Nachwort des englischen Herausgebers

Mit den letzten gedruckten Worten »eine willkürliche Erschütterung der brutalen Natur« endet der Roman »Die Herren von Hermiston«. Jene Worte wurden, soviel ich weiß, noch am nämlichen Morgen diktiert, da der letzte, jähe Anfall den Autor dahinraffte. »Die Herren von Hermiston« nimmt somit in den Werken Stevensons den Platz ein, den Edwin Drood in der Lebensarbeit Dickens‘ oder Denis Duvals in der Thakerays innehaben: oder vielmehr, unser Roman bedeutet relativ mehr, denn während jenen anderen beiden Fragmenten ein ehrenvoller Platz in ihrer Verfasser Werken gebührt, nimmt »Hermiston« in Stevensons Schaffen zweifellos den Ehrenplatz ein.

Die Leser werden in der Frage, ob sie Weiteres über den geplanten Verlauf der Geschichte und das Schicksal ihrer Charaktere zu erfahren wünschen, geteilter Meinung sein. Einigen wird Schweigen und die Möglichkeit, selbst mit Hilfe solcher Fingerzeige, wie der vorliegende Text sie bietet, sich die Fortsetzung auszuspinnen, als das Beste erscheinen. Ich gestehe, daß dies auch die Auffassung ist, zu der ich persönlich neige. Da andere jedoch – und zweifellos die Mehrzahl der Leser – durchaus alles wissen möchten, was es darüber zu sagen gibt, und da Herausgeber und Verleger ihre Stimmen mit ihnen vereinen, kann ich wohl nicht umhin, ihren Wünschen entgegenzukommen. Der geplante Entwurf verläuft, soweit er bei des Autors Tode seiner Stieftochter und treuen Gehilfin, Mrs. Strong, bekannt war, etwa wie folgt:

Archie hält an seinem guten Vorsatz fest, weitere Schritte zu vermeiden, die die jüngere Kirstie kompromittieren könnten. Frank Innes macht den Vorteil, der ihm aus des Mädchens Unglück und verletzter Eitelkeit erwächst, seiner Absicht, sie zu verführen, dienstbar, und Kirstie, obwohl im Herzen immer noch Archie treu, fällt Frank zum Opfer. Die ältere Kirstie bemerkt als erste, daß etwas nicht im Lot ist; sie hält Archie für den Schuldigen und klagt ihn an, wodurch er erst von seiner Liebsten Unglück erfährt. Er leugnet nicht sofort, der Schuldige zu sein, sondern sucht die junge Kirstie auf, die ihm die Wahrheit gesteht, und er, der sie immer noch liebt, verspricht in ihrer Not, sie zu schützen und ihr beizustehen. Anschließend daran hat er mit Frank Innes eine Unterredung, die damit endet, daß Archie Frank im Streit neben des Betenden Webers Stein tötet. Inzwischen haben die Vier Schwarzen Brüder von dem Verrat an ihrer Schwester erfahren und beschließen, an Archie, als dem vermeintlichen Verführer, Rache zu nehmen. Sie sind im Begriff, ihn zu stellen, als die Polizei ihn wegen des Mordes an Frank verhaftet. Er wird vor seinen Vater, den Lord Oberrichter, geführt, schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Inzwischen jedoch hat die ältere Kirstie von ihrer Nichte die Wahrheit erfahren und ihre Neffen benachrichtigt, und diese greifen in einem ungeheuren Rückschlag der Gefühle zu Archies Gunsten nach der uralten Tradition ihres Hauses zur Selbsthilfe. Sie sammeln eine Schar von Anhängern, brechen nach einem harten Kampf in das Gefängnis ein, darin Archie gefangen liegt, und setzen ihn frei. Er und die junge Kirstie fliehen zusammen nach Amerika. Allein die Qual der Gerichtsverhandlung gegen den eigenen Sohn ist für den Lord Oberrichter zu stark gewesen; er stirbt am Schlagfluß. »Ich weiß nicht«, fügt Stevensons Amanuensis hinzu, »was aus der älteren Kirstie wird, jedoch diese Gestalt wuchs und erstarkte derart unter seiner Feder, daß ich überzeugt bin, er hatte ihr irgendein dramatisches Geschick zugedacht.«

Der Plan jedes schöpferischen Werks ist selbstverständlich während seiner Ausführung Veränderungen von des Künstlers Hand ausgesetzt; und nicht nur der Charakter der älteren Kirstie, nein auch noch andere Elemente der Erzählung mögen sehr wohl eine Abweichung von dem ursprünglichen Entwurf erfahren haben. Es scheint indes gewiß, daß die nächste Entwicklung der Beziehungen zwischen Archie und der jüngeren Kirstie dem oben Skizzierten entsprochen haben würde; diese unkonventionelle Auffassung von des Liebhabers Ritterlichkeit und unerschütterlicher Treue gegenüber der Geliebten auch nach deren Fehltritt ist für den Autor ungemein charakteristisch. Die Rache, die den Verführer neben des Betenden Webers Stein ereilen sollte, ist bereits in den ersten Worten der Einleitung angedeutet worden, während die Lage und das Schicksal des Richters, der sich, einem Brutus ähnlich, der Pflicht gegenübersieht, den eigenen Sohn an den Galgen zu schicken, offenbar den Höhepunkt und das tragische Moment des Romans bilden sollten.

Wie dieser letzte Umstand sich innerhalb des Rahmens juristischer Möglichkeiten hätte verwirklichen lassen, ist nur schwer zu erraten; er bildet jedoch einen der Punkte, denen der Autor die sorgfältigste Aufmerksamkeit widmete. Mrs. Strong sagt ganz einfach, der Lord Oberrichter verurteile, einem alten Römer gleich, seinen Sohn zum Tode; allein die erste juristische Autorität Schottlands versichert mir, daß keinem Richter, wenn auch noch so mächtig von Charakter und Amt, gestattet worden wäre, bei der Verhandlung gegen einen so nahen Verwandten den Vorsitz zu führen. Der Lord Oberrichter war das Haupt der Kriminaljustiz des Landes; er hätte vielleicht darauf bestehen können, während der Verhandlung gegen seinen Sohn auf dem Richterstuhl anwesend zu sein, aber niemals hätte man ihm erlaubt, den Vorsitz zu führen oder das Urteil zu sprechen. In einem Briefe Stevensons an Mr. Baxter vom Oktober 1892 findet sich auch eine Stelle, an der er in Ausdrücken, die darauf schließen lassen, daß er dies genau wußte, um Material bittet: »Ich brauche Pitcairns ›Kriminalprozesse‹ quam primum. Gleichfalls einen absolut einwandfreien Text des schottischen Richtereids. Ferner, falls Pitcairn nicht bis in die gewünschte Zeit reicht, einen möglichst vollständigen Bericht eines schottischen Mordprozesses zwischen 1790 und 1820. Verstehe mich recht: so vollständig wie nur möglich. Gibt es ein Buch, das mir den folgenden Tatsachen gegenüber als Anleitung dienen könnte? Der Lord Oberrichter muß auf seiner Rundreise bei den Assisen gewisse Personen eines Kapitalverbrechens wegen aburteilen. Auf bestimmte Beweise hin wird die Anklage auf des Lord Oberrichters eigenen Sohn gewälzt. Natürlich wird bei der nächsten Verhandlung der Lord Oberrichter ausgeschaltet und der Fall dem Vorsitzenden des schottischen Gerichtswesens überwiesen. Wo müßte alsdann die Verhandlung stattfinden? Ich fürchte, in Edinburg, und das würde mir nicht passen. Könnte es abermals in einer Kreisstadt sein?« Die aufgeworfene Frage wurde einem ehemaligen Gefährten Stevensons von der Edinburger Speculative Society, Mr. Graham Murray, jetzigem Generalanwalt für Schottland, vorgelegt, dessen Antwort dahin lautet, daß es keine Schwierigkeit bieten würde, die neue Verhandlung in eine Kreisstadt zu verlegen; sie müßte dort im Frühling oder im Herbst unter zwei Mitgliedern des obersten Kriminalgerichtshofes stattfinden; der Vorsitzende des schottischen Justizwesens würde nichts damit zu tun haben, da sein Amt zu der damaligen Zeit nur nominal gewesen und von einem Laien ausgefüllt worden sei (was heute nicht mehr der Fall ist). Daraufhin schrieb Stevenson: »Graham Murrays Notiz über das formelle Verfahren war äußerst befriedigend und hat mir über die Maßen gutgetan.« Die Formulierung seiner Nachfrage scheint darauf hinzuweisen, daß er beabsichtigte, den Verdacht, bevor er auf Archie fiel, erst auf andere Personen zu lenken; ferner, daß ihm daran gelegen war – zweifellos, um die Befreiung durch die Schwarzen Brüder möglich zu machen –, Archie nicht in Edinburg, sondern in einer Kreisstadt gefangen zu wissen. Allein die Bemerkung deutet nicht an, wie er die Hauptschwierigkeit, die er trotzdem vollauf erkannte, zu lösen gedachte. Beabsichtigte er vielleicht, Lord Hermistons Rolle auf den Vorsitz bei der ersten Verhandlung zu beschränken, wo die inkriminierenden Beweise gegen Archie unerwartet auftauchen sollten, und den Richtern lediglich die Anweisung geben zu lassen, daß die Justiz ihren Lauf nehmen solle?

Ob die endgültige Flucht und Vereinigung Archies und Christinas für den Gang der Handlung gleich unerläßlich gewesen wären, wird manchen Lesern vielleicht zweifelhaft erscheinen. Sie werden vermutlich empfinden, daß ein tragisches Geschick allen Beteiligten von Anfang an bestimmt war, ja daß es in den Bedingungen dieser Erzählung selbst verankert ist. Über diesen Punkt sowie über andere Fragen der allgemeinen Kritik finde ich eine interessante Diskussion seitens des Autors selbst in dessen Korrespondenz. In einem Brief vom 1. November 1892 an Mr. J. M. Barrie anläßlich einer Kritik seines berühmten Romans »The Little Minister« schreibt Stevenson:

»Ihre Schilderung der Beziehungen zu Lord Rintoul ist entsetzlich gewissenlos – ›The Little Minister‹ hätte ein schlechtes Ende nehmen müssen; wir alle wissen, daß er es in Wahrheit tat, und sind Ihnen unendlich dankbar für die Anmut und den Takt, mit dem Sie darüber lügen. Hätten Sie die Wahrheit gesagt, ich persönlich würde Ihnen verziehen haben. So wie Sie die Anfänge des Buches konzipiert und geschrieben haben, wäre die Wahrheit über das Ende, obwohl den Tatsachen absolut entsprechend, dennoch eine Lüge oder, was schlimmer ist, ein künstlerischer Mißklang gewesen. Will man, daß ein Buch unglücklich endet, so muß es von Anfang an unglücklich enden. Ihr Buch jedoch hat gleich zu Anfang schon ein glückliches Ende. Sie duldeten es, daß Sie sich selbst in Ihre Figuren verliebten, sie liebkosten und anlächelten. Sobald Sie das taten, war Ihre Ehre verpfändet –. Sie waren verpflichtet, sie auf Kosten der Lebenstreue zu retten. Das gerade ist der Flecken an ›Richard Feverel‹, zum Beispiel; das Buch ist auf ein glückliches Ende hin angelegt und hält dann den Leser durch ein unglückliches Ende zum Narren. In diesem Falle steckt sogar noch Schlimmeres dahinter, denn das unglückliche Ende folgt nicht logisch aus der ganzen Handlung – die Erzählung hatte in Wahrheit nach der großen Unterredung zwischen Richard und Lucy bereits ein glückliches Ende erreicht –, die blinde, unlogische Kugel, die alles zertrümmert, hat auf dem Schauplatz der Handlung nicht mehr zu suchen als eine Fliege, die summend durch ein offenes Fenster ins Zimmer fliegt. Es hätte so kommen können; es hätte aber auch nicht so kommen können; und wo keine Notwendigkeit vorliegt, haben wir auch kein Recht, unseren Lesern wehe zu tun. Ich erlebe gerade einen schweren Gewissenskonflikt anläßlich meines Braxfield-Romans. Braxfield – nur lautet sein Name Hermiston – besitzt einen Sohn, der zum Tode verurteilt ist; offenbar liegt in den gegebenen Tatsachen eine große Versuchung – und ich beabsichtigte auch, ihn henken zu lassen. Bei Betrachtung meiner Nebenfiguren jedoch erkannte ich, daß es fünf Personen gab, die dazu neigen – ja gewissermaßen sogar sich gezwungen fühlen würden –, in das Gefängnis einzubrechen und ihn zu retten. Es sind tüchtige, energische Leute obendrein, die sehr gut Erfolg haben könnten. Weshalb sollten sie’s also nicht? Weshalb sollte der junge Hermiston nicht außer Landes fliehen? Und, wenn möglich, glücklich werden mit seiner – jetzt aber halt! Ich will weder mein Geheimnis noch meine Heldin verraten …«

Gehen wir jedoch von der Frage, wie der Roman geendet haben würde, zu der Frage über, wie der Gedanke dazu in dem Autor Wurzel schlug und reifte. Der Charakter des Helden, Weir von Hermiston, fußt eingestandenermaßen auf der historischen Persönlichkeit Robert Macqueens, Lord Braxfields. Dieser berühmte Richter ist Generationen hindurch Gegenstand von hundert Edinburger Geschichten und Anekdoten gewesen. Wer Stevensons Essay über die Raeburn-Ausstellung in »Virginibus Puerisque« gelesen hat, wird sich erinnern, wie sehr ihn Raeburns Porträt Braxfields fesselte, so wie Lockhart sechzig Jahre zuvor durch ein anderes Portrait des nämlichen Ehrenmannes (s. Peter’s Letters to his Kinsfolk) fasziniert wurde; und das Interesse, das er an jener Persönlichkeit nahm, ließ auch in späteren Jahren nicht nach. Wiederum hatte der Fall des Richters, der durch die Gebote seines Amts in einen starken Konflikt zwischen seiner Pflicht gegenüber der Öffentlichkeit und seinen privaten Interessen und Neigungen gerissen wird, von jeher Stevensons Phantasie gefesselt und angeregt. In den Tagen, als er und Mr. Henley noch zusammen Bühnenstücke verfaßten, schlug Mr. Henley einmal ein Stück vor, das sich auf die Geschichte des Richters Harbottle in Sheridan Le Fanus‘ »In a Glass Darkly« aufbaute, darin der böse Richter blindlings per fas et nefas das Ziel verfolgt, den Gatten seiner Mätresse an den Galgen zu bringen. Etwas später schrieb Stevenson zusammen mit seiner Frau ein Stück, genannt »Der Henker-Richter«. Hierin fühlt sich der Titelheld zum erstenmal in seinem Leben versucht, in den Gang der Justiz einzugreifen, um seine Frau vor den Verfolgungen eines früheren Gatten, der, totgeglaubt, unerwartet wiederauftaucht, zu schützen. Bulwers Roman »Paul Clifford«, mit der entscheidenden Situation, in welcher der weltlich gesinnte Richter, Sir William Brandon, über der Nachricht stirbt, daß der Straßenräuber, den er zu Tode verurteilt, sein eigener Sohn ist, war Stevenson ebenfalls bekannt und hat zweifellos dazu beigetragen, das vorliegende Buch zu beeinflussen.

Wiederum hatten die Schwierigkeiten, die häufig auch im wirklichen Leben aus den Beziehungen zwischen Vater und Sohn erwachsen, in seiner Jugend Stevensons Gewissen und Gemüt schwer bedrückt, als er, dem Gesetz seiner eigenen Natur folgend, seinem eigenen Vater, den er mit Recht aus tiefstem Herzen liebte und bewunderte, Enttäuschung und Kummer bereiten mußte und von ihm selbst eine Zeitlang mißverstanden wurde. Schwierigkeiten dieser Art hatte er bereits ein- oder zweimal in humoristischerem Tone behandelt – wie z. B. in der »Geschichte einer Lüge« und in »The Wrecker«, bevor er sich mit ihnen in dem akuten und tragischen Stadium wie in der vorliegenden Erzählung auseinandersetzte.

Diese drei Elemente: das Interesse an der historischen Persönlichkeit Lord Braxfields, die Probleme und Gefühle, die einem Richter aus einem heftigen Konflikt zwischen Pflicht und Natur erwachsen, und die Differenzen, die der Verschiedenheit der Veranlagung sowie Mißverständnissen zwischen Vater und Sohn entspringen, liegen unserem Roman zugrunde. Um geringe Faktoren nicht außer acht zu lassen, lohnt es sich, vielleicht noch auf eine Tatsache hinzuweisen, an die Mr. Henley mich erinnert hat, nämlich daß der Name Weir für Stevensons Phantasie einen ganz besonderen Klang besaß dank der berüchtigten historischen Edinburger Persönlichkeit von Major Weir, der samt seiner Schwester unter besonders grausigen Umständen als Zauberer verbrannt wurde. Ein anderer Name – der einer episodisch auftretenden Figur, des Geistlichen Mr. Torrance – ist, wie die ganze Gestalt überhaupt, samt ihrer Umgebung: Kirchhof, Kirche und Pfarrhaus, bis hinab zu den schwarzen Zwirnhandschuhen – direkt dem Leben entlehnt. Als Beweis diene folgende Stelle eines Briefes aus dem Anfang der siebziger Jahre: »Ich war in der Kirche und nicht einmal deprimiert – ein großer Schritt vorwärts. Es war jene wunderschöne Kirche zu Glencorse in den Pentlands« (drei Meilen abseits von seines Vaters Landhaus in Swanston). »Sie ist ein winziger, in Kreuzform ausgeführter Bau mit einem steilen Schieferdach. Der kleine Friedhof ist voll alter Grabsteine; darunter befindet sich einer eines Franzosen aus Dünkirchen, der wahrscheinlich als Gefangener des in der Nähe befindlichen Militärgefängnisses gestorben ist. Ein anderer ist wohl das rührendste Grabmonument, das ich je gesehen: eine alte Schulschiefertafel in einem hölzernen Rahmen mit einer Inschrift, offenbar von des Vaters eigener Hand. In der Kirche predigte der alte Mr. Torrance, ein Greis über achtzig, eine Reliquie vergangener Zeiten, mit schwarzen Zwirnhandschuhen und einem milden, alten Gesicht.« Ein Seitenlicht auf einen besonderen Charakterzug Mrs. Weirs werfen gewisse Familientraditionen des Autors, laut denen seine eigene Großmutter bei ihren Dienstboten mehr Wert auf Frömmigkeit als auf Tüchtigkeit gelegt haben soll. Die anderen weiblichen Charaktere sind meines Wissens nach rein aus der schöpferischen Phantasie geboren, insbesondere die neue und vorzüglich gelungene Verkörperung des ewig Weiblichen in der älteren Kirstie. Das wenige, das er selbst über sie sagt, steht in einem Brief, den er einige Tage vor seinem Tode an Mr. Gosse richtete. Er spricht bei dieser Gelegenheit von den Stimmungen und Standpunkten verschiedener Menschen gegenüber dem nahenden Alter, eine Anregung, die er durch Mr. Gosses Gedichtband »In Russet and Silver« erhielt. »Es ist doch recht komisch«, schreibt er, »daß jene Angelegenheit gerade in diesem Augenblick zur Sprache kommt, da ich selbst im Begriff bin, in einer meiner Erzählungen, ›Der Lord Oberrichter‹, einen ziemlich harten Fall von herannahendem Alter zu behandeln. Es ist der einer Frau, und ich glaube, ich werde ihr gerecht. Es wird Sie vermutlich interessieren, den Unterschied in der Art unserer Behandlung zu sehen. ›Secreta Vitae‹ (der Titel eines Gedichtes von Mr. Gosse) kommt dem Fall meiner armen Kirstie schon näher.« Aus der wunderbaren mitternächtlichen Szene zwischen ihr und Archie vermögen wir zu schließen, was uns in jenen späteren Szenen verlorengegangen ist, in denen sie ihm seine vermeintliche Schuld vorwerfen sollte – nur um seine Unschuld von den Lippen seines angeblichen Opfers zu erfahren – ihn ihrer Sippe gegenüber rechtfertigt und diese zu seiner Rettung anfeuert und begeistert. Die von Stevenson geplante Szene der Gefängniserstürmung hätte (wie die Leser ohne Zweifel selbst schon erkannt haben werden) durch den Vergleich mit zwei berühmten Präzedenzfällen: dem Porteous-Mob und der Erstürmung des Potanferry-Gefängnisses bei Scott, noch an Interesse gewonnen. Die beste Schilderung von Stevensons Schaffensmethoden findet sich in den folgenden Sätzen eines Briefes von ihm an Mr. W. Craibe Angus aus Glasgow: »Ich bin immer noch ein langsamer Arbeiter und brüte stets längere Zeit schweigend über meinen Eiern. Unbewußtes Denken, das ist die einzige Methode: erst zerfasere man gründlich seinen Stoff, dann lasse man ihn langsam kochen, und zuletzt nehme man den Deckel ab und werfe einen Blick hinein – da hat man sein Zeugs – gut oder schlecht.« Nachdem die einzelnen, oben geschilderten Elemente ihn lange Jahre hindurch beschäftigt hatten, trieb es ihn im Herbst 1892 dazu, »den Deckel abzunehmen« – dies geschah, soviel ich weiß, unter dem Zwange einer besonders mächtigen Gefühlswallung zu Gunsten der Romantik schottischer Szenerie und schottischer Charaktere, ein Gefühl, das stets in ihm lebendig war und das sein Aufenthalt in der Fremde noch verstärkte. Ich zitiere abermals aus seinem Brief an Mr. Barrie vom 1. November jenes Jahres: »Es ist doch eine seltsame Sache, daß ich hier in der Südsee unter so neuen und ungewöhnlichen Verhältnissen lebe und daß meine Phantasie trotzdem fortwährend in der kalten, alten Gruppe grauer, gedrängter Hügel weilt, aus der wir beide stammen. Ich habe ›David Balfour‹ beendet und bereits ein neues Buch auf dem Repertoire: ›Der junge Chevaliers das teils in Frankreich, teils in Schottland spielt und von Prinz Charlie um das Jahr 1749 handelt; und jetzt habe ich tatsächlich noch ein drittes angefangen, das von Anfang bis zu Ende nur Heide sein soll und dessen Mittelpunkt eine Gestalt bilden wird, die Sie, glaube ich, richtig würdigen werden: die des unsterblichen Braxfield. Braxfield selbst ist bei mir der führende Politikus oder – da Sie so stark an dem britischen Drama interessiert sind – mein Hauptcharakterdarsteller.«

In einem Brief an mich vom gleichen Tage übermittelt er die nämliche Nachricht in knapperer Form zusammen mit einer Liste der Charaktere und einem Hinweis auf Ort und Zeit der Handlung. An Mr. Baxter schreibt er einen Monat später: »Ich habe einen Roman auf dem Repertoire, welcher ›Der Lord Oberrichter‹ heißen soll. Er ist ziemlich schottisch; der Haupthandelnde hat Braxfield zum Vorbild (à propos, schick mir doch Cockburns ›Memorials‹), und einiges an der Geschichte ist – nun, sagen wir, sonderbar. Die Heldin wird von dem einen Manne verführt und verschwindet schließlich mit dem anderen, der jenen erschossen hat – Merk dir’s, ich will, daß ›Der Lord Oberrichter‹ mein Meisterwerk wird. Mein Braxfield ist bereits ›a thing of beauty and a joy for ever‹. Soweit er gediehen, ist er bei weitem meine beste Gestalt.« Aus diesem Auszug geht hervor, daß er zu jener Zeit bereits die ersten Kapitel des Buches entworfen hatte. Etwa um die gleiche Zeit verfaßte er auch die Widmung an seine Frau; sie fand den Zettel eines Morgens beim Erwachen an ihre Bettgardinen befestigt. Es war von jeher seine Gewohnheit, gleichzeitig an verschiedenen Büchern zu arbeiten, wobei er, ganz wie die Stimmung ihn trieb, sich bald dem einen, bald dem anderen zuwandte und so in der Abwechslung Erholung fand; und viele Monate lang nach diesem Brief behinderten erst Krankheit, dann eine Reise nach Auckland, dann die Arbeiten an »Ebb-tide« und an einem neuen Roman »St. Ives«, den er während eines Anfalls von Influenza begann, sowie die Vorbereitungen für ein Buch Familiengeschichte – den Fortschritt des »Hermiston«. Im August 1893 läßt er durchblicken, daß er den Anfang umgearbeitet hätte. Ein Jahr später sind immer noch lediglich die ersten vier oder fünf Kapitel in ihren Umrissen vorhanden. Dann, während der letzten Wochen seines Lebens, macht er sich in einem starken Anfall von poetischer Begeisterung noch einmal an jene Aufgabe, an der er mit voller Hingabe ohne Unterbrechung bis zu seinem Tode weiterarbeitet. Kein Wunder, daß er sich während dieser Wochen mitunter einer nur schwer zu ertragenden Anspannung all seiner Kräfte bewußt wurde. »Wie soll ich nur dieses Tempo aufrechterhalten?« soll er sich nach Beendigung eines der Kapitel geäußert haben, und alle Welt weiß ja, wie ihn sein zarter Organismus inmitten dieser Versuche im Stich ließ. Die Größe des Verlustes für die Literatur seines Landes läßt sich vollauf erst an den vorangegangenen Seiten ermessen.

Bleibt nur noch ein Hinweis auf die Reden und Manieren des »Henker-Richters« selbst. Daß diese in keiner Hinsicht übertrieben sind im Vergleich zu dem, was wir von seinem historischen Prototyp, Lord Braxfield, wissen, ist ganz gewiß. Der Locus classicus betreffs dieser Persönlichkeit findet sich in Lord Cockburns »Memorials of his Time«. »Kräftig von Statur und dunkel, mit struppigen Augenbrauen, gewaltig fesselnden Augen und drohenden Lippen, besaß er die tiefe, knurrende Stimme eines mächtigen Schmieds. Sein Akzent und seine Ausdrücke waren übertrieben schottisch; seine Sprache war wie sein Denken kurz, stark und entschieden. Ungebildet und ohne jeden Geschmack an verfeinerten Genüssen, schöpfte er aus seinem durchdringenden Verstand, der ihn in seiner Verachtung aller weniger groben Naturen noch bestärkte. Macht ohne jede Kultur. Es ist zu bezweifeln, ob er sich je so sehr in seinem Elemente fühlte, wie wenn er hohnvoll die letzten verzweifelten Verteidigungsversuche eines armen, elenden Verbrechers zu Boden schmetterte und den Betreffenden mit irgendeinem beleidigenden Witz nach Botany Bay oder an den Galgen schickte. Und doch geschah dies nicht aus Grausamkeit, für die er zu stark und zu jovial war, sondern aus seiner ausgesprochenen Vorliebe für alles Grobe.« Trotzdem werden diejenigen Leser, die mit schottischer Kulturgeschichte vertraut sind, ohne Zweifel erkannt haben, daß Braxfield in seinem Auftreten einen extremen Fall des achtzehnten Jahrhunderts darstellt, ebenso wie er durchaus dem achtzehnten Jahrhundert angehört (er starb 1799 im achtundsiebzigsten Lebensjahr); für die Zeit, in die der Roman verlegt ist (1814), streift ein derartiges Auftreten an einen Anachronismus. Während des Zeitalters der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege oder – um es anders auszudrücken – während der Generation, die in den Tagen lebte, da Walter Scott als Schüler der High-School und Student der Edinburger Universität in jener Gegend umherstreifte, bis zu der Zeit, da er auf dem Gipfelpunkt seines Ruhmes und seines Wohlstands sich in Abbotsford niederließ, war eine erhebliche Milderung der Sitten ganz Schottlands, insbesondere aber des Advokaten- und Richterstandes eingetreten. »Seit dem Tode des Lord Oberrichters Macqueen von Braxfield«, schreibt Lockhart etwa um 1817, »hat sich das ganze Auftreten der Richter von Grund auf geändert.« Eine ähnliche Kritik dürfte auf das Gemälde von dem Leben in den Grenzlanden zutreffen, wie es in dem Kapitel über die Vier Schwarzen Brüder von Cauldstaneslap entworfen ist: auch das erinnert eher an die Sitten und Gebräuche einer früheren Generation; ich wüßte auch keinen Grund anzuführen, weshalb Stevenson diesen besonderen Zeitpunkt, nämlich das Jahr vor Waterloo, für eine Geschichte wählte, von denen einige Züge zum mindesten besser in eine fünfundzwanzig bis dreißig Jahre frühere Epoche hineingepaßt hätten. Sollte der Leser außerdem noch zu erfahren wünschen, ob die Szenerie von Hermiston mit irgendeinem anderen, dem Verfasser aus seiner Jugendzeit bekannten Ort identisch sei, so muß ich ihm, glaube ich, verneinend antworten. Vielmehr ist sie zusammengetragen aus den verschiedensten Plätzen und Eindrücken der großen Moore Süd-Schottlands. In der Widmung sowie in einem Brief an mich bezeichnet Stevenson die Lammermuirs als den Schauplatz der Tragödie. Jedoch Mrs. Stevenson (seine Mutter) sagte mir, daß er ihrer Meinung nach von Erinnerungen an einen Besuch angeregt wurde, den er in seiner Kindheit einem Onkel auf dessen sehr entlegenem Gehöft in dem Distrikt Overshiels in der Gemeinde Stow abstattete. Allein wenn ihm ursprünglich auch die Lammermuirs vorgeschwebt haben mögen, sahen wir doch bereits, daß er seine Schilderung der Kirche und des Pfarrhauses einem anderen Ort seiner Knabenzeit, nämlich Glencorse in den Pentland-Hügeln, entlehnte, während Stellen im fünften und siebenten Kapitel ganz deutlich auf eine dritte Gegend, das Obere Tweed-Tal samt der von dort bis an den Ursprung des Clyde sich erstreckenden Landschaft, hinweisen. Diese Gegend hatte er außerdem als Knabe schon zur Ferienzeit auf Ritten und Ausflügen von Peebles aus kennengelernt: sie ist zweifellos auch der natürliche Schauplatz unserer Geschichte schon aus dem Grunde, daß dort, im Herzen der Grenzlande, vor allem im Teviot-Tale und in Ettrick, die wahre Heimat der Elliotts liegt. Einige der geographischen Namen sind ganz offenbar nicht als Fingerzeige gedacht. Der Spango, zum Beispiel, ist ein Flüßchen, das, soviel ich weiß, nicht in den Tweed, sondern in den Nith mündet, und Crossmichael ist der Name eines Städtchens in Galloway. Allein den Künstler geht immer nur das Wesentliche und Allgemeine an, und Fragen streng historischer Perspektive und lokaler Umgrenzung haben nichts mit der Wertung seiner Arbeit zu tun. Ebensowenig werden die Leser einen Kommentar zu wichtigeren Dingen von mir verlangen oder mir dessentwegen Dank wissen, einen Kommentar zu der ergreifenden und packenden reifen Kunst des Verfassers, die sich uns in den vorhergehenden Seiten enthüllt, zu den vielfältigen Charakteren und Gefühlen, die er mit sicherer Hand schildert, und zu seinem lebendigen, poetischen Scharfblick und Zauber der Darstellung. Wahrlich, kein Sohn Schottlands zollte je dem Land, das er liebte, vor seinem Tode, ja noch mit seinem letzten Atemzuge einen würdigeren Tribut.

s.c.

Wie Stevensons reifstes Werk entstand


Biographische Aufzeichnungen von Frau Francis Stevenson

Unser Haus in Vailima ist abwechselnd als ein Palast geschildert worden, in dem der Herr und Meister inmitten einer Schar unterwürfiger Sklaven thronte, und als ein enges, armseliges Hüttchen im Dschungel, darin Nahrungsmangel herrschte und Armut dem erschöpften Romanschreiber zur Seite saß und ihn unablässig zu neuen, fieberhaften Anstrengungen trieb. Beides ist unwahr. Das Haus in Vailima war ein schlichtes, weitläufiges, hölzernes Gebäude mit breiten Veranden und zahlreichen Türen und Fenstern. Unsere Hausgehilfen, die sich nicht als Dienstboten, sondern als zur Familie gehörend betrachteten, waren in der Hauptsache tüchtige Leute, so vor allem Talolo, der Koch. Wir besaßen eigene Möbel, unser eigenes Leinen, Geschirr und Silber, die wir aus der Heimat mitgebracht hatten, und lebten im großen und ganzen, mit Ausnahme einiger amerikanischer Neuerungen, so wie wir in England gelebt haben würden. Freilich jemandem, der soeben von einer Kreuzfahrt zwischen den Inseln an Land gegangen war, muß ein Abend in jenem Haus in Vailima, mit seinen gewachsten Fußböden und alten Teppichen, seiner Lichterflut, seinem funkelnden Kristall und Silber und den blumenbekränzten, geräuschlosen Boys als ein Blick in das Paradies erschienen sein. Dagegen würde ein Reisender aus den Kolonien oder San Francisco dies alles als selbstverständlich hingenommen haben; höchstens wären ihm die nackten Füße unseres Haushofmeisters unliebsam aufgefallen, oder er hätte sich geärgert, wenn er am Morgen an seinen klatschnassen Schuhen, die er zum Putzen vor die Tür gestellt hatte, erkennen mußte, daß man sie gründlichst von innen und außen mit dem Gartenschlauch gesäubert hatte.

Wir besaßen ein paar vorzügliche, aus Neuseeland eingeführte Pferde, zahlreiche gewöhnliche Inselponies, eine genügende Anzahl Kühe, um ständig mit Milch und Butter versorgt zu sein, und einen Überfluß an tropischen Früchten und Gemüsen. Der vierzehntägliche Dampferdienst brachte uns ferner Speiseeis, frische Austern und weitere Vorräte aus den Kolonien und San Francisco. In Apia waren ein guter Bäcker und ein guter Metzger ansässig; Fische konnte man am Strande kaufen, Aale und Süßwasser-Garneelen lebten im Überfluß in unseren Flüssen. Wildtauben konnten wir von unserer Hintertür aus schießen, und die Hühner und Eier aus unserer eigenen Zucht waren vortrefflich. Ohne großen Aufwand lebten wir daher recht behaglich.

Gesellschaftlich war Samoa durchaus nicht langweilig. Diplomaten und Beamte, häufig von ihren Familien begleitet, mieteten sich Häuser in der Nachbarschaft von Apia und gaben Gesellschaften, ganz wie in der Heimat. Ich habe es erlebt, daß eine Frage des Vortritts zwischen zwei Beamten gleicher Nationalität, die beide bei einer öffentlichen Versammlung den Ehrenplatz beanspruchten, ganz Apia bis in seine Grundfesten erschütterte. Gepfefferte Berichte wurden nach Hause gesandt, die verschiedenen Behörden als Schiedsrichter angerufen. Mit Recht hat man Apia als »den Kindergarten der Diplomatie« bezeichnet. Außer den Festen der Eingeborenen fanden Teegesellschaften, abendliche Empfänge, Diners, private und öffentliche Bälle, Schnitzeljagden, Polo- und Tennisturniere und Picknicks statt. Mein Mann nahm an all diesen Vergnügungen teil; ja das eine Mal war er zweiter Sieger bei einer Schnitzeljagd über sehr schwieriges Gelände. Da er als Kind ständig krank gewesen war, hatte er nie tanzen gelernt. Sich den öffentlichen Bällen in Apia, die fast von der ganzen Bevölkerung besucht wurden, fernhalten hieß jedoch sich in den Verdacht des Hochmuts bringen; andererseits war es langweilig, den ganzen Abend nur Zuschauer zu sein. So lernte mein Mann in seinem einundvierzigsten Lebensjahre noch tanzen, obwohl er sich meines Wissens nach in der Öffentlichkeit höchstens in einer einfachen Quadrille versucht hat.

Diese gesellschaftlichen Zerstreuungen griffen jedoch nicht wesentlich in meines Mannes literarische Arbeiten ein. Gewöhnlich fing er in den ersten kühlen Morgenstunden, wenn das ganze Haus noch ruhig war, an zu schreiben. Einer der einheimischen Boys war ständig zur Stelle, um die Arbeitszimmerklingel zu beantworten, und schon bei dem ersten Läuten beeilte er sich, Tusitalas Frühstück herzurichten und es ihm im Bett zu servieren. Danach vergingen zum mindesten zwei Stunden, bis der Haushalt auf den Beinen war. Die Vornotizen für »Hermiston« wurden auf kleine Stückchen Papier gekritzelt, um dann im Laufe des Tages meiner Tochter in die Feder diktiert zu werden. Diese Anmerkungen waren nur sehr kurz, denn mein Mann diktierte fast so rasch, als wenn er eine fertige Arbeit vorläse.

Das Arbeitszimmer war ein kleiner Raum neben der Bibliothek, in Wirklichkeit ein überdachter und auch seitlich geschützter Teil der Veranda. Zwei Fenster gingen vorn auf die See hinaus, das andere auf Mount Vaea, wo mein Mann jetzt begraben liegt. Bücherregale umschlossen den Raum an allen Seiten. Im übrigen bestand die Einrichtung aus einem großen Fichtenholztisch, einem Paar Stühle, einem verschlossenen Gewehrschrank mit sechs Coltschen Repetiergewehren, einem schmalen Bett, auf dem mein Mann bei der Arbeit ruhen konnte, und einem Krankentisch, den man nach Belieben über dem Bett aufzuschlagen vermochte.

Er arbeitete jedoch nicht ständig. Mitunter spielte er obwohl er nur eine mäßige Technik besaß – auf dem Flageolett, oder aber er versuchte sich in Kompositionen. Er war in der Musik nicht sehr bewandert, allein es amüsierte und interessierte ihn, kleine Übungen zu Papier zu bringen.

Wenn mein Mann es auch vorzog, seine vorbereitenden Arbeiten am Morgen auszuführen und nachmittags zu diktieren, kannte er doch keine festen Arbeitsstunden. Die Morgen, wie gesagt, waren manchmal auch dem Flageolett, dem Komponieren oder dem Schreiben von Versen geweiht, die der Verfasser indes nie sehr ernst nahm. Und mitunter geschah es auch, daß eine Gesellschaft blumenbekränzter Eingeborener über den Rasenplatz bis dicht vor die Arbeitszimmerfenster getanzt kam oder daß ein Trupp verlegener Matrosen von irgendeinem Kriegsschiff sich vor dem Haustor versammelte. In beiden Fällen pflegte Tusitala zur Begrüßung seiner Gäste auf der unteren Veranda zu erscheinen. Die Unterhaltung mit den Matrosen war ihm immer interessant, und den Samoanern gegenüber befolgte er stets deren Etikette, obwohl diese ihm mitunter recht lästig fiel. Die Matrosen wurden, wenn nötig, von den übrigen Mitgliedern der Familie empfangen und unterhalten, bis es meinem Manne gefiel, nach unten zu kommen. Aber eine samoanische »Melanga« (Besuchsgesellschaft) erwartete, den Häuptling von Vailima auf der Stelle erscheinen zu sehen, während neben ihm sein Dolmetscher die Begrüßungsrede hielt und seine Mägde mit der »Ava-Schüssel« als Erfrischung für die Gäste bereitstanden. Häufig wurde mein Mann bei derartigen Gelegenheiten mitten in einem Satz unterbrochen und der Faden des Gedankens nie zu Ende gesponnen. Und doch war ihm diese Art Verkehr mit den Eingeborenen besonders lieb. Jene wußten nichts von seinen Büchern; er war in ihren Augen keine literarische Berühmtheit. Sie kamen zu ihm wie zu einem älteren Bruder, um in allen Dingen, angefangen bei der Wahl einer Ehefrau bis hinab zu ihrer Kriegführung, seinen Rat einzuholen. Das Haus in Vailima war in ganz Samoa als »das Haus der Weisheit« bekannt. Nach dem Tode meines Mannes erhielt ich eines Tages Besuch von einem alten Häuptling. »Ich möchte meiner Liebe zu Tusitala ein Denkmal setzen«, sagte er. »Einmal sprach mir Tusitala von der Notwendigkeit, in hoher Lage ein bequemes Haus für Kranke, die der Luftveränderung bedürfen, zu errichten. Daher habe ich einen Weg durch die Wälder bis zu dem Gipfel eines Berges schlagen lassen und dort ein großes Haus erbaut zur Beherbergung aller, die es zu bewohnen wünschen. Dieses habe ich getan aus Liebe zu Tusitala.«

Hermiston wurde nicht fortlaufend, sondern abwechselnd mit »St. Ives« diktiert. Mein Mann pflegte an dem einen Buche zu arbeiten, bis es ihn ermüdete oder seine Stimmung umschlug; dann nahm er das andere vor. Noch kurz vor seinem Tode erzählte er mir, er beabsichtige sich sehr bald von beiden Büchern zu erholen und ein drittes, völlig anderes Werk in Angriff zu nehmen. Der neue Roman sollte »Sophia Scarlet« heißen, mit Frauen als Trägerinnen der Handlung. Die männliche Hauptfigur, ein Kranker, in den Sophia Scarlet sich verliebt, sollte in einem der ersten Kapitel sterben. »Es gab eine Zeit«, meinte er, »da ich es kaum wagte, eine Frauengestalt zu zeichnen; jetzt aber fürchte ich mich nicht mehr davor. Ich werde in den beiden Kirsties Gestalten aus »Die Herren von Hermiston«. ein wenig zeigen, was ich kann; aber in Sophia Scarlet wird sich das Interesse vornehmlich auf die Frauen konzentrieren.« Von dem Grundriß der Erzählung weiß ich nur so viel, daß der Schauplatz nach Tahiti verlegt war, wo Sophia Scarlet eine große Pflanzung, die sie selbst leitete, besitzen sollte.

Während mein Mann abwechselnd an Hermiston und St. Ives arbeitete, schleppte ein Schiff, das vorübergehend in Apia anlegte, eine Influenza-Epidemie dort ein. Die Seuche verbreitete sich rasch über die ganze Insel; kaum daß einer von den Eingeborenen ihr entging. Zu jener Zeit war es ungemein niederdrückend, durch ein samoanisches Dorf zu gehen. Die Seitenteile einer Hütte, gewöhnlich bis zu den Dachrinnen hochgeschlagen, waren fest heruntergezogen. Überall herrschte Totenstille bis auf ein gelegentliches Husten und Stöhnen hinter den Wänden aus Kokosnußblättern. In Vailima fiel jeder einzelne Samoaner dieser »fremden Krankheit« zum Opfer. Die Halle unseres Hauses wurde in einen Krankensaal mit einer doppelten Reihe von Betten verwandelt. Auch mein Mann steckte sich an und lag eine Zeitlang schwer darnieder. Aber selbst eine Influenza mit nachfolgendem Lungenbluten vermochte ihn nicht von der Arbeit, speziell von »St. Ives« abzuhalten. Seine Sekretärin lehrte ihn das Taubstummenalphabet, mit dessen Hilfe er langsam und mühselig etwa fünfzehn Seiten diktierte.

Eine bedeutsamere Unterbrechung brachte eine Reise nach Sydney. Mein Mann machte diese Fahrt zu seiner Erholung, ohne während seines Aufenthaltes in den Kolonien auch nur einen Strich zu arbeiten. Er hatte die Influenza vollständig überwunden, befand sich in bester Stimmung und genoß alles, was er unterwegs erlebte, selbst die Reden und Trinksprüche, die er in den Hotels halten mußte. Wir gaben Gesellschaften auf unseren Zimmern im Hotel, besuchten anderer Leute Gesellschaften, machten lange Spazierfahrten und durchstreiften zu Fuß den ganzen Stadtbezirk. Fremde, die meinem Mann in Sydney begegneten, vermochten kaum zu glauben, daß er eben erst von einem Krankenlager genesen sei. Einer Londoner Journalistin fiel es zu, alle Kräfte, die er während dieser Erholungszeit gesammelt hatte, wieder zunichte zu machen. Auf unserer Rückfahrt nach den Inseln legte sie ihm an einem zugigen Platz des Dampfers einen Hinterhalt, um ein Interview zu erlangen, und fesselte ihn durch einen Monolog so lange an Ort und Stelle, daß er sich von neuem schwer erkältete und bis zu unserer Ankunft in den Tropen an seine Kabine gefesselt war.

Nun folgte der aufreibendste Abschnitt in meines Mannes Leben. Bei unserer Ankunft in Samoa tobte dort ein Krieg, wie immer von den Weißen zu selbstsüchtigen Zwecken geschürt. Ich stehe davon ab, seine politische Seite zu berühren; wo meines Mannes Sympathien lagen, geht klar aus den Artikeln hervor, die er damals schrieb. Alles, was sich seither begeben hat, zeigt eindeutig die Weisheit der Maßregeln, für die er sich einsetzte.

Geraume Zeit zuvor hatte er verschiedene der führenden Häuptlinge überredet, Kakao zu pflanzen, und hatte ihnen auch den Samen für die Plantagen geschenkt. Jetzt schlug er einem von ihnen, Mataafa, vor, eine Fabrik zur Verwertung von Kokosfasern zu errichten. Er selbst beabsichtigte das Geld zur Beschaffung der Maschinen und des erforderlichen Materials zu stiften und hatte sich zu diesem Zweck bereits mit englischen Firmen in Verbindung gesetzt, als der Krieg ausbrach. Da das geplante Unternehmen viel Geld zu verschlingen versprach, arbeitete er angestrengt an den beiden angefangenen Romanen, von denen er erwartete, daß sie ihm die nötigen Summen einbringen würden. Nach der Deportation Mataafas hoffte er immer noch, die übrigen Häuptlinge zu der Einsicht bringen zu können, daß es unter den bestehenden Verhältnissen notwendiger denn je sei, ihr Land zu bebauen, statt ihre Kräfte in nutzlosen Kämpfen zu vergeuden. In seiner Ansprache an die Häuptlinge, die für ihn die »Straße des liebenden Herzens« bauten, sagte er: »Wer kämpft am besten für Samoa? … Der Mann, welcher Wege baut, Fruchtbäume pflanzt, Ernten einsammelt und als ein nützlicher Diener des Herrn sich des kostbaren Talentes bedient, das seiner Obhut anvertraut ist … denn alle Dinge in diesem Lande sind miteinander verknüpft wie die einzelnen Glieder einer Ankerkette; der Anker selbst jedoch ist der Fleiß.« An anderer Stelle spricht er von Mataafa: »Er hatte begriffen, was ich euch heute sage; kein Mensch erkannte das besser als er. Er sah den Tag voraus, da Samoa einen neuen Weg beschreiten würde und nicht nur mit Kanonen und pulvergeschwärzten Gesichtern, mit dem Gebrüll schreiender Krieger, nein, durch Graben und Pflanzen, Mähen und Säen verteidigt werden müßte. Als er noch unter uns weilte, widmete er sich dem Pflanzen des Kakaostrauches; er interessierte sich eifrig für Landwirtschaft und Handel. Ich wollte, jeder einzelne Häuptling dieser Inseln würde sich zur Arbeit anschicken, würde Wege bauen, seine Felder bestellen und Fruchtbäume pflanzen, würde seine Kinder erziehen und so sein Talent mehren – nicht um Tusitalas willen, sondern seinen Brüdern und Kindern, ja den langen Reihen ungeborener Geschlechter zuliebe.«

Das Gerücht, daß Tusitala die Absicht hätte, Mataafa auf irgendeine Weise zu helfen, wurde bald überall ausgestreut. Die einzige Erklärung, welche die weißen Ansiedler mit wenigen Ausnahmen finden konnten, war, daß wir Waffen und Munition für Mataafas Armee einschmuggeln wollten. Die Summe, die wir hierfür aufgewendet haben sollten, wuchs ins Ungeheuerliche. Eine Laterne für unsere Veranda, ein Geschenk meiner Schwiegermutter, sollte angeblich als Signallicht für ein geheimnisvolles Schiff dienen, das sich in der Nähe der Küste aufhielte. Einige von diesen Geschichten waren unglaublich töricht – zum Beispiel die über einen verborgenen Weg, den wir über die Berge nach Mataafas Dorf Malie erschlossen hätten; oder das Gerücht, daß dreitausend von Mataafas Kriegern in unseren Wäldern einquartiert lägen. Ich erinnere mich noch, wie wir lachen mußten, als ein hoher, europäischer Beamter, der auf unserer Veranda Tee trank, fast ohnmächtig geworden wäre, als er das Pu oder Kriegshorn blasen hörte, mit dem wir unsere Arbeiter zusammenzurufen pflegten; er glaubte fest an einen verräterischen Überfall. Der König, Laupepa, erwies sich als weit tapferer. Er blickte meinen Mann lediglich mit einem fragenden Lächeln an.

Mein Mann bemühte sich sowohl öffentlich wie im geheimen nach Kräften, eine Versöhnung zwischen Mataafa, den er sehr hoch schätzte, und dem liebenswürdigen, gebrochenen Laupepa, der zu einer Marionette in den Händen weniger Weißer geworden war, herbeizuführen. Diese Aussöhnung wurde von beiden Anführern ersehnt und hätte dem Lande den Frieden gebracht. Allein eine derartige Entwicklung würde verschiedenen, an dem Handel mit gewissen Gebrauchsgegenständen stark interessierten Persönlichkeiten finanzielle Verluste beigebracht haben, ganz zu schweigen von einer Reihe ehrgeiziger Beamter, die jede Gelegenheit begrüßten, sich der Öffentlichkeit ins Gedächtnis zu rufen. Beide Cliquen hielten meines Mannes Gegenwart auf der Insel für eine Gefährdung ihrer Pläne. Daher setzte von ihrer Seite eine förmliche Verfolgung ein. Verschiedene neu eingestellte Arbeiter in Vailima gestanden, daß man sie als Spione gegen Tusitala gedungen hätte. Man drohte ganz öffentlich mit einer Deportation. Viel später erzählte mir der Kapitän eines Passagierdampfers, man wäre an ihn herangetreten mit dem Vorschlag, meinen Mann an Bord seines Schiffes zu locken und ihn zu verschleppen. »Ich würde aber nicht den Mut dazu gehabt haben, selbst wenn ich es gewollt hätte«, sagte der Kapitän. »Wie hätte ich eine derartige Tat in irgendeinem Hafen der englischen Kolonien rechtfertigen sollen? Man hätte mich ja in Stücke gerissen, wenn es herausgekommen wäre.« Vergeblich versuchte man Laupepas Krieger zu einem Angriff gegen Vailima aufzuhetzen. Sobald eine Bande Mataafaner eine Niederlage erlitten hatte, hielt man meinem Mann höhnisch dieses Scheitern seiner Pläne vor. Allerlei versteckte Anspielungen und Verleumdungen gegen Tusitala erschienen in der einzigen Zeitung unserer Insel. Ja, einmal erließ Sir John Thurston, der Britische Kommissar der Fidschiinseln, ein gegen meinen Mann gerichtetes Edikt, das jedoch sofort auf telegraphischem Wege widerrufen wurde, sobald es Downing Street erreichte.

Eine Seite von meines Mannes Charakter ist fast gänzlich unbekannt; seine Neigung für den schriftstellerischen Beruf kam bei ihm erst an zweiter Stelle. Lediglich seiner schlechten Gesundheit als Kind ist es zuzuschreiben, daß er nicht die militärische Laufbahn wählte. Seine Bibliothek enthielt zahlreiche Werke über Taktik, Befestigungskunst usw., über die er ein gründliches Examen hätte ablegen können. Man kann sich daher vorstellen, wie aufreibend es für ihn war, Bücher schreibend auf seiner Veranda zu sitzen, während er wußte, daß draußen bei beiden Parteien die törichtsten Mißgriffe vorkamen und daß es eine Kleinigkeit sei, die Waagschale zugunsten der einen niedergehen zu lassen. Es gab Momente, in denen er stark versucht war, das zu tun, was man ihm vorwarf: nämlich sich auf Mataafas Seite zu schlagen. Allein immer wieder siegte seine Vernunft und sandte ihn an den Schreibtisch und an das Tintenfaß zurück. Eine der geringeren Schikanen, die er sich gefallen lassen mußte, war ein Verbot, Feuerwaffen zu kaufen. Der einzige Grund, weshalb er ein paar Gewehre zur Verfügung zu haben wünschte, war, daß wir rund dreieinhalb Meilen tief im Busch auf historischem Grund und Boden wohnten, an der Grenze der beiden feindlichen Gebiete. Jederzeit konnte es unmittelbar vor unserer Tür zu einem Zusammenstoß kommen. Wir hatten nur in einem einzigen Falle Grund zur Furcht: Auf Samoa wurden keine Gefangenen gemacht. Selbst ein verwundeter Gefangener wurde sofort geköpft und sein Haupt als Beweis der Tapferkeit dem Häuptling überbracht. Tusitala wußte, daß Verwundete von beiden Parteien sich zu ihm flüchten würden. Mit leeren Händen, ohne Waffen, konnte er sie nicht beschützen. Daher kam er um die Erlaubnis ein, sich ein paar Gewehre kommen zu lassen. Sein Gesuch wurde in der unverschämtesten Form abgelehnt. Kurz darauf erkannte mein Sohn die Möglichkeit, die Behörden zu zwingen, daß sie unseren Wünschen nachkämen; widerstrebend mußten sie selbst die sechs Gewehre einführen, die wir später im Arbeitszimmer aufbewahrten.

Der Wechsel der Regierungen war ungemein verwirrend. In dem einen Augenblick stand dieser Mann an der Spitze, im nächsten jener. Ich kann mich sogar noch erinnern, daß zwei Konsuln abwechselnd die Regierungsgeschäfte führten. Während dieser ganzen unruhigen Zeit erregte eine einzige Persönlichkeit unser aller Bewunderung – die des amerikanischen Oberrichters Henry C. Ide. Außer dem Oberrichter gab es noch ganz wenige Beamte, die in ihrer Anhänglichkeit und Freundschaft für meinen Mann niemals wankend wurden. Der eine war Basset Haggard, der britische Landeskommissar, ein Bruder des Romanschriftstellers, der zweite der amerikanische Generalkonsul James H. Mulligan, dessen persönlicher Charme und geistreiche, sympathische Plauderkunst manche sonst trübe Stunde in Vailima verschönten.

Meines Mannes Arbeit erlitt jetzt ständig Unterbrechungen. Während er die Veranda vor seinem Arbeitszimmer auf und ab wanderte und dabei Hermiston und St. Ives diktierte, kam wohl ein abgezehrter Häuptling angelaufen, um die Wahrheit über dieses oder jenes »Tala« (Gerücht) über den Krieg zu erfahren und von Tusitala »ein Wort der Weisheit« zu erbetteln. Oder aber einer der weißen Beamten sandte irgendeine beleidigende, mit Drohungen gespickte Botschaft. Vielleicht erschien auch ein Boy von der Mission mit Nachrichten von den Verwundeten im Krankenhaus, oder eine Gruppe Krieger, welche die unbequemsten Geschenke brachten – das eine Mal war es ein großer, weißer Stier –, sprach zu einer Schale »Ava« und einem Schwatz vor, um dann mit einem Abschiedssalut, der unser lebendes Inventar und uns selbst gefährdete, wieder zu verschwinden. Zum Teil wurden jene beiden Bücher zur Begleitung von Kanonenschüssen geschrieben. Wir konnten den Rauch sehen und den Donner der Geschütze jenseits der Berge hören, als die Kriegsschiffe Luatuanu’u bombardierten. Und bei jeder Detonation stieg aus den Reihen unseres Hausgesindes, von dem die meisten Angehörige oder Freunde an der Front besaßen, ein Wehklagen auf.

Das alles bedeutete eine starke Willensprobe für meine Tochter, Tusitalas Amanuensis, allein sie hielt tapfer bei ihrer Arbeit aus mit nur unwillkürlichen kleinen Pausen, wenn eines der großen Geschütze gelöst wurde. In jenem Jahr hatten wir, vermutlich als Folge der Beschießung, auch eine ungewöhnliche Zahl von Gewittern. Ganz plötzlich pflegten sie sich zusammenzuballen und sich mit furchtbarer Wut zu entladen. Ich glaube, wenn es etwas auf der Welt gab, wovor meine Tochter sich fürchtete, so war es ein Gewitter – trotzdem traten im Diktieren keine Stockungen ein. Mein Mann hatte die Absicht, seine Bewunderung ihres Mutes in einer Widmung zu St. Ives auszusprechen. Ich weiß noch, wie er zu ihr sagte: »Das soll das Beste vom ganzen Buch werden, mein Kind!«

Nach der Niederlage und Verbannung Mataafas, dessen Sache Tusitala bei der britischen Regierung vertrat, zog sich mein Mann völlig von der Politik in Samoa zurück. Mit dem Beistand Mr. H. J. Moores aus Apia tat er alles, was in seiner Macht lag, die elende Lage der politischen Gefangenen auf Mulinuu zu mildern, indem er sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versah und ihnen zum Schlusse auch die Freiheit erwirkte. Die zahllosen Überanstrengungen des Körpers und der Seele, die er dadurch auf sich nehmen mußte, schienen auf seine Gesundheit nicht nachteilig zu wirken; sie festigte sich im Gegenteil mehr und mehr. Es kam häufig vor, daß er, dank der plötzlichen tropischen Regengüsse manchmal bis auf die Haut durchnäßt, ganze Tage im Sattel verbrachte, mit nur etwas Schiffszwieback in der Tasche. Erkältungen und Lungenbluten gehörten der Vergangenheit an. Niemand, der nicht Jahr um Jahr auf dem Krankenlager verbracht hat, vermag zu verstehen, was das für ihn bedeutete. Es war wie eine Art Wiedergeburt; ein neues Leben tat sich vor ihm auf. Die langen, trostlosen Jahre des Krankseins, die er mit so tapferer Geduld ertragen hatte, wurden ihm zu einer schrecklichen Erinnerung. Im Mai 1892 schrieb er an seinen Freund Mr. Sidney Colvin: »Ich habe einige zweiundvierzig Jahre ohne öffentliche Schande ausgeharrt und ein schönes Leben dabei gehabt. Wie herrlich, wenn es mir jetzt noch gelänge, eines gewaltsamen Todes zu sterben! Ich möchte in meinen Stiefeln sterben; kein Bettdeckenland mehr für mich! Zu ertrinken oder erschossen zu werden, vom Pferde zu stürzen – ja selbst gehenkt zu werden, alles ist besser, als noch einmal jenen langsamen Auflösungsprozeß durchmachen zu müssen.«