Kapitel 25

IX

»Sie werden gewiß nicht leugnen«, begann Gawrila Ardalionowitsch, sich speziell an Burdowskij wendend, der mit größter Anstrengung zuhörte, ihn vor Erstaunen mit weit aufgerissenen Augen anstarrte und sich offenbar in höchster Verwirrung befand, »Sie werden und wollen gewiß nicht ernstlich leugnen, daß Sie genau zwei Jahre nach der Verheiratung Ihrer verehrten Mutter mit dem Kollegiensekretär Herrn Burdowskij, Ihrem Vater, geboren sind. Die Zeit Ihrer Geburt läßt sich sehr leicht dokumentarisch feststellen, so daß die für Sie und Ihre Mutter so beleidigende Entstellung dieser Tatsache in Herrn Kellers Artikel sich einzig und allein als ein Spiel der eigenen Phantasie dieses Herrn darstellt, der der Meinung war, dadurch die Evidenz Ihres Rechts zu erhöhen und so Ihren Interessen zu dienen. Herr Keller sagt, er habe Ihnen den Artikel vorher vorgelesen, wenn auch nicht ganz… ohne allen Zweifel hat er ihn Ihnen nicht bis zu dieser Stelle vorgelesen…«

»Bis zu dieser Stelle allerdings nicht«, unterbrach ihn der Boxer, »aber alle Tatsachen waren mir von einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit mitgeteilt worden, und ich…«

»Verzeihen Sie, Herr Keller«, unterbrach ihn Gawrila Ardalionowitsch, »lassen Sie mich jetzt reden! Ich versichere Ihnen, daß wir zur gegebenen Zeit auch noch auf Ihren Artikel zu sprechen kommen werden, dann können Sie Ihre Erklärungen abgeben; jetzt aber wollen wir lieber der Reihe nach fortfahren. Ganz zufällig, durch Mithilfe meiner Schwester Warwara Ardalionowna Ptizyna, erhielt ich von ihrer intimen Freundin, der verwitweten Gutsbesitzerin Wera Alexejewna Subkowa, einen Brief des verstorbenen Nikolai Andrejewitsch Pawlischtschew, den dieser ihr vor vierundzwanzig Jahren aus dem Ausland geschrieben hatte. Nachdem ich mich mit Wera Alexejewna in Verbindung gesetzt hatte, wandte ich mich auf ihren Rat an den Oberst a. D. Timofej Fjodorowitsch Wjasowkin, einen entfernten Verwandten und seinerzeit sehr guten Freund des Herrn Pawlischtschew. Es gelang mir, von ihm noch zwei Briefe Nikolai Andrejewitschs zu erhalten, die ebenfalls aus dem Ausland geschrieben waren. Durch diese drei Briefe, ihr Datum und die darin enthaltenen tatsächlichen Angaben läßt sich mit zwingender Sicherheit, ohne daß irgendwelche Widerlegung oder auch nur ein Zweifel möglich wäre, beweisen, daß Nikolai Andrejewitsch damals ins Ausland gereist war (wo er sich ununterbrochen drei Jahre lang aufhielt), gerade anderthalb Jahre vor Ihrer Geburt, Herr Burdowskij. Ihre Mutter hat, wie Ihnen bekannt ist, Rußland nie verlassen… Im Augenblick werde ich diese Briefe nicht vorlesen, dazu ist es schon zu spät; ich weise nur für alle Fälle auf dieses Faktum hin. Aber wenn es Ihnen angenehm ist, Herr Burdowskij, eine Zusammenkunft in meiner Wohnung, meinetwegen gleich morgen früh, festzusetzen und Ihre Zeugen (in jeder beliebigen Anzahl) sowie Sachverständige zur Vergleichung der Handschrift mitzubringen, so hege ich nicht den geringsten Zweifel, daß Sie nicht werden umhinkönnen, sich von der evidenten Wahrheit der von mir mitgeteilten Tatsache zu überzeugen. Wenn dem aber so ist, so fällt selbstverständlich die ganze Sache zusammen und ist damit von selbst erledigt.«

Wieder folgte eine allgemeine Bewegung und tiefgehende Unruhe. Burdowskij selbst stand plötzlich von seinem Stuhl auf.

»Wenn es so ist, dann bin ich betrogen worden, betrogen, aber nicht von Tschebarow, sondern schon vor sehr langer Zeit; ich will keine Sachverständigen, ich will keine Zusammenkunft; ich glaube es so schon, ich verzichte… ich nehme die zehntausend Rubel nicht an… Leben Sie wohl…«

Er griff nach seiner Mütze und schob seinen Stuhl zurück, um fortzugehen.

»Wenn es Ihnen möglich ist, Herr Burdowskij«, hielt ihn Gawrila Ardalionowitsch mit leiser Stimme und in freundlichem Ton auf, »so bleiben Sie bitte noch hier, wenn auch nur fünf Minuten! Es werden in dieser Angelegenheit noch einige außerordentlich wichtige Tatsachen zutage kommen, wichtig besonders für Sie und jedenfalls sehr interessant. Meiner Meinung nach müssen Sie dieselben kennenlernen, und es wird Ihnen vielleicht selbst angenehmer sein, wenn die Sache vollständig aufgeklärt wird…«

Burdowskij setzte sich schweigend wieder hin, ließ den Kopf ein wenig herunterhängen und schien tief in Gedanken versunken. Nach ihm setzte sich auch Lebedews Neffe wieder, der ebenfalls aufgestanden war, um ihn zu begleiten; er hatte zwar nicht den Kopf verloren und von seiner Dreistigkeit nichts eingebüßt, war aber offenbar stark betroffen. Ippolit machte ein finsteres Gesicht, war traurig und, wie es schien, sehr erstaunt. In diesem Augenblick mußte er übrigens so heftig husten, daß er sogar sein Taschentuch mit Blut befleckte. Der Boxer war ganz erschrocken.

»Ach, Antip«, rief er trübselig, »ich hatte dir ja damals… vorgestern gesagt, daß du vielleicht gar nicht Pawlischtschews Sohn bist!«

Man hörte verhaltenes Lachen, zwei oder drei der Anwesenden lachten lauter als die andern.

»Das Faktum, das Sie uns soeben mitteilten, Herr Keller«, begann Gawrila Ardalionowitsch wieder, »ist sehr wertvoll. Nichtsdestoweniger bin ich auf Grund zuverlässiger Tatsachen völlig zu der Behauptung berechtigt, daß Herrn Burdowskij zwar natürlich der Zeitpunkt seiner Geburt sehr wohl bekannt war, nicht aber der Aufenthalt Pawlischtschews im Ausland, wo dieser den größten Teil seines Lebens zubrachte und von wo er nach Rußland immer nur auf kurze Zeit zurückkehrte. Außerdem ist auch das Faktum seiner damaligen Abreise an sich so wenig auffallend, daß nach mehr als zwanzig Jahren selbst seine nahen Bekannten sich nicht daran erinnern konnten, ganz zu schweigen von Herrn Burdowskij, der damals noch gar nicht geboren war. Natürlich erwies es sich jetzt keineswegs als unmöglich, Nachforschungen anzustellen; aber ich muß bekennen, daß die Feststellungen, zu denen ich gelangte, mir nur ganz zufällig gelungen sind und ebensogut hätten mißlingen können. Für Herrn Burdowskij und sogar für Tschebarow waren diese Feststellungen tatsächlich fast unmöglich, selbst wenn es ihnen in den Sinn gekommen wäre, solche Nachforschungen anzustellen. Aber möglicherweise ist es ihnen gar nicht in den Sinn gekommen…«

»Erlauben Sie, Herr Iwolgin«, unterbrach ihn plötzlich Ippolit gereizt, »welchen Zweck soll dieser ganze Galimathias haben (verzeihen Sie den Ausdruck)? Die Sache ist jetzt aufgeklärt, wir erkennen die wichtigste Tatsache als richtig an; wozu also die peinliche, verletzende Angelegenheit noch weiter breittreten? Sie möchten vielleicht mit der Geschicklichkeit Ihrer Untersuchungen prahlen, sich uns und dem Fürsten gegenüber als tüchtiger Spion und Detektiv aufspielen? Oder beabsichtigen Sie, Herrn Burdowskij durch den Nachweis zu entschuldigen und zu rechtfertigen, daß er sich nur aus Unwissenheit auf die Sache eingelassen hat? Aber das ist eine Dreistigkeit, mein Herr! Burdowskij bedarf dessen nicht, von Ihnen gerechtfertigt und entschuldigt zu werden; das mögen Sie wissen! Er fühlt sich verletzt, die Sache ist ihm ohnehin jetzt peinlich, er befindet sich in einer unbehaglichen Lage, das sollten Sie merken und verstehen…«

»Genug, Herr Terentjew, genug!« gelang es endlich Gawrila Ardalionowitsch, ihn zu unterbrechen. »Beruhigen Sie sich, regen Sie sich nicht auf; Sie scheinen ja doch recht krank zu sein. Sie tun mir sehr leid. Wenn Sie es also wünschen, so schließe ich, das heißt, ich sehe mich genötigt, diejenigen Tatsachen, deren vollständige und auf Beweise gestützte Kenntnis meines Erachtens nicht überflüssig sein würde, nur noch in aller Kürze mitzuteilen«, fügte er hinzu, als er eine allgemeine Bewegung wahrnahm, die wie Ungeduld aussah. »Ich möchte nur allen, die sich für die Sache interessieren, zur Kenntnis bringen, daß Ihre Mutter, Herr Burdowskij, lediglich deswegen Herrn Pawlischtschews Wohlwollen und Fürsorge genoß, weil sie die Schwester jenes Gutsmädchens war, in das Nikolai Andrejewitsch Pawlischtschew seit seiner Jugend so verliebt war, daß er sie unzweifelhaft geheiratet hätte, wenn sie nicht frühzeitig gestorben wäre. Ich habe Beweise dafür, daß diese stille Liebe, so sicher und zuverlässig sie auch feststeht, doch sehr wenig bekannt war und bald in Vergessenheit geriet. Des weiteren könnte ich Ihnen darlegen, daß Ihre Mutter schon als zehnjähriges Kind von Herrn Pawlischtschew wie eine Verwandte zur Erziehung angenommen wurde, daß ihr eine beträchtliche Mitgift ausgesetzt wurde und daß all diese Fürsorge bei Pawlischtschews zahlreicher Verwandtschaft sehr beunruhigende Gerüchte hervorrief, man dachte sogar, er werde seine Pflegetochter heiraten; aber die Sache endete damit, daß sie aus Neigung (und das könnte ich Ihnen auf das schlagendste beweisen) im Alter von zwanzig Jahren den Feldmesser Herrn Burdowskij heiratete. Ich habe nun mehrere zuverlässige Tatsachen zusammengebracht zum Beweis, daß Ihr Vater, Herr Burdowskij, der durchaus kein erfahrener Geschäftsmann war, nach Empfang der Mitgift Ihrer Mutter im Betrage von fünfzehntausend Rubel den Dienst quittierte, sich auf kaufmännische habe sie ebenfalls darüber in Unkenntnis gelassen), daß auch Sie, ihr Sohn, sich im Bann dieses Gerüchtes befanden. Ich fand Ihre hochverehrte Mutter, Herr Burdowskij, in Pskow krank und in ärgster Armut, in die sie durch Pawlischtschews Tod geraten ist. Mit Tränen der Dankbarkeit teilte sie mir mit, daß sie nur durch Sie und Ihre Hilfe ihr Leben auf der Welt fristet; sie erwartet viel von Ihnen für die Zukunft und glaubt fest an Ihre künftigen Erfolge…«

»Das wird aber nachgerade unerträglich!« erklärte auf einmal Lebedews Neffe laut und ungeduldig. »Was soll denn hier dieser ganze Roman?«

»Ekelhaft! Ganz ungehörig!« sagte Ippolit mit heftigen Körperbewegungen. Burdowskij aber äußerte nichts und rührte sich nicht einmal.

»Was das hier soll?« sagte Gawrila Ardalionowitsch mit schlauer Miene, als wundere er sich sehr, und schickte sich boshaft an, nun seine Resultate darzulegen. »Erstens ist Herr Burdowskij jetzt vielleicht völlig davon überzeugt, daß Herr Pawlischtschew ihn aus Edelmut liebte, und nicht als seinen Sohn. Diese Tatsache mußte Herr Burdowskij erfahren, der vorhin nach dem Vorlesen des Artikels des Herrn Keller sein Einverständnis und seine Billigung aussprach. Ich sage das deswegen, Herr Burdowskij, weil ich Sie für einen anständigen Menschen halte. Zweitens ergibt sich, daß hier nicht die geringste diebische Gaunerei vorliegt, nicht einmal von Tschebarows Seite; das ist auch für mich ein wichtiger Punkt, weil der Fürst vorhin in der Erregung bemerkte, auch ich sei der Ansicht, daß es sich bei dieser Angelegenheit um eine diebische Gaunerei handle. Es bestand vielmehr auf allen Seiten eine feste Überzeugung, und obwohl Tschebarow vielleicht wirklich ein großer Schurke ist, hat er doch in diesem Fall lediglich wie ein erwerbslustiger Winkeladvokat gehandelt. Er hoffte, als Rechtsbeistand ein tüchtiges Stück Geld zu verdienen, und seine Spekulation war nicht nur fein und meisterhaft, sondern auch sehr richtig: er baute auf die Leichtigkeit, mit der der Fürst Geld ausgab, und auf das Gefühl der Dankbarkeit und Verehrung, das er für den verstorbenen Pawlischtschew hegte; er baute ferner (was das wichtigste ist) auf die bekannten ritterlichen Anschauungen des Fürsten von den Pflichten der Ehre und des Gewissens. Was nun speziell Herrn Burdowskij betrifft, so kann man sagen, daß er infolge seiner eigenen Überzeugung dermaßen der Einwirkung Tschebarows und seiner Umgebung unterlag, daß er die Sache fast gar nicht aus persönlichem Interesse unternahm, sondern in der Meinung, damit der Wahrheit, dem Fortschritt und der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Jetzt also, nach Mitteilung dieser Tatsachen, wird es allen klar sein, daß Herr Burdowskij ein reiner Charakter ist, trotz alles gegenteiligen Scheines, und der Fürst kann ihm jetzt noch eher und lieber als vorhin seine freundliche Unterstützung und die tatkräftige Beihilfe anbieten, von der er vorhin sprach, als er von der Schule und von Pawlischtschew redete.«

»Hören Sie auf, Gawrila Ardalionowitsch, hören Sie auf!« rief der Fürst in wirklichem Schrecken. Aber es war schon zu spät.

»Ich habe gesagt, ich habe schon dreimal gesagt«, rief Burdowskij in gereiztem Ton, »daß ich kein Geld will. Ich nehme es nicht an… wozu… ich will nicht… fort von hier!«

Er wollte eilends die Veranda verlassen. Aber Lebedews Neffe bekam ihn noch am Arm zu fassen und flüsterte ihm etwas zu. Burdowskij kehrte schnell zurück, zog ein offenes Kuvert großen Formats aus der Tasche und warf es auf ein Tischchen, das neben dem Fürsten stand.

»Da ist das Geld!… Wagen Sie es nicht… wagen Sie es nicht!… Da ist das Geld!«

»Es sind die zweihundertfünfzig Rubel, die Sie ihm durch Tschebarow als Almosen zu schicken wagten«, fügte Doktorenko erläuternd hinzu.

»In dem Artikel war gesagt: fünfzig!« rief Kolja.

»Ich bitte Sie um Entschuldigung!« sagte der Fürst, indem er an Burdowskij herantrat. »Ich habe Ihnen schweres Unrecht getan, Burdowskij, aber ich habe es Ihnen nicht als Almosen geschickt, glauben Sie mir! Ich habe Ihnen auch jetzt Unrecht getan, vorhin.« (Der Fürst war sehr niedergeschlagen, er sah müde und schwach aus, und seine Worte waren unzusammenhängend.) »Ich sprach von Gaunerei… aber das bezog sich nicht auf Sie, ich habe mich geirrt. Ich sagte, daß Sie ebenso ein kranker Mensch seien wie ich. Aber Sie sind nicht ebenso wie ich; Sie geben ja Stunden und unterstützen Ihre Mutter. Ich sagte, Sie brächten Ihre Mutter in Unehre; aber Sie lieben sie, sie sagt es selbst… ich wußte das nicht… Gawrila Ardalionowitsch hatte mir vorhin noch nicht alles mitgeteilt… ich habe unrecht getan. Ich wagte es, Ihnen zehntausend Rubel anzubieten, aber das war unrecht von mir; ich hätte es in anderer Weise machen müssen, aber jetzt… geht es nicht mehr, weil Sie mich verachten…«

»Aber das ist ja das reine Irrenhaus!« rief Lisaweta Prokofjewna.

»Gewiß, es ist ein Irrenhaus!« sagte Aglaja, die sich nicht mehr beherrschen konnte, in scharfem Ton.

Aber ihre Worte gingen in dem allgemeinen Lärm unter; alle redeten jetzt laut und gaben ihr Urteil ab: der eine disputierte, der andere lachte. Iwan Fjodorowitsch Jepantschin war im höchsten Grade empört und wartete mit einer Miene gekränkter Würde auf Lisaweta Prokofjewna. Lebedews Neffe gab noch ein letztes Wort hinzu:

»Ja, Fürst, man muß Ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, Sie verstehen es gut, Ihre… na, sagen wir Krankheit (um es anständiger auszudrücken) auszunützen; Sie haben Ihre Freundschaft und Ihr Geld in so geschickter Form anzubieten verstanden, daß es jetzt einem anständigen Menschen absolut unmöglich ist, sie anzunehmen. Das ist entweder äußerst naiv oder äußerst raffiniert… Sie werden es übrigens am besten wissen.«

»Erlauben Sie, meine Herren«, rief Gawrila Ardalionowitsch, der mittlerweile das Kuvert mit dem Geld aufgemacht hatte, »hier sind gar nicht zweihundertfünfzig Rubel drin, sondern nur hundert. Ich sage das deshalb, Fürst, damit daraus nicht irgendein Mißverständnis entsteht.«

»Lassen Sie, lassen Sie!« wehrte der Fürst mit einer Handbewegung des Widerwillens ab.

»Nein, nicht ›Lassen Sie!‹« fiel Lebedews Neffe sofort ein. »Ihr ›Lassen Sie!‹ ist für uns beleidigend, Fürst. Wir verstecken uns nicht, wir sprechen es offen aus: ja, es sind nur hundert Rubel drin und nicht zweihundertfünfzig, aber ist das nicht ganz gleich…«

»N-nein, ganz gleich ist das nicht«, wandte Gawrila Ardalionowitsch schnell mit der Miene naiver Verwunderung ein.

»Unterbrechen Sie mich nicht! Wir sind nicht solche Dummköpfe, wie Sie glauben, Herr Advokat!« rief Lebedews Neffe boshaft und ärgerlich. »Selbstverständlich sind hundert Rubel nicht zweihundertfünfzig Rubel, und das ist nicht ganz gleich, aber das Wichtige ist dabei das Prinzip; der leitende Gedanke ist hier wichtig, und daß hundertfünfzig Rubel fehlen, ist nur ein zufälliger Begleitumstand. Wichtig ist, daß Burdowskij Ihr Almosen nicht annimmt, Durchlaucht, daß er es Ihnen ins Gesicht wirft, und bei dieser Handlungsweise ist es ganz gleich, ob es hundert oder zweihundertfünfzig Rubel sind. Burdowskij hat die zehntausend Rubel nicht angenommen, das haben Sie gesehen; er würde auch die hundert Rubel nicht wiederbringen, wenn er ein Mensch ohne Ehre wäre! Die hundertfünfzig Rubel sind für Tschebarows Reise zum Fürsten verausgabt worden. Machen Sie sich lieber über unsere Ungeschicklichkeit, über unsere unpraktische Art, die Sache anzugreifen, lustig; Sie haben sich ja ohnehin aus allen Kräften bemüht, uns lächerlich zu machen; aber wagen Sie nicht zu sagen, daß wir kein Ehrgefühl besäßen! Die fehlenden hundertfünfzig Rubel, mein Herr, werden wir alle zusammen dem Fürsten zurückerstatten, zwar vielleicht nur rubelweise, aber mit Zinsen. Burdowskij ist arm, Burdowskij besitzt keine Millionen, und Tschebarow reichte nach der Reise seine Rechnung ein. Wir hatten auf einen Gewinn gehofft… Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt?«

»Anders als wer?« rief Fürst Schtsch.

»Ich werde hier noch verrückt!« rief Lisaweta Prokofjewna.

»Das erinnert«, bemerkte lachend Jewgenij Pawlowitsch, der lange dagestanden und nur beobachtet hatte, »an eine berühmte Verteidigungsrede, die ein Advokat kürzlich hielt. Er betonte als Milderungsgrund die Armut seines Klienten, der sechs Menschen mit einemmal ermordet hatte, um sie auszurauben, und schloß plötzlich folgendermaßen: ›Es ist ganz natürlich, daß meinem Klienten bei seiner Armut der Gedanke kam, diese sechs Menschen zu ermorden; wem wäre an seiner Stelle nicht derselbe Gedanke gekommen?‹ Etwa in dieser Art, jedenfalls sehr amüsant.«

»Genug!« rief plötzlich, vor Zorn zitternd, Lisaweta Prokofjewna. »Es ist Zeit, diesem Galimathias ein Ende zu machen!…«

Sie befand sich in furchtbarer Aufregung, warf den Kopf drohend zurück und ließ ungeduldig, hochmütig und herausfordernd ihren funkelnden Blick über die ganze Gesellschaft hinschweifen, wobei sie in diesem Augenblick kaum Freund und Feind unterschied. Sie war auf jenem Punkt lange zurückgehaltenen, aber nun endlich losbrechenden Zornes angelangt, wo man sich zu sofortigem Kampf gedrängt fühlt und das Bedürfnis verspürt, unverzüglich über jemand herzufallen. Wer Lisaweta Prokofjewna kannte, mußte sogleich merken, daß mit ihr etwas Besonderes vorging. Iwan Fjodorowitsch sagte am nächsten Tag zum Fürsten Schtsch.: »Das kommt ja bei ihr manchmal vor, aber in dem Grade wie gestern doch nur sehr selten, so alle drei Jahre einmal, aber nicht öfter, nicht öfter!« fügte er erläuternd hinzu.

»Genug, Iwan Fjodorowitsch! Lassen Sie mich!« rief Lisaweta Prokofjewna. »Warum bieten Sie mir jetzt Ihren Arm? Vorhin verstanden Sie nicht, den richtigen Zeitpunkt wahrzunehmen, um mich wegzuführen; Sie sind der Mann, Sie sind das Oberhaupt der Familie; Sie mußten mich Närrin am Ohr wegführen, wenn ich nicht auf Sie hörte und wegging. Und wenigstens sollten Sie für Ihre Töchter sorgen! Aber jetzt werden wir auch ohne Sie den Weg finden; Anlaß, uns zu schämen, haben wir jetzt für ein ganzes Jahr genug … Warten Sie noch einen Augenblick; ich möchte mich erst noch beim Fürsten bedanken!… Ich danke dir, Fürst, für die gastliche Aufnahme! Und ich hatte mich hier behaglich hergesetzt, um die Jugend reden zu hören… Das ist eine Gemeinheit, eine Gemeinheit! Das ist ja ein Unfug, ein Wirrwarr; so etwas sieht man ja nicht einmal im Traum! Gibt es denn wirklich viele solche Menschen?… Schweig still, Aglaja! Schweig still, Alexandra! Das ist nicht eure Sache!… Drehen Sie sich nicht immer neben mir hin und her, Jewgenij Pawlowitsch, Sie sind mir ganz zuwider geworden!… Also du, mein Lieber, bittest diese Menschen noch um Verzeihung«, fuhr sie, sich wieder an den Fürsten wendend, fort. »›Verzeihen Sie‹, sagst du, ›daß ich Ihnen ein Kapital anzubieten gewagt habe!‹… Und du Schwadroneur, was hast du denn zu lachen?« fuhr sie plötzlich auf Lebedews Neffen los. »Du sagst: ›Wir verzichten auf das Kapital; wir bitten nicht, sondern wir fordern!‹ Als ob er nicht wüßte, daß dieser Idiot gleich morgen wieder zu ihnen hinlaufen wird, um ihnen seine Freundschaft und sein Geld anzubieten! Du wirst ja doch wohl hingehen? Wirst du hingehen? Ja oder nein?«

»Ja, ich werde hingehen«, antwortete der Fürst leise und demütig.

»Na, da hört ihr’s! Darauf rechnest du ja auch bloß!« wandte sie sich wieder zu Doktorenko, »jetzt hast du das Geld schon so gut wie in der Tasche, und da schwadronierst du, um uns Sand in die Augen zu streuen… Nein, Verehrtester, da mußt du dir andere suchen, die dümmer sind als ich, ich durchschaue euch durch und durch … ich verstehe euer ganzes Spiel!«

»Lisaweta Prokofjewna!« rief der Fürst.

»Kommen Sie weg von hier, Lisaweta Prokofjewna, es ist hohe Zeit; auch den Fürsten wollen wir mitnehmen«, sagte Fürst Schtsch. lächelnd in möglichst ruhigem Ton.

Die Mädchen standen ängstlich abseits, der General war ganz erschrocken, überhaupt waren alle erstaunt. Einige, die etwas weiter entfernt standen, lächelten heimlich und flüsterten untereinander; Lebedews Gesicht drückte den höchsten Grad des Entzückens aus.

»Häßlichen Wirrwarr findet man in der ganzen Welt, gnädige Frau«, sagte Lebedews Neffe, der gleichfalls nicht wenig betroffen war.

»Aber nicht einen so argen! Nicht einen so argen, lieber Freund, wie jetzt bei euch, nicht einen so argen!« rief Lisaweta Prokofjewna, gleichsam schadenfroh und wie in einem hysterischen Anfall. »So laßt mich doch in Ruhe!« schrie sie denen, die auf sie einredeten, zu. »Nein, wenn Sie schon erzählen, Jewgenij Pawlowitsch, daß sogar ein Verteidiger vor Gericht erklärt hat, es sei nichts natürlicher, als aus Gewissens Gutes getan habe. Und du hast ja doch nur auf seine Dankbarkeit gegen Pawlischtschew deine Spekulation gegründet; er hat ja doch von dir kein Geld geborgt und ist dir nichts schuldig; also worauf hast du denn sonst gerechnet als auf seine Dankbarkeit? Wie kannst du dich denn da selbst von ihr lossagen? Ihr Verrückten! Ihr nennt die menschliche Gesellschaft roh und inhuman, weil sie ein verführtes Mädchen ächtet; aber wenn ihr die menschliche Gesellschaft als inhuman bezeichnet, so erklärt ihr damit doch, daß diesem Mädchen von dieser Gesellschaft ein Schmerz zugefügt wird. Wenn das aber für sie ein Schmerz ist, wie könnt ihr sie dann selbst in den Zeitungen vor eben dieser Gesellschaft an den Pranger stellen und verlangen, daß das für sie kein Schmerz sein soll? Ihr Verrückten! Ihr eitlen Menschen! Ihr glaubt nicht an Gott, ihr glaubt nicht an Christus! Eitelkeit und Stolz haben eure Seelen so zerfressen, daß ihr schließlich noch einer den andern auffressen werdet, das sage ich euch voraus! Ist das nicht ein Unsinn, ein Wirrwarr, ein Skandal? Und trotz alledem wird dieser verdrehte Mensch noch zu ihnen hingehen und sie um Verzeihung bitten! Gibt es denn viele solche Leute wie euch? Was lächelt ihr? Weil ich mich mit euch so gemein gemacht habe? Das ist nun einmal geschehen; daran ist nichts mehr zu ändern!… Lächle du mich nicht so an, du frecher Bube!« (Sie stürzte plötzlich auf Ippolit los.) »Er kann kaum noch atmen und verdirbt andere! Du hast mir diesen Jungen hier verdorben« (sie zeigte wieder auf Kolja); »er schwärmt immer von dir; du unterweist ihn im Atheismus, du glaubst nicht an Gott; und dabei stehst du in einem Alter, daß du noch Hiebe bekommen könntest, mein Verehrter! Pfui über euch!… Also, Fürst Lew Nikolajewitsch, wirst du wirklich morgen zu ihnen hingehen, ja?« fragte sie wieder, fast atemlos, den Fürsten.

»Ja, ich werde hingehen.«

»Dann kenne ich dich nicht mehr!« Sie drehte sich schnell um, um wegzugehen, kehrte aber plötzlich wieder zurück. »Wirst du auch zu diesem Atheisten gehen?« Sie zeigte auf Ippolit. »Aber warum lächelst du denn über mich?« schrie sie mit fremdartig klingender Stimme und stürzte auf Ippolit los, dessen spöttisches Lächeln sie nicht ertragen konnte.

»Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna! Lisaweta Prokofjewna!« wurde von allen Seiten zugleich gerufen.

»Maman, das ist eine Schande!« rief Aglaja laut.

»Beunruhigen Sie sich nicht, Aglaja Iwanowna!« antwortete Ippolit ruhig; Lisaweta Prokofjewna hatte ihn am Arm gepackt und hielt diesen aus nicht recht verständlichem Grunde fest; sie stand vor ihm und durchbohrte ihn förmlich mit ihrem wütenden Blick. »Beunruhigen Sie sich nicht! Ihre Mama wird schon selbst zu der Einsicht kommen, daß man sich an einem Sterbenden nicht vergreifen darf… Ich bin bereit, eine Erklärung darüber abzugeben, warum ich gelacht habe…, und werde mich sehr freuen, wenn man es mir verstattet…«

Hier überfiel ihn plötzlich ein heftiger Husten, den er eine ganze Minute lang nicht stillen konnte.

»Er ist schon im Verscheiden und hält immer noch Reden!« rief Lisaweta Prokofjewna. Sie ließ seinen Arm los und sah erschrocken, wie er sich das Blut von den Lippen wischte. »Wozu willst du noch reden? Du mußt einfach hingehen und dich ins Bett legen…«

»Das wird auch geschehen«, erwiderte Ippolit leise, fast flüsternd, mit heiserer Stimme. »Sobald ich heute nach Hause komme, werde ich mich gleich hinlegen … binnen vierzehn Tagen werde ich sterben, das weiß ich… In der vorigen Woche hat es mir B-n selbst gesagt… Also wenn Sie gestatten, möchte ich Ihnen noch ein paar Worte zum Abschied sagen.«

»Aber hast du denn den Verstand verloren? Was? Das ist ja Unsinn! In ärztliche Behandlung mußt du; was hat es für Sinn, jetzt Gespräche zu führen! Geh, geh und leg dich ins Bett!…« rief Lisaweta Prokofjewna erschrocken.

»Wenn ich mich hinlege, so werde ich ja bis zu meinem Tode nicht wieder aufstehen«, versetzte Ippolit lächelnd. »Ich wollte mich schon gestern hinlegen, um vor dem Tode nicht wieder aufzustehen, verschob es aber um zwei Tage, solange mich die Beine noch tragen … um heute mit denen hierherzugehen… Aber ich bin sehr müde…«

»So setz dich doch, setz dich doch! Warum stehst du? Da hast du einen Stuhl!« rief Lisaweta Prokofjewna eifrig und schob ihm selbst einen Stuhl hin.

»Ich danke Ihnen«, fuhr Ippolit leise fort. »Setzen Sie sich mir gegenüber, dann wollen wir miteinander sprechen… Wir müssen unbedingt miteinander sprechen, Lisaweta Prokofjewna, jetzt bestehe ich darauf…« Er lächelte wieder. »Bedenken Sie, daß ich heute zum letztenmal in der freien Luft und unter Menschen bin und in zwei Wochen aller Wahrscheinlichkeit nach in der Erde liegen werde. Also wird das eine Art Abschied von den Menschen und von der Natur sein. Ich bin zwar nicht sehr sentimental, aber denken Sie sich: ich freue mich doch sehr, daß sich dies alles gerade hier in Pawlowsk zugetragen hat; man sieht hier doch wenigstens einen grünen Baum.«

»Aber wozu willst du denn jetzt ein Gespräch führen?« wandte Lisaweta Prokofjewna ein, die immer ängstlicher wurde. »Du fieberst ja vollständig. Vorhin kreischtest und quiektest du, und jetzt bekommst du kaum Luft und bist am Ersticken!«

»Ich werde mich gleich wieder erholen. Warum wollen Sie mir meinen letzten Wunsch abschlagen? …Wissen Sie, ich habe schon lange im stillen davon phantasiert, mit Ihnen einmal zusammenzukommen, Lisaweta Prokofjewna; ich habe viel von Ihnen gehört… durch Kolja; der ist ja fast der einzige, der mich nicht verlassen hat… Sie sind eine eigenartige Frau, eine exzentrische Frau, das habe ich jetzt selbst gesehen… Wissen Sie wohl, daß ich Sie sogar ein bißchen geliebt habe?«

»O Gott, und ich hätte ihn wahrhaftig beinah geschlagen!«

»Aglaja Iwanowna hat Sie davon zurückgehalten. Ich irre mich doch nicht? Das ist doch Ihre Tochter Aglaja Iwanowna? Sie ist so schön, daß ich vorhin gleich beim ersten Blick vermutete, sie sei es, obwohl ich sie niemals gesehen habe. Lassen Sie mich wenigstens zum letztenmal in meinem Leben eine wirkliche Schönheit sehen!« fügte Ippolit mit einem ungeschickten, schiefen Lächeln hinzu. »Es ist ja auch der Fürst hier und Ihr Gemahl und die ganze Gesellschaft. Warum wollen Sie mir meinen letzten Wunsch abschlagen?«

»Einen Stuhl!« rief Lisaweta Prokofjewna, aber sie ergriff selbst einen und setzte sich Ippolit gegenüber hin. »Kolja!« befahl sie, »brich gleich mit ihm auf und bring ihn nach Hause, und morgen werde ich bestimmt selbst…«

»Wenn Sie erlauben, würde ich den Fürsten um eine Tasse Tee bitten… Ich bin sehr müde. Wissen Sie was, Lisaweta Prokofjewna, Sie wollten ja wohl den Fürsten zum Teetrinken mit zu sich nach Hause nehmen: bleiben Sie doch hier, lassen Sie uns eine Weile zusammensein; der Fürst wird gewiß uns allen, die wir hier sind, Tee geben lassen. Verzeihen Sie, daß ich solche Anordnungen treffe!… Aber ich kenne Sie ja, Sie sind eine gute Frau, und auch der Fürst ist ein guter Mensch… wir sind sämtlich lächerlich gute Leute…«

Der Fürst geriet in geschäftige Bewegung; Lebedew stürzte Hals über Kopf davon, Wera lief hinter ihm her.

»Sei es so!« stimmte die Generalin ihm kurz bei. »Rede, aber leise, und rege dich nicht auf! Du tust mir leid!… Fürst, du verdienst nicht, daß ich bei dir Tee trinke; aber ich will meinetwegen hierbleiben, obwohl ich niemand um Verzeihung bitte, niemand! Unsinn! Übrigens, wenn ich vorhin auf dich geschimpft habe, so verzeih mir das … das heißt, wenn du willst. Übrigens will ich niemand hier zurückhalten«, wandte sie sich mit höchst zorniger Miene an ihren Mann und an ihre Töchter, als ob auch diese ihr irgendein schweres Unrecht angetan hätten. »Ich kann auch allein nach Hause zurückgehen…«

Aber man ließ sie nicht zu Ende sprechen. Alle traten heran und umringten sie dienstfertig. Der Fürst bat sofort alle, zum Tee dazubleiben, und entschuldigte sich, daß er bisher nicht daran gedacht habe. Selbst der General war so liebenswürdig, ein paar Worte zur Beruhigung zu murmeln und Lisaweta Prokofjewna freundlich zu fragen, ob es ihr auf der Veranda auch nicht zu kühl sei. Er setzte sogar schon dazu an, Ippolit zu fragen, ob er schon lange auf der Universität sei, tat es aber doch nicht. Jewgenij Pawlowitsch und Fürst Schtsch. wurden auf einmal sehr liebenswürdig und heiter, und auf Adelaidas und Alexandras Gesichtern wurde durch das fortdauernde Erstaunen hindurch sogar ein Ausdruck von Zufriedenheit sichtbar; kurz, alle waren augenscheinlich froh, daß die Krisis bei Lisaweta Prokofjewna vorüber war. Nur Aglaja machte ein finsteres Gesicht und setzte sich schweigend abseits. Auch die ganze übrige Gesellschaft blieb da; keiner wollte fortgehen, nicht einmal General Iwolgin, dem Lebedew im Vorübergehen etwas zuflüsterte, wahrscheinlich nichts sehr Angenehmes, da der General sogleich in einen Winkel verschwand. Der Fürst trat mit seiner Einladung auch an Burdowskij und dessen Begleitung heran, ohne jemand zu übergehen. Sie murmelten mit gezwungener Miene, sie würden auf Ippolit warten, und zogen sich sofort nach dem fernsten Winkel der Veranda zurück, wo sie sich wieder alle in einer Reihe hinsetzten. Wahrscheinlich war der Tee in Lebedews Wohnung schon lange für die Familie fertig, denn er wurde sofort gebracht. Es schlug elf Uhr.

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Kapitel 15

XV

Das Stubenmädchen Katja kam ganz erschrocken herein.

»Da geht etwas ganz Tolles vor, Nastasja Filippowna, es sind etwa zehn Menschen eingedrungen, ganz betrunken, sie wollen vorgelassen werden, sie sagen, es sei Rogoshin, und Sie wüßten schon Bescheid.«

»Es ist richtig, Katja, laß sie alle sogleich herein!«

»Wirklich … alle, Nastasja Filippowna? Die Leute sehen gar zu schlimm aus. Es ist schauderhaft!«

»Laß sie nur alle herein, Katja, alle, fürchte dich nicht, alle ohne Ausnahme; sonst kommen sie ohne deine Erlaubnis herein. Da, was sie für einen Lärm machen, gerade wie schon einmal heute! Meine Herrschaften«, wandte sie sich an die Gäste, »Sie verübeln es mir vielleicht, daß ich in Ihrer Gegenwart eine solche Gesellschaft empfange? Ich bedaure es sehr und bitte um Verzeihung, aber es muß sein, und es wäre mir auch sehr erwünscht, wenn Sie alle einwilligten, bei dieser bevorstehenden Entscheidung meine Zeugen zu sein. Indessen, ganz wie es Ihnen beliebt …«

Die Gäste kamen aus dem Staunen nicht heraus, sie flüsterten und wechselten Blicke miteinander, aber es war ganz klar, daß dies alles vorher überlegt und vorher arrangiert war und daß Nastasja Filippowna, obgleich sie wirklich den Verstand verloren haben mochte, sich jetzt von ihrem Vorhaben nicht würde abbringen lassen. Alle waren außerordentlich gespannt. Überdies hatte niemand etwas Besonderes zu fürchten. Damen waren nur zwei anwesend: Darja Alexejewna, die gewandte Dame, die schon mancherlei in der Welt gesehen hatte und nicht leicht in Verlegenheit zu bringen war, und die schöne, aber schweigsame Unbekannte. Aber die schweigsame Unbekannte konnte fast nichts verstehen: sie war eine zugereiste Deutsche und konnte nicht Russisch; außerdem war sie, wie es schien, ebenso dumm, wie sie schön war. Sie war erst vor kurzem angekommen, aber es war schon üblich geworden, sie zu gewissen Abendgesellschaften einzuladen, bei denen sie dann in reichster Toilette und wie zu einer Ausstellung frisiert erschien und wie ein entzückendes Bild zur Verschönerung des Abends ihren Platz erhielt, gerade wie manche Leute sich für ihre Gesellschaften für einen Abend von Bekannten ein Gemälde, eine Vase, eine Statue oder einen Ofenschirm leihen. Was jedoch die Männer anlangte, so war Ptizyn mit Rogoshin befreundet; Ferdyschtschenko fühlte sich wie ein Fisch im Wasser; Ganjetschka konnte immer noch nicht recht zu sich kommen, indes empfand er dunkel ein unüberwindliches, glühendes Verlangen, bis zum Ende an seinem Schandpfahl auszuhalten; der alte Lehrer, der von den Vorgängen nur wenig verstand, weinte beinah und zitterte buchstäblich vor Furcht, da er bei den andern und Nastasja Filippowna, die er wie seine Enkelin vergötterte, eine so ungewöhnliche Aufregung wahrnahm; aber er wäre eher gestorben, als daß er sie in einem solchen Augenblick verlassen hätte. Was Afanassij Iwanowitsch betrifft, so durfte er sich allerdings bei solchen Affären nicht kompromittieren, aber er war an der Angelegenheit zu sehr interessiert, obwohl sie eine so sinnlose Wendung genommen hatte; auch hatte Nastasja Filippowna ein paar derartige, ihn betreffende Bemerkungen fallenlassen, daß er unmöglich gehen konnte, bevor die Sache vollständig aufgeklärt war. Er entschied sich dafür, bis zu Ende sitzen zu bleiben, nunmehr gänzlich zu schweigen und nur den Beobachter zu spielen, ein Verhalten, das auch seine Würde sicherlich verlangte. Nur für General Jepantschin, der schon soeben durch die so ungenierte, lächerliche Rückgabe seines Geschenkes gekränkt worden war, bestand die Möglichkeit, daß er durch alle diese seltsamen Exzentrizitäten oder auch durch Rogoshins Erscheinen noch weiter beleidigt wurde; auch hatte ein Mann wie er ohnehin schon eine zu weit gehende Herablassung gezeigt, indem er sich entschlossen hatte, sich neben einen Ptizyn und einen Ferdyschtschenko zu setzen, aber die Wirkung der Leidenschaft mußte doch endlich aufgehoben und überwogen werden durch das Gefühl der Pflicht, durch das Bewußtsein seines Ranges und seiner gesellschaftlichen Stellung sowie überhaupt durch die Selbstachtung, so daß ein Rogoshin mit seiner Gesellschaft jedenfalls in Gegenwart Seiner Exzellenz ein Ding der Unmöglichkeit war.

»Ach, General«, unterbrach ihn Nastasja Filippowna sogleich, als er sich mit einer Erklärung dieser Art an sie wandte, »das hatte ich im Augenblick vergessen! Aber seien Sie überzeugt, daß ich Ihre Bedenken vorhergesehen habe. Wenn es Ihnen so peinlich ist, bestehe ich nicht darauf, daß Sie hierbleiben, und will Sie nicht zurückhalten, obwohl es mir höchst erwünscht sein würde, gerade Sie jetzt bei mir zu sehen. Jedenfalls danke ich Ihnen sehr für Ihre Bekanntschaft und für die schmeichelhafte Aufmerksamkeit, die Sie mir erwiesen haben, aber wenn Sie fürchten …«

»Erlauben Sie, Nastasja Filippowna«, rief der General in einem Anfall von ritterlichem Edelmut, »zu wem reden Sie so? Schon allein aus Ergebenheit werde ich jetzt bei Ihnen bleiben, und wenn irgendwelche Gefahr bestehen sollte … Außerdem muß ich bekennen, daß ich außerordentlich neugierig bin. Ich wollte nur darauf aufmerksam machen, daß diese Menschen möglicherweise die Teppiche verderben und etwas zerbrechen werden … Meiner Ansicht nach sollten Sie sie überhaupt nicht hereinlassen, Nastasja Filippowna!«

»Da ist Rogoshin selbst!« rief Ferdyschtschenko.

»Wie denken Sie darüber, Afanassij Iwanowitsch?« flüsterte diesem der General schnell zu. »Ob sie nicht den Verstand verloren hat? Das heißt, nicht figürlich gesagt, sondern im eigentlichen medizinischen Sinne, wie?«

»Ich habe Ihnen schon früher gesagt, daß sie von jeher dazu neigte«, flüsterte Afanassij Iwanowitsch schlau zurück.

»Und dazu nun noch das Fieber …«

Rogoshins Gefolge wies fast denselben Bestand auf wie am Tage, hinzugekommen waren nur ein heruntergekommener alter Mann, der seinerzeit Redakteur eines bissigen Skandalblättchens gewesen war und von dem man sich das Geschichtchen erzählte, er habe seine in Gold gefaßten falschen Zähne versetzt und vertrunken, sowie ein verabschiedeter Leutnant, nach seinem Handwerk und seiner Bestimmung ein entschiedener Rivale und Konkurrent des schon am Tage anwesenden Herrn mit den Fäusten; niemand von Rogoshins übrigen Leuten kannte ihn, er war auf der Sonnenseite des Newskij Prospekts aufgelesen worden, wo er die Passanten anhielt und im Marlinskijschen Stil um eine Unterstützung bat, mit der schlauen Bemerkung, er selbst habe seinerzeit jedem Bittsteller fünfzehn Rubel gegeben. Die beiden Konkurrenten nahmen von vornherein eine feindliche Stellung gegeneinander ein. Der schon eher aufgetretene Herr mit den Fäusten hielt sich durch die Aufnahme des »Bittstellers« in die Gesellschaft geradezu für beleidigt, und da er von Natur schweigsam war, brummte er nur manchmal wie ein Bär und blickte mit tiefster Verachtung auf die Schmeicheleien und Scherze, mit denen sich der »Bittsteller«, der sich als eine weltmännische, diplomatische Persönlichkeit erwies, an ihn heranmachte. Seinem Äußern nach ließ der Leutnant erwarten, daß er »bei der Arbeit« mehr durch Geschicklichkeit und Gewandtheit als durch Kraft wirken werde, auch war er von kleinerer Statur als der Herr mit den Fäusten. Taktvoll, ohne in einen offenen Streit einzutreten, aber sehr ruhmredig, hatte er schon mehrmals auf die Vorzüge des englischen Boxens hingewiesen und sich als ein entschiedener Anhänger westeuropäischen Wesens zu erkennen gegeben. Der Herr mit den Fäusten hatte bei dem Wort »Boxen« nur geringschätzig und beleidigend gelächelt und seinerseits, ohne seinen Rivalen eines offenen Streites zu würdigen, zuweilen schweigend und anscheinend unbewußt ein durchaus nationales Naturprodukt gezeigt oder, richtiger gesagt, zum Anschauen vorgestreckt: eine gewaltige, sehnige, knorrige, mit einer Art von rötlichem Flaum bewachsene Faust, und es war allen klargeworden, daß, wenn dieses echt nationale Naturprodukt, ohne danebenzugehen, auf ein Lebewesen niederfiel, von diesem tatsächlich nur ein nasser Fleck übrigblieb.

Im vollen Wortsinn »fertig« war ebenso wie am Tage auch diesmal keiner von ihnen; das war ein Erfolg der persönlichen Bemühungen Rogoshins, dem den ganzen Tag über sein Besuch bei Nastasja Filippowna als Ziel vor Augen geschwebt hatte. Er selbst war wieder fast ganz nüchtern geworden, aber dafür war er beinahe betäubt von all den Eindrücken, die ihm dieser seltsame, mit keinem seiner früheren Lebenstage vergleichbare Tag gebracht hatte. Nur eine Absicht hatte er jede Minute, jede Sekunde im Auge gehabt, im Gedächtnis behalten, im Herzen gehegt, und um dieses Eine auszuführen, hatte er die ganze Zeit von fünf Uhr nachmittags bis elf Uhr abends in größter Aufregung und Unruhe damit verbracht, mit Leuten wie Biskup und Kinder zu verhandeln, die gleichfalls fast den Verstand verloren hatten und in seinem Interesse wie die Besessenen umherrannten. Aber die hunderttausend Rubel in bar, auf die Nastasja Filippowna beiläufig, spöttisch und völlig unklar angespielt hatte, waren doch zusammengebracht worden, allerdings zu Prozenten, von denen sogar Biskup selbst schamhafterweise mit Kinder nicht laut, sondern nur flüsternd sprach.

Rogoshin schritt wie am Tage auch jetzt an der Spitze aller einher, die übrigen gingen hinter ihm, zwar im vollen Bewußtsein ihrer Vorzüge, aber doch einigermaßen ängstlich. Hauptsächlich fürchteten sie sich, Gott weiß weshalb, vor Nastasja Filippowna. Manche von ihnen dachten sogar, man werde sie alle unverzüglich die Treppe hinunterwerfen. Zu denen, die solche Befürchtungen hegten, gehörte unter andern der Stutzer und Herzenbezwinger Saljoshew. Die andern aber, und ganz besonders der Herr mit den Fäusten, hegten, wenn sie es auch nicht laut aussprachen, doch in ihrem Herzen eine tiefe Verachtung, ja einen Haß gegen Nastasja Filippowna und gingen zu ihr, als ob sie gegen eine zu belagernde Stadt vorrückten. Aber die prachtvolle Einrichtung der ersten beiden Zimmer, die kostbaren Gegenstände, wie sie dergleichen nie gesehen hatten, ja nicht einmal vom Hörensagen kannten, die auserlesenen Möbel, die große Venusstatue, alles das rief bei ihnen eine gewisse Ehrfurcht, ja beinah Angst hervor. Das konnte sie aber natürlich alle nicht daran hindern, sich allmählich mit frecher Neugier trotz ihrer Angst hinter Rogoshin her in den Salon zu drängen; aber als der Herr mit den Fäusten, der »Bittsteller« und einige andere den General Jepantschin unter den Gästen bemerkten, wurden sie im ersten Augenblick dermaßen mutlos, daß sie sogar anfingen, sich sachte nach dem andern Zimmer zurückzuziehen. Nur Lebedew, der am meisten Mut und Selbstvertrauen besaß, ging beinah an Rogoshins Seite, denn er wußte, was es bedeutet, ein Kapital von einer Million und vierhunderttausend Rubeln im Besitz und hunderttausend augenblicklich in Händen zu haben. Es muß übrigens hervorgehoben werden, daß sie alle, sogar der sachverständige Lebedew nicht ausgenommen, sich über die Grenzen ihrer Macht einigermaßen im unklaren waren und nicht wußten, ob ihnen jetzt tatsächlich alles erlaubt sei oder nicht. Lebedew hätte in manchen Augenblicken darauf schwören mögen, daß sie jetzt alles wagen dürften, aber in andern empfand er ein unruhiges Bedürfnis, sich im stillen für alle Fälle an einige Paragraphen der Gesetzsammlung, und namentlich an solche ermutigenden und beruhigenden Inhalts, zu erinnern.

Auf Rogoshin machte Nastasja Filippownas Salon den entgegengesetzten Eindruck wie auf alle seine Gefährten. Kaum hatte er die Portiere zurückgeschlagen und Nastasja Filippowna erblickt, als alles übrige für ihn zu existieren aufhörte, gerade wie am Morgen, sogar in noch höherem Grade als vorhin. Er wurde blaß und blieb einen Augenblick stehen; man konnte erraten, daß sein Herz furchtbar klopfte. Schüchtern und fassungslos sah er einige Sekunden lang Nastasja Filippowna mit unverwandten Blicken an. Auf einmal ging er, als wäre ihm alle Denkkraft abhanden gekommen, beinah schwankend an den Tisch heran; unterwegs stieß er an Ptizyns Stuhl und trat mit seinen schmutzigen Stiefeln auf den Spitzenbesatz des prachtvollen himmelblauen Kleides der schweigsamen, schönen Deutschen, aber er entschuldigte sich nicht und hatte es gar nicht bemerkt. Als er zum Tisch gelangt war, legte er einen sonderbaren Gegenstand darauf hin, den er beim Betreten des Salons in beiden Händen vor sich gehalten hatte. Es war ein großes Päckchen, drei Werschok in der Höhe und vier in der Länge, dicht und fest in eine Nummer der Börsennachrichten eingeschlagen und straff von allen Seiten und zweimal über Kreuz mit einem Bindfaden zusammengebunden, von der Art, wie man ihn zum Umschnüren von Zuckerhüten gebraucht. Dann stand er, ohne ein Wort zu sagen, mit herabhängenden Armen da, als erwartete er sein Urteil. Sein Anzug war ganz derselbe wie am Tage, nur hatte er jetzt ein ganz neues seidenes Tuch um den Hals, hellgrün mit Rot, ferner trug er eine große Brillantnadel, die einen Käfer darstellte, und an dem schmutzigen Ringfinger der rechten Hand einen massiven Brillantring. Lebedew ging nicht bis an den Tisch heran, sondern blieb in einer Entfernung von drei oder vier Schritten stehen; die übrigen, wie schon gesagt, sammelten sich allmählich im Salon. Katja und Pascha, die beiden Stubenmädchen Nastasja Filippownas, waren auch herbeigelaufen, um hinter den ein wenig aufgehobenen Portieren hervor mit tiefem Erstaunen und großer Angst zuzusehen.

»Was ist das?« fragte Nastasja Filippowna, indem sie ihre Blicke unverwandt und neugierig auf Rogoshin richtete und mit den Augen auf das Päckchen hinwies.

»Hunderttausend Rubel«, antwortete dieser fast flüsternd.

»Ah, er hat also Wort gehalten! Na, so ein Mensch. Setzen Sie sich bitte, da, auf diesen Stuhl; ich werde Ihnen nachher etwas sagen. Wen haben Sie da bei sich? Das ist wohl die ganze Gesellschaft von vorhin? Nun, sie sollen hereinkommen und Platz nehmen, dort auf dem Sofa ist noch Platz, und da ist noch ein anderes Sofa. Da sind zwei Lehnsessel… Was haben die Leute nur? Sie wollen wohl nicht?«

Manche waren in der Tat ganz verlegen geworden, zogen sich zurück und setzten sich im Nebenzimmer hin, um dort zu warten, manche aber blieben da und nahmen auf die Einladung hin Platz, aber möglichst fern vom Tisch und möglichst in den Ecken; die einen wünschten immer noch gewissermaßen zu verschwinden, die andern aber gewannen, je ferner sie saßen, um so mehr Mut, und zwar mit überraschender Geschwindigkeit. Rogoshin setzte sich ebenfalls auf den ihm angewiesenen Sessel, blieb aber nicht lange sitzen, er stand bald wieder auf und setzte sich dann nicht mehr hin. Allmählich begann er die Gäste zu unterscheiden und deutlicher zu sehen. Als er Ganja erblickte, lächelte er boshaft und flüsterte vor sich hin: »Sieh mal an!« Den General und Afanassij Iwanowitsch betrachtete er ohne Verlegenheit und sogar ohne besonderes Interesse. Aber als er neben Nastasja Filippowna den Fürsten bemerkte, vermochte er längere Zeit nicht seinen Blick von ihm loszureißen; er war äußerst erstaunt und anscheinend nicht imstande, sich dieses Zusammentreffen zu erklären. Man konnte vermuten, daß er sich zeitweilig in einem Zustande wirklicher Geistesverwirrung befand. Abgesehen von allen Erschütterungen, die ihm dieser Tag gebracht hatte, hatte er die ganze vorhergehende Nacht im Zuge verbracht und schon seit fast achtundvierzig Stunden nicht geschlafen.

»Das sind hunderttausend Rubel, meine Herrschaften«, sagte Nastasja Filippowna, indem sie sich mit fieberhafter Ungeduld laut an alle Anwesenden wandte, »hier in diesem schmutzigen Päckchen. Heute am Tage schrie er wie ein Wahnsinniger, er werde mir am Abend hunderttausend Rubel bringen, und da habe ich denn immer auf ihn gewartet. Er hat mir nämlich ein Angebot gemacht: er fing mit achtzehntausend an, dann sprang er plötzlich auf vierzigtausend, und nun sind hier hunderttausend. Er hat Wort gehalten! O weh, wie blaß er aussieht!… Das passierte heute alles in Ganjas Wohnung, ich war hingekommen, um seine Mama zu besuchen, zu meiner künftigen Familie war ich gekommen, und da schrie mich seine Schwester an: ›Schafft denn niemand dieses schamlose Weib hinaus?‹ und ihrem Bruder Ganja spie sie ins Gesicht. Ein energisches Mädchen!«

»Nastasja Filippowna!« rief der General vorwurfsvoll.

Er begann die Sache ein wenig zu verstehen, wenigstens auf seine Art.

»Was haben Sie denn, General? Das ist wohl unschicklich, nicht wahr? Wenn ich im Französischen Theater in meiner Loge wie eine unberührbare Tugend aus der Beletage gesessen und alle, die in diesen fünf Jahren hinter mir her waren, menschenscheu gemieden und mir das Aussehen einer stolzen Unschuld gegeben habe, so hat mich zu diesem Benehmen nur meine Dummheit gebracht! Da ist nun in Ihrer Gegenwart dieser Mensch nach den fünf Jahren der Unschuld hergekommen und hat hunderttausend auf den Tisch gelegt, und gewiß stehen schon die Troikas dieser Leute da und warten auf mich. Auf hunderttausend Rubel hat er mich taxiert. Ganja, ich sehe, du bist auf mich immer noch böse? Hast du mich denn wirklich in deine Familie einführen wollen? Mich, Rogoshins Eigentum! Was hat der Fürst vorhin gesagt?«

»Ich habe nicht gesagt, daß Sie Rogoshins Eigentum seien, das sind Sie auch nicht!« sagte der Fürst mit zitternder Stimme.

»Nastasja Filippowna, laß es genug sein, Mütterchen, laß es genug sein, Täubchen!« mischte sich Darja Alexejewna ein, die sich nicht länger beherrschen konnte. »Wenn sie dir alle so zuwider geworden sind, was brauchst du dich denn um sie zu kümmern? Du wirst doch nicht etwa mit diesem Menschen davongehen wollen, und wenn er dir auch hunderttausend Rubel bietet! Es ist ja richtig: hunderttausend Rubel, das ist schon etwas! Nimm doch einfach die hunderttausend Rubel und jage ihn weg, so muß man es mit ihnen machen. Ach, ich würde sie an deiner Stelle alle … was soll man sich mit denen aufhalten!«

Darja Alexejewna war ordentlich zornig geworden. Sie war eine gute und sehr empfindsame Frau.

»Sei nicht ärgerlich, Darja Alexejewna«, erwiderte Nastasja Filippowna lächelnd, »ich habe es ihm ja nicht im Zorn gesagt. Habe ich ihm denn einen Vorwurf gemacht? Es ist mir auch ganz unbegreiflich, wie ich habe auf den dummen Gedanken kommen können, in eine ehrenhafte Familie hineinzuheiraten. Ich habe seine Mutter gesehen und ihr die Hand geküßt. Und wenn ich dich vorhin verhöhnt habe, Ganja, so habe ich das absichtlich getan, um zum letztenmal zu sehen, wie weit du wohl zu gehen imstande wärest! Nun, du hast mich in Erstaunen versetzt, wahrhaftig! Ich hatte viel erwartet, aber das denn doch nicht! Konntest du dich denn wirklich dazu verstehen, mich zur Frau zu nehmen, obwohl du wußtest, daß der hier mir einen solchen Perlenschmuck ganz kurz vor deiner Hochzeit schenkt und ich ihn annehme? Und Rogoshin? Er hat ja in deiner Wohnung, in Gegenwart deiner Mutter und deiner Schwester, mir ein Angebot gemacht, und du bist doch trotz alledem hierhergekommen, um dich um meine Hand zu bewerben, und hättest beinah deine Schwester mitgebracht! Hat Rogoshin denn wirklich recht gehabt, als er von dir sagte, für drei Rubel würdest du auf allen vieren bis zur Wassilij-Insel kriechen?«

»Er wird hinkriechen«, sagte Rogoshin plötzlich leise, aber im Ton festester Überzeugung.

»Und wenn du noch nahe daran wärest, Hungers zu sterben! Aber du beziehst ja, wie es heißt, ein gutes Gehalt! Und zu alledem, ganz abgesehen von der Schande, wolltest du gar noch eine Frau, die du haßt, in dein Haus führen! (Denn du haßt mich, das weiß ich!) Nein, jetzt glaube ich, daß so ein Mensch für Geld einen Mord begeht! Es hat ja jetzt alle eine solche Gier erfaßt, es zieht sie so zum Gelde hin, daß sie wie Irrsinnige sind. So einer ist fast noch Kind und geht schon unter die Wucherer! Er bringt es fertig, Seide um ein Rasiermesser zu wickeln, damit es fest steht, und sachte von hinten seinem Freund wie einem Hammel den Hals abzuschneiden, wie ich das unlängst gelesen habe. Was bist du für ein schamloser Mensch! Ich bin ja schamlos, aber du bist noch weit ärger. Von dem Blumenspender dort will ich gar nicht reden…«

»Sind Sie es wirklich, sind Sie es wirklich, Nastasja Filippowna?« rief der General und schlug in aufrichtigem Schmerz die Hände zusammen. »Sie, die Sie sonst so zartfühlend waren und so taktvoll redeten, und nun auf einmal! Welche Sprache, welche Ausdrücke!«

»Ich bin jetzt betrunken, General«, erwiderte Nastasja Filippowna lachend, »ich will fidel sein! Heute ist mein Tag, mein Fest- und Feiertag, auf den ich schon lange gewartet habe. Darja Alexejewna, siehst du ihn, diesen Blumenschenker, diesen ? Da sitzt er und lacht uns aus …«

»Ich lache nicht, Nastasja Filippowna, ich höre nur mit der größten Aufmerksamkeit zu«, entgegnete Tozkij mit würdiger Ruhe.

»Warum habe ich ihn eigentlich fünf volle Jahre lang gequält und nicht von mir loskommen lassen? War er das denn wert? Er kann eben nicht anders sein, als er ist… Er wird noch behaupten, daß ich in seiner Schuld stehe: er hat mich ja erziehen lassen und mich wie eine Gräfin unterhalten, was ist da für Geld draufgegangen, und dann hat er schon dort einen anständigen Mann für mich ausgesucht und nun hier diesen Ganja. Und solltest du es glauben: ich habe diese fünf Jahre nicht mit ihm zusammen gelebt, aber das Geld von ihm angenommen und im Rechte zu sein gemeint! Ich war ja ganz wirr im Kopf geworden! Ich handelte nach deinem Grundsatz: ›Nimm die hunderttausend Rubel und jag den Geber weg, wenn er dir zuwider ist!‹ Daß er mir zuwider ist, stimmt… Ich hätte mich auch schon längst verheiraten können, und nicht nur mit Ganja, aber auch das war mir schon zuwider. Und warum habe ich meine fünf Jahre in dieser boshaften Stimmung verloren! Aber ob du es nun glaubst oder nicht: vor vier Jahren habe ich manchmal daran gedacht, ob ich nicht ganz einfach meinen Afanassij Iwanowitsch heiraten sollte. Dieser Gedanke kam mir damals nur aus Bosheit; was ging mir damals nicht alles durch den Kopf, aber ich hätte ihn dazu bringen können, wirklich! Er selbst hat es mir angeboten, ob du es nun glaubst oder nicht. Er meinte es ja nicht ehrlich, aber er ist gar zu lüstern und kann seine Begierden nicht unterdrücken. Aber dann überlegte ich mir Gott sei Dank: ist er es denn wert, daß ich um seinetwillen eine solche Schlechtigkeit begehe? Und er wurde mir damals plötzlich so zuwider, daß ich seitdem, auch wenn er mir selbst seine Hand antrüge, sie ablehnen würde. Und ganze fünf Jahre habe ich in dieser Art großgetan! Nein, das beste ist schon, ich gehe auf die Straße, wo ich ja auch hingehöre! Entweder will ich mit Rogoshin lustig leben oder gleich morgen Wäscherin werden! Denn Eigentum habe ich ja keines; ich werfe alles hin, das letzte Läppchen lasse ich hier, und wenn ich gar nichts mehr habe, wer nimmt mich dann zur Frau? Frag mal Ganja hier, ob er mich nehmen würde! Nicht mal Ferdyschtschenko würde mich nehmen!…«

»Ferdyschtschenko würde Sie vielleicht nicht nehmen, Nastasja Filippowna, ich bin ein offenherziger Mensch«, unterbrach sie Ferdyschtschenko. »Aber dafür würde der Fürst Sie nehmen! Sie sitzen da und beklagen sich, sehen Sie doch einmal den Fürsten an! Ich beobachte ihn schon lange…«

Nastasja Filippowna wandte sich neugierig zum Fürsten hin.

»Ist das wahr?« fragte sie.

»Ja, es ist wahr«, flüsterte der Fürst. »Sie nehmen mich so, wie ich bin, ohne alles?«

»Ja, das tue ich, Nastasja Filippowna…«

»Da haben wir ja eine neue Tollheit!« murmelte der General. »Das war zu erwarten!«

Der Fürst schaute Nastasja Filippowna, die fortfuhr, ihn anzusehen, traurig, ernst und durchdringend ins Gesicht.

»Da hat sich also noch einer gefunden!« sagte sie dann, indem sie sich wieder zu Darja Alexejewna wandte. »Und er tut es rein aus gutem Herzen, das weiß ich. Ich habe einen Wohltäter gefunden! Übrigens haben die Leute vielleicht recht, wenn sie von ihm sagen, daß er … hm, na ja! Wovon wirst du denn leben, wenn du schon so verliebt bist, daß du, ein Fürst, Rogoshins Geliebte nehmen willst?«

»Ich nehme Sie als ehrbare Frau, Nastasja Filippowna, und nicht als Rogoshins Geliebte«, antwortete der Fürst.

»Ich bin also eine ehrbare Frau?«

»Ja«

»Nun, das hast du wohl… aus Romanen! Das sind altmodische Torheiten, liebster Fürst, aber jetzt ist die Weit klüger geworden, und all das ist jetzt Unsinn! Und wie wolltest du denn heiraten? Du brauchst ja selbst noch eine Kinderfrau!«

Der Fürst stand auf und sagte mit zitternder, schüchterner Stimme, aber zugleich mit der Miene tiefster Überzeugung: »Ich weiß nichts von der Welt, Nastasja Filippowna, ich habe nichts von der Welt gesehen; darin haben Sie recht, aber ich… ich bin der Ansicht, daß Sie mir eine Ehre erweisen und nicht ich Ihnen. Ich bin ein Nichts, aber Sie haben gelitten und sind aus einer solchen Hölle rein hervorgegangen, und das ist etwas Großes. Warum schämen Sie sich also und wollen zu Rogoshin gehen? Das ist Fieber… Sie haben Herrn Tozkij die fünfundsiebzigtausend Rubel zurückgegeben und sagen, daß Sie auf alles, was hier ist, verzichten werden; dessen wäre keiner der hier Anwesenden fähig. Ich… ich liebe Sie, Nastasja Filippowna. Ich sterbe für Sie. Ich werde nicht dulden, daß jemand über Sie ein schlechtes Wort sagt. Wenn wir arm sein werden, so werde ich arbeiten, Nastasja Filippowna…«

Bei den letzten Worten hörte man Ferdyschtschenko und Lebedew kichern, und selbst der General räusperte sich sehr mißvergnügt. Ptizyn und Tozkij konnten sich nicht enthalten zu lächeln, beherrschten sich aber noch. Die übrigen rissen geradezu den Mund auf vor Verwunderung.

»…Aber vielleicht werden wir nicht arm sein, sondern sehr reich, Nastasja Filippowna«, fuhr der Fürst in demselben bescheidenen Ton fort. »Ich weiß es übrigens nicht bestimmt und bedaure, daß ich den ganzen Tag über bis jetzt darüber nichts habe erfahren können, aber ich habe in der Schweiz einen Brief aus Moskau von einem Herrn Salaskin erhalten, und er teilt mir mit, ich könne eine sehr große Erbschaft antreten. Hier ist der Brief…«

Der Fürst zog wirklich einen Brief aus der Tasche.

»Redet er denn irre?« murmelte der General. »Es ist ja hier das reine Narrenhaus!«

Für einen Augenblick trat Stillschweigen ein.

»Sie sagten ja wohl, Fürst, der Brief an Sie sei von Salaskin?« fragte Ptizyn. »Das ist ein in seinen Kreisen sehr bekannter Mann, ein bekannter Rechtsanwalt, und wenn er Ihnen das wirklich mitgeteilt hat, so können Sie sich vollständig darauf verlassen. Zum Glück kenne ich seine Handschrift, da ich erst kürzlich mit ihm geschäftlich zu tun hatte… Wenn Sie mir den Brief zur Einsicht geben wollten, so könnte ich Ihnen vielleicht etwas darüber sagen.«

Mit zitternder Hand reichte ihm der Fürst schweigend den Brief hin.

»Ja, was hat denn das zu bedeuten? Was hat das zu bedeuten?« rief der General erstaunt und blickte alle wie ein Halbirrer an. »Hat er wirklich eine Erbschaft gemacht?«

Alle richteten ihre Blicke auf Ptizyn, der den Brief las. Die allgemeine Neugier hatte einen neuen und außerordentlichen Anstoß erhalten. Ferdyschtschenko war außerstande, auf seinem Platze sitzen zu bleiben; Rogoshin machte ein verständnisloses, furchtbar beunruhigtes Gesicht und sah abwechselnd nach dem Fürsten und nach Ptizyn hin. Darja Alexejewna saß in gespannter Erwartung wie auf Nadeln. Selbst Lebedew vermochte sich nicht zu beherrschen, er kam aus seiner Ecke hervor und blickte, sich tief hinabbeugend, über Ptizyns Schulter in den Brief, mit der Miene eines Menschen, der darauf gefaßt ist, im nächsten Augenblick eine Ohrfeige zu erhalten.

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Kapitel 16

XVI

»Die Sache hat ihre Richtigkeit«, erklärte Ptizyn endlich, indem er den Brief wieder zusammenfaltete und dem Fürsten zurückgab. »Sie werden ohne alle Umstände auf Grund des unanfechtbaren Testaments Ihrer Tante ein sehr beträchtliches Kapital erhalten.«

»Es ist unmöglich!« rief der General unwillkürlich.

Alle sperrten den Mund auf.

Sich vorzugsweise an Iwan Fjodorowitsch wendend, setzte Ptizyn die Sache folgendermaßen auseinander. Vor fünf Monaten sei eine Tante des Fürsten gestorben, die er nie persönlich gekannt habe, eine ältere Schwester seiner Mutter, die Tochter des Moskauer Kaufmanns dritter Gilde Papuschin, der Bankrott gemacht habe und in größter Armut gestorben sei. Aber der gleichfalls unlängst verstorbene ältere Bruder dieses Papuschin sei ein bekannter, reicher Kaufmann gewesen. Vor einem Jahre seien ihm fast in ein und demselben Monat seine beiden einzigen Söhne gestorben. Das habe der alte Mann sich so zu Herzen genommen, daß er bald darauf selbst erkrankt und gestorben sei. Er sei Witwer gewesen, und es seien absolut keine andern Erben dagewesen als die Tante des Fürsten, die Nichte Papuschins, eine sehr arme Frau, die bei fremden Leuten lebte. Zu der Zeit, als ihr diese Erbschaft zugefallen sei, habe diese Tante schon an Wassersucht todkrank gelegen, habe aber sofort Nachforschungen nach dem Fürsten anstellen lassen, womit Salaskin von ihr betraut worden sei, und vor ihrem Tode noch Zeit gehabt, ein Testament zu machen. Offenbar hätten weder der Fürst noch der Arzt, bei dem er in der Schweiz gewohnt habe, die amtliche Benachrichtigung abwarten oder Erkundigungen einziehen wollen, sondern der Fürst habe sich entschlossen, mit Salaskins Brief in der Tasche selbst nach Rußland zurückzukehren.

»Ich kann Ihnen nur sagen«, schloß Ptizyn, sich an den Fürsten wendend, »daß alles das jedenfalls richtig und unangreifbar ist und daß Sie alles, was Ihnen Salaskin über die Unanfechtbarkeit und Gesetzlichkeit Ihrer Ansprüche schreibt, so ansehen können, als hätten Sie bereits das bare Geld in der Tasche. Ich gratuliere Ihnen, Fürst! Vielleicht erhalten Sie anderthalb Millionen, möglicherweise auch noch mehr, denn Papuschin war ein sehr reicher Kaufmann.«

»Es lebe der letzte Fürst Myschkin!« brüllte Ferdyschtschenko.

»Hurra!« schrie Lebedew mit seiner vom Trinken heiseren Stimme.

»Und ich habe dem armen Schlucker heute noch fünfundzwanzig Rubel geliehen, hahaha! Das ist ja die reine Zaubervorstellung!« rief der General, der vor Erstaunen wie betäubt war. »Nun, ich gratuliere, ich gratuliere!« Er erhob sich von seinem Platz, ging zu dem Fürsten hin und umarmte ihn. Nach ihm standen auch die andern auf und drängten sich ebenfalls zu dem Fürsten heran. Sogar diejenigen, die sich hinter die Portiere zurückgezogen hatten, erschienen wieder im Salon. Ein buntes Stimmengetöse erhob sich, allerlei Ausrufe erschollen, man rief sogar nach Champagner, alles drängte und stieß sich, alle waren in geschäftiger Bewegung. Für einen Augenblick hatte man Nastasja Filippowna fast vergessen, und daß sie doch eigentlich bei ihrer Abendgesellschaft der Gastgeber war. Aber allmählich wurde es allen fast gleichzeitig wieder bewußt, daß der Fürst ihr soeben einen Heiratsantrag gemacht hatte. Die Sache erschien dadurch noch weit seltsamer und ungewöhnlicher als vorher. Tozkij zuckte in höchstem Erstaunen die Schultern; er war fast der einzige, der sitzen geblieben war, der ganze übrige Schwarm drängte sich unordentlich um den Tisch. Alle behaupteten später, von diesem Augenblick an hätte Nastasja Filippowna den Verstand verloren. Sie saß immer noch da und betrachtete eine Zeitlang alle mit einem sonderbaren, verwunderten Blick, wie wenn sie das alles nicht begriffe und sich Mühe gäbe, eine klare Vorstellung zu gewinnen. Dann wandte sie sich auf einmal zum Fürsten hin und sah ihn mit finster zusammengezogenen Brauen forschend an; indes dauerte das nur einen Augenblick, vielleicht hatte es ihr plötzlich geschienen, daß alles nur Scherz und Spott sei. Aber die Miene des Fürsten mußte sie vom Gegenteil überzeugen. Sie wurde nachdenklich; dann lächelte sie wieder, als wüßte sie selbst nicht recht, worüber eigentlich…

»Also bin ich wirklich eine Fürstin!« flüsterte sie gewissermaßen spöttisch vor sich hin und lachte, als sie zufällig nach Darja Alexejewna hinblickte, laut auf. »Eine unerwartete Lösung!… Das… hätte ich nicht erwartet… Aber warum stehen Sie denn, meine Herren? Bitte, setzen Sie sich doch, und gratulieren Sie mir und dem Fürsten! Es hatte ja wohl jemand Champagner gewünscht; Ferdyschtschenko, gehen Sie doch einmal hin und bestellen Sie welchen! Katja, Pascha«, sagte sie zu ihren Dienstmädchen, die sie in diesem Augenblick an der Tür erblickte, »kommt her, ich werde heiraten, habt ihr es gehört? Den Fürsten, er besitzt anderthalb Millionen, er ist ein Fürst Myschkin und nimmt mich zur Frau!«

»Gott gebe dazu seinen Segen, Mütterchen, es ist auch hohe Zeit! Das darfst du dir nicht entgehen lassen!« rief Darja Alexejewna, die durch diese Vorgänge tief erschüttert war.

»Aber setzen Sie sich doch neben mich, Fürst«, fuhr Nastasja Filippowna fort. »So ist’s recht, und da kommt auch der Wein. Nun, gratulieren Sie, meine Herrschaften!«

»Hurra!« schrien viele Stimmen. Viele drängten sich zum Wein hin, darunter fast alle Begleiter Rogoshins. Aber obgleich sie bereitwillig schrien, so hatten doch viele von ihnen trotz der Seltsamkeit der Umstände und der Umgebung die Empfindung, daß sich ein Szenenwechsel vollzog. Andere waren verlegen und warteten mißtrauisch ab. Viele aber flüsterten einander zu, eigentlich sei an der Geschichte nichts Ungewöhnliches, was heirateten die Fürsten nicht oft für Frauen, manchmal nahmen sie sogar Weiber aus den Zigeunerlagern! Rogoshin stand da und sah alle diese Vorgänge mit an, sein Gesicht war zu einem starren, verständnislosen Lächeln verzogen.

»Fürst, mein Bester, so komm doch zu dir!« flüsterte der General ganz entsetzt, indem er von der Seite an ihn herantrat und ihn am Ärmel zupfte.

Nastasja Filippowna bemerkte es und lachte.

»Nein, General! Ich bin jetzt selbst eine Fürstin, haben Sie es gehört: der Fürst wird mich von niemand beleidigen lassen! Afanassij Iwanowitsch, gratulieren Sie mir doch! Ich werde jetzt überall neben Ihrer Gemahlin sitzen dürfen, meinen Sie nicht, daß es vorteilhaft ist, einen solchen Mann zu haben? Anderthalb Millionen und dazu noch Fürst und überdies noch, wie es heißt, ein Idiot: was will man mehr? Jetzt fängt erst das wahre Leben an! Du bist zu spät gekommen, Rogoshin! Nimm dein Päckchen wieder weg, ich heirate den Fürsten und bin selbst reicher als du!«

Aber jetzt hatte Rogoshin endlich begriffen, um was es sich handelte. Ein unsägliches Leid prägte sich auf seinem Gesicht aus. Er schlug die Hände zusammen, und ein Stöhnen entrang sich seiner Brust.

»Tritt zurück!« schrie er dem Fürsten zu.

Ringsum wurde gelacht.

»Er soll wohl zu deinen Gunsten zurücktreten?« fiel Darja Alexejewna triumphierend ein. »Seht doch, wie er das Geld auf den Tisch geworfen hat, der Bauer! Der Fürst wird sie zur Frau nehmen, du aber warst zu unsittlichen Zwecken hergekommen!«

»Ich nehme sie auch zur Frau! Sofort nehme ich sie zur Frau, augenblicklich! Alles will ich hingeben…«

»Seht doch, betrunken kommt der Mensch aus der Schenke hierher! Davonjagen sollte man dich!« schalt Darja Alexejewna empört weiter.

Das Gelächter wurde noch stärker.

»Hörst du, Fürst«, wandte sich Nastasja Filippowna an diesen, »was dieser Bauer deiner Braut für ein Angebot macht?«

»Er ist betrunken«, erwiderte der Fürst, »er liebt Sie sehr.«

»Wirst du dich auch später nicht schämen, daß deine Braut beinah mit Rogoshin weggefahren wäre?«

»Sie fieberten, auch jetzt fiebern Sie und reden irre.«

»Und wirst du dich nicht schämen, wenn die Leute später zu dir sagen werden, daß deine Frau früher Tozkijs Geliebte gewesen ist?«

»Nein, ich werde mich nicht schämen. Sie waren nicht aus eigenem Willen bei Tozkij.«

»Und wirst du mir nie einen Vorwurf deswegen machen?«

»Nein, das werde ich nicht tun.«

»Nun, sieh dich vor, für das ganze Leben kann man nicht garantieren.«

»Nastasja Filippowna«, versetzte der Fürst leise und mitleidig, »ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich Ihr Jawort als eine Ehre für mich ansehe und daß Sie mir diese Ehre erweisen, nicht ich Ihnen. Sie haben dazu gelächelt, und ich habe gehört, daß auch um uns herum gelacht wurde. Ich habe mich vielleicht sehr lächerlich ausgedrückt und bin vielleicht auch selbst dabei lächerlich gewesen, aber es ist mir immer so vorgekommen, als ob ich… als ob ich verstünde, worin die Ehre besteht, und ich bin überzeugt, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Sie wollten sich soeben zugrunde richten, sich unwiederbringlich zugrunde richten, denn Sie würden sich das später nie verzeihen, obwohl Sie keine Schuld trifft. Es ist unmöglich, daß Ihr Leben schon gänzlich zerstört sein sollte. Was hat es denn für eine Bedeutung, daß Rogoshin zu Ihnen gekommen ist und daß Gawrila Ardalionowitsch Sie hat betrügen wollen? Warum sprechen Sie beständig davon? Dessen, was Sie getan haben, sind nicht viele Menschen fähig, das wiederhole ich Ihnen, und was Ihren Entschluß, mit Rogoshin wegzufahren, anlangt, so haben Sie ihn in einem Anfall von Krankheit gefaßt. In einem solchen Anfall befinden Sie sich auch jetzt, und Sie täten am besten, zu Bett zu gehen. Sie würden schon morgen Wäscherin werden und nicht bei Rogoshin bleiben. Sie sind stolz, Nastasja Filippowna, aber vielleicht sind Sie schon in einem solchen Maße unglücklich, daß Sie sich wirklich für schuldig halten. Sie bedürfen vieler Pflege, Nastasja Filippowna, und ich werde Sie pflegen. Ich habe heute vormittag Ihr Bild gesehen, und es kam mir vor, als erkannte ich ein vertrautes Gesicht wieder. Ich hatte sofort eine Empfindung, als riefen Sie mich… Ich… ich werde Sie mein ganzes Leben lang achten, Nastasja Filippowna«, schloß der Fürst und errötete, als käme er auf einmal zur Besinnung und merkte, vor welchen Leuten er das sagte.

Ptizyn hielt schamhaft den Kopf gesenkt und blickte auf den Fußboden. Tozkij dachte im stillen: ›Er ist ein Idiot, weiß aber instinktiv, daß man durch Schmeichelei am ehesten zum Ziel kommt!‹ Der Fürst bemerkte auch Ganjas funkelnden Blick aus der Ecke her, mit dem dieser ihn förmlich verbrennen zu wollen schien.

»Nein, ist das ein guter Mensch!« rief Darja Alexejewna ganz gerührt.

»Ein gebildeter Mensch, aber ein verlorener Mensch!« flüsterte der General halblaut.

Tozkij nahm seinen Hut und schickte sich an aufzustehen, um still zu verschwinden. Er und der General wechselten Blicke miteinander, um zusammen fortzugehen.

»Ich danke dir, Fürst, so hat bisher noch nie jemand mit mir gesprochen«, sagte Nastasja Filippowna. »Man hat mich immer kaufen wollen, aber zur Frau hat mich noch kein anständiger Mensch nehmen mögen. Haben Sie es gehört, Afanassij Iwanowitsch? Wie denken Sie über das, was der Fürst gesagt hat? Sie werden wohl meinen, es sei beinahe unschicklich… Rogoshin, warte du noch mit dem Fortgehen! Aber ich sehe, du willst ja auch noch gar nicht weg. Vielleicht komme ich doch noch mit dir mit. Wohin wolltest du mich denn bringen?«

»Nach Jekaterinhof«, rapportierte Lebedew aus seiner Ecke, während Rogoshin nur zusammenfuhr und die Augen aufriß, als glaubte er falsch gehört zu haben. Er war ganz niedergedrückt, als hätte er einen furchtbaren Schlag über den Kopf erhalten.

»Aber was redest du denn, was redest du denn, Mütterchen? Du leidest wirklich an Anfällen! Hast du denn ganz den Verstand verloren?« rief Darja Alexejewna erschrocken.

»Hast du es denn im Ernst geglaubt?« erwiderte Nastasja Filippowna lachend und sprang vom Sofa auf. »Sollte ich denn ein solches Kind zugrunde richten? Da würde ich ja geradeso handeln wie Afanassij Iwanowitsch; das ist so ein Kinderfreund! Wir wollen fahren, Rogoshin! Halt dein Päckchen bereit! Daß du mich heiraten willst, macht gar nichts, das Geld gib mir aber trotzdem! Ich nehme dich jetzt vielleicht noch gar nicht. Hattest du gedacht, wenn du mich heiratetest, würdest du das Päckchen behalten können? Dummes Zeug! Ich kenne keine Scham! Ich bin Tozkijs Konkubine gewesen… Fürst, wen du jetzt nötig hast, das ist Aglaja Jepantschina und nicht Nastasja Filippowna, sonst kommt es noch dahin, daß Ferdyschtschenko mit Fingern auf dich weist! Du fürchtest dich nicht; aber ich würde mich fürchten, daß ich dich zugrunde richte und du es mir nachher vorwirfst! Und wenn du erklärst, ich erwiese dir eine Ehre, so weiß damit Tozkij Bescheid. Du aber, Ganja, hast Aglaja Jepantschina verpaßt: weißt du das wohl? Hättest du nicht mit ihr ein Geschäft machen wollen, so hätte sie dich bestimmt genommen! Ja, so seid ihr Männer alle, aber man muß sich für eins von beiden entscheiden: ob man mit unanständigen oder anständigen Frauen zu tun haben will. Sonst entsteht unfehlbar Verwirrung… Seht mal, der General starrt mich mit offenem Mund an…«

»Das ist ja das reine Sodom, das reine Sodom«, wiederholte der General achselzuckend. Auch er stand jetzt vom Sofa auf, alle waren wieder auf den Beinen. Nastasja Filippowna schien sich in einem Zustand der Raserei zu befinden.

»Ist es denn möglich?« stöhnte der Fürst händeringend.

»Das hattest du wohl nicht erwartet? Ich besitze vielleicht auch selbst meinen Stolz, wenn ich auch ein schamloses Weib bin! Du hast mich vorhin eine vollkommene Frau genannt; eine schöne Vollkommenheit, die aus lauter Prahlerei, weil sie eine Million und eine Fürstenkrone in den Staub getreten hat, in die Spelunke geht! Wie kann ich unter solchen Umständen eine passende Frau für dich sein? Afanassij Iwanowitsch, ich habe tatsächlich eine Million zum Fenster hinausgeworfen! Wie haben Sie nur denken können, ich würde es für ein Glück halten, Ganja und Ihre fünfundsiebzigtausend Rubel zu heiraten! Behalte deine fünfundsiebzigtausend Rubel für dich, Afanassij Iwanowitsch (du bist nicht einmal bis auf hunderttausend gegangen; Rogoshin hat dich überboten!), und Ganja werde ich selbst zu trösten wissen, es ist mir da ein Gedanke gekommen. Jetzt aber will ich mich amüsieren, ich bin ja eine Straßendirne! Ich habe zehn Jahre lang im Gefängnis gesessen, jetzt kommt für mich die Zeit des Glücks! Nun, wie steht’s, Rogoshin? Mach dich fertig; wir wollen fahren!«

»Wir wollen fahren!« brüllte Rogoshin, fast rasend vor Freude. »Heda, ihr… Wein her! Oh, ach!«

»Sorge nur für Wein, ich werde trinken! Wird auch Musik da sein?«

»Gewiß, gewiß! Komm ihr nicht zu nah!« schrie Rogoshin wütend, als er sah, daß Darja Alexejewna sich Nastasja Filippowna nähern wollte. »Sie gehört mir! Alles gehört mir! Sie ist meine Königin! Ich habe es erreicht!«

Er konnte vor Freude kaum atmen, er ging um Nastasja Filippowna herum und schrie allen zu: »Kommt ihr nicht zu nah!« Sein ganzes Gefolge war nun in den Salon eingedrungen. Die einen tranken, andere schrien und lachten, alle waren in höchst animierter, ungezwungener Stimmung. Ferdyschtschenko machte Versuche, sich ihnen anzuschließen. Der General und Tozkij schickten sich wieder an, möglichst bald zu verschwinden. Auch Ganja hatte den Hut in der Hand; aber er stand schweigend da und schien sich von dem Bild, das sich da vor seinen Augen entrollte, noch nicht losreißen zu können.

»Kommt ihr nicht zu nah!« schrie Rogoshin.

»Aber was brüllst du denn?« schalt ihn Nastasja Filippowna lachend. »Ich bin hier noch Gastgeber in meiner eigenen Wohnung; wenn ich will, kann ich dich immer noch mit Rippenstößen hinausjagen lassen. Noch habe ich das Geld von dir nicht angenommen, da liegt es; gib es her, das ganze Päckchen! Also in diesem Päckchen sind hunderttausend Rubel? Pfui, wie schmutzig es aussieht! Was hast du, Darja Alexejewna? Sollte ich ihn denn wirklich zugrunde richten?« (Sie wies auf den Fürsten.) »Wie kann er denn heiraten? Er braucht ja selbst noch eine Kinderfrau; der General dort, der wird nun seine Kinderfrau sein, sieh nur, wie er um ihn herumscharwenzelt! Schau her, Fürst, deine Braut hat das Geld genommen, weil sie eine Dirne ist, und du wolltest sie heiraten! Aber warum weinst du denn? Es ist dir wohl schmerzlich, wie? Aber meiner Ansicht nach solltest du lachen«, fuhr Nastasja Filippowna fort, der selbst zwei große Tränen auf den Wangen funkelten. »Vertraue auf die Zeit, es geht alles vorüber! Besser, man bedenkt das jetzt als später… Und warum weint ihr alle? Da, auch Katja weint! Was hast du, liebe Katja? Ich lasse dir und Pascha viel zurück, ich habe schon die nötigen Anordnungen getroffen, jetzt aber lebt wohl! Ich habe von dir, einem anständigen Mädchen, verlangt, daß du mich, eine Dirne, bedienen solltest … Es ist besser so, Fürst, wirklich besser, du würdest mich später verachten, und es würde nicht unser Glück sein! Schwöre nicht! Ich glaube es nicht. Und wie dumm würde es auch sein! … Nein, am besten scheiden wir voneinander als gute Freunde; auch ich bin ja eine Träumerin, es würde nichts Gutes dabei herauskommen! Habe ich nicht selbst von dir geträumt? Darin hast du recht, ich habe schon lange von dir geträumt, schon als ich bei ihm auf dem Dorfe fünf Jahre lang mutterseelenallein lebte; da denkt und denkt man manchmal und träumt und träumt, und da habe ich mir immer so einen Mann vorgestellt wie dich, einen guten, ehrenhaften, braven, ein bißchen dummen Mann, der auf einmal kommt und sagt: ›Sie tragen keine Schuld, Nastasja Filippowna, und ich vergöttere Sie!‹ Und ich versenkte mich manchmal so in meine Träumereien, daß ich fast den Verstand verlor … Und da kam nun dieser Mensch hier: alle Jahre blieb er zwei Monate lang zu Besuch, entehrte, schändete, entflammte, verdarb mich und fuhr dann wieder davon. Tausendmal habe ich in den Teich springen wollen, aber ich war zu feige, mein Mut reichte dazu nicht aus. Nun, aber jetzt … Rogoshin, bist du bereit?«

»Alles bereit! Kommt ihr nicht zu nah!«

»Alles bereit!« riefen mehrere Stimmen.

»Die Troikas warten, mit Schellen!«

Nastaja Filippowna nahm das Päckchen in die Hand.

»Ganja, mir ist ein Gedanke gekommen: ich will dich entschädigen, denn warum solltest du alles verlieren? Rogoshin, wird er für drei Rubel bis nach der Wassilij-Insel kriechen?«

»Jawohl, das wird er tun!«

»Nun denn, so höre, Ganja, ich will zum letztenmal einen Blick in deine Seele tun; du hast mich ganze drei Monate lang gequält, jetzt ist die Reihe an mir. Du siehst dieses Päckchen, darin sind hunderttausend Rubel! Ich werde es jetzt gleich in den Kamin werfen, ins Feuer, hier vor aller Augen, alle Anwesenden sind Zeugen! Sobald das Feuer es ganz erfaßt haben wird, greife in den Kamin, aber ohne Handschuhe, mit bloßen Händen und aufgestreiften Ärmeln, und zieh das Päckchen aus dem Feuer! Wenn du es herausziehst, soll es dir gehören, die ganzen hunderttausend Rubel sollen dir gehören! Du wirst dir nur ein ganz klein bißchen die Fingerchen verbrennen, aber dafür bekommst du auch hunderttausend Rubel, bedenk das wohl! Das Herausholen ist ja in einem Augenblick ausgeführt! Ich aber will mich an dem Anblick deiner Seele erfreuen, wie du nach meinem Geld ins Feuer greifst. Alle sind Zeugen, daß das Päckchen dann dir gehört! Greifst du aber nicht hinein, so verbrennt es, ich werde keinen andern heranlassen. Weg da! Alle weg! Es ist mein Geld! Ich habe es von Rogoshin für eine Nacht bekommen. Gehört das Geld mir, Rogoshin?«

»Dir gehört es, du meine Herzensfreude! Dir, du meine Königin!«

»Nun, dann also alle weg! Was ich will, das tue ich auch! Suche mich keiner zu hindern! Ferdyschtschenko, schüren Sie das Feuer!«

»Nastasja Filippowna, ich kann die Arme nicht heben!« erwiderte Ferdyschtschenko, der ganz benommen war.

»Ach was!« rief Nastasja Filippowna, ergriff die Feuerzange, scharrte zwei schwelende Holzscheite auseinander und warf, sobald das Feuer lebhafter aufbrannte, das Päckchen hinein.

Die Umstehenden stießen einen Schrei aus, viele bekreuzigten sich sogar.

»Sie ist verrückt geworden! Sie ist verrückt geworden!« wurde ringsum gerufen.

»Sollten wir … sollten wir sie nicht binden?« flüsterte der General dem neben ihm stehenden Ptizyn zu. »Oder sollten wir nicht nach der Polizei schicken? … Sie ist ja verrückt geworden, total verrückt.«

»N-nein, das ist vielleicht gar nicht Verrücktheit«, flüsterte Ptizyn zurück, der bleich wie Leinwand geworden war, am ganzen Leibe zitterte und seine Augen von dem bereits schwelenden Päckchen nicht loszureißen vermochte.

»Ist sie nicht verrückt? Ist sie nicht verrückt?« drang der General auf Tozkij ein.

»Ich habe Ihnen ja gesagt, daß sie ein originelles Weib ist«, murmelte Afanassij Iwanowitsch, der ebenfalls etwas blaß geworden war.

»Aber es sind ja doch hunderttausend Rubel! …«

»Herr Gott, Herr Gott!« wurde ringsumher gerufen. Alle umdrängten den Kamin, alle wollten sehen, alle schrien … Manche stiegen sogar auf die Stühle, um über die Köpfe der andern hinwegsehen zu können. Darja Alexejewna stürzte ins Nebenzimmer und redete dort in ängstlichem Flüstertone mit Katja und Pascha. Die schöne Deutsche war davongelaufen.

»Mütterchen, Königin, Großmächtige!« heulte Lebedew, der auf den Knien vor Nastasja Filippowna herumkroch und die Hände nach dem Kamin ausstreckte. »Hunderttausend, hunderttausend! Ich habe sie selbst gesehen, sie sind vor meinen Augen eingepackt worden. Mütterchen! Barmherzige! Erlaube mir, in den Kamin hineinzugreifen, ich will ganz und gar hineinkriechen, meinen ganzen grauen Kopf will ich ins Feuer hineinlegen! … Ich habe ein krankes Weib, das nicht gehen kann, und dreizehn Kinder, für die keine Mutter sorgt, meinen Vater habe ich in der vorigen Woche begraben, wir haben nichts zu essen, Nastasja Filippowna!«

Unter solchem Klagegeschrei wollte er schon zum Kamin hinkriechen.

»Weg!« rief Nastasja Filippowna und stieß ihn fort. »Tretet alle auseinander! Ganja, was stehst du da? Schäm dich nicht, greif hinein! Es handelt sich um dein Glück!«

Aber Ganja hatte schon zuviel an diesem Tage und Abend ertragen und war auf diese letzte, unerwartete Prüfung nicht vorbereitet. Die Menge trat nach beiden Seiten auseinander, und er blieb Auge in Auge mit Nastasja Filippowna stehen, drei Schritte von ihr entfernt. Sie stand dicht beim Kamin und wartete, ohne ihren brennenden, festen Blick von ihm abzuwenden. Ganja, in Frack und Handschuhen, den Hut in der Hand, stand, ohne ein Wort zu sagen und ohne eine Antwort zu geben, vor ihr, hatte die Arme gekreuzt und blickte ins Feuer. Ein irres Lächeln huschte über sein Gesicht, das totenblaß geworden war. Allerdings vermochte er die Augen nicht von dem Feuer und dem glimmenden Päckchen wegzuwenden, aber ein neues Gefühl schien in seine Seele Eingang gefunden zu haben, er hatte sich geschworen, diese Folter zu ertragen, er rührte sich nicht vom Flecke; nach einigen Augenblicken war es allen deutlich geworden, daß er zu dem Päckchen nicht hingehen würde, nicht hingehen wollte.

»Paß auf, das Geld wird verbrennen, und man wird dich auslachen!« rief ihm Nastasja Filippowna zu. »Nachher wirst du dich aufhängen, ich scherze nicht!«

Das Feuer, das anfangs zwischen den beiden schwelenden Holzscheiten aufgeflammt war, hatte, als das Päckchen darauf fiel und es niederdrückte, zunächst beinah erlöschen wollen. Aber eine kleine blaue Flamme klammerte sich noch unten an eine Ecke des darunterliegenden Scheites. Endlich leckte eine schmale, lange Feuerzunge auch an dem Päckchen, das Feuer blieb daran haften und lief an den Ecken am Papier in die Höhe, und plötzlich flammte das ganze Päckchen im Kamin auf, und eine helle Flamme schlug in die Höhe. Alle stöhnten auf.

»Mütterchen!« heulte Lebedew immer noch und stürzte, wieder nach vorn, aber Rogoshin zog und stieß ihn von neuem hinweg.

Rogoshin selbst hatte sich sozusagen ganz in einen einzigen starren Blick verwandelt. Er konnte sich von Nastasja Filippowna nicht losreißen, er berauschte sich an ihr, er war im siebenten Himmel.

»Das ist eine Königin!« wiederholte er alle Augenblicke, indem er sich bald an diesen, bald an jenen der Umstehenden wandte. »Das ist einmal nach meinem Geschmack!« rief er ganz außer sich. »Na, wer von euch, ihr armseligen Gauner, ist eines solchen Streiches fähig, he?«

Der Fürst beobachtete die Vorgänge traurig und schweigend.

»Ich hole es für einen einzigen Tausender mit den Zähnen heraus!« erbot sich Ferdyschtschenko.

»Ich täte es ebenfalls mit den Zähnen!« knirschte der ganz hinten stehende Herr mit den Fäusten in einem Anfall echter Verzweiflung. »Hol’s der Teufel! Es brennt, es brennt vollständig!« schrie er, als er die Flamme sah.

»Es brennt, es brennt!« riefen alle zugleich und stürzten fast alle ebenfalls zum Kamin hin.

»Ganja, sei nicht eigensinnig, ich sage es zum letztenmal!«

»Kriech hinein!« brüllte Ferdyschtschenko, indem er in voller Raserei zu Ganja hinstürzte und ihn am Ärmel riß. »Kriech hinein, du Narr! Es verbrennt! O du ver-r-rdammter Kerl!«

Ganja stieß Ferdyschtschenko heftig von sich, drehte sich um und ging auf die Tür zu, aber er hatte kaum zwei Schritte gemacht, als er schwankte und zu Boden stürzte.

»Er ist ohnmächtig!« riefen die Umstehenden.

»Mütterchen, es verbrennt!« heulte Lebedew.

»Es verbrennt umsonst!« brüllte es von allen Seiten.

»Katja, Pascha, bringt ihm Wasser und Spiritus!« befahl Nastasja Filippowna, ergriff die Feuerzange und holte das Päckchen heraus.

Fast das ganze äußere Papier war angebrannt und glimmte, aber man konnte sofort sehen, daß der Inhalt heil geblieben war. Das Päckchen war in dreifaches Zeitungspapier eingeschlagen, und das Geld war unversehrt. Alle atmeten auf.

»Höchstens ein Tausenderchen ist ein bißchen beschädigt, aber alle übrigen sind ganz«, sagte Lebedew gerührt.

»Das ganze Geld gehört ihm! Das ganze Päckchen! Hören Sie, meine Herrschaften!« rief Nastasja Filippowna und legte das Päckchen neben Ganja hin. »Er hat sich doch beherrscht und ist nicht hingegangen! Also ist bei ihm das Ehrgefühl doch noch stärker als die Geldgier. Die Ohnmacht ist nicht gefährlich, er wird schon wieder zu sich kommen! Wenn ich es ihm nicht schenkte, würde er mich womöglich ermorden … Da! er kommt schon wieder zur Besinnung. General, Iwan Petrowitsch, Darja Alexejewna, Katja, Pascha, Rogoshin, habt ihr es gehört? Das Päckchen gehört Ganja. Ich überlasse es ihm zu vollem Eigentum, als Entschädigung … oder wie man es sonst nennen will! Sagt ihm das! Mag es da neben ihm liegenbleiben … Vorwärts, Rogoshin! Leb wohl, Fürst, ich habe zum erstenmal einen Menschen gefunden! Leben Sie wohl, Afanassij Iwanowitsch, merci!«

Rogoshins ganze Rotte eilte lärmend, polternd und schreiend hinter ihm und Nastasja Filippowna her durch die Zimmer dem Ausgang zu. Im Wohnzimmer reichten ihr die Mädchen den Pelz, die Köchin Marfa kam aus der Küche herbeigelaufen. Nastasja Filippowna küßte sie alle.

»Aber wollen Sie uns denn wirklich ganz verlassen, Mütterchen? Und wohin gehen Sie denn? Und noch dazu am Geburtstag, an einem solchen Tage!« fragten die weinenden Mädchen, indem sie ihr die Hände küßten.

»Ich gehe auf die Straße, Katja, du hast es ja gehört, da ist mein Platz; oder aber ich werde Wäscherin! Mit Afanassij Iwanowitsch bin ich fertig! Grüßt ihn von mir, und gedenkt meiner nicht im Bösen …«

Der Fürst eilte, so schnell er nur konnte, nach dem Portal zu, wo alle dabei waren, sich in vier mit Glöckchen behängte Troikas zu verteilen. Der General, der ihm nachlief, holte ihn noch auf der Treppe ein.

»Ich bitte dich, Fürst, komm zur Besinnung!« sagte er und ergriff ihn bei der Hand. »Laß doch das Weib laufen! Du siehst ja, was sie für eine ist! Ich rede zu dir wie ein väterlicher Freund …«

Der Fürst sah ihn an, riß sich aber, ohne ein Wort zu sagen, los und lief nach unten.

Am Portal, von dem die Troikas gerade abgefahren waren, sah der General noch, wie der Fürst die erste beste Droschke nahm und dem Kutscher zurief: »Nach Jekaterinhof, hinter den Troikas her!« Dann kam der mit einem grauen Traber bespannte Wagen des Generals vorgefahren und brachte den General nach Hause, mit neuen Hoffnungen und Plänen und mit dem Perlenschmuck, den der General doch nicht vergessen hatte mitzunehmen. Mitten in seinen Spekulationen tauchte auch Nastasja Filippownas verführerisches Bild ein paarmal vor seinem geistigen Auge auf, und er seufzte:

»Schade, wirklich schade! Ein verlorenes Weib! Ein verrücktes Weib! Nun, der Fürst kann jetzt eine Nastasja Filippowna nicht brauchen … Vielleicht ist es sogar gut, daß die Sache eine solche Wendung genommen hat.«

In ähnlicher Weise widmeten noch zwei andere Gäste Nastasja Filippownas, die sich dafür entschieden hatten, eine Strecke zu Fuß zu gehen, ihr ein paar moralische Worte als Nachruf.

»Wissen Sie, Afanassij Iwanowitsch, bei den Japanern soll es etwas Ähnliches geben«, sagte Iwan Petrowitsch Ptizyn. »Da geht, wie es heißt, der Beleidigte zu dem Beleidiger hin und sagt zu ihm: ›Du hast mich beleidigt, deshalb bin ich hergekommen, um mir vor deinen Augen den Bauch aufzuschlitzen‹, und mit diesen Worten schlitzt er sich wirklich vor den Augen des Beleidigers den Bauch auf und fühlt dabei wahrscheinlich eine außerordentliche Befriedigung, als habe er sich tatsächlich gerächt. Es gibt sonderbare Charaktere auf der Welt, Afanassij Iwanowitsch!«

»Und Sie meinen, daß auch hier etwas Derartiges vorliegt?« erwiderte Afanassij Iwanowitsch lächelnd. »Hm! Sie sind sehr geistreich und haben einen sehr schönen Vergleich gebracht. Sie haben aber doch selbst gesehen, liebster Iwan Petrowitsch, daß ich alles getan habe, was in meinen Kräften stand; über die Grenze des Möglichen hinaus kann ich doch nichts tun, das müssen Sie selbst zugeben. Aber auf der anderen Seite werden Sie auch das zugeben müssen, daß diese Frau großartige Eigenschaften, herrliche Charakterzüge besitzt. Ich wollte ihr vorhin schon zurufen, wenn das in diesem Wirrwarr möglich gewesen wäre, daß sie selbst meine beste Rechtfertigung gegen ihre Anschuldigungen sei. Nun, ist es nicht erklärlich, wenn sich jemand von diesem Weibe so fesseln läßt, daß er Vernunft und alles vergißt? Sehen Sie, dieser Bauer, dieser Rogoshin, hat ihr hunderttausend Rubel angeschleppt gebracht! Alles, was sich da heute zugetragen hat, war allerdings unüberlegt, romantisch, unschicklich, aber dafür doch individuell und originell, das müssen Sie selbst zugeben. O Gott, wozu könnte sie es bei einem solchen Charakter und bei einer solchen Schönheit nicht bringen! Aber trotz aller Bemühungen von meiner Seite, ja trotz aller Bildung, die ihr zuteil geworden ist, ist nun doch alles zugrunde gegangen! Sie ist ein ungeschliffener Diamant, wie ich manchmal von ihr gesagt habe …«

Und Afanassij Iwanowitsch stieß einen tiefen Seufzer aus.

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Kapitel 17

Zweiter Teil

I

Zwei Tage nach den seltsamen Vorgängen auf Nastasja Filippownas Abendgesellschaft, mit denen wir den ersten Teil unserer Erzählung geschlossen haben, fuhr Fürst Myschkin eilig nach Moskau, um seine unerwartete Erbschaft in Empfang zu nehmen. Es hieß damals, seine eilige Abreise habe möglicherweise auch noch andere Ursachen gehabt, aber hierüber sowie über die Erlebnisse des Fürsten in Moskau und überhaupt während seiner Abwesenheit von Petersburg sind wir nur sehr weniges zu berichten imstande. Der Fürst blieb genau sechs Monate fort, und sogar diejenigen Leute, die einigen Grund hatten, sich für sein Schicksal zu interessieren, vermochten während dieser ganzen Zeit nur äußerst wenig über ihn in Erfahrung zu bringen. Manchen kamen allerdings, wenn auch nur sehr selten, gewisse Gerüchte zu Ohren, aber diese Gerüchte klangen großenteils recht seltsam und widersprachen einander fast immer. Am meisten interessierte man sich für den Fürsten natürlich im Jepantschinschen Hause, wo er bei seiner Abreise nicht einmal Zeit gefunden hatte, sich zu verabschieden. Der General war allerdings damals noch mit ihm zusammengekommen, sogar mehrere Male, und sie hatten miteinander ernste Gespräche geführt, aber von diesen Zusammenkünften machte Jepantschin seiner Familie keine Mitteilung. Und überhaupt wurde in der ersten Zeit, das heißt einen ganzen Monat nach der Abreise des Fürsten, im Jepantschinschen Hause nach stillschweigender Übereinkunft von ihm nicht gesprochen. Nur die Generalin Lisaweta Prokofjewna äußerte sich ganz am Anfange dieser Zeit dahin, sie habe sich in dem Fürsten grausam getäuscht. Und einige Tage darauf fügte sie, ohne jedoch den Fürsten zu nennen, sondern nur so im allgemeinen, hinzu, das wichtigste Charakteristikum ihres Lebens bestehe darin, daß sie sich fortwährend in den Menschen täusche. Und schließlich, nach weiteren zehn Tagen, erklärte sie, als sie sich aus irgendeinem Grunde über ihre Töchter geärgert hatte, nun sei es genug mit den Irrtümern, weitere werde sie nicht begehen. Außerdem war nicht zu verkennen, daß in diesem Hause lange Zeit eine recht unangenehme Stimmung herrschte. Es machte sich ein gewisser Druck, eine gewisse Gespanntheit bemerkbar, man sprach sich nicht ordentlich aus und neigte dazu, sich zu streiten, alle machten finstere Gesichter. Der General war Tag und Nacht beschäftigt und mit Arbeit überhäuft; man hatte ihn selten stärker von Geschäften in Anspruch genommen und tätiger gesehen, namentlich im Dienst. Seine Familie bekam ihn kaum noch zu Gesicht.

Was die Jepantschinschen Mädchen anlangt, so hörte natürlich niemand ein lautes Wort von ihnen über das Vorgefallene, vielleicht sprachen sie sogar untereinander, wenn sie allein waren, nur sehr wenig darüber. Sie waren stolze, hochmütige Mädchen und sogar unter sich zuweilen sehr schamhaft; übrigens verstanden sie einander schon beim ersten Wort, ja sogar beim ersten Blick, so daß sie manchmal nicht nötig hatten, viel zu sagen.

Nur auf eins hätte ein fremder Beobachter, wenn ein solcher dagewesen wäre, schließen können: daß, nach all den oben angeführten, wiewohl nicht zahlreichen Fakten zu urteilen, der Fürst doch einen besonderen Eindruck in der Jepantschinschen Familie gemacht haben mußte, obwohl er sich in ihr nur einmal und noch dazu nur flüchtig gezeigt hatte. Vielleicht beruhte dieser Eindruck einfach darauf, daß einige exzentrische Abenteuer des Fürsten die Neugier erregt hatten. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls hatte er einen starken Eindruck hinterlassen.

Nach und nach versanken auch die Gerüchte, die sich zunächst in der Stadt verbreitet hatten, in das Dunkel der Ungewißheit. Man erzählte sich allerdings von einem närrischen jungen Fürsten (den Namen konnte niemand zuverlässig angeben), der auf einmal eine kolossale Erbschaft gemacht und eine zugereiste Französin, eine bekannte Cancantänzerin aus dem in Paris, geheiratet habe. Aber andere sagten, die Erbschaft habe vielmehr ein General gemacht, und derjenige, der die zugereiste Französin und berühmte Cancantänzerin geheiratet habe, sei ein enorm reicher russischer Kaufmann; dieser habe bei seiner Hochzeit aus reiner Prahlsucht in betrunkenem Zustand an einer Kerze siebenhunderttausend Rubel der letzten Prämienanleihe verbrannt. Aber alle diese Gerüchte verstummten sehr bald, wozu die Umstände sehr wesentlich mithalfen. So zum Beispiel hatte sich Rogoshins ganze Rotte, von der doch manche über das Geschehene allerlei hätten erzählen können, in geschlossenem Trupp mit ihm selbst an der Spitze nach Moskau begeben, eine Woche nach der schauderhaften Orgie in dem Vauxhall von Jekaterinhof, bei welcher auch Nastasja Filippowna zugegen gewesen war. Einige wenige, die sich für die Sache gar nicht einmal sonderlich interessierten, hatten gerüchtweise gehört, Nastasja Filippowna sei gleich am nächsten Tage nach jener Orgie in Jekaterinhof geflohen und verschwunden, und man habe endlich herausbekommen, daß sie sich nach Moskau begeben habe; sie fanden daher, daß auch Rogoshins Abreise nach Moskau mit diesem Gerücht im Einklang stehe.

Auch speziell über Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin, der gleichfalls in seinem Kreis eine recht bekannte Persönlichkeit war, begannen allerlei Gerüchte umzugehen. Aber auch mit ihm geschah etwas, wovon alles üble Gerede über ihn sehr bald nachließ und dann ganz aufhörte: er wurde sehr krank und konnte nirgends in der Gesellschaft erscheinen, ja nicht einmal im Dienst. Nachdem er einen Monat lang schwer leidend gewesen war, genas er wieder, gab aber seine Tätigkeit bei der Aktiengesellschaft aus nicht näher bekanntem Grund gänzlich auf, und ein anderer erhielt seine Stelle. Im Hause des Generals Jepantschin ließ er sich gleichfalls kein einziges Mal mehr blicken, so daß auch zum General ein anderer Beamter kommen mußte. Gawrila Ardalionowitschs Feinde hätten annehmen können, er schäme sich so sehr über alles, was mit ihm vorgegangen war, daß er sich nicht auf der Straße zeigen mochte, aber er kränkelte tatsächlich immer noch: er verfiel sogar in Hypochondrie und wurde melancholisch und nervös. Warwara Ardalionowna vermählte sich im selben Winter mit Ptizyn; alle Bekannten der beiden führten diese Eheschließung geradeswegs auf den Umstand zurück, daß Ganja nicht zu seiner Tätigkeit zurückkehren mochte und nicht nur aufgehört hatte, die Familie zu unterhalten, sondern sogar selbst der Hilfe, ja beinah der Pflege bedurfte.

Wir müssen in Klammern hinzufügen, daß auch von Gawrila Ardalionowitsch im Jepantschinschen Hause nie mehr gesprochen wurde, als ob ein solcher Mensch nie im Hause verkehrt hätte, ja überhaupt nie auf der Welt gewesen wäre. Dabei hatten aber alle über ihn (und zwar sogar sehr bald) etwas sehr Merkwürdiges erfahren, nämlich folgendes: in eben jener für ihn so verhängnisvollen Nacht habe Ganja, als er nach dem unangenehmen Vorfall bei Nastasja Filippowna heimgekehrt war, sich nicht schlafen gelegt, sondern mit fieberhafter Ungeduld auf die Rückkehr des Fürsten gewartet. Der Fürst, der nach Jekaterinhof gefahren war, sei von dort um sechs Uhr morgens zurückgekehrt. Da sei Ganja zu ihm ins Zimmer gegangen und habe das angebrannte Geldpäckchen, das ihm Nastasja Filippowna während seiner Ohnmacht geschenkt hatte, vor ihm auf den Tisch gelegt. Er habe den Fürsten dringend gebeten, sobald sich eine Möglichkeit dazu biete, dieses Geschenk Nastasja Filippowna zurückzugeben. Als Ganja zum Fürsten hereingekommen sei, habe er sich in einer feindlichen und beinah verzweifelten Stimmung befunden, aber nachdem dann zwischen ihm und dem Fürsten einige Worte gewechselt worden seien, habe Ganja beim Fürsten zwei Stunden lang gesessen und die ganze Zeit über bitterlich geweint. Beide seien in aller Freundschaft voneinander geschieden.

Diese Nachricht, die allen Mitgliedern der Familie Jepantschin zu Ohren gekommen war, erwies sich, wie sich in der Folgezeit bestätigte, als völlig richtig. Es war allerdings merkwürdig, daß derartige Nachrichten sich so schnell verbreiten und bekannt werden konnten; so wurde zum Beispiel alles, was in Nastasja Filippownas Wohnung vorgegangen war, in der Jepantschinschen Familie beinah schon am nächsten Tag bekannt, und zwar in ziemlich genauen Details. Hinsichtlich der Nachrichten über Gawrila Ardalionowitsch hätte man allerdings annehmen können, daß sie den Jepantschins von Warwara Ardalionowna zugetragen worden seien, die auf einmal bei den Fräulein Jepantschin aufgetaucht war und sogar sehr bald mit ihnen auf recht vertrauten Fuß stand, worüber sich Lisaweta Prokofjewna höchlichst wunderte. Aber obgleich Warwara Ardalionowna es aus irgendeinem Grunde für nötig hielt, mit den Fräulein Jepantschin in so nahe Beziehungen zu treten, so würde sie doch über ihren Bruder mit ihnen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gesprochen haben. Sie war ebenfalls in ihrer Art recht stolz, obwohl sie an einer Stelle Freundschaft schloß, von wo ihr Bruder beinah weggejagt worden war. Auch früher schon war sie mit den Fräulein Jepantschin bekannt gewesen, aber sie hatten einander nur selten gesehen. Im Salon zeigte sie sich übrigens auch jetzt kaum, sondern benutzte, als wollte sie nur auf einen Augenblick vorsprechen, die Hintertreppe. Lisaweta Prokofjewna war ihr weder früher zugetan gewesen, noch war sie es jetzt, obwohl sie Nina Alexandrowna, Warwara Ardalionownas Mutter, sehr hochschätzte. Sie wunderte und ärgerte sich zugleich und schrieb die Freundschaft mit Warja den Launen und der Herrschsucht ihrer Töchter zu, die »sich immerzu etwas Neues ausdenken mußten, um ihr in die Quere zu kommen«. Warwara Ardalionowna jedoch setzte trotzdem sowohl vor als auch nach ihrer Verheiratung ihre Besuche bei ihnen fort.

Aber es war nach der Abreise des Fürsten ungefähr ein Monat verflossen, da erhielt die Generalin Jepantschina einen Brief von der alten Fürstin Bjelokonskaja, die vierzehn Tage vorher nach Moskau zu ihrer ältesten dort verheirateten Tochter gefahren war, und dieser Brief übte eine starke Wirkung auf sie aus. Obwohl sie weder ihren Töchtern noch Iwan Fjodorowitsch etwas daraus mitteilte, merkten ihre Angehörigen doch an vielen Anzeichen, daß sie besonders animiert, ja aufgeregt war. Sie fing an, mit den Töchtern in einer ganz merkwürdigen Weise zu reden, immer über ganz ungewöhnliche Gegenstände; sie hatte offenbar die größte Lust, sich auszusprechen, bezwang sich aber aus irgendeinem Grunde. An dem Tage, an dem sie den Brief erhalten hatte, war sie gegen alle sehr zärtlich und küßte sogar Aglaja und Adelaida; es machte den Eindruck, als täte sie vor ihnen wegen irgend etwas Buße, aber weswegen eigentlich, das wurde ihnen nicht klar. Sogar gegen Iwan Fjodorowitsch, der bei ihr einen ganzen Monat lang in Ungnade gewesen war, wurde sie auf einmal nachsichtig. Natürlich ärgerte sie sich gleich am folgenden Tage furchtbar über ihre gestrige Sentimentalität und fand noch vor dem Mittagessen Zeit, sich mit allen zu zanken; aber gegen Abend hellte sich der Horizont wieder auf. Überhaupt befand sie sich die ganze folgende Woche über in recht guter Laune, was bei ihr schon lange nicht dagewesen war.

Aber nach einer weiteren Woche traf von der Fürstin Bjelokonskaja ein zweiter Brief ein, und diesmal entschloß sich die Generalin dazu, sich auszusprechen. Sie erklärte feierlich, die alte Bjelokonskaja (anders bezeichnete sie die Fürstin niemals, wenn sie in Abwesenheit derselben von ihr sprach) habe ihr sehr tröstliche Nachrichten über diesen … »Sonderling, na ja, über den Fürsten« zugehen lassen. Die Alte habe in Moskau Nachforschungen nach ihm angestellt, Erkundigungen über ihn eingezogen und sehr Gutes über ihn in Erfahrung gebracht; der Fürst habe sich schließlich auch bei ihr selbst eingefunden und auf sie einen sehr günstigen Eindruck gemacht. Das war auch daraus zu ersehen, daß sie ihn eingeladen hatte, sie täglich zwischen ein und zwei Uhr mittags zu besuchen, »und er kommt nun alle Tage zu ihr angelaufen, und sie ist seiner noch nicht überdrüssig geworden«, schloß die Generalin und fügte dann noch hinzu, durch Vermittelung »der Alten« habe der Fürst zu mehreren guten Familien Zutritt erhalten. »Das ist gut, daß er nicht immer zu Hause hockt und sich wie ein Dummkopf geniert.« Die jungen Mädchen, denen dies alles mitgeteilt wurde, merkten sofort, daß die Mama ihnen sehr vieles aus ihrem Brief vorenthielt. Vielleicht erfuhren sie das Fehlende durch Warwara Ardalionowna, die natürlich alles, was ihrem Mann über den Fürsten und dessen Aufenthalt in Moskau bekannt war, auch ihrerseits wissen konnte und wirklich wußte. Und Ptizyn konnte darüber allerdings mehr wissen als alle andern. Aber er war in geschäftlichen Dingen außerordentlich schweigsam, obwohl er seiner Frau selbstverständlich nichts vorenthielt. Die Abneigung der Generalin gegen Warwara Ardalionowna stieg dadurch noch mehr.

Aber wie dem auch sein mochte, das Eis war einmal gebrochen, und es durfte nun wieder über den Fürsten laut gesprochen werden. Der ungewöhnliche Eindruck, den der Fürst im Jepantschinschen Hause gemacht, und das lebhafte Interesse, das er dort erregt und hinterlassen hatte, traten von neuem klar zutage. Die Generalin wunderte sich sogar über die starke Wirkung, die die Nachrichten aus Moskau auf ihre Töchter ausübten. Und die Töchter ihrerseits waren erstaunt über die Mama, die ihnen so feierlich erklärt hatte, das wichtigste Charakteristikum ihres Lebens bestehe darin, daß sie sich fortwährend in den Menschen täusche, und gleichzeitig den Fürsten der Aufmerksamkeit der »mächtigen« alten Fürstin Bjelokonskaja in Moskau empfohlen hatte, wozu doch ein gewaltiger Aufwand von Bitten und Beschwörungen nötig war, denn »die Alte« war in gewissen Fällen nur schwer in Bewegung zu setzen.

Sowie aber einmal das Eis gebrochen war und ein neuer Wind wehte, beeilte sich auch der General auszusprechen, was er wußte. Es zeigte sich, daß auch er sich für den Fürsten lebhaft interessierte. Er machte den Seinigen übrigens nur über »die geschäftliche Seite der Angelegenheit« Mitteilung. Er habe, sagte er, im Interesse des Fürsten zwei sehr verläßliche und in ihrer Art einflußreiche Moskauer Herren beauftragt, ihn und besonders seinen Ratgeber Salaskin zu überwachen. Alles, was über die Erbschaft gesagt sei, das heißt »sozusagen das Faktum der Erbschaft«, habe sich als richtig erwiesen, aber die Erbschaft selbst stelle sich schließlich nicht als so bedeutend heraus, wie es anfangs verlautet habe. Das Vermögen stecke zur einen Hälfte in verwickelten Unternehmungen, es seien Schulden vorhanden, auch träten Prätendenten auf, und der Fürst verfahre trotz aller Ratschläge auf eine sehr wenig geschäftsmäßige Weise. Er, der General, wünsche ihm natürlich »von ganzem Herzen alles Gute«, jetzt, wo »das Eis des Schweigens« gebrochen sei, könne er das sagen, denn der junge Mann verdiene es, wenn er auch »ein bißchen soso« sei. Aber er mache doch dort arge Dummheiten: es hätten sich zum Beispiel Gläubiger des verstorbenen Kaufmanns mit anfechtbaren oder geradezu wertlosen Urkunden über ihre Ansprüche gemeldet, und andere, die von dem Fürsten Witterung bekommen hätten, ganz ohne solche Urkunden, und was habe der Fürst getan? Er habe sie fast alle befriedigt, obwohl ihm seine Freunde vorgestellt hätten, daß alle diese sauberen Patrone von Gläubigern keinerlei Rechtsansprüche besäßen, aber er habe sie dennoch befriedigt, einzig deshalb, weil sich herausgestellt habe, daß einige von ihnen tatsächlich Schaden erlitten hätten.

Die Generalin erwiderte darauf, daß auch die Fürstin Bjelokonskaja an sie so etwas geschrieben habe und daß »das dumm, sehr dumm« sei. »Dummheit ist nicht heilbar«, fügte sie in scharfem Ton hinzu; aber man konnte es ihr am Gesicht ansehen, wie sehr sie sich doch innerlich über diese Handlungsweise des »Dummkopfes« freute. Aus allem merkte der General schließlich, daß seine Gemahlin an dem Fürsten wie an einem leiblichen Sohn Anteil nahm und daß sie sich gegen Aglaja außerordentlich zärtlich benahm; als Iwan Fjodorowitsch das sah, nahm er für einige Zeit eine sehr geschäftsmäßige Haltung an.

Aber diese ganze angenehme Stimmung dauerte nicht lange. Kaum waren zwei Wochen vergangen, da trat auf einmal ein Umschlag ein; die Generalin machte wieder ein finsteres Gesicht, und der General fügte sich, nachdem er einige Male die Achseln gezuckt hatte, wieder in »das Eis des Schweigens«. Die Sache war die: vierzehn Tage vorher hatte er unterderhand eine zwar kurze und daher nicht ganz klare, aber doch zuverlässige Nachricht folgenden Inhalts erhalten: Nastasja Filippowna, die zuerst in Moskau verschwunden und dann in Moskau selbst von Rogoshin aufgefunden, dann wieder irgendwohin verschwunden und wieder von ihm aufgefunden sei, habe ihm endlich so gut wie fest versprochen, ihn zu heiraten. Und nun, nur vierzehn Tage später, erhielt Seine Exzellenz plötzlich eine andere Nachricht: Nastasja Filippowna sei zum drittenmal, fast vom Traualtar, davongelaufen und diesmal irgendwo in der Provinz untergetaucht, und gleichzeitig sei trug mit zu der gedrückten Stimmung bei, die damals in der Familie Jepantschin herrschte, obwohl die Generalin sich dahin äußerte, sie sei jetzt so froh, daß sie sich mit beiden Händen bekreuzigen möchte. Obgleich der General in Ungnade war und fühlte, daß er das selbst verschuldet hatte, schmollte er doch längere Zeit; es tat ihm leid, daß Afanassij Iwanowitsch nicht sein Schwiegersohn wurde: »Ein solches Vermögen und ein so gewandter Mensch!« Nicht lange darauf erfuhr der General, daß Afanassij Iwanowitsch sich von einer zugereisten Französin habe fesseln lassen, die zur höheren Gesellschaft gehöre, Marquise und Legitimistin sei, daß die Eheschließung bevorstehe und daß sie ihren Gemahl dann nach Paris und später irgendwohin in die Bretagne entführen werde. »Na, mit der Französin wird er zugrunde gehen«, entschied der General.

Also die Jepantschins machten sich bereit, zu Beginn des Sommers wegzureisen. Da trat plötzlich ein Ereignis ein, das von neuem alle Pläne umstieß, und die Reise wurde zur größten Freude des Generals und der Generalin wieder aufgeschoben. Es kam aus Moskau nach Petersburg ein Fürst, ein Fürst Schtsch., übrigens eine sehr bekannte Persönlichkeit, und zwar bekannt von der allerbesten Seite. Er war einer jener ehrenhaften, bescheidenen, tatfreudigen Männer, wie sie in der letzten Zeit häufiger geworden waren, jener Männer, die aufrichtig und bewußt das Nützliche erstreben, immer arbeiten und sich durch die seltene, glückliche Gabe auszeichnen, immer Arbeit für sich zu finden. Ohne sich vorzudrängen, ohne sich an dem erbitterten Gezänk und dem müßigen Gerede der Parteien zu beteiligen und ohne sich zu den Ersten zu rechnen, besaß der Fürst doch ein recht gründliches Verständnis für einen guten Teil der Entwicklung, die die letzte Zeit gebracht hatte. Er hatte früher ein Amt bekleidet und dann bei der ländlichen Selbstverwaltung mitgewirkt. Außerdem war er ein nützlicher Korrespondent mehrerer gelehrter russischer Gesellschaften. Im Verein mit einem bekannten Techniker hatte er durch das von ihm gesammelte statistische Material und die von ihm angestellten Untersuchungen bewirkt, daß eine der wichtigsten projektierten Eisenbahnen eine zweckmäßigere Richtung erhielt. Er war etwa fünfunddreißig Jahre alt, gehörte zur »allervornehmsten Gesellschaft« und besaß außerdem ein »schönes, solides, sicheres« Vermögen, wie sich der General ausdrückte, der anläßlich einer sehr wichtigen geschäftlichen Angelegenheit mit dem Fürsten bei seinem Chef, dem Grafen, zusammengetroffen war und seine Bekanntschaft gemacht hatte. Der Fürst ging infolge einer gewissen besonderen Neugierde keiner Gelegenheit, mit russischen »Geschäftsleuten« bekannt zu werden, aus dem Wege. Es machte sich so, daß der Fürst auch mit der Familie des Generals bekannt wurde. Adelaida Iwanowna, die mittlere der drei Schwestern, machte auf ihn einen recht starken Eindruck. Zu Beginn des Frühlings hielt er um ihre Hand an. Der Freier gefiel sowohl ihr als auch ihrer Mutter recht gut. Der General war sehr erfreut. Selbstverständlich wurde die Reise verschoben. Die Hochzeit wurde für den Frühling in Aussicht genommen.

Die Reise hätte übrigens auch noch in der Mitte oder gegen Ende des Sommers stattfinden können, wenn auch nur in Form eines ein- oder zweimonatigen Ausfluges der Mutter und der beiden ihr verbliebenen Töchter, um den Schmerz über Adelaidas Ausscheiden aus der Familie zu besänftigen. Aber es trat wieder ein neues Ereignis ein: schon zu Ende des Frühjahrs (Adelaidas Hochzeit hatte sich etwas verzögert und war nun auf die Mitte des Sommers angesetzt worden) führte Fürst Schtsch. bei der Jepantschinschen Familie einen entfernten Verwandten von sich ein, mit dem er aber sehr gut bekannt war. Es war dies ein gewisser Jewgenij Pawlowitsch R., ein noch sehr junger Mann, ungefähr achtundzwanzig Jahre alt, Flügeladjutant, bildschön, von »vortrefflicher Herkunft«, geistreich, elegant, »ein Anhänger der neuen Ideen«, »hochgebildet« und unerhört reich. Hinsichtlich dieses letzten Punktes war der General immer sehr vorsichtig. Er zog Erkundigungen ein und äußerte dann: »Die Sache scheint sich tatsächlich so zu verhalten, indes ist doch noch weitere Bestätigung erforderlich.« Dieser junge Flügeladjutant, dem man eine »große Zukunft« prophezeite, erhielt noch eine besondere Empfehlung durch die Art, wie sich die alte Fürstin Bjelokonskaja in Moskau in ihren Briefen über ihn aussprach. Nur in einem Punkte war sein Ruf etwas bedenklich: er sollte mehrere Liebesverhältnisse gehabt und, wie behauptet wurde, mehrere »Siege« über unglückliche Herzen davongetragen haben. Nachdem er Aglaja gesehen hatte, wurde er in der Familie Jepantschin ein überaus häufiger Gast. Er hatte zwar noch nichts deutlich ausgesprochen, ja nicht einmal irgendwelche Andeutungen gemacht, aber die Eltern waren doch der Ansicht, man müsse für diesen Sommer den Plan einer Auslandsreise aufgeben. Aglaja selbst war vielleicht anderer Meinung.

Dies begab sich, kurz bevor unser Held zum zweitenmal auf dem Schauplatz unserer Erzählung erschien. Zu dieser Zeit war, nach dem äußeren Scheine zu urteilen, der arme Fürst Myschkin in Petersburg bereits vollständig in Vergessenheit geraten. Wäre er jetzt auf einmal unter den Menschen, die ihn kannten, erschienen, so würden sie so überrascht gewesen sein, als ob er vom Himmel gefallen wäre. Aber wir wollen inzwischen von noch einem Ereignis Mitteilung machen und damit unsere Einleitung beschließen.

Kolja Iwolgin setzte nach der Abreise des Fürsten anfangs sein früheres Leben fort, das heißt er ging ins Gymnasium, besuchte seinen Freund Ippolit, beaufsichtigte den General und half seiner Schwester Warja in der Wirtschaft, indem er Laufburschendienste verrichtete. Aber die Untermieter verschwanden schnell: Ferdyschtschenko zog drei Tage nach dem Vorfall in Nastasja Filippownas Wohnung aus und war sehr bald verschollen, so daß man von ihm überhaupt nichts mehr zu hören bekam; es hieß, daß er irgendwo trinke, aber es fehlte dafür die Bestätigung. Der Fürst reiste nach Moskau; so war es mit den Untermietern zu Ende. Als sich dann Warja verheiratete, zogen Nina Alexandrowna und Ganja mit ihr zusammen zu Ptizyn in das ; was aber den General Iwolgin anlangt, so begegnete ihm fast gleichzeitig etwas ganz Unvorhergesehenes: er wurde ins Schuldgefängnis gesetzt. Veranlaßt hatte dies seine Freundin, die Hauptmannsfrau, auf Grund der Schuldscheine, die er ihr zu verschiedenen Zeiten im Gesamtbetrag von etwa zweitausend Rubeln gegeben hatte. Das war für ihn eine vollständige Überraschung, und der arme General war nun »entschieden ein Opfer seines zu weit gehenden Glaubens an den Edelmut des menschlichen Herzens, allgemein gesagt«. Da er sich gewöhnt hatte, Schuldscheine und Wechsel zu unterschreiben, ohne sich im geringsten darüber zu beunruhigen, so hatte er gar nicht an die Möglichkeit gedacht, daß solche Urkunden jemals wirksam werden könnten, sondern immer gemeint, das sei nur so eine Form. Nun stellte sich heraus, daß es nicht nur so eine Form war. »Und da soll man sich nun noch auf Menschen verlassen und edelmütig Vertrauen schenken!« rief er bekümmert aus, als er mit seinen neuen Freunden im Tarassowschen Hause bei einer Flasche Wein saß und ihnen seine Geschichten von der Belagerung von Kars und dem auferstandenen Soldaten erzählte. Er führte dort übrigens ein höchst angenehmes Leben. Ptizyn und Warja sagten, daß das für ihn ganz der richtige Ort sei, und Ganja stimmte ihnen völlig bei. Nur die arme Nina Alexandrowna weinte im stillen bitterlich, worüber ihre Angehörigen sehr verwundert waren, und obwohl sie fortwährend kränkelte, schleppte sie sich doch, sooft sie nur konnte, nach dem Schuldgefängnis, um ihren Mann zu besuchen.

Aber seit dem »Zwischenfall mit dem General«, wie Kolja sich ausdrückte, und überhaupt seit der Verheiratung seiner Schwester hatte sich Kolja fast gänzlich von der Oberherrschaft seiner Angehörigen frei gemacht, und es war so weit gekommen, daß er in der letzten Zeit nur noch selten bei der Familie erschien und dort übernachtete. Gerüchten zufolge hatte er eine Menge neuer Bekanntschaften angeknüpft; außerdem war er im Schuldgefängnis eine sehr bekannte Erscheinung geworden. Nina Alexandrowna konnte dort ohne ihn gar nicht mit ihrem Manne zurechtkommen. Zu Hause aber belästigte man ihn jetzt nicht einmal mit neugierigen Fragen. Warja, die früher so streng mit ihm verfahren war, unterwarf ihn jetzt nicht dem geringsten Verhör über seine Wanderungen, und Ganja redete und verkehrte zur großen Verwunderung seiner Angehörigen manchmal trotz seiner Hypochondrie mit ihm ganz freundschaftlich, was früher nie geschehen war, da der sechsundzwanzigjährige Ganja natürlich seinem fünfzehnjährigen Bruder nicht die geringste freundschaftliche Beachtung geschenkt, ihn grob behandelt, auch von allen anderen Angehörigen nur Strenge gegen ihn verlangt und beständig gedroht hatte, »ihn bei den Ohren zu nehmen«, wodurch bei Kolja »der letzte Rest menschlicher Geduld erschöpft wurde«. Man konnte glauben, daß Ganja seinen Bruder Kolja jetzt manchmal geradezu nötig hatte. Diesem hatte es nicht wenig imponiert, daß Ganja damals das Geld zurückgegeben hatte, und er war bereit, ihm dafür vieles zu verzeihen.

Es waren nun drei Monate seit der Abreise des Fürsten vergangen, da hörte man in der Familie Iwolgin, daß Kolja auf einmal mit Jepantschins bekannt geworden sei und von den jungen Mädchen stets sehr freundlich aufgenommen werde. Warja hatte dies bald erfahren; übrigens war Kolja nicht durch Warja dort bekannt geworden, sondern »ganz auf eigene Faust«. Allmählich hatte man ihn bei Jepantschins liebgewonnen. Die Generalin war ihm anfänglich nicht sehr zugetan gewesen, hatte dann aber bald an ihm Geschmack gefunden »wegen seiner Offenherzigkeit, und weil er nicht schmeichelte«. Daß Kolja nicht schmeichelte, war durchaus richtig, er verstand es, mit ihnen auf völlig gleichem Fuß und unter Wahrung seiner Unabhängigkeit zu verkehren, obwohl er der Generalin manchmal Bücher und Zeitungen vorlas, – aber er war immer äußerst dienstfertig. Ein paarmal verzankte er sich heftig mit Lisaweta Prokofjewna und erklärte ihr, sie sei eine Despotin und er werde keinen Fuß mehr in ihr Haus setzen. Das erstemal war der Streit wegen der »Frauenfrage« entstanden und das zweitemal wegen der Frage, welche Jahreszeit zum Zeisigfang die geeignetste sei. So unwahrscheinlich es klingen mag, aber die Generalin schickte ihm am dritten Tage nach dem Streit durch einen Diener ein Briefchen zu, in dem sie ihn dringend bat, wieder hinzukommen; Kolja sträubte sich nicht, sondern stellte sich sofort ein. Nur Aglaja zeigte sich ihm aus einem nicht recht verständlichen Grund dauernd nicht wohlgeneigt und behandelte ihn sehr von oben herab. Und doch sollte er gerade sie in Erstaunen versetzen. Eines Tages – es war in der Osterzeit – paßte Kolja einen Augenblick ab, wo er mit Aglaja allein war, und übergab ihr einen Brief, wobei er nur bemerkte, er sei angewiesen, ihn ihr unter vier Augen zuzustellen. Aglaja warf dem »eingebildeten Jungen« einen strengen Blick zu, aber Kolja wartete Weiteres nicht ab und ging hinaus. Sie öffnete den Brief und las:

»Sie haben mich früher einmal Ihres Vertrauens gewürdigt. Vielleicht haben Sie mich jetzt ganz vergessen. Wie kommt es, daß ich an Sie schreibe? Ich weiß es nicht, aber es wurde in mir ein unüberwindliches Verlangen rege, mich Ihnen, gerade Ihnen, ins Gedächtnis zurückzurufen. Wie oft hatte ich Sie alle drei dringend nötig, aber ich sah von Ihnen allen dreien immer nur Sie allein. Ich habe Sie nötig, dringend nötig. Von mir selbst habe ich Ihnen nichts zu schreiben und nichts zu erzählen. Das war auch gar nicht meine Absicht; ich wünsche nur von ganzem Herzen, daß Sie glücklich sein möchten. Sind Sie glücklich? Nur das wollte ich Ihnen sagen.

Ihr Bruder Fürst L. Myschkin.«

Als Aglaja diesen kurzen und recht sinnlosen Brief las, wurde sie plötzlich dunkelrot und versank in Nachdenken. Es würde uns schwer sein, den Gang ihrer Gedanken aufzuzeichnen. Unter anderm fragte sie sich: ›Soll ich den Brief jemandem zeigen?‹ Sie schämte sich gewissermaßen. Schließlich warf sie den Brief mit einem sonderbaren, spöttischen Lächeln in den Schubkasten ihres Nähtisches. Am folgenden Tage nahm sie ihn wieder heraus und legte ihn in ein dickes, stark in Halbfranz gebundenes Buch (so machte sie es immer mit ihren Briefschaften, um sie recht schnell zu finden, sobald sie sie gebrauchte). Erst eine Woche darauf sah sie zufällig, was es eigentlich für ein Buch war, in dem dieser Brief lag. Es war der »Don Quijote de la Mancha«. Aglaja lachte laut auf; es ist schwer zu sagen, warum.

Auch wissen wir nicht, ob sie den Brief einer ihrer Schwestern zeigte.

Aber gleich bei der Lektüre des Briefes war ihr der Gedanke durch den Kopf gegangen: ›Hat sich denn wirklich der Fürst diesen eingebildeten, großtuerischen Jungen dazu ausersehen, mit ihm Briefe zu wechseln, und ist dieser Junge vielleicht am Ende gar der einzige Mensch, mit dem der Fürst hier in Korrespondenz steht?‹ So setzte sie denn eine sehr geringschätzige Miene auf und unterwarf Kolja einem Verhör. Aber der sonst immer sehr empfindliche »Junge« beachtete diesmal ihre Geringschätzung nicht im mindesten; sehr kurz und in recht trockenem Tone erklärte er der Fragerin, er habe zwar bei der Abreise des Fürsten von Petersburg diesem für alle Fälle seine ständige Adresse mitgeteilt und ihm dabei seine Dienste angeboten; aber dies sei der erste Auftrag, den er von ihm empfangen habe, und das erste Schreiben an ihn, und zum Beweise der Wahrheit des Gesagten zeigte er ihr auch den Brief, den er selbst von dem Fürsten erhalten hatte. Aglaja machte sich kein Gewissen daraus, ihn zu lesen. In diesem Briefe an Kolja stand:

»Lieber Kolja, seien Sie so gut, den hier beiliegenden Brief an Aglaja Iwanowna abzugeben. Lassen Sie sich’s gut gehen.

Ihr Sie liebender Fürst L. Myschkin.«

»Es ist doch komisch, daß er sich einen solchen Knirps zum Vertrauten aussucht«, bemerkte Aglaja in beleidigendem Ton, gab Kolja den Brief zurück und ging verächtlich an ihm vorbei.

Das war nun doch mehr, als Kolja ertragen konnte. Und er hatte noch gerade für diesen Besuch seinen Bruder Ganja, ohne ihm den Grund zu erklären, gebeten, ob er nicht dessen noch ganz neue grüne Krawatte umbinden dürfe! Er fühlte sich bitter gekränkt.

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Kapitel 18

II

Es war Anfang Juni, und das Wetter war in Petersburg schon eine ganze Woche lang außerordentlich schön gewesen. Jepantschins besaßen ein prächtiges eigenes Landhaus in Pawlowsk. Lisaweta Prokofjewna wurde auf einmal unruhig und drängte zum Aufbruch; nach kaum zwei Tagen geschäftiger Tätigkeit zogen sie um.

Einen oder zwei Tage nach dem Umzug der Familie Jepantschin traf Fürst Lew Nikolajewitsch Myschkin mit dem Morgenzug aus Moskau ein. Es war niemand zu seinem Empfang auf dem Bahnhof erschienen, aber beim Aussteigen aus dem Waggon kam es ihm auf einmal so vor, als ob aus der Menge, die die mit dem Zug Angekommenen umdrängte, der seltsame, brennende Blick zweier Augen auf ihn gerichtet sei. Als er jedoch aufmerksamer hinschaute, konnte er nichts mehr wahrnehmen. Gewiß war es ihm nur so vorgekommen, aber es blieb doch bei ihm eine unangenehme Empfindung zurück. Zudem war der Fürst auch ohnedies traurig und nachdenklich und schien aus irgendeinem Grund in Sorge zu sein.

Ein Droschkenkutscher fuhr ihn nach einem Gasthof in der Litejnaja-Straße. Das Gasthaus war sehr ärmlich. Der Fürst erhielt zwei kleine, dunkle, schlecht möblierte Zimmer, wusch sich und kleidete sich um; dann ging er, ohne etwas zu genießen, eilig aus, wie wenn er Zeit zu verlieren oder jemanden nicht zu Hause anzutreffen fürchtete.

Wenn einer von den Leuten, die ihn vor einem halben Jahre bei seinem ersten Aufenthalt in Petersburg kennengelernt hatten, ihn jetzt gesehen hätte, so würde er vielleicht gefunden haben, daß sein Äußeres sich sehr vorteilhaft verändert habe. Und doch war das kaum der Fall. Nur die Kleidung war völlig anders geworden: er trug jetzt einen in Moskau von einem guten Schneider gearbeiteten Anzug, aber dieser Anzug hatte einen Fehler: er war gar zu sehr nach der Mode angefertigt (wie das gewissenhafte, aber nicht sehr talentvolle Schneider immer machen) und noch dazu für einen Menschen, der darauf nicht den geringsten Wert legte, so daß ein besonders Lachlustiger bei einem aufmerksamen Blick auf den Fürsten vielleicht Anlaß gefunden hätte zu lächeln. Aber was kommt den Leuten nicht alles lächerlich vor!

Der Fürst nahm eine Droschke und fuhr nach den Peski. In einer der Roshdestwenskij-Straßen fand er bald ein kleines Holzhäuschen. Zu seiner Verwunderung präsentierte sich dieses Häuschen äußerlich recht hübsch: es war sauber, gut in Ordnung gehalten und hatte einen Vorgarten, in dem Blumen wuchsen. Die Fenster nach der Straße zu waren geöffnet, und aus ihnen hörte man ein lautes, unaufhörliches Sprechen, ja fast ein Schreien, wie wenn jemand laut las oder eine Rede hielt; ab und zu wurde diese Stimme durch das Lachen mehrerer anderer heller Stimmen unterbrochen. Der Fürst ging in den Hof, stieg ein paar Stufen hinan und fragte nach Herrn Lebedew.

»Da ist er«, antwortete die Köchin, die die Tür geöffnet hatte. Sie hatte die Ärmel bis zum Ellbogen aufgestreift und wies mit dem Finger nach dem »Salon«.

In diesem Salon, der dunkelblau tapeziert war und dessen saubere Einrichtung einigen Anspruch auf Eleganz erhob (es befanden sich dort ein runder Tisch, ein Sofa, eine Bronzeuhr unter einem Glassturz, ein schmaler Spiegel am Fensterpfeiler und ein sehr altertümlicher kleiner Kronleuchter mit Glasprismen, der an einer bronzenen Kette von der Decke herabhing), mitten in diesem Zimmer stand Herr Lebedew in eigener Person, mit dem Rücken nach dem eintretenden Fürsten zu, sommerlich gekleidet, ohne Rock, in bloßer Weste, und hielt, sich gegen die Brust schlagend, eine affektvolle Rede über irgendein Thema. Seine Zuhörer waren: ein fünfzehnjähriger Knabe, der ein recht lustiges, kluges Gesicht hatte und ein Buch in der Hand hielt, ein etwa zwanzigjähriges junges Mädchen, ganz in Trauerkleidung, mit einem Säugling auf dem Arm, ein dreizehnjähriges Mädchen, gleichfalls in Trauer, das sehr herzlich lachte und dabei den Mund gewaltig weit aufriß, und endlich ein sehr sonderbarer Zuhörer, ein auf dem Sofa liegender junger Mann von etwa zwanzig Jahren, sehr hübsch, mit langem, dichtem, dunklem Haar, großen schwarzen Augen und einem kleinen Anflug von Bart. Dieser Zuhörer schien den Redenden häufig zu unterbrechen und ihm zu widersprechen, und darüber lachte wahrscheinlich das übrige Publikum.

»Lukjan Timofejitsch, Lukjan Timofejitsch! So hör doch! Sieh doch mal her!… Na, bei euch ist auch alles vergebens!«

Mit einer wegwerfenden Handbewegung ging die Köchin fort; sie ärgerte sich so, daß sie ganz rot geworden war.

Lebedew sah sich um und stand, als er den Fürsten erblickte, eine Weile wie vom Donner gerührt; dann stürzte er mit unterwürfigem Lächeln auf ihn zu, machte aber unterwegs von neuem halt und sagte nur:

»Durch-durch-durchlauchtigster Fürst!«

Aber als könne er seine Fassung immer noch nicht wiedergewinnen, drehte er sich auf einmal um und stürzte ohne jede Veranlassung zunächst auf das Mädchen in Trauer zu, das das Kind auf dem Arme hielt, so daß diese vor Überraschung und Schreck zurückwankte; dann aber ließ er sie und stürmte auf das dreizehnjährige Mädchen los, das in der nach dem Nebenzimmer führenden Tür auf der Schwelle stand und auf dessen Gesicht als Überrest des kurz vorhergehenden Lachens noch ein Lächeln lag. Sie hielt dem Anschreien nicht stand, sondern flüchtete sogleich in die Küche; Lebedew stampfte hinter ihr sogar mit den Füßen auf den Boden, um sie noch mehr zu erschrecken; aber als er dem Blick des Fürsten begegnete, der ihn verlegen ansah, sagte er zur Erklärung:

»Nur… nur aus Ehrerbietung, hehehe!«

»Aber Sie machen sich unnötige Mühe…«, begann der Fürst.

»Sofort, sofort, sofort… schnell wie der Wind!«

Damit lief Lebedew rasch aus dem Zimmer. Erstaunt blickte der Fürst das junge Mädchen, den Knaben und den auf dem Sofa liegenden jungen Mann an, die alle drei lachten. Auch der Fürst fing an zu lachen.

»Er ist gegangen, sich den Frack anzuziehen«, sagte der Knabe.

»Es tut mir außerordentlich leid…«, begann der Fürst. »Ich dachte schon… Sagen Sie, ist er vielleicht…«

»Sie meinen betrunken?« rief eine Stimme vom Sofa her. »Nicht die Spur! Er hat vielleicht drei bis vier Gläser getrunken, na, oder auch fünf, aber was will das bedeuten? Das ist ja ganz normal.«

Der Fürst wollte sich der vom Sofa herkommenden Stimme zuwenden; aber nun begann das junge Mädchen zu sprechen und sagte mit dem offenherzigsten Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht:

»Vormittags trinkt er nie viel; wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit zu ihm hergekommen sind, dann reden Sie jetzt mit ihm, es ist gerade die rechte Zeit. Wenn er abends nach Haus kommt, dann ist er allerdings manchmal betrunken; aber jetzt weint er meistens bis in die Nacht hinein und liest uns aus der Heiligen Schrift vor, weil unsere Mutter vor fünf Wochen gestorben ist.«

»Er ist wahrscheinlich deswegen weggelaufen, weil er noch nicht recht wußte, was er Ihnen antworten soll«, rief lachend vom Sofa her der junge Mann. »Ich möchte wetten, daß er vorhat, Sie zu betrügen, und sich jetzt überlegt, wie er es anstellen soll.«

»Erst vor fünf Wochen! Erst vor fünf Wochen!« fiel der zurückkehrende Lebedew ein, der inzwischen den Frack angezogen hatte.

Er blinzelte mit den Augen und zog ein Taschentuch aus der Tasche, um sich die Tränen abzuwischen. »Meine Kinder sind mutterlos!«

»Aber warum kommen Sie denn in diesem zerlumpten Anzug herein?« sagte das Mädchen. »Da hinter der Tür haben Sie ja einen ganz neuen Oberrock liegen; haben Sie ihn nicht gesehen, nein?«

»Schweig still, du Schwätzerin!« schrie Lebedew sie an. »Willst du wohl!« Er trampelte wieder mit den Füßen. Aber dieses Mal lachte sie nur.

»Warum versuchen Sie, mich zu erschrecken? Ich bin ja nicht Tanja, ich werde nicht davonlaufen«, sagte sie. »Sie werden noch unsere kleine Ljubotschka hier aufwecken, und dann wird sie noch Krämpfe bekommen… Weshalb schreien Sie denn so?«

»Nein, nein, nein! Schweig, schweig! …«, versetzte Lebedew in größter Bestürzung, lief zu dem Kind hin, das auf dem Arm seiner Tochter schlief, und bekreuzigte es mit erschrockener Miene mehrmals. »Herr Gott, erhalte sie mir, Herr Gott, erhalte sie mir! Das ist meine Kleinste, meine Tochter Ljubow«, wandte er sich an den Fürsten, »sie ist in legitimer Ehe von meiner unlängst verstorbenen Gattin Jelena geboren, die im Wochenbette starb. Und dieser Kiebitz hier ist meine Tochter Wera, in Trauerkleidung. Und dieser, dieser, ja dieser …«

»Nun? Bist du steckengeblieben?« rief der junge Mann. »So fahr doch fort! Sei nicht verlegen!«

»Durchlaucht!« rief Lebedew plötzlich mit Heftigkeit. »Haben Sie von der Ermordung der Familie Shemarin in den Zeitungen gelesen?«

»Ja, ich habe davon gelesen«, erwiderte der Fürst einigermaßen verwundert.

»Nun, das ist hier der wahre Mörder der Familie Shemarin, er ist es, er!«

»Aber was reden Sie!« versetzte der Fürst.

»Das heißt im übertragenen Sinne; er ist der künftige zweite Mörder einer künftigen zweiten Familie Shemarin, wenn es noch einmal eine solche geben wird. Darauf bereitet er sich jetzt schon vor…«

Alle lachten. Dem Fürsten kam der Gedanke, Lebedew mache vielleicht wirklich diese Winkelzüge und Seitensprünge nur deshalb, weil er seine Fragen voraussehe, nicht wisse, was er darauf antworten solle, und Zeit zu gewinnen suche.

»Er revoltiert! Er stiftet Verschwörungen an!« schrie Lebedew, als wenn er nicht mehr die Kraft hätte, sich zu beherrschen. »Na, bin ich denn imstande, na, bin ich‘ denn berechtigt, einen solchen Verleumder, einen solchen Wüstling und Unmenschen als meinen leiblichen Neffen, als den einzigen Sohn meiner seligen Schwester Anisja anzuerkennen?«

»Hör doch auf, du betrunkenes Subjekt! Können Sie es glauben, Fürst, jetzt ist er auf den Einfall gekommen, sich mit Advokatur zu befassen und Vertretungen vor Gericht zu übernehmen; er hat sich auf die Rhetorik geworfen und redet mit seinen Kindern im Hause immer nur noch im höheren Stil. Vor fünf Tagen hat er vor den Friedensrichtern gesprochen. Und wen hat er da verteidigt? Nicht die alte Frau, die ihn gebeten und angefleht hatte und die von so einem Schuft von Wucherer ausgeplündert worden war – fünfhundert Rubel, die ihr gehörten, ihr ganzes Vermögen, hatte der Mensch sich angeeignet –, sondern eben diesen Wucherer selbst, einen gewissen Seidler, einen Juden, weil der versprochen hatte, ihm fünfzig Rubel zu geben…«

»Fünfzig Rubel, wenn ich den Prozeß gewinne, und nur fünf, wenn ich ihn verliere«, erklärte Lebedew auf einmal in einer ganz anderen Tonart, als er bisher gesprochen hatte, und als hätte er nie geschrien.

»Na, er hat natürlich nichts ausgerichtet; es geht jetzt bei Gericht nicht mehr so zu wie ehemals, man hat ihn da nur ausgelacht. Aber er war mit sich sehr zufrieden. ›Denken Sie daran, meine unparteiischen Herren Richter‹, hat er gesagt, ›daß ein unglücklicher Greis, der nicht gehen kann und von seiner ehrlichen Arbeit lebt, seines letzten Stückes Brot beraubt wird; denken Sie an die weisen Worte des Gesetzgebers: »Im Gericht soll Milde herrschen«!‹ Und können Sie es glauben? Jeden Morgen deklamiert er uns hier dieselbe Rede vor, Wort für Wort, wie er sie da gehalten hat; es ist heute das fünftemal, daß er sie uns vorgetragen hat, jetzt eben, bevor Sie kamen; so gut hat sie ihm gefallen. Er leckt sich darüber die Lippen. Und er hat vor, noch so einen zu verteidigen, Sie sind ja wohl Fürst Myschkin? Kolja hat mir von Ihnen gesagt, Sie seien der klügste Mensch, der ihm bisher auf der Welt vorgekommen wäre…«

»Das stimmt! Das stimmt! Der klügste Mensch auf der Welt!« fiel Lebedew sofort ein.

»Na, der hier schwatzt das allerdings nur so hin. Der eine liebt Sie, und der andere möchte sich bei Ihnen in Gunst setzen; aber ich beabsichtige durchaus nicht, Ihnen zu schmeicheln, das sage ich Ihnen ein für allemal. Sie sind ja doch ein urteilsfähiger Mensch: seien Sie Schiedsrichter zwischen mir und ihm! Na, bist du damit einverstanden, daß der Fürst es übernimmt, unser Schiedsrichter zu sein?« wandte er sich an seinen Onkel. »Ich bin ordentlich froh, Fürst, daß Sie gerade hergekommen sind.«

»Ja, ich bin damit einverstanden!« rief Lebedew in entschlossenem Ton und sah sich unwillkürlich nach dem Publikum um, das wieder heranzurücken begann.

»Aber was haben Sie denn eigentlich miteinander?« fragte der Fürst und runzelte ein wenig die Stirn.

Er hatte wirklich Kopfschmerzen und gelangte außerdem immer mehr zu der Überzeugung, daß Lebedew ihm etwas vormachte und sich darüber freute, daß die Hauptsache hinausgeschoben wurde.

»Also Darlegung des Tatbestandes! Ich bin sein Neffe; darin hat er nicht gelogen, obwohl er sonst immer lügt. Ich habe mein Studium nicht beendet, aber ich will es beenden und werde meine Absicht durchsetzen, denn ich habe einen energischen Charakter. Inzwischen aber will ich, um zu existieren, eine Stellung bei der Eisenbahn mit fünfundzwanzig Rubel Gehalt annehmen. Ich bekenne außerdem, daß er mir schon zwei- oder dreimal geholfen hat. Ich besaß zwanzig Rubel und habe sie verspielt. Können Sie es glauben, Fürst, ich war so gemein und nichtswürdig, das Geld zu verspielen!«

»An einen Schurken, an einen Schurken, dem er überhaupt nichts hätte bezahlen sollen!« schrie Lebedew.

»Ja, an einen Schurken; aber bezahlen mußte ich es ihm«, fuhr der junge Mann fort. »Daß er ein Schurke ist, kann auch ich bezeugen, und zwar nicht deswegen, weil er dich durchgeprügelt hat. Es ist das nämlich ein in seiner Karriere gescheiterter Offizier, ein Leutnant a. D., von der ehemaligen Rogoshinschen Kohorte; er erteilt Unterricht im Boxen. Die treiben sich jetzt alle hier und da umher, seitdem Rogoshin sie weggejagt hat. Aber das allerärgste war, daß ich wußte, daß er ein Schurke, ein Taugenichts und Dieb war, und mich doch mit ihm zum Spiel hinsetzte, und daß ich, als ich den letzten Rubel setzte (wir spielten ), bei mir dachte: ›Wenn ich verliere, gehe ich zu Onkel Lukjan und falle ihm zu Füßen; er wird es mir nicht abschlagen.‹ Das war eine unwürdige Handlungsweise, eine ganz unwürdige Handlungsweise! Das war eine bewußte Gemeinheit!«

»Ja, das war eine bewußte Gemeinheit!« wiederholte Lebedew.

»Na, triumphiere nicht zu früh, warte noch!« rief der Neffe beleidigt. »Er freut sich schon. Ich kam zu ihm hierher, Fürst, und bekannte ihm alles: ich handelte ehrenhaft und beschönigte nichts, was ich getan hatte; ich schimpfte vor seinen Ohren auf mich selbst mit den stärksten Ausdrücken; alle hier Anwesenden sind Zeugen. Um die Stelle bei der Eisenbahn zu erhalten, muß ich mich unbedingt einigermaßen equipieren, denn ich bin ganz zerlumpt. Da, sehen Sie mal meine Stiefel an! Sonst kann ich die Stelle nicht antreten, und wenn ich sie nicht zum bestimmten Termin antrete, so bekommt sie ein anderer; dann sitze ich wieder auf dem trockenen und kann mich nach einer neuen Stelle umsehen. Jetzt bitte ich ihn nur um fünfzehn Rubel und verspreche, ihn nie wieder um Geld zu bitten und ihm überdies im Laufe der ersten drei Monate die ganze Schuld bis auf die letzte Kopeke zurückzuzahlen. Ich werde mein Wort halten. Ich bin imstande, monatelang von Brot und Kwaß zu leben, denn ich habe einen festen Charakter. Für drei Monate werde ich fünfundsiebzig Rubel Gehalt bekommen. Mit dem früheren zusammen werde ich ihm im ganzen fünfunddreißig Rubel schuldig sein; somit werde ich genug Geld haben, um ihm alles zu bezahlen. Na, mag er mir Prozente abnehmen, soviel er will, hol’s der Teufel! Kennt er mich denn etwa nicht? Fragen Sie ihn selbst, Fürst: habe ich ihm nicht jedesmal, wenn er mir früher geholfen hatte, das Geld zurückbezahlt? Warum will er denn nun diesmal nicht? Er ist ärgerlich darüber, daß ich an diesen Leutnant meinen Spielverlust bezahlt habe; das ist der einzige Grund! So ein Mensch ist das, er gönnt weder sich noch einem andern etwas!«

»Und nun geht er nicht weg!« schrie Lebedew. »Er hat sich hier hingelegt und geht nicht weg.«

»Das habe ich dir ja gesagt. Ich gehe nicht weg, ehe du mir nicht das Geld gibst. Warum lächeln Sie, Fürst? Sie finden wohl, daß ich unrecht habe?«

»Ich lächle nicht, aber meiner Ansicht nach haben Sie in der Tat bis zu einem gewissen Grade unrecht«, antwortete der Fürst mit Widerstreben.

»So sagen Sie doch geradeheraus, daß ich ganz und gar unrecht habe, und machen Sie keine gewundenen Redensarten! Was soll das heißen: ›bis zu einem gewissen Grade‹?«

»Nun, wenn Sie wollen, dann auch ganz und gar unrecht.«

»Wenn ich will! Lächerlich! Denken Sie denn, ich weiß nicht selbst, daß meine Handlungsweise etwas Bedenkliches hat, daß das Geld ihm gehört, daß er seinen freien Willen hat und daß das, was ich tue, auf Erpressung hinausläuft? Aber Sie kennen das Leben nicht, Fürst. Wenn man auf diese Leute nicht einen Druck ausübt, erreicht man nichts bei ihnen. Man muß einen Druck auf sie ausüben. Mein Gewissen ist ja rein; ich kann mit gutem Gewissen sagen: ich werde ihn nicht zu Schaden bringen, ich werde ihm sein Geld mit Zinsen zurückerstatten. Er hat ja auch schon eine gewisse seelische Befriedigung gehabt, indem er gesehen hat, wie ich mich vor ihm erniedrigte. Was will er nun noch mehr? Wozu ist er denn gut auf der Welt, wenn er niemandem nützt? Und ich bitte Sie, was tut er denn selbst? Erkundigen Sie sich nur einmal, wie er andere behandelt und wie er die Leute betrügt! Wie ist er denn zu diesem Haus gekommen? Ich lasse mir den Kopf abschneiden, wenn er Sie nicht schon betrogen hat und nicht überlegt, wie er Sie noch weiter betrügen kann! Sie lächeln? Sie glauben mir nicht?«

»Mir scheint, daß das alles mit Ihrer Sache nichts zu tun hat«, bemerkte der Fürst.

»Ich liege hier nun schon den dritten Tag, und was habe ich nicht alles zu sehen bekommen!« rief der junge Mann, ohne hinzuhören. »Können Sie sich vorstellen, daß er diesen Engel hier, dieses junge, jetzt mutterlose Mädchen, meine Kusine, seine Tochter, verdächtigt und in ihrem Schlafzimmer jede Nacht nach Liebhabern sucht! Auch zu mir pflegt er leise hereinzukommen und unter dem Sofa, auf dem ich liege, nachzusehen. Er ist vor Mißtrauen verrückt geworden, in jedem Winkel vermutet er Diebe. Die ganze Nacht über springt er jeden Augenblick aus dem Bett, sieht nach den Fenstern, ob sie auch gut geschlossen sind, faßt die Türen an, guckt in den Ofen, und so treibt er es jede Nacht etwa siebenmal. Vor Gericht verteidigt er Gauner, und er selbst verrichtet dreimal in jeder Nacht seine Gebete, hier im Salon; er liegt dabei auf den Knien und schlägt wohl eine halbe Stunde lang mit der Stirn auf den Fußboden. Und für wen er nicht alles betet! Was redet er dabei nicht alles in seiner Trunkenheit her! Er hat schon für das Seelenheil der Gräfin Dubarry gebetet, ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört; Kolja hat es auch gehört; er ist ganz verrückt geworden!«

»Sehen Sie nur, hören Sie nur, wie er mich beschimpft, Fürst!« schrie Lebedew, der ganz rot geworden und wirklich außer sich war. »Aber das weiß er nicht, daß ich, der Trunkenbold und Liederjan, der Räuber und Übeltäter, ihn, diesen Spötter, als er noch ein ganz kleines Kind war, in Windeln gewickelt und in der Wanne gebadet habe und daß ich, selbst ein bettelarmer Mensch, bei meiner verwitweten, bettelarmen Schwester Anisja die Nächte über, ohne zu schlafen, aufgesessen und sie beide während ihrer Krankheiten gepflegt und dem Hausknecht Holz gestohlen und ihnen Lieder vorgesungen und dazu mit den Fingern geschnipst habe, und das alles mit hungrigem Magen! Ja, so habe ich ihn gepflegt, und nun lacht er über mich! Und was kümmert dich das, wenn ich auch wirklich einmal für das Seelenheil der Gräfin Dubarry meine Stirn bekreuzigt hätte? Vor drei Tagen, Fürst, habe ich zum erstenmal in meinem Leben ihre Biographie im Konversationslexikon gelesen. Weißt du denn überhaupt, wer die Gräfin Dubarry war? Sag, weißt du es oder nicht?«

»Na, du bist wohl der einzige, der das weiß!« murmelte der junge Mann spöttisch, aber etwas gezwungen.

»Das war eine Gräfin, die aus der Schande hervorgegangen war und dann wie eine Königin regierte und die von einer großen Kaiserin in einem eigenhändigen Schreiben ›ma cousine‹ angeredet wurde. Ein Kardinal, der päpstliche Nuntius, erbot sich beim (weißt du, was das ist: lever du roi?), ihr die seidenen Strümpfe persönlich auf die nackten Füße zu ziehen, und meinte noch, das sei für ihn eine große Ehre, – so eine hohe, heilige Persönlichkeit! Weißt du das? Ich sehe dir am Gesicht an, daß du es nicht weißt! Na, und wie ist sie gestorben? Antworte, wenn du es weißt!«

»Scher dich weg! Laß mich in Ruh!«

»Gestorben ist sie in der Weise, daß nach all diesen Ehren der Henker Sampson diese hohe Machthaberin auf die Guillotine schleppte, unschuldig, zum Ergötzen der Pariser Fischweiber, und sie vor Angst gar nicht begriff, was mit ihr vorging. Sie sah, daß er sie am Halse unter das Messer bog und mit Fußtritten hinschob (die Weiber lachten dazu), und sie schrie: ›Encore un moment, monsieur le bourreau, encore un moment!‹ Das bedeutet: ›Warten Sie nur noch ein Augenblickchen, Herr bourreau, nur ein einziges Augenblickchen!‹ Und für dieses Augenblickchen wird Gott ihr vielleicht verzeihen; denn man kann sich nichts vorstellen, was für eine Menschenseele schlimmer wäre als diese misère. Weißt du, was das Wort misère bedeutet? Na, siehst du wohl, die schreckliche Lage, von der ich erzählt habe, das ist eben so eine misère. Als ich von diesem Aufschrei der Gräfin und von diesem einen Augenblickchen las, da hatte ich ein Gefühl, als ob man mir das Herz mit einer Zange zwickte. Und was geht dich das an, du Wurm, daß ich vor dem Zubettgehen in meinem Gebet ihrer, dieser großen Sünderin, gedacht habe? Vielleicht habe ich es gerade deswegen getan, weil, solange die Erde steht, für sie wahrscheinlich noch nie jemand seine Stirn bekreuzigt hat oder es sich überhaupt hat in den Sinn kommen lassen. Denn es wird für sie in jener Welt eine angenehme Empfindung sein, daß sich ein ebenso großer Sünder wie sie gefunden hat, der auch für sie wenigstens ein einziges Mal auf Erden gebetet hat. Warum lachst du? Du glaubst nicht, du Atheist! Aber woher hast du dein Wissen? Und du hast das, was du erlauscht hast, auch noch lügnerisch entstellt, denn ich habe nicht einfach nur für die Gräfin Dubarry gebetet; ich habe so gesagt: ›O Gott, gib die ewige Ruhe der Seele der großen Sünderin Gräfin Dubarry und allen, die ihr gleichen!‹ und das ist doch etwas ganz anderes, denn es gibt viele solche großen Sünderinnen, die warnende Beispiele für die Veränderlichkeit des Glückes sind und viel gelitten haben und sich jetzt dort ängstigen und stöhnen und warten. Und auch für dich und alle, die dir gleichen, für alle frechen, unverschämten Gesellen deiner Art habe ich damals gebetet, wie du wissen wirst, da du mich damals bei meinem Gebet hast belauschen mögen…«

»Na, nun hör nur auf, laß es genug sein; bete, für wen du willst, hol dich der Teufel; warum bist du so ins Schreien hineingekommen?« unterbrach ihn der Neffe ärgerlich. »Er ist außerordentlich belesen, Fürst; haben Sie das schon gewußt?« fügte er mit einem ungeschickten Lächeln hinzu. »Er liest jetzt immer Memoiren und allerlei andere Bücher.«

»Ihr Onkel ist aber bei alledem kein herzloser Mensch«, bemerkte der Fürst etwas unwillig. Dieser junge Mann wurde ihm sehr zuwider.

»Sie werden ihn uns am Ende noch durch Ihr Lob verderben! Sehen Sie nur, wie er gleich die Hand aufs Herz legt und einen spitzen Mund macht; das ist ihm süß eingegangen! Herzlos ist er nicht, meinetwegen, aber ein Spitzbube ist er, das ist das Malheur, und außerdem ist er auch noch ein Trunkenbold und ist wie jeder Mensch, der ein paar Jahre lang getrunken hat, ganz aus dem Leim gegangen, so daß alles an ihm knarrt. Die Kinder hat er allerdings lieb, und meine selige Tante hat er gut behandelt… Sogar mich hat er lieb, und er hat mir gewiß in seinem Testament einen Teil seines Vermögens hinterlassen.«

»Nichts hinterlasse ich dir!« schrie Lebedew ingrimmig.

»Hören Sie mal, Lebedew«, sagte der Fürst in bestimmtem Ton, indem er sich von dem jungen Mann abwandte, »ich weiß ja aus Erfahrung, daß Sie, wenn Sie wollen, auf geschäftlichem Gebiet Tüchtiges leisten können… Ich habe jetzt sehr wenig Zeit, und wenn Sie… Entschuldigen Sie, wie ist doch Ihr Vor- und Vatersname? Ich habe es vergessen.«

»Ti-Ti-Timofej.«

»Und?«

»Lukjanowitsch.«

Alle, die im Zimmer anwesend waren, lachten wieder laut auf.

»Er lügt!« rief der Neffe. »Auch darin lügt er! Er heißt gar nicht Timofej Lukjanowitsch, Fürst, sondern Lukjan Timofejewitsch! Na, nun sag selbst, warum hast du denn gelogen? Dir kann es doch gleich sein, ob du Lukjan oder Timofej heißt, und was hat der Fürst daran für ein Interesse? Er schwindelt nur aus reiner Angewohnheit, versichere ich Ihnen!«

»Ist das wirklich wahr?« fragte der Fürst ungeduldig.

»Ich heiße allerdings Lukjan Timofejewitsch«, gestand Lebedew verlegen, indem er demütig die Augen niederschlug und wieder die Hand aufs Herz legte.

»Aber warum tun Sie denn das? Ich bitte Sie!«

»Aus Selbsterniedrigung«, flüsterte Lebedew, der seinen Kopf immer tiefer und immer demütiger herabsinken ließ.

»Ach was! Was liegt denn darin für eine Selbsterniedrigung! Wenn ich nur wüßte, wo Kolja jetzt zu finden ist!« sagte der Fürst und wollte sich schon umdrehen, um wegzugehen.

»Ich will Ihnen sagen, wo Kolja ist«, erbot sich wieder der junge Mann.

»Nein, nein, nein!« rief Lebedew aufgeregt und hastig.

»Kolja hat hier übernachtet, ist aber am Morgen weggegangen, um seinen General zu suchen, den Sie, Fürst, Gott weiß warum, aus dem Schuldgefängnis losgekauft haben. Der General hatte noch gestern versprochen, er würde hierherkommen, um hier zu übernachten, aber er ist nicht gekommen. Am wahrscheinlichsten ist er die Nacht im Gasthaus ›Zur Waage‹, nicht weit von hier, gewesen. Kolja ist also entweder dort oder in Pawlowsk bei Jepantschins. Er hatte Geld und wollte noch gestern hinfahren. Also in der ›Waage‹ oder in Pawlowsk.«

»In Pawlowsk, in Pawlowsk wird er sein!… Aber wir wollen in unser Gärtchen gehen und… ein Täßchen Kaffee…«

Und Lebedew zog den Fürsten an der Hand hinaus. Sie verließen das Zimmer, durchschritten einen kleinen Hof und passierten ein Pförtchen. Dort befand sich wirklich ein sehr kleines, sehr hübsches Gärtchen, in welchem dank dem guten Wetter schon alle Bäume grün waren. Lebedew ließ den Fürsten auf einem grün angestrichenen Holzbänkchen an einem in die Erde gegrabenen Tisch Platz nehmen und setzte sich selbst ihm gegenüber. Nach kurzer Zeit erschien wirklich der Kaffee. Der Fürst lehnte nicht ab. Lebedew fuhr fort, ihm mit kriecherischer Miene in großer Spannung in die Augen zu sehen.

»Ich wußte gar nicht, daß Sie ein so hübsches Hauswesen haben«, sagte der Fürst, aber sein Gesicht machte den Eindruck, als ob er an etwas ganz anderes dachte.

»Wir sind arme, unglückliche…«, begann Lebedew, sich zusammenkrümmend, aber er hielt inne.

Der Fürst blickte zerstreut vor sich hin und hatte seine letzte Bemerkung offenbar schon wieder vergessen. Es verging noch ungefähr eine Minute. Lebedew beobachtete den Fürsten und wartete.

»Nun also, wie steht es?« sagte der Fürst, der aus seinen Gedanken zu sich zu kommen schien. »Sie wissen ja selbst, Lebedew, was wir beide miteinander zu verhandeln haben: ich bin infolge Ihres Briefes hergekommen; nun reden Sie!« Lebedew wurde verlegen; er wollte etwas sagen, brachte aber nur stotternde Laute heraus und konnte nichts Deutliches von sich geben. Der Fürst wartete ein Weilchen und lächelte traurig.

»Ich glaube Sie sehr gut zu verstehen, Lukjan Timofejewitsch: Sie haben mich wahrscheinlich nicht erwartet. Sie dachten, ich würde mich aus meiner Zurückgezogenheit nicht gleich auf Ihre erste Benachrichtigung hin aufmachen, und schrieben mir, um Ihr Gewissen zu beruhigen. Aber Sie sehen, ich bin hergekommen. Nun lassen Sie es genug sein, und täuschen Sie mich nicht weiter! Hören Sie auf, zwei Herren zu dienen! Rogoshin ist schon drei Wochen hier, ich weiß alles. Haben Sie es schon wieder fertiggebracht, sie ihm zu verraten und zu verkaufen wie damals? Sagen Sie die Wahrheit!«

»Der Unmensch hat es selbst erfahren, ganz allein.«

»Schimpfen Sie nicht auf ihn; er hat Sie ja freilich schlecht behandelt…«

»Geprügelt hat er mich, geprügelt!« fiel Lebedew in großer Erregung ein. »Mit einem Hund hat er mich in Moskau gehetzt, die ganze Straße entlang, mit einem Jagdhund. Es war ein schreckliches Tier!«

»Sie halten mich für ein kleines Kind, Lebedew. Sagen Sie mir im Ernst: hat sie ihn jetzt in Moskau verlassen?«

»Im Ernst, im Ernst, und wieder unmittelbar vor der Trauung. Der zählte schon die Minuten, aber sie reiste hierher nach Petersburg und kam geradewegs zu mir: ›Rette mich, beschütze mich, Lukjan‹, sagte sie, ›und sage dem Fürsten nichts!‹… Sie fürchtet sich vor Ihnen, Fürst, noch mehr als vor ihm, und das ist das Rätselhafte!«

Lebedew hielt mit schlauer Miene den Finger an die Stirn.

»Und jetzt haben Sie die beiden wieder zusammengeführt?«

»Durchlauchtigster Fürst, was konnte… was konnte ich dagegen tun?«

»Nun genug! Ich werde selbst alles in Erfahrung bringen. Sagen Sie mir nur: wo ist sie jetzt? Bei ihm?«

»O nein, ganz und gar nicht! Sie lebt immer noch ganz für sich. Sie sagt: ›Ich bin frei‹, und wissen Sie, Fürst, das ist bei ihr immer der Refrain: ›Ich bin noch vollkommen frei‹, sagt sie. Sie wohnt immer noch auf der Petersburger Seite, im Hause meiner Schwägerin, wie ich Ihnen ja auch geschrieben habe.«

»Ist sie auch jetzt dort?«

»Ja, wenn sie nicht bei dem schönen Wetter in Pawlowsk ist, bei Darja Alexejewna, in deren Landhaus. Sie sagt: ›Ich bin vollkommen frei!‹ Noch gestern hat sie sich Nikolai Ardalionowitsch gegenüber sehr ihrer Freiheit gerühmt. Ein übles Zeichen!«

Lebedew fletschte die Zähne.

»Ist Kolja oft bei ihr?«

»Er ist leichtsinnig und unberechenbar und nicht diskret.«

»Sind Sie in letzter Zeit da gewesen?«

»Ich gehe alle Tage hin, alle Tage.«

»Also waren Sie auch gestern da?«

»N-nein, vorvorgestern.«

»Wie schade, daß Sie angetrunken sind, Lebedew! Sonst hätte ich Sie etwas gefragt.«

»Oh, nicht die Spur betrunken bin ich!«

Lebedew machte geradezu ein finsteres Gesicht.

»Sagen Sie mir: in welchem Zustand befand sie sich, als Sie sie verließen?«

»Sie suchte…«

»Sie suchte?«

»Es war, als ob sie immer etwas suchte, als ob sie etwas verloren hätte. Was die bevorstehende Ehe betrifft, so war ihr sogar der Gedanke daran zuwider, und sie faßte die bloße Erwähnung derselben als Beleidigung auf. An ihn selbst denkt sie nicht mehr als an ein Stückchen Apfelsinenschale, das heißt: doch mehr, sie denkt an ihn mit Furcht und Schrecken und verbietet einem sogar, von ihm zu reden; sie sehen einander nur, wenn es unbedingt nötig ist.. . und er empfindet das außerordentlich schmerzlich! Aber sie wird ihrem Schicksal doch nicht entgehen!… Sie ist unruhig, spottlustig, launisch, zänkisch…«

»Launisch und zänkisch?«

»Ja, zänkisch, denn es fehlte das vorige Mal wenig daran, daß sie mich wegen etwas, was ich gesagt hatte, an den Haaren gerissen hätte. Ich wollte sie durch die Apokalypse zur Besinnung bringen.«

»Wie? Was?« fragte der Fürst, der sich verhört zu haben glaubte.

»Durch Vorlesen der Apokalypse. Sie ist eine Dame mit unruhigem Geist, hehe! Überdies habe ich die Beobachtung gemacht, daß sie eine große Neigung zu ernsten, wenn auch abseits gelegenen Gesprächsgegenständen hat. Sie liebt dergleichen und faßt es sogar als ein Zeichen besonderer Hochachtung auf, wenn man von solchen Dingen anfängt. Ja. Ich bin in der Auslegung der Apokalypse stark und beschäftige mich damit schon seit fünfzehn Jahren. Sie stimmte mir darin bei, daß wir jetzt bei dem dritten Pferd, dem Rappen, angelangt sind und bei dem Reiter, der ein Maß in seiner Hand hat, da ja in jetziger Zeit alles nach dem Maß und dem Vertrag geht und alle Menschen nur ihr Recht suchen: ›Ein Maß Weizen um einen Dinar und drei Maß Gerste um einen Dinar‹… und dann möchten sie sich noch einen freien Geist und ein neues Herz und einen gesunden Leib und alle andern Gaben obendrein bewahren. Aber auf Grund des bloßen Rechtes können sie sich das nicht bewahren, und danach folgt das fahle Pferd und der, des Name Tod heißt, und nach ihm kommt dann die Hölle… Darüber reden wir, wenn wir zusammenkommen, und es hat bei ihr starke Wirkung getan.«

»Sie selbst glauben daran?« fragte der Fürst, indem er Lebedew mit einem eigentümlichen Blick ansah.

»Ich glaube daran und lege es aus. Denn ich bin arm und nackt und ein Atom im Strudel der Menschheit. Und wer achtet Lebedew? Jeder spottet über ihn, und jeder versetzt ihm einen Fußtritt. Aber dort, bei dieser Auslegung, stehe ich den Großen dieser Welt gleich. Denn dabei kommt es auf den Verstand an! Und es hat auch schon ein hoher Würdenträger vor mir gezittert… auf seinem Lehnstuhl, als ihm ein Licht aufging. Seine Exzellenz Nil Alexejewitsch hatte vor zwei Jahren vor Ostern von mir gehört (ich war damals noch in seinem Departement angestellt), ließ mich durch Pjotr Sacharytsch eigens aus dem Büro zu sich in sein Arbeitszimmer rufen und fragte mich unter vier Augen: ›Ist das wahr, daß du ein Verkünder des Antichrist bist?‹ Und ich leugnete nicht und sprach: ›Ich bin es.‹ Und ich legte ihm alles aus und stellte es ihm dar, und ich milderte das Schreckliche nicht, sondern steigerte es noch unvermerkt, indem ich die allegorische Bücherrolle öffnete, und zog Schlüsse aus den Zahlen. Und er lachte, aber bei den Zahlen und den Ähnlichkeiten fing er an zu zittern und bat mich, das Buch zu schließen und wegzugehen, und zu Ostern wies er mir eine Gratifikation an, und in der Woche nach Ostern hauchte er seine Seele aus.«

»Was reden Sie da, Lebedew?«

»Ich sage es, wie es gewesen ist. Er fiel nach dem Mittagessen aus seiner Equipage… mit der Schläfe schlug er gegen einen Prellstein, und wie ein kleines Kind, ganz wie ein kleines Kind, war er auf der Stelle tot. Dreiundsiebzig Jahre war er nach der Rangliste alt geworden; er hatte eine rötliche Gesichtsfarbe, graues Haar und besprengte sich ganz mit Parfüm, und immer lächelte er, immer lächelte er wie ein kleines Kind. Pjotr Sacharytsch erinnerte sich damals noch an das, was vorhergegangen war. ›Du hast es vorhergesagt‹, sagte er zu mir.«

Der Fürst erhob sich. Lebedew wunderte sich und war sogar ganz befremdet, daß der Fürst schon fort wollte.

»Sie sind jetzt so gleichgültig geworden, hehe!« erlaubte er sich unterwürfig zu bemerken.

»Ich fühle mich in der Tat nicht ganz wohl; der Kopf tut mir weh, wohl von der Reise«, antwortete der Fürst mit finsterem Gesicht.

»Sie sollten aufs Land gehen«, riet Lebedew schüchtern.

Der Fürst überlegte.

»Ich will selbst in drei Tagen mit meiner ganzen Familie in mein Landhaus ziehen, damit sich auch der Säugling da kräftigt und damit hier im Hause unterdessen alles zurechtgemacht wird. Ich ziehe ebenfalls nach Pawlowsk.«

»Sie ziehen auch nach Pawlowsk?« fragte der Fürst rasch. »Wie geht denn das zu? Ziehen hier alle Leute nach Pawlowsk? Und Sie haben, wie Sie sagen, dort ein eigenes Landhaus?«

»Alle Leute ziehen nicht nach Pawlowsk. Mir hat Iwan Petrowitsch Ptizyn eines von den Landhäusern überlassen, die ihm da billig zugefallen sind. Es ist ein hübscher Ort und hochgelegen und grün und billig, und es herrscht da bon ton, und auch Musik ist da; darum ziehen so viele nach Pawlowsk. Ich wohne übrigens nur in einem Nebengebäude, das Landhaus selbst…«

»Das haben Sie wohl vermietet?«

»N-n-nein. Noch nicht… noch nicht definitiv.«

»Vermieten Sie es mir!« schlug der Fürst schnell vor.

Gerade darauf schien es Lebedew abgesehen zu haben. Dieser Gedanke war ihm wenige Augenblicke vorher durch den Kopf gegangen. Ein Bedürfnis nach einem Mieter hatte er übrigens gar nicht mehr; ein solcher hatte sich bereits gefunden und ihn benachrichtigt, er werde das Landhaus vielleicht mieten. Lebedew wußte bestimmt, daß er es nicht »vielleicht«, sondern sicher mieten werde, aber jetzt war ihm auf einmal ein seiner Meinung nach vielversprechender Gedanke gekommen, das Landhaus dem Fürsten zu überlassen, unter Benutzung des Umstandes, daß der bisherige Reflektant sich nur unbestimmt ausgedrückt hatte. ›Das ist ja ein eigentümliches Zusammentreffen und eine ganz neue Wendung der Dinge‹, das war seine Empfindung. Er nahm den Vorschlag des Fürsten fast mit Entzücken an und machte auf dessen direkte Frage nach dem Preis nur eine abwehrende Handbewegung.

»Nun, wie Sie wollen«, sagte der Fürst. »Ich werde mich erkundigen, was üblich ist, und Sie sollen nicht zu Schaden kommen.«

Sie verließen nunmehr beide den Garten.

»Ich könnte Ihnen… ich könnte Ihnen … wenn es Ihnen erwünscht wäre, könnte ich Ihnen eine sehr interessante Mitteilung machen, hochverehrter Fürst, ich könnte Ihnen etwas mitteilen, was sich auf denselben Gegenstand bezieht«, murmelte Lebedew, der glückselig neben dem Fürsten einherscharwenzelte.

Der Fürst blieb stehen.

»Darja Alexejewna hat ebenfalls ein Landhaus in Pawlowsk.«

»Nun, und?«

»Eine gewisse Dame ist mit ihr befreundet und beabsichtigt anscheinend, sie häufig in Pawlowsk zu besuchen. Sie hat dabei eine bestimmte Absicht.«

»Nun?«

»Aglaja Iwanowna…«

»Ach, hören Sie auf, Lebedew!« unterbrach ihn der Fürst, als sei bei ihm ein wunder Punkt berührt. »Das verhält sich alles anders. Sagen Sie mir lieber, wann Sie umziehen! Mir ist es je eher um so lieber, da ich im Gasthaus…«

Während dieses Gespräches hatten sie den Garten verlassen, waren, ohne nochmals in das Haus zu kommen, über den Hof gegangen und näherten sich nun dem Torpförtchen.

»Das beste wäre«, meinte Lebedew schließlich, »wenn Sie gleich heute aus dem Gasthaus zu mir zögen; übermorgen ziehen wir dann alle zusammen nach Pawlowsk.«

»Ich werde es mir überlegen«, erwiderte der Fürst nachdenklich und ging aus dem Tor.

Lebedew sah ihm nach. Die plötzliche Zerstreutheit des Fürsten überraschte ihn. Dieser hatte sogar vergessen, beim Weggehen Lebewohl zu sagen, und nicht einmal mit dem Kopf genickt, was zu der Höflichkeit und Aufmerksamkeit des Fürsten, die Lebedew gut kannte, wenig stimmte.

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Kapitel 19

III

Es ging schon auf zwölf. Der Fürst wußte, daß er bei Jepantschins in ihrer Stadtwohnung jetzt nur den dienstlich beschäftigten General treffen konnte, und auch den kaum. Er sagte sich, daß der General ihn womöglich sogleich mit Beschlag belegen und nach Pawlowsk mitnehmen würde, und ihm lag doch sehr daran, vorher noch einen Besuch zu machen. Auf die Gefahr hin, daß es ihm für Jepantschins zu spät werden und er genötigt sein würde, seine Fahrt nach Pawlowsk bis zum nächsten Tage aufzuschieben, entschloß sich der Fürst, zunächst jenes Haus aufzusuchen, wohin es ihn sosehr verlangte.

Dieser Besuch war für ihn übrigens in gewisser Hinsicht gewagt. Er zauderte und schwankte. Er wußte von dem Haus, daß es in der Gorochowaja-Straße lag, nicht weit von der Sadowaja-Straße, und entschied sich dafür, hinzugehen, in der Hoffnung, es werde ihm noch gelingen, ehe er hinkam, einen endgültigen Beschluß zu fassen.

Als er an die Kreuzung der Gorochowaja- und Sadowaja-Straße kam, wunderte er sich selbst über seine ungewöhnliche Aufregung; er hatte nicht erwartet, daß ihm das Herz so schmerzhaft schlagen würde. Eines der Häuser zog, wahrscheinlich durch seine besondere Physiognomie, schon von weitem seine Aufmerksamkeit auf sich, und der Fürst erinnerte sich später, daß er zu sich gesagt hatte: ›Es wird gewiß dieses Haus sein!‹ Mit außerordentlicher Neugier ging er näher heran, um seine Mutmaßung auf ihre Richtigkeit zu prüfen; er fühlte, daß es ihm aus irgendeinem Grund besonders unangenehm sein würde, wenn er es sollte erraten haben. Es war dies ein großes, finsteres, dreistöckiges Haus, ohne allen architektonischen Schmuck, von schmutziggrüner Farbe. Eine allerdings nur sehr geringe Anzahl derartiger Häuser, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gebaut sind, hat sich namentlich in diesen Straßen Petersburgs (obwohl sich doch in dieser Stadt so vieles ändert) fast unversehrt erhalten. Sie sind solide gebaut, mit dicken Mauern und sehr wenigen Fenstern; im Erdgeschoß sind die Fenster manchmal vergittert. Meist befindet sich unten ein Wechselgeschäft. Der Skopze, der in dem Wechselgeschäft sitzt, wohnt oben. Ein solches Haus macht von außen und innen einen ungastlichen, unfreundlichen Eindruck, es sucht sich gleichsam zu verstecken und zu verbergen; aber warum eigentlich schon die bloße Physiognomie des Hauses einen solchen Eindruck macht, das ist schwer zu sagen. Die architektonischen Linien müssen wohl auf geheimnisvolle Weise diese Wirkung ausüben. In diesen Häusern wohnen fast ausschließlich Kaufleute. Der Fürst näherte sich dem Tor, sah nach dem Türschild und las:

»Haus des erblichen Ehrenbürgers Rogoshin.«

Seinem Zaudern ein Ende machend, öffnete er die Glastür, die hinter ihm geräuschvoll wieder zuschlug, und begann die Haupttreppe zum zweiten Stock hinaufzusteigen. Die Treppe war dunkel, kunstlos aus Steinstufen gebaut, die Wände mit roter Farbe angestrichen. Er wußte, daß Rogoshin mit seiner Mutter und seinem Bruder das ganze zweite Stockwerk dieses düsteren Hauses bewohnte. Der Diener, der dem Fürsten öffnete, ließ ihn ohne Anmeldung hinein und führte ihn lange: sie passierten einen für Festlichkeiten bestimmten Saal mit marmorartig bemalten Wänden, eichenem Parkettfußboden und schweren, plumpen Möbeln aus den zwanziger Jahren; sie gingen auch durch einige kleine Zimmerchen, wobei sie Bogen und Zickzacke machten, ein paar Stufen hinauf- und dann wieder ebenso viele hinunterstiegen, und klopften endlich an einer Tür an. Parfen Semjonowitsch öffnete selbst; als er den Fürsten erblickte, wurde er so blaß und blieb so starr auf dem Flecke stehen, daß er mit seinem unbeweglichen, erschrockenen Blick und dem zu einem verständnislosen Lächeln schief gezogenen Mund eine Zeitlang einem steinernen Götzenbild glich; er schien in dem Besuch des Fürsten etwas Unglaubliches, ja beinah Wunderbares zu sehen. Der Fürst hatte zwar etwas Derartiges erwartet, war aber doch erstaunt.

»Vielleicht komme ich nicht gelegen, Parfen, ich kann ja wieder gehen«, sagte er schließlich verlegen.

»Nicht doch, du kommst durchaus gelegen!« erwiderte Parfen, der endlich seine Fassung wiedergewann. »Bitte, tritt näher!«

Sie duzten sich. In Moskau waren sie häufig und lange zusammen gewesen, und es hatte bei diesem Zusammensein auch Augenblicke gegeben, die auf das Herz des einen wie des andern tiefen Eindruck gemacht hatten. Jetzt hatten sie einander mehr als drei Monate nicht gesehen.

Die Blässe und ein leises, huschendes Zucken waren noch immer nicht von Rogoshins Gesicht gewichen. Er hatte zwar seinen Gast eingeladen, näher zu treten, aber seine außerordentliche Befangenheit dauerte an. Während er den Fürsten zu einem Lehnsessel führte und am Tisch Platz nehmen ließ, wandte sich dieser zufällig zu ihm hin und blieb, überrascht von seinem seltsam starren Blick, stehen. Dieser Blick schien den Fürsten zu durchbohren und erinnerte ihn zugleich an etwas Peinliches, Düsteres, das er vor wenigen Stunden gesehen hatte. Er setzte sich nicht hin, sondern blieb, ohne sich zu rühren, stehen und blickte Rogoshin eine Weile gerade in die Augen: diese Augen schienen im ersten Moment noch stärker aufzuflammen. Endlich lächelte Rogoshin, aber etwas verlegen und verwirrt.

»Warum siehst du mich denn so unverwandt an?« murmelte er. »Setz dich doch!«

Der Fürst setzte sich.

»Parfen«, sagte er, »sag mir aufrichtig: wußtest du, daß ich heute nach Petersburg kommen würde?«

»Daß du herkommen würdest, habe ich mir gedacht«, versetzte Rogoshin. »Und wie du siehst, habe ich mich nicht geirrt«, fügte er boshaft lächelnd hinzu. »Aber woher hätte ich wissen sollen, daß du gerade heute kommen würdest?«

Die schroffe Heftigkeit und der seltsam gereizte Ton der an die Antwort angeschlossenen Frage befremdeten den Fürsten noch mehr.

»Aber selbst wenn du wußtest, daß ich heute kommen würde, so brauchst du doch nicht so gereizt zu sein«, sagte der Fürst leise, nicht ohne Verlegenheit.

»Warum fragtest du denn, ob ich es gewußt habe?«

»Als ich vorhin aus dem Bahnwagen stieg, sah ich zwei ganz ebensolche Augen auf mich gerichtet wie die, mit denen du mich soeben von hinten ansahst.«

»Na so was! Wessen Augen waren denn das?« murmelte Rogoshin argwöhnisch. Es schien dem Fürsten, als sei er zusammengezuckt.

»Ich weiß es nicht, es war einer aus der Menge, ich halte sogar für möglich, daß es mir nur so vorgekommen ist, dergleichen Täuschungen begegnen mir in letzter Zeit häufiger. Ich habe beinah dieselbe Empfindung, Bruder Parfen, wie ich sie vor fünf Jahren hatte, als ich noch meine Anfälle bekam.«

»Na also, vielleicht ist es dir nur so vorgekommen, ich weiß es nicht…«, murmelte Parfen.

Das freundliche Lächeln auf seinem Gesicht stand ihm in diesem Augenblick sehr schlecht; dieses Lächeln hatte sozusagen einen Sprung bekommen, und Parfen war trotz aller Bemühung nicht imstande, es wieder zusammenzukleben.

»Nun, willst du wieder ins Ausland gehen, ja?« fragte er und fügte plötzlich hinzu: »Erinnerst du dich noch, wie wir im Herbst auf der Bahn zusammen von Pskow hierherfuhren, du… im Mantel, weißt du noch, und in Gamaschen?«

Rogoshin lachte plötzlich laut auf, dieses Mal mit unverhohlener Feindseligkeit, und als freute er sich, daß es ihm gelungen war, diese Gesinnung wenigstens auf irgendeine Weise zum Ausdruck zu bringen.

»Wohnst du hier für die Dauer?« fragte der Fürst, indem er das Arbeitszimmer musterte.

»Ja, ich bin hier zu Hause. Wo sollte ich auch sonst hin?«

»Wir haben uns lange nicht gesehen. Ich habe von dir Dinge gehört, die dir gar nicht ähnlich sehen.«

»Was reden die Leute nicht alles!« bemerkte Rogoshin trocken.

»Aber du hast doch deine ganze Leibkohorte weggejagt und wohnst nun hier im elterlichen Haus und begehst keine tollen Streiche mehr. Das ist recht schön. Gehört das Haus dir oder euch allen gemeinsam?«

»Das Haus gehört der Mutter. Zu ihr geht es auf der andern Seite des Flurs.«

»Und wo wohnt dein Bruder?«

»Bruder Semjon Semjonytsch wohnt im Nebengebäude.«

»Ist er verheiratet?«

»Witwer. Wozu willst du das wissen?«

Der Fürst blickte vor sich hin und erwiderte nichts; er war plötzlich in Gedanken versunken und schien die Frage gar nicht gehört zu haben. Rogoshin drang nicht auf eine Antwort, sondern wartete ruhig. Sie schwiegen beide.

»Ich habe dein Haus, als ich näher kam, auf hundert Schritte als das deinige erkannt«, sagte der Fürst.

»Woran denn?«

»Das weiß ich nicht. Dein Haus hat die Physiognomie eurer ganzen Familie und eures ganzen Rogoshinschen Lebens; wenn du mich aber fragst, worauf sich diese meine Anschauung gründet, so kann ich dafür keine Erklärung geben. Es ist natürlich nur Einbildung. Ich bin sogar in Sorge darüber, daß mich solche Dinge so aufregen. Früher wäre mir gar nicht der Gedanke gekommen, daß du gerade in einem solchen Hause wohnen würdest, aber sowie ich es jetzt erblickte, mußte ich sofort denken: ›Ja, gerade so muß sein Haus aussehen!‹«

»Sieh mal an!« versetzte Rogoshin mit einem unbestimmten Lächeln, ohne den unklaren Gedanken des Fürsten recht zu verstehen. »Dieses Haus hat noch der Großvater gebaut«, bemerkte er. »Es haben immer Skopzen darin gewohnt, die Familie Chludjakow, die wohnen auch jetzt hier zur Miete.«

»Es ist hier so düster. Du sitzt hier so im Dunklen«, sagte der Fürst, indem er sich im Arbeitszimmer umsah.

Es war ein großes, hohes, dunkles Zimmer, mit allerlei Möbeln vollgestellt, meist großen Arbeitstischen, Schreibtischen und Schränken, in denen Geschäftsbücher und Papiere aufbewahrt wurden. Ein breites, rotes Ledersofa diente offenbar als Rogoshins Bett. Der Fürst bemerkte auf dem Tisch, an dem ihn Rogoshin hatte Platz nehmen lassen, ein paar Bücher; eines von ihnen, Solowjows Geschichte Rußlands, war aufgeschlagen und mit einem Lesezeichen versehen. An den Wänden hingen in trüben Goldrahmen einige Ölgemälde, die so dunkel geworden waren, daß sich auf ihnen schwer etwas erkennen ließ. Ein lebensgroßes Porträt zog die Aufmerksamkeit des Fürsten auf sich: es stellte einen etwa fünfzigjährigen Mann dar in einem langschößigen Rock von deutschem Schnitt, mit zwei Medaillen am Halse, einem sehr dünnen, kurzen, grauen Bart, runzligem, gelbem Gesicht und mißtrauischem, verschlossenem, finsterem Blick.

»Das ist wohl dein Vater?« fragte der Fürst.

»Ja, das ist er«, antwortete Rogoshin mit unangenehmem Lächeln, als hätte er vor, im nächsten Augenblick irgendeinen ungenierten Scherz über seinen verstorbenen Vater zu machen.

»War er ein Altgläubiger?«

»Nein, er ging in die Kirche, aber er sagte allerdings, der alte Glaube sei richtiger. Auch vor den Skopzen hat er Achtung gehabt. Dies hier war sein Arbeitszimmer. Warum fragst du danach, ob er altgläubig war?«

»Wirst du die Hochzeit hier feiern?«

»J-ja«, antwortete Rogoshin, der bei der unerwarteten Frage zusammenzuckte.

»Werdet ihr bald heiraten?«

»Du weißt ja selbst, daß das nicht von mir abhängt.«

»Parfen, ich bin nicht dein Feind und beabsichtige nicht, dir irgendwie hinderlich zu sein. Ich wiederhole dir das jetzt ebenso, wie ich es dir früher einmal in einem fast gleichen Augenblick ausgesprochen habe. Als in Moskau deine Hochzeit bevorstand, bin ich dir nicht hinderlich gewesen, das weißt du. Das erstemal kam sie selbst zu mir hingestürzt, unmittelbar vor der Trauung, und bat mich, sie vor dir zu ›retten‹. Ich wiederhole dir ihren eigenen Ausdruck. Dann ist sie auch von mir weggelaufen; du hast sie wieder ausfindig gemacht und zum Altar geführt, und da ist sie, wie es heißt, wieder von dir weggelaufen, hierher. Ist das wahr? Mir hat es Lebedew so mitgeteilt, und darum bin ich hergereist. Daß ihr euch aber hier wieder geeinigt habt, das habe ich erst gestern zum erstenmal von einem deiner früheren Freunde gehört, von Saljoshew, wenn du es wissen willst. Hierhergefahren bin ich aber in folgender Absicht: ich wollte sie endlich überreden, zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit ins Ausland zu reisen. Sie ist körperlich und seelisch sehr heruntergekommen, namentlich hat ihr Kopf stark gelitten, und sie bedarf meines Erachtens sorgsamster Pflege. Ich wollte sie nicht selbst ins Ausland begleiten, sondern hatte in Aussicht genommen, alles Nötige ohne meine persönliche Anwesenheit einzurichten. Ich sage dir die reine Wahrheit. Wenn es wirklich zutrifft, daß ihr euch wieder geeinigt habt, dann werde ich ihr gar nicht vor Augen treten und auch zu dir nie wieder kommen. Du weißt selbst, daß ich dich nicht täusche, da ich immer gegen dich aufrichtig gewesen bin. Wie ich darüber denke, daraus habe ich dir nie ein Hehl gemacht und habe dir immer gesagt, daß es ihr sicheres Verderben ist, wenn sie deine Frau wird. Und auch dein Verderben wird es sein, vielleicht in noch schlimmerem Grad als das ihre. Wenn ihr euch wieder trenntet, so wäre das für mich eine große Beruhigung; aber zwischen euch Unfrieden zu stiften und euch auseinanderzubringen ist nicht meine Absicht. Sei doch ruhig und hege keinen Argwohn gegen mich! Du weißt ja doch selbst, daß ich niemals dein wirklicher Nebenbuhler gewesen bin, selbst damals nicht, als sie sich zu mir geflüchtet hatte. Du lachtest jetzt eben, und ich weiß, warum du es tust. Aber wir haben dort getrennt gelebt, sie und ich, und dann sogar in verschiedenen Städten, und du weißt das alles doch ganz genau. Ich habe dir ja schon früher auseinandergesetzt, daß ich sie nicht aus Liebe, sondern aus Mitleid gern habe. Ich meine, ich habe das damals klar dargelegt. Du sagtest damals, du hättest diese meine Worte verstanden, nicht wahr? Hast du sie auch wirklich verstanden? Oh, wie voll Haß du mich ansiehst! Ich bin hergekommen, um dich zu beruhigen, weil auch du mir teuer bist. Ich habe dich sehr lieb, Parfen. Ich gehe jetzt und komme niemals wieder. Lebe wohl!«

Der Fürst stand auf.

»Bleib noch ein Weilchen bei mir sitzen!« sagte Parfen leise; er erhob sich nicht von seinem Platz und legte den Kopf in die rechte Hand. »Ich habe dich lange nicht gesehen.«

Der Fürst setzte sich wieder. Beide schwiegen.

»Wenn ich dich nicht vor mir sehe, fühle ich gleich gegen dich einen Groll, Lew Nikolajewitsch. In diesen drei Monaten, wo ich dich nicht gesehen habe, bin ich jeden Augenblick auf dich ergrimmt gewesen, bei Gott! Ich hätte dich vergiften mögen! So steht das. Und jetzt hast du nun noch nicht eine Viertelstunde bei mir gesessen, und schon ist mein ganzer Groll vergangen, und du bist mir wieder lieb und teuer wie früher. Bleib noch ein Weilchen bei mir sitzen!…«

»Wenn ich bei dir bin, dann glaubst du mir, und wenn ich nicht da bin, dann hörst du gleich auf, mir zu vertrauen, und hast mich wieder im Verdacht. Du schlägst ganz nach deinem Vater«, antwortete der Fürst freundlich lächelnd und bemüht, seine Rührung zu verbergen.

»Ich glaube dem Klang deiner Stimme, wenn ich bei dir sitze. Ich verstehe ja, daß wir beide, du und ich, nicht miteinander zu vergleichen sind…«

»Warum fügst du das hinzu? Und gleich bist du wieder in gereizter Stimmung«, versetzte der Fürst, der sich über Rogoshin wunderte.

»Wir werden in dieser Hinsicht nicht nach unserer Meinung gefragt«, antwortete dieser, »das wird ohne unser Zutun bestimmt. Wir beide lieben ja auch auf verschiedene Weise; es ist eben in allem ein Unterschied«, fuhr er nach kurzem Stillschweigen leise fort. »Du liebst sie, wie du sagst, aus Mitleid. Von solchem Mitleid mit ihr ist bei mir nichts vorhanden. Und sie haßt mich ja auch, haßt mich mehr als irgendeinen andern Menschen. Ich träume jetzt jede Nacht von ihr, und zwar immer, daß sie sich mit einem andern über mich lustig macht. So steht die Sache, Bruder. Sie geht mit mir zum Traualtar und denkt dabei an mich mit keinem Gedanken; sie hat dabei keine andere Empfindung, als wenn sie die Schuhe wechselte. Wirst du es glauben? Fünf Tage habe ich sie nicht gesehen, weil ich nicht wage, zu ihr hinzufahren; ich fürchte, sie fragt mich: ›Warum bist du hergekommen?‹ Und wie oft hat sie mir Schimpf angetan…«

»Dir Schimpf angetan? Was redest du!«

»Als ob du es nicht wüßtest! Sie ist ja doch von mir unmittelbar vor der Trauung mit dir selbst weggelaufen; das hast du ja eben selbst gesagt.«

»Aber du wirst doch selbst nicht glauben, daß …«

»Und hat sie mich nicht mit dem Offizier, diesem Semtjushnikow, in Moskau betrogen? Ich weiß bestimmt, daß sie es getan hat, und noch dazu, nachdem sie den Tag für die Trauung selbst angesetzt hatte.«

»Das ist unmöglich!« rief der Fürst.

»Ich weiß es sicher«, erklärte Rogoshin im Ton der festesten Überzeugung. »Das liegt nicht in ihrem Wesen, willst du sagen, nicht wahr? Das ist richtig, Bruder, daß das nicht in ihrem Wesen liegt. Aber das ist doch nur leeres Gerede. Dir gegenüber wird sie sich nicht so benehmen und ein solches Betragen vielleicht selbst verabscheuen, aber mir gegenüber benimmt sie sich nun eben so. So ist es nun einmal. Sie betrachtet mich als das niedrigste Geschöpf auf Gottes Erdboden! Und mit Keller, diesem Offizier, der so gern boxt, hat sie sich lediglich in der Absicht eingelassen, sich über mich lustig zu machen… Und du weißt noch nicht, was sie mit mir in Moskau angestellt hat! Und wieviel Geld, wieviel Geld hat mich das alles gekostet…«

»Aber… wie in aller Welt kannst du sie denn unter solchen Umständen heiraten? Wie soll denn das später werden?« fragte der Fürst ganz erschrocken.

Rogoshin warf dem Fürsten einen grimmigen, furchtbaren Blick zu und antwortete nicht.

»Ich bin jetzt schon fünf Tage nicht bei ihr gewesen«, fuhr er fort, nachdem er ungefähr eine Minute lang geschwiegen hatte. »Ich fürchte immer, daß sie mich wegjagt. Sie sagt: ›Ich bin noch immer meine eigene Herrin; wenn ich will, jage ich dich ganz fort und reise selbst ins Ausland‹ (davon hat sie zu mir schon gesprochen, daß sie ins Ausland reisen will«, bemerkte er gleichsam in Klammern und sah dem Fürsten in ganz besonderer Art in die Augen). »Manchmal allerdings will sie mir damit nur Furcht einjagen, sie möchte sich immer über mich lustig machen; aber zu andern Zeiten ist sie wirklich in finsterer Stimmung, zieht die Augenbrauen zusammen und sagt kein Wort, und das ist’s, was ich am meisten fürchte. Neulich dachte ich: ›Ich will doch nicht immer mit leeren Händen zu ihr kommen‹, aber sie lachte nur spöttisch über meine Geschenke und wurde dann sogar ernstlich zornig. Ich hatte ihr einen so schönen Schal geschenkt, daß ihr, obwohl sie früher im Luxus gelebt hat, seinesgleichen wohl noch nicht vor Augen gekommen war; den hat sie ihrem Stubenmädchen Katjka geschenkt. Und von dem Termin für die Hochzeit darf ich gar nicht zu reden anfangen. Ich kann mich ja gar nicht als ihren Bräutigam ansehen, wenn ich mich fürchte, auch nur zu ihr hinzugehen. Da sitze ich nun hier, und wenn ich es nicht mehr aushalten kann, dann gehe ich heimlich und verstohlen auf der Straße an ihrem Hause vorbei oder verstecke mich irgendwo hinter einer Ecke. Neulich habe ich beinah bis zum Morgengrauen in der Nähe ihrer Haustür gelauert, ich hatte so einen Verdacht. Aber sie hatte mich wohl durch das Fenster bemerkt und sagte nachher: ›Was würdest du mit mir machen, wenn du sähest, daß ich dich betrüge?‹ Ich konnte mich nicht halten und sagte: ›Das weißt du selbst.‹«

»Was soll sie wissen?«

»Woher soll ich es denn wissen?« erwiderte Rogoshin, grimmig auflachend. »In Moskau habe ich sie damals mit keinem abfassen können, obwohl ich lange aufpaßte. Ich nahm sie mir damals einmal vor und sagte zu ihr: ›Du bist mit mir verlobt und willst in eine ehrenhafte Familie eintreten; weißt du jetzt aber auch, was du für eine bist? So eine bist du!‹ sagte ich.«

»Das hast du zu ihr gesagt?«

»Ja.«

»Nun, und sie?«

»›Ich habe jetzt vielleicht nicht einmal Lust‹, sagte sie, ›dich als Lakaien anzunehmen, geschweige denn deine Frau zu werden.‹ – ›Und ich‹, sagte ich, ›gehe mit solchem Bescheid nicht weg; die Sache muß so oder so ein Ende haben!‹ – ›Und ich‹, sagte sie, ›werde gleich Keller rufen und ihm sagen, er soll dich aus dem Haus hinauswerfen.‹ Da habe ich mich auf sie gestürzt und sie geschlagen, daß sie blaue Flecke davon bekam.«

»Es ist nicht möglich!« rief der Fürst.

»Ich sage dir: es ist so gewesen«, erwiderte Rogoshin leise, aber mit funkelnden Augen. »Sechsunddreißig Stunden lang habe ich nicht geschlafen, nicht gegessen, nicht getrunken und ihr Zimmer nicht verlassen, auf den Knien habe ich vor ihr gelegen. ›Ich sterbe hier‹, sagte ich, ›ich gehe nicht hinaus, ehe du mir nicht verzeihst, und wenn du mich hinausbringen läßt, ertränke ich mich, denn wie werde ich jetzt ohne dich leben können?‹ Sie war den ganzen Tag wie eine Wahnsinnige: bald weinte sie, bald wollte sie mich mit einem Messer töten, bald schimpfte sie auf mich. Sie rief Saljoshew, Keller, Semtjushnikow und alle andern herbei, wies vor aller Augen mit dem Finger auf mich und schmähte mich. ›Wir wollen heute alle zusammen ins Theater fahren, meine Herren‹, sagte sie, ›mag er hier sitzen bleiben, wenn er nicht weggehen will; ich brauche doch seinetwegen nicht das Haus zu hüten! Es wird Ihnen hier, während ich weg bin, Tee gereicht werden, Parfen Semjonowitsch, Sie müssen ja heute ganz hungrig geworden sein.‹ Sie kehrte allein aus dem Theater zurück. ›Das sind Feiglinge und Schufte‹, sagte sie, ›sie fürchten sich vor dir und wollen auch mir Angst machen; sie sagen: »Er wird so nicht fortgehen, er wird Sie am Ende noch ermorden!« Aber ich werde, wenn ich in mein Schlafzimmer gehe, die Tür nicht hinter mir zuschließen; so wenig fürchte ich mich vor dir! Das magst du wissen und mit eigenen Augen sehen! Hast du Tee getrunken?‹ – ›Nein‹, sagte ich, ›und sie mir davon und flüchtete sich zu Lebedew. Als ich herkam, sagte sie zu mir: ›Ich will dich nicht gänzlich abweisen, ich will nur noch warten, solange es mir gefällt, denn ich bin immer noch meine eigene Herrin. Warte auch du, wenn du willst!‹ So steht es jetzt bei uns … Wie denkst du über das alles, Lew Nikolajewitsch?«

»Wie denkst du selbst darüber?« fragte der Fürst zurück und blickte Rogoshin traurig an.

»Aber denke ich denn überhaupt?« rief dieser heftig und unwillkürlich. Er wollte noch etwas hinzufügen, unterdrückte es aber und schwieg in grenzenlosem Kummer.

Der Fürst erhob sich und wollte wieder fortgehen.

»Ich werde dir trotzdem nicht hinderlich sein«, sagte er leise, beinah melancholisch, als antwortete er auf einen eigenen heimlichen Gedanken.

»Weißt du, was ich dir sagen werde?« rief Rogoshin; er wurde auf einmal lebhaft, und seine Augen funkelten. »Wie du so vor mir zurücktreten kannst, dafür habe ich kein Verständnis! Liebst du sie denn gar nicht mehr? Früher schmachtetest du doch nach ihr, das habe ich recht wohl gesehen. Und warum wärst du denn jetzt Hals über Kopf hierhergereist? Aus Mitleid?« (Sein Gesicht verzerrte sich zu einem boshaften Lächeln.) »Hehe!«

»Du meinst, daß ich dich betrüge?« fragte der Fürst.

»Nein, ich glaube dir, aber ich verstehe nichts davon. Das wahrscheinlichste ist wohl, daß dein Mitleid am Ende noch größer ist als meine Liebe!«

Ein böser Gedanke, der danach drängte, sich sofort zu äußern, flammte auf seinem Gesicht auf.

»Nun, deine Liebe ist vom Haß schwer zu unterscheiden«, versetzte der Fürst lächelnd. »Wenn sie aber vergeht, wird das Unglück vielleicht noch schlimmer sein. Ich kann dir schon jetzt sagen, Bruder Parfen …«

»Daß ich sie umbringen werde?«

Der Fürst zuckte zusammen.

»Daß du sie grimmig hassen wirst für diese deine jetzige Liebe und für all die Qual, die du jetzt ausstehst. Für mich ist das allerwunderbarste, wie es zugeht, daß sie wieder bereit ist, dich zu heiraten. Als ich es gestern hörte, wollte ich es kaum glauben, und es wurde mir ganz schwer ums Herz. Sie hat sich ja schon zweimal von dir losgemacht und ist unmittelbar vor der Trauung davongelaufen; also hat sie doch ein Gefühl dafür, was ihr bevorsteht! … Was in aller Welt reizt sie jetzt an dir? Etwa dein Geld? Das ist Unsinn. Und du hast ja auch wohl von deinem Geld schon ein gut Teil vergeudet. Oder möchte sie überhaupt nur einen Mann bekommen? Aber einen Mann könnte sie doch auch von dir abgesehen mit Leichtigkeit erlangen. Und jeder andere wäre besser als du, weil du sie vielleicht geradezu umbringen wirst und sie das schon jetzt wohl nur zu gut weiß. Oder weil du sie so heftig liebst? Wirklich, das könnte der Grund sein. Ich habe mir sagen lassen, daß es Frauen gibt, die gerade so geliebt zu werden wünschen … aber …«

Der Fürst brach ab und versank in Nachdenken.

»Warum hast du wieder über das Porträt meines Vaters gelächelt?« fragte Rogoshin, der jede Veränderung in dem Gesicht des Fürsten, jede darüber hinhuschende Regung mit der größten Aufmerksamkeit beobachtete.

»Warum ich gelächelt habe? Es kam mir der Gedanke, wenn dir dieses Unglück nicht zugestoßen und diese Liebe nicht über dich gekommen wäre, dann würdest du vielleicht genauso werden wie dein Vater, und zwar in sehr kurzer Zeit. Du würdest allein und wortkarg in diesem Haus sitzen mit einer gehorsamen, schweigsamen Frau, würdest nur selten und in strengem Ton reden, keinem Menschen trauen, den freundschaftlichen Verkehr mit Menschen auch gar nicht vermissen und nur schweigend und mit finsterer Miene Geld zusammenhäufen. Höchstens würdest du gelegentlich die Bücher der Altgläubigen loben und dich für das Bekreuzigen mit zwei Fingern interessieren, und auch das vielleicht erst, wenn du alt geworden wärest …«

»Spotte nur! Ganz genau dasselbe hat sie neulich gesagt, als sie ebenfalls dieses Porträt betrachtete! Es ist erstaunlich, wie ihr in allen Dingen ein und derselben Ansicht seid …«

»Ist sie denn schon bei dir gewesen?« fragte der Fürst lebhaft interessiert.

»Ja. Sie betrachtete das Porträt lange und stellte viele Fragen über den Verstorbenen. ›Du würdest ganz genau so sein‹, sagte sie endlich lächelnd zu mir. ›Du hast starke Empfindung die Hand. ›Deine Mutter‹, sagte sie, ›hat gewiß viel Leid zu ertragen gehabt.‹ Als sie dieses Buch hier in meinem Zimmer sah, wunderte sie sich und sagte: ›Was treibst du denn hier? Du liest russische Geschichte?‹ (Sie hatte aber einmal in Moskau selbst zu mir gesagt: ›Du solltest doch ein bißchen für deine Bildung tun und wenigstens Solowjows Russische Geschichte lesen, du weißt ja rein gar nichts!‹) ›Das ist recht von dir‹, sagte sie, ›lies das nur weiter! Ich werde dir selbst ein Verzeichnis der Bücher aufstellen, die du in erster Linie lesen mußt, ist es dir recht?‹ Niemals, niemals vorher hatte sie so zu mir gesprochen, so daß ich ganz erstaunt war; zum erstenmal konnte ich wieder frei aufatmen.«

»Ich freue mich darüber sehr, Parfen«, erwiderte der Fürst mit warmem Gefühl, »sehr freue ich mich. Wer weiß, vielleicht bringt euch Gott doch noch zueinander.«

»Das wird nie geschehen!« rief Rogoshin heftig.

»Höre, Parfen, wenn du sie so liebst, möchtest du dann nicht ihre Achtung verdienen? Und wenn du das möchtest, hoffst du dann nicht, daß es dir gelingen wird? Ich habe vorhin gesagt, daß es mir ein wunderbares Rätsel ist, warum sie dich heiraten will. Aber obwohl ich dies Rätsel nicht lösen kann, so zweifle ich doch nicht daran, daß jedenfalls ein zureichender, vernünftiger Grund vorhanden sein muß. Von deiner Liebe ist sie überzeugt, aber wahrscheinlich ist sie auch davon überzeugt, daß du mancherlei gute Eigenschaften besitzt. Es kann ja nicht anders sein! Das, was du soeben gesagt hast, bestätigt es. Du sagst selbst, daß sie es möglich gefunden hat, mit dir in einem ganz andern Ton zu sprechen als dem, in dem sie früher mit dir verkehrt und geredet hat. Du bist mißtrauisch und eifersüchtig; daher übertreibst du alles, was du Schlechtes bemerkst. Sie denkt doch offenbar nicht so schlecht von dir, wie du annimmst. Sonst liefe ja, wenn sie dich heiratete, dies auf dasselbe hinaus, wie wenn sie mit Bewußtsein ins Wasser ginge oder sich ans Messer lieferte. Ist denn das möglich? Wer tut denn das mit Bewußtsein?«

Mit bitterem Lächeln hörte Parfen die warmen Worte des Fürsten an. Seine Überzeugung schien bereits unerschütterlich festzustehen.

»Mit was für schrecklichen Augen du mich jetzt ansiehst, Parfen!« rief der Fürst erschrocken.

»Ins Wasser gehen oder sich ans Messer liefern!« sagte dieser endlich. »Hehe! Eben deshalb heiratet sie mich ja, weil sie als meine Frau bestimmt mit dem Messer rechnet! Hast du denn wirklich noch nicht begriffen, Fürst, was hier vorliegt?«

»Ich verstehe dich nicht.«

»Nun, vielleicht verstehst du es wirklich nicht, hehe! Man sagt ja von dir, du wärest nicht so ganz… hm. Sie liebt einen andern, begreif das doch! Geradeso, wie ich sie jetzt liebe, geradeso liebt sie jetzt einen andern. Und dieser andere, weißt du, wer das ist? Das bist du! Na, das hast du nicht gewußt, nicht wahr?«

»Ich?«

»Ja, du. Sie hat sich gleich damals an ihrem Geburtstag in dich verliebt. Aber sie denkt, sie könne dich nicht heiraten, weil sie dir Schande machen und dir dein ganzes Leben verderben würde. ›Man weiß ja‹, sagte sie, ›was ich für eine bin.‹ Und bei dieser Auffassung ist sie bis zu diesem Augenblick geblieben. Das hat sie mir alles ganz offen ins Gesicht gesagt. Sie fürchtet, dich zu entehren und ins Verderben zu bringen; aber bei mir kommt so etwas natürlich nicht in Betracht, mich kann sie heiraten. Da sieht man, wie sie mich achtet; das ist auch bemerkenswert!«

»Aber wie geht es zu, daß sie von dir zu mir geflüchtet ist, und…von mir …«

»Und von dir zu mir! Hehe! Was hat sie nicht alles für Einfälle! Sie ist jetzt ganz wie im Fieber. Sie schreit mich an: ›Ich heirate dich, gerade wie wenn ich ins Wasser gehe. Nur recht schnell Hochzeit!‹ Sie treibt selbst zur Eile, bestimmt den Tag, und wenn die Zeit heranrückt, erschrickt sie, oder es kommen ihr andere Gedanken; Gott weiß, wie’s zusammenhängt, aber du hast es ja selbst gesehen: sie weint und lacht und wird wie vom Fieber geschüttelt. Und was ist dabei Wunderbares, daß sie auch von dir weggelaufen ist? Sie ist damals von dir weggelaufen, weil es ihr selbst zum Bewußtsein kam, wie stark sie dich liebt. Bei dir zu bleiben, das ging über ihre Kraft. Du hast vorhin gesagt, ich hätte sie damals in Moskau wieder ausfindig gemacht; das ist nicht richtig, sie kam aus eigenem Antrieb von dir zu mir gelaufen: ›Bestimm einen Tag‹, sagte sie, ›ich bin bereit! Laß Champagner bringen! Wir wollen zu den Zigeunerinnen fahren!‹ schrie sie… Und wenn ich nicht gewesen wäre, so hätte sie sich schon längst ins Wasser gestürzt, das kann ich bestimmt sagen. Sie stürzt sich nur deswegen nicht hinein, weil ich ihr vielleicht noch schrecklicher bin als das Wasser. Aus purem Grimm wird sie mich heiraten … Wenn sie mich heiratet, so kann ich mit aller Sicherheit sagen, daß sie es aus Grimm tut.«

»Aber wie kannst du nur… wie kannst du nur …«, rief der Fürst, ohne den Satz zu beenden. Er blickte Rogoshin erschrocken an.

»Warum sprichst du nicht zu Ende?« fragte dieser lächelnd. »Aber wenn du willst, so werde ich dir sagen, was du in diesem Augenblick im stillen denkst: ›Wie kann sie unter solchen Umständen seine Frau werden? Wie kann man das zulassen?‹ Ich weiß, daß du das denkst…«

»Ich bin nicht deswegen hergereist, Parfen; ich sage dir, so etwas ist mir nicht in den Sinn gekommen…«

»Es ist ja möglich, daß du nicht deswegen hergereist bist und daß dir so etwas nicht in den Sinn gekommen war, aber nun wird sich der Zweck nachträglich ergeben, hehe! Nun genug! Warum bist du so bestürzt? Solltest du wirklich nichts davon gewußt haben? Du setzt mich in Erstaunen!«

»Das ist bei dir nur Eifersucht, Parfen, das ist eine Krankheit, du übertreibst das alles maßlos…«, murmelte der Fürst in größter Erregung. »Was hast du denn?«

»Laß das liegen!« sagte Parfen und riß dem Fürsten hastig ein Messer aus der Hand, das dieser vom Tische aufnahm, wo es neben dem Buch gelegen hatte, und tat es wieder auf seinen früheren Platz.

»Mir ist, als hätte ich es bei der Ankunft in Petersburg gewußt, als hätte ich eine Vorahnung gehabt…«, fuhr der Fürst fort. »Ich wollte nicht herfahren! Ich wollte diese ganze Sache vergessen und mir aus dem Herzen reißen! Nun, leb wohl… Aber was hast du denn?«

Während des Sprechens hatte der Fürst in der Zerstreutheit dasselbe Messer wieder vom Tisch genommen, und nun nahm Rogoshin es ihm zum zweitenmal aus der Hand und warf es auf den Tisch. Es war ein Messer von ganz einfacher Gestalt, mit einem Griff aus Hirschhorn, nicht zum Zusammenklappen, mit einer etwa dreieinhalb langen und entsprechend breiten Klinge.

Als Rogoshin sah, daß der Fürst stutzig darüber wurde, weil ihm dieses Messer zweimal aus der Hand gerissen ward, ergriff er es grimmig und ärgerlich, legte es in das Buch und schleuderte das Buch auf einen anderen Tisch.

»Du schneidest damit wohl die Seiten auf?« fragte der Fürst, aber zerstreut, als sei er immer noch in Gedanken versunken.

»Ja, freilich.«

»Es ist ja ein Gartenmesser!«

»Ja. Kann man denn die Seiten nicht auch mit einem Gartenmesser aufschneiden?«

»Aber es…es ist ganz neu.«

»Na, was ist denn dabei, daß es neu ist? Darf ich mir etwa nicht ein neues Messer kaufen, sobald ich will?« schrie Rogoshin endlich in einer Art Raserei; seine Gereiztheit war mit jedem Wort ärger geworden.

Der Fürst zuckte zusammen und blickte ihn aufmerksam an.

»Aber wir sind auch die Richtigen!« sagte er lachend; er war nun wieder völlig zur Besinnung gekommen. »Sei mir nicht böse, Bruder, wenn mir der Kopf so schwer ist wie jetzt, und dazu noch diese Krankheit… ich werde dann ganz zerstreut und komisch. Ich wollte überhaupt nicht danach fragen… ich weiß schon nicht mehr, um was es sich handelte. Leb wohl!«

»Nicht dort!« sagte Rogoshin.

»Ich habe vergessen, durch welche Tür ich hereingekommen bin!«

»Hier, hier, komm, ich werde dir den Weg zeigen.«

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Kapitel 2

II

Der General Jepantschin wohnte in seinem eigenen Hause, etwas seitwärts von der Litejnaja, nach der Preobrashenskij-Kathedrale zu. Außer diesem stattlichen Hause, von dem fünf Sechstel vermietet waren, besaß General Jepantschin noch ein gewaltiges Haus in der Sadowaja, das gleichfalls einen sehr hohen Ertrag brachte. Außer diesen beiden Häusern hatte er dicht bei Petersburg ein sehr bedeutendes, einträgliches Gut und ferner im Petersburger Kreise eine Fabrik. In früheren Zeiten hatte General Jepantschin, wie allgemein bekannt war, sich auch an Branntweinpachtungen beteiligt. Jetzt war er Mitglied mehrerer solider Aktiengesellschaften und hatte dort eine sehr gewichtige Stimme. Er galt als ein Mann mit großem Vermögen, ausgedehnter Tätigkeit und einflußreichen Verbindungen. darstellt, ein Lebensalter, von dem eigentlich erst das richtige Leben beginnt. Seine Gesundheit, seine frische Gesichtsfarbe, die kräftigen, wenn auch schwarzen Zähne, der stämmige, untersetzte Körperbau, der ernste Ausdruck morgens im Dienste und die heitere Miene abends beim Kartenspiel oder bei seiner Erlaucht: all dies trug zu seinen gegenwärtigen und künftigen Erfolgen bei und bestreute den Lebensweg Seiner Exzellenz mit Rosen.

Der General erfreute sich einer blühenden Familie. Allerdings gab es hier für ihn nicht lauter Rosen; aber dafür war so manches da, worauf schon seit längerer Zeit die wichtigsten Hoffnungen und Bestrebungen Seiner Exzellenz in ernster, herzlicher Empfindung gerichtet waren. Und welche Bestrebungen im Leben könnten auch wichtiger und heiliger sein als die elterlichen? Woran soll jemand sein Herz hängen, wenn nicht an die Familie? Die Familie des Generals bestand aus seiner Gattin und drei erwachsenen Töchtern. Der General hatte in sehr jugendlichem Alter geheiratet, als er noch im Range eines Leutnants stand, und zwar ein mit ihm fast gleichaltriges Mädchen, das weder Schönheit noch Bildung besaß und ihm nur fünfzig Seelen mitbrachte, die allerdings als Grundlage für die weitere günstige Entwicklung seiner Vermögensverhältnisse dienten. Aber der General murrte in der Folgezeit nie über seine frühe Heirat, betrachtete sie nie als einen unglücklichen Jugendstreich, und seine Gattin schätzte er so hoch und fürchtete sich vor ihr manchmal so sehr, daß er sie sogar liebte. Die Generalin stammte aus der fürstlichen Familie Myschkin, einer zwar nicht glänzenden, aber sehr alten Familie, und war auf ihre Herkunft sehr stolz. Eine damals einflußreiche Persönlichkeit, einer jener Gönner, welche die Gönnerschaft nichts kostet, hatte die Freundlichkeit, sich für die Ehe der jungen Prinzessin zu interessieren. Er öffnete dem jungen Offizier ein Türchen zur Karriere und gab ihm einen Stoß nach vorwärts; der aber hätte gar nicht einmal eines Stoßes, sondern nur eines einzigen Gnadenblickes bedurft – er wäre nicht zugrunde gegangen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, verlebten die Gatten die ganze Zeit ihrer langen Ehe in voller Einmütigkeit. Schon in sehr jungen Jahren hatte es die Generalin verstanden, als eine geborene Prinzessin und als die Letzte ihres Geschlechts, vielleicht auch durch ihre persönlichen Eigenschaften, einige sehr hochgestellte Gönnerinnen zu finden. In der Folgezeit begann sie bei dem Reichtum und dem bedeutenden Dienstrang ihres Gatten sich in diesem hohen Kreis sogar einigermaßen einzuleben.

In diesen letzten Jahren waren die Generalstöchter alle drei herangewachsen und herangereift: Alexandra, Adelaida und Aglaja. Allerdings trugen sie alle drei nur den Namen Jepantschin; aber mütterlicherseits waren sie doch von fürstlicher Abkunft; sie hatten eine bedeutende Mitgift und einen Vater, der vielleicht Aussicht hatte, später noch eine sehr hohe Stelle zu erhalten, und, was ebenfalls sehr wichtig war, sie waren alle drei recht hübsch, auch die älteste, Alexandra, nicht ausgenommen, die bereits fünfundzwanzig Jahre alt war. Die mittlere war dreiundzwanzig, und die jüngste, Aglaja, eben erst zwanzig geworden. Diese jüngste war sogar eine wirkliche Schönheit und begann schon in der Gesellschaft großes Aufsehen zu erregen. Aber auch das war noch nicht alles: alle drei zeichneten sich durch Bildung, Verstand und Talente aus. Es war bekannt, daß sie einander innig liebten und sich gegenseitig in jeder Hinsicht behilflich waren. Man sprach sogar von gewissen Opfern, die die beiden älteren zugunsten der jüngsten, die der Abgott des ganzen Hauses war, gebracht haben sollten. In Gesellschaft neigten sie nicht dazu, sich vorzudrängen, sondern waren sogar allzu bescheiden. Niemand konnte ihnen den Vorwurf der Hoffart oder des Dünkels machen; aber doch wußte man, daß sie ihren Stolz hatten und ihren eigenen Wert kannten. Die älteste war musikalisch, die mittlere eine begabte Malerin; aber davon wußte viele Jahre lang fast niemand, und es war erst in der letzten Zeit und nur zufällig an die Öffentlichkeit gekommen. Kurz, es wurde über sie außerordentlich viel Lobendes gesprochen. Indessen fehlte es auch nicht an Übelwollenden. Mit Schrecken redeten diese davon, wie viele Bücher die jungen Damen gelesen hätten. Mit dem Heiraten hatten sie es nicht eilig; sie legten zwar Wert auf den Verkehr in einem gewissen Gesellschaftskreise, aber alles nur mit Maßen. Das war um so bemerkenswerter, als jedermann die Richtung, den Charakter, die Ziele und die Wünsche ihres Vaters kannte.

Es war schon gegen elf Uhr, als der Fürst an der Wohnung des Generals klingelte. Der General wohnte im zweiten Stockwerk und hatte eine ziemlich bescheidene, wiewohl seinem Range entsprechende Wohnung. Dem Fürsten wurde von einem Diener in Livree geöffnet, und es bedurfte langer Auseinandersetzungen mit diesem Menschen, der ihn und sein Bündelchen gleich von Anfang an mißtrauisch betrachtete. Endlich, nachdem er ihm wiederholt auf das bestimmteste erklärt hatte, daß er wirklich Fürst Myschkin sei und unbedingt den General in einer notwendigen Angelegenheit sprechen müsse, führte ihn der erstaunte Diener in ein kleines Vorzimmer vor dem eigentlichen, beim Arbeitszimmer gelegenen Empfangszimmer und übergab ihn dort einem andern Diener, der vormittags in diesem Vorzimmer den Dienst versah und dem General die Besucher anzumelden hatte. Dieser zweite Diener trug einen Frack, war über vierzig Jahre alt und hatte eine ernste, wichtige Miene; er stand Seiner Exzellenz zur speziellen Verfügung, wenn derselbe sich im Arbeitszimmer befand, und war sich infolgedessen seines Wertes bewußt.

»Warten Sie im Empfangszimmer, und lassen Sie Ihr Bündelchen hier!« sagte er, indem er sich langsam und würdevoll in seinen Lehnstuhl setzte und mit einem strengen, erstaunten Blick den Fürsten ansah, der sich ebendort mit seinem Bündelchen in der Hand neben ihm auf einen Stuhl niederließ.

»Wenn Sie erlauben«, sagte der Fürst, »möchte ich lieber hier bei Ihnen warten; was soll ich dort so ganz allein?«

»Im Vorzimmer können Sie nicht bleiben, da Sie ein Besucher, das heißt ein Gast, sind. Wollen Sie zum General selbst?«

Der Diener konnte sich offenbar nicht mit dem Gedanken befreunden, daß er einen solchen Besucher vorlassen solle, und hielt es daher für gut, ihn noch einmal zu fragen.

»Ja, ich habe ein Anliegen …«, begann der Fürst.

»Ich frage Sie nicht, von welcher Art Ihr Anliegen ist; meine Sache ist nur, Sie zu melden. Aber ohne den Sekretär kann ich nicht hingehen und Sie melden.«

Das Mißtrauen dieses Mannes schien immer mehr zu wachsen: der Fürst war doch auch dem Typ der täglichen Besucher gar zu unähnlich. Zwar kam es ziemlich oft, fast täglich, zu bestimmter Stunde vor, daß der General, namentlich in Geschäftsangelegenheiten, Gäste empfing, die manchmal sehr verschiedenartig aussahen; aber trotz dieser Gewohnheit und der recht weitherzigen Instruktion war der Kammerdiener in großem Zweifel; die Vermittlung des Sekretärs schien ihm für die Anmeldung doch unumgänglich notwendig.

»Sind Sie wirklich … aus dem Ausland gekommen?« fragte er schließlich fast unwillkürlich und wurde dabei verlegen. Er wollte vielleicht fragen: ›Sind Sie wirklich Fürst Myschkin?‹

»Ja, ich komme direkt von der Bahn. Mir scheint, Sie wollten fragen, ob ich wirklich Fürst Myschkin bin, taten dies aber aus Höflichkeit nicht.«

»Hm! …« brummte der Diener erstaunt.

»Ich versichere Ihnen, daß ich Sie nicht belogen habe, und daß Sie mit meiner Anmeldung nichts Unverantwortliches begehen. Daß ich aber in solchem Anzug und mit einem Bündelchen herkomme, dabei ist nichts zu verwundern; meine Vermögensverhältnisse sind augenblicklich nicht glänzend.«

»Hm! Ich habe in dieser Hinsicht keine Befürchtungen, sehen Sie! Ich bin verpflichtet, Sie zu melden, und dann wird der Sekretär zu Ihnen herkommen, außer wenn Sie … Aber das ist es eben: außer wenn … Wenn es gestattet ist, möchte ich mir erlauben zu fragen: Sie beabsichtigen nicht, aus Bedürftigkeit den General um eine Unterstützung zu bitten?«

»O nein, seien Sie darüber ganz beruhigt! Ich habe ein anderes Anliegen.«

»Nehmen Sie es mir nicht übel; aber ich fragte im Hinblick auf Ihr Äußeres. Warten Sie auf den Sekretär; der General selbst ist jetzt mit einem Oberst beschäftigt, und dann wird auch der Sekretär kommen … es ist der Sekretär von einer Aktiengesellschaft.«

»Wenn ich also lange werde warten müssen, so möchte ich Sie fragen: kann man hier nicht irgendwo rauchen? Eine Pfeife und Tabak habe ich bei mir.«

»Rau-chen?« versetzte der Kammerdiener, ihn geringschätzig und erstaunt anstarrend, als ob er seinen Ohren nicht traute. »Rauchen? Nein, hier können Sie nicht rauchen, und Sie sollten sich schämen, auch nur daran zu denken. Haha … Sonderbar!«

»Oh, ich meinte ja nicht in diesem Zimmer; daß das nicht geht, weiß ich ja; sondern ich würde irgendwohin gehen, wohin Sie mich weisen würden; denn ich bin daran gewöhnt und habe jetzt schon drei Stunden lang nicht geraucht. Übrigens, wie Sie es für gut halten; wissen Sie, es gibt ein Sprichwort: Kommst du in ein fremdes Kloster, so suche da nicht deine eigene Ordnung einzuführen.«

»Na, wie soll ich Sie melden, so einen eigentümlichen Besucher?« murmelte der Kammerdiener beinah unwillkürlich. »Erstens gehört es sich nicht, daß Sie sich hier aufhalten; Sie sollten im Empfangszimmer sitzen, weil Sie selbst sich als Besucher, das heißt als Gast bezeichnen; da wird Rechenschaft von mir gefordert werden … Wie ist es? Beabsichtigen Sie etwa, bei uns zu wohnen?« fügte er hinzu, noch einmal nach dem Bündel des Fürsten hinschielend, das ihm offenbar keine Ruhe ließ.

»Nein, das beabsichtige ich nicht. Selbst wenn ich dazu aufgefordert würde, würde ich nicht hierbleiben. Ich bin ganz einfach nur hergekommen, um mich mit den Herrschaften bekannt zu machen, weiter nichts.«

»Wie? Um die Bekanntschaft zu machen?« fragte der Kammerdiener erstaunt und mit verdreifachtem Mißtrauen. »Wie konnten Sie dann aber zuerst sagen, Sie kämen mit einem Anliegen?«

»Oh, ich kann kaum sagen: mit einem Anliegen! Das heißt, wenn Sie wollen, habe ich auch ein Anliegen, das aber nur darin besteht, daß ich um einen Rat bitten möchte. In der Hauptsache aber bin ich gekommen, um mich vorzustellen, da ich Fürst Myschkin bin und die Generalin Jepantschina gleichfalls die letzte Fürstentochter aus der Familie Myschkin ist und es außer mir und ihr keine Myschkins mehr gibt.«

»Also sind Sie gar noch ein Verwandter?« rief der erschrockene Diener, den ordentlich ein Schauder überlief.

»Auch das ist kaum richtig. Übrigens, wenn man es genau nimmt, gewiß, wir sind Verwandte, aber so entfernte, daß wir uns eigentlich kaum als solche betrachten können. Ich habe mich einmal vom Ausland aus brieflich an die Generalin gewandt; aber sie hat mir nicht geantwortet. Ich habe es aber doch für notwendig gehalten, bei meiner Rückkehr hier Beziehungen anzuknüpfen. Ihnen aber setze ich das alles jetzt auseinander, um Ihre Zweifel zu zerstreuen; denn ich sehe, Sie beunruhigen sich immer noch. Melden Sie nur, daß Fürst Myschkin da ist, und der Anlaß meines Besuches wird schon aus der Meldung ersichtlich sein. Empfangen sie mich – gut; empfangen sie mich nicht – auch gut, vielleicht sogar sehr gut. Aber ich glaube, sie werden nicht anders können, als mich empfangen; die Generalin wird gewiß wünschen, den einzigen noch lebenden Repräsentanten ihres Geschlechts zu sehen; denn wie ich mit Bestimmtheit gehört habe, legt sie auf ihre Herkunft großen Wert.«

Es hätte scheinen können, daß diese Mitteilungen des Fürsten höchst einfach und natürlich waren; aber je einfacher und natürlicher sie an sich waren, um so absonderlicher kamen sie im gegenwärtigen Augenblick heraus, und der erfahrene Kammerdiener konnte nicht umhin, in ihnen etwas zu finden, was, von einem Menschen zu einem andern Menschen gesagt, durchaus angemessen, aber von einem Gast zu einem Diener gesagt, völlig unangemessen war. Aber da die Diener weit verständiger sind, als die Herrschaften gewöhnlich glauben, so ging es auch dem Kammerdiener durch den Kopf, daß hier zwei Fälle möglich seien: entweder war der Fürst ein Herumtreiber und jedenfalls gekommen, um bei der Herrschaft um ein Almosen zu bitten, oder er war einfach ein Narr und ohne Ehrgefühl, da ein vernünftiger Fürst, der Ehrgefühl besitzt, nicht im Vorzimmer sitzen und mit einem Diener über seine Angelegenheiten reden würde. Hatte er sich also nicht in dem einen wie in dem andern Fall für die Anmeldung zu verantworten?

»Aber Sie sollten sich doch in das Empfangszimmer begeben«, bemerkte er möglichst energisch.

»Wenn ich da gesessen hätte, hätte ich Ihnen das alles ja nicht auseinandersetzen können«, versetzte der Fürst in heiterem Tone, »und somit würden Sie sich immer noch beim Anblick meines Mantels und meines Bündelchens beunruhigen. Aber jetzt halten Sie es vielleicht nicht einmal mehr für nötig, auf den Sekretär zu warten, sondern gehen einfach selbst hin und melden mich an.«

»Ich darf einen Besucher wie Sie ohne den Sekretär nicht anmelden, und außerdem hat der General selbst noch vorhin ausdrücklich verboten, daß er von irgend jemand gestört wird, solange der Oberst da ist; nur Gawrila Ardalionytsch geht ohne Anmeldung hinein.«

»Ist das ein Beamter?«

»Gawrila Ardalionytsch? Nein. Er ist bei einer Aktiengesellschaft angestellt. Legen Sie doch wenigstens Ihr Bündelchen hin!«

»Ich habe selbst schon daran gedacht. Wenn Sie also erlauben, tue ich es. Sagen Sie, soll ich auch den Mantel ablegen?«

»Gewiß! Sie können doch nicht im Mantel zu ihm hineingehen.«

Der Fürst erhob sich, zog sich eilig den Mantel aus und stand nun in einem ziemlich anständigen, gut gearbeiteten, wiewohl schon abgetragenen Jackett da. Über die Weste zog sich eine stählerne Uhrkette hin. An der Kette war eine silberne Genfer Uhr sichtbar.

Obgleich der Fürst ein Narr war (zu dieser Ansicht war der Diener bereits gelangt), schien es dem Kammerdiener des Generals schließlich doch unpassend, dieses Privatgespräch mit dem Besucher länger fortzusetzen, obwohl der Fürst ihm aus irgendeinem Grunde gefiel, natürlich nur so in seiner Art. Aber von einem andern Gesichtspunkte aus erweckte er bei ihm ein entschiedenes, starkes Mißfallen.

»Und wann empfängt die Generalin?« fragte der Fürst, indem er sich wieder auf seinen früheren Platz setzte.

»Das gehört nicht zu meinem Dienst. Sie empfängt zu verschiedenen Zeiten, je nach der Persönlichkeit. Die Schneiderin wird schon um elf Uhr vorgelassen. Gawrila Ardalionytsch wird ebenfalls früher empfangen als andere, sogar zum ersten Frühstück.«

»Hier bei Ihnen ist es in den Zimmern im Winter wärmer als im Ausland«, bemerkte der Fürst, »aber dafür ist es dort auf den Straßen wärmer als bei uns. So ist es einem Russen kaum möglich, im Winter dort in den Häusern zu wohnen, weil er da nicht seine gewohnte Wärme hat.«

»Wird da nicht geheizt?«

»O doch, aber die Häuser sind anders gebaut, das heißt die Öfen und die Fenster.«

»Hm! Sind Sie denn lange im Ausland gereist?«

»Vier Jahre. Übrigens habe ich fast immer an einem Orte stillgesessen, auf dem Lande.«

»Da sind Sie wohl unsere Verhältnisse nicht mehr gewöhnt?«

»Das ist richtig. Können Sie es glauben: ich wundere mich über mich selbst, daß ich das Russischsprechen nicht verlernt habe. Während ich jetzt mit Ihnen spreche, denke ich: ›Aber ich spreche ja noch ganz gut.‹ Das ist vielleicht auch der Grund, weshalb ich soviel spreche. Wirklich, seit gestern habe ich fortwährend Lust, russisch zu sprechen.«

»Hm! Haha! Haben Sie früher in Petersburg gewohnt?« (Trotz seiner Vorsätze brachte der Diener es doch nicht fertig, ein so höflich und bescheiden geführtes Gespräch seinerseits abzubrechen.)

»In Petersburg? Fast gar nicht, nur bei Durchreisen. Auch habe ich früher hier eigentlich nichts gekannt; und jetzt gibt es hier, höre ich, so viel Neues, daß, wie man sagt, auch wer vorher alles gekannt hat, jetzt alles von neuem lernen muß. Es wird hier jetzt viel von den Gerichten geredet.«

»Hm! … Die Gerichte. Die Gerichte, ja, ja, die Gerichte. Aber wie ist es dort? Geht es da beim Gericht gerechter zu oder nicht?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe über die unsrigen viel Gutes gehört. Da ist ja nun bei uns die Todesstrafe wieder abgeschafft.«

»Aber dort finden Hinrichtungen statt?«

»Ja. Ich habe in Frankreich bei einer zugesehen, in Lyon. Schneider hatte mich mitgenommen.«

»Hängen sie die Menschen auf?«

»Nein, in Frankreich werden immer die Köpfe abgeschlagen.«

»Schreit denn der Betreffende dabei?«

»Bewahre! Es geht in einem Augenblick vor sich. Sie legen den Menschen hin, und dann fällt mittels einer Maschine (Guillotine heißt sie) so ein breites Messer mit einem schweren, kräftigen Schlag herunter … Der Kopf fliegt ab, ehe man nur mit den Augen blinken kann. Die Vorbereitungen sind allerdings peinlich. Wenn das Urteil verkündet ist, machen sie den Hinzurichtenden zurecht, binden ihn und führen ihn auf das Schafott; das ist schrecklich! Das Volk läuft zusammen, sogar die Weiber, obwohl man es dort nicht gern hat, daß Weiber dabei zusehen.«

»Die haben dabei auch nichts zu suchen.«

»Gewiß, gewiß! Solche Qualen mit anzusehen! … Der Verurteilte war ein gebildeter, unerschrockener, kräftiger Mann, schon bei Jahren. Legros war sein Name. Nun, sehen Sie, ich sage Ihnen, ob Sie es nun glauben oder nicht: als er auf das Schafott heraufkam, da weinte er und sah weiß aus wie ein Blatt Papier. Ist das möglich? Ist das nicht entsetzlich? Wer weint denn vor Angst? Ich hätte nicht gedacht, daß jemand, der kein Kind ist, vor Angst weinen könnte, ein Mann, der nie geweint hat, ein Mann von fünfundvierzig Jahren. Was mag mit der Seele in diesem Augenblick vorgehen? In was für krampfhafte Zuckungen wird sie versetzt? Es ist eine Peinigung der Seele, weiter nichts! Es gibt ein Gebot: ›Du sollst nicht töten!‹, und da tötet man nun, weil jemand getötet hat, auch ihn? Nein, das darf nicht sein! Es ist jetzt schon einen Monat her, daß ich das gesehen habe; aber es ist mir bis heute, als ob ich es vor Augen hätte. Ich habe fünfmal davon geträumt.«

Der Fürst war beim Sprechen aufgelebt, eine leichte Röte war auf sein blasses Gesicht getreten, obgleich er äußerlich so still und ruhig redete wie vorher. Der Kammerdiener hörte ihm mit teilnahmsvollem Interesse zu und wünschte, wie es schien, nicht mehr, sich von dem Gespräch loszumachen; vielleicht war auch er ein Mensch mit Einbildungskraft und einem Hange zum Nachdenken.

»Es ist wenigstens noch gut, daß nicht viel Quälerei dabei ist, wenn der Kopf abfliegt«, bemerkte er.

dem Tode nicht entgehen kann, und eine schlimmere Qual als diese gibt es auf der Welt nicht. Man führe einen Soldaten in der Schlacht einer Kanone gerade gegenüber und stelle ihn dorthin und schieße auf ihn; er wird noch immer hoffen; aber man lese diesem selben Soldaten das Urteil vor, das ihn mit Sicherheit dem Tode weiht, und er wird den Verstand verlieren oder zu weinen anfangen. Wer kann denn glauben, daß die menschliche Natur imstande sei, dies zu ertragen, ohne in Irrsinn zu geraten? Wozu eine solche gräßliche, unnütze, zwecklose Marter? Vielleicht gibt es auch einen Menschen, dem man das Todesurteil vorgelesen hat, den man sich hat quälen lassen, und zu dem man dann gesagt hat: ›Geh hin; du bist begnadigt!‹ Ein solcher Mensch könnte vielleicht erzählen. Von dieser Qual und von diesem Schrecken hat auch Christus gesprochen. Nein, so darf man mit einem Menschen nicht verfahren!«

Obgleich der Kammerdiener all dies nicht hätte so ausdrücken können wie der Fürst, verstand er doch, wenn auch nicht alles, so doch die Hauptsache, was sogar an seiner gerührten Miene wahrzunehmen war.

»Wenn Sie so sehr wünschen zu rauchen«, sagte er, »so würde das vielleicht auch gehen; nur müßten Sie es sehr bald tun. Denn er könnte auf einmal nach Ihnen fragen, und dann wären Sie nicht da. Sehen Sie, dort unter der kleinen Treppe ist eine Tür. Gehen Sie in die Tür hinein, rechts ist ein Kämmerchen; da können Sie rauchen; nur müssen Sie die Luftklappe aufmachen, denn das Rauchen ist hier doch nicht in der Ordnung.«

Aber der Fürst kam nicht mehr dazu fortzugehen und zu rauchen. In das Vorzimmer trat ein junger Mann mit Papieren in der Hand. Der Kammerdiener nahm ihm den Pelz ab. Der junge Mann schielte nach dem Fürsten hin.

»Der Herr da sagt mir, Gawrila Ardalionytsch«, begann der Kammerdiener in vertraulichem, beinah familiärem Ton, »daß er ein Fürst Myschkin und ein Verwandter der gnädigen Frau sei; er ist mit dem Zuge aus dem Ausland gekommen, mit einem Bündelchen in der Hand, aber …« Das Weitere konnte der Fürst nicht verstehen, da der Kammerdiener zu flüstern anfing. Gawrila Ardalionowitsch hörte aufmerksam zu und betrachtete den Fürsten mit großem Interesse; schließlich hörte er nicht mehr weiter zu und trat ungeduldig an ihn heran.

»Sie sind Fürst Myschkin?« fragte er sehr freundlich und höflich. Es war ein sehr schöner junger Mann, ebenfalls etwa achtundzwanzig Jahre alt, schlank, blond, von Mittelgröße, mit einem kleinen Napoleonsbärtchen und einem verständigen, sehr hübschen Gesicht. Nur war sein Lächeln bei all seiner Liebenswürdigkeit ein wenig zu schlau; die Zähne traten dabei ein wenig zu perlenartig heraus; der Blick war trotz all seiner Heiterkeit und scheinbaren Offenherzigkeit etwas zu scharf und forschend.

Der Fürst hatte die Empfindung: ›Wenn er allein ist, sieht er wahrscheinlich ganz anders aus und lacht vielleicht nie.‹

Der Fürst setzte ihm alles, was er in der Geschwindigkeit konnte, auseinander, fast dasselbe, was er schon vorher dem Kammerdiener und noch früher seinem Reisegefährten Rogoshin auseinandergesetzt hatte. Gawrila Ardalionowitsch schien unterdessen in seinem Gedächtnis etwas zu suchen.

»Haben Sie nicht«, fragte er, »vor einem Jahre oder vor noch kürzerer Zeit einen Brief, wie mir scheint, aus der Schweiz an Lisaweta Prokofjewna geschickt?«

»Ganz richtig.«

»Dann kennt man Sie hier und wird sich Ihrer sicherlich erinnern. Sie wollen zu Seiner Exzellenz? Ich werde Sie sofort melden … Er wird gleich frei sein. Nur sollten Sie … Sie sollten bis dahin ins Empfangszimmer gehen … Warum ist der Herr hier?« wandte er sich in strengem Ton an den Kammerdiener.

»Ich sagte schon, der Herr wollte selbst nicht …«

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers, und ein Offizier mit einem Portefeuille unter dem Arm kam laut redend und sich verabschiedend heraus.

»Du bist hier, Ganja?« rief eine Stimme aus dem Arbeitszimmer. »So komm doch herein!«

Gawrila Ardalionowitsch nickte dem Fürsten zu und begab sich eilig in das Arbeitszimmer.

Ungefähr zwei Minuten darauf öffnete sich die Tür von neuem, und Gawrila Ardalionowitschs wohlklingende, höfliche Stimme rief:

»Bitte treten Sie näher, Fürst.«

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Kapitel 13

XIII

Der Fürst befand sich, als er die Treppe hinaufstieg, in großer Unruhe und suchte sich mit aller Kraft Mut zu machen.›Das Schlimmste‹, dachte er, ›kann doch nur sein, daß sie mich nicht empfängt und irgend etwas Schlechtes von mir denkt, oder auch vielleicht, daß sie mich empfängt und mir ins Gesicht lacht… Ach was! Daraus will ich mir nichts machen!‹ Und in der Tat ängstigte ihn dies nicht so besonders, aber die Frage, warum er eigentlich dorthin ging und was er dort wollte, auf diese Frage fand er schlechterdings keine befriedigende Antwort. Selbst wenn es ihm irgendwie gelänge, eine günstige Gelegenheit abzupassen und zu Nastasja Filippowna zu sagen: ›Heiraten Sie diesen Menschen nicht, und richten Sie sich nicht zugrunde; er liebt Sie nicht, er liebt nur Ihr Geld, das hat er mir selbst gesagt, und auch Aglaja Jepantschina hat es mir gesagt, und ich bin hergekommen, um Sie davon in Kenntnis zu setzen‹, so würde, sagte er sich, auch das nicht in jeder Beziehung korrekt sein. Und noch eine andere ungelöste Frage trat ihm vor die Seele, eine so wichtige Frage, daß der Fürst sich sogar fürchtete, an sie auch nur zu denken, daß er gar nicht wagte, sie als zulässig zu betrachten und zu formulieren, sondern bei dem bloßen Gedanken an sie errötete und zu zittern begann. Aber das Ende war doch, daß er trotz all dieser Befürchtungen und Zweifel eintrat und nach Nastasja Filippowna fragte.

Nastasja Filippowna hatte eine nicht sehr große, aber wirklich prachtvoll ausgestattete Wohnung. In den fünf Jahren ihres Petersburger Aufenthalts hatte es zuerst eine Zeit gegeben, wo Afanassij Iwanowitsch ganz besonders viel Geld für sie aufwandte; er rechnete damals noch auf ihre Liebe und hoffte, sie namentlich durch Komfort und Luxus zu betören, denn er wußte, wie leicht man sich an den Luxus gewöhnt und wie schwer es einem nachher fällt, auf ihn zu verzichten, wenn er allmählich zum Bedürfnis geworden ist. In dieser Hinsicht blieb Tozkij den alten, guten Traditionen treu und änderte nichts an ihnen, da er die unüberwindliche Macht der sinnlichen Eindrücke außerordentlich hoch anschlug. Nastasja Filippowna verhielt sich gegen den Luxus nicht ablehnend, sie liebte ihn sogar, aber – und dies erschien sehr merkwürdig – sie ließ sich von ihm nicht unterjochen, sondern machte den Eindruck, als könne sie ihn auch jederzeit entbehren; sie sprach das sogar mehrmals absichtlich aus, wodurch Tozkij sich unangenehm berührt fühlte. Übrigens hatte Nastasja Filippowna gar manches an sich, wovon Afanassij Iwanowitsch nicht sonderlich erbaut war, ein Gefühl, das sich in der Folgezeit sogar bis zur Verachtung steigerte. Ganz abgesehen davon, daß sie manchmal, und offenbar aus persönlicher Neigung, Leute an sich heranzog, die das Gegenteil von elegant waren, traten bei ihr auch noch einige andere ganz seltsame Neigungen hervor: es zeigte sich eine barbarische Vermischung zweier verschiedener Geschmacksrichtungen, ferner eine Fähigkeit, auf gewisse Genüsse zu verzichten und sich statt dessen mit andern zu begnügen, die ein anständiger, feingebildeter Mensch als gar nicht vorhanden betrachtet. In der Tat, hätte – um ein Beispiel anzuführen – Nastasja Filippowna irgendeine liebenswürdige, vornehme Unwissenheit bekundet, etwa eine Unkenntnis der Tatsache, daß Bäuerinnen nicht weißen Batist tragen können, wie sie ihn trug, so wäre Afanassij Iwanowitsch damit wohl ganz zufrieden gewesen. Auf solche Resultate zielte ursprünglich nach Tozkijs Programm, der auf diesem Gebiet ein großer Sachverständiger war, Nastasja Filippownas ganze Erziehung ab, aber leider kamen statt dessen ganz sonderbare Resultate zutage. Trotzdem jedoch lagen in Nastasja Filippownas Wesen noch manche Eigenschaften, die mitunter sogar Afanassij Iwanowitsch selbst durch ihre ungewöhnliche, reizvolle Originalität und ihre urwüchsige Kraft anzogen und ihn bisweilen auch jetzt noch entzückten, wo schon all seine früheren Spekulationen auf Nastasja Filippowna zusammengestürzt waren.

Dem Fürsten öffnete ein Mädchen (Nastasja Filippowna hielt sich stets nur weibliche Dienerschaft) und hörte zu seiner Verwunderung seine Bitte, ihn zu melden, ohne jedes Erstaunen an. Weder seine schmutzigen Stiefel noch sein breitkrempiger Hut, noch sein ärmelloser Mantel, noch seine verlegene Miene machten sie auch nur im geringsten stutzig. Sie nahm ihm den Mantel ab, forderte ihn auf, im Empfangszimmer zu warten, und ging sogleich, um ihn zu melden.

Die Gesellschaft, die sich bei Nastasja Filippowna versammelt hatte, bestand aus ihren ständigen Bekannten, die immer bei ihr verkehrten. Es waren sogar nur ziemlich wenige Gäste anwesend im Vergleich mit den Veranstaltungen, die in früheren Jahren an demselben Tage stattgefunden hatten. Erschienen waren erstens und als Hauptpersonen Afanassij Iwanowitsch Tozkij und Iwan Fjodorowitsch Jepantschin; beide benahmen sich sehr liebenswürdig, aber beide befanden sich in einer gewissen geheimen Unruhe durch die nur schlecht verhehlte Spannung auf die versprochene Entscheidung über Ganja. Außer ihnen war selbstverständlich auch Ganja da – sehr düster, nachdenklich und höchst »unliebenswürdig«; er stand meist in einiger Entfernung abseits und schwieg. Was Warja anlangt, so hatte er sich dafür entschieden, sie lieber nicht mitzubringen, aber Nastasja Filippowna tat ihrer gar nicht Erwähnung; dagegen fing sie unmittelbar nach Ganjas Begrüßung an, von der Szene zu sprechen, die er vorher mit dem Fürsten gehabt hatte. Der General, der noch nichts davon gehört hatte, interessierte sich sehr dafür. Ganja erzählte in trockenem, ruhigem Ton, aber vollkommen wahrheitsgemäß alles, was sich vor kurzem begeben hatte, und daß er bereits zum Fürsten hingegangen sei, um ihn um Verzeihung zu bitten. Dabei sprach er mit großer Lebhaftigkeit seine Meinung dahin aus, wenn man den Fürsten einen Idioten nenne, so sei das sehr sonderbar und ein Grund dafür unerfindlich; er sei vollständig entgegengesetzter Ansicht und halte ihn für einen sehr selbständig denkenden Menschen. Nastasja Filippowna hörte diese Äußerung mit großer Aufmerksamkeit an und verfolgte neugierig Ganjas Mienenspiel, aber das Gespräch ging sogleich auf Rogoshin über, der bei den Vorgängen des Vormittags so stark beteiligt gewesen war und für den Afanassij Iwanowitsch und Iwan Fjodorowitsch sich gleichfalls äußerst lebhaft zu interessieren begannen. Besondere Mitteilungen über Rogoshin zu machen, war, wie sich herausstellte, Ptizyn in der Lage, der sich in dessen geschäftlichen Angelegenheiten mit ihm fast bis neun Uhr abends abgemüht hatte. Rogoshin hatte mit aller Energie darauf bestanden, noch heute hunderttausend Rubel zu bekommen. »Er war allerdings betrunken«, bemerkte Ptizyn dabei, »aber trotz aller Schwierigkeiten werden die hunderttausend Rubel wohl für ihn beschafft werden, nur weiß ich nicht, ob heute noch ganz, aber es arbeiten viele daran, Trepalow, Kinder, Biskup; Prozente gibt er, soviel einer verlangt, natürlich alles in seiner Trunkenheit und in der ersten Freude…«, schloß Ptizyn.

Alle diese Mitteilungen wurden mit Interesse entgegengenommen, zum Teil allerdings mit düsterem Interesse; Nastasja Filippowna schwieg und wünschte offenbar nicht, sich zu äußern; auch Ganja redete nicht. General Jepantschin beunruhigte sich im stillen nicht weniger als die andern; der Perlenschmuck, den er schon am Vormittag überreicht hatte, war mit sehr kühler Freundlichkeit und sogar mit einem eigentümlichen Lächeln in Empfang genommen worden. Ferdyschtschenko war von allen Gästen der einzige, der sich in heiterer, festtäglicher Stimmung befand; er lachte manchmal laut ohne sichtbaren Grund, lediglich weil er die Rolle des Spaßmachers übernommen hatte. Afanassij Iwanowitsch selbst, der für einen geistreichen, eleganten Plauderer galt und in früherer Zeit bei diesen Abendgesellschaften gewöhnlich das Gespräch geleitet hatte, befand sich offenbar nicht in der rechten Stimmung und sogar in einer ihm sonst fremden Verwirrung. Die andern Gäste, die übrigens wenig zahlreich waren (ein jämmerlicher, alter Lehrer, der Gott weiß weshalb eingeladen war, ein unbekannter, sehr jugendlicher Mensch, der furchtbar schüchtern war und die ganze Zeit über schwieg, eine gewandte, etwa vierzigjährige Dame, Schauspielerin, und eine außerordentlich hübsche, sehr schön und luxuriös gekleidete und überaus stille junge Frau), vermochten das Gespräch nicht sonderlich zu beleben, ja, sie wußten manchmal gar nicht, wovon sie sprechen sollten.

Unter diesen Umständen kam das Erscheinen des Fürsten sogar sehr gelegen. Die Meldung von seiner Ankunft rief einige Verwunderung und ein eigentümliches Lächeln hervor, namentlich als die Gäste an Nastasja Filippownas erstauntem Gesicht merkten, daß es ihr überhaupt nicht in den Sinn gekommen war, ihn einzuladen. Aber nach diesem ersten Erstaunen bekundete Nastasja Filippowna auf einmal eine solche Freude, daß die Mehrzahl der Anwesenden sich sogleich anschickte, den unerwarteten Gast mit Lachen und Heiterkeit zu empfangen.

»Er tut das allerdings aus Naivität«, bemerkte Iwan Fjodorowitsch Jepantschin, »und es ist jedenfalls nicht ungefährlich, solche Neigungen zu ermutigen; aber im gegenwärtigen Augenblick ist es wirklich nicht übel, daß er auf den Einfall gekommen ist, hier zu erscheinen, wenn auch in so origineller Manier. Er wird vielleicht zu unserer Erheiterung beitragen, soweit ich wenigstens über ihn urteilen kann.«

»Das muß er um so mehr, als er sich eingedrängt hat!« fügte Ferdyschtschenko rasch hinzu.

»Was soll das heißen?« fragte trocken der General, der Ferdyschtschenko nicht leiden konnte.

»Er muß eben Eintrittsgeld bezahlen«, erwiderte dieser erläuternd.

»Nun, Fürst Myschkin ist denn doch: kein Ferdyschtschenko«, konnte sich der General nicht enthalten zu entgegnen. Er konnte sich immer noch nicht darein finden, daß er sich mit Ferdyschtschenko in ein und derselben Gesellschaft befinden und mit ihm auf gleichem Fuße verkehren sollte.

»Ei, ei, General, vergreifen Sie sich nicht an Ferdyschtschenko«, antwortete dieser schmunzelnd. »Ich habe hier meine besonderen Privilegien.«

»Was für Privilegien?«

»Ich hatte das vorige Mal die Ehre, es der Gesellschaft ausführlich auseinanderzusetzen, und will es jetzt für Euer Exzellenz noch einmal wiederholen. Wollen Euer Exzellenz folgendes erwägen: alle Menschen sind geistreich, nur ich besitze diese Eigenschaft nicht. Zum Ausgleich habe ich mir die Erlaubnis erwirkt, die Wahrheit sagen zu dürfen, da allen bekannt ist, daß die Wahrheit nur Leute sagen, denen es an Geist mangelt. Außerdem bin ich ein sehr rachsüchtiger Mensch, und zwar wieder eben deswegen, weil ich nicht geistreich bin. Ich ertrage demütig jede Beleidigung, aber nur so lange, bis es meinem Beleidiger einmal schiefgeht; sowie das eintritt, erinnere ich mich sofort an die Beleidigung und räche mich irgendwie, ich schlage aus, wie Iwan Petrowitsch Ptizyn einmal von mir sagte, der natürlich für seine Person nie gegen jemand ausschlägt. Kennen Euer Exzellenz die Krylowsche Fabel ›Der Löwe und der Esel‹? Na, die paßt auf uns beide, auf Sie und mich, die ist auf uns zugeschnitten.«

»Sie sind wohl wieder einmal ins Faseln gekommen, Ferdyschtschenko!« brauste der General auf.

»Aber was haben Sie denn, Exzellenz?« erwiderte Ferdyschtschenko, der darauf gerechnet hatte, ein Wortgefecht herbeizuführen und weiterzusalbadern. »Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz, ich kenne meinen Platz: wenn ich sagte, daß Sie und ich der Löwe und der Esel aus der Krylowschen Fabel seien, so übernehme ich natürlich die Rolle des Esels und Euer Exzellenz die des Löwen, wie es ja auch in der Krylowschen Fabel heißt:

›Der mächt’ge Leu, der einst die Wälder
Erschreckte, war nun altersschwach.‹

Ich aber, Exzellenz, bin der Esel.«

»Mit letzterem bin ich einverstanden«, platzte der General heraus.

Alles, was Ferdyschtschenko da sagte, war ja plump, absichtlich plump, aber es war nun einmal üblich geworden, daß man Ferdyschtschenko die Rolle eines Clowns spielen ließ.

»Nur deshalb verstattet man mir ja hier den Zutritt und duldet mich«, hatte Ferdyschtschenko einmal erklärt, »damit ich in diesem Ton rede. In der Tat, könnte man sonst einen Menschen meiner Art empfangen? Ich begreife ja das alles. Na, kann man etwa mich, den armseligen Ferdyschtschenko, neben einen so feinen Gentleman wie Afanassij Iwanowitsch setzen? Wenn man es doch tut, so gibt es dafür nur eine Erklärung: man tut es eben deshalb, weil es undenkbar ist.«

Aber wenn er auch gewöhnlich plump war, so war er doch auch oft bissig, und manchmal sogar in hohem Grade, und das war es, woran Nastasja Filippowna Gefallen zu finden schien. Wer bei ihr zu verkehren wünschte, dem blieb nichts anderes übrig, als diesen Ferdyschtschenko zu ertragen. Er hatte vielleicht wirklich die volle Wahrheit erraten, als er die Vermutung aussprach, daß sie ihn deswegen empfange, weil er gleich bei seiner ersten Anwesenheit auf Tozkij einen unerträglichen Eindruck gemacht hatte. Ganja seinerseits mußte sich von ihm ein endlose Reihe von Martern gefallen lassen, und in dieser Hinsicht wußte sich Ferdyschtschenko seiner Gönnerin sehr nützlich zu machen.

»Zuerst werde ich vom Fürsten verlangen, daß er uns ein modernes Lied vorsingt«, bemerkte Ferdyschtschenko und paßte auf, was Nastasja Filippowna dazu sagen würde.

»Ich glaube nicht, daß er das tun wird, Ferdyschtschenko, und möchte Sie bitten, sich nicht zu sehr ins Zeug zu legen.«

»Ah, ah! Nun, wenn er unter Ihrem besonderen Schutz steht, dann werde auch ich mich erweichen lassen…«

Aber Nastasja Filippowna stand, ohne hinzuhören, auf und ging selbst dem Fürsten entgegen.

»Ich habe bedauert«, sagte sie, plötzlich vor ihn hintretend, »daß ich vorhin in der Eile vergessen habe, Sie einzuladen, und ich freue mich sehr, daß Sie mir jetzt selbst die Gelegenheit geben, Ihr entschlossenes Verhalten zu loben und Ihnen zu danken.«

Während sie das sagte, blickte sie den Fürsten forschend an, bemüht, über den Grund seines Kommens Klarheit zu erlangen.

Der Fürst hätte auf ihre freundlichen Worte vielleicht etwas erwidert, aber er war dermaßen von ihrer Erscheinung überrascht und geblendet, daß er kein Wort herausbringen konnte. Nastasja Filippowna bemerkte dies mit Vergnügen. Sie war an diesem Abend in großer Toilette und machte einen außerordentlich starken Eindruck. Sie ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zu den Gästen. Unmittelbar vor dem Eingang in den Salon blieb der Fürst plötzlich stehen und flüsterte ihr in großer Erregung hastig zu:

»An Ihnen ist alles vollkommen… sogar Ihre Abgezehrtheit und Blässe… man möchte Sie sich gar nicht anders vorstellen… Ich hatte ein so starkes Verlangen, zu Ihnen zu gehen… ich … verzeihen Sie mir…«

»Bitten Sie nicht um Verzeihung«, erwiderte lachend Nastasja Filippowna, »dadurch wird Ihre ganze Sonderbarkeit und Originalität zerstört. Und es wird doch mit Recht über Sie gesagt, daß Sie ein sonderbarer Mensch seien. Also Sie halten mich für vollkommen, ja?«

»Ja.«

»Sie sind zwar sonst ein Meister im Erraten, aber hier haben Sie sich geirrt. Ich werde Sie noch heute daran erinnern.«

Sie stellte den Fürsten den Gästen vor, von denen er der größeren Hälfte bereits bekannt war. Tozkij sagte ihm sogleich eine Liebenswürdigkeit. Alle schienen etwas lebendiger zu werden, alle begannen auf einmal zu reden und zu lachen. Nastasja Filippowna wies dem Fürsten einen Platz an ihrer Seite zu.

»Aber was ist denn eigentlich an dem Erscheinen des Fürsten so Verwunderliches?« überschrie Ferdyschtschenko alle. »Die Sache ist doch klar, die Sache spricht für sich selbst!«

»Die Sache ist nur zu klar und spricht nur zu sehr für sich selbst!« sagte auf einmal Ganja, der bisher geschwiegen hatte. »Ich habe den Fürsten bis heute fast ununterbrochen beobachtet, von dem Augenblick an, als er in Iwan Fjodorowitschs Wohnung zum erstenmal Nastasja Filippownas Bild auf dem Tische liegen sah. Ich erinnere mich sehr genau, daß mir gleich damals ein Gedanke an das kam, was mir jetzt zur vollen Überzeugung geworden ist, und was mir, beiläufig gesagt, der Fürst selbst gestanden hat!«

Ganja hatte das alles sehr ernst, ohne die geringste Spur von Scherzhaftigkeit, ja mit finsterer Miene gesagt, was einen ziemlich seltsamen Eindruck machte.

»Ich habe Ihnen keine Geständnisse gemacht«, antwortete der Fürst errötend, »ich habe nur eine Frage beantwortet, die Sie an mich richteten.«

»Bravo, bravo!« rief Ferdyschtschenko. »Das ist wenigstens aufrichtig gesprochen, aufrichtig und zugleich schlau!«

Alle lachten laut.

»Schreien Sie doch nicht so, Ferdyschtschenko«, sagte Ptizyn mit gedämpfter Stimme unwillig zu ihm.

»Solche Bravourstücke hätte ich wahrhaftig nicht von Ihnen erwartet, Fürst«, bemerkte Iwan Fjodorowitsch. »Zu welcher Menschenklasse muß man Sie danach rechnen? Und ich hatte Sie für einen Philosophen gehalten! Ja, ja, die stillen Wässerchen!«

»Und daraus, daß der Fürst bei einem harmlosen Scherz rot wird wie ein unschuldiges junges Mädchen, schließe ich, daß er als ein ehrenwerter Jüngling in seinem Herzen die löblichsten Absichten hegt«, sagte, oder richtiger lispelte auf einmal ganz unerwartet der zahnlose siebzigjährige Lehrer, der bis dahin vollständig stumm gewesen war und von dem niemand hatte erwarten können, daß er im Laufe des Abends überhaupt ein Wort reden würde.

Alle lachten nur noch mehr. Der Alte, der wahrscheinlich glaubte, man lache über seine geistreiche Bemerkung, begann, alle ansehend, noch stärker als sie zu lachen, wobei er in ein heftiges Husten hineingeriet, so daß Nastasja Filippowna, die wunderlicherweise für all solche originellen Greise, Greisinnen und selbst Narren eine besondere Schwäche hatte, sogleich anfing, ihn zu liebkosen und zu küssen, und ihm noch Tee reichen ließ. Von der eintretenden Dienerin ließ sie sich eine Mantille bringen, in die sie sich einhüllte; auch gab sie Befehl, noch Holz im Kamin nachzulegen. Auf die Frage, wie spät es sei, antwortete die Dienerin, es sei schon halb elf.

»Meine Herren, wollen Sie nicht Champagner trinken?« schlug Nastasja Filippowna plötzlich vor. »Ich habe alles vorbereiten lassen. Vielleicht wird Sie das lustiger machen. Bitte, ohne sich zu genieren!«

Die Einladung zu trinken, und namentlich in so naiven Ausdrücken, machte sich von Nastasja Filippownas Seite recht sonderbar. Alle kannten die strenge Etikette, die auf ihren früheren Abendgesellschaften geherrscht hatte. Überhaupt gestaltete sich dieser Abend lustiger, aber in ungewöhnlicher Weise. Die Aufforderung zum Champagnertrinken lehnten die Gäste nicht ab; zuerst nahm sie der General an, dann die gewandte Dame, der alte Lehrer, Ferdyschtschenko, danach alle andern. Auch Tozkij griff nach einem Glase, in der Hoffnung, dem neuen Ton, der jetzt angeschlagen war, eine gewisse harmonische Färbung zu verleihen, indem er ihm nach Möglichkeit den Charakter eines liebenswürdigen Scherzes gab. Ganja war der einzige, der nichts trank. Aus den sonderbaren, mitunter sehr scharfen und hastigen Ausfällen Nastasja Filippownas, die sich ebenfalls Wein geben ließ und erklärte, sie werde an diesem Abend drei große Gläser voll trinken, und aus ihrem hysterischen, grundlosen Lachen, das dann plötzlich mit Schweigsamkeit und sogar mit düsterer Nachdenklichkeit wechselte, aus alledem war schwer klug zu werden. Manche vermuteten, sie hätte Fieber; schließlich merkte man, daß sie anscheinend auf etwas wartete, oft nach der Uhr sah und ungeduldig und zerstreut wurde.

»Sie scheinen ein bißchen zu fiebern?« fragte die gewandte Dame.

»Nicht ein bißchen, sondern recht stark; darum habe ich mich auch in die Mantille gewickelt«, antwortete Nastasja Filippowna, die tatsächlich blasser geworden war und ab und zu ein heftiges Zittern in ihrem Körper zu unterdrücken schien.

Alle Gäste gerieten in Unruhe und Bewegung.

»Sollten wir nicht unserer Wirtin Ruhe gönnen?« sagte Tozkij, indem er Iwan Fjodorowitsch ansah.

»Durchaus nicht, meine Herrschaften! Ich bitte Sie dringend, sitzenzubleiben. Ihre Anwesenheit ist besonders heute für mich notwendig«, erklärte Nastasja Filippowna nachdrücklich und bedeutsam. Und da fast alle Gäste schon wußten, daß an diesem Abend eine sehr bedeutsame Entscheidung fallen sollte, so erschienen diese Worte besonders schwerwiegend. Der General und Tozkij wechselten wieder einen Blick miteinander. Ganja machte krampfhafte Bewegungen.

»Es wäre ganz nett, wenn wir ein Gesellschaftsspiel spielten«, sagte die gewandte Dame.

»Ich kenne ein prachtvolles, neues Gesellschaftsspiel«, erklärte Ferdyschtschenko. »Ich weiß nur von einem Fall, wo es auf der Welt gespielt wurde, und auch da gelang es nicht.«

»Was ist das für ein Spiel?« fragte die gewandte Dame.

»Wir waren einmal in einer Gesellschaft zusammen, nun, und wir hatten ein bißchen getrunken, das ist richtig, und da machte einer den Vorschlag, es sollte jeder von uns, ohne vom Tisch aufzustehen, laut etwas von sich erzählen, aber etwas, was er selbst nach bestem Wissen und Gewissen für die schlechteste Handlung von allen schlechten Handlungen halte, die er im Laufe seines ganzen Lebens begangen habe; aber Vorschrift solle dabei sein, daß wahrheitsgemäß erzählt werden müsse, das war die Hauptsache, jeder sollte wahrheitsgemäß erzählen und nicht lügen.«

»Eine sonderbare Idee«, sagte der General.

»Sehr sonderbar allerdings, Exzellenz, aber eben darum gut.«

»Ein komischer Gedanke«, meinte Tozkij, »der übrigens begreiflich ist: es steckt eine eigenartige Prahlsucht dahinter.«

»Vielleicht war gerade das die Absicht, Afanassij Iwanowitsch.«

»Aber bei einem solchen Gesellschaftsspiel muß man ja weinen und nicht lachen«, bemerkte die gewandte Dame.

»Eine ganz unmögliche, absurde Sache!« rief Ptizyn.

»Und ist es gelungen?« fragte Nastasja Filippowna.

»Das ist es ja eben, daß es nicht gelang; die Geschichte wurde schließlich widerwärtig. Jeder erzählte wirklich etwas, viele die Wahrheit, und denken Sie sich: manche erzählten sogar mit Vergnügen. Aber dann fing ein jeder an, sich zu schämen, und das Spiel konnte nicht weiter durchgeführt werden! Im ganzen war es übrigens recht vergnüglich, das heißt in seiner Art.«

»Nein, wirklich, das wäre schön!« bemerkte Nastasja Filippowna, die auf einmal ganz lebendig wurde. »Das sollten wir wirklich probieren, meine Herrschaften! Wir scheinen in der Tat nicht in besonders heiterer Stimmung zu sein. Wenn jeder von uns damit einverstanden wäre, etwas zu erzählen … etwas in dieser Art … selbstverständlich nur, wenn er einverstanden ist… jeder muß freie Hand haben, nicht wahr? Vielleicht können wir es durchführen. Wenigstens ist es sehr originell.«

»Ja, es ist ein genialer Gedanke!« fügte Ferdyschtschenko bekräftigend hinzu. »Die Damen sind übrigens dispensiert, die Herren machen den Anfang; die Ordnung wird durch das Los bestimmt, wie wir es auch damals machten! Wir wollen es unbedingt tun, unbedingt! Wer absolut nicht will, braucht natürlich nicht zu erzählen, aber dazu müßte schon einer besonders unliebenswürdig sein! Geben Sie Ihre Lose her, meine Herren, hierher, mir; legen Sie sie in meinen Hut, der Fürst wird sie ziehen. Es ist eine ganz leichte Aufgabe, die schlechteste Handlung aus seinem ganzen Leben zu erzählen – das ist sehr leicht, meine Herren! Nun, Sie werden selbst sehen! Wenn aber jemand etwas vergessen sollte, so werde ich sogleich seinem Gedächtnis zu Hilfe kommen.«

Die Idee war höchst sonderbar und gefiel fast niemandem. Die einen machten finstere Gesichter, die anderen lächelten schlau. Manche erhoben Einwendungen, wenn auch nicht sehr energisch, so zum Beispiel Iwan Fjodorowitsch, der Nastasja Filippowna nicht hinderlich sein mochte und bemerkte, wie sehr dieser sonderbare Einfall, vielleicht eben deswegen, weil er sonderbar und beinah undurchführbar war, sie reizte. Wenn Nastasja Filippowna sich einmal entschlossen hatte, ihre Wünsche auszusprechen, so ließ sie sich auch nicht mehr zurückhalten und kannte keine Rücksichten, mochten auch diese Wünsche noch so kapriziös und für sie selbst ganz nutzlos sein. Und jetzt befand sie sich in einer Art von hysterischem Zustand, sie entwickelte eine unruhige Geschäftigkeit und lachte krampfhaft und in einzelnen Anfällen, namentlich bei den Einwendungen des beunruhigten Tozkij. Ihre dunklen Augen blitzten, auf ihren blassen Wangen traten zwei rote Flecken hervor. Der bedrückte, mürrische Gesichtsausdruck mancher ihrer Gäste steigerte ihren spottlustigen Wunsch vielleicht noch mehr; vielleicht gefiel ihr gerade der Zynismus und die Grausamkeit, die in dieser Idee lagen. Manche waren sogar überzeugt, daß sie da einen besonderen Zweck verfolge. Indessen begannen die Gäste sich einverstanden zu erklären: jedenfalls war die Sache interessant und für viele sogar sehr verlockend. Am eifrigsten von allen zeigte sich Ferdyschtschenko.

»Aber wenn nun etwas von der Art ist, daß man es in Damengesellschaft unmöglich erzählen kann?« bemerkte der schweigsame Jüngling schüchtern.

»Dann erzählen Sie es nicht! Als ob es nicht auch ohne das genug schlechte Handlungen gäbe!« erwiderte Ferdyschtschenko. »Ei, ei, Sie junger Mann!«

»Aber ich weiß gar nicht, welche meiner Handlungen ich für die schlechteste halten soll«, warf die gewandte Dame ein.

»Die Damen sind von der Pflicht zu erzählen dispensiert«, wiederholte Ferdyschtschenko, »aber eben nur dispensiert: wenn sie sich aus freien Stücken dazu bereit finden, so wird das mit dankbarer Anerkennung aufgenommen. Die Herren aber werden nur dispensiert, wenn sie durchaus nicht wollen.«

»Aber wie soll ich da beweisen, daß ich nicht lüge?« fragte Ganja. »Wenn ich aber lüge, so verliert das ganze Spiel seinen Sinn. Und wer wird denn nicht lügen? Jeder wird es unfehlbar tun.«

»Aber auch das ist schon reizvoll, zu sehen, wie jemand dann lügt. Und was dich betrifft, Ganja, so brauchst du dich vor dem Lügen nicht besonders zu fürchten, da deine schlechteste Handlung sowieso schon allen bekannt ist. Und denken Sie nur, meine Herrschaften«, rief Ferdyschtschenko ganz enthusiastisch, »denken Sie nur, mit was für Augen wir nachher einander ansehen werden, zum Beispiel morgen, nach diesen Erzählungen!«

»Aber ist’s möglich? Soll denn das wirklich Ernst sein, Nastasja Filippowna?« fragte Tozkij würdevoll.

»Wer sich vor dem Wolf fürchtet, soll nicht in den Wald gehen!« versetzte Nastasja Filippowna lächelnd.

»Aber erlauben Sie, Herr Ferdyschtschenko, wie kann man denn daraus ein Gesellschaftsspiel machen?« fuhr Tozkij, der immer unruhiger wurde, fort. »Ich versichere Ihnen, daß solche Dinge nie gelingen; Sie sagen ja selbst, daß es schon einmal mißglückt ist.«

»Wieso mißglückt? Ich habe das vorige Mal erzählt, wie ich drei Rubel gestohlen habe, das habe ich ganz einfach und ohne weiteres erzählt!«

»Wenn auch. Aber Sie konnten es doch unmöglich so erzählen, daß es wahrscheinlich klang und man es Ihnen glaubte. Und Gawrila Ardalionowitsch hat ganz richtig bemerkt, daß das Spiel jeden Sinn verliert, sobald man der Erzählung anzumerken glaubt, daß sie nicht wahr ist. Die Wahrheit wird dabei nur dann gesagt werden, wenn sich jemand zufällig in einer eigenartigen, unfeinen, prahlerischen Stimmung befindet, einer Stimmung, die hier undenkbar ist und durchaus unpassend sein würde.«

»Aber was sind Sie für ein feinfühliger Mensch, Afanassij Iwanowitsch! Sie setzen mich geradezu in Erstaunen!« rief Ferdyschtschenko. »Denken Sie nur, meine Herrschaften, durch seine Bemerkung, ich hätte von meinem Diebstahl nicht so erzählen können, daß es glaubhaft geklungen habe, deutet Afanassij Iwanowitsch auf die feinste Weise an, daß ich auch tatsächlich nicht imstande gewesen sei, den Diebstahl auszuführen (denn das so geradeheraus zu sagen, wäre unpassend), obwohl er vielleicht im stillen ganz davon überzeugt ist, daß Ferdyschtschenko es sehr wohl habe fertigbringen können zu stehlen! Aber zur Sache, meine Herren, zur Sache, die Lose sind eingesammelt, und auch Sie, Afanassij Iwanowitsch, haben das Ihrige hineingelegt, also schließt sich niemand aus. Nun nehmen Sie die Ziehung vor, Fürst!«

Der Fürst fuhr schweigend mit der Hand in den Hut und zog die Lose heraus, als erstes das Ferdyschtschenkos, als zweites das Ptizyns, als drittes das des Generals, als viertes das Afanassij Iwanowitschs, als fünftes das seinige, als sechstes das Ganjas und so weiter. Die Damen hatten keine Lose hineingelegt.

»O Gott, welches Unglück!« rief Ferdyschtschenko. »Und ich hatte gedacht, zuerst würde der Fürst drankommen und dann der General! Aber Gott sei Dank, wenigstens kommt Iwan Petrowitsch nach mir, da werde ich für meine Offenherzigkeit entschädigt werden. Nun, meine Herren, ich bin natürlich verpflichtet, ein gutes Beispiel zu geben, aber am meisten bedaure ich in diesem Augenblick, daß ich ein so unbedeutender Mensch bin und nichts Bemerkenswertes an mir habe; selbst meine dienstliche Rangstellung ist eine ganz niedrige; was für ein Interesse kann es denn erwecken, daß Ferdyschtschenko eine häßliche Handlung begangen hat? Und welches ist denn meine schlechteste Handlung? Da liegt ein vor. Soll ich etwa wieder von demselben Diebstahl erzählen, um Afanassij Iwanowitsch davon zu überzeugen, daß man stehlen kann, ohne eigentlich ein Dieb zu sein?…«

»Sie überzeugen mich auch davon, Herr Ferdyschtschenko, daß man tatsächlich ein bis zur Berauschtheit gehendes Vergnügen empfinden kann, wenn man von seinen unsauberen Handlungen erzählt, obwohl man nicht danach gefragt ist… Übrigens aber… Verzeihen Sie, Herr Ferdyschtschenko!«

»Fangen Sie an, Ferdyschtschenko! Sie schwatzen schrecklich viel unnützes Zeug und werden nie zu Ende kommen!« befahl Nastasja Filippowna gereizt und ungeduldig.

Alle bemerkten, daß sie nach ihrem anfallartigen Lachen von vorhin plötzlich geradezu düster, mürrisch und reizbar geworden war, aber nichtsdestoweniger bestand sie hartnäckig und despotisch darauf, daß ihrer absurden Laune gehorcht werde. Afanassij Iwanowitsch litt furchtbare Qualen. Er war auch auf Iwan Fjodorowitsch wütend, der, als wäre nichts geschehen, beim Champagner saß und vielleicht sogar etwas zu erzählen beabsichtigte, wenn er an die Reihe kam.

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Kapitel 14

XIV

»Ich bin eben nicht geistreich, Nastasja Filippowna, daher schwatze ich unnützes Zeug!« rief Ferdyschtschenko und schickte sich an zu erzählen. »Wäre ich so geistreich wie Afanassij Iwanowitsch oder Iwan Petrowitsch, so würde ich heute wie diese beiden Herren schweigend dasitzen. Gestatten Sie eine Frage, Fürst: wie denken Sie darüber? Ich bin der Meinung, daß es auf der Welt weit mehr Diebe gibt als Leute, die keine Diebe sind, und daß es keinen so ehrenhaften Menschen gibt, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben etwas gestohlen hätte. Das ist meine Anschauung, aus der ich übrigens keineswegs den Schluß ziehe, daß alle ohne Ausnahme Diebe sind, obwohl ich wirklich manchmal die größte Lust hätte, das daraus zu folgern. Wie denken Sie darüber?«

»Pfui, wie dumm Sie reden«, rief Darja Alexejewna, »und was ist das für Unsinn! Es ist undenkbar, daß alle Menschen etwas gestohlen haben sollten; ich habe nie etwas gestohlen.«

»Sie haben nie etwas gestohlen, Darja Alexejewna, aber was wird der Fürst sagen, der auf einmal ganz rot geworden ist?«

»Es scheint mir, daß Sie recht haben, aber stark übertreiben«, versetzte der Fürst, der tatsächlich aus nicht recht ersichtlichem Grunde errötet war.

»Und Sie selbst, Fürst, haben nichts gestohlen?«

»Pfui, wie lächerlich das alles ist! Bedenken Sie, Herr Ferdyschtschenko, was Sie da reden!« mischte sich der General ein.

»Die Sache ist einfach die: nun es soweit ist, schämen Sie sich zu erzählen, und darum wollen Sie den Fürsten mit sich zusammenkuppeln, um so mehr, als er so dienstfertig ist«, schalt Darja Alexejewna.

»Ferdyschtschenko, entweder erzählen Sie, oder schweigen Sie, und beschränken Sie Ihre Menschenkenntnis auf Ihre eigene Person! Sie erschöpfen die größte Geduld«, sagte Nastasja Filippowna in scharfem, ärgerlichem Ton.

»Sofort, Nastasja Filippowna! Wenn sogar der Fürst es eingestanden hat (denn ich bleibe dabei: der Fürst hat es so noch später verspürt. Ein zweites Mal würde ich das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wieder tun; Sie können mir das glauben oder nicht, ganz wie Sie wollen, ich habe kein Interesse daran. Na, das ist die ganze Geschichte.«

»Aber das ist gewiß noch nicht Ihre schlechteste Handlung«, sagte Darja Alexejewna voll Abscheu.

»Das ist eine seelische Verirrung, keine Handlung«, bemerkte Afanassij Iwanowitsch.

»Und was geschah mit dem Dienstmädchen?« fragte Nastasja Filippowna, ohne ihren hochgradigen Ekel zu verbergen.

»Das Dienstmädchen wurde natürlich gleich am andern Tag weggejagt. In jenem Hause wurde streng auf Ordnung gehalten.«

»Und Sie haben das zugelassen?«

»Na, das ist nett! Ich hätte wohl hingehen und mich angeben sollen?« kicherte Ferdyschtschenko, der übrigens durch den sehr unangenehmen Eindruck, den seine Erzählung bei allen hervorgerufen hatte, einigermaßen überrascht war.

»Wie schmutzig das ist!« rief Nastasja Filippowna.

»Pah, Sie wollen von jemand seine häßlichste Handlung hören und verlangen dabei, daß sie rein und sauber sein soll! Die häßlichen Handlungen sind immer sehr schmutzig, Nastasja Filippowna, das werden wir sofort von Iwan Petrowitsch hören. Viele solcher Handlungen glänzen ja freilich nach außen und möchten als Tugend erscheinen, weil der Betreffende eine eigene Equipage hat. Gar mancher hat eine eigene Equipage, aber mit welchen Mitteln …«

Kurz gesagt, Ferdyschtschenko vermochte sich nicht zu beherrschen und wurde plötzlich boshaft, so daß er sich vergaß und das Maß überschritt; sogar sein Gesicht verzerrte sich ganz. Wie seltsam es auch scheinen mag, so mochte er doch eine ganz andere Wirkung von seiner Erzählung erwartet haben. Solche »Verstöße« gegen den guten Ton und solche »eigenartige Prahlsucht«, wie Tozkij das genannt hatte, kamen bei ihm recht oft vor und lagen durchaus in seinem Charakter.

Nastasja Filippowna bebte ordentlich vor Zorn und blickte Ferdyschtschenko unverwandt an; dieser wurde sofort ängstlich und verstummte, ja es überlief ihn geradezu ein kalter Schauer; er merkte, daß er zu weit gegangen war.

»Wollen wir nicht lieber ganz damit aufhören?« fragte Afanassij Iwanowitsch schlau.

»Ich bin an der Reihe, aber ich mache von dem Recht auf Dispensation Gebrauch und werde nicht erzählen«, erklärte Ptizyn in entschiedenem Ton.

»Sie wollen nicht?«

»Ich kann nicht, Nastasja Filippowna, und ich halte überhaupt ein solches Gesellschaftsspiel für ein Ding der Unmöglichkeit.«

»Dann kommen ja wohl Sie dran, General«, wandte sich Nastasja Filippowna an diesen. »Sollten auch Sie sich weigern, dann wird auch aus unserem ganzen weiteren Spiel nichts werden, und das würde mir leid tun, da ich beabsichtige, zum Schluß etwas aus meinem eigenen Leben mitzuteilen, es aber erst nach Ihnen und Afanassij Iwanowitsch tun will, weil sie beide mir Mut machen müssen«, schloß sie lachend.

»Oh, wenn Sie versprechen, sich ebenfalls zu beteiligen«, rief der General eifrig, »dann bin ich bereit, Ihnen meinetwegen meine ganze Lebensgeschichte vorzutragen, aber ich muß bekennen, ich habe in der Erwartung, daß ich an die Reihe kommen würde, mir bereits ein Geschichtchen zurechtgelegt…«

»Schon allein aus der Miene Seiner Exzellenz kann man entnehmen, mit welcher Autorenfreude er sein Geschichtchen ausgearbeitet hat«, erlaubte sich der immer noch etwas verlegene Ferdyschtschenko mit boshaftem Lächeln zu bemerken.

Nastasja Filippowna warf dem General einen flüchtigen Blick zu und lächelte ebenfalls vor sich hin. Aber es war deutlich, daß ihre Verstimmung und Gereiztheit immer mehr wuchs. Afanassij Iwanowitsch bekam einen gewaltigen Schreck, als er sie eine Erzählung in Aussicht stellen hörte.

»Meine Herrschaften, wie jedem Menschen, ist es auch mir in meinem Leben vorgekommen, daß ich nicht sehr löbliche Handlungen begangen habe«, begann der General, »seltsamerweise aber halte ich selbst das kurze Geschichtchen, aber doch konnte ich mich nicht eher beruhigen, als bis ich vor etwa fünfzehn Jahren die Einrichtung traf, daß ständig zwei kranke alte Frauen auf meine Kosten im Armenhaus unterhalten und ihnen so durch anständige Verpflegung ihre letzten Tage auf dieser Erde freundlicher gestaltet werden sollten. Und ich gedenke diese Einrichtung durch Stiftung eines Kapitals zu einer dauernden zu machen. Nun also, das ist alles. Ich wiederhole, daß ich vielleicht sonst noch viel Übles in meinem Leben begangen habe, aber diese Handlung halte ich, wie ich auf mein Gewissen versichere, für die häßlichste meines ganzen Lebens.«

»Und statt der häßlichsten haben Euer Exzellenz eine der besten Handlungen Ihres Lebens erzählt; Sie haben Ferdyschtschenko geprellt!« bemerkte Ferdyschtschenko.

»Wirklich, General, ich hätte nicht gedacht, daß Sie ein so gutes Herz hätten, es ist ordentlich schade!« sagte Nastasja Filippowna in lässigem Ton.

»Schade? Wieso?« fragte der General mit freundlichem Lachen und trank nicht ohne Selbstgefälligkeit von seinem Champagner.

Aber nun war die Reihe an Afanassij Iwanowitsch, der sich ebenfalls vorbereitet hatte. Alle sahen voraus, daß er sich nicht wie Iwan Petrowitsch weigern würde, erwarteten aus gewissen Gründen seine Erzählung mit besonderer Neugier und blickten zugleich Nastasja Filippowna forschend an. In einer sehr würdevollen Weise, die durchaus zu seinem stattlichen Äußern paßte, begann Afanassij Iwanowitsch mit leiser, freundlicher Stimme eines seiner »netten Geschichtchen«. (Beiläufig sei folgendes bemerkt: er war eine ansehnliche Erscheinung, stattlich, hochgewachsen, etwas kahlköpfig, mit leicht angegrautem Haar, ziemlich wohlbeleibt, mit weichen, roten, etwas herabhängenden Backen und falschen Zähnen. Er trug bequeme, elegante Kleider und wundervolle Wäsche. Seine fleischigen, weißen Hände anzusehen, war ein Genuß. Am Zeigefinger der rechten Hand steckte ein kostbarer Brillantring.) Nastasja Filippowna betrachtete während seiner ganzen Erzählung unverwandt den Spitzenbesatz an ihrem Ärmel und zupfte daran mit zwei Fingern der linken Hand, so daß sie den Erzähler auch nicht einen Augenblick anblickte.

entbrannt. Ich weiß wirklich nicht, ob zwischen den beiden irgendein Verhältnis bestand, ich meine, ob er irgendwelche ernstlichen Hoffnungen hegen durfte. Der arme Mensch verlor fast den Verstand, um zum Ballabend für Anfissa Alexejewna Kamelien zu beschaffen. Die Gräfin Sozkaja aus Petersburg, die bei der Frau des Gouverneurs zu Besuch war, und Sofja Bespalowa wollten, wie bekannt geworden war, mit Sträußen aus weißen Kamelien kommen. Anfissa Alexejewna wünschte sich, um einen besonderen Effekt hervorzubringen, rote. Der arme Platon wurde beinah zu Tode gehetzt, wie das den Ehemännern bekanntlich so geht; er hatte ihr hoch und heilig geschworen, ihr einen Strauß zu verschaffen; aber was geschah? Am Tage vor dem Ball schnappte die Mytischtschewa, Katerina Alexandrowna, die in allen Dingen Anfissa Alexejewnas furchtbare Rivalin war und mit ihr auf höchst gespanntem Fuß lebte, ihr die Blumen weg. Natürlich folgten Weinkrämpfe, Ohnmacht. Platon war ganz zu Boden geschmettert. Man begreift: wenn Petja es auf irgendeine Weise fertigbekommen hätte, in diesem kritischen Augenblick einen Strauß zu beschaffen, so wären seine Belange dadurch natürlich sehr wesentlich gefördert worden; die Dankbarkeit einer Frau kennt in solchen Fällen keine Grenzen. Er läuft umher wie ein Besessener, aber es war eben ein Ding der Unmöglichkeit, absolut nichts zu machen! Auf einmal treffe ich ihn am Tage vor dem Geburtstag und Ball um elf Uhr abends bei Marja Petrowna Subkowa, einer Gutsnachbarin Ordynzews. Er strahlt. ›Was ist mit dir?‹ – ›Ich habe welche gefunden! Heureka!‹ – ›Na, Bruder, das setzt mich in Erstaunen! Wo denn? Wie denn?‹ – ›In Jekschaisk‹ (das war ein kleines Städtchen, zwanzig Werst entfernt, es lag nicht in unserm Kreis), ›da ist so ein bärtiger, reicher Kaufmann, namens Trepalow, der wohnt da mit seiner alten Frau, und statt der Kinder haben sie lauter Kanarienvögel. Die beiden sind große Blumenfreunde; der hat Kamelien.‹– ›Aber ich bitte dich, das ist doch eine sehr unsichere Sache; wenn er sie nun nicht hergibt?‹ – ›Ich werde auf die Knie fallen und mich vor seinen Füßen so lange umherwälzen, bis er sie mir gibt, ohne die Blumen weiche ich nicht vom Platze!‹ – ›Wann fährst du denn?‹ – ›Morgen ganz früh, um fünf

212 ihre Dankbarkeit, ihre Tränen der Dankbarkeit vorstellen! Platon, der tags zuvor noch tiefunglücklich und halbtot gewesen war, Platon schluchzte nun an meiner Brust. So geht es ja leider allen Ehemännern seit der Erschaffung… der legitimen Ehe! Ich habe nichts weiter hinzuzufügen, als daß die Aussichten des armen Petja durch diesen Vorfall völlig zerstört waren. Ich dachte anfangs, er würde mich umbringen, sowie er den Hergang erführe, und traf für die Begegnung mit ihm schon alle Vorkehrungen, aber die Sache entwickelte sich in einer Weise, die ich nicht erwartet hatte: er fällt in Ohnmacht, am Abend phantasiert er, am nächsten Morgen hohes Fieber, er heult wie ein kleines Kind, bekommt Krämpfe. Als er einen Monat darauf wiederhergestellt war, ließ er sich nach dem Kaukasus versetzen; es wurde ein richtiger Roman! Schließlich fiel er auf der Krim. Damals war noch sein Bruder Stepan Worchowskoi Kommandeur des Regiments und zeichnete sich als solcher aus. Ich muß gestehen, ich habe noch viele Jahre nachher Gewissensbisse verspürt: warum, zu welchem Zweck habe ich so schlecht an ihm gehandelt? Wenn ich damals selbst verliebt gewesen wäre! Aber so; war es einfach ein dummer Streich, um einer Dame ein bißchen den Hof zu machen, weiter nichts. Und hätte ich ihm diesen Strauß nicht weggefischt, wer weiß, der Mensch lebte vielleicht heute noch und wäre glücklich und hätte es zu etwas gebracht und wäre nie auf den Gedanken gekommen, gegen die Türken zu ziehen.«

Afanassij Iwanowitsch hörte jetzt mit derselben ruhigen Würde auf zu sprechen, mit der er seine Erzählung begonnen hatte.

Man bemerkte, daß, als Afanassij Iwanowitsch schwieg, Nastasja Filippownas Augen in einer ganz besonderen Weise zu funkeln und sogar ihre Lippen zu zittern anfingen. Alle blickten die beiden gespannt an.

»Sie haben Ferdyschtschenko geprellt! Nein, wie haben Sie mich geprellt! Das ist zu arg!« rief Ferdyschtschenko weinerlich, da er sich sagte, daß er jetzt eine Bemerkung machen könne und müsse.

»Warum verstehen Sie Ihre Sache nicht besser? Lernen Sie jetzt von klugen Leuten!« versetzte ihm Darja Alexejewna in triumphierendem Ton. Sie war eine alte, treue Freundin Tozkijs und stand immer auf seiner Seite.

»Sie haben recht, Afanassij Iwanowitsch, dieses Gesellschaftsspiel ist sehr langweilig, und wir müssen es so schnell wie möglich abbrechen«, sagte Nastasja Filippowna wegwerfend. »Ich werde nun noch selbst erzählen, was ich versprochen habe, und dann wollen wir Karten spielen.«

»Aber vorher noch vor allen Dingen die versprochene Geschichte!« stimmte ihr der General eifrig bei.

»Fürst«, wandte Nastasja Filippowna sich plötzlich in scharfem Ton an Myschkin, »meine alten Freunde hier, der General und Afanassij Iwanowitsch, wollen mich immer verheiraten. Sagen Sie mir, wie Sie darüber denken: soll ich heiraten oder nicht? Was Sie sagen, werde ich tun.«

Afanassij Iwanowitsch wurde blaß, der General erstarrte, alle rissen die Augen auf und streckten die Köpfe vor. Ganja stand wie angewurzelt auf seinem Platz.

»Mit … mit wem?« fragte der Fürst mit fast versagender Stimme.

»Mit Gawrila Ardalionowitsch Iwolgin«, fuhr Nastasja Filippowna scharf, bestimmt und deutlich wie vorher fort.

Es vergingen einige Sekunden des Schweigens; es schien, daß der Fürst mit aller Anstrengung zu reden versuchte, aber kein Wort herausbekam, als lastete ein furchtbarer Druck auf seiner Brust.

»N-nein … heiraten Sie ihn nicht!« flüsterte er endlich, er konnte nur mühsam atmen.

»So soll es auch sein! Gawrila Ardalionowitsch!« wandte sie sich herrisch und gleichsam triumphierend an diesen, »haben Sie gehört, welche Entscheidung der Fürst gefällt hat? Nun, darin liegt zugleich auch meine Antwort; so soll denn diese Sache ein für allemal erledigt sein!«

»Nastasja Filippowna!« sagte Afanassij Iwanowitsch mit zitternder Stimme.

»Nastasja Filippowna!« rief auch der General in bittendem, aber erregtem Ton.

Alle waren in Bewegung und Unruhe geraten.

»Aber meine Herrschaften«, fuhr sie fort, indem sie ihre Gäste anscheinend sehr erstaunt ansah, »warum regen Sie sich denn so auf? Und was machen Sie alle für Gesichter?«

»Aber … erinnern Sie sich doch, Nastasja Filippowna«, murmelte Tozkij stotternd, »Sie haben uns doch das Versprechen gegeben … ganz freiwillig … und hätten doch auch etwas rücksichtsvoller verfahren können … Es fällt mir schwer und … gewiß, ich bin verwirrt, aber … Mit einem Worte, jetzt in diesem Augenblick und in Gegenwart … in Gegenwart so vieler Leute, und alles das so … eine so ernste Sache durch ein Gesellschaftsspiel zu entscheiden, eine Sache, bei der es um die Ehre und das Herz geht … von der so viel abhängt …«

»Ich verstehe Sie nicht, Afanassij Iwanowitsch, Sie sind wirklich ganz verwirrt. Erstens, was soll das heißen: ›in Gegenwart so vieler Leute‹? Befinden wir uns etwa nicht in einem schönen, vertrauten Kreise? Und warum sagen Sie: ›durch ein Gesellschaftsspiel‹? Ich beabsichtigte allerdings, auch meinerseits einen Beitrag zu liefern; das habe ich getan, war er etwa nicht hübsch? Und warum meinen Sie, daß es mir nicht ernst sei? Ist denn das nicht ernst? Sie haben gehört, daß ich zum Fürsten sagte: ›Was Sie sagen werden, das werde ich tun.‹ Hätte er nun ja gesagt, so hätte ich sofort meine Einwilligung gegeben, aber er hat nein gesagt, und daher habe ich mich geweigert; ist denn das etwa nicht ernst? Mein ganzes Leben hing hier an einem Haar; was kann es Ernsteres geben?«

»Aber der Fürst! Was hat der Fürst damit zu tun? Was ist denn schließlich überhaupt dieser Fürst?« murmelte der General, der kaum mehr imstande war, seinen Unwillen darüber zu verbergen, daß dem Fürsten in einer sogar kränkenden Weise eine solche Autorität zuerkannt wurde.

»Der Fürst ist für mich insofern von Wert, als er in meinem ganzen Leben der erste Mensch ist, dem ich wegen seiner aufrichtigen Ergebenheit habe Vertrauen schenken können. Er hat auf den ersten Blick an mich geglaubt, und ich glaube ihm.«

»Es bleibt mir nur übrig, Nastasja Filippowna für das außerordentliche Zartgefühl zu danken, mit dem sie mich behandelt hat«, sagte Ganja endlich; er war ganz blaß, seine Stimme zitterte, seine Lippen verzogen sich krampfhaft. »Sie hat natürlich durchaus richtig gehandelt … Aber … der Fürst … der Fürst wird dabei wohl …«

»Er wird dabei wohl nach den fünfundsiebzigtausend Rubeln trachten, nicht wahr?« unterbrach ihn Nastasja Filippowna. »Das wollten Sie doch sagen? Bestreiten Sie es nicht, das wollten Sie sicherlich sagen! Afanassij Iwanowitsch, ich vergaß hinzuzufügen: behalten Sie die fünfundsiebzigtausend Rubel, und erfahren Sie, daß ich Sie umsonst freilasse! Lassen wir es jetzt genug sein! Sie müssen doch auch endlich wieder frei atmen! Neun Jahre und drei Monate! Morgen beginnt für mich ein neues Leben, aber heute bin ich Geburtstagskind und meine eigene Herrin, zum erstenmal in meinem ganzen Leben! General, nehmen auch Sie Ihren Perlenschmuck zurück; schenken Sie ihn Ihrer Gemahlin, da ist er. Und morgen verlasse ich diese Wohnung für immer. Ich werde hier keine Abendgesellschaften mehr geben, meine Herren!«

Nach diesen Worten erhob sie sich plötzlich, wie wenn sie weggehen wollte.

»Nastasja Filippowna! Nastasja Filippowna!« ertönte es von allen Seiten. Alle waren in größter Aufregung und sprangen von ihren Plätzen auf, alle umringten sie, alle horchten mit Unruhe auf die abgerissenen, fieberhaften, leidenschaftlichen Sätze, die sie hervorstieß, alle hatten das Gefühl, daß da etwas nicht in Ordnung war, niemand vermochte daraus klug zu werden, niemand konnte die Sache begreifen. In diesem Augenblick ertönte plötzlich ein starkes, lautes Klingeln, genau wie einige Stunden vorher in Ganjas Wohnung.

»A-a-ah! Da kommt die Entscheidung! Endlich! Um halb zwölf!« rief Nastasja Filippowna. »Ich bitte Sie, Platz zu nehmen, meine Herren, das ist die Entscheidung!«

Nachdem sie das gesagt hatte, setzte sie sich selbst hin. Ein seltsames Lächeln zitterte auf ihren Lippen. Sie saß schweigend da, in fieberhafter Erwartung, und blickte nach der Tür.

»Es ist Rogoshin mit den hunderttausend Rubeln, kein Zweifel!« murmelte Ptizyn vor sich hin.

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Kapitel 10

X

Im Vorzimmer wurde es plötzlich sehr geräuschvoll und lebendig. Vom Salon aus schien es, daß von draußen mehrere Menschen hereingekommen waren und ihnen immer noch andere folgten. Mehrere Stimmen redeten und schrien zugleich; auch auf der Treppe wurde geredet und geschrien, denn die Tür, die vom Vorzimmer dorthin führte, war, wie man hören konnte, nicht wieder geschlossen worden. Es war offenbar ein höchst sonderbarer Besuch. Alle sahen einander an; Ganja eilte nach dem Wohnzimmer, aber auch in das Wohnzimmer drangen schon mehrere Menschen ein.

»Ah, da ist er ja, der Judas!« rief eine Stimme, die dem Fürsten bekannt vorkam. »Guten Tag, Ganja, du Schuft!«

»Ja, das ist er in eigener Person!« bestätigte eine andere Stimme.

Der Fürst konnte nicht daran zweifeln: die eine Stimme war die Rogoshins, die andere die Lebedews.

Ganja stand wie vor den Kopf geschlagen auf der Schwelle des Salons und sah schweigend und ohne es zu hindern zu, wie hinter Parfen Rogoshin zehn oder zwölf Menschen einer nach dem andern in das Wohnzimmer eintraten. Die Gesellschaft war sehr buntscheckig und zeichnete sich nicht nur durch ihre Buntscheckigkeit, sondern auch durch ihr seltsames Benehmen aus. Einige traten so ein, wie sie von der Straße kamen, im Überzieher und Pelz. Ganz betrunken waren diese Leute übrigens nicht; jedoch machten sie sämtlich den Eindruck, daß sie stark angeheitert waren. Sie schienen alle einer des andern zu bedürfen, um den Mut zum Eintreten zu finden; einzeln hätten sie nicht Kühnheit genug besessen, aber alle schoben sich sozusagen wechselseitig vorwärts. Selbst Rogoshin schritt nur mit großer Vorsicht an der Spitze dieses Trupps einher, aber er hatte augenscheinlich irgendeine Absicht und schien traurig, gereizt und sorgenvoll. Die übrigen bildeten nur den Chor oder, besser gesagt, die Hilfstruppe. Außer Lebedew war da auch der schön frisierte Saljoshew, der seinen Pelz im Vorzimmer abgelegt hatte und nun in gewandter, stutzerhafter Art eintrat, und zwei oder drei Herren von ähnlicher Art wie er, offenbar aus dem Kaufmannsstand, ferner einer in einem halbmilitärischen Paletot, dann ein kleiner, sehr dicker Mensch, der beständig lachte, weiter ein Herr von gewaltiger Körpergröße, der gleichfalls ungewöhnlich dick war, sehr finster aussah, sich schweigsam verhielt und offenbar große Hoffnungen auf seine Fäuste setzte. Auch ein Student der Medizin war da und ein scharwenzelnder Pole. Von der Treppe her blickten noch zwei undefinierbare Damen ins Vorzimmer herein, wagten aber nicht einzutreten; Kolja schlug ihnen die Tür vor der Nase zu und sicherte sie durch Vorlegung des Hakens.

»Guten Tag, Ganja, du Schuft! Na? Parfen Rogoshins Besuch hast du wohl nicht erwartet?« wiederholte Rogoshin, indem er zum Salon ging und in der Tür vor Ganja stehen blieb. Aber in diesem Augenblick erblickte er plötzlich im Salon, sich gerade gegenüber, Nastasja Filippowna. Es schien, daß er es sich nicht hatte träumen lassen, sie hier zu treffen, denn ihr Anblick übte auf ihn eine außerordentliche Wirkung aus: er wurde so blaß, daß sogar seine Lippen eine bläuliche Färbung annahmen. »Also ist es wahr!« sagte er mit ganz verstörtem Gesicht leise vor sich hin. »Nun ist alles zu Ende!… Aber… Das sollst du mir jetzt büßen!« fügte er zähneknirschend hinzu und blickte Ganja mit maßloser Wut an. »Oh… ach!…«

Er konnte kaum Luft holen, sogar das Reden fiel ihm schwer. Mechanisch trat er in den Salon, aber als er die Schwelle überschritt, erblickte er plötzlich Nina Alexandrowna und Warja und blieb trotz all seiner Aufregung einigermaßen verlegen stehen. Hinter ihm kam Lebedew, der ihn wie sein Schatten begleitete und schon stark betrunken war, dann der Student, der Herr mit den Fäusten, Saljoshew, der sich nach rechts und nach links verbeugte, und endlich drängte sich noch der kleine Dicke durch. Die Anwesenheit der Damen hielt sie alle noch ein wenig im Zaum und war ihnen offenbar recht störend, natürlich nur bis es losging, bis sich der erste Anlaß bot, ein Geschrei zu erheben und loszulegen… Dann würden auch irgendwelche Damen nicht mehr stören.

»Was? Du auch hier, Fürst?« sagte Rogoshin zerstreut, er war etwas verwundert, den Fürsten hier zu treffen. »Immer noch in Gamaschen!… Ach!« seufzte er, er hatte den Fürsten bereits vergessen, richtete seine Blicke wieder auf Nastasja Filippowna und rückte ihr, wie von einem Magnet angezogen, immer näher.

Nastasja Filippowna betrachtete die Ankömmlinge ebenfalls mit unruhiger Neugierde.

Endlich faßte sich Ganja. »Aber erlauben Sie, was soll denn das eigentlich bedeuten?« sagte er mit starker Stimme, indem er die Eingetretenen mit strengem Blick ansah und sich vor allem an Rogoshin wandte. »Sie sind hier nicht in einen Pferdestall hereingekommen, meine Herren, hier befinden sich meine Mutter und meine Schwester.«

»Das sehen wir, daß deine Mutter und deine Schwester da sind«, preßte Rogoshin zwischen den Zähnen hervor.

»Daß die Mutter und die Schwester da sind, das sieht man«, pflichtete ihm Lebedew bei, um sich ein Ansehen zu geben.

Der Herr mit den Fäusten, der wohl annahm, daß jetzt der richtige Augenblick gekommen sei, fing an, etwas zu brummen.

»Aber das ist doch unerhört!« rief Ganja erregt und überlaut. »Erstens ersuche ich Sie alle, dieses Zimmer zu verlassen und in das Wohnzimmer zu gehen, und dann seien Sie so freundlich, sich vorzustellen …«

»Nun sieh einer an! Er kennt mich nicht!« erwiderte Rogoshin mit boshaftem Lächeln, ohne sich vom Fleck zu rühren. »Kennst du Rogoshin nicht mehr?«

»Ich bin allerdings schon irgendwo mit Ihnen zusammengetroffen, aber …«

»Sieh mal an! Irgendwo zusammengetroffen! Ich habe ja erst vor drei Monaten zweihundert Rubel, die meinem Vater gehörten, an dich verspielt, und der Alte ist gestorben, ehe er es erfahren hat; du hast mich hingeschleppt, und Knif hat mich gerupft. Und da kennst du mich nicht? Ptizyn kann es bezeugen! Aber wenn ich jetzt drei Rubel aus der Tasche ziehe und dir zeige, dann kriechst du hinter ihnen her auf allen vieren bis zur Wassilij-Insel. So ein Subjekt bist du! So einen Charakter hast du! Ich bin auch jetzt hierhergekommen, um dich für Geld zu kaufen. Kümmere dich nicht darum, daß ich in solchen Stiefeln hereingekommen bin; ich habe Geld, lieber Freund, viel Geld, und werde dich und alles, was drum und dran ist, kaufen … Wenn ich will, kaufe ich euch alle! Alles kaufe ich!« Er war immer hitziger geworden und schien sich immer mehr in seinen Rausch hineinzusteigern.

»Ach!« schrie er. »Nastasja Filippowna! Jagen Sie mich nicht fort! Sagen Sie nur ein einziges Wörtchen: werden Sie ihn heiraten oder nicht?«

Rogoshin hatte diese Frage gestellt, als wäre er ganz wirr im Kopf und als wendete er sich an eine Gottheit, aber mit der Kühnheit eines zum Tode Verurteilten, der nichts mehr zu verlieren hat. In Todesangst wartete er auf die Antwort.

Nastasja Filippowna maß ihn mit einem spöttischen, hochmütigen Blick, aber dann sah sie nach Warja und nach Nina Alexandrowna hin, betrachtete prüfend Ganja und veränderte plötzlich ihren Ton.

»Nein, keineswegs; was haben Sie bloß? Und mit welchem Recht stellen Sie mir diese Frage?« antwortete sie leise und ernst und, wie es schien, etwas erstaunt.

»Nein? Nein?« schrie Rogoshin, vor Freude ganz außer sich. »Also nicht? Und die Leute hatten es mir gesagt! … Ach! Oh! … Nastasja Filippowna! Die Leute sagen, Sie hätten sich mit Ganja verlobt! Mit diesem Menschen? Ist das denn überhaupt möglich? Ich habe zu allen Leuten gesagt, daß das nicht möglich ist. Ich kaufe ja den ganzen Patron für hundert Rubel, und wenn ich ihm tausend Rubel, na, oder auch dreitausend Rubel dafür gebe, daß er zurücktritt, so wird er am Tage vor der Hochzeit davonlaufen und mir seine Braut überlassen. Ja, ja, so ist es, Ganja, du Schuft! Du würdest gewiß die Dreitausend nehmen! Da sind sie, da! Eben deswegen bin ich ja hergekommen, um mir von dir einen solchen schriftlichen Verzicht ausstellen zu lassen; ich habe gesagt: ›Ich will ihn kaufen!‹ und das werde ich tun!«

»Scher dich weg von hier, du bist ja betrunken!« schrie Ganja, der abwechselnd rot und blaß wurde.

Nach dieser Aufforderung ließen sich plötzlich mehrere heftige Stimmen vernehmen; Rogoshins ganzer Trupp hatte schon lange auf die erste Herausforderung gewartet. Lebedew flüsterte Rogoshin etwas mit besonderem Eifer ins Ohr.

»Da hast du recht, du Büromensch!« antwortete Rogoshin. »Da hast du recht, du Trunkenbold! Ach, wir wollen’s wagen! Nastasja Filippowna!« rief er, blickte wie ein Halbirrer rings um sich, wurde ängstlich und ging dann auf einmal wieder zu kühner Dreistigkeit über. »Da sind achtzehntausend Rubel!« Und er warf ein in weißes Papier eingewickeltes, kreuzweise zugebundenes Päckchen vor ihr auf das Tischchen. »Da! Und … es kommt noch mehr!«

Er wagte nicht zu Ende zu sprechen und zu sagen, was er wollte …

»Nein, nein, nein!« flüsterte ihm von neuem Lebedew mit ganz erschrockenem Gesicht zu. Man konnte merken, daß er über die Höhe der Summe erschrocken war und vorgeschlagen hatte, es mit einer beträchtlich geringeren zu versuchen.

»Nein, nein, darin bist du nun schon ein Dummkopf, lieber Freund; du weißt nicht, wen wir vor uns haben… und offenbar bin ich ebenso ein Dummkopf wie du!« Dies letztere fügte Rogoshin hinzu, da er unter Nastasja Filippownas funkelndem Blick zur Besinnung kam und zusammenfuhr. »Ach, ach! Ich habe Unsinn geredet, weil ich auf dich hörte«, fuhr er in tiefer Reue fort.

Als Nastasja sein bestürztes Gesicht sah, lachte sie laut auf.

»Achtzehntausend Rubel bietet er mir? Da sieht man doch gleich den Bauern!« fügte sie ungeniert und dreist hinzu und stand vom Sofa auf, als ob sie aufzubrechen beabsichtigte. Ganja beobachtete diese ganze Szene mit fast versagendem Herzschlag.

»Also vierzigtausend, vierzig, nicht achtzehn!« schrie Rogoshin. »Wanjka Ptizyn und Biskup haben versprochen, bis sieben Uhr die Vierzigtausend heranzuschaffen. Vierzigtausend! Bar auf den Tisch!«

Die Szene wurde sehr widerwärtig, aber Nastasja Filippowna, statt wegzugehen, lachte immer weiter, als ob sie sie absichtlich verlängern wollte. Nina Alexandrowna und Warja erhoben sich gleichfalls von ihren Plätzen und warteten erschrocken und schweigend, was das für einen Ausgang nehmen würde; Warjas Augen funkelten, aber auf Nina Alexandrowna übte all dies physisch eine sehr üble Wirkung aus: sie zitterte und drohte im nächsten Augenblick in Ohnmacht zu fallen.

»Nun, wenn’s nicht anders ist, dann hundert! Noch heute übergebe ich Ihnen hunderttausend Rubel! Ptizyn, sei mir behilflich, du machst dabei einen guten Profit!«

»Du bist verrückt geworden!« flüsterte ihm Ptizyn zu, der rasch zu ihm herantrat und ihn am Arm faßte. »Du bist betrunken, es wird nach der Polizei geschickt werden müssen. Wo glaubst du denn zu sein?«

»Er ist betrunken und renommiert«, sagte Nastasja Filippowna, wie um ihn zu reizen.

»Ich renommiere nicht; das Geld wird dasein, zum Abend wird es dasein … Ptizyn, sei mir behilflich, du alter Wucherer, nimm dafür, soviel du willst, aber beschaff mir zum Abend hunderttausend Rubel, ich will beweisen, daß ich nicht kneife!« rief Rogoshin verzückt und enthusiastisch.

»Aber was soll denn das eigentlich bedeuten?« rief Ardalion Alexandrowitsch auf einmal in zornigem, drohendem Ton und ging auf Rogoshin zu. Die Plötzlichkeit, mit der sich der bisher so schweigsame Alte einmischte, hatte etwas sehr Komisches, und man hörte auch wirklich Lachen.

»Wo kommt denn der her?« fragte Rogoshin lachend. »Komm mit, Alter, da sollst du dich mal toll und voll saufen!«

»Aber das ist ja eine Gemeinheit!« rief Kolja, der vor Scham und Ärger geradezu weinte.

»Ist denn kein einziger unter euch, der es fertigbringt, dieses schamlose Weib hinauszuschaffen?« rief plötzlich, zitternd vor Zorn, Warja.

»Also mich nennt man ein schamloses Weib!« entgegnete Nastasja Filippowna mit verächtlicher Heiterkeit. »Und ich, dumm wie ich bin, komme hierher, um die beiden Damen auf den Abend zu mir einzuladen! Sehen Sie, Gawrila Ardalionowitsch, wie mich Ihr Schwesterchen behandelt!«

Ein Weilchen stand Ganja infolge der heftigen Worte seiner Schwester da wie vom Blitz getroffen, aber als er sah, daß Nastasja Filippowna sich diesmal wirklich zum Fortgehen anschickte, stürzte er wie ein Rasender auf War ja zu und packte sie wütend bei der Hand.

»Was hast du getan?« schrie er und sah sie an, als ob er sie auf dem Fleck zu Asche verbrennen wollte. Er hatte vollständig die Fassung verloren und war fast von Sinnen.

»Was ich getan habe? Wohin zerrst du mich? Du verlangst doch nicht etwa, daß ich sie um Verzeihung dafür bitten soll, daß sie deine Mutter beleidigt hat und hergekommen ist, um dein Haus zu beschimpfen, du gemeiner Mensch?« rief Warja wieder und blickte ihren Bruder triumphierend und herausfordernd an.

Ein paar Sekunden lang standen sie einander so Auge in Auge gegenüber. Ganja hielt immer noch ihre Hand in der seinen. Warja suchte sich einmal und noch einmal mit aller Gewalt loszureißen, vermochte es aber nicht und spie plötzlich, ganz außer sich, dem Bruder ins Gesicht.

»Ist das ein Mädchen!« rief Nastasja Filippowna. »Bravo, Ptizyn, ich gratuliere Ihnen!«

Dem so beleidigten Ganja wurde es schwarz vor Augen, er verlor völlig die Herrschaft über sich und holte mit aller Kraft gegen seine Schwester aus. Der Schlag hätte sie sicherlich gerade ins Gesicht getroffen. Aber plötzlich wurde Ganjas Hand durch eine andere festgehalten.

Zwischen ihm und seiner Schwester stand der Fürst.

»Hören Sie auf, es ist genug!« sagte er nachdrücklich, aber am ganzen Leibe wie von einer sehr heftigen Erschütterung zitternd.

»Wirst du mir etwa immer im Wege sein?« brüllte Ganja, ließ Warjas Hand los und versetzte in sinnloser Wut mit der freigewordenen Hand dem Fürsten mit aller Kraft eine Ohrfeige.

»Ach!« schrie Kolja und schlug die Hände zusammen. »Ach, mein Gott!«

Von allen Seiten erschollen Ausrufe. Der Fürst war ganz blaß geworden. Mit einem eigenartigen, vorwurfsvollen Blick sah er Ganja gerade in die Augen; seine Lippen zitterten und strengten sich an, etwas zu sagen; ein seltsames und ganz unmotiviertes Lächeln verzerrte sie.

»Nun, wenn mir das auch widerfährt … aber sie … sie lasse ich nicht schlagen!« sagte er endlich leise.

Aber seine Empfindungen wurden doch zu mächtig; er wandte sich von Ganja weg, verbarg das Gesicht in den Händen, ging in eine Ecke, stellte sich mit dem Gesicht gegen die Wand und sagte mit fast versagender Stimme:

»Oh, wie werden Sie sich Ihres Benehmens schämen!«

Ganja stand in der Tat wie vernichtet da. Kolja stürzte auf den Fürsten zu, um ihn zu umarmen und zu küssen. Nach ihm drängten sich Rogoshin, Warja, Ptizyn, Nina Alexandrowna und alle andern heran, selbst der alte Ardalion Alexandrowitsch.

»Es hat nichts auf sich, es hat nichts auf sich!« murmelte der Fürst nach allen Seiten hin, immer noch mit demselben unmotivierten Lächeln.

»Und er wird es auch bereuen!« schrie Rogoshin. »Du wirst dich schämen, Ganja, daß du ein solches … Schaf« (er konnte kein anderes Wort finden) »beleidigt hast! Fürst, mein liebes Kerlchen, scher dich nicht um diese Bande, laß sie und komm mit mir! Da wirst du sehen, wie Rogoshin die Leute behandelt, die er gern hat.« Auf Nastasja Filippowna hatten Ganjas Tat und die Antwort des Fürsten ebenfalls einen tiefen Eindruck gemacht. Ihr meist blasses, nachdenkliches Gesicht, das die ganze Zeit über mit dem bisherigen gekünstelten Lachen nicht hatte harmonieren wollen, war jetzt augenscheinlich von einem neuen Gefühl erregt, jedoch wollte sie’s nicht zeigen, und der spöttische Ausdruck bemühte sich gleichsam, auf ihrem Gesicht zu verbleiben.

»Wirklich, ich habe dieses Gesicht schon irgendwo gesehen!« sagte sie dann ernst, indem sie sich an ihre frühere Frage wieder erinnerte.

»Und Sie schämen sich auch nicht! Ist denn das Ihr wahres Wesen, wie Sie sich jetzt geben? Wie wäre denn das möglich!« rief auf einmal der Fürst im Tone ernsten, starken Vorwurfs.

Nastasja Filippowna war erstaunt; sie lächelte, aber nur, als ob sie etwas dahinter zu verbergen suchte; dann richtete sie einen etwas verlegenen Blick auf Ganja und verließ den Salon. Aber sie war noch nicht ins Vorzimmer gelangt, als sie plötzlich umkehrte, schnell an Nina Alexandrowna herantrat, ihre Hand ergriff und an ihre Lippen führte.

»Ich bin ja wirklich nicht so; er hat es erraten«, flüsterte sie rasch und leidenschaftlich, und eine dunkle Röte übergoß auf einmal ihr ganzes Gesicht. Darauf kehrte sie um und ging diesmal so eilig hinaus, daß sich niemand in der Geschwindigkeit darüber klarwerden konnte, weshalb sie eigentlich zurückgekehrt war. Sie hatten nur gesehen, daß sie Nina Alexandrowna etwas zugeflüstert und ihr, wie es schien, die Hand geküßt hatte. Aber Warja hatte alles genau gesehen und gehört und verfolgte sie erstaunt mit den Augen.

Ganja kam zur Besinnung und stürzte zu Nastasja Filippowna hin, um sie hinauszubegleiten, aber sie war schon aus dem Zimmer.

Er holte sie auf der Treppe ein.

»Begleiten Sie mich nicht weiter!« rief sie ihm zu. »Auf Wiedersehen heute abend! Ich erwarte Sie bestimmt, hören Sie?«

Verwirrt und nachdenklich ging er zurück; ein schweres Rätsel lastete auf seiner Seele mit noch schwererem Druck als bisher. Auch an den Fürsten mußte er denken … Er war so in seine Gedanken vertieft, daß er kaum bemerkte, wie Rogoshins ganze Rotte, die hinter ihrem Anführer her eilig die Wohnung verließ, sich an ihm vorbeiwälzte und ihm in der Tür sogar ein paar Stöße versetzte. Alle redeten laut miteinander. Rogoshin selbst ging mit Ptizyn und besprach mit ihm eifrig eine wichtige und anscheinend unaufschiebbare Sache.

»Du hast das Spiel verloren, Ganja!« rief er ihm im Vorbeigehen zu.

Ganja sah ihnen beunruhigt nach.

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