Die befrage Wahrheit

In dem Staate Machriq regierte der weise König Nauroûz, so genannt nach dem Feste der Tagundnachtgleiche. Dieser König hatte unter seinem Gesinde einen Mann, der über seinen Kreis hinaus ob seiner Wahrheitsliebe bekannt und geachtet war. Als der König von dieser seiner Eigenschaft erfuhr, ernannte er ihn zum Oberstallmeister. Gleich hatte er auch seine Neider, die natürlich, gemäß dem höheren Rang, in ihren Mitteln, Fallen zu stellen, viel tückischer sein konnten. So war es besonders ein Höfling des Königs, der es auf ihn abgesehen hatte. Dieser Höfling bekannte auch offen seine Absicht, es darauf anzulegen, den wahrheitsliebenden Oberstallmeister in eine Lüge zu verstricken, und ihn soweit zu bringen, daß er eine Unwahrheit sage. Der Höfling hatte eine hübsche und verwegene Tochter, die ihm bei diesem Werke behilflich sein sollte. Eines Nachts nun stand dieses Mädchen länger als sonst vor dem Spiegel, schmückte und putzte sich, bis sie vollkommen dem Bilde einer Verführerin glich. So gerüstet betrat sie die Stube des Oberstallmeisters. Der war sehr erstaunt, einen so schönen Gast bei sich zu haben, und da er sie nicht kannte, glaubte er an einen Irrtum. Sie aber grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen, und er bat sie nun, ganz in seine Stube eintreten zu wollen. Sie nahm auch gleich neben ihm Platz und begann ihren Angriff. Zuerst war der junge Mann ganz verdutzt, aber das Mädchen sah darüber hinweg, es wurde immer deutlicher, berührte ihn erst und umschlang ihn dann ganz. Dem jungen Manne schwanden die Sinne, doch das Mädchen machte, knapp vor der letzten Erfüllung, halt. Ihr war es im Augenblick genug zu wissen, daß sie den jungen Mann nun in ihre Gewalt bekomme. »Lache mich nicht aus, aber ich habe Verlangen nach einem köstlich zubereiteten Gericht aus Pferdefleisch. Laß uns doch eines der fetten Pferde des Königs schlachten, wir wollen davon essen.«

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Der junge Mann bekam Furcht. »Was wird der König dazu sagen?«

»Was fürchtest du dich! Falls der König nach dem Pferde fragen sollte, so kannst du sagen, es sei krank geworden und du mußtest es schlachten. Vertraut dir der König nicht vollends?«

Das Mädchen bat mit so anmutiger Gebärde, daß der Oberstallmeister nicht widerstehen konnte. Er wollte schon einen Knecht herbeirufen, damit dieser den Auftrag zu schlachten übernehme. Das Mädchen aber kam ihm zuvor und sagte: »Wenn du schon schlachten willst, so schlachte wenigstens den Rappen des Königs!« Bei diesem Ansinnen erschrak der Stallmeister und rief: »Gerade dieses Tier ist dem König ans Herz gewachsen, er liebt es und ich soll es schlachten!« Das Mädchen warf sich ihm an den Hals, bat und beschwor ihn und als alles nichts helfen wollte, verlegte sie sich auf das Mittel zu trotzen. »Wenn du dies Pferd nicht schlachtest, dann will ich niemals mehr etwas von dir wissen!« Diese Drohung nahm dem Stallmeister die letzte Besinnung. Er ließ den Rappen vor den Augen des Mädchens schlachten. Sie briet selber das Herz und aß es. Hernach ging sie wieder in seine Stube und verweilte dort längere Zeit.

In der Klarheit des Morgens übersah der Oberstallmeister erst, was er da angerichtet hatte. Seine Achtung vor der Wahrheit war so groß, sein Gewissen so peinlich, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, bei schwierigen Fällen laut mit sich zu verhandeln, damit nicht auch nur der Schein einer Lüge hindurchschlüpfen könne. Nach dieser Methode disputierte er auch jetzt. »Wenn nun wirklich heute der König zu mir sprechen wollte: Bring mir den Rappen, ich will auf ihm ausreiten! – was dann? Sage ich ihm eine Lüge, so bringt diese nichts Gutes; sage ich ihm die Wahrheit, so gefällt diese ihm sicherlich nicht. Dann gibt er Befehl, mich zu töten! Freilich ist es besser, ich sterbe, weil ich die Wahrheit gesagt habe, als ich verdanke mein Leben einer Lüge!«

Um nun noch besser die Stimme seines Gewissens zu hören, ging er in ein anderes Zimmer, legte seine Mütze auf eine erhöhte Stelle und sagte: »Das soll nun der König sein!« Dann ging er aus dem Zimmer und kam wieder herein. Nach seiner Gewohnheit grüßte er den König und erwiderte selbst diesen Gruß. Dann sprach er, als wäre er der König: »Wohlan, sattle mir meinen Rappen, ich will auf ihm heute zur Jagd ausreiten.«

Er selbst erwiderte darauf: »O König, diese Nacht hat der Rappe sein Futter nicht gefressen; als es Mitternacht war, fiel er um und starb. Ich wußte kein Mittel, das ihm noch hätte helfen können.«

Weiter sprach er, als wäre er der König: »Heda, was willst du mir da einreden. Gestern war der Rappe noch ganz gesund, und heute soll gerade er gestorben sein! Gestehe lieber, du hast ihn geschlachtet! Du willst es leugnen – erschlagt den frechen Lügner!« Diese Rede behagte dem Oberstallmeister gar nicht. Er sprach zu sich, indem er der Mütze den Rücken kehrte: »Diesmal will ich die Wahrheit sagen!«

Wieder ging er hinaus, kam von neuem herein, grüßte und erwiderte selbst den Gruß. Darauf sprach er, als ob er der König wäre: »Geh und sattle mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Er erwiderte: »O König, heute Nacht ist mir etwas Besonderes begegnet: ich saß in meinem Zimmer, da trat plötzlich ein so hübsches und gutgekleidetes Mädchen zu mir herein, daß der Mond neben ihr verblassen mußte. Sie kam, setzte sich an meine Seite, warf sich an meinen Hals und verlangte schließlich das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will dir ein anderes schlachten. Das Mädchen bestand aber auf dem Rappen. O König, ich kann dir nur die Wahrheit gestehen. Was war mir da der Rappe; hätte das Mädchen mein Leben verlangt, ich hätte es ihr willig gegeben. Wisse denn, ich habe ihr diese Nacht den Rappen geschlachtet. Zögere nicht, hier ist mein Kopf und dort dein Schwert!«

Diese Rede tat dem Gewissen des Stallmeisters wohl. Er sprach, als wäre er der König: »Du hast die Wahrheit gesagt; wäre ich an deiner Stelle gewesen, ich würde auch manche Dummheit begangen haben. Dafür aber, daß du die Wahrheit gesprochen hast, bekommst du ein Ehrenkleid!«

Bei dieser Rede blieb der Stallmeister und er lernte sie auswendig. Während er nachdachte, kamen auch schon Abgesandte des Königs, um ihn vor diesen zu bringen. Und wirklich sprach ihn der König an: »Bring mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Der Oberstallmeister murmelte rasch ein Gebet vor sich hin und sprach dann: »O König, diese Nacht hatte ich eine besondere Begegnung: ich saß in meinem Zimmer, plötzlich stand ein so hübsches und wohlgekleidetes Mädchen vor mir, daß der Glanz des Mondes vor dieser Schönheit hätte erblassen müssen. Dieses Mädchen setzte sich an meine Seite, schmiegte sich an mich und verlangte von mir das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will ein anderes Pferd schlachten. Aber sie bestand auf dem Rappen. Wie ich sie auch beschwor und meine Treue zum König anführte – sie bestand darauf. Gerade das Fleisch des Rappens will ich verspeisen. Ihr Bitten und Beschwören war mit so viel Anmut ausgesprochen, daß, hätte sie mein Leben verlangt, ich nicht gezögert hätte, es ihr zu geben. Ich verlor meinen klaren Kopf; das Herz des Mädchens zu betrüben war ich nicht imstande. So ließ ich mich von dem Mädchen berücken, um mir ihre Zuneigung und ihr Wohlwollen zu erhalten. Ich schlachtete den Rappen, das Mädchen briet dessen Herz und aß es. O König, schlage den Kopf des Sünders ab, dort ist dein Schwert.«

Diese Rede gefiel dem König und es kam so, wie es sich der Stallmeister vorgespielt hatte: er bekam ein Ehrenkleid. Das Mädchen des Höflings bekam der Oberstallmeister von seinem König zur Frau.

Der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe hatte es der Oberstallmeister zu verdanken, daß er auch weiterhin in der Gunst und Gnade des Königs stand. Aus dieser Zeit rührt das Sprichwort her: Wenn du niemanden findest, der dir raten kann, so lege deine Mütze vor dich hin und frage diese um Rat.

Die Vergeltung

In Persien gab es einen Vornehmen, der viel Geld und ein großes Gut besaß. Bei ihm übernachtete einmal ein Kaufmann, der aus der Fremde kam. Für den Abend ließ der Vornehme ein prächtiges Essen auftragen. Sie setzten sich beide an den Tisch und aßen. Als der Kaufmann nach einem dunklen Winkel des Raumes blickte, bemerkte er dort eine wunderschöne Frau, die mit einem Hund aus einer Schüssel aß. Als der Kaufmann dies sah, war er sehr erstaunt und befragte seinen Gastgeber: »Was hat das zu bedeuten?«

Da wurde der Vornehme sehr traurig und meinte, er werde kaum die Worte finden, die ihn darüber aufklären könnten. Aber der Kaufmann bat, und so entschloß sich denn der Vornehme und erzählte:

»Die du so erniedrigt hier siehst, war meine Frau. Ich liebte sie mehr als mein Leben; all mein Geld und Gut stand ihr zur Verfügung. Ich besaß einen Negersklaven, mit dem sie mich betrog. Um nun ganz nach ihrem Wunsch leben zu können, ungehindert, beschlossen sie, mich beiseitezuschaffen.

Eines Tages sprach sie mich an: »Du bist so traurig und ich möchte mit dir allein sein. Nur mit dir!« Sie führte mich an einen einsamen Ort, wo sie ein Zelt hatte aufschlagen lassen. Plötzlich sprang aus dem Busch der Neger und dies war auch für meine Frau das Zeichen, nun mit ihm gemeinsam über mich herzufallen. Sie versuchten, mich zu ermorden. Da sprang dieses mein Hündchen, das mir wohl nachgefolgt war, von hinten auf den Schwarzen und verbiß sich in seine Waden. Dadurch bekam ich freie Hand und griff nach meiner Frau. Da sie mir entschlüpfte, erschlug ich den Sklaven. Als ich über sie Gericht halten wollte, fiel sie mir zu Füßen und erfaßte flehend meine Hand. Ich wollte nicht Vollzieher einer Tat sein, die zu tun nur Gott allein zustand. Zur Vergeltung ihrer Treulosigkeit muß sie nun mit diesem Hündchen essen, das mir damals zu Hilfe kam.«

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Der Traum des Pagen

Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.«

Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich.

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Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?«

»Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!«

Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld.

Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!«

Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen.

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Die unbesiegbare Prinzessin

Es lebte einmal, so erzählt man, eine Prinzessin von wundervoller Schönheit und solcher Geschicklichkeit zu Pferde und in der Führung der Waffen, daß kein Mann ihrer Zeit mit ihr darin verglichen werden konnte. Viele Fürsten hatten schon um sie geworben und bekamen immer zur Antwort, daß sie sich im Felde ihr zum Kampfe stellen müßten. Denn solches war ihr Wille: »Der wird mein Gemahl sein, der mich im Zweikampf besiegt. Besiege aber ich ihn, so nehme ich ihm Waffen, Pferde und Rüstung und lasse ihm meinen Namen mit einem glühenden Eisen in die Stirne brennen.« Diese harten Bedingungen hielten manche doch nicht zurück, die von weither kamen, aber die Prinzessin besiegte sie alle, nahm ihnen die Waffen und zeichnete sie selber mit dem Eisen auf die rauchende Stirne.

Da hörte der Sohn des persischen Königs von ihr und schickte sich an, die weite Reise zu machen und nahm große Reichtümer mit. Er kam in die Stadt, in der der Vater der Prinzessin regierte, brachte seine Schätze an einen sicheren Ort und stellte sich am nächsten Tage dem Könige mit kostbaren Geschenken vor. Der empfing ihn sehr gütig und versicherte ihm, wie glücklich er wäre, wenn er siegte. Daraufhin bereitete sich der Prinz zum Kampfe gegen die schöne Prinzessin und bat um die Angabe der Stunde. Die Prinzessin war einverstanden und bestimmte die Zeit. Sofort verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt und zur festgesetzten Zeit war eine große Menge dort versammelt, wo der Kampf vor sich gehen sollte.

Die Prinzessin erschien vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet und trug einen Gürtel und eine Maske. Gleich darauf erschien der Prinz in einer schönen Rüstung. Sie grüßten einander auf kriegerische Weise und begannen den Kampf. Er dauerte lange und war heftig. Kraft und Geschick taten ihr Werk, und die Prinzessin erkannte bald, daß sie den Vorsichtigsten der Vorsichtigen zum Gegner hatte, denn noch nie hatte sie eine solche Ausdauer gefunden. Der Prinz war ihr wirklich überlegen und sie befürchtete ihre Niederlage. Da nahm sie ihre Zuflucht zur Schlauheit und tat ihre Maske vom Gesicht. Sobald der Prinz ihr wundervolles Antlitz sah, war er von dessen Reizen so geblendet, daß er seiner Kraft vergaß und nicht mehr an den Kampf dachte.

Die Prinzessin bemerkte den Eindruck, den sie auf den Prinzen machte, nutzte den Augenblick, rannte ihn mit dem Speer an und hob ihn aus dem Sattel. Und wie der Blitz stellte sie ihm ihren Fuß auf die Brust.

Der Prinz aber hörte nicht auf, sie zu bewundern und achtete gar nicht auf das, was ihm geschah. Die Prinzessin nahm ihm Pferd und Waffen und Rüstung, aber ihm das Zeichen auf die Stirn zu brennen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Sie hieß ihn einfach das Kampffeld verlassen. Da erst kamen ihm seine Sinne wieder und er erkannte, was er verloren hatte. Vor Kummer konnte er weder essen noch trinken, so sehr war ihm die Liebe zur Prinzessin ins Herz gedrungen. Er verabschiedete sein Gefolge und schrieb seinem Vater, daß er nicht eher heimkehren wolle, er hätte denn sein Ziel erreicht. Und wenn er es nicht erreichen sollte, so sei er entschlossen zu sterben. Dieser Brief machte den Vater ganz verzweifelt und er nahm sich vor, seinem Sohn zu Hilfe zu kommen, ein Heer auszurüsten, um die Prinzessin zu entführen. Seine Berater rieten ihm davon ab, und so übergab er Gott das Schicksal seines Sohnes. Der Prinz aber dachte sich einen Plan aus. Er legte Bauernkleider an, stellte sich dann dem Obergärtner der Königin vor und sagte, er wäre ein vorzüglicher Gärtner, der sich besonders auf Rosen und Tulpen verstünde. Der Obergärtner nahm ihn in Dienst und bald hatte der Prinz erfahren, daß die Prinzessin oft des Abends mit den Frauen ihres Gefolges die Kühle ihrer Gärten aufsuchte.

Der Prinz verstand wirklich viel von der Gartenkunst, und da er so geschickt war, gewann er das Vertrauen seines Vorgesetzten, der ihm hundert Sklaven unterstellte, die dem neuen Gärtner vollen Gehorsam zu leisten hatten.

Ein paar Tage darauf kam eine Menge Sklavinnen in den Garten, die Teppiche und kostbare Gefäße trugen. Als der Prinz sie nach der Ursache aller ihrer Vorbereitungen fragte, erfuhr er, daß am Abend die Prinzessin in den Garten kommen würde, um sich zu zerstreuen. Sofort eilte der Prinz an den Ort, wo er seine Schätze und Kostbarkeiten vergraben hatte, brachte einige Kassetten mit herrlichen Steinen und befahl seinen Sklaven, sich zurückzuziehen.

Er selber versteckte sich in einer Laube. Bald darauf erschien die Prinzessin inmitten ihres Gefolges wie der Mond unter den Sternen. Erst liefen die Frauen lachend und scherzend durch den Garten und kamen so an die Stelle, wo sich der Prinz versteckt hielt. Er hatte alle seine edlen Steine ausgebreitet und saß bescheiden daneben. Die Frauen fragten ihn erstaunt, was er da täte. Er antwortete, daß er ein Gärtner des Palastes wäre und daß er beim Graben diesen Schatz entdeckt habe. Darauf trat die Prinzessin, die ihn in der gewöhnlichen Kleidung nicht erkannte, näher und bewunderte verständnisvoll die Steine. Sie fragte ihn, was er denn könne, und er erwiderte, daß er stark und geschickt im Zweikampf wäre, und wenn eine der Damen mit ihm kämpfen wolle, so gebe er den Schatz um einen Kuß. Die Prinzessin, die gerne scherzte, lachte laut und bezeichnete eine der weniger schönen unter ihren Begleiterinnen und sagte: »Ich gebe dir diese da als Gegnerin.«

Die Prinzessin hatte alle ihre Frauen zum Zweikampf abgerichtet. Nachdem nun die beiden Gegner die hinderlichsten Kleidungsstücke abgelegt hatten, kämpften sie miteinander und der Prinz bezwang die Dame und gab ihr sofort einen Kuß auf die Wange. Die Besiegte stand beschämt und seufzend auf und sagte ihren Freundinnen Dinge ins Ohr, daß diese erröteten und lachen mußten. Darauf bezeichnete die Prinzessin eine andere Schöne und sagte zu dem falschen Gärtner: »Kämpfe nun mit dieser.« »Gerne, gnädige Frau,« entgegnete er, »aber diesmal muß der Einsatz ein Kuß auf den Mund sein.«

Die Dame willigte ein, wurde besiegt und bekam den Kuß, der so lange dauerte, daß die Prinzessin ihm Einhalt befehlen mußte. Mit zitternden Lippen und bebendem Busen trat die Besiegte zu ihren Gefährtinnen, und der Gärtner war nicht minder erregt als sie. Da befahl die Prinzessin einer dritten, noch schöneren Dame, sich zum Kampf zu bereiten. Diesmal war die Bedingung ein Kuß auf den Busen. Wiederum siegte der Prinz. Und er konnte sich vor Erregung nicht mehr beherrschen und riß sich alle Kleider vom Leibe, die ihn hinderten, als sich nun die Prinzessin selber zum Kampfe stellte.

»Und was ist der Einsatz?« fragte der Prinz. »Mein Leben gegen das deine!« schrie die Prinzessin auf.

Nach einem harten Kampf ließ der Prinz die Prinzessin nach rückwärts gleiten und fiel auf sie nieder und drückte seinen Mund auf den ihren. Nun hatte die Prinzessin ihren Gegner aus dem Turnier erkannt und, ohne sich auch nur leise zu wehren, empfing sie die brennende Liebe ihres Besiegers, in derselben Stellung, in die sie hingestürzt waren.

Als sie sich zitternd vor Scham, Liebe und Freude erhoben hatte, sprach sie zum Prinzen: »Ich will meine Niederlage nicht öffentlich bekennen. Du hast gesiegt und ich gehöre dir. Entführe mich noch heute Nacht zu dir, denn ich liebe dich.«

Der Prinz warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. In derselben Nacht bestiegen sie schnelle Pferde und eilten nach Persien, wo sie glücklich ankamen. Dem Vater der Prinzessin sandten sie sofort Nachricht und luden ihn zur Hochzeit, welche die beiden zu einem glücklichen Paar vereinte.

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Das Weib auf dem Elefanten

Einstmals sah ein Mann von ungefähr in der Einöde einen Elefanten mit einer Sänfte auf dem Rücken. Voller Angst kletterte er auf einen Baum. Der Zufall wollte es aber, daß der Elefant unter denselben Baum kam, die Sänfte von seinem Rücken schüttelte und dann weitertrabte, um zu grasen. Plötzlich entdeckte der Mann ein schönes Weib in der Sänfte, stieg eilends vom Baum herunter und war festen Sinnes, sie in Liebe zu umarmen.

Da er aber auch ihr wohlgefällig war, fing sie solche Worte mit ihm zu reden an, die auf dies Ziel hindeuteten. Und beide überließen sich alsbald süßen Tändeleien. Als sie zu Ende gekommen waren, zog die Frau einen Strick aus ihrem Gewande, der war voller Knoten, denen sie nun noch einen hinzufügte. Der Mann begehrte zu wissen, was das für ein Strick sei und wie es zugehe, daß er so viele Knoten habe und um welches Zweckes willen sie all diesen noch einen neuen Knoten hinzufüge?

Sprach das Weib aber:

»Mein Gatte ist ein Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt hat, und läuft mit mir auf dem Rücken durch Einöden und Wüsten, um sich vor meinen Listen zu behüten. Und trotzdem er mich also scharf bewacht, hatte ich bislang doch schon hundert Männer in Liebe umfangen, deren Andenken ich mir dadurch bewahre, daß ich Knoten in diesen Strick knüpfe. Und heute ist um dieser Liebkosung willen die Zahl der Knoten bis auf hundertundeinen angewachsen!«

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Der Papagei

In Persien hatte ein Kaufmann eine sehr schöne Frau, die ihren Gatten mit einem jungen Manne betrog. Der Kaufmann besaß einen Papagei, den er sehr liebte, weil er die menschliche Sprache verstand und er oft mit ihm die Zeit lustig verplaudern konnte. Eines Tages hielt ihn sein Geschäft die ganze Nacht vom Hause fern. Diese Gelegenheit benutzte die Kaufmannsfrau, um ihren Geliebten zu sich zu bestellen. Dieser ließ es sich im ehelichen Bette gar wohl sein, und die Zärtlichkeiten der Liebenden hatten sich noch nicht erschöpft, als die ersten Vogelstimmen den Anbruch des Morgens verkündeten. Zur rechten Zeit verabschiedete sich der junge Mann. Der Kaufmann kehrte mit heiterem Gemüt zurück, denn er hatte sein Geschäft gut erledigt. Da sprach ihn der Papagei an: »Die vergangene Nacht war in deinem Ehebette ein anderer Mann, der aber dasselbe tat, was du sonst mit deiner Frau zu tun pflegst!«

Als der Kaufmann dies von dem Papagei hörte, wurde er sehr aufgebracht und schalt mit seiner Frau. Sie aber erhob ein Klage- und Wehgeschrei und beteuerte: »Gott bewahre! Der Papagei ist ein Verleumder, er lügt!« Mit tausend Ränken und Kniffen verstand sie es, den Kaufmann von ihrer Unschuld zu überzeugen. Der Papagei wurde von ihr als grober Lügner hingestellt, sich selbst aber pries sie als wahrhaft und treu.

Nun hielt wieder einmal ein Geschäft den Gatten vom Hause ab. Die Frau ließ sogleich ihren Geliebten kommen und sie wiederholten die Liebesspiele, die ihnen schon einmal soviel Vergnügen bereitet hatten. Die Ehebrecherin fand Gelegenheit, ihrem Geliebten von dem Verrat des Papageis zu berichten. Dieser entsetzte sich bei dem Gedanken, daß sie nun beide der öffentlichen Schande preisgegeben werden könnten. Sie aber beruhigte ihn: »Meine List wird doch mit einem Papagei fertig werden, wenn er auch noch so gut zu reden versteht.« Alsdann ließ sie ihre Sklavinnen ein Haarsieb, einen irdenen Topf, ein wenig Wasser und eine Ochsenhaut herbeibringen. Die Haut legte sie über den Bauer des Papageis, auf welche die eine Sklavin von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlug, während eine andere in dem irdenen Topfe eine Flamme anfachte, den Bauer öffnete, die Flamme leuchten und aufflackern ließ und bald darauf den Bauer wieder schloß. Eine Dritte endlich mußte durch das Haarsieb den Papagei mit Wasser besprengen. Nachdem der arme Vogel auf diese Weise bearbeitet worden war, ließ sich die Frau weiter nicht mehr abhalten, die Zeit bis zum Morgen noch redlich auszunützen. Zur rechten Zeit ging der junge Mann fort, und der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück.

Der Papagei erstattete abermals Bericht und sagte: »Auch diese vergangene Nacht hat deine Gattin bis zum Morgen den jungen Mann bei sich liegen gehabt. Aber ich konnte die beiden nicht beobachten, weil es geregnet, geblitzt und gedonnert hatte und ich meinen Kopf bei diesem Unwetter unter meinen Flügeln stecken lassen mußte.«

Triumphierend wandte sich die Gattin an ihren Mann: »Nun glaubst du mir doch, daß der Papagei lügt. Heute Nacht haben die Sterne geleuchtet, es hat weder geregnet, noch geblitzt, noch gedonnert.« Der Kaufmann mußte ihr Recht geben.

»Siehst du nun ein, daß dein Papagei sich Lügen erfindet?«

Durch diese List gelang es der verschmitzten Kaufmannsfrau, ihren Gatten von ihrer gänzlichen Unschuld zu überzeugen. Der Vogel kränkte sich sehr, daß er das Vertrauen seines Herrn verloren hatte. Er mußte fortan sehen und hören, wie der Kaufmann betrogen wurde, und schwieg dazu, weil er einsehen mußte, daß gegen die List einer Frau nicht aufzukommen ist.

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Die Feuerprobe

Sudabeh saß tief verschleiert auf der Höhe ihres Thrones. Um sie standen an die hundert Mädchen verschiedenen Alters, angefangen vom Kind bis zur reifen Jungfrau. Der Duft der Jugend, Anmut und Lieblichkeit erfüllte den weiten Saal mit dem Atem des Paradieses.

Gleich an der Pforte verneigte sich Sijawusch vor seiner Königin.

Auf einen Wink Sudabehs stiegen die Töne eines Lautenspieles auf, und ein Reigen führte die Schönen an Sijawusch vorüber. Mit Segenswünschen wurde er begrüßt und hundert Herzen schlugen rascher bei dem Anblick des schönen Fürsten. Als sich hinter dem letzten Mädchen der Vorhang schloß, sprang Sudabeh jäh vom Throne auf und warf sich Sijawusch in die Arme.

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»Oh, keiner von diesen galt deine Lust!« rief sie zitternd vor Erregung und ließ die Schleier von ihrem Antlitz fallen. »Was sollen dir die Sterne, wenn dir der goldene Mond lacht! Schwöre mir zu, daß ich, sobald dein Vater gestorben ist, die erste im Frauenhaus bleiben soll, dann will ich dir den Himmel erschließen.«

Sijawusch glühte unter den begehrenden Küssen dieser schönen Frau. »O schweige, schweige – du sollst geliebt und geehrt werden, aber als meine Mutter! Gib mir deine junge Tochter zur Braut. Ich will ihr die Treue halten, bis sie zum Weibe herangereift ist!«

»Sijawusch!« – wie die Androhung eines Fluches rief diesen Namen Sudabeh. Zitternd wandte sich der Angerufene ab und verließ, fast flüchtend, das Frauenhaus. Sudabeh sank in die Knie und eine Ohnmacht ließ sie niederfallen. Als Kawus ins Frauenhaus kam, empfing Sudabeh ihren Gatten mit stolzer Würde.

»Dein edler Sohn ließ alle an sich vorbeigehen. Nur meinem Töchterlein hat sich sein Herz erschlossen und er will warten, bis sie zum Weibe herangereift ist.«

Diese Nachricht erfreute den Schah, er ließ reiche Schätze im Frauenhaus abladen, damit seine Gattin Sudabeh die Tochter würdig beschenken könne, wenn diese Sijawusch heirate.

Kaum hatte sich Kawus von der Königin verabschiedet, so ward auch gleich von dieser Hirbad zu Sijawusch gesandt. Sie ließ den Prinzen im Namen des Herrschers nach dem Frauenhaus rufen. Sijawusch kam und wurde von dem Kämmerer in ein hell erleuchtetes Gemach geführt. Bis an die Decke lagen da Kostbarkeiten gehäuft, Gold, Edelgestein, Perlen, Geschmeide. Wie geblendet stand Sijawusch vor dem Schatz. Da öffnete sich lautlos ein Vorhang, und als Sijawusch aufblickte, stand Sudabeh in Atemnähe neben ihm.

»Sijawusch,« sprach sie ihm ganz leise ins Ohr, »der Schatz gehört dir, aber noch mehr, oh, vieles, vieles mehr – wenn du dich mir gibst, wie ich mich dir geben will!«

Schaudernd beugte sich Sijawusch zurück. Sie aber folgte dieser Bewegung nach. »Sprich doch, sprich doch, weiche mir nicht aus.« Und nun flehte sie, ganz ihrer Glut verfallen. »Erbarme dich meiner jungen Liebe zu dir. Oh, ich kann es dir nicht verbergen. Nimm mich, hilf mir!«

Sijawusch bedeckte sein Antlitz mit den Händen und floh aus dem Gemach. Totenbleich sank Sudabeh neben dem Schatz zu Boden. Und als sie erwachte, gab sie sich der Wollust des Schmerzes hin, zerfetzte ihre Kleider, und in die nun aufschimmernden Blößen schlug sie besinnungslos mit ihren Nägeln. Da huschte Hirbad herein. »Der König kommt!« flüsterte er und verschwand, dem Schatz ausweichend, hinter einem anderen Vorhang.

Sudabeh richtete sich auf. »Rache!« sprach sie, und, ganz ihre Haltung gewinnend, rief sie: »Wohin du auch fliehst, du fliehst in dein Verderben, Sijawusch!«

Als Kai Kawus das Gemach betrat, wankte die Königin ihm entgegen und klagte an: »Sieh mich an, dies, dies hat dein stolzer Sohn an mir getan. Die blutige Spur, die über meine Brüste läuft, die riß dein Sohn, als er gierig nach mir griff. Dies Kleid riß er in Fetzen, um meinen nackten Körper fühlen zu können. Mein Diadem fiel zu Boden. Er tat dies, er, der alle Mädchen an sich vorbeigehen ließ, weil er in seinem Wahnwitz die Mutter begehrt, mich! Oh, ich bin entehrt – räche mich, du, mein Gemahl und Herr!«

Gefaßt stand Kawus, er konnte, trotz dieser anklagenden Worte, den Mut seines adeligen Sohnes nicht vergessen, und er gebot sich Vorsicht. Die Listen der Frauen sind tückisch. Er ließ Sijawusch rufen.

»Gestehe!« sprach er ernst den Eintretenden an, »du hast Sudabeh überfallen, doch liegt die Schuld an mir – ich sandte dich ins Frauenhaus.«

»Du irrst! Ich ließ die Königin unberührt.«

»Er lügt! Als ich ihm den Brautschatz zeigte, da riß er mich in seine starken Arme, immer kräftiger schlang er sie um mich, ich meinte zu ersticken. So, in meiner hilflosen Haltung, überfiel er mich mit Küssen. Und je mehr ich mich wehrte, desto heftiger wurde er, zerrte an meinem Kleide und wühlte mit bösen Fingern in meinem Haar.«

»Genug!« rief der König. »Reich mir deine Hand, Sijawusch! Sie duftet nicht nach Amber und nach Rosen. Du hast gelogen, Sudabeh!« Der König schritt mit seinem Sohne an der Hand bis an die Pforte.

»Bleib!« schrie die Königin auf, »wisse, sein Überfall gelang ihm, er hat mich geschändet. Nun wird er mich töten, wie er das Kind getötet hat, das ich von dir, o König, am Herzen trage.«

Der König blieb gebannt an der Schwelle stehen. »Räche mich, vernichte den Frevler!«

Rasch verließ der König das Frauenhaus und zog den Sohn mit sich.

»Verloren! Um Liebe und Rache gebracht von einem kalten Jüngling und einem liebenden Greis. Ich werde sie beide zu betrügen wissen. Der Zauber soll mir seifen. Nicht die guten, nur die bösen Geister.«

Vor kurzem war eine Landfahrerin von Sudabeh als Dienerin in den Palast aufgenommen worden. Gerührt von der Geschichte ihres Elends, hatte die Königin die Bettelnde beschenkt. Sie sei aus vornehmem Geschlecht und der Verführung eines Treulosen erlegen. Nun schleppe sie die Schande mit sich, und es seien nur noch Wochen, dann werde diese auch offenbar werden.

Sudabeh ging zu der Landfahrerin, nahm sie in ihr Schlafzimmer und verschloß hinter ihr den Eingang.

»Schwöre mir zu, daß du ein Geheimnis bewahrst, was immer auch kommen mag. Tust du es, so will ich deinen Ruf behüten und dich auch reich beschenken.«

»Oh, wenn du dies imstande bist! Keine Gewalt ist so groß, als daß sie mir das Geheimnis entreißen könnte.«

»Du mußt es beschwören! Schwöre!« Als die Klagende dies tat, raffte die Königin Gold und Geschmeide zusammen und ließ es in deren Schürze fallen. Keinen Augenblick zögerte die Königin nun, ihren Plan auszuführen. Die Dienerin bekam von Sudabeh ein giftiges Tränklein und durfte nicht aus dem Schlafgemach. Als der Morgen kam, gebar die Dienerin in dem Bett der Königin zwei tote Wechselbälge. Als die erschöpfte Mutter in ein Nebengemach geführt war, begann die Königin ihr Wehgeschrei. Auf einer silbernen Schüssel lagen schon vorbereitet die beiden Leichen. Die Bewohner des Frauenhauses liefen auf das Geschrei zusammen. »Seht her, das hab‘ ich zur Welt gebracht!«
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Das Geschrei der Frauen erscholl im ganzen Umkreis des Palastes. Auch der König vernahm es und eilte in den Frauenpalast.

»Blick‘ her und versuche noch zu zweifeln!« schrie ihm die Königin entgegen. »Sieh‘, was der Schrecken des Überfalls aus deinen Kindern gemacht hat. Die Teufelsbrut mit den Zeichen der Hölle – hier liegen sie, verendet!« Bei diesen Worten hielt sie die Schüssel, wie vom Ekel geschüttelt, weit von sich, schrie und weinte dabei.

Entsetzt wich der König zurück. Sollte er an seinem Sohne zweifeln!

Der König eilte in den Palast zurück und gebot die Weisen seines Reiches zu sich. Ihnen bekannte er die Ratlosigkeit seines Herzens, das beiden, seinem edlen Sohne und seiner Gattin, ergeben sei. Wen von beiden müsse er verdammen?

Die Priester sammelten sich, ihr Opfer zu besehen; die Magier suchten in den ältesten Büchern; die Sterndeuter forschten am nächtlichen Himmel: alle waren so redlich bemüht, dem König mit göttlichem Rat beizustehen. Nach zwei Wochen kamen die Weisen, um ihr Ergebnis zu künden. Die Sterndeuter sagten aus, daß die toten Kinder weder vom König, noch von seiner Gattin stammen konnten, denn die Gestirne sagten nichts aus von einer Vermehrung des Kajanidengeschlechtes. Die Magier wieder fanden Spuren, die auf einen Gifttrank hinwiesen, die Priester Zeichen, die auf eine Fremde deuteten, welche die Mutter dieser zwei Ausgeburten wäre.

Der König handelte nach diesen Weisungen. Das Frauenhaus wurde durchsucht und die Landstreicherin vor den Thron gebracht. Doch, wie man es auch anstellte, ein Geständnis war aus dem Weibe nicht herauszuholen. Auch der glühenden Zange des Henkers widerstand sie.

Sudabeh nannte die Weisen Feiglinge, die Sijawusch und seinen unüberwindlichen Beschützer Rustan fürchten. Täglich weinte sie ihrem Gatten vor, die Entehrung und den Schmerz einer geschändeten Mutter, welche zwei tote Kinder gebar. Sie bestand auf strengem Gericht oder – Gottesurteil. Die tückische Schöne wußte, daß die schwere Probe nicht der Kläger, sondern der Angeklagte zu bestehen hat.

Das Leiden seines geliebten Weibes machte den König wieder unsicher. Neuerlich wurden die Weisen zum Rat versammelt und um die endgültige Probe befragt. Die Alten nannten die Feuerprobe als einzigen Weg.

Sijawusch willigte ein, diesen Weg zu gehen.

Vor dem Stadttore wurden zwei mächtige Holzstöße aufgerichtet. Zwischen ihnen wurde nur so viel Platz gelassen, daß ein Reiter hindurch konnte. Am Tage des Gerichts sammelten sich um die Opferstätte die Großen des Reiches und das Volk stand im weiten Bogen um die beider Scheiterhaufen. Bei dem Stand der Sonne im Mittag wurden die Stöße von dem Oberpriester mit einem Span aus dem heiligen Feuer entzündet. Rasch gossen zweihundert Knechte Öl auf das Holz und fachten die Glut zu loderndem Feuer an. Es qualmten dunkle Wolken gegen den Himmel und bald stiegen auch haushohe Flammen empor.

Die schwarzen Locken von einem goldenen Helm bedeckt, in einem wehenden schneeweißen Mantel kam Sijawusch auf seinem Streitroß. Feierlich und mit offenem Blick begrüßte er den König und die um ihn versammelten Weisen. Kawus bangte um das Leben seines edlen Sohnes. »Ach,« rief er vom Schmerz gepeinigt, »das schlimmste Getier bringt nicht so viel Leid in die Welt, als es ein schönes Weib vermag!«

»Bange nicht, Vater!« rief Sijawusch, »der Herr ist gerecht!« Dann riß er sein Pferd um und hielt knapp vor dem Eingang der brennenden Gasse. Dort hob er die Hände gegen die Flamme und sprach das Gebet vor der Feuerprobe. Als er dieses beendet hatte, gab er seinem Pferde die Sporen und verschwand in den lodernden Flammen.

Sudabeh beobachtete vom Dach ihres Hauses aus das Schauspiel des Feuers. »Er reitet in den Tod und ich bin gerächt!« schrie sie triumphierend. Als die Menge noch kreischte und wehklagte, durchschnitten einzelne helle Jubelrufe die dunkle Wolke des Geschreis und versanken endlich in einem allgemeinen Jubel. Sijawusch hatte das Feuer durchritten. Das Element des Feuers war gerechter als eine Frau. Hätte er durch blühende Blumen reiten müssen, so hätte Tau ihn benetzt, aber das läuternde Feuer ließ den Reinen unberührt. Der Prinz sprang aus dem Sattel und küßte vor seinem Vater die Erde. Beglückt hieß ihn der König aufstehen und schloß ihn in seine Arme. Festliche Scharen wallfahrten zum Palast, wo Mahl, Gelage und Scherz den Tag beendeten, der die Unschuld des Prinzen vor Gott und der Welt erwiesen hatte.

Nachdem das Fest verklungen war, ließ der König seine Gattin vor sein Angesicht rufen.

»Du konntest nur lügen, erkenne deine schamlose Verwegenheit! Bereust du es nicht, den Reinen bis an die Pforte des Todes gelockt zu haben?«

»Wie konnte er sterben?!« höhnte grell lachend Sudabeh. »Der Schützling Rustans ist zauberkundig genug, um vor dem Feuer nicht zu bangen! Der Böse ist schützend über den Seinen!«

»Elende!« schrie der König voll Zorn, »soll dich der Henker ergreifen, dich, deren Haß auch die göttliche Flamme nicht anerkennt?«

»Tod, Tod, ihr, die den Reinen noch zu beflecken wagt!« Die aufgebrachte Menge schrie es und drängte den Henker zum Throne hin. Der König winkte jetzt dem Henker und befahl ihm: »Wende ihr Antlitz im Genick und hänge sie am Ende der Gasse auf. Sie sei so eine Warnung für alle Frevler, die lügen!«

Ehe noch der Henker nach der Königin griff, gebot Sijawusch halt. »Vater, schenke mir das Leben der Verblendeten!«

»Alles, so du es wünschest!« antwortete der König erfreut.

Sudabeh war vor der Hand des Henkers zurückgebebt, nun stützte sie sich zitternd auf den Arm des Prinzen, der sie bis zum Tore des Frauenhauses geleitete.

Kai Kawus‘ Herz schlug freudig, denn dieser Tag schenkte ihm wieder Sohn und Gattin.

Einleitung

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Eine Legende läßt die Geburt der persischen Lyrik – Wort, Rhythmus und Reim – aus dem Echo entstehen, das zum Anlaß die Worte der Liebe hat, welche der König Behram Gor seiner Geliebten Dil Aram und diese ihm auf die Lippen flüstert in der Umarmung. Singt die afghanische Lyrik die tolle Freude des Besitzes der Geliebten, sehnt sich die arabische nach der fernen Geliebten, so ist es der Charakter der persischen Liebeslyrik, zu verweilen, zu kontemplieren, in Ruhe zu genießen, sich zu wiegen. Das »Italienisch des Orients« hat man das süßklingende, sonore Persisch genannt, dessen Gedicht eine anmutig träumende Karesse ist. Es vermeidet, Gegensätzliches aufzurufen, so sehr, daß der Gegensatz sogar dem persischen Theater fehlt: es ist ganz lyrisch und bar jeden dramatischen Interesses. Nur auf solchem kontemplativen Boden konnte die mystische Dichtung der Sufis möglich werden. Die Gefahr aber solchen Verhaltens hat die persische Lyrik nicht vermeiden können: sie wurde konventionell und weist nach dem 14. Jahrhundert keine Namen mehr auf, nachdem sie Firdusi, Omar den Teppichweber, Amic, Ferid-ud-din Attar, Saâdi, Hafis und Djami in den Tempel ihres unvergänglichen Ruhmes gestellt hat.

Nach diesen großen Lyrikern begann die Zeit der Geschichtenerzähler – wie auch in den europäischen Literaturen, der provenzalischen, italienischen, deutschen, auf das große Zeitalter der Heldengesänge und Troubadours die noch währende Zeit des Romanes, der Novelle, des Schwankes folgt, des kunstlos Geplauschten für eine hörlustige und anekdotensüchtige Menge.

Gelehrte Arbeit hat sich bemüht, jedem Sprachstamme sein ihm eigenes Gut an Erzähltem, Fabuliertem zuzuschreiben: Es ist aber auf jedes Sprachvolk nur wenig Originales gekommen, verglichen mit der Fülle des Gemeinsamen, das aus einem Borne geschöpft ist, den die einen in Indien, die andern wo anders feststellen zu können glauben. Aber es liegt wohl nahe, jedem Sprachvolke die eigene Findung des auf der Straße des Lebens Liegenden so zuzutrauen, wie es den Inhalt dieser Geschichtchen bildet, von denen manche später aus ihrem anonymen Dasein in das benamte einer künstlerischen Fassung und in den Ruhm treten, wie wir es bei zahlreichen deutschen Schwänken, mehr noch bei den italienischen Novellieri erleben. Das auf der Gasse Liegende: es sind die ins Tragische oder lieber noch ins Komische sich pointierenden Wechselfälle des Liebeslebens. Die Figuren sind zu Typen gesteigert: Der schlaue junge Verführer, der oder die übertölpelte Alte, welche sich mehr zutrauen, als ihnen Natur noch erlaubt, das betörte junge Weibchen, das dafür bestrafte oder das lachende Weibchen.

Es entspricht nur der außerordentlich hohen Gefühlsspannung, wie sie sich im Lyrischen der persischen Dichtung äußert, daß ihr in der Prosaerzählung die Reversseite drastisch nebengesetzt wird: Das Unzulängliche, das Versagende, das Lächerliche, das Komische. Und wird dort ein Platonismus des Gefühls übersteigert, so hier ein Realismus der Sinne. Doch immer nur zu heiteren, zu komischen Effekten: die Zuhörer sollen lachen, nicht grinsen. Das Obszöne in allen seinen Schattierungen liegt dem Erzähler so fern wie seinen Zuhörern. Der Erzähler zwinkert nicht mit den Augen. Er sagt nichts, was er nicht sagte. Es gibt keine Zweideutigkeit. Dafür ist ihm die Sache selbst, die Liebe, zu seriös, zu heilig – und gerade deshalb erzählt er das, was Toren oder Spitzbuben diesem Heiligen antun und erzählt es als komische Glosse, wie zu einem pathetischen Text.

Die Sitten und Bräuche der Liebe, die in diesen Geschichten zum Niederschlag kommen, sind in ihren mann-weiblichen Bestimmungen von denen des Europäers nicht wesentlich verschieden. Bemerkbar ist dazu nur dieses, daß die orientalische Geliebte zwölf Jahre zählt. Und daß sie darum nicht jene sentimentalische Überbelastung besitzen kann, die ihre europäische Schwester im Guten wie im Schlimmen darum auszeichnet, weil sie meist, wenn überhaupt, die Liebe des Mannes um einige Jahre zu spät kennen lernt, oft um viele Jahre zu spät, und dann auch oft nicht die Liebe, sondern irgendwelche Reste davon, welche sich der freier lebende europäische Jüngling dafür gerade noch gerettet hat.

Was die Texte selber anlangt, bildeten getreue englische, französische und italienische Übertragungen die Vorlagen. Bis auf die leicht erkennbaren drei kurzen Lehr-Erzählungen Saâdis ist das hier Wiedergegebene ohne eigentliche Verfassernamen. Es ist Weitererzähltes seit Jahrhunderten, zuweilen Niedergeschriebenes, nicht eigentlich Verfaßtes.

Franz Blei

Neuntes Kapitel


Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid.

Ihr unglückseligen Grafen und Barone, die ihr das Selbstgefühl eines Mannes verspottet, der euch durch schöne Handlungen zu dem Eingeständnis zwingen will, daß er ebenso adlig ist, wie ihr – hütet euch vor ihm, wenn es euch gelingt, seine edle Anmaßung niederzuhalten, ihn selber zu demütigen; denn von gerechter Verachtung ergriffen, wird er mit Nägeln und Zähnen über euch herfallen, und mit Recht. Denn ihr müßt diesen Mann achten, der zwar kein Edelmann nach eurer Art ist, aber sich Edelmann nennt, weil er der Meinung ist, er brauche nur schöne Handlungen zu vollbringen, um das Recht zu haben, als Edelmann aufzutreten. Achtet diesen Mann, der dem Worte Adel einen Sinn gibt, den ihr nicht begreift. Er behauptet nicht, daß der Adel in einer Reihenfolge von Geschlechtern besteht, deren letzter Sprößling er selber ist; denn er lacht über die Stammbäume, die so oft durch unedles Blut befleckt sind, das durch ungetreue Gattinnen in die Adern ihrer Kinder gelangte. Nach seiner Erklärung ist der wirkliche Adelige der Mann, der Achtung verlangt, und nach dessen Meinung es nur ein einziges Mittel gibt, um Achtung zu verdienen: sich selber zu achten, seine Mitmenschen zu achten, ehrenhaft zu leben, niemanden zu täuschen, niemals seine Zunge mit einer Lüge zu besudeln, wenn der, zu dem man spricht, glauben muß, daß man die Wahrheit spricht, und endlich die Ehre dem Leben vorzuziehen.

Dieser letzte Teil seiner Erklärung muß in euch die Furcht erwecken, daß er euch tötet, wenn ihr ihn verräterischerweise oder durch Überraschung entehrt. Nach einem physikalischen Gesetze folgt auf jeden Stoß ein Gegenstoß; aber im Moralischen ist die Rückwirkung noch stärker. Die Rückwirkung des Betruges ist Verachtung, die Rückwirkung der Verachtung ist Haß, und Haß führt zu Mord.

Der Schuhflicker Don Diego hatte vielleicht gedacht, daß er sich in meinen Augen etwas lächerlich gemacht hatte, indem er mir sagte, er sei ein Edelmann, da er jedoch wußte, daß er in dem Sinne, den er diesem Worte beilegte, wirklich ein Edelmann war, so wollte er mich immer mehr überzeugen, daß er mir keine Vorspiegelungen gemacht hatte. Seine edle Handlungsweise im Buen Retiro hatte mir schon seine schöne Seele enthüllt; aber dies genügte ihm nicht; er wollte konsequent sein. Als er durch meinen Brief einen Auftrag erhielt, wie ihn ein jeder gut oder schlecht ausführen kann, da wollte er mich nicht wie ein Bankier bedienen, sondern beschloß ein Haus zu mieten, um mir dessen besten Teil abzutreten. Ohne Zweifel hatte er auch berechnet, daß er dabei nichts verlieren würde, da er hoffen konnte, eine gut imstande gehaltene hübsche Wohnung würde nach mir nicht lange leer bleiben; hauptsächlich aber rechnete er auf meine Zufriedenheit und auf die Achtung, die ich ihm infolgedessen innerlich zollen würde.

Er täuschte sich nicht, denn ich behandelte ihn wie meinesgleichen und pries auf das höchste alles, was er gemacht hatte.

Doña Ignazia war ganz stolz auf das, was ihr Vater für mich getan hatte. Wir blieben eine Stunde lang beisammen, leerten eine Flasche ausgezeichneten Weines und regelten alle unsere geschäftlichen Angelegenheiten.

Ich verlangte, daß die Biskayerin auf meine Rechnung gehen solle, und setzte diesen Wunsch mit großer Mühe durch. Da ich jedoch wünschte, daß das Mädchen in Don Diegos Dienst zu stehen glaubte, so bat ich diesen, ihr täglich ihre Auslagen für mich zu bezahlen; denn ich wollte zu Hause essen, zum mindesten bis zur Rückkehr des Gesandten. Außerdem sagte ich ihm, es sei für mich eine Folterqual, allein zu essen, und ich bitte ihn daher, mittags und abends stets an meinem Tische zu speisen. Vergeblich suchte er Ausreden zu gebrauchen; er mußte schließlich nachgeben und behielt sich nur das Recht vor, sich durch seine Tochter vertreten zu lassen, wenn er selber zuviel Arbeit hätte, um sich umkleiden zu können. Wie man sich denken kann, lehnte ich diese Bedingung nicht ab, denn ich hatte sie erwartet.

Am nächsten Tage machte ich meinem Wirt einen Besuch, denn ich war neugierig, wie er eingerichtet wäre. Ich betrat zunächst eine kleine Kammer, die für Doña Ignazia bestimmt war. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Koffer und einem Stuhl; neben dem Bett stand außerdem ein Betschemel, auf welchem sie niederkniete, um vor einem vier Fuß hohen Bilde zu beten. Dieses stellte den heiligen Ignaz von Loyola vor, einen schönen Jüngling von wollüstigen Formen, der mehr dazu angetan war, die Sinne zu erregen, als zur Frömmigkeit anzueifern.

Mein Schuhflicker sagte zu mir: »Ich wohne jetzt viel besser als früher, und Ihre Wohnung trägt mir das Vierfache der Miete für das ganze Haus.«

»Aber die Möbel und die Wäsche?«

»In vier Jahren wird alles bezahlt sein. Ich hoffe, dieses Haus wird die Mitgift meiner Tochter sein, und diese schöne Spekulation verdanke ich Ihnen.«

»Das freut mich. Aber mir scheint, Sie machen da ein Paar ganz neuer Schuhe?«

»Allerdings; aber bemerken Sie, daß ich nach einem Leisten arbeite, den man mir gegeben hat. Ich bin daher nicht genötigt, sie meinem Besteller anzuziehen, und brauche mich nicht darum zu bekümmern, ob sie gut oder schlecht sitzen.«

»Wieviel bezahlt man Ihnen dafür?«

»Dreißig Realen.«

»Das ist teurer als der gewöhnliche Preis.«

»O ja; es ist aber auch ein großer Unterschied zwischen meinen Schuhen und denen der anderen Schuhmacher. Bei den meinigen ist sowohl die Arbeit wie die Güte des Leders viel besser.«

»Ich werde mir einen Leisten machen lassen, und Sie werden mir Schuhe anfertigen, wenn es Ihnen recht ist; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß sie vom schönsten Leder sein und Sohlen von doppeltem Marokkoleder haben müssen.«

»Solche kosten mehr und halten nicht solange.«

»Das ist einerlei; im Sommer kann ich nur sehr leichte Schuhe tragen.«

Als ich mich empfahl, sagte er mir, er sei sehr beschäftigt, seine Tochter werde daher mit mir speisen.

Ich machte einen Besuch beim Grafen von Aranda, der mich kalt, aber sehr höflich empfing. Ich erzählte ihm, was mir in Aranjuez begegnet war: die Schikane des Pfarrers und die Unhöflichkeit des Ritters Mengs.

»Ich habe davon gehört. Dieses neue Abenteuer war schlimmer als das erste, und ich hätte keine Abhilfe zu schaffen gewußt, wenn Sie nicht schnell Ihre Osterbeichte abgelegt hätten; dadurch war der Pfarrer gezwungen, Ihren Namen wieder auszustreichen. Augenblicklich glaubt man mich durch Plakate zu beunruhigen; aber ich bin dabei ganz ruhig.«

»Was will man denn nur von Eurer Exzellenz?«

»Ich soll den langen Mantel und den Schlapphut erlauben. Das wissen Sie doch?«

»Ich bin erst gestern Abend angekommen.«

»Schön. Kommen Sie also Sonntag lieber nicht zu mir, denn mein Haus soll in die Luft fliegen.«

»Gnädiger Herr, ich bin neugierig, ob es recht hoch fliegen wird. Ich werde um zwölf Uhr in Ihrem Saal sein.«

»Ich glaube, Sie werden nicht allein sein.«

Ich ging hin, und der Saal war so voll, wie ich ihn nie gesehen hatte. Der Graf sprach mit allen Anwesenden. Unter dem letzten Plakate, das ihn mit dem Tode bedrohte, standen zwei sehr kräftige Verse. Der Verfasser des Anschlages wußte, daß man ihn hängen würde, wenn man ihn entdeckte, und hatte geschrieben:

Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich.
Aber sie kriegen mich nicht.

Beim Essen gab Doña Ignazia mir zu erkennen, daß sie mich sehr gerne in ihrem Hause sah; aber sie ging nicht ein einziges Mal auf die verliebten Reden ein, die ich an sie richtete, wenn Filippo hinausgegangen war. Sie errötete, seufzte, und da sie doch endlich sprechen mußte, so sagte sie mir, sie bitte mich, alles zu vergessen, was zwischen ihr und mir vorgefallen sei. Ich antwortete ihr lächelnd, sie wisse sicherlich, daß mir dies nicht möglich sei, und setzte mit gekränkter Miene, halb ernst, halb zärtlich hinzu: »Selbst wenn es in meiner Macht stünde, alles zu vergessen, so würde ich es nicht wollen.«

Da ich wußte, daß sie weder sich verstellte noch heuchelte, so begriff ich sofort, daß die Frömmigkeit sie in ihrer Macht hielt, aber ich wußte, woran ich mich zu halten hatte, und daß ihr Widerstand nicht lange dauern konnte. Ich mußte Schritt vor Schritt vorgehen. Ich hatte schon mit anderen Frommen zu tun gehabt, die nicht ein so siedend heißes Temperament besaßen wie Ignazia und mich weniger liebten; trotzdem hatten sie sich ergeben.

Nach dem Essen blieb sie noch eine Viertelstunde mit mir zusammen, aber ich ließ mir nicht das geringste von meiner Liebe merken.

Als ich meine Siesta gehalten hatte, kleidete ich mich an und ging aus, ohne sie zu sehen. Als sie am Abend zu mir und ihrem Vater kam, der mit mir gespeist hatte, behandelte ich sie mit der größten Freundlichkeit, ohne mich im geringsten verdrießlich zu zeigen. Am folgenden Tage verfuhr ich ebenso. Beim Essen sagte sie mir, sie habe mit ihrem Liebhaber gleich in den ersten Tagen der Fasten gebrochen und bitte mich, ihn nicht zu empfangen, falls er mir etwa einen Besuch machen sollte.

Am Pfingsttage war ich beim Grafen Aranda und ging dann nach Hause; Don Diego, als richtiger Edelmann gekleidet, speiste mit mir. Seine Tochter sah ich nicht. Als ich ihn fragte, ob sie auswärts esse, antwortete er mir mit einem Lächeln, das ganz unspanisch war und das er sich einem seiner Landsleute gegenüber nicht erlaubt haben würde, sie habe sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie allem Anschein nach das heilige Fest des Heiligen Geistes feiere. Am Abend werde sie sicherlich herunterkommen, um mit mir zu essen; denn er sei bei seinem Bruder eingeladen und werde mindestens bis Mitternacht ausbleiben.

»Mein lieber Diego, machen Sie keine Komplimente! Sagen Sie, bevor Sie fortgehen, Ihrer lieben Tochter, sie möge keine Umstände machen; ich verzichte herzlich gern auf meine gesellschaftlichen Rechte zugunsten jener Ansprüche, die Gott auf ihr Gewissen haben mag. Sagen sie ihr, sie möge sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit verhalten, wenn sie etwa ihren frommen Übungen Zwang antun müsse, um mit mir zu Abend zu essen; wir würden ein andermal miteinander speisen. Werden Sie ihr das sagen? Sie machen mir damit ein Vergnügen.«

»Da Sie es wünschen, so soll es nach Ihrem Willen geschehen.«

Nachdem ich meine Siesta gehalten hatte, kam der brave Mann wieder und sagte mir, Doña Ignazia lasse mir danken, sie werde von meiner Erlaubnis Gebrauch machen, da es ihr angenehm sei, an diesem Tage niemanden zu sehen.

»Sehen Sie, so müssen wir untereinander leben! Morgen werde ich ihr meinen Dank sagen.«

Es kostete mir einige Mühe, ihm diese Antwort zu geben; denn diese übermäßige Frömmigkeit mißfiel mir so sehr, daß ich sogar fürchtete, sie könnte die Liebe ersticken, die ich dem reizenden Mädchen entgegenbrachte. Trotz meiner Empfindlichkeit hätte ich aber beinahe laut herausgelacht, als der biedere Don Diego mir sagte, ein kluger Vater müsse seiner Tochter ein Übermaß von Frömmigkeit ebenso verzeihen wie eine starke Liebesleidenschaft. Solche Philosophie hätte ich von einem spanischen Schuhflicker nicht erwartet, trotz seinem Adel.

Da das Wetter an diesem Tage nicht schön war, so beschloß ich nicht auszugehen. Ich sagte Filippo, er möchte meinen Wagen fortschicken und könnte spazieren gehen; doch solle er vorher der Biskayerin sagen, ich würde erst um zehn Uhr zu Abend essen. Als ich allein war, setzte ich mich zum Schreiben nieder; am Abend kam die Mutter und zündete meine Kerzen an, und ich ging zu Bett, ohne gegessen zu haben. Als ich am anderen Morgen um neun Uhr eben erwacht war, sah ich zu meiner großen Überraschung Doña Ignazia eintreten. Sie sagte mir, wie schmerzlich es ihr gewesen sei, als sie am Morgen erfahren habe, daß ich nicht zu Abend gegessen habe.

»Da ich allein, traurig und unglücklich war, so tat ich gut, mich des Essens zu enthalten.«

»Sie sehen niedergeschlagen aus.«

»Ich werde besser aussehen, sobald es Ihnen gefällt.«

Da der Friseur kam, so ließ sie mich allein. Ich kleidete mich an und ging zur Messe in die Kirche Buen Suceso, wo ich die schönsten Kurtisanen von Madrid sah. Ich aß mit Don Diego zu Mittag, und als beim Nachtisch seine Tochter erschien, sagte er zu ihr, sie sei schuld, daß ich am Abend vorher nichts gegessen habe.

»Dies soll nicht wieder vorkommen!« antwortete sie.

»Wollen Sie mit mir nach der Kirche Unserer lieben Frau von Atocha fahren, meine teure Ignazia?«

»Ich möchte es gern«, antwortete sie, indem sie ihrem Vater einen Blick zuwarf.

»Liebe Tochter,« sagte Diego, »die wahre Frömmigkeit ist untrennbar von einem fröhlichen Herzen und von dem Vertrauen, das man zu Gott, zu sich selber und zu der Rechenschaft der ehrenwerten Menschen, mit denen man verkehrt, haben muß. Daher mußt du glauben, daß Señor Don Jaime ein braver Mann ist, obgleich er nicht das Glück hat, als Spanier geboren zu sein.«

Über diesen Schluß mußte ich unwillkürlich lachen; Don Diego fühlte sich jedoch nicht dadurch beleidigt. Doña Ignazia küßte ihrem Vater die Hand und fragte mich in einem Ton verführerischer Unschuld, ob ich erlauben wolle, daß sie ihre Cousinen einlade.

»Wozu brauchst du deine Cousinen mitzunehmen?« sagte Diego. »Ich bürge für Don Jaime.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Don Diego. Aber wenn ihre Cousine mitkommen will und Doña Ignazia ihre Begleitung wünscht, so wird es mir eine große Freude sein; nur möchte ich, daß die ältere käme, denn deren Charakter gefällt mir besser als der ihrer Schwester.«

Nachdem diese Verabredung getroffen worden war, entfernte der Vater sich, und ich schickte Filippo in ein Fuhrgeschäft, um vier Maultiere anspannen zu lassen.

Als wir allein waren, fragte Ignazia mich zärtlich und reuevoll, ob ich ihr verzeihe.

»Alles, mein Engel – wenn Sie mir nur erlauben, Sie zu lieben.«

»Ach, lieber Freund! Ich fürchte wahnsinnig zu werden, wenn ich noch länger den Kampf bestehe, der mir Seele und Herz zerreißt!«

»Es ist kein Kampf nötig, teure Ignazia. Lieben Sie mich wie ich Sie liebe, oder befehlen Sie mir zu gehen und nicht wieder vor Ihren Augen zu erscheinen. Ich werde die Kraft besitzen, Ihnen zu gehorchen, aber das wird Sie nicht glücklich machen.«

»Oh, das weiß ich! Nein, nein, bleiben Sie zu Hause, dieses Haus gehört Ihnen. Nun aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben, wenn Sie glauben, meine große Cousine habe einen besseren Charakter als die kleine. Ich weiß, warum Sie dies seit der letzten Nacht des Karnevals glauben. Die kleine ist gut; so häßlich sie ist, so ist sie doch unterlegen, genau wie ich. Aber die ältere, die zehnmal häßlicher ist, ist boshaft vor Verdruß, daß niemals ein Mann sie hat lieben wollen. Sie glaubt, Sie verliebt gemacht zu haben, und trotzdem spricht sie schlecht von Ihnen; sie macht mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nicht widerstanden habe, und brüstet sich, bei ihr werde es Ihnen nicht so leicht gelingen.«

»Sagen Sie nichts weiter, meine Liebe! Wir müssen sie bestrafen und die jüngere mitnehmen.«

»Vortrefflich; ich danke Ihnen.«

»Weiß Sie, daß wir uns lieben?«

»Wozu es ihr sagen? Sie hat es erraten; aber sie hat ein gutes Herz und begnügt sich damit, mich zu beklagen. Sie wünscht, daß wir zusammen vor der heiligen Jungfrau der Soledad eine Andacht verrichten, die die Wirkung haben wird, uns alle beide von einer Liebe zu heilen, die uns um unser Seelenheil bringt.«

»Sie ist also ebenfalls verliebt?«

»Ja, und das arme Mädchen liebt unglücklich; denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Das muß eine große Qual sein.«

»Wahrhaftig, ich bedauere sie; denn so, wie sie aussieht, weiß ich nicht, welcher Mann sie begehren sollte. Sie ist ein armes Mädchen, und es wäre ihr gut, wenn sie nicht das Bedürfnis hätte, zu lieben. Aber Sie…«

»Ich! Schweigen Sie. Meine Seele ist einer größeren Gefahr ausgesetzt als die ihrige; ich weiß nicht, ob ich hübsch bin, aber man begehrt meiner. Ich muß mich verteidigen oder mich hingeben, und es gibt Männer, gegen die eine Verteidigung nicht möglich ist. Gott ist mein Zeuge, daß ich in der Osterwoche ein armes Mädchen besucht habe, das die Pocken hatte. Ich habe sie berührt, weil ich hoffte, daß ihre Krankheit mich anstecken und daß ich dann häßlich werden würde. Aber Gott hat es nicht gewollt, und obendrein hat mein Beichtvater mich ausgescholten und mich zu einer Buße verurteilt, die ich niemals erwartet hätte.«

»Was für eine Buße war das?«

»Nachdem er mir gesagt hatte, daß ein schönes Gesicht ein Zeichen für eine schöne Seele und daß es ein Geschenk Gottes sei, für das man ihm jeden Tag danken müsse, weil ein schönes Gesicht eine Empfehlung bei allen Menschen sei, erklärte er mir: indem ich mich bemüht hätte, häßlich zu werden, hätte ich Gott beleidigt, indem ich sein Werk zerstören wollte, und hätte mich dadurch seiner Gnade unwürdig gemacht. Nachdem er mir tausend Dinge dieser Art gesagt hatte, befahl er mir, zur Strafe für diese Sünde ein wenig rote Schminke auf meine Wangen zu legen, so oft es mir vorkäme, als ob sie zu blaß wären. Ich habe mich fügen müssen und einen Topf roter Schminke gekauft, aber ich habe mich desselben noch nicht bedienen zu müssen geglaubt. Bedenken Sie nur, daß mein Vater ihn sehen könnte! In welcher Verlegenheit würde ich sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß ich die Schminke zur Buße gekauft habe.«

»Ist Ihr Beichtvater jung?«

»Er ist ein alter Mann von siebzig Jahren.«

»Sagen Sie ihm alle einzelnen Umstände Ihrer Sünden?«

»O gewiß; denn ein jeder Umstand, mag er noch so klein sein, kann eine große Sünde sein.«

»Fragt er Sie?«

»Nein; denn er weiß, daß ich ihm alles sage. Ich schäme mich dabei sehr, aber dies läßt sich nicht vermeiden.«

»Haben Sie diesen Beichtvater schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Vor ihm hatte ich einen ganz unerträglichen. Er fragte mich nach Dingen, die mich empörten.«

»Wonach fragte er Sie?«

»Oh, erlassen Sie es mir, Ihnen dies zu sagen.«

»Wozu brauchen Sie so oft zur Beichte zu gehen?«

»So oft! Wollte Gott, ich brauchte nicht so oft hinzugehen. Übrigens gehe ich nur alle acht Tage zur Beichte.«

»Das ist zuviel!«

»Nein; denn Gott weiß, daß ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Sünde begangen habe. Ich habe Angst, während meines Schlafes zu sterben.«

»Ich beklage Sie, teure Freundin; denn diese Angst muß Sie unglücklich machen. Ich habe einen Vorzug, den Sie nicht besitzen: ich rechne viel mehr als Sie auf Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen nicht fehlen kann.«

Die Cousine kam, und wir fuhren ab. Wir fanden viele Wagen vor der Tür der kleinen Kirche, die voll von Frommen beiderlei Geschlechts war. Ich sah unter anderen die durch ihre Mannstollheit berüchtigte Herzogin von Villadorias. Wenn die Begierde über sie kam, konnte nichts sie zurückhalten. Sie bemächtigte sich des Mannes, der ihren Instinkt erregte, und er mußte sie befriedigen. Dies war mehrere Male in großer Gesellschaft vorgekommen, deren Teilnehmer sich hatten flüchten müssen. Ich hatte sie auf dem Ball kennen gelernt; sie war noch hübsch und ziemlich jung. In dem Augenblick, wo ich mit meinen beiden Betschwestern eintrat, lag sie auf den Fliesen der Kirche auf den Knien; sie hob den Kopf und richtete ihre Augen auf mich, wie wenn sie sich auf mich zu besinnen suchte. Sie hatte mich bis dahin nur im Domino gesehen. Als meine Begleiterinnen eine halbe Stunde gebetet hatten, standen sie auf, um hinauszugehen, und die Herzogin erhob sich ebenfalls. Draußen vor der Kirche fragte sie mich, ob ich sie kenne; ich nannte sie bei ihrem Namen, und sie fragte mich, warum ich sie nicht besuche, und ob ich zur Herzogin von Benevento gehe. Ich verneinte diese Frage und sagte ihr, ich würde die Ehre haben, ihr meine Aufwartung zu machen.

Während wir nach der Promenade der Balbazos fuhren, erklärte ich meinen beiden Begleiterinnen die Krankheit der Herzogin. Doña Ignazia fragte mich in ängstlichem Ton, ob ich Wort halten und ihr einen Besuch machen würde. Sie atmete auf, als ich ihr versicherte, ich würde es nicht tun.

Es kommt mir über alle Maßen lächerlich vor, wenn eine elende Philosophie Tatsachen, die von der Vernunft entschieden sind, seitdem die Vernunft existiert, immer noch zu den ungelösten Problemen rechnet. Man fragt, welches von den beiden Geschlechtern beim Zeugungsakt die größere Befriedigung empfinde. Homer behandelt diese Frage, indem er einen Wettstreit zwischen Jupiter und Juno mitteilt. Teiresias, der Weib gewesen war, gab ein richtiges Urteil ab, das jedoch einen lächerlichen Eindruck macht, weil es so aussieht, wie wenn er die beiden Freuden in die beiden Schalen einer Wage gelegt habe. Irgend jemand hat gesagt, das Weib habe den größten Genuß, weil dieser bei ihr schneller einträte, weil er sich oft wiederhole, und endlich, weil das Fest bei ihr stattfinde; dieser Grund ist ziemlich glaubwürdig, denn sie braucht mit der größten Bequemlichkeit nur alles geschehen zu lassen; sie ist zugleich handelnder und leidender Teil, während zur Befriedigung des Mannes Handeln unumgänglich notwendig ist. Es gibt jedoch noch einen physikalischen Grund, der die Frage ohne jeden Zweifel entscheidet; wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, so wäre die Natur ungerecht; dies aber ist nicht möglich. Übrigens gibt es nichts Überflüssiges in der Schöpfung, und der Schöpfer hat kein Ding dazu bestimmt, nur Schmerzen zu leiden oder Genuß zu bereiten, ohne solchen zu empfangen. Wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, hätte sie nicht mehr als er zu verrichten und hätte auch nicht mehr Organe als er. Schon die Gebärmutter muß ein Zeichen sein, daß der Genuß des Weibes bei weitem größer ist als der des Mannes; denn dieses Organ hängt mit dem Gehirn in keiner Weise zusammen und ist daher völlig unabhängig von der Vernunft; es hat kein anderes Bedürfnis als Nahrung zu geben und Nahrung zu empfangen; sein Instinkt wird Wut, wenn es vom Temperament erregt wird. Dies wäre hinreichend bewiesen durch die Andromanie, an welcher viele Frauen leiden; diese Krankheit macht die einen zu Messalinen und die anderen zu Märtyrerinnen. Der Mann hat keine Krankheit, die mit der Andromanie verglichen werden könnte.

Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der Frau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes.

Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so sage ich zu mir selber nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt, und die mich veranlassen, mein Geschlecht vorzuziehen. Nichtsdestoweniger würde ich, wenn ich den Vorzug haben könnte, noch einmal wiedergeboren zu werden, mich gern einverstanden erklären, nicht nur als Weib, sondern sogar als Tier irgendwelcher Art wiedergeboren zu werden; selbstverständlich mit meinem Gedächtnis; denn sonst wäre ich ja nicht mehr ich.

Auf der Balbazos-Promenade aßen wir Eis; hierauf fuhren meine beiden jungen Damen mit mir nach Hause; sie waren sehr zufrieden mit dem Vergnügen, das ich ihnen an diesem Tage verschafft hatte, ohne den lieben Gott zu beleidigen.

Doña Ignazia war entzückt, mit mir den ganzen Tag verbracht zu haben, ohne daß ich etwas gegen sie unternommen hätte; offenbar fürchtete sie jedoch, ich würde mich beim Abendessen nicht in denselben Grenzen halten, und bat mich daher, ihre Cousine einzuladen, mit uns zu speisen. Ich war damit einverstanden, und sogar mit Vergnügen.

Diese Cousine, die ebenso dumm wie häßlich war, hatte ein gutes Herz und besaß die ausgezeichnete Eigenschaft, mitfühlend zu sein. Da ich wußte, daß Doña Ignazia ihr alles anvertraut hatte, was zwischen uns vorgefallen war, so war es mir nicht unlieb, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war: sie konnte mir nicht lästig werden, und Doña Ignazia glaubte, ich würde in ihrer Anwesenheit nichts unternehmen.

Es war bereits ein drittes Gedeck aufgelegt worden, als ich jemanden die Treppe hinaufkommen hörte. Es war der Vater, und ich lud ihn ein, mit uns zu essen. Ich glaube, bereits gesagt zu haben, daß Don Diego liebenswürdig war; besonders aber ergötzte er mich durch seine Lebensweisheiten auf dem Gebiete der Moral. Er hatte die Marotte, sich mit seinem Vertrauen brüsten zu wollen. Er wußte oder ahnte doch zum mindesten, daß ich seine Tochter liebte; aber er glaubte, es geschehe in allen Ehren, sei es, daß er sich auf meine Redlichkeit verließ, oder daß er seine Tochter durch ihre Frömmigkeit gepanzert glaubte. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß er gekränkt gewesen wäre und ihr nicht erlaubt haben würde, mit mir unter vier Augen beisammen zu sein, wenn er geahnt hätte, was bereits zwischen uns vorgefallen war.

Bei Tisch saß er neben seiner Nichte und gegenüber seiner Tochter, die mir zur Rechten saß; er bestritt zu einem guten Teil die Kosten der Unterhaltung; denn der Spanier ist zwar ernst, aber beredt, und seine reiche, pomphafte Sprache macht ihm die Beredsamkeit leicht.

Es war sehr warm, und da ich gerne mir selber es bequem machen wollte, so forderte ich ihn auf, seinen Rock auszuziehen und auch seine Tochter es sich bequem machen zu lassen, wie wenn sie mit ihm und seiner Frau allein wäre.

Ohne sich lange bitten zu lassen, nahm Doña Ignazia ihr Halstuch ab und entblößte ihren schönen Busen; aber es kostete viele Mühe, bis ihre arme Cousine sich entschloß, uns ihre schwarze Haut und ihre Knochen sehen zu lassen.

Doña Ignazia erzählte ihrem Vater, wie viel Vergnügen die Anbetung Unserer lieben Frau von Atocha und der Spaziergang auf der Balbazos-Promenade ihr gemacht habe, und sagte ihm schließlich, sie habe die Herzogin von Villadorias gesehen, die mich eingeladen habe, sie zu besuchen.

Dies veranlaßte den biederen Don Diego über die Krankheit der Dame zu philosophieren und zu scherzen. Er erzählte viele Einzelheiten, über die wir lange Betrachtungen anstellten; die beiden Mädchen taten so, wie wenn sie nichts davon verständen.

Der gute Manchaer Wein hielt uns bis ein Uhr bei Tische, und uns allen war die Zeit kurz vorgekommen. Don Diego sagte seiner Nichte, sie könnte mit seiner Tochter in der Kammer schlafen, worin wir uns befänden, denn das Bett wäre breit genug für zwei, während das Bett der Doña Ignazia zu eng wäre, besonders bei der sehr heißen Nacht. Ich beeilte mich hinzuzufügen, daß die jungen Damen durch die Annahme dieses Vorschlages mir eine Ehre erwiesen; Doña Ignazia erwiderte jedoch errötend, es sei nicht schicklich, denn das Zimmer sei von dem meinigen nur durch eine Glastüre getrennt.

Auf diesen Einwurf sah ich Don Diego mit einem Lächeln an, und der brave Mann, dem stets viel daran lag, mir einen hohen Begriff von seinem Geiste zu geben, begann auf die lächerlichste Art auf seine Tochter einzureden. Er sagte ihr: »Señor Don Jaime muß mindestens zwanzig Jahre älter sein als du. Durch diesen Verdacht hast du eine größere Sünde begangen, als wenn du dich zu irgendeiner kleinen verliebten Gefälligkeit herbeigelassen hättest. Ich bin überzeugt, am Sonntag wirst du vergessen, dich des Verbrechens anzuklagen, daß du Don Jaime eine unehrenhafte Handlungsweise zugetraut hast.«

Doña Ignazia sah mich zärtlich an, bat mich um Verzeihung und sagte mir, sie werde tun, wie es ihr Vater wolle. Die Cousine sagte nichts. Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn, wünschte mir gute Nacht und entfernte sich, sehr zufrieden mit seiner Rednergabe. Ich dachte mir, daß Ignazia irgendeinen Angriff von meiner Seite erwartete, und da ich überzeugt war, daß sie sich einen Widerstand vorgenommen hatte, mit dem sie sich vor ihrer Cousine brüsten konnte, und der mich geschmerzt haben würde, so beschloß ich, sie ganz und gar in Ruhe zu lassen, und ging zu Bett. Am anderen Morgen stand ich jedoch um sechs Uhr auf in der Hoffnung, ihr irgendeinen kleinen Streich spielen zu können. Als ich aber in das Zimmer trat, fand ich das Bett bereits gemacht und die Vögel ausgeflogen. Da es der dritte Feiertag war, so zweifelte ich nicht, daß sie in die Soledad zur Messe gegangen wären.

Um zehn Uhr kam Doña Ignazia allein zurück. Sie fand mich allein, vollständig angezogen und mit Schreiben beschäftigt. Sie sagte mir, sie sei drei Stunden in der Kirche gewesen, und ihre Cousine, die sie begleitet habe, sei eben erst zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

»Ich vermute, Sie sind zur Beichte gegangen?«

»Nein, ich war Sonntag zur Beichte und werde erst am nächsten Sonntag wieder hingehen.«

»Ich bin entzückt, daß Ihre Beichte nicht meinetwegen länger sein wird.«

»Sie täuschen sich.«

»Wie, ich täusche mich? Ach so, ich verstehe. Aber hören Sie, ich will nicht, daß wir beide wegen einfacher Begierden unser Seelenheil verscherzen. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu quälen, und ebensowenig, um selber Märtyrer zu werden. Was Sie mir bewilligt haben, hat mich ganz und gar in Sie verliebt gemacht, und ich schaudere bei dem Gedanken, daß meine und Ihre Zärtlichkeiten zum Gegenstande Ihrer Reue geworden sind. Ich habe eine sehr schlechte Nacht verbracht, und ich muß auf meine Gesundheit acht geben. Ich werde versuchen, Sie zu vergessen, aber dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß ich Sie nicht mehr sehe. Ich werde die Wohnung bei Ihnen behalten, aber schon morgen ziehe ich anderswohin. Wenn Ihr religiöses Gefühl aufrichtig ist, so müssen Sie meinem Plan beistimmen. Teilen Sie ihn am Sonntag Ihrem Beichtvater mit, und Sie werden sehen, daß er ihn billigen wird.«

»Was Sie da sagen, ist wahr; aber ich kann nicht einwilligen. Es steht Ihnen frei, sich von mir zu entfernen; ich werde es schweigend dulden, werde meinen Vater reden lassen, aber ich werde das unglücklichste Geschöpf in ganz Madrid sein.«

Während sie diese Worte sprach, rollten zwei dicke Tränen über ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder; ich fühlte mich tief bewegt und sagte: »Ich liebe Sie, schöne Ignazia, und ich hoffe, die Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt haben, wird mich nicht zur Hölle verdammen. Ich kann Sie nicht sehen, ohne Sie zu lieben, und da ich Sie liebe, so zwingt die Natur mich, Ihnen meine Liebe deutlich zu bekunden: dies ist für mein Glück notwendig. Sie sagen: wenn ich gehe, so werden Sie unglücklich sein. Ich kann mich nicht entschließen. Sie unglücklich zu machen; aber wenn ich bleibe, so werde ich unglücklich sein, falls Sie nicht eine andere Haltung einnehmen. Ich bin sogar sicher, daß es mir meine Gesundheit kosten wird. Sagen Sie mir jetzt, was ich tun soll! Soll ich gehen oder bleiben? Wählen Sie!«

»Bleiben.«

»Sie werden also lieb und zärtlich sein, wie Sie es, vielleicht zu meinem Unglück, bereits waren.«

»Ach, ich habe es bereuen und Gott versprechen müssen, nicht wieder in dieselbe Sünde zu verfallen. Ich bitte Sie zu bleiben, weil ich überzeugt bin, in acht oder zehn Tagen werden wir uns dermaßen aneinander gewöhnen, daß ich Sie nur noch wie einen Vater lieben werde und daß Sie in mir nur eine Tochter oder eine Schwester sehen werden, die Sie in Ihre Arme schließen können, ohne daß Sie dabei irgendwie an Liebe zu denken brauchen.«

»Und Sie sagen. Sie sind dessen sicher?«

»Ja, mein lieber Freund, sehr sicher.«

»Sie täuschen sich.«

»Gestatten Sie mir, mich zu täuschen. Wollen Sie es mir glauben? Es macht mir ein Vergnügen, mich zu täuschen.«

»Unglückselige Frömmigkeit!«

»Warum unglückselig?«

»Nichts, meine liebe Freundin; ich würde zu weitschweifig werden und vielleicht Gefahr laufen … Ach, sprechen wir nicht mehr davon! Ich werde bei Ihnen bleiben.«

Ich ging aus. Der Zustand des armen Mädchens betrübte mich mehr als mein eigener, und ich fühlte, daß ich mich bemühen müßte, sie zu vergessen. »Denn,« sagte ich bei mir selber, »selbst wenn es mir gelingen sollte, sie noch einmal durch eine Überraschung zu besitzen oder nachdem ich sie durch meine Worte in Feuer gesetzt hätte, so würde bald wieder der Sonntag da sein, und eine neue Beichte würde sie wieder störrisch und widerhaarig machen. Sie gestand, daß sie mich liebte, aber sie schmeichelte sich, ihre Liebe bändigen zu können, indem sie mich nach wie vor sähe und sich zusammennähme. Ein solcher Wunsch und solche wahnsinnige Hoffnung kann nur in einer ehrlichen Seele vorhanden sein, wenn diese sklavisch einem Vorurteil gehorcht, das ihr als ein Verbrechen zeigt, was naturgemäß kein Verbrechen sein kann.«

Zum Mittag kam ich nach Hause; Don Diego glaubte mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er mit mir aß; seine Tochter erschien erst beim Nachtisch. Ich bat sie höflich, aber mit trauriger und kalter Miene, sie möchte Platz nehmen. Ihr Vater fragte sie spöttisch, ob ich vielleicht in der Nacht aufgestanden wäre und sie in ihrem Bett besucht hätte.

»Ich habe Don Jaime durch keinen Verdacht beleidigt«, antwortete sie ihm; »und wenn ich Einwendungen machte, so geschah dies nur infolge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung.«

Ich unterbrach sie, indem ich ihre Bescheidenheit lobte und ihr sagte, sie würde recht haben, sich vor mir in acht zu nehmen, wenn die Gesetze der Pflicht nicht stärker wären als die Wünsche, die ihre Schönheit mir einflößte.

Don Diego fand diese Liebeserklärung erhaben und der alten Tafelrunde würdig.

Seine Tochter antwortete ihm, ich machte mich über sie lustig; er erwiderte ihr jedoch, er sei überzeugt, daß sie sich irrte, und er glaube, ich habe sie schon gekannt, bevor ich zu ihm gekommen sei und sie zum Ball eingeladen habe.

»Ich schwöre Ihnen, Sie irren sich!« erwiderte Doña Ignazia ziemlich feurig.

»Sie schwören falsch, Señora, Ihr Vater weiß mehr als Sie.«

»Wie? Sie hätten mich gesehen? Wo denn?«

»In der Soledad, wo Sie eben das Abendmahl genommen hatten, und ich die Messe hörte. Als Sie mit Ihrer Cousine hinausgingen, folgte ich Ihnen von weitem. Das übrige können Sie erraten.«

Sie war sprachlos; ihr Vater triumphierte und freute sich seines Scharfblickes.

»Ich gehe zum Stiergefecht«, sagte mein Wirt zu mir; »es ist ein schöner Tag, ganz Madrid wird dort sein; man muß früh hingehen, um einen guten Platz zu finden. Sie haben dieses herrliche Schauspiel nie gesehen? Ich rate Ihnen, hinzugehen. Und du, liebe Tochter, bitte den Señor Don Jaime, dich mitzunehmen.«

»Wäre meine Gesellschaft Ihnen angenehm?« fragte sie mich mit zärtlicher Miene.

»Daran können Sie nicht zweifeln, Doña Ignazia, aber ich stelle die Bedingung, daß Ihre Cousine Sie begleitet, denn ich bin in sie verliebt.«

Don Diego lachte laut heraus, seine Tochter aber sagte ein bißchen boshaft: »Das ist nicht unmöglich.«

Wir gingen also hin, um uns dieses prachtvolle und barbarische Schauspiel anzusehen, das alle Spanier entzückt. Die beiden Mädchen setzten sich auf die Vorderplätze der einzigen Loge, die noch zu haben war, und ich saß hinter ihnen auf der zweiten Sitzbank, die anderthalb Fuß höher war als die erste. Es waren bereits zwei Damen da, und die eine von ihnen war die berühmte Herzogin von Villadorias. Ich mußte unwillkürlich lachen. Sie saß vor mir, so daß ihr Kopf ungefähr zwischen meinen Beinen sich befand. Sie erkannte mich und wünschte sich Glück zu dem Zufall, der uns in Kirche und bei Schauspielen zusammenbrächte; hierauf betrachtete sie Doña Ignazia, die neben ihr saß, äußerte mir in französischer Sprache ihre Bewunderung ihrer Schönheit und fragte mich, ob sie meine Frau oder meine Geliebte sei. Ich antwortete ihr, es sei eine Schönheit, um die ich vergebens seufze. Sie sagte mir lächelnd: in diesem Punkte sei sie ungläubig; hierauf wandte sie sich zu Ignazia und machte die reizendsten Bemerkungen über die Liebe, in der sie ihr die gleiche Erfahrung zutraute wie sich selber. Schließlich sagte sie ihr etwas ins Ohr. Ignazia errötete. Die Herzogin wurde feurig und sagte mir, ich hätte mir das schönste Mädchen in ganz Madrid ausgesucht; sie wolle gar nicht wissen, wer sie sei, aber sie werde sich freuen, wenn ich mit dem reizenden Mädchen bei ihr in ihrem Landhause speise.

Ich versprach es ihr, da es eben nicht anders ging. Doch ersparte ich es mir, den Tag festzusetzen. Indessen nötigte sie mich zu dem Versprechen, sie am nächsten Tage um ein Uhr zu besuchen. Ich bekam einen Schreck, als sie mir sagte, sie werde allein sein; denn dieses Wort bedeutete ein Stelldichein in aller Form. Sie war hübsch, aber zu bekannt; es wäre über meinen Besuch zu viel geredet worden.

Zum großen Glück begann das Stiergefecht, und damit wurde allgemeines Schweigen unerläßlich; denn die Spanier sind für dieses Schauspiel so leidenschaftlich begeistert, daß sie sich durch nichts davon ablenken lassen.

Man hat von diesen Stierkämpfen so viel gesprochen, daß ich meine Leser nicht durch eine Beschreibung ermüden will. Es möge genügen, wenn ich sage, daß sie eine Barbarei sind, die den Sitten eines Volkes nur schädlich sein kann; denn die Arena ist zuweilen ganz überströmt von dem Blute der Stiere, der Pferde, denen sie den Bauch aufgeschlitzt haben, und oft sogar der unglücklichen Picadores, deren Geschäft und Vergnügen es ist, die wütenden Stiere noch mehr zu reizen. Sie haben keine anderen Verteidigungsmittel als eine kleine rote Fahne, womit sie den sie verfolgenden Tieren eine andere Richtung geben, indem sie sie ihnen hinwerfen, während sie selber so schnell wie möglich nach einer anderen Stelle laufen oder mit großer Gelenkigkeit über die hohe Schranke springen.

Als das Stiergefecht zu Ende war, brachte ich die beiden Mädchen, die mir tausendmal dankten, nach meiner Wohnung und lud die Cousine zum Abendessen ein, indem ich darauf rechnete, daß sie wie am Tage vorher dableiben und mit ihrer Cousine zusammen schlafen werde.

Wir aßen, aber wir waren traurig; denn Don Diego aß außerhalb des Hauses, und ich war in so schlechter Laune, daß ich mir keine Mühe geben mochte, die Mahlzeit zu erheitern.

Doña Ignazia wurde nachdenklich, als ich auf ihre Frage, ob ich die Herzogin wirklich besuchen würde, ihr antwortete: »Ich würde gegen alle Gebote der Schicklichkeit verstoßen, wenn ich nicht hinginge. Wir werden auch eines Tages nach ihrem Landhause hinausfahren.«

»Oh, rechnen Sie nur nicht auf mich!«

»Warum denn nicht?«

»Weil sie wahnsinnig ist. Sie flüsterte mir Bemerkungen ins Ohr, die mich beleidigt haben würden, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß sie mir eine Ehre zu erweisen glaubte, indem sie mich wie ihresgleichen behandelte.«

Wir standen vom Tisch auf, und nachdem ich meinen Bedienten fortgeschickt hatte, setzten wir uns auf den Balkon, um auf Don Diego zu warten und einen leichten kühlen Wind zu genießen, der bei solcher Hitze köstlich ist.

Wir saßen nebeneinander auf den Fliesen. Von Liebe befeuert und von der geheimnisvollen Dunkelheit erregt, die die Liebenden gegen lästige Blicke schützt, ohne sie zu verhindern, einander zu sehen, blickten wir uns verliebt an, und ich las in Ignazias Augen, daß die Schäferstunde da war. Ich legte meinen Arm um sie und drückte meine Lippen auf ihren Mund. Das süßeste Zittern verriet mir, von welchem Feuer ihre Seele verzehrt wurde.

»Wirst du zur Herzogin gehen?«

»Nein, mein Herz, ich werde nicht gehen, wenn du mir versprichst, Sonntag nicht zu deinem Beichtvater zu gehen.«

»Aber was wird er sagen, wenn ich nicht komme?«

»Nichts – vorausgesetzt, daß er sein Geschäft versteht. Aber laß uns einmal vernünftig darüber sprechen!«

Wir saßen so dicht aneinandergepreßt, daß die Cousine, die sich wohl dachte, was kommen könnte, als gutes, teilnehmendes Mädchen an das andere Ende des Balkons ging und uns den Rücken zudrehte.

Ohne mich zu rühren, ohne die Stellung zu ändern, und mich gewaltsam jeder Bewegung enthaltend, so schwer mir dies auch wurde, fragte ich sie, ob sie in diesem Augenblick geneigt sei, die Sünde zu bereuen, die sie zu begehen geneigt sei.

»Ich denke in diesem Augenblick nicht an meine Beichte; aber wenn du mich daran erinnerst, werde ich ganz gewiß beichten.«

»Und wenn du gebeichtet hast – wirst du dann fortfahren, mich zu lieben wie in diesem Augenblick?«

»Ich hoffe, Gott wird mir die Kraft geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.«

»Ich versichere dir, Gott wird dir diese Kraft nicht geben, wenn du fortfährst, mich zu lieben. Ich bin überzeugt, du wirst dein möglichstes tun, um Gottes Gnade zu verdienen, und so sehe ich voraus, daß du mir Dienstag Abend das Glück verweigern wirst, das du mir zu bewilligen in diesem Augenblick bereit bist.«

»Ach, das ist nur zu wahr, mein lieber Freund; aber warum sollen wir in diesem Augenblick daran denken?«

»Weil ich meine Liebe und die deinige vermehre, wenn ich mich jetzt dem süßesten Genusse hingebe, und weil ich dann später unglücklich sein würde, wenn ich dich nicht jeden Tag besitzen könnte. Versprich mir also, während der ganzen Zeit, die ich noch in Madrid bleibe, nicht zur Beichte zu gehen, oder laß mich in diesem Augenblick mich selber zum Unglücklichsten aller Menschen machen, indem ich mich zurückziehe; denn ich kann mich mit gutem Gewissen nicht der Liebe überlassen, wenn ich an den Kummer denke, den dein Widerstand mir am Sonntag bereiten würde.«

Während ich ihr diese in unserer Lage sehr grausamen Worte sagte, schloß ich sie zärtlich in meine Arme, indem ich sie in überströmender Liebe mit allen möglichen Liebkosungen überhäufte; bevor ich jedoch zur entscheidenden Handlung schritt, fragte ich sie von neuem, ob sie mir verspreche, am nächsten Sonntag nicht zu beickten.

»Oh, wie grausam sind Sie in diesem Augenblick, mein lieber Freund! Sie machen mich unglücklich; denn dieses Versprechen kann ich mit gutem Gewissen Ihnen nicht geben.«

Als ich diese Antwort vernahm, die ich erwartet hatte, hielt ich mich vollkommen unbeweglich, obwohl ich sicher war, sie für den Augenblick unglücklich zu machen. Denn ich mußte sie zur Verzweiflung bringen, indem ich bei dem Zustande höchster Erregung, worin sie sich befand, das Werk nicht zu Ende brachte. Ich litt ebenfalls viel; denn ich befand mich auf der Schwelle des Tempels, und eine einzige Bewegung würde genügt haben, um in das Heiligtum hineinzugelangen. Aber ich war gewiß, daß die Entbehrung für sie noch viel größer war als für mich, und daß sie nicht lange widerstehen würde.

Doña Ignazia war in der Tat in Verzweiflung; ich hatte sie nicht zurückgestoßen, aber ich verhielt mich vollständig untätig. Da die Schamhaftigkeit sie verhinderte, offen das Werk der Liebe zu begehren, so verdoppelte sie ihre Liebkosungen, drängte sich in der bequemsten Stellung an mich heran und warf mir zugleich vor, daß meine Handlungsweise eine grausame wäre, nachdem ich sie verführt hätte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hätte halten können; aber in diesem Augenblick drehte die Cousine sich um und sagte uns, Don Diego komme nach Hause.

Schnell brachten wir unsere Kleider in Ordnung und nahmen eine anständige Stellung ein. Die Cousine setzte sich neben uns; Don Diego ließ uns nach einigen Komplimenten im Dunkeln allein, indem er uns gute Nacht wünschte. Ich hätte wieder anfangen können; aber, hartnäckig meinem Plane getreu, wünschte ich mit der traurigsten Miene den beiden Mädchen eine gute Nachtruhe und legte mich zu Bett.

Ich hoffte, Doña Ignazia würde vielleicht Reue empfinden und mir Gesellschaft leisten, sobald ihre Cousine eingeschlafen wäre; aber sie kam nicht. Sie verließen das Zimmer am Morgen in aller Frühe. Mittags kam Don Diego herunter, um mit mir zu speisen; er sagte mir, seine Tochter habe so starke Kopfschmerzen, daß sie nicht einmal zur Messe gegangen sei; jetzt sei sie eingeschlummert.

»Man muß sie überreden, etwas zu essen.«

»Im Gegenteil, das Fasten wird ihr gut tun, und heute Abend wird sie mit Ihnen essen können.«

Sobald ich meine Siesta gehalten hatte, ging ich zu ihr und setzte mich neben ihr Bett. Drei Stunden hindurch sagte ich ihr alles, was ein Liebhaber wie ich einem Mädchen sagen kann, das erst bekehrt werden muß, um glücklich zu werden. Sie hielt die Augen geschlossen, sprach kein Wort und seufzte, wenn ich irgend etwas Rührendes sagte.

Ich verließ sie, um einen Spaziergang auf dem Prado San Jeronimo zu machen. Beim Abschied sagte ich ihr: wenn sie nicht herunterkäme, um mit mir zu Abend zu essen, so wäre das ein Beweis, daß sie mich nicht mehr sehen wollte.

Die Drohung tat ihre Wirkung. Sie setzte sich zu Tisch, als ich schon nicht mehr auf ihr Kommen hoffte, aber sie war bleich und verstört. Sie aß wenig und sprach nicht; denn ihre Überzeugung stand fest, und sie wußte nicht, was sie mir sagen sollte. Von Zeit zu Zeit benetzte eine Träne ihre Wimper. Ich sah, daß sie litt, und war tief bewegt.

Bevor sie wieder nach oben ging, fragte sie mich, ob ich bei der Herzogin gewesen sei. Ihre Traurigkeit verminderte sich ein wenig, als ich ihr antwortete: »Nein, ich bin nicht dagewesen; hiervon kann Filippo Sie überzeugen, denn er hat der Dame einen Brief überbracht, worin ich sie gebeten habe, mich zu entschuldigen, wenn ich ihr heute nicht meinen Besuch machen könne.«

»Aber werden Sie an einem anderen Tage hingehen?«

»Nein, mein Herz; denn ich sehe, daß das Ihnen Schmerz machen würde.«

Sie stieß einen Seufzer der Genugtuung aus; ich umarmte sie sanft, und sie ging hinaus, indem sie mich ebenso traurig zurückließ, wie sie selber war.

Ich sah wohl, daß das, was ich von ihr verlangte, viel zu viel war; aber ich durfte trotzdem mit Grund hoffen, sie zur Vernunft zu bringen, denn ich wußte, wie heiß ihre Liebesglut war. Ich wollte sie nicht dem lieben Gott abspenstig machen, sondern ihrem Beichtvater. Wäre sie nicht katholisch gewesen, so hätte ich am ersten Tage gesiegt.

Sie hatte mir gesagt, sie wäre ihrem Beichtvater gegenüber in Verlegenheit, wenn sie nicht mehr zur Beichte ginge. Von Redlichkeit und hohem spanischen Ehrgefühl erfüllt, konnte sie sich nicht entschließen, ihren Beichtvater zu betrügen, ebensowenig aber, ihre Liebe mit ihrer vermeintlichen religiösen Pflicht in Einklang zu bringen. Sie tat recht daran, daß sie so dachte.

Der Freitag und der Sonnabend vergingen, ohne daß sie eine Wendung brachten. Ihr Vater, dem es nicht entgehen konnte, daß wir uns liebten, der aber auf ihre Tugend und wohl auch auf meine Redlichkeit rechnete, ließ uns miteinander zu Mittag und zu Abend essen. Er selber kam fast nur herunter, wenn ich ihn eigens bitten ließ. Doña Ignazia verließ mich am Sonnabend trauriger als gewöhnlich; sie wandte den Kopf ab, als ich ihr wie jeden Abend einen Kuß geben wollte, durch den ich sie, so kam es mir vor, meiner Treue versicherte.

Ich sah, warum sie sich so benahm: sie sollte am nächsten Tag das Abendmahl empfangen.

Ich bewunderte unwillkürlich die Aufrichtigkeit ihrer Seele, und ich beklagte sie, denn ich erriet, welchen Kampf die beiden entgegengesetzten Leidenschaften in ihrem Herzen führen mußten. Ich begann Furcht zu hegen und zu bereuen, daß ich alles aufs Spiel gesetzt hatte, anstatt mich mit einer anständigen Teilung zu begnügen. Um mich mit eigenem Auge zu überzeugen, stand ich am Sonntag in aller Frühe auf und verließ nach ihr das Haus. Ich wußte, daß sie ihre kleine Cousine abholen würde, und ging daher nach der Soledad voraus. Ich stellte mich an die Tür der Sakristei, von wo aus ich alles sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden.

Ich wartete eine Viertelstunde auf die beiden Cousinen. Sie kamen, knieten einige Augenblicke nieder und trennten sich dann, um eine jede zu ihrem Beichtvater zu gehen.

Da die Cousine mich durchaus nicht interessierte, so beschäftigte ich mich nur mit Doña Ignazia. Ich sah sie in den Beichtstuhl eintreten und den Beichtvater sich zu ihr wenden.

Ich wartete geduldig, und ich hatte allerdings viel Geduld nötig; oenn diese Beichte nahm gar kein Ende. Was sagt sie ihm? Was sagt er ihr? dachte ich bei mir selber, als ich sah, daß der Beichtvater von Zeit zu Zeit mit ihr sprach.

Ich konnte es nicht mehr aushalten und war schon auf dem Sprunge, mich zu entfernen, als ich sie endlich aufstehen sah.

Doña Ignazia sah wie eine Heilige aus; mit gesenkten Augen kniete sie nicht weit von mir nieder, aber ich konnte sie von meinem Platz aus nicht mehr sehen. Ich glaubte, sie wollte die Messe hören, die vor einem Altar in ihrer Nähe gelesen wurde, und würde nach Beendigung derselben vor den Hauptaltar treten, um das Abendmahl zu empfangen. Aber es kam anders: als die Messe zu Ende war, ging sie nach der Türe zu, wo ihre Cousine auf sie wartete, und die beiden Mädchen verließen die Kirche.

Diese Wahrnehmung versetzte mich in große Aufregung. Ich empfand beinahe Gewissensbisse und sagte bei mir selber: »Es ist aus. Aufrichtig, fromm und zugleich leidenschaftlich verliebt, wird das arme Mädchen ehrlich gebeichtet, wird das Gefühl gestanden haben, das sie beseelt, und der Priester, der pflichtgemäß, ein grausamer Barbar ist und außerdem vielleicht sich in gutem Glauben befindet, wird ihr die Absolution verweigert haben. Alles ist verloren! Was wird nun kommen? – Meine eigene Ruhe und die des jungen Mädchens, das ein Opfer seiner Frömmigkeit und seiner Liebe ist, verlangen, daß ich mich entferne. – Daß ich doch auch mit meiner unglücklichen, dummen Lebenserfahrung alles an alles gesetzt habe! Der spanische Charakter ist zu sonderbar; er kann nicht nach dem Muster anderer Völker beurteilt werden. – Ich hätte sie ab und zu durch Überraschung besessen; die Schwierigkeit hätte die Intrige noch pikanter gemacht. Ich bin eingebildet gewesen, wie ein zwanzigjähriger Jüngling; darum habe ich alles verloren. – Heute beim Mittagessen werde ich sie traurig sehen; sie wird weinen. Dieser Qual muß ich ein Ende machen.«

Unter solchen Selbstgesprächen ging ich sehr traurig und sehr unzufrieden mit mir selber nach Hause.

Mein Friseur wartete auf mich; ich schickte ihn fort und sagte meiner Biskayerin, sie solle mein Mittagessen nicht früher auftragen, als bis ich es befehle. Um meinen Kummer zu verschlafen, legte ich mich wieder zu Bett und lag bis ein Uhr in tiefem Schlaf wie ein Toter.

Nachdem ich aufgestanden war, befahl ich das Essen aufzutragen und dem Vater und der Tochter Bescheid zu sagen, daß ich sie erwarte.

Man denke sich meine Überraschung, als ich Doña Ignazia in spanischer Tracht erscheinen sah: sie trug ein Mieder von schwarzem Samt mit Schleifen und Litzen an allen Nähten. Es gibt in ganz Europa keine schönere Kleidung, wenn sie von einem schönen Weibe getragen wird.

Als ich sie so hübsch sah, konnte ich mich nicht mehr enthalten, ihr über die heitere Ruhe, die auf ihren Zügen lag, ein Kompliment zu machen. Sie antwortete mir mit einem süßen Lächeln; ich vergaß, daß sie mir am Tage vorher einen Kuß verweigert hatte, und umarmte sie, und sie war sanft wie ein Lamm.

Filippo trat ein, und wir setzten uns zu Tisch. Ich dachte über die unverhoffte Änderung nach und sah, daß meine schöne Spanierin den Graben übersprungen und ihren Entschluß gefaßt hatte.

»Ich werde glücklich sein,« sagte ich zu mir selber, »aber tun wir nichts, und lassen wir sie von selber kommen.«

Ich verbarg jedoch nicht die Zufriedenheit, von der meine Seele erfüllt war, sondern sprach mit ihr von Liebe, so oft mein Bedienter uns allein ließ; ich sah, daß sie nicht nur in behaglicher Stimmung war, sondern von Liebe glühte.

Bevor wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich, ob ich sie noch liebte.

»Mehr denn je, mein Herz! Ich bete dich an!«

»So führe mich doch zum Stiergefecht!«

»Schnell den Friseur!«

Nachdem ich frisiert war, machte ich auf das sorgfältigste Toilette; ich zog einen seidenen Rock mit Lyoner Stickerei an, den ich noch nicht ein einziges Mal getragen hatte. Vor Ungeduld glühend gingen wir zu Fuß hin, um uns nicht durch das Warten auf den Wagen zu verspäten; denn ich fürchtete, wir würden keinen guten Platz mehr finden. Wir erhielten zwei Plätze in einer großen und schönen Loge und setzten uns nebeneinander. Ignazia warf einen schnellen Blick auf die anderen Insassen der Loge und sagte mir, sie sei recht glücklich, daß ich nicht neben der scheußlichen Herzogin sitze.

Es war ein herrliches Wetter. Als das Stiergefecht zu Ende war, bat meine Schöne mich, sie nach dem Prado zu führen, wo wir die ganze galante Welt von Madrid fanden.

Doña Ignazia ging an meinem Arm und schien stolz darauf zu sein, mir anzugehören. Ich war vor Freude ganz selig.

Plötzlich sahen wir vor uns den venetianischen Gesandten und seinen Günstling Manucci. Sie waren an demselben Tage von Aranjuez gekommen, aber ich wußte das noch nicht. Nachdem wir uns mit vollem spanischen Anstand begrüßt hatten, machte der Botschafter mir das schmeichelhafte Kompliment über die Schönheit meiner Begleiterin. Doña Ignazia tat, wie wenn sie nichts verstände, aber sie drückte mir den Arm mit jenem unmerklichen Zartgefühl, das eine hervorragende Eigenschaft der Spanier ist.

Nachdem sie ein Stückchen mit uns spazieren gegangen waren, sagte Herr von Mocenigo zu mir, er hoffe, ich werde ihm das Vergnügen machen, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Ich antwortete ihm durch eine Neigung des Kopfes auf französische Art, und wir trennten uns.

Nachdem wir Gefrorenes gegessen hatten, gingen wir in der Dämmerung nach Hause. Unterwegs bereitete ein sanfter Druck des Armes mich auf das Glück vor, das meiner harrte.

Wir fanden den Vater auf dem Balkon; er hatte auf uns gewartet, und nachdem er mich herzlich begrüßt hatte, machte er seiner Tochter ein Kompliment über ihre gute Laune und über das Vergnügen, dessen sie in Gesellschaft eines so eleganten Kavaliers wie des Don Jaime genossen hat. Entzückt von dem fröhlichen Humor des guten Papas lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm meine Einladung an und unterhielt uns durch hundert Anekdötchen, durch hübsche galante Geschichtchen, bei deren Erzählung sein schöner Charakter so recht zutage trat. Beim Abschied aber sagte der wackere Mann zu mir: »Amigo, Senor Don Jaime, ich lasse Sie hier, um auf dem Balkon mit meiner Tochter die frische Nachtluft zu genießen. Ich bin entzückt, daß Sie Ignazia lieben, und versichere Ihnen, daß es nur bei Ihnen steht, mein Schwiegersohn zu werden, sobald ich sagen kann, daß ich Ihres Adels sicher bin.«

Ich habe seine Ausdrücke getreulich wiedergegeben; unmöglich aber kann ich den edlen spanischen Ernst wiedergeben, womit sie gesprochen wurden.

Sobald er fort war, sagte ich zu seiner Tochter: »Ich wäre überglücklich, meine reizende Freundin, wenn dieses sein könnte; aber in meiner Heimat nennt man Adlige nur diejenigen, die durch ihre Geburt das Recht haben, den Staat zu lenken. Wäre ich in Spanien geboren, so wäre ich adlig. Aber wie ich auch bin, – ich bete dich an, und ich darf hoffen, daß du mich glücklich machen wirst.«

»Ja, mein lieber Freund, ganz und gar! Aber auch ich will mit dir glücklich sein. Keine Untreue!«

»Niemals! Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.«

»So komm, mein Herz, corazon mio, laß uns die Balkontür schließen.«

»Nein; laß uns die Kerze auslöschen und noch ein Viertelstündchen hier bleiben. Sage mir, mein Engel, woher kommt mir dieses Glück, auf das ich nicht mehr zu hoffen wagte?«

»Wenn es ein Glück ist, so verdankst du es einer Tyrannei, die mich zur Verzweiflung bringen wollte. Gott ist gut, und ich bin überzeugt, er will nicht, daß ich mein eigener Henker werde. Als ich meinem Beichtvater sagte, es sei mir ebenso unmöglich, dich nicht mehr zu lieben, wie es mir unmöglich sei, mit dir eine geschlechtliche Ausschweifung zu begehen – da antwortete er mir, ich könne nicht dieses Vertrauen zu mir haben, da ich bereits einmal schwach gewesen sei. Hierauf verlangte er, ich sollte ihm versprechen, niemals wieder mit dir unter vier Augen zu sein. Ich sagte ihm, dies könnte ich ihm nicht versprechen, und hierauf verweigerte er mir die Absolution. Dieser Schimpf widerfuhr mir zum ersten Male in meinem Leben, aber ich habe ihn mit einer Geisteskraft getragen, die ich mir nicht zugetraut hätte. Ich habe mich in Gottes Hände gegeben und gesagt: >Herr, dein Wille geschehe!< – Während ich die Messe hörte, faßte ich meinen Entschluß: Solange du mich liebst, werde ich nur dir angehören. Wenn du, zu meiner Verzweiflung, Spanien verlassen wirst, will ich einen anderen Beichtvater aufsuchen. Mein Trost ist, daß mein Gewissen sehr ruhig ist. Meine Cousine, der ich alles gesagt habe, ist darüber ganz erstaunt, aber sie hat sehr wenig Verstand. Sie weiß nicht, daß meine Leidenschaft für dich nur eine vorübergehende Verirrung ist.«

Nach dieser Rede, die mir meine volle Ruhe wiedergab und alle meine Gewissensbedenken beseitigt haben würde, wenn ich welche gehabt hätte, nahm ich sie mit mir in mein Bett. Am Morgen verließ sie mich, ermüdet, aber verliebter denn je.

Siebentes Kapitel


Meine Liebschaft mit Dona Ignazia, der Tochter des adligen Schuhflickers. – Meine Gefangenschaft in Buen Retiro und mein Triumph. – Ich werde der venetianischen Botschaft durch einen Staatsinquisitor der Republik empfohlen.

Wir traten in den Saal ein und machten mehrere Mal die Runde in demselben. Doña Ignazia war so freudig erregt, daß ich ihr unwillkürliches Zittern fühlte. Ich deutete mir dieses als eine günstige Vorbedeutung für meine verliebten Absichten. In dem Saal, wo eine Freiheit herrschte, die fast an Zügellosigkeit grenzte, gingen zahlreiche Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett umher, um einen jeden, der Lärm machen würde, sofort zu verhaften.

Wir tanzten Menuetts und Kontertänze bis zehn Uhr und gingen dann zum Souper. Wir schwiegen beide: sie, um mich nicht zu ermutigen; ich, weil ich nur sehr wenig spanisch konnte und nicht wußte, was ich ihr sagen sollte. Nach dem Essen ließ ich sie einen Augenblick allein und ging in die Loge, wo ich die Pichona treffen sollte. Da ich jedoch nur unbekannte Masken fand, ging ich wieder zu meiner pareja, und wir ergaben uns wie vorher dem Tanze, bis die Erlaubnis verkündet wurde, den Fandango zu tanzen. Ich trat mit meiner pareja an, die ganz ausgezeichnet tanzte und sehr erstaunt war, daß ein Ausländer ihr so gut sekundierte. Der Tanz hatte uns in Flammen qesetzt. Sobald er beendigt war, führte ich sie nach dem Büfett und ließ ihr alles vorsetzen, was ihren Gaumen reizen konnte. Hierauf fragte ich sie, ob sie mit mir zufrieden sei, und sagte ihr, sie habe mich so verliebt gemacht, daß ich sterben werde, wenn sie nicht ein Mittel fände, mich glücklich zu machen. Zugleich versicherte ich ihr, ich sei der Mann, allen Gefahren zu trotzen.

Sie antwortete mir: »Ich darf nur daran denken, Sie glücklich zu machen, wenn ich selber glücklich werde; ich werde Ihnen morgen schreiben, inwiefern Sie dazu beitragen können, und Sie werden meinen Brief in die Kapuze meines Dominos eingenäht finden.«

»Sie werden mich zu allem bereit finden, schöne Ignazia, wenn ich alles von Ihnen hoffen kann.«

Es war Zeit zum Aufbrechen; wir gingen auf die Straße, fanden meinen Wagen und stiegen ein. Die Mutter erwachte, und der Kutscher fuhr ab. Ich ergriff die Hände des Mädchens, um sie ihr zu küssen. Ohne Zweifel dachte sie jedoch, ich hätte andere Absichten, bemächtigte sich meiner Hände und hielt diese so fest, daß ich wohl vergeblich versucht haben würde, sie zu befreien. In dieser seltsamen Stellung und augenscheinlich ohne Kraftanstrengung begann Doña Ignazia ihrer Mutter zu erzählen, wieviel Vergnügen der Ball ihr bereitet habe. Sie ließ meine Hände erst los, als wir an der Ecke ihrer Straße angekommen waren und die Mutter dem Kutscher zurief, daß er halten solle. Sie wollte nicht vor ihrer eigenen Türe aussteigen, um den Lästerzungen keinen Anlaß zu böser Nachrede zu geben.

Am nächsten Tage ließ ich den Domino wieder abholen. Ich fand darin den Brief, und Doña Ignazia schrieb mir: Don Francisco de Ramos werde sich bei mir melden lassen; er sei ihr Liebhaber, und ich werde von ihm erfahren, auf welche Weise ich sie glücklich machen könne; mein Glück werde die Folge des ihrigen sein.

Dieser Don Francisco ließ nicht lange auf sich warten; denn mein Page meldete ihn mir schon am nächsten Morgen um acht Uhr. Er sagte mir, Doña Ignazia spreche mit ihm jede Nacht von ihrem Fenster aus; sie habe ihm anvertraut, daß sie mit mir und ihrer Mutter auf dem Ball gewesen sei; sie sei überzeugt, daß ich zu ihr eine väterliche Zuneigung gefaßt habe, und habe ihn überredet, sich mir vorzustellen; sie sei gewiß, ich werde ihn wie meinen Sohn behandeln. Infolgedessen habe er den Mut gefaßt, sich mir zu eröffnen und mich um ein Darlehen von hundert Dublonen zu bitten, wodurch er in den Stand gesetzt würde, seine Geliebte noch vor dem Ende des Karnevals zu heiraten. »Ich bin«, fuhr er fort, »bei der Königlichen Münze angestellt, habe jedoch für den Augenblick nur eine schwache Besoldung. Ich hoffe binnen kurzem Beförderung zu erhalten und imstande zu sein, Ignazia glücklich zu machen. Ich habe in Madrid keinen einzigen Freund, denn alle meine Verwandten sind in Toledo; wenn ich eingerichtet bin, werde ich keinen Menschen bei mir sehen als die Eltern meiner Frau und Sie, denn ich weiß, daß Sie sie lieben, wie wenn sie Ihre eigene Tochter wäre.«

Ich antwortete ihm: »Sie lassen mir Gerechtigkeit widerfahren, Don Francisco; ich erwarte jedoch Geld, woran es mir in diesem Augenblick fehlt. Sie können auf meine Verschwiegenheit zählen und werden mir ein Vergnügen bereiten, so oft Sie mich besuchen.«

Der schöne Liebhaber machte mir eine Verbeugung und ging ganz betrübt hinaus. Don Francisco war ein Jüngling von zweiundzwanzig Jahren, häßlich und schlecht gewachsen. Ich lachte über das Abenteuer, denn ich hatte für Ignazia nur eine flüchtige Neigung empfunden und ging aus, um der Pichona meine Aufwartung zu machen. Dies war die Dame, die mich das erstemal, wo ich sie sah, so freundlich eingeladen hatte, sie zu besuchen. Ich hatte mich nach ihr erkundigt und erfahren, daß sie Schauspielerin gewesen war und dem Herzog von Medina-Celi ihr Vermögen verdankte. Der Herzog hatte ihr bei sehr strenger Kälte einen Besuch gemacht und kein Feuer im Kamin gefunden, weil sie kein Geld hatte, sich Kohlen zu kaufen. Er schämte sich, daß er, der unermeßlich Reiche, bei einer so armen Frau gewesen war, und schickte ihr gleich am nächsten Tage ein silbernes Kohlenbecken, das er, statt mit Kohlen, mit hunderttausend Pesos duros in Gold gefüllt hatte, die einen Wert von ungefähr fünfhunderttausend Franken hatten. Seitdem lebte Pichona in sehr behaglichen Verhältnissen und empfing gute Gesellschaft.

Die Pichona nahm mich sehr freundlich auf, aber sie sah traurig aus. Ich sagte ihr: »Da ich nicht das Glück hatte, Sie in der vorigen Ballnacht in Ihrer Loge zu finden, so fürchtete ich, Sie seien unpäßlich, und glaubte, mich nach Ihrer Gesundheit erkundigen zu sollen.«

»Ich war nicht da; denn an demselben Tage starb nach dreitägiger Krankheit der Herzog von Medina-Celi, der einzige Freund, den ich auf der Welt besaß.«

»Ich nehme tiefen Anteil an Ihrem Schmerz, gnädige Frau. War der Herzog alt?«

»Nein, keine sechzig Jahre. Sie haben ihn ja gesehen; man sah ihm sein Alter nicht an.«

»Wo habe ich ihn denn gesehen?«

»Hat er Sie nicht in meine Loge geführt?«

»Wie? Das war er? Er hat mir nicht seinen Namen genannt; ich sah ihn zum ersten Male.«

Dieser Todesfall machte tiefen Eindruck auf mich; mein Leser wird mir verzeihen, daß ich geglaubt habe, er sei ein großes Unglück für mich. Sein ganzes Vermögen erbte sein einziger Sohn, der sehr geizig war, und, wie es ja meistens der Fall ist, einen Sohn hatte, der die besten Anlagen zu einem Verschwender aufwies.

Man hat mir gesagt, das Haus des Herzogs von Medina-Celi habe dreißig Hüte; das will sagen: dreißig spanische Grandenschaften.

Ein junger Mann, der in dem Kaffeehaus verkehrte, das ich niemals besuchte, obwohl ich dort wohnte, trat eines Tages mit recht ungezwungenem Wesen bei mir ein, um mir in einem für mich neuen Lande, das er gründlich zu kennen behauptete, seine Dienste anzubieten.

»Ich bin der Graf Marazzani von Piacenza. Ich bin nicht reich und kam nach Madrid, um hier mein Glück zu versuchen. Ich hoffe, in die Leibwache Seiner Katholischen Majestät aufgenommen zu werden. Seit einem Jahr warte ich darauf und amüsiere mich unterdessen. Ich sah Sie auf dem Ball mit einer Schönheit, die kein Mensch kannte. Ich will nicht wissen, wer es ist; aber wenn Sie die Veränderung lieben, kann ich Sie mit dem Besten bekannt machen, was es in Madrid gibt.«

Wäre ich so vernünftig gewesen, wie ich mit meiner Erfahrung eigentlich hätte sein sollen, so hätte ich den frechen Menschen zur Tür hinausgeworfen oder ihn jedenfalls tüchtig abfallen lassen. Aber ich und vernünftig! Ohne daß ich es selber wußte, begann mein vernünftiger Lebenswandel mir lästig zu werden; eine gräßliche Leere begann mich zu quälen: ich hatte eine nette, kleine Leidenschaft nötig, wie ich bis dahin so viele gehabt hatte. Ohne mir etwas dabei zu denken, nahm ich also den Merkur gut auf und lud ihn ein, mir die Schönheiten zu zeigen, die meiner Aufmerksamkeit würdig wären; jedoch nicht solche, die leicht zu haben wären, und ebensowenig solche, deren Eroberung zu viele Schwierigkeiten machen würde; denn ich wollte mir in Spanien keine lästigen Geschichten auf den Hals ziehen.

»Kommen Sie mit mir auf den Ball«, sagte er mir, »und ich verspreche Ihnen, Sie sollen alle, die Sie interessieren, trotz ihren offiziellen Liebhabern haben.«

Der Ball fand an demselben Abend statt. Ich gab ihm meine Zusage, daß ich mitgehen würde, und als er sich bei mir zum Mittagessen einlud, erfüllte ich seine Bitte. Nach dem Essen sagte er mir, er habe kein Geld, und ich war auch noch so schwach, ihm eine Dublone zu geben. Er war weiter nichts als ein frecher Intrigant; außerdem war er häßlich und hatte nur ein Auge. Ich war die ganze Nacht mit ihm auf dem Ball, und er zeigte mir etwa zwanzig hübsche Frauen, deren Geschichte er mir erzählte. Eine von ihnen erregte mein Interesse, und er versprach mir, mich bei einer Kupplerin mit ihr zusammenzubringen. Er hielt mir Wort, aber es kam mir teuer zu stehen, und das Vergnügen, das er mir verschaffte, war der Ausgabe nicht wert; denn ich fand keinen Gegenstand, der würdig gewesen wäre, mich zu fesseln.

Gegen Ende des Karnevals brachte der Hidalgo Don Diego, Doña Ignazias Vater, mir meine Stiefel und zugleich die Komplimente seiner Frau und seiner Tochter, die immerzu von dem Vergnügen spreche, das sie auf dem Ball gehabt habe und mein zartfühlendes Benehmen gar nicht genug loben könne.

Ich antwortete ihm: »Sie ist ein ebenso ehrbares wie schönes Mädchen; sie verdient ihr Glück zu machen, und wenn ich nicht zu ihr gegangen bin, so geschah dies nur, weil ich ihrem Ruf nicht schaden wollte.«

»Ihr Ruf ist ebenso wie der meinige über alle Verleumdungen erhaben, und, Señor Caballero, ich würde mich geehrt fühlen, wenn Sie die Güte haben wollten, mich zu besuchen.«

Dieses Entgegenkommen stachelte mich an.

»Der Karneval geht seinem Ende zu, und wenn Doña Ignazia Lust hat, noch einmal den Ball zu besuchen, so werde ich sie mit großem Vergnügen hinführen.«

»Holen Sie sich die Antwort selber.«

»Ich verspreche es Ihnen.«

Ich war neugierig, wie meine fromme Spanierin sich benehmen würde, die mich alles nach der Heirat hoffen lassen wollte, und mich für diese Hoffnung hundert Dublonen zahlen zu lassen gedachte. Ich ging noch am gleichen Tage zu ihr und fand sie mit dem Rosenkranz in der Hand bei ihrer Mutter sitzen, während ihr edler Vater alte Stiefel flickte. Ich lachte innerlich darüber, einen Schuhflicker Don nennen zu müssen, der nicht Schuhmacher sein wollte, weil er Hidalgo war. Hidalgo, das bedeutet adlig, kommt von hijo de algo, Sohn von etwas; oft rächt das grobe Volk sich für die Verachtung der Hidalgos, die die Bürgerlichen hijos de nada, Söhne von nichts, nennen, dadurch, daß sie sie hideputa nennen, von hijos de puta, Hurensöhne.

Doña Ignazia stand höflich von der Erde auf, auf der sie mit gekreuzten Beinen saß wie eine Afrikanerin. Dieser Brauch stammt noch von den Mauren. Ich sah in Madrid vornehme Frauen so auf dem Parkett sitzen, besonders auch in den Vorzimmern des Hofes und in dem des Palastes der Prinzessin von Asturien. Die Spanierinnen sitzen auf ihren Beinen in der Kirche, wo es weder Bänke noch Stühle gibt; sie besitzen eine überraschende Geschicklichkeit, aus dieser Stellung in eine kniende oder stehende überzugehen oder umgekehrt.

Doña Ignazia dankte mir für die Ehre, die ich ihr durch meinen Besuch erweise, und sagte mir, ohne mich würde sie niemals den Ball gesehen haben; auch hoffe sie nicht mehr, noch einmal hinzukommen, denn ohne Zweifel werde ich seitdem einen Gegenstand gefunden haben, der meiner Aufmerksamkeit würdiger sei als sie.

»Ich habe keinen gefunden, der würdig wäre, Ihnen vorgezogen zu werden,« antwortete ich ihr, »und wenn Sie noch einmal auf den Ball gehen wollen, werde ich Sie mit größtem Vergnügen hinführen.«

Vater und Mutter waren sehr zufrieden, ihrer geliebten Tochter das Vergnügen verschaffen zu können, und da der Ball an demselben Tage stattfand, so gab ich der Mutter eine Dublone, um sofort einen Domino und eine Maske zu beschaffen. Sie ging, und da auch Don Diego irgendeine Besorgung zu machen hatte, so war ich mit dem Mädchen allein. Ich benutzte die Gelegenheit und sagte ihr, es stehe bei ihr, die volle Herrschaft über mich zu erlangen, denn ich bete sie an; wenn sie jedoch mich seufzen zu lassen gedenke, so werde sie mich nicht wiedersehen.

»Was können Sie von mir wünschen, und was kann ich Ihnen bieten? Ich muß mich doch für meinen künftigen Gatten rein erhalten.«

»Sie müssen sich meiner Liebe ohne jeden Nebengedanken überlassen und können überzeugt sein, daß ich Ihre Unschuld schonen werde.«

Ich machte einen sanften Angriff auf sie, sie verteidigte sich jedoch mit Kraft und mit einer ernsten Miene, die auf mich großen Eindruck machte. Als ich es sah, ließ ich von ihr ab, indem ich ihr versicherte, sie werde mich die ganze Nacht hindurch dienstwillig und ehrerbietig finden, aber weder zärtlich noch verliebt, obgleich dies noch viel besser sein würde.

Ihr Gesicht war scharlachrot geworden; sie antwortete mir, ihre Pflicht nötige sie, ihrem eigenen Wunsche zum Trotz sich meiner Kühnheit zu widersetzen.

Diese Denkweise gefiel mir sehr an einer frommen Spanierin. Es handelte sich nur darum, die feste Idee der Pflicht in ihr zu zerstören; sie würde dann sofort zu allem bereit sein. Zu diesem Zwecke mußte ich sie zum Denken bringen, und ich war sicher, daß sehr bald der Augenblick kommen würde, wo sie mir nicht mehr zu antworten wüßte.

Ich sagte daher zu ihr: »Wenn Ihre Pflicht Sie zwingt, mich, entgegen Ihrem eigenen Wunsche, zurückzustoßen, so ist Ihre Pflicht Ihnen zur Last; und wenn sie Ihnen zur Last ist, so ist sie Ihre Feindin; und wenn sie Ihre Feindin ist, warum verhätscheln Sie sie, warum lassen Sie sie so leicht siegen? Wenn Sie Ihre eigene Freundin wären, würden Sie zu allererst Ihrer unverschämten Feindin die Tür zeigen.«

»Das ist nicht möglich.«

»Im Gegenteil, es ist sehr leicht möglich. Denken Sie an sich selber; schließen Sie die Augen!«

»Ist es so gut?«

»Vortrefflich.«

In demselben Augenblick faßte ich an ihre schwache Stelle; sie stieß mich zurück, doch ziemlich sanft und mit einem weniger ernsten Gesicht. Zugleich sagte sie: »Es steht in Ihrer Macht, mich zu verführen; aber wenn Sie mich lieben, müssen Sie mir diese Schande ersparen.«

»Meine angebetete Ignazia, für ein kluges junges Mädchen ist es nur eine Schande, wenn sie sich einem Manne ergibt, den sie nicht liebt. Ergibt sie sich aber dem, den sie liebt, so erklärt und rechtfertigt die Liebe alles. Wenn Sie mich nicht lieben, verlange ich nichts.«

»Aber was muß ich tun, um Sie zu überzeugen, daß ich Sie aus Liebe gewähren lasse und nicht aus schmachvoller Gefälligkeit?«

»Lassen Sie mich gewähren, und mein Selbstgefühl wird Ihnen beistehen, um mich zu diesem Glauben zu überreden.«

»Geben Sie zu, daß ich Sie zurückweisen muß, da ich dessen nicht sicher sein kann.«

»Das gebe ich zu, aber Sie werden mich traurig und kalt machen.«

»Das würde auch mich traurig machen.«

Durch diese Worte ermutigt, umarmte ich sie; durch einen kühnen Griff meiner Hand erreichte ich viel: ihre Hände ließen mir das Feld frei, und sie teilte meinen Genuß, ohne es zu leugnen. Hiermit war ich vollständig zufrieden, denn für den ersten Anfang konnte ich nicht mehr verlangen. Ich überließ mich einer Heiterkeit, die auch die ihrige erregte.

Die Mutter kam mit dem Domino, den Handschuhen usw. zurück und wollte mir den Rest der Dublone wiedergeben. Ich weigerte mich jedoch, das Geld anzunehmen und entfernte mich mit dem Versprechen, sie wie das erste Mal am Abend mit einem Wagen abzuholen.

Da der erste Schritt einmal getan war, fühlte Doña Ignazia, daß sie sich lächerlich machen würde, wenn sie nicht auf meine Bemerkungen einginge, die sich alle mit der Frage beschäftigten, wie wir uns die Wonne verschaffen könnten, ganze Nächte miteinander zu verbringen. Die glühende Natur der Kastilianerinnen und ihre persönliche Eitelkeit brachten sie zu der Überzeugung, daß sie nur daran denken mußte, mich zu fesseln. Sie fand mich die ganze Nacht hindurch zärtlich, eifrig und zuvorkommend. Beim Souper war ich darauf bedacht, ihr alles vorsetzen zu lassen, was sie gern aß und trank. So zwang ich sie, sich selber Beifall zu zollen, daß sie sich entschlossen hatte, ihren Widerstand aufzugeben. Ich füllte ihre Taschen mit Zuckerwerk und steckte in die meine zwei Flaschen Ratafia; diese gab ich der Mutter, die wir im Wagen eingeschlafen fanden. Doña Ignazia wies einen Quadrupel zurück, den ich ihr schenken wollte; aber sie tat dies ohne Stolz und mit dem Ausdruck zärtlicher Dankbarkeit. Zugleich bat sie mich jedoch, da ich imstande sei, solche Geschenke zu machen, möchte ich den Quadrupel ihrem Liebhaber geben, wenn er mich wieder besuchen würde.

»Gern, aber wie soll ich mich vergewissern, daß mein Anerbieten ihn nicht beleidigen wird?«

»Sagen Sie ihm, es sei eine Abschlagszahlung auf die Summe, um die er Sie gebeten habe; er ist arm. Ich bin überzeugt, er ist jetzt in Verzweiflung, weil er mich nicht am Fenster gesehen hat. Morgen werde ich ihm zum Trost sagen, ich sei mit Ihnen nur auf den Ball gegangen, um meinem Vater einen Gefallen zu tun.«

Doña Ignazias Temperament war eine Mischung von Wollust und Frömmigkeit – eine Mischung, die in Spanien sehr oft vorkommt. Sie tanzte den Fandango mit soviel Hingebung und mit solchem Feuer, daß kein Wort mir hätte verheißen können, was ihre wollüstigen Stellungen mir versprachen. Was für ein Tanz ist der Fandango! Er reißt die Tänzer mit sich fort, versetzt sie in Glut. Trotzdem hat man mir versichern wollen, daß die meisten Tänzer und Tänzerinnen sich gar nichts Schlimmes dabei dächten. Ich habe getan, wie wenn ich das glaubte. Bevor sie ausstieg, bat Ignazia mich, am nächsten Morgen um acht Uhr in der Soledad die Messe zu hören. Ich hatte ihr noch nicht gesagt, daß ich sie dort zum ersten Mal gesehen hatte. Sie bat mich ferner, gegen Abend sie zu besuchen, und sagte mir, sie werde mir einen Brief geben, wenn sie es nicht ermöglichen könne, mit mir allein zusammen zu sein.

Ich schlief bis zum Mittag und wurde von Marazzani geweckt, der sich bei mir zum Essen einlud. Er sagte mir, er habe mich die ganze Nacht mit einer schönen Begleiterin beisammen gesehen und habe vergeblich alle seine Bekannten gefragt, wer sie sei. Ich ertrug geduldig diese sehr unbescheidene Neugier; als er mir jedoch sagte, er würde mir jemanden nachgeschickt haben, wenn er Geld gehabt hätte, da sprach ich zu ihm in einem Ton, daß er ganz blaß wurde. Er beeilte sich, mich um Verzeihung zu bitten, und versprach mir, in Zukunft seine Neugier im Zaum zu halten. Er schlug mir eine galante Zusammenkunft mit der berühmten Spiletta vor, die ihre Huld nicht billig verkaufte; ich wollte jedoch nicht, denn ich war ganz und gar von Doña Ignazia eingenommen, die ich mir als eine sehr würdige Nachfolgerin Charlottens vorstellte.

Ich war vor ihr in der Soledad, und sie bemerkte mich, sowie sie eintrat. Das Mädchen, das sie das erste Mal begleitet hatte, war wieder bei ihr.

Zwei Schritt von mir warf sie sich auf die Knie, aber ohne den Kopf nach mir umzudrehen. Ihre Freundin dagegen sah mich unaufhörlich an; sie war ebenso alt wie Doña Ignazia, aber häßlich. Da ich Don Francisco bemerkte, verließ ich die Kirche vor der Schönen; mein Nebenbuhler folgte mir und machte mir ein etwas bitteres Kompliment darüber, daß ich zum zweiten Male das Glück gehabt hätte, mit seiner Geliebten auf den Ball zu gehen. Er gestand mir, daß er die ganze Nacht auf den Spuren gewesen wäre, und sagte: »Ich wäre mit dem Ball ziemlich zufrieden gewesen, wenn ich nicht Sie beide den Fandango hätte tanzen sehen, denn Sie sahen mir zu sehr wie zwei glückliche Liebende aus.«

Ich fühlte ein Bedürfnis, die Gefühle des armen Teufels zu schonen, und sagte ihm daher mit gütiger Miene, die Liebe leide an Einbildungen, aber ein kluger Mann wie er müsse jeden Zweifel an die Reinheit eines tugendhaften Mädchens wie Doña Ignazia aus seinem Herzen verbannen. Zugleich drückte ich ihm eine goldene Unze in die Hand und bat ihn, diese auf Abschlag anzunehmen. Er nahm sie mit erstaunter und gerührter Miene, nannte mich seinen Vater, seinen Schutzengel und versprach mir ewige Dankbarkeit.

Gegen Abend ging ich zu Don Diego, der mich mit meinem eigenen ausgezeichneten Ratafia bewirtete. Vater, Mutter und Tochter sprachen mir von den großen Verpflichtungen Spaniens gegen den Grafen Aranda. »Es gibt«, sagte Doña Antonia, die Mutter, »für die Gesundheit nichts Besseres als den Ball, und doch war dieses Vergnügen verboten, bevor der große Mann an die Regierung kam. Trotzdem wird er gehaßt, weil er die Väter der Gesellschaft Jesu aus dem Lande gejagt hat und weil er die bis auf den Absatz reichenden Mäntel und die großen Hüte verboten hat. Aber die Armen segnen ihn; denn sie erhalten alles Geld, das der Ball der Scaños del Peral einbringt.«

»Auf diese Weise«, bemerkte der adelige Schuhflicker, »tun alle, die auf diesen Ball gehen, zugleich ein frommes Werk.«

»Ich habe«, sagte Doña Ignazia zu mir, »zwei Cousinen, die an Tugend wahre Engel sind. Ich habe ihnen erzählt, daß ich mit Ihnen auf dem Ball war, den zu besuchen sie nicht die geringste Hoffnung haben, denn sie sind arm. Es würde nur von Ihnen abhängen, sie glücklich zu machen, indem Sie sie am letzten Tage des Karnevals mitnehmen. Ihre Mutter wird sie um so lieber mitgehen lassen, da der Ball mit dem Schlage der zwölften Stunde zu Ende ist, um nicht die Sonntagsruhe des Aschermittwochs zu stören.«

»Ich bin, meine schöne Ignazia, vollkommen bereit, ihnen dieses unschuldige Vergnügen zu erweisen, um so mehr, da dadurch der Señora Doña Antonia die Mühe erspart bleibt, im Wagen auf uns zu warten.«

»Sie sind sehr liebenswürdig; ich müßte Sie jedoch erst mit meiner Tante bekannt machen, die von einer peinlichen Frömmigkeit ist. Wenn sie Sie kennen gelernt hat, bin ich überzeugt, sie wird mir keine abschlägige Antwort geben, wenn ich ihr den Vorschlag mache, denn Sie sehen wie ein sehr verständiger Mann aus. Suchen Sie sie noch heute auf. Sie wohnt in der nächsten Straße gleich im ersten Hause, über dessen Tür ein Schild besagt, daß Spitzen ausgebessert werden. Stecken Sie einige Spitzen in Ihre Tasche und sagen Sie, meine Mutter habe Ihnen ihre Adresse gegeben. Das übrige werde ich selber machen, wenn ich morgen aus der Messe komme. Gegen Mittag kommen Sie bitte hierher, damit wir beraten können, wie wir den letzten Karnevalstag zusammen verbringen.«

Ich machte alles genau nach ihrer Vorschrift, und am anderen Tage konnte Doña Ignazia mir melden, daß alles in Ordnung sei.

Ich sagte hierauf zu ihr: »Ich werde alle Dominos in meiner Wohnung bereit halten, in die Sie durch die Hintertüre gelangen können. Wir werden in meinem Zimmer speisen; hierauf werden wir uns maskieren, um auf den Ball zu gehen, und wenn dieser zu Ende ist, werde ich Sie alle nach Hause bringen. Die älteste werde ich als Mann anziehen; denn sie wird vollkommen wie ein Kavalier aussehen.«

»Ich werde ihr vorher nichts davon sagen, denn sie würde Furcht haben, eine Sünde zu begehen; ist sie aber einmal bei Ihnen, so wird sie alles tun, was Sie wollen.«

Die jüngere der beiden Cousinen war häßlich, sah aber unverkennbar wie ein Weib aus; die ältere dagegen, die auffällig häßlich war, sah aus wie ein Mann in Weiberkleidern. Dieser Gegensatz machte mir Spaß, denn Doña Ignazia war eine vollkommene Schönheit und im höchsten Grade verführerisch, sobald sie ihre fromme Miene ablegte.

Ich sorgte dafür, daß alles Notwendige in der kleinen Kammer neben meinem Zimmer vorhanden war, ohne daß mein abscheulicher Page etwas davon erfuhr. Am Dienstag morgen gab ich ihm einen Peso duro und sagte ihm, er könne den letzten Karnevalstag in voller Freiheit feiern; es genüge mir, wenn er am anderen Mittag wieder da sei.

Nachdem ich ein gutes Mittagessen bestellt und dem Kellner des Kaffeehauses gesagt hatte, daß er mich bedienen sollte, schaffte ich mir Marazzani vom Halse, indem ich ihm eine Dublone gab. So hatte ich alle Vorbereitungen getroffen, mit den beiden Cousinen und der schönen Ignazia, die an diesem Tage meine Frau werden sollte, ein fröhliches Fest zu feiern. Die Partie war neu in ihrer Art: drei Betschwestern, davon zwei ekelhaft häßlich, die dritte höchst appetitlich, schon in meine Absicht eingeweiht und halb gezähmt. Wahrscheinlich ahnte sie, was ihrer als Nachtisch wartete.

Sie kamen um zwölf Uhr, und um ein Uhr setzten wir uns zu Tisch, nachdem ich ihnen die ganze Stunde lang weise, moralische und salbungsvolle Reden gehalten hatte. Ich hatte mich mit ausgezeichnetem Manchaner Wein versehen, der sehr angenehm zu trinken ist, aber die hinterlistige Stärke des Ungarweins besizt. Die jungen Mädchen waren nicht daran gewöhnt, zwei Stunden lang bei Tisch zu sitzen, gute Speisen zu essen, so viel sie Lust hatten, und sich an feinen Weinen zu laben; sie waren nicht gerade betrunken, aber sie glühten und waren von einer Lustigkeit beseelt, deren Reiz sie bis dahin nicht gekannt hatten.

Ich sagte der älteren, die etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte, ich würde sie als Mann anziehen.

Entsetzen malte sich auf allen ihren Zügen. Ich war darauf gefaßt gewesen; aber Doña Ignazia sagte ihr, sie sei doch recht glücklich, daß sie das Vergnügen haben könne, und ihre Schwester sagte, das könne doch keine Sünde sein.

»Wenn es eine Sünde wäre,« sagte ich zu ihr, »glauben Sie, daß ich Ihrer tugendhaften Schwester einen solchen Vorschlag machen würde?«

Doña Ignazia, die die Heiligengeschichte auswendig wußte, bestärkte meine Versicherung, indem sie sagte, die glorreiche heilige Marina habe ihr ganzes Leben in Männerkleidung zugebracht; bei dieser gelehrten Bemerkung streckte die große Cousine dann endlich die Waffen.

Ich pries nun in pomphaften Worten ihren Geist und reizte sie dadurch, mich zu überzeugen, daß ich mich nicht täuschte.

»Kommen Sie mit mir,« sagte ich zu ihr, »und Sie, meine Damen, warten Sie hier! Ich möchte mich an Ihrer Überraschung weiden, wenn Sie sie als Mann erscheinen sehen.«

Die häßliche Cousine bezwang sich und folgte mir. Ich breitete die ganze Ausrüstung eines Mannes vor ihr aus, ließ sie ihre Strümpfe ausziehen und dafür weiße Strümpfe und Schuhe anziehen, von denen ich mehrere Paare besorgt hatte. Indem ich mich vor sie hinsetzte, sagte ich ihr, sie würde eine Todsünde begehen, wenn sie mir unanständige Absichten zutraute; denn da ich ihr Vater sein könnte, wäre es unmöglich, daß ich solche Absichten hätte. Sie antwortete mir, sie sei eine gute Christin, aber nicht dumm. Ich band ihr die Strumpfbänder zu und sagte ihr, ich würde niemals geglaubt haben, daß sie ein so schönes Bein und eine so schöne Haut hätte; sie lächelte vor Eitelkeit sehr befriedigt.

Obgleich ich ihre sehr schönen Schenkel sah, errötete sie doch nicht. Ich gab ihr eine von meinen Hosen, die ihr sehr gut paßte, obgleich ich fünf Zoll größer war als sie; aber bei den Frauen ersetzt der Hintere Vorsprung in der Breite, was wir in der Länge mehr haben als sie. Ich hatte mich abgewandt, damit sie die Hose ungestört anziehen könne; hierauf gab ich ihr ein Spitzenhemd, und sie sagte mir, sie sei fertig, bevor sie es am Halse zugeknöpft hatte. Dies übernahm ich natürlich, und es kam mir vor, wie wenn sie mich aus Koketterie zu früh gerufen hätte; denn ihr Busen war prachtvoll, und sie tat durchaus nichts, um mich zu verhindern, ihn zu sehen, als ich ihr die Knöpfe am Halse zumachte, ja, ich weiß nicht, ob sie sich nicht ärgerte, daß ich ihr kein Kompliment darüber machte. Als sie mit ihrem Anzug fertig war, sah ich sie von den Füßen bis zum Kopf an und lobte sie sehr. Ich sagte ihr, nur an einem einzigen Ort könne ein Kenner merken, daß sie ein Weib sei.

»Das tut mir recht leid.«

»Gestatten Sie mir, Ihr Hemd an diesem Ort zurecht zu machen?«

»Ich bitte Sie darum; denn ich habe mich noch niemals als Mann angezogen.«

Ich machte die vorderen Knöpfe wieder auf und ordnete die Spitzen des Hemdes, nicht ohne mir dabei die Freiheiten zu erlauben, die die Lage zuließ. Aber ich machte das so ernst, daß die große Cousine, obwohl sie vor Wollust zitterte, das alles für unumgänglich notwendig halten mußte.

Nachdem ich ihr ihren Domino angezogen und die Maske vorgebunden hatte, stellte ich sie vor, und ihre Schwester und Doña Ignazia machten ihr Komplimente und sagten ihr, die größten Kenner müßten sie für einen Mann halten.

»Nun zu Ihnen«, sagte ich zur jüngeren.

»Geh nur,« sagte die ältere zu ihr; »Don Jaime ist der anständigste Mann in ganz Spanien.«

Ich hatte bei der jüngeren nicht viel zu machen, denn ich brauchte ihr nur den Domino anzuziehen. Da ich aber ihre Cousine recht lange bei mir behalten wollte, veranlaßte ich sie, schöne weiße Strümpfe anzuziehen, ein anderes Halstuch zu nehmen und tausend andere kleine Änderungen zu machen. Als sie fertig war, stellte ich sie den beiden anderen vor; Doña Ignazia bemerkte, daß sie andere Strümpfe und ein anderes Busentuch trug und fragte sie, ob ich mich ebensogut darauf verstände, einer Frau bei ihrer Toilette zu helfen, wie eine Frau in einen Mann umzukleiden.

»Das weiß ich nicht,« antwortete die Cousine ihr; »denn ich habe seiner nicht bedurft, sondern alles selber gemacht.«

Nun kam Don Diegos Tochter an die Reihe. Sobald sie in der Kammer war, machte ich mit ihr, was ich wollte, und sie gab sich mir mit jener Miene hin, die zu sagen scheint: »Ich ergebe mich dir, weil ich nicht länger widerstehen kann.« Da ich ihre Ehre schonen wollte, so hielt ich zu rechter Zeit ein; das zweitemal aber hielt ich sie länger als eine halbe Stunde in meinen Armen, bis sie vor Wollust ganz erschöpft war. Sie war zur Liebe geboren, und die Natur hatte sie mit einem Temperament begabt, das den kräftigsten Angriffen zu widerstehen vermochte. Als der Anstand uns zwang, endlich wieder hineinzugehen, sagte sie zu ihren Cousinen: »Ich dachte, wir würden gar nicht fertig werden; aber ich mußte beinahe den ganzen Domino auftrennen und wieder zusammennähen.«

Ich bewunderte ihre Geistesgegenwart.

Als es Abend wurde, fuhren wir nach dem Ballhaus, wo für diesen Tag der Graf von Aranda den Fandango nach Belieben erlaubt hatte; die Menschenmenge war jedoch so groß, daß es unmöglich war, ihn zu tanzen. Um zehn Uhr speisten wir zu Abend; hierauf gingen wir im Saal auf und ab, bis mit einem Schlage die beiden Orchester schwiegen. Es war Mitternacht, und die heilige Fastenzeit begann; der Karneval war aus.

Dieser plötzliche Übergang von der Ausgelassenheit zur Frommigkeit, vom Heidentum mit seinen Bacchanalien zum Christentum mit seinen Mysterien und seinem ganz philosophischen Symbol hat etwas Abstoßendes, Gezwungenes, Widernatürliches an sich. Um elf Uhr neunundfünfzig Minuten sind die Sinne vor Erregung in einer Weißgluthitze; mit dem Schlage Mitternacht, in einer Minute, sollen die Sinne ruhig, die Leidenschaften abgestorben, die Herzen von Reue und Liebe durchdrungen sein: das ist ein schwieriger Übergang, ein unmöglicher Zustand.

Nachdem ich mit den drei Spanierinnen nach meiner Wohnung gefahren war, um sie dort die Dominos ablegen zu lassen, brachten wir die beiden Cousinen zu ihrer Mutter. Als wir nur noch ein paar Schritte von ihrem Hause entfernt waren, sagte Doña Ignazia zu mir, sie habe das Bedürfnis, noch Kaffee zu trinken. Ich verstand sie sofort und nahm sie wieder mit zu mir, wo ich gewiß war, sie ein paar Stunden lang zu unserer gegenseitigen Befriedigung zu besitzen.

Nachdem ich sie auf mein Zimmer geführt hatte, ließ ich sie einen Augenblick allein, um den Kaffee zu bestellen; aber im Kaffeehaus sah ich plötzlich Don Francisco vor mir, der mich ohne Umstände bat, ihn als dritten zu unserer Gesellschaft zuzulassen, denn er habe Doña Ignazia hinaufgehen sehen. Es gelang mir, meine Enttäuschung und meine Wut zu verhehlen, und ich sagte ihm, es stehe in seinem Belieben, und er könne sicher sein, daß sein unerwarteter Besuch seiner Geliebten das größte Vergnügen machen werde. Ich ging hinauf, er folgte mir, und ich meldete den Eindringling der Schönen, indem ich ihr sagte, sein Besuch zu einer solchen Stunde werde ihr jedenfalls viel Vergnügen machen.

Ich hätte wetten mögen, daß sie sich mindestens ebensogut zu verstellen gewußt hätte wie ich; aber ich würde mich getäuscht haben. In ihrem Verdruß sagte sie ihm grob, sie würde sich gehütet haben, mich um Kaffee zu bitten, wenn sie hätte glauben können, er würde mich belästigen. Das wäre sehr indiskret von ihm, und wenn er weniger schlecht erzogen wäre, so würde er mich nicht zu solcher Stunde gestört haben.

Trotz meinem Ärger glaubte ich den armen Teufel verteidigen zu müssen; denn er machte ein Gesicht wie ein Hund, den man aus der Küche jagt. Ich suchte Doña Ignazia zu beruhigen, indem ich ihr sagte, es sei doch ganz natürlich, daß Don Francisco in der letzten Karnevalsnacht zu dieser Stunde im Kaffeehaus sei; er habe uns nur zufällig gesehen und sei von mir gebeten worden, heraufzukommen, weil ich geglaubt habe, ich werde ihr damit ein Vergnügen machen.

Doña Ignazia erriet meine Absicht und stellte sich, wie wenn sie mir recht gäbe. Sie lud ihn ein, Platz zu nehmen, richtete aber dann kein Wort mehr an ihn und sprach nur mit mir allein von dem Ball, indem sie mir für das Vergnügen dankte, das ich ihr zuliebe ihren Cousinen verschafft hatte.

Nachdem Don Francisco seinen Kaffee getrunken hatte, glaubte er, sich entfernen zu sollen. Ich sagte ihm, ich hoffte ihn zuweilen während der Fastenzeit zu sehen. Aber Doña Ignazia sprach kein Wort zu ihm, sondern begnügte sich mit einem leichten Kopfnicken. Als er fort war, sagte sie mir mit traurigem Gesicht, dieser verdrießliche Zwischenfall beraube sie des Vergnügens, eine Stunde mit mir zu verbringen; denn sie sei überzeugt, daß Don Francisco im Kaffeehause oder an irgendeinem anderen Ort auf sie warte, um ihr nachzuspüren, und wenn sie seine Eifersucht verachte, werde sie sich seiner Rache aussetzen. Sie fuhr fort: »Haben Sie also die Güte, mich nach Hause zu fahren, und wenn Sie mich lieben, so besuchen Sie mich. Der Streich, den der Wahnwitzige mir gespielt hat, soll ihm noch Tränen kosten. Vielleicht werde ich ihn mir überhaupt vom Halse schaffen, denn nur, um mich zu verheiraten, erlaube ich ihm, mir am Fenster den Hof zu machen. Sind Sie überzeugt, daß ich nicht in ihn verliebt bin?«

»Vollkommen, mein schöner Engel! Du hast mich glücklich gemacht, und ich muß mich für geliebt halten, solange ich dich liebe.«

Doña Ignazia gab mir in aller Eile einen neuen Beweis dafür. Hierauf brachte ich sie nach Hause, wo ich ihr versicherte, ich würde nur für sie leben, solange ich mich in Madrid aufhielte.

Am nächsten Tage speiste ich bei Mengs zu Mittag, und den Tag darauf um ein Uhr sprach ein Mann von üblem Aussehen mich auf der Straße an und bat mich, ihm in den Kreuzgang einer Kirche zu folgen, wo er mir etwas sagen würde, was für mich von größtem Interesse sein müßte.

Ich folgte ihm, ohne ein Wort zu sagen, und sobald er sah, daß uns kein Mensch hören konnte, sagte er mir: »Noch heute Nacht wird der Alcalde Messa Ihnen einen Besuch machen, und zwar mit allen seinen Häschern, zu denen ich gehöre. Er weiß, daß Sie verbotene Waffen besitzen, die Sie unter der Matte Ihres Zimmers hinter dem Ofen versteckt haben. Er weiß oder glaubt zu wissen noch mehrere andere Dinge, die ihn berechtigen, sich Ihrer Person zu bemächtigen und Sie nach dem Gefängnis der zur Galerenstrafe bestimmten Verbrecher bringen zu lassen. Ich sage Ihnen dies alles, weil ich Sie für einen ehrenhaften Menschen halte. Verachten Sie meine Warnung nicht, treffen Sie Ihre Maßnahmen und bringen Sie sich an einen sicheren Ort, um diesem Schimpf zu entgehen.«

Da der Umstand der verborgenen Waffen wahr war, so maß ich der Warnung des Mannes Glauben bei und drückte ihm eine Dublone in die Hand. Anstatt zu Doña Ignazia zu gehen, wie es meine Absicht gewesen war, ging ich nach Hause, nahm meine Waffen unter den Mantel und begab mich zu Mengs, nachdem ich im Kaffeehaus Bescheid hinterlassen hatte, man möchte mir meinen Pagen zuschicken, sobald er wieder nach Hause käme. Im Hause des Ritters Mengs war ich in Sicherheit, da es dem König gehörte.

Der Maler war ein braver Mann, aber ehrgeizig, stolz und über alle Maßen mißtrauisch. Er verweigerte mir keineswegs eine Zuflucht für die Nacht, sagte mir jedoch, am nächsten Morgen müßte ich daran denken, mir eine andere Wohnung zu besorgen; denn es wäre unmöglich, daß der Alcalde keine stärkeren Gründe für meine Verhaftung hätte, als den Besitz verbotener Waffen. Er wisse von der ganzen Sache nichts und könne daher für nichts aufkommen. Er gab mir ein Zimmer, und wir speisten allein miteinander und sprachen unaufhörlich über diese Geschichte: ich wiederholte fortwährend, ich hätte mich keines anderen Vergehens schuldig gemacht als des Besitzes verbotener Waffen, worauf er mir erwiderte: unter diesen Umständen hätte ich die ungebetene Warnung des Sbirren verachten müssen, anstatt ihm eine Dublone zu geben; ich hätte ruhig in meinem Zimmer bleiben sollen, statt meine Waffen fortzuschaffen; denn als ein kluger Mann müßte ich doch wissen, daß ein jeder Mensch nach dem Naturrecht in seinem eigenen Zimmer nicht nur Waffen, sondern sogar Kanonen haben dürfte.

Ich antwortete ihm: »Indem ich zu Ihnen ging, wollte ich nur der Unannehmlichkeit ausweichen, eine Nacht im Gefängnis zuzubringen, denn ich bin überzeugt, der Sbirre, dem ich die Dublone gegeben habe, hat mir weiter nichts als die Wahrheit gesagt. Morgen werde ich eine andere Wohnung nehmen; ich gebe zu, daß ich meine Pistolen und meinen Karabiner hätte zu Hause lassen müssen.«

»Sie hätten ebenfalls dort bleiben sollen. Ich glaubte nicht, daß Sie so leicht zu erschrecken wären.«

Während wir uns in dieser Weise stritten, kam mein Wirt und sagte, der Alcalde sei mit dreißig Häschern dagewesen und habe meine Wohnung durchsucht, nachdem er die Tür durch einen Schlosser habe öffnen lassen. Nachdem er überall gesucht, aber nichts gefunden, habe er die Tür wieder schließen und versiegeln lassen. Hierauf sei er gegangen und habe meinen Pagen ins Gefängnis geführt unter der Anschuldigung, daß er mich gewarnt habe; »denn sonst,« so habe er hinzugefügt, »würde der venetianische Herr sich nicht zu Ritter Mengs zurückgezogen haben, wo ich mich seiner Person nicht bemächtigen kann.«

Nach dieser Erzählung gab Mengs zu, daß ich nicht unrecht gehabt hätte, an die mir gemachte Mitteilung zu glauben; er fügte hinzu, ich müßte sofort am nächsten Morgen den Grafen von Aranda aufsuchen und vor allen Dingen die Unschuld meines Pagen betonen.

Als mein Wirt fortgegangen war, stritten wir uns weiter, und da Mengs sich fortwährend für meinen unschuldigen Pagen interessierte, sagte ich ihm schließlich in ungeduldigem Ton: »Mein Page muß ein abgefeimter Schuft sein; denn wenn der Alcalde ihn in Verdacht hat, mich von seinem Besuch in Kenntnis gesetzt zu haben, so ist das ein ganz unwiderleglicher Beweis, daß der Page dasselbe gewußt hat, was der Beamte wußte. Nun frage ich Sie: muß der Diener nicht ein Schurke sein, wenn er von einer derartigen Geschichte hört, und mich nicht davon in Kenntnis setzt? Und weiter frage ich Sie, ob er sie wissen kann, wenn er nicht selber der Anzeiger gewesen ist? Denn schließlich wußte doch nur er allein, wo meine Waffen versteckt waren.«

Als Menges sah, daß er mir nichts mehr antworten konnte, ärgerte er sich, ließ mich allein und ging zu Bett. Ich tat dasselbe und schlief sehr friedlich.

Am anderen Morgen in aller Frühe schickte der große Mengs mir Wäsche und alles, was ich für meine Toilette brauchte. Seine Magd brachte mir Schokolade, und sein Koch fragte mich, ob ich Erlaubnis hätte, Fleischspeisen zu essen. Durch solche Manieren ladet ein Fürst seinen Gast ein, sein Haus nicht mehr zu verlassen; aber ein Privatmann jagt ihn damit fort. Ich ließ ihm für alles danken und nahm weiter nichts an, als die Schokolade und ein Taschentuch.

Mein Wagen hielt vor der Tür, und ich war bei Mengs in seinem Zimmer, um ihm zu danken und ihm zu sagen, daß ich erst wieder zu ihm kommen würde, wenn ich frei wäre. In diesem Augenblick trat ein Offizier ein und fragte den Maler, ob der Chevalier Casanova bei ihm sei.

»Der bin ich, mein Herr.«

»Mein Herr, ich bitte Sie, mir gutwillig in die Wachtstube des Buen Retiro zu folgen, wo Sie als Gefangener bleiben werden. Da das Haus des Herrn Ritters Mengs ein königliches ist, so kann ich keine Gewalt anwenden; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß binnen weniger als einer Stunde Herr Ritter Mengs den Befehl erhalten wird, Sie aus seinem Hause zu weisen, und dann werden Sie in aufsehenerregender Weise ins Gefängnis gebracht werden, was Ihnen doch nur sehr unangenehm sein kann. Ich rate Ihnen also, mir ruhig zu folgen und mir die Waffen auszuliefern, die Sie ohne Zweifel besitzen.«

»Herr Ritter Mengs kann Ihnen die Waffen übergeben, die ich seit elf Jahren stets bei mir habe und zu meiner Sicherheit auf meinen Reisen mitführe. Ich werde Ihnen folgen, und bitte Sie nur, mir zu gestatten, daß ich vier Briefchcn schreibe, wozu ich nicht einmal eine halbe Stunde nötig habe.«

»Ich kann weder solange warten noch Ihnen erlauben, Briefe zu schreiben; aber es steht in Ihrem Belieben, dies zu tun, sobald Sie im Gefängnis sind.«

»Das genügt. Ich werde mich gehorsam fügen, was ich nicht tun würde, wenn ich in der Lage wäre, Ihnen Gewalt entgegenzusetzen. Ich werde mich Spaniens erinnern, wenn ich im übrigen Europa freie Menschen finde, die etwa Lust haben sollten, in diesem Lande zu reisen wie ich.«

Ich umarmte Mengs, der ein ganz betroffenes Gesicht machte. Hierauf ließ ich meine Waffen in meinen Wagen schaffen und stieg mit dem Hauptmann ein, der wie ein durchaus ehrenwerter Mann aussah.

Er brachte mich nach dem königlichen Palast Buen Retiro. Die königliche Familie hatte ihn aufgegeben, und er diente nur noch als Gefängnis für überführte Verbrecher, während die königlichen Gemächer als Kasernen benutzt wurden. In diesen Palast hatte Philipp der Fünfte sich mit der Königin zurückgezogen, um sich auf das Osterfest vorzubereiten.

Als der Hauptmann mich dem Offizier vom Tagesdienst übergeben hatte, der wie ein richtiger Zuchthauswärter aussah, führte ein Korporal mich in das Innere des Schlosses, in einen großen Saal im Erdgeschoß. Ich fand dort in einem erstickenden Gestank etwa dreißig Gefangene, von denen zehn Soldaten waren. In dem Raume standen zehn oder zwölf sehr breite Betten und einige Bänke, aber keine anderen Sitze und keine Tische. Ich bat einen Soldaten, mir Papier, Feder und Tinte zu besorgen, und gab ihm zu diesem Zweck einen Duro. Lachend nahm er den Taler, ging und kam nicht wieder. Alle, an die ich mich wandte, um mich nach ihm zu erkundigen, lachten mir ins Gesicht.

Am meisten wunderte mich der Anblick meines Pagen und des Grafen Marazzani, der mir auf Italienisch sagte, er befinde sich seit drei Tagen in diesem Gefängnis, habe mir aber nicht geschrieben, weil er ein Vorgefühl gehabt habe, daß er mich bald in seiner Gesellschaft sehen werde.

»Binnen weniger als vierzehn Tagen«, fuhr er fort, »wird man uns von hier unter guter Bedeckung auf irgendeine Festung zur Zwangsarbeit schicken; von dort aus werden wir jedoch unsere Verteidigungsgründe vorbringen können, und dürfen hoffen, in drei oder vier Jahren mit einem Paß Spanien zu verlassen.«

»Ich hoffe, man wird mich nicht verurteilen, bevor man mich gehört hat.«

»Der Alcalde wird morgen kommen; er wird Sie verhören und Ihre Antworten aufschreiben. Das ist alles. Hierauf wird man Sie vielleicht nach Afrika schicken.«

»Hat man Ihnen bereits den Prozeß gemacht?«

»Man hat sich gestern drei Stunden lang mit mit beschäftigt.«

»Wonach hat man Sie gefragt?«

»Wer der Bankier sei, der mir das nötige Geld für meinen Lebensunterhalt gebe. Ich habe geantwortet, daß ich keinen Bankier kenne, daß ich von meinen Freunden borge und darauf warte, in die Leibgarde eingestellt zu werden. Man hat mich gefragt, warum der Gesandte von Parma mich nicht kenne, und ich habe geantwortet, ich habe mich ihm niemals vorgestellt. ›Ohne die Empfehlung Ihres heimatlichen Gesandten‹, hat man mir eingewandt, ›können Sie niemals Leibgardist werden, und das müssen Sie wissen; aber der König wird Ihnen eine Beschäftigung geben, zu der Sie von niemandem empfohlen zu werden brauchen‹. Mit diesen Worten ging der Alcalde hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. Ich sehe voraus, daß man Sie ebenso behandeln wird, wenn nicht der venetianische Gesandte Ihre Freilassung verlangt.«

Ich beherrschte mich, aber ich mußte einen bitteren Speichel hinunterschlucken, obwohl ich eine so harte Behandlung, wie Marazzani sie mir androhte, nicht für wahrscheinlich hielt. Ich setzte mich auf ein Bett, das ich drei Stunden später verließ, als ich mich von jenem scheußlichen Ungeziefer bedeckt sah, das in Spanien unvermeidlich zu sein scheint, und bei dessen bloßem Anblick sich mir das Herz im Leibe umdrehte. Unbeweglich, ohne auch nur ein Wort zu sagen, stand ich da und schluckte das Gift und die Galle hinunter, die ich im Munde fühlte.

Reden hatte keinen Zweck; ich mußte schreiben, und man gab mir nicht die Mittel dazu. Notgedrungen hatte ich den Entschluß gefaßt, die Ereignisse abzuwarten, die etwas früher oder später ja doch eintreten mußten.

Gegen Mittag sagte Marazzani zu mir, ich könne mir etwas zum Essen besorgen lassen, wenn ich einem Soldaten, den er kenne und für dessen Ehrlichkeit er bürge, das nötige Geld gebe.

»Ich habe keine Lust zu essen,« antwortete ich ihm, »und ich gebe kein Geld mehr, bevor ich meinen Taler zurückerhalten habe.«

Er machte Lärm wegen dieser Spitzbüberei, aber man lachte ihn aus. Hierauf sprach mein Page mit ihm, er möge mich doch bitten, ihm etwas Geld für Essen zu geben; denn er habe Hunger und besitze keinen Heller.

»Ich werde ihm nichts geben; denn er ist nicht mehr in meinem Dienste, und wollte Gott, er wäre es nie gewesen!«

Ich sah alle meine Unglücksgenossen schlechte Knoblauchssuppe und erbärmliches Brot essen und Wasser dazu trinken, mit Ausnahme von zwei Priestern und einem Mann, den man Corregidor nannte; diese hatten gutes Essen.

Um vier Uhr brachte ein Bedienter von Mengs mir eine Mahlzeit, die für vier genügt hätte. Er wollte die Speisen dalassen und am Abend wiederkommen, um die Schüsseln zu holen. Ich wollte jedoch in meiner Wut die Reste nicht mit dem Gesindel teilen, das schon um mich herumlungerte, und ließ ihn daher warten. Nachdem ich auf einer schlechten Bank meinen Hunger gestillt hatte, schickte ich den Diener fort, indem ich ihn bat, erst am nächsten Tage um die gleiche Stunde wiederzukommen, da ich nicht zu Abend essen wollte. Der Bediente gehorchte. Marazzani sagte mir in frechem Ton, ich hätte doch wenigstens die Flasche Wein behalten können. Ich antwortete ihm nicht.

Um fünf Uhr hatte ich das Vergnügen, Manucci mit einem Offizier zu sehen. Nachdem er mir sein Bedauern ausgesprochen und ich ihm dafür gedankt hatte, fragte ich den Offizier, ob es mir erlaubt wäre, an die Personen zu schreiben, die mich nur darum an diesem Ort lassen könnten, weil sie nicht wüßten, daß ich hier wäre.

Er antwortete mir: »Es wäre eine Tyrannei, Ihnen das nicht zu erlauben.«

»Wenn dies der Fall ist, ist es dann erlaubt, daß ein Soldat, den man beauftragt, das nötige Schreibzeug zu kaufen, einen Duro nimmt und nicht wiederkommt?«

»Wer ist dieser Soldat?«

Die Wache war abgelöst worden, und wir fragten vergeblich nach dem Mann; niemand kannte ihn.

»Ich verspreche Ihnen, mein Herr,« sagte der Offizier zu mir, »daß Sie Ihr Geld wiederbekommen sollen, und daß der unehrliche Soldat bestraft wird. Unterdessen werden Sie augenblicklich Papier, Tinte, Feder, einen Tisch und Licht erhalten.«

»Und ich«, setzte Manucci hinzu, »verspreche Ihnen, daß um acht Uhr ein Bedienter des Gesandten hier sein wird, um die Briefe, die Sie schreiben wollen, an ihre Adressen zu bestellen.«

Ich zog hierauf drei Taler aus meiner Tasche und sagte zu dem Gesindel, dieses Geld sei für denjenigen, der den Namen des unehrliehen Soldaten angeben werde. Marazzani war der erste, der ihn nannte; zwei oder drei andere wiederholten den Namen, den der Offizier lächelnd in sein Notizbuch schrieb. Er begann mich kennen zu lernen; denn ich gab drei Taler aus, um einen wiederzubekommen, und das sah nicht eben nach Geiz aus.

Manucci sagte mir beiseite, der Gesandte werde sich unter der Hand bemühen, mir Gerechtigkeit zu verschaffen, und er bezweifle nicht, daß diese mir bald werde zuteil werden.

Als die Herren fort waren, begann ich zu schreiben, aber ich mußte dabei eine unglaubliche Geduld aufwenden. Die Halunken lasen jedes Wort, das ich dem Papier anvertraute, und wenn sie etwas nicht verstanden, trieben sie die Frechheit so weit, daß sie mich nach der Bedeutung fragten. Unter dem Vorwande, das Licht zu putzen, löschte man die Kerze aus. Aber ich war unter Galgenvögeln und litt, ohne mich zu beklagen. Ein Soldat wagte mir zu sagen, er werde alle zur Ruhe bringen, wenn ich ihm einen Taler geben wollte; ich antwortete ihm nicht. Trotz dieser Höllenpein brachte ich meine Briefe fertig und versiegelte sie. Es war keine Kunst in diesen Sendschreiben, aber ich hatte in sie das ganze Gift geträufelt, das ich in mir brennen fühlte.

Ich schrieb Mocenigo, es sei seine Pflicht, einen Untertan seiner Regierung zu verteidigen, wenn die Bräuche einer barbarischen Macht ihn ermordeten, um sich seines Eigentums zu bemächtigen. Er könne mir seinen Schutz nicht verweigern, es sei denn, daß er wisse, was ich begangen habe; mein Gewissen sage mir jedoch, daß ich die Gesetze des Landes nicht übertreten habe. Was zwischen mir und der Republik Venedig vorliege, wisse er ebensowenig wie ich; jedenfalls liege kein Verbrechen und kein Vergehen von meiner Seite vor, und ich habe daher Anspruch auf seinen Schutz, schon weil ich Venetianer sei. Diese Eigenschaft könne ich durchaus nicht verlieren, wenn nicht ein entehrendes Urteil gegen mich ergangen sei.

An den gelehrten Don Emanuel de Roda, Minister der Gnade und der Justiz, schrieb ich, ich wende mich an ihn, nicht um eine Gnade zu erlangen, sondern um Gerechtigkeit zu erhalten. »Dienen Sie Gott und Ihrem Herrn, Seiner Katholischen Majestät, indem Sie verhindern, daß der Alcalde Messa einen Venetianer vergewaltigt, der kein Gesetz übertreten hat und nach Spanien in der Zuversicht gekommen ist, daß er sich dort unter ehrlichen Leuten befinden werde, und nicht unter Mördern, die kraft des ihnen anvertrauten Amtes straflos morden dürfen. Der Mann, der Ihnen das schreibt, gnädiger Herr, hat in seiner Tasche eine Börse voll Dublonen. Er ist in einen stinkenden Saal eingesperrt, wo man ihn bereits bestohlen hat, und fürchtet, in dieser Nacht ermordet zu werden.«

Dem Herzog von Lossada schrieb ich, er möge seinem Königlichen Herrn mitteilen, man ermorde ohne sein Wissen, aber in seinem Namen einen Venetianer, der kein Verbrechen begangen und kein Gesetz übertreten habe, und dessen ganze Schuld darin bestehe, reich genug zu sein, um während seines ganzen Aufenthaltes in Spanien keines Menschen zu bedürfen. Ich stellte ihm vor, daß er verpflichtet sei, sofort Seine Katholische Majestät zu bitten, sie möge einen Befehl ergehen lassen, um diesen Mord zu verhindern. Aber der kräftigste von den vier Briefen, die ich schrieb, war der, den ich an den Grafen Aranda richtete. Ihm schrieb ich: Wenn man den Mord an mir begehe, so werde ich vor meinem Tode unbedingt glauben müssen, es geschehe auf seinem Befehl; denn dem Offizier, der mich verhaftet habe, sei mehrere Male von mir gesagt worden, ich sei nach Madrid mit der Empfehlung einer Fürstin gekommen, deren Brief ich ihm persönlich übergeben habe. »Ich habe nichts getan; welche Entschädigung wird man mir geben, nachdem ich aus dieser Hölle, aus diesem verpesteten Loch befreit bin? Nie will man die schlechte Behandlung wieder gut machen, die ich bereits erdulden mußte. Lassen Sie mich entweder sofort in Freiheit setzen oder befehlen Sie Ihren Henkern, mir schnell den Garaus zu machen; denn wenn in barbarischer Willkür Ihr Alcalde sich einfallen lassen sollte, mich auf die Galeren zu schicken, so seien Sie versichert, man wird mich nicht lebend dorthin bringen.«

Nach meiner Gewohnheit behielt ich Abschriften von meinen Briefen; hierauf beförderte ich diese durch den Diener, den der allmächtige Manucci mir pünktlich zur genannten Stunde sandte. Ich verbrachte eine der entsetzlichsten Nächte, die ein Dante als eine der Qualen für seine Verdammten hätte ersinnen können. Alle Betten waren voll, und selbst wenn in ihnen Platz gewesen wäre, so hätte ich mich nicht darauf ausstrecken mögen. Vergeblich verlangte ich Stroh, aber wenn ich auch welches hätte erhalten können, so wäre es mir doch unmöglich gewesen, mich darauf auszustrecken: ich hätte nicht gewußt, wohin ich es legen sollte, da der ganze Fußboden überschwemmt war; denn für die vielen Menschen waren nur zwei oder drei Nachtgeschirre da, und jeder leerte sich am ersten besten Ort aus.

Ich verbrachte die Nacht auf einer schmalen Bank ohne Lehne, indem ich meinen Kopf auf meinen Arm stützte.

Um sieben Uhr in der Frühe kam der gute Manucci zu mir. Damals war er gut, ja, er war für mich gewissermaßen eine zweite Vorsehung. Ich bat ihn, mich mit dem Offizier und ihm in die Wachstube gehen zu lassen, damit ich etwas zu mir nehmen könnte; denn ich fühlte mich erschöpft. Meine Bitte wurde augenblicklich bewilligt. Ich trank Schokolade, und als ich ihm dabei mein Leiden schilderte, standen ihm die Haare zu Berge.

Manucci sagte mir, meine Briefe könnten erst im Laufe des Tages bestellt werden, und fügte lachend hinzu, der von mir an den Gesandten geschriebene sei grausam. Ich zeigte ihm hierauf die Abschrift der drei anderen, und der unerfahrene junge Mann sagte mir, man erlange durch Freundlichkeit leichter etwas. Er wußte nicht, daß es Lagen gibt, in denen es einem Menschen unmöglich ist, nicht mit Gift und Galle zu schreiben. Er sagte mir im Geheimen, der Botschafter speise an demselben Tage bei Aranda und habe ihm versprochen, unter vier Augen mit dem Minister zu meinen Gunsten zu sprechen; er befürchte jedoch, mein Brief werde den stolzen Spanier gegen mich aufbringen.

»Ich bitte Sie nur um die einzige Gnade, dem Herrn Gesandten nicht zu sagen, daß Sie von diesem Briefe Kenntnis hatten.«

Er versprach es mir.

Nach seinem Fortgehen sah ich mich wieder unter dem Gesindel und tat, wie wenn ich die Unverschämtheiten nicht hörte, mit denen man mich wegen meines hochmütigen Benehmens verhöhnte. Eine Stunde darauf sah ich Doña Ignazia und ihren Vater erscheinen; sie traten mit dem wackeren Hauptmann ein, der mir so viele Freude gemacht hatte. Dieser Besuch schnitt mir in die Seele, aber ich mußte ihn von der guten Seite auffassen und dankbar dafür sein; denn es lagen darin von Seiten des braven Mannes Seelengröße, Tugend und Menschlichkeit und von Seiten der schönen Frommen eine wirkliche Liebe und Ergebenheit.

Mit traurigem Gesicht und in schlechtem Spanisch schilderte ich ihnen, wie tief ich die Ehre zu empfinden wüßte, die sie mir antäten. Doña Ignazia sprach kein Wort; das war das einzige Mittel, um zu verhindern, daß ihre Tränen hervorbrachen; Don Diego aber bot seine ganze Beredsamkeit auf, um mir begreiflich zu machen, daß er mich niemals aufgesucht hätte, wenn er nicht die feste Überzeugung hätte, daß man sich irrte oder daß es sich um eine jener schrecklichen Verleumdungen handelte, durch die die Richter für ein paar Tage getäuscht werden könnten. Er zog daraus den Schluß, daß ich bald wieder frei sein, und daß man mir eine dem erlittenen Schimpf angemessene Genugtuung geben werde.

»Ich hoffe es,« antwortete ich ihm, »denn ich bin von meiner Unschuld durchdrungen.«

Der brave Mann rührte mich tief, als er bei der Abschiedsumarmung mir eine Geldrolle in die Hand drückte und mir ins Ohr sagte, sie enthalte zwölf Quadrupel, die ich ihm wiedergeben würde, wenn ich könnte.

Es waren mehr als tausend Franken. Mir standen die Haare zu Berge. Ich drückte ihm herzlich die Hand und sagte ihm ins Ohr, ich hätte in meiner Tasche fünfzig Quadrupel, die ich ihm nicht zu zeigen wagte, weil ich mich vor dem Gesindel fürchtete. Er steckte seine Rolle weinend wieder in die Tasche und entfernte sich mit Ignazia, nachdem ich ihm versprochen hatte, ihn sofort nach meiner Freilassung zu besuchen.

Der wackere Mann hatte seinen Namen nicht genannt, und da er sehr gut gekleidet war, so hielt man ihn für einen Herrn von Bedeutung. Derartige Charaktere sind in Spanien nicht selten, wo ein exaltierter Heroismus allgemein ist; aber die Extreme berühren sich.

Mittags kam der Bediente des Ritters Mengs mit einer Mahlzeit, die noch feiner, aber weniger reichlich war, als am Tage vorher. Dies war gerade, was ich wollte. Ich aß in seiner Gegenwart, und er entfernte sich wie am Tage vorher mit meinen besten Empfehlungen an seinen Herrn.

Um ein Uhr kam ein Mann und befahl mir, ihm zu folgen. Er führte mich in ein kleines Zimmer, wo ich meinen Karabiner und meine Pistolen sah. Der Alcalde Messa saß mit zwei Sbirren an einem mit Aktenheften bedeckten Tisch. Er befahl mir, mich zu setzen und alle seine Fragen genau zu beantworten, da meine Fragen aufgeschrieben würden. 2UH »Ich verstehe nur unvollkommen spanisch und werde nur schriftlich in italienischer, französischer oder lateinischer Sprache antworten.«

Diese Antwort, die ich in festem und zuversichtlichem Ton gab, setzte ihn in Erstaunen. Er sprach eine volle Stunde lang auf mich ein. Ich verstand alles, was er mir sagte, aber er empfing von mir immer nur dieselbe Antwort: »Ich verstehe nicht, was Sie mir sagen. Beschaffen Sie einen Richter, der eine von den mir bekannten Sprachen versteht, dann werde ich antworten; aber ich werde meine Antworten nicht diktieren, sondern sie niederschreiben.«

Der Alcalde geriet in Zorn, aber ich machte mir nichts aus seinem Toben.

Schließlich gab er mir eine Feder und sagte mir, ich möchte in italienischer Sprache aufschreiben, wie ich hieße, was ich wäre und was ich in Spanien wollte. Diesen Wunsch konnte ich ihm nicht abschlagen, aber ich beschränkte mich darauf, folgendes zu schreiben:

»Ich bin Giacomo Casanova, Untertan der Republik Venedig, Gelehrter, Ritter vom Goldenen Sporn. Ich besitze genügende Mittel und reise zu meinem Vergnügen. Mich kennen der venetianische Gesandte, Graf Aranda, Fürst della Cattolica, Marques Mora und Herzog von Lossada. Ich habe in keiner Beziehung Gesetze Seiner Katholischen Majestät übertreten, und werde trotzdem vergewaltigt und unter Missetäter und Diebe gesetzt. Dies widerfährt mir von Beamten, die viel härter behandelt zu werden verdienten als ich. Da ich nichts gegen die Gesetze getan habe, so muß Seine Katholische Majestät wissen, daß ihr gegen mich kein anderes Recht zusteht, als daß sie mir befehlen kann, ihre Staaten zu verlassen. Diesem Befehl würde ich gehorchen, sobald ich ihn erhielte. Meine Waffen, die ich hier sehe, habe ich seit elf Jahren auf meinen Reisen bei mir; ich führe sie nur, um mich gegen Straßenräuber zu verteidigen. Man hat sie am Alcalator in meinem Wagen gesehen und hat sie nicht beschlagnahmt; das ist der Beweis, daß der Besitz dieser Waffen jetzt nur ein Vormund ist, um mich zu vergewaltigen.«

Nachdem ich diese Zeilen niedergeschrieben hatte, reichte ich das Papier dem Alcalden. Er ließ jemanden rufen, der ihm meine Worte genau übersetzte. Als er sie hörte, sprang er auf, sah mich wütend an und schrie: »Valga me Dios. Sie sollen es verspüren, daß Sie diese unverschämten Worte geschrieben haben!«

Mit dieser Drohung, die eines Inquisitors würdig war, lief er wütend hinaus; zugleich befahl er, mich wieder an denselben Ort zu führen.

Um acht Uhr kam Manucci und sagte mir, Graf von Aranda habe den Gesandten zuerst gefragt, ob er mich kenne; Herr Mocenigo habe ihm hierauf die allerbeste Auskunft gegeben und ihm zuletzt versichert, es tue ihm leid, daß er mir bei einer Beschimpfung, die man mir angetan habe, nicht unmittelbar nützlich sein könne, weil ich bei den Staatsinquisitoren der Republik in Ungnade sei.

Hierauf habe Graf Aranda ihm geantwortet: »Allerdings hat man ihm einen großen Schimpf angetan, aber dieser ist doch nicht derart, daß ein kluger Mann darüber den Kopf verlieren dürfte. Ich würde nichts davon erfahren haben, wenn er mir nicht einen rasenden Brief geschrieben hätte; in derselben Tonart hat er an Don Emanuel de Roda und an den Herzog von Lossada geschrieben. Casanova hat recht, aber so schreibt man nicht.«

»Wenn er wirklich gesagt hat, daß ich recht habe, so ist ja meine Sache in Ordnung.«

»Das hat er gesagt. Darauf können Sie sich verlassen.«

»Wenn er es gesagt hat, so kann er nicht ermangeln, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Was meinen Stil anlangt, so hat eben jeder den seinen. Ich bin wütend und habe wie ein Rasender geschrieben, weil man mich unwürdig behandelt hat. Sehen Sie dieses Zimmer, mein lieber Manucci: ich habe kein Bett; der Boden ist mit Unrat überstreut, und ich kann mich nicht auf die Erde legen; ich werde die zweite Nacht auf dieser Bank ohne Lehne verbringen, wo ich keine Stunde Ruhe finden kann. Scheint es Ihnen möglich, daß ich in einem solchen Zustande nicht Lust bekomme, die Herzen aller der Henkersknechte zu essen, die mich hier gefangen halten? Wenn ich nicht morgen aus dieser Hölle herauskomme, nehme ich mir das Leben oder werde wahnsinnig.«

Manucci begriff, daß ich ganz natürlicherweise in einem Zustande ungeheurer Erregung sein mußte. Er versprach mir, am nächsten Morgen in aller Frühe wiederzukommen und riet mir, für Geld mir ein Bett zu verschaffen. Ich konnte jedoch seinem Rat nicht folgen, weil ich halsstarrig war, wie Leute, die durch Ungerechtigkeit leiden, es gewöhnlich sind. Außerdem hatte ich Angst vor dem Ungeziefer und fürchtete für meine Börse und für die Kleinodien, die ich bei mir hatte.

Ich verbrachte eine zweite Nacht, die noch entsetzlicher war als die erste. Alle Augenblicke unterlag ich dem Schlummer und fuhr plötzlich wieder auf, wenn ich von meinem schmalen Bett herunterfallen wollte oder wenn mein Arm unter dem Gewicht meines Kopfes von einem Krampf ergriffen wurde; denn ich hatte kein anderes Kopfkissen als meinen Arm.

Manucci kam vor acht Uhr wieder, und ich sah ihn bei meinem Anblick erbleichen. Er war in einem Wagen gekommen und brachte gute Schokolade mit, die ich mit Vergnügen trank, und die mir ein bißchen Mut und Kraft wiedergab. Als ich eben damit fertig war, öffnete sich die Türe, ein höherer Offizier trat mit zwei anderen ein und rief: »Herr von Casanova!«

Ich trat vor und nannte meinen Namen.

»Herr Chevalier,« sagte der Oberst zu mir, »Seine Exzellenz der Graf von Aranda hält vor der Tür. Er bedauert außerordentlich das Unglück, das Ihnen widerfahren ist. Er hat es gestern durch den Brief erfahren, den Sie ihm geschrieben haben, und wenn Sie ihm früher geschrieben hätten, würde Ihre Haft weniger lange gedauert haben.«

»Es war meine Absicht, Herr Oberst. Aber ein Soldat ….«

Und nun erzählte ich ihm die Geschichte von dem spitzbübischen Soldaten.

Der Oberst erkundigte sich nach dem Namen des Mannes, ließ dann dessen Hauptmann kommen und erteilte diesem in meiner Gegenwart einen derben Verweis. Hierauf befahl er ihm, mir selber meinen Taler wiederzugeben, den ich lachend annahm, und den Soldaten kommen zu lassen, um ihm in meiner Gegenwart Stockprügel geben zu lassen.

Der Offizier, der als Abgesandter des mächtigen Aranda kam, war der Graf Roya, Oberst des Regiments, das im Schloß Buen Retiro lag. Ich erzählte ihm ausführlich die Vorgänge bei meiner Verhaftung und schilderte ihm alle Qualen, die ich an diesem verpesteten und schmachvollen Ort erduldet hätte. Ich sagte ihm: »Wenn ich nicht im Laufe des Tages meine Freiheit, meine Waffen und meine Ehre wiedererlange, so werde ich entweder wahnsinnig oder ich töte mich; denn, Herr Oberst, ein Mensch hat das Bedürfnis, sich wenigstens einmal am Tage auszustrecken, und ich habe mich weder auf ein Bett, noch auf die Erde legen können. Wären Sie einen Augenblick früher gekommen, so hätten sie den ekelhaften Unflat gesehen, der den Boden überschwemmte, und den Rest davon sehen Sie noch.«

Der brave Mann erschrak über die Aufgeregtheit, mit der ich zu ihm sprach. Ich bemerkte es und fuhr fort:

»Beruhigen Sie sich, Herr Oberst, wenn ein gerechter Zorn mich wütend macht! In ruhigem Zustande bin ich ganz anders; aber Sie mit Ihrem richtigen Ehrgefühl müssen begreifen, welche Wirkungen eine Behandlung hervorbringen muß, wie sie mir widerfährt.«

Manucci sagte ihm auf Spanisch, von welcher Laune ich in meinem gewöhnlichen Zustande wäre. Der Oberst bedauerte mich, seufzte und sagte: »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Sie im Laufe des Tages das Gefängnis verlassen, daß Sie Ihre Waffen wieder erhalten und daß Sie in Ihrem eigenen Bette schlafen werden. Hierauf, Herr Chevalier, werden Sie sich zu Seiner Exzellenz dem gnädigen Herrn Grafen von Aranda begeben, um ihm ihren Dank abzustatten; denn er ist eigens Ihretwegen hierher gekommen und hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie erst nachmittags nach Hause kommen können; Seine Exzellenz will, daß Sie volle Genugtuung erhalten, damit Sie Ihre Ruhe wieder erlangen und diesen Schimpf vergessen – wenn es überhaupt ein Schimpf ist; denn durch ein gerichtliches Verfahren können nur Schuldige entehrt werden. Der Alcalde Messa ist durch den Schuft getäuscht worden, der bei Ihnen im Dienst war.«

»Da steht er! Ich erbitte von Ihnen die Gnade, ihn von hier fortzuschaffen, da man ihn ja als Ungeheuer erkannt hat; denn es wäre wohl möglich, daß ich in meiner Entrüstung ihn erwürgte.«

»Sofort.«

Der Oberst ging hinaus, und zwei Minuten darauf traten zwei Soldaten herein und führten den Halunken fort; ich habe ihn niemals wiedergesehen, und es lag mir nichts daran, zu erfahren, was aus dem Elenden geworden war.

Der Oberst bat mich, in die Wachtstube zu kommen und Zeuge zu sein, wie der diebische Soldat seine Stockprügel erhielte. Manucci befand sich an meiner Seite. Ich sah den Grafen Aranda, der von einer großen Anzahl Offiziere umgeben war, und an seiner Seite einen Offizier von der Leibgarde des Königs hatte; er ging etwa vierzig Schritte vor mir auf und ab.

Diese ganze Geschichte nahm ein paar Stunden in Anspruch. Bevor er mich verließ, bat der Oberst mich, mit Mengs bei ihm zu speisen, sobald er diesen einladen werde.

In mein schmutziges Gefängnis zurückgekehrt, fand ich dort eine saubere Sitzgelegenheit. Es war eine Art von langem Lehnstuhl. Ein Unteroffizier sagte mir, man habe ihn für mich gebracht. Ich streckte mich sofort darauf aus und Manucci verließ mich, nachdem er mich mehrere Male umarmt hatte. Ich war von seiner aufrichtigen Freundschaft überzeugt und bin noch immer traurig, wenn ich daran denke, daß ich mit einer in meinem Alter unentschuldbaren Unbesonnenheit ein Unrecht habe gegen ihn begehen können – ein Unrecht, das er mir niemals verziehen hat. Nichtsdestoweniger glaube ich, daß meine Leser der Meinung sein werden, der Beleidigte habe die Rache zu weit getrieben.

Nach der Szene, die sich soeben abgespielt hatte, war das elende Gezücht, das mich umgab, ganz verblüfft, und Marazzani kam an mein Kanapee heran, um sich mir zu empfehlen. Ich dachte nicht daran, mich als hohen Herrn aufzuspielen, sondern sagte ihm, in Spanien müsse ein Fremder sich glücklich schätzen, wenn es ihm gelinge, selber fertig zu werden.

Mein Mittagessen wurde mir wie gewöhnlich gebracht, und um drei Uhr kam der Alcalde Messa und sagte mir, ich möchte ihm folgen; er sei getäuscht worden und habe Befehl erhalten mich in meine Wohnung zurückzuführen, wo ich, wie er hoffe, alles finden werde, was ich zurückgelassen habe. Zugleich zeigte er mir meine Waffen, die einer seiner Leute nach meiner Wohnung zurückzubringen beauftragt war. Der wachhabende Offizier gab mir meinen Degen zurück; der Alcalde in schwarzem Mantel trat an meine linke Seite und führte mich, von dreißig Häschern begleitet, nach meiner Wohnung, Er nahm die Siegel ab, der Wirt öffnete die Tür, ich trat in mein Zimmer ein und sagte dem Alcalden, alles sei in Ordnung.

»Wenn Sie nicht in Ihrem Dienst einen niederträchtigen Verräter gehabt hätten, den ich auf den Galeeren in Afrika verfaulen lassen werde, Herr Chevalier, so wäre es Ihnen nie in den Sinn gekommen, zu glauben, daß die Diener Seiner Katholischen Majestät Mörder seien.«

»Herr Alcalde, dasselbe habe ich im Zorn vier Ministern geschrieben. Damals dachte ich, was ich schrieb, und glaubte, was ich dachte; jetzt glaube ich es nicht mehr. Vergessen wir alles! Aber geben Sie zu, daß Sie mich auf die Galeeren geschickt haben würden, hätte ich nicht zu schreiben gewußt.«

»Das ist leider recht wohl möglich.«

Ich brauche nicht zu sagen, daß ich mich schleunigst vom Kopf bis zu den Füßen umkleidete. Als ich zum Ausgehen fertig war, veranlaßten mich Pflichtgefühl und Dankbarkeit viel mehr noch als die Liebe, meinen ersten Besuch dem edlen und großmütigen Schuhflicker zu widmen. Der wackere Mann war sehr glücklich mich wiederzusehen und ebenso stolz darauf, daß er den Irrtum der Behörden erraten hatte. Doña Ignazia war halb toll vor Freude; denn sie war vielleicht ihrer Sache nicht ganz so sicher gewesen wie ihr Vater, der, als er erfuhr, welche Genugtuung man mir gegeben hatte, mir sagte, ein Grande von Spanien könnte nicht mehr verlangen. Ich bat die guten Leute, mit mir irgendwo an einem dritten Ort zu essen, sobald ich es ihnen mitteilen würde, und sie versprachen es mir voller Freude.

Das Gefühl hatte sich eingemischt, und ich war in Doña Ignazia viel mehr verliebt, als ich es früher gewesen war.

Von Don Diego begab ich mich zu Mengs, der als Kenner der spanischen Verhältnisse alles eher erwartet hätte, als mich zu sehen. Als er die Ereignisse des letzten Tages und meinen Triumph erfuhr, machte er mir die größten Komplimente. Er trug Hofkleidung, was bei ihm sehr selten vorkam, und als ich ihn nach dem Grunde fragte, sagte er mir, er sei ausgefahren gewesen, um bei Don Emanuel de Roda ein Wort für mich einzulegen, habe ihn aber nicht sprechen können. Ich umarmte ihn und dankte ihm für seine freundliche Absicht. Er übergab mir einen Brief, den er soeben aus Venedig erhalten hatte. Ich beeilte mich, ihn zu öffnen; er war von Herrn Dandolo und enthielt einen anderen Brief für Herrn von Mocenigo. Herr Dandolo schrieb mir: »Wenn der Herr Gesandte diesen Brief gelesen hat, wird er nicht mehr den Staatsinquisitoren zu mißfallen fürchten, indem er Sie in aller Form vorstellt; denn der Briefschreiber empfiehlt Sie ihm von Seiten der drei Staatsinquisitoren.«

Als Mengs dies hörte, sagte er mir, es hänge jetzt nur von mir ab, in Spanien mein Glück zu machen, indem ich mich gut aufführe, besonders da in diesem Augenblick alle Minister gewissermaßen gezwungen seien, mich das mir angetane Unrecht vergessen zu machen. »Ich rate Ihnen, dem Gesandten den Brief augenblicklich zu überbringen. Nehmen Sie meinen Wagen; denn nach einer sechzigstündigen Folterung können Sie sich natürlich kaum aufrecht erhalten.«

Da ich der Ruhe bedürftig war, so sagte ich ihm, ich würde nicht zum Abendessen zurückkommen; doch verpflichtete ich mich für den nächsten Tag zum Mittagessen. Den Gesandten traf ich nicht an; ich hinterließ daher meinen Brief Manucci. Sobald ich zu Hause war, ging ich zu Bett und schlief zwölf Stunden lang fest und tief.

Manucci kam bei guter Zeit und sagte mir mit freudestrahlendem Gesicht: »Herr Girolamo Zulian schreibt dem Gesandten im Auftrage des Herrn da Mula, er könne Sie überall vorstellen; denn was das Tribunal etwa gegen Sie haben könne, berühre Ihre Ehre nicht. Der Gesandte gedenkt, Sie nächste Woche bei Hofe vorzustellen, und er wünscht, daß Sie heute in zahlreicher Gesellschaft bei ihm speisen.«

»Ich habe mich bei Mengs verpflichtet.«

»Das macht nichts; ich werde ihn sofort einladen, und wenn er ablehnt, so brauchen Sie auch nicht zu ihm zu kommen; denn Sie begreifen, welch wunderbaren Eindruck es machen wird, wenn Sie am Tage nach Ihrem Triumph beim Gesandten sind.«

»Da haben Sie recht. Gehen Sie zu Mengs; ich werde der freundlichen Einladung des Gesandten Folge leisten.«