los, sonst“

Er stach mit dem Messer nach mir und traf mich in das linke Handgelenk. Ich wollte ihn nicht erstechen und ließ darum mein Messer im Gürtel stecken, warf mich aber auf ihn und gab mir Mühe, ihn wegzuziehen. Da mir dies nicht gelang, drückte ich ihm die Kehle zusammen, bis er sich nicht mehr bewegte; dann beugte ich mich zu Intschu tschuna nieder, dessen Gesicht aus meiner Handwunde mit Blut betropft worden war. In diesem Augenblicke hörte ich ein Geräusch hinter mir und machte eine Wendung, um mich umzusehen. Diese Bewegung rettete mir das Leben, denn ich erhielt auf die Schulter einen fürchterlichen Kolbenhieb, welcher meinem Kopfe gegolten hatte. Wäre dieser getroffen worden, so hätte der Schlag mir den Schädel zerschmettert. Der mir ihn gab, war Winnetou.

Er war, wie bereits erwähnt, hinter seinem Vater zurückgewesen. Um das Gebüsch biegend, sah er mich bei seinem Vater knien, welcher wie leblos lag und mit Blut bespritzt war. Winnetou holte sofort zum tödlichen Kolbenhiebe aus, der aber glücklicherweise nur meine Schulter traf. Dann ließ er sein Gewehr fallen, zog sein Messer und stürzte sich auf mich.

Meine Lage war so schlimm wie möglich. Der Hieb hatte meinen ganzen Körper erschüttert und mir den Arm gelähmt. Ich hätte Winnetou gern eine Erklärung gegeben; aber dies alles ging so schnell, daß gar keine Zeit zu einem Worte vorhanden war. Er holte zum Stoße gegen meine Brust aus, zu einem Stoße, der mir die ganze Klinge in das Herz getrieben hätte. Ich brachte nur eine ganz geringe Körperwendung fertig; das Messer fuhr in meine linke Brusttasche, traf dort die schon erwähnte Sardinenbüchse, in welcher ich meine Papiere verwahrte, glitt an dem Bleche derselben ab und drang mir oberhalb des Halses und innerhalb der Kinnlade in den Mund und durch die Zunge. Dann zog er es wieder heraus und holte, mich mit der linken Hand an der Gurgel packend, zum zweiten Stoße aus. Die Todesangst verdoppelt die Kräfte; ich konnte nur eine Hand, einen Arm brauchen, und er lag von seitwärts her auf mir; es gelang mir eine weitere Wendung; ich faßte seine rechte Hand und preßte diese so zusammen, daß er das Messer vor Schmerz fallen lassen mußte; dann nahm ich schnell seinen linken Arm beim Ellbogen und drückte ihn so nach oben, daß er, wenn er ihn nicht brechen wollte, die Hand von meinem Halse lassen mußte. Nun zog ich die Knie an und schnellte mich mit aller Gewalt empor; er wurde abgeschleudert, so daß er mit dem Vorderleibe die Erde berührte. Im nächsten Augenblicke lag ich ihm so auf dem Rücken wie er vorher auf dem meinigen gelegen hatte.

Jetzt galt es, ihn nieder zu halten, denn wenn er wieder aufkam, war ich verloren. Ein Knie ihm quer über die beiden Oberschenkel und das andere auf den einen Arm setzend, nahm ich ihn mit der einen brauchbaren Hand beim Genick, während er mit seiner andern, freien Hand nach dem entfallenen Messer suchte, glücklicherweise vergeblich. Nun gab es ein wahrhaft satanisches Ringen zwischen uns. Man denke, Winnetou, der nie besiegt worden war und später auch nie wieder besiegt worden ist, mit seiner schlangenglatten Geschmeidigkeit, den eisernen Muskeln und stählernen Flechsen. Jetzt hätte ich Zeit zum Sprechen gehabt; einige Worte hätten zur Aufklärung genügt; aber das Blut schoß mir in Strömen aus dem Munde, und als ich mit der durchstochenen Zunge zu sprechen versuchte, brachte ich nur ein unverständliches Lallen hervor. Er wendete alle seine Kraft an, mich abzuwerfen, und ich lag auf ihm wie ein Alp, der nicht abzuschütteln ist. Er begann zu keuchen und keuchte immer stärker; ich preßte ihm mit den Fingerspitzen den Kehlkopf so fest nach innen, daß ihm der Atem ausging. Sollte er ersticken? Nein, auf keinen Fall! Ich gab also für einen Augenblick seinen Hals frei, worauf er sofort den Kopf hob; das brachte diesen für meine Absicht in die richtige Stellung zwei, drei rasch aufeinander folgende Faustschläge, und Winnetou war betäubt; ich hatte ihn, den Unbesieglichen, besiegt. Denn daß ich ihn schon einmal niedergeschlagen hatte, das war kein Sieg zu nennen, weil kein Kampf vorangegangen war.

Ich holte tief, tief Atem, wobei ich mich in acht nehmen mußte, nicht das Blut zu verschlucken, welches mir den Mund füllte, so daß ich ihn offen halten mußte, damit es Abfluß fand; auch aus der äußeren Wundöffnung floß es in einem beinahe fingerdicken Strahle. Eben wollte ich mich vom Boden erheben, da hörte ich einen zornigen indianischen Ruf hinter mir und bekam einen Kolbenhieb gegen den Kopf, der mich besinnungslos niederstreckte.

Als ich wieder zu mir kam, war es Abend; so lange hatte ich ohne Besinnung gelegen. Zunächst war es mir wie im Traume: Ich war in das tiefe Mauerlager eines Mühlrades gestürzt. Die Mühle ging nicht, weil sich das Rad nicht bewegen konnte, da ich zwischen ihm und der Mauer steckte. Das Wasser rauschte über mir herab, und die Kraft, mit welcher es auf das Rad wirkte, preßte mich fester und fester zusammen, daß ich glaubte, ich würde zermalmt. Alle meine Glieder schmerzten, besonders aber der Kopf und die eine Schulter. Nach und nach erkannte ich, daß dies nicht Wirklichkeit, aber auch nicht Traum war. Das Rauschen und Brausen kam nicht vom Wasser; es wohnte in meinem Kopfe und war die Folge des Kolbenhiebes, welcher mich niedergeworfen hatte. Und die Schmerzen in der Schulter wurden nicht durch ein Mühlenrad verursacht, welches mich zusammenpreßte, sondern durch den Hieb, den ich von Winnetou bekommen hatte. Das Blut lief mir noch immer aus dem Munde; es wollte mir in die Kehle dringen und mich ersticken; ich hörte ein fürchterliches Röcheln und Gurgeln und erwachte vollends. Derjenige, der so geröchelt hatte, war ich selbst.

„Er bewegt sich! Gott sei Dank, er bewegt sich!“ hörte ich Sams Stimme rufen.

„Ja, ich habe es auch gesehen,“ antwortete Dick Stone.

„Jetzt macht er die Augen auf! Er lebt, er lebt!“ fügte Will Parker hinzu.

Ich hatte allerdings die Augen geöffnet. Das, was der erste Blick mir zeigte, war keineswegs tröstlich. Wir befanden uns noch auf dem Platze, wo der Kampf stattgefunden hatte. Es brannten wohl über zwanzig Lagerfeuer, zwischen denen wohl über fünfhundert Apachen sich bewegten. Viele von ihnen waren verwundet. Auch eine bedeutende Anzahl von Toten sah ich in zwei Abteilungen liegen. Die erste Abteilung bestand aus Apachen und die zweite aus Kiowas. Die ersteren hatten elf und die letzteren dreißig ihrer Krieger eingebüßt. Rings um uns lagen die gefangenen Kiowas, alle streng gefesselt. Es war kein einziger entkommen. Auch Tangua, der Häuptling, befand sich unter ihnen. Den Oberingenieur und die drei Surveyors sah ich jetzt nicht. Sie waren niedergemacht worden, weil sie sich unklugerweise gewehrt hatten.

In geringer Entfernung von uns sah ich einen Menschen liegen, dessen Körper ringförmig zusammengezogen war, ungefähr so, wie es früher, in den Zeiten der Tortur, bei der Anwendung des sogenannten spanischen Bockes zu geschehen pflegte. Es war Rattler. Die Apachen hatten ihn krumm geschnürt, um ihm Schmerzen zu bereiten. Er stöhnte, daß es trotz seiner moralischen Verkommenheit zum Erbarmen war. Seine Gefährten lebten nicht mehr. Sie waren gleich beim ersten Angriffe erschossen worden. Ihn hatte man verschont, weil er als der Mörder Klekih-petras für einen langsamern und qualvollern Tod aufgehoben werden sollte.

Auch ich war an Händen und Füßen gefesselt, ebenso Parker und Stone, welche mir zur Linken lagen. Zu meiner Rechten saß Sam Hawkens. Er war an den Füßen gefesselt; seine rechte Hand hatte man ihm auf den Rücken gebunden, die linke aber frei gelassen, damit er, wie ich später erfuhr, mir Hilfe leisten könne.

„Dem Himmel sei Dank, daß Ihr wieder bei Euch seid, lieber Sir!“ sagte er, indem er mir mit der freien Hand liebkosend über das Gesicht strich. „Wie ist es nur gekommen, daß Ihr niedergeschlagen worden seid?“

Ich wollte antworten, konnte aber nicht, weil ich den Mund voll Blut hatte.

„Spuckt es heraus!“ sagte er.

Ich folgte dieser Weisung, brachte aber nur wenige, undeutliche Worte hervor, dann hatte sich der Mund schon wieder mit Blut gefüllt. Infolge dieses großen Blutverlustes war ich zum Sterben matt. Meine Antwort konnte ich nur in kurzen, weit auseinander gedehnten Absätzen geben und zwar so leise, daß Sam sie kaum verstehen konnte:

„Intschu tschuna gekämpft Winnetou dazu Mund gestochen Kolbenhieb auf Kopf von weiß es nicht.“

Die dazwischen liegenden Worte erstickten in dem Blute. Es hatte, wie ich jetzt bemerkte, eine Lache gebildet, in welcher ich lag.

„Alle Wetter! Wer konnte das ahnen! Wir hätten uns ja gern ergeben, aber diese Apachen hörten gar nicht auf unsere Worte. Darum machten wir uns in das Gesträuch hinein, um zu warten, bis ihr Grimm sich gelegt haben würde, wenn ich mich nicht irre. Wir glaubten, Ihr hättet das auch getan, und suchten nach Euch. Als wir Euch aber nicht fanden, kroch ich nach dem Rande des Gesträuches, um nach Euch auszuschauen. Da stand eine heulende Gruppe von Apachen um Intschu tschuna und Winnetou, welche tot zu sein schienen, aber bald zu sich kamen. Ihr lagt, auch wie tot, daneben. Das erschreckte mich so, daß ich sofort hier diesen Will Parker und diesen Dick Stone holte und mit ihnen zu Euch hinlief, um zu sehen, ob vielleicht noch Leben in Euch sei. Wir wurden natürlich gleich festgenommen. Ich sagte Intschu tschuna, daß wir Freunde der Apachen seien und gestern abend die Absicht gehabt hätten, die beiden gefangenen Häuptlinge zu befreien. Er aber lachte mich grimmig aus, und nur Winnetou habe ich es zu verdanken, daß man mir diese eine Hand freigelassen hat. Er ist es auch gewesen, der Euch am Halse verbunden hat, sonst wäret Ihr gar nicht wieder aufgewacht, sondern hättet Ihr Euch verblutet, wenn ich mich nicht irre. Ist der Stich tief eingedrungen?“

„Durch die Zunge,“ lallte ich.

„Alle Teufel! Das ist gefährlich. Werdet da ein Wundfieberchen bekommen, welches ich zwar nicht haben möchte, aber doch lieber auf mich nehmen würde, weil so ein alter Waschbär, wie ich bin, es leichter übersteht als so ein Greenhorn, welches, wie ich vermute, Blut bis jetzt nur in der Wurst gesehen hat. Ihr seid doch nicht etwa noch sonst blessiert?“

„Kolbenhiebe Kopf und Schulter,“ antwortete ich.

„Also niedergeschlagen seid Ihr worden? Ich dachte, der Stich sei allein schuld. Da wird Euch freilich der Kopf verteufelt brummen. Aber das vergeht; die Hauptsache ist, daß das bißchen Verstand, welches Ihr hattet, nicht mit erschlagen worden ist. Die Gefahr, in welcher Ihr schwebt, liegt in der zerstochenen Zunge, die man nicht verbinden kann. Ich werde“

Mehr hörte ich nicht, weil ich jetzt wieder in Ohnmacht fiel.

Als ich aus derselben erwachte, fühlte ich, daß ich mich in Bewegung befand; ich hörte den Huftritt vieler Pferde und schlug die Augen auf. Ich lag man denke sich! auf der Haut des Grizzlybären, den ich erstochen hatte. Sie war in die ungefähre Form einer Hängematte zusammengeschnürt worden und hing zwischen zwei Pferden, die mich auf diese Weise tragen mußten. Ich steckte so tief in dem Felle, daß ich nur die Köpfe dieser beiden Pferde und den Himmel sehen konnte, mehr nicht. Die Sonne warf glühende Strahlen auf mich herab, und brennend, wie flüssiges Blei, flutete es mir in den Adern. Mein Mund war geschwollen und von geronnenem Blute voll. Ich wollte es mit der Zunge ausstoßen, konnte sie aber nicht bewegen.

„Wasser, Wasser!“ wollte ich rufen, denn ich fühlte einen geradezu entsetzlichen Durst, brachte aber keinen Laut, nicht einmal einen hörbaren Hauch hervor. Ich sagte mir, daß es um mich geschehen sei, und wollte, wie jeder Sterbende es soll, an Gott und das, was jenseits dieses Lebens liegt, denken, wurde aber von der Ohnmacht wieder übermannt.

Nachher kämpfte ich mit Indianern, Büffeln und Bären, machte Todesritte durch die ausgedorrten Steppen, schwamm monatelang über uferlose Meere es war im Wundfieber, in welchem ich lange, lange mit dem Tode rang. Zuweilen hörte ich Sam Hawkens‘ Stimme wie aus weiter, weiter Ferne; zuweilen sah ich zwei dunkle, sammetne Augen vor mir, die Augen Winnetous; dann starb ich, wurde in den Sarg gelegt und begraben; ich hörte, daß die Erdschollen auf den Sarg geschaufelt wurden, und lag dann eine ganze, ganze Ewigkeit, ohne mich bewegen zu können, in der Erde, bis auf einmal der Deckel meines Sarges geräuschlos nach oben schwebte und dann verschwand. Ich sah den hellen Himmel über mir; die vier Seiten des Grabes senkten sich. War dies denn wahr? Konnte dies geschehen? Ich fuhr mir mit der Hand nach der Stirn und

„Halleluja, Halleluja! Er erwacht vom Tode; er erwacht!“ jubelte Sam.

Ich wendete den Kopf.

„Seht ihr es, daß er sich mit der Hand nach dem Kopf gegriffen, daß er jetzt sogar den Kopf herumgedreht hat!“ schrie der Kleine.

Er beugte sich über mich. Sein Gesicht strahlte förmlich vor Entzücken; das sah ich, trotzdem der dichte Bartwald es fast ganz bedeckte.

„Seht Ihr mich, Sir, geliebter Sir?“ fragte er. „Ihr habt die Augen geöffnet und Euch bewegt. Ihr lebt also wieder. Seht Ihr mich?“

Ich wollte antworten, konnte aber nicht, erstens vor übergroßer Mattigkeit und zweitens weil die Zunge mir schwer wie Blei im Munde lag. Darum nickte ich.

„Und hört Ihr mich?“ fuhr er fort.

Ich nickte wieder.

„Da seht ihn an seht her seht her!“

Sein Gesicht verschwand und dafür erschienen die beiden Köpfe von Stone und Parker. Die braven Kerls hatten Freudentränen in den Augen. Sie wollten auf mich einsprechen; aber Sam schob sie fort und sagte:

„Laßt mich zu ihm! Ich will mit ihm reden, ich, ich!“

Er nahm meine beiden Hände, drückte diejenige Stelle seines Bartes, unter welcher der Mund zu vermuten war, darauf und fragte:

„Habt Ihr Hunger, Sir? Habt Ihr Durst? Werdet Ihr etwas essen oder trinken können?“

Ich schüttelte den Kopf, denn ich fühlte kein Bedürfnis, irgend etwas zu genießen. Ich lag in einer Schwäche, welche selbst den Genuß eines einzigen Wassertropfens ausschloß.

„Nicht? Wirklich nicht? Herr Gott, ist das denn möglich! Wißt Ihr, wie lange Ihr hier gelegen habt?“

Ich antwortete wieder durch ein leises Schütteln.

„Drei Wochen, volle, ganze drei Wochen! Denkt Euch nur! Ihr wißt jedenfalls auch gar nicht, was nach Eurer Verwundung geschehen ist und wo Ihr Euch befindet. Ihr habt ein fürchterliches Wundfieber gehabt und seid dann in Starrkrampf gefallen. Die Apachen wollten Euch einscharren; aber ich konnte nicht an Euern Tod glauben und habe so lange gebettelt, bis Winnetou mit seinem Vater sprach und dieser die Erlaubnis gab, Euch erst dann zu begraben, wenn die Fäulnis eintreten werde. Das haben wir der Fürsprache Winnetous zu verdanken. Ich muß hin zu ihm, muß ihn holen!“

Ich schloß die Augen und lag nun wieder still, doch nicht im Grabe, sondern in einer seligen Müdigkeit, in einem wonnigen Frieden. Ich wünschte, ewig, ewig so liegen bleiben zu können. Da hörte ich Schritte. Eine Hand betastete mich und bewegte meinen Arm; dann vernahm ich die Stimme Winnetous:

„Hat Sam Hawkens sich nicht geirrt? Ist Selki lata wirklich wach gewesen?“

„Ja, ja. Wir drei haben es ganz deutlich gesehen. Er hat sogar mit Kopfnicken und Schütteln auf meine Fragen geantwortet.“

„So ist ein großes Wunder geschehen. Aber es wäre besser, wenn es nicht geschehen, wenn er tot geblieben wäre. Er ist nur, um zu sterben, in das Leben zurückgekehrt. Er wird mit Euch wieder in den Tod gehen.“

„Aber er ist der beste Freund der Apachen!“

„Er hat mich zweimal niedergeschlagen!“

„Weil er mußte!“

„Er hat nicht gemußt!“

„O doch: Das erstemal tat er es, um dir das Leben zu retten. Du hattest dich gewehrt und wärst von den Kiowas ermordet worden. Und das zweitemal hat er sich gegen dich wehren müssen. Wir wollten uns euch freiwillig ergeben, konnten das aber nicht, weil eure Krieger nicht auf unsere Versicherungen hörten.“

„Das sagt Hawkens nur, um sich zu retten.“

„Nein; es ist die Wahrheit!“

„Deine Zunge lügt. Alles, was du mir erzählt hast, um dem Martertode zu entgehen, hat nur die Folge gehabt, uns zu überzeugen, daß ihr noch größere Feinde von uns waret als selbst die Hunde von Kiowas. Du bist uns entgegengeschlichen und hast uns belauscht. Wärst du unser Freund gewesen, so hättest du uns gewarnt; dann wären wir nicht dort am Wasser überfallen und an die Bäume gebunden worden.“

„Aber ihr hättet den Tod Klekih-petras an uns gerächt, oder, wenn dies aus Dankbarkeit vielleicht nicht geschehen wäre, so hättet ihr uns wenigstens gehindert, unsere Arbeiten fortzusetzen und zu beendigen.“

„Ihr habt dies auch so nicht tun können. Du ersinnst Ausreden, welche ein jedes Kind durchschauen muß. Hältst du Intschu tschuna und Winnetou für so dumm, ja, für noch dümmer als so ein kleines Kind?“

„Das fällt mir ganz und gar nicht ein. Old Shatterhand ist wieder ohnmächtig geworden. Wäre er bei Bewußtsein und könnte er sprechen, so würde er dir mitteilen, daß ich die Wahrheit gesagt habe.“

„Ja, er würde ebenso lügen wie du. Die Bleichgesichter sind alle Lügner und Betrüger. Ich habe nur einen einzigen Weißen gekannt, in dessen Herz die Wahrheit wohnte; dieser war Klekih-petra, den ihr uns ermordet habt. In diesem Old Shatterhand hätte ich mich beinahe getäuscht. Ich sah seine Kühnheit und seine Körperkraft und bewunderte ihn. In seinem Auge schien die Aufrichtigkeit ihren Sitz zu haben, und ich glaubte, ihn lieben zu können. Aber er war genau ein solcher Länderdieb wie die Andern; er verhinderte euch nicht, uns in die Falle zu locken, und hat mir zweimal seine Faust an den Kopf geschlagen. Warum hat der große Geist einen solchen Mann geschaffen und ihm ein so falsches Herz gegeben?“

Ich hatte ihn, als er mich berührte, ansehen wollen; aber der Wille fand bei den matten Bewegungsnerven keinen Gehorsam. Mein Körper schien aus Aether zu bestehen, ja, gar nicht aus durch die Sinne wahrnehmbaren Stoffen zusammengesetzt zu sein und also auch gar nichts Wahrnehmbares vernehmen zu können. Aber jetzt, als ich dieses Urteil Winnetous hörte, gehorchten mir die Augenlider. Sie öffneten sich und ich sah ihn neben mir stehen. Er war jetzt in ein leichtes, leinenes Gewand gekleidet, trug keine Waffe und hielt ein Buch in der Hand, auf dessen Einband in großer Goldschrift das Wort Hiawatha zu lesen war. Dieser Indianer, dieser Sohn eines Volkes, welches man zu den Wilden zählt, konnte also nicht nur lesen, sondern er besaß sogar Sinn und Geschmack für das Höhere. Longfellows berühmtes Gedicht in der Hand eines Apache-Indianers! Das hätte ich mir nie träumen lassen!

„Er hat die Augen wieder offen!“ rief da Sam, und Winnetou drehte sich zu mir um. Er trat wieder zu mir heran, richtete sein Auge lange, lange auf das meinige und fragte dann:

„Kannst du reden?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Hast du Schmerzen im Körper?“

Dieselbe Antwort.

„Sei aufrichtig mit mir! Wenn man vom Tode erwacht, kann man keine Unwahrheit sagen. Habt ihr vier Männer uns wirklich retten wollen?“

Ich nickte zweimal.

Da machte er eine verächtliche Handbewegung und rief im Tone sittlicher Empörung aus:

„Lüge, Lüge, Lüge! Selbst am wieder geöffneten Grabe Lüge! Hättest du mir die Wahrheit gestanden, so wäre mir vielleicht der Gedanke gekommen, daß du anders, daß du besser werden könntest, und ich hätte Intschu tschuna, meinen Vater, gebeten, dir das Leben zu schenken. Aber du bist eine solche Fürbitte nicht wert und mußt sterben. Wir werden dich sehr aufmerksam pflegen, damit du sehr schnell wieder gesund und kräftig wirst, die Qualen, welche deiner warten, lange auszuhalten. Als kranker, schwacher Mann sehr schnell zu sterben, das ist keine Strafe.“

Länger konnte ich die Augen nicht offen halten; ich schloß sie wieder. Hätte ich doch reden können! Sam, der sonst so listige Sam Hawkens, führte unsere Verteidigung in einer nichts weniger als scharfsinnigen Weise; ich hätte ganz anders gesprochen als er. Als ob er diesen meinen Gedanken erraten hätte, stellte er jetzt dem jungen Apachenhäuptlinge vor:

„Aber wir haben dir doch bewiesen, klar und unwiderleglich bewiesen, daß wir auf eurer Seite gewesen sind. Eure Krieger sollten gemartert werden, und um dies zu verhindern, hat Old Shatterhand mit Blitzmesser gekämpft und ihn besiegt. Er hat also sein Leben für euch gewagt und soll nun zum Lohne dafür gemartert werden!“

„Ihr habt mir nichts bewiesen, denn auch diese Erzählung war nichts als Lüge.“

„Frage Tangua, den Häuptling der Kiowas, welcher sich noch in euren Händen befindet!“

„Ich habe ihn gefragt.“

„Was sagte er?“

„Daß du lügst. Old Shatterhand hat nicht mit Blitzmesser gekämpft, sondern dieser ist, als wir euch überfielen, von unsern Kriegern getötet worden.“

„Das ist eine großartige Schlechtigkeit von Tangua. Er weiß, daß wir heimlich auf eurer Seite standen, und will sich nun dafür dadurch rächen, daß er uns in das Verderben bringt.“

„Er hat es mir beim großen Geiste geschworen, also glaube ich ihm und nicht euch. Ich sage dir dasselbe, was ich soeben Old Shatterhand gesagt habe: Würdet ihr ein offenes Geständnis abgelegt haben, so hätte ich für euch gebeten. Klekih-petra, welcher mein Vater, Freund und Lehrer gewesen ist, hat die Gesinnung des Friedens und der Milde in mein Herz gelegt. Ich trachte nicht nach Blut, und mein Vater, der Häuptling, tut stets, um was ich ihn bitte. Darum haben wir von allen den Kiowas, welche wir noch immer hier gefangen halten, noch keinen getötet; sie mögen das, was sie getan haben, nicht mit ihrem Leben, sondern mit Pferden und Waffen, Zelten und Decken bezahlen. Wir sind mit ihnen noch nicht ganz einig über den Preis, doch wird der Abschluß bald zustande kommen. Rattler ist Klekih-petras Mörder, er muß sterben. Ihr seid seine Genossen, dennoch würden wir vielleicht Nachsicht haben, wenn ihr aufrichtig wäret; da ihr dies aber nicht seid, so werdet ihr sein Schicksal teilen.“

Das war ein lange Rede, so lang, wie ich aus dem Mund des schweigsamen Winnetou später nur selten und nur bei den wichtigsten Veranlassungen wieder eine gehört habe. Unser Schicksal lag ihm also wohl mehr am Herzen, als er eingestehen wollte.

„Wir können uns doch unmöglich als eure Feinde erklären, wenn wir eure Freunde sind,“ entgegnete Sam.

„Schweig! Ich sehe ein, daß du mit dieser großen Lüge auf den Lippen sterben wirst. Wir haben euch bisher mehr Freiheit gelassen als den andern Gefangenen, damit ihr diesem Old Shatterhand Hilfe leisten konntet. Ihr seid dieser Nachsicht nicht wert und werdet von jetzt an strenger gehalten werden. Der Kranke braucht euch nicht mehr. Folgt mir jetzt! Ich werde euch den Ort anweisen, den ihr nun nicht mehr verlassen dürft.“

„Das nicht, Winnetou, nur das nicht!“ rief Sam erschrocken aus. „Ich kann mich unmöglich von Old Shatterhand trennen!“

„Du kannst es, denn ich befehle es dir! Was ich will, das wird geschehen!“

„Aber wir bitten dich, uns wenigstens“

„Still!“ unterbrach ihn der Apache im strengsten Tone. „Ich will kein Wort dagegen hören! Werdet ihr mit mir gehen, oder soll ich euch durch meine Krieger binden und fortschaffen lassen?“

„Wir befinden uns in eurer Gewalt und sind also gezwungen, zu gehorchen. Wann dürfen wir Old Shatterhand wiedersehen?“

„Am Tage eures und seines Todes.“

„Eher nicht?“

„Nein.“

„So laß uns, ehe wir dir jetzt folgen, von ihm Abschied nehmen!“

Er ergriff meine Hände, und ich fühlte seinen Bartwald auf meinem Gesichte, denn er gab mir einen Kuß auf die Stirn. Parker und Stone taten ebenso; dann gingen sie mit Winnetou fort, und ich lag einige Zeit allein, bis einige Apachen kamen und mich forttrugen, wohin, das wußte ich nicht, da ich zu schwach war, die Augen noch einmal aufzuschlagen. Noch indem sie mich trugen, schlief ich wieder ein.

Wie lange ich da geschlafen habe, weiß ich nicht. Es war der Genesungsschlaf, welcher immer tief zu sein und sehr lange zu währen pflegt. Als ich erwachte, wurde es mir gar nicht schwer, die Augen zu öffnen, und ich war bei weitem nicht mehr so schwach wie vorher. Ich konnte die Zunge einigermaßen bewegen und mit dem Finger in den Mund langen, um diesen von dem geronnenen Blute und von dem Wundeiter zu reinigen.

Ich befand mich zu meinem Erstaunen in einem gemachähnlichen, viereckigen Raume, dessen Seiten aus steinernen Mauern bestanden. Er erhielt sein Licht durch die Eingangsöffnung, welche durch keine Türe verschlossen war. Mein Lager befand sich in der hintern Ecke. Man hatte da mehrere Grizzlybärenfelle übereinander gelegt und eine sehr schöne, indianische Santillodecke über mich gebreitet. In der Ecke neben der Türe saßen zwei Indianerinnen, jedenfalls mir zur Pflege und zugleich Bewachung, eine alte und eine junge. Die alte war häßlich, wie die meisten alten, roten Squaws, was eine Folge der Ueberanstrengung ist, da die Frauen alle selbst die schwersten Arbeiten verrichten müssen, während die Männer nur dem Kriege und der Jagd leben und die übrige Zeit untätig verbringen. Die junge war schön, sogar sehr schön. Europäisch gekleidet, hätte sie gewiß in jedem Salon Bewunderung erregt. Sie trug ein langes, hellblaues, hemdartiges Gewand, welches den Hals eng umschloß und an der Taille von einer Klapperschlangenhaut als Gürtel zusammengehalten wurde. Es war an ihr kein Schmuckgegenstand zu sehen, etwa Glasperlen oder billige Münzen, mit denen die Indianerinnen sich so gern behängen. Ihr einziger Schmuck bestand aus ihrem langen, herrlichen Haare, welches in zwei starken, bläulich schwarzen Zöpfen ihr weit über die Hüften herabreichte. Dieses Haar erinnerte mich an dasjenige von Winnetou. Auch ihre Gesichtszüge waren den seinigen ähnlich. Sie hatte dieselbe Sammetschwärze der Augen, welche unter langen, schweren Wimpern halb verborgen lagen, wie Geheimnisse, welche nicht ergründet werden sollen. Von indianisch vorstehenden Backenknochen war keine Spur. Die weich und warm gezeichneten vollen Wangen vereinigten sich unten in einem Kinn, dessen Grübchen bei einer Europäerin auf Schelmerei hätte schließen lassen. Sie sprach, jedenfalls um mich nicht aus dem Schlaf zu wecken, leise mit der Alten, und als sie dabei den schön geschnittenen Mund zu einem Lächeln öffnete, blitzten die Zähne wie reinstes Elfenbein zwischen den roten Lippen hervor. Die feingeflügelte Nase hätte weit eher auf griechische als auf indianische Abstammung deuten können. Die Farbe ihrer Haut war eine helle Kupferbronze mit einem Silberhauch. Dieses Mädchen mochte achtzehn Jahre zählen, und ich wäre jede Wette darauf eingegangen, daß es die Schwester Winnetous sei.

Diese beiden Squaws waren damit beschäftigt, einen weißgegerbten Ledergürtel mit roten Stichen und Arabesken zu verzieren.

Ich richtete mich auf, jawohl, ich richtete mich auf, und dies wurde mir gar nicht sehr schwer, während ich, ehe ich zum letztenmale eingeschlafen war, vor Schwäche nicht einmal die Augen hatte öffnen können. Die Alte hörte diese meine Bewegung, sah zu mir her und rief, indem sie auf mich deutete:

„Uff! Aguan inta-hinta!“

Uff ist der Ausruf des Erstaunens, und aguan inta-hinta heißt: er ist munter. Das Mädchen blickte von ihrer Arbeit auf und erhob sich, als sie mich sitzen sah, um sich mir zu nähern.

„Du bist wach geworden,“ sagte sie zu meinem Erstaunen in einem ziemlich geläufigen Englisch. „Hast du einen Wunsch?“

Ich öffnete wohl den Mund, um zu antworten, schloß ihn aber wieder, denn es fiel mir ein, woran ich nicht gedacht hatte, nämlich, daß ich nicht sprechen konnte. Aber ich hatte mich aufsetzen können, da war es vielleicht möglich, daß es auch mit der Sprache besser ging. Ich machte also den Versuch und antwortete:

„Ja; ich habe sogar mehrere Wünsche.“

Wie froh war ich, als ich meine Stimme hörte. Sie klang mir freilich fremd; die Worte kamen gepreßt und pfeifend heraus; sie verursachten mir im hintern Munde Schmerzen; aber es waren doch eben wieder Worte, nachdem ich drei Wochen lang zu keiner Silbe fähig gewesen war.

„Sprich leise, oder nur durch Zeichen,“ sagte sie. „Nscho-tschi hört, daß dich das Reden schmerzt.“

„Nscho-tschi ist dein Name?“ sagte ich.

„Ja.“

„So danke dem, der ihn dir gegeben hat. Du konntest keinen passenderen bekommen, denn du bist wie ein schöner Frühlingstag, an welchem die ersten Blumen des Jahres zu duften beginnen.“

Nscho-tschi heißt nämlich schöner Tag. Sie errötete leicht und erinnerte mich:

„Du wolltest mir deine Wünsche sagen.“

„Sage mir vorher, ob du vielleicht meinetwegen hier bist!“

„Ja, denn ich habe den Befehl erhalten, dich zu pflegen.“

„Von wem?“

„Von Winnetou, der mein Bruder ist.“

„Ich dachte es mir, denn du siehst diesem jungen, tapfern Krieger außerordentlich ähnlich.“

„Du hast ihn töten wollen!“

Das klang halb wie eine Behauptung und halb wie eine Frage. Sie blickte mir dabei so forschend in die Augen, als ob sie mein ganzes Innere ergründen wolle.

„Nein,“ entgegnete ich.

„Er glaubt das nicht und hält dich für seinen Feind. Du hast ihn, den noch keiner überwinden konnte, zweimal zu Boden geschlagen!“

„Einmal, um ihn zu retten, und das andere Mal, weil er mich töten wollte. Ich habe ihn lieb gehabt, gleich als ich ihn zum erstenmal sah.“

Wieder ruhte ihr dunkles Auge längere Zeit auf meinem Angesichte; dann sagte sie:

„Er glaubt euch nicht, und ich bin seine Schwester. Hast du Schmerzen im Munde?“

„Jetzt nicht.“

„Wirst du schlingen können?“

„Ich möchte es versuchen. Darfst du mir Wasser zum Trinken geben?“

„Ja, und auch zum Waschen; ich werde dir welches holen.“

Sie ging mit der Alten fort. Was war das? Wie sollte ich es mir deuten? Winnetou hielt uns für seine Feinde, schenkte unsern Beteuerungen vom Gegenteil keinen Glauben und hatte mich doch der Pflege seiner eigenen Schwester übergeben! Der Grund dazu wurde mir vielleicht später klar.

Nach einiger Zeit kamen die beiden Squaws zurück. Die jüngere hatte ein tassenähnliches Gefäß aus braunem Ton in der Hand, wie die Pueblo-Indianer sie zu fertigen pflegen. Es war mit kühlem Wasser gefüllt. Sie hielt mich für noch zu schwach, ohne Hilfe zu trinken, und gab es mir deshalb an den Mund. Das Schlingen wurde mir schwer, sehr schwer und machte mir große Schmerzen; aber es ging, es mußte gehen; ich trank in kleinen Schlucken und großen Pausen, so lange, bis das Gefäß leer war.

Wie erquickte mich das! Nscho-tschi mochte mir das ansehen, denn sie sagte:

„Das hat dir wohl getan. Ich werde dir später noch etwas Anderes bringen. Du mußt viel Durst und Hunger haben. Willst du dich waschen?“

„Ob ich es können werde?“

„Versuche es!“

Die Alte hatte eine ausgehöhlte Kürbishälfte voll Wasser gebracht. Nscho-tschi setzte es mir neben das Lager und gab mir ein handtuchähnliches Geflecht aus feinem, weichem Bast. Ich versuchte es, aber es ging nicht; ich war noch zu schwach. Da tauchte sie einen Zipfel des Geflechtes in das Wasser und begann, mir das Gesicht und die Hände zu reinigen, sie, dem vermeintlichen Todfeinde ihres Bruders und Vaters. Als sie fertig war, fragte sie mich mit einem leisen, aber sichtbar mitleidigen Lächeln:

„Bist du stets so hager gewesen wie jetzt?“

Hager? Ach, daran hatte ich noch gar nicht gedacht! Drei lange Fieberwochen und dabei den Wundstarrkrampf, welcher fast stets tödlich zu verlaufen pflegt! Dazu keinen Bissen gegessen und keinen Tropfen getrunken! Das konnte natürlich nicht ohne Wirkung geblieben sein. Ich befühlte meine Wangen und antwortete dann:

„Ich bin nie hager gewesen.“

„So sieh einmal dein Bild im Wasser hier!“

Ich schaute in den Kürbis und fuhr erschrocken zurück, denn es blickte mir aus dem Wasser der Kopf eines Gespenstes, eines Skeletts entgegen.

„Welch ein Wunder, daß ich noch lebe!“ rief ich aus.

„Ja, Winnetou sagte das auch. Du hast sogar den langen Ritt hierher überstanden. Der große, gute Geist hat dir einen außerordentlich starken Körper gegeben, denn ein Anderer hätte es nicht fünf Tage unterwegs ausgehalten.“

„Fünf Tage? Wo befinden wir uns?“

„In unserm Pueblo am Rio Pecos.“

„Sind alle eure Krieger, die uns gefangen nahmen, hierher zurückgekehrt?“

„Ja, alle. Sie wohnen in der Nähe des Pueblo.“

„Und die gefangenen Kiowas sind auch da?“

„Auch. Eigentlich sollten sie getötet werden. Jeder andere Stamm würde sie zu Tode martern, aber der gute Klekih-petra ist unser Lehrer gewesen und hat uns über die Güte des großen Geistes belehrt. Wenn die Kiowas einen Preis der Sühne zahlen, dürfen sie heimkehren.“

„Und meine drei Gefährten? Weißt du, wo sie sich befinden?“

„Sie sind in einem ähnlichen Raume wie dieser hier, der aber finster ist, angebunden.“

„Wie geht es ihnen?“

„Sie leiden keine Not, denn wer am Marterpfahle sterben soll, muß kräftig sein, daß er viel aushalten kann, sonst ist es keine Strafe für ihn.“

„Also sie sollen sterben wirklich sterben?“

„Ja.“

„Auch ich?“

„Auch du!“

In dem Tone, in welchem sie dies sagte, lag nicht eine Spur von Bedauern. War dieses schöne Mädchen so gefühllos, daß die qualvolle Ermordung eines Menschen sie gar nicht berührte?

„Sage mir, ob ich sie vielleicht einmal sprechen kann?“ bat ich.

„Das ist verboten.“

„Auch nicht bloß einmal sehen, nur von weitem?“

„Auch das nicht.“

„So darf ich ihnen aber doch wenigstens eine Botschaft senden?“

„Auch das ist untersagt.“

„Ihnen nur sagen lassen, wie ich mich befinde?“

Sie überlegte eine kleine Weile und antwortete dann:

„Ich will Winnetou, meinen Bruder, darum bitten, daß sie zuweilen erfahren, wie es dir geht.“

„Wird Winnetou einmal zu mir kommen?“

„Nein.“

„Aber ich habe mit ihm zu sprechen!“

„Er nicht mit dir.“

„Was ich ihm zu sagen habe, ist sehr notwendig.“

„Für ihn?“

„Für mich und meine Gefährten.“

„Er wird nicht kommen. Soll vielleicht ich es ihm sagen, wenn es etwas ist, was du mir anvertrauen kannst?“

„Nein; ich danke dir! Ich könnte es dir wohl sagen; ich könnte dir überhaupt alles, alles anvertrauen; aber wenn er zu stolz ist, mit mir zu sprechen, so habe auch ich meinen Stolz, nicht durch einen Boten mit ihm zu reden.“

„Du wirst ihn nicht eher als am Tage deines Todes sehen. Wir werden jetzt gehen. Wenn du etwas wünschest oder brauchst, so gieb ein Zeichen. Wir hören es, und es wird dann sogleich jemand kommen.“

Sie zog ein kleines, tönernes Pfeifchen aus der Tasche und gab es mir; dann entfernte sie sich mit der Alten.

War es nicht eine ganz abenteuerliche Lage, in der ich mich befand? Ich lag todkrank und sollte gut gepflegt werden, um dann gute Kräfte zum langsamen Sterben zu haben! Der, welcher meinen Tod forderte, ließ mich durch seine Schwester pflegen und nicht etwa durch eine alte, unsaubere, häßliche Indianersquaw!

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß mein Gespräch mit Nscho-tschi nicht so glatt verlief, wie es sich lesen läßt. Das Reden machte mir Schwierigkeit und war mit ziemlich großen Schmerzen verbunden; ich sprach also sehr langsam und mußte oft innehalten, um auszuruhen. Das ermattete mich, und darum schlief ich ein, als Schöner Tag sich entfernt hatte.

Als ich einige Stunden darauf erwachte, hatte ich großen Durst und einen wahrhaft bärenmäßigen Appetit. Ich versuchte das Zaubermittel und blies in das Pfeifchen. Augenblicklich erschien die Alte, welche draußen vor der Tür gesessen haben mußte, steckte den Kopf herein und sprach eine Frage aus. Ich verstand nur die Worte ischha und ischtla, wußte aber nicht, was sie bedeuteten. Sie hatte mich gefragt, ob ich essen oder trinken wolle. Ich machte das Zeichen des Trinkens und des Kauens, worauf sie verschwand. Kurze Zeit darauf kam Nscho-tschi mit einer tönernen Schüssel und einem Löffel. Sie kniete neben meinem Lager nieder und gab mir löffelweise zu essen, wie einem Kinde, welches noch nicht selbstständig essen kann. Die wilden Indianer führen derartige Gefäße und Geräte nicht; der tote Klekih-petra war auch hierin der Lehrer der Apachen gewesen.

Die Schüssel enthielt eine sehr konsistente Fleischbrühe mit Maismehl, welches die Indianerinnen derart bereiten, daß sie die Maiskörner mühsam zwischen Steinen zerstoßen und zerreiben. Für den Haushalt Intschu tschunas aber hatte Klekih-petra zu diesem Zwecke eine Handmühle gebaut, die mir später als eine große Sehenswürdigkeit gezeigt wurde.

Das Essen wurde mir natürlich noch viel schwerer als das Trinken; ich konnte die Schmerzen kaum aushalten und hätte bei jedem Löffel laut aufschreien mögen; aber die Natur verlangte Speise, und wenn ich nicht verhungern wollte, so mußte ich etwas genießen. Darum gab ich mir Mühe, von der Qual, welche ich hatte, nichts merken zu lassen, konnte aber nicht verhindern, daß mir das Wasser dabei aus den Augen lief. Nscho-tschi bemerkte dies gar wohl und sagte, als ich den letzten Löffel voll glücklich überwunden hatte:

„Du bist zum Umfallen schwach, aber dennoch ein starker Mann, ein Held. Wärest du doch als Apache und nicht als lügenhaftes Bleichgesicht geboren!“

„Ich lüge nicht; ich lüge nie; das wirst du schon noch einsehen!“

„Ich möchte es dir sehr gern glauben; aber es gab nur ein einziges Bleichgesicht, welches die Wahrheit redete; das war Klekih-petra, den wir alle liebten. Er war mißgestaltet, hatte aber einen hellen Geist und ein gutes, schönes Herz. Ihr habt ihn ermordet, ohne daß er euch beleidigte; dafür werdet ihr sterben müssen und mit ihm begraben werden.“

„Wie? Er ist noch nicht begraben?“

„Nein.“

„Aber seine Leiche kann sich doch unmöglich so lange gehalten haben!“

„Er liegt in einem festen Sarge, durch welchen keine Luft zu dringen vermag. Du wirst diesen Sarg kurz vor deinem Tode zu sehen bekommen.“

Nach dieser tröstlichen Versicherung entfernte sie sich. Es ist doch für einen, der zu Tode gemartert werden soll, eine ungeheure Beruhigung, vorher den Sarg eines Andern ansehen zu dürfen! Uebrigens dachte ich jetzt noch gar nicht im Ernste an meinen Tod. Ich war im Gegenteile überzeugt, daß ich leben bleiben würde; ich besaß ja ein unfehlbares Mittel, unsere Unschuld zu beweisen, nämlich die Haarlocke, welche ich Winnetou, als ich ihn befreite, abgeschnitten hatte.

Aber besaß ich sie wirklich noch? Hatte man sie mir nicht abgenommen? Ich erschrak, als ich mir diese Frage stellte; ich hatte während der kurzen Augenblicke, in denen ich wach gewesen war, gar nicht daran gedacht, daß die Indianer ihre Gefangenen auszuplündern pflegen. Ich mußte also meine Taschen untersuchen.

Ich trug noch meinen vollständigen Anzug, von welchem man mir kein Stück genommen hatte. Was das heißt, drei Wochen lang in einem solchen Anzuge im Wundfieber zu liegen, das kann man sich wohl denken. Es gibt Verhältnisse, die man zwar durchmachen und erleben kann, niemals aber in einem Buche miterzählen darf. Der Leser eines solchen Buches beneidet wohl einen solchen weitgereisten, vielerfahrenen Mann, würde sich aber, wenn er die mit Schweigen übergangenen Nebendinge erführe, sehr hüten, in seine Fußstapfen zu treten. Wie oft bekomme ich Briefe von begeisterten Lesern meiner Werke, in denen sie mich benachrichtigen, daß sie ähnliche Reisen unternehmen wollen. Sie fragen mich nach den Kosten, nach der Ausrüstung, wenige aber auch nach den Kenntnissen, welche dazu gehören, und nach den Sprachen, die man vorher zu lernen hat. Diese abenteuerlichen Herren kuriere ich mit untrüglicher Sicherheit durch meine aufrichtigen Antworten, in denen ich den Vorhang von jenen verschwiegenen Dingen ziehe.

Also, ich untersuchte meine Taschen und fand zu meinem freudigen Erstaunen, daß ich noch alles, alles besaß; man hatte mir nur die Waffen abgenommen. Ich zog die Sardinenbüchse hervor; meine Aufzeichnungen befanden sich noch drin und zwischen ihnen die Locke Winnetous. Ich steckte sie wieder ein und legte mich beruhigt nieder, um wieder einzuschlafen. Kaum war ich gegen Abend wieder erwacht, so erschien, ohne daß ich das Zeichen gegeben hatte, Nscho-tschi und brachte mir wieder Essen und frisches Wasser. Ich aß diesmal ohne ihre Hilfe und legte ihr dabei verschiedene Fragen vor, welche sie je nach dem Inhalte derselben beantwortete oder nicht. Es waren ihr natürlich Verhaltungsmaßregeln gegeben worden, nach denen sie sich streng zu richten hatte. Es gab da vieles, was ich nicht wissen durfte. Ich fragte sie auch, warum ich nicht ausgeplündert worden sei.

„Winnetou, mein Bruder, hat es so befohlen,“ antwortete sie.

„Weißt du den Grund davon?“

„Nein; ich habe nicht gefragt. Aber etwas Anderes, Besseres kann ich dir sagen.“

„Was?“

„Ich war bei den drei Bleichgesichtern, die mit dir gefangen worden sind.“

„Du selbst?“ fragte ich erfreut.

„Ja. Ich wollte ihnen sagen, daß du dich besser fühlst und bald wieder gesund sein wirst. Da bat mich der, welcher Sam Hawkens hieß, dir etwas zu geben, was er während der drei Wochen, in denen er dich pflegte, für dich angefertigt hat.“

„Was ist es?“

„Ich habe Winnetou gefragt, ob ich es dir bringen darf, und er hat es erlaubt. Hier ist es. Du mußt ein starker und kühner Mann sein, daß du es wagest, den grauen Bären bloß mit dem Messer anzugreifen. Sam Hawkens hat es mir erzählt.“

Sie gab mir eine Kette, welche Sam von den Zähnen und Krallen des Grizzly angefertigt hatte; die beiden Ohrenspitzen waren auch dabei.

„Wie hat er das machen können?“ fragte ich verwundert. „Doch nicht mit den Händen allein. Hat man ihm sein Messer und sein anderes Eigentum gelassen?“

„Nein, du bist der Einzige, dem man nichts genommen hat. Aber er sagte meinem Bruder, daß er diese Kette machen wolle, und bat sich die Krallen und Zähne des Bären zurück. Winnetou erfüllte ihm diesen Wunsch und gab ihm auch die Gegenstände, welche zur Anfertigung der Kette nötig waren. Trage sie gleich heute, denn du wirst dich nicht lange über sie freuen können.“

„Wohl weil ich nun bald sterben muß?“

„Ja.“

Sie nahm mir die Kette aus der Hand und legte sie mir um den Hals. Ich habe sie von diesem Tage an stets getragen, so oft ich im wilden Westen war, und antwortete jetzt der schönen Indianerin:

„Dieses Andenken konntest du mir auch später bringen. Es eilt nicht so, denn ich werde es hoffentlich noch viele Jahre tragen.“

„Nein, nur kurze, sehr kurze Zeit.“

„Glaube das nicht! Eure Krieger werden mich nicht töten!“

„Gewiß! Es ist im Rate der Alten beschlossen.“

„So werden sie anders beschließen, wenn sie hören, daß ich unschuldig bin.“

„Das glauben sie nicht!“

„Sie werden es glauben, denn ich kann es ihnen beweisen.“

„Beweise es, beweise es! Ich würde mich sehr, sehr freuen, wenn ich hörte, daß du kein Lügner und kein Verräter bist! Sage mir, womit du es beweisen kannst, damit ich es Winnetou, meinem Bruder, mitteile!“

„Er mag zu mir kommen, um es zu erfahren.“

„Das tut er nicht.“

„So erfährt er es nicht. Ich bin nicht gewöhnt, mir Freundschaft zu erbetteln oder durch Boten mit jemand zu verkehren, der selber zu mir kommen kann.“

„Was seid ihr Krieger doch für harte Leute! Ich hätte dir so gern die Verzeihung Winnetous gebracht; du wirst sie aber nicht erhalten.“

„Verzeihung brauche ich nicht, denn ich habe nichts getan, was mir vergeben werden müßte. Aber um einen andern Gefallen werde ich dich bitten.“

„Um welchen?“

„Falls du wieder zu Sam Hawkens kommen solltest, so sage ihm, daß er keine Sorge zu haben brauche. Sobald ich mich von meiner Krankheit erholt habe, werden wir frei sein.“

„Das glaube ja nicht! Diese Hoffnung wird dir nicht in Erfüllung gehen.“

„Es ist keine Hoffnung, sondern eine vollständige Gewißheit. Du wirst mir später sagen, daß ich recht gehabt habe.“

Der Ton, in welchem ich dies sagte, war so überzeugt, daß sie es aufgab, mir zu widersprechen. Sie ging.

Mein Gefängnis lag also am Pecosflusse, jedenfalls in einem Nebentale desselben, denn wenn ich durch die Tür blickte, so fiel mein Auge auf die gegenüberliegende Felswand, die gar nicht weit entfernt war, während das Tal des Rio Pecos viel breiter sein mußte. Gern hätte ich das Pueblo, in oder auf welchem ich mich befand, gesehen; aber ich konnte nicht vom Lager auf, und selbst wenn ich stark genug zum Gehen gewesen wäre, wußte ich nicht, ob es mir erlaubt war, den Raum zu verlassen, in welchem ich mich befand.

Als es dunkel wurde, kam die Alte und setzte sich in die Ecke. Sie brachte eine Lampe mit, welche aus einem kleinen ausgehöhlten Kürbis bestand und die ganze Nacht brannte. Diese Alte hatte die gröberen Arbeiten zu verrichten, während Nscho-tschi, um mich so auszudrücken, das Prinzip der Gastlichkeit vertreten sollte.

Ich tat die ganze Nacht hindurch wieder einen tiefen, kräftigenden Schlaf und fühlte mich am andern Morgen stärker als am vorhergehenden Tage. Heut bekam ich nicht weniger als sechsmal zu essen, immer dicke Fleischbrühe mit Maismehl; das war ebenso nahrhaft wie leichtverdaulich und wurde auch die nächsten Tage und so lange fortgesetzt, bis ich besser schlingen und also festere Nahrung, besonders Fleisch, zu mir nehmen konnte.

Mein Zustand verbesserte sich von Tag zu Tag. Das Skelett bekam wieder Muskeln, und die Geschwulst im Munde nahm stetig ab. Nscho-tschi blieb ganz dieselbe, immer freundlich besorgt und dabei überzeugt, daß mir der Tod immer näher rücke. Später bemerkte ich, daß ihr Auge, wenn sie sich unbeachtet glaubte, mit einem wehmütigen, still fragenden Blicke auf mir ruhte. Es schien, daß sie begann, mich zu bedauern. Ich hatte ihr also unrecht getan, als ich annahm, daß sie kein Herz besitze. Ich fragte sie, ob es mir erlaubt sei, meinen Kerker, dessen Tür stets offen stand, zu verlassen; sie verneinte dies und teilte mir mit, daß Tag und Nacht, ohne von mir bemerkt worden zu sein, zwei Wächter vor der Tür gesessen hätten und mich auch ferner bewachen würden. Ich hatte es nur meiner Schwäche zu verdanken, daß ich nicht gefesselt worden war, und sie glaubte, daß man mir nun bald Riemen anlegen werde.

Das forderte mich zur Vorsicht auf. Ich verließ mich zwar auf die Haarlocke, aber es war doch vielleicht möglich, daß sie die beabsichtigte Wirkung verfehlte; dann konnte ich mich nur auf mich selbst verlassen, auf mich und meine Körperstärke, und diese Kraft mußte ich üben. Aber wie?

Ich lag nur, wenn ich schlief, auf den Bärenfellen; sonst saß ich auf oder ging im Raume auf und ab. Ich sagte Nscho-tschi, daß ich das niedrige Sitzen nicht gewöhnt sei, und fragte sie, ob nicht ein Stein zu bekommen sei, der mir als Sitz dienen könne. Dieser Wunsch wurde Winnetou vorgetragen, und er schickte mir mehrere von verschiedener Größe; der schwerste konnte etwas über einen Zentner wiegen. Mit diesen Steinen übte ich mich, so oft ich allein war. Gegen meine Pflegerinnen simulierte ich noch Schwäche; in Wirklichkeit aber wurde es mir schon nach vierzehn Tagen nicht mehr schwer, den großen Stein vielmal nacheinander hoch emporzuheben. Das verbesserte sich noch weiter, und als die dritte Woche vergangen war, wußte ich, daß ich meine frühere Körperkraft vollständig wieder hatte.

Ich war nun sechs Wochen hier und hatte nicht gehört, daß die gefangenen Kiowas entlassen worden seien. Das war eine Leistung, gegen zweihundert Mann so lange zu ernähren! Jedenfalls aber hatten die Kiowas dafür zu zahlen. Je länger sie blieben, ohne auf die Vorschläge der Apachen einzugehen, desto bedeutender wurde natürlich das Lösegeld.

Da, es war an einem schönen, sonnigen Spätherbstmorgen, brachte Nscho-tschi mir mein Frühessen und setzte sich, während ich aß, bei mir nieder, während sie sich in der letzten Zeit sofort entfernt hatte. Ihr Auge blieb weich und mit einem feuchten Schimmer auf mir haften, und endlich rollte ihr gar ein Tränentropfen über die Wange herab.

„Du weinst?“ fragte ich. „Was ist geschehen, das dich so betrübt?“

„Es soll erst geschehen, heute.“

„Was?“

„Die Kiowas werden frei und ziehen fort. Ihre Boten sind in dieser Nacht unten am Flusse angekommen mit all den Gegenständen, die sie uns bezahlen müssen.“

„Und das betrübt dich so? Du müßtest doch eigentlich Freude darüber haben!“

„Du weißt nicht, was du sprichst, und ahnst nicht, was dir bevorsteht. Der Abschied der Kiowas soll dadurch gefeiert werden, daß man dich und deine drei weißen Brüder an die Marterpfähle bindet.“

Ich hatte das schon lange kommen sehen und erschrak doch, als ich es hörte. Also heut war der Tag der Entscheidung, vielleicht mein letzter Tag! Was würde er mir gebracht haben, wenn er sich am Abende zur Rüste neigte? Ich heuchelte Gleichgültigkeit und aß, scheinbar ruhig, weiter; als ich fertig war, gab ich ihr das Gefäß. Sie nahm es, stand auf und ging. Unter dem Eingange drehte sie sich um, kam noch einmal auf mich zu, reichte mir die Hand und sagte, ihre Tränen nicht länger zurückhaltend:

„Ich kann jetzt zum letztenmale zu dir sprechen. Leb wohl! Du wirst Old Shatterhand genannt und bist ein starker Krieger. Sei auch stark, wenn sie dich martern! Nscho-tschi ist sehr betrübt über deinen Tod; aber sie würde sich sehr freuen, wenn keine Qual es vermöchte, dir einen Laut des Schmerzes und der Klage zu entlocken. Mache mir diese Freude und stirb als ein Held!“

Nach dieser Bitte eilte sie hinaus. Ich trat an den Eingang, um ihr nachzublicken; da wurden die Läufe zweier Gewehre auf mich gerichtet; die beiden Wächter taten ihre Pflicht. Hätte ich einen Schritt hinaus getan, so wäre ich sicher erschossen oder absichtlich so verwundet worden, daß ich nicht weiter konnte. An eine Flucht war nicht zu denken, die überhaupt mißlingen mußte, weil ich die Oertlichkeit nicht kannte. Ich zog mich also schnell in mein Gefängnis zurück.

Was sollte ich tun? Das Beste war jedenfalls, das Kommende ruhig abzuwarten und im gegebenen Augenblicke die Wirkung der Haarlocke zu versuchen. Der Blick, welchen ich jetzt in das Freie geworfen hatte, war ganz geeignet, mich davon zu überzeugen, daß ein Fluchtgedanke Wahnsinn gewesen wäre. Ich hatte zwar von den indianischen Pueblos gelesen, aber noch keines gesehen. Sie sind zum Zwecke der Verteidigung errichtet, und ihre Bauart, so eigenartig sie ist, entspricht dieser Bestimmung auf das allerbeste.

Sie füllen gewöhnlich tiefe Felsenlücken aus, bestehen durchweg aus festem Stein- und Mauerwerk und setzen sich aus einzelnen Stockwerken zusammen, deren Zahl sich nach der Oertlichkeit richtet. Jedes höhere Stockwerk tritt ein Stück zurück, so daß vor ihm eine Plattform liegt, welche von der Decke des darunterliegenden Stockes gebildet wird. Das Ganze gewährt den Anblick einer Stufenpyramide, deren Etagen sich je höher desto mehr und tiefer in die Felsenlücke hineinziehen. Das Parterre steht also am weitesten vor und ist am breitesten, während die folgenden Etagen immer schmäler werden. Diese Stockwerke sind nicht etwa, wie bei unsern Häusern, in ihrem Innern durch Treppen verbunden, sondern man gelangt zu ihnen nur von außen mittelst Leitern, welche angelegt und wieder weggenommen werden können. Rückt ein Feind heran, so werden diese Leitern entfernt, und er kann nicht herauf, außer er hätte Leitern mitgebracht; aber auch in diesem Falle müßte er jede Etage einzeln erstürmen und sich den Geschossen der auf den oberen Plattformen stehenden Verteidiger aussetzen, während diese vor seinen Waffen vollständig sicher sind.

Auf einem solchen Pyramidenpueblo befand ich mich, und zwar, wie ich jetzt gesehen hatte, auf dem achten oder neunten Stockwerke derselben. Wie konnte man da fliehend hinunterkommen, da sich auf allen unter mir liegenden Plattformen Indianer befanden! Nein, ich mußte bleiben. Ich warf mich also auf mein Lager und wartete.

Das waren schlimme, beinahe unerträgliche Stunden; die Zeit rückte mit wahrer Schneckenlangsamkeit vor, und es wurde fast Mittag, ohne daß etwas eintrat, was die Vorhersage der Indianerin bestätigte. Da, endlich hörte ich draußen die nahenden Schritte mehrerer Personen. Winnetou kam herein, gefolgt von fünf Apachen. Ich blieb, mich ganz unbefangen stellend, liegen. Er ließ einen langen, forschenden Blick über mich gleiten und sagte dann:

„Old Shatterhand mag mir mitteilen, ob er jetzt wieder gesund ist!“

„Noch nicht ganz,“ antwortete ich.

„Aber sprechen kannst du, wie ich höre?“

„Ja.“

„Und laufen auch?“

„Ich denke es.“

„Hast du das Schwimmen gelernt?“

„Ein wenig.“

„Das ist gut, denn du wirst schwimmen müssen. Weißt du noch, an welchem Tage du mich wiedersehen solltest?“

„An meinem Todestage.“

„Du hast es dir gemerkt. Dieser Tag ist heute da. Steh auf; du sollst gefesselt werden.“

Es wäre Unsinn gewesen, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten. Ich hatte sechs Rote gegen mich, denen es nicht schwer werden konnte, mich mit Gewalt aufzurichten. Ich hätte zwar einige von ihnen niederschlagen können, aber dadurch nichts erreicht, als daß das Verhalten der andern dadurch gegen mich verschärft worden wäre. Ich erhob mich also von dem Lager und hielt ihnen meine Hände hin; sie wurden mir vorn zusammengebunden, und dann bekam ich zwei Riemen so an die Füße, daß ich zwar langsam gehen oder auch steigen, aber nicht in weiten, schnellen Sätzen entspringen konnte. Dann schaffte man mich hinaus auf die Plattform.

Von hier führte eine Leiter nach der nächst unteren Etage; es war nicht eine Leiter nach unserem Begriffe, sondern ein starker Holzpfahl, in welchen tiefe Kerben eingeschnitten waren, die als Stufen dienten. Drei Rote stiegen hinab; hierauf mußte ich folgen, was trotz der Fesseln keine Schwierigkeit bot, und dann folgten die beiden andern. In dieser Weise ging es von Stockwerk zu Stockwerk, immer weiter hinab. Auf allen Plattformen standen Weiber und Kinder, welche mich neugierig aber still betrachteten und dann hinter uns herkamen. Sie zählten, als wir nach dem untersten Stockwerke den Boden erreichten, einige Hundert und bildeten auch weiterhin unser Gefolge, das Publikum, welches das Schauspiel unseres Todes genießen wollte.

Es war so, wie ich gedacht hatte; das Pueblo lag in einem schmalen Seitentale, welches bald auf das breite Tal des Rio Pecos mündete. Nach diesem letzteren wurde ich geführt. Der Pecos ist überhaupt kein wasserreicher Fluß und hat im Sommer und Herbste noch weniger Wasser als im Winter und Frühling; doch gibt es tiefe Stellen, bei denen man auch während der heißen Jahreszeit fast gar keine Abnahme bemerkt; da gibt es dann fetten Gras- und reichen Baumwuchs, welcher die Indianer zum Aufenthalte veranlaßt, weil ihre Pferde hier immer Weide finden. Eine solche Stelle sah ich vor mir liegen. Das Tal des Flusses war wohl eine gute halbe Wegsstunde breit und an beiden Ufern rechts und links von uns mit Busch und Wald bestanden, woran sich grüne Grasstreifen schlossen. Grad vor uns aber erlitt der Wald, auch auf beiden Ufern, eine Unterbrechung, über deren Ursache nachzudenken ich jetzt nicht Zeit hatte. Grad da, wo das Seitental, in welchem sich das Quertal befand, auf das Tal des Flusses mündete, gab es einen Sandstreifen, welcher wohl fünfhundert Schritte breit war, in ganz gerader Richtung auf das Wasser führte und sich jenseits desselben, am andern Ufer, fortsetzte; er glich also einem hellen Striche, welcher quer über das grüne Tal des Rio Pecos gezogen war. Auf dieser breiten, sandigen Linie war kein Gras, kein Strauch, kein Baum zu sehen, eine riesige Zeder ausgenommen, welche jenseits des Flusses mitten auf dem unfruchtbaren Streifen stand. Sie hatte infolge ihrer Stärke dem Naturereignisse widerstanden, durch welches der Sandstreifen quer über das Tal gezogen worden war. Sie stand nicht am Ufer, sondern in ziemlicher Entfernung von demselben und war von Intschu tschuna bestimmt worden, bei dem Ereignisse des heutigen Tages eine Rolle zu spielen.

Am diesseitigen Ufer herrschte reges Leben. Da sah ich zunächst unsern Ochsenwagen, den die Apachen erbeutet und mitgenommen hatten. Jenseits des unfruchtbaren Sandes weideten die Pferde, welche die Kiowas gebracht hatten, um die Gefangenen auszulösen. Da waren auch die Zelte aufgeschlagen und die verschiedenen Waffen ausgestellt, welche ebenso als Lösegeld dienten. Dazwischen bewegte sich Intschu tschuna mit denjenigen seiner Leute, welche diese Tribute zu taxieren hatten. Tangua war bei ihnen, denn man hatte ihn und die Gefangenen schon freigelassen. Ein kurzer Blick auf das Gewühl von roten, phantastisch gekleideten Gestalten sagte mir, daß gewiß sechshundert Apachen anwesend waren.

Als sie uns kommen sahen, zogen sie sich schnell zusammen und bildeten einen weiten, mehrgliedrigen Halbkreis um den Ochsenwagen, zu dem ich geführt wurde. Die Kiowas gesellten sich auch zu ihnen.

Als wir den Wagen erreichten, sah ich Hawkens, Stone und Parker, welche dort angebunden waren, doch nicht an den Wagen, sondern an Pfählen, welche fest und tief in die Erde gerammt waren. Ein vierter war leer; an diesen wurde ich befestigt. Das also waren die Marterpfähle, an denen wir unser Leben in elender, schmerz- und qualhafter Weise beschließen sollten! Sie waren in einer Reihe nebeneinander eingeschlagen, und zwar so, daß wir nur durch geringe Zwischenräume voneinander getrennt wurden und miteinander sprechen konnten. Sam befand sich neben mir; dann kamen Stone und Parker. In unserer Nähe lagen viele Bündel dürren Holzes, welche dazu bestimmt waren, um uns aufgehäuft zu werden, wenn wir nach den vorangegangenen, vielartigen Martern verbrannt werden sollten.

Meine drei Gefährten schienen während ihrer Gefangenschaft auch keine Not gelitten zu haben, denn sie sahen ganz wohlgenährt aus, machten aber nichts weniger als frohe Gesichter.

„Ah, Sir, da kommt auch Ihr!“ sagte Sam. „Ist eine armselige, eine ganz armselige Operation, welche sie mit uns vornehmen wollen, und ich glaube nicht, daß wir sie überstehen werden. Das Sterben und Totgeschlagenwerden greift den Körper so sehr an, daß man es nur selten überlebt. Sollen nachher sogar noch verbrannt werden, wenn ich mich nicht irre. Was sagt Ihr dazu, Sir?“

„Habt Ihr Hoffnung auf Rettung, Sam?“ fragte ich ihn.

„Wüßte nicht, wer kommen sollte, uns herauszuholen. Habe schon wochenlang alle meine drei Gedanken angestrengt, aber keine einzige passende Idee gefunden. Wir steckten in einem finstern Felsenloche, waren überdies fest angebunden und hatten außerdem noch mehrere Wächter. Wie will man da loskommen! Wie habt denn Ihr es gehabt?“

„Sehr gut!“

„Glaube es; man sieht es Euch an. Seid ja herausgefüttert wie ein Gänserich, der zu Martini gebraten werden soll! Wie steht es denn mit der Wunde?“

„Leidlich. Sprechen kann ich wieder, wie ihr hört, und die Geschwulst, die noch übrig ist, wird wohl auch bald verschwinden.“

„Bin überzeugt davon! Diese liebe Geschwulst wird heut so radikal geheilt werden, daß nichts von ihr übrig bleibt, aber auch von Euch selber nichts, als ein Häufchen Menschenasche. Ich sehe keine Rettung für uns, und dennoch ist es mir gar nicht wie Sterben zu Mute. Ihr mögt es mir glauben oder nicht, ich habe keine Angst und keine Sorge. Es ist mir ganz so, als ob diese Roten uns ganz und gar nichts anhaben könnten, als ob ganz plötzlich irgendwoher ein Befreier kommen werde.“

„Möglich! Auch ich habe die Hoffnung noch nicht verloren. Ich möchte sogar wetten, daß wir uns heut abend, am Schlusse dieses so gefährlichen Tages, ganz wohl befinden werden.“

„Das könnt eben nur Ihr sagen, der Ihr ein ausgemachtes Greenhorn seid. Ganz wohl befinden werden! Dummheit! Von ganz wohl kann keine Rede sein; ich würde Gott danken, wenn ich mich heut abend überhaupt befände.“

„Ich habe Euch doch öfters gesagt und wohl auch bewiesen, daß deutsche Greenhörner ganz andere Kerls sind als die hiesigen.“

„So? Was wollt Ihr damit sagen? Ihr habt so einen eigenen Ton dabei. Ist Euch vielleicht ein guter Gedanke gekommen?“

„Ja.“

„Welcher? Und wann?“

„An dem Abende, an welchem es Winnetou und seinem Vater gelang, zu entfliehen.“

„Da kam Euch ein Gedanke? Sonderbar! Der wird uns heut nichts nützen, denn als er Euch damals kam, da wußtet Ihr ja nicht, daß wir hier bei den Apachen so schöne Garçonlogis bekommen würden. Wie heißt denn dieser Gedanke?“

„Haarlocke.“

„Haarlocke?“ wiederholte er erstaunt. „Sagt einmal, Sir, wie es sich mit Eurem Oberstübchen verhält! Habt Ihr etwa ein Rattennest darin?“

„Glaube nicht.“

„Aber was faselt Ihr denn da von einer Haarlocke? Hat Euch etwa eine frühere Geliebte ihren Zopf geschenkt, den Ihr den Apachen zum Präsent machen wollt?“

„Nein, sondern ich habe sie von einem Manne.“

Er sah mich an, als ob er an meinem Verstande zweifle, schüttelte den Kopf und sagte:

„Hört, geliebter Sir, es ist wirklich nicht richtig in Eurem Kopfe. Eure Verwundung muß da etwas zurückgelassen haben, was überflüssig ist. Wahrscheinlich habt Ihr die Haarlocke im Gehirn, nicht aber in der Tasche. Denn ich wüßte nicht, wie wir durch einen Haarzopf hier von den Marterpfählen loskommen könnten.“

„Hm, ja; es ist eben eine Greenhornidee, und wir müssen ruhig abwarten, ob sie sich bewährt oder nicht. Was übrigens das Loskommen von den Marterpfählen betrifft, so bin ich wenigstens in Beziehung auf meine Person sicher, daß ich nicht an dem meinigen hängen bleibe.“

„Natürlich! Wenn man Euch verbrannt hat, hängt Ihr nicht mehr daran.“

„Pshaw! Ich komme los, ehe man die Martern mit uns beginnt.“

„So? Welchen Grund habt Ihr, dies zu glauben?“

„Ich soll schwimmen.“

„Schwimmen?“ fragte er, indem er abermals einen Blick so auf mich richtete, wie ungefähr der Irrenarzt auf seinen Patienten.

„Ja, schwimmen. Und das kann ich doch hier am Pfahle nicht. Man muß mich also losbinden.“

„Alle Wetter! Wer hat Euch denn gesagt, daß Ihr schwimmen sollt?“

„Winnetou.“

„Und wann sollt Ihr schwimmen?“

„Heut natürlich jetzt.“

„Good lack! Wenn er dies gesagt hat, so ist es freilich grad wie ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht. Es scheint, Ihr sollt um Euer Leben kämpfen.“

„Das denke ich auch.“

„So wird es mit uns ebenso der Fall sein, denn ich glaube nicht, daß man mit Euch anders verfahren wird als mit uns. In diesem Falle ist unsere Lage allerdings nicht so verzweifelt, wie ich bisher angenommen habe.“

„Das denke ich auch. Wir werden uns wahrscheinlich retten können.“

„Oho! Bildet Euch nun nur nicht gleich zu viel ein! Wenn man uns um das Leben kämpfen läßt, so wird man uns die Sache möglichst schwierig machen. Aber es gibt Beispiele, daß in solchen Fällen weiße Gefangene gerettet worden sind. Habt Ihr denn das Schwimmen gelernt, Sir?“

„Ja.“

„Aber wie!“

„So, daß ich glaube, mich vor keinem Indianer fürchten zu müssen.“

„Hört, bildet Euch nichts ein! Diese Kerls schwimmen wie die Wasserratten, wie die Fische.“

„Und ich wie ein Fischotter, der Fische fängt und frißt.“

„Ihr schneidet auf.“

„Nein. Das Schwimmen ist eine meiner Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Habt Ihr vielleicht einmal vom Wassertreten gehört?“

„Ja.“

„Könnt Ihr es?“

„Nein; ich habe es auch nicht gesehen.“

„So ist es möglich, daß Ihr es heut zu sehen bekommt. Wenn es sich wirklich darum handelt, daß man mir Gelegenheit bieten will, mein Leben durchs Schwimmen zu retten, so bin ich fast überzeugt, daß ich diesen Tag überleben werde.“

„Will es Euch wünschen, Sir! Und hoffentlich bietet man uns eine ähnliche Gelegenheit. Das ist immer besser, als hier am Pfahle hängen zu bleiben. Ich will doch lieber im Kampfe fallen, als mich zu Tode martern lassen.“

Wir waren nicht gehindert worden, miteinander zu sprechen, denn Winnetou stand, ohne zunächst weiter auf uns zu achten, mit seinem Vater und Tangua redend zusammen, und die andern Apachen, welche mich mitgebracht hatten, waren damit beschäftigt, Ordnung in dem Halbring zu schaffen, welcher sich vor und um uns gebildet hatte.

Im Innern desselben saßen zunächst die Kinder und hinter diesen die Mädchen und Frauen, bei denen sich auch Nscho-tschi befand, die, wie ich bemerkte, nur selten ihr Auge von mir verwendete. Dann kamen die jungen Burschen, hinter denen die erwachsenen Krieger standen. So weit war die Ordnung gediehen, als Sam die zuletzt erwähnten Worte gesprochen hatte. Da erhob Intschu tschuna, der mit Winnetou und Tangua zwischen uns und den Zuschauern stand, seine Stimme und sagte so laut, daß alle es deutlich hören konnten:

„Meine roten Brüder, Schwestern und Kinder und auch die Männer vom Stamme der Kiowas mögen hören, was ich ihnen zu sagen habe!“

Er machte eine Pause, und als er sah, daß die Aufmerksamkeit Aller auf ihn gerichtet war, fuhr er fort:

„Die Bleichgesichter sind die Feinde der roten Männer; es gibt nur selten eins unter ihnen, dessen Auge freundlich auf uns gerichtet war. Der edelste unter diesen wenigen Weißen kam zu dem Volke der Apachen, um ein Freund und Vater desselben zu sein. Darum haben wir ihm den Namen Klekih-petra weißer Vater gegeben. Meine Brüder und Schwestern haben ihn alle gekannt und lieb gehabt. Sie mögen es mir bezeugen!“

„Howgh!“ ertönte das Wort der Beteurung im Kreise. Der Häuptling sprach weiter:

„Klekih-petra ist unser Lehrer gewesen in allen Dingen, die wir nicht kannten, die aber gut und nützlich für uns sind; er hat auch von der Religion der Weißen gesprochen und von dem großen Geiste, welcher der Schöpfer und Ernährer aller Menschen ist. Dieser große Geist hat befohlen, daß die roten und die weißen Leute untereinander Brüder sein und sich lieben sollen. Haben aber die Weißen diesen seinen Willen erfüllt, haben sie uns Liebe gebracht? Nein! Meine Brüder und Schwestern mögen dies bezeugen!“

„Howgh!“ erklang es im Chore.

„Sie sind vielmehr gekommen, um uns unser Eigentum zu rauben und uns auszurotten. Dies gelingt ihnen, weil sie stärker sind als wir. Da, wo die Büffel und die Mustangs grasten, haben sie große Städte gebaut, von denen alles Böse ausgeht, was über uns kommt. Wo der rote Jäger durch den Urwald oder über die Savanne ging, da rennt jetzt das dampfende Feuerroß mit den großen Wagen, in denen es unsere Feinde zu uns bringt. Und wenn der rote Mann vor ihm in die Gründe flieht, die man ihm noch gelassen hat und wo er im Frieden sterben und verhungern will, so dauert es nicht lange, bis er auf Bleichgesichter trifft, die ihm nachgefolgt sind, um dem Feuerrosse auf diesem rechtmäßigen Grund und Boden des roten Mannes neue Pfade zu bauen. Wir haben solche Weiße getroffen und friedlich mit ihnen gesprochen. Wir haben ihnen gesagt, daß dieses Land unser Eigentum sei und ihnen nicht gehöre. Sie haben nichts dagegen vorbringen können, sondern es zugeben müssen. Aber als wir sie aufforderten, fortzugehen und darauf zu verzichten, das Feuerroß nach unsern Weideplätzen zu bringen, da sind sie unserer Aufforderung nicht gefolgt und haben Klekih-petra, den wir liebten und verehrten, erschossen. Meine Brüder und Schwestern mögen bestätigen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe!“

„Howgh!“ erklang laut und einstimmig diese Bestätigung.

„Wir haben die Leiche des Ermordeten hierhergebracht und auf den Tag der Rache aufbewahrt; dieser Tag ist heut angebrochen. Klekih-petra soll heut begraben werden und mit ihm der, der ihn ermordet hat. Mit ihm haben wir auch diejenigen gefangen, welche bei ihm waren, als die Tat geschah. Sie sind seine Freunde und Genossen und haben uns in die Hände der Kiowas geliefert; aber sie leugnen es. Bei allen andern roten Männern würde das, was wir von ihnen wissen, genügen, sie in den Martertod zu führen; wir aber wollen den Lehren unsers weißen Vaters Klekih-petra gehorchen und gerechte Richter sein. Da sie nicht zugeben, unsere Feinde gewesen zu sein, so wollen wir sie verhören, und ihr Schicksal soll nach dem bestimmt werden, was wir dabei erfahren. Meine Brüder und Schwestern mögen mir ihre Zustimmung erteilen!“

„Howgh!“ erklang der Beifall rund umher.

„Hört, Sir, das klingt günstig für uns,“ sagte da Sam zu mir. „Wenn sie uns verhören wollen, liegt die Sache gar nicht so schlimm für uns, wie wir gedacht haben. Ich hoffe, es gelingt uns, unsere Unschuld zu beweisen. Ich werde diesen Leuten alles so klar machen und sie so überzeugen, daß sie uns freilassen werden.“

„Sam, das bringt Ihr nicht fertig,“ antwortete ich ihm.

„Nicht? Warum? Meint Ihr etwa, daß ich nicht reden kann?“

„O, das Sprechen hat man Euch wohl schon als Kind so nach und nach beigebracht; aber wir sind sechs Wochen hier gefangen gewesen, und während dieser ganzen, langen Zeit ist es Euch nicht gelungen, den Apachen eine bessere Meinung beizubringen.“

„Euch auch nicht, Sir!“

„Allerdings nicht, Sam, denn erst konnte ich nicht reden, und dann, als es mir wieder möglich war, die Zunge zu bewegen, hat sich kein einziger Roter bei mir sehen lassen. Ihr werdet also wohl zugeben, daß ich nicht einmal einen Versuch habe machen können, uns gegen einen der Häuptlinge zu verteidigen.“

„So macht ihn ja auch jetzt nicht!“

„Warum?“

„Weil es Euch nicht gelingen würde. Ihr seid als Greenhorn viel zu unerfahren in solchen Dingen und könnt Euch darauf verlassen, daß Ihr uns nicht heraushelfen, sondern ganz im Gegenteile uns immer tiefer hineinreiten würdet. Ihr besitzt zwar eine riesige Körperkraft, die uns aber hier gar nichts nützen kann, denn hier kommt es vor allen Dingen auf die richtige Erfahrung, auf den Scharfsinn und die Schlauheit an, die Euch abgehen. Ihr könnt ja nichts dafür, denn Ihr seid nun einmal ohne diese schönen Eigenschaften geboren worden, aber grad darum müßt Ihr die Hand aus dem Spiele lassen und es erlauben, daß ich unsere Verteidigung übernehme.“

„So wünsche ich Euch nur bessern Erfolg, als Ihr bisher gehabt habt, lieber Sam!“

„Wird nicht fehlen, denn Ihr sollt hören, daß ich meine Sache gut machen werde.“

Dieser unser Meinungsaustausch hatte ungestört stattfinden können, weil unsere Vernehmung nicht sofort begonnen hatte. Intschu tschuna und Winnetou unterhielten sich leise mit Tangua und hielten dabei ihre Augen oft auf uns gerichtet. Sie sprachen also von uns. Die Blicke der beiden Ersteren wurden immer finsterer und strenger, und die Bewegungen und Mienen des Kiowa waren diejenigen eines Mannes, welcher auf Jemand eifrig einspricht, um Andere bei ihm zu verdächtigen. Wer weiß, was er für Lügen von uns erzählte, um uns zu verderben! Dann kamen sie auf uns zu. Die beiden Apachen stellten sich rechts von uns auf, während Tangua sich links neben mich postierte. Nun sagte Intschu tschuna zu uns, wieder mit lauter Stimme, so daß es Alle hören konnten:

„Ihr habt vernommen, was ich vorhin gesprochen habe. Ihr sollt uns die Wahrheit sagen und euch verteidigen dürfen. Beantwortet mir die Fragen, welche ich an euch richte! Ihr gehörtet zu den Weißen, welche die neue Bahn des Feuerrosses vermessen haben?“

„Ja. Doch muß ich dir sagen, daß wir Drei hier nicht mit gemessen haben, sondern ihnen nur zum Schutze mitgegeben worden sind,“ antwortete Sam. „Und was den Vierten hier betrifft, Old Shatterhand genannt, so“

„Schweig!“ unterbrach ihn der Häuptling. „Du hast nur meine Fragen zu beantworten und kein weiteres Wort zu sprechen. Redest du mehr, so laß ich dich peitschen, daß dir die Haut aufspringt! Also ihr gehörtet zu diesen Bleichgesichtern? Antworte kurz mit Ja oder mit Nein!“

„Ja,“ sagte Sam, um sich nicht schlagen lassen zu müssen.

„Old Shatterhand hat mit vermessen?“

„Ja.“

„Und ihr Drei beschütztet diese Leute?“

„Ja.“

„So seid ihr noch schlimmer als sie, denn wer Diebe und Räuber beschützt, der hat doppelte Strafe verdient. Rattler, der Mörder, war euer Gefährte?“

„Ja, doch muß ich dir sagen, daß wir nicht seine Freunde ge“

„Schweig, Hund!“ fuhr ihn Intschu tschuna an. „Du hast nur das zu sagen, was ich wissen will, mehr aber nicht! Kennst du die Gesetze des wilden Westens?“

„Ja.“

„Wie wird ein Pferdedieb bestraft?“

„Mit dem Tode.“

„Was ist wertvoller, ein Pferd oder das große, weite Land, welches den Apachen gehört?“

Sam antwortete nicht, um sich nicht selbst das Todesurteil zu sprechen.

„Sprich, sonst laß ich dich mit dem Lasso bis auf das Blut peitschen!“

Da knurrte der kleine, mutige Sam:

„Schlagt zu! Sam Hawkens ist nicht derjenige, welcher sich zum Reden zwingen läßt, wenn er nicht reden will!“

Da wendete ich ihm das Gesicht zu und bat ihn:

„Redet, Sam; es ist besser für uns!“

„Well,“ antwortete er. „Wenn Ihr es wollt, so will ich mich einmal dazu hergeben, zu reden, wo ich eigentlich schweigen sollte.“

„Also, was ist wertvoller, ein Pferd oder dieses Land?“

„Das Land.“

„So hat ein Länderdieb also noch viel eher den Tod verdient als ein Pferdedieb, und ihr habt uns unser Land rauben wollen. Dazu kommt, daß ihr die Genossen des Menschen seid, welcher Klekih-petra ermordet hat. Das verschärft die Strafe. Als Länderdiebe wäret ihr erschossen worden, ohne vorher Qualen zu erleiden; da ihr aber Mörder seid, so werdet ihr vor euerm Tode den Marterpfahl durchmachen müssen. Aber wir sind mit der Aufzählung eurer Taten noch nicht fertig. Ihr habt uns in die Hände der Kiowas, welche unsere Feinde waren, geliefert?“

„Nein.“

„Das ist Lüge!“

„Es ist die Wahrheit.“

„Bist du nicht mit Old Shatterhand uns nachgeritten, als wir euch verlassen hatten?“

„Ja.“

„Das ist doch ein sicheres Zeichen der Feindschaft!“

„Nein. Ihr hattet uns gedroht, und so mußten wir nach den Regeln, nach welchen man im wilden Westen lebt, wissen, ob ihr euch wirklich entfernt hattet oder nicht. Ihr konntet euch versteckt haben und auf uns schießen wollen. Nur deshalb ritten wir hinter euch her.“

„Weshalb du nicht allein? Weshalb nahmst du diesen Old Shatterhand mit?“

„Um ihn im Lesen der Spuren zu unterrichten, da er noch Neuling ist.“

„Wenn eure Absicht eine so friedliche war und ihr uns nur der Vorsicht wegen folgtet, warum rieft ihr da die Hilfe der Kiowas an?“

„Weil wir sahen, daß du vorausgeeilt warest. Du wolltest deine Krieger schnell holen, um uns zu überfallen.“

„War es da wirklich nötig, euch an die Kiowas zu wenden?“

„Ja.“

„Gab es keinen andern Ausweg?“

„Nein.“

„Du lügst abermals. Um uns zu entgehen, brauchtet ihr nur das zu tun, was ich euch befohlen hatte, nämlich unser Gebiet zu verlassen. Warum habt ihr das nicht getan?“

„Weil wir nicht eher gehen konnten, als bis unsere Arbeit vollendet war.“

„Also ihr wolltet den Raub, den ich euch verboten hatte, vollständig ausführen und rieft darum die Kiowas zu Hilfe. Wer aber unsere Feinde auf uns hetzt, ist auch unser Feind und muß getötet werden. Das ist ein neuer Grund für uns, euch das Leben zu nehmen. Aber ihr habt es dann nicht etwa den Kiowas allein überlassen, uns zu empfangen, anzugreifen und zu besiegen, sondern ihr habt ihnen dabei geholfen. Giebst du das zu?“

„Was wir getan haben, das taten wir nur, um Blutvergießen zu vermeiden.“

„Willst du, daß ich dich verlache? Bist du uns nicht entgegen gegangen, als wir kamen?“

„Ja.“

„Hast uns belauscht?“

„Ja.“

„Und eine ganze Nacht in unserer Nähe zugebracht? Ist es so oder nicht?“

„Es ist so.“

„Hast du nicht die Bleichgesichter nach dem Wasser geführt, um uns dorthin zu locken, und dann die Kiowas in den Wald versteckt, damit sie über uns herfallen sollten?“

„Das ist wahr; aber ich muß“

„Schweig! Ich will eine kurze Antwort, aber keine lange Rede haben. Es wurde uns eine Falle gestellt! Wer hat diese ersonnen?“

„Ich.“

„Diesmal sagst du die Wahrheit. Mehrere von uns wurden verwundet, Einige getötet, die Anderen aber gefangen genommen. Daran seid ihr schuld; dieses vergossene Blut kommt über euch und ist ein weiterer Grund, daß ihr sterben müßt.“

„Es lag in meinem Plane, daß“

„Schweig! Ich habe dich jetzt nicht gefragt. Der große, gute Geist sandte uns einen unbekannten, unsichtbaren Retter. Ich kam mit Winnetou, meinem Sohne, frei. Wir schlichen zu unsern Pferden, nahmen aber nur die, welche wir brauchten, damit die Gefangenen, wenn wir sie befreiten, gleich ihre Pferde hätten. Wir ritten fort, um unsere Krieger zu holen, welche gegen die Kiowas zogen. Sie waren auf die Spur derselben getroffen und ihnen gefolgt; darum stieß ich so schnell mit ihnen zusammen, daß wir schon am nächsten Tage bei euch sein konnten. Da ist wieder viel Blut geflossen; wir haben im ganzen sechzehn Tote, ohne das Blut und die Schmerzen der Verwundeten zu rächen, ein abermaliger Grund, daß ihr sterben müßt. Ihr habt weder Gnade noch Erbarmen zu erwarten und“

„Gnade wollen wir gar nicht, sondern nur Gerechtigkeit,“ fiel Sam ihm in die Rede. „Ich kann“

„Wirst du wohl schweigen, Hund!“ unterbrach ihn Intschu tschuna zornig. „Du hast nur zu sprechen, wenn ich dich frage. Ich bin überhaupt nun mit dir, mit euch fertig. Da du aber von Gerechtigkeit redest, so sollt ihr nicht nur nach deiner eigenen Aussage verurteilt werden, sondern ich will euch einen Zeugen gegenüberstellen. Tangua, der Häuptling der Kiowas, mag sich herablassen, in dieser Angelegenheit seine Stimme zu erheben. Sind diese Bleichgesichter unsere Freunde?“

„Nein,“ antwortete der Kiowa, dem man die Genugtuung darüber, daß die Sache für uns einen so bedenklichen Lauf nahm, deutlich ansah.

„Haben sie uns schonen wollen?“

„Nein. Sie haben mich vielmehr gegen euch aufgehetzt und mich gebeten, ja keine Nachsicht mit euch zu haben, sondern euch zu töten, alle zu töten.“

Diese Unwahrheit empörte mich so, daß ich mein bisheriges Schweigen brach und ihm in das Gesicht sagte:

„Das ist eine so große, unverschämte Lüge, daß ich dich sofort zu Boden schlagen würde, wenn ich nur eine Hand frei hätte!“

„Hund, stinkender!“ brauste er auf. „Soll ich es sein, der dich erschlägt?“

Er hob die Faust empor; ich antwortete:

„Schlag zu, wenn du dich nicht schämst, dich an Jemandem zu vergreifen, der sich nicht wehren kann! Ihr redet da von einem Verhöre und von Gerechtigkeit? Ist das ein Verhör, und ist das Gerechtigkeit, wenn man nicht sagen darf, was man zu sagen hat? Wir sollen uns verteidigen dürfen? Können wir das, wenn wir bis auf das Blut geschlagen werden sollen, falls wir nur ein einziges Wort mehr reden, als ihr hören wollt? Intschu tschuna verfährt wie ein ungerechter Richter. Er stellt die Fragen so, daß uns die Antworten, welche er uns erlaubt, ins Verderben führen müssen; andere Antworten dürfen wir nicht geben, und wenn wir die Wahrheit sagen wollen, welche uns retten würde, so unterbricht er uns, läßt uns nicht ausreden und droht uns mit Mißhandlungen. Ein solches Verhör und eine solche Gerechtigkeit brauchen wir nicht. Da beginnt doch lieber gleich mit den Martern, die ihr uns zugedacht habt! Ihr werdet keinen Laut des Schmerzes von uns zu hören bekommen.“

„Uff, uff!“ hörte ich eine weibliche Stimme bewundernd rufen. Es war die Schwester Winnetous.

„Uff, uff, uff!“ riefen viele Apachen ihr nach.

Der Mut ist das, was der Indianer stets achtet und selbst an seinem Feinde anerkennt; daher die Ausrufe der Bewunderung, welche ich jetzt zu hören bekam. Ich fuhr fort:

„Als ich Intschu tschuna und Winnetou zum erstenmale erblickte, sagte mir mein Herz, daß sie tapfere und gerechte Männer seien, die ich lieben und auch achten könne. Ich habe mich geirrt. Sie sind nicht besser als alle Andern, denn sie hören auf die Stimme eines Lügners und lassen die Wahrheit nicht zu Worte kommen. Sam Hawkens hat sich einschüchtern lassen; ich aber höre nicht auf eure Drohungen und verachte Jeden, der den Gefangenen unterdrückt, nur weil er sich nicht verteidigen kann. Wäre ich frei, so wollte ich noch ganz anders mit euch reden!“

„Hund, du schimpfest mich einen Lügner!“ schrie Tangua. „Ich zerschmettere dir die Knochen!“

Er hielt sein Gewehr in der Hand, drehte es um und wollte mit dem Kolben nach mir schlagen; da sprang Winnetou herbei, hielt ihn davon ab und sagte:

„Der Häuptling der Kiowas mag ruhig bleiben! Dieser Old Shatterhand hat sehr kühn gesprochen, aber ich stimme einigen seiner Worte bei. Intschu tschuna, mein Vater, der Oberhäuptling aller Apachen, mag ihm die Erlaubnis erteilen, zu sagen, was er zu sagen hat!“

Tangua mußte sich beruhigen, und Intschu tschuna entschloß sich, dem Wunsche seines Sohnes Folge zu geben. Er trat näher zu mir heran und sagte:

„Old Shatterhand ist wie ein Raubvogel, der selbst dann noch beißt, wenn man ihn gefangen hat. Hast du nicht Winnetou zweimal niedergeschlagen? Hast du nicht selbst mich mit deiner Faust betäubt?“

„Habe ich das freiwillig getan? Hast du mich nicht dazu gezwungen?“

„Gezwungen?“ fragte er erstaunt.

„Ja. Wir wollten uns ohne Gegenwehr ergeben, aber eure Krieger hörten nicht auf das, was wir sagten. Sie fielen so über uns her, daß wir uns verteidigen mußten. Aber frage die Betreffenden, ob wir sie auch nur verwundet haben, obgleich wir sie töten konnten. Wir sind vielmehr, um keinen von ihnen verletzen zu müssen, geflohen. Da kamst du und griffst mich auch an, ohne auf meine Worte zu achten. Ich mußte mich wehren, und hätte dich erstechen oder erschießen können, aber ich schlug dich nur nieder, weil ich dein Freund bin und dich schonen wollte. Da kam Tangua, der Häuptling der Kiowas, und wollte dir den Skalp nehmen; weil ich dies nicht zugab, kämpfte er mit mir, doch ich besiegte ihn. Ich habe dir also nicht nur das Leben, sondern auch den Skalp erhalten. Dann als“

„Dieser verfluchte Coyote lügt, als ob er hundert verschiedene Zungen hätte!“ schrie Tangua wütend.

„Ist es wirklich Lüge?“ fragte ihn Winnetou.

„Ja. Mein roter Bruder Winnetou zweifelt hoffentlich nicht an der Wahrheit meiner Worte?“

„Ich kam dazu. Du lagst unbeweglich und mein Vater auch. Das stimmt. Old Shatterhand mag fortfahren!“

„Also ich hatte Tangua besiegt, um Intschu tschuna zu retten; da kam Winnetou. Ich sah ihn nicht und erhielt von ihm einen Kolbenschlag, der aber nicht meinen Kopf traf. Winnetou stach mich in den Mund und durch die Zunge; ich konnte also nicht sprechen, sonst hätte ich gesagt, daß ich ihn lieb habe und sein Freund und Bruder sein möchte. Ich war verwundet und am Arm gelähmt; ich habe ihn trotzdem besiegt; er lag betäubt vor mir, grad so wie Intschu tschuna auch; ich konnte Beide töten. Habe ich es getan?“

„Du hättest es noch getan,“ antwortete Intschu tschuna; „aber ein Apachenkrieger kam und schlug dich mit dem Kolben nieder.“

„Nein; ich hätte es nicht getan. Sind nicht diese drei Bleichgesichter, welche hier mit mir angebunden sind, freiwillig zu euch gekommen, um sich euch auszuliefern? Hätten sie dies getan, wenn sie euch als Feinde betrachtet hätten?“

„Sie haben es getan, weil sie einsahen, daß sie nicht entkommen konnten. Da hielten sie es für klüger, sich freiwillig zu ergeben. Ich gebe zu, daß an deinen Worten etwas ist, was beinahe Glauben erwecken könnte; aber als du meinen Sohn Winnetou zum erstenmal betäubtest, warst du nicht dazu gezwungen.“

„O doch.“

„Durch wen?“

„Durch die Vorsicht. Wir wollten dich und ihn retten. Ihr seid sehr tapfere Krieger; ihr hättet euch ganz gewiß gewehrt und wäret dann verwundet oder gar getötet worden. Das wollten wir verhindern; darum schlug ich Winnetou nieder, und du wurdest von meinen drei weißen Freunden überwältigt. Ich hoffe, daß du meinen Worten nun Glauben schenkst.“

„Lüge sind sie, nichts als Lüge!“ rief Tangua. „Ich kam eben dazu, als er dich niedergeschlagen hatte. Nicht ich, sondern er war es, der dir den Skalp nehmen wollte. Ich wollte ihn daran hindern, da traf mich seine Hand, in welcher der große, böse Geist zu wohnen scheint, denn ihr kann Niemand, selbst der stärkste Mann nicht, widerstehen.“

Da wendete ich mich ihm wieder zu und sagte in drohendem Tone:

„Ja, ihr kann Niemand widerstehen. Ich wende sie nur an, weil ich nicht das Blut eines Menschen vergießen will; aber wenn ich wieder mit dir kämpfe, werde ich es nicht mit der Hand, sondern mit der Waffe tun, und dann kommst du nicht mit einer bloßen Betäubung weg. Das merke dir!“

„Du mit mir kämpfen?“ hohnlachte er. „Wir werden dich verbrennen und deine Asche in alle Winde zerstreuen!“

„Das denke nicht. Ich werde eher frei sein, als du ahnst, und dann Rechenschaft von dir fordern!“

„Die kannst du bekommen; ich gebe sie dir. Ich wünsche, deine Worte könnten in Erfüllung gehen. Ich würde dann gern mit dir kämpfen, denn ich weiß, daß ich dich zermalmen würde.“

Intschu tschuna machte diesem Intermezzo ein Ende, indem er zu mir sagte:

„Old Shatterhand ist sehr kühn, wenn er glaubt, wieder freizukommen. Er mag bedenken, wie viel Fälle gegen ihn vorliegen; wenn auch einer derselben aufgegeben würde, so könnte das an seinem Schicksale nichts ändern. Er hat nur Behauptungen ausgesprochen, aber keine Beweise erbracht.“

„Habe ich nicht Rattler niedergeschlagen, als er auf Winnetou schoß und Klekih-petra traf? Ist auch das kein Beweis?“

„Nein. Du kannst dies auch aus andern Gründen getan haben. Hast du noch etwas zu sagen?“

„Jetzt nicht; vielleicht später.“

„Sage es jetzt, denn später wirst du nichts mehr sagen können!“

„Nein, jetzt nicht. Wenn ich es später sagen will, werdet ihr darauf hören, denn Old Shatterhand ist nicht der Mann, dessen Worte man mißachten darf. Ich schweige jetzt, weil ich neugierig bin, das Urteil zu hören, welches ihr nun über uns fällen werdet.“

Intschu tschuna wendete sich von mir ab und gab einen Wink. Auf diesen traten mehrere alte Krieger aus dem Halbkreise hervor und setzten sich mit den drei Häuptlingen zusammen nieder, um Beratung zu halten. Bei derselben gab sich Tangua natürlich alle Mühe, das Urteil so viel wie möglich zu verschärfen. Inzwischen hatten wir Zeit, Bemerkungen gegenseitig auszutauschen.

„Bin neugierig, was sie zusammenbrauen werden,“ meinte Dick Stone. „Viel Kluges wird es jedenfalls nicht sein.“

„Ich bin überzeugt, daß es uns an Kopf und Kragen geht,“ sagte Will Parker.

„Ich auch,“ stimmte Sam Hawkens bei. „Die Kerls glauben ja nichts, wir können vorbringen, was wir wollen! Habt Eure Sache übrigens gar nicht so übel gemacht, Sir! Habe mich über Intschu tschuna gewundert.“

„Warum?“ fragte ich.

„Daß er Euch so schwatzen ließ. Mir ist er gleich über den Mund gefahren, wenn ich ihn öffnete.“

„Schwatzen? Ist das Euer Ernst, Sam?“

„Ja.“

„Danke für diese Höflichkeit!“

„Schwatzen nenne ich jedes Reden, welches keinen Erfolg hat, wenn ich mich nicht irre. Und Erfolg habt Ihr ja ebenso wenig gehabt wie ich.“

„Ich denke anders.“

„Aber ohne Ursache!“

„Nein, sondern mit ganz gutem Grunde. Winnetou hat vom Schwimmen gesprochen; das ist beschlossene Sache gewesen; darum denke ich, daß sie nur im Verhöre so scharf gewesen sind, um uns bange zu machen. Das Urteil wird wohl viel besser lauten.“

„Sir, bildet Euch das ja nicht ein! Meint Ihr etwa, daß man Euch Gelegenheit geben wird, Euch durchs Schwimmen zu retten?“

„Ja.“

„Unsinn, welch ein Unsinn! Ja, wenn es so ausgemacht ist, wird man Euch schwimmen lassen; aber wißt Ihr auch, wohin?“

„Nun?“

„Mitten in den Rachen des Todes hinein. Dann, wenn Ihr tot seid, so denkt daran, daß ich recht gehabt habe hihihihi!“

Dieser kleine, sonderbare Kerl brachte es selbst in der schlimmen Lage, in welcher wir uns befanden, fertig, über diesen seinen zweifelhaften Witz vergnügt in sich hineinzukichern. Seine Lustigkeit währte freilich nur einen Augenblick, denn die Beratung war jetzt zu Ende; die Krieger, welche an derselben teilgenommen hatten, zogen sich in den Halbkreis zurück, und Intschu tschuna verkündete mit lauter Stimme:

„Hört, ihr Krieger der Apachen und Kiowas, was über diese vier gefangenen Bleichgesichter beschlossen worden ist! Im Rate der Alten war schon vorher verabredet worden, daß wir sie im Wasser jagen, dann miteinander kämpfen lassen und sie endlich verbrennen wollten. Aber Old Shatterhand, der jüngste von ihnen, hat Worte gesprochen, in denen sich Stellen mit der Weisheit des Alters befanden. Sie haben den Tod verdient, aber es scheint doch, als ob sie es nicht so bös gemeint hätten, wie wir geglaubt haben. Darum ist unser ursprünglicher Beschluß aufgehoben worden, und wir wollen den großen Geist zwischen uns und ihnen entscheiden lassen.“

Er hielt einige Augenblicke inne, jedenfalls um die Spannung seiner Zuhörer zu vergrößern. Dies benutzte Sam zu der Bemerkung:

„Alle Wetter, das wird interessant, hochinteressant! Wißt Ihr, was er meint, Sir?“

„Ich ahne es,“ antwortete ich.

„Nun, was?“

„Einen Zweikampf, ein sogenanntes Gottesurteil. Habe ich recht geraten?“

„Ja, jedenfalls einen Zweikampf. Aber zwischen wem? Bin furchtbar neugierig, es zu hören.“

Jetzt fuhr der Häuptling fort:

„Dasjenige Bleichgesicht, welches Old Shatterhand genannt wird, scheint das vornehmste von ihnen zu sein; also soll die Entscheidung in seine Hände gelegt werden. Sie soll abhängig sein von demjenigen unter uns, welcher am Range auch der höchste ist. Der bin ich, Intschu tschuna, der Häuptling der Apachen.“

„Alle Wetter, alle Wetter! Ihr und er!“ flüsterte Sam in großer Erregung.

„Uff, uff, uff!“ gingen die Rufe der Verwunderung durch die Reihen der Roten.

Sie waren jedenfalls erstaunt darüber, daß er selbst mit mir kämpfen wollte. Er hätte sich der Gefahr, die es dabei doch wohl auch für ihn gab, entziehen und einen Andern damit beauftragen können. Er gab die Erklärung, indem er weitersprach:

„Intschu tschuna und Winnetou sind in ihrem Ruhme dadurch gekränkt worden, daß es nur der Faust eines Bleichgesichts bedurfte, sie niederzuschlagen und zu betäuben. Sie müssen diesen Flecken wegwaschen, indem einer von ihnen mit diesem Bleichgesichte kämpft. Winnetou muß zurücktreten, denn ich bin älter und der erste Häuptling der Apachen. Er ist damit einverstanden, denn ich werde mit meiner Ehre auch die seinige dadurch reinigen, daß ich Old Shatterhand töte.“

Er ließ wieder eine Pause eintreten.

„Könnt Euch freuen, Sir!“ sagte Sam. „Werdet jedenfalls einen schnelleren Tod haben als wir. Habt den Kerl schonen wollen und werdet nun auf alle Fälle von ihm ausgelöscht!“

„Das wollen wir abwarten!“

„Brauche es gar nicht abzuwarten, weiß es im voraus. Oder meint Ihr, daß es sich um gleiche Waffen handeln wird?“

„Das bilde ich mir nicht ein.“

„Well! Die Bedingungen werden bei solchen Gelegenheiten so gestellt, daß der Weiße verloren ist. Kam ja irgendwo und irgendeinmal einer mit dem Leben davon, so ist es eine Ausnahme gewesen, welche die Regel nur bestätigt. Hört!“

Intschu tschuna fuhr fort:

„Wir werden Old Shatterhand die Fesseln abnehmen und ihn in das Wasser des Flusses lassen, über den er zu schwimmen hat; aber er bekommt keine Waffe. Ich folge ihm und nehme nur den Tomahawk mit. Kommt Old Shatterhand an das Ufer und lebendig bis zu der Zeder, welche da drüben auf der Lichtung steht, so ist er gerettet, und auch seine Gefährten sind frei; sie können gehen, wohin sie wollen. Töte ich ihn aber, bevor er die Zeder erreicht, so sind auch sie dem Tode verfallen und werden zwar nicht gemartert und verbrannt, sondern erschossen. Alle anwesenden Krieger wollen bestätigen, daß sie meine Worte gehört und verstanden haben und dieselben beherzigen wollen.“

„Howgh!“ lautete die einstimmige Antwort.

Man kann sich denken, daß wir uns in großer Aufregung befanden, ich wohl nicht so sehr wie Sam, Dick und Will. Der Erstere sagte:

„Das haben diese Kerls sehr schlau angefangen. Weil Ihr der Vornehmste seid, sollt Ihr schwimmen. Unsinn! Weil Ihr ein Greenhorn seid; das ist der Grund. Mich, mich sollten sie in das Wasser lassen! Wollte ihnen zeigen, daß Sam Hawkens wie eine Forelle durch die Wellen geht! Aber Ihr! Hört, Sir, bedenkt, daß unser Leben von Euch abhängig ist! Wenn Ihr verliert und wir sterben müssen, rede ich kein einziges Wort mehr mit Euch. Darauf könnt Ihr Euch verlassen, wenn ich mich nicht irre!“

„Sorgt Euch nicht, alter Sam!“ antwortete ich. „Was ich tun kann, das tue ich. Ich meine ganz im Gegenteile zu Euch, daß die Roten gar keine üble Wahl getroffen haben. Ich bin überzeugt, daß ich euch leichter retten werde, als Ihr uns retten könntet.“

„Wollen es hoffen! Also, es geht auf Leben und Tod. Ihr dürft Intschu tschuna nicht etwa schonen. Laßt Euch diesen Gedanken ja nicht in den Kopf kommen!“

„Wollen sehen!“

„Das ist nichts gesagt; da gibt es gar nichts zu sehen! Wenn Ihr ihn schont, so seid Ihr verloren, und wir gehen auch zugrunde. Ihr verlaßt Euch wohl auf Eure Faust?“

„Ja.“

„Das tut nicht, ja nicht! Es wird gar nicht zum Handgemenge kommen.“

„Ich bin überzeugt, daß es dazu kommt.“

„Nein nicht!“

„Wie will er mich denn töten?“

„Mit dem Tomahawk natürlich. Ihr wißt doch, daß man den nicht nur im Nahekampfe anwendet; er ist auch eine fürchterliche Waffe für die Ferne; er wird geworfen, und diese Roten sind darin so geübt, daß sie einem auf hundert Schritte die Spitze des emporgehaltenen Fingers damit abschneiden. Intschu tschuna wird nicht etwa mit dem Beile auf Euch loshacken, sondern es, während Ihr flieht, hinter Euch her schleudern und Euch beim ersten Wurfe töten. Glaubt mir, Ihr mögt ein noch so vorzüglicher Schwimmer sein, Ihr kommt gar nicht ans andere Ufer hinüber; er schleudert Euch schon während des Schwimmens den Tomahawk in den Kopf oder vielmehr in den Nacken, was weit sicherer tötet. Da hilft Euch alle Eure Kunst und alle Eure Stärke nichts.“

„Das weiß ich, lieber Sam. Und ebenso weiß ich, daß unter Umständen ein Fingerhut voll List mehr wirkt als ein großes Faß voll Körperkraft.“

„List? Wie wolltet denn Ihr zu der nötigen List gekommen sein! Ich sage Euch, daß der alte Sam Hawkens als ein pfiffiger Kerl bekannt ist; aber ich kann trotz dieser Pfiffigkeit nicht einsehen, wie Ihr dem Häuptlinge durch List den Rang ablaufen wollt. Was hilft alle List, die List der ganzen Welt, gegen einen gut geschleuderten Tomahawk!“

„Sie hilft, Sam, sie hilft!“

„Wie denn?“

„Das werdet Ihr sehen, oder vielmehr, das werdet Ihr zunächst nicht sehen. Ich will Euch aber sagen, daß ich des Gelingens beinahe sicher bin.“

„Diese gewaltige Prahlerei laßt Ihr doch nur los, um uns das Herz leicht zu machen.“

„Nein.“

„Jawohl, um uns zu trösten! Aber was nützt uns ein Trost, der schon in der nächsten Minute zu Schanden wird!“

„Beruhigt Euch doch. Ich habe einen guten, einen ganz vortrefflichen Plan.“

„Einen Plan? Auch das noch! Hier gibt es keinen andern Plan als hinüber zu schwimmen, und dabei trifft Euch der Tomahawk.“

„Nein. Paßt auf! Wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet.“

„Ertrinke gerettet! Sir, Ihr liegt schon jetzt im Sterben; darum redet Ihr so irre!“

„Ich weiß, was ich will. Merkt es Euch: Wenn ich ertrinke, so haben wir nichts mehr zu fürchten.“

Ich sprach diese Worte schnell und hastig, denn die drei Häuptlinge kamen jetzt zu uns. Intschu tschuna sagte:

„Wir binden Old Shatterhand jetzt los; er mag aber ja nicht denken, daß er davonlaufen kann! Es würden sofort mehrere hundert Verfolger hinter ihm her sein.“

„Fällt mir nicht ein!“ antwortete ich. „Selbst wenn ich entkommen könnte, wäre es eine Schlechtigkeit von mir, meine Gefährten zu verlassen.“

Ich wurde losgemacht und bewegte die Arme, um ihre Beweglichkeit zu prüfen. Dann sagte ich:

„Es ist eine große Ehre für mich, mit dem berühmtesten Häuptlinge der Apachen um die Wette oder vielmehr um Leben und Tod zu schwimmen; aber für ihn ist es keine Ehre.“

„Warum nicht?“

„Weil ich kein Gegner für ihn bin. Ich habe zuweilen in einem Bache gebadet und mir dabei Mühe gegeben, nicht unterzugehen. Aber über einen so breiten, tiefen Fluß zu kommen, das getraue ich mir nicht.“

„Uff, uff! Das freut mich nicht. Ich und Winnetou sind die besten Schwimmer unsers Stammes; was bedeutet da ein Sieg über einen so schlechten Schwimmer!“

„Und du bist bewaffnet, und ich bin es nicht! Ich gehe also dem Tode entgegen, und meine Gefährten haben sich auch darauf gefaßt gemacht, zu sterben. Dennoch möchte ich gern wissen, wie ich mir diesen Kampf zu denken habe. Wer hat eher in das Wasser zu gehen?“

„Du!“

„Und du folgst mir nach?“

„Ja.“

„Und wann greifst du mich mit dem Tomahawk an?“

„Wann es mir beliebt,“ antwortete er mir mit dem stolzen, ja verächtlichen Lächeln eines Virtuosen, der mit einem Stümper spricht.

„Das kann also auch schon im Wasser geschehen?“

„Ja.“

Ich tat, als ob ich immer unruhiger, besorgter und niedergeschlagener würde, und fragte weiter:

„Also du darfst mich töten. Ich dich auch?“

Er machte ein Gesicht, in welchem die sehr deutliche Antwort lag: Armer Wurm, daran ist ja gar nicht zu denken! Diese Frage kann dir nur von der Todesangst eingegeben worden sein! und sagte dann:

„Es ist ein Schwimmen und Kämpfen auf Tod und Leben; du kannst also auch mich töten, denn nur falls dir dies gelingen sollte, wirst du imstande sein, die Zeder zu erreichen.“

„Und dein Tod würde mir nicht schaden?“

„Nein. Töte ich dich, so erreichst du das Ziel nicht, und deine Gefährten müssen sterben; tötest du mich, so gelangst du an die Zeder, und ihr seid von diesem Augenblicke an nicht mehr gefangen, sondern frei. Komm!“

Er drehte sich um, und ich zog meinen Jagdrock und die Stiefel aus. Was ich im Gürtel und in den Taschen stecken hatte, legte ich hin. Dabei klagte Sam:

„Es wird schief gehen, Sir, sehr schief. Wenn Ihr Euer Gesicht sehen könntet! Und der jammervolle Ton bei Euren letzten Fragen! Mir ist himmelangst um Euch und uns!“

Ich konnte ihm nichts antworten, weil die drei Häuptlinge es gehört hätten, aber ich wußte sehr wohl, warum ich so kläglich tat. Ich wollte Intschu tschuna sicher machen und, wie man sich vulgär auszudrücken pflegt, ihn auf den Leim führen.

„Noch eine Frage!“ bat ich, ehe ich ihm folgte. „Bekommen wir unser Eigentum zurück, falls wir frei werden?“

Er stieß ein kurzes, ungeduldiges Lachen aus, denn er hielt diese Frage für geradezu verrückt, und antwortete:

„Ja, ihr bekommt es.“

„Alles?“

„Alles.“

„Auch die Pferde, die Gewehre?“

Da schnauzte er mich zornig an:

„Alles, ich habe es gesagt! Hast du keine Ohren? Eine Kröte wollte mit dem Adler um die Wette fliegen und fragte ihn, was er ihr geben würde, wenn sie ihn besiegte! Wenn du ebenso dumm schwimmst, wie du fragst, so schäme ich mich, daß ich dir keine alte Squaw zur Gegnerin gegeben habe!“

Wir gingen fort, durch den Halbkreis, welcher sich uns öffnete, dem Ufer zu. Ich kam da ganz in der Nähe von Nscho-tschi vorüber und fing von ihr einen Blick auf, mit welchem sie für das Leben von mir Abschied nahm. Die Indianer folgten hinter uns und lagerten sich dann beliebig nieder, um das interessante Schauspiel, das sie erwarteten, bequem zu genießen.

Es verstand sich ganz von selbst, daß ich mich in der äußersten Gefahr befand. Ich mochte gerade, schief oder im Zickzack über den Fluß schwimmen, so war ich verloren; der Tomahawk des Häuptlings mußte mich treffen. Es gab nur einen Rettungsweg: durch das Tauchen, und da war ich glücklicherweise nicht der Stümper, für den mich Intschu tschuna gehalten hatte.

Aber selbst auf das Tauchen allein durfte ich mich nicht verlassen. Ich mußte doch empor, um Atem zu holen, und bot dann meinen Kopf dem Tomahawk. Nein, ich durfte gar nicht wieder an die Oberfläche kommen, wenigstens vor den Augen der Roten nicht. Wie aber das anfangen? Ich musterte das Ufer auf- und abwärts und sah mit großer Befriedigung, daß die Oertlichkeit mir zu Hilfe kam.

Wir befanden uns, wie schon gesagt, auf der vollständig freien Sandfläche, doch oberhalb der Mitte derselben. Ihr aufwärts liegendes Ende, wo der Wald wieder begann, war nur etwas über hundert Schritte von mir entfernt, und noch weiter oben machte der Fluß eine Biegung, die ihn meinem Auge entzog. Abwärts lag das Ende der Sandlichtung, wohl vierhundert Schritte von mir entfernt.

Wenn ich ins Wasser sprang und nicht wieder heraufkam, so glaubte man mich wohl ertrunken und suchte nach meinem Körper; dies geschah jedenfalls abwärts; folglich lag meine Rettung in der entgegengesetzten Richtung, also aufwärts. Da sah ich zunächst eine Stelle, an welcher der Fluß das Ufer unterspült hatte; es hing über und war vortrefflich geeignet, mir eine kurze Zuflucht zu bieten. Weiter oben war allerlei Holzwerk angespült worden und hing so fest, daß ich es recht gut zu demselben Zwecke benutzen konnte. Vorher aber war es geraten, ein wenig ängstlich zu tun.

Intschu tschuna entkleidete sich bis auf die leichte, indianische Hose, steckte den Tomahawk in den Gürtel, nachdem er die anderen in demselben befindlichen Gegenstände entfernt hatte, und sagte dann:

„Es kann beginnen. Spring hinein!“

„Darf ich nicht erst probieren, wie tief es ist?“ fragte ich verzagt.

Es ging ein unendlich verächtliches Lächeln über sein Gesicht; er rief nach einer Lanze. Man brachte mir dieselbe, und ich stieß sie in das Wasser. Sie erreichte den Boden nicht. Das war mir unendlich lieb, ich tat aber womöglich noch niedergeschlagener als vorher, kauerte am Wasser nieder und wusch mir die Stirne, wie Einer, welcher befürchtet, einen Schlaganfall zu bekommen, wenn er in das Wasser geht, ohne sich vorher abzukühlen. Es ließ sich hinter mir ein allgemeines Murren der Geringschätzung hören, ein sicheres Zeichen, daß ich meinen Zweck erreicht hatte, und die Stimme Sams rief:

„Um Gottes willen, kommt lieber wieder her, Sir! Das kann ich nicht ansehen. Sie mögen uns tot schinden. Das ist noch besser, als so ein Jammerbild vor Augen zu haben!“

Es kam mir unwillkürlich der Gedanke, was Nscho-tschi von mir denken werde. Ich drehte mich um. Das Gesicht Tanguas war der ganze, fleischgewordene Hohn; Winnetou hatte die Oberlippe emporgezogen, so daß man seine Zähne sah; er war wütend darüber, mir jemals seine Teilnahme geschenkt zu haben. Und seine Schwester hielt die Augen niedergeschlagen; sie sah mich gar nicht mehr an.

„Ich bin bereit,“ herrschte Intschu tschuna mir zu. „Was zögerst du noch? Hinein mit dir!“

„Muß es denn wirklich sein?“ fragte ich. „Geht es gar nicht anders?“

Es erscholl ein brausendes Gelächter, über welches Tanguas Stimme tönte:

„Gebt diesen Frosch frei! Schenkt ihm das Leben! An einen solchen Feigling darf kein Krieger seine Hand legen!“

Und mit dem grimmigen Knurren eines erzürnten Tigers schrie mich Intschu tschuna an:

„Hinein, sonst haue ich dir augenblicklich den Tomahawk ins Genick!“

Da stellte ich mich sehr erschrocken, setzte mich an den Rand des Flusses, hielt erst die Füße und dann die Unterschenkel in das Wasser und tat so, als ob ich recht hübsch langsam hineinrutschen wolle.

„Hinein mit dir!“ schrie Intschu tschuna abermals und versetzte mir einen Fußtritt in den Rücken. Das hatte ich gewollt. Ich warf wie hilflos die Arme auseinander, stieß einen durchdringenden Angstschrei aus und plumpste in das Wasser. Im nächsten Augenblicke aber hatte die Verstellung ein Ende. Ich fühlte den Grund, stieß den Kopf hinab und schwamm, natürlich unter Wasser, aufwärts hart am Ufer hin. Gleich darauf hörte ich hinter und über mir ein Geräusch;

Intschu tschuna war mir nachgesprungen. Wie ich später erfuhr, war es erst seine Absicht gewesen, mir einen Vorsprung zu lassen und mich dann an das jenseitige Ufer zu treiben, wo mich das Beil treffen sollte. Infolge meiner Feigheit aber gab er diesen Gedanken auf und sprang mir schnell nach, um mich zu erschlagen, sobald ich in die Höhe käme. Mit so einer Memme mußte kurzer Prozeß gemacht werden.

Ich erreichte die überhängende Uferstelle und tauchte auf, doch so, daß nur der Kopf bis zum Mund zum Vorschein kam. Niemand konnte mich sehen, als nur der Häuptling allein, weil er sich im Wasser befand. Zu meiner Freude hielt er sein Gesicht abwärts gerichtet. Ich holte tief und schnell Atem und ging wieder auf den Grund hinab, um weiter zu schwimmen. Dann kam ich an das angeschwemmte Holz, unter welchem ich auftauchte und wieder Atem holte; es verbarg meinen Kopf so vollständig, daß ich es wagen konnte, länger oben zu bleiben. Ich sah den Häuptling auf dem Wasser liegen wie ein Raubtier, welches bereit ist, augenblicklich auf seine Beute zu stoßen. Nun hatte ich noch die letzte, aber auch längste Strecke vor mir liegen, die bis zum Beginn des Waldes, wo Strauchwerk über das Ufer herab ins Wasser hing. Auch dort kam ich glücklich an und stieg, von diesem Gesträuch vollständig gedeckt, an das Ufer.

Ich mußte natürlich die erwähnte Krümmung des Flusses erreichen, um jenseits derselben nach dem jenseitigen Ufer zu schwimmen, und das geschah am schnellsten, indem ich dorthin lief. Vorher aber blickte ich durch die Büsche nach denen, die ich getäuscht hatte. Sie standen rufend und gestikulierend am Ufer, während der Häuptling, noch immer auf mich wartend, hin und her schwamm, obgleich ich unmöglich so lange hätte lebend unter Wasser bleiben können. Ob wohl Sam Hawkens jetzt an meine Worte: wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet, dachte?

Nun lief ich im Walde weiter, so schnell wie möglich, bis ich die Biegung des Flusses hinter mir hatte, ging da wieder in das Wasser und kam fröhlich drüben an, jedenfalls nur infolge meiner Verstellung, also des Umstandes, daß sie mich für einen schlechten Schwimmer hielten, für einen Menschen, der sich vor dem Wasser fürchtete. Es war übrigens eine ganz plumpe List gewesen, durch welche sie sich hatten täuschen lassen, denn so, wie sie mich bisher kannten, hatten sie gar keine Veranlassung, mich für feig zu halten.

Drüben folgte ich dem Walde wieder abwärts, bis er zu Ende ging. Dort wieder hinter Büschen versteckt, sah ich zu meinem großen Vergnügen, daß mehrere Rote in das Wasser gesprungen waren und mit Lanzen nach dem ertrunkenen Old Shatterhand stocherten. Ich hätte nun in aller Gemächlichkeit nach der Zeder gehen können und dann gewonnen gehabt, tat dies aber nicht, denn ich wollte meinen Sieg nicht der List allein verdanken, sondern Intschu tschuna eine Lehre geben und ihn mir zugleich zur Dankbarkeit verpflichten.

Er schwamm noch immer suchend auf und ab; es kam ihm gar nicht in den Sinn, sein Auge herüber nach dem anderen Ufer zu richten. Ich glitt wieder in das Wasser, legte mich auf den Rücken, so daß nur die Nase und der Mund aus dem Wasser ragten, half durch leise, abwärts gerichtete Handschläge nach und ließ mich langsam forttreiben. Kein Mensch bemerkte mich. Als ich ihnen aber gegenüber angekommen war, tauchte ich wieder unter, schwamm ein Stück hinüber, kam dann empor und rief, das Wasser tretend, mit lauter Stimme:

„Sam Hawkens, Sam Hawkens, wir haben gewonnen gewonnen!“

Es hatte ganz das Aussehen, als ob ich an einer seichten Stelle stände. Die Roten hörten mich und blickten herüber. Welch ein Geheul erhob sich da! Es war, als ob tausend Teufel losgelassen seien und um die Wette brüllten. Wer so etwas auch nur einmal gehört hat, der vergißt es in seinem ganzen Leben nicht. Kaum hatte Intschu tschuna mich gesehen, so stieß er in langen, kraftvollen Schlägen aus und kam herübergeschwommen oder, richtiger gesagt, herübergeeilt. Ich durfte ihn nicht zu weit heranlassen und schoß wieder auf das jenseitige Ufer, das ich erklomm und wo ich dann stehen blieb.

„Fort, weiter fort, Sir!“ schrie mir Sam zu. „Macht doch, daß Ihr an die Zeder kommt!“

Ja, daran konnte mich niemand hindern; auch Intschu tschuna hätte nicht vermocht, es zu verhüten; aber ich wollte ihm eben die beabsichtigte Lehre geben und entfernte mich nicht eher, als bis er ungefähr noch vierzig Schritte von mir entfernt war. Dann rannte ich fort, auf den Baum zu. Hätte ich mich im Wasser befunden, so wäre ihm wohl der Angriff mit dem Tomahawk gelungen, so aber war ich überzeugt, daß er sich des Schlacht- und Wurfbeiles nicht eher bedienen könne, als bis er das Ufer erreicht haben werde.

Der Baum war dreihundert Schritte von demselben entfernt. Als ich die Hälfte dieses Weges in schnellen Sprüngen zurückgelegt hatte, blieb ich wieder stehen und sah zurück. Eben stieg der Häuptling aus dem Wasser. Er ging in die Falle, welche ich ihm stellte. Einholen konnte er mich nicht mehr; höchstens sein Tomahawk konnte mich erreichen. Er riß ihn aus dem Gürtel und rannte vorwärts. Ich floh noch immer nicht; aber als er mir gefährlich nahe gekommen war, wendete ich mich wieder zur Flucht, doch nur scheinbar. Ich sagte mir folgendes: So lange ich ruhig stand, warf er das Beil sicherlich nicht, denn ich sah es kommen und konnte ihm ausweichen, während er, wenn er es behielt, mich einholen und niederschlagen konnte. Daß er werfen würde, war nur dann anzunehmen, wenn ich floh und ihm dabei den Rücken zukehrte, so daß ich die heranschwirrende Waffe nicht sah. Ich ergriff also zum Scheine die Flucht, tat aber höchstens zwanzig Sprünge und blieb dann, mich schnell umwendend, wieder stehen.

Richtig! Er hatte, um einen sicheren Wurf zu haben, im Laufe angehalten und das Beil um den Kopf geschwungen. Eben, als ich ihn wieder in das Auge faßte, schleuderte er es mir nach. Ich tat zwei, drei rasche Sprünge zur Seite es flog an mir vorüber und grub sich dann im Sande ein.

Das hatte ich gewollt. Ich rannte hin, hob es auf und ging nun, anstatt nach dem Baume zu eilen, dem Häuptlinge ruhigen Schrittes entgegen. Er schrie vor Grimm auf und kam wie ein Wütender auf mich zugesprungen. Da schwang ich den Tomahawk und rief ihm drohend entgegen:

„Halt, Intschu tschuna! Du hast dich in Old Shatterhand abermals getäuscht. Willst du dein eigenes Beil in den Kopf haben?“

Er hielt im Laufen inne und schrie:

„Hund, wie bist du mir im Wasser entkommen? Der böse Geist hat dir abermals geholfen!“

„Glaube dies nicht! Wenn hier von einem Geiste gesprochen werden muß, so ist es der gute Manitou, der mir beigestanden hat.“

Ich sah bei diesen Worten, daß seine Augen, wie unter einem heimlichen Entschlusse leuchtend, auf mich gerichtet waren, und fuhr, ihn warnend, fort:

„Du willst mich überraschen, mich angreifen; ich sehe es dir an. Tue dies ja nicht, denn es würde dein Tod sein!

Dir soll nichts geschehen, denn ich habe dich und Winnetou wirklich lieb; aber wenn du dich heranwagst, muß ich mich wehren. Du weißt, daß ich dir selbst ohne Waffe überlegen bin, und ich habe doch den Tomahawk. Also sei klug und“

Ich konnte nicht weiter sprechen. Der ihn beherrschende Grimm raubte ihm die ruhige Ueberlegung. Die Hände wie geöffnete Krallen nach mir ausstreckend, warf er sich mir entgegen. Schon glaubte er, mich zu haben, da glitt ich, mich schnell bückend, zur Seite, und die Gewalt des Stoßes, mit welchem er mich hatte zu Boden bringen wollen, warf ihn selber nieder. Sofort war ich bei ihm, setzte ihm das linke Knie auf den einen, das rechte auf den andern Arm, faßte ihn mit der linken Hand beim Halse, schwang den Tomahawk und rief:

„Intschu tschuna, bittest du um Gnade?“

„Nein.“

„So spalte ich dir den Kopf.“

„Töte mich, Hund!“ keuchte er unter dem vergeblichen Versuche, loszukommen.

„Nein, du bist der Vater Winnetous und sollst leben; aber unschädlich machen muß ich dich einstweilen. Du zwingst mich dazu.“

Ich schlug ihm die flache Seite des Tomahawk gegen den Kopf ein röchelnder Hauch; seine Glieder zuckten krampfhaft und streckten sich dann lang aus. Das hatte drüben, wo die Roten standen, das Aussehen, als ob ich ihn erschlüge. Es erscholl ein noch viel entsetzlicheres Geheul als das, welches ich vorhin gehört hatte. Ich band ihm mit dem Gürtel die Arme fest an den Leib, trug ihn zur Zeder und legte ihn dort nieder. Diesen unnützen Weg mußte ich machen, denn nach dem Wortlaute unserer Vereinbarung war ich gezwungen, die Zeder zu erreichen. Dann aber ließ ich ihn liegen und rannte schnell nach dem Flusse zurück, denn ich sah, daß viele Rote sich ins Wasser warfen, um herüberzuschwimmen, an ihrer Spitze Winnetou. Das konnte, falls sie nicht gewillt waren, Wort zu halten, gefährlich für mich und meine Gefährten werden. Darum rief ich, am Wasser angekommen, ihnen zu:

„Zurück mit euch! Der Häuptling lebt; ich habe ihm nichts getan; aber wenn ihr kommt, erschlage ich ihn. Nur Winnetou soll herüber; mit ihm will ich sprechen!“

Sie beachteten diese Warnung nicht; da bäumte Winnetou sich, um von allen gesehen zu werden, im Wasser empor und rief ihnen einige Worte zu, die ich nicht verstand. Ihm gehorchten sie, indem sie umkehrten, und er kam allein herüber. Ich erwartete ihn am Wasser und sagte, als er aus demselben stieg:

„Das war gut, daß du deine Krieger zurückschicktest, denn sie hätten deinen Vater in Gefahr gebracht.“

„Du hast ihn mit dem Tomahawk erschlagen?“

„Nein. Er zwang mich, ihn zu betäuben, weil er sich mir nicht ergeben wollte.“

„Und konntest ihn doch töten! Er war in deiner Hand!“

„Ich töte nicht gern einen Feind, am allerwenigsten aber einen Mann, welcher der Vater Winnetous ist und den ich also lieb habe. Hier hast du seine Waffe! Du wirst bestimmen, ob ich gesiegt habe und ob man mir und meinen Gefährten Wort halten wird.“

Er nahm den Tomahawk, den ich ihm hinhielt, und sah mich lange, lange an. Sein Blick wurde mild und milder; der Ausdruck desselben steigerte sich zur Bewunderung, und dann rief er aus:

„Was ist Old Shatterhand doch für ein Mann! Wer kann ihn begreifen!“

„Du wirst mich verstehen lernen.“

„Du gibst mir dieses Beil, ohne zu wissen, ob wir dir Wort halten werden! Du könntest dich mit demselben wehren. Weißt du, daß du dich dadurch in meine Hände lieferst?“

„Pshaw! Ich fürchte mich nicht, denn ich habe für alle Fälle meine Arme und Fäuste, und Winnetou ist kein Lügner, sondern ein edler Krieger, der sein Wort nie brechen wird.“

Da streckte er mir die Hand entgegen und antwortete, indem seine Augen erglänzten:

„Du hast recht; du bist frei, und die andern Bleichgesichter sind es auch, außer dem Manne, welcher Rattler heißt. Du hast Vertrauen zu mir, könnte ich doch zu dir auch welches haben!“

„Du wirst mir so vertrauen, wie ich dir; warte nur noch kurze Zeit. Komm jetzt mit zu deinem Vater!“

„Ja, komm! Ich muß nach ihm sehen, denn wenn Old Shatterhand zuschlägt, kann leicht der Tod eintreten, obwohl er dies nicht beabsichtigte.“

Wir gingen nach der Zeder und banden dem Häuptlinge die Arme los. Winnetou untersuchte ihn und sagte dann:

„Er lebt, wird aber spät erwachen und nachher einen lange schmerzenden Kopf haben. Ich darf nicht hier bleiben und werde ihm einige Männer herübersenden. Mein Bruder Old Shatterhand mag mit mir kommen.“

Dies war das erste Mal, daß er mich mein Bruder nannte. Wie oft habe ich später dieses Wort aus seinem Munde gehört, und wie ernst, treu und wahr ist dasselbe stets gemeint gewesen!

Wir gingen wieder an den Fluß und schwammen hinüber. Die Roten standen drüben und sahen uns gespannt entgegen. Jetzt, da wir so friedlich nebeneinander herschwammen, merkten sie nicht bloß, daß wir einig waren, sondern sie mußten auch erkennen, wie falsch sie mich beurteilt hatten, als ich der Gegenstand ihres Spottes und Hohngelächters gewesen war. Als wir an das Ufer stiegen, sagte Winnetou, indem er mich bei der Hand nahm, mit lauter Stimme:

„Old Shatterhand hat gesiegt. Er und seine drei Gefährten sind frei!“

„Uff, uff, uff!“ riefen die Apachen.

Tangua aber stand da und blickte finster drein. Mit ihm hatte ich noch abzurechnen, denn seine Lügen und seine Bemühungen, uns den Tod zu bringen, mußten bestraft werden, nicht bloß um unsertwillen, sondern auch der Zukunft und derjenigen Weißen wegen, mit denen er später zusammentreffen würde.

Winnetou schritt mit mir an ihm vorüber, ohne einen Blick auf ihn zu werfen. Er führte mich zu den Pfählen, an denen die drei Kameraden hingen.

„Halleluja!“ rief Sam. „Wir sind gerettet; wir werden nicht ausgelöscht! Mensch, Mann, Freund, Jüngling und Greenhorn, wie habt Ihr das nur angefangen?“

Winnetou gab mir sein Messer und sagte:

„Schneide sie los! Du hast es verdient, dies selbst tun zu dürfen.“

Ich tat es. Kaum waren sie frei, so warfen sie sich auf mich und nahmen mich in ihre sechs Arme, um mich auf eine Weise zu drücken und zu quetschen, daß es mir angst und bange werden wollte. Sam küßte mir sogar die Hand und beteuerte, indem Tränen aus seinen kleinen Aeuglein in den Bartwald tropften:

„Sir, wenn ich Euch dies jemals vergesse, so soll mich der erste Bär, der mir begegnet, mit Haut und Haar verschlingen! Wie habt Ihr es nur angefangen? Ihr waret verschwunden. Ihr hattet solche Angst vor dem Wasser, und so dachten alle, daß Ihr ertrunken wäret.“

„Habe ich nicht gesagt: Wenn ich ertrinke, so sind wir gerettet!“

„Das hat Old Shatterhand gesagt?“ fragte Winnetou. „Also war das alles Verstellung?“

„Ja,“ nickte ich.

„Mein Bruder wußte, was er wollte. Er ist hier hüben unter Wasser stromaufwärts geschwommen und dann drüben wieder herab, wie ich vermute. Mein Bruder ist nicht nur stark wie ein Bär, sondern auch listig wie der Fuchs der Prairie; wer sein Feind ist, der hat sich vor ihm sehr in acht zu nehmen.“

„Und so ein Feind ist Winnetou gewesen?“

„Ich war es, bin es aber nicht mehr.“

„So glaubst du nicht mehr Tangua, dem Lügner, sondern mir?“

Er sah mich wieder so lange und forschend an wie vorhin drüben am jenseitigen Ufer, reichte mir die Hand und antwortete:

„Deine Augen sind gute Augen, und in deinen Zügen wohnt keine Unehrlichkeit. Ich glaube dir.“

Ich hatte die vorhin abgelegten Kleidungsstücke wieder angezogen, nahm die Sardinenbüchse aus der Tasche des Jagdrockes und sagte:

„Da hat mein Bruder Winnetou das Richtige getroffen; ich werde es ihm beweisen. Vielleicht kennt er das, was ich ihm jetzt zeigen werde.“

Ich langte die zusammengerollte Haarlocke heraus, zog sie auseinander und hielt sie ihm hin. Er streckte die Hand darnach aus, griff sie aber doch nicht an, sondern trat, ganz und gar überrascht, einen Schritt zurück und rief aus:

„Das ist Haar von meinem Kopfe! Wer hat dir dies gegeben?“

„Intschu tschuna erzählte vorhin, daß ihr an die Bäume gebunden gewesen seid; da habe euch der große, gute Geist einen unsichtbaren Retter gesandt. Ja, unsichtbar war er, denn er durfte sich vor den Kiowas nicht sehen lassen; jetzt aber braucht er sich nicht mehr vor ihnen zu verbergen. Nun wirst du es wohl glauben, daß ich nicht dein Feind, sondern stets dein Freund gewesen bin.“

„Du du du also hast uns losgebunden! Dir also haben wir die Freiheit und wohl auch das Leben zu verdanken!“ stieß er, noch immer ganz betroffen, hervor, er, der sonst nie durch Etwas zu erstaunen oder zu überraschen war. Dann nahm er mich bei der Hand und zog mich fort, hin nach der Stelle, an welcher, uns mit jedem ihrer Blicke beobachtend, seine Schwester stand. Er stellte mich vor sie hin und sagte:

„Nscho-tschi sieht hier den tapfern Krieger, welcher mich und den Vater heimlich befreit hat, als uns die Kiowas an die Bäume gebunden hatten; sie mag sich bei ihm bedanken!“

Nach diesen Worten drückte er mich an sich und gab mir auf jede Wange einen Kuß. Sie reichte mir die Hand und sagte das eine Wort:

„Verzeih!“

Sie sollte sich bedanken und bat mich statt dessen um Verzeihung! Warum? Ich verstand sie recht gut. Sie hatte mir im stillen Unrecht getan. Sie als meine Pflegerin mußte mich besser kennen als die Andern, und doch hatte sie, als ich mich aus List verstellte, auch geglaubt, daß es Wahrheit sei. Sie hatte mich für eine feige, ungeschickte Memme gehalten, und dies gut zu machen, das war ihr wichtiger als der Dank, den Winnetou von ihr verlangte. Ich drückte ihr die Hand und antwortete:

„Nscho-tschi wird sich alles dessen erinnern, was ich ihr gesagt habe. Nun ist es eingetroffen. Will meine Schwester jetzt an mich glauben?“

„Ich glaube an meinen weißen Bruder!“

Tangua stand in der Nähe. Es war ihm anzusehen, wie wütend er war. Ich trat zu ihm hin und fragte, indem ich ihm fest ins Gesicht blickte:

„Ist Tangua, der Häuptling der Kiowas, ein Lügner oder liebt er die Wahrheit?“

„Willst du mich beleidigen?“ fuhr er auf.

„Nein! Ich will nur wissen, woran ich mit dir bin. Also antworte!“

„Old Shatterhand mag wissen, daß ich die Wahrheit liebe.“

„Wollen sehen! Dann hältst du wohl auch Wort, wenn du etwas versprochen hast?“

„Ja.“

„Das muß auch sein, denn wer nicht tut, was er sagt, den muß man verachten. Du weißt doch noch, was du zu mir gesagt hast?“

„Wann?“

„Vorhin, als ich noch angebunden war.“

„Da habe ich Verschiedenes gesagt.“

„Allerdings. Du wirst aber wohl wissen, welches von deinen Worten ich meine.“

„Nein.“

„So muß ich dich erinnern. Du wolltest mir Rechenschaft geben.“

„Habe ich das gesagt?“ fragte er, indem er die Brauen in die Höhe zog.

„Ja. Du hast ferner gesagt, daß du gern mit mir kämpfen würdest, denn du wüßtest genau, daß ich von dir zermalmt werden würde.“

Es mochte ihm bei dem Tone, in welchem ich jetzt mit ihm sprach, unheimlich werden, denn er meinte bedächtig:

„Ich erinnere mich dieser Worte nicht. Old Shatterhand muß mich falsch verstanden haben.“

„Nein. Winnetou war dabei; er wird es mir bezeugen.“

„Ja,“ bestätigte Winnetou bereitwillig. „Tangua hat Old Shatterhand Rechenschaft geben wollen und sich gerühmt, daß er sehr gern mit ihm kämpfen und ihn zermalmen werde.“

„Du siehst also ein, daß du diese Worte gesprochen hast. Willst du sie halten?“

„Verlangst du es?“

„Ja. Du hast mich einen Frosch genannt, der keinen Mut besitzt; du hast mich verleumdet und dir alle Mühe gegeben, uns in das Verderben zu bringen. Wer so verwegen ist, dies zu tun, der muß es auch wagen, sich gegen mich zu verteidigen.“

„Pshaw! Ich kämpfe nur mit Häuptlingen!“

„Ich bin ein Häuptling!“

„Beweise es!“

„Schön! Ich werde es dir dadurch beweisen, daß ich dich mit einem Stricke dort an dem ersten Baume aufhänge, wenn du dich weigerst, mir Rechenschaft zu geben.“

Einem Indianer mit dem Hängen drohen, ist eine Beleidigung, welcher schwerlich eine andere gleichkommt. Er riß auch sofort sein Messer aus dem Gürtel und schrie:

„Hund, soll ich dich erstechen?“

„Ja, aber nicht so, wie du es jetzt willst, sondern im ehrlichen Kampfe, Mann gegen Mann und Messer gegen Messer.“

„Das fällt mir nicht ein; ich habe mit Old Shatterhand nichts zu schaffen!“

„Aber vorhin, als ich festgebunden war und mich nicht wehren konnte, da machtest du dir mit mir zu schaffen, Feigling!“

Er wollte auf mich eindringen; da stellte sich Winnetou zwischen ihn und mich und sagte:

„Mein Bruder Old Shatterhand hat recht. Tangua hat ihn verleumdet und hat ihm Rechenschaft geben wollen. Wenn er dieses Wort nicht erfüllt, so ist er ein Feigling und verdient, von seinem Stamme ausgestoßen zu werden. Diese Sache muß sofort entschieden werden, denn niemand soll den Kriegern der Apachen nachsagen, daß sie Feiglinge als Gäste bei sich haben. Was gedenkt der Häuptling der Kiowas zu tun?“

Dieser warf, ehe er antwortete, einen Blick rund umher. Es waren fast viermal mehr Apachen als Kiowas vorhanden, und diese letzteren befanden sich mitten im Gebiete der ersteren; es zu einem Zerwürfnisse zwischen beiden kommen lassen, das war unmöglich, jetzt, wo er ein solches Lösegeld hatte zahlen müssen und doch noch, streng genommen, halber Gefangener war.

„Ich werde es mir überlegen,“ antwortete er ausweichend.

„Für einen tapferen Krieger gibt es da nichts zu überlegen. Entweder du gehst auf den Kampf ein oder wirst als Feigling betrachtet.“

Da raffte er sich zusammen und schrie:

„Tangua ein Feigling? Wer das sagt, dem stoße ich das Messer in die Brust!“

„Ich sage es, ich!“ antwortete Winnetou stolz und ruhig, „wenn du das Wort nicht hältst, welches du Old Shatterhand gegeben hast.“

„Ich halte es!“

„Du bist also bereit, mit ihm zu kämpfen?“

„Ja.“

„Und sofort?“

„Sofort! Es verlangt mich sehr, möglichst bald sein Blut zu sehen.“

„Wohlan, so mag bestimmt werden, mit welchen Waffen dieser Kampf vorgenommen werden soll.“

„Wer hat dies zu bestimmen?“

„Old Shatterhand.“

„Warum?“

„Weil du ihn beleidigt hast.“

„Nein, sondern ich.“

„Du?“

„Ja, ich, denn er hat mich beleidigt, und ich bin ein Häuptling, während er ein gewöhnlicher Weißer ist. Ich bin also viel mehr als er.“

„Old Shatterhand ist mehr als ein roter Häuptling.“

„Das behauptet er auch, hat es aber nicht zu beweisen vermocht. Eine Drohung ist kein Beweis.“

Da entschied ich die Frage:

„Tangua mag wählen; mir ist es ganz gleich, mit welcher Waffe ich ihn besiege.“

„Du wirst mich nicht besiegen,“ brüllte er mich wütend an. „Denkst du, ich wähle den Faustkampf, wo du Jeden niederschlägst, oder das Messer, mit welchem du Blitzmesser erstochen hast, oder den Tomahawk, welcher sogar Intschu tschuna verderblich geworden ist?“

„Was denn?“

„Das Gewehr. Wir werden auf einander schießen, und meine Kugel wird dir im Herzen sitzen!“

„Schön! Ich stimme bei. Aber hat mein Bruder Winnetou gehört, was Tangua jetzt eingestanden hat?“

„Was?“

„Daß ich mit Blitzmesser gekämpft und ihn niedergestochen habe. Dies tat ich, um die gefangenen Apachen vom Marterpfahle zu retten; er aber hat es bis zu diesem Augenblicke geleugnet. Man hört, wie recht ich hatte, als ich ihn einen Lügner nannte.“

„Einen Lügner? Mich?“ donnerte mich der Kiowa an. „Das sollst du mit dem Leben bezahlen! Schnell die Gewehre her! Der Kampf mag sofort beginnen, damit ich diesen kläffenden Hund zum Schweigen bringe!“

Er hatte sein Gewehr in der Hand. Winnetou schickte einen Apachen in das Pueblo, um meine Büchse und die Munition, welche ich bei mir gehabt hatte, zu holen. Es war alles sorgfältig aufgehoben worden, weil Winnetou sich, trotzdem er mich für seinen Feind hielt, so lebhaft für mich interessiert hatte. Dann forderte er mich auf:

„Mein weißer Bruder mag sagen, aus welcher Entfernung und wieviel Male geschossen werden soll!“

„Ist mir gleich,“ antwortete ich. „Wer die Waffen bestimmt hat, mag auch hier entscheiden.“

„Ja, ich entscheide,“ sagte Tangua. „Zweihundert Schritte und soviel Schüsse, bis einer von uns niederstürzt und nicht wieder aufstehen kann.“

„Gut,“ sagte Winnetou. „Ich werde aufpassen. Es hat einmal Dieser und einmal Jener zu schießen, also abwechselnd. Ich stehe mit meinem Gewehre dabei und werde demjenigen, welcher schießt, ohne an der Reihe zu sein, eine Kugel in den Kopf geben. Wer aber hat den ersten Schuß?“

„Ich natürlich!“ rief der Kiowa.

Winnetou schüttelte mißbilligend den Kopf und sagte:

„Tangua will alle Vorteile für sich haben. Old Shatterhand mag zuerst schießen.“

„Nein,“ antwortete ich; „er soll seinen Willen haben. Er einen Schuß und ich einen; dann ist’s aus.“

„Nein,“ entgegnete Tangua. „Wir schießen so lange, bis Einer fällt!“

„Allerdings, denn mein erster Schuß wird dich niederstrecken.“

„Prahler!“

„Pshaw! Eigentlich sollte ich dich töten; aber ich will es nicht tun. Die geringste Strafe für das, was du getan hast, ist jedoch, daß ich dich lähme. Ich werde dir das rechte Knie zerschmettern. Merke es dir!“

„Habt ihr es gehört?“ lachte er. „Dieses Bleichgesicht, welches von seinen eigenen Freunden ein Greenhorn genannt wird, will bei zweihundert Schritten vorhersagen können, daß er mich in das Knie treffen wird! Lacht ihn aus, ihr Krieger, lacht ihn aus!“

Er blickte auffordernd rund umher, aber es lachte niemand. Da fuhr er fort:

„Ihr fürchtet euch vor ihm! Ich aber werde euch zeigen, wie ich ihn verlache. Kommt, laßt uns diese zweihundert Schritte abmessen!“

Während dies geschah, wurde mir mein Bärentöter gebracht. Ich untersuchte ihn; er befand sich in gutem Zustande. Beide Läufe waren geladen. Um meiner Sache ganz sicher zu sein, schoß ich sie ab und lud sie von neuem, so sorgfältig, wie die gegenwärtige Veranlassung es forderte. Dabei kam Sam zu mir und sagte:

„Sir, ich habe hundert Fragen an Euch und finde doch keine Gelegenheit dazu. Jetzt nur die eine: Wollt Ihr diesen Kerl wirklich in das Knie treffen?“

„Ja.“

„Nur?“

„Es ist das Strafe genug.“

„Nein, gewiß nicht. Solches Ungeziefer muß ausgerottet werden, wenn ich mich nicht irre. Bedenkt doch, was er alles verschuldet hat und was alles geschehen ist, nur deshalb, daß er die Pferde der Apachen hat stehlen wollen!“

„Daran sind die Weißen, welche ihn verführten, wenigstens ebenso schuld.“

„Er mag sich nicht verführen lassen! Ich an Eurer Stelle würde ihm eine Kugel in den Kopf geben. Er zielt ganz gewiß nach dem Eurigen!“

„Oder nach der Brust; ich bin überzeugt davon.“

„Wird aber nicht treffen. Das Schießzeug dieser Kerls ist nichts wert.“

Jetzt war die Entfernung abgemessen und wir stellten uns an den beiden Endpunkten auf. Ich war ruhig wie gewöhnlich, Tangua aber erging sich in gar nicht wiederzugebenden Schmähungen gegen mich. Darum sagte Winnetou, welcher seitwärts grad in der Mitte zwischen uns stand:

„Der Häuptling der Kiowas mag schweigen und aufpassen! Ich zähle bis drei, dann wird geschossen; wer aber eher schießt, der bekommt meine Kugel in den Kopf!“

Es läßt sich denken, daß alle Anwesenden von der größten Spannung ergriffen worden waren. Sie hatten sich in zwei Reihen rechts und links von uns aufgestellt, so daß eine breite Straße entstanden war, deren Endpunkte wir beide markierten. Es herrschte tiefe Stille.

„Der Häuptling der Kiowas mag beginnen,“ sagte Winnetou „eins zwei drei!“

Ich stand still da und bot meinem Gegner meine ganze Körperbreite dar. Er legte gleich beim ersten Worte Winnetous das Gewehr an, zielte sorgfältig und drückte ab. Die Kugel ging nahe an mir vorüber. Kein Mensch ließ einen Ruf hören, der diesem Schusse gelten sollte.

„Nun mag Old Shatterhand schießen,“ forderte mich Winnetou auf. „Eins zwei“

„Halt!“ unterbrach ich ihn. „Ich habe dem Häuptling der Kiowas grad und ehrlich gegenübergestanden; er aber dreht sich halb um und wendet mir nicht das Gesicht, sondern die Seite zu.“

„Das kann ich,“ antwortete er. „Wer will es mir verbieten? Es ist nicht bestimmt worden, wie wir stehen sollen.“

„Das ist wahr, und Tangua kann sich also stellen, wie es ihm beliebt. Er kehrt mir seine schmale Seite zu, weil er meint, daß ich ihn da nicht so leicht treffen könnte; aber er irrt sich, denn ich treffe unbedingt. Ich hätte schießen können, ohne ein Wort sagen zu brauchen; aber ich will ehrlich mit ihm sein.

Er soll meine Kugel in das rechte Knie bekommen; das kann aber nur dann geschehen, wenn er mir das Gesicht zukehrt; wendet er mir aber die Seite zu, so wird ihm die Kugel beide Kniee zerschmettern. Das ist der Unterschied. Er kann stehen, wie er will; ich habe ihn gewarnt.“

„Schieß nicht mit Worten, sondern mit Kugeln!“ höhnte er, indem er meine Warnung mißachtete und seitlich stehen blieb.

„Old Shatterhand schießt,“ wiederholte Winnetou: „eins zwei drei!“

Mein Schuß krachte; Tangua stieß einen lauten Schrei aus, ließ sein Gewehr fallen, warf die Arme auseinander, wankte hin und her und stürzte dann nieder.

„Uff, uff, uff!“ rief es überall, und Alle drängten sich zu ihm, um zu sehen, wo ich ihn getroffen hatte.

Ich ging nun auch hin, und man machte mir ehrerbietig Platz.

„In beide Kniee, in beide Kniee!“ hörte ich rechts und links sagen.

Als ich ihn erreichte, lag er wimmernd an der Erde. Winnetou kniete bei ihm und untersuchte die Verletzung. Er sah mich kommen und sagte:

„Die Kugel ist genau so gegangen, wie mein weißer Bruder vorherverkündet hat; es sind beide Kniee zerschmettert. Tangua wird nie wieder ausreiten können, um sein Auge auf die Pferde anderer Stämme zu werfen.“

Als der Verwundete mich erblickte, warf er mir eine ganze Flut von Schimpfreden entgegen. Ich herrschte ihn so an, daß er für einige Augenblicke schwieg, und sagte:

„Ich habe dich gewarnt, und du hast nicht auf mich gehört; du bist selber schuld.“

Er wagte nicht, zu jammern, weil ein Indianer dieses selbst bei den ärgsten Schmerzen nicht darf; er biß sich auf die Lippen, sah finster vor sich nieder und knirschte dann:

„Ich bin verwundet und kann nicht heimkehren. Ich muß bei den Apachen bleiben.“

Da schüttelte Winnetou den Kopf und antwortete in sehr bestimmtem Tone:

„Du wirst doch heimkehren müssen, denn wir haben keinen Raum für die Diebe unserer Pferde und die Mörder unserer Krieger. Wir haben uns nicht mit Blut gerächt und uns mit Tieren und Sachen begnügt; mehr kannst du nicht verlangen. Ein Kiowa gehört nicht in unser Pueblo.“

„Aber ich kann nicht heimreiten!“

„Old Shatterhand war noch schwerer verwundet als du und konnte auch nicht reiten; dennoch mußte er mit. Denke recht oft an ihn! Das wird dir nützlich sein! Die Kiowas wollten uns heut verlassen; sie mögen dies ja tun, denn denjenigen von ihnen, den wir morgen in der Nähe unserer Weideplätze treffen, den werden wir so behandeln, wie nach ihrem Wunsche Old Shatterhand behandelt werden sollte. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er nahm mich bei der Hand und führte mich fort. Als wir aus dem Gedränge der Menschen heraus waren, sahen wir seinen Vater mit den zwei Männern geschwommen kommen, die er ihm hinüber gesandt hatte. Er ging ihm bis an das Ufer entgegen, und ich suchte Sam Hawkens, Dick Stone und Will Parker auf.

„Endlich, endlich dürfen wir Euch einmal für uns haben!“ sagte der Erstere. „Sagt doch gleich erst vor allen Dingen, was waren das für Haare, welche Ihr Winnetou zeigtet?“

„Ich hatte sie ihm abgeschnitten.“

„Wann?“

„Als ich ihn und seinen Vater losschnitt.“

„So hättet alle Teufel! Ihr hättet Ihr, das Greenhorn, hättet hättet sie befreit?“

„Freilich.“

„Ohne uns ein Wort zu sagen?!“

„War nicht nötig!“

„Aber, wie habt Ihr das denn angefangen?“

„Grad so, wie es ein Greenhorn anzufangen pflegt.“

„Redet verständig, Sir! Das war eine außerordentlich schwierige Sache!“

„Ja, Ihr zweifeltet sogar daran, ob sie Euch selbst gut gelingen würde.“

„Und Euch ist sie gelungen! Entweder habe ich gar keinen Verstand, oder er steht mir still!“

„Das erstere ist der Fall, das erstere, Sam!“

„Macht keine dummen Witze! So ein Heimtücker! Macht die Häuptlinge los und trägt den Zopf, welcher Wunder wirkte, mit sich herum, ohne uns ein Wort davon zu sagen! Hat so ein ehrliches Gesicht, der Kerl, aber man darf eben keinem Menschen mehr trauen! Und wie ist es denn heut gewesen! Es ist mir da Einiges unklar geblieben. Ihr waret ertrunken und dann plötzlich wieder da!“

Ich erzählte es ihm. Als ich geendet hatte, rief er aus:

„Mensch, Freund und Greenhorn, Ihr seid doch ein ganz fürchterlicher Racker, wenn ich mich nicht irre! Ich muß Euch wieder fragen, wie schon früher einmal: Ihr seid wirklich noch nie im wilden Westen gewesen?“

„Nein.“

„Auch überhaupt in den Vereinigten Staaten nicht?“

„Nein.“

„Dann mag Euch der Kuckuck begreifen, ich aber nicht! Ihr seid in Allem Anfänger und doch in Allem gleich fertig. So ein Patron, wie Ihr seid, ist mir wirklich noch nicht vorgekommen. Muß Euch loben, wirklich loben. Habt Eure Sache schlau angefangen, hihihihi! Unser Leben hing wirklich nur an einem Haare. Braucht Euch aber auf dieses Lob nichts einzubilden, gar nichts. Werdet dafür um so größere Dummheiten machen. Sollte mich wirklich wundern, wenn aus Euch einmal ein brauchbarer Westmann würde!“

Er hätte in dieser Weise wohl noch fortgefahren; aber da kam Winnetou mit Intschu tschuna herbei. Dieser Letztere sah mir grad so wie vorher sein Sohn lange und ernst in das Gesicht und sagte dann:

„Ich habe von Winnetou Alles gehört. Ihr seid frei und werdet uns verzeihen. Du bist ein sehr tapferer und sehr listiger Krieger und wirst noch manchen Feind besiegen. Der handelt klug, der dich zu seinem Freunde macht. Willst du das Calumet des Friedens mit uns rauchen?“

„Ja; ich möchte euer Freund und Bruder sein!“

„So kommt mit mir und Nscho-tschi, meiner Tochter, jetzt ins Pueblo hinauf! Ich will meinem Ueberwinder eine Wohnung anweisen, wie sie seiner würdig ist. Winnetou bleibt hier unten, um die Ordnung zu wahren.“

Wir stiegen mit ihm und Nscho-tschi als freie Männer nach der Pyramidenburg hinauf, die wir als Gefangene verlassen hatten, um in den Tod geschleppt zu werden.

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Zweites Kapitel

Klekih-petra.

Wir befanden uns beinahe am Ende des herrlichen nordamerikanischen Herbstes und waren schon über drei Monate in Tätigkeit, hatten unsere Aufgabe aber noch nicht gelöst, während die andern Sektionen meist schon nach Hause zurückgekehrt waren. Hierfür gab es zwei Gründe.

Der erste Grund lag in dem Umstande, daß wir eine sehr schwierige Gegend zu bearbeiten hatten. Die Bahn sollte durch die Prärieen dem Laufe des südlichen Kanadian folgen; die Richtung war also bis zum Quellgebiete desselben vorgezeichnet, während sie von New Mexiko an durch die Lage der Täler und Pässe ebenso vorgeschrieben wurde. Unsere Sektion aber lag zwischen dem Kanadian und New Mexiko, und wir hatten die geeignete Richtung also erst zu entdecken. Dazu waren zeitraubende Ritte, anstrengende Wanderungen und viele vergleichende Messungen nötig, ehe wir an die eigentliche Arbeit gehen konnten. Erschwert wurde dies alles noch dazu dadurch, daß wir uns in einer gefährlichen Gegend befanden, denn es trieben sich da die Kiowa-, Komanche- und Apache-Indianer herum, welche von einer Bahn durch das Terrain, welches sie als ihr Eigentum bezeichneten, nichts wissen wollten. Wir mußten uns ungemein in acht nehmen und stets auf unserer Hut sein, wodurch unsere Tätigkeit selbstverständlich außerordentlich erschwert und verlangsamt wurde.

In Rücksicht auf diese Indianer mußten wir darauf verzichten, uns durch die Erträgnisse der Jagd zu ernähren, denn wir hätten die Roten dadurch auf unsere Spur gelenkt. Wir bezogen vielmehr alles, was wir brauchten, durch Ochsenwagen aus Santa Fé. Leider war aber dieser Transport auch ein sehr unsicherer, und wir konnten wiederholt mit unseren Messungen nicht vorwärts schreiten, weil wir auf die Ankunft der Wagen warten mußten.

Die zweite Ursache lag in der Zusammensetzung unserer Gesellschaft. Ich habe erwähnt, daß ich in St. Louis von dem Oberingenieur und den drei Surveyors sehr freundlich begrüßt worden sei. Diese Aufnahme, welche ich bei ihnen fand, ließ mich ein gutes und erfolgreiches Zusammenwirken erwarten; darin sollte ich mich aber leider getäuscht haben.

Meine Kollegen waren echte Yankees, welche in mir das Greenhorn, den unerfahrenen Dutchman sahen, dieses letztere Wort als Schimpfwort genommen. Sie wollten Geld verdienen, ohne viel danach zu fragen, ob sie ihre Aufgabe auch wirklich gewissenhaft erfüllten. Ich war als ehrlicher Deutscher ihnen dabei ein Hemmschuh, dem sie die erst gezeigte Gunst sehr bald entzogen. Ich ließ mich dies nicht anfechten und tat meine Pflicht. Es war noch nicht viel Zeit vergangen, so machte ich die Bemerkung, daß es mit ihren Kenntnissen eigentlich nicht sehr weit her war; sie warfen mir die schwierigsten Arbeiten zu und machten sich das Leben so leicht wie möglich. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, denn ich bin stets der Ansicht gewesen, daß man um so stärker wird, je mehr man leisten muß.

Mr. Bancroft, der Oberingenieur, war der unterrichtetste von ihnen; leider aber stellte es sich heraus, daß er den Branntwein liebte. Es waren einige Fäßchen dieses verderblichen Getränkes aus Santa Fé gebracht worden, und seitdem beschäftigte er sich weit mehr mit dem Brandy als mit den Meßinstrumenten. Es kam vor, daß er halbe Tage lang total betrunken an der Erde lag. Riggs, Marcy und Wheeler, die drei Surveyors, hatten, ebenso wie auch ich, den Schnaps mit bezahlen müssen, und sie tranken, um ja nicht zu kurz zu kommen, mit ihm um die Wette. Es läßt sich denken, daß auch diese Gentlemen sich oft nicht in der besten Verfassung befanden. Da ich keinen Tropfen trank, so war ich natürlich der Arbeitsmann, während sie sich in steter Abwechslung zwischen dem Trinken und dem Ausschlafen ihres Rausches hielten. Wheeler war mir noch der liebste von ihnen, denn er hatte so viel Verstand, einzusehen, daß ich mich für sie plagte, ohne im mindesten dazu verpflichtet zu sein. Daß unsere Arbeit unter diesen Verhältnissen litt, versteht sich ganz von selbst.

Die übrige Gesellschaft ließ nicht weniger zu wünschen übrig. Wir hatten bei unserer Ankunft auf der Sektion zwölf auf uns wartende Westmänner angetroffen. Ich als Neuling hegte in der ersten Zeit ganz bedeutenden Respekt vor ihnen, erkannte aber nur zu bald, daß ich es mit Leuten von sehr niederem moralischem Range zu tun hatte.

Sie sollten uns beschützen und bei unsern Arbeiten Hilfe leisten. Glücklicherweise kam volle drei Monate lang nichts vor, was mir Veranlassung gegeben hätte, mich in diesen sehr zweifelhaften Schutz zu begeben, und was ihre Hilfeleistungen betraf, so konnte ich mit vollem Rechte behaupten, daß hier die zwölf größten Faulenzer der Vereinigten Staaten sich ein Stelldichein gegeben hatten.

Wie traurig mußte es unter solchen Umständen mit der Disziplin beschaffen sein!

Bancroft war dem Namen und dem Auftrage nach der Kommandierende, und er gebärdete sich auch ganz so, es zu sein, doch kein Mensch gehorchte ihm. Wenn er einen Befehl erteilte, so lachte man ihn aus; dann fluchte er, wie ich selten einen Menschen habe fluchen hören, und ging zum Brandyfasse, um sich für diese Anstrengung zu belohnen. Riggs, Marcy und Wheeler handelten nicht viel anders. Da hätte nun wohl ich allen Grund gehabt, mich der Zügel zu bemächtigen, und ich tat dies auch, doch so, daß man es nicht bemerkte. So ein junger und unerfahrener Mensch konnte von solchen Leuten unmöglich für voll angesehen werden. Wäre ich so unklug gewesen, einmal im gebieterischen Tone zu sprechen, so hätte der Erfolg ganz gewiß in einem schallenden Gelächter bestanden. Nein, ich mußte leise und vorsichtig verfahren, ungefähr so wie eine kluge Frau, welche ihren widerhaarigen Mann zu lenken und zu leiten weiß, ohne daß er eine Ahnung davon hat. Ich wurde von diesen halbwilden, schwer zu zügelnden Westmännern täglich wohl zehnmal ein Greenhorn genannt, und doch richteten sie sich unbewußt nach mir, indem ich sie bei der Meinung ließ, daß sie ihrem eigenen Willen folgten.

Hierbei hatte ich einen vorzüglichen Beistand an Sam Hawkens und seinen beiden Gefährten Dick Stone und Will Parker. Diese drei Männer waren durch und durch ehrlich und dabei, was ich dem kleinen Sam bei unserm ersten Zusammentreffen in St. Louis nicht hatte ansehen können, erfahrene, kluge und kühne Westläufer, deren Namen weithin einen guten Klang besaßen. Sie hielten sich meist zu mir und zogen sich von den Andern zurück, doch so, daß diese sich nicht etwa beleidigt fühlen konnten. Besonders verstand es Sam Hawkens trotz seiner komischen Eigentümlichkeiten, dem, was er wollte, bei der widerspenstigen Gesellschaft Achtung zu verschaffen, und so oft er in seiner halb strengen und halb drolligen Tonart etwas durchsetzte, so geschah dies stets, um mir zur Erringung dessen, was ich wollte, behilflich zu sein.

Es hatte sich zwischen ihm und mir im Stillen ein Verhältnis herausgebildet, welches ich am besten mit dem Worte Suzeränität, Oberlehnsherrlichkeit, bezeichnen möchte. Er hatte mich unter seinen Schutz genommen, und zwar wie einen Menschen, den man gar nicht danach zu fragen braucht, ob er damit einverstanden ist. Ich war das Greenhorn und er der erfahrene Westmann, dessen Worte und Taten für mich unfehlbar zu sein hatten. Er gab mir, so oft sich Zeit und Gelegenheit bot, theoretischen und praktischen Unterricht in allem, was man im wilden Westen wissen und auch können muß, und wenn ich heut der Wahrheit nach sagen muß, daß ich später an Winnetous Seite die hohe Schule durchmachte, so muß ich billig eingestehen, daß Sam Hawkens mein Elementarlehrer gewesen ist. Er fertigte mir sogar höchst eigenhändig einen Lasso an und erlaubte mir, mich im Werfen dieser gefährlichen Waffe an seiner eignen kleinen Person und seinem Pferde zu üben. Als ich es dann so weit gebracht hatte, daß die Schlinge bei jedem Wurfe ihr Ziel unfehlbar faßte, freute er sich herzlich und rief aus:

„Schön so, mein junger Sir; so ist’s recht! Doch bildet Euch auf dieses Lob ja nicht etwas ein! Ein Schulmeister muß selbst den dümmsten Jungen zuweilen loben, wenn dieser nicht ganz und gar sitzen bleiben soll. Ich bin der Lehrer schon manches jungen Westmannes gewesen, und sie alle haben viel, viel leichter gelernt und mich viel rascher begriffen als Ihr, doch wenn Ihr Euch so weiter übt, so ist es vielleicht möglich, daß man Euch nach sechs oder acht Jahren nicht mehr ein Greenhorn zu nennen braucht. Bis dahin mögt Ihr Euch mit der alten Erfahrung trösten, daß ein Dummer es zuweilen ebenso weit oder wohl gar noch weiter bringt als ein Gescheiter, wenn ich mich nicht irre!“

Er brachte dies scheinbar im größten Ernste vor, und ich nahm es mit demselben Ernste hin, wußte aber recht wohl, wie ganz anders er es meinte.

Von diesen Unterweisungen waren mir besonders die praktischen willkommen, denn die Berufsarbeit nahm mich so in Anspruch, daß ich, wenn Sam Hawkens nicht gewesen wäre, mir wohl nicht die Zeit genommen hätte, mich in den Fertigkeiten zu üben, welche ein Prairiejäger besitzen muß. Übrigens hielten wir diese Übungen geheim; sie wurden stets in solcher Entfernung vom Lager vorgenommen, daß man uns nicht beobachten konnte. Sam wollte es so, und als ich ihn einmal nach dem Grunde fragte, antwortete er:

„Geschieht Euch zuliebe, Sir. Ihr habt so wenig Geschick für solche Sachen, daß ich mich in Eure Seele hinein schämen müßte, wenn diese Kerls uns dabei sähen. So, nun wißt Ihr es, hihihihi. Nehmt es Euch zu Herzen!“

Die Folge davon war, daß die ganze Gesellschaft mir in Beziehung auf Waffenführung und körperliche Geschicklichkeit nichts zutraute, was mich aber nicht im mindesten kränken konnte.

Trotz aller vorhin erwähnten Hindernisse waren wir schließlich doch so weit gekommen, daß wir den Anschluß an die nächste Sektion nach Verlauf von vielleicht einer Woche erreichen konnten. Um dies dort zu melden, mußte ein Bote abgesandt werden. Bancroft erklärte, daß er diesen Ritt selbst machen und einen der Westmänner als Führer mitnehmen wolle. Diese Absendung einer Nachricht war nicht die erste, welche geschah, denn wir hatten sowohl mit der hinter als auch mit der vor uns liegenden Sektion in einem immerwährenden Botenverkehr stehen müssen. Infolge dessen wußte ich, daß der vor uns befehligende Ingenieur ein sehr tüchtiger Mann war.

Es war an einem Sonntage früh, als Bancroft aufbrechen wollte. Er hielt es für nötig, vorher einen Abschiedstrunk zu tun, an welchem sich alle beteiligen sollten. Ich allein wurde nicht dazu eingeladen, und Hawkens, Stone und Parker folgten der an sie ergangenen Aufforderung nicht. Der Trunk zog sich, wie ich gleich geahnt hatte, so sehr in die Länge, daß er erst dann aufhörte, als Bancroft kaum mehr lallen konnte. Seine Zechgenossen hatten gleichen Schritt mit ihm gehalten und waren nicht minder betrunken als er. Von dem beabsichtigten Ritte konnte für jetzt keine Rede sein. Die Kerls taten, was sie in diesem Zustande stets getan hatten: sie krochen hinter die Büsche, um auszuschlafen.

Was nun tun? Der Bote mußte fort, und diese Menschen schliefen nun jedenfalls bis weit in den Nachmittag hinein. Es war am besten, ich unternahm den Ritt; aber konnte ich fort? Ich war überzeugt, daß bis zu meiner Rückkehr nach voraussichtlich vier Tagen von Arbeit keine Rede sein werde. Während ich mit Sam Hawkens mich darüber beriet, deutete er mit der Hand nach Westen und sagte:

„Wird nicht nötig sein, daß Ihr reitet, Sir. Könnt die Botschaft den Beiden mitgeben, welche dort kommen.“

Als ich in die angegebene Richtung blickte, sah ich zwei Reiter, welche sich uns näherten. Es waren Weiße, und in dem einen erkannte ich einen alten Scout, welcher schon einige Male bei uns gewesen war, um uns von der nächsten Sektion Nachricht zu bringen. Neben ihm ritt ein jüngerer Mann, welcher nicht wie ein Westläufer gekleidet war. Den hatte ich noch nicht gesehen. Ich ging ihnen entgegen; als ich sie erreichte, hielten sie ihre Pferde an, und der Unbekannte fragte mich nach meinem Namen. Als ich ihm denselben genannt hatte, betrachtete er mich mit freundlich forschendem Blicke und sagte:

„So seid Ihr also der junge, deutsche Gentleman, der hier alle Arbeit tut, während die Andern auf der faulen Haut liegen. Ihr werdet wissen, wer ich bin, wenn ich Euch meinen Namen sage, Sir. Ich heiße White.“

Das war der Name des Dirigenten der westlich nächsten Sektion, zu welchem der Bote hatte geschickt werden sollen. Daß er selbst kam, mußte einen Grund haben. Er stieg vom Pferde, gab mir die Hand und ließ sein Auge suchend über unser Lager schweifen. Als er die Schläfer hinter den Büschen und dann auch das Branntweinfaß erblickte, ging ein verständnisvolles, aber keineswegs freundliches Lächeln über sein Gesicht.

„Sind wohl betrunken?“ fragte er.

Ich nickte.

„Alle?“

„Ja. Mr. Bancroft wollte zu Euch, und da hat es einen kleinen Abschiedstrunk gegeben. Ich werde ihn wecken und“

„Halt!“ fiel er mir in die Rede. „Laßt sie schlafen! Es ist mir lieb, daß ich mit Euch reden kann, ohne daß sie es hören. Gehen wir zur Seite, und wecken sie nicht auf! Wer sind die drei Männer, die dort bei Euch standen?“

„Sam Hawkens, Will Parker und Dick Stone, unsere drei zuverlässigen Scouts.“

„Ah, Hawkens, der kleine, sonderbare Jäger. Tüchtiger Kerl; habe von ihm gehört. Die Drei mögen mit uns kommen.“

Ich folgte dieser Aufforderung, indem ich sie zu uns winkte, und erkundigte mich dann:

„Ihr kommt selbst, Mr. White. Ist’s etwas Wichtiges, was Ihr uns bringt?“

„Nichts weiter, als daß ich hier einmal nach dem Rechten sehen und mit Euch, grad mit Euch reden wollte. Wir sind mit unserer Sektion fertig, Ihr mit der Eurigen noch nicht.“

„Daran tragen die Schwierigkeiten des Terrains die Schuld, und ich will“

„Weiß, weiß!“ unterbrach er mich. „Weiß leider alles. Wenn Ihr Euch nicht dreifach angestrengt hättet, so stände Bancroft noch da, wo er angefangen hat.“

„Das ist keineswegs der Fall, Mr. White. Ich weiß zwar nicht, wie Ihr zu der irrtümlichen Ansicht gekommen seid, daß ich allein fleißig gewesen sein soll, doch ist es meine Pflicht“

„Still, Sir, still! Es sind Boten zwischen Euch und uns hin und her gegangen; die habe ich ausgehorcht, ohne daß sie es bemerkten. Es ist sehr edelmütig von Euch, daß Ihr diese Säufer hier in Schutz nehmen wollt, aber ich will die Wahrheit hören. Und da ich sehe und höre, daß Ihr zu nobel seid, sie mir zu sagen, werde ich nicht Euch, sondern Sam Hawkens fragen. Setzen wir uns hier nieder!“

Wir waren nach unserm Zelte gegangen. Er setzte sich vor demselben in das Gras und winkte uns, dasselbe zu tun. Als wir dieser Aufforderung nachgekommen waren, begann er, Sam Hawkens, Stone und Parker auszufragen. Sie erzählten ihm alles, ohne zur Wahrheit ein überflüssiges Wort zu fügen; dennoch warf ich hier und da eine Bemerkung ein, um gewisse Härten zu mildern und meine Kollegen zu verteidigen, doch verfehlte dies den beabsichtigten Eindruck auf White. Er bat mich im Gegenteil wiederholt, diese meine Bemühungen einzustellen, da sie vollständig erfolglos seien.

Dann, als er alles wußte, forderte er mich auf, ihm unsere Zeichnungen und das Tagebuch zu zeigen. Ich brauchte ihm diesen Wunsch nicht zu erfüllen, tat es aber dennoch, weil ich ihn sonst beleidigt hätte, und ich sah doch, daß er es gut mit mir meinte. Er sah alles sehr aufmerksam durch, und als er mich danach fragte, konnte ich nicht leugnen, daß ich allein der Zeichner und Verfasser war, denn keiner von den Andern hatte einen Strich getan oder einen Buchstaben geschrieben.

„Aber aus diesem Tagebuche ersieht man nicht, wie viel oder wie wenig Arbeit auf den Einzelnen kommt,“ sagte er. „Ihr seid in Eurer löblichen Kollegialität viel zu weit gegangen.“

Da bemerkte Hawkens mit pfiffigem Gesichte:

„Greift ihm doch mal in die Brusttasche, Mr. White! Da steckt ein blechernes Dings, worin Ölsardinen gewesen sind. Die Sardinen sind heraus, aber dafür steckt etwas Papiernes drin. Wird wohl sein Privattagebuch sein, wenn ich mich nicht irre. In diesem wird es ganz anders lauten als hier in dem offiziellen Berichte, in dem er die Faulheit seiner Kollegen vertuscht.“

Sam wußte, daß ich mir private Aufzeichnungen gemacht hatte und sie in der leer gewordenen Sardinenbüchse bei mir trug. Es war mir unangenehm, daß er es sagte. White bat mich, ihm auch das zu zeigen. Was sollte ich tun? Verdienten es meine Kollegen, daß ich mich für sie plagte, ohne Dank zu finden, und dies dann auch noch verschwieg? Ich wollte ihnen keineswegs schaden, aber auch nicht unhöflich gegen White sein. Darum gab ich ihm mein Tagebuch, doch unter der Bedingung, daß er zu niemand von dem Inhalte spreche. Er las es durch, gab es mir dann zurück und sagte:

„Eigentlich sollte ich die Blätter mitnehmen und an der betreffenden Stelle abgeben. Eure Kollegen sind ganz unfähige Menschen, denen kein einziger Dollar mehr ausbezahlt werden sollte; Euch aber müßte man dreifach bezahlen. Doch, wie Ihr wollt. Nur mache ich Euch darauf aufmerksam, daß es gut für Euch sein wird, diese Privatnotizen gut aufzuheben. Sie können Euch später leicht von großem Nutzen sein. Und nun wollen wir die famosen Gentlemen wecken.“

Er stand auf und schlug Lärm. Die Gentlemen kamen mit stieren Augen und verstörten Gesichtern hinter ihren Büschen hervor. Bancroft wollte darüber, daß man ihn im Schlafe gestört hatte, grob werden, zeigte sich aber höflich, als ich ihm sagte, daß Mr. White von der nächsten Sektion angekommen sei. Die Beiden hatten sich noch nicht gesehen. Das Erste war, daß er ihm einen Becher Brandy anbot; aber damit kam er an den unrechten Mann. White benutzte dieses Anerbieten sofort als Anknüpfungspunkt zu einer Strafrede, wie Bancroft gewiß noch keine gehört oder gar selbst erhalten hatte. Dieser hörte sie, vor Erstaunen wortlos, eine Weile an, dann fuhr er auf den Redner los, faßte ihn am Arme und schrie ihn an:

„Herr, wollt Ihr mir wohl gleich sagen, wie Ihr heißt?“

„White heiße ich; das habt Ihr ja gehört.“

„Und was Ihr seid?“

„Oberingenieur der benachbarten Sektion.“

„Hat jemand von uns Euch dort etwas zu befehlen?“

„Ich denke, nein.“

„Nun wohl! Ich heiße Bancroft und bin Oberingenieur der hiesigen Sektion. Es hat mir kein Mensch etwas zu befehlen, am allerwenigsten aber Ihr, Mr. White.“

„Es ist richtig, daß wir uns vollständig gleichstehen,“ antwortete dieser ruhig. „Befehle von dem Andern anzunehmen, hat keiner von uns Beiden nötig. Aber wenn der Eine sieht, daß der Andere das Unternehmen, an welchem beide arbeiten sollen, schädigt, so ist es seine Pflicht, den Betreffenden auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. Eure Lebensaufgabe scheint im Brandyfasse zu stecken. Ich zähle hier sechszehn Menschen, welche alle betrunken waren, als ich vor zwei Stunden hier ankam, und so“

„Vor zwei Stunden?“ fiel ihm Bancroft in die Rede. „So lange seid Ihr schon hier?“

„Allerdings. Ich habe mir die Aufnahmen angesehen und mich darüber unterrichtet, wer sie gemacht hat. Das ist ja das reine Schlaraffenleben hier gewesen, während ein Einziger und noch dazu der Jüngste von Euch allen, die ganze Arbeit zu bewältigen hatte!“

Da fuhr Bancroft zu mir herum und zischte mich an:

„Das habt Ihr gesagt, Ihr und kein Anderer! Leugnet es einmal, Ihr niederträchtiger Lügner, Ihr heimtückischer Verräter!“

„Nein,“ antwortete ihm White. „Euer junger Kollege hat als Gentleman gehandelt und nur Gutes über Euch gesprochen. Er hat Euch in Schutz genommen, und ich rate Euch, ihn um Verzeihung zu bitten, daß Ihr ihn einen Lügner und Verräter nanntet.“

„Um Verzeihung bitten? Fällt mir nicht ein!“ lachte Bancroft höhnisch auf. „Dieses Greenhorn weiß kein Dreieck von einem Vierecke zu unterscheiden und bildet sich trotzdem ein, Surveyor zu sein. Wir sind nicht vorwärts gekommen, weil er alles verkehrt gemacht und uns aufgehalten hat, und wenn er nun, anstatt dies einzusehen und zuzugeben, uns bei Euch verleumdet und anschwärzt, so“

Er kam nicht weiter. Ich war monatelang geduldig gewesen und hatte diese Leute nach ihrem Belieben über mich denken lassen. Jetzt war der Augenblick da, ihnen zu zeigen, daß sie sich in mir geirrt hatten. Ich ergriff Bancroft beim Arme, drückte ihn so, daß er vor Schmerz den angefangenen Satz unausgesprochen ließ, und sagte:

„Mr. Bancroft, Ihr habt zuviel Schnaps getrunken und nicht ausschlafen können. Ich nehme an, daß Ihr noch betrunken seid, und es mag also so sein, als ob Ihr nichts gesagt hättet.“

„Ich, betrunken? Ihr seid verrückt!“ antwortete er.

„Jawohl, betrunken! Denn wenn ich wüßte, daß Ihr nüchtern seid und die Beschimpfungen mit Ueberlegung ausgesprochen habt, so wäre ich gezwungen, Euch wie einen Buben zu Boden zu schlagen. Verstanden! Habt Ihr nun noch das Herz, Euren Rausch abzuleugnen?“

Ich hielt seinen Arm noch fest in meiner Hand. Er hatte gewiß nie geglaubt, jemals vor mir Angst haben zu müssen; jetzt aber fürchtete er sich; das sah ich ihm an. Er war keineswegs ein schwacher Mann; aber der Ausdruck meines Gesichtes schien ihn zu erschrecken. Er wollte nicht sagen, daß er noch betrunken sei, getraute sich aber auch nicht, seine Beschuldigungen aufrecht zu erhalten; darum wendete er sich um Hilfe an den Anführer der zwölf Westmänner, die uns zur Unterstützung beigegeben waren:

„Mr. Rattler, duldet Ihr es, daß dieser Mensch sich an mir vergreift? Seid Ihr nicht hier, um uns zu beschützen?“

Dieser Rattler war ein hoch und breit gebauter Kerl, welcher die Kraft von drei, vier Menschen zu besitzen schien, ein rohes Subjekt und zugleich Bancrofts liebster Trinkkumpan. Er konnte mich nicht leiden und nahm jetzt mit Freuden die Gelegenheit wahr, dem Grolle, den er gegen mich hegte, Luft machen zu dürfen. Er trat schnell herbei, faßte mich am Arme, so wie ich Bancroft noch immer bei dem seinigen hatte, und antwortete:

„Nein, das kann ich nicht dulden, Mr. Bancroft. Dieses Kind hat seine ersten Strümpfe noch nicht abgelaufen und will hier erwachsenen Männern drohen, sie verschänden und verleumden. Tu‘ die Hand von Mr. Bancroft weg, Junge, sonst zeige ich dir, was für ein Greenhorn du bist!“

Diese Aufforderung war an mich gerichtet. Er schüttelte mir bei derselben den Arm. Das mußte mir noch lieber sein, denn er war ein stärkerer Gegner als der Oberingenieur. Wenn ich ihn Mores lehrte, mußte es besser wirken, als wenn ich diesem zeigte, daß ich kein Feigling sei. Ich riß meinen Arm aus seiner Hand und entgegnete:

„Ich ein Junge, ein Greenhorn? Widerruft das augenblicklich, Mr. Rattler, sonst schmettere ich Euch zu Boden!“

„Ihr mich?“ lachte er. „So ein Greenhorn ist wirklich so albern, zu glauben, daß“

Er konnte nicht weiter reden, denn ich schlug ihm die Faust an die Schläfe, daß er steif wie ein Sack niederstürzte und betäubt liegen blieb. Einige kurze Augenblicke herrschte tiefes Schweigen; dann rief einer von Rattlers Kameraden:

„All devils! Sollen wir ruhig zusehen, wenn so ein hergelaufener Dutchman unsern Anführer schlägt? Drauf auf den Halunken!“

Er sprang auf mich ein. Ich empfing ihn mit einem Fußtritte in die Magengegend. Dies ist ein sichres Mittel, den Gegner zum Fall zu bringen, nur muß man dabei sehr fest auf dem andern Beine stehen. Der Kerl stürzte nieder. In demselben Momente kniete ich auf seinem Leibe und gab ihm den betäubenden Fausthieb an die Schläfe. Dann sprang ich schnell auf, riß die beiden Revolver aus dem Gürtel und rief:

„Wer noch? Der mag kommen!“

Rattlers ganze Bande hätte wohl nicht übel Lust gehabt, die Niederlage ihrer beiden Kameraden zu rächen. Einer blickte den Andern fragend an. Ich warnte aber:

„Hört mein Wort, ihr Leute: Wer einen Schritt nach mir tut oder mit der Hand nach der Waffe greift, bekommt augenblicklich eine Kugel in den Kopf! Denkt meinetwegen von den Greenhorns im allgemeinen, was und wie ihr wollt; von den deutschen Greenhorns aber will ich euch beweisen, daß ein einziges es recht gut mit zwölf solchen Westmännern aufnimmt, wie ihr seid!“

Da stellte sich Sam Hawkens an meine Seite und sagte:

„Und ich, Sam Hawkens, will euch auch warnen, wenn ich mich nicht irre. Dieses junge, deutsche Greenhorn steht unter meinem ganz besondern Schutze. Wer es wagen sollte, ihm nur ein Haar zu krümmen, dem schieße ich sofort ein Loch durch die Gestalt. Ist mein voller Ernst; könnt es euch merken, hihihihi!“

Dick Stone und Will Parker hielten es für angezeigt, sich auch neben mir aufzupflanzen, um anzudeuten, daß sie ganz der Meinung von Sam Hawkens seien. Das imponierte den Gegnern. Diese wendeten sich von mir ab, murmelten unterdrückte Flüche und Drohungen in die Bärte und beschäftigten sich dann angelegentlich mit den beiden Gefallenen, um sie zum Bewußtsein zurückzubringen.

Bancroft hielt es für das Klügste, nach dem Zelte zu gehen und in demselben zu verschwinden. White hatte mit großen, verwunderten Augen auf mich geblickt. Jetzt schüttelte er den Kopf und sagte im Tone ungekünstelten Erstaunens:

„Aber, Sir, das ist ja fürchterlich! In Eure Finger möchte ich auf keinen Fall geraten. Man sollte Euch wahrhaftig Shatterhand nennen, weil Ihr einen baumlangen und baumstarken Menschen mit einem einzigen Fausthiebe niederschmettert. So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Dieser Vorschlag schien dem kleinen Hawkens zu gefallen. Er kicherte fröhlich:

„Shatterhand, hihihihi! Ein Greenhorn, und schon einen Kriegsnamen, und nun gar einen solchen! Ja, wenn Sam Hawkens seine Augen auf ein Greenhorn wirft, so kommt etwas dabei heraus, wenn ich mich nicht irre. Shatterhand, Old Shatterhand! Ganz ähnlich wie Old Firehand, der auch ein Westmann ist, stark wie ein Bär. Was sagt ihr dazu, Dick, Will, zu diesem Namen?“

Ich bekam nicht zu hören, was sie antworteten, denn ich hatte meine Aufmerksamkeit auf White zu richten, welcher, meine Hand ergreifend und mich beiseite führend, sagte:

„Ihr gefallt mir außerordentlich, Sir. Habt Ihr keine Lust, mit mir zu gehen?“

„Lust oder nicht, Mr.White, ich darf nicht.“

„Warum?“

„Weil meine Pflicht mich hier bindet.“

„Pshaw! Ich verantworte es.“

„Das nutzt mir nichts, wenn ich es nicht selbst verantworten kann. Ich bin hierher geschickt worden, um diese Sektion vermessen zu helfen, und darf nicht fort, weil wir noch nicht fertig sind.“

„Bancroft wird es mit den drei Andern fertig machen.“

„Ja, aber wann und wie! Nein, ich muß bleiben.“

„Aber bedenkt, daß dies gefährlich für Euch ist!“

„Warum?“

„Das fragt Ihr noch? Ihr müßt doch einsehen, daß Ihr Euch diese Leute spinnefeind gemacht habt.“

„Ich nicht. Ich habe ihnen nichts getan.“

„Das ist wahr, oder vielmehr es war bis vorhin wahr. Nun Ihr aber zwei von ihnen niedergeworfen habt, ist es aus zwischen Euch und ihnen.“

„Mag sein; ich fürchte mich nicht vor ihnen. Und grad diese beiden Fausthiebe haben mich in Respekt gesetzt; es wird sich nicht gleich jemand an mich wagen. Uebrigens stehen mir Hawkens, Stone und Parker zur Seite.“

„Wie Ihr wollt. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich, doch oft auch seine Hölle. Ich hätte Euch gebrauchen können. Aber wenigstens ein Stück zurückbegleiten werdet Ihr mich doch?“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Ihr wollt gleich aufbrechen, Mr. White?“

„Ja, ich habe die Verhältnisse hier so gefunden, daß es mich nicht gelüsten kann, länger, als notwendig ist, hier zu bleiben.“

„Aber etwas essen müßt Ihr doch, ehe Ihr aufbrecht, Sir?“

„Ist nicht nötig. Wir haben in unsern Satteltaschen, was wir brauchen.“

„Wollt Ihr Euch nicht von Bancroft verabschieden?“

„Habe keine Lust dazu.“

„Aber Ihr seid doch wohl gekommen, um Geschäftliches mit ihm zu besprechen!“

„Allerdings. Doch kann ich Euch das auch sagen. Bei Euch findet es sogar besseres Verständnis als bei ihm. Vor allen Dingen wollte ich ihn vor den Roten warnen.“

„Habt Ihr welche gesehen?“

„Nicht direkt, sondern nur ihre Fährten. Es ist jetzt die Zeit, in welcher die wilden Mustangs und Büffel südwärts ziehen; da verlassen die Roten ihre Dörfer, um zu jagen und Fleisch zu machen. Die Kiowas sind nicht zu fürchten, denn mit ihnen haben wir uns wegen der Bahn geeinigt; die Komanchen und Apachen aber wissen noch nichts davon, und so dürfen wir uns vor ihnen ja nicht sehen lassen. Was mich betrifft, so bin ich mit meiner Sektion fertig und verlasse diese Gegend. Macht, daß Ihr auch zu Ende kommt! Der hiesige Boden wird von Tag zu Tag gefährlicher für Euch. Sattelt jetzt Euer Pferd und fragt Sam Hawkens, ob er Lust hat, mitzukommen.“

Natürlich hatte Sam Lust.

Eigentlich hatte ich heut arbeiten wollen; aber es war Sonntag, der Tag des Herrn, an welchem jeder Christ, selbst wenn er sich in der Wildnis befindet, sich sammeln und mit seinen geistlichen Pflichten beschäftigen soll. Dazu hatte ich wohl einmal einen Ruhetag verdient. Ich ging also zu Bancroft in das Zelt und sagte ihm, daß ich heut nicht arbeiten, sondern White mit Sam Hawkens ein Stück begleiten würde.

„Geht in des Teufels Namen, und laßt euch von ihm die Hälse brechen!“ antwortete er, und ich dachte nicht, daß dieser rohe Wunsch in kurzer Zeit beinahe in Erfüllung gehen würde.

Ich war seit einigen Tagen nicht in den Sattel gekommen, und mein Rotschimmel wieherte freudig auf, als ich ihm das Zeug auflegte. Er hatte sich als ein vortreffliches Pferd bewährt, und ich freute mich schon im voraus darauf, dies meinem alten „Gunsmith“ Henry sagen zu dürfen.

Wir ritten munter in den schönen Herbstmorgen hinein, sprachen über das geplante, großartige Bahnunternehmen und über alles, was uns auf dem Herzen lag. White gab mir die nötigen Winke, welche sich auf den Anschluß an seine Sektion bezogen, und zu Mittag machten wir an einem Wasser Halt, um ein frugales Mahl zu genießen. Dann ritt White mit seinem Scout weiter, und wir blieben noch ein Weilchen liegen, um uns über religiöse Dinge zu unterhalten.

Hawkens war nämlich ein frommer Mensch, wenn er dies auch gegen Andere nicht zutage treten ließ.

Kurz, bevor wir aufbrachen, um zurückzukehren, bückte ich mich zum Wasser nieder, um mit der Hand zu schöpfen und zu trinken. Da sah ich durch die kristallhelle Flüssigkeit auf dem Boden einen Eindruck, welcher von einem Fuße herzurühren schien. Natürlich machte ich Sam darauf aufmerksam. Er betrachtete den Eindruck aufmerksam und sagte dann:

„Dieser Mr. White hatte ganz recht, als er uns vor den Indianern warnte.“

„Meint Ihr, Sam, daß diese Spur von einem Indianer herrührt?“

„Ja, von einem indianischen Mokassin. Wie wird Euch dabei zu Mute, Sir?“

„Gar nicht.“

„Fi! Ihr müßt doch etwas denken oder fühlen?“

„Was soll ich anderes denken, als daß ein Roter hier gewesen ist?“

„Also habt Ihr keine Angst?“

„Fällt mir nicht ein!“

„Wenigstens Sorge?“

„Auch nicht.“

„Ja, Ihr kennt die Roten nicht!“

„Hoffe sie aber kennen zu lernen. Sie werden wohl grad so wie andere Menschen sein, nämlich die Feinde ihrer Feinde und die Freunde ihrer Freunde. Und da es nicht meine Absicht ist, sie feindlich zu behandeln, so nehme ich an, daß ich nichts von ihnen zu befürchten habe.“

„Ihr seid eben ein Greenhorn und werdet es ewig bleiben.

Nehmt Euch noch so fest vor, wie Ihr die Roten behandeln wollt, es wird doch ganz, ganz anders kommen. Die Ereignisse sind doch nicht von Eurem Willen abhängig. Ihr werdet das erfahren, und ich will wünschen, daß diese Erfahrung Euch nicht einen tüchtigen Fetzen Menschenfleisch aus Eurem eigenen Leib oder gar das Leben kostet.“

„Wann mag dieser Indsman hier gewesen sein?“

„Vor ungefähr zwei Tagen. Wir würden seine Spuren hier im Grase sehen, wenn es sich nicht während der Zeit wieder aufgerichtet hätte.“

„Ein Kundschafter wohl?“

„Ein Kundschafter auf Büffelfleisch, ja; denn da jetzt Friede zwischen den hiesigen Stämmen herrscht, kann es kein Kriegskundschafter gewesen sein. Der Kerl war außerordentlich unvorsichtig, also sehr wahrscheinlich jung.“

„Wieso?“

„Ein erfahrener Krieger tritt nicht mit dem Fuße in ein Wasser wie dieses hier, wo die Spur auf dem seichten Grunde zurückbleibt und noch lange gesehen werden kann. So eine Dummheit kann nur von einem Dummkopfe begangen werden, der gerade so ein rotes Greenhorn ist, wie Ihr ein weißes seid, hihihihi. Und weiße Greenhorns pflegen sogar noch viel dümmer zu sein als rote. Könnt Euch das mit merken, Sir!“

Er kicherte leise in sich hinein und stand dann auf, um sein Pferd zu besteigen. Der gute Sam liebte es eben, mir seine herzliche Zuneigung dadurch zu verstehen zu geben, daß er mich für dumm erklärte.

Wir hätten auf dem Wege, den wir gekommen waren, zurückkehren können; aber als Surveyor war es meine Aufgabe, unsere Strecke kennen zu lernen; darum bogen wir erst ein Stück ab und schlugen dann die Parallele ein.

Dabei kamen wir in ein ziemlich breites Tal, welches mit saftigem Grase bewachsen war; die Lehnen, von denen es hüben und drüben eingesäumt wurde, trugen unten Gebüsch und weiter oben Wald. Das Tal war vielleicht eine halbe Wegstunde lang und so schnurgerade, daß man von dem Anfange desselben bis an das Ende sehen konnte. Wir waren nur wenige Schritte in dieser freundlichen Bodensenkung vorwärts gekommen, da hielt Sam sein Pferd an und blickte aufmerksam nach vorn.

„Heig-day!“ stieß er hervor. „Da sind sie! ja wirklich, da sind sie, die allerersten!“

„Was?“ fragte ich.

Ich sah ganz fern, weit vor uns, vielleicht achtzehn bis zwanzig dunkle Punkte, welche sich langsam bewegten.

„Was?“ wiederholte er meine Frage, indem er lebhaft im Sattel hin und her rutschte. „Schämt Euch doch, eine solche Frage auszusprechen! Ach so, Ihr seid ja ein Greenhorn, und zwar ein ganz gewaltiges! Solche Kerls, wie Ihr, pflegen mit offenen Augen nicht zu sehen. Habt doch einmal die freundliche Gewogenheit, verehrtester Sir, zu raten, was das für Dinger sind, auf denen dort Eure schönen Augen ruhen!“

„Raten? Hm! Ich würde sie für Rehe halten, wenn ich nicht wüßte, daß diese Wildgattung in Rudeln oder Sprüngen von nicht über zehn Stück beisammen lebt. Auch muß ich, wenn ich die Entfernung in Betracht ziehe, sagen, daß die Tiere dort, so klein sie von hier aus zu sein scheinen, bedeutend größer als Rehe sein müssen.“

„Rehe, hihihihi!“ lachte er. „Rehe hier oben an den Quellen des Kanadian! Das ist ein Meisterstück von Euch! Aber das andere, was Ihr sagtet, war gar nicht so übel überlegt. Ja, größer sind sie, diese Tiere, viel, viel größer als Rehe!“

„Ach, lieber Sam, doch nicht etwa gar Büffel?“

„Natürlich Büffel! Bisons sind es, echte, wahre Bisons, die sich auf der Wanderung befinden, die ersten, die ich heuer sehe. Nun wißt Ihr, daß Mr. White recht gehabt hat: Bisons und Indianer. Von den Roten sahen wir nur eine Fußspur; die Büffel aber haben wir in Lebensgröße vor den Augen. Was sagt Ihr dazu, he, wenn ich mich nicht irre?“

„Wir müssen hin!“

„Natürlich!“

„Sie beobachten!“

„Beobachten? Wirklich beobachten?“ fragte er, indem er mich ganz erstaunt von der Seite her anblickte.

„Ja. Ich habe noch nie Bisons gesehen und möchte diese hier so gerne belauschen.“

Ich fühlte jetzt nur das Interesse des Zoologen; das war dem kleinen Sam vollständig unbegreiflich. Er schlug die Hände zusammen, und meinte:

„Belauschen, nur belauschen. Grad so, wie ein kleiner Junge seine Augen neugierig an eine Ritze des Kaninchenstalles legt, um die Karnickels zu belauschen! O, Greenhorn, was muß ich alles an Euch erleben! Nicht beobachten und belauschen, sondern jagen werde ich sie, wirklich jagen!“

„Heut, am Sonntage!“

Das fuhr mir so unbedacht heraus. Er wurde wirklich zornig darüber und herrschte mich an:

„Haltet gefälligst Euren Schnabel, Sir! Was frägt ein richtiger Westmann nach dem Sonntage, wenn er die ersten Büffel vor sich sieht! Das gibt Fleisch, verstanden, Fleisch, und was für welches, wenn ich mich nicht irre! Ein Stück Bisonlende ist noch herrlicher als das himmlische Ambrosius oder Ambrosianna, oder wie das Zeug hieß, von welchem die alten griechischen Götter lebten. Ich muß eine Büffellende haben, und wenn es mich das Leben kosten sollte! Die Luft ist uns entgegen; das ist gut. Hier, an der linken, nördlichen Talwand ist nur Sonne; drüben rechts aber gibt es Schatten. Wenn wir uns in diesem halten, werden uns die Tiere nicht vorzeitig bemerken. Kommt!“

Er sah nach seiner Liddy, ob die beiden Läufe derselben in Ordnung seien, und trieb sein Pferd nach der südlichen Talwand hinüber. Diesem Beispiele folgend, untersuchte ich auch meinen Bärentöter. Er sah dies, hielt sofort sein Pferd an und fragte:

„Wollt Ihr Euch etwa gar beteiligen, Sir?“

„Natürlich!“

„Das laßt hübsch bleiben, wenn Ihr nicht binnen jetzt und zehn Minuten zu Brei zerstampft sein wollt! Ein Bison ist kein Kanarienvogel, den man auf den Finger nimmt und singen läßt. Ehe Ihr Euch an so gefährliches Wild wagen dürft, muß noch viel schönes und viel schlechtes Wetter über die Felsenberge gehen.“

„Aber ich will doch“

„Schweigt und gehorcht!“ unterbrach er mich in einem Tone, den er noch nie gegen mich angewendet hatte. „Ich will Euer Leben nicht auf dem Gewissen haben, und es ist der Rachen des sichersten Todes, in den Ihr reiten würdet. Macht zu andern Zeiten, was Ihr wollt; jetzt aber dulde ich keine Widersetzlichkeit!“

Hätte nicht ein so gutes Verhältnis zwischen uns bestanden, es wäre ihm gewiß eine sehr kräftige Antwort geworden, so aber schwieg ich und ritt langsam im Schattenstreifen, den der Wald herniederwarf, hinter ihm her. Dabei erklärte er mir, nun wieder in milderem Tone sprechend:

„Es sind zwanzig Stück, wie ich sehe. Aber seid einmal dabei, wenn tausend und noch mehr Stück über die Savanne brausen! Ich habe früher Herden von zehntausend und darüber gesehen. Das war des Indianers Brot; die Weißen haben es ihm genommen. Der Rote schonte das Wild, weil es ihm Nahrung gab; er erlegte nur so viel, wie er brauchte. Der Weiße aber hat unter den ungezählten Herden gewütet wie ein grimmiges Raubtier, welches auch dann, wenn es gesättigt ist, weiter mordet, nur um Blut zu vergießen. Wie lange wird es dauern, so gibt es keinen Büffel und dann nach kurzer Zeit auch keinen Indianer mehr. Gott sei es geklagt! Und grad so ist’s auch mit den Pferdeherden. Es gab Trupps von tausend Mustangs und noch höher. Jetzt ist man ganz entzückt, wenn man das Glück hat, einmal so ein hundert Stück beisammen zu sehen.“

Wir waren indessen bis auf ungefähr vierhundert Schritt an die Büffel gekommen, ohne daß sie uns bemerkten, und Hawkens hielt sein Pferd an. Die Tiere grasten langsam talaufwärts. Am weitesten vorgerückt war ein alter Bulle, dessen Riesenleib ich mit Erstaunen betrachtete. Er war ganz gewiß gegen zwei Meter hoch und wohl drei Meter lang; damals verstand ich das Gewicht eines Bisons noch nicht zu taxieren; heute sage ich, daß dieser hier wohl an die dreißig Zentner wiegen konnte, eine ganz erstaunliche Fleisch- und Knochenmasse. Er war auf eine Schlammlache gestoßen und wälzte sich behaglich in derselben.

„Das ist der Leitstier,“ flüsterte Sam, „der gefährlichste der ganzen Gesellschaft. Wer mit dem anbindet, muß sein Testament unterschrieben haben. Ich nehme die junge Kuh rechts dahinten. Paßt auf, wohin ich ihr die Kugel gebe! Hinter dem Schulterblatte von der Seite schräg in das Herz hinein; das ist der beste, ja der einzig sichre Schuß außer dem in das Auge; aber welcher nicht wahnsinnige Mensch wird einen Bison von vorn nehmen, um ihn in das Auge zu treffen! Bleibt hier halten, und drückt Euch mit dem Pferde ins Gesträuch! Wenn sie mich sehen und dann fliehen, wird die wilde Jagd grad hier vorübergehen. Laßt es Euch aber ja nicht einfallen, diese Stelle zu verlassen, ehe ich wiederkomme oder Euch rufe!“

Er wartete, bis ich mich zwischen zwei Büsche gedrückt hatte, und ritt dann, zunächst langsam und leise weiter. Mir war ganz sonderbar zu Mute. Wie man den Bison jagt, das hatte ich sehr oft gelesen; darüber konnte man mir nichts Neues sagen; aber es ist ein Unterschied zwischen dem Papiere, auf welches man solche Beschreibungen druckt, und der Wildnis, in der man diese Jagden erlebt. Heute sah ich zum erstenmal in meinem Leben Büffel. Was für Wild hatte ich bisher geschossen? Im Verhältnisse zu diesen riesigen, gefährlichen Tieren keins, gar keins. Da sollte man meinen, ich sei ganz einverstanden gewesen mit Sams Befehle, mich ja nicht zu beteiligen; aber es fand das gerade Gegenteil statt. Vorhin hatte ich nur beobachten, belauschen wollen, jetzt fühlte ich einen mächtigen, ja unwiderstehlichen Drang, mitzutun. An eine junge Kuh wollte Sam sich machen, pfui! dachte ich, dazu gehört kein Mut; ein rechter Mann wählt grad den stärksten Bullen!

Mein Pferd war außerordentlich unruhig geworden; es tanzte mit den Hufen; es hatte auch noch keine Büffel gesehen, fürchtete sich und wollte fliehen; kaum vermochte ich, es zurückzuhalten. War es da nicht besser, wenn ich es zwang, den Bullen anzunehmen? Ich war nicht etwa erregt, sondern überlegte, innerlich ganz ruhig, zwischen Ja und Nein. Da entschied der Eindruck des Augenblickes.

Sam hatte sich den Bisons bis auf dreihundert Schritte genähert; dann gab er seinem Pferde die Sporen und galoppierte auf die Herde zu und an dem mächtigen Bullen vorbei, um an die Kuh zu kommen, welche er mir bezeichnet hatte. Sie stutzte und versäumte die Flucht; er erreichte sie; ich sah, daß er im Vorüberjagen auf sie schoß. Sie zuckte zusammen und senkte den Kopf. Ob sie zusammenbrach, das sah ich nicht, denn mein Auge wurde durch einen andern Anblick gefesselt.

Der Riesenbulle war aufgesprungen; er stierte nach Sam Hawkens hin. Welch ein mächtiges Tier! Dieser dicke Kopf mit dem gewölbten Schädel, der breiten Stirn und den zwar kurzen, aber starken, aufwärts gekrümmten Hörnern, diese dichte, zottige Mähne um Hals und Brust! Dem Bilde ursprünglichster, rohester Kraft wurde durch den hohen Widerrist die höchste Vollendung gegeben. Ja, das war ein höchst gefährliches Geschöpf; aber sein Anblick reizte förmlich zu dem Verlangen, menschliches Können an dieser tierischen Stärke zu messen.

Wollte ich, oder wollte ich nicht? Ich weiß es nicht. Oder ging mein Rotschimmel mit mir durch? Er schoß aus den Büschen heraus und wollte nach links; ich riß ihn aber nach rechts herum und flog auf den Bullen zu. Er hörte mich kommen und wendete sich nach mir um; mich sehend, senkte er den Kopf, um Roß und Reiter mit den Hörnern zu empfangen. Ich hörte Sam aus allen Kräften schreien, hatte aber keine Zeit, den Blick nach ihm zu richten. Dem Bison eine Kugel geben, war unmöglich, denn erstens stand er mir nicht schußgerecht und zweitens wollte mir das Pferd nicht gehorchen; es schoß vor Angst grad auf die drohenden Hörner zu. Um es aufzuspießen, warf der Büffel seine Hinterbeine zur Seite und den Kopf mit einem gewaltigen Stoße in die Höhe; mit Anstrengung aller Kräfte gelang es mir, den Schimmel ein wenig abzubringen; er flog in einem weiten Satze über das Hinterteil des Bullen hinweg, während in demselben Augenblicke dessen Hörner ganz nahe an meinem Beine vorbeistießen. Unser Sprung ging grad in die Schlammlache hinein, in welcher der Büffel sich gewälzt hatte; ich sah es und nahm die Füße aus den Bügeln, zu meinem Glücke, denn das Pferd glitt aus und wir stürzten. Wie das so schnell geschehen konnte, ist mir heut noch unbegreiflich, doch stand ich schon im nächsten Augenblicke aufrecht neben der Lache, das Gewehr noch fest in der Hand. Der Büffel hatte sich nach uns umgedreht und sprang in ungelenken Sätzen auf das Pferd zu, welches sich auch aufgerafft hatte und im Begriffe stand, zu entfliehen. Dabei bot er mir seine Flanke zum Schusse; ich legte an; jetzt sollte sich der schwere Bärentöter zum erstenmal im Ernste bewähren. Noch einen Sprung, so hatte der Bison den Rotschimmel erreicht; ich drückte ab er blieb mitten im Laufe stehen, ob vor Schreck über den Schuß oder weil ich gut getroffen hatte, das wußte ich nicht; ich gab ihm sofort auch die zweite Kugel. Er hob langsam den Kopf, stieß ein mir durch alle Glieder gehendes Brüllen aus, wankte einigemal hin und her und brach dann auf derselben Stelle, wo er stand, zusammen.

Ich hätte vor Freude über diesen schweren Sieg hell aufjubeln mögen, hatte aber Notwendigeres zu tun. Mein Pferd setzte reiterlos nach rechts hinunter, während ich Sam Hawkens am jenseitigen Talrande dahingaloppieren sah, von einem Stiere verfolgt, welcher nicht viel kleiner als mein Bulle war.

Man muß wissen, daß der Bison, einmal gereizt, nicht von seinem Gegner läßt und es dabei an Schnelligkeit mit dem Pferde aufnimmt. Er entwickelt dann einen Mut, eine List und eine Ausdauer, die ihm vorher gewiß niemand zutraut.

So war auch dieser Stier dem Reiter hart auf den Fersen. Um ihm zu entgehen, mußte Hawkens die gewagtesten Wendungen machen, welche das Pferd ermüdeten; es hielt jedenfalls nicht so lange aus wie der Büffel; da war also Hilfe dringend nötig. Ich hatte keine Zeit, nachzusehen, ob mein Bulle wirklich tot sei oder nicht; ich lud schnell beide Läufe des Bärentöters und sprang dann über das Tal hinüber. Sam sah dies; er wollte der Hilfe entgegenkommen und warf sein Pferd in die Richtung nach mir herum. Das war ein großer Fehler, denn der Stier, welcher eng hinter ihm war, bekam dadurch das Pferd quer vor sich; ich sah, daß er die Hörner senkte; ein Stoß und er hob das Pferd samt dem Reiter empor und ließ, als sie dann zur Erde stürzten, mit wütenden und schüttelnden Stößen nicht von ihnen ab. Sam schrie um Hilfe, was er schreien konnte. Ich war wohl noch hundertfünfzig Schritte entfernt und durfte keinen Augenblick zögern. Der Schuß wäre zwar aus größerer Nähe sicherer gewesen, aber wenn ich zauderte, konnte Sam verloren sein, und wenn ich ja nicht gut traf, hatte ich doch hoffentlich den Erfolg, das Untier von dem Freunde abzulenken. Ich blieb also stehen, zielte hinter das linke Schulterblatt und schoß. Der Büffel hob den Kopf mit einer Bewegung, als ob er horchen wolle, und drehte sich langsam um. Da sah er mich und kam auf mich zugerannt, doch mit sich verringernder Schnelligkeit; dadurch glückte es mir, den abgeschossenen Lauf mit fiebernder Eile wieder zu laden, und ich war damit fertig, als das Tier höchstens noch dreißig Schritte zu mir zu machen hatte. Es konnte nicht mehr rennen; seine Bewegungen waren nur noch ein langsames Laufen; aber mit tief gesenktem Kopfe und blutunterlaufenen, grausam vorwärts glotzenden Augen kam es auf mich zu, näher und näher wie ein schweres Verhängnis, welches nicht aufzuhalten ist. Da kniete ich nieder und legte das Gewehr an. Diese Bewegung verursachte den Bison, stehen zu bleiben und den Kopf ein wenig zu heben, um mich besser oder voller sehen zu können. Das brachte die tückischen Augen vor meine beiden Läufe; ich schickte eine Kugel in das rechte und die andere in das linke ein kurzes Zittern ging durch den Leib, dann stürzte die Bestie nieder.

Ich sprang auf, um zu Sam zu eilen, doch war dies nicht notwendig, denn ich sah ihn gelaufen kommen.

„Halloo!“ rief ich ihm zu. „Ihr lebt? Ihr seid nicht schwer verletzt?“

„Gar nicht,“ antwortete er. „Nur die rechte Hüfte tut mir weh vom Sturze, oder ist’s die linke, wenn ich mich nicht irre; ich kann es nicht genau wegbekommen.“

„Und Euer Pferd?“

„Ist hin. Es lebt zwar noch, doch hat ihm der Büffel den ganzen Leib aufgerissen. Um seine Leiden abzukürzen, müssen wir es erschießen, das arme Tier. Ist der Bison tot?“

„Hoffe es; wollen ihn untersuchen.“

Wir taten dies und überzeugten uns, daß kein Leben mehr in ihm war. Da sagte Hawkens mit einem tiefen, tiefen Atemzuge:

„Hat mir dieser alte, brutale Ochse zu schaffen gemacht! Eine Kuh wäre zarter mit mir umgegangen. Freilich, Ochsen darf man nicht zumuten, ladylike zu sein, hihihihi!“

„Wie ist er denn auf den dummen Gedanken gekommen, mit Euch anzubinden?“

„Habt Ihr das nicht gesehen?“

„Nein.“

„Nun, ich schoß die Kuh nieder, und konnte, da mein Pferd im Galoppieren war, es grad erst in dem Augenblick anhalten, als es an diesen Ochsen anrannte. Das nahm er übel und nahm mich aufs Korn. Ich gab ihm zwar schnell die zweite Kugel, die ich in meiner Liddy hatte, sie scheint ihn aber nicht vernünftiger gemacht zu haben, denn er bewies mir eine Zuneigung, welche ich ihm nicht erwidern konnte. Er hat mich so gehetzt, daß es mir unmöglich war, das Gewehr wieder zu laden; ich habe es weggeworfen, weil es mir doch nichts nützte und ich dadurch die Hände zur besseren Leitung des Pferdes frei bekam, wenn ich mich nicht irre. Der arme Gaul hat sein Möglichstes getan, sich aber doch nicht retten können.“

„Weil Ihr die letzte schnelle, verhängnisvolle Wendung machtet. Ihr hättet einen Bogen reiten sollen; dadurch wäre das Pferd gerettet worden.“

„Gerettet worden? Ihr sprecht doch wie ein Alter. Das sollte man von einem Greenhorn nicht erwarten.“

„Pshaw! Greenhorns haben auch ihr Gutes!“

„Ja, denn wenn Ihr nicht gewesen wäret, so läge ich jetzt ebenso zerstochen und zerfetzt dort wie mein Pferd. Wollen doch einmal hin zu ihm.“

Wir fanden es in einem traurigen Zustande. Die Eingeweide hingen ihm aus dem aufgeschlitzten Leibe; es schnaubte vor Schmerzen. Sam holte seine weggeworfene Büchse, lud sie und gab ihm den Gnadenschuß. Dann schnallte er ihm die Zügel und den Sattel ab und sagte dabei:

„Jetzt kann ich mein eigenes Pferd machen und den Sattel auf meinen Rücken nehmen. Das hat man davon, wenn man mit einem Ochsen zusammenrennt.“

„Ja. Wo werdet Ihr nun ein anderes Pferd herbekommen?“ fragte ich.

„Das ist mein geringster Kummer. Ich fange mir eins, wenn ich mich nicht irre.“

„Einen Mustang?“

„Ja. Die Büffel sind da; sie haben ihre Wanderung nach Süden angetreten; da werden sich auch bald die Mustangs sehen lassen; ich kenne das.“

„Darf ich dabei sein, wenn Ihr Euch einen fangt?“

„Natürlich. Ihr müßt auch das kennen lernen. Doch kommt jetzt. Wir wollen uns den alten Bullen ansehen. Vielleicht lebt er noch. Solche Methusalems pflegen ein außerordentlich zähes Leben zu haben.“

Wir gingen hin. Das Tier war tot. Jetzt, da es still dalag, konnte man die kolossalen Formen noch besser mit den Augen messen als vorher. Sam ließ seine Augen zwischen dem Bullen und mir hin und her gehen, zog ein ganz unbeschreibliches Gesicht, schüttelte den Kopf und meinte:

„Es ist unerklärlich, ganz und gar unerklärlich! Wißt Ihr denn, wo Ihr ihn getroffen habt?“

„Nun, wo?“

„Grad an der richtigen Stelle. Es ist ein uralter Kerl, und ich hätte es mir gewiß vorher zehnmal überlegt, ehe ich so verwegen gewesen wäre, mit ihm anzubinden. Wißt Ihr, was Ihr seid, Sir?“

„Was?“

„Der leichtsinnigste Mensch, den es gibt.“

„Oho!“

„Ja, der leichtsinnigste Mensch, den es auf Erden geben kann.“

„Leichtsinn ist mein Fehler nie gewesen.“

„So habt Ihr Euch jetzt mit ihm befreundet. Verstanden! Ich hatte Euch doch befohlen, Eure Hände von den Büffeln zu lassen und in den Büschen stecken zu bleiben. Warum habt Ihr mir nicht gehorcht?“

„Weiß es selber nicht.“

„So! Ihr tut etwas, ohne den Grund davon zu kennen. Ist denn das nicht leichtsinnig?“

„Glaube nicht. Es wird wohl ein triftiger Grund vorhanden gewesen sein.“

„So müßtet Ihr ihn kennen!“

„Vielleicht ist’s der, daß Ihr mir einen Befehl erteilt habt, und ich lasse mir nichts befehlen.“

„So! Wenn man es gut mit Euch meint und Euch vor einer Gefahr warnt, so seid Ihr nun erst recht so obstinat, Euch in dieselbe zu werfen?“

„Ich bin nicht nach dem Westen gekommen, um den Gefahren, welche es da gibt, auszuweichen.“

„Ganz gut. Aber Ihr seid noch ein Greenhorn und habt Euch in acht zu nehmen. Und wenn Ihr mir nicht folgen wolltet, warum habt Ihr Euch da grad an dieses Riesenvieh und nicht an eine Kuh gemacht?“

„Weil es ritterlicher war.“

„Ritterlicher! Dieses Greenhorn will den Ritter spielen, wenn ich mich nicht irre, hihihihi!“

Er lachte, daß er sich den Bauch halten mußte, und fuhr dann, noch immer lachend, fort:

„Wenn Ihr es Euch wirklich in den Kopf gesetzt habt, als Ritter aufzutreten, so spielt den Ritter Toggenburg, aber keinen andern. Zu einem Bayard oder Roland fehlt Euch das Zeug. Verliebt Euch in eine Büffelkuh und setzt Euch täglich in die Abendsonne, um zu warten,

bis die Liebliche sich zeigt
und ins Tal herniederneigt.

Und sogar auch dann könnt Ihr eines Abends als Leiche dasitzen und von den Coyoten und Aasgeiern aufgefressen werden. Wenn ein richtiger Westmann etwas tut, so fragt er nicht, ob es ritterlich, sondern ob es nützlich für ihn ist.“

„Das ist doch hier der Fall.“

„Hier? Wie so?“

„Ich wählte den Büffel, weil er viel, viel mehr Fleisch hat, als eine Kuh.“

Er sah mir einen Augenblick lang verständnislos in das Gesicht und rief dann aus:

„Viel mehr Fleisch? Dieser junge Mann hier hat den Bullen des Fleisches wegen geschossen, hihihihi! Ich glaube gar, Ihr habt an meinem Mute gezweifelt, weil ich es nur auf eine Kuh absah?“

„Das nicht, obgleich ich es für mutiger hielt, sich ein starkes Tier auszuwählen.“

„Und Bullenfleisch zu essen? Was seid Ihr doch für ein ausnehmend kluger Mensch, Sir! Dieser Bulle hat sicher seine achtzehn bis zwanzig Jahre auf dem Rücken; er besteht aus einem Felle und vielen Knochen und Flechsen und Sehnen. Und das Fleisch, welches er dabei hat, ist nicht mehr Fleisch zu nennen, denn es ist so hart wie gegerbtes Leder, und wenn Ihr es tagelang bratet oder kocht, so könnt Ihr es doch nicht kauen. Jeder erfahrene Westmann zieht eine Kuh dem Ochsen vor, weil ihr Fleisch zarter und saftiger ist. Da seht Ihr nun wieder, was für ein Greenhorn Ihr seid. Ich hatte keine Zeit, auf Euch aufzupassen. Wie hat sich denn Euer leichtsinniger Angriff auf den Büffel abgespielt?“

Ich erzählte es ihm. Als ich fertig war, maß er mich mit großen Augen, schüttelte abermals den Kopf und forderte mich auf:

„Geht da hinunter, und holt Euer Pferd! Wir brauchen es, denn es soll das Fleisch tragen, welches wir mitnehmen werden.“

Ich folgte dieser Aufforderung. Aufrichtig gestanden, fühlte ich mich enttäuscht über sein Verhalten. Er hatte meine Darstellung angehört, ohne dann auch nur ein Wort zu sagen. Ich glaubte aber, eine, wenn auch noch so kleine Anerkennung erwarten zu dürfen. Anstatt dessen sagte er gar nichts, sondern schickte mich fort, mein Pferd zu holen. Ich war ihm trotzdem nicht bös, denn ich bin niemals ein Mensch gewesen, der um des Lobes willen etwas tut.

Als ich das Pferd brachte, kniete Sam bei der von ihm erlegten Büffelkuh, hatte von dem einen Hinterschenkel kunstgerecht das Fell entfernt und schälte nun die Lende heraus.

„So,“ sagte er; „das gibt für heut abend einen Braten, wie wir lange Zeit keinen gegessen haben. Diese Lende laden wir mit dem Sattel und dem Zaume auf Euer Pferd. Sie ist bloß für mich, Euch, Will und Dick. Wenn die Andern auch etwas haben wollen, so mögen sie hierher reiten und sich die Kuh holen.“

„Wenn sie nicht inzwischen von Aasvögeln und andern wilden Tieren weggefressen wird.“

„So? Wie klug Ihr da wieder seid! Es versteht sich ganz von selbst, daß wir sie mit Zweigen bedecken und dann Steine darauf legen. Es müßte schon ein Bär oder ein anderes großes Raubtier sein, das nachher dazu könnte.“

Ich schnitt also starke Zweige aus dem nahen Gebüsch und holte schwere Steine herbei. Wir bedeckten die Kuh damit und beluden dann mein Pferd. Dabei erkundigte ich mich:

„Was wird denn mit dem Bullen?“

„Mit dem? Was soll aus ihm werden?“

„Können wir denn nichts von ihm brauchen?“

„Gar nichts.“

„Auch nicht das Leder?“

„Seid Ihr ein Lohgerber? Ich bin keiner!“

„Ich habe aber doch gelesen, daß die Häute der erlegten Büffel in sogenannten Caches versteckt und aufgehoben werden!“

„So, das habt Ihr gelesen? Na, wenn Ihr es gelesen habt, so muß es ja wahr sein, denn alles, was man über den wilden Westen liest, ist wahr, ganz außerordentlich wahr, ganz unumstößlich wahr, hihihihi! Es gibt allerdings Westmänner, welche die Tiere um der Felle willen erlegen; ich habe es auch schon getan; aber jetzt gehören wir nicht dazu und werden uns hüten, uns mit dieser schweren Haut zu schleppen.“

Wir brachen auf und kamen, obgleich wir laufen mußten, schon nach einer halben Stunde im Lager an, denn weiter war dieses nicht von dem Tale entfernt, in welchem ich meinen ersten oder vielmehr meine zwei ersten Büffel erlegt hatte.

Daß wir zu Fuße kamen und Sams Pferd nicht mitbrachten, erregte Aufsehen. Wir wurden nach der Ursache gefragt.

„Haben Büffel gejagt, und mein Pferd ist dabei von einem Bullen aufgeschlitzt worden,“ antwortete Sam Hawkens.

„Büffel gejagt, Büffel, Büffel, Büffel!“ erklang es aus aller Mund. „Wo denn, wo?“

„Eine kleine halbe Stunde von hier. Haben uns die Lende mitgebracht; könnt euch das übrige holen.“

„Das werden wir; ja, das werden wir,“ rief Rattler, welcher so tat, als ob zwischen ihm und mir nichts vorgefallen sei. „Wo ist der Ort?“

„Reitet auf unserer Fährte zurück, so werdet ihr ihn finden; habt ja Augen genug, wenn ich mich nicht irre.“

„Wieviel Stück sind es denn gewesen?“

„Zwanzig.“

„Und wieviel habt ihr denn erlegt?“

„Eine Kuh.“

„Bloß? Wo sind die andern hin?“

„Fort. Könnt sie euch suchen. Habe mich nicht darum gekümmert, wohin sie spazieren wollten, und sie auch nicht danach gefragt, hihihihi!“

„Aber bloß eine Kuh! Zwei Jäger und von zwanzig Büffels nur einen zu schießen!“ meinte Einer in geringschätzigem Tone.

„Macht es besser, wenn Ihr könnt, Sir! Ihr hättet sie wahrscheinlich alle zwanzig erlegt und auch noch einige mehr. Ihr werdet übrigens, wenn Ihr hinkommt, noch zwei alte, zwanzigjährige Bullen sehen, auf welche hier dieser junge Gentleman geschossen hat.“

„Bullen, alte Bullen!“ rief es rundum. „Auf zwanzigjährige Bullen zu schießen, welch ein Greenhorn gehört dazu, eine solche Dummheit zu begehen!“

„Lacht ihn meinetwegen aus, Mesch’schurs; aber seht euch die Bullen nachher an! Ich sage euch, daß er mir dadurch das Leben gerettet hat.“

„Das Leben? Wieso?“

Sie waren begierig, das Abenteuer erzählt zu bekommen; er aber wies sie zurück:

„Habe keine Lust, darüber jetzt zu reden. Laßt es euch von ihm selbst erzählen, wenn ihr es für klug haltet, euch das Fleisch erst dann zu holen, wenn es dunkel geworden ist.“

Er hatte recht. Die Sonne hatte sich geneigt, und in kurzer Zeit mußte es Abend werden. Da sie sich übrigens sagen konnten, daß ich erst recht keine Lust haben würde, den Erzähler zu machen, so stiegen sie auf ihre Pferde und ritten alle fort. Ich sage, alle, denn keiner wollte zurückbleiben. Sie trauten einander nicht. Bei anständigen Jägern und da, wo ein freundschaftliches Verhältnis vorliegt, gehört jedes Wild, welches von einem Mitgliede erlegt wird, den Andern auch; dieser Gemeinsinn war aber bei diesen Leuten nicht vorhanden. Als sie zurückkamen, hörte ich dann auch, daß sie sich wie Wilde auf die Kuh geworfen hatten, und jeder war unter Zanken und Fluchen bemüht gewesen, sich mit dem Messer ein möglichst großes und gutes Fleischstück herunterzureißen.

Als sie fort waren, luden wir die Lende und den Sattel von meinem Pferde und ich führte dieses zur Seite, um es abzuzäumen und dann anzupflocken. Ich nahm mir dabei Zeit, wodurch Sam Gelegenheit fand, unser Abenteuer Parker und Stone zu erzählen. Sie standen so, daß das Zelt zwischen ihnen und mir lag und sie mich also nicht sahen, als ich mich ihnen wieder näherte. Schon war ich beinahe an das Zelt gekommen, da hörte ich Sam sagen:

„Könnt mir’s glauben; es ist so, wie ich sage: Nimmt der Kerl grad den größten und stärksten Bullen an und schießt ihn nieder wie ein alter, erfahrener Büffeljäger! Hab‘ freilich getan, als ob ich es für Leichtsinn hielte, und habe ihn gehörig ausgescholten; aber ich weiß, woran ich mit ihm bin.“

„Ich auch,“ stimmte Stone bei. „Es wird ein tüchtiger Westmann aus ihm werden.“

„Und zwar sehr bald,“ hörte ich Parker sagen.

„Yes,“ bestätigte Hawkens. „Wißt ihr, Gents, er ist dazu geboren, wahrhaftig und ganz regelrecht dazu geboren. Und dabei die Körperkraft! Hat er nicht gestern unsern schweren Ochsenwagen fortgezogen, ganz allein und ohne daß ihm dabei jemand geholfen hat? Wo der hinhaut, da wächst jahrelang kein Gras. Aber, wollt ihr mir eins versprechen?“

„Was?“ fragte Parker.

„Laßt’s ihn nicht wissen, wie wir von ihm denken.“

„Warum nicht?“

„Weil es ihm in den Kopf steigen könnte.“

„O nein!“

„O doch! Er ist ein ganz bescheidener Kerl und gar nicht zum Hochmut angelegt; aber es ist stets ein Fehler, wenn man einen Menschen lobt; man kann den besten Charakter damit verderben. Könnt ihn also getrost Greenhorn nennen; er ist ja auch wirklich eins, denn wenn er auch alle Eigenschaften besitzt, welche ein tüchtiger Westmann haben muß, so sind sie doch noch nicht ausgebildet, und er muß noch viel erfahren und sich noch viel üben.“

„Hast du dich denn dafür bedankt, daß er dir das Leben gerettet hat?“

„Ist mir nicht eingefallen!“

„Nicht? Was muß er da von dir denken!“

„Ist mir ganz egal, was er von mir denkt, vollständig egal, wenn ich mich nicht irre. Natürlich hält er mich für einen unverständigen und undankbaren Halunken; aber das ist Nebensache; die Hauptsache ist, daß er sich nicht überhebt, sondern so bleibt, wie er ist. Hätte ihn freilich am liebsten umarmen und küssen mögen.“

„Fi!“ rief Stone aus. „Dich küssen! Das Umärmeln könnte man noch riskieren, aber küssen, nein!“

„So? Etwa nicht? Warum?“ fragte Sam.

„Warum? Hast du denn noch nicht einen Spiegel in der Hand gehabt oder in einem klaren Wasser dein holdes Konterfei gesehen? Dieses Gesicht, dieser Bart und diese Nase! Mensch, wer auf den unsinnigen Gedanken kommen könnte, seine Lippen dahin zu plazieren, wo man die deinigen zu suchen hat, der hat entweder den Sonnenstich oder der Verstand ist ihm eingefroren.“

„So! Ah! Hm! Das klingt ja recht freundschaftlich von dir. Bin also ein häßlicher Kerl! Wofür hältst du denn dich? Etwa für einen schönen Menschen? Das laß dir ja nicht einfallen! Ich gebe dir mein Wort, wenn wir beide uns an einer Schönheitskonkurrenz beteiligen wollten, so würde ich den ersten Preis erhalten; du aber bekämst eine Niete, hihihihi! Aber das gehört nicht hierher. Wir sprachen von unserm Greenhorn. Ich habe mich nicht bei ihm bedankt und werde es auch nicht tun; aber wenn nachher unsere Lende gebraten ist, soll er das beste und saftigste Stück bekommen; ich schneide es ihm selbst herab; er hat es verdient. Und wißt ihr, was ich morgen mache?“

„Was?“ fragte Stone.

„Ihm eine große Freude.“

„Womit?“

„Er soll einen Mustang fangen dürfen.“

„Du willst auf Mustangs gehen?“

„Ja. Ich muß doch ein neues Pferd haben. Du borgst mir das deinige zur Jagd. Da sich heut die Büffel gezeigt haben, werden auch die Mustangs kommen. Ich denke, daß ich nur nach der Prairie hinunter zu reiten brauche, wo wir noch vorgestern die Bahn abgesteckt und vermessen haben. Dort muß es Mustangs geben, sobald diese wilden Pferde hier in dieser Breite angekommen sind.“

Ich lauschte nicht weiter, sondern ging wieder zurück und durch ein Buschwerk, um mich den drei Jägern von einer andern Seite zu nähern. Sie durften nicht erfahren, daß ich gehört hatte, was ich doch nicht hören sollte.

Es wurde ein Feuer angebrannt, neben welchem zwei Gabeläste in die Erde gesteckt wurden. Sie gaben die Unterlage für den Bratspieß, der aus einem starken, geraden Aste bestand. Die drei befestigten an ihm die ganze Lende, und dann begann Sam Hawkens den Spieß langsam und mit künstlerischem Verständnisse zu drehen. Das wonnevolle Gesicht, welches er dabei machte, machte mir heimlich Spaß.

Als die Andern mit dem Fleische zurückkehrten, folgten sie unserm Beispiele, indem sie sich auch einige Feuer anbrannten. Freilich ging es da bei ihnen nicht so ruhig und friedlich her wie bei uns. Da jeder für sich braten wollte, so mangelte es an Platz, und die Folge war, daß sie ihre Portionen halb roh verzehrten.

Ich bekam wirklich das beste Stück; es mochte drei Pfund wiegen, und ich aß es auf. Man halte mich ja nicht infolgedessen für einen Vielesser; ich habe im Gegenteile immer weniger gegessen als Andere, die sich in meinen Verhältnissen befanden; aber es ist für Einen, der es nicht weiß oder nicht selbst erlebt und mitgemacht hat, kaum zu glauben, was für Fleischmengen ein Westmann zu sich nehmen kann und auch zu sich nehmen muß, wenn er bestehen will.

Der Mensch braucht zu seiner Ernährung außer den anorganischen Stoffen eine gewisse Menge von Eiweiß und von Kohlenstoff und vermag sich beides gar wohl in der richtigen Mischung zu verschaffen, wenn er in einer zivilisierten Gegend lebt. Der Westmann, welcher viele Monate lang in keine bewohnte Gegend kommt oder kam, lebte nur vom Fleische, welches wenig Kohlenstoff enthält; er mußte also große Portionen essen, um seinem Körper die notwendige Menge Kohlenstoff zuzuführen. Daß er dabei unnötig viel Eiweiß genoß, welches seiner Ernährung nicht zugute kam, mußte ihm gleichgültig sein. Ich habe einen alten Trapper acht Pfund Fleisch auf einmal essen sehen, und als ich ihn dann fragte, ob er satt sei, antwortete er schmunzelnd:

„Muß es wohl sein, denn ich habe nicht mehr; wenn Ihr mir aber ein Stück von dem Euren geben wollt, so sollt Ihr nicht ewig zu warten brauchen, bis Ihr es nicht mehr seht.“

Während des Essens unterhielten sich unsere „Westmänner“ von unserer Büffeljagd. Sie hatten, wie ich hörte, als sie die beiden Bullen sahen, denn doch einen andern Begriff von der „Dummheit“ erhalten, die ich begangen haben sollte.

Am andern Morgen tat ich, als ob ich an die Arbeit gehen wolle; da kam Sam zu mir und sagte:

„Laßt Eure Instrumente nur immer liegen, Sir; es gibt etwas zu tun, was interessanter ist.“

„Was?“

„Werdet es erfahren. Macht Euer Pferd fertig; wir reiten aus.“

„Spazieren? Da geht die Arbeit vor!“

„Pshaw! Habt Euch genug geplagt. Ich denke übrigens, daß wir schon zu Mittag zurück sein werden. Dann könnt Ihr meinetwegen messen und rechnen, so viel Ihr wollt.“

Ich machte Bancroft die nötige Mitteilung, und dann ritten wir fort. Sam tat unterwegs sehr geheimnisvoll, und ich sagte ihm nicht, daß ich seine Absicht bereits kannte. Der Ritt ging auf der von uns vermessenen Strecke zurück, bis wir die Prairie erreichten, welche Sam gestern bezeichnet hatte.

Sie war wohl zwei englische Meilen breit und doppelt so lang und wurde von bewaldeten Höhen umrandet. Da sie von einem ziemlich breiten Bach durchflossen wurde, gab es Feuchtigkeit genug und infolgedessen einen saftigen Graswuchs. Im Norden konnte man zwischen zwei Bergen hervor auf diese Prairie gelangen, und im Süden endete sie in einem Tale, welches nach dieser Richtung weiterführte. Als wir hier angelangt waren, blieb Hawkens halten und überflog die Ebene mit einem forschenden Blicke; dann ritten wir weiter, nordwärts und am Bache hin. Plötzlich stieß er einen Ruf aus, parierte sein Pferd, welches freilich nicht das seinige, sondern ein geborgtes war, stieg ab, sprang über den Bach und ging auf eine Stelle zu, wo das Gras niedergetreten war. Er untersuchte den Ort, kam zurück, stieg wieder in den Sattel und ritt weiter, doch nicht wie bisher in nördlicher Richtung, sondern er bog von dieser in einem rechten Winkel ab, so daß wir nach kurzer Zeit den westlichen Rand der Prairie erreichten. Hier stieg er wieder ab und ließ sein Pferd grasen, band es aber sorgfältig an. Seit er die Spur untersucht hatte, war kein Wort aus seinem Munde gekommen, aber über sein bärtiges Gesicht war der Ausdruck der Zufriedenheit ausgebreitet wie Sonnenschein über eine waldige Gegend. Jetzt forderte er mich auf:

„Steigt auch ab, Sir, und bindet Euer Pferd fest an! Wir werden hier warten.“

„Warum fest anbinden?“ fragte ich, obgleich ich es recht gut wußte.

„Weil Ihr es sonst leicht verlieren könntet. Habe wiederholt gesehen, daß die Pferde bei solchen Gelegenheiten durchgegangen sind.“

„Was für Gelegenheiten?“

„Ahnt Ihr das nicht?“

„Hm!“

„Ratet einmal!“

„Mustangs?“

„Wie kommt Ihr darauf?“ fragte er, indem er mich rasch und verwundert anblickte.

„Weil ich es gelesen habe.“

„Was?“

„Daß die zahmen Pferde, wenn sie nicht fest angebunden werden, gern mit den wilden Mustangs durchgehen.“

„Hol Euch der Teufel! Alles habt Ihr gelesen, und da ist es nicht gut möglich, Euch zu überraschen. Da lobe ich mir die Leute, welche gar nicht lesen können!“

„Wollt Ihr mich überraschen?“

„Natürlich.“

„Mit einer Mustangjagd?“

„Ja.“

„Das würde nicht gut möglich sein. Eine Ueberraschung setzt doch voraus, daß man nicht vorher unterrichtet ist; Ihr aber hättet es mir, ehe die Pferde kommen, sagen müssen.“

„Das ist richtig, hm! Also hört, die Mustangs sind schon dagewesen.“

„War das vorhin ihre Spur?“

„Ja; sie sind gestern hier durch. Es war ein Vortrab, wißt Ihr, so die Kundschafter. Ich muß Euch nämlich sagen, daß diese Tiere ungeheuer klug sind. Sie senden immer kleine Trupps voraus und nach den Seiten. Sie haben ihre Offiziere, grad wie das Militär, und der Hauptanführer ist stets ein erfahrener, starker und mutiger Hengst. Mögen sie weiden oder sich in Bewegung befinden, stets wird die Peripherie der Herde von den Hengsten gebildet; dann folgen nach innen die Stuten, und ganz in der Mitte befinden sich die Jungen. Dies geschieht darum, daß die Hengste die Stuten und Füllen verteidigen können. Ich habe Euch schon wiederholt beschrieben, wie man einen Mustang mit dem Lasso fängt. Habt Ihr es Euch gemerkt?“

„Selbstverständlich.“

„Habt Ihr Lust, einen zu fangen?“

„Ja.“

„Dann werdet Ihr heute vormittag Gelegenheit dazu finden, Sir.“

„Danke! Ich werde sie nicht benutzen.“

„Nicht? All devils! Warum nicht?“

„Weil ich kein Pferd brauche.“

„Aber, ein Westmann fragt doch nicht danach, ob er ein Pferd braucht oder nicht!“

„Dann ist er keineswegs so, wie ich mir einen braven Westmann vorstelle.“

„Wie soll er denn sein?“

„Ihr habt gestern von Aasjägern gesprochen, von Weißen, welche die Büffel in Masse töten, ohne daß sie ihr Fleisch brauchen. Ich halte das für eine Versündigung an den Tieren und an den roten Menschen, denen dadurch Ihre Nahrung geraubt wird. Ihr doch auch?“

„Freilich!“

„Grad so ist’s auch mit den Pferden. Ich mag keinem dieser herrlichen Mustangs die Freiheit rauben, ohne mich damit entschuldigen zu können, daß ich ein Pferd brauche.“

„Das ist brav gedacht, Sir, sehr brav. Grad so, wie Ihr denkt und redet, muß jeder Mensch und Christ denken, reden und handeln. Aber wer hat denn gesagt, daß Ihr einem Mustang die Freiheit rauben sollt? Ihr habt Euch im Werfen des Lasso geübt und sollt nur die Probe machen. Ich will sehen, ob Ihr Euer Examen besteht. Verstanden?“

„Das ist etwas Anderes; ja, da mache ich mit.“

„Schön! Bei mir handelt es sich freilich um den Ernst. Ich brauche ein Pferd und werde mir eins holen. Ich habe es Euch schon oft gesagt und sage es Euch jetzt wieder: Sitzt ja recht fest im Sattel, und stemmt Euer Pferd gut ein in dem Augenblicke, an welchem sich der Lasso straff zieht und der Ruck erfolgt. Wenn Ihr das nicht tut, werdet Ihr umgerissen, und der Mustang rennt davon und zieht Euer Pferd am Lasso mit sich fort. Dann habt Ihr kein Pferd mehr und seid ein gemeiner Infanterist, so wie ich jetzt einer bin.“

Er wollte weiter sprechen, hielt aber inne und deutete mit der Hand nach den bereits erwähnten beiden Bergen am Nordende der Prairie. Dort erschien ein Pferd, ein einzelnes, lediges Pferd. Es lief langsam und ohne zu grasen vorwärts, warf den Kopf bald auf diese, bald auf jene Seite und sog die Luft durch die Nüstern ein.

„Seht Ihr es?“ flüsterte Sam. Er sprach vor Erregung nicht laut, sondern leise, obwohl das Pferd uns unmöglich hätte hören können. „Habe ich es nicht gesagt, daß sie kommen! Das ist der Späher, welcher vorausgesprungen ist, um zu sehen, ob die Gegend sicher ist. Ein schlauer Hengst. Wie er nach allen Richtungen äugt und windet! Uns bekommt er nicht weg, denn wir haben den Wind im Gesicht; ich habe deshalb diese Stelle gewählt.“

Jetzt schlug der Mustang einen Trab ein; er rannte geradeaus, dann nach rechts, hierauf nach links, warf sich schließlich herum und verschwand da, wo wir ihn hatten erscheinen sehen.

„Habt Ihr ihn beobachtet?“ fragte Sam. „Wie klug er sich benimmt und jeden Busch zur Deckung benutzt hat, um nicht gesehen zu werden! Ein indianischer Späher kann es kaum besser machen.“

„Das ist richtig. Ich bin ganz erstaunt darüber.“

„Nun ist er zurück, um seinem vierbeinigen Generale zu melden, daß die Luft rein ist. Sollen sich aber getäuscht haben, hihihihi! Ich wette, in höchstens zehn Minuten sind sie da; paßt einmal auf. Wißt Ihr, wie wir es machen?“

„Nun?“

„Ihr reitet jetzt schnell bis an den Ausgang der Prairie zurück und wartet dort. Ich aber reite bis in die Nähe des Einganges hinunter und verstecke mich dort im Walde. Kommt die Herde, so lasse ich sie vorüber und jage dann hinter ihr her. Sie wird zu Euch hinauf fliehen; dann laßt Ihr Euch sehen, und da flieht sie wieder zurück. So treiben wir sie zwischen uns hin und her, bis wir uns die zwei besten Pferde ausgewählt haben; die fangen wir; ich lese mir da wieder das beste aus, und das andere lassen wir laufen. Seid Ihr einverstanden?“

„Wie könnt Ihr so fragen! Ich verstehe ja gar nichts von der Pferdejagd, in welcher Ihr jedenfalls ein Meister seid, und habe mich also ganz nach Euren Anordnungen zu verhalten.“

„Well, habt recht. Habe schon manchen wilden Mustang unter mir gehabt und ihn bezwungen und kann wohl behaupten, daß Ihr mit dem Meister nichts Dummes gesagt habt. Also, macht Euch davon, sonst vergeht die Zeit und wir sind dann nicht an Ort und Stelle.“

Wir stiegen wieder auf und ritten auseinander, er nordwärts und ich nach Süden, bis dahin, wo wir die Prairie betreten hatten. Da mir mein schwerer Bärentöter bei dem, was wir vorhatten, hinderlich war, hätte ich mich gern einstweilen seiner entledigt; aber ich hatte gelesen und gehört, daß ein vorsichtiger Westmann sich nur dann von seinem Gewehre trennt, wenn er ganz sicher weiß, daß er nichts zu befürchten hat und es also nicht brauchen wird. Dies war aber hier nicht der Fall; es konnte in jedem Augenblick ein Indianer oder gar ein Raubtier erscheinen; darum sorgte ich nur dafür, daß das alte Gun fest am Riemen hing und mich nicht schlagen konnte.

Nun wartete ich mit Spannung auf das Erscheinen der Pferde. Ich hielt zwischen den ersten Bäumen des Waldes, an den die Prairie stieß, band das eine Ende des Lasso am Sattelknopfe fest und legte ihn dann in Schlingen so vor mich hin, daß ich ihn nur zu erfassen brauchte.

Das untere Ende der Prairie war so weit von mir entfernt, daß ich die Mustangs, wenn sie dort erschienen, nicht sehen konnte. Sie konnten mir erst dann, wenn Sam sie getrieben brachte, sichtbar werden. Ich war noch keine Viertelstunde am Platze, als ich da unten eine Menge von dunklen Punkten sah, welche sich schnell vergrößerten, indem sie sich aufwärts bewegten. Erst von der Größe von Sperlingen, schienen sie hierauf Katzen, Hunde, Kälber zu sein, bis sie sich so weit genähert hatten, daß ich sie in ihrer wirklichen Größe sah. Es waren die Mustangs, welche im wilden Jagen auf mich zugesprengt kamen.

Welch einen Anblick boten diese herrlichen Tiere! Die Mähnen wehten um die Hälse, und die Schwänze flogen wie Federbüsche im Winde. Es waren höchstens dreihundert Stück, und doch schien die Erde unter ihren Hufen zu zittern. Ein Schimmelhengst flog allen voran, ein prächtiges Tier, welches man sich hätte fangen mögen, aber es wird keinem Prairiejäger einfallen, einen Schimmel zu reiten. So ein helles Tier würde ihn jedem Feinde schon von weitem verraten.

Jetzt war es Zeit, mich ihnen zu zeigen. Ich lenkte unter den Bäumen heraus ins Freie, und die Wirkung trat augenblicklich ein: der führende Schimmel prallte zurück, als ob er eine Kugel in den Leib bekommen habe; die Herde hielt an und stutzte; ein lautes ängstliches Schnauben; dann hieß es: ganze Schwadron kehrt! und, den Schimmel schnell wieder an der jenseitigen Spitze, jagten die Tiere dahin zurück, woher sie gekommen waren.

Ich folgte ihnen langsam; ich hatte keine Eile, denn ich war sicher, daß Sam Hawkens sie mir wieder zutreiben würde. Dabei suchte ich mir einen Umstand zurecht zu legen, welcher mir aufgefallen war. Obgleich nämlich die Pferde nur einen kurzen Augenblick vor mir gehalten hatten, war es mir doch vorgekommen, als ob eins von diesen Tieren kein Pferd, sondern ein Maultier sei. Ich konnte mich zwar irren, aber ich glaubte doch, richtig gesehen zu haben. Beim zweitenmal wollte ich besser aufpassen. Dieses Maultier hatte sich in der vordersten Reihe, und zwar gleich hinter dem Leitschimmel befunden; es war also von den Pferden nicht nur als ihresgleichen anerkannt, sondern es besaß sogar einen Rang unter ihnen.

Nach einiger Zeit kam die Herde wieder aufwärts und kehrte bei meinem Anblicke abermals um. Das wiederholte sich noch einmal, und da sah ich, daß ich mich nicht geirrt hatte; es war ein Maultier unter ihnen, ein ziemlich hellbraunes Maultier mit dunklem Rückenstreifen. Es machte auf mich einen höchst vorteilhaften Eindruck und war trotz des großen Kopfes und der langen Ohren doch ein schönes Tier. Maultiere sind genügsamer als Pferde, haben einen viel sicherern Tritt und schwindeln nicht vor Abgründen. Das sind Vorzüge, welche in die Wage fallen. Freilich sind sie auch störrisch. Ich habe Maultiere gesehen, welche sich lieber totprügeln ließen, als daß sie einen Schritt vorwärts gingen, und doch hatte man ihnen gar nichts aufgeladen, und der Weg war prächtig. Sie wollten eben nicht.

Es war mir vorgekommen, als ob dieses Maultier viel Feuer zeige, als ob seine Augen heller glänzten und intelligenter blickten als diejenigen der Pferde, und ich nahm mir vor, es zu fangen. Es war jedenfalls seinem Besitzer beim Vorüberjagen einer wilden Pferdeherde entflohen und dann bei den Mustangs geblieben.

Jetzt brachte Sam den Trupp wieder getrieben. Wir waren einander so nahe gekommen, daß ich ihn sah. Nun konnten die Mustangs weder vor noch zurück; sie brachen nach der Seite aus. Wir folgten ihnen. Die Herde teilte sich, und ich sah, daß das Maultier bei der Hauptabteilung blieb; es jagte jetzt an der Seite des Schimmels dahin; es war ein außerordentlich schnelles und ausdauerndes Tier. Ich hielt mich also zu diesem Trupp, und Sam schien es auch auf denselben abgesehen zu haben.

„In die Mitte nehmen, ich links, Ihr rechts!“ rief er mir zu.

Wir gaben unsern Pferden die Sporen und hielten nun nicht nur gleichen Schritt mit den Mustangs, sondern kamen ihnen so schnell näher, daß wir sie eingeholt hatten, noch ehe sie den Wald erreichten. Da hinein gingen sie nicht; sie kehrten also wieder um und wollten zwischen uns durch. Um das zu verhindern, jagten wir schnell aufeinander zu; da stoben sie nach allen Seiten auseinander wie eine Hühnerschar, in welche der Habicht gestoßen ist. Der Schimmel und das Maultier schossen, von den andern abgesondert, zwischen uns hindurch; wir jagten ihnen nach. Dabei rief mir Sam, der seinen Lasso zum Wurfe schon über dem Kopfe wirbelte, zu:

„Wieder Greenhorn! Werdet es auch ewig bleiben!“

„Warum?“

„Weil Ihr nach dem Schimmel trachtet, und das kann doch nur ein Greenhorn tun, hihihihi!“

Ich antwortete ihm, aber er hörte es nicht, weil sein lautes Lachen meine Worte übertönte. Also er dachte, ich hätte es auf den Schimmel abgesehen. Meinetwegen! Ich überließ ihm also das Maultier und lenkte zur Seite, wo die Mustangs nun ängstlich schnaubend und wiehernd regellos durcheinanderjagten. Sam war dem Maultiere so nahe gekommen, daß er den Lasso warf. Die Schlinge fiel richtig; sie legte sich um den Hals des Tieres. Nun mußte Sam anhalten und, wie er mir ja so sorgsam angeraten hatte, sein Pferd nach rückwärts werfen, um den Ruck aushalten zu können, wenn der abgelaufene Lasso sich straff spannte. Er tat dies auch, aber um einen Augenblick zu spät; sein Pferd hatte sich noch nicht umgedreht, noch nicht eingestemmt und wurde von dem gewaltigen Rucke umgerissen. Sam Hawkens flog, einen unendlich brillanten Purzelbaum schlagend, weit durch die Luft und auf die Erde nieder. Das Pferd raffte sich rasch wieder auf und rannte weiter. Dadurch verlor der Lasso die Spannung, und das Maultier, welches festgestanden hatte und nicht umgerissen worden war, bekam Luft; es galoppierte auch fort und riß das Pferd, weil der Lasso am Sattelknopfe befestigt war, über die Prairie dahin.

Ich eilte zu Sam, um nachzusehen, ob er verletzt sei. Er war aufgestanden und rief mir erschrocken zu:

„Alle Wetter! Da reißt mir Dick Stones Gaul mitsamt dem Maultiere aus, ohne auch nur Adieu zu sagen, wenn ich mich nicht irre!“

„Habt Ihr Euch beschädigt?“

„Nein. Steigt schnell ab, und gebt mir Euer Pferd. Ich muß es haben!“

„Wozu?“

„Ich will natürlich den beiden Ausreißern nach. Also steigt schnell herunter!“

„Fällt mir nicht ein! Könntet wieder einen Purzelbaum riskieren, und dann wären alle beide Pferde zum Teufel.“

Bei diesen Worten trieb ich mein Pferd weiter, dem Maultiere nach. Dieses war schon eine bedeutende Strecke fort, kam aber jetzt mit dem Pferde in Konflikt. Dieses wollte hierhin und jenes dorthin, und dadurch hielten sie einander auf, weil sie mit dem Lasso zusammenhingen. Darum holte ich sie bald ein. Es kam mir gar nicht in den Sinn, meinen Lasso zu gebrauchen, sondern ich griff nach dem andern, welcher die beiden Tiere verband, wickelte ihn mir einigemal um die Hand und war nun sicher, das Maultier bändigen zu können. Ich ließ es zunächst weiterlaufen und galoppierte mit den beiden Pferden hinterdrein, zog aber den Riemen nach und nach kräftiger an, so daß die Schlinge sich immer mehr verengte. Dabei konnte ich das Tier ganz leidlich lenken; ich brachte es durch scheinbares Nachgeben soweit, daß es in einem Bogen dahin zurückkehrte, wo Sam Hawkens stand. Dort zog ich die Schlinge plötzlich so stark an, daß dem Maultiere der Hals zugeschnürt wurde; es verlor den Atem und stürzte zu Boden.

„Haltet fest, bis ich den Racker festhabe, und laßt dann los!“ rief Sam.

Er sprang hinzu und stellte sich, obgleich das auf dem Boden liegende Tier mit den Beinen um sich schlug, hart neben dasselbe.

„Jetzt!“ sagte er.

Ich ließ den Lasso los; das Maultier bekam Luft und sprang auf; ebenso schnell hatte sich Sam auf seinen Rücken geschwungen. Es blieb einige Augenblicke bewegungslos stehen, wie vor Schreck erstarrt; dann aber ging es in die Luft, bald vorn, bald hinten; dann sprang es plötzlich mit allen Vieren auf die Seite, machte einen Katzenbuckel, aber der kleine Sam saß fest.

„Bringt mich nicht herunter!“ rief er mir zu. „Jetzt wird es das Letzte versuchen und mit mir davonrasen. Wartet hier auf mich; ich bring es gezähmt zurück!“

Aber da hatte er sich geirrt. Es ging keineswegs mit ihm durch, sondern es warf sich plötzlich nieder und wälzte sich. Es konnte dem kleinen Kerl alle Rippen brechen; er mußte aus dem Sattel. Ich sprang aus dem Sattel, ergriff den am Boden schleifenden Lasso wieder und schlang ihn schnell zweimal um die starke Wurzel eines daneben stehenden Busches.

Da hatte das Maultier seinen Reiter abgestreift und sprang auf. Es wollte fortstürmen, aber die Wurzel hielt fest; der Lasso wurde angespannt und die Schlinge zog sich wieder scharf zusammen; das Tier stürzte abermals nieder.

Sam Hawkens hatte sich auf die Seite retiriert, betastete sich die Rippen und die Schenkel, zog ein Gesicht, als ob er Sauerkraut mit Pflaumenmus gegessen hätte, und sagte:

„Laßt die Bestie laufen; die bändigt kein Mensch, wenn ich mich nicht irre.“

„Das wäre! Möchte mich von keinem Maultiere beschämen lassen, dessen Vater kein Gentleman, sondern ein Esel gewesen ist. Es wird gehorchen müssen. Paßt auf!“

Ich schlang den Lasso von der Wurzel ab und stellte mich mit weit ausgespreizten Beinen über das Tier. Sobald es Luft bekam, sprang es auf. Jetzt kam es vor allen Dingen auf den kräftigsten Schenkeldruck an, und da war ich dem kleinen Sam wohl über. Eine Pferderippe muß sich unter dem Schenkel des Reiters biegen; das drückt die Eingeweide zusammen und macht Todesangst. Während das Maultier dieselben Mittel, mich abzuwerfen, wie vorher bei Sam versuchte, nahm ich den Lasso auf, welcher, vom Halse herabhängend, auf der Erde lag, wand ihn zusammen und faßte ihn dann hart hinter der Schlinge fest. Diese zog ich an, sobald ich bemerkte, daß sich das Tier niederwerfen wollte; durch diese Manipulation und den Schenkeldruck wurde es auf den Beinen gehalten. Es war ein böser Kampf, ich möchte sagen, Kraft gegen Kraft; ich begann aus allen Poren zu schwitzen; aber das Maultier schwitzte noch weit mehr; der Schweiß rann ihm vom Leibe, und vom Maule troff der Schaum in großen Flocken. Seine Bewegungen wurden schwächer und mehr unwillkürlich; sein erst wütendes Schnauben ging in ein kurzes Husten über, dann endlich brach es unter mir zusammen, nicht mit Willen, sondern weil es von seiner letzten Kraft verlassen worden war. Da blieb es bewegungslos und mit verdrehten Augen liegen. Ich holte tief, tief Atem; es war mir, als ob in meinem Körper alle Sehnen und Bänder zerrissen wären.

„Heavens, was seid Ihr für ein Mensch!“ rief Sam.

„Ihr habt ja mehr Kräfte als das Tier gehabt! Könntet Ihr Euer Gesicht sehen, so würdet Ihr erschrecken!“

„Glaube es.“

„Eure Augen sind herausgetreten, Eure Lippen geschwollen und Eure Wangen förmlich blau!“

„Das kommt daher, daß man ein Greenhorn ist und sich nicht abwerfen lassen will, während ein Anderer, der Meister in der Mustangjagd ist, klüger war und sich abstreifen ließ, nachdem es ihm vorher gar passierte, daß er sein eigenes Pferd ans Maultier hing und beide dann spazierenlaufen ließ.“

Er machte ein doppelt jämmerliches Gesicht und bat im kläglichsten Tone:

„Schweigt davon, Sir! Ich sage Euch, es kann dem tüchtigsten Jäger einmal so etwas passieren. Ihr habt gestern und heut zwei gute Tage gehabt.“

„Hoffe, noch mehr solche Tage zu erleben. Dafür waren sie für Euch um so schlimmer. Wie steht es denn mit Euren Rippen und den andern Knöchelchens?“

„Weiß nicht. Werde sie nachher einmal zusammensuchen und zählen, sobald mir besser ist. Jetzt klappern sie mir allüberall im Leib herum. Das war eine Bestie, wie ich noch keine zwischen den Beinen gehabt habe! Hoffe, daß sie nun zu Verstand kommen wird!“

„Das ist sie schon. Seht, wie matt sie daliegt, grad wie zum Erbarmen. Wollen ihr den Sattel auf- und den Zaum anlegen. Ihr reitet sie nach Hause.“

„Da wird sie wieder zu bocken anfangen!“

„Fällt ihr nicht ein! Die hat genug. Sie ist ein gescheites Viehzeug, und Ihr werdet ganz glücklich sein, sie gefangen zu haben.“

„Ja, das glaube ich. Hatte es aber auch von allem Anfang gleich auf sie abgesehen. Ihr auf den Schimmel, was eine sehr große Dummheit war.“

„Wißt Ihr das so genau?“

„Natürlich war es eine Dummheit!“

„Das meine ich nicht, sondern daß ich es auf den Schimmel abgesehen hatte.“

„Auf was denn?“

„Auch auf das Maultier.“

„Wirklich?“

„Ja. Wenn ich auch ein Greenhorn bin, so viel weiß ich doch, daß ein Schimmel nichts für einen Westmann taugt. Das Maultier gefiel mir gleich, als ich es sah.“

„Ja, einen guten Pferdeverstand habt Ihr, das muß man zugeben.“

„Will wünschen, daß bei Euch der Menschenverstand ebenso gut ist, lieber Sam! Jetzt kommt, und helft mir, das Tier von der Erde aufzubringen!“

Wir zogen das Maultier empor. Es stand still und zitterte an allen Gliedern. Es sträubte sich auch nicht, als wir ihm den Sattel aufschnallten und den Zaum anlegten. Und als Sam aufgestiegen war, gehorchte es dem Zügel willig und so feinfühlig wie ein zugerittenes Pferd.

„Es hat schon einen Herrn gehabt,“ meinte der Kleine, „der ein guter Reiter gewesen sein muß; das merke ich schon. Wird ihm davongelaufen sein. Wißt Ihr, wie ich es nennen werde?“

„Nun?“

„Mary. Habe schon früher einmal ein Maultier geritten, welches Mary hieß, und brauche mir nicht die Mühe zu geben, einen andern Namen auszusinnen.“

„Also das Maultier Mary und das Gewehr Liddy!“

„Ja. Sind zwei allerliebste Namen. Nicht? Und nun muß ich Euch bitten, mir einen großen Gefallen zu tun.“

„Gern. Welchen?“

„Sprecht nicht über das, was hier geschehen ist! Werde es Euch hoch anrechnen.“

„Unsinn! Etwas, was sich ganz von selbst versteht, braucht gar nicht angerechnet zu werden.“

„Dieses doch. Möchte die Bande da oben im Lager lachen hören, wenn sie erführe, wie Sam Hawkens zu seiner neuen, holden Mary gekommen ist! Würde ein Gaudium für sie sein, ein großes Gaudium. Wenn Ihr den Mund haltet, werde ich“

„Bitte, seid still!“ unterbrach ich ihn. „Es ist gar nicht notwendig, ein Wort darüber zu verlieren. Ihr seid mein Lehrer und mein Freund. Mehr brauch ich doch nicht zu sagen.“

Da wurden seine kleinen, listigen Aeuglein feucht, und er rief begeistert aus:

„Ja, Euer Freund bin ich, Sir, und wenn ich wüßte, daß Ihr mir auch ein klein wenig Liebe schenken wolltet, so würde das für mein altes Herz eine große, aufrichtige Freude und Wonne sein.“

Ich reichte ihm die Hand und antwortete:

„Diese Freude kann ich Euch machen, lieber Sam. Ihr könnt versichert sein, daß ich Euch lieb habe, so lieb, wie wie na, so, wie man ungefähr einen recht guten, braven und ehrlichen Onkel liebt. Ist Euch das genug?“

„Vollauf, Sir, vollauf! Ich bin so entzückt darüber, daß ich Euch dafür, womöglich gleich hier auf der Stelle, eine recht große Gegenfreude bereiten möchte. Sagt mir, was ich tun soll! Soll ich soll ich zum Beispiel hier diese neue Mary vor Euern Augen mit Haut und Haar auffressen? Oder soll ich, falls Euch das lieber ist, mich selbst marinieren, frikassieren und verschlingen? Oder soll ich“

„Haltet ein!“ lachte ich. „In jedem dieser beiden Fälle würde ich Euch verlieren, denn in dem einen würdet Ihr zerplatzen und in dem andern an einer bösen Indigestion zugrunde gehen, da Ihr doch Eure Perücke mit verschlingen müßtet, die Euer Magen doch unmöglich verdauen könnte. Ihr habt mir schon genug Gefallen getan und werdet mir wohl auch fernerhin noch manche Liebe zu erweisen haben. Laßt also vorderhand die Mary und auch Euch selbst am Leben, und macht, daß wir bald wieder in das Lager kommen. Ich möchte arbeiten.“

„Arbeiten! Das habt Ihr doch auch hier getan, denn wenn das keine Arbeit war, so weiß ich nicht, was ich Arbeit nennen soll.“

Ich band Dick Stones Pferd mit dem Lasso an das meinige, dann ritten wir fort. Die Mustangs waren indessen natürlich schon längst entwichen; das Maultier gehorchte seinem Reiter willig, und Sam rief unterwegs mehreremal freudig aus:

„Sie hat Schule, diese Mary, eine sehr gute Schule! Ich fühle und bemerke bei jedem Schritte immer mehr, daß ich von heut an vortrefflich beritten sein werde. Sie besinnt sich jetzt auf das, was sie früher gelernt und dann unter den Mustangs wieder vergessen hat. Hoffentlich hat sie nicht bloß Temperament, sondern auch Charakter.“

„Wenn sie ihn nicht hat, so könnt Ihr ihn ihr noch beibringen. Sie ist noch nicht zu alt dazu.“

„Wie alt denkt Ihr, daß sie ist?“

„Fünf Jahre, mehr nicht.“

„Das ist auch meine Ansicht. Werde sie nachher genau untersuchen, ob dies richtig ist. Habe das Tier Euch zu verdanken, nur Euch. Waren zwei böse Tage für mich, sehr böse, für Euch aber sehr ehrenvoll. Hättet Ihr geglaubt, die Bison- und auch die Mustangjagd so schnell hintereinander kennen zu lernen?“

„Warum nicht? Man muß hier im Westen auf alles gefaßt sein. Ich hoffe auch noch andere Jagden kennen zu lernen.“

„Hm, ja. Will wünschen, daß Ihr dann ebenso davon kommt wie gestern und heut. Gestern besonders hing Euer Leben an einem Haare. Habt zuviel gewagt. Ihr dürft nie vergessen, daß Ihr ein Greenhorn seid. Läßt dieser Mensch den Büffel ruhig an sich kommen und schießt ihn dann in die Augen! Hat man je so etwas erlebt! Ihr seid noch unerfahren und habt die Bisons unterschätzt. Nehmt Euch in Zukunft mehr in acht, und traut Euch nicht zuviel zu! Die Jagd auf den Bison ist höchst gefährlich. Es gibt nur eine einzige, welche noch gefährlicher ist.“

„Welche?“

„Auf den Bären.“

„Da meint Ihr doch nicht etwa den schwarzen Bären mit gelber Schnauze?“

„Den Baribal? Fällt mir nicht ein! Der ist ein sehr gutmütiges und friedfertiges Viehzeug, welchen man Wäscheplätten und Filetstricken lehren könnte. Nein, ich meine den Grizzly, den grauen Bären der Felsengebirge. Da Ihr von allem gelesen habt, so wohl auch von ihm?“

„Ja.“

„So seid froh, wenn Ihr keinen zu sehen bekommt. Wenn er sich aufrichtet, ist er über zwei Fuß länger als Ihr; mit einem einzigen Bisse verwandelt er Euern Kopf in Knochenbrei, und wenn er einmal angegriffen und in Wut versetzt worden ist, so ruht er nicht, bis er seinen Feind zerrissen und vernichtet hat.“

„Oder dieser ihn!“

„Oho! Seht, da tritt schon wieder Euer großer Leichtsinn zutage! Ihr redet von dem mächtigen, unüberwindlichen grauen Bären mit einer Geringschätzung, als ob es sich um einen kleinen, ungefährlichen Waschbären handle.“

„Das nicht. Es fällt mir gar nicht ein, ihn gering zu schätzen; aber unüberwindlich, wie Ihr sagt, ist er jedenfalls nicht. Kein Raubtier ist unüberwindlich, auch der Grizzly nicht.“

„Das habt Ihr wohl auch gelesen?“

„Ja.“

„Hm! Ich glaube, die Bücher, welche Ihr gelesen habt, sind an Euerm Leichtsinn schuld. Ihr seid doch sonst ein ganz verständiger Kerl, wenn ich mich nicht irre. Ihr wäret imstande und gingt auf einen grauen Bären grad so los wie gestern auf die Bisons.“

„Wenn ich nicht anders könnte ja.“

„Nicht anders könnte! Unsinn! Was meint Ihr mit diesen Worten? Jeder Mensch kann anders, wenn er will!“

„Das heißt, er kann ausreißen, wenn er feig ist. Das meint Ihr doch?“

„Ja; aber von feig sein ist dabei keine Rede. Es ist keine Feigheit, den Grizzly zu fliehen; im Gegenteile, es ist geradezu Selbstmord, der reinste Selbstmord, ihn anzugreifen.“

„Da gehen unsere Ansichten auseinander. Wenn er mich überrascht und mir keine Zeit zur Flucht läßt, muß ich mich wehren. Wenn er sich über einen Kameraden von mir hermacht, muß ich diesem zu Hilfe kommen. Das sind zwei Fälle, in denen ich nicht fliehen kann oder darf. Und außerdem kann ich es mir ganz gut denken, daß ein kühner Westmann es mit dem grauen Bären auch ohne Not aufnimmt, um seinen Mut zu betätigen, ein so gefährliches Raubtier unschädlich zu machen und nebenbei sich dann die Schinken und die Tatzen ausgezeichnet schmecken zu lassen.“

„Ihr seid ein ganz unverbesserlicher Mensch, und es wird mir himmelangst um Euch. Dankt lieber Gott, wenn Ihr diese Schinken und Tatzen niemals kennen lernt! Dabei will ich freilich nicht verhehlen, daß es keine größere Delikatesse gibt, soweit die Erde reicht; sie gehen sogar noch weit über die feinste Büffellende.“

„Wahrscheinlich braucht Ihr jetzt noch nicht um mich besorgt zu sein. Oder sollte es auch hier in dieser Gegend graue Bären geben?“

„Warum nicht? Der Grizzly kommt im ganzen Gebirge vor; er folgt den Flüssen und geht zuweilen sogar weit in die Prärie hinein. Wehe dem, auf den er trifft! Reden wir nicht mehr davon!“

Er ahnte ebensowenig wie ich, daß schon am nächsten Tage dieses Thema wieder und noch ganz anders als heut zur Sprache kommen und dieses so gefürchtete Tier uns in den Weg treten werde. Es gab überhaupt keine Zeit, das Gespräch fortzuführen, denn wir waren jetzt bei dem Lager angelangt. Man hatte es eine ziemliche Strecke vorgeschoben, weil dieselbe während unserer Abwesenheit vermessen worden war. Bancroft hatte sich mit den drei Surveyors außerordentlich ins Zeug gelegt, um endlich auch einmal zu zeigen, was er leisten konnte. Wir erregten Aufsehen.

„Ein Maultier, ein Maultier!“ wurde gerufen. „Wo habt Ihr es her, Hawkens, woher?“

„Direkt geschickt bekommen,“ antwortete er im ernsthaftesten Tone.

„Nicht möglich! Von wem, von wem?“

„Durch die Eilpost, per Kreuzband für zwei Cents. Wollt ihr den Umschlag vielleicht sehen?“

Einige lachten, die Andern schimpften; aber er hatte seinen Zweck erreicht; man fragte ihn nicht weiter. Ob er gegen Dick Stone und Will Parker jetzt gleich mitteilsamer war, konnte ich nicht beobachten, weil ich mich sofort an der Vermessungsarbeit beteiligte. Diese schritt bis zum Abend so weit fort, daß wir morgen früh das Tal in Angriff nehmen konnten, in welchem wir gestern das Zusammentreffen mit den Bisons gehabt hatten. Als wir am Abende davon sprachen, fragte ich Sam, ob wir da vielleicht von den Büffeln gestört werden könnten, da diese, wie es ja scheinen wollte, ihre Richtung durch das Tal einschlagen würden. Wir hatten es mit einem Vortrupp zu tun gehabt und konnten uns nun wohl auf das Erscheinen der Hauptherde gefaßt machen. Da antwortete er:

„Denkt das ja nicht, Sir! Die Bisons sind nicht weniger klug als die Mustangs. Die von uns verjagten Vorposten sind zurückgekehrt und haben die Herde gewarnt; diese schlägt nun sicher eine ganz andere Richtung ein und wird sich hüten, durch dieses Tal zu kommen.“

Als der Morgen anbrach, verlegten wir unser Lager nach dem oberen Teil desselben. Hawkens, Stone und Parker beteiligten sich nicht daran, denn der Erstere wollte seine neue Mary zureiten, und die beiden Andern begleiteten ihn, als er sich nach der Präirie entfernte, auf welcher wir das Maultier gefangen hatten; dort gab es für sein Vorhaben Platz genug.

Wir Surveyors beschäftigten uns zunächst mit dem Anbringen der Meßstangen, wobei uns einige Untergebene von Rattler halfen; dieser selbst schlenderte mit den Andern nichtstuend in der Umgebung herum. Dabei kamen wir und auch er der Stelle näher, an welcher ich die beiden Büffels erlegt hatte. Zu meinem Erstaunen bemerkte ich da, daß der alte Bulle nicht mehr da war. Wir gingen hin und sahen, daß von dem Punkte, wo er gelegen hatte, eine breite Spur nach den Büschen führte; das Gras war gegen zwei Ellen breit niedergeschleift.

„Alle Wetter! Ist so etwas möglich?“ rief Rattler aus. „Ich habe, als wir das Fleisch holten, die beiden Bullen doch genau untersucht; sie waren tot, und doch hat dieser hier noch Leben in sich gehabt.“

„Meint Ihr das?“ fragte ich ihn.

„Jawohl. Oder denkt Ihr, daß ein toter Büffel sich entfernen kann?“

„Muß er sich selbst entfernt haben? Er kann doch auch entfernt worden sein.“

„So? Von wem denn?“

„Von Indianern zum Beispiel. Wir haben weiter oben die Spur eines Indianerfußes entdeckt.“

„So! Wie klug und weise doch so ein Greenhorn reden kann! Wenn er von Indianern fortgeschafft worden wäre, woher sollen diese gekommen sein?“

„Irgend woher.“

„Das ist sehr richtig. Vielleicht sogar vom Himmel herunter! Denn von da herunter müssen sie gefallen sein, weil man sonst ihre Fährte sehen müßte. Nein, es ist noch Leben in dem Büffel gewesen, und er hat sich, als er erwachte, von hier fort und in die Büsche geschleppt; dort ist er natürlich inzwischen verendet. Wollen gleich einmal nachsuchen.“

Er ging mit seinen Leuten der Spur nach. Vielleicht hatte er geglaubt, ich würde mitgehen; ich tat dies aber nicht, denn die höhnische Art und Weise, in der er mit mir gesprochen hatte, gefiel mir nicht, und ich hatte zu arbeiten; übrigens konnte es mir auch sehr gleichgültig sein, wohin die Leiche des alten Bullen gekommen war. Ich wendete mich also meiner Beschäftigung wieder zu, hatte aber noch nicht zur Meßstange gegriffen, als aus dem Gebüsch ein vielstimmiges Angstgeschrei erscholl; zwei, drei Schüsse krachten, und dann hörte ich Rattler rufen:

„Auf die Bäume, schnell auf die Bäume, sonst seid ihr verloren! Er kann nicht klettern.“

Wen meinte er, der nicht klettern konnte? Da kam einer seiner Leute aus dem Gebüsch gesprungen, und zwar in Sätzen, wie man sie nur in der Todesangst zu machen vermag.

„Was ist’s, was gibt’s?“ rief ich ihm zu.

„Ein Bär, ein gewaltiger Bär, ein grauer Grizzlybär!“ keuchte er, indem er an mir vorüberrannte.

Zu gleicher Zeit schrie eine zeternde Stimme:

„Zu Hilfe, zu Hilfe! Er hat mich fest! Oh, oh!“

In dieser Weise konnte ein Mensch nur dann brüllen, wenn er den offenen Rachen des Todes vor sich gähnen sah. Der Mann befand sich jedenfalls in der äußersten Gefahr; es mußte ihm Hilfe werden. Aber wie? Ich hatte mein Gewehr beim Zelte gelassen, weil es mich bei der Arbeit hinderte. Dies war keine Unvorsichtigkeit von mir gewesen, da wir Surveyors ja die Westmänner zu unserem Schutze bei uns hatten. Wollte ich erst nach dem Zelte laufen, so wurde der Mann, ehe ich zurückkam, von dem Bären zerrissen; ich mußte also hin zu ihm, so wie ich war; ich hatte nur das Messer und die beiden Revolver im Gürtel. Was sind aber das für Waffen gegen einen Grizzlybären! Der Grizzly ist ein naher Verwandter des ausgestorbenen Höhlenbären und gehört eigentlich mehr der Urzeit als der Gegenwart an. Er wird bis neun Fuß lang, und ich habe Exemplare erlegt, welche ebenso viel Zentner schwer waren. Seine Muskelkraft ist so riesig, daß er, einen Hirsch, ein Fohlen oder eine Bisonfärse im Rachen, mit Leichtigkeit davontrabt. Ein Reiter kann ihm nur dann entfliehen, wenn er ein sehr kräftiges und ausdauerndes Pferd besitzt, sonst holt ihn der graue Bär sicher ein. Bei der riesigen Stärke, der absoluten Furchtlosigkeit und nie ermüdenden Ausdauer des Grizzlybären gilt seine Erlegung unter den Indianern natürlich für eine ungeheuer kühne Tat.

Also ich sprang ins Gebüsch. Die Spur führte noch weiter, bis dahin, wo die Bäume begannen. Dorthin hatte der Bär den Bullen geschleppt. Von dorther war er vorher gekommen; darum hatten wir seine Spur nicht sehen können, da sie durch das Fortschleifen des Bisons ausgelöscht worden war.

Es war ein böser Augenblick. Hinter mir riefen die Surveyors, welche nach dem Zelte zu ihren Waffen flohen; vor mir schrien die Westleute, und dazwischen ertönte das unbeschreibliche Schmerzgeheul desjenigen von ihnen, den der Bär in seinen Tatzen hatte.

Ich kam mit jedem Sprunge, den ich tat, näher; jetzt hörte ich die Stimme des Bären, oder vielmehr nicht die Stimme, denn auch dadurch, daß es keine Stimme hat, unterscheidet sich dieses gewaltige Tier von den andern Bärenarten; es brummt nicht, sondern sein einziger Laut in Zorn oder Schmerz ist ein eigentümliches, lautes und rasches Schnauben und Fauchen.

Nun war ich da. Vor mir lag der vollständig zerfleischte Leib des Bisons; rechts und links schrien mir die Westmänner zu, welche sich rasch auf die Bäume retiriert hatten und sich dort ziemlich sicher fühlten, denn man hat wohl selten oder gar nie einen Grizzly aufbäumen sehen. Gradaus, jenseits der Büffelleiche, hatte einer der Westmänner einen Baum erklimmen wollen, war aber von dem Bären dabei überrascht worden. Er lag mit dem Oberleib, sich mit beiden Armen am Stamme festhaltend, auf dem ersten, niedrigen Aste, und der Grizzly, welcher sich hoch aufgerichtet hatte, wühlte ihm mit den Vorderpranken in den Schenkeln und dem Unterleibe. Der Mann war dem Tode geweiht, unrettbar verloren; ich konnte ihm nicht helfen, und niemand hätte, wenn ich wieder fortgelaufen wäre, das Recht gehabt, mir darüber einen Vorwurf zu machen; aber der Anblick, welcher sich mir bot, wirkte mit unwiderstehlicher Gewalt. Ich raffte eins der weggeworfenen Gewehre auf; es war leider abgeschossen. Ich drehte es um, sprang über den Büffel hinüber und versetzte dem Bären aus allen mir zu Gebote stehenden Kräften einen Kolbenhieb gegen den Schädel. Lächerlich! Das Gewehr zerplitterte wie Glas in meinen Händen; so einem Schädel ist nicht einmal mit einem Schlachtbeile beizukommen; aber ich hatte doch den Erfolg, den Grizzly von seinem Opfer abzulenken. Er drehte den Kopf nach mir um, nicht etwa schnell, wie es bei einem katzen- oder hundeartigen Raubtiere der Fall gewesen wäre, sondern langsam, als ob er über meinen dummen Angriff ganz verwundert sei. Mich mit seinen kleinen Augen messend, schien er zu überlegen, ob er bei seinem bisherigen Opfer bleiben oder mich anpacken solle; diese wenigen Augenblicke retteten mir das Leben, denn es kam mir ein Gedanke, der einzige, der mir in der Lage, in welcher ich mich befand, Hilfe bringen konnte. Ich riß den einen Revolver heraus, sprang ganz nahe zu dem Bären heran, welcher mir zwar seinen Kopf, sonst aber den Rücken zukehrte, und schoß ihn ein-, zwei-, drei-, viermal in die Augen, so wie ich nicht weit von hier dem zweiten Büffelbullen zwei Schüsse in die Augen gegeben hatte. Dies geschah natürlich so schnell, wie es mir möglich war; dann sprang ich weit zur Seite und blieb da beobachtend stehen, indem ich nun das Bowiemesser zog.

Wäre ich stehen geblieben, so hätte ich es mit dem Leben bezahlt, denn das geblendete Raubtier ließ rasch vom Baume ab und warf sich nach der Stelle, an welcher ich mich einen Moment vorher befunden hatte. Ich war weg, und nun begann der Bär, unter giftigem Fauchen und wütenden Tatzenschlägen nach mir zu suchen. Er gebärdete sich wie wahnsinnig, drehte sich mit allen Vieren um sich selbst, riß die Erde auf, machte, mit den Vorderpranken weit um sich langend, Sprünge nach allen Seiten, um mich zu finden, konnte mich aber nicht erwischen, da ich zu meinem Glücke gut getroffen hatte. Vielleicht hätte ihm der Geruch als Führer zu mir dienen können; aber er war rasend vor Wut, und dies verhinderte ihn, ruhig seinen Sinnen, seinem Instinkt zu folgen.

Endlich richtete er seine Aufmerksamkeit mehr auf seine Verletzungen als auf denjenigen, dem er sie zu verdanken hatte. Er setzte sich nieder, richtete sich in dieser Stellung auf und fuhr sich schnaubend und zähnefletschend mit den Vordertatzen über die Augen. Schnell stand ich neben ihm, holte aus und stieß ihm das Messer zweimal zwischen die Rippen. Er griff augenblicklich nach mir, aber ich war schon wieder fort. Ich hatte das Herz nicht getroffen, und das Suchen nach mir begann mit erneuter und verdoppelter Wut. Dies dauerte wohl zehn Minuten lang. Er verlor dabei viel Blut und wurde sichtlich matt. Dann setzte er sich wieder aufrecht hin, um sich nach den Augen zu langen. Dies gab mir Gelegenheit zu zwei weiteren, schnell aufeinander folgenden Messerstößen, und diesmal traf ich besser; er sank, während ich rasch wieder zur Seite gesprungen war, vorn nieder, lief taumelnd und fauchend einige Schritte vorwärts, dann zur Seite und wieder zurück, wollte sich abermals aufrichten, hatte aber nicht die Kraft dazu, sondern fiel hin und kollerte im vergeblichen Bemühen, auf die Beine zu kommen, einige Male hin und her, bis er sich lang ausstreckte und dann ruhig liegen blieb.

„Gott sei Dank!“ schrie Rattler von seinem Baume herab. „Die Bestie ist tot. Das war eine schreckliche Gefahr, in der wir uns befanden.“

„Wüßte nicht, worin das Schreckliche für Euch liegen sollte,“ antwortete ich. „Ihr hattet ja sehr gut für Eure Sicherheit gesorgt. Jetzt könnt Ihr herunterkommen.“

„Nein, nein, noch nicht. Untersucht vorher den Grizzly, ob er wirklich tot ist.“

„Er ist tot.“

„Das könnt Ihr nicht behaupten. Ihr habt gar keine Ahnung, welch ein zähes Leben so ein Vieh hat. Also untersucht ihn doch!“

„Für Euch etwa? Wenn Ihr wissen wollt, ob er noch lebt, so untersucht ihn selbst; Ihr seid ja ein berühmter Westmann, während ich nur ein Greenhorn bin.“

Ich wendete mich nun zu seinem Kameraden, welcher noch immer in der vorhin beschriebenen Lage an dem Baume hing. Er hatte zu heulen aufgehört, und bewegte sich nicht mehr. Sein Gesicht war verzerrt, und seine weit offenen Augen stierten verglast zu mir herab. Das Fleisch war ihm bis auf die Knochen von den Schenkeln gerissen, und die Eingeweide quollen ihm aus dem Unterleibe. Ich beherrschte mein Grauen und rief ihm zu:

„Laßt fahren, Sir! Ich werde Euch herunternehmen.“

Er antwortete nicht, und keine noch so leise Bewegung verriet, daß er mich verstanden habe. Ich bat seine Kameraden, von den Bäumen herabzusteigen und mir zu helfen. Diese berühmten Westmänner waren nicht eher dazu zu bewegen, als bis ich den Bären einige Male hin- und hergewendet und ihnen dadurch bewiesen hatte, daß er wirklich tot sei. Dann erst getrauten sie sich herunter und halfen mir, den so gräßlich Verstümmelten auf die Erde zu bringen. Dies hatte seine Schwierigkeiten, denn seine Arme hielten den Baum so fest umschlungen, daß wir sie nur mit Anwendung von Gewalt losbringen konnten. Er war tot.

Dieses schreckliche Ende schien aber seine Kameraden nicht im geringsten anzugreifen, denn sie wendeten sich gleichgültig von ihm ab und dem Bären zu, und ihr Anführer sagte:

„Jetzt wird es umgekehrt: Vorhin hat der Bär uns fressen wollen, nun wird er von uns gefressen werden. Rasch, ihr Leute, das Fell herunter, daß wir zu dem Schinken und den Tatzen kommen!“

Er zog sein Messer und kniete nieder, um seinen Worten die Tat folgen zu lassen; da aber bemerkte ich ihm:

„Es wäre jedenfalls rühmlicher gewesen, wenn Ihr Euer Messer an ihm versucht hättet, als er noch am Leben war. Jetzt ist’s zu spät dazu. Gebt Euch keine Mühe.“

„Was?“ fuhr er auf. „Wollt Ihr mich etwa hindern, mir einen Braten herunter zu schneiden?“

„Das will ich allerdings, Mr. Rattler.“

„Mit welchem Rechte?“

„Mit dem besten, unbestreitbarsten Rechte. Ich habe den Bären erlegt.“

„Das ist nicht wahr. Ihr werdet doch nicht behaupten wollen, daß ein Greenhorn einen Grizzly mit dem Messer töten kann! Wir haben, als wir ihn erblickten, auf ihn geschossen.“

„Und Euch dann schleunigst auf die Bäume retiriert; ja, das ist wahr, sehr wahr!“

„Aber unsere Kugeln haben getroffen; an ihnen ist er schließlich verendet, nicht aber an den paar Nadelstichen, die Ihr ihm, als er schon halb tot war, mit Eurem Messer beigebracht habt. Der Bär ist unser, und wir machen mit ihm, was wir wollen. Verstanden?“

Er wollte sich wirklich an die Arbeit machen; ich aber warnte ihn:

„Laßt augenblicklich ab von ihm, Mr. Rattler; sonst lehre ich Euch, meine Worte zu achten! Auch verstanden?“

Da er trotzdem mit dem Messer in den Pelz des Bären fuhr, faßte ich ihn so, wie er niedergebückt vor demselben kniete, mit beiden Händen bei den Hüften, hob ihn empor und warf ihn an den nächsten Baum, daß es krachte. Es war mir in diesem Augenblicke des Zornes ganz gleichgültig, ob er dabei etwas brach oder nicht. Noch während er durch die Luft flog, riß ich meinen zweiten, noch geladenen Revolver heraus, um etwaigen Angriffen schnell zuvorzukommen. Er richtete sich wieder auf, blitzte mich mit vor Wut funkelnden Augen an, zog sein Messer und rief:

„Das sollt Ihr mir bezahlen! Ihr habt mich schon einmal geschlagen, und ich werde dafür sorgen, daß Ihr Euch nicht zum drittenmal an mir vergreifen könnt.“

Er wollte einen Schritt auf mich zu tun; da hielt ich ihm meinen Revolver entgegen und drohte:

„Noch einen weiteren Schritt, und ich jage Euch eine Kugel in den Kopf! Weg mit dem Messer! Bei drei schieße ich, wenn Ihr es in der Hand behaltet. Also: eins zwei und“

Er hielt das Messer fest, und ich hätte wirklich geschossen, wenn auch nicht ihm in den Kopf, sondern ich hätte ihm zwei oder drei Kugeln durch die Hand gejagt, denn es galt, mir Respekt zu verschaffen; aber ich kam glücklicherweise nicht dazu, denn in diesem kritischen Augenblicke erscholl eine laute Stimme:

„Gents, seid ihr toll! Was könnte es für einen guten Grund geben, daß Weiße sich einander die Hälse brechen! Haltet ein!“

Wir blickten in die Richtung, in welcher diese Worte gesprochen wurden, und sahen einen Mann hinter einem Baume hervortreten. Er war klein, hager und buckelig und fast wie ein Roter gekleidet und bewaffnet. Man konnte nicht recht unterscheiden, ob er ein Weißer oder ein Indianer war. Sein scharf geschnittenes Gesicht deutete auf das letztere, während die Farbe seines jetzt allerdings von der Sonne verbrannten Gesichtes wahrscheinlich früher weiß gewesen war. Er trug den Kopf unbedeckt; das dunkle Haar hing ihm bis auf die Schultern herab. Sein Anzug bestand aus einer indianischen Lederhose, einem Jagdhemde aus demselben Stoffe und einfachen Mokassins. Bewaffnet war er nur mit einem Gewehre und einem Messer. Sein Auge blickte außerordentlich intelligent, und er brachte trotz seiner Mißgestalt keineswegs einen lächerlichen Eindruck hervor. Es sind ja überhaupt nur rohe und unverständige Menschen, welche über einen unverdienten körperlichen Fehler oder Mangel die Nase rümpfen können. Zu dieser Sorte gehörte Rattler, denn als er den Ankömmling erblickte, rief er lachend aus:

„Halloo, was kommt denn da für ein Zwerg und Mißgeschöpf gelaufen! Darf es denn hier im schönen Westen auch solche Leute geben?“

Der Fremde maß ihn von unten bis oben und antwortete in ruhigem, überlegenem Tone:

„Dankt Gott, wenn Ihr gesunde Glieder habt! Uebrigens kommt es nicht auf den Körper, sondern auf das Herz und den Geist an, und da sage ich Euch, daß ich eine Vergleichung mit Euch nicht zu scheuen brauche.“

Er machte eine geringschätzige Bewegung mit der Hand und wendete sich dann an mich:

„Habt Ihr Kraft in den Knochen, Sir! Das Experiment, einen so schweren Menschen so weit durch die Luft fliegen zu lassen, macht Euch so leicht niemand nach. Es war wirklich eine Wonne, zuzuschauen.“

Dann stieß er den Grizzly mit dem Fuße an und fuhr in bedauerndem Tone fort:

„Also das ist der Kerl, den wir haben wollten. Wir sind zu spät gekommen; das ist schade!“

„Ihr wolltet ihn erlegen?“ fragte ich.

„Ja. Wir fanden gestern seine Fährte und sind ihr nach, kreuz und quer, durch dick und dünn, und nun wir an Ort und Stelle kommen, müssen wir leider sehen, daß die Arbeit schon getan ist.“

„Ihr redet in der Mehrzahl, Sir; seid Ihr nicht allein?“

„Nein. Es sind zwei Gentlemen bei mir.“

„Wer?“

„Werde es Euch dann sagen, wenn ich erfahren habe, wer Ihr seid. Ihr wißt, daß man in dieser Gegend nicht vorsichtig genug sein kann. Man stößt da mehr auf böse als auf gute Menschen.“

Er streifte dabei Rattler und dessen Leute mit seinem Blicke und fuhr dann freundlich fort:

„Uebrigens sieht man es einem Gentleman gleich an, daß man ihm trauen darf. Habe den letzten Teil eurer Unterhaltung gehört und weiß also so leidlich, woran ich bin.“

„Wir sind Surveyors, Sir,“ erklärte ich ihm. „Ein Oberingenieur, vier Surveyors, drei Scouts und zwölf Westmänner, welche uns gegen etwaige Angriffe zu beschützen haben.“

„Hm, was dieses anbelangt, so scheint Ihr ein Mann zu sein, der keinen Beschützer braucht. Also Surveyors seid Ihr. Ihr befindet Euch hier in Tätigkeit?“

„Ja.“

„Was vermeßt Ihr da?“

„Eine Bahn.“

„Die hier vorübergehen soll?“

„Ja.“

„So habt Ihr das Gebiet gekauft?“

Sein Auge war während dieser Frage stechend und sein Gesicht ernster geworden. Er schien Grund zu diesen Erkundigungen zu haben; darum antwortete ich:

„Ich bin beauftragt, mich an den Vermessungen zu beteiligen, und dies tue ich, ohne mich um das übrige zu bekümmern.“

„Hm, ja! Denke aber, Ihr wißt trotzdem sehr wohl, woran Ihr seid. Der Boden, auf welchem Ihr Euch befindet, gehört den Indianern, und zwar den Apachen vom Stamme der Mescaleros. Ich kann ganz bestimmt behaupten, daß sie dieses Land weder verkauft noch sonst in irgend einer Weise an irgend jemand abgetreten haben.“

„Was geht das Euch an!“ rief ihm da Rattler zu. „Bekümmert Euch nicht um fremde Angelegenheiten, sondern um die Eurigen.“

„Das tue ich auch, Sir, das tue ich, denn ich bin ein Apache, sogar ein Mescalero.“

„Ihr? Laßt Euch nicht auslachen! Man müßte ja blind sein, um Euch nicht anzusehen, daß Ihr ein Weißer seid.“

„Ihr irrt Euch doch! Ihr dürft Euch nicht nach meiner Haut, sondern nach meinem Namen richten. Ich werde Klekih-petra genannt.“

Dieser Name bedeutet in der Sprache der Apachen, deren Dialekte ich damals noch nicht kannte, so viel wie weißer Vater. Rattler schien diesen Namen schon gehört zu haben, denn er trat in ironischer Verwunderung einen Schritt zurück und sagte:

„Ah, Klekih-petra, der berühmte Schulmeister der Apachen! Schade, daß Ihr buckelig seid; es muß Euch da außerordentlich schwer werden, von den roten Bengels nicht ausgelacht zu werden.“

„O, das tut nichts, Sir. Ich bin es gewohnt, von Bengels verlacht zu werden, denn vernünftige Leute tun das nicht. Und nun ich weiß, wer Ihr seid und was Ihr hier treibt, kann ich Euch auch sagen, wer meine Begleiter sind. Es wird am besten sein, ich zeige sie Euch.“

Er rief ein Indianerwort, welches ich nicht verstand, in den Wald zurück, worauf zwei außerordentlich interessante Gestalten erschienen und langsam und würdevoll auf uns zukamen. Es waren Indianer, und zwar Vater und Sohn, wie man gleich auf den ersten Blick erkennen mußte.

Der Aeltere war von etwas mehr als mittlerer Gestalt, dabei sehr kräftig gebaut; seine Haltung zeigte etwas wirklich Edles, und aus seinen Bewegungen konnte man auf große körperliche Gewandtheit schließen. Sein ernstes Gesicht war ein echt indianisches, doch nicht so scharf und eckig, wie es bei den meisten Roten ist. Sein Auge besaß einen ruhigen, beinahe milden Ausdruck, den Ausdruck einer stillen, innern Sammlung, die ihn seinen gewöhnlichen Stammesgenossen gegenüber überlegen machen mußte. Sein Kopf war unbedeckt; das dunkle Haar hatte er in einen helmartigen Schopf aufgebunden, in welchem eine Adlerfeder, das Zeichen der Häuptlingswürde, steckte. Der Anzug bestand aus Mokassins, ausgefransten Leggins und einem ledernen Jagdrocke, dies alles sehr einfach und dauerhaft gefertigt. Im Gürtel steckte ein Messer, und an demselben hingen mehrere Beutel, in denen alle die Kleinigkeiten steckten, welche einem Westmanne nötig sind. Der Medizinbeutel hing an seinem Halse, daneben die Friedenspfeife mit dem aus heiligem Tone geschnittenen Kopfe. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war das Gewehr, welches sein Sohn Winnetou später unter dem Namen Silberbüchse zu so großer Berühmtheit bringen sollte.

Der Jüngere war genau so gekleidet wie sein Vater, nur daß sein Anzug zierlicher gefertigt worden war. Seine Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten und die Nähte seiner Leggins und des Jagdrockes mit feinen, roten Nähten geschmückt. Auch er trug den Medizinbeutel am Halse und das Kalumet dazu. Seine Bewaffnung bestand wie bei seinem Vater aus einem Messer und einem Doppelgewehre. Auch er trug den Kopf unbedeckt und hatte das Haar zu einem Schopfe aufgewunden, aber ohne es mit einer Feder zu schmücken. Es war so lang, daß es dann noch reich und schwer auf den Rücken niederfiel. Gewiß hätte ihn manche Dame um dieses herrliche, blauschimmernde Haar beneidet. Sein Gesicht war fast noch edler als dasjenige seines Vaters und die Farbe desselben ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch. Er stand, wie ich jetzt erriet und später dann erfuhr, mit mir in gleichem Alter und machte gleich heut, wo ich ihn zum erstenmal erblickte, einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fühlte, daß er ein guter Mensch sei und außerordentliche Begabung besitzen müsse. Wir betrachteten einander mit einem langen, forschenden Blicke, und dann glaubte ich, zu bemerken, daß in seinem ernsten, dunklen Auge, welches einen sammetartigen Glanz besaß, für einen kurzen Augenblick ein freundliches Licht aufglänzte, wie ein Gruß, den die Sonne durch eine Wolkenöffnung auf die Erde sendet.

„Das sind meine Freunde und Begleiter,“ sagte Klekih-petra, indem er erst auf den Vater und dann auf den Sohn deutete. „Dieser ist Intschu tschuna, der große Häuptling der Mescaleros, welcher auch von allen übrigen Apachenstämmen als Häuptling anerkannt wird. Und hier steht sein Sohn Winnetou, welcher trotz seiner Jugend schon mehr kühne Taten verrichtet hat, als sonst zehn alte Krieger in ihrem ganzen Leben ausgeführt haben. Sein Name wird einst genannt und gerühmt werden, so weit die Savannen und die Felsengebirge reichen.“

Das klang überschwänglich, war aber, wie ich später erfuhr, gar nicht zu viel gesagt. Rattler lachte höhnisch auf und rief aus:

„So ein junger Kerl und soll schon solche Taten begangen haben? Ich sage mit Absicht begangen, denn was er ausgeführt hat, werden doch nur Diebereien, Spitzbübereien und Räubereien gewesen sein. Man kennt das schon. Die Roten stehlen und rauben alle.“

Dies war eine schwere Beleidigung. Die drei Fremden taten so, als ob sie sie nicht gehört hätten. Sie traten zu dem Bären und betrachteten denselben. Klekih-petra bückte sich nieder und untersuchte ihn.

„Er ist an den Messerstichen und nicht an einer Kugel gestorben,“ sagte er, zu mir gewendet.

Er hatte meinen Streit mit Rattler heimlich angehört und wollte mir nun konstatieren, daß ich recht gehabt hatte.

„Wird sich finden,“ sagte Rattler. „Was versteht so ein buckeliger Schulmeister von der Bärenjagd. Wenn wir nachher dem Tiere das Fell abgezogen haben, so werden wir ganz deutlich sehen, welche Wunde tödlich gewesen ist. Von einem Greenhorn lasse ich mich nicht um mein Recht betrügen.“

Da bückte sich auch Winnetou zu dem Bären nieder, betastete ihn an den Stellen, wo er blutig war, und fragte mich, als er sich wieder aufgerichtet hatte:

„Wer hat dieses Tier mit dem Messer angegriffen?“

Er sprach ein sehr reines Englisch.

„Ich,“ antwortete ich.

„Warum hat mein junger, weißer Bruder nicht auf ihn geschossen?“

„Weil ich kein Gewehr bei mir hatte.“

„Hier liegen doch Flinten!“

„Die gehören nicht mir. Diejenigen, deren Eigentum sie sind, warfen sie weg und kletterten auf die Bäume.“

„Als wir der Spur des Bären folgten, hörten wir in der Ferne ein großes Angstgeschrei. Wo ist das gewesen?“

„Hier.“

„Uff! Die Eichhörnchen und Stinktiere sind da, um auf die Bäume zu fliehen, wenn ein Feind sich ihnen naht. Der Mann aber soll kämpfen, denn wenn er Mut besitzt, so ist ihm die Macht gegeben, selbst das stärkste Tier zu überwinden. Mein junger, weißer Bruder hat solchen Mut besessen. Warum wird er da ein Greenhorn genannt?“

„Weil ich zum erstenmal und nur erst kurze Zeit im Westen bin.“

„Die Bleichgesichter sind sonderbare Menschen. Bei ihnen wird ein Jüngling, welcher sich nur mit dem Messer an den schrecklichen Grizzly wagt, Greenhorn geschimpft; diejenigen aber, welche aus Furcht auf die Bäume klettern und da oben vor Entsetzen heulen, dürfen sich für tüchtige Westmänner halten. Die roten Männer sind gerechter. Bei ihnen kann ein Tapferer nie als Feigling und ein Feigling nie als Tapferer gelten.“

„Mein Sohn hat sehr richtig gesprochen,“ stimmte sein Vater in einem etwas weniger guten Englisch bei. „Dieses junge Bleichgesicht ist kein Greenhorn mehr. Wer den Grizzly in dieser Weise erlegt, der ist ein großer Held zu nennen. Und wer es gar noch tut, um Andere zu retten, die auf die Bäume entwichen sind, der kann von ihnen Dank aber nicht Schimpfreden erwarten. Howgh! Gehen wir hinaus ins Freie, um zu sehen, warum die Bleichgesichter sich hier in dieser Gegend befinden.“

Welch ein Unterschied zwischen meinen weißen Begleitern und diesen von ihnen verachteten Indianern! Der Gerechtigkeitssinn der Roten trieb sie, ohne daß sie es nötig hatten, sich zu meinen Gunsten auszusprechen. Es war sogar ein Wagnis, daß sie dies taten. Sie waren nur zu dreien und wußten nicht, wieviel Köpfe wir zählten; sie begaben sich gewiß in eine Gefahr, wenn sie sich unsere Westmänner zu Feinden machten. Daran schienen sie aber gar nicht zu denken. Sie gingen langsam und mit stolzen Schritten an uns vorüber und dann aus dem Gebüsch hinaus. Wir folgten ihnen. Da sah Intschu tschuna die Meßpfähle stecken, blieb stehen, wendete sich zu mir zurück und fragte:

„Was wird hier getrieben? Wollen die Bleichgesichter etwa dieses Land vermessen?“

„Ja.“

„Wozu?“

„Um einen Weg für das Feuerroß zu bauen.“

Sein Auge verlor den ruhigen, sinnenden Blick; es leuchtete zornig auf, und fast hastig erkundigte er sich:

„Du gehörst zu diesen Leuten?“

„Ja.“

„Und hast mit vermessen?“

„Ja.“

„Du wirst bezahlt dafür?“

„Ja.“

Da war es ein verächtlicher Blick, den er über mich hinweggleiten ließ, und ebenso verächtlich klang sein Ton, als er zu Klekih-petra sagte:

„Deine Lehren klingen sehr schön, aber sie treffen nicht oft zu. Da hat man endlich einmal ein junges Bleichgesicht gesehen mit einem tapferen Herzen, offenem Gesicht und ehrlichen Augen, und kaum hat man gefragt, was es hier tut, so ist es gekommen, um uns gegen Bezahlung unser Land zu stehlen. Die Gesichter der Weißen mögen gut sein oder bös, im Innern ist doch Einer wie der Andere!“

Wenn ich ehrlich sein will, so muß ich sagen, daß ich keine Worte zu meiner Verteidigung hätte finden können; ich fühlte mich innerlich beschämt. Der Häuptling hatte recht; es war so, wie er sagte. Konnte ich etwa stolz auf meinen Beruf sein, ich streng moralischer, christlicher Landesvermesser?

Der Oberingenieur hatte sich mit den drei Surveyors in das Zelt versteckt. Sie blickten durch ein Loch desselben nach dem gefürchteten Bären aus. Als sie uns kommen sahen, wagten sie sich hervor, nicht wenig erstaunt oder vielleicht auch betroffen darüber, daß sie die Indianer bei uns sahen. Sie empfingen uns natürlich mit der Frage, wie wir uns des Bären erwehrt hätten. Da antwortete Rattler schnell:

„Wir haben ihn erschossen, und zu Mittag wird es Bärentatzen, heut abend aber Bärenschinken zu essen geben.“

Unsere drei Gäste sahen mich an, ob ich mir dies gefallen lassen würde; darum machte ich die Bemerkung:

„Und ich behaupte, daß ich ihn erstochen habe. Hier stehen drei Sachverständige, welche mir recht gegeben haben; das soll aber gar nicht entscheidend sein. Wenn nachher Hawkens, Stone und Parker kommen, mögen sie ihre Urteile abgeben, nach denen wir uns richten werden. Bis dahin bleibt der Bär unangerührt liegen.“

„Den Teufel werde ich mich nach diesen dreien richten!“ murrte Rattler. „Ich gehe mit meinen Leuten hin, um den Bären aufzubrechen, und wer uns da hindern will, dem jagen wir ein halbes Dutzend Kugeln in den Leib!“

„Tut nicht so dick, sonst mache ich Euch dünn, Mr. Rattler! Vor Euren Kugeln fürchte ich mich nicht so, wie Ihr Euch vor dem Bären gefürchtet habt. Ihr jagt mich auf keinen Baum; das laßt Euch nur gesagt sein! Daß Ihr hingeht, dagegen habe ich nichts, erwarte aber, daß Ihr es nur Eures toten Kameraden wegen tut, den Ihr begraben mögt. So liegen lassen dürft Ihr ihn doch nicht.“

„Es ist einer tot?“ fragte Bancroft erschrocken.

„Ja, Rollins,“ antwortete Rattler. „Dieser arme Teufel hat auch nur wegen der Dummheit eines Andern sein Leben lassen müssen, sonst hätte er sich retten können.“

„Wieso? Wessen Dummheit?“

„Nun, er machte es grad so wie wir und sprang nach einem Baum; er wäre ganz gut hinaufgekommen, aber da kam dieses Greenhorn alberner Weise gerannt und reizte den Bären, welcher sich dann wütend auf Rollins stürzte und ihn zerfleischte.“

Das war die Schlechtigkeit denn doch zu weit getrieben; ich stand beinahe sprachlos vor Erstaunen. Die Sache in dieser Weise darzustellen, und noch dazu in meiner Gegenwart, das durfte ich denn doch nicht dulden! Darum wandte ich mich schnell mit der Frage an ihn:

„Das ist Eure Ueberzeugung, Mr. Rattler?“

„Yes,“ nickte er entschlossen. Er zog seinen Revolver heraus, denn er erwartete eine Tätlichkeit von mir.

„Rollins hätte sich retten können und wurde nur durch mich verhindert?“

„Yes.“

„Ich meine aber, daß der Bär ihn schon gefaßt hatte, ehe ich kam!“

„Das ist eine Lüge!“

„Well, so sollt Ihr jetzt die Wahrheit hören oder fühlen.“

Bei diesen Worten riß ich ihm mit der Linken den Revolver aus der Hand und gab ihm mit der Rechten eine so gewaltige Ohrfeige, daß er wohl sechs bis acht Schritte weit fort und da zur Erde flog. Er sprang auf, riß sein Messer heraus und kam, wie ein wütendes Tier brüllend, auf mich zugerannt. Ich parierte den Messerstich mit der linken Hand und schlug ihn mit der rechten Faust nieder, daß er zu meinen Füßen ohne Besinnung liegen blieb.

„Uff, uff!“ rief Intschu tschuna erstaunt, indem er vor Bewunderung dieses Jagdhiebes die gebotene indianische Zurückhaltung vergaß. Im nächsten Augenblicke jedoch sah man ihm schon an, daß er diese Anerkennung bereute.

„Das war wieder Shatterhand,“ sagte der Surveyor Wheeler.

Ich achtete nicht auf diese Worte, sondern hielt mein Auge auf Rattlers Kameraden gerichtet. Sie waren sichtlich wütend, aber es wagte keiner, mit mir anzubinden. Sie murrten und fluchten unter sich; aber das war auch alles, was sie taten.

„Nehmt Rattler doch einmal ernstlich vor, Mr. Bancroft,“ forderte ich den Oberingenieur auf. „Ich habe ihm nichts getan, und doch sucht er sich stets an mir zu reiben. Ich fürchte, es kommt noch Mord und Totschlag hier im Lager vor. Lohnt ihn ab, und wenn Euch das nicht beliebt, nun, so kann ich ja gehen.“

„Oho, Sir, so schlimm ist die Sache denn doch wohl nicht!“

„Ja, so schlimm ist sie. Hier habt Ihr sein Messer und seinen Revolver. Gebt ihm diese Waffen nicht eher, als bis er sich beruhigt hat, nachdem er wieder zu sich gekommen ist. Denn ich sage Euch, ich wehre mich meiner Haut, und wenn er mir noch einmal mit einer Waffe kommt, so schieße ich ihn nieder. Ihr nennt mich ein Greenhorn, aber ich kenne doch die Gesetze der Prairie. Wer mir mit dem Messer oder der Kugel droht, den darf ich augenblicklich erschießen.“

Dies galt natürlich nicht nur Rattlern, sondern auch seinen Westmännern, von denen keiner ein Wort dazu sagte. Jetzt wendete sich der Häuptling Intschu tschuna an den Oberingenieur:

„Mein Ohr hat jetzt vernommen, daß du unter den hiesigen Bleichgesichtern derjenige bist, welcher den Befehl führt. Ist dies so?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„So habe ich mit dir zu reden.“

„Was?“

„Das sollst du hören. Du stehst auf deinen Füßen; aber Männer sollen sitzen, wenn sie sich beraten.“

„Willst du unser Gast sein?“

„Nein, das ist unmöglich. Wie kann ich dein Gast sein, wenn du dich bei mir auf meinem Boden, in meinem Walde, meinem Tale, meiner Prairie befindest? Die weißen Männer mögen sich setzen. Was sind das für Bleichgesichter, welche da noch kommen?“

„Sie gehören zu uns.“

„So mögen sie sich auch mit zu uns setzen.“

Sam, Dick und Will kamen nämlich jetzt von ihrem Ritte zurück. Sie als erfahrene Westleute wunderten sich nicht über die Anwesenheit der Indianer, wurden aber besorgt, als sie hörten, wer die beiden seien.

„Und wer ist der dritte?“ fragte mich Sam.

„Er heißt Klekih-petra, und Rattler hat ihn Schulmeister genannt.“

„Klekih-petrah, der Schulmeister? Ach, von dem habe ich gehört, wenn ich nicht irre. Das ist ein sehr geheimnisvoller Mensch, ein Weißer, welcher schon lange bei den Apachen lebt und so eine Art von Missionär zu sein scheint, wenn er auch kein Priester ist. Freut mich, ihn zu sehen. Werde ihm einmal auf den Zahn fühlen, hihihihi.“

„Wenn er sich darauf fühlen läßt!“

„Wird mich doch nicht in die Finger beißen? Ist sonst noch etwas vorgekommen?“

„Ja.“

„Was?“

„Etwas sehr Wichtiges.“

„Dann heraus damit!“

„Ich habe das getan, wovor Ihr mich gestern warntet.“

„Weiß nicht, was Ihr meint. Habe Euch vor vielem gewarnt.“

„Grizzlybär.“

„Wie wo waaaaas? Etwa gar ein grauer Bär dagewesen?“

„Und was für einer!“

„Wo denn, wo? Ihr macht doch nur Spaß!“

„Fällt mir gar nicht ein. Da unten hinter dem Gebüsch im Walde. Hat den alten Bullen hineingeschafft.“

„Wirklich, wirklich? Alle Wetter, muß das grad dann passieren, wenn unsereiner nicht da ist! Hat es Tote gegeben?“

„Einen nämlich Rollins.“

„Und Ihr? Was habt Ihr getan? Habt Euch doch fern gehalten?“

„Ja.“

„Recht so! Möchte es aber fast nicht glauben.“

„Könnt es getrost glauben. Habe mich grad so fern von ihm gehalten, daß er mir nichts tun, ich ihm aber mein Messer viermal zwischen die Rippen stoßen konnte.“

„Seid Ihr gescheit! Habt ihn mit dem Messer angegriffen?“

„Ja. Hatte die Büchse nicht da.“

„Welch ein Kerl! Ein echtes, richtiges Greenhorn. Hat extra einen schweren Bärentöter mitgebracht, und nun der Bär kommt, schießt er mit dem Messer anstatt mit der Büchse. Sollte man so etwas für möglich halten? Wie ist es denn gekommen?“

„So, daß Rattler behauptet, ich hätte ihn nicht erlegt, sondern er.“

Ich erzählte ihm, wie sich der Vorgang abgespielt hatte, auch daß ich dann wieder mit Rattler zusammengeraten war.

„Mensch, Ihr seid wirklich ein ganz unglaublich leichtsinniger Kerl!“ rief er aus. „Hat noch nie einen Grizzly gesehen und geht darauf los, als ob es sich um einen alten Pudelhund handelte! Ich muß mir das Tier ansehen, sofort ansehen. Kommt, Dick und Will! Ihr müßt doch auch sehen, was dieses Greenhorn hier abermals für dumme Streiche gemacht hat.“ Er wollte fort, da aber in diesem Augenblicke Rattler wieder zu sich kam, wendete er sich zuvor an diesen:

„Hört, Mr. Rattler, ich habe Euch etwas mitzuteilen. Ihr habt abermals mit meinem jungen Freunde angebunden. Wenn Ihr dies noch einmal wagen solltet, so werde ich dafür sorgen, daß es überhaupt nicht wieder geschehen kann. Meine Geduld ist nun zu Ende. Merkt Euch das!“

Er entfernte sich mit Stone und Parker. Rattler machte ein grimmiges Gesicht, warf mir haßerfüllte Blicke zu, sagte aber nichts, doch war ihm anzusehen, daß er einer Mine glich, welche im nächsten Augenblicke platzen konnte.

Die beiden Indianer und Klekih-petra hatten sich in das Gras niedergelassen. Der Oberingenieur saß ihnen gegenüber, doch begannen sie ihre Unterhaltung noch nicht. Sie wollten die Rückkehr Sams abwarten, um zu hören, was für ein Urteil er abgeben werde. Er kam schon nach kurzer Zeit wieder und rief schon von weitem aus:

„Welch eine Dummheit ist es gewesen, auf den Grizzly zu schießen und dann zu fliehen. Wenn man ihm nicht standhalten will, so schießt man überhaupt nicht, sondern läßt ihn in Ruhe; dann tut er einem nichts. Dieser Rollins sieht gräßlich aus! Und wer soll den Bär erlegt haben?“

„Ich,“ rief Rattler rasch.

„Ihr? Womit denn?“

„Mit meiner Kugel.“

„Well, das stimmt ist richtig.“

„Dachte es!“

„Ja, der Bär ist an einer Kugel gestorben.“

„Also gehört er mir. Hört ihr es, ihr Leute! Sam Hawkens hat sich für mich erklärt,“ schrie Rattler triumphierend.

„Ja, für Euch. Eure Kugel ist ihm am Kopf vorbeigegangen und hat ihm ein Spitzchen vom Ohre weggenommen. Und an so einem Ohrenspitzchen stirbt so ein Grizzlybärchen natürlich auf der Stelle, hihihihi! Wenn es wirklich so ist, daß mehrere geschossen haben, so haben sie in ihrer Angst eben grad vorbeigeschossen; nur eine Kugel hat das Ohr gestreift; sonst ist keine Spur von einer Kugel vorhanden. Aber vier tüchtige Messerstiche sind da, zwei neben das Herz und zwei dann grad hinein. Wer aber hat gestochen?“

„Ich,“ antwortete ich.

„Ihr allein?“

„Weiter niemand.“

„So gehört der Bär Euch. Das heißt, da wir eine Gesellschaft bilden, so ist der Pelz Euer, und das Fleisch gehört allen; aber Ihr habt zu bestimmen, wie es verteilt wird. Das ist so Brauch im wilden Westen. Was sagt Ihr nun dazu, Mr. Rattler?“

„Hol Euch der Teufel!“

Er ließ noch einige grimmige Flüche hören und ging dann zum Wagen, auf welchem das Brandyfaß lag. Ich sah, daß er sich Branntwein in den Becher laufen ließ, und wußte, daß er nun so lange trinken würde, bis er nicht mehr konnte.

Diese Angelegenheit war nun geordnet, und so forderte Bancroft den Häuptling der Apachen auf, seinen Wunsch vorzutragen.

„Es ist kein Wunsch, sondern ein Befehl, welchen ich aussprechen will,“ antwortete Intschu tschuna stolz.

„Wir nehmen keine Befehle an,“ versicherte der Oberingenieur ebenso stolz.

Ueber das Gesicht des Häuptlings wollte es wie Aerger gleiten; er beherrschte sich aber und sagte in ruhigem Tone:

„Mein weißer Bruder mag mir einige Fragen beantworten und mir dabei die Wahrheit sagen. Hat er ein Haus da, wo er wohnt?“

„Ja.“

„Und einen Garten daran?“

„Ja.“

„Wenn nun der Nachbar einen Weg durch diesen Garten bauen wollte, würde das mein Bruder dulden?“

„Nein.“

„Die Länder jenseits der Felsenberge und im Osten des Mississippi gehören den Bleichgesichtern. Was würden diese dazu sagen, wenn die Indianer kämen und dort eiserne Pfade bauen wollten?“

„Sie würden sie fortjagen.“

„Mein Bruder hat die Wahrheit gesprochen. Nun aber kommen die Bleichgesichter hierher in dieses Land, welches uns gehört; sie fangen uns die Mustangs fort, sie töten unsre Büffel; sie suchen bei uns Gold und edle Steine. Nun wollen sie gar einen langen, langen Weg bauen, auf dem ihr Feuerroß laufen soll. Auf diesem Wege kommen dann immer mehr Bleichgesichter, welche über uns herfallen und uns auch noch das Wenige nehmen, was man uns gelassen hat. Was werden wir dazu sagen?“

Bancroft schwieg.

„Haben wir etwa weniger Recht als ihr? Ihr nennt euch Christen und sprecht immerfort von Liebe. Dabei aber sagt ihr: ihr könnt uns bestehlen und berauben; wir aber müssen ehrlich gegen euch sein. Ist das Liebe? Ihr sagt, euer Gott sei der gute Vater aller roten und aller weißen Menschen. Ist er nun unser Stiefvater, dagegen euer richtiger Vater? Gehörte nicht das ganze Land den roten Männern? Man hat es uns genommen. Was haben wir dafür bekommen? Elend, Elend und Elend! Ihr jagt uns immer weiter zurück und drängt uns immer weiter zusammen, so daß wir in kurzer Zeit elendiglich ersticken werden. Warum tut ihr das? Etwa aus Not, weil ihr keinen Raum mehr habt? Nein, sondern aus Habgier, denn in euern Ländern ist noch Platz für viele, viele Millionen. Jeder von euch möchte einen ganzen Staat, ein ganzes Land besitzen; der Rote aber, der wirkliche Eigentümer, darf nicht haben, wohin er sein Haupt zur Ruhe legt. Klekih-petra, welcher hier neben mir sitzt, hat mir von euerm heiligen Buche erzählt. Da ist zu lesen, daß der erste Mensch zwei Söhne hatte, von denen der eine den andern erschlug, so daß das Blut zum Himmel schrie. Wie ist es nun mit den zwei Brüdern, dem roten und dem weißen Bruder? Seid ihr nicht der Kain, und wir sind der Abel, dessen Blut zum Himmel schreit? Und dazu verlangt ihr noch, daß wir uns umbringen lassen sollen, ohne uns zu wehren! Nein, wir wehren uns! Wir sind von Ort zu Ort verjagt worden, weiter, immer weiter fort. Jetzt wohnen wir hier. Wir glaubten, einmal ausruhen und ruhig atmen zu können; aber da kommt ihr jetzt schon wieder, um einen Eisenweg abzustecken. Besitzen wir denn nicht dasselbe Recht, welches du in deinem Hause, in deinem Garten besitzest? Wollten wir unsere Gesetze anwenden, so müßten wir euch alle töten. Aber wir wünschen nur, daß eure Gesetze auch für uns gelten sollen. Tun sie das? Nein! Eure Gesetze haben zwei Gesichter, und diese dreht ihr uns zu, wie es zu euerm Vorteile ist. Du willst hier einen Weg bauen. Hast du uns um die Erlaubnis gefragt?“

„Nein, denn das habe ich nicht nötig.“

„Warum nicht? Ist dieses Land euer?“

„Ich denke es.“

„Nein. Es gehört uns. Hast du es uns abgekauft?“

„Nein.“

„Haben wir es dir geschenkt?“

„Nein, mir nicht.“

„Und auch keinem Andern. Bist du ein ehrlicher Mann und wirst hierher gesandt, um einen Weg für das Feuerroß zu bauen, so mußt du erst den Mann, der dich sendet, fragen, ob er das Recht dazu hat, und wenn er ja sagt, dir dies beweisen lassen. Das hast du aber nicht getan. Ich verbiete euch, hier weiter zu messen!“

Dieses letztere sagte er mit einem Nachdrucke, dem man den bittersten Ernst anhörte. Ich war erstaunt über diesen Indianer. Ich hatte viele Bücher über die rote Rasse und viele Reden gelesen, welche von Indianern gehalten worden waren, so eine aber nicht. Intschu tschuna sprach ein klares, deutliches Englisch; seine Logik war ebenso wie seine Ausdrucksweise diejenige eines gebildeten Mannes. Sollte er diese Vorzüge Klekih-petra, dem Schulmeister, zu verdanken haben?

Der Oberingenieur befand sich in großer Verlegenheit. Wenn er wahr und ehrlich sein wollte, so konnte er auf die vorgebrachten Beschuldigungen fast gar nichts entgegnen. Er brachte zwar einiges vor, aber das waren Spitzfindigkeiten, Verkehrungen und Trugschlüsse. Als ihm der Häuptling wieder antwortete und ihn in die Enge trieb, wendete er sich an mich:

„Aber, Sir, hört Ihr denn nicht, wovon gesprochen wird? Nehmt Euch doch der Sache an, und redet auch ein Wort!“

„Danke, Mr. Bancroft; ich bin als Surveyor hier, nicht aber als Advokat. Macht mit und aus der Sache, was Ihr wollt. Ich habe zu messen, nicht aber Reden zu halten.“

Da bemerkte der Häuptling im entscheidenden Tone:

„Es ist nicht nötig, daß fernere Reden gehalten werden. Ich habe gesagt, daß ich euch nicht dulde. Ich will, daß ihr noch heut von hier fortgeht, dahin, woher ihr gekommen seid. Entscheidet euch, ob ihr gehorchen wollt oder nicht. Ich gehe jetzt mit Winnetou, meinem Sohne, fort und werde wiederkommen nach der Zeit, welche die Bleichgesichter eine Stunde nennen. Dann sollt ihr mir Antwort geben. Geht ihr dann, so sind wir Brüder; geht ihr nicht, so wird das Kriegsbeil ausgegraben zwischen uns und euch. Ich bin Intschu tschuna, der Häuptling aller Apachen. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Howgh ist ein indianisches Bekräftigungswort und heißt so viel wie Amen, basta, dabei bleibt’s, so geschieht’s und nicht anders! Er stand auf und Winnetou auch. Sie gingen fort und schritten langsam das Tal hinab, bis sie um eine Biegung verschwanden. Klekih-petra war sitzen geblieben. Der Oberingenieur wendete sich an ihn und bat ihn um guten Rat. Er antwortete:

„Macht was Ihr wollt, Sir! Ich bin ganz der Ansicht des Häuptlings. Es geschieht ein großes, fortgesetztes Verbrechen an der roten Rasse. Aber als Weißer weiß ich auch, daß der Indsman sich vergeblich wehrt. Wenn ihr heut von hier fortgeht, werden morgen Andere kommen, die euer Werk zu Ende führen. Aber warnen will ich euch. Der Häuptling meint es ernstlich.“

„Wohin ist er?“

„Er wird unsere Pferde holen.“

„Habt ihr denn welche mit?“

„Natürlich. Wir haben sie versteckt, als wir merkten, daß wir dem Bären nahe seien. Einen Grizzly sucht man doch nicht zu Pferde in seinem Verstecke auf.“

Er stand auch auf und schlenderte fort, jedenfalls um sich weiterem Fragen und Drängen zu entziehen. Ich ging ihm nach und fragte trotzdem:

„Sir, erlaubt Ihr mir, mit Euch zu gehen? Ich verspreche Euch, nichts zu sagen oder zu tun, was Euch inkommodiert. Es ist nur, weil ich mich so außerordentlich für Intschu tschuna interessiere und natürlich ebenso für Winnetou.“

Daß auch er selbst mir große Teilnahme einflößte, wollte ich ihm nicht sagen.

„Ja, kommt ein wenig mit, Sir,“ antwortete er. „Ich habe mich von den Weißen und ihrem Treiben zurückgezogen; ich mag nichts mehr von ihnen wissen; aber Ihr habt mir gefallen, und so wollen wir einen Spaziergang miteinander machen. Ihr scheint mir der verständigste von allen diesen Menschen zu sein. Habe ich recht?“

„Ich bin der jüngste und noch gar nicht smart; werde dies wohl auch nie werden. Das mag mir wohl das Aussehen eines leidlich gutherzigen Menschen geben.“

„Nicht smart? Dies ist doch jeder Amerikaner mehr oder weniger.“

„Ich bin kein Amerikaner.“

„Was denn, wenn Euch die Frage nicht belästigt?“

„Gar nicht. Ich habe keine Ursache, mein Vaterland, welches ich sehr liebe, zu verheimlichen. Ich bin ein Deutscher.“

„Ein Deutscher?“ fuhr er mit dem Kopfe schnell empor. „Dann heiße ich Sie willkommen, Landsmann! Das war es wohl, was mich gleich zu Ihnen zog. Wir Deutschen sind eigentümliche Menschen. Unsere Herzen erkennen einander als verwandt, noch ehe wir es uns sagen, daß wir Angehörige eines Volkes sind wenn es doch nun endlich einmal ein einiges Volk werden wollte! Ein Deutscher, der ein vollständiger Apache geworden ist! Kommt Ihnen das nicht außerordentlich vor?“

„Außerordentlich nicht. Gottes Wege erscheinen oft wunderbar, sind aber stets sehr natürliche.“

„Gottes Wege! Warum sprechen Sie von Gott und nicht von der Vorsehung, dem Schicksale, dem Fatum, dem Kismet?“

„Weil ich ein Christ bin und mir meinen Gott nicht nehmen lasse.“

„Recht so; Sie sind ein glücklicher Mensch! Ja, Sie haben recht: Gottes Wege erscheinen oft wunderbar, sind aber stets sehr natürliche. Die größten Wunder sind die Folgen natürlicher Gesetze, und die alltäglichsten Naturerscheinungen sind große Wunder. Ein Deutscher, ein Studierter, ein namhafter Gelehrter, und nun ein richtiger Apache; das scheint wunderbar; aber der Weg, der mich zu diesem Ziele geführt hat, ist ein sehr natürlicher.“

Hatte er mich erst halb widerwillig mit sich genommen, so freute er sich jetzt, sich aussprechen zu können. Ich merkte sehr bald, daß er ein bedeutender Charakter war, hütete mich aber, irgend eine, wenn auch noch so leise Frage nach seiner Vergangenheit zu tun. Er legte sich diese Rücksicht nicht auf und erkundigte sich ganz wacker nach meinen Verhältnissen. Ich antwortete ihm so ausführlich, wie es ihm lieb zu sein schien.

Wir hatten uns gar nicht weit vom Lager entfernt und uns unter einen Baum gelegt. Ich konnte sein Gesicht, sein Mienenspiel genau beobachten. Das Leben hatte tiefe Runen in dasselbe eingegraben, die langen Grundstriche des Grames, die durchquerenden Gedankenstriche des Zweifels, die Zickzacklinien der Not, der Sorge und Entbehrung. Wie oft mochte sein Auge düster, drohend, zornig, ängstlich, vielleicht auch verzweifelnd geblickt haben, und nun war es klar und ruhig wie ein Waldsee, den kein Windstoß kräuselt, der aber so tief ist, daß man nicht sehen kann, was auf seinem Grunde ruht. Als er alles Wissenswerte von mir gehört hatte, nickte er leise vor sich hin und sagte:

„Sie stehen am Anfange der Kämpfe, an deren Ende ich angekommen bin; aber diese werden für Sie nur äußerliche, keine inneren sein. Sie haben Gott, den Herrn, bei sich, der Sie nie verlassen wird. Bei mir war es anders. Ich hatte Gott verloren, als ich aus der Heimat ging, und nahm an Stelle des Reichtumes, den ein fester Glaube bietet, das Schlimmste mit, was der Mensch besitzen kann, nämlich ein böses Gewissen.“

Er sah mich bei diesen Worten forschend an. Als er mein Gesicht ruhig bleiben sah, fragte er:

„Erschrecken Sie da nicht?“

„Nein.“

„Aber ein böses Gewissen! Bedenken Sie doch!“

„Pah! Sie sind kein Dieb, kein Mörder gewesen. Einer niedrigen Gesinnung waren Sie nie fähig.“

Er drückte mir die Hand und sprach:

„Ich danke Ihnen herzlich! Und doch irren Sie sich. Ich war ein Dieb, denn ich habe viel, ach so viel gestohlen! Und das waren kostbare Güter! Und ich war ein Mörder. Wie viele, viele Seelen habe ich gemordet! Ich war Lehrer an einer höheren Schule; wo, das zu sagen, ist nicht nötig. Mein größter Stolz bestand darin, Freigeist zu sein, Gott abgesetzt zu haben, bis auf das Tüpfel nachweisen zu können, daß der Glaube an Gott ein Unsinn ist. Ich war ein guter Redner und riß meine Hörer hin. Das Unkraut, welches ich mit vollen Händen ausstreute, ging fröhlich auf, kein Körnchen ging verloren. Da war ich der Massendieb, der Massenräuber, der den Glauben an und das Vertrauen zu Gott in ihnen tötete. Dann kam die Zeit der Revolution. Wer keinen Gott anerkennt, dem ist auch kein König, keine Obrigkeit heilig. Ich trat öffentlich als Führer der Unzufriedenen auf; sie tranken mir die Worte förmlich von den Lippen, das berauschende Gift, welches ich freilich für heilsame Arznei hielt; sie stürmten in Scharen zusammen und griffen zu den Waffen. Wie viele, viele fielen im Kampfe! Ich war ihr Mörder, und nicht etwa der Mörder dieser allein. Andere starben später hinter Kerkermauern. Auf mich wurde natürlich mit allem Fleiße gefahndet; ich entkam. Ich verließ das Vaterland, ohne mich zu grämen. Keine liebende Seele weinte um mich; ich hatte weder Vater noch Mutter mehr, weder Bruder, Schwester noch sonstige Verwandte. Kein Auge weinte um mich, aber wie viele, viele wegen mir! Daran dachte ich aber gar nicht, bis diese Erkenntnis über mich kam wie ein Keulenschlag, der mich beinahe zu Boden streckte. Am Tage, bevor ich die schützende Grenze erreichte, wurde ich von der Polizei gehetzt, die mir hart auf den Fersen war. Es ging durch ein armes Fabrikdorf. Dem sogenannten Zufalle folgend, rannte ich durch ein kleines Gärtchen in ein armseliges Häuschen und vertraute mich, ohne meinen Namen zu nennen, einem alten Mütterchen und ihrer Tochter an, die ich in der niedrigen Stube fand. Sie versteckten mich um ihrer Männer willen, deren Kamerad ich gewesen sei, wie sie sagten. Dann saßen sie bei mir im dunkeln Winkel und erzählten mir unter bitteren Tränen von ihrem Herzeleide. Sie waren arm, aber zufrieden gewesen; die Tochter hatte sich erst vor einem Jahre verheiratet gehabt. Ihr Mann hörte eine meiner Reden und wurde durch dieselbe verführt. Er nahm seinen Schwiegervater mit auf die nächste Versammlung, und das Gift wirkte auch auf diesen. Ich hatte diese vier braven Menschen um ihr Lebensglück gebracht. Der junge Mann fiel auf dem Schlachtfelde, welches kein Feld der Ehre war, und der alte Vater wurde zu mehrjähriger Zuchthausstrafe verurteilt. Dies erzählten mir die Frauen, die mich, der an ihrem Unglücke schuld war, gerettet hatten. Sie nannten meinen Namen als den des Verführers. Das war der Keulenschlag, welcher mich, nicht äußerlich, sondern innerlich traf. Gottes Mühle begann zu mahlen. Die Freiheit war mir geblieben, aber im Innern litt ich Qualen, zu denen mich kein Richter hätte verurteilen können. Ich irrte hier aus einem Staate in den andern, trieb bald dies bald jenes und fand nirgends Ruhe. Das Gewissen peinigte mich aufs entsetzlichste. Wie oft bin ich dem Selbstmorde nahe gewesen; immer hielt mich eine unsichtbare Hand zurück Gottes Hand. Sie leitete mich nach Jahren der Qual und der Reue zu einem deutschen Pfarrer in Kansas, der meinen Seelenzustand erriet und in mich drang, mich ihm mitzuteilen. Ich tat es zu meinem Glücke. Ich fand, freilich erst nach langen Zweifeln, Vergebung und Trost, festen Glauben und inneren Frieden. Herrgott, wie danke ich dir dafür!“

Er hielt inne, faltete die Hände und warf einen langen, langen, leuchtenden Blick zum Himmel empor. Dann fuhr er fort:

„Um mich innerlich zu festigen, floh ich die Welt und die Menschen; ich ging in die Wildnis. Aber nicht der Glaube allein ist’s, welcher selig macht. Der Baum des Glaubens muß die Früchte der Werke tragen. Ich wollte wirken, womöglich grad entgegengesetzt meinem früheren Wirken. Da sah ich den roten Mann sich verzweiflungsvoll sträuben gegen den Untergang; ich sah die Mörder in seinem Leibe wühlen, und das Herz ging mir über von Zorn, von Mitleid und Erbarmen. Sein Schicksal war beschlossen; ich konnte ihn nicht retten; aber eins zu tun, das war mir möglich: ihm den Tod erleichtern und auf seine letzte Stunde den Glanz der Liebe, der Versöhnung fallen lassen. Ich ging zu den Apachen und lernte es, mein Wirken ihrer Individualität anzubequemen. Ich habe Vertrauen gefunden und Erfolge errungen. Ich wollte, Sie könnten Winnetou kennen lernen; er ist so eigentlich mein eigenstes Werk. Dieser Jüngling ist groß angelegt. Wäre er der Sohn eines europäischen Herrschers, so würde er ein großer Feldherr und ein noch größerer Friedensfürst werden. Als Erbe eines Indianerhäuptlings aber wird er untergehen, wie seine ganze Rasse untergeht. Könnte ich doch den Tag erleben, an welchem er sich einen Christen nennt! Wo nicht, so will ich wenigstens bis zum Tage meines Todes bei ihm sein in jeder Anfechtung, Gefahr und Not. Er ist mein geistiges Kind; ich liebe ihn mehr als mich selbst, und wäre mir einmal das Glück beschieden, die tödliche Kugel, die ihm gelten soll, in meinem Herzen aufzufangen, so würde ich mit Freuden für ihn sterben und dabei denken, daß dieser Tod zugleich eine letzte Sühne meiner früheren Sünden sei!“

Er schwieg und senkte den Kopf. Ich war tief bewegt und sagte nichts, denn ich hatte das Gefühl, als ob jede Bemerkung nach einem solchen Bekenntnisse trivial klingen müsse; aber ich nahm seine Hand in die meinige und drückte sie herzlich. Er verstand mich und gab mir dies durch ein leises Nicken und einen Gegendruck zu erkennen. Es verging eine ganze Weile, bis er leise fragte:

„Woher es nur kommt, daß ich Ihnen dies erzählt habe? Ich sehe Sie heut zum erstenmal und werde Sie vielleicht nie wiedersehen. Oder ist es auch eine Gottesfügung, daß ich hier und jetzt mit Ihnen zusammengetroffen bin? Sie sehen, ich, der frühere Gottesleugner, suche jetzt alles auf diesen höhern Willen zurückzuführen. Es ist mir mit einemmal so sonderbar, so weich, so wehe um das Herz, doch ist dies wehe kein schmerzliches Gefühl. Eine ganz ähnliche Stimmung überkommt einen, wenn im Herbste die Blätter fallen. Wie wird sich das Blatt meines Lebens vom Baume lösen? Leise, leicht und friedlich? Oder wird es abgeknickt, noch ehe die natürliche Zeit gekommen ist?“

Er blickte wie in stiller, unbewußter Sehnsucht das Tal hinab. Von dorther sah ich Intschu tschuna und Winnetou kommen. Sie saßen jetzt auf Pferden und führten dasjenige Klekih-petras ledig neben sich. Wir standen auf, um nach dem Lager zu gehen, wo wir mit beiden zugleich ankamen. Am Wagen lehnte Rattler mit feuerrotem, aufgedunsenem Gesichte und stierte zu uns herüber. Er hatte während der kurzen Zeit so viel getrunken, daß er nun nicht mehr trinken konnte, ein schrecklicher, ein ganz vertierter Mensch! Sein Blick war heimtückisch wie derjenige eines wilden Stieres, welcher zum Angriffe schreiten will. Ich nahm mir vor, ein Auge auf ihn zu haben.

Der Häuptling und Winnetou waren von ihren Pferden gestiegen und traten zu uns. Wir standen in einem ziemlich weiten Kreise beisammen.

„Nun, haben meine weißen Brüder sich überlegt, ob sie hier bleiben oder fortgehen wollen?“ fragte Intschu tschuna.

Der Oberingenieur war auf einen vermittelnden Gedanken gekommen; er antwortete:

„Wenn wir auch fortgehen wollten, so müssen wir doch hier bleiben, um den Befehlen zu gehorchen, welche wir empfangen haben. Ich werde noch heut einen Boten nach Santa Fé senden und anfragen lassen; dann kann ich dir Antwort geben.“

Das war gar nicht so übel ausgedacht, denn bis der Bote zurückkehrte, mußten wir mit unserer Arbeit fertig sein. Der Häuptling aber sagte in bestimmtem Tone:

„So lange warte ich nicht. Meine weißen Brüder müssen mir sofort sagen, was sie tun wollen.“

Rattler hatte sich einen Becher mit Brandy gefüllt und war zu uns gekommen. Ich dachte, er habe es auf mich abgesehen, aber er trat jetzt zu den beiden Indianern und sagte mit lallender Zunge:

„Wenn die Indsmen mit mir trinken, so tun wir ihnen den Willen und gehen fort, sonst nicht. Der Junge mag anfangen. Hier hast du das Feuerwasser, Winnetou.“

Er hielt ihm den Becher hin. Winnetou trat mit einer abweisenden Gebärde zurück.

„Was, du willst keinen Drink mit mir tun? Das ist eine verdammte Beleidigung. Hier hast du den Brandy ins Gesicht, verfluchte Rothaut. Lecke ihn dir ab, da du ihn nicht trinken willst!“

Ehe es Einer von uns zu verhindern vermochte, schleuderte er dem jungen Apachen den Becher nebst Inhalt in das Gesicht. Das war nach indianischen Begriffen eine todeswürdige Beleidigung, welche auch sofort, wenn auch nicht so streng bestraft wurde, denn Winnetou schlug dem Frevler die Faust in das Gesicht, daß er zu Boden stürzte. Er raffte sich mühsam wieder auf. Schon machte ich mich zum Einschreiten gefaßt, denn ich glaubte, er werde zur Tätlichkeit schreiten; dies geschah aber nicht; er starrte den jungen Apachen nur drohend an und wankte dann fluchend wieder nach dem Wagen zurück.

Winnetou trocknete sich ab und zeigte, grad wie sein Vater, eine starre, unbewegte Miene, der man nicht ansehen konnte, was im Innern vorging.

„Ich frage noch einmal,“ sagte der Häuptling; „dies ist das letzte Mal. Werden die Bleichgesichter noch heut dieses Tal verlassen?“

„Wir dürfen nicht,“ lautete die Antwort.

„So verlassen aber wir es. Es ist kein Friede zwischen uns.“

Ich machte noch einen Versuch der Vermittelung, doch vergeblich; die drei gingen zu ihren Pferden. Da erscholl vom Wagen her Rattlers Stimme:

„Immer fort mit euch, ihr roten Hunde! Aber den Hieb ins Gesicht soll mir der Junge sofort bezahlen!“

Zehnmal schneller, als man es ihm bei seinem Zustande zutrauen konnte, hatte er ein Gewehr aus dem Wagen genommen und schlug es auf Winnetou an. Dieser stand im Augenblicke frei und ohne Deckung; die Kugel mußte ihn treffen, denn es geschah alles so schnell, daß ihn keine Bewegung retten konnte. Da schrie Klekih-petra voller Angst auf:

„Weg, Winnetou, schnell weg!“

Zu gleicher Zeit sprang er hin, um sich schützend vor den jungen Apachen zu stellen. Der Schuß krachte; Klekih-petra fuhr sich, von der Gewalt des Kugelaufschlages halb umgedreht, mit der Hand nach der Brust, taumelte einige Augenblicke hin und her und fiel dann auf die Erde nieder. In diesem Augenblicke stürzte aber auch Rattler, von meiner Faust getroffen, zu Boden. Ich war, um den Schuß zu verhüten, rasch zu ihm hingesprungen, aber doch zu spät gekommen. Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens war erschollen; nur die beiden Apachen hatten keinen Laut von sich gegeben. Sie knieten bei ihrem Freunde, der sich für seinen Liebling aufgeopfert hatte, und untersuchten stumm seine Wunde. Er war ganz nahe am Herzen in die Brust getroffen; das Blut schoß mit Gewalt hervor. Ich eilte auch hinzu. Klekih-petra hielt die Augen geschlossen; sein Gesicht wurde mit rapider Schnelligkeit bleich und hohl.

„Nimm seinen Kopf in deinen Schoß,“ bat ich Winnetou. „Wenn er das Auge öffnet und dich erblickt, wird sein Tod ein froher sein.“

Er kam dieser Aufforderung nach, ohne ein Wort zu sagen; keine seiner Wimpern zuckte; aber sein Blick hing unverwandt an dem Angesichte des Sterbenden. Da öffnete dieser langsam die Lider; er sah Winnetou über sich gebeugt; ein seliges Lächeln glitt über seine so schnell eingefallenen Züge, und er flüsterte:

„Winnetou, schi ya Winnetou Winnetou, o mein Sohn Winnetou!“

Dann schien es, als ob sein brechendes Auge noch jemanden suche. Es traf mich, und in deutscher Sprache bat er mich:

„Bleiben Sie bei ihm ihm treu mein Werk fortführen !“

„Ich tue es; ja, sicher, ich werde es tun!“

Da nahm sein Gesicht einen fast überirdischen Ausdruck an, und er betete mit immer mehr ersterbender Stimme:

„Da fällt mein Blatt abgeknickt nicht leise leicht es ist die letzte Sühne ich sterbe wie wie ich es gewünscht. Herrgott, vergieb vergieb! Gnade Gnade ! Ich komme komme Gnade.“

Er faltete die Hände noch ein krampfhafter Bluterguß aus der Wunde, und sein Kopf sank zurück er war tot!

Nun wußte ich, was ihn getrieben hatte, gegen mich sein Herz zu erleichtern Gottesfügung, hatte er gesagt. Er hatte gewünscht, für Winnetou sterben zu können; wie schnell war dieser Wunsch in Erfüllung gegangen! Die letzte Sühne, die er bringen wollte, er hatte sie gebracht. Gott ist die Liebe, die Barmherzigkeit; er zürnt dem Reuigen nicht ewig.

Winnetou bettete das Haupt des Toten in das Gras, stand langsam auf und sah seinen Vater fragend an.

„Dort liegt der Mörder; ich habe ihn niedergeschlagen,“ sagte ich. „Er mag Euer sein.“

„Feuerwasser!“

Nur diese kurze Antwort kam aus dem Munde des Häuptlings, doch in welchem grimmig verächtlichen Tone.

„Ich will euer Freund, euer Bruder sein; ich gehe mit euch!“ so drängte es sich mir über die Lippen.

Da spuckte er mir in das Gesicht und sagte:

„Räudiger Hund! Länderdieb für Geld! Stinkender Coyote! Wage es, uns zu folgen, so zermalme ich dich!“

Hätte mir das ein Anderer getan und gesagt, ich hätte ihm mit der Faust geantwortet. Warum tat ich es nicht? Hatte ich als Eindringling in fremdes Eigentum diese Züchtigung vielleicht verdient? Es war mehr instinktiv, daß ich sie mir gefallen ließ, doch, mich etwa nochmals anbieten, das konnte ich trotz des Versprechens, welches ich dem Toten gegeben hatte, nicht.

Die Weißen standen alle stumm dabei, voller Erwartung, was die beiden Apachen nun tun würden. Diese hatten keinen einzigen Blick mehr für uns. Sie hoben die Leiche auf das Pferd und banden sie da fest; dann stiegen sie auch in die Sättel, richteten den zusammensinkenden Körper Klekih-petras auf und ritten, ihn hüben und drüben stützend, langsam davon. Sie ließen kein Wort der Drohung, der Rache zurück; sie wendeten sich auch nicht einen einzigen Augenblick nach uns um; aber das war schlimmer, viel schlimmer, als wenn sie uns den fürchterlichsten Tod ganz offen geschworen hätten.

„Das war ja schrecklich und kann leicht noch schrecklicher werden!“ sagte Sam Hawkens. „Dort liegt der Schurke, noch immer leblos von Eurem Hiebe und vom Spiritus. Was tun wir nun mit ihm?“

Ich antwortete nicht; ich sattelte mein Pferd und ritt fort; ich mußte allein sein, um diese fürchterliche halbe Stunde wenigstens äußerlich zu verwinden. Es war am späten Abend, als ich müd und matt, körperlich und seelisch wie zerschlagen, im Lager wieder eintraf.

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Drittes Kapitel

Winnetou in Fesseln.

Damit der Bär nicht weit geschleppt zu werden brauchte, war während meiner Abwesenheit das Lager bis in die Nähe der Stelle, wo ich ihn erlegt hatte, vorgerückt worden. Er war so schwer, daß die vereinte Anstrengung von zehn kräftigen Männern hatte angewendet werden müssen, um ihn unter den Bäumen hervor und durch das Gebüsch nach dem im Freien brennenden Feuer zu schaffen.

Trotz der späten Stunde, in welcher ich zurückkehrte, waren außer Rattler alle noch wach. Dieser schlief seinen Rausch aus; er hatte getragen werden müssen und war wie ein Klotz ins Gras geworfen worden. Sam hatte dem Bären das Fell abgezogen, das Fleisch aber unberührt gelassen. Als ich vom Pferde gestiegen war und dasselbe versorgt hatte und an das Feuer trat, sagte der Kleine:

„Wo jagt Ihr denn herum, Sir? Wir haben mit Schmerzen auf Euch gewartet, weil wir das Bärenfleisch kosten und den Petz doch nicht ohne Euch anschneiden konnten. Habe ihm einstweilen den Rock ausgezogen. War ihm vom Schneider so gut angemessen worden, daß er auch nicht die kleinste Falte hatte, hihihihi. Hoffentlich habt Ihr nichts dagegen, wie? Und nun sagt, wie das Fleisch verteilt werden soll! Wir wollen, ehe wir uns schlafen legen, ein Stückchen davon braten.“

„Teilt, wie Ihr wollt,“ antwortete ich. „Das Fleisch gehört allen.“

„Well, so will ich Euch etwas sagen. Das Beste sind die Tatzen; es gibt überhaupt nichts, was über Bärentatzen geht.

Sie müssen aber längere Zeit liegen, bis sie den gehörigen Hautgout bekommen haben. Am delikatesten sind sie, wenn sie schon von Würmern durchbohrt sind. Aber so lange können wir nicht warten, denn ich fürchte, daß die Apachen sehr bald kommen und uns das Essen verderben werden. Darum wollen wir lieber beizeiten dazutun und uns gleich heut schon über die Tatzen machen, damit wir sie genossen haben, wenn wir von den Roten ausgelöscht werden. Habt Ihr etwas dagegen, Sir?“

„Nein.“

„Well, so mag das schöne Werk beginnen; der Appetit ist da, wenn ich mich nicht irre.“

Er löste die Tatzen von den Beinen und zerlegte sie dann in so viel Teile, wie Personen da waren. Ich bekam das beste Stück eines Vorderfußes, wickelte es ein und legte es beiseite, während die andern sich beeilten, ihre Portion an das Feuer zu bringen. Ich hatte zwar Hunger, aber keinen Appetit, so widersprechend dies auch klingen mag. Infolge des langen, anstrengenden Rittes fühlte ich wohl das Bedürfnis, Speise zu mir zu nehmen, aber es war mir unmöglich, zu essen. Ich konnte die Mordszene noch immer nicht verwinden. Ich sah mich mit Klekih-petra zusammensitzen; ich hörte seine Bekenntnisse, welche mir jetzt wie eine letzte Beichte vorkamen, und mußte immer wieder an seine Schlußworte denken, die wie die Vorahnung seines nahen Todes geklungen hatten. Ja, das Blatt seines Lebens war nicht leicht und leise abgefallen, sondern mit Gewalt abgerissen worden, und zwar von was für einem Menschen, aus was für einem Grunde und in was für einer Weise! Dort lag der Mörder, noch immer sinnlos betrunken. Ich hätte ihn niederschießen mögen, aber es ekelte mich vor ihm. Dieses Gefühl des Ekels war jedenfalls auch der Grund gewesen, daß die beiden Apachen ihn nicht auf der Stelle bestraft hatten. „Feuerwasser!“ hatte Intschu tschuna im allerverächtlichsten Tone gesagt; welche Anklagen, welche Vorwürfe lagen in diesem einen Worte!

Wenn mich etwas über den blutigen Vorgang beruhigen konnte, so war es der Umstand, daß Klekih-petra am Herzen Winnetous gestorben war, daß sein Herz die für Winnetou bestimmte Kugel aufgefangen hatte; dies war ja sein letzter Wunsch gewesen. Aber die Bitte an mich, zu Winnetou zu halten und das begonnene Werk zu vollenden? Warum hatte er sie an mich gerichtet? Noch vor wenigen Minuten hatte er gemeint, daß wir uns wohl nicht wiedersehen würden, also daß mein Lebensweg wohl kein mich zu den Apachen führender sei, und nun erteilte er mir plötzlich eine Aufgabe, deren Lösung mich mit diesem Stamme in innige Beziehung bringen mußte. War dieser Wunsch ein zufälliges, leeres, weggeworfenes Wort? Oder ist dem Sterbenden vergönnt, wenn er von seinen Lieben scheidet, im letzten Augenblicke, wenn die eine Schwinge seiner Seele bereits im Jenseits schlägt, einen Blick in ihre Zukunft zu werfen? Fast scheint es so, denn es wurde mir später möglich, seine Bitte zu erfüllen, obgleich es jetzt den Anschein hatte, als ob eine Begegnung mit Winnetou mir nur Verderben bringen könne.

Warum hatte ich dem Sterbenden überhaupt mein Versprechen so schnell gegeben? Aus Mitleid? Ja, wahrscheinlich. Aber es war wohl noch ein anderer Grund vorhanden, wenn ich mir seiner auch nicht bewußt gewesen war: Winnetou hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, einen Eindruck, wie ich ihn noch bei keinem andern Menschen empfunden hatte. Er war grad so jung wie ich, und doch mir so überlegen! Das hatte ich gleich beim ersten Blicke herausgefühlt. Die ernste, stolze Klarheit seines samtweichen Auges, die ruhige Sicherheit seiner Haltung und jeder seiner Bewegungen und der wehmütige Hauch eines tiefen und verschwiegenen Grames, den ich auf seinem jugendlichen, schönen Gesichte zu entdecken glaubte, hatten mir es sofort angetan. Wie achtunggebietend war sein und seines Vaters Verhalten gewesen! Andere Menschen, mochten es nun Weiße oder Rote sein, hätten sich sofort auf den Mörder gestürzt und ihn getötet; diese beiden hatten ihn nicht eines Blickes gewürdigt und das, was in ihnen vorging, nicht durch die leiseste Bewegung eines Gesichtsmuskels verraten. Was für Leute waren doch wir dagegen! So saß ich, während die andern sich ihr Fleisch schmecken ließen, still am Feuer und grübelte in mich hinein, bis Sam Hawkens mich aus meinem Sinnen weckte:

„Was ist’s mit Euch, Sir? Habt Ihr keinen Hunger?“

„Ich esse nicht.“

„So? Und haltet lieber Denkübungen! Ich sage Euch, daß Ihr Euch das nicht angewöhnen dürft. Auch mich ärgert das, was vorgekommen ist, gewaltig, aber der Westmann muß sich an solche Auftritte gewöhnen. Man nennt den Westen nicht umsonst die dark and bloody grounds die finstern und blutigen Gründe. Ihr könnt es glauben, daß hier der Boden auf jedem Schritte, den Ihr darauf tut, mit Blut getränkt ist, und wer eine so empfindliche Nase hat, daß er dies nicht erriechen kann, der mag daheim bleiben und Zuckerwasser trinken. Nehmt Euch die Geschichte nicht zu Herzen, und gebt Euer Tatzenstück her; ich will es Euch braten!“

„Danke, Sam; ich esse wirklich nicht. Habt ihr euch denn darüber geeinigt, was nun mit Rattler werden soll?“

„Haben allerdings darüber gesprochen.“

„Nun, was wird seine Strafe sein?“

„Strafe? Meint Ihr, daß wir ihn bestrafen sollen?“

„Natürlich meine ich das.“

„Ach so! Und wie denkt Ihr, daß wir dies anzufangen haben? Sollen wir ihn nach San Francisco, New York, oder Washington transportieren und dort als Mörder anklagen?“

„Unsinn! Die Obrigkeit, die ihn zu richten hat, sind wir; er ist den Gesetzen des Westens verfallen.“

„Seht doch an, was so ein Greenhorn alles von den Gesetzen des wilden Westens weiß. Seid Ihr etwa aus dem alten Germany herübergekommen, um hier den Lord Oberrichter zu spielen? War dieser Klekih-petra ein Verwandter oder sonstiger guter Freund von Euch?“

„Allerdings nicht.“

„Da habt Ihr den Punkt, auf den es ankommt. Ja, der wilde Westen hat seine feststehenden, eigentümlichen Gesetze. Er verlangt Auge für Auge, Zahn für Zahn, Blut für Blut, so wie es in der Bibel steht. Ist ein Mord geschehen, so kann der dazu Berechtigte den Mörder sofort töten, oder es wird eine Jury gebildet, welche das Urteil fällt und es dann ungesäumt vollzieht. Auf diese Weise entledigt man sich der schlimmen Elemente, welche den ehrlichen Jägern sonst über den Kopf wachsen würden.“

„Nun, so bilden wir also eine Jury.“

„Dazu würde zunächst ein Ankläger nötig sein.“

„Der bin ich!“

„Mit welchem Rechte?“

„Als Mensch, der nicht zugeben kann, daß ein solches Verbrechen ungeahndet bleibt.“

„Pshaw! Ihr redet eben, wie ein Greenhorn redet. Als Ankläger könnt Ihr in zwei Fällen auftreten. Nämlich erstens, wenn der Ermordete Euch als Verwandter oder Freund und Kamerad nahe gestanden hat; daß dies aber nicht der Fall ist, habt Ihr bereits zugegeben. Zweitens könnt Ihr auch dann als Ankläger gegen den Mörder auftreten, wenn Ihr selbst der Ermordete seid, hihihihi. Seid Ihr das?“

„Sam, die Sache ist keine solche, über welche man Witze reißen soll!“

„Weiß schon, weiß! Wollte diesen Punkt auch nur der Vollständigkeit wegen hinzufügen, weil, wenn ein Mord vorgekommen ist, der Ermordete das erste und größte Recht besitzt, die Bestrafung des Mörders zu beantragen. Also Ihr habt keinen Grund, den Ankläger zu machen, und bei uns andern ist ganz dasselbe der Fall; wo aber kein Kläger ist, da ist auch kein Richter. Es gibt hier gar kein Recht, eine Jury zusammenzustellen.“

„So soll Rattler also unbestraft ausgehen?“

„Davon ist keine Rede. Ereifert Euch nicht so! Ich gebe Euch mein Wort, daß ihn die Vergeltung so sicher treffen wird, wie jede Kugel aus meiner Liddy ihr Ziel erreicht. Die Apachen werden dafür sorgen.“

„Und uns trifft dann die Strafe mit!“

„Sehr wahrscheinlich. Aber meint Ihr, daß wir dies dadurch verhindern können, daß wir Rattler töten? Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Die Apachen sehen nicht ihn allein, sondern auch uns als Mörder an und werden uns ganz gewiß als solche behandeln, wenn sie uns in ihre Hände bekommen.“

„Auch wenn wir uns seiner entledigen?“

„Auch dann. Sie schießen uns nieder, ohne zu fragen, ob er bei uns ist oder nicht. Aber wie wolltet Ihr Euch seiner wohl entledigen?“

„Ihn fortjagen.“

„Ja, darüber haben wir uns freilich auch schon beraten und sind zu der Ansicht gekommen, daß wir erstens kein Recht haben, ihn fortzujagen und dies, selbst wenn wir das Recht hätten, aus Klugheitsrücksichten nicht tun würden.“

„Aber, Sam, ich begreife Euch nicht! Wenn mir jemand nicht paßt, so trenne ich mich von ihm. Und nun gar ein Mörder! Sind wir etwa gezwungen, so einen Schurken, der noch dazu ein Trunkenbold ist und uns in immer neue Verlegenheiten bringen kann, noch länger bei uns zu dulden?“

„Ja, leider sind wir das. Rattler ist ebenso wie ich, Stone und Parker für Euch engagiert worden, und nur diejenigen, die ihn angestellt haben und besolden, können ihn entlassen. Wir müssen uns da streng nach dem Rechte halten.“

„Streng nach dem Rechte? Einem Menschen gegenüber, der Tag für Tag die göttlichen und menschlichen Gesetze mit Füßen tritt!“

„Wenn auch! Was Ihr da vorbringt, ist ja alles gut; aber man darf keinen Fehler begehen aus dem Grunde, weil ein Anderer ein Verbrechen begangen hat. Ich sage Euch, daß die Obrigkeit sich vor allen Dingen rein zu halten hat; aus diesem Grunde haben wir Westmänner, die wir gegebenen Falles die Obrigkeit spielen müssen, alle Veranlassung, unsern Ruf unbefleckt zu erhalten. Doch auch davon abgesehen, will ich Euch fragen, was Rattler wohl dann täte, wenn er von uns fortgejagt würde?“

„Das ist seine Sache!“

„Und die unserige ebenso! Wir befänden uns in jedem Augenblicke in Gefahr, da er höchst wahrscheinlich versuchen würde, sich an uns zu rächen. Es ist besser, ihn bei uns zu behalten, wo wir ihn beaufsichtigen können, als daß wir ihn fortjagen und er uns fortgesetzt umschleicht und jedem, dem er will, eine Kugel in den Kopf jagen kann. Ich denke, daß Ihr nun auch unserer Meinung seid.“

Er sah mich dabei mit einem Blicke an, den ich recht wohl verstand, denn er blinzelte dann in bezeichnender Weise zu Rattlers Genossen hinüber. Wenn wir gegen diesen vorgingen, so stand zu befürchten, daß sie gemeinschaftliche Sache mit ihm machen würden. Das sagte ich mir auch, denn es war ihnen nicht zu trauen. Darum antwortete ich:

„Ja, nachdem Ihr mir die Sache in dieser Weise klar gemacht habt, sehe ich wohl ein, daß wir sie laufen lassen müssen, wie sie läuft. Nur machen mir die Apachen Sorge, denn es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß sie kommen werden, um sich zu rächen.“

„Sie kommen, und zwar um so sicherer, als sie nicht ein Wort der Drohung ausgesprochen haben. Sie haben nicht nur außerordentlich stolz, sondern auch sehr klug gehandelt. Hätten sie augenblicklich Vergeltung geübt, so wäre davon, selbst wenn wir es geduldet hätten, was keinesfalls so sicher war, doch nur Rattler betroffen worden. Sie hatten es aber auf uns alle abgesehen, weil er zu uns gehörte und weil sie uns infolge unserer Vermessungen als Feinde betrachten, die ihnen ihr Land und Eigentum rauben wollen. Darum haben sie sich in so außerordentlicher Weise beherrscht und sind davongeritten, ohne einen Finger gegen uns zu erheben. Desto sicherer aber werden sie zurückkehren, um uns alle in ihre Hände zu bekommen. Glückt ihnen das, so können wir uns auf einen bösen Tod gefaßt machen, denn das Ansehen, in welchem dieser Klekih-petra bei ihnen gestanden hat, erfordert eine doppelt und dreifach schwere Rache.“

„Und das alles um eines Trunkenboldes willen! Sie werden jedenfalls in größerer Anzahl kommen.“

„Natürlich! Es hängt da alles von der Frage ab, wann sie kommen werden. Wir hätten ja Zeit, zu fliehen, müßten aber alles im Stiche und die beinahe fertige Arbeit unvollendet lassen.“

„Das umgehen wir, wenn es nur halbwegs möglich ist.“

„Wann glaubt Ihr, fertig werden zu können, wenn Ihr Euch recht sputet?“

„In fünf Tagen.“

„Hm! So viel ich weiß, gibt es hier in der Nähe kein Apachenlager. Ich würde die nächsten Mescaleros wenigstens drei starke Tagesritte von hier suchen. Wenn ich mich hierin nicht irre, so haben Intschu tschuna und Winnetou, weil sie die Leiche transportieren, vier Tage zu reiten, ehe sie Sukkurs bekommen können; drei Tage dann nach hier zurück, das ergibt sieben Tage, und da Ihr glaubt, in fünf Tagen fertig zu werden, so meine ich, daß wir es wagen dürfen, mit der Vermessung fortzufahren.“

„Und wenn Eure Berechnung nicht richtig ist? Es ist ja möglich, daß die beiden Apachen die Leiche einstweilen an einen sichern Ort geschafft haben und dann zurückkommen, um aus dem Hinterhalte auf uns zu schießen. Ebenso ist es möglich, daß sie viel eher auf einen Trupp der Ihrigen treffen; ja es läßt sich sogar annehmen, daß sie Freunde in der Nähe haben, denn es sollte mich wundern, wenn zwei Indianer, noch dazu Häuptlinge, sich ohne alle Begleitung so weit von ihrem Wohnsitze entfernten. Und da die Zeit der Büffeljagd gekommen ist, so wäre auch die Möglichkeit vorhanden, daß Intschu tschuna und Winnetou zu einem Jagdtruppe gehören, der sich in der Nähe befindet und von welchem sie sich aus irgend einem Grunde auf nur kurze Zeit entfernt haben. Das alles ist zu bedenken und zu beherzigen, wenn wir vor- und umsichtig sein wollen.“

Sam Hawkens kniff das eine seiner beiden kleinen Aeuglein zu, zog eine verwunderte Grimasse und rief aus:

„Good lack, was Ihr doch klug und weise seid! Wahrhaftig, heutzutage sind die Küchlein zehnmal gescheiter als die alte Henne, wenn ich mich nicht irre. Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, so war das, was Ihr vorgebracht habt, gar nicht so dumm gesagt. Ich gebe Euch vollständig recht. Wir müssen unsere Augen auf alle diese möglichen Fälle richten. Darum ist es notwendig, zu erfahren, wohin die beiden Apachen sich gewendet haben. Ich werde ihnen also mit Tagesanbruch nachreiten.“

„Und ich reite mit,“ sagte Will Parker.

„Ich auch,“ erklärte Dick Stone.

Sam Hawkens sann eine kurze Weile nach und antwortete ihnen dann:

„Ihr bleibt hübsch da, ihr Beide. Ihr werdet hier gebraucht. Verstanden?“

Er sah dabei nach Rattlers Freunden hinüber, und er hatte recht. Wenn diese unzuverlässigen Menschen allein bei uns blieben, so könnte es nach ihres Anführers Erwachen leicht unliebsame Szenen geben. Da war es besser, Stone und Parker blieben da.

„Aber du kannst doch nicht allein reiten!“ sagte der letztere.

„Ich könnte schon, wenn ich wollte; aber ich will nicht,“ erwiderte Sam. „Werde mir einen Begleiter aussuchen.“

„Wen?“

„Dieses junge Greenhorn hier.“

Dabei deutete er auf mich.

„Nein, der darf nicht fort,“ entgegnete da der Oberingenieur.

„Warum nicht, Mr. Bancroft?“

„Weil ich ihn brauche.“

„Möchte doch wissen, wozu!“

„Zur Arbeit natürlich. Wenn wir in fünf Tagen fertig werden wollen, müssen wir alle unsere Kräfte anspannen. Ich kann keinen missen.“

„Ja, alle Kräfte anspannen. Bisher habt Ihr das nicht getan; es hat vielmehr einer für alle arbeiten müssen; nun mögen sich auch einmal alle für diesen Einen anstrengen.“

„Mr. Hawkens, wollt Ihr mir etwa Vorschriften machen? Das möchte ich mir verbitten!“

„Fällt mir nicht ein. Eine Bemerkung ist noch lange keine Vorschrift.“

„Klang aber genau so!“

„Mag sein; habe auch gar nichts dagegen. Was Eure Arbeit betrifft, so wird es wohl keine gar so große Verzögerung nach sich ziehen, wenn morgen vier anstatt fünf sich daran beteiligen. Habe grad eine bestimmte Absicht dabei, dieses junge Greenhorn, welches Shatterhand genannt worden ist, mitzunehmen.“

„Darf ich fragen, welche?“

„Warum nicht. Er soll einmal sehen, wie man es macht, wenn man Indianern nachschleicht. Wird ihm wahrscheinlich von Nutzen sein, eine Fährte richtig lesen zu können.“

„Das ist aber für mich nicht maßgebend.“

„Weiß schon. Es gibt noch einen zweiten Grund. Nämlich der Weg, den ich zu machen habe, ist ein gefährlicher. Da ist es vorteilhaft für mich und euch, wenn ich einen Begleiter bei mir habe, der eine solche Körperkraft besitzt und mit seinem Bärentöter so außerordentlich gut schießen kann.“

„Ich sehe wirklich nicht ein, inwiefern dies auch für uns von Vorteil sein könnte.“

„Nicht? Das wundert mich. Seid doch sonst ein außerordentlich pfiffiger und einsichtsvoller Gentleman,“ antwortete Sam in leicht ironischem Tone. „Wie nun, wenn ich auf Feinde treffe, die hieher wollen und mich auslöschen? Da kann Euch niemand von der Gefahr benachrichtigen, und Ihr werdet überfallen und umgebracht. Habe ich aber dieses Greenhorn bei mir, welches mit seinen kleinen Ladieshänden den stämmigsten Kerl mit einem Schlage zu Boden schmettert, so ist es sehr wahrscheinlich, daß wir heiler Haut wiederkommen. Seht Ihr das nun ein?“

„Hm, ja.“

„Und sodann kommt die Hauptsache: Er muß morgen mit, damit keine Reiberei entsteht, welche unglücklich enden kann. Ihr wißt, daß Rattler es ganz besonders auf ihn abgesehen hat. Wenn dieser Liebhaber eines Glases Brandy morgen erwacht, ist es sehr wahrscheinlich, daß er sich gleich an den macht, der ihn heut wieder niedergeschmettert hat. Wir müssen diese beiden wenigstens morgen, am ersten Tage nach der Mordtat, auseinander halten. Darum bleibt der Eine, den ich nicht brauchen kann, hier bei Euch, und den Andern nehme ich mit. Habt Ihr nun auch noch etwas dagegen?“

„Nein; er mag mit Euch reiten.“

„Well; so sind wir also einig.“ Und indem er sich mir zuwendete, fügte er hinzu: „Ihr habt gehört, was Euch morgen für eine Anstrengung bevorsteht. Es kann leicht möglich sein, daß wir da keinen Augenblick zum Essen und zur Ruhe finden. Darum frage ich Euch, ob Ihr denn nicht wenigstens einige Bissen von Eurer Bärentatze probieren wollt.“

„Na, unter diesen Umständen will ich es wenigstens versuchen.“

„Versucht es nur, versucht es nur! Ich kenne diese Versuche, hihihihi! Man braucht nur einen Bissen zu nehmen, so hört man gewiß nicht eher auf, als bis man nichts mehr hat. Gebt die Tatze her; ich will sie Euch braten. So ein Greenhorn hat nicht den richtigen Verstand dazu. Also paßt hübsch auf, damit Ihr es lernt! Müßte ich Euch eine solche Delikatesse zum zweitenmal braten, so bekämet Ihr nichts davon, denn ich würde sie selber essen.“

Der gute Sam hatte ganz recht gesagt: kaum hatte ich, als er mit seinem kulinarischen Meisterstück fertig war, den ersten Bissen probiert, so stellte sich der vorhin vermißte Appetit ein; ich vergaß, was mich vorher bedrückt hatte, und aß, aß wirklich so lange, bis ich nichts mehr hatte.

„Seht Ihr’s!“ lachte er mich an. „Es ist wirklich weit angenehmer, einen Grizzlybären zu verspeisen, als zu erlegen; das habt Ihr nun wohl kennen gelernt. Jetzt werden wir uns einige tüchtige Stücke aus dem Schinken schneiden, um sie noch heut abend zu braten. Die nehmen wir morgen als Proviant mit, denn auf solchen Kundschafterritten muß man immer darauf gefaßt sein, daß man keine Zeit findet, ein Wild zu schießen und auch kein Feuer anbrennen darf, um es zu braten. Ihr aber legt Euch auf das Ohr und macht einen schnellen, tüchtigen Schlaf, denn wir brechen mit der Morgenröte wieder auf und werden morgen alle Kräfte brauchen.“

„Well, ich werde also schlafen. Aber vorher sagt mir, welches Pferd Ihr reiten werdet?“

„Welches Pferd? Gar keines.“

„Was denn?“

„Welche Frage! Meint Ihr denn, daß ich mich auf ein Krokodil oder einen andern sonstigen Vogel setzen werde? Natürlich werde ich mein Maultier, meine neue Mary reiten.“

„Das würde ich nicht tun.“

„Warum?“

„Ihr kennt sie noch zu wenig.“

„Dafür kennt sie mich ganz genau. Hat gar gewaltigen Respekt vor mir, das Vieh, hihihihi!“

„Aber bei einem solchen Späherritte, wie wir morgen vorhaben, muß man sehr vorsichtig sein und alles vorher bedacht haben. Ein Pferd, dessen man nicht sicher ist, kann alles verderben.“

„So? Wirklich?“ lachte er mich an.

„Ja,“ antwortete ich eifrig. „Ich weiß, daß das Schnauben eines Pferdes seinem Reiter das Leben kosten kann.“

„Ah, das wißt Ihr? Gescheiter Kerl, der Ihr seid! Habt es wohl auch gelesen, Sir?“

„Ja.“

„Dachte es mir! Muß doch außerordentlich interessant sein, solche Bücher zu lesen. Wenn ich nicht selbst ein Westmann wäre, würde ich nach dem Osten ziehen, mich dort recht hübsch behaglich auf ein Kanapee setzen und solche schöne Indianergeschichten lesen. Ich glaube, man kann rund und fett dabei werden, obgleich man die Bärentatzen nur auf dem Papiere zu essen bekommt. Möchte wirklich wissen, ob die guten Gentlemen, welche solche Sachen schreiben, einmal über den alten Mississippi herübergekommen sind!“

„Die meisten von ihnen wahrscheinlich.“

„So? Denkt Ihr?“

„Ja.“

„Glaube es nicht. Habe meine sehr guten Gründe dazu, daran zu zweifeln.“

„Und diese Gründe sind?“

„Will’s Euch sagen, Sir. Habe früher auch einmal schreiben gekonnt, aber es so schön verlernt, daß ich jetzt wohl kaum noch imstande wäre, meinen Namen auf ein Papier oder eine Schiefertafel zu bringen. Eine Hand, welche so lange ein Pferd gezügelt, die Büchse und das Messer geführt und den Lasso geschwungen hat, die ist nicht mehr geeignet dazu, allerlei Krikselkraksel auf das Papier zu malen. Wer ein richtiger Westmann ist, der hat sicher das Schreiben verlernt, und wer keiner ist, der mag es unterlassen, über Sachen zu schreiben, die er nicht versteht.“

„Hm! Man braucht sich doch nicht, um ein Buch über den Westen zu schreiben, so lange da aufzuhalten, bis man kein Schreibgelenk mehr in den Fingern hat.“

„Fehlgeschossen, Sir! Ich habe soeben gesagt, daß nur ein tüchtiger Westmann richtig und der Wahrheit gemäß schreiben könnte; aber grad so ein Mann kommt nie dazu.“

„Warum?“

„Weil es ihm nicht einfallen wird, den Westen, wo es keine Tintenfässer gibt, zu verlassen. Die Prairie ist wie die See; sie läßt denjenigen, der sie kennen gelernt und lieb gewonnen hat, niemals wieder von sich. Nein, alle diese Bücherschreiber kennen den Westen nicht, denn wenn sie ihn kennen gelernt hätten, so hätten sie ihn nicht verlassen, um ein paar hundert Papierseiten mit Tinte schwarz zu machen. Das ist so meine Ansicht, und ich vermute sehr, daß sie die richtige ist.“

„Nein. Ich kenne zum Beispiel einen, der den Westen lieb gewonnen hat und ein tüchtiger Jäger werden will. Dennoch wird er zuweilen in die Zivilisation zurückkehren, um über den Westen zu schreiben.“

„So? Wer wäre das?“ fragte er, indem er mich neugierig ansah.

„Das könnt Ihr Euch denken.“

„Denken? Ich mir? Sollte es möglich sein, daß Ihr Euch da selbst gemeint habt?“

„Ja.“

„Alle Wetter! Ihr wollt also unter das unnütze Volk der Büchermacher gehen?“

„Wahrscheinlich.“

„Das laßt bleiben, Sir, ja das laßt bleiben; ich bitte Euch inständigst darum. Ihr würdet dabei elend zu Grunde gehen; das könnt Ihr mir glauben.“

„Ich bezweifle es.“

„Und ich behaupte es. Ich kann es sogar beschwören,“ rief er eifrig. „Habt Ihr denn eine kleine Ahnung von dem Leben, welches Euch dann bevorsteht?“

„Ja.“

„Nun?“

„Ich mache Reisen, um Länder und Völker kennen zu lernen, und kehre zuweilen in die Heimat zurück, um meine Ansichten und Erfahrungen ungestört niederzuschreiben.“

„Aber zu welchem Zwecke denn, um aller Welt willen? Das kann ich nicht einsehen.“

„Um der Lehrer meiner Leser zu sein und mir nebenbei Geld zu verdienen.“

„Zounds! Der Lehrer seiner Leser! Und Geld verdienen!

Sir, Ihr seid übergeschnappt, wenn ich mich nicht irre! Eure Leser werden gar nichts von Euch lernen, denn Ihr versteht ja selber nichts. Wie kann so ein Greenhorn, so ein ganz und gar ausgewachsenes und ausgestopftes Greenhorn der Lehrer seiner Leser sein! Ich versichere Euch, daß Ihr gar keine Leser finden werdet, nicht einen einzigen! Und sagt mir nur um des Himmels willen, warum Ihr, aber auch grad Ihr ein Lehrer werden wollt, und noch gar der Lehrer Eurer Leser, die Ihr gar nicht finden und haben werdet! Gibt es denn nicht Lehrer und Schulmeister genug auf Erden und in der Welt? Müßt Ihr die Summe dieser Leute denn vergrößern?“

„Hört, Sam, ein Lehrer zu sein, ist ein hochwichtiger, ein heiliger Beruf!“

„Pshaw! Ein Westmann ist viel wichtiger, tausend- und abertausendmal wichtiger! Das muß ich wissen, weil ich einer bin, während Ihr erst kaum mit der Nase hergerochen seid. Ich muß mir das also allen Ernstes verbitten, daß Ihr Lehrer Eurer Leser werden wollt! Und nun gar Geld dabei zu verdienen! Welch eine Idee, welch eine ganz und gar hirnlose Idee! Was kostet denn so ein Buch, wie Ihr schreiben wollt?“

„Einen Dollar, zwei Dollars, drei Dollars, je nach der Größe, denke ich.“

„Schön! Und was kostet ein Biberfell? Habt Ihr eine Ahnung davon? Wenn Ihr Fallensteller werdet, verdient Ihr viel mehr, viel mehr, als wenn Ihr der Lehrer Eurer Leser seid, von dem sie, wenn er ja zu seinem und zu ihrem Unglücke welche finden sollte, nichts als nur Dummheiten lernen würden. Geld verdienen! Das kann man hier im Westen am leichtesten; da liegt es auf der Prairie, im Urwalde, zwischen den Felsen und auf dem Grunde der Flüsse ausgestreut. Und was für ein elendes Leben würdet Ihr als Buchmacher führen! Ihr müßtet anstatt des herrlichen Quellwassers des Westens dicke, schwarze Tinte trinken, an einer alten Gänsefeder kauen, anstatt an einer Bärentatze oder einer Büffellende. Ueber Euch würdet Ihr anstatt des blauen Himmels eine abgebröckelte Kalkdecke haben und unter Euch anstatt des weichen, grünen Grases eine alte Holzpritsche, auf welcher Ihr den Hexenschuß bekommt. Hier habt Ihr ein Pferd, dort einen zerrissenen Polsterstuhl zwischen den Beinen. Hier könnt Ihr bei jedem Regen und Gewitter die edle Gottesgabe aus erster Hand genießen, dort aber reckt Ihr beim ersten Tropfen, welcher fällt, einen roten oder grünen Schirm zum Himmel auf. Hier seid Ihr ein frischer, freier, froher Mann mit der Büchse in der Faust, dort hockt Ihr am Schreibepult und verschwendet Eure Körperkraft an einem Federhalter oder Bleistifte, der na, ich will aufhören und mich nicht weiter aufregen. Aber wenn Ihr wirklich willens seid, der Lehrer Eurer Leser zu werden, so seid Ihr der beklagenswerteste Mann, den es auf Gottes schöner Erde geben kann!“

Er hatte sich in eine nicht geringe Aufregung hineingeredet; seine Aeuglein blitzten und seine Wangen glühten, soweit der dichte Vollbart dies sehen ließ, im allerschönsten Zinnoberrot, grad so wie seine Nasenspitze. Ich ahnte, was ihn so wild machte, und da es mir von Wert war, es aus seinem Munde zu hören, so schüttete ich noch mehr Oel in das Feuer, indem ich sagte:

„Aber, liebster Sam, ich versichere Euch, daß es Euch selbst große Freude machen würde, wenn ich dazukäme, meinen Vorsatz auszuführen.“

„Freude? Mir? Bleibt mir doch mit solcher Albernheit vom Leibe; Ihr müßt nun endlich wissen, daß ich solche Witze nicht vertragen kann!“

„Es ist kein Scherz, sondern Ernst.“

„Ernst? Da schlage doch der Donner drein, wenn ich mich nicht irre! Inwiefern denn Ernst? Worüber sollte ich mich denn da freuen?“

„Ueber Euch.“

„Ueber mich?“

„Ja, über Euch selbst, denn Ihr würdet auch in meinen Büchern stehen.“

„Ich ich?“ fragte er, indem seine Aeuglein größer und immer größer wurden.

„Ja, Ihr. Ich würde natürlich auch von Euch schreiben.“

„Von mir? Etwa das, was ich tue, was ich rede?“

„Ja. Ich erzähle, was ich erlebt habe, und da ich mit Euch zusammengewesen bin, kommt Ihr auch mit in die Bücher, grad so, wie Ihr da vor mir sitzt.“

Da ergriff er sein Gewehr, warf das Schinkenstück hin, welches er während des Gespräches über das Feuer gehalten hatte, sprang empor, stellte sich in drohender Haltung vor mich hin und schrie mich an:

„Ich frage Euch allen Ernstes und vor allen diesen Zeugen, ob Ihr das wirklich tun wollt?“

„Natürlich!“

„So! Dann fordere ich Euch hiermit auf, es augenblicklich zu widerrufen und mir mit einigen Eiden zu versichern, daß Ihr es unterlassen werdet!“

„Warum?“

„Weil ich Euch sonst augenblicklich niederschießen oder niederschlagen werde, hier mit meiner alten Liddy, welche ich da in meinen Händen habe. Also, wollt Ihr oder nicht?!“

„Nein.“

„So haue ich zu!“ schrie er, indem er mit dem Kolben seiner Liddy ausholte.

„Haut immer zu!“ antwortete ich ruhig.

Der Kolben schwebte einige Augenblicke über meinem Haupte; dann ließ er ihn sinken, warf das Gewehr ins Gras, schlug ganz trostlos die Hände zusammen und jammerte:

„Dieser Mensch ist übergeschnappt, ist verrückt geworden, vollständig verrückt! Ich ahnte es sogleich, als er Bücher schreiben und ein Lehrer seiner Leser werden wollte, und nun ist es wirklich eingetroffen. Nur ein Wahnsinniger kann so ruhig und kaltblütig sitzen bleiben, wenn meine Liddy über seinem Haupte schwebt. Was soll man nun mit diesem Menschen machen? Ich glaube kaum, daß er zu kurieren sein wird!“

„Es bedarf keiner Kur, lieber Sam,“ antwortete ich. „Mein Verstand ist vollständig ungetrübt.“

„Warum aber tut Ihr mir da nicht meinen Willen? Warum verweigert Ihr mir die Eide und laßt Euch lieber erschlagen?“

„Pshaw! Sam Hawkens erschlägt mich nicht; das weiß ich ganz genau.“

„Das wißt Ihr? So, so, das wißt Ihr also! Und leider ist es auch wahr. Ich würde mich lieber selbst erschlagen, als Euch ein einziges Härlein krümmen.“

„Und Eide schwöre ich nicht. Bei mir pflegt das Wort zu gelten, grad so wie ein Schwur. Und endlich lasse ich mir ein Versprechen nicht durch Drohungen, selbst wenn es mit der Liddy wäre, abpressen. Die Sache mit den Büchern ist gar nicht so dumm, wie Ihr meint. Ihr kennt das nur nicht, und ich werde es Euch später, wenn wir mehr Zeit haben, einmal erklären.“

„Danke Euch!“ meinte er, indem er sich niedersetzte und wieder nach dem Schinken griff. „Brauche keine Erklärung für etwas, was gar nicht erklärt werden kann. Lehrer seiner Leser! Geld verdienen mit dem Buchmachen! Lächerlich!“

„Und bedenkt die Ehre, Sam!“

„Welche Ehre?“ fragte er, mir das Gesicht rasch wieder zuwendend.

„Die Ehre, von so vielen Leuten gelesen zu werden. Man wird dadurch berühmt.“

Da hob er die Rechte mit dem großen Schinkenstück hoch empor und schrie mich an:

„Sir, nun hört augenblicklich auf, sonst werfe ich Euch diese zwölf Pfund Bärenschinken an den Kopf! Dort gehört der Schinken hin, denn Ihr seid grad so dumm oder noch viel dümmer als der dümmste Grizzlybär. Durch das Buchmachen berühmt werden! Hat man jemals eine so jämmerliche Behauptung gehört! Ich noch nicht, wirklich noch nicht! Was wollt denn grad Ihr von Berühmtheit wissen! Ich will Euch sagen, wie man berühmt werden kann. Da liegt das Bärenfell; seht es Euch an! Schneidet die Ohren ab und steckt sie Euch an den Hut; nehmt die Krallen von den Tatzen und die Zähne aus dem Rachen, und fertigt Euch eine Kette daraus, die Ihr Euch um den Hals hängt. So macht es jeder weiße Westmann und jeder Indianer, der das große Glück gehabt hat, einen Grizzly zu erlegen. Dann heißt es, wohin er kommt und wo man ihn nur sieht: Schaut den Mann an! Der hat es mit dem grauen Bären aufgenommen! So sagen alle; jeder wird ihm gern und voller Achtung Platz machen, und sein Name wird genannt von Zelt zu Zelt, von Ort zu Ort. So wird man berühmt. Verstanden! Nun steckt Euch einmal Eure Bücher an den Hut, und hängt Euch eine Bücherkette ums Genick! Was wird man sagen, he? Daß Ihr ein verrückter Kerl seid, ein ganz verrückter Kerl! Diese Berühmtheit und keine andere werdet Ihr von Eurem Bücherschreiben haben!“

„Aber, Sam, was ereifert Ihr Euch denn so? Es kann Euch doch ganz gleichgültig sein, was ich tue?“

„So? Gleichgültig? Mir? Alle Teufel, ist das ein Mensch, wenn ich mich nicht irre! Habe ihn lieb wie einen Sohn und meinen ganzen Narren an ihm gefressen, und da soll es mir gleichgültig sein, was er treibt! Das ist doch stark; das ist mehr als stark; das ist noch stärker! Der Kerl hat eine Kraft wie ein Büffel, Muskeln wie ein Mustang, Flechsen und Sehnen wie ein Hirsch, ein Auge wie ein Falke, Gehör wie eine Maus, und so ein fünf oder sechs Pfund Gehirn im Kopfe, wenn man nach seiner Stirne geht. Er schießt wie ein Alter, reitet wie der Geist der Savanne und geht, trotzdem er noch keinen gesehen hat, auf den Büffel und auf den Grizzly los, als ob er es mit einem Meerschweinchen zu tun hätte. Und so ein Mensch, so ein Prairiejäger, so ein Kerl, der zum Westmann wie geschaffen ist und jetzt schon mehr leistet wie mancher Jäger, der zwanzig Jahre auf der Savanne herumgeritten ist, ich sage, so ein Mensch will nach Hause gehen und Bücher machen! Ist das denn nicht, um toll zu werden? Hat man sich da etwa darüber zu wundern, daß ein ehrlicher Westläufer, der es gut mit ihm meint, in Zorn gerät?“

Er sah mich dabei fragend, ja herausfordernd an. Natürlich erwartete er eine Antwort; ich aber gab ihm keine; ich hatte ihn gefangen. Ich zog den Sattel herbei, legte, ihn als Kissen benutzend, den Kopf darauf, streckte mich lang aus und machte die Augen zu.

„Nun, was ist denn das wieder für ein Benehmen?“ fragte er, das Schinkenstück noch immer in der Hand. „Bin ich denn keiner Antwort wert?“

„O ja,“ antwortete ich nur. „Gute Nacht, bester Sam; schlaft wohl!“

„Ihr wollt schlafen gehen?“

„Ja. Ihr habt es mir doch vorhin geraten.“

„Das war vorhin; jetzt aber sind wir noch nicht miteinander fertig, Sir.“

„O doch!“

„Nein; ich habe noch mit Euch zu reden.“

„Ich aber mit Euch nicht, denn ich weiß nun, was ich wissen wollte.“

„Wissen wollte? Was denn?“

„Das, womit herauszurücken Ihr Euch bisher stets so sehr gesträubt habt.“

„Ich mich gesträubt? Da möchte ich denn doch wissen, was das ist. Heraus damit!“

„O, weiter nichts, als daß ich zum Westmanne wie geschaffen bin und jetzt schon mehr leiste als mancher Jäger, der zwanzig Jahre auf der Savanne herumgeritten ist.“

Da ließ er die Hand mit dem Schinkenstücke vollends niedersinken, hustete einige Male sehr verlegen und sagte dann:

„Alle Teufel ! Dieser junge Kerl dieses Greenhorn hat mich hm, hm, hm!“

„Gute Nacht, Sam Hawkens, schlaft wohl!“ wiederholte ich und wendete mich um.

Da fuhr er mich an:

„Ja, schlaft ein, Ihr Galgenstrick! Das ist besser, als wenn Ihr wacht. Denn so lange Ihr die Augen offen habt, ist kein ehrlicher Kerl sicher, nicht von Euch an der Nase herumgeführt zu werden. Zwischen uns ist’s aus! Mit mir habt Ihr’s verdorben! Ich habe Euch nun durchschaut. Ihr seid ein Filou, vor dem man sich in acht zu nehmen hat!“

Das hatte er in seinem zornigsten Tone gesprochen. Nach diesen Worten und diesem Tone hätte ich eigentlich annehmen müssen, daß nun zwischen uns wirklich alles aus sei; aber schon nach einer halben Minute hörte ich ihn mit weicher, freundlicher Stimme hinzufügen:

„Gute Nacht, Sir; schlaft schnell, damit Ihr kräftig seid, wenn ich Euch wecke!“

Er war doch ein lieber, guter, ehrlicher Mensch, der alte Sam Hawkens!

Ich schlief wirklich fest, bis er mich weckte. Parker und Stone waren auch schon munter; die Andern lagen noch im festen Schlafe, sogar Rattler auch noch. Wir aßen ein Stück Fleisch, tranken Wasser dazu, tränkten unsere Pferde und ritten dann fort, nachdem Sam den beiden Gefährten kurze Verhaltungsmaßregeln für alle vorauszusehenden Fälle gegeben hatte. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als wir diesen Ritt, der leicht gefährlich werden konnte, antraten. Mein erster, mein allererster Kundschafterritt! Ich war neugierig, wie er enden werde. Wie viele, viele solche Ritte habe ich dann später unternommen!

Wir schlugen natürlich die Richtung ein, in welcher die beiden Apachen fortgeritten waren, das Tal hinab und unten um die Waldesecke. Die Spuren waren im Grase noch zu sehen; selbst ich, das Greenhorn, bemerkte sie; sie führten nordwärts, während wir die Apachen doch im Süden von uns suchen mußten. Als wir uns hinter der Krümmung des Tales befanden, gab es in dem langsam zur Höhe aufsteigenden Walde eine Blöße, welche wahrscheinlich die Folge eines verderblichen Insektenfraßes war; dort hinauf führte die Spur. Die Blöße setzte sich oben eine lange Strecke fort, worauf wir auf eine Prairie kamen, welche wie ein regelmäßiges, langsam aufsteigendes grünes Dach nach Süden führte. Auch hier war die Spur sehr leicht zu verfolgen. Die Apachen hatten uns, wie wir bemerkten, umritten. Als wir uns oben auf dem Firste dieses Daches befanden, lag eine weite, ebene, grasige Fläche vor uns, welche nach Süden keine Grenze zu haben schien. Obgleich seit dem Verschwinden der Apachen beinahe dreiviertel Tag vergangen war, sahen wir ihre Spur wie eine gerade Linie über diese Ebene führen. Sam, welcher bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, schüttelte nun den Kopf und brummte in den Bart:

„Gefällt mir nicht, diese Spur, ganz und gar nicht!“

„Und mir gefällt sie desto besser,“ sagte ich.

„Weil Ihr ein Greenhorn seid, was Ihr gestern abend wieder einmal bestreiten wolltet, Sir. Bildet sich der junge Mann ein, daß ich ihn habe loben und gar mit einem Prairiejäger vergleichen wollen! So etwas sollte man nicht für möglich halten! Man braucht nur Eure jetzigen Worte zu hören, um sofort zu wissen, woran man mit Euch ist. Euch gefällt diese Spur? Ja, das glaube ich; weil sie so schön deutlich vor Euch liegt, daß ein Blinder sie mit Händen fassen könnte. Mir aber, der ich ein alter Savannenläufer bin, kommt das verdächtig vor.“

„Mir nicht.“

„Haltet den Schnabel, verehrtester Sir! Ich habe Euch nicht dazu mitgenommen, daß Ihr mir mit Euern jungen Ansichten über den Bart wischen sollt! Wenn zwei Indianer ihre Spur so sehen lassen, so ist das stets bedenklich, zumal unter diesen Umständen, wo sie uns in feindlicher Absicht verlassen haben. Es ist sehr zu vermuten, daß sie uns in eine Falle locken wollen. Denn sie wissen, daß wir ihnen folgen werden, das ist doch selbstverständlich.“

„Worin soll die Falle bestehen?“

„Das kann man jetzt noch nicht wissen.“

„Und wo soll sie liegen?“

„Natürlich dort im Süden. Sie haben es uns sehr leicht gemacht, ihnen dorthin zu folgen. Wenn das nicht mit einer bestimmten Absicht geschehen wäre, hätten sie sich Mühe gegeben, die Spur auszuwischen.“

„Hm!“ brummte ich.

„Was?“ fragte er.

„Nichts.“

„Oho! Das klang grad so, als ob Ihr etwas sagen wolltet.“

„Werde mich hüten!“

„Warum?“

„Ich habe allen Grund, meinen Schnabel zu halten, sonst denkt Ihr wieder, ich will Euch den Bart abwischen, wozu ich aber, wie ich Euch offen gestehe, weder Talent noch Lust besitze.“

„Redet doch kein solches Zeug! Zwischen Freunden dürfen Ausdrücke nicht auf diese Weise abgewogen werden. Ihr wollt doch etwas lernen; wie aber könnt Ihr das, wenn Ihr nicht redet! Also, was war das für ein Hm-Brummer, den Ihr soeben losgelassen habt?“

„Ich war anderer Meinung als Ihr. Ich glaube an keine Falle.“

„So! Warum?“

„Die beiden Apachen wollen zu den Ihrigen. Sie wollen sie schnell gegen uns führen und haben bei dieser Wärme eine Leiche bei sich. Das sind zwei triftige Gründe, ihren Ritt möglichst zu beschleunigen, sonst verfault ihnen die Leiche unterwegs und sodann kommen sie auch zu spät, uns noch zu erwischen. Sie haben sich also nicht Zeit nehmen können, ihre Spur zu verwischen. Das ist meiner Ansicht nach der einzige Grund, daß wir die Fährte so deutlich sehen.“

„Hm!“ brummte Sam nun seinerseits.

„Und wenn ich nicht recht hätte,“ fuhr ich fort, „so können wir ihnen dennoch getrost folgen. So lange wir uns auf dieser weiten Ebene befinden, haben wir nichts zu befürchten, weil wir jeden Feind schon von weitem sehen und uns also zur rechten Zeit zurückziehen können.“

„Hm!“ brummte er abermals, indem er mich von der Seite her ansah. „Ihr redet da von der Leiche. Denkt Ihr, daß sie sie in dieser Wärme mit fortnehmen?“

„Ja.“

„Nicht unterwegs begraben?“

„Nein. Der Tote hat in hohen Ehren bei ihnen gestanden. Ihre Gewohnheiten erfordern, daß er mit allem indianischen Pompe begraben werde. Dieser Feierlichkeit würde die Krone aufgesetzt werden können, wenn es möglich wäre, seinen Mörder bei der Leiche sterben zu lassen. Sie werden diese letztere also aufheben und sich beeilen, Rattler und uns in die Hände zu bekommen. So, wie ich sie kenne, steht dies zu erwarten.“

„So, wie Ihr sie kennt? Ah, Ihr seid also im Apachenlande geboren?“

„Unsinn!“

„Woher kennt Ihr sie denn sonst?“

„Aus den Büchern, von denen Ihr nichts wissen wollt.“

„Well!“ nickte er. „Reiten wir weiter!“

Er sagte mir nicht, ob er meinen Ansichten beistimme oder nicht; aber wenn er mir zuweilen von seitwärts her einen halben Blick zuwarf, ging durch seinen Bartwald ein leises Zucken. Ich kannte dieses Zucken; es war stets ein Zeichen, daß es ihm nicht leicht wurde, irgend etwas geistig zu verdauen.

Wir jagten nun im Galoppe über die Ebene hin. Sie war eine jener kurzgrasigen Savannen, wie sie sich da oben zwischen den Quellgebieten des Canadian und des Rio Pecos finden. Die Spur war dreireihig, wie mit einer großen, dreizinkigen Gabel gezogen. Die Pferde waren also hier noch immer so nebeneinander geführt worden, wie wir sie hatten von uns fortgehen sehen. Es mußte sehr anstrengend gewesen sein, die Leiche während eines so weiten Rittes aufrecht zu halten, denn bis jetzt hatten wir keine Spur davon gefunden, daß sie irgend eine Vorrichtung getroffen hätten, sich dies zu erleichtern. Ich sagte mir aber im stillen, daß sie das wohl nicht mehr lange ausgehalten hatten.

Jetzt nun glaubte Sam Hawkens die Zeit gekommen, seines Lehramtes zu walten. Er erklärte mir, aus welcher Beschaffenheit der Fährte zu schließen sei, ob die Reiter im Schritte oder im Galoppe geritten seien; das war sehr leicht zu sehen und zu merken.

Nach einer halben Stunde legte sich ein Wald scheinbar quer vor die Ebene, aber auch nur scheinbar, denn die Savanne machte eine Biegung; indem wir derselben folgten, hatten wir diesen Wald zu unserer Linken liegen. Die Bäume desselben standen so weit auseinander, daß ein ganzer Reitertrupp vereinzelt leicht hindurchkommen konnte; die Apachen hatten aber drei Pferde nebeneinander und also nicht hindurch gekonnt. Es war klar, daß sie aus diesem Grunde zu Umwegen gezwungen waren, denen wir gern folgten, weil auch wir da offenen Weg hatten. Später freilich, als ich ausgelernt hatte, wäre es mir nie eingefallen, dieser Fährte so nachzureiten, sondern ich wäre geradeaus durch den Wald geritten und jenseits wieder auf sie getroffen, wodurch ich den Umweg abgeschnitten hätte.

Später verengte sich die Prairie zu einem schmäleren, nicht ganz offenen Wiesenstreifen, auf welchem vereinzeltes Buschwerk stand. Da kamen wir an eine Stelle, wo die Apachen angehalten hatten. Es war an einem Gesträuch, aus welchem hohes, schlankes Eichen- und Buchenholz ragte. Wir umritten es vorsichtig und näherten uns erst dann, als wir die Ueberzeugung hatten, daß die Roten längst nicht mehr darin steckten. Auf der einen Seite des Gebüsches war das Gras vollständig niedergetreten oder niedergelagert. Die Untersuchung ergab, daß die Apachen hier abgestiegen waren und die Leiche vom Pferde genommen und in das Gras gelegt hatten. Dann waren sie in das Gesträuch eingedrungen, um Eichenstangen zu schneiden und sie von den Nebenzweigen zu befreien; diese letzteren sahen wir am Boden liegen.

„Was mögen sie wohl mit diesen Stangen getan haben?“ fragte Sam, indem er mich wie ein Lehrer seinen Schüler anblickte.

„Eine Trage oder Schleife für die Leiche,“ antwortete ich getrost.

„Woher wißt Ihr das?“

„Von mir.“

„Wieso?“

„Ich habe schon lange auf so etwas gewartet. Die Leiche so lange aufrecht zu halten, ist keine Kleinigkeit gewesen. Ich erwartete also, daß sie beim ersten Haltepunkt Abhilfe getroffen haben.“

„Nicht übel gedacht. Steht so etwas auch in Euren Büchern zu lesen, Sir?“

„Wörtlich und genau auf diesen Fall passend nicht; aber es kommt darauf an, wer ein solches Buch liest und wie er es liest. Man kann wirklich viel daraus lernen und dann in der Wirklichkeit für andere, ähnliche Fälle anwenden.“

„Hm, sonderbar! Scheinen also doch im Westen gewesen zu sein, die so etwas schreiben! Uebrigens stimmt Eure Vermutung mit der meinigen zusammen. Wollen doch ‚mal sehen, ob sie richtig ist.“

„Ich vermute, daß sie nicht eine Tragbahre, sondern eine Schleife angefertigt haben.“

„Warum?“

„Um einen Toten oder überhaupt etwas auf einer Bahre zu tragen, dazu sind zwei Pferde erforderlich, die entweder neben- oder hintereinander hergehen; die Apachen haben aber nur drei Pferde. Bei einer Schleife jedoch genügt ein einzelnes Pferd.“

„Richtig; aber die Schleife macht eine verteufelte Fährte, was für den Betreffenden verderblich werden kann. Uebrigens ist anzunehmen, daß sie gestern kurz vor Abend hier gewesen sind; es wird sich also bald zeigen, ob sie gelagert haben oder während der Nacht geritten sind.“

„Ich möchte das letztere behaupten, weil sie ja doppelten Grund zur Eile haben.“

„Ganz richtig; also laßt uns sehen.“

Wir waren abgestiegen und gingen, unsere Pferde hinter uns führend, auf der Fährte langsam weiter. Sie sah jetzt ganz anders aus als vorher, sie war zwar auch wieder dreifach, doch nicht in der früheren Weise. Der mittlere, breite Strich stammte von den Pferdehufen, und die beiden Seitenstriche waren von der Schleife eingeritzt worden. Sie bestand also wohl aus zwei Hauptstangen und mehreren Querhölzern, die aneinander befestigt und auf welche dann die Leiche gebunden worden war.

„Sind von hier aus hintereinander geritten,“ meinte Sam. „Das muß einen Grund haben, denn es ist zum Nebeneinanderreiten genug Platz da. Folgen wir ihnen nach!“

Wir stiegen wieder auf und ritten im Trabe weiter, dabei dachte ich darüber nach, aus welchem Grunde sie wohl von jetzt an hintereinander geritten sein könnten. Ich sann und sann und glaubte bald, das Richtige gefunden zu haben. Darum sagte ich:

„Sam, strengt Eure Augen an! Es wird mit dieser Spur bald eine Aenderung eintreten, die wir nicht bemerken sollen.“

„Wieso? Eine Aenderung?“ fragte er.

„Jawohl. Sie haben die Schleife angefertigt nicht nur um sich den Ritt zu erleichtern und die Leiche nicht mehr halten zu müssen, sondern auch um sich trennen zu können.“

„Was Ihr denkt! Sich trennen! Wird ihnen nicht im Traume einfallen, hihihihi!“ lachte er.

„Im Traume nicht, aber im Wachen.“

„So sagt mir, wie Ihr auf diese Idee kommt! Da werden Eure Bücher Euch wohl gewaltig in die Irre geführt haben.“

„Das steht nicht darin, sondern ich habe es mir selbst gesagt, allerdings nur infolgedessen, daß ich diese Bücher sehr aufmerksam gelesen und mich in ihren Inhalt sehr lebhaft hineingedacht habe.“

„Nun also?“

„Bisher habt Ihr den Lehrer gemacht; nun werde ich Euch auch einmal fragen.“

„Wird viel Kluges werden; bin neugierig darauf!“

„Weshalb pflegen die Indianer überhaupt meist hintereinander zu reiten? Doch nicht der Bequemlichkeit oder der Geselligkeit halber?“

„Nein, sondern damit der, welcher auf ihre Fährte stößt, nicht zählen könne, wie viele Reiter es gewesen sind.“

„Schau! Ich glaube, ganz derselbe Grund liegt auch hier in diesem Falle vor.“

„Möchte wissen!“

„Aber warum reiten da die Beiden im Gänsemarsch, wo doch Platz wäre für mehr als drei Pferde?“

„Zufall, oder, was wohl das Richtige sein wird, des Toten wegen. Einer reitet vorn als Wegweiser; dann kommt das Pferd mit der Leiche und hinterher der Andere, welcher aufzupassen hat, daß die Schleife fest zusammenhält und der Tote nicht etwa herunterfällt.“

„Mag sein; aber ich muß daran denken, daß sie Eile haben, an uns zu kommen. Der Transport des Erschossenen geht zu langsam; also wird wohl einer von ihnen voraneilen, damit die Krieger der Apachen schneller benachrichtigt werden können.“

„Das gaukelt Euch die Phantasie so vor. Ich sage Euch, daß es ihnen gar nicht einfallen wird, sich voneinander zu trennen.“

Warum sollte ich mich mit ihm streiten? Ich konnte ja unrecht haben; ja, ich hatte es höchst wahrscheinlich, weil er ein erfahrener Scout und ich eben ein Greenhorn war. Darum schwieg ich, aber ich paßte scharf auf den Boden und auf die Fährte auf.

Nicht lange nachher kamen wir an einen nicht tiefen, sondern sehr flachen aber desto breiteren und jetzt vollständig ausgetrockneten Wasserlauf. Das war so eine Flußmulde, welche im Frühlinge die Gebirgswässer aufnimmt und dann, wenn diese sich verlaufen haben, während der übrigen Zeit trocken bleibt. Der Boden zwischen den beiden niedrigen Ufern bestand aus vom Wasser rund geschliffenem Steingrus, zwischen dem sich einzelne Lager feinen, leichten Sandes befanden. Die Spur führte quer hindurch.

Während wir langsam hinüberritten, betrachtete ich den Grus und Sand auf beiden Seiten auf das genaueste. Wenn ich vorhin das Richtige erraten hatte, so war hier für einen der Apachen der geeignetste Ort, abzuweichen. Wenn er ein Stück die trockene Mulde hinunterritt und sein Pferd nicht auf den Sand, sondern nur auf den harten Grus treten ließ, der keine Spur annahm, so konnte er verschwinden, ohne eine Fährte zurückzulassen. Ritt dann der Andere weiter, mit dem Schleifenpferde hinter sich, so konnte man die Spur dieser beiden Pferde noch immer für die von dreien halten.

Ich hielt mich hinter Sam Hawkens. Schon war ich fast hinüber, da bemerkte ich in einer Sandlage, grad wo sie an eine Gruslage stieß, eine runde Vertiefung, deren Ränder eingefallen waren; sie hatte ungefähr die Weite einer großen Kaffeetasse. Ich hatte damals nicht den scharfen Blick, den Scharfsinn und die Erfahrung, die ich später besaß; aber was ich später behauptet und bewiesen hätte, das ahnte ich damals wenigstens, nämlich daß diese kleine Vertiefung von einem Pferdehufe rühre, der von dem höheren Grus in den tiefer liegenden Sand hinabgerutscht war. Als wir am andern Ufer angekommen waren, wollte Sam auf der Fährte weiterreiten; ich aber forderte ihn auf:

„Kommt einmal da nach links hinüber, Sam!“

„Warum?“ fragte er.

„Will Euch etwas zeigen.“

„Was?“

„Werdet es gleich sehen. Kommt nur mit!“

Ich ritt am Ufer des Trockenbettes hinab; es war mit Gras bestanden. Wir hatten nicht mehr als zweihundert Pferdeschritte gemacht, da kam die Fährte eines Reiters aus dem Sande herauf und führte ganz deutlich über das Gras in südlicher Richtung hin.

„Was ist das hier, Sam?“ fragte ich, nicht wenig stolz, als Neuling recht zu bekommen.

Seine kleinen Aeuglein schienen sich in ihre Höhlen verkriechen zu wollen, und sein listiges Gesicht zog sich in die Länge.

„Pferdestapfen!“ antwortete er erstaunt.

„Wo sind sie hergekommen?“

Er blickte über das Trockenbett hinüber, und da er dort keine Spur bemerkte, meinte er:

„Jedenfalls hier aus dem Frühjahrsflusse.“

„Allerdings. Und wer mag der Reiter da gewesen sein?“

„Weiß ich es!“

„Nein, aber ich weiß es.“

„Nun, wer denn?“

„Einer von den beiden Apachen.“

Sein Gesicht dehnte sich noch mehr in die Länge, eine Fähigkeit, die ich ihm bisher gar nicht zugetraut hatte, und er rief aus:

„Von diesen beiden? Nicht möglich!“

„O doch! Sie haben sich getrennt, wie ich vorhin vermutete. Kommt nun zu unserer Fährte zurück! Wenn wir sie genau betrachten, so werden wir sehen, daß sie nun von nur zwei Pferden herrührt.“

„Das wäre ja ganz erstaunlich! Wollen einmal sehen. Bin fürchterlich neugierig!“

Wir ritten zurück und waren nun freilich aufmerksamer, als wir gewesen wären, wenn ich meine Entdeckung nicht gemacht hätte. Wir fanden wirklich heraus, daß von hier an nur zwei Pferde weitergegangen waren. Sam hustete einige Male, betrachtete mich mit mißtrauischen Augen vom Kopfe bis zu den Füßen herunter und fragte:

„Wie seid Ihr denn auf die Idee gekommen, daß die abgezweigte Spur da drüben aus dem Trockenbette kommen werde?“

„Ich habe einen Fußstapfen da unten im Sande gesehen und das übrige daraus geschlossen.“

„Das wäre! Zeigt mir doch einmal den Stapfen!“

Ich führte ihn hinunter, wo ich ihn sah. Da blickte er mich noch viel mißtrauischer an, als vorhin, und fragte:

„Sir, wollt Ihr mir einmal die Wahrheit sagen?“

„Ja. Glaubt Ihr vielleicht, daß ich Euch einmal belogen habe?“

„Hm, Ihr scheint ein wahrheitsliebender und ehrlicher Kerl zu sein; aber in diesem Falle traue ich Euch doch nicht. Ihr seid noch nie in der Prairie gewesen?“

„Nein.“

„Ueberhaupt im wilden Westen nicht?“

„Nein.“

„Auch nicht in den Vereinigten Staaten?“

„Nie.“

„Oder gibt es ein anderes Land, wo es auch Prairien und Savannen gibt und so etwas wie hier der Westen, und dort seid Ihr gewesen?“

„Nein. Ich bin nie aus meiner Heimat weggekommen.“

„So hole Euch der Teufel, Ihr ganz und gar unbegreifliches Menschenkind!“

„Oho, Sam Hawkens! Ist das ein Segensspruch von einem Freunde, wie Ihr zu sein behauptet!“

„Na, nehmt mir’s ‚mal nicht übel, wenn mir bei solchen Dingen der Käfer über die Galle läuft! Kommt so ein Greenhorn nach dem Westen, hat noch kein Gras wachsen und keinen Erdfloh singen gehört und treibt schon gleich beim ersten Kundschafterritte dem alten Sam Hawkens die Schamröte ins Gesicht. Wenn man da kaltes Blut behalten soll, so müßte man im Sommer ein Eskimo und im Winter ein Grönländer sein, wenn ich mich nicht irre. Als ich so jung war, wie Ihr jetzt seid, da war ich zehnmal gescheiter als Ihr, und jetzt in meinen alten Tagen scheine ich zehnmal dümmer zu sein. Ist das nicht traurig für einen Westläufer, der seine Portion Ehrgefühl besitzt?“

„Braucht es Euch nicht so tief zu Herzen zu nehmen.“

„Oho, es greift an! Ich muß gestehen, daß Ihr recht gehabt habt. Woher kommt das nur?“

„Daher, daß ich logisch richtig gedacht und geschlossen habe. Das richtige Schließen ist sehr wichtig.“

„Schließen? Was ist das? Mit einem Schlüssel?“

„Nein. Schlüsse ziehen, meine ich.“

„Das verstehe ich nicht; ist mir zu hoch.“

„Nun, ich habe folgenden Schluß gezogen: Wenn Indianer hintereinander reiten, wollen sie ihre Spur verdecken; die beiden Apachen sind hintereinander geritten, folglich wollten sie ihre Spur verdecken. Das versteht Ihr doch?“

„Selbstverständlich.“

„Durch diesen richtigen Schluß bin ich zu der richtigen Entdeckung gekommen. Der richtige Westmann muß vor allem richtig denken können. Ich will Euch noch so einen Schluß sagen. Wollt Ihr ihn hören?“

„Warum nicht?“

„Ihr heißt Hawkens. Das soll doch Falke sein?“

„Yes!“

„So hört! Der Falke frißt Feldmäuse. Ist das richtig?“

„Ja; wenn er sie fängt, da frißt er sie.“

„Nun also ist der Schluß: Der Falke frißt Feldmäuse; Ihr heißet Hawkens, folglich freßt Ihr Feldmäuse.“

Sam machte den Mund auf, jedenfalls um Atem und Gedanken schöpfen zu können, sah mich eine kleine Weile wie abwesend an und brach dann los:

„Sir, wollt Ihr Euch über mich lustig machen? Das verbitte ich mir! Ich bin noch lange kein Bajazzo, dem man auf dem Buckel herumspringen kann. Ihr habt mich beleidigt, schwer beleidigt mit der teuflischen Behauptung, daß ich Mäuse fresse, und noch dazu elende Feldmäuse. Dafür will ich Genugtuung haben. Was denkt Ihr vom Duell?“

„Großartig!“

„Jawohl! Ihr habt studiert, nicht wahr?“

„Ja.“

„So seid Ihr satisfaktionsfähig, und ich werde Euch also meinen Sekundaner schicken. Verstanden?“

„Ja. Aber habt Ihr studiert?“

„Nein.“

„So seid Ihr nicht satisfaktionsfähig, und ich werde Euch also meinen Tertianer oder Quartaner schicken. Verstanden?“

„Nein, das verstehe ich nicht,“ meinte er, indem er ein verlegenes Gesicht zeigte.

„Nun, wenn Ihr die Regeln des Duells nicht versteht und nicht einmal wißt, welche Bedeutung Euer Sekundaner und mein Tertianer und Quartaner dabei haben, so könnt Ihr mich doch nicht fordern. Ich will Euch freiwillig eine Genugtuung geben.“

„Welche?“

„Ich schenke Euch mein Grizzlybärenfell.“

Seine Aeuglein blitzten sofort wieder.

„Das braucht Ihr doch selbst!“

„Nein. Ich gebe es Euch.“

„Ist’s wahr?“

„Ja.“

„Heigh-day, das nehme ich sofort an. Danke, Sir, danke außerordentlich! Halloo, werden sich die Andern ärgern! Wißt Ihr, was ich daraus mache?“

„Nun?“

„Einen neuen Jagdrock, einen Jagdrock aus Grizzlyleder! Welch ein Triumph! Werde ihn selber machen. Bin ein ausgezeichneter Jagdrockschneider. Seht Euch diesen da an, wie schön ich ihn ausgebessert habe!“

Er deutete auf den vorsintflutlichen Sack, in welchem er steckte. Da war allerdings ein Lederstück immer wieder auf das Andere geflickt, so daß der Rock die Dicke eines Brettes angenommen hatte.

„Aber,“ fügte er in seiner großen Freude hinzu, „die Ohren, die Krallen und die Zähne bekommt Ihr, die brauche ich nicht zum Rocke, und Ihr habt Euch diese Trophäen mit größter Lebensgefahr erkämpft. Ich mache Euch eine Kette daraus; ich verstehe mich auf solche Arbeiten. Wollt Ihr?“

„Ja.“

„Recht so, recht so, denn dann hat ein jeder seine Freude. Ihr seid wirklich ein tüchtiger Kerl, ein ganz tüchtiger Kerl. Schenkt Eurem Sam Hawkens das Grizzlyfell. Nun könnt Ihr meinetwegen von mir behaupten, daß ich nicht nur Feldmäuse, sondern auch Ratten fresse, es wird meine Seelenruhe nicht im geringsten aus der Fassung bringen. Und das mit den Büchern ich sehe doch, daß sie nicht ganz so übel sind, wie ich erst dachte; man kann wirklich vieles daraus lernen. Werdet Ihr wirklich eines schreiben?“

„Vielleicht mehrere.“

„Ueber Eure Erlebnisse?“

„Ja.“

„Und ich komme auch mit hinein?“

„Nur meine hervorragendsten Freunde, so ungefähr um ihnen ein schriftliches Denkmal zu setzen.“

„Hm, hm! Hervorragend! Denkmal setzen! Das klingt freilich ganz anders als gestern. Ich muß mich da sehr verhört haben. Also ich auch?“

„Wenn Ihr wollt, sonst nicht.“

„Hört, Sir, ich will. Ich bitte Euch sogar darum, mich mit hineinzusetzen.“

„Gut; es wird geschehen.“

„Schön! Aber da müßt Ihr mir einen Gefallen tun!“

„Welchen?“

„Ihr erzählt alles, was wir miteinander erlebt haben?“

„Ja.“

„So laßt das weg, daß ich die abgezweigte Spur hier nicht gefunden habe! Sam Hawkens, und so etwas nicht finden! Ich muß mich ja vor allen Lesern schämen, die von Euch lernen sollen. Wenn Ihr die Güte haben wollt, dies zu verheimlichen, so mögt Ihr dafür getrost das von den Mäusen und Ratten hineinsetzen. Was die Leute über mein Essen denken, das ist mir ganz und gar egal; aber wenn sie mich für einen Westmann hielten, der einen Indsman fortreiten läßt, ohne dies an der Fährte zu sehen, das würde mich wurmen, außerordentlich wurmen!“

„Das geht nicht, lieber Sam.“

„Nicht? Warum?“

„Weil ich jede Person, welche ich bringen werde, genau so beschreiben muß, wie sie ist. Da will ich Euch doch lieber weglassen.“

„Nein, nein, ich will mit hinein ins Buch, partout mit hinein! Es ist jedenfalls auch besser, wenn Ihr die Wahrheit sagt. Wenn Ihr meine Fehler bringt, so mag das für die Leser, die ebenso dumm sind, wie ich bin, ein warnendes Beispiel zur Aufmunterung sein, hihihihi; ich aber, da ich nun weiß, daß ich gedruckt werde, werde mir alle Mühe geben, um dergleichen Fehler fernerhin zu vermeiden. Also, wir sind einverstanden?“

„Ja.“

„So wollen wir weiter!“

„Welcher Spur? Der abgezweigten?“

„Nein, dieser hier.“

„Ja; das wird Winnetou sein.“

„Woraus schließt Ihr das?“

„Dieser hier soll mit der Leiche langsamer nachfolgen; der Andere aber reitet voraus, um schnell Krieger zu versammeln; also wird er wohl der Häuptling sein.“

„Yes; stimmt; bin derselben Ansicht. Der Häuptling geht uns jetzt nichts an. Wir reiten nur seinem Sohne nach.“

„Warum diesem?“

„Weil ich wissen will, ob er doch noch Lager gemacht hat; darauf kommt es mir an. Also vorwärts, Sir!“

Es ging im Trabe weiter, ohne daß etwas Erwähnenswertes geschah. Auch die Beschreibung der Gegend, durch welche wir kamen, würde kein Interesse bieten. Erst eine Stunde vor Mittag hielt Sam an und sagte:

„Nun ist’s genug; wir kehren um. Auch Winnetou ist die ganze Nacht hindurch geritten; sie haben also große Eile, und wir können ihren Angriff bald erwarten, vielleicht noch innerhalb der fünf Tage, die Ihr zu arbeiten habt.“

„Das wäre bös!“

„Allerdings. Hört Ihr auf, und machen wir uns aus dem Staube, so bleibt die Arbeit unvollendet; bleiben wir aber da, so werden wir überfallen, und die Arbeit wird doch nicht fertig. Wir müssen die Sache mit Bancroft ernstlich besprechen.“

„Vielleicht bietet sich ein Ausweg.“

„Wüßte nicht, welcher?“

„Daß wir uns einstweilen in Sicherheit bringen und dann, wenn die Apachen sich zurückgezogen haben, den Rest vollenden.“

„Ja, das ginge vielleicht. Werden sehen, was die Andern dazu sagen. Wir müssen uns beeilen, noch vor nacht das Lager zu erreichen.“

Wir schlugen rückwärts denselben Weg ein, den wir herwärts geritten waren. Wir hatten unsere Tiere nicht geschont, aber mein Rotschimmel war noch ganz frisch, und die neue Mary tat ganz so, als ob sie soeben erst aus dem Stalle gekommen sei. Wir legten in kurzer Zeit bedeutende Strecken zurück, bis wir ein fließendes Wasser erreichten, wo wir unsere Tiere trinken und ein Stündchen ausruhen lassen wollten. Da stiegen wir ab und streckten uns zwischen Büschen im weichen Grase aus.

Was wir uns zu sagen hatten, das war gesagt worden; darum lagen wir jetzt still da. Ich dachte an Winnetou und den wahrscheinlich bevorstehenden Kampf mit ihm und seinen Apachen, und Sam Hawkens hatte die Augen zugemacht und ah, er schlief; ich sah es den regelmäßigen Bewegungen seiner Brust an. Er hatte in letzter Nacht nicht viel geschlafen. Hier konnte er ein kleines Nickerchen riskieren, weil ich wachte und wir auf dem Herwege in der ganzen Gegend nichts Verdächtiges bemerkt hatten.

Jetzt sollte ich ein Beispiel davon erleben, wie scharf die Sinne der Menschen und der Tiere im wilden Westen sind. Das Maultier steckte mitten im Gebüsch, so daß ich es nicht sehen konnte, und knusperte die Blätter von den Zweigen; es war kein geselliges Tier, mied die Pferde und war am liebsten allein. Mein Schimmel stand in meiner Nähe und mähte mit seinen scharfen Zähnen das Gras ab. Sam schlief, wie ich bereits gesagt habe.

Da ließ das Maultier ein kurzes, seltsames, ich möchte sagen, warnendes Schnauben hören, und im Nu war Sam aufgewacht und stand auf den Beinen.

„Ich schlief; die Mary schnaubte; das hat mich aufgeweckt. Es kommt ein Mensch oder ein Tier. Wo ist mein Maultier?“

„Da in den Büschen. Kommt!“

Wir krochen ins Gesträuch und sahen nun die Mary, wie sie, vorsichtig hinter den Zweigen verborgen, durch dieselben blickte. Ihre langen Ohren bewegten sich lebhaft, und der Schwanz ging auf und nieder. Als sie sah, daß wir kamen, war sie beruhigt; Schwanz und Ohren standen still. Das Tier hatte sich wirklich in sehr guten Händen befunden, und Sam konnte sich beglückwünschen, anstatt eines Pferdes diese Mary gefangen zu haben.

Als wir durch die Zweige blickten, sahen wir sechs Indianer, einer hinter dem andern, von Norden her, wohin wir wollten, auf unserer Fährte geritten kommen. Der Vorderste von ihnen, eine nicht hohe, aber muskulöse Gestalt, hielt den Kopf gesenkt und schien die Augen nicht von der Fährte zu wenden. Sie trugen alle lederne Leggins und dunkle Wollenhemden. Bewaffnet waren sie mit Flinten, Messern und Tomahawks. Ihre Gesichter glänzten vor Fett; quer über dieses ging ein blauer und ein roter Strich hinweg.

Schon wollte diese Begegnung mir Sorge machen, da sagte Sam, ohne seine Stimme vorsichtig zu dämpfen:

„Welch ein Zusammentreffen! Das rettet uns, Sir!“

„Retten? Wieso? Wollt Ihr nicht leiser reden? Die Kerls sind schon so nahe, daß sie uns hören müssen.“

„Das sollen sie auch. Es sind Kiowas. Der, welcher voranreitet, ist Bao, was in ihrer Sprache Fuchs bedeutet, ein tapferer und auch schlauer Krieger, wie ja schon sein Name sagt. Der Häuptling dieser Leute heißt Tangua, ein unternehmender Indsman, aber mein guter Freund. Sie tragen die Kriegsfarben im Gesicht und sind also wahrscheinlich Kundschafter. Ich habe aber nicht gehört, daß irgend ein Stamm gegen den andern aufgetreten sei.“

Das Wort Kiowa wird Keioweh ausgesprochen. Dieser rote Stamm scheint ein Mischvolk von Shoshonen und Pueblo-Indianern zu sein; es sind ihm im Indianerterritorium Reservationen angewiesen worden, aber es schweifen noch viele Abteilungen in den texanischen Wüsten, namentlich im sogenannten Pan-handle herum und bis nach Neu-Mexiko hinein. Diese Abteilungen sind sehr gut beritten und an Pferden reich. Sie werden den Weißen durch ihre Raublust sehr gefährlich, und darum sind die Ansiedler in den Grenzgebieten ihre erbittertsten Feinde. Auch mit den verschiedenen Apachenstämmen stehen sie auf schlechtem Fuße, da sie auch das Eigentum und Leben dieser ihrer roten Brüder nicht zu schonen pflegen. Sie sind mit einem Worte Räuberbanden. Wodurch sie das geworden sind, das braucht man nicht zu fragen.

Die sechs Kundschafter waren jetzt nahe herangekommen. Wie sie uns retten sollten, das leuchtete mir nicht ein. Sechs Indianer konnten uns wenig oder gar nichts helfen. Bald freilich sollte ich erfahren, wie Sam Hawkens es gemeint hatte. Für jetzt freute ich mich nur darüber, daß sie Sam kannten und wir also von ihnen wahrscheinlich nichts zu fürchten hatten.

Sie waren auf unserer Herfährte gekommen und sahen nun unsere Rückspur, welche in das Gebüsch führte. Daraus schlossen sie natürlich, daß sich Menschen in demselben befanden. Sofort rissen sie ihre außerordentlich kräftigen und beweglichen Pferde herum und jagten zurück, um aus der Tragweite unserer Gewehre zu kommen. Da trat Sam vor das Gebüsch hinaus, hielt beide Hände hohl an den Mund und stieß einen schrillen, weithin schallenden Ruf aus, welcher ihnen bekannt zu sein schien, denn sie hielten ihre Pferde an und schauten zurück. Er rief abermals und winkte ihnen dann. Sie verstanden beides, den Ruf und den Wink; sie sahen Sam, dessen eigentümliche Gestalt nicht zu verkennen war, und kamen im Galoppe zurück. Ich hatte mich neben Sam gestellt. Sie stürmten auf uns zu, als ob sie uns niederreiten wollten; wir blieben ruhig stehen; da rissen sie eine Elle von uns ihre Pferde in die Häksen, schnellten aus dem Sattel und ließen sie laufen.

„Unser weißer Bruder Sam ist hier?“ fragte der Anführer. „Wie kommt er in den Weg seiner roten Freunde und Brüder?“

„Bao, der listige Fuchs, hat mich getroffen, weil er sich auf meiner Fährte befindet,“ antwortete Sam.

„Wir glaubten, es sei die Spur der roten Hunde, die wir suchen,“ meinte der Fuchs in gebrochenem, aber ziemlich verständlichem Englisch.

„Welche Hunde meint mein roter Bruder?“

„Die Apachen vom Stamme der Mescaleros.“

„Warum nennt ihr sie Hunde? Ist ein Streit ausgebrochen zwischen ihnen und meinen Brüdern, den tapfern Kiowas?“

„Das Kriegsbeil ist ausgegraben zwischen uns und diesen räudigen Coyoten.“

„Uff! Das freut mich zu hören! Meine Brüder mögen sich zu uns setzen, denn ich habe ihnen Wichtiges zu sagen.“

Der Fuchs sah mich forschend an und fragte:

„Ich habe dieses Bleichgesicht noch nie gesehen; es ist noch jung; gehört es bereits unter die Krieger der weißen Männer? Hat es sich schon einen Namen erworben?“

Hätte Sam meinen deutschen Namen gesagt, so hätte derselbe keinen Effekt gemacht. Da besann er sich auf das Wort, welches Wheeler ausgesprochen hatte, und antwortete:

„Dieser mein liebster Freund und Bruder ist jüngst erst über das große Wasser gekommen und ein großer Krieger bei seinem Volke. Er hatte noch nie in seinem Leben einen Büffel oder einen Bären gesehen und dennoch vorgestern mit zwei alten Büffelbullen gekämpft und sie erlegt, um mir das Leben zu retten, und dann gestern den grauen Grizzly des Felsengebirges mit dem Messer erstochen, ohne daß ihm dabei die Haut geritzt worden ist.“

„Uff, uff!“ riefen die Roten, mich bewundernd, aus, und Sam fuhr, allerdings in überschwänglicher Weise, fort:

„Seine Kugel verfehlt niemals ihr Ziel, und in seiner Hand wohnt so viel Kraft, daß er jeden Feind mit einem einzigen Hiebe seiner Faust zu Boden schmettert. Darum haben ihm die weißen Männer des Westens den Namen Old Shatterhand gegeben.“

So, da war ich ja ganz ohne meine Einwilligung mit einem Kriegsnamen ausgerüstet worden, den ich seit jener Zeit da drüben stets getragen habe. Das ist so Sitte im Westen. Oft kennen die besten Freunde gegenseitig ihre wirklichen Namen nicht.

Der Fuchs reichte mir die Hand und sagte in freundlichem Tone:

„Wenn Old Shatterhand es erlaubt, werden wir seine Freunde und Brüder sein. Wir lieben solche Männer, welche ihre Feinde mit einem Schlage niederschmettern. Darum wirst du hochwillkommen sein in unsern Zelten.“

Das hieß mit andern Worten: Wir brauchen Spitzbuben von einer solchen Körperkraft, wie du sie besitzest; darum komm zu uns. Wenn du mit uns und für uns mausest, stiehlst und raubst, sollst du es leidlich gut bei uns haben. Trotzdem antwortete ich so ziemlich mit jener Würde, welche ich mir später ganz zu eigen gemacht habe:

„Ich liebe die roten Männer, denn sie sind die Söhne des großen Geistes, dessen Kinder auch die Bleichgesichter sind. Wir sind Brüder und wollen uns beistehen gegen alle Feinde, welche uns und euch nicht achten!“

Ein wohlgefälliges Schmunzeln ging über sein mit Fett und Farbe beschmiertes Gesicht, als er mir hierauf versicherte:

„Old Shatterhand hat wohl gesprochen. Wir wollen die Pfeife des Friedens mit ihm rauchen.“

Hierauf setzten sie sich mit uns an das Wasser. Er zog eine Pfeife hervor, deren lieblich-niederträchtige Penetranz meine Nase schon von weitem empörte, und stopfte sie mit einer Mischung, welche aus zerstoßenen roten Rüben, Hanfblättern, geschnittenen Eicheln und Sauerampfer zu bestehen schien, versetzte sie in Brand, stand auf, tat einen Zug, blies den Rauch gen Himmel und gegen die Erde und sagte:

„Da oben wohnt der gute Geist, und hier auf der Erde wachsen die Pflanzen und die Tiere, welche er für die Krieger der Kiowas bestimmt hat.“

Hierauf tat er vier weitere Züge und fuhr fort, nachdem er den Rauch nach Norden, Süden, Osten und Westen geblasen hatte:

„Nach diesen Gegenden hin wohnen die roten und weißen Männer, welche diese Tiere und Pflanzen unrechtmäßiger Weise für sich behalten. Wir werden sie aber aufsuchen und uns nehmen, was uns gehört. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Welch eine Rede! So ganz anders als diejenigen, welche ich bisher gelesen hatte oder später so oft gehört habe. Dieser Kiowa sagte ja hier mit offenen Worten, daß er die sämtlichen Erzeugnisse des Tier- und Pflanzenreiches als Eigentum seines Stammes ansehe und darum den Raub nicht nur für sein Recht halte, sondern sogar als seine Pflicht betrachte! Und ich sollte dieser Leute Freund nun sein! Aber wer unter die Musikanten gerät, muß mitblasen.

Der Fuchs reichte Sam die unfriedliche Friedenspfeife hin. Der Mann tat wacker seine sechs Züge und sagte:

„Der große Geist achtet nicht auf die verschiedene Haut der Menschen, denn die können sich mit Farbe beschmieren, um ihn zu täuschen, sondern er sieht das Herz an. Die Herzen der Krieger vom berühmten Stamme der Kiowas sind tapfer, unerschrocken und treu. Das meinige hängt an ihnen wie mein Maultier an dem Baume, an welchen ich es gebunden habe. So wird es hängen bleiben allezeit, wenn ich mich nicht irre. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Das war nun freilich Sam Hawkens, der listig lustige kleine Mann, der jedem Dinge und jedem Verhältnisse eine erträgliche Seite abzugewinnen verstand. Seine Rede wurde mit einem allgemeinen, wiederholten „Uff, uff, uff!“ belohnt. Leider beging er die Freveltat, nun mir das tönerne Stinktier in die Hand zu schieben. Ich war gezwungen, in den sauern Apfel zu beißen, und nahm mir vor, meine edle Würde zu bewahren und die Züge meines männlich ernsten Gesichtes zu beherrschen. Ich rauche sehr gern, und mir ist nie im Leben eine Zigarre zu stark gewesen. Ich habe sogar den famosen Dreimännertabak geraucht, welcher diesen Namen seinem fürchterlichen Geschmacke verdankt; wer ihn raucht, muß, wenn er nicht umfallen will, von drei Männern festgehalten werden. Ich konnte also erwarten, daß mich auch diese indianische Friedensröhre nicht über den Haufen werfen werde. Ich erhob mich also, machte mit der linken Hand eine zur Andacht auffordernde Bewegung und tat den ersten Zug. Ja, es stimmte, die vorhin angegebenen Ingredienzien, nämlich Rüben, Hanf, Eicheln und Sauerampfer, waren alle in dem Pfeifenkopfe anwesend; aber einen fünften Hauptstoff hatte ich nicht genannt; jetzt roch und schmeckte ich, daß auch ein Stückchen Filzschuh dabei sein müsse. Ich blies den Rauch auch gegen den Himmel und gegen die Erde und sagte dann:

„Vom Himmel kommt der Sonnenstrahl und der Regen; von ihm kommt jede gute Gabe und aller Segen. Die Erde empfängt die Wärme und Nässe und spendet dafür den Büffel und den Mustang, den Bären und den Hirsch, den Kürbis, den Mais und vor allem die edle Pflanze, aus welcher die klugen roten Männer den Kinnikinnik bereiten, welcher aus der Friedenspfeife den Duft der Liebe und Verbrüderung spendet.“

Ich hatte nämlich gelesen, daß die Indianer ihren Mischtabak Kinnikinnik nennen, und brachte diese Kenntnis heut schleunigst am richtigen Platz an. Nun sog ich mir den Mund zum zweitenmal voll von Rauch und blies denselben gegen die vier Himmelsgegenden. Der Geruch war noch voller und komplizierter als vorhin; ich glaubte ganz bestimmt, daß noch zwei weitere Bestandteile anzuführen seien, nämlich Kolophonium und abgeschnittene Fingernägel. Nach dieser trefflichen Entdeckung fuhr ich fort:

„Im Westen ragt das Felsengebirge empor, und im Osten dehnen sich die Ebenen; im Norden leuchten die Seen, und im Süden wallt das große Wasser des Meeres. Wäre alles Land mein, was zwischen diesen vier Grenzen liegt, ich würde es den Kriegern der Kiowas schenken, denn sie sind meine Brüder.

Mögen sie in diesem Jahre zehnmal so viel Büffel und fünfzigmal so viel Grizzlybären jagen, als sie Köpfe zählen. Die Körner ihres Maises mögen wie Kürbisse sein und ihre Kürbisse so groß, daß man aus der Schale eines einzigen zwanzig Kanoes schneiden kann. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Mir verursachte es keine unbezahlbaren Ausgaben, ihnen diese Herrlichkeiten zu wünschen, sie aber freuten sich darüber, als ob sie sie wirklich bekommen hätten. Meine Rede war die geistreichste, die ich in meinem Leben gehalten habe, und so wurde sie denn auch mit einem Jubel aufgenommen, welcher in anbetracht der von den Indianern stets bewahrten kalten Ruhe gewiß beispiellos war. So viel hatte ihnen noch kein Mensch, am allerwenigsten ein Weißer, gewünscht und gar schenken wollen; darum wollten die immer wiederkehrenden, anerkennenden „Uff, uff!“ gar kein Ende nehmen. Der Fuchs drückte mir wiederholt die Hand, versicherte mich seiner Freundschaft für alle Zeiten und riß bei seinen Howgh, Howgh den Mund so weit auf, daß es mir glückte, die Friedens- und Ingredienzienpfeife loszuwerden, indem ich sie ihm zwischen die langen, gelben Zähne schob. Er schwieg sofort, um den Inhalt in dankbarer Sammlung weiter zu genießen.

Das war meine erste heilige Handlung bei den Indianern, denn das Rauchen der Friedenspfeife wird bei ihnen in Wirklichkeit als eine Feierlichkeit betrachtet, welche sehr ernste Gründe und ebenso ernste Folgen hat. Wie oft habe ich später das Kalumet rauchen müssen und bin mir dabei des Ernstes, der Würde der Handlung voll bewußt gewesen. Hier und heut aber hatte sie mich gleich von vornherein angewidert und dann war mir bei Sams Herzen, das wie ein Maultier am Baume hing, die Prozedur gar drollig erschienen. Meine Hand stank nach der Pfeife, und meine ganze Seele jubelte im Stillen darüber, daß sie nun im Munde des Häuptlings und nicht in dem meinigen steckte. Ich zog, um selbst die Erinnerung an den Geschmack der Pfeife zu vernichten, eine Zigarre aus der Tasche und brannte sie an. Welch begierige Augen richteten da die Roten auf mich! Der Fuchs öffnete den Mund, daß ihm die Pfeife herausfiel; als geschulter Krieger hatte er die Geistesgegenwart, sie aufzufangen und wieder zwischen die Lippen zu stecken, aber es war ihm anzusehen, daß ihm in diesem Augenblicke eine einzige Zigarre lieber war als tausend Friedens- und Kinnikinnikpfeifen.

Da wir mit Santa Fé in Verbindung standen, von woher wir per Ochsenwagen unsere Bedürfnisse bekamen, war es mir nicht schwer gewesen, mich mit Zigarren zu versorgen. Sie waren ziemlich billig, und ich zog diesen Genuß vor, während die Andern sich mit Brandy betranken. Ich hatte heute früh welche mitgenommen und mich, weil wir womöglich auch erst morgen zurückkehren konnten, gleich für zwei Tage versehen; also konnte ich den sichtlich ungeheuren Appetit der Roten stillen; ich reichte jedem von ihnen eine Zigarre hin. Der Fuchs legte die Pfeife sofort weg und brannte die seinige an; seine Leute verfuhren aber anders; sie steckten die Zigarre nicht bloß mit der Spitze in den Mund, sondern sie schoben sie ganz hinein, um sie zu kauen. Der Geschmack der Menschenkinder ist verschieden. Ein altes Wort sagt, der Eine habe ihn vorn, der Andere hinten; jetzt sah ich, daß dieses Wort wirklich wahr ist, denn die Kiowas hatten ihn hinten. Ich schwur im Stillen, ihnen nie wieder etwas zu schenken, was zum Rauchen aber nicht zum Essen da ist.

Jetzt waren alle Formalitäten erfüllt und die Roten in der besten Stimmung. Sam begann also mit der Frage:

„Meine Brüder sagen, daß das Kriegsbeil zwischen ihnen und den Mescalero-Apachen ausgegraben sei. Ich weiß nichts davon. Seit wie lange ruht es nicht mehr in der Erde?“

„Seit der Zeit, welche die Bleichgesichter zwei Wochen nennen. Mein Bruder Sam wird sich in einer abgelegenen Gegend befunden haben, so daß er es nicht erfahren konnte.“

„Das ist richtig. Die Völker lebten aber doch in Frieden. Was ist der Grund, daß meine Brüder zu den Waffen gegriffen haben?“

„Die Hunde von Apachen haben vier von unsern Kriegern getötet.“

„Wo?“

„Am Rio Pecos.“

„Da stehen doch nicht eure Zelte?“

„Aber diejenigen der Mescaleros.“

„Was wollten eure Krieger dort?“

Der Kiowa besann sich keinen Augenblick, der Wahrheit gemäß zu antworten:

„Es zog eine Schar von unsern Kriegern aus, um des Nachts die Pferde der Mescalero-Apachen zu überfallen. Diese stinkenden Hunde aber wachten gut; sie wehrten sich und töteten unsere tapferen Männer. Darum ist zwischen uns und ihnen das Kriegsbeil ausgegraben worden.“

Also die Kiowas hatten Pferde stehlen wollen, waren aber ertappt und vertrieben worden. Daß dabei einige ihr Leben gelassen hatten, daran waren sie selbst schuld. Dennoch sollten das die Apachen büßen, welche in ihrem Rechte waren, indem sie ihr Eigentum verteidigt hatten. Am liebsten hätte ich den Spitzbuben dies ehrlich ins Gesicht gesagt; ich öffnete wohl auch schon den Mund, denn Sam winkte mir warnend zu und fragte weiter:

„Wissen die Apachen davon, daß eure Krieger gegen sie ausgezogen sind?“

„Denkt mein Bruder, daß wir es ihnen gesagt haben? Wir fallen heimlich über sie her, töten ihrer so viele, wie wir töten können, und nehmen dann alles mit, was wir von ihren Tieren und Sachen brauchen können.“

Das war ja schrecklich! Ich konnte mich nicht enthalten, jetzt die Frage einzuwerfen:

„Warum haben meine tapfern Brüder die Pferde der Apachen haben wollen? Ich habe gehört, daß der reiche Stamm der Kiowas viel mehr Pferde besitzt, als seine Krieger brauchen.“

Der Fuchs sah mir lächelnd in das Gesicht und antwortete:

„Mein junger Bruder Old Shatterhand ist über das große Wasser herübergekommen und weiß also wohl noch nicht, wie die Menschen diesseits dieses Wassers denken und leben. Ja, wir haben viele Pferde; aber es kamen weiße Männer zu uns, welche Pferde kaufen wollten, so viele Pferde, wie wir nicht entbehren konnten. Da erzählten sie uns von den Pferdeherden der Apachen und sagten uns, daß sie für ein Apachenpferd uns ebensoviel Waren und Brandy geben würden wie für ein Kiowapferd. Da sind unsere Krieger fort, um Apachenpferde zu holen.“

Also richtig! Wer war schuld an dem Tode der bisher Gefallenen und an dem Blutvergießen, welches nun noch bevorstand? Weiße Pferdehändler, welche mit Brandy bezahlen wollten und die Kiowas förmlich auf den Pferderaub hingewiesen hatten! Ich hätte wohl meinem Herzen Luft gemacht, aber Sam winkte mir sehr energisch zu und erkundigte sich:

„Mein Bruder, der Fuchs, ist als Kundschafter ausgegangen?“

„Ja.“

„Wann folgen eure Krieger nach?“

„Sie sind um den Ritt eines Tages hinter uns.“

„Von wem werden sie angeführt?“

„Von Tangua, dem tapfern Häuptlinge selbst.“

„Wieviel Krieger hat er bei sich?“

„Zweimal hundert.“

„Und ihr glaubt, die Apachen zu überraschen?“

„Wir werden über sie kommen, wie der Adler über die Krähen, die ihn nicht gesehen haben.“

„Mein Bruder irrt. Die Apachen wissen es, daß sie von den Kiowas überfallen werden sollen.“

Der Fuchs schüttelte ungläubig den Kopf und antwortete:

„Woher sollten sie es wissen? Reichen ihre Ohren bis zu den Zelten der Kiowas?“

„Ja.“

„Ich verstehe meinen Bruder Sam nicht. Er mag mir sagen, wie er dieses Wort meint.“

„Die Apachen haben Ohren, welche gehen und auch reiten können. Wir haben gestern zwei solche Ohren gesehen, welche bei den Zelten der Kiowas gewesen sind, um zu lauschen.“

„Uff! Zwei Ohren? Also zwei Späher?“

„Ja.“

„Da muß ich augenblicklich zum Häuptling zurück. Wir haben nur zweihundert Krieger mitgenommen, weil wir nicht mehr brauchen, wenn die Apachen nichts ahnen. Wenn sie es aber wissen, so brauchen wir weit mehr.“

„Meine Brüder haben nicht alles reiflich überlegt. Intschu-tschuna, der Häuptling der Apachen, ist ein sehr kluger Krieger. Als er sah, daß seine Leute vier Kiowas getötet hatten, sagte er sich, daß die Kiowas den Tod dieser Leute rächen würden, und machte sich auf, euch zu beschleichen.“

„Uff, uff! Er selbst?“

„Ja, er und sein Sohn Winnetou.“

„Uff, auch dieser! Hätten wir das gewußt, so wären diese beiden Hunde gefangen worden! Sie werden nun eine ganze Menge Krieger versammeln, um uns zu empfangen. Ich muß dies dem Häuptling sagen, damit er halten bleibt und noch mehr Krieger nachkommen läßt. Werden Sam und Old Shatterhand mit mir reiten?“

„Ja.“

„So mögen sie rasch ihre Pferde besteigen!“

„Nur langsam! Ich habe vorher noch sehr notwendig mit dir zu reden.“

„Das magst du mir unterwegs sagen.“

„Nein. Ich werde mit dir reiten, aber nicht zu Tangua, dem Häuptlinge der Kiowas, sondern du wirst mich nach unserem Lager begleiten.“

„Mein Bruder Sam irrt sich da sehr.“

„Nein. Höre, was ich dir sage! Wollt ihr Intschu tschuna, den Häuptling der Apachen, lebendig fangen?“

„Uff!“ rief der Kiowa wie elektrisiert, und seine Leute spitzten die Ohren.

„Und seinen Sohn Winnetou dazu?“

„Uff, uff! Ist das denn möglich?“

„Es ist sehr leicht.“

„Ich kenne meinen Bruder Sam, sonst würde ich glauben, auf seiner Zunge wohne jetzt ein Scherz, den ich nicht dulden darf.“

„Pshaw! Ich spreche im Ernste. Ihr könnt den Häuptling und seinen Sohn lebendig fangen.“

„Wann?“

„Ich glaubte, in fünf, sechs oder sieben Tagen; nun aber weiß ich, daß es viel früher geschehen kann.“

„Wo?“

„Bei unserm Lager.“

„Ich weiß nicht, wo es sich befindet.“

„Ihr werdet es sehen, denn ihr werdet uns sehr gern hinbegleiten, wenn ihr gehört habt, was ich euch jetzt sagen will.“

Er erzählte ihnen nun von unserer Sektion, von dem Zwecke derselben, gegen den sie ganz und gar nichts hatten, und dann von dem Zusammentreffen mit den beiden Apachen. Hieran fügte er die Bemerkung:

„Ich wunderte mich, die beiden Häuptlinge allein zu sehen, und nahm an, daß sie sich auf der Büffeljagd befänden und sich für kurze Zeit von ihren Kriegern getrennt hätten. Nun aber weiß ich sehr genau, woran ich bin. Die beiden Apachen sind bei euch gewesen, um zu kundschaften. Und daß sie, die Obersten der Apachen, diesen Ritt selbst gemacht haben, ist ein sicheres Zeichen dafür, daß sie diese Sache für höchst wichtig halten. Nun sind sie heim. Der Ritt Winnetous wird durch die Leiche verzögert; Intschu tschuna ist vorausgeeilt und wird, wenn es sein muß, sein Pferd totreiten, um seine Krieger schnell beisammen zu haben.“

„Darum muß ich unsern Häuptling ebenso schnell davon benachrichtigen!“

„Mein Bruder mag nur warten und mich aussprechen lassen! Die Apachen werden nach zweierlei Rache dürsten, nach Rache an euch und nach Rache an uns, wegen der Ermordung ihres weißen Klekih-petra. Sie werden eine größere Schar gegen euch und eine kleinere gegen uns senden, und bei der letzteren wird sich der Häuptling mit seinem Sohne befinden, um dann mit ihm, wenn er uns überfallen hat, zu der größeren Abteilung zu stoßen. Du reitest jetzt zu deinem Häuptlinge, nachdem ich dir unser Lager gezeigt habe, damit du es später finden kannst, und sagst ihm alles, was ich dir erzählt habe. Darauf kommt ihr mit euren zweihundert Kriegern zu uns, um Intschu tschuna mit seiner kleinen Schar zu erwarten und gefangen zu nehmen. Ihr seid zweihundert Krieger, und er wird nicht mehr als höchstens fünfzig mitbringen. Wir zählen zwanzig weiße Männer und werden euch natürlich helfen; es wird euch also kinderleicht sein, die Apachen zu überwältigen. Wenn ihr dann die beiden Häuptlinge in den Händen habt, ist dies grad so gut, als ob der ganze Stamm euch gehörte, und ihr könnt fordern und verlangen, was ihr wollt. Sieht mein Bruder dies alles ein?“

„Ja. Der Plan meines Bruders Sam ist sehr gut. Wenn der Häuptling ihn erfährt, wird er sich freuen, und wir werden schnell danach handeln.“

„So wollen wir aufbrechen und schnell reiten, damit wir noch vor Nacht das Lager erreichen!“

Wir stiegen auf die Pferde, die nun ausgeruht hatten, und flogen im Galopp davon. Diesmal hüteten wir uns, der Fährte wieder direkt zu folgen; wir ritten geradeaus und ersparten uns also die Umwege.

Ich muß sagen, daß ich von Sams Verhalten gar nicht erbaut war, sondern mich vielmehr über dasselbe ärgerte. Winnetou, der edle Winnetou sollte mit seinem Vater und mit einer Schar von wohl fünfzig Kriegern in eine Falle gelockt werden! Wenn dies gelang, dann waren diese beiden und ihre Apachen verloren. Wie hatte Hawkens dies nur vorschlagen können! Er wußte ja, wie sympathisch mir Winnetou war, denn ich hatte es ihm gesagt, und ich wiederum wußte von ihm, daß er dem jungen Apachenhäuptlinge auch gewogen war.

Alle meine Bemühungen, unterwegs an ihn zu kommen und ihn für auch nur kurze Zeit von den Kiowas abzubringen, waren vergeblich. Ich wollte ihn, ohne daß sie es hörten, von seinem Plane weg- und auf einen andern führen; aber er schien dies zu ahnen und wich nicht von der Seite des Anführers der Kundschafter. Dies machte mich noch zorniger auf ihn, und wenn ich, der ich nicht die geringste Anlage zur Launenhaftigkeit besitze, jemals bei schlechter Laune gewesen bin, so war es an jenem Tage, als wir in der Dämmerung im Lager ankamen. Ich stieg vom Pferde, schirrte es ab und legte mich mißmutig ins Gras, denn ich mußte einsehen, daß ich es jetzt zu einem Meinungsaustausch mit Sam nicht bringen könne. Er hatte alle meine Winke unbeachtet gelassen und erzählte jetzt den Lagergenossen, wie wir den Kiowas begegnet waren und was nun geschehen sollte. Sie waren anfangs über das Erscheinen der Indianer erschrocken gewesen; um so mehr freuten sie sich nun, als sie hörten, daß diese unsere Freunde und Verbündete seien und wir nun wegen der Apachen nicht länger Sorge zu hegen brauchten. Wir konnten, von den zweihundert Kiowas umgeben und beschützt, unsere Arbeit fortsetzen und überzeugt sein, daß der erwartete Ueberfall uns gar nichts schaden werde.

Die Kiowas wurden gastlich behandelt, bekamen tüchtig Bärenfleisch zu essen und ritten dann fort. Sie wollten die ganze Nacht unterwegs sein, um den Ihrigen die Botschaft so bald wie möglich zu bringen. Dann erst, als sie fort waren, kam Sam zu mir, legte sich neben mich hin und sagte in seinem gewöhnlichen überlegenen Tone:

„Ihr macht heut abend gar kein gutes Gesicht, Sir. Muß eine Störung zugrunde liegen, entweder der Verdauung oder der seelischen Eingeweide, hihihihi. Welches von beiden wird wohl das richtige sein. Glaube, das letztere. Nicht?“

„Allerdings!“ antwortete ich nicht eben freundlich.

„So taut Euer Herz auf, und sagt mir, woran es ist! Werde Euch kurieren.“

„Sollte mir lieb sein, wenn Ihr das könntet, Sam; zweifle aber daran.“

„Ich kann es, ich kann es; darauf dürft Ihr Euch verlassen.“

„So sagt einmal, Sam, wie Euch Winnetou gefallen hat?“

„Ausgezeichnet. Euch doch auch!“

„Und Ihr wollt ihn in das Verderben stürzen! Wie hängt das zusammen?“

„Ins Verderben? Ich ihn? Das ist dem Sohne meines Vaters gar nicht eingefallen.“

„Aber er soll gefangen werden!“

„Allerdings.“

„Und das wird sein Verderben sein!“

„Glaubt doch nicht an Gespenster, Sir! Winnetou gefällt mir so, daß ich, wenn er sich in einer Gefahr befände, sofort und gern mein Leben wagen würde, ihn aus derselben zu befreien.“

„Warum aber lockt Ihr ihn da in die Falle?“

„Um uns vor ihm und seinen Apachen zu retten.“

„Und dann?“

„Dann, hm! Ihr möchtet Euch wohl zu gern dieses jungen Apachen annehmen, Sir?“

„Ich möchte nicht bloß, sondern ich werde es wirklich tun! Wenn er gefangen wird, werde ich ihn befreien. Und wenn etwa gar die Waffen gegen ihn gebraucht werden sollen, so stelle ich mich auf seine Seite und kämpfe für ihn. Das will ich Euch offen und ehrlich sagen.“

„So? Das werdet Ihr tun? Wirklich?“

„Ja; ich habe es einem Sterbenden in die Hand versprochen, und ein solches Gelöbnis ist mir, der ich selbst ein einfaches, gewöhnliches Versprechen nie breche, so heilig wie ein Eid.“

„Freut mich, freut mich sehr. Stimmen da ganz genau überein, wir beide.“

„Aber,“ drängte ich nun ungeduldig, „so sagt mir doch, wie diese Eure schönen Reden mit Euern bösen Vorsätzen in Einklang gebracht werden können!“

„Das also möchtet Ihr wissen? Hm, ja, Euer alter Sam Hawkens hat gar wohl bemerkt, daß Ihr unterwegs gern mit ihm reden wolltet. Durfte aber nicht sein; hätte mir meinen ganzen, schönen Plan zu Schanden machen können. Bin ein ganz anderer Kerl und meine es auch ganz anders, als es scheint. Will nur nicht jeden in meine Karte gucken lassen, hihihihi! Euch kann ich es mitteilen; werdet mir mithelfen, und Dick Stone und Will Parker auch, wenn ich mich nicht irre. Also: Wie ich Intschu tschuna beurteile, ist er nicht etwa mit Winnetou einstweilen bloß auf Kundschaft gewesen, sondern hat inzwischen rüsten und seine Krieger ausrücken lassen. Die sind jedenfalls schon ein tüchtiges Stück vorgedrungen, und da er, wie auch Winnetou, die ganze Nacht hindurch reitet, vermute ich, daß er schon morgen früh oder Vormittag auf sie trifft, sonst würde er sein Pferd nicht so anstrengen. Uebermorgen abend kann er dann schon wieder hier sein. Da seht Ihr, in welcher Gefahr wir uns befinden und wie nahe sie uns ist. Wie gut also, daß wir ihm nachgeritten sind! Ich hätte ihn auf keinen Fall so bald zurückerwartet. Und wie gut, daß wir die Kiowas getroffen und von ihnen alles erfahren haben! Die holen ihre zweihundert Reiter her und“

„Ich werde Winnetou vor den Kiowas warnen,“ fiel ich ihm in die Rede.

„Um des Himmels willen nicht!“ rief er aus. „Das würde uns nur schaden, denn die Apachen entkämen und wir behielten sie dann trotz der Kiowas auf dem Nacken. Nein, sie müssen wirklich gefangen genommen werden und ihren Tod vor Augen sehen. Wenn wir sie dann heimlich befreien, so müssen sie uns dankbar sein und ihre Rache aufgeben. Höchstens werden sie nur Rattlern von uns fordern und den würde ich ihnen nicht verweigern. Was sagt Ihr nun, Ihr zorniger Gentleman?“

Ich reichte ihm die Hand und antwortete:

„Ich bin vollständig beruhigt, mein lieber Sam; das habt Ihr sehr gut ausgedacht!“

„Nicht wahr? Der Sam Hawkens soll zwar, wie ein gewisser jemand gesagt hat, Feldmäuse fressen, aber er hat auch seine guten Seiten, hihihihi! Also, Ihr seid mir wieder gut?“

„Ja, alter Sam.“

„So legt Euch auf die Ohren und schlaft bald ein. Morgen gibt es viel zu tun. Ich will nun Stone und Parker unterrichten, damit auch sie wissen, woran sie sind.“

War er nicht ein lieber, guter Kerl, dieser alte Sam Hawkens? Uebrigens wenn ich alt sage, so ist das nicht ganz wörtlich zu nehmen. Er zählte gar nicht viel über vierzig Jahre; aber der Bartwald, welcher sein Gesicht fast ganz bedeckte, die schreckliche Nase, welche wie ein Aussichtsturm aus demselben hervorragte, und der wie aus steifen Brettern zusammengenagelte Lederrock, welchen er trug, ließen ihn viel älter erscheinen, als er war.

Ueberhaupt wird eine Bemerkung über das Wort old, alt, hier am Platze sein. Auch wir Deutschen bedienen uns dieses Wortes nicht bloß zur Bezeichnung des Alters, sondern oft auch als sogenanntes Kosewort. Eine alte, gute Haut, ein alter, guter Kerl braucht gar nicht alt zu sein; man hört im Gegenteile oft sehr jugendliche Personen so nennen. Und auch noch eine andere Bedeutung hat dieses Wort. Es kommen im gewöhnlichen Verkehre Ausdrücke vor wie: ein alter Lüdrian, ein alter Brummbär, ein alter Wortfänger, ein alter Faselhans. Hier dient alt als Bekräftigungs- oder gar als Steigerungswort. Die Eigenschaft, welche durch das Hauptwort ausgedrückt wird, soll noch besonders bestätigt oder als in höherem Grade vorhanden hervorgehoben werden.

Grad so wird auch im wilden Westen das Wort Old gebraucht. Einer der berühmtesten Prairiejäger war Old Firehand. Nahm er seine Büchse einmal in die Hand, so war das Feuer derselben stets todbringend; daher der Kriegsname Feuerhand. Das vorangesetzte Old sollte diese Treffsicherheit besonders hervorheben. Auch dem Namen Shatterhand, den ich bekommen hatte, wurde später stets dieses Old beigegeben.

Nachdem Sam sich entfernt hatte, versuchte ich, zu schlafen, doch brachte ich es lange nicht dazu. Die Lagergenossen waren ganz glücklich über das bevorstehende Eintreffen der Kiowas und behandelten dasselbe in einem so lauten Gespräche, daß es eine Kunst war, dabei einzuschlafen; auch ließen mich meine eigenen Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Hawkens hatte so zuversichtlich von seinem Plane gesprochen, als ob ein Mißlingen desselben vollständig ausgeschlossen sei; ich aber vermochte es nicht, mich dieser Meinung beizugesellen. Wir wollten Winnetou und seinen Vater befreien. Ob auch die andern gefangenen Apachen, das war nicht gesagt worden. Sollten sie in den Händen der Kiowas bleiben, während ihre beiden Häuptlinge gerettet wurden? Das kam mir wie ein Unrecht vor. Aber die Befreiung sämtlicher Apachen konnte uns vier Männern wohl schwer oder gar nicht gelingen, besonders da es so heimlich geschehen mußte, daß kein Verdacht auf uns fallen konnte. Und auf welche Weise würden die Apachen in die Hände der Kiowas geraten? So fragte ich mich. Ohne Kampf wohl nicht, und da war vorauszusehen, daß gerade die beiden, welche wir retten wollten, sich am tapfersten wehren und also der Todesgefahr am meisten ausgesetzt sein würden. Wie konnten wir das verhindern? Wenn sie sich nicht überwältigen, nicht gefangen nehmen ließen, so würden sie, wie vorauszusehen war, von den Kiowas getötet; dies durfte aber auf keinen Fall geschehen.

Ich sann lange darüber nach und wälzte mich hin und her, ohne einen Ausweg zu finden. Der einzige Gedanke, welcher mich schließlich einigermaßen beruhigte, war der, daß der kleine, listige Sam wohl Rettung finden werde. Auf alle Fälle aber nahm ich mir vor, für die beiden Häuptlinge einzutreten und sie nötigenfalls sogar mit meinem Körper zu decken. Dann schlief ich endlich ein.

Am nächsten Morgen beteiligte ich mich mit doppeltem Eifer an der Arbeit, weil ich gestern bei derselben gefehlt hatte. Da jeder sich Mühe gab, so rückten wir viel schneller vorwärts als sonst. Rattler hielt sich fern von uns. Er bummelte beschäftigungslos hin und her, wurde aber von seinen Westmännern ganz freundlich behandelt, als ob gar nichts vorgekommen wäre. Dies brachte mich zu der Ueberzeugung, daß wir, falls es noch einmal zu einem Konflikt mit ihm kommen sollte, wenig auf sie rechnen könnten. Am Abende hatten wir, obgleich das Terrain heut schwieriger als während der letzten Tage gewesen war, eine fast doppelt so lange Strecke als sonst vermessen. Darum wurden wir sehr ermüdet und legten uns nach dem Abendessen zeitig schlafen. Das Lager war natürlich weiter vorgeschoben worden.

Am nächsten Tage waren wir ebenso fleißig, bis es zu Mittag eine Störung gab, es stellten sich nämlich die Kiowas ein. Ihre Kundschafter hatten sich von dem Lagerplatze, an welchem sie bei uns gewesen waren, leicht zu uns finden können, weil die Spuren, welche wir zurückgelassen hatten, mehr als deutlich waren.

Diese Indianer zeigten kräftige, kriegerische Gestalten; sie waren sehr gut beritten und alle ohne Ausnahme mit Gewehr, Messern und Tomahawks bewaffnet. Ich zählte über zweihundert Mann. Ihr Anführer war von wirklich imposantem Wuchse, hatte strenge, finstere Gesichtszüge und ein paar Raubtieraugen, denen nichts Gutes zuzutrauen war. Es sprach die offenbarste Raub- und Kampfeslust aus ihnen. Er hieß Tangua, ein Wort, welches wörtlich Häuptling bedeutet. Daraus war zu schließen, daß er als Häuptling jedenfalls keinen Vergleich zu scheuen brauche. Wenn ich sein Gesicht und seine Augen sah, so wollte es mir um Intschu tschuna und Winnetou, falls sie wirklich in seine Hände geraten sollten, angst und bange werden.

Er kam als unser Freund und Verbündeter, verhielt sich aber keineswegs sehr freundlich gegen uns. Sein Auftreten war, um mich eines Vergleiches zu bedienen, dasjenige eines Tigers, der sich mit einem Leoparden zur Jagd vereint, um ihn nach derselben auch mit aufzufressen. Er hatte sich mit dem Fuchse, dem Anführer seiner Kundschafter, an der Spitze der roten Schar befunden und stieg, als er bei uns anlangte, nicht etwa ab, um uns zu begrüßen, sondern machte eine befehlende Armbewegung, auf welche wir von seinen Leuten umzingelt wurden. Dann ritt er zu unserm Wagen und hob die Plane auf, um hineinzublicken. Der Inhalt schien ihn anzuziehen, denn er stieg vom Pferde und in den Wagen, um das, was sich auf und in demselben befand, zu untersuchen.

„Oho!“ meinte da Sam Hawkens, welcher an meiner Seite stand. „Der scheint uns und unser Eigentum als gute Beute zu betrachten, ehe er überhaupt ein Wort mit uns gesprochen hat, wenn ich mich nicht irre. Wenn er etwa glaubt, daß Sam Hawkens so dumm ist, sich den Bock als Gärtner zu bestellen, so irrt er sich. Das werde ich ihm gleich zeigen.“

„Keine Unvorsichtigkeit, Sam!“ bat ich. „Diese zweihundert Kerls sind uns überlegen.“

„An Zahl, ja, an Witz aber jedenfalls nicht, hihihihi!“ antwortete er.

„Aber sie haben uns umzingelt!“

„Well, das sehe ich auch. Oder denkt Ihr, daß ich keine Augen habe? Wir haben uns da, wie es scheint, keine guten Helfershelfer kommen lassen. Daß er uns eingeschlossen hat, läßt vermuten, daß er uns mitsamt den Apachen in die Tasche stecken oder gar auffressen will. Dieser Bissen sollte ihm aber schwer im Magen liegen; das versichere ich Euch. Kommt mit hin zum Wagen, damit Ihr hört, wie Sam Hawkens mit solchen Spitzbuben redet! Bin ein guter Bekannter von Tangua und er weiß, wenn er mich auch nicht schon gesehen hätte, ganz genau, daß ich mich hier befinde. Sein Verhalten ist also nicht nur ärgerlich für mich, sondern Verdacht erregend für uns alle. Seht nur die martialischen Gesichter, welche seine Kerls auf uns machen! Werde ihnen gleich zeigen, daß Sam Hawkens hier am Platze ist. Also kommt!“

Wir hatten unsere Gewehre in den Händen und gingen zu dem Wagen, in welchem Tangua herumstöberte. Mir war nicht ganz wohl dabei. Dort angekommen, fragte Sam in warnendem Tone:

„Hat der berühmte Häuptling der Kiowas Lust, in einigen Augenblicken in die ewigen Jagdgründe zu gehen?“

Der Gefragte, welcher uns den Rücken zukehrte, richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf, drehte sich zu uns herum und antwortete grob:

„Warum stören mich die Bleichgesichter mit dieser albernen Frage? Tangua wird einst in den ewigen Jagdgründen als großer Häuptling herrschen; aber es muß noch eine lange Zeit vergehen, ehe er den Weg dorthin macht.“

„Diese Zeit wird vielleicht nur eine Minute sein.“

„Warum?“

„Steig herab vom Wagen, so werde ich es dir sagen; aber mach ja schnell!“

„Ich bleibe hier!“

„Gut, so flieg in die Luft!“

Sam wendete sich nach diesen Worten ab und tat so, als ob er sich entfernen wolle. Da aber kam der Häuptling mit einem raschen Sprunge vom Wagen herunter, faßte ihn am Arme und rief:

„In die Luft fliegen? Warum redet Sam Hawkens solche Worte?“

„Um dich zu warnen.“

„Vor was?“

„Vor dem Tod, der dich ergriffen hätte, wenn du nur noch einige Augenblicke da oben geblieben wärest.“

„Uff! Der Tod ist auf dem Wagen?“

„Ja.“

„Wo? Zeige ihn mir!“

„Später vielleicht. Haben dir deine Kundschafter nicht gesagt, weshalb wir uns hier befinden?“

„Ich habe es von ihnen erfahren. Ihr wollt einen Weg für das Feuerroß der Bleichgesichter bauen.“

„Richtig! So ein Weg geht über Flüsse und Abgründe und durch Felsen, welche wir auseinander sprengen. Ich denke, daß du das wissen wirst.“

„Ich weiß es. Aber was hat das mit dem Tode zu tun, der mich bedroht haben soll?“

„Sehr viel, und weit mehr als du ahnst. Hast du vielleicht gehört, womit wir die Felsen sprengen, welche dem Pfade unseres Feuerrosses im Wege stehen? Etwa mit dem Pulver, mit welchem ihr aus euern Gewehren schießet?“

„Nein. Die Bleichgesichter haben eine andere Erfindung gemacht, mit welcher sie ganze Berge zersprengen können.“

„Richtig! Und diese Erfindung haben wir hier auf diesem Wagen. Sie ist zwar gut eingepackt, aber wer nicht weiß, wie so ein Paket angefaßt werden soll, der ist verloren, sobald er es berührt, denn es zerplatzt in seiner Hand und zerschmettert ihn in tausend kleine Stücke.“

„Uff, uff!“ rief er aus, nun sichtlich erschrocken. „Bin ich diesen Paketen nahe gewesen?“

„So nahe, daß du, wenn du nicht herabgesprungen wärest, dich jetzt in diesem Augenblicke schon in den ewigen Jagdgründen befändest. Aber was wäre da von dir zu sehen? Keine Medizin, keine Skalplocke, nichts, gar nichts als nur kleine Fleisch- und Knochenstücke. Wie könntest du in solcher Gestalt als großer Häuptling in den ewigen Jagdgründen herrschen? Deine Ueberreste wären dort von den Geisterrossen vollends zermalmt und zertreten worden.“

Ein Indianer, welcher ohne Skalplocke und Medizin in die ewigen Jagdgründe gelangt, wird dort von den verstorbenen Helden mit Verachtung empfangen und hat, während sie in allen indianischen Genüssen schwelgen, sich vor den Augen dieser Glücklichen zu verbergen. Das ist der Glaube der Roten. Welches Unglück erst, in kleinen, auseinander geschmetterten Stücken dort anzukommen! Man sah trotz der dunkeln Farbe, daß dem Häuptlinge vor Schreck das Blut aus dem Gesichte wich, und er rief aus:

„Uff! Wie gut, daß du es mir noch zur rechten Zeit gesagt hast! Aber warum verwahrt ihr diese Erfindung auf dem Wagen, auf dem sich doch viele andere und so nützliche Dinge befinden?“

„Sollen wir diese wichtigen Pakete etwa auf die Erde legen, wo sie verderben und bei der geringsten Berührung das größte Unheil anrichten können? Ich sage dir, sie sind selbst auf dem Wagen da gefährlich genug. Wenn so ein Paket platzt, fliegt alles in die Luft, was sich in der Nähe befindet.“

„Auch die Menschen?“

„Natürlich auch die Menschen und die Tiere in einem Umkreise, welcher zehnmal hundert Pferdelängen beträgt.“

„Da muß ich meinen Kriegern sagen, daß keiner von ihnen sich diesem gefährlichen Wagen nähern soll.“

„Tue das; ich bitte dich darum, damit wir nicht alle zusammen wegen einer Unvorsichtigkeit zu Grunde gehen müssen! Du siehst, wie besorgt ich für euch bin, weil ich denke, daß die Krieger der Kiowas unsere Freunde sind. Es scheint aber, daß ich mich geirrt habe. Wenn Freunde sich treffen, so begrüßen sie sich und rauchen die Pfeife des Friedens miteinander. Willst du das heute etwa unterlassen?“

„Du hast doch schon mit dem Fuchse, meinem Späher, die Pfeife geraucht!“

„Nur ich und der weiße Krieger, der hier neben mir steht, die andern aber nicht. Willst du diese nicht auch begrüßen, so muß ich annehmen, daß eure Freundschaft für uns keine aufrichtige ist.“

Tangua sah eine Weile sinnend vor sich nieder und antwortete dann mit einer Ausrede:

„Wir befinden uns auf einem Kriegszuge und haben also nicht den Kinnikinnik des Friedens bei uns.“

„Der Mund des Häuptlings der Kiowas redet anders als sein Herz denkt. Ich sehe den Beutel des Kinnikinnik da an deinem Gürtel hängen, und er scheint voll zu sein. Wir brauchen ihn nicht, denn wir haben selbst Tabak genug bei uns. Es brauchen sich ja nicht alle am Calumet zu beteiligen; du rauchest für dich und deine Krieger, und ich rauche für mich und die hier anwesenden Weißen; dann gilt der Freundschaftsbund für alle Männer, welche sich hier befinden.“

„Warum sollen wir beide rauchen, die wir doch schon Brüder sind! Sam Hawkens mag annehmen, wir hätten das Calumet für alle geraucht.“

„Ganz wie du willst! Aber dann werden wir tun, was uns beliebt, und du wirst die Apachen nicht in deine Gewalt bekommen.“

„Willst du sie etwa warnen?“ fragte Tangua, indem seine Augen gefährlich aufblitzten.

„Nein; das fällt mir nicht ein, den sie sind unsere Feinde und wollen uns töten. Aber ich werde dir nicht sagen, auf welche Weise du sie fangen kannst.“

„Dazu brauche ich dich nicht; ich weiß es selbst.“

„Oho! Ist dir bekannt, wann und aus welcher Richtung sie kommen und wo wir auf sie treffen können?“

„Ich werde es erfahren, denn ich sende ihnen Kundschafter entgegen.“

„Das wirst du nicht tun, denn du bist klug genug, dir zu sagen, daß die Apachen die Spuren deiner Kundschafter finden und sich auf den Kampf vorbereiten würden. Sie würden jeden Schritt mit größter Vorsicht tun, und da fragt es sich sehr, ob du sie in deine Hände bekämst, während sie nach dem Plane, den ich ausführen will, ganz unvorbereitet von euch eingeschlossen und gefangen genommen werden können, wenn ich mich nicht irre.“

Ich sah, daß diese Darlegung ihren Eindruck nicht verfehlte. Tangua erklärte nach einer kurzen Pause des Nachdenkens:

„Ich werde mit meinen Kriegern sprechen.“

Darauf entfernte er sich von uns. Er ging zu dem Fuchse, winkte noch einige Rote zu sich hin, und dann sahen wir, wie sie sich berieten.

„Damit, daß er erst mit den Kerlen reden will, gibt er zu, daß er in Beziehung auf uns nichts Gutes im Schilde führte,“ sagte Sam.

„Das ist schlecht von ihm, da Ihr sein Freund seid und ihm nichts getan habt,“ antwortete ich.

„Freund? Was nennt Ihr Freund bei diesen Kiowas! Sie sind Spitzbuben und leben nur vom Raube. Man ist nur so lange ihr Freund, als sie einem nichts nehmen können. Hier aber haben wir einen Wagen voll Viktualien und sonstigen Dingen, welche für die Roten großen Wert besitzen. Das haben die Kundschafter ihrem Anführer gesagt, und von diesem Augenblicke an war es beschlossene Sache, daß wir ausgeraubt werden sollten.“

„Und nun?“

„Nun? Hm, nun sind wir sicher.“

„Wenn es wahr wäre, sollte es mich freuen.“

„Ich denke, daß es wahr ist. Ich kenne diese Leute. Brillanter Gedanke von mir, diesem Kerl weiszumachen, daß wir so eine Art Giantpowder hier auf dem Wagen haben, hihihihi! Er sah alles, was sich darauf befand, schon als gute, sichere Prise an; sein erster Schritt war ja gleich hinauf. Jetzt bin ich überzeugt, daß kein Roter es wagen wird, etwas davon anzurühren. Ja, ich hoffe sogar, daß uns diese Furcht auch noch späterhin von Nutzen sein wird. Werde mir eine Büchse mit Oelsardinen einstecken und ihnen weismachen, daß sie einen Sprengstoff enthalte. Ihr habt ja auch schon eine bei Euch, mit den Papieren drin. Könnt Euch das für zukünftige Fälle merken.“

„Schön! Will hoffen, daß es dann auch die beabsichtigte Wirkung hat. Was meint Ihr nun aber hinsichtlich der Friedenspfeife?“

„Da war freilich ausgemacht, daß sie nicht geraucht werden sollte; nun aber denke ich, daß die Kerle sich anders besinnen werden. Mein Argument hat dem Häuptlinge eingeleuchtet und wird auch die andern überzeugen. Aber trauen dürfen wir ihnen trotzdem später nicht.“

„Da seht Ihr, Sam, daß ich vorgestern doch einigermaßen recht hatte. Ihr wolltet Euern Plan mit Hilfe der Kiowas ausführen und habt dadurch Euch und uns in ihre Gewalt gebracht. Ich bin neugierig, was daraus werden wird!“

„Nichts anderes als das, was ich erwarte; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Der Häuptling wollte uns freilich ausrauben und dann die Apachen auf eigene Faust empfangen. Nun aber muß er einsehen, daß sie zu schlau sind, sich in seiner Weise fangen und niedermetzeln zu lassen. Wie ich ihm selbst gesagt habe, würden sie die Spuren seiner Kundschafter, die er ihnen entgegenschicken müßte, entdecken, und dann könnte er warten, bis sie ihm wie blinde Prairiehühner in die Hände liefen. Jetzt sind sie fertig und er kommt. Nun wird es sich entscheiden.“

Die Entscheidung sahen wir schon, ehe er sich uns ganz genähert hatte, denn auf einige Zurufe des Fuchses zog sich der Kreis der Roten, von dem wir umgeben gewesen waren, auseinander und die Reiter stiegen von ihren Pferden. Wir waren also nicht mehr umzingelt. Tangua zeigte jetzt eine weniger finstere Miene als vorher:

„Ich habe mich mit meinen Kriegern beraten,“ sagte er. „Sie sind mit mir einverstanden, daß ich das Calumet mit meinem Bruder Sam rauche; das soll dann für alle gelten.“

„Das habe ich erwartet, denn du bist nicht nur ein tapferer, sondern auch ein kluger Mann. Die Krieger der Kiowas mögen einen Halbkreis bilden und Zeugen sein, daß wir miteinander den Rauch des Friedens und der Freundschaft austauschen.“

So geschah es. Tangua und Sam Hawkens rauchten das Calumet unter den bereits kurz beschriebenen Zeremonien, und dann gingen wir Weißen alle von einem Roten zum andern, um ihm die Hand zu geben. Hierauf konnten wir annehmen, daß sie wenigstens für heut und die nächsten Tage keine feindseligen Absichten mehr gegen uns hegten. Wie und was sie später denken und tun würden, das konnten wir freilich nicht wissen.

Wenn ich gesagt habe, das Calumet oder die Friedenspfeife rauchen, so bediene ich mich des bei uns gebräuchlichen Ausdruckes. Der Indianer sagt nämlich nicht Tabak rauchen, sondern Tabak trinken. Er trinkt ihn eigentlich auch, denn wenn er nach indianischer Weise raucht, so schluckt er den Rauch hinunter, sammelt ihn im Magen an und gibt ihn dann in einzelnen, langsamen Stößen wieder von sich.

Hierin stimmt er eigentümlicherweise mit dem Türken überein, welcher auch nicht Tabak rauchen sagt. Tabak heißt im Türkischen tütün, Tabak oder Pfeife rauchen tütün oder tschibuk itschmek; itschmek aber heißt nicht rauchen, sondern trinken.

In wie hohem Ansehen übrigens die Tabakspfeife bei den Indianern steht, erhellt aus dem Umstande, daß sie z. B. in der Sprache der Jemesindianer und in allen Apachendialekten mit demselben Worte bezeichnet wird, das auch für Häuptling steht. Im Jemes heißt Häuptling Fui und Tabakspfeife Fuitschasch, im Apache Häuptling Natan und Tabakspfeife Natan-tsé. Dieses Tsé als Endung bedeutet Stein und zeigt ebensowohl auf irdene, gebrannte Pfeifen als auch auf solche hin, deren Kopf aus Stein gefertigt ist. Der Kopf einer jeden Pfeife, welche als Calumet benutzt wird, soll aus dem heiligen Ton geschnitten sein, dessen Fundort in Dakota liegt.

Nach der Herstellung dieses, wenigstens einstweiligen, guten Einvernehmens verlangte Tangua das Abhalten einer großen Beratung, an welcher alle Weißen teilnehmen sollten. Dies war mir unlieb, denn es hielt uns von der Arbeit ab, die doch so notwendig war. Darum bat ich Sam, dahin zu wirken, daß diese Beratung für den Abend aufgehoben werde, denn ich hatte gelesen und gehört, daß, wenn die Roten sich einmal bei einem solchen Palaver befinden, dieses, wenn keine Gefahr zum Schlusse desselben treibt, fast kein Ende zu nehmen pflegt. Hawkens sprach mit dem Häuptlinge und berichtete mir dann:

„Er geht als echter Indsman nicht von seinem Willen ab. Die Apachen sind noch lange nicht zu erwarten, und so verlangt er eine Sitzung, in welcher ich meinen Plan entwickeln und nach welcher jedenfalls tüchtig gegessen werden soll. Vorrat haben wir ja, und die Kiowas haben auch gedörrtes Fleisch genug auf ihren Packpferden mitgebracht. Glücklicherweise habe ich so viel erreicht, daß nur ich, Dick Stone und Will Parker teilzunehmen brauchen; ihr Andern sollt an eure Arbeit gehen dürfen.“

„Dürfen? Als ob wir dazu die Erlaubnis der Indsmen nötig hätten! Ich werde mich so gegen sie verhalten, daß sie erkennen, ich betrachte mich als vollständig unabhängig von ihnen.“

„Macht mir keinen Strich durch die Rechnung, Sir! Tut lieber so, als ob Ihr so etwas gar nicht merktet! Wir dürfen sie nicht gegen uns aufbringen, wenn alles gut gehen soll.“

„Aber ich möchte an der Beratung auch teilnehmen!“

„Ist gar nicht nötig.“

„Nicht? Ich denke das Gegenteil. Ich muß doch auch wissen, was beschlossen wird!“

„Das werdet Ihr dann sofort erfahren.“

„Aber wenn Ihr Euch etwas vornehmt, was ich nicht gutheißen kann?“

„Gutheißen? Ihr? Seht doch einmal dieses Greenhorn an! Bildet sich wahrscheinlich ein, das, was Sam Hawkens beschließt, erst genehmigen zu müssen! Soll Euch wohl auch erst um die Erlaubnis bitten, wenn ich es für gut halte, mir meine Fingernägel zu beschneiden oder meine Stiefel auszubessern?“

„So war es natürlich nicht gemeint. Ich möchte nur sicher sein, daß nichts beschlossen wird, bei dessen Ausführung das Leben unserer beiden Apachen gefährdet ist.“

„Was das betrifft, so könnt Ihr Euch auf Euren alten Sam Hawkens verlassen. Ich gebe Euch mein Wort, daß sie mit vollständig heiler Haut davonkommen werden. Ist Euch das genug?“

„Ja. Euer Wort halte ich in Ehren, denn ich denke, wenn Ihr es einmal gegeben habt, so werdet Ihr auch darauf sehen, daß es in Erfüllung geht.“

„Well! Macht Euch also an Eure Arbeit, und seid überzeugt, daß die Sache auch ohne Euch die Richtung nimmt, die sie nehmen würde, wenn Ihr Eure Nase auch mit hineinstecken könntet!“

Ich mußte mich fügen, denn es lag mir alles daran, unsere Vermessungen noch vor dem Zusammenstoße mit den Apachen zu Ende zu führen. Wir machten uns also mit abermaligem Eifer über unsere Strecke her und kamen außerordentlich schnell vorwärts, denn Bancroft und seine drei anderen Untergebenen strengten alle ihre Kräfte an. Dies hatte seinen Grund in einer Vorstellung, die ich ihnen gemacht hatte.

Wenn wir nicht allen Fleiß aufwandten, so kamen die Apachen, ehe wir fertig waren, und dann konnte es uns von ihnen oder auch den Kiowas schlimm ergehen. Führten wir unser Werk aber vor ihrer Ankunft zu Ende, so war es uns vielleicht möglich, uns aus dem Staube zu machen und unsere Personen und Zeichnungen in Sicherheit zu bringen. Das hatte ich ihnen vorgestellt, und darum arbeiteten sie mit einem Fleiße und einer Ausdauer, die vorher niemals bei ihnen zu bemerken gewesen waren. Mein Zweck war also erreicht. Im stillen aber dachte ich gar nicht daran, mich in dieser Weise aus dem Staube zu machen. Mir lag Winnetou am Herzen. Die Andern mochten tun, was sie wollten, ich aber war entschlossen, nicht eher fortzugehen, als bis ich überzeugt sein konnte, daß keine Gefahr mehr für ihn vorhanden sei.

Meine Arbeit war eigentlich eine doppelte. Ich hatte zu messen und auch Buch zu führen und die Zeichnungen herzustellen. Das letztere tat ich im Duplikate. Ein Exemplar bekam der Oberingenieur als unser Vorgesetzter und eines fertigte ich mir heimlich an, um es für den Fall der Not aufzuheben. Unsere Lage war eine so gefährliche, daß diese Vorsicht als ganz gerechtfertigt erschien.

Die Beratung dauerte wirklich, wie ich es erwartet hatte, bis zum Abende; sie war grad zu Ende, als wir von der Dunkelheit gezwungen wurden, aufzuhören. Die Kiowas befanden sich in der vortrefflichsten Stimmung, denn Sam Hawkens hatte den Fehler oder auch die Klugheit begangen, ihnen unsern ganzen Rest von Brandy auszuhändigen. Sich da vorher der Einwilligung Rattlers zu versichern, war ihm wohl nicht eingefallen. Es brannten mehrere Feuer, um welche die schmausenden Roten saßen; dabei grasten die Pferde, und weiter draußen im Dunkeln standen die Posten, welche von dem Häuptlinge ausgestellt worden waren.

Ich setzte mich zu Sam und seinen unzertrennlichen Gefährten Parker und Stone, aß mein Abendbrot und ließ die Augen über das Lager schweifen, welches mir, dem Neulinge, einen mir bisher unbekannten Anblick bot. Kriegerisch genug sah es aus. Indem ich eines der roten Gesichter nach dem andern betrachtete, sah ich keines, welches ich einem Feinde gegenüber einer mitleidigen Regung für fähig gehalten hätte. Unser Brandy hatte nur so weit gereicht, daß auf jeden nur fünf oder sechs Schluck gekommen waren; ich bemerkte also keinen Betrunkenen, aber das Feuerwasser hatte, weil sie es so selten haben konnten, doch immerhin eine aufregende Wirkung geäußert. Die Indsmen waren in ihren Bewegungen weit lebhafter und in ihrem Gespräche lauter, als sie es gewöhnlich zu sein pflegen.

Natürlich erkundigte ich mich bei Sam nach dem Resultate der Beratung.

„Ihr könnt zufrieden sein,“ meinte er; „Euern beiden Lieblingen wird nichts geschehen.“

„Aber wenn sie sich wehren?“

„Kommen gar nicht dazu; werden überwältigt und gefesselt, ehe sie auf den Gedanken kommen können, daß so etwas möglich ist.“

„So? Wie denkt Ihr Euch denn eigentlich die Sache, alter Sam?“

„Sehr einfach. Die Apachen kommen auf einem ganz bestimmten Wege. Könnt Ihr den vielleicht erraten, Sir?“

„Ja. Sie werden natürlich zunächst dorthin gehen, wo sie uns getroffen haben und dann unsern Spuren weiter folgen.“

„Richtig! Ihr seid wirklich nicht so dumm, wie es, wenn man Euer Gesicht betrachtet, den Anschein hat. Also das erste, was wir wissen müssen, ist uns bekannt, nämlich die Richtung, aus welcher wir sie zu erwarten haben. Das zweitwichtigste ist die Zeit, wann sie kommen.“

„Das kann man nicht genau berechnen, aber doch vermuten.“

„Ja, wer Grütze genug im Kopfe hat, der kann so etwas schon vermuten; aber mit einer bloßen Vermutung ist uns nicht gedient. Wer in einer Lage, wie die unserige ist, nach Vermutungen handelt, trägt ganz gewiß sein Fell zu Markte. Gewißheit ist’s, volle Gewißheit, die wir haben müssen.“

„Die können wir nur dadurch erhalten, daß wir ihnen Kundschafter entgegenschicken, und das habt Ihr ja verpönt, lieber Sam. Ihr seid doch der Ansicht gewesen, daß die Spuren der Späher uns verraten würden.“

„Der roten Späher; merkt Euch wohl, der roten, Sir! Daß wir hier sind, das wissen die Apachen, und wenn sie auf die Fährte eines weißen Mannes treffen, kann das in ihnen kein Mißtrauen erwecken. Fänden sie aber die Stapfen von Indianern, so wäre das etwas ganz anderes; sie würden gewarnt sein und sich ungeheuer in acht nehmen. Da Ihr so ein ausnehmend gescheiter Kopf seid, könnt Ihr Euch ja denken, was sie vermuten würden.“

„Daß Kiowas in der Nähe sind?“

„Ja, habt’s wirklich erraten! Wenn ich meine alte Perücke nicht gar so sehr schonen müßte, würde ich vor allerhand Hochachtung jetzt den Hut vor Euch abnehmen. Denkt Euch hiermit, daß es geschehen ist!“

„Danke, Sam! Ich will hoffen, daß diese Hochachtung sich nicht im Sande verläuft. Doch weiter! Ihr meint also, daß wir den Apachen nicht rote, sondern weiße Späher entgegenschicken werden?“

„Ja, aber nicht mehrere, sondern nur einen.“

„Ist das nicht zu wenig?“

„Nein, denn dieser eine ist ein Kerl, auf den man sich verlassen kann; heißt nämlich Sam Hawkens, wenn ich mich nicht irre, und pflegt Feldmäuse zu fressen, hihihihi! Kennt Ihr diesen Mann vielleicht, Sir?“

„Ja,“ nickte ich. „Wenn der allerdings die Sache übernimmt, so können wir ohne Sorge sein. Er wird sich von den Apachen nicht erwischen lassen.“

„Nein, erwischen nicht, aber sehen.“

„Was? Sie sollen Euch sehen?“

„Ja.“

„Da fangen oder töten sie Euch!“

„Fällt ihnen gar nicht ein; sind viel zu klug dazu. Ich richte es so ein, daß sie mich sehen müssen, damit sie nicht auf den Gedanken kommen, daß Andere zu uns gestoßen sind. Und wenn ich so recht gemütlich vor ihren Augen umherspaziere, so werden sie meinen, wir fühlen uns so sicher wie im Schoße Abrahams. Tun werden sie mir nichts, gar nichts, weil ihr Verdacht schöpfen müßtet, wenn ich nicht ins Lager zurückkehrte. Nach ihrer Ansicht bin ich ihnen ja später sicher genug.“

„Aber, Sam, ist es nicht möglich, daß sie Euch sehen, aber Ihr nicht sie?“

„Sir,“ brauste er im Scherze auf, „wenn Ihr mir eine solche moralische Ohrfeige gebt, so ist es aus zwischen uns beiden! Ich und sie nicht sehen! Die Aeuglein von Sam Hawkens sind zwar klein, aber scharf. Die Apachen werden zwar nicht in hellen Haufen angerückt kommen, sondern einige Kundschafter voraussenden; aber die können mir nicht entgehen, denn ich werde mich so aufstellen, daß ich sie sehen muß. Wißt Ihr, es gibt Oertlichkeiten, wo selbst der feinste Scout keine Deckung findet und heraus auf eine offene Stelle muß. Solche Orte sucht man sich aus, wenn man Kundschafter beobachten will. Sobald ich sie gesehen habe, melde ich sie Euch, damit Ihr, wenn sie dann das Lager umschleichen, Euch recht unbefangen zeigen mögt.“

„Dann sehen sie aber doch die Kiowas und werden dies ihrem Häuptling melden!“

„Wen sehen sie? Die Kiowas? Mensch, Greenhorn und ehrenwerter Jüngling, glaubt Ihr denn, daß das Gehirn von Sam Hawkens aus Watte oder Löschpapier bestehe, he? Ich werde dann schon dafür gesorgt haben, daß die Kiowas nicht zu sehen sind, auch keine Spur von ihnen, nicht die allergeringste Spur, verstanden! Diese unsere sehr lieben Freunde, die Kiowas, werden sich sehr gut verstecken, um im geeigneten Augenblicke hervorzubrechen. Die Kundschafter der Apachen dürfen natürlich nur diejenigen Personen sehen, welche im Lager waren, als Winnetou mit seinem Vater in demselben war.“

„Ah, das ist freilich etwas Anderes!“

„Nicht wahr! Die Kundschafter der Apachen mögen uns also ganz ruhig umschleichen und die Gewißheit gewinnen, daß wir nichts Böses ahnen. Wenn sie sich dann entfernen, schleiche ich ihnen nach, um die Ankunft der ganzen Schar zu erspähen. Die wird natürlich nicht am Tage kommen, sondern des Nachts, und sich unserm Lager so weit nähern, wie möglich ist. Dann fallen die wackern Apachen über uns her.“

„Und nehmen uns gefangen oder ermorden uns gar, wenigstens einige von uns!“

„Hört, Sir, Ihr könnt mir wirklich leid tun! Ihr wollt ein studierter Mann sein und wißt doch nicht einmal, daß man ausreißen muß, wenn man sich nicht fangen lassen will! Das weiß heutzutage jeder Hase, ja sogar jenes kleine, schwarze und bissige Insekt, welches sechshundertmal höher springt, als seine Körperlänge beträgt. Und Ihr, Ihr wißt das nicht! Hm, steht das denn nicht in den vielen Büchern, die Ihr gelesen habt?“

„Nein, denn ein wackerer Westmann soll nicht so hoch springen, wie das Insekt, von welchem Ihr redet, sechshundertmal höher als er ist. Ihr meint also, daß wir uns in Sicherheit bringen?“

„Ja. Wir brennen natürlich ein Lagerfeuer an, damit sie uns recht deutlich sehen können. So lange dieses leuchtet, bleiben die Apachen sicherlich versteckt. Wir lassen es niederbrennen und machen uns, sobald es dunkel ist, davon, um die Kiowas leise und schnell herbeizuholen. Jetzt werfen sich die Apachen auf unser Lager und finden keinen Menschen, hihihihi! Sie sind natürlich ganz erstaunt und brennen das Feuer wieder an, um nach uns zu suchen. Da sehen wir sie so deutlich, wie sie uns vorher gesehen haben, und nun wird der Spieß umgedreht: sie sind es, welche überfallen werden. Welcher Schreck für sie! Das ist ein Coup, von dem man noch lange Zeit erzählen wird. Und dabei wird man sagen: Sam Hawkens war’s, der sich das ausgesonnen hat, wenn ich mich nicht irre.“

„Ja, das wäre wohl recht gut, wenn es grad so und nicht anders würde, als wie Ihr es Euch denkt.“

„Es wird nicht anders; will schon dafür sorgen.“

„Und aber dann? Dann lassen wir die Apachen heimlich frei?“

„Wenigstens Intschu tschuna und Winnetou.“

„Die andern nicht?“

„So viel von ihnen, wie wir können, ohne daß wir uns verraten.“

„Wie wird es dann den übrigen ergehen?“

„Gar nicht sehr schlimm, Sir; das kann ich Euch versichern. Die Kiowas werden im ersten Augenblicke weniger an diese denken als daran, die Flüchtlinge wieder einzufangen. Und sollten sie sich wirklich blutgierig zeigen, so ist Sam Hawkens auch noch da. Ueberhaupt, was nachher zu geschehen hat, darüber wollen wir uns die Köpfe nicht zerbrechen; wenigstens Ihr könnt von dem Eurigen eine bessere Anwendung machen. Was später kommt, das wird sich eben auch erst später zeigen. Jetzt haben wir uns vor allen Dingen nach einem Platze umzusehen, der für die Ausführung unseres Vorhabens paßt, denn nicht jeder Ort ist zu so etwas geeignet. Das werde ich morgen früh besorgen. Gesprochen haben wir heute genug; von morgen an werden wir handeln.“

Er hatte recht. Reden und weiter Pläne schmieden war jetzt überflüssig; wir konnten hier jetzt nichts anders tun, als die Ereignisse abwarten.

Die heutige Nacht war ziemlich ungemütlich. Es erhob sich ein Wind, der nach und nach zum Sturme wurde, und gegen Morgen trat eine Kühle ein, welche für diese Gegend eine Seltenheit war. Wir befanden uns ungefähr auf der Breite von Damaskus und wurden doch von der Kälte aufgeweckt. Sam Hawkens prüfte den Himmel und meinte dann:

„Heut wird in dieser Gegend wahrscheinlich etwas geschehen, was hier sehr selten vorkommt; es wird nämlich regnen, wenn ich mich nicht irre. Und das ist sehr vorteilhaft für unsern Plan.“

„Wieso?“ fragte ich.

„Könnt Euch das nicht denken? Schauet doch umher, wie das Gras niedergelagert ist! Wenn die Apachen da vorüberkommen, müssen sie doch gleich sehen, daß hier mehr Menschen und Tiere gewesen sind, als wir eigentlich zählen. Kommt aber ein Regen, so richtet sich das Gras rasch wieder auf, während die Spuren dieses Lagers sonst noch nach drei oder vier Tagen zu sehen wären. Ich werde mich mit den Roten so rasch wie möglich davonmachen.“

„Um eine Stelle zum Ueberfalle zu suchen?“

„Ja. Könnte die Kiowas zwar einstweilen hier lassen und sie dann holen, aber je eher sie fortgehen, desto eher verschwinden die Spuren. Ihr könnt inzwischen weiter arbeiten.“

Er teilte dem Häuptling seine Absicht mit, und dieser ging auf dieselbe ein. Nach kurzer Zeit ritten die Indianer mit Sam und seinen beiden Gefährten fort. Es versteht sich ganz von selbst, daß der Platz, welchen er sich auswählen wollte, an der Linie liegen mußte, welcher wir als Feldmesser zu folgen hatten. Das Gegenteil hätte uns Zeit gekostet und den Apachen auffallen müssen.

Wir folgten den Vorangerittenen langsam, so wie unsere Arbeit nach und nach vorwärts schritt. Gegen Mittag erfüllte sich Sams Vorhersage; es regnete, und zwar in einer Weise, wie es nur in jenen Breiten regnen kann, nämlich wenn es überhaupt da einmal regnet. Es schien wie ein See vom Himmel herabzustürzen.

Mitten in diesem Wassergusse kam Sam mit Dick und Will zurück. Wir sahen sie nicht eher, als bis sie sich uns auf vielleicht zwölf oder fünfzehn Schritte genähert hatten, so dicht fiel der Regen. Sie hatten einen passenden Ort gefunden. Parker und Stone sollten uns denselben zeigen; Hawkens aber ging, nachdem er sich mit Proviant versehen hatte, trotz des Unwetters fort, um sein Späheramt anzutreten. Er wollte seine Aufgabe zu Fuße lösen, weil er sich da besser verstecken konnte, als wenn er sein Maultier mitgenommen hätte. Als er hinter dem dichten Vorhange des Regens verschwand, hatte ich das Gefühl, als ob die Katastrophe sich uns nun im Eilschritte nähere.

So ungewöhnlich der Wasserguß gewesen war, fast wie ein Wolkenbruch, so schnell hörte er wieder auf. Die Schleusen des Himmels schlossen sich mit einem Male, und dann strahlte die Sonne ebenso warm wie gestern auf uns nieder. Wir hatten die Arbeit unterbrochen und nahmen sie nun wieder auf.

Wir befanden uns auf einer ebenen, nicht zu großen und von drei Seiten mit Wald umgebenen Savanne, auf welcher es von Zeit zu Zeit ein Buschwerk gab. Dies war für uns ein sehr günstiges Terrain, und so kam es, daß wir rasche Fortschritte machten. Hierbei machte ich die Bemerkung, daß Sam Hawkens heut früh die Wirkung des Regens ganz richtig vorhergesagt hatte: die Kiowas waren vor uns genau da geritten, wo wir uns jetzt befanden, und doch war keine Spur von den Huftritten ihrer Pferde zu sehen. Wenn die Apachen uns folgten, konnten sie unmöglich ahnen, daß wir zweihundert Verbündete in unserer Nähe hatten.

Als es zu dunkeln begann und wir unsere Arbeit einstellten, erfuhren wir von Stone und Parker, daß wir uns in der Nähe des voraussichtlichen Kampfplatzes befänden. Ich hätte ihn gern in Augenschein genommen, dazu war es aber heut zu spät.

Am andern Morgen erreichten wir schon nach kurzer Arbeitszeit einen Bach, der ein ziemlich großes, teichartiges Becken bildete, welches wahrscheinlich stets mit Wasser gefüllt war, während das Bett des Baches wohl meist halb trocken lag. Infolge des gestrigen Regens aber war er bis an die Ränder angefüllt. Zu diesem Teiche führte eine schmale, freie Savannenzunge, welche rechts und links von Bäumen und Sträuchern eingesäumt wurde. In das Wasser ragte eine Halbinsel hinein, auf welcher es auch Sträucher und Bäume gab; sie war da, wo sie mit dem Lande zusammenhing, schmal und verbreitete sich dann so, daß sie eine fast kreisrunde Gestalt annahm. Sie konnte mit einer Kasserole verglichen werden, welche mit ihrem Griffe am Lande hing. Jenseits des Teiches stieg eine sanfte Höhe an, welche dichter Wald bedeckte.

„Dies ist die Stelle, für welche sich unser Sam entschlossen hat,“ sagte Stone, indem er mit Kennermiene um sich blickte. „Sie kann für das, was wir vorhaben, auch wirklich gar nicht besser passen.“

Das veranlaßte mich natürlich, mich nach allen Seiten umzusehen.

„Wo sind denn die Kiowas, Mr. Stone?“ fragte ich ihn.

„Versteckt, sehr gut versteckt,“ antwortete er. „Ihr könnt Euch die größte Mühe geben und werdet doch keine Spur von ihnen wahrnehmen, obgleich ich weiß, daß sie uns sehr gut sehen und scharf beobachten können.“

„Also wo?“

„Wartet nur, Sir! Erst muß ich Euch erklären, warum Sam, der Pfiffige, diesen Platz gewählt hat. Die Savanne, über welche wir jetzt gekommen sind, ist mit vielen einzelnen Büschen bestanden. Das macht es den Kundschaftern der Apachen leicht, uns unbemerkt zu folgen, weil sie durch diese Sträucher Deckung finden. Seht ferner die offene Graszunge, welche hierher führt. Ein Lagerfeuer, welches wir hier anbrennen, leuchtet über diese Zunge weg und in die Savanne hinein, über welche die Feinde kommen; es wird die Apachen also anlocken, und diese können sich uns ganz bequem nähern, wenn sie sich zwischen den Bäumen und Sträuchern halten, welche zu beiden Seiten dieser Zunge stehen. Ich sage euch, Mesch’schurs, wir konnten, um von den Roten überfallen zu werden, gar keinen bessern Platz finden!“

Sein langes, hageres, wetterhartes Gesicht glänzte dabei förmlich vor äußerster Zufriedenheit; der Oberingenieur aber stimmte gar nicht in dieses Entzücken ein; er meinte, indem er den Kopf schüttelte:

„Was seid ihr doch für Menschen, Mr. Stone! Freut sich dieser Mann darüber, daß er so schön überfallen werden kann! Ich sage euch, ich freue mich so wenig darüber, daß ich mich aus dem Staube machen werde!“

„Um dann desto sicherer in die Hände der Apachen zu fallen! Laßt Euch doch nicht solches Zeug in den Sinn kommen, Mr. Bancroft! Natürlich muß ich mich über diesen Ort freuen, denn wenn er es den Apachen erleichtert, uns zu fangen, so haben wir es nachher noch viel leichter, sie zu fassen. Seht doch einmal über das Wasser hinüber! Droben auf der Höhe, also mitten im Walde, stecken die Kiowas. Ihre Späher sitzen auf den höchsten Bäumen und haben uns sicher kommen sehen. Ebenso werden sie bemerken, wenn die Apachen kommen, denn sie können von dort oben aus weit über die Savanne blicken.“

„Aber,“ fiel der Oberingenieur ein, „was kann es uns, wenn wir überfallen werden, nützen, daß die Kiowas sich jenseits des Wassers da drüben im Walde befinden!“

„Da stecken sie nur einstweilen, denn sie können doch nicht hier sein, weil sie von den Spähern der Apachen entdeckt würden. Sind diese aber fort, so kommen sie herab und herüber zu uns und verstecken sich auf der Halbinsel, wo sie nicht bemerkt werden können.“

„Können die Kundschafter der Apachen nicht auch dorthin?“

„Sie könnten wohl, aber wir lassen sie nicht.“

„Da müßtet Ihr sie also verjagen, und doch sollen wir nicht merken lassen, daß wir von ihrer Gegenwart wissen. Wie reimt Ihr das zusammen, Mr. Stone?“

„Sehr leicht. Wir dürfen allerdings nicht tun, als ob wir sie suchen, und können ihnen also nicht verbieten, die Halbinsel zu betreten. Aber diese ist da, wo sie mit dem Ufer zusammenhängt, nur dreißig Schritte breit, und diese Breite verbarrikadieren wir mit unsern Pferden.“

„Pferde als Barrikade? Ist das möglich?“

„Jawohl. Wir binden die Pferde dort an die Bäume; dann könnt Ihr sicher sein, daß kein Indianer sich nähert, da die Pferde ihn durch ihr Schnauben verraten würden. Also wir lassen die Späher ruhig kommen und sich umsehen; die Halbinsel betreten sie nicht. Wenn sie fort sind, um ihre Krieger zu holen, rücken die Kiowas heran und verstecken sich auf der Halbinsel. Dann schleichen sich die Apachen alle herbei und warten, bis wir uns schlafen legen.“

„Wenn sie aber nicht so lange warten?“ fiel ich ihm in die Rede. „Da können wir uns doch nicht zurückziehen!“

„Das wäre auch nicht gefährlich,“ antwortete er, „denn die Kiowas würden uns sofort zu Hilfe kommen.“

„Aber das würde nicht ohne Blutvergießen ablaufen, und grad das wollen wir vermeiden.“

„Ja, Sir, hier im Westen darf es auf einen Tropfen Blut nicht ankommen. Aber habt nur keine Sorge! Grad ganz dasselbe wird die Apachen abhalten, uns anzugreifen, während wir noch wach sind. Sie müssen sich doch sagen, daß wir uns verteidigen würden, und wenn wir auch nur zwanzig Köpfe zählen, so würden doch sicher mehrere von ihnen fallen, ehe es ihnen glückte, uns unschädlich zu machen. Nein, die schonen ihr Blut und Leben ebenso wie wir das unserige. Darum werden sie warten, bis wir uns schlafen gelegt haben, und dann lassen wir schnell das Feuer ausgehen und retirieren nach der Insel.“

„Und was tun wir bis dahin? Können wir arbeiten?“

„Ja; nur müßt Ihr zur entscheidenden Stunde hier sein.“

„So wollen wir keine Zeit versäumen. Kommt, Mesch’schurs, damit wir noch etwas fertig bringen!“

Sie folgten meiner Aufforderung, obgleich es ihnen wohl nicht wie arbeiten war. Ich bin überzeugt, daß sie alle davongelaufen wären, aber dann wäre die Arbeit nicht beendet worden, und dann hatten sie dem Kontrakte nach keine Bezahlung zu verlangen. Die wollten sie doch nicht einbüßen. Und wenn sie dennoch die Flucht ergriffen hätten, die Apachen wären doch schnell hinter ihnen her gewesen. Nein, sie sahen ein, daß ihre Sicherheit hier die relativ größte war, und darum blieben sie.

Was mich betraf, so gestehe ich aufrichtig ein, daß ich den kommenden Ereignissen ganz und gar nicht gleichgültig gegenüberstand. Es hatte sich ein Zustand meiner bemächtigt, ähnlich demjenigen, welchen man im gewöhnlichen Leben Kanonenfieber zu nennen pflegt. Das war nicht etwa Angst, o nein, denn zur Angst hätte ich viel mehr Veranlassung gehabt, als ich die Büffel und dann den Bären erlegte. Heute handelte es sich um Menschen; das war es, was mich beunruhigte. Um mein Leben handelte es sich weniger; das würde ich schon verteidigen; aber Intschu tschuna und Winnetou! Ich hatte während der letzten Tage so viel an Winnetou gedacht, daß er mir innerlich immer näher getreten war; er war mir wert geworden, ohne daß es seiner Gegenwart oder gar seiner Freundschaft bedurft hatte, gewiß ein eigenartiger seelischer Vorgang, wenn auch nicht grad ein psychologisches Rätsel. Und sonderbar! Ich habe später von Winnetou erfahren, daß er damals ebenso oft an mich gedacht hat, wie ich an ihn!

Meine innere Unruhe wurde auch durch die Arbeit nicht geändert, doch wußte ich gewiß, daß sie im Augenblicke der Entscheidung plötzlich verschwinden werde; darum wünschte ich mir diese nun, da ihr nicht auszuweichen war, recht schnell herbei. Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen, denn es war erst wenig nach Mittag, so sahen wir Sam Hawkens auf uns zukommen. Der kleine Mann war sichtlich ermüdet, aber die kleinen, listigen Aeuglein blickten außerordentlich heiter über den dunklen Bartwald herüber.

„Alles gelungen?“ fragte ich. „Ich sehe es Euch an, alter, lieber Sam.“

„So?“ lachte er. „Wo steht das denn geschrieben? Auf meiner Nase oder nur in Eurer Einbildung?“

„Einbildung? Pshaw! Wer Eure Augen sieht, der kann nicht zweifeln.“

„So, also meine Augen verraten mich. Gut für ein anderes Mal, daß ich es weiß. Aber Ihr habt recht. Es ist mir gelungen, weit, weit besser gelungen, als ich denken konnte.“

„So habt Ihr die Kundschafter gesehen?“

„Kundschafter? Gesehen? Weit mehr, weit mehr! Nicht bloß die Kundschafter, sondern die ganze Schar, und nicht nur gesehen, sondern sogar gehört, belauscht habe ich sie.“

„Belauscht? Ah, so sagt schnell, was Ihr da erfahren habt!“

„Nicht jetzt und nicht hier. Nehmt Eure Instrumente zusammen und geht zum Lager! Ich komme nach; muß nur vorher schnell hinüber zu den Kiowas, um ihnen zu sagen, was ich erfahren habe und wie sie sich verhalten sollen.“

Er schritt oberhalb des Teiches auf den Bach zu, sprang hinüber und verschwand dann jenseits unter den Bäumen des Waldes. Wir packten unsere Siebensachen zusammen und suchten das Lager auf, wo wir auf Sams Wiederkehr warteten. Wir hatten ihn weder kommen sehen, noch kommen hören, aber ganz plötzlich stand er mitten unter uns und sagte in übermütigem Tone:

„Da habt ihr mich, Mylords! Habt ihr denn weder Augen noch Ohren? Euch kann ja ein Elefant überrumpeln, dessen Schritte man eine Viertelstunde weit hört!“

„Jedenfalls seid Ihr aber nicht wie ein solcher Elefant aufgetreten,“ antwortete ich.

„Mag sein. Wollte euch nur zeigen, wie man an die Menschen kommt, ohne daß sie es bemerken. Habt ruhig dagesessen und nicht gesprochen; seid ganz still gewesen und habt mich doch nicht gehört, als ich herangeschlichen kam. So, grad so war es gestern auch, als ich mich an die Apachen machte.“

„Erzählt uns das, erzählt!“

„Well, sollt es hören. Muß mich aber dazu setzen, denn ich bin sehr müde. Meine Beine sind an das Reiten gewöhnt und wollen sich auf das Laufen nicht mehr einlassen. Ist auch nobler, zu der Kavallerie als zur Infanterie zu gehören, wenn ich mich nicht irre.“

Er setzte sich in meine Nähe, blinzelte uns rundum Einen nach dem Andern an und sagte dann, sehr bedeutsam mit dem Kopfe dazu nickend:

„Also, heute abend geht der Tanz los!“

„Heute abend schon?“ fragte ich, halb überrascht und halb erfreut, weil ich mir die Entscheidung bald herbeigewünscht hatte. „Das ist gut; das ist sehr gut!“

„Hm, Ihr scheint ja ganz erpicht darauf zu sein, in die Hände der Apachen zu geraten! Aber recht habt Ihr; es ist gut und ich freue mich auch darüber, daß wir nicht länger zu warten brauchen. Ist kein sehr angenehmes Ding, auf etwas warten zu müssen, was doch einen andern Ausgang nehmen kann, als man denkt.“

„Als man denkt! Ist etwa ein Grund eingetreten, Besorgnisse zu hegen?“

„Ganz und gar nicht. Grad im Gegenteile! Bin nun erst recht überzeugt, daß alles gut ablaufen wird. Aber ein erfahrener Mann weiß, daß aus dem besten Kinde später ein schlimmer Strolch werden kann. So ist’s auch mit den Begebenheiten. Die schönste Sache kann durch irgend einen Zufall auf einen falschen Weg geraten.“

„Aber das ist doch hier nicht zu befürchten?“

„Nein. Nach allem, was ich gehört habe, wird der Erfolg ein ganz vorzüglicher sein.“

„Was habt Ihr denn gehört? Erzählt doch nur, erzählt!“

„Sachte, sachte, mein junger Sir! Alles der Reihe nach! Was ich gehört habe, kann ich jetzt noch nicht sagen, weil Ihr doch wissen müßt, was vorher geschehen ist. Ich ging mitten im Regenwetter fort; brauchte sein Ende nicht abzuwarten, weil der Regen nicht hier durch meinen Rock dringen kann, auch der stärkste nicht hihihihi! Bin bis beinahe zu der Stelle gelaufen, wo wir lagerten, als die beiden Apachen zu uns kamen; da aber mußte ich mich verstecken, denn ich sah drei Rote, welche da herumschnüffelten. Sind Apachenkundschafter, dachte ich, und laufen nicht weiter, weil sie nur bis hierher gehen sollen. So war es auch. Sie suchten die Gegend ab, ohne meine Spur zu finden, und setzten sich dann unter die Bäume, weil es außerhalb des Waldes zum Sitzen zu naß war. Da saßen sie wartend wohl an die zwei Stunden. Hatte mich auch unter einen Baum gemacht und wartete auch zwei Stunden lang. Mußte doch wissen, was es nun geben würde. Da kam ein Reitertrupp, mit den Kriegsfarben bemalt. Kannte sie sofort, Intschu tschuna und Winnetou mit ihren Apachen.“

„Wieviel waren es?“

„Grad so, wie ich gedacht hatte. Habe ungefähr fünfzig Mann gezählt. Die Späher kamen unter den Bäumen hervor und erstatteten den beiden Häuptlingen Bericht. Dann mußten sie wieder vorangehen, und die Schar folgte langsam nach.

Könnt euch denken, Gentlemen, daß Sam Hawkens sich hinterher machte. Der Regen hatte die gewöhnlichen Spuren verwischt, aber eure eingerammten Pfähle waren ja da und dienten als untrügliche Wegweiser. Wollte, ich hätte, so lange ich lebe, lauter so schöne, deutliche Fährten zu lesen. Mußten aber sehr vorsichtig sein, die Apachen, weil sie hinter jeder Biegung des Waldes, hinter jeder Ecke des Gebüsches auf uns treffen konnten, und machten darum nur langsame Fortschritte. Fingen es sehr schlau und vorsichtig an; habe meine helle Freude über sie gehabt und meine nun wie immer, daß die Apachen allen andern roten Nationen über sind. Intschu tschuna ist ein tüchtiger Kerl und Winnetou nicht minder. Die kleinste Bewegung dieser beiden Roten war berechnet. Kein Wort wurde gesprochen; man verständigte sich nur durch Zeichen. Zwei Meilen hinter der Stelle, wo ich sie zuerst gesehen hatte, brach der Abend an. Sie stiegen ab, hobbelten ihre Pferde an und verschwanden im Walde, wo sie bis früh lagern wollten.“

„Und da habt Ihr sie belauscht?“ fragte ich.

„Ja. Sie brannten als kluge Kerls kein Feuer an, und weil Sam Hawkens ebenso klug ist wie sie, dachte ich, daß sie mich da nicht leicht sehen könnten. Darum machte ich mich auch unter die Bäume und kroch auf meinem eigenen Bauche, weil ich sonst keinen andern dazu hatte, so weit vor, bis ich in ihre Nähe kam und alles hörte, was sie sprachen.“

„Verstandet Ihr denn alles?“

„Unvernünftige Frage! Werde doch hören, was gesprochen wird!“

„Ich meine, ob sie sich des englisch-indianischen Jargons bedienten?“

„Sie bedienten einander gar nicht, sondern sie sprachen miteinander, wenn ich mich nicht irre, und zwar im Dialekte der Mescaleros, den ich so leidlich inne habe. Ich rückte langsam weiter und weiter vor, bis ich mich in der Nähe der beiden Häuptlinge befand. Die tauschten zuweilen einige Worte miteinander aus, zwar kurz, nach Indianerweise, aber inhaltsreich. Habe da genug erfahren und weiß, woran ich bin.“

„So schießt also los,“ bat ich, als er jetzt eine Pause machte.

„So macht Euch beiseite, Sir, wenn Euch mein Schuß nicht treffen soll! Haben es also wirklich auf uns abgesehen. Wollen uns lebendig fangen.“

„Also nicht töten?“

„O doch, ein wenig töten wollen sie uns, aber nicht sofort. Wollen uns nur fangen, ohne uns zu beschädigen, und uns nach den Dörfern der Mescaleros am Rio Pecos schaffen, wo wir an die Marterpfähle gebunden und lebendig geschmort werden sollen. Well, ganz wie Karpfen, die man fängt, nach Hause schafft, ins Wasser setzt und füttert, um sie dann mit allerlei Gewürz zu sieden. Soll mich wundern, was für ein Fleisch der alte Sam da geben wird, besonders wenn sie mich da ganz in die Pfanne tun und mich in meinem Jagdrocke braten hihihihi!“

Er lachte in seiner stillen, heimlichen Weise vor sich hin und fuhr dann fort:

„Haben es ganz besonders auf Mr. Rattler abgesehen, der so still entzückt da unter euch sitzt und mich verklärt anschaut, als ob der Himmel nur so auf ihn warte mit allen seinen Seligkeiten. Ja, Mr. Rattler, habt Euch eine Suppe eingebrockt, die ich nicht auslöffeln möchte. Ihr werdet gespießt, gepfählt, vergiftet, erstochen, erschossen, gerädert und aufgehängt, immer eins hübsch nach dem andern, und von jedem stets nur ein kleines Bißchen, damit Ihr recht lange dabei leben bleibt und alle diese Qualen und Todesarten mit richtigem Geschmack auskosten könnt. Und wenn Ihr dann trotz alledem noch nicht gestorben seid, so werdet Ihr mit Klekih-petra, den Ihr erschossen habt, in eine Grube gelegt und lebendig begraben.“

„Mein Himmel! Sagten sie das?“ fragte Rattler, dessen Gesicht vor Entsetzen todesbleich wurde.

„Freilich sagten sie es. Habt es auch verdient; kann Euch da nicht helfen. Will nur wünschen, daß Ihr dann, wenn Ihr alle diese Todesarten hinter Euch habt, nicht wieder eine so ruchlose Tat begeht. Denke aber, daß Ihr es bleiben lassen werdet. Die Leiche Klekih-petras ist einem Medizinmanne übergeben worden, der sie nach Hause schafft. Ihr müßt nämlich wissen, daß diese Roten des Südens ihre Toten so zu behandeln und zu konservieren verstehen, daß sie sich lange halten. Habe selbst Mumien von Indianerkindern gesehen, welche selbst nach einer Zeit von über hundert Jahren so frisch aussahen, als ob sie gestern noch gelebt hätten. Wenn wir alle gefangen werden, wird man uns das Vergnügen machen, zuzusehen, wie sie Mr. Rattlern bei lebendigem Leibe in eine solche Mumie verwandeln.“

„Ich bleibe nicht hier!“ rief der Genannte aus. „Ich gehe fort! Mich bekommen sie nicht!“

Er wollte aufspringen; Sam Hawkens zog ihn wieder nieder und warnte:

„Keinen Schritt von hier fort, wenn Euch Euer Leben lieb ist! Ich sage Euch, daß die Apachen vielleicht schon die ganze Umgegend hier besetzt haben. Ihr würdet ihnen direkt in die Hände laufen.“

„Glaubt Ihr das wirklich, Sam?“ fragte ich ihn.

„Ja. Es ist keine leere Drohung, sondern ich habe alle Ursache, dies anzunehmen. Habe mich auch in anderer Beziehung nicht getäuscht. Die Apachen sind wirklich schon auch gegen die Kiowas ausgerückt, ein ganzes Heer, zu dem die beiden Häuptlinge stoßen wollen, sobald sie hier mit uns fertig sind. Nur darum ist es möglich geworden, daß sie so rasch zu uns zurückkehren konnten. Sie brauchten, um Krieger gegen uns zu holen, nicht bis in ihre Dörfer zu reiten, sondern sie trafen die gegen die Kiowas ausgezogenen Scharen unterwegs, übergaben Klekih-petras Leiche dem Medizinmanne und einigen andern Leuten zum Heimschaffen, und suchten sich fünfzig gute Reiter aus, um uns aufzusuchen.“

„Wo befinden sich die Trupps, welche gegen die Kiowas bestimmt sind?“

„Weiß es nicht. Ist kein Wort darüber gesprochen worden. Kann uns auch ganz gleichgültig sein.“

Da sollte der kleine Sam unrecht haben. Es war gar nicht gleichgültig für uns, wo sich diese zahlreichen Scharen befanden. Das erfuhren wir schon nach einigen Tagen. Sam erzählte weiter:

„Als ich genug gehört hatte, hätte ich mich gleich zu euch aufmachen können; aber es ist des Nachts schwer, die Fährte zu verbergen; sie hätten sie früh sehen können, und sodann wollte ich sie auch noch gern am Morgen beobachten. Darum blieb ich die ganze Nacht im Walde versteckt und machte mich erst wieder auf die Beine, als sie aufgebrochen waren. Bin ihnen gefolgt bis ungefähr sechs Meilen von hier und habe dann einen Umweg gemacht, um unbemerkt zu euch zu kommen. Well, da habt ihr alles, was ich euch sagen kann.“

„Ihr habt Euch also nicht von ihnen sehen lassen?“

„Nein.“

„Und auch dafür gesorgt, daß sie Eure Spur nicht entdecken?“

„Ja.“

„Aber Ihr sagtet doch, daß Ihr Euch ihnen zeigen wolltet und“

„Weiß schon, weiß! Hätte es auch getan; war aber nicht nötig, denn weil halt, habt ihr es gehört?“

Er war in seiner Rede durch den dreimaligen Schrei eines Adlers unterbrochen worden.

„Das sind die Späher der Kiowas,“ sagte er. „Sie sitzen da oben auf den Bäumen. Habe ihnen gesagt, mir dieses Zeichen zu geben, wenn sie die Apachen draußen auf der Savanne erblicken. Kommt, Sir; wollen einmal probieren, was Ihr in dieser Beziehung für Augen habt!“

Diese Aufforderung war an mich gerichtet. Er stand auf, um zu gehen, und ich nahm mein Gewehr, um ihm zu folgen.

„Halt!“ sagte er. „Laßt das Gewehr hier! Der Westmann soll sich zwar nicht von seiner Büchse trennen; aber hier erleidet diese Regel eine Ausnahme, weil wir so tun müssen, als ob wir an gar keine Gefahr dächten. Wir wollen uns den Anschein geben, als ob wir Holz zu einem Feuer sammelten. Daraus werden die Apachen schließen, daß wir hier am Abende lagern werden, was ein Vorteil für uns ist.“

Wir schlenderten miteinander, scheinbar ganz harmlos, zwischen den Baum- und Sträucherreihen auf dem offenen Rasenstreifen hin und auf die Savanne hinaus. Dort sammelten wir vom Rande des Gebüsches dürre Aeste und sahen uns dabei verstohlen nach Apachen um. Wenn sich welche in der Nähe befanden, so mußten sie hinter den Sträuchern stecken, welche auf der Savanne, mehr oder weniger entfernt von uns, zerstreut standen.

„Seht Ihr einen?“ fragte ich Sam nach einer Weile.

„Nein,“ antwortete er.

„Ich auch nicht.“

Wir strengten unsere Augen möglichst an, konnten aber nichts entdecken. Und doch erfuhr ich später von Winnetou selbst, daß er höchstens fünfzig Schritte von uns entfernt hinter einem Busche gelegen und uns beobachtet hatte. Es ist nicht genug, daß man scharfe Augen besitzt, sie müssen auch geübt sein, und das waren die meinigen damals noch nicht. Heut würde ich Winnetou sofort entdecken, und wenn es nur infolge der Mücken wäre, die, von seiner Person angezogen, um den Busch weit dichter spielten als anderswo.

Wir kehrten also unverrichteter Dinge zu den Andern zurück und beschäftigten uns nun alle mit dem Sammeln zum Holze für das Lagerfeuer. Wir brachten mehr zusammen, als wir brauchten.

„Recht so,“ meinte Sam. „Wir müssen einen Haufen für die Apachen liegen haben, denn sie sollen, wenn sie uns ergreifen wollen und wir aber verschwunden sind, schnell ein Feuer machen können.“

Hierauf wurde es dunkel. Sam, als der Erfahrenste, versteckte sich ganz vorn, da wo der Grasstreifen, an dessen Ende wir saßen, bei der Savanne seinen Anfang nahm. Er wollte das Kommen der Späher erlauschen, die wir mit Sicherheit zu erwarten hatten, da sie unser Lager auszukundschaften hatten. Das Feuer wurde angezündet und leuchtete über den Grasstreifen hinweg weit in die Savanne hinaus. Für was für unvorsichtige und unerfahrene Menschen mußten die Apachen uns da halten! Dieses große Feuer war ja ganz geeignet, dem Feinde aus weiter Ferne den Weg zu uns zu zeigen.

Wir aßen Abendbrot und lagerten uns so, als ob wir ganz entfernt davon seien, an etwas Arges zu denken. Die Gewehre lagen ein großes Stück von uns entfernt, doch nach der Halbinsel zu, damit wir sie später mitnehmen konnten. Diese letztere war, wie Sam bestimmt hatte, durch unsere Pferde abgeschlossen worden.

Es waren seit Anbruch der Dunkelheit wohl drei Stunden vergangen, da kehrte Sam lautlos wie ein Schatten zurück und meldete mit leiser Stimme:

„Die Kundschafter kommen, zwei Mann, einer auf dieser und der andere auf jener Seite. Habe sie gehört und sogar auch gesehen.“

Sie näherten sich also auf beiden Seiten des Grasstreifens, indem sie sich im Dunkel des Gebüsches hielten. Sam setzte sich zu uns und begann mit lauter Stimme eine Unterhaltung über den ersten besten Gegenstand, der ihm eben einfiel. Wir antworteten ihm, und so entspann sich ein Gespräch, dessen Lebhaftigkeit darauf berechnet war, die Späher in Sicherheit zu wiegen. Wir wußten, daß sie da waren und uns scharf beobachteten, hüteten uns aber sehr, auch nur einen einzigen mißtrauischen Blick in das Gebüsch zu werfen.

Jetzt galt es vor allen Dingen, zu erfahren, wann sie sich wieder entfernten. Hören konnten wir es nicht und sehen auch nicht, und doch durften wir von dem Augenblicke ihres Rückzuges an keinen Augenblick verlieren, denn es stand zu erwarten, daß dann schon nach kurzer Zeit die ganze Schar heranschleichen werde. Inzwischen aber mußten die Kiowas die Halbinsel besetzen. Da war es wohl am besten, nicht zu warten, bis sie sich entfernten, sondern sie dazu zu zwingen. Darum stand Sam auf, tat, als ob er nach Holz suchen wolle, und drang auf der einen Seite in die Büsche ein; ich tat dasselbe auf der andern Seite. Wir konnten nun sicher sein, daß die Späher sich fortgeschlichen hatten. Da hielt Sam die beiden Hände auf den Mund und ließ dreimal den Schrei eines Ochsenfrosches hören. Dies war das Zeichen, daß die Kiowas kommen sollten. Weil wir uns an einem Wasser befanden, konnte der Ruf des Ochsenfrosches nicht auffallen. Hierauf schlich sich Sam wieder vor auf seinen Lauscherposten, um uns die Ankunft des Gros der Feinde melden zu können.

Noch waren kaum zwei Minuten seit dem Rufe des Frosches vergangen, so kamen die Kiowas herbeigehuscht, einer hart hinter dem andern, eine lange Reihe von zweihundert Kriegern. Sie hatten nicht im Wald gewartet, sondern waren, um dem Zeichen rascher folgen zu können, schon vorher bis an den Bach vorgedrungen und dann über denselben gesprungen.

Wie Schlangen schoben sie sich hinter uns in unserm Schatten tief am Boden hin und der Halbinsel zu. Das ging so gewandt und schnell, daß höchstens nach drei Minuten der letzte an uns vorüber war.

Nun warteten wir auf Sam. Er kam und raunte uns leise zu:

„Sie nähern sich, und zwar wieder auf beiden Seiten, wie ich gehört habe. Legt kein Holz mehr an! Wir müssen dafür sorgen, daß, wenn die Flamme verlöscht, noch eine Glut übrig bleibt, an welcher die Roten das Feuer rasch wieder entzünden können.“

Wir schichteten den Holzvorrat, den wir noch hatten, so rund um das Feuer auf, daß dann diese Glut keinen Schein werfen und unser Verschwinden vorzeitig verraten konnte. Als dies geschehen war, mußte ein jeder von uns mehr oder weniger Schauspieler sein. Wir wußten fünfzig Apachen in unmittelbarster Nähe und durften es doch nicht merken lassen. Es hing sehr vieles, ja unser Leben, am nächsten Augenblicke. Wir hatten angenommen, daß sie warten würden, bis wir eingeschlafen zu sein schienen; aber wie nun, wenn sie dies nicht taten, wenn sie eher über uns herfielen? Dann hatten wir zwar in den Kiowas zweihundert Helfer, aber es mußte zum Kampfe, zum Blutvergießen kommen, und das konnte manchem von uns das Leben kosten. Die Katastrophe war da, und das, was ich gewußt hatte, traf zu: ich war ruhig, so ruhig, als ob es nur gelte, eine Partie Schach oder Domino zu spielen. Höchst interessant war es, die Andern zu beobachten. Rattler lag lang ausgestreckt am Boden; er hatte sein Gesicht der Erde zugekehrt und stellte sich schlafend. Die Todesangst hatte ihn mit eiskalten Händen ergriffen. Seine berühmten Westmänner stierten einander bleichen Angesichts an; sie konnten nur abgerissene Worte hervorbringen und sollten doch an unserer Unterhaltung teilnehmen. Will Parker und Dick Stone saßen so gemütlich da, als ob es in der ganzen Welt nicht einen einzigen Apachen gäbe. Sam Hawkens machte einen Witz über den andern, und ich lachte möglichst lustig über seine Scherze.

Als in dieser Weise über eine halbe Stunde vergangen war, hatten wir die Ueberzeugung, daß der Ueberfall nach dem Einschlafen erfolgen solle, denn sonst wäre er nun längst unternommen worden. Das Feuer war ziemlich niedergebrannt, und ich hielt es für geraten, die Entscheidung nicht länger zu verzögern. Darum gähnte ich einige Male, dehnte mich und sagte:

„Ich bin müde und möchte schlafen. Ihr nicht auch, Sam Hawkens?“

„Habe nichts dagegen; werde es auch so machen,“ antwortete er. „Das Feuer geht aus. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“ sagten auch Stone und Parker; dann rückten wir möglichst weit, aber so, daß es nicht auffallen konnte, vom Feuer weg und streckten uns da aus.

Die Flamme wurde kleiner und kleiner, bis sie ganz erlosch; nur die Asche glühte noch; ihr Schein konnte aber wegen des aufgeschichteten Holzes nicht zu uns dringen. Wir lagen alle vollständig im Dunkeln. Jetzt galt es, uns leise, ganz leise in Sicherheit zu bringen. Ich langte nach meinem Gewehre und schob mich langsam fort; Sam hielt sich an meiner Seite, und die Andern folgten. Sollte einer von ihnen ja ein Geräusch verursachen, so versuchte ich, dasselbe dadurch unhörbar zu machen, daß ich, als ich die Pferde erreichte, eins derselben zum lauten Stampfen brachte, indem ich es hin und her schob; das mußte jeden verräterischen Schall übertönen. Es gelang auch wirklich Allen, die Kiowas zu erreichen, welche schon wie kampfbegierige Panther auf der Lauer standen.

„Sam,“ flüsterte ich diesem zu, „wenn die beiden Häuptlinge wirklich geschont werden sollen, so dürfen wir keinen Kiowa über sie lassen. Seid Ihr einverstanden?“

„Ja.“

„Ich nehme Winnetou auf mich; Ihr, Stone und Parker mögt Euch an Intschu tschuna machen.“

„Ihr einen und wir drei zusammen auch nur einen? Dieses Exempel ist nicht richtig wenn ich mich nicht irre.“

„Es ist richtig. Ich werde mit Winnetou schnell fertig; ihr aber müßt zu dreien sein, damit sein Vater sich gar nicht wehren kann, denn wenn er Zeit und Raum zur Verteidigung bekommt, kann dies für ihn leicht Verletzungen oder gar den Tod nach sich ziehen.“

„Well, habt recht! Aber, damit uns da kein Kiowa zuvorkommt, wollen wir ein Stückchen avancieren, damit wir dann gleich die Ersten sind. Kommt!“

Wir postierten uns dem Feuer mehrere Schritte näher und warteten nun in größter Spannung auf das Kampfgeschrei der Apachen, denn daß sie den Angriff ohne dieses nicht unternehmen würden, stand zu erwarten. Es ist ihre Gewohnheit, daß der Anführer durch einen Schrei das Zeichen gibt, und dann stimmen die Andern in möglichst höllischer Weise ein. Dieses Geheul hat den Zweck, dem Angegriffenen den Mut zur Gegenwehr zu rauben. Man kann es so, wie es bei den meisten Stämmen klingt, dadurch nachahmen, daß man im höchsten Fisteltone ein langes Hiiiiiiiiiih! ausstößt und dabei mit der flachen Hand sehr schnell aufeinander folgende Schläge gegen die Lippen führt, so daß der Ton als Triller zu hören ist.

Die Kiowas befanden sich in derselben Spannung wie wir. Jeder von ihnen wollte gern auch der Erste sein, und darum drängten sie nach vorn, so daß wir weiter und weiter vorgeschoben wurden. Das konnte dadurch, daß wir den Apachen zu nahe rückten, für uns gefährlich werden, und so wünschte ich sehr, daß ihr Angriff bald erfolgen möge.

Dieser Wunsch wurde endlich, endlich erfüllt. Es ertönte das erwähnte Hiiiiiiiiiih! in einem so schrillen, durchdringenden Tone, daß es mir durch Mark und Bein fuhr, und darauf folgte ein Geheul, welches so schrecklich klang, als ob es von tausend Teufeln ausgestoßen würde. Wir hörten trotz der Weichheit des Erdbodens schnelle Schritte und Sprünge. Dann war plötzlich alles still. Einige Augenblicke regte sich nichts rundum. Man hätte, wie man sich auszudrücken pflegt, eine Ameise laufen hören können. Dann hörten wir Intschu tschuna das eine kurze Wort Ko! rufen.

Dieses Wort bedeutet Feuer, also Feuer machen. Unsere Asche glühte noch immer, und das dürre Holz und Gezweig, welches dabei lag, brannte leicht. Die Apachen gehorchten dem Befehle schnell und warfen von dem Holze auf die glimmende Asche. Es dauerte nur wenige Sekunden, so loderte die Flamme neu empor, und die Umgebung des Feuers war erhellt.

Intschu tschuna und Winnetou standen neben einander, und es bildete sich schnell ein Kreis von Kriegern um sie, als die Apachen zu ihrem Erstaunen sahen, daß wir fort waren.

„Uff, uff, uff!“ riefen sie verwundert.

Winnetou zeigte schon jetzt, trotz seiner Jugend, die Umsicht, welche ich später so oft an ihm bewundert habe. Er sagte sich, daß wir uns noch in der Nähe befinden müßten und die an dem Feuer stehenden, also beleuchteten Apachen im Nachteile seien, weil sie uns für unsere Gewehre ein sicheres Zielen gestatteten. Darum rief er:

„Tatischa, tatischa!“

Dieses Wort heißt, sich entfernen. Er setzte auch schon zum Sprunge an, doch ich kam ihm zuvor. Vier, fünf schnelle Schritte hatten mich an den Kreis gebracht, welcher ihn umgab. Rechts und links die mir im Wege stehenden Apachen auseinander werfend, drang ich hindurch, und Hawkens, Stone und Parker folgten mir auf dem Fuße. Eben als Winnetou sein lautes Tatischa, tatischa! gerufen hatte und sich zum Fortspringen umwendete, stand er vor mir und wir sahen uns einen Moment lang in die Gesichter. Seine Hand fuhr blitzschnell in den Gürtel, um das Messer zu ziehen, da aber traf ihn schon mein Faustschlag gegen die Schläfe. Er wankte und brach auf die Erde nieder. Zugleich sah ich, daß Sam, Will und Dick seinen Vater gepackt hatten.

Die Apachen heulten vor Wut auf; aber ihr Geheul war nicht zu hören, denn es wurde übertönt von dem schrecklichen Brüllen der Kiowas, welche sich nun auf sie warfen.

Ich stand, da ich den Kreis der Apachen durchbrochen hatte, mitten in dem kämpfenden und heulenden Knäuel von Menschen, welche miteinander rangen. Zweihundert Kiowas gegen vielleicht fünfzig Apachen, also vier gegen einen! Aber die braven Krieger Winnetous wehrten sich aus allen Kräften. Ich hatte zunächst alles aufzubieten, mehrere von ihnen von mir abzuhalten, und mußte mich darum, da ich mich in ihrer Mitte befand, wie ein Kreisel im Kreise drehen. Dabei gebrauchte ich nur meine Fäuste, denn ich wollte keinen verwunden oder gar töten. Als ich noch vier oder fünf niedergeschlagen hatte, bekam ich Luft, und zu gleicher Zeit wurde der allgemeine Widerstand schwächer. Nach fünf Minuten seit unserm Angriffe war der Kampf zu Ende. Fünf Minuten nur! Aber in einem solchen Falle bedeuten sie doch eine lange Zeit!

Der Häuptling Intschu tschuna lag gefesselt am Boden, neben ihm Winnetou besinnungslos; er wurde auch gebunden. Es war kein einziger Apache entkommen, wohl meist deshalb, weil es diesen tapfern Leuten gar nicht in den Sinn gekommen war, ihre beiden Häuptlinge, welche sofort überwältigt worden waren, zu verlassen und die Flucht zu ergreifen. Viele von ihnen waren verwundet, ebenso eine Anzahl der Kiowas, und leider gab es bei den letzteren auch drei und bei den Apachen fünf Tote. Das hatte freilich nicht in unserer Absicht gelegen; aber der energische Widerstand der Apachen hatte die Kiowas veranlaßt, ihre Waffen nachdrücklicher, als wir es gewünscht hatten, zu gebrauchen.

Die besiegten Feinde waren alle gefesselt. Dazu hatte es gar keines großen Kunststückes bedurft, denn da Vier, oder weil wir Weißen uns doch auch mitrechnen mußten, fast Fünf gegen Einen gestanden hatten, war es nur nötig gewesen, daß drei Kiowas einen Apachen festhielten und der vierte oder fünfte ihn schnell fesselte.

Die Leichen wurden auf die Seite geschafft, und da die verwundeten Kiowas Hilfe bei den Ihrigen fanden, so machten wir Weißen uns daran, die verletzten Apachen zu untersuchen und zu verbinden. Wir bekamen dabei freilich nicht nur die finstersten Gesichter zu sehen, sondern fanden sogar bei Einigen Widerstand. Sie waren zu stolz, sich von ihren Gegnern einen Dienst erweisen zu lassen, und ließen lieber ihre Wunden bluten. Ich fühlte mich dadurch nicht beunruhigt, da die Verletzungen dieser Leute nur leichte waren.

Als wir diese Arbeit beendet hatten, fragten wir uns zunächst, wie die Gefangenen die Nacht hinbringen sollten. Ich wollte es ihnen so leicht wie möglich machen; da aber fuhr mich Tangua, der Häuptling der Kiowas, an:

„Diese Hunde gehören nicht euch, sondern uns, und ich allein habe zu bestimmen, was mit ihnen geschehen soll.“

„Nun was?“ fragte ich ihn.

„Wir würden sie aufbewahren, bis wir in unsere Dörfer zurückkehren; aber da wir die Ihrigen überfallen wollen und bis dahin noch einen weiten Weg haben, so werden wir uns nicht lange mit ihnen schleppen. Sie kommen an den Marterpfahl.“

„Alle?“

„Alle!“

„Das glaube ich nicht.“

„Warum?“

„Weil du vorhin im Irrtum gewesen bist.“

„Wann?“

„Als du sagtest, daß die Apachen euch gehörten. Das war falsch.“

„Das war richtig!“

„Nein. Nach den Gesetzen des Westens gehört der Gefangene dem, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. Nehmt euch also die Apachen, welche ihr überwunden habt; dagegen will ich gar nichts haben. Diejenigen aber, die wir ergriffen haben, gehören uns.“

„Uff, uff! Wie klug du redest. Da wollt ihr wohl auch Intschu tschuna und Winnetou behalten?“

„Natürlich!“

„Und wenn ich sie euch nicht lasse?“

„Du wirst sie uns lassen!“

Er sprach in feindseligem Tone; ich antwortete ihm ruhig und bestimmt. Da zog er sein Messer, stieß es bis an das Heft in die Erde und sagte, indem seine Augen mich drohend anfunkelten:

„Legt ihr nur eine Hand an einen einzigen Apachen, so werden eure Leiber sein wie diese Stelle hier, in welcher mein Messer steckt. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Das war sehr ernst gemeint; ich hätte ihm aber doch gezeigt, daß ich keine Lust hatte, mich einschüchtern zu lassen, wenn Sam Hawkens nicht so klug gewesen wäre, mir einen warnenden Blick zuzuwerfen, welcher mich zur Ruhe und Vorsicht mahnte. Ich zog es also vor, zu schweigen.

Die gefesselten Apachen lagen rund um das Feuer, und es wäre am einfachsten gewesen, sie da liegen zu lassen, wo sie ohne Mühe bewacht werden konnten. Aber Tangua wollte mir zeigen, daß er sie wirklich als sein Eigentum betrachte und mit ihnen nach Belieben verfahren könne, darum gab er den Befehl, sie aufrecht an die nahestehenden Bäume zu binden.

Dies geschah, und zwar nicht in zarter Weise, wie man sich leicht denken kann. Die Kiowas verfuhren dabei möglichst schonungslos und waren bemüht, den Gefesselten möglichst große Schmerzen zu bereiten. Keiner der Apachen verzog dabei eine Miene. Sie waren im Erdulden aller Qualen streng erzogen und geübt. Am rohesten verfuhr man gegen die beiden Häuptlinge, deren Fesseln so fest zusammengezogen wurden, daß das Blut aus dem angeschwollenen Fleische spritzen wollte.

Es war ganz unmöglich, daß ein Gefangener nun aus eigener Anstrengung loskommen und entfliehen konnte, dennoch stellte Tangua Wachen rund um das Lager aus.

Unser wieder angefachtes Feuer brannte, wie bereits erwähnt, am inneren Ende des sich nach dem Wasser ziehenden Grasstreifens. Wir lagerten uns um dasselbe und hatten die Absicht, keinen Kiowa bei uns zu dulden, da dies die Befreiung Winnetous und seines Vaters entweder erschweren oder gar unmöglich machen mußte; aber es fiel ihnen auch gar nicht ein, zu uns zu kommen. Sie hatten sich gleich, als sie bei uns ankamen, nicht als freundlich erwiesen, und mein jetziger Wortwechsel mit ihrem Häuptlinge war nicht geeignet gewesen, ihre Gesinnungen zu ändern. Die kalten, fast verächtlichen Blicke, welche sie uns zuwarfen, waren keineswegs vertrauenerweckend, und wir mußten uns sagen, daß wir nur froh sein dürften, wenn es uns gelingen sollte, mit ihnen ohne einen vorherigen Zusammenstoß auseinander zu kommen.

Sie brannten für sich in einer Entfernung von uns, weiter nach der Savanne hinaus, mehrere Feuer an, um welche sie sich lagerten. Dort sprachen sie miteinander nicht in dem zwischen Weißen und Roten gebräuchlichen Idiom, sondern in der Sprache ihres Volkes. Wir sollten sie nicht verstehen, was wir auch als ein für uns ungünstiges Zeichen betrachten mußten. Sie hielten sich für die Herren der Situation, und ihr Verhalten zu uns glich demjenigen eines Menagerielöwen, der ein Hündchen bei sich duldet.

Die Ausführung unseres Vorhabens wurde dadurch erschwert, daß nur vier Personen davon wissen durften, nämlich Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker und ich. Die Andern wollten und durften wir nicht in das Geheimnis ziehen, weil sie wahrscheinlich dagegen gewesen und die Ausführung desselben hintertrieben oder gar den Kiowas Mitteilung davon gemacht hätten. Die lagen hier bei uns, und wir mußten hoffen, daß sie später alle schlafen würden. Deshalb und weil, wenn unser Vorhaben gelang, dann von einer Ruhe für uns wohl keine Rede war, meinte Sam, daß es für uns angezeigt sei, zu versuchen, ob wir jetzt ein wenig schlafen könnten. Wir legten uns also nieder, und ich war trotz der seelischen Aufregung, in welcher ich mich befand, so glücklich, bald einzuschlafen. Später wurde ich von Sam geweckt. Damals verstand ich es noch nicht so wie später, die Zeit nach dem Stande der Sterne zu bestimmen; aber es mochte kurz nach Mitternacht sein. Unsere Gefährten schliefen und das Feuer war niedergebrannt. Die Kiowas unterhielten nur ein Feuer und hatten die andern ausgehen lassen. Wir konnten miteinander sprechen, was allerdings nur leise geschehen durfte. Parker und Stone waren auch wach. Sam flüsterte mir zu:

„Es gilt vor allen Dingen, eine Wahl zu treffen, denn alle Vier dürfen wir nicht fort von hier. Es genügen Zwei.“

„Zu denen gehöre natürlich ich!“ antwortete ich ihm in bestimmtem Tone.

„Oho, nicht so eilig, bester Sir! Die Sache ist lebensgefährlich.“

„Das weiß ich.“

„Und Ihr wollt Euer Leben wagen?“

„Ja.“

„Well! Ihr seid eben ein braver Kerl, wenn ich mich nicht irre. Aber wir haben es mit noch einer andern Gefahr zu tun, nicht nur mit derjenigen, in welche wir unser Leben bringen.“

„Welche meint Ihr?“

„Es hängt das Gelingen unsres Vorhabens von den Personen ab, die es ausführen.“

„Das ist richtig.“

„Freut mich, daß Ihr dies zugebt, und darum denke ich, daß Ihr darauf verzichten werdet, selbst mitzutun.“

„Fällt mir nicht ein!“

„Seid vernünftig, Sir! Laßt mich mit Dick Stone gehen!“

„Nein!“

„Ihr seid noch zu neu. Ihr versteht vom Anschleichen so gut wie noch gar nichts.“

„Möglich. Heute aber werde ich Euch beweisen, daß man auch etwas fertig bringt, was man nicht versteht. Man muß nur Lust dazu haben.“

„Und Geschick, Sir, Geschick! Und das habt Ihr eben nicht. Das muß erstens angeboren sein und dann geübt werden. Die Uebung aber ist’s, die Euch fehlt.“

„Es kommt auf eine Probe an.“

„Wollt Ihr eine machen?“

„Ja.“

„Welche?“

„Wißt Ihr, ob der Häuptling Tangua schläft?“

„Nein.“

„Und doch ist es für uns wichtig, dies zu wissen, nicht wahr, Sam?“

„Ja. Ich will mich nachher einmal hinschleichen.“

„Nein; das werde ich tun.“

„Ihr? Warum?“

„Eben um die Probe zu machen.“

„Ah, so! Aber wenn man Euch entdeckt?“

„So schadet es nichts, denn es gibt eine gute Ausrede. Ich habe mich überzeugen wollen, daß die Wachen ihre Schuldigkeit tun.“

„Well, das geht. Aber wozu soll denn diese Probe dienen?“

„Um mir Euer Vertrauen zu erwerben. Ich denke, wenn ich bestehe, so weigert Ihr Euch nicht, mich mit zu Winnetou zu nehmen.“

„Hm! Darüber müßten wir dann noch reden.“

„Meinetwegen! Also ich darf jetzt fort zum Häuptling?“

„Ja. Aber nehmt Euch in acht! Wenn man Euch erwischt, so schöpft man Verdacht, wenn auch nicht jetzt, so doch später, wenn Winnetou fort ist. Man wird denken, daß Ihr ihn losgeschnitten habt.“

„Und sich dabei in keinem sehr großen Irrtum befinden.“

„Nehmt ja jeden Baum und jeden Strauch zur Deckung, und hütet Euch, eine Stelle zu berühren, wohin der Schein des Feuers fällt. Müßt Euch stets im Dunkeln halten!“

„Werde mich im Dunkeln halten, Sam!“

„Hoffe es. Es sind noch wenigstens dreißig Kiowas munter, wenn ich mich nicht irre, die Wächter gar nicht mitgerechnet. Wenn Ihr es fertig bringt, nicht bemerkt zu werden, so will ich Euch loben und bei mir denken, daß doch noch einmal, vielleicht nach zehn Jahren, ein Westmann aus Euch werden kann, obgleich Ihr trotz aller meiner guten Lehren jetzt noch ein Greenhorn seid, wie man es so schön grün und unerfahren in keinem Panoptikum zu sehen bekommt, hihihihi!“

Ich schob das Messer und die Revolver, um sie nicht etwa unterwegs zu verlieren, so tief wie möglich in den Gürtel und kroch von dem Feuer fort. Heut, wo ich dieses erzähle, kenne ich die ganze Verantwortlichkeit, welche ich damals so leicht auf mich nahm, die ganze Verwegenheit des Vorsatzes, den ich gefaßt hatte. Ich wollte nämlich den Häuptling nicht beschleichen!

Ich hatte Winnetou liebgewonnen und wollte ihm das beweisen, womöglich durch eine Tat, bei welcher ich mein Leben wagte. Dazu gab es jetzt die trefflichste Gelegenheit; ich konnte ihn befreien. Aber ich wollte das tun, ich selbst! Und nun kam mir Sam mit seinen Bedenken dazwischen! Er wollte das, worauf ich mich so freute, mit Dick Stone ausführen. Selbst wenn ich jetzt den Häuptling ganz glücklich beschlich, war anzunehmen, daß Sam seine Bedenken doch nicht fallen lassen werde. Darum war ich auf den Gedanken gekommen, gar nicht erst darum zu betteln und mir Mühe zu geben, ihn meinem Wunsche geneigt zu machen. Nein, ich wollte nicht hin zum Häuptling, sondern zu Winnetou!

Dabei setzte ich nicht nur mein Leben, sondern auch das meiner Gefährten aufs Spiel. Wenn ich bei der Ausführung meines Vorhabens erwischt wurde, war es um mich und um sie geschehen. Das wußte ich damals zwar auch, ging aber in jugendlichem Tatendrange leicht darüber hinweg.

Vom Anschleichen hatte ich oft gelesen und seit ich mich im wilden Westen befand, auch oft genug gehört. Besonders Sam hatte mir oft gesagt und es mir auch oft gezeigt, wie es zu machen sei. Ich hatte es ihm nachgemacht; aber von der Fertigkeit, die ich heute eigentlich brauchte, war keine Rede. Das hinderte mich aber keineswegs, fest an mich und an das Gelingen meiner Absicht zu glauben.

Ich lag im Grase und schob mich fort, in die Büsche hinein. Von unserm Lager bis dahin, wo Intschu tschuna und Winnetou nebeneinander an je einen Baum gebunden waren, war es ungefähr fünfzig Schritte weit. Ich hätte mich eigentlich so fortschieben sollen, daß nur meine Finger- und die Stiefelspitzen den Boden berührten; dazu gehört aber eine Kraft und Ausdauer in den Zehen und Fingern, die man sich nur durch lange Uebung aneignen kann; ich besaß sie noch nicht. Darum schob ich mich auf den Knieen und Vorderarmen nach Art eines vierfüßigen Tieres fort. Ehe ich die Hände an eine Stelle setzte, betastete ich sie erst, ob vielleicht ein Stück dürres Holz daliege, welches durch den Druck meines Körpers zerknickt werden und dadurch ein Geräusch verursachen könne. Mußte ich zwischen oder unter Zweigen durch, so flocht ich sie vorher sorgfältig zusammen, so daß sie mir, ohne daß ich sie berührte, dann Durchlaß boten. Das ging langsam, sehr, sehr langsam, aber ich kam doch vorwärts.

Die Apachen waren zu beiden Seiten des offenen Grasstreifens an die Bäume gebunden worden. Die beiden Häuptlinge befanden sich, von unserm Lagerplatze aus gerechnet, auf der linken Seite. Ihre Bäume standen am Rande des Streifens, und ungefähr vier oder fünf Schritte vor ihnen saß, mit dem Gesichte ihnen zugekehrt, ein Indianer, der sie, weil ihre Personen von solcher Wichtigkeit waren, speziell zu bewachen hatte. Dieser Umstand mußte mir mein Werk erschweren, wohl gar unmöglich machen, doch hatte ich mir zurecht gelegt, auf welche Weise ich seine Aufmerksamkeit ablenken wollte, wenigstens für kurze Zeit. Es gehörten hierzu Steine, die es aber leider hier nicht zu geben schien.

Ich hatte vielleicht die Hälfte meines Weges zurückgelegt und dazu über eine halbe Stunde gebraucht; man denke, in einer halben Stunde fünfundzwanzig Schritte! Da sah ich mir zur Seite etwas Helles schimmern. Ich kroch hin und bemerkte zu meiner großen Freude eine kleine, vielleicht zwei Ellen im Durchmesser haltende Bodenvertiefung, welche mit Sand angefüllt war. Wenn der Regen einmal das kleine Flüßchen und den Teich angefüllt hatte, so war das Wasser übergelaufen, nach dieser Seite abgeflossen und hatte diesen Sand hier angeschwemmt. Ich füllte schnell eine Tasche damit und kroch dann weiter.

Nach wieder einer guten halben Stunde befand ich mich endlich hinter Winnetou und seinem Vater, vielleicht vier Schritte von ihnen entfernt. Die Bäume, an welchen sie, mit den Rücken mir zugekehrt, gebunden lehnten, waren nicht ganz mannesstark. Ich hätte mich nicht vollends nähern können, wenn nicht glücklicherweise am Fuße dieser Bäume einiges belaubte Gezweig gestanden hätte, welches mir hinlänglich erschien, mich dem Wächter zu verbergen. Zu erwähnen ist, daß mehrere Schritte seitwärts hinter diesem ein stacheliger Strauch stand, auf den ich es abgesehen hatte.

Ich schob mich zuerst bis hinter Winnetou hinan und blieb da einige Minuten still liegen, um den Wächter zu beobachten. Er schien müde zu sein, denn er hielt die Augen geschlossen und öffnete sie dann und wann in einer Weise, als ob ihm dies Anstrengung koste. Das war mir lieb.

Zunächst galt es zu erfahren, in welcher Weise Winnetou gefesselt war. Ich langte also vorsichtig um den Stamm hinum und betastete seinen Fuß und Unterschenkel. Das mußte er natürlich fühlen, und ich hatte befürchtet, daß er eine Bewegung machen werde, durch welche ich verraten werden könnte; dies geschah aber nicht; er war zu klug und zu geistesgegenwärtig dazu. Ich fand, daß ihm die Füße an den Knöcheln zusammengebunden waren, und außerdem hatte man um sie und den Baum einen Riemen gezogen; es waren hier also zwei Messerschnitte notwendig.

Dann blickte ich nach oben. Beim flackernden Feuerscheine sah ich, daß man seine Hände rückwärts von rechts und links um den Baum gezogen und dort hinter demselben mit einem Riemen zusammengebunden hatte. Da brauchte ich nur einen Schnitt zu tun.

Jetzt nun fiel mir ein Umstand ein, an den ich vorher nicht gedacht hatte. Wenn ich Winnetou losschnitt, so stand nach meinem Dafürhalten zu erwarten, daß er augenblicklich die Flucht ergreifen werde. Das mußte mich in die größte Gefahr bringen. Ich sann hin und her, wie dies vermieden werden könne, fand aber keinen Ausweg; ich mußte es eben riskieren und, falls der Apache sofort entsprang, mich ebenso schnell salvieren.

Wie irrte ich mich da in Winnetou! Ich kannte ihn eben nicht. Als wir später über seine Befreiung sprachen, teilte er mir seine Gedanken mit, die er dabei gehabt hatte. Er hatte, als er meine tastende Hand fühlte, geglaubt, es sei ein Apache. Zwar waren alle, welche er bei sich hatte, gefangen; aber es war doch möglich, daß irgend ein Späher oder Bote ihnen, ohne daß sie davon wußten, gefolgt war, um ihnen von ihrem Haupttruppe eine Nachricht zu bringen. Er war sofort seiner Befreiung sicher gewesen und hatte auf die erlösenden Messerschnitte gewartet. Aber er hätte seine Stellung am Baume ganz gewiß nicht gleich verändert, sondern sie einstweilen noch beibehalten, denn er wäre auf keinen Fall ohne seinen Vater entflohen und wollte auch den, welcher ihn befreite, nicht durch ein augenblickliches Entspringen in Gefahr bringen.

Ich durchschnitt zunächst die beiden unteren Riemen. Den oberen konnte ich in meiner liegenden Stellung nicht erreichen. Und selbst wenn ich ihn hätte erlangen können, so war doch Behutsamkeit geboten, um Winnetou nicht in die Hände zu schneiden. Ich mußte also aufstehen. Da aber war es beinahe sicher, daß mich der Wächter sehen mußte. Um seine Aufmerksamkeit abzulenken, hatte ich den Sand mitgebracht; kleine Steine wären mir freilich lieber gewesen. Ich griff in die Tasche, nahm eine Wenigkeit davon heraus und warf sie an Winnetou und dem Wächter vorbei, auf den Stachelstrauch. Das verursachte ein Rascheln. Der Rote wendete sich um und sah nach dem Strauche, beruhigte sich aber bald wieder. Ein zweiter Wurf erregte sein Bedenken. Es konnte ein giftiges Reptil im Strauche verborgen sein. Er stand auf, ging hin und betrachtete ihn forschend. Dabei kehrte er uns den Rücken zu. Schnell war ich auf und durchschnitt die Riemen. Dabei fiel mir das herrliche Haar Winnetous in die Augen, welches auf dem Kopfe einen helmartigen Schopf bildete und dann noch schwer und lang auf den Rücken niederfiel. Mit der linken Hand eine dünne Strähne desselben fassend, schnitt ich sie mit der Rechten ab und ließ mich dann wieder zu Boden sinken.

Warum ich das tat? Um nötigenfalls einen Beweis in den Händen zu haben, daß ich es war, der ihn losgeschnitten hatte.

Zu meiner Freude machte Winnetou nicht die geringste Bewegung; er stand genau so wie vorher da. Ich wickelte das Haar um die Finger zu einem Ring zusammen und steckte es ein. Dann kroch ich zu Intschu tschuna hinüber, dessen Fesseln ich auf ganz dieselbe Weise untersuchte. Er war genau so gebunden und an den Baum befestigt wie Winnetou und blieb auch so unbeweglich, als er die Berührung meiner Hand fühlte. Ich schnitt auch ihn erst unten los. Dann gelang es mir, auf ganz gleiche Weise die Aufmerksamkeit des Wächters wieder abzulenken, so daß ich auch die Hände des Häuptlings von dem Riemen befreien konnte. Er war grad so bedächtig wie sein Sohn und rührte sich nicht.

Da kam mir der Gedanke, daß es besser sei, die zu Boden gefallenen Riemen nicht finden zu lassen. Die Kiowas brauchten gar nicht zu wissen, auf welche Weise die Gefangenen frei geworden waren. Fanden sie hingegen die Riemen, so sahen sie, daß dieselben durchschnitten worden waren, und dann mußte sich ihr Verdacht auf uns richten. Ich nahm also erst hüben bei Intschu tschuna die Riemen weg und huschte dann wieder hinüber zu Winnetou, um dort dasselbe zu tun, steckte sie ein und machte mich dann auf den Rückweg.

Wenn die beiden Häuptlinge verschwanden, so machte der Wächter augenblicklich Alarm, und dann durfte ich mich nicht mehr in der Nähe befinden. Ich mußte mich beeilen. Darum kroch ich zunächst tiefer in das Gebüsch hinein, bis ich, falls ich mich aufrichtete, nicht gesehen werden konnte, stand dann auf und schlich mich nun, zwar auch vorsichtig, aber bedeutend schneller als vorher, nach unserm Lagerplatze zurück. Erst als ich in der Nähe desselben angekommen war, legte ich mich wieder nieder, um den kleinen Rest des Weges kriechend zu machen.

Meine drei Gefährten hatten große Sorge um mich gehabt.

Als ich bei ihnen angekommen war und wieder zwischen ihnen lag, flüsterte mir Sam zu:

„Wir hatten beinahe Angst, Sir! Wißt Ihr, wie lange Ihr fort gewesen seid?“

„Nun?“

„Beinahe zwei Stunden.“

„Das stimmt. Eine halbe Stunde hin, eine halbe her und eine ganze dort geblieben.“

„Warum mußtet Ihr so lange dort bleiben?“

„Um ganz genau zu erfahren, ob der Häuptling schläft.“

„Wie habt Ihr das denn angefangen?“

„Ich habe so lange nach ihm hingeschaut, und als er sich dann immer noch nicht bewegte, so konnte ich überzeugt sein, daß er schläft.“

„So, ach, schön! Habt ihr’s gehört, Dick und Will? Um zu erfahren, ob der Häuptling munter ist oder schläft, hat er ihn eine ganze Stunde lang angestarrt, hihihihi! Er ist und bleibt ein Greenhorn, ein unverbesserliches Greenhorn! Habt Ihr denn gar kein Hirn im Kopfe, daß Euch kein besseres Mittel eingefallen ist? Ihr habt doch jedenfalls unterwegs genug kleine Holz- oder Rindenstücke gefunden? Nicht?“

„Ja,“ antwortete ich, da die letzten Worte wieder an mich gerichtet waren.

„So brauchtet Ihr nur, wenn Ihr nahe genug gekommen waret, so ein Holzstückchen oder ein kleines bißchen Erde nach dem Häuptlinge zu werfen. Wäre er wach gewesen, so hätte er sich sicher augenblicklich bewegt. Na, Ihr habt freilich auch geworfen, wenn ich mich nicht irre, nämlich Blick auf Blick, eine ganze Stunde lang, hihihihi!“

„Mag sein; aber meine Probe habe ich doch bestanden!“

Während ich sprach, richtete ich meine Augen mit Spannung auf die beiden Apachen. Ich wunderte mich, daß sie noch immer so an den Bäumen standen, als ob sie gefesselt wären. Sie konnten schon fort sein. Der Grund war ein sehr einfacher. Winnetou hatte angenommen, daß ich ihn zuerst abgeschnitten hätte und dann zu seinem Vater geschlichen sei, und erwartete nun ein Zeichen von mir. Dasselbe war auch mit seinem Vater der Fall, nur umgekehrt. Intschu tschuna glaubte, ich hätte noch mit Winnetou zu tun. Als dann gar kein Zeichen meinerseits erfolgte, wartete Winnetou einen Augenblick ab, an welchem der Wächter die müden Augen wieder einmal geschlossen hatte, und bewegte dann den Arm, um seinem Vater zu zeigen, daß er nicht mehr gefesselt sei; der Häuptling gab ihm dasselbe Zeichen zurück; sie wußten nun, woran sie waren, und verschwanden augenblicklich von ihren Plätzen.

„Ja, Eure Probe habt Ihr bestanden,“ gab Sam Hawkens zu. „Ihr habt den Häuptling eine ganze Stunde lang beobachtet, ohne daß Ihr dabei erwischt worden seid.“

„Folglich werdet Ihr mir nun zutrauen, daß ich auch mit zu Winnetou kann, ohne daß ich Dummheiten mache.“

„Hm! Glaubt Ihr, daß Ihr die beiden Häuptlinge dadurch befreien könnt, daß Ihr sie auch eine voll geschlagene Stunde mit Euern Blicken bombardiert?“

„Nein. Wir schneiden sie los.“

„Das sagt Ihr, als ob es so leicht wäre, wie man einen Ast vom Busche schneidet. Seht Ihr nicht, daß ein Wächter bei ihnen sitzt?“

„Das sehe ich sehr wohl.“

„Der macht es grad so wie Ihr; er kanoniert sie auch mit seinen Blicken. Sie trotz dieser seiner Wachsamkeit loszumachen, dazu seid Ihr noch nicht fertig genug. Es ist so schwer, daß ich nicht einmal weiß, ob es mir gelingen wird. Seht nur einmal hin, Sir! Schon das Anschleichen bis dorthin ist ein wahres Meisterstück, und wenn man dann glücklich bei ihnen angekommen ist, dann good lack! Was ist denn das?“

Er hatte seine Augen auf die Apachen gerichtet gehabt und hielt mitten in seiner Rede inne, weil sie eben jetzt von ihren Bäumen verschwanden. Ich tat, als ob ich das nicht gesehen hätte, und fragte:

„Was ist los? Warum sprecht Ihr nicht weiter?“

„Warum? Weil weil Ist es denn richtig oder täusche ich mich?“

Er rieb sich die Augen und fuhr dann fort:

„Ja, bei Gott, es ist richtig! Dick, Will, schaut doch einmal hin, ob ihr Winnetou und Intschu tschuna noch seht!“

Sie wendeten sich nach der betreffenden Seite und wollten eben ihrem Erstaunen Ausdruck geben, als der Wächter, der die ihm Anvertrauten jetzt auch vermißte, aufsprang, die beiden verlassenen Bäume einige Augenblicke lang anstarrte und dann einen lauten, durchdringenden Schrei ausstieß. Dieser weckte sämtliche Schläfer. Der Wächter schrie ihnen das Geschehene in seiner Sprache, die ich nicht verstand, zu, und nun gab es einen Tumult, welcher ganz unbeschreiblich war.

Alles rannte nach den Bäumen, die Weißen auch alle. Ich folgte ihnen, denn ich mußte so tun, als ob ich gar nichts wisse. Dabei zog ich die Tasche heraus, kehrte sie um und ließ den Sand zu Boden fallen.

Schade, daß ich nur Winnetou und Intschu tschuna hatte losmachen können! Wie gern hätte ich noch mehrere, am liebsten alle befreit, aber es hätte an Verrücktheit gegrenzt, dies auch nur zu versuchen.

Zweihundert und noch mehr Menschen umdrängten die beiden Stellen, an denen die Entflohenen noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatten. Dabei gab es ein Geschrei oder ein Wutgeheul, welches mir sehr deutlich sagte, was meiner wartete, falls die Wahrheit an den Tag kommen sollte. Endlich gebot Tangua Ruhe und erteilte seine Befehle, auf welche wenigstens die Hälfte seiner Leute forteilte, um sich draußen auf der Savanne zu zerstreuen und trotz der Dunkelheit nach den Entflohenen zu suchen. Der Häuptling schäumte förmlich vor Wut. Er schlug dem unaufmerksamen Wächter mit der Faust in das Gesicht und riß ihm den Medizinbeutel vom Halse, um denselben unter die Füße zu treten. Damit war der arme Teufel für ehrlos erklärt.

Man darf nämlich nicht etwa auf Grund des Wortes Medizin annehmen, daß es sich dabei um ein Arznei- oder Heilmittel handle. Das Wort Medizin ist bei den Indianern erst nach dem Auftreten der Weißen in Gebrauch gekommen. Die Heilmittel der Bleichgesichter waren ihnen unbekannt, und sie hielten die Wirkungen derselben für die Folgen eines Zaubers, eines mit dem Uebersinnlichen in Verbindung stehenden Geheimnisses. Seitdem bezeichnen sie alles, was sie für Zauberei halten oder was ihnen nicht erklärlich ist, was sie für die Folgen eines höheren Einflusses, einer höheren Eingebung halten, mit dem Worte Medizin. Natürlich hat jeder Stamm auch einen eigenen, seiner Sprache angehörigen Ausdruck dafür. So heißt Medizin in der Sprache der Mandans Hopenesch, der Tuskaroras Yunnjuh queht, der Schwarzfüße Nehtowa, der Sioux Wehkon und der Riccarehs Wehrootih.

Jeder erwachsene Mann, jeder Krieger hat eine Medizin. Der Jüngling, welcher unter die Männer, die Krieger aufgenommen werden will, verschwindet plötzlich und sucht die Einsamkeit auf. Dort fastet und hungert er und versagt sich sogar den Genuß des Wassers. Er denkt über seine Hoffnungen, Wünsche und Pläne nach. Die Anstrengung des Geistes, verbunden mit solchen körperlichen Entbehrungen, versetzt ihn in einen fieberhaften Zustand, in welchem er den Schein von der Wirklichkeit nicht mehr zu unterscheiden weiß. Er glaubt, höhere Eingebungen zu empfangen; der Traum ist ihm dann eine überirdische Offenbarung. Hat er dieses Stadium erreicht, so wartet er auf den ersten Gegenstand, der ihm vom Traume oder sonstwie vorgegaukelt wird, und dieser ist ihm dann fürs ganze Leben heilig, ist seine Medizin. Sollte dieser Gegenstand zum Beispiele eine Fledermaus sein, so ruht er nicht, bis er eine solche fängt. Ist ihm dies gelungen, so kehrt er mit ihr zum Stamme zurück und übergibt sie dem Medizinmanne, dem Zauberer, welcher sie zu präparieren hat. Sie findet ihren Platz in dem verschieden-, jedoch stets eigenartig ausgestatteten Medizinbeutel, welcher stets getragen werden muß, und ist das kostbarste Eigentum eines jeden Indianers. Medizin verloren, Ehre verloren. So ein Unglücklicher kann sich nur dadurch rehabilitieren, daß er einen berühmten Feind tötet und dann dessen Medizin vorzeigt; sie wird die seinige.

Man kann also denken, welche Strafe es für den Wächter war, daß ihm seine Medizin entrissen und zertreten wurde. Er sagte kein Wort der Entschuldigung oder des Zornes, schulterte sein Gewehr und verschwand zwischen den Bäumen. Er war von heut an für seinen Stamm tot und konnte nur in dem oben angegebenen Falle wieder aufgenommen werden.

Die Wut des Häuptlings richtete sich nicht nur gegen diesen Schuldigen, sondern auch gegen mich. Er kam auf mich zu und schrie mich an:

„Du wolltest diese zwei Hunde für dich haben. Lauf ihnen doch nach und fange sie wieder ein!“

Ich wollte mich von ihm abwenden, ohne zu antworten, da ergriff er mich beim Arme und rief:

„Hast du gehört, was ich dir befohlen habe? Verfolgen sollst du sie!“

Ich schüttelte ihn von mir ab und antwortete:

„Befohlen? Hast du mir zu befehlen?“

„Ja, denn ich bin der Häuptling dieses Lagers, und ihr habt mir zu gehorchen!“

Da zog ich die Sardinenbüchse aus der Tasche und sagte:

„Soll ich dir die richtige Antwort geben, indem ich dich mit allen deinen Kriegern in die Luft sprenge? Sprich noch ein Wort, was mir nicht gefällt, und ich vertilge euch alle mit dieser Medizin!“

Ich war neugierig, ob dieses Possenspiel die beabsichtigte Wirkung hervorbringen werde. Ja, und wie! Er wich weit zurück und schrie:

„Uff, uff! Behalte diese Medizin für dich, und sei ein Hund, wie jeder Apache einer ist!“

Das war eine Beleidigung, die ich wohl nicht so ruhig hingenommen hätte, wenn es nicht klug gewesen wäre, auf seine Aufregung und die Ueberzahl seiner Leute Rücksicht zu nehmen. Wir Weißen kehrten nach unserer Lagerstelle zurück, wo das Ereignis natürlich von allen Seiten beleuchtet wurde, ohne daß einer die gewünschte Erklärung fand. Ich schwieg nicht nur gegen die Andern, sondern auch gegen Sam, Dick und Will. Es machte mir heimlich Spaß, die Erklärung dieses plötzlichen Verschwindens der Gefangenen in den Händen zu haben, während sie so eifrig und doch vergeblich danach suchten. Die Haarlocke Winnetous habe ich auf allen meinen Wanderungen durch den Westen bei mir getragen und besitze sie heute noch.

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Einleitung

Immer fällt mir, wenn ich an den Indianer denke, der Türke ein; dies hat, so sonderbar es erscheinen mag, doch seine Berechtigung. Mag es zwischen beiden noch so wenig Punkte des Vergleichs geben, sie sind einander ähnlich in dem einen, daß man mit ihnen, allerdings mit dem Einen weniger als mit dem Andern, abgeschlossen hat: Man spricht von dem Türken kaum anders als von dem kranken Mann, während Jeder, der die Verhältnisse kennt, den Indianer als den sterbenden Mann bezeichnen muß.

Ja, die rote Nation liegt im Sterben! Vom Feuerlande bis weit über die nordamerikanischen Seen hinauf liegt der riesige Patient ausgestreckt, niedergeworfen von einem unerbittlichen Schicksale, welches kein Erbarmen kennt. Er hat sich mit allen Kräften gegen dasselbe gesträubt, doch vergeblich; seine Kräfte sind mehr und mehr geschwunden; er hat nur noch wenige Atemzüge zu tun, und die Zuckungen, die von Zeit zu Zeit seinen nackten Körper bewegen, sind die Konvulsionen, welche die Nähe des Todes verkündigen.

Ist er schuld an diesem seinem frühen Ende? Hat er es verdient?

Wenn es richtig ist, daß alles, was lebt, zum Leben berechtigt ist, und dies sich ebenso auf die Gesamtheit wie auf das Einzelwesen bezieht, so besitzt der Rote das Recht zu existieren, nicht weniger als der Weiße und darf wohl Anspruch erheben auf die Befugnis, sich in sozialer, in staatlicher Beziehung nach seiner Individualität zu entwickeln. Da behauptet man nun freilich, der Indianer besitze nicht die notwendigen staatenbildenden Eigenschaften. Ist das wahr? Ich sage: nein! will aber keine Behauptungen aufstellen, da es nicht meine Absicht ist, eine hierauf bezügliche gelehrte Abhandlung zu schreiben. Der Weiße fand Zeit, sich naturgemäß zu entwickeln; er hat sich nach und nach vom Jäger zum Hirten, von da zum Ackerbauer und Industriellen entwickelt; darüber sind viele Jahrhunderte vergangen; der Rote aber hat diese Zeit nicht gefunden, denn sie wurde ihm nicht gewährt. Er soll von der ersten und untersten Stufe, also als Jäger, einen Riesensprung nach der obersten machen, und man hat, als man dieses Verlangen an ihn stellte, nicht bedacht, daß er da zum Falle kommen und sich lebensgefährlich verletzen muß.

Es ist ein grausames Gesetz, daß der Schwächere dem Stärkeren weichen muß; aber da es durch die ganze Schöpfung geht und in der ganzen irdischen Natur Geltung hat, so müssen wir wohl annehmen, daß diese Grausamkeit entweder eine nur scheinbare oder einer christlichen Milderung fähig ist, weil die ewige Weisheit, welche dieses Gesetz gegeben hat, zugleich die ewige Liebe ist. Dürfen wir nun behaupten, daß in Beziehung auf die aussterbende indianische Rasse eine solche Milderung stattgefunden hat?

Es war nicht nur eine gastliche Aufnahme, sondern eine beinahe göttliche Verehrung, welche die ersten Bleichgesichter bei den Indsmen fanden. Welcher Lohn ist den Letzteren dafür geworden? Ganz unstreitig gehörte diesen das Land, welches sie bewohnten; es wurde ihnen genommen. Welche Ströme Blutes dabei geflossen und welche Grausamkeiten vorgekommen sind, das weiß ein Jeder, der die Geschichte der berühmten Conquistadores gelesen hat. Nach dem Vorbilde derselben ist dann später weiter verfahren worden. Der Weiße kam mit süßen Worten auf den Lippen, aber zugleich mit dem geschärften Messer im Gürtel und dem geladenen Gewehre in der Hand. Er versprach Liebe und Frieden und gab Haß und Blut. Der Rote mußte weichen, Schritt um Schritt, immer weiter zurück. Von Zeit zu Zeit gewährleistete man ihm ewige Rechte auf sein Territorium, jagte ihn aber schon nach kurzer Zeit wieder aus demselben hinaus, weiter, immer weiter. Man kaufte ihm das Land ab, bezahlte ihn aber entweder gar nicht oder mit wertlosen Tauschwaren, welche er nicht gebrauchen konnte. Aber das schleichende Gift des Feuerwassers brachte man ihm desto sorgfältiger bei, dazu die Blattern und andere, noch viel schlimmere und ekelhaftere Krankheiten, welche ganze Stämme lichteten und ganze Dörfer entvölkerten. Wollte der Rote sein gutes Recht geltend machen, so antwortete man ihm mit Pulver und Blei, und er mußte den überlegenen Waffen der Weißen wieder weichen. Darüber erbittert, rächte er sich nun an dem einzelnen Bleichgesichte, welches ihm begegnete, und die Folgen davon waren dann stets förmliche Massacres, welche unter den Roten angerichtet wurden. Dadurch ist er, ursprünglich ein stolzer, kühner, tapferer, wahrheitsliebender, aufrichtiger und seinen Freunden stets treuer Jägersmann, ein heimlich schleichender, mißtrauischer, lügnerischer Mensch geworden, ohne daß er dafür kann, denn nicht er, sondern der Weiße ist schuld daran.

Die wilden Mustangherden, aus deren Mitte er sich einst kühn sein Reitpferd holte, wo sind sie hingekommen? Wo sieht man die Büffel, welche ihn ernährten, als sie zu Millionen die Prairien bevölkerten? Wovon lebt er heut? Von dem Mehle und dem Fleische, welches man ihm liefert? Schau zu, wie viel Gips und andere schöne Dinge sich in diesem Mehl befinden; wer kann es genießen! Und werden einem Stamme einmal hundert extra fette Ochsen zugesprochen, so haben diese sich unterwegs in zwei oder drei alte, abgemagerte Kühe verwandelt, von welchen kaum ein Aasgeier einen Bissen herunterreißen kann. Oder soll der Rote vom Ackerbaue leben? Kann er auf seine Ernte rechnen, er, der Rechtslose, den man immer weiter verdrängt, dem man keine bleibende Stätte läßt?

Welch eine stolze, schöne Erscheinung war er früher, als er, von der Mähne seines Mustangs umweht, über die weite Savanne flog, und wie elend und verkommen sieht er jetzt aus in den Fetzen, welche nicht seine Blöße decken können! Er, der in überstrotzender Kraft einst dem schrecklichen grauen Bären mit den Fäusten zu Leibe ging, schleicht jetzt wie ein räudiger Hund in den Winkeln umher, um sich, hungrig, einen Fetzen Fleisch zu betteln oder zu stehlen!

Ja, er ist ein kranker Mann geworden, ein sterbender Mann, und wir stehen mitleidig an seinem elenden Lager, um ihm die Augen zuzudrücken. An einem Sterbebette zu stehen, ist eine ernste Sache, hundertfach ernst aber, wenn dieses Sterbebette dasjenige einer ganzen Rasse ist. Da steigen viele, viele Fragen auf, vor allem die: Was hätte diese Rasse leisten können, wenn man ihr Zeit und Raum gegönnt hätte, ihre inneren und äußeren Kräfte und Begabungen zu entwickeln? Welche eigenartige Kulturformen werden der Menschheit durch den Untergang dieser Nation verloren gehen? Dieser Sterbende ließ sich nicht assimilieren, weil er ein Charakter war; mußte er deshalb getötet, kann er nicht gerettet werden? Gestattet man dem Bison, damit er nicht aussterbe, ein Asyl da oben im Nationalpark von Montana und Wyoming, warum nicht auch dem einstigen, rechtmäßigen Herren des Landes einen Platz, an dem er sicher wohnen und geistig wachsen kann?

Aber was nützen solche Fragen angesichts des Todes, der nicht abzuwenden ist! Was können Vorwürfe helfen, wo überhaupt nicht mehr zu helfen ist! Ich kann nur klagen, aber nichts ändern; ich kann nur trauern, doch keinen Toten ins Leben zurückrufen. Ich? Ja, ich! Habe ich doch die Roten kennen gelernt während einer ganzen Reihe von vielen Jahren und unter ihnen einen, der hell, hoch und herrlich in meinem Herzen, in meinen Gedanken wohnt. Er, der beste, treueste und opferwilligste aller meiner Freunde, war ein echter Typus der Rasse, welcher er entstammte, und ganz so, wie sie untergeht, ist auch er untergegangen, ausgelöscht aus dem Leben durch die mörderische Kugel eines Feindes. Ich habe ihn geliebt wie keinen zweiten Menschen und liebe noch heut die hinsterbende Nation, deren edelster Sohn er gewesen ist. Ich hätte mein Leben dahingegeben, um ihm das seinige zu erhalten, so wie er dieses hundertmal für mich wagte. Dies war mir nicht vergönnt; er ist dahingegangen, indem er, wie immer, ein Retter seiner Freunde war; aber er soll nur körperlich gestorben sein und hier in diesen Blättern fortleben, wie er in meiner Seele lebt, er, Winnetou, der große Häuptling der Apachen. Ihm will ich hier das wohlverdiente Denkmal setzen, und wenn der Leser, welcher es mit seinem geistigen Auge schaut, dann ein gerechtes Urteil fällt über das Volk, dessen treues Einzelbild der Häuptling war, so bin ich reich belohnt.

Der Verfasser.

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