Die befrage Wahrheit

In dem Staate Machriq regierte der weise König Nauroûz, so genannt nach dem Feste der Tagundnachtgleiche. Dieser König hatte unter seinem Gesinde einen Mann, der über seinen Kreis hinaus ob seiner Wahrheitsliebe bekannt und geachtet war. Als der König von dieser seiner Eigenschaft erfuhr, ernannte er ihn zum Oberstallmeister. Gleich hatte er auch seine Neider, die natürlich, gemäß dem höheren Rang, in ihren Mitteln, Fallen zu stellen, viel tückischer sein konnten. So war es besonders ein Höfling des Königs, der es auf ihn abgesehen hatte. Dieser Höfling bekannte auch offen seine Absicht, es darauf anzulegen, den wahrheitsliebenden Oberstallmeister in eine Lüge zu verstricken, und ihn soweit zu bringen, daß er eine Unwahrheit sage. Der Höfling hatte eine hübsche und verwegene Tochter, die ihm bei diesem Werke behilflich sein sollte. Eines Nachts nun stand dieses Mädchen länger als sonst vor dem Spiegel, schmückte und putzte sich, bis sie vollkommen dem Bilde einer Verführerin glich. So gerüstet betrat sie die Stube des Oberstallmeisters. Der war sehr erstaunt, einen so schönen Gast bei sich zu haben, und da er sie nicht kannte, glaubte er an einen Irrtum. Sie aber grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen, und er bat sie nun, ganz in seine Stube eintreten zu wollen. Sie nahm auch gleich neben ihm Platz und begann ihren Angriff. Zuerst war der junge Mann ganz verdutzt, aber das Mädchen sah darüber hinweg, es wurde immer deutlicher, berührte ihn erst und umschlang ihn dann ganz. Dem jungen Manne schwanden die Sinne, doch das Mädchen machte, knapp vor der letzten Erfüllung, halt. Ihr war es im Augenblick genug zu wissen, daß sie den jungen Mann nun in ihre Gewalt bekomme. »Lache mich nicht aus, aber ich habe Verlangen nach einem köstlich zubereiteten Gericht aus Pferdefleisch. Laß uns doch eines der fetten Pferde des Königs schlachten, wir wollen davon essen.«

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Der junge Mann bekam Furcht. »Was wird der König dazu sagen?«

»Was fürchtest du dich! Falls der König nach dem Pferde fragen sollte, so kannst du sagen, es sei krank geworden und du mußtest es schlachten. Vertraut dir der König nicht vollends?«

Das Mädchen bat mit so anmutiger Gebärde, daß der Oberstallmeister nicht widerstehen konnte. Er wollte schon einen Knecht herbeirufen, damit dieser den Auftrag zu schlachten übernehme. Das Mädchen aber kam ihm zuvor und sagte: »Wenn du schon schlachten willst, so schlachte wenigstens den Rappen des Königs!« Bei diesem Ansinnen erschrak der Stallmeister und rief: »Gerade dieses Tier ist dem König ans Herz gewachsen, er liebt es und ich soll es schlachten!« Das Mädchen warf sich ihm an den Hals, bat und beschwor ihn und als alles nichts helfen wollte, verlegte sie sich auf das Mittel zu trotzen. »Wenn du dies Pferd nicht schlachtest, dann will ich niemals mehr etwas von dir wissen!« Diese Drohung nahm dem Stallmeister die letzte Besinnung. Er ließ den Rappen vor den Augen des Mädchens schlachten. Sie briet selber das Herz und aß es. Hernach ging sie wieder in seine Stube und verweilte dort längere Zeit.

In der Klarheit des Morgens übersah der Oberstallmeister erst, was er da angerichtet hatte. Seine Achtung vor der Wahrheit war so groß, sein Gewissen so peinlich, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, bei schwierigen Fällen laut mit sich zu verhandeln, damit nicht auch nur der Schein einer Lüge hindurchschlüpfen könne. Nach dieser Methode disputierte er auch jetzt. »Wenn nun wirklich heute der König zu mir sprechen wollte: Bring mir den Rappen, ich will auf ihm ausreiten! – was dann? Sage ich ihm eine Lüge, so bringt diese nichts Gutes; sage ich ihm die Wahrheit, so gefällt diese ihm sicherlich nicht. Dann gibt er Befehl, mich zu töten! Freilich ist es besser, ich sterbe, weil ich die Wahrheit gesagt habe, als ich verdanke mein Leben einer Lüge!«

Um nun noch besser die Stimme seines Gewissens zu hören, ging er in ein anderes Zimmer, legte seine Mütze auf eine erhöhte Stelle und sagte: »Das soll nun der König sein!« Dann ging er aus dem Zimmer und kam wieder herein. Nach seiner Gewohnheit grüßte er den König und erwiderte selbst diesen Gruß. Dann sprach er, als wäre er der König: »Wohlan, sattle mir meinen Rappen, ich will auf ihm heute zur Jagd ausreiten.«

Er selbst erwiderte darauf: »O König, diese Nacht hat der Rappe sein Futter nicht gefressen; als es Mitternacht war, fiel er um und starb. Ich wußte kein Mittel, das ihm noch hätte helfen können.«

Weiter sprach er, als wäre er der König: »Heda, was willst du mir da einreden. Gestern war der Rappe noch ganz gesund, und heute soll gerade er gestorben sein! Gestehe lieber, du hast ihn geschlachtet! Du willst es leugnen – erschlagt den frechen Lügner!« Diese Rede behagte dem Oberstallmeister gar nicht. Er sprach zu sich, indem er der Mütze den Rücken kehrte: »Diesmal will ich die Wahrheit sagen!«

Wieder ging er hinaus, kam von neuem herein, grüßte und erwiderte selbst den Gruß. Darauf sprach er, als ob er der König wäre: »Geh und sattle mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Er erwiderte: »O König, heute Nacht ist mir etwas Besonderes begegnet: ich saß in meinem Zimmer, da trat plötzlich ein so hübsches und gutgekleidetes Mädchen zu mir herein, daß der Mond neben ihr verblassen mußte. Sie kam, setzte sich an meine Seite, warf sich an meinen Hals und verlangte schließlich das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will dir ein anderes schlachten. Das Mädchen bestand aber auf dem Rappen. O König, ich kann dir nur die Wahrheit gestehen. Was war mir da der Rappe; hätte das Mädchen mein Leben verlangt, ich hätte es ihr willig gegeben. Wisse denn, ich habe ihr diese Nacht den Rappen geschlachtet. Zögere nicht, hier ist mein Kopf und dort dein Schwert!«

Diese Rede tat dem Gewissen des Stallmeisters wohl. Er sprach, als wäre er der König: »Du hast die Wahrheit gesagt; wäre ich an deiner Stelle gewesen, ich würde auch manche Dummheit begangen haben. Dafür aber, daß du die Wahrheit gesprochen hast, bekommst du ein Ehrenkleid!«

Bei dieser Rede blieb der Stallmeister und er lernte sie auswendig. Während er nachdachte, kamen auch schon Abgesandte des Königs, um ihn vor diesen zu bringen. Und wirklich sprach ihn der König an: »Bring mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Der Oberstallmeister murmelte rasch ein Gebet vor sich hin und sprach dann: »O König, diese Nacht hatte ich eine besondere Begegnung: ich saß in meinem Zimmer, plötzlich stand ein so hübsches und wohlgekleidetes Mädchen vor mir, daß der Glanz des Mondes vor dieser Schönheit hätte erblassen müssen. Dieses Mädchen setzte sich an meine Seite, schmiegte sich an mich und verlangte von mir das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will ein anderes Pferd schlachten. Aber sie bestand auf dem Rappen. Wie ich sie auch beschwor und meine Treue zum König anführte – sie bestand darauf. Gerade das Fleisch des Rappens will ich verspeisen. Ihr Bitten und Beschwören war mit so viel Anmut ausgesprochen, daß, hätte sie mein Leben verlangt, ich nicht gezögert hätte, es ihr zu geben. Ich verlor meinen klaren Kopf; das Herz des Mädchens zu betrüben war ich nicht imstande. So ließ ich mich von dem Mädchen berücken, um mir ihre Zuneigung und ihr Wohlwollen zu erhalten. Ich schlachtete den Rappen, das Mädchen briet dessen Herz und aß es. O König, schlage den Kopf des Sünders ab, dort ist dein Schwert.«

Diese Rede gefiel dem König und es kam so, wie es sich der Stallmeister vorgespielt hatte: er bekam ein Ehrenkleid. Das Mädchen des Höflings bekam der Oberstallmeister von seinem König zur Frau.

Der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe hatte es der Oberstallmeister zu verdanken, daß er auch weiterhin in der Gunst und Gnade des Königs stand. Aus dieser Zeit rührt das Sprichwort her: Wenn du niemanden findest, der dir raten kann, so lege deine Mütze vor dich hin und frage diese um Rat.

Einleitung

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Eine Legende läßt die Geburt der persischen Lyrik – Wort, Rhythmus und Reim – aus dem Echo entstehen, das zum Anlaß die Worte der Liebe hat, welche der König Behram Gor seiner Geliebten Dil Aram und diese ihm auf die Lippen flüstert in der Umarmung. Singt die afghanische Lyrik die tolle Freude des Besitzes der Geliebten, sehnt sich die arabische nach der fernen Geliebten, so ist es der Charakter der persischen Liebeslyrik, zu verweilen, zu kontemplieren, in Ruhe zu genießen, sich zu wiegen. Das »Italienisch des Orients« hat man das süßklingende, sonore Persisch genannt, dessen Gedicht eine anmutig träumende Karesse ist. Es vermeidet, Gegensätzliches aufzurufen, so sehr, daß der Gegensatz sogar dem persischen Theater fehlt: es ist ganz lyrisch und bar jeden dramatischen Interesses. Nur auf solchem kontemplativen Boden konnte die mystische Dichtung der Sufis möglich werden. Die Gefahr aber solchen Verhaltens hat die persische Lyrik nicht vermeiden können: sie wurde konventionell und weist nach dem 14. Jahrhundert keine Namen mehr auf, nachdem sie Firdusi, Omar den Teppichweber, Amic, Ferid-ud-din Attar, Saâdi, Hafis und Djami in den Tempel ihres unvergänglichen Ruhmes gestellt hat.

Nach diesen großen Lyrikern begann die Zeit der Geschichtenerzähler – wie auch in den europäischen Literaturen, der provenzalischen, italienischen, deutschen, auf das große Zeitalter der Heldengesänge und Troubadours die noch währende Zeit des Romanes, der Novelle, des Schwankes folgt, des kunstlos Geplauschten für eine hörlustige und anekdotensüchtige Menge.

Gelehrte Arbeit hat sich bemüht, jedem Sprachstamme sein ihm eigenes Gut an Erzähltem, Fabuliertem zuzuschreiben: Es ist aber auf jedes Sprachvolk nur wenig Originales gekommen, verglichen mit der Fülle des Gemeinsamen, das aus einem Borne geschöpft ist, den die einen in Indien, die andern wo anders feststellen zu können glauben. Aber es liegt wohl nahe, jedem Sprachvolke die eigene Findung des auf der Straße des Lebens Liegenden so zuzutrauen, wie es den Inhalt dieser Geschichtchen bildet, von denen manche später aus ihrem anonymen Dasein in das benamte einer künstlerischen Fassung und in den Ruhm treten, wie wir es bei zahlreichen deutschen Schwänken, mehr noch bei den italienischen Novellieri erleben. Das auf der Gasse Liegende: es sind die ins Tragische oder lieber noch ins Komische sich pointierenden Wechselfälle des Liebeslebens. Die Figuren sind zu Typen gesteigert: Der schlaue junge Verführer, der oder die übertölpelte Alte, welche sich mehr zutrauen, als ihnen Natur noch erlaubt, das betörte junge Weibchen, das dafür bestrafte oder das lachende Weibchen.

Es entspricht nur der außerordentlich hohen Gefühlsspannung, wie sie sich im Lyrischen der persischen Dichtung äußert, daß ihr in der Prosaerzählung die Reversseite drastisch nebengesetzt wird: Das Unzulängliche, das Versagende, das Lächerliche, das Komische. Und wird dort ein Platonismus des Gefühls übersteigert, so hier ein Realismus der Sinne. Doch immer nur zu heiteren, zu komischen Effekten: die Zuhörer sollen lachen, nicht grinsen. Das Obszöne in allen seinen Schattierungen liegt dem Erzähler so fern wie seinen Zuhörern. Der Erzähler zwinkert nicht mit den Augen. Er sagt nichts, was er nicht sagte. Es gibt keine Zweideutigkeit. Dafür ist ihm die Sache selbst, die Liebe, zu seriös, zu heilig – und gerade deshalb erzählt er das, was Toren oder Spitzbuben diesem Heiligen antun und erzählt es als komische Glosse, wie zu einem pathetischen Text.

Die Sitten und Bräuche der Liebe, die in diesen Geschichten zum Niederschlag kommen, sind in ihren mann-weiblichen Bestimmungen von denen des Europäers nicht wesentlich verschieden. Bemerkbar ist dazu nur dieses, daß die orientalische Geliebte zwölf Jahre zählt. Und daß sie darum nicht jene sentimentalische Überbelastung besitzen kann, die ihre europäische Schwester im Guten wie im Schlimmen darum auszeichnet, weil sie meist, wenn überhaupt, die Liebe des Mannes um einige Jahre zu spät kennen lernt, oft um viele Jahre zu spät, und dann auch oft nicht die Liebe, sondern irgendwelche Reste davon, welche sich der freier lebende europäische Jüngling dafür gerade noch gerettet hat.

Was die Texte selber anlangt, bildeten getreue englische, französische und italienische Übertragungen die Vorlagen. Bis auf die leicht erkennbaren drei kurzen Lehr-Erzählungen Saâdis ist das hier Wiedergegebene ohne eigentliche Verfassernamen. Es ist Weitererzähltes seit Jahrhunderten, zuweilen Niedergeschriebenes, nicht eigentlich Verfaßtes.

Franz Blei

Die Vergeltung

In Persien gab es einen Vornehmen, der viel Geld und ein großes Gut besaß. Bei ihm übernachtete einmal ein Kaufmann, der aus der Fremde kam. Für den Abend ließ der Vornehme ein prächtiges Essen auftragen. Sie setzten sich beide an den Tisch und aßen. Als der Kaufmann nach einem dunklen Winkel des Raumes blickte, bemerkte er dort eine wunderschöne Frau, die mit einem Hund aus einer Schüssel aß. Als der Kaufmann dies sah, war er sehr erstaunt und befragte seinen Gastgeber: »Was hat das zu bedeuten?«

Da wurde der Vornehme sehr traurig und meinte, er werde kaum die Worte finden, die ihn darüber aufklären könnten. Aber der Kaufmann bat, und so entschloß sich denn der Vornehme und erzählte:

»Die du so erniedrigt hier siehst, war meine Frau. Ich liebte sie mehr als mein Leben; all mein Geld und Gut stand ihr zur Verfügung. Ich besaß einen Negersklaven, mit dem sie mich betrog. Um nun ganz nach ihrem Wunsch leben zu können, ungehindert, beschlossen sie, mich beiseitezuschaffen.

Eines Tages sprach sie mich an: »Du bist so traurig und ich möchte mit dir allein sein. Nur mit dir!« Sie führte mich an einen einsamen Ort, wo sie ein Zelt hatte aufschlagen lassen. Plötzlich sprang aus dem Busch der Neger und dies war auch für meine Frau das Zeichen, nun mit ihm gemeinsam über mich herzufallen. Sie versuchten, mich zu ermorden. Da sprang dieses mein Hündchen, das mir wohl nachgefolgt war, von hinten auf den Schwarzen und verbiß sich in seine Waden. Dadurch bekam ich freie Hand und griff nach meiner Frau. Da sie mir entschlüpfte, erschlug ich den Sklaven. Als ich über sie Gericht halten wollte, fiel sie mir zu Füßen und erfaßte flehend meine Hand. Ich wollte nicht Vollzieher einer Tat sein, die zu tun nur Gott allein zustand. Zur Vergeltung ihrer Treulosigkeit muß sie nun mit diesem Hündchen essen, das mir damals zu Hilfe kam.«

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Der Traum des Pagen

Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.«

Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich.

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Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?«

»Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!«

Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld.

Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!«

Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen.

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Die unbesiegbare Prinzessin

Es lebte einmal, so erzählt man, eine Prinzessin von wundervoller Schönheit und solcher Geschicklichkeit zu Pferde und in der Führung der Waffen, daß kein Mann ihrer Zeit mit ihr darin verglichen werden konnte. Viele Fürsten hatten schon um sie geworben und bekamen immer zur Antwort, daß sie sich im Felde ihr zum Kampfe stellen müßten. Denn solches war ihr Wille: »Der wird mein Gemahl sein, der mich im Zweikampf besiegt. Besiege aber ich ihn, so nehme ich ihm Waffen, Pferde und Rüstung und lasse ihm meinen Namen mit einem glühenden Eisen in die Stirne brennen.« Diese harten Bedingungen hielten manche doch nicht zurück, die von weither kamen, aber die Prinzessin besiegte sie alle, nahm ihnen die Waffen und zeichnete sie selber mit dem Eisen auf die rauchende Stirne.

Da hörte der Sohn des persischen Königs von ihr und schickte sich an, die weite Reise zu machen und nahm große Reichtümer mit. Er kam in die Stadt, in der der Vater der Prinzessin regierte, brachte seine Schätze an einen sicheren Ort und stellte sich am nächsten Tage dem Könige mit kostbaren Geschenken vor. Der empfing ihn sehr gütig und versicherte ihm, wie glücklich er wäre, wenn er siegte. Daraufhin bereitete sich der Prinz zum Kampfe gegen die schöne Prinzessin und bat um die Angabe der Stunde. Die Prinzessin war einverstanden und bestimmte die Zeit. Sofort verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt und zur festgesetzten Zeit war eine große Menge dort versammelt, wo der Kampf vor sich gehen sollte.

Die Prinzessin erschien vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet und trug einen Gürtel und eine Maske. Gleich darauf erschien der Prinz in einer schönen Rüstung. Sie grüßten einander auf kriegerische Weise und begannen den Kampf. Er dauerte lange und war heftig. Kraft und Geschick taten ihr Werk, und die Prinzessin erkannte bald, daß sie den Vorsichtigsten der Vorsichtigen zum Gegner hatte, denn noch nie hatte sie eine solche Ausdauer gefunden. Der Prinz war ihr wirklich überlegen und sie befürchtete ihre Niederlage. Da nahm sie ihre Zuflucht zur Schlauheit und tat ihre Maske vom Gesicht. Sobald der Prinz ihr wundervolles Antlitz sah, war er von dessen Reizen so geblendet, daß er seiner Kraft vergaß und nicht mehr an den Kampf dachte.

Die Prinzessin bemerkte den Eindruck, den sie auf den Prinzen machte, nutzte den Augenblick, rannte ihn mit dem Speer an und hob ihn aus dem Sattel. Und wie der Blitz stellte sie ihm ihren Fuß auf die Brust.

Der Prinz aber hörte nicht auf, sie zu bewundern und achtete gar nicht auf das, was ihm geschah. Die Prinzessin nahm ihm Pferd und Waffen und Rüstung, aber ihm das Zeichen auf die Stirn zu brennen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Sie hieß ihn einfach das Kampffeld verlassen. Da erst kamen ihm seine Sinne wieder und er erkannte, was er verloren hatte. Vor Kummer konnte er weder essen noch trinken, so sehr war ihm die Liebe zur Prinzessin ins Herz gedrungen. Er verabschiedete sein Gefolge und schrieb seinem Vater, daß er nicht eher heimkehren wolle, er hätte denn sein Ziel erreicht. Und wenn er es nicht erreichen sollte, so sei er entschlossen zu sterben. Dieser Brief machte den Vater ganz verzweifelt und er nahm sich vor, seinem Sohn zu Hilfe zu kommen, ein Heer auszurüsten, um die Prinzessin zu entführen. Seine Berater rieten ihm davon ab, und so übergab er Gott das Schicksal seines Sohnes. Der Prinz aber dachte sich einen Plan aus. Er legte Bauernkleider an, stellte sich dann dem Obergärtner der Königin vor und sagte, er wäre ein vorzüglicher Gärtner, der sich besonders auf Rosen und Tulpen verstünde. Der Obergärtner nahm ihn in Dienst und bald hatte der Prinz erfahren, daß die Prinzessin oft des Abends mit den Frauen ihres Gefolges die Kühle ihrer Gärten aufsuchte.

Der Prinz verstand wirklich viel von der Gartenkunst, und da er so geschickt war, gewann er das Vertrauen seines Vorgesetzten, der ihm hundert Sklaven unterstellte, die dem neuen Gärtner vollen Gehorsam zu leisten hatten.

Ein paar Tage darauf kam eine Menge Sklavinnen in den Garten, die Teppiche und kostbare Gefäße trugen. Als der Prinz sie nach der Ursache aller ihrer Vorbereitungen fragte, erfuhr er, daß am Abend die Prinzessin in den Garten kommen würde, um sich zu zerstreuen. Sofort eilte der Prinz an den Ort, wo er seine Schätze und Kostbarkeiten vergraben hatte, brachte einige Kassetten mit herrlichen Steinen und befahl seinen Sklaven, sich zurückzuziehen.

Er selber versteckte sich in einer Laube. Bald darauf erschien die Prinzessin inmitten ihres Gefolges wie der Mond unter den Sternen. Erst liefen die Frauen lachend und scherzend durch den Garten und kamen so an die Stelle, wo sich der Prinz versteckt hielt. Er hatte alle seine edlen Steine ausgebreitet und saß bescheiden daneben. Die Frauen fragten ihn erstaunt, was er da täte. Er antwortete, daß er ein Gärtner des Palastes wäre und daß er beim Graben diesen Schatz entdeckt habe. Darauf trat die Prinzessin, die ihn in der gewöhnlichen Kleidung nicht erkannte, näher und bewunderte verständnisvoll die Steine. Sie fragte ihn, was er denn könne, und er erwiderte, daß er stark und geschickt im Zweikampf wäre, und wenn eine der Damen mit ihm kämpfen wolle, so gebe er den Schatz um einen Kuß. Die Prinzessin, die gerne scherzte, lachte laut und bezeichnete eine der weniger schönen unter ihren Begleiterinnen und sagte: »Ich gebe dir diese da als Gegnerin.«

Die Prinzessin hatte alle ihre Frauen zum Zweikampf abgerichtet. Nachdem nun die beiden Gegner die hinderlichsten Kleidungsstücke abgelegt hatten, kämpften sie miteinander und der Prinz bezwang die Dame und gab ihr sofort einen Kuß auf die Wange. Die Besiegte stand beschämt und seufzend auf und sagte ihren Freundinnen Dinge ins Ohr, daß diese erröteten und lachen mußten. Darauf bezeichnete die Prinzessin eine andere Schöne und sagte zu dem falschen Gärtner: »Kämpfe nun mit dieser.« »Gerne, gnädige Frau,« entgegnete er, »aber diesmal muß der Einsatz ein Kuß auf den Mund sein.«

Die Dame willigte ein, wurde besiegt und bekam den Kuß, der so lange dauerte, daß die Prinzessin ihm Einhalt befehlen mußte. Mit zitternden Lippen und bebendem Busen trat die Besiegte zu ihren Gefährtinnen, und der Gärtner war nicht minder erregt als sie. Da befahl die Prinzessin einer dritten, noch schöneren Dame, sich zum Kampf zu bereiten. Diesmal war die Bedingung ein Kuß auf den Busen. Wiederum siegte der Prinz. Und er konnte sich vor Erregung nicht mehr beherrschen und riß sich alle Kleider vom Leibe, die ihn hinderten, als sich nun die Prinzessin selber zum Kampfe stellte.

»Und was ist der Einsatz?« fragte der Prinz. »Mein Leben gegen das deine!« schrie die Prinzessin auf.

Nach einem harten Kampf ließ der Prinz die Prinzessin nach rückwärts gleiten und fiel auf sie nieder und drückte seinen Mund auf den ihren. Nun hatte die Prinzessin ihren Gegner aus dem Turnier erkannt und, ohne sich auch nur leise zu wehren, empfing sie die brennende Liebe ihres Besiegers, in derselben Stellung, in die sie hingestürzt waren.

Als sie sich zitternd vor Scham, Liebe und Freude erhoben hatte, sprach sie zum Prinzen: »Ich will meine Niederlage nicht öffentlich bekennen. Du hast gesiegt und ich gehöre dir. Entführe mich noch heute Nacht zu dir, denn ich liebe dich.«

Der Prinz warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. In derselben Nacht bestiegen sie schnelle Pferde und eilten nach Persien, wo sie glücklich ankamen. Dem Vater der Prinzessin sandten sie sofort Nachricht und luden ihn zur Hochzeit, welche die beiden zu einem glücklichen Paar vereinte.

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Das Weib auf dem Elefanten

Einstmals sah ein Mann von ungefähr in der Einöde einen Elefanten mit einer Sänfte auf dem Rücken. Voller Angst kletterte er auf einen Baum. Der Zufall wollte es aber, daß der Elefant unter denselben Baum kam, die Sänfte von seinem Rücken schüttelte und dann weitertrabte, um zu grasen. Plötzlich entdeckte der Mann ein schönes Weib in der Sänfte, stieg eilends vom Baum herunter und war festen Sinnes, sie in Liebe zu umarmen.

Da er aber auch ihr wohlgefällig war, fing sie solche Worte mit ihm zu reden an, die auf dies Ziel hindeuteten. Und beide überließen sich alsbald süßen Tändeleien. Als sie zu Ende gekommen waren, zog die Frau einen Strick aus ihrem Gewande, der war voller Knoten, denen sie nun noch einen hinzufügte. Der Mann begehrte zu wissen, was das für ein Strick sei und wie es zugehe, daß er so viele Knoten habe und um welches Zweckes willen sie all diesen noch einen neuen Knoten hinzufüge?

Sprach das Weib aber:

»Mein Gatte ist ein Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt hat, und läuft mit mir auf dem Rücken durch Einöden und Wüsten, um sich vor meinen Listen zu behüten. Und trotzdem er mich also scharf bewacht, hatte ich bislang doch schon hundert Männer in Liebe umfangen, deren Andenken ich mir dadurch bewahre, daß ich Knoten in diesen Strick knüpfe. Und heute ist um dieser Liebkosung willen die Zahl der Knoten bis auf hundertundeinen angewachsen!«

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Der Papagei

In Persien hatte ein Kaufmann eine sehr schöne Frau, die ihren Gatten mit einem jungen Manne betrog. Der Kaufmann besaß einen Papagei, den er sehr liebte, weil er die menschliche Sprache verstand und er oft mit ihm die Zeit lustig verplaudern konnte. Eines Tages hielt ihn sein Geschäft die ganze Nacht vom Hause fern. Diese Gelegenheit benutzte die Kaufmannsfrau, um ihren Geliebten zu sich zu bestellen. Dieser ließ es sich im ehelichen Bette gar wohl sein, und die Zärtlichkeiten der Liebenden hatten sich noch nicht erschöpft, als die ersten Vogelstimmen den Anbruch des Morgens verkündeten. Zur rechten Zeit verabschiedete sich der junge Mann. Der Kaufmann kehrte mit heiterem Gemüt zurück, denn er hatte sein Geschäft gut erledigt. Da sprach ihn der Papagei an: »Die vergangene Nacht war in deinem Ehebette ein anderer Mann, der aber dasselbe tat, was du sonst mit deiner Frau zu tun pflegst!«

Als der Kaufmann dies von dem Papagei hörte, wurde er sehr aufgebracht und schalt mit seiner Frau. Sie aber erhob ein Klage- und Wehgeschrei und beteuerte: »Gott bewahre! Der Papagei ist ein Verleumder, er lügt!« Mit tausend Ränken und Kniffen verstand sie es, den Kaufmann von ihrer Unschuld zu überzeugen. Der Papagei wurde von ihr als grober Lügner hingestellt, sich selbst aber pries sie als wahrhaft und treu.

Nun hielt wieder einmal ein Geschäft den Gatten vom Hause ab. Die Frau ließ sogleich ihren Geliebten kommen und sie wiederholten die Liebesspiele, die ihnen schon einmal soviel Vergnügen bereitet hatten. Die Ehebrecherin fand Gelegenheit, ihrem Geliebten von dem Verrat des Papageis zu berichten. Dieser entsetzte sich bei dem Gedanken, daß sie nun beide der öffentlichen Schande preisgegeben werden könnten. Sie aber beruhigte ihn: »Meine List wird doch mit einem Papagei fertig werden, wenn er auch noch so gut zu reden versteht.« Alsdann ließ sie ihre Sklavinnen ein Haarsieb, einen irdenen Topf, ein wenig Wasser und eine Ochsenhaut herbeibringen. Die Haut legte sie über den Bauer des Papageis, auf welche die eine Sklavin von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlug, während eine andere in dem irdenen Topfe eine Flamme anfachte, den Bauer öffnete, die Flamme leuchten und aufflackern ließ und bald darauf den Bauer wieder schloß. Eine Dritte endlich mußte durch das Haarsieb den Papagei mit Wasser besprengen. Nachdem der arme Vogel auf diese Weise bearbeitet worden war, ließ sich die Frau weiter nicht mehr abhalten, die Zeit bis zum Morgen noch redlich auszunützen. Zur rechten Zeit ging der junge Mann fort, und der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück.

Der Papagei erstattete abermals Bericht und sagte: »Auch diese vergangene Nacht hat deine Gattin bis zum Morgen den jungen Mann bei sich liegen gehabt. Aber ich konnte die beiden nicht beobachten, weil es geregnet, geblitzt und gedonnert hatte und ich meinen Kopf bei diesem Unwetter unter meinen Flügeln stecken lassen mußte.«

Triumphierend wandte sich die Gattin an ihren Mann: »Nun glaubst du mir doch, daß der Papagei lügt. Heute Nacht haben die Sterne geleuchtet, es hat weder geregnet, noch geblitzt, noch gedonnert.« Der Kaufmann mußte ihr Recht geben.

»Siehst du nun ein, daß dein Papagei sich Lügen erfindet?«

Durch diese List gelang es der verschmitzten Kaufmannsfrau, ihren Gatten von ihrer gänzlichen Unschuld zu überzeugen. Der Vogel kränkte sich sehr, daß er das Vertrauen seines Herrn verloren hatte. Er mußte fortan sehen und hören, wie der Kaufmann betrogen wurde, und schwieg dazu, weil er einsehen mußte, daß gegen die List einer Frau nicht aufzukommen ist.

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Die Feuerprobe

Sudabeh saß tief verschleiert auf der Höhe ihres Thrones. Um sie standen an die hundert Mädchen verschiedenen Alters, angefangen vom Kind bis zur reifen Jungfrau. Der Duft der Jugend, Anmut und Lieblichkeit erfüllte den weiten Saal mit dem Atem des Paradieses.

Gleich an der Pforte verneigte sich Sijawusch vor seiner Königin.

Auf einen Wink Sudabehs stiegen die Töne eines Lautenspieles auf, und ein Reigen führte die Schönen an Sijawusch vorüber. Mit Segenswünschen wurde er begrüßt und hundert Herzen schlugen rascher bei dem Anblick des schönen Fürsten. Als sich hinter dem letzten Mädchen der Vorhang schloß, sprang Sudabeh jäh vom Throne auf und warf sich Sijawusch in die Arme.

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»Oh, keiner von diesen galt deine Lust!« rief sie zitternd vor Erregung und ließ die Schleier von ihrem Antlitz fallen. »Was sollen dir die Sterne, wenn dir der goldene Mond lacht! Schwöre mir zu, daß ich, sobald dein Vater gestorben ist, die erste im Frauenhaus bleiben soll, dann will ich dir den Himmel erschließen.«

Sijawusch glühte unter den begehrenden Küssen dieser schönen Frau. »O schweige, schweige – du sollst geliebt und geehrt werden, aber als meine Mutter! Gib mir deine junge Tochter zur Braut. Ich will ihr die Treue halten, bis sie zum Weibe herangereift ist!«

»Sijawusch!« – wie die Androhung eines Fluches rief diesen Namen Sudabeh. Zitternd wandte sich der Angerufene ab und verließ, fast flüchtend, das Frauenhaus. Sudabeh sank in die Knie und eine Ohnmacht ließ sie niederfallen. Als Kawus ins Frauenhaus kam, empfing Sudabeh ihren Gatten mit stolzer Würde.

»Dein edler Sohn ließ alle an sich vorbeigehen. Nur meinem Töchterlein hat sich sein Herz erschlossen und er will warten, bis sie zum Weibe herangereift ist.«

Diese Nachricht erfreute den Schah, er ließ reiche Schätze im Frauenhaus abladen, damit seine Gattin Sudabeh die Tochter würdig beschenken könne, wenn diese Sijawusch heirate.

Kaum hatte sich Kawus von der Königin verabschiedet, so ward auch gleich von dieser Hirbad zu Sijawusch gesandt. Sie ließ den Prinzen im Namen des Herrschers nach dem Frauenhaus rufen. Sijawusch kam und wurde von dem Kämmerer in ein hell erleuchtetes Gemach geführt. Bis an die Decke lagen da Kostbarkeiten gehäuft, Gold, Edelgestein, Perlen, Geschmeide. Wie geblendet stand Sijawusch vor dem Schatz. Da öffnete sich lautlos ein Vorhang, und als Sijawusch aufblickte, stand Sudabeh in Atemnähe neben ihm.

»Sijawusch,« sprach sie ihm ganz leise ins Ohr, »der Schatz gehört dir, aber noch mehr, oh, vieles, vieles mehr – wenn du dich mir gibst, wie ich mich dir geben will!«

Schaudernd beugte sich Sijawusch zurück. Sie aber folgte dieser Bewegung nach. »Sprich doch, sprich doch, weiche mir nicht aus.« Und nun flehte sie, ganz ihrer Glut verfallen. »Erbarme dich meiner jungen Liebe zu dir. Oh, ich kann es dir nicht verbergen. Nimm mich, hilf mir!«

Sijawusch bedeckte sein Antlitz mit den Händen und floh aus dem Gemach. Totenbleich sank Sudabeh neben dem Schatz zu Boden. Und als sie erwachte, gab sie sich der Wollust des Schmerzes hin, zerfetzte ihre Kleider, und in die nun aufschimmernden Blößen schlug sie besinnungslos mit ihren Nägeln. Da huschte Hirbad herein. »Der König kommt!« flüsterte er und verschwand, dem Schatz ausweichend, hinter einem anderen Vorhang.

Sudabeh richtete sich auf. »Rache!« sprach sie, und, ganz ihre Haltung gewinnend, rief sie: »Wohin du auch fliehst, du fliehst in dein Verderben, Sijawusch!«

Als Kai Kawus das Gemach betrat, wankte die Königin ihm entgegen und klagte an: »Sieh mich an, dies, dies hat dein stolzer Sohn an mir getan. Die blutige Spur, die über meine Brüste läuft, die riß dein Sohn, als er gierig nach mir griff. Dies Kleid riß er in Fetzen, um meinen nackten Körper fühlen zu können. Mein Diadem fiel zu Boden. Er tat dies, er, der alle Mädchen an sich vorbeigehen ließ, weil er in seinem Wahnwitz die Mutter begehrt, mich! Oh, ich bin entehrt – räche mich, du, mein Gemahl und Herr!«

Gefaßt stand Kawus, er konnte, trotz dieser anklagenden Worte, den Mut seines adeligen Sohnes nicht vergessen, und er gebot sich Vorsicht. Die Listen der Frauen sind tückisch. Er ließ Sijawusch rufen.

»Gestehe!« sprach er ernst den Eintretenden an, »du hast Sudabeh überfallen, doch liegt die Schuld an mir – ich sandte dich ins Frauenhaus.«

»Du irrst! Ich ließ die Königin unberührt.«

»Er lügt! Als ich ihm den Brautschatz zeigte, da riß er mich in seine starken Arme, immer kräftiger schlang er sie um mich, ich meinte zu ersticken. So, in meiner hilflosen Haltung, überfiel er mich mit Küssen. Und je mehr ich mich wehrte, desto heftiger wurde er, zerrte an meinem Kleide und wühlte mit bösen Fingern in meinem Haar.«

»Genug!« rief der König. »Reich mir deine Hand, Sijawusch! Sie duftet nicht nach Amber und nach Rosen. Du hast gelogen, Sudabeh!« Der König schritt mit seinem Sohne an der Hand bis an die Pforte.

»Bleib!« schrie die Königin auf, »wisse, sein Überfall gelang ihm, er hat mich geschändet. Nun wird er mich töten, wie er das Kind getötet hat, das ich von dir, o König, am Herzen trage.«

Der König blieb gebannt an der Schwelle stehen. »Räche mich, vernichte den Frevler!«

Rasch verließ der König das Frauenhaus und zog den Sohn mit sich.

»Verloren! Um Liebe und Rache gebracht von einem kalten Jüngling und einem liebenden Greis. Ich werde sie beide zu betrügen wissen. Der Zauber soll mir seifen. Nicht die guten, nur die bösen Geister.«

Vor kurzem war eine Landfahrerin von Sudabeh als Dienerin in den Palast aufgenommen worden. Gerührt von der Geschichte ihres Elends, hatte die Königin die Bettelnde beschenkt. Sie sei aus vornehmem Geschlecht und der Verführung eines Treulosen erlegen. Nun schleppe sie die Schande mit sich, und es seien nur noch Wochen, dann werde diese auch offenbar werden.

Sudabeh ging zu der Landfahrerin, nahm sie in ihr Schlafzimmer und verschloß hinter ihr den Eingang.

»Schwöre mir zu, daß du ein Geheimnis bewahrst, was immer auch kommen mag. Tust du es, so will ich deinen Ruf behüten und dich auch reich beschenken.«

»Oh, wenn du dies imstande bist! Keine Gewalt ist so groß, als daß sie mir das Geheimnis entreißen könnte.«

»Du mußt es beschwören! Schwöre!« Als die Klagende dies tat, raffte die Königin Gold und Geschmeide zusammen und ließ es in deren Schürze fallen. Keinen Augenblick zögerte die Königin nun, ihren Plan auszuführen. Die Dienerin bekam von Sudabeh ein giftiges Tränklein und durfte nicht aus dem Schlafgemach. Als der Morgen kam, gebar die Dienerin in dem Bett der Königin zwei tote Wechselbälge. Als die erschöpfte Mutter in ein Nebengemach geführt war, begann die Königin ihr Wehgeschrei. Auf einer silbernen Schüssel lagen schon vorbereitet die beiden Leichen. Die Bewohner des Frauenhauses liefen auf das Geschrei zusammen. »Seht her, das hab‘ ich zur Welt gebracht!«
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Das Geschrei der Frauen erscholl im ganzen Umkreis des Palastes. Auch der König vernahm es und eilte in den Frauenpalast.

»Blick‘ her und versuche noch zu zweifeln!« schrie ihm die Königin entgegen. »Sieh‘, was der Schrecken des Überfalls aus deinen Kindern gemacht hat. Die Teufelsbrut mit den Zeichen der Hölle – hier liegen sie, verendet!« Bei diesen Worten hielt sie die Schüssel, wie vom Ekel geschüttelt, weit von sich, schrie und weinte dabei.

Entsetzt wich der König zurück. Sollte er an seinem Sohne zweifeln!

Der König eilte in den Palast zurück und gebot die Weisen seines Reiches zu sich. Ihnen bekannte er die Ratlosigkeit seines Herzens, das beiden, seinem edlen Sohne und seiner Gattin, ergeben sei. Wen von beiden müsse er verdammen?

Die Priester sammelten sich, ihr Opfer zu besehen; die Magier suchten in den ältesten Büchern; die Sterndeuter forschten am nächtlichen Himmel: alle waren so redlich bemüht, dem König mit göttlichem Rat beizustehen. Nach zwei Wochen kamen die Weisen, um ihr Ergebnis zu künden. Die Sterndeuter sagten aus, daß die toten Kinder weder vom König, noch von seiner Gattin stammen konnten, denn die Gestirne sagten nichts aus von einer Vermehrung des Kajanidengeschlechtes. Die Magier wieder fanden Spuren, die auf einen Gifttrank hinwiesen, die Priester Zeichen, die auf eine Fremde deuteten, welche die Mutter dieser zwei Ausgeburten wäre.

Der König handelte nach diesen Weisungen. Das Frauenhaus wurde durchsucht und die Landstreicherin vor den Thron gebracht. Doch, wie man es auch anstellte, ein Geständnis war aus dem Weibe nicht herauszuholen. Auch der glühenden Zange des Henkers widerstand sie.

Sudabeh nannte die Weisen Feiglinge, die Sijawusch und seinen unüberwindlichen Beschützer Rustan fürchten. Täglich weinte sie ihrem Gatten vor, die Entehrung und den Schmerz einer geschändeten Mutter, welche zwei tote Kinder gebar. Sie bestand auf strengem Gericht oder – Gottesurteil. Die tückische Schöne wußte, daß die schwere Probe nicht der Kläger, sondern der Angeklagte zu bestehen hat.

Das Leiden seines geliebten Weibes machte den König wieder unsicher. Neuerlich wurden die Weisen zum Rat versammelt und um die endgültige Probe befragt. Die Alten nannten die Feuerprobe als einzigen Weg.

Sijawusch willigte ein, diesen Weg zu gehen.

Vor dem Stadttore wurden zwei mächtige Holzstöße aufgerichtet. Zwischen ihnen wurde nur so viel Platz gelassen, daß ein Reiter hindurch konnte. Am Tage des Gerichts sammelten sich um die Opferstätte die Großen des Reiches und das Volk stand im weiten Bogen um die beider Scheiterhaufen. Bei dem Stand der Sonne im Mittag wurden die Stöße von dem Oberpriester mit einem Span aus dem heiligen Feuer entzündet. Rasch gossen zweihundert Knechte Öl auf das Holz und fachten die Glut zu loderndem Feuer an. Es qualmten dunkle Wolken gegen den Himmel und bald stiegen auch haushohe Flammen empor.

Die schwarzen Locken von einem goldenen Helm bedeckt, in einem wehenden schneeweißen Mantel kam Sijawusch auf seinem Streitroß. Feierlich und mit offenem Blick begrüßte er den König und die um ihn versammelten Weisen. Kawus bangte um das Leben seines edlen Sohnes. »Ach,« rief er vom Schmerz gepeinigt, »das schlimmste Getier bringt nicht so viel Leid in die Welt, als es ein schönes Weib vermag!«

»Bange nicht, Vater!« rief Sijawusch, »der Herr ist gerecht!« Dann riß er sein Pferd um und hielt knapp vor dem Eingang der brennenden Gasse. Dort hob er die Hände gegen die Flamme und sprach das Gebet vor der Feuerprobe. Als er dieses beendet hatte, gab er seinem Pferde die Sporen und verschwand in den lodernden Flammen.

Sudabeh beobachtete vom Dach ihres Hauses aus das Schauspiel des Feuers. »Er reitet in den Tod und ich bin gerächt!« schrie sie triumphierend. Als die Menge noch kreischte und wehklagte, durchschnitten einzelne helle Jubelrufe die dunkle Wolke des Geschreis und versanken endlich in einem allgemeinen Jubel. Sijawusch hatte das Feuer durchritten. Das Element des Feuers war gerechter als eine Frau. Hätte er durch blühende Blumen reiten müssen, so hätte Tau ihn benetzt, aber das läuternde Feuer ließ den Reinen unberührt. Der Prinz sprang aus dem Sattel und küßte vor seinem Vater die Erde. Beglückt hieß ihn der König aufstehen und schloß ihn in seine Arme. Festliche Scharen wallfahrten zum Palast, wo Mahl, Gelage und Scherz den Tag beendeten, der die Unschuld des Prinzen vor Gott und der Welt erwiesen hatte.

Nachdem das Fest verklungen war, ließ der König seine Gattin vor sein Angesicht rufen.

»Du konntest nur lügen, erkenne deine schamlose Verwegenheit! Bereust du es nicht, den Reinen bis an die Pforte des Todes gelockt zu haben?«

»Wie konnte er sterben?!« höhnte grell lachend Sudabeh. »Der Schützling Rustans ist zauberkundig genug, um vor dem Feuer nicht zu bangen! Der Böse ist schützend über den Seinen!«

»Elende!« schrie der König voll Zorn, »soll dich der Henker ergreifen, dich, deren Haß auch die göttliche Flamme nicht anerkennt?«

»Tod, Tod, ihr, die den Reinen noch zu beflecken wagt!« Die aufgebrachte Menge schrie es und drängte den Henker zum Throne hin. Der König winkte jetzt dem Henker und befahl ihm: »Wende ihr Antlitz im Genick und hänge sie am Ende der Gasse auf. Sie sei so eine Warnung für alle Frevler, die lügen!«

Ehe noch der Henker nach der Königin griff, gebot Sijawusch halt. »Vater, schenke mir das Leben der Verblendeten!«

»Alles, so du es wünschest!« antwortete der König erfreut.

Sudabeh war vor der Hand des Henkers zurückgebebt, nun stützte sie sich zitternd auf den Arm des Prinzen, der sie bis zum Tore des Frauenhauses geleitete.

Kai Kawus‘ Herz schlug freudig, denn dieser Tag schenkte ihm wieder Sohn und Gattin.

Neuntes Kapitel


Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid.

Ihr unglückseligen Grafen und Barone, die ihr das Selbstgefühl eines Mannes verspottet, der euch durch schöne Handlungen zu dem Eingeständnis zwingen will, daß er ebenso adlig ist, wie ihr – hütet euch vor ihm, wenn es euch gelingt, seine edle Anmaßung niederzuhalten, ihn selber zu demütigen; denn von gerechter Verachtung ergriffen, wird er mit Nägeln und Zähnen über euch herfallen, und mit Recht. Denn ihr müßt diesen Mann achten, der zwar kein Edelmann nach eurer Art ist, aber sich Edelmann nennt, weil er der Meinung ist, er brauche nur schöne Handlungen zu vollbringen, um das Recht zu haben, als Edelmann aufzutreten. Achtet diesen Mann, der dem Worte Adel einen Sinn gibt, den ihr nicht begreift. Er behauptet nicht, daß der Adel in einer Reihenfolge von Geschlechtern besteht, deren letzter Sprößling er selber ist; denn er lacht über die Stammbäume, die so oft durch unedles Blut befleckt sind, das durch ungetreue Gattinnen in die Adern ihrer Kinder gelangte. Nach seiner Erklärung ist der wirkliche Adelige der Mann, der Achtung verlangt, und nach dessen Meinung es nur ein einziges Mittel gibt, um Achtung zu verdienen: sich selber zu achten, seine Mitmenschen zu achten, ehrenhaft zu leben, niemanden zu täuschen, niemals seine Zunge mit einer Lüge zu besudeln, wenn der, zu dem man spricht, glauben muß, daß man die Wahrheit spricht, und endlich die Ehre dem Leben vorzuziehen.

Dieser letzte Teil seiner Erklärung muß in euch die Furcht erwecken, daß er euch tötet, wenn ihr ihn verräterischerweise oder durch Überraschung entehrt. Nach einem physikalischen Gesetze folgt auf jeden Stoß ein Gegenstoß; aber im Moralischen ist die Rückwirkung noch stärker. Die Rückwirkung des Betruges ist Verachtung, die Rückwirkung der Verachtung ist Haß, und Haß führt zu Mord.

Der Schuhflicker Don Diego hatte vielleicht gedacht, daß er sich in meinen Augen etwas lächerlich gemacht hatte, indem er mir sagte, er sei ein Edelmann, da er jedoch wußte, daß er in dem Sinne, den er diesem Worte beilegte, wirklich ein Edelmann war, so wollte er mich immer mehr überzeugen, daß er mir keine Vorspiegelungen gemacht hatte. Seine edle Handlungsweise im Buen Retiro hatte mir schon seine schöne Seele enthüllt; aber dies genügte ihm nicht; er wollte konsequent sein. Als er durch meinen Brief einen Auftrag erhielt, wie ihn ein jeder gut oder schlecht ausführen kann, da wollte er mich nicht wie ein Bankier bedienen, sondern beschloß ein Haus zu mieten, um mir dessen besten Teil abzutreten. Ohne Zweifel hatte er auch berechnet, daß er dabei nichts verlieren würde, da er hoffen konnte, eine gut imstande gehaltene hübsche Wohnung würde nach mir nicht lange leer bleiben; hauptsächlich aber rechnete er auf meine Zufriedenheit und auf die Achtung, die ich ihm infolgedessen innerlich zollen würde.

Er täuschte sich nicht, denn ich behandelte ihn wie meinesgleichen und pries auf das höchste alles, was er gemacht hatte.

Doña Ignazia war ganz stolz auf das, was ihr Vater für mich getan hatte. Wir blieben eine Stunde lang beisammen, leerten eine Flasche ausgezeichneten Weines und regelten alle unsere geschäftlichen Angelegenheiten.

Ich verlangte, daß die Biskayerin auf meine Rechnung gehen solle, und setzte diesen Wunsch mit großer Mühe durch. Da ich jedoch wünschte, daß das Mädchen in Don Diegos Dienst zu stehen glaubte, so bat ich diesen, ihr täglich ihre Auslagen für mich zu bezahlen; denn ich wollte zu Hause essen, zum mindesten bis zur Rückkehr des Gesandten. Außerdem sagte ich ihm, es sei für mich eine Folterqual, allein zu essen, und ich bitte ihn daher, mittags und abends stets an meinem Tische zu speisen. Vergeblich suchte er Ausreden zu gebrauchen; er mußte schließlich nachgeben und behielt sich nur das Recht vor, sich durch seine Tochter vertreten zu lassen, wenn er selber zuviel Arbeit hätte, um sich umkleiden zu können. Wie man sich denken kann, lehnte ich diese Bedingung nicht ab, denn ich hatte sie erwartet.

Am nächsten Tage machte ich meinem Wirt einen Besuch, denn ich war neugierig, wie er eingerichtet wäre. Ich betrat zunächst eine kleine Kammer, die für Doña Ignazia bestimmt war. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Koffer und einem Stuhl; neben dem Bett stand außerdem ein Betschemel, auf welchem sie niederkniete, um vor einem vier Fuß hohen Bilde zu beten. Dieses stellte den heiligen Ignaz von Loyola vor, einen schönen Jüngling von wollüstigen Formen, der mehr dazu angetan war, die Sinne zu erregen, als zur Frömmigkeit anzueifern.

Mein Schuhflicker sagte zu mir: »Ich wohne jetzt viel besser als früher, und Ihre Wohnung trägt mir das Vierfache der Miete für das ganze Haus.«

»Aber die Möbel und die Wäsche?«

»In vier Jahren wird alles bezahlt sein. Ich hoffe, dieses Haus wird die Mitgift meiner Tochter sein, und diese schöne Spekulation verdanke ich Ihnen.«

»Das freut mich. Aber mir scheint, Sie machen da ein Paar ganz neuer Schuhe?«

»Allerdings; aber bemerken Sie, daß ich nach einem Leisten arbeite, den man mir gegeben hat. Ich bin daher nicht genötigt, sie meinem Besteller anzuziehen, und brauche mich nicht darum zu bekümmern, ob sie gut oder schlecht sitzen.«

»Wieviel bezahlt man Ihnen dafür?«

»Dreißig Realen.«

»Das ist teurer als der gewöhnliche Preis.«

»O ja; es ist aber auch ein großer Unterschied zwischen meinen Schuhen und denen der anderen Schuhmacher. Bei den meinigen ist sowohl die Arbeit wie die Güte des Leders viel besser.«

»Ich werde mir einen Leisten machen lassen, und Sie werden mir Schuhe anfertigen, wenn es Ihnen recht ist; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß sie vom schönsten Leder sein und Sohlen von doppeltem Marokkoleder haben müssen.«

»Solche kosten mehr und halten nicht solange.«

»Das ist einerlei; im Sommer kann ich nur sehr leichte Schuhe tragen.«

Als ich mich empfahl, sagte er mir, er sei sehr beschäftigt, seine Tochter werde daher mit mir speisen.

Ich machte einen Besuch beim Grafen von Aranda, der mich kalt, aber sehr höflich empfing. Ich erzählte ihm, was mir in Aranjuez begegnet war: die Schikane des Pfarrers und die Unhöflichkeit des Ritters Mengs.

»Ich habe davon gehört. Dieses neue Abenteuer war schlimmer als das erste, und ich hätte keine Abhilfe zu schaffen gewußt, wenn Sie nicht schnell Ihre Osterbeichte abgelegt hätten; dadurch war der Pfarrer gezwungen, Ihren Namen wieder auszustreichen. Augenblicklich glaubt man mich durch Plakate zu beunruhigen; aber ich bin dabei ganz ruhig.«

»Was will man denn nur von Eurer Exzellenz?«

»Ich soll den langen Mantel und den Schlapphut erlauben. Das wissen Sie doch?«

»Ich bin erst gestern Abend angekommen.«

»Schön. Kommen Sie also Sonntag lieber nicht zu mir, denn mein Haus soll in die Luft fliegen.«

»Gnädiger Herr, ich bin neugierig, ob es recht hoch fliegen wird. Ich werde um zwölf Uhr in Ihrem Saal sein.«

»Ich glaube, Sie werden nicht allein sein.«

Ich ging hin, und der Saal war so voll, wie ich ihn nie gesehen hatte. Der Graf sprach mit allen Anwesenden. Unter dem letzten Plakate, das ihn mit dem Tode bedrohte, standen zwei sehr kräftige Verse. Der Verfasser des Anschlages wußte, daß man ihn hängen würde, wenn man ihn entdeckte, und hatte geschrieben:

Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich.
Aber sie kriegen mich nicht.

Beim Essen gab Doña Ignazia mir zu erkennen, daß sie mich sehr gerne in ihrem Hause sah; aber sie ging nicht ein einziges Mal auf die verliebten Reden ein, die ich an sie richtete, wenn Filippo hinausgegangen war. Sie errötete, seufzte, und da sie doch endlich sprechen mußte, so sagte sie mir, sie bitte mich, alles zu vergessen, was zwischen ihr und mir vorgefallen sei. Ich antwortete ihr lächelnd, sie wisse sicherlich, daß mir dies nicht möglich sei, und setzte mit gekränkter Miene, halb ernst, halb zärtlich hinzu: »Selbst wenn es in meiner Macht stünde, alles zu vergessen, so würde ich es nicht wollen.«

Da ich wußte, daß sie weder sich verstellte noch heuchelte, so begriff ich sofort, daß die Frömmigkeit sie in ihrer Macht hielt, aber ich wußte, woran ich mich zu halten hatte, und daß ihr Widerstand nicht lange dauern konnte. Ich mußte Schritt vor Schritt vorgehen. Ich hatte schon mit anderen Frommen zu tun gehabt, die nicht ein so siedend heißes Temperament besaßen wie Ignazia und mich weniger liebten; trotzdem hatten sie sich ergeben.

Nach dem Essen blieb sie noch eine Viertelstunde mit mir zusammen, aber ich ließ mir nicht das geringste von meiner Liebe merken.

Als ich meine Siesta gehalten hatte, kleidete ich mich an und ging aus, ohne sie zu sehen. Als sie am Abend zu mir und ihrem Vater kam, der mit mir gespeist hatte, behandelte ich sie mit der größten Freundlichkeit, ohne mich im geringsten verdrießlich zu zeigen. Am folgenden Tage verfuhr ich ebenso. Beim Essen sagte sie mir, sie habe mit ihrem Liebhaber gleich in den ersten Tagen der Fasten gebrochen und bitte mich, ihn nicht zu empfangen, falls er mir etwa einen Besuch machen sollte.

Am Pfingsttage war ich beim Grafen Aranda und ging dann nach Hause; Don Diego, als richtiger Edelmann gekleidet, speiste mit mir. Seine Tochter sah ich nicht. Als ich ihn fragte, ob sie auswärts esse, antwortete er mir mit einem Lächeln, das ganz unspanisch war und das er sich einem seiner Landsleute gegenüber nicht erlaubt haben würde, sie habe sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie allem Anschein nach das heilige Fest des Heiligen Geistes feiere. Am Abend werde sie sicherlich herunterkommen, um mit mir zu essen; denn er sei bei seinem Bruder eingeladen und werde mindestens bis Mitternacht ausbleiben.

»Mein lieber Diego, machen Sie keine Komplimente! Sagen Sie, bevor Sie fortgehen, Ihrer lieben Tochter, sie möge keine Umstände machen; ich verzichte herzlich gern auf meine gesellschaftlichen Rechte zugunsten jener Ansprüche, die Gott auf ihr Gewissen haben mag. Sagen sie ihr, sie möge sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit verhalten, wenn sie etwa ihren frommen Übungen Zwang antun müsse, um mit mir zu Abend zu essen; wir würden ein andermal miteinander speisen. Werden Sie ihr das sagen? Sie machen mir damit ein Vergnügen.«

»Da Sie es wünschen, so soll es nach Ihrem Willen geschehen.«

Nachdem ich meine Siesta gehalten hatte, kam der brave Mann wieder und sagte mir, Doña Ignazia lasse mir danken, sie werde von meiner Erlaubnis Gebrauch machen, da es ihr angenehm sei, an diesem Tage niemanden zu sehen.

»Sehen Sie, so müssen wir untereinander leben! Morgen werde ich ihr meinen Dank sagen.«

Es kostete mir einige Mühe, ihm diese Antwort zu geben; denn diese übermäßige Frömmigkeit mißfiel mir so sehr, daß ich sogar fürchtete, sie könnte die Liebe ersticken, die ich dem reizenden Mädchen entgegenbrachte. Trotz meiner Empfindlichkeit hätte ich aber beinahe laut herausgelacht, als der biedere Don Diego mir sagte, ein kluger Vater müsse seiner Tochter ein Übermaß von Frömmigkeit ebenso verzeihen wie eine starke Liebesleidenschaft. Solche Philosophie hätte ich von einem spanischen Schuhflicker nicht erwartet, trotz seinem Adel.

Da das Wetter an diesem Tage nicht schön war, so beschloß ich nicht auszugehen. Ich sagte Filippo, er möchte meinen Wagen fortschicken und könnte spazieren gehen; doch solle er vorher der Biskayerin sagen, ich würde erst um zehn Uhr zu Abend essen. Als ich allein war, setzte ich mich zum Schreiben nieder; am Abend kam die Mutter und zündete meine Kerzen an, und ich ging zu Bett, ohne gegessen zu haben. Als ich am anderen Morgen um neun Uhr eben erwacht war, sah ich zu meiner großen Überraschung Doña Ignazia eintreten. Sie sagte mir, wie schmerzlich es ihr gewesen sei, als sie am Morgen erfahren habe, daß ich nicht zu Abend gegessen habe.

»Da ich allein, traurig und unglücklich war, so tat ich gut, mich des Essens zu enthalten.«

»Sie sehen niedergeschlagen aus.«

»Ich werde besser aussehen, sobald es Ihnen gefällt.«

Da der Friseur kam, so ließ sie mich allein. Ich kleidete mich an und ging zur Messe in die Kirche Buen Suceso, wo ich die schönsten Kurtisanen von Madrid sah. Ich aß mit Don Diego zu Mittag, und als beim Nachtisch seine Tochter erschien, sagte er zu ihr, sie sei schuld, daß ich am Abend vorher nichts gegessen habe.

»Dies soll nicht wieder vorkommen!« antwortete sie.

»Wollen Sie mit mir nach der Kirche Unserer lieben Frau von Atocha fahren, meine teure Ignazia?«

»Ich möchte es gern«, antwortete sie, indem sie ihrem Vater einen Blick zuwarf.

»Liebe Tochter,« sagte Diego, »die wahre Frömmigkeit ist untrennbar von einem fröhlichen Herzen und von dem Vertrauen, das man zu Gott, zu sich selber und zu der Rechenschaft der ehrenwerten Menschen, mit denen man verkehrt, haben muß. Daher mußt du glauben, daß Señor Don Jaime ein braver Mann ist, obgleich er nicht das Glück hat, als Spanier geboren zu sein.«

Über diesen Schluß mußte ich unwillkürlich lachen; Don Diego fühlte sich jedoch nicht dadurch beleidigt. Doña Ignazia küßte ihrem Vater die Hand und fragte mich in einem Ton verführerischer Unschuld, ob ich erlauben wolle, daß sie ihre Cousinen einlade.

»Wozu brauchst du deine Cousinen mitzunehmen?« sagte Diego. »Ich bürge für Don Jaime.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Don Diego. Aber wenn ihre Cousine mitkommen will und Doña Ignazia ihre Begleitung wünscht, so wird es mir eine große Freude sein; nur möchte ich, daß die ältere käme, denn deren Charakter gefällt mir besser als der ihrer Schwester.«

Nachdem diese Verabredung getroffen worden war, entfernte der Vater sich, und ich schickte Filippo in ein Fuhrgeschäft, um vier Maultiere anspannen zu lassen.

Als wir allein waren, fragte Ignazia mich zärtlich und reuevoll, ob ich ihr verzeihe.

»Alles, mein Engel – wenn Sie mir nur erlauben, Sie zu lieben.«

»Ach, lieber Freund! Ich fürchte wahnsinnig zu werden, wenn ich noch länger den Kampf bestehe, der mir Seele und Herz zerreißt!«

»Es ist kein Kampf nötig, teure Ignazia. Lieben Sie mich wie ich Sie liebe, oder befehlen Sie mir zu gehen und nicht wieder vor Ihren Augen zu erscheinen. Ich werde die Kraft besitzen, Ihnen zu gehorchen, aber das wird Sie nicht glücklich machen.«

»Oh, das weiß ich! Nein, nein, bleiben Sie zu Hause, dieses Haus gehört Ihnen. Nun aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben, wenn Sie glauben, meine große Cousine habe einen besseren Charakter als die kleine. Ich weiß, warum Sie dies seit der letzten Nacht des Karnevals glauben. Die kleine ist gut; so häßlich sie ist, so ist sie doch unterlegen, genau wie ich. Aber die ältere, die zehnmal häßlicher ist, ist boshaft vor Verdruß, daß niemals ein Mann sie hat lieben wollen. Sie glaubt, Sie verliebt gemacht zu haben, und trotzdem spricht sie schlecht von Ihnen; sie macht mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nicht widerstanden habe, und brüstet sich, bei ihr werde es Ihnen nicht so leicht gelingen.«

»Sagen Sie nichts weiter, meine Liebe! Wir müssen sie bestrafen und die jüngere mitnehmen.«

»Vortrefflich; ich danke Ihnen.«

»Weiß Sie, daß wir uns lieben?«

»Wozu es ihr sagen? Sie hat es erraten; aber sie hat ein gutes Herz und begnügt sich damit, mich zu beklagen. Sie wünscht, daß wir zusammen vor der heiligen Jungfrau der Soledad eine Andacht verrichten, die die Wirkung haben wird, uns alle beide von einer Liebe zu heilen, die uns um unser Seelenheil bringt.«

»Sie ist also ebenfalls verliebt?«

»Ja, und das arme Mädchen liebt unglücklich; denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Das muß eine große Qual sein.«

»Wahrhaftig, ich bedauere sie; denn so, wie sie aussieht, weiß ich nicht, welcher Mann sie begehren sollte. Sie ist ein armes Mädchen, und es wäre ihr gut, wenn sie nicht das Bedürfnis hätte, zu lieben. Aber Sie…«

»Ich! Schweigen Sie. Meine Seele ist einer größeren Gefahr ausgesetzt als die ihrige; ich weiß nicht, ob ich hübsch bin, aber man begehrt meiner. Ich muß mich verteidigen oder mich hingeben, und es gibt Männer, gegen die eine Verteidigung nicht möglich ist. Gott ist mein Zeuge, daß ich in der Osterwoche ein armes Mädchen besucht habe, das die Pocken hatte. Ich habe sie berührt, weil ich hoffte, daß ihre Krankheit mich anstecken und daß ich dann häßlich werden würde. Aber Gott hat es nicht gewollt, und obendrein hat mein Beichtvater mich ausgescholten und mich zu einer Buße verurteilt, die ich niemals erwartet hätte.«

»Was für eine Buße war das?«

»Nachdem er mir gesagt hatte, daß ein schönes Gesicht ein Zeichen für eine schöne Seele und daß es ein Geschenk Gottes sei, für das man ihm jeden Tag danken müsse, weil ein schönes Gesicht eine Empfehlung bei allen Menschen sei, erklärte er mir: indem ich mich bemüht hätte, häßlich zu werden, hätte ich Gott beleidigt, indem ich sein Werk zerstören wollte, und hätte mich dadurch seiner Gnade unwürdig gemacht. Nachdem er mir tausend Dinge dieser Art gesagt hatte, befahl er mir, zur Strafe für diese Sünde ein wenig rote Schminke auf meine Wangen zu legen, so oft es mir vorkäme, als ob sie zu blaß wären. Ich habe mich fügen müssen und einen Topf roter Schminke gekauft, aber ich habe mich desselben noch nicht bedienen zu müssen geglaubt. Bedenken Sie nur, daß mein Vater ihn sehen könnte! In welcher Verlegenheit würde ich sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß ich die Schminke zur Buße gekauft habe.«

»Ist Ihr Beichtvater jung?«

»Er ist ein alter Mann von siebzig Jahren.«

»Sagen Sie ihm alle einzelnen Umstände Ihrer Sünden?«

»O gewiß; denn ein jeder Umstand, mag er noch so klein sein, kann eine große Sünde sein.«

»Fragt er Sie?«

»Nein; denn er weiß, daß ich ihm alles sage. Ich schäme mich dabei sehr, aber dies läßt sich nicht vermeiden.«

»Haben Sie diesen Beichtvater schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Vor ihm hatte ich einen ganz unerträglichen. Er fragte mich nach Dingen, die mich empörten.«

»Wonach fragte er Sie?«

»Oh, erlassen Sie es mir, Ihnen dies zu sagen.«

»Wozu brauchen Sie so oft zur Beichte zu gehen?«

»So oft! Wollte Gott, ich brauchte nicht so oft hinzugehen. Übrigens gehe ich nur alle acht Tage zur Beichte.«

»Das ist zuviel!«

»Nein; denn Gott weiß, daß ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Sünde begangen habe. Ich habe Angst, während meines Schlafes zu sterben.«

»Ich beklage Sie, teure Freundin; denn diese Angst muß Sie unglücklich machen. Ich habe einen Vorzug, den Sie nicht besitzen: ich rechne viel mehr als Sie auf Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen nicht fehlen kann.«

Die Cousine kam, und wir fuhren ab. Wir fanden viele Wagen vor der Tür der kleinen Kirche, die voll von Frommen beiderlei Geschlechts war. Ich sah unter anderen die durch ihre Mannstollheit berüchtigte Herzogin von Villadorias. Wenn die Begierde über sie kam, konnte nichts sie zurückhalten. Sie bemächtigte sich des Mannes, der ihren Instinkt erregte, und er mußte sie befriedigen. Dies war mehrere Male in großer Gesellschaft vorgekommen, deren Teilnehmer sich hatten flüchten müssen. Ich hatte sie auf dem Ball kennen gelernt; sie war noch hübsch und ziemlich jung. In dem Augenblick, wo ich mit meinen beiden Betschwestern eintrat, lag sie auf den Fliesen der Kirche auf den Knien; sie hob den Kopf und richtete ihre Augen auf mich, wie wenn sie sich auf mich zu besinnen suchte. Sie hatte mich bis dahin nur im Domino gesehen. Als meine Begleiterinnen eine halbe Stunde gebetet hatten, standen sie auf, um hinauszugehen, und die Herzogin erhob sich ebenfalls. Draußen vor der Kirche fragte sie mich, ob ich sie kenne; ich nannte sie bei ihrem Namen, und sie fragte mich, warum ich sie nicht besuche, und ob ich zur Herzogin von Benevento gehe. Ich verneinte diese Frage und sagte ihr, ich würde die Ehre haben, ihr meine Aufwartung zu machen.

Während wir nach der Promenade der Balbazos fuhren, erklärte ich meinen beiden Begleiterinnen die Krankheit der Herzogin. Doña Ignazia fragte mich in ängstlichem Ton, ob ich Wort halten und ihr einen Besuch machen würde. Sie atmete auf, als ich ihr versicherte, ich würde es nicht tun.

Es kommt mir über alle Maßen lächerlich vor, wenn eine elende Philosophie Tatsachen, die von der Vernunft entschieden sind, seitdem die Vernunft existiert, immer noch zu den ungelösten Problemen rechnet. Man fragt, welches von den beiden Geschlechtern beim Zeugungsakt die größere Befriedigung empfinde. Homer behandelt diese Frage, indem er einen Wettstreit zwischen Jupiter und Juno mitteilt. Teiresias, der Weib gewesen war, gab ein richtiges Urteil ab, das jedoch einen lächerlichen Eindruck macht, weil es so aussieht, wie wenn er die beiden Freuden in die beiden Schalen einer Wage gelegt habe. Irgend jemand hat gesagt, das Weib habe den größten Genuß, weil dieser bei ihr schneller einträte, weil er sich oft wiederhole, und endlich, weil das Fest bei ihr stattfinde; dieser Grund ist ziemlich glaubwürdig, denn sie braucht mit der größten Bequemlichkeit nur alles geschehen zu lassen; sie ist zugleich handelnder und leidender Teil, während zur Befriedigung des Mannes Handeln unumgänglich notwendig ist. Es gibt jedoch noch einen physikalischen Grund, der die Frage ohne jeden Zweifel entscheidet; wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, so wäre die Natur ungerecht; dies aber ist nicht möglich. Übrigens gibt es nichts Überflüssiges in der Schöpfung, und der Schöpfer hat kein Ding dazu bestimmt, nur Schmerzen zu leiden oder Genuß zu bereiten, ohne solchen zu empfangen. Wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, hätte sie nicht mehr als er zu verrichten und hätte auch nicht mehr Organe als er. Schon die Gebärmutter muß ein Zeichen sein, daß der Genuß des Weibes bei weitem größer ist als der des Mannes; denn dieses Organ hängt mit dem Gehirn in keiner Weise zusammen und ist daher völlig unabhängig von der Vernunft; es hat kein anderes Bedürfnis als Nahrung zu geben und Nahrung zu empfangen; sein Instinkt wird Wut, wenn es vom Temperament erregt wird. Dies wäre hinreichend bewiesen durch die Andromanie, an welcher viele Frauen leiden; diese Krankheit macht die einen zu Messalinen und die anderen zu Märtyrerinnen. Der Mann hat keine Krankheit, die mit der Andromanie verglichen werden könnte.

Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der Frau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes.

Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so sage ich zu mir selber nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt, und die mich veranlassen, mein Geschlecht vorzuziehen. Nichtsdestoweniger würde ich, wenn ich den Vorzug haben könnte, noch einmal wiedergeboren zu werden, mich gern einverstanden erklären, nicht nur als Weib, sondern sogar als Tier irgendwelcher Art wiedergeboren zu werden; selbstverständlich mit meinem Gedächtnis; denn sonst wäre ich ja nicht mehr ich.

Auf der Balbazos-Promenade aßen wir Eis; hierauf fuhren meine beiden jungen Damen mit mir nach Hause; sie waren sehr zufrieden mit dem Vergnügen, das ich ihnen an diesem Tage verschafft hatte, ohne den lieben Gott zu beleidigen.

Doña Ignazia war entzückt, mit mir den ganzen Tag verbracht zu haben, ohne daß ich etwas gegen sie unternommen hätte; offenbar fürchtete sie jedoch, ich würde mich beim Abendessen nicht in denselben Grenzen halten, und bat mich daher, ihre Cousine einzuladen, mit uns zu speisen. Ich war damit einverstanden, und sogar mit Vergnügen.

Diese Cousine, die ebenso dumm wie häßlich war, hatte ein gutes Herz und besaß die ausgezeichnete Eigenschaft, mitfühlend zu sein. Da ich wußte, daß Doña Ignazia ihr alles anvertraut hatte, was zwischen uns vorgefallen war, so war es mir nicht unlieb, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war: sie konnte mir nicht lästig werden, und Doña Ignazia glaubte, ich würde in ihrer Anwesenheit nichts unternehmen.

Es war bereits ein drittes Gedeck aufgelegt worden, als ich jemanden die Treppe hinaufkommen hörte. Es war der Vater, und ich lud ihn ein, mit uns zu essen. Ich glaube, bereits gesagt zu haben, daß Don Diego liebenswürdig war; besonders aber ergötzte er mich durch seine Lebensweisheiten auf dem Gebiete der Moral. Er hatte die Marotte, sich mit seinem Vertrauen brüsten zu wollen. Er wußte oder ahnte doch zum mindesten, daß ich seine Tochter liebte; aber er glaubte, es geschehe in allen Ehren, sei es, daß er sich auf meine Redlichkeit verließ, oder daß er seine Tochter durch ihre Frömmigkeit gepanzert glaubte. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß er gekränkt gewesen wäre und ihr nicht erlaubt haben würde, mit mir unter vier Augen beisammen zu sein, wenn er geahnt hätte, was bereits zwischen uns vorgefallen war.

Bei Tisch saß er neben seiner Nichte und gegenüber seiner Tochter, die mir zur Rechten saß; er bestritt zu einem guten Teil die Kosten der Unterhaltung; denn der Spanier ist zwar ernst, aber beredt, und seine reiche, pomphafte Sprache macht ihm die Beredsamkeit leicht.

Es war sehr warm, und da ich gerne mir selber es bequem machen wollte, so forderte ich ihn auf, seinen Rock auszuziehen und auch seine Tochter es sich bequem machen zu lassen, wie wenn sie mit ihm und seiner Frau allein wäre.

Ohne sich lange bitten zu lassen, nahm Doña Ignazia ihr Halstuch ab und entblößte ihren schönen Busen; aber es kostete viele Mühe, bis ihre arme Cousine sich entschloß, uns ihre schwarze Haut und ihre Knochen sehen zu lassen.

Doña Ignazia erzählte ihrem Vater, wie viel Vergnügen die Anbetung Unserer lieben Frau von Atocha und der Spaziergang auf der Balbazos-Promenade ihr gemacht habe, und sagte ihm schließlich, sie habe die Herzogin von Villadorias gesehen, die mich eingeladen habe, sie zu besuchen.

Dies veranlaßte den biederen Don Diego über die Krankheit der Dame zu philosophieren und zu scherzen. Er erzählte viele Einzelheiten, über die wir lange Betrachtungen anstellten; die beiden Mädchen taten so, wie wenn sie nichts davon verständen.

Der gute Manchaer Wein hielt uns bis ein Uhr bei Tische, und uns allen war die Zeit kurz vorgekommen. Don Diego sagte seiner Nichte, sie könnte mit seiner Tochter in der Kammer schlafen, worin wir uns befänden, denn das Bett wäre breit genug für zwei, während das Bett der Doña Ignazia zu eng wäre, besonders bei der sehr heißen Nacht. Ich beeilte mich hinzuzufügen, daß die jungen Damen durch die Annahme dieses Vorschlages mir eine Ehre erwiesen; Doña Ignazia erwiderte jedoch errötend, es sei nicht schicklich, denn das Zimmer sei von dem meinigen nur durch eine Glastüre getrennt.

Auf diesen Einwurf sah ich Don Diego mit einem Lächeln an, und der brave Mann, dem stets viel daran lag, mir einen hohen Begriff von seinem Geiste zu geben, begann auf die lächerlichste Art auf seine Tochter einzureden. Er sagte ihr: »Señor Don Jaime muß mindestens zwanzig Jahre älter sein als du. Durch diesen Verdacht hast du eine größere Sünde begangen, als wenn du dich zu irgendeiner kleinen verliebten Gefälligkeit herbeigelassen hättest. Ich bin überzeugt, am Sonntag wirst du vergessen, dich des Verbrechens anzuklagen, daß du Don Jaime eine unehrenhafte Handlungsweise zugetraut hast.«

Doña Ignazia sah mich zärtlich an, bat mich um Verzeihung und sagte mir, sie werde tun, wie es ihr Vater wolle. Die Cousine sagte nichts. Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn, wünschte mir gute Nacht und entfernte sich, sehr zufrieden mit seiner Rednergabe. Ich dachte mir, daß Ignazia irgendeinen Angriff von meiner Seite erwartete, und da ich überzeugt war, daß sie sich einen Widerstand vorgenommen hatte, mit dem sie sich vor ihrer Cousine brüsten konnte, und der mich geschmerzt haben würde, so beschloß ich, sie ganz und gar in Ruhe zu lassen, und ging zu Bett. Am anderen Morgen stand ich jedoch um sechs Uhr auf in der Hoffnung, ihr irgendeinen kleinen Streich spielen zu können. Als ich aber in das Zimmer trat, fand ich das Bett bereits gemacht und die Vögel ausgeflogen. Da es der dritte Feiertag war, so zweifelte ich nicht, daß sie in die Soledad zur Messe gegangen wären.

Um zehn Uhr kam Doña Ignazia allein zurück. Sie fand mich allein, vollständig angezogen und mit Schreiben beschäftigt. Sie sagte mir, sie sei drei Stunden in der Kirche gewesen, und ihre Cousine, die sie begleitet habe, sei eben erst zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

»Ich vermute, Sie sind zur Beichte gegangen?«

»Nein, ich war Sonntag zur Beichte und werde erst am nächsten Sonntag wieder hingehen.«

»Ich bin entzückt, daß Ihre Beichte nicht meinetwegen länger sein wird.«

»Sie täuschen sich.«

»Wie, ich täusche mich? Ach so, ich verstehe. Aber hören Sie, ich will nicht, daß wir beide wegen einfacher Begierden unser Seelenheil verscherzen. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu quälen, und ebensowenig, um selber Märtyrer zu werden. Was Sie mir bewilligt haben, hat mich ganz und gar in Sie verliebt gemacht, und ich schaudere bei dem Gedanken, daß meine und Ihre Zärtlichkeiten zum Gegenstande Ihrer Reue geworden sind. Ich habe eine sehr schlechte Nacht verbracht, und ich muß auf meine Gesundheit acht geben. Ich werde versuchen, Sie zu vergessen, aber dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß ich Sie nicht mehr sehe. Ich werde die Wohnung bei Ihnen behalten, aber schon morgen ziehe ich anderswohin. Wenn Ihr religiöses Gefühl aufrichtig ist, so müssen Sie meinem Plan beistimmen. Teilen Sie ihn am Sonntag Ihrem Beichtvater mit, und Sie werden sehen, daß er ihn billigen wird.«

»Was Sie da sagen, ist wahr; aber ich kann nicht einwilligen. Es steht Ihnen frei, sich von mir zu entfernen; ich werde es schweigend dulden, werde meinen Vater reden lassen, aber ich werde das unglücklichste Geschöpf in ganz Madrid sein.«

Während sie diese Worte sprach, rollten zwei dicke Tränen über ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder; ich fühlte mich tief bewegt und sagte: »Ich liebe Sie, schöne Ignazia, und ich hoffe, die Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt haben, wird mich nicht zur Hölle verdammen. Ich kann Sie nicht sehen, ohne Sie zu lieben, und da ich Sie liebe, so zwingt die Natur mich, Ihnen meine Liebe deutlich zu bekunden: dies ist für mein Glück notwendig. Sie sagen: wenn ich gehe, so werden Sie unglücklich sein. Ich kann mich nicht entschließen. Sie unglücklich zu machen; aber wenn ich bleibe, so werde ich unglücklich sein, falls Sie nicht eine andere Haltung einnehmen. Ich bin sogar sicher, daß es mir meine Gesundheit kosten wird. Sagen Sie mir jetzt, was ich tun soll! Soll ich gehen oder bleiben? Wählen Sie!«

»Bleiben.«

»Sie werden also lieb und zärtlich sein, wie Sie es, vielleicht zu meinem Unglück, bereits waren.«

»Ach, ich habe es bereuen und Gott versprechen müssen, nicht wieder in dieselbe Sünde zu verfallen. Ich bitte Sie zu bleiben, weil ich überzeugt bin, in acht oder zehn Tagen werden wir uns dermaßen aneinander gewöhnen, daß ich Sie nur noch wie einen Vater lieben werde und daß Sie in mir nur eine Tochter oder eine Schwester sehen werden, die Sie in Ihre Arme schließen können, ohne daß Sie dabei irgendwie an Liebe zu denken brauchen.«

»Und Sie sagen. Sie sind dessen sicher?«

»Ja, mein lieber Freund, sehr sicher.«

»Sie täuschen sich.«

»Gestatten Sie mir, mich zu täuschen. Wollen Sie es mir glauben? Es macht mir ein Vergnügen, mich zu täuschen.«

»Unglückselige Frömmigkeit!«

»Warum unglückselig?«

»Nichts, meine liebe Freundin; ich würde zu weitschweifig werden und vielleicht Gefahr laufen … Ach, sprechen wir nicht mehr davon! Ich werde bei Ihnen bleiben.«

Ich ging aus. Der Zustand des armen Mädchens betrübte mich mehr als mein eigener, und ich fühlte, daß ich mich bemühen müßte, sie zu vergessen. »Denn,« sagte ich bei mir selber, »selbst wenn es mir gelingen sollte, sie noch einmal durch eine Überraschung zu besitzen oder nachdem ich sie durch meine Worte in Feuer gesetzt hätte, so würde bald wieder der Sonntag da sein, und eine neue Beichte würde sie wieder störrisch und widerhaarig machen. Sie gestand, daß sie mich liebte, aber sie schmeichelte sich, ihre Liebe bändigen zu können, indem sie mich nach wie vor sähe und sich zusammennähme. Ein solcher Wunsch und solche wahnsinnige Hoffnung kann nur in einer ehrlichen Seele vorhanden sein, wenn diese sklavisch einem Vorurteil gehorcht, das ihr als ein Verbrechen zeigt, was naturgemäß kein Verbrechen sein kann.«

Zum Mittag kam ich nach Hause; Don Diego glaubte mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er mit mir aß; seine Tochter erschien erst beim Nachtisch. Ich bat sie höflich, aber mit trauriger und kalter Miene, sie möchte Platz nehmen. Ihr Vater fragte sie spöttisch, ob ich vielleicht in der Nacht aufgestanden wäre und sie in ihrem Bett besucht hätte.

»Ich habe Don Jaime durch keinen Verdacht beleidigt«, antwortete sie ihm; »und wenn ich Einwendungen machte, so geschah dies nur infolge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung.«

Ich unterbrach sie, indem ich ihre Bescheidenheit lobte und ihr sagte, sie würde recht haben, sich vor mir in acht zu nehmen, wenn die Gesetze der Pflicht nicht stärker wären als die Wünsche, die ihre Schönheit mir einflößte.

Don Diego fand diese Liebeserklärung erhaben und der alten Tafelrunde würdig.

Seine Tochter antwortete ihm, ich machte mich über sie lustig; er erwiderte ihr jedoch, er sei überzeugt, daß sie sich irrte, und er glaube, ich habe sie schon gekannt, bevor ich zu ihm gekommen sei und sie zum Ball eingeladen habe.

»Ich schwöre Ihnen, Sie irren sich!« erwiderte Doña Ignazia ziemlich feurig.

»Sie schwören falsch, Señora, Ihr Vater weiß mehr als Sie.«

»Wie? Sie hätten mich gesehen? Wo denn?«

»In der Soledad, wo Sie eben das Abendmahl genommen hatten, und ich die Messe hörte. Als Sie mit Ihrer Cousine hinausgingen, folgte ich Ihnen von weitem. Das übrige können Sie erraten.«

Sie war sprachlos; ihr Vater triumphierte und freute sich seines Scharfblickes.

»Ich gehe zum Stiergefecht«, sagte mein Wirt zu mir; »es ist ein schöner Tag, ganz Madrid wird dort sein; man muß früh hingehen, um einen guten Platz zu finden. Sie haben dieses herrliche Schauspiel nie gesehen? Ich rate Ihnen, hinzugehen. Und du, liebe Tochter, bitte den Señor Don Jaime, dich mitzunehmen.«

»Wäre meine Gesellschaft Ihnen angenehm?« fragte sie mich mit zärtlicher Miene.

»Daran können Sie nicht zweifeln, Doña Ignazia, aber ich stelle die Bedingung, daß Ihre Cousine Sie begleitet, denn ich bin in sie verliebt.«

Don Diego lachte laut heraus, seine Tochter aber sagte ein bißchen boshaft: »Das ist nicht unmöglich.«

Wir gingen also hin, um uns dieses prachtvolle und barbarische Schauspiel anzusehen, das alle Spanier entzückt. Die beiden Mädchen setzten sich auf die Vorderplätze der einzigen Loge, die noch zu haben war, und ich saß hinter ihnen auf der zweiten Sitzbank, die anderthalb Fuß höher war als die erste. Es waren bereits zwei Damen da, und die eine von ihnen war die berühmte Herzogin von Villadorias. Ich mußte unwillkürlich lachen. Sie saß vor mir, so daß ihr Kopf ungefähr zwischen meinen Beinen sich befand. Sie erkannte mich und wünschte sich Glück zu dem Zufall, der uns in Kirche und bei Schauspielen zusammenbrächte; hierauf betrachtete sie Doña Ignazia, die neben ihr saß, äußerte mir in französischer Sprache ihre Bewunderung ihrer Schönheit und fragte mich, ob sie meine Frau oder meine Geliebte sei. Ich antwortete ihr, es sei eine Schönheit, um die ich vergebens seufze. Sie sagte mir lächelnd: in diesem Punkte sei sie ungläubig; hierauf wandte sie sich zu Ignazia und machte die reizendsten Bemerkungen über die Liebe, in der sie ihr die gleiche Erfahrung zutraute wie sich selber. Schließlich sagte sie ihr etwas ins Ohr. Ignazia errötete. Die Herzogin wurde feurig und sagte mir, ich hätte mir das schönste Mädchen in ganz Madrid ausgesucht; sie wolle gar nicht wissen, wer sie sei, aber sie werde sich freuen, wenn ich mit dem reizenden Mädchen bei ihr in ihrem Landhause speise.

Ich versprach es ihr, da es eben nicht anders ging. Doch ersparte ich es mir, den Tag festzusetzen. Indessen nötigte sie mich zu dem Versprechen, sie am nächsten Tage um ein Uhr zu besuchen. Ich bekam einen Schreck, als sie mir sagte, sie werde allein sein; denn dieses Wort bedeutete ein Stelldichein in aller Form. Sie war hübsch, aber zu bekannt; es wäre über meinen Besuch zu viel geredet worden.

Zum großen Glück begann das Stiergefecht, und damit wurde allgemeines Schweigen unerläßlich; denn die Spanier sind für dieses Schauspiel so leidenschaftlich begeistert, daß sie sich durch nichts davon ablenken lassen.

Man hat von diesen Stierkämpfen so viel gesprochen, daß ich meine Leser nicht durch eine Beschreibung ermüden will. Es möge genügen, wenn ich sage, daß sie eine Barbarei sind, die den Sitten eines Volkes nur schädlich sein kann; denn die Arena ist zuweilen ganz überströmt von dem Blute der Stiere, der Pferde, denen sie den Bauch aufgeschlitzt haben, und oft sogar der unglücklichen Picadores, deren Geschäft und Vergnügen es ist, die wütenden Stiere noch mehr zu reizen. Sie haben keine anderen Verteidigungsmittel als eine kleine rote Fahne, womit sie den sie verfolgenden Tieren eine andere Richtung geben, indem sie sie ihnen hinwerfen, während sie selber so schnell wie möglich nach einer anderen Stelle laufen oder mit großer Gelenkigkeit über die hohe Schranke springen.

Als das Stiergefecht zu Ende war, brachte ich die beiden Mädchen, die mir tausendmal dankten, nach meiner Wohnung und lud die Cousine zum Abendessen ein, indem ich darauf rechnete, daß sie wie am Tage vorher dableiben und mit ihrer Cousine zusammen schlafen werde.

Wir aßen, aber wir waren traurig; denn Don Diego aß außerhalb des Hauses, und ich war in so schlechter Laune, daß ich mir keine Mühe geben mochte, die Mahlzeit zu erheitern.

Doña Ignazia wurde nachdenklich, als ich auf ihre Frage, ob ich die Herzogin wirklich besuchen würde, ihr antwortete: »Ich würde gegen alle Gebote der Schicklichkeit verstoßen, wenn ich nicht hinginge. Wir werden auch eines Tages nach ihrem Landhause hinausfahren.«

»Oh, rechnen Sie nur nicht auf mich!«

»Warum denn nicht?«

»Weil sie wahnsinnig ist. Sie flüsterte mir Bemerkungen ins Ohr, die mich beleidigt haben würden, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß sie mir eine Ehre zu erweisen glaubte, indem sie mich wie ihresgleichen behandelte.«

Wir standen vom Tisch auf, und nachdem ich meinen Bedienten fortgeschickt hatte, setzten wir uns auf den Balkon, um auf Don Diego zu warten und einen leichten kühlen Wind zu genießen, der bei solcher Hitze köstlich ist.

Wir saßen nebeneinander auf den Fliesen. Von Liebe befeuert und von der geheimnisvollen Dunkelheit erregt, die die Liebenden gegen lästige Blicke schützt, ohne sie zu verhindern, einander zu sehen, blickten wir uns verliebt an, und ich las in Ignazias Augen, daß die Schäferstunde da war. Ich legte meinen Arm um sie und drückte meine Lippen auf ihren Mund. Das süßeste Zittern verriet mir, von welchem Feuer ihre Seele verzehrt wurde.

»Wirst du zur Herzogin gehen?«

»Nein, mein Herz, ich werde nicht gehen, wenn du mir versprichst, Sonntag nicht zu deinem Beichtvater zu gehen.«

»Aber was wird er sagen, wenn ich nicht komme?«

»Nichts – vorausgesetzt, daß er sein Geschäft versteht. Aber laß uns einmal vernünftig darüber sprechen!«

Wir saßen so dicht aneinandergepreßt, daß die Cousine, die sich wohl dachte, was kommen könnte, als gutes, teilnehmendes Mädchen an das andere Ende des Balkons ging und uns den Rücken zudrehte.

Ohne mich zu rühren, ohne die Stellung zu ändern, und mich gewaltsam jeder Bewegung enthaltend, so schwer mir dies auch wurde, fragte ich sie, ob sie in diesem Augenblick geneigt sei, die Sünde zu bereuen, die sie zu begehen geneigt sei.

»Ich denke in diesem Augenblick nicht an meine Beichte; aber wenn du mich daran erinnerst, werde ich ganz gewiß beichten.«

»Und wenn du gebeichtet hast – wirst du dann fortfahren, mich zu lieben wie in diesem Augenblick?«

»Ich hoffe, Gott wird mir die Kraft geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.«

»Ich versichere dir, Gott wird dir diese Kraft nicht geben, wenn du fortfährst, mich zu lieben. Ich bin überzeugt, du wirst dein möglichstes tun, um Gottes Gnade zu verdienen, und so sehe ich voraus, daß du mir Dienstag Abend das Glück verweigern wirst, das du mir zu bewilligen in diesem Augenblick bereit bist.«

»Ach, das ist nur zu wahr, mein lieber Freund; aber warum sollen wir in diesem Augenblick daran denken?«

»Weil ich meine Liebe und die deinige vermehre, wenn ich mich jetzt dem süßesten Genusse hingebe, und weil ich dann später unglücklich sein würde, wenn ich dich nicht jeden Tag besitzen könnte. Versprich mir also, während der ganzen Zeit, die ich noch in Madrid bleibe, nicht zur Beichte zu gehen, oder laß mich in diesem Augenblick mich selber zum Unglücklichsten aller Menschen machen, indem ich mich zurückziehe; denn ich kann mich mit gutem Gewissen nicht der Liebe überlassen, wenn ich an den Kummer denke, den dein Widerstand mir am Sonntag bereiten würde.«

Während ich ihr diese in unserer Lage sehr grausamen Worte sagte, schloß ich sie zärtlich in meine Arme, indem ich sie in überströmender Liebe mit allen möglichen Liebkosungen überhäufte; bevor ich jedoch zur entscheidenden Handlung schritt, fragte ich sie von neuem, ob sie mir verspreche, am nächsten Sonntag nicht zu beickten.

»Oh, wie grausam sind Sie in diesem Augenblick, mein lieber Freund! Sie machen mich unglücklich; denn dieses Versprechen kann ich mit gutem Gewissen Ihnen nicht geben.«

Als ich diese Antwort vernahm, die ich erwartet hatte, hielt ich mich vollkommen unbeweglich, obwohl ich sicher war, sie für den Augenblick unglücklich zu machen. Denn ich mußte sie zur Verzweiflung bringen, indem ich bei dem Zustande höchster Erregung, worin sie sich befand, das Werk nicht zu Ende brachte. Ich litt ebenfalls viel; denn ich befand mich auf der Schwelle des Tempels, und eine einzige Bewegung würde genügt haben, um in das Heiligtum hineinzugelangen. Aber ich war gewiß, daß die Entbehrung für sie noch viel größer war als für mich, und daß sie nicht lange widerstehen würde.

Doña Ignazia war in der Tat in Verzweiflung; ich hatte sie nicht zurückgestoßen, aber ich verhielt mich vollständig untätig. Da die Schamhaftigkeit sie verhinderte, offen das Werk der Liebe zu begehren, so verdoppelte sie ihre Liebkosungen, drängte sich in der bequemsten Stellung an mich heran und warf mir zugleich vor, daß meine Handlungsweise eine grausame wäre, nachdem ich sie verführt hätte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hätte halten können; aber in diesem Augenblick drehte die Cousine sich um und sagte uns, Don Diego komme nach Hause.

Schnell brachten wir unsere Kleider in Ordnung und nahmen eine anständige Stellung ein. Die Cousine setzte sich neben uns; Don Diego ließ uns nach einigen Komplimenten im Dunkeln allein, indem er uns gute Nacht wünschte. Ich hätte wieder anfangen können; aber, hartnäckig meinem Plane getreu, wünschte ich mit der traurigsten Miene den beiden Mädchen eine gute Nachtruhe und legte mich zu Bett.

Ich hoffte, Doña Ignazia würde vielleicht Reue empfinden und mir Gesellschaft leisten, sobald ihre Cousine eingeschlafen wäre; aber sie kam nicht. Sie verließen das Zimmer am Morgen in aller Frühe. Mittags kam Don Diego herunter, um mit mir zu speisen; er sagte mir, seine Tochter habe so starke Kopfschmerzen, daß sie nicht einmal zur Messe gegangen sei; jetzt sei sie eingeschlummert.

»Man muß sie überreden, etwas zu essen.«

»Im Gegenteil, das Fasten wird ihr gut tun, und heute Abend wird sie mit Ihnen essen können.«

Sobald ich meine Siesta gehalten hatte, ging ich zu ihr und setzte mich neben ihr Bett. Drei Stunden hindurch sagte ich ihr alles, was ein Liebhaber wie ich einem Mädchen sagen kann, das erst bekehrt werden muß, um glücklich zu werden. Sie hielt die Augen geschlossen, sprach kein Wort und seufzte, wenn ich irgend etwas Rührendes sagte.

Ich verließ sie, um einen Spaziergang auf dem Prado San Jeronimo zu machen. Beim Abschied sagte ich ihr: wenn sie nicht herunterkäme, um mit mir zu Abend zu essen, so wäre das ein Beweis, daß sie mich nicht mehr sehen wollte.

Die Drohung tat ihre Wirkung. Sie setzte sich zu Tisch, als ich schon nicht mehr auf ihr Kommen hoffte, aber sie war bleich und verstört. Sie aß wenig und sprach nicht; denn ihre Überzeugung stand fest, und sie wußte nicht, was sie mir sagen sollte. Von Zeit zu Zeit benetzte eine Träne ihre Wimper. Ich sah, daß sie litt, und war tief bewegt.

Bevor sie wieder nach oben ging, fragte sie mich, ob ich bei der Herzogin gewesen sei. Ihre Traurigkeit verminderte sich ein wenig, als ich ihr antwortete: »Nein, ich bin nicht dagewesen; hiervon kann Filippo Sie überzeugen, denn er hat der Dame einen Brief überbracht, worin ich sie gebeten habe, mich zu entschuldigen, wenn ich ihr heute nicht meinen Besuch machen könne.«

»Aber werden Sie an einem anderen Tage hingehen?«

»Nein, mein Herz; denn ich sehe, daß das Ihnen Schmerz machen würde.«

Sie stieß einen Seufzer der Genugtuung aus; ich umarmte sie sanft, und sie ging hinaus, indem sie mich ebenso traurig zurückließ, wie sie selber war.

Ich sah wohl, daß das, was ich von ihr verlangte, viel zu viel war; aber ich durfte trotzdem mit Grund hoffen, sie zur Vernunft zu bringen, denn ich wußte, wie heiß ihre Liebesglut war. Ich wollte sie nicht dem lieben Gott abspenstig machen, sondern ihrem Beichtvater. Wäre sie nicht katholisch gewesen, so hätte ich am ersten Tage gesiegt.

Sie hatte mir gesagt, sie wäre ihrem Beichtvater gegenüber in Verlegenheit, wenn sie nicht mehr zur Beichte ginge. Von Redlichkeit und hohem spanischen Ehrgefühl erfüllt, konnte sie sich nicht entschließen, ihren Beichtvater zu betrügen, ebensowenig aber, ihre Liebe mit ihrer vermeintlichen religiösen Pflicht in Einklang zu bringen. Sie tat recht daran, daß sie so dachte.

Der Freitag und der Sonnabend vergingen, ohne daß sie eine Wendung brachten. Ihr Vater, dem es nicht entgehen konnte, daß wir uns liebten, der aber auf ihre Tugend und wohl auch auf meine Redlichkeit rechnete, ließ uns miteinander zu Mittag und zu Abend essen. Er selber kam fast nur herunter, wenn ich ihn eigens bitten ließ. Doña Ignazia verließ mich am Sonnabend trauriger als gewöhnlich; sie wandte den Kopf ab, als ich ihr wie jeden Abend einen Kuß geben wollte, durch den ich sie, so kam es mir vor, meiner Treue versicherte.

Ich sah, warum sie sich so benahm: sie sollte am nächsten Tag das Abendmahl empfangen.

Ich bewunderte unwillkürlich die Aufrichtigkeit ihrer Seele, und ich beklagte sie, denn ich erriet, welchen Kampf die beiden entgegengesetzten Leidenschaften in ihrem Herzen führen mußten. Ich begann Furcht zu hegen und zu bereuen, daß ich alles aufs Spiel gesetzt hatte, anstatt mich mit einer anständigen Teilung zu begnügen. Um mich mit eigenem Auge zu überzeugen, stand ich am Sonntag in aller Frühe auf und verließ nach ihr das Haus. Ich wußte, daß sie ihre kleine Cousine abholen würde, und ging daher nach der Soledad voraus. Ich stellte mich an die Tür der Sakristei, von wo aus ich alles sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden.

Ich wartete eine Viertelstunde auf die beiden Cousinen. Sie kamen, knieten einige Augenblicke nieder und trennten sich dann, um eine jede zu ihrem Beichtvater zu gehen.

Da die Cousine mich durchaus nicht interessierte, so beschäftigte ich mich nur mit Doña Ignazia. Ich sah sie in den Beichtstuhl eintreten und den Beichtvater sich zu ihr wenden.

Ich wartete geduldig, und ich hatte allerdings viel Geduld nötig; oenn diese Beichte nahm gar kein Ende. Was sagt sie ihm? Was sagt er ihr? dachte ich bei mir selber, als ich sah, daß der Beichtvater von Zeit zu Zeit mit ihr sprach.

Ich konnte es nicht mehr aushalten und war schon auf dem Sprunge, mich zu entfernen, als ich sie endlich aufstehen sah.

Doña Ignazia sah wie eine Heilige aus; mit gesenkten Augen kniete sie nicht weit von mir nieder, aber ich konnte sie von meinem Platz aus nicht mehr sehen. Ich glaubte, sie wollte die Messe hören, die vor einem Altar in ihrer Nähe gelesen wurde, und würde nach Beendigung derselben vor den Hauptaltar treten, um das Abendmahl zu empfangen. Aber es kam anders: als die Messe zu Ende war, ging sie nach der Türe zu, wo ihre Cousine auf sie wartete, und die beiden Mädchen verließen die Kirche.

Diese Wahrnehmung versetzte mich in große Aufregung. Ich empfand beinahe Gewissensbisse und sagte bei mir selber: »Es ist aus. Aufrichtig, fromm und zugleich leidenschaftlich verliebt, wird das arme Mädchen ehrlich gebeichtet, wird das Gefühl gestanden haben, das sie beseelt, und der Priester, der pflichtgemäß, ein grausamer Barbar ist und außerdem vielleicht sich in gutem Glauben befindet, wird ihr die Absolution verweigert haben. Alles ist verloren! Was wird nun kommen? – Meine eigene Ruhe und die des jungen Mädchens, das ein Opfer seiner Frömmigkeit und seiner Liebe ist, verlangen, daß ich mich entferne. – Daß ich doch auch mit meiner unglücklichen, dummen Lebenserfahrung alles an alles gesetzt habe! Der spanische Charakter ist zu sonderbar; er kann nicht nach dem Muster anderer Völker beurteilt werden. – Ich hätte sie ab und zu durch Überraschung besessen; die Schwierigkeit hätte die Intrige noch pikanter gemacht. Ich bin eingebildet gewesen, wie ein zwanzigjähriger Jüngling; darum habe ich alles verloren. – Heute beim Mittagessen werde ich sie traurig sehen; sie wird weinen. Dieser Qual muß ich ein Ende machen.«

Unter solchen Selbstgesprächen ging ich sehr traurig und sehr unzufrieden mit mir selber nach Hause.

Mein Friseur wartete auf mich; ich schickte ihn fort und sagte meiner Biskayerin, sie solle mein Mittagessen nicht früher auftragen, als bis ich es befehle. Um meinen Kummer zu verschlafen, legte ich mich wieder zu Bett und lag bis ein Uhr in tiefem Schlaf wie ein Toter.

Nachdem ich aufgestanden war, befahl ich das Essen aufzutragen und dem Vater und der Tochter Bescheid zu sagen, daß ich sie erwarte.

Man denke sich meine Überraschung, als ich Doña Ignazia in spanischer Tracht erscheinen sah: sie trug ein Mieder von schwarzem Samt mit Schleifen und Litzen an allen Nähten. Es gibt in ganz Europa keine schönere Kleidung, wenn sie von einem schönen Weibe getragen wird.

Als ich sie so hübsch sah, konnte ich mich nicht mehr enthalten, ihr über die heitere Ruhe, die auf ihren Zügen lag, ein Kompliment zu machen. Sie antwortete mir mit einem süßen Lächeln; ich vergaß, daß sie mir am Tage vorher einen Kuß verweigert hatte, und umarmte sie, und sie war sanft wie ein Lamm.

Filippo trat ein, und wir setzten uns zu Tisch. Ich dachte über die unverhoffte Änderung nach und sah, daß meine schöne Spanierin den Graben übersprungen und ihren Entschluß gefaßt hatte.

»Ich werde glücklich sein,« sagte ich zu mir selber, »aber tun wir nichts, und lassen wir sie von selber kommen.«

Ich verbarg jedoch nicht die Zufriedenheit, von der meine Seele erfüllt war, sondern sprach mit ihr von Liebe, so oft mein Bedienter uns allein ließ; ich sah, daß sie nicht nur in behaglicher Stimmung war, sondern von Liebe glühte.

Bevor wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich, ob ich sie noch liebte.

»Mehr denn je, mein Herz! Ich bete dich an!«

»So führe mich doch zum Stiergefecht!«

»Schnell den Friseur!«

Nachdem ich frisiert war, machte ich auf das sorgfältigste Toilette; ich zog einen seidenen Rock mit Lyoner Stickerei an, den ich noch nicht ein einziges Mal getragen hatte. Vor Ungeduld glühend gingen wir zu Fuß hin, um uns nicht durch das Warten auf den Wagen zu verspäten; denn ich fürchtete, wir würden keinen guten Platz mehr finden. Wir erhielten zwei Plätze in einer großen und schönen Loge und setzten uns nebeneinander. Ignazia warf einen schnellen Blick auf die anderen Insassen der Loge und sagte mir, sie sei recht glücklich, daß ich nicht neben der scheußlichen Herzogin sitze.

Es war ein herrliches Wetter. Als das Stiergefecht zu Ende war, bat meine Schöne mich, sie nach dem Prado zu führen, wo wir die ganze galante Welt von Madrid fanden.

Doña Ignazia ging an meinem Arm und schien stolz darauf zu sein, mir anzugehören. Ich war vor Freude ganz selig.

Plötzlich sahen wir vor uns den venetianischen Gesandten und seinen Günstling Manucci. Sie waren an demselben Tage von Aranjuez gekommen, aber ich wußte das noch nicht. Nachdem wir uns mit vollem spanischen Anstand begrüßt hatten, machte der Botschafter mir das schmeichelhafte Kompliment über die Schönheit meiner Begleiterin. Doña Ignazia tat, wie wenn sie nichts verstände, aber sie drückte mir den Arm mit jenem unmerklichen Zartgefühl, das eine hervorragende Eigenschaft der Spanier ist.

Nachdem sie ein Stückchen mit uns spazieren gegangen waren, sagte Herr von Mocenigo zu mir, er hoffe, ich werde ihm das Vergnügen machen, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Ich antwortete ihm durch eine Neigung des Kopfes auf französische Art, und wir trennten uns.

Nachdem wir Gefrorenes gegessen hatten, gingen wir in der Dämmerung nach Hause. Unterwegs bereitete ein sanfter Druck des Armes mich auf das Glück vor, das meiner harrte.

Wir fanden den Vater auf dem Balkon; er hatte auf uns gewartet, und nachdem er mich herzlich begrüßt hatte, machte er seiner Tochter ein Kompliment über ihre gute Laune und über das Vergnügen, dessen sie in Gesellschaft eines so eleganten Kavaliers wie des Don Jaime genossen hat. Entzückt von dem fröhlichen Humor des guten Papas lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm meine Einladung an und unterhielt uns durch hundert Anekdötchen, durch hübsche galante Geschichtchen, bei deren Erzählung sein schöner Charakter so recht zutage trat. Beim Abschied aber sagte der wackere Mann zu mir: »Amigo, Senor Don Jaime, ich lasse Sie hier, um auf dem Balkon mit meiner Tochter die frische Nachtluft zu genießen. Ich bin entzückt, daß Sie Ignazia lieben, und versichere Ihnen, daß es nur bei Ihnen steht, mein Schwiegersohn zu werden, sobald ich sagen kann, daß ich Ihres Adels sicher bin.«

Ich habe seine Ausdrücke getreulich wiedergegeben; unmöglich aber kann ich den edlen spanischen Ernst wiedergeben, womit sie gesprochen wurden.

Sobald er fort war, sagte ich zu seiner Tochter: »Ich wäre überglücklich, meine reizende Freundin, wenn dieses sein könnte; aber in meiner Heimat nennt man Adlige nur diejenigen, die durch ihre Geburt das Recht haben, den Staat zu lenken. Wäre ich in Spanien geboren, so wäre ich adlig. Aber wie ich auch bin, – ich bete dich an, und ich darf hoffen, daß du mich glücklich machen wirst.«

»Ja, mein lieber Freund, ganz und gar! Aber auch ich will mit dir glücklich sein. Keine Untreue!«

»Niemals! Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.«

»So komm, mein Herz, corazon mio, laß uns die Balkontür schließen.«

»Nein; laß uns die Kerze auslöschen und noch ein Viertelstündchen hier bleiben. Sage mir, mein Engel, woher kommt mir dieses Glück, auf das ich nicht mehr zu hoffen wagte?«

»Wenn es ein Glück ist, so verdankst du es einer Tyrannei, die mich zur Verzweiflung bringen wollte. Gott ist gut, und ich bin überzeugt, er will nicht, daß ich mein eigener Henker werde. Als ich meinem Beichtvater sagte, es sei mir ebenso unmöglich, dich nicht mehr zu lieben, wie es mir unmöglich sei, mit dir eine geschlechtliche Ausschweifung zu begehen – da antwortete er mir, ich könne nicht dieses Vertrauen zu mir haben, da ich bereits einmal schwach gewesen sei. Hierauf verlangte er, ich sollte ihm versprechen, niemals wieder mit dir unter vier Augen zu sein. Ich sagte ihm, dies könnte ich ihm nicht versprechen, und hierauf verweigerte er mir die Absolution. Dieser Schimpf widerfuhr mir zum ersten Male in meinem Leben, aber ich habe ihn mit einer Geisteskraft getragen, die ich mir nicht zugetraut hätte. Ich habe mich in Gottes Hände gegeben und gesagt: >Herr, dein Wille geschehe!< – Während ich die Messe hörte, faßte ich meinen Entschluß: Solange du mich liebst, werde ich nur dir angehören. Wenn du, zu meiner Verzweiflung, Spanien verlassen wirst, will ich einen anderen Beichtvater aufsuchen. Mein Trost ist, daß mein Gewissen sehr ruhig ist. Meine Cousine, der ich alles gesagt habe, ist darüber ganz erstaunt, aber sie hat sehr wenig Verstand. Sie weiß nicht, daß meine Leidenschaft für dich nur eine vorübergehende Verirrung ist.«

Nach dieser Rede, die mir meine volle Ruhe wiedergab und alle meine Gewissensbedenken beseitigt haben würde, wenn ich welche gehabt hätte, nahm ich sie mit mir in mein Bett. Am Morgen verließ sie mich, ermüdet, aber verliebter denn je.

Fünftes Kapitel


Aufenthalt in Spaa. – Der Faustschlag. – Ein Degenstich. – De la Croce. – Charlotte, ihre Niederkunft und ihr Tod. – Eine lettre de cachet zwingt mich, Paris binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Alle meine Bekannten freuten sich sehr, mich wieder zu sehen, und ich war nicht weniger hocherfreut, mich wieder in guter Gesellschaft zu befinden. Meine Freunde standen im Begriff, Aachen zu verlassen und nach Spaa zu gehen. Alle Welt ging dorthin, und wenn jemand in Aachen blieb, so tat er das nur, weil es vollkommen unmöglich war, sich in Spaa Unterkunft zu verschaffen. Der Menschenzufluß war ungeheuer. Dies wurde mir von allen Seiten gesagt; mehrere waren nach Aachen zurückgekommen, weil sie in Spaa nicht einmal eine Dachkammer hatten finden können. Gerade diese Schwierigkeiten machten mich hartnäckig, und ich sagte der Fürstin, ich würde mit ihr reisen, ich würde ganz gewiß irgendwo unterkommen und im Notfall in meinem Reisewagen schlafen. Am nächsten Tage fuhren die Fürstin, der Großnotar, Roniker, die beiden Tomatis und ich ab und kamen bei guter Zeit in Spaa an. Alle anderen hatten Wohnungen, die sie vorausbestellt hatten; ich allein wußte nicht, wohin ich gehen sollte. Ich stieg aus und begab mich auf die Suche. Bevor ich jedoch meine Wanderung durch die Straßen antrat, ging ich zu einem Hutmacher, um mir einen Hut zu kaufen, da ich den meinigen unterwegs verloren hatte. Ich erzählte der Hutmachersfrau von meiner Verlegenheit; sie sprach mir ihr Bedauern aus, sah ihren Mann an und sagte ihm etwas auf vlamisch oder wallonisch. Hierauf sagte sie mir: »Wenn es nur für einige Tage ist, werde ich Ihnen mein Zimmer abtreten und mit meinem Mann im Laden schlafen. Aber für Ihren Bedienten habe ich durchaus keinen Platz.«

»Ich habe keinen Diener.«

»Um so besser. Lassen Sie Ihr Gepäck abladen.«

»Wo soll ich meinen Wagen unterbringen?«

»Ich übernehme es, diesen in sichere Verwahrung zu geben.«

»Was habe ich zu bezahlen?«

»Nichts; und wenn Sie mit unsere Hausmannskost essen wollen, kostet Ihnen dies ebenfalls nichts.«

»Von solchem Preis läßt sich nichts abhandeln. Ich nehme ohne Umstände Ihr Anerbieten an.«

Ich stieg eine kleine Treppe hinauf und fand ein hübsches Zimmer, ein Kabinett, ein gutes Bett, eine Kommode, einen großen Tisch und zwei kleine. Alles war sehr sauber, und ich fühlte mich sehr behaglich. Die Sachen, die sie brauchten und die mir nur im Wege waren, wurden herausgeschafft. Ich fragte die guten Leute, warum sie nicht lieber in der Kammer als im Laden schlafen wollten, wo es doch sehr unbequem für sie sein müßte. Sie antworteten mir wie aus einem Munde: sie würden mir zur Last sein, während ihre Nichte mir keine Unbequemlichkeit verursachen würde.

Das Wort Nichte machte mich stutzen. Die Kammer hatte keine Tür und war nicht viel größer als das Bett, das darin stand. Es war ein fensterloses Loch, eine Art Alkoven. Ich muß bei dieser Gelegenheit bemerken, daß meine Wirtin und ihr Mann, die beide aus Lüttich stammten, von musterhafter Häßlichkeit waren. Unmöglich, dachte ich bei mir selber, kann die Nichte noch häßlicher sein; aber wenn man sie so dem ersten besten preisgibt, muß sie gewiß vor jeder Versuchung sicher sein.

Wie dem auch sein mochte, ich erklärte mich mit allem einverstanden und verlangte nicht, die Nichte zu sehen, denn man hätte die Frage übel auffassen können. Ohne meinen Koffer geöffnet zu haben, ging ich aus, indem ich ihnen sagte, lch würde erst nach dem Abendessen nach Hause kommen; zugleich gab ich ihnen Geld, um mir Kerzen und eine Nachtlampe zu kaufen.

Ich suchte die Fürstin auf, bei der ich mit den anderen Herrschaften zu Abend speisen sollte. Alle wünschten mir Glück zu meinem unerwarteten Funde. Ich besuchte das Konzert und ging dann an die Pharaobank, aber nur um zuzusehen. Ich ging auch durch die Zimmer, die für die Kommerzspieler reserviert waren, und sah dort den angeblichen Marchese d’Aragon, der mit einem alten Reichsgrafen Pikett spielte. Man erzählte mir, daß er vor drei Wochen mit einem Franzosen, der Händel mit ihm gesucht, ein Duell gehabt hätte. Der Franzose war an der Brust verwundet worden und lag noch krank zu Bett. Er wartete nur auf seine Heilung, um von neuem loszugehen; denn er hatte, als er sich zurückzog, Revanche verlangt. In Frankreich ist das so Sitte, wenn der Zweikampf keinen ernstlichen Anlaß hat. In Italien denken wir anders; dort gehen Duelle auf Leben und Tod. Unser Blut kocht, wenn wir den Feind vor uns sehen, der uns verwundet hat. Daher ist ein Dolchstoß in Italien etwas sehr Gewöhnliches und in Frankreich etwas sehr Seltenes; aus demselben Grunde sind in Italien Zweikämpfe selten, während sie in Frankreich Tag für Tag vorkommen.

Am meisten freute ich mich, daß ich in Spaa den Marchese Caraccioli traf, den ich zuletzt in London gesehen hatte. Sein Hof hatte ihm einen Urlaub bewilligt, den er in Spaa sehr angenehm verbrachte. Der Marchese war ein wahrhaft geistvoller Mann, von Menschenliebe und Wohlwollen erfüllt. Er hatte Mitgefühl für Unglück und menschliche Schwächen; er liebte die Jugend beiderlei Geschlechts, aber niemals bis zum Übermaß; er verstand zu genießen, ohne jemals zu übertreiben. Er spielte nicht, aber er liebte die Spieler, die ihre Sache verstanden, und verachtete die Toren, die sich betrügen ließen. Durch diese Charaktereigenschaften machte der angebliche Marchese d’Aragon sein Glück: Caraccioli bürgte einer fünfzigjährigen englischen Witwe, die den Spieler nach ihren Geschmack gefunden hatte, für die Echtheit seines Namens und Adels; sie heiratete ihn und brachte ihm sechzigtausend Pfund Sterling zu. Ohne Zweifel verliebte die Witwe sich in die sechs Fuß hohe Gestalt des angeblichen Marchese und in den schönen Namen d’Aragon; denn Dragon hatte weder Geist noch vornehme Manieren, und seine Beine, die er ihr vermutlich nicht zeigte, waren mit ekelhaften Spuren seines liederlichen Lebenswandels bedeckt. Ich sah diesen Marchese einige Zeit darauf in Marseille, und etliche Jahre später wurde er Eigentümer von zwei adligen Gütern in Modena. Er wußte sein Vermögen besser anzulegen als ich. Seine Frau starb vor ihm, und nach den englischen Gesetzen erbte er ihr ganzes Vermögen.

Ich kam ziemlich früh nach Hause und legte mich zu Bett, ohne die Nichte gesehen zu haben; denn sie schlief bereits. Die sehr häßliche Tante bediente mich und bat mich, während meines Aufenthaltes bei ihr keinen Bedienten zu nehmen; denn das wären lauter Spitzbuben.

Als ich am Morgen aufwachte, war die Nichte schon heruntergegangen. Ich zog mich an, um an den Brunnen zu gehen, und sagte meinen guten Leuten, daß ich an diesem Tage das Vergnügen zu haben wünschte mit ihnen zu speisen. Sie konnten nur in meinem Zimmer essen, und zu meinem großen Erstaunen fragten sie mich eigens um Erlaubnis. Die Nichte war ausgegangen; meine Neugier konnte also für den Augenblick nicht befriedigt werden. Auf der Promenade machte ich verschiedene Bekanntschaften, wie es eben an Badeorten üblich ist, und erfuhr manches über die Schönheiten, die sich dort sehen ließen. Eine unglaubliche Menge Abenteurerinnen finden sich in Spaa während der Badesaison ein, und alle gehen in der Hoffnung hin, daß sie dort ihr Glück machen werden; natürlich gehen die meisten wieder ebenso arm fort, wie sie gekommen sind, wenn nicht noch ärmer. Die Menge des Geldes, das in Spaa umläuft, ist erstaunlich: Speisewirte, Ladeninhaber, Gasthofsbesitzer und Freudenmädchen erhalten einen guten Teil davon; auch die Wucherer machen gute Geschäfte. Die Spielleidenschaft ist stärker als die Galanterie; in Spaa hat der Spieler keine Zeit, lange Betrachtungen über die Vorzüge eines Mädchens anzustellen, und ebensowenig hat er den Mut, der Liebe Opfer zu bringen. Das Geld, das aus dem Spielbetrieb herrührt, geht in drei Teile; der erste, und zwar der kleinste, fließt in die Tasche des Fürstbischofs von Lüttich; der zweite etwas größere, verteilt sich unter die Gauner, von denen es hier wimmelt und die im allgemeinen schlechte Geschäfte machen; denn man weicht ihnen aus, und sie haben keinen bestimmten Ort, wo sie mit obrigkeitlicher Erlaubnis ihr Halsabschneidergewerbe betreiben könnten; den größten Teil endlich, den man jährlich auf eine halbe Million schätzt, erhalten zwölf gewerbsmäßige Spieler, die unter sich eine Gesellschaft bilden und vom Landesherrn autorisiert sind.

All das Geld kommt aus den Taschen der Dummen, die von vierhundert Meilen in der Runde herbeieilen, um sich in diesem Loch, das man Spaa nennt, ausbeuten zu lassen.

Die Brunnenkur ist für die allermeisten nur ein Verwand. Man geht nach Spaa nur, um zu spielen, zu lieben und Gelegenheiten zu Geschäften auszukundschaften. Eine sehr kleine Anzahl von ehrenwerten Leuten geht dorthin, um sich zu unterhalten oder um sich von den Anstrengungen der Berufsarbeit zu erholen. An einem solchen Ort, wo man weiter nichts tut als essen, trinken, spazierengehn, spielen, tanzen usw., ist das Leben nicht teuer. An einer reich besetzten Tafel zahlt man für das Gedeck nur drei Franken, und für eine gleiche Summe findet man gute Unterkunft.

Ich kam zum Mittagessen nach Hause, nachdem ich etwa zwanzig Louis gewonnen hatte. Ich betrat den Laden, um auf mein Zimmer zu gehen, und mein Blick fiel mit angenehmer Überraschung auf ein Mädchen von achtzehn bis neunzehn Jahren, eine kräftige Schönheit, groß, mit schwarzen Haaren und großen schwarzen Augen, Zähnen wie Elfenbein, frischen sinnlichen Lippen und sehr schön gewachsen, aber von ernster Miene. Sie maß Band ab; es war also die Nichte, die sechs Schritte von mir entfernt schlief, und die ich mir als eine häßliche Person vorgestellt hatte. Ohne mir meine Überraschung anmerken zu lassen, setzte ich mich für einen Augenblick, um sie besser sehen zu können und um womöglich ihre Bekanntschaft zu machen. Sie sah mich jedoch kaum an; ein leichtes Neigen des Kopfes war alles, was ich von ihr erhalten konnte. Ihre Tante kam herunter, um mir zu sagen, daß das Essen gleich fertig sei. Ich ging nach oben und sah vier Gedecke. Die Magd füllte die Suppe auf und verlangte hierauf ohne alle Umstände von mir Geld, um Wein zu kaufen, falls ich welchen trinken wollte; denn ihre Herrschaft trinke nur Bier. Entzückt über diese Offenheit gab ich ihr Geld, um zwei Flaschen Burgunder zu kaufen.

Der Hutmachermeister kam herein, zeigte mir eine goldene Repetieruhr mit ebensolcher Kette und fragte mich, wieviel diese wohl wert sein könnten.

»Mindestens vierzig Louis.«

»Ein Herr will sie mir für zwanzig verkaufen, aber unter der Bedingung, daß ich sie ihm morgen zurückgebe, wenn er mir zweiundzwanzig bringt.«

»Das ist ein Geschäft, wozu ich Ihnen rate.«

»Ich habe nicht soviel Geld.«

»Ich werde es Ihnen mit Vergnügen leihen.«

Ich gab ihm zwanzig Louis und legte die Uhr in meine Kassette. Bei Tisch saß die Nichte mir gegenüber; ich vermied es, sie anzusehen, und sie sprach als bescheidenes Mädchen während des ganzen Essens keine zwanzig Worte. Ich fand das Essen ausgezeichnet: Suppe, Rindfleisch, Zwischengericht und Braten, alles war sehr gut. Die Meisterin sagte mir, der Braten ginge auf meine Rechnung; denn da sie nicht reich wären, erlaubten sie sich diesen Luxus nur Sonntags. Ich fand ihr Benehmen sehr zartfühlend und ihre Aufrichtigkeit bewunderungswürdig. Als ich die guten Leute bat, von meinem Wein zu trinken, nahmen sie das gerne an und sagten, sie möchten ein bißchen reicher sein, um sich jeden Tag eine halbe Flasche leisten zu können.

»Aber mir scheint doch, Ihr Geschäft geht gut.«

»Die Ware gehört nicht uns, und wir haben Schulden; außerdem sind die Ausgaben ungeheuer. Bis jetzt haben wir nur wenig verkauft.«

»Sie haben nur Hüte?«

»Oh, bitte, wir haben auch chinesische Taschentücher, Pariser Strümpfe, Spitzenmanschetten. Aber man findet das alles zu teuer.«

»Ich werde von Ihnen Waren kaufen, und Sie sollen auch an alle meine Freunde verkaufen; lassen Sie mich nur machen, ich will Ihnen nützlich sein.«

»Merci, hole ein paar Pakete Taschentücher und Strümpfe, aber von den großen, denn der Herr hat starke Waden.«

Merci, so hieß die Nichte, gehorchte. Ich fand die Taschentücher herrlich und die Strümpfe sehr schön. Ich kaufte ein Dutzend und versprach ihnen, in weniger als vierundzwanzig Stunden sollten sie den ganzen Vorrat verkaufen, den sie in ihrem Laden hätten. Sie empfahlen sich meinem Wohlwollen und überhäuften mich mit Dankesversicherungen.

Nach dem Kaffee, der ebenfalls auf meine Rechnung ging, sagte die Tante zu der Nichte, sie möchte sich in acht nehmen, daß sie morgens beim Aufstehen mich nicht aufweckte. Sie antwortete sie werde sehr sorgfältig aufpassen; ich aber bat sie, sich keinen Zwang anzutun, denn ich hätte einen sehr festen Schlaf.

Nach dem Essen ging ich zu einem Waffenschmied, um mir ein paar Pistolen zu kaufen; ich fragte ihn, ob er den Huthändler kenne, bei dem ich wohne.

»Wir sind Vettern.«

»Ist er reich?«

»Ja, an Schulden.«

»Warum?«

»Weil er unglücklich ist, wie alle ehrlichen Leute.«

»Und seine Frau?«

»Sie hält ihn durch Ordnungsliebe und Sparsamkeit aufrecht.«

»Kennen Sie die Nichte?«

»Gewiß. Sie ist ein gutes Mädchen, aber fromm, und hält durch ihre dummen Gewissensbedenken die Kunden fern.«

»Was sollte sie denn nach Ihrer Meinung tun, um Kunden anzuziehen?«

»Sie müßte höflicher sein und dürfte nicht so zimperlich sein, wenn einmal einer sie umarmen will.«

»Ist es wirklich so schlimm mit ihr?«

»Versuchen Sie es, und Sie werden selber sehen. Es ist noch keine acht Tage her, da hat sie einem Offizier eine Ohrfeige gegeben. Mein Vetter schalt sie aus, und sie wollte nach Lüttich zurückgehen, aber seine Frau beruhigte sie dann wieder. Sie ist hübsch; finden Sie das nicht auch?«

»Ganz gewiß; aber wenn sie so widerhaarig ist, muß man sie in Ruhe lassen.«

Infolge dieser Auskunft beschloß ich, mir eine andere Wohnung zu suchen; denn Merci hatte mir bei Tisch außerordentlich gefallen, und ich sah voraus, daß ich nicht lange so unmittelbar neben ihr schlafen würde, ohne ihr einen Besuch zu machen; eine Pamela aber war mir ebenso verhaßt wie eine Charpillon.

Am Nachmittag führte ich Rzewuski und Roniker zu meinen Wirtsleuten. Um mir einen Gefallen zu tun, kauften sie für mehr als fünfzig Dukaten. Am nächsten Tage kauften die Fürstin und Frau Tomatis den ganzen Vorrat von Taschentüchern.

Als ich um zehn Uhr nach Hause kam, fand ich Merci wie am Abend vorher bereits zu Bette. Am anderen Morgen holte der Hutmacher sich die Uhr wieder und gab mir zweiundzwanzig Louis. Da ich keinen Gewinn solcher Art machen wollte, so schenkte ich ihm die zwei Louis und sagte ihm, wenn er Sicherheit durch Pfand hätte, würde ich ihm stets gern meine Börse öffnen, und die Gewinne könnte er behalten. Er war vor Dankbarkeit ganz gerührt.

Da ich bei Tomatis eingeladen war, konnte ich an diesem Tage nicht mit ihnen zu Mittag essen. Ich war jedoch neugierig auf die fromme Nichte und sagte ihnen, ich würde bei ihnen zu Abend essen, und die Kosten der außerordentlichen Ausgabe möchten sie mir anrechnen. Sie gaben mir ein gutes Abendessen, und wir tranken ausgezeichneten Burgunder, von dem aber Merci keinen Tropfen trinken wollte. Als sie gegen das Ende der Mahlzeit auf einen Augenblick hinausgegangen war, sagte ich zur Tante, ihre Nichte sei reizend, aber es sei schade, daß sie so traurig sei.

»Sie wird sich ändern müssen, sonst behalte ich sie nicht.«

«Ist sie gegen alle Männer so?«

»Ohne Ausnahme.«

»Sie hat niemals geliebt?«

»Sie behauptet es; aber ich glaube es nicht.«

»Ich wundere mich, daß sie so gut schläft, da sie doch weiß, daß ein Mann ganz in der Nähe ist.«

»Sie hat keine Angst.«

Merci kam wieder herein, wünschte uns gute Nacht und wollte zu Bett gehen. Ich bat sie, sie umarmen zu dürfen; sie drehte mir den Rücken zu und stellte einen Stuhl auf die Schwelle der Kammer, damit ich sie nicht im Hemde sehen sollte. Hierauf zog sie sich aus und ging zu Bett. Meine Wirtsleute gingen, und ich legte mich ebenfalls zu Bett. Ich fand Mercis Benehmen unzulässig und wenig natürlich; denn sie wußte oder konnte wissen, daß sie einem Mann gefallen mußte, und sie konnte sich wohl denken, daß ich ein Mann war. Trotzdem ging ich ruhig zu Bett. Als ich am anderen Morgen aufwachte, fand ich den Vogel ausgeflogen. Ich hatte Lust, dem Mädchen unter vier Augen gehörig Bescheid zu sagen und dann, je nach dem Erfolg, meinen Entschluß zu fassen; aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte.

Inzwischen machte der Huthändler sich mein Anerbieten zunutze, um auf Pfänder zu leihen. Er machte dabei schöne Gewinne. Ich verschaffte ihm diesen Vorteil ohne Risiko für mich selber, und seine Frau und er erklärten es für ein großes Glück, mich bei sich zu haben. Dies brachte mich auf den Gedanken, mir ihr Interesse zunutze zu machen.

Am fünften oder sechsten Tage erwachte ich früher als Merci, zog nur meinen Schlafrock an und trat an ihr Bett. Sie hatte ein feines Gehör und erwachte; als sie mich auf sie zukommen sah, fragte sie mich in festem Ton, was ich von ihr wollte. Ich setzte mich auf ihr Bett und antwortete ihr ganz ruhig, ich wollte ihr nur guten Tag sagen und ein bißchen mit ihr plaudern. Unterdessen hatte sie sich in ihr Leinentuch gewickelt, das wegen der starken Hitze ihre einzige Decke bildete; aber ihr Bett war so schmal, daß sie mich nicht hindern konnte, sie mit meinen Armen zu umschlingen. Ich drückte sie an mich und bat sie, sie umarmen zu dürfen. Ihr Widerstand regte mich auf: ich tat einen kühnen Griff unter das Bettuch, und da sie ebenso gewachsen war wie alle anderen Mädchen, so war ich sofort am Ziel. Aber in dem Augenblicke, wo ich mich in ihren Besitz setzen zu können glaubte, erhielt ich einen Faustschlag auf die Nase, so daß ich tausend Sterne sah. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ex abrupto jede Lust verlor, zärtlich zu sein. Das Blut überströmte mein Antlitz und befleckte das Bett der wütenden Merci. Ich war klug genug, mich zu beherrschen. Die Schöne hatte, ohne ein Geschrei auszustoßen, wie es Weiber für gewöhnlich tun, eine ansehnliche Kraft entfaltet und mir dadurch einen Vorgeschmack gegeben, welche Folgen es hätte haben können, wenn ich ihre Tätlichkeiten erwidert hätte. So entfernte ich mich denn. Während ich mein Gesicht in eine Schüssel mit kaltem Wasser tauchte, kleidete Merci sich an und ging hinaus.

Als das Blut nicht mehr strömte, sah ich mit Bitterkeit, daß eine Beule zurückgeblieben war, die mich abscheulich entstellte. Mein Gesicht mit einem Taschentuch bedeckend, rief ich den Friseur, der gerade gegenüber wohnte, und als ich frisiert war, kam die Wirtin, um mir Forellen zu zeigen; ich fand diese schön und bezahlte sie; als ich aber der Frau das Geld gab, stieß sie ein lautes Geschrei über mein entstelltes Gesicht aus. Ich beruhigte sie, indem ich ihr den Grund sagte; dabei nahm ich jedoch alles Unrecht auf mich und bat sie dringend, ihrer Nichte nichts zu sagen. Ohne auf ihre überflüssigen Entschuldigungen zu hören, ging ich aus, indem ich mir das Taschentuch vors Gesicht hielt, und besah mir auf der anderen Seite der Straße eine Wohnung, die die Herzogin von Richmond am Tage vorher verlassen hatte.

Die Hälfte der Wohnung war für einen italienischen Marchese vorausbestellt; ich nahm die andere, ließ mir einen Lohndiener besorgen und augenblicklich alle meine Sachen von der Huthändlerin abholen, ohne auf ihre Bitten und Tränen zu achten, übrigens konnten ihre Worte mich durchaus nicht versöhnlich stimmen, denn sie sagte, ich würde durch Mercis Anblick nicht mehr belästigt werden; dies war aber nach meiner Meinung eine Genugtuung für das Mädchen und für mich eine Beleidigung oder mindestens eine Strafe.

Ich fand in meiner neuen Wohnung einen Engländer, der mir versprach, er wolle die Beule sofort und jede Spur des Faustschlages binnen vierundzwanzig Stunden verschwinden machen. Ich vertraute mich ihm an, und er hielt Wort. Er rieb mir die Stelle mit Branntwein und einem Gewürz, das ich nicht kenne. Trotz dem Erfolge schämte ich mich jedoch, mich sehen zu lassen, und blieb daher den ganzen Tag in meinen vier Wänden. Mittags brachte die ganz untröstliche Huthändlerin mir meine Forellen und sagte mir, Merci sei untröstlich, daß sie mich so behandelt habe, und wenn ich wieder zu ihr ziehen wolle, werde sie mir jede Genugtuung geben, die ich nur wünschen könne.

Ich antwortete ihr: »Sie begreifen, daß ich Ihren Bitten nicht nachgeben kann; denn mein Erlebnis würde bekannt werden; ich würde mich lächerlich machen, und es wäre um die Ehre Ihres Hauses und Ihrer Nichte getan; denn diese könnte dann nicht mehr für ein frommes Mädchen gelten.«

Ich erinnerte sie auch an die Ohrfeige, die der Offizier erhalten hätte. Sie war ganz erstaunt, daß ich diese Geschichte kannte. Ferner sagte ich ihr, ihre dringenden Einladungen seien unpassend, nachdem sie mich der rohen Mißhandlung ihrer Nichte ausgesetzt habe. Zum Schluß sagte ich ihr, ich brauche nicht allzu boshaft zu sein, um anzunehmen, daß sie mit im Spiele gewesen sei. Als ich das sagte, vergoß sie Ströme von Tränen. Diese konnten echt sein; ich hielt mich daher für verpflichtet, sie zu beruhigen, indem ich sie um Entschuldigung bat und ihr versprach, auch in Zukunft ihr Geschäft zu begünstigen. Als sie mich verließ, war sie ziemlich ruhig. Eine halbe Stunde darauf brachte ihr Mann mir fünfundzwanzig Louis, die ich ihm auf eine diamantenbesetzte goldene Tabaksdose gegeben hatte, und machte mir den Vorschlag, zweihundert Louis auf einen Ring zu geben, der vierhundert wert sei. Der Ring solle mir gehören, wenn der Besitzer ihm nicht innerhalb acht Tagen zweihundertundzwanzig Louis bezahle.

Es fehlte mir nicht an Geld. Ich untersuchte den Stein, der offenbar die sechs Karat, die er wiegen sollte, wirklich wog. Es war ein Diamant von reinstem Wasser; das Geschäft war so gut wie Gold.

»Ich bin bereit, die gewünschte Summe zu geben,« sagte ich, »wenn der Eigentümer bereit ist, mich schriftlich zum Verkauf des Ringes zu ermächtigen, falls er ihn nicht einlöst.«

»Ich werde Ihnen die Ermächtigung selber in Gegenwart von Zeugen geben.«

»Schön. In einer Stunde werde ich Ihnen das Geld geben; denn ich will den Stein herausnehmen lassen. Das muß dem Besitzer einerlei sein, denn ich werde den Stein auf meine Kosten genau so wieder fassen lassen, wie er jetzt ist. Wenn er ihn einlöst, sollen die zwanzig Louis Ihnen gehören.«

»Ich muß ihn erst fragen, ob er erlaubt, daß der Stein herausgenommen wird.«

»Gehen Sie, aber sagen Sie ihm, daß ich nicht einen Taler gebe, wenn er nicht diese Erlaubnis gibt.«

Der Hutmacher ging und kam gleich darauf mit einem Juwelier wieder, der mir sagte, er sei bereit, mir dafür zu bürgen, daß der Stein mindestens zwei Gran mehr wiege als sechs Karat.«

»Haben Sie ihn gewogen?«

»Nein, aber das macht nichts.«

»So machen Sie doch das Geschäft selber.«

»Ich verfüge nicht über das Geld.«

»Warum will der Besitzer nicht den Stein herausnehmen lassen, obwohl ihm das doch nichts kostet?«

»Das weiß ich nicht; aber er weigert sich.«

»Das kann er tun, gerade so wie es bei mir steht, ihm keinen Heller zu geben.«

Sie entfernten sich. Ich war sehr froh, daß ich widerstanden hatte, denn offenbar war der Stein entweder falsch, was man am Gewicht hätte erkennen können, oder er war auf einer künstlichen Unterlage befestigt.

Ich verbrachte den ganzen Tag mit Schreiben und erledigte mehrere Briefe, mit denen ich im Rückstande war. Am Abend aß ich mit gutem Appetit, und nachdem ich gut geschlafen hatte, stand ich am anderen Morgen auf, um nachzusehn, wer an meine Tür klopfte. Man stelle sich meine Überraschung vor: es war Merci!

Ich ließ sie eintreten, legte mich wieder zu Bett und fragte sie, was sie so früh am Morgen bei mir wünsche. Sie setzte sich auf mein Bett und begann sich mit vielen Worten zu entschuldigen. Ich hatte stets die Marotte, andere Leute von ihrem Unrecht überzeugen zu wollen, und fragte sie daher, wie sie so grausam hätte sein können, mich einer so groben Behandlung von ihrer Seite auszusetzen, wenn sie einmal den Grundsatz hätte, wie eine Tigerin alle Liebkosungen eines von ihr Verführten zurückzustoßen.

»Indem ich so dicht bei Ihnen in der Kammer schlief, habe ich dem Befehl meiner Tante gehorcht; indem ich Sie schlug, was ich sehr bereue, folgte ich einem unüberlegten Antrieb meiner Seele, die sich für beschimpft hielt; denn ich glaube, es ist nicht wahr, daß jeder Mann, der mich sieht, den Verstand verlieren muß. Ich glaube an die Pflicht, und Sie werden zugeben, daß es Ihre Pflicht ist, mich zu achten, und meine Pflicht, meine Ehre zu verteidigen.«

»Wenn das Ihre Denkungsart ist, so gestehe ich, daß Sie recht haben; aber Sie haben sich nicht zu beklagen, denn Sie haben gesehen, daß ich schweigend litt. Indem ich mich von Ihnen entfernte, müssen Sie sicher sein, daß ich Sie achte und auch in Zukunft achten werde. Sind Sie zu mir gekommen, um diese Erklärung zu erhalten? Hiermit haben Sie sie, und mehr können Sie nicht verlangen wollen. Gestatten Sie mir, daß ich über Ihre Entschuldigungen lache; denn was Sie mir soeben gesagt haben, macht Sie lächerlich.«

»Was habe ich Ihnen gesagt?«

»Daß Sie Ihre Pflicht getan haben, indem Sie mir die Nase zerschmetterten. Glauben Sie, daß man sich zu entschuldigen braucht, wenn man eine Pflicht erfüllt hat?«

»Ich hätte mich ohne Gewalt verteidigen können. Ach, vergessen Sie alles und verzeihen Sie mir! Ich werde mich überhaupt nicht mehr verteidigen, ich bin ganz und gar die Ihre. Ich liebe Sie und bin bereit, Sie davon zu überzeugen.«

Merci konnte nicht deutlicher sein. Außerdem sank sie, indem sie diese letzten Worte sprach, auf mich nieder, preßte ihr Gesicht gegen das meinige und überströmte mich mit Ihren Tränen. Ich schämte mich eines Sieges, den sie mir so leicht machte. Zwar stieß ich sie nicht zurück, aber ich machte mich von ihr los, indem ich ihr sagte, sie möchte wiederkommen, wenn mein Gesicht seine frühere Gestalt wieder angenommen hätte. Tief gekränkt verließ sie mich.

Der Italiener, den mein Wirt erwartete, war während der Nacht angekommen. Aus Neugier erkundigte ich mich nach seinem Namen und man brachte mir eine Karte mit den Worten: Marchese Don Antonio de la Croce.

Sollte dies Croce sein? Das war sehr leicht möglich. Er schlief noch. Ich erkundigte mich nach seinen Verhältnissen und erfuhr, daß die Marchesa eine Kammerfrau, der Marchese einen Sekretär habe, und daß außerdem noch zwei Lakaien da seien. Ich war sehr neugierig, diesen Marchese zu sehen!

Ich brauchte nicht lange zu warten, denn als er erfahren hatte, daß ich sein Nachbar sei, kam er zu mir, und schnell vergingen zwei Stunden mit der Erzählung unserer Erlebnisse seit unserem letzten Zusammentreffen in Mailand. Er wußte, daß ich das mir von ihm zurückgelassene Mädchen glücklich gemacht hatte. In den inzwischen verstrichenen sechs Jahren hatte er halb Europa durchwandert und dabei mit dem Glück gekämpft. In Paris und Brüssel hatte er viel Geld gewonnen. In dieser letzten Stadt hatte er sich in ein Fräulein von Stande verliebt, das ihr Vater in ein Kloster einsperren ließ. Er hatte sie entführt, und sie war die Marchesa de la Croce, die damals im sechsten Monat schwanger war.

Er sagte mir: »Ich gebe sie für meine Frau aus, weil ich die feste Absicht habe, sie zu heiraten. Ich besitze fünfzigtausend Franken in Gold, ebensoviel in Juwelen und Wertsachen und gedenke in meiner Wohnung Soupers zu geben und Bank zu halten; denn wenn ich spiele, ohne das Glück zu verbessern, bin ich sicher, alles zu verlieren.«

Er beabsichtigte, nach Warschau zu gehen, und rechnete darauf, daß ich ihn an alle meine Bekannten empfehlen würde. Er täuschte sich; ich weigerte mich sogar, ihn den mir bekannten Polen vorzustellen, die sich in Spaa aufhielten, und sagte ihm, es liege nur an ihm, deren Bekanntschaft zu machen. Doch versprach ich ihm, mich vollkommen neutral zu verhalten. Ich nahm seine Einladung zum Mittagessen für denselben Tag an. Sein angeblicher Sekretär war weiter nichts als ein Spießgeselle: es war ein geschickter Veroneser, namens Conti, dessen Frau notwendig mit zum Geschäft gehörte.

Gegen Mittag kam der Hutmacher wieder mit dem Besitzer des Ringes, der ganz wie ein Halsabschneider aussah. Bei ihm befanden sich der Juwelier und ein anderer Mann. Der Besitzer wiederholte mn die Bitte, ihm zweihundert Louis zu leihen.

Wäre ich vernünftig und weniger schwatzhaft gewesen, so hätte ich ihn gebeten, auf das Geschäft mit mir zu verzichten, und damit wäre alles erledigt gewesen; aber es kam anders. Ich wollte ihm auf meine übliche Weise klar machen, daß seine Weigerung, den Stein herausnehmen zu lassen, mich verhindern müsse, ihm den Gefallen zu erweisen. Zum Schluß sagte ich: »Wenn der Stein aus der Fassung genommen wäre, so würde man sehen, was er wirklich wert ist; wiegt er sechsundzwanzig Gran, so will ich Ihnen nicht zweihundert Louis, sondern sogar dreihundert geben. So wie er ist, gebe ich gar nichts dafür.«

»Sie haben unrecht, an meinen Worten zu zweifeln, denn Ihr Zweifel beleidigt meine Ehre.«

»Meine Worte können ebensowenig wie meine Absicht, den Stein aus der Fassung nehmen zu lassen, die Ehre irgend eines Menschen verletzen. Ich bin mein freier Herr und schlage Ihnen eine Wette vor: Man nehme den Stein aus der Fassung, und wenn er sechsundzwanzig Gran wiegt, verliere ich zweihundert Louis; wiegt er bedeutend weniger, so verlieren Sie den Ring.«

»Das ist ein beleidigender Vorschlag, denn er enthält den Vorwurf, daß ich Sie betrogen habe.«

Er sagte diese Worte in einem schroffen Ton, der mir mißfiel. Ich trat an meine Kommode, auf der meine Pistolen lagen, und bat den Händelsucher, mich in Ruhe zu lassen.

Inzwischen war General Roniker eingetreten, und der Mann mit dem Ringe erzählte ihm unsere Meinungsverschiedenheit. Der General sah sich den Ring an und sagte: »Wenn jemand mir den Ring schenkte, würde ich den Stein nicht herausnehmen lassen, denn einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul; wenn ich aber den Ring kaufen sollte, so würde ich nicht einen Taler dafür geben, ohne daß der Stein herausgenommen würde, und wenn der Verkäufer ein Kaiser wäre. Ich bin sehr erstaunt, daß Sie nicht Ihre Einwilligung geben wollen.«

Ohne ein Wort zu sagen und ohne zu grüßen, ging der Spitzbube aus der Tür; den Ring behielt der Lütticher in der Hand.

»Warum«, fragte ich diesen, »haben Sie ihm seinen Ring nicht wiedergegeben?«

»Weil ich ihm fünfzig Louis darauf vorgeschossen habe; aber wenn er mir diese nicht morgen wiedergibt, lasse ich den Stein in Gegenwart eines Beamten herausnehmen und öffentlich versteigern.«

»Dieser Mensch gefällt mir nicht; ich bitte Sie, niemanden zu mir in die Wohnung zu führen.«

Die Geschichte hatte folgendes Ende: der Betrüger löste seinen Ring nicht ein, und der Lütticher ließ den Stein herausnehmen. Man fand, daß der Diamant auf einer Unterlage von Bergkristall ruhte, die nicht weniger als zwei Drittel des Ganzen ausmachte. Der Diamant war jedoch die fünfzig Louis wert, und ein Engländer kaufte ihn um diesen Preis von dem Darleiher.

Acht Tage darauf traf der Gauner mich eine Viertelstunde vor der Stadt allein. Er kam auf mich zu und sagte mir, ich möchte ihm gefälligst an einen Ort folgen, wo wir nicht gesehen würden, denn er hätte ein Wörtchen mit dem Degen in der Hand zu mir zu sagen. In Spaa geht man gewöhnlich ohne Degen, und es war ein besonderer Zufall, daß ich den meinigen bei mir hatte, weil ich am Vormittag als Sekundant ein Duell zwischen zwei Hitzköpfen mitmachen sollte. Ich hatte jedoch das Vergnügen gehabt, sie ohne Blutvergießen miteinander auszusöhnen.

Ich antwortete dem Gauner: »Ich werde Ihnen nicht folgen; denn Sie können hier mit mir sprechen.«

»Hier sieht man uns.«

»Um so besser. Beeilen Sie sich, ziehen Sie Ihren Degen zuerst. Ich verspreche Ihnen, keinen Menschen zu rufen und Ihnen Genugtuung zu geben. Wenn Sie aber nicht den Degen ziehen, so erkläre ich Sie für einen Feigling, und ich glaube, Sie sind einer.«

Kaum hatte ich dies gesagt, so zog er blitzschnell den Degen; ich sprang jedoch zurück, und er fand mich zur Verteidigung bereit. Er rückte vor und legte aus, wie man es auf dem Fechtboden macht; in demselben Augenblick führte ich einen geraden Stoß auf seine Brust und versetzte ihm eine Wunde von drei Zoll. Ich würde ihm den Garaus gemacht haben, wenn er nicht den Degen gesenkt und mir gesagt hätte, er würde Gelegenheit finden, Revanche zu nehmen. Hierauf entfernte er sich, die Hand auf seine Wunde pressend. Zwanzig Personen, die uns gesehen hatten, umringten mich und ließen den anderen ruhig ziehen; denn sie waren alle Zeugen, daß er der Angreifer war. Die Geschichte hatte keine Folgen. Als ich von Spaa abreiste, befand er sich noch in ärztlicher Behandlung. Er war ein berüchtigter Abenteurer, der von allen sich in Spaa aufhaltenden Franzosen verleugnet wurde.

Die Marchesa, de la Croces angebliche Frau, war ein schönes, blondes Weib von sechzehn bis siebzehn Jahren, hochgewachsen und von adeligen Manieren. Die Geschichte ihrer Entführung ist ihren Brüdern und Schwestern bekannt, und da diese vornehmen und ehrenwerten Personen noch leben, so werden meine Leser mir gestatten, ihren Namen zu verschweigen.

Als ihr Gatte mich ihr vorstellte, empfing sie mich auf das freundlichste und anmutigste; sie bereute ihren Schritt nicht, obgleich sie sich bewußt war, daß sie damit alle Grundsätze verletzte, die ihr durch ihre Erziehung eingeprägt waren. Obwohl sie erst im sechsten oder siebenten Monat schwanger war, sah sie doch aus, wie wenn ihre Entbindung unmittelbar bevorstände; im übrigen war sie offenbar vollkommen gesund. Ihr Gesicht trug einen unbeschreiblichen Ausdruck von Aufrichtigkeit. Ihre großen, etwas hervorstehenden blauen Augen, ihre Wangen von blasser Rosenfarbe, ihr kleiner, zart geschnittener Mund mit Zähnen vom glänzendsten Schmelz, dies alles zusammen bildete eine Schönheit, die des Pinsel eines Albano würdig gewesen wäre.

Ich hielt mich für einen guten Physiognomiker und glaubte, daß das junge Weib glücklich sei und auch den Gegenstand ihrer Liebe beglücken müsse. Leider mußte ich sehr bald die Eitelkeit meiner vermeintlichen Wissenschaft erkennen, und ich benütze diese Gelegenheit, um zu erklären, daß es keine größere Torheit auf der Welt gibt, als zu glauben, Menschen nach dem ersten Eindruck beurteilen zu können.

Die junge Marchesa hatte schöne Ohrringe und zwei herrliche Fingerringe, die mir einen Vorwand lieferten, die Schönheit ihrer Hände in der Nähe bewundern zu dürfen.

Contis Frau spielte gar keine Rolle, und ich hatte nur für Charlotte Augen; so hieß die Marchesa. Ich war von ihrer Schönheit so überrascht, daß ich in meiner Zerstreuung fast immer unrichtige Antworten auf die Bemerkungen gab, die sie während des Essens an mich richtete.

Unwillkürlich mußte ich darüber nachdenken, daß so viele hervorragende Mädchen sich in diesen Mann verliebten. Vergebens suchte ich nach einem Grund dafür; Croce war weder schön noch von gebildetem Geiste; er beherrschte weder den Ton der guten Gesellschaft, noch war seine Sprache verführerisch. Und so sah ich an ihm nichts, was Mädchen von guten Familien veranlassen konnte, um seinetwillen das Elternhaus zu verlassen; und doch war dies nun schon die zweite, die ich mit meinen eigenen Augen sah. Obgleich ich über diese Rätsel nachsann, war ich doch weit entfernt zu ahnen, was einige Wochen später eintreten sollte.

Nachdem wir von Tisch aufgestanden waren, nahm ich Croce auf die Seite und hielt ihm eine vernünftige und eindringliche Rede. Ich zeigte ihm, daß er sich unbedingt vernünftig benehmen müßte; denn er wäre der niederträchtigste Henkersknecht, wenn durch seine Schuld das von ihm verführte herrliche Geschöpf unglücklich werden sollte.

»Ich will mich nur noch auf meine Kunst verlassen; denn ich bin sicher, daß ich dann stets ein reicher Mann sein werde.«

»Weiß sie, daß dein einziges Vermögen die Dummheit der Menschen ist?«

»Sie weiß nichts, als daß ich Spieler bin, und da sie mich anbetet, so hat sie keinen anderen Willen als den meinigen. Ich gedenke sie in Warschau vor ihrer Niederkunft zu heiraten, und ich bin sicher, daß ich diese zweite nicht deiner Sorge anzuvertrauen brauche. Wenn du Geld brauchst, so verfüge nach deinem Belieben über meine Börse.«

»Ich danke dir und empfehle dir noch einmal, recht vernünftig und außerordentlich vorsichtig zu sein.«

Ich hatte wirklich kein Geld nötig. Ich spielte mit weiser Mäßigung und war mit beinahe vierhundert Louis im Gewinn. Wenn das Glück sich feindlich zeigte, besaß ich die Willenskraft, ihm den Rücken zu wenden und das Spiel aufzugeben.

Obgleich die Spuren von Mercis Schlag noch sehr sichtbar waren, führte ich die Marchesa in den Spielsaal, wo sie alle Blicke auf sich lenkte. Sie liebte das Pikett, und ich unterhielt sie, indem ich mit ihr spielte. Um das Spiel interessant zu machen, hatte sie verlangt, daß wir um Geld spielen sollten, und da sie etwa zwanzig Taler verloren hatte, mußte ich dieses Geld annehmen, um sie nicht zu kränken.

In der Wohnung fanden wir Croce und Conti, die beide gewonnen hatten: Croce etwa zwanzig Louis im Pharao, und Conti mehr als hundert Guineen im Passedir in einem Engländerklub, in den er sich hatte einführen lassen. Beim Abendessen hatte ich mehr Geist als mittags, und Charlotte lachte herzlich über mich.

Von diesem Tage an sah man mich nur noch selten bei den Polen und Tomatis, und nach acht Tagen machten meine Freunde keine Scherze mehr darüber. Ich war verliebt in die schöne Marchesa, und jedermann fand das ganz natürlich-, aber nach Ablauf dieser acht Tage war Croce es müde, daß trotz seinen Soupers keine Dummen zu ihm kommen wollten; er ging an die große Spielbank und verlor beständig. Er war an den Verlust wie an den Gewinn gewöhnt, und seine Laune blieb daher die gleiche: er war immer fröhlich, aß gut, trank noch besser und liebkoste seine schöne Frau, so daß wenigstens diese keinen Verdacht schöpfte. Ich wußte allerdings, wie die Sachen standen, aber ich hielt es nicht für passend, es ihr zu sagen. Ich liebte sie, wagte aber nicht, ihr das zu erkennen zu geben, denn ich glaubte, ich könnte nur auf ihre Freundschaft Anspruch machen. Ich fürchtete, sie möchte es eigennützigen Beweggründen zuschreiben, wenn ich ihr die wahren Verhältnisse ihres unwürdigen Verführers offenbarte. Vor allen Dingen fürchtete ich das Vertrauen zu verlieren, das sie mir zu schenken begann.

Nach drei Wochen hatte Conti, der vorsichtiger spielte, einige hundert Louis gewonnen; er verließ Croce und reiste mit seiner Frau und seinem Bedienten nach Verona. Einige Tage später entließ Charlotte ihre Kammerzofe, eine kleine Lütticherin, mit der sie nicht zufrieden war, und bezahlte ihr die Reise nach ihrer Heimatstadt.

Gegen Mitte des Septembers verließen alle meine Polen und Tomatis Spaa, um nach Paris zurückzukehren; ich versprach ihnen, mich dort wieder mit ihnen zu treffen. Ich blieb in Spaa nur wegen der tiefen Neigung, die Charlotte mir eingeflößt hatte. Ich sah eine Katastrophe voraus und hatte nicht den Mut, das entzückende Geschöpf in Stich zu lassen. Croce verlor jeden Tag, vormittags und abends, und sah sich bald genätigt, alle seine Juwelen zu verkaufen. Schließlich bat er Charlotten um ihre Schmucksachen, und sie gab ihm alles, was sie hatte: Ohrgehänge, Ringe, Uhren.

Er verlor alles, und trotzdem zeigte die junge Person nicht die mindeste Änderung in ihrem engelhaften Charakter. Zuletzt nahm er ihr alle ihre Spitzen und ihre schönsten Kleider, fügte dazu seine eigene Garderobe, verkaufte alles und zog in den letzten Kampf gegen das Glück mit zweihundert Louis, die er in meiner Gegenwart erbärmlich verlor, weil er wie ein verzweifelter Narr das Glück gegen jeden Sinn und Verstand zwingen wollte.

Als er nichts mehr hatte, stand er auf, sah mich und machte mit ein Zeichen. Ich ging mit ihm vor das Tor von Spaa. »Mein Freund,« sagte er dort zu mir, »ich habe keine andere Wahl, als mich auf der Stelle zu töten oder, so wie ich bin, Spaa zu verlassen, ohne auch nur einmal noch in meine Wohnung zu gehen. Ich gehe zu Fuß nach Warschau und lasse dir meine Frau zurück; ich weiß, du wirst für sie sorgen, denn du betest sie an, und mit Recht. Ich überlasse es dir, ihr die schreckliche Nachricht von meiner Lage beizubringen. Sage ihr: nur ihretwegen wollte ich ein Vermögen erwerben, und wenn ich in Zukunft mehr Glück habe, so werde ich ihr mein Leben weihen. Sorge für diesen Engel, der eines edleren Geliebten als meiner würdig ist; denn ich bin ein Elender, den sie hassen müßte, wenn ich sie nicht anbetete. Geh mit ihr nach Paris; ich werde dir schreiben und meine Briefe an deinen Bruder adressieren. Ich weiß, du hast Geld; aber ich würde lieber sterben, als einen einzigen Louis von dir annehmen. Ich habe noch drei oder vier Louis in kleiner Münze, und ich versichere dir, ich bin in diesem Augenblick reicher, als ich vor zwei Monaten war. Noch einmal lege ich dir Charlotte ans Herz. Sie wäre glücklich, wenn sie mich nie gekannt hätte.«

Nach dieser Rede umarmte er mich unter strömenden Tränen und ging: ohne Mantel, ohne auch nur ein Hemd in der Tasche zu haben, in seidenen Strümpfen und in einem schönen apfelgrünen Samtrock, einen Rohrstock in der Hand! Ich stand, ganz verdutzt, unbeweglich da und sah ihm nach. Ich war in Verzweiflung, eine solche Nachricht einer schwangeren Frau überbringen zu müssen, die ihn unglücklicherweise anbetete. Nur eins gab mir in diesem Augenblick Kraft: das Gefühl, daß ich sie liebte, und daher die Gewißheit, daß sie nicht ohne Stütze wäre. Ich war glücklich, daß ich reich genug war, sie vor Entbehrungen und Not zu schützen.

Ich ging zu ihr. Um sie zu schonen, sagte ich ihr, wir könnten zu Mittag essen, denn der Marchese sei in eine Spielpartie verwickelt, die bis zum Abend dauern werde. Sie seufzte, wünschte ihm Glück und setzte sich mit mir zu Tisch. Ich wußte mich so gut zu beherrschen, daß sie keinen Verdacht schöpfte. Nach dem Essen lud ich sie ein, einen Spaziergang in dem nahe gelegenen Kapuzinergarten zu machen. Sie war mit Vergnügen bereit. Um sie auf die verhängnisvolle Nachricht vorzubereiten, fragte ich sie, ob sie ihren Geliebten loben würde, wenn er in einem Ehrenhandel sich der Gefahr, von seinem Feinde ermordet zu werden, dadurch aussetzte, daß er zu ihr käme, um ihr Lebewohl zu sagen, anstatt ohne weiteres zu fliehen.

»Ich würde ihn tadeln!« antwortete sie mir; »er muß an seine Rettung denken, wäre es auch nur, um sein Leben für mich zu erhalten. Hat etwa mein Gatte diesen Entschluß gefaßt? Sprechen Sie zu mir ohne jeden Rückhalt! Meine Seele ist stark genug, daß sie einem solchen Schlage widerstehen würde, so furchtbar er auch wäre; ich werde stark sein, zumal da ich einen Freund wie Sie habe. Sprechen Sie!«

»Nun, so werde ich Ihnen denn alles sagen. Hören Sie mich an, und seien Sie überzeugt, daß Sie in mir einen zärtlichen Vater sehen müssen, der Sie liebt und es Ihnen an nichts fehlen lassen wird, solange der Himmel ihm das Leben schenkt.«

»So bin ich also nicht unglücklich. Sprechen Sie, würdiger Freund!«

Ich erzählte ihr nun die ganze Geschichte, ohne von dem, was Croce mir beim Abschieb gesagt hatte, nur ein Wort auszulassen. Ich schloß mit seinen Abschiedsworten: ›Ich lege dir Charlotte ans Herz; sie wäre glücklich, wenn sie mich niemals gekannt hätte.‹ Einige Augenblicke stand sie unbeweglich, in Gedanken versunken, mit gesenkten Augen und gefalteten Händen. Man konnte an ihrer Haltung, an ihrem unregelmäßigen Atmen erraten, was ihre edle Seele in diesem stillen Kampfe litt, den Liebe, Mitleid, Kummer und vielleicht Entrüstung sich in ihrem Innern lieferten. Ich war tief gerührt. Endlich trocknete sie zwei große Tränen, schlug ihre schönen Augen zu mir auf und sagte mit einem leisen Seufzer: »Mein großmütiger Freund, wenn ich auf Sie zählen kann, bin ich ganz gewiß nicht unglücklich.«

»Ich schwöre Ihnen, Charlotte: ich werde Sie niemals verlassen, als bis ich Sie Ihrem Gatten in die Arme führe, – es sei denn, daß ich vorher sterbe.«

»Das genügt mir. Ich schwöre Ihnen ewige Dankbarkeit und den vollen Gehorsam einer guten Tochter.«

Religion und Philosophie hatten sie etwas beruhigt. Sie brüstete sich nicht mit ihren Anschauungen, aber sie war offenbar tief davon durchdrungen. Sie machte einige Bemerkungen über die überstürzte Abreise des Unglücklichen und seufzte, als sie sich vorstellte, in welcher Verzweiflung er sich befunden haben mußte, als er nur die Wahl hatte, entweder sich zu töten oder, entblößt von allem, die Flucht zu ergreifen; aber sie überließ sich dieser Betrachtung nur, um ihn zu beklagen, und da sie alles der blinden und wahnsinnigen Leidenschaft des Spieles zuschrieb, so verurteilte sie ihn nicht. Croce hatte ihr oft die Geschichte von der Marseillerin erzählt, die er in dem Mailänder Gasthof mit dem Rat zurückgelassen hatte, sich an mich zu wenden. Sie fand die Schicksalsfügung wunderbar, daß ich zum zweitenmal die Fürsorge für ein Mädchen übernehmen mußte, das der unglückselige Spieler in einer noch schlimmeren Lage verlassen hatte; denn sie war im achten Monat schwanger.

»Der Unterschied«, sagte ich ihr, »besteht darin, daß ich die erste glücklich gemacht habe, indem ich einen ehrenwerten Gatten für sie fand, während ich niemals den Mut haben werde, die zweite auf demselben Wege glücklich zu machen.«

»Solange Croce lebt, werde ich niemals die Frau eines andern werden. Dieser Entschluß steht vollkommen fest; trotzdem ist es mir in diesem Augenblick ganz lieb, frei zu sein.«

Als wir wieder zu Hause waren, riet ich ihr, den Bedienten zu entlassen und ihm die Reise bis Besançon zu bezahlen, wo Croce ihn angenommen hatte; auf diese Weise wurde er verhindert, verleumderische Reden zu verbreiten, die er sich sonst wohl erlaubt hätte. Auf meinen Rat verkaufte sie auch den ganzen Rest der Garderobe meines armen Freundes und seinen Reisewagen, weil der meinige besser war. Sie zeigte mir die Sachen, die ihr noch blieben und die nur in Wäsche und drei oder vier Kleidern bestanden.

Wir blieben noch eine Zeitlang in Spaa, aber ohne jemals auszugehen. Sie sah, daß ich sie mehr als ein Vater liebte; sie sagte es mir und war mir dankbar, daß ich sie schonte; denn obwohl ich sie stundenlang in meinen Armen hielt, begnügte ich mich damit, ihre schönen Augen zu küssen und verlangte niemals etwas mehr für meine Zärtlichkeit. Ich war glücklich über ihre Dankbarkeit und über das Glück, das meine Zurückhaltung ihr bereitete. Wenn die Versuchung meine Gefühle zu stark erweckte, entfernte ich mich und fühlte mich stolz auf meinen Sieg. Unser Verhältnis hatte etwas von der Reinheit einer ersten Liebe.

Da Charlotte einen kleinen Reisehut gebrauchte, so bestellte der Hausdiener welche bei dem Lütticher, und Merci brachte mehrere zur Auswahl. Sie errötete bei meinem Anblick, aber ich sagte nichts. Als sie fort war, erzählte ich meiner neuen Freundin die Geschichte von diesem Mädchen, und sie lachte herzlich, als ich ihr sagte, von Merci hätte ich die Beule gehabt, die mein Gesicht entstellte, als ich sie zum ersten Male gesehen hätte. Sie bewunderte meine Tapferkeit, daß ich mich nicht durch ihre scheinbare Reue hätte rühren lassen, und war wie ich der Meinung, daß die ganze Geschichte ein zwischen Merci und ihrer Tante abgekartetes Spiel gewesen wäre.

Wir reisten von Spaa ohne Bedienten ab; von Lüttich aus schlugen wir den Weg durch die Ardennen ein, um Brüssel zu vermeiden, wo sie erkannt zu werden fürchtete. In Luxemburg nahmen wir einen Bedienten, der bis Paris bei uns blieb; wir fuhren über Metz und Verdun. Während der ganzen Reise war Charlotte zärtlich, sanft und gut; aber infolge ihres Zustande blieb ich innerhalb der Grenzen kleiner Vertraulichkeiten. Ich sah voraus, daß wir nach ihrer Entbindung nicht dabei stehen bleiben würden; doch die Natur hatte es anders bestimmt.

Wir stiegen in Paris im Hotel Montmorency in der Straße gleichen Namens ab.

Paris kam mir wie eine neue Welt vor. Frau von Urfé war tot, meine alten Bekannten waren umgezogen oder befanden sich in anderen Verhältnissen: Arme waren reich, Reiche arm geworden; überall waren neue Gebäude, neue Straßen; ich fand mich nicht mehr zurecht. Auf dem Theater herrschte ein neuer Geschmack, und ich fand infolgedessen eine neue Spielweise und neue Schauspieler. Alles war teurer geworden; die Armut lief, um ihre Sorgen zu vergessen, auf den neuen Promenaden herum, die durch Habsucht und aus Politik auf den alten Stadtwällen geschaffen waren und den vollklingenden Namen Boulevards erhalten hatten. Der Luxus derer, die in ihren Karossen die Boulevards entlang fuhren, schien nur des Kontrastes wegen da zu sein. Die Reichen und die Armen waren gleichzeitig und gegenseitig Schauspiel und Zuschauer. Paris ist vielleicht die einzige Stadt auf der Welt, deren Aussehen sich in fünf oder sechs Jahren vollständig ändert.

Mein erster Besuch galt der Gräfin du Rumain, die hocherfreut war, mich wiederzusehen. Ich gab ihr das Geld zurück, das sie mit gütigem Herzen in der Zeit meiner Not mir hatte zukommen lassen. Sie befand sich gut, wurde aber durch häuslichen Kummer gequält und sagte mir, die Vorsehung schicke mich, um sie durch meine Kabbala von ihrer Sorge zu befreien. Sie fand mich zu jeder von ihr gewünschten Stunde dienstbereit; dies war das wenigste, was ich für eine Frau von ihrem Charakter tun konnte.

Mein Bruder hatte eine neue Wohnung in der Vorstadt Saint-Antoine bezogen. Er sowohl wie seine Frau waren hocherfreut, mich wiederzusehen; sie liebte nur ihn allein, obgleich er sie durch seine Impotenz unglücklich machte. Beide luden mich dringend ein, bei ihnen zu wohnen, und ich versprach ihnen zu kommen, sobald die Dame, die ich bei mir hätte, niedergekommen wäre. Ich hielt es nicht für angebracht, ihnen die Geschichte zu erzählen, und sie waren so zartfühlend, mich nicht danach zu fragen. Am selben Tage machte ich meine Besuche bei der Fürstin Lubomirska und bei den Tomatis; ich bat sie, es mir nicht übel zu nehmen, wenn ich sie nur sehr selten besuchte; die Dame, die sie in Spaa gesehen hätten, stände unmittelbar vor ihrer Niederkunft und bedürfte meiner ganzen Pflege.

Nachdem ich mich dieser gesellschaftlichen Verpflichtungen entledigt hatte, wich ich nicht mehr von Charlottens Seite. Am achten Oktober ging ich mit ihr zu der Hebamme Frau Lamarre, die in der Rue du Faubourg St. Denis wohnte; Charlotte wünschte, daß ich sie dort in Pension gäbe. Sie besah sich das Zimmer und das Bett, das sie erhalten sollte, ließ sich ausführlich sagen, wie man sie bedienen und verpflegen würde und was ich für alles zu bezahlen hatte. Am Abend desselben Tages fuhren wir nach Einbruch der Dunkelheit in einem Fiaker dorthin; ein Koffer enthielt alles, was ihr gehörte.

Am Ende der Rue Montmorency mußte unser Wagen anhalten, um den Leichenzug irgendeiner reichen Person vorüber zu lassen. Charlotte bedeckte sich die Augen mit ihrem Taschentuch, lehnte ihren schönen Kopf an meine Schulter und sagte: »Lieber Freund, ohne Zweifel ist es eine Dummheit; aber in meinem Zustand ist dieses Zusammentreffen von übler Vorbedeutung.«

»Quäle dich nicht mit eitlen Befürchtungen, reizende Charlotte! Vorbedeutungen sind ein eitler Wahn, dem nur der Aberglaube eine gewisse Bedeutung geben kann. Eine gebärende Frau ist keine Kranke, und niemals ist eine Frau im Wochenbett gestorben, wenn nicht eine andere Krankheit hinzutrat.«

»Jawohl, mein lieber Philosoph, es ist mit uns gebärenden Frauen wie mit zwei Männern, die sich schlagen: beide sind kerngesund, aber der eine bekommt einen Degenstich und stirbt.«

»Dein Vergleich ist sehr geistreich. Aber sei doch nur ruhig: bald werden wir nach Madrid abreisen, nachdem wir vorher für dein Kind gesorgt haben. Ich hoffe, dort werde ich dich glücklich und zufrieden sehen.«

Während der ganzen Fahrt unterhielt ich sie recht angenehm, um den peinlichen Eindruck zu verscheuchen, den sie empfangen hatte; denn ich wußte nur zu sehr, welche Wirkungen fixe Ideen auf ein zartes Wesen ausüben können, besonders auf eine junge Frau, die sich in einem solchen Zustande befindet wie Charlotte.

Als ich das reizende Geschöpf gut untergebracht sah, kehrte ich nach meiner Wohnung zurück; am nächsten Tage zog ich zu meinem Bruder; aber, solange Charlotte lebte, schlief ich bei ihm nur, denn von neun Uhr früh bis ein Uhr nachts hielt ich mich bei der geliebten Frau auf.

Am dreizehnten Oktober wurde Charlotte von einem hitzigen Fieber befallen, das sie nicht mehr verließ. Am siebzehnten brachte sie sehr glücklich einen Jungen zur Welt, der auf den ausdrücklichen Befehl seiner Mutter gleich an demselben Morgen in die Kirche getragen und dort getauft wurde. Charlotte schrieb mit eigener Hand die Namen auf, die er tragen sollte: Jacques (nach mir), Charles (nach ihr), Sohn von Antonio de la Croce und Charlotte *** (sie gab ihren wahren Namen an). Auf ihren Wunsch mußte Frau Lamarre den Knaben von der Kirche sofort ins Findelhaus bringen. In seinen Windeln befand sich sein Taufschein sowie die Angabe, wo und von wem er geboren war. Vergeblich suchte ich sie zu überreden, das Kind meiner Sorgfalt anzuvertrauen. Sie sagte mir, wenn das Kind lebte, wäre es für den Vater sehr leicht, es aus dem Findelhause herauszunehmen. An demselben Tage, den achtzehnten Oktober, gab die Hebamme mir nachstehende Bescheinigung, die in diesem Augenblick vor mir liegt:

Wir, I. B. Dorival, königlicher Rat, Kommissarius in Châtelet zu Paris, früher Polizeivorsteher des Stadtviertels der Cité, bescheinigen hiermit kraft unseres Amtes, daß im Findelhause ein Knabe, anscheinend einen Tag alt, eingeliefert worden ist. Die Hebamme Lamarre hat ihn von der Rue de Faubourg St. Denis gebracht; er war mit seinen Windeln bekleidet, und in diesen befand sich eine Bescheinigung, woraus hervorgeht, daß er heute in St. Laurent getauft worden ist, und zwar auf den Namen Jacques-Charles, Sohn von Antonio de la Croce und Charlotte ***. Hierüber haben wir vorliegende Bescheinigung ausgestellt in unserem Palast, Rue des Marmousets in der Cité, am 18. Oktober 1767 abends 7 Uhr.

Dorival.

Sollten sich unter meinen Lesern Neugierige befinden, die den Namen der Mutter erfahren möchten, so gebe ich ihnen hiermit die Mittel an die Hand, ihre Neugier zu befriedigen.

Nach Erledigung dieser Angelegenheit, die mir recht schmerzlich war, wich ich Tag und Nacht nicht mehr von dem Bett der Kranken. Trotz der sorgfältigen Pflege eines geschickten Arztes verließ das Fieber sie keinen Augenblick mehr, und am sechsundzwanzigsten desselben Monats, morgens fünf Uhr, starb sie. Eine Stunde bevor sie den letzten Seufzer ausstieß, nahm sie Abschied von mir; sie sagte mir, es sei der letzte Abschied, und bevor sie meine Hand los ließ, führte sie sie an ihre Lippen; dies geschah in Gegenwart des ehrwürdigen Geistlichen, der ihr um Mitternacht die Beichte abgenommen hatte. Die Tränen, die ich noch in diesem Augenblick vergieße, da ich diese Zeilen schreibe, werden wahrscheinlich die letzten sein, die ich zu Ehren dieses reizenden Kindes weine, eines Opfers der Liebe und eines Mannes, der noch lebt und nur seinem seltsamen und grausamen Geschick zu gehorchen scheint, indem er Menschen unglücklich macht.

In Tränen zerfließend, setzte ich mich neben das Bett Charlottens, die ich meine Tochter nannte und so innig liebte. Vergeblich suchte die gute Frau Lamarre mich zu überreden, in ihr Zimmer zu kommen: der Anblick dieser Leiche war mir mehr als die ganze Welt, als ich selber.

Mittags kamen mein Bruder und dessen Frau, um sich nach mir zu erkundigen; sie waren unruhig um mich, da sie mich seit acht Tagen nicht mehr gesehen hatten. Als sie eine so junge und so schöne Tote sahen, der selbst die harte Hand des Todes ihre Schönheit nicht hatte rauben können, verstanden sie meine Tränen und weinten lange Zeit mit mir. Endlich entfernten sie sich auf meine Bitte, und ich schlief mit dem Kopf auf dem Bett, worauf Charlottens irdische Überreste lagen. Ich verließ sie nicht eher, als bis das Grab sie verschlungen hatte.

Am Tage vor dem Begräbnis, ewig schmerzlichen Angedenkens, hatte mein Bruder mir mehrere Briefe gegeben. Ich hatte sie nicht geöffnet. Als ich nach der Beerdigung das Sterbehaus verließ, erbrach ich meine Briefe, und der erste, den ich las, war von Herrn Dandolo, der mir den Tod des Herrn von Bragadino meldete. Meine Tränen waren versiegt; ich verlor einen Mann, der seit zweiundzwanzig Jahren Vaterstelle an mir vertrat, der um meinetwillen mit der größten Sparsamkeit lebte und sogar Schulden machte. Da sein Vermögen ein Fideikommiß war, so konnte er mir nichts hinterlassen. Seine Möbel und seine Bibliothek wurden die Beute seiner Gläubiger. Seine beiden Freunde, zugleich die meinigen, waren arm und konnten mir nur mit ihren Herzen helfen. Diese schreckliche Nachricht begleitete ein Wechsel von tausend Talern, die der Verstorbene, sein Ende voraussehend, vierundzwanzig Stunden vor seinem Tode mir noch gesandt hatte. Ich war wie zerschmettert. Nun konnte ein schlimmerer Schlag mir nicht mehr vom Schicksal kommen.

Drei Tage verbrachte ich im Hause meines Bruders, ohne auszugehen. Am vierten ging ich zur Fürstin Lubomirska, um deren Gunst ich mich eifrig bewarb. Sie hatte dem König, ihrem Vetter, einen Brief geschrieben, der ihn beschämen mußte, denn sie bewies dem Monarchen, daß er schnöder Verleumdung sein Ohr geliehen hatte. Aber Könige lassen sich nicht durch solche Kleinigkeiten beschämen. Außerdem hatte gerade damals Stanislaus August von Rußland den blutigsten Schimpf erlitten: Repnin hatte mit Gewalt die drei Senatoren wegschleppen lassen, weil sie auf ihrem Reichstag als freie Männer gesprochen hatten. Dies war ein Dolchstoß, der dem unglücklichen König das Herz durchbohren mußte.

Die Fürstin hielt sich mehr aus Haß als aus Liebe von Warschau fern; aber man glaubte es nicht.

Meine Reise nach Madrid war beschlossene Sache; denn ich wollte diesen Hof sehen, bevor ich mich nach Portugal begab. Die Fürstin gab mir vorher einen Brief für den damals in Spanien allmächtigen Grafen d’Aranda, und der Marchese Caraccioli, der noch in Paris war, gab mir drei Empfehlungsbriefe, einen für den Fürsten della Cattolica, den neapolitanischen Gesandten in Madrid, einen für den Herzog von Lossada, den Oberhoftruchseß und Günstling des Königs, und einen dritten für den Marques Mora-Pignatelli.

Am 4. November ging ich mit einer Eintrittskarte, die die Fürstin Lubomirska mir gegeben hatte, in ein Konzert gegenüber der Sackgasse der Orangerie. Mitten im Konzert hörte ich hinter mir meinen Namen nennen und lachen. Ich drehte mich um und sah den Menschen, der so verächtlich von mir sprach: es war ein großer junger Mann, der zwischen zwei alten Herren saß. Als ich ihn fest ansah, wandte er seine Blicke ab, setzte aber seine unverschämten Bemerkungen fort. Unter anderem sagte er, ich kostete ihm mindestens eine Million, die ich seiner verstorbenen Tante, der Marquise d’Urfé, gestohlen hätte.

Ich sagte zu ihm: »Sie können nur ein frecher Mensch sein. Wenn wir draußen wären, würde ich Ihnen einen Fußtritt vor den Hintern geben, um Ihnen einen anständigen Ton beizubringen.«

Mit diesen Worten stand ich auf und ging hinaus; als ich mich umdrehte, sah ich, wie die beiden alten Herren den jungen Brausekopf zurückhielten. Ich stieg in einen Wagen und ließ diesen am Eingang der Sackgasse halten, um zu sehen, ob er mir nachkomme; da ich ihn nicht kommen sah, ging ich in das Meßtheater, wo ich in derselben Loge saß wie die Valville.

Sie sagte zu mir: »Ich bin nicht mehr Schauspielerin und werde vom Marquis de Brumoi unterhalten.«

»Das freut mich; ich wünsche Ihnen alles Glück.«

»Ich hoffe, Sie werden bei mir zu Abend speisen?«

»Soviel Vergnügen mir das machen würde, kann ich es leider nicht; aber ich werde Sie besuchen, wenn Sie mir Ihre Adresse geben.«

Mit diesen Worten drückte ich ihr eine Rolle von fünfzig Louis in die Hand.

»Was ist das?«

»Das Geld, das du mir in Königsberg geliehen hast, meine Liebe.«

»Hier ist weder der Ort, noch der rechte Augenblick, es mir zurückzugeben. Ich will das Geld nicht haben, wenigstens hier nicht; ich werde es nur in meiner Wohnung annehmen. Bitte, sprich nicht weiter davon!«

Ich steckte die Rolle wieder in die Tasche, und sie nahm einen Bleistift und schrieb mir ihre Adresse auf. Bald nachher verabschiedete ich mich von ihr. Ich war zu traurig, um ein Beisammensein mit diesem reizenden Weibe anzunehmen.

Zwei Tage später saß ich bei Tische mit meinem Bruder, meiner Schwägerin und einigen Russen, die bei ihm in Pension waren, um die Schlachtenmalerei zu erlernen. Plötzlich wurde mir gemeldet, ein Ludwigsritter warte auf mich im Vorzimmer, um ein Wort mit mir zu reden. Ich ging zu ihm hinaus, und er überreichte mir, ohne ein Wort zu sagen, ein Papier.

Ich öffne es; es ist Louis unterzeichnet. Der Monarch befiehlt mir, Paris binnen vierundzwanzig Stunden und Frankreich binnen drei Wochen zu verlassen; und als Grund gibt er mir an: es sei sein bon plaisir.