873. Vom Hesselberg und Oselberg

873. Vom Hesselberg und Oselberg

Das Ansbacher Land hat keine Gebirge, nur wo die Sulzbach in die Wörnitz fällt, an der schwäbischen Grenze, erhebt sich der Hesselberg, der in der Gegend weit berufen ist. Er teilt sich in den großen und kleinen Hesselberg, der letztere heißt auch Schlößleins Buik, weil eine Burg darauf gestanden, die der Familie von Lentersheim Stammhaus war. Der große Hesselberg besteht aus drei Höhen, welche wieder ihre besonderen Namen haben: Röcklingen, Ehinger- und Geralfingerberg. Auf dem Röcklingerberge liegt die Ostwiese, auf dieser sollen die Druiden, als noch keltische Bevölkerung im Lande seßhaft gewesen, zur Osterzeit jedesmal ein Kind geopfert haben. Fast in des Berges Mitte gegen Norden ist ein Loch von geringer Tiefe, das soll vordessen eine große Höhle gewesen sein, und hieß die Gottmannshöhle, ist jetzt das Gottmannsloch genannt. Ein Schloß soll auch dort gestanden haben, aber versunken sein, sonst hörte man droben noch bisweilen den Hahn krähen, jetzt kräht kein Hahn mehr danach; ein Schatz soll in der Tiefe ruhen. Einst waren mehrere Hirtenknaben droben und beschlossen, einen aus ihrer Mitte an Stricken hinabzulassen. In Gottes Namen steig‘ ich nieder! rief der Erwählte, kam tief unten in die Höhle auf Schätze und brachte seine Taschen voll Gold herauf, wie jener Hirtenknabe auf dem Schloßberge über Tilsit. Ei du Teufelskerl! schrie neidisch ein Gefährte mit feuerfuchsrotem Haar, da will ich ins Teufels Namen gleich auch hinunter! – Die Knaben ließen ihn hinab, da rauschte es in einem nahen Busch, und vorüber sprang ein dreibeiniger Hase. Erschrocken sprangen die Knaben auf, der Strick entglitt ihrer Hand, das Ende schnurrte in die Tiefe, der Hase verschwand, und der Fuchs kam nimmermehr wieder herauf. Jetzt ist das Gottmannsloch kaum noch drei Schuh tief und mit Rasen überwachsen.

Noch liegt auf dem Hesselberg ein Stein, der hat dem Schwedenkönig Gustav Adolf im Dreißigjährigen Kriege zum Tisch gedient, als er droben die Gegend überschaut. Man kann bei heiterm Himmel von des Hesselberges Höhe über dreihundert Ortschaften sehen. »Die Druidengläubigen, welche die Ortsnamen Wassertrüdingen und Altentrüdingen am Fuß des Hesselberges von den Druiden ableiten, leiten auch des Burges Namen vom gallischen Kriegsgott Hesus ab. Hesus, Hessus, Hessel – höchst einleuchtend! Wahrscheinlich hat auch der Oselberg bei Dinkelsbühl von demselben Gott seinen Namen: Hesus, Hosus, Osus, Osel – auf welchem auch ein Schloß gestanden, darin eine Jungfrau einsam lebte und mit dem alten Gemäurig verfiel, um das sie noch als Geist mit ihrem Schlüsselbunde schwebt und wandelt, absonderlich in den vier Quatembernächten, keineswegs aber als Tut-Osel, welche eigentlich auf dem Oselberge Hausen sollte, sondern still und lautlos. Die alten Bauern sagen, selbige Jungfrau sei eines Heiden Tochter gewesen und sei in eine Schlange verwünscht worden, mit Beibehaltung von Frauenhaupt und Brust und Armen zum zärtlichen Umfangen, gleich der Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst, und da hat es die Tut-Osel doch noch besser, die darf doch umherfliegen und sich ihren Schatz suchen.

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874. Der Schlegel

874. Der Schlegel

Im Landgericht Feuchtwangen liegen zwei Dörfer, Mosbach an der Görnitz und Kühnhard, nahe beisammen. Mitten im Weiler steht eine sehr hohe Tanne oder Hahnenbaum; an diesem hängt ein ziemlich großer aus einem Stück geschnitzter Schlegel, an welchem fünf Mann zu heben haben. Hat nun ein Weib mit ihrem Manne Uneinigkeit, rauft oder schlägt sie denselben, so wird augenblicklich der Schlegel herabgenommen und dem Manne an die Hausrüre gehängt. Die Wegnahme geschieht erst nach der durch den Mann beim Bauermeister geschehenen Nachsuchung mit Zuziehung der ganzen Gemeinde, der er sogleich im Wirtshause einen Gulden und fünfzehn Kreuzer zum Vertrinken erlegen muß. Weigert sich der Mann mitzugehen, so wird er noch ärger gestraft. Dieser Schlegel wird auch im Winter nach starkem Schneefall gebraucht, der Gemeinde Kühnhard den Weg in die Kirche nach Mosbach zu bahnen. Sie nimmt ihn alsdann herab und schleift mit demselben durch zwei oder vier Ochsen die Bahn nach Mosbach. Dieser Schlegel ist berühmt, daß man des einen Dorfes Lage geradezu bezeichnet Kühnhard am Schlegel.

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875. Die arme Seele

875. Die arme Seele

Der Teufel war lange Zeit ledig gewesen und ein gar alter Junggeselle trotz der vielen Buhlschaften, wollte endlich auch freien, und als er sich auf der ganzen Welt umgesehen, gefiel ihm auf der Welt keine Maid so wohl als eine zu Rothenburg an der Tauber, eines ehrsamen Bürgers Kind. Der Teufel warb in Züchten um das Mägdelein, verblendete des Vaters Augen durch Glanz und Pracht, und ward die Hochzeit gar herrlich gehalten. Der Teufel tanzte wie ein Gott und machte Bockssprünge wie ein Faun und hatte zwei Spielleute mitgebracht, die machten eine höllische tolle Musik, und alles wirbelte vor Lust. Dem Brautvater wurde das Ding aber endlich gar zu toll und kam ihm schier unheimlich vor, ließ daher heimlich seinen Beichtiger holen, und der geistliche Herr roch auf der Stelle durch die vielen Hochzeitbraten den Teufelsbraten heraus und rückte ihm, mit geistlichem Rüstzeug wohl versehen, ganz ernst zu Leibe, peinigte ihn mit Fragen und Bibelsprüchen, bis der Teufel vor Ärger zwar nicht aus der Haut, aber doch aus dem Hause fuhr und einen höllischen Gestank hinterließ; ihm folgten auch sogleich die Spielleute, und an der Stelle dieses höllischen Kleeblattes lagen die Leichen von drei vor wenigen Wochen Gehenkten im Tanzsaal und stanken wie tausend Teufel.

Der Teufel aber hatte nun einen großen Zorn auf Rothenburg, verdarb der guten Stadt ihren Tauberwein und lauerte stetig darauf, ihr Possen zu spielen oder seine Macht zu zeigen. Im Jahre 1522 zettelte er die Judenteufelei dort an, und 1525 schürte er die Aufruhrflammen des Bauernkriegs. Da kam eines Heiligentages ein Bäuerlein durch den Torweg unter der Hauptkirche, fluchte und wetterte zum Teufelholen und vermaß sich bei seiner armen Seele, daß jetzt allen Fürsten der Garaus gemacht werde, ein halbes Hundert seien schon tot, und die andern müßten Reißaus nehmen, und es sei einmal Zeit, daß die Bauerschaft auch endlich an das Ruder der Gewalt käme, und es müsse das Pfaffen- und Schreiberregiment durchaus aufhören, und werde auch, und wenn das nicht wahr und wahrhaftig sei, so solle ihn der Teufel gleich auf der Stelle holen. Und siehe, da fuhr der Teufel aus der kleinen Türe im Torwege hervor, krallte nach dem Bäuerlein, dem kaum der Torweg breit genug war, so focht und stürmte es mit seinen Armen, und warf es hoch an die Mauer. Mausetot und wie ein Nußsack fiel der Leichnam wieder herab, an der Wand aber blieb die arme Seele des Bäuerleins, die selbiges verschworen, hängen, und hängt noch immer dort, man kann sie mit Augen sehen. Sie ist von Farbe braun und mit schwarzen Flecken besprenkelt, wie eine Steinforelle. Es ist die einzige Menschenseele, welche sichtbar ist.

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876. Freudengäßle

876. Freudengäßle

Zu Rothenburg an der Tauber wächst auch Wein, man will ihn aber nicht allewege loben. Einst war der Tilly dort, den wollte der Rat hoch ehren, gab ihm ein stattlich Mahl auf dem Rathaus und setzte ihm von seinem besten Weine vor. Aber der alten Kriegsgurgel des Tilly mundete selbiger Wein mitnichten, schmeckte wie thüringscher, und zog der Feldherr ein schiefes Maul und die Stirne in Falten und schrie: Ihr Rothenburger sollt alle die Kränke kriegen mit euerm Sauerracher! Gleich leert einer von euch selbigen Humpen auf einen Zug aus, oder ich lasse euch Herren allesamt und sonders die Köpfe durch den Meister Scharfrichter abschlagen! – Der Scharfrichter wurde alsbald geholt, und die armen Ratsherren erzitterten und wurden bleich und rot, denn der Tod saß ihnen schon auf der Zunge. Wie wäre es möglich gewesen, ihr Gewächs so rasch und so viel auf einmal hinunterzubringen? War es nicht auch ein Scharfrichter, dessen Schärfe den Magen bedrohte, wie das Schwert des wirklichen den Hals? Aber – dulce et decorum est pro patria mori – es fand sich ein Heldenherz in der Brust eines jungen Ratsmannes, er hatte in Würzburg studiert und konnte sich etwas zutrauen. Er nahm den vollen Humpen, hob ihn und trank ihn leer bis zur Nagelprobe. Nicht ohne Schauder sahen es die Ratsherren, und der Tilly strich sich den Schnurrbart und lächelte – was bei ihm nicht häufig vorgekommen sein soll. Der Rat von Rothenburg war gerettet. Tilly erhielt andern Wein, der Scharfrichter wurde von den Spielleuten in sein Haus zurückgeleitet, und weil das das erste Freudenzeichen war, so erhielt das Gäßchen, darin er wohnte, den Namen Freudengäßle bis auf diesen Tag. Der junge Märtyrer für seine Vaterstadt blieb am Leben und hat nachher vom dankbaren Rat eine stattliche Verehrung an Tauberwein zur Vergnügung empfangen, doch nie wieder ein so großes Maß voll auf einmal zu sich genommen.

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877. Heilsbrunn

877. Heilsbrunn

Es war ein Ritter aus dem Geschlecht derer von Heideck, den peinigte ein jahrelanges Siechtum. Einst ritt er in einem Walde umher, und die Macht der Krankheit befiel, brennender Fieberdurst quälte ihn aufs neue. Da kam er auf eine Waldblöße, auf der ein frischer Brunnquell zutage kam, wo die Vögel lieblich sangen und die Bäume kühl schatteten. Da warf sich der lechzende Ritter vom Roß, kniete hin an die frische Quelle, rief die Mutter des Heilandes an und trank in vollen Zügen. Und da ging es ihm wie dem Ritter Heinz Teufel, die Königin der Engel erhörte ihn, und der Brunnen half und heilte ihm sein Gebrest, und da nannte er die Quelle seinen Heilsbrunnen und erbaute an ihr eine Kapelle. Bald kamen die Pilger in Scharen gezogen, tranken und genasen, und bald faßte das Kirchlein nicht die Zahl der Beter. Da gründeten dann die Brüder Rapoto und Konrad, Grafen zu Abenberg, mit dreien ihrer Schwestern eine große Kirche und ein Kloster in Gemeinschaft mit Bischof Otto zu Bamberg, der ein Graf von Andechs und der Pommern Apostel war, im Jahre des Herrn 1122, und weihten es in die Ehre der Gottesmutter und St. Jakobs Zebedeus, und daö Kloster wurde mit Zisterziensermönchen besetzt und eine Enkelin Morimonts genannt. Kaiser Ludwig der Bayer setzte die Burggrafen von Nürnberg zu Schutzherren des Klosters ein, und diese erkoren es zu ihrem Erbbegräbnisse, daher die Fülle herrlicher Denkmäler der Zollern in der noch wohlerhaltenen Klosterkirche. Diese Kirche hatte nicht weniger als achtundzwanzig Altäre, davon der Hochaltar, ein überreiches Schnitzwerk von eines Heilsbrunner Mönches Hand, den ganzen Chor einnahm. Dieser mönchische Künstler fertigte infolge eines Gelübdes den Altar und vermaß sich, nichts zu vergessen, allein da das Werk vollendet war, so fand sich, daß die eine Hand der Figur der heiligen Jungfrau nur vier Finger hatte. Dafür hat des Mönches Leib keine Rast im Grabe finden können und ist sein Gebein unbegraben aufbewahrt worden. Dieser Bildschnitzer war aber wohl ohne Zweifel ein Schalk; er brachte nicht nur irgendwo in der Kirche eine Schweinsmutter an, welche Juden an ihren Zitzen saugen ließ, sondern auf der Stolspange der Statue des heiligen Bischofs Otto ein üppiges Tänzerpaar und einen Sackpfeifer, der diesem aufspielte, vor welchen prostituierlichen Figuren viele Tausende niedergekniet sind und gebetet haben.

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878. Des Teufels Nase

878. Des Teufels Nase

Zu Hall am Kocher im Schwabenlande ist ein uralt Salzwerk, wie schon des Ortes Name kundgibt, und soll es allezeit um den Salzbrunnen herum merkliche Poltergeister gegeben haben, daher man, sie zu vertreiben, viele Jahre lang stets am Dienstag nach Vocem jucundidatis (Sonntag Rogate) mit Heiltümern prozessionsweise um den Brunnen gegangen ist. Zu einer Nacht erschien der Teufel einem Salzsieder und streckte seine Nase, die außerordentlich groß war, durch einen Spalt in das Hallhaus und schnarchte dabei: Wie gefällt dir die Nas? Kann das auch ein‘ Nas sein? – da nahm flugs der Siedeknecht einen Kübel siedender Sole und schüttete den dem Teufel auf seine Nase, indem er rief: Kann das auch ein Spaß sein? – Zornig brach jetzt der Teufel durch die Bretterwand, erwischte den Sieder und warf ihn durch die Luft über den Kocher auf den Gänsberg (die Höhe bei dem mittleren Gerberspförtlein), daß ihm alle Rippen krachten, und rief: Kann das auch ein Wurf sein? –

Andere sagen, der Teufel habe den Siedeknecht auf den Steinbruch jenseit dem Kocher beim Haimbacher Törlein geworfen, allwo der Galgen stand, der nachgehends abgebrochen wurde, weil die daranbaumelnden Kadaver, wenn die Sonne gegen sie geschienen, in einige Häuser der Stadt ihre klunkernden Schatten geworfen, was nicht appetitlich, wenn sie über das Essen dahinglitten.

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87. Die getreue Frau Florentina

87. Die getreue Frau Florentina

Zu Metz lebte ein edler Rittersmann, der hieß Alexander, der hatte eine gar tugendsame Ehewirtin, die hieß Florentina. Der Ritter gelobte sich zu einer Bußfahrt zum Heiligen Grabe, und sein Ehegemahl fertigte ihm ein feines neues Hemde, das zeichnete sie mit einem roten Kreuze und hieß es ihm stetig tragen. Es sei also gefeit und geweiht, daß es immer rein bleibe, zum Zeichen ihrer steten Reinheit und Treue, die sie ihm bewahren wolle bis zu seiner Wiederkehr. Im Heiligen Lande aber geriet Ritter Alexander aus Metz in Gefangenschaft und mußte mit anderen als Knecht den Pflug ziehen und Geißelhiebe und ein Joch auf seinem Nacken dulden wie ein Stier. Das Hemd aber blieb trotz harter Arbeit, trotz Staub und Schweiß und Blut stets rein und weiß, wie Schnee. Das verwunderte die Aufseher, und sie brachten es vor den Sultan. Da erkundigte sich der Sultan, welche Bewandtnis es mit des Sklaven Hemde habe, und Alexander erzählte ihm von der Treue und Reinheit seiner Florentina. Solches dünkte dem Sultan eine Lügenmäre zu sein, und er ward sehr neugierig, ob dem in der Welt nur so sein könnte, und ließ auf seine Kosten einen vertrauten Eilboten ins Abendland reisen, der kam auch glücklich nach Metz, erkundete die Frau, erzählte ihr von ihres Herrn harter Gefangenschaft und warb, da er sie zumal besonders schön fand, mit starker Versuchung um ihre Minne. Allein da er ganz vergebens sich um die Gunst der Frau bemühte, so zog er wieder ab und brachte seinem Herrn die Nachricht von Florentinas unwandelbarer Treue. Diese aber kleidete sich in Pilgrimtracht, nahm eine Harfe mit, die sie meisterlich zu spielen verstand, und reiste dem Heiden nach, holte zu Venedig ihn ein und fuhr mit ihm, ohne daß er sie wiedererkannt hätte, in das Heidenland. Als sie nun an des Heidenkönigs Hofe ankamen, meldete der Abgesandte, was er zu Metz ausgerichtet, und rühmte seines Reisegefährten kunstreiches Harfenspiel. Da wurde der Pilgrim an den Hof gefordert und durfte sich hören lassen und wurden ihm große Geschenke für sein Spiel dargeboten. Er weigerte aber, solche anzunehmen, und bat nur um die Freilassung eines der Sklaven, die im Pfluge gingen. Das ward ihm zugestanden, und nun ging Florentina zu den Sklaven und suchte unter ihnen ihren Mann, den bat sie los, gab sich ihm aber nicht zu erkennen, weder zu Lande, noch zur See, sondern blieb in ihrer Verkleidung als Mann und fuhr mit ihrem Manne der Heimat zu. Da sie noch zwei Tagereisen von Metz waren, sprach Florentina: Mein lieber Wandergesell, nunmehr gehen unsere Wege voneinander. Gib mir dafür, daß ich dich befreit, doch auch etwas zum Andenken. – Was soll ich dir geben, der ich so viel wie nichts habe? fragte der befreite Ritter. – Du hast ein sonderbares Hemde an, von dessen Wunder habe ich im Heidenlande reden hören, schneide mir ein Stück heraus, damit ich auf meiner Pilgerschaft auch andern von dem Wunder singen und sagen kann. – Weil du es bist und ich so großen Dank dir schuldig geworden, sprach der Ritter, so will ich’s tun, keinem anderen auf der Welt gäbe ich vom Hemde, das mir meiner Frauen Reine und tugendsame Zucht so wunderbar verbrieft. – Schnitt ihm also ein Stücklein, nicht gar groß, aus dem Hemde heraus und schied so dankend von dem Pilgrim. Florentina eilte ihrem Gatten schnell voraus nach Metz, legte ihre Frauenkleidung wieder an, und als er nun, einen ganzen Tag später wie sie, daheim ankam, empfing sie ihn mit herzlicher Liebkosung und Freude, des ward er sehr glücklich. Als aber nun der heimgekehrte Ritter allmählich seine Freunde wieder sah, da merkte er an ihrem sondern Wesen, daß sie etwas Heimliches gegen ihn auf den Herzen hatten, und endlich sagte ihm einer: Mich nimmt viel Wunders, daß du dein Weib wieder daheim funden hast, sie muß deine Heimkunft gerochen haben. Ein fremder Mann war oft und lange bei ihr, und endlich ist sie ihm nachgefahren und zwölf Monate außen blieben und nur kurz vor dir wiederkommen. – Da ward der Ritter sehr zornig, lud seine Freunde und Verwandten zu einem Mahl und fragte dann dabei sein Weib öffentlich, warum sie so untümlich lange Zeit ihr Haus verlassen, und wo sie denn in der Welt herumgereist sei nach fahrender Fräulein Art. – Da stund die getreue Florentina schweigend vom Tische auf, ging in das Zimmer nebenan und kam als Pilgrim mit der Harfe wieder und reichte ihm das Stücklein Leinwand aus seinem Hemd. Da hob der Ritter seine Hände auf und rief: Vergib, du Himmlische, du Reine! Du befreitest mich aus Sklavenbanden, aus dem Joche am Pfluge, und fiel ihr weinend um den Hals und bat sie um Verzeihung, und jede Anklage verstummte auf immerdar.

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879. Kinderwallfahrt

879. Kinderwallfahrt

Im Jahre 1448 hat es sich zugetragen, daß zu Schwäbisch-Hall am Donnerstage nach Pfingsten plötzlich eine Sucht die Knaben überkam, nach Sankt Michael in der Normandie zu wallfahren, und gingen ihrer über zweihundert an der Zahl wider den Willen ihrer Eltern auf einmal von dannen, denn sie wurden von dieser Sucht ganz schnell und plötzlich erregt und ließen sich nicht einmal von ihren eignen Müttern halten, auch erfolgte bei einigen, welche mit Gewalt zurückgehalten wurden, alsbald der Tod. War wohl, wie ein alter Chronikenschreiber sagt, eine seltsame und wunderliche Begeisterung. Da sich die Knaben nicht halten ließen, so gab ihnen der für das Wohl der Stadtkinder besorgte Rat zum Geleit einen Schulmeister und einen Esel mit, damit ihnen nichts Böses zustoße. In so guter Gesellschaft mag wohl die weite Reise und Betfahrt glücklich vonstatten gegangen sein. Nachderhand erfolgte eine große Pest, und war es vielleicht Gottes Hand, welche den Knaben winkte, dieser zu entgehen. Wunders genug war es, daß diese Knaben so weit außer Landes begehrten und zogen, da es doch im Schwaben- wie im nachbarlichen Franken- und Bayerlande der berühmtesten Wallfahrtsorte eine übergroße Menge gab.

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880. Unsre Frau zu den Nesseln

880. Unsre Frau zu den Nesseln

Zu den mancherlei Wallfahrten, die es schon in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts im Schwabenlande gab, entstanden in demselben Jahrhundert auch noch viele neue. Im Jahre 1484 ging eine Bäuerin ihres Weges von Heilbronn gen Weinsberg, da sähe sie ohnweit des Stadtgrabens einen Bildstock mit Unser Frauen Bilde stehen, der war ganz und gar mit Nesseln und anderm Unkraut überwuchert, davon ward sie bewegt und sprach: O du reine Jungfrau Maria! Komm, ich will dein schön andächtig Vesperbild mit mir heim in mein Dorf tragen, da soll es ehrlich gehalten werden – und wollte das Marienbild vom Stocke heben, aber da sprach das Bild: Frau, ich will in diesem Nesselbusch bleiben, denn an diesem Ort wird Gott Wunder tun. – Über diese Stimme erschrak die Frau zum Tode und fiel in Ohnmacht. So fand sie ihr Mann, der nach ihr des Weges kam, da er sich in etwas versäumt, bewußtlos liegen, sprach ihr zu und richtete sie auf, und da sie wieder zu sich kam, erzählte sie ihm alles. Darauf breiteten beide allenthalben aus, was der Frau begegnet war, und wurde ein großer Zulauf zu dem Vesperbilde, und wurden ihm Opfer dargetragen an Geld, Wachs, silbernem und goldenem Geschmeid, Kleinode, Kleider, und waren auch gleich fromme Männer zur Hand, welche diese Spenden in Empfang nahmen, erbaueten ein schön lustig Kloster in die Ehre Gottes und Unsrer Frauen und gaben es den Karmelitern ein, die ließen das Mirakel durch einen der Ihren, der Doktor und Professor der Theologie war, in Druck ausgehen, und hat das Kloster und sein Wunderbild in hohem Flor gestanden bis zum Jahre 1525, da die aufrührerischen Bauern im nahen Weinsberg ihre mörderische Tat begingen, die nahmen auch das Kloster Unsre Frau zu den Nesseln ein, plünderten, zerstörten und verheerten es.

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868. Teufelsmauer und Teufelsstraße

868. Teufelsmauer und Teufelsstraße

Wenn dort vor dem Harz einige vereinzelt stehende zerklüftete Felswände Teufelsmauern heißen, so ist doch deren räumliche und Längenausdehnung nur gering, hier aber im Altmühlgebiet sind Teufelsmauer und Teufelsstraße von erstaunenswerter Ausdehnung und Länge. Sie beginnen schon bei Pförring an der Donau, ohnweit Regensburg, durchstreichen das ganze eichstättische Gebiet und die ansbachischen Ämter, aufwärts der Altmühl, ziehn über Berg und Tal, überspringen Bäche und Flüsse und enden erst bei der alten Reichsstadt Wimpfen im Neckartale; ihre ganze Länge wird auf dreißig Meilen angeschlagen, und es ist wohl außer Zweifel, daß die Teufelsmauer ein altes Römerbauwerk ist, dies zeigen die zahlreichen Fundstücke an Gewaffen und Münzen. Sie war ohnstreitig das, was die Deutschen eine Landwehre nannten, deren als tiefe Gräben noch viele in andern Ländergebieten vorkommen, die Römer ein Vallum, einen Wall, eine Schutzwehr, und wohl teilweise auch Heerstraße. Der Mauergrund geht fünf bis sechs Fuß tief in die Erde; heutzutage sind ihre Spuren nur noch wenig sichtbar; zwischen Ellingen und Pleinfeld erblickt man linker Hand an der Nürnberger Straße noch ein sechs Schuh hohes und ebenso breites Stück über der Erde. In Günzenhausen durchstreicht die Teufelsmauer die Vorstadt, dort sind noch Spuren eines Römercastrums. Eine Strecke weit heißt dieses Werk auch die Pfahlhecke, vielleicht vom Worte Vallum gebildet, vielleicht auch nicht. Zwei Nachbardörfer, eines dicht an der Pfahlhecke, führen die Namen Pfahldorf und Pfahlspaint. Eine Stunde von Uffenheim liegt auch ein Dorf Pfahlheim mit einem wundertätigen St. Ottiliabild. Die Sage nennt diesen alten Mauerbau ein Werk des Teufels. Ein Bauer zu Gundelsheim, dessen Schlafkammer gerade über der Teufelsmauer stand, hat erzählt, daß er und seine Frau in tiefer Nacht vom Peitschenknall erweckt worden. Ein Reiter hoch zu Roß sprengte am Ehebett vorüber, schreckliches Getöse hinter ihm drein, über hundert Pferde, zahllose rollende Wägen, viel Volks und ein Stimmengewirr wie beim babylonischen Turmbau, alles wild vorüber – das wilde Gejaig, und mit Blitzesschnelle, daß den Leuten noch die Haare zu Berge standen, wenn sie nur daran dachten. Solch eine Schlafkammer wird sich keiner wünschen. Und dergleichen wissen die Umwohner der Teufelsmauer gar viel zu erzählen. In manchen Dörfern haben sie sich die alte Teufelsmär örtlich zurechtgelegt und zugeschnitzt, wie die Steine der Teufelsstraße bei Ried, in der Nähe von Dollenstein und Kunstein. Dort lebte eine Bäuerin als Teufelsbuhle und Bündnerin, wurde ihm aber treulos in der Sterbestunde, und obschon der Teufel ihrer Seele gewiß zu sein glaubte, so ging es doch wie bei Pape Döne: der Pfaffe überwand den Teufel und betete die Seele der alten Hexe in den Himmel hinein; damit noch nicht zufrieden, zwang er sogar den Teufel, vor ihm her bis Ried eine Straße zu pflastern, weil der Weg schmierig war wie dort die Straße zu Bommel, die Doktor Faust von seinem Teufel Jost pflastern, aber auch hinter sich wieder aufreißen ließ. Hier aber ließ der Pfaffe die Straße nicht wieder aufreißen, und der Teufel hatte die ganze Geschichte so satt, daß er vor Ärger von dannen fuhr und die von ihm gebaute Straße in des Teufels Namen stehen ließ. Das nämliche wird auch erzählt von einem Stück Teufelsweg bei Ostendorf, da mußte der Teufel gar vor einem Reiter her in aller Hurtigkeit pflastern. Da hat er rechtschaffen geschwitzt. Als er’s satt hatte, reckte er einen Stein, darüber stürzte das Pferd, und der Reiter brach den Hals. So machte er es auch bei der Pfahlhecke; er hatte, wie dort am Harz, auch mit dem lieben Herrgott Teilung beschlossen und wollte vor dem Hahnenkrähen ein Stück Land mit einer Mauer abgrenzen, hatte sich auch ein gütlich Stück deutschen Landes abgesteckt, man weiß nur nicht recht, ob er das nördliche oder das südliche Stück für sich haben wollte, wahrscheinlich aber das südliche, weil er da den Pfaffensack München mit in den Kauf bekommen – allein der Hahn krähete zu früh, und der Teufel zertrümmerte vor Ärger gleich selbst die ganze Mauer. Es geht auch die Sage, daß dieser Teufelsweg um die ganze Welt reiche und die Straße sei, die der ewige Jude laufen müsse, und alle sieben Jahre komme er wieder auf die nämliche Stelle.

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