1. Kapitel

Huck soll sievilisiert werden – Moses in den Schilfern – Miss Watson – Tom Sawyer wartet

1. Kapitel

Da ihr gewiß schon die Abenteuer von Tom Sawyer gelesen habt, so brauche ich mich euch nicht vorzustellen. Jenes Buch hat ein gewisser Mark Twain geschrieben und was drinsteht ist wahr – wenigstens meistenteils. Hie und da hat er etwas dazugedichtet, aber das tut nichts. Ich kenne niemand, der nicht gelegentlich einmal ein bißchen lügen täte, ausgenommen etwa Tante Polly oder die Witwe Douglas oder Mary. Toms Tante Polly und seine Schwester Mary und die Witwe Douglas kommen alle in dem Buche vom Tom Sawyer vor, das wie gesagt, mit wenigen Ausnahmen eine wahre Geschichte ist. – Am Ende von dieser Geschichte wird erzählt, wie Tom und ich das Geld fanden, das die Räuber in der Höhle verborgen hatten, wodurch wir nachher sehr reich wurden. Jeder von uns bekam sechstausend Dollars, lauter Gold. Es war ein großartiger Anblick, als wir das Geld auf einem Haufen liegen sahen. Kreisrichter Thatcher bewahrte meinen Teil auf und legte ihn auf Zinsen an, die jeden Tag einen Dollar für mich ausmachen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen soll. Die Witwe Douglas nahm mich als Sohn an und will versuchen, mich zu sievilisieren wie sie sagt. Das schmeckt mir aber schlecht, kann ich euch sagen, das Leben wird mir furchtbar sauer in dem Hause mit der abscheulichen Regelmäßigkeit, wo immer um dieselbe Zeit gegessen und geschlafen werden soll, einen Tag wie den andern. Einmal bin ich auch schon durchgebrannt, bin in meine alten Lumpen gekrochen, und – hast du nicht gesehen, war ich draußen im Wald und in der Freiheit. Tom Sawyer aber, mein alter Freund Tom, spürte mich wieder auf, versprach, er wolle eine Räuberbande gründen und ich solle Mitglied werden, wenn ich noch einmal zu der Witwe zurückkehre und mich weiter ›sievilisieren‹ lasse. Da tat ich’s denn.

Die Witwe vergoß Tränen, als ich mich wieder einstellte, nannte mich ein armes, verirrtes Schaf und sonst noch allerlei, womit sie aber nichts Schlimmes meinte. Sie steckte mich wieder in die neuen Kleider, in denen es mir immer ganz eng und schwül wird. Überhaupt ging’s nun vorwärts im alten Trab. Wenn die Witwe die Glocke läutete, mußte man zum Essen kommen. Saß man dann glücklich am Tisch, so konnte man nicht flott drauflos an die Arbeit gehen, Gott bewahre, da mußte man abwarten bis die Witwe den Kopf zwischen die Schultern gezogen und ein bißchen was vor sich hingemurmelt hatte. Damit wollte sie aber nichts über die Speisen sagen, o nein, die waren ganz gut soweit, nur mißfiel mir, daß alles besonders gekocht war und nicht Fleisch, Gemüse und Suppe alles durcheinander. Eigentlich mag ich das viel lieber, da kriegt man so einen tüchtigen Mund voll Brühe dabei und die hilft alles glatt hinunterspülen. Na, das ist Geschmacksache!

Nach dem Essen zog sie dann ein Buch heraus und las mir von Moses in den Schilfern vor und ich brannte drauf, alles von dem armen kleinen Kerl zu hören. Da, mit einemmal sagte sie, der sei schon eine ganze Weile tot. Na, da war ich aber böse und wollte nichts weiter wissen – was gehen mich tote und begrabene Leute an? Die interessieren mich nicht mehr! –

Dann hätt‘ ich gern einmal wieder geraucht und fragte die Witwe, ob ich’s dürfe. Da kam ich aber gut an! Sie sagte, das gehöre sich nicht für mich und sei überhaupt »eine gemeine und unsaubere Gewohnheit«, an die ich nicht mehr denken dürfe. So sind nun die Menschen! Sprechen über etwas, das sie gar nicht verstehen! Quält mich die Frau mit dem Moses, der sie weiter gar nichts angeht, der nicht einmal verwandt mit ihr war und mit dem jetzt nichts mehr anzufangen ist, und verbietet mir das Rauchen, das doch gewiß gar nicht so übel ist. Na, und dabei schnupft sie, aber das ist natürlich ganz was andres und kein Fehler, weil sie’s eben selbst tut.

Ihre Schwester, Miss Watson, eine ziemlich dürre, alte Jungfer, die gerade zu ihr gezogen war, machte nun einen Angriff auf mich, mit einem Lesebuch bewaffnet. Eine Stunde lang mußte ich ihr standhalten und dann löste sie die Witwe mit ihrem Moses wieder ab, und ich war nun sozusagen zwischen zwei Feuern. Lange konnte das nicht so weitergehen, und es trat denn auch glücklicherweise bald eine Stunde Pause ein. Nun langweilte ich mich aber schrecklich und wurde ganz unruhig. Alsbald begann Miss Watson: »Halt doch die Füße ruhig, Huckleberry«, oder »willst du keinen solchen Buckel machen, Huckleberry, sitz doch gerade!« und dann wieder »so recke dich doch nicht so, Huckleberry, und gähne nicht, als wolltest du die Welt verschlingen, wirst du denn nie Manieren lernen?«, und so schalt sie weiter bis ich ganz wild wurde. Dann fing sie an, mir von dem Ort zu erzählen, an den die bösen Menschen kommen, worauf ich sagte, ich wünschte mich auch dahin. Da wurde sie böse und zeterte gewaltig, so schlimm hatte ich’s aber gar nicht gemeint, ich wäre nur gern fortgewesen von ihr, irgendwo, der Ort war mir ganz einerlei, ich bin überhaupt nie sehr wählerisch. Sie aber lärmte weiter und sagte, ich sei ein böser Junge, wenn ich so etwas sagen könne, sie würde das nicht um die Welt über die Lippen bringen, ihr Leben solle so sein, daß sie dermaleinst mit Freuden in den Himmel fahre. Der Ort, mit ihr zusammen, schien mir nun gar nicht verlockend, und ich beschloß bei mir, das meinige zu tun, um nicht mit ihr zusammenzutreffen. Sagen tat ich aber nichts, das hätte die Sache nur schlimmer gemacht und doch nichts geholfen.

Sie war aber nun einmal am Himmel, dem Ort der Glückseligen, wie sie’s nannte, angelangt und teilte mir alles mit, was sie drüber wußte. Sie sagte, alles was man dort zu tun habe, sei, den ganzen Tag lang mit einer Harfe herumzumarschieren und dazu zu singen immer und ewig. Das leuchtete mir nun gar nicht ein, ich schwieg aber und fragte nur, ob sie meine, mein Freund Tom Sawyer werde auch dort hinkommen, was sie ziemlich bestimmt verneinte. Mich freute das nicht wenig, denn Tom und ich, wir beide müssen beisammen bleiben.

Miss Watson predigte immer weiter, und mir wurde dabei ganz elend zumute. Dann kamen die Nigger herein, es wurde gebetet, und jedermann ging zu Bett. Ich auch. Ich stieg mit meinem Stummel Kerze in mein Zimmer hinauf und stellte das Licht auf den Tisch. Dann setzte ich mich auf einen Stuhl vors Fenster und probierte, an etwas Lustiges zu denken. Das nützte aber wenig. Ich fühlte mich so allein, daß ich wünschte, ich wäre tot. Die Sterne glitzerten und blitzten, und die Blätter rauschten so schaurig auf den Bäumen. Ich hörte aus der Ferne eine Eule, deren Schrei jemandes Tod bedeutete, und dann einen Hund, dessen klägliches Geheul verkündete, daß einer im Sterben liege, und der Wind schien mir etwas klagen zu wollen, was ich nicht verstand, so daß ich bald am ganzen Leibe zitterte und mir der kalte Schweiß auf die Stirne trat. Die ganze Nacht schien von lauter armen, unglücklichen Geistern belebt, die keine Ruhe in ihren Gräbern fanden und nun da draußen herumheulten, jammerten und zähneklapperten. Mir wurde heiß und kalt, und ich hätte alles drum gegeben, wenn jemand bei mir gewesen wäre. Da kroch mir auch noch eine Spinne über die linke Schulter, ich schnellte sie weg und gerade ins Licht, und ehe ich noch zuspringen konnte, war sie verbrannt. Daß das ein schlimmes Zeichen ist, weiß jedes Kind, und mir schlotterten die Knie, als ich nun begann meine Kleider abzuwerfen. Ich drehte mich dreimal um mich selbst und schlug mich dabei jedesmal an die Brust, nahm dann einen Faden und band mir ein Büschel Haare zusammen, um die bösen Geister fernzuhalten; doch hatte ich kein großes Vertrauen zu diesen Mitteln. Sie nützen wohl, wenn man ein gefundenes Hufeisen wieder verliert, anstatt es über der Türe anzunageln, oder bei dergleichen kleineren Fällen; wenn man aber eine Spinne getötet hat, da weiß ich nicht, was man tun kann, um das Unglück fernzuhalten. So setzte ich mich zitternd auf den Bettrand und zündete mir zur Beruhigung mein Pfeifchen an. Das Haus war so still und die Witwe nicht in meiner Nähe. So saß ich lange, lange. Da schlug die Uhr von der Ferne – bum – bum – bum – bum, zwölfmal, und wieder war alles still, stiller als vorher. Plötzlich höre ich etwas unten im Garten unter den Bäumen, ein Rascheln und Knacken, ich halte den Atem an und lausche. Wieder hör‘ ich’s, und dabei, leise wie ein Hauch, das schwächste ›Miau‹ einer Katze. »Miau, miau« tönt’s kläglich und langgezogen. Und »miau, miau« antworte ich ebenso kläglich, ebenso leise, schlüpfe rasch in meine Kleider, lösche das Licht aus und steige durch das Fenster auf das Schuppendach. Dann lasse ich mich zu Boden gleiten, krieche auf allen vieren nach den Schatten der Bäume, und da war richtig und leibhaftig Tom Sawyer, mein alter Tom, und wartete auf mich.

10. Kapitel

Der Fund – Vater Bunker – Verkleidet

10. Kapitel

Nach dem Frühstück hätte ich gern unsere Erlebnisse besprochen und begann von dem Toten, den wir in der schwimmenden Hütte gefunden; Jim aber wollte nicht drauf eingehen, weil das Unglück bringe. Auch meinte er, der Geist des Toten könne uns erscheinen, denn einer, der nicht begraben sei, treibe sich noch viel leichter um als einer, der zufrieden und behaglich in der Erde liege. Das schien mir soweit vernünftig, und so bestand ich nicht weiter drauf, die Sache zu besprechen, zerbrach mir aber im stillen den Kopf, wer wohl den Mann erschossen habe und warum sie es getan.

Dann untersuchten wir die alten Lumpen von Kleidern, die wir uns mitgenommen hatten, und fanden in dem zerrissenen Futter eines alten Überziehers acht Dollar in Silber eingenäht. Jim meinte, die Leute in jenem Hause hätten gewiß den Rock gestohlen, denn wenn sie etwas vom Geld gewußt, hätten sie es wohl nicht so freundlich hinterlassen. Ich dachte mir, der Rock habe gewiß dem Toten gehört, aber da mich Jim gewarnt hatte, wollte ich nicht länger mehr darüber sprechen.

Etwas aber mußte ich ihn doch fragen: »Jim, du sagst, es bringt Unglück, wenn man von den Toten spricht, aber das nämliche hast du auch behauptet, als ich neulich die Schlangenhaut fand und anrührte. Da hast du gemeint, das sei das Schlimmste, was man tun könne. Siehst du nun das furchtbare Unglück, das es uns gebracht hat? Wir haben acht Dollar und dazu diesen ganzen Kram erobert. Hätten wir doch jeden Tag solch ein Unglück, Jim!«

»Du nix sein so sicher, Huck, nix sein so sicher. Dich nix machen mausig. Es schon kommen! Jim dir sagen: Es schon kommen!«

Und es kam wirklich. Am Dienstag war’s, daß wir uns so drüber unterhielten. Am Freitag darauf, nach dem Mittagessen, lagen wir oben auf dem Hügel im Gras und schmauchten unser Pfeifchen. Der Tabak war uns ausgegangen, und ich lief zur Höhle, um welchen zu holen, und entdeckte dort plötzlich eine Klapperschlange. Ich nicht faul, hau‘ ihr eins über den Kopf, daß sie das Aufstehen vergißt, nehm‘ sie dann und lege sie so natürlich wie möglich zusammengerollt unten auf Jims Lager; ich wollt‘ ihn einmal tüchtig erschrecken und ordentlich auslachen hinterher. Am Abend hatte ich jedoch alles wieder vergessen, und als wir zur Höhle kamen und Jim sich auf seine Decke ausstreckte, während ich Licht machte, wurde er von dem Weibchen der toten Schlange, das am Nachmittag herzugekrochen war, gebissen.

Brüllend sprang er auf, und das erste, was wir beim Lichte sahen, war das Schlangenvieh, wie’s den Kopf bedrohlich erhob und sich eben zu einem zweiten Biß anschicken wollte. Im nächsten Moment hatte ich mit einem Knüppel das Biest seinem Kameraden nachgesandt, während Jim meines Alten Branntweinkrug zu fassen kriegte und den Inhalt hastig hinunterzustürzen begann.

Er war barfuß, und die Schlange hatte ihn gerade in die Ferse gebissen. Das war nun ganz allein meine Schuld. Jedes Kind weiß, daß, wo man eine, tote Schlange liegen läßt, sich deren Gefährte unfehlbar nach kurzer Zeit einstellt, um sich um den toten Kameraden zu ringeln, und ich Dummkopf mußte das vergessen. Jim hieß mich der Schlange den Kopf abhacken, denselben wegwerfen, dann die Haut abziehen und ein Stück vom Fleische rösten. Ich tat’s, und er aß es und sagte es werde ihm helfen. Auch die Klappern mußte ich loslösen und sie ihm ums Handgelenk binden, das sei auch ein gutes Mittel, sagte er. Dann schlich ich mich leise hinaus und warf die Schlangen in die Büsche; Jim durfte nicht dahinterkommen, daß ich der Anstifter von all dem Unheil war, wenn ich’s irgendwie verhindern konnte.

Jim saugte und saugte an dem Branntweinkrug wie ein Kind an seiner Milchflasche, hie und da kam’s über ihn, und er tanzte wie besessen auf einem Bein herum und brüllte fürchterlich dazu, jedesmal aber, wenn er wieder zu sich kam, machte er sich aufs neue an den Schnaps. Sein Fuß schwoll dick an, ebenso das Bein, aber allmählich stellte sich ein ordentlicher, regelrechter Rausch ein, und ich dachte, nun sei er gerettet. Ich hätte lieber selbst für den Biß gebüßt, als des Alten Branntwein so herhalten sehen zu müssen.

Vier Tage und vier Nächte mußte Jim auf seinem Lager aushalten, dann war die Geschwulst wieder vergangen, und er war wieder heil und gesund. Ich schwor mir, nie wieder eine Schlangenhaut anzurühren, ich hatte genug an den Folgen vom letztenmal. Jim meinte, ein andermal würde ich wohl gleich auf ihn hören und ihn nicht wieder auslachen. Und das will ich auch, weiß Gott! Dann sagte er, er sei immer noch nicht überzeugt, daß wir ganz über die schlimmen Folgen hinaus seien. Er wolle lieber tausendmal über seine linke Schulter in den Neumond sehen, denn das sei nicht halb so gefährlich, wie die Berührung einer Schlangenhaut. Davon war ich jetzt beinahe selbst überzeugt, obgleich ich bis dahin das erstere für das Schlimmste und das Dümmste gehalten hatte, was der Mensch tun könne. Der alte Vater Bunker, wie er in der Stadt hieß, hatte es einmal getan, und es war ihm schrecklich übel bekommen, denn beinahe zwei Jahre danach war er im Rausch vom Kirchturm gestürzt und war unten beim Auffallen flach wie ein Pfannkuchen geworden, so daß sie ihn, statt im Sarge, zwischen zwei alten Stalltüren begraben mußten – so wurde wenigstens erzählt, ich bin nicht dabeigewesen. Mein Alter hat noch oft davon gesprochen und daß alles nur daher gekommen sei, weil Vater Bunker einmal unvorsichtigerweise über die linke Schulter in den Neumond gesehen. Der alte Narr, der er war!

Die Tage verstrichen, und der Strom trat wieder in seine Ufer zurück. Wir wußten nichts Eiligeres zu tun, als einem Kaninchen die Haut abzuziehen, es als Köder auf einem der großen Fischhaken zu befestigen, die wir mit den andern Sachen im schwimmenden Haus gefunden hatten, und die Leine auszuwerfen. Wir fingen damit auch wirklich einen Katzenfisch, der seinesgleichen suchte. Er war groß und schwer wie ein Mensch, sechs Fuß lang und wog zweihundert Pfund. Wir konnten ihn natürlich nicht ans Ufer ziehen, der hätte uns quer übers Wasser nach Illinois hinübergerissen, und so saßen wir und warteten geduldig, bis er sich zu Tode gezappelt hatte. Es war wohl der größte Fisch, der je im Mississippi gefunden wurde; Jim wenigstens sagte, er habe nie einen größeren gesehen. Was der drüben in der Stadt wert gewesen wäre! Da hätte man das Fleisch pfundweise verkaufen können; es ist so schneeweiß und schmeckt so gut, besonders gebacken.

Am andern Morgen war es mir gar so traurig und langweilig zumute, und ich überlegte mir, was ich anstellen könnte, um mich wieder ein bißchen aufzurappeln. Da fiel mir ein, daß ich ja einmal ein wenig ans Land übersetzen und sehen könnte, was dort los sei. Jim gefiel der Plan, nur riet er, ruhig zu warten, bis es dunkel zu werden beginne, und empfahl mir, überhaupt sehr vorsichtig zu sein. Nach einigem Besinnen meinte er, ob ich mich nicht mit den Frauenkleidern und Hüten, die wir erbeutet, vielleicht als Mädchen, verkleiden könnte. Das war mal wieder eine gute Idee! Wir machten also einen der Röcke kürzer, dann schlug ich meine Hosen übers Knie hinauf und schlüpfte in den Rock hinein. Jim hakte ihn hinten ein, und er paßte wundervoll. Dann nahm ich einen der Hüte, einen alten Kapotthut mit riesigen Scheuledern nach vorn, und band ihn unterm Kinn zusammen. Wer nun mein Gesicht sehen wollte, mußte sich große Mühe geben, um es im Hintergrund der Ofenröhre erblicken zu können. Jim meinte, kein Sterbensmensch könne mich so erkennen, selbst bei Tageslicht nicht. Den ganzen Tag lang übte ich mich in dem ungewohnten Anzug und war am Abend so ziemlich damit vertraut, nur tadelte Jim, daß ich gar nicht zierlich wie ein Mädchen gehe und auch immer den Rock aufhebe, um an meine Hosentaschen zu gelangen. Das ließ ich mir gesagt sein und suchte es besser zu machen.

So nahm ich denn mein Boot und begab mich gegen Abend auf den Weg zur Stadt, kreuzte die Fähre und trieb am Ufer entlang bis zu den ersten Häusern. In einer kleinen Hütte, die ich kannte und die, wie ich wußte, lange leer gestanden hatte, brannte ein Licht. Ich war neugierig, wer sich wohl da einquartiert haben könnte. So schlich ich zum Fenster und spähte hinein. Eine Frau von vielleicht vierzig Jahren saß vor einem Talglicht und strickte. Ihr Gesicht war mir unbekannt, sie mußte fremd sein in der Gegend, denn auf Meilen in die Runde gab’s niemand, den ich nicht gekannt hätte. Das fremde Gesicht war nun ein Glückszufall, denn mir war mittlerweile das Herz in die Stiefel gefallen; ich hatte schon befürchtet, ich könne erkannt werden, und bereute das ganze Abenteuer. Selbst meine Stimme konnte mich verraten und zur Entdeckung führen. Der Fremden gegenüber brauchte ich nun aber gar keine Angst zu haben, und hielt sich die Frau auch nur seit zwei Tagen in dem kleinen Städtchen auf, so konnte sie mir so gut Auskunft geben über alles, was ich zu wissen wünschte, wie sonst jemand. So klopfte ich denn an die Tür und nahm mir fest vor, ja nicht zu vergessen, daß ich ein Mädchen sei.

11. Kapitel

Huck und die Frau – Nachforschungen – Ausflüchte »Ich will nach Goshen!« – »Jim, Jim, sie sind hinter uns her!«

11. Kapitel

»Herein!« rief die Frau, und ich trat hinein.

Sie beginnt: »Nimm ’nen Stuhl!«

Ich tat’s. Sie betrachtet mich aufmerksam von oben bis unten mit ihren kleinen, glänzenden Äuglein und fragt dann: »Wie heißt du denn?«

»Sarah Williams!«

»Wo wohnst du? Hier in der Gegend?«

»O nein, in Hookerville, sieben Meilen von hier. Ich bin den ganzen Weg zu Fuß gegangen und halb tot vor Müdigkeit!«

»Gewiß auch hungrig! Wart, ich hol‘ dir was!«

»Nein, hungrig bin ich nicht, ich war’s aber so schrecklich, daß ich zwei Stunden von hier auf einer Farm die Leute um Essen bat, und deshalb bin ich auch so spät dran. Meine Mutter ist krank und hat kein Geld und nichts, und ich soll zu meinem Onkel Abner Moore und es ihm sagen. Er wohnt am andern Ende der Stadt, sagt Mutter. Ich bin noch nie hier gewesen. Kennen Sie ihn?«

»Nein! Aber ich bin auch erst vierzehn Tage hier und kann noch nicht jedermann kennen. Es ist aber ein weiter Weg bis ans andere Ende der Stadt. Du bleibst am besten die Nacht über bei uns. Nimm doch deinen Hut ab!«

»Nein, danke«, sag‘ ich, »ich will nur ein Weilchen ausruhen und dann wieder weitergehen. Ich fürchte mich nicht im Dunkeln!«

Sie sagte, allein ließe sie mich auf keinen Fall gehen, ihr Mann käme bald nach Hause und der solle mich begleiten. Dann erzählte sie von ihrem Mann und von ihren Verwandten stromauf- und stromabwärts, und wie es ihnen früher so viel besser ergangen und ob es nicht vielleicht eine Torheit gewesen, hierher zu kommen, anstatt zu bleiben wo sie waren, und so weiter und so weiter, bis ich dachte, ich hätte eine Dummheit gemacht, zu ihr zu kommen, um Neues aus der Stadt zu erfahren. Allmählich aber kam sie ins richtige Fahrwasser und fing von meinem Alten und dem Morde an; ich ließ sie weiterschwatzen, solange es ihr behagte. Sie erzählte von mir und von Tom Sawyer, wie wir die sechstausend Dollars gefunden – nur waren’s bei ihr zehntausend geworden –, von meinem Alten, was er für ein Lump sei, und was für ein Lump ich gewesen, und nach und nach war sie bis zu meinem Mord vorgerückt. Da frag‘ ich: »Wer hat’s denn eigentlich getan? Von dem Mord haben wir auch in Hookerville gehört, aber nicht, wer’s getan hat!«

»Na, da geht’s euch gerade wie allen hier! Wie viele würden was drum geben, wenn sie wüßten, wer’s getan hat. Manche glauben, der alte Finn sei’s selbst gewesen!«

»Nein! Wahrhaftig?«

»Fast alle glaubten’s zuerst. Der wird wohl nie erfahren, wie dicht am Galgen er vorbeigestreift ist, der Lump! Noch vor Nacht aber änderte sich die Meinung der Leute, und man hatte nun einen durchgebrannten Nigger namens Jim im Verdacht!«

»Was, der war ja …«

Ich schnappte nach Luft und dachte, ich will lieber still sein. Sie hatte gar nichts gemerkt und fuhr ruhig fort: »Ja, der Nigger war in derselben Nacht durchgebrannt, in der Huck Finn ermordet wurde. Man hat eine Belohnung auf seinen Kopf gesetzt – dreihundert Dollar. Auch für die Auffindung des alten Finn ist eine Belohnung von zweihundert Dollar ausgesetzt worden. Der war am Morgen nach dem Mord in die Stadt gekommen, um Anzeige zu machen, war auch mit den Leuten auf dem Boot, um den Leichnam zu suchen, gleich danach aber war er verschwunden, und als am Abend die Leute sich soweit klar waren, daß sie ihn hängen wollten, war er nirgends mehr zu finden. Am andern Tag kam dann heraus, daß auch der Nigger fehle und daß der gerade in der Mordnacht um zehn Uhr zum letztenmal gesehen worden sei. Jetzt fiel der Verdacht auf den, und am selben Tag kam auch der alte Finn zurück und plagte Kreisrichter Thatcher, ihm Geld zu geben, daß er den Nigger, dem elenden Mörder, nachsetzen könne. Der gab ihm ein paar Dollars, und am Abend hatte er einen tüchtigen Rausch und randalierte in den Straßen herum mit noch zwei anderen Strolchen, die recht gerieben aussahen. Mit denen ging er auch schließlich davon. Seitdem ist er nicht wieder gesehen worden, und niemand sehnt sich nach ihm, denn nun ist wieder alles fest davon überzeugt, daß er seinen Jungen selbst getötet und dann alles so zurechtgemacht hat, als seien es fremde Mörder gewesen, nur um den Leuten Sand in die Augen zu streuen. Er dachte dadurch viel schneller das Geld seines Sohnes ausgeliefert zu bekommen, als wenn er den langweiligen Prozeß abwarten müßte. Man traut ihm alles zu, dem schlechten Kerl! Oh, der ist schlau! Wenn er sich jetzt ein Jahr lang fern hält, wird alles verblasen sein. Beweisen kann man ihm ja nichts, und er kann dann mit der größten Leichtigkeit Hucks Erbschaft antreten.«

»Natürlich, dann hindert ihn nichts mehr dran, das sag‘ ich auch. Der Schuft! Auf den Nigger hat man also gar keinen Verdacht mehr?«

»Ei freilich, aber so ganz sicher ist man doch nicht. Na, den werden sie bald wieder haben und es dann schon aus ihm herauspressen!«

»Was, sind sie denn hinter ihm her?«

»Na, du bist aber gut! Dreihundert Dollars läßt man doch nicht so mir nichts dir nichts auf der Straße liegen. Weit kann er ja auch noch gar nicht sein. Das sagen viele, und ich gehöre zu denen. Sprech‘ ich da vor ein paar Tagen mit einem alten Pärchen, das gleich da vorn in der kleinen Blockhütte wohnt. Die erzählten mir, die Insel da draußen im Strom sei ganz unbewohnt, da komme nie jemand hin. Denk‘ ich, du willst doch blind werden, wenn du nicht vor ein paar Tagen dort Rauch gesehen hast; wer weiß, ob da nicht der Nigger steckt? Seitdem hatt‘ ich nichts wieder gesehen, vielleicht war er also schon weiter. Sagen tat ich aber nichts, sondern denk‘: Wart’st bis dein Alter kommt. Der war nämlich vor ein paar Tagen mit einem Freunde stromaufwärts gegangen und ist erst vorhin, vor zwei Stunden, wiedergekommen. Da hab‘ ich ihm gesagt, was ich weiß und was ich denke, und nun will er mit noch einem hinüber und nachsehen!«

Mir war’s, als säß‘ ich auf heißen Kohlen. Ich rutschte hin und her und mußte mir was zu schaffen machen. Ich nehm‘ also eine Nadel vom Tisch und probier‘, sie einzufädeln. Aber meine Hände zitterten in einem fort, und ich konnte nicht damit fertig werden. Plötzlich hört die Frau zu reden auf, und als ich aufblicke, bemerke ich, wie sie mir immerfort zusieht und dabei so sonderbar vor sich hingrinst. Ich leg‘ Nadel und Faden weg und tu‘, als hätt‘ ich nur noch Sinn für die Geschichte, die mich auch wirklich interessierte, und frage: »Weiß Gott, dreihundert Dollar ist ein ordentlicher Klumpen Geld. Wollt‘, meine Mutter hätt’s. Geht Euer Mann noch heute nacht hinaus?«

»Versteht sich, so was muß schnell getan werden oder gar nicht. Er ist nur noch in die Stadt, um sich ein Boot und eine Flinte zu leihen! Ich glaub‘, nach Mitternacht wollen sie ausziehen!«

»Könnten sie denn am Tag nicht besser sehen?«

»O du liebe Unschuld, du! Denkst du, der Nigger sei am Tage blind? Nein, nein! Jetzt in der Nacht schläft er sicher, und die Männer können sich um so besser durch den Wald schleichen und ihn bei seinem Lagerfeuer überraschen – wenn er eins hat, heißt das!«

»Ach natürlich! Daran hab‘ ich gar nicht gedacht!«

Ich fühlte, daß die Frau mich immerzu ganz merkwürdig anstarrte, und mir war gar nicht wohl in meiner Haut. Auf einmal fragte sie: »Wie hast du doch gesagt, daß du heißt?«

»M – Mary Williams!«

Mir war’s, als hätt‘ ich vorhin nicht Mary gesagt, ob’s aber Sarah oder sonst ein Name gewesen, das wußte ich nicht mehr genau, und so wagte ich in meiner Verlegenheit kaum aufzublicken. Ich fühlte mich barbarisch in die Enge getrieben und sah sicherlich auch so aus. Hätte doch die Frau in Kuckucks Namen wenigstens etwas gesagt, aber sie saß da und starrte mich an und brachte mich beinahe zur Verzweiflung.

Spricht sie endlich ganz honigsüß: »Ei, ei, Liebchen, ich dachte, du hättest Sarah gesagt, als du vorhin kamst. Wie ist denn das?«

»Ganz recht, natürlich, Sarah Mary Williams. Sarah heiße ich ebenfalls. Man ruft mich einmal Sarah und einmal Mary, mir ist’s ganz einerlei!«

»Ach, so ist’s? Na natürlich!« Sie lachte vor sich hin.

Ich fühlte mich etwas weniger unbehaglich, wünschte aber doch zu Gott, glücklich mit heiler Haut aus der Klemme zu sein. Aufstehen mochte ich noch immer nicht.

Dann fing die Frau an zu klagen, wie schlecht die Zeiten seien und wieviel besser sie’s früher gehabt. Wie sie jetzt so kümmerlich leben müßten und wie die Ratten sie hier plagten, als seien sie Herren im Hause, und so ging’s fort, bis ich wieder ganz beruhigt war. Sie war immer noch an den Ratten. Hie und da konnte man sehen, wie eine ihre Nase aus einem Loch in der Ecke des Zimmers streckte. Die Frau erzählte, wie sie immer etwas zur Hand habe, um’s nach den frechen Geschöpfen zu werfen, wenn sie allein sei, sonst hätte sie keine leibliche Ruhe mehr. Sie zeigte mir einen Klumpen Blei, der in einer Schlinge befestigt war, und damit warf sie nach den Ratten und sagte, sie sei für gewöhnlich ein guter Schütze, habe aber eben ihren Arm verstaucht und wisse nicht, ob sie richtig zielen könne. Sie probierte es zwar, verfehlte aber das Ziel um einen Meter, schrie »autsch«, rieb sich den Arm und bat mich, es das nächstemal zu tun. Ich wäre nun für mein Leben gern weg gewesen, ehe ihr Mann einrückte, wollte mir’s aber nicht merken lassen. So nahm ich denn das Ding und zielte nach der ersten Ratte, die die Schnauze vorstreckte, und wenn sie dort geblieben wäre, wo sie war, hätte man sie keine gesunde Ratte mehr heißen können. Die Frau meinte, für’s erstemal sei’s ein Meisterschuß und die nächste Ratte sei ihres Lebens nicht sicher. Sie ging den Klumpen Blei aufzuheben und brachte einen Strang Garn zum Winden mit, wobei ich ihr helfen sollte. Ich streckte die beiden Arme aus, sie legte das Garn darüber und erzählte immer weiter von sich und ihrem Mann. Auf einmal sagte sie: »Gib nur auf die Ratten acht; da, nimm den Bleiklumpen in deinen Schoß, dann hast du ihn zur Hand!«

Sie ließ den Klumpen richtig in meinen Schoß fallen, und ich preßte die Beine fest zusammen, um ihn zu halten. Sie sprach noch eine Minute weiter, dann hört sie plötzlich auf, sieht mir fest ins Gesicht und sagt, aber gar nicht unfreundlich: »Jetzt komm, gesteh einmal wie du wirklich heißt!« – »W-wieso?«

»Also wie du in Wahrheit heißt«, fährt sie fort und tippt mir mit dem Finger auf den Arm, »heißt du Bill oder Tom oder Jack? He, heraus mit der Sprache!«

Ich zitterte und bebte am ganzen Leib und wußte kaum, was ich tun sollte. Stotter‘ ich endlich: »Das ist nicht schön, wahrhaftig nicht, so ein armes Mädchen, wie ich eins bin, auch noch auszuspotten. Wenn ich Ihnen zur Last falle, will ich –«

»Nichts willst du, still gesessen, ich tu‘ dir nichts und ich verrat dich auch nicht. Sag mir nur, wer du bist und was mit dir los ist, ich sag‘ niemand was und helf‘ dir, das versprech‘ ich dir, und mein Mann soll dir auch helfen, wenn er kann. Du bist ganz gewiß ein Lehrling, der irgendwo durchgebrannt ist; gelt, ich hab’s getroffen? Das ist aber gar kein Unglück, Kind. Man hat dich gewiß schlecht behandelt, und da hast du dich davongemacht. Nicht so? Komm, komm, ich sag‘ nichts, erzähl du mir nur alles, komm, sei ein guter Junge!«

So sagt‘ ich denn, ich sähe schon, es nütze nichts, noch weiter Komödie zu spielen, und ich wolle alles gestehen, wenn sie ihr Versprechen halte und mich nicht angebe. Dann erzählte ich ihr, daß Vater und Mutter tot seien und das Gesetz mich einem Vormund, einem alten Farmer, dreißig Meilen landeinwärts, zugesprochen habe, und wie er mich mißhandle und hungern lasse, so daß ich beschlossen habe, durchzubrennen. Er habe für ein paar Tage verreisen müssen; diese Gelegenheit habe ich benutzt, mir einige nette Kleider seiner Tochter anzueignen und in denselben das Weite zu suchen. Ich sei nun schon drei Nächte unterwegs. Bei Tag habe ich mich versteckt, und nur des Nachts sei ich gewandert. Fleisch und Brot hätt‘ ich auch mitgenommen, und das habe so ziemlich ausgereicht. Aber Moore, mein Onkel, würde sich gewiß meiner annehmen und mich vor dem alten Farmer schützen; deshalb sei ich auch hierher nach Goshen gekommen.

»Goshen, Kind? Aber du bist ja gar nicht in Goshen! Das hier ist ja Petersburg. Goshen liegt ja noch zweieinhalb Stunden flußaufwärts. Wer hat dir denn gesagt, dies sei Goshen?«

»Ei, ein Mann, den ich ganz in der Frühe traf, gerade ehe ich mich im Wald verkriechen wollte, um dort auszuschlafen. Der sagte, wenn ich an einen Kreuzweg komme, solle ich mich rechts wenden, und dann sei ich in einer Stunde in Goshen.«

»Der war sicherlich betrunken, denn er hat dich ganz falsch gewiesen, armes Kind!«

»Ja, er sah beinahe so aus, aber es liegt ja gar nichts dran. Ich mach‘ mich wieder auf die Beine und will schon vor Tag in Goshen sein, da ist mir nicht bange.«

»Wart noch einen Moment, ich hol dir noch etwas zu essen, wer weiß, wie du’s brauchen kannst!«

Und sie stopfte mir schnell allerlei zu. Dann fragte sie: »Sag einmal, mit welchem Ende eine liegende Kuh zuerst aufsteht. Und nun antwort schnell ohne dich lange zu besinnen!«

»Mit dem hinteren! – »Und ein Pferd?«

»Mit dem vorderen!«

»Auf welcher Seite eines Baumes wächst am meisten Moos?«

»Auf der Nordseite!«

»Und wenn fünfzehn Kühe zusammen weiden, wie viele davon kauen dann wohl ihr Futter und sehen nach derselben Richtung?«

»Alle fünfzehn!«

»Gut! Ich glaub’s dir jetzt, du hast auf dem Land gelebt, ich dachte, du wolltest mich am Ende noch einmal anführen. Und wie heißt du nun wirklich?« – »George Peters!«

»Na, vergiß das nur nicht und sag du heißt Alexander, eh du weggehst, und lüg dich dann mit einem George-Alexander heraus, wenn ich dich fange. Und zeig dich keiner Frau mehr in dem alten Kattunrock, du kannst dich da drin für kein Mädchen ausgeben. Männern könntest du’s vielleicht weismachen, aber einer Frau nie. Und Kind, wenn du wieder eine Nadel einfädeln willst, so halt die Nadel fest und steck den Faden durch, und nicht umgekehrt; so machen’s die Männer und ein ganz kleines Mädchen würde dich daran erkennen, wenn du mit der Nadel so in der Luft herumfuchtelst. Und wenn du nach einer Ratte oder irgend etwas werfen willst, so stell dich auf die Fußspitzen und heb den Arm über die Schulter, so ungeschickt du nur kannst, und wirf sechs bis sieben Fuß daneben – wie ein Mädchen, nicht wie ein Junge aus dem Handgelenk und Ellbogen. Und, denk dran, wenn ein Mädchen etwas fangen will, das man ihr in den Schoß wirft, so spreizt sie die Knie auseinander und preßt sie nicht zusammen, wie du’s bei dem Bleiklumpen tatst. Sieh, ich wußte gleich, daß du ein Junge bist, als du die Nadel einfädeln wolltest, und hab‘ dich absichtlich all das andre tun lassen, um meiner Sache sicher zu sein. – Jetzt troll dich zu deinem Onkel, Sarah Mary Williams George Alexander Peters, und wenn du jemand brauchst, der dir in irgend etwas helfen soll, so schick zu Frau Judith Loftus – so heiß‘ ich –, und ich will für dich tun, was ich kann. Halt dich immer am Strom hin, und wenn du wieder durchbrennen willst, nimm Schuh und Strümpfe mit, der Weg ist ordentlich steinig und deine Füße werden gut aussehen, bis du nach Goshen kommst!«

Etwa fünfzig Meter weit ging ich den Strom entlang, dann stahl ich mich wieder zurück, am Hause vorbei bis dahin, wo ich mein Boot gelassen hatte, stieg hinein, und hast du nicht gesehen, ging es fort. Ich ließ mich am Ufer hin treiben, bis ich meiner Berechnung nach etwa der Insel gegenüber war, und legte mich dann ordentlich ins Zeug in der Richtung quer übers Wasser. Den Hut hatte ich abgenommen; Scheuleder brauchte ich keine mehr. Da hör‘ ich die Uhr schlagen, zähle und merke, daß es schon elf ist – elf Uhr! Als ich zur Insel kam, nahm ich mir nicht einmal Zeit, die Nase zu putzen, obgleich ich’s sehr nötig hatte, sondern landete gerade an meinem alten Lagerplatz und zündete ein tüchtiges Feuer dort an.

Dann wieder ins Boot und weiter unserem Höhlenfelsen zu, so schnell sich’s nur irgend tun ließ. Ich legte an, kroch den Felsen hinauf und in die Höhle.

Da lag Jim in süßem Schlaf. Ich schrei‘ ihm in die Ohren: »Auf, Jim, Jim, sie sind hinter uns her!«

Der sagt kein Wort und fragt auch nichts weiter, schnellt nur auf, aber die Art, wie er in der nächsten halben Stunde schuftete, zeigte, wie ihm der Schreck in die Glieder gefahren war. In kürzester Zeit hatten wir unser ganzes Hab und Gut aufs Floß gebracht, das im Weidengebüsch versteckt lag, und alles zur Abfahrt bereit gemacht. Das Feuer in der Höhle hatten wir gleich anfangs ausgelöscht und uns wohl gehütet, Licht sehen zu lassen.

Ich fuhr im Boot zuvor noch eine kleine Strecke ins Wasser hinaus, um Ausschau zu halten; aber wenn sich auch ein Fahrzeug in der Nähe befand, so war es bei der ungünstigen Beleuchtung doch nicht zu erkennen. So zogen wir denn das Floß hinaus, glitten leise im Schatten des Ufers dahin, dann weg von der Insel ins offene Wasser, und keiner redete nur ein Sterbenswörtchen dabei.

Die Schrecken der deutschen Sprache

Die Schrecken der deutschen Sprache

In dieser Rede, die Mark Twain am 21. November 1897 vor dem Presse-Club in Wien gehalten hat, macht Mark Twain einige ironische Vorschläge zur »Verbesserung und Vereinfachung« der deutschen Sprache. Er macht sich auch ein wenig über die deutsche Sprache lustig, aber man merkt: er liebt sie (und er spricht und schreibt hervorragend!).

Es hat mich tief gerührt, meine Herren, hier so gastfreundlich empfangen zu werden, von Kollegen aus meinem eigenen Berufe, in diesem von meiner eigenen Heimat so weit entferntem Lande. Mein Herz ist voller Dankbarkeit, aber meine Armut an deutschen Worten zwingt mich zu großer Sparsamkeit des Ausdruckes. Entschuldigen Sie, meine Herren, daß ich verlese, was ich Ihnen sagen will. (Er las aber nicht, Anm. d. Ref.) Die deutsche Sprache spreche ich nicht gut, doch haben mehrere Sachverständige mir versichert, daß ich sie schreibe wie ein Engel. Mag sein – ich weiß nicht. Habe bis jetzt keine Bekanntschaften mit Engeln gehabt. Das kommt später – wenn’s dem lieben Gott gefällt – es hat keine Eile.

Seit langem, meine Herren, habe ich die leidenschaftliche Sehnsucht gehegt, eine Rede auf Deutsch zu halten, aber man hat mir’s nie erlauben wollen. Leute, die kein Gefühl für die Kunst hatten, legten mir immer Hindernisse in den Weg und vereitelten meinen Wunsch – zuweilen durch Vorwände, häufig durch Gewalt. Immer sagten diese Leute zu mir: »Schweigen Sie, Euer Hochwohlgeboren! Ruhe, um Gotteswillen! Suche eine andere Art und Weise, Dich lästig zu machen.«

Im jetzigen Fall, wie gewöhnlich, ist es mir schwierig geworden, mir die Erlaubnis zu verschaffen. Das Komitee bedauerte sehr, aber es konnte mir die Erlaubnis nicht bewilligen wegen eines Gesetzes, das von der Concordia verlangt, sie soll die deutsche Sprache schützen. Du liebe Zeit! Wieso hätte man mir das sagen können – mögen – dürfen – sollen? Ich bin ja der treueste Freund der deutschen Sprache – und nicht nur jetzt, sondern von lange her – ja vor zwanzig Jahren schon. Und nie habe ich das Verlangen gehabt, der edlen Sprache zu schaden, im Gegenteil, nur gewünscht, sie zu verbessern; ich wollte sie bloß reformiren. Es ist der Traum meines Lebens gewesen. Ich habe schon Besuche bei den verschiedenen deutschen Regierungen abgestattet und um Kontrakte gebeten. Ich bin jetzt nach Österreich in demselben Auftrag gekommen. Ich würde nur einige Änderungen anstreben. Ich würde bloß die Sprachmethode – die üppige, weitschweifige Konstruktion – zusammenrücken; die ewige Parenthese unterdrücken, abschaffen, vernichten; die Einführung von mehr als dreizehn Subjekten in einen Satz verbieten; das Zeitwort so weit nach vorne rücken, bis man es ohne Fernrohr entdecken kann. Mit einem Wort, meine Herren, ich möchte Ihre geliebte Sprache vereinfachen, auf daß, meine Herren, wenn Sie sie zum Gebet brauchen, man sie dort oben versteht.

Ich flehe Sie an, von mir sich beraten zu lassen, führen Sie diese erwähnten Reformen aus. Dann werden Sie eine prachtvolle Sprache besitzen und nachher, wenn Sie Etwas sagen wollen, werden Sie wenigstens selber verstehen, was Sie gesagt haben. Aber öfters heutzutage, wenn Sie einen meilenlangen Satz von sich gegeben und Sie sich etwas angelehnt haben, um auszuruhen, dann müssen Sie eine rührende Neugierde empfinden, selbst herauszubringen, was Sie eigentlich gesprochen haben. Vor mehreren Tagen hat der Korrespondent einer hiesigen Zeitung einen Satz zustande gebracht welcher hundertundzwölf Worte enthielt und darin waren sieben Parenthese eingeschachtelt und es wurde das Subjekt siebenmal gewechselt. Denken Sie nur, meine Herren, im Laufe der Reise eines einzigen Satzes muß das arme, verfolgte, ermüdete Subjekt siebenmal umsteigen.

Nun, wenn wir die erwähnten Reformen ausführen, wird’s nicht mehr so arg sein. Doch noch eins. Ich möchte gern das trennbare Zeitwort auch ein bischen reformiren. Ich möchte niemand tun lassen, was Schiller getan: Der hat die ganze Geschichte des dreißigjährigen Krieges zwischen die zwei Glieder eines trennbaren Zeitwortes eingezwängt. Das hat sogar Deutschland selbst empört; und man hat Schiller die Erlaubnis verweigert, die Geschichte des hundertjährigen Krieges zu verfassen – Gott sei’s gedankt. Nachdem alle diese Reformen festgestellt sein werden, wird die deutsche Sprache die edelste und die schönste auf der Welt sein.

Da Ihnen jetzt, meine Herren, der Charakter meiner Mission bekannt ist, bitte ich Sie, so freundlich zu sein und mir Ihre wertvolle Hilfe zu schenken. Herr Pötzl hat das Publikum glauben machen wollen, daß ich nach Wien gekommen bin, um die Brücken zu verstopfen und den Verkehr zu hindern, während ich Beobachtungen sammle und aufzeichne. Lassen Sie sich aber nicht von ihm anführen. Meine häufige Anwesenheit auf den Brücken hat einen ganz unschuldigen Grund. Dort gibt’s den nötigen Raum. Dort kann man einen edlen, langen, deutschen Satz ausdehnen, die Brückengeländer entlang, und seinen ganzen Inhalt mit einem Blick übersehen. Auf das eine Ende des Geländers klebe ich das erste Glied eines trennbaren Zeitwortes und das Schlußglied klebe ich an’s andere Ende – dann breite ich den Leib des Satzes dazwischen aus. Gewöhnlich sind für meinen Zweck die Brücken der Stadt lang genug: wenn ich aber Pötzl’s Schriften studieren will, fahre ich hinaus und benutze die herrliche unendliche Reichsbrücke. Aber das ist eine Verleumdung. Pötzl schreibt das schönste Deutsch. Vielleicht nicht so biegsam wie das meinige, aber in manchen Kleinigkeiten viel besser. Entschuldigen Sie diese Schmeicheleien. Die sind wohl verdient. Nun bringe ich meine Rede um – nein – ich wollte sagen, ich bringe sie zum Schluß. Ich bin ein Fremder – aber hier, unter Ihnen, habe ich es ganz vergessen. Und so, wieder, und noch wieder – biete ich Ihnen meinen herzlichsten Dank!

The Horrors of the German Language

The Horrors of the German Language

Address to the Vienna Press Club, November 21, 1897, delivered in German [Here in literal translation]

It has me deeply touched, my gentlemen, here so hospitably received to be. From colleagues out of my own profession, in this from my own home so far distant land. My heart is full of gratitude, but my poverty of German words forces me to greater economy of expression. Excuse you, my gentlemen, that I read off, what I you say will. [But he didn’t read].

The German language speak I not good, but have numerous connoisseurs me assured that I her write like an angel. Maybe – maybe – I know not. Have till now no acquaintance with the angels had. That comes later – when it the dear God please – it has no hurry.

Since long, my gentlemen, have I the passionate longing nursed a speech on German to hold, but one has me not permitted. Men, who no feeling for the art had, laid me ever hindrance in the way and made naught my desire – sometimes by excuses, often by force. Always said these men to me: „Keep you still, your Highness! Silence! For God’s sake seek another way and means yourself obnoxious to make.“

In the present case, as usual it is me difficult become, for me the permission to obtain. The committee sorrowed deeply, but could me the permission not grant on account of a law which from the Concordia demands she shall the German language protect. Du liebe Zeit! How so had one to me this say could – might – dared – should? I am indeed the truest friend of the German language – and not only now, but from long since – yes, before twenty years already. And never have I the desire had the noble language to hurt; to the contrary, only wished she to improve – I would her only reform. It is the dream of my life been. I have already visits by the various German governments paid and for contracts prayed. I am now to Austria in the same task come. I would only some changes effect. I would only the language method – the luxurious, elaborate construction compress, the eternal parenthesis suppress, do away with, annihilate; the introduction of more than thirteen subjects in one sentence forbid; the verb so far to the front pull that one it without a telescope discover can. With one word, my gentlemen, I would your beloved language simplify so that, my gentlemen, when you her for prayer need, One her yonder-up understands.

I beseech you, from me yourself counsel to let, execute these mentioned reforms. Then will you an elegant language possess, and afterward, when you some thing say will, will you at least yourself understand what you said had. But often nowadays, when you a mile-long sentence from you given and you yourself somewhat have rested, then must you have a touching inquisitiveness have yourself to determine what you actually spoken have. Before several days has the correspondent of a local paper a sentence constructed which hundred and twelve words contain, and therein were seven parentheses smuggled in, and the subject seven times changed. Think you only, my gentlemen, in the course of the voyage of a single sentence must the poor, persecuted, fatigued subject seven times change position!

Now, when we the mentioned reforms execute, will it no longer so bad be. Doch noch eins. I might gladly the separable verb also a little bit reform. I might none do let what Schiller did: he has the whole history of the Thirty Years‘ War between the two members of a separable verb in- pushed. That has even Germany itself aroused, and one has Schiller the permission refused the History of the Hundred Years‘ War to compose – God be it thanked! After all these reforms established be will, will the German language the noblest and the prettiest on the world be.

Since to you now, my gentlemen, the character of my mission known is, beseech I you so friendly to be and to me your valuable help grant. Mr. Potzl has the public believed make would that I to Vienna come am in order the bridges to clog up and the traffic to hinder, while I observations gather and note. Allow you yourselves but not from him deceived. My frequent presence on the bridges has an entirely innocent ground. Yonder gives it the necessary space, yonder can one a noble long German sentence elaborate, the bridge-railing along, and his whole contents with one glance overlook. On the one end of the railing pasted I the first member of a separable verb and the final member cleave I to the other end – then spread the body of the sentence between it out! Usually are for my purposes the bridges of the city long enough; when I but Potzl’s writings study will I ride out and use the glorious endless imperial bridge. But this is a calumny; Potzl writes the prettiest German. Perhaps not so pliable as the mine, but in many details much better. Excuse you these flatteries. These are well deserved.

Now I my speech execute – no, I would say I bring her to the close. I am a foreigner – but here, under you, have I it entirely forgotten. And so again and yet again proffer I you my heartiest thanks.

German for the Hungarians

German for the Hungarians

Address at the jubilee celebration of the Emancipation of the Hungarian press, March 26, 1899

The Ministry and members of Parliament were present. The subject was the „Ausgleich“ – i. e., the arrangement for the apportionment of the taxes between Hungary and Austria. Paragraph 14 of the ausgleich fixes the proportion each country must pay to the support of the army. It is the paragraph which caused the trouble and prevented its renewal.

Now that we are all here together, I think it will be a good idea to arrange the ausgleich. If you will act for Hungary I shall be quite willing to act for Austria, and this is the very time for it. There couldn’t be a better, for we are all feeling friendly, fair-minded, and hospitable now, and, full of admiration for each other, full of confidence in each other, full of the spirit of welcome, full of the grace of forgiveness, and the disposition to let bygones be bygones.

Let us not waste this golden, this beneficent, this providential opportunity. I am willing to make any concession you want, just so we get it settled. I am not only willing to let grain come in free, I am willing to pay the freight on it, and you may send delegates to the Reichsrath if you like. All I require is that they shall be quiet, peaceable people like your own deputies, and not disturb our proceedings.

If you want the Gegenseitigengeldbeitragendenverhältnismäßigkeiten rearranged and readjusted I am ready for that. I will let you off at twenty-eight per cent. – twenty-seven – even twenty-five if you insist, for there is nothing illiberal about me when I am out on a diplomatic debauch.

Now, in return for these concessions, I am willing to take anything in reason, and I think we may consider the business settled and the ausgleich ausgegloschen at last for ten solid years, and we will sign the papers in blank, and do it here and now.

Well, I am unspeakably glad to have that ausgleich off my hands. It has kept me awake nights for anderthalbjahr.

But I never could settle it before, because always when I called at the Foreign Office in Vienna to talk about it, there wasn’t anybody at home, and that is not a place where you can go in and see for yourself whether it is a mistake or not, because the person who takes care of the front door there is of a size that discourages liberty of action and the free spirit of investigation. To think the ausgleich is abgemacht at last! It is a grand and beautiful consummation, and I am glad I came.

The way I feel now I do honestly believe I would rather be just my own humble self at this moment than paragraph 14.

Karneval des Verbrechens in Connecticut

Karneval des Verbrechens in Connecticut

Übersetzer: Gregor Blazewski

Die Tatsachen über den kürzlichen Karneval des Verbrechens in Connecticut

Ich fühlte mich wohlgemut, ja fast ausgelassen. Ich zündete mir mit einem Streichholz meine Zigarre an, und gerade in diesem Augenblick wurde die Morgenpost hereingebracht. Gleich die erste Aufschrift, auf die mein Blick fiel, war in einer Handschrift geschrieben, die mir ein prickelndes Gefühl des Vergnügens bereitete, das mir durch und durch ging. Es war Tante Marys Handschrift; und sie war der Mensch, den ich, außerhalb meines eigenen Haushalts auf der ganzen Welt am meisten liebte und ehrte. Sie war der Abgott meiner Knabenzeit; dem Erwachsenendasein, das so verhängnisvoll für so viele Verzauberungen ist, war es nicht gelungen, sie von ihrem Sockel zu heben; nein es hatte ihr Recht dort zu sein, nur gerechtfertigt und ihre Entthronung für immer ins Reich der Unmöglichkeit verbannt. Um zu demonstrieren, wie stark ihr Einfluß auf mich war, möchte ich anmerken, daß lange nachdem das »Hör-mit-dem-Rauchen-auf« von jedem anderen mich nicht mehr im geringsten berührte, Tante Mary immer noch mein betäubtes Gewissen zu schwachen Lebenszeichen bewegen konnte, wenn sie dieses Thema nur berührte. Aber alles hat seine Grenzen auf dieser Welt. Endlich kam jener glückliche Tag, als selbst Tante Marys Worte mich nicht länger bewegen konnten. Ich war nicht nur froh, diesen Tag kommen zu sehen; ich war mehr als froh – ich war dankbar; denn als seine Sonne untergegangen war, war die einzige Beimischung, die fähig war, mir meine Freude an der Gesellschaft meiner Tante zu vergällen, verschwunden. Was von ihrem Aufenthalt bei uns in jenem Winter zurückbliebblieb, war auf jeden Fall ein Wohlgefallen. Natürlich bat sie mich so ernsthaft wie je nach jenem gesegneten Tag, meine verderbliche Angewohnheit aufzugeben, aber völlig umsonst; sobald sie mit diesem Thema anfing, wurde ich augenblicklich ruhig, friedlich, auf eine zufriedenstellende Weise gleichgültig – völlig, eisern gleichgültig. Infolgedessen schmolzen die restlichen Wochen jenes erinnerungswürdigen Besuchs so freundlich dahin wie ein Traum, sie waren für mich mit heiterer Zufriedenheit angefüllt. Ich hätte mein Lieblingslaster nicht schöner genießen können, wenn mein freundlicher Quälgeist selber ein Raucher und ein Verteidiger dieser Gewohnheit gewesen wäre. Nun, der Anblick ihrer Handschrift erinnerte mich daran, daß ich geradezu danach verlangte, sie wieder zu sehen. Ich erriet leicht, was ich in ihrem Brief finden würde. Ich öffnete ihn. Gut! Genau, wie ich erwartete; sie kam, kam an diesem Tag noch und mit dem Morgenzug; ich könnte sie jeden Augenblick erwarten.

Ich sagte mir: »Ich bin jetzt völlig glücklich und zufrieden. Könnte mein mitleidlosester Feind jetzt vor mir erscheinen, ich würde freiwillig alles Böse, was ich ihm angetan haben könnte, wiedergutmachen.«

Die Tür gerade vor mir öffnete sich, und ein runzliger, schäbiger Zwerg trat ein. Er war nicht größer als zwei Fuß hoch. Er war anscheinend um die vierzig Jahre alt. Jeder Gesichtszug und jeder Zoll an ihm war eine formlose Nichtigkeit. Und während man nicht in der Lage war, mit einem Finger auf eine bestimmte Stelle zu zeigen, und zu sagen, »Dies ist eine auffallende Mißbildung«, erkannte der Beobachter, daß diese kleine Person als Ganzes eine Mißbildung war – eine unbestimmte, allgemeine, gleichmäßig zusammengemixte, hübsch zugerichtete Mißbildung. In Gesicht und Augen war eine Schlauheit wie von einem Fuchs, dazu Wachsamkeit und Tücke. Und doch: dieses abscheuliche Stück menschlichen Abfalls schien eine gewisse entfernte und bösartig getroffene Ähnlichkeit mit mir zu haben! Es war schwach erkennbar in der scheußlichen Form, dem Gesichtsausdruck, und selbst in den Kleidern, Gesten, Verhalten und der Haltung der Kreatur. Er war eine weit entfernte, blasse Andeutung einer Farce über mich, eine Karikatur meiner in klein. Eine Sache an ihm erschütterte mich mächtig und äußerst unangenehm: er war über und über mit faserigem grünlichen Schimmel bedeckt, so wie man es manchmal auf schimmeligem Brot sieht. Dieser Anblick war ekelerregend.

Er machte ein paar Schritte mit einem vergnügten Lied auf den Lippen und warf sich in einen Puppenstuhl wie wenn er hier zu Hause wäre, ohne darauf zu warten, eingeladen zu werden. Er schleuderte seinen Hut in den Abfallkorb. Er hob meine alte Kreidepfeife vom Boden auf, wischte den Stiel ein- oder zweimal an seinem Knie ab, füllte den Pfeifenkopf aus der Tabak-Kiste neben sich und sagte zu mir in einem schnippischen Befehlston:

»Gib mir ein Streichholz!«

Ich wurde rot bis in die Haarspitzen; teils aus Empörung, aber hauptsächlich, weil es mir irgendwie so schien, daß diese ganze Vorstellung sehr eine Übertreibung jenes Verhaltens darstellte, die ich selbst mir manchmal in meinen Beziehungen zu nahen Freunden zu Schulden kommen ließ – aber niemals, niemals zu Fremden, wie ich zu mir selber bemerkte. Ich wollte den Zwerg ins Feuer stoßen, aber ein unverständliches Gefühl, unter seiner Gewalt gesetzestreu zu sein, zwang mich, seinem Befehl zu gehorchen. Er zündete die Pfeife mit dem Streichholz an, nahm einen kontemplativen Zug oder zwei und bemerkte auf eine irritierend vertrauliche Weise:

»Ich glaub, ist teuflisch schlechtes Wetter für diese Jahreszeit.«

Ich errötete wieder vor Ärger und Erniedrigung, genau wie zuvor; denn seine Sprache war unangenehmerweise eine Übertreibung von etwas, das ich einst hervorgebracht hatte, und wurde darüberhinaus in einem Tonfall und einer zum Verzweifeln gedehnten Sprechweise vorgetragen, die eine bewußte Travestie meines Stils darzustellen schien. Nun gibt es nichts, auf was ich so empfindlich reagiere, als eine spöttische Nachahmung meiner Schwäche so lang gedehnt zu sprechen. Ich sprach laut in scharfem Ton, und sagte:

»Pass mal auf, du widerliche Mißgeburt! Du wirst ein wenig mehr auf deine Manieren achten müssen, oder ich werde dich aus dem Fenster schmeißen!«

Das Männchen lächelte ein Lächeln boshafter Zufriedenheit und Sicherheit, paffte mir seinen Pfeifenrauch verachtungsvoll entgegen, und sagte, mit noch sorgfältiger herausgearbeiteter gedehnter Stimme:

»Mach schon – sei friedlich; heb dir deine Leier für was besseres auf.«

Diese kühle Brüskierung verletzte mich tief, schien mich aber zu unterwerfen, für den Augenblick zumindest. Der Zwerg betrachtete mich eine Zeitlang nachdenklich mit seinen Wiesel-Augen und sagte dann auf eine besonders höhnische Art:

»Du hast heute morgen einen Landstreicher von deiner Tür gewiesen.«

Ich sagte barsch:

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Woher weißt du davon?«

»Nun, ich weiß es. Es kommt nicht darauf an, woher ich es weiß.«

»Nun gut. Angenommen, ich habe tatsächlich einen Landstreicher von der Tür gewiesen – was soll’s?«

»Oh, nichts; nichts besonderes. Du hast ihn nur angelogen.«

»Das hab ich nicht. Das heißt, ich – «

»Ja, aber du hast es getan; du hast ihn angelogen.«

»Ich fühlte den Schmerz der Schuld – die Wahrheit zu sagen, hatte ich ihn vierzigmal gefühlt bevor jener Landstreicher einen Block von meiner Haustür weit gegangen war, – aber noch beschloß ich so zu tun, als fühlte ich mich verleumdet; so sagte ich:

»Das ist eine unbegründete Frechheit. Ich habe dem Landstreicher gesagt –«

»Jetzt hör einmal auf. Sonst bringst du es fertig und lügst wieder. Ich weiß, was du zu ihm sagtest. Du sagtest, der Koch sei in die Stadt gegangen und es sei nichts übrig vom Frühstück. Zwei Lügen. Du wußtest, daß der Koch hinter der Tür war, und daß genug Vorräte da waren.«

Diese erstaunliche Genauigkeit brachte mich zum Schweigen; und sie erfüllte mich mit staunenden Spekulationen, wie dieses Küken an seine Informationen gekommen sein konnte. Natürlich hätte er das Gespräch dem Landstreicher entlocken können, aber durch welche Art Magie hatte er es bewerkstelligt, das mit dem verborgenen Koch herauszufinden? Jetzt sprach der Zwerg wieder:

»Es war neulich ziemlich erbärmlich, ziemlich klein von dir, dich zu weigern, das Manuskript jener armen jungen Frau zu lesen und ihr deine Meinung über seinen literarischen Wert abzugeben; und sie war doch von so weit her gekommen und so voller Hoffnung. War’s nicht so?«

Ich kam mir vor wie ein erbärmlicher Hundesohn! Und ich hatte so schon jedesmal gefühlt, wann immer mir diese Sache wieder in den Sinn gekommen war, das kann ich ruhig gestehen. Ich errötete heiß und sagte:

»Hast du eigentlich nichts besseres zu tun als umherzurennen und dich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen? Hat dir das Mädchen das erzählt?«

»Kümmer dich nicht darum, ob sie es mir erzählt hat oder nicht. Die Hauptsache ist, du hast so nichtswürdig gehandelt. Und hinterher hast du dich geschämt. Aha! Und du schämst dich heute!

Das war ja eine teuflische Art von Schadenfreude. Mit heiligem Ernst antwortete ich:

»Ich sagte jenem Mädchen, und zwar auf die freundlichste, netteste Weise, daß ich nicht in der Lage sei ein Urteil über das Manuskript von wem auch immer abzugeben, denn das Urteil eines Einzelnen sei wertlos. Es könne ein Werk von hohem Rang unterschätzen und es so für die Welt verloren geben oder es könne eine wertlose Produktion überschätzen und ihr so den Weg für ihre Heimsuchung der Welt öffnen: ich sagte, das Publikum stelle das einzige Tribunal dar, das kompetent sei, über eine literarische Bemühung zu richten, und deshalb sei es das beste, sie von Anfang an jenem Tribunal vorzulegen, da sie ja schließlich sowieso durch die Entscheidung dieses mächtigen Gerichtshofs allein stehe oder falle.«

»Ja, das hast du alles gesagt. Das hast du getan, und du hast doch nur mit deinem kleinen Geist durch deine Wortverdrehungen nach Ausflüchten gesucht! Denn als die freudige Hoffnung vom Gesicht des armen Mädchens schwand, als du sahst, wie sie verstohlen ihre Schriftrolle, die sie so geduldig und redlich vollgeschrieben hatte, unter ihr Umhängetuch gleiten ließ –– sie schämte sich jetzt so sehr ihres Lieblings und war vorher noch so stolz auf ihn – als du die Freude aus ihren Augen verschwinden und die Tränen an ihre Stelle treten sahst, als sie so erniedrigt davon kroch, die zu dir gekommen war mit soviel -.«

»O still! Still! Still! Ein Pflaster auf dein gnadenloses Maul!. Haben all diese Gedanken mich nicht schon genug gequält, ohne daß du hier auftauchst, um sie mir wieder ins Gedächtnis zurückzurufen!«

Reue! Reue! Mir schien als ob sie mir das Herz wegnagen wollte. Und immer noch saß dieser kleine Dämon da, grinste mich mit Freude und Verachtung an und gluckste gemütlich vor sich hin. Sogleich fing er wieder an zu sprechen. Jeder Satz war eine Anklage und jede Anklage eine Wahrheit. Jeder Satzteil war angefüllt mit Sarkasmus und Hohn, jedes schwerlastende Wort brannte wie Vitriol. Der Zwerg erinnerte mich an Zeiten, als ich wütend auf meine Kinder losgegangen war und sie für Vergehen bestraft hatte, wo eine kleine Untersuchung mich hätte lehren können, daß andere, und nicht sie, sie begangen hatten. Er erinnerte mich daran, wie ich es treulos zuließ, daß in meiner Gegenwart alte Freunde verleumdet wurden und ich zu feige war, ein Wort zu ihrer Verteidigung hervorzubringen. Er erinnerte mich daran, wie oft ich unehrlich gehandelt hatte; wie oft ich Kinder und andere unverantwortliche Personen zu unehrlichen Handlungen angestiftet hatte; an manche Unehrlichkeiten, die ich geplant hatte, an die ich gedacht hatte und die ich gerne unternommen hätte und die ich nur aus Angst vor den Folgen unterlassen hatte. Mit genüßlicher Grausamkeit brachte er mir Wort für Wort jedes Unrecht und alle Unfreundlichkeiten in Erinnerung ebenso wie die Erniedrigungen, die ich seither verstorbenen Freunden zugefügt hatte »die im Sterben vielleicht an diese Beleidigungen dachten und sich ihretwegen grämten,« fügte er hinzu, in der Absicht, noch Gift in die Wunde zu streuen.

»Nimm zum Beispiel«, sagte er, »den Fall deines jüngeren Bruders, als ihr beide Jungen wart, vor langer Zeit also. Er vertraute dir immer liebevoll mit einer Treue, die deine mannigfaltigen Verrätereien nicht zu erschüttern vermochten. Er folgte dir wie ein Hund überallhin, bereit, Unrecht und Mißhandlung zu erdulden, wenn er nur mit dir zusammen sein konnte; geduldig diese Verletzungen zu ertragen, solange es deine Hand war, die sie ihm zufügte. Das letzte Porträt, das du von ihm hast, auf dem er stark wie das blühende Leben aussieht, muß solch ein Trost für dich sein! Du verpfändetest deine Ehre, daß ihm kein Leid geschähe, wenn er dir erlaubte, ihm die Augen zu verbinden; und dann, unter Kichern und Würgen über das seltene dieses Spaßes, führtest du ihn zu einem von dünnem Eis überzogenen Bach und schubstest ihn hinein; und wie du gelacht hast! Mann, niemals wirst du den sanft vorwurfsvollen Blick, mit dem er dich ansah, als er sich schlotternd herauskämpfte, vergessen, und wenn du tausend Jahre lebst. Oh, du siehst es jetzt vor dir, du siehst es jetzt vor dir!«

»Du Ekel, ich habe es Millionen mal gesehen und werde es noch Millionen mal vor mir sehen! Und mögest du dafür stückchenweise verrotten und bis zum Jüngsten Tag leiden, was ich jetzt leide, daß du mich wieder daran erinnerst.«

Der Zwerg lachte zufrieden in sich hinein und fuhr mit seiner anklagenden Geschichte meiner Laufbahn fort. Ich verfiel in einen trübsinnigen, rachsüchtigen Zustand und litt schweigend unter seiner gnadenlosen scharfen Zunge. Schließlich ließ mich diese seine Bemerkung jäh aufbrausen:

»Vor zwei Monaten, an einem Dienstag, wachtest du mitten in der Nacht auf, und dir kam, voll Scham, eine besonders gemeine und jämmerliche Tat in den Sinn, die du im Winter 18.. an einem armen unwissenden Indianer in der Wildnis der Rocky Mountains begangen hast –«

»Hör einen Augenblick auf, du Teufel! Willst du mir sagen, daß dir selbst meine geheimen Gedanken nicht verborgen sind?«

»Mir scheint, es sieht so aus. Hast du die Gedanken, die ich gerade erwähnte, etwa nicht gehabt?«

»Sollte es nicht so gewesen sein, wünschte ich nie wieder einen Atemzug zu tun. Schau her, Freund, sieh mich an. Wer bist du?«

»Was glaubst du denn, wer ich bin?«

»Ich glaube, du bist der Satan selbst. Ich glaube, du bist der Teufel.«

»Nein«

»Nein? Wer kannst du denn sonst sein?«

»Möchtest du es wirklich wissen?«

»Aber natürlich will ich das.«

»Nun, ich bin dein Gewissen.«

Augenblicklich bekam ich einen Anfall von Freude und Frohlocken. Ich sprang auf die Kreatur zu und schrie:

»Der Teufel soll dich holen, ich habe mir hundert Millionen mal gewünscht, daß du greifbar wärst und daß ich dir einmal mit meinen Händen an die Gurgel könnte. Oh, aber ich werde eine tödliche Rache ausüben an –«

Narrheit! Ein Blitz rast nicht schneller als es mein Gewissen tat! Es flitzte plötzlich so pfeilschnell hoch hinauf, daß in dem Augenblick als meine Finger die leere Luft packten, er sich schon oben auf dem Bücherschrank niedergelassen hatte, mit dem Daumen an seiner Nase, um mich zu verspotten. Ich warf den Schürhaken nach ihm und verpaßte ihn. Ich schoß den Stiefelknecht ab. In blinder Wut flog ich von einer Stelle zur anderen und packte und schleuderte jedes Wurfgeschoß, das mir in die Hände kam; der Ansturm an Büchern, Tintenfässern und Kohlenstücken verdüsterte die Luft und schlug auf dem Sitzplatz des Männchens ein, aber alles umsonst; die flinke Gestalt wich jedem Wurf aus; und nicht nur das, er brach auch noch in ein Gegacker sarkastischen und triumphalen Lachens aus, als ich mich erschöpft hinsetzte. Während ich vor Ermüdung und Aufregung keuchte und nach Atem rang, kommentierte mein Gewissen meine Absicht:

»Mein guter Sklave, du bist bemerkenswert dumm – nein, ich meine bezeichnenderweise. In Wahrheit bist du immer konsequent, immer du selbst, immer ein Esel. Sonst hätte dir der Gedanke kommen müssen, daß, wenn du diesen Mord mit traurigem Herzen und schlechtem Gewissen begingest, unter dieser Bürde meine Kräfte sofort erlahmen würden. Narr, ich hätte eine Tonne gewogen und wäre nicht vom Boden hochgekommen; aber stattdessen bist du so

freudig bemüht mich zu töten, daß dein Gewissen so leicht wie eine Feder ist; also bin ich hier oben außerhalb deiner Reichweite . Eine bloß gewöhnliche Sorte Narr kann ich fast respektieren, aber dich, pfui!«

Ich hätte folglich alles darum gegeben, schweren Herzens zu handeln, so daß ich diese Person von dort oben herunterbekommen hätte, um ihm das Leben zu nehmen, aber ich konnte nicht mehr über eine solche Begierde bedrückt sein als ich über ihre Erfüllung besorgt sein konnte. So konnte ich nur sehnsüchtig zu meinem Meister hinaufschauen und über das Unglück wüten, das mir ein schlechtes Gewissen verweigerte, das eine und einzige Mal, daß ich je so etwas in meinem Leben wünschte. Nach und nach kam ich dazu, über das merkwürdige Abenteuer dieser Stunde zu grübeln und natürlich fing meine menschliche Neugier zu arbeiten an. Ich machte mich daran, mir einige Fragen auszudenken, die dieser Feind beantworten sollte. Gerade da kam einer meiner Jungs herein, ließ die Tür hinter sich offen und rief:

»Was ist denn hier passiert? Der Bücherschrank ist ja ganz ausgeschüttelt …..«

Ich sprang in Bestürzung auf und schrie:

»Raus hier! Schnell! Lauf! Flieg! Schließ die Tür! Schnell oder mein Gewissen haut ab!«

Die Tür schlug zu und ich schloß sie ab. Ich schaute auf und war aus tiefstem Herzen dankbar, zu sehen, daß mein Besitzer noch immer mein Gefangener war. Ich sagte:

»Ein Glück, ich hätte dich verlieren können! Kinder sind die achtlosesten Geschöpfe. Aber denk mal, Freund, der Junge hat dich, wie’s scheint, überhaupt nicht beachtet; wie kommt das?`«

»Aus einem einfachen Grund. Keiner sieht mich, nur du.«

Ich hielt diese Information innerlich mit einer guten Portion Befriedigung fest. Ich konnte diesen Schurken jetzt töten, wenn ich die Gelegenheit dazu bekam und niemand würde es erfahren. Aber genau diese Überlegung war es, die mich so unbeschwert werden ließ, daß mein Gewissen sich kaum auf seinem Platz halten konnte, und dabei war, höher hinauf der Decke entgegen zu schweben wie ein Spielzeugballon. Ich sagte sogleich:

»Komm, mein Gewissen, laß uns Freunde sein. Laß uns für eine Weile eine Waffenruhe beschließen. Ich brenne darauf, dir einige Fragen zu stellen.«

»Sehr gut. Fang an.«

»Also, zuallererst, warum habe ich dich bisher nie sehen können?«

»Weil du mich niemals sehen wolltest; das heißt, du hast niemals in der richtigen Stimmung und in der angemessenen Form nach mir gerufen. Diesmal warst du genau in der richtigen Stimmung, und als du deinen gnadenlosesten Feind riefst, war ich mit Riesenvorsprung diese Person, obwohl du das nicht für erwartet hast.«

»Also hat jener mein Gedanke dich in Fleisch und Blut verwandelt?«

»Nein. Er machte mich nur für dich sichtbar. Ich bin körperlos, genau wie andere Geister.«

Diese Bemerkung weckte in mir eine heftige Befürchtung.

Wenn es körperlos war, wie sollte ich es töten? Aber ich verstellte mich und sagte schmeichlerisch:

»Gewissen, es ist nicht freundlich von dir, in so einer großen Entfernung zu verweilen. Komm herunter und nimm noch einen Zug.«

Als Antwort darauf bekam ich einen Blick voller Hohn und folgende Bemerkung dazu:

»Herunter kommen, wo du mich kriegen und töten kannst? Die Einladung wird dankend abgelehnt.«

»In Ordnung,« sagte ich mir; »so kann also ein Geist scheint’s doch getötet werden zu können; es wird also alsbald ein Geist auf dieser Welt fehlen oder ich habe daneben gehauen.« Dann sagte ich laut:

»Freund – «

»Jetzt halt mal ein! Ich bin nicht dein Freund. Ich bin dein Feind; ich bin dir nicht gleich gestellt, ich bin dein Meister, nenn mich »my Lord«, bitte sehr. Du tust zu vertraut.«

»Ich mag solche Titel nicht. Ich bin bereit, dich Sir zu nennen. So weit kann ich – «

»Wir werden nicht darüber diskutieren. Gehorche einfach, das ist alles. Mach weiter mit deinem Gerede.«

»Nun gut, my Lord – da nichts als my Lord dir zusagt – Ich war dabei, Euch zu fragen, wie lang Ihr sichtbar bleiben werdet?«

»Immer.«

Ich brach in starker Empörung aus: »Das ist einfach eine Ungeheuerlichkeit. Das denk ich darüber! Du hast mich gejagt und gejagt und gejagt, alle Tage meines Lebens, unsichtbar. Das war Jammers genug. Daß jetzt ein so schrecklich aussehendes Ding wie du hinter mir her latscht, wie irgend ein Schatten und das für den Rest meiner Tage, ist eine unerträgliche Aussicht. Da habt Ihr meine Meinung, my Lord, macht damit, was Ihr wollt.«

»Mein Junge, es hat nie ein so erfreutes Gewissen auf dieser Welt gegeben als mich, als du mich sichtbar machtest. Es gibt mir einen unvorstellbaren Vorteil. Jetzt kann ich dir direkt in die Augen sehen und dich beschimpfen und dich mit grinsenden Grimassen piesacken; und du weißt, welche Beredsamkeit in sichtbaren Gesten und im Ausdruck liegt, noch ausdrücklicher, wenn der Effekt durch hörbare Sprache erhöht wird. Ich werde dich von jetzt an immer in deiner e-i-g-e-n-en g-e-d-e-h-n-t-en S-p-r-e-c-h-w-e-i-s-e anreden, Baby.«

Ich schmiß mit dem Kohleneimer nach ihm. Kein Resultat. Mein Meister sagte:

»Komm, hör auf! Denk an die Waffenruhe!«

»Ah, das vergaß ich. Ich werde versuchen, höflich zu sein; und du versuch‘s auch, das wär mal was Neues. Die Vorstellung eines höflichen Gewissens! Das ist ein guter Witz; ein hervorragender Witz. Alle Gewissen, von denen ich je gehört habe, waren herumnörgelnde, plagende, krittelige, abscheuliche Wilde! Ja! Und immer in Schweiß gebadet wegen irgendeiner unbedeutenden Bagatelle – Vernichtung soll sie alle treffen, sage ich! Ich würde meins für die Pocken und die sieben Arten der Schwindsucht eintauschen und froh sein über mein Schicksal. Jetzt sag mir, warum kann ein Gewissen nicht einen Menschen ein und für allemal wegen eines Verstoßes fertigmachen und ihn dann in Ruhe lassen? Warum will es ihn weiterhin, Tag und Nacht und Nacht und Tag, und Woche für Woche und immer und ewig wegen der selben alten Sache festnageln? Das macht keinen Sinn, und es gibt keinen Grund dafür. Ich meine, ein Gewissen, das so handelt, ist gemeiner als die Gemeinheiten selbst es sind.«

»Nun, UNS gefällt’s; das genügt.«

»Tust du das mit der ehrlichen Absicht, einen Menschen zu verbessern?«

Diese Frage rief ein sarkastisches Lächeln hervor und diese Erwiderung:

»Nein, Sir, Verzeihen Sie. Wir tun es einfach, weil es unsere Arbeit ist. Es ist unser Gewerbe. Dessen Absicht ist in der Tag, die Menschheit zu verbessern, wir aber sind nur unbeteiligte Agenten. Wir sind mit allerhöchster Genehmigung angestellt und haben nichts in der Angelegenheit zu sagen. Wir gehorchen Befehlen und lassen die Dinge, wie sie sind. Aber ich bin gern bereit, dies zuzugeben: wir strapazieren die Befehle ein wenig, wenn wir die Gelegenheit dazu haben, und das ist meistens der Fall. Das gefällt uns. Wir haben den Auftrag, einen Menschen einige Male an einen Fehler zu erinnern; und ich gebe gern zu, daß wir versuchen, ihm ein gehöriges Maß solcher Erinnerung zu geben. Und wenn wir einen Menschen mit einem empfindlichen Charakter erwischen, oh, wie wir den schikanieren! Ich kenne Gewissen, die kommen den ganzen weiten Weg von China und Rußland, um eine solche Person zu sehen, wie sie bei besonderer Gelegenheit auf Herz und Nieren geprüft wird. Also, ich kannte einen solchen Menschen, der unbeabsichtigt ein Mulattenbaby schwer zugerichtet hatte; die Nachricht ging nach Übersee! Und mögest du für immer sündenfrei bleiben, wenn es nicht so war, daß die Gewissen von überall her in Scharen kamen, um das Vergnügen zu haben und seinem Meister zu helfen, ihn zu malträtieren. Jener Mann krümmte sich achtundvierzig Stunden in am Boden zerstört, ohne Essen oder Schlafen, und jagte sich dann eine Kugel durch den Kopf. Das Kind war nach drei Wochen wieder völlig hergestellt.«

»Nun, Ihr seid ja eine feine Mannschaft, um nicht zu starke Worte zu gebrauchen. Ich glaube, ich fange jetzt an zu verstehen, warum du immer eine Nichtigkeit warst, immer im Widerspruch zu mir. In deinem Bestreben, auch ja allen Saft, den du kriegen kannst, aus einer Sünde zu pressen, sorgst du auf drei oder vier verschiedene Arten dafür, daß ein Mensch sie bereut. Zum Beispiel nörgeltest du daran herum, daß ich jenen Landstreicher angelogen habe, und ich litt darunter. Aber erst gestern sagte ich einem Landstreicher die reine Wahrheit, nämlich, daß ich ihm nichts geben würde, da es als schlechte Bürgertugend gilt, Landstreicherei zu unterstützen. Was hast du da getan? Nun, du ließest mich zu mir selber sagen: ‚Ah, es wäre so viel freundlicher und untadeliger gewesen, durch eine kleine unschuldige Lüge etwas weniger streng mit ihm gewesen zu sein und ihn mit dem Gefühl fortzuschicken, daß, wenn er auch kein Brot bekommen konnte, die freundliche Behandlung zumindest etwas war, für das er dankbar sein konnte!‘ Nun, ich litt den ganzen Tag darunter. Drei Tage zuvor hatte ich einem Landstreicher zu essen gegeben, ja ich gab ihm offenherzig zu essen und hielt das für eine rechtschaffene Tat. Auf der Stelle sagtest du: ‚Oh, du heuchlerischer Bürger, du gabst einem Landstreicher zu essen!‘ und ich litt wie gewöhnlich. Ich gab einem Landstreicher Arbeit; du warst dagegen – nachdem der Vertrag abgeschlossen war natürlich; du erhebst ja nie die Stimme im voraus. Dann verweigerte ich einem Landstreicher Arbeit; du warst dagegen. Dann nahm ich mir vor, einen Landstreicher zu töten; du hieltest mich die ganze Nacht wach, aus jeder Pore Reue schwitzend. In der Gewißheit, dieses Mal ganz richtig zu handeln, schickte ich den nächsten Landstreicher mit meinem Segen fort; und du sollst so lange leben wie ich, wenn es nicht so war, daß du mich wieder die ganze Nacht leiden ließest, weil ich ihn nicht getötet habe. Gibt es irgendeinen Weg, wie man diese böswillige Erfindung namens Gewissen zufriedenstellen kann?«

»Haha! Ist das eine Pracht! Mach weiter!«

»Jetzt komm aber, beantworte mir die Frage. Gibt es einen Weg?«

»Nun, keinen, den ich vorhabe dir zu nennen, mein Sohn. Esel! Mir ist egal, was du zu tun beabsichtigst. Ich kann dir auf der Stelle ein Wort ins Ohr flüstern und dafür sorgen, daß du glaubst, eine schreckliche Missetat begangen zu haben. Es ist meine Arbeit – und mein Vergnügen – dafür zu sorgen, daß du alles bereust, was du tust. Wenn ich dir alle Gelegenheiten verdorben habe, so war es keine Absicht; ich möchte dir versichern, es war keine Absicht!«

»Macht nichts; du hast keinen Trick ausgelassen, den ich kenne. Ich habe in meinem ganzen Leben nichts getan, rechtschaffen oder anders, das ich nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden bereut hätte. Letzten Sonntag hörte ich in der Kirche eine Predigt über die Freigebigkeit. Mein erster Impuls war es, dreihundertundfünfzig Dollar zu geben; ich bereute das und verringerte um einhundert; bereute das und verringerte um weitere einhundert; bereute das und verringerte um weitere einhundert; bereute das und verringerte die verbleibenden fünfzig auf fünfundzwanzig; bereute das und landete bei fünfzehn; bereute das und fiel auf zweieinhalb Dollar; als der Sammelteller schließlich herumkam, bereute ich noch einmal und steuerte zehn Cents bei. Nun, als ich nach Hause kam, dachte ich nur, wollte Gott, ich hätte diese zehn Cents wieder zurück! Nie hast du mich eine Predigt über Freigebigkeit überstehen lassen, ohne über irgend etwas Schweißausbrüche zu erleben.«

»Oh und das werde ich nie, das werde ich auch nie tun! Du kannst dich immer auf mich verlassen.«

»Das denk ich mir. In so mancher ruhelosen Nacht wollte ich dich beim Genick packen. Wenn ich dich nur in die Finger bekäme.«

»Ja, kein Zweifel. Aber ich bin kein Esel; ich bin nur die Last auf seinem Buckel. Aber mach weiter, mach weiter. Du machst mir mehr Spaß als ich zugeben möchte.«

»Das freut mich. (Es wird dir nichts ausmachen, daß ich ein wenig lüge, um in Übung zu bleiben). Pass auf; ich will nicht zu persönlich werden, aber ich glaube, bei dir handelt es sich um die schäbigste und verächtlichste kleine runzlige falsche Schlange, die man sich vorstellen kann. Ich bin dankbar genug, daß du für andere Leute unsichtbar bist, denn ich würde vor Scham sterben, mit solch einer schimmeligen Nachäffung eines Gewissens, wie du es bist, gesehen zu werden. Wenn du fünf oder sechs Fuß hochwärst und – «

»Oh komm, wer ist dafür verantwortlich zu machen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Na du; niemand sonst.«

»Verdammt, ich wurde nicht gefragt, was deine persönliche Erscheinung angeht.«

»Das kümmert mich nicht; du hattest nichtsdestoweniger eine ganze Menge damit zu tun. Als du acht oder neun Jahre alt warst, war ich sieben Fuß hoch und so hübsch wie gemalt.«

»Ich wünschte du wärst jung gestorben! So bist du also in die falsche Richtung gewachsen, nicht wahr?«

»Einige von uns wachsen in die eine, andere in die andere Richtung. Du hattest einst ein großes Gewissen; wenn du heute ein kleines Gewissen hast, schätze ich, gibt es Gründe dafür. Wie auch immer, daran sind wir beide schuld, du und ich. Siehst du, du pflegtest wegen einer Vielzahl Angelegenheiten gewissenhaft zu sein; das war schon fast krankhaft, würde ich sagen. Das war vor vielen Jahren. Wahrscheinlich erinnerst du dich heute nicht mehr. Nun, ich war sehr an meiner Arbeit interessiert. Und so bereitete mir die Qual, mit der gewisse Lieblingssünden dich heimsuchten, und die ich nicht nachließ dir zu bereiten, soviel Freude, bis ich so ziemlich zuviel des Guten tat. Du fingst an zu rebellieren. Natürlich fing ich da an, an Boden zu verlieren und ein wenig einzuschrumpfen – an Körpergröße zu verlieren, schimmelig zu werden, die ersten Anzeichen von Verunstaltung vorzuweisen. Je schwächer ich wurde, um so eigensinniger widmetest du dich jenen besonderen Sünden; bis zuletzt die Stellen an meiner Gestalt, die jene Laster vertreten, so schwielig wurden wie die Haut eines Haies. Nimm das Rauchen als Beispiel. Ich spielte diese Karte etwas zu lange, und ich verlor. Wenn Leute dich in diesem späten Stadium bitten, dieses Laster aufzugeben, scheint sich dieser alte schwielige Fleck zu vergrößern und mich überall zu bedecken wie ein Kettenpanzerhemd. Es übt einen geheimnisvollen, einlullenden Effekt aus; und augenblicklich falle ich, dein treuer Hasser, dein ergebenes Gewissen, in tiefen Schlaf! Tief? Dafür gibt es keinen Ausdruck. Zu solch einer Zeit könnte ich keinen Donner hören. Du hast einige wenige andere Laster – vielleicht achtzig oder auch neunzig – die mich auf ungefähr die gleiche Weise beeinflussen.«

»Das ist schmeichelhaft; du mußt eine Menge deiner Zeit mit Schlaf verbringen.«

»Ja, in den letzten Jahren. Ich würde die ganze Zeit schlafen, wenn ich nicht Hilfe bekäme.«

»Wer hilft dir?«

»Andere Gewissen. Wann immer eine Person, deren Gewissen ich kenne, dich wegen der Laster angeht, bei denen du ganz abgebrüht bist, kriege ich meinen Freund dazu, seinem Kunden wegen irgendeiner eigenen Schurkerei einen Stich zu versetzen, und das beendet dann seine Einmischung und er fängt selber an, nach privater Tröstung zu suchen. Mein Nützlichkeitsbereich ist dabei sich auf Landstreicher, unentwickelte Schriftstellerinnen und dieses Sortiment zu beschränken, aber mach dir keine Sorgen – ich peinige dich wegen dieser Dinge, so lange sie währen! Vertrau mir nur!«

»Ich denke, das kann ich. Aber wenn du nur gut genug gewesen wärst, all diese Tatsachen ungefähr dreißig Jahre früher erwähnt zu haben, dann hätte ich meine besondere Aufmerksamkeit der Sünde gewidmet, und ich glaube, daß ich in dieser Zeit nicht nur dich über der vollständigen Liste der menschlichen Laster in Dauerschlaf versetzt hätte, sondern dich zudem auf die Größe einer homöopathischen Pille reduziert hätte. Das ist ungefähr die Art Gewissen, nach der ich mich sehne. Könnte ich dich nur auf die Größe einer homöopathischen Pille zusammenschrumpfen und Hand an dich legen, würde ich dich zum Andenken in einen Glaskasten stellen? Nein, mein Herr, ich würde dich einem gemeinen Kerl geben! Da gehörst du hin – du und dein ganzer Stamm. Ihr gehört nicht in die Gesellschaft, meiner Meinung nach. Jetzt eine andere Frage. Kennst du viele Gewissen in dieser Gegend?«

»Eine ganze Menge.«

»Ich würde alles darum geben, einige von ihnen kennenzulernen. Könntest du sie herbringen? Und würde ich sie sehen können?«

»Natürlich nicht.«

»Ich glaube, das hätte ich ohne zu fragen wissen müssen. Aber macht nichts, du kannst sie mir beschreiben. Erzähl mir was über das Gewissen meines Nachbars Thompson, bitte.«

»Na gut. Ich stehe mit ihm auf sehr vertrauten Fuß; kenne es lange Jahre. Ich kannte es, als es elf Fuß hoch war und eine tadellose Figur hatte. Aber es ist jetzt sehr teigig, unangenehm und mißgestaltet und interessiert sich fast für überhaupt nichts mehr. Was seine jetzige Größe angeht – nun, es schläft in einer Zigarrenschachtel.

»Durchaus wahrscheinlich. Es gibt wenige minderwertigere und gemeinere Männer in dieser Gegend als Hugh Thompson. Kennst du Robinsons Gewissen?«

»Ja. Es ist ein Schatten, weniger als vierundeinhalb Fuß hoch; war mal blond; ist jetzt brünett, aber noch hübsch und attraktiv.«

»Ja, Robinson ist ein guter Bursche. Kennst du Tom Smiths Gewissen?«

»Ich kenne es seit der Kindheit. Es war dreizehn Inches hoch und ziemlich schwerfällig, als es zwei Jahre alt war – so wie wir es alle in dem Alter gewöhnlich sind. Es ist heute siebenunddreißig Fuß hoch und die stattlichste Persönlichkeit in Amerika. Seine Beine werden immer noch von Wachstumsschmerzen gequält, aber es geht ihm trotz allem gut. Schläft nie. Es ist das aktivste und tatkräftigste Mitglied des Neu-England-Gewissen-Clubs; ist sein Präsident. Tag und Nacht kannst du es antreffen, wie es mit Smith drauflos arbeitet, nach Arbeit lechzt, Ärmel aufgekrempelt, mit einem Gesichtsausdruck, strahlend vor Vergnügen. Es hat sein Opfer heute ganz prächtig unter seine Gewalt gebracht. Es kann den armen Smith dazu bringen, sich einzubilden, daß die unschuldigste kleine Sache, die er macht, eine abscheuliche Sünde ist; und dann geht es ans Werk und martert ihm darüber fast die Seele aus dem Leib.

»Smith ist der vortrefflichste Mann in der ganzen Gegend und der reinste; und verzweifelt ständig darüber, daß er nicht gut sein kann! Nur ein Gewissen kann Vergnügen daran finden, Höllenqualen auf einen Geist wie ihn zu häufen. Kennst du das Gewissen meiner Tante Mary?«

»Ich kenne es vom Sehen, aber ich bin nicht mit ihm bekannt. Es lebt gänzlich draußen, weil keine Tür breit genug ist, es durchzulassen.«

»Das kann ich glauben. Laß mal sehen. Kennst du das Gewissen jenes Verlegers, der mir einmal ein paar meiner Studien für eine »Serie« gestohlen hat und mich dann auf den Gerichtskosten sitzen ließ, die ich aufbringen mußte, um ihn davon abzuhalten,?«

»Ja es war eine große Berühmtheit. Es wurde vor einem Monat ausgestellt, zusammen mit einigen anderen Antiquitäten zu Gunsten eines frischen Gewissens eines Kabinettsmitglieds, das dabei war im Exil zu verhungern. Eintrittskarten und Fahrpreise waren teuer, aber ich reiste umsonst, indem ich vorgab, das Gewissen eines Herausgebers zu sein, und kam zum halben Preis rein, indem ich mich als Gewissen eines Geistlichen ausgab. Wie auch immer, das Gewissen des Verlegers, das die Hauptattraktion der Belustigung gewesen sein sollte, war – für eine Ausstellung – ein Fehlschlag. Es war da, aber was war da zu sehen? Die Ausstellungsleitung hatte ein Mikroskop mit einer lediglich 30000fachen Vergrößerung bereit gestellt und so konnte es keiner erkennen. Es gab natürlich große und allgemeine Unzufriedenheit, aber –«

Gerade an dieser Stelle war auf der Treppe ein eiliger Fußtritt zu hören; ich öffnete die Tür und meine Tante Mary platzte in das Zimmer. Es war ein fröhliches Treffen, und ein vergnügtes Bombardement von Fragen und Antworten über Familienangelegenheiten folgte. Endlich sagte meine Tante:

»Aber jetzt muß ich dich ein wenig ausschimpfen. Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, versprachst du mir, du würdest dich so getreulich um die Bedürfnisse jener armen Familie in der Nachbarschaft kümmern, wie ich selbst es getan hatte. Nun, zufällig habe ich herausgefunden,daß du dein Versprechen nicht gehalten hast. War das recht?«

In Wahrheit hatte ich überhaupt kein zweites Mal an diese Familie gedacht. Und jetzt durchschoß und zersplitterte in mir eine solche Qual an Schuldgefühl! Ich schaute zu meinem Gewissen auf. Ehrlich, mein beschwertes Herz rührte es. Sein Körper sackte nach vorne; es schien, als wollte es vom Bücherschrank herunterfallen. Meine Tante fuhr fort:

»Und denke dran, wie du meinen armen Schützling im Armenhaus vernachlässigt hast, du Lieber, der hartherzig jedes Versprechen bricht.« Ich wurde scharlachrot, und meine Zunge war gelähmt. Als das Verständnis meiner schuldigen Nachlässigkeit an Schärfe und Stärke zunahm, fing mein Gewissen an, schwer hin und her zu schwanken; und als meine Tante – nach einer kleinen Pause – in einem bekümmerten Ton sagte: »Da du sie ja nie besucht hast, wird es dich wohl nicht schmerzen, jetzt zu erfahren, daß das arme Kind gestorben ist, vor Monaten schon, ganz ohne Freunde und vergessen!«, konnte mein Gewissen es nicht mehr länger unter der Last meiner Leiden aushalten sondern stürzte kopfüber von seinem hohen Sitz und fiel mit einem dumpfen bleiernen Schlag auf den Boden. Es lag da, sich vor Schmerz windend und zitternd vor Angst, wobei es jeden Muskel anspannte um wieder hoch zu kommen. In einem Anfall von Hoffnung sprang ich zur Tür, schloß sie ab, drückte meinen Rücken dagegen und richtete einen wachsamen Blick auf meinen sich windenden Meister. Mir juckten schon die Finger, um ihr mörderisches Werk zu beginnen.

»Oh, was hat das zu bedeuten?« rief meine Tante, wich dabei vor mir zurück und folgte mit ihren erschrockenen Augen der Richtung, in die meine schauten. Mein Atem ging kurz, in schnellen Zügen und meine Erregung war fast unkontrollierbar. Meine Tante schrie auf:

»Oh, schau nicht so! Du erschreckst mich! Was hat das denn zu bedeuten? Was ist da, was siehst du da? Warum starrst du so? Warum zucken deine Finger so?«

»Ruhe, Frau«, sagte ich, heiser flüsternd. »Schau woanders hin; achte nicht auf mich; es ist nichts – nichts. Ich verhalte mich oft so. Es wird in einem Augenblick vorübergehen. Es kommt vom zu vielen Rauchen.«

Mein verletzter Lord war auf den Füßen, mit wildem Blick und voller Angst versuchte er zur Tür zu humpeln. Ich konnte kaum atmen, so erregt war ich. Meine Tante rang mit den Händen und sagte:

»Oh, ich wußte, wie es kommen mußte; ich wußte, daß es endlich soweit kommen mußte. Oh, ich beschwöre dich, diese schreckliche Angewohnheit aufzugeben, solange es vielleicht noch Zeit ist. Du darfst nicht, du sollst nicht länger taub auf mein Flehen sein!« Mein sich windendes Gewissen zeigte plötzliche Anzeichen von Müdigkeit! »Oh versprich mir, daß du diese hassenswerte Versklavung durch den Tabak abwerfen wirst!« Mein Gewissen begann sich schläfrig zu drehen und tastete mit seinen Händen umher – ein entzückendes Schauspiel! »Ich bitte dich, ich flehe dich an, ich beschwöre dich! Du verlierst den Verstand! Wahnsinn ist in deinen Augen! Sein wütender Brand ist in dir! Oh, höre mich, höre mich und sei gerettet! Sieh, ich flehe dich auf den Knien an!« Als sie vor mir niedersank, drehte sich mein Gewissen noch einmal und erschlaffte dann völlig matt auf dem Boden, wobei er mir mit schweren Augen ein letztes Flehen um Gnaden zublinzelte. »Oh, versprich’s mir oder du bist verloren! Versprich es und sei erlöst! Versprich’s! Versprich es und lebe!« Mit einem langgezogenen Seufzer schloß mein besiegtes Gewissen seine Augen und schlief geschwind ein!

Mit einem triumphierenden Schrei sprang ich hinter meine Tante, und in einem Augenblick hatte ich meinen lebenslangen Feind an der Kehle. Nach so vielen Jahren des Wartens und des Sehnens war er endlich in meiner Hand. Ich zerfetzte ihn in alle Einzelteile. Ich zerriß die Teile in Fetzen. Ich warf den blutigen Abfall ins Feuer und atmete durch meine Nase den wohltuenden Duft des Brandopfers ein. Endlich und für immer: mein Gewissen war tot!

Ich war ein freier Mann! Ich wandte mich an meine arme Tante, die fast versteinert war vor Angst und Schreck und rief:

»Weg mit deinen Armen, deiner Wohltätigkeit, deinen Reformen, deiner ekelhaften Moral! Du erblickst vor dir einen Mann, dessen Lebens-Konflikt gelöst ist, dessen Seele Frieden gefunden hat; einen Mann dessen Herz tot ist für die Sorge, tot fürs Leiden, tot für die Reue; einen Mann OHNE GEWISSEN! In meiner Freude verschone ich dich, obwohl ich dich erdrosseln könnte und niemals Pein empfinden würde! Flieh!«

Sie floh. Seit diesem Tag ist mein Leben eine einzige Seligkeit. Seligkeit, ungestörte Seligkeit. Nichts auf der Welt konnte mich überreden, je wieder ein Gewissen haben zu wollen. Ich beglich alle meine offenen Rechnungen und fing das Leben neu an. In den ersten zwei Wochen tötete ich achtunddreißig Menschen – alle aus altem Groll. Ich brannte einen Wohnsitz nieder, der meine Sicht störte. Ich schwindelte einer Witwe und einigen Waisen ihre letzte Kuh ab, die, wie ich glaube, sehr gut ist, wenn auch nicht reinrassig. Ich beging außerdem eine große Anzahl Verbrechen verschiedener Art und habe mein Werk äußerst genossen, wohingegen es früher mir das Herz gebrochen hätte und mir zweifellos graue Haare eingebracht hätte.

Zum Schluß möchte ich die Ankündigung hierhersetzen, daß medizinische Kollegen die allerlei sortierte Landstreicher für wissenschaftliche Zwecke benötigen, egal ob brutto, per Maßeinheit oder pro Tonne, gut daran tun, den Posten in meinem Keller zu prüfen, bevor sie woanders einkaufen, denn diese sind alle von mir selbst ausgewählt und präpariert und können zu einem niedrigen Preis bezogen werden, da ich mein Warenlager räumen und mich auf das Frühjahrsgeschäft vorbereiten will.

Die Geschichte eines Invaliden

Die Geschichte eines Invaliden

Übersetzer: ralf.bier@t-online.de

Ich sehe aus, als wäre ich sechzig und seit langem unglücklich verheiratet. Mein Aussehen ist aber nur auf meine miserable Gesundheit und eine traumatische Erfahrung zurückzuführen, schließlich bin ich Junggeselle und erst einundvierzig. Ich bin nur noch ein Schatten meiner selbst, deshalb wird es Ihnen sehr schwer fallen, mir zu glauben, dass ich vor knapp zwei Jahren ein gesunder und rüstiger Mann war, ein Mann aus Eisen, ein richtiger Athlet! Das ist die Wahrheit. Noch merkwürdiger als mein Zustand ist, wie ich meine Gesundheit verlor: Ich verlor sie beim Aufpassen auf eine Kiste voller Gewehre während einer Zugfahrt über dreihundert Kilometer in einer Winternacht. Das ist die reine Wahrheit und ich werde es Ihnen erzählen.

Ich lebe in Cleveland, Ohio. In einer Winternacht vor zwei Jahren erreichte ich mein Heim gerade nach Eintritt der Dunkelheit. Es tobte einen wilden Schneesturm an diesem Abend. Als ich das Haus betrat, hörte ich als Erstes, dass mein Klassenkamerad und teuerster Freund aus Kindertagen, John B. Hackett, am Tag davor gestorben war. Sein letzter Wunsch war gewesen, dass ich seine sterblichen Überreste zu seinen armen alten Eltern nach Wisconsin bringen sollte. Ich war tief getroffen und auch sehr betrübt, aber es galt, keine Zeit zu verlieren; es sollte gleich losgehen. Ich schrieb also eine Karte mit der Beschriftung »Herrn Diakon Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin« und hastete durch den pfeifenden Schneesturm zum Bahnhof. Dort angekommen, fand ich eine Kiste aus Kiefer, wie sie mir beschrieben worden war. Ich befestigte meine Karte mit einigen Reißzwecken, überwachte das Einladen in den Waggon für Expressgut und rannte in das Bahnhofslokal, um mir noch schnell ein Sandwich und einige Zigarren zu besorgen. Als ich zurückkam, stand mein Sarg wieder am alten Platz! Ein junger Kerl untersuchte ihn gerade, mit einer Karte, einigen Reißzwecken und einem Hammer in der Hand! Ich stand vor einem Rätsel. Er begann, seine Karte zu befestigen. Ich wollte hinaus zum Expresswaggon, dort würde ich eine Erklärung verlangen. Der Sarg war auf seinem Platz, niemand hatte ihn auch nur angerührt. [In Wirklichkeit war ohne mein Wissen eine Verwechslung geschehen. Ich fuhr ab mit einer Kiste Gewehre, die der Junge eigentlich nach Peoria in Illinois schicken sollte. Er hatte dafür meine Leiche!] Gerade zu dieser Zeit rief der Lokführer: »Alles einsteigen!« und ich sprang zu den Expressgütern, wo ich mich komfortabel auf einem Stapel Eimer niederlassen konnte. Ein Bahnbeamter tat im Waggon seine Arbeit, ein einfacher Mann von fünfzig Jahren. Er hatte ein offenes, ehrliches und gutmütiges Gesicht und sah aus, als könnte er ohne viel Federlesen ordentlich zupacken. Während der Zug langsam anrollte, sprang ein verspäteter Expresskunde zu uns herein und stellte sein Paket auf meinem Sarg ab [auf meiner Kiste mit Gewehren]. Dann sprang er rechtzeitig wieder ab. Mittlerweile weiß ich, dass in dem Paket sehr reifer und sehr kräftiger Limburger Käse war. Damals hatte ich noch nie von diesem Produkt gehört. Die speziellen Eigeschaften dieses Käses waren mir unbekannt. Wir fuhren also durch die tosende Nacht, der bitterkalte Schneesturm tobte weiter, eine nie gekannte Trostlosigkeit stahl sich in mein Gemüt, mein Herz sank und sank und sank! Der alte Bahnbeamte murmelte etwas über den Sturm und das arktische Wetter. Er zog die Schiebetüren zu, legte die Riegel vor und machte sein Fenster dicht. Dann ging er geschäftig herum, hier und da und dort, stellte Pakete aufeinander oder zurrte sie richtig fest. Die ganze Zeit summte er zufrieden »Sweet by and by« vor sich hin. Zu dieser Zeit begann ich, einen bösartigen, durchdringenden Geruch wahrzunehmen, der sich in die frostige Luft hineinstahl. Das bedrückte mein Gemüt noch mehr, weil ich den Geruch natürlich meinem toten Freund zuschrieb. Es machte mich unendlich traurig, wie er sich mit dieser stillen pathetischen Geste wieder in Erinnerung rief; es war schwer, die Tränen zurück zu halten. Außerdem kümmerte es mich wegen des alten Bahnbeamten. Ich fürchtete, er könnte es bemerken. Wie auch immer, er summte weiter vor sich hin und zeigte keine Anzeichen einer Beunruhigung. Dafür war ich sehr dankbar. Dankbar, aber immer noch unruhig. Meine Unruhe wurde zu einem sich steigernden Unwohlsein, mit jeder neuen Minute verdichtete sich der Geruch mehr zu einer fast greifbaren Substanz. Es war kaum auszuhalten. Währenddessen hatte der Bahnbeamte alles zu seiner Zufriedenheit verstaut, er nahm Holz von einem Stapel und zündete ein enormes Feuer in seinem Ofen an.

Das bekümmerte mich mehr, als ich sagen konnte. Ich fühlte deutlich, dass es ein Fehler war. Ich war sicher, es würde einen tragischen Effekt auf meinen verstorbenen Freund haben. Thompson – der Name des Bahnbeamten, wie ich im Laufe der Nacht herausfand – ging nun suchend durch den Waggon und warf alle herumliegenden Bretter in den Ofen. Er sagte, dass es egal sei, was draußen los sei, er wolle es uns schon gemütlich machen. Ich sagte nichts, aber ich glaubte fest, dass er dabei war, einen großen Fehler zu machen. Er summte wieder vor sich hin, wie er es vorher getan hatte. In der Zwischenzeit heizte der Ofen den Waggon kräftig auf, dieweil ich den Eindruck hatte, dass der Waggon immer enger wurde. Ich fühlte, wie mir die Farbe aus dem Gesicht wich, aber ich litt still und schwieg.

Bald bemerkte ich, dass das »Sweet by and by« langsam erstarb. Es herrschte unheimliche Stille. Nach ein paar Sekunden sagte Thompson:

»Uh, das war wohl kein Weihrauch, was ich da in diesen Ofen gesteckt habe!«

Er atmete ein-, zweimal scharf ein, dann bewegte er sich zum Sarg [zur Gewehrkiste] und stand einen Moment über der Limburger-Ecke. Dann kam er zurück zu mir und setzte sich neben mich, dabei sah er sehr beeindruckt aus. Nach einer nachdenklichen Pause wies er auf die Kiste mit einer Geste:

»Freund von Ihnen?«

»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.

»Er ist sehr reif, oder?«

Für einige Minuten wurde nichts weiter gesagt, jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt; dann sagte Thompson mit tiefer, ehrfurchtsvoller Stimme:

»Manchmal ist es nicht gewiss, ob sie wirklich gegangen sind – sehen aus, als wären sie gegangen, wissen Sie – und doch, Körper warm, Gelenke geschmeidig – man weiß es nie. Ich hatte schon Fälle, hier in meinem Waggon. Es ist unheimlich, weil man nicht vorher weiß, ob sie nicht in der nächsten Minute hochkommen und einen anstarren!« Dann nach einer Pause hob er den Ellbogen etwas zur Kiste hin: »Aber er, er ist bestimmt nicht in Trance! Nein, mein Herr, das kann ich beschwören!«

Wir saßen einige Zeit in meditativer Stille, horchten auf den Wind und das Geräusch des Zuges; dann sagte Thompson mit viel Gefühl:

»Ja, so ist das, wir müssen alle gehen, keiner kommt davon. Menschen, die von Frauen geboren werden, haben nur wenige Tage und wenig dazwischen, wie schon Skripturius sagt. Ja, man kann es sehen, wie man will, es ist schrecklich einsam und merkwürdig: dass niemand drum herum kommt; alle müssen gehen – einfach jeder, wie man sagen könnte. An einem Tag bist du rüstig und stark« – bei diesen Worten stand er auf, schlug eine Fensterscheibe seines Waggons ein, streckte seine Nase etwas hinaus und setzte sich wieder hin, während ich mich aufkämpfte und meine Nase ebenfalls an die frische Luft hielt; so verfuhren wir für die nächste Zeit – »und am folgenden Tag wird der Mensch geschnitten wie das Gras. Die Plätze, die ihn kannten, kennen ihn dann nie mehr, wie Skripturius sagt. In der Tat, es ist sehr einsam und merkwürdig; aber wir müssen alle gehen, zu einer Zeit oder zu einer anderen Zeit; niemand kommt davon.«

Es gab eine weitere lange Pause, dann:

»Woran ist er gestorben?«

Ich sagte, dass ich es nicht wisse.

»Wie lange ist er schon tot?«

Es schien mir verständig, die Fakten den Wahrscheinlichkeiten anzupassen:

»Zwei oder drei Tage.«

Aber es war nicht gut genug; Thompson reagierte mit einem verletzten Blick, der klar sagte: »Zwei oder drei Jahre, meiner Meinung nach.« Er beschloss, meine Auskunft ganz zu ignorieren und begann, seine Ansichten zu dem Thema erschöpfend darzulegen. Es sei eine Torheit, eine Beerdigung so weit hinaus zu schieben. Er schaffte es bis zur Kiste, stand dort einen kurzen Moment und kam mit scharfem Schritt wieder zurück. Er besuchte das zerbrochene Fenster und bemerkte dabei:

»Es wäre sehr viel besser gewesen, wenn man schon im letzten Sommer mit ihm angefangen hätte.«

Thompson setzte sich hin und verbarg das Gesicht in seinem roten Seidentuch. Er begann, sich sachte hin und her zu wiegen wie jemand, der versucht, das Unerträgliche zu ertragen. Um diese Zeit war der Duft – wenn man es Duft nennen kann – fast erstickend, so erstickend wie ein Duft nur sein kann. Thompsons Gesicht wurde grau. Meines hatte schon lange keine Farbe mehr. Immer wieder musste er seine Stirn mit der linken Hand stützen, während er mit seinem Taschentuch in der rechten Hand zur Kiste hinwedelte. Er sagte:

»Ich habe schon viele von ihnen hier im Waggon gehabt, einige auch schon einiges über die Zeit; aber er, er schlägt sie alle und mit Leichtigkeit. Alle hatten sie den reinsten Blumenduft, Captain, verglichen mit ihm hier.«

Dieses Anerkenntnis meines armen Freundes befriedigte mich trotz der traurigen Begleitumstände, weil es so sehr nach einem Kompliment klang.

Sehr bald war klar, dass etwas getan werden musste. Ich schlug Zigarren vor. Thompson dachte, es sei eine gute Idee. Er sagte:

»Bestimmt wird es ihn etwas verändern.«

Wir pafften frohen Herzens einige Züge und versuchten uns vorzustellen, dass es die Dinge verbessere. Aber es hatte keinen Sinn. Bald ließen wir ohne Absprache die Zigarren aus den zitternden Fingern fallen. Thompson sagte mit einem Seufzer:

»Nein, Captain, es ändert ihn nicht für einen Cent. Tatsache ist, dass es ihn schlimmer macht, es scheint seinen Ehrgeiz anzustacheln. Was sollen wir Ihrer Meinung nach jetzt tun?«

Ich war nicht in der Lage, irgend etwas vorzuschlagen; tatsächlich war ich die ganze Zeit beschäftigt, mühsam zu schlucken. Ich traute mir nicht genug, um selbst zu sprechen. Thompson begann, unzusammenhängend vor sich hin zu murmeln, es ging um die trostlosen Erfahrung dieser Nacht. Er fing an, meinen armen Freund mit verschiedenen Titeln zu bedenken – einige militärisch, einige zivil. So wie die Effektivität meines armen Freundes wuchs, wurde er auch von Thompson befördert; er gab ihm immer höhere Titel. Endlich meinte er:

»Ich habe eine Idee. Nehmen wir mal an, wir schaffen es, den Colonel ein wenig zum anderen Ende des Waggons zu schieben? Drei Meter, würde ich sagen. Dann hätte er nicht so viel Einfluss, verstehen Sie?«

Ich war einverstanden. Wir holten tief Luft am zerbrochenen Fenster, es musste ausreichen, bis der Sarg verschoben war. Dann gingen wir in Position. Wir beugten uns über den tödlichen Käse und nahmen die Kiste fest in die Hände. Thompson nickte »Alles fertig« und wir warfen uns vorwärts mit aller Kraft. Aber Thompson rutschte aus, er landete mit seiner Nase auf dem Käse und war gezwungen, auszuatmen. Er würgte und keuchte. Er raffte sich hoch und taumelte in Richtung Tür. Dabei fuhr er mit den Armen durch die Luft: »Halt mich nicht auf! – Aus dem Weg! Ich sterbe, weg da!« Draussen auf der kalten Plattform hockte ich mich hin und hielt seinen Kopf für eine Weile. Er kam wieder zu sich. Schließlich fragte er:

»Ob wir den General wohl bewegt haben?«

Ich verneinte, er stand noch dort, wo er gestanden hatte.

»Ja dann, die Idee können wir wohl vergessen. Wir müssen uns etwas anderes ausdenken. Er fühlt sich wohl, wo er ist, denke ich. Und wenn das so ist und er sich in den Kopf gesetzt hat, dass er nicht gestört werden will, dann können Sie drauf wetten, dass er sich in der Geschichte durchsetzen wird. Ja, wir lassen ihn besser, wo er ist, solange er das so haben will; er hält alle Trümpfe in der Hand. Man muss es einsehen: jeder, der ihm am Zeug flicken will, wird auf der Strecke bleiben.«

Aber wir konnten nicht draußen in diesem verrückten Sturm bleiben, wir wären erfroren. Wir mussten wieder hinein gehen und die Tür schließen. Wir litten wieder und wechselten uns am Fenster ab. Die Zeit verging. Auf einem Bahnhof hielten wir für einen Moment und Thompson verschwand kurz. Als der Zug wieder abfahren sollte, sprang er froh herein und rief:

»Jetzt kommt alles in Ordnung! Diesmal kriegen wir den Commodore. Ich denke, ich habe hier das Zeug, das ihm gewachsen ist.«

Es war ein starkes Desinfektionsmittel, er hatte eine ganze Transportflasche voll. Er spritzte damit überall herum, tatsächlich ertränkte er alles darin; Gewehrkasten, Käse, einfach alles. Dann setzten wir uns hin und fühlten wieder Hoffnung. Aber sie hielt nicht lange vor. Die zwei Düfte begannen sich zu mischen, wie Sie sich bestimmt denken können. Und wir befanden uns sehr schnell auf dem Weg zur Tür. Dort wischte sich Thompson den Schweiß vom Gesicht und sagte ganz niedergeschlagen:

»Es hat keinen Zweck. Wir können nicht gegen ihn gewinnen. Egal was wir einsetzen, um ihn zu überdecken, er benutzt es und gibt ihm sein eigenes Aroma und wirft es zurück. Captain, falls Sie es noch nicht bemerkt haben, dort drin ist es jetzt hundert Mal schlimmer als zu der Zeit, als er anfing. Ich habe noch nie einen von ihnen gesehen, der so an seiner Aufgabe gewachsen ist und so viel verdammtes Interesse daran hatte. Nein, mein Herr, so einen habe ich noch nicht gesehen, während der ganzen Zeit, die ich schon dabei bin. Und ich habe viele gesehen, Sie können mir glauben.«

Weil wir ganz steif gefroren waren, mussten wir wieder hinein gehen. Aber wir konnten es jetzt dort drin nicht mehr aushalten. So ging es rhythmisch hin und her; wir wurden steif, tauten auf, flüchteten, froren ein, immer schön im Wechsel. Nach einer Stunde hielten wir kurz an einem weiteren Bahnhof. Als wir losfuhren, kam Thompson mit einem Sack und meinte:

»Captain, ich werde ihm noch einmal eine Chance geben, nur dieses eine Mal noch. Wenn wir ihn diesmal nicht packen, müssen wir die Flinte ins Korn werfen und uns von ihm fernhalten. So stelle ich es mir vor.« Er hatte eine Ladung Hühnerfedern, getrocknete Äpfel, Rolltabak, Lumpen, alte Schuhe, Schwefel und allerhand anderes Zeug. Das schüttete er auf einem Eisenblech in der Mitte des Waggons zu einem Haufen auf und steckte es an.

Als es richtig brannte, konnte ich nicht verstehen, wie selbst die Leiche es noch aushielt. Alles vorher war Rosenduft im Vergleich zu diesem Gestank gewesen. Aber, Sie werden es nicht glauben, der ursprüngliche Geruch stach sehr eindrücklich aus dem neuen Geruch hervor. Tatsächlich schien ihm der neue Geruch einen besseren Halt zu geben, wie tief und gehaltvoll er auf einmal war! Ich stellte diese Betrachtungen nicht drinnen an, nein, dazu war keine Zeit, ich machte sie draußen auf der Plattform. Auf dem Weg nach draußen bekam Thompson keine Luft mehr und fiel hin. Bevor ich ihn am Kragen herausziehen konnte, war ich selbst beinahe so weit, dass ich liegen geblieben wäre. Sobald wir wieder zu uns kamen, fand sich Thompson zu den Worten bereit:

»Wir müssen hier draußen bleiben, Captain. Wir müssen einfach. Es gibt keinen anderen Weg. Der Gouverneur möchte alleine reisen und er weiß uns zu überstimmen.«

Dann meinte er noch:

»Falls Sie es noch nicht wissen, wir sind angesteckt worden. Es wird unsere letzte Fahrt werden, da können Sie sich schon mal dran gewöhnen. Typhus werden wir hiervon kriegen, ganz bestimmt. Ich fühle, wie ich es kriege, gerade jetzt. Ja mein Herr, wir wurden ausgewählt, genauso sicher wie die Nase im Gesicht.«

Nach einer Stunde wurden wir auf dem nächsten Bahnhof von der Plattform geholt, wir waren erfroren und wie im Koma. Ich fiel sofort in ein starkes Fieber und kam für drei Wochen nicht mehr zu mir. Dann erfuhr ich, dass ich diese schreckliche Nacht mit einer harmlosen Kiste Gewehre und einem Haufen unschuldigen Käse verbracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät, um mich zu retten: Die Einbildung hatte ihr Werk verrichtet, meine Gesundheit war für immer ruiniert. Weder Bermuda noch irgend ein anderes Land konnte sie mir zurückbringen. Dies ist meine letzte Reise. Ich bin auf dem Weg nach Hause, um dort zu sterben.

Staatswirtschaft.


Staatswirtschaft.

»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer jeden guten Regierung. Die weisesten Männer aller Jahrhunderte haben diesem Gegenstand stets –«

Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein Fremder unten sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Ruf, trat vor ihn hin und fragte nach seinem Begehr. Dabei war ich aus allen Kräften bemüht, die in mir gärenden staatswirtschaftlichen Gedanken festzuhalten und ihnen weder die Zügel schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich im Geschirr verwickelten. Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge auf dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide, Ich war wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es tue ihm leid mich zu stören, sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, daß ich auf meinem Haus ein paar Blitzableiter brauchen könne. »Nun – und –« sagte ich, »was weiter, was wollen Sie?« Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur würde er die Blitzableiter gern bei mir anbringen.

Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt führe, bisher habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. Natürlich wollte ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit nichts merken lassen und als gewiegter Hausbesitzer auftreten; das wird jedermann begreiflich finden. Ich sagte daher mit ernster Miene, es sei schon längst meine Absicht gewesen, sechs oder acht Blitzableiter bei mir anbringen zu lassen, allein – der Fremde fuhr zusammen und sah mich fragend an, aber ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte, sollte er mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen. Er sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, als irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« versetzte ich und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung meines großen Gegenstandes zu begeben, als er mich zurückrief und erklärte, erst müsse er genau wissen, wie viele Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen Teilen des Hauses er sie anbringen solle und welcher Art von Stangen ich den Vorzug gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst so kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, daß ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte ich, sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität nehmen. Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne er für zwanzig Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit Zink plattierte und spiralförmig gebogene für dreißig Cent den Fuß. Letztere würden jedem Blitzstrahl Halt gebieten, wohin er auch unterwegs sei, »seine Wirkung unschädlich machen und seinen weiteren Fortgang apokryph«. Ich sagte, »apogryph« wäre kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme, aber, ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. Hierauf erwiderte er, man könne zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig Fuß auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich gemacht werden solle, so daß sie als die beste in der Stadt gelten, Gerechte und Ungerechte befriedigen werde und jedermann zwingen einzugestehen, er habe noch nie eine symmetrischere und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern gesehen, seit er das Licht der Welt erblickt – dann würde er, um diesen Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen müssen. Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein möglichstes tun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte ich, »und machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten Sie mich nicht länger auf.« Nachdem ich ihn glücklich losgeworden, brauchte ich eine halbe Stunde, um meine staatswirtschaftlichen Gedanken wieder da anzuknüpfen, wo ich sie gelassen hatte, und sie weiterzuspinnen, wie folgt:

»nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt, sondern auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die großen Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung und der verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten, allen Kulturen, allen Nationen, von Zoroaster bis auf Horace Greeley, sind bemüht gewesen –«

Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen, weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. Ich eilte zu ihm, während in mir die mächtigsten Gedanken wogten und wallten und sich in so majestätische Worte kleideten, daß jedes derselben in einer langen Prozession von Silben einherzog, die schwerlich in weniger als fünfzehn Minuten vorüber sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter Aufregung ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte die beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; mit einem Fuß stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, mit dem anderen auf dem Stiefmütterchenbeet, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe ins Gesicht gezogen, ein Auge zugekniffen und das andere mit kritischem und bewunderndem Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein solches Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust. »Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je etwas von so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als acht Blitzableiter auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, ich könne mich nicht gerade auf einen Anblick besinnen, der diesen überträfe, worauf er bemerkte, daß es nach seiner Ansicht auf Erden nichts gäbe, was sich an Naturschönheit damit vergleichen ließe – ausgenommen der Niagarafall. Um mein Haus zu einer vollkommenen Augenweide zu machen, brauche man nur noch die anderen Schornsteine etwas auszuschmücken, damit der ganze coup d’œil sich zu einer Harmonie entwickle, die geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch den ersten coup d’état versetzt werde, einigermaßen zu mildern.

Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus Büchern habe, die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek verschaffen könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, solche Redeweise lasse sich nicht aus Büchern lernen. Nur wer mit dem Blitz vertraut sei, dürfe es wagen, sich ungestraft solcher Unterhaltungsform zu bedienen. Dann machte er einen ungefähren Anschlag und versicherte, wenn noch acht Blitzableiter über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck wohl erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas verrechnet – nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, genau könne er es noch nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei in schrecklicher Eile und wünsche das Geschäft schnell abzumachen, um wieder an meine Arbeit zu kommen. Da entgegnete er: »Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die acht Blitzableiter anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen. Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, aber ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht, und lieber möchte ich sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. Auf dem Haus sind noch nicht genug Blitzableiter, und ich rühre mich nicht vom Platz, bis ich ihm das gesagt habe und also getan, was ich wünschte, daß man mir in demselben Falle täte. – Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn der rekalzitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft, so – –«

»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern acht auch auf – verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert Fuß spiralförmig gebogene Leitungsstangen; tun Sie, was Sie nicht lassen können; stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie Ihren Gefühlen nur so weit freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch reichen können. Wenn wir uns jetzt genügend verständigt haben, möchte ich wieder an meine Arbeit gehen.«

Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche meinen Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt unterbrochen wurde; jetzt endlich ist es mir gelungen; ich fahre also fort:

»diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die Geistesmächtigsten unter ihnen haben einen würdigen Gegner an ihm gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so mutiger erhebt. Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er ein tüchtiger Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero hat häufig den Ausspruch getan, daß die Staatswirtschaft die größte Wirtschaft sei, welche der Mensch imstande sei zu betreiben, und selbst unser Greeley hat im allgemeinen mit Nachdruck angedeutet, daß Staats –«

Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen, und ich ging in einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. Er sagte, daß er untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen – weit lieber wäre er gestorben. Aber wenn ihm eine Arbeit übertragen sei, von der man erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht ausführe und er nach Vollendung des Werkes, im Begriff sich seiner so wohlverdienten Ruhe und Erholung hinzugeben, noch einen betrachtenden Blick darauf werfe und zu seinem Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau genug gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen werde, ohne auf der Welt einen anderen Schutz zu haben als sechzehn Blitzableiter auf dem Dach, ja dann – –«

»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, »warum pflanzen Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf die Küche, ein Dutzend auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, einen auf die Köchin! Spicken Sie das ganze unselige Gebäude damit, bis es aussieht wie ein großes, zinkplattiertes, spiralförmig gewundenes, an den Spitzen versilbertes Stachelschwein. Fort ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche verfügbare Material, und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben, stecken Sie Kolbenstangen auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen – kurz alles, was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen Landschaftsbildern zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und meine gemarterte Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.«

Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich, streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, jetzt wolle er sich dahinter machen, daß es eine Art habe.

Seitdem sind drei Stunden vergangen, und mir scheint, ich habe mich noch immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue der Staatswirtschaft, meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. Ich kann jedoch dem Wunsch nicht widerstehen, wenigstens einen Versuch zu machen, denn von der ganzen Weisheit der Welt liegt meinem Herzen nichts so nahe, und nichts beschäftigt meinen Verstand so sehr.

»– wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit sei. Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im Exil war, soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm gestattet wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von vorn anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht dazu verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith, Judson, Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade:

fiat justitia, ruat coelum
Post mortem unum, ante bellum
Hic jacet hoc, ex-parte res
Politicum e-conomico est.

Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit der glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder kleidet, haben diese Verse vor allen anderen berühmt gemacht, welche jemals –«

»Schweigen Sie, sage ich – kein Wort weiter! – Her mit Ihrer Rechnung und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten aus meinem Gesichtskreis. – Neunhundert Dollars? – Ist das alles? – Nun gut, auf diese Anweisung hier wird Ihnen jedes achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten. – Aber was bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? – Nach den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! Haben sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? – ›Noch nie einen solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen sie, wenn ich sie recht verstehe. Da muß ich doch einmal hinuntergehen und mir die Menschen betrachten, die eine solche Unkenntnis öffentlich zur Schau tragen.«

Drei Tage später. Wir sind alle in einem Zustand völliger Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein von Blitzableitern starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der Gegenstand allgemeinen Staunens und das einzige Stadtgespräch. Die Theater standen leer, denn ihre neuesten szenischen Erfindungen konnten es bei weitem nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. Tag und Nacht war unsere Straße von Zuschauern belagert; viele fuhren sogar vom Lande herein, um das Schauspiel zu genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns glücklicherweise ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein Haus loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis einer halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer mehr zu erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern jedoch drängte sich Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern und überall. Das war auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle und glänzenden Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen und gleichzeitig in einer ungeheueren Feuergarbe vom Himmel herab gegen ein schutzloses Dach losgelassen, hätten nicht die großartige pyrotechnische Wirkung erzielen können, durch welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit, die während des Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet war. Innerhalb vierzig Minuten schlug der Blitz – ich habe es genau gezählt – siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein, jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er glitt an dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß in den Boden, bevor er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. Während dieses ganzen Bombardements wurde mir nur eine einzige Schieferplatte zertrümmert und zwar deshalb, weil sämtliche Blitzableiter der Nachbarschaft in ein und demselben Augenblick alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf uns übertrugen. Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel nie gesehen worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht konnte kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster strecken, ohne daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt rasiert wurde, wie eine Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt hätte, davon war schon gar nicht die Rede. Endlich wurde aber doch die entsetzliche Belagerung aufgehoben, weil auch keine Spur von Elektrizität mehr in den Wolken über uns vorhanden war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter reichen konnten.

Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über unsere Lippen, kein Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht das ganze Gebäude seiner schrecklichen Stachelrüstung entkleidet hatten. Nur drei Blitzableiter blieben auf dem Hause, einer auf der Küche und einer auf dem Scheunendach, wo sie noch heutigentages zu sehen sind. Erst als dieses geschehen war, wagten die Leute es wieder, unsere Straße zu betreten. Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß ich während jener entsetzlichen Zeit meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht weiter geschrieben habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so angegriffen, daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann.

Für Liebhaber. – Leute, welche dreitausendzweihundertundelf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte Spitzen verwenden können – alles in leidlichem Zustande und obgleich durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen Fall zu benützen – mögen sich zum Abschluß des Geschäfts an den Verfasser dieses Buches wenden.

Die Ameise.


Die Ameise.

Auf einer Wanderung im badischen Schwarzwald verfolgte ich einmal mit Aufmerksamkeit die Ameise bei ihrer emsigen Arbeit. Ich entdeckte jedoch nichts Neues an ihr, und besonders nichts, was mir eine höhere Meinung von ihr beigebracht hätte.

Mir scheint, daß die Ameise außerordentlich überschätzt wird, besonders was ihren Verstand betrifft. Ich habe sie nun schon manchen Sommer hindurch beobachtet, während ich etwas Besseres hätte tun können, und bis jetzt habe ich noch keine einzige gesehen, die bei ihrer Arbeit auch nur den geringsten Sinn und Verstand gezeigt hätte.

Ich meine natürlich nur die gemeine Ameise, denn mit den merkwürdigen afrikanischen Arten, welche Abgeordnete wählen, stehende Heere haben, Sklaven halten und über Religion streiten, habe ich keinen Verkehr gehabt. Was der Naturforscher von ihnen erzählt, mag alles wahr sein, aber in bezug auf die gewöhnliche Ameise bin ich fest überzeugt, daß uns vieles aufgebunden wird.

Ihren Fleiß will ich durchaus nicht bestreiten: in der ganzen Welt arbeitet niemand so angestrengt als sie, nur ihre Hohlköpfigkeit habe ich an ihr auszusetzen. Betrachten wir sie einmal, wenn sie auf Beute ausgeht. Sie hat einen Fang getan; aber was macht sie dann? Geht sie etwa nach Hause? Durchaus nicht, gerade im Gegenteil; sie weiß nicht mehr, wo ihre Wohnung ist und kann sie nicht finden, wenn sie auch kaum drei Fuß davon entfernt ist. Sie tut einen Fang, habe ich gesagt; aber es ist gewöhnlich etwas, das weder ihr noch sonst jemand vom geringsten Nutzen sein kann; gewöhnlich ist das Ding zehnmal so groß, als es sein sollte, sie faßt es gerade am unbequemsten Ende an und hebt es mit aller Gewalt in die Höhe, – dann trägt sie es fort, nicht nach Hause, sondern in entgegengesetzter Richtung, nicht ruhig und bedächtig, sondern mit rasender Eile, bei der sie ihre Kräfte unnütz vergeudet. Sie rennt gegen einen Kieselstein, und anstatt ihn zu umgehen, klettert sie rückwärts hinauf, zerrt ihre Beute hinter sich her, kugelt auf der andern Seite hinunter, springt wütend auf, schüttelt sich den Staub aus den Kleidern, wischt sich die Hände ab und greift gierig nach ihrem Eigentum, stößt es hierhin und dorthin, schiebt es jetzt vor sich her, dreht sich dann um und zerrt es weiter, mit immer wilderer Gebärde, bis sie es plötzlich wieder hoch in die Luft hebt und nach einer ganz neuen Richtung fortrennt. Nun stößt sie auf eine Pflanze, es fällt ihr aber gar nicht ein herumzugehen – nein, sie muß hinaufklettern, bis oben in die Spitze und noch dazu ihren ganz wertlosen Besitz hinter sich dreinziehen, was ungefähr ebenso klug ist, als wenn ich einen Sack Mehl von Heidelberg nach Paris über den Straßburger Kirchturm schleppen wollte. Wenn sie hinaufkommt, sieht sie, daß sie nicht am rechten Ort ist, wirft einen flüchtigen Blick auf die Gegend, klettert oder kugelt hinunter und nimmt einen neuen Anlauf – wie gewöhnlich in einer andern Richtung.

Nach Verlauf einer halben Stunde, kaum sechs Zoll von ihrem Ausgangspunkt entfernt, hält sie plötzlich still und legt ihre Last nieder; sie hat in dieser Zeit die ganze Umgegend zwei Meter in der Runde durchlaufen und ist über alle Steine und Pflanzen geklettert, die ihr in den Weg kamen. Jetzt wischt sie sich den Schweiß von der Stirn, streckt die Glieder und eilt dann ebenso ziellos und in so wahnsinniger Hast davon wie zuvor. Während sie im Zickzack umherläuft, stößt sie abermals auf ihre frühere Beute; sie erinnert sich nicht, sie je vorher erblickt zu haben, sieht sich nach dem Wege um, der nicht nach Hause führt, packt ihren Fund an und trägt ihn fort. Sie macht genau dieselben Abenteuer noch einmal durch, und als sie endlich still hält, um auszuruhen, kommt eine Freundin des Weges. Diese findet offenbar, daß das vorjährige Heuschreckenbein – das ist nämlich die Beute – eine sehr wertvolle Eroberung ist und sie bietet nun ihre Hilfe an, um die Fracht nach Hause zu schaffen. Mit höchst weisem Entschluß ergreifen sie jetzt die beiden äußersten Enden des Heuschreckenbeins und beginnen es aus Leibeskräften nach den zwei entgegengesetzten Richtungen zu zerren. Nun ruhen sie aus und halten Rat: etwas muß nicht in der Ordnung sein, aber sie können nicht begreifen, was es ist. Von neuem machen sie sich daran, gerade wie zuvor und mit demselben Ergebnis; nun schiebt eine die Schuld des Mißerfolgs auf die andere, sie werden hitzig und es kommt zu Tätlichkeiten; sie ringen zusammen und verbeißen sich ineinander, dann rollen und wälzen sie sich auf dem Boden umher, bis eine ein Horn oder ein Bein verliert. Hierauf versöhnen sie sich und machen sich auf dieselbe unsinnige Weise wiederum ans Werk; aber die verkrüppelte Ameise befindet sich im Nachteil, wie sehr sie auch zerrt, die andere schleppt die Beute weg und sie obendrein. Anstatt loszulassen, bleibt sie hängen, so daß ihr die Haut geschunden wird, so oft ein Hindernis im Wege liegt. So wird denn das Heuschreckenbein noch einmal auf demselben Platz herumgezerrt, um endlich an dem nämlichen Punkt zu landen, wo es zuerst gelegen hat. Die zwei keuchenden Ameisen betrachten es nachdenklich und kommen zu dem Schluß, daß dürre Heuschreckenbeine eigentlich ein schlechter Besitz sind, worauf denn jede nach einer anderen Richtung läuft, um zu sehen, ob sie nicht einen alten Nagel finden kann oder sonst etwas, was schwer genug ist, um einen Zeitvertreib zu gewähren und zugleich wertlos genug, um die Begierde einer Ameise zu reizen.

Auf einem Bergabhang im Schwarzwald sah ich eine Ameise, die diese ganze Arbeit mit einer toten Spinne durchmachte, welche mehr als zehnmal so schwer war wie sie.

Die Spinne war nicht ganz tot, hatte aber keine Widerstandskraft mehr, ihr runder Körper war etwa so groß wie eine Erbse. Die kleine Ameise, welche bemerkte, daß ich ihr zusah, nahm die Spinne auf den Rücken, krallte sich an ihrer Kehle fest, hob sie in die Höhe und trug sie gewaltsam fort; sie stolperte über kleine Steine, raffte sich wieder auf, trat auf die Beine der Spinne, zog sie rückwärts weiter, schob sie vor sich her, schleppte sie sechs Zoll hohe Steine hinauf, statt diese zu umgehen, erkletterte Pflanzen, die zwanzigmal so hoch waren wie sie, und sprang von oben herunter; dann ließ sie die Spinne endlich auf dem Wege liegen, wo sich jede andere Ameise ihrer bemächtigen konnte, die töricht genug war, sie zu begehren. Ich habe die Strecke ausgemessen, welche das einfältige Ding zurückgelegt hat, und bin zu dem Schluß gekommen, daß, was diese Ameise innerhalb zwanzig Minuten verrichtet hat, verhältnismäßig dasselbe ist, als wenn ein Mensch zwei achthundert Pfund schwere Pferde zusammenkoppelt und sie achtzehnhundert Fuß weit trägt, meist über hohe Steinblöcke, unterwegs mit ihnen Höhen erklimmt wie 300 Fuß hohe Kirchtürme und sich in Abgründe stürzt wie der Niagara, bis er die Pferde zuletzt auf einem offenen Platz niedersetzt und sie ohne Wächter zurückläßt, während er irgend ein anderes unsinniges Kraftstück probiert, um seiner Eitelkeit zu frönen.

Die Wissenschaft hat neuerdings entdeckt, daß die Ameise keinen Wintervorrat anlegt; dies wird sie um einen großen Teil ihres literarischen Ruhmes bringen. Sie arbeitet nur, wenn jemand zusieht, besonders jemand, der ein naturforscherähnliches Ansehen hat und Notizen zu machen scheint. Der sprichwörtliche Fleiß der Ameise läuft also beinahe auf Betrügerei hinaus, so daß sie als Beispiel für Sonntagsschulen hinfort nicht mehr zu gebrauchen ist. Sie hat nicht einmal Verstand genug, um gesunde Nahrung von schädlicher zu unterscheiden; bei solcher Unwissenheit wird sie die Achtung der Welt gänzlich verscherzen. Sie kann nicht um einen Baumstumpf herumgehen und sich dann wieder nach Hause finden; das streift an Blödsinn, und sobald diese Tatsache feststeht, werden verständige Leute die Ameise nicht länger bewundern. Ihr vielgepriesener Fleiß ist nichts als Eitelkeit und hat keinerlei Zweck, da sie nie etwas nach Hause trägt, was sie herumschleppt. Damit geht auch noch der letzte Rest ihres guten Rufes und ihr Hauptnutzen als sittliches Beispiel verloren. Es übersteigt doch wirklich alle Begriffe, daß so viele Nationen jahrhundertelang nicht hinter die Schliche der Ameise gekommen sind, während es doch ganz auf der Hand liegt, daß sie die Leute nur zum besten hat!

Die Ameise ist stark, aber ich habe an demselben Tag noch etwas Stärkeres gesehen, und zwar in der Pflanzenwelt. Ein Fliegenschwamm – jener Pilz, der in einer Nacht aufschießt – hatte eine feste Lage von Tannennadeln und Erdreich, die etwa doppelt soviel Umfang hatte als er, in die Höhe gehoben, und trug sie, wie die Säule das Wetterdach! Demnach hätten zehntausend Fliegenschwämme Kraft genug, um einen Mann zu heben, – aber, wozu sollte das nützen?