92. Die heilige Genofeva

92. Die heilige Genofeva

Zu Pfalzel, sonst Pfälzel (kleine Pfalz), an der Mosel, steht ein getürmtes Haus, das Genofevenhaus geheißen, da lebte zu Erzbischof Hildulfs in Trier Zeiten ein Pfalzgraf Siegfried, der hatte eine treue und fromme Gemahlin, eines Herzogs Tochter aus Brabant. Aber es geschah, daß Siegfried in das Heilige Land ziehen mußte, ließ daher sein Weib in seiner Pfalz am Moselstrome zurück und übergab sie in die Obhut eines vertrauten Dienstmannes, des Namens Golo. Bevor der Pfalzgraf aber von hinnen schied, letzte er sich mit seiner Genofeva noch einmal herzlich, und sie empfing einen Sohn von ihm. Golo aber war ein schlimmer Hüter, er entbrannte in Liebe zu der schönen Herrin und begann Ränke zu schmieden, schrieb falsche Briefe, als sei Siegfried mit all den Seinen im Meere ertrunken, und las sie der Pfalzgräfin vor, und gestand ihr seine Liebe, und wollte sie umarmen, sie wehrte ihn aber mit einem Faustschlag ins Gesicht ab; nun verwandelte sich seine Liebe in bittern Haß; er entzog der Pfalzgräfin alle Bedienung, und als ihre Stunde nahte, wo sie des Söhnleins entbunden werden sollte, hatte sie niemand zum Beistand als eine alte Waschfrau. Da kam Botschaft in ihr Haus, daß ihr Herr lebe und heimkehre, des erschrak Golo, der Verräter, bis zum Tode und suchte Rat bei einem alten Hexenweibe, das riet ihm teuflischen Rat: Golo solle dem Pfalzgrasen einreden, der schöne Sohn Genofevas sei mitnichten der seine, wie er selbst berechnen könne, sondern Drakos, des Kochs. Solches tat Golo, indem er seinem Herrn entgegenreiste; da ward Siegfried sehr betrübt und wußte nicht, wie er sich des Weibes, das ihn nach des Lügners treulosem Bericht geschändet hatte, abtun solle. Da riet Golo, daß er Genofeva samt ihrem Kinde an ein Wasser führen und sie beide ersäufen wolle, und Siegfried willigte ein. Darauf bestellte Golo zwei Knechte, die mußten Genofeva und ihren Sohn hinwegführen und sollten sie umbringen, so oder so. Unterwegs aber jammerte den Knechten die schöne Frau und das schöne Kind, und sprachen untereinander: Was kann diese Frau verbrochen haben? Und was hat sie uns getan? Sollte ihr zu sterben bestimmt sein, brauchen wir ihr doch nicht das Leben zu nehmen. Wir wollen dem Hund, der da mit uns läuft, die Zunge ausschneiden und Golo zeigen, zum Wahrzeichen, daß wir die Frau getötet, und sie gehen lassen.

Und so taten die Knechte und ließen die arme Genofeva mit ihrem Kinde trostlos und weinend und betend in öder Wildnis zurück. Das Kind nannte Genofeva Schmerzenreich, es zählte noch keine dreißig Tage, und der Schmerz vertrocknete alle Milch in seiner Mutter Brust. Da flehte die arme junge Mutter zur Mutter aller Schmerzen und aller Seligkeiten, und die ewige Jungfrau neigte der Verlassenen liebend ihre Gnade zu. Aus dem Waldesdickicht trat eine Hindin, die lagerte sich vor Genofeva hin, und Genofeva legte ihr Söhnlein an die Zitzen des Tieres, sich selbst aber nährte sie mit dem, was der Wald bot, und baute auch für sich und ihren Sohn eine Hütte aus Holzstämmen, Reisig, Dornen und Moos, da blieb sie sechs Jahre und drei Monate und sah kein anderes Wesen als die treue Hindin.

Da geschah es, daß der Pfalzgraf Siegfried einmal in dieser Gegend des Waldes jagte, und da trieben die Hunde die Hirschkuh auf, welche mit ihrer Milch Genofeva und ihren Knaben ernähren half. Jäger und Hunde folgten dem Wild, und die Hinde floh zur Hütte Genofevas und kniete zu dem Knaben hin, und Genofeva wehrte mit einem Stock die nachhetzenden Hunde ab. Jetzt kam der Pfalzgraf, mit Staunen sah er das Weib im Walde, fast aller Kleidung entblößt durch diese lange Zeit, und der Pfalzgraf vermeinte, es sei etwa ein verlaufenes heidnisches Weib oder eine Zigeunerin, und rief sie an: Bist du eine Christin? – Sie antwortete: Ich bin eine Christin, aber gib mir deinen Mantel, daß ich mich bedecke. Das tat Siegfried und fragte sie, warum sie keine Kleider habe und so einsam im wilden Walde hause. – Meine Kleider sind vor Alter zerschlissen, sagte sie. – Wie lange wohnest du in diesem Walde? Und wes ist dieser Knabe? Wer ist sein Vater? Und wie heißest du? – Auf diese Fragen antwortete Genofeva: Sechs Jahre und drei Monate wohne ich einsam in diesem Walde! Der Knabe ist mein Sohn, und seinen Vater kennt Gott so gewiß, als ich ihn kenne. Und Genofeva ist mein Name! – Bei diesem letzten Wort erschrak der Pfalzgraf, und ein Kämmerling trat zu ihm und sprach: Herr, trügt mich nicht die Erinnerung, so ist das wahrhaftig unsere Frau, die schon so lange gestorben sein soll – schaut doch nach dem Muttermal an ihrem Halse. – Und siehe – sie hatte das Mal. Der Pfalzgraf war abseit getreten und wußte nicht, was er beginnen solle, und sprach: Sehet doch, ob sie auch den Trauring noch trägt! – Und sie trug ihn noch. Und es kam über den Pfalzgrafen ein unsaglicher Schmerz und eine tiefe Reue, und er eilte zu Genofeva hin, und schlang die Arme um sie, und küßte sie, und herzte den Knaben, und rief: Ja, das ist mein Weib! Das ist mein Sohn! – Und Genofeva erzählte, wie es ihr ergangen durch Golos Teufelstücke und Verrat, und da kam dieser, sich nichts von diesem Ereignisse versehend, da zürnten ihm die Mannen des Pfalzgrafen und wollten ihn niederstoßen. Aber der Pfalzgraf gebot ihnen Einhalt und sagte, daß dieser Verräter des Todes von Ritterhand nicht wert sei. Vier Ochsen, die noch an keinem Pfluge gezogen, wurden genommen, und an jeden Fuß und an jede Hand des Missetäters wurden Seile gelegt und an die Ochsen gespannt, und diese dann nach vier Seiten getrieben. So ward Golo lebendigen Leibes in vier Teile zerrissen.

Nun wollte Siegfried seine Gemahlin auf sein Schloß führen und aller Ehren teilhaft werden lassen, allein sie willigte nicht ein, sondern sprach: Hier an diesem Ort hat die heilige Jungfrau mich beschirmt und behütet, die wilden Tiere unsichtbar abgewehrt, durch die Hinde mein Kind erhalten, dieser Ort soll meine Stätte bleiben und der Königin aller Engel geweiht werden. Dem willfahrete der Pfalzgraf Siegfried, sandte zu Hildulf, dem Bischof, und ließ durch ihn die Stätte weihen und ordnete auf Genofevas Bitten den Bau einer Kirche an. Die Pfalzgräfin wohnte nun unter besserm Dach, allein sie konnte keine künstliche Speise mehr vertragen, sondern nur die gewohnte Waldkost, und lebte nach dem Wiederfinden nur noch wenige Tage; sie starb froh und selig, und ruhte in der neu erbauten Waldkapelle zu Unser Frauen Kirche, ohnweit Mayen, und es sind allda manche Wunder geschehen, und ist die Geschichte von der frommen Genofeva durch alle Lande gegangen. Aber nicht allein in Pfalzel, sondern auch in Mayen, das im Maifelde liegt, wird ein Genofeventurm gezeigt, und die Frauenkirche alldort soll die rechte sein. Bisweilen soll man noch Genofeva hinter dem Hochaltar sitzen und spinnen sehen.

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918. Wodesheer in Schwaben

918. Wodesheer in Schwaben

Wie der Wode zieht im Lauenburger und Mecklenburger Lande, also auch im Lande Schwaben, nur daß der Leute Mundart daselbst ihn etwas anders nennt, nämlich ’s Wuotas, s‘ Wuotes, das Wutesheer, auch ’s Muotas, Mutes, Mutesheer, der Begriff und die dunkle Erinnerung, der Nachhall vom Wuotan bleiben sich da wie dort gleich; doch gibt es auch hinwiederum in Schwaben Gegenden, wo selbes Heer nur das wilde Heer heißt, so um Weinsberg und in Blaubeuren, oder das wütig Heer, um Mössingen, welches Wort den Übergang und Umlaur vom Wode, Wute zum wütigen und dann wütenden Heer bildet, wie man es in andern deutschen Gauen nennt. In Pfullingen, bei Undingen und in Immenhausen gibt es Muotes Heergassen, durch die das Heer seinen Zug beständig nimmt, anderorts zeigt man bestimmte Häuser und Höfe, durch die es ziehe, wie z. B. in Baiersbronn im Murgtals und im Dorfe Thieringen, gerade wie beim Heereszug des Rodensteiners und wie zu Neubrunn. Das Wutesheer macht Musik, die erst schön, dann garstig klingt, wie die in der Gegend von Werdingen bei Augsburg. Im Wutesheer zieht alles, was zur Teufelssippschaft gehört, hübsch mit, der Teufel selbst und seine Großmutter, Trüben und Hexen. Wenn das Wetter recht stürmt, der Sturm alles zusammenfegt und die Schornsteine auf die Dächer prasseln, da sagen die Leute: Es tut wie’s Wuotas. – Gleichwohl ist des Heeres häufiges Ziehen vielen eine gute Vorbedeutung, besonders wann es im Frühjahr recht zeitig zieht, da wird bald alles grün und wird ein fruchtbares Jahr. Es zieht aber auch im Advent und in den heiligen Nächten, in der Betzinger Gegend bloß im Herbst und Frühling, zur Zeit der Tag- und Nachtgleichen. Da reitet, wie beim Thüringer Heer der treue Eckart, ein Mann oder guter Geist, den sie den Ermahner nennen, voraus, der warnt die Leute und ruft: Außem Weg, außem Weg! – Alte Leute haben ausgesagt, die Jäger und Züglinge im Heer hätten Fischschwänze, und die Musik sei himmlisch, wie kein Mensch sie machen könnte – mythischer Nachklang der Sirenensagen.

Des Heeres Eigenschaften sind wie die desselben im Vogtland, es begnadigt die Leute mit Umreißen, wirft Jagdanteile herab, die nicht bloß aus Schnepfen bestehen und nicht nach Bisam und Rosenöl riechen, und seine Hexen und Hexengenossen, die mitziehen, pflegen auch zu tanzen, so daß es Jagdzug und Hexenfahrt zugleich ist. Da geht es wüescht g’nug zu. Manchesmal hört man das Heer mit einem großen Wagen rasselnd und prasselnd fahren, welchen Schimmel ziehen – des Woden weiße Rosse. Wer es heranziehen hört, tut am besten, sich gleich aufs Gesicht niederzuwerfen. Wer es mit aller Gewalt sehen will, hat zu gewärtigen, daß ihm die Spältle und Guckfensterle, seine Augen nämlich, zugestrichen werden, das ist schon manchem widerfahren; oder es geht ihm wie dem Zöllner zu Heidenheim.

Von der wilden Jagdfrau scheint man in vielen Teilen Schwabens wenig zu wissen; ein leiser Anklang an sie begegnet in Rothenburg und in Friedingen an der Donau, wo die Leute sagen: die Muoteheer, und sich unter dieser Weiblichkeit eine verwunschene Frau denken. Das wandelt sich sogar in die Muterheer ab in der Heidenheimer und Königsbronner Gegend.

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91. Die Martyrergräber

91. Die Martyrergräber

Sankt Maximin heißt unterhalb Trier am Moselflusse eine alte, weitberühmte Abtei. Schon die Stätte, darauf sie steht, soll zur Heidenzeit einen Dianentempel getragen haben, und als ihrer Gründer rühmt sie sich des Kaisers Konstantin des Großen und seiner Gemahlin Flavia Helena. Zuerst wurde das Stift in die Ehre Johannes des Täufers geweiht, dann in die des heiligen Hilarius, unter dem vierten Abt Tranquillus aber erhielt das Stift den Leichnam Sankt Maximins und trug nun von diesem den Namen. In diesen Gegenden – manche sagen bei Neumagen – soll es gewesen sein, daß dem Kaiser Konstantin dem Großen das Kreuzeszeichen am Himmel erschien mit dem berühmten I. H. S. In Hoc Signo – scilicet vinces, in diesem Zeichen wirst du siegen, welche Buchstaben nach alter Schreibart den Namen Ihesus bedeuten. Hier sollen die heiligen Kirchenväter Ambrosius, Hieronymus und Athanasius eine Zeitlang gelebt, hier soll der letztere das nach ihm benannte Glaubensbekenntnis niedergeschrieben haben. Hier ruhen die Erzbischöfe Nicetius und Basinus, hier ruht Ada, Karls des Großen Schwester, welche einen Codex aureus der Evangelien schrieb.

Und nahe bei Sankt Maximin liegt auf diesem uralt-heiligen Boden des Trierschen Gaues die Abtei zu Sankt Paulini. Die Krypta dieses Klosters ward zum riesigen Aschenkrug für eine Reihe der vornehmsten Märtyrer. Rictiovar, Kaiser Maximinians Präfekt, verfolgte auf seines Herrn Befehl die christliche sogenannte Thebanische Legion allenthalben, auch in dieser Gegend, und mordete schonungslos. Paulinus, Triers Erzbischof, wurde in eisernen Ketten aufgehenkt; einen der Heerführer der Legion, namens Tirsus, begrub man zur linken Paulins, den Konsul Palmatius ihm zur rechten Hand. Zu Häupten des Heiligen ruhten sieben Ratsherrn, die mit den Thebanern zugleich die Martyrerkrone empfingen, unter ihnen einer des Namens Maxentius. An diese reihten sich Constantius, Crescentius, Justinus, Leander, Alexander, Soter, die letzten drei Brüder. Zu Sankt Paulini Füßen wurden vier Martyrer beigesetzt, welche Rictiovar vor seinen Augen enthaupten ließ nach vorhergegangenen gräßlichen Martern: Hormisda, Papinius, Constans und Jovianus. Das Blut der gemordeten Tausende in Trier und auf diesem Gebiete floß in Bächen hinab zur Mosel und färbte ihre Wogen weit hinab rot, bis zum Schlosse Neumagen.

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919. Die Farrensamenholer

919. Die Farrensamenholer

Die in Thüringen der Farn- oder Farrenkrautsame für magisch hülfreich, seine Gewinnung aber, wem sie nicht durch unversehenen Glücks- und Zufall wird wie dem Mann zu Berka an der Werra, für seelengefährlich gilt, so auch in Schwaben. Die Gewinnung ist immer nur durch Teufelsbeihülfe möglich, und es ist eine sehr schwere Sache damit. Nicht beten, in keine Kirche gehen, keinem Weihkessel nahen, auf Kreuzwege treten und die Erscheinungen Verstorbener festen Mutes anschauen, ihnen nicht Rede stehen, über Teufelsfratzen nicht lachen, sollten sie auch so lächerlich sein, wie die, als eine Hexe, die zum Wuodesheer zu spät kam, nackt auf den Kopf gestellt wurde und nun mit auf sie gesteckten Lichtern leuchten mußte – das sind die schweren Proben, die bei der Farrensamengewinnung bestanden werden müssen. Sind sie bestanden, so kommt der grüne Jäger, als welches kein anderer ist denn der Teufel, und bringt ein Tütchen voll Farnsamen, nicht so viel, als in eine Schachtel voll Schneeberger Schnupftabak geht, das trägt der Farrensamenholer dann stets bei sich. Nun schlägt ihm nichts fehl, jede Kugel, die der Jäger aus dem Rohre schießt, trifft; sein Gewehr schießt um eine Ecke herum. Des Handwerkers Arbeit fleckt, als hätte er zwanzig Gehülfen. Ein Holzhauer in Rothenburg am Neckar hatte die Proben bestanden, der machte jeden Tag fünfhundert Büschele Holz, das sollt‘ ihm einmal einer nachtun. Auch war daselbst vor vielen hundert Jahren einmal ein Leinewebergesell, der hatte auch Farnsamen gewonnen, lebte die ganze Woche in Saus und Braus, arbeitete aber am Sonntag, weil das Sabbatschänden auch zu den Bedingnissen der Teufelsbündner gehört, aber da webte er ungeheure Stücken, bis die Teufelsweberei zuletzt an Tag kam und es damit ein dreckig Ende gewann. Jeder Farnsamenholer kann selben Samen aber nur auf sein eigenes Gewerb oder Handwerk holen, darin gelingt ihm dann nach bestandenen Proben alles. Wenn aber die Bäuerlein, wie auch schon dagewesen, Jäger werden wollen und die Dorfschulmeisterlein Staatsräte und die Advokaten gar Regenten – das glückt nicht, und wenn sie noch so viel roten Farnsamen vom Teufel in Tüten erlangt hätten.

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920. Das Rockertweible

920. Das Rockertweible

Im Murgtale hinauf ist kaum vom ewigen Jäger die Rede, auch nicht vom Wutesheer, da lebt und webt vielmehr eine wilde Jägerin, aber doch nicht gleich der Frau Holla und Perchta. Sie heißt bloß das Rockertweible, vom Walde Rockert, der ihr Lieblingsaufenthalt ist. Das Weibleln wird geschildert als ein uraltes Fräle, in altmodischer, nicht gut gehaltener Tracht, die das viele Jagen durch Disteln und Dörner ihm zerschlitzt hat. Es trägt ein großes Schlüsselbund, hat immer mehrere Hunde bei sich, lockt sie wie der wilde Jäger die seinigen und geistet so umher. Das Rockertweible soll anfänglich eine Gräfin von Eberstein gewesen sein, welche sich dadurch in den Besitz eines guten Teiles vom Rockertwalde und dem Schwann, auch einem ausgedehnten Bergwald, setzte, daß sie ihr sehr angezweifeltes Anrecht daran mit dem Schwur besiegelte: So wahr mein Schöpfer über mir ist, so wahr stehe ich hier auf meinem eigenen Grund und Boden. Sie hatte aber von ihrer eignen Erde in ihre Schuhe getan und heimlich ihren Schöpfer – so nannte man dort den Eßlöffel – unter die Federn auf ihren schwarzen Samthut gesteckt. Selbigen Hut muß sie nun auch noch alsfort tragen. Manche sagen, sie erscheine nicht mehr, und könnte wohl sein, daß sie erlöst wäre.

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921. Venusberge

921. Venusberge

Zu den Venusbergen in Thüringen, deren vornehmster der weitberufene Hörseelenberg ist, in welchem Frau Holle Hof hält, gesellt sich mit obschon leisem sagenhaften Anklang auch ein Venusberg in Schwaben bei Lorch im Remstale. Ist derselbe auch nur ein nicht hoher Hügel und führt den mythischen Namen, mehr als vielleicht der Hügel, nur ein Gehöft, so begegnet doch wundersam genug neben dem Venusberghof ein zweiter, der Hollenhof geheißen, nächstdem daß in der Nähe dortherum an einem Götzenbach eine Götzenmühle liegt. Ein zweiter Hof des Namens Venusberg liegt im schwäbischen Oberamte Waldsee zwischen Ober- und Unter-Essendorf, auf hoher Bergeshalde, mit einer berufenen heilkräftigen Felsquelle. Nahe dabei ist ein ausgehöhlter Fels von Mannesform, in den man sich passend einlegen kann, gleichwie in den Herrgottsstein an der Eger. Dürfte schwerlich das Lustlager der Frau Venus gewesen sein, wird aber als dienlich gegen Rückenschmerzen gepriesen, so einer deren hat und sich hineinlegt. Und wer keine hat, kann welche darin bekommen, kalt genug und hart genug ist der Stein dazu.

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922. Vom Urschelberg

922. Vom Urschelberg

Über Pfullingen erhebt sich ein Berg, der Urschelberg genannt. Wie sein Name an den Hörseelenberg, vom Volke Hörschelberg gesprochen, in Thüringen erinnert, so hat er auch an einem Abhang, der das Hörnle heißt, gleich jenem, der unter seinem Eisenach zugestreckten Horn eine Höhle hat, das Hörselloch, ebenfalls eine solche, die bei den Umwohnern das Nachtfräuleinöloch genannt wird.

Gleich der Frau Holle, der alten Spinnefrau im Hörseelenberge, wohnt die alte Urschel als Spinnerin im Urschelberge, und ist des Berges ganze Umgegend mit Sagen über sie erfüllt. Ein Teil dieser Sagen deutet darauf hin, daß die Urschel gleich andern wandernden Jungfrauen aus verwünschten oder versunkenen Schlössern – zwei Schlösser sollen auf dem Urschelberge versunken sein – auf Erlösung harre, die auf einer Eichel, deren Erwachsen zum Baume, auf das Fertigen einer Wiege aus diesem Baume und auf einem darin gewiegten Sonntagskinde beruht, der Hoffenden aber stets fehlgeschlagen, weil der erkorene Gesell, der sie durch ein aufgefundenes Pferdekumt sichtbar geschaut, nicht Mut genug gehabt, das Werk der Erlösung zu vollführen. Nach andern war es keine Eiche, sondern eine von der Urschel selbst gepflanzte Buche, aus welcher die Wiege gefertigt wurde, und noch immer soll eine solche Buche auf dem Urschelberge stehen und von ihr gehütet werden. Andernteils deuten die Urschelsagen rein auf sie als Spinnefrau. Wie die Berchta im Vogtlande ihr Gefolge hat von Heimchen, hat die Urschel eines von Nachtfräulein, nur nicht so zahlreich, meist nur auf die Dreizahl beschränkt. In deren Begleitung kam sie nach Pfullingen auf die Wiek, eine also genannte Häuserreihe, an welcher die Heergasse vorüberführt – leise Hindeutung auf die Urschel auch als wilde Jagdfrau – in die Lichtkarz und spannen albda sehr fleißig. Einst machte sich aber ein Bursche den Scherz, einem der Nachtfräulein den Faden abzubrechen, und wollte nach der üblichen Sitte, indem er den Rocken nahm, diesen mit einem Kuß ausgelöset haben – das nahmen die Urschel und die Nachtfräulein sehr übel, nahmen ihre Spindeln, gingen von bannen und kamen nie wieder in dieses Haus. Von dem Hause aber wich seitdem aller Segen. Sie besuchten dagegen bisweilen andere Häuser und spannen nicht allein für sich, sondern auch für die Frauen, die sie besuchten, und spannen deren Kunkeln ganz leer und alle Spindeln voll, und dert seinsten Faden, den es geben konnte, spannen sie, und wann sie gingen, sah man ihre schloßschleierweißen Kleider beim Schein ihres Laternchens bis nahe an das Nachtfräuleinsloch am Urschelberge leuchten. In Reutlingen heißen sie Bergfräulein, weil sie im Urschelberge wohnen, da sollen sie ihren Aus- und Eingang, wenn sie auch dorthin zum Spinnen kamen, mitten auf dem Markt gehabt haben. So ganz ledigen Standes müssen aber die Urschelbergerinnen doch nicht gelebt haben, denn es sind Sagen von in den Berg geholten Hebammen vorhanden, welche mit Strohhalmen belohnt wurden, von denen sich die in Goldstangen und Goldstücke verwandelten, die nicht verächtlich weggeworfen worden waren.

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923. Die Nachtfräulein

923. Die Nachtfräulein

Im Urschelberge haben kleine Fräulein gewohnt, die sind hinein verwunschen gewesen und sind als einmal herausgekommen zu guten Menschen. Es waren ihrer drei, und man nannte sie auch Nonnen, wobei wohl wegen der Dreizahl kaum an Nornen zu denken sein dürfte; sie kamen häufig nach Pfullingen zu einem armen Mann, brachten ihre Spindeln mit und spannen gar fleißig, doch nicht länger als elf Uhr. Sprechen taten sie gar nicht, denn das war ihnen verboten; für das Licht, das ihrethalb verbrannt wurde, zahlten sie eine kleine Gabe. Wenn man sie ja sprechen hörte, so war ihre Sprechweise kindisch. Gleich der Urschel liehen auch sie Getreide dar und jammerten, als das zurückerhaltene am Sonntage ausgedroschen war. Sie sprachen dabei von ihrem Vater, den sie kindisch Vi-Vater nannten, und als eines Abends einem dieser Fräulein von selbst der Faden riß oder, nach dortigem Ausdruck, brach, so klagte dieses: Pfitzede pfitz, der Faden is broche. – Darauf sprach die zweite: Pfitz’n wieder z’sämen, so is er wieder pfaatz (ganz). – Nun begann die dritte strafend: Hat nit der Vi-Vater g’sait, sollest nit bätze?! (schwätzen). – Darauf hat am andern Morgen vor des armen Mannes Haus ein Sack mit Frucht gestanden und oben darauf ein Geldstück, die Fräulein aber sind niemals wiedergekommen.

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924. Erdweible im Heuchelberg

924. Erdweible im Heuchelberg

Zwischen Tübingen und Nürtingen liegt ein Flecken des Namens Walddorf, dahin sind zu unterschiedlichen Zeiten im Winter zwei Fräulein in die Lichtkarz gekommen und haben gesagt, sie kämen aus dem Heuchelberg im Unterlande, und haben wacker mit den andern Mädchen gesponnen. Regelmäßig aber sind sie mit dem Glockenschlag zehn Uhr wieder fortgegangen. Auch Brot haben sie für die Menschen gebacken und sonstiger reiner Arbeit sich unterzogen. Bisweilen kam auch nur eine, dann wieder alle zwei, und so fort den ganzen Winter hin bis zum Frühling. Eines Abends saßen sie wieder beide in der Spinnstube bei den Mädchen, als vor der Türe eine unbekannte Stimme rief:

O weh, o weh!
Der Heuchelberg brennt! –

Da schrie das eine Fräulein:

O weh, o weh!
Meine armen Kind! –

und fort waren beide wie der Wind und kamen niemals wieder.

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925. Das Hardtfräulein

925. Das Hardtfräulein

Auf dem Berge, welcher der Hardt heißt, der mit dem großen Heuberg zusammenhängt, geistet auch ein Fräulein, das nennt man nach dem Berge, gleich der Urschel, das Hardtfräulein oder Hardtweible. Es ist schwarz gekleidet, zum Gegensatz der weißgekleideten Nachtfräulein und der grün gekleideten Urschel, und trägt einen runden schwarzen Schlapphut. Das Hardtfräulein hat die Eigenschaft, die Leute zu necken, zu verblenden und dann gehörig zu verlachen, ja es kann sogar sehr feindselig verfahren, die Leute in Abgründe stürzen, das Vieh scheu machen, daß Unglück daraus entsteht, und dergleichen. Einst verblendete das Hardtfräulein einen Mann so ganz und gar, daß er sich gar nicht mehr auskannte, und als er nach Hause kam, kannte er sein eignes Heim nicht, griff nach kurzer Rast nach Stock und Hut und sagte zu seiner Frau: Nun b’hüet‘ Euch Gott, ich muß machen, daß ich heimkomme, sonst keift meine Frau wie dem Teufel seine Großmutter.

Es ist gar nicht zu sagen, wie vielerlei Fräulein und Weible in Schwaben spuken gehn, auf allen Burgen und Bergen, an allen Seen und Teichen. Im Lautlinger Tale liegt der Gröblesberg, da liegt ein Schatz und schwebt ein Fräulein, das ist halb weiß, halb schwarz. In einer Schlucht bei Friedingen, durch welche die Donau fließt, spukt ein Weible, das ist ganz schwarz, und die Schlucht heißt der Weiblesteich.

Im Erlenbach bei Bieringen an der Jaxt geisten drei weiße Fräulein, auf dem Stöffelesberg bei Gönningen desgleichen. Man kann sie nicht alle zählen und aufzählen. Die Urschel scheint, gleich der thüringischen Hörschel- und Venusbergfrau, nur dunkelmythischer Nachklang der antiken Aphrodite Melainis, der auch, in den Schatten der Nacht gehüllt, die Trias der Charitinnen folgt.

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