314. Die Tänzer von Kolbeck

314. Die Tänzer von Kolbeck

Im Dorfe Kolbeck bei Halberstadt war vor langen langen Jahren ein Bauer, der hatte immer den Krug lieber als die Kirche und trieb gern leichtfertige Sachen. So ließ er sich beigehen, in einer Christnacht mit noch fünfzehn Kameraden, die er beredete, und drei Weibsbildern während der Christmette auf dem Kirchhof einen Tanz zu halten mit lautem Juhu und Heirassa. Darauf trat der Pfarrer aus der Kirche und strafte die Tänzer, welche die heilige Weihnacht so freventlich entweihten, mit ernsten Worten, aber der Bauer kehrte sich nicht daran, vielmehr rief er dem Pfarrer spottend zu: Du heißest Ruprecht, ich heiße Albrecht!

Sing du drinnen deine Leichen (Liedweisen),
Wir singen und tanzen draußen unsern Reigen. –

Da hob der Pfarrherr seine Hände auf und rief: Ei so wolle Gott und Sankt Magnus, daß ihr tanzen müßtet Jahr und Tag! Und alsbald ging diese Verwünschung in Erfüllung. Die Tänzer vermochten nicht einzuhalten, nicht aufzuhören, fort und fort riß es sie hin mit Allgewalt, der Morgen kam, und der Tag verging wieder – sie tanzten, und durch die Nacht hindurch tanzten sie, und am folgenden Morgen, und das immer so fort, Tag und Nacht. Regen traf sie nicht, die Sonne brannte sie nicht, nicht Hunger und Kälte, nicht Durst und Hitze fühlten sie, ihre Schuhe rissen nicht ab, an ihren Kleidern war kein Zergang. Als der tolle Reigen begann, wollte der Küster, dessen Schwester auch dabei war, dieser mit Gewalt Einhalt tun und sie losreißen, da hatte er ihren Arm in der Hand, und sie tanzte einarmig weiter. Und das ging so fort Tag und Nacht, zwölf volle Monden lang, und hatten sich bis auf halbe Leibeshöhe in die Erde getanzt und einen Graben mitten durch die Gräber. Da kam endlich der Bischof Heribert von Köln, der sprach über die Tänzer Gebet und Formel und lösete sie aus dem Bann ihrer Sünde. Viere sanken alsbald tot zu Boden, die andern erkrankten schwer. Danach hat man so viele Steine an den Ort gesetzt, als Tänzer und Tänzerinnen waren, und hat das Dorf Tanzdorf genannt, und ein Grauen ging die Menschen an, wenn sie nur den Namen nennen hörten.

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307. Gottes Krieg

307. Gottes Krieg

Im Jahre 1349 kam über die gute Stadt Bremen schweres Verhängnis. Die Pest wütete in ihr, und außen vor den Mauern lag ein Feind, Graf Martin von Oldenburg, der sie hart belagerte und bedrängte. Zuletzt wurde die Not durch die Krankheit in der Stadt so groß, daß die Bürger die Mauern nicht mehr verteidigten, die Tore nicht mehr verschlossen, sondern in mutloser Ergebung untereinander sprachen: Sterben müssen wir doch, einerlei wie – komme es, wie es komme. Da nun die Hauptleute vor den Kriegsherrn traten und sprachen: Die Stadt ist offen und unverteidigt, lasset uns hineinfallen und Beute machen nach dem Kriegsbrauch und dem Recht des Eroberers, da sprach Graf Martin von Oldenburg mit ernster Würde: Mitnichten soll also geschehen, denn da Gott, der allerhöchste König, mit der Stadt Bremen kriegt und sie in größter Not sich schon befindet, so ziemt es sich nicht, daß auch wir sie ferner schädigen. Lasset uns einziehen als menschliche Bezwinger, denn ob wir jetzt der Stadt Bremen feind sind, so können wir in der Folge doch wieder ihr Freund werden. Und so geschah es, und der Graf zog ein, und durfte keiner von seinem Volke an Menschen oder am Eigentum der Stadt sich irgendwie vergreifen.

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308. Die sieben Trappen

308. Die sieben Trappen

In der Gegend von Hannover beim Dorfe Benthe stehen im Felde sieben Steine aufrecht beisammen, die nennt das Volk die sieben Trappen oder die sieben Gruften. Ein Ackerbauer kam mit seinem Knecht von der Arbeit zu dieser Stelle, und der Knecht erinnerte seinen Herrn, daß er noch ein gut Teil Lohnes stehen habe und diesen Lohn jetzt ausgezahlt zu erhalten wünsche. Der Bauer konnte oder wollte sich auf diese Schuld von dem Knecht nicht besinnen und sagte, er sei dem Knecht nichts schuldig. Der Knecht aber sprach: Ich schwöre bei Gott, daß Ihr mir es schuldig seid! – Und ich schwöre bei sieben Teufeln, daß ich dir nichts schuldig bin! schrie der Bauer. Und der Teufel soll mich beim siebenten Schritt in die Erde schlagen, wenn ich nicht recht habe! – Sprach’s, und richtig – beim siebenten Schritt krachte es wie ein Gewitter, die Erde tat sich auf, und vom Bauer blieb nichts zu sehen als seine letzten sieben Trappen, die er dem weichen Fußboden eingedrückt.

Nach anderer Sage war es ein Brauer, der mit seiner Magd also ungerecht handelte und sich dem bösen Feind verschwur, und den das gleiche Los für seine Gottlosigkeit traf. Nachher wurden die sieben Steine zum Gedächtnis und Wahrzeichen in die Erde gesetzt und der Gemeinde Benthe deren Erhaltung vom Amte Calenberg empfohlen, gegen Empfang eines halben Scheffel Roggens alljährlich. Niemand geht gerne nachts bei den sieben Trappen vorbei, denn es ist dort nicht geheuer, und mancher Spuk hat dort die Wanderer geäfft und mehr noch erschreckt.

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30. Der Zähringer Ursprung

30. Der Zähringer Ursprung

Es geschah, daß ein König vertrieben war vom Reich und entflohn mit Weib und Kindern und seinem Gesinde, setzte sich mit ihnen auf einen Berg, richteten sich kümmerlich ein und lebten in Armut und Kümmernis eine gute Zeit. Endlich ließ der König ausrufen im Lande umher, wer da wäre, der ihm Hülfe tun wolle, sein Reich wiederzuerlangen, der solle sein, des Kaisers, Tochtermann und zu einem Herzog gemacht werden. Nun lebte hinter dem Berge Zähring ein Köhler, der brannte Kohlen im Walddickicht, und da begab es sich, daß er einstmals, als er die Meilerstätte räumte, einen schweren Klumpen geschmolzenen Metalles fand, und das war gutes Silber. Und als der Köhler wiederum kohlte, geschah es wieder ebenso, und immerfort, und war, als ob der Berg das Metall aus sich gebäre, und gewann der Köhler einen großen Schatz. Da er nun vernahm, was der vertriebene König ausrufen ließ, so nahm er eine Last seines Silbers und trat vor jenen und sprach, er wolle sein Sohn werden, seine Tochter freien und mit seinem Schatz ringsumher das Land sich zum Eigen erwerben, auch ihm, dem König, so viel seines Schatzes geben, daß er sein ganzes Reich wiedergewinnen könne. Des war der vertriebene König sehr froh, schlug den Köhler zum Ritter, gab ihm seine Tochter zum Ehegemahl. Und der Köhler ließ nun das Silber schmelzen, erbaute Zähringen, die Burg und den Ort, und erwarb alles Land umher, und der König machte ihn zu einem Herzog von Zähringen. Der König hat hernachmals mit seines Eidams Gut all sein Land und Volk wiedergewonnen, ist wieder ein mächtiger Herr und Kaiser geworden, und der Ort und Berg, wo er hingeflüchtet war und seinen Sitz allda genommen, heißt noch bis auf den heutigen Tag der Kaiserstuhl. Die Zähringer aber wurden ein mannlich Geschlecht und waren hochgeehrt im ganzen Gau.

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309. Hilde Schnee

309. Hilde Schnee

Kaiser Ludwig der Fromme jagte einst zur Winterszeit im Walde und verlor sein Reliquienkreuz, das er stetig am Halse trug. Da sandte er Diener aus, das vielwerte Kreuz zu suchen, und siehe, tief im Walde trafen sie mitten im Schnee einen blühenden Rosenstrauch, und an diesem Strauche lag des Königs Kreuz, ließ sich aber nicht von dannen heben und wegnehmen. Da ward dem König die Wundermär angesagt, und er eilte selbst an den Ort und fand nur eine Waldstrecke beschneit in Form eines großen Kirchenschiffes und am obern Ende den über und über voll blühenden Rosenstock und daran am Stamm das Kreuz, daß sich der König über alle Maßen verwunderte. Da rief er aus: Das ist Hilde-Schnee (Rosenschnee), und kniete nieder und betete zu Gott, ihm zu offenbaren, warum das Kreuz nicht von der Stelle wolle. Und da ward ihm offenbaret, einen Dom zu bauen: So weit des heiligen Schnees Umfang reiche, so groß solle des Domes Umfang sein. Da gelobte der König den Bau, und da vermochte er sein Kreuz wieder an sich zu nehmen. Ludwig ließ alsbald den Raum abstecken, den Tempelbau beginnen und trug Sorge, daß der Rosenstock erhalten bleibe. Um das hohe Münster siedelten sich nun Bau- und Werkleute und andere Fromme an, der König verlegte das Bistum von Elze an diesen Ort, der nun fortdauernd Hildeschnee hieß, bis daraus im Laufe der Zeit der Name Hildesheim entstand. Der Rosenstock wuchs fort und gedieh und steht heute noch am Hildesheimer Dome. Seine Wurzeln treibt er bis unter den Hochaltar, da schnitzte einst ein frommer Domherr aus einem Wurzelstock ein Kruzifix, das ward in hohen Ehren gehalten, und jeden Karfreitag, oder jeden Morgen in der Karwoche, mußten die Domherren das Kreuz in das Heilige Grab legen, das im Paradiese, oder der Vorhalle, bereitet war. Einstmals vergaßen die Domherren, dies zu tun, da hob das Bild sich von seiner Stelle und wandelte von selbst in das Grab. Seitdem ward es das Wandelkreuz genannt und noch mehr denn zuvor verehrt.

Auch im Hildesheimer Chorgestühle soll, wie zu Corvey durch die Lilie und zu Lübeck und Breslau durch eine Rose, der jedesmalige bevorstehende Tod eines Chorherrn durch eine weiße Rose angezeigt worden sein.

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310. Hütchen

310. Hütchen

Da Bischof Bernhard zu Hildesheim regierte, fand sich in seiner Residenz ein eigentümlicher Kobold ein, welcher nicht wie jener vielförmige Hinzelmann vorzog, unsichtbar zu bleiben, sondern sich vor jedermann in einem Bauernkleide sehen ließ, sehr fromm und gutmütig erschien und beständig einen spitzen Filzhut tief über das Gesicht trug, daher ihn das Gesinde bald nicht anders nannte als Hödeken, das ist Hütchen, weil man von seinem Kopfe eigentlich nur den Hut sah. Dieser seltsame Geist ließ sich gern in mancherlei Gespräche ein, gab guten Rat, fragte und antwortete und erzeigte sich gefällig und hülfreich. Zu einer Zeit, da Graf Hermann von Winzenburg durch einen seiner Vasallen wegen schlimmen Handels und begangener Untat samt seiner Gemahlin ermordet worden war und dadurch des Grafen Land herrenlos, weil er noch keine Kinder hatte, trat Hütchen in derselben Stunde, in welcher die Tat geschah, in des Bischofs Schlafgemach, erweckte ihn und sprach: Stehe auf und wappne dich; die Grafschaft Winzenburg ist erledigt. Nimm dein Volk und gewinne sie dir und deinem Stift. Da brach Bischof Bernhard schleunig auf mit Kriegsvolk, fiel in die Grafschaft, nahm Besitz von ihr und ließ Hildesheim vom Kaiser auf ewige Zeiten mit ihr belehnen. Später fand sich noch ein Erbberechtigter, und um diesen nicht zu sehr zu verkürzen, bekam er nun die Grafschaft vom Bischof zu Lehen. Dieser Graf von Winzenburg hatte zwei Söhne, die schon erwachsen waren und in Unfrieden lebten. Es war bei der Belehnung festgesetzt, daß nicht der Älteste, sondern immer der die Vorhand haben solle, welcher zuerst um die neue Belehnung nachsuchen werde. Als der alte Graf starb, hatte der ältere Bruder nichts Eiligeres zu tun, als sich zu Pferde zu setzen und gen Hildesheim zu jagen; der jüngste aber hatte kein Pferd und war ratlos und konnte für sich nichts hoffen. Da trat Hütchen zu ihm herein und gab guten Rat. Schreibe einen Brief an den Bischof, sprach er. Melde deines Vaters Ableben und suche um die Belehnung nach. Dein Brief soll schneller hinkommen als dein Bruder. Da schrieb der jüngere Graf schnell seinen Brief und drückte sein Siegel darauf, und Hütchen nahm den Brief, schlug Richtwege ein geradeaus über Gebirg und Wald gen Hildesheim und kam eine oder einige Stunden früher an als jener, gerade so früh, daß in der Kanzlei des Bischofs für den jüngeren Bruder ein neuer schöner Lehenbrief in bester Form geschrieben werden und des Bischofs und Kapitels ovale Siegel in blechernen Kapseln darangehängt werden konnten. Der Bergpfad heißt noch heute Hütchens Rennpfad und ist nicht leicht zu finden.

So leistete Hütchen gute und nützliche Dienste und erwies sich vielen hülfreich. Einem armen Nagelschmiede schenkte er ein halbes Hufeisen, Nägel daraus zu schmieden, jeder Nagel aber, den der Mann daraus fertigte, ward zu Gold. Der Tochter desselben gab er eine Rolle Spitzen, die kein Ende nahm, soviel man davon maß, doch durfte eine gewisse Zahl Ellen nicht überschritten werden. Ein Domherr zu Hildesheim, dem der Wein besser zu Halse ging als die Weisheit und die Wissenschaft, sollte zu einer Kirchenversammlung als Orator abgeordnet werden, da ward ihm schrecklich bange, denn er fühlte gar zu sehr selbst, daß sein Wissen und Weissagen Stückwerk sei, und daß er mit seiner Redekunst nicht glänzen werde. Auch dem half Hütchen aus Angst und Not; er fertigte ihm ein kleines Kranzgeflecht von Lorbeerlaub, Siegwurz und Allermannsharnisch, das mußte der Chorherr bei sich tragen, und siehe da, auf der Kirchenversammlung erschien der Orator von Hildesheim als ein gar großes und hell brennendes Kirchenlicht, und war jedermänniglich erstaunt und erbaut von des Mannes mächtiger Redegabe, und hätten viel spätere Redner von ihm lernen oder sich glücklich schätzen können, wenn ein gescheites Hütchen ihnen beigestanden.

Zu Hildesheim hatte ein Mann ein schönes Weib mit einem vielliebenden Herzen, der mußte verreisen und übertrug dem Hütchen die Hut und Ehrenwache. Welche Not aber Hütchen hatte, diesem Ehrenamte vorzustehen, das ist nicht zu sagen. Freudig eilte der Geist dem endlich heimkehrenden Manne entgegen und sagte: Gut und dreimal gut, daß du wieder da bist! Einmal und nicht wieder dein Weib gehütet, lieber alle Schweine in ganz Sachsenland auf einmal als solch überlistigen und ränkevollen Weibes Hut!

Da aber Hütchen neben großer Gefälligkeit doch jezuweilen die schlimme Koboldnatur blicken ließ, sich zornig und rachsüchtig zeigte, auch unnachsichtig der Dienerschaft Fehler rügte, so wurde er dem Gesinde und endlich auch dem Bischof selbst doch zur überlast, und so bannte ihn durch kräftige Beschwörung der Bischof von Hildesheim hinweg.

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311. Irmensäule

311. Irmensäule

Im Dom zu Hildesheim wird gezeigt eine Säule, zierlich von Marmor, mit vergoldeten Erzringen, eilf Fuß hoch und ein Marienbild tragend. Die soll früher des alten Sachsengottes Irmin Bildsäule getragen haben und wird daher noch immer Irmensäule genannt.

Jenes Götterbild stand zu Eresburg, jetzt Stadt Berge an der Diemel, und ward gebrochen von Karl dem Großen im Jahre 772. Wenn mit einem Messer an die Säule geschlagen wird, gibt sie einen hellen Schall; bei heißer Sommerzeit ist sie sehr kalt und schlägt sich aller Dunst an ihr in Tropfen nieder, so daß sie zu schwitzen scheint. Die Sage geht, daß Karl der Große sie habe nach Hildesheim bringen lassen, und nachderhand hat man auf die ehernen Ringe lateinische Verse eingegraben, welche aber zur Irmensäule und ihrer Geschichte keinen Bezug haben, vielmehr darauf hinzudeuten scheinen, daß die Säule keine andere Bestimmung hatte, als einen riesigen Leuchter abzugeben. Manche sagen, Irmen sei Irmin, Armin, Herrmann, der Befreier Deutschlands, dem göttliche Verehrung zuteil geworden. Ob der Name des Dorfes Armenseid bei Alfeld nicht ein verstümmelter Nachhall des Namens Arminsäule sei, lohnte sich wohl zu erforschen zu suchen.

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2. Des Schweizervolkes Ursprung

2. Des Schweizervolkes Ursprung

In alten Zeiten, bevor noch das Schweizerland bevölkert und bebaut war, saß ein starkes und zahlreiches Volk in Ost- und Westfriesland und im Lande Schweden, und kam über dieses Volk große Hungersnot und leidiger Mangel. Da beschlossen die Gemeinden, weil der Menschen bei ihnen zu viel, daß von Monat zu Monat eine Schar auswandern sollte, und sollte die das Los bestimmen. Wen es treffe, der müsse fort bei Strafe Leibes und Lebens, ob hoch oder niedrig, und mit Weib und Kindern. Als dies immer noch nicht fruchtete und dem Mangel steuerte, so ward fernerweit beschlossen, daß jede Woche der zehnte Mann ausgeloset werden und hinwegziehen solle. So geschah es, und zogen an die sechstausend Schweden fort und zwölfhundert Friesen mit ihnen, und ernannten sich Führer. Deren Namen waren Suiter, Swey und Josius, noch andere Restius, Rumo und Ladislaus. Sie fuhren auf Schiffen den Rhein hinauf und hatten unterwegs manchen Kampf zu bestehen; endlich kamen sie in ein Land, das hieß das Brochen- oder Brockengebirg (wie es auch im Harzwald einen Brockenberg hat), allda bescherte ihnen Gott Wonne und Weide, und sie bauten sich an und verteilten sich in das Land, wirkten und schafften. Ein Teil zog ins Brünig (Bruneck), ein anderer an die Aar. Ein Teil Schweden, die aus der Stadt Hasle (gehört jetzt dem Dänen) stammten, die erbauten Hasli und wohnten darin unter ihrem Führer Hasius. Restius erbaute die Burg Resty bei Meiringen und wohnte allda, Swey und Suiter gaben der Schweiz und dem Volke den Gesamtnamen. Auch das Bernerland gewannen sie, waren ein treu und gehorsam Volk, trugen zwilchne Kleider, nährten sich von Fleisch, Milch und Käse, denn des Obstes war damals noch nicht viel im Lande. Sie waren starke Leute, wie die Riesen, voll Kraft, und Wälder auszureuten war ihnen so leicht wie einem Fiedler sein Geigenbogen. Davon gehen noch alte Lieder, die sagen aus, wie ihrer ein Teil unter dem Führer Ladislaus und Suiter gen Rom gezogen und dem römischen Kaiser tapfer beigestanden gegen hereingebrochenes Heidenvolk, und wie beide Führer vom Kaiser Feldzeichen empfangen, Adler und Bären, ein rotes Kreuz, und auf der Krone des Aaren ein weißes, und haben dann diese Zeichen nach der neuen Heimat getragen. Immer noch erzählen sich auf ihren Bergen die Alpenhirten, wie die Vorfahren im Lande gezogen und wie die Berge eher bewohnt gewesen als die Täler. Erst ein späteres jüngeres Geschlecht habe die Talgründe bebaut, wie das auch in andern Bergländern geschehen ist.

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29. Vom treuen Eckart

29. Vom treuen Eckart

Alte deutsche Heldenlieder singen und sagen vom treuen Eckart, dessen Gedächtnis blieb lange bei den Deutschen wegen seiner Ehrbarkeit und Frömmigkeit. Er war ein Held und Herzog im alten Breisgau und Herr im Elsaß, vom Geschlecht der Harlunge, und war Vormund und Pfleger zweier jungen Härtungen, welche die Bruderssöhne Kaiser Ermenrichs waren und Vettern des berühmten Dietrich von Bern. Der Eckart übte allezeit Treue und war schon dem Vater der Harlunge ein treuer Ratgeber gewesen; Kaiser Ermenrich aber hatte einen Ratgeber, der hieß Siebich, von dem sollen alle ungetreuen Räte in die Welt gekommen sein. Dieser verleitete den Kaiser zu bösen Taten. Und Ermenrich erschlug die jungen Harlunge, Eckart aber rächte sie, indem er mit anderer Helden Hülfe den Ermenrich wieder erwürgte und um dieser Tat willen hoch gepriesen ward. Die Harlunge hatten einen reichen Schatz, der ward in einen Berg verzaubert, das ist der Bürglenberg bei Breisach, und diesen Harlungenhort hat hernachmals der Geist des treuen Eckart gar sorgsam gehütet und jeden gewarnt, der ihn für sich erheben wollte, denn er sollte dereinst wieder an den rechten Erben fallen und diesen zu einem mächtigen Herrn des Landes machen. Darum sei im Volke das Sprüchwort entstanden: Du bist der treue Eckart, du warnest jedermann. Ob aber das derselbe treue Eckart sein soll, der im Thüringerlande vor des Hörselberges Höhle sitzt und vor dem wütenden Heere warnend wandelt, bleibt in dem Dunkel der alten Sagen geheimnisvoll verhüllt.

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299. Die Hünen

299. Die Hünen

Viel weiß in den Gegenden um Höxter, Corvey, Brakel und den Landstrecken durch Westfalen die Sage von den Hünen, Heunen oder Riesen zu erzählen, ja sie erstreckt sich auch nordwärts bis über die Lüneburger Heide hinaus und in die bremenschen Geest- und Marschgegenden. Hünengräber, Hünenbetten, Hünensteine, Hünenkeller, Hünenburgen ruhen im Lande verstreut und gelten dem Volke als Zeugen vom Vorhandengewesensein eines gewaltigen großwüchsigen starken Geschlechtes, es ist aber dabei etwas Eigenes und Wunderbares, die Sage, welche Geister und Gespenster, weiße Jungfrauen und schwarze Hunde zahllos wandern, welche Zwerge und Kobolde einzeln und in Menge sich den Menschen zeigen läßt, läßt mit sehr wenigen Ausnahmen die Hünen weder wandern noch erscheinen; sie berichtet nur von deren ehemaligem Dasein, zeigt Spuren ihrer gewaltigen Kraft und nennt die Orte, wo sie gewohnt, gespielt, gekämpft, mit Kugeln und Hämmern sich aus Stundenferne geworfen haben. Mannigfach blieb der Name des Riesengeschlechtes an Orten haften, so liegt über Brakel die Hinnenburg, die Namen naher Dörfer, Riesel und Reetsen (bei Driburg), scheinen auf Riesen zu deuten. Bei Dransfeld im Göttingenschen liegt ein Hunnen- oder Hünenberg, darinnen will man gleichwohl Riesen gesehen haben; überm Dorfe Altenhagen liegt auch eine Hünenburg. Der letzte ihrer Bewohner brach sie in Trümmer und wälzte auf sich selbst den größten Stein als Grabesdecke. Auf dem Wege nach Salzwedel beim Dorfe Lübbow liegt ein riesiger Hünenstein, eines heidnischen Gottes Altar – der kehrt sich in jeder Christnacht vor Unwillen um, wenn der Hahn kräht. Bei Freren in der Niedergrafschaft Lingen steht auch ein gewaltiger Hünenstein, und sind dort reiche Gräber. In der Lüneburger Heide im Amte Knesen liegt der Pickelstein, den warfen die Hünen vom Kläbesberge dahin. Sieben Kreuze und ein Hufeisenabdruck sind an ihm zu ersehen, und es geht die Sage, daß diese ein Heerführer mit seinem Schwert in den Stein gehauen, und den Hufschlag habe sein Roß eingedrückt als ein Wahrzeichen seines Sieges. Vorzeiten soll das Hegegericht der umliegenden Dörfer am Pickelstein gehalten worden sein. Bei Sievern ruht noch unangetastet ein Hünengrab, das Bülzenbette geheißen, von besonderer Art und Größe. Es ist nicht gut, die Hünengräber zu durchwühlen und die längst Begrabenen in ihrer Ruhe zu stören. Ein Kanonikus zu Ramelsloh grub nach an einem Riesendenkmal bei Steinfeld, dem erschienen in der Nacht drei Männer, von denen der eine einäugig war, mit drohenden Blicken und sprachen zu ihm mit wunderbaren Lauten in uralter Stabreimweise:

Heldentod haben
Hier wir erlitten.
Für das Vaterland
Fochten und starben wir.
Störern unsers Staubes
Strahlt Glücksstern nimmer.

Der Kanonikus zu Ramelsloh hat nie wieder nachgegraben.

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