Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

O, daß der Herzog von York sich könnt‘ entschuldigen.

König Heinrich VI.

 

Die Zusammenkunft der Grenzwohner am folgenden Morgen war still, dumpf und traurig. Das Mahl zu dieser Tageszeit entbehrte der unharmonischen Begleitung, womit Esther gewöhnlich ihre Gerichte würzte; denn die Wirkungen des mächtigen Schlaftrunks, welchen der Doctor ihr beigebracht, umnebelten noch ihren sonst so lebhaften Geist. Die jungen Leute machten sich über die Abwesenheit ihres ältern Bruders Gedanken, und selbst Ismael’s Braunen waren ernst zusammengezogen, als er seine forschenden Augen von einem zum andern warf, als rüste er sich, einem erwarteten Angriff auf sein Ansehen zu begegnen und ihn zurückzuschlagen. Mitten unter diesem Familienhader nahm Ellen und ihr mitternächtiger Cumpan jeder seinen gewöhnlichen Sitz unter den Kindern ein, ohne Verdacht zu erregen, ohne zu einer Bemerkung Veranlassung zu geben. Die einzige sichtbare Folge des Abenteuers, welches sie bestanden hatten, war ein gelegentliches Aufblicken von Seiten des Doctors, welches von den Beobachtern für eine von seinen gelehrten Betrachtungen des Himmels gehalten ward, aber in der That nichts weiter war, als ein verstohlenes Hinsehen nach den flatternden Wänden des verbotenen Zeltes.

Endlich entschloß sich der Auswanderer, der vergebens sich auf eine entschiedenere Darlegung des erwarteten Aufruhrs unter seinen Söhnen gefaßt gemacht hatte, seinen eigenen Plan ihnen zu erkennen zu geben.

»Asa soll mir dies ungebührliche Betragen entgelten!« bemerkte er kalt. »Da ist die liebe lange Nacht vorübergegangen, und er hat draußen gelegen in der Steppe, während sein Arm und seine Büchse uns sehr nöthig hätten sein können in einem Kampf mit den Sioux; denn was könnte er vom Gegentheil wissen?«

»Spare den Athem, Guter,« entgegnete sein Weib, denn du möchtest lange nach deinem Sohn rufen müssen, ehe er dir antwortet.«

»Es ist wahr, manche Männer sind so weibisch, daß sie die Jungen die Alten meistern lassen, aber du, Esther, solltest’s doch besser wissen, solltest nicht meinen, daß je so etwas in Ismael Busch’s Familie geschehen könnte.«

»Ei, du bist ein Tyrann gegen die Jungen, wenn es sich trifft, ich weiß es wohl, Ismael, und jetzt hast du einen von deinen Söhnen durch deinen Zorn fortgetrieben, gerade wenn du ihn am nöthigsten brauchst.«

»Vater,« sagte Abner, dessen schläfrige Natur sich allmählig zu der Kraftäußerung hinaufgewunden hatte, um so was Kühnes zu wagen, »die Jungen und ich haben einmüthig beschlossen, Asa aufzusuchen. Uns gefällt gar nicht, daß er in der Steppe campirt, statt in sein Bett zu kommen, was, wie wir wissen, er sonst gerne that.«

»Psah,« murmelte Abiram, »der Junge hat einen Bock getödet, oder vielleicht einen Büffel, und schlief bei der Beute, um die Wölfe bis zu Tage abzuhalten. Wir werden ihn bald sehen oder nach Hülfe rufen hören, um die Last hereinzubringen.«

»Ein Sohn wie meiner braucht wenig Hülfe, um einen Bock aufzuschultern oder wildes Rind zu vierteln!« entgegnete die Mutter. »Und du, Abiram, du magst so Unwahrscheinliches vorbringen, du, der selbst sagte, die Rothhäute seien noch gestern um diese Stelle herumgestreift?«

»Ich!« rief ihr Bruder hastig, als möchte er gerne seinen Irrthum zurücknehmen, »ich sagte es damals und sag‘ es noch, und so wirst du es finden. Die Teton sind in unserer Nähe, und es ist noch ein Glück für den Jungen, wenn sie ihn gut getroffen haben!«

»Mir scheint es,« sagte Doctor Battius, und sprach mit der Ueberlegung und Würde, wie man sie anzunehmen pflegt, wenn man seine Meinung durch hinlängliches Nachdenken gehörig hat reisen lassen; »mir scheint es, mir, einem Mann, der sich nur wenig auf die Zeichen und Eigenheiten der indianischen Kriegskunst versteht, besonders wie sie in diesen entfernten Ebenen ausgeübt wird, obwohl ich ohne Ruhmredigkeit sagen darf, daß ich einige Einsicht in die Geheimnisse der Natur habe; mir scheint es also, mir, der nur so wenig hierüber zu urtheilen im Stande ist, daß wenn Zweifel über eine Sache von so großer Wichtigkeit bestehen, es immer das Weiseste sein würde, sich zu vergewissern.«

Mir nichts weiter von Eurem doctern!« rief Esther grimmig, »nichts weiter von Euren Siebenfachen in einer gesunden Familie, sag‘ ich; da war ich ganz gesund, nur etwas abgespannt durch das viele Wehren unter den Kleinen, und Ihr gabt mir einen Trunk, der mir noch auf der Zunge hängt, wie ein Pfundgewicht an dem Flügel eines Sommervogels!«

»Ist die Medizin vorüber,« fragte Ismael trocken, »es muß ein rarer Verschreiber sein, der, – wenn es der Zunge der alten Esther ein schweres Gefühl macht!«

»Freund!« fuhr der Doctor fort, und winkte dem erbosten Weibe mit der Hand, stille zu bleiben, »daß sie nicht Alles wirkt, was man von ihr rühmt, davon ist gerade die Anklage der guten Frau Busch ein hinlänglicher Beweis. Aber um von dem abwesenden Asa zu sprechen. Es besteht ein Zweifel über sein Schicksal, und auch ein Vorschlag ist da, ihn zu heben. Nun, in den Naturwissenschaften ist die Wahrheit immer ein Desideratum, und ich gestehe, es möchte auch so im gegenwärtigen Fall scheinen, den man ein Vacuum wo? nennen könnte, da nach den Gesetzen der Physik einige tastbare Beweise von der Materialität da sein sollten.«

»Hört ihn nicht, hört ihn nicht!« rief Esther, als sie bemerkte, daß die Uebrigen mit einer Aufmerksamkeit ihm zuhörten, die eben sowohl von Hingebung zu seinen Vorschlägen, als von der Unverständlichkeit seines Vortrags herrühren mochte. »In jedem Wort, das er ausspricht, ist ein Schlaftrunk!«

»Doctor Battius wünschte zu sagen,« bemerkte Ellen bescheiden, »daß, da Einige von uns meinen, Asa sei in Gefahr, und Andere anders denken, die ganze Familie eine oder zwei Stunden ihn suchen sollte!«

»So, meint er das?« fiel das Weib ein, »dann hat Doctor Battius mehr Verstand, als ich geglaubt hatte. Sie hat Recht, Ismael, und was sie sagt, soll geschehen. Ich will selbst eine Büchse auf die Schulter nehmen; und wehe dem Rothhäutigen, der mir in den Weg kommt. Ich habe schon eher den Hahn losgedrückt, und zu meiner Pein schon genug den Lärm der Indianer gehört!«

Esther’s Muth theilte sich, wie der Antrieb, der ein siegreiches Kriegsgeschrei begleitet, ihren trägen Söhnen mit. Sie erhoben sich alle zugleich, und erklärten ihre Bereitwilligkeit, so kühnen Anschlag zu unterstützen. Ismael gab klüglicher Weise einem Eifer nach, dem er nicht widerstehen konnte, und in wenigen Augenblicken erschien das Weib, ihre Waffe auf der Schulter, und bereit, in Person die von ihren Nachkommen anzuführen, welche ihr folgen wollten.

»Laßt bei den Kindern zurückbleiben, wem es gefällt, und mitgehn mag, wer nicht feigherzig ist!« –

»Abiram, es geht nicht, die Hütten ohne Wache zu lassen,« lispelte Ismael, und warf seinen Blick nach oben. Der Mann, zu dem er sprach, stand, und verrieth ungewöhnlichen Eifer in seiner Antwort:

»Ich will bleiben und das Lager bewachen.«

Ein Dutzend Stimmen erhoben sich sogleich gegen diesen Vorschlag. Man brauchte ihn, um den Ort anzuzeigen, wo die feindlichen Spuren gesehen worden, und seine mannhafte Schwester tadelte offen den Gedanken als eines Mannes unwürdig. Der widerstrebende Abiram mußte nachgeben, und Ismael traf eine neue Anordnung zur Vertheidigung des Orts, der von Allen als sehr wichtig für ihre Sicherheit und Bequemlichkeit angesehen ward.

Er bot den Posten eines Commandanten dem Doctor Battius an, der jedoch peremtorisch und etwas stolz die zweifelvolle Ehre ausschlug, und dabei Blicke von ganz eigener Bedeutung mit Ellen wechselte. In dieser Verlegenheit mußte der Wanderer das Mädchen selbst zum Castellan machen, trug jedoch Sorge, als er ihr dies wichtige Amt übergab, es nicht an Ermahnungen zur Vorsicht und an Lehren fehlen zu lassen. Als diese vorgängigen Einrichtungen getroffen waren, machten die jungen Leute einige Vorkehrungen zur Vertheidigung und stellten Lärmzeichen fest, die der Schwäche und dem Charakter der Garnison angemessen waren. Mehrere Felsenmassen wurden an den Abhang der oberen Plattform gebracht und so hingelegt, daß es dem Gutdünken der schwachen Ellen und ihren Gefährten überlassen blieb, sie, wie es ihnen beliebte, auf die Häupter jedes Angreifers, der nothwendig die Anhöhe auf dem schwierigen, engen Weg, den wir schon oft erwähnt haben, hätte ersteigen müssen, hinunter zu wälzen oder nicht. Außer dieser furchtbaren Verschanzung wurden die Eingänge verstärkt und fast unzugänglich gemacht. Kleinere Wurfgeschosse, die selbst von den Händen der jüngern Kinder regiert werden mochten, die aber von der Höhe des Orts herab außerordentlich gefährlich werden konnten, wurden in Menge herbeigeschafft. Ein Haufen dürrer Blätter und Scheiter wurde wie ein Leuchthurm auf dem oberen Felsen aufgethürmt, und so ward, selbst nach dem vorsichtigen Urtheil des Wanderers, der Posten für stark genug gehalten, eine ziemliche Belagerung zu ertragen.

Sobald man den Felsen hinlänglich gesichert glaubte, machte sich der Theil, den man als den Ausfall bildend betrachten konnte, auf seinen gefährlichen Zug. Er ward von Esther in Person angeführt, die in einem halb männlichen Anzuge und eine Waffe wie die übrigen tragend, kein unpassender Häuptling für einen Haufen wilder Grenzleute schien, der ihr langsam folgte.

»Nun Abiram!« schrie die Amazone mit einer Stimme, die rauh und heiser war, aus dem einfachen Grunde, weil sie zu oft in einem zu hohen unnatürlichen Schlüssel angestrengt wurde; »nun Abiram lauf, die Nase am Boden; zeig dich als ein Hund von guter Race, und mach‘ deiner Zucht Ehre. Du sahst die Spur des indianischen Stiefels, und du mußt Andere auch so gelehrt machen. Komm, komm an die Spitze, Mann, und führ‘ uns tapfer!«

Der Bruder, welcher zu jeder Zeit eine heilsame Ehrfurcht gegen seiner Schwester Ansehen zu hegen schien, folgte, obwohl es mit so offenbarem Widerstreben geschah, daß es selbst unter den wenig beobachtenden und schläfrigen Söhnen des Auswanderers Spott erregte. Ismael selbst schritt unter seinen schlanken Kindern daher, als erwarte er nichts von dem Suchen, und sei gleichgültig für den Erfolg und das Mißlingen. Auf diese Weise marschirte der Haufen, bis die entfernte Feste so niedrig geworden war, daß sie keine größere Höhe darstellte, als irgend ein dunkler Punct am Rande der Steppe. Bisher war ihr Zug still und etwas schnell gewesen, denn da Anhöhe auf Anhöhe erstiegen und zurückgelassen wurde, ohne daß eine Abwechslung sich zeigte, oder etwas Lebendiges entdeckt ward, die Einöde zu beleben, so hatte die Eintönigkeit der Aussicht selbst Esther’s Zunge mit stets wachsender Erwartung gefesselt. Hier jedoch wollte Ismael stehen bleiben, und den Kolben seiner Büchse von der Schulter auf den Boden stoßend, bemerkte er:

»Es ist genug. Büffelspur und Wildfährte sieht man genug, aber wo sind der Indianer Fußtapfen, die du gesehen hast, Abiram?«

»Noch weiter gen Westen,« entgegnete dieser, und deutete nach der genannten Gegend. »Das war der Ort, wo ich die Fährte des Bocks traf, den ich tödtete; erst nachdem ich das Thier gejagt, kam ich auf die Tetonspur.«

»Und ein blutiges Werk hast du daraus gemacht, Mann,« rief der Auswanderer, und deutete erstaunt auf das besudelte Kleid seines Verwandten, worauf er die Aufmerksamkeit der Zuschauer, über den Gegensatz triumphirend, auf sein eigenes richtete. »Hier habe ich zwei Ziegen die Kehle abgeschnitten und einem herumstreichenden Pfau, ohne Flecken und Mackel, während du, Ungeschickter, du der Esther und den Mädchen so viele Arbeit gemacht hast, als wäre die Schlächterei dein gewöhnliches Geschäft. Kommt, Jungen; ich sage, es ist genug. Ich bin zu alt, um die Zeichen der Grenze nicht zu kennen; kein Indianer ist hier gewesen, seit dem letzten Fallen des Wassers. Folgt mir, und ich will eine Richtung einschlagen, die uns wenigstens für unsere Mühe das Fleisch einer fahlen Kuh geben soll!«

»Folgt mir,« rief Esther, und schritt unaufhaltsam vorwärts. »Ich bin heute der Anführer, und verlange Gehorsam. Wer ist auch so geschickt dazu als eine Mutter, bei einem Zug, um ihr Kind zu suchen, sich an die Spitze zu stellen.«

Ismael sah seine schwer zu behandelnde Ehehälfte mit einem nachsichtigen Lächeln an. Als er bemerkte, daß sie schon selbst einen Weg eingeschlagen hatte, der von dem Abiram’s und dem, welchen er selbst wählen wollte, verschieden war, und da er es nicht für gut hielt, gerade in diesem Augenblick die Zügel seines Ansehens zu straff anzuziehen, gab er wieder düster ihrem Willen nach. Aber Doctor Battius, der bis jetzt das Weib schweigend und gedankenvoll begleitet hatte, wollte jetzt eine schwache Stimme in einer Vorstellung erheben.

»Ich stimme mit Eurem Lebensgefährten überein, würdige, liebe Frau Busch,« sagte er, »und glaube, daß ein ignis fatuus (Irrwisch) der Einbildungskraft Abiram bei den Zeichen oder Symptomen betrogen hat, von welchen er gesprochen.«

»Symptomen, selbst Symptomen!« unterbrach ihn das Mannweib. »Das ist keine Zeit für Bücherwörter, auch kein Ort, still zu stehen, und Medizin zu verschlucken. Wenn Euch die Beine matt sind, so sagt’s wie ein aufrichtiger Mann, setzt Euch in die Steppe, wie ein lahmer Hund, und überlaßt Euch der Ruhe.«

»Das bin ich zufrieden,« entgegnete der Naturforscher ruhig, und folgte buchstäblich dem Rath der spottenden Esther, indem er kalt seinen Sitz an der Seite eines inländischen Strauchs nahm, und sogleich die Untersuchung damit begann, auf daß die Wissenschaft in keinem von ihren gerechten und wichtigen Ansprüchen zu kurz käme. »Ich ehre, wie Ihr seht, Euren kostbaren Rath, Mrs. Esther. Geht, sucht Euren Sohn auf, während ich hier weile, und das, was besser ist, verfolge, nämlich die Einsicht in die Geheimnisse des Buchs der Natur.«

Das Weib antwortete durch ein hohles, unnatürliches, verächtliches Lachen, und selbst ihre schwerfälligen Söhne, als sie langsam an dem Sitz des schon ganz vertieften Naturforschers vorüber gingen, ermangelten nicht, ihre Verachtung in bedeutendem Lächeln zu erkennen zu geben. In wenigen Augenblicken hatte der Zug die nächste Anhöhe erstiegen, und als er sich dem Abhang hinabwandte, war der Doctor allein, und seinen nützlichen Untersuchungen in gänzlicher Einsamkeit überlassen.

Noch eine halbe Stunde ging vorüber, während welcher Esther in ihrem, dem Anschein nach fruchtlosen, Suchen fortfuhr. Die Pausen wurden jedoch häufiger, ihre Blicke unsteter und ungewisser, als man Tritte durch die Gegend ertönen hörte, und einen Bock im nächsten Augenblick die Anhöhe heraufspringen. uns vor ihren Augen vorbei nach der Seite des Naturforschers hinschießen sah. So plötzlich und unerwartet war das Vorübereilen des Thiers gewesen, und so sehr war es durch die Natur des Bodens begünstigt worden, daß, ehe noch einer von den Waldleuten Zeit hatte, seine Büchse an die Wange zu bringen, es schon außer dem Bereich einer Kugel war.

»Sieh‘ dort den Wolf!« rief Abner und schüttelte unwillig den Kopf, daß er einen Augenblick zu spät gekommen. »Eine Wolfshaut wird nichts Geringes für eine Winternacht sein; ach, dort kommt der hungrige Teufel.«

»Halt,« schrie Ismael, und schlug die angeschlagene Büchse seines zu eifrigen Sohnes weg. »Das ist kein Wolf, sondern ein Hund und das von guter Race. Ah, wir haben Jäger in der Nähe; dort sind deren zwei.«

Er sprach noch, als die genannten Thiere auf der Fährte des Wildes hineilten, und sich im edlen Eifer einander zu übertreffen suchten. Der eine war ein altes Thier, dessen Kräfte nur noch durch seine Anstrengung aufrecht gehalten zu werden schienen, und der andere noch jung, welcher, während er eifrig die Jagd betrieb, mancherlei Sprünge machte. Beide liefen jedoch in großer Eile hin, und trugen die Nase hoch, ganz wie Thiere von scharfer, feiner Spürkraft. Sie waren vorüber, und würden im nächsten Augenblick mit offener Schnauze dem ansichtig gewordenen Wild nachgeeilt sein, wäre nicht der jüngere Hund plötzlich von seinem Lauf abgesprungen und in einen Schrei des Entsetzens ausgebrochen. Sein bejahrter Gefährte hielt ebenfalls und kehrte tiefathmend und erschöpft nach dem Ort zurück, wo der andere in schnellen und fast tollen Umkreisen die Stelle umlief, und sein Schreien mit kurzem, heisern Bellen fortsetzte. Aber als der ältere angelangt war, setzte er sich, erhob die Nase hoch in die Luft, und brach in ein langes, lautes, schmerzvolles Geheul aus.

»Es muß eine starke Fährte sein,« sagte Abner, der mit der übrigen Familie ein erstaunter Beobachter von den Bewegungen der Hunde gewesen war, »die zwei solche Burschen so plötzlich von ihrer Spur abbringen kann!«

»Tödte sie!« rief Abiram. »Ich schwöre der alte Hund gehört dem Streifschütz, den wir jetzt als unsern Todtfeind erkannt haben.«

Obwohl Esther’s Bruder einen so feindseligen Rath gab, schien er doch ganz und gar nicht geneigt, ihn selbst in Ausführung zu bringen. Das Erstaunen, welches sich des ganzen Haufens bemächtigt hatte, zeigte sich in seinem leeren, verwunderten Hinstarren eben so stark, als in irgend einem von den andern sich wundernden Gesichtern, die ihn umgaben. Sein Aufruf ward daher trotz seines wilden Gehalts nicht beachtet, und die Hunde ließ man dem Antrieb ihres geheimnißvollen Instinkts folgen, ohne Rückhalt, ohne Hinderniß.

Es dauerte lange, ehe einer der Zuschauer das Schweigen brach; aber der Auswanderer erlangte endlich wieder in soweit sein Ansehen, daß er das Recht erwarb, die Bewegungen seiner Kinder zu lenken.

»Kommt weg, Jungen; kommt, und laßt die Hunde ihre Noten zu ihrer eigenen Belustigung absingen;« sagte Ismael in seiner ruhigsten Weise, »Ich möchte nicht gerne einem Thier das Leben nehmen, weil sein Herr sich zu nahe an meine Ansiedelung festgesetzt hat. Kommt weg, Jungen, kommt, wir haben genug für uns selbst zu thun, ohne uns um die ganze Nachbarschaft zu kümmern.«

»Geht nicht fort!« schrie Esther in Tönen, die wie die Ermahnung einer Sibylle erschallten. »Ich sag Euch, geht nicht, meine Kinder. Das ist ein Wink und eine Warnung, und so wahr ich ein Weib und Mutter bin, will ich Alles erfahren!«

So sagend schwang das gereizte Weib des Auswanderers ihre Waffe, auf eine Art, die nicht ohne wilden geheimen Einfluß war, und ging voran nach der Stelle, wo noch die Hunde zögerten und die Luft mit ihren langgezogenen mitleidigen Klagen erfüllten. Der ganze Haufen folgte ihr, einige zu lässig, zu widerstreben, andere ihrem Willen gehorsam, und alle aufgeregt durch die ungewöhnliche Beschaffenheit des Auftritts.

»Sagt mir, Abner – Abiram – Ismael!« rief das Weib, als sie an einer Stelle stand, wo die Erde zertreten, und zerstampft und mit Blut befleckt war; »sagt mir, ihr seid Jäger, was für ein Thier hat hier seinen Tod gefunden? Sprecht! Ihr seid Männer und versteht euch auf die Zeichen der Steppe, ihr alle! Ist es das Blut eines Wolfs oder Panthers?«

»Ein Büffel, – und ein edles, kräftiges Thier ist’s gewesen!« entgegnete der Wanderer, der ruhig auf die verhängnißvollen Zeichen herab sah, die sein Weib so sonderbar rührten. »Hier sind die Zeichen der Stelle, wo er seine Hufe in die Erde gegraben, als er mit dem Tod rang, und dort hat er mit seinen Hörnern den Boden zerrissen und aufgewühlt. Ah, ein Büffelochse von wunderbarer Stärke und Muth ist es gewesen.«

»Und wer hat ihn erschlagen?« fuhr Esther fort. »Mann, wo sind denn die Stücke? Wölfe? Sie fressen die Haut nicht! Sagt mir ihr Männer und Jäger, ist das das Blut eines Thieres?«

»Der Kerl hat sich der Anhöhe hinabgestürzt,« sagte Abner, der etwas weiter als die übrigen gegangen war. »Ah, dort werdet Ihr ihn finden, in jenem Weidengehölz. Seht ein Tausend Raubvögel fliegen in diesem Augenblicke darüber hin!«

»Das Thier lebt noch,« entgegnete der Wanderer, »sonst würden die Geier auf ihren Raub herabfliegen! Nach dem Verhalten der Hunde muß es etwas von einem Raubthiere sein; ich glaube es ist der weiße Bär von den obern Wasserfällen. Sie sollen ausserordentlich zähes Leben haben.«

»Ach, laßt uns zurück gehen,« sagte Abiram, »es könnte Gefahr dabei sein, und es kann zu nichts dienen, ein Raubthier anzugreifen. Bedenk Ismael, es könnte ein gefährliches Spiel sein, und wenig dabei herauskommen!«

»Die jungen Leute lächelten bei diesem neuen Zeichen von der wohlbekannten Feigherzigkeit ihres zu empfindsamen Oheims. Der Aelteste ging selbst so weit, seine Verachtung durch beleidigende Reden zu erkennen zu geben.

»Man kann es zu dem andern Thier einsperren, das wir mit uns führen, dann können wir, beide Hände voll, in die Ansiedelungen zurückkehren, und sie sehen lassen in den vornehmen Häusern und Plätzen von Kentucky.«

Die finstere, drohende Stirn, die der Vater zusammenzog, ermahnte den jungen Mann abzulassen. Blicke, die halb rebellisch waren, mit seinen Brüdern wechselnd, hielt er’s für gut zu schweigen. Aber statt die von Abiram empfohlene Vorsicht zu beobachten, gingen sie zusammen weiter vor, bis sie wieder eine geringe Strecke von dem verdeckten Dickicht Halt machten.

Die Scene war jetzt in der That wild und schrecklich genug geworden, um einen mächtigen Eindruck selbst auf besser vorbereitete Gemüther zu machen, als es bei der Familie des Auswanderers der Fall war, die wenig solch einem erregenden Anblick zu widerstehen vermochte. Der Himmel war, wie gewöhnlich zu dieser Jahreszeit, mit dunkeln, treibenden Wolken bedeckt, unter denen unermeßliche Schwärme von Wasservögeln wieder auf den Flügeln waren, und ihren mühsamen, schweren Weg nach den fernen Wassern des Südens nahmen. Der Wind hatte sich erhoben, und fuhr wieder über die Steppe in Stürmen, denen oft zu widerstehen vergebens war, und die dann in die obere Luft sich zu versteigen schienen, als wollten sie mit den ziehenden Nebeln spielen, die ungeheure Massen von dumpfen, zerrissenen Dünsten in furchtbarer und doch erhabener Verwirrung übereinander thürmten. Ueber dem kleinen Gehölz setzten immer noch Schaaren von Vögeln ihren Flug fort und umkreisten mit schwerem Flügel die Stelle, bald gegen den Luftstrom ankämpfend, bald von ihrem Standpunkt und der Höhe begünstigt, kühne Angriffe auf das Dickicht machend, doch immer wieder erschreckt und schreiend forteilend, als würden sie durch den Anblick oder ihren Instinct gewarnt, daß die Stunde ihrer gefräßigen Herrschaft noch nicht gekommen.

Ismael stand viele Augenblicke mit Weib und Kindern in eine Gruppe zusammengedrängt voll Staunen da, in das sich auf sonderbare Weise eine gewisse Ehrfurcht gemischt hatte, in todtengleicher Stille auf den furchterregenden Ort hinstarrend. Esthers Stimme brach endlich den Zauber und erinnerte die Schauenden an die Nothwendigkeit, ihre Zweifel auf eine Männern würdigere Weise zu lösen, als durch dumpfes, unthätiges Hinschauen.

»Ruft die Hunde,« sagte sie, »treibt sie in das Dickicht, es sind genug Männer da, wenn ihr nicht den Muth verloren habt, mit dem ich weiß, ihr geboren seid, um die Wuth all‘ der Bären westlich vom großen Strom zu bezähmen! Ruf‘ die Hunde herbei, sag‘ ich, du Enoch! Abner! Gabriel! Hat euch Verwunderung taub und stumm gemacht?«

Einer der jungen Leute folgte; und als es ihm gelungen war, die Hunde von der Stelle wegzubringen, um die sie bis jetzt ohne Unterlaß herumgelaufen waren, führte er sie herunter an den Rand des Dickichts.

»Treib‘ sie hinein, Junge, hinein!« fuhr das Weib fort; »und du, Ismael und Abiram, wenn irgend etwas Gefährliches oder Verletzendes hervorkommt, dann zeigt ihm euere Büchsen, wie Grenzleute. Wenn es euch an Muth fehlt, will ich vor meinen Kindern euch beide beschämen!«

Die Jungen, welche bis jetzt die Hunde gehalten hatten, ließen die Riemen fahren, an welchen sie sie lenkten, und trieben sie durch ihren Zuruf zum Angriff. Aber es wollte scheinen; als wenn der ältere Hund durch ein ganz ungewöhnliches Gefühl zurückgehalten würde, oder als wenn er viel zu erfahren wäre, um rasch ein solches Abenteuer zu bestehen. Nachdem er einige Schritte zum Rand des Gehölzes vorgegangen war, machte er eine plötzliche Pause, und stand an allen seinen alten Gliedern zitternd, offenbar gleich unfähig zurück als vorwärts zu gehen. Die ermuthigende Zusprache der jungen Leute blieb unbeachtet, oder ward nur durch ein dumpfes, klägliches Winseln beantwortet. Für einen Augenblick machte es auch auf den jüngeren einen ähnlichen Eindruck, aber weniger vorsichtig, oder leichter erregt, ward er endlich bewogen vorwärts zu springen und dann in das Dickicht einzudringen. Ein erschrecktes, furchtsames Geheul ward gehört, und im nächsten Augenblick brach er heraus, und fing wieder die Stelle auf dieselbe wilde, unstete Art zu umkreisen an, wie vorher.

»Hab‘ ich einen Mann unter meinen Kindern?« fragte die erregte Esther. »Gebt wir ein sichereres Stück, als eine Kinderflinte, und ich will euch zeigen, was der Muth eines Grenzweibes vermag.«

»Bleibt, Mutter,« rief Abner und Enoch; »wenn du das Ding sehen willst, wollen wir dir’s vortreiben!«

Gerade so viel pflegten die Jungen selbst bei wichtigeren Gelegenheiten zu sprechen; aber als sie so ihren Plan angedeutet hatten, waren sie weit entfernt, in seiner Ausführung zurückzubleiben. Sie setzten ihre Waffen mit der äußersten Sorgfalt in Stand, und schritten dann beherzt auf das Gehölz zu. Weniger geübte Nerven, als die der jungen Grenzwohner, möchten leicht vor den Gefahren einer so ungewissen Unternehmung zurückgeschreckt sein. Als sie vorschritten, ward das Geheul der Hunde greller und klagender. Die Geier und Krähen kamen so weit herab, daß sie mit ihren schweren Flügeln die Büsche bestrichen, und der Wind strich rauh über die nackte Steppe, als wenn die Geister der Luft auch herabgestiegen wären, um bei der nahenden Auflösung zugegen zu sein.

Es war ein athemloser Augenblick, wo selbst das Blut der sonst so unbewegbaren Esther zurück nach ihrem Herzen floß, als sie ihre Söhne an den dürren Zweigen des Dickichts vorbei, sich in sein Labyrinth begeben sah. Eine tiefe, feierliche Pause folgte. Dann hörte man zweimal ein lautes, durchdringendes Geschrei, schnell auf einander, dem dann eine noch schrecklichere, entsetzendere Stille folgte.

»Kommt zurück, meine Kinder, kommt zurück!« rief das Weib, und die Gefühle der Mutter bekamen gänzlich die Oberhand in ihrem Busen.

Aber ihre Stimme versagte ihr, und alle ihre Kräfte schienen starr vor Schreck, als in diesem Augenblick das Gebüsch nochmals sich aufthat und die beiden Abenteurer wieder erschienen und, blaß und fast unempfindlich selbst, zu ihren Füßen niederlegten den steifen, regungslosen Leichnam des verlornen Asa, mit allen Zeichen eines gewaltsamen Todes nur zu deutlich in jedem blassen Gesichtszug.

Die Hunde stießen ein langes, letztes Geheul aus und brachen dann zusammen auf und verschwanden auf der verlassenen Fährte des Wilds. Die Heerde von Vögeln stieg auf gen Himmel und erfüllte die Luft mit Klagen, daß sie eines Opfers beraubt worden, das, schreckbar und entstellt, wie es war, doch noch zuviel von dem Menschenbilde an sich trug, um das Opfer ihres schmutzigen Hungers zu werden.

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

Ich bitt‘ dich, Schäfer, können gute Worte, Geld
In dieser Einöd‘ uns ein Unterkommen schaffen,
O führ‘ uns, daß wir ruh’n und etwas essen.

So wie es euch gefällt.

 

Viel ward zur Zeit gesprochen und geschrieben, ob es rathsam sei, die weitläufigen Landschaften von Louisiana mit dem schon unermeßlichen und nur halbbeherrschten Gebiet der Vereinigten Staaten zu verbinden. Als jedoch die Hitze des Streits nachgelassen, und eigennützige Betrachtungen freieren Ansichten Raum gegeben, wurde die Weisheit der Maßregel allgemein anerkannt. Es ward bald auch dem geringsten Scharfsinn einleuchtend, daß während die Natur unserer Ausdehnung nach Westen durch Wüsten Schranken gesetzt, diese Maßregel uns zu Herrn eines fruchtbaren Landstrichs gemacht hatte, welcher bei den täglichen Umwälzungen leicht Eigenthum einer eifersüchtigen Nation hätte werden können. Sie gab uns die ausschließliche Herrschaft über den inländischen Verkehr, und brachte die zahllosen Stämme, welche an unsern Grenzen lagerten, in gänzliche Abhängigkeit von uns; sie einigte widerstreitende Rechte und schwichtigte manche Furcht des Staats; sie öffnete tausend Wege dem Binnenhandel und der Schifffahrt auf dem stillen Meer; und wenn je Zeit oder Nothwendigkeit eine friedliche Theilung dieses ungeheueren Reichs erheischen sollte, sichert sie uns einen Nachbar, der Sprache, der Religion, Verfassung und man darf es hoffen, denselben Sinn für Staatsrechtspflege mit uns gemein hätte.

Obgleich der Kauf schon 1803 gemacht worden, kam doch der Frühling des folgenden Jahrs heran, ehe die Amtsbedächtigkeit des Spaniers, der diese Provinz für seinen Herrn in Europa verwaltete, die Autorität und Besitznahme der neuen Eigenthümer anerkannte. Aber den Formen der Uebergabe war nicht sobald Genüge geschehen, und die neue Herrschaft anerkannt, als Schwärme des rastlosen Volks, das sich immer an den Grenzen der amerikanischen Staatengesellschaft herumtreibt, sich in das Dickicht stürzten, welches das rechte Ufer des Mississippi umsäumte, – mit derselben sorglosen Kühnheit, die schon so viele von ihnen, in ihrer mühsamen Wanderung von den atlantischen Staaten nach den Ostküsten des »Vaters der Ströme« geleitet hatte.

Zeit konnte allein die zahlreichen und begüterten Colonisten der untern Provinz mit ihren neuen Landsleuten verschmelzen; aber die spärlichere und ärmere Bevölkerung oben ward fast alsbald in dem Strudel bei der Fluth drängender Wanderung mit fortgerissen. Dieser Einfall von Osten war ein neuer und plötzlicher Ausbruch eines Volkes, das vorübergehenden Zwang geduldet, nachdem es sich vorher durch Siege unwiderstehlich gemacht. Die Mühen und Unglücksfälle bei ihren früheren Unternehmungen waren vergessen, als diese endlosen und unerforschten Landschaften, mit all ihren wirklichen oder eingebildeten Vortheilen ihrem unternehmenden Geiste offen hingelegt wurden. Die Folgen waren so, wie sie leicht hätten vorausgesehen werden können, als ein so verführerisches Anerbieten einer Völkerschaft vorgehalten ward, die in Abenteuern auferzogen, in Mühseligkeiten aufgewachsen war.

Tausende von denen, die schon lange das, was damals »die neuen Staaten« genannt ward, bewohnt hatten, brachen auf, entrissen sich dem Genuß ihrer schwer erlangten Ruhe und zeigten sich an der Spitze langer Reihen von Abkömmlingen, die die Wildniß von Ohio und Kentucky geboren und auferzogen hatte, – zogen tiefer in’s Land, suchten, was ohne dichterische Ausschmückung ihre natürliche und angemessenere Atmosphäre genannt werden kann. Der ausgezeichnete und entschlossene Waldmann, der zuerst die Wildnisse des letztern Staates durchdrang, war unter ihnen. Diesen unerschrockenen, ehrwürdigen Stammvater sah man jetzt seinen letzten Rückzug machen, den »endlosen Strom« zwischen sich und die Menge setzen, die sein Erfolg um ihn gesammelt und nach Wiedererlangung eines Glückes streben, das, durch menschliche Einrichtungen eingeengt, für ihn werthlos war.

Bei dem Aussuchen solcher Abenteuer werden die Wanderer entweder von ihren früheren Gewohnheiten beherrscht oder von ihren geheimen Wünschen bethört. Einige wenige, von den Luftgebilden der Hoffnung geleitet, und gierig nach schnell zu erlangendem Reichthum, durchwühlten die Minen des jungen Landes, aber bei weitem der größere Theil der Ausgewanderten begnügte sich damit, sich an den Ufern der großen Wasser anzusiedeln, zufrieden mit der reichen Ausbeute, welche der dankbare angeschwemmte Boden der Ströme auch dem lässigsten Anbau nie verweigert. Auf diese Weise bildeten sich wie durch einen Zauber schnell Gemeinden, und die meisten von denen, welche Zeugen des Ankaufs des leeren Landes gewesen, sahen noch einen volkreichen, unabhängigen Staat sich bilden, abgesondert sich darstellen und seine Aufnahme in die Conföderation mit gleichen politischen Rechten bewerkstelligen.

Die Vorfälle und Auftritte, welche mit unserer gegenwärtigen Erzählung verknüpft sind, ereigneten sich in den ersten Zeiten der Unternehmungen, welche zu einem so schnellen und großen Ergebniß geführt haben. –

Die Ernte des ersten Jahres unseres Besitzes war längst vorüber, und die falben Blätter weniger zerstreut stehender Bäume zeigten schon die Farben und Schattirungen des Herbstes, als eine Reihe von Wagen aus dem Bette eines trockenen Baches hervorkam, um über die wellenförmige Oberfläche einer höckerigen Steppe ihren Zug fortzusetzen. Die Fuhrwerke, mit Hausgeräth und Werkzeugen des Ackerbaus beladen, die wenigen langsam sich fortschleppenden Schafe und Kühe, welche den Nachzug bildeten; das struppige Aussehen, die sorglose Miene der Männer, welche an der Seite ihrer saumseligen Gespanne hinschlenderten, – alles dies zusammengenommen zeigte, daß eine Bande Auswanderer auf dem Weg nach dem Eldorado ihrer Wünsche begriffen sei. Ganz dem gewöhnlichen Verfahren ihrer Kaste zuwider, hatte diese Rotte den fruchtbaren Boden des Unterlandes verlassen und durch Mittel, die nur solchen Abenteurern bekannt sind, ihren Weg durch Abgründe und Gießbäche, über tiefe Moräste und brennende Wüsten zu einer Gegend gefunden, die sich weit über die Grenzen menschlicher Wohnungen erhebt. Vor ihnen breiteten sich die weiten Ebenen aus, welche mit so wenig Abwechselung bis zum Fuß der Felsgebirge fortlausen, und viele traurige Meilen hinter ihnen schäumten die stürmischen, wilden Wasser des La Plata.

Die Erscheinung eines solchen Zugs in diesen nackten, einsamen Gründen ward dadurch noch auffallender, daß die Landschaft ringsum so wenig darbot, was die Lust eines unternehmenden Geistes reizen, und, wo möglich, noch weniger, was den Hoffnungen eines gewöhnlichen Auswanderers schmeicheln konnte. Die magern Gräser der Steppe sprachen nicht zu Gunsten eines harten, widerspenstigen Bodens, über welchen die Räder der Fuhrwerke so leicht hinrollten, als ob sie auf planer Heerstraße führen; weder Wagen noch Thiere ließen eine tiefere Spur hinter sich, als daß sie das welke, verbrannte Gras leicht zeichneten, das vom Vieh manchmal abgerissen, aber eben so oft wieder weggeworfen ward, – zu saueres Futter, als daß selbst ihr Hunger es ihnen hätte genießbar machen können.

Welches aber immer das letzte Ziel dieser Abenteurer sein mochte, oder die verborgenen Ursachen ihrer scheinbaren Ruhe in einer so entfernten, verlassenen Lage, kein Zeichen von Furcht oder Kummer verrieth Gesicht und Haltung auch nur eines einzigen von ihnen, Weiber und Kinder mit einbegriffen waren ihrer über zwanzig.

Etwas voran, an der Spitze des Ganzen zog ein Mann, der nach Haltung und Aeußerem der Führer der Schaar schien; er war schlank, von der Sonne verbrannt; über das mittlere Alter hinaus; sein stumpfes Ansehen, sein ausdrucksloses Gesicht zeigte eher alles andere als Reue über das Vergangene, aber Angst wegen der Zukunft. Sein Bau schien schlaff und hinfällig, war aber derb und ungewöhnlich stark! doch für Augenblicke nur, wenn ein unbedeutendes Hinderniß sich ihrem Zug entgegenstellte, entwickelte seine Gestalt, welche sonst so schmächtig und nervlos schien, etwas von der Kraft, die in seinem Organismus verborgen lag, wie die schlummernde, unbehülfliche, aber furchtbare Stärke im Belehnten. Die untern Züge seines Gesichts waren roh, breit und unbezeichnend, die obern, oder die edleren Theile, welche Ausdruck der Seele sein sollen, niedrig, zurücktretend und gemein.

Die Kleidung dieses Mannes bestand aus den groben Stücken eines Landmanns und den ledernen Bekleidungen, welche Sitte sowohl als Brauchbarkeit einem, auf solchen Zügen begriffenen Wanderer gewissermaßen nöthig gemacht hatte. Ueber diesen Anzug war übelgewählter Schmuck, ohne Geschmack reichlich angehängt. Statt des gewöhnlichen hirschledernen Gürtels trug er um den Leib eine verblichene seidene Schärpe, von den schillerndsten Farben; der hörnerne Griff eines Messers war verschwenderisch mit Silberplättchen belegt, der Pelz an seiner Mütze so fein und zart, daß eine Königin darnach hätte verlangen mögen; die Knöpfe seines groben, schmutzigen, wollenen Rocks waren von dem kostbaren Metall aus Mexiko; der Schaft seiner Flinte bestand aus schönem Mahagony, das durch eben solches Metall zusammengehalten und vereinigt ward. Zierrath und anderer Tand hing an drei werthlosen Uhren an verschiedenen Stellen an ihm herab. Außer dem Ranzen und Gewehr, welche, mit der wohlgefüllten Tasche und Pulverbüchse, sorgfältig verwahrt, um den Rücken geschlungen waren, hatte er nachlässig eine scharfe, blanke Holzart um die Schulter geworfen und trug das Gewicht des Ganzen mit soviel anscheinender Leichtigkeit, als ob er, die Glieder frei, ohne die geringste Last sich bewege.

Wenig hinter ihm kam ein Trupp junger Leute, von fast ganz gleicher Kleidung, die sich unter einander und ihrem Führer ähnlich genug waren, um sie für Kinder einer Familie zu halten. Konnte auch der jüngste von ihnen nicht weit über die Periode hinaus sein, welche im strengen Gesetzesstyl die Zeit des Verstandes genannt wird, so hatte er sich doch schon in so weit der Vorfahren würdig gezeigt, daß er seine anstrebende Figur bis zur Musterhöhe seines Stammes hinaufgebracht. Ein oder zwei andere waren noch unter ihnen, von etwas verschiedener Gestalt, deren Beschreibung jedoch dem Lauf der Erzählung aufbehalten werden muß.

Unter dem weiblichen Theil des Zuges fanden sich nur zwei, welche erwachsen waren, obgleich verschiedene weißgelockte, olivenfarbige Gesichtchen, die Augen voll Neugier und Leben, aus dem vordersten Wagen von Zeit zu Zeit hervortauchten. Die ältere von den zwei Erwachsenen war die bräunliche, alternde Mutter der meisten von ihnen, – die jüngere ein lebhaftes, tätiges Mädchen von achtzehn Jahren, das nach Gestalt, Kleidung und Miene einem um mehrere Stufen höherem Stande als alle ihre übrigen sichtbaren Gefährten anzugehören schien. Das zweite Fuhrwerk war mit einem Tuch so sorgfältig überspannt, daß es auch dem schärfsten Blick seinen Inhalt verbarg. Die übrigen Wagen waren nur mit solchen Gerätschaften und Effecten beladen, wie sie der zu besitzen pflegt, der in jedem Augenblick, ohne Rücksicht auf Jahreszeit und Entfernung, seinen Aufenthalt zu wechseln bereit ist.

Es fand sich wohl in diesem Zug und im Aeußern der Wanderer schon etwas, was man nicht täglich auf den Heerstraßen unseres veränderlichen und unsteten Landes zu sehen Gelegenheit hat. Aber der einsame und ganz eigene Schauplatz, auf dem sie so unerwartet auftraten, gab ihnen einen grellen Anstrich von Wildheit und Abenteuerlichkeit.

In den kleinen Thälern, welche bei der geregelten Bildung des Landes auf jeder Meile ihres Zuges sich zeigten, ward die Aussicht auf zwei Seiten von den allmächtig sich erhebenden unbedeutenden Anhöhen begrenzt, wovon die Art Steppen, die wir oben erwähnt, ihren Namen haben, während von den andern Seiten die Aussicht über lange, enge, dürre Fernen sich verbreitete, welche nur kärglich durch eine armselige Bekleidung mit einer struppigen, wiewohl manchmal üppigen Vegetation, sich aufzuputzen strebten. Von den Gipfeln dieser Anhöhen mochte das Auge nach allen Seiten sich richten, es ermüdete bei der Einförmigkeit und betrübenden Traurigkeit der Landschaft. Die Erde war dem Ocean nicht unähnlich, wenn seine rastlosen Wasser sich nur noch mit Mühe aufthürmen, nachdem die Kraft und Wuth des Sturmes angefangen sich zu mindern. Hier dieselbe wellenförmige, geregelte Fläche, dieselbe Abwesenheit aller fremdartigen Gegenstände, dieselbe grenzenlose Aussicht. In der That so auffallend war die Ähnlichkeit zwischen Wasser und Land, daß, mag auch der Geologe bei einer so einfachen Lehre lächeln, ein Dichter nothwendig hätte auf den Gedanken kommen müssen, die Bildung des einen sei nur durch die aufgehobene Herrschaft des andern vor sich gegangen. Hier und da ragte ein hoher Baum hervor und breitete seine nackten Aeste aus –, wie ein einsames Schiff; ja, um die Täuschung noch zu erhöhen, erschienen weit in der äußersten Entfernung zwei bis drei kreisförmige Dickichte, die im nebelichten Horizont wie Eilande im Schooße der Wasser schwammen. Man braucht den kundigen Leser nicht erst zu erinnern, daß die Einförmigkeit der Fläche, und der niedrige Standpunkt der Schauenden die Entfernungen vergrößerten, aber da immer noch Anhöhe auf Anhöhe erschien, Eiland auf Eiland sich zeigte, war dies eine entmuthigende Gewißheit, daß lange und scheinbar grenzenlose Landstriche noch zurückzulegen seien, ehe die Wünsche auch der bescheidensten Landbauer verwirklicht werden könnten.

Noch setzte der Führer der Auswanderer, nur von der Sonne geleitet, seinen Weg standhaft fort, wandte entschlossen den Wohnungen der Bildung den Rücken, und verwickelte sich mit jedem Schritt immer tiefer, wenn nicht ohne Rückkehr, in die Wohnungen der barbarischen, wilden Besitzer des Landes. Als aber der Tag sich immer mehr zu seinem Ende neigte, ward sein Gemüth, das vielleicht unfähig war, weiter zu berechnen und vorauszusehen, als was der Augenblick erheischte, in etwas durch die Sorge beunruhigt, wie er für die Bedürfnisse der kommenden Stunden der Finsterniß Rath schaffe.

Als er die Spitze einer Anhöhe, die etwas ansehnlicher als die gewöhnlichen war, erreicht hatte, stand er einen Augenblick, und warf die Blicke halb sehnsüchtig noch allen Seiten, um nach den wohlbekannten Zeichen zu spähen, welche eine Stelle verrathen könnten, wo die drei großen Erfordernisse, Wasser, Holz und Futter anzutreffen wären.

Es schien, als wenn dies Forschen fruchtlos gewesen, denn nach einigen Augenblicken kalter, gleichgültiger Untersuchung stieg seine hohe Gestalt die Anhöhe hinab, eben so lässig, wie ein überfüttertes Thier dem Drucke nach unten nachgibt.

Seinem Beispiel folgten schweigend, die hinter ihm gingen, aber erst nachdem sie mehr Aufmerksamkeit, wenn nicht Besorgniß, bei der kurzen Untersuchung verrathen, die jeder nach der Reihe anstellte, als er diesen Punkt der Aussicht erreicht. Es war jetzt aus dem langsamen Fortbewegen der Thiere und Menschen deutlich zu vermuthen, daß die Zeit der nöthigen Ruhe nicht mehr ferne sei. Die verwickelten Gräser des untern Landes boten Schwierigkeiten dar, welche Ermüdung gefährlich zu machen begann. Die Peitsche war mehrmals nöthig geworden, die zögernden Gespanne zum Ziehen anzutreiben. In diesem Augenblick, wo mit Ausnahme der Hauptperson allgemeine Ermüdung sich der Reisenden bemächtigt hatte, und jedes Auge, wie durch einen Trieb, sehnsuchtsvoll vorwärts gerichtet war, ward der ganze Trupp durch ein eben so plötzliches als unerwartetes Ereigniß zum Stehen gebracht.

Die Sonne war hinter dem Gipfel des nächsten Hügels hinabgesunken, und ließ auf ihrer Spur, wie sie pflegt, einen hellglänzenden Streifen zurück. In der Mitte dieser Lichtfluth erschien eine menschliche Gestalt, so deutlich auf den goldnen Grund hingegossen, als ob man sie mit der Hand erreichen könnte. Die Gestalt war colossal, die Stellung nachdenkend, traurig; und der Ort, den sie einnahm, gerade auf dem Weg der Reisenden. Aber eingehüllt in ihr glänzendes Lichtgewand, machte sie es unmöglich, mehr über die Verhältnisse der Glieder, über ihren Ausdruck zu entdecken.

Die Wirkung eines solchen Schauspiels war augenblicklich und ergreifend. Der Mann an der Spitze machte Halt und schaute nach dem geheimnißvollen Wesen mit einem stumpfen Antheil, der bald in eine Art abergläubischer Verehrung überging; seine Söhne stellten sich, sobald die erste Bewegung der Ueberraschung ein wenig nachgelassen, leise um ihn, und da diejenigen, welche die Gespanne führten, nach und nach ihrem Beispiel folgten, war der ganze Zug bald in eine schweigende, staunende Gruppe gesammelt. Aber obgleich der Eindruck einer übernatürlichen Macht sehr allgemein unter den Ziehenden war, wurde doch Waffengeräusch gehört, und einer oder zwei der kühnem Jünglinge nahmen ihre Gewehre vor, um zu jedem Dienst bereit zu sein.

»Schick die Jungen rechts,« rief das entschlossene Weib, die Mutter, mit einer scharfen, mißtönenden Stimme, »ich wette, Asa oder Abner werden uns nähere Auskunft über das Ding geben.«

»Es mag gut sein, die Flinte zu versuchen,« murmelte ein finsterer Mann, dessen Züge in Gestalt und Ausdruck keine geringe Aehnlichkeit mit dem Weibe hatten, das zuerst gesprochen, und der jetzt, während er diese entschlossene Meinung aussprach, das Gewehr los machte, und es geschickt an die Wangen brachte, »die Wolf-Pawnee, sagt man, jagen nur zu Hunderten in der Ebene, ists so, so werden sie einen Mann aus ihrem Stamm nicht vermissen.«

»Halt!« rief mit sanftem Ton, aber von Furcht geängstet eine weibliche Stimme, die augenscheinlich den zitternden Lippen der jüngeren der beiden Frauen angehörte, »wir sind nicht all beisammen, es könnt‘ ein Freund sein.«

»Wer rührt sich da?« fragte der Vater, und maß zu gleicher Zeit den Haufen seiner stattlichen Söhne mit einem unwilligen, trüben Auge. »Weg mit der Flinte, die Flinte weg,« fuhr er fort, und wies des andern Hülfe mit einem Riesenfinger zurück, mit dem Blick eines Menschen, dem nicht zu gehorchen gefährlich sein möchte. »Mein Werk ist noch nicht zu Ende, laßt mich das Uebrige, es ist so wenig, in Frieden beschließen.«

Der Mann, welcher eine so feindliche Absicht gezeigt, schien den andern zu verstehen, und ließ sich von seinem Vorhaben abwenden. Die Söhne richteten ihre Blicke fragend auf das Mädchen, das so eifrig gesprochen, um Ausklärung zu erhalten; aber sie, gleichsam zufrieden, für den Unbekannten Aufschub erlangt zu haben, war schon wieder auf ihren Sitz herabgesunken, und hüllte sich in ihr mädchenhaftes Schweigen.

Mittlerweile hatten sich die Farben am Himmel oft geändert; an die Stelle des Glanzes, der das Auge blendete, war ein blasseres, sanfteres Licht getreten, und je mehr der Untergang seine Pracht verlor, wurden die Verhältnisse der abenteuerlichen Gestalt weniger ungeheuer und endlich ganz deutlich. Der Führer, der sich schämte, länger zu zögern, nun, da die Wahrheit nicht länger zweifelhaft war, setzte seine Reise fort, und gebrauchte nur die Vorsicht beim Herabsteigen, daß er seine eigene Flinte vom Riemen los machte, um sie in eine zum schnellen Gebrauch bequemere Lage zu bringen.

Solche Wachsamkeit schien jedoch ziemlich unnöthig. Von dem Augenblick an, wo sie so unbegreiflich gleichsam zwischen Himmel und Erde erschienen, hatte die fremde Gestalt weder die geringste Bewegung gemacht, noch sonst ein Zeichen von Feindseligkeit gegeben. Hätte sie auch eine böse Absicht gehegt, sie schien, als sie nun völlig zu Gesicht kam, wenig im Stande, sie auszuführen.

Ein Körper, der die Beschwerden von mehr als achtzig Wintern getragen, war nicht geeignet, Furcht in so kräftigen Wanderern zu wecken. Aber ungeachtet seiner Jahre und einem Anschein von Abzehrung, wo nicht von Noth, lag in diesem einsamen Wesen etwas, was aussagte, Zeit, nicht Krankheit habe zu schwer auf ihm gelastet. Seine Gestalt war geschwunden, aber nicht verwüstet; die Sehnen und Nerven, welche einst große Kraft gezeigt, waren, obgleich eingeschrumpft, doch noch sichtbar; sein ganzes Aeußere hatte ein Ansehn von Abhärtung erlangt, welche, wäre nicht zu bekannt die Hinfälligkeit der Menschheit, die fernern Verwüstungen der Zeit hätten herausfordern mögen. Seine Kleidung bestand hauptsächlich aus Fellen, das Haar nach außen gewendet; ein Ranzen und Pulverhorn hing um seine Schultern; ein Gewehr von ungewöhnlicher Länge, das wie sein Eigenthümer Spuren eines langen und harten Dienstes trug, diente ihm zur Stütze.

Als der Zug sich diesem einsamen Wesen näherte und in eine Entfernung gekommen war, wo man sich einander verstehen konnte, tönte ein dumpfes Knurren aus dem Grase zu seinen Füßen herauf, und dann erhob sich ein hoher, magerer, zahnloser Hund schwerfällig von seinem Lager auf, schüttelte sich und machte Miene, als wolle er sich der Annäherung der Wanderer widersetzen.

»Weg, Hektor, weg!« rief sein Herr mit einer vor Alter etwas zitternden, hohlen Stimme; »was hast du, Alter, mit Leuten zu schaffen, die ihres Wegs ziehen?«

»Fremder, seid Ihr bekannt in dieser Gegend?« sagte der Führer der Auswanderer, »so zeigt einem Reisenden, wo er das Nothwendige für diese Nacht finden kann.«

»Ist das Land auf der andern Seite des großen Flusses schon voll?« fragte der alte Mann feierlich, ohne auf die Rede des andern zu achten; »oder warum sehe ich, was ich nie wieder zu schauen gedachte?«

»Es ist freilich noch Land übrig für die, welche Geld haben und in ihrer Wahl nicht eigensinnig sind,« erwiederte der Auswanderer; »aber für mich ist Alles schon überfüllt. Wie weit rechnet man wohl von hier bis zum nächsten Punkt am Hauptstrom?«

»Ein gejagtes Reh könnte seine Seiten im Mississippi nicht erfrischen, ohne einen Lauf von fünfhundert langen Meilen.«

»Und wie nennt Ihr die Gegend hier ringsum?«

»Wie nennt Ihr,« erwiederte der alte Mann und zeigte bedeutungsvoll aufwärts, »die Stelle, wo Ihr jene Wolke seht?«

Der Auswanderer sah den Andern an, als ob er den Sinn der Rede nicht gefaßt und halb argwöhnte, zum Besten gehalten zu werden; aber er begnügte sich, zu sagen:

»Ihr seid, denke ich, nur ein neuer Bewohner, wie ich, Fremder, sonst würdet Ihr Euch nicht weigern, einem Wanderer mit Euerm Rath einen Beistand zu leisten, der Euch so wenig kostet, da es nur ein Geschenk in Worten ist.«

»Es ist kein Geschenk, sondern eine Schuld, die der Aeltere dem Jüngeren abtragen muß; was wünscht Ihr zu wissen?«

»Wo ich die Nacht lagern könnte. Ich mach‘ nicht viele Schwierigkeit wegen Bett und Lager; aber alle alten Wanderer, wie ich, kennen den Werth guten Wassers und Futters für’s Vieh.« »So kommt denn mit, und Ihr sollt Beides finden; doch kann ich wenig mehr auf dieser öden Steppe Euch bieten.«

Während der Alte noch sprach, hob er sein schweres Gewehr mit einer Leichtigkeit auf die Schulter, die selten bei seinen Jahren und seinem Aussehn gefunden wird, und führte sie ohne weitere Worte den Weg über die Anhöhe in die anstoßende Niederung.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

»Geh‘ auf die Seite, Adam, und du kannst dann hören,
Wie sehr er mich bestürmen wird.«

So wie es euch gefällt.

 

Es ist bekannt, daß selbst lange vorher, ehe die unbegrenzten Landschaften von Louisiana ihren Herrn zum zweiten, und, wie man hoffen darf, zum letzten Mal vertauschten, sein ungeschütztes Gebiet gar nicht vor den Einfällen weißer Abenteurer sicher war. Die halbwilden Jäger aus den Canada, dieselbe Menschenrasse, ein wenig mehr gebildet, aus den Staaten, und die Mestizen oder Gemischten, welche zu den Weißen gezählt sein wollten, lebten unter den verschiedenen indischen Stämmen zerstreut, oder suchten in der Einöde, unter den Schlupfwinkeln der Biber und Bison, oder, um dem Landessprachgebrauch zu folgen, – der Büffel kärglichen Unterhalt.

So war es also nicht ungewöhnlich, daß Fremde einander in den endlosen Wüsten des Westen begegneten. An Zeichen, die ein ungeübtes Auge unbemerkt gelassen hatte, erkannten diese Grenzwohner, wenn einer ihrer Gefährten nahe war, und so vermieden oder suchten sie den Ankömmling, je nachdem es mit ihren Gefühlen oder Vortheilen übereinstimmte. Zum öftersten waren diese Besuche friedlich, denn die Weißen hatten einen gemeinsamen Feind in den alten und vielleicht rechtmäßigern Bewohnern des Landes zu fürchten; aber auch die Fälle waren gar nicht selten, wo Eifersucht und Gier sie trieben, sich in Ausbrüchen der größten Gewaltthätigkeit und gefühllosesten Verrätherei zu trennen. Das Begegnen zweier Jäger in der amerikanischen Wüste, wie wir manchmal diese Gegend zu nennen belieben, hatte folglich immer etwas von der verdachtvollen und vorsichtigen Art, womit zwei Schiffe in einer See zusammenkommen, von der man weiß, daß sie von Seeräubern unsicher gemacht wird. Während kein Theil durch ein Zeichen von Mißtrauen seine Schwäche verrathen will, ist auch keiner geneigt, durch ein zutrauliches Benehmen, das dann nicht so leicht wieder abgestellt wird, sich in Gefahr zu bringen.

Von dieser Art war auch gewissermaßen die gegenwärtige Zusammenkunft. Der Fremde näherte sich vorsichtig, und hielt sein Auge standhaft auf alle Bewegungen des andern Theils gerichtet, während er vorsätzlich kleine Hindernisse sich schuf, um ein Nahekommen zu verzögern, das vielleicht zu schnell sein möchte. Auf der andern Seite spielte Paul mit dem Schloß seiner Flinte, zu stolz, als daß er merken lassen sollte, drei Männer könnten die geringste Furcht vor einem einzelnen zeigen, und doch zu vorsichtig, ganz die gewöhnlichen Vorkehrungen zu versäumen. Die Hauptursache von dem auffallenden Unterschied, womit die zwei gesetzmäßigen Theilnehmer an der Mahlzeit ihre Gäste empfingen, mußte man in der gänzlichen Verschiedenheit ihres respectiven Aeußern suchen.

Während das Ansehen des Naturforschers ausgezeichnet friedlich, um nicht zu sagen, zerstreut schien, drückte das des neuen Ankömmlings eine Kraft aus, zeigte eine Stirn und einen Schritt, die man leicht für militärisch hätte halten mögen. Er trug eine Commiskappe von feinem, blauem Tuch, an der eine schmutzige goldene Quaste herabhing; die Mütze selbst verlor sich fast ganz in der Masse des reichen, lockigen, pechschwarzen Haars. Um den Hals hatte er nachlässig ein schwarzes seidenes Tuch herumgewunden; im Uebrigen war er in ein Jägergewand gekleidet, das mit gelben Franzen und andern Zierrathen besetzt war, wie man es manchmal unter den Grenztruppen der Conföderation sah. Unter diesem Kleid ward jedoch das Koller und die Umschläge einer Jacke von derselben Farbe und aus demselben Stoff, wie die Mütze, sichtbar. Seine untern Gliedern wurden durch Strümpfe von Bockleder und seine Füße durch gewöhnlichen indischen Moccasins geschützt. Ein reich geschmückter und außerordentlich gefährlicher langer Dolch steckte in einem Gürtel von roth seidener Nesselarbeit; ein anderer Gürtel oder vielmehr Bund von ungefärbtem Leder enthielt in wohlangepaßten Halftern kleine Pistolen; und um seine Schultern hatte er ein kurzes, schweres Soldatengewehr geworfen; sein Pulverhorn und seine Taschen nahmen ihre gewöhnliche Stelle zur Seite unter seinem Arm ein. Auf dem Rücken trug er einen Schnappsack, mit den wohlbekannten Anfangsbuchstaben, die der Verwaltung der Vereinten Staaten ( United States) seitdem den witzigen und lieben Namen UncIe Sam (Onkel Sam) verschafft haben.

»Ich komm‘ als Freund,« sagte der Fremde und schien zu sehr an den Anblick der Waffen gewöhnt, um sich über die lächerlich kriegerische Stellung, die Doctor Battius hatte annehmen wollen, zu entsetzen. »Ich komm‘ als Freund, dessen Streben und Wünsche mit Euren nicht in Streit gerathen werden.«

»Hört, Fremder,« sagte Paul Hover barsch, »versteht Ihr einen Schwarm von dieser offenen Stelle bis in einen Wald, entfernt vielleicht ein Dutzend Meilen zu verfolgen.«

»Die Biene ist ein Vogel, dem ich nie nachzugehen gedachte,« erwiederte der Andere lachend, »obwohl ich zu meiner Zeit auch so etwas von einem Vogeljäger war.«

»Das meint‘ ich auch,« rief Paul, und streckte offen die Hand aus, ganz mit der wahren Freimüthigkeit, die den amerikanischen Grenzwohner auszeichnet. »Gebt die Hand. Ihr und ich, wir werden uns nie um die Scheiben zanken, da Ihr Euch so wenig aus dem Honig macht. Und nun, wenn Euer Magen noch einen leeren Platz hat, und Ihr einen klaren Thautropfen, der Euch in’s Maul fällt, zu benutzen wißt, so liegt dort ein herrlicher Bissen, den Ihr hineinstecken könnt. Versucht’s, Fremder, und wenn Ihr’s versucht habt, und es nicht ein so köstliches Stückchen nennt, wie Ihr je, seit – wie lange verließt Ihr die Ansiedelungen?«

»Seit vielen Wochen, und ich fürchte, es kann noch einmal so lang dauern, bis ich wieder hinkomme. – Ich nehme übrigens Eure Einladung gerne an, denn ich habe seit Sonnenaufgang gestern gefastet und kenne zu wohl die Vortrefflichkeit eines Bisonrücken, um das Essen auszuschlagen.«

»Ah, Ihr kennt das Gericht! Nun darin hättet Ihr freilich noch vor einem Augenblick etwas vor mir vorausgehabt, wiewohl ich jetzt denken sollte, wir ständen uns gleich. Ich wär‘ in der That der glücklichste Bursche zwischen Kentucky und den Felsengebirgen, wenn ich nur eine kleine Hütte an einem alten Wald mit hohlen Bäumen hätte, so einen Bisonrücken jeden Tag zum Mittagessen, eine Last frisches Stroh für die Bienen und klein El – –«

»Klein, was?« fragte der Fremde, dem der gesprächige und offene Bienenjäger zu gefallen schien.

»Etwas, das ich eines Tags haben werde, und das Niemand so sehr betrifft als mich,« erwiederte Paul, und pickte an seinem Flintenstein, während er sehr kriegerisch ein an den Wassern des Mississippi gewöhnliches Lied pfiff.

Unter diesem einleitenden Gespräch hatte der Fremde seinen Sitz vor dem Bisonrücken eingenommen, und machte schon einen ernsthaften Angriff auf die Ueberbleibsel. Doctor Battius jedoch beobachtete seine Bewegungen mit einer Eifersucht, die noch weit auffallender, als die herzliche Aufnahme des offenen Paul war.

Aber die Zweifel oder vielmehr Besorgnisse des Naturforschers waren von ganz anderer Art, als das Zutrauen des Bienenjägers. Er hatte sich darüber erstaunt, daß der Fremde den rechten Namen statt des falschen von dem Thier gebrauchte, welches jetzt seine Mahlzeit ausmachte, und da er selbst einer der ersten gewesen war, welche die Wegräumung der Hindernisse benutzten, die die spanische Politik der Erforschung ihrer transatlantischen Besitzungen in den Weg gelegt, (mochte sie Handelsabsichten, oder, wie dies bei ihm der Fall war, die löblichern Zwecke der Wissenschaft betreffen,) so hatte er Einsicht genug, zu fühlen, daß dieselben Beweggründe, die ihn so mächtig zu seiner gegenwärtigen Unternehmung getrieben hatten, eine gleiche Wirkung auf das Gemüth anderer Freunde der Natur haben könnten. Er sah also hier eine beunruhigende Rivalität voraus, welche ganz das Aussehen hatte, als ob sie ihn wenigstens der Hälfte des gerechten Lohns seiner Arbeiten, Entsagungen und Gefahren berauben wollte. Betrachtet man seinen Charakter also von dieser Seite, so ist es gar nicht zu verwundern, wenn die Milde der Gemüthsart des Naturforschers ein wenig getrübt ward, und er das Verhalten des Andern mit der Aufmerksamkeit bewachte, die er für nöthig hielt, um seine feindlichen Pläne zu entdecken.

»Das ist in Wahrheit ein herrliches Essen,« bemerkte der sorglose, junge Fremde, denn auf beides, Jugend und Schönheit mochte er wohl Anspruch machen; »entweder hat mein Hunger dem Fleisch eine besondere Schmackhaftigkeit gegeben, oder der Bison kann sich mit den herrlichsten des Ochsengeschlechts vergleichen!«

»Die Naturforscher, Herr, wenn sie vertraulich sprechen, geben wohl der Kuh den Vorzug, nach ihr das Genus zu benennen«, sagte Doctor Battius und räusperte sich, ehe er sprach, ganz so, wie ein Zweikämpfer die Spitze der Waffe untersucht, die er dem Gegner in den Leib rennen will. »Ihre Gestalt ist vollkommner, auch ist der bos, d. h, Ochse, nicht im Stande die Art fortzupflanzen; während der b os im weitesten Sinn oder die vacca immer das edlere Thier von den beiden ist.«

Der Doctor sprach diese Meinung mit einer Miene aus, die seine Bereitwilligkeit ausdrücken sollte, alsbald auf einen der zahlreichen Streitpunkte überzugehen, die, wie er nicht zweifelte, zwischen ihnen bestünden; und so wartete er auf den Schlag seines Gegenkämpfers, worauf denn sein nächster Hieb noch kräftiger sein sollte. Aber der junge Fremde schien weit mehr geneigt, an dem guten Essen Theil zu nehmen, womit er so gelegen versehen worden, als den Handschuh zum Streit über Einen oder den Andern der verwickelten Puncte aufzuheben, welche so geeignet sind, dem Liebhaber der Wissenschaft Stoff zu einem gelehrten Lanzenbrechen zu geben.

»Ich glaube wohl, Ihr habt ganz Recht,« erwiederte er mit der empörendsten Gleichgültigkeit in Hinsicht der Wichtigkeit des Zugestandenen. »Ich glaube, Ihr habt ganz Recht, und vacca würde das bessere Wort gewesen sein.«

»Verzeiht mir, Herr, Ihr gebt meiner Sprache einen falschen Sinn, wenn Ihr meint, ich brächte, ohne viele und ganz besondere nähere Bestimmungen den bubulus americanus in die Familie vacca. Denn, wie Ihr wohl wißt, Herr, – oder wie ich lieber hätte sagen sollen, Doctor – Ihr habt doch ohne Zweifel das medizinische Diplom?« –

»Ihr schreibt mir da eine Ehre zu, worauf ich keinen Anspruch mache,« unterbrach der Andere.

»Einen untern Grad also! – oder vielleicht habt Ihr in einer andern freien Kunst promovirt?«

»Noch weit schlimmer, versichere Euch.«

»Ihr habt Euch aber doch gewiß nicht, junger Mann, in dies wichtige – ich möchte sagen feierliches Unternehmen gewagt, ohne einen Beweis von Eurer Tüchtigkeit zu diesem Dienst vorzeigen zu können; einen Auftrag, wodurch Ihr einen Beruf zu diesem Geschäft darthun, und eine Verwandtschaft und Gemeinschaft mit Euren Mitarbeitern in dem menschenfreundlichen Bestreben ansprechen könnt.«

»Ich weiß nicht durch welche Mittel oder zu welchem Zweck Ihr Euch mit meinen Plänen bekannt gemacht,« rief der Jüngling, ward roth, und erhob sich mit einer Schnelligkeit, welche zeigte, wie wenig er die leiblichen Bedürfnisse berücksichtige, wenn etwas seinem Herzen näher liegendes berührt ward. »Noch, Herr, ist Eure Sprache mir unverständlich. Das Streben, was bei einem Andern vielleicht mit Recht menschenfreundlich und aufopfernd genannt werden könnte, ist bei mir eine theure, liebe Pflicht; warum aber ein Auftrag verlangt werden oder nöthig sein sollte, ist, ich gesteh‘ es, ebenfalls etwas, was mich nicht weniger erstaunt.«

»Es ist gewöhnlich, sich mit einem solchen Document zu versehen,« erwiederte der Doctor ernst, »und es bei allen schicklichen Gelegenheiten vorzuzeigen, damit geistesverwandte und freundliche Gemüther zugleich allen unwürdigen Verdacht unterdrücken, und, was die Elemente des Gesprächs genannt werden kann, übergehend, mit einem Mal zu den Puncten kommen, welches für beide die wahren desiderata sind.«

»Eine sonderbare Forderung!« murmelte der Jüngling und wandte sein schwarzes, umschattetes Auge von einem zum andern, als ob er den Charakter seiner Gefährten erforschen und ihre physische Kraft wägen wollte. Dann brachte er die Hand in den Busen, zog ein kleines Kästchen hervor, und fuhr, es dem Doctor mit Würde reichend, fort: »Ihr werdet darin finden, Herr, daß ich einiges Recht habe, in einem Lande zu reisen, welches jetzt Eigenthum der amerikanischen Staaten ist.«

»Was haben wir da!« rief der Naturforscher, während er ein großes Pergament entfaltete; »ei, das ist ja die Unterschrift des Philosophen Jefferson. Es ist das Staatssiegel! Mitunterschrieben von dem Kriegsminister! Es ist ein Document, das Duncan Uncas Middleton zum Capitain der Artillerie macht.«

»Wen, wen!« rief wiederholt der Streifschütz, der den Fremden während der ganzen Unterredung mit Augen betrachtet hatte, die jeden Gesichtszug eifrigst zu verschlingen schienen. »Wie ist der Name? Nanntet Ihr ihn Uncas? War’s Uncas?«

»Das ist mein Name,« erwiederte der Jüngling stolz. »Es ist der Name von einem Landeshäuptling, den mein Oheim und ich stolz sind zu tragen, da er ein Andenken an einen wichtigen Dienst ist, welcher meiner Familie von einem Krieger in den alten Kämpfen der Provinzen geleistet ward.«

»Uncas! Nanntet Ihr ihn Uncas!« wiederholte immer noch der Streifschütz, er näherte sich dem Jüngling, und theilte die dunkeln Locken, welche über seine hohe Stirn herabfielen, ohne den geringsten Widerstand von Seiten des erstaunten Eigenthümers. »Ach meine Augen sind alt, und nicht mehr so scharf, als wie auch ich Soldat war; aber ich kann das Bild des Vaters im Sohn erkennen; ich sah es, als Ihr zuerst nahe kamt. Doch es gingen so viele Begebenheiten seitdem vor meinem erlöschenden Blick vorüber, daß ich den Ort nicht nennen konnte, wo mir ein Gegenbild vorgekommen. Sagt mir, Junge, unter welchem Namen ist Euer Vater bekannt?«

»Er war Offizier bei den Staaten im Revolutionskrieg, und natürlich trug er meinen Namen. Meiner Mutter Bruder hieß Duncan Uncas Heyward.«

»Noch Uncas, Uncas!« entgegnete der Andere zitternd vor Erwartung. »Und sein Vater?«

»Hieß eben so ohne den Titel des Landeshäuptlings. Ihm und meiner Großmutter ward der Dienst erwiesen, wovon ich eben sprach.«

»Ich wußte es, ich wußte es!« rief der alte Mann mit zitternder Stimme; seine rauhen Züge waren in mächtiger Bewegung, als ob die Namen, welche der andere nannte, lange schlafende Erinnerungen wieder aufweckten, die sie an Begebenheiten eines früheren Alters anknüpften. »Ich wußte es! Sohn oder Enkel, es ist dasselbe. Es ist sein Blut, es ist sein Blick! Sagt mir, lebt der, den sie Duncan nennen, ohne Uncas, lebt der noch?«

Der junge Mann schüttelte traurig das Haupt, als er Nein antwortete:

»Er starb reich an Tagen und Ehren. Geliebt, glücklich und beglückend.«

»Reich an Tagen!« wiederholte der Streifschütz, und sah nieder auf die eigenen magern, aber noch kräftigen Hände. »Ach er lebte in den Ansiedelungen und war nur weise nach ihrer Art. Aber Ihr habt ihn oft gesehen, ihn sprechen hören von dem Uncas und von der Wildniß.«

»Oft! Er war damals Diener des Königs. Aber als der Krieg ausbrach zwischen der Krone und den Colonieen, da vergaß mein Großvater nicht den Geburtsort, sondern warf weg die leere Last der Namen, und war treu seinem Vaterlande. Er focht auf der Seite der Freiheit.«

»Darin war Vernunft, und was noch besser ist, Natur! Kommt, setzt Euch nieder zu mir, Junge; setzt Euch, und sagt mir, was Euer Großvater zu erzählen pflegte, wenn seine Gedanken auf den Wundern der Wildniß verweilten.«

Der Jüngling lächelte, eben so sehr über das Drängen als über die Theilnahme des alten Mannes; aber da er fand, daß auch nicht mehr der geringste Schein einer Gewaltthätigkeit, die man hätte beabsichtigen können, da war, so willfahrte er ohne Zögern.

»Erzählt es all dem Streifschützen mit allen Umständen,« sagte Paul, und nahm ruhig seinen Sitz an der andern Seite des jungen Kriegers ein. »Die Greise lieben solche alten Erzählungen, und auch ich muß gestehen, ich höre sie nicht ungern.«

Middleton lachte wieder, und vielleicht mit etwas Spott; aber dann gutmüthig zum Streifschützen gewandt, fuhr er fort:

»Es ist eine lange und möchte wohl eine unangenehme Geschichte sein. Blutvergießen und alle Schrecken indianischer Grausamkeit und indianischer Kriege sind furchtbar in die Erzählung gemischt.«

»Ach gebt sie uns ganz, Fremder,« fuhr Paul fort. »Wir sind an solche Dinge in Kentucky gewöhnt, und ich muß sagen, ich halte deßwegen eine Erzählung nicht für schlechter, wenn manchmal darin ein Kopf scalpirt wird.«

»Aber er erzählte Euch von Uncas, nicht?« nahm der Streifschütz wieder das Wort, ohne auf die kurzen Unterbrechungen des Bienenjägers zu achten, die nur eine Art Zwischenspiele waren, »Und was dachte und sagte er von dem Jungen in seinem Cabinet, mit allen Bequemlichkeiten und Erfindungen der Colonieen zur Hand?«

»Ich zweifle nicht, er sprach so, wie er in den Wäldern gesprochen haben würde, hätte Aug‘ im Aug‘ vor seinem Freund er gestanden.«

»Nannte er den Wilden seinen Freund, den armen, nackten, bemalten Kämpfer, war er nicht zu stolz dazu, den Indianer Freund zu nennen?«

»Er rühmte sich sogar seiner Bekanntschaft, und wie Ihr schon gehört, gab seinem Erstgebornen einen Namen, der wie ein Erbstück auf seine übrigen Nachkommen übergehen soll.«

»Er that recht, er that wie ein Mann, ja und auch wie ein Christ. Er sagte oft, der Delaware sei schnellfüßig. Sagte er noch so?«

»Wie die Antilope! In der That er sprach oft von ihm unter der Benennung Le Cerf agile, ein Name, den er sich durch seine Thätigkeit erworben.«

»Und kühn und furchtlos, Junge,« fuhr der Streifschütz mit einem Eifer fort, der verrieth, mit welchem Vergnügen er das Lob eines Mannes hörte, den er offenbar einst zärtlich geliebt hatte.

»Tüchtig wie ein Löwe. Ohne Furcht. Er nannte immer Uncas und seinen Vater, der von seiner Weisheit Grand Serpent genannt ward, als Muster des Heldenmuths und der Standhaftigkeit.«

»Er ließ ihnen Gerechtigkeit widerfahren! Ja, nur Gerechtigkeit! Treuere Männer waren nicht zu finden, in keinem Stamm, in keinem Volk, ihre Haut mag eine Farbe haben, wie sie will. Ich seh‘, Euer Großvater war gerecht, und that seine Schuldigkeit auch noch nach seinem Tode! Es war eine gefährliche Zeit, die er auf den Hügeln verlebte; und er spielte seine Rolle edel. Sagt mir, Junge, oder Capitain vielmehr, – da Ihr Capitain seid, – war dies alles?«

»O nicht; es war, wie ich Euch gesagt habe, eine furchtbare Geschichte, voll der rührendsten Vorfälle, und das Gedächtniß meines Großvaters und meiner Großmutter – –«

»Ach!« rief der Streifschütz, und reckte die Hand in die Höhe, während sein ganzes Antlitz durch die Rückerinnerungen, die in ihm bei diesem Namen wieder auflebten, glänzte. »Sie nannten sie Alice! Elsie oder Alice, es ist dasselbe. Ein lachendes, spielendes Kind war sie, wenn glücklich; im Unglück sanft und voll Gefühl! Ihr Haar glänzend, blond, wie das Fell des jungen Reh’s, und ihre Haut klarer als das reinste Wasser, das vom Felsen träufelt. Wohl erinnere ich mich noch ihrer; ja noch recht wohl.«

Die Lippe des Jünglings verzog sich ein wenig, er betrachtete den alten Mann mit einem Blick, der leicht als eine Andeutung hätte erklärt werden mögen, daß seine Rückerinnerungen an den verehrungswürdigen und verehrten Ahnen nicht von der Art seien, obgleich es scheinen wollte, als ob er es für unnöthig hielt, dies in Worten auszudrücken. Er begnügte sich mit der Antwort: »Sie beide bewahrten die Eindrücke der Gefahren, denen sie ausgesetzt gewesen, zu lebhaft, um einen ihrer Mitgenossen zu vergessen.«

Der Streifschütz sah seitwärts, und schien mit einem tief ihm inwohnenden Gefühl zu kämpfen; dann, ob gleich seine treuen Augen nicht mehr mit demselben offenen Interesse, wie vorher, an ihm hingen, wieder zu ihm gewendet, fuhr er fort: »Erzählte er Euch von ihnen allen? Waren sie alle Rothhäute, er und die Töchter Munro ausgenommen?«

»Nein. Es hatte sich auch noch ein Weißer zu den Delawaren gesellt. Ein Spion der englischen Armee, aber ein Eingeborner der Provinzen.«

»Ein betrunkener, nichtswürdiger Herumstreicher?, wie die meisten seiner Farbe, die sich zu den Wilden halten; ich versichere Euch.«

»Alter Mann, Eure grauen Haare sollten Euch vor einer Verläumdung bewahren. Der Mann, wovon ich spreche, besaß große Einfalt, aber hohen Werth. Unähnlich vielen, welche sich auf der Grenze herumtreiben, vereinigte er, statt der schlechten, nur die guten Eigenschaften der beiden Völker. Er war von der Natur mit der herrlichsten und vielleicht seltensten Eigenschaft versehen, mit der, das Gute vom Bösen zu scheiden. Seine Tugenden waren die der Einfalt, wie auch die Früchte seiner Handelsweise und selbst seine Vorurtheile. Im Muth war er seinen rothen Gefährten gleich; in Kriegskenntniß, da er besser unterrichtet war, stand er über ihnen. Kurz er war ein edler Sprosse aus dem Baum der Menschennatur, der nie seine wahre Höhe und Wichtigkeit erlangen konnte, blos weil er im Wald wuchs; dies, alter Jäger, waren die eigenen Worte meines Großvaters, als er von dem Manne sprach, den Ihr für so nichtswürdig haltet.«

Der Streifschütz senkte die Augen zu Boden, während der Fremde mit allem Feuer edler Jugend diese Schilderung von der Person entwarf, die der Gegenstand ihres Gesprächs war. Er spielte mit den Ohren seines Hundes, zupfte an seinem groben Gewand, und öffnete und verschloß die Pfanne seiner Flinte, mit so zitternder Hand, daß man sie für ganz unfähig hätte halten mögen, die Waffe zu führen. Als der Andere geendet, fügte er ruhig hinzu: »Euer Großvater vergaß also nicht ganz den Weißen?«

»Im Gegentheil, drei von uns führen immer den Namen des Kundschafters.«

»Den Namen, wie?« rief der alte Mann staunend, »den Namen eines verlassenen, ungelehrten Jägers! Führen die Großen, Reichen, Gelehrten, und, was noch mehr ist, die Gerechten, führen sie wirklich denselben Namen!«

»Ihn führt mein Bruder und zwei meiner Vettern, welches Recht sie auch außerdem auf die von Euch erwähnten Titel haben.«

»Ja ist es aber auch derselbe Name, sind’s dieselben Buchstaben, fängt er mit einem N an und endet er mit einem L?«

»Ganz so,« erwiederte der Jüngling lächelnd. »Nein, nein, wir haben nichts vergessen, was sein war. Ich habe in diesem Augenblick einen Hund, – er verfolgt nicht weit von hier ein Reh, – der von einem abstammt, den eben dieser Kundschafter seinen Freunden zum Geschenk machte, und der von derselben Race ist, die er immer hatte; ein sichereres Thier, nach Nase und Fuß, findet man in der weiten Union nicht.«

»Hektor!« sagte der alte Mann, und bemühte sich einer Bewegung, Meister zu werden, die ihn fast erstickte; »Hektor!« sprach er zu seinem Hund in einem Ton, wie er ihn bei einem Kind gebraucht hätte, »hörst du, Alter; dein Fleisch und Blut ist in der Steppe! Ein Name, – wunderbar, – wunderbar!«

Die Natur widerstand nicht länger. Ueberwältigt von einer Fluth seltner, außerordentlicher Bewegungen, ergriffen von zarten Rückerinnerungen, die lang geschlafen, und jetzt so wunderbar und unerwartet wieder auflebten, hatte der alte Mann kaum Macht genug über sich, um mit hohler, gepreßter Stimme und mit aller Anstrengung hinzufügen:

»Junge, ich bin der Kundschafter, Soldat einst, jetzt ein armer Streifschütz.« – Die Thränen flossen über die zerstörten Wangen, wie Wasserbäche aus Quellen, die seit Langem versiegt; – sein Haupt sank auf seine Kniee, er bedeckte es mit dem ledernen Gewand und schluchzte laut.

Der Anblick brachte entsprechende Bewegungen in seinen Gefährten hervor. Paul Hover hatte wirklich jede Silbe der Unterredung, wie sie abwechselnd die Sprechenden vorbrachten, eifrigst verschlungen, und seine Gefühle hatten gleichen Schritt mit dem wachsenden Interesse der Scene gehalten. An so fremdartige Auftritte nicht gewöhnt, wandte er sein Gesicht nach allen Seiten hin, um zu vermeiden, – er wußte nicht recht, was? bis er die Thränen sah, und das Schluchzen des alten Mannes hörte, da sprang er auf, ergriff seinen Gast heftig an der Kehle und fragte, mit welchem Recht er seinen bejahrten Gefährten zu Thränen gebracht. Ein Blitz der Rückerinnerung fuhr ihm in demselben Augenblick durch den Kopf, er ließ ihn los, und ergriff, als er in der Verlegenheit und Freude über den erkannten Irrthum die Hand ausstreckte, den Doctor bei’m Haar, wodurch alsbald dessen künstliche Natur an den Tag kam, da es ihm an der Hand hängen blieb, und dem weißen, glänzenden Schädel des Naturforschers keine wärmere Bekleidung ließ, als die Haut.

»Was denkt Ihr dazu, Herr Ungeziefer-Sammler,« triumphirte er schreiend, »ist das nicht eine sonderbare Biene, um sie in ihre Höhle zu verfolgen?«

»Es ist merkwürdig, wunderbar, erbauend!« erwiederte der Freund der Natur und nahm ihm gutmüthig die Perrücke wieder ab, während seine Augen glänzten und die Stimme stockte. »Es ist seltsam und werth der Aufbewahrung, wiewohl ich nicht an der rechten Folge der Ursachen und Wirkungen zweifle.«

Durch diesen plötzlichen Zwischenfall hatte jedoch auch die Bewegung Aller alsbald ein Ende; die drei Gegenwärtigen umringten den Streifschützen mit einer Art Ehrfurcht, als sie die Thränen eines so bejahrten Mannes sahen.

»Es muß so sein, wie könnte er sonst eine Geschichte so genau wissen, die außerhalb meiner eignen. Familie so wenig bekannt ist;« bemerkte endlich der Jüngling, und scheute sich gar nicht, durch ein Wischen der Augen offen an den Tag zu legen, wie sehr er gerührt worden.

»Freilich,« entgegnete Paul, »und wenn Ihr noch einen Beweis braucht, so will ich schwören. Ich bin überzeugt, daß jedes Wort so wahr ist, wie das Evangelium.«

»Und doch hatten wir ihn längst für todt gehalten!« fuhr der Soldat fort; »mein Großvater hatte in Ehren seine Tage schon geschlossen, und wir hatten jenen für jünger gehalten.«

»Nicht oft hat die Jugend eine Gelegenheit, so auf die Schwäche des Alters herabzusehen;« bemerkte der Streifschütz, erhob sein Haupt und sah um sich mit Haltung und Würde. »Daß ich noch hier bin, junger Mann, ist das Geschenk des Herrn, der mich so lange bewahrt, mich achtzig arbeitsvolle Jahre nach seinen verborgenen Zwecken erleben ließ. Daß ich der bin, für den ich mich ausgebe, bezweifelt nicht; warum sollt‘ ich zu Grabe gehen mit so unnützer Lüge im Mund.«

»Ich nehme keinen Anstand, es zu glauben; ich wundere mich nur, daß es so sein soll. Aber warum find‘ ich Euch, ehrwürdiger, trefflicher Freund meiner Eltern in diesen Wüsten, so weit von aller Bequemlichkeit und Sicherheit des untern Landes?«

»Ich kam ich diese Gegend, dem Schall der Axt zu entgehen; denn hierhin sicherlich kann ein Holzfäller mir nicht folgen. Aber ich kann dieselbe Frage Euch zurückgeben. Gehört Ihr zu denen, welche die Staaten aussandten, um die Beschaffenheit ihres neuen Ankaufs zu untersuchen?«

»Ich nicht. Lewis zieht den Fluß hinauf, einige hundert Meilen von hier; ich komme als ein Privat-Abenteurer.«

»Obgleich man sich nicht wundern darf, daß ein Mann, dessen Kraft und Augen ihn als Jäger verlassen haben, nahe den Höhlen der Biber getroffen wird, wo er statt der Flinte eine Falle gebraucht; so ist es doch sonderbar, daß ein so junger und glücklicher Mann, der einen Auftrag vom großen Vater erhalten, die Steppen durchstreift, ohne selbst einen farbigen Diener zu seinen Befehlen zu haben!«

»Ihr würdet meine Gründe für hinlänglich halten, wenn Ihr sie wüßtet, und Ihr sollt sie wissen, wenn Ihr meine Geschichte anhören wollt. Ich halt‘ euch Alle für edel, für Männer, die eher den unterstützen als verrathen würden, der einen guten Zweck verfolgt.«

»So kommt und erzählt uns nach Gefallen,« sagte der Streifschütz, setzte sich und gab dem Jüngling einen Wink, seinem Beispiel zu folgen. Der letztere willfahrte gern, und nachdem Paul und der Doctor, wie sie es für gut fanden, einen Platz eingenommen, begann der neue Ankömmling, die ganz eigenen Ursachen auseinander zu setzen, die ihn so weit in die Wüsten geführt hatten.

Eilftes Kapitel.

Eilftes Kapitel.

So schwüle Luft kühlt nur ein Wetter ab.

König Johann.

 

Indeß setzten die fleißigen, unwiederbringlichen Stunden ihre Arbeiten fort. Die Sonne, welche den ganzen Tag entlang durch große Massen von Gewölk sich durchgewunden hatte, trat endlich auf einen Strich klarer Luft heraus und sank von da glorreich In die prangenden Wüsten, wie sie sonst in die Wasser des Oceans sich hinabläßt. Die langen Heerden, welche auf den wilden Weiden der Steppe gegrast hatten, verschwanden allmählich, und die endlosen Schwärme der Wasservögel, die ihre gewöhnliche jährliche Reise von den jungen See’n des Norden nach dem Golf von Mexico fortsetzten, durchschnitten nicht mehr die Luft, welche sich jetzt angefüllt hatte mit Thau und Nebel. Kurz, die Schatten der Nacht fielen auf den Felsen und fügten zu den düstern Gegenständen des Orts noch den Mantel der Finsterniß.

Als der Esther das Licht zu mangeln begann, sammelte sie die jüngern Kinder um sich und setzte sich auf eine vorragende Spitze ihrer inselförmigen Feste, ruhig die Ankunft der Jäger erwartend. Ellen Wade saß nicht weit davon entfernt, als wolle sie einen geringen Zwischenraum zwischen sich und dem ängstlichen Zirkel lassen, um dadurch den Unterschied anzudeuten, der zwischen ihr und der übrigen Gesellschaft bestand.

»Euer Oheim ist und bleibt ein dummer Projectmacher, Nell,« bemerkte die Mutter nach einer langen Pause, die auf ein Gespräch über die Arbeiten des Tags eingetreten war; »im Rechnen und in Vorkehrungen ist benannter Ismael Busch ein armer Wicht. Da sitzt er faul auf dem Felsen von Morgen bis Abend; nichts macht er als Pläne, Pläne, Pläne, er und seine sieben edeln Söhne, so edel, wie je sie ein Weib dem Mann schenkte, und was ist von Allem das Ende? Die Nacht kommt, und sein großes Werk ist noch nicht fertig!«

»Es ist nicht klug, Tante, freilich nicht;« erwiederte Ellen in einem Ton von Zerstreuung, der zeigte, wie wenig sie wußte, was sie sagte; »und er gibt auch seinen Söhnen ein böses Beispiel.« –

»Hoho, Mädchen! Wer hat Euch zum Richter über Aeltere, ei, und die auch besser sind, als Ihr, gesetzt. Ich möchte doch den Mann auf der ganzen Grenze sehen, der seinen Kindern ein schöneres Beispiel gibt, als Ismael Busch. Zeigt mir, wenn Ihr könnt, Fräulein Fehlerfinder, aber nicht Fehlerverbesserer, einen Haufen Jungen, die in der Noth schneller einen Baum zur Wohnung fällen und ihn behauen, als meine Kinder, obgleich ich es selbst sage, ich, die vielleicht still sein sollte, – oder einen Mäher, der besser einen Haufen Schnitter durch ein Waizenfeld zu führen versteht und die Stoppeln gleicher hinter sich läßt, als mein guter Mann! Dann, als Vater ist er so großmüthig wie ein Herr; seine Söhne brauchen nur den Ort zu nennen, wo sie sich anbauen möchten, und er gibt ihnen die Pflanzung, ohne daß sie sich um den Ankauf zu kümmern brauchen.«

Als das Weib des Grenzwohners schloß, erhob sie ein hohles, höhnendes Gelächter, das in dem Munde verschiedener jungen Nachäffer nachhallte, die sie zu einem Leben heranzog, welches eben so unstet und gesetzlos als ihr eigenes, doch trotz seiner Unsicherheit nicht ohne versteckte Reize war.

»Holla, alte Esther,« ertönte die wohlbekannte Stimme ihres Gemahls von der Ebene unten herauf; »habt Ihr Eure Spiele vor, während wir zu Euch mit Wild und Büffel kommen! Herunter, herunter, altes Mädchen, mit deinen Jungen oben, steh‘ uns bei, das Fleisch hinaufzubringen; – ei, was ist denn das für eine Freude oben? Herunter, herunter; die Buben sind schon alle da, und wir haben hier Arbeit für noch einmal so viele Hände.«

Ismael hätte seine Lungen schonen können; mehr als die Hälfte seiner Anstrengung, um gehört zu werden, war unnöthig. Er hatte kaum den Namen seines Weibes gerufen, als der ganze zusammengekauerte Kreis sich erhob und, über einander fallend, sich den gefährlichen Gängen des Felsen mit unbedachtsamer Hast hinabstürzte. Esther folgte dem jungen Schwarm in mehr abgemessenem Schritt; auch hielt es Ellen nicht für gut oder vielmehr rathsam, zurückzubleiben. Folglich hatte sich bald der ganze Haufen an dem Fuß der Zitadelle in der Ebene versammelt.

Hier fand man den Grenzwohner fast niedergedrückt unter der Last eines schönen, fetten Bocks mit einem oder zwei seiner jüngern Söhne. Abiram erschien auch bald, und ehe einige Minuten vorüber waren, kamen die meisten andern Jäger, einzeln und in Paaren, jeder den Lohn seiner Geschicklichkeit auf der Jagd mit sich bringend.

»Die Ebene ist frei von Rothhäuten, heut Nacht wenigstens;« sagte Ismael, nachdem das Geräusch ihrer Ankunft ein wenig nachgelassen; »denn ich hab‘ die Steppe viele Meilen weit selbst durchforscht, und kann mich einen Kenner in den Fußtapfen eines Indianers nennen. So, Weib, könnt Ihr uns einige Stücke von dem Wildpret geben, und dann wollen wir auf unser Tagwerk schlafen.«

»Ich möchte nicht schwören, daß keine Wilden in unserer Nähe sind,« sagte Abiram. »Ich versteh‘ mich auch auf die Spur einer Rothhaut, und wenn meine Augen nicht etwas von ihrer Sehkraft verloren haben, möchte ich kecklich schwören, daß Indianer bei der Hand sind. Aber wartet, bis Asa kommt. Er ging über die Stelle, wo ich die Spuren fand, und der Junge versteht auch etwas von diesen Dingen.«

»Ach, der Junge versteht zu viel von manchen Dingen,« erwiederte Ismael finster; »es wäre besser für ihn, wenn er dächte, er verstünde weniger. Aber was thut’s, Hetty, wären auch alle Sioux-Stämme westlich vom großen Fluß nur eine Meile von uns; sie werden es nicht leicht finden, diesen Felsen zu ersteigen, den zehn kühne Männer vertheidigen.«

»Sagt zwölf gleich, Ismael, sagt zwölf,« rief seine mannhafte Gemahlin; »denn wenn Euer Mottensammler, Insectenjäger von Freund als ein Mann gerechnet wird, müßt Ihr mich gewiß für zwei zählen. Ich werd‘ ihm nicht nachstehen mit der Flinte oder dem Gewehr und was den Muth betrifft! – Das junge Kalb, das die schielenden Schelme von Teton gestohlen haben, war der Feigste von uns Allen, und nach ihm kam Euer blödsinniger Doctor. Ach, Ismael, Ihr geht selten einen regelmäßigen Handel ein, ohne dabei zu verlieren, und dieser Mann ist, behaupte ich, der dümmste Handel von allen! Könnt Ihr glauben, der Kerl wollte mir ein Pflaster um den Mund legen, weil ich Schmerzen im Fuß fühlte.«

»Es ist Schade, Esther,« antwortete ihr Gemahl trocken, »daß Ihr es nicht nahmt; ich denke, es hätte Euch sehr gut gethan. Aber, Jungen, es könnte gehen, wie Abiram meint, es könnten Indianer in der Nähe sein; wir müßten den Felsen hinauf, und unser Abendessen wäre hin. Deßwegen wollen wir das Wild in Sicherheit bringen, und über die Curen des Doctors sprechen, wenn wir nichts Besseres zu thun haben.«

Der Wink ward befolgt, und in wenig Minuten war die offene Stellung, worin sich die Familie gesammelt, mit der sicherern Höhe des Felsen vertauscht. Hier machte sich Esther an’s Werk, schaffte und zankte mit gleichem Eifer, bis das Mahl bereit war, wo sie dann den Gemahl mit eben so wohltönender Stimme zum Essen herbeirief, als der Imam, der die Gläubigen an ein wichtigeres Geschäft erinnert.

Als Jeder seinen gewöhnlichen Platz um das dampfende Fleisch eingenommen, gab der Grenzwohner das Zeichen, indem er sich an ein köstliches Wildpretstück machte, das wie der Bison-Rücken zubereitet worden, mit einer Geschicklichkeit, die seine natürlichen Vorzüge eher erhöhte als versteckte. Ein Maler hätte eifrig den Augenblick erfaßt, um die wilde, charakteristische Scene auf die Leinwand zu tragen.

Der Leser wird sich erinnern, daß Ismael’s Citadelle abgesondert, luftig, hoch und fast unzugänglich dastand. Ein helles, flammendes Feuer, das auf dem Mittelpunkt des Gipfels brannte, und um welches die geschäftige Gruppe gelagert war, gab ihm das Ansehn eines kleinen Leuchtthurms, der in dem Mittelpunkt der Wüsten aufgerichtet worden, um den Wanderern zu leuchten, die die weiten Steppen durchziehen möchten. Die sprühende Flamme erhellte ein verbranntes Antlitz nach dem andern, und zeigte jede Verschiedenheit des Ausdrucks, von der jugendlichen Einfachheit der Kinder, gemischt wie sie war mit einem Schatten der ihrem halb rohen Leben eignen Wildheit, bis zur stumpfen, unbeweglichen Ruhe, die in den Mienen des Grenzwohners lag, wenn er nicht gereizt ward. Manchmal ging ein Windstoß über die Glut, und dann wurde, da helleres Licht emporschoß, das kleine einsame Zelt gesehen, wie es aufgerichtet war in der düstern obern Luft. Alles unten war, wie es gewöhnlich ist zu dieser Stunde, in das undurchdringliche Gewand der Dunkelheit gehüllt.

»Es ist unbegreiflich, daß Asa noch zu solcher Zeit auswärts ist;« bemerkte Esther unmuthig. »Wenn alles zu End‘ und recht ist, hätte der Junge heraufkommen müssen, nach dem Essen verlangen? und hungrig wie ein Bär nach dem Winterschlaf. Sein Magen geht so richtig, wie die beste Uhr in Kentucky, und braucht selten aufgezogen zu werden; der geht bei Tag und Nacht. Asa ist ein verzweifelter Esser, wenn nach einer Arbeit er hungrig ist.«

Ismael musterte ernst den Kreis seiner stillen Söhne, als ob er sehen wolle, ob einer von ihnen etwas zu Gunsten des abwesenden Strafbaren zu sagen wagen würde. Aber jetzt, wo keine treibenden Ursachen da waren, ihre schlummernden Gemüther anzuregen, schien es zu große Anstrengung, sich auf die Vertheidigung ihres rebellischen Bruders einzulassen. Abiram jedoch, der seit der Friedenstiftung einen edlern Antheil an seinem frühern Gegner nahm oder zu nehmen vorgab, hielt es für schicklich, eine gewisse Aengstlichkeit an den Tag zu legen, der die andern fremd blieben.

»Es ist viel, wenn der Junge dem Teton entwischt ist,« murmelte er. »Es würde mir leid thun, wäre Asa, der kräftigste in unserm Zug, nach Herz und Hand, in die Gewalt der rothen Teufel gefallen.«

»Sorgt für Euch, Abiram, und spart Euern Athem, wenn Ihr ihn nur anwenden könnt, um das Weib und ihre zusammengekauerten Mädchen zu erschrecken. Ihr habt schon Ellens Antlitz ganz weiß gemacht; sie sieht so blaß aus, als da sie heute nach denselben Wilden schaute, die Ihr eben nennt, und wo ich genöthigt war, zu ihr durch die Flinte zu sprechen, weil ich ihre Ohren nicht mit meiner Zunge erreichen konnte. Wie kam das, Nell? Ihr habt noch gar nicht den Grund von Eurer Taubheit gesagt!«

Die Farbe auf Ellens Wange änderte sich eben so plötzlich, wie des Grenzwohners Gewehr bei der Gelegenheit geblitzt hatte, worauf er anspielte, und eine brennende Röthe überzog ihre Züge, so daß selbst der Hals sich in das Roth der Gesundheit kleidete. Sie senkte beschämt das Haupt, schien es aber nicht für nöthig zu halten, etwas zu erwiedern.

Ismael, zu träge, um den Gegenstand weiter zu verfolgen, oder mit der Anspielung, die er eben gemacht, zufrieden, erhob sich von seinem Sitz auf dem Felsen, streckte seine schwere Gestalt, wie ein wohlgenährter, gemästeter Stier, und äußerte sein Verlangen, schlafen zu gehen. Unter einer Race, die hauptsächlich lebte, um die Bedürfnisse des Leibes zu befriedigen, konnte eine solche Erklärung nur entsprechende Gefühle finden. Einer nach dem Andern verschwand, Jeder suchte sein rauhes Lager, und ehe einige Minuten vergingen, fand sich Esther, welche um diese Zeit die Kleineren in den Schlaf gezankt hatte, wenn wir die gewöhnliche Wache unten ausnehmen, im alleinigen Besitz des nackten Felsen.

Welche weniger edeln Früchte auch immer in diesem ungebildeten Weibe durch ihre wandernde Lebensart hervorgebracht worden, der Hauptcharakter der Frauennatur war zu tief gewurzelt, um je ganz ausgerottet zu werden. Von kräftiger, hitziger Gemüthsart waren ihre Leidenschaften heftig und schwer zu besänftigen. Aber wie sehr sie auch oft die gelegentlichen Vorrechte ihrer Lage mißbrauchen mochte, und wirklich mißbrauchte, die Liebe zu ihren Kindern, wenn sie oft schlummerte, konnte doch nie gänzlich erlöschen. Sie liebte nicht Asa’s verlängerte Abwesenheit. Zu furchtlos selbst, um einen Augenblick zu zögern, für ihre eigene Person den dunkeln Abgrund zu durchschreiten, in welchen sie jetzt mit erwartungsvollen Blicken starrend da saß, begann ihre geschäftige Phantasie, in Folge dieses unzerstörbaren Gefühls, namenlose Nebel für ihren Sohn herauf zu beschwören und sich auszumalen. Es konnte möglich sein, daß er, wie Abiram angedeutet, ein Gefangener eines der Stämme geworden, die in der Nähe auf die Büffel Jagd machten, oder daß selbst ein noch größeres Unglück ihn befallen. So fürchtete die Mutter, während Stille und Dunkel die geheimen Gefühle der Natur erhöhten und verstärkten.

Von diesen Gedanken bewegt, die den Schlaf fern hielten, blieb Esther auf ihrem Sitze und lauschte mit der Aufmerksamkeit, welche bei Thieren, wenige Stufen unter ihr in Geistesgaben, Instinct genannt wird, ob sie ein Geräusch vernehme, welches von nahenden Fußtritten herrühren könnte. Endlich schien es, als ob ihre Wünsche erfüllt werden sollten, denn die langersehnten Tritte wurden ganz vernehmlich hörbar, und alsbald unterschied sie die dunkle Gestalt eines Mannes am Fuße des Felsen.

»Nun, Asa, sehr verdienst du diese liebe Nacht auf bloßer Erde zuzubringen,« murmelte das Weib, in einem Sturm von Gefühlen, die denen nicht auffallend sein werden, welche die Widersprüche, die dem Gemüth des Menschen Abwechselung geben, zu ihrem Studium gemacht haben. »Und ich denke, selbst dein Bett sollte hart sein! Ei, Abner, Abner, schläfst du? Laß mich ja nicht sehen, daß du die Höhlung öffnest, ehe ich hinunter komme. Ich will sehen, wer eine ruhige, ja, und auch eine ehrliche Familie zu solcher Nachtzeit stören mag.«

»Weib!« rief eine Stimme, die trotzig sein sollte, während der, welchem sie angehörte, offenbar ein wenig wegen der Folgen fürchtete; »Weib, ich verbiete Euch bei Gesetzesstrafe, etwas von Euern höllischen Stücken herabzuwerfen. Ich bin ein Bürger und ein Landbesitzer, ein Graduirter von zwei Universitäten, und bin hier in meinem Recht. Hütet Euch vor vorsetzlicher Bosheit, vor zufälliger Verletzung und vor Todtschlag. – Ich bin es, Euer amicus, ein Freund und Genosse, – ich, der Doctor Obed Battius.«

»Wer!« fragte Esther, mit einer Stimme, die fast die Worte nicht bis zu den Ohren des Aengstlichen unten bringen konnte, mit dem sie sprach; »es wäre nicht Asa?«

»Nein, ich bin weder Asa, noch Absalon, noch sonst einer von den hebräischen Prinzen, sondern Obed, die Wurzel und der Stamm von ihnen allen. Sagt‘ ich nicht, Weib, daß Ihr hier Jemand warten lasset, der so viel Anspruch auf einen friedlichen und ehrenvollen Empfang hat. Haltet Ihr mich für ein Thier aus der Classe Amphibia, und meint, ich könnte mit meinen Lungen umgehen, wie der Grobschmidt mit seinen Blasbalgen.«

Der Naturforscher hätte wohl seinen Athem noch weit länger angestrengt, ohne die gewünschte Wirkung zu erreichen, wäre Esther seine einzige Zuhörerin gewesen. Getäuscht und beunruhigt, hatte schon das Weib ihr Lager gesucht, und schickte sich in einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit an, schlafen zu gehen. Aber Abner, die Wache unten, war durch das Geschrei aus einer außerordentlich zweideutigen Lage aufgeschreckt worden, und ließ, als er hinlänglich zu sich selbst gekommen, um die Stimme des Doctors zu erkennen, diesen ohne weitern Verzug herein. Battius stolperte durch den engen Eingang mit ganz besonderer Ungeduld, und stieg schon der schwierigen Anhöhe hinauf, als er noch einen Blick aus den Pförtner warf, und stehen blieb, um mit einem Ton, der außerordentlich ermahnend sein sollte, noch zu bemerken:

»Abner, ich finde gefährliche Symptome von Schläfrigkeit an dir. Sie zeigt sich hinlänglich an deiner Neigung zum Gähnen, und könnte sehr gefährlich für dich und deines Vaters ganze Familie werden.«

»Nie wart Ihr in größerm Irrthum, Doctor,« erwiederte der Jüngling, und gähnte wie ein fauler Löwe, »ich habe kein Symptom, wie Ihr es nennt, nirgends an mir, und was den Vater und die Kinder betrifft, so denk‘ ich, haben die Pocken und Rötheln seit vielen Monaten hinlänglich unter uns ausgetobt.«

Zufrieden mit seiner kurzen Ermahnung, war schon der Naturforscher halb über die Hindernisse hinaus, welche die Anhöhe schützten, ehe der bedächtige Abner seine Rechtfertigung geendet hatte. Auf dem Gipfel dachte Obed gewiß Esther zu finden, von deren Geschicklichkeit in der Zunge er zu oft die stärksten Beweise erhalten hatte, und vor der er zu viel Ehrfurcht hegte, um eine Wiederholung ihrer Angriffe zu wünschen. Der Leser kann voraussehen, daß er angenehm überrascht werden sollte. Er trat leise auf und sah oft furchtsam über die Schulter in die Höhe, als fürchte er einen Schauer von oben, der aus etwas weit furchtbarerem als Worte bestehen möchte, und kam so glücklich an den Ort, der ihm bei der allgemeinen Austheilung der Lagerstätten angewiesen worden war.

Statt zu schlafen, saß der würdige Naturforscher sinnend über dem, was er während des Tags gehört und gesehen hatte, bis das Bewegen und Murmeln in Esther’s Cabinet, die sein nächster Nachbar war, ihn überzeugte, daß sie noch wache. Er sah die Nothwendigkeit ein, etwas zu thun, was diesen weiblichen Cerberus entwaffnen könnte, ehe er seinen Plan ausführen dürfe, und so fand sich der Doctor, so ungern er auch ihrer Zunge begegnete, gezwungen, sie zu einer Unterhaltung aufzufordern.

»Ihr scheint nicht zu schlafen, meine gütigste, würdigste Frau Busch,« sagte er, entschlossen, sein Anerbieten mit einem Pflaster zu eröffnen, das, wie er fand, gewöhnlich anschlug; »Ihr scheint übel zu ruhen, meine verehrte Wirthin; kann ich etwas gegen Euer Leiden anbieten?«

»Was würdet Ihr mir geben,« brummte Esther. »Ein beschmiertes Läppchen, um Schlaf zu bekommen!«

»Sagt lieber ein Cataplasma. Aber wenn Ihr Schmerzen habt, hier sind herrliche Tropfen, welche, in einem Glas von meinem Cognac genommen, Euch Ruhe verschaffen werden, oder ich müßte wenig von der materia medica verstehen.«

Der Doctor hatte, wie er wohl wußte, Esther an ihrer schwachen Seite angegriffen; und da er die Annahme seines Rezepts nicht bezweifelte, machte er sich ohne allen unnöthigen Aufschub an die Zubereitung. Sein Anerbieten ward auf eine barsche, drohende Art angenommen, aber mit einer Leichtigkeit verschlungen, die klar zeigte, wie sehr sein Patient es liebte. Das Weib murmelte Dank, und ihr Arzt setzte sich ruhig hin, die Wirkung der Dosis abzuwarten. In weniger als einer halben Stunde ward das Athmen der Esther so tief, und wie es der Doctor selbst nannte, so abstract, daß hätte er diesen neuen Anfall von Schlafsucht nicht der mächtigen Gabe Opium, womit er den Branntwein versetzt, zuschreiben müssen, er fast Ursache gehabt, in sein eigenes Rezept Mißtrauen zu setzen. Mit dem Schlaf des unruhigen Weibes ward die Stille tief und allgemein.

Nun hielt es Doctor Battius für sicher aufzustehen. Mit der leisen Vorsicht eines Nachtdiebs stahl er sich aus seinem Cabinet oder vielmehr Stall, denn es verdiente keinen bessern Namen, und ging nach den naheliegenden Schlafstätten. Hier versicherte er sich, daß all‘ seine Nachbarn in tiefen Schlaf begraben waren; dann von diesem wichtigen Umstand überzeugt, zögerte er nicht länger, sondern stieg die mühevolle Anhöhe hinaus, welche zu der obersten Spitze des Felsen führte. Sein Gang, obgleich außerordentlich vorsichtig, war doch nicht ganz geräuschlos, und als er sich eben Glück wünschte, daß er seinen Zweck erreicht hatte und seinen Fuß auf die höchste Spitze setzen wollte, hielt ihn eine Hand an dem Saum seines Kleides, welche so wirksam seinem Fortschreiten ein Ende machte, als wenn Ismael’s gigantische Stärke selbst ihn an dem Boden festhielt.

»Ist Jemand krank im Zelt,« lispelte eine sanfte Stimme ihm in’s Ohr, »daß Doctor Battius zu einer solchen Stunde seinen Besuch macht?«

Sobald das Herz des Naturforschers von seiner hastigen Expedition in seine Kehle zurückgekommen war, wie ein in dem Bau des Thiers weniger Unterrichteter, als Doctor Battius sich diese ungewöhnliche Stimmung, in welcher er bei der unerwarteten Unterbrechung sich befunden hatte, erklärt haben würde, fand er sich entschlossen genug zu antworten, aber sowohl aus Schreck als aus Klugheit mit eben so gedampfter Stimme.

»Meine würd’ge Nelly, ich freue mich außerordentlich, daß es Niemand anders ist als du. Hst, hst, Kind, erführ Ismael etwas von unsern Plänen, er würde uns beide von dem Felsen in die Ebene hinunterstürzen. Still, Nelly, still.«

Da der Doctor, während er diese Ermahnungen gab, immer weiter hinaufstieg, so fanden sich beide, als er geendet, auf dem obersten Punct des Felsen.

»Und nun, Doctor Battius,« fragte das Mädchen ernst, »darf ich jetzt die Ursache wissen, warum Ihr Euch dem Fall aussetzt, von diesem Ort ohne Flügel und mit unvermeidlicher Gefahr für Euren Hals herunterzusegeln?«

»Nichts soll dir verborgen bleiben, meine würdige, treue Nelly; aber seid Ihr sicher, daß Ismael nicht erwacht?«

»Fürchtet nichts von ihm, er wird schlafen, bis die Sonne seine Augenlieder trifft. Gefahr kommt von meiner Tante.«

»Esther schläft,« erwiederte der Doctor bedeutungsvoll. »Ellen, Ihr habt auf diesem Felsen heute Wache gestanden?«

»Es ward mir befohlen.«

»Und Ihr saht den Bison, die Antilope, den Wolf und das Reh, wie gewöhnlich; Thiere aus den Ordnungen: belluae, pecora und ferae.«

»Ich sah die Thiere, die Ihr in unsrer Sprache genannt habt, aber ich verstehe nichts von den indianischen Sprachen.«

»Es gibt auch eine Ordnung, die ich nicht genannt habe, die die Ihr auch gesehen habt. Die primates, ist’s nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, ich kenn‘ kein Thier von diesem Namen.«

»Nun, Ellen, Ihr sprecht mit einem Freund. Von dem Geschlecht homo, Kind?«

»Was mir auch zu Gesicht gekommen sein mag, sicher sah ich nicht Vespertilio horribi –«

»Hsch, Nelly, dein Eifer wird uns verrathen. Sagt mir, Mädchen, saht Ihr nicht gewisse Zweifüßler, genannt Menschen, in den Steppen?«

»Freilich; mein Oheim und seine Söhne haben Büffel gejagt bis Sonnenuntergang.«

»Ich muß in der Landessprache reden, um verstanden zu werden; Ellen, ich wollte sagen, von der Species Kentucky.«

Obgleich Ellen wie die Rose erröthete, ward dies glücklicherweise durch die Dunkelheit verdeckt. Sie zögerte einen Augenblick und faßte sich dann hinlänglich, um bestimmt zu sagen:

»Wenn Ihr in Gleichnissen reden wollt, Doctor Battius, müßt Ihr Euch einen andern Zuhörer suchen. Legt mir Eure Fragen deutlich, in unserer Sprache vor, und ich will sie eben so treu beantworten.«

»Ich bin in dieser Wüste herumgezogen, Nelly, wie du weißt, um Thiere zu suchen, die sich bis jetzt vor dem Auge der Wissenschaft versteckt haben. Unter andern entdeckte ich einen Zweifüßler von dem Genus, homo; Species, Kentucky, den ich Paul nenne.«

»Hst, um’s Himmelswillen,« sagte Ellen, »sprecht leise, Doctor oder wir werden gehört.«

»Ja, Paul Hover, von Gewerb ein Sammler von apes oder Bienen,« fuhr der Andere fort. »Sprech ich jetzt verständlich, verstehst du es nun?«

»Vollkommen, vollkommen,« erwiederte das bestürzte Mädchen, das in ihrem Erstaunen kaum zu Athem kommen konnte. »Aber was ist mit ihm, hieß er Euch auf den Felsen steigen, – er weiß selbst nichts, denn ich schwur meinem Onkel, und so ist mein Mund verschlossen.«

»Ei, aber da ist einer, der hat keinen Eid geschworen, und hat alles entdeckt. Ich wünschte, der Schleier, der über die Geheimnisse der Natur gebreitet ist, wär‘ eben so gänzlich von ihren verborgnen Schätzen weggenommen. Ellen, Ellen, der Mann mit dem ich unkluger Weise ein compactum oder einen Vertrag geschlossen habe, ist außerordentlich vergessen in den Pflichten der Ehrlichkeit! Dein Oheim, Kind.«

»Ihr meint Ismael Busch, meines Vaters Bruders Wittwe Mann,« erwiederte das beleidigte Mädchen ein wenig stolz; »in der That, es ist grausam, mir ein Verwandtschaftsband vorzuwerfen, das der Zufall geknüpft hat, und das ich so gerne für immer zerreißen möchte.«

Die erniedrigte Ellen konnte nichts weiter hervorbringen, sondern sank auf einen Vorsprung des Felsen und schluchzte auf eine Art, die ihre Lage doppelt gefährlich machte. Der Doctor murmelte einige Worte, die eine Entschuldigung sein sollten, aber ehe er noch Zeit hatte, seine mühsame Rechtfertigung zu schließen, stand sie auf und sagte mit großer Entschlossenheit:

»Ich kam nicht hierher, um meine Zeit mit thörichten Thränen hinzubringen, noch Ihr, um sie zu stillen. Was hat Euch also hierher gebracht?«

»Ich muß den Bewohner dieses Zeltes sehen.«

»Ihr wißt, was es enthält?«

»Ich bin wohl geneigt, es zu glauben, und habe einen Brief, den ich selbst übergeben muß. Ist das Thier ein Quadruped, dann ist Ismael ein aufrichtiger Mann, ist es ein Biped, befiedert oder unbefiedert, dann kümmere ich mich um nichts; er ist falsch, und unser compactum ist zu Ende!«

Ellen gab dem Doctor ein Zeichen zu bleiben und stille zu sein. Dann schlüpfte sie in das Zelt und blieb mehrere Minuten, die für den Wartenden draußen außerordentlich unangenehm und voller Angst waren. Doch sie kehrte zurück, nahm ihn bei der Hand, und beide verschwanden zusammen hinter den Falten der geheimnißvollen Decke.