Die 1,000,000 Pfundnote.


Die 1,000,000 Pfundnote.

Mit siebenundzwanzig Jahren bekleidete ich in San Francisco eine Stelle auf dem Kontor eines Minenmaklers, und hatte mir dabei eine gründliche Kenntnis dieses Geschäftszweiges nach allen Richtungen erworben. Ich stand allein auf der Welt und nannte nichts mein eigen als meinen gesunden Verstand und einen steckenlosen Ruf; doch hatten sich diese beiden Güter mir bisher als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, und so schaute ich frohen Mutes in die Zukunft.

An den Sonnabenden hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot in der Bucht herumtummelte. Dabei wagte ich mich eines Tages zu weit hinaus, so daß ich in die offene See getrieben wurde. Schon brach die Nacht herein und meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, als mich eine kleine Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorübersegelte, an Bord nahm.

Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als gemeiner Matrose abverdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche, Diese Summe verschaffte mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese schätzenswerten irdischen Güter.

Müde und hungrig schleppte ich mich am folgenden Morgen – es mochte etwa zehn Uhr sein – an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne, die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen bäumte sich, jede Faser an mir lechzte danach. Aber so oft ich Miene machte, nach der Birne zu greifen, jedesmal bemerkte das Auge eines Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgültige Miene an, als hätte ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging es immer und immer wieder, und ich konnte derselben nicht habhaft werden. Bereits hatte meine Verzweiflung einen solchen Grad erreicht, daß ich allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe stand, die Birne ganz offen aufzuheben, als hinter mir ein Fenster aufging und ein Herr die Worte an mich richtete:

»Bitte, kommen Sie hier herein.«

Ein reich galonierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen. Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, und der Anblick der Überreste desselben ging fast über meine Kräfte. Ich vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich eben in meine üble Lage fügen so gut es ging. Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will ich denselben gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte schließlich in Form einer Wette beilegten.

Man erinnert sich vielleicht, daß die Bank von England seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß, eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund Sterling ausgab. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der beiden Noten hierbei gebraucht und dann entwertet worden, während die andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage verfallen, wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden ergehen würde, der in London auftauchte, ohne daselbst einen Menschen zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren Erwerb auszuweisen. Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung war. Bruder A. machte geltend, derselbe könnte ja die Note weder bei der Bank noch sonstwo anbringen, ohne auf der Stelle festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang unfehlbar von der Millionen-Note leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen, und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang auf einen Vorübergehenden, der danach aussähe, als käme bei ihm das inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.

Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war, viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder nicht arm genug oder, wofern auch dieses stimmte, doch keine Fremden. Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis ging dahin, ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, das sei mir höchst erfreulich, ich bitte mir nur sagen zu wollen, worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der beiden einen verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darinnen sei die Erklärung enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein dies ließ er nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen, den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger Überlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte gefallen lassen.

Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt verzehrt, aber nun war dieselbe nicht mehr da. Also auch darum hatte mich die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht eben dazu angetan, mich sanfter gegenüber den beiden alten Herren zu stimmen. Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun, wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen Vorstellung.

Eine volle Minute dauerte es gewiß, bis ich aus der Betäubung, in welche mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet. Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:

»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«

Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu wechseln, und wollte dieselbe um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht satt davon sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines Sterblichen.

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder, »allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben, ich habe kein Geld sonst.«

Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte, es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbeikomme; allein er versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten; ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben, was ich wolle, und den Betrag dafür stehen lassen, solange es mir beliebe. Ich werde doch nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich bloß deshalb kein Vertrauen schenke, weil derselbe ein lustiger Kauz sei, der zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder einstecken; und als ich dann fortging, machte er einen Bückling um den andern hinter mir drein bis zur Tür. Ich machte mich schnurstracks wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um dieselben von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch polizeiliche Nachforschungen hierzu veranlaßt würde. Es war mir gar nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote gibt, er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig – offenbar war der Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente wie das erste Mal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herren.

»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den seinesgleichen meist an sich haben.

»Fort? Wohin?«

»Verreist.«

»In welcher Richtung denn?«

»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«

»Dem Kontinent?«

»Jawohl.«

»Welchen Weg haben sie denn eingeschlagen?«

»Kann ich nicht sagen.«

»Wann kommen sie denn zurück?«

»In einem Monat, soviel sie sagten.«

»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.«

»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist sind.«

»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«

»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten – in Ägypten, Indien, glaube ich.«

»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei dagewesen und werde so lange immer wiederkommen, bis die Sache in Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.«

»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie nicht zurück. Sie sagten, daß Sie schon in einer Stunde wiedererscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es sei alles in Ordnung, sie werden schon zur rechten Zeit zurück sein und Sie erwarten.«

Nun mußte ich also mein Vorhaben aufgeben und wieder fortgehen. Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein«. Was konnte das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der Tasche und las ihn durch, derselbe lautete:

»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an. Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd. Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach Verfluß dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette auf Sie gemacht. Gewinne ich dieselbe, so sollen Sie jede beliebige Stellung erhalten, die ich zu vergeben habe – d. h. vorausgesetzt natürlich, daß solche Ihrer bisherigen Tätigkeit entspricht und daß Sie die Fähigkeit besitzen, dieselbe auszufüllen.«

– Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. –

Nun, da steckte ich einmal in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon. Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel. Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war. In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres Verhalten schlüssig zu machen. Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen die folgende Auffassung endgültig Gestalt gewonnen. Ob es die beiden Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht zu ergründen vermag, – also ruhig zusehen. Es handelt sich dabei um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgendwelcher Art, worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, – also wiederum ruhig zusehen. Man hat auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand ich unmöglich zu erraten imstande bin – also abermals ruhig zusehen. Damit wären die unfaßbaren Größen abgetan; die übrigen in Betracht kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen, denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß; aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in Besitz der Note komme; und sage ich darauf die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte, die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen. Ich muß diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene Herren zurückkommen, ob ich will oder nicht. Sie ist ohne allen Wert für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde Mildtätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenränder würde sie annehmen oder um alles in der Welt das geringste damit zu tun haben wollen. Das Bruderpaar ist in jedem Falle vollkommen gedeckt, – selbst wenn ich die Note verliere oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert. Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, – woferne ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen, worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja freilich, wenn ich die bekäme! – So große Herren haben oft Pöstchen zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt.

Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr losreißen. Ich begann mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen. Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der im nächsten Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbeikam, erfaßte mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig gegen dieselbe ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden – ich konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der ihnen vielleicht liegengeblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun zurief:

»Werde Sie sogleich bedienen!«

Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war, dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert, Ich hatte also nichts an demselben auszusetzen und bemerkte dann in etwas unsicherem Tone:

»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten konnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.«

Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte:

»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.«

Ärgerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:

»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe ersparen, eine große Note zu wechseln.«

Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch ziemlich von oben herab:

»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch einmal gegenseitig die Meinung sagen, so finde ich es nicht gerade am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben auf jede heraus.«

»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen hat. Als er aber nun den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es aussah wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erste Mal in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt kam, um zu sehen, was denn sei.

»Nun, was gibt’s?« fragte er, »was ist los? wo fehlt’s?«

»Es gibt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein Kleingeld.«

»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«

»Herausgeben!« rief der Kommis, der nun auch wieder zum Leben erwachte, »das ist gleich gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!«

Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen verschnittener Anzüge her, indem er dieselben fortwährend von einer Seite zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes Selbstgespräch Luft:

»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu unterscheiden imstande ist. So, da hab‘ ich, was ich suchte,« wandte er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und werfen Sie es ins Feuer. Tun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige, das einzig Wahre – einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber dann nicht brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte, seine Mutter liege im Sterben – und dann starb sie erst nicht. Aber das ist Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh – das heißt wie man – Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock – Guter Gott, schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«

Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben.

»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen, Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu Wort kommen konnte, sagte ich:

»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles unmöglich bestellen, wenn Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note wechseln können.«

»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In alle Ewigkeit – so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse des Herrn.«

»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.

»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich Sie zur Tür geleiten. So, hier – habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen!«

Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte, was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar eingerichtet im größten Luxus und von allen Bequemlichkeiten umgeben in einem teuren Privathotel in Hanover-Square. Hier nahm ich auch das Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten Mahl verholfen hatte. Dieselbe gelangte durch mich zu ungeahnter Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die Millionen nur so in der Westentasche herumtrage, derselben seine Gönnerschaft zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit gekommen und jetzt hieß es eben, mit dem Strome schwimmen oder untergehen. Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt dieselbe dadurch eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug allemal sehr bald wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks.

Und das war auch ganz natürlich; war ich doch zu einer der Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig, sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte über das Neueste, was er gesagt und getan, zu stoßen. Zuerst waren diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber, wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß, nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle, keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln; auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab, wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte, um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut – ich schaukelte mich den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm.

Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu in demselben aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt sah; und sobald ich Miene machte etwas kaufen zu wollen, bot mir der Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu kommen konnte, meine Note auf ihn loszulassen.

Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Derselbe empfing mich mit dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu meines Vaters Tode einige Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir dies mehr als angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren. Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte; allein ich dachte, er würde schon vielleicht einen Weg dazu finden. Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel – das heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt wissen konnte ich ja natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende Grundlage für annähernde Schätzung desselben war doch dadurch gegeben, daß mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt wäre – und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in dem Punkte hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter irgendeinem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen. War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück, dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.

Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen: Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß R., Viscount C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von zweiundzwanzig Jahren, namens Portia Langham, in welche ich mich im Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in mich – was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben. Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner – doch ich eile meiner Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«

Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und freundschaftlich schütteln wollte, stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene:

»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«

»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«

»Nein! Bist du der – das –«

»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.«

»Na, na, na, diese Überraschung! Ein oder zweimal war mir dein Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen, aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du in San Francisco auf Hopkins Kontor gebüffelt und, um dir einen Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht begreifen – laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«

»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir selbst unfaßlich.«

»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her, daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.«

»Nein, nach dem What-Cheer.«

»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten. Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und du konntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt hast du dich so kolossal herausgebracht?«

»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte – ein ganzer Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«

»Wann denn?«

»Ende dieses Monats.«

»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«

»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht es denn mit den Geschäften?«

Mit einem Male war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen, und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag gar nicht davon reden.«

»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause kommen und mir alles erzählen.«

»Wie, darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.

»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«

»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe. Lieber Gott! Auf den Knien möchte ich dir dafür danken!«

Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen – aus der jedoch nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten, widerwärtigen englischen Sitte – man war nicht imstande, sich über die Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal vorher zu Hause satt, ein Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings, hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen. Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Demgegenüber machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz in der Ordnung, daß mir vor diesem Herzog der Vorrang gebühre. Mit allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeigt, in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen mit seiner normannischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir gruppenweise herumstehend eine bescheidene Erfrischung – bestehend in einem Teller voll Sardinen und ein paar Erdbeeren – einnahmen. Dabei wurde es mit der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die beiden Höchststehenden losten miteinander, indem sie ein Geldstück in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine Erdbeeren her, wahrend der Verlierende den Schilling einsteckte. So ging es dann weiter bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren – ob das eine oder das andere, ist gleichgültig – außerdem verzichtet man lieber ganz.

Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen hinausging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es jedesmal und fing wieder an auszuspielen, so daß ich eine Partie um die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keines von uns beiden hinauskam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.

Ich erklärte ihr sogar – wirklich in allem Ernste – ich erklärte ihr, daß ich sie liebe, und sie – nun, sie wurde wohl rot bis unter die Haare, hatte aber nichts dagegen – und sagte dies auch. O, es war der schönste Abend meines Lebens. Jedesmal, so oft ich ansagte, oder meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend Sie sind!« oder etwas ähnliches, wofür sie mir dann bei denselben Gelegenheiten ihrerseits Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern hervor auf mich blitzen. O, es war wirklich zu – herrlich!

Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt im Besitz habe, als eben die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe und daß selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und daraufhin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei in aller Welt so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Jede halbe Minute erregte irgendein Umstand ihre Lachlust aufs neue, so daß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte – eine Geschichte, die von nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen eines Menschen – eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es doch ganz danach aus, als konnte ich eine derartige Frau demnächst recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl ein paar Jahre werden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machen.

Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab mir dieselbe aber auch einen guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach: »Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«

Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N–un, wenn meine Begleitung dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz passend, was meinst du?«

»Das wohl schwerlich, oder eigentlich sicherlich nicht; aber sieh, es hängt so unendlich viel davon ab, daß –«

»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!« erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich tun zu können.«

»Etwas, mein Herz? Alles tust du ganz allein. Du bist so schön, so lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«

Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte und ihre Augen in Glück erstrahlten!

»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst, aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit klar, daß andere Leute mich mit anderen Augen betrachten als du.«

Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer Überraschung für später auf.

Auf dem ganzen Weg nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach. Erst als wir daheim anlangten und Hastings beim Eintritt in meinen Salon sich in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.

»Jetzt laß mich nur einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der reinste Palast! Und da fehlt nichts, was sich nur erdenken läßt, bis zum behaglichen Kaminfeuer und bereitstehenden Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein, wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, vernichtet!«

Hol’s der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad. Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick bersten konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder hatte mir vielmehr kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein Traum sei; aber jetzt, – guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal geknüpft und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, die sich vielleicht – ach nein, gewiß – nie verwirklichen sollte. O, ich bin verloren, rettungslos verloren!

»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt, würde –«

»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit vertreibe dir die trüben Gedanken. Prosit! Oder nein, warte, du bist hungrig; komm, setze dich und –«

»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon ein Paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir, bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!«

»Da tue ich mit, solang‘ du willst! Also, frisch dran! Nun, Lloyd, laß jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«

»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«

»Noch einmal? Wie meinst du das?«

»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören willst.«

»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr brauchen.«

»Na, schau ‚mal, Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg hierher die ganze Geschichte erzählt?«

»Du?«

»Ja, ich.«

»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«

»Henry, das ist über den Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du dort bei dem Gesandten zu dir genommen?«

Nun ging mir mit einem Male ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt habe ich dort – erobert!«

In ungestümer Freude stürzte er nun auf mich los und wir schüttelten uns die Hände, bis sie uns wehe taten. Darüber, daß ich von seiner Erzählung, die unseren ganzen anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte, nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Vielmehr setzte er sich ruhig hin und erzählte mit all der Gutmütigkeit und Geduld, die ihm stets eigen waren, die ganze Geschichte noch einmal von vorne.

Kurz zusammengefaßt lief dieselbe darauf hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million Dollars erlösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit dem Ende des Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zugrunde gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:

»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! Wirst du mich retten? Oder wirst du mich nicht retten?«

»Sage mir nur, wie ich das machen soll. Erkläre dich, mein Junge.« »Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und die Heimreise, Bitte, bitte, sage nicht nein!«

Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte, mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein Bettler – ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.« Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in meinem Kopfe auf. Ich biß die Zahne zusammen und bezwang mich, bis ich so kalt war wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«

»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich je –«

»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich mein Geld auch ohne dies umtreiben, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, wir machen die Sache folgendermaßen. Ich kenne ja natürlich dieses Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ein ungeheurer Wert darin steckt und kann dies auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen, indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann teilen wir den Gewinn – halb und halb.«

Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn an Händen und Füßen gebunden. Noch, wie er so dalag, rief er ganz beseligt aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen – stelle dir nur vor, Mensch; in Scharen kommen sie ja ganz sicher gelaufen, diese reichen Londoner und prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«

Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu tun, als zu Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen: »Jawohl, ich habe ihm gestattet, sich auf mich zu beziehen. Ich kenne ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt.«

Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir zu ihrer späteren Überraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem anderen, manchmal auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen zu lassen – ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!

Als der Monat schließlich um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso. In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland-Place. Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hineinredete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten war.

»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du eben aussiehst, wäre es ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu verlangen.«

»Henry, Henry, du richtest uns noch zugrunde,« erwiderte sie.

»Sei unbesorgt, mache nur, daß du so aussiehst und verlasse dich auf mich. Ich will die Sache schon fertig bringen.«

Es war so weit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:

»O, bedenke doch, daß wir, wenn wir zu viel verlangen, vielleicht gar keinen Gehalt bekommen; und was soll denn aus uns werden, wenn wir nicht wissen, womit wir unseren Unterhalt verdienen wollen?«

Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite, ich erklärte jedoch:

»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine zukünftige Lebensgefährtin. Darauf stellte ich ihr die Herren mit ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt; sie dachten sich vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf Platz zu nehmen und behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit hinwegzuhelfen. Endlich sagte ich:

»Meine Herren, ich komme um Ihnen Bericht zu erstatten.«

»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja nunmehr die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel zur Entscheidung bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im Besitz der Millionennote?«

»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.

»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken. »Nun, was sagst du denn jetzt, Bruder?«

»Ich sage, er hat es überlebt und ich habe zwanzigtausend Pfund verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«

»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich viel. Ich bitte mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen, um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats des genaueren zu schildern. Sie dürfen sich darauf verlassen, es lohnt sich, den Bericht anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein nehmen.«

»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200 000 Pfund? Gehört das Ihnen?«

»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum Wechseln hingab.«

»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«

»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«

Nun war aber die Reihe des Erstaunens an Portia gekommen und mit weit geöffneten Augen fragte sie:

»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit gesagt?«

»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß gewiß, du bist mir darum nicht böse.«

»Sei dessen nur nicht so gar sicher,« schmollte sie. »Es war recht abscheulich von dir, mich so hinters Licht zu führen.«

»Ach, das hast du ja bald vergessen, lieber Schatz, ganz gewiß. Es war ja nur ein schlechter Spaß, weißt du. Komm, wir wollen uns jetzt verabschieden.«

»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.

»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche wirklich keinen.«

»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben habe.« »Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch diesen brauche ich nicht.«

»Henry, ich schäme mich für dich, du erzeigst dem guten Herrn nicht die Hälfte von all dem Dank, den du ihm schuldig bist. Darf ich es an deiner Statt tun?«

»Freilich darfst du, mein Liebchen, wenn du es besser machen kannst. Ich bin nur wirklich begierig, wie du das angreifen willst.«

Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen, während ich selbst begreiflicherweise vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia schließlich sagte:

»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast, wolle er keinen einzigen annehmen, und das tut mir so weh, gerade als ob –«

»Wie, lieber Schatz, dies ist dein Papa?«

»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen Welt gibt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich versetzt hatte.«

Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife, ganz wie mir ums Herz war.

»Ach, mein liebster, bester Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung zurücknehmen. Eine Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich gar gerne haben möchte.«

»Welche ist das?«

»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«

»Wohl, wohl. Aber wenn Sie noch nie in dieser Eigenschaft Dienste geleistet haben, so sind Sie auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem Abkommen zur Bedingung gemacht ist, und so –«

»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn dann –« »Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie sie eben mit.«

Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es auszudrücken. Und das Geschwätz und das Vergnügen in ganz London, als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote während des ganzen Monats nebst der Wendung, die die Sache zuletzt noch genommen, bekannt wurden – guter Gott!

Portias Papa gab nun die liebe, gastliche Note der Bank zurück und ließ sich den Betrag derselben auszahlen. Die Bank setzte dieselbe dann außer Kurs und verehrte sie ihm, worauf er seinerseits uns ein Hochzeitsgeschenk damit machte. Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres Heims. Denn ihr verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese Note nicht gewesen, ich hätte nicht in London bleiben können, hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit ihr zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Jawohl, sie lautet klar und deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen Zeit ihrer Gültigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand darum zu kaufen, und auch dieser wurde dabei mindestens zehnfach unter seinem Werte bezahlt!«

Tot oder lebendig.


Tot oder lebendig.

Im Jahre 1892 verbrachte ich den März in Mentone an der Riviera. An diesem ruhigen Ort erfreut man sich im stillen alle der Schönheit, die man in Monte Carlo oder Nizza öffentlich genießt. Das heißt, man hat die balsamische Luft, die glänzend blaue See, den alles überflutenden Sonnenschein, ohne die störenden Einflüsse des gesellschaftlichen Wirrwarrs, ohne Prunksucht und Mißbehagen.

Mentone ist still, einfach, ruhig, anspruchslos; die Reichen und die Vergnügungssüchtigen kommen nicht dahin – in der Regel meine ich. Zuweilen trifft man auch wohl einen Reichen, und mit einem solchen bin ich zufällig bekannt geworden. Ich nenne ihn Schmidt, um ihn unkenntlich zu machen. Eines Tages, beim zweiten Frühstück im Hotel des Anglais, faßt er mich plötzlich beim Arm und ruft aus:

»Geschwind! Sehen Sie den Herrn an, der eben zur Tür hinausgeht. Aber bitte, so genau wie möglich!«

»Warum denn?«

»Wissen Sie vielleicht, wer es ist?«

»Ja. Er war schon mehrere Tage hier, bevor Sie kamen. Es ist ein alter, sehr reicher Seidenwarenfabrikant aus Lyon, der sich von den Geschäften zurückgezogen hat und vermutlich allein auf der Welt steht; er schaut immer träumerisch und traurig darein und spricht mit keinem Menschen. Theophil Magnon heißt er.«

Ich erwartete nun, Schmidt würde mir sogleich das große Interesse, welches er an Herrn Magnon nahm, näher erklären; statt dessen versank er aber in tiefes Sinnen und war einige Minuten lang für mich und die übrige Welt verloren. Hin und wieder fuhr er mit den Fingern durch sein greises welliges Haar, als wollte er den Gedanken nachhelfen, und ließ unterdessen sein Frühstück kalt werden. Zuletzt sagte er:

»Nein, die Geschichte ist mir entfallen; ich kann mich nicht darauf besinnen.«

»Auf was denn nicht?«

»Ach, auf eine von Andersens hübschen kleinen Erzählungen. Ich weiß von dem Inhalt nur noch so viel: Ein Kind hat einen gefangenen Vogel, den es zwar liebt, jedoch aus Leichtsinn vernachlässigt. Das Lied des Vogels verhallt ungehört und unbeobachtet; bald wird das Tierchen auch von Hunger und Durst gequält, sein Gesang klingt traurig und schwach und hört endlich ganz auf – der Vogel stirbt. Das Kind kommt und möchte vor Reue und Schmerz vergehen. Dann ruft es unter bitteren Tränen und Klagen seine Spielgefährten, und sie begraben den Vogel mit großem Pomp und aufrichtigem Kummer, ohne zu ahnen, daß es nicht bloß die Kinder sind, die ihre Poeten zu Tode hungern lassen und dann so viel Aufwand für Leichenbegängnisse und Denkmäler machen, daß man jene damit hätte am Leben erhalten und vor jeder Entbehrung schützen können. Jetzt – –«

Aber hier wurden wir unterbrochen. Gegen zehn Uhr abends begegnete ich Schmidt von ungefähr, und er lud mich ein, mit ihm auf seinem Zimmer eine Zigarre zu rauchen und ein Glas heißen Whisky zu trinken. Der gemütliche Raum war hell erleuchtet, duftendes Olivenholz brannte in dem offenen Kamin, und, um unser Behagen vollkommen zu machen, klang von fern das Brausen der Brandung gedämpft an unser Ohr. Nachdem wir einige Zeit in harmlosem Gespräch verbracht hatten, schenkte mir Schmidt wieder ein.

»Stärken wir unsere Lebensgeister noch ein wenig,« sagte er, »und dann will ich Ihnen eine kleine, seltsame Geschichte erzählen, die jahrelang ein Geheimnis zwischen mir und drei anderen gewesen ist. Aber, ich darf jetzt den Siegel brechen. Wollen Sie mir zuhören?«

»Mit Vergnügen. Fangen Sie nur an!«

Er erzählte darauf wie folgt:

»Vor langer Zeit, als ich noch ein sehr junger Künstler war und in den verschiedenen Departements von Frankreich, bald hier bald dort skizzierend umherwanderte, verband mich der Zufall mit ein paar lieben jungen Franzosen, die denselben Beruf erwählt hatten wie ich. Wir waren alle drei blutarm, aber sehr glücklich bei unserer Armut. Claude Frère und Charles Boulanger, so hießen meine wackeren Kameraden, waren voller Lust und Heiterkeit; weder Sturm, noch Wetter, noch Entbehrungen aller Art vermochten ihnen die gute Laune zu verderben. Schließlich gerieten wir aber doch in einem Dorf der Bretagne hart auf den Grund und hätten buchstäblich verhungern müssen, wenn uns nicht ein Künstler, der ebenso arm war wie wir selber – François Millet – vom Tode errettet hätte – –«

»Was! Der große François Millet?«

»Groß war er damals noch keineswegs – nicht größer als wir. Von Ruhm war bei ihm noch keine Rede, selbst nicht in seinem eigenen Dorfe. Dabei war er so arm, daß er uns keine andere Speise zu bieten hatte als weiße Rüben, und sogar an diesen mangelte es zuweilen. Wir vier wurden schnell unzertrennliche Freunde. Wir malten zusammen drauf los, soviel wir konnten, und häuften ganze Stöße von Bildern auf, fanden aber höchst selten einen Liebhaber. Es waren schöne Zeiten! Aber, Gott im Himmel, wie mußten wir manchmal hungern! – Das ging so ungefähr zwei Jahre lang. Da sagte Claude eines Tages:

»›Jungens, mit uns geht es zu Ende. Versteht mich wohl: jetzt ist alles aus. Man hat ein förmliches Bündnis gegen uns geschlossen. Das ganze Nest bin ich abgelaufen, aber niemand will uns mehr Kredit geben, keinen einzigen Sou, bis alle Reste und Schulden bezahlt sind.‹

»Uns überlief es kalt; wir wurden alle bleich vor Schrecken. Unsere Lage war wirklich trostlos geworden. Nach langem Schweigen hob Millet endlich mit einem Seufzer an:

»›Mir fällt nichts ein, nichts, rein gar nichts. Erfindet ihr etwas, Kameraden!‹

»Aber keiner von uns wußte einen Ausweg, und unser bekümmertes Schweigen war die einzige Antwort, die er erhielt.

»Charles stand auf und ging eine Weile unruhig im Zimmer umher, dann sagte er:

»›Es ist eine Schande. Seht euch nur einmal diesen Haufen von Bildern an, die so gut sind, daß man sie in ganz Europa nicht besser gemalt bekommt. Das haben uns ja auch viele von den Fremden bestätigt, die hier immer herumlungern.‹

»›Ja, aber gekauft haben sie nichts,‹ wandte Millet ein.

»›Freilich wohl – aber sie sagten es doch. Und es ist wahr. Sieh nur, z. B. dein ›Angelus‹; kann irgend jemand behaupten –‹

»›Ja, mein ›Angelus‹! Fünf Franken hat man mir dafür geboten.‹

»›Wann?‹

»›Wer bot das?‹

»›Wo ist der Mann?‹

»›Warum nahmst du sie nicht?‹

»›Sprecht doch nicht alle auf einmal. Ich dachte, er würde mehr geben – ich hätte darauf geschworen – er sah das Bild in einer Weise an – kurz, ich forderte acht.‹

»›Sapperment! Aber François, warum in aller Welt …‹

»›O, ich weiß wohl, ich weiß! Ich hatte mich geirrt und war ein Narr. Glaubt mir, Jungens, ich meinte es wirklich gut, und wenn ich –‹

»›Sei nur ruhig – wir kennen ja dein gutes Herz; aber tue uns die Liebe an und sei ein andermal kein solcher Dummkopf.‹

»›Verlaßt euch drauf, das geschieht nicht wieder. Ich wünschte nur, es käme einer und böte mir einen Kohlkopf dafür – ihr solltet sehen –‹

»›Einen Kohlkopf? O, sprich nicht davon – das Wasser läuft mir bei dem bloßen Gedanken im Munde zusammen.‹

»›Jungens,‹ sagte Charles, ›seid einmal vernünftig und antwortet mir: haben diese Bilder etwa keinen Wert?‹

»›Doch, versteht sich!‹

»›Sogar großen und hohen Wert, nicht wahr?‹

»›Ohne alle Frage!‹

»›Sind sie nicht so vorzüglich, daß man sie zu unsinnigen Preisen verkaufen würde, wenn ein berühmter Name darauf geklext wäre?‹

»›Natürlich! Darüber besteht kein Zweifel!‹

»›Nun gut! So hört mir zu. Aber, nicht wahr, ihr wißt, ich meine es nicht im Scherz?‹

»›Versteht sich! Uns ist es auch bitterer Ernst. Also, heraus mit der Sprache. Was hast du ausgeheckt? Laß hören!‹

»›Nämlich … was meint ihr, Kameraden – wißt ihr was? – wir klexen eben einen berühmten Namen auf die Bilder.‹

»Das Gespräch stockte. Alle Blicke richteten sich fragend auf Charles. Wollte er uns ein Rätsel aufgeben? Wo sollten wir einen berühmten Namen hernehmen? Wer würde ihn uns leihen?

»Charles nahm jetzt Platz und sagte:

»›Mein Vorschlag ist vollkommen ernst gemeint. Ich weiß kein anderes Mittel, uns aus dieser Klemme zu befreien, doch halte ich es für untrüglich. Eine Menge Tatsachen, welche uns die Geschichte lehrt, bestärken mich in dieser Ansicht. Ich hoffe, mein Plan wird uns alle reich machen.‹

»›Reich? Du hast wohl den Verstand verloren.‹

»›Durchaus nicht.‹

»›Doch; ich glaube, du bist übergeschnappt. Was nennst du reich?‹

»›Hunderttausend Franken für jeden.‹

»›O weh, er ist wirklich verrückt geworden!‹

»›Armer Charles! Mangel und Not waren zu hart für dich!‹

»›Nimm ein niederschlagendes Pulver und gehe sofort zu Bette.‹

»›Macht ihm erst einen kalten Umschlag.‹

»›Nein, holt lieber eine Zwangsjacke. Jeden Augenblick kann die Tobsucht bei ihm ausbrechen.‹ »›Still,‹ rief Millet ungeduldig, ›laßt ihn doch erst ausreden.‹

»›Auch gut – so sprich, Charles! Was ist’s mit deinem Plan?‹

»›Ihr sollt ihn hören. Doch muß ich euch zuvor etwas fragen. Habe ich recht oder nicht, daß das Verdienst vieler großer Künstler nicht früher erkannt worden ist, als bis sie im Elend verkommen waren? Ihr wißt, dies hat sich in der Geschichte der Menschheit so oft zugetragen, daß ich glaube getrost ein Gesetz darauf gründen zu können, welches dahin lautet, daß das Verdienst eines jeden großen Künstlers, der namenlos und verkannt war, ans Licht kommt und seine Bilder hohe Preise erzielen – sobald der Mann tot ist. Mein Plan ist folgender: Wir wollen losen – einer von uns muß sterben.‹

»Das kam uns so unerwartet, und er sagte es so ruhig, daß wir im ersten Augenblick ganz still und verblüfft sitzen blieben. Dann aber brach ein wilder Chor der Entrüstung los, und es folgten allerlei medizinische Ratschläge, um dem kranken Gehirn unseres Freundes Heilung zu bringen. Er aber wartete geduldig, bis sich der Sturm zu legen begann, und fuhr dann unbeirrt fort:

»›Wie gesagt – einer von uns muß sterben, um die anderen zu retten und – sich selbst. Wir wollen losen. Der Gewählte soll berühmt werden, um uns alle reich zu machen. So seid doch still und unterbrecht mich nicht immer – ich weiß ganz genau, was ich sage. Der, welcher sterben muß, arbeitet während der drei nächsten Monate aus allen Kräften, um seinen Vorrat an Malereien zu vermehren; er macht keine Bilder, behüte! nur Skizzen, Studien, Bruchstücke, Teile von Studien, ein Dutzend Pinselstriche auf jedes Stück, so zusammenhanglos wie möglich, und auf jedes natürlich seinen Namenszug. Fünfzig solche Farbenklexereien liefert er den Tag, aber jede muß etwas Besonderes vorstellen, etwas von der Manier an sich haben, die sich leicht als die ›seine‹ kennzeichnet. Solche Sachen, das wißt ihr, werden zu fabelhaften Preisen gekauft und von allen großen Museen der Welt gesammelt, sobald der Mann erst aus dem Leben geschieden ist. Eine Unzahl Skizzen müssen fertig werden, mindestens ein Zentner. Während der Sterbende sie malt, unterstützen die übrigen ihn nach Kräften, treffen alle Vorkehrungen für das kommende Ereignis und bearbeiten Paris und die Händler. Ist das Feuer gehörig geschürt und das Eisen heiß, dann ist es Zeit, daß der Tod eintritt, und wir veranstalten ein pompöses Begräbnis. – Nun, was sagt ihr zu meinem Plan?‹

»›Ja, aber … das heißt … wie soll denn …?‹

»›Versteht mich recht. Der Mann soll in Wirklichkeit gar nicht sterben; er nimmt bloß einen anderen Namen an und verschwindet; wir begraben einen Strohmann und erheben ein Wehgeschrei über ihn, daß die ganze Welt davon widerhallen soll. Und dann – –‹

»Aber weiter kam er nicht. Wir brachen in ein gewaltiges Hurra! aus, schnellten von unseren Sitzen in die Höhe, sprangen wie toll in der Stube umher und fielen einander gerührt um den Hals. Stundenlang besprachen wir den Plan, ohne hungrig zu werden, und als zuletzt alles zur Zufriedenheit geordnet war, warfen wir die Lose in einen Hut, und der Gewählte war – Millet, der Todgeweihte, wie wir ihn nannten.

»Jeder suchte nun zusammen, was er an kleinen Schmucksachen und Andenken etwa noch besaß. Beim Pfandverleiher bekamen wir so viel Geld dafür, daß es zu einem bescheidenen Abendessen und Frühstück reichte. Auch behielten wir noch ein Paar Franken zur Reise übrig, nachdem wir mehrere Pfund Rüben und das Nötigste für Millet angeschafft hatten, womit er in den nächsten Tagen sein Leben fristen konnte.

Am anderen Morgen machten wir drei uns gleich nach dem Frühstück auf die Strümpfe, natürlich zu Fuß. Jeder von uns trug ein Dutzend kleiner Bilder von Millet in seinem Ranzen, mit dem festen Vorsatz, sie auf den Markt zu bringen. Charles ging geradeswegs nach Paris, wo er an Millets Ruhm bauen wollte, bis der große Tag gekommen war. Auch Claude und ich trennten uns, um denselben Zweck im übrigen Frankreich zu verfolgen.

»Es wird Sie vermutlich überraschen zu hören, wie leicht und bequem sich die Sache ausführen ließ. Nach zweitägiger Wanderung kam ich in die Nähe einer großen Stadt und begann eine Villa der Umgegend zu skizzieren – weil ich den Eigentümer auf der oberen Veranda des Hauses stehen sah. Er kam gleich herunter, mir zuzusehen; ich ahnte schon, daß er anbeißen würde. Um sein Interesse rege zu halten, arbeitete ich sehr schnell. Gelegentlich entschlüpfte ihm ein Ausruf des Wohlgefallens, nach und nach wurde er wärmer, geriet in Begeisterung und erklärte mir schließlich rund heraus, ich sei ein Meister in meinem Beruf.

»Da legte ich meinen Pinsel hin, langte in den Ranzen, holte einen Millet heraus und deutete stolz auf das Zeichen in der Ecke.

»›Sie kennen ihn ohne Zweifel. Er war mein Lehrer. Kein Wunder also, daß ich mich auf mein Handwerk verstehe.‹

»Der Mann geriet in eine leicht begreifliche Verlegenheit und blieb stumm.

»›Sie wollen mich doch nicht glauben machen, daß Sie Francois Millets Namenszug nicht kennen?‹ fragte ich erstaunt.

»Natürlich kannte er ihn nicht; aber er atmete erleichtert auf, wie jemand, der sich aus einer höchst unbequemen Lage befreit sieht. Mit der dankbarsten Miene von der Welt rief er ganz beglückt:

»›Wahrhaftig, ja, von Millet. Ich wußte zuerst nicht gleich, was ich vor mir hätte. Aber natürlich erkenne ich es jetzt.‹

»Er wollte nun das Bildchen kaufen, allein, ich weigerte mich lange es herzugeben; endlich ließ ich es ihm jedoch für achthundert Franken.«

»Achthundert!«

»Ja! Millet hätte es für ein Schweinerippchen hergegeben. Ich wollte, ich könnte es jetzt für achttausend zurückbekommen; aber jene Zeit ist vorüber. Ich machte von der Villa ein sehr hübsches Bild und hätte es dem Besitzer für zehn Franken gelassen, aber da er sah, daß ich der Schüler eines solchen Meisters war, ließ er sich’s hundert kosten. Die achthundert Franken schickte ich mit der Post sofort an Millet und machte mich am nächsten Tage rasch aus dem Staube.

»Aber ich ging nicht, nein, ich ritt. Seitdem bin ich immer geritten. Ich verkaufte jeden Tag ein Gemälde, daran ließ ich mir genügen. Zu den Käufern aber sagte ich stets:

»›Eigentlich ist es die größte Torheit, ein Bild von Francois Millet zu verkaufen. Der Mann lebt keine drei Monate mehr, und wenn er stirbt, wird man seine Arbeiten mit Gold aufwiegen.‹

»Ich gab nur alle erdenkliche Mühe, diese Tatsache soviel wie möglich zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, um die Welt auf das kommende Ereignis vorzubereiten.

»Den Plan, die Bilder auf solche Weise an den Mann zu bringen, rechne ich mir hoch an, denn, unter uns gesagt, er stammte von mir und gelang uns allen vortrefflich. Claude war gleichfalls zwei Tage gewandert, ehe er den Verkauf begann, denn er fürchtete wie ich, Millets Ruhm möchte zu schnell bis in sein Heimatdorf dringen. Der hübsche, leichtsinnige Charles aber fing das Geschäft schon nach einem halben Tage an und reiste so vornehm wie ein Herzog.

»Dann und wann traten wir auch in ein Zeitungsbureau und bewarben uns um die Gunst der Presse. Nirgends war zu lesen, daß ein neuer Maler entdeckt worden sei; man nahm einfach an, daß alle Welt Francois Millet kenne; auch priesen die Blätter sein Verdienst auf keine Weise, sie brachten nur Andeutungen über das gegenwärtige Befinden des ›Meisters‹ – manchmal hoffnungsvoll, manchmal verzweifelnd, aber immer das Schlimmste befürchtend, und das reichte vollkommen hin. Wir strichen diese Zeitungsnotizen mit Rotstift an und sandten die Nummern gewissenhaft allen Leuten zu, die uns Bilder abgekauft hatten.

»Sobald Charles in Paris war, nahm er die Sache geschickt in die Hand. Er knüpfte Beziehungen zu auswärtigen Korrespondenten an und ließ Millets Bedeutung in England, über den Kontinent, in Amerika und allerorten ausposaunen.»

Sechs Wochen nach unserem Aufbruch trafen wir drei uns wieder in Paris, riefen einander ›Halt‹ zu, und ließen uns auch keine Bilder mehr von Millet schicken. Der Baum seines Ruhmes war so hoch und die Früchte so reif geworden, daß uns der rechte Zeitpunkt gekommen schien, um die Arbeit einzustellen. So schrieben wir denn an Millet, er möchte sich unverweilt zu Bette legen, denn wir wünschten ihn in zehn Tagen sterben zu lassen, wenn er bis dahin fertig werden könne.

»Nun machten wir Kasse und fanden, daß wir inzwischen fünfundachtzig kleine Bilder und Studien verkauft und neunundsechzigtausend Franken dafür eingenommen hatten. Charles machte noch zuletzt das glänzendste Geschäft von allen, er verkaufte nämlich den ›Angelus‹ für zweitausendzweihundert Franken. Wie feierten wir ihn für diese Tat, ohne vorauszusehen, daß Frankreich eines Tages um den Besitz dieses Gemäldes mit einem Fremden kämpfen würde, der es uns schließlich für bare Fünfmalhundertfünfzigtausend geraubt hat.

»Am selben Abend hielten wir noch einen Abschiedsschmaus mit Champagner, und tags darauf packten Claude und ich unsere Habseligkeiten und reisten ab, um Millet während seiner letzten Tage zu Pflegen, alle Neugierigen vom Hause fern zu halten und täglich Berichte an Charles nach Paris zu senden, die in den Blättern aller Erdteile veröffentlicht wurden, um die voll Spannung harrende Welt von den Vorgängen in Kenntnis zu setzen. Das traurige Ende ließ nun nicht lange auf sich warten, und auch Charles war zugegen, um bei den letzten Feierlichkeiten zu helfen.

»Sie erinnern sich ohne Zweifel, welches ungeheure Aufsehen jenes große Leichenbegängnis machte; die bedeutendsten Persönlichkeiten aus aller Herren Länder kamen damals herbeigeströmt, um ihre Teilnahme zu bezeugen. Wir vier – noch immer unzertrennlich – trugen den Sarg, und wollten uns von keinem dabei helfen lassen. Mit gutem Grund, denn es befand sich nichts darin als eine Wachspuppe. Anderen Sargträgern würde das geringe Gewicht ohne Zweifel aufgefallen sein. Wir vier, die wir alle Entbehrungen der schweren, jetzt auf ewig vergangenen Zeit mit treuer Freundschaft geteilt hatten, haben nun auch den Sarg …«

»Vier? Welche vier?«

»Nun, wir vier – denn Millet half seinen eigenen Sarg tragen. Verkleidet natürlich. Er galt für einen entfernten Verwandten.«

»Merkwürdig!«

»Aber wahr, buchstäblich wahr! Sie werden sich auch erinnern, wie die Bilder Millets im Preise stiegen. Wir wußten kaum, was wir mit all dem Gelde anfangen sollten. In Paris lebt ein Mann, der siebzig Stück Millets besitzt. Er hat uns zwei Millionen dafür bezahlt. Und was die Unmenge von Skizzen und Studien betrifft, die Millet in den sechs Wochen, während wir unterwegs waren, zusammengemalt hat, so würden Sie staunen, für welche Preise wir sie heute noch verkaufen, das heißt, wenn wir uns überhaupt dazu verstehen sie herzugeben.«

»Das ist wirklich eine wunderbare Geschichte.«

»Ja, sie hat einen ganz hübschen Schluß.«

»Was ist denn aber aus Millet geworden?«

»Können Sie ein Geheimnis bewahren?«

»Versteht sich!«

»Erinnern Sie sich des Mannes, auf den ich Sie heute im Speisesaal aufmerksam machte? Das war Francois Millet.«

»Nicht möglich!«

»Ja – er selbst. Das war einmal ein genialer Mann, der sich nicht zu Tode gehungert hat, um dann den Lohn, der ihm gebührte, in die Taschen anderer fließen zu lassen. Diesem Singvogel war es nicht bestimmt, sich das Herz umsonst aus dem Leibe zu pfeifen, um den kalten Pomp einer großen Leichenfeier als einzige Bezahlung zu erhalten. Dafür haben wir Sorge getragen!«

Mehr Glück als Verstand.


Mehr Glück als Verstand.

(Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher, der vor vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule in Woolwich war, hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit verbürgt. – M. T.)

Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer der wenigen großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart gegeben wurde, welche England besitzt. Den wahren Namen und Titel dieses Kriegshelden und Inhabers der höchsten Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem sofort einleuchten werden. Ich will ihn Generalleutnant Artur Scoresby nennen.

Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort saß der Mann in Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal gehört hatte, seit jenem Tage vor über dreißig Jahren, als der Glanz seines Ruhmes plötzlich von einem Schlachtfeld der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie wieder zu verblassen! Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein Anblick war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich nicht satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: ich sah die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst seines Antlitzes, die biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen Wesen ausprägte. Dabei schien er weder ein Bewußtsein von seiner eigenen Größe zu haben, noch zu bemerken, wie viele bewundernde Blicke auf ihn gerichtet waren, mit wie tiefer, aufrichtiger, liebevoller Verehrung die Herzen der Versammelten ihm entgegenschlugen.

Zu meiner Linken saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet, sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte:

»Im Vertrauen gesagt – er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten gibt.«

Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon, Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe. Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.

Einige Tage später tat ich das und der Pfarrer erzählte folgendes:

»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand, dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß, während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben, er sozusagen gar nichts wußte. Er machte den Eindruck eines guten, freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen, und es war mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich wäre, ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden schmettere.

»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei – sollte man sich so etwas vorstellen – bestand er nicht nur sein Examen glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere, die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt hatte.

»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem schwächlichen Kinde – und siehe da – jedesmal rettete er sich wie durch ein Wunder vor dem Untergang.

»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein soviel ich konnte, paukte ihm die Antworten ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den ersten Preis erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.

»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last auf der Seele, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang tat ich kein Auge zu – und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet, vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit. Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren.

»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich – dachte ich bei mir – muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf Gelegenheit zu geben, sich totschießen zu lassen, bevor seine Unfähigkeit ans Licht kam. Ich zitterte vor einem großen Krach – und er blieb nicht aus. In der Zeitung las ich, daß der Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und mit seinem Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur möglich, daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft eine derartige Verantwortung auflud? – Hätte man ihn zum Fähnrich gemacht, ich würde mich vielleicht beruhigt haben – aber zum Hauptmann – das war unerhört. Ich glaubte, mich solle der Schlag rühren.

»Nun hören Sie, was ich tat – ich, der ich Ruhe und Beschaulichkeit über alles liebe. Ich sagte mir, daß ich mein Vaterland in diese Gefahr gebracht habe und es daher meine Pflicht sei, es, soweit es in meiner Macht stehe, vor Scoresby zu schützen. So beschloß ich denn, ihm nicht von der Seite zu weichen; ich nahm seufzend mein kleines Kapital zur Hand, das ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster Sparsamkeit erworben hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner Kompagnie und fort ging es auf den Kriegsschauplatz.

»Aber dort – du lieber Himmel – was mußte ich erleben! Daß er einen Mißgriff nach dem anderen begehen würde, verstand sich von selbst. Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; man umgab ihn mit einem falschen Nimbus und beurteilte alle seine Taten von einem verkehrten Gesichtspunkt aus – die größten Dummheiten, die er machte, galten für geniale Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen zuschulden kommen, von denen das geringste derart war, daß, wer nur den gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte weinen mögen. Das tat ich denn auch im geheimen; ja, ich weinte nicht nur, ich raste und schäumte vor Wut.

»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war die Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den Glanz seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,‹ sagte ich mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel herunter, wenn die unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹

»Über die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von einer Stufe zur anderen befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl der Schlacht bei *** unser Oberst vom Pferde sank. Alles Blut strömte mir zum Herzen – denn Scoresby war ihm im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick da,‹ dachte ich, ›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹

»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten ins Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten Stellungen ein – geschah jetzt ein Mißgriff, so waren wir vernichtet.

»Was aber tat der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen Augenblick? – Er ließ das Regiment ausrücken, um einen benachbarten Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht die geringste Spur feindlicher Truppen zu entdecken war.

»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher in dein Verderben!‹

»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels erreicht, bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und verhindert werden konnte. Was aber fanden wir? – Eine ganze russische Reservearmee, von der kein Mensch etwas ahnte. Und was geschah? – Wurden wir in Stücke gehauen? Das wäre in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar geschehen. Doch nein – die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen standen, unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne, die ganze englische Armee müsse im Anzug – die geplante Kriegslist entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und stürzten sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den Hügel hinab auf das Schlachtfeld – wir immer hinter ihnen drein. Sie selbst durchbrachen die feste russische Schlachtordnung und richteten die heilloseste Verwirrung an. Die Niederlage der Verbündeten verwandelte sich in einen entscheidenden, glänzenden Sieg.

»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, Bewunderung und Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte sofort nach Scoresby, schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte ihm eigenhändig, im Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit dem höchsten Orden.

»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys Mißgriff gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und links verwechselt hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen, um den rechten Flügel zu verstärken; statt dessen rückte er vor und zog sich nach links, den Hügel hinauf. Der Ruhm seines militärischen Genies aber ist seit jenem Tage in alle Welt hinausgeflogen und wird für ewige Zeiten in den Büchern der Geschichte leuchten.

»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie nur ein Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner Lage weiß er sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen lassen, statt unter Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die reinste Wahrheit: einen größeren Dummkopf wie ihn gibt es nicht auf der Welt. Noch vor einer halben Stunde aber war ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch, der das wußte. Jahraus, jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz unerhörten und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat sich ein Menschenalter hindurch in allen unseren Kriegen mit Glanz hervorgetan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er entweder ein Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum Baron oder zu sonst etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich bei dem Festmahl gesehen, wie seine Brust mit fremden und einheimischen Orden über und über bedeckt war; jeden einzigen, das können Sie mir glauben, trägt er zum Andenken an irgend einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammengenommen aber bilden den schlagendsten Beweis, daß Glück das beste Angebinde ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden kann.«

Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift kam Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den dringenden Rat, dem General Wolseley aus dem Wege zu gehen, und es entspann sich darob folgendes Gespräch: Mark Twain: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig.

Seine Freunde: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen!

Mark Twain: Wieso? Ich verstehe nicht.

Seine Freunde: Nun, – für Ihre Geschichte im letzten Harperschen Monatsheft.

Mark Twain: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was geht ihn das an?

Seine Freunde: O nichts – nur insofern, als er der Held dieser Geschichte ist.

Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus dem Wege zu gehen.

Kinderkrankheiten.


Kinderkrankheiten.

Diese Geschichte hat Herr Mc Williams, ein freundlicher Herr aus Neuyork, dem Verfasser erzählt, der ihn zufällig auf einer Reise traf.

Sie können sich kaum vorstellen, Herr Mark Twain, wie schrecklich die unheilbare Krankheit, welche man die häutige Bräune nennt, in unserer Stadt gewütet hat. Ebenso schlimm als die Krankheit selbst war der Umstand, daß alle Mütter vor Angst und Schrecken fast den Verstand verloren. Hören Sie zu, was ich mit meiner Frau während jener Zeit erlebte. Eines Mittags kam ich nach Hause und machte meine Frau auf die kleine Penelope aufmerksam, indem ich bemerkte:

»Mein Herz, ich würde an deiner Stelle nicht erlauben, daß das Kind an dem Kienspan kaut.«

»Was in aller Welt soll denn das schaden?« entgegnete sie, schickte sich aber zugleich an, den Span fortzunehmen; – ohne weitläufige Erörterung können Frauenzimmer nun einmal nicht den geringsten Rat befolgen, wenn dessen Weisheit auch noch so sehr auf der Hand liegt; d. h. verheiratete Frauen.

Ich erwiderte: »Herzchen, man weiß, daß keine Holzart so wenig Nährwert für ein Kind besitzt wie Tannenholz.«

Meine Frau zog die Hand zurück, mit der sie den Span ergreifen wollte und legte sie wieder in den Schoß.

»Du bist im Irrtum,« sagte sie merklich erregt; »alle Ärzte versichern, daß das Terpentin im Tannenholz für ein schwaches Rückgrat und für die Nieren sehr gut ist.«

»Ah so – ich bitte um Entschuldigung. Ich habe nicht gewußt, daß unser Kind an Rückenschwäche und an den Nieren leidet und daß der Hausarzt verordnet hat –«

»Das Kind denkt gar nicht daran, an dergleichen zu leiden – wie kommst du darauf?«

»Aber liebe Frau, du hast doch angedeutet –«

»Bewahre, so etwas ist mir nicht eingefallen.«

»Es ist ja kaum zwei Minuten her, mein Herz, daß du sagtest –«

»Dummes Zeug! Ich mag gesagt haben was ich will – jedenfalls ist es kein Unglück, daß die Kleine an einem Stück Holz kaut, wenn sie Lust dazu hat; ich dächte, du könntest das auch einsehen. Ich verwehre es ihr nicht und damit ist’s gut!«

»Ereifere dich nicht, mein Kind; ich sehe schon ein, daß du recht hast, und werde gleich ausgehen, um ein paar Klafter vom besten Tannenholz zu bestellen. Solange ich lebe, soll mein Kind– –«

»O bitte, geh in dein Geschäft und laß mich einen Augenblick in Ruhe. Man kann auch nicht die geringste Bemerkung machen, du mußt darüber streiten, streiten, streiten, bis du nicht mehr weißt, wovon du sprichst – wie immer.«

»Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Aber in deiner letzten Bemerkung war ein Mangel an Logik, der – –«

Ehe ich jedoch ausgeredet hatte, war sie zur Türe hinausgesegelt und hatte das Kind mitgenommen.

Als ich am Abend desselben Tages zu Tische nach Hause kam, trat sie mir mit kreideweißem Gesicht entgegen.

»O Mortimer, ein neuer Fall! Der kleine George vom Nachbar Gordon ist krank!«

»Häutige Bräune?«

»Häutige Bräune!«

»Hat der Arzt noch Hoffnung?«

»Nicht die geringste! O, was soll aus uns werden!«

Kurz darauf brachte eine Wärterin die kleine Penelope herein, um uns gute Nacht zu sagen und das übliche Abendgebet auf der Mutter Schoß zu sprechen. Aber mitten in: »Jetzt leg‘ ich mich zu süßer Ruh‘,« hustete sie ein wenig. Meine Frau fuhr zurück, als hätte sie der Schlag gerührt. Doch schon im nächsten Augenblick war sie auf den Füßen, der Schrecken spornte sie zu fieberhafter Tätigkeit.

Sie befahl, das Bett des Kindes aus der Kinderstube in unser Schlafzimmer zu bringen, und ging selbst mit, um die Ausführung des Befehls zu beaufsichtigen. Natürlich mußte ich auch dabei sein, und wir brachten die Sache schnell in Ordnung. Für die Kinderfrau wurde ein Bett in dem Ankleidezimmer meiner Frau aufgeschlagen. Nun fiel ihr aber ein, daß wir zu weit von dem anderen Kinde entfernt seien, und wenn sich in der Nacht bei ihm Symptome zeigen sollten – mein armes Frauchen wurde wieder leichenblaß.

Darauf schafften wir das Kinderbett und die Kinderfrau wieder in die Kinderstube und schlugen für uns beide ein Bett im Nebenzimmer auf. Plötzlich bekam meine Frau jedoch Angst, Penelope könne den Kleinen anstecken. Dieser Gedanke jagte ihr ein solches Entsetzen ein, daß ihre ganze Hilfsmannschaft das Bettchen nicht schnell genug wieder hinaustragen konnte. Meine Frau half in eigener Person und riß es beinahe in Stücke in ihrer verzweifelten Hast.

Wir zogen in den unteren Stock, aber da war nicht Platz genug, die Kinderfrau unterzubringen, und meine Frau meinte, ihre Erfahrung würde eine unschätzbare Hilfe sein. So kehrten wir denn mit Sack und Pack wieder in unser eigenes Schlafzimmer zurück und fühlten uns so glücklich, wie ein Paar vom Sturm verschlagene Vögel, die ihr warmes Nestchen wiederfinden.

Meine Frau eilte jetzt in die Kinderstube, um zu sehen, wie es dort stände. Im Nu war sie aber wieder da, von neuer Furcht ergriffen.

»Wie kann es nur kommen, daß der Kleine so fest schläft?«

»Aber mein Herz,« sagte ich, »der Kleine schläft ja immer so fest, daß er aussieht wie ein Bild.«

»Ich weiß, ich weiß; aber heute hat sein Schlaf etwas Unnatürliches. Er scheint – er scheint so regelmäßig zu atmen.«

»Aber, liebes Kind, er atmet immer regelmäßig.«

»O, das weiß ich; aber heute macht es einen schrecklichen Eindruck. Seine Wärterin ist viel zu jung und unerfahren, Marie soll bei ihr bleiben, damit sie bei der Hand ist, wenn etwas passiert.«

»Das ist ein guter Gedanke; aber, wer wird dir helfen?«

»Du kannst mir alle Hilfe leisten, die ich brauche. Ich werde mich ja so wie so in dieser schrecklichen Zeit auf keinen Menschen verlassen, sondern alles selbst tun.«

Ich erwiderte, daß ich mich selbst verachten würde, wenn ich zu Bette gehen und schlafen wollte, während sie wachte und sich um unsere Kranke mühte, die lange, bange Nacht. Doch endlich ließ ich mich überreden. So begab sich also die alte Marie wieder zurück auf ihren Posten in der Kinderstube.

Penelope hustete ein- oder zweimal im Schlaf.

»Warum nur dieser Doktor nicht kommt. – Mortimer, es ist gewiß zu warm im Zimmer. Mache den Schieber zu – schnell!«

Ich schloß die Luftheizung ab, sah nach dem Thermometer und fragte mich, ob denn vierzehn Grad wirklich zu warm sei für ein krankes Kind.

Der Kutscher kam jetzt aus der Stadt mit der Nachricht, daß unser Hausarzt krank zu Bette liege. Meine Frau warf mir einen verlöschenden Blick zu und sagte mit sterbender Stimme:

»Es ist der Wille der Vorsehung. So war es vorher bestimmt. – Noch nie ist er krank gewesen, nie! Wir haben nicht so gelebt, wie wir sollten, Mortimer. Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt. Nun siehst du, wohin es führt. Danke Gott, wenn du es dir je verzeihen kannst – ich kann es mir nicht vergeben.«

Ich sagte, ohne die Worte genau zu wählen, aber durchaus nicht in der Absicht, sie zu kränken, es sei mir nicht bewußt, daß wir ein so gottloses Leben geführt hätten.

»Mortimer – willst du das Gericht Gottes auch über den Kleinen heraufbeschören?«

Sie brach in Tränen aus – aber plötzlich rief sie:

»Der Doktor muß doch Arznei geschickt haben!«

»Gewiß,« versetzte ich, »hier ist sie. Ich habe nur auf den passenden Moment gewartet, es dir zu sagen.«

»So gib sie doch her; weißt du nicht, daß jetzt jeder Augenblick kostbar ist! Aber ach, wozu schickt er überhaupt Arznei, wenn er doch weiß, daß alles vergebens ist.«

Ich sagte, wo noch Leben wäre, sei auch noch Hoffnung.

»Hoffnung! – Mortimer, du weißt so wenig, was du sprichst, wie ein neugeborenes Kind. Wenn du nur – Welcher Unsinn – die Anweisung sagt: alle Stunde einen Teelöffel! Einmal stündlich – als ob wir ein ganzes Jahr vor uns hätten, um das Kind zu retten! Mortimer, schnell, gib dem armen verschmachtenden Würmchen einen Eßlöffel voll; nur diesmal beeile dich!«

»Aber, mein Herz, ein Eßlöffel voll könnte –«

»Mache mich nicht toll! …. Hier, mein Engelchen, mein süßes, nimm das häßliche bittere Zeug; es ist gut für Nelly, für Mamas süßen, kleinen Liebling, und soll sie gesund machen. Da, da, da, lege dein Köpfchen an Mütterchens Brust und schlaf ein, damit du bald – – o, ich weiß, sie wird den Morgen nicht erleben! – Mortimer, einen Eßlöffel alle halbe Stunde! Aber das Kind sollte auch Belladonna nehmen und Acconit. Hole die Fläschchen, Mortimer. Bitte, tue, was ich sage; du verstehst ja doch nichts davon.«

Wir stellten nun das Bett des Kindes dicht an das Kopfende meiner Frau und legten uns nieder. Das viele Durcheinander hatte mich schrecklich müde gemacht, und in zwei Minuten war ich halb eingeschlafen.

Meine Frau weckte mich.

»Männchen, ist die Luftheizung offen?«

»Ich glaube nicht.«

»Das habe ich mir gedacht. Bitte, mache den Schieber gleich auf; das Zimmer ist kalt.«

Ich schob ihn auf und schlief wieder ein; da wurde ich nochmals geweckt.

»Bester Mann, du könntest doch so gut sein, das Bettchen an deine Seite zu stellen, es ist näher an der Heizung.«

Ich stellte das Bett an meine Seite, verwickelte mich aber in den Betteppich und weckte das Kind. Wieder verfiel ich in Schlaf, während meine Frau die kleine Kranke beruhigte. Aber nicht lange, so kamen wie aus weiter Ferne durch den Nebel meiner Schlaftrunkenheit die Worte an mein Ohr:

»Mortimer, wenn wir nur etwas Gänsefett hätten – bitte, willst du klingeln.«

Ich kletterte im Halbschlaf heraus und trat auf die Katze, welche mit einem lauten Protest antwortete; ich wollte ihr dafür einen Fußtritt verabreichen, aber der Stuhl bekam ihn statt der Katze.

»Mortimer, was fällt dir ein? Warum drehst du den Gashahn auf? Willst du das Kind zum zweitenmal wecken?«

»Ich will sehen, ob ich mir Schaden getan habe, Evangeline.«

»Dann sieh nur auch den Stuhl an; ich bin überzeugt, er ist in Stücken. Die arme Katze; wenn du nun – –«

»Die Katze ist mir völlig gleichgültig. Das alles wäre nicht geschehen, wenn du Marie hier behalten hättest, um diese Pflichten zu übernehmen, die sie angehen und nicht mich.«

»Du solltest dich schämen, Mortimer, eine solche Bemerkung zu machen. Wahrhaftig, wenn du die Kleinigkeiten, um die ich dich bitte, nicht einmal besorgen willst – da doch unser Kind – –«

»Schon gut, ich will ja alles tun. Aber kein Mensch hört auf mein Läuten. Sie sind wahrscheinlich alle zu Bett gegangen. – Wo steht das Gänsefett?«

»Auf dem Kamin im Kinderzimmer. Wenn du hingehen willst und mit Marie sprechen – –«

Ich holte das Gänsefett und schlief wieder ein. Abermals wurde ich gerufen: »Mortimer, es ist mir schrecklich, dich zu stören, aber das Zimmer ist noch immer zu kalt, wenn ich die Einreibung machen soll. Könntest du nicht das Feuer anzünden? Es ist alles zurechtgelegt, du brauchst nur ein Schwefelhölzchen hineinzustecken.«

Ich kroch aus dem Bett, machte das Feuer an, und setzte mich als Jammergestalt daneben.

»Mortimer, du erkältest dich zu Tode, wenn du da sitzen bleibst. Komm zu Bett!«

Ich wollte hineinsteigen, da sagte sie:

»Nur einen Augenblick! Bitte, gib dem Kinde noch etwas Arznei.« – Das tat ich, und meine Frau benutzte die Gelegenheit, da die Kleine doch einmal wach war, sie auszuziehen und über und über mit dem Gänsefett einzuschmieren. Bald schlief ich von neuem – aber nicht lange.

»Mortimer, es zieht irgendwo; ich fühle es ganz deutlich. Nichts ist verhängnisvoller bei solcher Krankheit als Zugwind. Bitte, stelle das Kinderbett näher ans Feuer.« Das tat ich und wickelte mich wieder in den Betteppich, den ich dabei ins Feuer warf. Meine Frau sprang aus dem Bett und rettete ihn, wobei wir etwas aneinander gerieten. Nun folgte wieder eine kleine Schlafpause, bis mir befohlen wurde, einen Umschlag von Leinsamen zu machen. Dieser wurde dem Kinde auf die Brust gelegt, um dort seine heilende Wirkung zu üben.

Ein Holzfeuer hat nicht lange Bestand. Alle zwanzig Minuten stand ich auf, um das unsrige anzufachen und Holz nachzulegen; dadurch verkürzten sich auch die Zwischenräume beim Eingeben der Arznei um zehn Minuten, was meiner Frau eine große Erleichterung war. Dazwischen erneuerte ich die Umschläge und legte einen Senfteig oder andere Zugpflaster überall da auf, wo noch eine freie Stelle an dem Kinde zu finden war. Endlich, gegen Morgen, war das Holz verbraucht, und meine Frau meinte, ich solle in den Keller gehen, um welches zu holen.

»Das ist eine schwere Arbeit, liebes Kind,« bemerkte ich. »Der Kleinen ist gewiß warm genug bei ihren vielen Umhüllungen. Wir können ihr ja auch noch eine Lage Brei auflegen und –«

Ich kam nicht zu Ende, denn ich wurde unterbrochen. Eine Weile schleppte ich Holz herauf und kroch dann wieder in mein Bett. Bald schnarchte ich, wie nur ein Mensch schnarchen kann, der völlig abgemattet ist an Körper und Geist. Bei Tagesanbruch fühlte ich ein Rütteln an meiner Schulter, was mich schnell zur Besinnung brachte. Meine Frau stand mit stierem Blick vor mir und rang nach Luft. Sobald sie sprechen konnte, sagte sie:

»Es ist alles aus – alles aus! – Das Kind schwitzt. Was fangen wir an?«

»Mein Gott, wie du mich erschreckt hast! Ich weiß nicht, was ich dir raten soll. Vielleicht wenn wir alles abkratzten und Penelope wieder in den Zug brächten –«

»Welcher Blödsinn! – Jetzt ist kein Augenblick zu verlieren! Hole den Doktor, schnell! Du mußt selbst gehen. Bringe ihn her, tot oder lebendig.«

Ich zerrte den armen kranken Mann aus dem Bett und brachte ihn zu uns. Er sah das Kind an und sagte, es läge nicht im Sterben. Das war mir eine unaussprechliche Freude, aber meine Frau wurde so böse, als habe er sie persönlich beleidigt. Dann meinte er, der Husten des Kindes wäre nur durch einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Wie er das sagte, fürchtete ich fast, meine Frau würde ihm die Türe weisen. Der Doktor wollte die Kleine nun stärker zum Husten bringen, um die Störung zu beseitigen. Er gab ihr etwas ein, sie hustete heftig, und heraus kam – ein kleiner Holzsplitter.

»Das Kind hat keine Bräune,« sagte der Arzt. »Es hat an einem Stück Tannenholz gekaut, und ein paar kleine Splitter in den Hals bekommen. Die werden ihm nichts schaden.«

»Nein,« sagte ich, »das glaube ich auch. Das Terpentin darin ist sogar sehr gut für einige Krankheiten, die bei Kindern vorkommen. Meine Frau kann Ihnen das sagen.«

Aber das tat sie nicht. Sie wendete sich empört von uns ab und verließ das Zimmer. Seit der Zeit ist in unserem ehelichen Leben eine Episode, die wir nie erwähnen. Im übrigen fließt der Strom unserer Tage in ungetrübter Heiterkeit dahin.

Sehr wenig Ehemänner haben ähnliche Erfahrungen gemacht, wie Herr Mc Williams; deshalb dachte der Verfasser dieses Buches, die Sache würde durch ihre Neuheit vielleicht in den Augen des Lesers ein flüchtiges Interesse erhalten.

Eine Rigibesteigung.


Eine Rigibesteigung.

Der Rigi kann per Eisenbahn, zu Pferde oder zu Fuß erstiegen werden, je nach Belieben des Reisenden. Ich und mein Freund warfen uns in Touristenanzüge und fuhren an einem herrlichen Morgen per Dampfboot den See hinauf. In Wäggis, einem Dorfe am Fuße des Berges, dreiviertel Stunden von Luzern, gingen wir ans Land.

Bald ging’s behaglich und stetig den schattigen Fußweg hinauf und unsere Zungen waren, wie gewöhnlich, bald in schönster Bewegung. Alles ließ sich herrlich an, und wir versprachen uns nicht wenig, sollten wir doch zum erstenmal den Genuß eines Sonnenaufgangs in den Alpen erleben; das war ja der Zweck unserer Tour. Wir hatten anscheinend keinen triftigen Grund zu eilen, unser Reisehandbuch hatte den Weg von Wäggis bis zum Gipfel als nur dreiundeinviertel Stunden weit angegeben. Anscheinend sage ich, weil uns Bädeker schon einmal angeführt hatte.

Als wir etwa eine halbe Stunde gegangen waren, kamen wir in die richtige Stimmung für das Unternehmen und trafen Anstalt zum Steigen, das heißt, wir mieteten einen Burschen zum Tragen der Alpenstöcke, Reisetaschen und Überzieher, wodurch wir die Hände frei bekamen.

Wahrscheinlich haben wir häufiger im schönen, schattigen Gras geruht, um ein paar Züge aus unseren Pfeifen zu tun, als unser Führer gewohnt war, denn plötzlich fuhr er uns mit der Frage an, ob wir ihn nach dem Tarif oder fürs Jahr mieten wollten. Wir sagten, er möge immer vorangehen, wenn er Eile habe. Er erwiderte, Eile habe er eigentlich nicht, doch mochte er den Berg hinaufkommen, solange er noch jung sei. Wir sagten ihm, er möge nur vorausgehen, das Gepäck im obersten Hotel abgeben und unsere baldige Ankunft melden. Er meinte, Zimmer wolle er für uns schon bestellen; wenn aber alles voll sei, wolle er ein neues Hotel bauen lassen und dafür sorgen, daß Maler- und Gipserarbeit trocken wären, bis wir ankämen. Unter solchen spöttischen Bemerkungen verließ er uns und war bald unseren Augen entschwunden.

Um sechs Uhr waren wir schon ein gutes Stück in der Höhe, und die Aussicht hatte an Reiz und Umfang bedeutend zugenommen. Bei einem kleinen Wirtshause machten wir Halt, genossen im Freien Brot, Käse und ein oder zwei Liter frischer Milch, und dazu das großartige Panorama; – dann setzten wir uns wieder in Bewegung.

Nach zehn Minuten begegneten wir einem Engländer mit heißem, kupferrotem Gesicht, der in mächtigen Sätzen den Berg herabstürmte, indem er sich an seinem Alpstock immer eine tüchtige Strecke vorwärts schwang. Atemlos und schweißtriefend hielt er bei uns an und fragte, wie weit es bis Wäggis drunten am See sei.

»Drei Stunden!«

»Was? der See scheint ja so nahe, als ob man einen Kieselstein hineinwerfen konnte. Ist das ein Wirtshaus?«

»Ja.«

»Das ist recht! Ich kann es nicht noch einmal drei Stunden aushalten.«

Auf meine Frage, ob wir wohl nahe am Gipfel seien, rief er: »Meiner Treu! Ihr habt ja eben erst angefangen zu steigen!«

Ich schlug deshalb meinem Reisegenossen Harris vor, auch in besagtem Wirtshaus zu bleiben. Wir drehten um, ließen uns ein warmes Nachtessen bereiten und verlebten mit dem Engländer einen lustigen Abend.

Die deutsche Wirtin gab uns hübsche Zimmer und gute Betten, und ich und mein Freund legten uns nieder mit dem Entschluß, früh genug aufzustehen, um unseren ersten Sonnenaufgang in den Alpen nicht zu versäumen. Aber wir waren todmüde und schliefen wie Nachtwächter; folglich war es, als wir am Morgen erwachten und ans Fenster stürzten, für den Sonnenaufgang schon zu spät: – es war halb zwölf Uhr. Das war ein harter Schlag, doch trösteten wir uns mit der Aussicht auf ein gutes Frühstück und beauftragten die Wirtin, den Engländer zu rufen; aber sie erzählte uns, daß dieser unter allerlei Verwünschungen schon bei Tagesanbruch auf und davon gegangen sei. Wir konnten nicht auf den Grund seiner Erregung kommen. Er hatte die Wirtin nach der Höhe des Wirtshauses über dem See genau gefragt und sie hatte 1495 Fuß angegeben; diese Zahl mußte ihn ganz außer Rand und Band gebracht haben, denn er habe hinzugefügt: »In einem Lande wie diesem können Narren und Reisehandbücher einem in vierundzwanzig Stunden mehr Bären aufbinden als sonstwo in einem Jahre.«

Gegen Mittag nahmen wir den Weg wieder unter die Füße und strebten frischen gewaltigen Schrittes dem Gipfel zu. Als wir etwa zweihundert Meter marschiert waren und anhielten, um zu rasten, blickte ich beim Anzünden meiner Pfeife von ungefähr nach links und entdeckte in einiger Entfernung eine Rauchsäule, die wie ein langer schwarzer Wurm lässig den Berg hinaufkroch. Das konnte nur der Rauch einer Lokomotive sein. Auf unsere Ellbogen gestützt, stierten wir das uns völlig neue Mirakel dieser Bergbahn an. Es erschien unglaublich, daß das Ding schnurgerade aufwärts kriechen konnte auf einer schiefen Ebene, steil wie ein Dach; es geschah aber vor unseren Augen: ein leibhaftiges Wunder.

Noch ein paar Stunden, und wir erreichten ein schönes zephirumsäuseltes Hochtal, wo die Dächer der kleinen Sennhütten mit großen Steinen belegt waren, um sie am Grund und Boden festzuhalten, wenn die großen Stürme toben. Weit weg am anderen Ufer des Sees konnten wir einige Dörfer erblicken und jetzt zum erstenmal ihre zwerghaften Häuser mit den Bergriesen vergleichen, an deren Fuße sie schliefen.

Wenn man sich inmitten eines solchen Dorfes befindet, kommt es einem ziemlich ausgedehnt vor und die Häuser erscheinen stattlich, selbst im Verhältnis zu den hereinragenden Bergen; aber von unserem hohen Platze aus, welch eine Veränderung! Die Berge erschienen massenhafter und großartiger, dagegen waren die Dörfer so klein geworden, beinahe unsichtbar und lagen so dicht am Boden, daß ich sie nur vergleichen kann mit winzigen Erdarbeiten von Ameisen, überschattet von dem himmelanstrebenden Bau eines Münsters. Die Dampfboote, welche drunten den See durchschnitten, erschienen in der Entfernung nur noch so groß wie Kinderspielzeug und vollends die Segel- und Ruderboote wie winzige Fahrzeuge, bestimmt für die Elfen, die in Lilienkelchen haushalten und auf Brummhummeln zu Hofe reiten.

Wir gingen weiter und stießen bald auf ein halbes Dutzend weidender Schafe unter dem Gischt eines Gießbaches, der wohl hundert Fuß hoch sich am Felsen herabstürzte. Doch horch! Ein melodisches ›Lal … l … l … lal … loil-lahi-o-o-o!‹ trifft unser Ohr. Wir hören zum erstenmal das berühmte Alpenjodeln inmitten der wilden Gebirgsgegend, in der es heimisch ist. Es ist jenes seltsame Gemisch von Bariton und Falsett, das wir zu Hause Tiroler Triller nennen.

Das Gejodel war hübsch und munter anzuhören und bald erschien der Jodler – ein Sennbub von sechzehn Jahren. In unserer Freude und Dankbarkeit gaben wir ihm einen Franken, damit er weiter jodle. Er jodelte und wir lauschten. Beim Weitergehen jodelte er uns großmütig außer Sicht. Ebenso der zweite, auf den wir eine Viertelstunde später stießen, und dem wir seine Kunst mit einem halben Franken bezahlten.

Von nun an begegneten wir alle zehn Minuten einem Jodler; dem ersten gaben wir acht Cents, dem zweiten sechs, dem dritten vier, dem vierten einen Cent, Nummer fünf, sechs, sieben erhielten gar nichts! Für den Rest des Tages erkauften wir das Stillschweigen der übrigen Jodler mit einem Franken per Kopf. Man bekommt es unter solchen Umständen doch schließlich satt.

Zehn Minuten nach sechs Uhr erreichten wir die Kaltbadstation, wo ein geräumiges Hotel mit Verandas steht, die einen weiten Umblick auf Berge und Seen gestatten. Wir waren nicht so sehr ermüdet, aber, um am anderen Morgen ja den Sonnenaufgang nicht zu verschlafen, machten wir unsere Mahlzeit so kurz als möglich und eilten zu Bett. Es war unaussprechlich angenehm, unsere steifen Glieder in den kühlfeuchten Betten auszustrecken. Und wie fest wir schliefen! Kein Schlaftrunk wirkt so trefflich, wie eine solche Alpenfußtour.

Morgens erwacht, waren wir beide mit einem Sprung aus den Federn und an den Fenstern; wir zerrten die Vorhänge zurück, erfuhren aber leider eine neue herbe Enttäuschung: Es war nämlich schon halb vier Uhr mittags. In sehr mürrischer Laune kleideten wir uns an, wobei jeder dem anderen die Schuld in die Schuhe schob. Harris meinte, wenn ich ihm gefolgt wäre und wir den Reisediener mitgenommen hätten, wäre uns dieser Sonnenaufgang nicht entgangen. Ich behauptete dagegen, daß dann einer von uns hätte aufbleiben müssen, um den Diener zu wecken, außerdem hätten wir Mühe genug mit uns selbst auf dieser Klettertour, auch ohne die Sorge für den Reisediener.

Das Frühstück regte unsere Lebensgeister wieder etwas an, besonders auch die beruhigende Versicherung im Bädeker, oben auf dem Rigi brauche der Reisende nicht besorgt zu sein, daß er den Sonnenaufgang verschlafe, er werde vielmehr beizeiten von einem Mann geweckt, der mit einem großen Alphorn von Zimmer zu Zimmer gehe und seinem Instrumente Töne entlocke, die Tote zu erwecken imstande seien; und noch eine andere Bemerkung des Reisehandbuches tröstete uns, die Versicherung nämlich, daß oben in den Rigi-Hotels die Gäste sich morgens nicht ganz anzukleiden brauchen, sondern sich einfach ihrer roten Betteppiche bemächtigen und mit diesen, wie Indianer drapiert, ins Freie stürmen. O, das muß schön und romantisch sein! – Zweihundertundfünfzig Personen auf dem windigen Gipfel gruppiert, mit fliegenden Haaren und wehenden roten Betteppichen, in der feierlich ernsten Gegenwart der schneeigen Bergspitzen, beleuchtet von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, das muß ein herrlicher und denkwürdiger Anblick sein! Unter diesen Umständen war es fast ein Glück, kein Unglück, daß wir die früheren Sonnenaufgänge verfehlt hatten.

Nach dem Reisehandbuch waren wir nun 3228 Fuß über dem Spiegel des Sees und konnten somit volle Zweidrittel unserer Wanderung als vollendet betrachten. Wir brachen ein Viertel nach vier Uhr nachmittags von neuem auf; etwa hundert Schritte über dem Hotel verzweigte sich die Bahnlinie, der eine Arm ging gerade aufwärts den steilen Berg hinan, der andere bog nach rechts ab in ziemlich sanfter Steigung; wir folgten dem letzteren über eine Meile, bogen um eine Felsenecke und kamen in Sicht eines neuen hübschen Hotels. Wären wir gleich weitergegangen, so hätten wir den Gipfel erreicht, aber Harris wollte allerhand Erkundigungen einziehen. Er wurde belehrt – und zwar falsch, wie gewöhnlich, – daß wir umkehren und den anderen Weg gehen müßten. Dies kostete uns eine schwere Menge Zeit.

Wir kletterten und kletterten; wir kamen wohl über vierzig Hügel, aber immer erschien ein neuer so groß wie die früheren. Es begann zu regnen; wir wurden durch und durch naß und es war bitter kalt. Dampfende Nebelwolken deckten bald den ganzen Abgrund zu; der Eisenbahndamm, auf welchen wir stießen, war unser einziger Wegweiser! Manchmal krochen wir längs desselben ein Stück weit fort, allein als sich der Nebel etwas zerteilte, bemerkten wir mit Schrecken, daß wir uns mit dem linken Ellbogen über einem bodenlosen Abgrund befanden, weshalb wir eiligst wieder den Bahndamm zu erreichen trachteten.

Die Nacht brach ein, rabenschwarz, nebelig und kalt. Etwa um acht Uhr abends hob sich der Nebel etwas und ließ uns einen ziemlich undeutlichen Pfad erblicken, der links aufwärts führte. Diesen Weg einschlagend, waren wir eben weit genug weg vom Eisenbahndamm, um denselben nicht wiederfinden zu können, als auch schon wieder eine Nebelwolke herabschoß und alles in undurchdringliches Dunkel hüllte.

Wir befanden uns an einem rauhen, dem Unwetter vollkommen preisgegebenen Ort, und waren genötigt auf und ab zu gehen, um uns warm zu machen, obgleich wir dadurch Gefahr liefen, gelegentlich in einem Abgrund zu verschwinden. Um neun Uhr machten wir die wichtige Entdeckung, daß wir jeden Pfad verloren hatten. Wir krochen auf Händen und Knien umher, konnten ihn aber nicht mehr finden; somit setzten wir uns wieder in das nasse Gras und warteten das Weitere ab. Plötzlich jagte uns eine ungeheure dunkle Masse, die vor uns auftauchte, nicht geringen Schrecken ein; sie verschwand aber alsbald wieder im Nebel, es war, wie wir später erfuhren, das längst ersehnte Rigi-Kulm-Hotel, aber die nebelhafte Vergrößerung ließ es uns als den gähnenden Rachen eines tödlichen Abgrundes erscheinen.

Da saßen wir nun eine lange Stunde mit klappernden Zähnen und zitternden Knien, den Rücken gegen den vermeintlichen Abgrund gekehrt, weil von dorther etwas Zugluft zu verspüren war. Dabei ereiferten wir uns leidenschaftlich, denn jeder wollte dem anderen die Dummheit in die Schuhe schieben, den Bahnkörper verlassen zu haben. Nach und nach wurde der Nebel dünner und als Harris zufällig um sich blickte, stand das große, hell erleuchtete Hotel da, wo vorher der Abgrund gewesen war. Man konnte beinahe Fenster und Kamine zählen.

Unser erstes Gefühl war tiefer, unaussprechlicher Dank, unser zweites rasende Wut, weil das Hotel wahrscheinlich schon seit dreiviertel Stunden sichtbar gewesen war, während wir pudelnaß dasaßen und uns zankten.

Ja, es war das Rigi-Kulm-Hotel auf dem Gipfel des Rigi, und wir fanden dort die Zimmer, die unser Bursche für uns bestellt hatte, – allerdings bekamen wir zuvor die hochmütige Ungefälligkeit des Portiers und des sonstigen Dienstpersonals gründlich zu kosten.

Wir verschafften uns trockene Kleider, und während unser Abendbrot bereitet wurde, irrten wir einsam durch eine Anzahl höhlengleicher Wohnräume, von denen einer einen Ofen besaß. Dieser Ofen in einer Ecke des Zimmers war von einer lebendigen Wand der allerverschiedensten Menschenkinder umgeben. Da wir nun nicht ans Feuer herankommen konnten, wandelten wir in den arktischen Regionen der weiten Säle umher, unter einer Menge Menschen, die schweigend, in sich verloren und wie versteinert das Problem zu ergründen suchten, warum sie wohl solche Narren gewesen waren, hierher zu kommen. Einige davon waren Amerikaner, einige Deutsche, die weitaus überwiegende Mehrzahl aber waren Engländer. In einem der Räume drängte sich alles um die ›Souvenirs du Righi‹, die dort feilgeboten werden. Ich wollte zuerst auch ein geschnitztes Falzbein mit Gemshorngriff mitnehmen; ich sagte mir jedoch, daß mir der Rigi mit seinen Annehmlichkeiten wohl auch ohnedies in guter Erinnerung bleiben würde, – und erstickte deshalb das Gelüste.

Das Abendessen erwärmte uns, und wir gingen sofort zu Bette – d.h. nachdem ich an Bädeker noch einige Zeilen geschrieben hatte. Derselbe ersucht nämlich die Touristen, ihn auf etwaige Irrtümer in seinem Reisehandbuch aufmerksam zu machen. Ich schrieb ihm, daß er sich, indem er den Weg von Wäggis bis zum Gipfel nur zu dreiundeinviertel Stunden angebe, just um drei Tage geirrt habe. Eine Antwort habe ich nie erhalten, auch ist im Buche nichts geändert worden – mein Brief muß also wohl verloren gegangen sein.

Wir waren so todmüde, daß wir sofort einschliefen und uns nicht regten noch bewegten, bis die herrlichen Töne des Alphorns uns weckten. Man kann sich denken,, daß wir keine Zeit verloren, sondern schnell ein paar Kleidungsstücke überwarfen, uns in die praktischen roten Teppiche wickelten und unbedeckten Hauptes in den pfeifenden Wind hinausstürzten. Wir erblickten ein großes hölzernes Gerüste, gerade am höchsten Punkte der Spitze. Dorthin lenkten wir unsere Schritte, krochen die Stufen hinauf und standen da, erhaben über der weiten Welt, mit fliegenden Haaren und im Wind flatternden roten Teppichen.

»Mindestens fünfzehn Minuten zu spät!« sagte Harris mit trauriger Stimme, »die Sonne steht schon über dem Horizont.«

»Schadet nichts,« erwiderte ich, »es ist dennoch ein großartiger Anblick und wir wollen ihn noch weiter genießen, bis die Sonne höher steht.«

Einige Minuten waren wir tief ergriffen von dem wunderbaren Anblick und für alles andere tot. Die große, klare Sonnenscheibe stand jetzt dicht über einer unendlichen Anzahl weißer Zipfelmützen – bildlich gesprochen. Es war ein wogendes Chaos riesiger Bergmassen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes, während die glänzenden Sonnenstrahlen durch die Risse einer der Sonne vorgelagerten schwarzen Wolkenmasse, gleich Schwertern und Lanzen aufschossen zum Zenit.

Wir konnten nicht sprechen, ja kaum atmen; wir standen in trunkener Verzückung und sogen diese Schönheit ein, als Harris plötzlich schrie: »Verd – sie geht ja unter

Wahrhaftig, wir hatten das Morgenhornblasen überhört, hatten den ganzen Tag geschlafen und waren erst am Blasen des Abendhorns aufgewacht: das war niederschmetternd.

Auf einmal sagte Harris: »Allem Anschein nach ist nicht die Sonne der Gegenstand der Aufmerksamkeit der unter uns versammelten Menschen, sondern wir, hier oben auf diesem Gerüst, in diesen eselhaften Teppichen. Zweihundertundfünfzig feingekleidete Herren und Damen starren uns an und kümmern sich kein Haar um Sonnenauf- oder Niedergang, solange wir ihnen ein derartiges lächerliches Schauspiel bieten. Die ganze Gesellschaft will ja vor Lachen bersten und das junge Mädchen dort wird nächstens platzen. In meinem Leben ist mir kein solcher Mensch vorgekommen wie Sie!«

»Was habe ich denn getan?« erwiderte ich erregt.

»Sie sind um halb acht Uhr abends aufgestanden, um den Sonnenaufgang zu sehen, ist das nicht genug!?«

»Und haben Sie nicht dasselbe getan? möchte ich wissen; ich bin immer mit der Lerche aufgestanden, bis ich unter den versteinernden Einfluß Ihres ausgetrockneten Gehirns kam.«

»Schämen Sie sich nicht, in diesem Aufzug auf einem vierzig Fuß hohen Schafott auf dem Gipfel der Alpen zu stehen, unter uns eine endlose Zuschauermenge? Ist das der Schauplatz für derartige Expektorationen?!« So ging der Streit in diesem Maskenanzug fort. Als die Sonne untergegangen war, schlichen wir uns ins Hotel zurück und wieder zu Bett. Wir begegneten dem Hornbläser auf dem Wege dahin, und er versprach uns morgen sicher zu wecken.

Er hielt Wort, wir hörten das Alphorn und standen sofort auf; es war finster und kalt. Als ich nach den Zündhölzchen umhertappend mit schlotternden Händen eine Anzahl Dinge zerbrach und zu Boden warf, wünschte ich, die Sonne möchte bei Tag aufgehen, wo es hell, warm, und angenehm ist.

Es gelang uns endlich, uns bei dem zweifelhaften Licht zweier Kerzen anzukleiden; doch konnten wir mit unseren zitternden Händen nichts zuknöpfen; ich überlegte, wieviel glückliche Menschen in Europa, Asien, Amerika usw. jetzt friedlich in ihren Betten ruhten und nicht aufzustehen brauchten, um den Rigi-Sonnenaufgang zu sehen. In diesen Gedanken versunken, hatte ich etwas zu ausgiebig gegähnt, so daß ich mit einem meiner Zähne an einem Nagel über der Tür hängen blieb. Während ich auf einen Stuhl stieg, um mich loszumachen, zog Harris die Vorhänge zurück und sagte: »O! welches Glück! wir brauchen ja nicht einmal das Zimmer zu verlassen – da unten liegen die Berge in ihrer ganzen Ausdehnung.«

Das war erfreulich; in der Tat, man konnte die großen Alpenmassen sich in unsicheren Umrissen gegen das schwarze Firmament abheben und einen oder zwei Sterne durch das Morgengrauen schimmern sehen. Gut angekleidet und warm versorgt in den wollenen Teppichen stellten wir uns am Fenster auf mit brennenden Pfeifen und in unterhaltendem Geplauder, in behaglicher Erwartung eines Sonnenaufgangs bei Kerzenbeleuchtung. Nach und nach verbreitete sich ein leichtes ätherisches Licht in unmerklicher Zunahme über die luftigen Spitzen der Schneewüste, – doch auf einmal schien ein Stillstand eingetreten zu sein; ich sagte:

»Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Es will nicht recht gehen. Was meinen Sie, daß schuld sei?«

»Ich weiß nicht, es macht den Eindruck, wie wenn irgendwo Feuer wäre. Ich sah nie solch einen Sonnenaufgang.«

»Nun, was mag wohl der Grund sein?«

Harris sprang jetzt mit einem Mal auf und rief: – »Ich hab’s! Ich hab’s! wir sehen ja dorthin, wo gestern abend die Sonne unterging

»Vollkommen richtig! Warum haben Sie das nicht früher gemerkt? Jetzt haben wir wieder einen verfehlt; und alles durch Ihre Dummheit. Ja! das sieht nur Ihnen gleich, eine Pfeife anzuzünden und den Sonnenaufgang im Westen zu erwarten.«

»Es sieht mir auch gleich, den Irrtum entdeckt zu haben; Sie hätten das doch nie gemerkt! Ich muß alle diese Dummheiten entdecken!«

»Sie machen sie alle! Aber wir wollen die Zeit nicht mit Streiten verlieren, vielleicht kommen wir doch noch rechtzeitig!« Allein es war zu spät, die Sonne war schon weit oben, als wir auf den Platz kamen. Wir begegneten der heimkehrenden Menge – Herren und Damen in allerlei komischer Bekleidung und mit frierenden Gesichtern.

Etwa ein Dutzend waren noch auf dem Platze. Sie suchten mit Reisehandbuch und Panorama jeden Berg zu bestimmen und die verschiedenen Namen und Formen ihrem Gedächtnis einzuprägen.

Es war ein betrübender Anblick.

Nach meiner Schätzung brauchten wir einen Tag, um zu Fuße nach Wäggis oder Vitznau zu kommen; so viel war aber sicher, daß wir mit der Bahn etwa eine Stunde brauchen würden und deshalb wählte ich das letztere.

Eine herrliche Talfahrt aus der schwindelnden Bergbahn, die uns eine Wunderwelt gleich einer Reliefkarte zu unseren Füßen ausgebreitet sehen ließ, bildete den würdigen Schluß unserer ereignisreichen Rigibesteigung mit ihrem verunglückten Sonnenaufgang.

Der selige Benjamin Franklin.


Der selige Benjamin Franklin.

Spare nie auf morgen, was du übermorgen
gerade so gut tun kannst.
Benjamin Franklin.

Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man Philosophen nennt. Er kam als Doppelwesen oder als ein paar Zwillinge zur Welt, gleichzeitig in zwei verschiedenen Häusern von Boston. Die Häuser stehen noch heutigentages und tragen Tafeln, deren Inschriften die obige Tatsache bezeugen. Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber notwendig sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an einem Tage.

Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig zur Erfindung von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, die darauf berechnet waren, dem heranwachsenden Geschlecht aller folgenden Zeitalter Schmerzen zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten Handlungen verrichtete er im Hinblick darauf, daß sie den Knaben fort und fort zur Nacheiferung vorgehalten werden sollten – den Knaben, die sich sonst hätten glücklich fühlen können. Aus gleicher Absicht wurde er der Sohn eines Seifensieders, wahrscheinlich nur, damit die Bestrebungen aller zukünftigen Knaben, die es zu irgend etwas bringen wollten, von vornherein mit Mißtrauen betrachtet werden möchten, wenn sie nicht Söhne von Seifensiedern wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der Geschichte ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten und dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß er beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere – damit alle anderen Knaben genötigt wären, das auch zu tun, weil man ihnen sonst Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: es war seine Gewohnheit, sich nur von Wasser und Brot zu nähren und während der Mahlzeit Astronomie zu treiben – das hat seitdem Millionen von Knaben, deren Väter Franklins verderbliche Biographie gelesen hatten, in große Trübsal gebracht.

Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die Jugend. Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen Regung folgen, ohne daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen Denksprüche stolpert und von Franklin zu hören bekommt. Kauft er sich für zwei Cents Pfeffernüsse, so sagt sein Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß Franklin spricht: ›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹?« – und mit der Freude an den Pfeffernüssen ist’s vorbei. Will der Knabe nach getaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater: »Aufschieb ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute Tat tut, bekommt er nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn in sich«. Er wird zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, weil Franklin in einem begeisterten Anflug von Bosheit einmal gereimt hat:

»Früh zu Bett und früh wieder auf,
Macht klug, gesund und reich im Kauf.«

Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis klug, gesund und reich zu werden! Was mir dieser Denkspruch für Leiden gebracht hat, als mein Vater damit Versuche bei mir anstellte, spricht keines Menschen Zunge aus. Das naturgemäße Ergebnis derselben ist meine jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut und Geistesschwäche. Als ich ein Knabe war, pflegten mich meine Eltern bisweilen schon vor neun Uhr des Morgens zu wecken. Hätten sie mich schlafen lassen, wie es meine Natur verlangte – was würde nicht aus mir geworden sein? Vielleicht wäre ich jetzt Ladenbesitzer und allgemein geachtet ….

Benjamin Franklin hat viel Anerkennenswertes für sein Vaterland getan und dessen jungen Namen bei anderen Völkern zu hohen Ehren gebracht, weil es solchen Sohn erzeugt hat. Das will diese Denkschrift durchaus nicht bestreiten, oder mit Stillschweigen übergehen. Ihr Zweck ist nur, Einspruch gegen seine anmaßlichen Lebensregeln zu erheben, die er unter dem Schein, als wären sie von ihm erdacht, aus selbstverständlichen Wahrheiten zusammengestoppelt hat, welche schon abgedroschene Gemeinplätze waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau zu Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter den Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, als habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch erworben, daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und in der Nacht aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen zu warten – und als könne dieses Programm, wenn es nur streng durchgeführt würde, aus jedes Vaters dummem Jungen einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die Herren Väter sich endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Tun und Treiben nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, um ihnen diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten, ihrem Sohne das Leben leichter zu machen. Als Kind mußte ich Seife sieden, obgleich mein Vater ein wohlhabender Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim Frühstück Geometrie studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren gehen und alles ganz so tun, wie es Franklin getan hatte. Man war der festen Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden. Und was bin ich nun?! –

Der gestohlene weiße Elefant.


Der gestohlene weiße Elefant.

I.

Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt, den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit aufdrückte. Er sagte:

Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung ans englischer Seite zu verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein Geschenk zu senden – nach orientalischen Begriffen der einzig sichere Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was konnte sich dazu besser eignen als ein weißer Elefant? Da ich eine angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von Neuyork an und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen Quartiere zu Jersey-City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres verlangten Schonung.

Vierzehn Tage lang ging alles gut – dann begannen meine Nöten. Der weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich einzuschlagen hatte – für einen vernünftigen Menschen konnte es in der Tat nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich nach Neuyork und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Grüße und gedrungenem Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner gewöhnlichen Persönlichkeit zu tun zu haben. Ich trug ihm meine Sache vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja – machte sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz an und sagte ruhig:

»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.« Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am anderen Ende des Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit getan habe, und daß sein Plan fertig sei. Er sprach – seine Stimme war leise und eindringlich –:

»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen; jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird. Und die Sache muß verschwiegen bleiben – tiefes, unverbrüchliches Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten, was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien. »Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.« Der Jüngling verschwand, »Und nun zur Sache – und das systematisch. In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen ohne strenge und genaue Methode.«

Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun! – der Name des Elefanten?«

»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«

»Sehr gut. Rufname?«

»Jumbo.«

»Sehr gut. Geburtsort?«

»Die Hauptstadt von Siam.«

»Eltern lebend?«

»Nein – tot.«

»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«

»Nein, er war der einzige Sohn.«

»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte, beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit aus, sei sie auch noch so unbedeutend – d. h. unbedeutend von Ihrem Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs gibt es keine unbedeutenden Einzelheiten.«

Ich beschrieb und er schrieb nieder; als ich zu Ende war, sagte er:

»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe.«

Er las wie folgt:

»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß; Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Fangzähne 9½ Fuß; Ohren im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«

Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich die Beschreibung ein und sagte:

»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.«

Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:

»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht so trägt.« Er schellte.

»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«

Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte:

»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen Sie?«

»Welche Summe würden Sie mir raten?«

»Vorerst würde ich sagen – nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist eine verwickelte und schwierige Arbeit; es gibt tausend Gelegenheiten zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und Helfershelfer – –.«

»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«

Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte Erwiderung:

»Lassen Sie’s gut sein! Vielleicht weiß ich’s, vielleicht auch nicht. Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die Täter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder Uhrenabzwicker zu tun, darauf können Sie Gift nehmen – dieser Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen, und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden, mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man immerhin damit anfangen.«

So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig dienen konnte:

»Es gibt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden sind. Sagen Sie, was ißt Ihr Elefant, und wieviel?«

»Was er ißt? – einfach alles! Er ißt einen Menschen, er ißt eine Bibel – er ißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.«

»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details – Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch find, zu einer Mahlzeit oder – sagen wir – während eines Tages verzehren?«

»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.«

»Sehr gut – fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat er am liebsten?«

»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.«

»Sehr gut – nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer Mahlzeit brauchen?«

»Eine ganze Auflage.«

»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder die illustrierte Familienbibel?«

»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde – d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.«

»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf das Gewicht an. Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund, während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn bis zwölf Pfund wiegt. Wie viele Dorébibeln würde er wohl auf einmal verzehren?«

»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht fragen. Er frißt ganz einfach so viel, als man ihm gibt.«

»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in Juchtenleder gebunden …«

»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen – sagen wir, eine Auflage von fünfhundert Exemplaren.«

»So, das ist genauer; ich will’s notieren. Also, er ißt gerne Menschen und Bibeln – das hätten wir! Was ißt er sonst? Ich brauche Details.«

»Hat er keine Bibeln, so ißt er Backsteine; hat er keine Backsteine, so ißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so ißt er Kleider; hat er keine Kleider, so ißt er Katzen; hat er keine Katzen, so ißt er Austern; er ißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln, Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.«

»Sehr gut. – Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«

»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«

»Und er trinkt – –«

»Alles, was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Sirup, Kastoröl, Kamphergeist, Karbolsäure – es ist unnütz, auf Einzelheiten einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.«

»Sehr gut. Quantität?«

»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter – sein Durst schwankt, sein Appetit wenig.«

»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte und sehr dienlich zu seiner Aufspürung.«

Er schellte.

»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.«

Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen gewöhnt ist:

»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey, Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers, Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie eine starke Wache – eine Wache von dreißig auserlesenen Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann – an den Ort, wo der Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag und Nacht und niemand – Reporter ausgenommen – ohne schriftliche Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen, Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus Jersey-City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu durchsuchen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden Fahrzeuge genau zu visitieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und benachrichtige mich telegraphisch.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden werden sollte – Fußspuren oder dergleichen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu patrouillieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab – nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen entziffern lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen – hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Nun können Sie gehen!«

»Sehr wohl, Sir« – und fort war er.

Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu mir und sagte in ruhigem Ton:

»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache: aber wir werden den Elefanten finden.«

Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm – der Dank kam von Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging nach Hause – mit viel leichterem Herzen, als ich gekommen war.

II.

Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, sogar mit Zusätzen – bestehend aus Detektiv A.s, Detektiv B.s und Detektiv N. N.s ›Theorie‹ in bezug auf die Ausführung des Diebstahls, auf die Person der Diebe und auf die Richtung, in der sie mit ihrer Beute entflohen waren. Es waren elf solcher Theorien zu lesen, welche alle Möglichkeiten erschöpften, ein Beweis, was für verständige Denker die Geheimpolizisten sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten überein oder glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren. Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und die einzige Türe verschlossen geblieben war, stellten alle elf Theorien die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene Bresche, sondern auf irgend einem anderen (noch unentdeckten) Wege entfernt worden sei, und daß die Diebe jene Öffnung nur gemacht hätten, um die Polizei irre zu führen. Daran würde ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie gedacht haben, die Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen Augenblick verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen Diebe, keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen Personen war siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen schlossen alle mit der wichtigsten Ansicht von allen – der des Inspektors Blunt. Dieselbe lautete im Auszug wie folgt:

»Der Chef weiß, wer die zwei Haupttäter sind – nämlich Brick Duffy und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der Ausführung des Diebstahls wußte er bereits, daß derselbe versucht werden würde, und hat sich in aller Stille daran gemacht, diese zwei notorischen Spitzbuben zu verfolgen; unglücklicherweise aber ging in der fraglichen Nacht ihre Spur verloren, und ehe man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel – das heißt der Elefant – ausgeflogen.

»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in der ganzen Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, daß sie die Männer sind, die letzten Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der Polizeiwache stahlen, infolgedessen sich vor Tagesanbruch der Chef und sämtliche Geheimpolizisten in ärztlicher Behandlung befanden; – einige wegen erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen und anderer Körperteile.«

Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr als je erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen Mannes: er sah nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, auch das Zukünftige entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab mich alsbald in sein Bureau und sagte ihm, ich bedauere nur, daß er jene Spitzbuben nicht habe festnehmen lassen, wodurch das ganze Unheil verhütet worden wäre; aber seine Antwort war kurz und bündig:

»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, sondern es zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem es begangen worden ist.«

Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk gegangen, durch die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle Tatsächlichkeiten, sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und Absichten seien enthüllt, und selbst alle verdächtigen Personen namhaft gemacht worden – letztere würden sich jetzt ohne Zweifel maskieren oder ihre geheimen Schlupfwinkel aufsuchen.

»Sie sollen’s nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden bald merken, daß, wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine Hand auf sie niederfallen wird, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen anbelangt, so müssen wir mit ihnen rechnen: Ruhm, Reputation, fortwährende öffentliche Erwähnung – sind des Geheimpolizisten täglich Brot. Er muß seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt man, daß er keine macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es gibt nichts Seltsameres und Überraschenderes als die Theorie eines Polizisten, und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung ein; wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen bestehen darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne sie zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir tun, damit es nicht glaubt, daß wir nichts tun. Es ist viel angenehmer, wenn eine Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts geniale und ungewöhnliche Theorie lautet wie folgt‘, als wenn sie einen unfreundlichen oder – was noch schlimmer – sarkastischen Artikel bringt.«

»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. – In einem Teil Ihrer Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir auf, daß Sie mit ihrer Ansicht über einen gewissen untergeordneten Punkt zurückhielten.«

»Ja, das tun wir stets; es macht immer Effekt. Übrigens hatte ich mir über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.«

Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme zur Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich dann nieder, um auf Nachrichten zu warten; jeden Augenblick konnten Telegramme einlaufen. Inzwischen blätterte ich die Zeitungen und unser Zirkularsignalement nochmals durch und entdeckte, daß anscheinend unsere 25 000 Dollar Belohnung nur für Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der Meinung gewesen, jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden würde. Der Inspektor klärte mich auf:

»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung muß daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere Leute das Tier fänden, so wäre das nur dadurch möglich, daß sie die Polizisten ausspionieren und aus Kenntnissen und Beobachtungen der Polizisten, welche sie sich zu eigen gemacht, Vorteil ziehen; an der Berechtigung der Polizei zu der Belohnung könnte das nichts ändern. Eine solche Belohnung ist dazu da, die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre Zeit und ihren ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht aber dem ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang gemacht hat.«

Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann der Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war folgende Depesche:

»Flower-Station, Neuyork: 7.30 Vorm. Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die über eine benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe Stunde östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren.

Darley, Detektiv.«

»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der Inspektor. »Wir werden bald mehr von ihm hören.«

Telegramm Nr. 2 kam.

»Barkers, Neu-Jersey: 7.40 Vorm. Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht erbrochen und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer Menge erst fünf Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. Elefant wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer.

Baker, Detektiv.«

»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich sagte Ihnen, seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige sein.«

Weitere Telegramme:

»Taylorville, Long-Island: 8.15 Vorm. Ein Heuschober in der Nähe während der Nacht verschwand – wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und verfolge sie eilig.

Hubbard, Detektiv.«

»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich wußte, daß wir ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; aber wir werden ihn deshalb doch kriegen.«

»Flower-Station, Neuyork: 9 Vorm.

Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich – sind groß, tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, der sagte, es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien Löcher von den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen Grunde ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle bezüglich weiterer Schritte.

Darley, Detektiv.«

»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird ernst!« sagte der Inspektor und diktierte folgendes Telegramm an Darley:

»Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Komplizen zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter – bis zum Stillen Ozean, wenn’s sein muß.

Inspektor Blunt.«

Nächstes Telegramm:

»Coney-Point, Pennsylvania: 8.43 Vorm.

Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen und die unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Fand eine Spur und verfolge sie.

Murphy, Detektiv.«

»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen verzehren?«

»Wahrscheinlich aus Dummheit.«

Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm:

»Ironville, Neuyork: 9.30 Vorm. Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam hier durch, früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere sagen westlich, einige nördlich, andere südlich – keiner aber weiß etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich verschaffte mir ein Stück davon – für alle Fälle. Tötete es mit seinem Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links schlug. Aus der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant nordwärts, die Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4 1/2 Stunden Vorsprung; folge aber sogleich seiner Spur.

Hawes, Detektiv.«

Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor blieb so ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen.

»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.«

Burns erschien.

»Wieviel Mann sind reisefertig?«

»Sechsundneunzig, Sir.«

»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich längs der Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit ausführen. Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen sie sich fertig machen!«

»Sehr wohl, Sir.«

»Sie können gehen.«

»Sehr wohl, Sir.«

Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm:

»Sage-Corners, Neuyork: 10.30 Vorm.

Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis auf einen Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte anscheinend nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von dem Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten.

Stumm, Detektiv.«

»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte der Inspektor. »Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine Leute sind über die ganze Gegend zerstreut.«

Das nächste Telegramm besagte:

»Glovers: 11.15.

Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden. Die Anti-Mäßigkeits-Massenversammlung tagte; er steckte seinen Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll Zisternenwasser. Einige schluckten das Wasser – starben seitdem; mehrere ertranken. Detektivs Croß und O’Shaugnessy passierten die Stadt, gingen aber südlich und verfehlten so den Elefanten. Ganze Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll Entsetzen – Leute fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben stoßen sie auf den Elefanten; viele werden getötet.

Brant, Detektiv.«

Ich hielt kaum meine Tränen zurück, so traurig stimmte mich dieses Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur:

»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; er hat sich wieder gegen Osten gewendet.«

Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. Der Telegraph meldete:

»Hoganport: 12.19 Nachm.

Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde hier durch, jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; zwei Arbeiter gingen vorüber – tötete den einen, der andere entkam. Bedauern allgemein.

O’Flaherty, Detektiv.«

»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. »Jetzt ist kein Entrinnen für ihn möglich!«

Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von Detektivs, die über Neu-Jersey und Pennsylvanien zerstreut waren. Aus zerstörten Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken wiesen sie die Spur des Elefanten mit an Sicherheit grenzenden Ausdrücken nach.

Der Inspektor sagte:

»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach Norden dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ geht nur dann zum Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht absendet; man weiß nie, wo man ihn fassen kann.«

Nun kam folgende Depesche:

»Bridgeport, Connecticut: 12.15 Nachm.

Barnum3 bietet Dollar 4000 jährlich für ausschließliches Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben. Verlangt umgehende Antwort.

Boggs, Detektiv.«

»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus.

»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der sich für so gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht – aber ich kenne ihn.«

Dann diktierte er folgende Antwortdepesche:

»Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Dollar 7000 oder nichts.

Inspektor Blunt.«

»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten brauchen. Herr Barnum ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich auf dem Telegraphenamt, wenn es einen Handel gilt. Vor drei Uhr –«

»Abgemacht. – P. S. Barnum.«

So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich mir einen Vers machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, leitete folgende Depesche meine Gedanken in ein anderes und sehr betrübendes Fahrwasser:

»Bolivia, Neuyork: 12.50 Nachm.

Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den Wald um 11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug auseinander und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger feuerten einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab und flohen dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten später aus dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen fälschlich für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; endlich aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie bis zu den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knien vorwärts, verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten so ins Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte das Tier angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur erpicht, die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, ehe er die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen Hinterbeine. Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den Schwanz und rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be – –‹,kam aber nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen Rüssel streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh zurück, aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis an den Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem Leichenzug nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug für andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden.

Mulrooney, Detektiv.«

Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen und zuversichtlichen Detektivs, die über Neu-Jersey, Pennsylvanien, Delaware und Virginia zerstreut waren – sie folgten alle frischen und vielversprechenden Spuren – bis kurz nach 2 Uhr nachmittags folgendes Telegramm ankam:

»Baxter-Centre: 2.15 Nachm.

Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten beklebt; zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting4 und erschlug und verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten wir die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität des Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements. Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das wir nicht sehen konnten – die Narbe unter der Achselhöhle. Um sich darüber zu vergewissern, kroch Brown unter das Tier, – er lag im nächsten Augenblick mit zerschmetterter Hirnschale am Boden. Alle flohen, so auch der Elefant, der mit viel Effekt nach rechts und links um sich schlug. Entkam, ließ aber starke Blutspuren von Böllerwunden zurück, Wiederauffindung gewiß. Brach südwärts durch einen dichten Wald; ich ihm unverzüglich nach.

Brent, Detektiv.«

Dies war das letzte Telegramm. Gegend Abend sank ein Nebel auf alles herab – so dicht, daß man auf drei Schritte Entfernung nicht das geringste unterscheiden konnte. Er hielt die ganze Nacht über an. Die Dampfboote und selbst die Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen.

III.

Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von Theorien wie am vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle uns bekannten tragischen Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer telegraphischer Berichte, die sie von ihren Korrespondenten erhalten hatten. Spalte auf Spalte begegnete ich herzzerreißenden Artikelüberschriften. Der Grundton derselben war stets derselbe; etwa wie folgt:

»Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter auf seinem verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften verlassen von den entsetzten Einwohnern! Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. Scheunen verwüstet. Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. Öffentliche Versammlungen gesprengt, begleitet von Blutszenen, die nicht zu beschreiben sind! Berichte von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten! Bericht des Inspektors Blunt!«

»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist prächtig! Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche Organisation vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.«

Für mich aber gab es keine Freude; mir war zumute, als ob ich alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der Elefant mein unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die Unfalliste angewachsen war! In einem Orte hatte er sich in »eine Wahl gemischt und fünf Agitatoren getötet«. Er hatte dieser Tat die Vernichtung zweier armer Teufel folgen lassen – armer O’Donohue, armer Mc Flannigan! – die »erst am Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder eine Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum ersten Male das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne auszuüben, als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen Hand der Geißel Siams«. An einem anderen Orte hatte er »einen verrückten Sensationsprediger niedergerannt, der eben für die nächste Saison seine heroischen Angriffe auf den Tanz, das Theater und ähnliches Teufelswerk vorbereitete«. In einem dritten Orte hatte er »einen Blitzableiteragenten erschlagen«. Und so ging die Liste weiter und wurde immer blutiger und herzzerreißender. Sechzig Personen hatte er getötet, zweihundertundvierzig verwundet. Alle Berichte legten vollgültiges Zeugnis ab von der Tätigkeit und dem hingebenden Eifer der Detektivs, und alle schlossen mit der Bemerkung, daß »dreimalhunderttausend Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen sahen, sowie daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.«

Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates; es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise rechtfertigte ihr Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es stellte sich bald heraus, daß jede Spur des Elefanten verloren war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht, sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten, die lächerlich weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und der Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe schimmern sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen«. Diese trübe ungeheure Masse hatte man in Neu-Haven, in Neu-Jersey, in Pennsylvania, im Staate Neuyork, in Brooklyn und sogar in der City von Neuyork selbst gesehen! Immer aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten über diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte stündlich seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und war dem Elefanten dicht auf den Fersen.

Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso der nächste Tag. Der dritte desgleichen.

Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Tatsachen, ihren Spuren, die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden Theorien, fingen an, langweilig zu werden.

Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.

Vier weitere eintönige Tage folgten, dann kam ein schwerer Schlag für die armen geplagten Detektivs – die Zeitungen lehnten es ab, ihre Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: Laßt uns in Ruhe.

Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf des Inspektors Rat die Belohnung auf 75 000 Dollars. Es war das eine große Summe; aber ich wollte lieber mein ganzes Vermögen opfern, als mein Ansehen bei der Regierung einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten waren, begannen die Zeitungen über sie herzufallen, und die beißendsten Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die Bänkelsänger! Sie kostümierten sich als Detektivs und führten auf der Bühne die Jagd nach dem verlorenen Elefanten auf. Die Karikaturenzeichner entwarfen Skizzen von Detektivs, die das Land mit Feldstechern absuchten, während der Elefant hinter ihrem Rücken ihnen Äpfel aus den Taschen holte, und machten das Warenzeichen der Detektivs – ein weitgeöffnetes Auge mit der Devise: »Wir schlafen nie« – auf alle mögliche Weise lächerlich. Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen. Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen und unerschüttert blieb – es war jenes eichenfeste Herz, der Inspektor Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht wankte nie; er wiederholte nur:

»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. Ich war stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller Aufenthalt für mich geworden und wurde es täglich mehr; doch solange er es dort aushalten konnte, war auch ich entschlossen zu bleiben – solange als irgend möglich. So kam ich denn regelmäßig und blieb – zu jedermanns Verwunderung. Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz blickte, hielt ich wieder stand.

Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten war ich eines Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die Segel streichen und mich zurückziehen müssen, als der große Detektiv diesen feigen Gedanken wieder zurückscheuchte, indem er einen neuen meisterhaften Schachzug vorschlug – nämlich, mit den Dieben einen Kompromiß zu schließen. Die Fruchtbarkeit der Erfindungsgabe dieses Mannes überstieg alles, was ich je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den auserlesensten Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er sagte, er sei der besten Zuversicht, daß er für 100 000 Dollars einen Kompromiß schließen und den Elefanten wiedererlangen könne. Ich sagte, ich würde am Ende die Summe aufbringen können; aber was sollte mit den armen Detektivs werden, die so wacker gearbeitet hatten?

Er entgegnete:

»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.«

Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb denn der Inspektor zwei Noten wie folgt:

»Werte Frau, – Ihr Gatte kann sich viel Geld machen (und das ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich sogleich bei mir einfinden will.

Chef Blunt.«

Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen vertrauten Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die andere an die ›wohlgeborene Frau‹ des roten Mc Fadden.

Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten zurück.

»Sie alter Narr! Brick Mc Duffy ist gestorben, schon vor zwei Jahren.

Bridget Mahoney.«

»Chef-Nachteule, – der rote Mc Fadden ist gehangen und im Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem Detektiv weiß das.

Mary O’Hooligan.«

»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es beweist mir nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.«

Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um ein anderes verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die Morgenblätter, von dem ich eine Abschrift aufbewahre –

»A. – xwblv. 142 N. Tjnd – fz 328 wmlg. Ozpo, –; 2 m! ogw. Mum.«

»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird ihn das sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« Es sei dies ein Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektivs und Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte Begegnung solle in der nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. Bis dahin war nichts zu tun; ich verließ also ohne Verzug und dankbaren Herzens das Bureau.

Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100 000 Dollars in die Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete er sich, die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen Äugen. Eine fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da hörte ich seinen willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und wankte ihm entgegen. Wie seine schönen Augen im Triumph glänzten! Er sagte –: »Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden morgen ein anderes Lied singen! Folgen Sie mir!«

Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab in das ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig Detektivs schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. Er schritt rasch hinab an das düstere, ferne Ende des Platzes, und in dem Augenblick, da ich in der dicken Stickluft ohnmächtig umsank, strauchelte und fiel er über die ausgestreckten Gliedmaßen eines mächtigen Körpers, und ich hörte ihn gerade noch beim Hinfallen ausrufen:

»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!«

Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure wieder zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft schwärmte herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie ich noch keine erlebt hatte. Die Reporter wurden geholt, der Champagner floß in Strömen, Toaste wurden ausgebracht, die Händedrücke und Beglückwünschungen waren enthusiastisch und wollten kein Ende nehmen. Der Chef war natürlich der Held des Tages, und sein Glück war so vollständig und es war mit so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß es mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als ein heimatloser Bettler; – denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener war tot und ich meiner Stellung im Dienste meines Vaterlandes verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als habe ich das in mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose Ausführung meines Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. Manches beredte Auge bezeugte seine hohe Bewunderung für den Chef, und manches Detektivs Stimme murmelte: »Seht ihn an, den König der Profession – gebt ihm nur die Spur von einer Spur, – und es bleibt nichts vor ihm verborgen.« Die Teilung der 50 000 Dollars machte viel Vergnügen; als sie vollzogen war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in die Tasche steckte, eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt das Geld, denn ihr habt es verdient; und mehr als das – ihr habt unserem schönen Berufe unsterblichen Ruhm erworben.«

Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts:

»Monroe, Michigan: 10. – Nachm. Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein Telegraphenamt. Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die Wälder, etwa zweihundert Meilen bis hierher; sie werden täglich stärker, größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab – ehe acht Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten – auf mein Wort!

Darley, Detektiv.«

Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen der feinsten Köpfe unter der Mannschaft«, in welche sämtliche Anwesende begeistert einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, er möge heimkehren und seinen Anteil an der Belohnung in Empfang nehmen.

So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen Elefanten. Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll Anerkennung – mit einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt schrieb nämlich: »Groß ist der Detektiv! Er mag im Auffinden eines kleinen Gegenstandes, wie es ein verlorener Elefant ist, ein wenig langsam sein – er mag ihn drei Wochen lang den ganzen Tag verfolgen und des Nachts neben seinem verwesenden Kadaver schlafen, aber er wird ihn endlich finden, – sobald er nur den Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt, ihm den Platz zu zeigen.«

Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die Böllerschüsse hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an jenen düsteren Platz gekrochen; und dort, umgeben von seinen Feinden und fortwährend in Gefahr entdeckt zu werden, war er dahingeschwunden vor Hunger und Leiden, bis der Tod ihn erlöste.

Der Kompromiß kostete mich 100 000 Dollars; meine Auslagen für die Detektivs betrugen weitere 42 000 Dollars; ich bewarb mich nie wieder um eine Anstellung im Dienste meiner Regierung; ich bin ein ruinierter Mann und ein unsteter Wanderer auf Erden – aber meine Bewunderung für jenen Mann, den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die Welt hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und wird so bleiben bis an mein seliges Ende.

(Mein Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der Geheimpolizisten auf die genialen Taten derselben, wie sie in den Kriminal- und Detektivromanen von Green, Hawthorne, Lynch und Doyle zum glänzenden Ausdruck kommen, zu verweisen.)

  1. Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der Kunst der Reklame.
  2. Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf offenem Felde abgehalten.

Kapitel 8

 

8

 

Noch zwei andere Leute waren sehr wenig mit Barbara Storrs Verhalten einverstanden. Mr. Hammett und seine Frau gingen weder nach Kanada, noch fuhren sie nach dem Kontinent. Sie befriedigten nur ihre dringendsten Gläubiger und ließen alles andere vorläufig auf sich beruhen. Aus einem bestimmten Grund hatten sie ihre Pläne geändert.

 

Mr. Hammett hatte einen Eilbrief von Captain Griffin erhalten, der ein alter Klient von ihm war und den Dampfer »Silina« führte. Mr. Hammett hatte diesem Mann schon bei mehreren Gelegenheiten geholfen. Einmal hatte sich Griffin wegen Schmuggels vor Gericht zu verantworten, ein andermal wegen versuchten Mordes, und in beiden Fällen war es Mr. Hammett gelungen, ihn freizubekommen.

 

Die »Silina« war ein Küstendampfer, der zwischen Leith und Newcastle verkehrte, und Captain Griffin kam gewöhnlich zu dem Rechtsanwalt, wenn er London besuchte, um in irgendeiner schwierigen Sache seinen Rat zu hören. Er bezahlte manchmal in bar, manchmal in Naturalien. Auf diese Weise hatte Mr. Hammett manche Kiste Whisky erhalten.

 

Und gerade jetzt hätte er gerne selbst einmal seinen Klienten ausgeforscht, um sich über das Klima und die Lebensbedingungen in fernen Ländern zu orientieren. Er wußte nicht, ob er in Kanada alle die Bequemlichkeiten finden würde, die er erwartete und brauchte.

 

Außerdem eilte es im Augenblick gar nicht mit der Abreise. An diesem Nachmittag hatte das Schifffahrtsbüro die Summe zurückerstattet, die er als Anzahlung für die Schiffskarten geleistet hatte, und er war in guter Stimmung.

 

»Es wird noch etwa drei Wochen dauern, bis Maber aus dem Gefängnis kommt«, erklärte er seiner Frau und machte ein pfiffiges Gesicht. »Diese günstige Gelegenheit darf nicht ungenützt vorübergehen. Wir müssen es fertigbringen, noch eine weitere Zahlung von tausend Pfund aus Mabers Geschäft zu ziehen. Dann ist es immer noch Zeit genug, zu verschwinden.«

 

»Aber wie willst du denn das anfangen?« fragte Mrs. Hammett erstaunt.

 

»Es gibt verschiedene Wege«, sagte er und streifte nachlässig die Asche seiner Zigarre ab.

 

»Du weißt ja in solchen Dingen gut genug Bescheid«, erwiderte sie befriedigt. Sie gehörte zu den wenigen Leuten auf der Welt, die ihn bewunderten.

 

Mr. Hammett wußte allerdings gut genug Bescheid. Seine lange Praxis hatte ihn mit den gemeinsten Verbrechern in Berührung gebracht, und er kannte viele Methoden, sich auf unrechtmäßige Weise Geld zu verschaffen. Sie führten alle zum Ziel und waren alle mehr oder weniger einfach, aber sehr gefährlich.

 

Auf seinem Schreibtisch lag der Brief des Ehrengerichts der Rechtsanwaltskammer, in dem er aufgefordert wurde, eine Reihe von Handlungen zu erklären, für die es keine Rechtfertigung gab, und die deshalb eben unerklärlich waren. Man würde ihn also von der Liste der Anwälte streichen. Schon mehr als einmal hatte er diese Katastrophe mit knapper Not verhindert, aber diesmal gab es keinen Ausweg mehr.

 

Mr. Hammett tat das nicht einmal mehr leid. Er machte sich jetzt nur noch darüber Gedanken, ob er genügend Mittel besäße, um England zu verlassen und sich in irgendeiner Kolonie eine neue Existenz zu gründen.

 

Er überlegte mit seiner Frau, auf welche Weise sie am besten fortkommen könnten.

 

»Wie steht es denn mit Griffin? Könnte uns der nicht helfen?«

 

Hammett sah sie verächtlich an.

 

»Sei doch nicht albern. Er könnte mich wohl von London und von Leith wegbringen, aber was hätte das denn für einen Zweck?«

 

»Da kommt er gerade«, entgegnete sie und eilte hinaus, um den Besucher einzulassen.

 

Captain Griffin war ein kleiner, unansehnlicher Mann mit abstoßenden Zügen. Außerdem schielte er auf einem Auge.

 

»Wie geht es Ihnen, Mr. Hammett?« begrüßte er seinen Freund herzlich. »Wir müssen wieder einmal eine juristische Sache miteinander besprechen, wenn Sie nichts dagegen haben«, wandte er sich an die Frau.

 

Mrs. Hammett wollte das Zimmer verlassen, aber Griffin duldete es nicht.

 

»Wir kennen uns doch, und ich weiß genau, daß Sie für sich behalten, was ich Ihrem Mann sage.«

 

Er zog den Stuhl näher an den Tisch. Mrs. Hammett holte die Whiskyflasche und Sodawasser, erlaubte dem Kapitän zu rauchen und ließ sich dann auch nieder.

 

»Also, ich möchte gern wissen, wie ich daran bin«, begann Griffin. »Ich werde allerdings nicht schlecht bezahlt. Dreißig Pfund monatlich und ein Prozent Tantiemen. Morgen will ich in See gehen. Muß nur noch auf einen jungen Herrn warten, der mit mir ausfährt. Nun ist die Frage: Was riskiere ich bei der Geschichte? Sie kennen doch die Gesetze in Amerika? Wieviel bekomme ich dafür?«

 

»Wofür?« fragte Hammett interessiert.

 

»Für Alkoholschmuggel. Welche Strafe steht darauf? Manche sagen zehn Jahre, manche sagen, es gibt nur eine Geldstrafe.«

 

Der Rechtsanwalt antwortete nicht gleich. Er überlegte, und seine Gedanken arbeiteten blitzschnell.

 

»Wann fahren Sie ab?« fragte er dann.

 

»Morgen abend um elf. Mein Schiff liegt in der unteren Themse. Bei Flutzeit wollen wir ausfahren.«

 

Mr. Hammetts Gesicht zeigte eine leichte Röte. Jetzt sah er deutlich einen Ausweg vor sich.

 

»Sie brauchen sich wegen der Bestrafung keine Sorgen zu machen«, sagte er schnell. »Es besteht wenig Gefahr, daß Sie abgefaßt werden. Griffin, wäre es Ihnen recht, mich als Passagier mitzunehmen?«

 

Der Kapitän starrte ihn an.

 

»Wollen Sie denn eine Reise machen?«

 

Hammett nickte.

 

»Selbstverständlich — mit Vergnügen nehme ich Sie mit. Ich würde sogar noch Geld zulegen, um einen Rechtsanwalt bei mir zu haben. Da können Sie sich mal nette Ferien machen. Ich denke, wir sind im November wieder zurück.«

 

»Ferien brauche ich nicht«, erklärte der Rechtsanwalt mit Nachdruck. »Ich möchte nur in Amerika unbemerkt an Land gehen.«

 

Griffin schaute ihn argwöhnisch an.

 

Hammett bemerkte es und lehnte sich vertraulich über den Tisch.

 

»Es ist eine geheime Mission — im Auftrag der Regierung«, sagte er leise.

 

Der Kapitän runzelte die Stirne.

 

»Hat es etwas mit Alkoholschmuggel zu tun?« fragte er plötzlich ängstlich.

 

»Nein, aber mit Gold und gewissen anderen Dingen, über die ich nicht sprechen darf.«

 

Griffin rieb sein Kinn.

 

»Und was macht Ihre Frau?«

 

»Sie benutzt den Postdampfer, wenn ich sie überhaupt nachkommen lasse«, erwiderte Hammett gelassen und warf einen verächtlichen Blick auf sie.

 

»Na, dann ist es gut. Wir haben nämlich keine Annehmlichkeiten für Damen an Bord des alten Kastens. Aber Sie sollen mir herzlich willkommen sein, Mr. Hammett. Wir fahren also um elf. Gehen Sie erst um zehn Uhr dreißig an Bord, sonst erregen Sie zuviel Aufmerksamkeit. Ich lasse ein Ruderboot am Landungssteg von China Stairs auf Sie warten. Das ist in der Nähe von Wapping. Niemand braucht zu sehen, daß Sie an Bord kommen, und ebenso leicht kann ich Sie dann in Amerika absetzen. Ich schicke Sie mit einem der Motorboote an Land, die außerhalb der Fünfmeilengrenze zu mir hinausfahren.«

 

Sie schüttelten sich die Hände.

 

Eine halbe Stunde später ging der Kapitän, und Mr. Hammett überlegte sich einen neuen Plan, der unter keinen Umständen fehlschlagen sollte.

 

*

 

Der dritte Tag des großen Verkaufs begann hoffnungsvoll, nachdem der Erfolg der beiden ersten über Erwarten groß gewesen war. Und dennoch fühlte sich Barbara nicht mehr so siegesgewiß, denn nach den aufregenden und spannenden Tagen war die unausbleibliche Reaktion gekommen. Sie hatte etwas von ihrer Unabhängigkeit und Selbstsicherheit verloren und sehnte sich nach einem Menschen, auf den sie sich stützen konnte. Heute war sie sogar dankbar dafür, daß Alan Stewart wie sonst geduldig an der Straßenecke auf sie wartete.

 

»Ich habe eine gute Nachricht für Sie«, erklärte er ihr, als er neben ihr herging. »Sie haben das Geschäft wirklich fabelhaft in die Höhe gebracht, Miß Storr. Was hat denn Atterman eigentlich für die Firma geboten?«

 

Sie nannte ihm die Summe, und er lächelte.

 

»Der alte Geizkragen! Sehen Sie, Tennyson & Burns haben sich gestern abend mit mir in Verbindung gesetzt, und zwar hat mich der alte Tennyson persönlich angerufen. Er wußte, daß ich Sie kenne, und fragte mich, ob Maber die Firma wohl für dreihunderttausend Pfund verkaufen wollte. Die Hälfte in bar, die Hälfte in Anteilscheinen.«

 

»Das Angebot lehne ich ab«, erwiderte sie prompt.

 

»An Ihrer Stelle würde ich mir das aber doch noch überlegen. Sie sagten mir, daß Maber Sie bevollmächtigt hat, den Verkauf abzuschließen, und wenn er bereit war, das Geschäft für hundertzwanzigtausend abzugeben –«

 

»Er hätte es sogar für hunderttausend verschenkt!«

 

»Nun gut, das wären also zweihunderttausend Pfund mehr, und Mr. Maber würde sich sicher freuen, eine so große Summe für die Firma zu bekommen. Ich hatte sogar selbst schon die kühne Idee, das Geld aufzubringen und Sie mit großem Gehalt als selbständige Leiterin der Firma anzustellen, natürlich mit namhafter Beteiligung. Und wenn wir dann heiraten würden –«

 

»Das könnte Ihnen so passen, daß ich noch Geld dazu verdiente! Nein, danke schön!« Sie warf den Kopf zurück. »Diese Art Partnerschaft hat nicht soviel Anziehungskraft für mich, wie Sie denken. Warum machen Sie denn nicht Maudie einen Antrag, wenn Sie absolut heiraten müssen?«

 

»Maudie?« Er runzelte die Stirne. »Ach, Sie meinen Ihre Solotrompeterin?«

 

»Sie ist nicht mehr bei mir«, entgegnete Barbara grimmig. »Man soll einer Frau in geschäftlichen Dingen niemals trauen, Alan — Mr. Stewart.«

 

»Nennen Sie mich doch lieber Alan. Das klingt so schön«, bat er. »Aber was ist denn mit Maudie passiert?«

 

»Sie hat mich verlassen und ist zum Feinde übergegangen. Mr. Lark sah sie, wie sie gestern kurz vor Ladenschluß durch die Seitentür zu Attermans ging. Und als ich nach Hause kam, fand ich diese merkwürdige Nachricht von ihr.«

 

Barbara öffnete ihre Tasche, nahm den Brief heraus und gab ihn Alan.

 

»Lesen Sie.«

 

»Meine liebe Miß Storr, ich muß in gewisser Beziehung sehr vorsichtig sein, da ich dem Verband angehöre. Außerdem habe ich auf meinen Vater Rücksicht zu nehmen, der in nächster Zeit pensioniert wird. Man soll ihm nichts vorwerfen können. Da Sie so liebenswürdig zu mir waren und um der alten Zeiten willen werde ich natürlich nichts ausplaudern.

 

Mit bestem Gruß Ihre Maud Alice Deane.«

 

»Was soll denn dieses Schreiben bedeuten?« fragte er erstaunt.

 

»Möchte ich auch gern wissen«, erwiderte sie und steckte den Brief wieder in die Handtasche. »Auf jeden Fall ist sie in ihre alte Stellung zurückgekehrt. Atterman scheint sie noch ebenso zu verehren wie früher. Ich hätte allerdings nie geglaubt, daß er so sentimental sein könnte. Und der Himmel mag wissen, was mit ihrem Vater los ist.«

 

Während sie zusammen weitergingen, sah sich Alan mehrmals um.

 

»Ich möchte nur wissen, wer dieser Kerl ist«, sagte er dann plötzlich.

 

Ein korpulenter Herr ging hinter ihnen her und schwang vergnügt seinen Schirm beim Gehen. Den Hut hatte er ein wenig in den Nacken geschoben, und seinem wohlgenährten Gesicht war anzusehen, daß er mit sich und der Welt zufrieden war.

 

Barbara wandte sich nun auch um und betrachtete ihn.

 

»Kennen Sie den Mann?« fragte Alan.

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich sah ihn schon in der Nähe des Hauses. Er machte mir gleich den Eindruck, als ob er auf jemand wartete. Ob er uns wohl beobachtet?«

 

»Leicht möglich«, meinte Barbara. »Vielleicht hat Ihre Frau ihn engagiert, um Ihnen nachzuspüren.«

 

»Sie wissen doch sehr gut, daß ich nicht verheiratet bin«, entgegnete er etwas hitzig. »Ich gehe vollständig in meinem Beruf auf.«

 

*

 

Barbara hatte eigentlich gedacht, daß das Interesse des Publikums nachlassen würde. Ein großer Teil der Bestände war nach dem zweiten Tag ausverkauft; von den Pariser Modellen war kein Stück mehr vorhanden. Aber Mr. Lark, der plötzlich unerwartete organisatorische Fähigkeiten entwickelte, hatte sofort telegrafisch in Paris neue Bestände eingekauft, die am vergangenen Abend bereits in London eingetroffen waren. Unter seiner persönlichen Leitung wurden sie über Nacht ausgepackt und ausgezeichnet. Barbara hatte nur ungern diese neuen Attraktionen annonciert, denn als sie die Druckfahnen las, befand sich die Ware noch in Paris. Aber es hatte alles tadellos geklappt. Das Schaufenster mit dem Wilden Mann war ausgeräumt worden, und dort hatte man die neuen Wunder an Seidenstoffen und Modellen ausgestellt.

 

Barbara beunruhigte sich nicht mehr über den verschwundenen Koffer. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß er im Besitz von Julius Colesberg und seinem Verbündeten war. Welche Folgerung würden die beiden wohl aus ihrer Entdeckung ziehen? Aber mochten sie denken, was sie wollten, wenn nur der wahre Grund von Mr. Mabers Verschwinden unbekannt blieb. Vielleicht waren doch noch andere Leute im Polizeigericht gewesen, als gegen ihn verhandelt und er verurteilt wurde? Es war immerhin möglich, daß ihn einer von diesen erkannt und die Geschichte weitererzählt hatte. Bis jetzt war allerdings alles ruhig geblieben, und Hammett, der tatsächlich eine ernste Gefahr bedeutete, war ja aus dem Lande geflohen. Die zweihundert Pfund Schweigegeld reuten sie nicht. Die waren sicher gut angelegt. Und bevor der Monat zu Ende ging, konnte sich viel geändert haben. Sie war nicht abgeneigt, dem neuen Angebot von Tennyson näherzutreten, da sie wußte, wie wenig Mr. Maber seinen Beruf als Kaufmann schätzte. Aber auf der anderen Seite hätte sie ihm zu gern bei seiner Rückkehr eine vollständig reorganisierte Firma Maber & Maber übergeben. Er konnte dann ja noch nach Belieben über sein neues Eigentum verfügen.

 

Sie wußte sehr wohl, daß sie eigentlich weniger den Wert der Firma gehoben als vielmehr den Leuten die Augen geöffnet hatte, die das Geschäft für altmodisch und erledigt hielten. Es war stets die Summe wert gewesen, die Tennyson jetzt dafür bot, vielleicht sogar noch etwas mehr.

 

Barbara war eifrig mit der Kontrolle verschiedener Listen beschäftigt, als Albuera den Kopf zur Tür hereinsteckte.

 

»Mr. Hammett wünscht Sie zu sprechen, Miß«, sagte er leise.

 

Sie schaute ihn an, als ob er einen albernen Scherz machte.

 

»Mr. Hammett — meinen Sie etwa den Rechtsanwalt?«

 

»Ja, den Linksanwalt«, verbesserte er sie. Sie hatte geglaubt, daß dieser Mann längst nach Amerika unterwegs wäre.

 

»Lassen Sie ihn hereinkommen.«

 

Sie staunte, als sie ihn sah. Das war nicht mehr der kleine, schlechtgekleidete Winkeladvokat. Er trat jetzt in einem tadellosen Cut auf und trug einen vollkommen neuen Zylinder. Auch das Monokel fehlte nicht, obwohl er noch nicht gewandt damit umgehen konnte.

 

»Guten Morgen, Miß Storr«, sagte er leichthin, legte eine große Mappe auf den Tisch und zog einen Stuhl näher. Als er Platz genommen hatte, öffnete er die Aktentasche.

 

Sie sah ihn scharf an.

 

»Ich bin sehr erstaunt, Sie hier in meinem Büro zu sehen, Mr. Hammett!«

 

»Das kann ich mir denken«, erwiderte er mit sonderbarem Lächeln. »Ich hatte ursprünglich die Absicht, Scotland Yard einen Besuch abzustatten, aber dann habe ich mir überlegt, daß es vielleicht besser wäre, erst mit Ihnen zu sprechen. Soviel ich weiß, gehört das Ihnen?«

 

Bei diesen Worten zog er den Scheck aus der Mappe, den sie Mrs. Hammett zuerst gegeben und nachher gesperrt hatte.

 

»Ja«, entgegnete sie verwundert. »Ich gab ihn Ihrer Frau –«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen. Es tut mir leid, daß Sie das Opfer einer skrupellosen Abenteurerin geworden sind. Sie können von Glück sagen, daß ich durch meine Verbindungen instand gesetzt war, diesen gemeinen Plan gegen Sie in seinen Anfängen zunichte zu machen.«

 

Barbara schaute ihn betroffen an.

 

»Was, sie ist nicht Ihre Frau?«

 

»Ich bin niemals verheiratet gewesen, wie ich schon sagte«, erklärte er, »obwohl mir die Liebe nicht fremd blieb.« Er seufzte schwer. »Die Frau, die ich eigentlich hätte heiraten sollen –« Er zuckte die Schultern und schüttelte traurig den Kopf, was bedeuten mochte, daß diese Frau entweder gestorben war oder einem anderen angehörte. »Die Person, die zu Ihnen kam, und der Sie den Scheck gaben, war auf dem Polizeigericht, als Mr. Maber verurteilt wurde.« (Barbara dachte an ihre eigenen Befürchtungen.) »Sie ist eine bekannte Erpresserin. Als sie sah, wie ich mit Ihnen sprach, faßte sie ihren Plan.«

 

Barbara nahm den Scheck und betrachtete ihn genau. Ihre Unterschrift war mit roter Tinte durchstrichen.

 

»Das habe ich getan«, erklärte er, »und zwar, als ich der niederträchtigen Frau den Scheck abnahm. Es ist nur eine Vorsichtsmaßregel, damit er unter keinen Umständen kassiert werden kann.«

 

»Und was haben Sie denn mit den zweihundert Pfund gemacht, die ich ihr in bar zahlte?« fragte Barbara ruhig.

 

Mr. Hammett warf ihr einen entsetzten Blick zu.

 

»Was, Sie haben ihr zweihundert Pfund in bar gezahlt?« rief er und preßte die Hand gegen die Stirne. »Aber Miß Storr, wie konnten Sie so unvorsichtig sein! Und ich dachte, ich könnte Sie gerade noch davor bewahren, das Opfer einer Betrügerin zu werden. Jetzt bleibt mir allerdings nichts anderes übrig, als sofort nach Scotland Yard zu gehen.«

 

Er erhob sich halb, als er aber sah, daß sie keine Miene machte, ihn zurückzuhalten, überlegte er es sich wieder anders.

 

»Zum Glück weiß ich, wo ich sie verhaften lassen kann.« Er unterbrach sich einen Augenblick und sah auf die Uhr. »Noch vor zwölf wird sie in sicherem Gewahrsam sein.«

 

Er nahm ein längliches, schmales Heft aus seiner Aktentasche und blätterte darin. Barbara vermutete, daß es sich um ein Quittungsbuch handelte.

 

»Inzwischen habe ich noch eine Bitte an Sie, Miß Storr. Bescheinigen Sie mir bitte, daß ich Ihnen diesen Scheck zurückgebracht habe. Spätestens um zwei heute nachmittag werde ich Ihnen Ihr Geld zurückerstattet haben, soweit es diese unglaubliche Person noch besitzt.«

 

Er legte ihr die Erklärung vor, und Barbara las sie mechanisch.

 

»Ich bestätige hiermit, von Rechtsanwalt Hammett einen Scheck zurückerhalten zu haben, den ich Jane Smith alias Margaret Hammett irrtümlicherweise aushändigte. Der obenerwähnte Scheck trägt die Nummer DH 187475.«

 

»Das will ich gern tun«, erwiderte sie, griff zu ihrem Füllfederhalter und leistete die gewöhnliche Unterschrift für die Firma.

 

Er dankte und legte das Buch in seine Mappe zurück.

 

»Was nun die zweihundert Pfund betrifft, so halte ich es unter den gegebenen Umständen nicht für günstig, die Sache der Staatsanwaltschaft anzuzeigen.«

 

Sie stimmte ihm entschieden zu.

 

»Wir wollen nur das Geld wiederhaben, und das werde ich Ihnen beschaffen. Ich kann natürlich nicht dafür garantieren, daß ich es bis auf den letzten Schilling zurückbringe. Selbstverständlich werde ich Ihnen dafür keine Kosten berechnen.«

 

»Ist es wirklich wahr, daß Sie mit dieser Jane Smith nicht unter einer Decke stecken und nicht an dem Schwindel beteiligt sind?« fragte Barbara mit verblüffender Offenheit.

 

Mr. Hammett sah sie traurig an.

 

»Es tut mir leid, daß Sie auch nur einen Augenblick lang einen derartigen Gedanken fassen konnten«, erwiderte er ernst.

 

Er schien tief gekränkt zu sein, und sie hatte den Eindruck, daß er nur mit Mühe seine Erregung niederkämpfte. Rasch erhob er sich, drückte ihr die Hand und nickte Albuera zu, als er hinausging.

 

Barbara sah den Scheck noch einmal an, riß ihn dann in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Das war also das Ende eines unangenehmen Abenteuers. Sie hatte dem armen Mann unrecht getan und war herzlich froh, daß die Sache nicht noch ein gerichtliches Nachspiel haben sollte.

 

Mr. Hammett fuhr währenddessen in einem Taxi zu seinem kleinen Büro zurück, in dem er ganz allein hauste. Schon seit Jahren hatte er keinen Bürovorsteher und keine Stenotypistin mehr. Nachdem er die Tür fest geschlossen hatte, trennte er die Quittung aus dem Heft, feuchtete die eine Seite der Oberfläche an und entfernte die oberste Schicht, die nur ganz dünn, aber undurchsichtig war. Darunter erschien ein besonders präpariertes Kohlepapier, das einen Blankoscheck der Southern Bank in der Marlborough Avenue überdeckte. Die Unterschrift Barbara Storrs war so klar und deutlich, daß man diese Kopie kaum von dem Original unterscheiden konnte. Er nahm ein Vergrößerungsglas und trat ans Licht, um sie noch einmal zu prüfen. Befriedigt ging er an den Schreibtisch zurück, legte ein Löschblatt auf die Unterschrift und trug eine große Summe in den Scheck ein. Dann steckte er ihn in seine Brieftasche und verließ das Haus wieder, um sich mit seiner Frau zu treffen.

 

*

 

Mr. Peeker hatte beobachtet, daß Hammett die Firma Maber betrat. Er kannte ihn als einen Anwalt von recht zweifelhaftem Charakter und war höchst erstaunt, daß ein solcher Mann bei Maber verkehrte.

 

Von seinem Zimmer aus konnte er Barbaras Büro überschauen und hatte sie schon den ganzen Morgen mit einem Feldstecher beobachtet. Er war auch unsichtbarer Zeuge der Szene mit Hammett gewesen, denn Barbara hatte die Gardinen vor den Fenstern halb zurückgezogen. Das Büro war nicht sehr hell, und sie hatte ja auch keine Ahnung, daß sie beobachtet wurde.

 

Als Mr. Hammett wieder auf die Straße trat, heftete sich Mr. Peeker an seine Fersen. Er verfolgte ihn zu seinem Büro und nachher zu dem Restaurant, in dem sich der Rechtsanwalt mit seiner Frau verabredet hatte. Dort setzte er sich an den Nachbartisch, um möglichst viel von ihrer Unterhaltung zu hören.

 

»Alles in bester Ordnung«, sagte Hammett leise zu ihr.

 

»Kann die Sache nicht noch schief gehen?« fragte sie bedrückt.

 

»Ausgeschlossen. Ich habe einmal ernsthaft mit ihr gesprochen und ihr den Standpunkt klargemacht.« Argwöhnisch sah Mr. Hammett zu dem Detektiv hinüber, aber der Mann war so vollkommen in die Lektüre seiner Zeitung vertieft, daß der Kellner, der ihn bedienen wollte, ihn bereits zum zweitenmal laut anrief. »Du glaubst nicht, wie ängstlich sie darauf bedacht ist, daß kein Mensch den Aufenthalt von Maber erfährt. Es würde ja auch den Ruin bedeuten, wenn die Sache herauskäme. Denke doch, ein Mann wie Maber! Dann könnte er sich gleich begraben lassen!«

 

Peeker spitzte die Ohren. Barbara Storr würde ruiniert sein … Maber könnte sich begraben lassen, wenn jemand seinen Aufenthalt erführe! Er empfand Genugtuung und Freude wie alle großen Detektive, die eine schwere Aufgabe durch die Schärfe ihres Verstandes gelöst haben.

 

Später sprach Hammett in leiserem Ton, und Peeker hörte nichts mehr, was ihm weiterhalf, obwohl der Rechtsanwalt seiner Frau Instruktionen gab, die sehr wertvoll für den Detektiv gewesen wären.

 

Zehn Minuten vor Bankschluß sollte sie sich telefonisch mit Barbara in Verbindung setzen und sich als Vertreterin einer großen deutschen Firma für Kunstseidenartikel vorstellen. Hammett hatte sich am Morgen überall erkundigt und sich mit großer Mühe Preise derartiger Artikel verschafft. Er hatte eine Liste von Artikeln zusammengestellt, die um dreißig Prozent billiger waren als in London.

 

»Vor allem mußt du sehen, daß du sie zehn Minuten lang am Apparat festhältst, damit die Bank ihr Büro nicht erreichen kann. Und gib dir Mühe, daß sie deine Stimme nicht wiedererkennt. Die ist gerissener, als du ahnst.«

 

»Du willst ihr doch nicht im Ernst diese Dinge verkaufen?« fragte sie ängstlich.

 

Er holte tief Atem und unterdrückte einen Fluch.

 

»Wir haben jetzt keine Zeit, uns lange darüber zu unterhalten. Ich wiederhole, daß du sie zehn Minuten lang am Telefon beschäftigen sollst, damit die Bank ihr Büro nicht anrufen kann.«

 

Zehn Minuten vor Schalterschluß ging Mr. Hammett zur Bank und überreichte dem Kassierer den Scheck mit gleichgültiger Miene.

 

»Sind Sie selbst Mr. Hammett?«

 

»Ja«, entgegnete der Rechtsanwalt mit einem verbindlichen Lächeln.

 

Obwohl er in größter Erregung war, beherrschte er sich nach außen hin. Es gelang ihm auch, die Ruhe zu bewahren, als der Kassierer den Scheck längere Zeit schweigend prüfte.

 

»Wie soll ich Ihnen die Summe auszahlen?« fragte der Beamte schließlich.

 

Mr. Hammett hätte am liebsten vor Freude laut aufgejubelt.

 

»In Hundertpfundnoten, wenn ich bitten darf«, erklärte er gelassen.

 

Der Kassierer zählte mehrmals hintereinander zwanzig Scheine ab, schrieb dann mit Bleistift eine Bemerkung unter die Unterschrift des Schecks und reichte Hammett das Päckchen.

 

Der Rechtsanwalt verließ den Schalterraum ohne die geringste Hast. Aber draußen wartete noch sein Taxi, und drei Minuten vor Bankschluß betrat er die prachtvolle Halle der Eighth National Bank von New York und wechselte die englischen Banknoten in Dollarscheine um.

 

*

 

In Mr. Attermans Büro schrillte das Telefon, und Mr. Peeker meldete sich.

 

»Ich habe den anderen gefunden«, sagte er aufgeregt.

 

»Den Komplicen?« fragte Mr. Atterman schnell.

 

»Es ist ein gewisser Hammett. Er erpreßt Miß Storr. Maber lebt. Aber sie halten ihn irgendwo gefangen.«

 

»Einen Augenblick!« rief Atterman atemlos und teilte Julius rasch mit, was er gehört hatte.

 

»So, er lebt noch?« fragte Mr. Colesberg nicht gerade sehr begeistert.

 

»Ich wußte ja, daß Peeker ihn finden würde«, erwiderte Mr. Atterman selbstbewußt. »Jetzt haben wir gewonnen, Julius. Wenn wir Mr. Mabers Leben retten, muß er sich dankbar erweisen, und dann wird er auch wegen des Verkaufs keine Schwierigkeiten mehr machen. Auf diese Miß Storr muß er ja geladen sein! ›Atterman‹, wird er zu mir sagen, ›das haben Sie einfach großartig gemacht. Wenn Sie nicht gewesen wären, würde ich längst unter dem Rasen liegen.‹«

 

»Sie meinen, wenn wir beide nicht gewesen wären«, warf Julius ein.

 

»Möglich, daß er Sie auch erwähnt«, gab Mr. Atterman großmütig zu.

 

Inzwischen wurde Peeker am Telefon ungeduldig.

 

»Ich kann nicht länger warten, sonst entwischen mir die beiden noch«, drängte er.

 

»Lassen Sie sich bloß nicht stören, und verfolgen Sie die Halunken. Sparen Sie kein Geld. Und halten Sie mich auf dem laufenden! Nach Büroschluß bin ich in meiner Wohnung. Ich werde nicht ausgehen, damit ich jederzeit sofort Ihre Nachrichten entgegennehmen kann.«

 

Aber erst um halb zehn hörte er wieder etwas von dem Detektiv.

 

»Ich spreche von Wapping aus«, sagte Mr. Peeker geheimnisvoll. »Er ist hier in einem kleinen Restaurant, und zwar verkleidet.«

 

»Meinen Sie Mr. Maber?«

 

»Nein, nicht Maber — Hammett. Ich habe ihn den ganzen Tag verfolgt. Er ist jetzt als Matrose maskiert und trägt einen falschen Schnurrbart.«

 

Mr. Attermans Augen leuchteten wild vor Erregung.

 

»Fabelhaft!« rief er außer sich. »Bleiben Sie um jeden Preis mit mir in Verbindung, koste es, was es wolle.«

 

Die Uhr zeigte zehn — elf —

 

Schließlich wurde es Mitternacht. Dann endlich klingelte das Telefon wieder, aber es meldete sich nicht Mr. Peeker, sondern die tiefe Stimme eines Beamten.

 

»Hier Sergeant Johnson von der Themsepolizei. Ist bei Ihnen ein gewisser Mr. Peeker angestellt?«

 

Atterman wurde bleich.

 

»Ja«, antwortete er mit unsicherer Stimme. »Ist etwa ein Unglück passiert?«

 

»Wir haben seinen Mantel am Themseufer gefunden. Ein Polizist hörte, daß ein schwerer Gegenstand ins Wasser fiel, eilte zum Fluß hinunter und fand den Mantel, der halb im Wasser lag.«

 

Zitternd legte Mr. Atterman den Hörer zurück. In welch eine Tragödie war er plötzlich verwickelt!

 

Kapitel 9

 

9

 

Julius wohnte bei Mr. Atterman und hatte sich um elf Uhr zur Ruhe gelegt.

 

Mr. Atterman eilte die Treppe hinauf, nahm zwei und drei Stufen mit einem Schritt und stürzte atemlos in das Zimmer seines Gastes.

 

»Peeker ist ihr zum Opfer gefallen!« weckte er ihn keuchend. »Sie sind der nächste!«

 

»Was wollen Sie?« fragte Julius schlaftrunken.

 

»Sie sind ihr nächstes Opfer«, wiederholte Mr. Atterman und zeigte mit zitterndem Finger auf ihn.

 

»Um Himmels willen, was reden Sie da?« rief Julius entsetzt. »Meinen Sie Barbara Storr? Was hat Sie mit Peeker gemacht?«

 

»Sie hat ihn umgebracht, sie hat ihn ermordet!«

 

Julius stand auf, wankte ins Badezimmer und goß zwei Gläser eiskaltes Wasser hinunter. Atterman folgte ihm und erzählte ihm die grausige Geschichte mit allen Einzelheiten.

 

»Peeker ist dem Rechtsanwalt den ganzen Tag gefolgt. Von Wapping aus hat mich der arme Kerl das letzte Mal angerufen… Seine Witwe wird untröstlich sein… wir müssen sofort ausfindig machen, wo sie wohnt. Was schreibt eigentlich das Gesetz vor, Julius? Muß ich der Frau eine Entschädigungssumme zahlen, wenn sie zum Beispiel getrennt von ihrem Mann wohnte?«

 

Mr. Colesberg hatte keine Zeit, auf eine derartig profane Frage einzugehen.

 

»Ist die Leiche gefunden?« erkundigte er sich mit heiserer Stimme.

 

»Nein, aber der ganze Fluß wird bereits danach abgesucht, und ein Inspektor von Scotland Yard ist mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir die Polizei gleich benachrichtigt und dann nicht unseren besten Detektiv verloren, einen so vorzüglichen Menschen!«

 

»Ich habe Ihnen ja auch nicht geraten, Mr. Peeker zu holen.«

 

Mr. Atterman sah ihn vorwurfsvoll durch seine dicken Brillengläser an.

 

»Mein Junge, wir sind alle daran beteiligt«, sagte er gebrochen. »Es hat keinen Zweck, daß Sie mir jetzt Vorwürfe machen.«

 

Um ein Uhr nachts klingelte Inspektor Finney von Scotland Yard an Mr. Attermans Haustür. Die Flußpolizei hatte den Vorfall tatsächlich bei Scotland Yard gemeldet, und Mr. Finney war gekommen, um persönlich Nachforschungen anzustellen.

 

Er machte nicht den Eindruck eines Detektivs, denn er hatte weder hagere, asketische Züge, noch tiefliegende Augen und einen faszinierenden Blick. Im Gegenteil, er sah reichlich prosaisch aus mit seinen kurzgeschnittenen Haaren, der gedrungenen, plumpen Gestalt und dem beträchtlichen Leibesumfang.

 

Ruhig hörte er zu, als Mr. Atterman die Persönlichkeit des unglücklichen Mannes schilderte, der ein so trauriges Ende gefunden hatte.

 

Julius versuchte mehrfach, sich ins Gespräch zu mischen, aber Mr. Atterman ließ ihn nicht zu Wort kommen.

 

»Peeker?« sagte Mr. Finney schließlich. »Ach so, jetzt besinne ich mich auf ihn. Das ist ja der Mann, der uns immer Briefe schreibt, wenn er glaubt, daß wir uns geirrt haben.«

 

Das vorzeitige tragische Ende seines Kollegen schien keinen großen Eindruck auf ihn zu machen.

 

»Ich glaube gar nicht, daß er tot ist«, fuhr er fort. »Solche Leute ertrinken nicht so leicht. Und was ist denn nun eigentlich mit diesem Maber? Warum soll dem denn ein Unglück zugestoßen sein?«

 

Mr. Atterman holte den Koffer herbei und zeigte den beschmutzten Frackanzug. Aber nicht einmal diese Beweisstücke brachten den Beamten aus seiner Ruhe. Er betrachtete sie nur kühl und gelassen.

 

»Das ist allerdings Blut. Wann ist denn Mr. Maber verschwunden?«

 

»Er wurde zuletzt am Samstag abend gesehen. Ich hörte das von einem Bekannten, der an seiner Gesellschaft im Trocadero teilnahm, aber schon frühzeitig ging.«

 

»Und wo ist diese Miß Storr tätig?«

 

Julius und Atterman klärten den Inspektor zu gleicher Zeit darüber auf.

 

»Ach, ist das die Firma, die augenblicklich die ›Billige Woche‹ veranstaltet?«

 

Die beiden nickten.

 

»Meine Frau erzählte mir, daß in ganz London seit Menschengedenken kein so großer Andrang in einem Geschäft war. Sie hat unglaublich preiswert eingekauft und meinte, daß man dort viel billiger wegkäme als zum Beispiel bei Atterman oder sonst einem Warenhaus.«

 

»Sie sehen hier den Inhaber der Firma Atterman vor sich«, erklärte Julius mit Würde.

 

»Na, dann kann er mir ja gleich bestätigen, daß meine Frau recht hat.«

 

»Das ist eine vollkommen aus der Luft gegriffene Annahme«, entgegnete Atterman erregt. »Die Firma verkauft nur ihre alten Ladenhüter zu Schleuderpreisen, neue Waren kann sie auch nicht billiger abgeben als ich. Maber ist seit den letzten Tagen eine ganz unfaire Konkurrenz!«

 

»Das ist der Mann, der ermordet worden sein soll?« fragte der Detektiv jetzt interessiert.

 

»Ja, aber ich sprach im Moment von Miß Storr, von der wir Ihnen schon die ganze Zeit erzählen. Die hat auch Peeker in der Themse ertränkt. Am Montagmorgen tauchte sie plötzlich mit einer Generalvollmacht auf. Offenbar hat sie ihr Opfer durch Drohungen zur Unterschrift gezwungen. Maber wurde am Samstagabend umgebracht, nachdem er das Schriftstück unterzeichnet hatte.«

 

»Wurde denn der Notar, der die Vollmacht ausstellte, auch ermordet?« fragte Inspektor Finney. »Derartige Dokumente werden doch von einem Notar unterzeichnet!«

 

Atterman sah ihn betroffen an.

 

»Die Einzelheiten des Verbrechens kenne ich natürlich nicht genau, aber wenn Sie Miß Storr verhören, werden Sie wahrscheinlich alles erfahren.«

 

»Nun, da werden wir ja sehen.« Der Detektiv betrachtete den Koffer noch einmal. »Wer hat ihn denn aufgeschnitten?«

 

»Das habe ich im Interesse der Aufklärung des Mordes getan«, erwiderte Mr. Atterman selbstbewußt.

 

»Woher haben Sie denn den Koffer?«

 

Mr. Atterman unterdrückte nur mit Mühe einen Fluch. Dieser Mann konnte einen verrückt machen mit seinen Fragen! Und dabei sollte er doch den Mord an Peeker aufklären. Was ging ihn dieser Koffer an?

 

»Mr. Colesberg nahm ihn aus dem Safe von Maber. Hier ist der Herr.« Atterman stellte Julius mit einer Geste vor. »Er ist der Juniorpartner der Firma Maber & Maber.«

 

»Das werde ich mir am besten einmal aufnotieren.«

 

»Schreiben Sie ›der frühere Juniorpartner‹«, sagte Julius nervös. »Ich möchte vor der Polizei keine falschen Angaben machen.«

 

»Aber Sie waren doch noch Teilhaber der Firma, als Sie diesen Koffer aus dem Safe nahmen?«

 

Mr. Finney dachte äußerst realistisch und praktisch. Ihm war ein bewiesener Betrug und Vertrauensbruch lieber als hundert angebliche Morde.

 

»Nein, eigentlich nicht mehr — es war nämlich so — also hören Sie zu –« Julius sprach immer verworrener und zusammenhangloser. »Ich nahm ihn, weil ich meinem Freund Maber versprochen hatte, daß — ich ihn nehmen wollte. Das verstehen Sie doch?«

 

»Nein, das verstehe ich nicht«, erwiderte Inspektor Finney offen. »Hat Ihnen Mr. Maber gesagt, daß sich dieses blutbefleckte Hemd in dem Koffer befindet?«

 

»Nein«, gab Julius kleinlaut zu.

 

»Wurde der Koffer immer in dem Safe aufbewahrt?«

 

»Nein, das ist es ja gerade«, mischte sich jetzt Mr. Atterman eifrig ein. »Diese Storr hat doch den Koffer in dem Safe versteckt!«

 

Er trat einen Schritt zurück, um die Wirkung seiner Worte zu beobachten.

 

Sie war nicht sehr groß.

 

»Aha!« sagte der Detektiv nur und fuhr dann in seiner systematischen, gründlichen Art fort, der Sache auf den Grund zu gehen. »Hat Mr. Maber persönlich Sie beauftragt, den Koffer aus dem Safe zu nehmen?«

 

»Ja und nein«, entgegnete Julius und glaubte, eine geniale Antwort gegeben zu haben.

 

»Wußten Sie, daß der Koffer im Safe stand?«

 

»Ja.«

 

»Wußten Sie auch, daß Miß Storr ihn hineingestellt hatte?«

 

»Auch das wußte ich.«

 

»Und haben Sie ihn aus dem Safe genommen, nachdem Sie wußten, daß Miß Storr ihn hineingestellt hatte?«

 

»Ja, so ist es.« Julius atmete erleichtert auf, denn er dachte, der Inspektor wäre endlich vernünftig geworden und würde die Sache vom rein menschlichen Standpunkt aus betrachten.

 

»Schön. Jetzt möchte ich noch wissen, wann Sie den Koffer herausgenommen haben.«

 

Julius sah Atterman an, und Atterman sah auf die Uhr.

 

»Es war gestern morgen, ungefähr um zwei.«

 

»Also in der Nacht?«

 

»Am Morgen«, wiederholte Julius, da das besser klang.

 

»Wie sind Sie denn ins Haus gekommen?«

 

»Durch den hinteren Eingang, den das Personal benützt.«

 

Finney notierte alles eifrig.

 

»Vermutlich haben Sie die Tür mit einem Paßschlüssel geöffnet?«

 

Julius nickte.

 

»Den Sie als Teilhaber der Firma erhalten hatten?«

 

»Ganz richtig.«

 

»Waren Sie in dem Augenblick noch Partner der Firma, als Sie den Paßschlüssel benützten, den Safe öffneten und den Koffer herausnahmen?«

 

»Nein«, gestand Julius. »Aber um Himmelswillen, das hat doch mit dem Mord nichts zu tun. Kommen Sie doch zur Sache zurück!«

 

»Das werde ich sofort tun. Es handelt sich im Moment um Folgendes, meine Herren. Ein Polizist meldete, daß er gestern morgen um zwei einen Mann verfolgte, der aus einem Fenster der Firma Maber sprang. Leider hat er ihn aus den Augen verloren. Ich habe also eben von Ihnen gehört, wie Sie in das Haus gekommen sind. Nun möchte ich noch wissen, wie Sie wieder herausgekommen sind.«

 

»Durch ein Fenster«, rief Julius verzweifelt. Im Hintergrund sah er schon das Gefängnistor, das sich langsam für ihn öffnete. »Sie müssen noch verschiedenes über Mr. Maber erfahren«, sagte er hastig, um das Gespräch endlich auf ein anderes Thema zu bringen. »Er war ein sehr freundlicher, gutherziger Mann, aber er stand vollkommen unter dem Einfluß von Frauen. Dieses Mädchen –«

 

»Das gehört im Augenblick nicht hierher«, entgegnete der Inspektor scharf. »Sind Sie aus dem Fenster gesprungen oder nicht?«

 

»Ich habe ja schon gesagt, daß ich aus dem Fenster gesprungen bin!«

 

»Wurden Sie von der Polizei verfolgt?«

 

»Ja.«

 

»Dann kommen Sie jetzt bitte mit mir zur Polizeistation«, forderte Mr. Finney Julius unerwartet auf.

 

Wie im Traum ging Mr. Colesberg an der Seite des Beamten eine dunkle, enge Straße entlang, bis sie zu einem düsteren Gebäude kamen, vor dessen Eingang eine große, blaue Lampe hing. Dort wurde er verhört und unter dem Verdacht festgenommen, in der Zeit zwischen zwei und vier Uhr morgens am vergangenen Tage in das Geschäftshaus der Firma Maber & Maber eingebrochen zu sein. Ferner wurde ihm zur Last gelegt, daß er den Polizisten Thomas Wellbeloved in Ausübung seiner Pflicht angegriffen habe.

 

Mr. Atterman war Julius atemlos zur Polizeistation gefolgt, und nachdem er dies alles gehört hatte, nahm er den letzten Mut zusammen und sagte seine Meinung.

 

»Sie haben sich ja noch gar nicht um die beiden Morde gekümmert«, erklärte er mit tiefer, vorwurfsvoller Stimme, die ihm selbst ganz fremd klang.

 

»Darauf wollen wir jetzt gleich näher eingehen«, erwiderte der Inspektor. »Vielleicht begleiten Sie uns ein wenig?«

 

»Nein, herzlichen Dank«, entgegnete Mr. Atterman hastig. »Sie wissen ja, wo Sie mich finden können — ich bin Mr. Atterman, Chef der Firma Atterman Brothers.«

 

»Ich weiß ganz genau, wer Sie sind.«

 

Die Stimme des Inspektors klang drohend, und Mr. Atterman fuhr schaudernd zusammen.

 

Kapitel 7

 

7

 

Daß Mr. Maber grausam und hinterlistig ermordet worden war, stand bei beiden zweifellos fest. Die blutigen Kleidungsstücke waren der untrüglichste Beweis dafür. Selbst Mr. Atterman schauderte, als er die verdächtigen Flecken wieder betrachtete.

 

»Ich weiß nicht, das sieht aber doch eigentlich mehr wie ein Weinfleck aus«, meinte Julius und zeigte auf den Einsatz des Oberhemdes.

 

Atterman nickte traurig.

 

»Wahrscheinlich hat sie ihn betrunken gemacht und dann in einen Hinterhalt gelockt. Und das alles nur um des schnöden Mammons willen! So jung, und schon so entsetzlich verdorben! Oh, das Geld ist doch ein furchtbarer Fluch für die Menschheit!«

 

Julius pflichtete ihm bei.

 

»Und ich hatte ihn doch so gern«, fuhr Atterman salbungsvoll fort. »Er mußte einem ja auch sympathisch sein bei seinem freundlichen Wesen. Er war wirklich ein charmanter Mensch.«

 

»Ja, das dachte ich auch immer.«

 

»Ein vornehmer Charakter.« Atterman seufzte.

 

»Wahrscheinlich hat ihn der Tod ereilt, bevor er ein Testament machen konnte«, meinte Julius. »Diese sorglosen älteren Herren kümmern sich leider meist wenig um die Zukunft. Aber er hatte wirklich viele angenehme Seiten, vor allem zeigte er sich immer sehr dankbar. Ich weiß noch, wie es eines Tages regnete, und ich ihm mein Taxi überließ –«

 

»Schrecklich, daß die Öffentlichkeit davon erfahren muß«, unterbrach ihn Mr. Atterman. »Auf der anderen Seite hebt es natürlich das Geschäft, wenn die Öffentlichkeit interessiert ist. Diese Miß Storr –« Er zuckte die Schultern.

 

»Es ist eigentlich schade um sie«, erwiderte Julius, »aber Gesetz bleibt Gesetz.«

 

So saßen sie in düsterer Stimmung zusammen und sprachen nur Gutes von dem allzu früh Verschiedenen. Unter welch seltsamen Umständen mochte er wohl den Tod gefunden haben? Sie stellten allerhand Theorien auf, bis sie durch Mr. Peekers Erscheinen in dieser Beschäftigung gestört wurden.

 

»Soviel ich verstanden habe, handelt es sich um einen Mord?« begann der Detektiv ruhig und geschäftsmäßig.

 

Mr. Atterman erzählte ihm umständlich die ganze Geschichte.

 

Peeker hörte schweigend zu und betrachtete dann das Oberhemd und die anderen Kleidungsstücke.

 

»Zweifellos Blut. Und das hier ist Straßenschmutz«, erklärte er und nahm geistesabwesend eine der kostbaren Zigarren vom Schreibtisch. Julius reichte ihm fast ehrfurchtsvoll sein Taschenfeuerzeug.

 

»Der Rock ist im Streit zerrissen worden«, fuhr Mr. Peeker fort. »Wenn man das Verbrechen rekonstruiert, ergibt sich, daß der Mörder sein Opfer am Kragen packte. Sehen Sie, so.« Er würgte den armen Julius an der Kehle, so daß dessen Gesicht dunkelrot wurde. Dann schlug er ihm auf den Kopf. »Nein, so ist es unmöglich. Ich will es einmal mit der rechten Hand versuchen.«

 

»Es genügt, wenn Sie uns erzählen, was geschehen ist«, sagte Julius ängstlich. »Es ist wirklich nicht nötig, daß Sie es uns obendrein noch praktisch vorführen.«

 

»Also, hören Sie zu. Der Verbrecher packte ihn mit der Rechten und schlug mit der Linken zu. Deshalb sehen Sie auch die rostroten Blutflecken auf der rechten Seite des Hemdes. Mit einer schweren Champagnerflasche zertrümmerte er ihm den Schädel. Diese Weinflecken beweisen das!«

 

»Aber Champagner ist doch gelb und nicht rot«, wandte Mr. Atterman ein.

 

»Manche Champagnersorten werden rot, wenn man sie der Luft aussetzt«, entgegnete Mr. Peeker unbeirrt. »Man darf wohl annehmen, daß er auf die Straße geschleppt wurde — die Frau hatte einen Komplicen — einen großen, dunklen Mann.«

 

»Woher wissen Sie denn das?« fragte sein Chef verblüfft.

 

Peeker gab darüber aber keine weitere Auskunft. Der Mörder mußte eben ein großer, dunkler Mann sein. Ein kleiner Mensch mit blonden Haaren war doch als Täter undenkbar!

 

»Die Leiche wurde eine ganze Strecke über den Boden geschleift — wahrscheinlich in ein leeres Haus!«

 

Mr. Peeker nahm die schwarzen Lackschuhe aus dem Koffer, die die anderen übersehen hatten.

 

»Betrachten Sie einmal die Risse hier«, sagte er und zeigte die Stelle. »Jemand muß ihm mit aller Gewalt auf den Fuß getreten haben, das können Sie deutlich an der Oberfläche des Leders bemerken.«

 

Dann untersuchte der Detektiv den Inhalt der inneren Brusttasche des Rocks und brachte zwei grüne Theaterkarten zum Vorschein.

 

»Er ist mit ihr zuerst im Empire-Theater gewesen«, stellte er lakonisch fest.

 

Bei der Prüfung der zweiten Tasche machte er eine sehr wichtige Entdeckung. Er fand ein Stück zusammengeknittertes, dickes Papier, das offensichtlich von einer Weinliste abgerissen war. Auf der Rückseite standen einige Worte, die mit Bleistift hingekritzelt waren:

 

»Liebe Barbara — um Himmels willen, sage keiner Menschenseele …«

 

»Allem Anschein nach wußte sie etwas von ihm«, meinte Peeker, der die einzelnen Tatsachen jetzt aneinanderreihte. »Sie drohte, diese Dinge bekanntzumachen und ihn in der Öffentlichkeit bloßzustellen, verlangte eine hohe Summe, und als er sich weigerte …«

 

Er zuckte vielsagend die Schultern.

 

»Das ist eine Sache für die Polizei«, begann Atterman.

 

Peeker hob warnend die Hand.

 

»Lassen Sie bloß diese unfähigen Leute aus dem Spiel. Es ist doch möglich, daß Mr. Maber noch lebt!«

 

Atterman atmete schwer. »Sie meinen –?«

 

»Es gibt eine Menge Spelunken und Schlupfwinkel, von denen Sie sich keine Vorstellung machen. Dort können sie ihn versteckt haben. Ich sage Ihnen, ich kenne Plätze, die der wildesten Phantasie spotten. Wenn wir diesen Fall Scotland Yard melden, führen die Beamten durch ihre Ungeschicklichkeit eine Katastrophe herbei, die womöglich Mr. Mabers Tod zur Folge hat! Und Tote können nicht mehr sprechen«, fügte er mit hohler Stimme hinzu.

 

»Ja, was wollen wir denn dann unternehmen?« fragte Julius, aufgelöst vor Schrecken.

 

»Überlassen Sie alles nur mir«, erwiderte der Detektiv und zog ein Notizbuch heraus. »Geben Sie mir bitte die Privatadresse von Miß Storr. Wo kann ich sie finden? Und wie ist Mr. Mabers Privatadresse?«

 

Als er alles notiert hatte, klappte er das Buch energisch zu.

 

»Die Sache ist ganz klar«, faßte er dann sein Urteil noch einmal zusammen. »Das Mädchen ist in Schwierigkeiten — wahrscheinlich in den Händen von Wucherern. In ihrer Verzweiflung überredet sie den alten Maber, mit ihr zu Abend zu speisen. Später gehen sie zum Empire-Theater, wo sie ihren Komplicen trifft. Unter irgendeinem Vorwand — zum Beispiel, um den Dritten nach Hause zu bringen — fährt sie Maber in eine einsame Gegend. Er steigt aus, wird nach einem kurzen, verzweifelten Kampf niedergeschlagen und in einen Keller geschleppt. Das Mädchen möchte ihn aufs Land schaffen, wo er nicht so leicht gefunden werden kann. Sie besorgt sich deshalb einen gewöhnlichen Anzug von Mr. Maber. Ein Mann im Frack würde ja sofort auffallen und Verdacht erregen. Sie betäubt ihn — und was dann noch geschehen ist, können Sie sich ja selbst denken.«

 

»Was ist denn geschehen?« erkundigte sich Julius, der sich das durchaus nicht selbst denken konnte.

 

»Überlassen Sie es nur mir, den Fall aufzuklären«, wiederholte Mr. Peeker, ohne auf diese Frage einzugehen. »In vierundzwanzig Stunden mögen Sie die Polizei benachrichtigen. In achtundvierzig Stunden werden die beiden Verbrecher, die den Mord auf dem Gewissen haben, hinter Schloß und Riegel sitzen. Sonst noch etwas, Mr. Atterman?«

 

Er benahm sich, als ob es kaum der Mühe wert gewesen wäre, ihn wegen eines so einfachen Mordfalles nach dem Regent’s Park zu rufen.