Kapitel 33

 

33

 

Er mißtraute Alice Cravel diesmal. Wahrscheinlich sollte er nur Nora aus dem Krankenhaus holen, damit man sie dann um so leichter entführen konnte. Aber eine innere Stimme sagte ihm trotzdem, daß Alice es ehrlich meinte.

 

Er rief das Krankenhaus an, aber die Nachtschwester beruhigte ihn.

 

»Ja, Ihre Beamten sind hier. Es ist nichts geschehen, und Miß Sanders schläft.«

 

Langsam ging er ins Badezimmer zurück, zögerte einen Augenblick, ließ dann aber das Wasser ab, ohne es benützt zu haben, und kleidete sich wieder an. Er war plötzlich vollkommen wach geworden.

 

Erst als er im Begriff war, fortzugehen, sah er das Nutzlose seines Handelns ein. Er konnte doch im Krankenhaus auch nicht mehr tun als seine Beamten. Aber trotzdem machte er sich zu Fuß auf den Weg nach Dorset Square.

 

Es war ein schöner Abend. Die Theater waren eben geschlossen worden, und es herrschte reger Autoverkehr auf den Straßen. Sein Weg führte ihn über Berkeley Street und Berkeley Square, und plötzlich kam ihm der Gedanke, trotz der späten Stunde noch seinen Vater aufzusuchen. Als er auf das Haus zuging, sah er, daß die Diele erleuchtet war. Er klingelte und wurde gleich darauf von dem Kammerdiener seines Vaters eingelassen.

 

Der Mann machte einen verstörten Eindruck, und Long erschrak.

 

»Wo ist mein Vater?«

 

»Ich weiß es nicht, Mr. Arnold. Er ist ungefähr vor einer Stunde fortgegangen, um noch einen Brief in den Kasten zu werfen. Das macht er gewöhnlich abends noch, aber er ist dann meistens nach fünf Minuten zurück.«

 

Arnold ging in die Bibliothek. Die Lichter brannten noch – sein Vater hatte also die Absicht, sofort wieder zurückzukehren.

 

»Hatte er seinen Hut auf, als er ging?«

 

»Ja. Er hatte Hut und Spazierstock.«

 

Eine Schublade von Sir Godleys Schreibtisch stand halb offen, und der Wetter schaute hinein. Als er sie leer sah, wuchs seine Bestürzung, denn sein Vater verwahrte seine Browningpistole darin.

 

Er rief den alten Diener herein, der die Gewohnheiten seines Herrn genau kannte.

 

»Nimmt Sir Godley gewöhnlich die Pistole mit, wenn er zum Briefkasten geht?«

 

»Ja, in letzter Zeit immer.«

 

Der Wetter trat auf den Platz hinaus und ging zum nächsten Briefkasten. Dort traf er einen Polizisten, der ihm Auskunft geben konnte. Aber der Bericht des Mannes klang sehr beunruhigend.

 

»Ich muß schon sagen, daß sich Ihr Vater etwas merkwürdig benahm. Während ich mich mit ihm unterhielt, fuhr ein Wagen vorbei. Er muß den Herrn, der darin saß, wohl erkannt haben. Es war ein alter Mann mit langen, weißen Haaren, einer schwarzen Künstlerkrawatte und einer Hornbrille –«

 

Long atmete schwer. Das mußte der Professor sein!

 

»Was machte mein Vater denn?«

 

»Nun kommt das Sonderbare. Er lief über die Straße und sprang in eine Autodroschke. Ich sah noch, wie er sich aus dem Fenster lehnte und dem Chauffeur Anweisungen gab. Ich hatte den Eindruck, daß er das erste Auto überholen wollte.«

 

Arnold ging zu dem Hause zurück. Er war sehr betroffen, aber er beruhigte den Diener mit einigen Worten. Dann setzte er seinen Weg nach Dorset Square fort. Seine Gedanken beschäftigten sich noch mit dem merkwürdigen Verhalten seines Vaters.

 

Was wußte Sir Godley von dem Professor? Und warum sprang er unter Vernachlässigung jeder Vorsicht in einen Wagen und fuhr dem alten Mann nach? Je länger der Wetter darüber nachdachte, desto sonderbarer erschien ihm die Sache. Der Professor gehörte doch allem Anschein nach zur Bande des Schreckens, ja vielleicht war er überhaupt der Leiter der ganzen Organisation!

 

Eine Turmuhr in der Nähe schlug. Es war halb zwölf. Er wollte sich nur davon überzeugen, daß in Dorset Square alles in Ordnung war, und dann in Berkeley Square die Rückkehr seines Vaters erwarten. Vor der Tür des Krankenhauses begrüßte ihn der Beamte.

 

»Es hat sich nichts ereignet«, berichtete er. »Nur die hysterische Frau ist fortgeschafft worden. Sie hat einen unheimlichen Spektakel gemacht.«

 

»Ja, ich weiß schon, wen Sie meinen.«

 

Der Detektiv, der unten in der Halle Wache hielt, öffnete sofort auf sein Klopfen. Auch er konnte weiter nichts melden. Die Nachtschwester kam gerade die Treppe herunter und erzählte ihm, daß Miß Sanders ruhig schliefe.

 

Der Wetter folgte einem plötzlichen Impuls.

 

»Dann kann ich sie vielleicht einmal sehen?« fragte er.

 

Die Nachtschwester war zwar nicht entrüstet über dieses Ansinnen, aber sie zögerte.

 

»Ich weiß nicht, ob die Oberin das gestatten würde. Ich will Sie hineinlassen, aber Sie dürfen nur einen Blick auf sie werfen, auf keinen Fall mit ihr sprechen.«

 

Er begleitete sie nach oben.

 

In dem Zimmer brannte eine schwache Lampe unter einem grünen Schirm, und es war gerade so hell, daß man eine Gestalt im Bett erkennen konnte. Das Mädchen hatte der Tür den Rücken zugekehrt, und man sah nur eine Locke auf dem Kissen.

 

Der Wetter runzelte die Stirne, als er das schwarze Haar bemerkte.

 

Mit zwei langen Schritten war er bei dem Bett, ohne sich um den Protest der Schwester zu kümmern.

 

»Was hat das zu bedeuten?« rief er erregt.

 

Er legte die Hand auf die schmale Schulter des Mädchens und schüttelte sie. Sie schlief nicht und schaute den Detektiv erschrocken an.

 

»Aber Mr. Long, was machen Sie denn?« rief die Krankenschwester, aber dann entdeckte sie auch das fremde Gesicht.

 

»Das ist ja gar nicht Miß Sanders«, sagte sie verstört.

 

Kapitel 34

 

34

 

Der Wetter ahnte den Zusammenhang, bevor sie ihre Entschuldigung stammeln konnte.

 

»Stehen Sie auf und kleiden Sie sich an«, sagte er zu der Fremden. »Ich verhafte Sie wegen Beihilfe. – Schicken Sie jemand herauf, die Frau zu bewachen, bis sie zur Polizeistation abgeholt werden kann«, wandte er sich an die Schwester.

 

Als sein Auftrag ausgeführt war, stellte er durch Fragen fest, was geschehen war.

 

Es handelte sich um die hysterische Frau, die auf die Empfehlung eines Arztes hin in der Anstalt aufgenommen worden war. Bis in die Abendstunden hinein hatte sie laut geschrien, und als der Doktor noch einmal vorsprach, hatte ihm die Oberin mitgeteilt, daß die Frau nicht länger im Hause bleiben könnte, weil sie die anderen Patienten störte. Daraufhin hatte er versprochen, einen Krankenwagen zu schicken, um sie wieder abzuholen. Der Wagen war dann auch erschienen. Zwei uniformierte Wärter hatten die Kranke auf eine Bahre gehoben und zu dem Auto getragen.

 

»Ich war zugegen, aber der Doktor bat mich, nach unten zu gehen und noch eine Decke zu holen. Ich war nur drei Minuten fort.«

 

»Und während dieser Zeit machten die Krankenwärter Miß Sanders durch eine Spritze bewußtlos und legten sie auf die Bahre. Und die Fremde nahm ihren Platz ein. Haben Sie denn keinen Schrei gehört?«

 

Sie nickte.

 

»Ja, gerade als ich unten an der Treppe ankam. Aber ich dachte, es wäre die hysterische Person und achtete nicht weiter darauf.«

 

Wetter Long war bleich geworden.

 

»Ich verstehe jetzt«, sagte er. »Ihnen kann man keinen Vorwurf machen. Ich hätte etwas Derartiges erwarten sollen, als ich von der hysterischen Patientin hörte, die am Nachmittag eingeliefert wurde. Ihr Zimmer lag ja direkt neben dem von Miß Sanders.«

 

Es blieb ihm nichts anderes übrig, als die übliche Mitteilung nach Scotland Yard zu machen und alle Polizeistationen zu benachrichtigen, daß sie nach dem Krankenwagen Ausschau halten sollten. Die Nummer war von dem Detektiv vor dem Hospital aufnotiert worden.

 

Seinen Vater hatte er vollkommen vergessen. Erst um drei Uhr morgens erinnerte er sich wieder an ihn, als ihn der Diener in Scotland Yard anrief.

 

»Sir Godley ist noch nicht zurückgekehrt.«

 

Der Wetter erschrak, als er das hörte. Es galt jetzt, allen Mut und alle Energie zusammenzunehmen. Er lehnte sich in seinen Stuhl zurück und versuchte unter größter Willensanspannung, alle sentimentalen Gedanken zu bannen. Er war ein Polizeibeamter, der die Aufgabe hatte, das Verschwinden eines Mannes namens Godley Long aufzuklären, desgleichen das Verschwinden der jungen Sekretärin von Miß Revelstoke. Seinen persönlichen Gefühlen durfte er keinen freien Raum geben, sonst hätte er den Verstand verloren.

 

Und diese beiden waren nicht die einzigen, die während der Nacht verschwunden waren. Miß Revelstoke und Mr. Henry waren nicht in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Aber ein Mann war auf dem Posten. Mr. Cravel meldete sich, als ihn Long um vier Uhr morgens in Heartsease anrief.

 

»Ach, Sie sind es, Inspektor? Ist etwas passiert?«

 

»Ich habe schon seit Mitternacht versucht, Sie zu erreichen«, erklärte der Wetter. »Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt?«

 

»Das kann unmöglich stimmen. Seit elf habe ich geschlafen, und das Telephon steht neben meinem Bett. Was wünschen Sie denn?«

 

Er sprach keineswegs wie ein Mensch, der plötzlich aus dem Schlaf aufgeschreckt wird. Seine Stimme klang klar und beherrscht.

 

»Ich komme zu Ihnen. Ist Ihre Schwester dort?«

 

Es entstand eine kurze Pause.

 

»Nein, sie ist in London. Kennen Sie ihre Wohnung?« Er nannte ihre Telephonnummer.

 

»In einer Stunde bin ich bei Ihnen«, erwiderte der Inspektor.

 

Er hatte Miß Alice Cravel schon angeläutet, konnte aber nichts aus ihr herausbringen. Und als er einen Beamten ausschickte, um sie nach Scotland Yard zu holen, konnte dieser nur feststellen, daß sie kurz vorher ausgegangen war.

 

Der Tag brach an, und ein leichter Regen rieselte nieder, als der Polizeiwagen nach Berkshire fuhr. Als sie an dem leeren Haus vorbeikamen, zu dem Nora Sanders das erstemal verschleppt worden war, dachte der Wetter einen Augenblick daran, zu halten und es von neuem zu durchsuchen. Aber sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, daß die Bande des Schreckens Nora auf keinen Fall wieder hierhergebracht hatte. Cravel wußte, wo sie war, und Cravel mußte es ihm sagen. An diesen Gedanken klammerte er sich während der ganzen Fahrt.

 

Er hatte sich mit seinem Chef in Verbindung gesetzt, bevor er Scotland Yard verlassen hatte.

 

»Lassen Sie sich nur nichts zuschulden kommen, Wetter«, warnte ihn Macfarlane. »Suchen Sie herauszubekommen, soviel Sie können, aber halten Sie sich innerhalb der gesetzlichen Grenzen.«

 

»Für mich ist jetzt alles gesetzlich, Colonel. Aber ich werde daran denken, daß Sie mich gewarnt haben.«

 

Das war also der große Coup, den sie vorhatten. Durch Nora Sanders wollten sie sich Monkfords Geld verschaffen. Zuerst fingierten sie eine Erbschaft, und dann suchten sie nach Mitteln und Wegen, wie sie Nora Sanders das Geld wieder abnehmen konnten. Sie sollte eins der Mitglieder der Bande heiraten. Dann konnte sie nichts gegen den Betreffenden aussagen. Sie wollten ihn vor die vollendete Tatsache stellen, so daß er gezwungen war, ruhig zu sein, wenn er nicht Nora Sanders bloßstellen wollte.

 

Kapitel 35

 

35

 

Als der Wetter die gewundene Anfahrtstraße nach Heartsease entlangfuhr, überkam ihn aufs neue ein außergewöhnlich bedrückendes Gefühl. Er ahnte instinktiv die Gefahr, die ihm bevorstand.

 

Mr. Cravel erwartete ihn mit düsterem Gesicht an der Haustür. Trotz der frühen Morgenstunde war er tadellos gekleidet und bereits rasiert.

 

In der Halle stand auf einem kleinen Tablett eine dampfende Kaffeekanne.

 

»Ich dachte, Sie würden vielleicht nach der kalten Fahrt gern etwas Heißes trinken«, erklärte Cravel. »Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß der Kaffee weder vergiftet noch mit einem Schlafmittel versehen ist.«

 

Long zögerte.

 

»Vielleicht versucht Mr. Rouch erst einen Schluck?« fuhr Cravel fort.

 

Der Kaffee war wirklich gut und erfrischte den Wetter. Er trank begierig die Tasse leer.

 

»Ich freue mich, daß Sie Sergeant Rouch mitgebracht haben«, sagte Cravel unvermittelt.

 

»Warum denn?«

 

Cravel zuckte die Schultern.

 

»Wenn man unter dem Verdacht steht, alle möglichen entsetzlichen Verbrechen begangen zu haben, freut man sich, wenn ein Zeuge zugegen ist. Selbst wenn der Zeuge der Gegenpartei angehört. Ich habe Zimmer Nr. 7 heizen lassen. Es ist eins der Zimmer, die Monkford das letztemal bestellt hatte. Sie sind doch nicht nervös deshalb?«

 

»Warum haben Sie denn gerade das Zimmer heizen lassen?« fragte Long ruhig.

 

Mr. Cravel zuckte aufs neue die Schultern.

 

»Ich nehme nicht an, daß Sie morgens um fünf Uhr herkommen, um ein Zimmer für nächstes Jahr zu belegen«, erwiderte er trocken. »Ich erwarte im Gegenteil ein unangenehmes Verhör, und ich möchte doch wenigstens haben, daß es nicht in aller Öffentlichkeit stattfindet.«

 

Der Lift war nicht in Betrieb, und sie mußten die Treppe hinaufsteigen. Cravel trat zur Seite, als sie vor der Tür des Zimmers angekommen waren. Ein großes Holzfeuer brannte im Kamin, und der Wetter zog seinen Mantel aus. Dann sah er nachdenklich zu Rouch hinüber.

 

»Ich glaube, Sie warten besser unten, Sergeant.«

 

Rouch entfernte sich gehorsam.

 

»Ich habe augenblicklich kaum Dienstboten hier«, erklärte Cravel. »Nur die paar Leute, die das Hotel während des Winters in Gang halten. Aber wenn Sie noch irgend etwas wünschen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung.«

 

Cravel hatte seine Absicht, das Hotel umzubauen, bereits in die Tat umgesetzt. Der Wetter hatte schon bei der Anfahrt die Gerüste bemerkt.

 

»Mr. Cravel, ich muß noch einige Fragen an Sie richten. Aber ich warne Sie – Sie sind ziemlich am Ende mit Ihrem Spiel. Wo ist Miß Sanders?«

 

Cravel lächelte.

 

»Warum soll denn gerade ich das wissen? Ich bin in den letzten Tagen nicht von hier fortgekommen. Ich hörte nur zufällig von Miß Revelstoke, daß Nora Sanders entführt und später von Wetter Long, dem König aller Detektive, auf heldenhafte Art gerettet wurde!«

 

»Gestern abend wurde sie aus einem Krankenhaus geholt, und Ihr Freund, der Professor, ist dafür verantwortlich –«

 

»Ich verstehe Sie nicht. Wer ist denn mein Freund, der Professor?«

 

»Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen zu streiten. Ich will Nora Sanders finden, und Sie werden mir sagen, wo sie ist.«

 

Die beiden maßen sich mit harten Blicken. Aus Cravels Zügen sprach kaltblütige Entschlossenheit. Er zuckte mit keiner Wimper und lächelte sogar.

 

»Ich glaube schon, daß Sie ein wenig aufgeregt sind, Mr. Long. Und bevor Sie sich nicht beruhigt haben, hat es wohl keinen Zweck, mit Ihnen zu sprechen. Besonders da Ihnen die einzige Nachricht, die ich Ihnen geben kann, wahrscheinlich einen bösen Schrecken einjagen wird.«

 

»Was wäre das denn?«

 

Cravel ging zu dem Kamin hinüber und legte die Hände auf den Rücken.

 

»Es ist etwas Unangenehmes passiert«, sagte er langsam. »Ich muß Ihnen gestehen, daß ich ein wenig, allerdings nur sehr wenig, davon weiß. Miß Sanders ist nämlich sehr gut mit mir bekannt, ja, ich möchte sagen, sie ist meine Freundin. Vielleicht haben Sie das bis jetzt noch nicht gewußt. Aber ich besitze eine Anzahl Briefe von ihr, und sie hat mir ihr Vertrauen geschenkt. Sie scheint über die vielen Aufmerksamkeiten, die Sie ihr erweisen, nicht gerade sehr erfreut zu sein.«

 

Der Wetter nickte. Er wußte, daß Cravel nur sprach, um Zeit zu gewinnen und ihn zu reizen.

 

»Sie haben sich natürlich nicht gedacht, daß sie beleidigt sein könnte, und ich kann Ihnen deshalb auch keinen Vorwurf machen. Die menschliche Eitelkeit –«

 

»Sie sprechen mehr und mehr wie Clay Shelton«, unterbrach ihn Long.

 

Es leuchtete in Cravels Augen unheimlich auf. Der Wetter bemerkte es wohl und hörte auch, daß der Mann schwer atmete.

 

»Clay Shelton geht mich nichts an. Miß Sanders wollte Sie nicht kränken, aber Sie waren ihr gegenüber so hartnäckig, daß es ihr schließlich auf die Nerven fiel. Sie bat einen meiner Freunde, er möchte ihr helfen, Ihnen zu entkommen. Ihre Wachsamkeit und Ihre Fürsorge hat Miß Sanders bedrückt. Ich kenne die Einzelheiten nicht näher, aber ich habe erfahren, daß es meinem Freund gelungen ist, sie aus dem Krankenhaus zu bringen. Unglücklicherweise haben sie aber die unangenehmen und aufregenden Erlebnisse der letzten Tage so stark mitgenommen, daß sie auf dem Weg nach Heartsease –«

 

»Was, sie ist hier?«

 

Mr. Cravel nickte.

 

»Daß sie auf dem Wege nach Heartsease einen Zusammenbruch erlitt und trotz ärztlicher Hilfe starb«.

 

»Sie ist tot?« fragte Long und kniff die Augen zusammen. »Sie lügen, Cravel. Sie wollen mich nur nervös machen. Aber das können Sie nicht, und wenn sie tot ist –« er zog seine Browningpistole – »dann halte ich mein Versprechen, und nichts kann Sie retten.«

 

Cravel zuckte nur gleichgültig die Schultern.

 

»Es ist allerdings eine traurige Tatsache, aber ich dachte, Sie wüßten es schon. Meine Schwester ist gewöhnlich nicht so zurückhaltend.«

 

»Wußte sie das auch?« fragte der Wetter ruhig.

 

Cravel nickte.

 

»Wo ist Nora Sanders?«

 

Zu seiner größten Überraschung zeigte der Hotelbesitzer nach der Tür des Zimmers, in dem Monkford den Tod gefunden hatte.

 

»Wir haben sie dorthin gebracht. Ihr Freund, der Professor, ist bei ihr. Sie sind doch wirklich sehr klug, daß Sie direkt hierher kamen«, fügte er ironisch hinzu. »Sie haben tatsächlich den Instinkt eines Liebhabers.«

 

»Gehen Sie voraus«, erwiderte der Wetter kurz. Den Browning hielt er immer noch auf die Brust des anderen gerichtet. »Wir wollen einmal sehen, wie weit Sie den Scherz zu treiben wagen. Ich glaube allerdings, daß Ihnen die Sache schlecht bekommen wird, mein Freund.«

 

Cravel ging gelassen zu der Verbindungstür, die ins nächste Zimmer führte und öffnete sie.

 

»Gehen Sie hinein«, sagte der Wetter und folgte ihm.

 

Die Vorhänge waren halb zusammengezogen, und das graue Tageslicht erhellte den Raum nur wenig. Wie vom Schlag gerührt, blieb Long in der offenen Tür stehen.

 

Totenbleich lag Nora Sanders auf dem Bett, das an der Wand stand.

 

Er konnte sie nur anstarren, denn sein Gehirn versagte im Augenblick den Dienst.

 

Dann hatte Cravel also doch die Wahrheit gesagt! Sie war tot! Warum hätten sie das Mädchen sonst hierher gebracht?

 

Am Fuß des Bettes bewegte sich plötzlich eine merkwürdige Gestalt. Es war ein alter Mann, dem das unordentliche weiße Haar ins Gesicht fiel. Das Licht spiegelte sich in seinen Brillengläsern, als er den Wetter mit einem haßerfüllten Blick betrachtete.

 

»Keiner rührt sich«, sagte Long. »Treten Sie dorthin, Cravel. Sobald einer von Ihnen eine Pistole zieht, schieße ich sofort!«

 

Wieder schaute er zu der stillen Gestalt hinüber, die auf dem Bett lag. Nora – tot! Er konnte es unmöglich glauben. Plötzlich packte ihn kalte Wut.

 

»Sie Hund!« rief er.

 

Er ging auf das Bett zu, aber schon bei dem zweiten Schritt, den er auf dem Teppich tat, fühlte er, daß der Boden unter ihm nachgab. Er warf sich nach rückwärts, aber er hatte das Gleichgewicht schon verloren. Instinktiv streckte er die Arme aus, um sich an einer Kante festzuhalten, aber auch das gelang ihm nicht, und er stürzte in die Tiefe. Sein Kopf schlug heftig gegen einen Pfosten des Baugerüstes, und er verlor das Bewußtsein.

 

Kapitel 36

 

36

 

Ein paar Minuten später ging Mr. Cravel langsam die Treppe hinunter und trat zu Sergeant Rouch, der vor der Eingangshalle Posten gefaßt hatte und mißvergnügt in den strömenden Regen schaute.

 

»Inspektor Long bleibt zum Frühstück«, sagte er.

 

»So?« erwiderte der Detektiv unfreundlich. »Soll ich nach oben kommen?«

 

»Noch nicht. Er sieht einige Papiere durch. Wahrscheinlich will er mir daraus irgendein Verbrechen nachweisen.«

 

Rouch antwortete nicht. Er streifte den Hotelbesitzer nur mit einem kühlen Blick.

 

Cravel ging zu seinem Büro. Kurz darauf hörte Rouch, daß er wieder herauskam und abschloß. Er sah sich aber nicht nach ihm um, und das war sein Fehler.

 

Der Schlag, der ihn auf den Hinterkopf traf, hätte jeden gewöhnlichen Menschen sofort getötet, aber der Sergeant trug einen festen, steifen Hut und fiel nur in die Knie. Wieder erhob Cravel den Gummiknüppel und ließ ihn niedersausen. Dann bückte er sich und hob den Mann auf. Er trug ihn zu dem Polizeiauto, legte ihn hinein und warf eine Decke über ihn. Aus seinem Büro holte er ein leichtes Motorrad und befestigte es seitlich auf dem Trittbrett des Wagens. Dann setzte er sich ans Steuer und fuhr ab.

 

Eine Viertelstunde später hatte er Egham hinter sich, wandte sich plötzlich nach Runnymede und folgte der Straße nach Windsor, die parallel mit dem Fluß läuft. An einer Stelle, wo das Ufer steil zum Wasser abfällt, hielt er an und band das Motorrad los. Dann drehte er das Steuer des Autos zum Wasser und ließ den Motor an. Der Wagen stürzte den Abhang hinunter und fiel ins Wasser.

 

Cravel sah nach der Uhr. Es war halb sechs. Er bestieg das Motorrad und fuhr nach Heartsease zurück.

 

Der alte Mann und Nora waren aus dem Zimmer verschwunden, in dem der Wetter abgestürzt war. Aber als sich Cravel umsah, bemerkte er die Browningpistole, die Long hatte fallen lassen. Er steckte sie in die Tasche, rollte den Teppich auf und trug ihn in den Salon. Bettücher und Bezüge waren bereits von dem Bett abgenommen. Er schaute sich noch einmal mit einem prüfenden Blick um und ging dann nach unten.

 

Er hatte noch viel zu tun. Von seinem Büro führte eine schmale Treppe in den Keller hinunter. Erst vor wenigen Tagen hatte er den Wein von dort fortschaffen lassen. Er trug eine Lampe in der einen Hand, in der anderen den Gummiknüppel, als er die Stufen hinunterstieg und den langen, mit Ziegelsteinen belegten Kellergang entlangging. Schließlich kam er an die Stelle, die direkt unter dem viereckigen Loch in der Decke lag. Die Bauhandwerker hatten es durch mehrere Stockwerke geschlagen. Er leuchtete mit der Lampe nach allen Seiten, fand aber Inspektor Long nicht. Seiner Meinung nach mußte er sich bei dem Fall das Genick gebrochen haben und tot hier unten auf dem Boden liegen.

 

Der Wetter war verschwunden, ja, er schien überhaupt nicht hier unten gelegen zu haben. Trotzdem Cravel eifrig suchte, fand er keine Blutspuren. Er fluchte. Es war doch unmöglich, daß der Detektiv mit heiler Haut davongekommen war! Vielleicht hatten ihn die anderen fortgeschafft. Noch einmal durchsuchte er den Keller, öffnete die Tür eines inneren Raums und sah sich auch dort um.

 

Wenn der Wetter noch lebte …

 

Noch nie in seinem Leben hatte sich Cravel gefürchtet, aber jetzt packte ihn das Grausen. Er verschloß die Tür seines Büros, als er wieder nach oben kam, goß sich ein Glas Brandy ein und trank es mit einem Zug leer.

 

Dann stieg er die Treppe zum zweiten Stock hinauf, ging an das Ende des Korridors und steckte den Schlüssel in eine kaum sichtbare Öffnung des Paneels. Die mit Holz verkleidete Stahltür öffnete sich. Dahinter lag eine Reihe von Räumen, die nicht auf der Liste der Gästezimmer geführt wurde, und zwar zwei Zimmer, ein Baderaum und eine kleine Küche. Hier wohnte Cravel, wenn das Hotel im Winter geschlossen war. Er schloß die Stahltür hinter sich zu und trat in das kleinere der beiden Zimmer, wo Miß Sanders wie tot auf dem Bett lag.

 

Er nahm den nackten Arm und betrachtete prüfend die drei Einstiche. Den letzten hatte er erst vor kurzem gemacht. Auf dem Tisch neben dem Bett stand eine kleine Flasche mit einer grünen Flüssigkeit und eine Spritze. Er hob ihr Augenlid mit seinen Fingerspitzen und sah, daß sie nicht zusammenzuckte, auch sonst gegen das Licht unempfindlich schien. Befriedigt wandte er sich wieder um und ging in den anderen Raum. Hier war niemand zu sehen, aber auf dem Tisch lag eine Mitteilung für ihn. Er las die Nachricht und verbrannte den Zettel dann im offenen Kaminfeuer.

 

Wo mochte nur der Wetter sein? Das war die wichtigste Frage. Auf dem Zettel stand nichts von ihm. Er nahm Longs Browningpistole aus der Tasche, untersuchte sie vorsichtig und legte sie auf den Tisch. Allein der Anblick der Waffe machte ihn jetzt schon nervös. Er setzte sich auf die Tischkante, kreuzte die Arme über der Brust und sah düster zum Fenster hinaus. Vielleicht hatten sie den Wetter fortgeschafft, nachdem sie den Zettel geschrieben hatten. Die Nachforschungen nach den Polizeibeamten begannen jedenfalls erst später am Vormittag. Man würde das Auto und die Leiche des Sergeanten im Fluß finden und dann natürlich auch nach Inspektor Long suchen. Das würde wieder Zeit in Anspruch nehmen.

 

Plötzlich dachte er an Alice. Was mochte wohl aus ihr geworden sein? Warum war sie zu ihrer Wohnung zurückgekehrt, statt hierher zu kommen und ihm während der Krisis beizustehen? Ihr Verhalten machte ihn nachdenklich. Sie war früher hart und erbarmungslos gewesen wie alle anderen, hatte alle Gefahren auf sich genommen und sich vor nichts gefürchtet. Und gerade jetzt, da sie soviel hätte helfen können, schwenkte sie ab und wurde schwach.

 

Plötzlich hörte er eine Stimme von unten, öffnete schnell die Tür und eilte zu dem Treppengeländer, von wo aus er in die Halle hinuntersehen konnte. Unten stand seine Schwester, vollständig vom Regen durchnäßt.

 

»Komm herunter«, rief sie.

 

In wenigen Sekunden war er bei ihr.

 

»Wo warst du denn?«

 

Sie schnitt ihm das Wort mit einer ungeduldigen Handbewegung ab. »Wo ist Long?«

 

»Ich weiß es nicht. Er ist fortgegangen.«

 

Sie glaubte ihm nicht. Allein die Tatsache, daß sie keine weiteren Fragen an ihn richtete, bewies das.

 

»Auf der Chaussee nach Sunningdale habe ich einen Chauffeur getroffen –«

 

Cravel runzelte die Stirne.

 

»Sei, bitte, nicht geheimnisvoller, als es absolut notwendig ist. Was hat denn der Chauffeur mit mir zu tun?«

 

»Sehr viel. Er stand am Ende der Straße, die an unserem Park entlangführt und schien mit sich und der Welt zufrieden zu sein. Ich sah, daß er unter den großen Ulmen geparkt hatte, und auf meine Frage erzählte er mir, daß er schon seit kurz nach Mitternacht dort wartet. Er hat jemand hierhergefahren.«

 

»Wen?«

 

»Das möchte ich selbst gern wissen. Ich gab ihm ein Trinkgeld, aber ich konnte nicht viel erfahren. Er sagte nur, sein Fahrgast wäre ein Herr mit grauen Haaren, der an der Ecke von Berkeley Square in seinen Wagen gestiegen sei. Ich hatte allerdings den Eindruck, daß er mehr sagen könnte, wenn er nur wollte. Jedenfalls ist jemand hier im Haus, von dem du nichts weißt.«

 

Cravel sah sie verblüfft an.

 

»Unsinn! Es ist niemand hier außer –«

 

Sie wußte sofort, warum er zögerte.

 

»Dann ist sie doch hier? Du spielst mit dem Feuer, nimm dich in acht. Sieh zu, daß du von der Sache loskommst, so lange es noch Zeit ist. Es geht uns zwar nicht gut, aber du hast wenigstens die Möglichkeit, davonzukommen. Willst du sie nicht in letzter Minute ausnützen?«

 

»Ja, wenn alles, was wir brauchen, in unserer Hand ist«, erwiderte er verächtlich. »Bin ich denn ein Narr, daß ich halbverrichteter Sache fliehen sollte? Nein, wir sind schon zu weit gegangen, und es bleibt uns nur übrig, bis zum Ende durchzuhalten.«

 

Sie sah ihn nachdenklich an, und er hatte das Gefühl, daß sie sich nicht länger für sein Schicksal interessierte.

 

»Ich bin ganz durchnäßt – ich muß mich umkleiden«, sagte sie plötzlich.

 

Ihre Zimmer lagen direkt unter denen ihres Bruders und glichen ihnen in allen Einzelheiten, nur war die Tür vollkommen sichtbar.

 

Während er auf sie wartete, ging er auf dem mit Marmorplatten belegten Vorplatz auf und ab. Zu seiner Überraschung trug sie über ihren trockenen Kleidern einen Gummimantel, als sie wieder erschien.

 

»Du gehst doch nicht wieder fort?«

 

»Ja, ich sagte dem Garagenbesitzer in Sunningdale, daß ich zurückkommen würde. Ich hatte eine Panne und habe meinen Wagen dort gelassen. Die Garage ist auch sehr brauchbar für uns. Sie liegt an der Hauptstraße und hat ein Telephon. Ich werde wahrscheinlich den ganzen Vormittag dort bleiben.«

 

Er lächelte.

 

»Was erwartest du denn noch?«

 

»Große Schwierigkeiten. Sind die anderen fort?«

 

Er nickte.

 

»Du hast die Nerven verloren, Alice. Wahrscheinlich ist dir Jackies Tod zu nahe gegangen. Aber es war ein unglücklicher Zufall. Er hat sich während des Kampfes selbst erschossen, ich schwöre es dir, Alice. Er war tot, als ich ihn das zweitemal aus dem Wasser holte. Daß wir ihn aufgehängt haben, war ja schrecklich. Aber du weißt, der Professor hat ihm die Sache von Colchester niemals verziehen – er hat ihn gehaßt bis zum Ende.«

 

Aber sie ließ sich nicht überzeugen. Sie hatte von Anfang an diese Geschichte nicht geglaubt.

 

»Jackie ist mit einer Browningpistole ermordet worden«, erwiderte sie kurz. »Und er selbst hatte doch nur einen alten Armeerevolver. In den Zeitungen stand übereinstimmend, daß ihn ein Browninggeschoß getötet hat. Aber darüber wollen wir uns jetzt nicht weiter unterhalten.«

 

Sie ging zur Tür und sah sich nach links und nach rechts um. Der Regen strömte dauernd nieder, aber darauf achtete sie nicht.

 

»Wenn der Mann nicht im Hause ist, dann verbirgt er sich sicher auf dem Grundstück. An deiner Stelle würde ich alles durchsuchen – nein, das würde ich auch nicht tun. Ich würde machen, daß ich so schnell wie möglich fortkäme.«

 

»Ja, aber ich denke anders als du«, entgegnete er gereizt.

 

Sie war auf einem Fahrrad, das sie in der Garage geliehen hatte, zu dem Hotel gekommen. Er sah ihr nach, bis sie außer Sicht kam, dann ging er wieder zu seinem Zimmer hinauf, zog einen Regenmantel an und steckte die Browningpistole des Wetters in die Tasche. Er warf noch einen Blick auf das bewußtlose Mädchen, schloß die Tür hinter sich zu und machte sich dann daran, das Grundstück abzusuchen.

 

In der nächsten Umgebung des Hauses fand er nichts.

 

Ein Teil des Rasens vor der Eingangshalle war aufgegraben worden, um das elektrische Kabel umzulegen, und in dem weichen Rasen bemerkte er Fußspuren. Er sah den Abdruck eines großen, breiten Schuhs, der mit einem Gummiabsatz versehen war.

 

Alice mußte also doch recht haben. Gleich darauf entdeckte er zwei weitere Fußspuren. Der Mann konnte nur von der Fahrstraße her gekommen sein.

 

Er steckte sich eine Zigarette an und blieb einen Augenblick stehen, um nachzudenken.

 

Wer mochte der Fremde sein, der in dem Wagen kam, und welche Absicht verfolgte er?

 

Schließlich ging er kurz entschlossen quer über den Rasen zu der Hauptstraße.

 

Er schaute sich nach allen Richtungen um und sah sofort den fremden Wagen. Der Chauffeur saß in philosophischer Ruhe auf dem Trittbrett und rauchte. Als er Schritte hörte, erhob er sich schnell, setzte sich aber gleich wieder.

 

»Ich dachte schon, Sie wären mein Fahrgast. Hoffentlich bleibt er nicht mehr allzu lange aus, denn ich muß den Wagen um acht meinem Tageskollegen übergeben.«

 

Er erzählte dann umständlich, daß das Auto ihm gehörte, und daß er einen anderen Chauffeur angestellt hatte, der es bei Tage fuhr.

 

»Ich fürchte, Ihr Fahrgast bleibt noch lange aus«, erwiderte Cravel. »Wollen Sie den Wagen nicht hereinbringen?«

 

Aber der Mann ließ sich nicht dazu überreden.

 

»Der Herr sagte, ich solle hier warten, und das tue ich auch. Wenn er mich nicht findet, verliere ich zehn Pfund.«

 

Cravel versuchte, den Chauffeur weiter auszufragen, aber er hatte kein Glück. Nur eine Bemerkung, die der Mann machte, erregte sein größtes Interesse.

 

»Ich hoffe, daß er mir nicht davonläuft. Es ist mir immer unangenehm, wenn ich einem anderen Wagen folgen muß – obendrein war es ein Fiat.«

 

Das war der Wagen, in dem der Professor gekommen war!

 

»Um wieviel Uhr haben Sie denn die Verfolgung aufgenommen?«

 

Der Chauffeur sagte es ihm. Er wußte auch genau, wann sie in Heartsease angekommen waren.

 

Cravel atmete schwer. Sie wurden also bereits überwacht! An diese Möglichkeit hatte er bisher noch nicht gedacht. Es war tatsächlich Gefahr im Verzuge. Als er auf dem Rückweg wieder in die Nähe des aufgegrabenen Rasens kam, blitzte ihm aus dem Gras etwas entgegen. Er bückte sich und nahm die Hornbrille auf. Sie war naß vom Regen, aber lange konnte sie noch nicht dort gelegen haben.

 

Der Chauffeur hatte ihm erzählt, daß sein Fahrgast eine Hornbrille trug. Cravel ging sofort in sein kleines Büro, verschloß die Tür und stieg wieder in den Keller hinunter. Wenn nun dieser Unbekannte Long gerettet hatte? Dann mußten aber doch Fußspuren auf dem Boden zu sehen sein! Trotz eifrigen Suchens konnte er jedoch nichts finden. Verblüfft ging er wieder nach oben in sein Zimmer. Auf dem ersten Treppenpodest blieb er plötzlich stehen, denn er sah auf dem roten Läufer deutlich eine schmutzige Fußspur, die noch nicht vorhanden gewesen war, als er vor kurzem das Haus verlassen hatte.

 

Kapitel 37

 

37

 

Langsam wandte er sich um. Er hörte kein Geräusch und sah nichts von dem Eindringling. Er bückte sich und betastete die Spur. Sie war noch feucht. Panischer Schrecken packte ihn, und er eilte die Treppe hinauf zu seinen Räumen. Vor der Tür stand ein Tablett. Es war das Frühstück, das in seiner Abwesenheit hingestellt worden war. Sein erster Gedanke galt Nora, aber sie lag noch genau so still und ruhig auf dem Bett, wie er sie verlassen hatte. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und steckte sein Taschentuch zwischen Kragen und Hals. Dann ging er wieder hinaus, holte das Tablett, trank eine Tasse heißen Tees und fühlte sich etwas wohler. Es war natürlich die Fußspur der alten Köchin, die er eben gesehen hatte! Wenn Alice ihm doch nichts von dem fremden Wagen erzählt hätte! Sie hätte auch den Chauffeur nicht fragen sollen.

 

Er ärgerte sich über seine Schwäche. Sonst war er doch immer so stark gewesen. Und wenn alle schwach wurden, hatte er doch niemals den Mut verloren.

 

Aber diesmal gelang es ihm nicht, seine alte Ruhe zu finden.

 

Als er sich im Spiegel besah, starrte ihm ein aschfahles Gesicht entgegen. Das Mädchen mußte er unbedingt sofort wegbringen. Er schaute auf die Uhr. Es war noch zu früh, um die Leute zu rufen, die er dazu brauchte. Aber sobald als möglich mußte sie aus Heartsease verschwinden. Er ging wieder hinaus und schloß die Tür hinter sich zu. Die letzte Spritze, die er ihr gegeben hatte, würde sie noch eine Stunde bewußtlos halten. In der Zwischenzeit mußte er die Dienstboten fortschicken, die noch im Hotel waren. An den Fremden, dessen Fußspuren er gesehen hatte, durfte er nicht mehr denken, sonst konnte er keine klaren Pläne fassen.

 

Auf die Köchin kam es weiter nicht an. Sie war taub und blieb sowieso in der Küche, nachdem sie ihm das Frühstück gebracht hatte. Den einzigen Kellner schickte er mit einem nebensächlichen Auftrag nach London. Während des Winters war der Chauffeur zu gleicher Zeit auch Hausdiener. Selbst auf die Gefahr hin, sich verdächtig zu machen, schickte Cravel diesen Mann zu dem Haupttor, um die Tageskellner abzufangen, die im Ort schliefen. Er sollte ihnen sagen, daß sie heute nicht zu kommen brauchten.

 

All das erforderte Zeit. Schließlich ging er in sein Büro und telephonierte. Zu seiner Beruhigung antwortete ihm eine bekannte Stimme, und er führte fünf Minuten lang eine Unterhaltung in Dänisch.

 

»Ihr müßt sie eben fortschaffen«, sagte er zum Schluß. »Wie, das ist eure Sache… nein, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe den Keller durchsucht, aber dort ist niemand. Schickt Billy sobald als möglich hierher. Wenn wir heute noch durchhalten, sind wir am Ziel.«

 

Er hing den Hörer an und ging zu seinen Räumen zurück. Am Telephon hatte er nichts von dem Unbekannten erwähnt, der in Heartsease eingedrungen war.

 

Die Tür zu dem Schlafzimmer, in dem Nora Sanders lag, war noch verschlossen, und er setzte sich hin, um eine Erklärung für das rätselhafte Verschwinden des Wetters zu finden. Der Mann konnte doch unmöglich entkommen sein. Er war drei Stockwerke tief gefallen, und wenn er sich auch nicht gerade das Genick gebrochen hatte, so mußte er doch schwer verletzt sein. Wie langsam doch die Zeit verging! Immer wieder sah er nach der Uhr.

 

Er konnte nicht hier oben bleiben, soviel war ihm klar. Es mußte jemand unten sein, wenn der Postbote kam, und er mußte unter allen Umständen ruhig werden, mochte es kosten, was es wollte. Wieder sah er nach Nora, und um seiner Sache ganz sicher zu sein, gab er ihr noch eine Spritze. Dann ging er nach unten, um die weitere Entwicklung abzuwarten.

 

Als er ins Freie trat, kam gerade ein großer Wagen die Fahrstraße entlang und hielt gleich darauf vor dem Eingang. Drei Herren stiegen aus.

 

»Ich bin Inspektor Claves von der Berkshire-Polizei«, sagte der eine. »Es ist heute morgen eine Beschwerde bei mir eingegangen, und ich bin von Scotland Yard beauftragt, das Hotel zu durchsuchen.«

 

Er zeigte ein Schriftstück vor, das von einem Friedensrichter des Orts unterzeichnet war.

 

Cravel stand wie vom Schlage gerührt.

 

»Das Hotel durchsuchen?« stöhnte er. »Was hat denn das zu bedeuten?«

 

»Ich weiß es nicht, Mr. Cravel, aber ich muß meine Pflicht tun, und ich hoffe, daß Sie mir keine Schwierigkeiten machen.«

 

Cravel schüttelte nur verstört den Kopf, als ihn die beiden anderen Beamten in die Mitte nahmen.

 

»Haben Sie augenblicklich Gäste hier?«

 

»Nein.«

 

Cravels Stimme klang brüchig und heiser, und er erkannte sie selbst kaum wieder. Die Polizei wollte das Hotel durchsuchen, und oben lag das Mädchen in seinem Schlafzimmer!

 

Sie gingen von Zimmer zu Zimmer und stiegen dann zum ersten Stock hinauf. In den Räumen, die Miß Revelstoke bewohnt hatte, zeigte sich nichts Verdächtiges. Der nächste Raum war verschlossen.

 

»Haben Sie einen Schlüssel dazu?«

 

»Der Hauptschlüssel ist in meinem Büro.«

 

»Holen Sie ihn«, erwiderte der Inspektor kurz.

 

Cravel ging in Begleitung eines Beamten nach unten, aber er konnte den Schlüssel, der sonst immer an einem kleinen Haken des Pultes hing, nicht finden. Schließlich nahm er aus dem Empfangsraum den Schlüssel von Zimmer Nr. 3 mit.

 

Es war ihm unmöglich, logisch und zusammenhängend zu denken. Er wußte nur, daß irgendeine böse Wendung die Pläne der Bande des Schreckens zum Scheitern brachte. Langsam und unerbittlich brach das Unglück herein.

 

Warum wurde das Hotel von der Polizei durchsucht? Wer hatte Anzeige gegen ihn erstattet?

 

Claves öffnete die Tür und ging hinein, während Cravel draußen warten mußte. Nach einer Weile kam er zurück.

 

»Was bedeuten denn all die Gerüste und das große Loch?« fragte er.

 

»Hier wird der neue Fahrstuhl eingebaut. Ich halte die Tür verschlossen, damit nicht einer der Dienstboten durch das Loch fallen kann.«

 

Er machte noch einige Angaben über die baulichen Veränderungen und deren Kosten. Die Beamten gingen zum nächsten Zimmer und stiegen dann die Treppe zur weiteren Etage hinauf. Cravel folgte ihnen willenlos. Vielleicht übersahen sie die Tür in dem Paneel. Es war ein dunkler Morgen, und das Schloß war sehr geschickt versteckt.

 

Verzweiflung packte ihn, als der Inspektor direkt auf die Geheimtür zuging.

 

»Da können Sie nicht hineingehen«, stieß er hervor. Das Sprechen fiel ihm schwer, und es wurde ihm klar, daß er sich durch sein aufgeregtes Wesen verriet.

 

»Ich habe – da ist ein Freund von mir … er ist krank …«

 

»Geben Sie mir den Schlüssel.«

 

»Ich sage Ihnen doch, daß ein Freund …«

 

»Widersetzen Sie sich nicht. Sie haben doch nichts zu verstecken?«

 

Cravel schüttelte nur den Kopf und reichte Claves den Schlüssel wie im Traum. Der Inspektor öffnete die Tür und trat ein.

 

»Hier ist aber auch noch ein anderes Zimmer.«

 

Cravel biß die Zähne zusammen, als der Beamte ins Schlafzimmer ging. Gleich darauf kam der Inspektor wieder heraus.

 

»Es ist kein Mensch hier.«

 

Die Tür stand weit offen, und Cravel sah fassungslos auf das leere Bett. Nora Sanders war verschwunden!

 

Kapitel 38

 

38

 

Die weitere Durchsuchung schien eine Ewigkeit zu dauern, und Cravel folgte den Beamten verstört von Zimmer zu Zimmer. Schließlich kamen sie wieder nach unten in die Halle, und Claves gab den Schlüssel zurück.

 

»Eine solche Hausdurchsuchung ist immer sehr unangenehm für alle Beteiligten«, sagte er höflich. »Aber Sie wußten ja, daß mir nichts anderes übrig blieb.«

 

Cravel erwiderte nichts. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander.

 

Der Inspektor blieb noch zurück, während die beiden anderen Beamten zu dem Polizeiwagen gingen.

 

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen so viel Umstände mache, aber ich muß Sie noch etwas fragen. Wollen wir nicht in Ihr Zimmer hinaufgehen?«

 

Er begleitete den bestürzten Hotelbesitzer nach oben.

 

»Dies ist doch ein sehr altes Haus?« fragte er, als sie angekommen waren.

 

Cravel zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Sie denken wohl an unterirdische Gänge?«

 

»Nein, daran habe ich wirklich nicht gedacht. Aber antworten Sie mir, ist es ein altes Haus?«

 

»Ja, es stammt aus den Zeiten der Tudors. Einige Teile sind sogar noch älter.«

 

Cravel wußte nicht, worauf der Inspektor hinauswollte. Warum waren die anderen Beamten fortgegangen, und warum wurde er weiterverhört?

 

»Können Sie mir nicht sagen, warum Sie eigentlich hergekommen sind?«

 

»Ich glaube, es handelt sich um Monkfords Tod«, sagte der Inspektor langsam und sah Cravel durchdringend an. »Die Sache ist der Polizei von Berkshire ebenso rätselhaft wie Scotland Yard, und ich möchte Sie fragen, ob Sie nicht irgend etwas darüber zu sagen haben.«

 

»Bin ich denn verhaftet?« fragte Cravel schnell. Claves schüttelte den Kopf.

 

»Nein, das nicht. Ich frage Sie nur.«

 

Cravel hatte jetzt seine Selbstbeherrschung wiedererlangt.

 

»Ich bin schon früher darüber gefragt worden, und ich habe alle Erklärungen abgegeben, zu denen ich imstande war«, entgegnete er kurz.

 

Der Inspektor zögerte.

 

»Ich wollte Ihnen nur das eine sagen. Wenn ein Mann irgendwie in die Sache verwickelt wäre – ich meine, nicht ernstlich – wäre es da nicht gut für ihn, wenn er sich als Kronzeuge meldete? Dadurch könnte er wahrscheinlich einer schweren Strafe entgehen.«

 

Cravel lachte. Diese Polizeibeamten waren doch manchmal wirklich zu kindisch!

 

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß ich mich eines so schrecklichen Mordes schuldig gemacht haben sollte? Das bilden Sie sich doch wohl nicht ein?«

 

»Nein.«

 

Der Inspektor stellte dann noch eine Menge bedeutungsloser Fragen. Er mußte irgendeine Absicht damit verfolgen, aber Cravel wurde nicht klug daraus. Das Verhör dauerte eine Viertelstunde, aber erst gegen Ende kam noch eine wichtige Frage.

 

»Ich habe Nachricht erhalten, daß Inspektor Long und Sergeant Rouch heute morgen hierher gekommen sind. Was ist aus ihnen geworden?«

 

»Sie sind wieder fortgefahren«, entgegnete Cravel kühl. »Mit Mr. Long stehe ich gerade nicht sehr gut. Angeblich ist die Sekretärin von Miß Revelstoke vorige Nacht aus einem Krankenhaus von London verschwunden, und weil Inspektor Long wußte, daß ich mich für die junge Dame interessiere, kam er um fünf Uhr morgens hierher und blieb etwa eine Viertelstunde hier. Seit der Zeit habe ich ihn nicht wiedergesehen.«

 

»Ist er fortgefahren?«

 

»Er hatte ein Auto, einen Polizeiwagen, und da wäre es doch töricht gewesen, wenn er zu Fuß gegangen wäre«, erwiderte Cravel ironisch.

 

In diesem Augenblick klopfte es an der Tür. Der Inspektor erhob sich und unterhielt sich leise mit einem seiner Beamten.

 

»Es ist gut, Mr. Cravel«, sagte er dann. »Mehr wollte ich nicht wissen.«

 

Zu Cravels größter Beruhigung fuhr das Polizeiauto endlich ab.

 

Jetzt hatte er Zeit, klar nachzudenken und sich auf eine schleunige Flucht vorzubereiten.

 

Er ging in sein Wohnzimmer, in dem auch ein kleiner Mahagonischreibtisch stand. Dort verwahrte er in einer Geheimschublade eine Stahlkassette, die mit amerikanischen Banknoten gefüllt war. Er nahm sie heraus und stellte sie auf den Tisch. Aus einer anderen Schublade holte er eine Handvoll englischer Banknoten. Dann wechselte er rasch seinen Anzug.

 

In der Garage des Hotels wartete ein starkmotoriger Wagen auf ihn, und sein Plan war schon seit langem gefaßt. Seit Jahren hatte er Woche für Woche die Abfahrtszeiten der Dampfer von Genua nach New York aufnotiert, und er besaß auch einen amerikanischen Paß.

 

Clay Shelton hatte ja zum Vergnügen derartige Pässe gefälscht, und es gab kein Mitglied der Bande, das nicht über die nötigen Personalpapiere verfügte, die im Augenblick der Gefahr Sicherheit gewählten.

 

Er hörte schnelle Schritte in der Halle und steckte das Geld rasch ein. Als Alice in den Raum kam, deutete nichts daraufhin, daß er schleunigst fliehen wollte.

 

»Die Polizei ist hier gewesen«, sagte er.

 

»Ich traf den Wagen auf der Straße unten. Sie hielten mich an und fragten mich eine Menge gleichgültige Dinge. Von Inspektor Long und Nora Sanders haben sie nichts gesagt. Wo sind die beiden?«

 

Er zuckte die Schultern.

 

»Das mag der Himmel wissen.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Sind sie nicht hier?«

 

»Soweit ich weiß, sind sie nicht hier.«

 

»Wo sind denn die anderen – haben sie das Mädchen mitgenommen?«

 

»Da fragst du sie besser selbst«, erwiderte er ärgerlich.

 

Sie sah ihn argwöhnisch von der Seite an.

 

»Sie haben sie wieder fortgeholt. Ich sah vor zehn Minuten einen Krankenwagen auf der Chaussee. Ich hätte ihn anhalten sollen, aber ich war meiner Sache nicht sicher.«

 

»Ein Krankenwagen? Nach welcher Richtung fuhr er denn?«

 

»Nach London.«

 

Er strich nervös über sein Haar. Die Ereignisse überstürzten sich, und er hatte vollkommen die Führung verloren.

 

»Soweit mir bekannt ist, kann sie nicht in einem Krankenwagen fortgefahren sein. Höchstens könnten sie Miß Sanders fortgeschmuggelt haben, während die Polizei das Hotel durchsuchte. An diese Möglichkeit habe ich allerdings auch schon gedacht.«

 

Mit ein paar Worten erklärte er ihr, was geschehen war.

 

»Und wo ist Inspektor Long?«

 

Er stöhnte.

 

»Frage mich nicht nach ihm! Er ist abgestürzt und hätte tot sein müssen, aber anscheinend ist das nicht der Fall.«

 

»Wohin willst du denn gehen?« fragte sie plötzlich und betrachtete ihn aufmerksam.

 

»Zur Stadt«, wich er aus. »Ich muß noch verschiedenes regeln.«

 

»Du willst aus dem Land fliehen!«

 

»Aber rede doch nicht solchen Unsinn«, rief er wild. »Warum sollte ich denn das tun?«

 

»Ich bin davon überzeugt, daß das deine Absicht ist. Wer hätte denn auch mehr zu verlieren als du? In alle möglichen Bluttaten bist du verwickelt! Was hast du denn mit dem Sergeanten Rouch gemacht?«

 

Er antwortete nicht.

 

»Du hast ihn niedergeschlagen, und du glaubst, daß er mit dem Wagen von Inspektor Long in den Fluß gestürzt ist. Aber da irrst du!«

 

Er starrte sie ungläubig an.

 

»Woher weißt du das?« fragte er heiser.

 

»Er lebt – er lag nicht in dem Wagen, als du ihn den Abhang hinunterjagtest. In der Nähe der Straßenkreuzung von Sunningdale ist er aus dem Auto gesprungen. Er muß sich inzwischen erholt haben.«

 

Ein Schweigen folgte.

 

»Wie hast du das erfahren?«

 

»Der Mann in der Garage in Sunningdale erzählte es mir, als ich hinkam. Deshalb bin ich zurückgekommen. Rouch hat in der Garage mit der Berkshirepolizei telephoniert und deshalb haben sie das Hotel durchsucht.«

 

»Das ist allerdings entsetzlich.«

 

Langsam hob er den Kopf und sah sie an.

 

»Hast du Geld?«

 

»Ich habe genug, um einige Zeit davon zu leben.«

 

»Es wäre besser, wenn du auch so schnell als möglich England verlassen würdest.«

 

»Was hältst du denn für den besten Weg?« fragte sie und sah ihn düster an.

 

»Wie meinst du das?«

 

»Was ist das beste für eine Maus, wenn die Katze mit ihr spielt? Soweit ist es jetzt gekommen.« Er schaute sich nervös um.

 

»Kannst du nicht die anderen durchs Telephon warnen?«

 

»Das habe ich bereits in der Halle versucht. Weißt du, mit wem ich gesprochen habe? Ein Polizeibeamter sitzt in der Zentrale! Für dich gibt es nur noch einen Ausweg. Du willst England verlassen? Nein, du wirst Jackies Los teilen.«

 

Er konnte ihr nicht in die Augen sehen.

 

»Ich mußte es tun«, sagte er leise. »Du weißt…«

 

»Ja, ich weiß. Wohin willst du?«

 

»Ich will meinen Wagen aus der Garage holen.«

 

»Weißt du, wieweit du damit kommst?« fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. »Vor jedem Parktor stehen zwei Polizisten, und einer von ihnen hat ein Motorrad. Du kommst nicht mehr aus Heartsease hinaus.«

 

Sie verließ ihn als einen gebrochenen Mann.

 

Plötzlich hörte er eine Stimme auf dem Korridor, erhob sich und riß die Tür auf.

 

Wetter Long stand vor ihm.

 

Kapitel 39

 

39

 

Nur ein paar Pflasterstreifen klebten auf seiner Stirne. Sonst verriet nichts, daß er einen Unfall gehabt hatte.

 

»Sie sind ein schlechter Leichenhauswärter, Cravel«, begann er. »Mein Kollege von Berkshire hat sich heute morgen ein wenig mit Ihnen unterhalten, was? Ein liebenswürdiger Herr, aber er hat zu wenig Phantasie. Was sagen Sie denn zu seinem Vorschlag, daß Sie Kronzeuge werden sollen?«

 

Cravel fand schließlich seine Stimme wieder.

 

»Woher kommen Sie denn?«

 

»Mein liebes Baby, von irgendwoher. Wenn Sie es genau wissen wollen, werde ich es Ihnen sagen – aus Zimmer Nr. 3. Ich hätte auch dort sterben können, aber ein guter Samariter hat sich meiner angenommen.«

 

»Wo ist Nora?«

 

»Ach, Sie meinen Miß Sanders? Sie ist auf dem Weg nach London. Wie wenig intelligent Sie doch in letzter Zeit sind, Cravel. Weshalb hat Sie wohl der Inspektor so lange verhört? Während dieser Zeit haben wir Miß Sanders aus dem Hause geschafft! Mein Freund hat sich Ihren Hauptschlüssel heute morgen in aller Frühe angeeignet, und ich habe die Gelegenheit ausgenützt, während der Inspektor das Erdgeschoß mit Ihnen durchsuchte. Ich bin sehr froh, daß Sie mich nicht überrascht haben, sonst hätte der Henker nichts mehr zu tun gehabt. Ich hätte Ihnen tatsächlich den Schädel eingeschlagen oder Ihnen das Genick umgedreht. Sie wissen wahrscheinlich, warum ich gekommen bin?«

 

»Ich kann es vermuten.«

 

Cravel war jetzt sehr ruhig und gefaßt. Er fürchtete sich nicht mehr, da er der greifbaren Gefahr gegenüberstand.

 

»Ich will Ihnen noch eine letzte Chance geben – versprechen kann ich Ihnen allerdings nichts. Ich möchte wissen, wie Monkford ermordet wurde. Wenn Sie nicht direkt der Täter sind, haben Sie immer noch eine geringe Möglichkeit, zu entkommen.«

 

»Sie meinen, wenn ich als Kronzeuge auftrete«, erwiderte Cravel ironisch. »Sie kennen mich doch so gut – glauben Sie wirklich, daß ich meine Freunde verraten würde?« Er überlegte einen Augenblick. »Sie hatten also den Hauptschlüssel! Ich habe ihn erst vermißt, als mich der verdammte Inspektor hinunterschickte, um den Schlüssel zu Zimmer Nr. 3 zu holen.«

 

»Und während Sie unten waren, habe ich die Tür von Nr. 3 von innen geöffnet und mich dem erstaunten Inspektor vorgestellt. Sie entsinnen sich, daß er allein in das Zimmer ging, um es zu durchsuchen? Das tat er, weil er wußte, daß sich dort drei Leute versteckten. Ich hatte dann auch Gelegenheit, mich mit ihm über die weiteren Maßnahmen zu verständigen.«

 

»Wo ist meine Schwester?« fragte Cravel plötzlich.

 

»Sie ist mit einem meiner Freunde fortgegangen.«

 

»Ist sie verhaftet?« fragte er schnell.

 

Der Wetter nickte.

 

»Ich glaube, daß sie davonkommt, aber sie wird auch die einzige sein. Jackson Crayley wäre wahrscheinlich auch davongekommen, aber Sie haben ihn ja schon vorher gerichtet. Das war eine große Schurkerei, Cravel.«

 

Der Hotelbesitzer senkte den Blick, aber plötzlich sah er wieder auf.

 

»Sie wollen wissen, wie Monkford getötet wurde? Unter diesen Umständen ist es wohl das beste, daß ich es Ihnen sage.«

 

»Haben Sie ihn erschossen?«

 

»Nein.«

 

»Hat es einer der anderen getan?«

 

»Nein, er hat sich selbst erschossen.«

 

Der Wetter lächelte ungläubig.

 

»Es wurde doch aber keine Waffe gefunden.«

 

»Die Waffe war schon vorhanden«, sagte Cravel. »Sie wußten bloß nichts davon, als Sie sie in der Hand hatten. Wollen Sie wissen, wie es vor sich ging?«

 

Der Wetter zeigte auf die Tür und Cravel ging hinaus.

 

»Kann ich einmal meinen Schlüssel haben?« fragte er und öffnete die Tür zu dem Mordzimmer, nachdem er ihn erhalten hatte.

 

Cravel sah böse lächelnd auf das gähnende Loch im Fußboden.

 

»Bitte, gehen Sie nicht zu nahe heran. Heute morgen hätten wir beinahe schon einen Unfall gehabt.«

 

Wetter Long wußte den Galgenhumor des Mannes zu würdigen.

 

»Die ganze Sache war sehr einfach und genial ausgedacht«, begann Cravel, »aber wie alle genialen –«

 

Plötzlich brach er ab und horchte.

 

»Mein Telephon läutet – kann ich einen Augenblick hinuntergehen?«

 

Der Wetter nickte. Cravel hatte keine Möglichkeit, zu entkommen. Der vordere und der hintere Ausgang wurden scharf von Polizisten bewacht. Long sah sich in dem Zimmer um, das so traurige Erinnerungen in ihm wachrief. Das Bett stand noch an der anderen Seite der gähnenden Öffnung – die Falle hatten sie sehr geschickt gestellt.

 

Er hörte, wie Cravel die Treppe heraufeilte, und ging ihm bis zur Tür entgegen.

 

»Der Anruf galt Ihnen«, sagte Cravel ein wenig außer Atem. »Ich habe zu diesem Apparat durchgesteckt.«

 

Das Telephon befand sich noch an seinem alten Platz. Cravel nahm den Hörer ab und reichte ihn Long.

 

»Es meldet sich niemand. Die Leitung scheint keinen Strom zu haben.«

 

»Das ist manchmal so. Drücken Sie nur ein paarmal den Haken herunter.«

 

Der Wetter hatte den Finger schon darauf gelegt, als er plötzlich instinktiv Gefahr vermutete.

 

Aber es war zu spät; der Hebel war bereits heruntergedrückt. Der Wetter bückte sich schnell, ohne selbst zu wissen, warum er das tat.

 

Im nächsten Moment erfolgte eine Explosion, und er ließ den Apparat auf den Boden fallen. Dann wandte er sich um. Cravel stand aufgerichtet an der gegenüberliegenden Wand. Blut lief über sein Gesicht, und in der Mitte seiner Stirne zeigte sich ein kleiner roter Fleck. Dann schwankte er plötzlich und stürzte zu Boden. Er war tot!

 

Der Wetter eilte zur Treppe und rief den Posten herauf, der unten stand. Sie hoben Cravel auf und legten ihn auf das Bett. Long fühlte seinen Puls – er schlug nicht mehr. Er riß das Hemd auf – das Herz stand still.

 

»Wie ist das bloß geschehen?« fragte der Polizist bestürzt.

 

Arnold Long antwortete nicht. Er nahm das Telephon auf, untersuchte die Schalldose und entdeckte in der Mitte die Mündung eines Laufs. Er schraubte den Apparat auseinander, und nun enthüllte sich ihm das Geheimnis. Dieses Instrument war tatsächlich eine Menschenfalle mit einer eingebauten kleinen Pistole. Der Schuß wurde durch elektrischen Strom ausgelöst, wenn man den Hebel herunterdrückte.

 

Dann fiel Long ein, daß er das Telephon kurz nach Monkfords Tod gesehen und auch selbst benützt hatte. Jetzt wurde ihm auch klar, warum man die Feuerwerkskörper in Noras Zimmer geworfen hatte. Cravel wollte dadurch nur seine Aufmerksamkeit ablenken. In der Zwischenzeit hatte er diesen Apparat gegen einen anderen ausgetauscht. –

 

Bei der Polizeistation machte er auf seinem Wege zur Stadt halt, um Alice Cravel mitzuteilen, was sich ereignet hatte. Zu seiner Erleichterung nahm sie die Nachricht mit größter Ruhe auf.

 

»Ich bin froh darüber«, sagte sie. »Es ist besser, daß er auf diese Weise aus dem Leben schied. Er muß direkt hinter Ihnen gestanden haben. Sie sind mit genauer Not dem Tode entgangen, Mr. Long.«

 

»Wußten Sie, daß er diese Falle für mich gelegt hatte?«

 

»Nein. Ich fürchtete, er würde etwas ganz anderes tun.« –

 

Gegen Mittag kam der Wetter wieder in seiner Wohnung an.

 

»Der Diener Sir Godleys hat dauernd angeläutet«, berichtete ihm sein Diener. »Ich soll Ihnen mitteilen, daß Ihr Vater nach Hause zurückgekehrt ist.«

 

»Allerdings eine überraschende Nachricht«, meinte der Inspektor ironisch.

 

Er hatte noch viel zu tun. Colonel Macfarlane störte er beim Mittagessen, um sich verschiedene Unterschriften von ihm zu verschaffen. Um halb vier erschien er mit Sergeant Rouch in Mr. Henrys Büro.

 

Der Rechtsanwalt brach zusammen, als er den Wetter erblickte, denn er war nicht so stark wie Cravel und besaß nicht dessen eiserne Nerven. Er hatte noch nichts davon gehört, daß der Mordplan gegen den Wetter mißlungen war.

 

Zitternd saß er in seinem Stuhl und konnte sich weder bewegen noch sprechen.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie störe«, begann Long. »Sie dachten natürlich, daß ich bereits zu meinen Vätern versammelt wäre. Aber da Sie mich kennen, Mr. Henry, werden Sie wohl wissen, warum ich jetzt komme. Ich verhafte Sie unter der Anklage der Mittäterschaft am Mord an Joshua Monkford, begangen am ersten August dieses Jahres. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen und warnen, daß alles, was Sie sagen, bei dem Prozeß gegen Sie ausgenützt wird.«

 

Henry konnte noch nicht sprechen. Er starrte ins Leere. Erst als der Wetter auf ihn zutrat, ihn am Arm packte und aufrichtete, kam er wieder zu sich.

 

»Wo ist – wo ist Cravel?« fragte er heiser.

 

»Tot.«

 

Henry starrte ihn an, als ob er ihn nicht verstünde. Dann begann er plötzlich unheimlich zu lachen.

 

»Das ist aber merkwürdig – Cravel ist tot? Wirklich merkwürdig!«

 

Er schüttelte den Kopf und lachte blöde, als ihn die Polizisten zu dem Auto führten, das vor der Tür wartete.

 

Kapitel 29

 

29

 

»Es war nur eine rein theatralische Aufmachung«, berichtete der Wetter Colonel Macfarlane. »Der arme Kerl war längst tot, als sie ihn aufhängten. Er hatte einen Schuß mitten durchs Herz.«

 

»Glauben Sie, daß Dänen das Verbrechen begangen haben?«

 

»Nein. Welcher Nationalität die Leute angehören, weiß ich nicht genau. Einige von ihnen sind sicher in Dänemark erzogen worden. Habe ich Ihnen diese Liste übrigens schon gezeigt?«

 

Er hatte eine kleine Karte aus der Tasche genommen, auf der eine Reihe von Daten stand.

 

1. Juni 1854 J.X.T.L.

6. September 1862

9. Februar 1886

11. März 1892

4. September 1896

12. September 1898

30. August 1901

14. Juni 1923

1. August 1924

16. August

 

»Ja, ich habe sie schon gesehen.« Der Colonel war ein methodischer Mann und hatte die Zeilen gezählt. »Es ist aber noch ein neues Datum hinzugefügt.«

 

Long lächelte vergnügt.

 

»Das ist erst vor zwei Tagen dazugekommen.«

 

»Der erste August bezeichnete natürlich Monkfords Todestag«, meinte Macfarlane nachdenklich. »Soll nun der sechzehnte bedeuten, daß –«

 

»Der sechzehnte geht mich selbst an. Sie haben beschlossen, mich an diesem Tag ins bessere Jenseits zu befördern. Ich hätte also noch ungefähr eine Woche zu leben. In gewisser Weise bin ich sogar froh darüber.«

 

Macfarlane sah ihn erstaunt an.

 

»Sind Sie denn lebensmüde?«

 

»Ja, diese Art Leben habe ich wirklich satt!« –

 

Von Scotland Yard aus ging der Wetter nach Berkeley Square, um seinen Vater zu besuchen.

 

Sir Godley war gerade im Begriff, sich zu einem Gartenfest umzukleiden und ließ seinen Sohn in sein Ankleidezimmer kommen.

 

»Hast du meinen Brief erhalten und dir meinen Vorschlag überlegt?« fragte er.

 

»Deine Briefe machen mich direkt krank.« Der Wetter setzte sich in den bequemsten Sessel.

 

Sir Godley antwortete nicht, weil er gerade seine Krawatte umband.

 

»Ich habe früher einmal davon gesprochen, daß Clay Shelton dir niemals Verluste beigebracht hat. Erinnerst du dich noch daran?«

 

»Ja, auf so etwas Ähnliches kann ich mich besinnen.

 

»Und doch hat er dich einmal um achtzigtausend Pfund betrogen – ich habe diese Tatsache erst vor kurzem entdeckt.«

 

Sir Godley wandte sich nicht um.

 

»Du hast entschieden Veranlagung zu deinem Beruf«, entgegnete er.

 

»Mit Ironie erreichst du bei mir gar nichts«, erwiderte der Wetter ruhig. »Aber ich habe dein Geheimnis herausbekommen, sogar schon vor einigen Tagen. Ich hatte nur bisher noch keine Zeit, die Bombe platzen zu lassen. Wer wurde denn am 1. Juni 1854 geboren?«

 

»Das mag der liebe Himmel wissen.« Sir Godley betrachtete sich eingehend im Spiegel.

 

»Wer war J.X.T.L.? Niemand anders als John Xavier Towler Long, und damit du mir nichts vorzuschwindeln brauchst, werde ich dir gleich alles sagen. John Xavier Towler Long war identisch mit Clay Shelton!«

 

»Tatsächlich?« Der alte Herr steckte gleichgültig eine Nadel in seine seidene Krawatte.

 

»Und Clay Shelton, für dessen Hinrichtung ich verantwortlich bin, war dein Bruder!«

 

Sir Godley verriet seine Erregung nicht durch das geringste Zeichen.

 

»Wie hast du denn das herausgebracht?«

 

»Auf Sheltons Motorboot fand ich eine Anzahl von Daten in die Wand eingeschnitzt, und ich vermutete, daß jedes eine besondere Bedeutung haben müßte. Der 1. Juni 1854 konnte nur ein Geburtstag sein. Dahinter standen die Initialen J.X.T.L. X ist als Anfangsbuchstabe eines Namens sehr selten. In Somerset House habe ich die Namen aller Kinder durchgesehen, die am 1. Juni 1854 geboren wurden, und ich entdeckte schon nach kurzer Zeit, daß John Xavier Towler Long als einziger in Frage kam. Towler war unser Familienname. So hieß meine Urgroßmutter, wenn ich mich recht besinne.«

 

Sir Godley nickte.

 

»Schon diese Übereinstimmung hätte mir auffallen müssen, aber ich fand auch den Namen meines Großvaters, der zweimal heiratete. Du warst der einzige Sohn aus der zweiten Ehe. Warum hast du mir das niemals gesagt?«

 

Der alte Herr lachte leise.

 

»Man rühmt sich gerade nicht mit der Verwandtschaft eines Mannes von Johns Charakter, und tatsächlich habe ich ihn auch kaum gekannt. Er war zehn Jahre älter als ich, und ich weiß nur noch, daß er stets in Schwierigkeiten war, meinen Vater betrog und nach einer üblen Skandalgeschichte verschwand.«

 

»Weißt du wirklich nicht mehr von ihm?«

 

»Nein. Bis ich das Bild in den Zeitungen sah, hatte ich keine Ahnung, daß er mit mir verwandt war; und auch dann hätte ich ihn kaum erkannt.«

 

»Und du hast die ganze Zeit gewußt, wer Clay Shelton war?«

 

»Ich habe immer gewußt, daß er der größte Schuft war und meinen Vater ruiniert und ins Grab gebracht hat. Beinahe hätte er mich und unsere Familie auch zugrunde gerichtet. Deshalb wollte ich auch nicht haben, daß du dich mit dieser Sache befassen solltest. Ich hatte selbstverständlich nicht den Wunsch, daß du ihn zu Tode hetzen solltest, da er doch schließlich der Sohn meines Vaters war. Und ich wollte dich um so mehr davon abhalten, als ich erfuhr, daß nach seinem Tode eine ganze Bande seine Verbrechen fortsetzte.«

 

»Meinst du die Urkundenfälschungen? Ich dachte, das hätte aufgehört.«

 

»Es hat aufgehört und auch nicht. Clay, wie ich ihn jetzt nennen will, muß unermüdlich tätig gewesen sein. Bei seinem Tod hinterließ er wahrscheinlich eine große Anzahl gefälschter Dokumente, von denen bereits einige in die Öffentlichkeit gekommen sind. Die Bande besitzt aber augenblicklich keine Mittel mehr. Clay war nicht sparsam veranlagt, er verbrauchte alles. Glaube mir, die Bande des Schreckens ist in einer sehr schlechten finanziellen Lage, und deshalb wirst du noch große Schwierigkeiten mit den Leuten haben.«

 

»Weißt du etwas Genaueres?«

 

Sir Godley zuckte die Schultern.

 

»Monkford wurde ermordet, und du kannst sicher sein, daß die Sache einen finanziellen Hintergrund hatte. Aber du weißt ja mehr als ich. Erzähle mir doch alles.«

 

Er hörte schweigend zu, bis der Wetter seinen Bericht beendet hatte. Dann nickte er langsam.

 

»Sie sind natürlich hinter Monkfords Vermögen her, und das Mädchen ist nur Mittel zum Zweck für sie – der arme, alte Crayley!«

 

»Kanntest du ihn denn?«

 

»Ja, ich kannte ihn – alle Welt kannte Jackson Crayley. Und du sagtest eben, daß du ihn auch im Verdacht hattest? Wann fing denn eigentlich diese ganze Geschichte mit der Bande des Schreckens an?«

 

»An dem Tage, an dem ich Clay Shelton in Colchester verhaftete, war Crayley auch in dem Kassenraum der Bank. Und er war nur dort, um den Verbrecher zu schützen, davon bin ich fest überzeugt. Clay Shelton hatte niemals eine Schußwaffe bei sich. Ich habe seine Kleider nach seiner Verhaftung untersucht, und ich sah, daß er keinen Browning in seiner Hüfttasche getragen hatte. Es war immer nur der Begleitmann, der die Pistole bei sich hatte, und der Begleitmann war in diesem Falle Crayley. Aber er hat die ganze Sache natürlich verkehrt angefangen. Als es zum Handgemenge kam, und er sich einmischte, tat er es nur in der Absicht, Shelton eine Pistole zuzustecken. Das gelang ihm auch. Ich habe die Herkunft der Waffe weiter verfolgt. Sie wurde vor sechs Monaten in Belgien gekauft, und gerade um die Zeit war Jackson Crayley zur Wintersaison in Spa. Von da ab habe ich Crayley stets beobachten lassen. Kennst du eigentlich Miß Revelstoke?«

 

Sir Godley schüttelte den Kopf.

 

»Ich habe noch nie gehört, daß sie irgendwie mit Clay Shelton in Verbindung gestanden hat. Du hältst sie für ein Mitglied der Bande des Schreckens? Das klingt mir doch ziemlich unwahrscheinlich. Nach den Auskünften, die die Banken über sie eingezogen haben, ist sie eine Dame von tadellosem Charakter.«

 

»So? Glaubst du das wirklich?« fragte der Wetter erregt. »Soll ich dir sagen, wer sie ist und welche Rolle sie gespielt hat? Sie war der Kassierer und Geldverwalter von Clay Sheltons Bande. Monkford hat mir selbst erzählt, daß sie einmal dreiviertel Millionen auf seiner Bank hatte. Es sollte die Verkaufssumme für das Gut eines sagenhaften Bruders sein. Und soweit meine Nachforschungen reichen, hat sie niemals einen Bruder gehabt. Sie mag allerdings nur ein Werkzeug sein und keine Ahnung davon haben, um was es geht.«

 

»Frauen in ihrem Alter sind natürlich unberechenbar. Vielleicht ist sie in der Gewalt eines Mannes wie Henry. Aber was diesen angesehenen Rechtsanwalt zu derartigen Verbrechen bringen konnte, verstehe ich nicht. Du verdächtigst ihn ja direkt des Mordes. Es ist wahrscheinlich, daß Clay die Bande des Schreckens organisiert hat, denn er war ein geborener Führer und Intrigant. Aber warum die Bande nach seinem Tode –«

 

»Du hast ja vorhin selbst den Grund genannt. Die Leute haben eben kein Geld mehr. Sie besitzen noch gefälschte Dokumente und verwenden sie unter dem Vorwand, für den Tod Clay Sheltons Rache nehmen zu wollen.«

 

»Sie haben Monkford ermordet, damit sie sein Vermögen auf Nora Sanders übertragen können – du interessierst dich sehr für diese junge Dame? Ich würde gern eine Schwiegertochter in Kauf nehmen, wenn du dich einem anständigen, nutzbringenden Beruf zuwenden wolltest.«

 

»Du meinst, wenn ich auch Bankier würde?« erwiderte der Wetter verächtlich. »Geld verdienen durch Geldausleihen in großem Maßstabe? Nein, ich bin viel lieber ein tüchtiger Detektiv –«

 

»Das bezweifle ich ja gerade. Du wirst niemals allererste Leistungen erzielen, und ich bin sehr besorgt um dein Leben.«

 

Kapitel 3

 

3

 

Eine Woche später lenkte Shelton seinen Wagen dicht vor Colchester auf einen Seitenweg und brachte ihn zum Stehen. Aus einer Schublade unter dem Sitz nahm er einen Koffer heraus, der einen Anzug, Schere, Rasiermesser und Creme enthielt, und kurze Zeit darauf hatte er sich vollkommen verwandelt. Er sah jetzt aus wie ein ehrbarer älterer Herr. Nachdem er einen Blick nach rechts und links geworfen hatte, ging er zur nächsten Haltestelle der Straßenbahn und fuhr von dort zum Zentrum der Stadt.

 

Es schlug zehn Uhr, als er den großen Kassenraum der Eastern Counties Bank betrat. Er legte ein Bankbuch und ein ausgefülltes Formular auf den Schaltertisch. Der Beamte prüfte beides sorgfältig und ging dann damit in das Büro des Direktors. Als er zurückkam, lächelte er respektvoll, als ob er sich für seine schlimmen Befürchtungen entschuldigen müßte.

 

»Siebentausendsechshundert«, sagte er liebenswürdig. »Wie wollen Sie das Geld haben, Colonel Weatherby?«

 

»In Hundertpfundnoten.«

 

Gleich darauf zählte der Kassierer ein Paket Banknoten mit außerordentlicher Geschwindigkeit ab und notierte dann die Nummern der Scheine in sein Buch…

 

»Danke schön.« Shelton wandte sich ab und steckte das Päckchen in seine Brusttasche.

 

Außer ihm befanden sich noch zwei andere Herren im Kassenraum, und ein dritter kam gerade durch die Drehtür herein. Der eine sah etwas müde aus und lehnte sich an den Schalter. Shelton würdigte ihn keines Blickes, wohl aber schaute er sich den anderen genau an, der vor dem Ausgang stand und ihn anlächelte.

 

»Guten Morgen, Shelton.«

 

Der Wetter Long! Höchste Gefahr! Shelton blieb stehen und schob trotzig das Kinn vor.

 

»Wollen Sie mit mir sprechen? Ich heiße allerdings nicht Shelton.«

 

Arnold Long nahm den Hut ab und fuhr mit der Hand durch sein dichtes, schwarzes Haar.

 

»Ja, ich wollte mit Ihnen sprechen.«

 

Im nächsten Augenblick sprang Shelton auf ihn zu.

 

Eine Sekunde später wälzten sich drei Männer auf dem Boden. Shelton gelang es, wieder auf die Füße zu kommen. Der Polizist war eifrig bei dem Handgemenge, stand aber dem Wetter immer im Wege. Plötzlich mischte sich auch noch der müde Herr ein, der vorher am Schalter gelehnt hatte.

 

»Hier! Verdammt…«

 

Ein betäubender Knall ertönte, und der Polizist stürzte blutend auf die Marmorfliesen nieder.

 

»Geben Sie die Pistole her, oder ich schieße sofort!«

 

Shelton wandte den Kopf. Der Bankbeamte mit der Brille hatte mit einem schweren Armeerevolver auf ihn angelegt. Der Mann hatte den Krieg auch mitgemacht, in dem selbst Bankbeamte mit Brillen lernten, kaltblütig andere Menschen über den Haufen zu schießen.

 

Long legte Shelton Handschellen an. Zwei Polizisten in Uniform kamen in den Schalterraum, während der Bankbeamte bereits an das Hospital telephonierte.

 

»Ich verhafte Sie wegen Betrugs«, sagte Arnold und schaute dann ernst auf den Toten, der in einer großen Blutlache lag. »Ich dachte, Sie trügen niemals eine Pistole bei sich?«

 

Shelton erwiderte nichts, und der Wetter wandte sich an den fremden Herrn, der sich am Handgemenge beteiligt hatte.

 

»Ich danke Ihnen … ich bin Ihnen wirklich sehr verpflichtet.« Plötzlich leuchteten seine Augen auf. »Ach, Sie sind ja Mr. Crayley.«

 

Der Mann sah totenbleich aus.

 

»Beinahe hätte er mich selbst getroffen«, sagte er heiser. »Nun, ich habe mein Bestes getan. Sagen Sie es nur, wenn ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein kann. Ist er tot?«

 

»Ja.« Der Wetter starrte düster auf den Polizisten. »Ich wünschte, das hätten Sie nicht getan, Shelton. Aber diesen Mord können wir wenigstens leichter beweisen als die anderen, die Sie begangen haben. Wir wollen ihn schnell zur Polizeistation bringen, bevor ein zu großer Auflauf entsteht. Zeigen Sie mir, bitte, den Nebenausgang«, wandte er sich an den Bankbeamten.

 

Kapitel 30

 

30

 

Nora Sanders protestierte heftig, als Arnold Long sie in ein Krankenhaus bringen wollte. Aber er blieb in diesem Punkt hart und unnachgiebig.

 

»Ich bin nicht krank, und ich habe keinen Nervenzusammenbruch«, sagte sie. »Es ist ganz unnötig.«

 

»Der Doktor sagt –« begann er.

 

»Der Doktor!« entgegnete sie geringschätzig. »Als ich ins Wasser sprang, fühlte ich mich sofort wohler. Wenn man mir bloß nicht dieses entsetzliche Mittel beigebracht hätte. Was war es nur?«

 

»Butylchlorid. Es hat eine katastrophale Wirkung. Daß es Ihnen nicht mehr geschadet hat, spricht für Ihre gute Gesundheit. Trotzdem muß ich aber dem Arzt recht geben, und ich bestehe darauf, daß Sie in das Krankenhaus gehen. Sie dürfen mindestens eine Woche lang keine Besuche empfangen.«

 

»Aber ich muß doch Miß Revelstoke sehen.«

 

»Vielleicht ist das notwendig – aber sie darf nur in meiner Gegenwart vorgelassen werden. Ich bewundere die alte Dame unendlich, aber ich hatte niemals den Eindruck, daß viel Gutes von ihr kommt. Und Ihre Gesundheit darf auf keinen Fall leiden –«

 

»Sie wollen mich vor Gefahr beschützen und glauben, Sie müssen mich zu diesem Zweck einsperren. Schließlich postieren Sie noch einen Detektiv vor die Tür und geben einem Polizisten den Befehl, vor dem Haus auf- und abzupatrouillieren.«

 

»Sie haben die Situation vollkommen richtig erfaßt.«

 

Sie war erstaunt, daß er ihren Vorwurf so ruhig hinnahm.

 

Als er einige Stunden später ihr Zimmer verließ, von dem aus man eine schöne Aussicht auf Dorset Square hatte, nahm er die Vorsteherin beiseite und gab ihr besondere Instruktionen. Tatsächlich wurde Nora so gut wie eine Gefangene gehalten.

 

»Geben Sie ihr keine Zeitungen. Magazine und Bücher kann sie haben, soviel sie will, aber keine Zeitungen. Und achten Sie auch darauf, daß die Krankenschwestern ihr nichts erzählen.«

 

Nachdem die alte Dame versprochen hatte, seine Anweisungen genau zu befolgen, fühlte er sich etwas erleichtert und verabschiedete sich.

 

Später erfuhr er per Telephon, daß Miß Revelstoke Nora um sechs Uhr aufsuchen wollte. Fünf Minuten vor der angesetzten Zeit erschien er im Empfangsraum des Krankenhauses. Die alte Dame schien durchaus nicht erstaunt zu sein, ihn dort zu treffen, und begegnete ihm mit großer Liebenswürdigkeit.

 

»Sie wollte ich gerade sprechen, Mr. Long. Was ist bloß dem armen Mädchen passiert? Ihr Sergeant Rouch ist gerade nicht sehr mitteilsam. Er erzählte mir nur, daß man versuchte, sie zu entführen und daß sie dabei fast ertrunken wäre. Aber das kann ich doch kaum glauben.«

 

Er sah sie forschend an. In der letzten Zeit war sie stark gealtert, und ihr fast noch jugendlich glattes Gesicht war von tiefen Falten durchzogen. Nur der lebhafte Blick ihrer feurigen Augen erinnerte noch an ihr früheres Aussehen. Durch ihr temperamentvolles Auftreten gelang es ihr aber, ihn in gewisser Weise zu täuschen.

 

»Crayley soll auch tot sein, wie ich hörte?«

 

Er nickte.

 

»Sagen Sie ihr, bitte, nichts davon.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Es ist wirklich schrecklich. Erst Monkford und nun auch noch Crayley. Es ist mir wirklich sehr auf die Nerven gefallen.«

 

»In diesem Zusammenhang müßten wir eigentlich auch noch Clay Shelton nennen«, sagte er harmlos, beobachtete sie aber scharf. »Mein unglücklicher Onkel –«

 

Diese Worte trafen. Ihre Gesichtszüge wurden plötzlich finster und hart. Sie kniff die Augenlider zusammen und sah ihn feindselig an.

 

»Ich habe nicht recht verstanden. Was sagten Sie? Ihr –«

 

»Clay Shelton war mein Onkel, der Halbbruder meines Vaters. Ich dachte, das wäre Ihnen bekannt. Sein wirklicher Name war John Xavier Towler Long. Aber vielleicht wußten Sie das nicht? Ich weiß sehr viel von meinem Onkel John.« Er lachte zynisch. »Er heiratete im Jahr 1883 die junge Miß Paynter und ließ sie schmählich im Stich. Mein Vater hat mir gesagt, daß sie erst vor ein paar Jahren gestorben ist.«

 

Miß Revelstoke hatte sich wieder gefaßt.

 

»Ich habe nicht gewußt, daß Sie aus einer so heruntergekommenen Familie stammen, Mr. Long.« Sie schaute auf die Uhr. »Glauben Sie, daß ich jetzt Nora sprechen kann?«

 

»Wir werden beide zu ihr gehen.«

 

Dieser Schachzug kam ihr überraschend.

 

»Ich wollte aber verschiedene Dinge mit ihr allein besprechen.«

 

»Gut. Während dieser Zeit kann ich mir ja die Ohren zuhalten«, entgegnete der Wetter.

 

Sie begleitete ihn widerwillig zu Noras Zimmer.

 

Miß Sanders lag zu Bett und las in einem Buch, als sie eintraten.

 

»Sie armes Kind«, sagte Miß Revelstoke freundlich. »Nora, Sie sind wirklich ebenso schlimm wie Mr. Long. Dauernd sind Sie in Unglücksfälle verwickelt. Wie geht es Ihnen denn? Wie fühlen Sie sich?«

 

Nora schüttelte den Kopf und sah vorwurfsvoll zum Wetter hinüber.

 

»Ich habe mich niemals wohler gefühlt«, erklärte sie, »aber man besteht darauf, daß ich hier im Krankenhaus bleibe.«

 

»Sie meinen wohl, Mr. Long besteht darauf. Es ist doch ein Glück, daß Sie einen so guten Freund haben, der sich wie ein Bruder um Sie kümmert.«

 

»Wie eine Mutter«, sagte der Wetter halblaut.

 

Miß Revelstoke schaute ihn an.

 

»Kann ich einen Augenblick allein mit Nora sprechen?«

 

Er ging zur anderen Seite des Zimmers und sah nach Dorset Square hinaus. Sein Gehör war ausgezeichnet, und als ob Miß Revelstoke das ahnte, sprach sie beinahe im Flüsterton.

 

»Kann Henry Sie hier besuchen und sprechen?«

 

Nora zögerte mit der Antwort und sah zu Mr. Long hinüber.

 

»Fragen Sie ihn nicht, denn er haßt Henry. Ich möchte, daß Sie ihn allein sprechen. Ist das möglich?«

 

Nora war unentschieden.

 

»Ich weiß es nicht. Ich glaube, der Arzt hat Instruktion gegeben, daß mich niemand besuchen darf. Können Sie mir denn nicht sagen, was er will?«

 

»Er wollte Ihnen etwas mitteilen – etwas, was Monkford sagte, bevor er das Testament unterzeichnete.«

 

Als sie sah, daß Noras Blicke wieder zu Mr. Long wanderten, lächelte sie.

 

»Nun, ich will Sie nicht dazu zwingen. Sagen Sie ihm, bitte, nichts davon, daß ich Sie bat, mit Mr. Henry zu sprechen.«