222. Sankt Nikolaus in Greifswald

222. Sankt Nikolaus in Greifswald

Zu Greifswalde hat in einer der Kirchen daselbst ein hölzern Bildnis des heiligen Nikolaus gestanden. In diese Kirche brach nächtlicherweile ein Dieb ein, wollte den Gotteskasten erbrechen und das darin befindliche Geld enttragen. Da erhob St. Nikolaus Bild drohend den Arm gegen den Dieb. Der aber war unerschrocken und sprach: Lieber Herr Sankt Nikolaus, ist das Geld im Kasten dein oder ist es mein? Weißt du was? Wir wollen darum laufen, wer zuerst an den Kasten kommt, dem soll das Geld sein. Und lief also stracklich durch das lange Schiff der Kirche dem Chore zu, aber siehe da, das Bild lief auch und stand am Kasten, als der Dieb hinzukam. Ei, Sankt Nikolaus! rief der Dieb, du könntest fürwahr beim Herzog oder Markgrafen Laufer werden, du hast gewonnen, aber was in aller Welt nützt dir das Geld? Wäre ich, wie du, von Holz und hätte nimmer Durst noch Hunger, wollt ich keines Geldes begehren! Darum habe ein Einsehen und ein Nachsehen und gönne mir das Geldlein. – Damit brach er den Gotteskasten auf, nahm kecklich das Geld und trug es von dannen.

Aber bald darauf starb dieser Dieb und wurde ehrlich begraben, denn niemand wußte, daß er ein Kirchenräuber war. Da sind die Teufel aus der Hölle heraufgestiegen, haben seinen Leib aus dem Grabe geholt und ihn bei den beraubten Gotteskasten niedergeworfen, darauf aber ihn draußen vor der Stadt an die Flügel einer Windmühle gehenkt. Von diesem Augenblicke an drehten die Flügel dieser Windmühle sich links und liefen links herum, solange sie stand, zum Wahrzeichen des Unrechts und des Unrechten.

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223. Vineta

223. Vineta

Bei der Insel Usedom ist eine Stelle im Meere, eine halbe Meile von der Stadt gleichen Namens, da ist eine große, reiche und schöne Stadt versunken, die hieß Vineta. Sie war ihrer Zeit eine der größesten Städte Europas, der Mittelpunkt des Welthandels zwischen den germanischen Völkern des Südens und Westens und den slavischen Völkern des Ostens. Überaus großer Reichtum herrschte allda. Die Stadttore waren von Erz und reich an kunstvoller Bildnerei, alles gemeine Geschirr war von Silber, alles Tischgeräte von Gold. Endlich aber zerstörte bürgerliche Uneinigkeit und der Einwohner ungezügeltes Leben die Blüte der Stadt Vineta, welche an Pracht und Glanz und der Lage nach das Venedig des Norden war. Das Meer erhob sich, und die Stadt versank. Bei Meeresstille sehen die Schiffer tief unten im Grunde noch die Gassen, die Häuser eines Teiles der Stadt in schönster Ordnung, und der Rest Vinetas, der hier sich zeigt, ist immer noch so groß als die Stadt Lübeck. Die Sage geht, daß Vineta drei Monate, drei Wochen und drei Tage vor seinem Untergang gewafelt habe, da sei es als ein Luftgebilde erschienen mit allen Türmen und Palästen und Mauern, und kundige Alte haben die Einwohner gewarnt, die Stadt zu verlassen, denn wenn Städte, Schiffe oder Menschen wafeln und sich doppelt sehen lassen, so bedeute das vorspukend sichern Untergang oder das Ende voraus – jene Alten seien aber verlacht worden.

An Sonntagen bei recht stiller See hört man noch über Vineta die Glocken aus der Meerestiefe heraufklingen mit einem trauervoll summenden Ton.

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224. Weh über Pommerland!

224. Weh über Pommerland!

Es war im Jahre 1624, da ward in Lüften eine seltsame Stimme gehört, die rief: Weh! weh über Pommerland. Weissagende Vögel erschienen, schneeweiß von Farbe, nicht größer wie Schwalben, und wurden von mehreren Leuten gesehen und gehört. So vernahm eines Leinewebers Frau auf dem Wege von Kolbetz nach Selov eine warnende Vogelstimme. Und das Weh über Pommerland hat nicht auf sich warten lassen, der bereits damals entbrannte Dreißigjährige Krieg brachte des Wehs genug und mehr als zuviel. Mit hunderttausend Mann zog Wallenstein nach Stralsund und schwur, er wolle und müsse diese Stadt und Festung gewinnen, und wenn sie mit Ketten an den Himmel geschlossen wäre. Und obschon er sie damals nicht gewann, so ward doch das Land ringsumher verderbt in Grund und Boden, und späterhin, im Jahre 1678, wurde Stralsund in einem andern Kriege innerhalb achtzehn Stunden durch Bomben entzündet, eingeäschert und erobert.

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225. Julin

225. Julin

Da, wo heute Wollin, die Stadt am breiten Dievenowstrome, liegt, der das Große Haff mit der Ostsee verbindet, hat vorzeiten auch gar eine große, geld- und volkreiche Stadt gelegen, die hieß Julin. Sie hob sich absonderlich zur Blüte nach dem Untergange der Stadt Vineta, und aller Handel zog sich nach ihr. Julin führte Kriege auf eigne Hand mit dem Dänenkönige Suen Otto, der mächtig war, und dreimal machten die Krieger Julins diesen König zum Gefangenen. Das erstemal mußte er so viel Silber zu seiner Lösung geben, als er schwer war, das Geld gab die königliche Kammer her. Das zweitemal mußte der König so viel Silbers zur Lösung geben, als er in seiner schweren Rüstung wog. Da hatte die Kammer kein Geld mehr, und es mußten königliche Krongüter verkauft und verpfändet werden. Da sich aber der König Suen Otto zum drittenmal unterfing, gegen Julin zu streiten, und zum drittenmal Gefangener wurde, da verlangten die zu Julin eine schwerere Lösung, nämlich des Königs Schwere in Gold. Da war nun guter Rat teuer, denn die Kammer hatte kein Geld, und die Krongüter lagen in Pfandschaft. Da haben alle begüterten Frauen Dänemarks ihren reichen Goldschmuck zusammengetan, und er hat hingereicht, den König zu lösen, dafür zum Danke gab König Suen Otto ein Gesetz, daß jede Frau Erbrecht haben solle auf ein Dritteil des Nachlasses ihres Gatten ohne Gefährde, da früher ihnen nur gar ein geringer Teil vergönnt war.

Als die Stadt Julin vom heidnischen Glauben zum christlichen Glauben übertrat, meldeten sich bei dem Bischof Otto auf einmal zweiundzwanzigtausend Einwohner zur Taufe an. Hernachmals aber ist das Volk von Julin wieder gottlos geworden, hat Christum verleugnet und ist in die heidnischen Greuel zurückgefallen, hat einen alten Götzen wieder hervorgesucht und ihm Feste gefeiert. Da hat Gott der Herr sich erzürnt und Feuer niederregnen lassen, wie auf Sodom und Gomorrha, und Julin von Grund aus verbrannt und nicht gelitten, daß sich durch neuen Bau die Stadt wieder erhole und aufrichte. Endlich kam auch noch im Jahre 1170 der Dänenkönig Waldemar durch die Dievenow mit einer großen Flotte, plünderte den Rest der Stadt und verbrannte, was von ihr wieder neu gebaut war, abermals. Da ward Julin verlassen, und seine Stätte blieb auf immer öde, und die wenigen Flüchtigen, die dem Verderben entrannen, erbauten die Stadt Wollin in der Nähe des alten Julin, die es nie zu hohem Flor hat bringen können. – Noch eine blühende Stadt, welche Julins Schicksal ein Jahrhundert früher teilte, war Jomsburg. Es war rund um einen schönen Binnensee gebaut, ganz nahe dem Jaminschen See, jener ist jetzt ein Sumpf und heißt die Müsse.

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217. Die Wassermuhme

217. Die Wassermuhme

Bei Slate ohnweit Parchim an der Elde fließt ein tiefer Bach, der nahebei in die Elde fällt. Eines Abends erging sich der Prediger des Dorfes am Wasser entlang unter den hohen Eichen. Die Sonne war untergegangen, und die Dämmerung brach herein, da rauschte es im Wasser, und eine dumpfe Stimme ward hörbar, die sprach: Die Stunde ist da, aber der Knabe noch nicht. Dieses Wort aus dem Wasser machte den Geistlichen bedenklich, er gab seinen Spaziergang auf und ging nach dem nahen Dorfe zu. Da lief ihm ein hübscher Knabe entgegen. Der Pastor rief ihn an: Wohin, mein Sohn, wohin so eilend? – Zum Bache! rief der Knabe dreist. Ich will Muscheln dort suchen und bunte Steine! – Gehe nicht, mein Knabe! sprach der Geistliche. Laufe lieber zu mir in das Haus und hole mir meine Bibel. Du sollst auch einen Schilling haben. Der Knabe lief hin und holte die Bibel und brachte sie und wollte dann schnell nach dem Wasser eilen, da sie aber jetzt im Dorfe und in des Kruges Nähe waren, sprach der Pastor: Verziehe noch, Knabe, du sollst auch einmal trinken. Und heischte Bier im Krug für den Knaben, und der Knabe trank. Da scholl ein Schrei und ein Rauschen vom Wasser her, und der Knabe sank tot nieder. Die Stunde war da und der Knabe auch.

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218. Der Gast des Pfingsttänzers

218. Der Gast des Pfingsttänzers

Zu Kessin war lustiger Pfingstreigen, das Pfingstbier war gut und die Freude groß. Ein munterer Bauernknecht war unter den Tänzern, der war von einem entfernten Dorfe hergekommen und tat das beste mit. Als aber Mitternacht herzukam, mochte er nicht länger bleiben, obschon die Tänzer ihn dazu nötigten und die Dirnen sich merken ließen, daß sein Weggang ihnen nicht lieb sei, aber er ging. Stockdunkel war es auf des Knechtes Pfad, aber dieser hatte nicht zu viel getrunken und schritt sicher fürbaß, dann tat sich der Himmel flammend auf und machte alles in weite Ferne taghell, und ein schwerer Donnerschlag rollte, und dann war es wieder tiefdunkel, aber der Bursche fürchtete sich nicht, sondern ging gottgetrost seinen Weg. Auf einmal hallt es neben ihm wie Tritte, und im Dunkel der Sommernacht sieht er, daß ein langer Mann neben ihm wandert. Der lange Mann grüßt ihn nicht, und der Knecht grüßt nicht den langen Mann, denn viel Grüßens ist im Mecklenburger Lande nicht Sitte. Jetzt kamen die stillen Wanderer an einen schmalen Steg, da fing der lange Mann an zu reden und fragte: Wie willst du da hinüberkommen? – Der Nase nach! Ist’s deine Sorge? antwortete der Knecht mit landüblicher Derbheit und schritt über den Steg. Der Lange folgte ihm. Nach einer Weile kamen sie an ein umzäunt Gehöft. Wie willst du da hinüberkommen? fragte wieder der Fremde. – Geht dich das an? fragte der Knecht zurück. Ohne deine Hülfe! und stieg über den Zaun. Da kletterte der Lange auch über den Pfahlzaun. Jetzt ging der Knecht an das Haus, das war verschlossen. Wie willst du da hineinkommen? fragte der lange Mann. Du wirst mir doch nicht aufschließen! antwortete der Knecht, klopfte ans Fenster, und da war eine alte Frau im Stübchen, die erhob sich, schlug Licht und trippelte zur Türe und schloß auf. Das war des Burschen Mutter, die hieß ihn willkommen. Der Fremde trat uneingeladen mit in das Haus und in die Stube, und da sagte der Bursche: Ach Mutter, da ist auch ein fremder Mann, dem ist nicht wohl zumute, geht doch hin zum Herrn Nachbar, dem Pastor, er möchte kommen und den fremden Herrn aus Gottes Wort trösten. Da schauerte es dem Langen durch alle Gebeine, und hörte auf, lang zu sein; er kroch in sich zusammen und wurde klein und immer kleiner, und endlich kroch er unten durch die Türspalte wie ein Mäuslein und war dagewesen. Und der Knecht und seine Mutter freuten sich und dankten Gott, daß sie den schlimmen Gast los waren.

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21. Die Teufelsbrücke

21. Die Teufelsbrücke

Vom Multhorn, nicht allzufern von St. Gotthard, stürzt sich mit raschem Rollen und unbändigen Sprüngen ein wildes Bergwasser, die Reuß. Ein Alpenhirte liebte eine Sennerin, die er zum öftern besuchte, aber er hatte oft mit dem wilden Fluß seine Not, hinüberzukommen, und mußte doch hinüber und auch wieder herüber zu seiner Hütte und Herde. Als nun einstmals die Reuß recht angeschwollen war und wilder als jemals über die Felsen herabstürzte, da sah der Hirte keine Möglichkeit, hinüber und zu seiner Geliebten zu gelangen, und rief aus: Ei, so wollt‘ ich, daß der Teufel käme und baute eine Brücke über dich verfluchtiges Wasser. – Und da kam der Teufel gleich hinter einem Felsklumpen hervor und sagte: He! was gibest mir, wenn ich dir die Brücke baue? – He! was soll ich dir geben? fragte der Hirte. – Die erste lebendige Seele, die darüber geht, sagte der Teufel und dachte, es werde niemand schneller sein als der Hirte, hinüberzukommen. Ich bin’s zufrieden, sagte der Hirt, und: Topp schlag ein! sagte der Teufel, und der Bub schlug ein. Jetzt baute der Teufel mit Hülfe aller seiner höllischen Geister die Brücke in ganz kurzer Frist, und als sie fertig war, setzte er sich hin und lauerte. Wer aber nicht darüberging, war der Hirtenbub, er jagte vom Gotthardgebirg unterm Hospital eine Gemse auf und trieb sie abwärts, immer der Reuß zu, bis an die Brücke, und da setzte sie flink hinüber. Der Teufel fuhr zu, wurde teufelswild über solches Wild und zerriß die Gemse in Stücken, nachdem er sie hoch in die Luft hinaufgetragen hatte. Nun ging der Hirte ungehindert, sooft er wollte, über die Brücke herüber und hinüber, doch soll es an derselben, die auf ewige Zeiten die Teufelsbrücke heißt, nicht recht geheuer sein, und es geht auch die Sage, der Teufel reiße alle Jahre ein Stück ein, daß immerdar daran gebaut werden müsse.

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209. Der Wald kommt

209. Der Wald kommt

Vor alten Zeiten lag die Stadt Lübeck mit den Bewohnern der Insel Rügen im Krieg, die noch heidnisch waren und einen Tribut heischten für ihren Abgott. Sotanen Tribut haben aber die von Lübeck nicht zahlen wollen, und da sind ihnen die Rügier vor die Stadt gerückt und haben sie einzubekommen gesucht. Damit aber ihre Zahl nicht gleich erblickt werde, haben sie im Lauerholz Büsche und kleine Bäume gefällt, und diese haben die Kriegsleute vor sich her gehalten und sind so gegen die Stadt herangezogen, so daß die Turmwächter schrien: Der Wald kommt, der Wald kommt! Das Lauerholz rückt gegen die Stadt heran! Am Hochgericht machten die Rügier halt und warfen einen tiefen Graben auf und verschanzten sich und fügten den Bürgern viel Schlimmes zu. Darauf wurde ein starker Ausfall beschlossen, und es fand ein ernstes Schlagen statt, aber da die Nachricht in die Stadt kam, es stehe um die Bürger nicht zum besten und sie würden wohl zurückgedrängt werden, da erhoben sich die Frauen, bewaffneten sich mit dem, was sie fanden, drangen in die St. Jakobskirche, nahmen dort eine Fahne und stürmten zur Stadt hinaus, und als die Bürger dieses neue Heer anrücken sahen, wuchs ihnen der Mut, den Rügiern aber entfiel er, und sie wurden also geschlagen, daß sie das Feld räumten und das Lager, und daß unermeßliche Beute und selbst ihr Abgott in die Hände der Lübecker fiel. Darauf sind sie nimmer wiedergekommen. Die Sage vom kommenden Wald begegnet da und dort in stets verschiedener Färbung.

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210. Der Herthasee

210. Der Herthasee

Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Norden und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See; im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude die Fülle und eitel Friedensfest; niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düstern See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzähle, was er geschaut. Die Sage geht, daß die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde.

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211. Pape Dönes Glockenspiel

211. Pape Dönes Glockenspiel

Wie der Stürzebecher und seine Raub- und Mordgesellen auf Jasmund ihre geheimen Schlupfwinkel hatten, so saß ein ähnlicher Kumpan in einem unwegsamen Walde bei Ratzeburg, nur daß dieser kein Seeräuber war, sondern ein Landräuber, der hieß Pape Döne und war von unermeßlicher Stärke, die er sich durch ein Teufelsbündnis verschafft hatte. Er durchstreifte die Fluren als Bettler, fiel über die Reisenden her, überwältigte auch den stärksten Mann und schleppte ihn und all sein Gut nach seiner verborgenen Höhle und Mordgrube. Dort schnitt er seinen Ermordeten die Hirnschalen ab, zog die Haut davon, trocknete und bleichte erstere und hing sie an einer Schnur zwischen Bäumen auf, dann schlug er mit seinem Stecken daran und lauschte, welchen Klang oder Ton die Hirnschale von sich gab, und fand, daß nie einer klang wie der andere, und wie jeder Mensch seinen eignen Kopf hat, so ist auch der Klang seines Gehirndeckels vom andern verschieden, woraus leichtlich zu erklären, warum so viele Menschen so unharmonisch miteinander leben, weil eben ihre Hirnschalentöne nicht zusammenpassen. Von dieser Erfindung, welche Pape Döne sein Glockenspiel nannte, soll er auch, indem er Töne suchte, den Beinamen Döne erhalten haben. Wenn nun der musikalische Mann, der Urerfinder der Schädellehre, gleich wie auf einer Strohfiedel auf den Hirnschalen sich hören ließ, so machte er sich das Vergnügen, diese zu gleicher Zeit auch tanzen zu lassen, und dazu sang er wohlgemut eine spöttische Tanzweise:

So danzet, so danzet, min levesten Söne,
Dat Danzen, dat maket ju Vater Pape Döne.

Diesen verruchten Musikanten soll endlich der Teufel niedergeworfen haben, willens, mit seiner Seele an einen Ort zu fahren, wo Tanz und Spiel ein Ende haben, aber Pape Döne wollte nicht und versprach dem Teufel sieben Seelen statt seiner armen einzigen, wenn er ihm noch Frist gönne, und der Teufel war auch so dumm, sich im Netz der Arglist Pape Dönes fangen zu lassen. Kaum war der Teufel fort, so ging Pape Döne nach Lübeck, suchte einen Mönch auf und beichtete ihm seine Sünden, indem er herzlich bat, jener möge ihn gegen den Teufel in Schutz nehmen. Der Mönch versprach dies, wenn Pape Döne alle seine Untaten bekennen, alle ernstlich bereuen und dafür der strafenden Gerechtigkeit sein Leben zur Sühne bringen wolle. Pape Döne war von der letzten Bedingung nichts weniger als erbaut, aber es galt seine Seele zu retten. Da nun der Teufel nach einer Zeitlang kam und nach den sieben Seelen Erkundigung einziehen wollte, war Pape Döne fromm geworden, herzte und küßte ein Kruzifix und hielt es dem Teufel hin, er sollte es auch küssen. So etwas war dem Teufel noch nicht vorgekommen, er pfauchte Feuer und ließ Gestank fahren und fuhr ab, lauerte aber, als am andern Tage Pape Döne zum Galgen geführt wurde, um an selbigem als bußfertiger Sünder zu sterben, auf Pape Dönes Seele. Wie ward aber dem Teufel, als er zwei Engel sah, welche der fromme Mönch aus dem Himmel herabgebetet, und welche die Seele ganz frisch, wie sie aus dem Körper fuhr, in Empfang nahmen und mit in den Himmel! Darüber ärgerte sich der Teufel so sehr, daß er schwarz wurde. Seitdem ist der Teufel schwarz.

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