284. Köterberg

284. Köterberg

Der Köterberg an der Landscheide des paderbornschen, corveyschen und lippeschen Gebietes mag wohl ehedem Götterberg geheißen haben. Viel erzählt von ihm die Sage; daß er innen voll Schätze sei, daß an seinem südlichen bewaldeten Fuße eine Harzburg gestanden habe, deren Reste noch zu sehen, und bei Zierenburg, zwei Stunden von ihr, eine Hünenburg. Öfters haben die Hünen, die auf diesen Burgen wohnten, mit Hämmern herüber- und hinübergeworfen.

Einem Schäfer, der auf dem Köterberge seine Herde hütete, erschien eine reizende Jungfrau in königlicher Tracht, die trug in ihrer Hand die Springwurz, bot sie dem Schäfer dar und sagte: Folge mir! Da folgte ihr der Schäfer, und sie führte ihn durch eine Höhle in den Köterberg hinein, bis am Ende eines tiefen Ganges eine eiserne Türe das Weitergehen hemmte. Halte die Springwurz an das Schloß! gebot die Jungfrau, und wie der Schäfer gehorchte, sprang die Pforte krachend auf. Nun wandelten sie weiter, tief, tief in den Bergesschoß hinein, wohl bis in des Berges Mitte. Da saßen an einem Tische zwei Jungfrauen und spannen, und unterm Tische lag der Teufel, aber angekettet. Ringsum standen in Körben Gold und Edelsteine. Nimm dir, aber vergiß das Beste nicht! sprach die Jungfrau zum Schäfer; da legte dieser die Springwurz auf den Tisch, füllte sich die Taschen und ging. Die Springwurz aber ließ er auf dem Tische liegen. Wie er durch das Tor trat, schlug die Türe mit Schallen hinter ihm zu und schlug ihn hart an die Ferse. Mit Mühe entkroch der Schäfer der Höhle und freute sich am Tageslichte des gewonnenen Schatzes. Als er diesen überzählte, gedachte er sich den Weg wohl zu merken, um nach Gelegenheit noch mehr zu holen, allein wie er sich umsah, konnte er nirgend den Ein- oder Ausgang entdecken, durch den er gekommen war. Er hatte das Beste, nämlich das beste Stück zur Wiederkehr, die Springwurz, vergessen.

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285. Deesenberg

285. Deesenberg

Gleich dem Köterberge ist auch der Deesenberg weit berufen, daß in ihm viele Schätze verborgen liegen und mancher in das Innere Geführte das Beste vergessen habe. Die Burg auf dem Deesenberge soll, wie manche behaupteten, Karl der Große erbaut und allda seinen Sitz gehabt haben in den Kriegen gegen die Sachsen, habe sich auch mit feinem Hoflager hinabgebannt in den Bergesschoß, wo er gleich dem Barbarossa an einem Steintisch sitzt, durch den sein langer Bart gewachsen ist, und daraus er einst wieder hervorgehen werde und sein großes zerfallenes Reich wiederherstellen. Hirten und Schäfer haben den alten Kaiser vordem zuzeiten sitzen sehen, und solche, die ihm Lieder vorpfiffen, sind beschenkt worden. Ein Bäcker aus dem nahen Warburg, der dem alten Kaiser Weißbrot brachte, empfing reiche Begabung. Sonst ist der Stadt Warburg vom Deesenberge aus mehr Drangsal als Begabung widerfahren. Andere Kunden berichten, daß schon vor Karl dem Großen auf dem Deesenberg eine Bergfeste der alten Sachsen stand, und manche behaupteten dann, der Deesenberg sei das alte Dispargum, darum einst so viel unnützen Gelehrtenstreites war, recht wie um des Kaisers Bart, weil alle die uralten befestigten götterheiligen Burgstätten in frühester Heidenzeit Dispargen hießen, da blieb denn an einer und der andern der frühere Klang des Namens haften, und so mag wohl auch auf dem Deesenberge eine Disparge gestanden haben. Da nun Karl der Große die alten Burgen in jenem Lande alle gewann, Iburg und Syburg, Ehresburg und Bransberg und Bukke und andere, so befestigte er die starke Burg noch mehr und setzte einen seiner Treuen des Namens Konrad Speegel als Burgmann darauf, von dem stammt das berühmte Geschlecht der Spiegel vom Deesenberge ab. In spätern Zeiten wurde die Burg den Bischöfen von Paderborn und den Abten von Corvey ein Dorn im Auge, denn die Besitzer plagten die Umgegend, insonderheit Städte und Stifter, weidlich, und ward oft heftig um den Deesenberg gestritten, die Burg erobert, zerstört und wieder aufgebaut, bis das zahlreich vermehrte Geschlecht ihrer Besitzer am Bergesfuß vier neue Stammsitze baute und die alte Stammburg verließ.

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286. Graf Erpo von Padberg

286. Graf Erpo von Padberg

Auf der Burg Bukke, später Bocke, die auch aus den alten heidnischen Sachsenzeiten herstammte, saß ein Graf von Padberg und Flechtorp, der war von wilder und jäher Gemütsart und schonte nichts, wenn erst sein Zorn gereizt war. So hatten sich einmal die Einwohner des Dorfes Horhusen, das jetzt nicht mehr vorhanden, gegen den Grafen aufgelehnt, und er brach alsbald auf, das Strafamt zu üben, alles zu ermorden und den Ort niederzubrennen, denn in jener Zeit parlamentierten die Herren nicht erst ein langes und breites mit dem Aufruhr. Da nun die Rache ihren Anfang nahm und die ersten Häuser bereits brannten, so liefen einige Einwohner voll Schreck und Entsetzen in die Kirche zum heiligen Märtyrer Magnus, rissen das Kruzifix vom Altar und trugen es dem Wüterich entgegen, beim Bilde des Gekreuzigten um Schonung und Gnade flehend. Graf Erpo aber wollte nichts davon wissen, er schlug mit seinem Schwert auf das Bildnis unsers Erlösers, daß die Dornenkrone gleich in Stücke zersprang und zur Erde fiel. Aber im selben Augenblicke durchzuckte des Grafen Hand ein jäher Schmerz, das Schwert entfiel ihr, und die Finger verkrümmten. Da erkannte der Graf die strafende Hand Gottes, ließ ab von Ausübung seiner Rache, begabte die Kirche des heiligen Magnus, erbaute ein Kloster zu Flechtorp und brachte in dasselbe die Gebeine des heiligen Landelin, die früher in Bocke verwahrt waren, und die Bischof Badured im Jahre des Herrn 836 aus Cambray erhalten und der Pfarrkirche des alten Ortes Bukke geschenkt hatte. Graf Erpo starb ohne Erben, und all sein Gut fiel dem Kloster Flechtorp zu.

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287. Die dreieckte Wevelsburg

287. Die dreieckte Wevelsburg

Hoch überm Almetale unterhalb Paderborn erhebt sich auf einem steilen Felsenberge die Trümmer der alten Wevelsburg über dem gleichnamigen Dorfe. Ein Ritter Wevelo von Büren soll ihr den Namen verliehen haben, da er ein Jagdhaus auf der Stätte einer viel ältern Burg sich erbaute, die schon der heilige Mainolf, ein Sachse von Geburt, dessen Taufpate Karl der Große in eigner Person gewesen, besaß und bewohnte. Aus dem Jagdhaus Wevelos ward aber später wieder ein fester Burgsitz, und als solcher umfing die Burg als ein Gefängnis den heiligen Norbert, allwo dieser fromme Mann in einem tiefen Burgverlies schmachtete, das noch bis heute gezeigt und das Norbertsloch genannt wird. Damals besaß Friedrich Graf von Arensberg die Feste, er war es, der Norbert so hart gefangen hielt. Allen Vorstellungen, Norbert freizugeben, widerstand der Arensberger auf das hartnäckigste und verschwur sich hoch und teuer bei einem Mahle, das auf der Burg gehalten wurde. Da geschähe aber etwas sehr Unerwartetes und gar Schreckliches vor den Augen aller Gäste, denn plötzlich schrie Friedrich von Arensberg: Helft, helft! Ich erplatze! – und da erplatzte er auch alsbald, und seine Gedärme fielen ihm aus dem Leibe heraus auf die Erde. Darauf wurde Norbert sogleich freigegeben.

Die Wevelsburg ist in eines Dreieckes Form erbaut; sie wurde noch mancher Fehde und manches Kampfes Ursache. Von den Arensbergern kam sie an die Grafen von Waldeck, dann an andere Besitzer und zuletzt an das Hochstift Paderborn. Fürstbischof Dieterich erbaute ein neues, schönes Schloß auf der Wevelsburg altem Grund; das kostete ohne die Frondienste und Fuhren sechsunddreißigtausend Taler, aber die Schweden unter Krusemark verwüsteten es vierzig Jahre nachher auf die greulichste Weise. In dem alten vergessenen Ritterroman Kuno von Kyburg ist der Wevelsburg auch eine Rolle zu spielen vergönnt worden, und nicht unanziehend ist, was sich zu damaliger Zeit, als Kuno von Kyburg durch die Leserkreise spuken ging, auf ihr begab. Ein reicher Lord in England besaß eine im Dreieck erbaute Burg, und diese Seltsamkeit dünkte den Seltsamkeiten liebenden Sohne Albions ein unschätzbares Besitztum. Er meinte, sagte und glaubte, eine dreieckige Burg sei in der ganzen Welt nicht mehr zu finden als nur einzig und allein in England, und auch da nur einzig und allein in **shire, und die sei die seine, des Lords. Da führte das Mißgeschick dem Lord einen Emigranten aus Frankreich zu, der hatte sich in der Welt umgesehen, war auch in Deutschland, in Westfalen und auf der Wevelsburg gewesen, und da nun der Lord so hoch Rühmens machte von seiner dreieckten Burg, so sagte der Emigrant, solcher Burgen gebe es mehr, in Deutschland wisse er auch eine. Das wollte der Lord nimmermehr glauben, nein, dreieckte Burgen könne es nicht weiter geben, der Franzose solle mit auf die Reise, diese Burg müsse der Lord sehen, sagte er, und alle Kosten wolle er tragen und verlange nichts weiter, als daß der Franzose beschämt eingestehen solle, nur der Lord besitze eine dreieckte Burg.

Da haben sich die beiden Herren miteinander auf die Reise gemacht und sind Tag und Nacht gereist, über den Kanal und nach Amsterdam, durch Holland und durch das schöne Land Ober-Yssel, nach Westfalen herein, nach Münster und Telgte, über Warendorf nach Rheda und Wiedenbrück, durch Rietberg über das Lauer Bruch, bis sie dahin gekommen sind, wo die Lippe und die Alme sich einen, und endlich sind sie auch auf die Wevelsburg gekommen. Und da hat sich der Lord die Burg recht genau angesehen, und dann hat er gesagt, es sei leider wahr, er sei nicht allein ein dreieckter Burgbesitzer, und ist nach Hause gereist voller Zorn und hat seine Burg abbrechen lassen und sich eine neue vieleckte gebaut, weil er nicht mehr haben sollte eine dreieckte Burg allein.

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288. Der Glockenguß zu Attendorn

288. Der Glockenguß zu Attendorn

Eine Witwe, welche zu Attendorn im Lande Westfalen lebte, hatte einen einzigen Sohn, und der ging in die Fremde nach Holland, wo er treu und fleißig arbeitete, die Mutter unterstützte und auch für sich etwas zurücklegte, was er aber alles nach Hause zur Mutter sandte, es ihm aufzubewahren. Da kam eines Tages mit anderen Sachen eine kleine schwarze, aber sehr schwere Metallplatte, welches Erz die Frau, die einen kleinen Laden hielt, unter die Bank stellte, da sie nicht recht wußte, wo sie es aufbewahren sollte, seiner auch nicht hoch achtete. Nun traf es sich, daß die zu Attendorn wollten eine neue Glocke gießen lassen, und da gingen Männer aus der Gemeinde von Haus zu Haus und erbaten altes Metall, Erz, Messing, Kupfer, Zinn, alles, was gut war zur Glockenspeise von zerbrochenen oder abgängigen Geschirren und Hausgeräten, und da die Witwe gerade nichts Entbehrliches von solcher Art hatte, so fiel ihr die alte schwarze Erzplatte ihres Sohnes ein, und sie gab diese den Männern hin. Der Glockengießer reisete bald darauf nach Arensberg, wo er auch Arbeit hatte, indes bereitete sein Geselle zu Attendorn alles zum Guß vor bis zu des Meisters bestimmter Ankunft, formte die Glocke und brachte einstweilen alles Erz in Fluß. Siehe, da blieb der Meister, durch andere Arbeit verhindert, aus, und der Geselle konnte nicht anders als den Guß vollenden, auch war er seiner Sache gewiß. Und das Werk gelang ganz vortrefflich, und als nun die Glocke geläutet wurde, hatte sie einen überaus herrlichen Klang, so daß alles, und sein Werk am meisten, den Meister lobte, obgleich selber Meister nur noch ein Geselle war. Heitern Sinnes gedachte dieser nun nach Arensberg zu reisen, um seinem Meister dort zu helfen, und als er schied, da gaben ihm viele gute Gesellen das Geleite, und hinter ihm schallte das herrliche Geläute seiner Glocke, ihm zu Dank und Ehren. Als nun der wandernde Geselle mit seiner Geleitschaft gegen das Schloß Schnellenberg kam, begegnete ihm auf einer steinernen Brücke zu Pferde sein Meister, welcher schon erfahren hatte, daß der Geselle ohne ihn den Glockenguß meisterlich vollbracht, voller Zorn und Wut, schnaubte ihn mit den Worten an: Was hast du getan, du Bestia! und schoß ihm auf der Stelle eine Kugel durch den Kopf und sprach zu den erschrockenen Geleitenden: Der Kerl hat die Glocke gegossen als ein Schelm, sie muß umgegossen werden! Ritt auch stracklich, als habe er was Rechtes vollbracht, nach Attendorn, in Absicht, die Glocke wirklich umzugießen. Allein die Zeugen der Mordtat klagten ihn an beim Rat, und der Rat ließ ihn alsbald festsetzen und bedeuten, es sei nicht Brauch im Reich, daß jeder Meister an seinem Gesellen zum Scharfrichter werde, und ließ ihn befragen, was ihn zu solcher Untat getrieben, denn ein Hochweiser Rat zu Attendorn sah klüglich ein, daß wohl mehr dahinter verborgen liegen müsse als bloßer Zorn und Eifersucht über ein noch dazu wohlgelungenes Werk des Gesellen. Erst fragten sie gütlich, dann peinlich und sehr peinlich mit eisernen Fragezeichen, als da waren Daumschrauben, spanische Stiefeln, gespickter Hase und dergleichen, und da bekannte der Meister Glockengießer, er habe sich so sehr verzürnt über den Gesellen, weil unter dem eingelieferten Metall eine schwere schwarzgefärbte Goldplatte gewesen, die er, der Meister, für sich habe wegzwacken und zurückbehalten wollen, die habe der Geselle aus Unkunde auch mit eingeschmolzen, und davon habe die neue Glocke den herrlichen Klang. Darum habe er die Glocke nochmals umschmelzen, das Gold ausscheiden und sie neu gießen wollen. Mit diesem Bescheid auf seine Fragen war der Rat zu Attendorn zufrieden und ließ dem Meister den Kopf abschlagen, dem unschuldigen Gesellen aber auf jener Brücke ein steinernes Kreuz zum Andenken errichten. Niemand aber konnte denken, wer in der Stadt zur Glocke eine so kostbare Beisteuer gegeben habe. Da kehrte der Sohn der Witwe mit ziemlicher Habe aus Holland zurück und fragte bald seine Mutter, wo sie die schwere Goldplatte aufbewahrt habe, so er ihr gesendet. Gold? Das war Gold? schrie die Witwe und wurde vor Schrecken bleich und schier ohnmächtig und bekannte mit Zittern, daß sie das ja unmöglich habe wissen können, daß sie die schwarze Platte hingegeben habe zum Glockenguß. Darauf sprach der Sohn: Beruhiget Euch nur, meine liebe Mutter! Es ist gegeben zu Gottes Ehre. Und nun erzählte die Frau ihrem Sohne die Geschichte von dem Glockenguß, und wie es dabei ergangen, daß durch jenes Gold zwei Menschen, einer unschuldig und einer schuldig, ihr Leben eingebüßt, daß sie aber nimmermehr habe denken können, daß aus ihrer Hand das vielbesprochene Gold gekommen, und der Sohn sagte: Gott hat es also vorausbestimmt, wir wollen über den Verlust nicht klagen und nur über das Unglück trauern, das jenes Gold geboren.

Nach langen Jahren entzündete ein Wetterstrahl den Glockenturm zu Attendorn, und in der Glut schmolz auch die Glocke. Da ward das Erz gesammelt und geprüft und also goldhaltig befunden, daß von seinem Wert der ganze Turm neu gebaut und mit Blei gedeckt werden konnte. – Ähnliche Sagen von getöteten Glockengießergesellen durch des zornigen Meisters Hand gehen noch viele in Deutschland, so in Groß-Möhringen in der Mark, in Waltershausen in Thüringen und an manchem andern Ort.

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274. Die Kobolde

274. Die Kobolde

Was im alten Preußenlande die Barstukken, das sind im nordwestlichen und südlicheren Deutschland die Kobolde, denen allda der Namen gar viele und mannigfaltige zugeteilt worden sind, so Heinzchen (bis Aachen), Hütchen und Hinzelmännchen (im Münsterlande), Knechtchen, Kurd Chiemchen, Heimchen (im Vogtlande), Hütchen und Wichtlein (in Thüringen und Franken bis nach Böhmen). Ihre Verrichtung ist fast überall dieselbe: Haus-, Küche-, Boden-, Keller- und Stalldienstleistung, ihr Lohn ein hingestelltes Schüsselchen mit Essen oder Milch. Ihr Anblick ihnen selbst vom Menschenauge unlieb – meist unhold, oft grauenhaft, nackt, in kleiner Kindesgestalt, ein Schlachtmesser durch den Rücken. Ein Kobold auf einem Schlosse zu Flügelau hieß Klopfer. Der tat lange Zeit treulich alle Arbeit, bis eins vom Hausgesinde darauf bestand, ihn sehen zu wollen, da fuhr der Klopfer als Feuerflamme zornig zum Schornstein aus und entzündete das Schloß, daß es bis auf die Mauern abbrannte. Ein ähnlicher Hausgeist auf dem Schlosse Calenberg hieß Stiefel; wieder ein anderer beim Dorfe Elten im Herzogtum Cleve hieß Ekerken (Eichhörnchen), der war von echter Koboldnatur, mehr neckisch und tückisch als hilfreich: man sah von ihm nur bisweilen eine kleine Hand wie die eines Kindes.

Aller Kobolde Kobold aber war der vielberufene Hinzelmann.

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275. Hinzelmann

275. Hinzelmann

Hinzelmann

Im Lüneburger Lande auf dem Schlosse Hudemühlen über der Aller begann man im Jahre 1584 zuerst einen Poltergeist zu spüren, der seine Anwesenheit durch allerlei Pochen und Lärmen kundgab; dabei aber ließ er es nicht lange bewenden, sondern er begann zu reden und zu sprechen, erst mit dem Gesinde, dann auch mit dem Schloßherrn, endlich auch mit fremden Gästen, was im Anfang allen gar graulich vorkam, unverhofft eine Stimme bei sich im Zimmer oder in der Küche vernehmlich reden zu hören und doch keinen Redenden zu erblicken. Da aber diese Stimme gar mild und fein war wie die eines Kindes, da der Spukgeist niemand beleidigte, vielmehr oft lachte, Kurzweil trieb, auch sang, so wurden die Schloßgenossen allmählich an ihn gewöhnt, so daß sie sich nicht mehr fürchteten und grauten, ja an ihn die Frage wagten, wer und woher er sei, wie er heiße, was er gerade auf Hudemühlen zu schaffen habe. Darauf erwiderte er, daß er vom böhmischen Gebirge komme, dort sei seine Gesellschaft, die wolle ihn nicht leiden, deshalb sei er ausgewandert, bis sich seine Sachen in der Heimat besserten. Er heiße Hinzelmann, auch Lüring, und habe eine Frau, die heiße Hille Bingels, von der er jetzt getrennt lebe. Einst werde er sich auch sichtbar zeigen, jetzt schicke es ihm noch nicht, und er sei ein so guter und ehrlicher Hausgeist als irgendeiner und viel besser als viele schlimme.

Das war nun dem Schloßherrn und dem Gesinde auf Hudemühlen verwunderlich anzuhören und ganz grauerlich, mit so einem wunderseltsamen Gesellen zusammenzuleben, der nicht daran dachte, seinen Abzug bald zu nehmen, und da dachte der Schloßherr, du willst ihm aus dem Wege gehen und nach Hannover ziehen. Ließ derohalb den Reisewagen zurichten und fuhr nach Hannover zu. Auf der stillen, öden, menschenleeren Strecke zwischen Essen und Brockhof sahen Kutscher und Diener fort und fort eine kleine weiße Flaumfeder neben dem Wagen herfliegen und wußten gar nicht, wie das zugehe, daß diese Feder fort und fort den Wagen begleitete. Als nun der Schloßherr eine Nacht in Hannover zugebracht hatte, war seine goldne Halskette fort, und er machte deshalb Lärm und beschuldigte die Leute im Hause der Entwendung, der Wirt aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Beweis oder Genugtuung. Tief verstimmt darüber saß der Schloßherr auf seinem Zimmer, da fragte es neben ihm: Warum bist du traurig? Wohl wegen der Kette, so dir fehlt? – Wie? Du bist hier, Hinzelmann? Mir gefolgt? Und warum? Wo ist die Kette? – Sahst du nicht die weiße Feder, die neben deinem Wagen flog? fragte der Geist. Das war ich, und ich folgte dir zu deinem Besten! Die Kette hast du gestern abend selbst unter dein Hauptkissen verborgen. – Und siehe, es befand sich also. Dem Schloßherrn war zwar lieb, daß die Kette wieder da war, aber daß Hinzelmann da war, das war ihm nicht im mindesten lieb, und zürnte mit dem Geist und beschloß, wieder auf Schloß Hudemühlen zurückzureisen, da er dem Kobold nicht entgehen konnte und dieser an seine Person sich fesseln zu wollen schien. Auf dem Schlosse Hudemühlen nun verwaltete Hinzelmann den Küchendienst in musterhafter Weise; er spülte auf, kehrte scheuerte, putzte, mahnte Knechte und Mägde zum Fleiße an, teilte wohl auch nötigenfalles Scheller aus, pflegte auch der Rosse, wusch, kämmte, striegelte sie, daß sie zunahmen und glatt und glänzend aussahen wie die Aale. Hoch im Oberstock des Hauses Hudemühlen hatte sich Hinzelmann ein Kämmerchen zur Wohnung ausersehen, darin hatte er einen kleinen runden Tisch, einen Sessel, dessen Sitz das zierlichste Strohgeflecht war, das man nur sehen konnte, und welches er selbst kunstreich verfertigt, und eine kleine zubereitete Bettstatt, die aber nie verrammelt war, nur ein Grübchen, wie etwa eine Katze macht, wenn sie sich auf ein Bette legt, fand sich jeden Morgen darin. Aus das Tischchen kam eine Schüssel süße Milch mit Semmelbröckchen, das leckte und schleckte der Hinzelmann so rein aus wie ein Kätzlein sein Schüsselchen. Bisweilen speiste der Geist aber auch mit an Tafel, wo ein Gedeck für ihn bereitgehalten ward. Hinzelmann war gern fröhlich mit den Fröhlichen, sang Reimverschen und Scherzlieder, doch nie eins, das unehrsam gewesen wäre, neckte gern, doch ohne Tücke, und hatte wohl seine Freude daran, wenn das Gesinde aneinander geriet, hetzte auch wohl ein wenig zu und ließ die Schläge, die es dann gegenseitig setzte, bis zu roten Striemen und blauen Flecken gedeihen, aber nicht weiter, daß Gesundheit und Leben nicht litten. Wenn die Gäste einander in die Haare gerieten und vom Leder ziehen wollten, konnten sie die Degen nicht aus den Scheiden bringen, oder es fand sich kein tödliches Gewehr, weil der Hinzelmann alles versteckt hatte. Einen Edelmann, der sich vermaß, den Hinzelmann mit Hülfe einiger Bewaffneten auszutreiben, foppte der Geist weidlich und schreckte ihn dann in Gestalt einer großen Schlange. Einen andern verhöhnte er und sagte ihm, was derselbe noch nicht zu wissen schien, daß er ein großer Narr sei. Als aber gar ein Teufelsbanner kam, der ihn mit Formeln wegplappern wollte, so riß ihm der Geist das Beschwörungsbuch in hundert Fetzen, warf diese im ganzen Zimmer herum und kratzte den Banner blutrünstig, gleich als sei er eine böse Katze. Der Geist hielt sich auch zum christlichen Glaubensbekenntnis, wenn er schon bei dessen Hersagung mit leiserer und heiserer Stimme über manches hinwegglitt; er sang auch geistliche Lieder mit solchen, denen er wohl gewogen war, und diese mit seiner klarer Stimme, genug, es war ein sehr wunderlicher Geist. Einem Freund des Hauses, der vorbeiredete und dies ins Schloß melden ließ, der aber die Einladung Hinzelmanns wegen abschlug, weil er nicht mit einem Teufelsgespenst am Tische sitzen wollte, drohte Hinzelmann mit Rache, machte ihm die Pferde beim Weiterfahren scheu, brachte ihn in Angst und Schreck und warf Wagen und Gepäck und den Reisenden zwischen Hudemühlen und Eickelohr in den Sand.

Dem weiblichen Geschlecht war Hinzelmann sehr gewogen und sehr freundlich und umgänglich mit demselben. Besonders erfreuten sich die Schloßfräulein Anna und Katharine seiner Gunst; er unterhielt sich gern mit ihnen, begleitete sie, wenn sie über Land fuhren, als Flaumfeder, ja er schlief zu ihren Füßen auf ihrem Deckbette. Es war aber diese Neigung des Geistes für die beiden Jungfrauen von äußerst lästiger Art, denn er verscheuchte ihnen alle Freier, und es ist dahin gekommen, daß sie beide ledig geblieben und ein hohes Alter erreicht haben. Hinzelmann warnte manchen vor Unglück und Schaden, so eine» tapfern Obersten, der zum Besuche nach Hudemühlen kam und ein guter Schütze und großer Jagdfreund war. Derselbe rüstete sich zu einer Jagd, als Hinzelmann sich vernehmen ließ: Thomas, siehe dich im Schießen vor, sonst trifft dich ein Unglück. Der Oberst achtete der Warnung weiter nicht, aber bei der ersten Jagd zersprang ihm beim Abdrücken auf ein Wild die Büchse und schlug ihm den Daumen weg. Ein anderer mutiger Kriegsmann kam auch zum Besuch, das war ein Herr von Falkenberg, der ließ sich viel mit Hinzelmann in Gespräche ein, neckte ihn und führte allerhand Spottreden gegen ihn, die den Geist verdrossen. Endlich sagte Hinzelmann: Falkenberg, Falkenberg, jetzt verspottest du mich! Komm nur in ein Treffen, da wird dir das Spotten wohl vergehen! – Dem Herrn von Falkenberg waren diese Worte sehr bedenklich, er schwieg und ließ den Geist in Ruhe. Bald darauf zog Falkenberg im Dienste eines deutschen Fürsten mit zu Felde, da riß ihm im ersten Treffen eine Falkonettkugel das Kinn hinweg, und nach drei Tagen starb er an dieser Wunde unter den größten Schmerzen. – Einen übermütigen und hoffärtigen Schreiber äffte und tückte Hinzelmann vielfältig, störte ihn in seiner Liebschaft und quälte ihn des Nachts. – Eine Magd, die den Hinzelmann gescholten hatte, sperrte er eine ganze Nacht lang in den Keller hinter Schloß und Riegel, wo sie sich fast zu Tode fürchtete.

Da der Schloßherr wiederholt in Hinzelmann drang, sich ihm doch einmal zu zeigen oder sich mindestens anfühlen zu lassen, gab auf langes Drängen und Bitten Hinzelmann endlich nach und sagte: Siehe, da ist meine Hand. Da fühlte der Schloßherr hin, und es war ihm, als fühle er die Finger einer kleinen Kinderhand, aber kalt, und blitzschnell zog der Geist sie zurück. Als nun der Herr auch bat, ihm sein Antlitz befühlen zu dürfen, und Hinzelmann es zugab, so tastete der Herr an einen kleinen kalten Schädel, der ihm fleischlos zu sein schien, ehe er aber deutlich fühlen konnte, war der Schädel zurückgezogen. – So hatte auch die Köchin die leibliche Ruhe nicht mehr, sie wollte den Hinzelmann durchaus einmal sehen, er sagte ihr aber immer, es sei noch nicht an der Zeit, sie würde ihren Vorwitz bitterlich bereuen, aber sie hielt an, wie das kananäische Weib, bis ihr endlich Hinzelmann sagte, sie möge andern Tages vor Sonnenaufgang hinab in den Keller kommen, aber in jeder Hand einen Eimer Wasser mit hinunterbringen. Das deuchte ihr ein seltsam Verlangen, aber ihre stachelnde Neugier überwog jedes Bedenken, sie ging in den Keller und brachte das Wasser mit. Erst sah sie gar nichts, endlich aber fielen ihre Augen auf eine Mulde in der Ecke, und darin lag ein etwa dreijähriges nacktes totes Kind, dem steckten kreuzweis übereinander zwei Messer im Herzen, und der ganze kleine Leib war mit Blut überlaufen. Über diesen Anblick entsetzte sich die Magd so sehr, daß sie laut aufschrie und dann ohnmächtig niederstürzte. Da nahm der Geist die Wassereimer und goß ihr deren Inhalt über den Kopf, einen nach dem andern, da kam sie wieder zu sich, sah die Mulde und das Kind nicht mehr und hörte nur Hinzelmanns Stimme: Siehst du? Ohne das Wasser wärst du hier im Keller gestorben und nicht wieder zu dir gekommen! – So ungern und so wenig Hinzelmann sich Erwachsenen zeigte, und dann meist schrecklich, so gern gesellte er sich sichtbarlich als ein schönes Kind unter Kinder, spielte mit ihnen, hatte gelbes Lockenhaar bis über die Schultern hängen und ein rotes Sammetröcklein an. Wenn aber Erwachsene seiner gewahr wurden, schwand er sogleich aus dem Kinderkreise hinweg. Als der Geist vier Jahre lang auf Hudemühlen zugebracht, schied er freiwillig und verehrte noch vor dem Scheiden dem Schoßherrn dreierlei Andenken, das war ein kleines Kreuz, von Seide geflochten, fingerslang, inwendig hohl und gab geschüttelt einen Klang von sich, dann ein sehr kunstvoll geflochtener Strohhut und endlich ein lederner Handschuh mit Perlenstickerei in wunderbaren Figuren. Solange diese Stücke in guter Verwahrung beisammenblieben, solle des Hauses Geschlecht blühen und wachsen, würden sie aber mißachtet und verzettelt, so würde das Gegenteil stattfinden. Diese Stücke sind hernach im Besitz der beiden alten Fräulein Anna und Katharine geblieben und von ihnen bis zu ihrem Tode gar hehr gehalten und nur selten gezeigt worden, dann fielen sie an ihren Bruder, der sie überlebte, zurück, kamen auf dessen einzige Tochter, die sich vermählte, und sind dann wahrscheinlich verstreut worden. Hinzelmann schied im Jahre 1588 von Hudemühlen und soll hernach zu Estrup, auch im Lande Lüneburg, seinen Aufenthalt genommen haben.

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276. Der Graf von Hova

276. Der Graf von Hova

Drei Gaben sind es, die in mannigfaltiger Gestaltung die Sage durch Erd- und Wassergeister, durch Zwerge und Kobolde edeln Geschlechtern insgemein verleihen läßt und an dieser Gaben Dauer der Geschlechter Fortblühen und Dauerbarkeit knüpft. Wie der Hinzelmann dem Herrn auf Hudemühlen Kreuz, Hut und Handschuh schenkte, die Frau von Hahn dreierlei Stücke Goldes, der letzte Graf von Orgewiler von einer Feine ein Streichmaß, einen Trinkbecher und einen Kleinodring empfing, ingleichen auch die Frau von Rantzau durch ein Männlein oder Fräulein Rechenpfennige, einen Hering und eine Spindel zum Geschenke und Andenken von den Unterirdischen bekam und andere anderes erhielten, also geschähe es auch einstmals einem Grafen von Hoya, daß in der Nacht ein kleines Männlein an ihn herantrat und ihn, da er sich entsetzte, ansprach und sagte: Fürchte dich nicht und höre die Werbung, so ich an dich zu tun habe, und schlage mir meine Bitte nicht ab. – Was begehrst du? fragte der Graf und fügte hinzu: So ich’s ohne meinen und der Meinen Schaden gewähren kann, sage ich dir’s zu. – Darauf hat das Männlein also gesprochen: Nächste Nacht wollen unserer etliche in dein Haus kommen, deiner Küche und deines Saales sich bedienen, ohne Nachfragen und Lauschen deiner Diener, deren keiner etwas davon erfahren darf, das soll dir und deinem Geschlechte zugute kommen, und in keiner Art soll jemand geschädigt werden. – Der Graf sagte zu, den Wunsch des Zwergmännleins zu erfüllen, und trug Sorge, daß seine Leute sich alle niederlegten und ihrer keiner um Küche oder Saal im Wege war. Da kamen in der Nacht die kleinen Leute alle zu Hauf, wie ein reisiger Zug, und wimmelten über die Brücke hinauf in das Schloß und in die Küche und schafften und rüsteten, kochten und brieten und trugen Speisen auf in den Speisesaal, was aber sonst in diesem sich begab, ist niemand kund geworden. Gegen Morgen kam dasselbige kleine Männlein, das den Grafen zuerst angeredet, dankte ihm höflich und brachte ihm drei Gaben dar; das waren ein Schwert, ein Salamanderlaken und ein güldner Ring mit einem roten Leuen eingegraben, diese drei Stücke solle der Graf wohl bewahren und nicht von sich und seinem Hause lassen, so werde es Glück haben und behalten. Hernachmals hat der Graf wahrgenommen, daß der rote Löwe im Ringschildlein jedesmal erbleichte, wenn in seinem Hause ein Sterbefall bevorstand. Nach der Zeit sind aber die Stücke doch hinweggekommen, und das Grafenhaus ist darauf erloschen; die Grafschaft Hoya aber ist dem Hause Hannover zugefallen.

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277. Der Grinkenschmied

277. Der Grinkenschmied

Drei Stunden von der Stadt Münster liegt der Detterberg, auf dem wohnte vor alten Zeiten ein wilder Mann, den hießen die Leute Grinkenschmied. Er wohnte in einem tiefen Erdloche, das ganz mit Gras und Sträuchern überwachsen war, daß, wer es nicht wußte und kannte, es auch nicht auffinden konnte. Und in dem Loche da hatte er seine Schmiede und arbeitete treffliche und rare Sachen, die waren von ewiger Dauer, und seine Schlösser vermochte niemand ohne seinen eigenen Schlüssel zu öffnen. An der Kirchentüre zu Nienburge soll auch ein Schloß von ihm sein, das hatte die Eigenschaft, daß es die Diebe, die es erbrechen wollten, gleich festnahm und gefangen hielt. Wenn nun in der Nachbarschaft eine Hochzeit war, so kamen die Bauern zum Grinkenschmied und liehen von ihm einen Bratspieß, dafür mußten sie ihm dann einen Braten geben. Da kam denn auch so ein Bauer vor das Loch und rief: Grinkenschmied! Gib mir ’n Spieß! – Der Grinkenschmied rief dagegen, weil er dem Bauer nicht trauen mochte: Kriegst keinen Spieß, gib mir erst ’nen Braten! – Kriegst keinen Braten, behalt‘ deinen Spieß! rief der Bauer wieder hinunter. Darüber wurde der Grinkenschmied gar zornig in seinem Loche und schrie dem Bauer nach: Wahre dich, daß ich mir keinen Braten nehme! – Der Bauer ging ganz ruhig nach Hause, aber als er nach Hause kam, scholl ihm großes Wehklagen entgegen, sein bestes Pferd lag tot im Stalle, und eines seiner Hinterbeine war samt dem Schenkel ausgelöst, als hätte es ein Wildbretsmetzger kunstgerecht gemacht, und – fehlte, war hinweg. Das war Grinkenschmieds Braten.

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278. Jägerstücklein

278. Jägerstücklein

Im Münsterlande besaß ein Edelmann weitausgedehnte Forste, und da begab sich’s auf seinem Gute, daß der Förster meuchlings erschossen wurde, und als ein anderer die Stelle bekam, ging es diesem ebenso und andern, welche folgten, desgleichen, da mochte endlich niemand mehr in diesem Walde Förster sein, denn die Sache hatte sich in der ganzen Gegend ausgesprochen, und man erzählte sie ganz genau, wie es zugehe mit diesen rätselhaften Ermordungen, nämlich sobald der neue Förster in den Wald trete, knalle in weiter Ferne ein Schuß, ihn aber treffe stets die Kugel mitten in die Stirne, so daß leicht zu ermessen war, daß hier etwas Übernatürliches und grauenhaft Geheimnisvolles im Spiele sein mußte. Daher blieb der Wald einige Jahre fast ganz ohne Aufsicht, bis sich endlich ein vagierender Jäger meldete, der ganz so aussah, als fürchte er weder den Teufel noch seine Großmutter. Der Edelmann sagte ihm aber ganz ehrlich, welche mißliche Bewandtnis es mit der Försterstelle habe, und daß er ihm kaum zur Annahme derselben raten könne und dürfe, wie gern er auch seine Waldung wieder in forstlicher Aufsicht habe: denn auch dazumal wußte man, was man da und dort in neuerer Zeit mit Willen vergaß, daß alle Waldbewirtschaftung nichts nutzt und Schaden verursacht, die nicht durch Forstverständige betrieben wird, womit an vielen Orten und Enden sich manche Gemeinde selbst recht derb ins Auge geschlagen hat. Der Weidmann aber sagte, er wolle es darauf wagen, er fürchte sich nicht vor den unsichtbaren Scharfschützen, er könne auch Jägerstücklein und habe für den, der ihm ans Leben wolle, auch eine gewisse Kugel gegossen und im Rohre stecken, und übernahm also die Stelle und den Wald. Am andern Tage versammelte der Edelmann mehrere Jagdgesellen, den neuen Förster auf seinem ersten Gange in den Wald zu begleiten, aber kaum war dieser betreten, so knallte in der Ferne ein Schuß, aber im selben Augenblicke warf der Jäger seinen Hut in die Höhe, und wie der Hut niederfiel und aufgehoben ward, sahe man, daß er von einer Kugel gerade da durchbohrt war, wo er auf der Stirne des Jägers aufsaß. – Jetzt komme ich, spricht der Hanswurst, sagte der Jäger, nahm seine Büchse von der Achsel und rief: Dem Gruß einen Gegengruß! und schoß. – Alle wunderten sich, die dabei waren, auf das höchste und folgten dem Jäger tief durch den Wald, bis sich an dessen Ende ein Mühlhaus zeigte, aus welchem Klagegeschrei erscholl. Als die Waldgesellen hinzutraten, fanden sie darin den Müller tot – eine Büchsenkugel war ihm mitten durch die Stirne gegangen; er war der jagdzauberkundige Schütze gewesen, der jeden Förster aus der Ferne mit Freikugeln traf, um allein im Walde des Wildstandes Herr zu sein. Dem Edelmann grausete vor solchen Künsten, wie sein neuer Förster nicht minder übte. Dieser konnte die Feldhühner nach seiner Tasche fliegen lassen, soviel er deren bedurfte. Das Wild bannte er, daß es stehenbleiben mußte, wo er wollte, und völlig schußgerecht. In die unglaublichste Entfernung traf der Jäger stets und sicher. Darum nahm der Edelmann einen schicklichen Vorwand und entließ ihn bald wieder aus seinen Diensten.

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