371. Die Teufelshufeisen

371. Die Teufelshufeisen

Im Städtchen Belgern zwischen Torgau und dem durch die Schlacht, in welcher Kurfürst Johann Friedrich der Großmütige zum Gefangenen gemacht wurde, berühmten Mühlberg hat es sich begeben, daß einer Bierschenkin, die zwar sehr gutes Bier hatte, dasselbe aber sehr knapp maß, ein seltsamliches Abenteuer zustieß. Zu Belgern wurde vorzeiten, wird auch vielleicht noch jetzt ein über die Maßen gutes Bier gebraut, und wenn von dem Torgauischen Bier das Sprüchwort ging: Torgauisch Bier ist der Armen Malvasier – dieweil es einen überaus würzhaften Geruch und Geschmack hatte – so galt von dem Belgerschen Bier der lateinische Spruch: Cerevisia Belgrana omnibus est sana, Während man dem Wittenberger Bier, Kuckuck genannt, spöttlich nachsagte, daß diesem Vogel unterweilen von den Brauern der Hals allzu lang gedehnt werde. Jene Bierwirtin nun mochte es mit dem Teufel entweder verdorben oder es mit ihm allzu gut gemeint haben, genug, der Teufel ritt sie in einer schönen Nacht vor die Schmiede in Pferdsgestalt, lärmte den Schmied munter und gebot ihm, sein Pferd zu beschlagen. Derselbe ging rasch an seine Arbeit, wie er aber dem Pferde den rechten Vorderfuß hob, raunte ihm die Bierschenkin, welche seine Gevatterin war, zu: Gevattersmann, verfahret doch nicht so eilig! – Der Schmied erschrak zum Tode und antwortete: Jo, Frau Gevattersche! Reitet Euch denn der Teufel? – Freilich wohl! antwortete das Pferd, knapp Maß, knapp Maß! Tu’s nimmer, tu’s nimmer! – Da konnte der Schmied vor Zittern kein Glied rühren, und ließ die Hufeisen fallen, und lief in die Schmiede, und machte sich darin zu schaffen die längste Zeit und sagte, er könne die Nägel nicht finden – und die Kohlen wollten nicht brennen, und da krähete der Hahn. Hui – waren Reiter und Stute ihm aus den Augen. Am andern Tage lag die Krügerin krank im Bette und blieb lange krank; an ihrem Hause hingen statt des üblichen Bierzeichens vier Hufeisen, und als jemand diese herabtun wollte, verbrannte er sich die Hände daran derb und tüchtig.

Dieselbe Sage wird auch erzählt vom Orte Schwarzenstein bei Rastenburg an der Guber, dort soll der Schmied zwei Hufeisen wirklich aufgenagelt haben, die man dann an den Händen der Bierschenkin fand, mühsam abnahm und in der Kirche aufbewahrte.

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372. Der Teufel ein Fürsprech

372. Der Teufel ein Fürsprech

Der Teufel ein Fürsprech

Durch die Mark zog ein Landsknecht, der blieb in einer Stadt krank liegen und gab seinen vollen Geldbeutel, den er mit sich führte, der Wirtin, denselben zu verwahren. Dieser gelüstete nach dem Gelde, und ward eins mit ihrem Mann, dasselbe zu verleugnen. Da nun der Landsknecht genesen war und weiterziehen wollte, forderte er sein Geld. Da schrie ihn das Weib an, was er sich zeihe, was er beginne? Sie wisse nichts vom Gelde, habe keins von ihm empfangen, und schalt ihn auf das ärgste. Er nun schalt das Weib wiederum eine untreue Diebin, indem so kam der Wirt hinzu, verteidigte sein Weib und warf den Landsknecht zur Türe hinaus; ziehet der Landsknecht vom Leder, haut in die Türe, stürmt das Haus. Schreit der Wirt: Nachbarjo! – wird gleich ein ziemlicher Zulauf, wird der Landsknecht verstrickt und in Nummer Sicher gebracht, darauf wird Gericht über ihn gehalten und er wegen Haus- und Stadtfriedensbruch, propter vim publicam, zum Schwert begnadigt. Da kam zu dem Gefangenen der Teufel und sagte: So und so steht es mit dir. Willst du dich mir ergeben, so errette ich dir den Hals, willst du nicht, so kostet dich der Handel selbigen. Der Landsknecht war aber keiner von den übel verschrieenen Landsknechten, sondern ehrlich und fromm, und da er sich schuldlos wußte, antwortete er, er wolle lieber zehnmal sterben, als dem Teufel seine Befreiung danken. Da ihm nun der Teufel vergebens die Schmerzen des Todes, den er erleiden sollte, schilderte und jener immer sich gleich und standhaft blieb, so sagte der Teufel endlich: Und ich will dir dennoch helfen, ohne allen Beding und ohne Zusage und Lohn von deiner Seite, damit du siehst, daß der Teufel nicht so schwarz ist, als ihr ihn malt, und auch uneigennützig sein kann. Verlange daher, wenn du vor das Gericht gefordert wirst, um dein Urteil zu vernehmen, einen Rechtsanwalt, einen Fürsprech zum Verteidiger, dann will ich in einem blauen Hut mit weißen Federn in der Nähe stehen, mitten unter den andern Advokaten, kein Advocatus Diaboli, die in der Regel erbärmliche Schächer sind, sondern Diabolus Advocatum. Dem Landsknecht dünkte solches höfliche Anerbieten des Teufels nicht gegen Gott zu sein, und nahm es an, sintemal doch einem jeden sein Hals lieb ist, und so provozierte er auf einen Fürsprech und deutete auf den Herrn mit dem blauen Hut. Der Teufel verneigete sich sittiglich gegen den Gerichtshof, bat um das Wort, erhielt solches und hub an zu sprechen trotz einem. Er trug den ganzen Handel noch einmal vom Anfang an vor, wie des frommen Landsknechts Vertrauen auf das schändlichste von der falschen Wirtin getäuscht worden sei, wie der Wirt nicht von ungefähr zu dem Hader gekommen, sondern mit seiner schlechten Frau im Einverständnis gewesen und schon im Hinterhalt gelegen habe. Wie ferner der Wirt – welcher mit seinem Weibe mit anwesend war – den Landsknecht zuerst mit tätlicher körperlicher Mißhandlung verletzt und aus dem Hause geworfen, der Landsknecht aber niemand angegriffen, sondern mit seinem Schwert bloß einige unerhebliche Ritze in die Haustüre gehauen, wozu ihn gerechter Zorn über die gegen ihn begangene Untreue hingerissen, daher ihm die zur Last gelegte vis publica gar nicht anzurechnen sei, mindestens nicht bis zur Lebensstrafe.

Nun erhob sich der Wirt und zürnte in ungeschlachter Rede gegen den Teufel: das seien alles Kniffe, Ränke und Rechtsverdrehungen; man kenne wohl das Sprüchwort: Advokaten – Teufelsbraten – Murren auf der linken, Beifall auf der rechten Seite der Zuhörer –, ihn, den Wirt, aber solle gleich der Teufel bei lebendigem Leibe holen, wenn er oder sein Weib je von dem Landsknecht Geld empfangen oder auch nur bei ihm gesehen, und werde ein weiser hoher Gerichtshof sich nicht in seinem nur allzu gerechten Urteil irren lassen durch einen – hier würde der Teufel noch einen ganzen Sack voll Ehrentitel an den Hals geworfen bekommen haben, wenn der Oberrichter den Wirt nicht zur Ordnung gerufen hätte. Der Fürsprech des Landsknechts lächelte, er neigte sich nochmals vor dem Gericht und bat aber ums Wort. Mein Klient, hub er an, hat mir seinen Beutel nebst Inhalt also beschrieben. Derselbe ist von Wildleder, durch langen Gebrauch unsauber, an der einen Schnur, womit er zugezogen wird, hängt ein Ringlein von Messing. In dem Beutel befinden sich fünfzig und fünf kurfürstlich brandenburgische Taler mit dem Bildnis Joachimi, sechs rheinische Goldgülden, zwanzig Schreckenberger, dreizehn sächsische Gröschlein, ferner eine spanische Doppelkrone mit dem Bildnis Königs Philippi, ein Doppeldukaten Herzog Richards von Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, und außerdem noch zwei Schaustücke, eines mit dem Bilde Kaiser Maximiliani, eines mit dem Caroli quinti und endlich ein kupferner Schaupfennig, auf welchem steht: Ehe man brech Treu und Glaub in Not, man soll ehe willig gehn in Tod.

Alle Zuhörer erstaunten über des Fürsprechs treffliches Gedächtnis, am meisten der Landsknecht selbst, denn er hatte dem Teufel von dem Inhalt seines Beutels kein Wort gesagt, kannte so genau gar nicht die Münzen, und was auf ihnen für Schriften geprägt waren, davon konnte er keine einzige lesen.

Will nun ein hoher Gerichtshof, fuhr der Fürsprech weiter fort, die Gnade haben und zwei sichere Boten in dieses unschuldigen Wirtes Haus senden, so dürfen dieselben nur im Hintergebäude hinter dem letzten Schornstein rechter Hand drei Ellen und eine Spanne hoch fühlen, da werden sie die Hände voll Ruß bekommen, und unter diesem Ruß wird sotaner Beutel meines Klienten sich finden lassen.

Die Wirtin tat einen Schrei, und dem Wirt begannen die Kniee zu schlottern, beide aber wurden kreideweiß und fielen auf ihre Knie nieder. Die Boten gingen, und der Teufel sprach: Mit Verlaub, ihr Herren! Machen wir einmal gegen eure Gewohnheit kurzen Prozeß! Dieser Schächer Geständnis leset ihr in ihren Armesündermienen – einen mußt‘ ich haben, den Gast oder den Wirt – das Weib laß‘ ich euch, das ist mir zu gefährlich. Der Wirt hat sich mir verschworen, des seid ihr alle Zeugen! – Sprachs – packte den Wirt im Nacken, fuhr mit ihm zum Fenster hinaus und führte ihn über den Markt in den Lüften hinweg, wohin, erfuhr niemand, konnten sich’s aber schon denken. So kam der Landsknecht zu seinem Recht und auch wieder zu seinem Gelde.

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360. Die weiße Frau

360. Die weiße Frau

Es ist eine allgemeine Sage, daß, gleich wie in andern Fürstenschlössern, auch im Königsschlosse zu Berlin eine weiße Frau umwandle, welche sich sichtbar zeige bei bevorstehenden wichtigen Ereignissen, namentlich bei Sterbefällen. Zahllos sind die Anführungen solcher Fälle, vor denen sie erschienen sein soll, aber schwankend und ungewiß sind die Angaben und Annahmen, wen auf Erden dieser ruhelose Geist beseelt, wer in solcher Tracht, altväterisch, grabsteinähnlich, das Haupt mit einem Matronenschleier bedeckt, starren, steifen Gewandes, im Leben umgewandelt. Spinnwebfarben ist ihr Gesicht, Moderduft ist ihr Parfüm, Grauen weht eisig vor ihr her, und Odemstocken folgt ihrem Verschwinden. Gar viele hohe Personen nennt die Sage, denen sie soll erschienen sein, bald in Zimmern, bald auf den Gängen, bald am hellen Tage, bald im Zwielicht, bald in tiefer Nacht. Einige nennen sie die Ahnfrau des königlichen Hauses, aber welche der Ahnfrauen soll es sein? Die erste Zollerin aus der Zeiten Frühe oder die erste Burggräfin von Nürnberg, Sophia? Elisabeth von Meran oder Margaretha von Kärnten? Die Hennebergerin Elisabeth, Johann II. Burggrafen von Nürnberg, des Reichsfürsten, oder die Sachsin Elisabeth, Friedrich V. Burggrafen von Nürnberg, Markgrafen zu Brandenburg erlauchte Gemahlin, oder die bayrische Elisabeth, Friedrich, des ersten Kurfürsten, hohe Vermählte? Niemand weiß es. Einige sagten und schrieben, daß jene Gräfin von Orlamünde es sei, die Albrecht der Schöne, Burggraf zu Nürnberg, geliebt haben soll, allein deren Geist ist gebannt an das alte Haus Plassenburg und kann nicht wohl im Schlosse zu Berlin umgehend gedacht werden. Wer sie auch sei und gewesen sei, so sei ihr Erscheinen stets das eines guten Geistes.

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361. Der starke Jochem

361. Der starke Jochem

Zu Kurfürst Georgs Zeiten lebte zu Berlin ein Edelmann, Joachim von Schapelow geheißen, sie nannten ihn nur kurzweg den starken Jochem wegen seiner ungeheuren Stärke. Niemand konnte ihn niederringen, obgleich er von Gestalt nichts weniger als ein Riese war. Da kam einmal ein fremder Fürst an den Berliner Hof, der hatte in seinem Gefolge einen ungemein großen und auch sehr starken Mann, den konnte auch keiner bezwingen, und der Fürst rühmte absonderlich dessen Stärke gegen den Kurfürsten, und daß seinesgleichen nicht zum zweiten Male gefunden werde. Hm, machte der Kurfürst, mein Schapelow nimmt’s am Ende doch mit deinem starken Hans auf! – und da wetteten die Fürsten miteinander um vier Eimer, das sind zwei Ohm, Wein, wessen Mann obsiege, der solle selbigen Wein gewonnen haben. Die Kämpfer traten auf den Plan, der große Ausländer und der kleine, aber kernfeste Märker. Der Kampf begann, und nach kurzem Ringen warf Schapelow seinen riesigen Gegner zu Boden, daß ihm die Rippen krachten, und als dieser wieder aufzustehen versuchte, ergriff ihn der starke Jochem, hielt ihm beide Hände eisenfest, packte ihn, trug ihn zum Fenster und wollte ihn hinauswerfen – was jedoch der Kurfürst verhinderte. Um nun den Schapelow für seine Anstrengung auch zu belohnen, so befahl er ihm, sich im Hofkeller seinen Lohn zu holen und sich so viel Wein zu nehmen, als er auf einmal herauftragen könne, der solle ihm eigen gehören. Das war dem starken Jochem sehr willkommen, er stieg hinab in den Keller, besah sich die Fässer und griff nicht blöde zu. Der Kurfürst und sein hoher Gast standen oben auf dem Söller nach dem Hofe und blickten hinab, da erschien der wackere Jochem unten auf der Kellertreppe. Er hatte drunten aus zwei Eimern die Spunde geschlagen, hatte einen vollen Eimer unter dem rechten, einen unter dem linken Arm, und an den Fingern, die er in die Spundlöcher gesteckt, trug er rechts einen Eimer und links auch einen Eimer, da sonst ein Mann an einem einzigen vollen halben Eimerfaß gerade genug zu tragen hat. Die Herren lachten über diese komische Erscheinung und bewunderten die gewaltige Kraft des Mannes, und der Kurfürst rief hinunter: Bist du des Teufels, Schapelow? Wenn du meinen Wettgewinn wegträgst, was trägt’s denn mir? – Ach Durchlaucht! rief Joachim von Schapelow hinauf, es trägt’s nicht aus.

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362. Das große Los

362. Das große Los

Zu Berlin war ein armer Schuhmacher, dem hing ein Jude statt baren Geldes für Stiefeln oder Schuhe ein Lotterielos auf; der Mann legte das Papier ins Fenster und hatte dessen keine Acht. Als der Sonntag kam, ging er mit seiner Frau spazieren, ließ aber aus Ursachen die Kinder daheim. Die Kinder hatten ihre Lust mit Pappen und Kleistern, und wie sie nach Papier umhersuchten, fanden sie auf dem Fensterbrett das Los. – Ach, ein Bild! so riefen sie, das muß hin – zu den andern Bildern – an die Stubentüre! – Gesagt, getan, das Los bekam auf seine minder schöne Rückseite eine merklich dicke Lage Mehlkleister und erhielt seine Stelle neben einem berühmten Kriegshelden, einer Kompanie Soldaten und sonstigen Dreier- oder Pfennigbildern, welche das Bilderquodlibet an der Stubentüre bereits bilden halfen. In der Woche tat der Schuhmacher einen Geschäftsgang, von diesem kam er ganz atemlos nach Hause, seine Augen glänzten – er stürzte nach dem Fenster, seine Hand streckte sich nach dem Papiere aus – es war fort. Wo – wo – wo ist das Los? Das Papier? Hier hab‘ ich’s hergelegt! Himmel tausend Donner – Frau und Kinder zitterten – der Schuster wurde wild – seine Hand erfaßte den Knieriem, es drohte ein schreckliches Gewitter – da faßte das jüngste Kind, ein Mägdlein mit schelmischen Augen, des Vaters Hand und sah ihn bittend und zitternd an und wies nach der Türe. Da klebte das Los, gut und sicher – aus dem Fenster hätt‘ es vielleicht ein Windstoß geweht. Goldkind! rief der Schuster, und hob das Kind empor, und küßte es, und ließ den Knieriem fallen. Aber das Los saß fest, herunter ging es nicht – der Versuch, mit Wasser es abzuweichen, hätte das dünne Papier jedenfalls vernichtet. Der glückliche Gewinner, denn das Los war als großes Los aus der Ziehung gekommen, faßte sich kurz, er hob die Türe aus den Angeln und trug sie huckepack auf das Rathaus, wo die Ziehung stattfand. Alles erstaunte, als das Los so groß und schwer hereinkam, doch da alles in Ordnung befunden ward, so mußte gleich dem Besitzer des glückhaften Loses die Türe zum Zählbrett dienen. Darauf hat selbiger Schuster in der Wallstraße zu Berlin ein hübsches Haus erbaut und über der Türe sich selbst abbilden lassen, wie er seine Stubentüre huckepack trägt, dem Helden Simson ähnlich, der gar ein Stadttor trug, dem aber ein schlechtes Los gefallen. Das Haus hat die Nummer 25.

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363. Der Blumenthal

363. Der Blumenthal

Zwischen Berlin und dem Oderbruch liegt ein weit ausgedehnter Wald, darin hat vor alten Zeiten eine Stadt gestanden, von der sich noch Spuren finden lassen, aber keine Sage, keine Chronik kündet von ihrem Ursprung, Bestehen und Vergehen. Nur übergroße und bemooste Trümmer zeigen noch alte Ummauerung, Straßen und Tore an, und zur Nacht tanzen Irrlichter über der längst verödeten Stätte. Blumenthal soll die Stadt geheißen haben, und manchesmal soll sie in besondern Nächten sich sichtbar zeigen voll ernster Schönheit, belebt von einem ernsten Volke. Man hat den Raum des alten verschollenen Blumenthal gemessen nach Länge und Breite; vier Tore führten hinein, die Hauptstraße hatte die Richtung nach Strausberg. Vier ummauerte Plätze trugen eine Kirche, ein Schloß, ein Rathaus und ein Kloster. Mitten in der Stadt ruhen drei mächtige Hünengräber. Man sagt, daß vor einigen hundert Jahren das Mauerwerk noch manneshoch über der Erde sichtbar gewesen, jetzt aber ist alles überraset und übergraset, und starke Baumstämme bedecken den Boden. Von dieser vormaligen Stadt Blumenthal hat der ganze weite Forst den Namen der Blumenthal empfangen.

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364. Die Geharnischten

364. Die Geharnischten

Zu Küstrin hat es sich am Bartholomäustage des Jahres 1555 begeben, daß man auf dem Markte mit einem Male zwei Geharnischte sah, und zwar geharnischt vom Kopf bis zum Fuße, die gingen miteinander Hand in Hand um den ganzen Markt, während droben am Himmel ein seltsames Wunderzeichen erblickt wurde. Da sahe man eine große Schlacht, hörte in der Luft großes Getümmel und jämmerliches Geschrei. Plötzlich vernahm man auch einen lauten wehklagenden Ruf der beiden Geharnischten, und so verschwanden sie vor aller Augen und ebenso das Luftgesicht einer Schlacht in den Wolken. Niemand wußte diese Zeichen zu deuten, und so sehr man auch von ihnen fürchtete und mannigfaches Unheil daraus prophezeite, so geschahe doch darauf nicht mehr und nicht minder, als was auf das Erscheinen der gespenstigen Mäher bei Berlin geschah, nämlich – nichts. Im darauffolgenden Jahre erschien zu Küstrin des Nachts am Himmel ein feuriges Chasma, und erzeugeten sich am Himmel unzählige Flammen, auch zwei flammende Säulen, und ward von oben eine Stimme gehört, welche schrie: Wehe, wehe der Christenheit! Wie in Berlin, so waren nach der Zeit auch zu Küstrin zwei verrufene Wetterhexen und boshafte Zaubersäcke, die schufen, als ein Pfarrer begraben ward, der öfter gegen ihren Unfug gepredigt, ein greuliches Unwetter mit Schloßen und Hagel, Donnern und Blitzen, daß die Menschen vermeinten, es komme der Jüngste Tag oder sei schon beihanden. Da man nun gegen die beiden alten Hexen Verdacht schöpfte, so wurden sie eingezogen, erst üblichermaßen gütlich und dann peinlich befragt und gestanden dann, sie hätten allerdings das Ungewitter hervorgerufen, damit der Wahn entstehe, der Pfarrer habe es mit dem Teufel gehalten, und seine Seele sei von diesem geholt worden. Darauf wurden sie gerechtfertigt, will sagen: verbrannt. –

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365. Die Adamstänzer

365. Die Adamstänzer

In der Mark, in Thüringen, auch sonst in Deutschland, in Böhmen und in Holland erhob sich zu einer Zeit eine Sekte von Leuten, die gingen unbekleidet einher, weil der Urvater Adam auch keine Kleider gehabt, trieben allerlei seltsame Bräuche, andern Christen zum Ärgernis, sich selbst zur Schande, und nannten sich Adamiten. Sie führten auch Tänze auf, bei denen sie splitternackt einhersprangen. Eine solche Gesellschaft war auch im Dorfe Virchow in der Neumark, die nahm zwei Fiedler und zwei Bierschenken mit, sie selbst waren sieben Paare, und Schenken und Fiedler mußten auch also nackend mitlaufen. Und der Tag, an welchem sie es taten, war der heilige Pfingsttag, derselbe, an welchem der Herr auch die gottlosen Tänzer von Kolbeck strafte. Da huben die Adamstänzer und Tänzerinnen auf einem Plan vor dem Dorfe ihren gottlosen Reigen an, wild und sündlich und schändlich, aber als sie zum dritten Male antraten, geschahe ein Blitz und ein Donnerschlag bei hellem Himmel, und der helle Himmel wurde plötzlich schwarz wie die Nacht, und den Tänzern und Tänzerinnen erstarrte vor Schreck das Blut in den Adern, und diese Erstarrung mehrte sich, und keiner regte mehr ein Glied, weder die Adamstänzer, noch die Schenken, noch die Fiedler. Sie waren allzumal zu nackten Steinen geworden und müssen also stehen von Jahrhundert zu Jahrhundert, und nur ganz langsam sinken sie allmählich ein. Jetzt sind sie immer noch zwei bis dritthalb Fuß hoch, die Schenken in der Mitte des Kreises sind noch zwei Ellen hoch. An den Spielleuten, die außerhalb des Kreises stehen, erkennt man noch die Fiedeln. Das Volk nennt sie noch heute den Steintanz oder die Adamstänzer.

In Amerika gibt es noch bis heute eine zahlreiche Sekte, die Gott durch Tanzen und Narrensprünge zu ehren vermeint wie einst die Adamiten.

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366. Die Strohbrücke

366. Die Strohbrücke

Mancher sah wohl schon ein Holzgebild oder ein Porzellanfigürchen, darstellend einen jungen Mönch, der eine Schütte Stroh auf dem Rücken trägt, und in der Schütte Stroh gucken schelmisch oben ein Köpfchen und unten ein Paar Füßchen heraus, die beide keinem Männlein angehören – und keiner dachte wohl dabei daran, daß diesem Gebild eine Sage zum Grunde liegt.

In der Uckermark lag ein Kloster des Namens Himmelspforten, nahe dabei zwei Seen, Modernitz und Sidow genannt, welche miteinander durch einen Wasserarm verbunden sind, von einem Steg überbrückt, über den der Weg von Himmelpforten nach dem Dorfe Lichen geht. Da hatte nun vorlängst, als im Kloster Himmelpforten noch Mönche waren, ein Mönch im Dorfe Lichen ein Liebchen, das mochte er wohl für seine wahre irdische Himmelpforte halten, die ihm den Weg in den Himmel aufschließen sollte. Ward daher mit sich und dem Liebchen einig, es in eine Schütte Stroh zu verpacken und huckepack in das Kloster zu tragen. Die Sache machte sich ganz vortrefflich, nur war die Schütte Stroh etwas schwerer, als sonst eine solche zu sein pflegt. Aber wenn Unglück sein Spiel haben soll, bricht einer den Arm im Bette; dort auf der Brücke stand der gestrenge Abt von Himmelpforten und ward des Strohträgers ansichtig und erwartete ihn. Da begann das Mönchlein zu schwitzen, teils von der Last, die es trug, noch mehr aber vor Angst, und grüßete den Abt mit frommem Gruß demütiglich. Was trägst du denn, mein Sohn? fragte der Abt. – Eine Schütte Stroh, hochwürdigster Vater Gnaden, antwortete bebend das Mönchlein. – Wo hast du denn die bekommen? – Drüben in Lichen, hochwürdigster Vater Gnaden! – Aber ich sehe mein Sohn, sie wird dir zu schwer, komm, ich will sie dir abnehmen! – O nein, hochwürdigster Vater Gnaden, das würde sich für Euch nicht schicken. – O doch, mein Sohn, wir sind ja Brüder, und es stehet geschrieben: Einer trage des andern Last. – Da nun der geängstigte junge Mönch sich nicht mehr zu helfen wußte, so lösete er das Trageband und ließ die Schütte auf den Boden gleiten, und wie die Füßchen den Boden spürten, siehe, da lief die Schütte, was sie laufen konnte, von der Brücke herunter und wieder nach Lichen zu. Der Abt aber schlug ein Kreuz und rief: Apage Satana! Was ist dies für ein Zeichen? – Der Mönch fiel dem Abt zu Füßen und rief: Verzeihung, hochwürdigster Vater Gnaden! Diese Schütte Stroh ward mir nicht geschenkt – ich hatte sie – genommen! – Da strafte der Abt den Mönch mildiglich und warnte ihn, solche grobe Sünde nie wieder zu begehen. Unter der Brücke saß ein Bäuerlein, das sah das Wunder, welches sich begeben, daß eine gestohlene Strohschütte lebendig wurde und dahin lief, woher sie genommen war, und brachte es unter die Leute. Seitdem wird jene Brücke zwischen Lichen und Himmelpforten die Strohbrücke genannt.

Ähnliches wird von einem jungen Mönch aus einem Kloster des Harzes erzählt.

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367. Die Geldfresserin

367. Die Geldfresserin

Zu Frankfurt an der Oder hat sich im Jahre 1536 eine verwunderliche Geschichte zugetragen. Eines Mannes, Marx Fischers, Tochter Gertrud diente zu Lebus als Magd; die war eine Teufelsbuhle, und ihr höllischer Galan besuchte sie als ein stattlicher Kriegsmann. Sie wurde aber ganz und gar von ihm besessen und offenbarte bald genug, daß es ein Geldteufel war, der in ihr stak. Wohin sie griff, an Wände, Tische, Bänke, an der Leute Röcke, Ärmel, Barette, stets berappte sie Geld, oft eine ganze Handvoll, Groschen und Pfennige, Silber und Kupfer, wie es gang und gäbe war im Lande, und das führte sie dann alsbald zum Munde und zerbiß es, kaute es und verschlang es. Da ward sie von Lebus nach Frankfurt, ihrer Heimat, zurückgebracht, ihr mit Beten zu helfen, und auch alldort trieb sie das seltsamliche Geldessen fort. Sie verspeiste auch Nähnadeln und Stecknadeln und redete mit einem Male hochdeutsch, da sie doch vorher nur stets den landüblichen Dialekt gesprochen. Da ward ein Exorzist verschrieben, der sollte ihr den Teufel austreiben, allein weder Weihwasser noch Geißel, weder Gebet noch Formel half. Nur erst, als Herr Andreas Ebert aus Grüneberg in Schlesien sich fragend über diesen verzweifelten Fall an Doktor Luther nach Wittenberg wandte und auf dessen Anraten die Besessene in seine Predigten führen ließ und mit der ganzen Gemeinde für die Geldfresserin betete, wich der Teufel, aus Respekt vor dem Grüneberger, aus ihr, doch nicht ohne Geplärr und Rumor in der Kirche, und endlich wußte die arme Magd nicht, wie ihr geschehen war, und hat, ohne je wieder eine Anfechtung zu erleiden, noch viele Jahre nachher frisch und gesund zu Frankfurt an der Oder gedient.

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