Kapitel 20

 

20

 

Edna war es, als ob sie aus einem bösen Traum erwachte. Sie versuchte, sich auf der Couch, auf der sie lag, aufzurichten. Alles drehte sich um sie, und sie fühlte sich merkwürdig schwach. Jemand rieb ihre Stirn und ihren Nacken mit Eau de Cologne ein.

 

»Bleiben Sie ruhig liegen«, sagte Luke.

 

Als sie die Augen wieder öffnete, bemerkte sie, daß er auf einem Stuhl neben ihrem Lager saß. Er sah müde und übernächtigt aus. Das war auch nicht verwunderlich, denn er war im Augenblick höchster Not dazugekommen und hatte im Dunkeln den zweiten Panther durch zwei Schüsse niedergestreckt. Seine Aufregung war zu verzeihen; er hatte ja nicht gewußt, ob das Geschoß die Bestie oder ihr Opfer treffen würde. Und das Opfer konnte die Frau sein, die er über alles liebte. Es war zwei Uhr morgens, als sie wieder vollkommen zu sich kam und wissen wollte, wie sieh alles zugetragen hatte.

 

»Aber Sie müssen auch vollkommen ruhig bleiben.«

 

»Das verspreche ich Ihnen.«

 

»Also, ich kam hierher – ich hatte eine Ahnung, daß hier nicht alles in Ordnung war. Allerdings wußte ich nicht, daß ich einen Panther erschießen müßte und daß ich Sie hier in solcher Gefahr finden würde.«

 

Er versuchte gleichgültig zu sprechen, aber sie hörte doch am Ton seiner Stimme, daß er schreckliche Augenblicke durchlebt haben mußte.

 

»Es waren Goodies Panther, die er in dem unterirdischen Käfig eingesperrt hielt. Er hatte sie früher großgezogen, und er ließ sie während der Nacht frei auf dem Grundstück umherlaufen. Tagsüber waren sie in einem unterirdischen Gewölbe eingesperrt. Deshalb habe ich die Polizei gewarnt, das Grundstück zu betreten, bis ich die beiden Tiere erledigt hätte. Bei Tage ließen sie sich nicht sehen, aber nachts schweiften sie auf dem Gelände umher. Sie waren der beste Schutz gegen Einbrecher, den sich dieser Kerl nur wünschen konnte! Aber er hatte nicht vorausgesehen, welche Folgen das haben würde. Die Pferde konnten den Geruch der Raubtiere nicht vertragen. Deshalb mußte er sie in neue Ställe überführen.

 

Goodie bewahrte viele Geheimnisse in seinem Haus, darunter auch eine selbstverfaßte Lebensbeschreibung, die ich mit großem Interesse gelesen habe. Er sagte zwar, daß nichts darin steht, woraus wir ihm einen Strick drehen könnten, aber das wird sich ja zeigen.«

 

Sie erzählte ihm dann alles, was sich in der Höhle zugetragen hatte, doch das hatte ihm Rustem schon alles mitgeteilt, bevor er ins Krankenhaus geschafft worden war.

 

»Ja, ich weiß, das ist auch der Ort, an dem sie den armen alten Garcia gefangenhielten. Er hat sein Pferd erkannt, als er damals mit Ihnen herkam, wollte sich aber noch genauer davon überzeugen. Er reiste deshalb hierher und logierte im ›Roten Löwen‹. Rustem hat ihn wahrscheinlich beobachten lassen, und als sie erfuhren, daß ihr Betrug herausgekommen war, berieten sie sich.

 

Sie entsinnen sich doch noch, daß Rustem damals so eilig auf den Rennplatz von Doncaster kam? Damals erzählte er den anderen, daß Garcia im Gasthaus wohne und sein früheres Pferd wiedererkannt habe. Er hat mir das alles eingestanden. In derselben Nacht gelang es ihnen, Garcia gefangenzusetzen und in die Höhle zu bringen. Allem Anschein nach hat er mehrmals den Versuch gemacht zu entkommen; deshalb legten sie ihn in Ketten.

 

Sie scheinen ihn, soweit sie konnten, gut behandelt zu haben. Sie können sich doch noch auf die Speisereste besinnen, die Sie vor dem Höhleneingang entdeckten? Garcia gelang es, sich von den Fesseln zu befreien, und er suchte einen Ausweg aus der Höhle. Wie durch ein Wunder fand er den Verbindungsgang, der zu der kleineren Höhle führt, zerbrach den hölzernen Zaun mit einem starken Felsblock und versteckte sich tagelang. Seine Flucht brachte die drei in furchtbare Aufregung, zumal er wußte, daß sie ›Vendina‹ unter falschem Namen für das Rennen gemeldet hatten. Wie es ihnen gelang, ihn wieder einzufangen, weiß ich nicht. Und dann brachten sie ihn in ein kleines Haus, das Goodie gehört.

 

Ich glaube nicht, daß sie ihm etwas zuleide getan haben; wahrscheinlich ist er durch die vielen Anstrengungen so schwach geworden, daß er starb. Vielleicht hat er auch die vielen Spritzen nicht vertragen, die sie ihm gaben, um ihn ruhig zu halten. Rustem sagte mir, daß sie die Absicht hatten, ihn aus England hinauszuschmuggeln.

 

Er war es auch, der durch seine Agenten die Telegramme an Sie senden ließ. Vor Ihnen hatten sie am meisten Angst.«

 

»Vor mir?« fragte sie erstaunt.

 

Er nickte.

 

»Zuerst wollten sie überhaupt verhindern, daß Sie hierherzogen, damit Sie nicht das Gelände übersehen konnten. Goodie fürchtete auch, daß Sie die Panther entdecken und sich bei der Polizei beschweren würden. Und schließlich waren Sie wichtig, weil sie die einzige Person in England waren, die genau über Garcia Bescheid wußte. Zu allem Überfluß tauchte dann noch Punch Markham auf.

 

Er muß das Pferd gesehen und dabei erkannt haben, daß es nicht das Tier war, das er früher an Goodie verkauft hatte. Er konnte es leicht identifizieren, denn ein Huf war kleiner als die anderen. In derselben Nacht, in der diese Entdeckung gemacht wurde, erschoß Goodie ›Weiße Lilie‹ und ließ sie begraben. Beim Cambridgeshire-Rennen wollten sie ihren letzten großen Triumph feiern. Ich habe herausbekommen, daß sie mindestens eine halbe Million Pfund dabei verdient hätten. Punch Markham stand ihnen im Weg, deshalb mußte er sterben. Es war eine Idee Dr. Blanters, den toten Garcia in meine Wohnung zu bringen. Rustem wußte nichts von der Sache, und Blanter fiel es ja leicht, in meine Wohnung einzudringen, weil er einen Schlüssel hatte. Der Nebel während jener Nacht begünstigte obendrein die Ausführung seines Planes. Während er in meiner Wohnung war, rief zufällig Punch an. Er hatte versprochen, mich um halb elf Uhr anzurufen. Dadurch erfuhr der Doktor, daß das Spiel verloren war. Punch hinderte ihn daran, ein großes Vermögen zu erwerben. Blanter verabredete sich mit ihm und bestellte ihn ans Embankment. Er wußte ja, daß abends der Nebel dort dichter ist als an irgendeiner anderen Stelle in London. Punch hatte ihn nicht von Ansehen gekannt und wurde dann an der verabredeten Stelle aus nächster Nähe erschossen.«

 

»Haben Sie Doktor Blanter auch schon verhaftet, oder ist er entkommen?«

 

»Er lebt nicht mehr. Der eine Panther hat ihn vollkommen zerfleischt.«

 

Kapitel 15

 

15

 

Diesem Rundschreiben war das Folgende vorausgegangen.

 

Dr. Blanter traf Mr. Trigger eines Tages in ihrem Stammlokal in der Wardour Street.

 

»Die Sache wird nicht so glatt gehen, Doktor. Wir können nicht jede Woche ein Pferd laufen lassen, auch nicht alle vierzehn Tage. Wenn wir nicht vorsichtig sind, geht das Ganze in die Binsen.«

 

»Aber wir müssen es jetzt machen«, brummte Blanter. »Ich muß Geld einnehmen, und ich habe auch alle Pferde, die dazu nötig sind.« Der kleine Mann schüttelte düster den Kopf.

 

»Es gibt nur einen Weg, viel Geld zu verdienen, Doktor, und dazu müssen wir vor allem Geduld haben. Ich verstehe ja nicht viel von den Rennen, aber soviel ich gehört habe, ruinieren sich viele andere Leute und haben große Verluste, weil sie nicht warten können. Es geht auch gar nicht, daß wir jede Woche ein Pferd laufen lassen; das macht viel zuviel Arbeit. Dann müßten meine Angestellten ja Tag und Nacht arbeiten.«

 

»Gut, dann lassen Sie doch die Mädels Tag und Nacht arbeiten«, erwiderte Blanter ärgerlich. »Und versuchen Sie ja nicht, mir Angst einzujagen, denn ich habe schon genug Schwierigkeiten, ohne daß Sie mir obendrein noch den Kopf vollmachen mit Ihren Sorgen.«

 

Mr. Trigger lächelte.

 

»Ich habe keine Sorgen. Ich habe bereits mehr Geld, als ich jemals in meinem Leben ausgeben kann. Sie können mich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen, was Sie auch unternehmen mögen. Ich habe Luke neulich gesagt –«

 

»Wie, der ist in Ihrem Büro gewesen?« fragte Blanter schnell. »Zum Teufel, warum haben Sie mir das nicht mitgeteilt?«

 

»Weil es gar keinen Wert hat, über dergleichen zu sprechen«, entgegnete Trigger kühl.

 

Er berichtete kurz von Lukes Besuch, und Blanter sah ihn argwöhnisch an.

 

»Ist sonst nichts geschehen? Sie verheimlichen mir doch nichts? Ich traue Ihnen nicht mehr ganz, Trigger.«

 

Der kleine Mann lächelte wieder.

 

»Sie vertrauen mir doch aber Ihr Geld an, Doktor. Nein, ich versuche nicht im mindesten, Sie hinters Licht zu führen. Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich mit ihm sprach. Ich habe ihm die ganze Einrichtung der Büros gezeigt, und wenn er es verlangen sollte, bin ich bereit, ihm die Geschäftsbücher vorzulegen. Nichts verstößt gegen irgendwelche Gesetze oder Vorschriften.«

 

Blanter sah ihn düster an.

 

»Sie glauben also, daß Sie nichts zu fürchten hätten, wenn es hart auf hart kommt? Nun, das können Sie sich aus dem Kopf schlagen. Sie haben aus allem, was wir getan haben, pekuniären Vorteil gezogen. Wir haben Ihnen so weit vertraut, daß wir Ihnen unser Geld gegeben haben, und Sie haben uns Ihr Ehrenwort geben müssen, daß Sie uns ehrlich am Gewinn beteiligen. Wenn es irgendwie Unannehmlichkeiten geben sollte, Trigger, dann sind Sie auch daran beteiligt. Ich werde schon dafür sorgen! Setzen Sie sich also keine Flausen in den Kopf, daß Sie sicher wären und daß man Ihnen nichts vorwerfen könnte!«

 

Trigger sah ihn interessiert und mit großen Augen an, aber er sagte nichts. Er war sowohl über die Beleidigungen als auch über den Argwohn Blanters erhaben. Seine früheren Erfahrungen schienen ihn das gelehrt zu haben. Auf jeden Fall zeigte er nicht die geringste Feindseligkeit im Lauf der Unterhaltung.

 

Dann verhandelten die beiden rein geschäftlich miteinander.

 

»Ich benötige dreißigtausend Pfund. Lord Lethfields berühmtes Rennpferd steht zum Verkauf. Ich glaube, wir können einen guten Zug damit machen.«

 

Zu seinem größten Erstaunen schüttelte Trigger den Kopf.

 

»Also hören Sie, Doktor, wir haben unser Geschäft nach gewissen Prinzipien organisiert. Sie und die anderen heben so viel Geld ab, wie Sie brauchen, aber wir haben immer darauf gedrungen, daß vor Saisonende keine größeren Summen ausgezahlt werden sollen, sondern nur das, was im Augenblick benötigt wird.«

 

Der Doktor wurde rot vor Ärger.

 

»Wenn ich eine Regel aufstelle, dann kann ich sie doch schließlich auch umstoßen.«

 

»Sie haben die Regel nicht allein aufgestellt«, erwiderte Trigger gelassen. »Das haben wir alle zusammen getan. Und zwar haben wir diesen Beschluß auf Rustems Anregung gefaßt. Goodie hat auch zugestimmt. Wenn Sie wünschen, können wir eine Sitzung einberufen, aber ich zahle Ihnen auf keinen Fall dreißigtausend Pfund auf eigene Verantwortung aus, ganz gleich, ob Sie das Rennpferd kaufen wollen oder nicht.«

 

Trigger trank sein Glas aus und erhob sich.

 

»Ich habe jetzt zu arbeiten«, sagte er und verließ plötzlich das Lokal.

 

Das war das erste Anzeichen, daß Trigger aufsässig wurde, und der Doktor wurde plötzlich nüchtern. Er ging nach Hause und rief Mr. Rustem an.

 

Der Rechtsanwalt folgte seiner Aufforderung, zu ihm zu kommen, nur widerwillig. Er kam dann in schlechter Stimmung in sein Büro zurück.

 

Blanter war sehr großzügig in seinen Dispositionen. Rustem war vorsichtiger und wollte alles genau überlegt und ausgearbeitet wissen. Er hatte einen gewissen Sinn für drohende Gefahren und sah sie bereits, wenn die anderen sie noch nicht entdecken konnten. Der Doktor hatte ihm eine unmögliche, ja lächerliche Aufgabe übertragen. Rustem hatte ihm das zur Genüge gesagt, ohne daß Blanter zur Vernunft gekommen wäre.

 

Rustem ließ Pilcher gehen und meldete ein Telefongespräch nach Berlin an. Als der Mann, mit dem er sich in Verbindung setzen wollte, sich meldete, unterhielt er sich zwölf Minuten lang mit ihm in französischer Sprache. Als er das Telefongespräch beendet hatte, ging er nach Hause.

 

Um halb zwölf Uhr nachts rief er Edna Gray an, und trotz der späten Stunde meldete sie sich sofort. Ihre Stimme klang besorgt. Daraus schloß er, daß sie das Telegramm, das er ihr hatte senden lassen, erhalten haben mußte.

 

»Ist dort Miss Gray?« fragte er mit verstellter Stimme und sprach wie ein Deutscher, der das Englische nicht vollkommen beherrscht. »Ich bin Doktor Thaler. Eben aus Berlin eingetroffen. Haben Sie von meinem armen Freund Garcia gehört?«

 

»Ja, ich habe gerade ein Telegramm von ihm bekommen. Ist er sehr schwer krank?«

 

»Ich fürchte, es ist ein hoffnungsloser Fall.« Dann sagte er ein paar deutsche Worte, die Edna nicht verstand. »Ich möchte gern mit Ihnen sprechen, aber leider muß ich heute nacht noch nach Irland weiterfahren. Es kommt ihm vor allem darauf an, daß niemand außer Ihnen etwas von seiner Erkrankung erfährt.«

 

»Besteht denn keine Hoffnung mehr, daß er wieder gesund wird?« fragte sie und unterdrückte nur mühsam ein Schluchzen.

 

»Leider nicht. Es kann noch eine Woche, vielleicht zwei Wochen dauern … Bei seinem Alter ist der Fall sehr bedenklich.«

 

»Ich fahre morgen früh mit dem ersten Zug«, erklärte sie.

 

Als Rustem den Hörer auflegte, war er sehr zufrieden mit sich und fuhr sofort zu Dr. Blanter, um ihm den Erfolg mitzuteilen. Als er aber vor dessen Haus ankam, hörte er, daß der Doktor in größter Eile aufs Land gefahren war.

 

*

 

Edna las das Telegramm noch einmal durch; es war tatsächlich in Berlin aufgegeben.

 

Bin schwer krank. Dr. Thaler, der eben nach London abgeflogen ist, wird Sie anrufen. Bitte kommen Sie so bald wie möglich zu mir, teilen Sie aber anderen Leuten nicht mit, daß Sie nach Deutschland reisen. Das vor allem ist wichtig. Ich muß Ihnen ein großes Geheimnis mitteilen. Alberto, Hotel Esplanade.

 

Sie war traurig und wußte nicht recht, was das alles zu bedeuten hatte. Seinem letzten Telegramm nach müßte er jetzt eigentlich in Kleinasien sein; andererseits war es auch möglich, daß er Istanbul überhaupt nicht verlassen hatte. Vielleicht war er krank geworden und hatte sich zur Behandlung nach Berlin begeben.

 

Sie traf alle Vorbereitungen, um am nächsten Morgen in aller Frühe abzureisen. Als sie ihren Chauffeur gerufen hatte, um ihm Instruktionen zu geben, änderte sie plötzlich ihre Absicht. Sie wollte noch am selben Abend nach London fahren, dann konnte sie in der Stadt schlafen und am nächsten Morgen die Reise antreten. Das war auf jeden Fall weniger anstrengend.

 

Ihr Mädchen packte schnell einen Koffer, während der Butler das Hotel anrief und ein Zimmer reservieren ließ.

 

Um ein Uhr in der Nacht fuhr sie fort. Kaum hatten sie fünfzehn Kilometer zurückgelegt, als der Chauffeur bremste. Die Nacht war dunkel, und es fiel ein leichter Sprühregen. Sehen konnte sie nichts, selbst als sie das Fenster herunterdrehte und hinausschaute.

 

»Was gibt es denn?« fragte sie.

 

»Zwei Wagen versperren die Straße.«

 

Das rote Schlußlicht des einen Autos war zu erkennen; plötzlich wurden auch die Scheinwerfer des zweiten eingeschaltet, aber nur für einen kurzen Augenblick, dann wurde es wieder dunkel. Sie hörte das Geräusch des Motors, als der Wagen rückwärts fuhr. Undeutlich konnte sie ein kleines Haus hinter einer Hecke erkennen, und als der eine Wagen dicht neben dem anderen stand, erkannte sie oben auf der Böschung die Gestalten zweier Männer. Die beiden hatten ihr den Rücken zugekehrt und standen nicht, sondern knieten auf dem Boden.

 

»Es sieht fast so aus, als ob hier ein Unglück passiert wäre«, meinte der Chauffeur, »aber sie scheinen keine weitere Hilfe zu brauchen.«

 

Sie fuhren weiter, und bald dachte Edna nicht mehr an den Vorfall. An einer Tankstelle machten sie halt, und bei der Gelegenheit unterhielt sich der Chauffeur mit ihr über das Erlebnis auf der Straße.

 

»Einer der beiden Leute sah so aus, als ob es Goodie gewesen sein könnte. Er trägt immer einen grauen Regenmantel mit einer Kapuze. Ich habe nachher, als wir vorbeifuhren, auch nichts von einem Zusammenstoß oder einer Beschädigung entdecken können.«

 

Sie selbst hatte wenig gesehen; das plötzliche Aufflammen der Scheinwerfer an dem einen Wägen hatte sie geblendet.

 

Sie erreichten London in den frühen Morgenstunden, und Edna war froh, als sie sich zur Ruhe legen konnte. Der Nachtportier hatte bereits ihre Fahrkarte nach Berlin besorgt, und um halb elf Uhr war sie auf dem Victoria-Bahnhof.

 

»Wohin wollen Sie denn?«

 

Sie erkannte sofort Lukes Stimme und drehte sich um. Der Inspektor sah sie düster an. Er war sehr müde, denn er hatte in der vergangenen Nacht kaum drei Stunden Schlaf gehabt.

 

»Nach Berlin.«

 

»Das habe ich bereits an Ihren Kofferzetteln gesehen«, entgegnete er höflich. »Diese Reise kommt wohl sehr unerwartet?«

 

Sie zögerte. »Ja, ich handle manchmal etwas impulsiv. Ich dachte, das wäre Ihnen schon bekannt.«

 

»Hat Mr. Garcia Sie gebeten, zu ihm zu kommen?« fragte er.

 

Sie warf ihm einen schnellen Blick zu.

 

»Ja.«

 

»Ist er krank? Ich meine, handelt es sich um eine ernste Angelegenheit?«

 

Sie seufzte ungeduldig.

 

»Sie fragen mich so dringend, daß ich tatsächlich in Versuchung komme, mein Wort zu brechen.«

 

»Ach, Sie sind gebeten worden, niemand etwas von Ihrer Abreise mitzuteilen?« fragte er scharf. »Ärgern Sie sich bitte nicht über mich, Miss Gray, aber ich bin sehr daran interessiert, alle Einzelheiten über Ihre Reise nach Deutschland zu erfahren.«

 

»Stehe ich denn unter Polizeiaufsicht?«

 

»Im Augenblick, ja«, entgegnete er brüsk.

 

Warum sie ihm das nicht übelnahm, konnte sie sich selbst nicht erklären.

 

»Gestern abend erhielt ich ein Telegramm von Mr. Garcia. Er ist sehr krank und bat mich, ihn aufzusuchen. Er wohnt im ›Hotel Esplanade‹. Der deutsche Arzt, der gestern abend nach London kam, rief mich an – «

 

»Wann war das?«

 

»Um halb zwölf.«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Um die Zeit kommt kein Flugzeug vom Kontinent an. Sie treffen entweder am Morgen oder am Nachmittag ein. Können Sie mir noch sagen, was in dem Telegramm stand?«

 

Sie sagte es ihm so genau wie möglich.

 

Ein Gepäckträger wollte das Gepäck zum Zug bringen, aber Luke hielt ihn zurück. Dann führte er Edna außer Hörweite.

 

»Ich möchte Sie um einen sehr großen Gefallen bitten: Fahren Sie nicht nach Deutschland.«

 

»Warum denn nicht?«

 

»Ich habe im Augenblick nicht die nötige Zeit, Sie auf dieser Reise zu begleiten, und ich habe auch keinen anderen Beamten, den ich mitschicken könnte. Sagen Sie mir nur nicht, es sei nicht notwendig, Sie zu begleiten. Noch einmal, ich bitte Sie dringend und inständig, nicht dorthin zu fahren.«

 

»Aber Mr. Garcia – «

 

»Ich verspreche Ihnen, daß Mr. Garcia alle Pflege haben soll, die er braucht. Und wenn es tatsächlich notwendig sein sollte, können Sie heute abend immer noch reisen. Das macht nur ein paar Stunden Unterschied aus.«

 

Er sprach so dringend und ernst, daß sie es ihm nicht abschlagen konnte. Er fuhr mit ihr zum Hotel zurück und sagte ihr, wie er sich die ganze Sache erklärte. Als er ihr dann noch obendrein vorschlug, mit ihm nach Kempton zum Rennen zu fahren, schien das die Höhe der Unverschämtheit zu sein.

 

»Aus verschiedenen Gründen bitte ich Sie, mich dorthin zu begleiten«, unterbrach er ihre ablehnenden Worte. »Erstens einmal ist es nötig, daß Sie heute in meiner Gesellschaft gesehen werden, zweitens muß ich feststellen, ob zwei unserer Freunde zugegen sind, und drittens möchte ich gern diesen Tag mit Ihnen verbringen.«

 

Sie lächelte.

 

»Diese letzten Worte fasse ich lieber nicht als ein Kompliment auf.«

 

»Nein, tun Sie das besser nicht.«

 

Als er sie später im Hotel abholte, brachte er sein Gepäck mit. Er war in der besten Stimmung. Es hatte aufgehört zu regnen, und es war ein herrlicher Herbsttag geworden.

 

Edna vergaß sehr bald die Sorge, die sie sich um Garcia gemacht hatte. Sie hatte den alten Mann wirklich gern, aber seine Gesellschaft war doch etwas anderes als das Zusammensein mit Mr. Luke.

 

Sie hielten vor dem Eingang zur Rennbahn an, und er führte sie hinein. Bald darauf entdeckte er die Männer, die er suchte. Goodie und Dr. Blanter standen dicht zusammen und sprachen eifrig miteinander; Rustem hielt sich etwas abseits. Luke selbst stand an einem geschützten Platz, so daß sie ihn nicht sehen konnten, und beobachtete die drei durch den Feldstecher. Goodie und Blanter schienen eine sehr ernste Unterhaltung zu führen.

 

Rustem ging ruhelos auf und ab. Einmal steckte er die Hände in die Taschen, dann nahm er sie wieder heraus und legte sie auf den Rücken.

 

»Sie sind also schon gestern abend in die Stadt gekommen«, sagte Luke zu Edna. »Ich erfuhr es erst, als ich Sie heute früh in Longhall anrufen wollte.«

 

»Ich mache mir doch noch große Sorgen um Mr. Garcia. Wenn er tatsächlich meine Hilfe brauchen sollte – «

 

»Die braucht er nicht. Er ist auch gar nicht in Berlin. Ich habe mich an die dortige Polizei gewandt, und die hat bei dem präzisen Meldewesen einen genauen Überblick, welche Fremden sich in der Stadt aufhalten. Übrigens ist auch das Gepäck Mr. Garcias, das Sie nach der Friedrich-Wilhelm-Straße geschickt haben, von dort noch nicht abgeholt worden.«

 

»Aber Doktor Thaler hat mich doch angerufen!«

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube nicht an die Echtheit dieses Doktor Thaler. Aus irgendeinem Grund wollte die Bande, daß Sie nach Berlin reisten, und ich kann vermuten, welcher Grund das war. Ich weiß nicht, ob Mr. Garcia krank ist oder nicht; ich habe auch keine Ahnung, ob er sich in Istanbul oder in Wien aufhält, aber auf keinen Fall ist er in Berlin.«

 

»Er war aber dort«, entgegnete sie hartnäckig.

 

»Das weiß ich nicht. Es gibt verschiedene Punkte bei der Sache, die mich beunruhigen. – Sehen Sie, da kommt das erste Pferd auf die Bahn: Sie sollten eigentlich darauf setzen.«

 

Er zeigte auf einen großen Braunen, der ruhig hinter dem Mann herging, der ihn umherführte, und sah dann auf seine Rennkarte.

 

» ›Ginny‹ – wer mag das bloß sein? Ein Trainer, dessen Name ich bisher noch nie gehört habe.«

 

Ein Bekannter, der vorüberkam, klärte ihn auf.

 

Mr. Ginny war ein Ire. Es gab zwei Brüder dieses Namens; der eine hatte einen Rennstall in Irland, der andere einen im Norden Englands.

 

Luke sah sich das große Pferd etwas genauer an. Es war ein Dreijähriger, und Trigger führte seine Transaktionen meistens mit dreijährigen Pferden durch. Er ließ Edna allein und suchte sich neue Informationen zu verschaffen. Als die Jockeis aufsaßen, kam er zurück.

 

»Wollen Sie nicht wetten?« fragte er. »Wenn Sie keinen Buchmacher kennen, werde ich Sie mit einigen bekannt machen. Sie können im Augenblick viel Geld verdienen. Ich würde Ihnen nicht dazu raten, wenn ich nicht wüßte, daß Sie wohlhabend sind und auch einen eventuellen Verlust verschmerzen könnten.«

 

Auf seinen Rat hin setzte sie fünfhundert Pfund auf ›Rote Dahlie‹.

 

»Welches Pferd ist denn das?« fragte sie erstaunt.

 

Er erklärte ihr, daß es der Braune sei, den sie eben gesehen hatten.

 

»Ich bin ziemlich sicher, daß es sich hierbei um eine Transaktion handelt, und ich werde jetzt die Sache bekanntmachen; bin gespannt, was dann geschieht. Dieses Pferd ist noch nie vorher in einem Rennen gestartet; es ist ein kräftiger Dreijähriger. Niemand weiß, wo das Pferd eigentlich trainiert worden ist.«

 

Als die Jockeis zum Start ritten, sagte Luke verschiedenen Bekannten, daß es sich um eine Transaktion Triggers handele, und in zwei Minuten fielen die Quoten der Wetten von zehn zu eins auf sechs zu eins. Luke war hochbefriedigt, als er sah, daß Dr. Blanter auf den Rennplatz kam. Der Mann ließ sich nichts anmerken; allem Anschein nach machte die Bekanntgabe keinen Eindruck auf ihn. Er wandte sich an den nächsten Buchmacher, und Luke trat näher, um zu hören, was die beiden sprachen.

 

»Nun, was hat es eben gegeben?« fragte Blanter. »›Rote Dahlie‹ ist sehr gefallen?« Er machte nun doch ein bedrücktes Gesicht. »Stimmt es, daß die Wetten sechs zu eins stehen?« fragte er ungläubig.

 

Dann wandte er sich um und sah Luke hinter sich.

 

»Ist das Ihr Werk?« fragte er den Inspektor.

 

»Richtig geraten, Doktor. Aber ich sehe, daß Sie die Nerven verlieren. Zum erstenmal zeigen Sie, daß Sie an Triggers Transaktionen beteiligt sind. ›Rote Dahlie‹ ist also auch ein Pferd, das für Mr. Trigger läuft?«

 

Blanter zitterte vor Wut. Er war plötzlich so aufgeregt, daß er im Augenblick keine Worte fand. Mit einem Fluch drehte er sich um und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

 

»Sie haben Glück«, sagte Luke, als er wieder neben Edna auf dem Rasen stand. »Sie haben noch eine Wette von zehn zu eins auf ein Pferd abschließen können, für das jetzt gleich überhaupt keine Wetten mehr angenommen werden.«

 

Luke war kein schlechter Prophet. Bevor die Pferde starteten, war es unmöglich, noch eine Wette auf ›Rote Dahlie‹ abzuschließen. Das Pferd kam nicht gerade sehr gut beim Start ab, aber der Jockei trieb es auch nicht zu scharf an. Schließlich lag es an dritter Stelle. Der Jockei ritt sehr vorsichtig; obwohl sich verschiedenemal eine Lücke zwischen den Pferden zeigte, nützte er die Gelegenheit nicht aus. Er kannte die Tricks bei den Rennen sehr genau und suchte seinen Platz an der Außenseite. Zwanzig Meter vor dem Ziel setzte er sich dann an die Spitze des Feldes und gewann das Rennen in großem Stil.

 

Nach den Regeln des Rennens mußte der Gewinner verauktioniert werden. Luke drängte sich auch sofort zu dem Verkaufsstand. Er erwartete, daß das Pferd einen hohen Preis bringen würde, und er war erstaunt, als er hörte, welche Summe gezahlt wurde. Erst als Goodie dem Auktionator zunickte, fiel der Hammer, und das Pferd wurde um zweitausendachthundert Pfund zugeschlagen.

 

»Nun, da habe ich ihm einmal gründlich Wasser in den Wein gegossen«, meinte Luke zu Edna. »Ich will vor allem die Bande in Schrecken setzen. Das Pferd ist wahrscheinlich fünftausend Pfund wert.«

 

Kapitel 16

 

16

 

Als sie die Rennbahn verließen, sähen sie den großen französischen Wagen des Doktors in entgegengesetzter Richtung abfahren. Blanter saß allein darin. Goodie hatte sich wahrscheinlich schon vorher entfernt, denn er hatte es sich zur Regel gemacht, zu gehen, wenn das Pferd, für das er sich interessierte, gelaufen war.

 

»Nun weiß ich nicht, was ich mit Ihnen machen soll, Miss Gray«, sagte Luke.

 

»Ich werde nach Longhall zurückkehren.«

 

Er war damit einverstanden.

 

»Es ist leichter, Sie dort zu bewachen als in London.«

 

Erstaunt sah sie ihn an.

 

»Warum ist es denn überhaupt notwendig, mich zu bewachen? Glauben Sie wirklich, daß mir etwas zustoßen könnte?«

 

Er rieb sich erregt das Kinn.

 

»Das weiß ich selbst nicht. Ich habe versucht, alle Geheimnisse dieses Falles aufzudecken, aber warum Trigger, der Doktor und die anderen sich soviel Mühe geben, Sie von Longhall wegzubringen, ist mir ein vollkommenes Geheimnis. Natürlich wünscht Goodie nicht, daß die Morgenarbeit seiner Pferde beobachtet wird. Ich denke aber außerdem immer an das Buch von Mr. Garcia. Dann an diese verschiedenen Telegramme – ich glaube nicht, daß sie echt sind.«

 

»Sie sind aber sehr argwöhnisch.«

 

Er nickte.

 

»Sie meinen, daß ich immer das Schlechteste denke?«

 

»Was ist denn das Schlechteste, das Sie von mir denken?« fragte sie herausfordernd.

 

Er schaute sie ruhig an.

 

»Das will ich Ihnen sagen. Sie machen sich Sorgen, daß ich eines Tages doch einmal die Grenze zwischen uns überschreiten und Ihnen eine Liebeserklärung machen könnte. Aber manchmal denken Sie auch, die Tatsache, daß Sie eine Viertelmillion besitzen, könnte mich davon abhalten.« Er sah, daß sie errötete, und lachte. »Ich hab’s getroffen, was?«

 

»Es tut mir leid, daß ich mit Ihnen zurückgefahren bin«, entgegnete sie trotzig. »Sie sind einfach unausstehlich.«

 

»Entweder müssen Sie mich in Ihrem Wagen mitnehmen, oder ich muß zu Fuß gehen«, sagte er gut gelaunt. Aber dann änderte er das Thema. »Ich bewache Sie, weil ich Sie für eine wichtige Persönlichkeit halte. Es ist der Versuch gemacht worden, Sie nach Deutschland zu schicken. Die Sache war sehr gut ausgedacht. Doktor Thaler, der Sie angerufen hat, ist vermutlich unser guter alter Freund Rustem – der spricht deutsch wie ein Deutscher. Ich habe telegrafisch veranlaßt, daß Nachforschungen wegen des in Berlin aufgegebenen Telegramms angestellt werden.«

 

Er war erstaunt, daß sie die polizeiliche Bewachung ohne weiteren Protest zuließ. Er selbst wäre auch niemals auf diesen Gedanken gekommen, wenn nicht das Telegramm aus Berlin eingetroffen wäre. Danach war es vollkommen klar, daß die Leute Miss Edna Gray aus dem Weg haben wollten. Vielleicht verfolgten sie noch einen Weiteren, verbrecherischen Plan, aber daran wagte er nicht zu denken.

 

Er verabschiedete sich von Edna bei ihrer Abfahrt vom Hotel und verabredete sich mit ihr zum Theaterbesuch am folgenden Mittwoch. Vorher hatte er dafür gesorgt, daß ihr ein Beamter von Scotland Yard als Schutz mitgegeben wurde.

 

*

 

Luke hatte am Abend noch sehr viel zu tun. Es gelang ihm der eindeutige Nachweis, daß ›Rote Dahlie‹ tatsächlich eine Transaktion Triggers gewesen war. Als er abends an Triggers Büro in der Lower Regent Street vorbeikam, sah er, daß alle Büroräume taghell erleuchtet waren.

 

Luke hatte den Eindruck, daß Trigger nicht vollständig von Goodie, Blanter und Rüstern abhängig war, sondern auch andere Verbindungen zur Rennwelt unterhielt. Der Mann war klug und weitsichtig und wußte, daß eines Tages Goodie und Blanter zur Rechenschaft gezogen werden würden. Deshalb sah er sich beizeiten nach Ersatz für sie um.

 

Luke machte die Runde in verschiedenen Nachtklubs, die nicht gerade erstklassig waren, und hörte verschiedenes. Zuletzt besuchte er ein Lokal in der Wardour Street, das er schon seit einiger Zeit beobachten ließ. Es war einer der exklusivsten kleinen Klubs, sehr gut und luxuriös ausgestattet.

 

Hier traf er in einem stillen Winkel Mr. Rustem. Die Augen des Mannes glänzten, seine Stimme war etwas heiser und seine Zunge schwer. Er saß allein an einem kleinen Tisch und trank Whisky. Das war außergewöhnlich, da man ihn sonst stets in Damenbegleitung sah. Beim Anblick des Inspektors sprang er erregt auf und sah diesen unsicher an.

 

»Was gibt es? Was wollen Sie von mir?« fragte er. Überreichlicher Whiskygenuß mochte die Ursache für Rustems ungewöhnliche Nervosität sein. Luke hatte ihn schon öfter unter ähnlichen Umständen getroffen, aber noch nie war der Mann so aufgeregt gewesen wie heute.

 

Der Inspektor zog einen Stuhl an den Tisch und ließ sich nieder. Die Umsitzenden beobachteten die beiden interessiert, denn Luke war in diesem Klub als Beamter von Scotland Yard bekannt, und viele Anwesende atmeten auf, als er sich Rüstern zuwandte.

 

»Was ist denn mit Ihnen? Sie sind ja so erregt? Hat Doktor Blanter Ihnen einen bösen Streich gespielt?«

 

Rustem zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Ausgerechnet Blanter!« sagte er ärgerlich. »Um Himmels willen, es gibt überhaupt niemand in der Welt, der mir einen bösen Streich spielen könnte. Sie in Scotland Yard glauben, Sie wüßten alles ganz genau, aber es gibt genug Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen Sie sich nichts träumen lassen. Es wagt so leicht keiner, mir einen bösen Streich zu spielen! Im Gegenteil, die kommen alle zu mir gekrochen und bitten mich händeringend, daß ich sie aus der Patsche ziehe.«

 

Luke war davon überzeugt, daß etwas geschehen war, das Rustem so erschüttert hatte.

 

»Wollen Sie auch etwas trinken, Luke? Ich sah Sie heute in Kempton – haben Sie eigentlich gewettet? Ach, ich vergaß, Sie wetten ja nie. Das ist wirklich ein nettes, hübsches Mädchen, das Sie bei sich hatten. Ich meine die Dame aus Argentinien – wie heißt sie doch gleich?«

 

»Was macht denn der Doktor?« fragte Luke, ohne darauf einzugehen.

 

»Der Doktor? – Ach der!« Mr. Rustem schnipste mit den Fingern. »Hinter dem alten Prahlhans steckt doch nichts.« Er lehnte sich vertraulich über den Tisch zu Luke hinüber. »Ich bin so gut wie fertig mit der ganzen Gesellschaft. Die Leute sind mir doch zu scharf. Verstehen Sie, was ich meine? Ich bin immer für Gesetz und Ordnung. – Aber damit will ich nicht sagen«, fügte er hastig hinzu, »daß sie die Gesetze übertreten. Nein, das nicht. Aber sie nehmen es nicht allzu genau, und da mache ich nicht mit.«

 

Luke winkte dem Kellner und ließ sich auch ein Getränk bringen. Rustem war im Augenblick in einer seltsamen Stimmung, die ausgenützt werden mußte.

 

»Triggers Transaktion ging heute nicht in Ordnung, was?«

 

Rustem zuckte die Schultern.

 

»Ach, das ist ein ganz gemeines Geschäft, den Leuten die Tips für die Rennen zu geben. Da kann man auch gleich Buchmacher werden. Dagegen habe ich mich immer gesträubt. Die Transaktion ist durchgeführt worden, nur die Quote war hundsmiserabel. Das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie verdammter alter Teufel!«

 

Luke betrachtete die Flasche Whisky, die allem Anschein nach erst an diesem Abend angebrochen worden und nahezu leer war.

 

»Hören Sie«, sagte Rustem und sah sich vorsichtig um. »Sie wetten nicht, das ist dumm von Ihnen. ›Weiße Lilie‹ wird das Cambridgeshire-Rennen todsicher gewinnen. Das ist Geld, das Sie so nebenbei einstecken können. Ich wette ja persönlich im allgemeinen auch nicht, aber ich sage Ihnen, diesmal können Sie ein Vermögen dabei gewinnen. Aber, um Himmels willen, sagen Sie Blanter nicht, daß ich Ihnen das zugeflüstert habe.«

 

»Ist das die nächste Transaktion?«

 

»In gewisser Weise, ja. Es ist nicht eine gewöhnliche Sache, die wir schon lange im Programm hatten; es wurde unseren Kunden in aller Eile mitgeteilt. Man kann jetzt nur noch eine gute Quote bekommen, und es gehört eine Menge Geld dazu, um ein Pferd von dreiunddreißig zu eins auf zehn zu eins zu bringen. Augenblicklich können Sie noch bequem fünfundzwanzig zu eins bekommen und ein Vermögen machen. Vergessen Sie nicht, daß ich Ihnen das gesagt habe.«

 

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah den Inspektor unsicher an. Dann zog er verlegen die Uhr.

 

»Viertel vor zwölf. Wissen Sie, wohin ich jetzt gehe?« fragte er mit Nachdruck. »In ein türkisches Bad. Und dort bleibe ich bis morgen früh sieben Uhr. Ich ärgere mich über diese modernen Folterkammern, aber ich muß hingehen. Morgen früh fahre ich dann nach Edinburgh, um eine Klientin zu besuchen. Sie ist eigentlich nicht direkt meine Klientin, sondern ein nettes, liebes Mädel, das in der Revue ›Rosy Rosy‹ auftritt. – Wollen Sie mir einen großen Gefallen tun? Kommen Sie mit und nehmen Sie auch ein Bad!«

 

Luke schüttelte lächelnd den Kopf, aber Rustem ließ sich nicht abweisen.

 

»Dann begleiten Sie mich wenigstens bis zum Eingang. Ich kann es Ihnen schließlich nicht verdenken, daß Sie die Prozedur nicht mitmachen wollen …«

 

Er erhob sich unsicher, legte eine Fünfpfundnote auf den Marmortisch und wartete nicht, daß der Kellner ihm herausgab. Rustem war sehr freigebig gegen Nachtklubkellner.

 

Luke erfüllte ihm tatsächlich seinen Wunsch – einmal, um ihn in gute Stimmung zu bringen, zweitens, um noch mehr von ihm zu erfahren. Sie fuhren also zu einem bekannten türkischen Bad und trennten sich vor der Tür. Rustem war ein wenig unsicher auf den Beinen, und es fiel ihm schwer, ohne die Hilfe seines Begleiters weiterzugehen. Aber so betrunken er auch war, er zog doch noch die Uhr und hielt sie dicht an die Augen.

 

»Es ist jetzt zwölf Minuten nach zwölf – vergessen Sie das nicht!«

 

Luke beobachtete ihn, bis er außer Sicht kam. Was war denn wieder im Gang? Warum hatte Rustem soviel Gewicht darauf gelegt, die Zeit festzustellen, als sie sich trennten? Warum besuchte er ein türkisches Bad, wenn er die Prozedur nicht leiden mochte? Allem Anschein nach, weil er sich für die Zukunft ein einwandfreies Alibi verschaffen wollte. Aus demselben Grund reiste er auch nach Edinburgh.

 

*

 

Als Rustem wieder nüchtern geworden war, führte er tatsächlich die Pläne aus, die er sich in der Nacht überlegt hatte. Um zehn Uhr verließ er das türkische Bad und nahm den ersten Zug nach Edinburgh. Luke hatte allerdings festgestellt, daß die Revue ›Rosy Rosy‹ nicht dort, sondern in Blackpool gespielt wurde.

 

Luke dachte an diesem Tag viel an Mr. Garcia und seine geliebte ›Vendina‹. Aus einem Rennbüro in der Pall Mall beschaffte er sich eine Liste aller wichtigen Rennställe in Deutschland und sandte gleichlautende Briefe an sie.

 

Es zeigte sich auch, daß die Vorsichtsmaßnahme, die er in bezug auf Edna getroffen hatte, sehr nützlich war. Der Kriminalbeamte, den er nach Longhall mitgeschickt hatte, rief ihn an und berichtete, daß in der Nähe von Longhall eine Menge fremder, verdächtiger Männer gesehen worden seien. Einen hatte er erkannt; es war ein auf Bewährung entlassener Strafgefangener, der sich bei der Polizei nicht mehr gemeldet hatte und infolgedessen gleich wieder verhaftet und ins Gefängnis gesteckt wurde. Die anderen waren dem Beamten von Scotland Yard unbekannt. Zwei der Leute hatten sich im ›Roten Löwen‹ einquartiert.

 

Luke wurde unruhig. Es war allerdings nicht gesagt, daß die Fremden böse Absichten hatten; vielleicht wollten sie nur die Morgenarbeit von Goodies Pferden beobachten. Es wurde bereits über ›Weiße Lilie‹ gesprochen, und Rustem hatte recht, als er sagte, daß die Quote von dreiunddreißig auf fünfundzwanzig zu eins gefallen war. In solchen Fällen schickten Leute, die von den Rennwetten lebten, sachverständige Beobachter oder kamen selbst, um die Pferde beim Morgengalopp zu beobachten.

 

Luke besaß ein Haus in einer kleinen Straße in Knightsbridge. Dienstboten beschäftigte er nicht; er hatte das Haus so gut mit allen möglichen elektrischen Geräten ausgestattet, daß er sich selbst versorgen konnte. Er hatte auf die Innenausstattung mehr verwandt, als das ganze Haus kostete. Eine Aufwartefrau machte täglich sauber.

 

Als er an diesem Abend nach Hause kam, merkte er, daß etwas nicht in Ordnung war.

 

Er drückte auf den Lichtschalter in der Diele, aber es blieb dunkel. Beim Schein seiner Taschenlampe sah er, daß die Birne ausgeschraubt war. Die Türen standen offen, alle Schubladen seines Schreibtisches waren herausgezogen; der Inhalt lag auf dem Schreibtisch verstreut. Jeder Brief, jedes Notizbuch war durchgesehen und gelesen. Die Einbrecher mußten genau gewußt haben, wo er war, denn sie hatten in aller Ruhe gearbeitet. Hatte ihn Rustem mitgenommen, weil er von diesem Überfall wußte? Aber das erschien Luke doch unwahrscheinlich. Rustem konnte man viel zutrauen, aber ein Einbrecher war er nicht.

 

Er hielt den früheren Rechtsanwalt in diesem Fall für unschuldig. Es mußten übrigens ganz gerissene Leute gewesen sein, die in die Wohnung eingedrungen waren. Nicht die geringste Spur hatten sie hinterlassen, nicht einmal einen Fingerabdruck.

 

Luke ging von einem Raum zum anderen; Schlaf- und Arbeitszimmer waren systematisch durchsucht worden. Mehrere Wertsachen fehlten, Stücke im Wert von etwa zehn Pfund, die er in einer Schublade seines Schreibtisches aufbewahrte.

 

Luke ärgerte sich. Er sah darin Dr. Blanters Antwort darauf, daß er dessen Wohnung durchsucht hatte.

 

Er setzte sich an den Schreibtisch, sah die Dokumente durch und suchte sich zu vergegenwärtigen, was in den einzelnen Fächern gelegen hatte.

 

Mechanisch benachrichtigte er die Polizeistation, und als der Inspektor mit seinen Assistenten eintraf, durchsuchten sie die Wohnung eingehend.

 

»Sie haben gerade keine wertvollen Sachen gestohlen«, erklärte Luke, »und ich glaube auch nicht, daß sie irgendwelche wichtigen Unterlagen gefunden haben.«

 

Er räumte nur sein Schlafzimmer einigermaßen auf und gab sich nicht einmal die Mühe, das Fenster in Ordnung zu bringen, durch das sich die Einbrecher Eintritt in die Wohnung verschafft hatten. Dann legte er sich zur Ruhe.

 

Kapitel 17

 

17

 

Nachdem Luke mit Edna Gray das Rennen in Newmarket besucht hatte, fuhren sie beide nach London zurück. Sie setzte ihn in der Nähe seiner Wohnung ab und begab sich dann ins Hotel. In der folgenden Woche hatte Luke viel zu tun. Er versuchte Schritt für Schritt, Garcias Aufenthalt festzustellen, aber manche der ausländischen Polizeidienststellen arbeiteten langsam und antworteten nicht immer prompt auf eine dringende Anfrage von Scotland Yard. Aus Deutschland erhielt er innerhalb von drei Tagen eine Mitteilung über die Telegramme, die von Berlin und München im Namen von Alberto Garcia an Edna abgesandt worden waren. Er konnte aber daraus nur ersehen, daß sie mit der Maschine geschrieben und mit ›Alberto‹ unterzeichnet worden waren.

 

Von Punch Markham empfing er viele Meldungen, die ihn nicht interessierten. Nur ab und zu war etwas dabei, das er brauchen konnte. Punch hatte sich mit größter Begeisterung an seine Aufgabe gemacht; er beobachtete nicht nur Goodies Rennpferde, sondern spionierte auch Goodie selbst nach. Er hatte eine persönliche Abneigung gegen den Trainer. Eines Tages besuchte er Luke in London.

 

»Sehen Sie einmal her, Mr. Luke«, sagte er und zeigte auf sein blaues Auge.

 

Punch war über alle Maßen wütend.

 

»Das ist nicht die Art und Weise, wie man andere Leute behandelt. Das hat einer seiner Stallknechte getan. Ich weiß ja, daß es den Leuten nicht gefällt, wenn man ihre Pferde beim Morgengalopp beobachtet, aber deswegen braucht man einen doch nicht gleich halbtot zu schlagen!«

 

Punch hatte sich den Morgengalopp ansehen wollen, nachdem er am Abend zuvor erfahren hatte, daß ›Weiße Lilie‹ geprüft werden sollte. Er war in solchen Dingen beschlagen und hatte sich vorsichtig in einer Bodensenkung versteckt, von der aus er die Arbeit der Pferde beobachten konnte. Bevor aber die Pferde auf dem Platz erschienen, hatten zwei Leute das Gelände abgesucht. Punch war im letzten Augenblick davongelaufen, und dabei hatten sie ihn gefaßt. Markham beschrieb den einen der beiden so deutlich, daß Luke nach der Schilderung Manuel erkannte.

 

»Goodie führt etwas im Schilde, darauf gehe ich die höchste Wette ein«, sagte Punch. »Meiner Meinung nach hat er ›Weiße Lilie‹ anderswohin geschickt, wo sie trainiert wird. Aber ich glaube nicht, daß er mit dem Gaul das Cambridgeshire-Rennen gewinnt. ›Weiße Lilie‹ war zwar ein gutes Pferd, aber es hatte im Alter von einem Jahr einen Leistungsrückgang, und ich habe allerhand anstellen müssen, um den Gaul so weit in die Höhe zu bringen, daß ich ihn verkaufen konnte. Sie können sich todsicher darauf verlassen, Mr. Luke, daß das Tier das Cambridgeshire-Rennen nicht gewinnt. Warum Goodie sich mit dem Pferd soviel Mühe gibt, weiß ich nicht. Aber der Kerl mogelt immerzu, der kann gar nicht anders, selbst wenn er wollte. Wenn ich nur in den Stall hinein könnte!«

 

»Sie würden doch nichts erfahren. Keiner seiner Leute spricht englisch.«

 

Aber Punch wollte sich damit nicht zufriedengeben. Luke tat, was er konnte, um ihn vor allzu kühnen Wagnissen zu warnen. Niemand war gefährlicher als ein übereifriger Amateurdetektiv – das wußte er.

 

*

 

Luke verließ sein Büro an dem Abend kurz vor sechs. Er hatte seinen Schreibtisch abgeschlossen und zog gerade seinen Mantel an, als es an der Tür klopfte. Er war allein im Büro; sein Assistent war schon eine halbe Stunde früher gegangen. Das Klopfen wurde wiederholt; der Betreffende mußte sehr aufgeregt sein und es eilig haben.

 

»Herein.«

 

Die Tür öffnete sich, und Rustem trat ein. Sein Gesicht war aschgrau, und die Hand, die er Luke entgegenstreckte, zitterte. Zum erstenmal sah der frühere Rechtsanwalt in seiner äußeren Erscheinung vernachlässigt aus; er machte fast den Eindruck, als ob er den ganzen Tag in seinen Kleidern geschlafen hätte.

 

»Zum Kuckuck, was ist denn mit Ihnen los?« fragte Luke erstaunt.

 

Rustem zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Es geht mir nicht besonders gut – es sind die Nerven«, erwiderte er ängstlich.

 

»Setzen Sie sich doch. Sind Sie vergiftet worden – oder ist sonst etwas los?«

 

»Na, einen so guten Witz habe ich lange nicht gehört«, sagte Rustem und lachte, aber seine Stimme klang hohl. »Nein, meine Nerven sind kaputt – die Leute verfolgen mich …«

 

»Das klingt ja, als ob Sie an Verfolgungswahn litten«, entgegnete Luke mit einem Lächeln..

 

»Was machen Sie heute abend? Wäre es nicht möglich, daß wir uns einmal unterhielten? Ich sage Ihnen offen, ich bin vollkommen erledigt. Ich dachte, wir könnten einmal zusammen ausgehen und irgendwo zu Abend essen. Ich möchte Sie auch noch wegen einer anderen Sache sprechen. Ich habe gehört, daß das Polizeiwaisenhaus nicht genügend Mittel hat. Vielleicht könnte ich tausend Pfund stiften …«

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Nehmen Sie das lieber in Ihr Testament auf; da macht es sich ganz gut und ist nicht so peinlich. Nein, im Augenblick braucht das Waisenhaus kein Geld, und ich möchte Sie bitten, diesen Schritt zu unterlassen. – Also, was ist nun mit Ihnen, Rustem – meldet sich etwa Ihr Gewissen?«

 

»Nein«, sagte Rustem laut und sprang auf. »Ich brauche mir keine Vorwürfe zu machen. Natürlich habe ich manches getan, was ich, bei reiflicher Überlegung, besser unterlassen hätte. Wenn ich immer gewußt hätte, wie die Dinge auslaufen würden …«

 

Luke dachte schnell nach.

 

»Also, es ist gut, ich komme mit Ihnen und will Ihnen sogar zugestehen, daß Sie mich einladen.«

 

Irgend etwas stimmte nicht. Rustem klammerte sich geradezu an ihn, als sie am Themseufer entlanggingen, und auf dem Weg nach Soho sprach er dauernd auf seinen Begleiter ein. Aber er sagte ihm nichts Besonderes, und seine Worte waren manchmal etwas zusammenhanglos.

 

Luke paßte auf wie ein Schießhund, aber schon lange vor dem Ende des Essens sah er, daß Rustem ihm nichts Wichtigeres mitteilen wollte oder konnte. Wahrscheinlich hatte der Mann nur wieder die Absicht, sich ein Alibi zu verschaffen.

 

Rustem zog das Essen hinaus, blieb so lange wie möglich bei Tisch sitzen und machte dann Luke den Vorschlag, verschiedene Klubs zu besuchen.

 

»Es wird nicht gerade sehr vorteilhaft für Sie sein, wenn Sie sich in meiner Gesellschaft sehen lassen«, erwiderte Luke offen. »Ihre Freunde werden glauben, daß Sie plötzlich ein Polizeispitzel geworden sind. Und wenn Sie wollten, könnten Sie mir ja auch tatsächlich eine Menge erzählen.«

 

Aber Rustem schien die üble Nachrede nicht zu fürchten.

 

In dem kleinen Klub, in dem sie sich schon früher einmal getroffen hatten, sahen sie Mr. Trigger. Er saß in derselben Nische, in der Luke einmal mit Rustem gesessen hatte, und vor ihm stand ein Glas mit einer hellen Flüssigkeit. Er lächelte Luke liebenswürdig zu, aber Rustem schaute er ärgerlich an.

 

»Nehmen Sie doch bitte Platz. Wollen Sie nicht etwas trinken? Ich selbst halte mich an Limonade. Sie werden wahrscheinlich darüber lachen, aber ich mag keine starken alkoholischen Getränke.«

 

Er warf einen Seitenblick auf Rustem.

 

»Und es wäre auch ganz gut, wenn verschiedene meiner Bekannten meinem Beispiel folgten.«

 

Rustem, der beinahe die Fassung verloren hatte, als sie Trigger hier trafen, hatte nicht den Mut, darauf zu antworten.

 

»Manchmal muß ich etwas ausspannen, dann komme ich hierher. Sonst wird es mir von all den vielen Zahlen ganz wirr im Kopf!«

 

»Ihre Erholung besteht dann darin, Limonade zu trinken«, sagte Luke lächelnd.

 

Er schätzte Trigger, den er in gewisser Weise für vollkommen ehrlich hielt, obwohl der Mann mit übelbeleumundeten Leuten zusammenarbeitete.

 

»Die Limonade ist es nicht allein; man kann hier auch Leute beobachten. Man sieht hier mehr Verbrecher als vor dem Schwurgericht in Old Bailey.«

 

Wieder sah er Rustem von der Seite an.

 

»Sind Sie Mitglied des Klubs, Mr. Luke? Dann sind wir beide die einzigen anständigen Kerle, die hier verkehren. Es ist nicht gerade meine Absicht, Verbrecher zu treffen, wenn ich hierherkomme. Mehrere von der Sorte treffe ich sowieso, wenn wir eine Direktionssitzung abhalten.«

 

Diesmal war die Herausforderung zu stark, als daß Rustem sie überhören konnte.

 

»Wollen Sie damit sagen –«, begann er wütend.

 

»Wenn Sie glauben, daß ich jemand anders meinen könnte als Sie, dann sagen Sie es mir bitte«, entgegnete Trigger ruhig. »Ich erkläre Ihnen, und zwar in Gegenwart von Mr. Luke, daß ich in Zukunft bei den Direktionssitzungen meiner Firma nichts weiter diskutiere, als was zum Geschäft gehört. Und Geschäft bedeutet: Geld, Telegramme, Organisation. Wenn mir von zuverlässiger Stelle ein Pferd genannt wird, das das Rennen gewinnt, dann handle ich dementsprechend. Ich will über das Pferd nichts weiter wissen, als daß es vier Beine und einen Kopf hat und schneller läuft als all die anderen Pferde, die für das Rennen gemeldet worden sind. Warum es gewinnt, geht mich nichts an, und ich dulde auch nicht, daß über solche Dinge in unseren Versammlungen gesprochen wird. Ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich irgendwelche gesetzwidrige Handlungen begehe. Ich habe nichts getan, was irgendwie gegen das Gesetz oder die Rennregeln verstößt.«

 

Luke konnte sich denken, was geschehen war. Die Leute hatten wahrscheinlich eine Versammlung abgehalten, und einer der vier – wahrscheinlich Rustem – hatte da Dinge zur Sprache gebracht, die außerhalb des Geschäftsbereiches lagen. Wahrscheinlich hatte sich Trigger dagegen gewehrt und auch eine Auseinandersetzung mit den anderen gehabt, wobei Blanter den kürzeren zog.

 

»Sie sind ja ein ganz scheinheiliger Kerl«, entgegnete Rustem gehässig.

 

Trigger lächelte.

 

»Ja, ich bin wirklich ehrlich – und mehr als das: Ich bin meiner Sache sicher!«

 

Trigger trank seine Limonade aus, zahlte dem Kellner den doppelten Preis, den er verlangte, und erhob sich.

 

»Ich will Sie beide allein lassen. Vermutlich haben Sie wichtige Angelegenheiten miteinander zu besprechen«, sagte er höflich und ohne Ironie. »Aber, Mr. Luke, ich möchte Ihnen noch eins sagen: Wenn der Mann hier« – er zeigte auf Rustem – »behaupten sollte, daß ich mich auf andere Dinge einlasse als auf ein reines Geschäft, dann lügt er wie gedruckt. Ich brauche mich nicht davor zu fürchten, daß er der Polizei etwas verrät. Mir kann er nichts anhaben, aber er selbst ist nicht ganz harmlos.«

 

Mit dieser geheimnisvollen Andeutung verließ Trigger den Klub. Er hatte den Hut ziemlich kühn aufgesetzt und sich eine dicke Zigarre angezündet.

 

»Das ist ein ganz gemeiner Lump«, erklärte Rustem. »Daß ein solcher Kerl sein ungewaschenes Maul aufmachen darf –«

 

Aber dann unterbrach er sich plötzlich, wie er es mindestens schon ein dutzendmal an dem Abend getan hatte.

 

Mit Mr. Arthur Rustem ging es bergab. Zehn Jahre lang hatte er eine beherrschende Stellung in der Verbrecherwelt eingenommen, doch jetzt zeigte er sich feige und furchtsam. Und er hatte Grund dazu. Während er früher das Kommando führte, mußte er jetzt tun, was andere von ihm verlangten. Er hatte seine Unabhängigkeit aufgegeben und sich einem stärkeren Willen unterstellt. Und er hatte nicht den Mut, mit den anderen zu brechen, weil sie drohten, ihn zu ruinieren.

 

Luke machte verschiedene Versuche, das Gespräch auf Dr. Blanter zu bringen; er hatte keinen Erfolg, obwohl er verschiedene anrüchige Geschichten aus dessen Vergangenheit auskramte. Rustem wußte das alles natürlich selbst viel besser, denn er hatte Blanter einmal verteidigt, als dieser als Angeklagter vor Gericht gestanden hatte.

 

Erst gegen elf Uhr abends konnte Luke Rustem loswerden. Rustem taumelte ein wenig, als er an die frische Luft kam, aber dann riß er sich zusammen und verabschiedete sich korrekt.

 

Er war noch nicht weit gegangen, als ein Wagen an der Bordschwelle neben ihm hielt und jemand seinen Namen rief. Erschrocken drehte er sich um und sah in das rote Gesicht von Blanters Diener, der am Steuer des Wagens saß.

 

»Steigen Sie ein, der Doktor will mit Ihnen sprechen«, sagte der Mann heiser.

 

Rustem zögerte, aber dann folgte er doch der Aufforderung. Der Wagen bog in die Richtung Haymarket ein – und das war nicht der Weg zur Half Moon Street. Die Fahrt ging weiter zur Pall Mall, dann hielt das Auto, und der Chauffeur stieg aus.

 

»Bleiben Sie sitzen, ich will mit Ihnen sprechen.«

 

Rustem lehnte sich aus dem Fenster hinaus.

 

»So, das ist für Sie«, sagte der Chauffeur und schlug Rustem mit einem Gummiknüppel zusammen.

 

Kapitel 18

 

18

 

Luke ging nach Scotland Yard zurück und las die Telegramme, die in seiner Abwesenheit angekommen waren. Am meisten interessierte ihn indessen die telefonische Mitteilung, die Punch aus Longhall durchgegeben hatte:

 

Ich habe den ganzen Schwindel herausgebracht und muß Sie morgen sprechen. Ich werde Sie heute um halb elf in Ihrer Wohnung anrufen.

 

Es war leicht möglich, daß sich Punch durch seinen Eifer auf eine falsche Fährte hatte bringen lassen; andererseits hatte der Mann eine gute Begabung und einen gewissen Instinkt für das Wichtige. Luke glaubte zu wissen, worum es sich handelte. Er telefonierte mit Lane, aber der konnte ihm auch nichts Genaues sagen.

 

»Er ist um neun Uhr fortgegangen. Vermutlich hat er etwas Wichtiges herausbekommen, aber er wollte es mir nicht sagen. Es ist irgendeine Sache mit Goodie.«

 

Die Uhr vom Parlamentsgebäude schlug Mitternacht, als Luke das Büro verließ und langsam seiner Wohnung zuschlenderte. Er hatte auch allen Grund, nicht zu schnell zu gehen, denn es war die erste neblige Nacht in diesem Jahr. Wenn es auch nicht sehr unsichtig war, so konnte man doch nur schwer ein Taxi finden. Am Trafalgar Square traf er einen Wagen, der langsam an der Bordschwelle entlangfuhr. Da Luke sehr müde war, überredete er den Chauffeur und fuhr mit ihm in Richtung Piccadilly. An der Ecke des Hyde Park wurde der Nebel etwas dichter; Luke bezahlte den Chauffeur und ging zu Fuß weiter.

 

In Knightsbridge war es bereits so dunstig, daß die Laternen nur noch hellere Stellen im Nebel waren.

 

Er bog in die kleine Straße ein und tastete sich an dem eisernen Zaun entlang, bis er zu seinem Haus kam. Als er den Schlüssel herausgenommen hatte und die Haustür aufschließen wollte, griff er zu seinem größten Erstaunen ins Leere. Die Tür stand weit offen, und als er sie zumachte und das elektrische Licht anknipste, sah er, daß die Diele mit gelblichgrauem Nebel gefüllt war.

 

Die Tür zu seinem Arbeitszimmer stand ebenfalls halb offen. Er streckte die Hand aus und machte Licht, aber er hörte kein Geräusch und nahm keine Bewegung wahr. Auch sah er keine verdächtigen Schatten. Schnell zog er die Pistole, stieß die Tür ganz auf und trat ein. Der Raum war vollkommen leer, nur auf dem Diwan in der Nähe des Fensters lag ein Mann, der mit einer Decke zugedeckt war.

 

Luke starrte ihn lange an, bevor er näher trat und die Decke zurückschlug, die auch den Kopf verhüllte. Es war der alte Garcia, den er auf dem Dampfer kennengelernt hatte. Der Mann trug einen Mantel und war vollständig angekleidet, nur die Schuhe fehlten. Ein Blick genügte – Garcia war tot.

 

Luke ging zum Schreibtisch und nahm den Telefonhörer ab, aber die Leitung war stumm. Als er darauf den Apparat untersuchte, fand er, daß die Zuleitungsschnur durchgeschnitten war. Dann untersuchte er den Raum. Auf dem Tisch war nichts angerührt worden; auch die Schubladen waren nicht durchwühlt. Er verließ das Haus, schloß die Tür hinter sich und suchte einen Polizisten und eine Telefonzelle. Nachdem er eine kurze Meldung an die nächste Polizeistation und an Scotland Yard durchgegeben hatte, ging er mit dem Beamten zu seinem Haus zurück.

 

Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Polizeiarzt und der Inspektor vom Revier kamen. In der Zwischenzeit hatte Luke verschiedene wichtige Entdeckungen gemacht. Zunächst fand er die Schuhe des Toten, die unter den Tisch gestellt worden waren. Dann entdeckte er bei einer oberflächlichen Durchsuchung der Taschen Garcias verschiedene Dinge, die als Anhaltspunkte dienen konnten.

 

Zunächst sah er eine zusammengefaltete Nummer einer Berliner Zeitung mit einem Datum, das zwei oder drei Tage zurücklag, dann einen Kriminalroman. In einer inneren Tasche steckte eine Uhrmacherrechnung einer Münchener Firma. Andere Papiere hatte Garcia nicht bei sich. Luke war sehr erstaunt, als er keine Wunden oder Zeichen von Gewaltanwendung an dem Toten bemerkte.

 

Gegen ein Uhr morgens berichtete der Polizeiarzt auf dem Revier das Resultat seiner Untersuchung. An dem Körper hatte er weiter nichts feststellen können; nur am linken Unterarm hatte er eine Anzahl von Punkten gefunden, die von Spritzen herrührten.

 

»Haben Sie etwas Verdächtiges bei ihm gefunden?« fragte er.

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Nein.«

 

Der Inhalt der Taschen lag auf dem Schreibtisch des Inspektors der Polizeistation: eine Uhr mit Kette, ein Zigarettenetui, eine Brille mit Hülle und etwa tausend Mark in deutschem Geld.

 

»Er ist seit mindestens sechs Stunden tot, vielleicht noch länger«, meinte der Arzt. »War er eigentlich bei einem Arzt in Behandlung?«

 

Luke erzählte ihm, was er über den Toten wußte. Er hatte eine genaue Durchsuchung seines Hauses vorgenommen und war dabei zu dem Schluß gekommen, daß die Leute, die in das Haus eingedrungen waren, einen Schlüssel benutzt haben mußten. Luke erinnerte sich, daß er zwei weitere Schlüssel in einer Schublade seines Schreibtisches aufbewahrt hatte; sie mußten bei ihrem ersten Einbruch den Eindringlingen in die Hand gefallen sein.

 

Zuerst wollte er Edna anrufen und ihr sofort berichten, was geschehen war. Aber so eilig war es nicht, daß er sie mit dieser traurigen Nachricht aus dem Schlaf wecken mußte. Schließlich entschied er sich dafür, am nächsten Tag selbst nach Longhall zu fahren.

 

*

 

Der Nebel war am Themseufer sehr dicht, und den Polizeistreifen in der City fiel es schwer, ihren Weg zu finden und sich nicht zu verirren. Um zwölf Uhr hörte ein Beamter mehrere Schüsse aus einer Pistole und stellte sofort Nachforschungen an. Er sah allerdings zunächst nichts. Erst als er systematisch die ganze Straße absuchte, fand er einen Mann, der am Boden lag.

 

Luke war nach Scotland Yard gegangen, um genau Bericht zu erstatten.

 

»Kennen Sie einen Mann namens Markham?« fragte ihn unten beim Eingang der Beamte.

 

»Ja.«

 

»Eine Streife in der City hat ihn eben am Themseufer erschossen aufgefunden.«

 

Der arme Punch war aus kurzer Entfernung niedergeknallt worden; sein Rock war an den Rändern der Einschußlöcher versengt. Das einzige, was man in seinen Taschen fand und was einen Anhaltspunkt bot, war ein kleines Notizbuch, in dem auch Lukes Name stand.

 

Luke fuhr eilig in die City, und zum zweitenmal in dieser Nacht sprach er mit dem Polizeiarzt.

 

»Er wurde von drei Schüssen getroffen, die alle tödlich waren«, berichtete ihm dieser.

 

Es meldete sich ein Zeuge. Ein Straßenkehrer hatte einen Mann beobachtet, der an der Stelle, wo der Mord passierte, auf und ab gegangen war. Aber er hatte sich nicht um ihn gekümmert und konnte daher auch keine weiteren Angaben machen. Er wußte nur so viel, daß der Mann häufig auf seine Armbanduhr gesehen und dazu eine kleine Taschenlampe benützt hatte. Der Straßenkehrer hatte geglaubt, daß es sich um einen Kriminalbeamten handelte, der verschiedene Geschäfte beobachtete.

 

Luke ging nach Hause, zog sich um und trank eine Tasse Kaffee.

 

Dann trat er wieder in den nebligen Morgen hinaus. Er ging zunächst in sein Büro und suchte Dr. Blanter in der Half Moon Street auf.

 

Die Dienstboten waren schon aufgestanden.

 

»Der Doktor liegt noch im Bett – ich glaube nicht, daß ich ihn jetzt stören kann«, sagte der Diener.

 

»Nennen Sie nur meinen Namen«, erwiderte Luke kurz angebunden.

 

Der Mann führte ihn in ein kleines Arbeitszimmer, und Luke brauchte nicht lange zu warten. Schon fünf Minuten später erschien der Doktor, und er war durchaus nicht schläfrig.

 

»Was wollen Sie von mir?« fragte er barsch.

 

»Wo waren Sie in der vergangenen Nacht? Sagen Sie mir, wo Sie überall gewesen sind.«

 

Unter gewöhnlichen Umständen hätte ein solches Ansinnen den Arzt in Wut gebracht, aber jetzt beantwortete er die Frage willig.

 

»Ich war den ganzen Abend zu Hause. Am Nachmittag war ich draußen auf dem Land und kam erst spät zurück.«

 

»Wann sind Sie zu Bett gegangen?«

 

Blanter sah erst Luke an, dann blickte er zur Decke empor.

 

»Ungefähr um zehn, vielleicht auch ein wenig später. Wenn ich es mir recht überlege, nehme ich an, daß es nahezu halb elf war. Ich hörte, wie die Uhren in der Nähe schlugen, als ich mich eben hingelegt hatte.«

 

Luke sah ihn scharf an.

 

»Wie kam es dann, daß Ihr Diener sagte, als ich zehn Minuten vor zehn bei Ihnen anrief, Sie seien ausgegangen?«

 

Blanter lächelte, und Luke wußte, daß er einen Fehler gemacht hatte.

 

»Das glauben Sie doch selbst nicht. Mein Diener kann gar nicht so dummes Zeug gesagt haben, der hatte Ausgang. Erst heute morgen ist er wiedergekommen. Ich war ganz allein im Haus; das ist nicht ungewöhnlich.«

 

»Durchaus nicht – ich lebe auch ganz allein. Gelegentlich empfange ich allerdings Besucher. Gestern waren es zwei – ein Lebender und ein Toter.«

 

Der Doktor zog die Augenbrauen hoch.

 

»So?« entgegnete er mit höflichem Interesse. »Ist das wieder ein Bluff, Mr. Luke?«

 

»Nein, nein, Sie wissen ganz genau, daß ich nicht bluffe. Der eine lebte, der andere nicht. Alberto Garcia lag auf dem Diwan in meinem Arbeitszimmer. Er hatte eine deutsche Zeitung und deutsches Geld in den Taschen, um mir vorzutäuschen, daß er in Deutschland gewesen sei und die Telegramme an Miss Gray abgesandt habe, die Ihre Agenten geschickt haben. Kurz darauf fand einer unserer Beamten Punch Markham erschossen am Themseufer auf. Der Täter muß jemand gewesen sein, der eine Verabredung mit ihm hatte. Ich nehme an, daß es derselbe war, der in mein Haus einbrach und Mr. Garcia in mein Zimmer legte. Markham wollte mich um halb elf anrufen; das war dieselbe Zeit, in der in meinem Haus eingebrochen wurde.«

 

»Und zur selben Zeit legte ich mich schlafen«, erwiderte Blanter ironisch. Dann lehnte er sich über den Tisch und runzelte die Stirn. »Also, Luke, sagen Sie es doch geradeheraus: Wollen Sie mich verhaften?«

 

»Ich habe Sie jedenfalls im Verdacht«, entgegnete der Inspektor kühl.

 

»Aber warum sollte ich denn Mr. Garcia und diesen anderen Mann umbringen? Ihrer Meinung nach bin ich gestern abend ja ziemlich tätig gewesen!«

 

»Das Motiv ist mir noch nicht ganz klar. Wenn ich das erst gefunden habe, weiß ich auch, wer der Mörder ist. Erinnern Sie sich daran, Blanter!«

 

Er trat aus dem Haus und winkte dem Polizeibeamten, der auf der gegenüberliegenden Seite der Straße wartete. Dann kehrte er zu Dr. Blanter zurück.

 

»Was wollen Sie denn noch?«

 

»Ich werde jetzt Ihre Wohnung durchsuchen.«

 

»Haben Sie eine Vollmacht?«

 

Luke zeigte den Haussuchungsbefehl vor.

 

Das Haus war nicht größer als das, welches Luke bewohnte. Die Räume im Erdgeschoß waren mehr oder weniger gut aufgeräumt und sauber, die Zimmer im oberen Stockwerk hingegen kaum möbliert. Das Schlafzimmer des Doktors war einigermaßen in Ordnung, aber in allen anderen sah es entsetzlich unordentlich aus. Luke fragte den Diener aus, einen großen, breitschulterigen Mann, der mindestens ebenso stark und kräftig war wie der Arzt selbst. Er roch nach Alkohol und genoß allem Anschein nach allerhand Vorrechte. Luke hatte bereits von ihm gehört und wußte, daß Blanter ihn schon fünf oder sechs Jahre in seinen Diensten hatte.

 

Die Untersuchung verlief ergebnislos.

 

»Es ist wohl schon lange her, daß Sie am Mittwochabend Käse gegessen haben?« fragte Luke den Diener beiläufig.

 

Der Mann sah ihn unsicher an und wurde auffallend bleich.

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, erwiderte er schließlich verlegen.

 

Als sie aus dem Haus gegangen waren, grinste Luke.

 

»Was haben Sie eigentlich mit dem ›Käse am Mittwochabend‹ gemeint?« fragte der Polizeibeamte.

 

»Es ist merkwürdig, wie sich die Leute durch Kleinigkeiten verraten. Als ich den Kerl sah, wußte ich sofort, daß er früher einmal im Gefängnis gesessen hatte. Obwohl ich im Augenblick nicht ahnte, wer, er ist, bin ich doch ganz sicher, daß er nicht nur ein alter Sträfling ist, sondern auch in Dartmoor gesessen hat. Noch vor ein paar Jahren, als der Speisezettel nicht so abwechslungsreich war wie heutzutage, erhielten die Gefangenen am Mittwochabend Käse, und Leute, die einmal gesessen haben, können sich sehr genau auf die Zeit besinnen.«

 

Luke fand keine Zeit, nach Longhall hinauszufahren. Deshalb rief er Edna Gray an und bat sie, in die Stadt zu kommen.

 

Später am Tag besuchte er sie in ihrem Hotel und teilte ihr die traurige Nachricht mit.

 

»Ich kann Ihnen die schmerzliche Pflicht ersparen, den armen Garcia zu identifizieren. Glücklicherweise habe ich ihn so gut gekannt, daß ich es tun konnte.«

 

Sie erschrak sehr und weinte einige Zeit.

 

»Ich verstehe es nicht«, sagte sie, nachdem sie sich wieder gefaßt hatte. »Dann war er also tatsächlich die ganze Zeit über in Deutschland?«

 

»Nein, er ist gar nicht in Deutschland gewesen.«

 

Luke hatte den Auftrag gegeben, nach Rustem zu suchen, aber der wurde weder in seinem Büro noch in seiner Wohnung angetroffen. Es bestand die Möglichkeit, daß er außer Landes gegangen war. Alle Polizeistationen in den Häfen erhielten Befehl, ihn anzuhalten und ihm Schwierigkeiten zu machen – unter dem Vorwand, daß sein Paß nicht in Ordnung sei.

 

Edna hatte Punch nur ein einziges Mal gesehen, seitdem er bei ihr wohnte.

 

»Gestern morgen habe ich ihn noch beobachtet«, sagte sie. »Er ritt an der Stelle vorüber, wo Goodie das Pferd erschoß.«

 

»Welches Pferd ist denn erschossen worden?« fragte Luke schnell.

 

Sie erzählte ihm von dem nächtlichen Abenteuer, und er interessierte sich lebhaft dafür. Auf seine Veranlassung zeichnete sie einen ungefähren Lageplan und markierte darauf die Stelle, wo das Pferd eingescharrt worden war.

 

Er fragte sie auch noch nach dem Datum; und sie klingelte nach ihrem Chauffeur. Es war derselbe Tag, an dem sie ihr Auto nach Reading geschickt hatte, um verschiedene Reparaturen vornehmen zu lassen.

 

Der Chauffeur kam. Es war ein ordentlicher Mann, der alles in sein Notizbuch eintrug, und so gelang es, Tag und Stunde genau festzustellen.

 

»Es muß an dem Tag gewesen sein«, sagte er. »Am nächsten Abend fuhren wir in die Stadt und sahen auf der Chaussee den Unglücksfall.«

 

Luke hatte auch davon nichts gehört und fragte nach weiteren Einzelheiten. Er unterbrach Edna nicht, bis sie alles erzählt hatte, dann ging er im Zimmer auf und ab.

 

»Können Sie mir in Longhall über Nacht ein Zimmer geben? Ich möchte nicht in den ›Roten Löwen‹ gehen. Wenn Sie gestatten, ziehe ich mich dann sofort zurück, ich bin todmüde. Wenn ich nur ein paar Stunden die Augen zumachen kann, habe ich mich so weit erholt, daß ich es wieder einige Zeit aushalte. Vor allem muß ich bei dem Cambridgeshire-Rennen auf der Höhe sein.«

 

Sie sah ihn erstaunt an.

 

»Sie werden doch nicht zu dem Rennen gehen, nachdem alle diese Dinge passiert sind?«

 

»Doch, ich werde gehen. ›Weiße Lilie‹ steht jetzt zehn zu eins, und ich möchte Mr. Goodie im Augenblick seines Triumphes sehen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich verstehe das alles nicht. Ich kann Sie nicht begleiten. Denken Sie doch an den armen Mr. Garcia. Welch ein furchtbares Unglück! Ich darf gar nicht daran denken!«

 

Sie erzählte ihm, daß der alte Mann keine Freunde und Verwandten gehabt habe, aber ziemlich reich gewesen sei.

 

Er fragte sie, wer denn das Vermögen erben würde.

 

»Ich glaube, daß er alles mir vermacht hat. Er sagte es mir schon vor einigen Jahren und erwähnte es auch, als wir zusammen auf dem Dampfer waren. – Ist der arme Mr. Garcia ermordet worden?«

 

Luke zögerte, denn diese Möglichkeit war nicht ausgeschlossen.

 

»Ich glaube es nicht«, sagte er schließlich. »Die Ärzte sagen, daß er eines natürlichen Todes gestorben ist.«

 

Er fragte sie dann noch nach den Gewohnheiten des alten Herrn.

 

Sie fuhren zusammen nach Longhall hinaus, und Luke schlief während der ganzen Fahrt. Als sie ankamen, ging er in ein Fremdenzimmer und legte sich sofort zur Ruhe.

 

Um neun Uhr abends war er aber wieder munter und brachte eine ganze Stunde am Telefon zu. Um elf Uhr meldete sich Lane bei ihm, und beide gingen fort.

 

Als Luke um drei Uhr morgens zurückkam, fand er Edna Gray noch wach. Aber wenn sie erwartet hatte, er würde ihr von seinen Erlebnissen erzählen, dann wurde sie enttäuscht. Er sagte nur, daß er Erfolg gehabt habe, und ging auf keine Einzelheiten ein.

 

*

 

Dr. Blanter suchte Trigger im Büro auf und forderte eine große Summe von ihm.

 

»Aber seien Sie doch vernünftig, Doktor! Ich kann Ihnen doch nicht so einfach zweihunderttausend Pfund besorgen! Sie wissen ebensogut wie ich, daß wir unser Geld immer sofort investieren. Vor Ende November können wir unsere Anteile nicht auszahlen.«

 

»Und ich sage Ihnen, Sie werden mir die Summe beschaffen, Trigger, und zwar in amerikanischem Geld. Ich verlange, daß es für mich bereitliegt, wenn ich wiederkomme.«

 

Trigger lehnte sich in seinem Sessel zurück und begegnete dem Blick des Doktors, ohne mit der Wimper zu zucken.

 

»Wenn die Transaktion durchgeführt ist, macht es mir keine Schwierigkeiten; im anderen Fall müßte ich Wertpapiere mit Verlust verkaufen. Warum haben Sie denn so große Eile?« Blanter gab keine Erklärung. Er war es gewohnt, daß Befehle, die er erteilte, unbedingt ausgeführt wurden. Zuerst wäre er beinahe wütend geworden, als er sah, daß Trigger ihm nicht sofort gehorchen wollte, aber er bewahrte die Ruhe. Die feindselige Haltung dieses Mannes war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen. Wenn er wollte, konnte er sich ausgezeichnet beherrschen. Er steckte sich eine Zigarre an und setzte sich in einen Sessel.

 

»Wir wollen uns nicht unnötig streiten. Wenn Sie es durchaus wissen müssen, will ich es Ihnen sagen. Es ist wegen Mr. Luke. Soweit es mich angeht, hat Ihre Firma das letzte Pferd bekommen. Ihnen tut das ja weiter nicht weh, denn Sie haben eine Menge Geld gemacht. Ich rate Ihnen trotzdem, Ihre Firma aufzulösen, die Büroeinrichtung zu verkaufen und sich ins Privatleben zurückzuziehen.«

 

»Hören Sie einmal zu, Doktor.« Mr. Trigger klopfte mit dem Finger auf die Tischplatte, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben. »Meine Firma hat schon lange existiert, bevor Sie etwas von ihr gehört haben, schon zu einer Zeit, als ich von Ihnen noch nichts wußte. Damals waren Sie ein kleiner Mann, der in einem Mordprozeß vor Gericht stand. Beinahe wäre es Ihnen seinerzeit schlecht gegangen. Meine Firma kann auch ohne Sie weiterbestehen. Ich habe Sie niemals danach gefragt, wie Sie zu den Pferden kommen, mit denen ich meine Geschäfte mache. Was Sie mit den Tieren anfangen oder wie Sie sie dazu bringen, als erste durchs Ziel zu gehen, interessiert mich nicht. Wenn Sie etwas Gesetzwidriges dabei begangen haben, will ich nichts davon wissen. Soweit mir bekannt ist, wird ›Weiße Lilie‹ am Mittwoch das Cambridgeshire-Rennen gewinnen, und ich habe alle meine Kunden dementsprechend benachrichtigt. Warum das Pferd gewinnt, oder warum es nicht gewinnt, geht mich nichts an. Es gibt auch noch andere Informationsquellen und andere Rennställe als den von Goodie. Wenn Sie sich gegen die Gesetze vergangen haben, so ist das Ihre Sache und nicht die meine. Mr. Luke ist ein guter Charakter, und ich habe nichts von ihm zu fürchten.«

 

Er stand auf, ging auf die andere Seite des Schreibtisches und sah auf Blanter nieder.

 

»Ein Mann namens Garcia wurde heute morgen tot aufgefunden – ich habe es in der Zeitung gelesen. Außerdem wurde ein früherer Jockei, Punch Markham, in der City erschossen.«

 

»Na und?«

 

»Ich frage Sie nur, ob das etwas mit unserem Geschäft zu tun hat?«

 

»Und wenn es etwas damit zu tun hätte?«

 

Trigger schwieg, und Blanter wiederholte die Frage.

 

»Dann würde ich jetzt sofort auf die Straße gehen und einen Polizisten rufen, damit er Sie verhaftet«, entgegnete Trigger langsam. »Wenn ich an Rustems Worte denke und davon überzeugt wäre, daß sie sich auf diesen Mord beziehen, dann würde ich Sie anzeigen, so wahr ich hier stehe.«

 

Dr. Blanter erhob sich langsam. Er sah entsetzlich aus in seiner Wut, aber Trigger ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

 

»Denken Sie gar nicht daran, was Ihnen dann passiert?«

 

Trigger lächelte.

 

»Ich müßte dann vielleicht der Mordkommission erklären, warum ich Sie über den Haufen geschossen habe.«

 

Er hatte die Hand in der Rocktasche, und plötzlich entdeckte Blanter, daß er eine Pistole gepackt hatte, mit der er auf ihn zielte.

 

»Ich habe mich immer vor Ihnen in acht genommen, Blanter, und ich weiß auch in dieser Sekunde, was ich von Ihnen zu halten habe. Gehen Sie. Wenn nach dieser Transaktion Geld zur Verfügung steht, werden Sie Ihren Anteil bis auf den letzten Shilling richtig erhalten.«

 

Gleich darauf stand Dr. Blanter auf der Straße. Er wußte kaum, wie ihm geschah. Aber wenn er überhaupt Respekt vor jemand hatte, dann vor Mr. Trigger.

 

Als er in seine Wohnung in der Half Moon Street kam, fand er seinen Diener Stoover am Schreibtisch damit beschäftigt, eine seiner besten Zigarren zu rauchen. Außerdem hatte sich der Mann ein Glas Whisky-Soda eingeschenkt.

 

Stoover erhob sich und reichte auch dem Doktor ein Glas, bevor er sich wieder niederließ. Blanter tadelte dieses Benehmen in keiner Weise.

 

»Haben Sie Goodie getroffen?«

 

»Nein.«

 

Stoover verzog den häßlichen Mund.

 

»Der hat nicht mehr Verstand als ein Kaninchen«, sagte er verächtlich. »Er fragte mich, wozu wir den neuen Kasten brauchten – er sah, wie ich damit auf der Straße fuhr. Dem alten Teufel entgeht doch auch nichts.«

 

»Warum sind Sie denn auch damit auf die Straße hinausgefahren?«

 

»Ich wollte den Motor ausprobieren. Ich hatte das Flugzeug aufgeladen – es ist gestern geliefert worden. Und ich bin auf den Flugplatz gefahren und habe die Tragflächen montiert. – Von wo aus wollen wir denn abfliegen?«

 

»Von Goodies Landsitz aus. Ich wünschte nur, daß sein Haus in Sussex läge, dann hätten wir einen kürzeren Weg. Aber Goodies Wiesen liegen sehr einsam. – Wird denn das Flugzeug zwei Passagiere tragen?«

 

»Wie kann man einen solchen Unsinn fragen! Es gehen auch vier Leute hinein. Eine großartige Maschine!«

 

Die Freundschaft zwischen dem Doktor und diesem ungehobelten Diener hatte ihre besondere Veranlassung. Stoover wußte um manche dunkle Punkte in Blanters Leben und hatte mit ihm gemeinsam manche dunkle Tat begangen. Hätte Luke davon gewußt und Blanters Akten daraufhin noch einmal sorgfältig durchgelesen, so hätte er gemerkt, daß Stoover derselbe war, der damals mit Dr. Blanter zusammen vor Gericht stand. Nur mit knapper Not entging Blanter seinerzeit der Strafe; Stoover wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Aber Luke hatte keine Ahnung, daß es derselbe Mann war, der damals unter dem Namen ›John Ernest‹ verurteilt worden war und jetzt ein bequemes Leben in Blanters Haus führte.

 

Wenn Stoover betrunken war, sagte er gelegentlich dem Doktor, daß er ihm lebenslänglich Zuchthaus verschaffen könne.

 

»Wie steht es denn eigentlich mit dem Cambridgeshire-Rennen? Wird es klappen?« fragte der Diener und goß sich wieder eine Portion Whisky ins Glas.

 

»Goodie meint, es sei alles in Ordnung, seitdem wir diesen unverschämten Rustem an die Kette gelegt haben. Das war allerdings ein gemeingefährlicher Kerl.«

 

»Was wollen Sie denn mit ihm machen?«

 

Blanter hatte nicht die Absicht, allzuviel zu verraten.

 

»Das werden wir ja sehen. – Haben Sie alles für morgen vorbereitet?«

 

Stoover nickte.

 

»Ich habe einen französischen Chauffeur engagiert und auch das Transportauto gemietet. Vielleicht brauchen wir es aber gar nicht.«

 

»Das wird sich alles zeigen«, erwiderte Blanter kurz. »Also, ich verlasse mich auf Sie, Stoover. Sie müssen die Zeit richtig festsetzen. Sorgen Sie dafür, daß alles klappt, denn wenn die Sache schiefgeht …« Er zuckte mit den Schultern.

 

»Sie können sich auf mich verlassen. Soll ich in den Keller gehen und noch eine Flasche holen, oder wollen Sie es tun?«

 

»Da Sie mein Diener sind, wäre es wohl schicklich, daß Sie auch etwas täten für Ihr Geld«, entgegnete der Doktor gutmütig.

 

Dennoch erhob er sich selbst und ging hinunter. In den nächsten vierundzwanzig Stunden mußte er diesem Mann noch vertrauen; es lohnte sich daher, ihn in guter Stimmung zu halten.

 

Kapitel 1

 

1

 

Mr. Luke ging gemächlich die Lower Regent Street entlang und betrachtete den neuen, großen Gebäudeblock, der während seines Aufenthalts in Südamerika hier errichtet worden war.

 

Auf allen Fensterscheiben des ersten und zweiten Stocks waren zwei große lateinische T ineinander verschlungen, und um diese wand sich ein grünes Band, das unten durch einen Knoten zusammengehalten wurde.

 

Langsam ging ein Grinsen über seine Züge. Das sah alles so schön und solide aus; es wirkte nicht als aufdringliche Reklame. Die Leute hatten inzwischen etwas gelernt. Statt schreiender Plakate lenkten nur die beiden goldenen Buchstaben und das grüne Band die Aufmerksamkeit auf den allwissenden Joe Trigger und seine Transaktionen. Die Farbtöne waren vornehm auf die prachtvolle Marmorfassade abgestimmt. Dem Äußeren nach hätte das Geschäft ebensogut eine Bank oder eine Reederei sein können.

 

Luke nahm eine Tagessportzeitung aus der Tasche und schlug sie auf. Eine große Anzeige nahm die ganze vierte Seite ein:

 

 

 

 

 

Triggers Transaktionen Nr. 7 wird zwischen dem 1. und dem 15. September laufen.

 

 

Die eingeschriebenen Mitglieder werden gebeten, ihre Dispositionen vor dem 1. September zu treffen. Die Bücher werden am Nachmittag des 31. August geschlossen und nicht wieder geöffnet vor dem 16. September, mittags 12 Uhr.

 

Gentlemen von tadellosem Ruf, die die Mitgliedschaft zu erwerben wünschen, wollen sich bitte wenden an:

 

Das Sekretariat von Triggers Transaktionen, unter dem Zeichen des grünen Bandes, 704 Lower Regent Street, London W. 1

 

 

 

Luke las die fettgedruckten Worte, die einen so großen Raum einnahmen, faltete die Zeitung wieder zusammen, steckte sie ein und setzte seinen Weg fort. ›Gentlemen von tadellosem Ruf‹ – das war der Grundton und das Fundament von Mr. Triggers Firma. Es war bedeutend leichter, in einen exklusiven Klub im Westend einzutreten, als Mitglied der Triggerschen Organisation zu werden und eine Karteikarte in dessen Kartothek zu erhalten.

 

Luke gelangte zum Piccadilly Circus und überquerte den großen, belebten Platz. Als er auf der anderen Seite ankam, sah er auf die große Uhr eines Juwelierladens. Er war stolz darauf, daß er unbedingt pünktlich war – wohlverstanden mit einem Spielraum von fünf Minuten, der in der Riesenstadt London auch ganz erklärlich war.

 

Er ging zu einem Restaurant in der Wardour Street, das zur Abendzeit viele Gäste hatte, mittags aber verhältnismäßig wenig besucht war. Es gab nicht weniger als drei Eingänge zu diesem Lokal, und Mr. Luke kannte sie alle. Er wußte allerdings nicht genau, in welchen Raum er gehen sollte, aber ein Kellner, der ihn für den vierten erwarteten Teilnehmer einer kleineren Gesellschaft hielt, führte ihn zu der Tür des reservierten Zimmers.

 

Ohne anzuklopfen trat er ein. Die drei Leute, die um den runden Tisch saßen, sahen zu gleicher Zeit zu ihm auf. Der eine war ein Hüne mit rotem Gesicht, breiten Schultern und dichtem, grauem Haar. Der zweite war ebenso groß und machte einen düsteren Eindruck. Der dritte dagegen war klein und korpulent und hatte listige, schwarze Augen.

 

»Guten Tag, und Gott grüße diese edle Versammlung«, sagte Luke und schloß die Tür leise hinter sich. Dann setzte er sich auf den vierten, leeren Stuhl. »Rustem kann leider nicht kommen; sein Dampfer hat wegen des Nebels im Kanal einige Verspätung. Warum er sich nicht ausbooten ließ und auf dem Landweg nach London kam, kann ich allerdings nicht sagen. Wenn ich so viel Geld hätte wie er –«

 

»Zum Teufel, Luke, wer hat denn Sie eingeladen, hierherzukommen?« explodierte der große Mann mit dem roten Gesicht.

 

»Niemand, Doktor.«

 

Luke war hager und sonnengebräunt; er hatte eine schlanke, geschmeidige Gestalt und einen etwas melancholischen Gesichtsausdruck, aber lebhafte, freundliche Augen.

 

»Niemand hat mich eingeladen. – Hallo, Mr. Trigger«, wandte er sich an den kleinen, korpulenten Herrn, »wie geht es mit Ihren Transaktionen? Sie haben Ihr Büro ja in einen wunderbaren Palast verlegt. Beinahe wäre ich versucht gewesen, einzutreten und mich als Gentleman von tadellosem Ruf in Ihrem Sekretariat zu melden. Ich dachte, es könnte Ihnen angenehm sein, zu erfahren, daß ich aus dem goldenen Süden zurückgekehrt bin. Und was machen Sie, Goodie? Fahren Sie auch zum Rennen nach Doncaster? Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie von einer Beerdigung kämen.«

 

Der düstere Mr. Goodie sagte nichts, er sah nur von einem zum anderen, als ob er erwartete, daß seine Gefährten ihm zu Hilfe kämen.

 

»Dies ist ein Privatzimmer«, erklärte Dr. Blanter heftig und laut, während sein Gesicht dunkelrot wurde. »Ich will hier keine verdammten Polizeibeamten in meiner Nähe haben. Machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

 

»Hier sitzen ein paar hübsche alte Sünder beisammen. Ich möchte nur wissen, wieviel Jähre Gefängnis oder Zuchthaus dabei herauskämen, wenn die Polizei alles wüßte«, erwiderte er freundlich. »Nun, was für eine wichtige Konferenz halten Sie hier ab? Sie setzen wohl das Rennprogramm von Doncaster auf? Welchen neuen Schwindel haben Sie vor, Trigger? Ich bin eben an Ihrem Büro in der Regent Street vorbeigekommen. Ein großartiges Geschäftszeichen haben Sie sich zugelegt – ein grünes Band und zwei goldene T. Tatsächlich eine gute Idee.«

 

Dr. Blanter, der seiner Haltung und seinem Auftreten nach der Leiter der kleinen Versammlung war, unterdrückte seinen Ärger.

 

»Nun hören Sie mal zu, Sergeant –«

 

»Inspektor, bitte«, unterbrach ihn Luke. »Ich bin inzwischen wegen außerordentlicher Leistungen befördert worden.«

 

»Entschuldigen Sie, Inspektor.« Dr. Blanter schluckte. »Ich will hier kein Aufsehen erregen, und es soll auch keinen Spektakel geben. Sie haben aber kein Recht, bei uns hier einzudringen. Ich möchte nichts mit Ihnen zu tun haben – Polizeibeamte sind ja gut und schön, wenn sie sich in ihren Grenzen halten –«

 

»Sie haben kein Heim, niemand mag sie leiden, und alle Leute wenden sich von ihnen ab«, entgegnete Mr. Luke traurig. »Waren Sie auf Urlaub?« fragte Mr. Trigger, um die Unterhaltung ein wenig liebenswürdiger zu gestalten.

 

»Ja, in Südamerika. Wirklich ein schönes Land, dort sollten Sie einmal hinfahren, Doktor.«

 

»Kann alles noch kommen«, erwiderte Dr. Blanter und zwang sich zu einem Lächeln. »Aber ich habe zuviel zu tun und kann mir solche Ferienreisen nicht leisten. Ich versuche meinen Lebensunterhalt schlecht und recht auf der Rennbahn zu verdienen, ebenso meine Freunde –«

 

»Wenn ich wollte, könnte ich auch von den Rennen leben«, warf Luke ein. »Ich könnte ja von Ihnen im Jahr eine Zahlung von tausend Pfund erhalten, wenn ich mich verpflichtete, ein Auge zuzudrücken.«

 

»Haben Sie beweisen können, daß ich oder einer von uns je in eine dunkle Affäre verwickelt war?« fragte der Doktor jetzt zornig. »Habe ich jemals ein Verbrechen begangen? Also, Luke, allmählich wird es mir aber zuviel, daß Sie hierherkommen und uns nicht nur stören, sondern obendrein noch in der gröbsten Weise beleidigen. Morgen werde ich mich an Ihre Vorgesetzten wenden!«

 

»Was haben Sie denn ausgefressen, daß Sie der Polizei beichten wollen? Wenn Sie in Schwierigkeiten geraten sollten, brauchen Sie nur meinen Namen nennen, dann ist alles in Ordnung.«

 

Dr. Blanter lehnte sich auf seinem Stuhl zurück.

 

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte er resigniert.

 

Luke schüttelte den Kopf.

 

»Nichts Besonderes. Ich spiele nur zu gern den schwarzen Mann, vor dem sich die unartigen Kinder fürchten. Auf diese Weise führe ich manches schwarze Schaf wieder auf den Pfad der Tugend zurück. Ich dachte, Sie würden sich dafür interessieren, daß ich in London bin und meine Tätigkeit hier wieder aufgenommen habe. – Welches Pferd wird denn das Saint-Leger-Rennen gewinnen, Mr. Trigger?«

 

Der dicke Mann zwang sich zu einem Lächeln. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn, aber er wischte sie nicht ab, weil er seine Verwirrung nicht zugeben wollte. Luke hatte ihn jedoch längst durchschaut.

 

»›Almond‹ hat meiner Meinung nach große Chancen«, entgegnete er leichthin. »In Beckhampton hält man sie für sehr aussichtsreich, und die Leute müssen es am besten wissen. Ich werde nicht mitwetten.«

 

»Das ist auch sehr klug von Ihnen. Das viele Wetten bei den Rennen ist tatsächlich ein Laster und ein Fluch. Dadurch sind schön viele Existenzen zugrunde gerichtet worden.«

 

Luke erhob sich von seinem Stuhl. »Was ist denn Transaktion Nummer 7? Ist das vielleicht ein Pferd von Goodie?«

 

Der düstere Mann schüttelte energisch den Kopf. »Nein, Mr. Luke, wenigstens glaube ich es nicht. Mr. Trigger ist ein zu guter Freund von mir, als daß er Informationen geschäftlich ausnützte, die ich ihm unter der Hand geben kann.«

 

»Ach so, er ist ja auch ein Gentleman von tadellosem Ruf.«

 

Luke lächelte und schlenderte zur Tür. Dort blieb er noch einen Augenblick stehen.

 

»Ich bin also wieder da. Weiter wollte ich nichts sagen.«

 

Damit ging er hinaus und schloß die Tür geräuschlos.

 

Die drei schwiegen eine Weile.

 

»Trigger, sehen Sie doch einmal draußen nach«, bat der Doktor schließlich.

 

Der dicke Mann schaute sich auf dem Korridor um, ob Luke vielleicht stehengeblieben war und lauschte.

 

»Dort geht er eben über die Straße«, rief Mr. Goodie, der aus dem Fenster sah und die Straße unten beobachtete.

 

»Also, schließen Sie die Tür wieder und setzen Sie sich. Ich möchte nur wissen, warum er hergekommen ist!« Blanter war immer noch in großer Aufregung. »Der kann einen tatsächlich krank machen!«

 

»Rustem ist also noch nicht zurückgekommen?« fragte Trigger. »Sein Bürovorsteher sagte, daß er ihn heute morgen erwartete. Nur schade, daß wir ihn nicht vorher angerufen haben.«

 

Dr. Blanter machte eine abwehrende Handbewegung. »Wir wollen jetzt endlich zur Sache kommen. Also, wie steht es mit dem Pferd, Goodie?«

 

Die drei hatten dann noch eine ernste, lange Unterhaltung, bei der sie nicht mehr gestört wurden.

 

Kapitel 10

 

10

 

Dr. Blanter begab sich nach Scotland Yard, um sich zu beschweren, erreichte aber nur, daß Luke ihm unter vier Augen eindeutig die Meinung sagte. Der Inspektor wußte, daß dieser Mann vor nichts zurückschreckte und in mehrere häßliche Verbrechen verwickelt war.

 

Luke erinnerte sich dann plötzlich an etwas, das ihm ein Kollege am Morgen gegeben hatte. Er steckte die Hand in die Westentasche, nahm ein kleines Stück weiße Kreide heraus und legte es auf den Tisch.

 

»Hier haben Sie ein kleines Andenken, ein Maskottchen, wenn Sie wollen.«

 

Blanter sah düster darauf.

 

»Es ist das Stück Kreide, das der Henker heute morgen bei der Hinrichtung des Highbury-Mörders gebraucht hat. Der Henker macht einen Strich, wo der Verurteilte die Füße hinstellen muß, bevor sich der Boden in die Tiefe senkt. Behalten Sie es, vielleicht bringt es Ihnen Glück. Wir finden schon noch ein anderes Stück Kreide, wenn die Reihe an Sie kommt.«

 

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Blanter starrte auf das kleine weiße Ding, und sein Gesicht zuckte vor Furcht und Schrecken. Er erhob sich und schob den Stuhl zurück.

 

»Nehmen Sie es nur ruhig. Ich würde es auch Goodie zeigen, der ist ein genauso gemeiner Schuft wie Sie.« Luke ging zur Tür und öffnete sie. »So, und jetzt machen Sie, daß Sie hinauskommen!«

 

Dr. Blanter sann auf Rache und überlegte, wie er Luke am schwersten treffen könnte. Auch dieser Mann mußte irgendwie verwundbar sein. Mehrfach hatte der Arzt von der Freundschaft des Inspektors mit Miss Gray gehört, und er beschloß, sich einmal genauer zu erkundigen.

 

Kapitel 11

 

11

 

Tommy Dix, ein Veteran unter den Jockeis, war stolz auf seine lange Verbindung mit dem Turf und lebte das typische Leben eines Rennreiters. Er kannte auch Mr. Goodie, und eines Sonntagmorgens kam er nach Berkshire, um ›Weiße Lilie‹ bei der Morgenarbeit zu prüfen. Mr. Goodie war bei der Gelegenheit zugegen. ›Weiße Lilie‹ gewann nur um eine Halslänge vor einem anderen, ziemlich gewöhnlichen Gaul, und als Tommy aus dem Sattel stieg, kam Mr. Goodie zu ihm.

 

»Nun, was meinen Sie? Ist das Pferd gut genug, daß es das Rennen in Cambridgeshire gewinnen kann?«

 

Tommy sah auf ›Weiße Lilie‹, dann auf Mr. Goodie.

 

»Hat der Sattel das Normalgewicht?«

 

Goodie nickte.

 

»Dann haben Sie keine Aussichten«, erklärte Tommy.

 

Er war ein wenig erstaunt. Auf dem Weg zum Start hatte er den Sattel untersucht, aber kein Bleigewicht entdecken können. Es kam häufig vor, daß Trainer die Jockeis nicht ins Vertrauen zogen, und da Tommy Dix den Ruf Goodies kannte, hatte er erwartet, daß Goodie den Sattel schwerer gemacht hätte. Seiner Meinung nach hatte das Pferd keine Aussicht zu gewinnen.

 

Dem Jockei war es ganz gleich, wer das Pferd beim Cambridgeshire-Rennen reiten sollte. Es war nun einmal klar, daß von den vielen Pferden, die bei einem solchen Rennen starteten, nur eins gewinnen konnte. Er machte einen schwachen Versuch, aus dem Vertrag auszusteigen, aber Mr. Goodie erklärte ihm sofort, daß er ihn nicht aus dem Kontrakt entlassen würde. Und die oberste Rennbehörde war in diesem Punkt auch sehr scharf. Wenn ein Jockei einen Vertrag abschloß, mußte er ihn unter allen Umständen einhalten, sonst konnte es ihn die Lizenz kosten.

 

Mr. Goodie wartete, bis der Jockei in seinem Auto fortgefahren war und man in der Ferne nur noch eine Staubwolke sah. Dann gab er Jose den Befehl, den Sattel abzunehmen. Jose war ein starker Mann und konnte infolgedessen leicht den Sattel heben, der auf Anordnung Goodies besonders hergestellt worden war. In den Sitz war eine schwere Bleiplatte eingearbeitet. ›Weiße Lilie‹ hatte bei dem Galopp tatsächlich einen zu schweren Sattel getragen.

 

Tommy fuhr nach London zurück, und als er durch die Vorstädte kam, hielt er vor dem Hause eines bekannten Buchmachers. Es war eine bedauernswerte Tatsache, daß Jockeis und Buchmacher häufig zusammenkamen.

 

»Nun, wie ist ›Weiße Lilie‹ gelaufen?«

 

»Auf das Pferd können Sie ruhig Wetten annehmen, dabei verlieren Sie nichts. Der Gaul gewinnt das Cambridgeshire-Rennen nicht.«

 

Es war Tommys größter Fehler, daß er den Mund nicht halten konnte. In wenigen Tagen wußten alle Leute in Newmarket, die es wissen wollten, ebenso die meisten Berichterstatter in der Fleet Street in London, daß ›Weiße Lilie‹ für einen Sieg beim Cambridgeshire-Rennen nicht in Betracht kam.

 

›Ich hoffe, daß sie noch bedeutend aufholt‹, schrieb Mr. Goodie am nächsten Tag an Tommy Dix. ›Sie wird immer besser, und ich hoffe, daß sie schnelle Fortschritte macht.‹

 

Tommy las den Brief und machte eine unfreundliche Bemerkung.

 

*

 

Auch Edna Gray hatte den Galopp am Sonntag morgen gesehen. Sie hatte einen großen Ritt über die Wiesen und Felder gemacht und war gerade zu dem Trainingsfeld gekommen, als Tommy Dix startete. Sie verstand nicht viel von Rennen, aber sie war doch der Ansicht, daß der Mann im Sattel außerordentlich viel konnte.

 

Schließlich ritt sie weiter und wählte zum Abstieg einen steilen, ziemlich gefährlichen Pfad. Sie kam am Eingang der Perrywig-Höhlen vorbei, ließ ihr Pferd halten und schaute auf die große, düstere Öffnung. Über das schwere Tor hinweg suchte sie mit ihren Blicken die Dunkelheit zu durchdringen, aber sie sah nichts als eine Felswand, die die Höhle in verhältnismäßig kurzer Entfernung abschloß. Sie hatte gehört, daß man durch ein Labyrinth von Gängen meilenweit unter der Erde vordringen könne und die Hügel vollkommen unterminiert seien.

 

Sie trieb das Pferd ein paar Schritte vor, dann hielt sie wieder. Es war deutlich zu sehen, daß hier ein Picknick stattgefunden hatte; die Reste der Mahlzeit – Apfelsinenschalen, Hühnerknochen und ein paar Stück Brot – waren hinter einen Strauch geworfen worden.

 

Luke hatte versprochen, am Sonntag zum Mittagessen zu erscheinen, und als sie nach Hause kam, war sie angenehm überrascht, ihn in einem großen Korbstuhl in der Sonne sitzend bereits anzutreffen.

 

»Sie haben also den Geist auch gehört?« begrüßte er sie und machte nicht einmal Anstalten, sich zu erheben. Er hatte wirklich sehr schlechte Manieren. »Sind Sie jetzt endlich so vernünftig geworden, daß Sie mit mir in die Stadt kommen?«

 

Er erhob sich endlich, als sie näher kam.

 

»Die Ratten sind, wie ich gehört habe, vollkommen verschwunden. Rustem und Goodie haben viel Zeit und Geld nutzlos verschwendet. – Begleiten Sie mich in die Stadt?«

 

»Warum denn?«

 

»Es ist doch ein furchtbar einsames Leben hier für eine hübsche junge Dame. Übrigens – mir ist etwas sehr Dummes passiert.«

 

Er folgte ihr in die Halle und ließ sich dazu herbei, ein Kissen für sie in einen Sessel zu legen.

 

»Es ist ja erstaunlich, daß Sie solche Geständnisse machen. Was haben Sie denn getan?«

 

»Irgendein Unbekannter hat mich gestern angeläutet und gefragt, ob ich Sie kenne. Als ich das bestätigte, sagte er eine Gemeinheit über Sie. Es war natürlich eine grobe Erfindung, die in ganz bestimmter Absicht ausgesprochen wurde, und ich bin auch sofort darauf hereingefallen und habe mich furchtbar aufgeregt. Weiter wollte der Mann nichts. Er legte schon auf, als ich merkte, wie dumm ich mich benommen hatte.«

 

Sie sah ihn groß an.

 

»Das verstehe ich nicht.«

 

»Ist es nicht schlimm, wenn man sich durch einen so einfachen Trick fangen läßt? Ich muß sagen, daß ich mich schäme.«

 

»Aber was bedeutet das alles? Welche Gemeinheit hat er gesagt?«

 

»Darauf kommt es im Augenblick nicht an. Der Mann wollte vor allem wissen, ob ich mich genügend für Sie interessiere, um bei der ersten gemeinen Bemerkung über Sie in Wut zu geraten und er hat tatsächlich sein Ziel erreicht.«

 

Bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter.

 

»Wenn ich sage, daß ich mich genügend für Sie interessiere, dann soll das nicht heißen, daß ich mich hoffnungslos in Sie verliebt habe. Es bedeutet nur, daß ich Sie gern habe. Zwischen diesen beiden Zuständen besteht ein großer Unterschied.«

 

»Das hoffe ich auch«, entgegnete sie kühl.

 

»Wenn dieser Mann zum Beispiel glaubt, er könne mich dadurch treffen, daß er Ihnen ein Leid antut, dann ist das für mich sehr wichtig. Ich muß also dafür sorgen, daß er nicht an Sie herankommt. Doktor Blanter ist ein Mann, mit dem Sie nicht zusammentreffen dürfen.«

 

Sie wandte sich schnell zu ihm und verbarg ihren Ärger nicht.

 

»Sie hätten das vielleicht ein wenig taktvoller sagen können, Mr. Luke«, erwiderte sie ungnädig. »Er mag ein unangenehmer Mensch sein, aber ich habe Ihnen doch nicht das Recht eingeräumt, zu bestimmen, mit wem ich zusammentreffen soll oder nicht. Es tut mir leid, daß Sie sich eine ganz falsche Stellung anmaßen. Sie sind zuvorkommend und liebenswürdig zu mir gewesen, das will ich gern anerkennen, aber ich kann nicht dulden, daß Sie so tun, als ob Sie für mich verantwortlich wären. Das ist nicht nur peinlich, sondern geradezu empörend.«

 

Er antwortete nicht gleich, sah sie aber sehr ernst an.

 

»Ich glaube, Sie haben recht«, sagte er nach einem langen Schweigen. »Sie müssen schon entschuldigen, daß meine Manieren nicht gerade die besten sind. Es tut mir leid.«

 

Sie bereute sofort, daß sie so vorschnell gewesen war, aber sie nahm sich zusammen und ließ sich nichts von ihrer Reue anmerken. Sie hatte einen kleinen Sieg über ihn davongetragen, allerdings nicht ohne Opfer. In gewisser Weise hatte sich seine Haltung ihr gegenüber vollkommen geändert.

 

Während des Essens gab sie sich Mühe, wieder das alte vertrauliche Verhältnis herbeizuführen, das jedenfalls weit erträglicher war als dieses absolut korrekte und respektvolle Benehmen, das er jetzt zeigte. Schließlich machte sie ihm Vorwürfe, daß er in schlechter Stimmung sei.

 

Er lachte.

 

»Hoffentlich haben Sie unrecht. Aber in den Männern kennt man sich nie aus; sie sind eitle Geschöpfe, die sehr leicht etwas übelnehmen. – Haben Sie noch etwas von den großen schwarzen Hunden gesehen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Sehen Sie sich die Tiere genauer an, wenn Sie wieder Gelegenheit dazu haben. Fürchten Sie sich nicht vor ihnen?«

 

»Vor Hunden fürchte ich mich nicht.«

 

Er blieb nach Tisch noch eine Stunde, und sie hätte nie geglaubt, daß er ein so guter Gesellschafter sein könnte. Als er gegangen war, blieb sie mit einem Gefühl der Verlassenheit zurück. Sie war mit sich, mit ihm, mit ihrem Haus und ihrem ganzen Leben unzufrieden, und sie fürchtete sich fast vor dem einsamen Abend, der ihr bevorstand.

 

Sie klingelte ihrer Zofe.

 

»Packen Sie meinen Koffer und rufen Sie das Carlton-Hotel an, daß Zimmer für mich reserviert werden. Dann sagen Sie dem Chauffeur, daß ich heute abend noch nach London fahren will.«

 

Zum erstenmal seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft teilte sie Luke nicht mit, daß sie in die Stadt kam.

 

London ist an einem regnerischen Sonntagabend eine langweilige Stadt, selbst wenn man in einem so eleganten Hotel wohnt. Nicht einmal ins Theater konnte sie gehen, und sie legte sich deshalb frühzeitig zur Ruhe, enttäuscht von sich und der ganzen Welt. Am liebsten hätte sie weinen mögen.

 

Kapitel 12

 

12

 

Luke arbeitete am nächsten Morgen in seinem Büro, als sein Assistent ihm meldete, daß ihn ein Mann sprechen wolle.

 

»Er sieht aus wie jemand, der Ihr Mitleid erregen will.«

 

»Bringen Sie ihn herein.«

 

Er wandte sich in seinem Schreibtischsessel um und betrachtete den heruntergekommenen kleinen Mann, der an der Tür stand und seine schmutzige, alte Mütze zwischen den Fingern drehte.

 

»Hallo, Punch! Treten Sie näher.«

 

Er nickte seinem Assistenten zu, daß er gehen solle.

 

Punch sah noch etwas abgerissener aus als bei ihrer letzten Begegnung in Doncaster. Allem Anschein nach hatte er in der letzten Zeit in seinen Kleidern geschlafen.

 

»Mr. Luke, ich bin von Newbury zu Fuß hergekommen. Ich erhielt dort keine Eintrittskarte. Wenn ich auf dem Rennen gewesen wäre und nur ein paar Shilling hätte leihen können, hätte ich gewettet und gewonnen. Der alte Goodie war auch dort. Als ich ihn um etwas Geld bat, schimpfte er furchtbar und sagte, ich solle mich zum Teufel scheren. Trigger hätte mir das Geld gegeben, der ist kein schlechter Kerl. Ich habe ihm schon ein paarmal einen Dienst erwiesen, als er noch nicht so berühmt und reich war, und er hat mich immer gut bezahlt.«

 

»Also, Punch, Sie sind doch sicher nicht hergekommen, um mir Ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Was wollen Sie?«

 

Der Mann feuchtete die trockenen Lippen an.

 

»Ich habe seit gestern nichts mehr zu essen gehabt.«

 

»Und nichts mehr zu trinken seit heute morgen.«

 

Punch schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin ganz heruntergekommen, Mr. Luke. Mehr als hunderttausend Pfund sind durch meine Hände gegangen, und ich habe alles vertrunken. Erst vor einem Monat habe ich eingesehen, daß das eine große Dummheit von mir war. Es handelt sich nicht so sehr darum, daß man ein ehrliches Leben führt, als daß man nüchtern bleibt. Und ich weiß, Sie überlegen es sich nicht lange, wenn es sich darum handelt, einem armen Kerl zu helfen, der ein neues Leben anfangen will.«

 

»Sie haben früher schon mehrmals eine Chance gehabt.«

 

Punch nickte.

 

»Gewiß«, entgegnete er bitter. »Deshalb habe ich auch kaum noch Aussicht, in die Höhe zu kommen. Alle Leute sind bereit, mir einmal zu helfen, aber nicht zweimal. Wenn man Gewohnheitstrinker wird, ist man ganz erledigt – dann bekommt man nicht einmal mehr Geld zum Essen. Aber ich mache keinem einen Vorwurf, nur mir selbst. Niemand glaubt mir, wenn ich sage, daß ich jetzt das Trinken aufgegeben habe.«

 

Luke sah ihn nachdenklich an.

 

»Ich möchte nur wissen, ob man Ihnen trauen kann. Auf jeden Fall will ich es noch einmal mit Ihnen versuchen, Punch. Aber wenn Sie diesmal Ihr Wort nicht halten, ist es aus. Dann brauchen Sie nicht mehr zu mir zu kommen.«

 

Er nahm seine Brieftasche heraus und reichte ihm zwei Fünfpfundnoten.

 

»So, nun baden Sie, kaufen Sie sich anständige Kleidung und verbrennen Sie die Lumpen, in denen Sie herumlaufen. Dann suchen Sie sich ein Zimmer. Heute nachmittag melden Sie sich bei mir, aber sprechen Sie nicht weiter darüber.«

 

Punch war fast sprachlos vor Freude.

 

»Ich wollte Ihnen noch sagen, Mr. Luke, daß ›Weiße Lilie‹ keine Aussichten beim Cambridgeshire-Rennen hat. Tommy Dix hat das Pferd geritten; ich habe heute morgen einen meiner früheren Kollegen getroffen, der hat es mir gesagt. Ich habe auch gar nicht verstanden, warum der Gaul beim Cambridgeshire-Rennen gemeldet wurde.«

 

»Schon gut«, erwiderte Luke ungeduldig. »Melden Sie sich heute nachmittag in meiner Wohnung.«

 

Punch verließ das Zimmer.

 

Nachdem er gegangen war, nahm Luke drei blaue Mappen mit der Aufschrift ›Das grüne Band‹ aus einer Schublade und fügte den Akten ein paar Bemerkungen über Mr. Trigger hinzu. Dann las er, mindestens zum zwanzigsten Male, die wenigen Einzelheiten, die Scotland Yard über diesen Mann bekannt waren.

 

Die Akten über Dr. Blanter waren viel wichtiger; sie enthielten Zeitungsausschnitte über zwei gerichtliche Leichenschauverhandlungen, dann einen Bericht über eine Verhandlung vor der Ärztekammer, ferner eine Anzahl von Briefen, die meistens anonyme Anzeigen waren. Ein fortlaufender Bericht über die Aufenthaltsorte des Doktors lag vor, aber daraus konnte Luke im Augenblick wenig Brauchbares entnehmen. Man glaubte im allgemeinen in Scotland Yard, daß der Arzt mit verschiedenen Verbrecherbanden in Verbindung stand.

 

Dr. Blanter zahlte gut und hatte daher immer Männer und Frauen an der Hand, die bei irgendeiner Gelegenheit Aufträge für ihn ausführten. Dazu gehörten auch die Angestellten von verschiedenen Nachtklubs, die er finanziert hatte. In der Verbrecherwelt kannte man ihn als einen Mann, der das nötige Geld für die Verteidigung aufbrachte, wenn seine Helfer vor Gericht gestellt wurden. Er hatte daher viele Anhänger, auf die er sich im Fall der Not verlassen konnte.

 

Luke unterschätzte die Bedeutung des Mannes in keiner Weise und hatte gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Dr. Blanter hatte keine Ahnung, daß er beobachtet wurde.

 

*

 

Am Montag morgen lief ein langes Telegramm bei Dr. Blanter ein, das ihm ein Agent aus Südamerika gesandt hatte. Er las es durch, lernte es dann Wort für Wort auswendig und vernichtete das Formular. Ein paar Minuten später, nachdem er sich verschiedenes überlegt hatte, rief er eine junge Dame an, die in Bayswater wohnte. Sie antwortete ihm recht unhöflich, denn sie war in ihrem Morgenschlaf gestört worden.

 

»Hier ist der Doktor. Ich brauche Sie, Maggie. Kommen Sie um halb zwölf zu mir, ich muß Sie sprechen.«

 

»Es tut mir unendlich leid, Blanter, ich erkannte Ihre Stimme nicht«, entschuldigte sie sich. »Ich bin sofort bei Ihnen.«

 

Diese junge Dame führte den stolzen Bühnennamen ›Ruby de Vinne‹, obwohl sie nur ab und zu in einer winzigen Rolle auftrat. Aber sie war bildhübsch, jung und temperamentvoll.

 

Pünktlich um halb zwölf Uhr erschien sie.

 

»Ach, Doktor, Sie haben mich heute morgen so erschreckt! Ich dachte, mein Freund wäre aus Deutschland zurückgekommen.« »Maggie, mein Liebling, hören Sie zu. Ich habe einen Auftrag für Sie.«

 

Sie nickte. Sie hatte schon früher Aufträge für ihn erledigt, und er hatte sie jedesmal sehr gut bezahlt. Geizig war er nicht. Leute, die für ihn gearbeitet hatten, wollten gern weiter für ihn tätig sein.

 

»Sie sprechen doch spanisch?«

 

»Wie eine Spanierin«, behauptete sie.

 

»Nun gut, Sie können also ein paar Worte sprechen, das ist alles, was ich brauche. Sie sind in Südamerika als Kabarettsängerin auf Tournee gewesen?«

 

»Ja, ich war für Gastspielreisen engagiert«, entgegnete sie prompt, »oder vielmehr die Truppe, zu der ich gehörte. Ich war die Leiterin.«

 

»Vergessen Sie das alles jetzt einmal und hören Sie gut zu. Sie sind früher einmal mit Ihrem Vater, einem Oberst, nach Buenos Aires gefahren und während Ihres dortigen Aufenthaltes auch Edna Gray vorgestellt worden. Ich werde Ihnen noch alle Einzelheiten darüber geben, wo sie lebte und so weiter. Sie müssen auch das Hotel kennen, in dem sie in Buenos Aires wohnte, ebenso ihre Schneiderin. Das ist übrigens ein guter Gedanke – Sie haben Edna Gray bei ihrer Schneiderin kennengelernt. Alle drei Monate kam sie in die Hauptstadt, und es ist sehr wohl möglich, daß Sie sie dort getroffen haben. Jetzt wohnt sie im Carlton-Hotel. Sie müssen sich mit ihr in Verbindung setzen, aber es muß so arrangiert werden, daß es wie ein Zufall aussieht. Sie speist gewöhnlich dort zu Mittag, wenn sie in London ist, und sie hält sich augenblicklich hier auf. Sie müssen sich mit ihr anfreunden, aber seien Sie nicht zu stürmisch. Laden Sie die Dame ins Theater ein. Ich besorge Ihnen eine Loge für die neue Revue. Sie brauchen mich nur beizeiten telefonisch zu verständigen, für welchen Abend ich Karten beschaffen soll, Haben Sie anständige Kleider?«

 

Miss de Vinne war im Augenblick sehr gut ausgestattet.

 

»Nehmen Sie Miss Gray aber nicht in eins dieser Nachtlokale mit, in denen Sie verkehren. Laden Sie sie ins Ritz oder ins Berkeley-Hotel zum Mittagessen ein. Und nehmen Sie sich zusammen, daß Sie nicht Londoner Dialekt sprechen. Heute nachmittag kommen Sie wieder, dann erörtern wir das Weitere. Hier haben Sie vorläufig einmal fünfzig Pfund für kleine Auslagen. Wenn das Geld aufgebraucht ist, können Sie weitere fünfzig von mir haben.«

 

Miss de Vinne fand sich schnell in die Rolle hinein, die sie zu spielen hatte. Am Nachmittag erschien sie zur festgesetzten Zeit. Dr. Blanter instruierte sie eingehend und war mit ihren Antworten auf seine Fragen sehr zufrieden.

 

»Ich möchte Ihnen noch eine andere wichtige Sache einschärfen«, meinte er schließlich. »Luke von Scotland Yard ist mit ihr befreundet – die beiden kamen auf demselben Dampfer nach England. Dort hat er sie wahrscheinlich auch kennengelernt.«

 

»Luke? Der kennt mich, er hat mich ja in Scotland Yard wegen der Pyrock-Geschichte verhört. Ich hatte natürlich nicht die geringste Ahnung, aber er hat mich sechs Stunden lang kreuz und quer gefragt, bis ich schließlich nicht mehr wußte, ob ich Männlein oder Weiblein war.«

 

»Sie müssen es so einrichten, daß Sie nicht mit ihm zusammenkommen. Wenn Ihnen das gelingt, ist die Sache ziemlich einfach. Sehen Sie vor allem zu, daß Miss Gray Sie in ihr Landhaus Longhall einlädt. Und Sie heißen natürlich nicht ›Ruby de Vinne‹, sondern ›Maggie Higgs‹. Das ist ja auch Ihr richtiger Name.«

 

Damit war sie nicht sehr einverstanden.

 

*

 

Die Bekanntschaft war ziemlich schnell gemacht. Edna ging am Abend ins Theater, und als sie in der Pause zwischen dem ersten und dem zweiten Akt in die Halle kam, trat plötzlich eine glänzend gekleidete junge Dame auf sie zu, deren Brillantarmbänder schon von weitem in den Strahlen der großen Kronleuchter blitzten.

 

»Ach, sind Sie nicht Miss Edna Gray?« fragte die junge Dame lebhaft. »Aber ganz gewiß, ich habe Sie sofort wiedererkannt!«

 

Edna war erstaunt, aber angenehm berührt.

 

»Ja, so heiße ich.«

 

»Können Sie sich nicht auf mich besinnen? Aber warum sollten Sie auch! Ich habe Sie ja nur ein einziges Mal getroffen. Sie kennen doch Señora Rugatti in Buenos Aires? Sie kamen damals von der Estanzia Ihres Onkels. Erinnern Sie sich nicht? Sie waren so furchtbar müde!«

 

Edna schüttelte den Kopf und lächelte freundlich.

 

»Nein, ich kann mich nicht darauf besinnen, aber ich bin oft nach Buenos Aires gekommen und habe mich müde gefühlt.«

 

»Ach, ich freue mich so, daß ich Sie hier wiedersehe«, erwiderte Maggie Higgs strahlend. »Ich bin für ein bis zwei Monate in London und war schon neugierig, ob ich wohl eine Bekannte hier treffen würde. Ich fühle mich hier sehr einsam. Mein Vater ist nach Afrika zu seinem Regiment zurückgekehrt.«

 

Edna war angenehm überrascht, hier eine Bekannte aus Südamerika zu treffen. Sie plauderten noch ein paar Minuten, bis es klingelte, und kehrten dann zu ihren Plätzen zurück. Nachdem das Stück zu Ende war, fand Edna Miss Higgs in der großen Halle, wo sie auf sie wartete.

 

»Wo wohnen Sie? Darf ich Sie in meinem Wagen mitnehmen? Er wartet hier in der Nähe des Theaters.«

 

Sie speisten in einem eleganten Restaurant zu Abend und verabredeten sich dann für den folgenden Tag.

 

Maggie meldete sich triumphierend bei Dr. Blanter in der Half Moon Street. Stirnrunzelnd hörte er ihr zu und schien von ihrem Bericht nicht gerade sehr angenehm berührt zu sein.

 

»Schade, daß Sie in einem öffentlichen Lokal gespeist haben. Morgen erzählen Sie ihr, daß Sie auch ins ›Carlton‹ ziehen. Mieten Sie dort ein Appartement und nehmen Sie Ihre Mahlzeiten nicht im großen Speisesaal ein.«

 

*

 

Im gleichen Augenblick telefonierte ein junger Mann in Abendkleidung mit Mr. Luke.

 

»Können Sie sich noch auf Ruby besinnen? – Ja, das ist dieselbe wie Maggie – Higgs, ja, das ist ihr eigentlicher Name. Sie hat sich mit Miss Gray angefreundet. Sie waren zusammen im Theater und sind dann zum Abendessen gegangen. Die junge Dame ist darauf sofort zu Doktor Blanters Wohnung gefahren. Dort ist sie noch. Haben Sie weitere Aufträge für mich?«

 

»Holen Sie midi morgen früh hier ab«, entgegnete Luke ruhig. »Wenn Maggie ins ›Carlton‹ ziehen sollte, nehmen Sie dort auch ein Zimmer. Ich komme für die Auslagen auf. Wenn ich mir die Sache recht überlege, ist es am besten, Sie folgen Maggie bis nach Hause.«

 

Um zwei Uhr morgens fuhr Miss Higgs zu ihrer schönen Wohnung in Bayswater, ohne zu wissen, daß sie beobachtet wurde.

 

*

 

Als Dr. Blanter am nächsten Morgen beim Frühstück saß, meldete ihm sein Diener, daß er dringend am Telefon verlangt werde.

 

»Sagen Sie dem Kerl, er soll sich zum Teufel scheren«, brummte der Doktor, der in der Nacht nicht gut geschlafen hatte. »Wer ist es denn?«

 

»Mr. Luke.«

 

Der Doktor legte sofort Messer und Gabel hin und ging in sein Arbeitszimmer.

 

»Sind Sie am Apparat, Blanter? Hier ist Luke.«

 

»Nun, was wünschen Sie?« fragte der Doktor ärgerlich.

 

»Lassen Sie diese Higgs aus dem Spiel und sorgen Sie dafür, daß sie Miss Gray nicht mehr belästigt, sonst erleben Sie eine recht unangenehme Überraschung.«

 

Dr. Blanter atmete schwer.

 

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen«, sagte er nach einer Pause. »Wer ist denn überhaupt ›Higgs‹?«

 

»Stellen Sie sich doch nicht dumm! Ich gebe Ihnen nur einen guten Rat«, erwiderte Luke eisig und legte auf.

 

Nachdenklich kehrte Blanter zum Frühstückstisch zurück.

 

*

 

Edna wartete umsonst auf Miss Higgs, die sie um elf Uhr abholen wollte, um mit ihr Einkäufe zu machen und dann gemeinsam mit ihr zu Mittag zu speisen. Es wurde halb zwölf und zwölf Uhr, und noch immer zeigte sich Miss Higgs nicht. Edna war erstaunt und nicht wenig enttäuscht. Wenn sie auch gerade keine große Zuneigung zu dieser neuen Freundin gefaßt hatte, die ihr über den Weg gelaufen war, so hatte sie sich doch auf einen angenehmen Tag in der Gesellschaft einer Frau gefreut. Kurz vor dem Essen kam ein Telegramm aus Deutschland. Mr. Garcia hatte sich entschlossen, eine Erholungsreise durch Südeuropa zu machen, und bat sie, ihm unter der Adresse des Argentinischen Konsulates in Istanbul zu schreiben. Hätte er ihr die Reiseroute mitgeteilt oder eine Adresse angegeben, an die sie hätte telegrafieren können, so würde sie sofort ihre Koffer gepackt haben und mit ihm gereist sein. Statt dessen fuhr sie spät am Nachmittag nach Longhall zurück. Sie fand aufs neue, daß der Aufenthalt auf dem Land noch weniger unterhaltend für eine alleinstehende junge Dame war als das Leben in der Stadt, und sie überlegte sich ernsthaft, ob sie nicht nach Argentinien zurückkehren sollte.

 

Kapitel 13

 

13

 

Als Edna Gray eines Morgens von ihrem Ritt zurückkam, hatte sie ein merkwürdiges Erlebnis. Sie hatte durch die Wiesen einen neuen Weg gefunden, der über einen leichten Abhang führte. Er wurde wenig benützt, und sie Bog gerade um einen grünen Hügel herum, als sie zwei Leute entdeckte, die eine Grube aushoben. Die Arbeiter sahen sie düster an, als sie näher heranritt, und beantworteten ihren freundlichen Gruß nur brummend.

 

Die Grube befand sich auf Mr. Goodies Gelände. Edna setzte ihren Weg fort und dachte nicht weiter über die Sache nach. Alles, was mit Bauen zusammenhing, erschien ihr geheimnisvoll.

 

Lane kam am selben Abend zu ihr, weil einige Rechnungen bezahlt werden mußten.

 

»Hat Mr. Goodie Ihnen mitgeteilt, daß er auf Ihrem Besitz einen Bau errichten will, Miss Gray?« fragte er. »Wie ich sehe, sind ein paar Arbeiter damit beschäftigt, auf dem Heideland eine Grube auszuheben. Ich weiß nicht, welche Bedingungen in dem Pachtvertrag stehen, aber ich glaube doch, daß er ohne Ihre Erlaubnis kein Gebäude errichten darf.«

 

»Ich werde mich einmal mit der Sache befassen, Mr. Lane«, sagte sie, obwohl sie nicht ernstlich diese Absicht hatte.

 

Am Abend erhielt sie jedoch eine Erklärung für die seltsame Betriebsamkeit. Es war beinahe dunkel, als sie mit ihrem kleinen Auto noch eine Fahrt durch das Gelände machte. Unglücklicherweise hatte sie einen Weg eingeschlagen, der von den Landleuten nur mit Ackerwagen benützt wurde. Als es ganz finster geworden war, blieb zu ihrer Bestürzung der Motor stehen.

 

Sie stieg aus und hatte bald die Ursache herausgefunden. Unvorsichtigerweise hatte sie vor Beginn der Fahrt den Tank nicht auffüllen lassen. Sie befand sich jedoch nur etwa fünf Kilometer von ihrem Haus entfernt, und da sie einen guten Orientierungssinn hatte, konnte sie den Weg finden, ohne jemanden fragen zu müssen. Sie ließ also den Wagen stehen und setzte ihren Weg zu Fuß fort. Es war vollkommen dunkel, als sie den südlichen Abhang hinunterstieg. Sie bemerkte, daß zwischen der Straße und den Hügeln ein sonderbarer Wagen stand, den sie nach den Scheinwerfern für ein Lastauto hielt.

 

Kaum war ihr diese Tatsache bewußt geworden, als sie jemand kommen hörte. Sie wich in den Schatten eines Gebüsches zurück, obwohl kein Grund vorlag, sich zu fürchten. Sie vernahm auch Hufschlag. Wahrscheinlich war es einer von Goodies Leuten, der ein Pferd des Weges führte. Von Natur aus war sie nicht nervös, aber sie fühlte, wie ihr Herz schneller schlug und ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief.

 

Jetzt erkannte sie die Gestalten – es war Goodie selbst, der ein Pferd führte. In einer Entfernung von sechs Meter kam er an ihr vorüber und ging zu der Stelle, wo die beiden Arbeiter die Grube ausgehoben hatten. Selbst in der Dunkelheit konnte sie die helle, kreidige Erde sehen, die die Leute aufgetürmt hatten. Dort hielt Goodie mit dem Pferd an. Edna strengte ihre Augen an und beobachtete, daß das Pferd direkt am Rand der Grube stand. Goodie nahm einen großen Gegenstand aus der Tasche. Sie interessierte sich jetzt so sehr für den Vorgang, daß sie ihre Nervosität vollständig vergaß.

 

Gleich darauf fiel ein Schuß, der so laut dröhnte, als ob ein schweres Eisentor plötzlich mit aller Wucht ins Schloß geworfen würde. Das Pferd stürzte nieder und verschwand. Ednas Herz schlug wild, als ihr zum Bewußtsein kam, was geschehen war. Goodie hatte das Pferd erschossen; die Arbeiter hatten zu diesem Zweck die tiefe Grube ausgehoben. Sie zitterte und war einer Ohnmacht nahe, überwand aber die Schwäche und schlich auf Zehenspitzen davon. In weitem Bogen ging sie dem Lastauto aus dem Weg, doch kam sie nahe genug daran vorbei, um zu erkennen, daß es ein Transportwagen für Pferde war; im Augenblick war niemand bei dem Gefährt. Sie ging in etwa zwanzig Meter Entfernung daran vorüber und kam dann auf die Straße.

 

In großer Erregung erreichte sie schließlich das Haus und gelangte unbemerkt in ihr Schlafzimmer. Als sie ruhiger geworden war und über alles nachdenken konnte, schämte sie sich, daß sie sich so gefürchtet hatte. Es war zwar dunkel, aber sonst doch nichts Besonderes an dem Vorgang gewesen. Pferdebesitzer waren manchmal durch die Umstände gezwungen, ein Tier zu erschießen. Vielleicht war dies ein besonderes Lieblingspferd von Goodie; so daß er nicht zuließ, daß einer seiner Leute ihm den Gnadenschuß gab.

 

Von dem Fenster ihres Schlafzimmers aus hielt sie Ausschau, ob sie nicht Mr. Goodie auf dem Gelände entdecken konnte, aber damit hatte sie keinen Erfolg. Um neun Uhr stand das Transportauto immer noch an derselben Stelle. Die Scheinwerfer brannten nur trübe.

 

Als sie jedoch am Morgen wieder hinausschaute, war der Wagen verschwunden. Später ritt sie aus und kam an den Arbeitern vorbei, die die Grube wieder zuschaufelten. Sie setzte ihren Weg bis zu den Hügeln fort und mußte dabei über eine Hochfläche reiten. Dort traf sie unerwartet Goodie. Er saß ebenfalls im Sattel und blickte düster in die herrliche Landschaft hinaus. Als sie in der Nähe vorüberkam, wandte er sich ihr zu, und zum erstenmal seit ihrem Aufenthalt in Longhall sprach er sie an.

 

»Guten Morgen, Miss Gray.«

 

Sie erwiderte den Gruß höflich.

 

»Habe ich Sie gestern abend erschreckt?«

 

Sie zuckte zusammen, denn auf diese Anspielung war sie nicht vorbereitet.

 

»Ich selbst habe Sie nicht gesehen, aber einer meiner Leute hat Sie beobachtet. Ich mußte ein altes Pferd erschießen, und ich wollte es tun, wenn niemand in der Nähe war. Es kommen häufig Ausflügler hierher. Ganz abgesehen davon, daß die Leute bei einem solchen Schuß erschrecken, ist es auch mir sehr unangenehm, wenn ich gezwungen bin, ein Tier zu erschießen.«

 

Er sah sie unentwegt an, während er sprach.

 

»Ich hoffe, Sie werden mir in nächster Zeit diese ganzen Ländereien verkaufen, Miss Gray. Ich habe mich so an diese Gegend gewöhnt, daß es mir schwerfiele, sie zu verlassen. – Sie müssen sich einmal meine Pferde bei der Morgenarbeit ansehen. Sie sind zwar nicht sehr berühmt, aber ein oder zwei prächtige Tiere sind doch darunter. Ich habe gehört, daß Sie selbst die Absicht haben, sich Rennpferde zu halten? Ich habe zwar noch niemals Pferde anderer Leute in Pflege genommen, aber wenn Sie wollen, können Sie schon ein paar Tiere bei mir einstellen. Ich werde mich eingehend um sie kümmern. Vielleicht können wir es auch so weit bringen, daß eins Ihrer Pferde gelegentlich ein Rennen gewinnt. Ich habe übrigens ein Pferd, das ich Ihnen verkaufen könnte …«

 

Zu ihrer Bestürzung hörte sie, daß ihm ihre Pläne, die sie doch nur mit Luke besprochen hatte, bekannt waren. »Ja, ich dachte daran, aber ich bin mir noch nicht schlüssig geworden.«

 

»Ich habe ein Pferd, das ich Ihnen für tausend Pfund verkaufen kann. Es ist allerdings bedeutend mehr wert, aber ich glaube, der Eigentümer ist mehr oder weniger zum Verkauf gezwungen. Es handelt sich um ›Weiße Lilie‹. Ich hatte sowieso vor, Ihnen deshalb einen Besuch zu machen. Es ist ein tadelloses Pferd mit einem wundervollen Stammbaum. Die Mutter hat manches Rennen in Irland gewonnen.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich verstehe noch zu wenig vom Rennbetrieb –«, begann sie.

 

»Wenn die Trainer warten müßten, bis nur Sachverständige ihnen ihre Pferde anvertrauen, könnten sie verhungern. Dieses Pferd ist für das Cambridgeshire-Rennen gemeldet, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es gewinnt. Ich sage nicht, daß es unbedingt gewinnt, aber immerhin besteht die Möglichkeit. Neulich morgen habe ich es daraufhin geprüft. Haben Sie den Galopp nicht auch gesehen? – Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch, Miss Gray.«

 

Er schob den Unterkiefer vor, lenkte das Pferd herum und galoppierte zu seinen Pferden, die in einem großen Kreis von seinen Leuten herumgeführt wurden.

 

Edna war erstaunt, und doch sagte sie sich auf dem Heimritt, daß nichts Außergewöhnliches darin lag, wenn ihr ein Trainer ein Rennpferd zum Kauf anbot.

 

Sie hatte an diesem Tag Gelegenheit, mit Luke telefonisch zu sprechen, und sie erwähnte, auch ihre Unterhaltung mit Goodie, wofür er sich sehr interessierte.

 

»Wenn er Ihnen ›Weiße Lilie‹ für tausend Pfund angeboten hat, so wäre das sicher ein sehr gutes Geschäft für Sie. Aber ich bin froh, daß Sie nicht zugegriffen haben. Nominell gehört das Pferd einem Mann in Mittelengland, einem Gasthausbesitzer ich glaube jedoch, der ist nur vorgeschoben. Ich kann mir schon denken, warum Goodie daran liegt, Ihnen das Pferd zu überlassen.«

 

»Dann sagen Sie es mir doch bitte.«

 

Aber Luke ging nicht darauf ein.

 

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, erinnerte sie sich daran, daß sie ihm nichts von der Erschießung des anderen Pferdes gesagt hatte. Aber dann vergaß sie die ganze Angelegenheit.

 

*

 

In den folgenden Tagen setzte sich Luke weder brieflich noch anderswie mit ihr in Verbindung, und sie ärgerte sich, daß er so unaufmerksam war. Ende der Woche erschien er dann plötzlich unangemeldet. Sie empfing ihn ziemlich kühl, und er hatte es nicht anders erwartet. Geradezu eisig wurde sie, als sie erfuhr, daß er nicht einmal ihretwegen gekommen war, sondern eigentlich Mr. Lane sprechen wollte. Er kam auch nicht ins Haus, bis sie ihn direkt dazu aufforderte.

 

»Diese geheimnisvollen Besuche sind mir unangenehm, Mr. Luke. Wäre ich nicht unten auf der Wiese gewesen, so hätte ich überhaupt nicht erfahren, daß Sie gekommen sind.«

 

»Bitte seien Sie mir nicht böse«, sagte er mit seiner üblichen Unbekümmertheit. »Ich mußte Lane in einer dringenden Angelegenheit sprechen, die nichts mit Ihnen zu tun hat.«

 

Sie wollte ihm schon eine entsprechende Antwort geben, aber schließlich faßte sie die Sache von der humoristischen Seite auf und lachte.

 

»Sie haben wirklich nicht die besten Manieren. Man hat immer wieder aufs neue Grund, sich über Sie zu ärgern. Sie hätten doch zuerst ins Haus kommen und mich begrüßen können. Bleiben Sie über Nacht hier? Dann werde ich dafür sorgen, daß –«

 

»Es ist hier ein sehr schönes Gasthaus in der Nähe – der ›Rote Löwe‹. Ich habe mein Gepäck schon dort hingebracht.«

 

»Aber Sie hätten doch hier im Haus wohnen können.«

 

»Ich ziehe den ›Roten Löwen‹ vor. Die Wirtin macht mir keine Vorwürfe, und außerdem werden Sie wahrscheinlich sehr böse auf mich sein, wenn Sie erfahren, daß ich Ihnen eine Freundin genommen habe.«

 

»Wie meinen Sie das?« fragte sie bestürzt.

 

»Es handelt sich um Maggie Higgs. Sie ist eine drittklassige Schauspielerin; das ist das Beste, was man von ihr sagen kann. Blanter hat sie zu Ihnen geschickt, damit sie sich mit Ihnen anfreunden sollte.«

 

Plötzlich verstand sie.

 

»Ach, deshalb ist sie nicht wiedergekommen?«

 

Er nickte.

 

Merkwürdigerweise zürnte sie ihm nicht wegen dieser Einmischung und glaubte sofort, was er über die junge Dame sagte.

 

»Das ist aber sehr merkwürdig. Warum hat denn Doktor Blanter sie zu mir geschickt?«

 

Er antwortete nicht darauf, und es wäre ihm wahrscheinlich auch schwergefallen, ihr seine Theorie auseinanderzusetzen. Immerhin hatte er sich bereits eine Erklärung zurechtgelegt.

 

»Ich möchte gern einmal Ihre ganzen Ländereien kennenlernen. Es ist schon sehr lange her, seit ich mich das letztemal hier in der Gegend umgesehen habe.«

 

Er hatte eigentlich die Absicht, zu Fuß zu gehen, aber sie ließ die Pferde satteln und ritt mit ihm zusammen ins Gelände hinaus. Nachdem sie an dem Drahtzaun vorbeigekommen waren, den Mr. Goodie um sein Haus gezogen hatte, folgten sie einem unebenen Feldweg, der in die Hügel führte. Das Haus Mr. Goodies konnten sie im Augenblick nicht sehen, da es von den Nußbäumen verdeckt wurde. Desto besser waren die neuen Stallanlagen zu erkennen, die auf einem sanften Abhang errichtet waren. Im Augenblick war niemand in Sicht; gewöhnlich waren zum Wochenende Ausflügler in der Gegend. Im Sommer kamen sogar sehr viele Leute, die sich in den Tälern unter den schattigen Bäumen erholten.

 

Sie erwähnte beiläufig, daß sie die Überreste von einem Picknick bei dem Eingang zu den Perrywig-Höhlen gesehen habe, und war erstaunt, daß er sich lebhaft dafür interessierte.

 

»Dorthin sind Sie geritten? Sie liegen doch auf dem Land, das Goodie von Ihnen gepachtet hat.«

 

»Warum sind die Höhlen eigentlich verschlossen?« fragte sie.

 

»Sie meinen, warum ein Tor vor jedem Eingang ist? Das sieht etwas düster aus, finden Sie nicht auch? Aber die größte der Höhlen ist seit vielen Hunderten von Jahren schon immer als Lagerraum benutzt worden. Es gibt eine Straße, die direkt zu den Eingängen der Höhlen führt. Soviel ich weiß, benützt Goodie die große Höhle auch als Vorratsraum für Heu und Pferdefutter. Ich bin noch niemals im Innern gewesen, aber ich glaube, die Haupthöhle reicht sehr weit ins Innere des Berges.«

 

Er kannte die Gegend bedeutend besser als sie, und in einem großen Halbkreis kamen sie zu der Straße, die zu den Eingängen der Höhlen führte. Es waren zwei Öffnungen, und einen Kilometer entfernt lag noch eine dritte. Man glaubte, daß alle diese Eingänge nur zu einer Höhle führten, aber man wußte dies nicht genau. Luke und Edna stiegen aus dem Sattel, banden ihre Pferde an einen Baum und gingen den Rest des Weges zu Fuß.

 

Am ersten Eingang nahm Luke eine sorgfältige Untersuchung des Tores vor, das aus schweren Eisenstangen gefertigt war; die Angeln waren in die Felsen eingelassen. Er betrachtete das große Schloß genau. Das Tor war so stark, daß man nicht daran denken konnte, es mit Gewalt zu öffnen. Der Fußboden der Höhle bestand, soweit er sehen konnte, aus Erde und zeigte Spuren einer Harke.

 

»Das ist merkwürdig«, sagte Luke. Dann versuchte er, das dunkle Innere mit seinen Blicken zu durchdringen.

 

»Sehen Sie, da hinten steht auch die Harke.«

 

Er wandte sich ab und sah den steileren Teil des Abhangs hinunter zu der Stelle, wo sie abgestiegen waren.

 

»Wo haben Sie die Reste von dem Picknick gefunden?«

 

Sie sah sich vergeblich danach um. Inzwischen hatte es mehrmals heftig geregnet, und jetzt konnte sie nichts mehr entdecken. Damals hatte sie deutlich Knochen und Apfelsinenschalen gesehen. Vermutlich waren die Überreste von den Angestellten Goodies entfernt worden.

 

»Jemand hat hier Ordnung geschaffen«, sagte er gleichgültig.

 

Sie gingen zu ihren Pferden und ritten die Anhöhe hinab. Es wurde dunkel, und schwere Wolken zogen von Südwesten heran. Die beiden kamen gerade noch zur rechten Zeit nach Longhall zurück, bevor es in Strömen zu regnen begann.