Die befrage Wahrheit

In dem Staate Machriq regierte der weise König Nauroûz, so genannt nach dem Feste der Tagundnachtgleiche. Dieser König hatte unter seinem Gesinde einen Mann, der über seinen Kreis hinaus ob seiner Wahrheitsliebe bekannt und geachtet war. Als der König von dieser seiner Eigenschaft erfuhr, ernannte er ihn zum Oberstallmeister. Gleich hatte er auch seine Neider, die natürlich, gemäß dem höheren Rang, in ihren Mitteln, Fallen zu stellen, viel tückischer sein konnten. So war es besonders ein Höfling des Königs, der es auf ihn abgesehen hatte. Dieser Höfling bekannte auch offen seine Absicht, es darauf anzulegen, den wahrheitsliebenden Oberstallmeister in eine Lüge zu verstricken, und ihn soweit zu bringen, daß er eine Unwahrheit sage. Der Höfling hatte eine hübsche und verwegene Tochter, die ihm bei diesem Werke behilflich sein sollte. Eines Nachts nun stand dieses Mädchen länger als sonst vor dem Spiegel, schmückte und putzte sich, bis sie vollkommen dem Bilde einer Verführerin glich. So gerüstet betrat sie die Stube des Oberstallmeisters. Der war sehr erstaunt, einen so schönen Gast bei sich zu haben, und da er sie nicht kannte, glaubte er an einen Irrtum. Sie aber grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen, und er bat sie nun, ganz in seine Stube eintreten zu wollen. Sie nahm auch gleich neben ihm Platz und begann ihren Angriff. Zuerst war der junge Mann ganz verdutzt, aber das Mädchen sah darüber hinweg, es wurde immer deutlicher, berührte ihn erst und umschlang ihn dann ganz. Dem jungen Manne schwanden die Sinne, doch das Mädchen machte, knapp vor der letzten Erfüllung, halt. Ihr war es im Augenblick genug zu wissen, daß sie den jungen Mann nun in ihre Gewalt bekomme. »Lache mich nicht aus, aber ich habe Verlangen nach einem köstlich zubereiteten Gericht aus Pferdefleisch. Laß uns doch eines der fetten Pferde des Königs schlachten, wir wollen davon essen.«

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Der junge Mann bekam Furcht. »Was wird der König dazu sagen?«

»Was fürchtest du dich! Falls der König nach dem Pferde fragen sollte, so kannst du sagen, es sei krank geworden und du mußtest es schlachten. Vertraut dir der König nicht vollends?«

Das Mädchen bat mit so anmutiger Gebärde, daß der Oberstallmeister nicht widerstehen konnte. Er wollte schon einen Knecht herbeirufen, damit dieser den Auftrag zu schlachten übernehme. Das Mädchen aber kam ihm zuvor und sagte: »Wenn du schon schlachten willst, so schlachte wenigstens den Rappen des Königs!« Bei diesem Ansinnen erschrak der Stallmeister und rief: »Gerade dieses Tier ist dem König ans Herz gewachsen, er liebt es und ich soll es schlachten!« Das Mädchen warf sich ihm an den Hals, bat und beschwor ihn und als alles nichts helfen wollte, verlegte sie sich auf das Mittel zu trotzen. »Wenn du dies Pferd nicht schlachtest, dann will ich niemals mehr etwas von dir wissen!« Diese Drohung nahm dem Stallmeister die letzte Besinnung. Er ließ den Rappen vor den Augen des Mädchens schlachten. Sie briet selber das Herz und aß es. Hernach ging sie wieder in seine Stube und verweilte dort längere Zeit.

In der Klarheit des Morgens übersah der Oberstallmeister erst, was er da angerichtet hatte. Seine Achtung vor der Wahrheit war so groß, sein Gewissen so peinlich, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, bei schwierigen Fällen laut mit sich zu verhandeln, damit nicht auch nur der Schein einer Lüge hindurchschlüpfen könne. Nach dieser Methode disputierte er auch jetzt. »Wenn nun wirklich heute der König zu mir sprechen wollte: Bring mir den Rappen, ich will auf ihm ausreiten! – was dann? Sage ich ihm eine Lüge, so bringt diese nichts Gutes; sage ich ihm die Wahrheit, so gefällt diese ihm sicherlich nicht. Dann gibt er Befehl, mich zu töten! Freilich ist es besser, ich sterbe, weil ich die Wahrheit gesagt habe, als ich verdanke mein Leben einer Lüge!«

Um nun noch besser die Stimme seines Gewissens zu hören, ging er in ein anderes Zimmer, legte seine Mütze auf eine erhöhte Stelle und sagte: »Das soll nun der König sein!« Dann ging er aus dem Zimmer und kam wieder herein. Nach seiner Gewohnheit grüßte er den König und erwiderte selbst diesen Gruß. Dann sprach er, als wäre er der König: »Wohlan, sattle mir meinen Rappen, ich will auf ihm heute zur Jagd ausreiten.«

Er selbst erwiderte darauf: »O König, diese Nacht hat der Rappe sein Futter nicht gefressen; als es Mitternacht war, fiel er um und starb. Ich wußte kein Mittel, das ihm noch hätte helfen können.«

Weiter sprach er, als wäre er der König: »Heda, was willst du mir da einreden. Gestern war der Rappe noch ganz gesund, und heute soll gerade er gestorben sein! Gestehe lieber, du hast ihn geschlachtet! Du willst es leugnen – erschlagt den frechen Lügner!« Diese Rede behagte dem Oberstallmeister gar nicht. Er sprach zu sich, indem er der Mütze den Rücken kehrte: »Diesmal will ich die Wahrheit sagen!«

Wieder ging er hinaus, kam von neuem herein, grüßte und erwiderte selbst den Gruß. Darauf sprach er, als ob er der König wäre: »Geh und sattle mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Er erwiderte: »O König, heute Nacht ist mir etwas Besonderes begegnet: ich saß in meinem Zimmer, da trat plötzlich ein so hübsches und gutgekleidetes Mädchen zu mir herein, daß der Mond neben ihr verblassen mußte. Sie kam, setzte sich an meine Seite, warf sich an meinen Hals und verlangte schließlich das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will dir ein anderes schlachten. Das Mädchen bestand aber auf dem Rappen. O König, ich kann dir nur die Wahrheit gestehen. Was war mir da der Rappe; hätte das Mädchen mein Leben verlangt, ich hätte es ihr willig gegeben. Wisse denn, ich habe ihr diese Nacht den Rappen geschlachtet. Zögere nicht, hier ist mein Kopf und dort dein Schwert!«

Diese Rede tat dem Gewissen des Stallmeisters wohl. Er sprach, als wäre er der König: »Du hast die Wahrheit gesagt; wäre ich an deiner Stelle gewesen, ich würde auch manche Dummheit begangen haben. Dafür aber, daß du die Wahrheit gesprochen hast, bekommst du ein Ehrenkleid!«

Bei dieser Rede blieb der Stallmeister und er lernte sie auswendig. Während er nachdachte, kamen auch schon Abgesandte des Königs, um ihn vor diesen zu bringen. Und wirklich sprach ihn der König an: »Bring mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Der Oberstallmeister murmelte rasch ein Gebet vor sich hin und sprach dann: »O König, diese Nacht hatte ich eine besondere Begegnung: ich saß in meinem Zimmer, plötzlich stand ein so hübsches und wohlgekleidetes Mädchen vor mir, daß der Glanz des Mondes vor dieser Schönheit hätte erblassen müssen. Dieses Mädchen setzte sich an meine Seite, schmiegte sich an mich und verlangte von mir das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will ein anderes Pferd schlachten. Aber sie bestand auf dem Rappen. Wie ich sie auch beschwor und meine Treue zum König anführte – sie bestand darauf. Gerade das Fleisch des Rappens will ich verspeisen. Ihr Bitten und Beschwören war mit so viel Anmut ausgesprochen, daß, hätte sie mein Leben verlangt, ich nicht gezögert hätte, es ihr zu geben. Ich verlor meinen klaren Kopf; das Herz des Mädchens zu betrüben war ich nicht imstande. So ließ ich mich von dem Mädchen berücken, um mir ihre Zuneigung und ihr Wohlwollen zu erhalten. Ich schlachtete den Rappen, das Mädchen briet dessen Herz und aß es. O König, schlage den Kopf des Sünders ab, dort ist dein Schwert.«

Diese Rede gefiel dem König und es kam so, wie es sich der Stallmeister vorgespielt hatte: er bekam ein Ehrenkleid. Das Mädchen des Höflings bekam der Oberstallmeister von seinem König zur Frau.

Der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe hatte es der Oberstallmeister zu verdanken, daß er auch weiterhin in der Gunst und Gnade des Königs stand. Aus dieser Zeit rührt das Sprichwort her: Wenn du niemanden findest, der dir raten kann, so lege deine Mütze vor dich hin und frage diese um Rat.

Die Feuerprobe

Sudabeh saß tief verschleiert auf der Höhe ihres Thrones. Um sie standen an die hundert Mädchen verschiedenen Alters, angefangen vom Kind bis zur reifen Jungfrau. Der Duft der Jugend, Anmut und Lieblichkeit erfüllte den weiten Saal mit dem Atem des Paradieses.

Gleich an der Pforte verneigte sich Sijawusch vor seiner Königin.

Auf einen Wink Sudabehs stiegen die Töne eines Lautenspieles auf, und ein Reigen führte die Schönen an Sijawusch vorüber. Mit Segenswünschen wurde er begrüßt und hundert Herzen schlugen rascher bei dem Anblick des schönen Fürsten. Als sich hinter dem letzten Mädchen der Vorhang schloß, sprang Sudabeh jäh vom Throne auf und warf sich Sijawusch in die Arme.

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»Oh, keiner von diesen galt deine Lust!« rief sie zitternd vor Erregung und ließ die Schleier von ihrem Antlitz fallen. »Was sollen dir die Sterne, wenn dir der goldene Mond lacht! Schwöre mir zu, daß ich, sobald dein Vater gestorben ist, die erste im Frauenhaus bleiben soll, dann will ich dir den Himmel erschließen.«

Sijawusch glühte unter den begehrenden Küssen dieser schönen Frau. »O schweige, schweige – du sollst geliebt und geehrt werden, aber als meine Mutter! Gib mir deine junge Tochter zur Braut. Ich will ihr die Treue halten, bis sie zum Weibe herangereift ist!«

»Sijawusch!« – wie die Androhung eines Fluches rief diesen Namen Sudabeh. Zitternd wandte sich der Angerufene ab und verließ, fast flüchtend, das Frauenhaus. Sudabeh sank in die Knie und eine Ohnmacht ließ sie niederfallen. Als Kawus ins Frauenhaus kam, empfing Sudabeh ihren Gatten mit stolzer Würde.

»Dein edler Sohn ließ alle an sich vorbeigehen. Nur meinem Töchterlein hat sich sein Herz erschlossen und er will warten, bis sie zum Weibe herangereift ist.«

Diese Nachricht erfreute den Schah, er ließ reiche Schätze im Frauenhaus abladen, damit seine Gattin Sudabeh die Tochter würdig beschenken könne, wenn diese Sijawusch heirate.

Kaum hatte sich Kawus von der Königin verabschiedet, so ward auch gleich von dieser Hirbad zu Sijawusch gesandt. Sie ließ den Prinzen im Namen des Herrschers nach dem Frauenhaus rufen. Sijawusch kam und wurde von dem Kämmerer in ein hell erleuchtetes Gemach geführt. Bis an die Decke lagen da Kostbarkeiten gehäuft, Gold, Edelgestein, Perlen, Geschmeide. Wie geblendet stand Sijawusch vor dem Schatz. Da öffnete sich lautlos ein Vorhang, und als Sijawusch aufblickte, stand Sudabeh in Atemnähe neben ihm.

»Sijawusch,« sprach sie ihm ganz leise ins Ohr, »der Schatz gehört dir, aber noch mehr, oh, vieles, vieles mehr – wenn du dich mir gibst, wie ich mich dir geben will!«

Schaudernd beugte sich Sijawusch zurück. Sie aber folgte dieser Bewegung nach. »Sprich doch, sprich doch, weiche mir nicht aus.« Und nun flehte sie, ganz ihrer Glut verfallen. »Erbarme dich meiner jungen Liebe zu dir. Oh, ich kann es dir nicht verbergen. Nimm mich, hilf mir!«

Sijawusch bedeckte sein Antlitz mit den Händen und floh aus dem Gemach. Totenbleich sank Sudabeh neben dem Schatz zu Boden. Und als sie erwachte, gab sie sich der Wollust des Schmerzes hin, zerfetzte ihre Kleider, und in die nun aufschimmernden Blößen schlug sie besinnungslos mit ihren Nägeln. Da huschte Hirbad herein. »Der König kommt!« flüsterte er und verschwand, dem Schatz ausweichend, hinter einem anderen Vorhang.

Sudabeh richtete sich auf. »Rache!« sprach sie, und, ganz ihre Haltung gewinnend, rief sie: »Wohin du auch fliehst, du fliehst in dein Verderben, Sijawusch!«

Als Kai Kawus das Gemach betrat, wankte die Königin ihm entgegen und klagte an: »Sieh mich an, dies, dies hat dein stolzer Sohn an mir getan. Die blutige Spur, die über meine Brüste läuft, die riß dein Sohn, als er gierig nach mir griff. Dies Kleid riß er in Fetzen, um meinen nackten Körper fühlen zu können. Mein Diadem fiel zu Boden. Er tat dies, er, der alle Mädchen an sich vorbeigehen ließ, weil er in seinem Wahnwitz die Mutter begehrt, mich! Oh, ich bin entehrt – räche mich, du, mein Gemahl und Herr!«

Gefaßt stand Kawus, er konnte, trotz dieser anklagenden Worte, den Mut seines adeligen Sohnes nicht vergessen, und er gebot sich Vorsicht. Die Listen der Frauen sind tückisch. Er ließ Sijawusch rufen.

»Gestehe!« sprach er ernst den Eintretenden an, »du hast Sudabeh überfallen, doch liegt die Schuld an mir – ich sandte dich ins Frauenhaus.«

»Du irrst! Ich ließ die Königin unberührt.«

»Er lügt! Als ich ihm den Brautschatz zeigte, da riß er mich in seine starken Arme, immer kräftiger schlang er sie um mich, ich meinte zu ersticken. So, in meiner hilflosen Haltung, überfiel er mich mit Küssen. Und je mehr ich mich wehrte, desto heftiger wurde er, zerrte an meinem Kleide und wühlte mit bösen Fingern in meinem Haar.«

»Genug!« rief der König. »Reich mir deine Hand, Sijawusch! Sie duftet nicht nach Amber und nach Rosen. Du hast gelogen, Sudabeh!« Der König schritt mit seinem Sohne an der Hand bis an die Pforte.

»Bleib!« schrie die Königin auf, »wisse, sein Überfall gelang ihm, er hat mich geschändet. Nun wird er mich töten, wie er das Kind getötet hat, das ich von dir, o König, am Herzen trage.«

Der König blieb gebannt an der Schwelle stehen. »Räche mich, vernichte den Frevler!«

Rasch verließ der König das Frauenhaus und zog den Sohn mit sich.

»Verloren! Um Liebe und Rache gebracht von einem kalten Jüngling und einem liebenden Greis. Ich werde sie beide zu betrügen wissen. Der Zauber soll mir seifen. Nicht die guten, nur die bösen Geister.«

Vor kurzem war eine Landfahrerin von Sudabeh als Dienerin in den Palast aufgenommen worden. Gerührt von der Geschichte ihres Elends, hatte die Königin die Bettelnde beschenkt. Sie sei aus vornehmem Geschlecht und der Verführung eines Treulosen erlegen. Nun schleppe sie die Schande mit sich, und es seien nur noch Wochen, dann werde diese auch offenbar werden.

Sudabeh ging zu der Landfahrerin, nahm sie in ihr Schlafzimmer und verschloß hinter ihr den Eingang.

»Schwöre mir zu, daß du ein Geheimnis bewahrst, was immer auch kommen mag. Tust du es, so will ich deinen Ruf behüten und dich auch reich beschenken.«

»Oh, wenn du dies imstande bist! Keine Gewalt ist so groß, als daß sie mir das Geheimnis entreißen könnte.«

»Du mußt es beschwören! Schwöre!« Als die Klagende dies tat, raffte die Königin Gold und Geschmeide zusammen und ließ es in deren Schürze fallen. Keinen Augenblick zögerte die Königin nun, ihren Plan auszuführen. Die Dienerin bekam von Sudabeh ein giftiges Tränklein und durfte nicht aus dem Schlafgemach. Als der Morgen kam, gebar die Dienerin in dem Bett der Königin zwei tote Wechselbälge. Als die erschöpfte Mutter in ein Nebengemach geführt war, begann die Königin ihr Wehgeschrei. Auf einer silbernen Schüssel lagen schon vorbereitet die beiden Leichen. Die Bewohner des Frauenhauses liefen auf das Geschrei zusammen. »Seht her, das hab‘ ich zur Welt gebracht!«
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Das Geschrei der Frauen erscholl im ganzen Umkreis des Palastes. Auch der König vernahm es und eilte in den Frauenpalast.

»Blick‘ her und versuche noch zu zweifeln!« schrie ihm die Königin entgegen. »Sieh‘, was der Schrecken des Überfalls aus deinen Kindern gemacht hat. Die Teufelsbrut mit den Zeichen der Hölle – hier liegen sie, verendet!« Bei diesen Worten hielt sie die Schüssel, wie vom Ekel geschüttelt, weit von sich, schrie und weinte dabei.

Entsetzt wich der König zurück. Sollte er an seinem Sohne zweifeln!

Der König eilte in den Palast zurück und gebot die Weisen seines Reiches zu sich. Ihnen bekannte er die Ratlosigkeit seines Herzens, das beiden, seinem edlen Sohne und seiner Gattin, ergeben sei. Wen von beiden müsse er verdammen?

Die Priester sammelten sich, ihr Opfer zu besehen; die Magier suchten in den ältesten Büchern; die Sterndeuter forschten am nächtlichen Himmel: alle waren so redlich bemüht, dem König mit göttlichem Rat beizustehen. Nach zwei Wochen kamen die Weisen, um ihr Ergebnis zu künden. Die Sterndeuter sagten aus, daß die toten Kinder weder vom König, noch von seiner Gattin stammen konnten, denn die Gestirne sagten nichts aus von einer Vermehrung des Kajanidengeschlechtes. Die Magier wieder fanden Spuren, die auf einen Gifttrank hinwiesen, die Priester Zeichen, die auf eine Fremde deuteten, welche die Mutter dieser zwei Ausgeburten wäre.

Der König handelte nach diesen Weisungen. Das Frauenhaus wurde durchsucht und die Landstreicherin vor den Thron gebracht. Doch, wie man es auch anstellte, ein Geständnis war aus dem Weibe nicht herauszuholen. Auch der glühenden Zange des Henkers widerstand sie.

Sudabeh nannte die Weisen Feiglinge, die Sijawusch und seinen unüberwindlichen Beschützer Rustan fürchten. Täglich weinte sie ihrem Gatten vor, die Entehrung und den Schmerz einer geschändeten Mutter, welche zwei tote Kinder gebar. Sie bestand auf strengem Gericht oder – Gottesurteil. Die tückische Schöne wußte, daß die schwere Probe nicht der Kläger, sondern der Angeklagte zu bestehen hat.

Das Leiden seines geliebten Weibes machte den König wieder unsicher. Neuerlich wurden die Weisen zum Rat versammelt und um die endgültige Probe befragt. Die Alten nannten die Feuerprobe als einzigen Weg.

Sijawusch willigte ein, diesen Weg zu gehen.

Vor dem Stadttore wurden zwei mächtige Holzstöße aufgerichtet. Zwischen ihnen wurde nur so viel Platz gelassen, daß ein Reiter hindurch konnte. Am Tage des Gerichts sammelten sich um die Opferstätte die Großen des Reiches und das Volk stand im weiten Bogen um die beider Scheiterhaufen. Bei dem Stand der Sonne im Mittag wurden die Stöße von dem Oberpriester mit einem Span aus dem heiligen Feuer entzündet. Rasch gossen zweihundert Knechte Öl auf das Holz und fachten die Glut zu loderndem Feuer an. Es qualmten dunkle Wolken gegen den Himmel und bald stiegen auch haushohe Flammen empor.

Die schwarzen Locken von einem goldenen Helm bedeckt, in einem wehenden schneeweißen Mantel kam Sijawusch auf seinem Streitroß. Feierlich und mit offenem Blick begrüßte er den König und die um ihn versammelten Weisen. Kawus bangte um das Leben seines edlen Sohnes. »Ach,« rief er vom Schmerz gepeinigt, »das schlimmste Getier bringt nicht so viel Leid in die Welt, als es ein schönes Weib vermag!«

»Bange nicht, Vater!« rief Sijawusch, »der Herr ist gerecht!« Dann riß er sein Pferd um und hielt knapp vor dem Eingang der brennenden Gasse. Dort hob er die Hände gegen die Flamme und sprach das Gebet vor der Feuerprobe. Als er dieses beendet hatte, gab er seinem Pferde die Sporen und verschwand in den lodernden Flammen.

Sudabeh beobachtete vom Dach ihres Hauses aus das Schauspiel des Feuers. »Er reitet in den Tod und ich bin gerächt!« schrie sie triumphierend. Als die Menge noch kreischte und wehklagte, durchschnitten einzelne helle Jubelrufe die dunkle Wolke des Geschreis und versanken endlich in einem allgemeinen Jubel. Sijawusch hatte das Feuer durchritten. Das Element des Feuers war gerechter als eine Frau. Hätte er durch blühende Blumen reiten müssen, so hätte Tau ihn benetzt, aber das läuternde Feuer ließ den Reinen unberührt. Der Prinz sprang aus dem Sattel und küßte vor seinem Vater die Erde. Beglückt hieß ihn der König aufstehen und schloß ihn in seine Arme. Festliche Scharen wallfahrten zum Palast, wo Mahl, Gelage und Scherz den Tag beendeten, der die Unschuld des Prinzen vor Gott und der Welt erwiesen hatte.

Nachdem das Fest verklungen war, ließ der König seine Gattin vor sein Angesicht rufen.

»Du konntest nur lügen, erkenne deine schamlose Verwegenheit! Bereust du es nicht, den Reinen bis an die Pforte des Todes gelockt zu haben?«

»Wie konnte er sterben?!« höhnte grell lachend Sudabeh. »Der Schützling Rustans ist zauberkundig genug, um vor dem Feuer nicht zu bangen! Der Böse ist schützend über den Seinen!«

»Elende!« schrie der König voll Zorn, »soll dich der Henker ergreifen, dich, deren Haß auch die göttliche Flamme nicht anerkennt?«

»Tod, Tod, ihr, die den Reinen noch zu beflecken wagt!« Die aufgebrachte Menge schrie es und drängte den Henker zum Throne hin. Der König winkte jetzt dem Henker und befahl ihm: »Wende ihr Antlitz im Genick und hänge sie am Ende der Gasse auf. Sie sei so eine Warnung für alle Frevler, die lügen!«

Ehe noch der Henker nach der Königin griff, gebot Sijawusch halt. »Vater, schenke mir das Leben der Verblendeten!«

»Alles, so du es wünschest!« antwortete der König erfreut.

Sudabeh war vor der Hand des Henkers zurückgebebt, nun stützte sie sich zitternd auf den Arm des Prinzen, der sie bis zum Tore des Frauenhauses geleitete.

Kai Kawus‘ Herz schlug freudig, denn dieser Tag schenkte ihm wieder Sohn und Gattin.

Einleitung

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Eine Legende läßt die Geburt der persischen Lyrik – Wort, Rhythmus und Reim – aus dem Echo entstehen, das zum Anlaß die Worte der Liebe hat, welche der König Behram Gor seiner Geliebten Dil Aram und diese ihm auf die Lippen flüstert in der Umarmung. Singt die afghanische Lyrik die tolle Freude des Besitzes der Geliebten, sehnt sich die arabische nach der fernen Geliebten, so ist es der Charakter der persischen Liebeslyrik, zu verweilen, zu kontemplieren, in Ruhe zu genießen, sich zu wiegen. Das »Italienisch des Orients« hat man das süßklingende, sonore Persisch genannt, dessen Gedicht eine anmutig träumende Karesse ist. Es vermeidet, Gegensätzliches aufzurufen, so sehr, daß der Gegensatz sogar dem persischen Theater fehlt: es ist ganz lyrisch und bar jeden dramatischen Interesses. Nur auf solchem kontemplativen Boden konnte die mystische Dichtung der Sufis möglich werden. Die Gefahr aber solchen Verhaltens hat die persische Lyrik nicht vermeiden können: sie wurde konventionell und weist nach dem 14. Jahrhundert keine Namen mehr auf, nachdem sie Firdusi, Omar den Teppichweber, Amic, Ferid-ud-din Attar, Saâdi, Hafis und Djami in den Tempel ihres unvergänglichen Ruhmes gestellt hat.

Nach diesen großen Lyrikern begann die Zeit der Geschichtenerzähler – wie auch in den europäischen Literaturen, der provenzalischen, italienischen, deutschen, auf das große Zeitalter der Heldengesänge und Troubadours die noch währende Zeit des Romanes, der Novelle, des Schwankes folgt, des kunstlos Geplauschten für eine hörlustige und anekdotensüchtige Menge.

Gelehrte Arbeit hat sich bemüht, jedem Sprachstamme sein ihm eigenes Gut an Erzähltem, Fabuliertem zuzuschreiben: Es ist aber auf jedes Sprachvolk nur wenig Originales gekommen, verglichen mit der Fülle des Gemeinsamen, das aus einem Borne geschöpft ist, den die einen in Indien, die andern wo anders feststellen zu können glauben. Aber es liegt wohl nahe, jedem Sprachvolke die eigene Findung des auf der Straße des Lebens Liegenden so zuzutrauen, wie es den Inhalt dieser Geschichtchen bildet, von denen manche später aus ihrem anonymen Dasein in das benamte einer künstlerischen Fassung und in den Ruhm treten, wie wir es bei zahlreichen deutschen Schwänken, mehr noch bei den italienischen Novellieri erleben. Das auf der Gasse Liegende: es sind die ins Tragische oder lieber noch ins Komische sich pointierenden Wechselfälle des Liebeslebens. Die Figuren sind zu Typen gesteigert: Der schlaue junge Verführer, der oder die übertölpelte Alte, welche sich mehr zutrauen, als ihnen Natur noch erlaubt, das betörte junge Weibchen, das dafür bestrafte oder das lachende Weibchen.

Es entspricht nur der außerordentlich hohen Gefühlsspannung, wie sie sich im Lyrischen der persischen Dichtung äußert, daß ihr in der Prosaerzählung die Reversseite drastisch nebengesetzt wird: Das Unzulängliche, das Versagende, das Lächerliche, das Komische. Und wird dort ein Platonismus des Gefühls übersteigert, so hier ein Realismus der Sinne. Doch immer nur zu heiteren, zu komischen Effekten: die Zuhörer sollen lachen, nicht grinsen. Das Obszöne in allen seinen Schattierungen liegt dem Erzähler so fern wie seinen Zuhörern. Der Erzähler zwinkert nicht mit den Augen. Er sagt nichts, was er nicht sagte. Es gibt keine Zweideutigkeit. Dafür ist ihm die Sache selbst, die Liebe, zu seriös, zu heilig – und gerade deshalb erzählt er das, was Toren oder Spitzbuben diesem Heiligen antun und erzählt es als komische Glosse, wie zu einem pathetischen Text.

Die Sitten und Bräuche der Liebe, die in diesen Geschichten zum Niederschlag kommen, sind in ihren mann-weiblichen Bestimmungen von denen des Europäers nicht wesentlich verschieden. Bemerkbar ist dazu nur dieses, daß die orientalische Geliebte zwölf Jahre zählt. Und daß sie darum nicht jene sentimentalische Überbelastung besitzen kann, die ihre europäische Schwester im Guten wie im Schlimmen darum auszeichnet, weil sie meist, wenn überhaupt, die Liebe des Mannes um einige Jahre zu spät kennen lernt, oft um viele Jahre zu spät, und dann auch oft nicht die Liebe, sondern irgendwelche Reste davon, welche sich der freier lebende europäische Jüngling dafür gerade noch gerettet hat.

Was die Texte selber anlangt, bildeten getreue englische, französische und italienische Übertragungen die Vorlagen. Bis auf die leicht erkennbaren drei kurzen Lehr-Erzählungen Saâdis ist das hier Wiedergegebene ohne eigentliche Verfassernamen. Es ist Weitererzähltes seit Jahrhunderten, zuweilen Niedergeschriebenes, nicht eigentlich Verfaßtes.

Franz Blei

Die Vergeltung

In Persien gab es einen Vornehmen, der viel Geld und ein großes Gut besaß. Bei ihm übernachtete einmal ein Kaufmann, der aus der Fremde kam. Für den Abend ließ der Vornehme ein prächtiges Essen auftragen. Sie setzten sich beide an den Tisch und aßen. Als der Kaufmann nach einem dunklen Winkel des Raumes blickte, bemerkte er dort eine wunderschöne Frau, die mit einem Hund aus einer Schüssel aß. Als der Kaufmann dies sah, war er sehr erstaunt und befragte seinen Gastgeber: »Was hat das zu bedeuten?«

Da wurde der Vornehme sehr traurig und meinte, er werde kaum die Worte finden, die ihn darüber aufklären könnten. Aber der Kaufmann bat, und so entschloß sich denn der Vornehme und erzählte:

»Die du so erniedrigt hier siehst, war meine Frau. Ich liebte sie mehr als mein Leben; all mein Geld und Gut stand ihr zur Verfügung. Ich besaß einen Negersklaven, mit dem sie mich betrog. Um nun ganz nach ihrem Wunsch leben zu können, ungehindert, beschlossen sie, mich beiseitezuschaffen.

Eines Tages sprach sie mich an: »Du bist so traurig und ich möchte mit dir allein sein. Nur mit dir!« Sie führte mich an einen einsamen Ort, wo sie ein Zelt hatte aufschlagen lassen. Plötzlich sprang aus dem Busch der Neger und dies war auch für meine Frau das Zeichen, nun mit ihm gemeinsam über mich herzufallen. Sie versuchten, mich zu ermorden. Da sprang dieses mein Hündchen, das mir wohl nachgefolgt war, von hinten auf den Schwarzen und verbiß sich in seine Waden. Dadurch bekam ich freie Hand und griff nach meiner Frau. Da sie mir entschlüpfte, erschlug ich den Sklaven. Als ich über sie Gericht halten wollte, fiel sie mir zu Füßen und erfaßte flehend meine Hand. Ich wollte nicht Vollzieher einer Tat sein, die zu tun nur Gott allein zustand. Zur Vergeltung ihrer Treulosigkeit muß sie nun mit diesem Hündchen essen, das mir damals zu Hilfe kam.«

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Der Traum des Pagen

Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.«

Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich.

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Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?«

»Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!«

Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld.

Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!«

Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen.

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Die unbesiegbare Prinzessin

Es lebte einmal, so erzählt man, eine Prinzessin von wundervoller Schönheit und solcher Geschicklichkeit zu Pferde und in der Führung der Waffen, daß kein Mann ihrer Zeit mit ihr darin verglichen werden konnte. Viele Fürsten hatten schon um sie geworben und bekamen immer zur Antwort, daß sie sich im Felde ihr zum Kampfe stellen müßten. Denn solches war ihr Wille: »Der wird mein Gemahl sein, der mich im Zweikampf besiegt. Besiege aber ich ihn, so nehme ich ihm Waffen, Pferde und Rüstung und lasse ihm meinen Namen mit einem glühenden Eisen in die Stirne brennen.« Diese harten Bedingungen hielten manche doch nicht zurück, die von weither kamen, aber die Prinzessin besiegte sie alle, nahm ihnen die Waffen und zeichnete sie selber mit dem Eisen auf die rauchende Stirne.

Da hörte der Sohn des persischen Königs von ihr und schickte sich an, die weite Reise zu machen und nahm große Reichtümer mit. Er kam in die Stadt, in der der Vater der Prinzessin regierte, brachte seine Schätze an einen sicheren Ort und stellte sich am nächsten Tage dem Könige mit kostbaren Geschenken vor. Der empfing ihn sehr gütig und versicherte ihm, wie glücklich er wäre, wenn er siegte. Daraufhin bereitete sich der Prinz zum Kampfe gegen die schöne Prinzessin und bat um die Angabe der Stunde. Die Prinzessin war einverstanden und bestimmte die Zeit. Sofort verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt und zur festgesetzten Zeit war eine große Menge dort versammelt, wo der Kampf vor sich gehen sollte.

Die Prinzessin erschien vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet und trug einen Gürtel und eine Maske. Gleich darauf erschien der Prinz in einer schönen Rüstung. Sie grüßten einander auf kriegerische Weise und begannen den Kampf. Er dauerte lange und war heftig. Kraft und Geschick taten ihr Werk, und die Prinzessin erkannte bald, daß sie den Vorsichtigsten der Vorsichtigen zum Gegner hatte, denn noch nie hatte sie eine solche Ausdauer gefunden. Der Prinz war ihr wirklich überlegen und sie befürchtete ihre Niederlage. Da nahm sie ihre Zuflucht zur Schlauheit und tat ihre Maske vom Gesicht. Sobald der Prinz ihr wundervolles Antlitz sah, war er von dessen Reizen so geblendet, daß er seiner Kraft vergaß und nicht mehr an den Kampf dachte.

Die Prinzessin bemerkte den Eindruck, den sie auf den Prinzen machte, nutzte den Augenblick, rannte ihn mit dem Speer an und hob ihn aus dem Sattel. Und wie der Blitz stellte sie ihm ihren Fuß auf die Brust.

Der Prinz aber hörte nicht auf, sie zu bewundern und achtete gar nicht auf das, was ihm geschah. Die Prinzessin nahm ihm Pferd und Waffen und Rüstung, aber ihm das Zeichen auf die Stirn zu brennen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Sie hieß ihn einfach das Kampffeld verlassen. Da erst kamen ihm seine Sinne wieder und er erkannte, was er verloren hatte. Vor Kummer konnte er weder essen noch trinken, so sehr war ihm die Liebe zur Prinzessin ins Herz gedrungen. Er verabschiedete sein Gefolge und schrieb seinem Vater, daß er nicht eher heimkehren wolle, er hätte denn sein Ziel erreicht. Und wenn er es nicht erreichen sollte, so sei er entschlossen zu sterben. Dieser Brief machte den Vater ganz verzweifelt und er nahm sich vor, seinem Sohn zu Hilfe zu kommen, ein Heer auszurüsten, um die Prinzessin zu entführen. Seine Berater rieten ihm davon ab, und so übergab er Gott das Schicksal seines Sohnes. Der Prinz aber dachte sich einen Plan aus. Er legte Bauernkleider an, stellte sich dann dem Obergärtner der Königin vor und sagte, er wäre ein vorzüglicher Gärtner, der sich besonders auf Rosen und Tulpen verstünde. Der Obergärtner nahm ihn in Dienst und bald hatte der Prinz erfahren, daß die Prinzessin oft des Abends mit den Frauen ihres Gefolges die Kühle ihrer Gärten aufsuchte.

Der Prinz verstand wirklich viel von der Gartenkunst, und da er so geschickt war, gewann er das Vertrauen seines Vorgesetzten, der ihm hundert Sklaven unterstellte, die dem neuen Gärtner vollen Gehorsam zu leisten hatten.

Ein paar Tage darauf kam eine Menge Sklavinnen in den Garten, die Teppiche und kostbare Gefäße trugen. Als der Prinz sie nach der Ursache aller ihrer Vorbereitungen fragte, erfuhr er, daß am Abend die Prinzessin in den Garten kommen würde, um sich zu zerstreuen. Sofort eilte der Prinz an den Ort, wo er seine Schätze und Kostbarkeiten vergraben hatte, brachte einige Kassetten mit herrlichen Steinen und befahl seinen Sklaven, sich zurückzuziehen.

Er selber versteckte sich in einer Laube. Bald darauf erschien die Prinzessin inmitten ihres Gefolges wie der Mond unter den Sternen. Erst liefen die Frauen lachend und scherzend durch den Garten und kamen so an die Stelle, wo sich der Prinz versteckt hielt. Er hatte alle seine edlen Steine ausgebreitet und saß bescheiden daneben. Die Frauen fragten ihn erstaunt, was er da täte. Er antwortete, daß er ein Gärtner des Palastes wäre und daß er beim Graben diesen Schatz entdeckt habe. Darauf trat die Prinzessin, die ihn in der gewöhnlichen Kleidung nicht erkannte, näher und bewunderte verständnisvoll die Steine. Sie fragte ihn, was er denn könne, und er erwiderte, daß er stark und geschickt im Zweikampf wäre, und wenn eine der Damen mit ihm kämpfen wolle, so gebe er den Schatz um einen Kuß. Die Prinzessin, die gerne scherzte, lachte laut und bezeichnete eine der weniger schönen unter ihren Begleiterinnen und sagte: »Ich gebe dir diese da als Gegnerin.«

Die Prinzessin hatte alle ihre Frauen zum Zweikampf abgerichtet. Nachdem nun die beiden Gegner die hinderlichsten Kleidungsstücke abgelegt hatten, kämpften sie miteinander und der Prinz bezwang die Dame und gab ihr sofort einen Kuß auf die Wange. Die Besiegte stand beschämt und seufzend auf und sagte ihren Freundinnen Dinge ins Ohr, daß diese erröteten und lachen mußten. Darauf bezeichnete die Prinzessin eine andere Schöne und sagte zu dem falschen Gärtner: »Kämpfe nun mit dieser.« »Gerne, gnädige Frau,« entgegnete er, »aber diesmal muß der Einsatz ein Kuß auf den Mund sein.«

Die Dame willigte ein, wurde besiegt und bekam den Kuß, der so lange dauerte, daß die Prinzessin ihm Einhalt befehlen mußte. Mit zitternden Lippen und bebendem Busen trat die Besiegte zu ihren Gefährtinnen, und der Gärtner war nicht minder erregt als sie. Da befahl die Prinzessin einer dritten, noch schöneren Dame, sich zum Kampf zu bereiten. Diesmal war die Bedingung ein Kuß auf den Busen. Wiederum siegte der Prinz. Und er konnte sich vor Erregung nicht mehr beherrschen und riß sich alle Kleider vom Leibe, die ihn hinderten, als sich nun die Prinzessin selber zum Kampfe stellte.

»Und was ist der Einsatz?« fragte der Prinz. »Mein Leben gegen das deine!« schrie die Prinzessin auf.

Nach einem harten Kampf ließ der Prinz die Prinzessin nach rückwärts gleiten und fiel auf sie nieder und drückte seinen Mund auf den ihren. Nun hatte die Prinzessin ihren Gegner aus dem Turnier erkannt und, ohne sich auch nur leise zu wehren, empfing sie die brennende Liebe ihres Besiegers, in derselben Stellung, in die sie hingestürzt waren.

Als sie sich zitternd vor Scham, Liebe und Freude erhoben hatte, sprach sie zum Prinzen: »Ich will meine Niederlage nicht öffentlich bekennen. Du hast gesiegt und ich gehöre dir. Entführe mich noch heute Nacht zu dir, denn ich liebe dich.«

Der Prinz warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. In derselben Nacht bestiegen sie schnelle Pferde und eilten nach Persien, wo sie glücklich ankamen. Dem Vater der Prinzessin sandten sie sofort Nachricht und luden ihn zur Hochzeit, welche die beiden zu einem glücklichen Paar vereinte.

0095

Das Weib auf dem Elefanten

Einstmals sah ein Mann von ungefähr in der Einöde einen Elefanten mit einer Sänfte auf dem Rücken. Voller Angst kletterte er auf einen Baum. Der Zufall wollte es aber, daß der Elefant unter denselben Baum kam, die Sänfte von seinem Rücken schüttelte und dann weitertrabte, um zu grasen. Plötzlich entdeckte der Mann ein schönes Weib in der Sänfte, stieg eilends vom Baum herunter und war festen Sinnes, sie in Liebe zu umarmen.

Da er aber auch ihr wohlgefällig war, fing sie solche Worte mit ihm zu reden an, die auf dies Ziel hindeuteten. Und beide überließen sich alsbald süßen Tändeleien. Als sie zu Ende gekommen waren, zog die Frau einen Strick aus ihrem Gewande, der war voller Knoten, denen sie nun noch einen hinzufügte. Der Mann begehrte zu wissen, was das für ein Strick sei und wie es zugehe, daß er so viele Knoten habe und um welches Zweckes willen sie all diesen noch einen neuen Knoten hinzufüge?

Sprach das Weib aber:

»Mein Gatte ist ein Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt hat, und läuft mit mir auf dem Rücken durch Einöden und Wüsten, um sich vor meinen Listen zu behüten. Und trotzdem er mich also scharf bewacht, hatte ich bislang doch schon hundert Männer in Liebe umfangen, deren Andenken ich mir dadurch bewahre, daß ich Knoten in diesen Strick knüpfe. Und heute ist um dieser Liebkosung willen die Zahl der Knoten bis auf hundertundeinen angewachsen!«

0100

Der Papagei

In Persien hatte ein Kaufmann eine sehr schöne Frau, die ihren Gatten mit einem jungen Manne betrog. Der Kaufmann besaß einen Papagei, den er sehr liebte, weil er die menschliche Sprache verstand und er oft mit ihm die Zeit lustig verplaudern konnte. Eines Tages hielt ihn sein Geschäft die ganze Nacht vom Hause fern. Diese Gelegenheit benutzte die Kaufmannsfrau, um ihren Geliebten zu sich zu bestellen. Dieser ließ es sich im ehelichen Bette gar wohl sein, und die Zärtlichkeiten der Liebenden hatten sich noch nicht erschöpft, als die ersten Vogelstimmen den Anbruch des Morgens verkündeten. Zur rechten Zeit verabschiedete sich der junge Mann. Der Kaufmann kehrte mit heiterem Gemüt zurück, denn er hatte sein Geschäft gut erledigt. Da sprach ihn der Papagei an: »Die vergangene Nacht war in deinem Ehebette ein anderer Mann, der aber dasselbe tat, was du sonst mit deiner Frau zu tun pflegst!«

Als der Kaufmann dies von dem Papagei hörte, wurde er sehr aufgebracht und schalt mit seiner Frau. Sie aber erhob ein Klage- und Wehgeschrei und beteuerte: »Gott bewahre! Der Papagei ist ein Verleumder, er lügt!« Mit tausend Ränken und Kniffen verstand sie es, den Kaufmann von ihrer Unschuld zu überzeugen. Der Papagei wurde von ihr als grober Lügner hingestellt, sich selbst aber pries sie als wahrhaft und treu.

Nun hielt wieder einmal ein Geschäft den Gatten vom Hause ab. Die Frau ließ sogleich ihren Geliebten kommen und sie wiederholten die Liebesspiele, die ihnen schon einmal soviel Vergnügen bereitet hatten. Die Ehebrecherin fand Gelegenheit, ihrem Geliebten von dem Verrat des Papageis zu berichten. Dieser entsetzte sich bei dem Gedanken, daß sie nun beide der öffentlichen Schande preisgegeben werden könnten. Sie aber beruhigte ihn: »Meine List wird doch mit einem Papagei fertig werden, wenn er auch noch so gut zu reden versteht.« Alsdann ließ sie ihre Sklavinnen ein Haarsieb, einen irdenen Topf, ein wenig Wasser und eine Ochsenhaut herbeibringen. Die Haut legte sie über den Bauer des Papageis, auf welche die eine Sklavin von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlug, während eine andere in dem irdenen Topfe eine Flamme anfachte, den Bauer öffnete, die Flamme leuchten und aufflackern ließ und bald darauf den Bauer wieder schloß. Eine Dritte endlich mußte durch das Haarsieb den Papagei mit Wasser besprengen. Nachdem der arme Vogel auf diese Weise bearbeitet worden war, ließ sich die Frau weiter nicht mehr abhalten, die Zeit bis zum Morgen noch redlich auszunützen. Zur rechten Zeit ging der junge Mann fort, und der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück.

Der Papagei erstattete abermals Bericht und sagte: »Auch diese vergangene Nacht hat deine Gattin bis zum Morgen den jungen Mann bei sich liegen gehabt. Aber ich konnte die beiden nicht beobachten, weil es geregnet, geblitzt und gedonnert hatte und ich meinen Kopf bei diesem Unwetter unter meinen Flügeln stecken lassen mußte.«

Triumphierend wandte sich die Gattin an ihren Mann: »Nun glaubst du mir doch, daß der Papagei lügt. Heute Nacht haben die Sterne geleuchtet, es hat weder geregnet, noch geblitzt, noch gedonnert.« Der Kaufmann mußte ihr Recht geben.

»Siehst du nun ein, daß dein Papagei sich Lügen erfindet?«

Durch diese List gelang es der verschmitzten Kaufmannsfrau, ihren Gatten von ihrer gänzlichen Unschuld zu überzeugen. Der Vogel kränkte sich sehr, daß er das Vertrauen seines Herrn verloren hatte. Er mußte fortan sehen und hören, wie der Kaufmann betrogen wurde, und schwieg dazu, weil er einsehen mußte, daß gegen die List einer Frau nicht aufzukommen ist.

0106

Neuntes Kapitel


Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid.

Ihr unglückseligen Grafen und Barone, die ihr das Selbstgefühl eines Mannes verspottet, der euch durch schöne Handlungen zu dem Eingeständnis zwingen will, daß er ebenso adlig ist, wie ihr – hütet euch vor ihm, wenn es euch gelingt, seine edle Anmaßung niederzuhalten, ihn selber zu demütigen; denn von gerechter Verachtung ergriffen, wird er mit Nägeln und Zähnen über euch herfallen, und mit Recht. Denn ihr müßt diesen Mann achten, der zwar kein Edelmann nach eurer Art ist, aber sich Edelmann nennt, weil er der Meinung ist, er brauche nur schöne Handlungen zu vollbringen, um das Recht zu haben, als Edelmann aufzutreten. Achtet diesen Mann, der dem Worte Adel einen Sinn gibt, den ihr nicht begreift. Er behauptet nicht, daß der Adel in einer Reihenfolge von Geschlechtern besteht, deren letzter Sprößling er selber ist; denn er lacht über die Stammbäume, die so oft durch unedles Blut befleckt sind, das durch ungetreue Gattinnen in die Adern ihrer Kinder gelangte. Nach seiner Erklärung ist der wirkliche Adelige der Mann, der Achtung verlangt, und nach dessen Meinung es nur ein einziges Mittel gibt, um Achtung zu verdienen: sich selber zu achten, seine Mitmenschen zu achten, ehrenhaft zu leben, niemanden zu täuschen, niemals seine Zunge mit einer Lüge zu besudeln, wenn der, zu dem man spricht, glauben muß, daß man die Wahrheit spricht, und endlich die Ehre dem Leben vorzuziehen.

Dieser letzte Teil seiner Erklärung muß in euch die Furcht erwecken, daß er euch tötet, wenn ihr ihn verräterischerweise oder durch Überraschung entehrt. Nach einem physikalischen Gesetze folgt auf jeden Stoß ein Gegenstoß; aber im Moralischen ist die Rückwirkung noch stärker. Die Rückwirkung des Betruges ist Verachtung, die Rückwirkung der Verachtung ist Haß, und Haß führt zu Mord.

Der Schuhflicker Don Diego hatte vielleicht gedacht, daß er sich in meinen Augen etwas lächerlich gemacht hatte, indem er mir sagte, er sei ein Edelmann, da er jedoch wußte, daß er in dem Sinne, den er diesem Worte beilegte, wirklich ein Edelmann war, so wollte er mich immer mehr überzeugen, daß er mir keine Vorspiegelungen gemacht hatte. Seine edle Handlungsweise im Buen Retiro hatte mir schon seine schöne Seele enthüllt; aber dies genügte ihm nicht; er wollte konsequent sein. Als er durch meinen Brief einen Auftrag erhielt, wie ihn ein jeder gut oder schlecht ausführen kann, da wollte er mich nicht wie ein Bankier bedienen, sondern beschloß ein Haus zu mieten, um mir dessen besten Teil abzutreten. Ohne Zweifel hatte er auch berechnet, daß er dabei nichts verlieren würde, da er hoffen konnte, eine gut imstande gehaltene hübsche Wohnung würde nach mir nicht lange leer bleiben; hauptsächlich aber rechnete er auf meine Zufriedenheit und auf die Achtung, die ich ihm infolgedessen innerlich zollen würde.

Er täuschte sich nicht, denn ich behandelte ihn wie meinesgleichen und pries auf das höchste alles, was er gemacht hatte.

Doña Ignazia war ganz stolz auf das, was ihr Vater für mich getan hatte. Wir blieben eine Stunde lang beisammen, leerten eine Flasche ausgezeichneten Weines und regelten alle unsere geschäftlichen Angelegenheiten.

Ich verlangte, daß die Biskayerin auf meine Rechnung gehen solle, und setzte diesen Wunsch mit großer Mühe durch. Da ich jedoch wünschte, daß das Mädchen in Don Diegos Dienst zu stehen glaubte, so bat ich diesen, ihr täglich ihre Auslagen für mich zu bezahlen; denn ich wollte zu Hause essen, zum mindesten bis zur Rückkehr des Gesandten. Außerdem sagte ich ihm, es sei für mich eine Folterqual, allein zu essen, und ich bitte ihn daher, mittags und abends stets an meinem Tische zu speisen. Vergeblich suchte er Ausreden zu gebrauchen; er mußte schließlich nachgeben und behielt sich nur das Recht vor, sich durch seine Tochter vertreten zu lassen, wenn er selber zuviel Arbeit hätte, um sich umkleiden zu können. Wie man sich denken kann, lehnte ich diese Bedingung nicht ab, denn ich hatte sie erwartet.

Am nächsten Tage machte ich meinem Wirt einen Besuch, denn ich war neugierig, wie er eingerichtet wäre. Ich betrat zunächst eine kleine Kammer, die für Doña Ignazia bestimmt war. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Koffer und einem Stuhl; neben dem Bett stand außerdem ein Betschemel, auf welchem sie niederkniete, um vor einem vier Fuß hohen Bilde zu beten. Dieses stellte den heiligen Ignaz von Loyola vor, einen schönen Jüngling von wollüstigen Formen, der mehr dazu angetan war, die Sinne zu erregen, als zur Frömmigkeit anzueifern.

Mein Schuhflicker sagte zu mir: »Ich wohne jetzt viel besser als früher, und Ihre Wohnung trägt mir das Vierfache der Miete für das ganze Haus.«

»Aber die Möbel und die Wäsche?«

»In vier Jahren wird alles bezahlt sein. Ich hoffe, dieses Haus wird die Mitgift meiner Tochter sein, und diese schöne Spekulation verdanke ich Ihnen.«

»Das freut mich. Aber mir scheint, Sie machen da ein Paar ganz neuer Schuhe?«

»Allerdings; aber bemerken Sie, daß ich nach einem Leisten arbeite, den man mir gegeben hat. Ich bin daher nicht genötigt, sie meinem Besteller anzuziehen, und brauche mich nicht darum zu bekümmern, ob sie gut oder schlecht sitzen.«

»Wieviel bezahlt man Ihnen dafür?«

»Dreißig Realen.«

»Das ist teurer als der gewöhnliche Preis.«

»O ja; es ist aber auch ein großer Unterschied zwischen meinen Schuhen und denen der anderen Schuhmacher. Bei den meinigen ist sowohl die Arbeit wie die Güte des Leders viel besser.«

»Ich werde mir einen Leisten machen lassen, und Sie werden mir Schuhe anfertigen, wenn es Ihnen recht ist; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß sie vom schönsten Leder sein und Sohlen von doppeltem Marokkoleder haben müssen.«

»Solche kosten mehr und halten nicht solange.«

»Das ist einerlei; im Sommer kann ich nur sehr leichte Schuhe tragen.«

Als ich mich empfahl, sagte er mir, er sei sehr beschäftigt, seine Tochter werde daher mit mir speisen.

Ich machte einen Besuch beim Grafen von Aranda, der mich kalt, aber sehr höflich empfing. Ich erzählte ihm, was mir in Aranjuez begegnet war: die Schikane des Pfarrers und die Unhöflichkeit des Ritters Mengs.

»Ich habe davon gehört. Dieses neue Abenteuer war schlimmer als das erste, und ich hätte keine Abhilfe zu schaffen gewußt, wenn Sie nicht schnell Ihre Osterbeichte abgelegt hätten; dadurch war der Pfarrer gezwungen, Ihren Namen wieder auszustreichen. Augenblicklich glaubt man mich durch Plakate zu beunruhigen; aber ich bin dabei ganz ruhig.«

»Was will man denn nur von Eurer Exzellenz?«

»Ich soll den langen Mantel und den Schlapphut erlauben. Das wissen Sie doch?«

»Ich bin erst gestern Abend angekommen.«

»Schön. Kommen Sie also Sonntag lieber nicht zu mir, denn mein Haus soll in die Luft fliegen.«

»Gnädiger Herr, ich bin neugierig, ob es recht hoch fliegen wird. Ich werde um zwölf Uhr in Ihrem Saal sein.«

»Ich glaube, Sie werden nicht allein sein.«

Ich ging hin, und der Saal war so voll, wie ich ihn nie gesehen hatte. Der Graf sprach mit allen Anwesenden. Unter dem letzten Plakate, das ihn mit dem Tode bedrohte, standen zwei sehr kräftige Verse. Der Verfasser des Anschlages wußte, daß man ihn hängen würde, wenn man ihn entdeckte, und hatte geschrieben:

Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich.
Aber sie kriegen mich nicht.

Beim Essen gab Doña Ignazia mir zu erkennen, daß sie mich sehr gerne in ihrem Hause sah; aber sie ging nicht ein einziges Mal auf die verliebten Reden ein, die ich an sie richtete, wenn Filippo hinausgegangen war. Sie errötete, seufzte, und da sie doch endlich sprechen mußte, so sagte sie mir, sie bitte mich, alles zu vergessen, was zwischen ihr und mir vorgefallen sei. Ich antwortete ihr lächelnd, sie wisse sicherlich, daß mir dies nicht möglich sei, und setzte mit gekränkter Miene, halb ernst, halb zärtlich hinzu: »Selbst wenn es in meiner Macht stünde, alles zu vergessen, so würde ich es nicht wollen.«

Da ich wußte, daß sie weder sich verstellte noch heuchelte, so begriff ich sofort, daß die Frömmigkeit sie in ihrer Macht hielt, aber ich wußte, woran ich mich zu halten hatte, und daß ihr Widerstand nicht lange dauern konnte. Ich mußte Schritt vor Schritt vorgehen. Ich hatte schon mit anderen Frommen zu tun gehabt, die nicht ein so siedend heißes Temperament besaßen wie Ignazia und mich weniger liebten; trotzdem hatten sie sich ergeben.

Nach dem Essen blieb sie noch eine Viertelstunde mit mir zusammen, aber ich ließ mir nicht das geringste von meiner Liebe merken.

Als ich meine Siesta gehalten hatte, kleidete ich mich an und ging aus, ohne sie zu sehen. Als sie am Abend zu mir und ihrem Vater kam, der mit mir gespeist hatte, behandelte ich sie mit der größten Freundlichkeit, ohne mich im geringsten verdrießlich zu zeigen. Am folgenden Tage verfuhr ich ebenso. Beim Essen sagte sie mir, sie habe mit ihrem Liebhaber gleich in den ersten Tagen der Fasten gebrochen und bitte mich, ihn nicht zu empfangen, falls er mir etwa einen Besuch machen sollte.

Am Pfingsttage war ich beim Grafen Aranda und ging dann nach Hause; Don Diego, als richtiger Edelmann gekleidet, speiste mit mir. Seine Tochter sah ich nicht. Als ich ihn fragte, ob sie auswärts esse, antwortete er mir mit einem Lächeln, das ganz unspanisch war und das er sich einem seiner Landsleute gegenüber nicht erlaubt haben würde, sie habe sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie allem Anschein nach das heilige Fest des Heiligen Geistes feiere. Am Abend werde sie sicherlich herunterkommen, um mit mir zu essen; denn er sei bei seinem Bruder eingeladen und werde mindestens bis Mitternacht ausbleiben.

»Mein lieber Diego, machen Sie keine Komplimente! Sagen Sie, bevor Sie fortgehen, Ihrer lieben Tochter, sie möge keine Umstände machen; ich verzichte herzlich gern auf meine gesellschaftlichen Rechte zugunsten jener Ansprüche, die Gott auf ihr Gewissen haben mag. Sagen sie ihr, sie möge sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit verhalten, wenn sie etwa ihren frommen Übungen Zwang antun müsse, um mit mir zu Abend zu essen; wir würden ein andermal miteinander speisen. Werden Sie ihr das sagen? Sie machen mir damit ein Vergnügen.«

»Da Sie es wünschen, so soll es nach Ihrem Willen geschehen.«

Nachdem ich meine Siesta gehalten hatte, kam der brave Mann wieder und sagte mir, Doña Ignazia lasse mir danken, sie werde von meiner Erlaubnis Gebrauch machen, da es ihr angenehm sei, an diesem Tage niemanden zu sehen.

»Sehen Sie, so müssen wir untereinander leben! Morgen werde ich ihr meinen Dank sagen.«

Es kostete mir einige Mühe, ihm diese Antwort zu geben; denn diese übermäßige Frömmigkeit mißfiel mir so sehr, daß ich sogar fürchtete, sie könnte die Liebe ersticken, die ich dem reizenden Mädchen entgegenbrachte. Trotz meiner Empfindlichkeit hätte ich aber beinahe laut herausgelacht, als der biedere Don Diego mir sagte, ein kluger Vater müsse seiner Tochter ein Übermaß von Frömmigkeit ebenso verzeihen wie eine starke Liebesleidenschaft. Solche Philosophie hätte ich von einem spanischen Schuhflicker nicht erwartet, trotz seinem Adel.

Da das Wetter an diesem Tage nicht schön war, so beschloß ich nicht auszugehen. Ich sagte Filippo, er möchte meinen Wagen fortschicken und könnte spazieren gehen; doch solle er vorher der Biskayerin sagen, ich würde erst um zehn Uhr zu Abend essen. Als ich allein war, setzte ich mich zum Schreiben nieder; am Abend kam die Mutter und zündete meine Kerzen an, und ich ging zu Bett, ohne gegessen zu haben. Als ich am anderen Morgen um neun Uhr eben erwacht war, sah ich zu meiner großen Überraschung Doña Ignazia eintreten. Sie sagte mir, wie schmerzlich es ihr gewesen sei, als sie am Morgen erfahren habe, daß ich nicht zu Abend gegessen habe.

»Da ich allein, traurig und unglücklich war, so tat ich gut, mich des Essens zu enthalten.«

»Sie sehen niedergeschlagen aus.«

»Ich werde besser aussehen, sobald es Ihnen gefällt.«

Da der Friseur kam, so ließ sie mich allein. Ich kleidete mich an und ging zur Messe in die Kirche Buen Suceso, wo ich die schönsten Kurtisanen von Madrid sah. Ich aß mit Don Diego zu Mittag, und als beim Nachtisch seine Tochter erschien, sagte er zu ihr, sie sei schuld, daß ich am Abend vorher nichts gegessen habe.

»Dies soll nicht wieder vorkommen!« antwortete sie.

»Wollen Sie mit mir nach der Kirche Unserer lieben Frau von Atocha fahren, meine teure Ignazia?«

»Ich möchte es gern«, antwortete sie, indem sie ihrem Vater einen Blick zuwarf.

»Liebe Tochter,« sagte Diego, »die wahre Frömmigkeit ist untrennbar von einem fröhlichen Herzen und von dem Vertrauen, das man zu Gott, zu sich selber und zu der Rechenschaft der ehrenwerten Menschen, mit denen man verkehrt, haben muß. Daher mußt du glauben, daß Señor Don Jaime ein braver Mann ist, obgleich er nicht das Glück hat, als Spanier geboren zu sein.«

Über diesen Schluß mußte ich unwillkürlich lachen; Don Diego fühlte sich jedoch nicht dadurch beleidigt. Doña Ignazia küßte ihrem Vater die Hand und fragte mich in einem Ton verführerischer Unschuld, ob ich erlauben wolle, daß sie ihre Cousinen einlade.

»Wozu brauchst du deine Cousinen mitzunehmen?« sagte Diego. »Ich bürge für Don Jaime.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Don Diego. Aber wenn ihre Cousine mitkommen will und Doña Ignazia ihre Begleitung wünscht, so wird es mir eine große Freude sein; nur möchte ich, daß die ältere käme, denn deren Charakter gefällt mir besser als der ihrer Schwester.«

Nachdem diese Verabredung getroffen worden war, entfernte der Vater sich, und ich schickte Filippo in ein Fuhrgeschäft, um vier Maultiere anspannen zu lassen.

Als wir allein waren, fragte Ignazia mich zärtlich und reuevoll, ob ich ihr verzeihe.

»Alles, mein Engel – wenn Sie mir nur erlauben, Sie zu lieben.«

»Ach, lieber Freund! Ich fürchte wahnsinnig zu werden, wenn ich noch länger den Kampf bestehe, der mir Seele und Herz zerreißt!«

»Es ist kein Kampf nötig, teure Ignazia. Lieben Sie mich wie ich Sie liebe, oder befehlen Sie mir zu gehen und nicht wieder vor Ihren Augen zu erscheinen. Ich werde die Kraft besitzen, Ihnen zu gehorchen, aber das wird Sie nicht glücklich machen.«

»Oh, das weiß ich! Nein, nein, bleiben Sie zu Hause, dieses Haus gehört Ihnen. Nun aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben, wenn Sie glauben, meine große Cousine habe einen besseren Charakter als die kleine. Ich weiß, warum Sie dies seit der letzten Nacht des Karnevals glauben. Die kleine ist gut; so häßlich sie ist, so ist sie doch unterlegen, genau wie ich. Aber die ältere, die zehnmal häßlicher ist, ist boshaft vor Verdruß, daß niemals ein Mann sie hat lieben wollen. Sie glaubt, Sie verliebt gemacht zu haben, und trotzdem spricht sie schlecht von Ihnen; sie macht mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nicht widerstanden habe, und brüstet sich, bei ihr werde es Ihnen nicht so leicht gelingen.«

»Sagen Sie nichts weiter, meine Liebe! Wir müssen sie bestrafen und die jüngere mitnehmen.«

»Vortrefflich; ich danke Ihnen.«

»Weiß Sie, daß wir uns lieben?«

»Wozu es ihr sagen? Sie hat es erraten; aber sie hat ein gutes Herz und begnügt sich damit, mich zu beklagen. Sie wünscht, daß wir zusammen vor der heiligen Jungfrau der Soledad eine Andacht verrichten, die die Wirkung haben wird, uns alle beide von einer Liebe zu heilen, die uns um unser Seelenheil bringt.«

»Sie ist also ebenfalls verliebt?«

»Ja, und das arme Mädchen liebt unglücklich; denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Das muß eine große Qual sein.«

»Wahrhaftig, ich bedauere sie; denn so, wie sie aussieht, weiß ich nicht, welcher Mann sie begehren sollte. Sie ist ein armes Mädchen, und es wäre ihr gut, wenn sie nicht das Bedürfnis hätte, zu lieben. Aber Sie…«

»Ich! Schweigen Sie. Meine Seele ist einer größeren Gefahr ausgesetzt als die ihrige; ich weiß nicht, ob ich hübsch bin, aber man begehrt meiner. Ich muß mich verteidigen oder mich hingeben, und es gibt Männer, gegen die eine Verteidigung nicht möglich ist. Gott ist mein Zeuge, daß ich in der Osterwoche ein armes Mädchen besucht habe, das die Pocken hatte. Ich habe sie berührt, weil ich hoffte, daß ihre Krankheit mich anstecken und daß ich dann häßlich werden würde. Aber Gott hat es nicht gewollt, und obendrein hat mein Beichtvater mich ausgescholten und mich zu einer Buße verurteilt, die ich niemals erwartet hätte.«

»Was für eine Buße war das?«

»Nachdem er mir gesagt hatte, daß ein schönes Gesicht ein Zeichen für eine schöne Seele und daß es ein Geschenk Gottes sei, für das man ihm jeden Tag danken müsse, weil ein schönes Gesicht eine Empfehlung bei allen Menschen sei, erklärte er mir: indem ich mich bemüht hätte, häßlich zu werden, hätte ich Gott beleidigt, indem ich sein Werk zerstören wollte, und hätte mich dadurch seiner Gnade unwürdig gemacht. Nachdem er mir tausend Dinge dieser Art gesagt hatte, befahl er mir, zur Strafe für diese Sünde ein wenig rote Schminke auf meine Wangen zu legen, so oft es mir vorkäme, als ob sie zu blaß wären. Ich habe mich fügen müssen und einen Topf roter Schminke gekauft, aber ich habe mich desselben noch nicht bedienen zu müssen geglaubt. Bedenken Sie nur, daß mein Vater ihn sehen könnte! In welcher Verlegenheit würde ich sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß ich die Schminke zur Buße gekauft habe.«

»Ist Ihr Beichtvater jung?«

»Er ist ein alter Mann von siebzig Jahren.«

»Sagen Sie ihm alle einzelnen Umstände Ihrer Sünden?«

»O gewiß; denn ein jeder Umstand, mag er noch so klein sein, kann eine große Sünde sein.«

»Fragt er Sie?«

»Nein; denn er weiß, daß ich ihm alles sage. Ich schäme mich dabei sehr, aber dies läßt sich nicht vermeiden.«

»Haben Sie diesen Beichtvater schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Vor ihm hatte ich einen ganz unerträglichen. Er fragte mich nach Dingen, die mich empörten.«

»Wonach fragte er Sie?«

»Oh, erlassen Sie es mir, Ihnen dies zu sagen.«

»Wozu brauchen Sie so oft zur Beichte zu gehen?«

»So oft! Wollte Gott, ich brauchte nicht so oft hinzugehen. Übrigens gehe ich nur alle acht Tage zur Beichte.«

»Das ist zuviel!«

»Nein; denn Gott weiß, daß ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Sünde begangen habe. Ich habe Angst, während meines Schlafes zu sterben.«

»Ich beklage Sie, teure Freundin; denn diese Angst muß Sie unglücklich machen. Ich habe einen Vorzug, den Sie nicht besitzen: ich rechne viel mehr als Sie auf Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen nicht fehlen kann.«

Die Cousine kam, und wir fuhren ab. Wir fanden viele Wagen vor der Tür der kleinen Kirche, die voll von Frommen beiderlei Geschlechts war. Ich sah unter anderen die durch ihre Mannstollheit berüchtigte Herzogin von Villadorias. Wenn die Begierde über sie kam, konnte nichts sie zurückhalten. Sie bemächtigte sich des Mannes, der ihren Instinkt erregte, und er mußte sie befriedigen. Dies war mehrere Male in großer Gesellschaft vorgekommen, deren Teilnehmer sich hatten flüchten müssen. Ich hatte sie auf dem Ball kennen gelernt; sie war noch hübsch und ziemlich jung. In dem Augenblick, wo ich mit meinen beiden Betschwestern eintrat, lag sie auf den Fliesen der Kirche auf den Knien; sie hob den Kopf und richtete ihre Augen auf mich, wie wenn sie sich auf mich zu besinnen suchte. Sie hatte mich bis dahin nur im Domino gesehen. Als meine Begleiterinnen eine halbe Stunde gebetet hatten, standen sie auf, um hinauszugehen, und die Herzogin erhob sich ebenfalls. Draußen vor der Kirche fragte sie mich, ob ich sie kenne; ich nannte sie bei ihrem Namen, und sie fragte mich, warum ich sie nicht besuche, und ob ich zur Herzogin von Benevento gehe. Ich verneinte diese Frage und sagte ihr, ich würde die Ehre haben, ihr meine Aufwartung zu machen.

Während wir nach der Promenade der Balbazos fuhren, erklärte ich meinen beiden Begleiterinnen die Krankheit der Herzogin. Doña Ignazia fragte mich in ängstlichem Ton, ob ich Wort halten und ihr einen Besuch machen würde. Sie atmete auf, als ich ihr versicherte, ich würde es nicht tun.

Es kommt mir über alle Maßen lächerlich vor, wenn eine elende Philosophie Tatsachen, die von der Vernunft entschieden sind, seitdem die Vernunft existiert, immer noch zu den ungelösten Problemen rechnet. Man fragt, welches von den beiden Geschlechtern beim Zeugungsakt die größere Befriedigung empfinde. Homer behandelt diese Frage, indem er einen Wettstreit zwischen Jupiter und Juno mitteilt. Teiresias, der Weib gewesen war, gab ein richtiges Urteil ab, das jedoch einen lächerlichen Eindruck macht, weil es so aussieht, wie wenn er die beiden Freuden in die beiden Schalen einer Wage gelegt habe. Irgend jemand hat gesagt, das Weib habe den größten Genuß, weil dieser bei ihr schneller einträte, weil er sich oft wiederhole, und endlich, weil das Fest bei ihr stattfinde; dieser Grund ist ziemlich glaubwürdig, denn sie braucht mit der größten Bequemlichkeit nur alles geschehen zu lassen; sie ist zugleich handelnder und leidender Teil, während zur Befriedigung des Mannes Handeln unumgänglich notwendig ist. Es gibt jedoch noch einen physikalischen Grund, der die Frage ohne jeden Zweifel entscheidet; wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, so wäre die Natur ungerecht; dies aber ist nicht möglich. Übrigens gibt es nichts Überflüssiges in der Schöpfung, und der Schöpfer hat kein Ding dazu bestimmt, nur Schmerzen zu leiden oder Genuß zu bereiten, ohne solchen zu empfangen. Wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, hätte sie nicht mehr als er zu verrichten und hätte auch nicht mehr Organe als er. Schon die Gebärmutter muß ein Zeichen sein, daß der Genuß des Weibes bei weitem größer ist als der des Mannes; denn dieses Organ hängt mit dem Gehirn in keiner Weise zusammen und ist daher völlig unabhängig von der Vernunft; es hat kein anderes Bedürfnis als Nahrung zu geben und Nahrung zu empfangen; sein Instinkt wird Wut, wenn es vom Temperament erregt wird. Dies wäre hinreichend bewiesen durch die Andromanie, an welcher viele Frauen leiden; diese Krankheit macht die einen zu Messalinen und die anderen zu Märtyrerinnen. Der Mann hat keine Krankheit, die mit der Andromanie verglichen werden könnte.

Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der Frau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes.

Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so sage ich zu mir selber nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt, und die mich veranlassen, mein Geschlecht vorzuziehen. Nichtsdestoweniger würde ich, wenn ich den Vorzug haben könnte, noch einmal wiedergeboren zu werden, mich gern einverstanden erklären, nicht nur als Weib, sondern sogar als Tier irgendwelcher Art wiedergeboren zu werden; selbstverständlich mit meinem Gedächtnis; denn sonst wäre ich ja nicht mehr ich.

Auf der Balbazos-Promenade aßen wir Eis; hierauf fuhren meine beiden jungen Damen mit mir nach Hause; sie waren sehr zufrieden mit dem Vergnügen, das ich ihnen an diesem Tage verschafft hatte, ohne den lieben Gott zu beleidigen.

Doña Ignazia war entzückt, mit mir den ganzen Tag verbracht zu haben, ohne daß ich etwas gegen sie unternommen hätte; offenbar fürchtete sie jedoch, ich würde mich beim Abendessen nicht in denselben Grenzen halten, und bat mich daher, ihre Cousine einzuladen, mit uns zu speisen. Ich war damit einverstanden, und sogar mit Vergnügen.

Diese Cousine, die ebenso dumm wie häßlich war, hatte ein gutes Herz und besaß die ausgezeichnete Eigenschaft, mitfühlend zu sein. Da ich wußte, daß Doña Ignazia ihr alles anvertraut hatte, was zwischen uns vorgefallen war, so war es mir nicht unlieb, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war: sie konnte mir nicht lästig werden, und Doña Ignazia glaubte, ich würde in ihrer Anwesenheit nichts unternehmen.

Es war bereits ein drittes Gedeck aufgelegt worden, als ich jemanden die Treppe hinaufkommen hörte. Es war der Vater, und ich lud ihn ein, mit uns zu essen. Ich glaube, bereits gesagt zu haben, daß Don Diego liebenswürdig war; besonders aber ergötzte er mich durch seine Lebensweisheiten auf dem Gebiete der Moral. Er hatte die Marotte, sich mit seinem Vertrauen brüsten zu wollen. Er wußte oder ahnte doch zum mindesten, daß ich seine Tochter liebte; aber er glaubte, es geschehe in allen Ehren, sei es, daß er sich auf meine Redlichkeit verließ, oder daß er seine Tochter durch ihre Frömmigkeit gepanzert glaubte. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß er gekränkt gewesen wäre und ihr nicht erlaubt haben würde, mit mir unter vier Augen beisammen zu sein, wenn er geahnt hätte, was bereits zwischen uns vorgefallen war.

Bei Tisch saß er neben seiner Nichte und gegenüber seiner Tochter, die mir zur Rechten saß; er bestritt zu einem guten Teil die Kosten der Unterhaltung; denn der Spanier ist zwar ernst, aber beredt, und seine reiche, pomphafte Sprache macht ihm die Beredsamkeit leicht.

Es war sehr warm, und da ich gerne mir selber es bequem machen wollte, so forderte ich ihn auf, seinen Rock auszuziehen und auch seine Tochter es sich bequem machen zu lassen, wie wenn sie mit ihm und seiner Frau allein wäre.

Ohne sich lange bitten zu lassen, nahm Doña Ignazia ihr Halstuch ab und entblößte ihren schönen Busen; aber es kostete viele Mühe, bis ihre arme Cousine sich entschloß, uns ihre schwarze Haut und ihre Knochen sehen zu lassen.

Doña Ignazia erzählte ihrem Vater, wie viel Vergnügen die Anbetung Unserer lieben Frau von Atocha und der Spaziergang auf der Balbazos-Promenade ihr gemacht habe, und sagte ihm schließlich, sie habe die Herzogin von Villadorias gesehen, die mich eingeladen habe, sie zu besuchen.

Dies veranlaßte den biederen Don Diego über die Krankheit der Dame zu philosophieren und zu scherzen. Er erzählte viele Einzelheiten, über die wir lange Betrachtungen anstellten; die beiden Mädchen taten so, wie wenn sie nichts davon verständen.

Der gute Manchaer Wein hielt uns bis ein Uhr bei Tische, und uns allen war die Zeit kurz vorgekommen. Don Diego sagte seiner Nichte, sie könnte mit seiner Tochter in der Kammer schlafen, worin wir uns befänden, denn das Bett wäre breit genug für zwei, während das Bett der Doña Ignazia zu eng wäre, besonders bei der sehr heißen Nacht. Ich beeilte mich hinzuzufügen, daß die jungen Damen durch die Annahme dieses Vorschlages mir eine Ehre erwiesen; Doña Ignazia erwiderte jedoch errötend, es sei nicht schicklich, denn das Zimmer sei von dem meinigen nur durch eine Glastüre getrennt.

Auf diesen Einwurf sah ich Don Diego mit einem Lächeln an, und der brave Mann, dem stets viel daran lag, mir einen hohen Begriff von seinem Geiste zu geben, begann auf die lächerlichste Art auf seine Tochter einzureden. Er sagte ihr: »Señor Don Jaime muß mindestens zwanzig Jahre älter sein als du. Durch diesen Verdacht hast du eine größere Sünde begangen, als wenn du dich zu irgendeiner kleinen verliebten Gefälligkeit herbeigelassen hättest. Ich bin überzeugt, am Sonntag wirst du vergessen, dich des Verbrechens anzuklagen, daß du Don Jaime eine unehrenhafte Handlungsweise zugetraut hast.«

Doña Ignazia sah mich zärtlich an, bat mich um Verzeihung und sagte mir, sie werde tun, wie es ihr Vater wolle. Die Cousine sagte nichts. Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn, wünschte mir gute Nacht und entfernte sich, sehr zufrieden mit seiner Rednergabe. Ich dachte mir, daß Ignazia irgendeinen Angriff von meiner Seite erwartete, und da ich überzeugt war, daß sie sich einen Widerstand vorgenommen hatte, mit dem sie sich vor ihrer Cousine brüsten konnte, und der mich geschmerzt haben würde, so beschloß ich, sie ganz und gar in Ruhe zu lassen, und ging zu Bett. Am anderen Morgen stand ich jedoch um sechs Uhr auf in der Hoffnung, ihr irgendeinen kleinen Streich spielen zu können. Als ich aber in das Zimmer trat, fand ich das Bett bereits gemacht und die Vögel ausgeflogen. Da es der dritte Feiertag war, so zweifelte ich nicht, daß sie in die Soledad zur Messe gegangen wären.

Um zehn Uhr kam Doña Ignazia allein zurück. Sie fand mich allein, vollständig angezogen und mit Schreiben beschäftigt. Sie sagte mir, sie sei drei Stunden in der Kirche gewesen, und ihre Cousine, die sie begleitet habe, sei eben erst zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

»Ich vermute, Sie sind zur Beichte gegangen?«

»Nein, ich war Sonntag zur Beichte und werde erst am nächsten Sonntag wieder hingehen.«

»Ich bin entzückt, daß Ihre Beichte nicht meinetwegen länger sein wird.«

»Sie täuschen sich.«

»Wie, ich täusche mich? Ach so, ich verstehe. Aber hören Sie, ich will nicht, daß wir beide wegen einfacher Begierden unser Seelenheil verscherzen. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu quälen, und ebensowenig, um selber Märtyrer zu werden. Was Sie mir bewilligt haben, hat mich ganz und gar in Sie verliebt gemacht, und ich schaudere bei dem Gedanken, daß meine und Ihre Zärtlichkeiten zum Gegenstande Ihrer Reue geworden sind. Ich habe eine sehr schlechte Nacht verbracht, und ich muß auf meine Gesundheit acht geben. Ich werde versuchen, Sie zu vergessen, aber dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß ich Sie nicht mehr sehe. Ich werde die Wohnung bei Ihnen behalten, aber schon morgen ziehe ich anderswohin. Wenn Ihr religiöses Gefühl aufrichtig ist, so müssen Sie meinem Plan beistimmen. Teilen Sie ihn am Sonntag Ihrem Beichtvater mit, und Sie werden sehen, daß er ihn billigen wird.«

»Was Sie da sagen, ist wahr; aber ich kann nicht einwilligen. Es steht Ihnen frei, sich von mir zu entfernen; ich werde es schweigend dulden, werde meinen Vater reden lassen, aber ich werde das unglücklichste Geschöpf in ganz Madrid sein.«

Während sie diese Worte sprach, rollten zwei dicke Tränen über ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder; ich fühlte mich tief bewegt und sagte: »Ich liebe Sie, schöne Ignazia, und ich hoffe, die Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt haben, wird mich nicht zur Hölle verdammen. Ich kann Sie nicht sehen, ohne Sie zu lieben, und da ich Sie liebe, so zwingt die Natur mich, Ihnen meine Liebe deutlich zu bekunden: dies ist für mein Glück notwendig. Sie sagen: wenn ich gehe, so werden Sie unglücklich sein. Ich kann mich nicht entschließen. Sie unglücklich zu machen; aber wenn ich bleibe, so werde ich unglücklich sein, falls Sie nicht eine andere Haltung einnehmen. Ich bin sogar sicher, daß es mir meine Gesundheit kosten wird. Sagen Sie mir jetzt, was ich tun soll! Soll ich gehen oder bleiben? Wählen Sie!«

»Bleiben.«

»Sie werden also lieb und zärtlich sein, wie Sie es, vielleicht zu meinem Unglück, bereits waren.«

»Ach, ich habe es bereuen und Gott versprechen müssen, nicht wieder in dieselbe Sünde zu verfallen. Ich bitte Sie zu bleiben, weil ich überzeugt bin, in acht oder zehn Tagen werden wir uns dermaßen aneinander gewöhnen, daß ich Sie nur noch wie einen Vater lieben werde und daß Sie in mir nur eine Tochter oder eine Schwester sehen werden, die Sie in Ihre Arme schließen können, ohne daß Sie dabei irgendwie an Liebe zu denken brauchen.«

»Und Sie sagen. Sie sind dessen sicher?«

»Ja, mein lieber Freund, sehr sicher.«

»Sie täuschen sich.«

»Gestatten Sie mir, mich zu täuschen. Wollen Sie es mir glauben? Es macht mir ein Vergnügen, mich zu täuschen.«

»Unglückselige Frömmigkeit!«

»Warum unglückselig?«

»Nichts, meine liebe Freundin; ich würde zu weitschweifig werden und vielleicht Gefahr laufen … Ach, sprechen wir nicht mehr davon! Ich werde bei Ihnen bleiben.«

Ich ging aus. Der Zustand des armen Mädchens betrübte mich mehr als mein eigener, und ich fühlte, daß ich mich bemühen müßte, sie zu vergessen. »Denn,« sagte ich bei mir selber, »selbst wenn es mir gelingen sollte, sie noch einmal durch eine Überraschung zu besitzen oder nachdem ich sie durch meine Worte in Feuer gesetzt hätte, so würde bald wieder der Sonntag da sein, und eine neue Beichte würde sie wieder störrisch und widerhaarig machen. Sie gestand, daß sie mich liebte, aber sie schmeichelte sich, ihre Liebe bändigen zu können, indem sie mich nach wie vor sähe und sich zusammennähme. Ein solcher Wunsch und solche wahnsinnige Hoffnung kann nur in einer ehrlichen Seele vorhanden sein, wenn diese sklavisch einem Vorurteil gehorcht, das ihr als ein Verbrechen zeigt, was naturgemäß kein Verbrechen sein kann.«

Zum Mittag kam ich nach Hause; Don Diego glaubte mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er mit mir aß; seine Tochter erschien erst beim Nachtisch. Ich bat sie höflich, aber mit trauriger und kalter Miene, sie möchte Platz nehmen. Ihr Vater fragte sie spöttisch, ob ich vielleicht in der Nacht aufgestanden wäre und sie in ihrem Bett besucht hätte.

»Ich habe Don Jaime durch keinen Verdacht beleidigt«, antwortete sie ihm; »und wenn ich Einwendungen machte, so geschah dies nur infolge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung.«

Ich unterbrach sie, indem ich ihre Bescheidenheit lobte und ihr sagte, sie würde recht haben, sich vor mir in acht zu nehmen, wenn die Gesetze der Pflicht nicht stärker wären als die Wünsche, die ihre Schönheit mir einflößte.

Don Diego fand diese Liebeserklärung erhaben und der alten Tafelrunde würdig.

Seine Tochter antwortete ihm, ich machte mich über sie lustig; er erwiderte ihr jedoch, er sei überzeugt, daß sie sich irrte, und er glaube, ich habe sie schon gekannt, bevor ich zu ihm gekommen sei und sie zum Ball eingeladen habe.

»Ich schwöre Ihnen, Sie irren sich!« erwiderte Doña Ignazia ziemlich feurig.

»Sie schwören falsch, Señora, Ihr Vater weiß mehr als Sie.«

»Wie? Sie hätten mich gesehen? Wo denn?«

»In der Soledad, wo Sie eben das Abendmahl genommen hatten, und ich die Messe hörte. Als Sie mit Ihrer Cousine hinausgingen, folgte ich Ihnen von weitem. Das übrige können Sie erraten.«

Sie war sprachlos; ihr Vater triumphierte und freute sich seines Scharfblickes.

»Ich gehe zum Stiergefecht«, sagte mein Wirt zu mir; »es ist ein schöner Tag, ganz Madrid wird dort sein; man muß früh hingehen, um einen guten Platz zu finden. Sie haben dieses herrliche Schauspiel nie gesehen? Ich rate Ihnen, hinzugehen. Und du, liebe Tochter, bitte den Señor Don Jaime, dich mitzunehmen.«

»Wäre meine Gesellschaft Ihnen angenehm?« fragte sie mich mit zärtlicher Miene.

»Daran können Sie nicht zweifeln, Doña Ignazia, aber ich stelle die Bedingung, daß Ihre Cousine Sie begleitet, denn ich bin in sie verliebt.«

Don Diego lachte laut heraus, seine Tochter aber sagte ein bißchen boshaft: »Das ist nicht unmöglich.«

Wir gingen also hin, um uns dieses prachtvolle und barbarische Schauspiel anzusehen, das alle Spanier entzückt. Die beiden Mädchen setzten sich auf die Vorderplätze der einzigen Loge, die noch zu haben war, und ich saß hinter ihnen auf der zweiten Sitzbank, die anderthalb Fuß höher war als die erste. Es waren bereits zwei Damen da, und die eine von ihnen war die berühmte Herzogin von Villadorias. Ich mußte unwillkürlich lachen. Sie saß vor mir, so daß ihr Kopf ungefähr zwischen meinen Beinen sich befand. Sie erkannte mich und wünschte sich Glück zu dem Zufall, der uns in Kirche und bei Schauspielen zusammenbrächte; hierauf betrachtete sie Doña Ignazia, die neben ihr saß, äußerte mir in französischer Sprache ihre Bewunderung ihrer Schönheit und fragte mich, ob sie meine Frau oder meine Geliebte sei. Ich antwortete ihr, es sei eine Schönheit, um die ich vergebens seufze. Sie sagte mir lächelnd: in diesem Punkte sei sie ungläubig; hierauf wandte sie sich zu Ignazia und machte die reizendsten Bemerkungen über die Liebe, in der sie ihr die gleiche Erfahrung zutraute wie sich selber. Schließlich sagte sie ihr etwas ins Ohr. Ignazia errötete. Die Herzogin wurde feurig und sagte mir, ich hätte mir das schönste Mädchen in ganz Madrid ausgesucht; sie wolle gar nicht wissen, wer sie sei, aber sie werde sich freuen, wenn ich mit dem reizenden Mädchen bei ihr in ihrem Landhause speise.

Ich versprach es ihr, da es eben nicht anders ging. Doch ersparte ich es mir, den Tag festzusetzen. Indessen nötigte sie mich zu dem Versprechen, sie am nächsten Tage um ein Uhr zu besuchen. Ich bekam einen Schreck, als sie mir sagte, sie werde allein sein; denn dieses Wort bedeutete ein Stelldichein in aller Form. Sie war hübsch, aber zu bekannt; es wäre über meinen Besuch zu viel geredet worden.

Zum großen Glück begann das Stiergefecht, und damit wurde allgemeines Schweigen unerläßlich; denn die Spanier sind für dieses Schauspiel so leidenschaftlich begeistert, daß sie sich durch nichts davon ablenken lassen.

Man hat von diesen Stierkämpfen so viel gesprochen, daß ich meine Leser nicht durch eine Beschreibung ermüden will. Es möge genügen, wenn ich sage, daß sie eine Barbarei sind, die den Sitten eines Volkes nur schädlich sein kann; denn die Arena ist zuweilen ganz überströmt von dem Blute der Stiere, der Pferde, denen sie den Bauch aufgeschlitzt haben, und oft sogar der unglücklichen Picadores, deren Geschäft und Vergnügen es ist, die wütenden Stiere noch mehr zu reizen. Sie haben keine anderen Verteidigungsmittel als eine kleine rote Fahne, womit sie den sie verfolgenden Tieren eine andere Richtung geben, indem sie sie ihnen hinwerfen, während sie selber so schnell wie möglich nach einer anderen Stelle laufen oder mit großer Gelenkigkeit über die hohe Schranke springen.

Als das Stiergefecht zu Ende war, brachte ich die beiden Mädchen, die mir tausendmal dankten, nach meiner Wohnung und lud die Cousine zum Abendessen ein, indem ich darauf rechnete, daß sie wie am Tage vorher dableiben und mit ihrer Cousine zusammen schlafen werde.

Wir aßen, aber wir waren traurig; denn Don Diego aß außerhalb des Hauses, und ich war in so schlechter Laune, daß ich mir keine Mühe geben mochte, die Mahlzeit zu erheitern.

Doña Ignazia wurde nachdenklich, als ich auf ihre Frage, ob ich die Herzogin wirklich besuchen würde, ihr antwortete: »Ich würde gegen alle Gebote der Schicklichkeit verstoßen, wenn ich nicht hinginge. Wir werden auch eines Tages nach ihrem Landhause hinausfahren.«

»Oh, rechnen Sie nur nicht auf mich!«

»Warum denn nicht?«

»Weil sie wahnsinnig ist. Sie flüsterte mir Bemerkungen ins Ohr, die mich beleidigt haben würden, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß sie mir eine Ehre zu erweisen glaubte, indem sie mich wie ihresgleichen behandelte.«

Wir standen vom Tisch auf, und nachdem ich meinen Bedienten fortgeschickt hatte, setzten wir uns auf den Balkon, um auf Don Diego zu warten und einen leichten kühlen Wind zu genießen, der bei solcher Hitze köstlich ist.

Wir saßen nebeneinander auf den Fliesen. Von Liebe befeuert und von der geheimnisvollen Dunkelheit erregt, die die Liebenden gegen lästige Blicke schützt, ohne sie zu verhindern, einander zu sehen, blickten wir uns verliebt an, und ich las in Ignazias Augen, daß die Schäferstunde da war. Ich legte meinen Arm um sie und drückte meine Lippen auf ihren Mund. Das süßeste Zittern verriet mir, von welchem Feuer ihre Seele verzehrt wurde.

»Wirst du zur Herzogin gehen?«

»Nein, mein Herz, ich werde nicht gehen, wenn du mir versprichst, Sonntag nicht zu deinem Beichtvater zu gehen.«

»Aber was wird er sagen, wenn ich nicht komme?«

»Nichts – vorausgesetzt, daß er sein Geschäft versteht. Aber laß uns einmal vernünftig darüber sprechen!«

Wir saßen so dicht aneinandergepreßt, daß die Cousine, die sich wohl dachte, was kommen könnte, als gutes, teilnehmendes Mädchen an das andere Ende des Balkons ging und uns den Rücken zudrehte.

Ohne mich zu rühren, ohne die Stellung zu ändern, und mich gewaltsam jeder Bewegung enthaltend, so schwer mir dies auch wurde, fragte ich sie, ob sie in diesem Augenblick geneigt sei, die Sünde zu bereuen, die sie zu begehen geneigt sei.

»Ich denke in diesem Augenblick nicht an meine Beichte; aber wenn du mich daran erinnerst, werde ich ganz gewiß beichten.«

»Und wenn du gebeichtet hast – wirst du dann fortfahren, mich zu lieben wie in diesem Augenblick?«

»Ich hoffe, Gott wird mir die Kraft geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.«

»Ich versichere dir, Gott wird dir diese Kraft nicht geben, wenn du fortfährst, mich zu lieben. Ich bin überzeugt, du wirst dein möglichstes tun, um Gottes Gnade zu verdienen, und so sehe ich voraus, daß du mir Dienstag Abend das Glück verweigern wirst, das du mir zu bewilligen in diesem Augenblick bereit bist.«

»Ach, das ist nur zu wahr, mein lieber Freund; aber warum sollen wir in diesem Augenblick daran denken?«

»Weil ich meine Liebe und die deinige vermehre, wenn ich mich jetzt dem süßesten Genusse hingebe, und weil ich dann später unglücklich sein würde, wenn ich dich nicht jeden Tag besitzen könnte. Versprich mir also, während der ganzen Zeit, die ich noch in Madrid bleibe, nicht zur Beichte zu gehen, oder laß mich in diesem Augenblick mich selber zum Unglücklichsten aller Menschen machen, indem ich mich zurückziehe; denn ich kann mich mit gutem Gewissen nicht der Liebe überlassen, wenn ich an den Kummer denke, den dein Widerstand mir am Sonntag bereiten würde.«

Während ich ihr diese in unserer Lage sehr grausamen Worte sagte, schloß ich sie zärtlich in meine Arme, indem ich sie in überströmender Liebe mit allen möglichen Liebkosungen überhäufte; bevor ich jedoch zur entscheidenden Handlung schritt, fragte ich sie von neuem, ob sie mir verspreche, am nächsten Sonntag nicht zu beickten.

»Oh, wie grausam sind Sie in diesem Augenblick, mein lieber Freund! Sie machen mich unglücklich; denn dieses Versprechen kann ich mit gutem Gewissen Ihnen nicht geben.«

Als ich diese Antwort vernahm, die ich erwartet hatte, hielt ich mich vollkommen unbeweglich, obwohl ich sicher war, sie für den Augenblick unglücklich zu machen. Denn ich mußte sie zur Verzweiflung bringen, indem ich bei dem Zustande höchster Erregung, worin sie sich befand, das Werk nicht zu Ende brachte. Ich litt ebenfalls viel; denn ich befand mich auf der Schwelle des Tempels, und eine einzige Bewegung würde genügt haben, um in das Heiligtum hineinzugelangen. Aber ich war gewiß, daß die Entbehrung für sie noch viel größer war als für mich, und daß sie nicht lange widerstehen würde.

Doña Ignazia war in der Tat in Verzweiflung; ich hatte sie nicht zurückgestoßen, aber ich verhielt mich vollständig untätig. Da die Schamhaftigkeit sie verhinderte, offen das Werk der Liebe zu begehren, so verdoppelte sie ihre Liebkosungen, drängte sich in der bequemsten Stellung an mich heran und warf mir zugleich vor, daß meine Handlungsweise eine grausame wäre, nachdem ich sie verführt hätte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hätte halten können; aber in diesem Augenblick drehte die Cousine sich um und sagte uns, Don Diego komme nach Hause.

Schnell brachten wir unsere Kleider in Ordnung und nahmen eine anständige Stellung ein. Die Cousine setzte sich neben uns; Don Diego ließ uns nach einigen Komplimenten im Dunkeln allein, indem er uns gute Nacht wünschte. Ich hätte wieder anfangen können; aber, hartnäckig meinem Plane getreu, wünschte ich mit der traurigsten Miene den beiden Mädchen eine gute Nachtruhe und legte mich zu Bett.

Ich hoffte, Doña Ignazia würde vielleicht Reue empfinden und mir Gesellschaft leisten, sobald ihre Cousine eingeschlafen wäre; aber sie kam nicht. Sie verließen das Zimmer am Morgen in aller Frühe. Mittags kam Don Diego herunter, um mit mir zu speisen; er sagte mir, seine Tochter habe so starke Kopfschmerzen, daß sie nicht einmal zur Messe gegangen sei; jetzt sei sie eingeschlummert.

»Man muß sie überreden, etwas zu essen.«

»Im Gegenteil, das Fasten wird ihr gut tun, und heute Abend wird sie mit Ihnen essen können.«

Sobald ich meine Siesta gehalten hatte, ging ich zu ihr und setzte mich neben ihr Bett. Drei Stunden hindurch sagte ich ihr alles, was ein Liebhaber wie ich einem Mädchen sagen kann, das erst bekehrt werden muß, um glücklich zu werden. Sie hielt die Augen geschlossen, sprach kein Wort und seufzte, wenn ich irgend etwas Rührendes sagte.

Ich verließ sie, um einen Spaziergang auf dem Prado San Jeronimo zu machen. Beim Abschied sagte ich ihr: wenn sie nicht herunterkäme, um mit mir zu Abend zu essen, so wäre das ein Beweis, daß sie mich nicht mehr sehen wollte.

Die Drohung tat ihre Wirkung. Sie setzte sich zu Tisch, als ich schon nicht mehr auf ihr Kommen hoffte, aber sie war bleich und verstört. Sie aß wenig und sprach nicht; denn ihre Überzeugung stand fest, und sie wußte nicht, was sie mir sagen sollte. Von Zeit zu Zeit benetzte eine Träne ihre Wimper. Ich sah, daß sie litt, und war tief bewegt.

Bevor sie wieder nach oben ging, fragte sie mich, ob ich bei der Herzogin gewesen sei. Ihre Traurigkeit verminderte sich ein wenig, als ich ihr antwortete: »Nein, ich bin nicht dagewesen; hiervon kann Filippo Sie überzeugen, denn er hat der Dame einen Brief überbracht, worin ich sie gebeten habe, mich zu entschuldigen, wenn ich ihr heute nicht meinen Besuch machen könne.«

»Aber werden Sie an einem anderen Tage hingehen?«

»Nein, mein Herz; denn ich sehe, daß das Ihnen Schmerz machen würde.«

Sie stieß einen Seufzer der Genugtuung aus; ich umarmte sie sanft, und sie ging hinaus, indem sie mich ebenso traurig zurückließ, wie sie selber war.

Ich sah wohl, daß das, was ich von ihr verlangte, viel zu viel war; aber ich durfte trotzdem mit Grund hoffen, sie zur Vernunft zu bringen, denn ich wußte, wie heiß ihre Liebesglut war. Ich wollte sie nicht dem lieben Gott abspenstig machen, sondern ihrem Beichtvater. Wäre sie nicht katholisch gewesen, so hätte ich am ersten Tage gesiegt.

Sie hatte mir gesagt, sie wäre ihrem Beichtvater gegenüber in Verlegenheit, wenn sie nicht mehr zur Beichte ginge. Von Redlichkeit und hohem spanischen Ehrgefühl erfüllt, konnte sie sich nicht entschließen, ihren Beichtvater zu betrügen, ebensowenig aber, ihre Liebe mit ihrer vermeintlichen religiösen Pflicht in Einklang zu bringen. Sie tat recht daran, daß sie so dachte.

Der Freitag und der Sonnabend vergingen, ohne daß sie eine Wendung brachten. Ihr Vater, dem es nicht entgehen konnte, daß wir uns liebten, der aber auf ihre Tugend und wohl auch auf meine Redlichkeit rechnete, ließ uns miteinander zu Mittag und zu Abend essen. Er selber kam fast nur herunter, wenn ich ihn eigens bitten ließ. Doña Ignazia verließ mich am Sonnabend trauriger als gewöhnlich; sie wandte den Kopf ab, als ich ihr wie jeden Abend einen Kuß geben wollte, durch den ich sie, so kam es mir vor, meiner Treue versicherte.

Ich sah, warum sie sich so benahm: sie sollte am nächsten Tag das Abendmahl empfangen.

Ich bewunderte unwillkürlich die Aufrichtigkeit ihrer Seele, und ich beklagte sie, denn ich erriet, welchen Kampf die beiden entgegengesetzten Leidenschaften in ihrem Herzen führen mußten. Ich begann Furcht zu hegen und zu bereuen, daß ich alles aufs Spiel gesetzt hatte, anstatt mich mit einer anständigen Teilung zu begnügen. Um mich mit eigenem Auge zu überzeugen, stand ich am Sonntag in aller Frühe auf und verließ nach ihr das Haus. Ich wußte, daß sie ihre kleine Cousine abholen würde, und ging daher nach der Soledad voraus. Ich stellte mich an die Tür der Sakristei, von wo aus ich alles sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden.

Ich wartete eine Viertelstunde auf die beiden Cousinen. Sie kamen, knieten einige Augenblicke nieder und trennten sich dann, um eine jede zu ihrem Beichtvater zu gehen.

Da die Cousine mich durchaus nicht interessierte, so beschäftigte ich mich nur mit Doña Ignazia. Ich sah sie in den Beichtstuhl eintreten und den Beichtvater sich zu ihr wenden.

Ich wartete geduldig, und ich hatte allerdings viel Geduld nötig; oenn diese Beichte nahm gar kein Ende. Was sagt sie ihm? Was sagt er ihr? dachte ich bei mir selber, als ich sah, daß der Beichtvater von Zeit zu Zeit mit ihr sprach.

Ich konnte es nicht mehr aushalten und war schon auf dem Sprunge, mich zu entfernen, als ich sie endlich aufstehen sah.

Doña Ignazia sah wie eine Heilige aus; mit gesenkten Augen kniete sie nicht weit von mir nieder, aber ich konnte sie von meinem Platz aus nicht mehr sehen. Ich glaubte, sie wollte die Messe hören, die vor einem Altar in ihrer Nähe gelesen wurde, und würde nach Beendigung derselben vor den Hauptaltar treten, um das Abendmahl zu empfangen. Aber es kam anders: als die Messe zu Ende war, ging sie nach der Türe zu, wo ihre Cousine auf sie wartete, und die beiden Mädchen verließen die Kirche.

Diese Wahrnehmung versetzte mich in große Aufregung. Ich empfand beinahe Gewissensbisse und sagte bei mir selber: »Es ist aus. Aufrichtig, fromm und zugleich leidenschaftlich verliebt, wird das arme Mädchen ehrlich gebeichtet, wird das Gefühl gestanden haben, das sie beseelt, und der Priester, der pflichtgemäß, ein grausamer Barbar ist und außerdem vielleicht sich in gutem Glauben befindet, wird ihr die Absolution verweigert haben. Alles ist verloren! Was wird nun kommen? – Meine eigene Ruhe und die des jungen Mädchens, das ein Opfer seiner Frömmigkeit und seiner Liebe ist, verlangen, daß ich mich entferne. – Daß ich doch auch mit meiner unglücklichen, dummen Lebenserfahrung alles an alles gesetzt habe! Der spanische Charakter ist zu sonderbar; er kann nicht nach dem Muster anderer Völker beurteilt werden. – Ich hätte sie ab und zu durch Überraschung besessen; die Schwierigkeit hätte die Intrige noch pikanter gemacht. Ich bin eingebildet gewesen, wie ein zwanzigjähriger Jüngling; darum habe ich alles verloren. – Heute beim Mittagessen werde ich sie traurig sehen; sie wird weinen. Dieser Qual muß ich ein Ende machen.«

Unter solchen Selbstgesprächen ging ich sehr traurig und sehr unzufrieden mit mir selber nach Hause.

Mein Friseur wartete auf mich; ich schickte ihn fort und sagte meiner Biskayerin, sie solle mein Mittagessen nicht früher auftragen, als bis ich es befehle. Um meinen Kummer zu verschlafen, legte ich mich wieder zu Bett und lag bis ein Uhr in tiefem Schlaf wie ein Toter.

Nachdem ich aufgestanden war, befahl ich das Essen aufzutragen und dem Vater und der Tochter Bescheid zu sagen, daß ich sie erwarte.

Man denke sich meine Überraschung, als ich Doña Ignazia in spanischer Tracht erscheinen sah: sie trug ein Mieder von schwarzem Samt mit Schleifen und Litzen an allen Nähten. Es gibt in ganz Europa keine schönere Kleidung, wenn sie von einem schönen Weibe getragen wird.

Als ich sie so hübsch sah, konnte ich mich nicht mehr enthalten, ihr über die heitere Ruhe, die auf ihren Zügen lag, ein Kompliment zu machen. Sie antwortete mir mit einem süßen Lächeln; ich vergaß, daß sie mir am Tage vorher einen Kuß verweigert hatte, und umarmte sie, und sie war sanft wie ein Lamm.

Filippo trat ein, und wir setzten uns zu Tisch. Ich dachte über die unverhoffte Änderung nach und sah, daß meine schöne Spanierin den Graben übersprungen und ihren Entschluß gefaßt hatte.

»Ich werde glücklich sein,« sagte ich zu mir selber, »aber tun wir nichts, und lassen wir sie von selber kommen.«

Ich verbarg jedoch nicht die Zufriedenheit, von der meine Seele erfüllt war, sondern sprach mit ihr von Liebe, so oft mein Bedienter uns allein ließ; ich sah, daß sie nicht nur in behaglicher Stimmung war, sondern von Liebe glühte.

Bevor wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich, ob ich sie noch liebte.

»Mehr denn je, mein Herz! Ich bete dich an!«

»So führe mich doch zum Stiergefecht!«

»Schnell den Friseur!«

Nachdem ich frisiert war, machte ich auf das sorgfältigste Toilette; ich zog einen seidenen Rock mit Lyoner Stickerei an, den ich noch nicht ein einziges Mal getragen hatte. Vor Ungeduld glühend gingen wir zu Fuß hin, um uns nicht durch das Warten auf den Wagen zu verspäten; denn ich fürchtete, wir würden keinen guten Platz mehr finden. Wir erhielten zwei Plätze in einer großen und schönen Loge und setzten uns nebeneinander. Ignazia warf einen schnellen Blick auf die anderen Insassen der Loge und sagte mir, sie sei recht glücklich, daß ich nicht neben der scheußlichen Herzogin sitze.

Es war ein herrliches Wetter. Als das Stiergefecht zu Ende war, bat meine Schöne mich, sie nach dem Prado zu führen, wo wir die ganze galante Welt von Madrid fanden.

Doña Ignazia ging an meinem Arm und schien stolz darauf zu sein, mir anzugehören. Ich war vor Freude ganz selig.

Plötzlich sahen wir vor uns den venetianischen Gesandten und seinen Günstling Manucci. Sie waren an demselben Tage von Aranjuez gekommen, aber ich wußte das noch nicht. Nachdem wir uns mit vollem spanischen Anstand begrüßt hatten, machte der Botschafter mir das schmeichelhafte Kompliment über die Schönheit meiner Begleiterin. Doña Ignazia tat, wie wenn sie nichts verstände, aber sie drückte mir den Arm mit jenem unmerklichen Zartgefühl, das eine hervorragende Eigenschaft der Spanier ist.

Nachdem sie ein Stückchen mit uns spazieren gegangen waren, sagte Herr von Mocenigo zu mir, er hoffe, ich werde ihm das Vergnügen machen, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Ich antwortete ihm durch eine Neigung des Kopfes auf französische Art, und wir trennten uns.

Nachdem wir Gefrorenes gegessen hatten, gingen wir in der Dämmerung nach Hause. Unterwegs bereitete ein sanfter Druck des Armes mich auf das Glück vor, das meiner harrte.

Wir fanden den Vater auf dem Balkon; er hatte auf uns gewartet, und nachdem er mich herzlich begrüßt hatte, machte er seiner Tochter ein Kompliment über ihre gute Laune und über das Vergnügen, dessen sie in Gesellschaft eines so eleganten Kavaliers wie des Don Jaime genossen hat. Entzückt von dem fröhlichen Humor des guten Papas lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm meine Einladung an und unterhielt uns durch hundert Anekdötchen, durch hübsche galante Geschichtchen, bei deren Erzählung sein schöner Charakter so recht zutage trat. Beim Abschied aber sagte der wackere Mann zu mir: »Amigo, Senor Don Jaime, ich lasse Sie hier, um auf dem Balkon mit meiner Tochter die frische Nachtluft zu genießen. Ich bin entzückt, daß Sie Ignazia lieben, und versichere Ihnen, daß es nur bei Ihnen steht, mein Schwiegersohn zu werden, sobald ich sagen kann, daß ich Ihres Adels sicher bin.«

Ich habe seine Ausdrücke getreulich wiedergegeben; unmöglich aber kann ich den edlen spanischen Ernst wiedergeben, womit sie gesprochen wurden.

Sobald er fort war, sagte ich zu seiner Tochter: »Ich wäre überglücklich, meine reizende Freundin, wenn dieses sein könnte; aber in meiner Heimat nennt man Adlige nur diejenigen, die durch ihre Geburt das Recht haben, den Staat zu lenken. Wäre ich in Spanien geboren, so wäre ich adlig. Aber wie ich auch bin, – ich bete dich an, und ich darf hoffen, daß du mich glücklich machen wirst.«

»Ja, mein lieber Freund, ganz und gar! Aber auch ich will mit dir glücklich sein. Keine Untreue!«

»Niemals! Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.«

»So komm, mein Herz, corazon mio, laß uns die Balkontür schließen.«

»Nein; laß uns die Kerze auslöschen und noch ein Viertelstündchen hier bleiben. Sage mir, mein Engel, woher kommt mir dieses Glück, auf das ich nicht mehr zu hoffen wagte?«

»Wenn es ein Glück ist, so verdankst du es einer Tyrannei, die mich zur Verzweiflung bringen wollte. Gott ist gut, und ich bin überzeugt, er will nicht, daß ich mein eigener Henker werde. Als ich meinem Beichtvater sagte, es sei mir ebenso unmöglich, dich nicht mehr zu lieben, wie es mir unmöglich sei, mit dir eine geschlechtliche Ausschweifung zu begehen – da antwortete er mir, ich könne nicht dieses Vertrauen zu mir haben, da ich bereits einmal schwach gewesen sei. Hierauf verlangte er, ich sollte ihm versprechen, niemals wieder mit dir unter vier Augen zu sein. Ich sagte ihm, dies könnte ich ihm nicht versprechen, und hierauf verweigerte er mir die Absolution. Dieser Schimpf widerfuhr mir zum ersten Male in meinem Leben, aber ich habe ihn mit einer Geisteskraft getragen, die ich mir nicht zugetraut hätte. Ich habe mich in Gottes Hände gegeben und gesagt: >Herr, dein Wille geschehe!< – Während ich die Messe hörte, faßte ich meinen Entschluß: Solange du mich liebst, werde ich nur dir angehören. Wenn du, zu meiner Verzweiflung, Spanien verlassen wirst, will ich einen anderen Beichtvater aufsuchen. Mein Trost ist, daß mein Gewissen sehr ruhig ist. Meine Cousine, der ich alles gesagt habe, ist darüber ganz erstaunt, aber sie hat sehr wenig Verstand. Sie weiß nicht, daß meine Leidenschaft für dich nur eine vorübergehende Verirrung ist.«

Nach dieser Rede, die mir meine volle Ruhe wiedergab und alle meine Gewissensbedenken beseitigt haben würde, wenn ich welche gehabt hätte, nahm ich sie mit mir in mein Bett. Am Morgen verließ sie mich, ermüdet, aber verliebter denn je.

Viertes Kapitel


Ich erhalte den Befehl, Wien zu verlassen. – Die Kaiserin mildert ihn, nimmt ihn aber nicht zurück. – Zawoiski in München. – Mein Aufenthalt in Augsburg. – Eulenspiegelstreich. – Ludwigsburg. – Der Kölner Zeitungsschreiber. – Meine Ankunft in Aachen.

Jemand, der einen Spitzbuben bestraft, begeht den allergrößten Fehler, wenn er ihn die Strafe überleben läßt; denn er muß wissen, daß der bestrafte Schuft nur an Rache denken und daß er dazu die allergemeinsten Mittel anwenden wird. Hätte ich in der Wohnung der Halunken meinen Degen bei mir gehabt, so würde ich mich ohne Zweifel verteidigt haben. Da ich aber einer gegen drei war, so wäre es mir schlecht ergangen: sie hätten mich in Stücke gehauen und sich in den Raub geteilt, und die Justiz hätte ihnen nichts getan, denn sie hätten natürlich das Corpus delicti verschwinden lassen.

Um acht Uhr kam Campioni an mein Bett; er war sehr erstaunt über mein Abenteuer. Ohne sich damit aufzuhalten, mich zu bedauern, wie die Dummköpfe es tun, beriet er mit mir die Mittel und Wege, wie ich Gerechtigkeit erlangen und meine Börse wieder bekommen könnte. Wir fanden jedoch nur unzulängliche Mittel; das Mordgesindel konnte leugnen, ich aber hatte keine Zeugen, um sie zu überführen. Trotzdem schrieb ich am nächsten Morgen die ganze Geschichte dieses Hinterhaltes auf, indem ich mit dem Mädchen begann, das die lateinischen Verse hergesagt hatte. Ich hatte die Absicht, diese Schrift dem Polizeidirektor oder Kriminalrichter einzureichen, je nachdem mir ein Advokat raten würde, den ich um Rat zu fragen gedachte. Man ließ mir jedoch keine Zeit dazu.

Ich hatte eben zu Mittag gegessen, als ein Polizeibeamter erschien und mir den Befehl überbrachte, mit dem sogenannten »Statthalter«, Graf von Schrattenbach, zu sprechen. Ich bat ihn, meinem Kutscher, der an der Haustür hielt, zu sagen, wohin ich mich zu begeben hätte, und sagte, ich würde sofort kommen.

Im Amtszimmer des Statthalters sah ich einen dicken Herrn stehen; andere standen zur Seite und schienen nur da zu sein, um seine Befehle auszuführen. Sobald er mich sah, hielt er mir eine Uhr hin und befahl mir, zu sehen, wie spät es wäre.

»Ich sehe es.«

»Schön. Wenn Sie morgen um dieselbe Stunde noch in Wien sind, werde ich Sie mit Gewalt aus der Stadt schaffen lassen.«

»Warum geben Sie mir diesen ungerechten und willkürlichen Befehl?«

»Ich habe Ihnen überhaupt keine Rechenschaft abzulegen; aber ich kann Ihnen sagen, daß Sie diesen Befehl nicht empfangen würden, wenn Sie nicht die Gesetze Ihrer Majestät übertreten hätten, die das Glücksspiel verbieten und die Betrüger zur Zwangsarbeit verurteilen. Kennen Sie diese Börse und diese Karten?«

Die Karten kannte ich nicht, aber ich erkannte meine Börse, die offenbar nur noch ein Viertel von dem Gold enthielt, das darin gewesen war, als man sie mir abgenommen hatte. Vor Entrüstung bebend, gab ich dem gestrengen Beamten keine andere Antwort, als daß ich ihm den vier Seiten langen wahrheitsgetreuen Bericht über das mir Widerfahrene hinreichte. Der gestrenge Herr las ihn und sagte mir dann lachend, mein Geist sei wohl bekannt, man wisse, wer ich sei und warum man mich aus Warschau ausgewiesen habe; die Geschichte, die er gelesen habe, sei ein Lügengewebe, das dem gesunden Menschenverstand Hohn spreche, denn ihm fehle jede Wahrscheinlichkeit. »Kurz und gut,« so schloß er, »Sie werden innerhalb der von mir vorgeschriebenen Zeit abreisen, und jetzt wünsche ich zu wissen, wohin Sie gehen wollen.«

»Dies, mein Herr, werde ich Ihnen erst sagen, wenn ich mich zur Abreise entschlossen habe.«

»Wie? Sie wagen mir zu sagen,daß Sie mir nicht gehorchen werden?«

»Sie selber haben mir die Wahl gelassen, indem Sie mir sagten, Sie würden mich mit Gewalt aus der Stadt schaffen, wenn ich nicht freiwillig reiste.«

»Schön. Man hat mir bereits gesagt, daß Sie einen harten Kopf haben; aber der wird Ihnen hier nichts nützen. Ich rate Ihnen, eine harte Behandlung zu vermeiden und abzureisen.«

»Ich bitte Sie, mir meine Schrift zurückzugeben.«

»Ich gebe Ihnen nichts zurück. Gehen Sie!«

Dies, lieber Leser, war einer der fürchterlichsten Augenblicke, die ich in meinem Leben gehabt habe; ich zittere noch jetzt, so oft ich daran denke. Nur eine feige Liebe zum Leben konnte mich abhalten, meinen Degen zu ziehen und den niederträchtigen Statthalter von Wien zu durchbohren, der sich gegen mich nicht wie ein Richter, sondern wie ein Henkersknecht betrug.

Indem ich mich entfernte, kam mir der Gedanke, die Geschichte dem Fürsten Kaunitz zu erzählen, obgleich ich nicht die Ehre hatte, von ihm gekannt zu sein. Ich begab mich zu ihm, und ein Kammerdiener, den ich traf, sagte mir, ich möchte in dem Zimmer warten, worin ich mich befände, weil der Fürst gleich durchkommen würde, um mit seinen Gästen zu Tisch zu gehen. Es war fünf Uhr.

Der Fürst erschien mit mehreren Gästen, und ich bemerkte an seiner Seite den venetianischen Botschafter, Herrn Polo Renieri. Der Fürst fragte mich, was ich wolle, und ich erzählte ihm, coram omnibus und mit lauter Stimme, den ganzen Fall.

»Ich habe den Befehl erhalten, abzureisen, gnädiger Herr, aber ich werde nicht gehorchen. Ich flehe Eure Durchlaucht um Ihren Schutz an, um meine gerechten Beschwerden an den Thron gelangen zu lassen.«

»Schreiben Sie Ihre Eingabe,« antwortete der Fürst, »ich werde sie der Kaiserin schicken; aber ich rate Ihnen, Ihre Majestät nur zu 99 bitten, daß der Befehl aufgeschoben wird; denn Sie würden sie erzürnen, wenn Sie ihr sagten, daß Sie nicht gehorchen werden.«

»Aber wenn die Gnade auf sich warten läßt, gnädiger Herr, wird die Gewalt ihren Weg nehmen.«

»Begeben Sie sich zu dem Gesandten Ihres Vaterlandes.«

»Ach, mein Fürst, ich habe kein Vaterland mehr, obgleich ich es immer noch liebe. Eine Gewaltmaßregel beraubt mich meiner Bürger- und Menschenrechte. Ich bin Venetianer und heiße Casanova.«

Überrascht sah der Fürst den venetianischen Gesandten an, der mit lachender Miene etwa zehn Minuten lang mit ihm sprach.

»Es ist ein Unglück für Sie,« sagte der Fürst gütig, »daß Sie nicht den Schutz eines Gesandten in Anspruch nehmen können.«

Kaum hatte er dies gesagt, so erklärte ein Kavalier von kolossaler Gestalt, ich könne den seinigen in Anspruch nehmen, denn meine ganze Familie stehe im Dienste seines fürstlichen Herrn und ich selber habe ihm gedient. Das war buchstäblich wahr, denn der Kavalier war der sächsische Gesandte.

»Es ist Graf von Vitzthum«, sagte der Fürst zu mir. »Schreiben Sie der Kaiserin; ich werde ihr sofort Ihre Eingabe schicken, und sollte die Antwort sich verzögern, so ziehen Sie sich zum Grafen zurück, in dessen Hause Sie vor jeder Gewaltmaßregel sicher sind, bis es Ihnen paßt, nach Ihrer Bequemlichkeit abzureisen.«

Hierauf befahl der Fürst, mir Schreibzeug zu geben, und die ganze Gesellschaft folgte ihm in den Speisesaal.

Hier die Eingabe, die ich in weniger als zehn Minuten niederschrieb, und die der venetianische Gesandte dem Senat meiner Heimat schickte, weil er glaubte, ihm damit ein Vergnügen zu machen.

Madame,

ich bin überzeugt, wenn Eure Kaiserliche und Königliche Majestät spazieren geht und ein Insekt mit klagender Stimme Ihnen zuruft, Sie werden es zertreten, so werden Sie Ihren Fuß ein wenig zur Seite wenden, um nicht das arme Geschöpf zu verletzen.

Ich bin, Madame, das Insekt, das Sie anzuflehen wagt. Sie wollen dem Herrn Statthalter Schrattenbach befehlen, noch acht Tage zu warten, bevor er mich mit dem Pantoffel Eurer Majestät zerquetscht. Vielleicht, Madame, wird er nach dieser kurzen Zeit nicht nur mich nicht zerquetschen, sondern Eure Majestät werden ihm möglicherweise den erhabenen Pantoffel aus den Händen nehmen, den Sie ihm nur anvertraut haben, um Verbrecher zu zertreten, nicht aber einen Venetianer, der trotz seiner Flucht aus den Bleikammern ein Ehrenmann ist und der sich den Gesetzen Eurer Majestät in tiefer Ehrfurcht unterwirft.

Wien, den 21. Januar 1767.
Casanova.

Als ich mit meiner Eingabe fertig war und sie ins Reine geschrieben hatte, schickte ich sie dem Fürsten, der sie mir fünf Minuten später zurücksandte und mir sagen ließ, er werde sie auf der Stelle abfertigen, bitte mich jedoch, ihm eine Abschrift zu hinterlassen.

Nachdem ich die Abschrift gemacht hatte, übergab ich alles dem Kammerdiener und entfernte mich. Ich zitterte wie ein Paralytiker und fürchtete, mein Zorn könnte mich krank machen. Um mich möglichst zu beruhigen, setzte ich mich sofort hin und schrieb im Stil eines Manifestes den Inhalt des Blattes nieder, das ich dem niederträchtigen Schrattenbach eingereicht und das dieser unwürdige Beamte mir nicht hatte zurückgeben wollen.

Gegen sieben Uhr sah ich den Grafen Vitzthum in mein Zimmer treten. Er begrüßte mich freundschaftlich und bat mich, ihm die Geschichte von dem Mädchen zu erzählen, das ich infolge der vier Verse aufgesucht hätte, wonach ich nach meinem Belieben Hebe oder Ganymed finden sollte. Ich gab ihm die Adresse; er schrieb die Verse ab und sagte mir: »Dies genügt bereits, um einem aufgeklärten Richter zu beweisen, daß Sie das Opfer eines Hinterhaltes geworden und daß Sie von Schuften verleumdet sind; trotzdem bezweifle ich, daß man Ihnen Gerechtigkeit widerfahren läßt.«

»Wie? Ich werde genötigt sein, morgen abzureisen?«

»O nein, das nicht; es ist unmöglich, daß die Kaiserin Ihnen nicht die acht Tage bewilligt, um die Sie sie bitten.«

»Warum unmöglich?«

»Nun, das will ich meinen! Läßt etwa Ihr Pantoffel eine abschlägige Antwort zu? Niemals habe ich eine Eingabe in solchem Stil gesehen. Der Fürst las sie mit seinem kalten Gesicht, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Nachdem er sie gelesen hatte, reichte er sie mir, hierauf gab er sie dem venetianischen Gesandten zum Lesen, der mit der ernstesten Miene den Fürsten fragte, ob er die Eingabe in dieser Form an Ihre Majestät schicken würde. »Diese Eingabe«, antwortete der Fürst ihm, »ist so, daß sie an Gott geschickt werden könnte, wenn man nur den Weg zu ihm wüßte!« Hierauf hat er das Schriftstück einem seiner Sekretäre überbringen lassen, um es sofort mit einem Umschlag zu versehen und an die Kaiserin zu schicken. Während der ganzen Mahlzeit wurde von Ihnen gesprochen, und ich hörte mit großem Vergnügen den venetianischen Gesandten erklären, kein Mensch wisse, aus welchen Gründen man Sie in die Bleikammern gesperrt habe. Man hat auch von Ihrem Duell gesprochen, aber niemand konnte mehr davon sagen, als was man in den Zeitungen darüber gelesen hat. Machen Sie mir die Freude und geben Sie mir eine Abschrift von Ihrer Eingabe. Der Herr von Schrattenbach mit dem Pantoffel in der Hand hat mir gar zu sehr gefallen.«

Ich beeilte mich, die Eingabe abzuschreiben, und übergab sie ihm mit einer Abschrift meines Manifestes. Bevor er ging, wiederholte der Graf seine Einladung, bei ihm zu wohnen, falls man mir nicht vor Ablauf der vierundzwanzig Stunden mitteilte, daß die Kaiserin mir die erbetene Gnade bewilligt hätte.

Um zehn Uhr erhielt ich den Besuch des Grafen de la Perouse, des Marques Las Casas und des venetianischen Botschaftssekretärs Uccelli. Dieser letztere kam, um mich im Auftrage seines Vorgesetzten um eine Abschrift der Eingabe zu bitten. Ich versprach ihm eine zu schicken, und tat das am anderen Tage, indem ich eine Abschrift meines Manifestes beifügte. Das einzige, was letzteres Schriftstück ein wenig beeinträchtigte, indem es ihm einen komischen Anstrich gab, waren die vier Verse der Adresse, nach denen es gewissermaßen scheinen konnte, wie wenn ich zu Pocchinis Mädchen nur in der Hoffnung gegangen wäre, in ihr Ganymed zu finden, nachdem ich sie als Hebe erkannt hätte. Dies war nicht der Fall, aber die Kaiserin, die Latein verstand und die Fabel kannte, konnte es glauben, und das würde mir bei ihr geschadet haben.

Ich ging erst zu Bett, nachdem ich sechs Abschriften gemacht hatte; es war zwei Uhr morgens; ich war todmüde, aber ich war ein wenig ruhiger geworden. Am nächsten Mittag kam ein Legationssekretär des Grafen Vitzthum, der junge Hasse, ein Sohn des ausgezeichneten Kapellmeisters und der berühmten Faustina, und sagte mir im Auftrage des Ministers, ich hätte nichts zu befürchten, wenn ich zu Hause bliebe oder im Wagen ausführe; ich dürfte jedoch nicht zu Fuß ausgehen. Er fügte hinzu, der Graf würde das Vergnügen haben, mich um sieben Uhr zu besuchen. Ich bat Herrn Hasse, mir seine Mitteilungen schriftlich zu hinterlassen; er tat dies und entfernte sich dann.

So war denn der Befehl aufgehoben und die Gnade bewilligt. Dies konnte nur von der Herrscherin ausgehen, und so dachte ich denn bei mir selber: »Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren; ich werde Gerechtigkeit erlangen, man wird meine niederträchtigen Mörder verurteilen und wird mir meine Börse zurückgeben, und zwar mit zweihundert Dukaten und nicht, wie mir der unwürdige Statthalter sie gezeigt hat, der zum allermindesten seiner Stelle enthoben werden wird.«

Dies waren Luftschlösser, aber wer baut nicht gern welche, selbst in weniger bedenklichen Lagen, als die war, worin ich mich befand? Quod nimis miseri volunt, hoc facile credunt – »was ein Unglücklicher wünscht, glaubt er leicht«, sagt in einer seiner Tragödien Seneca, der große Kenner des menschlichen Herzens.

Bevor ich mein Manifest der Kaiserin, dem Fürsten Kaunitz und allen Ministern übersandte, glaubte ich, mich zur Gräfin Salmor begeben zu müssen; diese sprach morgens und abends mit der Herrscherin, und ich hatte ihr einen Brief überbracht.

Die Dame empfing mich mit den Worten, ich solle doch nicht mehr meine linke Hand in der Binde tragen; dies sei eine Scharlatanerie, denn nach neun Monaten hätte ich es doch gewiß nicht mehr nötig. Äußerst erstaunt über einen derartigen Empfang antwortete ich ihr: »Wenn ich es nicht nötig hätte, würde ich meine Hand nicht in der Binde tragen, und ich bin kein Scharlatan. Ich bin aus einem ganz anderen Grunde zu Ihnen gekommen, Madame.«

»Ich weiß es, aber ich will damit nichts zu tun haben. Ihr seid lauter solche Taugenichtse wie Tomatis.«

Ich drehte mich auf dem Absatz herum und ging hinaus, ohne sie zu grüßen. Wie vernichtet ging ich nach Hause. Ich begriff nicht, wie ich mich in einer solchen Lage befinden konnte. Ausgeraubt, beschimpft von Halunken aller Stände; ohnmächtig, nicht imstande, die einen ober die anderen zu vernichten; von der Justiz wie ein Verbrecher behandelt! Wie? Eine boshafte Gräfin wagte es, sich über meine Armbinde lustig zu machen? Wäre mir diese Beleidigung von einem Manne widerfahren, so hätte ich von meiner Linken den Handschuh abgezogen, um sie ihm zu zeigen, dann aber meine Rechte auf seinem Gesicht abgezeichnet. Meine linke Hand schwoll sofort an, wenn ich sie eine Stunde ohne Binde trug, und dann konnte ich nicht die geringste Bewegung ohne große Schmerzen machen. Von diesem Leiden wurde ich erst zwanzig Monate nach meinem Duell völlig geheilt.

Herr von Vitzthum oder Vicedom – man hat mir versichert, das sei dasselbe – sagte mir, die Kaiserin habe dem Fürsten Kaunitz gesagt, Schrattenbach erkläre die ganze Geschichte, die ich zu meiner Entschuldigung niedergeschrieben habe, für einen Roman. Er wisse bestimmt, daß ich mit gezeichneten Karten, die er in seinem Besitz habe, eine Pharaobank gehalten habe; ich habe mit beiden Händen abgezogen, denn meine Armbinde sei nur eine Scharlatanerie. Einer der Spieler habe mich auf frischer Tat ertappt; man habe mit Recht die Bank mit Beschlag belegt und das von mir auf unredliche Weise gewonnene Geld zurückgenommen. Derselbe Spieler, der ein Vertrauensmann der Polizei sei, habe dem Statthalter meine Börse gegeben; diese habe vierzig Dukaten enthalten, die mit Fug und Recht konfisziert worden seien. Die Kaiserin sehe sich gezwungen, dem Bericht des Herrn von Schrattenbach über diese Geschichte Glauben beizumessen; denn selbst wenn ich recht hätte, könnte sie mir nicht durch Entlassung des Statthalters Gerechtigkeit widerfahren lassen. Sie würde dadurch in große Verlegenheit geraten, denn sie fände niemanden zur Übernahme dieses sehr schwierigen Amtes, bei dessen Ausübung der Graf großen Eifer an den Tag legte. Tatsächlich wäre es ihm gelungen, Wien von einem Ungeziefer frei zu halten, das eine Schande für das Menschengeschlecht sei. »Dies befiehlt Fürst Kaunitz mir, Ihnen zu sagen; im übrigen haben Sie nichts mehr zu befürchten und können abreisen, wann Sie wollen.«

»Man soll mir also ungestraft zweihundert Dukaten gestohlen haben? Wenn die Kaiserin aus politischen Gründen nicht will, daß ich einen Kriminalprozeß anstrenge, so soll sie mir doch wenigstens mein Geld wiedergeben. Ich bitte Sie, den Fürsten zu fragen, ob ich in geziemender Form der Kaiserin klarlegen darf, daß sie mir zum allermindesten diese Genugtuung schuldet.«

»Ich werde es ihm sagen.«

»Andernfalls werde ich abreisen; denn was soll ich in einer Stadt anfangen, wo ich nur im Wagen ausfahren kann und wo die Regierung Mörder in ihrem Solde hält!«

»Sie haben recht. Wir alle sind überzeugt, daß Pocchini Sie verleumdet hat. Dieses Mädchen mit den lateinischen Versen ist sehr bekannt; man wußte nur ihre Adresse nicht. Ich möchte Ihnen noch sagen, daß Sie nicht gut daran tun würden, diese Geschichte zu veröffentlichen, solange Sie noch in Wien sind; denn sie stellt Schrattenbach bloß, den unglücklicherweise die Kaiserin offenbar gern hat.«

»Ich fühle das alles und muß die Zähne zusammenbeißen. Ich werde abreisen, sobald meine Wäscherin mir die Wäsche gebracht hat; aber ich werde diese Geschichte mit allen ihren ungeheuerlichen Nebenumstanden drucken lassen.«

»Die Kaiserin ist gegen Sie eingenommen, ich weiß nicht, durch wen.«

»Aber ich weiß es: durch ein gottverdammtes altes Weib, die Gräfin Salmor.«

Am nächsten Tage schrieb Graf Vitzthum mir, Fürst Kaunitz rate mir, meine zweihundert Dukaten zu vergessen; Pocchinis Tochter und deren angebliche Mutter seien allem Anschein nach nicht mehr in Wien; denn jemand, der die Adresse gelesen habe und neugierig gewesen sei, habe sie vergeblich suchen lassen.

Da ich sah, daß ich diese verdammte Geschichte niemals zu einem guten Ende führen würde, so faßte ich den Entschluß, mich nicht mehr darüber zu ärgern und abzureisen; zugleich aber nahm ich mir vor, die Geschichte zu veröffentlichen und Pocchini mit meinen eigenen Händen zu hängen, sobald ich das Glück hätte, ihn zu treffen. Ich habe weder das eine noch das andere getan.

In jenen Tagen kam ein Fräulein aus dem Hause Salis von Chur mit der Post nach Wien; sie reiste allein und ohne Bediente. Der kaiserliche Henker Schrattenbach sandte ihr den Befehl, zwei Tage nach ihrer Ankunft wieder abzureisen; sie ließ ihm antworten, sie wolle in Wien bleiben, solange es ihr gefalle. Der Henkersknecht ließ sie in ein Kloster sperren, und dort war sie noch, als ich abreiste. Der Kaiser machte sich oft über derartige Befehle seiner Mutter lustig, tat aber niemals etwas dagegen; er suchte das Fräulein im Kloster auf. Seine Mutter erfuhr dies und fragte ihn, wie er sie gefunden habe. »Ich habe gefunden,« antwortete der Kaiser, »daß sie viel mehr Geist hat als Schrattenbach.«

Es steht außer Frage, daß jede edle Seele stets an das unantastbare Recht glauben wird, »frei zu sein«. Und doch, wer ist wirklich frei in dieser Hölle, die man Welt nennt? Niemand. Nur der Philosoph vielleicht, aber er ist es durch Opfer, die für das mit dem geheiligten Namen »Freiheit« geschmückte Trugbild wahrscheinlich zu kostspielig sind.

Ich überließ Campioni meine Wohnung, die ich bis Ende des Monats bezahlt hatte, und das Holz, wovon ich mir einen reichlichen Vorrat angeschafft hatte, und versprach ihm, ihn in Augsburg zu erwarten, wo nur die Gesetze herrschen und wo ich mein Leben genossen hatte. Ich reiste allein ab, in meinem Herzen den bitteren Schmerz, daß ich keine Gelegenheit gefunden hatte, das Ungeheuer zu töten, dessen barbarischer Despotismus mich unterdrückt hatte. Ich kam in Linz an, wo ich nur Aufenthalt machte, um an Schrattenbach einen Brief zu schreiben, der noch schärfer war als jener, den ich im Jahre 1760 dem Herzog von Württemberg geschrieben hatte. Ich brachte den Brief persönlich nach der Post und ließ mir eine Quittung dafür geben, um sicher zu sein, daß er in die Hände des unwürdigen Statthalters gelangen würde. Dieser Brief war für meine Gesundheit notwendig, denn der Zorn wirkt tödlich, wenn es nicht gelingt, ihn auf irgendeine Weise abzulenken. Von Linz reiste ich in drei Tagen nach München, wo ich den Grafen Kajetan Zavoiski besuchte, der vor sieben Jahren in Dresden gestorben ist. Ich hatte ihn in Venedig gekannt, als er in bedrängten Umständen lebte, und hatte das Glück gehabt, ihm nützlich sein zu können. Als ich ihm erzählte, was mir in Wien geschehen war, dachte er sich ohne Zweifel, daß ich Geld nötig hätte, und gab mir fünfundzwanzig Louis. Dies war allerdings viel weniger, als was ich ihm in Venedig gegeben hatte, und wenn er damit seine Schuld hatte begleichen wollen, so wären wir nicht quitt gewesen. Da ich aber niemals beabsichtigt hatte, ihm das Geld als Darlehen zu geben – denn eine solche Denkweise war niemals meine Art – so war ich ihm für die kleine Summe dankbar, wie für eine Wohltat. Er gab mir außerdem einen Brief für den Hofmarschall des Fürstbischofs von Augsburg, den Grafen Maximilian von Lamberg, dessen Bekanntschaft zu machen ich bereits die Ehre gehabt hatte.

In Augsburg war damals kein Theater; dafür fanden aber Maskenbälle statt, auf denen Adel, Bürgerschaft und Mädchen aus dem Volke sich mischten. Auch gab es kleine Gesellschaften, wo man Pharao spielte und sich mit geringen Kosten belustigte. Ich war müde der Freuden, Leiden und Scherereien, die mir in drei Hauptstädten zuteil geworden, und entschloß mich, vier Monate in einer freien Stadt wie Augsburg zu verbringen, wo die Fremden dieselben Vorrechte hatten wie die Domherren. Meine Börse war sehr schmal geworden; da aber mein gewöhnliches Leben mir sehr wenig kostete, so hatte ich nichts zu befürchten. Da ich in Augsburg bekannt und außerdem in der Nähe von Venedig war, so war ich sicher, stets hundert Dukaten zur Verfügung zu haben, wenn ich zufällig einer solchen Summe bedürfen sollte. Ich spielte also mit kleinen Einsätzen und führte Krieg gegen die Griechen, die zu unserer Zeit zahlreicher geworden sind als die Einfältigen, die sich betrügen lassen, wie es ja auch bald mehr Ärzte als Kranke gibt. Auch dachte ich daran, mir eine Geliebte zu verschaffen; denn was ist das Leben ohne Liebe? Vergeblich hatte ich versucht, Gertrud wiederzufinden; der Kupferstecher war gestorben, und kein Mensch konnte mir sagen, was aus seiner Tochter geworden war.

Einige Tage vor dem Ende des Karnevals sollte ein Ball außerhalb Augsburgs stattfinden, den ich mitmachen mußte. Ich ging zu einem Fuhrhalter, und während man die Pferde anspannte, trat ich ins Zimmer, um mich einen Augenblick am Ofen zu wärmen; denn es war kalt. Ein Mädchen kam herein und fragte mich, ob ich ein Glas Wein trinken wolle.

»Nein!« antwortete ich; da die Frage wiederholt wurde, sagte ich noch einmal »Nein«, und zwar in ziemlich barschem Tone und mit ungeduldigem Gesicht. Das Mädchen rührte sich nicht und fing an zu lachen; dies ärgerte mich, und ich fuhr sie an, sie solle mich in Ruhe lassen.

Da sagte sie: »Ach, ich sehe wohl, Sie können mich nicht wiedererkennen.«

Ich wurde neugierig, sah sie aufmerksam an und entdeckte schließlich unter den häßlichen Zügen eines mehr als gewöhnlichen Mädchens die hübsche Anna Midel, die kleine Magd bei Gertruds Vater, dem Kupferstecher.

»Sie scheinen mir Anna Midel zu sein?« fragte ich sie.

»Ach, ich war es. Ich bin nicht mehr so, daß man mich lieben kann; aber daran sind Sie schuld.«

»Ich?«

»Ja, Sie. Die vierhundert Gulden, die Sie mir gaben, veranlaßten den Kutscher des Grafen Fugger, mich zu heiraten. Er hat nicht nur das ganze Geld verzehrt und mich dann verlassen, sondern mir auch eine gräßliche Krankheit mitgeteilt, an der ich beinahe gestorben wäre. Ich bin mit dem Leben davongekommen. Aber wie sehe ich jetzt aus.«

»Das tut mir sehr leid; aber sage mir, was ist aus Gertrud geworden?«

»Wissen Sie denn nicht, daß Sie zu ihr auf den Ball gehen?«

»Zu ihr?«

»Ja. Nach dem Tode ihres Vaters hat sie einen wohlhabenden und braven Mann geheiratet. Ihr Haus liegt eine kleine Meile von hier. Er hat einen Gasthof mit Speisewirtschaft; Sie werden dort zufrieden sein.«

»Ist sie noch hübsch?«

»Sie ist, wie sie war; nur ist sie eben sechs Jahre älter und hat Kinder gehabt.«

»Ist sie galant?«

»Ich glaube nicht.«

Anna hatte mir wahr berichtet. Gertrud freute sich, als sie mich wieder sah, stellte mich ihrem Mann als einen früheren Mieter ihres Vaters vor und bewirtete mich gut; als ich aber während der Nacht unter vier Augen mit ihr sprach, fand ich sie von den anständigen Gefühlen beseelt, die ihre Lage erforderte.

Zu Beginn der Fastenzeit kam Campioni in Augsburg an. Er reiste mit Binetti, der nach Paris ging, um sich dort eine Stelle zu kaufen. Er hatte seine Frau ausgeplündert und für immer verlassen. Campioni sagte mir, in Wien bezweifle kein Mensch, daß mein Abenteuer genau so gewesen sei, wie ich es in meinen Schriftstücken geschildert habe. Pocchini und der Slawonier seien wenige Tage nach meiner Abreise verschwunden, und alle Welt tadele den Statthalter. Campioni brachte einen Monat bei mir zu und verließ mich dann, um nach London zu gehen.

Als ich meinen Brief dem Grafen Lamberg überbrachte, machten er und seine Gemahlin mir die schmeichelhaftesten Vorwürfe, daß ich nicht früher gekommen wäre. Die Gräfin war nicht schön, aber sie besaß alles, was eine Frau braucht, um von allen, mit denen sie in Berührung kommt, geliebt zu werden. Sie war eine geborene Gräfin Dachsberg. Drei Monate nach meiner Ankunft machte sie mit dem Domherrn Grafen Fugger eine Ausfahrt, um in einem Gasthof, dreiviertel Stunden von Augsburg, zu jausen; ich war mit von der Partie. Die Gräfin war schwanger, glaubte aber nicht, daß ihre Niederkunft schon bevorstände. Während der Jause wurde sie plötzlich von so heftigen Wehen ergriffen, daß sie auf der Stelle niederzukommen fürchtete. Sie wagte es nicht dem gräflichen Domherrn zu sagen, sondern wandte sich an mich, dem sie wohl mehr Kenntnisse auf dem Gebiete zutraute, und flüsterte mir ihre Mitteilung ins Ohr. Sofort eilte ich hinaus und befahl dem Kutscher, schleunigst anzuspannen. Hierauf ging ich wieder in die Wirtsstube und trug sie sozusagen in den Wagen. Der Domherr folgte uns ganz erstaunt und fragte mich fortwährend, was los sei. Er stieg nach uns in den Wagen, und ich bat ihn, dem Kutscher zu sagen, er sollte schnell fahren und wenn er die Pferde zu Tode jagte. Der Domherr gehorchte, fragte aber unaufhörlich ganz ängstlich, was denn eigentlich los sei.

»Frau Gräfin wird hier niederkommen, Herr Kanonikus, wenn wir nicht schneller fahren!«

Obgleich die Schmerzen der armen Gräfin mir ins Herz schnitten, konnte ich mich kaum enthalten, laut herauszulachen, als ich den guten Domherrn abwechselnd leichenblaß und purpurrot werden sah; er erstickte beinahe vor Angst, daß die Gräfin in seiner Gegenwart und in seinem eigenen Wagen ein Kind zur Welt bringen könnte. Er war in Verzweiflung, denn was würde man davon sagen? Die Komik eines derartigen Ereignisses erfüllte ihn mit Entsetzen; er lag wie der heilige Lorenz auf einem glühenden Rost. Der Bischof war in Plombières, man würde ihm die Geschichte schreiben! Die Neuigkeit würde ein gefundenes Fressen für die Zeitungsschreiber sein.

»Schnell, Kutscher! Fahr doch schneller!«

Wir kamen glücklich im Schloß an. Ich trug sozusagen die Gräfin in ihr Zimmer, und man lief schleunigst nach der Hebamme und dem Geburtshelfer. Dies war überflüssig, denn fünf Minuten darauf teilte der Graf uns mit, die Gräfin sei glücklich entbunden worden. Dem Domherrn war eine Zentnerlast vom Herzen gefallen, und er ging schnell nach Hause, um sich die Ader schlagen zu lassen.

Ich lebte vier Monate lang in Augsburg so angenehm wie nur möglich. Zwei- oder dreimal wöchentlich aß ich beim Grafen Lamberg zu Abend. Bei diesen Soupers machte ich die Bekanntschaft eines seltenen Ehrenmannes, des Grafen von Thurn und Vallesassina; er ist jetzt Dekan des Regensburger Domkapitels und war damals Page des Fürstbischofs. Dieser Page und der fürstbischöfliche Leibarzt, Dr. Algardi aus Bologna, ebenfalls ein reizender Mensch, waren stets beim Souper zugegen.

Ferner sah ich beim Grafen Lamberg oft einen preußischen Offizier, den Baron Sellentin, der in Augsburg seinen ständigen Wohnsitz hatte, um für seinen königlichen Herrn Rekruten zu werben. Er war liebenswürdig, geistreich im gascognischen Stil, schlau, tapfer, ein Liebhaber des Spiels und ein guter Spieler. Vor fünf oder sechs Jahren schrieb er mir aus Dresden, er sei alt geworden und bereue es, geheiratet zu haben, obgleich er eine reiche Frau gefunden habe. Vielleicht würde ich dasselbe sagen, wenn ich zufällig geheiratet hätte.

Während meines Aufenthaltes in Augsburg besuchten mich mehrere Polen, die ihr Vaterland wegen der ausgebrochcnen Unruhen verließen, unter anderen der Großnotar der Krone Rzewuski, den ich in Petersburg als Liebhaber der armen Langlade gekannt hatte. »Welch ein Reichstag! Was für Ränke! Was für ein Unglück!« sagte der brave Pole zu mir. »Glücklich, wer sich von dem Trubel entfernen kann.«

Er reiste nach Spaa und versicherte mir, wenn ich dorthin ginge, würde ich dort die Schwester des Fürsten Adam finden, sowie Tomatis und die Catai, die dieser geheiratet hätte. Schließlich bestimmte er mich zu dem Entschluß nach Spaa zu gehen, und da ich knapp an Geld war, so traf ich meine Maßregeln, um mit drei oder vierhundert Dukaten in meiner Börse in Spaa erscheinen zu können. Zu diesem Zwecke schrieb ich dem Prinzen Karl von Kurland, der in Venedig war, er möchte mir etwa hundert Dukaten schicken. Um ihn zu veranlassen, mir das Geld sofort zu senden, teilte ich ihm ein unfehlbares Mittel mit, um den Stein der Weisen zu gewinnen. Da mein Brief, obwohl er ein so großes Geheimnis enthielt, nicht chiffriert war, so empfahl ich dem Prinzen, ihn zu verbrennen, indem ich ihm versicherte, ich hätte eine genaue Abschrift zurückbehalten. Er tat es nicht, und der Brief wurde mit seinen anderen Papieren in Beschlag genommen, als man ihn in Paris in die Bastille setzte.

So kam mein Brief in die Archive dieses Staatsgefängnisses, und er würde ohne die Revolution niemals das Licht der Welt erblickt haben. Bei der Zerstörung der Bastille wurde mein Brief aufgefunden, und man ließ ihn zusammen mit mehreren anderen seltsamen Schriftstücken drucken; der Brief ist seitdem auch ins Deutsche und Englische übersetzt worden. Die Dummköpfe, von denen es in diesem Lande wimmelt, wo ich nach dem Willen des Schicksals zu meiner Erholung die hauptsächlichsten Begebenheiten meines langen, sehr bewegten Lebens niederschreibe, – diese Dummköpfe, die selbstverständlich meine Feinde sind (denn der Esel hat niemals mit dem Pferde Freundschaft schließen können), diese Dummköpfe, sage ich, triumphierten, als sie diese vermeintliche Anklageschrift gegen mich lasen. Sie waren so dumm, mir vorzuwerfen, daß ich der Verfasser des Briefes sei, und glaubten mich zu Boden zu schmettern, indem sie mir sagten, man habe den Brief zu meiner ewigen Schande ins Deutsche übersetzt. Die dummen, böhmischen Trottel, die mir diesen Vorwurf machten, waren ganz verblüfft, als ich ihnen ins Gesicht lachte und antwortete, gerade dieser Brief mache mir unsterbliche Ehre, und wcnn sie etwas weniger lange Ohren hätten, so würden sie mich nicht tadeln, sondern bewundern.

Ich weiß nicht, ob mein Brief verändert worden ist; da er aber nun einmal veröffentlicht wurde, so will ich ihn hier mitteilen, um der Wahrheit die Ehre zu geben; denn diese ist der einzige Gott, den ich anbete. Vor mir liegt die genaue Abschrift des Originals, wie ich es im Mai des Jahres 1767 in Augsburg niederschrieb. Heute haben wir den 1. Januar 1798.

Der Brief lautete:

Gnädiger Herr,

Eure Durchlaucht werden diesen Brief verbrennen, wenn Sie ihn gelesen haben, oder Sie werden ihn mit der denkbar größten Sorgfalt aufbewahren. Es ist jedoch besser, wenn Sie ihn verbrennen und nur eine chiffrierte Abschrift davon zurückbehalten, so daß man ihn nicht verstehen kann, wenn er gestohlen werden oder verloren gehen sollte. Die Neigung, die Sie mir eingeflößt haben, ist nicht die einzige Triebfeder meines Vorgehens; ich gestehe Ihnen, daß mein Interesse in gleichem Umfange daran beteiligt ist. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß es mir nicht genügt, von Eurer Hoheit wegen der Eigenschaften geliebt zu werden, die Sie vielleicht an mir erkannt haben; zwar schmeichelt diese Liebe mir unendlich, aber ich muß die Unbeständigkeit befürchten, die eine so natürliche Eigenschaft aller Fürsten ist. Ich wünsche, gnädiger Herr, daß Sie einen triftigen Grund haben, mich zu lieben; ich wünsche, daß Sie mir durch das unschätzbare Geschenk verpflichtet sind, das ich Ihnen machen werde. Dieses Geschenk ist das Geheimnis der Vermehrung des Goldes, des einzigen Stoffes, dessen Eure Hoheit bedürfen. Sie würden reich sein, wenn Sie als Geizhals geboren wären; aber Sie sind von Natur freigebig und werden immer arm sein ohne das Geheimnis, dessen einziger Besitzer ich bin.

Euere Hoheit sagten mir in Riga, Sie wünschten, daß ich Ihnen vor meiner Abreise das Geheimnis auslieferte, durch das ich Eisen in Kupfer verwandelt habe. Ich tat es nicht; jetzt aber werde ich Ihnen das Geheimnis einer viel wichtigeren Transmutation schenken. Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, daß der Ort, wo Sie sich jetzt befinden, nicht zur Vornahme der Operation geeignet ist, obgleich Sie dort leicht die erforderlichen Stoffe finden können. Die Operation erheischt meine Gegenwart zur Errichtung des Ofens, und damit die Ausführung mit der äußersten Sorgfalt gemacht werde, denn bei dem geringsten Versehen würde sie mißlingen. Die Transmutation des Eisens ist leicht und mechanisch, aber diejenige, die ich Ihnen jetzt angebe, ist durchaus philosophisch. Wenn Ihr Gold gradiert ist – und das läßt sich sehr leicht machen – so wird es dem Golde gleich sein, woraus die venetianischen Zechinen geschlagen sind. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß ich Sie vielleicht instand setze, meiner entbehren zu können, und noch mehr bedenken Sie, daß ich in Ihre Hände mein Leben und meine Freiheit lege.

Mein Vorgehen muß mir Ihr ewiges Wohlwollen sichern und muß Sie über das Vorurteil erheben, das man in bezug auf das bei den Alchimisten übliche Verfahren und ihre Ausdrucksweise hat. Mein Selbstgefühl wäre verletzt, wenn Euere Hoheit mich nicht von der Menge unterschieden. Die einzige Gnade, um die ich Sie bitte, ist die, daß Sie zur Ausführung der Operation den Augenblick unserer Wiedervereinigung abwarten. Allein können Sie nicht arbeiten. Sie können sich aber auch keinem Menschen anvertrauen. Denn wenn auch die Operation gelingen sollte, so würde doch Ihr Helfer Ihr Geheimnis verletzen.

Ich will Ihnen sagen, daß ich mit denselben Zutaten unter Hinzufügung von Quecksilber und Salpeter den Projektionsbaum bei der Marquise von Urfé machte: die Fürstin von Anhalt- Zerbst berechnete dessen Wachstum auf fünfzig Prozent. Ich wäre jetzt unermeßlich reich, wenn ich mich einem Fürsten hätte anvertrauen können, der im Besitz einer Münze ist. Dieses Glück ist mir erst jetzt widerfahren, und ich sehe damit meine höchsten Wünsche erfüllt; denn Ihr göttlicher Charakter beseitigt jede Befürchtung für mich. Doch zur Sache:

Man nehme vier Unzen guten Silbers, löse es in Scheidewasser auf und schlage es nach den Regeln der Kunst mittels eines Kupferstabcs nieder; hierauf wasche man es mit lauem Wasser, um es von allen Säuren zu befreien. Dann lasse man es gut trocknen, mische es mit einer halben Unze Ammoniaksalz und lege es in einen Tiegel, worin man es schmelzen kann. Hierauf nehme man ein Pfund Federalaun und ein Pfund ungarischen Kristall, vier Unzen Grünspan, vier Unzen echten Zinnober und zwei Unzen lebendigen Schwefel. Alle diese Zutaten müssen zu Pulver zerstoßen und miteinander vermischt werden. Hierauf tut man sie in einen Destillierkolben von solcher Größe, daß er nur zur Hälfte von ihnen gefüllt ist. Dieser Destillierkolben ist auf einen Schmelzofen zu legen, der vier Züge hat, denn das Feuer muß bis zum vierten Grade gesteigert werden. Man muß mit einem langsamen Feuer beginnen, das nur das Phlegma oder die wässerigen Teile ausscheidet. Wenn die geistigen Teile zu erscheinen beginnen, muß das Gefäß aufgesetzt werden, worin sich das Silber mit dem Ammoniak befindet. Alle Fugen müssen mit Weisheitskitt verschlossen werden, und in dem Maße, wie die geistigen Teile ausscheiden, muß das Feuer bis zum dritten Grade gesteigert werden.

Wenn man sieht, daß die Sublimation beginnt, muß man unverzagt den vierten Zug öffnen; man achte aber darauf, daß das Sublimierte nicht in den Behälter mit dem Mondmetall gerate; man schließe den Hals mit einer dreifachen Blase und stelle das Gefäß vierundzwanzig Stunden lang in einen Zirkulationsofen; hierauf nehme man die Blase ab und bringe die Retorte in den Mittelpunkt, damit die Masse destillieren kann. Das Feuer muß vermehrt werden, bis die geistigen Teile, die sich vielleicht noch in der Masse befinden, verschwinden und die Masse vollständig trocken ist. Nachdem man diese Operation dreimal wiederholt hat, wird man das Gold in der Retorte sehen. Man nehme es aus der Retorte und schmelze es, indem man das corpus perfectum hinzusetzt. Indem man es mit zwei Unzen Gold schmilzt und es in Wasser legt, wird man vier Unzen Gold finden, das jeder Probe standhält, vollkommenes Gewicht hat und hämmerbar ist; nur ist es ein wenig blaß.

Dies, gnädiger Herr, ist die Goldmine für Ihre Münze in Mitau; mittels derselben kann ein Direktor mit vier Arbeitern Ihnen wöchentlich eine Einnahme von tausend Dukaten verschaffen, und das Doppelte und Vierfache, wenn Eure Hoheit die Arbeiter und die Ofen vermehren wollen. Diese Direktorstelle erbitte ich für mich selber, doch verlange ich für meine Rechnung nur soviel Metall, wie Eure Hoheit geruhen wollen, mir zuzuweisen. Die Stempel, womit ich die Münzen schlagen lassen werde, will ich Eurer Hoheit noch bezeichnen. Bedenken Sie, gnädiger Herr, daß diese Angelegenheit ein Staatsgeheimnis sein muß. Als regierender Fürst müssen Sie die ganze Bedeutung dieses Wortes begreifen, überliefern Sie diesen Brief den Flammen, und wenn Eure Hoheit mir schon im voraus eine Belohnung geben wollen, so bitte ich nur um Ihre gnädige Huld für mich, der ich Sie anbete. Ich bin glücklich, wenn ich hoffen darf, daß mein Herr mein Freund sein wird. Mein Leben, das ich mit diesem Brief in Ihre Hand gebe, werde ich stets für Sie hinzugeben bereit sein, und ich werde freiwillig daraus zu scheiden wissen, wenn jemals der Fall eintreten sollte, daß ich es bereuen müßte, mich Eurer Hoheit eröffnet zu haben.

Wenn dieser Brief – gleichviel in welcher Sprache er gedruckt sein mag – anders lautet, so ist er nicht von mir, das behaupte ich allen Mirabeaus der ganzen Welt ins Gesicht. Man nennt mich einen aus Frankreich Verbannten, und mit Unrecht; denn wenn einer infolge einer lettre de cachet abreist, so ist er nicht verbannt oder ausgewiesen. Er ist gezwungen, einem Befehl des Herrschers zu gehorchen, der willkürlicherweise irgend jemanden, der ihm lästig ist oder ihm mißfällt, vor die Tür seines Hauses setzt, ohne sich zur Angabe von Gründen für verpflichtet zu halten. Ein König sieht eben – mit oder ohne Grund – sein Königreich als sein Privathaus an, und jeder Privatmann hat das Recht, in seinem Hause ebenso zu handeln. Wirklich ausgewiesen werden kann man nur durch ein Urteil, das durch das Gesetzbuch begründet ist.

Sobald meine Börse einen stattlichen Umfang hatte, verließ ich Augsburg; am 14. Juni 1767. Als ich in Ulm war, reiste ein Kurier des Herzogs von Württemberg durch, um die Nachricht nach Ludwigsburg zu bringen, daß Seine Durchlauchtigste Hoheit in fünf oder sechs Tagen von Venedig kommen werde. Dieser Kurier hatte einen Brief für mich. Er war ihm von dem Prinzen Karl von Kurland übergeben worden, der ihm gesagt hatte, er werde mich im Gasthof zum Rebstock in Augsburg finden. Er hatte mich nicht gefunden, weil ich am Tage vorher abgereist war; da er jedoch wußte, welchen Weg ich eingeschlagen hatte, so bezweifelte er nicht, daß er mich einholen würde, und in der Tat traf er mich in Ulm. Als er mir den Brief übergab, fragte er mich, ob ich derselbe Casanova wäre, der wegen einer Spielgeschichte mit drei Offizieren aus dem Arrest entflohen wäre. Da ich niemals verstand, eine Wahrheit zu leugnen, wenn einer mich darnach fragte, so antwortete ich bejahend. Ein württembergischer Offizier, der sich ganz in unserer Nähe befand, sagte mir freundlich, er sei damals in Stuttgart gewesen, und man habe die drei Offiziere wegen ihres Benehmens allgemein verdammt. Ohne ihm zu antworten, las ich meinen Brief, der nur von unseren Privatangelegenheiten handelte; aber während des Lesens hatte ich den Einfall, eine kleine Lüge zu sagen, – eine Lüge, die keinem Menschen schaden konnte und mir eine Art unschuldiger Rache verschaffte – und so sagte ich denn zu dem Offizier: »Nun, mein Herr, nach sieben Jahren ist es mir endlich gelungen, Seine Durchlaucht Ihren Herzog zur Vernunft zu bringen! Hier erhalte ich eben einen Brief, worin mir mitgeteilt wird, daß der Herzog mir eine Genugtuung gibt, woran mir außerordentlich viel liegt. Ich trete als Geheimsekretär mit zwölfhundert Talern Gehalt in seinen Dienst ein. Aber wer weiß, was in diesen sieben Jahren aus den drei Offizieren geworden ist!«

»Mein Herr, sie sind alle drei in Ludwigsburg, und * * * ist jetzt Oberst.«

»Die Nachricht wird sie jedenfalls überraschen, und sie werden sie morgen erfahren, denn ich reise in einer Stunde ab. Wenn sie in Ludwigsburg sind, so ist damit mein sehnlichster Wunsch erfüllt. Es tut mir nur leid,« sagte ich zu dem Kurier, »daß ich Sie nicht begleiten kann: denn ich will hier übernachten und die Festungswerke besehen; aber übermorgen werden wir uns wiedersehen.«

Nachdem ich eine ausgezeichnete Nacht verbracht hatte, erwachte ich mit dem köstlichen Gedanken, daß ich nach Ludwigsburg gehen würde, nicht um mich mit den drei Offizieren zu schlagen, sondern um ihnen Angst einzuflößen und mich auf die angenehmste Art für den mir von ihnen angetanen Schimpf zu rächen. Außerdem freute ich mich auf den Empfang von Seiten der vielen Bekannten, die ich dort noch haben mußte: außer der Toscani, die des Herzogs Geliebte war, mußte ich Baletti und Vestri finden; dieser hatte eine frühere Geliebte des Herzogs geheiratet, die später eine berühmte Schauspielerin wurde. Als Kenner des menschlichen Herzens wußte ich, daß ich nichts zu befürchten hatte. Da die Rückkehr des Fürsten unmittelbar bevorstand, so würde man gar nicht auf den Gedanken kommen, daß ich eine Fabel aufgebracht hätte. Der Herzog würde mich bei seiner Ankunft nicht mehr finden, denn ich würde mich natürlich entfernen, sobald der Kurier, der ihm vorausritt, seine Ankunft meldete. Ich würde einfach allen Leuten sagen, ich reiste Seiner Hoheit entgegen, und alle Leute würden sich von mir anführen lassen.

Niemals erschien mir eine Idee in so verführerischem Lichte. Ich war stolz darauf, sie ausgeheckt zu haben, und ich hätte es meines Geistes unwürdig gefunden, wenn ich sie nicht ausgeführt hätte. Ich vollzog damit eine grausame Rache an dem Herzog, dessen Groll ich fürchten mußte, denn er hatte jedenfalls den beleidigenden Brief nicht vergessen, den ich ihm geschrieben hatte. Solche Sachen vergessen Fürsten nicht, wie sie oft genug große Dienste vergessen.

Vor Aufregung, die mir meine Ungeduld verursachte, konnte ich die Nacht nicht schlafen. Ich kam in Ludwigsburg an und nannte am Tor meinen Namen, aber ohne meine angebliche neue Würde, denn ich durfte den Spaß auch nicht zu auffällig machen. Ich stieg in dem sehr guten Gasthof zur Post ab und ließ mein Gepäck auf mein Zimmer schaffen. Sodann erkundigte ich mich, wo die Toscani wohnte, und im selben Augenblicke sah ich sie mit ihrem Mann erscheinen. Alle beide fielen mir um den Hals und töteten mich mit ihren Komplimenten über meine Armbinde und über meinen großen Sieg.

»Was für ein Sieg?«

»Daß Sie hier erscheinen! Es ist für alle ihre Freunde eine wahre Herzensfreude gewesen.«

»Ich bin im Dienste des Herzogs; aber woher wissen Sie das?«

»Es ist das allgemeine Tagesgespräch. Der herzogliche Kurier, der Ihnen den Brief brachte, hat die Nachricht verbreitet, und der Offizier, der dabei war, hat sie bestätigt; er ist gestern früh hier angekommen. Sie können sich von der Bestürzung ihrer drei Feinde gar keine Vorstellung machen! Trotzdem fürchteten wir, Sie würden noch einen Handel auszufechten haben; denn sie haben noch Ihren Brief aus Fürstenberg, wodurch Sie sie zum Zweikampf herausforderten.«

»Warum sind sie nicht gekommen?«

»Zwei von ihnen konnten nicht, der dritte kam zu spät.«

»Schön. Wenn der Herzog es erlaubt, tun die Herren mir einen Gefallen, indem sie sich mit mir schlagen – nicht etwa alle drei auf einmal, sondern einer nach dem anderen. Auf Pistolen selbstverständlich; denn mit dem Arm in der Binde schlägt man sich natürlich nicht auf Degen.«

»Wir werden noch davon sprechen. Meine Tochter will vor der Ankunft des Herzogs eine Aussöhnung bewerkstelligen, und Sie täten gut, wenn Sie ihr die Sache überließen; denn jene sind zu dreien, und es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß Sie nicht alle drei töten werden.«

»Ihre Tochter muß eine Schönheit geworden sein.«

»Sie werden heute Abend in meinem Hause mit ihr speisen, denn sie ist nicht mehr Geliebte des Herzogs. Sie wird sich verheiraten.«

»Wenn Ihre Tochter uns aussöhnt, ziehe ich den Frieden dem Krieg vor, vorausgesetzt, daß es nicht gegen meine Ehre geht.«

»Aber warum diese Binde nach sechzehn Monaten?«

»Ich befinde mich wohl, aber meine Hand schwillt an, sobald ich sie herabhängen lasse; Sie werden das nach Tisch selber sehen, denn Sie werden mit mir zu Mittag essen, wenn Sie wünschen, daß ich bei Ihnen zu Abend speise.«

In diesem Augenblick kam Vestri, den ich noch nicht kannte, mit meinem lieben Baletti. In ihrer Begleitung befanden sich ein Offizier, der in eine zweite Tochter der Toscani verliebt war, und noch ein anderer Herr von ihrer Gesellschaft, den ich ebenfalls nicht kannte. Alle sprachen mir ihre Glückwünsche darüber aus, daß ich einen so ehrenvollen Posten im Dienste des Herzogs erhalten hätte. Valetti war überglücklich. Meine Leser werden sich erinnern, daß mein Freund mir bei meiner Flucht aus Stuttgart aufs beste beigestanden hatte, und daß ich seine Schwester hätte heiraten sollen. Baletti hatte eine große Seele, viel Geist und ein schönes Talent. Er zeichnete sich durch seinen musterhaften Lebenswandel aus, und der Herzog hielt große Stücke auf ihn. Er besaß ein Häuschen, das am Ende der Stadt halb auf dem Lande lag. Er hatte ein ausgezeichnetes Zimmer für mich und bat mich, dieses anzunehmen; er sei stolz darauf, daß der Herzog erfahren werde, ich sei sein bester Freund und wohne bis zu seiner Ankunft bei ihm; denn alsdann werde ich natürlich im Schlosse wohnen. Ich nahm seine Einladung an, und da es noch früh am Tage war, so gingen wir alle zur jungen Toscani. Ich hatte sie in Paris geliebt, als sie noch nicht ganz entwickelt war; und als wir uns nun wiedersahen, war sie mit Recht stolz auf ihre Erscheinung, denn sie war schön. Sie zeigte mir ihr Haus und ihre Juwelen und erzählte mir von ihrem Liebesverhältnis mit dem Herzog. Arme Leute, diese Fürsten – sie werden niemals um ihrer selbst willen geliebt! Sie erzählte mir ferner, daß es wegen seiner fortgesetzten Treulosigkeiten zum Bruch gekommen sei, und daß sie sich nunmehr mit einem Manne verheiraten werde, den sie verachte, aber der Umstände wegen zu nehmen genötigt sei.

Als es Zeit zum Mittagessen war, führte ich die ganze Gesellschaft in meinen Gasthof; unterwegs begegnete mir der Oberst, der sich besonders bemüht hatte, mich unter die Soldaten stecken zu lassen. Er zog zuerst den Hut; wir erwiderten seinen Gruß, und er ging weiter.

Wir hatten ein sehr gutes und sehr lustiges Mittagessen; nach der Mahlzeit richtete ich mich in Balettis Haus ein. Am Abend gingen wir zur Toscani, bei der ich zwei Schönheiten fand, die mich entzückten: ihre Tochter und Vestris Frau, die der Herzog mit ihm verheiratet hatte, nachdem sie von ihm zwei Kinder erhalten hatte, die er anerkannte. Die Vestri war schön, aber sie bezauberte mich durch ihren Geist und durch ihre Anmut. Sie hatte nur einen Fehler: sie schnarrte das r. Da die junge Toscani sich etwas zurückhaltend benahm, so erlaubte ich mir bei Tische meine Huldigungen ganz besonders an Frau Vestri zu richten, deren Gatte nicht eifersüchtig war – wahrscheinlich, weil sie sich in gegenseitigem Einverständnis nicht liebten. An jenem Tage waren gerade die Rollen eines kleinen Lustspiels verteilt worden, das zur Feier der Ankunft des Herzogs aufgeführt werden sollte. Ein junger Dichter, der sich in Ludwigsburg aufhielt, hatte es in der Hoffnung verfaßt, dadurch die Huld des Herrschers und eine Anstellung als Hofdichter zu erhalten. Nach dem Essen sprachen wir von diesem Lustspiel, worin Vestri die Hauptrolle spielte. Man bat sie, uns das Stück vorzulesen, und sie tat dies mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit.

»Ihr Spiel ist voll von Seele und Leben,« sagte ich zu ihr, »Sie bringen das Gefühl auf eine Weise zum Ausdruck, daß man darauf schwören muß, alle Ihre Worte seien von inniger Anteilnahme eingegeben. Wie schade, daß Sie das r nicht mit der Zungenspitze aussprechen!«

Wegen dieser Äußerung fiel die ganze Tischgesellschaft über mich her. »Das ist doch kein Fehler,« rief man, »sondern eine sehr reizvolle Schönheit; der Ausdruck wird dadurch sanfter und anziehender. Eine Schauspielerin, die nicht so spricht, ist neidisch auf diesen Vorzug.«

Ich antwortete nicht, sondern sah nur die Vestri an.

»Glauben Sie,« sagte sie, »daß ich mich durch solche Worte täuschen lasse?«

»Nein, dazu sind Sie zu klug.«

»Einer, der mich liebt und mit aufrichtigem Gesicht zu mir sagt: wie schade!, macht mir mehr Vergnügen, als alle anderen, die mir das Gegenteil sagen, weil sie mir zu schmeicheln glauben. Leider ist es ein unheilbares Übel.«

»Unheilbar, Madame?«

»Ja.«

»Nein. Ich habe in meiner Apotheke ein unfehlbares Heilmittel gegen Ihr Leiden. Sie werden mir eine Ohrfeige geben, wenn ich Sie nicht morgen diese Rolle lesen lasse, ohne daß Ihr Fehler sich bemerkbar macht; aber wenn Sie sie so lesen, wie zum Beispiel Ihr Gemahl sie lesen würde, so werden Sie mir erlauben, Ihnen einen zärtlichen Kuß zu geben.«

»Einverstanden! Aber was muß ich tun?«

»Weiter nichts, als daß Sie mir das Manuskript zu einer kleinen Hexerei überlassen. Ich rede in vollem Ernst. Geben Sie es mir. Heute Nacht brauchen Sie es ja nicht, und morgen früh um neun Uhr werde ich es in Ihre Wohnung bringen und von Ihnen meine Ohrfeige oder einen süßen Kuß empfangen, wenn Ihr Mann nichts dagegen hat.«

»Durchaus nicht! Aber wir glauben nicht an Hexerei.«

»Da haben Sie recht. Aber wenn meine Hexerei mir mißlingt, bekomme ich ja meine Ohrfeige.«

»Das versteht sich.«

Frau Vestri gab mir die Rolle, und wir sprachen von anderen Dingen. Man beklagte mich wegen meiner geschwollenen Hand, und ich erzählte die Geschichte meines Duelles. Alle behandelten mich mit Liebe und herzlicher Hochachtung, und als ich mit Baletti nach seinem Hause ging, war ich ganz verliebt, besonders in die Vestri und in die junge Toscani.

Baletti hatte ein wunderbar schönes Mädchen von drei Jahren.

»Woher hast du diesen Engel?«

»Hier siehst du seine Mutter, die dir nach dem Recht der Gastfreundschaft heute Nacht Gesellschaft leisten wird.«

Es war seine Haushälterin, ein Weib von entzückender Schönheit.

»Ich nehme das großmütige Anerbieten an, aber erst für morgen Abend.«

»Und warum nicht für diese Nacht?«

»Weil die Hexerei mich die ganze Nacht beschäftigen wird.«

»Wie? Es ist kein bloßer Scherz?«

»Nein, es ist voller Ernst.«

»Bist du verrückt geworden?«

»Nein, du wirst schon sehen. Geh zu Bett und gib mir nur Licht und was ich zum Schreiben brauche.«

Ich verbrachte sechs Stunden damit, die Rolle der Vestri umzuschreiben, ohne etwas anderes daran zu ändern als die Wörter auf erre oder re, für die ich gleichwertige Ausdrücke einsetzte. Es war eine Hundearbeit, aber ich hatte Lust, die Vestri in Gegenwart ihres Gemahls zu küssen. Ich führe hier einige Beispiele meiner Änderungen an:

Les procédés de cet homme m’outragent et me désespèrent; je dois penser a m’en débarasser.

Hierfür schrieb ich:

Cet homme a des façons qui m’offensent et me désolent; il faut que je m’en defasse.

Il me croit éprise de lui.

Hierfür setzte ich:

Il pense que je l’aime usw.

Als ich fertig war, schlief ich drei Stunden; hierauf kleidete ich mich an. Baletti, dem ich meine Hexerei zeigte, sagte mir, der junge Dichter werde mich verfluchen; denn die Vestri werde ohne Zweifel dem Herzog sagen, er solle ihn verpflichten, in Zukunft nur noch Wörter ohne r für sie in ihren Rollen zu verwenden. So kam es auch.

Ich ging zur Vestri, die gerade eben aufgestanden war, und gab ihr die von mir abgeschriebene Rolle. Sie sah sie flüchtig durch, schrie vor Erstaunen laut auf und rief ihren Mann, dem sie sagte, sie wolle in Zukunft keine Rolle mehr spielen, worin ein r vorkomme. Ich beruhigte sie, indem ich ihr versprach, alle ihre Rollen für sie umzuschreiben, wie ich die ganze Nacht darauf verwandt hätte, diese Arbeit für sie zu machen.

»Die ganze Nacht! Kommen Sie und machen Sie sich bezahlt! Sie sind mehr als ein Hexenmeister. Es ist köstlich! Wir werden lachen. Der Dichter muß eingeladen werden, bei uns zu Mittag zu essen. Er muß sich verpflichten, alle meine Rollen ohne r zu schreiben, sonst wird der Herzog ihn nicht in seine Dienste nehmen. Der Herzog wird lachen; er wird sagen, ich habe recht. Es ist eine wunderbare Entdeckung! Oh, wie recht hat er getan, Sie zu seinem Sekretär zu machen! So viel Verstand traute ich ihm gar nicht zu. Ich hielt die Erfüllung ihres Versprechens für unmöglich; aber die Aufgabe ist gewiß sehr schwer gewesen?«

»Durchaus nicht. Wäre ich eine hübsche Frau mit diesem kleinen Fehler, so wollte ich den ganzen Tag sprechen, ohne jemals ein Wort zu gebrauchen, das auf r endigt.«

»Oh, das ist aber doch zuviel!«

»Wetten wir noch um eine Ohrfeige oder einen Kuß, daß ich den ganzen Tag mit Ihnen sprechen werde, ohne die Endsilbe re zu gebrauchen!«

»Los, angefangen!«

»Sehr schön,« sagte Vestri, »aber ohne Wette. Sie scheinen mir zu naschhaft zu sein!«

Der Dichter kam zum Essen, und die Vestri setzte ihm gewaltig zu. Sie sagte ihm sofort, Dichter müßten galant gegen die Schauspielerinnen sein, und die geringste Galanterie, die man von ihnen verlangen könnte, wäre, daß sie für solche Künstlerinnen, die das r schnarrten, nur Rollen schrieben, worin kein r vorkäme.

Der junge Dichter lachte über die Bemerkung und erklärte, die Sache sei unmöglich, denn man könne so etwas nur durchführen, indem man die Sprache arm mache. Hierauf gab die Vestri ihm die von mir umgeschriebene Rolle; sie forderte ihn auf, sie zu lesen und dann aufrichtig zu sagen, ob er wirklich die Meinung habe, daß die Sprache arm sei. Er mußte zugeben, daß ich meine Änderungen nur deshalb habe machen können, weil die Sprache so reich sei. Er hatte recht; denn es gibt auf der ganzen Welt keine Sprache – trotz der ihr unüberlegterweise oft vorgeworfenen Armut –, worin man den Ausdruck, ohne ihn abzuschwächen, so leicht durch andere Wörter ersetzen kann, wie die französische Sprache.

Der kleine Scherz erheiterte uns sehr; aber die Vestri verlangte von nun an allen Ernstes, daß die Theaterdichter sich ihrem Willen fügen und in ihren Rollen das r weglassen sollten. In Paris, wo ich sie später auftreten sah, fand sie die Herren vom Parnaß nicht so gefügig, und so habe ich sie dort das r schnarren hören. Sie gefiel jedoch trotzdem. Sie fragte mich, ob ich mich verpflichten wollte, die Rolle der Zaïre für sie umzuschreiben.

»Oho!« antwortete ich ihr, »Verse, und noch dazu Voltairesche Verse! Davor hätte ich denn doch Angst.«

Sie schrieb mir einen Brief, den ich noch jetzt aufbewahre und worin nicht eine einzige Endung auf re vorkommt. Hätte ich in Stuttgart bleiben können, so hätte ich durch diesen kleinen Scherz ihre Eroberung gemacht; aber nachdem ich acht Tage lang gefeiert worden war und den Triumph vollständiger Genugtuung genossen hatte, kam eines Vormittags um zehn Uhr der Kurier des Herzogs an und meldete, Seine Durchlaucht werde um vier Uhr nachmittags eintreffen.

Sobald ich diese Nachricht erfuhr, sagte ich Baletti mit der größten Gemütsruhe, ich wolle meinem gnädigen Herrn die Höflichkeit erweisen, ihm entgegenzufahren, um dann mit seinem Gefolge in Ludwigsburg einzuziehen; ich müsse daher sofort abreisen. Er lobte meinen Einfall und ließ sofort Postpferde holen. Als er aber sah, daß ich in aller Eile meine Koffer packte, obwohl er mir sagte, ich könnte doch meine Sachen bei ihm lassen, erriet er die Wahrheit und fand meinen Streich sehr scherzhaft. Ich umarmte ihn und gestand ihm meine Kühnheit; es tat ihm leid, daß er mich verlieren sollte, zugleich aber freute er sich auf die Wirkung, die mein Schelmenstreich auf die drei Offiziere und den Herzog ausüben werde. Er versprach mir, einen ausführlichen Bericht über alles nach Mannheim zu schicken. Dort gedachte ich acht Tage zu verbringen, um meinen lieben Algardi zu sehen, der in den Dienst des Kurfürsten von der Pfalz getreten war. Ferner hatte ich Herrn von Sickingen einen Brief vom Grafen Lamberg zu überbringen, der mir noch einen zweiten an den kurfürstlichen Minister, Baron von Becker, gegeben hatte.

Als die Pferde vorgespannt waren, umarmte ich meinen lieben Baletti, seine reizende Kleine und die schöne Haushälterin, und befahl dem Kutscher, nach Mannheim zu fahren.

Dort sagte man mir, der Hof sei in Schwetzingen; ich befahl daher dem Postillon, ohne Aufenthalt weiter zu fahren. Ich fand dort alle Herren, die ich suchte. Algardi hatte sich verheiratet, Herr von Sickingen bewarb sich um die Stelle des Gesandten in Paris, und der Baron von Becker stellte mich dem Kurfürsten vor. Fünf oder sechs Tage nach meiner Ankunft starb Prinz Friedrich von Zweibrücken. Algardi hatte ihn während seiner letzten Krankheit behandelt. Am Tage vor dem Tode des tapferen und schönen Prinzen soupierte ich bei dem kurfürstlichen Hofdichter Veraci; als Algardi eintrat, fragte ich ihn: »Wie geht es dem Prinzen?«

»Der arme Prinz hat höchstens noch vierundzwanzig Stunden zu leben.«

»Weiß er es?«

»Nein, er hofft noch. Er hat mir einen tiefen Schmerz verursacht, indem er mich aufforderte, ihm ohne jede Rücksicht die Wahrheit zu sagen, und mir sogar mein Ehrenwort darauf abnahm. Er fragte mich, ob er unrettbar dem Tode verfallen sei.«

»Und Sie haben ihm die Wahrheit gesagt?«

»Gewiß nicht. Ich habe ihm geantwortet, seine Krankheit sei freilich tödlich, aber Natur und Kunst könnten doch noch Wunder wirken, wie man zu sagen pflege.«

»Sie haben ihn also getäuscht? Und Sie haben gelogen.«

»Ich habe ihn durchaus nicht getäuscht; denn seine Heilung liegt im Bereiche der Möglichkeit. Ich wollte ihn nicht zur Verzweiflung bringen; ein kluger Arzt hat die Pflicht, seinen Kranken niemals zur Verzweiflung zu bringen; denn die Verzweiflung kann den Tod nur beschleunigen.«

»Das ist ganz schön; aber gestehen Sie, daß Sie gelogen haben, und zwar trotz dem Ehrenwort, womit Sie auf sein Verlangen ihm versicherten, daß Sie die Wahrheit sagen würden.«

»Ich habe ebensowenig gelogen; denn ich weiß, daß er genesen kann.«

»Dann lügen Sie also in diesem Augenblick?«

»Ebensowenig; denn er wird morgen sterben.«

»Alle Wetter, das ist im höchsten Grade jesuitisch gedacht.«

»Von Jesuiterei ist nicht die Rede. Es ist meine vornehmste Pflicht, das Leben meines Kranken zu verlängern; darum durfte ich ihm nicht etwas sagen, wodurch sein Leben abgekürzt wäre, wenn auch nur um einige Stunden. Ich habe ihm daher ohne Lüge gesagt, was immerhin doch nicht unmöglich ist. Also habe ich nicht gelogen und lüge auch jetzt nicht; denn auf Grund meiner Erfahrung sage ich Ihnen, was nach meiner Voraussicht unbedingt eintreten muß. Ich lüge also nicht; denn ich würde allerdings eine Million gegen eins wetten, daß er nicht mit dem Leben davon kommen wird. Aber um mein Leben würde ich nicht wetten.«

»Sie haben recht; nichtsdestoweniger haben Sie den Prinzen getäuscht; denn er wollte von ihnen nicht das hören, was er ebensogut wußte wie Sie selber, sondern was Sie mit Ihrer Erfahrung besser wissen müssen als er. Trotzdem gebe ich Ihnen zu, daß Sie als sein Arzt sich nicht der Gefahr aussetzen konnten, sein Leben abzukürzen, indem Sie ihm die allerschrecklichste Wahrheit sagten. Und dies bringt mich zu dem Schluß, daß Sie einen unglücklichen Beruf haben.«

Nach vierzehn Tagen verließ ich das köstliche Schwetzingen. Dem Dichter Veraci gab ich einen kleinen Teil meines Gepäckes zur Aufbewahrung mit dem Versprechen, es eines Tages wieder abzuholen. Ich habe jedoch niemals Zeit gehabt, und Veraci verwahrt seit einunddreißig Jahren alles, was ich ihm hinterlassen habe. Veraci ist von allen Dichtern, die ich kenne, der sonderbarste. Um sich von den anderen zu unterscheiden, hat er einen Stil gewählt, der gerade das Gegenteil von dem des großen Metastasio ist: er gebraucht nur männliche Reime und behauptet, daß seine Verse für den Komponisten, der sie in Musik setzen soll, besser zu verarbeiten seien. Diese sonderbare Ansicht hatte Jumelli ihm in den Kopf gesetzt.

In Mainz mietete ich einen großen Rheinkahn zur Beförderung meines Wagens. Gegen Ende Juli kam ich in Köln an. Ich freute mich auf das Wiedersehen mit der schönen und reizenden Bürgermeistersfrau, die den General Kettler verabscheute und mich vor sieben Jahren so gut behandelt hatte. Aber dies war für mich nicht der einzige Grund, in dem häßlichen Köln Halt zu machen. Ich hatte in Dresden in der Kölnischen Zeitung gelesen: »Der Herr Casanova ist nach zweimonatiger Abwesenheit wieder in Warschau erschienen und hat den Befehl erhalten, sofort wieder abzureisen, da der König mehrere Geschichten erfahren hat, die ihn nötigen, dem Abenteurer den Zutritt zum Hofe zu verbieten.« Dieser Artikel, den ich nicht verdauen konnte, hatte in mir den Entschluß gezeitigt, dem Redakteur des Blattes, Jacquet, einen Besuch zu machen. Die Gelegenheit war jetzt gekommen.

Ich aß in aller Eile zu Mittag und ging zum Bürgermeister, um ihm einen Besuch zu machen; ich fand ihn im Kreise seiner Familie bei Tisch. Seine schöne Mimi saß neben ihm. Die Aufnahme, die man mir bereitete, war so freundschaftlich und herzlich, wie ich sie nur wünschen konnte. Die Geschichte meiner Erlebnisse beschäftigte sie zwei Stunden lang. Da Mimi ausgehen mußte, lud man mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

Mimi schien mir noch schöner zu sein als vor sieben Jahren, und meine der Wirklichkeit vorauseilende Einbildungskraft spiegelte mir unaussprechliche Genüsse vor. Nachdem ich vor Ungeduld eine unruhige Nacht verbracht hatte, machte ich Toilette und begab mich so früh wie möglich zu meinem Amphitryon, um einen günstigen Augenblick zu erhaschen und mit seiner entzückenden Gattin zu sprechen. Ich fand sie allein und umarmte sie stürmisch. Sie wehrte mich ab; zwar war sie sanft, aber ihre Miene kühlte meine Glut zu Eis ab. »Die Zeit ist ein ausgezeichneter Arzt,« sagte sie zu mir; »sie hat mein Herz von einer Krankheit geheilt, die zuviel Bitterkeit in das Süße mischte; ich will mich nicht mehr dem Irrtum einer Leidenschaft aussetzen, die nur Gewissensbisse hinterläßt.«

»Wie? Der Beichtstuhl…«

»Darf uns nur noch dazu dienen, unsere früheren Verfehlungen zu bereuen und uns gegen neue Versuchungen zu stärken.«

»Gott behüte mich vor Reue und vor Gewissensbissen, die nur ein Vorurteil sind. Ich werde morgen abreisen.«

»Ich sage nicht, daß Sie abreisen sollen.«

»Wenn ich nicht hoffen kann, darf ich nicht bleiben. Kann ich hoffen ?«

»Nein, niemals.«

Bei Tisch war sie allerdings reizend; aber ich war so entmutigt, daß man mich gewiß recht mürrisch gefunden hat. Die Frauen haben stets die Macht besessen, meinen Geist zu beleben oder zu dämpfen.

Am anderen Morgen um sieben Uhr stieg ich in meine Kutsche und fuhr vor das Tor, durch das der Weg nach Aachen führt. Hier stieg ich aus und befahl dem Postillon, auf mich zu warten. Ich ging zu Jacquet, mit meinem Rohrstock und mit einer Pistole bewaffnet; doch hatte ich weiter keine Absicht, als ihn zu verprügeln.

Ich kam in das Haus des Tintenklexers; die Magd zeigte mir das Zimmer, worin er allein saß und arbeitete. Es lag im Erdgeschoß, und die Tür stand wegen der Hitze offen. Das Geräusch, das ich beim Eintreten machte, veranlaßte ihn, sich umzudrehen; er fragte, was ich befehle. Da Jacquet kein Mann war, mit dem ich mich im Duell schlagen konnte, so brauchte ich keine Bedenken zu tragen, ihn zu verprügeln.

»Elender Zeitungsschreiber,« sagte ich zu ihm, »ich bin der Abenteurer Casanova, den du vor vier Monaten in deiner Zeitung verleumdet hast!«

Mit diesen Worten zog ich ein Pistol aus der Tasche und nahm es in die linke Hand, während ich mit der rechten den Stock erhob. Der Unglückliche aber warf sich zur Seite, kniete vor mir nieder und bat mich mit gefalteten Händen um Gnade; er wolle mir den Brief aus Warschau geben, worin ich die Unterschrift der Person lesen könne, die ihm die Mitteilung in denselben Ausdrücken gemacht habe.

»Wo ist der Brief?«

»Einen Augenblick.«

Ich trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen, und schob den Riegel vor die Tür. Zitternd wie Espenlaub begann der Unglückliche, unter den Warschauer Briefen zu suchen, die aber nicht nach dem Datum geordnet waren, sondern kunterbunt durcheinanderlagen. Ich zeigte ihm das Datum des Artikels in seiner Zeitung, die ich bei mir hatte. Auch dieses nützte nichts. Nach einer Stunde warf er sich abermals zitternd vor mir auf die Knie und stammelte, ich möchte mit ihm machen, was ich wollte. Ich gab ihm einen Fußtritt, steckte mein Pistol wieder in die Tasche und befahl ihm, mit mir zu kommen. Er folgte mir ohne Widerrede, barhäuptig, und begleitete mich bis an meinen Wagen. Als er mich einsteigen sah, dankte er Gott, daß er so billigen Kaufes davongekommen war.

Am Abend kam ich in Aachen an. Dort fand ich die Fürstin Lubomirsta, den General Roniker, mehrere andere vornehme Polen, Tomatis, dessen Frau und eine Menge Engländer, die ich kannte.