34. Chorkönig

34. Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig; es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz zum Grunde nieder, doch blieb das Chor Karl des Großen stehen, aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer. Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam, des Münsters Untergang beklagte und sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen ließ, die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Königskrone zu entsagen und ein Chorherr in Unser Lieben Frauen Münster zu Strasburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen, denn das Reich bedurfte seiner, und redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen; Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte den Heiligen nannte – er war auch der Begründer des Bistums Bamberg – wollte mitnichten von seinem Vorsatz lassen. Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard, als dieser sähe, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, so nahm er vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten und des Reiches Regiment und Herrschaft, das seiner nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet, doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über tausendundsiebenhundert Jahre. Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

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349. Das Fräulein bei Wittenberge

349. Das Fräulein bei Wittenberge

Unterhalb Werben beginnt eine Landschaft, die nennt man in der Priegnitz, da liegt noch ein Fleck, heißt die alte Stadt, und darüber, wo jetzt Ackerfeld ist, erhebt sich ein hoher Hügel. Das soll die Stätte sein, wo früher das Schloß der Herren von Wittenberge stand und zu seinem Fuße das alte Wittenberge. Es ist nicht geheuer an diesen verödeten Stätten, und man sagt insonderheit, daß ein verwünschtes Fräulein dort wandere. Dieses Fräulein, als es noch im Leben wandelte, war einem Ritter verlobt, der von ihr hinweg in den Krieg ziehen mußte, und brach ihm die Treue. Als er voll Sehnsucht nach ihr heimkehrte, fand er sie als eines andern Weib, und zwar als das eines der Herren von Wittenberge. Darüber wurde der Hintergangene Bräutigam also zornig, daß er ein Heer sammelte, dem von Wittenberge Fehde bot und Burg und Stadt angriff, gewann und zerstörte. Dafür, daß durch seine Untreue so viele unschuldige Menschen umkommen mußten, wurde das Fräulein verwünscht, ruhelos umzugehen bis an das Ende der Tage. Von da an begannen die Einwohner der Stadt, soviel ihrer geflüchtet waren, die Stadt an einer andern Stelle wieder aufzubauen. Dieselbe hat jetzt eine berühmte Eisenbahnstation, und denkt dort niemand mehr an das wandelnde Fräulein.

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350. Wunderblut

350. Wunderblut

Von Blutregen und sonstigem Wunderblut gehen in den Marken viele Sagen. Zu Beelitz blutete eine Hostie fortwährend, weil ihr Leides geschehen war, und geschahen dorthin viele Wallfahrten. Zu Zehdenick drückte ein Weib eine geweihte Hostie in Wachs und vergrub sie, da sie einen Bierschank hatte, vor dem Bierfasse unter den Zapfen, das Bier zu mehren, wie jener fromme Klosterbruder zu Altenberge die Bienenstöcke. Aber von da ab hatte die Frau in ihrem Gewissen keine Ruhe, und sie mußte ihre Sünde beichten und offenbar machen. Da ihre Tat nun ruchbar ward, so ging man in ihren Keller und fand allda quillendes Blut an der Stelle, wo die Hostie vergraben lag. Man erhob die blutige Erde und trug sie in die Kirche, und es ward dahin alsbald ein großer Zulauf von Vornehmen und Geringen nach Zehdenick, selbst die Markgrafen Johannes und Otto von Brandenburg reisten dahin, begleitet von ihrer Schwester Mechtild, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, und dem Bischof Ruthgerus zu Brandenburg, und stifteten auf Anraten ihres Beichtigers zu Zehdenick ein Jungfrauenkloster Zisterzienserordens.

Zu Wilsnack in der Priegnitz verbrannte ein böser Edelmann Dorf und Kirche. Aber unversehrt blieb mitten in den Flammen der Altar, und es brannten seine Kerzen, und drei Hostien, die der Pfarrer dort verwahrt, lagen mitten auf der Leinwand, aber mit Blut besprengt, und eine Stimme mitten in der Nacht gebot dreimal hintereinander dem Pfarrer, Messe zu lesen am Altare der verbrannten Kirche. Und er tat also, und die heiligen Hostien taten große Wunder, daß zu ihnen die Gläubigen walleten und strömten aus allen nordischen Reichen.

Im Dorfe Schönhagen unweit Pritzwalk hat ein Hirschgeweih einen ganzen Tag und eine Nacht lang Blut geschwitzt, als eine Frau des Hauses von Pritzken gestorben war und begraben wurde, und niemand wußte solches Wunder zu deuten, denn schon seit vierzehn Jahren hing dieses Horn an einer und derselben Stelle. So auch schwitzte eine Magd zu Großmantel, einem Dorfe in der Gegend von Stargard, Blut, drei Tage hintereinander, daß alle Welt sich davor entsetzte.

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351. Das Grab des Remus

351. Das Grab des Remus

Bei der Stadt Rheinsberg ist ein See gelegen und in diesem See eine Insel, auf der fand man vorzeiten ein mächtiges Steingrab und in dem Grabe große Gebeine eines gewaltigen Hünen. Von den Steinen war der eine schöner Marmor, und waren darauf sechs Habichte gehauen, auch eine Schrift, die aber so sehr verwittert war, daß sie niemand mehr lesen konnte. Und da fand sich alsbald auch ein kluger und weiser Diftelkopf, derselbe vielleicht, der in Salzwedel den Sonnentempel und bei Gardelegen die Isisburg kraft seiner Phantasei gründete, und spintisierte aus, daß erstens dieses Grabmal ein römisches sei, daß zweitens das Städtlein Rheinsberg in alten Zeiten keinesweges Rheinsberg sich geschrieben, sondern Remsberg, wie auch drittens der dortselbst vorbeifließende Fluß keineswegs der Rhein sei oder so heiße, auch nicht Rhin oder Rinne, sondern Rem. Daraus folge nun sonnenklar viertens, daß der Name des Städtchens früher Remus gelautet habe, und nicht minder sonnenklar fünftens, daß Remus, der Bruder des Erbauers von Rom, keinesweges von seinem Bruder Romulus umgebracht worden, weil er spöttlich über dessen neue Mauern hinweggeturnt, sondern stracklich aus Latium in die Mark Brandenburg, Grafschaft Ruppin, mit einigem Anhang gezogen sei, auch sechstens keineswegs, wie andere behauptet, die Stadt Reims oder Remus in Gallia, sondern lediglich und ausschließlich siebentens Remus am Flusse gleichen Namens begründet und erbaut habe, worauf er alldort verstorben und auf der Insul im Rem sich habe begraben lassen. Solche absonderlich belustigende Schnurren und Schnaken heckten vordessen die gelahrten Diftler aus, mit gar großem Aufwand von überschwenglichem Wissen, und ist deren Geschlecht auch noch keineswegs ausgestorben. Mancher brütet über ein paar alten Aschentöpfen zeitlebens und läßt sich’s gutes und schweres Geld kosten, Bücher mit Abbildungen voll tollen Unsinnes darüber zu schreiben und herauszugeben, und so erfüllt sich fort und fort das Wort der Schrift: Wenn du den Narren im Mörser zerstießest mit dem Stempel, wie Grütze, so ließe doch seine Narrheit nicht von ihm.

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352. Die vermauerten Tore

352. Die vermauerten Tore

In vielen Städten der Mark Brandenburg findet sich das Ungewöhnliche, daß neben dem offenen Stadttor noch ein zweites vermauertes erblickt wird, und zwar ist gleich ersichtlich, daß das vermauerte das ursprüngliche Tor ist, das gerade in die Straßen führte, während das jetzt im Gang befindliche schrägwärts ausmündet. Solcher Tore haben Kyritz, Wittstock, Wusterhausen in der Grafschaft Ruppin, Soldin drei, Friedeberg zwei, Morin zwei, Berlinchen zwei, Königsberg zwei, Schönfließ zwei, auch Landsberg an der Warthe, Beerwalde, Woldenberg, Fürstenwalde, Mittenwalde, Bernau. Gransee hat deren auch zwei. Man weiß nicht mehr recht Grund und Ursache dieses in früher Zeit erfolgten Torumbaues anzugeben. In Gransee geht die Sage, daß, als die frühere Wendenbevölkerung von den Deutschen vertrieben worden sei und letztere sich der Stadt bemächtigt, sie die Wenden so sehr mißachtet haben, daß sie die Tore hinter ihnen zugemauert und neue Tore in die Mauer gebrochen haben. Es blieb von solcher Mißachtung des unterjochten Volksstammes der Wenden noch bis auf den heutigen Tag ein Nachhall im Brauch: auf vielen Dörfern, wo Deutsche und Wenden nebeneinander wohnen, dürfen letztere nur durch kleine Nebentüren in die Kirche gehen.

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353. Ratten vertrieben

353. Ratten vertrieben

Zu Neustadt-Eberswalde gibt es keine Ratten; früher waren sie dort zahllos und fraßen fast die ganze städtische Kornmühle auf. Da kam ein fremder Mann, der erbot sich, dieses Ungeziefer für immer zu bannen, und wollte erst nach Jahr und Tag den Lohn für seine Kunst; nur zwei Taler wolle er vorweg und acht Taler übers Jahr. Solchen Vorschlag war der Rat zu Neustadt-Eberswalde gar wohl zufrieden, und derselbe Mann gebrauchte sich nun seiner Kunst. Ob er gepfiffen hat, wie der Rattenfänger zu Hameln, meldet die Sage nicht, aber pfiffig muß er es jedenfalls angefangen haben, denn gleich den Ratten zu Hameln fühlten sich die zu Neustadt-Eberswalde veranlaßt, zu Haufen die Mühle zu verlassen und in die Finow zu springen, in welcher sie allzumal hinabschwammen, und nie kam eine einzige wieder. Aber der Mann kam wieder, als das Jahr herum war, und heischte seinen rückständigen Lohn. Da gedachte der Rat weislich an den Ausgang der Kinder zu Hameln und vergnügte den Rattenjäger bei Heller und Pfennig mit Freuden. Nachher sind niemals wieder, weder in der Stadt, noch in der Stadtmühle, Ratten verspürt worden.

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339. Jungfrau Lorenz

339. Jungfrau Lorenz

In der Nähe von Tangermünde war früher ein großer und weitausgedehnter Forst, dieser war Eigentum einer Jungfrau des Namens Lorenz. Der Wald war also groß, daß seine Herrin, als sie eines Tages in demselben lustwandelnd sich erging, sich verirrte und sich nimmer zurechtfinden konnte. Drei Tage lang irrte sie verzweifelnd in dem Waldesdickicht umher, nährte sich von Beeren und trank aus Rieselbächen. Sie glaubte schier, nie wieder des Waldes Ende zu finden und darinnen sterben zu müssen, so sehr sie auch den Himmel anrief, ihr Hülfe zu senden. Siehe da, als sie am dritten Tage wieder recht inbrünstig gebetet hatte, erschien ein Hirsch, der hatte ein Geweih wie Elche so groß und nahte ihr ganz zahm, neigte sich vor ihr und schaufelte sie, ehe sie sich’s versah, mit seinem mächtigen Geweih vom Boden empor und auf seinen Rücken und trug sie fort, immerfort durch den weiten Wald, sanft und recht wie stolz auf seine Last, bis sie endlich den Wald sich lichten und beim Heraustritt die Tore von Tangermünde vor sich liegen sah. So kam Jungfrau Lorenz wieder in ihrer Heimat an und erfüllte sogleich ein Gelübde. Sie schenkte einen guten Teil des Waldes der Nikolaikirche zu Tangermünde, ließ ihr Bildnis von Holz auf einem Hirschgeweih künstlerisch ausarbeiten und in der Kirche aufstellen mit der Verordnung, daß dasselbe bewahrt bleiben solle für alle Zeiten, und solange von der Kirche noch ein Stein auf dem andern stehe. Die Kirche blieb stehen und steht heute noch, und das Bild wird heute noch gezeigt, obschon die Stürme der Zeit so vieles brachen und änderten. Aus der Kirche wurde ein Lazarett, all ihre Bilderzier wurde entfernt oder zertrümmert, nur das Bildnis der Jungfrau Lorenz überdauert alles. Sie selbst scheint dasselbe unsichtbar zu schützen, Gepolter und unheimlicher Lärm entsteht, wann jemand nur wagt, an den Zacken des Hirschgeweihes etwas aufzuhängen. Der ganze Landstrich zwischen den Dörfern Grobleben und Bölsdorf, den die Jungfrau Lorenz an die Kirche schenkte, und in welchem jetzt kein Wald mehr ist, heißt noch immer das Lorenzfeld.

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340. Der Geiger im Chorrock

340. Der Geiger im Chorrock

Nahe bei Tangermünde liegen zwei Dörfer ohnweit voneinander, Ost- und Westheeren, und zwischen beiden liegt die gemeinsame Kirche. Der Pfarrer an dieser Kirche war aber vor langer, langer Zeit ein lustiger Bruder, dem die volle Flasche lieber war als der leere Kelch und die Fiedel lieber als die Orgel. Er verstand selbst gar schön und lustiglich die Geige zu spielen und gönnte seinen Beichtkindern die Tanzfreude viel mehr, als seine Herren Confratres im geistlichen Amte zu tun pflegen. So spielte er auch einstmals am heiligen Pfingstfeste seinen Pfarrkindern auf seiner Fiedel zum Pfingstreigen auf, der sich unter der hohen Linde lustig drehte. Es zog ein schweres Gewitter auf, doch die Frohen achteten dessen nicht. Der Dorflinde dichtes Laubdach bot lange Schutz gegen fallenden Regen. Der Donner begann zu rollen, aber der Lärm der Freude ließ ihn überhören. Warum hätten die Dirnen und Bursche nicht tanzen und jauchzen und sich freuen sollen, solange ihr Pfarrer es ihnen nicht verwehrte? Plötzlich zuckte ein entsetzlicher langer Wetterstrahl an der Linde nieder, ein fürchterlicher Donnerschlag krachte über den Tanzenden, streckte zwölf tanzende Paare tot nieder und warf den geigenden Pfarrer in den Staub, verwandelte seine Fiedel samt dem Bogen in Splitter und schlug ihm die rechte Hand ab oder den ganzen Arm. Der geigte nimmer wieder zum Tanze. – In Schlesien ist Ähnliches geschehen, daß der Blitz eine ganze Tanzgesellschaft erschlug.

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341. Der Altmarkstädte Name und Ruhm

341. Der Altmarkstädte Name und Ruhm

Die Stadt Stendal galt ehedem als die Hauptstadt der Altmark und ist auch heute noch die bedeutendste unter diesen Städten, steht immer noch obenan. So lebt noch ein alter Reim im Volke von den sieben Städten der Altmark, der singt und sagt etwas von deren Bewohnern:

De Stendaler drinken gerne Win,
De Gardeleger wöllen Jonker sin,
De Tangermünder hebben den Mot,
De Soltwedler hebben det Got,
De Seehuser det sind Ebentur, (Abenteurer)
De Werbner geben den Weiten dhur, (den Weizen teuer)
De Osterberger wollten sich reken
Und deden den Bullen vor den Bären steken.

Stendal lag in seinen ersten Anfängen in einem steinigen Tale, nach alter Weise Sten-dal geschrieben. Die Wärme dieser sonnigen Bergabhänge begünstigte den Weinbau, der sich zu hoher Blüte hob, seit unter Albrecht dem Bären Rheinländer eingewandert waren, die ihn pflegten; es war naturgemäß, daß sie nicht allen Wein ihren Nachbarländern zuführten, sondern ihn auch gern selbst tranken. Gardelegen hingegen wurde durch Brauereien reich; sein Bier hieß Garlei. Die Stadt Tangermünde bewährte Mut und Treue in schweren Kämpfen; Salzwedel war Hansestadt und mehrte ihren Reichtum durch blühenden Handel. Den Seehausern ward nachgeredet, daß sie allerdings gern auf der See gehaust und die Insel der Glückseligkeit gesucht hätten, obschon vergebens. Werben nutzte die Fruchtbarkeit seiner Gegend, in der Wische genannt, zu lebhaftem Getreidehandel, und den Osterburgern begegnete ein unvergeßner Lalenstreich. Sie hielten eine Herde Ochsen, welche auf die Stadt zukamen, für eine Bärenherde und rüsteten sich mit Spießen, Mistforken, Stangen und Heugabeln zu kräftiger Abwehr.

Stendal vor allem rühmt sich der Erbauung durch Kaiser Heinrich den Städtegründer; oft soll er dort residiert haben, noch wird das Haus gezeigt in dem ältesten Teile der Stadt.

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342. Hunde verschmähen Brot

342. Hunde verschmähen Brot

Es geht ein gemeines Sprüchwort, wenn man von einem recht geringschätzig redet: Er ist so schlecht, daß kein Bettler einen Pfennig und kein Hund ein Stück Brot von ihm nimmt. Das schreibt sich her von den durch den Fluch der Kirche Gebannten. In der Altmark war ein reicher Graf des Namens Heinrich, manche sagen von Gardelegen, andere von Osterburg. Der war ein schlimmer Herr von Jugend auf und machte auch dem Hochstift Magdeburg viel zu schaffen. Da tat ihn endlich der Erzbischof dieses Hochstifts in den Bann. Des lachte und spottete Graf Heinrich über die Maßen und däuchte ihm lächerlich – allein bald fühlte er mehr und mehr die entsetzliche Wucht des Kirchenbannes. Als ihm die Türen der Kirchen und Kapellen verschlossen blieben, als in seinem Gebiet keine Glocke mehr läutete, als die Menschen ihn mieden, seine Diener von ihm zogen, keine Hand sich regte, ihm auch nur einen Trunk Wasser zu bieten, da ward ihm wunderlich zu Sinne. Die Menschen sind unvernünftig, sprach er, da lob‘ ich mir die Tiere. Wahrlich, ich glaube, die Hunde haben mehr Vernunft. Und nahm Brot und lockte die Hunde und brach ihnen das Brot – aber die Hunde nahmen es nicht, mocht‘ er es ihnen vorwerfen oder in der Hand reichen. Da erkannte der Graf, was es mit dem Bann Schweres auf sich habe, bereute seine Sünden und büßte sie, indem er gelobte, zu Stendal einen herrlichen Dom zu bauen. Da ward sein Bann gelöst und der Dom zu Stendal erbaut, schön und kunstvoll.

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