805. Das Kreuz am Stein

805. Das Kreuz am Stein

Zu Würzburg auf dem Stein, da wächst der beste Wein! wiederholt ein Jahrhundert dem andern. Auf der Stätte nun, wo der beste Wein wächst, dem aber jener an der dem Stein gegenüberliegenden Leiste keineswegs nachsteht, denn er leistet Außerordentliches, steht ein steinern Kreuz. Zu einer Zeit wegelagerte Ritter Eppelein von Gailingen der Tapfere, dem die Würzburger Sage den Ort Gailig oder Gailnau bei Rothenburg an der Tauber zuweist, in dieser Gegend und hielt die Veitshöchheimer Straße bewacht, von der er einen heraufkommenden Güterzug verkundschaftet hatte. Weil aber der Ritter ein schlimmer Geselle war, so war längst auf seinen Kopf ein Preis gesetzt, den die Würzburger just so gern verdienen mochten wie die Nürnberger, und der Güterzug war eine Falle, denn als er nahe kam und Eppela mit seinen Dreizehn ihn angriff, so sprangen aus den Fässern und Kisten und Kasten der hochbeladenen Fuhrmannswagen mehr als dreimal dreizehn Bewaffnete, und von zwei Seiten sprengten würzburgische Reisige heran, und da kam es an ein arges Schlagen und Klopfen, und war Eppela Gaila von Dramaus heute zu vierzehnt ausgeritten, so ritt er ganz einzig und allein jetzt über Stock und Stein auf wilder Flucht, und hinter ihm her, wie die wilde Jagd, ritten seine Verfolger, schnitten ihm auch seitwärts Wege ab, kreiseten ihn ein wie die Jäger einen Edelhirsch und erhoben ein lautes Hallo, als sie ihn dahin gebracht, daß er einer hohen Felsklippe am Stein zusprengte, von der kein Entrinnen war, denn unter ihr floß breit und tief der Strom. Aber Eppeleins treues Flugroß hatte schon ganz andere Sprünge gemacht als den, der jetzt zu machen war, ein Satz, und im Main verschwanden Mann und Roß, und nach einer Weile tauchten beide unversehrt am andern Ufer empor und gewannen’s, und wenn Eppelein auch den Würzburgern hätte zurufen wollen: Die Würzburger henken auch keinen, sie hätten ihn zuvor – so war er doch zu weit von ihnen, als daß sie’s gehört hätten.

Aus Dankbarkeit für seine Rettung hat hernach der fromme Eppelein das Steinkreuz auf den Fels am Stein aufrichten lassen.

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806. Die Wirtin zur Gans

806. Die Wirtin zur Gans

Ganz nahe beim Marienburgberg bei Würzburg liegt St. Nikolauskapelle. Diese soll eigentlich diejenige gewesen sein, welche – Pipin nach seinem Traume gründete. Des Berges Spitze heißt die Waldkapell, da stand sonst eine Kapelle des Teufels darauf, nämlich ein Wirtshaus genannt zur Gans. Darin hausete eine lose Wirtin, die manschte den Wein, dessen dort doch kein Mangel, dennoch mit Wasser, dafür ist sie aber auch von ihren Gästen so oft und so lange verwünscht worden, bis die Verwünschung an ihr in Erfüllung gegangen. Längst ist vom Wirtshaus zur Gans keine Spur mehr vorhanden, aber die böse Wirtin, oder vielmehr ihre Seele, hat noch immer keine Ruhe, sie muß umgehen, wie die Arnstädter Bierzapferin im Walperholz, und immer schreien:

Ein halb Maß Wasser,
Ein halb Maß Wein,
Macht’s etwas blasser,
Doch auch ’n Maß Wein.

Und was das Schlimmste bei der Sache ist, ist das, daß diese wandernde Seele nicht eher ihre Erlösung zu hoffen hat, bis kein Wirt und Weinhändler mehr im ganzen weingesegneten Frankenlande auch nur einen Tropfen Wasser dem Weine zugemischt, da kann die Ärmste noch lange warten, wandeln und schreien.

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807. Christusbild fängt einen Dieb

807. Christusbild fängt einen Dieb

In die Neumünsterkirche zu Würzburg stieg einst ein Dieb; er hatte wahrgenommen, daß ein Christusbild allda mit einer reichen güldnen Kette geziert war, die ein frommer Gläubiger zur Erfüllung eines Gelübdes demselben geopfert. In ernster Ruhe stand das Kruzifix, die Arme fest am Kreuzesstamm; strafend schienen die Augen des heiligen Leichnames den Kirchenräuber anzublicken, aber der Dieb ließ sich nicht schrecken, er nahte dem hölzernen Bilde und streckte die Hand gierig nach der Goldkette aus. Indem so ließ das Bild seine Arme vom Kreuzesstamme los und umhalste den Dieb, was diesem sehr drückend war. Er ächzete und krächzete wie ein Fuchs im Eisen, aber das hörte niemand; er winselte, wimmerte und betete, das hörte auch niemand, denn das Kruzifix stand in der Krypte der Neumünsterkirche. Endlich, als ihm die Umarmung schier unerträglich ward, schrie er: Zetermordio, zu Hülfe, zu Hülfe! – das endlich hörten die Leute, und fanden den Vogel, und banden ihn, und taten ihn in einen sichern Käfig; aber ein Wunder begab sich noch, des Kreuzbildes Arme blieben, so wie sie den Dieb losgelassen, vor den Leib hin ausgestreckt stehen, und so wird es noch heute gezeigt und angestaunt.

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808. Hauger Stiftskirche

808. Hauger Stiftskirche

In dem reichen Stift Haug dicht an Würzburg sollte eine schöne Kirche gebaut werden; der Baumeister verhieß, sie solle im Innern und Äußern der St. Peterskirche zu Rom gleichen und mit gleich herrlicher Kuppel geziert sein. Mißlinge das Werk, so wolle er auf seinen Lohn verzichten. Der Baumeister war ein Teufelsbündner, er glaubte seiner Sache ganz sicher zu sein, und vollendete mit des Teufels Hülfe glücklich den Bau; aber eben weil er ihn vollendete, verfiel er dem bösen Feind zum Eigentum, und dieser trachtete mit Arglist, ihn zu verderben, denn er hatte mit dem Baumeister bedungen, daß dieser ihm dann verfallen solle, wenn der Bau glücklich vollendet werde und der Baumeister dennoch auf seinen Lohn verzichte. Da nun die Gerüste abgenommen wurden, so entstand in der Gewölbekuppel ein donnerähnliches Krachen, das Gewölbe schien sich zu senken und alles zusammenstürzen zu wollen. Voll Entsetzen und schreiend drängte alles nach den Türen, dem Baumeister selbst war so bange um seinen Kopf, daß er ihn alsbald selbst verlor, stürzte auch aus der Kirche und fand ein schwarzes gesatteltes Pferd stehen, auf das er sich eilend warf, Lohn und alles dahinten ließ, nur sein Leben zu retten, und davonsprenzte. Das Pferd rannte spornstreichs nach dem Galgenberge, zur Gerichtsstätte, wo die armen Sünder abgetan wurden, und als es droben war, warf es den Baumeister ab und verwandelte sich in die Gestalt des Teufels, welcher alsbald dem Baumeister das Genick brach, ehe er Amen sagen konnte.

Nun geht die Sage noch immer in Würzburg, daß das Münster zum Stift Haug bis heute noch nicht bezahlt sei, und daß der Böse statt der Zinsen jedesmal ein Menschenleben fordere, sobald an der Kuppel eine Ausbesserung vorgenommen werde. Da müsse stets ein Arbeiter verunglücken, wie denn auch im Jahre l827 wiederum geschehen.

Dem Stifte Haug gehörte als Eigentum das Dorf Gramschatz ohnweit dem Städtlein Rimpar, wo Wilhelm von Grumbach seinen stattlichen Herrensitz hatte, der noch steht. Dort herrscht ein eigner Brauch: es darf zu Ehren der heiligen Jungfrau an Sonntagen keine Besserung auf das Feld gefahren werden, und am Veitstage spannt kein Bauer ein Vieh an, von wegen des Veitswurms.

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80. Der Stiefel voll Wein

80. Der Stiefel voll Wein

Auf dem Steine, wo nun fortan dieser Rheingraf fröhlich hauste, ging es zum öftern gar hoch her. Da saßen eines Abends die Wild- und Rheingrafen und eine große Schar Ritter von den Nachbarburgen im Saale beisammen und zechten baß, und die Humpen kreisten. Da saßen Ritter von Sponheim, von Dhaun, von der Ebernburg, von Flörsheim, von Stromberg und tranken scharf und fest. Jetzt hob der Rheingraf einen mächtigen Reiterstiefel auf den Tisch und goß den voll Weines und rief: Wer diesen Humpen leert auf einen Zug, dem soll Hüffelsheim zu eigen sein mit Wonne und Weide und aller Zubehör! – Des verwunderten sich die Mannen und mocht sich’s keiner vermessen, schien ihnen allen der Schluck doch zu groß, und selbst der Burgpfaff, der etwas zu leisten vermochte in guten Trünken, und mancher andere Wackere wagten sich nicht daran. Da saß auch ein alter Zecher im Kreise, Ritter Boos von Waldeck, der sah die andern alle der Reihe nach an und wartete, ob einer den Stiefel leeren wolle, und da es keiner tat, da faßte er ihn in die Hand, und ließ den Wein rinnen in seinen Schlund, und trank ihn leer bis auf die Nagelprobe, und dann sagte er: Lieber Rheingraf, dein Hüffelsheim schmeckte gut, wie wär‘ es nun mit Waldbökelheim? Der Mensch kann doch nicht in einem Stiefel gehen? – Aber der Rheingraf wollte nicht noch einen Ort an eine Rittergurgel verlieren und schwieg stille. Darnach ist das Sprüchwort aufgekommen: Der verträgt einen guten Stiefel.

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809. Nixen in Theilheim und im Gründlersloch

809. Nixen in Theilheim und im Gründlersloch

Auch vom Dorfe Theilheim, zwischen Randersacker und Dettelbach, sowie vom Gründersloch zwischen dem Schlosse Castell und dem Dorfe Rüdenhausen, wie noch an vielen Orten Mittelfrankens geht die weitverbreitete und fast immer gleichmäßig mit geringer Abänderung wiederholte Sage von Nixen, die zum Dorftanze kommen, fröhlich sind, singen, tanzen, lieben und dann leiden, als wolle überall die Sage das Glück der Mädchenjugendtage symbolisch andeuten. In Theilheim waren der Tänzerinnen drei, die häufig begegnende Nornenzahl, im Castell kamen aber der Tänzerinnen fünf zur Hochzeit eines jungen Grafen. Immer weilte die jüngste am längsten, immer büßte sie die Lust am härtesten; nie kommen sie wieder, aber die Sage von ihnen geht von Geschlecht zu Geschlecht.

Bei Randersacker ist ein Berg, der Spielberg geheißen, dort hat sich einstmals der wilde Jäger über den Main schiffen lassen, und das wilde Heer hat Feuer in die Fähre geworfen. Einem Heckenwirt, der von Würzburg nach Randersacker fuhr, soff es Wein aus dem Faß, wie die wilden Frauen bei Schwarza das Bier, und segnete es mit Nieversiegen; das währte so lange, bis der Heckenwirt sein Glück verplapperte.

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810. Das heitere Hochgericht

810. Das heitere Hochgericht

Zwischen Ochsenfurt a.M. und Kitzingen lag die Herrschaft Brauneck, die umfaßte das heutige Marktsteft und fünf Maindörfer und kam im Jahr ^448 an das burggräfliche Haus. Da wurde nicht nur in Marktsteft, sondern auch in den Dörfern alljährlich dreimal Hochgericht gehalten, und zwar im Februar, im Mai und im Herbst, etwa zur Weinlesezeit; das war etwas anders eingerichtet als die heutigen Schwurgerichte. Die Beisitzer sotanen Hochgerichts waren Beamte, Frauenzimmer, Jäger und Spielleute, und die Jäger brachten ihre Hunde auch mit, denn ein wackerer Weidmann hält auf den Spruch: Wo mein Hund nicht hin darf, da will ich auch nicht sein. – Da wurde eine große offene Mahlzeit gehalten, selbige war das Hochgericht; es wurde eine weite Kufe voll Wein auf die Gasse gestellt und ein Schöpfstutz oder Kelle hineingelegt, da konnte jeder kommen und schöpfen, wer da wollte, und trinken, so viel er wollte. Die Atzung, so nannte man die Kosten, die bei sotanem Hochgericht aufliefen, trug die Würzburger Dompropstei, die hatte einen großen Säckel. Das hat gewährt gerade zweihundert Jahre minder zwei, und hernach sind zwei andere Jahrhunderte gekommen, in denen hat die Hungerleiderei und die Töpfeguckerei und die Sparsucht überhandgenommen, und die Staatsweisheit ist bis zu den Bäuerlein gedrungen, und wird gespart dem Teufel ein Ohr ab von Ministern und Volksvertretern, kommt aber keiner Seele zugute und läuft immer nur auf den Spruch hinaus:

Wir wollen alle Tage sparen,
Und brauchen alle Tage mehr.

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811. Das Kitzinger Kätterle

811. Das Kitzinger Kätterle

Über den Namen der guten Stadt Kitzingen am Main, Geburtsort des berühmten Theologen Eber, Melanchthons rechte Hand, haben die Sprachdiftler so viel Abgeschmacktes zusammenetymologisiert und ihren Kohl hernach als Sage ausgegeben, daß einem übel und weh von solcher losen Speise werden mag. Am Rathause daselbst wird ein Mädchenbild in Flammen erblickt, vielleicht eine arme Seele im Fegefeuer oder eine unkenntlich gewordene Madonna in der Glorie ihres fliegenden Goldhaars; davon geht diese Sage. Vor langer Zeit lebte in Kitzingen ein durch seine Schönheit berühmtes Mädchen, welchem ein eigentümliches Unglück widerfuhr. Einstmals hatte Kätterle (Kätchen) sich schon ausgekleidet und stellte sich im Hemd nah an den heißen Ofen; auf einmal begann dieses zu brennen, und das Mädchen konnte die Flammen nicht löschen; in voller Angst lief die Arme auf die Straßen, doch je ärger sie lief, desto stärker brannte das Feuer, und das Kätterle mußte eines jämmerlichen Todes sterben. Zum Andenken an das schöne Kätterle ist dasselbe brennend am Rathaus zu Kitzingen abgebildet, und im Volk lebt noch ein Sprüchwort von ihm, denn wenn ein Kind zu nah an den Ofen tritt, so sagt man warnend: Hüte dich, daß es dir nicht ergehe wie dem Kätterle von Kitzingen.

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7. Luzerner Hörner und Mordnacht

7. Luzerner Hörner und Mordnacht

Da die Schweizer aufstanden und zu Felde zogen gegen ihre Unterdrücker, gebrauchten sie allerlei Kriegsinstrumente. So hatten die von Uri einen Mann, den hießen sie den Stier von Uri, der blies ein mächtig Urhorn, das mit Silber beschlagen war; und wenn man einen Keil ins Mundstück schlug, konnte man auch daraus trefflich trinken. Die Luzerner brauchten eherne Hörner, wie die alten Römer gebraucht, die hießen sie Harschhörner, und die hatte ihnen König Karl verliehen, als sie mit ihm in der Roncevaller Schlacht gestritten, wo Held Roland fiel.

Zur Zeit, als die Schweiz sich erhob, gab es in Luzern eine Partei, die war noch gut österreichisch gesinnt, die erkannten sich an den roten Ärmeln, die sie an ihren Wämsern trugen. Die versammelten sich unter dem großen Schwibbogen an der Ecke der Schneiderzunftstube und verabredeten, daß sie um Mitternacht alle Eidgenössischen überfallen und morden wollten. Ein Bettelbube vernahm’s, ward aber entdeckt und mit dem Tode bedreut, wenn er nicht schweige; mußte deshalb einen Eid schwören, niemand den Anschlag anzusagen. Der Knab‘ ging auf die Metzgerzunftstube, da zechten noch viele Gesellen, und der Knabe legte sich auf die Ofenbank und seufzte:

O Ofen, o Ofen, was muß ich dir klagen,
Wel ich’s beim Eed sonst niemand darf sagen.
Die Landsknecht wollen, wenn’s Zwölfe wird schlagen,
Alles morden und alles erschlagen.

Da horchten die Zecher hoch auf, und lief alsbald einer aufs Rathaus, ein anderer zum Glöckner, daß er nicht Zwölfe anschlage, ein dritter und vierter und fünfter zu den Zünften, und kamen den Rotmänteln zuvor. Hernachmals ist das Bild des Knaben auf der Metzgerzunftstube hinter dem Ofen gemalt lange Zeit zu sehen gewesen.

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79. Das Pfaffenkäppchen

79. Das Pfaffenkäppchen

Zwischen schroff und steil überm Tal der Nahe zum Himmel sich aufgipfelnden Felskolossen werden jetzt die Trümmer der einst trotzigen Burgfeste Rheingrafenstein erblickt. Auf der Kauzenburg saß ein junger Rheingraf, jagdlustig, mutig, der wünschte sich eine Burg auf diesen ungeheuren Felsen, stattlich wie die Ebernburg und der Landstuhl der Sickinger, unnahbar dem Feinde – und mit solchen Wünschen weilte er einstens sehnend und sinnend in der Nähe der Felsriesen, deren Gipfel noch kein Mensch erstiegen hatte. Da gesellte sich einer zu ihm, den man nicht gern nennt, der las in des jungen Rheingrafen Seele den Wunsch und redete ihn an und sprach: Eine Burg da droben, eine schöne stattliche, feste, ja, die wär‘ Euch recht! Nicht so? Fehlt nur der Baumeister – ja – und wenn einer käme, und baute sie über Nacht – dem verschriebet Ihr wohl einen stattlichen Lohn? Was gäbet Ihr solchem? Sagt es an! – Ihr redet wunderlich, erwiderte der Rheingraf. Seid Ihr der Mann, der das vermag, so fordert und bestimmt den Lohn. – Nur eine einzige Seele – die Seele dessen, der zuerst durchs Fenster der neuen Burg herab ins Tal der Nahe und über alle die Täler und Berge ausschaut – das ist wohl wenig für eine stattliche Grafenburg. Kommt heute abend wieder her, ich will es in Überlegung ziehen! sagte der Rheingraf und verließ gedankenvoll den Ort – eine Seele seinem Wunsche zu opfern, dünkte ihm sündlicher Frevel, und doch war sein Wunsch stark und groß. Daheim ließ er seinen Burgpfaffen kommen und offenbarte dem den Handel. Der Pfaffe schlug viele Kreuze und riet ernstlich ab, warnte gar treu vor des bösen Feindes List und Tücken und rückte sein schwarzes Käppchen auf dem Scheitel wohl hin und her. Da trat des Rheingrafen junges Ehegemahl herein und hörte das Gespräch und ließ erst den Pfaffen hinausgehen, dann sagte sie: Laß jenem nur gewähren, versprich ihm, was er begehrt, das andere findet sich. – Da ritt der Ritter wieder hinaus ins Nahetal und hielt ganz allein am Fuß der Felsen, und es dämmerte schon, oben aber sprang eine schwarze Gestalt von Fels zu Felsen, einer Gemse gleich, und mit einem Male stand der Fremde auch unten im Tale. Was machtest du da droben? fragte der Ritter. Ich nahm einstweilen die Maße, antwortete jener und fragte: Nun, soll ich? Fast hätte der Rheingraf gesagt: In Gottes Namen – da wäre es gleich aus gewesen – er besann sich und sagte bloß: Ja – aber bis morgen früh fertig, und daß nichts fehle, Bergfried, Mushaus, Palas, Luginsland, Mauern, Brücken, alles, was zu einer stattlichen Burg gehört. – Am andern Morgen glänzte die Burg flammenrot ins Nahetal herab, alle Welt war erstaunt, solch Wunder- und Zauberwerk war noch nicht da gewesen. Der Rheingraf ritt nun hinauf, und der Architekt der Nacht führte ihn in dem neuen herrlichen Eigentum umher, zeigte ihm Hallen und Säle, Brücken und Gänge und öffnete im Palas ein hohes Bogenfenster, die herrliche Aussicht bewundern zu lassen. Aber der Ritter sah nicht hinaus, er sagte spöttisch: Machet zu, hier zieht’s, wir sind warm vom Steigen. Morgen wollen wir die Kauzenburg verlassen und hier heraufziehen. Ihr räumt wohl den Platz und nehmt ein Zimmer im Wächterturme? Nicht? – Der Teufel zog ein schiefes Maul, er hatte sich schon unendlich darauf gefreut, dem Rheingrafen einen Stoß aus dem Fenster in die schwindelnde Tiefe zu geben und mit dessen Seele davonzufahren.

Am andern Morgen kamen der Rheingraf und die Gräfin, und der Burgkaplan, und das Hofgesinde, die Leibdiener, die Jäger, die Knappen, die Stallleute, die Wächter, die Hundejungen, die Hühnerwärter, die Schloßmägde, die Käsemutter, die Zwergin und die Pferde, die Kühe, die Esel, die Rüden, der Meeraffe, die Katzen. Es war ein Zug, schier gleich dem des Erzvaters Noah, da er in den Kasten einging, zu Roß, zu Esel, zu Wagen – alles auf das neue Schloß.

Die junge Gräfin scherzte freundlich mit dem Burgkaplan, da droben werde es sehr zugig sein, sie wolle ihm ein wärmeres Käpplein nähen, er möge ihr das alte zum Muster einmal leihen – und als sie oben angelangt war, ließ sie durch die Knappen auch ein Eselfüllen hinauf in den Palas führen, und hieß es halten, und band ihm das Pfaffenkäpplein auf den Kopf, und ließ das Fenster öffnen und das Füllen daranstellen, das schaute gar fromm und bedächtiglich zum Fenster hinaus und spitzte die Ohren und witterte die frische Morgenluft. Der Teufel hatte lange schon still lauernd seitwärts gegenüber auf der Turmzinne gesessen, jetzt sah er das Fenster sich öffnen, sah des Pfaffen ihm wohlbekanntes Käppchen zum Vorschein kommen, und fuhr im Nu hin, und krallte seiner Meinung nach den Pfaffen heraus, und schmetterte ihn ins Tal, und fing die Seele auf. Herrgott, was der Teufel für einen Zorn hatte, als er von einer Tochter Evas sich überlistet sah und statt einer Pfaffenseele eine Eselsfüllenseele in den Klauen hielt! –

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