Schlauheit schützt nicht vor Täuschung

Schlauheit schützt nicht vor Täuschung.

Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu33 hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.

Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen Fisch, der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern unbedenklich verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin und aß mit großem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und sie hatte deshalb das Stück Fisch vorläufig versteckt um erst zu sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße. Als sie nun sah, daß er ihn mit gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurück und ließ es sich schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu wirken und Herr und Katze starben unter großen Qualen. So sieht man, wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen läßt.

  1. Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel verwendet zu werden.

Der bedächtige Reiher

Der bedächtige Reiher.

Ein Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf und ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich einen zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch ein munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hüpfte ein Frosch auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesang an.

»Hei!« dachte der Reiher, »das ist reiche Beute! Aber welchen von den dreien nehme ich zuerst?«

Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten die drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.

Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im tiefsten Schlamm. Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam, die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen. Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer. So geht es allen zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln vergessen.

Juki-onna

Juki-onna

s waren einmal zwei Holzhauer: der eine hieß Nishikaze,2 dieser war ein älterer Mann, während der andere Teramichi hieß und noch ein Jüngling war. Beide wohnten im gleichen Dorfe und gingen jeden Tag zusammen in den Wald um Holz zu schlagen. Um in den Wald zu gelangen, mußten sie einen großen Fluß passieren, über den eine Fähre eingerichtet war. Als sie eines Tages spät mit ihrer Arbeit fertig waren, wurden sie von einem furchtbaren Schneesturm überrascht; sie eilten zur Fähre, mußten aber zu ihrem großen Schrecken sehen, daß der Fährmann soeben übergesetzt war und sich auf der anderen Seite des reißenden Flusses befand, von der er des rasenden Sturmes wegen vorläufig nicht zurück konnte. Da die Beiden im Freien das Ende des Sturmes nicht abwarten konnten, beschlossen sie in das nahebei befindliche Haus des Fährmanns zu gehen und dort dessen Rückkehr abzuwarten. Gesagt, getan! Im Hause angekommen, warfen sie sich zur Erde, nachdem sie Tür und Fenster wohl verwahrt hatten und lauschten dem Tosen des Sturmes. Der Ältere, ermüdet von des Tages Last und Arbeit, war bald in Schlaf verfallen; aber der Jüngere konnte kein Auge schließen, denn das Heulen, Brausen, Rauschen und Krachen war unheimlich und das Häuschen erzitterte in allen Fugen.

Plötzlich gab es einen fürchterlichen Schlag, als wollte der Sturm das Haus zertrümmern, die Tür sprang auf und ein eisiger Wind mit einer riesigen Schneewolke drang herein. Entsetzt starrte Teramichi auf die Wolke, denn diese bewegte sich auf und ab und nahm endlich menschliche Gestalt an, die Gestalt einer Frau in weißem Gewande und wandte sich zu der Stelle, wo Nishikaze schlief; dort beugte sie sich zu dem Schläfer nieder, ihrem Munde entströmte ein weißer Nebel, der sich auf das Gesicht des Mannes ausbreitete, dann richtete sie sich auf und kam auf Teramichi zu, der, unfähig ein Glied zu rühren, die Augen angstvoll weit geöffnet hielt. Dicht vor ihm angekommen neigte sie sich nahe auf sein Gesicht und sah ihn ein Weilchen ruhig an; dann sprach sie leise, ihre Stimme war wie ein Hauch und ihr Gesicht nahm freundlichere Züge an: »Deinen Kameraden habe ich getötet, wie alles, das in mein Bereich kommt. Auch du solltest sein Los teilen, doch bist du noch kein Mann und hast noch nicht gelebt. Drum sei verschont! Doch diese Schonung wird dir nur so lange Zeit, als du schweigen kannst. Kommt auch nur ein Wort von dem über deine Lippen, was du hier erlebtest, – sei es zu wem es wolle, nicht Vater, nicht Mutter, nicht Weib noch Kind, niemand, hörst du, niemand darf erfahren, was hier geschah, – so treffe ich dich, wo es auch sei! Denke daran!«

Nach diesen Worten schwebte sie langsam empor und verschwand durch die Tür.

Jetzt wich der Bann von dem jungen Manne, er sprang auf, eilte zur Tür und verschloß sie fest. Dann wandte er sich zu seinem Kameraden und rief ihn an; doch dieser rührte sich nicht, er war steif und starr, er war tot, sein Gesicht verklärte ein glückliches Lächeln. Endlich ließ der Sturm nach und der Morgen brach an und der Fährmann, der nun zurückkehrte, fand beide Männer in seinem Häuschen und hielt sie für tot, für erfroren; doch als er sie aufhob, tat Teramichi einen tiefen Seufzer, schlug die Augen auf und kam bald wieder zu sich, während Nishikaze tot blieb und begraben wurde.

Der junge Mann aber ging wieder seinem Berufe nach und wanderte tagtäglich in den Wald, erzählte niemand sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau, denn eine solche war es, wie ihm zur Gewißheit wurde, hatte. So gingen zwei Jahre dahin.

Als er eines Abends nach vollbrachtem Tagewerk wieder heimwärts wanderte, begegnete ihm ein junges hübsches Mädchen, das ihm so gefiel, daß er sich in ein Gespräch einließ. Das Mädchen erzählte ihm, daß es Waise sei und zu entfernt wohnenden Verwandten wandern wolle, wo es hoffe aufgenommen zu werden.

Als das Paar nahe dem Dorfe war, in dem Teramichi wohnte, sprach dieser zu dem Mädchen:

»Es ist jetzt Abend und kalt und die Wege sind unsicher; komm mit in meine armselige Hütte und nimm teil an dem bescheidenen Mahle, das meine Mutter bereitet hat! Ruhe dich dann aus und so du willst, kannst du morgen früh deine Wanderung fortsetzen!«

Das Mädchen, das sich »Juki« nannte, nahm dies Anerbieten an und begleitete den jungen Mann in sein Haus, wo die Mutter ihm eine freundliche Aufnahme bereitete. Als es sich ausgeruht hatte und am andern Morgen sich wieder auf den Weg machen wollte, bat die Mutter, es möge doch noch einige Tage bleiben und wenn es niemand in der Welt habe, der es erwarte, so möge es bleiben, so lang es wolle und ihr etwas zur Hand gehen, da sie selbst schon alt sei und sich schon längst eine Stütze im Hause gewünscht habe. Da auch Teramichi, der zu dem Mädchen in heißer Liebe entbrannt war, sich den Bitten seiner Mutter anschloß, so schlug es ein und blieb im Hause.

Wie es nun so geht, wenn ein Mann einem Mädchen mit reiner Liebe zugetan, daß das Mädchen schließlich auch Liebe empfindet, so war es auch hier und es dauerte nicht lange Zeit, so hatten sich beide ihre Liebe erklärt und Teramichi und Juki wurden ein Paar.

Juki war stets eine brave Frau und verehrte ihre Schwiegermutter in kindlicher Liebe bis diese starb; dann widmete sie sich nur ihrem Manne und ihren Kindern, von denen sie im Laufe der Jahre ihrem Gatten zehn geschenkt hatte. Die Kinder blühten und gediehen und wuchsen heran; keine Krankheit, kein Unglück störte den Frieden und das Glück dieser Ehe, die jedermann als die beste im ganzen Lande pries.

Als ganz besonderes Wunder aber wurde erwähnt, daß Juki immer jung aussah, immer blühend und in voller Kraft war und man keinerlei Spuren des Alterns bei ihr wahrnehmen konnte. So vergingen die Jahre, als eines Abends im Winter, als das Paar im traulichen Zwiegespräch beisammensaß, wieder einmal ein furchtbarer Schneesturm losbrach. Der Mann erschauerte, indem er seines Erlebnisses in der Hütte des Fährmannes gedachte und sinnend betrachtete er seine Frau, die ihm schöner als je erschien und plötzlich glaubte er in ihrem Gesicht eine Ähnlichkeit mit der Schneefrau zu entdecken, die ihm damals vor vielen Jahren das Leben schenkte. Diese Ähnlichkeit trat immer deutlicher hervor, so daß er den Ausruf nicht zurückhalten konnte: »Nein, du bist schöner!«

Juki wurde aufmerksam und fragte, was diese Worte bedeuten sollten; ohne zu zögern, halb im Traum, erzählte er ihr nun sein Abenteuer, das er mit der Schneefrau hatte und schloß seine Erzählung mit den Worten: »Sie war schön, aber geisterhaft schön; du aber bist menschlich, natürlich schön!«

Da erhob sich Juki und erschreckt sah der Mann, wie sie größer und größer wurde, wie ihr Gesicht sich verklärte, die Kleidung sich in lichtes Weiß verwandelte und sie endlich so vor ihm stand, wie damals die Schneefrau. Er stürzte zu Boden, streckte die Arme aus und rief: »Ja du bist es doch, verzeih, verzeih!«

Sie aber schüttelte das Haupt und herrschte ihn an:

»Ja ich bin es! Konntest du den Mund nicht halten, nachdem du solange geschwiegen hast? Ich könnte dich jetzt töten; ein Hauch aus meinem Munde würde deine Glieder erstarren lassen, das wäre die gerechte Strafe, daß du nicht nur dein, sondern auch mein Glück zerstört hast! Denn sieh!« – hier nahm ihre Stimme einen milden Klang an – »als ich dich damals in jener Hütte als blühenden hübschen Jüngling so hilflos vor mir sah, da tatest du mir leid, aber nicht nur leid; ich fühlte den Wunsch in mir, auch einmal Menschenglück zu genießen, anstatt stets zu zerstören. Ja, ich liebte dich und nahte mich dir in menschlicher Gestalt, ich genoß an deiner Seite Jahre ungetrübten Glücks. Jetzt hast du es selbst zerstört und ich muß zurück in mein kaltes Reich und du? – Ich gedenke des Glücks, das ich genossen und der armen dort ruhenden Kinder, denen ich neben der Mutter nicht auch den Vater rauben will. Mögest du drum leben; bleibe den Kindern ein guter Vater und suche dadurch dein heutiges Unrecht zu sühnen!«

Damit drückte sie ihm einen Kuß auf die Stirne, der, obgleich eiskalt, wie Feuer brannte; die Tür sprang auf, ein wirbelnder Schneeschauer durchtobte das Haus und entführte Juki-onna, den Mann einsam zurücklassend.

Von diesem Tage an blieb er, der sonst stets heiter und guter Dinge war, ernst und kein fröhliches Wort kam mehr über seine Lippen; er lebte nur seinen Kindern, zog sie zu tüchtigen, braven Menschen auf und als nach vielen Jahren wieder einmal ein Schneesturm brauste, nahm dieser die Seele des Mannes mit und führte sie seiner »Juki-onna« zu.

Die Leute aber sagten, als sie ihn am andern Morgen tot fanden, er sei erfroren.

  1. Juki = Schnee, onna = Frau, Juki-onna = Schneefrau.
  2. Sprich Nishikase.

Belohnte Kindesliebe

Belohnte Kindesliebe.

Vor ungefähr zweihundert Jahren lebte in der zwischen Inaba und Harima gelegenen Provinz Mino nahe beim Städtchen Tarni ein Holzhacker, der nur einen Sohn hatte. Beide waren sehr arm und mußten täglich ins Gebirge, um durch Holzhauen ihr Brot mühsam und spärlich zu verdienen. Solange beide gesund und kräftig waren, gelang es ihnen auch ihren Lebensunterhalt zu gewinnen. Aber der Vater wurde immer älter und immer steifer und ungelenkiger wurden seine Glieder, sodaß schließlich der Sohn allein in den Wald gehen mußte, während der Alte daheim blieb. Dem jungen Manne machte dies keine große Sorge; kräftig und rüstig, wie er war, arbeitete er umso fleißiger und war glücklich, wenn er außer der täglichen Nahrung noch einige Sen34 mehr verdient hatte, um seinem alten Vater ein Fläschchen Sake35 kaufen zu können, den dieser leidenschaftlich gern trank und der ihm auch wohltat und ihn kräftigte.

Nun kam aber einmal ein sehr kalter Winter und der Schnee bedeckte bis spät in den Frühling Feld und Flur und machte die Wege ungangbar, sodaß der junge Holzhauer nur einen kärglichen Verdienst fand und daher oftmals seinem Vater nicht den gewohnten Sake kaufen konnte. Darüber war er natürlich sehr traurig und betete oft zu den Göttern, sie möchten doch dem harten Winter ein Ende machen oder ihm anderweit Hilfe senden. Eines Tages hatte er wieder nur eine ganz kleine Last Holz in die Stadt bringen können, und der Erlös reichte nicht einmal zu dem Nötigsten, geschweige denn zu einem Fläschchen Sake für den Vater. Obgleich ihm der Sakehändler gern auf Borg gegeben hätte, wollte der junge Mann davon nichts wissen, denn er gedachte des Sprichworts: »Schulden sind schlimmer als Motten im Pelz!«36

So ging er denn betrübt heim und dachte während seines Weges nur darüber nach, wie er seinem Vater eine Stärkung verschaffen könnte. Am Fuße des Tagiyama angekommen, hockte er sich nieder um ein Weilchen auszuruhen, aber auch hier fand er keine Ruhe vor seinen Sorgen und so wandte er sich wieder in inbrünstigem Gebete zu den Göttern.

Da hörte er plötzlich ein seltsames Rauschen, Dampf stieg an der Seite des Berges auf und ein eigentümlicher Geruch, fast wie erwärmter Sake, erfüllte die Luft. Schnell war die Müdigkeit des jungen Mannes verschwunden, er sprang auf und eilte zur Stelle, wo der leichte Dampf aufstieg.

Was erblickte er da? Welches Wunder sahen seine Augen?

Dort, wo stets eine kahle Felsenstelle war, sprang jetzt ein munterer Quell hervor und hüpfte in lustigen Sprüngen dem Tale zu. Der junge Mann schöpfte in der hohlen Hand etwas Wasser, das warm war, und kostete es. Welch‘ eigentümlicher Geschmack! So etwas hatte er noch nie getrunken. »Das ist ein Geschenk von Euch, o Götter!« rief er aus und füllte, nachdem er ein Dankgebet verrichtet hatte, seine Reiseflasche mit dem kostbaren Naß.

Frohgemut und seiner Sorge ledig, eilte er nun seinem Heime zu, wo er seinem Vater den wundervollen Trank verabreichte. Es war aber auch wirklich ein Wundertrank, denn der alte Mann fühlte neue Kräfte in seinen Körper einziehen; ja, am nächsten Tage fühlte er sich schon so weit gekräftigt, daß er aufstehen und, auf seinen Sohn gestützt, zur Quelle wandern konnte. »Sollte diese Gabe der Götter nur zum Trinken sein?« fragte sich der Sohn und riet seinem Vater in dem warmen Wasser ein Bad zu nehmen, was dieser auch tat. Er merkte, daß nach dem Bade seine Gliederschmerzen nachließen.

Tagtäglich wanderten nun beide zu dem wunderbaren Quell und nach kurzer Zeit war der Alte so weit hergestellt, daß er seinen Sohn wieder in den Wald begleiten und bei seinem Tagwerke helfen konnte; infolgedessen waren beide von aller Sorge befreit und konnten zufrieden und glücklich leben.

Die Kunde von dieser wunderbaren Heilung verbreitete sich natürlich schnell und von fern und nah eilten Kranke und Gebrechliche herbei um Heilung ihrer Leiden zu suchen und zu finden. Selbst dem Kaiser wurde von dieser Heilquelle berichtet, der, nachdem er sich von der Richtigkeit überzeugt hatte, ihr den Namen Yoro37 geben ließ, ja, er nannte sogar die Zeitepoche von der Entstehung der Quelle »Yoro-Zeit.«38

Die Quelle – eine Mineralquelle – hat ihre Heilkraft bis auf den heutigen Tag behalten.39

  1. Japanische Kupfermünze heutiger Währung = 2 Pfg.
  2. Reiswein.
  3. Japanisches Sprichwort. Es ähnelt dem deutschen »Borgen macht Sorgen!«
  4. Yo = Kraft, Stärke, Pflege, ro = das Alter, Yoro = Kräftigung oder Pflege des Alters.
  5. Wie in China ist es auch in Japan Sitte, die Jahreszahl nicht ununterbrochen fortlaufend zu führen, sondern in Zeitepochen, von irgend einem besonderen Ereignis abgeleitet. So haben die Japaner jetzt nicht 1912 sondern das Jahr »45 Meiji«, d.h. »Aera des wahren Friedens«.
  6. Der vollständige Name der Quelle ist: Yoronotaki auch Yorogataki, taki = Wasserfall, Yoro siehe oben.

Der bestrafte Tierquäler

Der bestrafte Tierquäler.

In Yedo40 lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte. Auf einem Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drängte und der Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls auf den Märkten einen Tiger auszustellen.

Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und nähte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.

Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.

Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb zu füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu Grunde ging. Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht und rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.

Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn der Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem Tigerfell und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem Blöken auf die Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes.

Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.

  1. Das heutige Tokyo.

Rai-taro

Rai-taro

Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe, dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« – großer Wind – Orkan. – Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.

Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es ist der Hakusan42 auch »Shirayama« genannt.

Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens Bimbo,43 er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der Erntesegen blieb oft aus.

Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große Sorgen, denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen Reisähren hingen schlaff herab.

Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft, warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus. Selbst das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter, ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft inbrünstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder verschönt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte durch den heißen, trocknen Sommer vernichtet zu werden.

Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus, ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am Horizonte ein leichter Schleier zeigte.

»Wind – Sturm!« rief der Bauer freudig aus, »das bringt Regen!«

Er hatte sich nicht getäuscht.

Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die sich zu dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises Raunen, dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die Vögel und die Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und Sturmvögel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen den Bäumen, die angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es los das Stöhnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller Freude, denn dieser Sturm bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten.

Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die Hand seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu ihrem größten Erstaunen lag neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war. Es lächelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten entgegen.

Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es schützend unter seinem Strohmantel;44 dann eilte er mit seiner Frau heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.

Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.

Wie sollte der Name sein?

Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.

»Das Kind hat uns Raiden geschenkt«, sagte er zu seiner Frau; »deshalb wollen wir es Raitaro nennen!«

Und so geschah es.

Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein Vergnügen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang auf dem Rücken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzücken und beim Rollen des Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus.

Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben reichliche Ernte, keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete mehr die Frucht mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten, so daß er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte.

Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und fröhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und vergeblich war die Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend nahte und die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte seinen Eltern für alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. »Meine Zeit ist um«, sagte er zuletzt, »meine Absicht euch zu nützen ist gelungen, auch in Zukunft werde ich über euch wachen. Lebt wohl!«

Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe; der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.

Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es gar nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und in stiller Wehmut fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte Raitaro’s erzählt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein. Wer sich aber Mühe gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier wiedererzählt habe.

  1. Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners, Donnersohn.
  2. Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß. Also »weißer Berg.« Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und 2720 m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm, man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7 Meter gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen Kilometer hinauf im Winter undurchführbar war.
  3. Bimbo = arm.
  4. Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh, gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter lang.

Hotaru

Hotaru.45

In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.

Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf. Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.

Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond sich beschämt verstecken mußte.

Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen, Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine Künste, um Gnade vor Hotaru’s Augen zu finden. Diese aber blieb unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich, in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie beschloß sich all der Freier zu entledigen.

Deshalb sagte sie zu ihnen:

»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.

Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren, kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.

Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß, stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder. Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen; aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch – zisch – der Falter war tot.

So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und Hotaru heimführen zu können.

Von all dem erfuhr auch Hitaro46 und dachte bei sich, wenn so viele Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt, daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler schickte, der um ihre Hand anhalten mußte4748 und sie auch zugesagt erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.

Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch: »Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.«

  1. Hotaru = Johanniswürmchen.
  2. Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn = Leuchtkäfer.
  3. Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung durch einen dritten –
  4. Vermittler – erfolgt. Unschicklich wäre es, wollte der Freier es selbst tun.

Der Hase und der Dachs

Der Hase und der Dachs.

Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich nährte. Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das er verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt. Während der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte das Haus sauber.

Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines weißen Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen, unterhielten sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke.

Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und ein Geizhals dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte, blieb vergeblich, alle seine Niederträchtigkeiten scheiterten an der festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen besuchte, brachte er ihm auch einige Süßigkeiten mit, die die Frau gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich und beschlossen, dem Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu verzehren. Der Mann packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.

Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: »Der Kerl hat sich durch seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn schlachten und dann zu Mittag verspeisen!« Mit diesen Worten hing er den Dachs an einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu holen.

Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie sich an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört hätte.

Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen; als er aber sah, daß alles Lamentieren nichts half, wurde er nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse können sich nämlich in jede Gestalt verwandeln, doch können sie das nur, wenn sie im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen sind. Gefesselt vermögen sie ihre Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur frei zu kommen, sondern sich auch zu rächen. Deshalb hörte er mit seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmütigster Stimme zu: »Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!«

»Ich danke,« erwiderte die Frau, »bleibt nur hübsch da oben, denn helfen würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich schlagen!«

»Aber seid doch nicht so ängstlich,« sprach der Dachs mit einschmeichelnder Stimme, »schließt doch alle Fenster und Türen, dann kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer quälen zu sehen!«

Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß die Frau – einfältig, wie sie war, – seinen Worten wirklich Glauben schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und frei, so stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stücke Fleisch ab, warf diese in den Mörser und vermischte sie mit dem Reis. Die übrigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen. Nun kochte er ein schönes Gericht und als der Mann zurückkam, bekam er es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natürlich, es sei seine Frau, die den Dachs während seiner Abwesenheit geschlachtet hätte. Er freute sich sehr darüber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur wunderte er sich, daß das Fleisch etwas zähe und mager war.

Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente,30 auch etwas zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles aufgegessen hatte, zu diesem recht spöttisch:

»Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich, seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst, und schaue, was hinter dem Hause liegt!«

Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und erblickte hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau. Er brach darüber in Tränen aus und war ganz untröstlich.

Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und den Tod der Frau seines Freundes zu rächen.

Er nahm in der Küche etwas Miso31 und mischte dieses mit gestoßenem rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm das Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau zuwanderte, zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf den Rücken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war, durchgebrannt war, natürlich war auch der Rücken des Dachses arg verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: »Jammere doch nicht, wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte still und laß dich einreiben!«

Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso einzuschmieren.

Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken begannen.

Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. »Hättest du früher gewinselt, ginge es dir heute nicht so schlecht!« rief ihm der Hase zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und diesem von der Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.

Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses als Sühne, denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder gesund sei, er noch weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein größeres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch während seines Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm die schreckliche Salbe geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase aber erwiderte: »Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.« Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen konnte, schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote lagen. Der Hase fragte: »Welches willst du nehmen?« »Natürlich das große,« entschied der Dachs, »ich bin einmal der Vornehmere und dann auch schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!«

Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase, zufrieden mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.

Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich kein Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.

»Dort ist einer!« rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder und tat einen kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich sofort in Stücke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei jedem Schlage ausrufend: »Das ist für die ermordete alte Frau, das ist für die ermordete alte Frau!«

So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot war und von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen, aufgefressen wurde.

Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.

»Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!« rief er schon von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das Boot zerschlagen und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer noch Furcht hatte, daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid zufügen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das Grab seiner Frau zu kommen.

Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau noch lebe:

»Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist tot, getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr schaden!«

Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen32 und ging mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu beweisen.

Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels.

So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle möglichen Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe. War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und brachte ihm stets schöne Früchte mit.

So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber der weiße Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag, wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen werde und sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn man mißgünstig die Freundschaft anderer stören will.

  1. In den japanischen Familien ist es noch vielfach Sitte, daß der Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird. Sind Kinder vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die Frau mit den Töchtern später.
  2. Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche Brühe.
  3. Japanische Sitte. In Japan wird jedes Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen der Familie verkündet.

Zur Einführung

Zur Einführung.

Nicht mit Unrecht wird Japan als das »wunderbare Sonnenland« bezeichnet; denn neben seinen wirklich wunderbaren Naturreizen bieten Kunst und Literatur, ganz besonders die des Altertums, eine schier unerschöpfliche Fundgrube nicht nur für den wissenschaftlichen Forscher sondern auch für den Schöngeist und für den Freund eines reinen Volkstums. Gar reich, und nicht hinter der deutschen zurückstehend, ist die japanische Märchenwelt, aus der ich hier eine Auswahl zusammengestellt und für die deutsche Jugend bearbeitet habe.

Es ist dies meines Wissens das erste Werk, das aus dem reichen Märchenschatze Japans der deutschen Jugend eine sorgfältig zusammengestellte Auswahl bietet; mag auch das eine oder andere hier und dort einmal irgendwo veröffentlicht und dadurch bekannt sein, so ist dies doch meistens zerstreut in Zeitungen, Zeitschriften oder wissenschaftlichen Werken in wörtlicher Übersetzung erfolgt und nur für Erwachsene geeignet.

Keine jener Veröffentlichungen ist von mir benutzt worden oder hat mir als Vorlage gedient, sondern lediglich die japanischen Ausgaben und mündliche Erzählungen der Japaner; deshalb enthält das Vorliegende auch viele Fabeln und dergl., die nur im Munde des Volkes leben, von denen sich also in der Literatur selbst keine Spuren finden.

Da dieses Buch der deutschen Jugend gewidmet ist, mußten bei der Auswahl und Bearbeitung größte Sorgfalt aufgewendet und manche Stellen verändert, fortgelassen oder durch andere ersetzt werden, um das ganze dem Verständnis der Jugend anzupassen, dies umsomehr, als die Originale oft eine derart freie Sprache führen, daß man sie, unserem deutschen Moralempfinden entsprechend, nicht jedermann in die Hand geben kann.

Durch Beifügung erläuternder Anmerkungen, historischer Daten usw. dürfte dieses Buch einen über den Rahmen einfacher Märchenlektüre hinausgehenden Wert gewinnen.

Besonderer Dank sei an dieser Stelle den Herren Dr. Miyauchi, Ohno, Nakamura, Hajime Iwane und K. Nakamatsu für ihre liebenswürdige Beihilfe zu diesem Werke; auch dem Herrn T. Tokikuni, der die farbigen Bilder zeichnete, während die übrigen älteren und neueren japanischen Werken entnommen sind.

Möge daher diese Gabe, die ich der Jugend in meiner deutschen Heimat von hier aus dem fernen Osten, aus dem Lande der aufgehenden Sonne biete, gern angenommen werden und Beifall finden.

Tokyo.
Karl Alberti.

Die Kröte von Osaka und die von Kyoto

Die Kröte von Osaka und die von Kyoto.

In Kyoto wohnte einmal eine Kröte, die sehr reich und gelehrt war. Einmal hörte sie von Naniwa19 und den dortigen Kunstschätzen sprechen und sie bekam den Wunsch diese einmal zu sehen.

Eines schönen Frühlingstages machte sie sich denn auch auf die Reise, die sie aber zu Fuß unternahm, weil man bei einer Fußreise mehr sehen und erfahren kann.

So wanderte sie denn von Kyoto den Weg entlang, der nach Osaka führt und kam über Myosin und Yamasaki bei Hishi Kaido, wo der berühmte Berg Tenno ist, über den der Weg führt.

Da der Tenno yama20 in der Mitte zwischen Kyoto und Osaka liegt, so beschloß die Kröte, als sie mit Mühe und Not die Berghöhe erklettert hatte Rast zu machen.

Nun wohnte aber auch in Osaka eine Kröte, die zur gleichen Zeit den Wunsch hatte, Kyoto zu sehen; auch diese machte sich auf den Weg und kam nach vieler Mühe über Tokatsuki ebenfalls auf dem Gipfel des Tennoyama an, wo sie mit ihrer Kollegin aus Osaka zusammentraf.

Beide Kröten begrüßten sich, wie es bei solch hohen Herrschaften üblich ist, mit vielen Verbeugungen und besprachen ihre Reise.

Schließlich sagten sie: »Wir haben hier erst die Hälfte unserer Reise hinter uns und die andere Hälfte noch vor uns. Aber unsere Beine und Hüften schmerzen uns und drücken uns nieder. Da wir von hier Osaka und Kyoto sehen können, so wollen wir uns auf unsere fünf Zehen stellen und jede den Ort betrachten, wo wir hin wollten. Auf diese Weise vermeiden wir weitere Anstrengung und Schmerzen!«

So taten sie.

Die Kröte von Osaka wendete den Kopf nach Kyoto, die von Kyoto nach Osaka, dann richteten sie sich auf ihren Hinterfüßen auf und betrachteten aufmerksam die betreffende Stadt.

Da nun aber die Kröten ihre Augen oben auf dem Kopfe haben, (woran die beiden nicht dachten), so schauen sie, wenn sie sich emporrichten stets rückwärts. Und so kam es, daß die Kröte von Osaka nicht Kyoto sondern Osaka und die andere gleichfalls nicht Osaka sondern Kyoto sah, jede also die Stadt, von der sie hergekommen war.

Als sie genug geschaut hatten, sagte die Kröte von Kyoto: »Ich habe gehört, daß Osaka eine berühmte Kunststadt sein soll; aber ich sehe, sie ist gar nicht anders als Kyoto. Da ist es besser gleich heimzukehren!«

Auch die Kröte von Osaka sagte, indem sie eine verächtliche Grimasse schnitt: »Und ich hörte, daß die Hauptstadt21 die schönste Stadt des Landes sei und einer Blume gleiche; jetzt sehe ich aber, daß sie vollständig Osaka gleicht. Da kehre ich auch um und gehe heim!«

Sie begrüßten sich gegenseitig zum Abschied und gingen eine jede in ihre Heimatstadt zurück.

Wir können an diesem Beispiel lernen, daß oft ein falsches Urteil gefällt wird, weil man seine Augen nicht richtig benutzt und nicht weiß, wo man sie hat. Daher ergeht es vielen Menschen so wie diesen Kröten.

  1. Naniwa = altjapanischer Name für Osaka.
  2. Tennoyama = Berg Tenno, Tenno = Name, yama = Berg.
  3. Kyoto war von 794 bis 1869 die Hauptstadt Japans.