Kapitel 1O

 

1O

 

 

Martin Elton war mit seiner Frau im Theater und schlenderte während einer Pause im Foyer umher. Er stammte aus gutem Haus, war aber durch Spiel, Wetten und manche andere Dinge allmählich immer mehr heruntergekommen. Nur ab und zu nickte ihm noch jemand aus der Ferne zu, und der einzige, der ihn anredete, war ihm unwillkommen.

 

»Abend, Elton! Na, wie geht’s? Stanford soll ja in Italien sein, wie ich höre? Haben Sie was vor?« fragte Slick Smith.

 

»Nein.«

 

»Kürzlich von Marshalt gehört?«

 

»Ich weiß nicht viel von ihm.«

 

»Aber ich. Er ist auch ein Dieb, und wenn er etwas stiehlt, bleibt gewissermaßen eine Lücke zurück. Aber da klingelt es schon – auf Wiedersehen!«

 

Als Martin und Dora nach Hause kamen, wandte sie sich im Wohnzimmer ungeduldig an ihn.

 

»Was hast du denn, Bunny? Diese Launen sind wirklich unausstehlich!«

 

»Hast du etwas von deiner Schwester gehört?« entgegnete er und warf ein Scheit in den Kamin, bevor er sich niederließ.

 

»Nein, und hoffentlich höre ich auch nie wieder von ihr! Die winselnde Gefängnisratte!«

 

»Ich habe sie nicht winseln hören. Und ins Gefängnis haben wir sie gebracht.«

 

Sie schaute ihn verwundert an.

 

»Du hast sie doch selbst geradezu aus dem Haus gejagt, als sie das letztemal hier war!«

 

»Ja, das weiß ich. Aber London ist ein verteufelter Platz für alleinstehende junge Mädchen ohne Geld und Freunde. Ich wollte, ich wüßte, wo sie ist.«

 

»Überlassen wir sie dem Schutz Gottes«, erwiderte Dora spöttisch.

 

Aber Martins Augen wurden klein und lauernd.

 

»Wenn du dich so gegen deine Schwester benimmst, wie würde es dann wohl mir ergehen, wenn du einmal in aller Eile zwischen mir und deiner eigenen Sicherheit wählen müßtest?« fragte er langsam.

 

»Sauve qui peut – das ist mein Wahlspruch«, erklärte sie lachend.

 

Er warf seine Zigarre ins Feuer und stand auf.

 

»Dora«, sagte er dann mit eisiger Stimme, »Lacy Marshalt ist kein wünschenswerter Bekannter.«

 

Sie musterte ihn erstaunt.

 

»Ist er unehrlich?« entgegnete sie harmlos.

 

»Es gibt viele unehrliche Männer, mit denen eine Dame nicht in einem reservierten Zimmer bei Shavarri dinieren darf.«

 

»Ach, du hast spioniert? Marshalt kann unter Umständen sehr nützlich für uns sein.«

 

»Für mich nicht – am allerwenigsten, wenn er heimlich mit meiner Frau diniert.« Seine Stimme sank zu einem Flüstern herab. »Wenn es noch einmal vorkommt, suche ich ihn auf und jage ihm drei Kugeln durch die Brusttasche, in der er seine vorzüglichen Zigarren bei sich trägt. – Was ich mit dir machen würde, weiß ich noch nicht. Das hängt ganz von meiner Stimmung und von – deiner Nähe ab.«

 

Sie war totenbleich geworden, suchte vergeblich nach Worten und lag ihm plötzlich schluchzend zu Füßen.

 

»Ach, Bunny, sprich doch nicht so – schau mich nicht so entsetzlich an! Ich will ja alles tun, was du willst … ich schwöre dir, daß nichts vorgefallen ist … es war eine Laune von mir, daß ich hinging …«

 

Er strich über ihr goldenes Haar.

 

»Du bedeutest mir sehr viel, Dora«, sagte er freundlich. »Ich habe dich nicht gut beeinflußt … ich habe selbst die meisten guten Grundsätze über Bord geworfen, nach denen sich andere Leute richten. Aber an einem werde ich immer festhalten: ich verlange ehrliches Spiel unter Dieben, weil ich selbst ehrlich spiele!«

 

Kapitel 35

 

35

 

Um vier Uhr morgens kehrte Dick nach Hause zurück, nachdem er Marshalt zu seiner Wohnung begleitet und sich an Stanfords Verlegenheit über diese unvermutete Auferstehung ergötzt hatte. In seinem Arbeitszimmer fand er zwei Herren: den übermüdeten, aber ausdauernden Willitt und –

 

»Mr. Torrington! Sie sind hier?«

 

Der Mann war vollständig verwandelt. Es war nichts mehr von dem leicht spöttischen Ton zu hören, in dem er sonst so gern sprach.

 

»Ich warte sehnsüchtig auf Sie, Captain! Meine Tochter ist verschwunden –«

 

»Ihre -?«

 

»Meine Tochter – Audrey. Ach, Sie wissen wohl nicht, daß sie meine Tochter aus zweiter Ehe ist?«

 

Dick starrte ihn entgeistert an.

 

»Audrey – verschwunden?«

 

»Gestern abend ging sie aus und kam nicht zurück. Ich sagte ihr, sie solle den Abend nach ihrem Belieben verbringen, weil ich eine Verabredung mit Elton hatte.« Er berichtete in kurzen Zügen über die Besprechung, die er mit Martin gehabt hatte, »Natürlich waren mir alle Tatsachen bekannt, und er war noch nicht zu Ende, als ich seine Absicht längst durchschaut hatte. Ich gab Auftrag, Audrey gleich nach ihrer Rückkehr zu mir zu bitten. Um elf war sie noch nicht zurück, und als ich um Mitternacht nach ihr fragen ließ, war sie auch noch nicht da. Nun weiß ich ja, daß junge Mädchen heutzutage bis in die späte Nacht hinein unterwegs sind, und machte mir keine Sorgen, bis es eins und schließlich zwei wurde. Dann rief ich Scotland Yard an, und als sie dort nichts von Ihnen wußten, konnte ich es nicht länger aushalten und kam hierher.«

 

»Wohin wollte sie denn gehen?« fragte Dick schnell.

 

»Ich weiß es nicht, und im Hotel hat sie auch nichts davon erwähnt.«

 

»Wir müssen in ihren Zimmern nachsehen«, erwiderte Dick und fuhr mit Torrington zu dem Ritz- Carlton zurück.

 

In Audreys Papierkorb fand er einen zerrissenen Brief, den er wieder zusammensetzte und las.

 

»Ich muß zu Elton«, sagte er dann kurz. »Sie brauchen nicht mitzukommen.«

 

Es dauerte ziemlich lange, bis Martin herunterkam. Er trug einen Schlafrock, aber Spuren von Zigarrenasche über einem Knopf verrieten, daß er nicht aus dem Bett aufgestanden war.

 

»Ist Ihre Frau auf? Ich muß Sie beide sprechen«, sagte Dick in befehlendem Ton.

 

Einige Minuten später erschien Dora.

 

»Sie wünschen mich zu sprechen, Captain Shannon?«

 

»Ich will wissen, wo Audrey Torrington ist.«

 

»Das weiß ich nicht –« begann sie.

 

»Hören Sie zu, Mrs. Elton. Ihre Schwester kam auf Ihre Einladung hin zu Ihnen. Sie ist gegen sechs hier eingetroffen …« Er unterbrach sich. »Rufen Sie Ihr Mädchen!«

 

Dora machte allerhand Einwendungen, aber Dick war unerbittlich, so daß Martin sich schließlich bequemte, hinaufzugehen und sie zu rufen. Zu seiner Verwunderung kam das Mädchen sofort vollständig angekleidet und in Hut und Mantel heraus.

 

»Nanu!« rief er verwundert, faßte sich aber sofort wieder. »Captain Shannon wünscht Sie zu sprechen. Er fragt nach der Schwester meiner Frau. Sie hat ja gestern abend hier gegessen. Sagen Sie ihm doch, daß Sie die ganze Zeit im Haus waren und gesehen haben, wie sie fortging.«

 

Sie folgte ihm schweigend.

 

»Weshalb sind Sie denn angezogen?« rief Dora ärgerlich, als das Mädchen eintrat.

 

Aber Shannon fiel ihr ins Wort.

 

»Bitte, beantworten Sie erst meine Fragen. Miß Audrey Torrington, die Sie als Miß Bedford kennen, war gestern zu Tisch hier?«

 

»Ich glaube, ja. Ich war nicht zu Hause, als sie kam, und ich habe sie auch nicht fortgehen sehen. Mrs. Elton schenkte mir ein Theaterbillett und entließ die Köchin, so daß nur drei Menschen im Hause waren: Mr. und Mrs. Elton und Miß Bedford.«

 

»Ich war nicht hier!« warf Martin ein. »Ich war im Klub.«

 

»Sie waren oben, aber hier im Haus«, erwiderte das Mädchen gelassen. »Ich habe Miß Bedford nicht fortgehen sehen, weil ich am anderen Ende der Straße mit einem unserer Leute sprach. Ich sah eine Droschke wegfahren, und als ich dann nach Hause kam, war Miß Bedford wohl wirklich fort.«

 

»Einer von Ihren Leuten –? Wie soll ich das verstehen?« fragte Dick.

 

Sie zog einen kleinen silbernen Stern aus der Tasche.

 

»Ich bin bei Stormer angestellt, ebenso wie das letzte Mädchen Mrs. Eltons. Ich erwartete Sie schon, aber ich kann Ihnen nur eins sagen: hier im Haus ist Miß Bedford nicht. Ich habe es bereits bis auf den letzten Winkel durchsucht. Als ich den Ecktisch abräumte, habe ich den Weinrest aus Miß Bedfords Glas in dieses Fläschchen geschüttet.« Sie reichte Dick eine kleine Medizinflasche. »Und dies fand ich nachher in Mrs. Eltons Schmuckkasten.«

 

Dora griff blitzschnell nach der blauen Phiole, aber das Mädchen war auf der Hut und legte sie in Dicks ausgestreckte Hand.

 

»Es riecht nach Butyl«, sagte sie.

 

»Sie hören, was diese Dame aussagt, Elton. Wo ist Audrey?« fragte Dick mit gefährlicher Ruhe.

 

»Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie dafür zahlen«, erwiderte Martin. »Nein, nicht Geld! Aber ich verlange vierundzwanzig Stunden für Dora und. mich, um England verlassen zu können. Wenn Sie mir das gewähren, will ich Ihnen sagen, wo sie ist. Und ich rate Ihnen, auf die Bedingung einzugehen, Shannon. Sie ist in größerer Gefahr, als Sie ahnen. Versprechen Sie es mir?«

 

»Ich verspreche nichts. Sie entkommen lassen? Nein! Nicht einmal, wenn Audreys Leben auf dem Spiel stände. Wo ist sie?«

 

»Bringen Sie das doch selbst heraus!« rief Dora höhnisch.

 

Dick sagte kein Wort, zog ein Paar Handschellen aus der Hüfttasche und legte sie um Martins Handgelenke. Elton leistete keinen Widerstand, aber sein Gesicht wurde plötzlich grau und alt. Im nächsten Augenblick war auch seine Frau gefesselt.

 

Als Dick die beiden nach der Polizeiwache gebracht hatte, wandte er sich noch einmal an die Agentin Stormers.

 

»Haben die zwei kürzlich Besuch gehabt?«

 

»Ja, Stanford war bei ihnen, und sie zankten sich.«

 

»Glauben Sie, daß Stanford damit zu tun haben könnte?«

 

»Ich weiß nicht recht. Gute Freunde scheinen sie nicht zu sein.«

 

»Hm! Als ich ihn diese Nacht sah, schien er mir jedenfalls nichts auf dem Gewissen zu haben«, meinte Dick und reichte ihr zum Abschied die Hand.

 

Dann ging er aber doch zum Portman Square, wo er lange klopfen und schellen mußte, bis Stanford schließlich in Person erschien und ihm aufmachte. Beim Anblick des Detektivs schrak er leicht zusammen.

 

»Wo ist Miß Bedford?« fragte Dick laut und schroff. »Überlegen Sie Ihre Antwort; Stanford! Eltons sitzen bereits im Loch, und für Sie ist auch noch in der Zelle Platz!«

 

Der Mann starrte ihn wie betäubt an und suchte nach Worten.

 

»Was ist denn mit Audrey Bedford?« erwiderte er schließlich mit stockender Stimme. »Und wie soll ich etwas über sie wissen? Ich war den ganzen Abend hier. Sie haben mich doch selbst gesehen. Und mit Elton hab‘ ich mich überworfen…«

 

»Wer ist da?« ertönte eine Stimme von oben, und gleich darauf kam Marshalt im Schlafrock die Treppe herunter.

 

»Audrey Bedford ist verschwunden«, entgegnete Dick. »Sie scheint betäubt und entführt worden zu sein, und ich habe Grund zu der Annahme, daß Stanford von der Sache weiß.«

 

Die drei Männer gingen zusammen nach oben, aber Stanford leugnete beharrlich.

 

»Ich kann Sie auch abgesehen von dieser Geschichte festnehmen!« drohte ihm Dick. »Sie haben den Lederbeutel gekauft, in dem die verschwundenen Diamanten lagen. Der Kaufmann Waller in der Regent Street hat das ausgesagt. Nun, wollen Sie jetzt sprechen?«

 

Marshalt machte ein erstauntes Gesicht.

 

»Antworten Sie jetzt, Stanford!«

 

»Ich habe nichts zu sagen. Was Sie da von dem Beutel erzählen, ist einfach Blech!«

 

»Kennen Sie Slick Smith?«

 

»Gesehen hab ich ihn mal.«

 

»Nun, wenn ich Sie brauche, werde ich Sie schon finden, und wenn es sich herausstellt, daß Sie an dieser Entführung beteiligt sind, sollen Sie es bitter bereuen!«

 

Trotz der kurzen Entfernung schlief Dick zwischen dem Portman Square und dem Ritz-Carlton fest ein und mußte von dem Chauffeur geweckt werden.

 

»Sie sind ja vollständig fertig!« sagte Torrington teilnahmsvoll, als er ihn sah.

 

Gegen fünf Uhr kehrte Dick völlig erschöpft heim, schlief ein paar Stunden wie ein Toter und ging dann um neun wieder zum Portman Square.

 

Seine Autodroschke war kaum um die Ecke gebogen, als aus einem gegenüberliegenden Portal Slick Smith heraustrat. Er mußte sehr vorsichtig sein, denn er wußte, daß sämtliche Polizisten Londons nach ihm Ausschau hielten. Aber er hatte Glück, denn eben kam ein Mietauto vorüber, und im nächsten Augenblick befand er sich auf Dicks Fährte. Sobald er sich davon überzeugt hatte, daß der Detektiv einen Besuch bei Marshalt machen wollte, stieg er aus und entließ den Chauffeur. Zwei Minuten später schlüpfte ein untersetzter Mann in das Hoftor des Malpas’schen Hauses, ohne daß die in der Hintergasse beschäftigten Kutscher und Chauffeure ihm irgendwelche Beachtung schenkten.

 

Unterdessen ersuchte der Detektiv Mr. Marshalt, mit ihm zu Malpas zu gehen und ihm an Ort und Stelle zu schildern, was ihm dort zugestoßen war. Dick hatte einen Schlüssel, und als sie eingetreten waren, schob er einen in der Halle liegenden Holzklotz mit dem Fuß unter die Haustür, um sie offenzuhalten. Oben bat er Marshalt, sich dorthin zu stellen, wo ihn der Schuß getroffen hatte.

 

Lacy ging auf die verhängte Nische zu.

 

»Hier stand Malpas, und ich stand dort, wo Sie jetzt stehen«, sagte er.

 

Im selben Augenblick fiel die Tür krachend ins Schloß.

 

»Was ist das?« rief Lacy.

 

Dick versuchte, die Tür zu öffnen, aber es gelang ihm nicht.

 

»Wo ist Stanford?« fragte er.

 

»Irgendwo in meiner Wohnung. Wer hat denn das getan?«

 

»Das werde ich heute noch feststellen, und Sie sollen mir dabei helfen. Ah, da geht sie schon wieder auf!«

 

Sie gingen ins Treppenhaus hinaus und schauten über das Geländer nach unten, aber es war nichts zu sehen. Als sie ins Zimmer zurückkehrten, zog Dick den Vorhang im Alkoven beiseite, fuhr aber mit einem Schrei zurück. Auf dem schwarzen Marmorsockel lag mit schlaff herabhängendem Kopf – Bill Stanford!

 

Dick neigte sich über ihn.

 

»Er ist nicht tot, aber es ist höchste Zeit, ihm zu helfen«, sagte er hastig.

 

Marshalt eilte in sein Haus zurück, um die Unfallstation anzurufen.

 

Dick untersuchte inzwischen den Unglücklichen und entdeckte drei Schußwunden: eine an der Schulter, eine dicht unter dem Herzen und die dritte am Hals. Der ganze Sockel war mit Blut überströmt, und Dick bemühte sich, den Bluterguß aus der Schulter zu stillen, als die schrille Klingel des Krankenwagens ertönte. Sanitäter kamen herauf und hoben den Bewußtlosen auf eine Bahre.

 

»Wie ist das nur zugegangen?« fragte Marshalt düster.

 

»Ich verließ ihn in einer Vorratskammer, wo ich allerlei Sachen aufbewahre. Wir hatten einen Wortwechsel, weil er meiner Meinung nach etwas über Audreys Verschwinden weiß, und er sagte, er würde das Haus verlassen. Sicher ist er dort umgebracht worden, nachdem wir fortgegangen waren.«

 

»Haben Sie bemerkt, daß er keinen Kragen und Schlips trug?« fragte Dick nachdenklich.

 

»Ja, das fiel mir auch auf. Vorher hatte er beides an.«

 

»Zeigen Sie mir doch einmal, wo er war«, erwiderte Dick.

 

Die beiden gingen nach Lacys Haus zurück. In der Vorratskammer waren Stanfords Kragen und Schlips über einem Zapfen aufgehängt. Sonst konnte Dick nichts Auffälliges bemerken. Die Dienstmädchen sagten aus, daß sie Stanford kurz vor Dicks Ankunft in der Vorratskammer gesehen hätten. Auch eine Untersuchung von Stanfords bescheidenem Gepäck führte zu keinem Ergebnis.

 

Kapitel 36

 

36

 

Nachdem Shannon bitter enttäuscht gegangen war, saß Marshalt noch lange Zeit mit aufgestütztem Kopf an seinem Schreibtisch. Schließlich klingelte er und erklärte den beiden noch im Haus befindlichen Mädchen, daß er seinen Haushalt auflösen müsse, weil er England zu verlassen gedenke. Er zahlte ihnen ihren Lohn aus und beobachtete von der Treppe aus, wie sie sich mit ihrem Gepäck entfernten. Er verschloß und verriegelte die Haustür sorgfältig und kehrte dann in sein Arbeitszimmer zurück. Eine halbe Stunde später weckten ihn heftiges Klingeln und Klopfen an der Haustür aus seinen Grübeleien. Vorsichtig schaute er durch das Fenster nach unten und sah auf den Stufen vor der Haustür Martin und Dora Elton. Auch Torrington war bei ihnen. Er erkannte ihn sofort wieder, obwohl er ihn seit langen Jahren nicht gesehen hatte. Und hinter diesen dreien standen ein Polizeiinspektor und vier Kriminalbeamte in Zivil.

 

Marshalt nahm einen Pfriemen und einen flachen Griff aus der Tasche und befestigte sie aneinander. Dann ging er auf den Kamin zu und steckte den Pfriemen tief in das Schnitzwerk des Gesimses. Sein Handgelenk bewegte sich, und der ganze Kamin drehte sich plötzlich lautlos um einen verborgenen Zapfen. Zu seiner Rechten befand sich das große Götzenbild, zu seiner Linken der umgedrehte Kamin. Nun öffnete er eine Schublade in seinem Schreibtisch, zog unter einem falschen Boden eine Schachtel hervor und machte sich eine Weile mit dem Inhalt zu schaffen. Eine Perücke, eine Hängenase, ein langes, spitzes Kinn wurden mit wenigen geschickten Griffen befestigt.

 

Dann trat er in den halbkreisförmigen Kaminvorsatz und drehte den Pfriemen wieder, diesmal nach der andren Seite. Als Wand und Kamin herumschwangen, stemmte er den Fuß auf, um einen heftigen Stoß zu verhüten. Der ungeschickte Tonger hatte das einmal versäumt, so daß eine glühende Kohle in Malpas Zimmer geflogen war. Wieder trat der Pfriemen in Tätigkeit, und der Kamin schwang zurück. Marshalt nahm das Instrument auseinander und legte die beiden Teile in seine Geldbörse. Dann stieg er langsam die Treppe hinauf.

 

Audrey war da. Nur widerstrebend hatte Stanford es eingestanden. Und nun würde dieses Trauerspiel, das ihm sein Vermögen und beinahe auch sein Leben gekostet hätte, bei Audrey enden – bei der es begonnen hatte. Seine Lippen verzogen sich langsam zu einem Lächeln, das auf seinem Gesicht zu gefrieren schien.

 

Aber plötzlich verjagte ein Gedanke das Lächeln. Wie kam es, daß sich die Tür geschlossen und geöffnet hatte, während er mit Shannon in dem Zimmer stand? Hatte das eine besondere Ursache? Schließlich zuckte er die Schultern. Das Wetter und tausend andere Dinge konnten auf die elektrische Verbindung einwirken …

 

Nun lauschte er vor der Tür, hörte leichte Schritte im Gang und lächelte wieder. Er öffnete das Schränkchen an der Treppe, legte einen Hebel um und wußte, daß es drinnen dunkel sein würde, wenn er nach seiner Beute suchte.

 

Als er den Schlüssel umdrehte, hörte er, wie Audrey den Gang entlang lief und die Tür zuschlug. Sie war da – er fühlte es!

 

»Komm her, mein Schatz! Diesmal entwischst du mir nicht wieder!«

 

Er hörte etwas huschen und versperrte die Tür mit beiden Armen.

 

»Dein Liebhaber, der blöde Shannon, und seine Kumpane stehen unten! Dein Vater ist auch dabei! Du wußtest wohl gar nicht, daß du einen Vater hast? Er wird dich zu sehen bekommen – nachher!«

 

Plötzlich sprang er zu und packte einen Arm, aber es war nicht der Arm, den er erwartet hatte. Und jetzt zuckte vor ihm ein seltsamer, schauerlich grüner Lichtschein auf. Er gewahrte sein eigenes Gesicht – Nase, Kinn, Kopf!

 

Ein anderer – grauenhafter, ungeheuerlicher Malpas hielt ihn fest.

 

»Gott, was ist das?« schrie er entsetzt und versuchte, sich freizumachen.

 

»Kommen Sie mit!« sagte eine hohle Stimme.

 

Mit einem wilden Schrei schlug Lacy zu und ergriff die Flucht. Im gleichen Augenblick flammte das Licht auf, und als er sich umwandte, erblickte er sein Ebenbild – Malpas! Aber er selbst war doch Malpas!

 

»Zur Hölle mit dir!« keuchte er und zog den Revolver.

 

Er feuerte einmal – zweimal –

 

»Sparen Sie sich die Mühe, mein Freund!« sagte sein Doppelgänger. »Die Patronen sind blind – ich habe sie ausgewechselt.«

 

Wütend schleuderte Lacy ihm die Waffe ins Gesicht. Der Mann duckte sich, und im nächsten Moment sprang er Marshalt an die Kehle.

 

Und irgendwo im Dunkeln stand Audrey und krampfte in Todesangst die Hände ineinander.

 

Kapitel 37

 

37

 

Unterdessen hatte sich auch Dick vor Marshalts Haus eingefunden, und da alles Klopfen kein Gehör fand, verschafften sich die Leute eine kurze Brechstange, der das Schloß zu weichen begann.

 

»Sie ist hier – ganz sicher?«

 

Martin nickte.

 

»Stanford nahm sie gestern abend mit und sagte, er wollte sie in das Haus von Malpas bringen.«

 

Die Tür von Nr. 551 hatte Dick schon zu öffnen versucht, aber sie war elektrisch gesperrt.

 

Sobald das Schloß nachgab, stürmte Dick als erster ins Haus und eilte geradenwegs zu dem Arbeitszimmer hinauf. Er wußte jetzt, daß der Weg nur durch den Kamin gehen konnte. Das Loch war denn auch bald gefunden, und sobald sich Tongers selbstgefertigter Pfriemen darin drehte, schwang der Kamin herum und gab den Blick in Malpas Zimmer frei.

 

»Rühren Sie den Griff nicht an!« rief er warnend, stellte rasch die elektrischen Sperrhebel ab und rannte durch die offene Tür, als er zwei Schüsse vernahm. Totenbleich hielt er eine Sekunde an, aber dann stürzte er um so schneller vorwärts.

 

Als er die Tür erreichte, kamen zwei Männer heraus – zwei Männer, die einander so vollkommen glichen, daß er fast die Fassung verlor.

 

»Hier ist der Schurke«, sagte der kleinere und übergab seinen mit Handschellen gefesselten Gefangenen den wartenden Polizisten.

 

Dann riß er mit einem Ruck Nase, Kinn und Perücke ab.

 

»Ich glaube, Sie kennen mich?«

 

»Ja, sehr gut«, erwiderte Dick. »Sie sind Slick Stornier – oder, wenn Sie das lieber hören – Slick Smith.«

 

»Wann erkannten Sie mich?«

 

Dick lächelte.

 

»Das müßte ein so kluger Detektiv wie Sie doch wissen!«

 

Dann entdeckte er jemand auf dem Gang, der sich ängstlich fernhielt. Er stürzte auf Audrey zu und zog sie in die Arme.

 

Slick warf einen Blick auf sie und wandte sich dann an Torrington.

 

»Ich kann mir denken, daß Sie Ihre Tochter gern begrüßen möchten, und sie wird sich sicher auch freuen, Sie zu sehen, aber ich glaube, den Herrn kennt sie besser als Sie.«

 

Torrington nickte stumm.

 

 

»Wie Sie mich hier eigentlich einschätzten, war mir nie ganz klar«, sagte Slick Smith, als er abends als liebenswürdiger Gastgeber an einer herrlich geschmückten Tafel präsidierte. »Ich übernahm diesen Auftrag vor nunmehr neunzehn Monaten, als mich Mr. Torrington ins Vertrauen zog und mich ersuchte, Nachforschungen nach seiner Frau und seiner angeblich gestorbenen Tochter anzustellen. Was er mir bei der Gelegenheit von Lacy Marshalt erzählte, interessierte mich nicht nur als Detektiv, sondern auch als Mensch. Nun weiß ich, daß Privatdetektive hierzulande nicht sehr angesehen sind, und teilte deshalb Captain Shannon in meiner Eigenschaft als Mr. Stormer mit, daß ein notorischer amerikanischer Dieb in England eintreffen werde. Ich fügte eine genaue Personalbeschreibung bei und erreichte, was ich wollte. Gleich bei seiner Ankunft wurde ›Slick Smith‹ gewarnt und von diesem Augenblick an dauernd beobachtet. Nun habe ich es mir zur Regel gemacht, daß mich nur drei oder vier meiner Angestellten persönlich kennen dürfen. Das hat für mich den Vorteil, daß diese drei oder vier mich identifizieren können, es aber nicht tun. Ferner konnte ich immer einen von ihnen in meiner Nähe haben, ohne irgendwelchen Argwohn bei meinen Bekannten in der Verbrecherwelt zu erregen. Sie werden sich erinnern, daß mir beständig ein Stormerscher Agent folgte.

 

Ich war auch beauftragt worden, das Verschwinden eines Diamantenvorrats aufzuklären, der aus Torringtons Minen entwendet und nach Ansicht der dortigen Polizei nach England gebracht worden war. In Afrika ist es bekanntlich strafbar, ungeschliffene Diamanten zu besitzen, wenn man sich nicht darüber ausweisen kann. Lacy Marshalt betrieb einen solchen strafbaren Handel seit Jahren und hatte einen regelmäßigen Kurierdienst eingerichtet, um die Steine herüberzuschaffen. Unter verschiedenen Namen hatte er zwei Häuser am Portman Square gekauft und Nr. 551 durch eine italienische Firma mit ungemein klug erfundenen elektrischen Einrichtungen versehen lassen. Lacy ist selbst ein sehr geschickter Mechaniker, und der Kamin und das Götzenbild waren für ihn eine Arbeit, die ihm Freude machte. Den Götzen kaufte er in Durban. Ich stellte das vor ungefähr einem Jahr fest und kannte auch den Mechanismus genau. Aber die Drehzapfenöffnung war Marshalts eigene Erfindung.

 

Die tragische Gestalt in der Geschichte ist Tonger. Marshalt hatte ein Verhältnis mit seiner Tochter angefangen, und als Tonger davon erfuhr, bewog Marshalt das Mädchen, die Schuld auf Torrington zu schieben, und schaffte sie rasch nach New York hinüber. Unter der Bedingung, daß sie das Geheimnis bewahrte und regelmäßig zufriedene Briefe an ihren Vater schrieb, zahlte er ihr monatlich eine angemessene Summe für ihren Unterhalt. Aber sie geriet in schlechte Gesellschaft, begann zu trinken, und kam schließlich in einem Anfall von Verzweiflung nach London. Sie war es, die damals in betrunkenem Zustand zu ihrem Vater flüchtete, als Sie vorüberkamen, Miß Audrey, und sie war es auch, die Sie später im Park tot auffanden. Obwohl Tonger es verheimlichen wollte, entdeckte Marshalt doch, daß sie sich im Haus aufhielt, und in seiner Angst, daß die Wahrheit ans Licht kommen könnte, beschloß er, die Unglückliche aus dem Weg zu räumen. Um sein Vorhaben ausführen zu können, schickte er Tonger unter einem nichtigen Vorwand nach Paris. Er gab dann dem Mädchen eine Flasche mit vergiftetem Kognak und sagte ihr, sie möchte nach dem Park gehen und dort auf ihn warten. Der Plan war geschickt ausgedacht, aber das Unglück wollte es, daß Tonger noch an demselben Abend von dem Tod seiner Tochter erfuhr – und zwar gerade in dem Augenblick, als Marshalt im Nebenhaus auf Miß Audrey wartete. Tonger geriet außer sich, stürzte durch den Kamin in Malpas Zimmer und forderte Rechenschaft von Marshalt. Er gab zwei Schüsse auf ihn ab und hielt ihn für tot, denn er wußte nichts von der kugelfesten Weste. Als Tonger dann nach Nr. 552 zurückkehrte, kam Marshalt wieder zu sich, folgte ihm, schoß ihn nieder und ergriff die Flucht.

 

Vorsichtshalber hatte er für ein Versteck gesorgt. Unter dem Namen eines Rechtsanwalts Crewe hatte er eine prachtvolle Wohnung in den Greville-Gebäuden gemietet, was mir längst bekannt war, da ich nebenan wohnte. Dorthin ging er an jenem Abend, um sich etwas zu stärken und zu erholen, und kehrte dann zurück, um die Diamanten an sich zu nehmen. Das weiß ich, weil ich ihn gesehen habe.«

 

»War es etwa Ihr Gesicht, das ich in jener Nacht durch das Oberlicht sah?« fragte Dick gespannt.

 

»Natürlich!« erwiderte Stormer lachend. »Der Mann auf dem Dach hatte mich selbstverständlich auch gesehen, aber er durfte nichts davon sagen. Klettern ist immer meine Spezialität gewesen, obwohl mir Martin Elton darin noch überlegen ist. Der kam nämlich ohne Strick hinauf.

 

Marshalt war verzweifelt, als sein Diamantenversteck entdeckt wurde, und mit Hilfe Stanfords, den er zu dem Zweck in das Geheimnis einweihen mußte, leerte er das Götzenbild gewissermaßen vor Ihren Augen. Aber Stanford war ungeschickt, und als die Steine in den Beutel gepackt waren, probierte er an dem Mechanismus herum. Das hatte zur Folge, daß der Götze ins Zimmer zurückgedreht wurde. Dabei hatte er das Licht abgestellt und muß den Beutel wohl in seiner Angst aus der Hand gelegt haben, denn der Götze nahm den Beutel mit, als er sich wieder drehte.«

 

»Woran verbrannte ich mir denn eigentlich die Hand?« fragte Steel.

 

»Am Kamin. Sie berührten die heißen Eisenstangen des Rosts, aus dem die Kohlen eben erst herausgenommen worden waren. Stanford brach dann bei Shannon ein und raubte die Steine, während Marshalt den kleinen Autozwischenfall in Szene setzte. Stanford hatte mehr Glück als Marshalt, denn er fand die Steine. Er war übrigens noch im Haus, als Shannon heimkam und seinen Diener in besinnungslosem Zustand entdeckte. Nachdem er die Beute wieder an sich gebracht hatte, verbarg Marshalt die Diamanten in seiner Wohnung in den Greville-Gebäuden. Ich fand sie, als ich dort einbrach, um nach Miß Audrey zu suchen. Natürlich nahm ich den Beutel mit und gab ihn erst heraus, als ich ihn in die rechten Hände legen konnte, ohne selbst verhaftet zu werden. Leider faßte Marshalt aber einen Verdacht gegen Stanford und schoß ihn nieder. Was zwischen den beiden vorgegangen ist, weiß ich nicht, aber vermutlich erfuhr Marshalt erst bei dieser Gelegenheit, daß Miß Audrey in dem Haus versteckt gehalten wurde. Und da das Spiel nun doch für ihn verloren war, wollte er sich zum Schluß noch an der Tochter des Mannes rächen, den er mehr als alles andere auf Erden haßte und fürchtete. Zu seinem Unglück war ich jedoch häufig im Haus, früher, um die Leute zu beobachten, die ihm Diamanten brachten, und jetzt, weil ich das Geheimnis jener Kammertür lösen wollte. Wenn ich bei ihm einbrach, verkleidete ich mich immer als Malpas. Einmal habe ich die junge Dame mit dem Gesicht halb zu Tode erschreckt.«

 

Er lächelte, und auch Audrey konnte jetzt lächeln, als sie sich daran erinnerte.

 

»Ich habe fürchterlich geschrien, nicht wahr?« sagte sie beschämt.

 

»Ich schreie auch zuweilen«, erwiderte Smith, »oder ich hätte doch wenigstens Lust dazu. – Aber eins muß ich noch erwähnen, obwohl Sie es sich wohl schon gedacht haben, Shannon. Sobald Marshalt die Diamanten zurückerobert hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als auf dramatische Weise wieder aufzutauchen! Und das besorgte er beinahe allzu gründlich. Er stellte sich ins Wasser, legte sich selbst die Handschellen an und wartete mit dem Schlüssel in der einen und einem Revolver in der anderen Hand auf Ihr Erscheinen. Aber Sie kamen etwas später, als er berechnet hatte, und in den fünf Minuten ließ er aus Versehen den Schlüssel zu den Handschellen ins Wasser fallen, so daß er sich nicht wieder befreien konnte. Wenn Sie nicht erschienen wären, hätte er ertrinken müssen. Die Pistole warf er ins Wasser, sobald er auf Sie geschossen hatte. Ich habe sie nachher an mich genommen. Wenn er Sie getötet hätte, wäre seine Unschuld erwiesen gewesen – denn in der Verfassung konnte er allem Anschein nach die Tat nicht begangen haben .– Aber nun möchte ich Sie um Ihr Abzeichen bitten, Miß Torrington!«

 

Etwas überrascht öffnete sie ihre Tasche und reichte ihm den kleinen silbernen Stern.

 

»Danke!« sagte Slick liebenswürdig. »Hoffentlich nehmen Sie es mir nicht übel. Ich lasse mir jedesmal den Stern zurückgeben, wenn jemand aus meiner Firma ausscheidet und zu einem Konkurrenzunternehmen übergeht.«

 

Er zwinkerte Shannon vergnügt zu, und beide lachten.

 

Kapitel 5

 

5

 

Dick begrüßte seinen Assistenten Steel, der in seiner Wohnung auf ihn wartete, mit einer Frage.

 

»Wissen Sie etwas über Dora Eltons Verwandte?«

 

»Nein. Hat die denn überhaupt Verwandte?«

 

»Vielleicht weiß Slick darüber Bescheid. Ich habe ihn zu sechs Uhr herbestellt. Ist übrigens die Leiche identifiziert worden?«

 

»Nein. Aber nach den Schuhen und dem Tabaksbeutel zu urteilen, kam der Mann aus dem Ausland, wahrscheinlich aus Südafrika. Vielleicht ist er mit der ›Buluwayo‹ oder der ›Balmoral Castle‹ angekommen. Haben Sie mit dem Bognor-Mann wegen der Diamantenkette gesprochen?«

 

»Ja, aber er behauptet, er hätte sich mit Elton verkracht und wüßte nicht, was der vorhätte. Eltons Haus wird doch bewacht, nicht wahr? – Gut. Ich glaube nicht, daß vor heute abend um dreiviertel neun etwas geschieht. Um diese Zeit wird die Kette die Curzon Street verlassen, und ich werde ihr persönlich nach ihrem Bestimmungsort folgen, weil mir viel daran liegt, das fünfte Mitglied der Bande kennenzulernen. Vermutlich ist es ein Ausländer. Und dann werde ich Dora Elton endlich haben.«

 

»Denken Sie nicht, daß es Bunny sein könnte?«

 

»Der hat wohl Mut, aber doch nicht so viel, daß er mit einer gestohlenen Kette durch London spaziert, die von der gesamten Polizei gesucht wird. Das ist nichts für Bunny. Seine Frau wird es versuchen.« Dick sah auf die Uhr. »Vor einer halben Stunde ist sie angekommen. Ich möchte nur wissen –«

 

In diesem Augenblick erschien Mr. Slick Smith, wie immer sorgfältig gekleidet, selbstbewußt und sorglos. Steel nickte ihm grinsend zu und verließ das Zimmer.

 

»Schön, daß Sie kommen«, sagte Dick Shannon. »Sie haben recht behalten – der Schmuck ist weg, und Elton ist in die Geschichte verwickelt.«

 

Slick zog spöttisch die Augenbrauen hoch.

 

»Wirklich? Nicht zu glauben!«

 

»Lassen Sie Ihre ironischen Bemerkungen. Wissen Sie eigentlich etwas über Mrs. Elton?« fragte Dick und schob ihm die Whiskyflasche zu.

 

»Eine reizende Dame – entzückende Person! Früher war sie ein braves Mädchen, aber eine schlechte Schauspielerin. Vermutlich hat sie Elton geheiratet, um einen besseren Menschen aus ihm zu machen.«

 

»Hat sie eine Schwester?« erkundigte sich Dick gespannt.

 

Slick leerte sein Glas.

 

»Wenn sie eine hat, möge ihr Gott gnädig sein!« erwiderte er.

 

 

Audrey hatte eine Viertelstunde auf dem Victoria- Bahnhof zugebracht und die Anschläge über den Raub der Diamantenkette studiert, während sie vergeblich auf Dora wartete. Schließlich bat sie einen Polizisten um Auskunft und benutzte den von ihm empfohlenen Omnibus, um nach der Curzon Street zu fahren. Ein zierliches Zimmermädchen öffnete ihr.

 

»Mrs. Elton ist beschäftigt«, sagte sie. »Kommen Sie vielleicht von Seville?«

 

»Nein, ich komme aus Sussex. Bitte melden Sie Mrs. Elton, daß ihre Schwester hier ist.«

 

Das Mädchen führte sie in ein kleines Wohnzimmer und ließ sie dort allein. Audrey redete sich ein, daß der Brief, in dem sie Dora ihre bevorstehende Ankunft mitgeteilt hatte, verlorengegangen sein müsse. Die Schwestern standen sich nicht nahe. Dora war vor Jahren zur Bühne gegangen und hatte sich dann kurz vor dem Tod ihrer Mutter »gut« verheiratet. Sie war Audrey stets als hervorragendes Beispiel hingestellt worden, und ihre Mutter hielt sie bis zuletzt für ein Muster von Vollkommenheit, obwohl sie von Dora völlig vernachlässigt wurde.

 

Die Tür öffnete sich plötzlich, und eine junge Frau trat herein. Sie war größer als Audrey und fast ebenso schön wie diese, nur hatten ihre Haare nicht das strahlende Blond und ihre Augen nicht den freundlich-humorvollen Blick Audreys.

 

»Aber liebes Kind, wo kommst du denn her?« fragte Dora Elton bestürzt und streifte mit ihrer schlaffen, ringgeschmückten Hand die Wange der Schwester.

 

»Hast du meinen Brief nicht bekommen?«

 

»Nein. Du bist aber groß geworden, Kind!«

 

»Ja, allmählich zähle ich auch zu den Erwachsenen. Ich habe das Haus verkauft.«

 

Dora sah sie erstaunt an.

 

»Warum denn?«

 

»Es gehörte mir ja längst nicht mehr – es war über und über mit Hypotheken belastet.«

 

»Und nun kommst du hierher? Das ist sehr peinlich. Ich kann dich unmöglich zu mir nehmen.«

 

»Ach, wenn ich nur einmal acht Tage lang hier schlafen könnte, Dora, bis ich Arbeit gefunden habe.«

 

Ihre Schwester runzelte die Stirne und ging auf und ab.

 

»Ich habe Gäste zum Tee«, sagte sie schließlich, »und heute abend ein kleines Diner. Was soll ich mit dir anfangen – in diesem Aufzug? Geh lieber in ein Hotel, schaffe dir elegante Kleider an und komme am Montag wieder.«

 

»Das würde mehr Geld kosten, als ich besitze«, erwiderte Audrey ruhig.

 

Dora kniff die Lippen zusammen.

 

»Wie kannst du einem nur so einfach ins Haus schneien!« rief sie. »Na, warte hier – ich will mit Martin sprechen.«

 

Audrey hatte sich den Empfang kaum anders vorgestellt. Nach einer Weile kam Dora zurück und zeigte ein erzwungen freundliches Gesicht.

 

»Martin meint, du solltest hier bleiben«, erklärte sie und führte ihre Schwester zu einem hübschen Fremdenzimmer im zweiten Stock. »Du hast hier in London wohl gar keine Bekannten?« fragte sie, als sie das elektrische Licht andrehte.

 

»Nein. Aber das ist ja ein entzückendes Zimmer!«

 

»Ich war vorhin vielleicht etwas abweisend, Liebling«, fuhr Dora fort und legte eine Hand auf Audreys Arm. »Du bist mir doch nicht böse deshalb? Ich bin manchmal so nervös. Und du hast Mutter ja versprochen, für mich zu tun, was du könntest.«

 

»Du weißt, daß ich mein Versprechen halte«, entgegnete Audrey.

 

Dora streichelte ihren Arm.

 

»Unsere Gäste brechen schon auf. Du mußt herunterkommen und Mr. Stanford und Martin kennen lernen.«

 

Sie verließ ihre Schwester und ging in den Salon zurück.

 

»Es wäre vielleicht doch besser, sie in ein Hotel zu schicken«, meinte ihr Mann.

 

Dora lachte.

 

»Ihr beide habt euch nun schon den ganzen Nachmittag den Kopf zerbrochen, wie wir das Ding zu Pierre hinschaffen könnten. Keiner von euch wollte sich der Gefahr aussetzen, mit der Diamantenkette der Königin von Griechenland abgefaßt zu werden –«

 

»Nicht so laut!« brummte Elton zwischen den Zähnen.

 

»Hör zu!« rief Big Bill Stanford. »Ich kann mir denken, was du sagen willst, Dora. Wer soll die Kette hinbringen?«

 

»Wer? Natürlich meine kleine Schwester!« erwiderte Mrs. Elton kühl.

 

Kapitel 34

 

34

 

Audrey hatte einen fürchterlichen Traum. Es war ihr, als ob sie auf der Kante eines hohen, schmalen Turmes läge, der dauernd hin- und herschwankte. Außerdem quälten sie entsetzliche Kopfschmerzen. Sie fühlte ein dunkles Verlangen nach einer Tasse Tee und streckte die Hand nach der Klingel aus, aber sie griff ins Leere, und nach einiger Zeit wurde ihr klar, daß sie auf einer Matratze am Boden lag, denn ihre tastende Hand berührte den Fußboden. Es war stockdunkel, und sie war sehr durstig. Die Zunge klebte ihr am Gaumen.

 

Schließlich erhob sie sich langsam und unsicher, mußte sich aber an die Wand stützen, um nicht umzusinken. Sie suchte nach einer Tür, fand auch eine und öffnete sie. Sie hatte die unklare Empfindung, daß sie einen langen Gang vor sich hätte, an dessen Ende ein Deckenlicht brannte. Sie ging darauf zu und entdeckte in einem kleinen Raum eine Wascheinrichtung, wo sie sich erfrischen konnte. Sie wusch das Gesicht und trank nachher von dem Wasser, indem sie die Hände als Becher benützte. Dann ließ sie sich auf einer Fensterbank nieder und versuchte nachzudenken.

 

Mühsam ging sie Schritt für Schritt in ihrer Erinnerung rückwärts, und plötzlich entsann sie sich des Sektes, der so abscheulich geschmeckt hatte … Dora!

 

Sie stand immer noch unter dem Einfluß des Betäubungsmittels, aber allmählich drang doch zu ihrem Bewußtsein durch, warum es so dunkel war. Sämtliche Fenster waren durch schwere Läden verschlossen. Vergeblich suchte sie die fest eingerammten eisernen Riegel zu bewegen. Die Anstrengung erschöpfte nur ihre schwachen Kräfte, und sie sank ohnmächtig‘ zu Boden.

 

Als sie wieder zu sich kam, war sie erfroren und steif, aber die Kopfschmerzen hatten bedeutend nachgelassen. Sie trank noch etwas Wasser und kehrte dann in das Zimmer zurück, in dem sie erwacht war. Nach einigem Suchen gelang es ihr, dort Licht zu machen, und nun sah sie, daß die Einrichtung des Raumes nur aus der Matratze und einem zerbrochenen Stuhl bestand. Unter Aufbietung ihrer ganzen Kraft riß sie eine starke Stange von der Lehne ab, um sie im Notfall als Waffe zu benützen. Dann sank sie erschöpft auf die Matratze nieder und fiel sofort in tiefen Schlaf.

 

Nach einer Weile erwachte sie wieder und richtete sich auf, denn sie hatte jemand sprechen hören. Lautlos schlich sie den Gang hinab bis zu der verschlossenen Tür und lauschte. Die Stimme kam von unten, und als sie sie erkannte, wäre sie beinahe in Ohnmacht gefallen.

 

Es war Lacy Marshalt! Zitternd kauerte sie sich nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Draußen war es hell, und sie bemerkte die Gestalt eines Mannes.

 

»Hier irgendwo muß es sein!« sagte Marshalt eben wieder.

 

Der Mann draußen schien ebenso angestrengt zu horchen wie sie selbst. Plötzlich drehte er sich um, und sie sah die große Nase, das lange Kinn – Malpas!

 

Mit wankenden Knien flüchtete sie in das Zimmer zurück. Ein furchtbares Grauen hatte sie gepackt und raubte ihr fast den Verstand. Nach wenigen Sekunden klopfte es leise an die Flurtür.

 

Mit angehaltenem Atem starrte sie auf die Tür. Noch zweimal klopfte es, dann wurde es wieder totenstill. Audrey wagte nicht, sich zu rühren. Endlich knirschte ein Schlüssel, es raschelte, dann fiel die Tür wieder zu. Audreys Herz schlug rasend, als sie sich nach einer Weile auf den Gang hinauswagte. Aber dann wäre sie vor Freude fast in Tränen ausgebrochen. Auf dem Fußboden stand ein Tablett mit heißem Kaffee, Brötchen, Butter und kaltem Fleisch, Nachdem sie gierig gegessen und getrunken hatte, klärten sich ihre Gedanken, und sie begann zu überlegen. Was konnte Dora nur veranlaßt haben, sie hier im Haus von Malpas gefangenzuhalten? Sie drehte alle Lichtschalter an, die sie finden konnte, und öffnete auch den Wasserhahn wieder. Die Helligkeit und das plätschernde Wasser übten eine beruhigende Wirkung auf sie aus. Ab und zu ging sie an die Flurtür, aber draußen herrschte tiefe Stille.

 

Erst als sie zum siebtenmal hinaustrat, hörte sie jemand die Treppe herabkommen. Rasch kniete sie nieder und schaute durch das Schlüsselloch. Eine dunkle Gestalt glitt an der Tür vorüber und hielt auf dem breiten Treppenpodest an. Nun sah sie den Mann deutlich. Er trug einen langen Mantel und einen Schlapphut. Jetzt streckte er die Hand aus, und ein Teil der Wand öffnete sich – eine etwa sechs Zoll große Tür, die so gut durch die Tapete verdeckt war, daß nicht einmal Shannons geübtes Auge sie entdeckt hatte. Er griff mit der Hand hinein, eine blaue Flamme zuckte auf, und das Licht im Flur erlosch. Dann kam er auf die Tür zu.

 

Audrey sah, wie das Ende des Schlüssels in das Loch fuhr, wandte sich mit einem entsetzten Schrei um, rannte in ihr Zimmer zurück, schlug die Tür fest zu und lehnte sich mit dem Rücken dagegen … »

 

Die Flurtür öffnete sich …

 

Kapitel 28

 

28

 

Dick Shannon saß in seiner Wohnung am Haymarket und blätterte in einem Briefordner. Er las einen der mit Maschine beschriebenen Bogen durch, um sein Gedächtnis aufzufrischen.

 

 

»Tonger trug einen grauen Anzug, schwarze Schuhe, blaugestreiftes Hemd und weißen Kragen. Taschen enthielten 27 £ und 200 Franken. (Notiz: Tonger fuhr am Morgen seines Todestages nach Paris, gab einen Brief an unbekannte Adresse auf und kehrte am selben Tag zurück); alte, goldene Uhr Nr. 984371, goldene Kette, zwei Schlüssel, eine Brieftasche mit einem Rezept für Bromkalium (Notiz: verschrieben von Dr. Walters, Park Lane, bei dem sich Tonger über Schlaflosigkeit beklagte) drei Fünfpfundnoten und ein dreikantiger Pfriemen …«

 

 

Dick schloß einen kleinen Safe auf, nahm eine Schachtel heraus und versenkte sich mit Hilfe einer Lupe in die Betrachtung dieses Pfriemens, der bereits von erfahrenen Technikern geprüft und gemessen worden war und viel Kopfzerbrechen verursacht hatte.

 

Das Instrument war etwa vier Zoll lang, hatte eine stumpfe Spitze und endete in einem Korkziehergriff. Kurz vor dem Holzteil wurde es stärker, und an dieser Stelle verriet sich selbst dem ungeübten Auge Dilettantenarbeit. Dick erinnerte sich der Schrauben und der Feilen im Vorratsraum und war davon überzeugt, daß dieses sonderbare Werkzeug dort verfertigt worden war. Aber zu welchem Zweck?

 

Mißmutig lehnte er sich zurück und grübelte, bis ihm wirr im Kopf wurde. Plötzlich schrak er zusammen. Wer warf denn Steinchen gegen sein Fenster? Er schaute hinaus, sah aber nur ein paar Leute mit aufgespannten Schirmen vorübereilen. Als er sich umwandte, klirrte es wieder gegen die Scheibe. Er rief seinen Diener, befahl ihm, sich zwischen das Fenster und die Lampe zu setzen, und ging leise zur Haustür hinunter. Behutsam öffnete er sie einen Zentimeter weit und lauschte angestrengt. Gleich darauf rasselte es wieder. Er stürzte hinaus und packte ein junges Mädchen im Regenmantel am Arm.

 

»Was soll denn das bedeuten?« fragte er streng, hielt aber ein, als er in Audreys lachende Augen schaute. »Was in aller Welt –?«

 

»Ich wollte Sie sprechen, und da Detektive niemals klingeln –«

 

»Was soll das heißen? Kommen Sie herein! Womit warfen Sie denn – mit Hühnerfutter?«

 

»Nein, die Hühnersache habe ich jetzt vollständig aufgegeben. Zum Glück kann ich ja ohne Ehrendame zu Ihnen kommen, da wir nun Kollegen sind.«

 

Sie traten in sein Zimmer ein, und als der Diener entlassen worden war, zog Audrey feierlich einen silbernen Stern aus der Tasche und legte ihn mit einer theatralischen Geste auf den Tisch.

 

»Stormer?« murmelte er, als ob er seinen Augen nicht trauen dürfte. »Aber Sie sagten doch, daß –«

 

»Mit Hühnern habe ich ein für allemal Schluß gemacht«, erklärte sie, während sie ihren triefenden Mantel auszog. »Die bringen mich nur in Schwierigkeiten. Aber wie ich sehe, sind Sie nicht an Damenbesuch gewöhnt, Captain. Das spricht entschieden zu Ihren Gunsten.« Sie klingelte. »Sehr heißen Tee und sehr heißen Toast, bitte!« befahl sie dem höchst erstaunten Chauffeurdiener. Als der Mann gegangen war, wandte sie sich wieder an Dick. »Wenn eine Dame zu Ihnen kommt, müssen Sie zuerst fragen, ob sie Tee haben möchte, zweitens, ob sie hungrig ist. Dann schiebt man den behaglichsten Lehnstuhl ans Feuer und erkundigt sich teilnehmend, ob vielleicht ihre Füße naß geworden sind. Ich möchte aber gleich bemerken, daß das bei mir nicht zutrifft. Sie mögen ja ein guter Detektiv sein, aber Sie sind ein schlechter Gastgeber.«

 

»Nun erzählen Sie mir aber, welche Abenteuer Sie inzwischen wieder erlebt haben«, bat er, nachdem er ihre Belehrung hingenommen und ihr so gut als möglich entsprochen hatte.

 

Sie berichtete ihm auch bereitwillig von ihren Erlebnissen.

 

»Ich habe also weiter nichts zu tun«, sagte sie zum Schluß, »als in einem netten Hotel zu wohnen und ein väterliches Auge auf einen sechzigjährigen Herrn zu werfen, der mich nicht einmal kennt. Er würde sonst wohl auch diese Bevormundung furchtbar übelnehmen. Aber es ist eine anständige Beschäftigung, und Mr. Stormer ist mir jedenfalls sympathischer als Mr. Malpas. Er ist auch bedeutend menschlicher.«

 

Sie unterbrach sich, als der Diener den Tee brachte und sich anschickte, den Tisch zu decken, was Dick jedoch für überflüssig erklärte.

 

»Ein Beruf ist es ja«, meinte Dick, »wenn auch kein angenehmer für ein junges Mädchen. Jedenfalls bin ich froh, daß Sie bei Stormer sind. Ich weiß nicht recht, was ich Ihnen nun raten soll. Einen Plan für Ihre Zukunft habe ich allerdings, und ich wollte, Sie fänden eine mehr erheiternde und ungefährliche Tätigkeit, bis ich mit diesem Portman Square-Rätsel fertig bin und Malpas hinter Schloß und Riegel habe. Dann –«

 

»Nun – dann?« fragte sie, als er verstummte.

 

»Dann werden Sie mir hoffentlich gestatten, mich um – Ihre Angelegenheiten zu kümmern«, entgegnete er ruhig.

 

Der Blick, mit dem er sie betrachtete, veranlaßte sie, rasch aufzustehen.

 

»Ich muß nach Hause – der Tee war köstlich.«

 

Er klingelte nach ihrem Mantel, der in der Küche trocknete.

 

»Was werden Sie sagen, wenn ich Ihre Zukunft in die Hand nehme?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich – ich weiß nicht … ich bin Ihnen ja sehr dankbar – für alles, was Sie getan haben –«

 

In diesem Augenblick brachte der Diener den Mantel, und Dick half ihr gerade hinein, als es schellte, und Steel eintrat.

 

Er verbeugte sich leicht vor Audrey und wandte sich dann an Dick.

 

»Was sind das für Dinge?« fragte er und nahm eine Handvoll gelber Kiesel von verschiedener Größe aus der Tasche. Einzeln legte er sie auf den Tisch.

 

»Das sind Diamanten – im Wert von etwa zweihundertfünfzigtausend Pfund«, erwiderte Dick langsam.

 

»Noch dreimal soviel liegen in Malpas‘ Zimmer«, fuhr Steel fort. »Der ganze Götze ist damit gefüllt! Ich entdeckte das Versteck zufällig, als ich mich ein bißchen langweilte und an den beiden Bronzekatzen herumtastete. Ich überlegte, ob sie wohl nur zum Schmuck dienten oder irgendwelchen Nutzen hätten. Und plötzlich drehte sich das eine Tier halb um sich selbst, und als ich mein Heil mit dem anderen versuchte, wiederholte sich die Geschichte. Ich muß wohl unbewußt eine Feder berührt haben. Mit einemmal öffnete sich die Brust des Götzen in der Mitte – ganz wie eine Flügeltür. Ich kletterte auf den Sockel und leuchtete mit meiner Taschenlampe hinein, und – ich schwöre Ihnen, der Körper ist bis zur Hälfte voll von solchen und teilweise noch größeren Steinen!«

 

Dick betrachtete die Diamanten. Jeder war mit einem kleinen roten Siegel versehen, der seinen Fundort bezeugte.

 

»Er wird sie nicht verkauft haben, weil die Diamantenpreise in den letzten Jahren wegen Überproduktion gesunken sind«, sagte er. »Sie haben die Tür in dem Götzen natürlich wieder geschlossen?«

 

»Selbstverständlich! Und glücklicherweise war ich auch allein im Zimmer, als ich die Entdeckung machte.«

 

Shannon schüttete die Steine in eine Zuckerschale und verwahrte sie in seinem Geldschrank.

 

»Die anderen müssen noch heute nach Scotland Yard geschafft werden«, ordnete er an. Dann forderte er Audrey auf, mitzukommen, nahm eine Ledertasche mit und machte sich auf den Weg.

 

Steel hatte zwei Leute in Malpas‘ Zimmer als Wachen zurückgelassen. Ein dritter befand sich in der Halle, und der Inspektor kam von oben herunter. Auf Dicks Wunsch wurde im Hinblick auf etwaige neue Zwischenfälle noch der Mann aus der Halle heraufgerufen. Dann ging Dick auf die Nische zu und zog den Vorhang beiseite. Sobald er das eine Katzentier drehte, setzte sich die Maschinerie in Bewegung. Dick stieg hinauf und nahm eine Handvoll Steine aus dem Versteck.

 

»Die Sache stimmt«, meinte er, als er wieder hinuntersprang und die Diamanten in die Ledertasche schüttete.

 

Im selben Augenblick hörte er ein Knacken und fuhr herum. Beide Katzen begannen sich langsam zurückzudrehen, und gleichzeitig gingen alle Lichter aus.

 

»Stellen Sie sich vor die Tür!« befahl Shannon rasch. »Einer von den Leuten soll sich zum Büfett hintasten und den Gummiknüppel dabei gegen die Täfelung drücken. Sobald sie sich bewegt, muß er zuschlagen. Wo sind die Taschenlampen?«

 

»Draußen auf dem Flur«, sagte der Inspektor.

 

»Holen Sie sie! Der Mann an der Tür läßt den Inspektor durch und gibt scharf acht, daß es auch wirklich der Inspektor ist, der zurückkommt.«

 

Audreys Herz schlug heftig, und ihre Hand tastete instinktiv nach Dicks Arm.

 

»Was wird geschehen?« flüsterte sie ängstlich.

 

»Ich weiß es nicht«, gab er leise zurück. »Bleiben Sie dicht hinter mir, und halten Sie meinen linken Arm fest!«

 

»Die Tür ist zu!« rief der Inspektor plötzlich.

 

Steel kroch am Boden entlang auf den Götzen zu.

 

»Hat nicht jemand ein Streichholz? Captain, haben Sie etwas gehört?«

 

»Es kam mir vor, als ob ich ein leises Wimmern hörte. Können Sie den Götzen fühlen?«

 

»Ich bin – o, mein Gott!«

 

Audreys Blut erstarrte bei dem Schmerzensschrei.

 

»Was ist los?« rief Dick.

 

»Ich berühre etwas Glühendes!« Steel stöhnte.

 

»Hier brennt etwas«, flüsterte Audrey. »Riechen Sie es nicht?«

 

Dick machte sich sanft von ihr frei.

 

»Ich muß einmal sehen, was geschehen ist.«

 

Im gleichen Augenblick flammte das Licht wieder auf. Allem Anschein nach hatte sich nichts bewegt. Steel befühlte seine Hand, deren innere Fläche einen roten Striemen aufwies.

 

»Eine scheußliche Brandwunde«, sagte er und biß die Zähne zusammen.

 

Dick rannte zu dem Sockel des Götzen und betastete ihn. Er war eiskalt.

 

»Ich glaube, es kam etwas aus dem Fußboden heraus«, meinte Steel, »eine glühende Schranke oder so etwas Ähnliches…«

 

»Erst wollen wir uns jetzt einmal die Steine holen!« erklärte Dick und drehte die Katzen. Die kleine Tür öffnete sich, und er stieg hinauf.

 

Aber als er die Hand hineinstreckte, fand er die Höhlung leer.

 

Kapitel 29

 

29

 

Alle Nachforschungen blieben ergebnislos. Eine Falltür war nicht vorhanden, und die Stahltrossen des Aufzugs hatte Dick durchschneiden lassen.

 

»Holen Sie die Lampen!« befahl er. »Und von jetzt ab trägt jeder eine bei sich.«

 

Als ob diese Worte als Signal gewirkt hätten, erlosch das Licht von neuem, und die Tür schloß sich, bevor jemand sie erreichen konnte. Aber diesmal dauerte die Dunkelheit nur einen Augenblick.

 

»Die Geschichte fängt an, unheimlich…« begann Dick und verstummte plötzlich.

 

Vor dem Götzen lag ein Lederbeutel. Er war neu und groß.

 

Dick sprang hin, hob ihn auf und legte ihn auf den Tisch.

 

»Seien Sie vorsichtig!« warnte Steel.

 

Rasch betastete Dick den Beutel.

 

Fast wäre er in Ohnmacht gefallen, als er den Beutel bis zum Rand mit den gelben Steinen gefüllt sah, die er in der Brust des Götzen entdeckt hatte. Er holte tief Atem und winkte Steel zu sich.

 

»Das sind wohl ungefähr alle, die darin lagen?« fragte er.

 

Steel war sprachlos vor Erstaunen und konnte nur nicken.

 

»Inspektor, sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen ihre Sachen zusammensuchen«, befahl Dick. »Ich hebe die Bewachung dieses Hauses auf.«

 

Kurz darauf verließen sie alle das rätselhafte Gebäude. Dick streckte gerade die Hand aus, um die Tür zu schließen, als sie von selbst ins Schloß fiel. Zugleich wurde es drinnen hell. Am Fenster schob jemand die Gardine beiseite und schaute hinaus.

 

»Ich versuche es!« rief Dick und hob den Revolver.

 

Drei Schüsse knallten, Scheiben klirrten, der Lichtstreifen erlosch.

 

»Jetzt kann ich in ernste Schwierigkeiten kommen«, sagte Dick, »aber ich hoffe, daß ich ihn getötet habe!«

 

»Wen?« fragte Audrey ängstlich.

 

Aber er gab keine Antwort, denn schon ertönten Polizeipfeifen, und von allen Seiten strömten Polizisten und Neugierige herbei. Trotz seiner hohen Stellung in Scotland Yard mußte Dick seinen Namen, seine Adresse und die Nummer seines Revolvers angeben, bevor er in ein Auto steigen konnte. Den Lederbeutel stemmte er fest auf die Knie.

 

»Wir fahren erst zu meiner Wohnung und legen die übrigen Steine dazu«, sagte er zu Audrey. »Dann bringe ich sie nach Scotland Yard. Ich habe keine Ruhe, bis ich sie hinter bombensicheren Stahltüren weiß.«

 

»Ich glaube, ich bin ein schlechter Detektiv«, murmelte sie. »Beinahe hätte ich geschrien!«

 

»Ich auch, Miß Bedford«, meinte Steel. »Können Sie wohl einen Umweg machen und mich beim Middlesex- Hospital absetzen? Ich möchte meine Hand verbinden lassen.«

 

Sie kamen seinem Wunsch nach.

 

»Eigentlich hätten Sie einen Polizisten mitnehmen sollen, Captain Shannon«, sagte Audrey, als Steel ausgestiegen war.

 

Er lachte.

 

»Ach, zwischen der Wardour Street und Scotland Yard kann uns doch nichts passieren.«

 

Aber schon wenige Minuten später ereilte sie das Schicksal. Ein großes Auto kam hinter ihnen her, machte plötzlich eine Wendung und fuhr in die kleinere Droschke hinein, so daß sie krachend auf den Gehsteig geschleudert wurde.

 

Dicks erster Gedanke galt Audrey. Im Nu hatte er sie mit einem Arm umfaßt und zog sie an sich, um ihr Gesicht zu schützen, als die Scheiben in tausend Stücke zersprangen. Gleichzeitig wurde die Tür aufgerissen, und eine Hand tastete hinein. Dick sah, wie die Finger nach dem Lederbeutel griffen, und seine Faust stieß zu. Der Schlag traf den Mann gegen die Schulter, so daß er eine Sekunde lang den Beutel losließ. Dann führte dieser einen Stoß durch die Tür. Dick sah Stahl aufblitzen. Er wand und drehte sich, um auszuweichen und seinen Revolver herauszuziehen, und wehrte sich durch einen gewaltsamen Fußtritt, der glücklicherweise traf. Ein Schrei ertönte, und ein Messer fiel klirrend auf die Scherben.

 

»Haltet den Mann!« schrie Dick. Er hatte den herbeieilenden Polizisten gesehen, aber das Knattern der Maschine übertönte seine Stimme. Im Bogen glitt der große Wagen um den Beamten herum und verschwand in der Shaftesbury Avenue.

 

Mühsam kletterte Dick aus dem Taxi und half Audrey auf die Füße.

 

»Haben Sie sich die Nummer gemerkt?« fragte er.

 

»Ja«, erwiderte der Chauffeur. »X.G. 97435.«

 

Dick lachte.

 

»Meine eigene! Unser Freund hat jedenfalls Humor.«

 

Jetzt fand sich auch ein Polizeiinspektor ein, der nach einer kurzen Unterhaltung mit Dick ein Auto besorgte und mit ihm zum Haymarket fuhr.

 

»Hallo!« rief der Captain, als sie vor der Wohnung vorfuhren, und er zu den Fenstern hinaufschaute. Er hatte seinem Diener befohlen, das Wohnzimmer nicht zu verlassen, bis er selbst zurückkehrte, und nun war oben alles dunkel.

 

»Kommen Sie herein in den Flur und halten Sie den Beutel«, sagte er zu dem Beamten. »Audrey, Sie bleiben hinter dem Inspektor stehen.«

 

Er schaltete die Treppenbeleuchtung ein und öffnete die Vorsaaltür. Aber in dem Raum war die Birne entfernt worden, so daß er vergebens auf den Lichtknopf drückte. Mit vorgehaltenem Revolver trat er die verschlossene Wohnzimmertür ein, drehte das Licht an und sah seinen Diener William blutend vor dem Sofa liegen. Der Safe stand offen, wie er erwartet hatte. Die gesprengte Tür hing in den Angeln, und die Zuckerschale mit ihrem kostbaren Inhalt war verschwunden.

 

Glücklicherweise erwies sich Williams Wunde als ungefährlich, und als der Mann wieder zum Bewußtsein kam, ging Dick in das nebenan liegende Schlafzimmer, wo ein Fenster offenstand. Er schloß es und ließ das Rouleau herab. Die Schubladen seines Toilettentisches waren geöffnet und das Bett durchwühlt worden.

 

Er verließ die Wohnung wieder und bemerkte, daß es im Treppenhaus dunkel war.

 

»Wer hat das Licht ausgedreht?« rief er hinab.

 

»Ich dachte, Sie hätten es getan!« erwiderte der Inspektor.

 

»Kommen Sie herauf und bringen Sie den Beutel mit.«

 

»Den Beutel? Aber den haben Sie doch genommen!«

 

»Was?« schrie Dick.

 

»Als Sie eben herunterkamen, sagten Sie doch: ›Geben Sie den Beutel her und bleiben Sie hier stehen‹«, entgegnete der Beamte erschrocken.

 

»Ach, Sie Quadratesel!« tobte Dick. »Haben Sie denn nicht Ihre Augen aufmachen können?«

 

»Es war doch dunkel –«

 

»Audrey, haben Sie den Mann gesehen?«

 

Keine Antwort.

 

»Wo ist die junge Dame?« rief Dick wild.

 

»Hier unten, neben der Tür.«

 

Dick fuhr herum und drehte das Licht an.

 

Audrey war verschwunden.

 

Der Chauffeur wartete noch. Er hatte einen Herrn mit einem Beutel in der Hand herauskommen sehen, nachher war die Dame gefolgt. Aber in welcher Richtung sie sich entfernt hatten, oder ob sie zusammen weggegangen waren, konnte er nicht angeben.

 

In kürzester Zeit hatten alle Polizeiwachen Londons von dem Raub erfahren. Motorfahrer waren unterwegs, um die Schutzleute zu veranlassen, auf einen Mann mit einem Lederbeutel zu achten, ebenso auf eine genau beschriebene junge Dame im Regenmantel.

 

Der Diener William wußte nur anzugeben, daß er die Zeitung gelesen und dann plötzlich das Bewußtsein verloren hatte.

 

Als Dick hastig herauskam, um nach Scotland Yard zu fahren, begegnete er einem Polizisten in Zivil, den er kannte, und fragte ihn, ob er vielleicht Audrey gesehen hätte. Aber der Mann verneinte.

 

»Ich stand oben am Eingang zur Untergrundbahn«, sagte er. »Wie immer war ein großes Gedränge dort. Aber es ist mir niemand aufgefallen. Nur Slick Smith kam in einem ganz durchweichten, dunkelblauen Mantel vorbei.«

 

»Wann?«

 

»Vor ungefähr fünf Minuten.«

 

In Scotland Yard waren noch keine Nachrichten eingelaufen, als Dick dort eintraf, und er machte sich daher sofort auf den Weg, um Slick Smith aufzusuchen.

 

Dieser war nicht in seiner Wohnung, aber der Hauswirt hatte nichts dagegen, daß Dick nach oben ging, um ihn dort zu erwarten. Die Tür war zu, ließ sich jedoch leicht öffnen. Dick trat in das Zimmer ein, hatte aber keine Gelegenheit, sich genauer umzusehen, weil der Inhaber der Wohnung ihm fast auf dem Fuß folgte.

 

Slick lächelte und hatte eine große Zigarre im Mundwinkel.

 

»Guten Abend, Captain!« sagte er vergnügt. »Wie nett von Ihnen, daß Sie mich besuchen!«

 

»Erzählen Sie mir bitte genau, was Sie von fünf Uhr an getrieben haben«, erwiderte Dick schroff.

 

»Das ist nicht so einfach. Ich weiß nur, daß ich mich um Viertel nach neun auf dem Haymarket befand. Einer Ihrer Spürhunde sah mich. Es wäre albern, es abzuleugnen. Während der übrigen Zeit bin ich herumgebummelt. Das Bequemste für Sie ist, wenn Sie sich bei der Stormerschen Agentur erkundigen. Die Firma läßt mich nämlich beobachten. Sie brauchen nur dort anzufragen. Aber ich will Ihnen etwas sagen, Captain: lassen Sie uns die Karten aufdecken. In Ihrer Wohnung ist heute eingebrochen worden – wollen Sie mich deshalb holen?«

 

»Ich will Sie gar nicht holen. Aber Sie sind als verdächtig bekannt und wurden in der Nähe des Haymarket gesehen, als der Einbruch stattfand. Was ist denn eigentlich mit Ihrem Gesicht los?« Er drehte ihn nach der Lampe hin. Von der Backe bis über das linke Ohr hinauf zog sich eine lange Schramme, die sogar einige Haare entfernt hatte. »Das ist ja die Spur einer Kugel! Und hier am Kinn – rührt die Wunde etwa von Glasscherben her? Hören Sie zu, Smith: Sie standen hinter einem Fenster, die Kugel fuhr durchs Glas, streifte Ihre Stirn, prallte dann an Ihrem Kopf ab, und ein Glassplitter – ach, was ist denn das?« Er zupfte einen winzigen Glassplitter von dem nassen Mantelärmel des Mannes und hielt ihn Slick vor die Augen.

 

Eine Weile schwiegen beide und sahen einander an.

 

»Alle Achtung, Shannon!« sagte Slick Smith dann. »Sie haben das Zeug zu einem tüchtigen Detektiv. Ja, man hat auf mich geschossen – durch das Fenster einer Autodroschke. Einer von diesen schäbigen Halunken in Soho hat einen heimlichen Groll gegen mich. Hier ist die Nummer des Wagens – falls Sie Nachforschungen anstellen wollen.« Er holte eine Karte mit einer darauf gekritzelten Nummer aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Sein Alibi war gut vorbereitet.

 

Diese Kaltblütigkeit reizte Dick aufs äußerste. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, und er wußte im Grund seines Herzens, daß er sich weniger um den Verlust der Diamanten als um Audreys Sicherheit sorgte.

 

»Smith«, sagte er eindringlich, »wollen Sie mir den Gefallen tun, wenigstens bis zu einem gewissen Grad offen gegen mich zu sein? Als ich nach Hause fuhr, befand sich Miß Bedford in meiner Begleitung – kennen Sie die Dame?«

 

»Ich habe sie einmal getroffen.«

 

»Schön. Es ist mir jetzt vollkommen gleichgültig, ob Sie mit dem Einbruch zu tun hatten oder nicht, aber sagen Sie mir, ob Sie Miß Bedford heute abend gesehen haben.«

 

Smith lächelte strahlend.

 

»Natürlich hab‘ ich sie gesehen! Vor zwei Minuten stand sie noch vor diesem Haus.«

 

Er hatte kaum gesprochen, als Dick auch schon die Treppe hinabstürmte. Auf dem Gehsteig ging jemand im Regenmantel auf und ab.

 

»Audrey!« rief er, und bevor er selbst wußte, was er tat, hielt er sie schon in den Armen. »Ach, Kind, Sie wissen nicht, was diese Minute für mich bedeutet«, sagte er mit zitternder Stimme.

 

Sie machte sich sanft von ihm frei.

 

»Hat Mr. Smith Ihnen nicht gesagt, daß ich hier warte?«

 

»Nahm er denn an, daß ich hier sein würde?« entgegnete er erstaunt.

 

Er führte sie nach oben, und sie erzählte.

 

»Ich dachte auch, daß Sie es wären, als jemand herunterkam und dem Inspektor etwas zuflüsterte. Aber als er die Tür aufriß, sah ich, daß Sie es nicht waren. Dick – es war Malpas! Ich hätte beinahe laut aufgeschrien, aber meine Hand berührte zufällig das silberne Abzeichen in meiner Tasche, und ich wurde mir wieder meiner Verantwortung als Detektivin bewußt. Ich eilte hinter ihm her und verfolgte ihn durch die Panton Street zum Leicester Square und zur Coventry Street. Dort bog er in eine Nebengasse ab, ging am Pavilion-Theater vorüber und die Great Windmill Street hinauf. Dort wartete ein Wagen auf ihn, aber als er einstieg, beging ich eine Dummheit. Ich schrie ›Halt!‹ und rannte darauf zu. Zu meiner größten Überraschung fuhr er nicht davon, sondern schaute aus der geschlossenen Limousine heraus und sagte: ›Sind Sie es, Miß Bedford? Steigen Sie doch bitte ein. Ich möchte mit Ihnen sprechen.‹ Und als er dann blitzschnell aus dem Auto sprang, ergriff ich die Flucht. Wie ich ihm entkommen bin, weiß ich selbst nicht. Es war kein Mensch in der Nähe, und ich war in einer entsetzlichen Todesangst! Ich rannte um mehrere Straßenecken und konnte kaum noch laufen, als plötzlich Mr. Smith in Sicht kam. Ich erschrak zuerst furchtbar, denn ich dachte, es wäre Malpas. Das ist alles. Mr. Smith brachte mich dann zu Ihrer Wohnung, und dort hörten wir von einem Polizisten, daß Sie sich nach ihm erkundigt hätten.«

 

Dick holte tief Atem.

 

»Wie kam es denn, daß Sie in der Nähe waren, Smith?«

 

»Ich war der jungen Dame gefolgt – was ich vielleicht unterlassen hätte, wenn ich gewußt hätte, daß sie zur Firma Stormer gehört«, entgegnete Slick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Aber jetzt werden Sie gehen wollen. Gute Nacht!«

 

Kapitel 30

 

30

 

Als Audrey am nächsten Morgen in ihrem luxuriös ausgestatteten Zimmer frühstückte, wurde ihr zu ihrer größten Verwunderung ein Brief von Dora gebracht. Ihr Erstaunen wuchs noch, als sie die Zeilen las, die ihre Schwester geschrieben hatte:

 

 

»Mein liebes Kind,

kannst Du mir wohl jemals verzeihen, daß ich Dich so entsetzlich behandelt habe? Der Gedanke, daß Du unseretwegen unschuldig ins Gefängnis gingst, läßt mir und Martin keine Ruhe, und wenn ich an meinen fürchterlichen Angriff auf Dich denke, kann ich mich vor mir selbst nur dadurch rechtfertigen, daß ich mir sage, ich war nicht mehr bei Sinnen. Willst Du vergeben und vergessen? Ich habe Dir viel zu sagen. Bitte rufe mich an.

 

Deine Dich liebende Schwester

Dorothy.«

 

 

»Dorothy?« murmelte Audrey überrascht. Aber sie fühlte doch etwas wie Freude und eilte ans Telephon.

 

Doras Stimme klang matt, als sie antwortete.

 

»Wie lieb, daß du kommen willst. Du bist jetzt ja wohl für Stormer tätig?«

 

»Woher weißt du das?«

 

»Es wurde uns von jemand erzählt. Aber das ist ja gleichgültig, wenn du nur kommst.«

 

Audrey ließ sich das Bad richten und erkundigte sich bei der Gelegenheit bei dem Zimmermädchen nach dem geheimnisvollen Mr. Torrington.

 

»Sie sagen ja, daß er Millionär ist«, erwiderte das Mädchen achselzuckend, »aber ich kann nicht finden, daß er viel von seinem Geld hat. Den ganzen Tag sitzt er in seinen Zimmern herum und raucht oder liest, und abends geht er aus – aber nicht ins Theater oder ins Kino! Nein, er bummelt nur in den Straßen herum. Na, das Geld sollte ich mal haben! Ich wüßte, was ich damit täte!«

 

»Ist er jetzt auch in seinen Zimmern?«

 

»Ja, eben habe ich ihm das Frühstück gebracht. Höflich ist er immer, das muß ich sagen. Und er lebt auch sehr regelmäßig. Um fünf Uhr steht er schon auf, da muß ihm der Nachtportier Kaffee und heiße Brötchen bringen.«

 

»Hat er eigentlich einen Sekretär?«

 

»Nein – gar nichts! Nicht mal einen Papagei!«

 

Audrey telephonierte mittags mit der Stormerschen Agentur. Man schien dort über ihren mageren Bericht sehr befriedigt zu sein. Sie wunderte sich noch darüber, als sie zur Curzon Street fuhr.

 

Dora empfing sie sehr freundlich und umarmte sie.

 

»Du hast uns also wirklich vergeben? Und wie frisch und blühend du aussiehst! Kein Mensch würde glauben, daß du ein Jahr älter bist als ich!«

 

»Älter als du?« fragte Audrey erstaunt.

 

»Ja, Kind! Für die Konfusion ist Mutter verantwortlich. Sie war ja nun einmal wunderlich – besonders in ihrer Abneigung gegen dich.«

 

»Aber ich bin doch am 1.Februar 1904 geboren?«

 

»Am 3. Februar 1903«, verbesserte Dora lächelnd.

 

»Siehst du, hier ist dein Geburtsschein: Audrey Dorothy Bedford. Das war Mutters erster Mann.« Verwirrt starrte Audrey das Papier an.

 

»Aber sie sagte doch immer, du wärst älter, und in der Schule warst du doch auch immer eine Klasse höher als ich! Wenn das wahr ist, dann ist mein Vater -«

 

»Ganz recht, Liebling, dein Vater sitzt nicht im Gefängnis«, erwiderte Dora leise und schlug die Augen nieder. »Ich wollte es nicht wahrhaben, aber es ist mein Vater! Er war ein Amerikaner, der nach Südafrika kam und Mutter heiratete, als du kaum vier Wochen alt warst.«

 

»Wie sonderbar!« murmelte Audrey. »Ich soll plötzlich nicht mehr Audrey sein? Und wir heißen beide Dorothy –?« Sie zuckte plötzlich zusammen und sprang auf. »Aber ich kann beweisen, daß ich die jüngere bin!« rief sie triumphierend. »Mutter hat mir ja selbst gesagt, wo ich getauft worden bin – in einer Kapelle in Rosebank, in Südafrika!«

 

Als Dora ihre Schwester wieder zur Haustür gebracht hatte und ins Wohnzimmer zurückkehrte, kam ihr Mann mit bleichem Gesicht aus dem Nebenraum herein.

 

Sie sah seine entstellten Züge und fuhr entsetzt zurück.

 

»Martin – du willst doch nicht etwa – ?«

 

Er nickte. Ein Leben stand zwischen ihm und traumhaftem Reichtum. Sein Entschluß war gefaßt.

 

 

Mr. Willitt fühlte sich in Dan Torringtons Gegenwart immer befangen. Auch jetzt verursachte ihm der forschende Blick des alten Mannes wieder Unbehagen. Torrington lehnte mit einer Zigarette im Mund am Kamin.

 

»Ich habe volles Vertrauen zu Stornier«, sagte er lebhaft, »aber ein junges Mädchen als Sekretärin ist nichts für mich. Sie würde mir auf die Nerven fallen! Wer ist sie denn überhaupt?«

 

»Es handelt sich um die junge Dame, die bei Malpas angestellt war.«

 

»Doch nicht die Freundin von Captain Shannon?«

 

»Jawohl.«

 

Torrington rieb sein Kinn.

 

»Und Shannon wünscht es?«

 

»Er weiß gar nichts davon. Der Gedanke stammt von Mr. Stormer. Um die Wahrheit zu sagen –«

 

»Aha!« bemerkte der alte Herr trocken. »Also endlich die Wahrheit! Na, lassen Sie hören.«

 

»Sie ist bei uns angestellt, und wir möchten jemand in Ihrer Nähe haben – für alle Fälle.«

 

»Ist sie eine so tüchtige Dame?« lachte Torrington. »Nun gut, schicken Sie mir sie heute nachmittag einmal her. Ansehen kann ich sie mir ja. Wie heißt sie denn?«

 

»Audrey Bedford.«

 

Der Name sagte Torrington nichts.

 

»Also um drei«, erwiderte er.

 

»Sie ist hier im Hotel. Würden Sie –«

 

»Was, Sie haben sie gleich mitgebracht?«

 

»Sie wohnt hier. Wir – wir hatten sie nämlich beauftragt, Ihnen ihre Aufmerksamkeit zu widmen – «

 

Torrington lächelte belustigt.

 

»Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, möchte ich fast glauben, daß ich alle Hände voll zu tun haben werde, um sie zu beschützen«, sagte er. »Aber mag sie kommen!«

 

Willitt ging hinaus und kehrte gleich darauf mit Audrey zurück.

 

Torrington umfaßte sie mit einem raschen Blick.

 

»Etwas weniger Detektivhaftes habe ich noch nie gesehen«, meinte er trocken.

 

»Ich komme mir auch nicht im geringsten wie ein Detektiv vor«, entgegnete sie lachend, als er ihre Hand nahm. »Mr. Willitt sagte mir, daß Sie mich als Sekretärin anzustellen wünschten?«

 

»Mr. Willitt übertreibt«, erwiderte er gutmütig. »Ich wünsche durchaus nicht, Sie als Sekretärin zu haben, aber ich fürchte, daß ich Sie wider Willen bitten muß, diese Stellung anzunehmen. Sind Sie eine gewandte Sekretärin?«

 

»Nein, leider nicht«, gestand sie bedrückt.

 

»Um so besser!« Sein Lächeln wirkte ansteckend. »Das Zusammensein mit einer gewandten Sekretärin könnte ich wohl kaum ertragen – befähigte Menschen wirken entsetzlich bedrückend. Jedenfalls werden Sie nicht heimlich an meine Briefe gehen und sie lesen und photographieren. Und ich kann mein Geld sicher auch herumliegen lassen, ohne etwas davon zu verlieren. Es ist gut, Mr. Willitt, ich werde alles Nähere mit dieser Dame besprechen.«

 

Er fühlte sich seltsam zu ihr hingezogen.

 

»Pflichten werden Sie kaum haben«, erklärte er scherzend, »und Ihr Dienst beginnt erst, wenn ich wirklich Ihrer Hilfe bedarf. Ich glaube aber, dieser Augenblick wird wohl nie kommen. Ich erinnere mich Ihrer jetzt. Sie sind im vergangenen Jahr in Schwierigkeiten gekommen.«

 

Dieser grauenvolle Diamantenraub! Würde er niemals in Vergessenheit geraten?

 

»Ihre Schwester ist eine wenig erfreuliche Erscheinung – ach, verzeihen Sie, wenn ich Sie verletzt habe!«

 

»Sie ist nicht so schlimm, wie man allgemein annimmt.«

 

»Die Heirat mit Martin Elton war ihr Verderben. Den Herrn kenne ich besser, als Sie ahnen. Sie haben doch für Malpas gearbeitet? Ein sonderbarer Kauz!«

 

»Ja, sehr sonderbar!« bestätigte sie mit Nachdruck.

 

»Wissen Sie, daß er steckbrieflich verfolgt wird?«

 

»Ich dachte es mir. Er ist ein Ungeheuer in Menschengestalt!«

 

Ein leises Lächeln glitt über Torringtons Gesicht.

 

»Das mag wohl sein. Gestern abend haben Sie wohl einen tüchtigen Schrecken gehabt? Sie waren doch dabei, als Shannon die Diamanten gestohlen wurden?«

 

Sie schaute ihn verblüfft an.

 

»Steht das denn in den Zeitungen?«

 

»Nein, nur in meiner Privatzeitung. Haben Sie die Steine gesehen? Wunderhübsche, kleine, gelbe Dinger. Sie gehören mir.«

 

Audrey war sprachlos, als er in gleichgültigem Ton diese Feststellung machte.

 

»Ja, sie gehören – oder vielmehr, sie gehörten mir. Jeder Stein trägt das Siegel der Hallam & Coold Mine. Sie können es Shannon mitteilen, wenn Sie ihn sehen. Aber vermutlich weiß er es schon.«

 

Sein Blick fiel plötzlich auf ihre Füße, die er solange betrachtete, daß sie sich unbehaglich zu fühlen begann.

 

»Bei nassem Wetter tut es etwas weh?« fragte er schließlich.

 

»Ja, ein wenig«, entfuhr es ihr, aber dann hielt sie ein. »Was meinen Sie damit – wie konnten Sie wissen?« erwiderte sie aufs höchste überrascht.

 

Er lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten.

 

»Verzeihen Sie mir«, bat er. »Ich bin nur ein neugieriger, alter Mann.« Er schob ihr ein Paket Briefe hin und deutete auf den Schreibtisch. »Bitte, beantworten Sie die Sachen.«

 

»Würden Sie mir bitte sagen, in welcher Art –«

 

»Das ist überflüssig. An Leute, die Geld haben wollen, schreiben Sie ›Nein‹. Leuten, die mich sprechen wollen, erklären Sie bedauernd, daß ich mich in Paris aufhielte. Und für Journalisten bin ich ein für allemal soeben gestorben.«

 

Er nahm ein zerknülltes Schreiben aus der Tasche.

 

»Hier ist allerdings einer, der besonders beantwortet werden muß«, fuhr er fort, ohne ihr den Bogen zu geben. »Bitte, schreiben Sie: ›Am nächsten Mittwoch geht ein Schiff nach Südamerika ab. Ich biete Ihnen fünfhundert Pfund und freie Überfahrt. Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, gehen Sie auf mein Angebot ein.‹

 

Audrey stenographierte hastig.

 

»Und die Adresse?« fragte sie.

 

»Mr. William Stanford, Portman Square 552«, erwiderte Torrington und warf einen zerstreuten Blick zur Decke.

 

Kapitel 4

 

4

 

Lacy Marshalt hatte einst als Senator dem Gesetzgebenden Rat von Südafrika angehört und führte seitdem zur größten Belustigung seines Kammerdieners Tonger den Titel Honourable, »der Ehrenwerte«.

 

An einem trüben Morgen stand er am Fenster und starrte verdrießlich in den Regen hinaus, als Tonger die Post hereinbrachte. Er griff nach einem blauen Umschlag, riß ihn auf und las:

 

»Alles in Ordnung. Es geht zu Ende mit ihm.«

 

»Schick ihm zwanzig Pfund!« sagte er und warf Tonger den Brief zu.

 

»Ob der wirklich aus Matjesfontein kommt?« meinte der Diener nachdenklich, nachdem er die Mitteilung auch gelesen hatte.

 

»Hast du den Poststempel nicht gesehen?«

 

»Hm, ja! Hören Sie mal, Lacy, wer ist eigentlich der Kerl, der nebenan wohnt? Malpas heißt er. Gestern sprach ich mit einem Polizisten, und der sagte, der Kerl müßte nicht richtig im Kopf sein. Wohnt ganz allein und macht alle Hausarbeit selbst. Wer kann das nur sein?«

 

»Du scheinst ja schon alles zu wissen – was fragst du mich noch?«

 

»Wenn er es nun wäre?«

 

»Mach, daß du hinauskommst, du Esel!« fuhr ihn Marshalt an.

 

»Der Privatdetektiv, den Sie bestellt haben, wartet draußen«, erwiderte Tonger gleichgültig.

 

Lacy stieß einen Fluch aus.

 

»Warum hast du das denn nicht gleich gesagt? Jeden Tag wirst du dümmer. Laß das blöde Grinsen und bring den Mann herein!«

 

Der schäbig aussehende Detektiv, der hereintrat, überreichte Lacy ein Photo.

 

»Ich habe sie gefunden und rasch diese Aufnahme von ihr gemacht. Das ist sie – sie heißt Audrey Bedford. Ihre Mutter ist tot – seit fünf Jahren. Aber auch von der habe ich ein Bild – auf einer Gruppenaufnahme.« Er wickelte ein größeres Blatt aus, das ihm Lacy schnell aus der Hand nahm.

 

»Mein Gott! Ja, gleich als ich das Mädchen sah, hatte ich ein Gefühl –«

 

»Sie kennen sie also, Mr. Marshalt?«

 

»Nein! Was treibt sie? Lebt sie allein?«

 

»Ja, bis jetzt. Aber vor kurzem hat sie ihr Haus verkaufen müssen. Sie soll mittellos sein und ist gestern nach London abgereist.«

 

»Bildhübsch, nicht wahr?«

 

»Ja, ungewöhnlich schön. Leider hatte ich das Pech, daß Captain Shannon im Gasthof von Fontwell abstieg, um einen Reifen auszuwechseln.«

 

»Wer ist Shannon?«

 

»Ein hohes Tier von Scotland Yard. Aber was ich in Fontwell vorhatte, hab ich ihm nicht verraten. Er hat mich aber fürchterlich ausgeschimpft, weil ich mich für einen Kriminalbeamten ausgegeben hatte.«

 

Lacy schien kaum zuzuhören.

 

»Verschaffen Sie mir vor allem Miß Bedfords Adresse, und versuchen Sie, mit ihr bekannt zu werden. Geben Sie sich für einen Geschäftsmann aus – borgen Sie ihr Geld – aber hüten Sie sich, sie ängstlich zu machen!« Er nahm ein paar Banknoten aus seiner Brieftasche und drückte sie dem Mann in die ausgestreckte Hand. »Bringen Sie das Mädel einmal zum Abendessen her«, fügte er leise hinzu.

 

Der Detektiv machte große Augen und schüttelte den Kopf.

 

»So was liegt mir nicht«, murmelte er.

 

»Ich will nur mit ihr sprechen. Sie bekommen fünfhundert.«

 

»Fünfhundert? Na, ich will sehen …«

 

Als der Mann gegangen war, trat Lacy ans Fenster.

 

Er rühmte sich, keine Furcht zu kennen. Rücksichts- und reuelos hatte er Menschenherzen zertreten, um an sein Ziel zu kommen. In drei Erdteilen fluchten Frauen seinem Andenken, brüteten Männer Rache. Er aber fürchtete nichts. Er haßte Dan Torrington und wußte nicht, daß Haß nur aus Furcht entsteht.