166. Die Elben

166. Die Elben

In den Gewässern um die Nordseeküsten, um Friesland und zwischen der Elbemündung und Helgoland, erblickt man häufig schwimmende Eierschalen; in diesen fahren die Elben herum. Das sind kleine zarte Elementargeisterlein, teils guter, teils schlimmer Art. Sie wohnen im Wasser und kommen oft in Wasserbläschen über fischleeren Weihern auf die Oberfläche, hausen aber auch in kleinen Hügeln; in Brabant heißen diese Hügel Alvinnenhügel, da hat das alte Wort Alf, Elf, Elbe sich nur in Alfin, Alvinne umgewandelt. So klein der Elben Erscheinen ist, so groß ist ihre Macht, dies deutet nichts besser an als der große gewaltige Strom, an dessen Ausgang in das Meer sie wohnen, und der ihren Namen trägt, die Elbe, darin wohl einen tiefen Sinn – des Naturgeistes Mächtigkeit zugleich im Kleinsten wie im Größten – die alte mythische Weisheit in der deutschen Sprache runischen Zauber bannte. So mag einer das Rätsel aufgeben, mit einem Wort das ätherisch Leichteste und etwas recht Schweres, ins Gewicht Fallendes zu nennen. Im Worte Elfenbein ist die Lösung gegeben.

In Westflandern sagen die Leute, wenn der Wind recht pfeift und heult: Alvinna weint – und denken sich unter der Alvinna eine mythische Persönlichkeit, es ist aber eben nur die personifizierte Naturstimme, als elbisch-dämonische Macht im dunkeln Volksbewußtsein lebendig.

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167. Das heilige Land

167. Das heilige Land

Hoch aus der Nordsee Fluten hebt sich die Insel Helgoland, deren Name noch im vorigen Jahrhundert gar nicht anders als Heilgeland geschrieben wurde, insula sancta, weil sie vor grauen Zeiten ein Götterheiligtum gewesen. Schon damals mochte der Reimspruch seine Geltung haben:

Grün ist das Land,
Rot ist der Rand,
Weiß ist der Sand,
Das sind die Zeichen von Helgoland.

Als das Heidentum verschwunden war, hatten auf dieser Insel sieben ausgedehnte Kirchspiele Raum. Noch im Jahre 1530 ernährte die Insel, nachdem die Meeresflut längst des Landes größten Teil verschlungen, über zweitausend Bewohner fast ausschließlich durch den Heringsfang. Da kam es einigen Übermütigen bei, die nur geringen Fang getan, einen oder einige Heringe mit Ruten zu peitschen, da schwand auch dieser Segen hinweg, die Insel wurde immer kleiner und immer ärmer, und was vordem Tausende genährt, nährte nun nur noch Hunderte. Die Sage geht, daß das Heilgeland von alters her kein giftiges Tier auf sich dulde. Wegen der Heringe, sagen andere, sei es also gewesen, daß die Helgoländer oft nicht Tonnen und Salz genug für den reichen Segen gehabt, die Heringe seien sogar den Strand hinaufgelaufen, da habe eine alte Helgoländerin, darüber ärgerlich, einmal einen Besen genommen und sie hinuntergefegt, von dieser Zeit an seien sie ausgeblieben.

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168. Fositesland

168. Fositesland

Auf der Insel Helgoland stand zu Heidenzeiten das Heiligtum eines Gottes des Namens Fosite oder Fosete, der war ein Gott der Eintracht und des Friedens. Kein unreines Tier durfte seinem Tempel nahen, und wer des Ortes Heiligkeit verletzte, mußte den Tod erleiden. Die Apostel dieses gottheiligen Landes waren Ludger und Wilibrord. Ludger schiffte, ein Kreuz in der Hand, auf die Insel zu, und sang den sechzigsten Psalm. Da ward ein Rauch erblickt, der von der Insel aufstieg und hoch über sie sich ausbreitete und alsdann verschwand. Da sprach Ludger: Wisset, meine Brüder, daß dieser Dampf Satan selbst war, den nun der Herr von diesem Insellande vertrieben. Und betrat das Ufer freudig und predigte Jesum Christum. Er zerstörte den Tempel Fosetes und baute an seiner Stätte die erste Kirche. Als Wilibrord eines der Tiere schlachtete, welche um Fosetes Tempel weideten und für heilig und unverletzbar galten, glaubten die Bewohner, er werde alsbald sterben, da dies aber nicht geschah, so ließen sie sich taufen. Selbst die Seeräuber in späterer Zeit achteten dieses Land also heilig, daß sie nie etwas davon hinwegführten, ja den frommen Einsiedlern, die dort wohnten, reichten sie sogar einen Teil ihrer Beute. So ist auch bis auf den heutigen Tag alldort ein tiefer heiliger Brunnen, darinnen, dem Meeresstrande so nahe, doch süßes Wasser quillt. Daraus sind die heidnischen Bewohner des Landes getauft worden.

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154. Geister in Friesland

154. Geister in Friesland

Schon zu Kaiser Lothars Zeiten gab es in Friesland viele Geister und Gespenster. Eine Sorte davon wohnte in Höhlen, wie die deutschen Wichtlein. Die Männlein hießen weiße Juffers, die waren nicht eben gutartig, vielmehr recht tückeboldig, die Weiblein aber hießen weiße Frauen, die waren besser, standen Kindbetterinnen bei, leiteten Verirrte auf rechten Weg, halfen Arbeit verrichten, besonders recht mühevolle. Sie wohnten gern in Hügeln oder in Gruben, die unbesucht waren, häufig ihrer drei beisammen, auch in alten Hünenbetten. Wer nachts an diese Hügel oder in diese Gruben trat oder auf so ein altes Hünengrab sich setzte, der konnte sondere und wunderbare Dinge vernehmen und viel von alter Zeit erfahren. Es war ein Sänger im Friesenlande, der hieß Bernlef und war blind, der hat viel gesungen von des Landes erster Art und des freien Volkes der Friesen Ankunft und Ursprung, den haben die guten Geister gelehrt und die Kunden alter Zeit auf seine Lippen gelegt.

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155. Stavorens Ursprung

155. Stavorens Ursprung

Des Friesenlandes Hauptstadt ist Stavoren. Die alten Friesen hatten einen Gott, den hielten sie so groß und mächtig wie das Römervolk seinen Jupiter, den nannten sie Stavo. Da nun zu einer Zeit aus fernen Landen drei Brüder zu Schiffe an die Küste kamen, Friso, Saxo und Bruno geheißen, von vielen Gefährten begleitet, welches zur Herbsteszeit geschah, so fanden sie das Land, welches damals Sueven bewohnten, die keine festen Wohnsitze behaupteten und sich der Spätherbstüberschwemmungen wegen in höheres Land zurückgezogen hatten, von Einwohnern fast ganz entblößt, erbauten ihrem Gott Stavo einen Tempel, gründeten eine Stadt und nannten sie nach ihrem Gott Stavoren. Diese Stadt wurde bald groß und viel größer denn jetzt, und die ganze Südersee war noch bewohntes Land, von dem jetzt nur noch hie und da als kleine Insel ein geringer Rest aus den Wogen ragt. Da blieben sie nun dreizehn Jahre, und ihr Volk mehrte sich, und sie hatten nicht Raum genug, darum sprach Friso zu seinen Brüdern, es sei besser, wenn sie sich teilten und jeder von ihnen mit den Seinen ein weites Land gewänne. Da schieden die Brüder Saxo und Bruno in Frieden von Friso, welcher blieb, und Saxo lief in die Elbe ein, ließ sich an ihrem Ufer nieder und bevölkerte das Land, und sein Volk wurde nach ihm Saxen geheißen. Bruno aber machte sich seßhaft am Weserstrome und gründete dort eine Stadt, die hieß nach ihm Brunosvic, die gab hernach dem ganzen Lande ihren Namen Braunschweig. Friso aber erreichte ein sehr hohes Alter, er herrschte über Friesland achtundsechzig Jahre und hinterließ sieben Söhne und eine einzige Tochter.

Die Stadt Stavoren wurde und war vor diesem die allerberühmteste Haupt- und Residenzstadt der friesischen Könige, und war nirgends größere Handlung und Schiffahrt als in dieser Stadt, denn sie war überaus wohl gelegen und hatte einen vortrefflichen Hafen.

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156. Der Feuerpütz

156. Der Feuerpütz

Es war zu Kaiser Titus‘ Zeit, vier Jahre nach der Geburt unsers Herrn, als im heutigen Westfriesland an einem Berge, der rote Kliff genannt, ein Feuerpütz aus der Erde schoß, der drei Tage lang loderte und weberte. Am vierten Tage kam ein Drache aus der Öffnung geflogen, aus der das Feuer schoß, hob sich hoch, schwebte eine halbe Stunde lang in Lüften und tat sich dann wieder nieder und hinein, woraus er gekommen war, ward nicht wieder gesehen, und das Feuer erlosch.

Hundertundfünfzig Jahre später brach der Feuerpütz wieder auf und brannte ganz schrecklich, acht Tage lang, und flammte sehr hoch, daß allen, die daherum wohnten, bange ward; dann erlosch die Flamme. Die Einwohner fragten das Orakel ihres Abgottes Staffo, weil sie ein großes Sterben fürchteten, und der Gott sprach, von diesem Erdfeuer werde das Land nicht untergehen, eher von dem kalten Stoff, der nach Länge der Zeit ihm folgen werde.

Und aber nach etwa hundertundvierundzwanzig Jahren borst der Feuerpütz beim roten Kliff zum dritten Male aus, doch achtzehn Tritte weiter von der ersten Stelle, und flammte eilf Tage lang sehr schrecklich hoch. Da brachten die Einwohner dem Abgott Staffo Brandopfer und fragten aufs neue das Orakel. Da gebot ihnen der Gott, aus der Nordsee drei Krüge Salzwasser zu holen und diese durch einen gegen die Glut gewappneten Ritter in den Flammenschlund werfen zu lassen, da werde der inwendige Brand ausgelöscht werden. Das wurde vollbracht, und der Brand löschte aus.

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157. Der überquellende Wasserpütz

157. Der überquellende Wasserpütz

Da man südwestlich von Stavoren, eine halbe Stunde von der Stadt, einen Pütz (einen Brunnen) grub, so sprang statt süßen Wassers ein Überfluß von Salzwasser hervor, wie aus einem Springbrunnen, das quoll und quoll und drohte, Stadt und Land zu überschwemmen. Da fragten die Einwohner das Orakel ihres Gottes Staffo, und das sprach, der Pütz werde nicht aufhören überzuquellen, bis das Blut eines dreijährigen Knaben in dasselbe Wasser gesprengt und mit ihm gemengt werde. Solches geschähe eilend, da hörte der Pütz auf zu fließen, und war endlich kein Tropfen Wasser mehr in ihm zu sehen, und wo das übergequollene Wasser gestanden hatte, blieb das Land drei Jahre lang dürr und unfruchtbar, bis es allmählich wieder zu grünen begann und Früchte trug.

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158. Das Wunderkorn von Stavoren und der Frauensand

158. Das Wunderkorn von Stavoren und der Frauensand

Bei den Einwohnern der groß und reich gewordenen Stadt Stavoren ging es gerade so wie bei denen der Stadt Zevenbergen an der Südersee, sie führten ein üppiges Leben und kannten ihres Übermutes nicht Maß noch Ziel. Da war eine Zeit, in der das Korn sehr teuer wurde, und eine reiche Witwe rüstete ein Schiff aus und sandte es nach Danzig, dort Korn zu holen, und gebot dem Schiffer, ihr zugleich von dort das Köstlichste mitzubringen, was nur dort zu haben sei. Als nun das Schiff in See war, fiel das Getreide sehr schnell, und dem geizigen Weibe wurde bange, daß sie an ihrem Einkauf mächtig Schaden erleiden werde.

Da nun das Schiff aus Danzig zurückkam, ging die Witwe alsbald an Bord und fragte den Schiffer, was er ihr Köstliches mitgebracht habe nächst dem Korn, das ohnedies nichts mehr wert sei, als ins Wasser geworfen zu werden. Der Schiffer neigte sich und sprach: Vieledle Frau, den schönsten Weizen bracht‘ ich Euch mit, den je ein Menschenauge hat erschauen können. – Was, Weizen? Und nichts Besseres? rief die Frau zornig aus. Von welcher Seite nahmst du den in das Schiff? – Von der Backbordseite, entgegnete der Schiffer. – Ei so wirf ihn ins Teufels Namen von der Steuerbordseite ins Meer, und das Korn dazu! Ich befehle es! – Der Schiffer gehorchte, da brauste es in den Tiefen, und die Wellen hoben sich und teilten sich, und es wuchs ringsum vor den Hafen eine mächtige breite Düne von Sand, Hügel auf Hügel, und auf der Düne lagen Korn und Weizen und keimten und schossen auf in Ähren, die blühten auf, aber taub, und trugen nimmer Frucht. Die Witwe kehrte in die Stadt zurück, um deren Hafen sich nun die Düne zog, daß kein Schiff mehr in den Hafen einlaufen konnte, und trug den Fluch der verarmenden Stadt und starb in Kummer und Elend. Aber auf der Düne, welche bis auf den heutigen Tag der Frauensand heißt, erwächst Jahr auf Jahr das taube Korn, der Dünenhelm oder Dünenhalm genannt, und weht und wiegt sich im Winde.

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15. Winkelried und der Lindwurm

15. Winkelried und der Lindwurm

Zu Wylen, einem Dorfe nicht weit vom Pilatus, saß ein Mann, der hieß Winkelried, und in der Nähe droben am Berge hauste ein schädlicher Lindwurm, der fraß Menschen und Vieh und verödete den ganzen Landstrich, so daß ihn die Umwohner Öd-Wyler nannten. Nun hatte der Einwohner Winkelried ob einer Mordtat Leib und Leben verwirkt und war flüchtig worden, der sandte Botschaft, daß er, wenn man ihn wieder annehmen wolle, Mut habe, den Lindwurm zu bestehen. Diesen Kampf vergönnte man ihm gern, er bewahrte sich gut mit scharfem Schwert, und statt des Schildes hielt er in der linken Hand eine Dornwelle. Diese stieß er dem Drachen, sowie der auf ihn losfuhr, in den weitaufgesperrten Rachen hinein. Das waren dem Lindwurm zu viele Zahnstocher auf einmal; er wand und krümmte sich, und sowie Winkelried eine Blöße sah, stieß er ihm mit sichrer Hand das Schwert in den Leib. Der Lindwurm sank tot nieder, von seinem Blute troff Winkelnrieds Schwert, der schwang es hoch und freudig als Sieger und hatte sein Leben gewonnen, aber nur, um es alsbald zu verlieren. Denn vom Schwert ab floß das giftige Drachenblut und rann ihm über die Hand und den Arm, das brannte alsbald wie Feuer der Hölle, und der Held starb an diesem Brand. Das Land hatte er befreit, das Drachenloch wird noch heute gezeigt.

Ein andres Drachenloch zeigt man bei Burgdorf mitten im Berner Lande. Es zogen zwei Herzöge von Lenzburg aus zu jagen, die waren Brüder und hießen Sintram und Bertram, oder nach andern Guntram und Waltram, und kamen in einem wilden Wald an ein wüstes Geklüft, darin lag ein ungeheurer Drache, der ebenfalls die Landschaft umher zur Einöde machte. Als der die jungen Jäger gewahrte, fuhr er alsbald auf sie los und schlang den Bertram, den Jüngsten, mit Haut und Haar durch seinen weiten Schlund hinab, Sintram aber fiel voll Mut den Drachen an, hieb ihm den Kopf ab, schnitt ihm den Leib auf und half seinem Bruder, der noch lebendig war, heraus. Danach ließen die Brüder der heiligen Margaretha zu Ehren eine Kapelle an dem Orte erbauen und die Tat durch ein Bild verewigen.

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149. Der Geist Osschaert

149. Der Geist Osschaert

Ganz Holland ist voll Spukgeister, Kobolde und Tückebolde; die stillen Flächen, die weiten Ebenen, die tiefen Gewässer – das flüsternde Röhricht, das murmelnde Wellenrauschen – aus allen brechen und sprechen die Stimmen der Natur geheimnisvoll, und des Volkes eigner Sinn gibt sich dem geisterhaften Geheimnis gern gefangen.

Im Wanslande geht ein Geist um, der Osschaert heißt, der treibt viel mannigfaltigen Spuk, guten und schlimmen, recht nach Koboldnatur. Er teilt alle Eigenschaften des Kludde, des Lodder und des langen Wapper, macht sich groß, macht sich klein, macht sich sichtbar, macht sich unsichtbar, wandelt in Tiere sich um, wirft Trunkenbolde zur Abkühlung ihrer Saufhitze in manch ein kaltes Bad, äfft als Esel die menschlichen Esel, legt sich den Bezechten auf den Rücken, daß sie ihn huckepack tragen müssen, wie die Vollzapfen im thüringischen Städtchen Ruhla ihren Bieresel, so daß sie, wenn sie es schon satt haben, es noch satter kriegen, und dabei lacht er auch so herzlich, so laut und so wunderschön, wie nur immer ein Esel lachen kann; noch lieber aber kommt er vom Esel aufs Pferd als vom Pferd auf den Esel, wie so viele Gute zu kommen pflegen. Des Osschaerts Natur ist echt holländisch-amphibisch, er ist, gleich seinen gespenstischen Kumpanen, die oben genannt wurden, zu Land und zu Wasser heimisch; er handhabt Wasser und Land ganz nach seinem Belieben. Eines Tages ging ein alter Gärtner vom Dorfe zur nahen Stadt. Es war noch früh am Tage, aber dunkel, denn es war Winterzeit. Da sah er ein greulich Ding auf sich loskommen und simulierte aus, das möge wohl gar der Osschaert sein, wich ihm aus – sprang etwas hastig neben den Weg auf eine Wiese. Das Ding sah ihm nach und verschwand. Wie der Gärtner von der Wiese wieder auf die Heerstraße lenken wollte, fand er sich abgeschnitten und zwischen lauter Wassergräben, die in Holland das Allerhäufigste sind, was dort zu finden. Nun hatte aber der gute Mann Eile und war ihm gar nicht einerlei, daß er zwischen den Kanälen von einem zum andern irrte und doch über keinen hinwegkommen konnte, denn sie waren alle zu breit, und wie tief sie waren, das konnte man so eigentlich nicht wissen, gerade wie jener gute Schulrat bei einer Schulmeisteramtskandidatenprüfung sagte, als er die Frage nach der Höhe des Berges Sinai zur Beantwortung ausstellte und neben denen, die sie nicht beantworten konnten, er sie selbst auch nicht beantworten konnte: Man kann es so eigentlich nicht wissen. Da wurde dem alten Gärtner das Ding zu bunt, und er tat den Mund auf und tat einen Fluch, daß der Schnee sich erschrak, der auf den Baumästen lag, und herunterfiel. Da plumpste ihm aber gleich eine schwere Last auf den Rücken und spornte ihn, wie ein Reiter sein Roß, nach dem breitesten der Gräben hin und trieb ihn hinein, nolens volens, da half kein Zittern vor dem Froste. Und siehe als der Mann in den breiten Graben trabte, da machte er keinen Schuh naß, denn der Graben war gar kein Graben, sondern die salztrockne Heerstraße, aber seinen Aufhuck, o den behielt er und mußt‘ ihn noch eine gute Viertelstunde tragen und Lastgaul, wo nicht -esel sein, bis ihm eine Bäuerin begegnete, die eine Kiepe (Tragkorb) von Weidengeflecht trug, da hopste der Osschaert hinein, und jenem ward es leicht, der Frau aber schwer; sie wußte gar nicht, was sie auf einmal so Schweres trug, und stand und nahm den Korb ab und giekte hinein. Da flog ihr eine Fledermaus ins Gesicht aus dem Korbe, und sie tat einen Schrei, und die Fledermaus wurde so groß wie ein Mondkalb und lachte, daß es durch Mark und Bein drang.

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