Neid bringt Leid

Neid bringt Leid.

Es ist schon lange, lange Zeit her! Da lebte einmal in einem kleinen Städtchen ein alter Mann. Dieser hatte in seinem ganzen Leben jedermann nur Gutes getan, war fromm und gut. Deshalb hatten ihn auch alle Leute lieb, obgleich er arm war. Gerade gegenüber dem Hause dieses guten alten Mannes wohnte ein anderer alter Mann, der sehr reich war, aber nicht gut, sondern habgierig und alles, was er sah, gern haben wollte.

Nun hatte der gute Mann leider kein Kind und keine Verwandte und er hätte ganz einsam leben müssen, was er nicht wollte; denn er wünschte auch in seinem Hause jemanden zu haben, den er lieb haben könnte und der ihn wieder liebe. Deshalb schaffte er sich ein allerliebstes kleines Hündchen an, hegte und pflegte es und hatte bald seine große Freude an dem possierlichen Tierchen, das dem Alten alle Liebe vergalt und so treu und anhänglich war, daß es nie von der Seite seines Herrn wich, sondern ihn auf allen seinen Wegen begleitete. Eines Tages gingen der Herr und sein Hündchen spazieren und kamen an ein ödes Feld. Da bellte plötzlich das Hündchen, eilte zu einer Stelle in der Mitte des Feldes und begann mit seinen Pfötchen heftig zu scharren, indem es seinen Herrn treuherzig bittend ansah, als wollte es sagen:

»Hier grabe nach, hier ist etwas für dich!« Der Alte verstand sein Hündchen, eilte nach Hause, holte einen Spaten und grub an der Stelle nach, die das Hündchen bezeichnet hatte und siehe da! Als der Mann ein Weilchen gegraben hatte, fand er in dem Loche einen Haufen goldener Koban,11 worüber er hocherfreut war, das Geld nach Hause trug und einen großen Teil den Armen spendete.

Trotzdem er nun reich war, blieb er freundlich und bescheiden wie bisher, hatte aber sein Hündchen noch viel, viel lieber.

Der böse Nachbar aber neidete das Glück des Alten und da er erfahren hatte, wodurch dieser zu dem Reichtum gekommen war, suchte er das Hündchen in sein Haus zu locken, damit es auch ihm Stellen zeige, wo goldene Koban verborgen wären. Aber das Hündchen folgte den Lockungen nicht und wich nie von seines Herrn Seite.

Da nun der habgierige Mensch mit List nichts erreichen konnte, wandte er Gewalt an, indem er das Hündchen, als dieses ruhig vor dem Hause saß, ergriff und in sein Haus schleppte; dann band er es mit einem Strick und führte es aufs Feld, damit es ihm vergrabene Schätze zeige. Das Hündchen scharrte auch wirklich an verschiedenen Stellen, aber immer, wenn der Mann den harten Boden aufgeschlagen und im Schweiße seines Angesichts nachgegraben hatte, fand er nichts als stinkenden Unrat, so daß er erboste, das Hündchen mit seiner Hacke erschlug und den Leichnam dem guten Alten in den Garten warf.

Der Alte war darüber sehr betrübt und begrub seinen Liebling unter einen Baum im Garten, und obgleich er wohl wußte, wer der Übeltäter war, trug er es ihm doch nicht nach, noch forderte er Sühne für die begangene Tat.

Kurze Zeit darauf erschien ihm eines Nachts das Hündchen im Traum und sagte zu ihm:

»Trauere nicht länger, mein Tod wird dir noch größeres Glück bringen, wenn du meinen Rat befolgst. Haue den Baum, unter dem ich begraben bin, um und mache dir aus dem Holze einen Reismörser12 und Schlegel!«

Der Alte tat, wie ihm geheißen und als er den Mörser in Gebrauch nahm, welch ein Wunder! Da quoll aus dem Mörser der Mochi13 und nahm kein Ende, bis der Alte zu stampfen aufhörte. Dieser war nun überglücklich; denn er brauchte keinen Reis mehr zu kaufen und konnte überdies den Armen des Ortes reichlich abgeben.

Dem bösen Nachbar aber, dem dieses neue Glück seines Gegenübers zu Ohren kam, ließ es keine Ruhe; er wollte und mußte den Mörser haben. Deshalb ging er zu dem Alten und bat, er möge ihm doch den Mörser wenigstens einmal, nur auf einen Tag leihen, er bringe ihn gewiß am andern Morgen zurück. Der Alte war gutmütig genug dem Manne zu glauben und ihm den Mörser zu leihen, den dieser hocherfreut in sein Haus trug, ihn bis obenan mit Reis füllte und dann zu stampfen anfing. Aber o Graus! Anstatt schöner Mochi quoll ekelerregender Kot hervor und erfüllte mit seinem Gestank das ganze Haus. Da ergriff der schlechte Mann eine Axt, hieb den Mörser samt Schlegel in viele Stücke und verbrannte diese zu Asche.

Aber auch ob dieser neuen Bosheit ergrimmte der seines Mörsers beraubte Alte nicht, sondern folgte dem Rate seines toten Hündchens, das ihm wieder im Traum erschienen war, und holte sich die Asche von dem Mörser aus dem Hause seines Nachbars und bewahrte sie in einem Gefäße sorgfältig auf.

Da kam eines Tages im Spätherbst, als alle Bäume und Sträucher kahl waren, der Daimyo14 mit seinem Gefolge angeritten und mußte am Hause unseres guten Alten, das an der Landstraße lag, vorüber. Der Alte ergriff nun schnell einige Hände voll von der Asche, kletterte auf einen am Wege stehenden Kirschbaum, und gerade als der Daimyo darunter war, streute er die Asche aus. Der Daimyo und sein Gefolge waren im ersten Augenblick starr vor Schreck, dann ergriff sie der Zorn ob solcher Freveltat und sie wollten den Alten ergreifen.

Aber, welch Entzücken erfaßte alle! Überall, wohin die Asche geflogen war, grünte und blühte es, die Äste und Zweige waren voller Blätter und Blüten und anstatt der Asche rieselte ein feiner Regen lichter Kirschblüten auf den Daimyo und sein Gefolge nieder. Alles schrie vor Freude über solch ein Wunder laut auf und die den Alten soeben noch züchtigen wollten, umarmten ihn und priesen seine Wundertat.

Der Daimyo war gerührt von solcher sinnigen Aufmerksamkeit und machte dem Alten reiche Geschenke; auch schickte er ihm, als er die Geschichte des Hündchens gehört hatte, ein anderes allerliebstes Hündchen.

Der böse Nachbar aber barst fast vor Neid und Zorn; trotzdem aber ging er wieder zu dem gutmütigen Manne und fragte ihn, ob er noch etwas Asche übrig hätte, er möge ihm doch ein wenig geben, was der Alte auch tat.

Als der schlechte Mann nun einmal hörte, daß der Daimyo mit seinem Gefolge wieder des Weges kam, hatte er nichts eiligeres zu tun, als die geschenkt erhaltene Asche zu nehmen und damit ebenfalls auf einen Baum zu klettern. Als der Daimyo dann unter dem Baum vorbeiritt, streute der Mensch wirklich die Asche über ihn aus, aber kein Blatt und keine Blüte zeigte sich, sondern die Asche blieb Asche und flog dem Daimyo und seinen Leuten in Augen, Ohren, Nase und Mund, so daß ein jeder sich voller Zorn auf den Übeltäter stürzte, ihn gehörig durchprügelte, dann in Ketten legte und ins Gefängnis steckte, wo er nach langen großen Schmerzen verstarb. – So ergehe es allen Neidern und Habgierigen, die dem Nächsten sein Glück nicht gönnen und es an sich reißen möchten, anstatt sich über das Glück des Nachbars mit diesem zu freuen!

  1. Koban = Altjapanische Goldmünzen. Diese Goldmünzen hatten länglichrunde Form, waren ohne Inschrift und wurden 1588 zum ersten Male in Japan, unter Hideyoshi, geprägt und ausgegeben.
  2. Großes Holzgefäß zum Reis stampfen.
  3. Mochi = sprich Mo-tschi, zu einem zähen Brei zerstampfter Reis, der zu Kuchen (Reiskuchen) verwendet wird. Diese Kuchen heißen Mochigwashi (Mochi-gwashi).
  4. Daimyo = Fürst.

Der schlaue Polizist

Der schlaue Polizist

Der frühere Kaiser von Korea hatte sich eine Geheimpolizei eingerichtet, die für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen mußte und Räubereien und Diebstahl verhindern sollte. Aber wie das oft so ist. Die Verbrechen wollten kein Ende nehmen und der Kaiser war recht ärgerlich. Er ließ sich den Obersten der Polizei kommen und machte ihm Vorwürfe. Der Oberste aber verteidigte seine Leute und sagte, sie seien alle tüchtig und geschickt.

Da meinte der Kaiser, nur der sei ein geschickter Polizist, der alle Schliche und Listen der Diebe kenne und solche selbst anwenden könne. Er werde die Leute auf die Probe stellen. Sie sollen sich alle am anderen Morgen im Palaste einfinden.

Als am Morgen die Polizisten alle in der Vorhalle des Palastes versammelt waren, erschien der Kaiser, in der Hand einen seidenen Beutel haltend. Diesen Beutel füllte der Kaiser mit Gold und ließ ihn mitten an der Decke der Halle aufhängen, so hoch, daß ihn niemand mit der Hand erreichen konnte.

Dann sagte der Kaiser:

»Hier hängt der Beutel mit Gold. Er bleibt drei Tage lang hängen. Eine Wache wird stets dabei sein. Gelingt es einem von euch diesen Beutel binnen der drei Tage zu entfernen, ohne daß jemand es bemerkt, so gehört ihm der Beutel samt Inhalt und ihr alle sollt fernerhin in meinen Diensten bleiben. Gelingt aber keinem von euch die Aufgabe, so jage ich euch alle zum Teufel!«

Da war allgemeines Köpfeschütteln und tief betrübt gingen die Polizisten heim; denn es schien unmöglich den Beutel zu entfernen, weil der Kaiser eine Wache von vier Mann aufgestellt hatte, die den Beutel Tag und Nacht bewachen mußte. Für Nachlässigkeit war der Wache mit Kopfabschlagen gedroht.

So kam der dritte Tag heran; der Beutel aber hing noch unberührt an der Decke und die Polizisten erwarteten ihre Entlassung. Da meldete sich zum Erstaunen aller einer der jüngsten Leute und erklärte, er wolle es versuchen aber er müsse noch mindestens zwei Tage Zeit haben.

Er wurde zum Kaiser geführt; dieser lachte den jungen Menschen aus und sagte: »Auch wenn ich euch zehn Wochen Zeit gebe, das Kunststück gelingt euch doch nicht!«

»Das mag stimmen!« erwiderte dieser, »und ich glaube selbst, daß nur ein Wunder uns helfen kann, aber vielleicht tritt ein solches Wunder in den zwei Tagen ein!« Dem Kaiser gefiel diese kecke Antwort. »Gut, so soll es sein! Diese zwei Tage seien euch noch gewährt!« entschied er.

Der junge Polizist betrachtete sich in der Halle den Beutel ganz genau und prägte sich alles fest ins Gedächtnis; dann eilte er nach Hause und fertigte sich einen ganz gleichen Beutel, den er mit kleinen Steinchen füllte.

Am zweiten Tage nahm er diesen Beutel, steckte ihn in den Ärmel seiner Jacke und ließ sich beim Kaiser melden, dieser empfing ihn und fragte, ob das Wunder schon geschehen sei.

Der Polizist bat hierauf den Kaiser sich den Beutel einmal ansehen zu dürfen, dieser genehmigte es und ging selbst mit zur Halle, wo der Beutel noch immer hing, bewacht von vier Soldaten.

Nachdem er sich den Beutel ein Weilchen von allen Seiten angesehen hatte, fragte er, ob es gestattet sei den Beutel in die Hand zu nehmen. Auch das genehmigte der Kaiser. Der Polizist holte hierauf eine Bank, stellte sich darauf und nahm den Beutel vom Haken, sah ihn sich wieder an und steckte ihn in den Ärmel, indem er sagte:

»Auf diese Weise würde es gehen!«

Der Kaiser erwiderte lachend: »So ginge es wohl, ist aber nicht erlaubt. Der Beutel soll fortgenommen werden, ohne daß es jemand weiß. Hänge ihn also nur ruhig wieder an die Decke und gib zu, daß auch du ihn nicht ausführen kannst!«

Der Andre machte scheinbar ein trauriges Gesicht, zog seufzend den Beutel wieder hervor und hängte ihn auf. Er hatte aber nicht den Beutel mit dem Golde genommen, sondern ihn im Ärmel mit dem von ihm vorbereiteten und mit Steinen gefüllten Beutel vertauscht und diesen aufgehangen, während er den echten Beutel im Ärmel behielt und sich mit diesem entfernte, indem er dem Kaiser versicherte, er hoffe bis zum anderen Morgen doch das Kunststück ausführen zu können.

Der Kaiser ließ daher für diese Nacht die Wache verdoppeln; auch mußte die Halle so hell erleuchtet werden, daß der Beutel stets zu sehen war.

Der nächste Tag kam und auf Befehl des Kaisers mußten sich alle Polizisten in der Halle versammeln um, wie der Kaiser beabsichtigte, sie für immer ihres Dienstes zu entlassen. Er herrschte die Leute denn auch recht unfreundlich an und wandte sich dann an jenen jungen Polizisten, indem er ihn höhnisch fragte, ob das Wunder geschehen sei.

»Ich glaube ja!«, erwiderte dieser.

»Er ist total verrückt oder unverschämt frech!« rief da der Kaiser. »Glaubt er denn, ich kann nicht sehen? Da hängt doch der Beutel!«

»Ich sehe,« erwiderte der Gescholtene, »daß dort wohl ein Beutel hängt, ob es aber der wirkliche ist, möchte ich bezweifeln!«

»Das ist denn doch zu stark!« schrie der Kaiser. »Holt den Beutel herunter und bringt ihn her!« befahl er der Wache.

Der Beutel wurde abgenommen und dem Kaiser gebracht, der ihn öffnete, aber ein ganz verwundertes Gesicht machte, als er nur Steine in dem Beutel fand und beim genaueren Sehen erkannte, daß es gar nicht der frühere Beutel war.

»Kerl, wie hat er das fertig gebracht?« fragte er den listigen Mann. Dieser erzählte, wie er einen gleichen Beutel angefertigt und diesen dann in des Kaisers Gegenwart vertauscht habe.

»Bist ein verteufelt schlauer Bursche!« sagte dann der Kaiser. »Und da du mir der Klügste von allen zu sein scheinst, sollst du deren Oberster sein und ich will sie nicht entlassen. Sorge dafür, daß deine Leute ihre Pflicht tun und dir nacheifern!« Und so geschah es!

  1. Koreanischen Ursprungs. Wurde deshalb in diese Sammlung mit aufgenommen, da Korea 1910 Japan einverleibt wurde und jetzt unter dem Namen »Chosen« eine japanische Provinz ist. Obige Erzählung erinnert an den »listigen Dieb« aus »1001 Nacht.«

Der Abt des Klosters Yakushi

Der Abt des Klosters Yakushi.

Bei Nara auf der Straße nach Osaka liegt ein altes Kloster, das heute allgemein unter dem Namen Nishi no Kiyo16 bekannt ist, obgleich sein alter wirklicher Name »Yakushi-ji«17 ist.

Einst war in diesem Kloster ein frommer, gottesfürchtiger Abt, der sich bemühte, durch seinen Lebenswandel allen ein gutes Beispiel zu geben; er sammelte keine Reichtümer an, sondern verteilte die dem Kloster gemachten Geschenke und Gaben wieder an die Armen und behielt keinen Sen für sich. So hoffte er, wenn seine Todesstunde nahe, als gerechter Diener in Buddha’s Paradies einziehen zu können. Als aber diese Stunde kam und er gottergeben des Boten Buddha’s harrte, der ihn abrufen sollte, da sah er nicht diesen, sondern einen feurigen Wagen nahen, der von allerlei buntfarbigen Höllengeistern gezogen wurde. Der Abt war aufs tiefste erschrocken und bat um Auskunft, was er, der sich keines Unrechts bewußt war, Böses begangen habe, da anstatt Buddhas Bote Diener der Hölle kämen. Die Antwort lautete:

»Du hast vor vielen Jahren eine Maß Reis aus dem Klostereigentum für dich entnommen und bis heute noch nicht zurückgegeben. Dieser Sünde wegen harret deiner die Hölle!«

Der Abt bat, ihm noch Zeit zu gönnen, diese von ihm längst vergessene Schuld, der er keine Bedeutung beigelegt habe, tilgen zu können. Diese Bitte wurde ihm gewährt.

Er rief hierauf alle Klosterbrüder und Schüler des Klosters an sein Lager, erzählte ihnen die Gefahr, in der er wegen der geringen unbedachten Schuld geschwebt habe und sagte: »Nehmet alle meine geringe Habe, veräußert sie und gebet den Erlös zum Klostergute, auf daß meine Schuld getilgt werde und ich in Frieden sterben kann. Euch alle aber ermahne ich, laßt diese Lehre nie aus eurem Herzen schwinden, denn wenn mir schon einer einzigen Maß Reis wegen die Hölle drohte, wie mag es denen erst ergehen, die sich bewußt am Klostergute vergreifen und Reichtümer zur Lust und zum Wohlleben aufsammeln!«

Nachdem er dies gesagt hatte, legte er sich zurück, seine Lippen murmelten: »Der Friedensbote naht!« »Namida Butsu – Heiliger Buddha hilf!« Ein Lächeln verklärte sein Gesicht, er war tot, eingegangen in das Paradies als getreuer Diener des Herrn.

  1. Hort des Westens, Nishi-Welt.
  2. Yakushi = Name des Heilgottes, ji = Kloster. Dieses Kloster befand sich früher im westlichen Teile der Stadt. Da letztere heute teilweise zerfallen und viel von ihrer Größe und ihrem Umfang verloren hat, ist die Lage des Klosters jetzt außerhalb der Stadt an der Landstraße.

List geht über Gewalt

List geht über Gewalt

Vor vielen, vielen Jahren lebte einmal ein Holzfäller. Der ging stets in den Wald, um Bäume zu fällen. Als er einmal wieder im Walde war, hörte er plötzlich ein dumpfes Brüllen, das von einem wilden Tiere zu kommen schien. Voller Angst kletterte er auf einen Baum und versteckte sich dort. Da das Brüllen andauerte, aber nicht näher kam, so packte ihn die Neugierde zu sehen, woher es komme.

Er kletterte also wieder von dem Baum und schlich sich zu der Gegend hin, aus der das Brüllen erscholl. So kam er immer näher und sah endlich eine Raubtierfalle, in der sich ein Tiger gefangen hatte, der sich vergeblich bemühte wieder frei zu kommen und ein wütendes Brüllen ausstieß.

Als dieser den Holzfäller bemerkte, rief er ihm zu: »Was gaffst du mich an? Mache mich lieber frei und ich zeige dir einen Platz, wo viele Reichtümer verborgen sind!«

»Daß ich dumm wäre!« entgegnete der Mann. »Bist du frei, so frißt du mich auf!«

»Wenn du mich befreist, tue ich dir sicherlich nichts!« versicherte der Tiger und gab so viele schöne gute Worte, daß der Holzfäller sich bereden ließ und den Tiger befreite.

Kaum war dieser frei, so dehnte und streckte er sich, dann sah er seinen Befreier eine Weile an und sagte:

»Seit gestern steckte ich in dieser Falle und habe daher einen solchen Riesenhunger, daß ich dich fressen will. Was brauchst du Reichtümer? Einmal mußt du doch sterben und wenn ich dich fresse, erspare ich dir die Kosten des Begräbnisses.«

»Hältst du so dein Wort? Ist das deine Dankbarkeit?« rief der Holzfäller.

»Ach was!« sprach der Tiger. »Mit leerem Magen fühlt man keine Dankbarkeit, erst muß ich meinen Hunger gestillt haben!« So stritten sich die Beiden eine Zeitlang, da kam ein munterer Hase angesprungen, hörte den Streit und fragte, warum der Tiger den Mann fressen wolle.

Der Tiger erzählte ihm, daß der Mann ihn zwar befreit habe, daß aber das Gefühl des Hungers stärker sei als das der Dankbarkeit.

»Ganz recht, alter Onkel!« sagte da der Hase. »Verspeise den Mann mit gutem Appetit, wenn er so dumm war, euch zu befreien; denn bei euch Großen kommt immer zuerst der Magen und dann alles andere. – Aber, was sehe ich! Aus diesem Dinge konntet ihr euch bei eurer Stärke nicht selbst befreien?« sprach der Hase ganz erstaunt weiter, indem er die Falle betrachtete. »Ich glaube, alter Onkel, ihr flunkert!«

»Ich flunkern?« rief ärgerlich werdend der Tiger und rannte wieder in die Falle, dem Hasen zeigend, wie er gefangen wurde. »Seht! so ging ich, ohne zu beachten, was es ist, hier in die Falle!«

»Schön, schön! nun möchte ich aber auch gern sehen, wie es der Mensch gemacht hat, euch zu befreien, werter Onkel!« lachte der Hase, sprang auf die Falle, löste flink den Riegel, so daß die Falle sich schloß und der Tiger wieder gefangen war.

»So!« sagte der Hase zum Holzfäller, »wenn es euch nun beliebt, den alten Sünder da drinnen wieder zu befreien, mag er euch mit vollem Recht verspeisen; ich aber will nicht dabei sein!« So sprechend machte er ein Männchen und sprang lustig in den Wald hinein.

Der Holzfäller, froh sein Leben gerettet zu sehen, hütete sich natürlich, den Tiger zum zweiten Male zu befreien und eilte frohgemut zu seiner Arbeitsstätte zurück, verfolgt von dem wütenden Gebrüll des überlisteten alten Räubers.

So kommt man mit List weiter als mit Gewalt und wer mehr seinem Magen folgt als seinem Verstande, geht meistens zugrunde.

  1. Koreanische Fabel. Vergl. Anmerkung zu »der schlaue Polizist« Seite 27.

Der bestrafte Tierquäler

Der bestrafte Tierquäler.

In Yedo40 lebte vor Jahren ein Schirmmacher, dessen Verdienst sehr gering war, sodaß er mit Not und Sorgen zu kämpfen hatte. Auf einem Jahrmarkt sah er einmal in einer Bude einen Tiger ausgestellt und als er beobachtete, wie sich alles Volk in diese Bude drängte und der Besitzer eine gute Einnahme hatte, kam er auf den Gedanken gleichfalls auf den Märkten einen Tiger auszustellen.

Wo aber einen Tiger hernehmen? In Japan gab es keine, zum Kaufen hatte er kein Geld. Er wußte sich jedoch zu helfen. In einem Laden hatte er ein Tigerfell gesehen, dies erhandelte er; dann nahm er ein Kalb und nähte dieses in das Tigerfell. Damit es aber durch sein Blöken seine wahre Gestalt nicht verrate, band er dem Tiere das Maul zu.

Nun zog er auf die Messen und Märkte und hatte großen Zulauf, denn solch einen zahmen und friedfertigen Tiger hatte noch niemand gesehen.

Da der Verkehr in seiner Bude vom frühen Morgen bis zum späten Abend kein Ende nahm, er aber auch durch eine Pause seine Einnahmen nicht schmälern wollte, so fand er keine Zeit und Gelegenheit das arme Kalb zu füttern oder zu tränken, sodaß dasselbe nach einigen Tagen zu Grunde ging. Da kaufte er sich ein anderes Kalb und so weiter, bis er wohl an zehn Kälber seiner Geldgier geopfert hatte. Doch die Götter schlafen nicht und rächen jede Unbill, die ihren Geschöpfen zugefügt wird.

Eines Tages wurde der Mann krank, er verlor seine Sprache und nur ein klägliches Blöken ertönte, wenn er sprechen wollte. Dann ergriff ihn der Wahnsinn; er riß seine Kleider vom Leibe, umhüllte sich mit dem Tigerfell und eilte in komischen Sprüngen und unter fortwährendem Blöken auf die Straße. Hier diente er der Jugend zum Spott, die ihn mit Steinen und Unrat bewarf. So trieb er es drei Tage lang, er konnte weder essen noch trinken und starb endlich eines elenden Todes.

Das war die Strafe der Götter für seine Tierquälerei.

  1. Das heutige Tokyo.

Rai-taro

Rai-taro

Raiden, auch Rai-jin, der Donnergott, genießt in Japan große Verehrung; er ist aber sehr gefürchtet, wenn er in Begleitung von Futen, dem Sturmgeist, auftritt; denn dann tobt und heult er in den Bergen und in den Schluchten; dann kracht es in den Wäldern und die Sonne versteckt sich vor dem wütenden Heer der Sturm- und Donnergeister. Allen voran stürmt hoch oben in den Lüften, umgeben von schwarzen Wolken, Futen heran, ein behaartes grausiges Ungeheuer mit krallenbewehrten Händen und Füßen. Zwei große lange Hauer ragen aus seinem Maule, eine glatte Nase, stumpfe, kurze Ohren und tückisch blitzende Augen vervollständigen die schreckenerregende Gestalt dieses Unholds. Diesem folgt, ihm an Gestalt und Aussehen gleich, Raiden, der fünf Trommeln mit sich führt, auf die er mit einer großen Keule schlägt; zwischendurch wirft er die feurige Donnerkatze, die überall, wo sie hinfällt, Unheil anrichtet. Mit ihren glühenden Krallen zerschmettert sie Berge und zündet Bäume und Häuser an, sengt Menschen und Vieh zu Tode oder zeichnet sie für Lebenszeit. Futen trägt quer über den Schultern einen Sack, der vier Öffnungen hat und in dem die Winde stecken. Hält er den Sack geschlossen, dann herrscht Windstille auf Erden; aber die Schiffer auf dem Meere bitten ihn doch den Sack ein klein wenig zu öffnen, auf daß sie gute Fahrt haben. Macht Futen eine Öffnung ganz auf, dann bricht ein Gewittersturm heraus; wehe, dreimal wehe aber, wenn er den Sack an zwei Stellen öffnet, denn dann kommt ein Wirbelsturm daher, der alles in seinen Bereich Kommende vernichtet. Einen solchen Sturm nennt man in Japan »Tai-fu« – großer Wind – Orkan. – Und nun will ich einmal von diesen beiden Unholden ein Stücklein erzählen, aus dem man ersehen kann, daß sie nicht immer so böswillige Gesellen sind, als sie scheinen.

Hoch oben an der Nordwestküste Japans, im Nordosten vom Biwasee, ragt das ewig weiße Haupt eines der höchsten Berge Japans stolz empor. Es ist der Hakusan42 auch »Shirayama« genannt.

Am Fuße dieses Berges wohnte vor Zeiten ein armer Bauer, namens Bimbo,43 er trug also seinen Namen mit Recht. Dieser Bauer hatte sich zeitlebens schwer geplagt, konnte es aber nie zum Wohlstand oder sorgenfreien Leben bringen, denn sein kleiner Acker befand sich hoch in einer Einbuchtung des Berges und die Ernte hing allein vom Wetter ab, da ihm jede andere Wasserzufuhr mangelte. Mit vieler Mühe hatte er mit seinem Weibe jahraus, jahrein das Feld bestellt, doch der Erntesegen blieb oft aus.

Auch in diesem Jahre, da diese Geschichte beginnt, hatte er große Sorgen, denn Tag für Tag sandte die Sonne ihre verzehrenden Strahlen auf das Reisfeld des armen Bimbo. Kein regenspendendes Wölkchen ließ sich blicken, kein Windhauch regte sich und die noch nicht reifen Reisähren hingen schlaff herab.

Bimbo und sein Weib seufzten schwer und bang und fragten sich oft, warum der Himmel ihnen zürne. Alles schlage ihnen zum Unheil aus. Selbst das höchste Glück des Menschen, der größte Segen der Götter, ein Kind, war ihnen bisher versagt geblieben, obgleich sie oft inbrünstig darum gebeten hatten. Jetzt waren sie schon betagt und hatten jede Hoffnung aufgegeben, ihren Lebensabend durch Kinder verschönt zu sehen; sie hatten sich darein ergeben, ein einsames Alter in Sorgen und Not zu haben; denn auch jetzt wieder schien die Ernte durch den heißen, trocknen Sommer vernichtet zu werden.

Sehnsüchtig und flehend sahen die beiden Leutchen nach dem Wetter aus, ob sich denn nirgends ein Lüftchen rege und den segenspendenden Regen bringe. Doch nichts, nichts! Der Himmel blieb klar und wolkenlos und betrübt wollten die beiden nach Hause gehen, als sich fern am Horizonte ein leichter Schleier zeigte.

»Wind – Sturm!« rief der Bauer freudig aus, »das bringt Regen!«

Er hatte sich nicht getäuscht.

Näher und näher wehte der Schleier, er zerriß in viele Fetzen, die sich zu dunkeln Wolken formten, sich näherten und endlich zu einer dichten Wolkenwand zusammenballten. Da kam es heran, zuerst ein leises Raunen, dann ein Flüstern in den Zweigen. Scheu verkrochen sich die Vögel und die Sänger des Waldes verstummten, nur krächzende Raben und Sturmvögel durchkreisten die Luft. Jetzt zischte und pfiff es zwischen den Bäumen, die angstvoll und bebend ihre Häupter senkten. Nun ging es los das Stöhnen, Knattern, Rasseln, Fauchen, Heulen und Dröhnen und wie ein Heer wilder Rachegeister raste der Sturm heran. Bimbo und sein Weib achteten nicht des furchtbaren Unwetters; ihr Herz war voller Freude, denn dieser Sturm bedeutete für sie Segen; Segen nicht nur der Ernte, sondern noch einen andern Segen, den sie nicht erwarteten.

Nach dem ersten Anprall des Sturmes ergoß sich das kostbare Naß des Himmels auf die lechzenden Fluren und tränkte die ausgedörrte Mutter Erde. Bimbo sah dies alles mit Entzücken und drückte zufrieden die Hand seines Weibes. Da fuhr plötzlich ein blendender Blitzstrahl zwischen ihnen zur Erde und blendete ihnen die Augen, während ein furchtbarer Donnerschlag ertönte, sodaß beide betäubt niedersanken. Als sie aus ihrer Betäubung erwachten, hatte sich das Unwetter verzogen und die Sonne lachte wieder auf die erquickte, prangende Flur hernieder. Aber Bimbo und seine Frau waren nicht mehr allein, denn zu ihrem größten Erstaunen lag neben ihnen ein hübsches Kindlein, ein Knabe, genau an der Stelle, wo der Blitz in den Erdboden gefahren war. Es lächelte gar lieblich und freundlich und streckte seine rosigen Ärmchen den beiden hochbeglückten Alten entgegen.

Schnell hob Bimbo das Kindlein vom nassen Erdboden auf und barg es schützend unter seinem Strohmantel;44 dann eilte er mit seiner Frau heim und bereitete dem Kinde ein warmes Lager.

Jetzt war bei den beiden Alten Freude eingekehrt und ihr langjähriger Wunsch erfüllt. Endlich hatten sie ein Kindlein, hatten etwas, für das sie sorgen und an das sie all ihre Liebe verschwenden konnten.

Wie sollte der Name sein?

Darüber war Bimbo nicht im Zweifel.

»Das Kind hat uns Raiden geschenkt«, sagte er zu seiner Frau; »deshalb wollen wir es Raitaro nennen!«

Und so geschah es.

Der Knabe wuchs heran zur Freude seiner Eltern, doch war er ganz anders geartet als die andern Kinder des Dorfes. Er fand kein Vergnügen daran mit den andern Kindern herumzutollen oder an ihren Spielen teilzunehmen. Am liebsten begleitete er seinen Vater auf das Feld oder tummelte sich allein im Walde umher oder lag oft stundenlang auf dem Rücken und verfolgte den Lauf der Winde und den Flug der Vögel. Ein Unwetter versetzte ihn in Entzücken und beim Rollen des Donners brach er in ein lautes Jauchzen aus.

Hatten so die alten Leute ihre Freude an dem Kinde, brachte dieses ihnen auch Segen und hielt jedes Unheil fern. Die Felder gaben reichliche Ernte, keine Dürre und kein übermäßiger Regen vernichtete mehr die Frucht mühevoller Arbeit, und alles gedieh Bimbo zum Besten, so daß er es bald zu einem gewissen Wohlstand brachte.

Achtzehn Jahre waren schließlich dahin gerollt; man feierte den Tag der Auffindung Raitaros durch ein festliches Gelage, mit Sang und fröhlichen Worten. Raitaro aber blieb still und in sich gekehrt und vergeblich war die Mühe seiner Eltern ihn aufzuheitern. Als der Abend nahte und die Dämmerung hereinbrach, erhob sich Raitaro und dankte seinen Eltern für alles Gute, das sie ihm erwiesen hatten. »Meine Zeit ist um«, sagte er zuletzt, »meine Absicht euch zu nützen ist gelungen, auch in Zukunft werde ich über euch wachen. Lebt wohl!«

Während dieser Worte hatte sich eine dunkle Wolke genähert und senkte sich nun langsam auf Raitaro nieder, ihn vollständig einhüllend; dann erhob sie sich wieder und verschwand eilends in unermeßlicher Höhe; der Platz aber, wo Raitaro gestanden hatte, war leer.

Bimbo und seine Frau waren ganz bestürzt und traurig und konnten es gar nicht begreifen, daß sie nun in ihren alten Tagen doch einsam sein sollten; da sie jetzt aber keine Not zu leiden brauchten und sorgenfrei leben konnten, so wurde der Trennungsschmerz gemildert und in stiller Wehmut fügten sie sich in das Unabänderliche. Sie lebten noch viele Jahre und starben endlich beide hochbetagt zur gleichen Stunde. Auf ihr Grab wurde ein Stein gesetzt, auf dem die Geschichte Raitaro’s erzählt und dieser selbst in Gestalt eines fliegenden Drachen abgebildet wurde. Dieser Stein ist noch heute vorhanden, doch hüllt ihn eine vielhundertjährige Moosdecke ein. Wer sich aber Mühe gibt, kann aus den verwitterten Schriftzeichen die Geschichte von Raitaro, dem Donnersohne, entziffern, so wie ich sie hier wiedererzählt habe.

  1. Rai = Donner, taro = Sohn, = Sohn des Donners, Donnersohn.
  2. Sprich: Haksan = Haku = weiß; auch Shiro = weiß. Also »weißer Berg.« Er ist ein seit 1554 erloschener Vulkan und 2720 m hoch. Die Schneehöhe auf diesem Berge ist im Winter enorm, man hat schon bei 800 Meter Höhe eine Schneehöhe von 6 bis 7 Meter gefunden, sodaß eine Besteigung des Berges über einen Kilometer hinauf im Winter undurchführbar war.
  3. Bimbo = arm.
  4. Die Bauern, Schiffer usw. tragen auch heute noch bei Regenwetter einen Mantel aus Stroh, in der Regel Reisstroh, gefertigt, der warm hält und den Regen nicht durchläßt. Ein solcher Mantel hat die Form einer Pellerine und ist ½ bis ¾ Meter lang.

Hotaru

Hotaru.45

In einer Lotosblüte, die in einem großen Teiche stand, wohnte eine Johanniswürmchen-Familie: Vater, Mutter und Tochter.

Die letztere, »Klein-Hotaru« genannt, war ein gar liebliches Geschöpf. Wenn der Abend mild und schön war, ging sie auf dem großen Lotosblatte spazieren, das für sie ein herrlicher Garten war.

Oft lauschte sie dem Konzert der Frösche, die im gleichen Teiche wohnten. War es dunkel, so zündete sie ihr Laternchen an; dieses strahlte ein so himmlisch schimmerndes Licht aus, daß selbst der Mond sich beschämt verstecken mußte.

Da Klein-Hotaru nun so ein liebes Ding war, konnte es nicht ausbleiben, daß sie bald von Freiern umschwärmt wurde. Tagsüber nahte sich ihr niemand; aber auch des Abends, wenn sie träumend im Dunkeln saß, blieb sie allein, denn dann konnte sie keiner ihrer zahlreichen Freier erblicken. Hatte sie aber ihr Laternchen angezündet, dann gab es ein munteres Treiben; dann summte, brummte und zirpte es; dann flatterte, schwirrte und surrte es; dann kamen sie alle, die die schöne Hotaru zur Frau begehrten. Da waren Falter, Käfer, Bienen, Fliegen, kurz jedes fliegende Insekt war vertreten und zeigte seine Künste, um Gnade vor Hotaru’s Augen zu finden. Diese aber blieb unnahbar; zwar erfreute es sie und sie war stolz, so umschwärmt zu werden; auch machte ihr das Treiben all der Tierlein anfänglich großen Spaß, endlich aber wurde ihr diese fortwährende Zudringlichkeit lästig, hatte sie doch nicht ein einziges Stündchen mehr für sich, in dem sie sich ungestört ihren Träumereien hingeben konnte, und sie beschloß sich all der Freier zu entledigen.

Deshalb sagte sie zu ihnen:

»Ich will gern einen von Euch freien, aber wer mein Gemahl werden will, muß mir ein Licht bringen, das mindestens ebenso leuchtet wie das meine!« Alle hörten diese Entscheidung und machten sich schnell auf den Weg ein solches Licht zu suchen und herbeizuschaffen. Ein jeder wollte der erste sein, um Hotaru sicher zu erringen.

Das gab nun im ersten Augenblick ein fürchterliches Gedränge, umsomehr als Hotaru ihr Laternchen verlöscht hatte. Manchem Falter wurde ein Flügel zerknickt, manches Käferlein fiel in den Teich und wurde von einem Frosche verschluckt, Beinchen und Fühlhörner gingen verloren, kurz, es war ein unbeschreiblicher Wirrwarr, der aber auch schließlich ein Ende nahm wie alle Dinge auf dieser Welt.

Dann zog ein jedes seinem Ziele zu; überall, wo ein Lichtschein zu erblicken war, flogen auch die Freier heran. Der Nachtfalter war der erste, der zum Opfer fiel. Er flog durch ein offenes Fenster in ein Zimmer, wo ein Gelehrter beim Lampenschein über seinen Büchern saß, stieß und verbrannte sich sein Köpfchen an dem heißen Lampenzylinder. Trotz der Schmerzen gab er seine Versuche zur Flamme zu kommen nicht auf und war auch endlich durch ein Luftloch des Brenners gekrochen; aber, o weh! die Flamme versengte seine Flügel und zisch – zisch – der Falter war tot.

So ging es Tausenden der Freier; der eine stürzte in die Glut des Kohlenbeckens, ein anderer in die Flamme einer Kerze, andere flogen sogar den Menschen in die Augen und wurden getötet. Aber immer neue Scharen durchschwirrten die Luft, um ein Lichtlein zu erhaschen und Hotaru heimführen zu können.

Von all dem erfuhr auch Hitaro46 und dachte bei sich, wenn so viele Freier um Hotaru zu erlangen, ihr Leben wagen und es lassen, dann muß sie sehr schön sein. Deshalb machte er sich eines Abends auf den Weg um Hotaru zu sehen. Seine Wohnung war nur acht Lotosblüten entfernt von der Hotarus. Als er Hotaru erblickt hatte, da war er so entzückt, daß er schleunigst heimkehrte und zu Hotarus Eltern den Vermittler schickte, der um ihre Hand anhalten mußte4748 und sie auch zugesagt erhielt, umsomehr, als er die Bedingung Hotarus erfüllen konnte, denn er hatte ja ein ebenso liebliches Lichtlein wie sie selbst und war überdies ein schmucker Bursche. Nachdem so alles in Ordnung war, wurde die Hochzeit mit großer Pracht gefeiert. Sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Ende und hinterließen eine zahlreiche Nachkommenschaft. Die Bedingung aber, daß ein jeder, der eines dieser Johanniswürmchen freien wollte, ein Lichtlein mitbringen müsse, wurde hoch in Ehren gehalten und galt von nun an als Familiengesetz.

Deshalb sagt man, wenn des Abends die Insekten um das Licht schwirren und sich die Flügel verbrennen: »Das war Hotarus Freier« oder auch: »Johanniswürmchen hat die Freier ausgeschickt.«

  1. Hotaru = Johanniswürmchen.
  2. Hitaro = Hi = Feuer, taro = Sohn = Feuersohn = Leuchtkäfer.
  3. Japanische Sitte erfordert, daß die Brautwerbung durch einen dritten –
  4. Vermittler – erfolgt. Unschicklich wäre es, wollte der Freier es selbst tun.

Der Hase und der Dachs

Der Hase und der Dachs.

Zwischen hohen Bergen lebte vor langen, langen Jahren ein betagtes Ehepaar, das sich durch fleißige Arbeit redlich, doch kümmerlich nährte. Der Mann ging täglich in den Wald, um Reisig zu sammeln, das er verkaufte, und aus dem Erlös bestritt er den Lebensunterhalt. Während der Mann im Walde war, kochte und wusch die Frau und machte das Haus sauber.

Im Laufe der vielen Jahre hatte der Mann die Bekanntschaft eines weißen Hasen gemacht. Die Bekanntschaft wurde immer fester und so kam es zu einer regelrechten Freundschaft. Immer, wenn sie sich trafen, unterhielten sie sich freundschaftlich über dieses und jenes, denn zu damaliger Zeit konnten die Tiere noch sprechen. An Feiertagen luden sie sich auch oft zum Essen ein und machten sich einander Geschenke.

Nun hatte aber in der Nähe der Wohnung des Hasen ein alter Dachs seinen Bau; das war ein alter Hagestolz, ein griesgrämiger Kerl und ein Geizhals dazu. Den verdroß die innige Freundschaft des Hasen mit dem Menschen und er suchte die zwei auf alle mögliche Weise auseinander zu bringen und zu entzweien. Aber alles, was er versuchte, blieb vergeblich, alle seine Niederträchtigkeiten scheiterten an der festen Freundschaft. Als nun eines Tages der Mann wieder den Hasen besuchte, brachte er ihm auch einige Süßigkeiten mit, die die Frau gebacken hatte. Als sich der Mann mit dem Hasen unterhielt und ihm die Süßigkeiten geben wollte, da hatte sich der Dachs hinzugeschlichen und sie gestohlen. Da wurden beide recht ärgerlich und beschlossen, dem Dachse endlich sein Handwerk zu legen. Sie begaben sich zu seinem Bau und trafen ihn gerade dabei die Süßigkeiten zu verzehren. Der Mann packte den Dachs schnell beim Kragen, band ihm mit einem recht festen Strick die Beine zusammen und trug ihn nach Hause.

Hier zeigte er ihn seiner Frau und sagte zu ihr: »Der Kerl hat sich durch seine Niederträchtigkeit jetzt selbst geschadet. Wir werden ihn schlachten und dann zu Mittag verspeisen!« Mit diesen Worten hing er den Dachs an einem oberen Querbalken in der Küche auf und ging nochmals in den Wald, um noch schnell etwas Reisig zur Feuerung zu holen.

Die Frau nahm während dieser Zeit ihren Reismörser und begann Reis zum Mittagessen zu stampfen. Während ihrer Arbeit hörte sie oben den Dachs stöhnen und seufzen; obwohl sie Mitleid mit dem Tiere hatte, ließ sie sich an ihrer Arbeit nicht stören und tat, als ob sie nichts gehört hätte.

Doch der Dachs hörte nicht auf zu wehklagen; denn er wollte das Mitleid der Frau erregen, weil er hoffte, sie würde ihn freilassen; als er aber sah, daß alles Lamentieren nichts half, wurde er nachdenklich und besann sich auf eine List, denn loskommen wollte er wenigstens und sei es auch nur auf eine Minute. Die Dachse können sich nämlich in jede Gestalt verwandeln, doch können sie das nur, wenn sie im freien Gebrauche ihrer Gliedmaßen sind. Gefesselt vermögen sie ihre Kunst nicht auszuüben. Darauf baute er nun seinen Plan, um nicht nur frei zu kommen, sondern sich auch zu rächen. Deshalb hörte er mit seinem Gewimmer auf und rief der Frau mit sanftmütigster Stimme zu: »Aber, liebe Frau, was quälen Sie sich denn so sehr! Das Reisstampfen ist für eine alte Frau doch zu anstrengend. Lassen Sie mich hinunter und ich will Ihnen diese Arbeit abnehmen!«

»Ich danke,« erwiderte die Frau, »bleibt nur hübsch da oben, denn helfen würdet Ihr mir doch nicht, sondern auskneifen. Dann könnten wir Euch nicht zu Mittag essen und mein Mann würde zornig werden und mich schlagen!«

»Aber seid doch nicht so ängstlich,« sprach der Dachs mit einschmeichelnder Stimme, »schließt doch alle Fenster und Türen, dann kann ich nicht fort. Ich verspreche Euch nicht fortzulaufen und Euer Mann braucht gar nichts davon zu erfahren, denn Ihr hängt mich hier wieder auf, wenn ich Euch geholfen habe. Glaubt es mir, ich tue es nur Euch zu lieb, weil es mir leid tut eine alte Frau sich so schwer quälen zu sehen!«

Die Frau wurde schwankend und als der Dachs bemerkte, daß seine Worte nicht ohne Erfolg blieben, redete er noch mehr schöne Worte, so daß die Frau – einfältig, wie sie war, – seinen Worten wirklich Glauben schenkte und ihn losband. Kaum war der Dachs auf dem Fußboden und frei, so stürzte er sich auf die Frau, tötete sie, nahm ihr die Kleider fort und legte sie sich selbst an, sich so in die Frau verwandelnd. Dann schnitt er von der toten Frau einige Stücke Fleisch ab, warf diese in den Mörser und vermischte sie mit dem Reis. Die übrigen Teile des Leichnams warf er hinter dem Hause auf einen Haufen. Nun kochte er ein schönes Gericht und als der Mann zurückkam, bekam er es zum Essen vorgesetzt. Der Mann glaubte natürlich, es sei seine Frau, die den Dachs während seiner Abwesenheit geschlachtet hätte. Er freute sich sehr darüber und das Essen schmeckte ihm vortrefflich, nur wunderte er sich, daß das Fleisch etwas zähe und mager war.

Er bot dem Dachs, der ihn in Gestalt der Frau bediente,30 auch etwas zum Essen an, dieser aber dankte und sagte, als der Mann alles aufgegessen hatte, zu diesem recht spöttisch:

»Nun, du armer Mann, du hast deine Frau gegessen! Pfui über dich, seine eigene Frau zu essen. Gehe hinaus, wenn du mir nicht glaubst, und schaue, was hinter dem Hause liegt!«

Damit nahm er wieder seine Gestalt als Dachs an und rannte zum Hause hinaus. Der Mann, aufs höchste erschreckt, eilte auch hinaus und erblickte hinter dem Hause den zerstückelten Leichnam seiner Frau. Er brach darüber in Tränen aus und war ganz untröstlich.

Da kam der Hase daher und vernahm die traurige Geschichte. Er tröstete den Mann, so gut er konnte und versprach den Dachs zu bestrafen und den Tod der Frau seines Freundes zu rächen.

Er nahm in der Küche etwas Miso31 und mischte dieses mit gestoßenem rotem Pfeffer, dann kehrte er in den Wald zurück, wo er bald den Dachs traf, der sich Spreu für sein Lager gesammelt hatte. Der Hase half ihm das Bündel auf den Rücken und als der Dachs damit seinem Bau zuwanderte, zündete der Hase es flink an. Da das Bündel recht fest auf den Rücken gebunden war, was der Hase absichtlich getan hatte, so fiel es nicht eher herunter, als bis die Schnur, womit es befestigt war, durchgebrannt war, natürlich war auch der Rücken des Dachses arg verbrannt. Scheinbar hilfsbereit, sagte der Hase: »Jammere doch nicht, wie ein altes Weib. Ich habe eine gute Salbe gegen Brandwunden, halte still und laß dich einreiben!«

Der Dachs biß die Zähne zusammen und der Hase machte sich daran, den verbrannten Rücken mit dem mit rotem Pfeffer gemischten Miso einzuschmieren.

Daß er dabei nicht sanft verfuhr, kann man sich denken, ebenso, daß der Dachs seinen Schmerz nicht mehr verbeißen konnte und furchtbar zu heulen anfing, als Miso und Pfeffer in seinen Wunden zu wirken begannen.

Er erlitt höllische Schmerzen und schleppte sich mühselig in seinen Bau, wo er unter Weh und Ach auf seinem Lager zusammenbrach. »Hättest du früher gewinselt, ginge es dir heute nicht so schlecht!« rief ihm der Hase zu, als er ihn verließ, um zu dem alten Manne zu eilen und diesem von der Bestrafung des Bösewichts Mitteilung zu machen.

Der Mann aber, der inzwischen seine Frau begraben hatte, war mit dieser Bestrafung nicht zufrieden, er verlangte den Tod des Dachses als Sühne, denn er befürchtete mit Recht, daß, wenn dieser wieder gesund sei, er noch weitere Rache nehmen würde. Dem Hasen leuchtete dies ein und er machte einen anderen Plan, um den Dachs ums Leben zu bringen: Er baute also zwei Boote, ein kleines aus Holz und ein größeres aus Ton. Nachdem diese fertig waren, besuchte er den Dachs um zu sehen, wie es ihm gehe. Bei diesem war inzwischen die Wunde etwas geheilt, aber er litt furchtbaren Hunger, hatte er doch während seines Krankseins nichts zu sich genommen. Als er den Hasen erblickte, freute er sich, denn er glaubte wirklich, daß ihm die schreckliche Salbe geholfen habe; er bat ihn, doch etwas zum essen zu besorgen. Der Hase aber erwiderte: »Ich habe leider nichts hier, aber im Flusse sah ich einige wundervolle Fische, komm mit, die wollen wir uns fangen.« Obgleich der Dachs vor Hunger und Schwäche kaum gehen konnte, schleppte er sich doch bis zum Flußufer, wo die beiden Boote lagen. Der Hase fragte: »Welches willst du nehmen?« »Natürlich das große,« entschied der Dachs, »ich bin einmal der Vornehmere und dann auch schwerer als du, da würde mich das kleine Boot nicht tragen!«

Damit kletterte er auch schon in das Tonboot, während der Hase, zufrieden mit seiner List, in das kleine hölzerne Boot sprang.

Sie ruderten nun beide bis in die Mitte des Flusses, doch ließ sich kein Fisch sehen, worüber der Dachs recht zornig wurde.

»Dort ist einer!« rief der Hase plötzlich. Als der Dachs sich umwendete um nach dem Fische zu schauen, da nahm der Hase sein Ruder und tat einen kräftigen Schlag nach dem andern Boote, das natürlich sofort in Stücke sprang. Der Dachs fiel laut aufschreiend ins Wasser und wollte sich durch Schwimmen retten. Aber der Hase war in seinem Boote schnell hinter ihm her und hieb mit dem Ruder auf ihn ein, bei jedem Schlage ausrufend: »Das ist für die ermordete alte Frau, das ist für die ermordete alte Frau!«

So schlug er solange auf den Dachs ein, bis dieser wirklich ganz tot war und von einigen großen Fischen, die gerade vorbeikamen, aufgefressen wurde.

Nun war der Hase fröhlich und guter Dinge, fuhr ans Ufer zurück und eilte zu seinem alten Freunde um ihm die Freudenbotschaft zu bringen.

»Der Dachs ist tot, der Dachs ist tot. Deine Frau ist gerächt!« rief er schon von weitem und erzählte, im Hause des alten Mannes angekommen, diesem, wie er den Dachs aufs Wasser gelockt, wie er das Boot zerschlagen und endlich den Bösewicht getötet habe, der nachher von den Fischen gefressen wurde. Da wurde der Mann, der bisher immer noch Furcht hatte, daß der Dachs auch ihm und dem Hasen ein Leid zufügen werde, wieder frohen Herzens. Er lud den Hasen ein mit an das Grab seiner Frau zu kommen.

Als beide am Grabe standen, rief der Mann, gleich als wenn seine Frau noch lebe:

»Liebe Frau! Du bist jetzt gerächt. Der Dachs, unser Widersacher ist tot, getötet von meinem Freund, dem weißen Hasen, hier neben mir. Wir können jetzt ohne Sorge sein, der Bösewicht wird uns nicht mehr schaden!«

Nachdem er dies gesagt hatte, machte er drei tiefe Verbeugungen32 und ging mit dem Hasen in das Haus zurück. Hier bereitete er diesem ein Essen, so gut er es konnte und es hatte, um seine Dankbarkeit zu beweisen.

Er lud den Hasen ein doch bei ihm zu bleiben und in seinem Hause zu wohnen, aber der Hase schlug dies dankend aus. Er sagte, er könne nicht schlafen in einem Raume, der ein Dach habe. Er könne nur schlafen im Freien unter dem Dache des Himmels.

So mußte sich der alte Mann zufrieden geben und in seinem Hause allein wohnen, aber er blieb nur wenig im Hause, den ganzen Tag ging er in den Wald und unterhielt sich mit dem Hasen; sie sprachen über alle möglichen Dinge, ihr Hauptgespräch aber bildete der Dachs, der durch seinen Neid und seine Feindschaft sich selbst ums Leben gebracht habe. War das Wetter schlecht, so besuchte der Hase den Mann im Hause und brachte ihm stets schöne Früchte mit.

So lebten beide in Ruhe und Frieden, in Eintracht und Freundschaft noch viele, viele Jahre. Wann sie gestorben sind, weiß man nicht; aber der weiße Hase hatte diese Geschichte seinen Verwandten erzählt, und diese sie wieder den ihren und so weiter bis auf den heutigen Tag, wo sie niedergeschrieben und gedruckt wurde, damit sie nie vergessen werde und sich ein Jeder erinnere, daß man sich selbst straft, wenn man mißgünstig die Freundschaft anderer stören will.

  1. In den japanischen Familien ist es noch vielfach Sitte, daß der Mann allein ißt und von seiner Frau bedient wird. Sind Kinder vorhanden, so ißt der Mann mit den Söhnen zuerst, die Frau mit den Töchtern später.
  2. Miso = Aus Bohnen, Hefe und Salz bereitete dickliche Brühe.
  3. Japanische Sitte. In Japan wird jedes Familienereignis, Geburt, Verlobung, Hochzeit, Tod etc. den Ahnen der Familie verkündet.

Schlauheit schützt nicht vor Täuschung

Schlauheit schützt nicht vor Täuschung.

Im japanischen Meere lebt ein giftiger Fisch, der den Namen Fugu33 hat. Einen solchen Fisch hatte einst ein Mann gefangen und sich zubereitet. Schließlich kamen ihm aber doch Bedenken und er warf zunächst ein Stückchen seiner Katze hin. Diese ergriff es und eilte damit davon. Der Mann lief ihr nach um zu sehen, ob es ihr etwas schade. Die Katze aber war unter einen Holzhaufen gekrochen und kam nach einem Weilchen wieder ganz munter hervor.

Nun dachte der Mann, daß die Katze das Stück Fisch ohne Schaden zu sich genommen habe. Wenn ein so schlaues Tier, wie eine Katze, einen Fisch, der für giftig gehalten wird, nicht verabscheue, sondern unbedenklich verzehre, dann könne er es auch tun; er setzte sich hin und aß mit großem Behagen das Fischgericht. Die Katze aber war wirklich ein schlaues Tier; denn auch ihr waren Bedenken gekommen und sie hatte deshalb das Stück Fisch vorläufig versteckt um erst zu sehen, ob ihr Herr vom Fische genieße. Als sie nun sah, daß er ihn mit gutem Appetit verzehrte, da lief auch sie zurück und ließ es sich schmecken. Aber die Folgen blieben nicht aus. Das Gift fing bald an zu wirken und Herr und Katze starben unter großen Qualen. So sieht man, wie sich selbst der Schlaueste manchmal täuschen läßt.

  1. Fugu, ein stachlicher Fisch zur Gattung der Tetrodon gehörig; das Fleisch dieses Fisches ist giftig und daher ungenießbar. Er wird nur gefangen um als Düngemittel verwendet zu werden.

Der bedächtige Reiher

Der bedächtige Reiher.

Ein Reiher spazierte am frühen Morgen im Teiche gravitätisch auf und ab; er hatte Hunger und suchte sich Beute. Da sah er plötzlich einen zierlichen Aal sich durch das klare Wasser schlängeln; auch ein munteres Fischlein kam herbeigeschwommen und endlich hüpfte ein Frosch auf ein großes Lotosblatt und stimmte seinen Morgengesang an.

»Hei!« dachte der Reiher, »das ist reiche Beute! Aber welchen von den dreien nehme ich zuerst?«

Nachdenkend neigte er seinen Kopf, aber während er überlegte, hatten die drei Tierlein ihren gefährlichen Feind erblickt.

Der Frosch war mit einem Satz im Wasser verschwunden; das Fischlein tauchte schnell unter und schwamm davon und der Aal verkroch sich im tiefsten Schlamm. Da stand nun der Reiher, als er sich entschieden hatte, wieder einsam, die sichere Beute war verschwunden und neue wollte sich nicht zeigen. Er steht noch heute nachdenklich im Teiche und wartet noch immer. So geht es allen zu Bedächtigen, die über dem Überlegen das Handeln vergessen.