Kapitel 13

 

13

 

Um halb drei Uhr morgens waren alle Bewohner von Monkshall wach. Vor dem Haustor stand der mit Schmutz bedeckte Dienstwagen des Chefinspektors Hallick. Die Teppiche in der großen Halle und in anderen Räumen waren aufgerollt, weil man nach verborgenen Falltüren suchte. Mrs. Elvery saß schläfrig in ihrem auffälligen roten Morgenrock in einem Polstersessel. Als Hallick von einer Durchsuchung des Parks zurückkam, war sie eingenickt und schnarchte.

 

»Folgen Sie meinem Rat und gehen Sie zu Bett«, sagte er, als er sie weckte. »Es ist fast drei Uhr.«

 

Sie blinzelte und begann leise zu weinen.

 

»Der arme Mr. Goodman! Er war ein so netter Herr, selbst für einen Junggesellen. Nun wird es ganz still werden hier im Haus.«

 

»Wir wissen doch gar nicht genau, ob er tot ist«, erwiderte Hallick unwirsch.

 

»Aber es waren doch Blutspuren auf dem Fußboden!« Sie schluchzte aufs neue. »Und Mr. Partridge, haben Sie ihn gefunden?«

 

»Der gute Mr. Partridge«, sagte Mr. Hallick gereizt, »ist auf dem Weg nach London. Um den brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Übrigens ist er ein alter Zuchthäusler und heißt Marks.«

 

Plötzlich wurde Mrs. Elvery ganz wach und lebendig.

 

»Haben Sie schon Cotton verhört? Der hat sich am vergangenen Abend sehr merkwürdig benommen. Zweimal war er unten im Keller, und als er das zweite Mal die Treppe heraufkam, waren seine Hosen mit Staub bedeckt – wissen Sie, weshalb?«

 

»Das will ich gar nicht wissen«, erklärte Hallick gelangweilt.

 

»Der sucht nach dem Goldschatz, der hier im Hause versteckt liegt. Ja, da staunen Sie, Inspektor!«

 

»Ihrer Meinung nach liegt also der Goldschatz hier im Hause versteckt? Sie bringen die Geschichte von O’Shea mit den Vorfällen der letzten Tage in Verbindung? Woher haben Sie denn diese Weisheit?«

 

»Aus meinen Zeitungsausschnitten«, entgegnete Mrs. Elvery triumphierend.

 

»Ich möchte Sie jetzt aber wirklich bitten, zu Bett zu gehen«, sagte Hallick, und es gelang ihm endlich, sie zum Verlassen des Zimmers zu bewegen.

 

Sein Assistent, Sergeant Dobie, hatte sich eine Theorie gebildet, und um sie zu prüfen, mußten weitere Nachforschungen angestellt werden. Als die beiden allein waren, erklärte Dobie seine Ansicht.

 

»Redmayne? Nein, der kommt als Täter gar nicht in Frage! Warum sollte er …«

 

»Das wollte ich Ihnen auch gar nicht sagen«, erwiderte Dobie. »Redmayne ist vollständig bankrott. Er hat eine beträchtliche Summe von Goodman geliehen. Als Goodman verschwand, war es. das erste, daß er in das Zimmer des alten Mannes ging, einen Koffer öffnete und einen Schuldschein daraus entwendete. Sehen Sie, hier ist er.«

 

Hallick betrachtete das Papier nachdenklich.

 

»Rufen Sie Redmayne her.«

 

Bald darauf kam der Colonel mit unsicheren Schritten in die Halle.

 

»Ich möchte ein paar Fragen an Sie stellen«, sagte Hallick barsch.

 

»Es wird mir bald zuviel, immer wieder neue Fragen beantworten zu müssen«, sagte er unwillig.

 

»Das ist schon möglich«, erwiderte Hallick ironisch. »Wir haben hier ein Gespenst in Monkshall.« Er zog den Schuldschein aus der Tasche und hielt ihn dem Colonel hin. »Ist das etwa das Geheimnis, weswegen all diese seltsamen Dinge im Hause passieren? Klären sich damit die Spukgeschichten auf?«

 

»Das ist ein Schein über Geld, das ich mir borgen mußte«, erklärte Redmayne leise.

 

Hallick nickte.

 

»Vor zehn Jahren waren Sie Sekretär und Schatzmeister beim Roten Kreuz. Unerwartet wurde eines Tages die Kasse revidiert, wobei sich herausstellte, daß eine größere Summe fehlte. Ihre Verhaftung stand nahe bevor, als Sie plötzlich das Geld ersetzten – Sie haben es sich von Goodman geliehen?«

 

»Ja.«

 

»Vor ein oder zwei Stunden haben Sie Goodmans Papiere durchsucht. Suchten Sie nach diesem Schuldschein?«

 

»Ich lasse mich von. Ihnen nicht verhören«, sagte Redmayne und raffte sich auf. »Sie haben kein Recht, mich über meine Privatangelegenheiten auszufragen.«

 

»Colonel Redmayne«, entgegnete der Chefinspektor ruhig, »in der vorigen Nacht wurde ein Mann in Ihrem Haus ermordet, heute abend ist einer Ihrer Gäste unter merkwürdigen Umständen verschwunden, die daran denken lassen, daß auch er ermordet wurde. Ich habe also wohl das Recht, Fragen an Sie zu richten. Ich habe sogar das Recht, Sie zu verhaften, wenn Sie sich nicht anders verhalten.«

 

»Gut, dann verhaften Sie mich«, erwiderte der Colonel etwas unsicher.

 

»Nehmen Sie doch Vernunft an!« sagte Hallick unwirsch. »Hier im Haus hält sich jemand auf, den bisher niemand gesehen hat, jemand, den Sie verbergen und beschützen!«

 

»Wen meinen Sie?« fragte Redmayne unruhig.

 

»Meiner Meinung nach ist diese Anleihe bei Goodman nur vorgetäuscht worden. Zu der Zeit, als Sie das Geld borgten, standen Ihnen große Summen zur Verfügung. Sie haben dieses Haus gekauft, um einen Verbrecher zu beherbergen, gegen den Haftbefehl erlassen worden war – Leonard O’Shea.«

 

»Das ist eine Lüge!« stieß Redmayne heiser hervor.

 

»Dann will ich Ihnen noch etwas sagen. Irgendwo in diesem Hause liegt das Gold, das seinerzeit mit der ›Aritania‹ von Australien nach England gebracht wurde und auf dem Transport nach London verschwand. Und irgendwo in den Kellerräumen verbirgt sich ein halb Wahnsinniger.«

 

Der Colonel taumelte zurück.

 

»Ich habe alles getan, was ich tun konnte, um ihn fernzuhalten. Glauben Sie denn, daß ich ihn hier haben wollte …«

 

»Wir werden bald Klarheit in die Sache bringen.«

 

Hallick gab Dobie ein Zeichen, und der Sergeant führte den Colonel in sein Arbeitszimmer zurück, ohne daß dieser Widerstand leistete. Hallick folgte, und als die Tür hinter ihnen zufiel, kam Mr. Fane hinter den geschlossenen Vorhängen hervor. Er hatte die Kleider gewechselt und trug nun einen Golfanzug.

 

Er ging zum Fenster zurück und rief vorsichtig jemanden im Garten. Gleich darauf trat Mary aus der Dunkelheit.

 

»Es ist niemand hier, Sie können ruhig hereinkommen. Die Leute brauchen ja nicht unbedingt zu erfahren, daß Sie allein mit mir im Park spazierengingen.«

 

Sie zog ihren Regenmantel aus und ließ sich müde in einem Sessel nieder.

 

»Die Nacht ist so unheimlich, und doch fühlte ich mich da draußen in Ihrer Begleitung sicherer als hier im Haus.«

 

»Ich fühle mich im Augenblick nirgends recht sicher«, entgegnete Ferdie. »Ich werde hier schlafen – wo ist eigentlich Cotton?«

 

»Was wollen Sie denn von ihm?«

 

»Ich möchte noch etwas zu trinken haben«, sagte er und klingelte.

 

Cotton trat sofort ein, er mußte draußen vor der Tür gestanden haben. Sein Zeug war naß, und seine Stiefel waren schmutzig.

 

»Hallo!« Fane betrachtete ihn eingehend. »Sind Sie draußen im Park umhergeschlichen?«

 

»Ich habe mich nur etwas umsehen wollen. Das schadet doch niemandem.« Die Stimme des Butlers zitterte ein wenig.

 

»Sie waren wohl bei den Kriminalbeamten?« wandte sich Mary an Cotton. »Wie weit ist denn die Untersuchung fortgeschritten?«

 

Fane lachte leicht.

 

»Ich will wissen, ob die Beamten irgend etwas herausgefunden haben«, sagte sie ungeduldig.

 

»Ich kann Ihnen verraten, was die vermuten«, erwiderte Fane und sah sie fest an. »Die Polizei nimmt an, daß Mr. Goodman in diesem Raum ermordet wurde. Eine etwas sonderbare Auffassung – meinen Sie nicht auch?« Sie schauderte zusammen.

 

»Und die Beamten glauben auch, daß der Pfarrer nicht mehr am Leben ist. Ich hörte, wie der Sergeant dem Chefinspektor gegenüber diese Ansicht vertrat. Seiner Meinung nach muß Partridge hier ins Zimmer gekommen sein, während Goodman mit dem geheimnisvollen Mönch kämpfte, und der Unheimliche hat die beiden umgebracht.«

 

»Wer ist denn der Unheimliche?«

 

»So nennen sie diesen Mann«, mischte sich Cotton ein, »der in der schwarzen Mönchskutte herumläuft. Sie sagen, daß er jeden Tag zwei Stunden wahnsinnig ist. Es ist auch etwas Sonderbares, wenn man sich vorstellt, daß hier im Hause ein Wahnsinniger umherspukt und daß niemand weiß, wer es ist. Sie können in den Verdacht kommen, Mr. Fane, und ich auch.«

 

»Dann ist es wahrscheinlicher, daß Sie es sind«, entgegnete Fane scharf. »Bringen Sie mir eine halbe Flasche Sekt.«

 

Mary wartete, bis Cotton die Halle verlassen hatte.

 

»Mr. Fane – was ist mit Goodman geschehen?« fragte sie dann.

 

Er antwortete ihr erst, nachdem Cotton Glas und Flasche gebracht hatte und wieder gegangen war.

 

»Das ist wenigstens ein anständiger Tropfen«, meinte er und goß den schäumenden Sekt ein. »Das wird mir guttun. Ich habe ziemliche Kopfschmerzen.«

 

»Ich wünschte nur, Sie bekämen einmal solche Kopfschmerzen, daß Sie nicht wieder daran dächten, zu trinken«, erwiderte sie hitzig.

 

»Dann wollten Sie wohl am liebsten, daß ich tot wäre?«

 

Sie war sehr unzufrieden mit ihm; sie hatte gehofft, daß er ihr in dieser schweren Zeit eine Hilfe sein konnte.

 

Dann kam ihr ein Gedanke. »Was meinten Sie eigentlich, als Sie sagten, das wäre ein anständiger Tropfen?«

 

»Sehen Sie, nun verstehen wir uns schon besser. Das ist der erste Tropfen Wein in dieser Woche, ich kann Ihnen versichern, daß ich ziemlich nüchtern bin und fast keinen Alkohol trinke.«

 

Hatte er diese Worte tatsächlich im Ernst gesprochen? Hatte er seine Trunkenheit nur vorgetäuscht?

 

»Was geschah heute abend, als ich Sie hier in diesem Zimmer traf? Es hatte doch ein Kampf stattgefunden.«

 

Er schüttelte den Kopf und sagte scherzhaft: »Ich weiß es nicht. Irgend jemand schlug mir mit der Faust unter das Kinn. Daraus schloß ich, daß der Mann nicht mein Freund war.«

 

Aber dann wurde er plötzlich ernst.

 

»Würden Sie es tatsächlich gern sehen, wenn – wenn ich Ihnen helfen und für Sie sorgen würde?«

 

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, entgegnete sie, obgleich sie ahnte, worauf er hinaus wollte.

 

»Ich meine, Sie brauchen jemanden, der Sie beschützt.«

 

Er war näher an sie herangetreten.

 

»Glauben Sie denn, daß Sie überhaupt jemanden beschützen können?« erwiderte sie. Im nächsten Augenblick bedauerte sie ihre Äußerung, denn sie wußte, daß sie damit seine nächste Frage herausgefordert hatte.

 

»Wissen Sie denn nicht, Mary, daß ich sehr viel für Sie tue? Sehen Sie denn nicht …«

 

»Sie sollen mich nicht Mary nennen.«

 

»Aber wenn Sie doch so heißen? Sie können ruhig Ferdie zu mir sagen, wenn Sie wollen.«

 

»Nein, nicht – wenigstens jetzt nicht«, entgegnete sie ein wenig atemlos.

 

»Hat Goodman Ihnen nicht gesagt, daß er Sie sehr gern mag?«

 

Sie nickte.

 

»Der arme Mr. Goodman! Ja, er hat mich geliebt, und ich mochte ihn auch gern.«

 

Sie blickte sich plötzlich um, und er sah, daß sie Angst hatte.

 

»Was gibt es denn?« fragte er schnell.

 

»Ich weiß es nicht, aber ich habe das schreckliche Gefühl, als ob uns jemand belauscht. Und ich wünschte, daß sich der Betreffende bemerkbar machte. Dann wüßte man wenigstens, woran man ist.«

 

»Erwarten Sie jemanden?« fragte er überrascht.

 

»Ja, es soll noch ein Beamter von Scotland Yard kommen. Mrs. Elvery nannte ihn den großen Bradley.«

 

»Der arme Kerl!« sagte er und lachte. »Welchen Zweck hat es denn, den herzubringen? Ich bin tüchtiger als tausend Detektive, und mit O’Shea nehme ich es auch noch auf.« Er lachte sonderbar. »O’Shea, das ist ein Kerl!«

 

Sie trat einen Schritt von ihm zurück.

 

»Von dem habe ich gehört«, sagte sie langsam. »Wie sieht er denn aus?«

 

Er lachte aufs neue.

 

»Etwa so wie ich – nur nicht so hübsch.«

 

Sie nickte, aber ihre Stimme klang jetzt nur noch wie ein Flüstern.

 

»Sie wissen nur zu gut, wer O’Shea ist«, sagte sie. »Als Sie gestern draußen im Park mit Connor sprachen, stand ich am Fenster und hörte, wie Sie ihm drohten.«

 

Er schwieg eine Weile.

 

»Ich habe ihn gewarnt«, sagte er schließlich.

 

Und als ob er der Unterredung ein Ende machen wollte, schob er einen Sessel so hin, daß dieser der Wand zugekehrt war. Dann nahm er einen Wandschirm, der in einer Ecke stand, und stellte ihn hinter den Sessel.

 

»Was wollen Sie denn?«

 

»Ich will jetzt schlafen«, entgegnete er kurz.

 

»Aber warum stellen Sie den Sessel denn dorthin?« fragte sie erstaunt.

 

»Hier ist die alte Tür, die die Mönche immer benutzten«, entgegnete er. lächelnd. »Wenn irgendein Geist in einer schwarzen Kutte erscheint, muß er durch diese Tür kommen.«

 

Hallick kehrte in diesem Augenblick mit Mr. Redmayne zurück.

 

»Zum Teufel, was machen Sie denn hier?« fuhr er Fane an.

 

Der hatte eine Decke vom Sofa genommen, die Mrs. Elvery zurückgelassen hatte, und deckte sich damit zu.

 

»Ich will schlafen.«

 

»Das ist hier aber nicht der richtige Platz. Gehen Sie auf Ihr Zimmer«, sagte Redmayne unfreundlich.

 

»Lassen Sie ihn ruhig hier«, legte sich Hallick ins Mittel, der sehr nachsichtig gegen Fane zu sein schien.

 

Der Chefinspektor fühlte einen Lufthauch und zog die Vorhänge zurück. Die Glastür dahinter stand offen.

 

»Schließen Sie die Tür, wenn wir hinausgegangen sind, Miss Redmayne, und öffnen Sie die Tür nur, wenn Sie die Stimme Ihres Vaters erkennen. Wir gehen jetzt in den Park.«

 

»Es wäre besser, wenn du auf dein Zimmer gingst«, sagte der Colonel, aber Hallick schüttelte den Kopf.

 

»Ich will hier warten«, sagte Mary.

 

»Aber Liebling …«

 

»Lassen Sie sie nur ruhig hier«, meinte Hallick. »Mr. Fane wird ihr nichts zuleide tun.«

 

Inzwischen hatte sich Ferdie bequem in den Sessel zurückgelehnt. Er glaubte, daß Mary den Raum verlassen hatte, aber in Wirklichkeit war sie noch dort. Sie schlich sich auf Zehenspitzen herbei und sah um die Ecke des Wandschirms. Als sie bemerkte, daß er die Augen geschlossen hatte, drehte sie alle Lichter aus, mit Ausnahme einer Lampe. Dann ging sie leise zur Tür und öffnete. Sie drehte sich noch einmal um und sah zu Ferdie hinüber. So bemerkte sie nicht, daß plötzlich ein Mann in der Türöffnung erschien und dicht hinter ihr stand. Es war eine große Gestalt – von Kopf bis Fuß in eine schwarze Kutte gekleidet. Auch das Gesicht war von der großen Kapuze bedeckt, nur zwei runde Öffnungen jm Stoff machten es dem Mann möglich, hindurchzusehen. Sie ahnte nichts von der Gefahr, plötzlich wurde sie von zwei starken Armen gepackt. Eine große Hand legte sich auf ihren Mund.

 

Starr vor Schrecken erkannte sie die Mönchsgestalt. Im nächsten Moment verlor sie die Besinnung.

 

Ohne weiter ein Geräusch zu machen, zog der Mann sie in den Flur, schloß die Tür leise hinter sich und trug sie davon. Er ging an der Tür ihres Vaters vorbei und verschwand in einem kleinen Zimmer, das als Abstellraum benutzt wurde. Dort öffnete er eine Falltür, legte das bewußtlose Mädchen über die Schulter und stieg die steinerne Treppe hinab. Dann ließ er sie zu Boden gleiten, um die Falltür wieder zu schließen.

 

Kapitel 14

 

14

 

Hallick und Redmayne fragten die Posten, die im Park aufgestellt worden waren, aber keiner der Beamten hatte die geheimnisvolle Erscheinung eines Mönchs gesehen. Ebensowenig hatten sie bis jetzt eine Spur von Goodman und Marks gefunden.

 

»Marks wird jetzt schon in London sein«, sagte Hallick, als sie über den feuchten Rasen gingen. »Den werden wir bald gefunden haben.«

 

»Warum ist der überhaupt hierhergekommen?«

 

»Er suchte das Gold, das hier versteckt ist – den Schatz Ihres Freundes O’Shea, der ihn irgendwo hier in den Kellergewölben untergebracht hat. Ich werde O’Shea noch in dieser Nacht verhaften, und ich kann Ihnen nur den Rat geben, Colonel uns nicht in den Weg zu kommen. Ich habe so eine Ahnung, daß es gefährlich werden könnte. Nehmen Sie Ihre Tochter mit nach London. Ich stelle Ihnen gern einen Polizeiwagen zur Verfügung.«

 

»Aber sie wird nicht mitkommen wollen. Wie soll ich ihr das alles so plötzlich erklären?«

 

»Das brauchen Sie ihr nicht so genau zu erklären«, entgegnete Hallick kurz, »Sagen Sie ihr doch die Wahrheit, oder warten Sie meinetwegen, bis die Sache zur Gerichtsverhandlung kommt. Meiner Meinung nach hat O’Shea Ihnen das Geld gegeben, daß Sie Monkshall kaufen konnten.«

 

»Nein, das stimmt nicht. Er hat es schon vor dem Überfall auf den Goldtransport gekauft«, erwiderte der Colonel »Ich befand mich damals in, einer verdammt ungemütlichen Situation. Jeden Augenblick fürchtete ich, daß man mich verhaften würde. Wie O’Shea von meiner Lage erfahren hat, weiß ich nicht. Ich hatte früher niemals etwas von dem Mann gehört. Als er mir aber anbot, Geld zu leihen, und mir ein festes Einkommen und einen prächtigen Wohnsitz in Aussicht stellte, habe ich natürlich nicht nein gesagt. Ich bin ja eigentlich ein Arzt, und als er mir dann erklärte, daß er diese Anfälle habe, glaubte ich ihm helfen zu können. Ich wußte damals nicht, daß er O’Shea war. Das habe ich erst vor etwa einem Jahr erfahren.«

 

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. »Sind nicht früher einmal drei Leute hier gewesen?« fragte Hallick dann und nannte die Namen der vermißten Beamten von Scotland Yard. »So? Die kamen vom Yard?« Der Colonel nickte. »Ja, die waren ein oder zwei Tage hier und verschwanden dann, ohne ihre Rechnungen zu bezahlen.«

 

»Sie sind hier ermordet worden.« Hallicks Stimme klang hart und grimmig. »Und O’Shea ist der Mörder – wenn sie nur soviel Verstand gehabt hätten, mir anzuvertrauen, was sie wußten, dann hätte ich sie retten können. Aber sie wollten den Ruhm für sich allein, O’Shea entdeckt zu haben, und das war ihr Verderben.«

 

»Was, O’Shea hat die Beamten hier im Haus umgebracht?« fragte Redmayne bestürzt.

 

Inzwischen waren sie wieder beim Haus angelangt, und Hallick klopfte leise an die Glastür. Aber es meldete sich niemand. Auch als er aufs neue klopfte, erhielt er keine Antwort.

 

»Ich glaube, wir gehen besser zur Haustür und klingeln Cotton.«

 

Es dauerte lange, bis dieser die Tür öffnete.

 

»Wo ist Miss Redmayne?« fragte Hallick.

 

»Ich habe sie nicht gesehen. Aber hier im Sessel schläft jemand er hat sich eine Decke übergezogen. Ich bekam einen schönen Schrecken, als ich hinter den Wandschirm guckte.«

 

»Das ist Fane, lassen Sie den in Ruhe.«

 

Hallick knipste alle Lampen an.

 

Er hatte das eigentümliche Gefühl, daß sich etwas Schreckliches ereignen würde.

 

»Suchen Sie vor allem Ihre Tochter«, sagte er zum Colonel.

 

Redmayne verließ den Raum, und gleich darauf hörte der Chefinspektor ihn im darüberliegenden Zimmer. Fünf Minuten später kam der Colonel bleich und zitternd zurück.

 

»Sie ist nicht in ihrem Zimmer. Ich glaube auch nicht, daß sie sich im Haus aufhält. Ich habe überall nachgesehen.«

 

»Wissen Sie nicht, wo Miss Redmayne ist, Cotton?«

 

»Nein.«

 

»Was ist denn das?« sagte Hallick plötzlich und nahm etwas vom Boden auf. Es war ein Gürtel. Die beiden sahen sich bestürzt an.

 

»Dann ist er hiergewesen – das war der Mönch!« sagte Redmayne entsetzt.

 

Hallick nahm den Wandschirm fort und zog den Sessel zur Seite.

 

»Fane, wachen Sie auf – Miss Redmayne ist verschwunden.« Er zog die Decke zur Seite, die das Gesicht des Schläfers bedeckte und stieß einen Fluch aus, denn der Mann, der in dem Sessel lag, war nicht Fane, sondern Marks. Und Marks war tot.

 

Kapitel 1

 

1

 

O’Shea befand sich schon die ganze Nacht über in einer entsetzlichen Stimmung. Aufgeregt ging er auf dem Wiesenabhang auf und ab, sprach halblaut mit sich selbst, gestikulierte mit den Händen, als ob er in einer großen Versammlung redete, und lachte dann nervös über seine eigenen geheimnisvollen Witze. Und als der Morgen graute, war er über den kleinen Lipski hergefallen und hatte ihn mit einem Fausthieb zu Boden geschlagen. Das hatte auch seinen Grund, denn Lipski hatte es gewagt, eine Zigarette gegen jedes Verbot anzustecken. Brutal hatte O’Shea ihn niedergestreckt. Die beiden anderen, die zugegen waren, hatten sich nicht getraut, ihn daran zu hindern.

 

Joe Connor lag der Länge nach im Grase, kaute an einem Halm und beobachtete den ruhelosen Wanderer mit düsteren Blicken. Auch Marks, der mit untergeschlagenen Beinen neben seinem Kameraden saß, schaute ihm nach, und ein halb spöttisches, halb schlaues Lächeln spielte dabei um seine schmalen Lippen.

 

»Heute ist er wieder einmal glatt verrückt«, sagte Joe Connor leise. »Wenn er diesmal die Sache hinkriegt, ohne daß wir für den Rest unseres Lebens ins Gefängnis wandern, dann haben wir Glück.«

 

Marks feuchtete die trockenen Lippen mit der Zunge an.

 

»O’Shea ist am glänzendsten, wenn er so verrückt ist«, sagte er. Seine Stimme klang kultiviert. Seine Bekannten erzählten sich auch, daß er Theologie studiert hatte, bis er eine leichtere und bequemere Art fand, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und zu einem der gerissensten und gefährlichsten Verbrecher Englands wurde.

 

»Trotzdem braucht er seine Kumpane nicht derartig niederzuschlagen, das ist doch Blödsinn. Dieser Lipski stöhnt so infam; kannst du nicht dafür sorgen, daß er das Maul hält?«

 

Joe Connor erhob sich nicht. Er sah nur zu Lipski hinüber, der auf dem Boden lag und abwechselnd stöhnte und fluchte.

 

»Der wird schon wieder zu sich kommen«, erwiderte Connor gleichgültig. »Je mehr Prügel er kriegt, desto mehr Respekt hat er vor O’Shea.«

 

Er rückte ein wenig näher zu seinem Kameraden heran und fragte leise: »Hast du jemals O’Shea deutlich gesehen? – Ich meine – sein Gesicht?«

 

»Nein, noch nie, und dabei habe ich doch schon dreimal mit ihm zusammengearbeitet. Immer hatte er diesen Mantel an, den er auch heute abend trägt, den Kragen hochgeschlagen und den breitkrempigen schwarzen Hut tief ins Gesicht gezogen. Ich hätte nie geglaubt, daß es einen derartigen Verbrecher gibt – ich dachte, so etwas könnte man nur auf der Bühne sehen. Das erstemal habe ich von ihm gehört, als er mich rufen ließ – ich traf ihn damals in der St. Alban’s Road um zwölf Uhr nachts. Ich habe sein Gesicht niemals zu sehen bekommen, aber er wußte alles von mir und sagte mir, wie oft ich bereits verurteilt worden war. Dann setzte er mir auseinander, wozu er mich brauchte.«

 

»Und vor allem hat er dich gut bezahlt«, entgegnete Marks gleichgültig, als Joe eine Pause machte.

 

»Er zahlt wirklich ausgezeichnet, und er holt sich seine Leute immer auf dieselbe Art und Weise zusammen.«

 

Marks spitzte die Lippen, als ob er pfeifen wollte, dann sah er nachdenklich zu dem ruhelos umherwandernden O’Shea hinüber.

 

»Ja, er ist verrückt – aber er zahlt gut. Und diesmal wird er noch besser zahlen als sonst!«

 

Connor sah plötzlich auf. »Zweihundertfünfzig Pfund Belohnung und fünfzig Pfund, um davonzukommen, das nenne ich eine anständige Bezahlung.«

 

»Und ich sage dir, diesmal zahlt er mehr«, meinte Marks ruhig. »Die Geschichte, zu der er uns hier braucht, bezahlt sich so gut, daß er es auch kann. Meinst du, ich steure ein Lastauto mit dreitausend Kilo australischen Goldstücken durch die Straßen von London und riskiere, dafür an den Galgen zu kommen – nur für schäbige zweihundertfünfzig Pfund und das bißchen Geld für die Reise? Ich denke nicht daran!«

 

Er erhob sich und klopfte den Staub von seiner Hose. O’Shea war im Augenblick nicht zu sehen, er war auf die andere Seite des Hügels gegangen und befand sich wahrscheinlich hinter der Hecke, die in einem großen Halbbogen die Wiese teilte.

 

»Drei Tonnen Gold, das ist mehr als eine halbe Million Pfund! Wir müssen mindestens zehn Prozent davon bekommen.«

 

Connor grinste, er wies mit einer Kopfbewegung auf Lipski, der noch immer stöhnte.

 

»Willst du den auch ins Vertrauen ziehen?«

 

Marks biß sich auf die Lippen.

 

»Ich glaube, das ist überflüssig, den brauchen wir nicht.«

 

Er schaute sich um, ob etwas von O’Shea zu sehen sei, dann ließ er sich wieder neben seinem Kameraden nieder.

 

»Wir haben die ganze Sache in der Hand«, flüsterte er. »Morgen wird O’Shea wieder bei Vernunft sein. Diese Anfälle hat er nur selten, und wenn er wieder bei klarem Verstand ist, hört er auch an, was ich ihm zu sagen habe. Also, wir halten diesen Goldtransport an – das ist ein alter Trick von O’Shea –, indem wir die Talmulde vergasen, durch die der Weg hier führt. Ich wundere mich nur, daß O’Shea den Mut hat, den Plan zu wiederholen. Ich werde das Lastauto mit dem Gold zur Stadt fahren und an einer sicheren Stelle abstellen. Meinst du, O’Shea würde uns nicht unseren Teil geben, wenn er vor die Wahl gestellt wird, uns unseren Anteil auszubezahlen oder Inspektor Bradley in die Hände zu fallen?«

 

Connor brach einen Grashalm ab und kaute daran. »Er ist verteufelt schlau –«

 

Marks verzog spöttisch die Lippen.

 

»Ist das nicht immer so? Sitzen in Dartmoor nicht lauter schlaue Leute? Inspektor Hallick macht sich doch einen Scherz daraus, daß er die Gefangenen nur Akademiker nennt. Nein, mein Lieber, glaube mir, Schlauheit ist ein relativer Begriff –«

 

»Was bedeutet dieses Fremdwort nun schon wieder?« brummte Connor und runzelte die Stirn. »Versuch bloß nicht, mich mit diesen gebildeten Worten besoffen zu machen! Red nicht immer so gelehrt, sprich wie ein gewöhnlicher Mensch, damit jeder dich verstehen kann.«

 

Er sah sich wieder ein wenig ängstlich um. Die Tatsache, daß O’Shea nicht zu sehen war, beunruhigte ihn. Das Auto O’Sheas stand hinter dem Hügel auf einem kleinen Nebenweg. O’Shea würde sich, nachdem der Überfall gelungen war, damit sofort in Sicherheit bringen. Seine Leute konnten dann zusehen, wie sie durch all die Gefahren hindurchkamen. Sie hatten den schwierigeren Teil auszuführen, aber sie mußten zugeben, daß der ganze Plan genial ausgedacht und organisiert war.

 

In einiger Entfernung lagen links an einem steilen Abhang vier große Gaszylinder in einer Reihe. Connor und Marks konnten von ihrem Platz aus die lange hellgraue Landstraße sehen, die durch die tiefe Mulde führte. In kürzester Zeit mußten die Lichter des Lastautos mit dem Goldtransport auftauchen. Connor hielt seine Gasmaske in der Hand; Marks hatte seine in die Tasche gesteckt.

 

»Der muß eine Unmenge Geld haben«, meinte Connor.

 

»Wer – O’Shea?« Marks zuckte die Schultern. »Das weiß ich nicht, er gibt aber auch das Geld aus wie kein anderer. Man sollte eigentlich meinen, daß er wieder pleite ist. Es ist nahezu zwölf Monate her, daß er seinen letzten großen Fang gemacht hat.«

 

»Was macht der bloß mit all dem vielen Geld?« fragte Connor neugierig.

 

»Er gibt es aus wie wir auch. Als ich ihn das letzte Mal fragte, sagte er: ›Ich muß ein großes Landhaus kaufen.‹ Dort wollte er sich niederlassen und ein bequemes, ruhiges Leben führen. Als ich ihn gestern abend wiedersah, sagte er, daß er die Hälfte des Goldes brauche, um seine Schulden zu bezahlen.«

 

Marks rieb sich mit dem Taschentuch die Fingerspitzen ab.

 

»Unter anderem kann er lügen wie gedruckt«, bemerkte er leichthin. »Aber was war das?«

 

Marks sah argwöhnisch auf die Hecke, die nur ein paar Meter von ihnen entfernt war, denn er hatte ein Rascheln im Laub gehört. Schnell sprang er auf, eilte zu den Sträuchern und sah sich nach allen Seiten um, aber er konnte niemanden entdecken. Nachdenklich kehrte er zu seinem Kameraden zurück.

 

»Ich möchte nur wissen, ob der Teufel gelauscht und wie lang er unsere Unterredung mit angehört hat!«

 

»Wen meinst du? Doch nicht etwa O’Shea?« fragte Connor bestürzt.

 

Marks antwortete nicht, er holte nur tief Luft. Allem Anschein nach fühlte er sich nicht sicher.

 

»Wenn er etwas gehört hätte, wäre er zu uns gekommen. Er ist in einer so verteufelt schlechten Stimmung, daß er sofort losgeplatzt wäre.«

 

Connor stand auf und streckte sich.

 

»Ich möchte nur wissen, was für ein Leben er führt. Beinahe möchte ich wetten, daß er eine Frau und eine Familie irgendwo im Land unterhält. Solche Leute machen so etwas. Da kommt er übrigens!«

 

Sie sahen die Gestalt O’Sheas, der von der Höhe des Hügels auf sie zukam.

 

»Halten Sie die Masken bereit. Sie wissen, was Sie zu tun haben, Marks?«

 

Die Stimme klang durch den hochgeschlagenen Kragen etwas gedämpft und undeutlich, aber trotzdem war der Ton freundlich und liebenswürdig.

 

»Holen Sie einmal den Kerl her«, sagte O’Shea und zeigte auf Lipski.

 

Die beiden gehorchten und kamen gleich darauf mit dem noch etwas benommenen Lipski wieder zu O’Shea.

 

»Sie gehen an das Ende der Straße«, sagte er zu Lipski. »Stecken Sie die rote Laterne an. Es ist nicht notwendig, daß die Kerle anhalten, sie brauchen nur langsamer zu fahren. Unter keinen Umständen gehen Sie aus der Deckung heraus. Es sind wahrscheinlich zehn schwerbewaffnete Polizisten auf dem Lastauto.«

 

O’Shea ging dann zu den Gasbehältern hinüber. An der Öffnung jeder Flasche war ein dicker Gummischlauch befestigt, der in die Mulde hinabführte. Mit einem Schraubenschlüssel drehte er die Ventile auf. Unter leisem Zischen entwich das Gas durch die Schläuche.

 

»Das Gas ist schwer und bleibt unten im tiefsten Teil der Mulde. Sie brauchen Ihre Gasmaske erst im letzten Moment aufzusetzen.«

 

Er folgte Lipski bis zum Ende der Senke und kontrollierte, daß der Mann die rote Laterne anzündete. Dann zeigte er ihm die Stelle, wo er sich verstehen sollte, und ging zu Marks zurück. Nicht im mindesten ließ er sich anmerken, daß er die Unterhaltung der beiden gehört hatte. Jetzt war es auch nicht an der Zeit, mit ihnen abzurechnen oder einen Streit vom Zaun zu brechen.

 

Gleich darauf hörten sie von fern das Geräusch des Lastautos, das sich auf der Straße näherte, lange bevor die Scheinwerfer aufblitzten. Der Transport mußte den Wald von Felsted passieren, bevor er an dieser Stelle vorbeikam.

 

»Jetzt!« rief O’Shea scharf.

 

Er selbst setzte keine Gasmaske auf.

 

»Schießen Sie nicht, wenn es nicht durchaus nötig ist, aber halten Sie die Waffen bereit, falls etwas schiefgehen sollte. Und denken Sie daran, daß die Begleitmannschaften sofort feuern, wenn sich jemand blicken läßt. Warten Sie, bis die Leute von dem Gas betäubt sind. Sie wissen doch, wo Sie mich morgen treffen sollen?«

 

Marks nickte. Das Lastauto näherte sich in verhältnismäßig langsamem Tempo. Allem Anschein nach hatte der Chauffeur die rote Laterne entdeckt, denn jetzt hörten sie das durchdringende Heulen einer Sirene. O’Shea konnte von seinem Platz aus die ganze Straße deutlich übersehen.

 

Der Lastwagen war bis auf fünfzig Meter an die vergaste Stelle herangekommen und fuhr jetzt nur noch langsam. Plötzlich sprang Lipski aus den Büschen, aber nicht an der Stelle, wo O’Shea ihn postiert hatte, sondern etwa zehn bis fünfzehn Meter weiter. Mit erhobenen Händen lief er auf das Lastauto zu. Im nächsten Moment knallte ein Schuß. Lipski feuerte, um die Aufmerksamkeit der Leute im Auto auf sich zu lenken. O’Shea ballte die Fäuste. Lipski wollte ihn verraten.

 

»Achtung!« rief er Marks und Connor zu. »Wenn die Sache schiefgeht, laufen Sie querfeldein nach verschiedenen Richtungen!«

 

Und dann geschah das Wunder. Von dem Lastauto fielen zwei Schüsse. Lipski stürzte getroffen am Rand der Straße nieder, und der Wagen fuhr langsam und vorsichtig weiter. Die Begleitmannschaft hatte Lipskis Absicht nicht verstanden, sondern geglaubt, daß er den Goldtransport anhalten wollte.

 

»Glänzend!« sagte O’Shea mit heiserer Stimme, denn im Augenblick fuhr das Lastauto in die vergaste Senke.

 

In einer Sekunde war alles vorüber. Der Chauffeur sank bewußtlos auf sein Steuerrad, und bald darauf fuhr der Wagen gegen die hohe Böschung und blieb stehen. O’Shea hatte an alles gedacht. Wenn Lipski nicht das rote Licht gezeigt hätte, wäre der Lastwagen mit unverminderter Geschwindigkeit weitergefahren und dann so schwer beschädigt worden, daß er nicht hätte weiterfahren können. So aber brauchte Marks nur auf den Führersitz zu steigen und den Rückwärtsgang einzuschalten, um wieder freizukommen.

 

Ein paar Minuten später war das Auto mit dem Goldtransport aus der Senke herausgefahren. Die bewußtlosen Polizisten und der Chauffeur waren gefesselt und lagen am Straßenrand. Innerhalb von fünf Minuten war alles erledigt gewesen. Marks nahm seine Maske ab und setzte seine Uniformmütze auf, während Connor ins Innere des Wagens kroch, wo die kleinen, versiegelten Kisten mit dem Gold standen.

 

»Vorwärts!« befahl O’Shea.

 

Das Lastauto setzte sich in Bewegung, und zehn Minuten später war es außer Sicht.

 

O’Shea ging zu seinem Wagen zurück und fuhr in der entgegengesetzten Richtung davon.

 

Kapitel 10

 

10

 

Die Polizeimaschinerie von Scotland Yard lief auf Hochtouren. Nach allen Richtungen hin hatte man Nachforschungen eingeleitet; nicht einmal Mrs. Elvery und ihre Tochter waren verschont geblieben. Gegen Mitternacht lagen Hallick bereits Nachrichten über die einzelnen Personen vor. Man hatte sich um die Vorgeschichte aller Leute gekümmert, die in Monkshall wohnten.

 

Mrs. Elvery, eine wohlhabende Frau, war nach dem Tod ihres Mannes ständig auf Reisen. Es ging ihr wirklich gut, und sie brauchte nicht zu sparen. Man hätte sie unter gewissen Umständen sogar reich nennen können. Sie gehörte zu diesen geheimnisvollen Frauen in mittleren Jahren, die von einem Hotel zum andern ziehen und in luxuriöser Umgebung verhältnismäßig sparsam leben. Man findet sie im August am Lido, im Juli in Deauville und im Winter an der Riviera oder in Ägypten.

 

Mr. Goodman war stiller Teilhaber in einer alten, nicht gerade sehr erfolgreichen Importfirma. Früher hatte er sich lange Jahre aktiv an dem Unternehmen beteiligt. Hallick zog daraus die Schlußfolgerung, daß die Firma glänzend verdient haben mußte, bevor sich Goodman vom Geschäft zurückzog.

 

Die Akten über Cotton waren nicht gerade sehr glänzend. Er war dreimal des Diebstahls verdächtigt und verhaftet worden. Aber man hatte ihn mangels Beweisen freisprechen müssen.

 

»Man muß sich Cottons Fingerabdrücke beschaffen, dann wird sich das weitere finden«, sagte Hallick zu Elk.

 

Cotton hatte immer Stellungen in Pensionen gehabt, und während er dort beschäftigt war, waren dann stets Schmuckstücke verschwunden, wobei der Verdacht immer auf ihn fiel.

 

Colonel Redmayne war früher ein armer Militärarzt gewesen und wegen Trunksucht entlassen worden. Durch Schiebung hatte er eine leitende Stellung beim Roten Kreuz erhalten. Als dann verhältnismäßig viel Geld aus der von ihm verwalteten Kasse verschwand, hatte man eine Untersuchung gegen ihn eingeleitet, und Scotland Yard war bereits auf ihn aufmerksam geworden. Man hatte aber von einer Anklage abgesehen, da das nötige Beweismaterial nicht zusammengebracht werden konnte. Zudem wurde das fehlende Geld wieder ersetzt, und man ließ daher die Sache fallen. Man sprach aber viel von ihm, als er Monkshall kaufte.

 

Die Nachrichten über Redmaynes Laufbahn waren Hallick neu.

 

»Militärarzt war er also?«

 

Elk nickte, denn er hatte selbst die Nachrichten über Redmayne gesammelt.

 

»Er war schon vor dem Krieg im Dienst und ist dann im Laufe der Jahre zum Colonel befördert worden. Es ist merkwürdig, wie stolz diese Leute auf ihren militärischen Rang sind.«

 

Hallick brachte den Abend damit zu, einen großen alten Plan von Monkshall und der nächsten Umgebung zu studieren.

 

Daneben lag eine Detailzeichnung der Eingangshalle, die bei Connor gefunden worden war. Eins war jedenfalls sicher: Connor war nicht in das Haus eingebrochen. Es mußte also irgend jemand der Hausbewohner ihn heimlich hereingelassen haben. Und wer kam da in Frage? Redmayne selbst hätte es nicht getan – ebensowenig seine Tochter!

 

Es konnte nur ein Dienstbote gewesen sein, und sicherlich niemand anders als Cotton. Es war nahezu unmöglich, in das alte, gutbefestigte Haus einzubrechen, ohne einen Verbündeten zu haben. Alle Fenster und Türen waren mit elektrischen Alarmanlagen versehen, außerdem war Monkshall so sicher gebaut, daß es eine Belagerung hätte aushalten können. Es schien, als ob Colonel Redmayne früher oder später den Besuch eines Einbrechers erwartet hätte. Hallick ging an jenem Abend todmüde ins Bett. Eigentlich erwartete er einen Anruf, aber es ereignete sich nichts. Er rief Monkshall an, bevor er am nächsten Morgen sein Haus verließ, und Dobie meldete, daß alles in Ordnung sei. Der Sergeant hatte sich noch nicht zur Ruhe gelegt, und bis dahin war auch noch nichts passiert. Weder hatte er Geräusche gehört noch ein Gespenst gesehen.

 

»Was reden Sie da wieder für einen Unsinn von Geistern und Gespenstern!« tadelte ihn Hallick. »Haben Sie etwa erwartet, daß Sie dort am hellen, lichten Tag Gespenster sehen?«

 

»Ich fange tatsächlich an zu glauben, daß es hier etwas gibt, was nicht mit natürlichen Dingen zugeht.«

 

»Ach, das ist Geschwätz«, entgegnete Hallick scharf. »Solchen Gedanken dürfen Sie sich nicht hingeben, Sergeant!«

 

Der Chefinspektor hatte auch noch einen anderen Fall zu bearbeiten und verbrachte zwei Stunden damit, ein wenig intelligentes Dienstmädchen über das geheimnisvolle Verschwinden von wertvollen Schmuckstücken auszufragen. Es war beinahe Mittag geworden, als er zu seinem Büro zurückkehrte. Sein Assistent teilte ihm eine unerwartete Neuigkeit mit.

 

»Mr. Goodman wartet auf Sie. Er möchte Sie sprechen. Ich habe ihn ins Empfangszimmer geführt.«

 

»Godman?« fragte Hallick und runzelte die Stirn. Im Augenblick konnte er sich nicht auf den Namen besinnen. »Ach ja, ist das nicht der alte Herr aus Monkshall? Was will denn der von mir?«

 

»Er sagte nur, daß er Sie sprechen wolle. Als ich ihm erklärte, daß Sie nicht anwesend seien, wollte er warten.«

 

»Bringen Sie ihn herein!«

 

Mr. Goodman betrat das Büro. Er schien ziemlich ängstlich und zurückhaltend zu sein.

 

»Ich habe, offen gestanden, erwartet, daß Sie mich nicht empfangen würden, denn ich weiß sehr wohl, wieviel Sie zu tun haben.« Er legte seinen. Hut und seinen Regenschirm sorgfältig auf einen Stuhl. »Aber da ich eine Besorgung in der Stadt hatte, dachte ich, daß ich auch bei Ihnen vorsprechen könnte.«

 

»Ich freue mich sehr, daß Sie mich hier besuchen, Mr. Goodman«, erwiderte Hallick und schob ihm einen Stuhl hin. »Haben Sie sich wieder neue Theorien gebildet über den Mord in Monkshall?«

 

Goodman lächelte.

 

»Ich habe Ihnen doch schon früher gesagt, daß ich keine Erklärung weiß, aber ich bin besorgt um Miss Redmayne.« Er machte eine Pause und zögerte. »Sie haben sie verhört, und sie war sehr bedrückt deshalb.« Er machte abermals eine Pause, aber Hallick half ihm nicht. »Sie wissen, ja schon, daß ich – Mary Redmayne gern habe; ja, ich darf wohl sagen, daß ich sie verehre. Ich würde alles tun, um diesen mysteriösen Fall aufzuklären, und ich bin fest davon überzeugt, daß ihr Vater mit dieser schrecklichen Angelegenheit nichts zu tun hat.«

 

»Ich habe auch nicht gesagt, daß er in die Geschichte verwickelt ist«, unterbrach ihn Hallick.

 

Mr. Goodman nickte.

 

»Das verstehe ich vollkommen, aber ich bin schließlich doch nicht ganz so dumm, wie es den Anschein haben mag. Ich weiß wohl, daß er unter Verdacht steht, und ebenso, daß alle Leute, die dort im Haus wohnen, mehr oder weniger verdächtig sind. Auch ich bin. nicht ausgeschlossen.«

 

Wieder hielt er im Sprechen inne, aber Mr. Hallick blieb stumm. Er war gespannt, was jetzt kommen würde.

 

»Ich bin ein verhältnismäßig wohlhabender Mann«, fuhr Goodman schließlich fort. Es schien ihm schwerzufallen, den Vorschlag zu äußern, den er im Sinn hatte. »Ich bin bereit, eine große Summe auszugeben, nicht gerade, um der Polizei zu helfen, aber um Colonel Redmayne von jedem Verdacht zu reinigen. Wahrscheinlich wird Ihnen mein Vorschlag sehr sonderbar erscheinen, aber ich habe Sie aufgesucht, um Ihnen zu sagen, daß ich einen Detektiv von Scotland Yard engagieren möchte.«

 

Der Chefinspektor schüttelte den Kopf.

 

»Wenn Sie ihn engagieren wollen wie einen Privatdetektiv, so ist das nicht möglich!«

 

Goodman machte ein langes Gesicht.

 

»Das tut mir unendlich leid. Ich hatte so viel von Mrs. Elvery gehört. Sie ist zwar etwas zu redselig und kann einem manchmal auf die Nerven fallen, aber sie hat eine außerordentliche Kenntnis in kriminalistischen Dingen. Und sie hat immer wieder betont, daß in Scotland Yard ein tüchtiger Beamter sei, der diesen Fall sofort aufklären könne – Inspektor Bradley.«

 

Hallick lachte.

 

»Inspektor Bradley ist im Augenblick nicht in England.«

 

»Ach, das ist aber schade«, entgegnete Mr. Goodman betrübt. »Mrs. Elvery sagt –«

 

»Ich fürchte nur, daß sie sehr viel sagt, was uns nicht weiterhilft«, unterbrach ihn Hallick gutgelaunt. »Es tut mir furchtbar leid, aber ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen; und es ist wohl auch am besten, wenn Sie uns die Aufklärung des Falles überlassen; denn wir haben keinen anderen Wunsch, als die Wahrheit ans Licht zu bringen. Wir wollen jede Person, die unter falschem Verdacht steht, davon befreien, aber ebenso fest sind wir entschlossen, den Täter ausfindig zu machen und ihn dem Gericht zu übergeben.«

 

Damit wäre die Unterredung eigentlich zu Ende gewesen, aber Mr. Goodman blieb noch sitzen und sah Hallick verlegen an.

 

»Furchtbar schade«, sagte er schließlich. »Mr. Bradley ist im Ausland. Dann kann ich also meine Neugierde nicht befriedigen. Und Mrs. Elvery hat mir doch so viel von diesem tüchtigen Detektiv erzählt. Er ist doch sicherlich sehr klug?«

 

»Das stimmt. Er ist einer der fähigsten Beamten von Scotland Yard.«

 

»Da bin ich um so trauriger, denn ich hätte gern gewußt, wie er aussieht.«

 

Hallick warf ihm einen kurzen Blick zu und schaute dann nach der Wand, wo drei Gruppenbilder hingen. Eins davon nahm er ab und legte es vor sich auf den Tisch. Es waren ungefähr dreißig Beamte darauf zu sehen, die nebeneinander saßen oder standen. Darunter konnte man lesen: Die Beamtenschaft des Polizeipräsidiums.

 

»Ich kann Ihre Neugierde doch befriedigen. Der vierte Malta von links neben dem Polizeipräsidenten ist Inspektor Bradley.«

 

Mr. Goodman rückte seine Brille zurecht und betrachtete das Foto genau.

 

»Das ist Bradley. Er sieht allerdings nicht aus wie ein Detektiv«, bemerkte Hallick lächelnd, »aber er ist trotzdem der tüchtigste Beamte von Scotland Yard.«

 

Goodman starrte auf die Fotografie, dann lächelte er ein wenig nervös.

 

»Es war sehr freundlich von Ihnen, Mr. Hallick. Sie haben recht, er sieht wirklich nicht aus wie ein Detektiv, aber das trifft ja bei keinem der Beamten von Scotland Yard zu. Die sehen aus wie –«

 

»Wie gewöhnliche Leute«, ergänzte Hallick und zwinkerte ihm zu.

 

Dann hängte er das Bild wieder an die Wand.

 

»Wegen Miss Redmayne machen Sie sich nur keine Sorgen. Und denken Sie um Himmels willen nicht daran, einen Detektiv für die Sache zu engagieren. Das wäre weder für Miss Redmayne noch für ihren Vater irgendwie von Nutzen. Unschuldige Leute haben nichts zu fürchten, schuldige dagegen viel. Sie kennen doch Colonel Redmayne seit langer Zeit, wie ich annehme?«

 

»Ja, schon mein ganzes Leben lang.«

 

»Dann kennen Sie auch seine Vergangenheit?«

 

Goodman zögerte.

 

»Ja, ich glaube, daß sie mir bekannt ist«, sagte er dann ruhig. »Es gab ein paar unangenehme Zwischenfälle in seiner Karriere, er hat mir alles selbst erzählt. Ich muß auch sagen, daß er sehr viel trinkt, das ist sehr schade. Aber ich glaube, er hat noch mehr getrunken, als sich diese unliebsamen Ereignisse abspielten.«

 

Er griff nach Hut und Schirm, nahm seine Pfeife aus der Tasche, sah sie an, steckte sie dann aber hastig wieder ein.

 

»Sie können hier ruhig rauchen, Mr. Goodman, wir bringen Sie deshalb nicht an den Galgen«, lachte Hallick.

 

Er begleitete seinen Gast den langen Korridor entlang und ging auch mit ihm die Treppe hinunter. In der Eingangshalle verabschiedete er sich von ihm. Hallick hoffte, daß er Goodman beruhigt hatte.

 

Kapitel 11

 

11

 

Es war vier Uhr, als Goodman die kleine Station erreichte, die einen Kilometer von Monkshall entfernt lag. Er machte sich zu Fuß auf den Weg ins Dorf.

 

Er war eine gute Viertelstunde unterwegs, als er das Geräusch eines Autos hinter sich hörte. Er machte sich nicht die Mühe, sich umzuschauen, und war darum überrascht, als der Wagen langsamer fuhr und jemand ihn anrief. Es war Ferdie Fane, der am Steuer saß.

 

»Steigen Sie ein, junger Mann«, sagte er vergnügt. »Warum wollen Sie Ihre Sohlen ablaufen, wenn Sie die Reifen eines Bekannten abnützen können?«

 

Fane hatte ein rotes, erhitztes Gesicht, und seine Augen glänzten hinter der großen Hornbrille.

 

Mr. Goodman fürchtete, daß Fane zuviel getrunken hatte.

 

»Nein, danke vielmals, ich will lieber zu Fuß gehen.«

 

»Ach, reden Sie doch nicht solchen Unsinn. Steigen Sie ein!« erwiderte Ferdie bestimmt. »Ich kann viel besser fahren, wenn ich einen hinter die Binde gekippt habe, als wenn ich mit nüchternem Magen durch die Gegend gondele. Aber ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß ich nichts getrunken habe.«

 

Zögernd und vorsichtig stieg Goodman in den Wagen und nahm neben Fane Platz.

 

»Ich werde langsam fahren, Sie brauchen wirklich keine Angst zu haben.«

 

»Glauben Sie, daß ich Angst habe?« fragte Goodman etwas heiser. »Das weiß ich bestimmt«, entgegnete Fane belustigt. »Wo sind. Sie denn eigentlich an diesem Tag gewesen?««

 

»Ich bin nach London gefahren.«

 

»Oh, das ist eine interessante Stadt, aber es wohnt sich nicht sehr nett dort.«

 

Fane hielt sein Wort und fuhr mit äußerster Vorsicht, wie Mr. Goodman beruhigt feststellen konnte. Er war neugierig, wie Ferdie zu dem Wagen gekommen war, und fragte ihn danach.

 

»Ich habe das Auto gegen schweres Geld von einem Räuber und Straßendieb aus dem Dorf geliehen. Können Sie auch fahren?«

 

Mr. Goodman schüttelte den Kopf.

 

»Es ist ein sehr glatter, guter Weg für einen Personenwagen, aber es ist unendlich schwer, hier mit einem Lastwagen entlangzufahren, besonders wenn man schwer geladen hat. Kennen Sie Lark Hill?«

 

Mr. Goodman nickte.

 

»Ein Lastwagen ist dort oben steckengeblieben, und ich glaube, er wird auch vorläufig nicht von der Stelle kommen, obwohl im Augenblick die Straße trocken ist. Wie schwierig muß es erst sein, mit einer schweren Last in einer regnerischen Nacht dort entlangzufahren! An dem steilen Hügel ist schon mehr als ein Chauffeur gescheitert.«

 

Er sprach über gleichgültige Dinge, bis sie zum Fuß des steilen Hügels kamen, wo der schwere Lastwagen noch verlassen an der Straßenseite stand.

 

»Sehen Sie, dort steht der Kasten«, sagte er mit Genugtuung. »Es wird eine ganze Menge Mühe und Arbeit kosten, um ihn wieder flott zu bekommen. Nur ein außerordentlich tüchtiger Chauffeur bringt so etwas fertig.«

 

Goodman lächelte.

 

»Ich habe niemals gewußt, daß es auch unter den Chauffeuren besonders tüchtige Leute gibt. Aber schließlich scheint es in jedem Beruf, so einfach er auch sein mag, einen Napoleon zu geben.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen«, entgegnete Ferdie.

 

Bald hatten sie Monkshall erreicht, und Fane gab einem der Angestellten, der den Wagen ins Dorf zurückbringen sollte, ein Trinkgeld. Dann verschwand er ins Haus.

 

Goodman schaute sich um. Trotz seines Alters war seine Sehkraft noch sehr gut. In der Nähe der Ruine bemerkte er eine schlanke Gestalt – es war Mary. Sie erkannte ihn und kam ihm entgegen. Ihr Vater befand sich in seinem Arbeitszimmer, und sie wollte gerade zum Tee gehen. Er fand, daß sie etwas angestrengt und bleich aussah.

 

»Hat sich heute nichts ereignet?« fragte er schnell.

 

»Nein, Mr. Goodman, aber ich habe Angst vor der kommenden Nacht.«

 

Er legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.

 

»Aber, liebes Kind, Sie sollten wirklich von hier fortgehen. Ich muß einmal mit dem Colonel darüber sprechen.«

 

»Ach, bitte, tun Sie das nicht«, entgegnete sie schnell. »Vater will nicht haben, daß ich gehe. Aber die letzten Tage haben mich etwas nervös gemacht.«

 

»Ist der junge Mann wieder aufdringlich geworden?«

 

»Nein. Sie meinen Mr. Fane? Der war sehr nett zu mir, ich habe ihn heute nur ein paar Minuten gesprochen. Er ist mit einem Auto fortgefahren und fragte mich –« sie brach plötzlich ab.

 

»Hat er Sie eingeladen, mitzufahren? Der junge Mann hat vielleicht Nerven!«

 

»Er war aber wirklich sehr nett«, sagte sie schnell. »Ich war nur nicht in der Stimmung, eine Spazierfahrt zu machen. Soviel ich weiß, ist er soeben zurückgekommen. Oder waren Sie es, der mit dem Auto vor Monkshall hielt?«

 

Er erzählte ihr, daß er unterwegs Ferdie Fane getroffen habe, und Mary lachte zum erstenmal an diesem Tage.

 

»Es ist merkwürdig. Manchmal ist er vernünftig, und dann kann ich ihn recht gut leiden. Cotton scheint ihn zu hassen, er sagte mir heute, daß er kündigen würde, wenn Mr. Fane das Haus nicht verließe.«

 

Goodman lächelte.

 

»Sie scheinen ja recht viel Mühe und Sorgen in Ihrem Haushalt zu haben. Hoffentlich ist Mr. Partridge nett und liebenswürdig?«

 

Sie lächelte ein wenig.

 

»Ja, er ist reizend. – Heute habe ich ihn noch nicht gesehen«, fügte sie dann hinzu.

 

»Sie können das jetzt nachholen«, erwiderte er und zeigte zum Rasen hinüber.

 

Dort stand Mr. Partridge in seinem schwarzen Rock, aber man konnte ihn kaum vor dem dunklen Hintergrund der Bäume erkennen. Langsam ging er auf und ab und las dabei ein Buch. Aber allem Anschein nach war seine Aufmerksamkeit nicht vollkommen bei seiner Lektüre, denn er schloß das Buch und ging auf die beiden zu.

 

»Das ist doch hier ein herrliches Fleckchen Erde, meine liebe Miss Redmayne, ein wundervoller Platz, ein Paradies auf Erden!«

 

Bei Tageslicht sah sein Gesicht nicht so sanft und freundlich aus, im Gegenteil, seine Züge waren hart und scharf, und seine dunklen Augen hatten einen stechenden Ausdruck. Seine Stimme klang allerdings nach wie vor liebenswürdig, nur etwas zu salbungsvoll. Irgendwie mißfiel er Mary vom ersten Augenblick an, und jetzt erschien er ihr noch abstoßender als zuvor.

 

»Ich sah Sie mit einem Wagen kommen, Mr. Fane saß am Steuer«, wandte sich Partridge vorwurfsvoll an Goodman. »Dieser Mr. Fane ist doch ein merkwürdiger junger Mahn. Leider scheint er sich dem Alkohol zu sehr ergeben zu haben!«

 

»Ich kann aber tatsächlich bezeugen«, unterbrach ihn Mr. Goodman, »daß Fane heute vollkommen nüchtern ist. Er hat mich mit außerordentlicher Geschicklichkeit nach Hause gefahren. Er ist nur leicht erregbar, und vielleicht tut man ihm manchmal unrecht wegen seines seltsamen Verhaltens.«

 

Der Pfarrer warf den Kopf zurück. Er konnte Fane nicht leiden und hielt nicht viel von dessen Charakter.

 

Man konnte aber an Fanes Benehmen nichts aussetzen, als er kurz darauf zum Tee in der Halle erschien. Er hätte allein gesessen, wenn Goodman ihn nicht in den kleinen Kreis eingeladen hätte, der aus Mrs. Elvery, Mary und den beiden Herren bestand. Er war sehr ruhig, und obwohl er mehrere Male Gelegenheit gehabt hätte, in die Unterhaltung einzugreifen, hielt er sich zurück und blieb liebenswürdig und bescheiden.

 

Mary beobachtete ihn heimlich. Sie interessierte sich bereits mehr für ihn, als sie sich eingestehen wollte. Es fiel ihr auf, daß er älter sein mußte, als sie anfangs geglaubt hatte. Auch ihr Vater hatte das bemerkt. Fanes Haare waren an den Schlafen schon leicht angegraut, und obwohl das Gesicht sonst glatt und ohne Falten war, zeugten doch die entschlossenen, etwas harten Züge davon, daß er die Dreißig überschritten haben mußte. Vielleicht war er auch schon älter als vierzig.

 

Er hatte eine tiefe, etwas brüske Stimme. Mary fand, daß er ziemlich nervös war, denn ein- oder zweimal, als sie ihn ansprach, schrak er heftig zusammen, und er mußte sich Mühe geben, den Tee nicht zu verschütten, als er die Tasse gerade in der Hand hielt.

 

Nachdem sich die Gesellschaft zerstreut hatte, sprach Mary ihn an.

 

»Sie scheinen heute ein wenig geistesabwesend zu sein, Mr. Fane.«

 

»So, ist Ihnen das aufgefallen?« Er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. »Es ist merkwürdig, daß die Gegenwart von Pfarrern mich immer ganz niedergeschlagen macht. Vielleicht meldet sich mein Gewissen, das ist sehr unangenehm.«

 

»Was haben Sie denn den ganzen Tag gemacht?« fragte sie.

 

Das ging sie eigentlich nichts an, und sie erkundigte sich schließlich auch nur, um die Unterhaltung fortzuführen.

 

»Ich habe nach Gespenstern gejagt«, erwiderte er.

 

Als er aber bemerkte, wie bleich sie wurde, taten ihm seine Worte leid.

 

»Entschuldigen Sie vielmals, das hätte ich nicht so unvermittelt sagen sollen.«

 

Aber trotz alledem hatte er es ernst gemeint. Das wurde ihr ganz klar, als sie allein in ihrem Zimmer war und über Ferdie Fane nachdachte. Bestimmt hatte er den ganzen Tag damit zugebracht, die Geistererscheinung zu ergründen. Ob er selbst wohl der Mönch in der schwarzen Kutte war? Aber dann ließ sie den Gedanken sofort wieder fallen. Das konnte und wollte sie nicht glauben.