Zwanzigstes Capitel.

Zwanzigstes Capitel.

Angriff und Abwehr.

Dieser Zwischenfall schien den Schluß der Berathung zu veranlassen. Ein besseres Schlußwort war nicht zu finden. Doch als die Aufregung sich gelegt hatte, vernahm man mit starker und ernster Stimme folgende Worte:

»Nunmehr, nachdem der Redner der Phantasie reichlich Raum gegeben, wolle er zu seinem Gegenstand zurückkehren, weniger sich mit Theorie befassen, und die praktische Seite des Unternehmens besprechen?«

Alle Blicke wandten sich auf die Person, welche dies sprach. Es war ein magerer, trockener Mann von energischem Aussehen, mit einem amerikanisch zugeschnittenen Bart, der üppig sein Kinn umgab. Bei der in der Versammlung herrschenden Bewegung hatte er allmälig in der vordersten Reihe Platz gewonnen. Hier stand er mit gekreuzten Armen, glänzenden kühnen Augen mit unverwandtem Blick auf den Helden des Meeting. Nachdem er sein Begehren gestellt, schwieg er, und es schienen weder die tausend auf ihn gerichteten Blicke, noch das durch seine Worte hervorgerufene Murren der Mißbilligung Eindruck auf ihn zu machen. Da die Antwort auf sich warten ließ, stellte er seine Frage nochmals mit demselben klaren und bestimmten Ton, dann fügte er bei:

»Wir haben uns hier mit dem Mond zu befassen, nicht mit der Erde.

– Sie haben Recht, mein Herr, erwiderte Michel Ardan, die Unterredung ist abgeschweift, kommen wir auf den Mond zurück.

– Mein Herr, fuhr der Unbekannte fort, Sie behaupten, unser Trabant sei bewohnt. Gut. Aber wenn es Mondbewohner giebt, so leben diese Leute sicherlich ohne zu athmen, denn – ich bemerke es in Ihrem Interesse zum Voraus – es giebt auf der Oberfläche des Monds nicht die geringste Spur von Luft.«

Bei dieser Behauptung strich sich Ardan sein helles Haar zurück; er begriff, daß der Streit mit diesem Manne auf den Kern der Frage einging. Er faßte ihn ebenfalls scharf in’s Auge und sprach:

»So! Es giebt keine Luft auf dem Mond. Und wer behauptet das, wenn’s beliebt?«

– Die Gelehrten.

– Wirklich?

– Wirklich.

– Mein Herr, fuhr Michel fort, allen Scherz bei Seite, ich habe tiefe Achtung vor den Gelehrten, die etwas verstehen, aber eine tiefe Mißachtung gegen die, welche nichts verstehen.

– Kennen Sie solche, die zu Letzteren gehören?

– Sehr genau. In Frankreich giebt’s einen, der behauptet, mathematisch könne der Vogel nicht fliegen, und einen anderen, der die Theorie aufstellt, der Fisch sei nicht geeignet, im Wasser zu leben.

– Um diese handelt sich’s nicht, mein Herr, ich könnte zur Stütze meiner Behauptung Namen anführen, die Sie nicht zurückweisen würden.

– Dann, mein Herr, würden Sie einen armen Ignoranten sehr in Verlegenheit setzen, der übrigens sich zu belehren sehr beflissen ist.

– Warum befassen Sie sich denn mit wissenschaftlichen Fragen, wenn Sie dieselben nicht studirt haben? fragte etwas barsch der Unbekannte.

– Warum? erwiderte Ardan; aus dem Grunde, weil, wer eine Gefahr nicht ahnt, stets tapfer ist! Ich weiß nichts, ’s ist wahr, aber gerade in dieser meiner Schwäche liegt meine Kraft.

– Ihre Schwäche geht bis zum Wahnsinn, schrie der Unbekannte in übelgelauntem Ton.

– Nun, um so besser, entgegnete der Franzose, wenn mich mein Wahnsinn bis zum Mond führt!«

Barbicane und seine Collegen warfen grimmige Blicke auf diesen zudringlichen Menschen, der sich so keck dazwischen geworfen hatte. Niemand kannte ihn, und der Präsident, in Unruhe über die Folgen eines so offen geführten Disputs, blickte mit einer gewissen Besorgniß auf seinen neuen Freund. Die Versammlung war aufmerksam gespannt und ernstlich unruhig, denn dieser Streit führte dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die Gefahren, oder sogar wirkliche Unmöglichkeit des Vorhabens zu richten.

– Mein Herr, fuhr der Gegner Michel Ardan’s fort, es giebt unzählige unbestreitbare Gründe, welche beweisen, daß es keine Atmosphäre um den Mond herum giebt. Ich sage sogar a priori, daß, wenn es je eine solche gab, sie ihm durch die Erde entzogen werden müßte. Doch will ich Ihnen lieber unbestreitbare Thatsachen anführen.

– Führen Sie nur solche an, mein Herr, erwiderte Michel Ardan mit vollkommener Höflichkeit, führen Sie an, soviel es Ihnen beliebt.

– Sie wissen, sagte der Unbekannte, daß, wenn Lichtstrahlen ein Medium der Art, wie die Luft ist, durchlaufen, sie von der geraden Linie abgelenkt werden, mit anderen Worten, daß sie eine Brechung erleiden. Nun! Wenn Sterne durch den Mond verdeckt werden, haben ihre Strahlen, die an den Rand der Scheibe streifen, nie die geringste Abweichung, die leiseste Spur von Brechung bemerken lassen. Daraus folgt klar, daß der Mond nicht mit einer Atmosphäre umgeben ist.

Man wendete seine Blicke auf den Franzosen, denn wurde die Wahrheit des Satzes zugegeben, so waren bedeutende Folgerungen daraus zu ziehen.

– In der That, erwiderte Michel Ardan, das ist Ihr bester Beweisgrund, wo nicht der einzige, und ein Gelehrter wäre vielleicht in Verlegenheit, darauf zu antworten; ich sage Ihnen nur, daß derselbe keinen unbedingten Werth hat, weil er voraussetzt, daß der angulare Durchmesser des Mondes vollständig bestimmt sei, was nicht der Fall ist. Aber gehen wir weiter, und sagen Sie mir, lieber Herr, geben Sie zu, daß es Vulkane auf der Oberfläche des Mondes giebt?

– Ausgebrannte, ja; brennende, nein.

– Lassen Sie mich jedoch glauben, und ohne die Grenzen der Logik zu überschreiten, daß diese Vulkane zu einer gewissen Zeit in Thätigkeit gewesen sind.

– Unstreitig, aber da sie den zum Verbrennen nöthigen Sauerstoff selbst gewähren konnten, so liefert die Thatsache ihres Ausbruchs durchaus keinen Beweis dafür, daß eine Atmosphäre auf dem Mond vorhanden.

– Gehen wir also weiter, erwiderte Michel Ardan, lassen wir diese Art Beweisgründe bei Seite, um uns zu directen Beobachtungen zu wenden. Aber ich sage Ihnen zum Voraus, ich werde Namen beibringen.

– Bringen Sie diese nur bei.

– Ich führe an. Im Jahre 1715 haben die Astronomen Louville und Halley bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß des 3. Mai gewisse blitzartige Erscheinungen sonderbarer Art wahrgenommen. Dieses rasche, öfters wiederholte Aufblitzen des Lichts schrieben sie Gewittern zu, die im Bereich der Mondatmosphäre entstanden.

– Im Jahre 1715, erwiderte der Unbekannte, haben die Astronomen Louville und Halley Erscheinungen, die lediglich zur Erde gehörten, für solche des Mondes gehalten, Boliden oder andere, welche innerhalb unserer Atmosphäre vorgingen. So haben sich die Gelehrten über jene Thatsache ausgesprochen, und dies gebe ich Ihnen zur Erwiderung.

– Gehen wir weiter, versetzte Ardan, ohne sich durch den Widerspruch irre machen zu lassen. Hat nicht Herschel im Jahre 1787 eine große Anzahl von Lichtpunkten auf der Oberfläche des Mondes beobachtet?

– Allerdings, aber ohne über den Ursprung derselben eine Erklärung zu geben; Herschel selbst hat daraus keinen Schluß auf das nothwendige Vorhandensein einer Mondatmosphäre gezogen.

– Gut geantwortet, sagte Michel Ardan, mit einem Compliment für seinen Gegner; ich sehe, daß Sie sehr stark in der Selenographie sind.

– Sehr stark, mein Herr, und ich füge bei, daß die geschicktesten Beobachter, welche am meisten Studien über den Mond gemacht haben, Beer und Mädler, über den gänzlichen Mangel an Luft auf seiner Oberfläche einig sind.

Die Zuhörer, auf welche die Argumente des merkwürdigen Mannes Eindruck zu machen schienen, geriethen in Bewegung.

»Nur weiter«, erwiderte Michel Ardan mit größter Seelenruhe, »und nehmen wir eine bedeutende Thatsache in Betracht. Laussedat, ein tüchtiger französischer Astronom, hat bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß am 18. Juli 1860 constatirt, daß die Spitzen der halbmondförmigen Sonnenscheibe abgerundet und verstümmelt waren. Diese Erscheinung aber konnte nur von einer Brechung der Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre des Mondes herrühren; eine andere Erklärung ist nicht gut möglich.«

– Aber steht auch die Thatsache fest? fragte lebhaft der Unbekannte.

– Unumstößlich fest!«

Das Schweigen seines Gegners erregte in der Versammlung abermals eine Bewegung, und zwar zu Gunsten ihres gefeierten Helden. Ardan ergriff wieder das Wort und sagte, ohne sich mit dem errungenen Vortheil zu brüsten, einfach:

»Sie sehen also wohl, mein werther Herr, daß man sich nicht so bestimmt gegen das Vorhandensein einer Atmosphäre auf der Oberfläche des Mondes aussprechen darf; diese Atmosphäre ist vielleicht dünn, etwas fein, aber heutigen Tages hat die Wissenschaft allgemein angenommen, daß sie vorhanden ist.«

– Nicht über die Berge hinaus, wenn Sie belieben, entgegnete der Unbekannte, der an seiner Meinung festhielt.

– Nein, aber in den Thälern, und einige Hundert Fuß hoch.

– Jedenfalls würden Sie wohl thun sich vorzusehen, denn diese Luft wird erschrecklich dünn sein.

– O! mein wackerer Herr, für einen einzigen Menschen wird sie immer hinreichen; übrigens, bin ich nur einmal oben, so werde ich möglichst haushälterisch sein, und nur bei Hauptveranlassungen athmen.«

Entsetzliches Lachen donnerte dem geheimnißvollen Disputanten in die Ohren; mit stolzem Trotz schweiften seine Blicke über die Versammlung hin.

»Da wir nun«, fuhr Michel Ardan mit ungezwungener Miene fort, »über das Vorhandensein einer Atmosphäre einig sind, so müssen wir nothwendig zugeben, daß auch eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. Ueber diese Folgerung freue ich meinerseits mich sehr. Außerdem, mein liebenswürdiger Gegner, gestatten Sie mir, Ihnen noch eine Bemerkung vorzulegen. Wir kennen nur eine Seite der Mondscheibe, und wenn auf der uns zugekehrten Seite wenig Luft vorhanden ist, so ist’s möglich, daß derselben viel auf der entgegengesetzten sich findet.«

– Und aus welchem Grund?

– Weil der Mond in Folge der Anziehung von Seiten der Erde die Gestalt eines Eies angenommen hat, dessen Spitze uns zugekehrt ist. Daher, nach Hansen’s Berechnung, die Folge, daß sein Schwerpunkt in der andern Hälfte liegt. Daraus schließt man, daß von den ersten Tagen der Schöpfung unseres Trabanten an, alle Massen von Luft und Wasser sich auf die andere Seite ziehen mußten.«

– Pure Phantasieen! rief der Unbekannte.

– Nein, pure Theorieen, die sich auf die Gesetze der Mechanik stützen, und die, meines Erachtens, schwer zu widerlegen sind. Ich berufe mich darüber auf diese Versammlung, und ich lege ihr die Frage zur Entscheidung vor, ob ein solches Leben, wie es auf der Erde vorhanden, auf der Oberfläche des Mondes möglich?«

Dreimalhunderttausend Zuhörer zollten dem Satze Beifall. Der Gegner Michel Ardan’s wollte noch reden, konnte aber nicht zu Gehör kommen. Er ward von Schreien und Drohen wie mit einem Hagel überschüttet.

– Genug, genug, riefen die Einen.

– Jagt den Eindringling fort! wiederholten Andere.

– Hinaus! Hinaus! schrie die aufgeregte Menge.

Er aber, fest an das Gerüst geklammert, wich und wankte nicht, ließ den Sturm austoben, der zu einer fürchterlichen Höhe gestiegen wäre, hätte ihn nicht Michel Ardan durch eine Handbewegung gestillt. Er war zu ritterlich, um seinen Gegner in solcher Noth stecken zu lassen.

»Sie wünschen noch einige Worte hinzuzufügen«, fragte er im freundlichsten Tone.

– Ja! Hundert, tausend, erwiderte der Unbekannte empört. Oder vielmehr nein, ein einziges! Wollten Sie auf Ihrem Vorhaben beharren, so müßten Sie . . . 

– Wie unklug! mir so dafür zu begegnen, daß ich von meinem Freund Barbicane ein cylindrokonisches Geschoß begehrte, um nicht unterwegs mich umdrehen zu müssen, wie die Eichhörnchen!

– Aber, Unglückseliger, der fürchterliche Gegenstoß würde Sie in Stücke zerfetzen!

– Mein lieber Widersacher! Sie legen den Finger auf die wahre und einzige Schwierigkeit; doch hab‘ ich eine zu gute Meinung von dem industriellen Genie der Amerikaner, um zu glauben, sie könnten dieselbe nicht lösen!

– Aber die Hitze, welche beim Durchschneiden der Luftschichten durch die Schnelligkeit des Projectils entwickelt wird.

– O! Seine Wände sind so dick, und ich werde ja rasch über die Atmosphäre hinauskommen!

– Aber Lebensmittel? Wasser?

– Ich habe ausgerechnet, daß ich für die Dauer eines Jahres mitnehmen kann, und meine Fahrt wird vier Tage dauern!

– Aber Luft zum Athmen unterwegs?

– Ich werde solche auf chemischem Wege erzeugen.

– Aber wenn Sie je auf den Mond kommen, werden Sie dort zu Boden fallen.

– Ein Fall auf die Erde würde sechsmal schneller sein, weil auf der Oberfläche des Mondes die Schwerkraft sechsmal geringer ist.

– Doch würde sie noch hinreichend sein, um Sie wie Glas zu zerschmettern.

– Und wer würde mich hindern, meinen Fall vermittelst angemessen angebrachter und rechtzeitig angezündeter Raketen langsamer zu machen?

– Aber endlich, vorausgesetzt, daß alle diese Schwierigkeiten gelöst, alle Hindernisse beseitigt seien, daß Alles noch Ungewisse zu Ihren Gunsten ausfiele; angenommen, daß Sie wohlbehalten auf dem Mond ankämen, wie würden Sie wieder zurückkommen?

– Ich würde gar nicht wieder kommen.«

Bei dieser durch ihre Einfachheit an das Erhabene reichenden Antwort blieb die Versammlung stumm, aber dies Schweigen war beredter, als enthusiastisches Geschrei. Der Unbekannte benützte dasselbe, um zum letzten Male seine Einsprache zu erheben.

– Sie würden unfehlbar sich umbringen, rief er aus, und Ihr unsinniger Tod würde nicht einmal der Wissenschaft nützen!

– Fahren Sie nur fort, edelmüthiger Unbekannter, denn wahrhaftig, Sie prophezeihen recht angenehm!

– Ah! das ist zu viel, rief der Gegner Michel Ardan’s, und ich weiß nicht, weshalb ich eine so wenig ernsthafte Unterredung fortsetzen soll. Führen Sie nur nach Belieben Ihr tolles Vorhaben aus. Ihnen hat man darüber nichts vorzuwerfen.

– O! Geniren Sie sich nicht!

– Nein, ein Anderer wird für Ihr Thun verantwortlich sein!

– Und wer denn, wenn’s beliebt? fragte Michel Ardan in gebieterischem Ton.

– Der Ignorant, welcher diesen so unmöglichen, rein lächerlichen Versuch veranstaltet hat.«

Das war ein directer Angriff. Barbicane hatte seit dem Dazwischentreten des Unbekannten sich mit äußerster Anstrengung zurückgehalten, um, wie manche Kessel, »seinen Rauch zu verzehren«; aber als er sich so beleidigend angegriffen sah, stand er eilig auf und schritt auf seinen Gegner zu, der ihm trotzig in’s Gesicht sah, – als er plötzlich von ihm getrennt ward.

Das Gerüst wurde auf einmal von hundert kräftigen Armen emporgehoben, und der Präsident des Gun-Clubs mußte mit Michel Ardan die Ehre eines Triumphzuges theilen. Es war zwar ein schwerer Schild, aber die Träger lösten sich einander unablässig ab, und jeder stritt sich darum, rang und kämpfte, mit seinen Schultern zu dieser Huldigung beizutragen.

Inzwischen hatte der Unbekannte den Tumult nicht benützt, um seinen Platz zu verlassen. Er hätte es auch in der dicht gedrängten Menge nicht vermocht. Für jeden Fall blieb er in der vordersten Reihe, mit gekreuzten Armen, die Augen fest auf Barbicane gerichtet.

Dieser verlor ihn auch nicht aus dem Gesicht, und die Blicke beider Männer blieben wie gezückte Degen gegen einander gerichtet.

Während dieses Triumphzugs blieb das Geschrei der unermeßlichen Menge fortwährend auf seinem Höhepunkt. Michel Ardan ließ sich’s mit augenscheinlichem Behagen gefallen: sein Antlitz strahlte. Manchmal schien das Gerüst in ein Schwanken zu gerathen gleich dem Stampfen und Schlingen eines Schiffes auf den Wogen. Aber die beiden Helden des Meetings verstanden sich auf die See; sie wankten nicht, und ihr Fahrzeug langte ohne Fährlichkeit im Hafen von Tampa-Town an.

Es gelang Michel Ardan, sich dem äußersten Gedränge seiner kräftigen Bewunderer zu entziehen; er flüchtete in’s Hôtel Franklin, begab sich unverzüglich in sein Zimmer und schlüpfte rasch in sein Bett, während ein Heer von hunderttausend Mann unter seinen Fenstern Wache hielt.

Während dieser Zeit begab sich eine kurze, bedeutsame, entschiedene Scene zwischen der geheimnißvollen Person und dem Präsidenten des Gun-Clubs.

Als Barbicane sich endlich frei fühlte, war er gerade auf seinen Gegner losgegangen.

»Kommen Sie,« sprach er barsch.

Der Letztere folgte ihm auf den Quai, und bald standen sich die Gegner allein gegenüber am Eingang einer Werft.

Hier sahen sich die beiden Feinde, ohne sich zu kennen, einander in’s Angesicht.

»Wer sind Sie?« fragte Barbicane.

– Der Capitän Nicholl.

– Ich vermuthete es. Bis jetzt hat der Zufall noch nicht gewollt, mit Ihnen auf meinem Wege zusammen zu treffen . . . 

– Deshalb bin ich gekommen!

– Sie haben meine Ehre angegriffen!

– Oeffentlich.

– Und Sie werden mir für den Schimpf Genugthuung geben.

– Augenblicklich.

– Nein. Ich wünsche, daß Alles im Stillen unter uns vorgehe. Drei Meilen von Tampa-Town ist das Gehölz Skersnaw. Kennen Sie’s?

– Ja.

– Beliebt’s Ihnen, morgen früh fünf Uhr von einer Seite her dorthin zu kommen?

– Ja, wenn Sie zu derselben Zeit sich von der andern Seite her einfinden.

– Und Sie werden nicht Ihren Rifle vergessen, sagte Barbicane.

– So wenig, wie Sie den Ihrigen«, erwiderte Nicholl.

Nach diesen in aller Kälte gewechselten Worten gingen der Präsident des Gun-Clubs und der Kapitän auseinander. Barbicane begab sich nach Hause, aber anstatt einige Stunden auszuruhen, sann er die Nacht über auf Mittel, den Gegenstoß des Projectils zu vermeiden, und das von Michel Ardan bei der Discussion des Meetings aufgestellte schwierige Problem zu lösen.

Einundzwanzigstes Capitel.

Einundzwanzigstes Capitel.

Wie ein Franzose eine Sache zur Ausgleichung bringt.

Während zwischen dem Präsidenten und dem Kapitän die Abrede über das Duell getroffen wurde, das entsetzliche, unmenschliche Duell, worin jeder Gegner einem Menschen das Leben zu nehmen trachtet, ruhte Michel Ardan aus von den Strapazen seines Triumphs. Ausruhen ist nicht der richtige Ausdruck, denn die amerikanischen Betten können an Härte mit Marmortischen wetteifern.

Ardan schlief daher ziemlich schlecht, indem er sich zwischen den Servietten, die ihm als Leintücher dienten, hin und her warf, und er dachte darauf, in seinem Projectil sich ein bequemeres Lager einzurichten – als ein heftiges Getöse ihn in seinen Träumen störte. Es wurde mit übermäßigen Schlägen an seine Thüre gepocht; es schien, sie rührten von einem eisernen Instrument her. Zwischen diesem etwas allzufrühen Lärmen vernahm man fürchterlich rufende Stimmen:

»Mach‘ auf!« rief’s, »um’s Himmels willen, mach‘ gleich auf!« Ardan hatte keinen Grund, einem so lärmend gestellten Begehren zu willfahren. Doch stand er auf und öffnete seine Thüre, als sie eben der Gewaltübung des beharrlichen Besuchers nachzugeben im Begriff war.

Der Secretär des Gun-Clubs drang in das Gemach. Eine Bombe würde nicht minder ohne Umstände sich Eingang verschafft haben.

»Gestern Abend«, rief J. T. Maston ohne Weiteres, »ist unser Präsident während des Meetings öffentlich beschimpft worden! Er hat seinen Gegner gefordert, der Niemand sonst ist als der Kapitän Nicholl. Diesen Morgen früh schlagen sie sich im Gehölz von Skersnaw! Ich weiß Alles aus Barbicane’s eigenem Munde! Fällt er, so werden dadurch unsere Projecte zunichte! Also muß dies Duell verhindert werden! Niemand in der Welt aber kann auf Barbicane Einfluß genug haben, um ihn davon abzubringen, als Michel Ardan!«

Während Maston so sprach, hatte Michel Ardan, ohne ihn zu unterbrechen, in aller Hast seine weiten Hosen angezogen, und binnen weniger als zwei Minuten befanden sich die beiden Freunde eilenden Schritts in der Vorstadt von Tampa-Town.

Unterwegs setzte Maston seinen Begleiter in Kenntniß von der Sache. Er theilte ihm den wahren Grund der Feindschaft beider mit, wie dieselbe von langer Zeit herrührte, weshalb durch die Bemühungen gemeinschaftlicher Freunde der Präsident und der Kapitän sich bisher noch nicht persönlich begegnet waren; er fügte bei, es handle sich einzig um eine Rivalität der Platte und Kugel, und Nicholl habe bei dem Meeting nur die Gelegenheit gesucht, einen alten Groll zu befriedigen.

Es giebt nichts Schrecklicheres, als diese persönlichen Feindschaften und Zweikämpfe in Amerika. Da suchen sich zwei Gegner und lauern auf einander in Wald und Gehölz, und zielen aus dem Gebüsch, wie auf Rothwild. Dann beneiden sie die Indianer der Prairien um ihre wunderbaren Naturgaben, den raschen Verstand, die angeborene Schlauheit, die instinctmäßige Witterung des Feindes. Ein Irrthum, ein Anstoß, ein Fehltritt können den Tod herbeiführen. Solches Streifen nehmen die Yankees oft in Begleitung ihrer Hunde vor, zugleich als Jäger und Wild, und treiben sich stundenlang einander auf.

»Welche Teufel von Leuten seid Ihr!« rief Michel Ardan, als ihm sein Gefährte mit viel Energie dies ganze Treiben geschildert hatte.

– So sind wir«, erwiderte Maston kleinlaut; aber eilen wir.

Indessen mochten sie noch so sehr in Eile über die thaufeuchte Ebene rennen, über Reisfelder und Bäche setzten, um die Wege abzukürzen; vor halb sechs Uhr konnten sie nicht in’s Gehölz von Skersnaw kommen. Barbicane mußte schon seit einer halben Stunde sich am Platz eingefunden haben.

Sie trafen da einen alten Buschmann, der mit Reiserbinden beschäftigt war.

Maston lief zu ihm, und rief ihm zu:

»Haben Sie einen Mann mit einer Büchse in den Wald gehen sehen – den Präsidenten Barbicane, meinen besten Freund? . . . «

Der würdige Secretär des Gun-Clubs war so naiv, zu glauben, sein Präsident müsse der ganzen Welt bekannt sein. Aber der Buschmann schien ihn nicht zu verstehen.

– Einen Jäger, sagte darauf Ardan.

– Einen Jäger? Ja, erwiderte der Buschmann.

– Ist’s schon lange?

– Etwa eine Stunde.

– Zu spät! schrie Maston.

– Und haben Sie Flintenschüsse gehört? fragte Michel Ardan.

– Nein.

– Nicht einen einzigen?

– Nicht einen. Der Jäger hat, scheint’s, keine gute Jagd.

– Was nun weiter? sagte Maston.

– Wir gehen in’s Gehölz auf die Gefahr, von einer Kugel getroffen zu werden, die nicht für uns bestimmt ist.

– Ach! rief Maston in einem Ton, der nicht mißzuverstehen war, lieber hätt‘ ich zehn Kugeln in meinem Kopf, als eine einzige in Barbicane’s.

– Vorwärts also!« fuhr Ardan mit einem Händedruck fort.

Nach einigen Minuten verschwanden die beiden Freunde im Gehölz. Es war ein Dickicht von Riesencypressen, Sykomoren, Tulpenbäumen, Oelbäumen, Tamarinden, immergrünen Eichen. Die Zweige dieser verschiedenen Bäume waren unentwirrbar mit einander verwachsen, und gestatteten dem Blick keine weite Aussicht. Michel Ardan und Maston gingen also nicht weit von einander schweigend durch hohes Gras, bahnten sich ihren Weg durch Lianen, fragten mit Blicken die Büsche und das dichte Laubwerk. Nirgends ließ sich eine Spur erkennen, die Barbicane’s Schritte hätte bezeichnen können, und sie gingen wie blind auf den mit Mühe gebahnten Pfaden, wo ein Indianer Schritt für Schritt seinem Gegner gefolgt wäre.

Nach einer Stunde vergeblichen Suchens blieben sie stehen. Ihre Unruhe verdoppelte sich.

– Es muß wohl Alles vorbei sein, sagte Maston entmuthigt. Ein Mann, wie Barbicane, hat nicht seinem Gegner einen listigen Streich gespielt! Er ist zu offen, zu muthig, ist gerade vorwärts der Gefahr entgegen gegangen, ohne Zweifel zu weit von dem Buschmann entfernt, als daß dieser den Schuß hören konnte!

– Aber wir! wir! versetzte Michel Ardan, seit wir uns in dem Gehölz befinden, hätten ihn hören müssen! . . . 

– Und wenn wir zu spät kamen! rief Maston im Ton der Verzweiflung.

Michel Ardan hatte kein Wort darauf zu antworten, und sie gingen weiter. Von Zeit zu Zeit erhoben sie lautes Geschrei, und riefen bald Barbicane, bald Nicholl; aber keiner von Beiden gab eine Antwort. Muntere Vögel, von dem Lärm geschreckt, verließen in Schwärmen das Gezweig, und einige aufgescheuchte Damhirsche flüchteten eiligst durch das Gehölz.

Noch eine volle Stunde suchten sie fort. Sie hatten fast den größten Theil des Buschwerks durchforscht, und keine Spur von der Anwesenheit der Kämpfer hatte sich gezeigt. Die Aussage des Buschmanns war doch zu bezweifeln, und Ardan wollte schon das fruchtlose Suchen aufgeben, als Maston plötzlich stehen blieb.

– St! St! Da ist Jemand!

– Jemand? erwiderte Michel Ardan.

– Ja! ein Mann! Es scheint, er rührt sich nicht. Keine Büchse in seiner Hand. Was treibt er doch?

– Aber erkennst Du ihn? fragte Michel Ardan, den bei solchem Anlaß sein kurzes Gesicht im Stiche ließ.

– Ja! ja! er wendet sich um, erwiderte Maston.

– Und es ist? . . . 

– Der Kapitän Nicholl!

– Nicholl! rief Michel Ardan, dem das Herz sich zusammen schnürte.

Nicholl ohne Waffe! Also hatte er von seinem Gegner nichts mehr zu fürchten? Aber sie waren noch keine fünfzig Schritte weiter gegangen, als sie stehen blieben, um den Kapitän aufmerksamer zu betrachten. Sie meinten einen blutbefleckten, in seiner Rache gesättigten Menschen zu treffen. Und sie staunten, wie sie ihn sahen.

Zwischen riesenhaften Tulpenbäumen war ein Maschennetz gespannt, in dessen Mitte ein Vöglein, dessen Flügel sich darein verwickelt hatten, mit kläglichem Geschrei sich abzappelte. Der Vogelsteller, der dieses unzerreißliche Netz gespannt hatte, war kein menschliches Wesen, sondern eine giftige, in der Landschaft einheimische Spinne, von der Größe eines Taubeneies mit enormen Krallen. Als das häßliche Thier eben über seine Beute herfallen wollte, wurde es fortgescheucht und suchte auf den Zweigen des Baumes seine Zuflucht, denn es sah sich selbst von einem fürchterlichen Feind bedroht.

Wirklich legte der Kapitän Nicholl seine Büchse bei Seite, vergaß die Gefahr seiner Lage, und war sorgfältig bemüht, das im Garne der abscheulichen Spinne gefangene Thierlein zu befreien. Als er damit fertig war, ließ er das Vöglein flattern, das mit lustigem Flügelschlag verschwand.

Nicholl sah mit gerührtem Blick ihm durch die Zweige nach, als er die mit bewegter Stimme gesprochenen Worte vernahm:

»Sie sind doch ein wackerer Mensch!«

Er wendete sich um. Michel Ardan stand vor ihm, und wiederholte in allen Tonarten:

»Und ein liebenswürdiger Mensch!«

– Michel Ardan! rief der Kapitän. Was wollen Sie hier, mein Herr?

– Ihnen die Hand drücken, Nicholl, und Sie abhalten, entweder Barbicane oder sich selbst um’s Leben zu bringen.

– Barbicane! rief der Kapitän, den ich seit zwei Stunden vergeblich suche! Wo steckt er? . . . 

– Nicholl, sagte Michel Ardan, das ist nicht fein! Man muß stets seinen Gegner achten; seien Sie ruhig, wenn Barbicane noch bei Leben ist, werden wir ihn finden, und um so leichter, als er, wenn er sich nicht damit vergnügt hat, verfolgten Vöglein beizustehen, uns ebenfalls suchen muß. Aber wann wir ihn gefunden haben, so wird – Michel Ardan sagt Ihnen dies – von einem Duell zwischen Ihnen keine Rede mehr sein.

– Zwischen dem Präsidenten Barbicane und mir, erwiderte Nicholl ernst, besteht eine so feindliche Rivalität, daß nur der Tod . . . 

– Gehen Sie doch! Gehen Sie damit, fuhr Michel Ardan fort, so wackere Leute, wie Sie, können sich wohl einander zuwider sein, aber man achtet sich. Sie werden sich nicht schlagen.

– Ich werde mich schlagen, mein Herr.

– Nimmermehr.

– Kapitän, sagte darauf J. T. Maston mit tief bewegtem Herzen, ich bin des Präsidenten Freund, sein alter ego, ein anderes Exemplar von ihm; wenn Sie durchaus einen um’s Leben bringen wollen, zielen Sie auf mich, es wird ganz dasselbe sein.

– Mein Herr, sagte Nicholl, indem er krampfhaft seine Büchse in die Hand nahm, solche Scherze . . . 

Freund Maston scherzt nicht, erwiderte Michel Ardan, und ich begreife die Idee, für den Mann, den man liebt, sein Leben zu lassen! Aber weder er, noch Barbicane werden durch die Kugel des Kapitäns Nicholl um’s Leben kommen, denn ich habe den beiden Rivalen einen Vorschlag zu machen, der so verführerisch ist, daß sie eifrig bereit sein werden, ihn anzunehmen.

– Und welchen? fragte Nicholl, mit augenscheinlichem Zweifel.

– Geduld, erwiderte Ardan, ich kann ihn nur in Gegenwart Barbicane’s mittheilen.

– So wollen wir ihn suchen, rief der Kapitän. Und sofort machten sich die drei Männer auf den Weg; der Kapitän entlud sein Gewehr, hing’s um seine Schulter und ging schweigend im Trott weiter.

Noch eine halbe Stunde lang suchten sie vergeblich. Maston ward von einer schlimmen Ahnung ergriffen. Er faßte Nicholl strenge in’s Auge und fragte sich, ob etwa, nachdem des Kapitäns Rache befriedigt worden, der unglückliche Barbicane von einer Kugel getroffen bereits leblos in seinem Blute unter einem Gebüsch liege. Michel Ardan schien den gleichen Gedanken zu haben, und beider Blicke maßen bereits fragend den Kapitän Nicholl, als Maston plötzlich stille stand.

Zwanzig Schritte von da gewahrte man unbeweglich am Fuß einer riesenmäßigen Catalva unbeweglich mit dem Rücken wider gelehnt, im Grase halb versteckt eine Mannesgestalt.

»Er ist’s«, sagte Maston.

Barbicane rührte und regte sich nicht. Ardan senkte seine Blicke in die Augen des Kapitäns, aber der wankte nicht. Ardan schritt vor und rief:

»Barbicane! Barbicane!«

Keine Antwort. Ardan stürzte auf seinen Freund, aber im Moment, als er ihn beim Arm fassen wollte, hielt er ein mit einem Schrei der Verwunderung.

Barbicane, mit dem Bleistift in der Hand, machte geometrische Figuren und Formeln in ein Notizbüchlein, indeß sein Gewehr unschädlich auf dem Boden lag.

In seine Arbeit versunken, hatte der Gelehrte ebenfalls Duell und Rache vergessen, nichts gesehen, nichts gehört.

Aber als Michel Ardan seine Hand auf die seinige legte, richtete er sich auf und sah ihn verwundert an.

– Ah! rief er endlich. Du hier! Ich hab’s gefunden, Freund! gefunden!

– Was gefunden?

– Mein Mittel.

– Was für ein Mittel?

– Das Mittel, die Wirkung des Rückstoßes beim Abschießen des Projectils aufzuheben.

– Wirklich? sagte Michel, und blickte schielend nach dem Kapitän.

– Ja! Wasser! bloßes Wasser wird die Federkraft abgeben … Ah! Maston! Sie auch!

– Er selbst, erwiderte Michel Ardan, und erlaube mir, Dir zugleich den würdigen Kapitän Nicholl vorzustellen!

– Nicholl! rief Barbicane, und sprang augenblicklich auf. Verzeihen Sie, Kapitän, ich hatte vergessen … ich bin bereit . . . 

Michel Ardan legte sich in’s Mittel, ehe noch die beiden Feinde Zeit hatten sich anzureden.

»Wahrhaftig!« sprach er, »ein Glück, daß so wackere Männer, wie Sie, sich nicht eher begegneten! Wir hätten sonst einen oder den anderen zu beweinen. Aber, Gott sei Dank, er hat dafür gesorgt, daß nichts mehr zu besorgen ist. Wenn man seinen Haß vergißt, um sich in mechanische Probleme zu versenken, oder den Spinnen einen Streich zu spielen, dann ist dieser Haß für Niemand mehr gefährlich.«

Und Michel Ardan erzählte dem Präsidenten, was mit dem Kapitän vorgegangen war.

»Ich frage nun endlich«, sagte er zum Schluß, »ob zwei so tüchtige Männer, wie Sie, dafür da sind, um sich einander den Kopf zu zerschmettern?«

Diese Sachlage enthielt etwas Lächerliches, etwas so Unerwartetes, daß Barbicane und Nicholl nicht recht wußten, welche Haltung sie einander gegenüber annehmen sollten. Michel Ardan merkte es wohl, und beschloß, die Auflösung mit einem Schlag herbeizuführen.

»Meine wackeren Freunde«, sagte er, und ließ sein bestes Lächeln auf den Lippen spielen, »es hat stets nur ein Mißverstehen zwischen Ihnen stattgefunden, sonst Nichts. Nun denn! Zum Beweis, daß zwischen Ihnen Alles im Reinen ist, und da Sie ja Männer sind, die ihre Haut zu riskiren fähig sind, nehmen Sie frisch den Vorschlag an, den ich eben Ihnen machen will.«

– Reden Sie, sagte Nicholl.

– Freund Barbicane glaubt, sein Projectil werde graden Wegs in den Mond gelangen.

– Ja sicherlich, erwiderte der Präsident.

– Und Freund Nicholl ist überzeugt, daß es wieder auf die Erde fallen werde.

– Ganz gewiß, rief der Kapitän.

– Gut! versetzte Michel Ardan. Ich maße mir nicht an, Sie miteinander in Harmonie zu bringen; aber ich sage Ihnen ganz einfach: – Reisen Sie mit mir, und wir wollen dann sehen, ob wir die Reise durchführen.

– Hm! sagte J. T. Maston bestürzt.

Die beiden Rivalen sahen sich bei dem plötzlichen Vorschlag einander an, warteten mit Spannung einer auf des anderen Wort.

»Nun?« fragte Michel Ardan mit gewinnendem Ton. »Weil ein Rückstoß nicht mehr zu fürchten!«

– Angenommen! rief Barbicane.

Aber, so rasch er das Wort sprach, Nicholl sprach dasselbe zugleich.

»Hurrah! Bravo! Hip! Hip! Hip!« rief Michel Ardan, und reichte den beiden Gegnern die Hand. »Und nun, da die Sache beigelegt ist, gestatten Sie mir, nach französischer Weise, Sie zu bewirthen. Gehen wir zum Frühstück.«

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Zweiundzwanzigstes Capitel.

Der neue Bürger der Vereinigten Staaten

An demselben Tag erfuhr ganz Amerika den Handel des Kapitäns Nicholl mit dem Präsidenten Barbicane, sowie seine eigenthümliche Erledigung. Die Rolle, welche der ritterliche Europäer dabei spielte, sein unerwarteter Vorschlag, welcher die Schwierigkeit durchschnitt, die gleichzeitige Annahme der beiden Rivalen, diese Eroberung des Mondcontinents, wobei Frankreich und die Vereinigten Staaten zusammenwirkten. Alles vereinigte sich, um die Popularität Michel Ardan’s zu steigern. Es ist bekannt, bis zu welchem Wahnsinn die Yankees ihre Leidenschaft für ein Individuum steigern. In einem Lande, wo ehrwürdige Magistratspersonen sich an den Wagen einer Tänzerin spannen und sie im Triumph herumfahren, was kann man da von der durch den kühnen Franzosen entfesselten Leidenschaft erwarten! Spannte man nicht seine Pferde aus, so geschah es vermutlich nur deshalb, weil keine da waren, aber alle anderen Huldigungsbezeugungen wurden ihm gespendet. Nicht ein Bürger, der ihm nicht mit Herz und Geist ergeben war!

Von diesem Tage an hatte Michel Ardan keine ruhige Stunde mehr. Abgeordnete aus allen Ecken und Enden der Union belästigten ihn unablässig. Er mußte sie unweigerlich empfangen. Das Händedrücken, das Duzen der Leute ist gar nicht herzuerzählen. Es dauerte nicht lange, so war er erschöpft; seine Stimme, heiser von den unzähligen Ansprachen, konnte nur noch unverständliche Worte stammeln, und er hätte von der Menge der Toaste, die er auszustehen hatte, fast eine Lungenentzündung bekommen. Dieser Erfolg hätte einen Anderen am ersten Tag benebelt, aber er wußte sich in geistreicher, reizender Halbtrunkenheit zu halten.

Unter den Deputationen aller Art, welche ihn bestürmten, befand sich auch die der »Mondsüchtigen«, welche nicht vergaß, was sie gegen den künftigen Eroberer des Mondes zu beobachten hatte. Eines Tags suchten Einige der armen Leute, deren es in Amerika ziemlich viele giebt, ihn auf, und baten, ihn in ihre Heimat begleiten zu dürfen. Einige von ihnen behaupteten, »selenitisch« zu sprechen, und wollten Michel Ardan diese Sprache lehren. Dieser zeigte sich gutmüthig bereit, ihrer naiven Manie zu willfahren, und Aufträge an ihre dortigen Freunde anzunehmen.

»Sonderbarer Wahnsinn!« sagte er zu Barbicane, nachdem er sie verabschiedet hatte, »ein Wahnsinn, der oft gescheite Leute befällt. Einer unserer berühmtesten Gelehrten, Arago, sagte mir, viele sehr gescheite und in ihren Begriffen sehr nüchterne Leute geriethen allemal, wenn der Mond sie befangen mache, in große Aufregung bis zu unglaublichen Sonderbarkeiten. Du glaubst nicht an den Einfluß des Mondes auf die Krankheiten?«

– Wenig, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs.

»Ich glaube auch nicht daran, und doch finden sich Thatsachen zum Erstaunen in der Geschichte verzeichnet. So sind im Jahre 1693 zur Zeit einer Epidemie am 21. Januar im Moment einer Mondfinsterniß die Leute in größerer Anzahl gestorben. Der berühmte Bacon fiel während der Mondfinsternisse in Ohnmacht, und kam erst dann, wann sie völlig vorüber waren, wieder zu vollem Lebensbewußtsein. Karl VI. verfiel im Jahre 1399 sechsmal, beim Neumond oder Vollmond, in Irrsinn. Die Epilepsie wird von den Aerzten unter diejenigen Krankheiten gezählt, welche den Mondphasen gemäß auftreten. Die Nervenkrankheiten scheinen oft dem Einfluß des Monds unterworfen zu sein. Mead spricht von einem Kind, welches in Krämpfe verfiel, wenn der Mond in die Stellung der Opposition trat. Gall hatte bemerkt, daß bei schwachen Personen die Nervenaufregung zweimal monatlich, zur Zeit des Neu- und Vollmonds, zunahm. Endlich giebt es auch unzählige Wahrnehmungen dieser Art über Schwindel, bösartiges Fieber, Somnambulismus, welche zu beweisen geeignet sind, daß das Nachtgestirn einen geheimnißvollen Einfluß auf die Krankheiten des Erdenlebens ausübt.«

– Aber wie? warum? fragte Barbicane.

– Warum? erwiderte Ardan. Wahrhaftig, ich gebe Dir die nämliche Antwort, welche neunzehn Jahrhunderte nach Plutarch Arago wiederholt hat: »Vielleicht, weil es nicht wahr ist!«

Bei seinem Triumph konnte Michel Ardan sich keiner der lästigen Zumuthungen entziehen, welche dem Stand eines berühmten Menschen anhängen. Die Unternehmer von Erfolg wollten ihn öffentlich aufstellen. Barnum bot ihm eine Million, um ihn in allen Staaten der Union von Stadt zu Stadt zu führen und wie ein Wunderthier anstaunen zu lassen. Michel Ardan behandelte ihn als Elephantenführer, und wies ihm seinen Weg.

Indessen, weigerte er auch in solcher Weise die öffentliche Neugierde zu befriedigen, so machte wenigstens sein Bild die Runde durch die Welt und erhielt in den Albums einen Ehrenplatz; man gab es in allen Größen heraus, von der natürlichen bis zu der mikroskopischen der Postmarken. Man konnte den Helden in allen denkbaren Stellungen haben, als Kopf- oder Brustbild, en face oder profil, ganze Figur etc. Es wurden über fünfzehnhunderttausend Exemplare abgezogen, und es gab eine hübsche Gelegenheit, sich selbst als Andenken zu verschleißen, wenn er hätte davon profitiren wollen. Er brauchte nur seine Haare um einen Dollar das Stück zu verkaufen, und hatte sich damit ein großes Vermögen gemacht!

Offen gesagt, war diese Popularität doch nach seinem Geschmack. Er stellte sich gerne dem Publicum zu Disposition, und correspondirte mit der ganzen Welt. Man wiederholte seine bons mots, verbreitete sie weiter, ganz besonders die, welche er gar nicht gesprochen hatte. Man legte sie ihm, wie gewöhnlich, in den Mund, denn er war reich in dem Punkt.

Nicht allein die Männer hatte er zu Anhängern, sondern auch die Frauen. Was hätte er für eine Menge »guter Partieen« machen können, wenn er hätte sich fesseln lassen wollen. Zumal die alten Jungfern, welche seit vierzig Jahren schmachteten, träumten Tag und Nacht von seiner Photographie.

Gewiß hätte er Hunderte von Lebensgefährtinnen gefunden, selbst unter der Bedingung, ihn in den Weltenraum zu begleiten. Die Frauen, welche sich nicht vor Allem fürchten, sind unverzagt. Aber es war seine Absicht nicht, auf dem Mondcontinent ein Stammvater zu werden und eine Mischrace von französischem und amerikanischem Geblüt dorthin zu verpflanzen. Daher lehnte er ab.

»Dort oben«, sagte er, »die Rolle Adam’s mit einer Tochter Eva’s zu spielen, danke schön! Da würde ich’s mit Schlangen zu thun bekommen! . . . «

Als er sich endlich den allzu häufigen Triumphesfreuden entziehen konnte, machte er in Begleitung seiner Freunde der Columbiade einen Besuch. Das war auch seine Schuldigkeit. Uebrigens hatte er auch seit seinem Umgang mit Barbicane, Maston und Genossen in der Ballistik große Fortschritte gemacht. Es machte ihm die größte Freude, den wackeren Artilleriebeflissenen oft vorzusagen, sie seien nur liebenswürdige und gelehrte Menschenschlächter. Ueber diesen Punkt war er unerschöpflich in Scherzreden. Bei seinem Besuch gab er der Columbiade seine hohe Bewunderung zu erkennen, und drang dem Riesenmörser, der ihn bald dem Gestirn der Nacht entgegen schleudern sollte, bis auf den Grund der Seele.

»Wenigstens«, sagte er, »wird diese Kanone Niemand ein Leid zufügen, – was bei einer Kanone etwas sehr Erstaunliches ist. Aber von Euren Maschinen, die zerstören, in Brand stecken, zertrümmern, das Leben rauben, – davon redet mir nicht, und vor Allem sagt mir doch nicht, sie haben »eine Seele«; ich würde es nicht glauben!«

Nun muß ich noch einen Vorschlag J. T. Maston’s berichten. Als der Secretär des Gun-Clubs hörte, wie Barbicane und Nicholl den Vorschlag Michel Ardan’s annahmen, entschloß er sich, als Vierter an der Partie Theil zu nehmen. Eines Tags stellte er das Begehren, sich anzuschließen. Barbicane, der ihm ungern etwas abschlug, suchte ihm begreiflich zu machen, das Projectil könne eine so große Anzahl Passagiere nicht mitnehmen. In Verzweiflung wendete sich Maston an Michel Ardan, der ihn aufforderte, auf diesen Wunsch zu verzichten, und machte dabei Gründe ad hominem geltend.

»Siehst Du, mein alter Maston«, sprach er zu ihm, »Du darfst mir nicht übel nehmen, was ich Dir darüber zu sagen habe; aber wahrhaftig, unter uns gesagt. Du bist zu unvollständig, um auf dem Mond aufzutreten!«

– Unvollständig! rief der rüstige Invalide.

– Ja! mein wackerer Freund! Denke Dir, wenn wir dort oben Bewohnern begegnen. Möchtest Du ihnen wohl eine so traurige Vorstellung von dem, was hienieden vorgeht, geben; einen Begriff von dem, was ein Krieg heißt: ihnen anschaulich machen, daß man seine beste Zeit darauf wendet, sich gegenseitig zu zerfleischen, und das auf einer Kugel, worauf hundert Milliarden Bewohner ihre Nahrung finden können, und kaum zwölfhundert Millionen sich befinden? Ah! Da würdest Du, würdiger Freund, Anlaß geben, daß man uns die Aufnahme versagte!

– Aber wenn Ihr in Stücken ankommt, entgegnete J. T. Maston, werdet Ihr eben so unvollständig sein wie ich!

– Allerdings, erwiderte Michel Ardan, aber in Stücken werden wir nicht anlangen!

In der That hatte ein am 18. October vorgenommenes vorbereitendes Experiment die besten Resultate geliefert und zu den besten Hoffnungen berechtigt. In der Absicht, sich über den Rückstoß im Moment des Abfahrens eines Projectils genau zu unterrichten, ließ Barbicane aus dem Arsenale zu Pensacola einen Mörser von zweiunddreißig Zoll kommen. Man stellte ihn am Ufer der Rhede von Hillisboro auf, damit die Bombe in’s Meer falle, und so ihr Fall unschädlich werde. Es handelte sich nur darum, die Erschütterung beim Abschleudern zu probiren, nicht die Wirkung beim Anprallen.

Für dieses merkwürdige Experiment wurde mit größter Sorgfalt ein hohles Projectil hergerichtet. Die inneren Wände wurden mit dichter Flockseide über einem Netz von Springfedern aus dem besten Stahl ausgefüttert, gleich einem sorgfältig auswattirten Nest.

– Wie schade, daß man sich nicht da hineinlegen kann! sagte J. T. Maston, mit Bedauern, daß seine Taille ihm den Versuch nicht gestattete.

In diese reizende Bombe, die mit einem Schraubendeckel verschließbar war, brachte man zuerst eine große Katze, hernach ein Eichhörnchen, das dem beständigen Secretär des Gun-Clubs angehörte und sehr werth war, aber man wollte wissen, wie diesem wenig dem Schwindel unterworfenen Thierchen die Versuchsreise bekommen würde.

Der Mörser wurde mit hundertundsechzig Pfund Pulver geladen, die Bombe hinein gethan. Man gab Feuer.

Mit reißender Schnelligkeit fuhr das Projectil heraus, beschrieb majestätisch seine Parabel bis zu einer Höhe von etwa tausend Fuß, und senkte sich in graciösem Bogen in die Fluthen.

Unverzüglich fuhr ein Boot nach der Stelle, wo sie niedergefahren war; geschickte Taucher stürzten sich auf den Meeresgrund, und befestigten Taue an die Henkel der Bombe, welche dann sofort heraufgezogen wurde. Es waren kaum fünf Minuten verflossen, seit die Thiere eingeschlossen wurden, bis man den Deckel wieder öffnete.

Ardan, Barbicane, Nicholl, Maston befanden sich auf der Barke und sahen mit begreiflicher Spannung dem Resultat entgegen. Kaum war die Bombe geöffnet, so sprang die Katze heraus, zwar ein wenig gequetscht, aber lustig und munter, und ohne daß man ihr die Luftreise ansah. Aber das Eichhörnchen war nicht vorhanden. Man suchte nach; keine Spur. Man mußte sich überzeugen, daß die Katze ihren Reisegefährten aufgezehrt hatte. J. T. Maston war sehr betrübt über dies Märtyrerthum der Wissenschaft.

Wie dem auch sei, in Folge dieses Experiments verschwand alles Bedenken, alle Besorgniß; übrigens war Barbicane darauf bedacht, das Projectil noch vollkommener zu machen, um die Wirkungen des Rückstoßes gänzlich zu beseitigen. Damit war es zum Abschießen fertig.

Zwei Tage hernach erhielt Michel Ardan eine Botschaft des Präsidenten der Union, eine Ehre, die ihm sehr schmeichelte.

Nach dem Beispiel seines ritterlichen Landsmannes Lafayette ertheilte ihm die Regierung das Ehrenbürgerrecht der Vereinigten Staaten Amerika’s.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Dreiundzwanzigstes Capitel.

Der Projectil-Waggon.

Nach Vollendung der berühmten Columbiade wendete sich das öffentliche Interesse sofort dem Projectil zu, diesem neuen Transportmittel, welches die drei kühnen Abenteurer durch den Weltraum befördern sollte. Jeder wußte, daß Michel Ardan in seiner Depesche vom 30. September eine Modification der vom Comité beschlossenen Einrichtung desselben begehrt hatte.

Der Präsident Barbicane war damals mit Recht der Meinung, daß die Form des Projectils wenig auf sich habe, denn nachdem es in wenigen Secunden aus dem Bereich der Atmosphäre gekommen, sollte es in dem absolut leeren Raum weiter fahren. Das Comité hatte daher die runde Form gewählt, damit die Kugel sich um sich selber drehen und nach Belieben sich verhalten könne. Aber von dem Augenblick an, da man ihm die Bestimmung eines Transportmittels gab, war die Sache eine andere. Michel Ardan hatte nicht Lust, sich gleich dem Eichhörnchen zu bewegen; er wollte aufrecht gehen, Kopf oben, Füße nach unten, mit ebensoviel Anstand, wie die Passagiere des Luftballons in dem Schifflein, zwar rascher, aber ohne unaufhörlich Luftsprüngen ausgesetzt zu sein, die ihm wenig zusagten.

Es wurde daher dem Hause Breadwill & Cie. zu Albany ein neuer Plan zugeschickt und die unverzügliche Anfertigung anempfohlen. Das demnach abgeänderte Projectil wurde am 2. November gegossen und sofort durch die Eisenbahn nach Stone’s-Hill befördert.

Am 10. kam es wohlbehalten an seinem Bestimmungsort an. Michel Ardan, Barbicane und Nicholl erwarteten mit der größten Ungeduld diesen »Projectil-Waggon«, in welchem sie zur Entdeckung einer neuen Welt ausfliegen sollten.

Man muß zugeben, es war ein prachtvolles Stück Metall, ein metallurgisches Product, welches dem industriellen Genie der Amerikaner alle Ehre machte. Man hatte zum ersten Male Aluminium in so beträchlicher Masse gewonnen, was mit Recht als ein staunenswerthes Ergebniß angesehen werden konnte. Das kostbare Projectil funkelte in den Sonnenstrahlen. Beim Anblick seiner imponirenden Formen mit der kegelförmigen Spitze hätte man’s leicht für so ein dickes Thürmchen in Gestalt einer Gewürzbüchse gehalten, wie sie die Architekten des Mittelalters an den Ecken ihrer festen Schlösser anbrachten; es fehlte dafür nur an Schießscharten und einer Wetterfahne.

»Es sieht mir so aus«, rief Michel Ardan, »als käme ein mit Hakenbüchse und stählernem Panzer gewappneter Mann daraus hervor. Wir werden uns darin wie Feudalherren befinden, und mit etwas Artillerie könnte man darin allen Seleniten-Heeren Stand halten, sofern es deren auf dem Monde giebt!«

– Also ist das Fahrzeug nach Deinem Geschmack? fragte Barbicane seinen Freund.

– Ja! ja! gewiß, erwiderte Michel Ardan, der es mit einem Künstlerauge ansah. Ich vermisse nur schlankere Formen, eine graciösere Spitze; man hätte ihm einen Büschel, Verzierungen von guillochirtem Metall aufsetzen sollen, mit einer Chimäre, z. B. einem Schlaraffengesicht, einem Salamander, der mit ausgebreiteten Flügeln und offenem Rachen aus dem Feuer heraus käme . . . 

– Wozu das? sagte Barbicane, dessen positiver Geist wenig Sinn für Kunstschönheiten hatte.

– Wozu? Freund Barbicane! Ach! Da Du mir so eine Frage stellst, fürchte ich wohl, daß Du’s niemals begreifst!

– Sag’s nur heraus, wackerer Kamerad.

– Nun denn, meiner Ansicht nach muß man bei dem, was man vornimmt, immer etwas Kunst anbringen, das ist besser. Kennst Du ein indisches Stück, »Das Kinderwägelein« betitelt?

– Nicht dem Namen nach, erwiderte Barbicane.

– Das nimmt mich nicht Wunder, fuhr Michel Ardan fort. So merke Dir, daß in diesem Stück ein Dieb vorkommt, der im Begriff in ein Haus einzubrechen sich die Frage stellt, ob er seinem Loch die Form einer Lyra, einer Blume, eines Vogels oder einer Amphora geben solle? Nun sag‘ mir, Freund Barbicane, wenn Du zu der Zeit zur Jury gehört hättest, würdest Du diesen Dieb verurtheilt haben?

– Ohne Bedenken, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, und zwar unter erschwerenden Umständen.

– Und ich hätte ihn freigesprochen, Freund Barbicane. Deshalb wirst Du mich nie begreifen!

– Ich werde es nicht einmal versuchen, mein tapferer Künstler!

– Aber zum Mindesten, fuhr Michel Ardan fort, weil das Aeußere unseres Waggon-Projectils etwas zu wünschen übrig läßt, wird man mir gestatten, es nach meinem Geschmack zu meubliren, und mit allem Luxus, der den Botschaftern der Erde zusteht!

– In der Hinsicht, mein wackerer Michel, erwiderte Barbicane, wirst Du’s nach Belieben machen, wir werden Dich gewähren lassen.«

Aber, ehe er das Angenehme vornahm, hatte der Präsident des Gun-Clubs an das Nützliche gedacht, und die von ihm erfundenen Mittel, um die Wirkungen des Gegenstoßes abzuschwächen, wurden mit einer vollendeten Einsicht in Anwendung gebracht.

Barbicane hatte sich gesagt, und nicht ohne Grund, daß keine Sprungfeder Kraft genug haben könne, um die Wirkung des Stoßes gänzlich zu beseitigen, und während seines merkwürdigen Spaziergangs im Gehölz von Skersnaw war er am Ende darauf gekommen, diese große Schwierigkeit auf sinnreiche Weise zu lösen. Das Wasser, darauf rechnete er, sollte ihm diesen ausgezeichneten Dienst leisten. Sehen wir, in welcher Weise.

Das Projectil sollte drei Fuß hoch mit Wasser angefüllt werden, worauf eine hölzerne, vollständig wasserdichte Scheibe an den inneren Wänden des Projectils dicht hinglitt. Auf diesem Floß nahmen die Passagiere ihren Platz. Die flüssige Masse war durch horizontale Scheidewände in Schichten zertheilt. Der Stoß beim Abschießen mußte diese nach einander zerbrechen, worauf sodann jede Wasserschichte, von der niedrigsten aufwärts bis zur höchsten durch Abzugsröhren nach dem oberen Theile des Projectils drang, und erfüllte so den Zweck einer Federkraft, während die Scheibe, selbst mit äußerst starken Pfropfen versehen, nur, nachdem allmälig die verschiedenen Scheidewände zertrümmert waren, mit dem Bodenstück zusammenstoßen konnte. Ohne Zweifel würden die Reisenden nach vollständigem Entweichen der flüssigen Masse noch einen heftigen Gegenstoß erleiden, aber der erste Stoß mußte doch durch jenen sehr starken Gegendruck fast gänzlich unwirksam gemacht werden.

Zwar mußten drei Fuß Wasser auf einer Fläche von vierundfünfzig Quadratfuß gegen elftausendfünfhundert Pfund wiegen; aber die Treibkräfte des in der Columbiade angesammelten Gases genügten, nach Barbicane’s Annahme, diesen Zuwachs an Schwere aufzuwiegen; übrigens mußte der Stoß in weniger als einer Secunde all‘ dieses Wasser hinaustreiben, so daß das Projectil gleich sein normales Gewicht wieder bekam.

Dieses also hatte der Präsident des Gun-Clubs ausgedacht, und auf diese Weise glaubte er die wichtige Frage des Gegenstoßes gelöst zu haben. Uebrigens wurde diese Arbeit von den Ingenieuren des Hauses Breadwill mit Einsicht begriffen und zum Erstaunen ausgeführt; war einmal die Wirkung geäußert und das Wasser hinausgetrieben, so konnten die Reisenden sich leicht der zerbrochenen Scheidewände entledigen, und die bewegliche Scheibe, auf welcher sie im Moment der Abfahrt sich befanden, hinwegnehmen.

Oben waren die Wände des Projectils mit einer dichten Lederbekleidung gefüttert, über Spiralfedern vom besten Stahl, die so biegsam wie Uhrfedern waren. Unter diesem Lederfutter waren die Abzugsröhren so verdeckt, daß man ihr Vorhandensein nicht wahrnehmen konnte.

So waren also alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um die Wirkung des ersten Stoßes zu beseitigen, und um sich erdrücken zu lassen, müßte man, wie Michel Ardan sich ausdrückte, »von schlechter Composition sein«.

Das Projectil hatte einen äußeren Breitedurchmesser von neun Fuß bei zwölf Fuß Höhe. Um das angegebene Gewicht nicht zu überschreiten, hatt man die Wände etwas minder dick gemacht, den Boden dagegen stärker, weil er die ganze Gewalt des durch Verbrennen der Baumwolle entwickelten Gases auszuhalten hatte. So ist’s übrigens auch bei den Bomben und konischen Granaten, deren Bodentheil immer dicker ist.

In diesen metallenen Thurm gelangte man durch eine enge Oeffnung, welche an der Spitze angebracht war, gleich wie bei den Dampfkesseln. Sie wurde hermetisch durch eine Aluminiumplatte verschlossen, welche innen durch starke Stellschrauben befestigt war. Die Reisenden konnten also nach Belieben aus ihrem beweglichen Gefängniß herauskommen, sobald sie auf dem Gestirn der Nacht angelangt waren.

Aber man mußte unterwegs auch sehen. Dies war sehr leicht gemacht. Es befanden sich unter dem Futter vier Lucken mit sehr dicken Linsengläsern, zwei in der Rundwand, eine im Boden und eine in der Spitze. Dadurch waren die Reisenden im Stande, sowohl nach der Erde, als nach dem Monde und dem Sternenhimmel zu schauen und zu beobachten. Nur waren diese Schaulöcher gegen Stöße durch fest angepaßte Deckel geschützt, welche man leicht im Innern nach außen zurückschrauben konnte. Auf diese Art wurden die Beobachtungen möglich, ohne daß die in dem Projectil enthaltene Luft entwich.

Alle diese bewundernswerthen mechanischen Vorrichtungen waren sehr leicht im Gang, und die Ingenieure bewiesen ebenso viel Einsicht bei der inneren Einrichtung als bei der Versorgung des Waggon-Projectils.

Sehr fest gefügte Behälter waren bestimmt, das für die drei Reisenden nöthige Wasser und die Lebensmittel aufzunehmen; dieselben konnten sogar sich Feuer und Licht durch Gas verschaffen, welches in besonderen Behältern unter einem Druck mehrerer Atmosphären aufbewahrt war. Man brauchte nur einen Hahnen zu drehen, und hatte für sechs Tage das zur Erleuchtung und Heizung erforderliche Gas. Man sieht, es fehlte an Nichts, was wesentlich zum Leben, und selbst zur Behaglichkeit diente. Außerdem war, dem Geschmack Michel Ardan’s gemäß, durch Kunstgegenstände das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Uebrigens würde man irren, wollte man annehmen, es müsse drei Personen in diesem Thurm zu enge werden. Seine Oberfläche betrug ungefähr Vierundfünfzig Quadratfuß zu zehn Fuß Höhe, wobei Raum für einige Bewegung war, Sie hätten im bequemsten Waggon der Vereinigten Staaten nicht so viele Gemächlichkeit gehabt.

So war die Frage der Lebensmittel und Beleuchtung gelöst; es blieb noch die der Luft, Offenbar konnte die in dem Projectil enthaltene Luft nicht vier Tage zum Athmen der Reisenden ausreichen; denn jeder Mensch verbraucht etwa in einer Stunde den gesammten, in hundert Liter Luft enthaltenen Sauerstoff. Barbicane, seine beiden Gefährten, und zwei Hunde, die er mitnehmen wollte, mußten in vierundzwanzig Stunden zweitausendvierhundert Liter Sauerstoff, d. h. ungefähr sieben Pfund verzehren. Es mußte also die Luft im Projectil erneuert werden. Wie das? Durch ein sehr einfaches Verfahren, nach Reiset und Regnault, wie Michel Ardan während der Discussion beim Meeting angegeben hatte.

Bekanntlich besteht die Luft hauptsächlich aus einundzwanzig Theilen Sauerstoff und neunundsiebenzig Theilen Stickstoff. Beim Athmen nun verzehrt der Mensch den Sauerstoff der eingeathmeten Luft, und stößt den Stickstoff wieder aus. Die ausgeathmete Luft hat etwa fünf Procent ihres Sauerstoffes verloren, und enthält dann fast ebensoviel Kohlensäure, welche durch Verbrennen von Elementen des Bluts durch den eingeathmeten Sauerstoff entsteht. Daraus ergiebt sich, daß in einem umschlossenen Raum nach einer gewissen Zeit aller Sauerstoff der Luft durch Kohlensäure ersetzt wird, ein wesentlich schädlicher Stoff.

Die Aufgabe bestand also damals darin: 1) Den verzehrten Sauerstoff zu ersetzen; 2) die ausgeathmete Kohlensäure zu vernichten. Dies war sehr leicht durch chlorsaures Kali und kaustisches Kali.

Chlorsaures Kali ist ein Salz, das in Form von weißen Flitterblättchen vorkommt; wenn man es einer Temperatur von mehr als hundert Grad aussetzt, verwandelt es sich in salzsaures Kali, und der Sauerstoff, welchen es enthält, entbindet sich völlig. Nun geben achtzehn Pfund chlorsaures Kali sieben Pfund Sauerstoff, also soviel, als die Reisenden binnen vierundzwanzig Stunden brauchen. So also läßt sich der Sauerstoff ergänzen.

Kaustisches Kali verschlingt den in der Luft enthaltenen Kohlenstoff sehr gierig, und man braucht es nur zu schütteln, damit es denselben an sich ziehe, und doppeltkohlensaures Kali bilde. So kann man also die Kohlensäure vernichten.

Durch Verbindung dieser beiden Mittel konnte man sicher sein, der verdorbenen Luft alle belebenden Eigenschaften wieder zu geben. Dieses hatten die beiden Chemiker Reiset und Regnault durch glückliche Experimente festgestellt.

Aber, nicht zu verhehlen ist, die Experimente wurden bis jetzt nur mit Thieren – in anima vili – gemacht. Bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit, womit dieselben veranstaltet wurden, wußte man durchaus nicht, wie sich Menschen dazu verhielten.

Diese Bemerkung war in der Sitzung, wo diese wichtige Frage behandelt wurde, gemacht worden. Michel Ardan wollte die Möglichkeit, mittelst dieser künstlich erzeugten Luft zu leben, nicht im Zweifel lassen, und erbot sich, vor der Abreise den Versuch zu machen.

Aber J. T. Maston nahm die Ehre, diesen Versuch zu machen, energisch in Anspruch.

»Da ich nicht mitreise«, sagte der brave Artillerist, »so darf ich doch wenigstens das Projectil acht Tage lang bewohnen.«

Es wäre undankbar gewesen, ihm seine Bitte abzuschlagen. Man willfahrte ihm und stellte ihm die hinreichende Quantität von chlorsaurem und kaustischem Kali sammt Lebensmitteln für acht Tage zur Verfügung; darauf, am 12. November um sechs Uhr Morgens frühe, drückte er seinen Freunden die Hand, und schlüpfte, nachdem er ausdrücklich anempfohlen, vor dem 20. um sechs Uhr Abends sein Gefängniß nicht zu öffnen, in das Projectil, und man schloß die Oeffnung hermetisch.

Was ging während dieser acht Tage vor? Man konnte darüber durchaus nichts vernehmen, da die Dicke der Wände hinderte, daß irgend welches Geräusch im Innern außerhalb gehört wurde.

Am 20. November präcis sechs Uhr wurde geöffnet; Maston’s Freunde waren doch etwas unruhig geworden. Aber sie wurden sogleich beruhigt, als sie mit freudiger Stimme ein fürchterliches Hurrah rufen hörten.

Alsbald kam auch der Secretär des Gun-Clubs an der Spitze des Kegels in triumphirender Haltung zum Vorschein.

Er war fetter geworden!

Vierundzwanzigstes Capitel.

Vierundzwanzigstes Capitel.

Das Teleskop des Felsengebirgs

Am 20. October des verflossenen Jahres, nachdem die Subscription beendigt war, hatte der Präsident des Gun-Clubs dem Observatorium zu Cambridge die nöthige Summe angewiesen, um ein ungeheures optisches Instrument zu verfertigen. Dasselbe sollte stark genug sein, um auf der Oberfläche des Mondes einen nur neun Fuß breiten Gegenstand sichtbar zu machen.

Zwischen Fernrohr und Teleskop ist ein bedeutender Unterschied, woran hier zu erinnern nicht überflüssig ist. Das Fernrohr besteht aus einer Röhre, welche an ihrem oberen Ende mit einer convexen Linse versehen ist, Objectiv genannt, am untern mit einer zweiten, genannt Ocularglas, vor welchem das Auge des Beobachters sich befindet. Die von dem erleuchteten Gegenstand herkommenden Strahlen dringen durch die erste Linse, und bilden durch Brechung im Brennpunkte derselben ein umgekehrtes Bild. Dieses betrachtet man mittelst des Oculars, welches dasselbe, gerade wie eine Loupe, vergrößert. Also ist beim Fernrohr die Röhre an beiden Enden geschlossen, durch das Objectiv- und das Ocularglas.

Beim Teleskop dagegen ist die Röhre am obern Ende offen. Die von dem beobachteten Gegenstand ausgehenden Strahlen dringen da frei ein und fallen auf einen concaven Metallspiegel convergent. Von da zurückprallend treffen sie auf einen kleinen Spiegel, welcher sie einem Ocularglas zuwirft, das zur Vergrößerung des hervorgebrachten Bildes geeignet ist.

So spielt bei den Fernröhren Brechung der Strahlen die Hauptrolle, bei den Teleskopen das Zurückprallen derselben. Daher nennt man die letzteren Refracteure, d. h. Strahlenbrecher, die letzteren Reflecteure, Zurückstrahler. Die ganze Schwierigkeit bei der Fertigung dieses optischen Apparats liegt in der Bereitung der Objective, seien sie Linsen oder Metallspiegel.

Zur Zeit nun, als der Gun-Club sein großes Experiment machte, waren diese Instrumente äußerst vollkommen und gaben prachtvolle Resultate. Galilei hatte seine Beobachtungen mit einem armseligen Fernrohr angestellt, welches höchstens siebenmal vergrößerte. Seit dem sechzehnten Jahrhundert wurden die optischen Instrumente beträchtlich weiter und länger, und gestatteten, die Sternenräume so gründlich, wie noch nie bisher, auszumessen. Unter den damals gebrauchten Refracteurs nannte man das Fernrohr des Observatoriums zu Pulkowa in Rußland, dessen Objectiv fünfzehn Zoll breit ist, das des französischen Optikers Lerebours mit einem Objectiv von gleicher Größe wie das vorige, und endlich das Fernrohr des Observatoriums zu Cambridge mit einem Objectiv von neunzehn Zoll.

Unter den Teleskopen waren zwei von merkwürdiger Stärke und riesenhafter Größe bekannt. Das erste, von Herschel construirt, war sechsunddreißig Fuß lang und hatte einen 4 ½ Fuß breiten Spiegel; man konnte damit sechstausendfache Vergrößerungen erhalten. Das zweite befand sich in Irland, zu Birrcastle im Park von Parsonstown und gehörte dem Lord Rosse. Seine Röhre war achtundvierzig Fuß lang, sein Spiegel sechs Fuß breit; es vergrößerte sechstausendundvierhundertfach, und man hatte ein ungeheures Mauerwerk aufführen müssen, um den für die Handhabung des Instruments nöthigen Apparat anzubringen; dasselbe wog achtundzwanzigtausend Pfund.

Aber, wie man sieht, trotz dieser kolossalen Dimensionen betrug die Vergrößerung nicht über sechstausendmal, in runder Zahl; eine solche aber bringt den Mond nur bis auf neununddreißig (engl.) Meilen nahe, und läßt nur Gegenstände von sechzig Fuß Durchmesser wahrnehmen, sofern sie nicht sehr lange sind.

Im vorliegenden Falle aber handelte sich’s um ein Projectil von neun Fuß Durchmesser und fünfzehn Fuß Länge: man mußte daher den Mond bis auf fünf Meilen (zwei Lieues) wenigstens nahe bringen, und dafür achtundvierzigtausendfache Vergrößerung erzielen.

Diese Aufgabe ward dem Observatorium zu Cambridge gestellt. Ungehemmt von finanziellen Schwierigkeiten blieben nur noch die materiellen.

Für’s erste war zwischen Fernrohr und Teleskop zu wählen. Ersteres bietet größere Vortheile: bei gleich großem Objectiv gestatten sie, beträchtlichere Vergrößerungen zu erzielen, weil die Lichtstrahlen, welche durch die Linsen dringen, weniger abgeschwächt werden, als durch die Reflexion vermittelst des Metallspiegels. Aber der Linse kann man nur eine beschränkte Größe geben, weil sie bei zu großer Dicke die Lichtstrahlen nicht mehr hindurchdringen läßt. Zudem ist die Anfertigung dieser ungeheuer großen Linsen äußerst schwierig und erfordert jahrelange Zeit.

Obwohl daher die Bilder der Gegenstände im Fernrohr besser beleuchtet sind, ein unschätzbarer Vorzug bei Beobachtung des Mondes, dessen Licht blos ein reflectirtes ist, so entschied man sich doch für’s Teleskop, welches rascher zu fertigen ist und stärkere Vergrößerungen erzielen läßt. Nur beschloß der Gun-Club, weil die Lichtstrahlen beim Durchdringen unserer Atmosphäre sehr an Stärke verlieren, das Instrument auf einem der höchsten Berge der Union aufzustellen, der dünnern Luftschicht wegen.

Bei den Teleskopen wird, wie wir gesehen haben, die Vergrößerung durch das Ocularglas, d. h. die vor dem Auge des Beobachters befindliche Loupe, bewirkt, und dasjenige Objectiv ist dafür am förderlichsten, welches den größten Durchmesser und die größte Distanz des Brennpunktes hat. Um eine achtundvierzigtausendmalige Vergrößerung zu erzielen, müßte man das Objectiv bedeutend größer machen, wie Herschel und Lord Rosse. Darin lag die Schwierigkeit, denn der Guß solcher Spiegel ist eine sehr mißliche Sache.

Zum Glück hatte vor einigen Jahren ein französischer Gelehrter, Léon Foucault, Mitglied des Instituts, ein Verfahren erfunden, wodurch das Poliren der Objektive sehr leicht und rasch zu Stande gebracht wird, indem man an Stelle der Metallspiegel versilberte anwendet. Man brauchte nur ein Glas von der erforderlichen Größe zu gießen und vermittelst Silbersalz mit Metall zu überziehen. Dieses so trefflich bewährte Verfahren wurde bei Anfertigung des Objectivs befolgt.

Ferner wendete man für die Anordnung die von Herschel für seine Teleskopen ersonnene Methode an. Bei dem großen Apparate des Astronomen von Slough wurde das Bild des Gegenstandes von dem unten im Tubus in geneigter Lage befindlichen Spiegel reflectirt, so daß es am entgegengesetzten Ende, wo das Ocularglas sich befand, sich darstellte. Dergestalt bekam der Beobachter, anstatt am untern Theile der Röhre, am obern seinen Platz, von wo aus er vermittelst seiner Loupe in den enormen Cylinder hinabschaute. Diese Anordnung bot den Vortheil, daß der kleinere Spiegel, welcher die Bestimmung hatte, das Bild dem Ocularglas zuzuwerfen, ganz wegfiel, so daß anstatt einer doppelten Zurückstrahlung nur eine einmalige stattfand, folglich eine mindere Anzahl von Lichtstrahlen verloren ging, demnach das Bild minder schwach war, mithin mehr Klarheit erzielt wurde, ein höchst schätzbarer Vorzug bei der Beobachtung, welche angestellt werden sollte.

Nachdem diese Beschlüsse gefaßt waren, begannen die Arbeiten. Nach den Berechnungen des Bureau des Observatoriums zu Cambridge sollte der Tubus des neuen Reflectors eine Länge von zweihundertundachtzig Fuß und sein Spiegel sechzehn Fuß Durchmesser bekommen. So kolossal auch solch ein Instrument war, so war es doch nicht mit dem Teleskop zu vergleichen, welches der Astronom Hooke vor einigen Jahren in Vorschlag brachte, nämlich von einer Länge von zehntausend Fuß (= 3 Kilometer). Dennoch bot dessen Anfertigung große Schwierigkeiten.

Die Frage, an welcher Stelle dasselbe aufzustellen sei, wurde rasch entschieden. Es war ein hohes Gebirg zu wählen, und solche sind in den Vereinigten Staaten nicht zahlreich.

In der That beschränkt sich das Gebirgssystem dieses großen Landes auf zwei Ketten von mittlerer Höhe, zwischen welchen der majestätische Mississippi strömt, welchen die Amerikaner »König der Flüsse« nennen würden, wenn sie irgend ein Königthum gelten ließen.

In der östlichen Kette der Apalachen ragt der höchste, in New-Hampshire gelegene Gipfel nicht über die bescheidene Höhe von fünftausendsechshundert Fuß hinan.

Im Westen dagegen findet sich das Felsengebirge, ein Theil der ungeheuren Kette, welche von der Magellanischen Enge an längs der Westküste Süd-Amerika’s unter dem Namen Anden oder Cordilleren hinzieht, über den Isthmus von Panama sich fortsetzt und durch Nordamerika bis zum Gestade des Polarmeeres läuft.

Dieses Gebirge ist nicht sehr hoch, und die Alpen, wie der Himalaya würden mit größter Verachtung auf sie herabsehen. In der That ist sein höchster Gipfel nicht über zehntausendsiebenhundert Fuß hoch, während der Montblanc vierzehntausendvierhundertneununddreißig mißt, und der Kintschindjinga [Der höchste Gipfel des Himalaya] sechsundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundsiebenzig über den Meeresspiegel sich erhebt.

Aber da der Gun-Club darauf hielt, daß das Teleskop, ebenso wie die Columbiade, innerhalb der Staaten der Union errichtet würde, so mußte man sich mit dem Felsengebirg begnügen, und das erforderliche Material wurde auf den Gipfel Long’s-Peak im Gebiet von Missouri geschafft.

Unbeschreibliche Schwierigkeiten aller Art hatten die amerikanischen Ingenieure zu überwinden; sie verrichteten Wunder an Kühnheit und Geschicklichkeit. Enorme Steinblöcke, schwere Stücke geschmiedeten Metalls, Klammern von beträchtlichem Gewicht, ungeheure Stücke des Cylinders, das Objectiv, welches allein bei dreißigtausend Pfund wog, mußten über die Linie des ewigen Schnees mehr als zehntausend Fuß hoch hinauf geschafft werden, nachdem man sie zuvor über öde Wiesengründe, undurchdringliche Wälder und reißende Gewässer, fern von bevölkerten Plätzen, mitten durch wilde Gegenden zu transportiren hatte, wo jede Existenz fast unmöglich war. Dennoch triumphirte das Genie der Amerikaner über diese tausend Hindernisse. Es verfloß nicht ein volles Jahr seit dem Beginnen der Arbeiten, in den letzten Tagen des September ragte der riesenhafte Refractor mit seinem zweihundertachtzig Fuß langen Tubus in die Lüfte empor. Er war von einem enormen eisernen Gerüste umgeben, und ein sinnreicher Mechanismus setzte in den Stand, ihn leicht nach allen Punkten des Himmels zu bewegen, um den Gestirnen auf ihrer Bahn von der einen Seite des Horizonts bis zur andern zu folgen.

Er hatte über viermalhunderttausend Dollars gekostet. Als er zum erstenmal auf den Mond gerichtet wurde, geriethen die Beobachter vor neugierigem Wissensdrang in unruhige Bewegung. Was sollten sie mit dem achtundvierzigtausendmal vergrößernden Teleskop da für Entdeckungen machen? Mondvölker und Heerden, Städte, Seen, Meere? – Nichts von dem fand sich, nichts, was die Wissenschaft nicht bereits kannte; und auf allen Punkten seiner Scheibe ließ sich die vulcanische Natur des Mondes mit absoluter Genauigkeit feststellen.

Aber das Teleskop des Felsengebirgs leistete, noch ehe es des Gun-Clubs Zwecke förderte, der Astronomie bereits unermeßliche Dienste. Durch seine weit reichende Kraft wurden die Tiefen des Himmels bis zu den äußersten Grenzen durchforscht, bei einer großen Anzahl von Sternen wurde der scheinbare Durchmesser sehr genau bestimmt, und H. Clarke auf dem Bureau zu Cambridge war im Stande, das Nebelgestirn »Krebs« im Stiere in seine Einzeltheile zu zerlegen, was der Reflector Lord Rosse’s niemals hatte fertig bringen können.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Fünfundzwanzigstes Capitel.

Letzte Begebnisse

Es war der 22. November, und in zehn Tagen der äußerste für die Abreise bestimmte Zeitpunkt. Noch eine Operation war vorzunehmen und glücklich auszuführen, die viele Behutsamkeit erforderte, gefährlich, ja so mißlich war, daß der Capitän Nicholl seine dritte Wette auf ihr Mißglücken gestellt hatte. Die Columbiade war mit viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle zu laden. Nicholl hatte, vielleicht nicht ohne Grund, besorgt, die Behandlung einer so furchtbaren Menge leicht entzündlichen Stoffes werde bedeutende Katastrophen veranlassen, und jedenfalls die Masse unter dem Druck des Projectils sich von selbst entzünden.

Noch größere Gefahr drohte durch die leichtsinnige Sorglosigkeit der Amerikaner, welche während des Bundeskriegs gar keinen Anstand nahmen, mit der Cigarre im Mund ihre Bomben zu laden. Aber Barbicane ließ es sich angelegen sein, es mit Erfolg auszuführen, und nicht im Hafen zu scheitern; er wählte daher seine besten Arbeiter aus, ließ sie unter seinen Augen ihr Werk verrichten, wendete nicht einen Augenblick den Blick von ihnen und wußte durch Klugheit und Vorsicht sich den glücklichen Erfolg zu sichern.

Vor Allem war er so vorsichtig, nicht die ganze Ladung auf einmal nach Stone’s-Hill bringen zu lassen, sondern nur nach und nach in vollkommen verschlossenen Kisten. Die gesammte Baumwollenmasse war in Päcke von fünfhundert Pfund Gewicht vertheilt, das waren achthundert starke Patronen, die von den geschicktesten Werkleuten zu Pensacola sorgfältig gefertigt waren. Jede Kiste enthielt deren zehn, und sie kamen eine nach der andern auf der Eisenbahn von Tampa-Town; auf diese Weise hatte er nie mehr als fünftausend Pfund auf einmal in dem Werkhof. Sowie eine solche ankam, wurde sie von Arbeitern, die barfuß gingen, entladen und jede Patrone an die Mündung der Columbiade gebracht, wo man sie vermittelst Krahnen, die von Menschenhand gedreht wurden, hinabsenkte. Jede Dampfmaschine war entfernt, und auf zwei Meilen ringsum jedes Fünkchen Feuer gelöscht. Es war schon eine starke Aufgabe, die Masse Schießbaumwolle gegen die Sonnenhitze zu schützen. Man arbeitete daher vorzugsweise bei Nacht beim Schein eines künstlich erzeugten Lichtes, welches mit Hilfe eines Ruhmkorff’schen Apparats das Innere der Columbiade bis auf den Grund taghell erleuchtete. Hier wurden die Patronen regelmäßig in Reihen geordnet und mit einem Metalldraht aneinander befestigt, welcher den elektrischen Funken gleichzeitig in’s Centrum einer jeden zu leiten bestimmt war.

In der That, die Anzündung dieser Masse Baumwolle mußte vermittelst der Voltaischen Säule geschehen. Alle diese, mit einem isolirenden Stoff umgebenen Drahtfäden vereinigten sich oben, wo das Projectil aufgesetzt werden sollte, bei einem engen Zündloch; hier liefen sie durch die dicke gußeiserne Wand durch eines der in der Mauerkleidung gelassenen Luftlöcher, bis zum Boden hinauf. Hier auf der Höhe von Stone’s-Hill wurde der Draht, von Trägern unterstützt, zwei Meilen weit fortgeleitet, indem er durch einen Unterbrechungsapparat bis zu einer starken Voltaischen Säule lief.

Man brauchte dann nur mit dem Finger auf den Knopf des Apparats zu drücken, um den Strom augenblicklich wieder herzustellen, und das Feuer theilte sich den viermalhunderttausend Pfund Baumwolle mit. Es versteht sich von selbst, daß die Säule erst im letzten Augenblick in Thätigkeit gesetzt ward.

Am 28. November waren die achthundert Patronen im Innern der Columbiade eingelegt. Dieser Theil der Arbeit war glücklich fertig. Aber welches Lärmen, welche Unruhe, welche Kämpfe hatte Barbicane zu bestehen! Es half nichts, den Eintritt in Stone’s-Hill zu verbieten; tagtäglich stiegen die Neugierigen über die Palissaden, und manche gingen in ihrer Unvorsichtigkeit bis zum Wahnsinn, rauchten mitten unter den Ballen Schießbaumwolle. Barbicane gerieth täglich in Zornentrüstung. Maston unterstützte ihn möglichst, indem er die Eingedrungenen lebhaft verjagte, und die brennenden Cigarrenstumpfen sammelte, welche die Yankees hinwarfen. Ein schweres Stück Arbeit, denn es drängten sich über dreimalhunderttausend Mann um die Palissaden. Michel Ardan hatte sich zwar erboten, die Kisten bis zur Mündung der Columbiade zu escortiren; aber da er ihn selbst mit einer Cigarre im Munde betraf, während er die Unvorsichtigen, welchen er das schlimme Beispiel gab, fortjagte, sah der Präsident des Gun-Clubs wohl, daß er sich auf diesen unermüdlichen Raucher nicht verlassen könne, und sah sich genöthigt, ihn ganz besonders überwachen zu lassen.

Endlich, da Gottes Auge die Artilleristen schützt, wurde das Laden ohne Explosion glücklich fertig gebracht. Die dritte Wette des Capitäns Nicholl war also sehr gewagt. Es war nur noch das Projectil hinein zu bringen, und auf der dichten Lage Schießbaumwolle aufzustellen.

Aber bevor man zu dieser Verrichtung schritt, wurden die Reisebedürfnisse in dem Waggon-Projectil geordnet aufgestellt. Es war deren eine ziemliche Anzahl, und hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätten sie bald den ganzen für die Reisenden vorbehaltenen Raum eingenommen. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser liebenswürdige Franzose Alles in den Mond mitnehmen wollte. Ein wahrer Ballast unnöthiger Dinge. Aber Barbicane legte sich in’s Mittel, und man mußte sich auf das streng Nothwendige beschränken.

Einige Thermometer, Barometer und Brillen wurden in den Koffer zu den Instrumenten gethan.

Die Reisenden waren begierig, unterwegs den Mond zu studiren, und sie nahmen, um sich die Kenntniß dieser neuen Welt zu erleichtern, die ausgezeichnete Mondkarte von Beer und Mädler mit, in vier Blättern, welche für ein wahres Meisterstück ausdauernder Beobachtung gilt. Sie stellt mit gewissenhafter Genauigkeit die uns zugewendete Seite des Mondes im geringsten Detail dar: Berge, Thäler, Circus, Krater, Rundplätze, Bergkegel und Streifen waren in genauen Maßangaben, richtiger Lage und Benennung, von den Bergen Dörfel und Leibnitz, mit seinem hohen Gipfel auf der östlichen Seite der Scheibe bis zum Eismeer in der Umgebung des nördlichen Pols.

Es war also für die Reisenden ein kostbares Document, denn sie konnten darauf das Land studiren, bevor sie noch den Fuß darauf gesetzt.

Sie nahmen ferner drei Büchsen und drei Jagd-Carabiner für explodirende Kugeln mit; dazu Pulver und Blei in reichlichem Vorrath.

»Man weiß nicht, mit wem man dort zu thun haben wird«, sagte Michel Ardan. »Menschen oder Thiere könnten’s übel nehmen, daß wir ihnen einen Besuch machen! Man muß sich also vorsehen.«

Uebrigens wurde auch nützliches Werkzeug, wie Beile, Hacken und Handsägen, mitgenommen, sowie Kleidungsstücke für alle Temperaturen und Zonen.

Michel Ardan hätte gern eine Anzahl Thiere mitgenommen, obwohl nicht von jeder Gattung ein Paar, denn Schlangen, Tiger, Alligatoren und andere Raubthiere wollte er nicht auf dem Monde einführen.

»Nein«, sagte er zu Barbicane, »aber einige Saumthiere, Ochse oder Kuh, Esel oder Pferd würden dort dienlich und uns vielleicht sehr nützlich sein.«

– Ich geb‘ das zu, lieber Ardan, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, aber unser Waggon-Projectil ist nicht eine Arche Noah. Das ist weder seine Bestimmung, noch ist’s dazu eingerichtet. Also bleiben wir innerhalb der Grenzen des Möglichen.

Endlich, nach langem Widerreden, kam man überein, sich mit einer vortrefflichen Jagdhündin, die Nicholl gehörte, und einem munteren, kräftigen Neufoundländer zu begnügen. Einige Kisten nützlicher Arten Saatfrucht wurden zu den unerläßlichen Gegenständen gerechnet. Hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätte er auch einige Säcke mit Erde mitgenommen, um sie darauf zu säen. Für alle Fälle nahm er ein Dutzend junger Bäumchen mit, welche sorgfältig mit Stroh eingepackt in einen Winkel gestellt wurden.

Nun blieb noch die wichtige Lebensmittelfrage, denn man mußte sich für den Fall vorsehen, daß man in eine durchaus unfruchtbare Gegend des Mondes gerathen würde. Barbicane war so vorsichtig, für ein ganzes Jahr Vorrath mitzunehmen. Doch muß ich bemerken, daß man nicht allzusehr staune, diese Lebensmittel bestanden in Conserven von Fleisch und zusammengepreßtem Gemüse, und zwar solche, die viel Nahrungsstoff enthielten; zwar nicht viel zur Abwechselung, aber bei solch einer Fahrt darf man nicht heikel sein. Auch Branntwein war dabei, etwa zweihundert Liter, und Wasser nur für zwei Monate; denn in Folge der neuesten astronomischen Beobachtungen zweifelte man nicht, daß auf der Oberfläche des Mondes eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. In Hinsicht der Lebensmittel wäre es unsinnig gewesen, zu glauben, daß Erdbewohner dort keine Nahrung für sich fänden. Michel Ardan hatte in der Hinsicht gar keinen Zweifel mehr; sonst hätte er sich auch nicht zur Reise dahin entschlossen.

»Uebrigens«, sagte er eines Tages zu seinen Freunden, »werden wir von unseren Kameraden auf der Erde nicht ganz im Stich gelassen werden, sie werden uns nicht vergessen.«

– Nein, gewiß nicht, erwiderte J. T. Maston.

– Wie verstehen Sie das? fragte Nicholl.

– Ganz einfach, erwiderte Ardan. Ist nicht die Columbiade hier? Nun! So oft der Mond sich in der günstigen Zenithstellung findet, wenn auch nicht in Erdnähe, also etwa einmal im Jahre, könnte man uns denn nicht eine mit Lebensmitteln befrachtete Kugel zusenden, die wir am bestimmten Tage erwarten würden?

– Hurrah! Hurrah! rief Maston, als ein Mann von Ideen; trefflich gesagt! Gewiß, wackere Freunde, wir werden Euch nicht vergessen!

– Ich verlasse mich darauf! So, sehen Sie, bekommen wir regelmäßig Nachrichten vom Erdball, und was uns betrifft, so würden wir sehr ungeschickt sein, wenn wir nicht Mittel fänden, uns mit unseren guten Freunden auf der Erde in Verbindung zu setzen!«

Diese Worte athmeten eine solche Zuversicht, daß Michel Ardan bei seiner entschiedenen Miene, seiner festen Haltung den ganzen Gun-Club mit sich fortgerissen hätte. Was er sagte, schien so einfach, elementar, leicht, von sicherem Erfolg, und man hätte wahrhaftig in kleinlicher Weise an diesem armseligen Erdball kleben müssen, wäre man nicht bereit gewesen, die drei Reisenden bei ihrer Mondfahrt zu begleiten.

Als die verschiedenen Gegenstände in dem Projectil aufgestellt waren, wurde das zur Hemmung des Rückstoßes bestimmte Wasser in seine Verschläge gebracht und das Leuchtgas in seine Behälter gepumpt. Von kohlensaurem und kaustischem Kali nahm Barbicane, um für eine unvorausgesehene Verspätung zu sorgen, einen hinreichenden Vorrath mit, um zwei Monate lang den Sauerstoff erneuern und die Kohlensäure entfernen zu können. Er hatte einen äußerst sinnreichen Apparat, der automatisch wirkend der Luft ihre belebenden Eigenschaften wiedergab und sie vollständig reinigte. So war denn das Projectil gerüstet, es war nur noch nöthig, dasselbe in die Columbiade hinabzubringen; eine übrigens schwierige und gefährliche Operation.

Das enorme Geschoß wurde auf den Gipfel von Stone’s-Hill gebracht, wo starke Krahnen es faßten und schwebend über den metallenen Schacht hielten.

Es war ein Moment ängstlicher Besorgniß. Wenn unter dem ungeheuren Gewicht die Ketten rissen, so wäre durch das Herabfallen einer solchen Masse die Entzündung der Baumwolle unfehlbar erfolgt.

Zum Glück trat dieser Fall nicht ein, und nach einigen Stunden lagerte das behutsam in die Seele der Kanone hinabgesenkte Projectil auf der baumwollenen Unterlage wie auf Eiderdaunen. Seine Schwere wirkte nur dahin, die Ladung der Columbiade stärker zu verpfropfen.

»Ich hab‘ verloren«, sagte der Kapitän, und stellte dem Präsidenten Barbicane dreitausend Dollars zu.

Barbicane wollte von seinem Reisekameraden das Geld nicht annehmen; aber er mußte Nicholl’s Beharrlichkeit nachgeben, der, bevor er die Erde verließ, alle seine Verbindlichkeiten erfüllen wollte.

»Dann«, sagte Michel Ardan, »habe ich nur noch einen Wunsch für Sie, mein wackerer Kapitän.«

– Und der wäre? fragte Nicholl.

– Daß Sie auch die beiden anderen Wetten verlieren mögen! Dann werden wir sicherlich auf der Reise nicht drauf gehen.«

Sechzehntes Capitel.

Sechzehntes Capitel.

Die Columbiade.

War der Guß gelungen? Man konnte darüber nur Vermuthungen haben. Doch ließ Alles an den guten Erfolg glauben, weil die Gießform die ganze Masse des in den Oefen geschmolzenen Metalls in sich aufgenommen hatte. Wie dem auch sei, es sollte noch lange dauern, bis man darüber Gewißheit haben konnte.

In der That, als der Major Rodman seine Kanone von hundertsechzigtausend Pfund goß, waren nicht weniger als vierzehn Tage zum Abkühlen erforderlich. Wie lange noch sollte die riesenhafte Columbiade, umgeben von ihren Dampfwirbeln und durch ihre große Hitze geschützt, sich den Blicken ihrer Bewunderer entziehen? Das war schwer zu berechnen.

Die Ungeduld der Mitglieder des Gun-Clubs wurde inzwischen auf eine harte Probe gestellt. Aber es ließ sich nichts dafür thun. Maston hätte sich beinahe aus Hingebung gebraten. Vierzehn Tage nach dem Guß stieg noch ein unendlicher Rauchwirbel zum Himmel empor, und im Umkreis von zweihundert Fuß um Stone’s-Hill verbrannte noch der Boden die Füße.

Tage verflossen, Wochen reihten sich an Wochen. Kein Mittel, den ungeheuren Cylinder abzukühlen. Keine Möglichkeit, nahe zu kommen. Es galt nur abzuwarten, und die Mitglieder des Gun-Clubs mußten sich in Geduld fügen.

»Nun haben wir schon den 10. August,« sagte eines Morgens J. T. Maston. »Keine vier Monate mehr bis zum 1. December. Den inneren Theil der Form herausnehmen, die Seele kalibriren, die Columbiade laden, das Alles muß noch geschehen! Wir werden nicht fertig! Man kann ja noch nicht einmal nahe kommen! Wird die Kanone niemals kalt werden! Da wären wir grausam angeführt!«

Vergeblich suchte man den ungeduldigen Secretär zu beruhigen; Barbicane äußerte nichts, aber sein Schweigen barg eine innere Aufregung. Gänzlich gehemmt sein durch ein Hinderniß, das nur die Zeit besiegen konnte – die Zeit, unter den gegebenen Umständen ein fürchterlicher Feind, – und einem Feind waffenlos Preis gegeben, das war hart für Kriegerseelen!

Inzwischen ließen tägliche Beobachtungen eine Veränderung im Zustand des Bodens wahrnehmen. Um den 15. August war der emporsteigende Dampf bereits bedeutend minder stark und dicht. Einige Tage hernach strömte der Boden nur noch leichte Dünste aus, ein letztes Hauchen des im steinernen Sarg eingeschlossenen Ungeheuers. Nach und nach hörte das Zittern des Bodens auf, und der Kreis des Wärmestoffs ward enger; die ungeduldigsten Zuschauer wagten sich näher; den einen Tag gewannen sie zwei Toisen, den folgenden vier, und am 22. August konnte Barbicane mit seinem Ingenieur und seinen Collegen schon auf dem Streifen-Guß Platz nehmen, welcher den Boden von Stone’s-Hill leicht bedeckte; gewiß ein der Gesundheit zuträglicher Ort, wo man nicht kalte Füße bekam.

»Endlich!« rief der Präsident des Gun-Clubs mit tiefer Befriedigung aus.

Denselben Tag noch begannen wieder die Arbeiten. Sofort schritt man dazu, das Innere der Form herauszunehmen; die Hacke und Spitzhaue, die Werkzeuge zum Bohren waren unausgesetzt thätig; die Thonerde mit dem Sand hatten durch Einwirkung der Wärme eine äußerste Härte erlangt; aber mit Hilfe der Maschinen bewältigte man den Stoff, welcher in der Nähe der Wände noch glühend heiß war; er wurde herausgenommen, und rasch auf Karren mit Dampfkraft fortgeschafft. Dabei war der Eifer bei der Arbeit so groß und förderlich, Barbicane’s Einwirkung so dringend, und seine Beweisgründe in Form von Dollars so wirksam, daß am 3. September jede Spur der Gußform verschwunden war.

Sogleich begann darauf das Ausfeilen; unverzüglich wurden die Maschinen in Bewegung gesetzt, und mächtige Feilen waren eilig beschäftigt, alles Rauhe des Gusses zu beseitigen. Nach einigen Wochen war die innere Fläche der ungeheuren Röhre völlig cylindrisch und die Seele fein polirt.

Endlich, am 22. September, ehe noch ein Jahr seit Barbicane’s Bekanntmachung verflossen, war die enorme Maschine, sorgfältig kalibrirt, und mit Hilfe genauer Instrumente vollständig vertikal gerichtet, zum Gebrauch fertig. Man hatte nur noch den Mond abzuwarten, konnte aber sicher sein, daß er beim Rendez-vous erscheinen werde.

Maston’s Freude ging über alle Schranken, und er hätte beinahe, indem er in die neunhundert Fuß lange Röhre blickte, einen schrecklichen Fall gethan.

Hätte er sich nicht an dem starken Arm Blomsberry’s festgehalten, so hätte der Secretär des Gun-Clubs, wie ein neuer Herostrat, in den Tiefen der Columbiade seinen Tod gefunden.

Die Kanone war also fertig; an ihrer vollkommenen Herstellung war nicht zu zweifeln; daher erschien auch am 6. October der Kapitän Nicholl bei dem Präsidenten Barbicane, und dieser trug in seine Bücher den Einnahmeposten von zweitausend Dollars ein. Man kann wohl glauben, daß der Kapitän im höchsten Grade erzürnt war, so daß er krank ward. Doch waren noch drei Wetten, zu drei, vier und fünftausend Dollars, so daß, wenn er nur zwei derselben gewann, seine Sache nicht schlecht, wo nicht vortrefflich stand. Aber er brachte das Geld gar nicht in Anschlag, und der von seinem Rivalen errungene Erfolg, eine Kanone zu gießen, welcher sechsunddreißig Fuß dicke Platten nicht widerstehen konnten, versetzte ihm einen harten Schlag.

Seit dem 23. September war dem Publicum der Zutritt in den umschlossenen Raum von Stone’s-Hill erlaubt, und man kann sich denken, welch‘ ein Zuströmen von Besuchern stattfand.

In der That, zahllose Neugierige aus allen Theilen der Vereinigten Staaten zogen sich nun nach Florida. Die Stadt Tampa hatte sich im Laufe des den Arbeiten des Gun-Clubs gewidmeten Jahres bedeutend vergrößert, und sie zählte damals hundertundfünfzigtausend Bewohner. Nachdem sie zuerst das Fort Brooke mit einem Netz von Straßen umgeben hatte, dehnte sie sich nun auf der Erdzunge aus, welche die beiden Rheden der Bai Espiritu Santo scheidet, neue Quartiere, neue Plätze, ein ganzer Wald von Häusern war im Klima amerikanischer Sonne an den kürzlich noch öden Uferstellen emporgewachsen. Es hatten sich Compagnien gebildet, um Kirchen, Schulen, Privatwohnungen zu bauen, und im Verlauf eines Jahres war die Stadt zehnmal größer geworden.

Bekanntlich sind die Yankees geborene Kaufleute; überall, wohin sie das Schicksal wirft, vom Pol bis zum Aequator, muß ihr Geschäftsinstinct sich nutzbringend üben. Daher kam’s, daß blos neugierige Leute, die einzig zu dem Zweck nach Florida kamen, um den Arbeiten des Gun-Clubs beizuwohnen, sich, sowie sie in Tampa wohnhaft waren, mit Handelsunternehmungen befaßten. Die Schiffe, welche für den Transport des Materials und der Arbeiter gemiethet waren, hatten eine Thätigkeit ohne Gleichen im Hafen veranlaßt. Bald fanden sich andere Fahrzeuge von jeder Größe und Gestalt, mit Lebensmitteln, Vorräthen und Waaren befrachtet, in der Bai und auf den beiden Rheden ein; es entstanden große Rhederei-Comptoirs und Wechselstuben, und die Schiffahrtszeitung zählte täglich neue Schiffe auf, die im Hafen von Tampa ankamen.

Während die Straßen sich um die Stadt herum vervielfältigten, wurde diese, in Betracht des erstaunlichen Zuwachses der Bevölkerung und ihres Handels, durch eine Eisenbahn mit den Südstaaten der Union in Verbindung gebracht. Bereits war Mobile mit Pensacola, dem großen Seearsenal des Südens, durch einen Bahnweg in Verbindung, führte dann von da aus nach Talahassee. Dieses war durch eine Strecke von einundzwanzig Meilen mit St. Marks am Meeresufer in Verbindung. Diese kurze Bahnstrecke wurde nun nach Tampa-Town verlängert, und führte in dieser Richtung den erstorbenen Theilen Mittelflorida’s erneuertes Leben zu. So konnte Tampa, Dank der durch einen eminenten Kopf hervorgerufenen merkwürdigen Industrie mit Recht sich als große Stadt benehmen. Man hatte ihr den Beinamen »Mondstadt« gegeben.

Nun ist’s Jedem begreiflich, weshalb die Eifersucht zwischen Texas und Florida so arg gewesen, und die Texaner so aufgebracht wurden, als sie durch die Wahl des Gun-Clubs ihre Ansprüche zurückgewiesen sahen. In vorausblickendem Scharfsinn hatten sie eine Idee davon, welche Vortheile Barbicane’s Experiment dem Lande bringen werde. Es entging Texas dadurch ein bedeutender Mittelpunkt des Handels und der Eisenbahnen, mit einem beträchtlichen Zuwachs an Bevölkerung. Alle diese Vortheile wurden jetzt der armseligen Halbinsel Florida zu Theil, welche nun einen Damm zwischen den Fluthen des Golfs und den Wogen des Oceans bilden zu sollen schien. Darum hatte auch Barbicane eine so arge Antipathie gegen Texas, wie sie der General Sta. Anna hegte.

Obwohl ihrem Handelstrieb und ihrem industriellen Eifer hingegeben, ließ doch die neue Bevölkerung von Tampa-Town die interessanten Werke des Gun-Clubs nicht unbeachtet. Im Gegentheil sie wendete den geringsten Details der Unternehmung eine leidenschaftliche Theilnahme zu. Zwischen der Stadt und Stone’s-Hill strömte man beständig hin und her, es war eine Procession, eine Wallfahrt.

Man konnte schon voraussehen, daß am Tage des Experiments die Zuschauer nach Millionen zählen würden, denn sie kamen schon von allen Punkten der Erde her und strömten auf die schmale Landzunge zusammen. Europa wanderte nach Amerika.

Aber bisher, muß man zugeben, war die Neugierde dieser zahllosen Ankömmlinge nur wenig befriedigt worden. Viele rechneten bei dem Guß auf ein Schauspiel und bekamen nur Rauch zu sehen. Das war für die gierigen Blicke zu wenig; aber Barbicane wollte bei dieser Operation durchaus keine Zuschauer. Daher fluchte, murrte, schalt man; man warf dem Präsidenten eine Willkür vor, die wenig »amerikanisch« sei. Beinahe hätte es einen Aufruhr bei den Palissaden von Stone’s-Hill gegeben. Barbicane blieb, wie mir wissen, unerschütterlich in seinem Entschluß.

Als aber die Columbiade völlig fertig war, gestattete er den Zutritt; es wäre auch unhöflich, ja unklug gewesen, die Gefühle des Publicums zu mißachten. Barbicane ließ daher Jedermann zu; doch sein praktischer Sinn gab ihm den Gedanken ein, aus dieser Neugierde Capital zu schlagen.

Die riesenmäßige Columbiade anzuschauen, war wohl etwas Großes; aber in dieselbe hineinzusteigen, schien den Amerikanern ein Glück ohne Gleichen. Daher versagte sich auch kein einziger Besucher dieses Vergnügen, das man ihnen vermittelst einer mechanischen Vorrichtung nebst Dampfkraft verschaffte. Wie wahnsinnig drängte man sich zu, Frauen, Kinder, Greise, in die Geheimnisse des Riesen bis auf den tiefsten Grund des Innern zu dringen. Trotz des hohen Preises von fünf Dollars für die Person strömten zwei Monate lang die Besucher zu, und brachten dem Gun-Club eine Einnahme von fast fünfmalhunderttausend Dollars. Den ersten Besuch in der Columbiade statteten natürlich die Mitglieder des Gun-Clubs ab, ein Fest, das am 25. September stattfand. Der Präsident Barbicane, Maston, der Major Elphiston, Obrist Blomsberry, der Ingenieur Murchison, und andere hervorragende Mitglieder, im Ganzen zehn, fuhren hinab. Es war im Innern der langen Metallröhre noch ziemlich warm, ein wenig zum Ersticken; aber eine Freude dagegen zum Entzücken! Eine Tafel von zehn Gedecken war da unten hergerichtet, mit tagheller Beleuchtung durch elektrisches Licht. Zahlreiche ausgesuchte Gerichte kamen wie vom Himmel herab vor die Gäste und die besten Weine Frankreichs strömten reichlich bei dem Gastmahl in der Tiefe von neunhundert Fuß.

Das Fest war sehr belebt, ja lärmend; man trank auf’s Wohl des Erdballs und seines Trabanten, aufs Wohl des Gun-Clubs, der Union, des Mondes, der Phöbe, Selene etc. etc. Alle diese Toaste gelangten in der akustischen Röhre donnerähnlich oben an, wo die Menge rings mit Jubel in die Rufe der zehn Gäste da unten einstimmte.

Maston war außer sich, schrie und gestikulirte, hätte seinen Platz nicht mit einem Königreich getauscht, »hätte auch die geladene Kanone ihn bis zu dem Planetenraum in die Lüfte geschleudert!«

Neuntes Capitel.

Neuntes Capitel.

Die Pulverfrage

Es war noch die Frage des Pulvers vorzunehmen. Das Publicum sah mit Spannung dieser Entscheidung entgegen. Da die Dicke des Projectils und die Länge der Kanone gegeben waren, welche Quantität Pulver würde nun erforderlich sein, um die treibende Kraft zu produciren? Diese fürchterliche Kraft, deren Wirkungen jedoch der Mensch zu bemeistern versteht, sollte nun berufen sein, in unerhörten Verhältnissen seine Rolle zu spielen.

Man hat allgemein angenommen und wiederholt gerne, das Pulver sei im vierzehnten Jahrhundert von einem Mönch Namens Schwarz erfunden worden, der seine Entdeckung mit dem Leben zu bezahlen hatte. Aber es ist nun der Beweis fast völlig hergestellt, daß diese Geschichte unter die Märchen des Mittelalters zu rechnen ist. Kein Mensch hat das Pulver erfunden; es ist direct vom griechischen Feuer herzuleiten, welches ebenfalls eine Mischung von Schwefel und Salpeter war. Nur haben sich seitdem diese Mischungen aus zerfließenden in explodirende verwandelt.

Aber sind auch die Gelehrten über diesen Irrthum im Reinen, so verstehen doch wenige Menschen die mechanische Kraft des Pulvers zu beurtheilen. Das muß man jedoch können, um die Wichtigkeit der dem Comité unterbreiteten Frage zu begreifen.

Also ein Liter Pulver wiegt ungefähr zwei Pfund (= neunhundert Gramm); es erzeugt beim Entzünden vierhundert Liter Gas; ist dies Gas frei und unter Einwirkung einer Temperatur bis zu zweitausendvierhundert Grad, so nimmt es den Raum von viertausend Liter an. Also verhält sich der Umfang des Pulvers zu dem des durch seine Verbrennung erzeugten Gases wie eins zu viertausend. Darnach ermesse man die entsetzlich treibende Kraft dieses Gases, wenn es in einen viertausendmal zu engen Raum eingepreßt ist.

Dies war den Mitgliedern des Comités, als sie am folgenden Tage zur Sitzung zusammen kamen, geläufig. Barbicane gab dem Major Elphiston das Wort, welcher während des Kriegs Pulverdirector gewesen war.

»Liebe Kameraden, sagte dieser ausgezeichnete Chemiker, ich will mit unverwerflichen Zahlen beginnen, die uns als Basis dienen sollen. Der Vierundzwanzigpfünder, von welchem vorgestern der ehrenwerthe Herr Maston mit so poetischem Schwung gesprochen hat, ist nur durch sechzehn Pfund Pulver aus dem Feuerschlund getrieben worden.«

– Ist diese Ziffer zuverlässig? fragte Barbicane.

– Ganz zuverlässig, erwiderte der Major. Die Armstrong-Kanone braucht nur fünfundsiebenzig Pfund Pulver für ein Projectil von achthundert Pfund und die Columbiade Rodman nur hundertundsechzig Pfund, um ihre halbtönnige Kugel sechs Meilen weit zu werfen. Diese Thatsachen sind nicht in Zweifel zu ziehen; ich habe sie selbst aus den Protokollen des Artillerie-Ausschusses entnommen.

– Ganz richtig, erwiderte der General.

– Nun denn! fuhr der Major fort, lassen Sie uns aus diesen Ziffern die Folgerung ziehen, daß die Quantität Pulver im Verhältniß zum Gewicht der Kugel nicht gleichmäßig zunimmt; in der That, wenn sechzehn Pfund Pulver für einen Vierundzwanzigpfünder erforderlich waren; mit anderen Worten, wenn bei gewöhnlichen Kanonen das Gewicht des verwendeten Pulvers im Verhältniß von zwei Drittel zum Gewicht des Projectils steht, so bleibt sich dies Verhältniß nicht gleich. Rechnen Sie, und Sie werden sehen, daß für eine halbtönnige Kugel anstatt dreihundertdreiunddreißig nur hundertundsechzig Pfund Pulver erforderlich waren.

– Wo hinaus wollen Sie damit? fragte der Präsident.

– Wenn Sie Ihre Theorie auf’s Aeußerste treiben, lieber Major, sagte Maston, so kommen Sie zu dem Ergebniß, daß, wenn Ihre Kugel hinreichend schwer ist, Sie gar kein Pulver mehr brauchen.

– Mein Freund Maston beliebt auch bei den ernstesten Dingen zu scherzen, erwiderte der Major, aber er möge sich beruhigen; ich werde bald Quantitäten von Pulver in Vorschlag bringen, welche sein Artillerie-Selbstgefühl befriedigen werden. Ich wollte hier nur feststellen, daß während des Kriegs für die größten Kanonen das Gewicht des erforderlichen Pulvers, der gemachten Erfahrung nach, sich auf ein Zehntheil des Gewichts der Kugel ermäßigt hat.

– Das ist höchst exact, sagte Morgan. Aber bevor wir über die erforderliche Quantität Pulver eine Bestimmung treffen, halte ich für gut, sich über seine Beschaffenheit zu verständigen.

– Wir werden grobkörniges verwenden, erwiderte der Major; es brennt rascher ab, als das feine.

– Allerdings, entgegnete Morgan, aber es ist sehr brisant und verdirbt am Ende die Seele der Stücke.

– Gut! Aber was für eine zu dauernder Benutzung bestimmte Kanone unzuträglich ist, gilt nicht ebenso für unsere Columbiade. Wir haben gar keine Explosion zu besorgen, und das Pulver muß sich augenblicklich entzünden, um seine mechanische Wirkung vollständig zu äußern.«

– Man könnte, sagte Maston, mehrere Zündlöcher bohren, um an verschiedenen Stellen zugleich zu entzünden.

– Allerdings, erwiderte Elphiston, aber die Ausführung würde dadurch schwieriger. Ich komme daher auf mein grobkörniges Pulver zurück, wobei diese Schwierigkeiten vermieden werden.

– Meinetwegen, erwiderte der General.

– Zur Ladung seiner Columbiade, fuhr der Major fort, verwendete Rodman ein Pulver von so grobem Korn, wie Kastanien, aus Weidenkohlen, die nur in gußeisernen Kesseln geröstet waren. Dieses Pulver war hart und glänzend, ließ keine Spur auf der Hand, enthielt in starkem Verhältniß Wasserstoff und Sauerstoff, entzündete sich augenblicklich, und verdarb, obwohl sehr brisant, nicht merklich die Feuerschlünde.

– Ah! Mir dünkt, sagte Maston, daß wir uns nicht zu besinnen haben und unsere Wahl getroffen ist.

– Sofern Sie nicht Goldpulver vorziehen«, erwiderte der Major mit Lachen, worüber ihm sein reizbarer Freund mit seinem eisernen Häkchen drohte.

Bisher hatte Barbicane an der Discussion keinen Antheil genommen. Er ließ reden, hörte zu. Offenbar hatte er eine Idee. Auch beschränkte er sich nur darauf zu sagen:

– Jetzt, meine Freunde, welche Quantität Pulver schlagen Sie vor?

Die drei Mitglieder des Gun-Clubs sahen sich eine Weile einander an.

»Zweihunderttausend Pfund, sagte endlich Morgan.

– Fünfmalhunderttausend, erwiderte der Major,

– Achtmalhunderttausend«, rief Maston.

Diesmal wagte Elphiston nicht, seinen Collegen der Übertreibung zu beschuldigen. In der That, es handelte sich darum, ein zwanzigtausend Pfund schweres Projectil bis zum Mond zu entsenden und ihm eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Eine kleine Pause folgte auf den dreifachen Vorschlag.

Endlich brach der Präsident Barbicane das Schweigen.

»Meine wackeren Kameraden, sagte er mit ruhiger Stimme, ich gehe von dem Grundgedanken aus, daß der Widerstand unserer unter den gegebenen Bedingungen verfertigten Kanone unbegrenzt ist. Ich will daher den ehrenwerthen Herrn Maston mit der Aeußerung überraschen, daß er in seinen Berechnungen zu schüchtern war, und ich schlage vor, die achtmalhunderttausend Pfund Pulver zu verdoppeln.

– Sechzehnhunderttausend Pfund? rief Maston, und sprang vom Stuhl auf.

– Gerade soviel.

– Aber dann muß man auf meine halbmeilenlange Kanone zurückkommen.

– Offenbar, sagte der Major.

– Sechzehnhunderttausend Pfund Pulver, fuhr der Secretär des Comités fort, werden einen Raum von etwa zweiundzwanzigtausend Kubikfuß einnehmen. Da nun Ihre Kanone nur vierundfünfzigtausend Kubikfuß Inhalt hat, wird sie zur Hälfte damit angefüllt, und der Lauf ist nicht mehr lang genug, daß die Spannkraft des Gases auf das Projectil eine hinreichend treibende Wirkung äußere.

Darauf war nichts zu antworten. Maston hatte Recht. Man sah Barbicane an.

– »Doch, fuhr der Präsident fort, bestehe ich auf dieser Quantität Pulver. Denken Sie, sechzehnhunderttausend Pfund Pulver werden sechs Milliarden Liter Gas erzeugen. Sechs Milliarden! Sie verstehen wohl?«

– Aber was fangen wir dann an? fragte der General.

– Sehr einfach: Wir beschränken den äußeren Umfang des Pulvers, ohne damit seine mechanische Kraft zu verringern.

– Gut! Aber durch welches Mittel?

– Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Barbicane.

Seine Zuhörer verschlangen ihn mit den Augen.

»Nichts ist in der That leichter«, fuhr er fort, »als diese Pulvermasse auf den vierten Theil ihres Umfangs zu beschränken. Sie kennen den merkwürdigen Stoff, welcher das elementare Gewebe der Vegetabilien ausmacht, und den man Cellulose nennt.

– Ah, ich verstehe Sie, lieber Barbicane, sagte der Major.

– Diesen Stoff, sagte der Präsident, findet man vollkommen rein in verschiedenen Körpern, besonders in der Baumwolle, welche nichts anderes ist, als das Haar der Samenkörner der Baumwollenstaude. Die Baumwolle nun in Verbindung mit Stickstoffsäure im kalten Zustand verwandelt sich in eine äußerst unlösliche, höchst entzündliche und höchst explodirbare Substanz. Im Jahre 1832 entdeckte ein französischer Chemiker, Braconnot, diese Substanz, welche er Xyloidine nannte. Ein anderer Franzose, Pelouse, studierte im Jahre 1838 ihre verschiedenen Eigenschaften, und endlich machte im Jahre 1846 Schönbein, Professor der Chemie zu Basel, den Vorschlag, sie anstatt Schießpulver zu gebrauchen. Dieses Pulver nun ist die stickstoffhaltige Baumwolle.

– Oder Pyroxylin, erwiderte Elphiston.

– Oder Schießbaumwolle, versetzte Morgan.

– Giebt’s denn nicht ein amerikanisches Wort, um diese Entdeckung damit zu bezeichnen? rief J. T. Maston in lebhaftem Nationalselbstgefühl.

– Leider keins, erwiderte der Major.

– Doch will ich, fuhr der Präsident fort, zur Befriedigung Maston’s ihm sagen, daß die Arbeiten eines unserer Mitbürger mit dem Studium der Cellulose in Verbindung gebracht werden können; denn das Kollodium, eines der hauptsächlichen Hilfsmittel der Photographie, ist ganz einfach in alkoholsattem Aether aufgelöstes Pyroxylin, und dies wurde von Maynard, als er zu Boston Medicin studierte, entdeckt.«

– Nun denn! Hurrah für Maynard und die Schießbaumwolle! rief stürmisch der Secretär des Gun-Clubs.

– Ich komme auf das Pyroxylin zurück, fuhr Barbicane fort. Sie kennen seine Eigenschaften, welche es für uns so werthvoll machen; es ist sehr leicht anzufertigen; Baumwolle wird fünfzehn Minuten lang in rauchende Stickstoffsäure getaucht, dann in frischem Wasser ausgewaschen, hernach getrocknet, damit ist’s fertig.

– Das ist höchst einfach, wahrhaftig, sagte Morgan.

– Weiter, das Pyroxylin wird von der Feuchtigkeit nicht angegriffen, eine für uns sehr werthvolle Eigenschaft, weil zum Laden der Kanone einige Tage erforderlich sind; entzündlich ist es bei hundertundsiebenzig Grad anstatt zweihundertundvierzig, und es verbrennt so rasch, daß man es auf gewöhnlichem Pulver anzünden kann, ohne daß dieses Zeit hätte Feuer zu fangen.«

– Vortrefflich, erwiderte der Major.

– Nur ist es kostspieliger.

– Das macht nichts aus, sagte Maston.

– Endlich, es theilt den Projectilen eine viermal größere Geschwindigkeit mit, als Pulver. Dazu kommt weiter, daß, wenn man acht Zehntheile seines Gewichts salpetersaure Pottasche beimischt, seine Ausdehnungskraft bedeutend verstärkt wird.

– Wird das nöthig sein? fragte der Major.

– Ich denke nicht, erwiderte Barbicane. Also anstatt sechzehnhunderttausend Pfund Pulver werden wir nur vierhunderttausend Pfund Schießbaumwolle haben, und da man ohne Gefahr fünfhundert Pfund Baumwolle bis zu siebenundzwanzig Kubikfuß zusammenpressen kann, so wird dieser Stoff in der Columbiade nur eine Höhe von hundertachtzig Fuß betragen. Auf diese Weise wird die Kugel über siebenhundert Fuß der Seele der Kanone unter der Treibkraft von sechs Milliarden Liter Gas zu durchlaufen haben, bevor sie dem Nachtgestirn entgegen fliegt!«

Nun konnte Maston seine Gemüthsbewegung nicht mehr unterdrücken; er warf sich seinem Freunde mit der Gewalt eines Projectils in die Arme, und würde ihn niedergeschmettert haben, wäre Barbicane nicht bombenfest gewesen.

Hiermit schloß die dritte Comitésitzung. Barbicane und seine kühnen Collegen, denen nichts unmöglich schien, hatten die so verwickelte Frage des Projectils, der Kanone und des Pulvers gelöst. Ihr Plan war fertig, man brauchte ihn nur auszuführen.

– Das ist nur Detail, eine Bagatelle«, sagte J. T. Maston.

Anmerkung. Daß bei dieser Berathung der Präsident Barbicane die Erfindung des Collodiums einem seiner Landsleute zuschreibt, beruht auf einem Irrthum, worüber Herr Maston nicht grollen möge; derselbe rührt von der Aehnlichkeit zweier Namen her.

Ein Studierender zu Boston Namens Maynard hatte zwar im Jahre 1847 die Idee, das Collodium bei Behandlung von Wunden anzuwenden; aber entdeckt wurde das Collodium bereits 1846 von einem Franzosen Louis Menard, einem geistvollen Gelehrten, der zugleich Maler, Dichter, Philosoph, Hellenist und Chemiker war. J. V.

Zehntes Capitel.

Zehntes Capitel.

Ein Feind gegen fünfundzwanzig Millionen Freunde.

Das amerikanische Publicum verfolgte das Vorhaben des Gun-Clubs mit lebhaftem Interesse bis in die geringsten Details. Es begleitete Tag für Tag die Beratungen des Comités, und unterhielt sich mit größter Leidenschaft über die einfachsten Vorbereitungen zu der großen Unternehmung, die Zifferfragen, die mechanischen Schwierigkeiten, welche zu lösen waren, um sie in Gang zu bringen.

Zwar sollte ein ganzes Jahr vom Beginnen der Arbeiten bis zu ihrer Vollendung verfließen, aber es fehlte diese Zeit über nicht an stets erneuten Anregungen der Theilnahme: die Wahl des Ortes für das Bohren der Kanone, die Verfertigung der Gießform, der Guß der Columbiade, ihr höchst gefährliches Laden – dies Alles enthielt Stoff genug für die Neugierde, des Volks. War das Projectil einmal abgeschossen, so sollte es vor Ablauf einer halben Minute den Blicken entschwinden; was daraus werden, wie es ihm im Weltenraum ergehen, wie es bis zu dem Monde gelangen würde, mit eigenen Augen zu beobachten, sollte nur Wenigen vorbehalten bleiben. Daher nahmen die Vorbereitungen, die genauen Details der Ausführung damals das wirkliche Interesse in Anspruch.

Indessen wurde der rein wissenschaftliche Reiz der Unternehmung auf einmal durch einen Zwischenfall in hohem Grade gesteigert.

Barbicane’s Project hatte ihm Legionen von Bewunderern und Freunden verschafft; aber so ehrenhaft, so außerordentlich dieser allgemeine Beifall war, einstimmig sollte er nicht werden. Ein einziger Mann, ein einziger im ganzen Staatenverband, erhob Widerspruch gegen den Versuch des Gun-Clubs und griff ihn bei jeder Gelegenheit heftig an. Barbicane, – so ist die menschliche Natur – war mehr empfindlich gegen diese einzige Opposition, als empfänglich für den Beifall aller Uebrigen.

Doch war ihm das Motiv dieses unvertilgbaren Widerwillens, der Ursprung dieser vereinzelten Feindschaft wohl bekannt: er wußte, aus welcher Quelle persönlicher Eifersucht des Ehrgeizes sie längst entsprungen war.

Diesen hartnäckigen Feind hatte der Präsident des Gun-Clubs niemals gesehen; zum Glück, denn ein persönliches Begegnen dieser beiden Männer hätte gewiß traurige Folgen gehabt. Der Nebenbuhler war ein Gelehrter, wie Barbicane, eine stolze, kühne, entschiedene, ungestüme Natur, ein echter Yankee. Er hieß Kapitän Nicholl und wohnte zu Philadelphia.

Jedermann ist bekannt, wie während des Bundeskriegs sich ein merkwürdiger Kampf zwischen dem Projectil und dem Panzer der Schiffe entspann, indem jenes bestimmt war, diesen zu durchbohren, Letzterer sich nicht durchbohren lassen wollte. Es entsprang daraus eine nationale Umbildung der Marine in den Staaten der beiden Welttheile. Die Kugel und die Eisenplatte rangen mit beispielloser Erbitterung, indem jene an Größe, diese an Dicke in stetem Verhältniß zunahmen. Die mit fürchterlichen Geschützen versehenen Schiffe boten unter’m Schutz ihrer undurchdringlichen Bepanzerung dem feindlichen Feuer Trotz. Die Merrimac, Monitor, Nam-Tenesse, Weckausen warfen, gegen die Projectile der anderen gedeckt, enorme Geschosse. Sie thaten Anderen, was sie nicht wollten, daß man ihnen thue, nach dem unmoralischen Princip der ganzen Kriegskunst.

War nun Barbicane berühmt im Gießen der Geschosse, so war es Nicholl nicht minder im Schmieden der Eisenplatten. Tag und Nacht goß der Eine zu Baltimore, schmiedete der Andere zu Philadelphia: eine entgegengesetzte Strömung der Ideen trieb und belebte beide. Sowie Barbicane eine neue Kugel erfand, setzte Nicholl eine neue Platte dagegen. Der Präsident des Gun-Clubs war sein Leben lang darauf bedacht, Löcher zu bohren, der Kapitän, ihn daran zu hindern. Daher eine fortwährende Eifersucht, welche eine persönliche ward. Nicholl erschien in Barbicane’s Phantasie gleich einem undurchdringlichen Panzer, an welchem seine Bemühungen scheiterten, und Barbicane war in Nicholl’s Gedanken wie ein Projectil, das ihn durch und durch bohrte.

Obwohl nun diese beiden Gelehrten zwei divergirende Linien einschlugen, so wären sie doch, entgegen allen Lehrsätzen der Geometrie, am Ende auf einander gestoßen; doch auf dem Boden des Duells. Zum Glück für diese ihrem Vaterland nützlichen Bürger waren sie durch einen Zwischenraum von fünfzig bis sechzig Meilen von einander getrennt, und ihre Freunde wußten ihnen so viele Hindernisse entgegen zu schieben, daß sie niemals sich begegneten.

Zur Zeit wußte man noch nicht recht, welcher der beiden Erfinder den Sieg davon tragen würde; es schien jedoch, es werde schließlich der Panzer der Kugel das Feld räumen. Jedoch waren competente Beurtheiler noch im Zweifel. Bei den letzten Proben waren Barbicane’s kegel-cylindrische Spitzkugeln in Nicholl’s Platten stecken geblieben; jetzt glaubte der Schmied zu Philadelphia schon den Sieg in Händen zu haben und seinen Rivalen gering schätzen zu dürfen; als aber später dieser anstatt der Spitzkugeln einfache sechshundertpfündige Haubitzgranaten verwendete, mußte der Kapitän schon sich herab stimmen. In der That, diesen Geschossen gelang es, obschon bei mäßiger Schnelligkeit, die Platten aus bestem Metall zu zerschmettern, zu durchlöchern, in Stücke zu zertrümmern.

Als nun der Sieg auf Seiten der Kugel gesichert schien, und Nicholl eben einen neuen Panzer von Schmiedeeisen fertig hatte, nahm der Krieg ein Ende. Es war ein Meisterstück, das allen Geschossen der Welt Trotz bot. Der Kapitän ließ es auf das Polygon zu Washington bringen, und forderte den Präsidenten des Gun-Clubs auf, es zu zertrümmern. Nach dem Friedensschluß wollte Barbicane gar nicht mehr die Probe machen.

Darauf erbot sich Nicholl, seine Platte den unwahrscheinlichsten Schüssen auszusetzen, Vollkugeln oder hohlen, Spitzkugeln oder runden, aber der Präsident ließ sich nicht darauf ein, er wollte durchaus nicht mehr seinen letzten Erfolg einer Gefahr aussetzen.

Nicholl, durch diesen unbeschreiblichen Eigensinn gereizt, wollte Barbicane durch alle Vortheile, die er ihm anbot, in Versuchung bringen. Er schlug vor, seine Platte in einer Entfernung von zweihundert Yards von der Kanone aufzustellen. Barbicane beharrte auf seiner Weigerung. Auf hundert Yards? Nicht einmal auf fünfundsiebenzig.

»Auf fünfzig dann, rief der Kapitän in seinen Journalen, auf fünfundzwanzig Yards meine Platte, und ich will mich dahinter stellen!«

Barbicane ließ antworten, selbst wenn Nicholl sich davor stellte, würde er doch nicht mehr schießen.

Nun gerieth Nicholl außer sich, wurde beleidigend. Er erklärte, Feigheit sei eine untrennbare Eigenschaft; ein Mann, der sich weigere, einen Kanonenschuß zu thun, sei nahe daran sich zu fürchten; überhaupt, die Artilleristen, welche sich jetzt auf sechs Meilen Distanz schlagen, seien so klug, persönlichen Muth durch mathematische Formeln zu ersetzen; und übrigens verrathe es ebenso viel Muth, hinter einer Platte eine Kugel ruhig abzuwarten, als sie nach allen Regeln der Kunst abzuschießen.

Barbicane ließ sich nicht herbei, auf solche gehässige Aeußerungen zu antworten; vielleicht auch kamen sie ihm nicht zu Ohren, denn die Beschäftigung mit seinem großen Vorhaben nahm ihn völlig in Beschlag.

Als er seine berühmte Mittheilung an den Gun-Club machte, stieg Nicholl’s Zorn auf’s Höchste. Es mischte sich ein hoher Grad von Eifersucht bei, und das Bewußtsein, gar nichts dagegen zu vermögen! Wie konnte er etwas erfinden, was diese Columbiade von neunhundert Fuß Länge überbot! Konnte jemals ein Panzer einem Dreißigtausendpfünder Widerstand leisten? Nicholl war Anfangs zu Boden geworfen, vernichtet, zerschmettert von diesem »Kanonenschuß«; hernach richtete er sich wieder auf, und beschloß, den Vorschlag durch das Gewicht seiner Beweisgründe zu vernichten.

Er griff also die Arbeiten des Gun-Clubs auf’s Heftigste an; schrieb eine Menge Briefe, welche die Journale gerne abdruckten. Er versuchte auf wissenschaftlichem Wege Barbicane’s Werk zu zerstören. Als einmal der Krieg in Gang war, rief er Gründe aller Art, und offen gesagt, häufig auch nur scheinbare ohne Gehalt, zu seinem Beistand.

Zuerst griff er Barbicane sehr heftig in seinen Berechnungen an; suchte durch A + B die Unrichtigkeit seiner Formeln zu beweisen, und beschuldigte ihn, das ABC der Ballistik nicht zu verstehen. Unter anderen Irrthümern wies er ihm nach, daß richtiger Berechnung zufolge es durchaus nicht möglich sei, irgend einem Körper eine Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben; er behauptete, die Algebra an der Hand, daß selbst bei dieser Geschwindigkeit niemals ein Geschoß über die Grenze der Erdatmosphäre gelangen könne! Es würde selbst keine acht Lieues (zwanzig engl. Meilen) weit fliegen können. Mehr noch. Nähme man die Schnelligkeit als zu erzielen und für hinreichend an, so würde doch die Hohlkugel nicht dem Druck des durch Entzündung von einer Million sechshunderttausend Pfund Pulver entwickelten Gas widerstehen; und vermöchte sie auch dieses, so würde sie wenigstens eine solche Temperatur nicht aushalten, sondern beim Herausfahren aus der Columbiade schmelzen, und als siedender Regen auf die Köpfe der unbedachtsamen Zuschauer niederfallen.

Barbicane verzog bei diesen Angriffen keine Miene, und fuhr ungestört fort an seinem Werk.

Darauf faßte Nicholl die Frage von anderen Seiten an. Ohne von der Nutzlosigkeit des Experiments in jeder Hinsicht zu reden, sah er dasselbe als höchst gefährlich an, sowohl für die Bürger, welche ein so verwerfliches Schauspiel mit ihrer Gegenwart beehren würden, als auch für die Nachbarstädte; denn er bemerkte ebenso, daß, wenn das Projectil sein Ziel nicht erreichte – was durchaus unmöglich sei –, es augenscheinlich auf die Erde zurückfallen würde, da denn das Herabfallen einer solchen Masse, deren Wucht um das Quadrat ihrer Schnelligkeit vervielfacht würde, irgend einen Punkt der Erde ausnehmend beschädigen müsse. Unter solchen Umständen also, und ohne die Rechte freier Bürger zu beeinträchtigen, gehöre der Fall zu denjenigen, wo die Regierung einschreiten müsse, denn man dürfe nicht nach dem Belieben eines Einzelnen die Sicherheit Aller gefährden.

Man sieht, zu welchen Uebertreibungen der Kapitän Nicholl sich fortreißen ließ. Er blieb mit seiner Meinung allein. Auch beachtete Niemand seine schlimmen Voraussagungen. Man ließ ihn daher nach Belieben schreien, wenn’s ihn auch seine Lunge kostete. Er machte sich zum Vertheidiger einer zum Voraus verlorenen Sache; man hörte ihn wohl, merkte aber nicht darauf, und er entzog dem Präsidenten des Gun-Clubs nicht einen einzigen Verehrer. Dieser hielt es übrigens nicht einmal der Mühe werth, die Beweisführung seines Rivalen zu widerlegen.

Da Nicholl, in seine letzten Verschanzungen zurückgedrängt, nicht einmal persönlich seine Sache verfechten konnte, beschloß er sein Geld daran zu wenden. Er schlug daher öffentlich, in dem Enquirer von Richmond, eine Reihe von Wetten vor, die in einem steigenden Verhältniß folgendermaßen ausgedrückt waren. Er wettete:

1. Daß die zur Unternehmung des Gun-Clubs erforderlichen Geldmittel nicht würden aufgebracht werden, um … 1000 Dollars.

2. Daß das Gießen einer Kanone von neunhundert Fuß Länge unausführbar sei, und nicht gelingen werde, um … 2000 Dollars.

3. Daß es unmöglich sein würde, die Columbiade zu laden, und daß die Schießbaumwolle unter dem Druck des Projectils von selbst sich entzünden würde, um … 3000 Dollars.

4. Daß die Columbiade beim ersten Schuß zerspringen würde, um … 4000 Dollars.

5. Daß die Kugel nicht sechs Meilen weit fliegen, und einige Secunden nach dem Abschießen niederfallen werde, um … 5000 Dollars.

Man sieht, der Kapitän setzte in seinem unüberwindlichen Starrsinn eine bedeutende Summe daran, im Ganzen 15,000 Dollars.

Trotz der so bedeutenden Wette erhielt er, am 19. Mai, ein versiegeltes, mit köstlichem Lakonismus folgendermaßen abgefaßtes Schreiben:

»Baltimore, 18. October.

»Angenommen.

»Barbicane.«

Elftes Capitel.

Elftes Capitel.

Florida und Texas.

Indessen blieb eine Frage noch zu entscheiden: man mußte einen für das Experiment geeigneten Platz wählen. Der Empfehlung des Observatoriums nach mußte der Schuß senkrecht auf den Horizont, d. h. gegen den Zenith gerichtet werden; aber der Mond steigt nur in den Gegenden zwischen 0° und 28° Breite bis zum Zenith, mit anderen Worten seine Abweichung beträgt nur 28°. Es handelte sich also darum, genau die Stelle zu bestimmen, wo die ungeheure Columbiade gegossen werden sollte.

Als der Gun-Club am 20. October eine General-Versammlung hielt, brachte Barbicane eine prächtige Karte der Vereinigten Staaten von Z. Belltropp dahin mit. Aber ohne ihm Zeit zum Auseinanderlegen derselben zu lassen, hatte J. T. Maston mit gewohntem Ungestüm das Wort begehrt, und sprach also:

»Ehrenwerthe Collegen, die Frage, welche heute behandelt werden soll, hat eine wahrhaft nationale Bedeutung, und sie wird uns Gelegenheit geben, einen großen Act des Patriotismus auszuführen.«

Die Mitglieder des Gun-Clubs sahen sich einander an, da sie nicht begriffen, wo der Redner damit hinaus wollte.

»Keiner von Ihnen«, fuhr er fort, »denkt sich mit dem Ruhm abzufinden, und die Union darf gewiß das Recht in Anspruch nehmen, die furchtbare Kanone des Gun-Clubs in ihrem Schooße zu bergen. Unter den gegenwärtigen Umständen nun . . . 

– Wackerer Maston … sagte der Präsident.

– Gestatten Sie mir, meinen Gedanken zu entwickeln, fuhr der Redner fort. Unter den gegenwärtigen Umständen müssen wir einen Ort wählen, der dem Aequator nahe genug liegt, damit das Experiment unter den erforderlichen Bedingungen gemacht werde . . . 

– Wenn Sie die Güte haben wollen … sagte Barbicane,

– Ich begehre freie Aeußerung der Ideen, versetzte der aufbrausende Maston, und ich behaupte, daß der Landstrich, von welchem unser glorreiches Projectil sich emporschwingen wird, der Union angehören muß.

– Kein Zweifel! erwiderten einige Mitglieder.

– Nun! Weil die Ausdehnung unseres Gebiets nicht so weit reicht, weil uns im Süden der Ocean eine Schranke setzt, über welche wir nicht hinaus können, weil wir den achtundzwanzigsten Grad außerhalb der Vereinigten Staaten in einem Nachbarlande suchen müssen, so giebt das einen berechtigten casus belli, und ich verlange, daß man Mexico den Krieg erkläre.

– Nein! Nein! rief man von allen Seiten.

– Nein! entgegnete Maston. Im Schooße dieser Versammlung muß man doch über dieses Wort staunen!

– Aber hören Sie doch! . . . 

– Niemals! niemals! rief der feurige Redner. Früher oder später muß dieser Krieg geführt werden, und ich verlange, daß man ihn heute noch erkläre.

– Maston, sagte Barbicane, und ließ laut seine Glocke erschallen, ich entziehe Ihnen das Wort!«

Maston wollte erwidern, aber es gelang einigen seiner Collegen, ihn zu beschwichtigen.

»Ich stimme bei«, sagte Barbicane, »daß das Experiment nur auf dem Boden der Union vorgenommen werden darf, aber wenn mein ungeduldiger Freund mich hätte reden lassen, wenn er einen Blick auf eine Karte geworfen hätte, so wüßte er, daß es durchaus unnöthig ist, unsern Nachbarn den Krieg zu erklären, denn einige Grenzlandschaften der Vereinigten Staaten reichen bis über die Linie des achtundzwanzigsten Grades hinaus. Sehen Sie, wir haben den ganzen südlichen Theil von Texas und Florida zur Verfügung.«

Der Zwischenfall hatte keine Folgen; doch ließ sich Maston nur ungern überzeugen. Es wurde also beschlossen, die Columbiade solle auf dem Gebiete von Texas oder Florida gegossen werden. Aber dieser Beschluß sollte eine beispiellose Rivalität zwischen den Städten dieser beiden Staaten hervorrufen.

Der achtundzwanzigste Breitegrad durchschneidet da, wo er an die amerikanische Küste stößt, die Halbinsel Florida, welche er in zwei fast gleiche Theile zerlegt. Dann bildet er vom Mexicanischen Golf die Sehne eines Bogens, welchen die Küsten Alabama’s, Mississippi’s und Louisiana’s beschreiben, schneidet hierauf ein Stück von Texas ab, und zieht weiter durch Mexico über Sonora und Alt-Californien zum Stillen Ocean. Es waren also nur die südlich vom achtundzwanzigsten Grad gelegenen Theile von Texas und Florida in der Lage, den vom Observatorium zu Cambridge anempfohlenen Bedingungen der Breite zu entsprechen.

Florida hat in seinem südlichen Theile keine bedeutenden Städte, ist nur mit Forts zum Schutz gegen die unstäten Indianer gespickt. Eine einzige Stadt, Tampa-Town, konnte ihrer günstigen Lage wegen sich mit Ansprüchen melden.

In Texas dagegen sind zahlreichere und bedeutendere Städte. Corpus-Christi in der Landschaft Nucces, und alle Städte am Rio-Bravo, Laredo, Comalites, San-Ignacio, im Web, Noma, Rio-Grande-City, im Starr, Edinburg, im Hidalgo, Santa-Rita, El Panda, Brownsville, im Cameron, bildeten gegen die Ansprüche Floridas einen imponierenden Bund.

Daher kamen denn auch, als der Beschluß kaum bekannt war, Deputationen aus Texas und Florida eiligst nach Baltimore, und der Präsident Barbicane, sowie die einflußreichen Mitglieder des Gun-Clubs wurden Tag und Nacht mit fürchterlichen Reklamationen bestürmt. Stritten einst sieben Städte Griechenlands um die Ehre, die Geburtsstätte Homer’s zu sein, so drohten jetzt zwei ganze Staaten um einer Kanone willen in Streit zu gerathen.

Man sah damals diese »wilden Brüder« gewaffnet in den Straßen der Stadt umherwandeln. Bei jedem Begegnen war ein Conflict zu befürchten, der schlimme Folgen haben konnte. Zum Glück verstand der Präsident mit Klugheit und Geschicklichkeit die Gefahr zu beschwören. Die Journale der verschiedenen Staaten wetteiferten mit persönlichen Demonstrationen; New-York Herald und die Tribune unterstützten Texas, während die Times und American Review für Florida plaidirten. Die Mitglieder des Gun-Clubs wußten nicht mehr, wem sie Gehör geben sollten.

Texas zog stolz heran mit seinen sechsundzwanzig Provinzen, welche es wie eine Batterie aufstellte; aber Florida erwiderte, daß in einem sechsfach kleineren Lande zwölf Provinzen doch mehr vermöchten, als sechsundzwanzig.

Texas prahlte stark mit seinen dreihundertunddreißigtausend Eingeborenen, aber Florida rühmte sich bescheidener, bei seinen sechsundfünfzigtausend Bewohnern doch besser bevölkert zu sein. Außerdem warf es Texas vor, es habe eine besondere Art von Sumpffieber, welchem Jahr aus Jahr ein, in guter wie schlechter Zeit, einige tausend als Opfer fielen. Und es hatte nicht Unrecht.

Texas entgegnete, hinsichtlich des Fiebers habe Florida ihm nichts vorzuwerfen, und es sei mindestens unklug, andere Länder als ungesund zu bezeichnen, wenn man die Ehre habe, das »schwarze Erbrechen« (Vomito negro) chronisch bei sich zu haben. Und es hatte Recht.

»Uebrigens,« fügte Texas durch den New-York Herald bei, »ist man einem Staate Rücksicht schuldig, wo die beste Baumwolle in Amerika wächst, einem Staat, der das beste Schiffbauholz liefert, so prachtvolle Kohlen enthält, und Eisenerz, das hundert Procent reines Metall ausgiebt.«

Hierauf erwiderte der American Review, der Boden Florida’s sei zwar nicht so ergiebig, liefere aber die besten Erfordernisse für die Formen und den Guß der Columbiade, denn es sei reich an Sand und Thonboden,

»Aber«, entgegneten die Texaner, »ehe man in einem Land etwas gießen will, muß man in dasselbe hineinkommen; aber die Verkehrswege mit Florida sind schwierig, während die Küste von Texas die Bai von Galveston darbietet, welche vierzehn Meilen Umfang hat und alle Flotten der Welt aufnehmen kann.«

– Gut! erwiderten die Florida ergebenen Journale, Ihr möget hübsch prahlen mit der Bai Galveston, die über dem neunundzwanzigsten Breitegrad liegt. Haben wir nicht die Bai Espiritu Santo gerade unter dem achtundzwanzigsten, unmittelbar vor Tampa-Town?

– Hübsche Bai! versetzte Texas, die halb versandet ist!

– Selbst versandet! rief Florida. Sollte man nicht meinen, ich sei im Land von Wilden?

– Wahrhaftig, die Seminolen durchstreifen noch Eure Wiesengründe.

– Ah! und Eure Apachen und Comanchen, sind die civilisirt?

So dauerte der Krieg seit einigen Tagen, als Florida seinen Gegner auf einen andern Boden zu ziehen versuchte, und eines Morgens gab die Times zu verstehen, da die Unternehmung eine »wesentlich amerikanische« sei, so könne sie auch nur auf »wesentlich amerikanischem« Boden vorgenommen werden!

Bei diesen Worten rief Texas empört: »Amerikaner! Sind wir’s nicht ebenso gut? Sind nicht Texas und Florida mit einander im Jahre 1845 der Union einverleibt worden?

– Allerdings, versetzte die Times, aber wir gehören seit 1820 zum Staat.

– Ich glaub’s wohl, entgegnete die Tribune; nachdem Ihr zweihundert Jahre Spanier oder Engländer waret, hat man Euch um fünf Millionen Dollars an die Vereinigten Staaten verkauft.

– Was liegt daran? erwiderten die Floridaner, haben wir uns dessen zu schämen? Hat man nicht 1803 Louisiana für sechzehn Millionen Dollars von Napoleon gekauft?

– Eine Schande! riefen dann die Deputirten von Texas. Ein armseliger Fetzen Landes, wie Florida, wagt sich mit Texas zu vergleichen, das nicht verkauft wurde, sondern sich selbst unabhängig gemacht hat, das am 2. März 1836 die Mexicaner hinausjagte, und nach dem Sieg S. Huston’s über Santa-Anna’s Truppen am San-Jacinto sich zu einer Föderativrepublik erklärt hat! Ein Land endlich, das sich freiwillig den Vereinigten Staaten Amerika’s angeschlossen hat!

– Aus Angst vor den Mexicanern! entgegnete Florida.

Angst! Sowie dies allzu lebhafte Wort gesprochen war, wurde die Lage unerträglich. Man versah sich einer Mordscene auf den Straßen Baltimore’s. Es wurde nöthig die Abgeordneten zu überwachen.

Der Präsident Barbicane wußte nicht, wohin er den Kopf wenden sollte. Es regneten Noten, Urkunden, grobe Drohbriefe in sein Haus. Für wen sollte er sich entscheiden? Vom Gesichtspunkt der Zugehörigkeit, der Zugänglichkeit, der Leichtigkeit des Transports waren die Ansprüche beider Staaten völlig gleich. Politische Anzüglichkeiten hatten nichts mit der Frage zu schaffen.

Dieses Schwanken, diese Verlegenheit dauerte schon geraume Zeit, als Barbicane sich entschloß herauszukommen; er versammelte seine Collegen und legte ihnen einen Bescheid vor, der, wie man sehen wird, recht weise war.

»Bei reiflicher Erwägung dessen, was so eben zwischen Florida und Texas vorfiel, ist es offenbar, daß sich die nämlichen Schwierigkeiten zwischen den Städten des bevorzugten Staates ergeben werden. Die Rivalität wird von der Gattung zur Art, vom Staat zur Stadt fortschreiten. Nun hat Texas elf Städte von den erforderlichen Bedingungen, die sich um die Ehre der Unternehmung streiten werden, und wir werden neue Feinde dadurch bekommen; Florida dagegen hat nur eine. Also entscheiden wir für Florida und Tampa-Town!«

Als dieser Bescheid bekannt wurde, machte er die Abgeordneten von Texas ganz zerschlagen. Sie geriethen in unbeschreiblichen Zorn und bedrohten namentlich mehrere Mitglieder des Gun-Clubs. Den Behörden von Baltimore blieb nur ein Mittel übrig, und sie ergriffen es. Man ließ einen Extrazug heizen, brachte die Texaner mit oder wider Willen darauf und schaffte sie mit einer Schnelligkeit von dreißig Meilen die Stunde fort.

Aber so rasch sie dahin fuhren, hatten sie doch Zeit genug ihren Gegnern ein letztes drohendes Spottwort zuzuwerfen.

Anspielend auf den schmalen Landstrich, wie Florida zwischen beiden Meeren sich hinstreckt, behaupteten sie, es werde den Stoß des Schusses nicht aushalten, und beim ersten Kanonenschuß auseinander springen.

»Nun denn! so mag es springen!« erwiderten die Floridaner mit einem Lakonismus, der des Alterthums würdig war.