Das Feldmärchen

Das Feldmärchen

Der Teufel war auch einmal zu Gast geladen gewesen und kehrte spätabends über Feld in seine Wohnung zurück.

Die Gesellschaft hatte etwas lange gedauert und es begann schon ganz dunkel zu werden. Der Acker war frisch gepflügt, und der alte klumpfüßige Herr stolperte über allerhand ausgeworfene Runkeln, trat in Dornen und Disteln, blieb mit den Kleidern an den Zäunen hängen und ward dabei am Ende so verdrießlich, als ein Geist nur zu werden vermag, der das vor uns Menschen voraus hat, daß er nie so ganz bodenlos verdrießlich werden kann.

Am Haselbusch hatten sich allerlei Herbstnebel gefangen, die, grau zusammengeballt oder formlos umherkollernd, bald hier, bald dort an den Bäumen haftenblieben – alte Eichen und Ellern streckten ihnen drohende Arme durch die dämmernde Luft nach, und weiter am kahlen Bergrücken hin, an dem bereits alle Umrisse ineinanderflossen, blitzte zuweilen ein fernes Lerchenstreichen der Jäger lockend und verwirrend auf, um gleich wieder in Nacht zu versinken.

In den Wiesenleitungen war der Bach ausgetreten und hatte stückweise einen breiten Morast gebildet, von dem ein paar kleine Sumpfvögel laut kreischend aufflogen, als der Alte sich ihnen näherte – es mochte ihm heiß geworden sein beim Pokal, den er selbst kredenzt hatte, und nun er sich einmal in bestimmte menschliche Verhältnisse begeben, konnte er sich nicht gleich wieder herausfinden – der verfluchte Bach wollte ihm nicht parieren, die kleine Knüppelbrücke schien heute abend auch nicht recht an ihrer Stelle, der Morast dagegen ihm nachgekommen zu sein; jetzt war er rechts, nun war er wieder links. Ganz in der Ferne schlugen die Dorfhunde an; allmählich verstummten auch sie, und es ward stiller in der ganzen Gegend.

Nur im Gebüsch fuhr zuweilen mit vollen Backen blasend ein Streichwind durch die schon halb entblätterten Bäume, dann ward es wieder ruhig.

Der Teufel mag die Ruhe nicht, er liebt den Spektakel; er machte also große Schritte und erreichte bald das Stoppelfeld. O weh! hier hatte der Maulwurf sein Spiel getrieben. Eh er sich dessen versah, war er um die Ecke herum und stand wieder am Bach.

Ihn neckten die kleinen Naturgeister, wie sie uns armen Menschenkindern es zu bieten pflegen; sie hatten ihn um das Feld und fast auf den alten Fleck zurückgeführt. Wo war in all dem Abenddampf und Nebel der Fußpfad geblieben?

Indessen war der Busch ihm nun doch näher, als es vorhin geschienen; drinnen sah es ganz schwarz aus. Einzelne Tannen krachten durch eigene Wucht oder knarrten langsam mit den schweren Zweigen, wenn der Wind heftiger sich erhob; der Bach rauschte murmelnd dazwischen – überall war es, als ob sich etwas rege, käme, sich lang machte und bald hier, bald drüben auf den Wanderer herniederschaute. Durch das Niederholz strich der Abendhauch sanfter, flüsternder, wie in langsamem Kadenzen: es klang mehr wie Seufzer als Wehen. Endlich flammten quer über den Rain, gerade an der Rodung hin, ein paar Irrlichter auf; sie tanzten so lustig flackernd umher, als ob all diese verschiedenen Nachtlaute Fiedeltöne wären.

Das war dem Teufel recht. Schrillend pfiff er auf seinem Finger und tänzelnd und züngelnd stand sogleich eins der Irrlichter vor ihm oder vielmehr, es versuchte, vor ihm festzustehen, konnte aber nirgend den Boden recht erfassen und flimmerte, sich dehnend und streckend, vor dem Alten auf und nieder.

»Leucht mir nach Hause!« brummte der Teufel, und sogleich tänzelte das Licht den Rain entlang querwaldein, unter den Buchen hin, immer den Weg bezeichnend und mit einer Anstrengung aufflackernd und aufleuchtend, als habe es sein Leben lang nichts anderes getan als den Dienst einer Stallaterne. Denn obschon sie ihn weniger scheuen, als wir Menschen es tun, erzeigen die, welche so umher in Wald und Felde hausen, dem Alten gern einen Dienst und mögen es nicht mit ihm verderben. Wenn er böswillig in ihr Spiel sich mischt, schadet er ihnen an der Reputation. Bei den guten Christen stehen die Naturgeister ohnehin schon arg in Verruf, weil sich der Teufel dann und wann in ihr Tun mit eindrängt, und mancher Fromme wirft ihnen das wogende Leben und Treiben in Berg und Tal, das Düften, Klingen und Schimmern als Staatswesen vor und legt sich schwere Buße auf, wenn sie rufend ihm an Herz und Sinne schlagen.

Dem Irrlicht, so jung es auch war, schien dies alles wohl bekannt; es nahm sich sehr zusammen; und obgleich der Weg weit war und es oft große Lust hatte davonzuhüpfen, verlosch es kein einziges Mal, sondern hielt Stich und machte sich fortwährend so lang und so hell wie nur möglich.

Dem Teufel wird in der Welt nicht oft geschmeichelt; er wird dumm, lahm, arm, bös und stinkend gescholten; darum ist er um so empfänglicher für Artigkeiten. Auch mochte ihn der Wein in einen angenehmen Zustand versetzt haben, den seine vorhergegangenen Unfälle nur gedämpft, nicht zerstört hatten; kurz, er ward mit einem Male ungemein gnädig und guter Laune; und als er an seine Höllenpforte gekommen war, sagte er dem Irrlicht »schönen Dank« und es möge sich als Trinkgeld eine Gnade erbitten.

Nun wird bekanntlich seit den vielen Kultusministerien alles zivilisiert; das Irrlicht war daher auch gar kein rohes, gemeines Irrlicht mehr, sondern es war gebildet und kannte die Welt vom Hörensagen. Es bat den Teufel, er möge es gütigst in einen Menschen verwandeln: es wolle gern auf Reisen gehen auf der Eisenbahn, auch in feine Gesellschaft und in böhmische Bäder, um die ausländische Aristokratie kennenzulernen.

Der Teufel ist immer sehr leicht zu verblüffen gewesen; er machte ein paar entsetzlich große Augen, als ihm der Irrwisch so kam; da er aber im ganzen doch Humor hatte, lachte er und sprach: »Du bist ein Narr, aber du sollst deinen Willen haben! Ich will dir gleich so ein Menschengesicht machen. Was willst du denn für ein Landsmann sein?«

Dem Irrlicht war insgeheim bange, der Alte möge sich anders besinnen; auch wußte es, vornehme Leute dürfe man nicht lange warten lassen; es antwortete also ganz geschwind: »Ach, da wir gerade in Thüringen sind, so mache mich doch zu einem Thüringer.«

»Ganz gut«, sagte der Teufel, »da brauche ich dir gar keine besondere Physiognomie zu machen, so sind wir gleich fertig. Nur eins muß ich dir erst noch sagen, Bursche! In der Welt geht es jetzt curios genug zu, und mehr Confusion darfst du mir nicht hineinbringen. Der da oben – du weißt schon – hält auf seine einmal gemachten Einrichtungen; und wenn die Menschen dahinterkämen, daß so ein Kerl wie du unter ihnen steckte, so würden sie gleich an dir die Naturgesetze studieren wollen, und wir – Er nämlich und ich – könnten uns nachher halbtot phänomenern, eh wir sie wieder in Ordnung kriegten. Auch kann ich Ihn nicht deinetwegen verdrießlich machen; denn Ihm wird jetzt ohnehin sein Himmel, wie mir meine Hölle, bestritten, und da haben wir beide genug zu tun, ohne noch miteinander neuen Hader anzufangen.«

»Gestrenger Herr«, sagte das Irrlicht, »niemand soll es merken, was ich eigentlich bin. Haben Sie nur die Gewogenheit, meine untertänigste Bitte –«

»Du bist ja schon höflich wie ein Sachse und bist noch gar nicht einmal fertig!« unterbrach es lachend der Teufel, nahm dasselbe beim Schopf, schüttelte und knetete es ein wenig und siehe da, an dessen Stelle stand ein junger Mensch mit glatt anliegenden dunkelblonden Haaren, blauen Augen, einem hübschen freundlichen Gesichtchen, etwas zu langem Oberkörper und etwas krummen Beinen, aber sonst ein ganz charmanter junger Mann. »Ich empfehle mich Ihnen, Herr Accessist«, sagte der Teufel und lüpfte die Kappe.

»Ganz Ergebenster«, erwiderte, sich tief verbeugend, der junge Mann.

 

Als er nach Hause kam – er wohnte bei seiner alten Mutter in Jena –, saßen seine vier Schwestern mit ihren Strickstrümpfen in der Wohnstube am Tisch; die Mutter ging ab und zu und räumte auf.

»Du bist wieder nicht halb acht zum Essen gekommen, Karl!« schalt sie; »du hörst doch partoutement nicht. Nun sind die aufgebratenen Klöße steinhart geworden, und alleweile ist so nichts zu haben; die Musbemmen läßt du mir allemal stehen, und ich kann mir doch nicht anders helfen.«

»Liebe Mutter«, versicherte Therese, »Karl ist ganz unschuldig; muß er denn nicht immer erst bei Amtsactuariussens Karlinchen und dann bei Kassenschreibers Sophiechen vorübergehen?«

»Therese!« fuhr Karl Irrlicht auf, »wenn du nicht augenblicklich schweigst –«

»Werde ich wahrscheinlich fortfahren zu reden«, sagte lachend die Bedrohte.

»Ich habe es übrigens auch gesehen«, meinte Mariechen, »wie du neulich auf dem Schützenballe erst der einen und dann der andern Erfrischungen präsentiert hast.«

»Ja, ja!« schrie das kleine Gustchen, »erst Prophetenkuchen und dann Eierpunsch.«

»Man muß gegen Damen galant sein«, bemerkte Karl, bescheiden geschmeichelt, daß er so viel habe daraufgehen lassen.

»Wir sind aber auch Damen«, sagte die Kleine.

»Gänse seid ihr«, brummte der Bruder, der unterdessen fürchterlich unter den Klößen gewütet hatte.

»Und ich – habe noch etwas ganz anderes gesehen, gelte Karl?«

»Was hast du gesehen? Was war es?« riefen die drei andern.

»Siehst du, Guste! wenn du ein einziges Wort sagst!« donnerte Karl, heftig auf den Tisch schlagend und den leeren Teller von sich schiebend. »Da muß einem ja Essen und Trinken vergehen! In meinem ganzen Leben rede ich nicht wieder mit dir und vergebe dir’s nun und nimmer nicht.«

»Ich sage es nicht, daß du –«, jubelte das Kind, um den Tisch herumtanzend, »ich sage es nicht, daß du – daß du –«

»Ich bitte euch ums Himmels willen, neckt ihn doch nur nicht!« lamentierte die Mutter dazwischen. »Karlchen, ärgere dich doch nicht! Hast du denn das Briefchen an den Herrn Geheimen Regierungsrat nach Weimar geschrieben? Es ist heute Botentag; der Herr Oberwildmeister wollen so gütig sein, es ihm selbst zu übergeben und deinetwegen noch besonders mit ihm reden. Mein Gott, wenn sie dir zu Neujahr doch nur ein fünfzig Tälerchen geben möchten! Dein seliger Vater –«

Die vier Schwestern hatten unterdessen heimlich miteinander geflüstert und gekichert und liefen jetzt, alle laut auflachend, zur Türe hinaus.

Dem guten Karl Irrlicht war es rein unmöglich, die Mutter anzuhören; er vergaß die Akten und das ganze Elend, daß sein seliger Vater fünf Jahre als Accessist ohne Besoldung gearbeitet habe; er wußte ganz genau, daß Gustchen gesehen, wie er Hofsecretairs Rosalien, die bei Verwandten in Jena zum Besuch war, auf dem Heimwege vom Schützenballe die Hand geküßt, ja sie sogar leise umfaßt hatte. Wer konnte auch immer an das alberne Kind denken, das noch nicht tanzte und das niemand führte! Er konnte sich’s vorstellen, daß die Kleine gehört haben mußte, wie er zu Rosalien sagte: »Machen Sie mich nicht so unaussprechlich elend!« Und nun erzählte Gustchen das alles draußen in der Küche den Schwestern! Nein, es duldete ihn nicht länger im Zimmer, er mußte nach, fiel aber draußen dem ungemein höflichen Amtsactuarius in die Arme.

»I Dienerchen, Dienerchen, Herr Accessist! Gratuliere nachträglich! Müssen aber nun, da Sie zu Amt und Titel gekommen, hübsch solide werden! Da hat mir mein Linchen gesagt, daß die Herren Studiosen auf der Rasenmühle wieder einen – mit Erlaubnis zu sagen – Krakeel gehabt wegen des Vortanzens mit der Rosalie und daß der Herr Accessist auch mit dabeigewesen. Bitte ergebenst zu bemerken, paßt sich nicht mehr für einen Mann im Staate, der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt ist; würde Ihnen unmaßgeblich raten, sich gar nicht mehr um die Burschen zu kümmern. Das liegt hinter Ihnen, Herr Accessist«, schloß der Alte, vergnüglich eine Prise nehmend und selbstzufrieden vor sich hin lachend.

Das hat die Karoline aus Eifersucht getan; es ärgert sie, daß Rosalie hübscher ist, dachte Karl Irrlicht. Er machte sich jedoch mit größter Höflichkeit vom Herrn Amtsactuarius los; weil er aber die Mädchen bereits wieder in der Wohnstube plaudern hörte, lief er hinaus ins Freie.

Die fidelen Häuser, die ihm draußen begegneten, grüßten ihn kaum mehr, obschon sie ihn alle kannten; denn er gehörte ja nun zu den Philistern.

Am andern Morgen war Session, und Karl Irrlicht mußte vier volle Stunden stillsitzen. Das bißchen Jurisprudenz hatte er bald weg; er war im Walde mit einem Kuckuck vertraut gewesen, der schon in eilf verschiedene Nester seine Eier gelegt hatte; mit privilegierten Mardern, Feldmäusen, Ameisenlöwen und sogar mit einem alten Raben hatte er teils Umgang, teils Streit gehabt oder hatte ihre Mißhelligkeiten geschlichtet, wenn sie deren untereinander hatten – das alles glich dem Menschen- und Prozeßwesen so übermaßen, daß ihm ganz leicht zumute gewesen wäre, wenn er nur nicht auf einem und demselben Flecke hätte bleiben müssen, was seiner ursprünglichen Natur sehr zuwider war.

In der Angst dachte er an alle drei Mädchen, denen er den Hof machte, und brannte für alle drei lichterloh; das fiel aber wiederum in der Session niemandem auf; denn die alten Herren waren es an sämtlichen Accessisten gar nicht anders gewohnt. So ging auch dieser Tag recht leidlich vorüber.

Nun aber wollte die Mutter, daß er den nächsten Sonntag nach Weimar mache, um selbst seine Worte bei dem Herrn Geheimen Regierungsrate anzubringen, bei welchem sie noch von ihrer Jugend her in gnädigem Andenken stand; die jungen Leute aber hatten der schönen Rosalie zu Ehren den ganzen Sonnabend Kränze gewunden; sie hatten nämlich mit Hofapothekers eine Partie ins Rauhtal verabredet, um den Geburtstag des Nichtchens zu feiern; dort sollten Kartoffeln gesotten und Kaffee gekocht werden und die Guirlanden zwischen den Bäumen einen Baldachin bilden, unter welchem die Gesellschaft ihr Mahl einzunehmen gedachte. Karl Irrlicht war mit dazu aufgefordert und überselig. Zwar schickte es sich nicht für ihn, der Angebeteten einen besondern Kranz zu überreichen, er hatte sich aber vorgenommen, mit ihr ein Vielliebchen zu essen – und es zu verlieren. Das Geschenk hatte er sich auch schon ausgedacht, und eine Düte Krachmandeln steckte in seiner Tasche.

Die Schwestern waren glücklich auf seine Seite gebracht; die Mutter aber fragte immerfort ganz hartnäckig, was doch wohl einmal daraus werden solle?

In dieser unangenehmen Lage blieb ihm nichts anderes übrig, als der Mutter auseinanderzusetzen, welches Aufsehen sein Wegbleiben machen müsse und wie leicht Hofapothekers eine solche Vernachlässigung übel aufnehmen könnten; aber die Alte wollte auch davon nichts hören. Als nun alles nichts half, fing er an, sich mit allen vier Schwestern zugleich zu zanken, behauptete, Rosalie sei ihm völlig gleichgültig, ihm sei überhaupt egal, ob er nach Weimar oder zu ihrem Feste gehe, obschon es geizig aussehe, daß er nun davon bleibe und die Kränze und die Musik nicht mit bezahle. Alle fünf schrien dermaßen durcheinander, daß die arme Frau die thüringische Angst vor Verdruß überkam, so daß sie endlich ihren Sohn himmelhoch bat, doch lieber mit ins Rauhtal zu gehen und gleich den nächstfolgenden Sonnabend zur Reise nach Weimar zu bestimmen. Mit Hängen und Würgen erhielt sie es denn vom guten Karl, daß er ihr zuliebe nachgab.

Am Sonntag mittag putzte sie ihn und seine vier Schwestern aufs schönste heraus, und die jungen Leute gingen fröhlichen Herzens dahin; sie aber blieb zu Hause, räumte auf und sah den Himmel an, ob auch das Wetter gut bleibe.

Das Fest war, wie alle Partien dieser Art, wunderschön und wäre beinahe ohne allen Unfall vorübergegangen, nur wurden Pfänderspiele gespielt und beim Polnisch Bettelngehen wollte der alte Amtsactuarius seinen Sohn substituieren, worüber Karl Irrlicht wütend eifersüchtig ward und in einen so elementarischen Zorn geriet, daß er mit einem Male hell aufflackerte und dem alten Herrn Hemd und Rockärmel naßmachte. »Dummkopf!« sagte der Teufel, der eben ungesehen in eigenen Angelegenheiten durch das Wäldchen ging. Der Accessist erschrak und warf geschwind einen Weißbierkrug nach und dem Amtsactuarius auf den Frack, wodurch freilich die Nässe noch nässer und der Fleck größer, die ganze Sache aber auch erklärlicher ward.

Als sie nun abends alle singend und jauchzend nach Hause gingen, konnte Karl Irrlicht wiederum das Vorleuchten nicht unterlassen: er behauptete jedoch, es sei ein chemisches Kunststückchen, der Herr Hofapotheker wisse auch darum, werde ihn aber ganz gewiß nicht verraten. Die jungen Mädchen versicherten, es sei allerliebst grauerlich, aber sie begriffen es nicht. Der Hofapotheker lachte, Karl lachte auch und winkte ihm zu, worauf dieser wieder nickte und aussah wie einer, der wohl weiß, wo Barthel den Most holt. – Abscheulich gelehrt wären die Herren, meinten die Mädchen.

Zu Hause angelangt, trat der Accessist geschwind vor seinen kleinen Spiegel, um zu sehen, wie ihm der Kuß stehe, den ihm die schöne Rosalie heimlich im Rauhtal gegeben – da ging ein furchtbarer Lärm in den Gassen los. »Burschen heraus! Burschen heraus! Lichter weg!« klang es durch die dunkle Nacht. »Verfluchte Philister! Halunken! Wir wollen es euch eintränken!« tobte es durcheinander und die Tritte der vielen schweren Stiefeln und das Rasseln der Ziegenhainer Stöcke auf dem Steinpflaster machten das Getöse noch ärger. In Ziegenhain war vor einigen Tagen eine Rauferei zwischen den Studenten und den Leinewebergesellen gewesen, einige friedliebende Philister hatten sich hineingemischt, wodurch der Lärm noch größer geworden war. Heute abend war es zu einer förmlichen Prügelei gekommen, und eben sollten nachträglich einigen Professoren und Schenkwirten, vorzüglich aber den verräterischen Pedellen, die Fenster eingeworfen werden, weshalb der Sicherheit willen »Lichter weg!« geschrien wurde.

Karl Irrlicht war sehr vergnügt. Das war gerade so wie ein Wirbelwind im Walde, der einer Windsbraut gleicht, obschon er nicht so vornehm ist, der das dürre Laub zusammenkräuselt, die Vöglein durcheinanderjagt und hie und da ein Bäumchen entwurzelt. Karl lief sogleich hinab mit auf die Gasse.

»Lichter weg!« hatten die Burschen geschrien, und schon war es stockfinster in der kleinen Stadt. Die Professoren waren alle in ihre Hinterstuben gegangen, die Pedelle liefen wie geblendete Luchse umher und suchten vergeblich zu erkennen, wer ihnen die Fenster einwarf; da konnte der Accessist es nicht länger aushalten: gerade vor der Türe des Magnificus leuchtete er lachend hell auf und zeigte die Rädelsführer im vollen Lichte, von denen der eine eben dem Nachbar des Rektors die Fenster einwarf, während der andere des Pedellen schöne Frau küßte. »Verfluchter Hund!« brüllten die Studenten; »haltet ihn fest, den dummen Flegel!« riefen andere Stimmen. Karl Irrlicht aber war ins Tanzen gekommen und tanzte, ein riesiger Irrwisch, durch ihre Reihen hindurch. »Seht, seht den Kerl!« schrie es von allen Seiten. »Es ist der Satan! Nein, nein! aber es ist ja –«

 

»Aber so sag Er mir doch in mein und aller Teufel Namen, Er gottvergeßner Wisch, was Ihm einfällt?« fragte keuchend der Teufel, indem er Karl Irrlicht, den er beim Schopf hielt, unter eine dicke Buche hinwarf. »Fängt Er da einen Mordspektakel an um nichts und wieder nichts! Ein Glück, daß es gerade Sonntag war, wo Der oben nichts schafft und ohnehin gegen Abend ein Auge zudrücken muß über die Art, wie sie Ihn feiern – sonst hättest du mir ja alle möglichen Fatalitäten über den Hals gehetzt.«

»Ach, gnädiger Herr!« erwiderte das Irrlicht noch ganz schwach und außer Atem von dem gewaltig raschen Transport, »ich habe mich nicht so geschwind daran gewöhnen können, wie es bei den Menschen zugeht; haben Sie nur noch etwas Geduld und lassen das Ding noch eine Weile so fort währen, ich werde mich wohl zurechtfinden. Die Jenenser denken gewiß mehr an die Studenten und an ihre zerbrochenen Fensterscheiben als an mich. Zum Glück war ja auch gar kein Naturforscher bei der Hand, um mich zu beobachten. Ich möchte gern noch ein wenig menschlich bleiben.«

»Findest du denn den Lumpenzustand so ergötzlich?« fragte lachend der Teufel.

»Das eben nicht; ich mache aber so meine stillen Vergleiche; und wenn ich künftig wieder als kaltes Feuer über einen Morast hintanze, werden mir die Menschen und ihre Gesellschaft noch oft einfallen.«

»Aber du hast ja noch gar nichts gesehen«, brummte Satan; »da könnte ich dir ganz andere Dinge erzählen!«

»Glaub es gern, Meister! Sie sind aber auch ein Malicer.«

»Dummkopf! Du bist ja kein Thüringer mehr, was kohlst du denn da?« schmunzelte der Alte – er hörte sich gar zu gern Herr und Meister nennen, und so sprach er im Vergnügen darüber auch gut Thüringisch mit. – »Nun«, fuhr er nach einer Weile fort, »was willst du denn jetzt eigentlich werden? Spanier?«

»Bewahre!« rief das Irrlicht ganz erschrocken, »die armen Leute sind gar übel dran mit ihrer kleinen Königin und ihrem großen Espartero – und man interessiert sich nicht recht für sie. Nein, die Sache muß weiter gediehen sein, eh ich mich dazu entschließe.«

»So willst du ein Deutscher bleiben?«

»Deutschland ist ein weitläufiger Name; das ginge schon eher. Aber ich habe gar kein Nationalgefühl, und da weiß ich nicht, was ich werden soll: Bayer, Preuße, Württemberger, Sachse oder Hamburger.«

»Möchtest du nicht Lieutenant in Berlin sein?«

»Eine magere ökonomische Stellung für einen, der das freie reichliche Waldleben gewohnt ist, das der Lilie ihr Silberkleid, dem Baume seinen grünen Schatten gönnt und alle von Grund aus leben läßt, die leben wollen. –Freilich aber möchte ich mich gar zu gern in eine wunderschöne Gräfin verlieben.«

»Ach, Kind!« sagte kopfschüttelnd der Teufel, »du bist da hinten in deinem Waldwinkel nicht recht mit der Zeit fortgeschritten. Einen armen Lieutenant sieht heutzutage keine wunderschöne Gräfin mehr an – allenfalls wenn ich dich reich machte. Willst du etwa lieber Privatdozent oder ein junger Professor werden? Da hast du auch nicht die Fatalität, dich von deiner Berliner Wirtin bemuttern und auf den Pfad der Tugend zurückleiten zu lassen.«

»Aber ich käme in philosophische Streitigkeiten; ich müßte Partei nehmen für Hegel oder Schelling und Bettina lesen. Ich muß mich wirklich erst noch viel mehr ausbilden, eh ich es wagen kann, in Berlin mitzureden, wo fast jedermann alles weiß«, sagte das Irrlicht ganz bescheiden.

»Es ist ja wahr«, entgegnete der Teufel, »du bist so eine Art Waldgewächs, also nur frisch und jung.«

»Und dann«, fuhr das Irrlicht sehr ernsthaft fort, »dann bin ich an Respekt gewöhnt. Wir draußen im Walde ehren alles, was ist, und Ihn, der uns gemacht hat; wir ehren den Tropfen Wasser, der die Sonne widerspiegelt, bis er vertrocknet; den Bach, der uns und alle Pflanzen ernährt, und den Abendhauch, der die Stille bringt, und die Johanniswürmchen, die ihm an den Blumen vorüberleuchten –«

Der Teufel gähnte. »Ihr seid altmodisches Volk, mit euch habe ich nicht viel zu schaffen! Es mag verschoben bleiben. Du könntest auch nach Königsberg –«

»Unter die Malcontenten? Ach, gnädiger Herr, ich hielte nicht bei der Stange, da käme meine Irrlichtsnatur gleich zum Vorschein.«

»Na, meinetwegen, so geh nach Danzig! Darum keine Qualen nicht! Ein Preuße scheinst du doch einmal werden zu wollen, das sind sehr legitime Leute.«

»Famos!« sagte das Irrlicht, noch in Berliner Betrachtungen versenkt, »famos! aber mir doch zu sedat. Ich kann ja da in der Nähe ein Pole werden –«

»Nein, das verbitte ich mir!« sagte ganz trocken der Teufel; »da hinten herum habe ich selbst noch allerhand zu tun. Du kannst lieber ein Reisender sein, gleichviel ob Rheinländer, Lausitzer oder Westfale.«

 

St. Valère legte das Feuilleton aus der Hand. »Aber er hat dennoch recht, der Schuft. Ich muß jetzt selbst darüber lachen; es ist Geist, viel Geist in der Rezension, und jetzt finde ich die Szene selbst komisch, um nicht zu sagen, lächerlich. Mein Gott, man kann nicht immer an alles denken; als ich sie niederschrieb, war ich drei Nächte nicht ins Bett gekommen, war zum Sterben verliebt – und hatte keinen Heller in der Tasche. Nun, dies letzte Glück ist mir geblieben. Parbleu! Desto besser! So gewinne ich entschieden an Leichtigkeit.«

Er nahm sein Vaudeville wieder vor und begann zu arbeiten, während er die Melodien, die er den Texten unterlegte, vor sich hin trällerte.

Ein leiser Finger klopfte an die Türe, öffnete sie jedoch, ohne das »Herein« abzuwarten.

»Ach! bist du es, Annette? Guten Morgen – oder guten Abend, meine Schönheit, ich weiß wahrhaftig nicht, wie wir in der Zeit leben.«

»Hungrig auf jeden Fall«, sagte die sehr anmutige Grisette, deckte ein Tischchen und schob es zwischen sich und ihn. »Nun, und Ihr Vaudeville? Alfred wird auch gleich kommen.« Sie bog sich auf das Manuskript nieder. »Aha! das ist die Melodie aus Mademoiselle de France. Aber, mein Himmel! was ist denn das? Das kann ja Aurora gar nicht singen! Ist das eine Art, einer ersten Sängerin die Cour zu machen? Das ist ja ein Musikstück, das Madame Julien singt, es ist für einen hohen Sopran. Hören Sie doch!« und mit glockenheller, obschon ungebildeter Stimme sang sie ihm das Liedchen. »Ach, Monsieur St. Valère, auf diese Art werden wir kein Glück machen!«

»Bah! was willst du? Madame Julien hatte es gesungen, und ich habe die Stimmen verwechselt. Laß sehen! Also Mademoiselle Aurora hat nicht die Höhe? Hm, hm!« Er nahm das Manuskript wieder zur Hand. »Aber es ist wegen des Einfallens des Chors unumgänglich nötig – parbleu! ich kann es nicht ändern, auch kein so passendes Metrum finden! Der Kapellmeister kann ja das ganze Stück um ein paar Töne heruntersetzen.«

»O ja; aber Aurora kann auch einen Verehrer, der nicht einmal den Umfang ihrer Stimme kennt, laufenlassen.«

»Meinst du? brrr!« brummte der junge Mann, im Zimmer auf und ab gehend, wobei er dem Spiegel gegenüber eine Pirouette um die andere machte – »brrrrrr! das kommt von dem Theaterprinzessinenwesen! Siehst du, Annette! ich möchte wetten, du hast in deinem ganzen Leben nicht eine solche Anforderung an Alfred gemacht.«

»O, mein Herr!« sagte die Grisette – sie stand auf, schob hastig das Frühstück von sich weg und drückte beide gefaltenen Hände vor die Brust – »o, mein Herr, sein Sie barmherzig! Ich, ein ganz armes Mädchen, was kann ich wohl verlangen? Schlimm genug, daß Alfred den bösen Fall auf dem Steinpflaster tat, daß er nicht bis zu seinem Hotel zurücktransportiert werden konnte; noch schlimmer, daß ich gerade den Abend so früh nach Hause kommen mußte und ihn da fand – vor unserer Haustüre.« Dem Mädchen traten die Tränen ins Auge; aber einmal in die trübe liebe Rückerinnerung versenkt, trieb er sie, fortzufahren. St. Valère hatte ihren Arm ergriffen und stand ernst und teilnehmend vor ihr.

»Es war so sonderbar hell in der Straße; ich habe so etwas nie wieder gesehen: Sie standen neben ihm. Der Arm ist zweimal gebrochen, sagten Sie, ich weiß nicht einmal, ob zu mir. Sie kannten ihn damals wohl kaum. Mein Gott! wie man ihn dann ins Haus trug, und Madame Chappellier gerade ein leeres Zimmer hatte! Da lag er nun und bald mutterseelenallein! Einen alten stumpfen Wächter hatten sie hingesetzt, der immerfort schlief. Das war ein Elend! Und wie sich’s am andern Abend fand, daß er gerade unter mir wohne« – ihre Stimme ging in leises Schluchzen über –, »der Arme! außer seinem Banquier kannte er keinen Menschen in Paris. Auch Sie kamen nicht! Ach, vergeben Sie mir, St. Valère, damals habe ich nicht geglaubt, daß Sie so gut, so herzensgut wären!«

»Aber hat denn seine Familie wirklich die Grausamkeit, ihm kein Geld mehr zu senden?«

»Leider ja! Der alte Herr, welcher neulich behauptete, Sie plötzlich in lichtem Feuer neben sich stehen gesehen zu haben und darüber in den Wassergraben fiel – mein Gott! was hab ich gelacht! Wissen Sie nicht mehr, der den närrischen Schwindel bekam? Nun, dieser hat an Alfreds Eltern geschrieben; er hat ihnen erzählt, wie wir zusammen lebten, uns liebten – und daß Alfred mich heiraten würde. So ein alter Herr, er ist wahrhaftig wie ein Kind von zwei Jahren!« schloß sie ärgerlich. »Heiraten! uns heiraten!«

»Und mich?« fragte der junge Mann, »hat er mich nicht auch genannt?«

»O, St. Valère! und wenn das auch wäre? Glauben Sie mir, wenn die Eltern so eingenommen sind gegen mich, ist es ganz gleich, ob sie mich nebenher auch noch für Ihre Geliebte halten oder nicht! Aber das Vaudeville«, fuhr sie ablenkend fort, indem sie ihre Tränen mit der Rückseite der Hand trocknete. »Sie sagen also, daß Sie des Ensemble wegen –«

Ehe noch St. Valère etwas zu erwidern vermochte, trat Alfred, von mehren jungen Leuten begleitet, ins Zimmer.

»Du hier, Annette? Schade, ich habe bei Sir Fréderic gefrühstückt! Wir kommen, dich abzuholen. St. Valère, wir fahren nach **« – er nannte eine Restauration außerhalb der Tore –, »Ernancourt hat seinen Tilburg, Sir Fréderic ein Coupé. Wir werden dort essen, die Landluft genießen und beiher dein Vaudeville – – Willst du mit, Annette?«

»Ich habe nötige Arbeit«, sagte sie, »es ist Sonnabend.«

In diesem Augenblicke fuhr St. Valère mit heftiger zorniger Gebärde von seinem Stuhle auf, ergriff Annettens Hand und versuchte sie in ein anstoßendes Kabinett zu ziehen; seine Augen waren fest auf die Zimmertüre gerichtet.

»Was gibt’s? Was fällt dir ein?« riefen die jungen Leute, von denen einer am Klavier, ein zweiter am Secretair Platz genommen hatte, während zwei auf dem Sopha hingestreckte Fashionables die Beine über Stuhllehnen gelegt und etwas wunderlich bequem die Zeitungen lasen. »Was ist’s?« murmelten auch sie.

Auf der Schwelle der halbgeöffneten Türe stand ein sehr schöner blonder junger Mann, dessen ganze Erscheinung in jeder Zollänge den Engländer aussprach.

Alfred wandte sich und breitete, auf ihn zufliegend, die Arme ihm entgegen. »Bruder! Alfred! Charles!« tönte es aus beider Munde. Eng hielten sie sich umschlossen; endlich hob Charles den Kopf, als schäme er sich der in England so ungewöhnlichen Männerumarmung. Beide blickten einander mit dem Ausdruck des größten Glücks in die Augen. »Du hier, guter Charles! Du selbst!« flüsterte Alfred. »Nun wird alles gut werden; du wirst sie sehen und alles begreifen!«

Charles drückte ihm schweigend die Hand; ein schmerzliches Zucken überflog seine Augen, seine Stirn und verzog die stolzen Lippen bis zum Zittern, aber er erwiderte nichts. Sein Blick durchspähte das Zimmer; dann wandte er seine Aufmerksamkeit gewaltsam dem die Brüder umstehenden Kreis der jungen Leute zu. Alfred stellte den Freunden seinen Bruder vor; die Landpartie kam dabei zufällig mit zur Sprache. Charles hielt sogleich den Plan fest, behauptete, die ganze Nacht auf der letzten Station geschlafen zu haben wie ein Murmeltier und erbot sich, die andern zu begleiten. Der lauteste Jubel der Freunde verschloß Alfreds Lippen.

St. Valère und Annette waren verschwunden. Während des nun allgemein werdenden Gesprächs schlich Alfred zu ihr hinüber. Annette stand mitten in ihrer Stube; sie weinte und zitterte an allen Gliedern so heftig, daß sie mit beiden Händen an einer Stuhllehne sich festhalten mußte. St. Valère stand neben ihr und flüsterte, dicht über sie hingebeugt, allerlei wunderliches Zeug ihr zu. Er kam Alfred ungewöhnlich groß und ganz seltsam vor, und trotz seiner innern Erregung und dem Wunsche, sich gegen die Geliebte auszusprechen, fesselte ihn ein unbegreifliches Etwas an die Zimmerschwelle.

St. Valère sprach von Flucht und tröstender Waldeinsamkeit, von der lauen Frühlings-Nachtstille und den allmählich in ihr verhallenden grellen Lauten des Lebens. Er beschrieb das den Tag überwachsende Dunkel, das leise und leiser auf die warme Erde sich legt; er erzählte von den Vöglein, wie eins nach dem andern verstummt, zuletzt hört man nur noch das Hämmern des Spechts an der Buche, der sein schlagendes Picken tief in die Nacht hineindehnt; die Käfer und Wasserinsekten surren und summen noch lange an den Grasspitzen fort, aber immer undeutlicher werden ihre Töne; jetzt erhebt sich der Silberklang des Glockenfrosches, ihm antwortet der schwermütige ferne Unkenruf – und inniger, wehmütig-wollüstiger fließen alle Stimmen ineinander! Eulen und Käuzchen, Fledermäuse und Nachtfalter durchschwimmen mit unhörbarem Flügelschlag die Luft. Man glaubt den Herzschlag der Erde hören zu können, so unbegreiflich zauberisch-still ist die Welt!

Annette hörte oder hörte nicht; aber sie schien ruhiger zu werden und sank in den Stuhl, an den sie so lange sich gehalten. Was hat sie nur? dachte Alfred, und wagte dennoch nicht, die Antwort sich zu geben.

St. Valère sprach noch immerfort, zuletzt schilderte er ihr das Schlafwachen der Natur, das phantastische Aufwogen des träumenden Windes, die seltsamen, klagartigen Laute der Nacht, die durch sie hinleuchtenden Augen des Luchses, der Wiesel und Marder geistergleichen Gang, wie sie alle lauernd und schleichend aus der Waldestiefe, wie vergessene Schatten des Tages, hervorkommen und endlich in der Mitternacht, die alles überdeckt, verschwinden.

Plötzlich rief Annette: »Ach ja! ja, so ist er gekommen, um mich von Alfred loszureißen. Wie er es machen wird, weiß ich nicht; es ist auch einerlei, denn ich werde daran sterben!«

Alfred erschrak bis ins tiefste Herz; ihm war, als fiele die Decke ein, als bräche der Boden unter seinen Füßen.

Ein ungeheurer Zorn flammte in St. Valèrens Zügen auf. »Sterben? Sterben vor deiner Zeit?« schrie er laut. »Du armes Menschenkind! Warte, warte!« jauchzte er, plötzlich zu rasender Wildheit gesteigert, »ich habe dir noch nicht alles gesagt! Oh! oho! Ich werde dir helfen und allen! Laß du sie nur die Landpartie machen! Weißt du«, fuhr er leiser fort, »im kleinen Gehölz, seitwärts von der großen Allee ab, das dunkle Gebüsch? Es birgt seine Lache so gut wie die Waldungen meines Vaterlandes; dort auf dem Rückwege flackern wir im Tanz wild und sacht. Hei, ho! der Morast ist tief. Auf und ab, drüber hin und her! Heisa, hell! Es schluckt ihm den Odem aus der tückischen Brust! Heisa! heisa! heisa!« jubelte er wieder in immer wilderm Tone, wie ein Wahnsinniger im Zimmer herumschwirrend und springend.

Annettens Kopf war auf die Stuhllehne zurückgesunken; sie hörte nicht mehr und schien, trotz dem Lärmen, aus Ermattung eingeschlummert.

»Großer Gott, er ist wahnsinnig!« sagte Alfred zu sich selbst. »Nimm dich in acht, Annette!« rief er unwillkürlich laut.

Plötzlich stand St. Valère ganz ruhig vor ihm. Er legte die Finger auf die Lippen und sah wieder wie gewöhnlich aus. »Still!« sagte er nach einigen Stunden, »sie schläft, ich habe sie magnetisiert. Deines Bruders Ankunft hat das arme Ding erschreckt.«

Alfred hatte in so kurzer Zeit allzuviel Eindrücke empfangen; er vermochte nicht, sie zu ordnen. »Sie schläft?« wiederholte er mechanisch und schlich leise zu ihr. Sie atmete sanft wie ein Kind. Er nahm sie in seine Arme und legte sie auf das Sopha; sie schlief fort. Ihm ward schwindlig, wie einem, der innere Glockentöne hört und gestaltlos schwimmende Farben sieht. Willenlos ließ er sich von St. Valère fortziehen.

Die jungen Leute standen, ihn erwartend, auf dem Flur; St. Valère machte sich Charles selbst bekannt, und die ganze Gesellschaft fuhr unter lautem fröhlichen Gelächter nach Fontainebleau.

 

Viele Tage waren seit jenem Morgen vergangen; totenbleich und erschöpft saß Alfred auf seinem Zimmer; vor ihm stand der gepackte, nach England bezeichnete Koffer. Die Türe der Nebenstube stand weit auf, Annette bewohnte sie nicht mehr.

Alfred hielt ein Blatt Papier in der Hand, das er zum zwanzigsten Mal zu lesen versuchte; er wußte längst, was darin stand, doch hatte nur sein Herz den unglückseligen Brief gelesen. Er lautete:

Mein teurer Alfred!

Wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich weit von hier, mein guter Freund! in einem fremden Lande, in dem ich, wie sie sagen, mein Glück finden soll. Mein Gott! mein Glück war immer bei Dir. Sie wollten mich verheiraten und sagten mir, das sei das sicherste Mittel, Dich dahin zu vermögen, eine glänzende Partie zu tun, zu welcher Dich Dein Stand, der Reichtum Deiner Eltern und ihre Liebe beriefen. Mein Freund, ich glaube das nicht; wenn Du eine große Dame heiraten mußt, wenn Du dadurch vielleicht ein reicher mächtiger Herr wirst und das englische Parlament regierst, so wird es Dich gewiß nicht glücklicher machen, wenn Deine arme Annette einen ehrlichen Mann betrügt. Es gibt elende Menschen genug in der Welt. Mein Alfred! – Gott, nein, nicht mehr mein Alfred! – Du mußt nicht unnütz sorgen um mich. Man hat mir Geld, viel Geld gegeben; verzeih, daß ich Dir es wiederschicke, ich kann es nicht mitnehmen. Aber alles, was Du mir geschenkt hast, das Medaillon, die Kette, das seidene Kleid, alles, was Dir so schwer wurde, mir anzuschaffen – und mir so schwer, es zu behalten, das alles nehme ich mit mir.

Frage nicht, wohin ich gehe; ich habe Deinen Bruder und sie alle betrogen und bin nicht dorthin gegangen, wohin sie mich schickten; aber wiedersehen sollst Du mich nie, mein lieber Engel! Auch St. Valère, den ich herzlich grüße, weiß nicht, wo ich bin. Aber Gott wird mir gewiß Nachricht von Dir zukommen lassen und die Überzeugung, daß es gut war, Dich zu verlassen, und daß Du sehr glücklich geworden bist. Ich bitte ihn, daß Du nur nicht krank werdest aus Kummer. Siehst Du, ich schreibe auf den Knieen, als läge ich vor dem heiligen Altar der Mutter Gottes. Sei mir ja glücklich!

Deine Annette

St. Valère hatte den Brief mit gelesen; als Alfred sich mit tränenüberströmtem Gesicht aufrichtete, stand der Freund neben ihm.

»Sieh«, sagte Alfred und hielt ihm das Blatt hin, »acht Tage, acht lange Tage habe ich sie unaufhörlich gesucht, nicht einen Augenblick gerastet, das ist das Ende!«

»Ich weiß«, sagte St. Valère kurz, »der Alte hatte recht. In Thüringen hatte ich nichts gesehen. O diese erbärmlichen und erbarmungslosen trockenen, hölzernen Wichte!«

Alfred hatte die wunderlichen Worte überhört. »Nie wiedersehen! nie?« wiederholte er leise vor sich hin; »und – wie er sie nur dahin vermocht hat, mich zu verlassen?«

»Das steht alles in dem Briefe«, sagte St. Valère.

»Aber wie konnte sie es?« fuhr Alfred fort. »Anderthalb Jahre haben wir jeden Gedanken wie jeden Bissen Brot miteinander geteilt! Ach, St. Valère! du ahnest nicht, was sie für mich getan, was alles mir geopfert! – Meine Launen, meinen Mißmut, meine Verzweiflung über meiner Eltern Härte, die seit acht Monaten mir keinen Schilling sandten, um mich zur Rückkehr zu zwingen, – alles, alles hat sie mit mir getragen, oft wochen-, monatelang mit ihrer Hände Arbeit mich und sich erhalten. O, ich war oft unleidlich; aber nie, nie, das schwöre ich dir, hätte ich mit Undank ihr vergolten, nie hätte ich sie verlassen.«

»Eben darum«, sagte ruhig St. Valère, »hat dein Bruder sie freundlich gezwungen, dich zu verlassen.«

»Mensch!« rief Alfred ganz außer sich, »hast du denn kein Herz?«

»Mensch?« wiederholte St. Valère. »Schimpfe mich nicht, was geht ihr mich an!«

Er wandte ihm den Rücken und ging.

 

Es war in einer lauen Sommernacht, als man eine arme Nähterin des Faubourgs St.-Antoine still und geräuschlos beerdigte. Es wußte niemand, woran sie eigentlich gestorben. Sie hatte so hingelebt wie Tausende ihrer Art. Sie hatte ein ganz kleines Mädchen bei sich gehabt, das man nun ins Waisenhaus brachte. Es wußte niemand im Hause, ob es ihr eigenes Kind gewesen, nur sagten ihre Stubennachbarn, die denselben Stock mit ihr bewohnt, daß sie die Kleine nie geschlagen und sie aufs zärtlichste geliebt habe.

Ein wunderlich aussehender Literat hatte die arme Grisette dann und wann besucht. Man wußte nicht, was er für ein Landsmann, es kannte ihn auch niemand näher; nur erzählte man, daß er der Verfasser der artigen Vaudevilles sei, die eben in Paris en vogue waren und sehr gefielen. Er hatte eine Beschützerin oder Geliebte beim Theater, die Primadonna war und welcher er die seltsamsten Rollen in diesen Stücken schrieb. Abwechselnd stellte sie alle möglichen Naturerscheinungen vor, besonders oft weibliche Irrlichter, und man versicherte, daß dies Fach ihr ganz vorzüglich zusage.

Überhaupt hatte der junge Dichter eine ganz entschiedene Vorliebe für Naturgeister, denen er eine genaue Individualität verlieh. Er soll sogar einmal einen faulen Weidenstamm auf die Bühne gebracht haben, den Elfen verehrten und der im Dunkeln leuchtete und das ganze Theater erhellte. Die Leute sagten, es sei eine schlechte Nachahmung von Correggios Nacht. Andere meinten, es sei eine feine Anspielung auf die Naturphilosophie.

An dem Tage, an welchem in Frankreich die arme Grisette begraben ward, stand Sir Alfred G. in England mit einer schönen blühenden Braut am Altare, der er kalt und gelassen den Arm bot, um sie nach der Ceremonie aus der Kirche zu führen. Der junge Mann sah sehr bleich und krank aus. Als die Wagenreihe der Verwandten und der Hochzeitsgäste das Landhaus erreichte, zu welchem sie das junge Paar geleiteten, fehlte der Bruder des Bräutigams, der sie alle empfangen sollte.

Man hat nie wieder von ihm gehört; es hieß, er sei beim Entgegenreiten in einem den Park begrenzenden Morast verunglückt. Durch seinen Tod ward der neue Ehemann, dessen Vater wenige Wochen später verschied, Lord und Besitzer eines großen Vermögens.

 

»Nein«, sagte Satan, »du bist ein Schalk; ich will es aber nicht, daß du in meine Angelegenheiten dich mengst. Treiben dir’s die Menschen zu bunt, so scher dich in deinen Wald zurück, aber bleibe mir mit deiner Irrlichtsmoral vom Halse!«

»Moral! Moral!« lachte das Irrlicht, das heißt, es zuckte in tausend und aber tausend Flämmchen auf. »Das arme Ding quälte sich unnütz; ich war am Ende so menschlich geworden, daß ich mich bei einem Haar selbst in sie verliebt und ihr meine Hand geboten hätte –«

»Du bist nicht gescheit«, unterbrach ihn der Teufel. »Solche Mesalliancen gibt der Alte nicht zu. Was gäbe denn das für Racen? Daß du mir den blonden Schlaraffen zugeschickt hast, ist ganz gut; der Narr ist vor purer Vortrefflichkeit ein Schuft. Indessen sind wir doch noch nicht ganz einig über ihn, der Alte und ich; aber nur vorwärts!«

 

Am Karlsbader Mühlbrunnen stand eine Gruppe junger Herren und Damen; alle blickten in ein gedrucktes Blatt, das die jüngste und hübscheste unter ihnen in der Hand hielt und laut daraus vorlas. Es schien, daß alle den Genuß des Sehens und Hörens vereinen wollten; nur ein einziger blonder Offizier sah die Vorleserin statt des Blattes an und machte dabei ein zweifelhaftes Gesicht, von dem schwer zu sagen, ob es Entzücken oder Verblüffung ausdrückte.

»Gott sei Dank!« sagte ein vorübergehender, scharf um sich blickender junger Mann – es war ein Dichter –, »sehen Sie, Baron! da steht ein Verliebter! der erste, den ich in der ganzen Saison hier gefunden!«

»Ach, lieber Freund!« erwiderte der Baron, »Sie sind schon wieder auf dem Holzwege! Sie sind ein poetisches Gemüt! Der gute Elsthal ist taub und arm; er hat sich vorgenommen, hier eine Partie zu tun. Die kleine Comtesse ist schön und sehr reich; er kann aber nicht verstehen, was sie liest!«

»Was liest sie denn eigentlich?« fragte ein hinzugetretener dritter Wassertrinker in einem fest zugeknöpften braunen Oberrocke.

»Was sie liest? Was sonst als das neugebackene Karlsbader Tageblatt. Es ist ein hübscher Einfall eines sehr gescheiten Israeliten, den wir hier haben; er beschreibt uns alle Morgen auf die pikanteste Weise, was wir am Abend vorher in der pomadigsten und langweiligsten Weise getan.«

»Lesen denn das auch gescheite Protestanten oder nur gescheite Katholiken?« fragte ganz ernsthaft der Braune.

»Sind Sie klug, Wallstein?« rief der Baron. »Was geht denn das die Religionen an?«

»Ich verstehe ihn«, sagte der Dichter. »Aber wir sprachen von Nationalität, und die ist hierbei bezeichnend; denn ein geistlicher Jude faßt immer schärfer auf als ein geistreicher Christ.«

»Zugegeben«, sagte der Braune, »und nicht ohne Ursache!«

Der Dichter sah ihn an und lächelte. »Zugegeben, Wallstein; aber«, fuhr er ernster fort, »mehr als dies Zugegeben vermag unsere Zeit noch nicht. Warten wir es ab.«

Die kleine Comtesse las eben unter allgemeinem Jubel: »Seit gestern, nachmittags vier Uhr, sind wir so glücklich, den liebenswürdigsten und ungewöhnlichsten Reisenden unseres Jahrhunderts in unserem Dampfkreise zu besitzen. Von Geburt ein Deutscher, verschmähte Baron M. dennoch nicht, die reiche Laufbahn seiner Studien in unserm Grätz zu beschließen, wo wir vor einer Reihe von Jahren ihn zuerst gesehen. Damals stand er in enger Verbindung mit den feurigsten jungen Italienern jener unruhigen Zeit, deren südliche Lebensglut er in jeder Beziehung zu überbieten schien. Von Grätz aus reiste er nach Ungarn, wo wir ihn in der brillanten Uniform eines Christen wiedertrafen. Er entwickelte in den höhern Sphären der Gesellschaft die gewinnendsten Talente, sang, spielte Guitarre und Clavier, improvisierte, tanzte, ritt, focht – alles meisterhaft; und wir sahen ihn in so zauberischer Schnelle eine Reihe glänzender Liebessiege verfolgen, daß wir kaum umhin konnten, den frühern Revolutionair für einen geschickten, blasierten, routinierten Roué zu halten.

Aber in dem kleinen Fabrikstädtchen B. brach ein furchtbares, allen Löschanstalten trotzendes Feuer aus. Viele Tage hindurch zehrte die leckende Flamme am Marke unserer Wohlhabenheit. Unter einstürzenden Dächern und Mauern, durch Wasserfluten hin über morsche Balken wegschreitend, die unter seinem Tritte zusammenbrachen, sahen wir den Damenliebling plötzlich die Kenntnisse des reifen Ingenieurs, die Kraft und Gewandheit des stärksten Mannes entfalten. Baron M. rettete Hunderten Besitz und Leben und ward der Abgott der ihm Dank zujauchzenden Bürger.

Zwei Jahre später finden wir ihn in der Walachei als Geologen und Bergmann wieder, sehen ihn Minen sprengen, Gruben eröffnen und den ganzen dortigen neuen Bergbau mit der Besonnenheit eines erfahrenen Technikers leiten, und bald darauf in Italien bei der eben dort ausgebrochenen Cholera als Mediziner am Bette der Kranken sie ärztlich pflegen und bewachen, Hospitäler gründen, Gräber und Beerdigungen besorgen. Vor wenig Monaten taucht er in Paris als Magnetiseur auf, wo die unglaublichsten Erscheinungen des Somnambulismus seine Gewalt über die mit ihm in Rapport Stehenden beweisen.

Mit dieser chamäleontischen Gewandtheit vereint Baron M. die blühendste Gesundheit des Jünglings und die volle Kraft des Mannesalters und scheint somit durch jede Vergünstigung der Natur und des Geschicks uns den Begriff eines möglichen Menschenglücks erhalten zu wollen, das den meisten unserer Zeitgenossen zur Tradition einer ehemaligen Götterwelt geworden.«

»Ach!« riefen alle Damen wie aus einem Munde, »und dieser Wundermann, dieser Salamander, dieser Zauberer und Hexenfürst ist hier? Hier in Karlsbad? Wer kennt ihn? Wer hat ihn gesehen?«

Aber – keine hatte ihn gesehen.

Die drei Freunde, welche wir eben eingeführt, scherzten noch eine Weile über die neue Erscheinung. »Sollte er nicht ein bloßer Spaß des Redakteurs, so ein Monsieur ni vu ni connu sein, mit dem man die Kinder schreckt?« meinte der Baron.

»Bewahre!« sagte der Braune, »es ist eine indische Gottheit, ein Mahadöh, der sich verkörpert.«

»Oder eine neue Personifikation des Ewigen Juden«, meinte der Dichter.

Indem schritt ein auffallend schöner großer Mann zwischen die Redenden mitten hindurch; sein durchdringender Blick fiel auf das Tageblatt in der Hand der Comtesse und glitt dann auf diese hinüber. Ein kaum merkliches Lächeln zuckte wie ein Wetterleuchten über die edlen Züge. Er grüßte leicht, betrat die Brücke und bog um die nach der Egerstraße führende Gassenecke.

»Das war er!« riefen unwillkürlich alle.

Die Damen zogen diesmal sämtlich die Egerchaussee, den Weg nach dem »Posthofe« vor; die jungen Männer fanden das Wetter abscheulich, gingen alle nach dem »Elephanten« und verlangten eine halbe Stunde zu zeitig den Kaffee, die Cigarren, die Zeitungen. Die unglücklichen Aufwärter konnten gar nicht fertig werden. Die Ehemänner schlugen ihren Gattinnen entfernte Bergspaziergänge im Schatten vor; die drei Freunde aber blieben am Brunnen und lachten.

Aber doch wußte man abends in jeder, auch der kleinsten Coterie, wen der Baron M. gegrüßt, wo er gespeist, wen er kennengelernt habe, ja sogar, wem er morgen den Hof machen werde.

Drei Tage später kamen seine Reit- und Wagenpferde; lauter Vollblut- und Racetiere. Von dem Augenblick an zweifelten alle Männer an seiner Redlichkeit; denn welcher Privatmann konnte sechzehn solche Pferde sich halten? Nicht einmal Fürst Pückler – und nun gar ein deutscher Baron! Unmöglich!

Noch zwei Tage später wußte man in der ganzen besten Gesellschaft von fünf Verhältnissen, die er mit schönen Frauen in Wien, Paris, Rotterdam und London gehabt, von drei irgendwo trauernden Bräuten, die er verlassen, und von sechs oder sieben ihm fluchenden Elternpaaren. Gerade als die Woche um war, gab er im »Posthof« einen glänzenden Ball. Alle Welt war dort; es war deliciös. Beim Schlusse des Festes fehlten drei Damen. Wie es schien, hatte der ebenfalls fehlende Wirt sie alle drei entführt.

 

»Nun, hast du nun endlich ein Verhältnis mit einer schönen Gräfin gehabt?« fragte der Teufel das Irrlicht, das unter dem saftigen Blätterdache einer alten bemoosten Eiche hin und her wogte und dem ersten Mondviertel zuleuchtete. »Mehrere, Meister!« erwiderte der Waldgeist. »Es war eigentlich nicht der Rede wert. Ich führte sie alle drei, versteht sich, jede einzeln, dem Marienbader Moor zu, ließ jedesmal meine Pferde im Schlamm versinken, ging, Hülfe zu holen, und kehrte nicht zurück. Es muß spaßig gewesen sein, als am nächsten Morgen die drei in nächster Nähe voneinander haltenden Equipagen sich gewahrten und begrüßten. Schade, daß ich’s nicht erlebt habe; denn in dem Augenblicke hattet Ihr mich schon –«

»Gerettet!« brummte der Teufel. »Du hast da wieder elementarisch großartig-dummes Zeug gemacht! Kein vornehmer Mann betrügt drei Comtessen auf ganz gleiche Weise.«

»Meint Ihr, Meister? Mir scheint die ganze Männer- und Weibermanier in diesem Punkte überall viel Ähnliches zu haben. Ich bin nun Thüringer, Preuße, Ungar, Walache und Franzose gewesen – nein, halt! ein Franzose macht es etwas anders, er ist roher, aber poetischer dabei. Im allgemeinen fand ich jedoch eine wirklich ermüdende Gleichförmigkeit, eine durch alle Klassen sich hinziehende Wiederholung –«

»Halt’s Maul!« sagte der Teufel. »Wir verstehen nichts von der Civilisation, mein Bester! Wo die anfängt, hört Ihr auf!«

Ob ich nicht lieber nun im Walde bleibe? dachte das Irrlicht.

Indem erhoben sich die getragenen, schwermutsvollen Töne einer Klarinette, die, sehnend an den Bergspitzen und Baumgipfeln hingleitend, den ganzen Wald wie mit Maienduft erfüllten. Es war, als würde die Welt plötzlich so wehmütig schön, daß man jede Minute betrauern müsse, daß sie verflossen, und jede jubelnd begrüßen, daß sie zum Träger eines so zauberhaften Glückes geworden.

Ein junger Mann und ein wunderbar schönes Mädchen traten aus dem Gehölz. Er war der Virtuos und hielt sein Instrument noch in der Hand. Beide setzten sich zusammen ins Gras. Der Mond stand nun schon hoch und beleuchtete die anmutigen Gestalten. »Jetzt ist es an dir, Editha!« sagte der junge Mann.

»Meinetwegen«, erwiderte sie; »aber bilde dir nicht ein, daß ich’s für dich gemacht.«

Er schüttelte traurig das Haupt. Während sie mit entzückend klarer Stimme ein Lied sang, blies er, dann und wann einfallend, eine Art obligater Begleitung zu der Melodie desselben. Er verstand es, alle die in der nächtigen Stille fehlenden Frühlingsstimmen wie durch Zauber zu ersetzen. Bald klang es, als zwitscherten erwachende Vögel, bald wogte es wie ein ferner Luftstrom über den Bergwald hin, es tröpfelte als Felsbächlein durch die Kluft, es summte wie eine geschäftige Insektenwelt in emsiger Einförmigkeit fort, ja, es rief mit Posthornlauten aus der weit entlegenen Talschlucht herauf.

»Das nennt man plastisch in der Musik«, bemerkte der Teufel dem Irrwisch, »und landschaftlich. Mich wundert nur, daß er nicht ein wenig heulenden Sturm und rollenden Lawinendonner macht!«

Das Mädchen sang:

»Wenn der Blütenstaub der Weiden
Niederfliegt ins stille Tal,
Werd ich mit dem Frühling scheiden,
Küß ich dich zum letzten Mal!

Denn mich locken die Verwandten,
Mich, der Elemente Kind;
Was gestaltend hier sie bannten,
Lösen leise sie und lind.

Dann umschmeichl‘ ich dich als Welle,
Spiel als Zephyr dir im Haar,
Flattre vor dir als Libelle,
Jung mit jedem jungen Jahr.

Lieg als Ranke dir zu Füßen,
Blick als Blume dir ins Herz,
Grüße dich in tausend süßen
Lenzgebilden – ohne Schmerz.«

Das Irrlicht seufzte; ja, es seufzte vor Vergnügen. Gott! dachte es, mit den schönen Gräfinnen war’s nichts, und nun führt mir der Himmel dies Engelsangesicht zu, das rein elementarische Gesinnungen hat!

»Bewahre!« sagte der Teufel, »die Kleine ist in einen jungen Philosophen verliebt und hat seitdem antediluvianische Erinnerungen und neigt sich zum Pantheismus. Die Herren krabbeln immer an meiner Türe herum, um zu wissen, was ich und der Andere zusammenbrauen.«

»Ach, Editha!« flüsterte der Musiker, »welch ein Gotteshauch weht aus deiner Stimme mich an! Ich fühle und begreife die Kunst der alten Meister nie besser, ich empfinde die schöpferische Kraft, die der Menschenseele inwohnt, nie tiefer, als wenn ich dich höre! Du machst mich fromm – ach! wendete sich nur dein Geist nicht dem Abstrakten, dem ungläubig Forschenden zu! Du, selbst eine Offenbarung des Höchsten, solltest an dir die Beglaubigung aller Wunder unserer Religion empfinden! Denn eine reine Jungfrau ist ja das Sinnbild alles Göttlichen auf Erden!«

In diesem Augenblicke stürzte ein zweiter junger Mann aus dem Gebüsch hervor und blieb mit dem Ausdruck der Verzückung vor Editha stehen. Seine vollen schönen Lippen bebten vor Aufregung, seine Pulse flogen, seine Augen flammten. Mehrere Minuten stand er, wie geblendet, vor dem Mädchen sprachlos, endlich rief er: »Ja, Sie waren es! Sie haben mir die Seele aus dem Körper gesungen!« Er zitterte so heftig, daß er sich an einen Baum lehnen mußte; sein Blick brannte fort, aber die ganze Kraft seiner jugendlichen Gestalt war wie zerbrochen. Der Musiker fing ihn in seinen Armen auf; der Fremde lehnte seinen Kopf an dessen Brust und lag eine Weile wie besinnungslos. Endlich brachen leise Tränen aus und überströmten sein Gesicht; aber selbst in diesem kaum bewußten Zustande blieb sein Auge starr an dem Antlitz des schönen Mädchens haften.

Auf diese schien der ganze Vorgang wenig Eindruck zu machen; sie mochte dergleichen gewohnt sein, denn sie blieb ganz gelassen.

»Wer ist denn der?« fragte heimlich das Irrlicht. »Ein Irländer«, erwiderte der Teufel. »Ich will auch ein Irländer werden!« rief das Irrlicht.

Allmählich hatte sich der Fremde gefaßt. Ein begütigend freundliches Gespräch, das er jedoch oft durch rhapsodische Ausrufungen unterbrach, erläuterte, daß er mit dem Musiker und Editha im nämlichen Hause wohne, ohne es zu ahnen. Die beiden jungen Männer brauchten eine Wasserkur in der Nähe und verlebten einige Wochen in der Familie, der das Mädchen angehörte.

Es entspann sich nun gar bald ein anmutiges Liebesspiel unter den jungen Leuten. Editha nahm beider Huldigungen freundlich hin, doch war es leicht zu sehen, daß ihre Gedanken eine ganz andere Richtung verfolgten und ihr Herz einem fernen Gegenstande entgegenschlug. Die Eltern des Mädchens, brave Förstersleute, hatten des wenig acht; sie hatten zu viel anderes zu tun, kümmerten sich daher nur wenig um ihre Mietsleute und ließen das schöne Kind ruhig gewähren.

Da kam eines Abends noch ein dritter Gast hinzu; er gab sich James als dessen Landsmann zu erkennen und teilte ihm eine Menge Nachrichten aus ihrer gemeinschaftlichen Heimat mit. Die Darstellung der dort mehr und mehr um sich greifenden Not, des steigenden Jammers der Armut, stürzte James in Verzweiflung; er lief erhitzt den ganzen Tag umher und entwarf tausend Pläne, dem Unheil zu steuern, zeigte sich zu jedem noch so schweren Opfer bereit und schrie unaufhörlich: I love my country. Dann versank er abwechselnd in dumpfes Hinbrüten, erklärte Editha zum zwanzigsten Mal seine heftige Liebe und beschwor sie, ihn zu heiraten, damit er zurückkönne nach Irland, um sein Vaterland retten zu helfen und gemeinschaftlich mit ihr die Bauern auf seinem Gute zu beglücken.

Das Mädchen wiederholte ihm, daß sie Deutschland nicht verlassen könne und ihn nicht liebe; sie ließ ihn sogar erraten, daß ihr Herz einem andern geneigt sei.

»Heirate mich! Heirate mich!« bat er, ohne darauf zu achten. »Kein anderer wird so dich lieben, kein anderer dich so unsäglich glücklich machen!« Dabei zählte er ihr aber all seine Fehler auf, gestand ihr, daß er ein Trinker, ein Spieler und Raufer sei, daß er bis jetzt ein wüstes, liederliches Leben geführt habe; aber darum müsse sie ihn heiraten, damit er ein ganz anderer Mensch werde. Sie solle, sie müsse ihn retten und mit ihm seine Untertanen beglücken.

»Ja, ich liebe mein Vaterland!« rief er in höchster Aufregung; »aber ich werde nichts, gar nichts für dasselbe tun ohne dich!«

So blieb er denn Tag um Tag, ohne andere Entscheidung, fast stundenlang ihr gegenüber mit seinem Liebesweh, weinte, wütete. Zuweilen erschreckte sie das heftige Wesen; sie war besorgt um seine Gesundheit, sein Leben, und doch vermochte sie ihm nicht mehr zu gewähren als eben diese tiefe, innere Mitleidsqual, zu welcher er nach und nach ihre Empfindung gesteigert hatte.

Der neue Ankömmling, eine höchst angenehme jugendliche Erscheinung, entwickelte alle möglichen nationellen Ähnlichkeiten mit James, aber auch einiges individuelle Heitere. Er war um mehrere Jahre jünger und strahlte vor Frohsinn. Auch er verliebte sich in Editha und erklärte sich; auch er ward abgewiesen. Auch er wollte ins Wasser springen, vergaß es aber über einen in der Nähe abgehaltenen Pferdemarkt, auf welchem er, statt eines lange gewünschten Rappens, einen Windhund kaufte.

Als er zurückkehrte, war gerade das Gefühl der Freundschaft das vorherrschende in seiner Seele geworden. Er beschwor die Geliebte, seinem Freunde anzugehören, dem er ihren Besitz zu opfern fest entschlossen sei. Als er auch hierauf ein sehr bestimmtes Nein erhielt, suchte er James zur Abreise zu bewegen; als auch das mißlang, wollte er ihn gewaltsam entführen. Nach einem solchen Ausbruch blieb James, in Kummer aufgelöst, auf dem Sopha liegen. Paddy – so hieß der andere Irländer – eilte auf der Stelle fort in die weite Welt.

»Du mußt sie versöhnen, Editha!« bat der junge Musiker. »James kann es nicht ertragen, es lastet zu viel auf ihm.«

Ein lautes, so herzliches Lachen, in das unwillkürlich der Virtuos, Editha, ja selbst der melancholische James leise mit einstimmten, weil es gar zu liebenswürdig und frisch klang, unterbrach die Ermahnung.

Paddy war, statt in die weite Welt, ins enge Wirtshaus des nahen Städtchens gegangen und tipsy nach Hause gekommen. Edithas jüngere Geschwister spielten vor der Türe draußen, und eben half der Verzweifelnde, der seinen Gram vergessen, den Buben Seifenblasen machen; dabei mußten sie aber zugleich über einen niedrigen Zaun springen. Das Lachen über die aufgeblasenen Backen der Kleinen und die zu nichts führenden Anstrengungen waren die Hauptsache im Spiel.

Mitten in seinem Kummer mußte James doch zusehen. Allmählich sprang er mit, hoch und immer höher, machte auch Seifenblasen, und immer schönere, und ward bald so ganz zum Kinde unter den ihm zujauchzenden Kindern, daß Editha lächelnd fortschlich; der Musiker aber folgte ihr. James merkte nicht, daß die Geliebte davonging, weil er eben mit Paddy um die Wette über seinen mit beiden Händen gehaltenen Handschuh sprang.

Editha ließ ihm die Vernachlässigung nicht entgelten; sie hatte ganz anderes im Sinne. Sie erwartete den Liebsten zum letzten Mal auf lange, lange! Gespannt hatte sie den fernen Hufschlägen eines Pferdes zugehört und eilte jetzt dem Reiter entgegen.

Der Musiker war ihr nachgeschlichen; ihn quälte wütende Eifersucht und er hätte den beiden gern die letzte Stunde verkümmert. Draußen war es so sonnenhell und schön, als könnten diese heißen Mittagsstrahlen nur Glück bescheinen. Als er sie in den Armen des Beneideten sah, lief der arme Virtuos mit seinem Instrument tiefer in den Wald hinein; die Liebenden aber hielten die vom Winde getragenen einzelnen Laute seines melodischen Schmerzes für den Widerhall ihrer eigenen Klagen. Hermann – so hieß der Freund – zog in die Weite. Die Wissenschaft war die Nebenbuhlerin des schönen geliebten Wesens, das so treu an ihm hing. Er schied mit tausend Gelübden, aber zu Vater und Mutter wollte er nicht; ihm graute vor dem Philistertum und vor den fremden Gesichtern, und dann sollte sie ihm unbedingt, wortlos glauben.

Trotz aller Schwärmerei spannen beide einen langen goldenen Glücksfaden der Zukunft aus: die Rückkehr, die künftige Professur auf einer kleinen Universität, das häusliche Zusammenleben – alle reizenden Möglichkeiten einer geteilten Existenz flossen vor ihren innern Augen in einen Brennpunkt zusammen; denn in der Jugend grenzt der Himmel überall an die Erde!

Die Mittagsglocke des Forsthauses, deren Klang die im Gehölz zerstreuten Jägerburschen zusammenrief, trennte die Liebenden, und bald schmetterte am jenseitigen Flußufer das Posthorn des dahinrollenden Eilwagens vorüber, den Hermann vielleicht schon versäumt hatte.

Editha blieb allein im Walde. Als Paddy und der Virtuos sie endlich fanden, folgte sie ihnen freundlich-still; aber sie mochte nicht reden. Der Musiker drückte ihr die Hand und unterhielt die Eltern und Paddy; es war einer der sanften deutschen Charaktere, die so leicht aus der Rolle des Liebhabers in die des wehmütig Liebenden, Vertrauten übergehen und oft auf diese Weise später ein glückliches Ziel erreichen.

James fehlte; er ward den ganzen Abend und einen Teil der Nacht hindurch gesucht. Paddy schwur darauf, daß er sich Edithas wegen ein Leid getan. Editha schüttelte lächelnd das schöne Köpfchen und schwieg.

Drei Tage blieb er weg. Den Alten und sogar dem Virtuosen war herzlich bange geworden – da kam er wieder mit einem alten Auerhahn und einer neuen Vogelflinte. Die Jagdlust hatte ihn wieder aus seiner Leidenschaft herausgerissen; aber ach! als er Edithas holde Augen sah und ihr die Jagdbeute zu Füßen legte, ging der Jammer von neuem an, und er schrie lauter und schmerzlicher denn je: »Heirate mich, denn ich sterbe, wenn du mich nicht liebst!«

Editha riß sich los und lief in den Wald hinein, zur Stelle, wo er von ihr geschieden. Der Musiker und die Eltern hatten ihr gelobt, die Fremden endlich zu entfernen.

 

Es war wieder ein goldener Mittag über die Hügel gebreitet, der sie wie ein Strahlennetz umspannte, und drüben schmetterte das Posthorn, wie zu jener Stunde. Das Mädchen ging lange am Ufer hin und her; endlich löste sich die bange Qual in Wohllaute auf; sie setzte sich auf einen bemoosten Felsblock und sang in die klare Luft hinaus:

»O all ihr Wolken, Berg‘ und Tale!
Verbergt ihr mir den Heißgeliebten?
Ist er nun fort mit einem Male?
Sonne! was soll’s mit deinem Strahle?
Was soll dein Rauschen, arme Saale?
Was seid ihr alle der Betrübten?

O all ihr Feld- und Waldgesänge!
Was fragt ihr mich, wo er verweilet?
Wenn zu erreichen ihn gelänge,
Du klarer Quell, glaub mir, ich spränge
Gern auch ihm nach durchs Grasgedränge,
Durch das der Flüchtling dir enteilet.

Glaub’s wohl, daß ihr ihn gern gehalten,
Ihr Bäume, mit den grünen Armen!
Felsen, euch hat es nicht zerspalten,
Als seine Schritte leis verhallten
Und er mich preisgab den Gewalten
Der Einsamkeit – ohn all Erbarmen?«

Der Teufel saß auf einem Grenzstein und las – im Kalender. Im Himmel und in der Hölle ist keine Zeit; es lag ihm aber daran, zu wissen, wie lange das Irrlicht nun unter den Irländern sei. Daß James und Paddy miteinander das Forsthaus verlassen, wußte der Alte; denn es hatte entsetzlich viel Verdruß dabei gegeben, und er selbst war mehre Male, obschon nicht eben höflich, hinzugerufen worden. Seitdem jedoch waren Jahre vergangen. Um die guten Leute im Forsthause hatte sich der Teufel nicht sonderlich gekümmert; in Irland aber war er mehre Male in großen Versammlungen gegenwärtig gewesen; er hatte das Irrlicht auch zuweilen dort gefunden; das war jedoch schon eine Weile her.

»Nein«, sagte der Alte, nachdem er ziemlich mühsam sich in das Zeitenmaß hineinstudiert, »es geht nicht länger, die Repeal-Versammlungen sagen ihm alle zu, Pater Mathews Wassertrinken liegt ohnehin in seiner Natur, und tipsy ist er so noch dabei, den Shamrock hat er vom Walde aus grundlieb; raufen, balgen, schlagen und mitunter flunkern und flimmern – das geht ihm alles von der Hand wie angeboren; und wenn er mir nun noch einmal aus den Gedanken kommt, bin ich capable, ihn so ein paar hundert Jahre da zu vergessen; denn keiner merkt dort, wer und was er ist. Das bringt eine entsetzliche Verwirrung in alle Einrichtungen der Menschlichkeit und gibt Verdruß mit Dem oben. – Hoho! der Geselle muß wieder her!« – Der Teufel pfiff schrillend auf seinem Finger, und der junge hübsche Irländer stand vor ihm, oder vielmehr, versuchte möglichst still zu stehen. »Hat er doch wahrhaftig noch seine irländische Physiognomie!« brummte der Alte.

»Ganz gut!« erwiderte der Irländer, »was soll ich denn sonst haben? Ich weiß ohnehin nicht, wie ich mit mir daran bin, und mein Vater –«

»Kerl, du hast ja keinen!« sagte der Teufel. »Oder meine Mutter.« – »Schatz, das ist ja eine alte Eiche! Flunkere mir doch nichts vor!«

»Nun kurz; also mein Freund, der Virtuos, der jetzt die ganze Welt durchflackert und elektrisiert, sagt, daß er selbst nie recht genau weiß, wie ich aussehe. Wie soll ich’s da nun wissen?«

»Es ist nun genug!« sagte der Alte – und nun gehe ein jeder seines Weges und nach Hause.

Ende des Märchens

 

Über die Chaussee kamen zwei Freunde eilig geschritten; sie wählten abschneidend den Fußpfad durch das Feld, um schneller nach Hause zu kommen. Den einen erwarteten daheim Weib und Kinder, den andern, der ein Phantast war, erwartete niemand.

»Aha«, sagte der verständige Hausvater, »da drüben blitzen ein paar Irrlichter auf, gerade an der Rodung hin! Schade, daß ich meinen Paul nicht hier habe; der Bursche hat noch keins gesehen und quält mich oft abends darum, ihm welche zu zeigen. Sie werden jetzt selten, gottlob! Die Kultur des Bodens nimmt überall zu.«

»Wissen Sie«, sagte der Phantast, der des andern Rede überhört hatte – es war ein Junggeselle in mittlern Jahren –, »wenn ich so übers Feld gehe in der Abenddämmerung, wird mir immer ganz märchenhaft und schauerlich zumute. Die Gedanken springen hin und wider; es bilden sich mir Gestalten und ganze Geschichten aus den Gegenständen, die ich nicht eigentlich sehe, sondern nur errate. Wunderbar, wie die äußere Natur in der Seele reflektiert; die Ideen tanzen mir im Kopfe wie dort jene Irrlichter. Überall erblicke ich Gesichter. Sehen Sie den Eichenstamm dort? Steht er nicht da wie ein gebückter Riese? Und das Irrlicht, das an ihm vorüber- und zu ihm hinaufflackert? Es kommt mir ordentlich wie ein Mensch vor! Ja, wahrlich, lange Märchen könnte ich Ihnen erzählen – aber sie brechen zuweilen ab, und winden sich doch auch mitunter, wie dort die Nebelschlange, zwischen dem Nächsten und Fernsten hin –«

»Lieber Gevatter, Sie sind ein Phantast! Ich habe es Ihnen schon hundert Mal gesagt. Dorthin geschaut! da blinken die Lichter von unserm Städtchen! – Ei, nehmen Sie sich doch in acht: hier ist ja der Bach ausgetreten; die Wiesenwasserleitung ist entzwei. Die verdammten Runkeln liegen auch querpfadein –«

»Sonderbar! Sonderbar!« murmelte der Freund.

»Nun, wenn wir nach Hause gekommen, so erzählen Sie es nur meiner Frau!« sagte begütigend der Gevatter; »jetzt ist es ruhig bei uns, die Kleinen sind schon zu Bette.«

Der Phantast verstummte und schritt träumerisch weiter.

Horaisan

Horaisan

Auf den Inseln des ewigen Lebens, Horaisan genannt, herrscht ewiges Glück und ewiger Frieden, dort gibt es weder Schmerz noch Krankheit noch Tod, weder Leiden noch Unfrieden, dort herrscht ewiger Frühling und ewige Pracht; kein Sturm, kein Winter vernichtet die in ewiger Schönheit prangende Natur.

Deshalb ist es kein Wunder, daß die Menschen sich nach diesem Lande sehnen und nichts unversucht lassen es zu finden. Doch ist es noch keinem Menschen, der in der Absicht auszog jenes wunderbare Land zu suchen, gelungen, es zu finden, denn eine lange, lange Seereise trennt es von allen bekannten Ländern; aber niemand weiß die Richtung, in der er ziehen muß, um es zu finden; niemand kennt die Lage des hochgelobten Landes, nur die Schwalben und Sommervögel, die im Winter Japan verlassen, kennen die glückseligen Inseln und ziehen dorthin, wenn der Wintersturm Japan durchbraust. Wer aber reinen Herzens ist und nicht in der Absicht auszieht, sich dem Kampfe des Lebens zu entziehen, wer nicht beabsichtigt in Frieden und Glück zu leben, ohne vorher seine Pflichten gegen Gott und Menschen zu erfüllen, dem kann es geschehen, daß ihn ein günstiger von den Göttern gesandter Wind zu den ewig grünen Inseln führt, doch nimmer kehrt er dann zurück, denn gestillt ist all sein Sehnen und ein jeder Wunsch befriedigt.

Vor langen, langen Jahren, so berichtet uns der japanische Geschichtenerzähler, schenkten die Götter einigen Auserwählten das große Glück, Horaisan zu finden; aber nur einer namens Wasobiowo kehrte zurück und brachte Kunde von diesem glückseligen Lande, ja, es gelang ihm sogar eine Frucht von dort mitzubringen, nämlich die Orange, die vordem in Japan ganz unbekannt war, heute aber dank der von Wasobiowo mitgebrachten ersten Frucht auch hier heimisch ist.

Es wird erzählt, daß einst in China ein grausamer Kaiser regierte, herrschsüchtig und unduldsam, sodaß niemand, der etwas konnte oder verstand, seines Lebens sicher war; denn er allein wollte der einzige sein, in allem vollkommen. Wer mehr konnte als er, den ließ er beseitigen. Dieser Kaiser hatte auch wie alle Kaiser einen Leibarzt, der hieß Jofuku. Das war ein gar gelehrter Herr und außerordentlich klug, doch der Kaiser trachtete ihm nach dem Leben, weil er des Arztes Klugheit fürchtete. Er konnte ihm aber nichts anhaben, denn er wußte keinen besseren Arzt. Endlich aber wurde der Arzt dieses Lebens in Furcht und Schrecken satt und er dachte eine List aus, wie er es anstellen könne, aus dem Lande und aus dem Bereiche des Kaisers zu flüchten.

Es kam ihm auch ein guter Gedanke und so sagte er eines schönen Tages zum Kaiser:

»Ihr habt doch neulich von den immergrünen Inseln des ewigen Lebens erzählen hören. Gebt mir die Erlaubnis sie zu suchen, damit ich von dort heilkräftige Kräuter und ewiges Leben verleihende Früchte für Euch holen kann. Wenn es mir gelingt, werdet Ihr in ewiger Glückseligkeit leben, an nichts Mangel leiden und Herrscher der ganzen Welt werden!«

Diese Rede schmeichelte dem Kaiser und in der Hoffnung noch größere Macht und Gewalt zu erlangen, gab er dem Arzte die Erlaubnis zur Abreise, drohte ihm aber den Tod an, wenn er ohne die begehrten Gaben zurückkehren würde.

Der Arzt erhielt ein Schiff und ein großes Gefolge und schiffte sich ein. In Japan angekommen, ließ er in der Nacht, als das Gefolge ans Land gegangen war und sich dort belustigte, in aller Stille die Anker lichten und fuhr weiter um einen anderen Platz zu suchen.

Was er nun aber garnicht beabsichtigt hatte, das wollten ihm die Götter gelingen lassen; denn plötzlich erhob sich ein furchtbarer Sturm und trieb das Schiff mehrere Tage hin und her, das Steuer ging verloren, die Schiffsbemannung wurde vom Sturme ins Meer geschleudert und als endlich wieder schönes Wetter eintrat, war der Arzt nur noch allein auf dem Schiffe, das er nicht zu regieren verstand. Ein tapferer Mann wie er, verzweifelte nicht, sondern wandte sich an die Götter und siehe da, als er sein Gebet vollendet hatte, wurde das Schiff in ruhiger Fahrt vorwärts getrieben und landete endlich auf Horaisan.

Kaum hatte er das Schiff verlassen und das Land betreten, da versank das Schiff spurlos im Meere, ihm jede Rückkehr abschneidend. Am Strande traf er den Japaner Wasobiowo, der ihn begrüßte und ihm erklärte, wo er sich befinde. Da war der Arzt froh und dachte garnicht mehr daran, nach China zurückzukehren, um dem grausamen Kaiser unverdientes Glück zu bringen, sondern er blieb auf Horaisan und niemand hat seitdem wieder etwas von ihm gehört.

Anders Wasobiowo. Dieser lebte früher in Nagasaki, wo er ein Häuschen besaß, das er mit einem Diener bewohnte und wo er in stiller Zurückgezogenheit lebte, sich nur mit Wissenschaften und allerhand Künsten beschäftigend. Seine liebste Beschäftigung war das Angeln und er konnte oft tagelang auf dem Meere zubringen, einzig allein nur um zu angeln oder im Boote liegend den Gang der Gestirne zu beobachten und zu berechnen.

Eines Abends war er, wieder mit seinem Angelgerät versehen, bei herrlichem Mondschein aufs Meer hinausgerudert. Die sternenklare, ruhige Nacht aber ließ ihn das Angeln vergessen; träumend verfolgte er den Lauf der Sterne und freute sich des kräftigen, Kühlung wehenden Meeresodems.

Die Ruder entglitten seinen Händen und er wußte nicht, wie lange er sich seinen träumerischen Gedanken überlassen hatte, als sich der Himmel überzog und ein furchtbares Unwetter heranraste. Ohne Ruder war er machtlos den Wellen und dem Sturme preisgegeben und nur mit Hilfe des Steuers vermochte er das Boot vor dem Kentern zu bewahren, das mit unheimlicher Schnelligkeit bald über die hochgehenden Wogen dahin schoß bald in die schwarzen Wellentäler versank, die es zu verschlingen drohten. Endlich legte sich das Wüten des Sturmes, es wurde heller Tag; aber Wasobiowo sah nichts als das unermeßliche, wogende Meer, nirgends ein Zeichen, nirgends einen Punkt, an dem das ruhelos schweifende Auge einen Anhalt gefunden hätte um sich zu orientieren.

Er ergab sich in sein Schicksal und harrte des Abends, um aus der Stellung der Sterne bestimmen zu können, wo er sich befinde.

Am Abend, als die Sterne zum Vorschein kamen, da sah er zu seinem Schrecken, daß er mehrere hundert Meilen von der Heimat entfernt war und er garnicht daran denken konnte ohne Ruder dorthin zurückzukehren, umsoweniger als ihn entgegengesetzt wehender Wind immer weiter führte.

Wasobiowo hoffte in dieser Richtung bald ein Land zu finden oder einem Schiffe zu begegnen; deshalb suchte er mit Hilfe des Steuers möglichst geraden Kurs zu halten, was ihm auch gelang, da die Windrichtung sich änderte.

Drei volle Monate trieb er so auf dem Meere und lebte nur von den Fischen, die er mit seiner Angel fing und roh verzehren mußte, da er kein Feuerzeug bei sich hatte. Nach dieser langen Zeit endlich begannen sich im Wasser Pflanzen zu zeigen, die, je weiter er kam, immer dichter wurden; das Meer verlor seine glänzende Farbe und ging endlich in einen dicht mit Pflanzen aller Art bewachsenen Sumpf über, in dem das Boot nicht mehr weiter konnte. Aber Wasobiowo verlor nicht den Mut. Er ergriff die Pflanzen und zog daran und siehe, sie hielten stand wie Stricke. Nun begann eine mühselige Arbeit. Von Pflanze zu Pflanze greifend, zog er sich mit dem Boote immer weiter durch dieses Pflanzengewirr, durch diesen Morast. Über vierzig Stunden dauerte die Arbeit; todmüde, kraftlos und halbverhungert war er, denn hier gab es auch nicht das kleinste Lebewesen, das er als Nahrung verwenden konnte, als er endlich diese unheilvolle Strecke überwunden hatte. Nun lag vor ihm ein silberglänzendes Meer und in einiger Entfernung schimmerte ein grünes Land, überragt von einem bis zum Himmel reichenden Berge. Es war Horaisan mit dem Fusan;50 doch wußte Wasobiowo dies noch nicht, ja ahnte es nicht einmal, sondern freute sich nur endlich wieder Land zu sehen. Eine Strömung führte ihn dem Lande zu und nach zehn Stunden stieß sein Boot auf den wie Gold und Silber glänzenden, sandbedeckten Strand. Hocherfreut sprang er aus dem Boote, fiel nieder und dankte den Göttern für seine Rettung.

Da aber – o Wunder! Als er sich nach dem Gebete erhob, war alle seine Müdigkeit verschwunden; vergessen waren alle Strapazen seiner Reise; er fühlte weder Hunger noch Durst und ein wonniges Kräftegefühl durchdrang ihn.

Da näherten sieh ihm weise, ehrwürdige Männer und schöne, edle Damen, die ihn begrüßten; sie priesen sein Glück, die Reise nach Horaisan überstanden zu haben und nahmen ihn als neuen Bürger in ihre Mitte auf.

Jetzt wußte er, daß er auf Horaisan war, auf Horaisan, das er stets für ein sagenhaftes, nicht existierendes Land gehalten hatte. Es existierte also wirklich, ja, er war jetzt selbst in dieses wunderbare Land gekommen und als Bürger aufgenommen.

Wieder dankte er den Göttern.

Die Stunden eilen und werden zu Tagen, diese zu Wochen, dann zu Monden und endlich zu Jahren. Die Jahre zu Jahrhunderten, dann zu Jahrtausenden und so weiter in unzählbarer Menge bis in alle Ewigkeit.

Aber auf Horaisan gibt es keine Stunden, keinen Tag und keine Nacht, keine Zeiten und keinen Zeitenwechsel, kein Essen und kein Trinken, kein Leid und keinen Tod. In ewiger Glückseligkeit, in geistreichen Gesprächen, bei anregenden Unterhaltungen, bei Musik, Gesang und Tanz streicht die Zeit unaufhaltsam ohne Wechsel und deshalb unbemerkt vorüber.

Wer vermag daher zu sagen, wie lange Zeit Wasobiowo auf Horaisan war, ob es Jahrzehnte oder Jahrhunderte waren, als die Götter einen neuen Ankömmling sandten, jenen chinesischen Arzt Jofuku.

Seit dessen Ankunft jedoch war Wasobiowo wie umgewandelt. Hatte der Arzt Heimatsluft mitgebracht, hatte sein Erscheinen in Wasobiowo einen schlummernden Gedanken geweckt?

Wer vermag es zu sagen?

Jedenfalls fühlte er sich nicht mehr wohl in diesem ewigen Einerlei der Glückseligkeit und er sehnte den Tod herbei. Für diesen war jedoch Horaisan unerreichbar, hier hatte dieser bleiche Gast kein Heim; deshalb konnte Wasobiowo hier auch nicht sterben; sogar sich selbst den Tod zu geben, war nicht möglich, denn im Wasser ging man nicht unter, vom Berge konnte man sich nicht hinabstürzen, denn die Luft trug wie das Wasser, es gab weder Waffen noch Gifte um sich das Leben zu nehmen. Nur ein einziges Mittel gab es, das war: »Fort von Horaisan!«

Aber wie?

Kommen nicht alljährlich die heimatlichen Vögel nach Horaisan um dort die Zeit zu verbringen, da in Japan der Winter herrscht?

An diesen Umstand denkend, beschloß Wasobiowo sich einen der stärksten und größten Vögel zu fangen, ihn zu zähmen und abzurichten, damit er auf dessem Rücken nach der Heimat zurückkehren könne.

Kaum hatte er diesen Entschluß gefaßt, als er auch ans Werk ging, denn es war gerade die Zeit, da die Zugvögel auf Horaisan ankamen. Unter diesen war ein besonders großer und starker Kranich, der kräftig genug erschien, Wasobiowo als Reitpferd dienen zu können.

Diesen zähmte er sich; er hatte ihn auch bald so weit abgerichtet, daß der Vogel ihn aufsteigen ließ und mit ihm kleine Strecken weit flog.

Als dann der Zeitpunkt kam, da die Vögel sich zur Heimreise anschickten, da packte Wasobiowo eine große Menge von Früchten zusammen, von denen er auf seiner Reise leben wollte; denn sobald er Horaisan verlassen hatte, mußte er wieder an Essen und Trinken denken. Vorher besprach er sich noch mit dem chinesischen Arzte und lud ihn zur Mitreise ein, dieser jedoch erwiderte:

»Ich danke sehr für Ihre liebenswürdige Einladung, aber ich wäre ein Tor, wollte ich dieses vollkommene Leben auf Horaisan mit dem unvollkommenen in Japan oder China oder sonst einem von Menschen bewohnten Lande vertauschen. Reisen Sie glücklich und mögen Sie es nie bereuen, dieses glückselige Land verlassen zu haben, denn die Rückkehr ist schwierig, sogar unmöglich!«

Wasobiowo sagte lächelnd: »Ich hoffe, daß ich meinen Entschluß nie bereuen werde, denn meine Seele findet keinen Gefallen an untätiger Glückseligkeit. Das wahre Glück für mich liegt nicht in ewiger Jugend und Nichtstun, sondern in Arbeit, Schaffen und Streben für andere; habe ich für meine Mitmenschen gewirkt, dann habe ich auch für mich gewirkt!«

Hatte er Recht? Ich glaube es!

Also stieg Wasobiowo auf den Rücken des Kranichs und dieser stieg mit ihm empor zum azurblauen Himmel. Dann ging es über viele unbekannte Länder und Städte, durch das Land der Riesen und der Zwerge, der Einbeiner und der Dreiäugigen und durch viele andere wunderbare Länder; überall hörte und sah Wasobiowo das Leben und Treiben der Bewohner und lernte vielerlei Dinge und Weisheiten.

Endlich aber kam er wieder in Japan an. Alle Leute staunten ihn an, sein Name war fast vergessen, denn nicht weniger als siebenhundert Jahre war er fort gewesen, aber der Aufenthalt auf Horaisan hatte auf seinen Körper solchen Einfluß gehabt, daß es ihm nicht ging wie Urashima, dem Fischer, sondern daß er bei Gesundheit und Kräften war, als wäre er nur wenige Tage abwesend gewesen. Von allen Früchten, die er aus dem Lande des ewigen Glückes mitgenommen hatte, brachte er nur noch eine Orange mit. Diese pflanzte er im Garten und sie trug tausendfältige Frucht und von ihr stammen die heute in Japan wachsenden Orangen.

Wasobiowo lebte noch viele, viele Jahre als weiser und zufriedener Mann und erzählte oft von seinem Aufenthalte auf Horaisan und von seiner Reise auf dem Kranich.

Seinem Angelvergnügen aber blieb er bis ins späte Alter treu und fuhr noch oft des Abends aufs Meer hinaus. Von einer dieser Ausfahrten kehrte er nicht mehr zurück. Sein gekentertes Boot wurde später, auf hoher See treibend, aufgefunden. Von Wasobiowo jedoch war nirgends eine Spur.

Ob er wieder nach Horaisan zurückgekehrt war?

Sein Andenken wird in Japan hoch in Ehren gehalten als des einzigen Mannes, der Kunde von Horaisan brachte und die Orange von dort nach Japan verpflanzte.

Im Munde des Geschichtenerzählers, in Wort und Schrift lebt die wunderbare Reise Wasobiowos fort und in vielen Tempeln, in Büchern und Symbolen findet man ihn dargestellt, wie er auf dem Kranich sitzend, über das Meer getragen wird.

  1. Horai = Elysium; nach einer Erklärung von R. Lehmann Name eines fabelhaften Berges im Meere, wo die frommen Einsiedler in ewiger Jugend wohnen. san = Glückberg. Horaisan in sinngemäßer Uebersetzung: Land des ewigen Lebens.
  2. Fu = Vater, Fusan = Vaterberg oder Vater der Berge, nicht zu verwechseln mit dem Fujisan in Japan.

Die Wünsche des Steinhauers.

Die Wünsche des Steinhauers.

Es lebte einmal ein Steinhauer, der mußte sich im Schweiße seines Angesichts plagen; denn sein Handwerk war ein schweres. Doch da seine Arbeiten immer gut waren, so verdiente er so viel, daß er ohne Sorgen und zufrieden leben konnte.

Seine Arbeitsstätte war am Fuße eines hohen Felsens, von dem er Steine losschlug und sie bearbeitete, entweder zu Grabsteinen, zu Türschwellen oder zu irgendwelchen andern Zwecken. Bei diesem Felsen nun hauste ein alter Berggeist, der, wie die Leute erzählten, die Wünsche derjenigen, denen er wohlwollte, erfüllte. Eines Tages hatte der Steinhauer einen großen Gartenstein bei einem reichen Bürger abgeliefert und gesehen, wie wohl der es sich sein lassen könne. Als er an seiner Arbeitsstätte schweißtriefend wieder angekommen war und den Schlegel ergriffen hatte, um seine Arbeit fortzusetzen, da erinnerte er sich des reichen Mannes, der geschützt und wohllebend, daheim sitzen konnte und sich nicht so schwer zu bemühen brauchte wie er, der Steinhauer. »Ach,« seufzte er, »wer es doch auch so gut haben könnte!«

»Dein Wunsch sei dir erfüllt! Gehe heim!« erschallte plötzlich eine dumpfe Stimme, die aus der Höhe zu kommen schien.

Der Steinhauer war sehr verwundert, legte dem aber keine Bedeutung bei, sondern setzte seine Arbeit ruhig fort. Er hatte wohl von jenem Gerede gehört, wonach hier ein Geist hause, der Wünsche erfülle, doch glaubte er nicht daran, sondern war der Meinung, daß ihn irgend ein Schalk, der seine Stoßseufzer gehört habe, äffen wolle.

Während der Arbeit ließen ihm die Gedanken keine Ruhe und da ein besonders heißer Tag war, so machte er früher als sonst Feierabend, lud sein Handwerkzeug auf und ging heim. Wie erstaunte er aber, als er bei seiner Hütte ankam! Diese war verschwunden; an ihrer Stelle stand ein gar stattliches Haus, mit allem eingerichtet, was zu einem sorgenlosen, behaglichen Wohlleben nötig war.

Nun sah er, daß tatsächlich beim Felsen ein guter Geist wohnen müsse, der seinen Wunsch gehört und erfüllt habe.

Sehr erfreut und ganz glücklich warf er sein Handwerkzeug beiseite und ging in das Haus. Ein gutes Essen stand bereit, ebenso war ein warmes Bad vorbereitet, auch fehlten nicht gute Kleider und weiche Polster.

Sein Wunsch war nun erfüllt und er gab sich ganz dem guten Leben hin, das er sich gewünscht hatte. Bald kam ihm sein früherer Beruf als ein böser Traum vor und er wunderte sich oft, wie er hatte so lange zufrieden sein können.

Aber wie es so geht und wie ein Sprichwort sagt: »Auf einen Wunsch folgen mehrere« oder »wer Macht hat, will größere Macht«, so ging es auch dem Steinhauer.

Einmal saß er an einem heißen Sommertage, sich fächelnd, auf der Veranda seines Hauses, als in einer Sänfte ein Fürst vorübergetragen wurde; eine Anzahl Diener schritt rechts und links von der Sänfte; sie trugen große, prachtvolle Fächer, mit denen sie dem Fürsten Kühlung zufächelten. Ein großes Gefolge begleitete ihn und alle Menschen warfen sich zu Boden und grüßten in dieser Weise den Fürsten.

Da ward der Steinhauer mißmutig und sagte: »Ja, der Fürst hat es gut, der braucht nicht zu Fuß zu gehen, braucht sich nicht eigenhändig Kühlung zuzufächeln und alle Welt verneigt sich vor ihm. Wenn es ginge, möchte ich auch so ein Fürst sein!«

Kaum hatte er dies gesagt, da ertönte wieder die Stimme: »Du hast es gewünscht, drum sei es!«

Jetzt war er ein Fürst. Verschwunden war das schöne Häuschen, dafür stand ein herrlicher Palast an der Stelle; zahlreiche Diener liefen hin und her und kamen jedem seiner Befehle nach. Er wurde in einer Sänfte umhergetragen, Diener in kostbarer Kleidung fächelten ihm Kühlung zu und alle Welt verneigte sich vor ihm. Anfänglich machte ihm diese neue Veränderung viel Vergnügen, bald aber ward er des ewigen Einerleis überdrüssig und dachte darüber nach, wie er noch besseres ersinnen könnte. Und als er sah, wie die Sonne so glühend brannte, wie ihre Strahlen Leben spendeten, zugleich aber auch Feld und Flur verbrannten, ja ihn selbst nicht schonten, sondern sein Gesicht trotz Sänfte, Schirmen und Fächern bräunte, da glaubte er, daß die Sonne das allgewaltigste Ding sei, dem nichts unerreichbar wäre, und so rief er aus: »Wenn’s möglich wäre, möchte ich die Sonne sein!«

»Du sollst sie sein!« rief die Stimme und sogleich stand unser Steinhauer oben am Himmel als Sonne und schleuderte mit dem größten Vergnügen seine Strahlen nach allen Seiten, verbrannte das Gras auf den Wiesen, die Ernte auf den Feldern, ja zündete sogar Wälder an. Kurz, er trieb im Übermute seiner Macht allerhand Allotria wie ein Kind mit einem neuen Spielzeug. Wie dieses aber bald des Spieles überdrüssig wird, so auch der Steinhauer und als sich ihm eine Wolke in den Weg stellte und seinem Treiben Einhalt gebot, indem sie verhinderte, daß die Strahlen die Erde trafen, da wurde er bitterböse und schrie:

»Was, die winzige Wolke hindert mich an meinem Spiel? Dann ist sie ja mächtiger als ich, die Sonne. Da möchte ich denn doch lieber die Wolke sein!«

»Es sei!« hörte er die Stimme zu sich herauftönen.

Jetzt schwebte er als Wolke zwischen Erde und Sonne und freute sich der Sonne einen Schabernack spielen zu können, indem er ihre Strahlen auffing. Jetzt sah er auch, wie infolge des Schattens, den er auf die überhitzte Erde warf, alles zu grünen und blühen begann. Dazu gehört auch Wasser, dachte er, und öffnete seine Schleusen. Hei, wie das prasselte und plätscherte! Er freute sich königlich über das Treiben auf der Erde, wie die Menschen rannten und sich zu schützen suchten, wie die Vöglein sich verbargen und wie die Bäume sich beugten unter der Last des prasselnden Regens. Und immer mehr ließ er es regnen, nicht mehr in kleinen Tropfen, nein, in zerschmetternden Güssen, so daß die Bäche und Flüsse die Wassermenge nicht zu fassen vermochten und über die Ufer traten. Alles Land wurde überschwemmt, Bäume entwurzelt, Dämme fortgerissen und von den Bergen stürzten die Wasser in donnernden Kaskaden hernieder, alles sich ihnen in den Weg Stellende mit sich reißend. Nur ein einsamer Fels stand ruhig und fest, ihm vermochte das rasende Ungewitter nichts anzuhaben; stolz ragte sein Haupt bis nahe zur Wolke empor und die Steinhauer-Wolke glaubte sogar ein spöttisches Lachen zu hören. Das ergrimmte ihn noch mehr und in äußerster Wut sandte er einige Blitze auf den Felsen und goß über ihn den Rest seines Wassers aus. Aber es half alles nichts; der Fels wankte und wich nicht und endlich mußte die Wolke erschöpft ihr Wüten einstellen.

»So will ich denn ein Felsen sein!« lautete nun sein Wunsch und wieder rief ihm die Stimme Erfüllung zu.

Jetzt war er der Fels, stand stolz und selbstbewußt da und freute sich seiner unbegrenzten Macht. Nicht die Strahlen der Sonne, nicht der strömende Regen konnten ihm etwas anhaben. Jetzt glaubte der Steinhauer sein Ziel erreicht zu haben und der Mächtigste dieser Erde zu sein; denn niemand vermochte ihm Schaden zuzufügen oder ihn von seiner Stelle zu bewegen.

Niemand!

Wirklich niemand?

Die Freude währte nicht lange; eines Morgens hörte er an seinem Fuße hämmern und kratzen und als er hinunterschaute, da sah er ein winziges Menschenkind mit Keil und Hammer bewaffnet, Stück für Stück vom Felsen losschlagen.

»Wenn das so weiter geht«, brummte er, »bleibt ja nichts von mir übrig. Sollte man es für möglich halten? Was alle wütenden Elemente nicht vermögen, das tut so ein kleiner Knirps von einem Menschen. Das darf nicht sein, da will ich lieber dieser Mensch sein.«

»So sei, was du vordem warst!« ertönte die Stimme des Berggeistes.

Und der Fels wurde wieder zum Steinhauer, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend mühsam die Steine aus dem Felsen brach und zufrieden und glücklich war mit dem, was er hatte.

Er war von seinen Wünschen geheilt und hatte einsehen gelernt, daß in jedem Stande und in jedem Berufe etwas zu wünschen übrig bleibt, weil es auf dieser Erde nichts Vollkommenes gibt.

Japanischer Glücksgott.

Der weiße Fuchs

Der weiße Fuchs.

Vor vielen Jahren jagte einmal im Walde von Shimoda3 der Sohn eines Fürsten. Er hatte das seltene Glück einen schneeweißen Fuchs weiblichen Geschlechts zu fangen. Er wollte das Tier töten, aber Yasuna, der Sohn eines Tempelaufsehers, der sich an der Jagd beteiligte, bat es ihm zu schenken, weil er wußte, daß solche Füchse mit weißem Fell Zauberkräfte besitzen, mehrere tausend Jahre alt werden und sich in jede beliebige Gestalt verwandeln können. Aber der Sohn des Fürsten wollte das schöne Fell des Tieres für sich haben, schlug Yasuna die Bitte ab und befahl seinen Leuten die Füchsin zu töten. Yasuna aber bemächtigte sich dieser mit Gewalt, indem er mit den Jägern kämpfte und obgleich aus vielen Wunden blutend, konnte er doch mit dem Tiere flüchten. Nachdem er eine Weile gelaufen war, brach er erschöpft zusammen; er mußte die Füchsin loslassen, die schnell im Walde verschwand. Seltsamerweise kam plötzlich seine Verlobte Kuzunoha daher, die, als sie seine Wunden sah, sie ihm verband und ihn nach Hause geleitete.

Yasuna war erstaunt seine Verlobte bei sich zu sehen, die er bei ihren Eltern, die in der Kumamoto-Provinz,4 weit entfernt von Shimoda, wohnten, vermutete, und fragte daher, wie es komme, daß sie sich jetzt hier befinde und ihn im Walde gefunden habe.

Kuzunoha aber antwortete: »Frage mich jetzt nicht, noch ist es nicht Zeit, dir dies zu erklären. Ist es an der Zeit, so wirst du alles erfahren!«

Damit beruhigte sich Yasuna, der glücklich war, seine Braut bei sich zu haben. Er zögerte nicht lange, sondern machte einige Tage darauf mit ihr Hochzeit. Einige Jahre lebten beide glücklich und zufrieden und ein herziger Knabe, den Kuzunoha ihm geschenkt hatte, verschönte ihr Glück. Diesem Knaben hatten sie den Namen Dokyo5 gegeben.

Eines Tages war Yasuna im Walde gewesen und kehrte erst spät abends zurück. Als er vor seinem Hause ankam, war er nicht wenig überrascht, vor der Tür seine Schwiegereltern mit seiner Frau stehen zu sehen, die sich lebhaft unterhielten; er trat näher, begrüßte sie und fragte, warum sie nicht in das Haus gingen, sondern vor der Tür ständen.

Sein Schwiegervater aber fuhr ihn zornig an, was das heißen solle, daß er sich die ganzen Jahre lang nicht um seine Braut bekümmert habe und jetzt mit einem andern Weibe zusammenlebe.

Yasuna wußte nicht, was er zu solcher Rede sagen sollte und war noch mehr verwundert, als auch seine Braut ihm die gleichen Vorwürfe machte. Er öffnete kurzer Hand die Tür des Hauses und lud alle ein einzutreten. »Wir können uns da drinnen weiter darüber unterhalten, was eure Vorwürfe bedeuten sollen; hier auf der Straße ist nicht der Ort dazu!« sagte er und wollte vorangehen, prallte aber zurück, denn im Zimmer saß seine Frau und nähte! – Hier draußen stand aber auch seine Frau; die aber behauptete, noch nicht seine Frau zu sein, sondern nur seine Verlobte! Wer war die richtige, wer die falsche Kuzunoha? – Er schloß nun ganz lautlos die Tür, trat zurück und sagte zu seinen Schwiegereltern: »Wartet hier einen Augenblick, ich komme gleich zurück!«

Dann trat er in sein Haus, begrüßte seine Frau und sagte ihr: »Deine Eltern sind angekommen, rüste dich, sie zu empfangen! In einer Stunde sind wir wieder hier!«

Nachdem die Frau zugesagt halte, alles aufs beste zu besorgen, ging Yasuna zu den Schwiegereltern zurück und bat sie mit ihm einen Spaziergang zu machen, nach einer Stunde würde er sie in sein Haus führen.

Auf dem Wege erzählten ihm die Schwiegereltern, daß das bei ihnen befindliche Mädchen tatsächlich ihre Tochter Kuzunoha, seine Braut sei und daß diese untröstlich darüber, daß Yasuna in der langen Zeit nichts habe von sich hören lassen, ihre Eltern veranlaßt habe, die weite Reise mit ihr zu machen. Jetzt angekommen, müßten sie zu ihrer großen Betrübnis sehen, daß bereits eine andere Frau im Hause sei!

Yasuna erzählte sein Abenteuer und seine glückliche Ehe.

Unter diesem Gespräch war die Stunde vergangen, alle kehrten zurück und gingen ins Haus; aber es war keine Frau zu sehen, nur das Kind lag auf seinem Lager und weinte, jubelte aber der Kuzunoha zu, die den Knaben auf den Arm nahm und mit ihm scherzte. Dann erzählte der Knabe ihr einen sonderbaren Traum, den er gehabt habe und fragte, was er bedeute. Er sagte zur Kuzunoha: »Vorhin, als ich schlief, sagtest du zu mir, daß du gar kein Mensch, sondern eine verzauberte Füchsin seiest. Der Vater habe dir einmal das Leben gerettet und deshalb habest du menschliche Gestalt angenommen und seist ihm in Gestalt seiner Braut erschienen um ihm zu danken. Jetzt sei aber die wirkliche Braut gekommen und so müssest du scheiden. Ich solle dies dem Vater erzählen und ich soll brav und gut werden und bleiben. Ein dummer Traum, nicht wahr!«

Alle sahen sich erstaunt an, war doch jetzt das Rätsel geklärt. Die wirkliche Kuzunoha blieb nun im Hause als rechtmäßige Gattin Yasunas und erzog den kleinen Dokyo zu einem tüchtigen Menschen, der klug und tapfer wurde.

Von der weißen Füchsin hat man nie wieder etwas gehört.

  1. Shimoda = Ort auf der Halbinsel Izu, nahe bei Yokohama.
  2. Kumamoto = Stadt und Provinz im Süden Japans nahe bei Nagasaki.
  3. Dokyo = Mut.

Urashima Taro

Urashima Taro

In einem Fischerdorfe, nahe dem heutigen Yokohama lebte vor vielen, vielen Jahren ein junger Fischer namens Urashima Taro. Als er eines Abends vom Fischfang zurückkehrte und recht zufrieden und guter Dinge war, weil er gute Beute gemacht hatte, sah er am Strande eine Schar Knaben, die eine kleine Schildkröte gefangen hatten und sie an einer an einem ihrer Vorderbeine befestigten Schnur im Kreise herumschwangen und quälten.7 Urashima, der die Tiere gern hatte und jede Quälerei harmloser Tiere verabscheute, fühlte auch jetzt wieder Mitleid mit dem armen Tierchen und ging auf die Kinder zu.

Indem er seiner Stimme einen energischen Ton gab, schalt er die Kinder. »Was ist das für eine Bosheit«, rief er empört aus, »dieses schuldlose und hilflose Tier so zu quälen! Wißt ihr nicht, daß Gott im Himmel solche böse Kinder bestraft, die arme Tiere mißhandeln? Zeigt einmal her, wem gehört denn diese Schildkröte?«

»Dieses Tier gehört niemandem!« entgegnete der älteste der Knaben und fügte noch unverschämt hinzu: »Wir können machen, was wir wollen; und wenn wir ein Vergnügen daran haben das Tier zu töten, so ist das unser freier Wille und geht keinen anderen etwas an!«

Urashima sah ein, daß er diesem frechen Bengel nicht mit Morallehren kommen dürfe; denn auf solche harte Herzen haben Worte keinen Einfluß; er änderte also seine Taktik und sagte nun mit möglichst milder Stimme: »Nun, nun, ärgert euch nur nicht, das war nicht so bös gemeint; aber diese allerliebste Schildkröte gefällt mir und ich möchte sie gern besitzen. Wollt ihr euch in einen Handel mit mir einlassen? Wie wäre es, wenn ihr mir das Tier verkaufen würdet? Für Geld könnt ihr euch etwas kaufen und euch bessere Freude machen, als daß ihr dieses Tier hier im Kreise herumschleudert!«

Die Kinder gingen erfreut schnell auf den Handel ein und überließen Urashima gegen einige Silbermünzen die Schildkröte.

Urashima nahm sie in die Hand, ging bis zum Wasser und setzte das Tier ins Meer, indem er sagte:

»Armes Tierchen, nicht um dich der Freiheit zu berauben, sondern dir die Freiheit wiederzugeben, habe ich dich gekauft; nun schwimme hin und sei in Zukunft vorsichtiger, damit du nicht wieder in böser Buben Hände fällst!« Er blieb noch ein Weilchen stehen und sah zufrieden lächelnd der schnell im Wasser dahinschwimmenden Schildkröte nach, bis er sie nicht mehr erblickte; dann nahm er sein Fischereigerät und seine Fische und ging wohlgemut in seine Hütte.

Am andern Morgen ging er wie gewöhnlich seinem Handwerk nach. Als er mit seinem Kahne auf dem Meer war und seine Netze ausgeworfen hatte, hörte er plötzlich ein zartes Stimmchen rufen:

»Urashima sama!«8

Erstaunt sah er sich um, konnte aber nicht entdecken, woher die Stimme ertönte und wer seinen Namen rief. Da ertönte es abermals:

»Urashima sama!«

Jetzt merkte er, daß die Stimme aus dem Wasser kam und er beugte sich über den Rand seines Bootes und erblickte die kleine Schildkröte, die er am Tage vorher aus den Händen der Buben befreit hatte. Im ersten Moment war er erschrocken; doch faßte er sich ein Herz und fragte: »Warst du es, die mich rief?«

»Gewiß!« antwortete das Tierchen. »Ich bin gekommen um euch meinen Dank für euere gestrige edle Tat zu sagen. Und weil ihr mir meine Freiheit gegeben habt, möchte ich euch etwas recht Schönes zeigen! Habt ihr Lust, so folget mir!«

Urashima dachte: Was kann es wohl sein, das mir dieses unscheinbare Tier zeigen könnte? Doch nichts Besonderes. Aber das macht auch nichts, es will sich mir dankbar erweisen und so will ich ihm auch die Freude nicht verderben. Nachdem er sich so ein Weilchen bedacht hatte, fragte er doch vorsorglich:

»Dauert es auch nicht lange? Ich will dir gerne folgen, aber ich habe nicht viel Zeit zu versäumen. Wohin soll es denn gehen?«

»Garnicht weit von hier. Ich beabsichtige nur, euch zum Palast unserer Meereskönigin Otohime zu führen und euch dort Wunderdinge zu zeigen!«

»Das ist ganz unmöglich«, erwiderte Urashima, »denn ich kann nicht so schnell schwimmen und nicht so gut tauchen wie ihr und was schließlich die Hauptsache ist, ich kann ja im Wasser nicht atmen und dich deshalb nicht auf den Meeresgrund begleiten!«

»Macht euch deshalb keine Sorge, Urashima«, entgegnete die Schildkröte, »steigt auf meinen Rücken und das weitere werdet ihr sehen!«

»Aber mein Boot – –« meinte Urashima bedenklich.

»Das findet ihr hier wieder, ich führe euch zurück!« unterbrach ihn das Tier.

»Aber du bist so klein, du kannst mich nicht tragen!« rief Urashima noch immer bedenklich.

Da rauschte es im Wasser, die Schildkröte dehnte und streckte sich und staunend sah Urashima, wie sie sich immer mehr vergrößerte, bis sie die gleiche Größe des Bootes hatte, dann fragte sie lachend:

»Nun? – Bin ich noch zu schwach für dich?« Da schwanden Urashima alle Bedenken, flugs stieg er aus seinem Boote, nachdem er dasselbe sicherheitshalber verankert hatte und nahm auf dem Rücken des Tieres Platz.

»Halte dich nur recht fest und fürchte dich nicht!« Nach einiger Zeit rief die Schildkröte: »Nun schließe fest die Augen und öffne sie nicht eher, als bis ich es dir sage. Auch halte ein Weilchen den Atem an, es dauert nicht lange!«

Urashima tat, wie ihm geheißen und dann fühlte er, wie das Tier im Wasser versank; das Wasser rauschte und brauste um seine Ohren; ängstlich klammerte er sich mit beiden Händen an das Schild seines sonderbaren Reitpferdes; aber eingedenk der Mahnung behielt er die Augen geschlossen und hielt den Atem an.

Schon glaubte er, es ginge mit ihm zu Ende; da ertönte der Ruf: »Jetzt!«

Da öffnete er seine Augen und sah sich auf dem Grunde des Meeres, dessen feiner Sand aus lauter Perlen bestand. In der Ferne sah er ein riesiges Gebäude in blendendem Glanze schimmern, auf das die Schildkröte mit ihrem Reiter zuschwamm. Endlich kamen sie an und standen vor einem großen Tore, das aus purem Golde mit Edelsteinen verziert war. Zwei große unheimliche Meerdrachen lagen vor dem Tore und glotzten Urashima mit fürchterlich rollenden Augen an, so daß ihm ganz ängstlich wurde. Als die Drachen aber die Schildkröte erblickten, ließen ihre drohenden Blicke nach und sie versuchten freundlichere Gesichter zu machen.

»Nun steige ab und warte hier!« sagte die Schildkröte und ging dann, nachdem Urashima abgestiegen war und sich auf den Boden gesetzt hatte, durch das Tor.

Urashima sah sich dann um und wunderte sich sehr, daß er, obgleich er sich auf dem Meeresgrunde befand und das Meerwasser ihn umgab, doch ganz trocken war und ohne Beschwerden atmen konnte, ja die Luft kam ihm sogar viel reiner und würziger vor, als die oben auf der Erde.

Es dauerte gar nicht lange, da kehrte die Schildkröte zurück; ihr folgte eine große Anzahl Fische in allen Größen, Formen und Farben, wie sie der Ozean birgt; nur trugen alle ein ganz lichtes Gewebe in blauer Farbe, wie ein Kleid, und hatten silberne Aufschläge. Sie umringten Urashima, der sich erhoben hatte, und begrüßten ihn durch Neigen ihres Kopfes ehrerbietig.

Dann nahten sich zwei größere Fische, die auch ein blaues Kleid anhatten aber mit goldenen Aufschlägen, und die ein ebensolches Kleid brachten und ohne etwas zu reden, Urashima die Fischerkleider auszogen und mit dem mitgebrachten blauen Gewande bekleideten.

Urashima ließ alles willenlos mit sich geschehen; er sagte sich, nun bin ich einmal hier und kann allein nicht fort. Schlimm wird es mir sicherlich nicht ergehen; denn, wen man mit einem Ehrengewande bekleidet, den wird man wohl nicht verschlingen.

Nachdem ihm auch noch herrliche Sammetpantoffel an die Füße gesteckt waren, kam eine wunderbar schöne Zofe, nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch das Tor, während die Fische als Ehrengeleite in respektvoller Entfernung in schönster Ordnung folgten.

Nachdem sie das Tor durchschritten hatten, gelangten sie an eine Marmortreppe, die sieben Stufen hatte und an einem Tor von glänzendem Mahagoniholz, an dem zahlreiche Smaragde flimmerten, endete. Hier angelangt, öffnete die Zofe das Tor und ließ Urashima eintreten, der sich nun in einem großen Saale befand, dessen unbeschreibliche Pracht seine Augen fast blendete. Zwanzig Säulen von reinstem Kristall trugen die aus Korallen gebildete Decke des Saales, von der eine Unmenge kostbarer Lampen herabhing, in denen wohlriechende Öle brannten. Die Wände waren alle aus Marmor und trugen zum Schmuck die verschiedensten Edelsteine und Rubinen. In der Mitte des Saales befand sich ein diamantener Thron, auf dem Otohime, die Meereskönigin saß, schön wie die Morgenröte, die das bleiche Nachtgestirn vertreibt. Den Thron umgab eine unendliche Menge von Würdenträgern und Palastbeamten, alle in kostbare Gewänder gekleidet. Die ganze Pracht war für den an derartige Schönheit und Wunder nicht gewohnten jungen Fischer so blendend, daß er nur zögernd und halb willenlos, langsam einen Fuß vor den andern setzte und sich so dem Throne nahte, wo er sich ehrfurchtsvoll und demütig niederwerfen wollte. Aber die Königin, die seine Ueberraschung und sein Zögern mit mildem, freundlichem Lächeln beobachtet hatte, erhob sich schnell, ergriff Urashima bei der Hand und verhinderte so sein Niederfallen. Mit einer Stimme, die dem Klange einer silbernen Glocke glich, süß und rein, sagte sie zu ihm:

»Sei mir willkommen. Ich habe gehört, daß du gestern in selbstloser Weise einer meiner liebsten Dienerinnen das Leben gerettet hast. So war es mein aufrichtiger Wunsch, dir diese edle Tat zu vergelten und dir meine Dankbarkeit zu beweisen. Deshalb habe ich dich zu mir eingeladen und ich habe mich gefreut, daß du so furchtlos warst und der Gefahr nicht achtetest, den Weg hierher zu unternehmen. Wer furchtlos ist, ist in der Regel auch treu!« Der junge Fischer wußte nicht, wie ihm geschah und er war so verlegen und befangen, daß er auch nicht ein Wort zu erwidern vermochte; er machte nur eine stumme, sittsame Verbeugung.

Auf einen Wink der Königin wurden ihm nun seidene Polster gebracht, auf die er sich niederlassen mußte, dann stellte man ein elfenbeinernes Tischchen vor ihm hin, auf dem sich auf einer roten Lackplatte schmackhafte Speisen verschiedenster Art befanden, die ihm sämtlich unbekannt waren. Er ließ sich nicht länger nötigen, sondern sprach den Speisen und Getränken tapfer zu. Es war für ihn im wahren Sinne des Wortes eine Göttermahlzeit; hatte er doch in seinem ganzen Leben noch nie derartige Sachen gesehen, geschweige denn jemals gekostet.

Als er sein Mahl beendet hatte, forderte ihn die Königin auf, sich den Palast anzuschauen; sie führte ihn von Saal zu Saal, von Zimmer zu Zimmer durch alle Räumlichkeiten, die mit verschwenderischer Pracht ausgestattet waren und jede nur irgend mögliche Bequemlichkeit aufwiesen.

Das wunderbarste aber war der Garten, der vier große Beete enthielt, die den vier Jahreszeiten entsprachen.

Das eine Beet, der Frühling, enthielt zahllose Pflaumen- und Kirschbäume, die über und über dicht mit Blüten besät waren und auf einem saftigen dunkelgrünen Rasen standen. Auf den Zweigen saßen zahlreiche Nachtigallen, die ihre lieblichen Romanzen melodisch ertönen ließen und eine unendliche Menge Lerchen hatte ihre Nester in dem Blütenmeere erbaut.

Nach Süden zu befand sich das Beet des Sommers: Hier standen Birnen- und Aepfelbäume, deren Zweige sich unter der Last der herrlichsten Früchte bis nahe zum Erdboden beugten. Grillen und Zikaden erfüllten die Luft mit ihrem einförmigen und betäubenden Geschrei. Die große Hitze, die in diesem Teile herrschte, wurde gemildert durch einen sanften, kühlenden Wind.

Das dritte Beet, der Herbst, im westlichen Teile gelegen, war ganz bedeckt mit welken Blättern und Chrysanthemenblüten, während das im Norden befindliche vierte Beet, den Winter, ein dichter Schneeteppich bedeckte und Eisfelder und ein zugefrorener Graben es umgrenzten. So verbrachte Urashima sieben lange Tage im Palaste der Meereskönigin und wurde gar nicht müde, all die Wunder und Herrlichkeiten anzustaunen, die ihm täglich gezeigt wurden und im Entzücken über die liebliche Schönheit Otohimes vergaß er ganz seine Heimat, seinen Vater, sein Weib und seine Kinder. Aber eines Tages, als er wieder müßig umherschlenderte, kamen ihm diese doch wieder in Erinnerung und ein tiefes Heimweh befiel ihn. Er seufzte schwer und sprach:

»Was mag wohl mein Vater von meiner langen Abwesenheit denken, wie unruhig werden meine Frau und Kinder sein und meine Rückkehr erwarten! Vielleicht glauben sie sogar, daß ich gestorben bin, verschlungen von den Wogen des Meeres, auf dem Grunde des Ozeans ruhe!«

Ohne sich lange zu besinnen, eilte er zur Königin und bat, ihn zu den Seinen zurückführen zu lassen, da er jetzt schon sieben Tage von Hause abwesend sei und die Seinen sich sicherlich ängstigen würden.

Die Königin, die vergeblich sich bemühte, Urashima die Heimwehgedanken auszureden, nahm, als sie sah, daß ihre Worte nichts halfen, ihn mit sich in ihr Zimmer, und überreichte ihm ein kleines, fest verschnürtes Lackkästchen, indem sie sagte: »Ich habe keine Gewalt dich hier gegen deinen Willen zurückzuhalten, obgleich ich weiß, daß deine Rückkehr in die Heimat dir nur Elend bringen wird. Aber nimm hier zur Erinnerung an mich dieses Kästchen, es wird dir immer nützlich sein und dir, wenn du den Wunsch hast, zu mir zurückzukehren, diese Rückkehr ermöglichen. Diesen Wert behält das Kästchen aber nur so lange, als es uneröffnet bleibt. Also beachte wohl! Laß dich nie durch sträfliche Neugierde und durch sonst irgend welche Umstände verleiten, jemals das Band, das das Kästchen verschlossen hält, zu lösen und den Deckel zu lüften; es wäre dein Tod und nie fändest du den Weg zu mir. Willst du zu mir zurück, so gehe mit dem verschlossenen Kästchen an den Strand und rufe meinen Namen, so werde ich dir eine meiner Dienerinnen senden, die dich hergeleitet. Also beherzige meine Worte und laß das Kästchen geschlossen, dein Leben liegt darin. Und nun lebe wohl!«

Sie küßte ihn auf die Stirne und geleitete ihn bis zum Tore. Hier stand die Schildkröte bereit, die Urashima bestieg. In kurzer Zeit war sie mit ihm am Strande, wo sie ihn verließ. Mit dem Kästchen unterm Arm wollte er schnell seinem Dörfchen zuwandern, blieb aber auf seinem Wege wiederholt stehen; denn es kam ihm alles, der Strand, der Weg, die Bäume und Felder etwas verändert vor. Mehrmals glaubte er, daß die Schildkröte ihn an einer verkehrten Stelle abgeladen hätte, aber doch war ihm dieses oder jenes wiederum bekannt, so daß er schließlich sich mit dem Gedanken beruhigte, der siebentägige Aufenthalt auf dem Grunde des Meeres habe seine Augen, seine Sehkraft beeinflußt.

Als er aber endlich in seinem Dorfe ankam, da waren die Häuser und Hütten alle verändert, auf dem Markte standen Bäume, die er nie gesehen hatte; die Bewohner waren ihm unbekannt und so ängstlich er auch jedem ins Gesicht schaute, er konnte keinen Bekannten entdecken, auch die Kinder erschienen ihm fremdartig, die auch ihn verwundert anstarrten und ihm dann nachliefen. Er wurde ganz irre und wußte nicht mehr, was er denken oder glauben sollte; doch hielt ihn die Hoffnung aufrecht von den Seinen Aufklärung über diese wunderbare Verwandlung seiner Heimat während seiner nur siebentägigen Abwesenheit zu erhalten. Doch je näher er zu seinem Hause kam, desto ängstlicher war ihm zu Mute und große Bangigkeit erfüllte sein Gemüt. Was wird er hören müssen?

Aber! o Schmerz! – Als er an die Stelle kam, da seine Hütte gestanden, da war sie nicht mehr vorhanden. Ein öder, wüster, mit Unkraut überwucherter Schutthaufen war der Platz seiner Geburt. Keine Spur von seinem Vater, seiner Frau, seinen Kindern, nichts von allem, was ihm lieb und teuer war, war zu sehen. Schmerzerfüllt sank er weinend zu Boden, während in einiger Entfernung die Leute und Kinder ihn umringten. Da trat aus der Menge ein gebeugter Greis hervor und näherte sich Urashima mit der Frage:

»Wer seid ihr Fremdling und wen suchet ihr hier? Was erfüllt eure Seele mit Kummer und Schmerz?«

»Mein Alter«, antwortete Urashima mit schmerzbebender Stimme leise, »vor sieben Tagen verließ ich das Haus, das an dieser Stätte stand und kehrte nun zurück, finde aber nur einen Schutthaufen, ich sehe fremde Leute, fremde Gestalten und auch euch kenne ich nicht, sah euch noch nie in diesem Dorfe, sagt, was ist hier in den sieben Tagen geschehen? Wo sind mein Vater, mein Weib, meine Kinder, die ich hier zurückließ? O bitte, löst mir dieses Rätsel, reißt die Binde von meinen Augen, daß ich sehen kann!« »Ich verstehe euch nicht, junger Mann!« entgegnete der Greis, »diese Stätte ist ein Trümmerhaufen, solange ich denken kann. Ich kenne euch nicht; wer seid ihr? Wie ist euer Name?«

»Ich bin Urashima Taro, der Fischer!« rief Urashima.

»Urashima Taro? – –« rief der Greis voller Erstaunen und wich schreckerfüllt einige Schritte zurück. »Seid ihr ein Gespenst? – ein Schattenbild? – Urashima Taro könnt ihr nicht sein! Es geht hier die Sage und ich erinnere mich aus meiner Jugendzeit, da von diesem noch oft an dunkeln Abenden erzählt wurde, dieser junge Fischer ging vor nun 700 Jahren eines Morgens aufs Meer und kehrte nicht mehr zurück. Die Gräber seiner Angehörigen könnt ihr auf dem Friedhofe noch heute sehen, allerdings zerfallen, verwittert!« –

Urashima erblaßte, »siebenhundert Jahre?« rief er verzweifelt aus und rang die Hände. Jetzt wurde ihm alles klar. Jetzt verstand er alles! Sieben Tage im Palaste der Königin waren sieben Jahrhunderte. Tiefe Traurigkeit bemächtigte sich seiner, er erzählte dem Alten mit stockender Stimme sein Lebensschicksal, dann erhob er sich und verließ schwankenden Schrittes wie ein Träumender das Haus; er wandte sich wieder dem Meere zu und ließ sich dort am Strande nieder, seine Lage bedenkend.

Tiefsinnig betrachtete er die rollenden Wogen, die unermeßliche Fläche und schaute verlangend nach der Schildkröte aus, daß sie ihn wieder zurückführe in das ewig jugendliche Reich der Meereskönigin; er dachte aber in seiner Traurigkeit nicht daran, sie zu rufen und so sah er vergeblich nach dem Tiere aus.

Dann fiel sein Blick auf das Kästchen, das ihm die Königin beim Abschiede gegeben hatte und das er gedankenlos neben sich auf den Sand gelegt hatte.

»Was bedeutet dieses Kästchen?« fragte er sich. Die schöne Königin hat zwar gesagt, es sei mein Leben darin und ich werde es verlieren, wenn ich das Kästchen öffne. Ist dieses Gebot aber vielleicht nur eine Probe? Enthält das Kästchen nicht vielmehr mein Glück? Ist alles, was ich heute erlebte, nur eine Täuschung und schwindet diese, wenn ich das Kästchen öffne? Und selbst wenn ich sterben sollte, was schadet es? Bin ich jetzt nicht ein Fremdling in meiner Heimat und habe niemanden, niemanden, der mich liebt, der mich kennt? Ohne Vater, ohne Familie, ohne Bekannte, ohne Freunde bin ich schlimmer daran als ein Heimatloser; da ist mir der Tod nur ein Gewinn, er bietet mir etwas Besseres, als dieses unglückselige Leben! So sprechend, löste er langsam die Schnur, die um das Kästchen geschlungen war und öffnete ein wenig den Deckel.

Da stieg ein kleines weißes Wölkchen aus dem Kästchen empor, breitete sich dann aus, erhob sich und schwebte langsam über das Meer der Richtung zu, wo sich der Palast der Meereskönigin befand.

Laut aufschreiend sprang Urashima empor und breitete sehnsüchtig die Arme aus, aber – ein jäher heftiger Schmerz durchzuckte seinen Körper und er ließ die Arme sinken, da blickte er auf seine Hand und ein eisiger Schauer befiel ihn, die Hand, soeben noch so frisch und rosig, war welk, runzlig und knochig wie die eines Greises; nun fühlte er auch wie sein Blut erstarrte, wie es träger durch seine Adern floß, die Haut zog sich in Falten, der Herzschlag stockte, noch einmal schaute er ins Wasser, da spiegelte sich ihm ein verrunzeltes graues Greisenantlitz mit spärlich weißem Haar entgegen, sein eigenes Antlitz, vor Minuten noch in Jugendfrische, jetzt mumienhaft verändert. Mit einem Wehelaut sank er zu Boden und ein Häuflein grauen Staubes bezeichnete die Stätte, da Urashima jugendfrisch zurückgekehrt in wenigen Minuten zu Staub wurde.9

  1. Sprich: Uraschima; Urashima = Eigenname, taro = ältester Sohn, im übertragenen Sinne etwa: der Erstgeborene, der Ältere.
  2. Derartige Tierquälereien kann man noch heute tagtäglich als eine Belustigung der japanischen Jugend beobachten.
  3. »sama« auch »san« = Herr, sama ist die höflichere Form als san.
  4. Die Schicksale Urashima’s sind urkundlich bestätigt. Die Zeit seiner Abwesenheit in der japanischen Chronik wird 477–825 n.Chr. angegeben, also 348 Jahre. In den Märchen, die verschiedenartig lauten, schwankt die Zeit zwischen 300 bis 7000 Jahre. Ich habe die mittlere Zeit gewählt, die in den neuesten japanischen Ausgaben auf 700 Jahre angegeben wird. Im Dorfe Kanagawa bei Yokohama werden heute noch das Grab und die Fischergeräte Urashima’s gezeigt. Urashima ist eine der beliebtesten Märchenfiguren Japans.

Wenn man mit Kobolden tanzt!

Wenn man mit Kobolden tanzt!

In alter Zeit lebte einmal ein Landmann, der hatte auf der rechten Wange eine große Geschwulst, groß wie eine Birne. Als dieser Landmann eines Tages in den Wald ging um Reisig zu sammeln, wurde er von einem Gewitter überrascht und flüchtete in einen hohlen Baum, wo er Schutz vor dem Regen fand. Als das Gewitter endlich aufhörte, war es Nacht geworden und der Landmann konnte den Weg nach Hause nicht finden; deshalb blieb er in der Höhlung des Baumes sitzen und erwartete den Morgen.

Im Walde aber war es sehr einsam und schaurig und der Mann konnte vor Angst und Furcht nicht schlafen. Gegen Mitternacht hörte er plötzlich Stimmen und lautes Lachen. Verwundert streckte er den Kopf hervor und sah eine Anzahl Kobolde mit den sonderbarsten Gesichtern und in verschiedener Gestalt. Diese hatten gerade in der Nähe des Baumes, in dem der Landmann saß, Platz genommen und ergötzten sich am Trunk. Als sie genug getrunken hatten, begannen sie zu singen und zu tanzen. Der Landmann, der gern tanzte und ebenso gern einen guten Trunk Sake10 zu sich genommen hätte, konnte es in seinem Versteck nicht länger aushalten, denn die Lust der Kobolde wirkte auf ihn ansteckend.

Er kam also hervor und näherte sich den Tanzenden, die, als sie einen Menschen erblickten, erschraken und forteilen wollten. Er rief ihnen aber zu: »Bleibt nur da, ich will euch nur zeigen, wie man besser tanzt!« Und gleich darauf begann er sich lustig im Tanze zu drehen.

Die Kobolde freuten sich über sein Tanzen und versuchten es ihm nachzumachen, auch gaben sie ihm zu essen und zu trinken.

War das eine Fröhlichkeit! Sie dauerte bis der Morgen graute.

Da sprachen die Kobolde: »Du hast uns durch deine Gesellschaft hocherfreut. Komme doch auch morgen nacht wieder!«

Der Landmann sagte dies zu; aber die Kobolde wollten ein Unterpfand haben, daß er auch sicherlich käme. »Weißt du«, sagten sie zu ihm, »wir werden zur Sicherheit deine Geschwulst nehmen, du kannst sie dann morgen wieder bekommen.«

Damit griff der Sprecher gleich an die Wange des Mannes und nahm ihm die Geschwulst fort, ohne daß er einen Schmerz verspürte. Hierauf eilten alle lachend fort, ihm zurufend, nicht zu vergessen wieder zu kommen.

Der Landmann befühlte seine Wange, sie war ganz glatt und hatte keine Spur der Geschwulst mehr, nicht einmal eine Narbe; er war darüber außerordentlich froh und nahm sich vor, diesen Platz in Zukunft zu meiden und den Kobolden aus dem Wege zu gehen; denn er hatte gar kein Verlangen die Geschwulst wieder zu bekommen.

Er ging also zufrieden nach Hause, wo alle ihn verwundert anstaunten, daß er seine Geschwulst ohne jede Spur verloren hatte. Er erzählte dann, welches Glück ihm die Kobolde für sein Tanzen bereiteten, verschwieg aber kluger Weise, daß sie ihm die Geschwulst nur als Unterpfand für sein Wiederkommen abgenommen hatten.

Nun wohnte in dem Dorfe noch ein Landmann mit einer Geschwulst auf der Wange. Dieser hatte die Geschwulst auf der linken Seite.

Als er von dem Glück seines Nachbarn hörte, wollte auch er seiner Geschwulst los werden und ließ sich den Platz genau beschreiben, wo der erste Landmann die Kobolde getroffen hatte.

In der Nacht ging er dorthin und traf die Kobolde auch wirklich an. Er wollte aber erst hören, was sie sagten und versteckte sich daher in dieselbe Höhlung, in der in der Nacht vorher der andere Landmann gesteckt hatte.

Die Kobolde aber sprachen nicht viel, sondern schauten sich von Zeit zu Zeit erwartend um, bis endlich einer sagte: »Unser Freund von gestern scheint heute nicht zu kommen!«

Als dies der Landmann hörte, sprang er tanzend hervor und rief: »Da bin ich schon!«

Nun freuten sich alle, gaben ihm zu trinken und forderten ihn dann auf wieder seine Kunst zu zeigen.

Er war aber ein ungeschickter Tänzer; auch konnte er nicht viel Sake vertragen, sodaß sein Tanz noch ungeschickter war und er steif und torkelnd umherhopste. Es war den Kobolden kein Vergnügen, dem Manne zuzuschauen und so riefen sie: »Du bist heute nicht so geschickt wie gestern und wir haben heute keine Freude an deiner Gesellschaft. Mach, daß du fort kommst und laß dich nie wieder bei uns sehen; da wir von dir keine Erinnerung wünschen, so hast du hier deine Geschwulst wieder!«

Der eine Kobold zog sie aus der Tasche und warf sie dem verdutzten Manne ins Gesicht, klitsch – klatsch – saß sie an der rechten Wange. Dann stieß man ihn fort und er mußte jetzt mit zwei Geschwülsten heimkehren. –

Das kommt davon, wenn man neidischen Sinnes das gleiche Glück besitzen will, das andere genießen!

  1. Sake = aus Reis bereiteter, stark alkoholhaltiger Wein, der heiß getrunken wird.

Neid bringt Leid

Neid bringt Leid.

Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenüber dem Hause dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah, gern haben wollte.

Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er hätte ganz einsam leben müssen, was er nicht wollte; denn er wünschte auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben könnte und der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine große Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines Herrn wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete. Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte es sagen:

»Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!« Der Alte verstand sein Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener Koban,11 worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und einen großen Teil den Armen spendete.

Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie bisher, hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.

Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen nicht und wich nie von seines Herrn Seite.

Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte er Gewalt an, indem er das Hündchen, als dieses ruhig vor dem Hause saß, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem Strick und führte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige. Das Hündchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweiße seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit seiner Hacke erschlug und den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf.

Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die begangene Tat.

Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und sagte zu ihm:

»Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen, wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser12 und Schlegel!«

Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm, welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi13 und nahm kein Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich; denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den Armen des Ortes reichlich abgeben.

Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben. Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am andern Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben und ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus trug, ihn bis obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber o Graus! Anstatt schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und erfüllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte Mann eine Axt, hieb den Mörser samt Schlegel in viele Stücke und verbrannte diese zu Asche.

Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens, das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von dem Mörser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem Gefäße sorgfältig auf.

Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl waren, der Daimyo14 mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte ergriff nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen.

Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen war, grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter und Blüten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter Kirschblüten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor Freude über solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch züchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat.

Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die Geschichte des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes Hündchen.

Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas Asche übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch tat.

Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt, streute der Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt und keine Blüte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß ein jeder sich voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig durchprügelte, dann in Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er nach langen großen Schmerzen verstarb. – So ergehe es allen Neidern und Habgierigen, die dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an sich reißen möchten, anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen!

  1. Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen hatten länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588 zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und ausgegeben.
  2. Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.
  3. Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird. Diese Kuchen heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).
  4. Daimyo = Fürst.

Der schlaue Polizist

Der schlaue Polizist

Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist. Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie seien alle tüchtig und geschickt.

Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am anderen Morgen im Palaste einfinden.

Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit der Hand erreichen konnte.

Dann sagte der Kaiser:

»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, so jage ich euch alle zum Teufel!«

Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache mit Kopfabschlagen gedroht.

So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.

Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück gelingt euch doch nicht!«

»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut, so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!« entschied er.

Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen Steinchen füllte.

Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, ob das Wunder schon geschehen sei.

Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.

Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:

»Auf diese Weise würde es gehen!«

Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du ihn nicht ausführen kannst!«

Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.

Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen war.

Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.

»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser.

»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser. »Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!«

»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!«

»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache.

Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete, aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der frühere Beutel war.

»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann. Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.

»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es!

  1. Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist. Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«

Der Abt des Klosters Yakushi

Der Abt des Klosters Yakushi.

Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo16 bekannt ist, obgleich sein alter wirklicher Name »Yakushi-ji«17 ist.

Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als gerechter Diener in Buddha’s Paradies einziehen zu können. Als aber diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha’s harrte, der ihn abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:

»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde wegen harret deiner die Hölle!«

Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese Bitte wurde ihm gewährt.

Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu – Heiliger Buddha hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in das Paradies als getreuer Diener des Herrn.

  1. Hort des Westens, Nishi-Welt.
  2. Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt außerhalb der Stadt an der Landstraße.

List geht über Gewalt

List geht über Gewalt

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.

Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.

Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer verborgen sind!«

»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du mich auf!«

»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ und den Tiger befreite.

Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen Befreier eine Weile an und sagte:

»Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer? Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir die Kosten des Begräbnisses.«

»Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?« rief der Holzfäller.

»Ach was!« sprach der Tiger. »Mit leerem Magen fühlt man keine Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!« So stritten sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen, hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.

Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.

»Ganz recht, alter Onkel!« sagte da der Hase. »Verspeise den Mann mit gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. – Aber, was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht selbst befreien?« sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die Falle betrachtete. »Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!«

»Ich flunkern?« rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. »Seht! so ging ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!«

»Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!« lachte der Hase, sprang auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß und der Tiger wieder gefangen war.

»So!« sagte der Hase zum Holzfäller, »wenn es euch nun beliebt, den alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!« So sprechend machte er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein.

Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des überlisteten alten Räubers.

So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.

  1. Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu »der schlaue Polizist« Seite 27.