Die befrage Wahrheit

In dem Staate Machriq regierte der weise König Nauroûz, so genannt nach dem Feste der Tagundnachtgleiche. Dieser König hatte unter seinem Gesinde einen Mann, der über seinen Kreis hinaus ob seiner Wahrheitsliebe bekannt und geachtet war. Als der König von dieser seiner Eigenschaft erfuhr, ernannte er ihn zum Oberstallmeister. Gleich hatte er auch seine Neider, die natürlich, gemäß dem höheren Rang, in ihren Mitteln, Fallen zu stellen, viel tückischer sein konnten. So war es besonders ein Höfling des Königs, der es auf ihn abgesehen hatte. Dieser Höfling bekannte auch offen seine Absicht, es darauf anzulegen, den wahrheitsliebenden Oberstallmeister in eine Lüge zu verstricken, und ihn soweit zu bringen, daß er eine Unwahrheit sage. Der Höfling hatte eine hübsche und verwegene Tochter, die ihm bei diesem Werke behilflich sein sollte. Eines Nachts nun stand dieses Mädchen länger als sonst vor dem Spiegel, schmückte und putzte sich, bis sie vollkommen dem Bilde einer Verführerin glich. So gerüstet betrat sie die Stube des Oberstallmeisters. Der war sehr erstaunt, einen so schönen Gast bei sich zu haben, und da er sie nicht kannte, glaubte er an einen Irrtum. Sie aber grüßte ihn, nannte ihn bei seinem Namen, und er bat sie nun, ganz in seine Stube eintreten zu wollen. Sie nahm auch gleich neben ihm Platz und begann ihren Angriff. Zuerst war der junge Mann ganz verdutzt, aber das Mädchen sah darüber hinweg, es wurde immer deutlicher, berührte ihn erst und umschlang ihn dann ganz. Dem jungen Manne schwanden die Sinne, doch das Mädchen machte, knapp vor der letzten Erfüllung, halt. Ihr war es im Augenblick genug zu wissen, daß sie den jungen Mann nun in ihre Gewalt bekomme. »Lache mich nicht aus, aber ich habe Verlangen nach einem köstlich zubereiteten Gericht aus Pferdefleisch. Laß uns doch eines der fetten Pferde des Königs schlachten, wir wollen davon essen.«

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Der junge Mann bekam Furcht. »Was wird der König dazu sagen?«

»Was fürchtest du dich! Falls der König nach dem Pferde fragen sollte, so kannst du sagen, es sei krank geworden und du mußtest es schlachten. Vertraut dir der König nicht vollends?«

Das Mädchen bat mit so anmutiger Gebärde, daß der Oberstallmeister nicht widerstehen konnte. Er wollte schon einen Knecht herbeirufen, damit dieser den Auftrag zu schlachten übernehme. Das Mädchen aber kam ihm zuvor und sagte: »Wenn du schon schlachten willst, so schlachte wenigstens den Rappen des Königs!« Bei diesem Ansinnen erschrak der Stallmeister und rief: »Gerade dieses Tier ist dem König ans Herz gewachsen, er liebt es und ich soll es schlachten!« Das Mädchen warf sich ihm an den Hals, bat und beschwor ihn und als alles nichts helfen wollte, verlegte sie sich auf das Mittel zu trotzen. »Wenn du dies Pferd nicht schlachtest, dann will ich niemals mehr etwas von dir wissen!« Diese Drohung nahm dem Stallmeister die letzte Besinnung. Er ließ den Rappen vor den Augen des Mädchens schlachten. Sie briet selber das Herz und aß es. Hernach ging sie wieder in seine Stube und verweilte dort längere Zeit.

In der Klarheit des Morgens übersah der Oberstallmeister erst, was er da angerichtet hatte. Seine Achtung vor der Wahrheit war so groß, sein Gewissen so peinlich, daß er die Gewohnheit angenommen hatte, bei schwierigen Fällen laut mit sich zu verhandeln, damit nicht auch nur der Schein einer Lüge hindurchschlüpfen könne. Nach dieser Methode disputierte er auch jetzt. »Wenn nun wirklich heute der König zu mir sprechen wollte: Bring mir den Rappen, ich will auf ihm ausreiten! – was dann? Sage ich ihm eine Lüge, so bringt diese nichts Gutes; sage ich ihm die Wahrheit, so gefällt diese ihm sicherlich nicht. Dann gibt er Befehl, mich zu töten! Freilich ist es besser, ich sterbe, weil ich die Wahrheit gesagt habe, als ich verdanke mein Leben einer Lüge!«

Um nun noch besser die Stimme seines Gewissens zu hören, ging er in ein anderes Zimmer, legte seine Mütze auf eine erhöhte Stelle und sagte: »Das soll nun der König sein!« Dann ging er aus dem Zimmer und kam wieder herein. Nach seiner Gewohnheit grüßte er den König und erwiderte selbst diesen Gruß. Dann sprach er, als wäre er der König: »Wohlan, sattle mir meinen Rappen, ich will auf ihm heute zur Jagd ausreiten.«

Er selbst erwiderte darauf: »O König, diese Nacht hat der Rappe sein Futter nicht gefressen; als es Mitternacht war, fiel er um und starb. Ich wußte kein Mittel, das ihm noch hätte helfen können.«

Weiter sprach er, als wäre er der König: »Heda, was willst du mir da einreden. Gestern war der Rappe noch ganz gesund, und heute soll gerade er gestorben sein! Gestehe lieber, du hast ihn geschlachtet! Du willst es leugnen – erschlagt den frechen Lügner!« Diese Rede behagte dem Oberstallmeister gar nicht. Er sprach zu sich, indem er der Mütze den Rücken kehrte: »Diesmal will ich die Wahrheit sagen!«

Wieder ging er hinaus, kam von neuem herein, grüßte und erwiderte selbst den Gruß. Darauf sprach er, als ob er der König wäre: »Geh und sattle mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Er erwiderte: »O König, heute Nacht ist mir etwas Besonderes begegnet: ich saß in meinem Zimmer, da trat plötzlich ein so hübsches und gutgekleidetes Mädchen zu mir herein, daß der Mond neben ihr verblassen mußte. Sie kam, setzte sich an meine Seite, warf sich an meinen Hals und verlangte schließlich das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will dir ein anderes schlachten. Das Mädchen bestand aber auf dem Rappen. O König, ich kann dir nur die Wahrheit gestehen. Was war mir da der Rappe; hätte das Mädchen mein Leben verlangt, ich hätte es ihr willig gegeben. Wisse denn, ich habe ihr diese Nacht den Rappen geschlachtet. Zögere nicht, hier ist mein Kopf und dort dein Schwert!«

Diese Rede tat dem Gewissen des Stallmeisters wohl. Er sprach, als wäre er der König: »Du hast die Wahrheit gesagt; wäre ich an deiner Stelle gewesen, ich würde auch manche Dummheit begangen haben. Dafür aber, daß du die Wahrheit gesprochen hast, bekommst du ein Ehrenkleid!«

Bei dieser Rede blieb der Stallmeister und er lernte sie auswendig. Während er nachdachte, kamen auch schon Abgesandte des Königs, um ihn vor diesen zu bringen. Und wirklich sprach ihn der König an: »Bring mir den Rappen, ich will heute auf ihm spazierenreiten.«

Der Oberstallmeister murmelte rasch ein Gebet vor sich hin und sprach dann: »O König, diese Nacht hatte ich eine besondere Begegnung: ich saß in meinem Zimmer, plötzlich stand ein so hübsches und wohlgekleidetes Mädchen vor mir, daß der Glanz des Mondes vor dieser Schönheit hätte erblassen müssen. Dieses Mädchen setzte sich an meine Seite, schmiegte sich an mich und verlangte von mir das Herz des königlichen Rappens. Ich sprach: ich will ein anderes Pferd schlachten. Aber sie bestand auf dem Rappen. Wie ich sie auch beschwor und meine Treue zum König anführte – sie bestand darauf. Gerade das Fleisch des Rappens will ich verspeisen. Ihr Bitten und Beschwören war mit so viel Anmut ausgesprochen, daß, hätte sie mein Leben verlangt, ich nicht gezögert hätte, es ihr zu geben. Ich verlor meinen klaren Kopf; das Herz des Mädchens zu betrüben war ich nicht imstande. So ließ ich mich von dem Mädchen berücken, um mir ihre Zuneigung und ihr Wohlwollen zu erhalten. Ich schlachtete den Rappen, das Mädchen briet dessen Herz und aß es. O König, schlage den Kopf des Sünders ab, dort ist dein Schwert.«

Diese Rede gefiel dem König und es kam so, wie es sich der Stallmeister vorgespielt hatte: er bekam ein Ehrenkleid. Das Mädchen des Höflings bekam der Oberstallmeister von seinem König zur Frau.

Der Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe hatte es der Oberstallmeister zu verdanken, daß er auch weiterhin in der Gunst und Gnade des Königs stand. Aus dieser Zeit rührt das Sprichwort her: Wenn du niemanden findest, der dir raten kann, so lege deine Mütze vor dich hin und frage diese um Rat.

Einleitung

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Eine Legende läßt die Geburt der persischen Lyrik – Wort, Rhythmus und Reim – aus dem Echo entstehen, das zum Anlaß die Worte der Liebe hat, welche der König Behram Gor seiner Geliebten Dil Aram und diese ihm auf die Lippen flüstert in der Umarmung. Singt die afghanische Lyrik die tolle Freude des Besitzes der Geliebten, sehnt sich die arabische nach der fernen Geliebten, so ist es der Charakter der persischen Liebeslyrik, zu verweilen, zu kontemplieren, in Ruhe zu genießen, sich zu wiegen. Das »Italienisch des Orients« hat man das süßklingende, sonore Persisch genannt, dessen Gedicht eine anmutig träumende Karesse ist. Es vermeidet, Gegensätzliches aufzurufen, so sehr, daß der Gegensatz sogar dem persischen Theater fehlt: es ist ganz lyrisch und bar jeden dramatischen Interesses. Nur auf solchem kontemplativen Boden konnte die mystische Dichtung der Sufis möglich werden. Die Gefahr aber solchen Verhaltens hat die persische Lyrik nicht vermeiden können: sie wurde konventionell und weist nach dem 14. Jahrhundert keine Namen mehr auf, nachdem sie Firdusi, Omar den Teppichweber, Amic, Ferid-ud-din Attar, Saâdi, Hafis und Djami in den Tempel ihres unvergänglichen Ruhmes gestellt hat.

Nach diesen großen Lyrikern begann die Zeit der Geschichtenerzähler – wie auch in den europäischen Literaturen, der provenzalischen, italienischen, deutschen, auf das große Zeitalter der Heldengesänge und Troubadours die noch währende Zeit des Romanes, der Novelle, des Schwankes folgt, des kunstlos Geplauschten für eine hörlustige und anekdotensüchtige Menge.

Gelehrte Arbeit hat sich bemüht, jedem Sprachstamme sein ihm eigenes Gut an Erzähltem, Fabuliertem zuzuschreiben: Es ist aber auf jedes Sprachvolk nur wenig Originales gekommen, verglichen mit der Fülle des Gemeinsamen, das aus einem Borne geschöpft ist, den die einen in Indien, die andern wo anders feststellen zu können glauben. Aber es liegt wohl nahe, jedem Sprachvolke die eigene Findung des auf der Straße des Lebens Liegenden so zuzutrauen, wie es den Inhalt dieser Geschichtchen bildet, von denen manche später aus ihrem anonymen Dasein in das benamte einer künstlerischen Fassung und in den Ruhm treten, wie wir es bei zahlreichen deutschen Schwänken, mehr noch bei den italienischen Novellieri erleben. Das auf der Gasse Liegende: es sind die ins Tragische oder lieber noch ins Komische sich pointierenden Wechselfälle des Liebeslebens. Die Figuren sind zu Typen gesteigert: Der schlaue junge Verführer, der oder die übertölpelte Alte, welche sich mehr zutrauen, als ihnen Natur noch erlaubt, das betörte junge Weibchen, das dafür bestrafte oder das lachende Weibchen.

Es entspricht nur der außerordentlich hohen Gefühlsspannung, wie sie sich im Lyrischen der persischen Dichtung äußert, daß ihr in der Prosaerzählung die Reversseite drastisch nebengesetzt wird: Das Unzulängliche, das Versagende, das Lächerliche, das Komische. Und wird dort ein Platonismus des Gefühls übersteigert, so hier ein Realismus der Sinne. Doch immer nur zu heiteren, zu komischen Effekten: die Zuhörer sollen lachen, nicht grinsen. Das Obszöne in allen seinen Schattierungen liegt dem Erzähler so fern wie seinen Zuhörern. Der Erzähler zwinkert nicht mit den Augen. Er sagt nichts, was er nicht sagte. Es gibt keine Zweideutigkeit. Dafür ist ihm die Sache selbst, die Liebe, zu seriös, zu heilig – und gerade deshalb erzählt er das, was Toren oder Spitzbuben diesem Heiligen antun und erzählt es als komische Glosse, wie zu einem pathetischen Text.

Die Sitten und Bräuche der Liebe, die in diesen Geschichten zum Niederschlag kommen, sind in ihren mann-weiblichen Bestimmungen von denen des Europäers nicht wesentlich verschieden. Bemerkbar ist dazu nur dieses, daß die orientalische Geliebte zwölf Jahre zählt. Und daß sie darum nicht jene sentimentalische Überbelastung besitzen kann, die ihre europäische Schwester im Guten wie im Schlimmen darum auszeichnet, weil sie meist, wenn überhaupt, die Liebe des Mannes um einige Jahre zu spät kennen lernt, oft um viele Jahre zu spät, und dann auch oft nicht die Liebe, sondern irgendwelche Reste davon, welche sich der freier lebende europäische Jüngling dafür gerade noch gerettet hat.

Was die Texte selber anlangt, bildeten getreue englische, französische und italienische Übertragungen die Vorlagen. Bis auf die leicht erkennbaren drei kurzen Lehr-Erzählungen Saâdis ist das hier Wiedergegebene ohne eigentliche Verfassernamen. Es ist Weitererzähltes seit Jahrhunderten, zuweilen Niedergeschriebenes, nicht eigentlich Verfaßtes.

Franz Blei

Die Vergeltung

In Persien gab es einen Vornehmen, der viel Geld und ein großes Gut besaß. Bei ihm übernachtete einmal ein Kaufmann, der aus der Fremde kam. Für den Abend ließ der Vornehme ein prächtiges Essen auftragen. Sie setzten sich beide an den Tisch und aßen. Als der Kaufmann nach einem dunklen Winkel des Raumes blickte, bemerkte er dort eine wunderschöne Frau, die mit einem Hund aus einer Schüssel aß. Als der Kaufmann dies sah, war er sehr erstaunt und befragte seinen Gastgeber: »Was hat das zu bedeuten?«

Da wurde der Vornehme sehr traurig und meinte, er werde kaum die Worte finden, die ihn darüber aufklären könnten. Aber der Kaufmann bat, und so entschloß sich denn der Vornehme und erzählte:

»Die du so erniedrigt hier siehst, war meine Frau. Ich liebte sie mehr als mein Leben; all mein Geld und Gut stand ihr zur Verfügung. Ich besaß einen Negersklaven, mit dem sie mich betrog. Um nun ganz nach ihrem Wunsch leben zu können, ungehindert, beschlossen sie, mich beiseitezuschaffen.

Eines Tages sprach sie mich an: »Du bist so traurig und ich möchte mit dir allein sein. Nur mit dir!« Sie führte mich an einen einsamen Ort, wo sie ein Zelt hatte aufschlagen lassen. Plötzlich sprang aus dem Busch der Neger und dies war auch für meine Frau das Zeichen, nun mit ihm gemeinsam über mich herzufallen. Sie versuchten, mich zu ermorden. Da sprang dieses mein Hündchen, das mir wohl nachgefolgt war, von hinten auf den Schwarzen und verbiß sich in seine Waden. Dadurch bekam ich freie Hand und griff nach meiner Frau. Da sie mir entschlüpfte, erschlug ich den Sklaven. Als ich über sie Gericht halten wollte, fiel sie mir zu Füßen und erfaßte flehend meine Hand. Ich wollte nicht Vollzieher einer Tat sein, die zu tun nur Gott allein zustand. Zur Vergeltung ihrer Treulosigkeit muß sie nun mit diesem Hündchen essen, das mir damals zu Hilfe kam.«

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Der Traum des Pagen

Ein König hatte eine Tochter von ganz seltener Schönheit. Die Langweile des Dahinlebens war so unerträglich, daß sich das arme Kind in einen Pagen ihres Vaters verliebte. Diese Liebe in ihr wurde nun so eigensinnig, daß sie stets seufzen mußte, daß sie weder aß, noch trank, noch schlief. Das nahm sie so her, daß sie für eine Prinzessin zu blaß wurde. Die Amme wurde bei diesem Verhalten ihres Zöglings ungeduldig und fragte sie endlich geradezu: »Was ist mit dir geschehen? Bist du krank oder hast du einen Kummer? Sei offen zu mir, denn ich bin die einzige, die dir helfen kann.«

Da gestand sie ihre Liebe zu dem Pagen. Die Amme mußte lachen, sie streichelte zärtlich das kleine eingeschüchterte Mädchen, das es nicht gewagt hatte, ihre Liebe zu gestehen. »Mein Gott, wenn es nichts weiter ist! Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Du hättest dir viel Schmerz erspart und wärst früher zu manchen Freuden gekommen!« Im Nu hatte die Amme ein Zimmer der Prinzessin in ein Liebesnest verwandelt. Zur Mittagszeit ging die Amme in das Haus des Pagen. Als sie kam, lag er gerade auf einem Sofa und schlief. Diesen Augenblick benützte nun die Amme und hielt ihm ein betäubendes Mittel unter die Nase. Dann trug sie den Bewußtlosen über geheime Gänge zu dem Gemach der Prinzessin. Dort legte sie ihn auf ein Polster nieder, brachte etwas scharfen Essig herbei und hielt ihm das unter die Nase. Der Page mußte nießen, und als er sich dabei aufrecht setzte, bemerkte er sich auf seidenen Polstern und Tüchern gelagert, war aber noch mehr erstaunt, als er neben sich ein Wesen sah, das seiner Prinzessin aufs Haar glich.

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Um nun ganz an ein wunderbares Ereignis glauben zu können, verliebte er sich in das junge Mädchen. Noch völlig benommen, sprach er: »Bin ich vielleicht gestorben und inmitten des Paradieses?«

»Genieße die Frucht und frage nicht nach dem Garten!«

Er zögerte noch, aber die Liebkosungen waren so zärtlich und nahmen bald so zu, daß er in ihnen wie in einem Meer versank. So ging es die Nacht bis zum Morgen. Erst der Schlaf, so friedlich eines neben dem anderen, gab das Bild völliger Unschuld.

Die tatkräftige Amme ließ sich aber von dem Bild nicht rühren, sie hielt das betäubende Mittel neuerlich unter die Nase des Pagen und trug ihn über geheime Gänge wieder dorthin, wo sie ihn gefunden hatte. Alsbald erwachte der Page und sah, daß er auf seinem eigenen Kissen lag und weder in der Kemenate war, noch die Prinzessin vor sich hatte. Er rieb sich die Augen und sprach: »Ach, ich habe wohl geträumt!«

Nur die Prinzessin war sicher, daß sie – nicht geträumt hatte, denn ihr Unbehagen war einem süßen Kräftegefühl ihres Körpers gewichen.

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Die unbesiegbare Prinzessin

Es lebte einmal, so erzählt man, eine Prinzessin von wundervoller Schönheit und solcher Geschicklichkeit zu Pferde und in der Führung der Waffen, daß kein Mann ihrer Zeit mit ihr darin verglichen werden konnte. Viele Fürsten hatten schon um sie geworben und bekamen immer zur Antwort, daß sie sich im Felde ihr zum Kampfe stellen müßten. Denn solches war ihr Wille: »Der wird mein Gemahl sein, der mich im Zweikampf besiegt. Besiege aber ich ihn, so nehme ich ihm Waffen, Pferde und Rüstung und lasse ihm meinen Namen mit einem glühenden Eisen in die Stirne brennen.« Diese harten Bedingungen hielten manche doch nicht zurück, die von weither kamen, aber die Prinzessin besiegte sie alle, nahm ihnen die Waffen und zeichnete sie selber mit dem Eisen auf die rauchende Stirne.

Da hörte der Sohn des persischen Königs von ihr und schickte sich an, die weite Reise zu machen und nahm große Reichtümer mit. Er kam in die Stadt, in der der Vater der Prinzessin regierte, brachte seine Schätze an einen sicheren Ort und stellte sich am nächsten Tage dem Könige mit kostbaren Geschenken vor. Der empfing ihn sehr gütig und versicherte ihm, wie glücklich er wäre, wenn er siegte. Daraufhin bereitete sich der Prinz zum Kampfe gegen die schöne Prinzessin und bat um die Angabe der Stunde. Die Prinzessin war einverstanden und bestimmte die Zeit. Sofort verbreitete sich die Kunde durch die ganze Stadt und zur festgesetzten Zeit war eine große Menge dort versammelt, wo der Kampf vor sich gehen sollte.

Die Prinzessin erschien vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet und trug einen Gürtel und eine Maske. Gleich darauf erschien der Prinz in einer schönen Rüstung. Sie grüßten einander auf kriegerische Weise und begannen den Kampf. Er dauerte lange und war heftig. Kraft und Geschick taten ihr Werk, und die Prinzessin erkannte bald, daß sie den Vorsichtigsten der Vorsichtigen zum Gegner hatte, denn noch nie hatte sie eine solche Ausdauer gefunden. Der Prinz war ihr wirklich überlegen und sie befürchtete ihre Niederlage. Da nahm sie ihre Zuflucht zur Schlauheit und tat ihre Maske vom Gesicht. Sobald der Prinz ihr wundervolles Antlitz sah, war er von dessen Reizen so geblendet, daß er seiner Kraft vergaß und nicht mehr an den Kampf dachte.

Die Prinzessin bemerkte den Eindruck, den sie auf den Prinzen machte, nutzte den Augenblick, rannte ihn mit dem Speer an und hob ihn aus dem Sattel. Und wie der Blitz stellte sie ihm ihren Fuß auf die Brust.

Der Prinz aber hörte nicht auf, sie zu bewundern und achtete gar nicht auf das, was ihm geschah. Die Prinzessin nahm ihm Pferd und Waffen und Rüstung, aber ihm das Zeichen auf die Stirn zu brennen, dazu konnte sie sich nicht entschließen. Sie hieß ihn einfach das Kampffeld verlassen. Da erst kamen ihm seine Sinne wieder und er erkannte, was er verloren hatte. Vor Kummer konnte er weder essen noch trinken, so sehr war ihm die Liebe zur Prinzessin ins Herz gedrungen. Er verabschiedete sein Gefolge und schrieb seinem Vater, daß er nicht eher heimkehren wolle, er hätte denn sein Ziel erreicht. Und wenn er es nicht erreichen sollte, so sei er entschlossen zu sterben. Dieser Brief machte den Vater ganz verzweifelt und er nahm sich vor, seinem Sohn zu Hilfe zu kommen, ein Heer auszurüsten, um die Prinzessin zu entführen. Seine Berater rieten ihm davon ab, und so übergab er Gott das Schicksal seines Sohnes. Der Prinz aber dachte sich einen Plan aus. Er legte Bauernkleider an, stellte sich dann dem Obergärtner der Königin vor und sagte, er wäre ein vorzüglicher Gärtner, der sich besonders auf Rosen und Tulpen verstünde. Der Obergärtner nahm ihn in Dienst und bald hatte der Prinz erfahren, daß die Prinzessin oft des Abends mit den Frauen ihres Gefolges die Kühle ihrer Gärten aufsuchte.

Der Prinz verstand wirklich viel von der Gartenkunst, und da er so geschickt war, gewann er das Vertrauen seines Vorgesetzten, der ihm hundert Sklaven unterstellte, die dem neuen Gärtner vollen Gehorsam zu leisten hatten.

Ein paar Tage darauf kam eine Menge Sklavinnen in den Garten, die Teppiche und kostbare Gefäße trugen. Als der Prinz sie nach der Ursache aller ihrer Vorbereitungen fragte, erfuhr er, daß am Abend die Prinzessin in den Garten kommen würde, um sich zu zerstreuen. Sofort eilte der Prinz an den Ort, wo er seine Schätze und Kostbarkeiten vergraben hatte, brachte einige Kassetten mit herrlichen Steinen und befahl seinen Sklaven, sich zurückzuziehen.

Er selber versteckte sich in einer Laube. Bald darauf erschien die Prinzessin inmitten ihres Gefolges wie der Mond unter den Sternen. Erst liefen die Frauen lachend und scherzend durch den Garten und kamen so an die Stelle, wo sich der Prinz versteckt hielt. Er hatte alle seine edlen Steine ausgebreitet und saß bescheiden daneben. Die Frauen fragten ihn erstaunt, was er da täte. Er antwortete, daß er ein Gärtner des Palastes wäre und daß er beim Graben diesen Schatz entdeckt habe. Darauf trat die Prinzessin, die ihn in der gewöhnlichen Kleidung nicht erkannte, näher und bewunderte verständnisvoll die Steine. Sie fragte ihn, was er denn könne, und er erwiderte, daß er stark und geschickt im Zweikampf wäre, und wenn eine der Damen mit ihm kämpfen wolle, so gebe er den Schatz um einen Kuß. Die Prinzessin, die gerne scherzte, lachte laut und bezeichnete eine der weniger schönen unter ihren Begleiterinnen und sagte: »Ich gebe dir diese da als Gegnerin.«

Die Prinzessin hatte alle ihre Frauen zum Zweikampf abgerichtet. Nachdem nun die beiden Gegner die hinderlichsten Kleidungsstücke abgelegt hatten, kämpften sie miteinander und der Prinz bezwang die Dame und gab ihr sofort einen Kuß auf die Wange. Die Besiegte stand beschämt und seufzend auf und sagte ihren Freundinnen Dinge ins Ohr, daß diese erröteten und lachen mußten. Darauf bezeichnete die Prinzessin eine andere Schöne und sagte zu dem falschen Gärtner: »Kämpfe nun mit dieser.« »Gerne, gnädige Frau,« entgegnete er, »aber diesmal muß der Einsatz ein Kuß auf den Mund sein.«

Die Dame willigte ein, wurde besiegt und bekam den Kuß, der so lange dauerte, daß die Prinzessin ihm Einhalt befehlen mußte. Mit zitternden Lippen und bebendem Busen trat die Besiegte zu ihren Gefährtinnen, und der Gärtner war nicht minder erregt als sie. Da befahl die Prinzessin einer dritten, noch schöneren Dame, sich zum Kampf zu bereiten. Diesmal war die Bedingung ein Kuß auf den Busen. Wiederum siegte der Prinz. Und er konnte sich vor Erregung nicht mehr beherrschen und riß sich alle Kleider vom Leibe, die ihn hinderten, als sich nun die Prinzessin selber zum Kampfe stellte.

»Und was ist der Einsatz?« fragte der Prinz. »Mein Leben gegen das deine!« schrie die Prinzessin auf.

Nach einem harten Kampf ließ der Prinz die Prinzessin nach rückwärts gleiten und fiel auf sie nieder und drückte seinen Mund auf den ihren. Nun hatte die Prinzessin ihren Gegner aus dem Turnier erkannt und, ohne sich auch nur leise zu wehren, empfing sie die brennende Liebe ihres Besiegers, in derselben Stellung, in die sie hingestürzt waren.

Als sie sich zitternd vor Scham, Liebe und Freude erhoben hatte, sprach sie zum Prinzen: »Ich will meine Niederlage nicht öffentlich bekennen. Du hast gesiegt und ich gehöre dir. Entführe mich noch heute Nacht zu dir, denn ich liebe dich.«

Der Prinz warf sich vor ihr nieder und küßte ihre Füße. In derselben Nacht bestiegen sie schnelle Pferde und eilten nach Persien, wo sie glücklich ankamen. Dem Vater der Prinzessin sandten sie sofort Nachricht und luden ihn zur Hochzeit, welche die beiden zu einem glücklichen Paar vereinte.

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Das Weib auf dem Elefanten

Einstmals sah ein Mann von ungefähr in der Einöde einen Elefanten mit einer Sänfte auf dem Rücken. Voller Angst kletterte er auf einen Baum. Der Zufall wollte es aber, daß der Elefant unter denselben Baum kam, die Sänfte von seinem Rücken schüttelte und dann weitertrabte, um zu grasen. Plötzlich entdeckte der Mann ein schönes Weib in der Sänfte, stieg eilends vom Baum herunter und war festen Sinnes, sie in Liebe zu umarmen.

Da er aber auch ihr wohlgefällig war, fing sie solche Worte mit ihm zu reden an, die auf dies Ziel hindeuteten. Und beide überließen sich alsbald süßen Tändeleien. Als sie zu Ende gekommen waren, zog die Frau einen Strick aus ihrem Gewande, der war voller Knoten, denen sie nun noch einen hinzufügte. Der Mann begehrte zu wissen, was das für ein Strick sei und wie es zugehe, daß er so viele Knoten habe und um welches Zweckes willen sie all diesen noch einen neuen Knoten hinzufüge?

Sprach das Weib aber:

»Mein Gatte ist ein Zauberer, der sich in einen Elefanten verwandelt hat, und läuft mit mir auf dem Rücken durch Einöden und Wüsten, um sich vor meinen Listen zu behüten. Und trotzdem er mich also scharf bewacht, hatte ich bislang doch schon hundert Männer in Liebe umfangen, deren Andenken ich mir dadurch bewahre, daß ich Knoten in diesen Strick knüpfe. Und heute ist um dieser Liebkosung willen die Zahl der Knoten bis auf hundertundeinen angewachsen!«

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Der Papagei

In Persien hatte ein Kaufmann eine sehr schöne Frau, die ihren Gatten mit einem jungen Manne betrog. Der Kaufmann besaß einen Papagei, den er sehr liebte, weil er die menschliche Sprache verstand und er oft mit ihm die Zeit lustig verplaudern konnte. Eines Tages hielt ihn sein Geschäft die ganze Nacht vom Hause fern. Diese Gelegenheit benutzte die Kaufmannsfrau, um ihren Geliebten zu sich zu bestellen. Dieser ließ es sich im ehelichen Bette gar wohl sein, und die Zärtlichkeiten der Liebenden hatten sich noch nicht erschöpft, als die ersten Vogelstimmen den Anbruch des Morgens verkündeten. Zur rechten Zeit verabschiedete sich der junge Mann. Der Kaufmann kehrte mit heiterem Gemüt zurück, denn er hatte sein Geschäft gut erledigt. Da sprach ihn der Papagei an: »Die vergangene Nacht war in deinem Ehebette ein anderer Mann, der aber dasselbe tat, was du sonst mit deiner Frau zu tun pflegst!«

Als der Kaufmann dies von dem Papagei hörte, wurde er sehr aufgebracht und schalt mit seiner Frau. Sie aber erhob ein Klage- und Wehgeschrei und beteuerte: »Gott bewahre! Der Papagei ist ein Verleumder, er lügt!« Mit tausend Ränken und Kniffen verstand sie es, den Kaufmann von ihrer Unschuld zu überzeugen. Der Papagei wurde von ihr als grober Lügner hingestellt, sich selbst aber pries sie als wahrhaft und treu.

Nun hielt wieder einmal ein Geschäft den Gatten vom Hause ab. Die Frau ließ sogleich ihren Geliebten kommen und sie wiederholten die Liebesspiele, die ihnen schon einmal soviel Vergnügen bereitet hatten. Die Ehebrecherin fand Gelegenheit, ihrem Geliebten von dem Verrat des Papageis zu berichten. Dieser entsetzte sich bei dem Gedanken, daß sie nun beide der öffentlichen Schande preisgegeben werden könnten. Sie aber beruhigte ihn: »Meine List wird doch mit einem Papagei fertig werden, wenn er auch noch so gut zu reden versteht.« Alsdann ließ sie ihre Sklavinnen ein Haarsieb, einen irdenen Topf, ein wenig Wasser und eine Ochsenhaut herbeibringen. Die Haut legte sie über den Bauer des Papageis, auf welche die eine Sklavin von Zeit zu Zeit mit einem Stock einschlug, während eine andere in dem irdenen Topfe eine Flamme anfachte, den Bauer öffnete, die Flamme leuchten und aufflackern ließ und bald darauf den Bauer wieder schloß. Eine Dritte endlich mußte durch das Haarsieb den Papagei mit Wasser besprengen. Nachdem der arme Vogel auf diese Weise bearbeitet worden war, ließ sich die Frau weiter nicht mehr abhalten, die Zeit bis zum Morgen noch redlich auszunützen. Zur rechten Zeit ging der junge Mann fort, und der Gatte kehrte wieder nach Hause zurück.

Der Papagei erstattete abermals Bericht und sagte: »Auch diese vergangene Nacht hat deine Gattin bis zum Morgen den jungen Mann bei sich liegen gehabt. Aber ich konnte die beiden nicht beobachten, weil es geregnet, geblitzt und gedonnert hatte und ich meinen Kopf bei diesem Unwetter unter meinen Flügeln stecken lassen mußte.«

Triumphierend wandte sich die Gattin an ihren Mann: »Nun glaubst du mir doch, daß der Papagei lügt. Heute Nacht haben die Sterne geleuchtet, es hat weder geregnet, noch geblitzt, noch gedonnert.« Der Kaufmann mußte ihr Recht geben.

»Siehst du nun ein, daß dein Papagei sich Lügen erfindet?«

Durch diese List gelang es der verschmitzten Kaufmannsfrau, ihren Gatten von ihrer gänzlichen Unschuld zu überzeugen. Der Vogel kränkte sich sehr, daß er das Vertrauen seines Herrn verloren hatte. Er mußte fortan sehen und hören, wie der Kaufmann betrogen wurde, und schwieg dazu, weil er einsehen mußte, daß gegen die List einer Frau nicht aufzukommen ist.

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Die Feuerprobe

Sudabeh saß tief verschleiert auf der Höhe ihres Thrones. Um sie standen an die hundert Mädchen verschiedenen Alters, angefangen vom Kind bis zur reifen Jungfrau. Der Duft der Jugend, Anmut und Lieblichkeit erfüllte den weiten Saal mit dem Atem des Paradieses.

Gleich an der Pforte verneigte sich Sijawusch vor seiner Königin.

Auf einen Wink Sudabehs stiegen die Töne eines Lautenspieles auf, und ein Reigen führte die Schönen an Sijawusch vorüber. Mit Segenswünschen wurde er begrüßt und hundert Herzen schlugen rascher bei dem Anblick des schönen Fürsten. Als sich hinter dem letzten Mädchen der Vorhang schloß, sprang Sudabeh jäh vom Throne auf und warf sich Sijawusch in die Arme.

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»Oh, keiner von diesen galt deine Lust!« rief sie zitternd vor Erregung und ließ die Schleier von ihrem Antlitz fallen. »Was sollen dir die Sterne, wenn dir der goldene Mond lacht! Schwöre mir zu, daß ich, sobald dein Vater gestorben ist, die erste im Frauenhaus bleiben soll, dann will ich dir den Himmel erschließen.«

Sijawusch glühte unter den begehrenden Küssen dieser schönen Frau. »O schweige, schweige – du sollst geliebt und geehrt werden, aber als meine Mutter! Gib mir deine junge Tochter zur Braut. Ich will ihr die Treue halten, bis sie zum Weibe herangereift ist!«

»Sijawusch!« – wie die Androhung eines Fluches rief diesen Namen Sudabeh. Zitternd wandte sich der Angerufene ab und verließ, fast flüchtend, das Frauenhaus. Sudabeh sank in die Knie und eine Ohnmacht ließ sie niederfallen. Als Kawus ins Frauenhaus kam, empfing Sudabeh ihren Gatten mit stolzer Würde.

»Dein edler Sohn ließ alle an sich vorbeigehen. Nur meinem Töchterlein hat sich sein Herz erschlossen und er will warten, bis sie zum Weibe herangereift ist.«

Diese Nachricht erfreute den Schah, er ließ reiche Schätze im Frauenhaus abladen, damit seine Gattin Sudabeh die Tochter würdig beschenken könne, wenn diese Sijawusch heirate.

Kaum hatte sich Kawus von der Königin verabschiedet, so ward auch gleich von dieser Hirbad zu Sijawusch gesandt. Sie ließ den Prinzen im Namen des Herrschers nach dem Frauenhaus rufen. Sijawusch kam und wurde von dem Kämmerer in ein hell erleuchtetes Gemach geführt. Bis an die Decke lagen da Kostbarkeiten gehäuft, Gold, Edelgestein, Perlen, Geschmeide. Wie geblendet stand Sijawusch vor dem Schatz. Da öffnete sich lautlos ein Vorhang, und als Sijawusch aufblickte, stand Sudabeh in Atemnähe neben ihm.

»Sijawusch,« sprach sie ihm ganz leise ins Ohr, »der Schatz gehört dir, aber noch mehr, oh, vieles, vieles mehr – wenn du dich mir gibst, wie ich mich dir geben will!«

Schaudernd beugte sich Sijawusch zurück. Sie aber folgte dieser Bewegung nach. »Sprich doch, sprich doch, weiche mir nicht aus.« Und nun flehte sie, ganz ihrer Glut verfallen. »Erbarme dich meiner jungen Liebe zu dir. Oh, ich kann es dir nicht verbergen. Nimm mich, hilf mir!«

Sijawusch bedeckte sein Antlitz mit den Händen und floh aus dem Gemach. Totenbleich sank Sudabeh neben dem Schatz zu Boden. Und als sie erwachte, gab sie sich der Wollust des Schmerzes hin, zerfetzte ihre Kleider, und in die nun aufschimmernden Blößen schlug sie besinnungslos mit ihren Nägeln. Da huschte Hirbad herein. »Der König kommt!« flüsterte er und verschwand, dem Schatz ausweichend, hinter einem anderen Vorhang.

Sudabeh richtete sich auf. »Rache!« sprach sie, und, ganz ihre Haltung gewinnend, rief sie: »Wohin du auch fliehst, du fliehst in dein Verderben, Sijawusch!«

Als Kai Kawus das Gemach betrat, wankte die Königin ihm entgegen und klagte an: »Sieh mich an, dies, dies hat dein stolzer Sohn an mir getan. Die blutige Spur, die über meine Brüste läuft, die riß dein Sohn, als er gierig nach mir griff. Dies Kleid riß er in Fetzen, um meinen nackten Körper fühlen zu können. Mein Diadem fiel zu Boden. Er tat dies, er, der alle Mädchen an sich vorbeigehen ließ, weil er in seinem Wahnwitz die Mutter begehrt, mich! Oh, ich bin entehrt – räche mich, du, mein Gemahl und Herr!«

Gefaßt stand Kawus, er konnte, trotz dieser anklagenden Worte, den Mut seines adeligen Sohnes nicht vergessen, und er gebot sich Vorsicht. Die Listen der Frauen sind tückisch. Er ließ Sijawusch rufen.

»Gestehe!« sprach er ernst den Eintretenden an, »du hast Sudabeh überfallen, doch liegt die Schuld an mir – ich sandte dich ins Frauenhaus.«

»Du irrst! Ich ließ die Königin unberührt.«

»Er lügt! Als ich ihm den Brautschatz zeigte, da riß er mich in seine starken Arme, immer kräftiger schlang er sie um mich, ich meinte zu ersticken. So, in meiner hilflosen Haltung, überfiel er mich mit Küssen. Und je mehr ich mich wehrte, desto heftiger wurde er, zerrte an meinem Kleide und wühlte mit bösen Fingern in meinem Haar.«

»Genug!« rief der König. »Reich mir deine Hand, Sijawusch! Sie duftet nicht nach Amber und nach Rosen. Du hast gelogen, Sudabeh!« Der König schritt mit seinem Sohne an der Hand bis an die Pforte.

»Bleib!« schrie die Königin auf, »wisse, sein Überfall gelang ihm, er hat mich geschändet. Nun wird er mich töten, wie er das Kind getötet hat, das ich von dir, o König, am Herzen trage.«

Der König blieb gebannt an der Schwelle stehen. »Räche mich, vernichte den Frevler!«

Rasch verließ der König das Frauenhaus und zog den Sohn mit sich.

»Verloren! Um Liebe und Rache gebracht von einem kalten Jüngling und einem liebenden Greis. Ich werde sie beide zu betrügen wissen. Der Zauber soll mir seifen. Nicht die guten, nur die bösen Geister.«

Vor kurzem war eine Landfahrerin von Sudabeh als Dienerin in den Palast aufgenommen worden. Gerührt von der Geschichte ihres Elends, hatte die Königin die Bettelnde beschenkt. Sie sei aus vornehmem Geschlecht und der Verführung eines Treulosen erlegen. Nun schleppe sie die Schande mit sich, und es seien nur noch Wochen, dann werde diese auch offenbar werden.

Sudabeh ging zu der Landfahrerin, nahm sie in ihr Schlafzimmer und verschloß hinter ihr den Eingang.

»Schwöre mir zu, daß du ein Geheimnis bewahrst, was immer auch kommen mag. Tust du es, so will ich deinen Ruf behüten und dich auch reich beschenken.«

»Oh, wenn du dies imstande bist! Keine Gewalt ist so groß, als daß sie mir das Geheimnis entreißen könnte.«

»Du mußt es beschwören! Schwöre!« Als die Klagende dies tat, raffte die Königin Gold und Geschmeide zusammen und ließ es in deren Schürze fallen. Keinen Augenblick zögerte die Königin nun, ihren Plan auszuführen. Die Dienerin bekam von Sudabeh ein giftiges Tränklein und durfte nicht aus dem Schlafgemach. Als der Morgen kam, gebar die Dienerin in dem Bett der Königin zwei tote Wechselbälge. Als die erschöpfte Mutter in ein Nebengemach geführt war, begann die Königin ihr Wehgeschrei. Auf einer silbernen Schüssel lagen schon vorbereitet die beiden Leichen. Die Bewohner des Frauenhauses liefen auf das Geschrei zusammen. »Seht her, das hab‘ ich zur Welt gebracht!«
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Das Geschrei der Frauen erscholl im ganzen Umkreis des Palastes. Auch der König vernahm es und eilte in den Frauenpalast.

»Blick‘ her und versuche noch zu zweifeln!« schrie ihm die Königin entgegen. »Sieh‘, was der Schrecken des Überfalls aus deinen Kindern gemacht hat. Die Teufelsbrut mit den Zeichen der Hölle – hier liegen sie, verendet!« Bei diesen Worten hielt sie die Schüssel, wie vom Ekel geschüttelt, weit von sich, schrie und weinte dabei.

Entsetzt wich der König zurück. Sollte er an seinem Sohne zweifeln!

Der König eilte in den Palast zurück und gebot die Weisen seines Reiches zu sich. Ihnen bekannte er die Ratlosigkeit seines Herzens, das beiden, seinem edlen Sohne und seiner Gattin, ergeben sei. Wen von beiden müsse er verdammen?

Die Priester sammelten sich, ihr Opfer zu besehen; die Magier suchten in den ältesten Büchern; die Sterndeuter forschten am nächtlichen Himmel: alle waren so redlich bemüht, dem König mit göttlichem Rat beizustehen. Nach zwei Wochen kamen die Weisen, um ihr Ergebnis zu künden. Die Sterndeuter sagten aus, daß die toten Kinder weder vom König, noch von seiner Gattin stammen konnten, denn die Gestirne sagten nichts aus von einer Vermehrung des Kajanidengeschlechtes. Die Magier wieder fanden Spuren, die auf einen Gifttrank hinwiesen, die Priester Zeichen, die auf eine Fremde deuteten, welche die Mutter dieser zwei Ausgeburten wäre.

Der König handelte nach diesen Weisungen. Das Frauenhaus wurde durchsucht und die Landstreicherin vor den Thron gebracht. Doch, wie man es auch anstellte, ein Geständnis war aus dem Weibe nicht herauszuholen. Auch der glühenden Zange des Henkers widerstand sie.

Sudabeh nannte die Weisen Feiglinge, die Sijawusch und seinen unüberwindlichen Beschützer Rustan fürchten. Täglich weinte sie ihrem Gatten vor, die Entehrung und den Schmerz einer geschändeten Mutter, welche zwei tote Kinder gebar. Sie bestand auf strengem Gericht oder – Gottesurteil. Die tückische Schöne wußte, daß die schwere Probe nicht der Kläger, sondern der Angeklagte zu bestehen hat.

Das Leiden seines geliebten Weibes machte den König wieder unsicher. Neuerlich wurden die Weisen zum Rat versammelt und um die endgültige Probe befragt. Die Alten nannten die Feuerprobe als einzigen Weg.

Sijawusch willigte ein, diesen Weg zu gehen.

Vor dem Stadttore wurden zwei mächtige Holzstöße aufgerichtet. Zwischen ihnen wurde nur so viel Platz gelassen, daß ein Reiter hindurch konnte. Am Tage des Gerichts sammelten sich um die Opferstätte die Großen des Reiches und das Volk stand im weiten Bogen um die beider Scheiterhaufen. Bei dem Stand der Sonne im Mittag wurden die Stöße von dem Oberpriester mit einem Span aus dem heiligen Feuer entzündet. Rasch gossen zweihundert Knechte Öl auf das Holz und fachten die Glut zu loderndem Feuer an. Es qualmten dunkle Wolken gegen den Himmel und bald stiegen auch haushohe Flammen empor.

Die schwarzen Locken von einem goldenen Helm bedeckt, in einem wehenden schneeweißen Mantel kam Sijawusch auf seinem Streitroß. Feierlich und mit offenem Blick begrüßte er den König und die um ihn versammelten Weisen. Kawus bangte um das Leben seines edlen Sohnes. »Ach,« rief er vom Schmerz gepeinigt, »das schlimmste Getier bringt nicht so viel Leid in die Welt, als es ein schönes Weib vermag!«

»Bange nicht, Vater!« rief Sijawusch, »der Herr ist gerecht!« Dann riß er sein Pferd um und hielt knapp vor dem Eingang der brennenden Gasse. Dort hob er die Hände gegen die Flamme und sprach das Gebet vor der Feuerprobe. Als er dieses beendet hatte, gab er seinem Pferde die Sporen und verschwand in den lodernden Flammen.

Sudabeh beobachtete vom Dach ihres Hauses aus das Schauspiel des Feuers. »Er reitet in den Tod und ich bin gerächt!« schrie sie triumphierend. Als die Menge noch kreischte und wehklagte, durchschnitten einzelne helle Jubelrufe die dunkle Wolke des Geschreis und versanken endlich in einem allgemeinen Jubel. Sijawusch hatte das Feuer durchritten. Das Element des Feuers war gerechter als eine Frau. Hätte er durch blühende Blumen reiten müssen, so hätte Tau ihn benetzt, aber das läuternde Feuer ließ den Reinen unberührt. Der Prinz sprang aus dem Sattel und küßte vor seinem Vater die Erde. Beglückt hieß ihn der König aufstehen und schloß ihn in seine Arme. Festliche Scharen wallfahrten zum Palast, wo Mahl, Gelage und Scherz den Tag beendeten, der die Unschuld des Prinzen vor Gott und der Welt erwiesen hatte.

Nachdem das Fest verklungen war, ließ der König seine Gattin vor sein Angesicht rufen.

»Du konntest nur lügen, erkenne deine schamlose Verwegenheit! Bereust du es nicht, den Reinen bis an die Pforte des Todes gelockt zu haben?«

»Wie konnte er sterben?!« höhnte grell lachend Sudabeh. »Der Schützling Rustans ist zauberkundig genug, um vor dem Feuer nicht zu bangen! Der Böse ist schützend über den Seinen!«

»Elende!« schrie der König voll Zorn, »soll dich der Henker ergreifen, dich, deren Haß auch die göttliche Flamme nicht anerkennt?«

»Tod, Tod, ihr, die den Reinen noch zu beflecken wagt!« Die aufgebrachte Menge schrie es und drängte den Henker zum Throne hin. Der König winkte jetzt dem Henker und befahl ihm: »Wende ihr Antlitz im Genick und hänge sie am Ende der Gasse auf. Sie sei so eine Warnung für alle Frevler, die lügen!«

Ehe noch der Henker nach der Königin griff, gebot Sijawusch halt. »Vater, schenke mir das Leben der Verblendeten!«

»Alles, so du es wünschest!« antwortete der König erfreut.

Sudabeh war vor der Hand des Henkers zurückgebebt, nun stützte sie sich zitternd auf den Arm des Prinzen, der sie bis zum Tore des Frauenhauses geleitete.

Kai Kawus‘ Herz schlug freudig, denn dieser Tag schenkte ihm wieder Sohn und Gattin.

Neuntes Kapitel


Meine Liebschaft mit Doña Ignazia. – Rückkehr des Herrn von Mocenigo nach Madrid.

Ihr unglückseligen Grafen und Barone, die ihr das Selbstgefühl eines Mannes verspottet, der euch durch schöne Handlungen zu dem Eingeständnis zwingen will, daß er ebenso adlig ist, wie ihr – hütet euch vor ihm, wenn es euch gelingt, seine edle Anmaßung niederzuhalten, ihn selber zu demütigen; denn von gerechter Verachtung ergriffen, wird er mit Nägeln und Zähnen über euch herfallen, und mit Recht. Denn ihr müßt diesen Mann achten, der zwar kein Edelmann nach eurer Art ist, aber sich Edelmann nennt, weil er der Meinung ist, er brauche nur schöne Handlungen zu vollbringen, um das Recht zu haben, als Edelmann aufzutreten. Achtet diesen Mann, der dem Worte Adel einen Sinn gibt, den ihr nicht begreift. Er behauptet nicht, daß der Adel in einer Reihenfolge von Geschlechtern besteht, deren letzter Sprößling er selber ist; denn er lacht über die Stammbäume, die so oft durch unedles Blut befleckt sind, das durch ungetreue Gattinnen in die Adern ihrer Kinder gelangte. Nach seiner Erklärung ist der wirkliche Adelige der Mann, der Achtung verlangt, und nach dessen Meinung es nur ein einziges Mittel gibt, um Achtung zu verdienen: sich selber zu achten, seine Mitmenschen zu achten, ehrenhaft zu leben, niemanden zu täuschen, niemals seine Zunge mit einer Lüge zu besudeln, wenn der, zu dem man spricht, glauben muß, daß man die Wahrheit spricht, und endlich die Ehre dem Leben vorzuziehen.

Dieser letzte Teil seiner Erklärung muß in euch die Furcht erwecken, daß er euch tötet, wenn ihr ihn verräterischerweise oder durch Überraschung entehrt. Nach einem physikalischen Gesetze folgt auf jeden Stoß ein Gegenstoß; aber im Moralischen ist die Rückwirkung noch stärker. Die Rückwirkung des Betruges ist Verachtung, die Rückwirkung der Verachtung ist Haß, und Haß führt zu Mord.

Der Schuhflicker Don Diego hatte vielleicht gedacht, daß er sich in meinen Augen etwas lächerlich gemacht hatte, indem er mir sagte, er sei ein Edelmann, da er jedoch wußte, daß er in dem Sinne, den er diesem Worte beilegte, wirklich ein Edelmann war, so wollte er mich immer mehr überzeugen, daß er mir keine Vorspiegelungen gemacht hatte. Seine edle Handlungsweise im Buen Retiro hatte mir schon seine schöne Seele enthüllt; aber dies genügte ihm nicht; er wollte konsequent sein. Als er durch meinen Brief einen Auftrag erhielt, wie ihn ein jeder gut oder schlecht ausführen kann, da wollte er mich nicht wie ein Bankier bedienen, sondern beschloß ein Haus zu mieten, um mir dessen besten Teil abzutreten. Ohne Zweifel hatte er auch berechnet, daß er dabei nichts verlieren würde, da er hoffen konnte, eine gut imstande gehaltene hübsche Wohnung würde nach mir nicht lange leer bleiben; hauptsächlich aber rechnete er auf meine Zufriedenheit und auf die Achtung, die ich ihm infolgedessen innerlich zollen würde.

Er täuschte sich nicht, denn ich behandelte ihn wie meinesgleichen und pries auf das höchste alles, was er gemacht hatte.

Doña Ignazia war ganz stolz auf das, was ihr Vater für mich getan hatte. Wir blieben eine Stunde lang beisammen, leerten eine Flasche ausgezeichneten Weines und regelten alle unsere geschäftlichen Angelegenheiten.

Ich verlangte, daß die Biskayerin auf meine Rechnung gehen solle, und setzte diesen Wunsch mit großer Mühe durch. Da ich jedoch wünschte, daß das Mädchen in Don Diegos Dienst zu stehen glaubte, so bat ich diesen, ihr täglich ihre Auslagen für mich zu bezahlen; denn ich wollte zu Hause essen, zum mindesten bis zur Rückkehr des Gesandten. Außerdem sagte ich ihm, es sei für mich eine Folterqual, allein zu essen, und ich bitte ihn daher, mittags und abends stets an meinem Tische zu speisen. Vergeblich suchte er Ausreden zu gebrauchen; er mußte schließlich nachgeben und behielt sich nur das Recht vor, sich durch seine Tochter vertreten zu lassen, wenn er selber zuviel Arbeit hätte, um sich umkleiden zu können. Wie man sich denken kann, lehnte ich diese Bedingung nicht ab, denn ich hatte sie erwartet.

Am nächsten Tage machte ich meinem Wirt einen Besuch, denn ich war neugierig, wie er eingerichtet wäre. Ich betrat zunächst eine kleine Kammer, die für Doña Ignazia bestimmt war. Die Einrichtung bestand nur aus einem Bett, einem Koffer und einem Stuhl; neben dem Bett stand außerdem ein Betschemel, auf welchem sie niederkniete, um vor einem vier Fuß hohen Bilde zu beten. Dieses stellte den heiligen Ignaz von Loyola vor, einen schönen Jüngling von wollüstigen Formen, der mehr dazu angetan war, die Sinne zu erregen, als zur Frömmigkeit anzueifern.

Mein Schuhflicker sagte zu mir: »Ich wohne jetzt viel besser als früher, und Ihre Wohnung trägt mir das Vierfache der Miete für das ganze Haus.«

»Aber die Möbel und die Wäsche?«

»In vier Jahren wird alles bezahlt sein. Ich hoffe, dieses Haus wird die Mitgift meiner Tochter sein, und diese schöne Spekulation verdanke ich Ihnen.«

»Das freut mich. Aber mir scheint, Sie machen da ein Paar ganz neuer Schuhe?«

»Allerdings; aber bemerken Sie, daß ich nach einem Leisten arbeite, den man mir gegeben hat. Ich bin daher nicht genötigt, sie meinem Besteller anzuziehen, und brauche mich nicht darum zu bekümmern, ob sie gut oder schlecht sitzen.«

»Wieviel bezahlt man Ihnen dafür?«

»Dreißig Realen.«

»Das ist teurer als der gewöhnliche Preis.«

»O ja; es ist aber auch ein großer Unterschied zwischen meinen Schuhen und denen der anderen Schuhmacher. Bei den meinigen ist sowohl die Arbeit wie die Güte des Leders viel besser.«

»Ich werde mir einen Leisten machen lassen, und Sie werden mir Schuhe anfertigen, wenn es Ihnen recht ist; ich mache Sie jedoch darauf aufmerksam, daß sie vom schönsten Leder sein und Sohlen von doppeltem Marokkoleder haben müssen.«

»Solche kosten mehr und halten nicht solange.«

»Das ist einerlei; im Sommer kann ich nur sehr leichte Schuhe tragen.«

Als ich mich empfahl, sagte er mir, er sei sehr beschäftigt, seine Tochter werde daher mit mir speisen.

Ich machte einen Besuch beim Grafen von Aranda, der mich kalt, aber sehr höflich empfing. Ich erzählte ihm, was mir in Aranjuez begegnet war: die Schikane des Pfarrers und die Unhöflichkeit des Ritters Mengs.

»Ich habe davon gehört. Dieses neue Abenteuer war schlimmer als das erste, und ich hätte keine Abhilfe zu schaffen gewußt, wenn Sie nicht schnell Ihre Osterbeichte abgelegt hätten; dadurch war der Pfarrer gezwungen, Ihren Namen wieder auszustreichen. Augenblicklich glaubt man mich durch Plakate zu beunruhigen; aber ich bin dabei ganz ruhig.«

»Was will man denn nur von Eurer Exzellenz?«

»Ich soll den langen Mantel und den Schlapphut erlauben. Das wissen Sie doch?«

»Ich bin erst gestern Abend angekommen.«

»Schön. Kommen Sie also Sonntag lieber nicht zu mir, denn mein Haus soll in die Luft fliegen.«

»Gnädiger Herr, ich bin neugierig, ob es recht hoch fliegen wird. Ich werde um zwölf Uhr in Ihrem Saal sein.«

»Ich glaube, Sie werden nicht allein sein.«

Ich ging hin, und der Saal war so voll, wie ich ihn nie gesehen hatte. Der Graf sprach mit allen Anwesenden. Unter dem letzten Plakate, das ihn mit dem Tode bedrohte, standen zwei sehr kräftige Verse. Der Verfasser des Anschlages wußte, daß man ihn hängen würde, wenn man ihn entdeckte, und hatte geschrieben:

Wenn sie mich kriegen, hängen sie mich.
Aber sie kriegen mich nicht.

Beim Essen gab Doña Ignazia mir zu erkennen, daß sie mich sehr gerne in ihrem Hause sah; aber sie ging nicht ein einziges Mal auf die verliebten Reden ein, die ich an sie richtete, wenn Filippo hinausgegangen war. Sie errötete, seufzte, und da sie doch endlich sprechen mußte, so sagte sie mir, sie bitte mich, alles zu vergessen, was zwischen ihr und mir vorgefallen sei. Ich antwortete ihr lächelnd, sie wisse sicherlich, daß mir dies nicht möglich sei, und setzte mit gekränkter Miene, halb ernst, halb zärtlich hinzu: »Selbst wenn es in meiner Macht stünde, alles zu vergessen, so würde ich es nicht wollen.«

Da ich wußte, daß sie weder sich verstellte noch heuchelte, so begriff ich sofort, daß die Frömmigkeit sie in ihrer Macht hielt, aber ich wußte, woran ich mich zu halten hatte, und daß ihr Widerstand nicht lange dauern konnte. Ich mußte Schritt vor Schritt vorgehen. Ich hatte schon mit anderen Frommen zu tun gehabt, die nicht ein so siedend heißes Temperament besaßen wie Ignazia und mich weniger liebten; trotzdem hatten sie sich ergeben.

Nach dem Essen blieb sie noch eine Viertelstunde mit mir zusammen, aber ich ließ mir nicht das geringste von meiner Liebe merken.

Als ich meine Siesta gehalten hatte, kleidete ich mich an und ging aus, ohne sie zu sehen. Als sie am Abend zu mir und ihrem Vater kam, der mit mir gespeist hatte, behandelte ich sie mit der größten Freundlichkeit, ohne mich im geringsten verdrießlich zu zeigen. Am folgenden Tage verfuhr ich ebenso. Beim Essen sagte sie mir, sie habe mit ihrem Liebhaber gleich in den ersten Tagen der Fasten gebrochen und bitte mich, ihn nicht zu empfangen, falls er mir etwa einen Besuch machen sollte.

Am Pfingsttage war ich beim Grafen Aranda und ging dann nach Hause; Don Diego, als richtiger Edelmann gekleidet, speiste mit mir. Seine Tochter sah ich nicht. Als ich ihn fragte, ob sie auswärts esse, antwortete er mir mit einem Lächeln, das ganz unspanisch war und das er sich einem seiner Landsleute gegenüber nicht erlaubt haben würde, sie habe sich in ihr Zimmer eingeschlossen, wo sie allem Anschein nach das heilige Fest des Heiligen Geistes feiere. Am Abend werde sie sicherlich herunterkommen, um mit mir zu essen; denn er sei bei seinem Bruder eingeladen und werde mindestens bis Mitternacht ausbleiben.

»Mein lieber Diego, machen Sie keine Komplimente! Sagen Sie, bevor Sie fortgehen, Ihrer lieben Tochter, sie möge keine Umstände machen; ich verzichte herzlich gern auf meine gesellschaftlichen Rechte zugunsten jener Ansprüche, die Gott auf ihr Gewissen haben mag. Sagen sie ihr, sie möge sich ganz nach ihrer Bequemlichkeit verhalten, wenn sie etwa ihren frommen Übungen Zwang antun müsse, um mit mir zu Abend zu essen; wir würden ein andermal miteinander speisen. Werden Sie ihr das sagen? Sie machen mir damit ein Vergnügen.«

»Da Sie es wünschen, so soll es nach Ihrem Willen geschehen.«

Nachdem ich meine Siesta gehalten hatte, kam der brave Mann wieder und sagte mir, Doña Ignazia lasse mir danken, sie werde von meiner Erlaubnis Gebrauch machen, da es ihr angenehm sei, an diesem Tage niemanden zu sehen.

»Sehen Sie, so müssen wir untereinander leben! Morgen werde ich ihr meinen Dank sagen.«

Es kostete mir einige Mühe, ihm diese Antwort zu geben; denn diese übermäßige Frömmigkeit mißfiel mir so sehr, daß ich sogar fürchtete, sie könnte die Liebe ersticken, die ich dem reizenden Mädchen entgegenbrachte. Trotz meiner Empfindlichkeit hätte ich aber beinahe laut herausgelacht, als der biedere Don Diego mir sagte, ein kluger Vater müsse seiner Tochter ein Übermaß von Frömmigkeit ebenso verzeihen wie eine starke Liebesleidenschaft. Solche Philosophie hätte ich von einem spanischen Schuhflicker nicht erwartet, trotz seinem Adel.

Da das Wetter an diesem Tage nicht schön war, so beschloß ich nicht auszugehen. Ich sagte Filippo, er möchte meinen Wagen fortschicken und könnte spazieren gehen; doch solle er vorher der Biskayerin sagen, ich würde erst um zehn Uhr zu Abend essen. Als ich allein war, setzte ich mich zum Schreiben nieder; am Abend kam die Mutter und zündete meine Kerzen an, und ich ging zu Bett, ohne gegessen zu haben. Als ich am anderen Morgen um neun Uhr eben erwacht war, sah ich zu meiner großen Überraschung Doña Ignazia eintreten. Sie sagte mir, wie schmerzlich es ihr gewesen sei, als sie am Morgen erfahren habe, daß ich nicht zu Abend gegessen habe.

»Da ich allein, traurig und unglücklich war, so tat ich gut, mich des Essens zu enthalten.«

»Sie sehen niedergeschlagen aus.«

»Ich werde besser aussehen, sobald es Ihnen gefällt.«

Da der Friseur kam, so ließ sie mich allein. Ich kleidete mich an und ging zur Messe in die Kirche Buen Suceso, wo ich die schönsten Kurtisanen von Madrid sah. Ich aß mit Don Diego zu Mittag, und als beim Nachtisch seine Tochter erschien, sagte er zu ihr, sie sei schuld, daß ich am Abend vorher nichts gegessen habe.

»Dies soll nicht wieder vorkommen!« antwortete sie.

»Wollen Sie mit mir nach der Kirche Unserer lieben Frau von Atocha fahren, meine teure Ignazia?«

»Ich möchte es gern«, antwortete sie, indem sie ihrem Vater einen Blick zuwarf.

»Liebe Tochter,« sagte Diego, »die wahre Frömmigkeit ist untrennbar von einem fröhlichen Herzen und von dem Vertrauen, das man zu Gott, zu sich selber und zu der Rechenschaft der ehrenwerten Menschen, mit denen man verkehrt, haben muß. Daher mußt du glauben, daß Señor Don Jaime ein braver Mann ist, obgleich er nicht das Glück hat, als Spanier geboren zu sein.«

Über diesen Schluß mußte ich unwillkürlich lachen; Don Diego fühlte sich jedoch nicht dadurch beleidigt. Doña Ignazia küßte ihrem Vater die Hand und fragte mich in einem Ton verführerischer Unschuld, ob ich erlauben wolle, daß sie ihre Cousinen einlade.

»Wozu brauchst du deine Cousinen mitzunehmen?« sagte Diego. »Ich bürge für Don Jaime.«

»Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein lieber Don Diego. Aber wenn ihre Cousine mitkommen will und Doña Ignazia ihre Begleitung wünscht, so wird es mir eine große Freude sein; nur möchte ich, daß die ältere käme, denn deren Charakter gefällt mir besser als der ihrer Schwester.«

Nachdem diese Verabredung getroffen worden war, entfernte der Vater sich, und ich schickte Filippo in ein Fuhrgeschäft, um vier Maultiere anspannen zu lassen.

Als wir allein waren, fragte Ignazia mich zärtlich und reuevoll, ob ich ihr verzeihe.

»Alles, mein Engel – wenn Sie mir nur erlauben, Sie zu lieben.«

»Ach, lieber Freund! Ich fürchte wahnsinnig zu werden, wenn ich noch länger den Kampf bestehe, der mir Seele und Herz zerreißt!«

»Es ist kein Kampf nötig, teure Ignazia. Lieben Sie mich wie ich Sie liebe, oder befehlen Sie mir zu gehen und nicht wieder vor Ihren Augen zu erscheinen. Ich werde die Kraft besitzen, Ihnen zu gehorchen, aber das wird Sie nicht glücklich machen.«

»Oh, das weiß ich! Nein, nein, bleiben Sie zu Hause, dieses Haus gehört Ihnen. Nun aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Sie unrecht haben, wenn Sie glauben, meine große Cousine habe einen besseren Charakter als die kleine. Ich weiß, warum Sie dies seit der letzten Nacht des Karnevals glauben. Die kleine ist gut; so häßlich sie ist, so ist sie doch unterlegen, genau wie ich. Aber die ältere, die zehnmal häßlicher ist, ist boshaft vor Verdruß, daß niemals ein Mann sie hat lieben wollen. Sie glaubt, Sie verliebt gemacht zu haben, und trotzdem spricht sie schlecht von Ihnen; sie macht mir Vorwürfe, daß ich Ihnen nicht widerstanden habe, und brüstet sich, bei ihr werde es Ihnen nicht so leicht gelingen.«

»Sagen Sie nichts weiter, meine Liebe! Wir müssen sie bestrafen und die jüngere mitnehmen.«

»Vortrefflich; ich danke Ihnen.«

»Weiß Sie, daß wir uns lieben?«

»Wozu es ihr sagen? Sie hat es erraten; aber sie hat ein gutes Herz und begnügt sich damit, mich zu beklagen. Sie wünscht, daß wir zusammen vor der heiligen Jungfrau der Soledad eine Andacht verrichten, die die Wirkung haben wird, uns alle beide von einer Liebe zu heilen, die uns um unser Seelenheil bringt.«

»Sie ist also ebenfalls verliebt?«

»Ja, und das arme Mädchen liebt unglücklich; denn ihre Liebe wird nicht erwidert. Das muß eine große Qual sein.«

»Wahrhaftig, ich bedauere sie; denn so, wie sie aussieht, weiß ich nicht, welcher Mann sie begehren sollte. Sie ist ein armes Mädchen, und es wäre ihr gut, wenn sie nicht das Bedürfnis hätte, zu lieben. Aber Sie…«

»Ich! Schweigen Sie. Meine Seele ist einer größeren Gefahr ausgesetzt als die ihrige; ich weiß nicht, ob ich hübsch bin, aber man begehrt meiner. Ich muß mich verteidigen oder mich hingeben, und es gibt Männer, gegen die eine Verteidigung nicht möglich ist. Gott ist mein Zeuge, daß ich in der Osterwoche ein armes Mädchen besucht habe, das die Pocken hatte. Ich habe sie berührt, weil ich hoffte, daß ihre Krankheit mich anstecken und daß ich dann häßlich werden würde. Aber Gott hat es nicht gewollt, und obendrein hat mein Beichtvater mich ausgescholten und mich zu einer Buße verurteilt, die ich niemals erwartet hätte.«

»Was für eine Buße war das?«

»Nachdem er mir gesagt hatte, daß ein schönes Gesicht ein Zeichen für eine schöne Seele und daß es ein Geschenk Gottes sei, für das man ihm jeden Tag danken müsse, weil ein schönes Gesicht eine Empfehlung bei allen Menschen sei, erklärte er mir: indem ich mich bemüht hätte, häßlich zu werden, hätte ich Gott beleidigt, indem ich sein Werk zerstören wollte, und hätte mich dadurch seiner Gnade unwürdig gemacht. Nachdem er mir tausend Dinge dieser Art gesagt hatte, befahl er mir, zur Strafe für diese Sünde ein wenig rote Schminke auf meine Wangen zu legen, so oft es mir vorkäme, als ob sie zu blaß wären. Ich habe mich fügen müssen und einen Topf roter Schminke gekauft, aber ich habe mich desselben noch nicht bedienen zu müssen geglaubt. Bedenken Sie nur, daß mein Vater ihn sehen könnte! In welcher Verlegenheit würde ich sein, wenn ich ihm sagen müßte, daß ich die Schminke zur Buße gekauft habe.«

»Ist Ihr Beichtvater jung?«

»Er ist ein alter Mann von siebzig Jahren.«

»Sagen Sie ihm alle einzelnen Umstände Ihrer Sünden?«

»O gewiß; denn ein jeder Umstand, mag er noch so klein sein, kann eine große Sünde sein.«

»Fragt er Sie?«

»Nein; denn er weiß, daß ich ihm alles sage. Ich schäme mich dabei sehr, aber dies läßt sich nicht vermeiden.«

»Haben Sie diesen Beichtvater schon lange?«

»Seit zwei Jahren. Vor ihm hatte ich einen ganz unerträglichen. Er fragte mich nach Dingen, die mich empörten.«

»Wonach fragte er Sie?«

»Oh, erlassen Sie es mir, Ihnen dies zu sagen.«

»Wozu brauchen Sie so oft zur Beichte zu gehen?«

»So oft! Wollte Gott, ich brauchte nicht so oft hinzugehen. Übrigens gehe ich nur alle acht Tage zur Beichte.«

»Das ist zuviel!«

»Nein; denn Gott weiß, daß ich nicht schlafen kann, wenn ich eine Sünde begangen habe. Ich habe Angst, während meines Schlafes zu sterben.«

»Ich beklage Sie, teure Freundin; denn diese Angst muß Sie unglücklich machen. Ich habe einen Vorzug, den Sie nicht besitzen: ich rechne viel mehr als Sie auf Gottes Barmherzigkeit, die dem Menschen nicht fehlen kann.«

Die Cousine kam, und wir fuhren ab. Wir fanden viele Wagen vor der Tür der kleinen Kirche, die voll von Frommen beiderlei Geschlechts war. Ich sah unter anderen die durch ihre Mannstollheit berüchtigte Herzogin von Villadorias. Wenn die Begierde über sie kam, konnte nichts sie zurückhalten. Sie bemächtigte sich des Mannes, der ihren Instinkt erregte, und er mußte sie befriedigen. Dies war mehrere Male in großer Gesellschaft vorgekommen, deren Teilnehmer sich hatten flüchten müssen. Ich hatte sie auf dem Ball kennen gelernt; sie war noch hübsch und ziemlich jung. In dem Augenblick, wo ich mit meinen beiden Betschwestern eintrat, lag sie auf den Fliesen der Kirche auf den Knien; sie hob den Kopf und richtete ihre Augen auf mich, wie wenn sie sich auf mich zu besinnen suchte. Sie hatte mich bis dahin nur im Domino gesehen. Als meine Begleiterinnen eine halbe Stunde gebetet hatten, standen sie auf, um hinauszugehen, und die Herzogin erhob sich ebenfalls. Draußen vor der Kirche fragte sie mich, ob ich sie kenne; ich nannte sie bei ihrem Namen, und sie fragte mich, warum ich sie nicht besuche, und ob ich zur Herzogin von Benevento gehe. Ich verneinte diese Frage und sagte ihr, ich würde die Ehre haben, ihr meine Aufwartung zu machen.

Während wir nach der Promenade der Balbazos fuhren, erklärte ich meinen beiden Begleiterinnen die Krankheit der Herzogin. Doña Ignazia fragte mich in ängstlichem Ton, ob ich Wort halten und ihr einen Besuch machen würde. Sie atmete auf, als ich ihr versicherte, ich würde es nicht tun.

Es kommt mir über alle Maßen lächerlich vor, wenn eine elende Philosophie Tatsachen, die von der Vernunft entschieden sind, seitdem die Vernunft existiert, immer noch zu den ungelösten Problemen rechnet. Man fragt, welches von den beiden Geschlechtern beim Zeugungsakt die größere Befriedigung empfinde. Homer behandelt diese Frage, indem er einen Wettstreit zwischen Jupiter und Juno mitteilt. Teiresias, der Weib gewesen war, gab ein richtiges Urteil ab, das jedoch einen lächerlichen Eindruck macht, weil es so aussieht, wie wenn er die beiden Freuden in die beiden Schalen einer Wage gelegt habe. Irgend jemand hat gesagt, das Weib habe den größten Genuß, weil dieser bei ihr schneller einträte, weil er sich oft wiederhole, und endlich, weil das Fest bei ihr stattfinde; dieser Grund ist ziemlich glaubwürdig, denn sie braucht mit der größten Bequemlichkeit nur alles geschehen zu lassen; sie ist zugleich handelnder und leidender Teil, während zur Befriedigung des Mannes Handeln unumgänglich notwendig ist. Es gibt jedoch noch einen physikalischen Grund, der die Frage ohne jeden Zweifel entscheidet; wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, so wäre die Natur ungerecht; dies aber ist nicht möglich. Übrigens gibt es nichts Überflüssiges in der Schöpfung, und der Schöpfer hat kein Ding dazu bestimmt, nur Schmerzen zu leiden oder Genuß zu bereiten, ohne solchen zu empfangen. Wenn die Frau nicht mehr Genuß hätte als der Mann, hätte sie nicht mehr als er zu verrichten und hätte auch nicht mehr Organe als er. Schon die Gebärmutter muß ein Zeichen sein, daß der Genuß des Weibes bei weitem größer ist als der des Mannes; denn dieses Organ hängt mit dem Gehirn in keiner Weise zusammen und ist daher völlig unabhängig von der Vernunft; es hat kein anderes Bedürfnis als Nahrung zu geben und Nahrung zu empfangen; sein Instinkt wird Wut, wenn es vom Temperament erregt wird. Dies wäre hinreichend bewiesen durch die Andromanie, an welcher viele Frauen leiden; diese Krankheit macht die einen zu Messalinen und die anderen zu Märtyrerinnen. Der Mann hat keine Krankheit, die mit der Andromanie verglichen werden könnte.

Ist es nicht ganz einfach, daß die Natur, die in ihren Gegenwirkungen und Entschädigungen stets gerecht ist, der Frau und überhaupt jedem weiblichen Geschöpf eine Wonne geschenkt hat, die für alle daraus erwachsenden Leiden einen Ausgleich bietet? Welcher Mann würde sich auch nur ein einziges Mal dem Genuß der Liebe hingeben, so süß er ihm auch sein mag, wenn er sich dadurch der Gefahr aussetzte, neun Monate lang schwanger zu sein und dann eine Niederkunft zu haben, die stets mehr oder weniger schmerzhaft ist und zuweilen tödlich verläuft? Die Frau setzt sich dieser Gefahr aus, und sie tut es sogar wiederholt, nachdem sie diese schmerzliche Erfahrung gemacht hat. Sie findet also, daß der Genuß des Schmerzes wert ist; folglich muß ihr Genuß viel größer sein als der des Mannes.

Wenn ich mich trotzdem frage, ob ich als Weib wiedergeboren werden möchte, so sage ich zu mir selber nein, so wollüstig ich auch bin, denn ich habe Freuden, die das Weib nicht kennt, und die mich veranlassen, mein Geschlecht vorzuziehen. Nichtsdestoweniger würde ich, wenn ich den Vorzug haben könnte, noch einmal wiedergeboren zu werden, mich gern einverstanden erklären, nicht nur als Weib, sondern sogar als Tier irgendwelcher Art wiedergeboren zu werden; selbstverständlich mit meinem Gedächtnis; denn sonst wäre ich ja nicht mehr ich.

Auf der Balbazos-Promenade aßen wir Eis; hierauf fuhren meine beiden jungen Damen mit mir nach Hause; sie waren sehr zufrieden mit dem Vergnügen, das ich ihnen an diesem Tage verschafft hatte, ohne den lieben Gott zu beleidigen.

Doña Ignazia war entzückt, mit mir den ganzen Tag verbracht zu haben, ohne daß ich etwas gegen sie unternommen hätte; offenbar fürchtete sie jedoch, ich würde mich beim Abendessen nicht in denselben Grenzen halten, und bat mich daher, ihre Cousine einzuladen, mit uns zu speisen. Ich war damit einverstanden, und sogar mit Vergnügen.

Diese Cousine, die ebenso dumm wie häßlich war, hatte ein gutes Herz und besaß die ausgezeichnete Eigenschaft, mitfühlend zu sein. Da ich wußte, daß Doña Ignazia ihr alles anvertraut hatte, was zwischen uns vorgefallen war, so war es mir nicht unlieb, daß sie bei unseren Unterhaltungen zugegen war: sie konnte mir nicht lästig werden, und Doña Ignazia glaubte, ich würde in ihrer Anwesenheit nichts unternehmen.

Es war bereits ein drittes Gedeck aufgelegt worden, als ich jemanden die Treppe hinaufkommen hörte. Es war der Vater, und ich lud ihn ein, mit uns zu essen. Ich glaube, bereits gesagt zu haben, daß Don Diego liebenswürdig war; besonders aber ergötzte er mich durch seine Lebensweisheiten auf dem Gebiete der Moral. Er hatte die Marotte, sich mit seinem Vertrauen brüsten zu wollen. Er wußte oder ahnte doch zum mindesten, daß ich seine Tochter liebte; aber er glaubte, es geschehe in allen Ehren, sei es, daß er sich auf meine Redlichkeit verließ, oder daß er seine Tochter durch ihre Frömmigkeit gepanzert glaubte. Ich bin stets der Meinung gewesen, daß er gekränkt gewesen wäre und ihr nicht erlaubt haben würde, mit mir unter vier Augen beisammen zu sein, wenn er geahnt hätte, was bereits zwischen uns vorgefallen war.

Bei Tisch saß er neben seiner Nichte und gegenüber seiner Tochter, die mir zur Rechten saß; er bestritt zu einem guten Teil die Kosten der Unterhaltung; denn der Spanier ist zwar ernst, aber beredt, und seine reiche, pomphafte Sprache macht ihm die Beredsamkeit leicht.

Es war sehr warm, und da ich gerne mir selber es bequem machen wollte, so forderte ich ihn auf, seinen Rock auszuziehen und auch seine Tochter es sich bequem machen zu lassen, wie wenn sie mit ihm und seiner Frau allein wäre.

Ohne sich lange bitten zu lassen, nahm Doña Ignazia ihr Halstuch ab und entblößte ihren schönen Busen; aber es kostete viele Mühe, bis ihre arme Cousine sich entschloß, uns ihre schwarze Haut und ihre Knochen sehen zu lassen.

Doña Ignazia erzählte ihrem Vater, wie viel Vergnügen die Anbetung Unserer lieben Frau von Atocha und der Spaziergang auf der Balbazos-Promenade ihr gemacht habe, und sagte ihm schließlich, sie habe die Herzogin von Villadorias gesehen, die mich eingeladen habe, sie zu besuchen.

Dies veranlaßte den biederen Don Diego über die Krankheit der Dame zu philosophieren und zu scherzen. Er erzählte viele Einzelheiten, über die wir lange Betrachtungen anstellten; die beiden Mädchen taten so, wie wenn sie nichts davon verständen.

Der gute Manchaer Wein hielt uns bis ein Uhr bei Tische, und uns allen war die Zeit kurz vorgekommen. Don Diego sagte seiner Nichte, sie könnte mit seiner Tochter in der Kammer schlafen, worin wir uns befänden, denn das Bett wäre breit genug für zwei, während das Bett der Doña Ignazia zu eng wäre, besonders bei der sehr heißen Nacht. Ich beeilte mich hinzuzufügen, daß die jungen Damen durch die Annahme dieses Vorschlages mir eine Ehre erwiesen; Doña Ignazia erwiderte jedoch errötend, es sei nicht schicklich, denn das Zimmer sei von dem meinigen nur durch eine Glastüre getrennt.

Auf diesen Einwurf sah ich Don Diego mit einem Lächeln an, und der brave Mann, dem stets viel daran lag, mir einen hohen Begriff von seinem Geiste zu geben, begann auf die lächerlichste Art auf seine Tochter einzureden. Er sagte ihr: »Señor Don Jaime muß mindestens zwanzig Jahre älter sein als du. Durch diesen Verdacht hast du eine größere Sünde begangen, als wenn du dich zu irgendeiner kleinen verliebten Gefälligkeit herbeigelassen hättest. Ich bin überzeugt, am Sonntag wirst du vergessen, dich des Verbrechens anzuklagen, daß du Don Jaime eine unehrenhafte Handlungsweise zugetraut hast.«

Doña Ignazia sah mich zärtlich an, bat mich um Verzeihung und sagte mir, sie werde tun, wie es ihr Vater wolle. Die Cousine sagte nichts. Der Vater küßte seine Tochter auf die Stirn, wünschte mir gute Nacht und entfernte sich, sehr zufrieden mit seiner Rednergabe. Ich dachte mir, daß Ignazia irgendeinen Angriff von meiner Seite erwartete, und da ich überzeugt war, daß sie sich einen Widerstand vorgenommen hatte, mit dem sie sich vor ihrer Cousine brüsten konnte, und der mich geschmerzt haben würde, so beschloß ich, sie ganz und gar in Ruhe zu lassen, und ging zu Bett. Am anderen Morgen stand ich jedoch um sechs Uhr auf in der Hoffnung, ihr irgendeinen kleinen Streich spielen zu können. Als ich aber in das Zimmer trat, fand ich das Bett bereits gemacht und die Vögel ausgeflogen. Da es der dritte Feiertag war, so zweifelte ich nicht, daß sie in die Soledad zur Messe gegangen wären.

Um zehn Uhr kam Doña Ignazia allein zurück. Sie fand mich allein, vollständig angezogen und mit Schreiben beschäftigt. Sie sagte mir, sie sei drei Stunden in der Kirche gewesen, und ihre Cousine, die sie begleitet habe, sei eben erst zu ihrer Mutter zurückgekehrt.

»Ich vermute, Sie sind zur Beichte gegangen?«

»Nein, ich war Sonntag zur Beichte und werde erst am nächsten Sonntag wieder hingehen.«

»Ich bin entzückt, daß Ihre Beichte nicht meinetwegen länger sein wird.«

»Sie täuschen sich.«

»Wie, ich täusche mich? Ach so, ich verstehe. Aber hören Sie, ich will nicht, daß wir beide wegen einfacher Begierden unser Seelenheil verscherzen. Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu quälen, und ebensowenig, um selber Märtyrer zu werden. Was Sie mir bewilligt haben, hat mich ganz und gar in Sie verliebt gemacht, und ich schaudere bei dem Gedanken, daß meine und Ihre Zärtlichkeiten zum Gegenstande Ihrer Reue geworden sind. Ich habe eine sehr schlechte Nacht verbracht, und ich muß auf meine Gesundheit acht geben. Ich werde versuchen, Sie zu vergessen, aber dazu ist vor allen Dingen notwendig, daß ich Sie nicht mehr sehe. Ich werde die Wohnung bei Ihnen behalten, aber schon morgen ziehe ich anderswohin. Wenn Ihr religiöses Gefühl aufrichtig ist, so müssen Sie meinem Plan beistimmen. Teilen Sie ihn am Sonntag Ihrem Beichtvater mit, und Sie werden sehen, daß er ihn billigen wird.«

»Was Sie da sagen, ist wahr; aber ich kann nicht einwilligen. Es steht Ihnen frei, sich von mir zu entfernen; ich werde es schweigend dulden, werde meinen Vater reden lassen, aber ich werde das unglücklichste Geschöpf in ganz Madrid sein.«

Während sie diese Worte sprach, rollten zwei dicke Tränen über ihre Wangen. Sie schlug die Augen nieder; ich fühlte mich tief bewegt und sagte: »Ich liebe Sie, schöne Ignazia, und ich hoffe, die Leidenschaft, die Sie mir eingeflößt haben, wird mich nicht zur Hölle verdammen. Ich kann Sie nicht sehen, ohne Sie zu lieben, und da ich Sie liebe, so zwingt die Natur mich, Ihnen meine Liebe deutlich zu bekunden: dies ist für mein Glück notwendig. Sie sagen: wenn ich gehe, so werden Sie unglücklich sein. Ich kann mich nicht entschließen. Sie unglücklich zu machen; aber wenn ich bleibe, so werde ich unglücklich sein, falls Sie nicht eine andere Haltung einnehmen. Ich bin sogar sicher, daß es mir meine Gesundheit kosten wird. Sagen Sie mir jetzt, was ich tun soll! Soll ich gehen oder bleiben? Wählen Sie!«

»Bleiben.«

»Sie werden also lieb und zärtlich sein, wie Sie es, vielleicht zu meinem Unglück, bereits waren.«

»Ach, ich habe es bereuen und Gott versprechen müssen, nicht wieder in dieselbe Sünde zu verfallen. Ich bitte Sie zu bleiben, weil ich überzeugt bin, in acht oder zehn Tagen werden wir uns dermaßen aneinander gewöhnen, daß ich Sie nur noch wie einen Vater lieben werde und daß Sie in mir nur eine Tochter oder eine Schwester sehen werden, die Sie in Ihre Arme schließen können, ohne daß Sie dabei irgendwie an Liebe zu denken brauchen.«

»Und Sie sagen. Sie sind dessen sicher?«

»Ja, mein lieber Freund, sehr sicher.«

»Sie täuschen sich.«

»Gestatten Sie mir, mich zu täuschen. Wollen Sie es mir glauben? Es macht mir ein Vergnügen, mich zu täuschen.«

»Unglückselige Frömmigkeit!«

»Warum unglückselig?«

»Nichts, meine liebe Freundin; ich würde zu weitschweifig werden und vielleicht Gefahr laufen … Ach, sprechen wir nicht mehr davon! Ich werde bei Ihnen bleiben.«

Ich ging aus. Der Zustand des armen Mädchens betrübte mich mehr als mein eigener, und ich fühlte, daß ich mich bemühen müßte, sie zu vergessen. »Denn,« sagte ich bei mir selber, »selbst wenn es mir gelingen sollte, sie noch einmal durch eine Überraschung zu besitzen oder nachdem ich sie durch meine Worte in Feuer gesetzt hätte, so würde bald wieder der Sonntag da sein, und eine neue Beichte würde sie wieder störrisch und widerhaarig machen. Sie gestand, daß sie mich liebte, aber sie schmeichelte sich, ihre Liebe bändigen zu können, indem sie mich nach wie vor sähe und sich zusammennähme. Ein solcher Wunsch und solche wahnsinnige Hoffnung kann nur in einer ehrlichen Seele vorhanden sein, wenn diese sklavisch einem Vorurteil gehorcht, das ihr als ein Verbrechen zeigt, was naturgemäß kein Verbrechen sein kann.«

Zum Mittag kam ich nach Hause; Don Diego glaubte mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen, indem er mit mir aß; seine Tochter erschien erst beim Nachtisch. Ich bat sie höflich, aber mit trauriger und kalter Miene, sie möchte Platz nehmen. Ihr Vater fragte sie spöttisch, ob ich vielleicht in der Nacht aufgestanden wäre und sie in ihrem Bett besucht hätte.

»Ich habe Don Jaime durch keinen Verdacht beleidigt«, antwortete sie ihm; »und wenn ich Einwendungen machte, so geschah dies nur infolge meiner gewöhnlichen Zurückhaltung.«

Ich unterbrach sie, indem ich ihre Bescheidenheit lobte und ihr sagte, sie würde recht haben, sich vor mir in acht zu nehmen, wenn die Gesetze der Pflicht nicht stärker wären als die Wünsche, die ihre Schönheit mir einflößte.

Don Diego fand diese Liebeserklärung erhaben und der alten Tafelrunde würdig.

Seine Tochter antwortete ihm, ich machte mich über sie lustig; er erwiderte ihr jedoch, er sei überzeugt, daß sie sich irrte, und er glaube, ich habe sie schon gekannt, bevor ich zu ihm gekommen sei und sie zum Ball eingeladen habe.

»Ich schwöre Ihnen, Sie irren sich!« erwiderte Doña Ignazia ziemlich feurig.

»Sie schwören falsch, Señora, Ihr Vater weiß mehr als Sie.«

»Wie? Sie hätten mich gesehen? Wo denn?«

»In der Soledad, wo Sie eben das Abendmahl genommen hatten, und ich die Messe hörte. Als Sie mit Ihrer Cousine hinausgingen, folgte ich Ihnen von weitem. Das übrige können Sie erraten.«

Sie war sprachlos; ihr Vater triumphierte und freute sich seines Scharfblickes.

»Ich gehe zum Stiergefecht«, sagte mein Wirt zu mir; »es ist ein schöner Tag, ganz Madrid wird dort sein; man muß früh hingehen, um einen guten Platz zu finden. Sie haben dieses herrliche Schauspiel nie gesehen? Ich rate Ihnen, hinzugehen. Und du, liebe Tochter, bitte den Señor Don Jaime, dich mitzunehmen.«

»Wäre meine Gesellschaft Ihnen angenehm?« fragte sie mich mit zärtlicher Miene.

»Daran können Sie nicht zweifeln, Doña Ignazia, aber ich stelle die Bedingung, daß Ihre Cousine Sie begleitet, denn ich bin in sie verliebt.«

Don Diego lachte laut heraus, seine Tochter aber sagte ein bißchen boshaft: »Das ist nicht unmöglich.«

Wir gingen also hin, um uns dieses prachtvolle und barbarische Schauspiel anzusehen, das alle Spanier entzückt. Die beiden Mädchen setzten sich auf die Vorderplätze der einzigen Loge, die noch zu haben war, und ich saß hinter ihnen auf der zweiten Sitzbank, die anderthalb Fuß höher war als die erste. Es waren bereits zwei Damen da, und die eine von ihnen war die berühmte Herzogin von Villadorias. Ich mußte unwillkürlich lachen. Sie saß vor mir, so daß ihr Kopf ungefähr zwischen meinen Beinen sich befand. Sie erkannte mich und wünschte sich Glück zu dem Zufall, der uns in Kirche und bei Schauspielen zusammenbrächte; hierauf betrachtete sie Doña Ignazia, die neben ihr saß, äußerte mir in französischer Sprache ihre Bewunderung ihrer Schönheit und fragte mich, ob sie meine Frau oder meine Geliebte sei. Ich antwortete ihr, es sei eine Schönheit, um die ich vergebens seufze. Sie sagte mir lächelnd: in diesem Punkte sei sie ungläubig; hierauf wandte sie sich zu Ignazia und machte die reizendsten Bemerkungen über die Liebe, in der sie ihr die gleiche Erfahrung zutraute wie sich selber. Schließlich sagte sie ihr etwas ins Ohr. Ignazia errötete. Die Herzogin wurde feurig und sagte mir, ich hätte mir das schönste Mädchen in ganz Madrid ausgesucht; sie wolle gar nicht wissen, wer sie sei, aber sie werde sich freuen, wenn ich mit dem reizenden Mädchen bei ihr in ihrem Landhause speise.

Ich versprach es ihr, da es eben nicht anders ging. Doch ersparte ich es mir, den Tag festzusetzen. Indessen nötigte sie mich zu dem Versprechen, sie am nächsten Tage um ein Uhr zu besuchen. Ich bekam einen Schreck, als sie mir sagte, sie werde allein sein; denn dieses Wort bedeutete ein Stelldichein in aller Form. Sie war hübsch, aber zu bekannt; es wäre über meinen Besuch zu viel geredet worden.

Zum großen Glück begann das Stiergefecht, und damit wurde allgemeines Schweigen unerläßlich; denn die Spanier sind für dieses Schauspiel so leidenschaftlich begeistert, daß sie sich durch nichts davon ablenken lassen.

Man hat von diesen Stierkämpfen so viel gesprochen, daß ich meine Leser nicht durch eine Beschreibung ermüden will. Es möge genügen, wenn ich sage, daß sie eine Barbarei sind, die den Sitten eines Volkes nur schädlich sein kann; denn die Arena ist zuweilen ganz überströmt von dem Blute der Stiere, der Pferde, denen sie den Bauch aufgeschlitzt haben, und oft sogar der unglücklichen Picadores, deren Geschäft und Vergnügen es ist, die wütenden Stiere noch mehr zu reizen. Sie haben keine anderen Verteidigungsmittel als eine kleine rote Fahne, womit sie den sie verfolgenden Tieren eine andere Richtung geben, indem sie sie ihnen hinwerfen, während sie selber so schnell wie möglich nach einer anderen Stelle laufen oder mit großer Gelenkigkeit über die hohe Schranke springen.

Als das Stiergefecht zu Ende war, brachte ich die beiden Mädchen, die mir tausendmal dankten, nach meiner Wohnung und lud die Cousine zum Abendessen ein, indem ich darauf rechnete, daß sie wie am Tage vorher dableiben und mit ihrer Cousine zusammen schlafen werde.

Wir aßen, aber wir waren traurig; denn Don Diego aß außerhalb des Hauses, und ich war in so schlechter Laune, daß ich mir keine Mühe geben mochte, die Mahlzeit zu erheitern.

Doña Ignazia wurde nachdenklich, als ich auf ihre Frage, ob ich die Herzogin wirklich besuchen würde, ihr antwortete: »Ich würde gegen alle Gebote der Schicklichkeit verstoßen, wenn ich nicht hinginge. Wir werden auch eines Tages nach ihrem Landhause hinausfahren.«

»Oh, rechnen Sie nur nicht auf mich!«

»Warum denn nicht?«

»Weil sie wahnsinnig ist. Sie flüsterte mir Bemerkungen ins Ohr, die mich beleidigt haben würden, wenn ich mir nicht gesagt hätte, daß sie mir eine Ehre zu erweisen glaubte, indem sie mich wie ihresgleichen behandelte.«

Wir standen vom Tisch auf, und nachdem ich meinen Bedienten fortgeschickt hatte, setzten wir uns auf den Balkon, um auf Don Diego zu warten und einen leichten kühlen Wind zu genießen, der bei solcher Hitze köstlich ist.

Wir saßen nebeneinander auf den Fliesen. Von Liebe befeuert und von der geheimnisvollen Dunkelheit erregt, die die Liebenden gegen lästige Blicke schützt, ohne sie zu verhindern, einander zu sehen, blickten wir uns verliebt an, und ich las in Ignazias Augen, daß die Schäferstunde da war. Ich legte meinen Arm um sie und drückte meine Lippen auf ihren Mund. Das süßeste Zittern verriet mir, von welchem Feuer ihre Seele verzehrt wurde.

»Wirst du zur Herzogin gehen?«

»Nein, mein Herz, ich werde nicht gehen, wenn du mir versprichst, Sonntag nicht zu deinem Beichtvater zu gehen.«

»Aber was wird er sagen, wenn ich nicht komme?«

»Nichts – vorausgesetzt, daß er sein Geschäft versteht. Aber laß uns einmal vernünftig darüber sprechen!«

Wir saßen so dicht aneinandergepreßt, daß die Cousine, die sich wohl dachte, was kommen könnte, als gutes, teilnehmendes Mädchen an das andere Ende des Balkons ging und uns den Rücken zudrehte.

Ohne mich zu rühren, ohne die Stellung zu ändern, und mich gewaltsam jeder Bewegung enthaltend, so schwer mir dies auch wurde, fragte ich sie, ob sie in diesem Augenblick geneigt sei, die Sünde zu bereuen, die sie zu begehen geneigt sei.

»Ich denke in diesem Augenblick nicht an meine Beichte; aber wenn du mich daran erinnerst, werde ich ganz gewiß beichten.«

»Und wenn du gebeichtet hast – wirst du dann fortfahren, mich zu lieben wie in diesem Augenblick?«

»Ich hoffe, Gott wird mir die Kraft geben, ihn nicht mehr zu beleidigen.«

»Ich versichere dir, Gott wird dir diese Kraft nicht geben, wenn du fortfährst, mich zu lieben. Ich bin überzeugt, du wirst dein möglichstes tun, um Gottes Gnade zu verdienen, und so sehe ich voraus, daß du mir Dienstag Abend das Glück verweigern wirst, das du mir zu bewilligen in diesem Augenblick bereit bist.«

»Ach, das ist nur zu wahr, mein lieber Freund; aber warum sollen wir in diesem Augenblick daran denken?«

»Weil ich meine Liebe und die deinige vermehre, wenn ich mich jetzt dem süßesten Genusse hingebe, und weil ich dann später unglücklich sein würde, wenn ich dich nicht jeden Tag besitzen könnte. Versprich mir also, während der ganzen Zeit, die ich noch in Madrid bleibe, nicht zur Beichte zu gehen, oder laß mich in diesem Augenblick mich selber zum Unglücklichsten aller Menschen machen, indem ich mich zurückziehe; denn ich kann mich mit gutem Gewissen nicht der Liebe überlassen, wenn ich an den Kummer denke, den dein Widerstand mir am Sonntag bereiten würde.«

Während ich ihr diese in unserer Lage sehr grausamen Worte sagte, schloß ich sie zärtlich in meine Arme, indem ich sie in überströmender Liebe mit allen möglichen Liebkosungen überhäufte; bevor ich jedoch zur entscheidenden Handlung schritt, fragte ich sie von neuem, ob sie mir verspreche, am nächsten Sonntag nicht zu beickten.

»Oh, wie grausam sind Sie in diesem Augenblick, mein lieber Freund! Sie machen mich unglücklich; denn dieses Versprechen kann ich mit gutem Gewissen Ihnen nicht geben.«

Als ich diese Antwort vernahm, die ich erwartet hatte, hielt ich mich vollkommen unbeweglich, obwohl ich sicher war, sie für den Augenblick unglücklich zu machen. Denn ich mußte sie zur Verzweiflung bringen, indem ich bei dem Zustande höchster Erregung, worin sie sich befand, das Werk nicht zu Ende brachte. Ich litt ebenfalls viel; denn ich befand mich auf der Schwelle des Tempels, und eine einzige Bewegung würde genügt haben, um in das Heiligtum hineinzugelangen. Aber ich war gewiß, daß die Entbehrung für sie noch viel größer war als für mich, und daß sie nicht lange widerstehen würde.

Doña Ignazia war in der Tat in Verzweiflung; ich hatte sie nicht zurückgestoßen, aber ich verhielt mich vollständig untätig. Da die Schamhaftigkeit sie verhinderte, offen das Werk der Liebe zu begehren, so verdoppelte sie ihre Liebkosungen, drängte sich in der bequemsten Stellung an mich heran und warf mir zugleich vor, daß meine Handlungsweise eine grausame wäre, nachdem ich sie verführt hätte.

Ich weiß nicht, ob ich mich hätte halten können; aber in diesem Augenblick drehte die Cousine sich um und sagte uns, Don Diego komme nach Hause.

Schnell brachten wir unsere Kleider in Ordnung und nahmen eine anständige Stellung ein. Die Cousine setzte sich neben uns; Don Diego ließ uns nach einigen Komplimenten im Dunkeln allein, indem er uns gute Nacht wünschte. Ich hätte wieder anfangen können; aber, hartnäckig meinem Plane getreu, wünschte ich mit der traurigsten Miene den beiden Mädchen eine gute Nachtruhe und legte mich zu Bett.

Ich hoffte, Doña Ignazia würde vielleicht Reue empfinden und mir Gesellschaft leisten, sobald ihre Cousine eingeschlafen wäre; aber sie kam nicht. Sie verließen das Zimmer am Morgen in aller Frühe. Mittags kam Don Diego herunter, um mit mir zu speisen; er sagte mir, seine Tochter habe so starke Kopfschmerzen, daß sie nicht einmal zur Messe gegangen sei; jetzt sei sie eingeschlummert.

»Man muß sie überreden, etwas zu essen.«

»Im Gegenteil, das Fasten wird ihr gut tun, und heute Abend wird sie mit Ihnen essen können.«

Sobald ich meine Siesta gehalten hatte, ging ich zu ihr und setzte mich neben ihr Bett. Drei Stunden hindurch sagte ich ihr alles, was ein Liebhaber wie ich einem Mädchen sagen kann, das erst bekehrt werden muß, um glücklich zu werden. Sie hielt die Augen geschlossen, sprach kein Wort und seufzte, wenn ich irgend etwas Rührendes sagte.

Ich verließ sie, um einen Spaziergang auf dem Prado San Jeronimo zu machen. Beim Abschied sagte ich ihr: wenn sie nicht herunterkäme, um mit mir zu Abend zu essen, so wäre das ein Beweis, daß sie mich nicht mehr sehen wollte.

Die Drohung tat ihre Wirkung. Sie setzte sich zu Tisch, als ich schon nicht mehr auf ihr Kommen hoffte, aber sie war bleich und verstört. Sie aß wenig und sprach nicht; denn ihre Überzeugung stand fest, und sie wußte nicht, was sie mir sagen sollte. Von Zeit zu Zeit benetzte eine Träne ihre Wimper. Ich sah, daß sie litt, und war tief bewegt.

Bevor sie wieder nach oben ging, fragte sie mich, ob ich bei der Herzogin gewesen sei. Ihre Traurigkeit verminderte sich ein wenig, als ich ihr antwortete: »Nein, ich bin nicht dagewesen; hiervon kann Filippo Sie überzeugen, denn er hat der Dame einen Brief überbracht, worin ich sie gebeten habe, mich zu entschuldigen, wenn ich ihr heute nicht meinen Besuch machen könne.«

»Aber werden Sie an einem anderen Tage hingehen?«

»Nein, mein Herz; denn ich sehe, daß das Ihnen Schmerz machen würde.«

Sie stieß einen Seufzer der Genugtuung aus; ich umarmte sie sanft, und sie ging hinaus, indem sie mich ebenso traurig zurückließ, wie sie selber war.

Ich sah wohl, daß das, was ich von ihr verlangte, viel zu viel war; aber ich durfte trotzdem mit Grund hoffen, sie zur Vernunft zu bringen, denn ich wußte, wie heiß ihre Liebesglut war. Ich wollte sie nicht dem lieben Gott abspenstig machen, sondern ihrem Beichtvater. Wäre sie nicht katholisch gewesen, so hätte ich am ersten Tage gesiegt.

Sie hatte mir gesagt, sie wäre ihrem Beichtvater gegenüber in Verlegenheit, wenn sie nicht mehr zur Beichte ginge. Von Redlichkeit und hohem spanischen Ehrgefühl erfüllt, konnte sie sich nicht entschließen, ihren Beichtvater zu betrügen, ebensowenig aber, ihre Liebe mit ihrer vermeintlichen religiösen Pflicht in Einklang zu bringen. Sie tat recht daran, daß sie so dachte.

Der Freitag und der Sonnabend vergingen, ohne daß sie eine Wendung brachten. Ihr Vater, dem es nicht entgehen konnte, daß wir uns liebten, der aber auf ihre Tugend und wohl auch auf meine Redlichkeit rechnete, ließ uns miteinander zu Mittag und zu Abend essen. Er selber kam fast nur herunter, wenn ich ihn eigens bitten ließ. Doña Ignazia verließ mich am Sonnabend trauriger als gewöhnlich; sie wandte den Kopf ab, als ich ihr wie jeden Abend einen Kuß geben wollte, durch den ich sie, so kam es mir vor, meiner Treue versicherte.

Ich sah, warum sie sich so benahm: sie sollte am nächsten Tag das Abendmahl empfangen.

Ich bewunderte unwillkürlich die Aufrichtigkeit ihrer Seele, und ich beklagte sie, denn ich erriet, welchen Kampf die beiden entgegengesetzten Leidenschaften in ihrem Herzen führen mußten. Ich begann Furcht zu hegen und zu bereuen, daß ich alles aufs Spiel gesetzt hatte, anstatt mich mit einer anständigen Teilung zu begnügen. Um mich mit eigenem Auge zu überzeugen, stand ich am Sonntag in aller Frühe auf und verließ nach ihr das Haus. Ich wußte, daß sie ihre kleine Cousine abholen würde, und ging daher nach der Soledad voraus. Ich stellte mich an die Tür der Sakristei, von wo aus ich alles sehen konnte, ohne selber gesehen zu werden.

Ich wartete eine Viertelstunde auf die beiden Cousinen. Sie kamen, knieten einige Augenblicke nieder und trennten sich dann, um eine jede zu ihrem Beichtvater zu gehen.

Da die Cousine mich durchaus nicht interessierte, so beschäftigte ich mich nur mit Doña Ignazia. Ich sah sie in den Beichtstuhl eintreten und den Beichtvater sich zu ihr wenden.

Ich wartete geduldig, und ich hatte allerdings viel Geduld nötig; oenn diese Beichte nahm gar kein Ende. Was sagt sie ihm? Was sagt er ihr? dachte ich bei mir selber, als ich sah, daß der Beichtvater von Zeit zu Zeit mit ihr sprach.

Ich konnte es nicht mehr aushalten und war schon auf dem Sprunge, mich zu entfernen, als ich sie endlich aufstehen sah.

Doña Ignazia sah wie eine Heilige aus; mit gesenkten Augen kniete sie nicht weit von mir nieder, aber ich konnte sie von meinem Platz aus nicht mehr sehen. Ich glaubte, sie wollte die Messe hören, die vor einem Altar in ihrer Nähe gelesen wurde, und würde nach Beendigung derselben vor den Hauptaltar treten, um das Abendmahl zu empfangen. Aber es kam anders: als die Messe zu Ende war, ging sie nach der Türe zu, wo ihre Cousine auf sie wartete, und die beiden Mädchen verließen die Kirche.

Diese Wahrnehmung versetzte mich in große Aufregung. Ich empfand beinahe Gewissensbisse und sagte bei mir selber: »Es ist aus. Aufrichtig, fromm und zugleich leidenschaftlich verliebt, wird das arme Mädchen ehrlich gebeichtet, wird das Gefühl gestanden haben, das sie beseelt, und der Priester, der pflichtgemäß, ein grausamer Barbar ist und außerdem vielleicht sich in gutem Glauben befindet, wird ihr die Absolution verweigert haben. Alles ist verloren! Was wird nun kommen? – Meine eigene Ruhe und die des jungen Mädchens, das ein Opfer seiner Frömmigkeit und seiner Liebe ist, verlangen, daß ich mich entferne. – Daß ich doch auch mit meiner unglücklichen, dummen Lebenserfahrung alles an alles gesetzt habe! Der spanische Charakter ist zu sonderbar; er kann nicht nach dem Muster anderer Völker beurteilt werden. – Ich hätte sie ab und zu durch Überraschung besessen; die Schwierigkeit hätte die Intrige noch pikanter gemacht. Ich bin eingebildet gewesen, wie ein zwanzigjähriger Jüngling; darum habe ich alles verloren. – Heute beim Mittagessen werde ich sie traurig sehen; sie wird weinen. Dieser Qual muß ich ein Ende machen.«

Unter solchen Selbstgesprächen ging ich sehr traurig und sehr unzufrieden mit mir selber nach Hause.

Mein Friseur wartete auf mich; ich schickte ihn fort und sagte meiner Biskayerin, sie solle mein Mittagessen nicht früher auftragen, als bis ich es befehle. Um meinen Kummer zu verschlafen, legte ich mich wieder zu Bett und lag bis ein Uhr in tiefem Schlaf wie ein Toter.

Nachdem ich aufgestanden war, befahl ich das Essen aufzutragen und dem Vater und der Tochter Bescheid zu sagen, daß ich sie erwarte.

Man denke sich meine Überraschung, als ich Doña Ignazia in spanischer Tracht erscheinen sah: sie trug ein Mieder von schwarzem Samt mit Schleifen und Litzen an allen Nähten. Es gibt in ganz Europa keine schönere Kleidung, wenn sie von einem schönen Weibe getragen wird.

Als ich sie so hübsch sah, konnte ich mich nicht mehr enthalten, ihr über die heitere Ruhe, die auf ihren Zügen lag, ein Kompliment zu machen. Sie antwortete mir mit einem süßen Lächeln; ich vergaß, daß sie mir am Tage vorher einen Kuß verweigert hatte, und umarmte sie, und sie war sanft wie ein Lamm.

Filippo trat ein, und wir setzten uns zu Tisch. Ich dachte über die unverhoffte Änderung nach und sah, daß meine schöne Spanierin den Graben übersprungen und ihren Entschluß gefaßt hatte.

»Ich werde glücklich sein,« sagte ich zu mir selber, »aber tun wir nichts, und lassen wir sie von selber kommen.«

Ich verbarg jedoch nicht die Zufriedenheit, von der meine Seele erfüllt war, sondern sprach mit ihr von Liebe, so oft mein Bedienter uns allein ließ; ich sah, daß sie nicht nur in behaglicher Stimmung war, sondern von Liebe glühte.

Bevor wir vom Tisch aufstanden, fragte sie mich, ob ich sie noch liebte.

»Mehr denn je, mein Herz! Ich bete dich an!«

»So führe mich doch zum Stiergefecht!«

»Schnell den Friseur!«

Nachdem ich frisiert war, machte ich auf das sorgfältigste Toilette; ich zog einen seidenen Rock mit Lyoner Stickerei an, den ich noch nicht ein einziges Mal getragen hatte. Vor Ungeduld glühend gingen wir zu Fuß hin, um uns nicht durch das Warten auf den Wagen zu verspäten; denn ich fürchtete, wir würden keinen guten Platz mehr finden. Wir erhielten zwei Plätze in einer großen und schönen Loge und setzten uns nebeneinander. Ignazia warf einen schnellen Blick auf die anderen Insassen der Loge und sagte mir, sie sei recht glücklich, daß ich nicht neben der scheußlichen Herzogin sitze.

Es war ein herrliches Wetter. Als das Stiergefecht zu Ende war, bat meine Schöne mich, sie nach dem Prado zu führen, wo wir die ganze galante Welt von Madrid fanden.

Doña Ignazia ging an meinem Arm und schien stolz darauf zu sein, mir anzugehören. Ich war vor Freude ganz selig.

Plötzlich sahen wir vor uns den venetianischen Gesandten und seinen Günstling Manucci. Sie waren an demselben Tage von Aranjuez gekommen, aber ich wußte das noch nicht. Nachdem wir uns mit vollem spanischen Anstand begrüßt hatten, machte der Botschafter mir das schmeichelhafte Kompliment über die Schönheit meiner Begleiterin. Doña Ignazia tat, wie wenn sie nichts verstände, aber sie drückte mir den Arm mit jenem unmerklichen Zartgefühl, das eine hervorragende Eigenschaft der Spanier ist.

Nachdem sie ein Stückchen mit uns spazieren gegangen waren, sagte Herr von Mocenigo zu mir, er hoffe, ich werde ihm das Vergnügen machen, am nächsten Tage bei ihm zu speisen. Ich antwortete ihm durch eine Neigung des Kopfes auf französische Art, und wir trennten uns.

Nachdem wir Gefrorenes gegessen hatten, gingen wir in der Dämmerung nach Hause. Unterwegs bereitete ein sanfter Druck des Armes mich auf das Glück vor, das meiner harrte.

Wir fanden den Vater auf dem Balkon; er hatte auf uns gewartet, und nachdem er mich herzlich begrüßt hatte, machte er seiner Tochter ein Kompliment über ihre gute Laune und über das Vergnügen, dessen sie in Gesellschaft eines so eleganten Kavaliers wie des Don Jaime genossen hat. Entzückt von dem fröhlichen Humor des guten Papas lud ich ihn ein, mit uns zu Abend zu speisen. Er nahm meine Einladung an und unterhielt uns durch hundert Anekdötchen, durch hübsche galante Geschichtchen, bei deren Erzählung sein schöner Charakter so recht zutage trat. Beim Abschied aber sagte der wackere Mann zu mir: »Amigo, Senor Don Jaime, ich lasse Sie hier, um auf dem Balkon mit meiner Tochter die frische Nachtluft zu genießen. Ich bin entzückt, daß Sie Ignazia lieben, und versichere Ihnen, daß es nur bei Ihnen steht, mein Schwiegersohn zu werden, sobald ich sagen kann, daß ich Ihres Adels sicher bin.«

Ich habe seine Ausdrücke getreulich wiedergegeben; unmöglich aber kann ich den edlen spanischen Ernst wiedergeben, womit sie gesprochen wurden.

Sobald er fort war, sagte ich zu seiner Tochter: »Ich wäre überglücklich, meine reizende Freundin, wenn dieses sein könnte; aber in meiner Heimat nennt man Adlige nur diejenigen, die durch ihre Geburt das Recht haben, den Staat zu lenken. Wäre ich in Spanien geboren, so wäre ich adlig. Aber wie ich auch bin, – ich bete dich an, und ich darf hoffen, daß du mich glücklich machen wirst.«

»Ja, mein lieber Freund, ganz und gar! Aber auch ich will mit dir glücklich sein. Keine Untreue!«

»Niemals! Darauf gebe ich dir mein Ehrenwort.«

»So komm, mein Herz, corazon mio, laß uns die Balkontür schließen.«

»Nein; laß uns die Kerze auslöschen und noch ein Viertelstündchen hier bleiben. Sage mir, mein Engel, woher kommt mir dieses Glück, auf das ich nicht mehr zu hoffen wagte?«

»Wenn es ein Glück ist, so verdankst du es einer Tyrannei, die mich zur Verzweiflung bringen wollte. Gott ist gut, und ich bin überzeugt, er will nicht, daß ich mein eigener Henker werde. Als ich meinem Beichtvater sagte, es sei mir ebenso unmöglich, dich nicht mehr zu lieben, wie es mir unmöglich sei, mit dir eine geschlechtliche Ausschweifung zu begehen – da antwortete er mir, ich könne nicht dieses Vertrauen zu mir haben, da ich bereits einmal schwach gewesen sei. Hierauf verlangte er, ich sollte ihm versprechen, niemals wieder mit dir unter vier Augen zu sein. Ich sagte ihm, dies könnte ich ihm nicht versprechen, und hierauf verweigerte er mir die Absolution. Dieser Schimpf widerfuhr mir zum ersten Male in meinem Leben, aber ich habe ihn mit einer Geisteskraft getragen, die ich mir nicht zugetraut hätte. Ich habe mich in Gottes Hände gegeben und gesagt: >Herr, dein Wille geschehe!< – Während ich die Messe hörte, faßte ich meinen Entschluß: Solange du mich liebst, werde ich nur dir angehören. Wenn du, zu meiner Verzweiflung, Spanien verlassen wirst, will ich einen anderen Beichtvater aufsuchen. Mein Trost ist, daß mein Gewissen sehr ruhig ist. Meine Cousine, der ich alles gesagt habe, ist darüber ganz erstaunt, aber sie hat sehr wenig Verstand. Sie weiß nicht, daß meine Leidenschaft für dich nur eine vorübergehende Verirrung ist.«

Nach dieser Rede, die mir meine volle Ruhe wiedergab und alle meine Gewissensbedenken beseitigt haben würde, wenn ich welche gehabt hätte, nahm ich sie mit mir in mein Bett. Am Morgen verließ sie mich, ermüdet, aber verliebter denn je.

Sechstes Kapitel


Abreise von Paris. – Meise nach Madrid. – Der Graf von Aranda. – Der Fürst della Cattolica. – Der Herzog von Lossada. – Mengs. – Ein Ball. – Die Pichona. – Dona Ignazia.

Schön, mein Herr Chevalier, ich habe gelesen und werde mich bemühen, dem Herrscher dieses plaisir so früh wie möglich zu erweisen. Sollte ich jedoch in vierundzwanzig Stunden noch nicht reisen können, so wird Seine Majestät das plaisir haben, mit mir alles zu machen, was ihm vielleicht plaisir macht.«

»Mein Herr, die vierundzwanzig Stunden sind nur der Form wegen Ihnen vorgeschrieben. Erkennen Sie den Befehl an und geben Sie mir Quittung über die lettre de cachet, dann können Sie nach Ihrer Bequemlichkeit abreisen. Ich ersuche Sie nur, mir Ihr Ehrenwort zu geben, weder Schauspieler zu besuchen noch sich zu Fuß auf die öffentlichen Spaziergänge zu begeben.«

»Mein Herr, ich gebe Ihnen mein Wort und danke Ihnen dafür, daß Sie es annehmen.«

Ich führte den Chevalier in mein Zimmer und schrieb dort alles nieder, was er mir diktierte. Da er mir hierauf sagte, es werde ihm Freude machen, meinen Bruder zu sehen, den er bereits kenne, so führte ich ihn in den Saal, wo man noch bei Tisch saß, und erzählte den Anwesenden ohne Umstände, aber mit höflichem und heiterem Ausdruck, den Anlaß seines Besuches.

Mein Bruder lachte und sagte zum Chevalier: »Mein lieber Herr de Buhot, dieser Befehl war sicherlich nicht notwendig, denn mein Bruder gedachte im Laufe der Woche ohnedies abzureisen.«

»Um so besser. Wenn der Minister das gewußt hätte, hätte er sich nicht die Umstände gemacht, den Brief noch heute morgen unterzeichnen zu lassen.«

»Kennt man den Grund der Maßregel?«

»Man spricht von einer Bemerkung, daß ein gewisser Herr Fußtritte vor den Hintern erhalten solle; es ist zwar ein junger Herr, aber von einem Range, daß er Fußtritts zu empfangen nicht gewöhnt ist.«

»Sie begreifen, Herr Chevalier,« sagte ich, »daß diese Worte nur eine Formsache sind, genau wie die vierundzwanzig Stunden des Befehles. Ich habe den ungezogenen jungen Herrn mit diesen Worten bedrohen zu müssen geglaubt, um auf die beleidigenden Worte zu antworten, die er sich mir gegenüber erlaubte. Wäre er herausgekommen, so hatte er ja einen Degen bei sich, durch den er leicht seinen Hintern vor einer Beschimpfung schützen konnte.«

Hierauf erzählte ich die Geschichte mit allen Umständen, und Buhot gab zu, daß ich vollkommen recht hätte; aber er meinte doch, daß auch die Polizei recht hätte, wenn sie, soviel es in ihren Kräften stände, Händel dieser Art verhinderte. Er riet mir, am nächsten Morgen die ganze Geschichte dem Herrn von Sartines zu erzählen, der mich ja kenne und entzückt sein werde, den Vorfall aus meinem Munde zu vernehmen. Ich antwortete hierauf nicht, denn ich kannte den berühmten Polizeistatthalter als einen Herrn, der gerne Moralpredigten hielt.

Die lettre de cachet war vom 6. November datiert, und ich verließ Paris erst am 20.

Ich machte allen meinen Bekannten Mitteilung von der Ehre, die der König von Frankreich mir erwiesen hätte, indem er mir sein bon plaisir hätte bedeuten lassen. Das ist eine abscheuliche Formel, denn sie erniedrigt das Menschengeschlecht. Ich widersetzte mich in aller Form dem wohlwollenden Eifer der Frau du Rumain, die durchaus nach Versailles gehen wollte, da sie, wie sie behauptete, sicher wäre, daß sie die Rücknahme der lettre de cachet erwirken würde. Mein Paß, wonach ich Postpferde nehmen durfte, ist vom 19. November vom Herzog von Choiseul ausgestellt; ich besitze ihn noch.

Ich reiste allein, ohne Bedienten, immer noch traurig über den Tod meiner Charlotte, aber ruhig, mit hundert Louis in meiner Börse und einem Wechsel von achttausend Franken auf Bordeaux. Ich erfreute mich einer vollkommenen Gesundheit, und meine Lebensanschauung war eine ganz andere geworden. Ich ging in ein Land, wo ich Klugheit und Umsicht nötig hatte. Außerdem hatte ich alle meine Hilfsquellen verloren; der Tod hatte mich einsam gemacht; ich war bereits in meinen eigenen Augen ein Herr von einem gewissen Alter. Von diesem Alter will das Glück für gewöhnlich nichts wissen, und die Frauen noch weniger.

Die Valville besuchte ich erst am Tage vor meiner Abreise; ich fand sie in einer glänzend möblierten Wohnung und reich mit Diamanten versehen. Als ich ihr die fünfzig Louis wiedergeben wollte, fragte sie mich, ob ich mindestens tausend besäße, und als sie erfuhr, daß ich nur fünfhundert hatte, weigerte sie sich rund heraus, das Geld anzunehmen, und bot mir ihrerseits auf die freundschaftlichste Weise ihre Börse an, die ich jedoch ebenfalls zurückwies. Seitdem habe ich niemals wieder etwas von diesem guten Mädchen gehört; ich gab ihr ausgezeichnete Ratschläge, um im Alter eine unabhängige Stellung einzunehmen, wenn ihre Schönheit ihr nichts mehr einbringen würde. Ich will wünschen, daß sie sich diesen Rat zunutze gemacht hat.

Nachdem ich meinen Bruder und meine Schwägerin umarmt hatte, stieg ich um sechs Uhr abends in meinen Wagen, um bei Mondschein die ganze Nacht hindurch zu fahren und in Orléans zu Mittag zu essen. Dort wollte ich einen alten Bekannten besuchen. In einer halben Stunde war ich in Bourg-la-Reine. Dort schlief ich ein. Zu meinem Verdruß wurde ich jeden Augenblick aufgeweckt, um das Postgeld zu bezahlen; zum letzten Male erwachte ich in Orléans um sieben Uhr morgens.

Oh, mein schönes, liebes Frankreich, wo zu jener Zeit alles so gut ging, trotz den lettres de cachet, trotz den Fronden, dem Elend des Volkes, dem bon plaisir des Königs und der Minister! Mein liebes Frankreich, was ist heute aus dir geworden? Das Volk ist dein Herrscher, – das Volk, der brutalste, tyrannischste von allen Herrschern! Du hast allerdings nicht mehr das bon plaisir des Königs, aber du hast dafür die Laune der Volksmenge, und die Republik ist eine abscheuliche Regierungsform, die für moderne Völker nicht passen kann; denn diese sind zu reich, zu klug und vor allen Dingen zu verderbt für eine Regierungsform, deren Voraussetzungen Selbstverleugnung, Nüchternheit und alle Tugenden sind. Das wird nicht von Dauer sein.

Ich ließ mich zu Bodin führen, einem wackeren ehemaligen Tänzer, der die Geoffroy geheiratet hatte, eine von meinen tausend Geliebten, die ich vor zweiundzwanzig Jahren zuerst gekannt hatte. Ich hatte sie später in Turin, Wien und Paris getroffen und ich wollte sie nun gern auch in ihrem Hause sehen. Diese Überraschungen, diese Wiedererkennungen, wodurch alte Erinnerungen belebt, frühere Freuden wieder wachgerufen werden, waren stets meine schwache, oder vielmehr meine starke Seite gewesen. Ich glaubte für einen Augenblick wieder zu sein, was ich einst gewesen war, und meine Seele freute sich, indem ich meine Erlebnisse erzählte oder die der Wiedergefundenen erzählen ließ. Ich hatte eine Freude daran, weil keine Reue mein Gewissen peinigte.

Bodins Frau war mehr häßlich als alt geworden; außerdem war sie jetzt ihrem Mann zuliebe fromm und gab Gott, was der Teufel übrig gelassen hatte. Bodin lebte vom Ertrage eines kleinen Gutes, das er gekauft hatte, und schrieb der Gerechtigkeit eines rächenden Gottes alles Unglück zu, das im Laufe des Jahres sein Landgut befiel. Ich aß mit ihm Fastenspeisen, denn es war Freitag, und die Vorschrift der Kirche war unverletzlich. Ich erzählte ihm in aller Ruhe meine Erlebnisse seit der Zeit, daß wir uns zuletzt gesehen hatten, und als ich fertig war, stellten sie lange Betrachtungen darüber an, daß das Leben des Menschen unregelmäßig sei, wenn er sich nicht bei allen seinen Grundzügen von der Religion leiten lasse. Sie sagten mir – was ich ebensogut und vielleicht besser als sie selber wußte –, daß es einen Gott gebe, daß ich eine Seele habe, und daß es für mich hohe Zeit sei, nach ihrem Beispiel auf alle Eitelkeit der Welt zu verzichten.

»Und Kapuziner zu werden, nicht wahr?«

»Daran täten Sie gar nicht übel.«

»Schön; aber ich werde solange warten, bis mein Bart in einer einzigen Nacht lang genug wächst.«

Trotz allen diesen Dummheiten war es mir nicht unangenehm, sechs Stunden mit diesen guten Geschöpfen verbracht zu haben, die auf ihre Art durch ihre aufrichtige Reue glücklich sein mußten. Nachdem ich sie zärtlich umarmt hatte, stieg ich wieder in meinen Wagen und fuhr die ganze Nacht hindurch. In Chanteloup machte ich Halt, um das Denkmal der Prachtliebe und des Geschmackes des Herzogs von Choiseul zu sehen. Ich brachte dort vierundzwanzig Stunden zu. Ein Mann von höfischem Wesen, der mich nicht kannte und dem ich nicht empfohlen war, wies mir eine schöne Wohnung an, gab mir ein Abendessen und setzte sich erst, nachdem ich ihn lange hatte bitten müssen, zu mir an den Tisch. Am nächsten Tage beim Mittagessen benahm er sich ebenso; er führte mich überall herum und ehrte mich wie einen Fürsten, ohne mich auch nur nach meinem Namen zu fragen. Er war so aufmerksam, dafür zu sorgen, daß kein Bedienter zugegen war, als ich in meinen Wagen stieg, um weiter zu fahren. Dies geschah aus Zartgefühl, um den Gast zu verhindern, daß er die Herberge bezahlte, indem er einem Bedienten einen Louis in die Hand drückte.

Das schöne Schloß, für das der Herzog von Choiseul ungeheure Summen ausgegeben hatte, kostete ihm nichts; denn er blieb alles schuldig und kümmerte sich nicht darum; er war ein abgesagter Feind des Unterschiedes von mein und dein. Er bezahlte keinen Menschen, belästigte aber auch niemals solche, die ihm etwas schuldig waren. Er gab gern. Liebhaber der Künste, Freund aller talent- und geschmackvollen Leute, fand er ein ganz besonderes Vergnügen daran, wenn er ihnen nützlich sein konnte und wenn sie ihm ihre Dankbarkeit dadurch bezeigten, daß sie ihm den Hof machten. Übrigens besaß er viel Geist, aber dieser ging nur ins Große und bekümmerte sich nicht um Kleinigkeiten; denn er war faul und vergnügungssüchtig. »Es ist Zeit für alles!« war sein Lieblingswort. Früher waren die Minister an Kuriertagen nicht zugänglich gewesen; er machte diese Gewohnheit lächerlich und brachte es wirklich dahin, daß auch für die Minister ein Tag wie der andere war.

In Poitiers kam ich um sieben Uhr abends an. Ich wollte noch bis Vivonne weiterfahren, aber zwei junge Mädchen rieten mir sehr dringend davon ab.

»Es ist sehr kalt, mein Herr,« sagten sie, »und der Weg ist nicht eben der beste. Sie sind doch kein Kurier. Lassen Sie sich von uns raten und essen Sie hier zu Abend; wir werden Ihnen ein ausgezeichnetes Bett geben, und morgen fahren Sie weiter.«

»Ich bin entschlossen weiterzureisen, meine jungen Damen; aber wenn Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten wollen, so bleibe ich.«

»Oh, das würde Ihnen zu teuer werden!«

»Durchaus nicht zu teuer. Schnell, entscheiden Sie sich!«

»Nun gut, wir werden mit Ihnen essen.«

»Lassen Sie also drei Gedecke auflegen. In einer Stunde reise ich ab.«

»In einer Stunde! In drei Stunden, mein Herr – denn Papa braucht zwei Stunden, um Ihnen ein gutes Abendessen zurecht zu machen.«

»Nun, dann werde ich überhaupt nicht abreisen, aber Sie müssen mir die ganze Nacht Gesellschaft leisten.«

»Wenn Papa damit einverstanden ist, gern. Wir werden Ihren Wagen in die Remise fahren lassen.«

Die lustigen Mädchen bekamen von ihrem Vater die Erlaubnis und gaben mir ein ganz ausgezeichnetes Abendessen mit köstlichen Weinen. Sie hielten mir bis Mitternacht im Essen wie im Trinken stand; fröhlich und zum Scherzen aufgelegt, überschritten sie doch niemals die Grenze eines erlaubten Spaßes.

Gegen Mitternacht trat der Vater mit lachendem Gesicht ein und fragte mich, ob ich mit dem Abendessen zufrieden gewesen sei.

»Sehr! Und noch vielmehr mit der Gesellschaft Ihrer Töchter, die wirklich reizend sind.«

»Das freut mich. Wenn Sie wieder hier durchreisen, werden sie Ihnen stets Gesellschaft leisten; aber es ist Mitternacht vorbei, und da ist es Zeit, zu Bett zu gehen.«

Ich antwortete nur durch ein bejahendes Nicken; denn meine Seele war noch zu betrübt über Charlottens Tod, um die Reize der Wollust empfinden zu können. Die liebenswürdigen jungen Damen mußten mich sehr zurückhaltend finden. Ich wünschte ihnen eine gute Nachtruhe, und ich glaube, ich würde sie nicht einmal umarmt haben, wenn der Vater mich nicht aufgefordert hätte, ihnen diese Ehre zu erweisen. Aus Eitelkeit legte ich in meine Umarmungen recht viel Feuer. Vielleicht glaubten sie, ich sei von Begierden verzehrt, und es war mir nicht unangenehm, mir dies vorzustellen.

Als ich allein war, dachte ich darüber nach, daß ich ein verlorener Mann wäre, wenn ich nicht Charlotte vergäße. Ich beschloß, mir Mühe zu geben. Ich schlief bis neun Uhr und befahl dann der Magd, die bei mir Feuer machte, Kaffee für drei Personen und die Pferde zu bestellen.

Die beiden hübschen Wirtstöchter frühstückten mit mir, und ich dankte ihnen dafür, daß sie mich zum Bleiben überredet hätten. Ich verlangte die Rechnung, und die älteste sagte mir, die Rechnung sei einfach und rund: einen Louis auf den Kopf. Ich ließ mir nichts merken, daß ich diese Geldschneiderei unverschämt fand, sondern gab ihr mit lachendem Munde die drei Louis und fuhr zufrieden ab.

In Angoulême, wo ich den Hofkoch des Königs von Preußen, Noël, zu sehen hoffte, fand ich nur dessen Vater; er bewirtete mich ausgezeichnet und zeigte mir sein geradezu wunderbares Talent in der Pastetenbäckerei. Die Beredsamkeit des braven Mannes war so heiß wie seine Backöfen. Er wußte mich zu überzeugen, daß er Pasteten, die ich bei ihm bestellen würde, an jede beliebige Adresse in ganz Europa versenden könnte.

»Wie? Nach Venedig, nach London, nach Warschau, nach Petersburg?«

»Sogar nach Konstantinopel, wenn Sie es wünschen. Sie brauchen mir nur die Adressen zu geben und, um sicher zu sein, daß ich Sie nicht betrügen will, bezahlen Sie mir die Rechnung erst, nachdem Sie die Nachricht erhalten haben, daß die Pasteten angekommen sind.«

Ich bezahlte vertrauensvoll im voraus und ließ ihn Pasteten nach Venedig, Warschau und Turin schicken; von allen Orten habe ich Danksagungen erhalten.

Der alte Noël war durch dies Geschäft reich geworden. Er versicherte mir, er schicke viele Pasteten nach Amerika, und mit Ausnahme der durch Schiffbrüche verloren gegangenen seien alle in ausgezeichnetem Zustande angekommen. Seine Pasteten waren meistens mit Truthahn, Rebhuhn oder Hasen gefüllt und mit Trüffeln gewürzt; er machte jedoch auch Gänseleber-, Lerchen- und Wachtelpasteten, je nach der Jahreszeit.

Zwei Tage darauf kam ich in Bordeaux an. Es ist eine herrliche Stadt und nach Paris die erste Frankreichs, was auch die Lyoner sagen mögen, deren Stadt es sicherlich mit Bordeaux nicht aufnehmen kann. Ich verbrachte dort acht Tage, um gut zu essen; denn man lebt in Bordeaux besser als anderswo.

Nachdem ich meine achttausend Franken auf Madrid hatte überschreiben lassen, reiste ich durch die Landes über Mont-de-Marsan und Bayonne nach Saint-Jean-de-Luz, wo ich meine Postkutsche verkaufte, die ich in Paris für meinen schönen Reisewagen eingehandelt hatte. Von dort begab ich mich nach Pampeluna, indem ich die Pyrenäen auf einem Maultier überstieg; ein zweites trug meine Koffer. Das Gebirge erschien mir viel gewaltiger als die Alpen. Vielleicht täuschte ich mich, denn ich befand mich in dem niedrigsten Teil; so viel ist jedoch gewiß, daß die Pyrenäen angenehmer, abwechslungsreicher, malerischer und fruchtbarer sind als die Alpen. In Pampeluna übernahm der Fuhrmann Andrea Capello die Beförderung meiner Person und meines Gepäckes, und wir brachen nach Madrid auf. Die ersten zwanzig Meilen ermüdeten mich nicht, denn die Straße war ebenso schön wie eine französische. Sie war ein Denkmal zu Ehren des Herrn von Gages, der nach dem italienischen Kriege Gouverneur von Navarra gewesen war und, wie man mir versicherte, diese schöne Straße auf seine Kosten hatte bauen lassen. Der berühmte General, der mich vor vierundzwanzig Jahren hatte in Arrest setzen lassen, gelangte auf diese Weise auf die Nachwelt, und nicht nur das, sondern er verdiente es auch. Als großer General hatte er nur blutbefleckte Lorbeeren gewonnen, war er nur Zerstörer gewesen; aber indem er diese schöne Straße bauen ließ, wurde er zu einem Wohltäter des Volkes und erwarb sich dauernden und unzerstörbaren Ruhm.

Ich kann nicht sagen, daß ich nach dem Aufhören dieser schönen Straße eine schlechtere fand, denn ich fand überhaupt keine Straße mehr. Über steile, steinige Hänge ging es bergauf und bergab. Nirgends die geringste Spur, daß schon ein Wagen gefahren war; das ist Alt-Kastilien. Man nimmt nicht an, daß Reisende, die ihre Bequemlichkeit lieben, auf diesem Wege nach Madrid gehen. Ich war denn auch keineswegs verwundert, nur elende Herbergen zu finden, die kaum für die Maultiertreiber gut genug sind, die mit ihren Tieren zusammenschlafen. Senñor Andrea suchte mir sorgfältig die beste Unterkunft aus, die zu haben war, und nachdem er seine Maultiere mit allem Notwendigen versorgt hatte, lief er durch das Dorf, um mir etwas zu essen zu verschaffen. Der Herr der elenden Herberge, wo wir eingekehrt waren, rührte sich nicht; er zeigte mir eine Kammer, wo ich schlafen könnte, einen Kamin, worin ich Feuer machen könnte, wenn ich Lust hätte; aber er kümmerte sich nicht darum, mir das nötige Holz oder Speisen zu beschaffen; das alles ging ihn nichts an.

Elendes Spanien!

Sich zugrunde zu richten, war allerdings schwer; denn er verlangte für meine Unterkunft weniger als man in Frankreich und sogar in Deutschland für ein Nachtlager in einer Scheune nimmt; aber man mußte stets außerdem eine Pezetta por el ruido bezahlen. Eine Pezetta für den Lärm. Die Pezetta hat einen Wert von vier Realen, nach französischem Gelde ungefähr einundzwanzig Sous.

Der gute Mann rauchte nachlässig seinen Sigarito von brasilianischem Tabak in einem zusammengerollten Stückchen Papier und stieß mit würdevoller Miene dicke Rauchwolken aus. Seine Armut war für ihn Reichtum, und seine Nüchternheit machte ihm das Dasein leicht. In ganz Europa versteht man die Kunst, nüchtern zu leben, nicht so gut, wie in den niedrigen Klassen Spaniens. Zwei Unzen weißen Brotes und ein paar geröstete Kastanien oder süße Eicheln, Bellotas genannt, genügen zum Lebensunterhalt eines Spaniers. Sein Stolz ist, sagen zu können, wenn er einen von ihm beherbergten Fremden abreisen sieht: ich habe mir durchaus keine Mühe gegeben, um ihn zu bedienen. Diese Denkungsweise beruht auf großer Faulheit, die mit viel Stolz gemischt ist: man ist ja Kastilianer; man darf sich nicht so weit herablassen, einen gavacho zu bedienen. Mit diesem Namen bezeichnet man in ganz Spanien die Franzosen und dann die Fremden überhaupt. Dies Wort gavacho ist viel schimpflicher als das Wort Hund, womit die Türken uns bezeichnen, und womit auch die Engländer sehr freigebig jeden bedenken, der nicht in den drei Königreichen geboren ist. Es ist selbstverständlich, daß Leute, die durch eine gute Erziehung oder durch Reisen Bildung gewonnen haben, nicht so sprechen oder auch nur denken. Ein Fremder, der gute Empfehlungen hat und sich anständig benimmt, findet vernünftige Leute in Spanien sowohl wie in England und in der Türkei.

Die zweite Nacht schlief ich in Algrada, einem kleinen Ort, den man mit dem Namen einer Stadt schmückt, und der ein wahres Wunder von Häßlichkeit und Traurigkeit ist. Dort wurde die Nonne Maria von Algrada wahnsinnig und schrieb das Leben der heiligen Jungfrau nach dem Diktat der Mutter unseres Heilandes. Man hatte mir ihr Werk zu lesen gegeben, als ich unter den Bleidächern war, und der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich durch die Träume der Visionärin beinahe meinen Verstand verloren hätte.

Wir machten täglich zehn spanische Meilen, und diese sind sehr lang. Eines Morgens glaubte ich vor uns ein Dutzend Kapuziner zu sehen, welche langsamer gingen als die Maultiere vor meinem Wagen. Als ich sie jedoch genauer betrachtete, sah ich lauter Frauen von verschiedenem Alter.

»Was ist denn das?« fragte ich den Señor Andrea; »sind denn diese Frauen wahnsinnig?«

»Durchaus nicht. Sie tragen die Kapuzinerkutte aus Frömmigkeit, und ich bin überzeugt, daß keine von ihnen ein Hemd auf dem Leibe hat.«

Daß sie kein Hemd hatten, war weiter nicht wunderbar; denn Hemden sind in Spanien selten; daß aber jemand das Kapuzinerkleid trug in dem Glauben, dadurch dem Schöpfer mehr zu gefallen, dieser Gedanke erschien mir äußerst seltsam.

Am Tore einer Stadt kurz vor Madrid verlangte man von mir meinen Paß. Ich gab ihn und stieg aus. Der Beamte zankte sich mit einem fremden Priester, der nach Madrid reisen wollte, aber keinen Paß für die Hauptstadt hatte. Er zeigte einen Paß, womit er in Bilbao gewesen war; mit diesem war der Beamte jedoch nicht zufrieden. Der Priester war Sizilianer; da man ihn offenbar schikanierte, so erregte er meine Teilnahme, und ich fragte ihn, warum er sich dieser Unannehmlichkeit ausgesetzt hätte. Er antwortete mir, er halte es nicht für notwendig, einen Paß zu haben, um in Spanien zu reisen, wenn man schon einmal im Lande sei.

»Ich will nach Madrid,« fuhr er fort, »wo ich bei einem Granden als Beichtvater eintreten zu können hoffe; ich habe einen Brief für ihn.«

»Zeigen Sie doch diesen Brief; dann wird man Sie ganz sicher passieren lassen.«

»Sie haben recht.«

Der arme Priester nahm aus seiner Brieftasche das Schreiben, das offen war, und reichte es dem Beamten; dieser warf einen Blick auf die Unterschrift und stieß einen Schrei aus, als er den Namen Squillace las.

»Wie, Herr Abbé, Sie gehen nach Madrid mit einer Empfehlung von Squillace, und Sie wagen, den Brief zu zeigen?«

Als die anwesenden Beamten und Polizisten hörten, daß der arme Abbé keine andere Empfehlung hatte als von dem allgemein verhaßten Minister, den man gesteinigt haben würde, wenn nicht der König, der ihn beschützte, ihm zur Flucht verholfen hätte, – da erhoben sie ihre Stöcke und begannen den armen Sizilianer zu prügeln, der natürlich nicht darauf gefaßt war, daß die Empfehlung eines Mannes, auf dessen Fürsprache er vielleicht all seine Hoffnungen gesetzt hatte, ihm einen so traurigen Empfang verschaffen würde. Zum Glück war ich dabei, und es gelang mir, wenn auch nicht ohne Mühe, den armen Abbé zu befreien, den man dann, wahrscheinlich wegen der Prügel, die er erhalten hatte, passieren ließ, obwohl seine Papiere nicht in Ordnung waren. Dieser Squillace wurde von dem König, der ihn liebte, als Botschafter nach Venedig geschickt, wo er in hohem Alter gestorben ist. Er mußte von den Untertanen jedes Fürsten gehaßt werden, der ihn an die Spitze seiner Finanzverwaltung gesetzt hätte; denn er war unbarmherzig in der Eintreibung der Steuern, um die Einnahmen seines Herrn zu vermehren.

Die Zimmertüren in den Herbergen hatten Riegel an der Außenseite, aber innen nur den Drücker. Die erste und zweite Nacht sagte ich nichts, aber am dritten Abend erklärte ich meinem Fuhrmann, ich wolle mir das nicht gefallen lassen.

»Señor Don Jacob, in Spanien muß man es sich gefallen lassen; denn die heilige Inquisition muß stets nachsehen können, was etwa die Fremden in ihren Zimmern machen, und daher dürfen sich diese nicht einschließen können.«

»Aber in was mischt sich denn eure verdammte Inquisition…?«

»Um Gottes willen, sprechen Sie nicht so, Señor Jacob! Wenn man Sie hörte, wären wir verloren.«

»Nun denn: wonach kann denn Ihre heilige Inquisition neugierig sein?«

»Nach allem will sie sehen: ob Sie an Fastentagen Fleisch essen; ob im Zimmer mehrere Personen beiderlei Geschlechts sind; ob die Frauen allein schlafen oder mit Männern, und wenn letzteres der Fall ist, ob die Zusammenschlafenden rechtmäßige Ehepaare sind; wenn sie sich nicht durch Zeugnisse ausweisen können, werden sie ins Gefängnis gebracht. Die heilige Inquisition, Señor Don Jaime, wacht in unserem Lande beständig über unserem Seelenheil.«

Wenn wir unglücklicherweise einem Priester begegneten, der irgendeinem Sterbenden die Wegzehrung brachte, hielt Señor Andrea an und befahl mir in gebieterischem Ton auszusteigen und niederzuknien; ich mußte gehorchen, selbst wenn der Weg kotig war.

Der Hauptgegenstand religiösen Verfolgungseifers waren damals die Hosen mit einem Schlitz. Wer sich erlaubte, solche zu tragen, anstatt nach alter Väter Sitte den anzuknöpfenden Hosenlatz, wurde ins Gefängnis geworfen; die Schneider, die solche Hosen anfertigten, wurden bestraft. Trotzdem wurden sie getragen, und Priester und Mönche schrien sich vergeblich auf der Kanzel heiser, indem sie gegen diese Unanständigkeit wetterten. Man erwartete schon eine Revolution, die die Weltgeschichte um ein neues Kapitel vermehrt hätte, das der Schilderung durch einen Tacitus würdig gewesen wäre, und worüber ganz Europa sich schief gelacht hätte. Zum Glück kam man schließlich doch ohne Blutvergießen zum Ziel. Es wurde eine Verordnung an allen Kirchentüren angeschlagen, worin man erklärte, die Schlitzhosen seien nur dem Henker erlaubt. Dadurch wurde der Mode ein Ende bereitet, denn niemand wollte das Privilegium haben, für einen Henker zu gelten; man rächte sich aber, indem man sagte, die Mönche brauchten doch eigentlich keine Verordnung, um mit den Unterröcken fertig zu werden.

Indem ich so allmählich die Nation kennen lernte, in deren Mitte ich zu leben gedachte, kam ich nach Guadalaxara, dann nach Alcala und endlich nach Madrid.

Guadalaxara, Alcala! Was für Worte! Man hört nur den Vokal a, diesen königlichen Buchstaben.

Die Sprache der Mauren, deren Vaterland Spanien hundert Jahre lang war, hat eine Menge Namen und viele Wörter hinterlassen. Wie jedermann weiß, ist das Arabische reich an A’s, und man hat vielleicht nicht unrecht, wenn man aus diesem Grunde der arabischen Sprache den Vorrang des Alters zuspricht, denn das a ist der leichteste aller Vokale, weil er der natürlichste ist. Man hätte also nach meiner Meinung sehr unrecht, wenn man spanische Namen für barbarisch erklärt: Ala, Achala, Aranda, Almada, Alcala, Armada, Acara, Bacala, Ayapa, Agracaramba, Alava, Alamata, Albadara, Alcantara, Alcaras, Almaras, Alcavala und so viele andere Wörter machen durch ihren vollen Klang das Kastilianische zur reichsten aller modernen Sprachen.

Jedenfalls ist die spanische Sprache eine der schönsten, klangreichsten, kräftigsten und majestätischsten der Welt. Wenn sie so recht ora rotundo gesprochen wird, wirkt sie mit der höchsten poetischen Harmonie. Sie wäre der italienischen an musikalischem Wohllaut gleich, vielleicht sogar überlegen, wenn sie nicht die drei Gutturallaute hätte, die ihr die Lieblichkeit nehmen, so viel auch die Spanier das Gegenteil behaupten: man muß sie reden lassen.

Quisquis amat ranam, ranam putet esse Dianam.
Wer Frösche liebt, behauptet, Diana sei ein Frosch.

Wir zogen durch das Alcala-Tor in Madrid ein. Man durchsuchte meine Sachen, und die Aufmerksamkeit der Beamten richtete sich hauptsächlich auf Bücher. Zu ihrem großen Verdruß fanden sie bei mir nur eine griechische Ilias und einen lateinischen Horaz. Man nahm mir diese Bücher weg, brachte sie mir aber drei Tage später nach der Kreuzstraße in das Kaffeehaus, wo ich Wohnung genommen hatte, obwohl Señor Andrea mich durchaus anderswo unterbringen wollte. Ein braver Mann hatte mir in Bordeaux diese Adresse gegeben.

Eine Zeremonie, die man am Alcala-Tor mit mir vornahm, mißfiel mir ganz über alle Maßen. Einer von dem Zollbeamten bat mich um eine Prise Tabak; ich öffnete meine Dose und hielt sie ihm hin. Anstatt aber die Prise zu nehmen, bemächtigte er sich der Dose mit den Worten: »Señor, dieser Tabak ist in Spanien verflucht.« Es war Pariser Rape; der freche Mensch schüttete den Tabak auf die Straße und gab mir dann meine Dose wieder.

Nirgends verfährt man hinsichtlich dieses unschuldigen Pulvers so strenge wie in Spanien. Trotzdem wird dort mehr als in allen anderen Ländern geschmuggelt, und zwar ganz öffentlich. Die Spione der Steuerpächter, die unter dem besonderen Schutze des Königs stehen, suchen sehr eifrig fremden Tabak zu entdecken, und diejenigen, in deren Dosen welcher gefunden wird, müssen ihn teuer bezahlen. Nur die fremden Gesandten läßt man aus Gefälligkeit eine Ausnahme von dieser Regel bilden. Der König, der jeden Morgen nach dem Aufstehen eine ungeheure Prise in seine ungeheure Nase stopft, verlangt, daß alle Schnupfer seine königliche Tabakfabrik in Flor bringen sollen. Der spanische Tabak ist sehr gut, wenn er rein ist, aber reinen findet man selten, und zur Zeit, von der ich erzähle, hätte man guten Tabak vergeblich gesucht, und wenn man ihn mit Gold hätte aufwiegen wollen. Wie alle Menschen von Natur die Neigung haben, die verbotene Frucht der erlaubten vorzuziehen, so legen die Spanier großen Wert auf den fremden Tabak und machen sich sehr wenig aus ihrem eigenen; die Folge davon ist ein riesiges Schmuggelwesen.

Ich sah mich in einer ziemlich guten Wohnung und litt nur unter dem Mangel an Feuer, denn der Frost war scharf und schneidender als in Paris, obwohl Madrid auf dem vierzigsten Breitengrad liegt. Der Grund ist indessen sehr einfach: Madrid ist die höchstgelegene Stadt Europas. Einerlei, von welchem Ort der Küste man kommt, man steigt unmerklich an, bis man angelangt ist. Außerdem ist die Stadt in der Ferne von hohen Gebirgen umgeben, zum Beispiel vom Guadarama, und in der Nähe ist sie von Hügeln umgürtet; infolgedessen herrscht eine durchdringende Kälte, sobald der Wind von Norden oder auch nur von Osten bläst. Die Luft der Stadt ist für alle Fremden ungesund; sie ist rein und dünn und taugt deshalb nicht für jeden, der ein wenig korpulent ist. Sie ist nur für die Spanier zuträglich, die im allgemeinen mager und dürr sind. Sie sind außerdem so frostig, daß sie sogar in den Hundstagen niemals ohne Hülle ausgehen; diese besteht für wohlhabende Leute in einem großen schwarzen Mantel und für die niedrigen Klassen, besonders die Landbevölkerung, in einem richtigen arabischen Burnus.

Die Männer sind beschränkten Geistes mit einer Menge von Vorurteilen, während die Frauen zwar unwissend, aber im allgemeinen geistreich sind. Beide Geschlechter sind von Begierden und Leidenschaften beseelt, die so lebhaft sind wie die Luft, die sie einatmen, so glühend wie die Sonne, unter der sie leben. Der Spanier haßt jeden Fremden, schon allein deshalb, weil er kein Spanier ist, denn einen anderen Grund für ihren Haß könnten sie nicht angeben. Die Frauen, die ohne Zweifel die Ungerechtigkeit dieses Hasses erkennen, rächen uns, indem sie uns lieben. Doch brauchen sie dabei große Vorsicht, denn der Spanier ist nicht nur von Natur, sondern auch mit Überlegung eifersüchtig. Die geringste Freiheit der Frau, die ihm gehört, tritt seiner Ehre zu nahe. Die Galanterie muss in diesem Lande notwendig geheimnisvoll sein, weil sie streng verboten ist. Die Folgen davon sind geheimnisvolle Ränke und Unruhe der Seelen, die zwischen den von der Religion auferlegten Pflichten und den von ihnen bekämpften Leidenschaften hin und her geworfen werden. Die Männer sind eher häßlich als schön, doch mit zahlreichen Ausnahmen, während die Frauen im allgemeinen hübsch und nicht selten schön sind. Das Blut, das in ihren Adern kocht, macht sie glühend in der Liebe und stets dazu aufgelegt, ihre Hand zu jeder Intrige zu bieten, um die Menschen zu betrügen, die sie umgeben, um jeden ihrer Schritte auszuspionieren. Der Liebhaber, der am willigsten bereit ist, allen Gefahren zu trotzen, ist stets der bevorzugte. Auf den Spaziergängen, in der Kirche, im Theater sprechen sie mit den Augen zu den Männern, nach denen sie begehren; sie beherrschen diese verführerische Sprache in höchster Vollendung. Wenn der Mann, an den diese Sprache sich wendet, den rechten Augenblick zu erkennen und auszunützen weiß, ist er stets sicher, glücklich zu sein, und braucht keinen Widerstand zu erwarten; übersieht er die Gelegenheit oder nützt er sie nicht aus, so wird sie ihm nicht mehr geboten.

Da ich ein warmes Zimmer brauchte, aber keinen Kamin hatte und vom Kohlenbecken Kopfschmerzen bekam, so suchte und fand ich schließlich einen intelligenten Klempner, der nach meinen Angaben einen Ofen aus Eisenblech machte; das Rohr führte durch das Fenster ins Freie und wurde bis zum Dach hinauf geleitet. Der Handwerker war sehr stolz auf sein Erstlingswerk und ließ es mich teuer bezahlen.

In den ersten Tagen, bis mein Ofen fertig war, belehrte man mich, daß ich, um mich zu wärmen, eine Stunde vor Mittag nach der Puerto del Sol, dem Sonnentor, gehen und dort bis zum Mittagessen bleiben müßte. Es ist jedoch kein Tor, sondern ein Platz, den man so nennt, weil die große Wärmespenderin dort ihre Reichtümer verschwendet und allen, die dort spazieren gehen und ihres wohltätigen Einflusses genießen wollen, ihre Wärme schenkt. Ich fand dort eine Menge Menschen, die entweder allein mit schnellen Schritten auf und ab liefen oder im Gespräch mit ihren Freunden langsam hin und her gingen. Dieser Ofen war jedoch nicht nach meinem Geschmack.

Ich brauchte auch einen Bedienten, der französisch sprach, und es kostete mir eine ungeheure Mühe, bis ich schließlich einen fand, dem ich einen hohen Lohn bezahlen mußte, denn er war ein Page, wie man in Madrid sagt. Ich konnte von ihm nicht verlangen, hinten auf meinen Wagen zu steigen oder ein Paket zu tragen oder mir nachts mit einer Laterne oder Fackel zu leuchten. Dieser Page war ein Mann von dreißig Jahren, überaus häßlich; aber für seinen Pagenberuf war seine Häßlichkeit ein Vorzug, der ihn zur Erfüllung seiner Pflichten besonders geeignet machte, denn es war keine Gefahr vorhanden, daß er den Ehemännern Eifersucht einflößte. Eine Frau von höherem Range wagt nicht auszufahren, ohne von einem sogenannten Pagen begleitet zu sein, der sich auf den Vordersitz setzt und natürlich nur eine Art von Spion ist. Ein solcher Schuft ist schwerer zu verführen als die strengste Dueña, die das ihrer Obhut anvertraute junge Mädchen tyrannisiert.

Einen Halunken dieser Art mußte ich also in Ermangelung eines anderen in meinen Dienst nehmen. Wollte Gott, der Spitzbube hätte sich die Beine gebrochen, als er zu mir kam!

Ich überbrachte alle meine Briefe, und zwar zuerst den der Fürstin Lubomirska an den Grafen von Aranda. Dies war der Mann, der an einem Tage Spanien von allen Jesuiten gesäubert hatte. Er war in Madrid mächtiger als der König selber und hatte die Kraft gehabt, die Schlapphüte und langen Mäntel verbieten zu lassen. Er war Vorsitzender des Rates von Kastilien und ging nur in Begleitung eines königlichen Leibgardisten aus, den er stets an seinem Tische essen ließ. Selbstverständlich war er der bestgehaßte Mann in ganz Spanien, aber er schien sich wenig daraus zu machen. Er war ein tiefer Denker und großer Politiker, unverzagt, entschlossen, unbeugsam, ein großer Epikuräer, der aber ausgezeichnet den äußeren Anschein zu wahren wußte. Er tat in seinen vier Wänden alles, was er den anderen verbot, und machte sich nichts daraus, daß man davon sprach.

Er war ziemlich häßlich und schielte unangenehm. Als ich ihn aufsuchte, empfing er mich recht kalt und sagte: »Was wollen Sie denn in Spanien?«

»Ich will mich belehren, indem ich die Sitten einer achtungswerten Nation beobachte, die ich nicht kenne, und ich möchte zur gleichen Zeit aus meinen schwachen Talenten Vorteil ziehen, wenn ich mich der Regierung nützlich machen kann.«

»Um hier gut und ruhig zu leben, bedürfen Sie meiner nicht; denn wenn Sie sich den polizeilichen Vorschriften fügen, wird niemand Sie in Ihrer Ruhe stören. Wenn Sie Ihre Talente auszunützen gedenken, um Ihr Glück zu machen, so wenden Sie sich an den Botschafter Ihrer Republik; er wird Sie vorstellen, und Sie können sich auf diese Weise bekannt machen.«

»Gnädiger Herr, der venetianische Gesandte wird mir nicht schaden, aber er wird mich auch nicht beschützen, denn ich befinde mich in der Ungnade der Staatsinquisitoren. Ich bin sogar sicher, daß er mich nicht empfangen wird.«

»Dann haben Sie bei Hofe nichts zu hoffen; denn der König wird sich zuerst bei ihm nach Ihnen erkundigen, und wenn Ihr Gesandter Sie nicht vorstellt, so rate ich Ihnen, denken Sie hier in Madrid nur daran, sich zu unterhalten.«

Von Aranda begab ich mich zum neapolitanischen Gesandten, der mir dasselbe sagte. Auch der Marques de Mora, einer der liebenswürdigsten aller Spanier, sagte mir dasselbe. Der Herzog von Lossada, Oberhoftruchseß Seiner Katholischen Majestät und deren Günstling, bedauerte sehr, trotz seinem besten Willen augenblicklich nichts tun zu können. Er riet mir, einen Versuch zu machen, indem ich mich in das Haus des venetianischen Gesandten selber einschmuggelte und mir diesen zum Freunde zu machen suchte, trotz meiner Ungnade; denn über diese konnte er hinwegsehen, da er den Grund nicht kannte. Ich beschloß, die Ratschläge des weisen Greises zu befolgen, und schrieb daher einen dringenden Brief an Herrn Dandolo, um mir einen Empfehlungsbrief zu verschaffen, der den Botschafter nötigen würde, mich trotz meinem Handel mit den Inquisitoren bei Hof zu empfehlen. Mein Brief war so geschrieben, daß er von den Inquisitoren gesehen werden konnte, und mußte eine gute Wirkung üben.

Nachdem ich diesen Brief geschrieben hatte, begab ich mich nach dem Palast des venetianischen Gesandten und stellte mich dem Botschaftssekretär Gasparo Sonderini vor. Er war ein geistvoller, kluger und anständiger Mann und wagte trotzdem mir zu sagen, er sei erstaunt, daß ich die Kühnheit besitze, auf die Gesandtschaft zu kommen.

»Ich komme, mein Herr, damit ich mir nicht den Fehler vorzuwerfen brauche, mich nicht vorgestellt zu haben; denn ich habe nichts getan, um glauben zu können, daß ich dessen unwürdig wäre. Ich würde es viel kühner finden, wenn ich in Madrid bliebe, ohne mich vorgestellt zu haben. Jedenfalls wünsche ich mir Glück, diesen Schritt getan zu haben, den ich als eine Pflicht ansehe, zugleich aber bedauere ich, daß der Botschafter, wenn er ebenso denkt wie Sie, für eine Keckheit nehmen wird, was in Wirklichkeit nur eine Handlung der Ehrfurcht ist. Sollte übrigens Seine Exzellenz glauben, mich nicht der Ehre eines Empfanges würdigen zu können, weil zwischen der Inquisition und mir ein ganz besonderer Streithandel besteht, dessen Ursache der Herr Botschafter ebensowenig wissen kann wie ich – so werden Sie es mir nicht übel nehmen, wenn ich mich darüber wundere; denn er ist ja nicht Botschafter der Staatsinquisition, sondern der Republik Venedig, deren Untertan ich immer noch bin; ich fordere ihn wie auch die Staatsinquisition heraus, mir zu sagen, welches Verbrechen ich begangen haben soll, auf Grund dessen man sich das Recht anmaßen könnte, mich meiner Eigenschaft als Venetianer zu berauben. Wenn es meine Pflicht ist, in dem Botschafter das Abbild und den Vertreter meiner hohen Herrschaft zu ehren, so ist es, glaube ich, seine Pflicht, mir seinen Schutz angedeihen zu lassen.«

Soderini wurde ganz rot bei dieser Rede und sagte mir: »Warum schreiben Sie nicht dem Botschafter alles, was Sie mir soeben gesagt haben?«

»Ich konnte es ihm nicht schreiben, bevor ich nicht wußte, ob er mich empfangen würde oder nicht. Jetzt, da ich Anlaß habe, anzunehmen, daß er nicht anders denkt als Sie, jetzt werde ich die Ehre haben, ihm zu schreiben.«

»Ich weiß nicht, ob Seine Exzellenz ebenso denkt wie ich, und trotzdem, was ich Ihnen gesagt habe, kann es wohl sein, daß Sie noch gar nicht wissen, wie ich denke. Auf alle Fälle schreiben Sie ihm; es kann doch sein, daß Sie erhört werden.«

»Ich werde Ihren Rat befolgen, für den ich Ihnen dankbar bin.«

Ich ging nach Hause und schrieb dem Gesandten alles, was ich seinem Sekretär gesagt hatte. Am nächsten Tage meldete man mir den Grafen Manucci. Ich sah einen hübschen jungen Mann mit ziemlich schönem Gesicht, der einen ausgezeichneten Eindruck machte. Er sagte mir, er wohne beim Botschafter; Seine Exzellenz habe meinen Brief gelesen und schicke ihn zu mir, um mir zu sagen, daß er gewisse Gründe habe, um mich nicht offen zu empfangen; er werde jedoch sehr erfreut sein, mich privatim zu sehen, denn er kenne und achte mich.

Dieser junge Manucci sagte mir, er sei Venetianer und kenne mich meinem Rufe nach, denn er habe seine Eltern hundertmal von mir sprechen und mein Unglück bedauern hören. Ich hatte bald heraus, daß der junge Manucci der Sohn jenes Giambatista Manucci war, der die Staatsinquisitoren als Spion bedient hatte, um mich unter die Bleidächer zu bringen, eben jenes Manucci, der sich so geschickt meine Zauberbücher verschafft hatte, die wahrscheinlich das corpus delicti waren, dem ich mein entsetzliches Gefängnisleiden verdankte. Ich hütete mich, ihm etwas von meiner Entdeckung zu sagen, aber ich brauchte nicht daran zu zweifeln, daß ich richtig geraten hatte. Ich kannte seine Mutter, die Tochter eines Kammerherrn vom Hause Loredan, und seinen Vater, der, wie ich in der Geschichte meiner Gefangenschaft erzählt habe, ein armer Edelsteinhändler war.

Ich fragte Manucci, ob man ihn beim Gesandten Graf nenne. Er bejahte diese Frage und sagte, er sei es wirklich auf Grund eines Adelsbriefes, den er vom Kurfürsten von der Pfalz erhalten habe. Als er sah, daß ich seine Herkunft erriet, sprach er offen mit mir, und da er wußte, daß ich den widernatürlichen Geschmack des Herrn von Mocenigo kannte, so sagte er mir lachend, er sei dessen Mignon. »Ich werde für Sie tun,« fügte er hinzu, »was nur in meinen Kräften steht.« Dies war für mich höchst wünschenswert, denn ein solcher Alexis mußte von seinem Corydon alles erlangen, was er wollte. Wir umarmten uns, und er sagte mir beim Abschied, er erwarte mich nachmittags im Botschaftspalast, calle ancha, Breite Straße, um auf seinem Zimmer Kaffee zu trinken; der Botschafter würde gewiß kommen, sobald er ihm sagen ließe, daß ich da wäre.

Ich ging hin; der Botschafter empfing mich sehr freundlich und sprach mir voller Gefühl sein Bedauern aus, daß er es nicht wagen dürfe, mich öffentlich zu empfangen. Er hätte es allerdings können und hätte mich auch bei Hofe vorstellen können, ohne sich bloßzustellen, denn er brauchte von dem summarischen Verfahren der Inquisitoren gegen meine Person nichts zu wissen. Aber er fürchtete, sich Feinde zu machen.

»Ich hoffe«, sagte ich zu ihm, »bald aus Venedig einen Brief zu erhalten, worin Eurer Exzellenz von Seiten der Staatsinquisitoren gesagt werden wird, daß Sie mich unbedenklich vorstellen können.«

»Ich werde mich alsdann beeilen, Sie allen Ministern vorzustellen.«

Dieser Mocenigo ist derselbe, der in Paris durch seinen unglückseligen Hang zur Päderastie eine so traurige Berühmtheit erlangte, denn dieses Laster oder dieser Geschmack ist den Franzosen ein Greuel. Später wurde er vom Rat der Zehn zu siebenjähriger Haft in der Zitadelle von Brescia verurteilt, weil er von Venedig auf seinen Botschafterposten in Wien abreisen wollte, ohne dazu vorher die Erlaubnis des Staatskabinetts erhalten zu haben. Maria Theresia hatte der venetianischen Regierung mitgeteilt, sie werde niemals einwilligen, an ihrem Hofe einen Mann zu empfangen, dessen verruchter Geschmack ihrer ganzen Hauptstadt ein Ärgernis sein werde.

Man war in Venedig in Verlegenheit, Mocenigo zur Vernunft zu bringen; als er aber den Fehler beging, ohne alle Umstände abreisen zu wollen, benutzte man die Gelegenheit, ihn auf die Festung zu verbannen und einen anderen Botschafter zu bestimmen. Dieser Nachfolger hatte denselben obszönen Geschmack wie Mocenigo, aber er machte es mit Hebe und nicht mit Ganymed, wodurch über seine Ausschweifungen ein Schleier von Anstand gebreitet wurde.

Trotz seinem schlechten Ruf als Päderast war Mocenigo in Madrid beliebt. Ich mußte lachen, als auf einem Ball bei einem spanischen Granden der Hausherr mit einer geheimnisvollen Miene mir sagte, der junge Manucci, mit dem er mich gesehen habe, sei die Frau des Botschafters. Er wußte nicht, daß im Gegenteil der Gesandte Manuccis Frau war, und konnte die Sache nicht begreifen. Glückliche Unwissenheit! Übrigens war dieser Geschmack, so pervers er erscheinen mag, die herrschende Leidenschaft mehrerer großer Männer. Im Altertum war er allgemein verbreitet, und diejenigen, die ihm frönten, wurden Hermaphroditen genannt; dieser Name bezeichnete die Vereinigung der beiden Leidenschaften, und nicht etwa die der beiden Geschlechter in einer Person; denn diese letzteren sind nur das Sinnbild.

Ich hatte bereits zwei oder drei Besuche beim Maler Mengs gemacht, der seit sechs Jahren mit einem hohen Gehalt im Dienste Seiner Katholischen Majestät stand, und er hatte mir schöne Diners gegeben, wozu er auch seine anderen Freunde eingeladen hatte. Seine Frau und seine Familie waren in Rom. Er lebte in Madrid allein mit seinem Bedienten in einer sehr schönen Wohnung eines königlichen Hauses und stand in hoher Achtung, weil er mit dem König sprechen konnte, so oft er wollte. Ich machte bei Mengs die Bekanntschaft des Baumeisters Sabattini. Diesen talentvollen Mann hatte der König von Neapel kommen lassen, um den Versuch zu machen, Madrid zu säubern; vor Sabattinis Ankunft war Madrid die schmutzigste und stinkigste Stadt der Welt gewesen. Sabattini ließ unterirdische Abzugsröhren und Abtritte in vierzehntausend Häusern herstellen und war dadurch reich geworden. Er hatte durch Prokuration die Tochter eines anderen Baumeisters, Vanvitelli, geheiratet; sie befand sich in Neapel und hatte ihn niemals gesehen. Sie war in Madrid zur selben Zeit angekommen wie ich. Sie war eine achtzehnjährige Schönheit und hatte die Kühnheit, sobald sie ihren Gemahl gesehen hatte, zu erklären, sie würde niemals darin einwilligen, seine Frau zu werden. Sabattini war allerdings weder jung noch hübsch, aber er war liebenswürdig und von vornehmem Wesen, und das reizende Weib entschloß sich, den bitteren Kelch zu leeren, als er ihr sagte, sie hätte nur die Wahl zwischen ihm und einem Kloster, übrigens brauchte sie ihren Entschluß nicht zu bereuen, denn sie fand in ihrem Gatten einen reichen, zärtlichen und gefälligen Mann, der ihr keinen Wunsch versagte. Ich glühte für sie, aber ich seufzte in aller Stille und betete sie schweigend an; denn abgesehen davon, daß mein Herz noch um Charlotte blutete, begann es mich zu entmutigen, wenn ich sehen mußte, daß die Frauen mir nicht mehr den Empfang bereiteten wie früher.

Um mich zu zerstreuen, ging ich oft ins Theater, das ganz dicht bei meiner Wohnung lag, und besuchte die Maskenbälle, für welche Graf Aranda eigens einen Saal hatte erbauen lassen; man nannte sie Los Scaños del Peral. Die spanische Komödie ist voll von sonderbaren Stellen, indessen mißfiel sie mir nicht. Es wurden religiöse Stücke aufgeführt, die man kurz darauf wieder verbot. Auffällig war mir die Unverschämtheit einer niederträchtigen Polizei, auf deren Anordnung die Logen in einer geradezu unanständigen Form gebaut sind. Statt durch eine Bretterbrüstung die Beine der Männer und die Röcke der Frauen den Blicken des Parketts zu entziehen, läßt man diese Logen vollständig offen, denn die Brüstungen werden nur durch einige kleine Säulen getragen. Vorurteil und Macht der Gewohnheit sind aber so stark, daß ein frommer Herr, der neben mir saß, mit salbungsvoller Miene mir sagte, diese Anordnung sei sehr weise und er wundere sich, daß in Italien die Polizei sie nicht nachahme.

»Weshalb wundern Sie sich darüber?«

»Nun, wenn ein Liebespaar sicher ist, vom Parkett aus nicht gesehen zu werden, kann es unzüchtige Handlungen begehen.«

Ich zuckte die Achseln und antwortete nicht.

In einer großen Loge, der Bühne gerade gegenüber, saßen Los Padres der Inquisition, um sich von der Sittenreinheit der Zuschauer und Schauspieler zu überzeugen. Meine Augen betrachteten gerade diese ehrwürdigen Heuchlergesichter, als plötzlich die Schildwache, die am Eingang zum Parkett stand, mit lauter Stimme ausrief: »Dios«. Auf diesen Ruf warfen alle Zuschauer, Männer wie Frauen, und alle Schauspieler, die auf der Bühne standen, sich auf die Knie und verharrten in dieser Stellung bis man nicht mehr das Glöckchen auf der Straße klingen hörte. Dieses Glöckchen verkündete, daß ein Priester vorbeikam, um irgendeinem Kranken die heilige Wegzehrung zu bringen. Ich hatte die größte Lust, laut herauszulachen, aber ich kannte die spanischen Sitten bereits zu gut, als daß ich mich nicht hätte zurückhalten sollen. Bei den Spaniern besteht die Religion durchaus nur in der Ausübung des äußerlichen Kults. Wenn eine Frau den wollüstigen Wünschen ihres Geliebten nachgibt, bedeckt sie vor allen Dingen mit einem Schleier das Bildnis Christi oder der heiligen Jungfrau, das sich im Zimmer befindet. Sollte jemand über diesen abgeschmackten Brauch lachen, so würde er Gefahr laufen, nicht nur für einen Atheisten zu gelten, sondern sogar von derselben Unglücklichen, die ihm ihre Gunst verkauft hätte, bei der heiligen Inquisition denunziert zu werden.

In Madrid – und vielleicht gilt dies für ganz Spanien – muß ein jeder, der in einem Gasthof sich ein besonderes Zimmer geben läßt, um mit einer Frau zu speisen, darauf gefaßt sein, daß der Aufwärter beständig in diesem Zimmer weilt, um nach dem Essen beschwören zu können, daß dieser Mann und diese Frau weiter nichts getan und nur gegessen und getrunken haben. Trotz allen diesen Vorsichtsmaßregeln herrscht in Madrid die größte Liederlichkeit. Diese ist viel größer als in allen anderen Ländern, weil noch die abscheuliche Heuchelei hinzukommt, die der wahren Frömmigkeit mehr schadet als unverhüllte Unzucht. Männer und Frauen scheinen sich verabredet zu haben, jede Aufsicht überflüssig zu machen. Übrigens ist der Umgang mit den spanischen Weibern nicht ohne Gefahr, denn man hat oft Anlaß, die erlangten Gunstbeweise zu bedauern. Ob dieses daher rührt, daß die Geschlechtskrankheiten unter der Bevölkerung eingewurzelt sind, oder daß es an Sauberkeit mangelt, oder daß durch den Zwang der Umstände die Überwachung der Gesundheit erschwert wird. Dies lasse ich dahingestellt sein.

Der Maskenball entzückte mich. Das erstemal, als ich im Domino hinging, um mir einmal anzusehen, was los wäre, kostete der Spaß mir nur eine Dublone, ungefähr zwölf Franken; aber alle anderen Male kostete er mir vier Dublonen, und das kam so:

Ein Herr von etwa sechzig Jahren, der beim Souper neben mir saß, bemerkte, daß ich Schwierigkeiten hatte, mich mit dem Kellner zu verständigen; er erriet, daß ich ein Fremder sei, und fragte mich, wo ich meine Dame hätte.

»Ich habe keine. Ich bin allein hierher gekommen, um mir dieses entzückende Etablissement anzusehen. Ich bewundere die Freude, die hier herrscht, und die schöne Ordnung, die ich in Madrid nicht zu finden erwartet hatte.«

»Das ist ganz schön und gut; aber um wirklich Genuß zu haben, müssen Sie mit einer Begleiterin kommen, denn Sie sehen mir aus, als wenn Sie Vergnügen am Tanz hätten. Wenn Sie aber allein kommen, so können Sie nicht tanzen; denn jede Dame hat ihren par jo oder Partner, der ihr nicht erlaubt, mit einem anderen zu tanzen als nur mit ihm.«

»In diesem Falle werde ich allein hierher kommen und nicht tanzen; denn als Fremder kenne ich keine Dame, die ich einladen könnte, mit mir den Ball zu besuchen.«

»Gerade in Ihrer Eigenschaft als Fremder können Sie sich leicht die Gesellschaft einer Frau oder eines Mädchen« verschaffen – viel leichter als ein Spanier von Madrid. Seitdem der Graf von Aranda eine neue Lebensweise bei uns eingeführt hat, ist dieser Ball die Leidenschaft aller Frauen unserer Hauptstadt geworden. Sie sehen hier ungefähr zweihundert Tänzerinnen (die Damen, die in den Logen sitzen, rechne ich nicht), und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich behaupte, daß in diesem Augenblick viertausend junge Mädchen zu Hause weinen und seufzen, daß sie nicht einen Liebhaber haben, der sie auf den Ball führen kann; denn, wie Sie vielleicht wissen, ist es Frauen verboten, allein zu kommen. Darum bin ich überzeugt, daß Sie nur Ihren Namen zu nennen und Ihre Wohnung anzugeben brauchen; kein Vater und keine Mutter werden den Mut haben, Ihnen die Gesellschaft Ihrer Tochter zu verweigern, wenn Sie zu ihnen gehen und um die Ehre bitten, das Mädchen auf den Ball führen zu dürfen, hierauf Domino, Maske und Handschuhe senden, sie im Wagen abholen und sie wieder nach dem väterlichen Herde zurückbringen.«

»Und wenn man mir eine abschlägige Antwort gibt?«

»So machen Sie Ihre Verbeugung und gehen. Vater und Mutter werden es bereuen; denn die Tochter wird weinen, krank sein, Krämpfe bekommen, sich ins Bett legen, die elterliche Tyrannei verfluchen und Gott zum Zeugen anrufen, daß sie Sie gar nicht gekannt hat, und daß nichts unschuldiger sein konnte, als Ihre Bitte.«

Was der Herr sagte, war mir neu, aber es klang überzeugend, und mich erfreute die Hoffnung, auf diese Weise zu einem angenehmen Liebesverhältnis kommen zu können. Ich dankte der freundlichen Maske, die sehr gut italienisch sprach, und sagte dem Herrn, ich würde mir seine Belehrung zunutze machen und ihn von dem Ergebnis in Kenntnis setzen.

»Ich werde sehr erfreut sein, von einem günstigen Erfolg zu hören. Sie finden mich jede Ballnacht in der Loge, in die Sie zu führen ich mir gestatten werde, um Sie der Dame vorzustellen, die sich dort befindet, und die Sie in allen folgenden Nächten ebenfalls dort finden werden.«

Tief durchdrungen von Dankbarkeit für soviel Höflichkeit sagte ich ihm meinen Namen und folgte ihm; er führte mich in eine Loge, wo sich zwei Damen und ein älterer Herr befanden. Mein Führer stellte mich als einen ihm bekannten Fremden vor, und die Unterhaltung kam auf den Ball. Ich sprach meine Meinung aus und machte einige launige Bemerkungen, die den Herrschaften gefielen. Eine von den beiden Damen, deren Züge von vergangener Schönheit sprachen, fragte mich in sehr gutem Französisch, welche Tertulias (Gesellschaften) ich besuchte.

»Madame, ich befinde mich erst seit sehr kurzer Zeit in Madrid, und da ich nicht bei Hofe vorgestellt bin, so habe ich durchaus keine Bekanntschaften.«

»Wie! Aber da bedauere ich Sie, kommen Sie zu mir, mein Herr, Sie werden willkommen sein. Ich heiße Pichona, und jedermann wird Ihnen meine Wohnung sagen.«

»Ich werde die Ehre haben, gnädige Frau, Ihnen meine Aufwartung zu machen.«

Gegen Mitternacht bot sich mir ein entzückendes Schauspiel, als zu den Klängen der Musik und mit Händeklatschen die Paare zu dem tollsten Tanz antraten, den man sich denken kann. Es war der berühmte Fandango, den ich zu kennen glaubte, und von dem ich in Wirklichkeit keine Ahnung hatte. Ich hatte ihn bisher nur in Italien und in Frankreich auf der Bühne tanzen sehen, aber die Tanzenden hatten sich wohl gehütet, die Bewegungen zu machen, durch die der Fandango der verführerischste und wollüstigste Tanz der Welt wird. Er läßt sich nicht beschreiben; jedes Paar, Mann und Weib, macht nur drei Schritte und klappert zum Klange der Musik mit den Castagnetten; dabei aber nehmen sie tausend Stellungen ein und machen tausend Bewegungen von einer unvergleichlichen Sinnlichkeit. Die Liebe wird von ihrem Entstehen bis zu ihrem Ende dargestellt, vom ersten Seufzer des Begehrens bis zur Ekstase des Genusses. Es schien mir unmöglich zu sein, daß nach einem solchen Tanze die Tänzerin ihrem Tänzer etwas versagen könnte; denn der Fandango muß alle Sinne zur höchsten Wollust erregen. Der Anblick dieses Bacchanals entzückte mich dermaßen, daß ich laut aufschrie. Der maskierte Kavalier, der mich in die Loge gefühlt hatte, sagte mir: »Um sich vom Fandango einen richtigen Begriff machen zu können, müßten Sie ihn von Gitanas tanzen sehen, und zwar mit Kavalieren, die ebenso tanzen wie die Mädchen.«

»Aber hat denn die Inquisition nichts gegen diesen Tanz einzuwenden?«

Die Pichona antwortete mir an seiner Stelle, der Tanz wäre streng verboten, und man würde ihn nicht zu tanzen wagen, wenn nicht der Graf von Aranda ihn erlaubt hätte.

Man erzählte mir später, der Graf hätte einmal den Einfall gehabt, die Erlaubnis zu widerrufen; da hätten alle Tänzer murrend den Ball verlassen; als aber der Tanz wieder von ihm erlaubt worden wäre, hätten alle unermüdlich sein Lob gesungen.

Am nächsten Tage befahl ich meinem elenden Pagen, mir einen Spanier zu verschaffen, von dem ich den Fandango lernen könnte. Er brachte mir einen Operntänzer, bei dem ich ebenfalls spanischen Unterricht nahm, denn er war zugleich auch Schauspieler und sprach sehr gut. In drei Tagen lehrte der junge Mann mich so gut alle Stellungen des Tanzes, daß sogar nach dem Urteil von Spaniern niemand sich schmeicheln konnte, den Fandango besser zu tanzen als ich.

Ich gedachte den Rat der freundlichen Maske zu befolgen, und als der Tag des nächsten Balles näher rückte, traf ich meine Vorbereitungen. Ich wollte jedoch weder ein gewöhnliches Frauenzimmer noch eine verheiratete Frau, und an ein reiches oder adeliges Fräulein konnte ich vernünftigerweise nicht denken, denn dieses würde mir eine abschlägige Antwort gegeben und mich obendrein noch lächerlich gefunden haben.

Am Antonitage kam ich an der Kirche der Soledad vorbei. Ich trat in der doppelten Absicht ein, die Messe zu hören und mir für den nächsten Tag, am Mittwoch, eine pareja zu verschaffen.

Ich bemerkte ein großes und schönes Mädchen, das mit zerknirschter Miene und gesenkten Blicken aus einem Beichtstuhl herauskam. Ich folgte ihr mit den Augen. Mitten in der Kirche kniete sie nach spanischer Gewohnheit auf der Erde nieder. Nach ihrem wiegenden Gang, ihren schön entwickelten Formen, ihrem kleinen Fuß urteilte ich, sie müsse den Fandango wie eine Gitana tanzen. Ich beschloß daher, wenn möglich mit ihr zum erstenmal bei den Scaños del Peral mitzuwirken. Sie sah weder vornehm noch reich aus, aber sie war offenbar auch nicht eine von jenen Dirnen, die in Madrid so gut wie jedes anständige Mädchen zur Messe gehen; ich beschloß daher, ihr zu folgen, um ihre Wohnung zu erfahren. Als die Messe zu Ende war und der Priester das Abendmahl reichte, sah ich sie aufstehen, bescheiden an den Tisch des Herrn treten und die Kommunion empfangen. Hierauf ging sie wieder auf die Seite, um ihr Gebet zu vollenden. Ich besaß die Geduld, so lange zu warten, bis sie fertig war. Endlich ging sie hinaus, begleitet von einem anderen jungen Mädchen; ich folgte ihr von ferne. An einer Straßenecke verließ ihre Begleiterin sie und trat in ein Haus ein. Meine Schöne kehrte um, ging etwa zwanzig Schritte zurück, bog in eine andere Straße ein und betrat ein einstöckiges Häuschen. Ich konnte mich nicht täuschen; ich merkte mir den Namen der Straße: del Desingaño uud ging dann eine halbe Stunde spazieren, um nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich ihr nachgegangen wäre. Hierauf kam ich wieder. Ich war vollkommen darauf vorbereitet, einen abschlägigen Bescheid zu erhalten und meine Verbeugung zu machen, wie der Kavalier mir gesagt hatte. Ich trat ein, ging die Treppe hinauf und fand eine Klingelschnur neben der einzigen Tür, die zu sehen war. Ich klingelte, und man rief: »Wer ist da?«

»Gente de paz!« rief ich, wie nach dem Brauch des Landes jedermann außer den Gerichtsboten der Inquisition. Die Tür öffnete sich, und ich sah vor mir einen Mann, eine Frau, das fromme junge Mädchen, dem ich gefolgt war, und ein anderes sehr häßliches Mädchen.

Ich sprach allerdings sehr schlecht spanisch, aber doch gut genug, um mich verständigen zu können. Ich zog den Hut und sagte in bescheidenem Tone zum Vater: »Ich bin Ausländer, möchte auf den Ball gehen und habe keine pareja. Ich bin auf gut Glück in Ihr Haus gegangen und möchte Sie um Erlaubnis bitten, Ihre Tochter auf den Ball führen zu dürfen, wenn Sie eine haben. Ich bin ein Ehrenmann und werde sie Ihnen nach dem Ball in demselben Zustande wieder zuführen, wie ich sie von Ihnen erhalten habe.«

»Señor, dies ist meine Tochter; aber ich kenne Sie nicht und weiß nicht, ob sie Lust hat, auf den Ball zu gehen.«

»Wenn Sie es nur erlauben, lieber Vater und liebe Mutter, werde ich mich glücklich schätzen, hingehen zu dürfen.«

»Du kennst also den Herrn?«

»Ich habe ihn nie gesehen, und auch er wird mich schwerlich je gesehen haben.«

»Das ist wahr, Señora.«

Der Mann fragte mich nach meinem Namen und meiner Wohnung und versprach mir zu Mittag eine Antwort, wenn ich bei mir zu Hause äße. Ich entschuldigte mich bei ihm wegen der Freiheit, die ich mir genommen hätte, und bat ihn, mir ganz bestimmt seine Antwort zu überbringen, damit ich mir, wenn er mir seine Tochter nicht gäbe, eine andere pareja auf gut Glück besorgen könnte; meine Bekannten wären lauter reiche Mädchen, die alle bereits ihre Kavaliere hätten. Hierauf entfernte ich mich.

Im Augenblick, wo ich mich zu Tisch setzen wollte, sah ich den guten Mann erscheinen. Ich lud ihn ein, Platz zu nehmen, nachdem ich meinen greulichen Pagen hinausgeschickt hatte. Er sagte mir, seine Tochter nehme die Ehre an, die ich ihr erweisen wollte, aber ihre Mutter werde sie begleiten und, in meinem Wagen schlafend, auf sie warten. Ich antwortete ihm, das könne sie nach ihrem Belieben tun, aber es tue mir leid, daß sie jedenfalls frieren werde.

Er antwortete mir: »Sie wird einen guten Mantel haben.«

Hierauf teilte er mir mit, daß er Schuster sei, worauf ich zu ihm sagte: »Dann möchte ich Sie bitten, mir ein Paar Schuhe anzumessen.«

»Das wage ich nicht, denn ich bin hidalgo – adlig: wenn ich jemandem Maß nähme, wäre ich genötigt, seinen Fuß zu berühren, und das würde mich in meiner Würde herabsetzen. Ich bin Schuhflicker, auf diese Weise vergebe ich meinem Stande nichts.«

»Wollen Sie mir also diese Stiefel ausflicken.«

»Sie sollen wieder so gut wie neu werden, aber es ist viel daran zu machen, wie ich sehe. Es wird Ihnen einen peso duro kosten.«

Ein peso duro ist ungefähr fünf Franken wert. Ich sagte ihm, ich finde den Preis sehr billig; hierauf machte er eine tiefe Verbeugung. Mit mir zu essen, schlug er mit aller Bestimmtheit aus.

Ein Schuhflicker, der die Schuhmacher verachtet, weil sie die Füße ihrer Kunden anrühren! Jedenfalls verachteten sie ihrerseits ihn, weil er nur altes Leder berührte. Unglückselige Eitelkeit! Was für Formen nimmt sie an! Und wer hat nicht die seinige!

Am nächsten Tage schickte ich zu dem adligen Schuhflicker einen Händler mit Dominos, Masken und Handschuhen. Ich selber ging absichtlich nicht hin; ebensowenig schickte ich meinen Pagen, gegen den ich eine natürliche Abneigung hatte, die sich bald als eine sehr richtige Vorahnung erweisen sollte. Nachdem ich mir einen guten viersitzigen Wagen verschafft hatte, begab ich mich mit Einbruch der Nacht in das Haus meiner schönen Frommen. Sie war fix und fertig, und die rosige Farbe, die ihr Gesicht belebte, verriet mir, was in ihrem Herzen vorging. Wir stiegen mit ihrer Mutter, die sich in einen großen Mantel eingewickelt hatte, in den Wagen und fuhren beim Tanzsaal vor, wo wir ausstiegen und die Mutter im Wagen ließen. Als wir allein waren, sagte meine schöne pareja mir, sie heiße Doña Ignazia.