Siebzehntes Kapitel


Margherita. – Die Buonaccorsi. – Die Herzogin von Fiano. – Kardinal Bernis. – Die Prinzessin von Santa-Croce. – Menicuccio und seine Schwester.

Ich hatte mich entschlossen, sechs Monate in der größten Ruhe in Rom zu verbringen und mich nur mit dem Studium der Stadt zu beschäftigen, andere Bekanntschaften aber zu vermeiden. Am Morgen nach meiner Ankunft nahm ich eine hübsche Wohnung gegenüber dem Palast des spanischen Gesandten, damals Monsignore d’Aspura. Zufällig war es dieselbe Wohnung, die vor siebenundzwanzig Jahren der Sprachlehrer inne hatte, bei dem ich Stunden nahm, als ich beim Kardinal Acquaviva war. Die Wirtin war die Frau eines Kochs, der wöchentlich nur einmal bei seiner Frau schlief. Sie hatte eine Tochter von sechzehn oder siebzehn Jahren, die trotz ihrer etwas dunklen Hautfarbe sehr hübsch gewesen wäre, wenn nicht die Pocken sie eines Auges beraubt hätten. Man hatte ihr ein falsches Auge eingesetzt, dessen Farbe und Größe nicht zu dem natürlichen Auge paßten, und dies verlieh ihr ein geradezu unangenehmes Aussehen. Margherita, so hieß meine junge Wirtstochter, machte durchaus keinen Eindruck auf mich; trotzdem machte ich ihr ein Geschenk, das ihr unendlich wertvoll war. Ein englischer Augenarzt, Ritter Taylor genannt befand sich damals in Rom; durch ihn ließ ich ihr ein Emailleauge machen, das ihrem echten Auge täuschend ähnlich war. Dieses Geschenk brachte Margherita auf den Gedanken, daß ich mich binnen vierundzwanzig Stunden in sie verliebt hätte, und ihre Mutter, die sehr fromm war, schwebte in großer Angst, ihr Gewissen zu belasten, indem sie ein voreiliges Urteil über meine Absichten fällte. Dies alles entdeckte ich sehr bald, da ich mit Margherita sehr gut bekannt wurde.

Ich vereinbarte mit der Mutter den Preis für gutes, aber nicht übertriebenes Mittag- und Abendessen. Da ich dreitausend Zechinen besaß, so nahm ich mir vor, so zu leben, daß ich in Rom nicht nur keines Menschen bedürfte, sondern sogar eine anständige Rolle spielen könnte.

Am nächsten Tage fand ich Briefe auf mehreren Postämtern vor, und der Bankvorsteher Belloni, der mich seit langer Zeit kannte, war von den Wechseln, die ich überbrachte, bereits in Kenntnis gesetzt. Herr Dandolo, stets mein getreuer Freund, schickte mir zwei Empfehlungsbriefe, von denen der eine an den venetianischen Gesandten Erizzo adressiert war. Es war der Bruder des früheren Gesandten in Paris. Dieser Brief machte mir das größte Vergnügen. Der andere war an die Herzogin von Fiano von ihrem Bruder, Herrn von Zuliani, gerichtet.

Ich sah mich also in der Lage, zu allen großen Häusern Roms Zutritt zu erhalten, und machte mir ein wahres Vergnügen daraus, mich dem Kardinal Bernis erst vorzustellen, wenn ich bereits in der ganzen Stadt bekannt wäre.

Ich nahm weder Wagen noch Bedienten; denn dies ist in Rom durchaus nicht notwendig, da man dort beides sofort findet, wenn das Bedürfnis sich geltend macht.

Mein erster Besuch galt der Herzogin von Fiano. Sie war sehr häßlich und nicht eben reich, aber sie hatte einen ausgezeichneten Charakter, obgleich sie, um ihren Mangel an Geist zu verdecken, den Entschluß gefaßt hatte, recht boshaft zu sein, damit man sie für geistreich hielte.

Ihr Gemahl, der Herzog, der auch den Namen Ottoboni trug, hatte sie nur geheiratet, um sich einen Erben zu verschaffen. Aber der arme Teufel war babilano, wie man in Rom sagt, mit anderen Worten impotent. Dies vertraute die gute Herzogin mir schon bei meinem dritten Besuch an. Sie sagte es mir jedoch nicht in einem Ton, wie wenn sie ihn nicht liebte, oder wie wenn sie bedauert oder getröstet werden wollte, sondern nur um sich über ihren Beichtvater lustig zu machen, dem sie diesen Umstand anvertraut hatte, und der ihr gedroht hatte, ihr die Absolution zu verweigern, wenn sie fortführe, sich über den Zustand ihres Gemahls zu beklagen, und wenn sie irgendein Mittel anwendete, um ihn von seiner Ohnmacht zu heilen.

Die Herzogin gab jeden Abend ihrem aus sieben oder acht Personen bestehenden Kreise ein kleines Souper; zu diesen Mahlzeiten wurde ich erst nach zehn Tagen zugelassen, als alle mich kannten und meine Gesellschaft zu lieben schienen. Der Herzog war eine Art Uhu und liebte keine Gesellschaft; er speiste auf seinem Zimmer.

Der Fürst von Santa-Croce war der Cavaliere servente der Herzogin, und die Fürstin wurde vom Kardinal Bernis bedient. Die Fürstin war eine Tochter des Marchese Falconieri; sie war jung, hübsch, lebhaft und ganz dazu angetan, den Männern zu gefallen; aber sie war eifersüchtig auf den Besitz des Kardinals und ließ keiner anderen Dame die Hoffnung, ihren Platz einzunehmen.

Der Fürst war ein schöner Mann von edlen Manieren und mit einem recht scharfsinnigen Geist begabt, dessen er sich jedoch nur bediente, um geschäftliche Spekulationen zu machen; er war mit Recht überzeugt, daß er seiner vornehmen Geburt nichts vergab, indem er sein Vermögen durch Operationen vermehrte, zu denen vor allen Dingen Intelligenz nötig sei. Da er nicht gern Geld ausgab, so war er der Kavalier der Herzogin von Fiano geworden, weil diese ihm nichts kostete, und weil er außerdem nicht der Gefahr ausgesetzt war, sich in sie zu verlieben. Der Fürst war nicht fromm, aber er war Jesuit von der kurzen Robe in der vollsten Bedeutung des Wortes.

Als ich einige Wochen nach meiner Ankunft mich beklagte, daß einem Gelehrten so viele lästige Schwierigkeiten gemacht würden, wenn er in der römischen Bibliothek arbeiten wollte, erbot er sich, mich dem Superior des Hauses der Gesellschaft Jesu vorzustellen. Ich nahm sein Anerbieten an und wurde von einem der Bibliothekare empfangen, der mich allen Unterbeamten vorstellte; seitdem konnte ich nicht nur auf die Bibliothek gehen, so oft ich wollte, sondern auch die Bücher, die ich brauchte, in meine Wohnung schaffen lassen; ich hatte zu diesem Zweck nur meinen Namen und die Titel der gewünschten Bücher aufzuschreiben. Man brachte mir Kerzen, wenn man annahm, daß ich nicht mehr genügend Licht zum Lesen hätte, und trieb die Höflichkeit so weit, daß man mir die Schlüssel zu einer kleinen Seitentür gab, durch die ich zu allen Stunden eintreten konnte, oft sogar ohne gesehen zu werden.

Die Jesuiten sind stets die höflichsten von den Orden unserer Religion gewesen, ich muß sogar sagen: die einzigen höflichen; aber in der Krisis, in der sie sich damals befanden, waren sie von einer geradezu kriechenden Zuvorkommenheit.

Der König von Spanien verlangte die Unterdrückung des Ordens, und die Jesuiten wußten, daß der Papst sie ihm versprochen hatte; sie glaubten jedoch, der große Schlag könnte niemals geführt werden, und fühlten sich daher beinahe ganz sicher. Sie konnten sich nicht denken, daß der Papst eine übermenschliche Kraft hätte. Sie ließen sogar von dritter Seite darauf aufmerksam machen, daß seine Macht- Vollkommenheit nicht so weit ginge, ihren Orden ohne die Einwilligung eines Konzils aufzuheben; aber sie täuschten sich. Wenn der Pontifex maximus sich nur mit großer Mühe entschließen konnte, die Aufhebungsbulle zu unterzeichnen, so kam dies daher, daß er überzeugt war, mit der Bulle zugleich auch sein Todesurteil zu unterzeichnen; er entschloß sich daher erst dann dazu, als er sich in seiner Ehre bedroht sah. Der König von Spanien, der starrköpfigste aller Despoten, schrieb ihm mit eigener Hand: wenn er den Orden nicht aufhöbe, so würde er in allen europäischen Sprachen die Briefe drucken lassen, die er als Kardinal an ihn geschrieben hätte, und die ihn, den König, veranlaßt hätten, ihm die Tiara des heiligen Petrus auf das Haupt zu setzen.

Ein Papst mit einem anderen Kopf als Ganganelli würde dem König geantwortet haben, der Papst habe die Versprechungen eines Kardinals nicht zu halten, und die Jesuiten würden diese Doktrin unterstützt haben, die durchaus noch nicht die spitzfindigste unter den von den Anhängern des Probabilismus aufgestellten ist; aber Ganganelli liebte im Grunde die Kinder Loyolas nicht: er war Franziskanermönch und kein Edelmann von Geburt; seine Höflichkeit war bäuerisch, und sein Geist war nicht stark genug, um der Scham zu trotzen, die er gefühlt hätte, wenn er als ein Ehrgeiziger bloßgestellt worden wäre, der sein Wort brechen könnte, das er einem großen Herrscher gegeben hätte, um sich auf den Stuhl des vornehmsten Apostels setzen zu können.

Ich muß lachen, wenn ich sagen höre, Ganganelli hat sich durch das Einnehmen von Gegengiften vergiftet. Allerdings gebrauchte er Gegengifte und schützende Arzneien, weil er mit Recht befürchtete, daß man ihn vergiften würde. Er verstand nichts von Medizinen und hätte daher wohl einen solchen Fehler machen können; aber ich habe die moralische Gewißheit – wenn es überhaupt eine moralische Gewißheit gibt, daß der Papst wirklich an Gift starb, aber nicht an seinen Gegengiften.

Meine Gewißheit gründet sich auf folgendes:

In dem Jahre meines Aufenthaltes in Rom, dem dritten Regierungsjahr Klemens‘ des Vierzehnten, verhaftete man eine Frau aus Viterbo, die in einem rätselhaften Stil ganz überraschende Prophezeiungen aussprach. Sie weissagte in dunklen Ausdrücken die Zerstörung der Gesellschaft Jesu, ohne den Zeitpunkt anzugeben, wann dieses große Ereignis eintreten sollte; aber sie sagte sehr klar und deutlich: dieser religiöse Orden werde von einem Papst vernichtet werden, der nur fünf Jahre drei Monate und drei Tage regieren würde, genau so lange wie Sixtus der Fünfte, keinen Tag länger und keinen weniger.

Fast alle lachten über diese Weissagung, als eine Äußerung eines kranken Gehirns, und man sprach bald nicht mehr von der Sibylle von Viterbo, die man jedoch einsperrte.

Ich bitte meine Leser, mir zu sagen, ob ein urteilsfähiger, denkender Mensch an der Vergiftung Ganganellis noch zweifeln kann, da sein Tod die Prophezeiung wahr machte?

Hier gewinnt die moralische Gewißheit die ganze Kraft einer tatsächlichen Gewißheit. Derselbe Geist, der die Pythia von Viterbo abzurichten wußte, verstand es auch, seine Maßregeln so zu treffen, daß die Welt erfuhr, die Jesuiten hätten, wenn sie auch nicht ihre Unterdrückung verhindern konnten, jedenfalls nicht die Macht verloren, sich zu rächen, und wußten von dieser Macht Gebrauch zu machen. Der mächtige Jesuit, der dem Leben Ganganellis zur vorausbestimmten Stunde ein Ende machte, hätte ihn sicherlich vergiften können, bevor er das Breve der Aufhebung des Ordens unterzeichnet hatte; aber alles scheint dafür zu sprechen, daß die Nachfolger Loyolas die Sache erst dann für möglich hielten, als sie bereits vollbracht war. Hätte der Papst nicht den Jesuitenorden aufgehoben, so wäre er auch nicht vergiftet worden, und dann hätte die Weissagung auch nicht gelogen. Es ist zu bemerken, daß Klemens der Vierzehnte genau so wie Sixtus der Fünfte Franziskanermönch war, und daß beide von geringer Herkunft waren. Auffallenderweise wurde nach dem Tode des Papstes die Prophetin in Freiheit gesetzt, indem man sie für wahnsinnig erklärte. Man hörte niemals mehr von ihr sprechen, und obwohl die Prophezeiung durch das Ereignis bestätigt wurde, sagte man in allen gelehrten und adeligen Kreisen hartnäckig, der Papst sei an den Gegenmitteln gestorben, die er zum Schutz gegen Gift eingenommen habe.

Wer vorurteilslos und nicht voreingenommen ist, möge mir sagen, welches Interesse der Papst daran haben konnte, die Weissagung der Frau von Viterbo buchstäblich zu bestätigen? Wenn man mir sagt, das Ereignis könne nur ein Wert des Zufalles gewesen sein, so stopft man mir natürlich den Mund, denn diese Möglichkeit kann ich nicht leugnen; trotzdem werde ich bei meiner Überzeugung bleiben, weil sie auf Wahrscheinlichkeit und Vernunft gegründet ist.

Diese Vergiftung war die letzte Machtäußerung der Jesuiten. Es war ein Verbrechen, weil es nach dem Ereignis stattfand; wäre der Papst vor ihrem Sturz vergiftet worden, so hätte die Politik diese Tat gerechtfertigt; denn wirkliche Politik besteht in Voraussicht und Vorsicht und zögert niemals, die Mittel anzuwenden, die am meisten geeignet sind, den beabsichtigten Zweck möglichst schnell zu erreichen; der elendeste von allen Politikern ist derjenige, der nicht weiß, daß es nichts auf der Welt gibt, was nicht in zweifelhaften Fällen vorsichtshalber geopfert werden müßte.

Als der Fürst von Santa-Croce mich zum zweitenmal bei der Herzogin von Fiano sah, fragte er mich ohne jede Vorrede, warum ich den Kardinal Bernis nicht besuchte.

»Ich gedenke ihm morgen meine Aufwartung zu machen.«

»Gehen Sie ja hin; denn ich habe niemals Seine Eminenz mit so großer Achtung von einem Menschen sprechen hören, wie von Ihnen.«

»Ich habe seit achtzehn Jahren große Verpflichtungen gegen ihn und bewahre ihm eine unerschütterliche Dankbarkeit.«

»Besuchen Sie ihn also; wir alle werden uns freuen.«

Der Kardinal empfing mich am nächsten Tage mit offenbar großer Freude. Er lobte die Zurückhaltung, womit ich zum Fürsten über ihn gesprochen hätte, und sagte mir, er halte es nicht für notwendig, mir Verschwiegenheit in bezug auf unsere Bekanntschaft von Venedig her anzuempfehlen.

»Eure Eminenz sind ein wenig stärker geworden,« sagte ich zu ihm, »im übrigen aber finde ich Sie frisch und durchaus nicht verändert wieder.«

»Sie irren sich, lieber Freund, ich bin in allem anders geworden. Vor allen Dingen bin ich jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, während ich damals nur sechsunddreißig zählte; außerdem darf ich nur noch Gemüse essen.«

»Geschieht dies, um die Neigung zu den Freuden der Venus zu töten?«

»Ich möchte gern, daß man es glaubte; aber ich denke, kein Mensch läßt sich dadurch täuschen.«

Er freute sich sehr, als er hörte, daß ich einen Brief für den venetianischen Gesandten besäße, aber ihn noch nicht abgegeben hätte. Er versicherte mir, er werde den Gesandten zu meinen Gunsten stimmen und dieser werde mich gut aufnehmen. »Schon morgen werde ich damit anfangen, das Eis zu brechen,« sagte der liebenswürdige Kardinal; »Sie werden bei mir speisen, und Seine Exzellenz wird es erfahren.«

Er hörte mit Vergnügen, daß ich gut mit Mitteln versehen und daß ich allein war, sowie, daß ich beschlossen hatte, verständig und ohne jeden Luxus zu leben.

»Ich werde diese Nachricht unserer M. M. mitteilen; denn ich stehe immer noch im Briefwechsel mit der schönen Nonne, und ich glaube, sie wird sich darüber freuen.«

Ich machte ihm viel Spaß, indem ich ihm mein Abenteuer mit der Nonne von Chambery erzählte.

»Sie können«, sagte der Kardinal, »den Fürsten von Santa-Croce ruhig bitten, Sie der Fürstin vorzustellen; wir können dann angenehme Stunden miteinander verbringen, aber nicht in der Art jener einstigen Stunden in Venedig; denn die Fürstin hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit M. M.«

»Sie ist aber doch das Entzücken Eurer Eminenz.«

»Ja,in Ermanglung eines Besseren. Sie werden sehen.«

Am nächsten Tage sagte der Kardinal nach Tisch zu mir, Herr Zuliani habe den Botschafter Erizzo von meiner Anwesenheit in Rom benachrichtigt, und dieser habe die größte Lust, mich kennen zu lernen.

Ich war sehr zufrieden mit dem Empfang, den er mir bereitete. Chevalier Erizzo, der Bruder des noch lebenden Prokurators, war ein geistvoller Mann, ein guter Bürger, ein ausgezeichneter Redner und ein großer Politiker. Er machte mir ein Kompliment wegen meiner Reisen und beglückwünschte mich, daß ich mich der Protektion der Staatsinquisitoren erfreute, anstatt von ihnen verfolgt zu werden; denn Herr Zuliani hatte mich ihm mit ihrer Einwilligung empfohlen. Er behielt mich zum Essen bei sich und bat mich, ihm den Vorzug zu geben, so oft ich nichts Besseres zu tun hätte.

Am selben Abend war ich bei meiner Herzogin und bat den Fürsten Santa-Croce, mich seiner Frau vorzustellen.

Er antwortete mir: »Sie selber wünscht dies, seitdem der Kardinal länger als eine Stunde mit ihr über Sie gesprochen hat. Sie können sich jeden Tag um elf Uhr oder um zwei Uhr nachmittags melden lassen.«

Gleich am nächsten Tage ging ich um zwei Uhr hin. Sie lag im Bett und hielt ihre Mittagsruhe; da ich aber den Vorzug hatte, ein Mensch ohne Bedeutung zu sein, so ließ sie mich sofort eintreten. In einer Viertelstunde wußte ich ganz genau, was an ihr war: sie war jung, hübsch, fröhlich, lebhaft, neugierig, lachlustig, sprach und fragte fortwährend und hatte nicht die Geduld, die Antwort abzuwarten oder zu Ende zu hören. Sie kam mir vor wie ein Spielzeug, um Geist und Herz eines genußfreudigen und weisen Mannes zu erheitern, der wichtige Geschäfte hatte und das Bedürfnis fühlte, sich zu zerstreuen. Der Kardinal sah sie regelmäßig dreimal taglich: am Morgen, wenn sie sich anzog, erkundigte er sich, ob sie eine gute Nacht gehabt hätte; am Nachmittag um drei Uhr trank er mit ihr Kaffee, und am Abend sah er sie noch einmal in der Gesellschaft. Dort machte er mit ihr seine Partie Pikett und spielte so geschickt, daß er jeden Abend sechs römische Zechinen verlor, niemals mehr und niemals weniger. Hierdurch wurde die Fürstin die reichste junge Frau in ganz Rom. Ihr Gemahl besaß zwar den Fehler der Eifersucht, aber er war zu vernünftig, um es übel zu nehmen, daß seine Frau eine Pension von achtzehnhundert Franken im Monat hatte, ohne sich etwas vorzuwerfen zu brauchen und ohne der üblen Nachrede den geringsten Stoff zu liefern; denn alles ging in voller Öffentlichkeit vor sich; übrigens war das Geld ehrlich im Spiel gewonnen, und dieses sehr unschuldige Spiel konnte schließlich ja auch wohl eine schöne Frau beständig begünstigen. Warum sollte das Glück nicht verliebt sein?

Der Fürst Sante-Croce mußte einen unendlichen Wert auf die Freundschaft des Kardinals für seine junge Gemahlin legen; sie war sehr fruchtbar und schenkte ihm jedes Jahr ein Kind; manchmal sogar alle neun Monate, obgleich Doktor Salicetti dringend geraten hatte, an ihre Gesundheit zu denken; er hatte ihr gesagt, sie setze sich den größten Gefahren aus, wenn sie wieder schwanger würde, bevor sechs Wochen seit ihrer letzten Niederkunft vergangen wären. Man behauptete, der Fürst, der sich während der letzten Tage der Schwangerschaft seiner Frau hätte enthalten müssen, ginge sofort wieder ans Werk, wenn man das Neugeborene zur Taufe trüge.

Die Freundschaft des Kardinals mit seiner Frau bot dem Fürsten Santa-Croce ferner noch den Vorteil, daß er alle gewünschten Stoffe aus Lyon kommen lassen konnte, ohne daß der Schatzmeister des Papstes sich hineinmischen durfte, denn die Waren wurden an den französischen Botschafter, Kardinal Vernis, adressiert. Die Gönnerschaft des Kardinals schützte ferner das Haus des Prinzen gegen alle diejenigen, die sonst seiner Frau gerne den Hof gemacht hätten, und ohne Zweifel waren die Freier sehr zahlreich. Der Connetabel Colonna war sehr in sie verliebt. Der Fürst hatte eines Tages den vornehmen Herrn unter vier Augen mit seiner Frau in einem Zimmer seines Palastes überrascht, und zwar in einem Augenblick, wo sie sicher war, daß das Glockenzeichen an der Tür nicht die Eminenz anmeldete. Kaum war der Fürst-Connetabel fortgegangen, so befahl der Fürst seiner Gattin, sich bereit zu halten, um mit ihm am nächsten Tage aufs Land zu gehen. Die Frau verwahre sich dagegen und sagte, diese plötzliche Abreise sei nur eine törichte Laune von ihm, und ihre Ehre erlaube ihr nicht, darin einzuwilligen. Der Fürst war jedoch fest entschlossen, und sie hätte nachgeben müssen, wenn nicht der Kardinal während des Streites eingetroffen wäre. Nachdem er die Geschichte aus dem Munde der naiven und unschuldigen Fürstin vernommen hatte, machte er dem Fürsten begreiflich, er müsse um seines Glückes willen allein aufs Land gehen, wenn er dort Geschäfte hätte, und seine Frau ruhig in Rom lassen; in Zukunft werde sie ihre Maßregeln besser treffen, um solche Zusammentreffen zu vermeiden, die stets listig seien, und aus denen Mißverständnisse hervorgehen könnten, die den häuslichen Frieden stören würden.

In weniger als einem Monat war ich den drei Hauptspielern dieser Komödie völlig unentbehrlich geworden. Niemals mischte ich mich in ihre Dispute ein, sondern hörte und bewunderte immer nur, gab stets dem Sieger recht und wurde ihnen dadurch ebenso notwendig, wie ein Marqueur Billardspielern ist. Durch Erzählung oder scherzhafte Erläuterungen füllte ich die verdrießlichen Augenblicke aus, die derartigen Debatten zu folgen pflegen; man kam wieder in gute Stimmung, man fühlte, daß man dies mir verdankte, und belohnte mich dadurch, daß man mich niemals für überflüssig hielt. Ich sah im Kardinal, im Fürsten und in seiner schönen Frau drei liebenswürdige Wesen, die vernünftig und vorurteilsfrei genug waren, um durch unschuldige Mittel ihr Leben glücklich zu machen, ohne dem Frieden und den guten Sitten der Gesellschaft zu nahe zu treten.

Die Herzogin von Fiano war eitel auf ihren Ruf, den sie in Rom hatte, und da sie den Gatten der Frau besaß, die dieser dem Kardinal überließ, so bildete sie sich nicht wenig darauf ein; aber außer ihr selber ließ sich kein Mensch dadurch täuschen. Die gute Dame wunderte sich, warum ich nicht begreifen konnte, daß die Fürstin nur aus unwiderstehlicher Eifersucht niemals zu ihr käme. Eines Tages suchte sie mich mit solchem Feuer hiervon zu überzeugen, daß ich wohl sah, ich würde mich dem Verlust ihrer Huld aussetzen, wenn ich ihr nicht beistimmte.

Ich hatte ihr von Anfang an zugeben müssen, daß es unbegreiflich wäre, wie die Reize der Fürstin den Kardinal hätten blenden können; denn nach ihrer Meinung gab es keine so magere, leichtfertige und flatterhafte Person wie die Fürstin. Ich war durchaus nicht dieser Meinung, denn in meinen Augen war die Fürstin Santa-Croce ein wahres Kleinod für einen genußliebenden und philosophischen Liebhaber wie den Kardinal Bernis.

Manchmal ertappte ich mich darauf, den Prälaten wegen des Besitzes dieses Schatzes glücklicher zu finden als wegen der hohen Würde, zu der ihn Glück und persönliches Verdienst erhoben hatten.

Ich liebte die Fürstin; da ich aber nicht so kühn war, Hoffnungen auf Erfolg zu hegen, so hielt ich mich innerhalb der Grenzen, die mir eine friedliche Fortdauer unseres Verhältnisses sicherten.

Ich hätte es wagen können, und es wäre mir vielleicht geglückt; aber ich hätte mich vielleicht auch getäuscht und den Stolz der Frau beleidigt, die offenbar mehr stolz als verliebt war; ich würde das Zartgefühl des Kardinals beleidigt haben, der trotz seiner Philosophie durch die Jahre und den Kardinalspurpur anders geworden war als zu der Zeit, da wir die schöne M. M. gemeinsam besaßen. Ich erinnerte mich, daß der Kardinal mir gesagt hatte, er empfinde für sie nur die Zärtlichkeit eines Vaters; hierdurch hatte er mir zur Genüge zu verstehen gegeben, daß er es übel nehmen würde, wenn ich mehr zu werden versuchte als der meistbegünstigte ihrer sehr ergebenen Diener.

Übrigens mußte ich mich sehr glücklich schätzen, daß sie sich mir gegenüber nicht mehr Zwang antat als vor ihrer Kammerzofe. Um ihr nach Möglichkeit gefällig zu sein, tat ich, wie wenn ich nichts sähe, während sie überzeugt war, daß ich alles sähe.

Es ist nicht leicht, den Weg zu finden, um die Gunst einer gegen alles so gleichgültigen Frau zu erringen, besonders wenn sie in ihrem Dienst einen König hat – oder einen Kardinal.

Ich war nun seit einem Monat in Rom. Das Leben, das ich führte, war so, wie ich es mir nur wünschen mochte, um glücklich und ruhig zu sein. Margherita hatte schließlich durch ihre Aufmerksamkeiten meine Teilnahme erregt. Da ich keinen Bedienten hatte, so war sie morgens und abends in meinem Zimmer, und ihr falsches Auge war so vorzüglich gemacht, daß ich an ihre Einäugigkeit gar nicht dachte. Sie hatte viel natürlichen Geist, aber nicht die geringste Bildung; sie war eitel, und obwohl ich anfangs gar keine Absicht dabei hatte, schmeichelte ich ihrer Eitelkeit, indem ich abends und morgens mit ihr schäkerte und ihr kleine Geschenke machte, um sich für den Kirchgang am Sonntag putzen zu können. Es dauerte denn auch nicht lange, so bemerkte ich zweierlei: erstens, daß sie sich wunderte, warum ich niemals zu einer Erklärung in Worten oder Taten käme, obwohl ich sie doch offenbar liebte, denn davon war sie überzeugt; zweitens, daß ihre Eroberung nicht schwierig sein würde, wenn ich sie liebte.

Diesen letzten Umstand erriet ich, als ich sie eines Tages bat, mir die kleinen Abenteuer zu erzählen, die sie gewiß von ihrem elften oder zwölften Jahre bis zu ihrem gegenwärtigen Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren gehabt hätte; sie erzählte mir Einzelheiten, die sie nur enthüllen konnte, indem sie jede Zurückhaltung beiseite setzte.

Da diese kleinen Skandalgeschichten mir das größte Vergnügen machten, so hatte ich sie daran gewöhnt, mir niemals etwas zu verschweigen; denn ich gab ihr jedesmal, wenn ich an ihrer Erzählung den Charakter der Wahrheit fand, einige Geldstücke; ich gab ihr aber nichts, wenn ich zu bemerken glaubte, daß sie mir Umstände verschwieg, durch deren Einfügung die Geschichte interessanter geworden wäre.

Sie gestand mir, daß sie das nicht mehr hatte, was ein Mädchen nur einmal verlieren kann, und daß eine Freundin von ihr, namens Buonaccorsi, die sie jeden Feiertag besuchte, sich in derselben Lage befand; schließlich nannte sie mir auch den Namen des jungen Mannes, der sie beide entjungfert hatte.

Mein Nachbar war ein junger piemontesischer Abbate, namens Ceruti; wenn ihre Mutter keine Zeit hatte, mußte Margherita ihn bedienen. Als ich sie mit ihm neckte, schwor sie mir, sie hätte kein Liebesverhältnis mit ihm. Das machte mir Spaß, denn mir lag durchaus nichts daran.

Der Abbate war schön, gelehrt und geistvoll; aber er war arm, verschuldet und wegen einer sehr unangenehmen Geschichte in ganz Rom berüchtigt.

Man erzählte sich, er habe einem Engländer, der die Fürstin Lanti liebte, im Vertrauen gesagt, die Fürstin habe zweihundert Zechinen nötig; der Engländer habe ihm das Geld für sie gegeben und der Abbate habe es für sich behalten. Diese Gemeinheit war entdeckt worden, als es zwischen der Dame und dem Insulaner zu einer Aussprache kam. Dieser sagte der Fürstin, er sei bereit, alles für sie zu tun, und rechne dabei die zweihundert Zechinen nicht, die er ihr bereits habe geben lassen.

Überrascht und entrüstet leugnete die Fürstin. Alles klärte sich auf. Der vorsichtige Engländer entschuldigte sich, und dem Abbaten wurde der Zutritt zum Hause der Fürstin versagt, während der Engländer sich weigerte, ihn zu sehen.

Dieser Abbate Ceruti war der Schriftsteller, von dem Bianconi die allwöchentlich erscheinenden römischen Ephemeriden schreiben ließ; er war, wie man zu sagen pflegt, mein Freund geworden, als wir in Margheritas Haus nebeneinander wohnten. Ich hatte bemerkt, daß er sie liebte, und war durchaus nicht eifersüchtig auf ihn, denn ich war nicht in sie verliebt; da er jedoch jung und schön war, so konnte ich mir nicht vorstellen, daß Margherita ihn hart behandelte. Sie versicherte mir jedoch, sie verabscheute ihn und es wäre ihr sehr unangenehm, daß ihre Mutter ihn nicht immer bedienen könnte.

Ceruti hatte einige Verpflichtungen gegen mich; er hatte von mir zwanzig Scudi auf acht Tage geliehen; und es waren bereits drei Wochen vergangen, ohne daß er Wort gehalten hatte. Ich mahnte ihn jedoch nicht und würde ihm sogar noch zwanzig Scudi geliehen haben, wenn er mich darum gebeten hätte.

Wenn ich bei der Herzogin von Fiano zu Abend speiste, kam ich spät nach Hause, und Margherita wartete dann auf mich. Ihre Mutter lag schon zu Bett. Ich behielt das Mädchen eine Stunde oder manchmal auch zwei bei mir und dachte nicht daran, daß unsere geräuschvollen Späße vielleicht dem Abbate mißfallen könnten, der alles hören mußte; denn unsere Zimmer waren nur durch eine dünne Scheidewand getrennt.

Als ich eines Abends gegen Mitternacht nach Hause kam, fand ich zu meiner Überraschung die Mutter auf mich warten.

»Wo ist Ihre Tochter?« fragte ich sie.

»Sie schläft, und ich kann es mit gutem Gewissen nicht mehr erlauben, daß sie die ganze Nacht bei Ihnen bleibt.«

»Aber sie bleibt ja nur so lange bei mir, bis ich zu Bett gehe. Ihre Mitteilung beleidigt mich, denn es liegt darin ein Verdacht, der für mich verletzend ist. Was kann denn Margherita Ihnen gesagt haben? Wenn sie sich über mich beschwert hat, so hat sie gelogen. Morgen werde ich ausziehen.«

»Da würden Sie unrecht tun. Margherita hat mir nichts gesagt; sie behauptete im Gegenteil, Sie scherzten nur.«

»Ganz recht. Haben Sie etwas gegen solches Scherzen einzuwenden?«

»Nein, aber Sie können sonst noch was machen.«

»Und auf diese Möglichkeit hin erheben Sie einen unwürdigen Verdacht, der Ihr Gewissen beunruhigen muß, wenn Sie eine gute Christin sind?«

»Gott soll mich behüten, daß ich Argwohn gegen meinen Nächsten habe! Aber mir ist gesagt worden, Ihr Gelächter und Ihre Scherze seien so laut, daß ohne jeden Zweifel Ihre Unterhaltungen gegen die guten Sitten verstoßen müßten.«

»So hat also mein Nachbar, der Abbate, Sie mit dieser Sache behelligt?«

»Ich kann Ihnen nicht sagen, wer mich darauf aufmerksam gemacht hat, aber ich weiß Bescheid.«

»Um so besser für Sie! Morgen werde ich ausziehen, damit Ihr Gewissen sich beruhigt.«

»Aber kann ich Sie nicht ebensogut bedienen wie meine Tochter?«

»Nein. Ihre Tochter macht mich lachen, und das tut mir gut. Mit Ihnen wäre es anders. Sie haben mich beleidigt, und ich werde morgen Ihre Wohnung verlassen, denn so etwas darf nicht mehr vorkommen.«

»Es würde mir außerordentlich leid tun wegen meines Mannes; er würde von mir verlangen, daß ich ihm den Grund sage, und dies würde mich in Verlegenheit bringen.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen; es ist mir völlig gleichgültig, was Ihr Mann davon denkt, und ich werde morgen ausziehen. Bitte, entfernen Sie sich; ich will zu Bett gehen.«

»Erlauben Sie mir, Sie zu bedienen.«

»Nein. Wenn Sie wünschen, daß ich bedient werde, so schicken Sie mir Margherita.«

»Sie schläft.«

»Wecken Sie sie!«

Die gute Mutter ging hinaus, und zwei Minuten darauf trat die Tochter ein. Sie hatte beinahe nur ein Hemd an, und da sie keine Zeit gehabt hatte, sich ihr falsches Auge einzusetzen, so fand ich sie so komisch, daß ich laut auflachte.

»Ich schlief«, sagte Margherita, »und meine Mutter hat mich plötzlich aufgeweckt und mir befohlen, Sie zu bedienen und Sie zu bitten, daß Sie nicht ausziehen; denn dann würde mein Vater denken, wir hätten irgend etwas Böses miteinander gemacht.«

»Ich werde bleiben; aber Sie werden nach wie vor allein zu mir kommen.«

»Oh, ich komme gern; aber wir dürfen nicht mehr lachen, denn der Abbate hat sich beschwert.«

»Ah, so hat also der Abbate diesen ganzen Lärm gemacht?«

»Das können Sie sich doch denken. Unsere Freude hat ihn geärgert und hat seine Leidenschaft angestachelt.«

»Er ist ein jämmerlicher Kerl, der bestraft werden muß; haben wir gestern gelacht, so werden wir diese Nacht noch mehr lachen.«

Nachdem wir uns hierüber geeinigt hatten, begingen wir tausend Kindereien und lachten dazu absichtlich doppelt laut, um den Bäffchenträger zu ärgern. Als wir seit einer Stunde im schönsten Tollen waren, ging die Türe auf, und die Mutter trat ein.

Sie fand mich mit Margheritas Haube auf dem Kopf und das Mädchen mit einem großen Schnurrbart verziert, den ich ihr mit Tinte angemalt hatte. Bei diesem Anblick mußte die Mutter, die uns vielleicht auf frischer Tat zu ertappen geglaubt hatte, in unser Gelächter einstimmen.

»Nun?« fragte ich sie; »ist dies wirklich ein Verbrechen?«

»Nein; ich sehe, Sie haben recht; aber bedenken Sie, daß Ihre unschuldigen Orgien Ihren Nachbarn am Schlafen verhindern.«

»Mag er anderswo schlafen! Ich werde mir seinetwegen keinen Zwang antun. Ja, ich muß Ihnen sogar sagen, daß Sie zwischen ihm und mir zu wählen haben; denn wenn ich bei Ihnen bleibe, so geschieht dies nur unter der Bedingung, daß Sie ihn fortschicken; sein Zimmer nehme ich.«

»Ich kann ihm erst zum Ende des Monats kündigen, aber ich sehe voraus, daß er meinem Mann Dinge erzählen wird, die den Frieden des Hauses stören werden.«

»Ich verspreche Ihnen, daß er morgen ausziehen und daß er sich hüten wird, etwas zu sagen, überlassen Sie alles mir! Der Abbate wird sofort aus freiem Willen Ihr Haus verlassen, ohne daß Sie die geringste Unruhe zu befürchten haben. In Zukunft aber fürchten Sie für Ihre Tochter, wenn sie mit einem Mann allein ist, ohne zu lachen und zu sprechen. Wenn man nicht lacht, begeht man etwas Ernstes.«

Nach diesem Gespräch entfernte die Mutter sich zufrieden und legte sich zu Bett. Margherita bewunderte die schöne Tat, die ich am nächsten Tage ausführen sollte, und wurde so lustig, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nachdem ich mit ihr eine Stunde verbracht hatte, ohne zu lachen, verließ sie mich sehr glücklich über ihren Sieg.

Am anderen Morgen trat ich in aller Frühe beim Abbaten ein, warf ihm seine Indiskretion vor und forderte ihn auf, sich entweder sofort eine andere Wohnung zu besorgen oder mir unverzüglich die zwanzig Taler zu bezahlen, die er mir schuldig wäre. Er machte allerlei Ausflüchte; als er mich aber unerbittlich sah, sagte er mir, er könne nicht ausziehen, ohne einige kleine Summen zu bezahlen, die er dem Hauswirt schuldig sei, und ohne das Geld zu haben, ein anderes Zimmer auf einen Monat zu bezahlen.

»Gut. Hier sind zwanzig Taler; ich schenke sie Ihnen und ebenso die zwanzig Taler, die Sie mir bereits schuldig sind; aber ziehen Sie noch heute aus und hüten Sie sich, auch nur ein Wörtchen über die ganze Geschichte zu sagen, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich für Ihren unversöhnlichen Feind erkläre.«

Nachdem ich mich auf diese Weise des Abbaten entledigt hatte, sah ich mich im Besitz der beiden Zimmer und hatte auf diese Weise eine bequemere Wohnung; ich hatte Margherita zu meiner freien Verfügung, und durch sie wenige Tage später die hübsche Buonaccorsi, die ihr weit überlegen war.

Die beiden Mädchen machten mich mit dem jungen Helden bekannt, der sie verführt hatte.

Er war ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren mit einem reizenden Gesicht, aber klein von Wuchs. Die Natur hatte ihm ein ungeheures männliches Glied gegeben, und auf Lampsakus würde man ihm ohne Zweifel im Tempel des Priapus Altäre errichtet haben, denn er konnte es mit diesem Gott aufnehmen.

Dieser Jüngling, der sehr freundliche und liebenswürdige Manieren hatte, war von Gefühlen beseelt, die sich weit über die Anschauungsweise eines gewöhnlichen Arbeiters erhoben. Er liebte weder Margharita noch die Buonaccorsi; aber als sie eines Tages ungestört beisammen gewesen waren, hatte er erraten, daß sie neugierig waren, das zu sehen, was sie nicht glaubten, und hatte ihnen die Wahrheit gezeigt. Der Anblick erregte das Bedürfnis einer vollständigeren Befriedigung; er bemerkte es und bot ihnen seine Dienste an. Die beiden jungen Mädchen berieten sich miteinander, und indem sie so taten, als wenn sie ihm nur eine Gefälligkeit erwiesen, gaben sie sich ihm hin, und das doppelte Werk wurde vollzogen. Der junge Mann gefiel mir. Ich versah ihn mit guter Wäsche und Kleidung, und bald hatte er zu mir vollstes Vertrauen. Er war in ein junges Mädchen verliebt, dessen Besitz ihm das höchste Glück dünkte. Aber er war unglücklich, denn sie war in ein Kloster eingesperrt, und da er sie nicht zur Frau erhalten konnte, so war er der Verzweiflung nahe. Er verdiente nämlich täglich nur einen Paolo (elf Soldi) und hatte also nicht einmal genug für seinen eigenen Lebensunterhalt.

Da er mir oft von seiner angebeteten Schönen erzählte, so bekam ich Lust, sie zu sehen. Bevor ich jedoch diese Geschichte erzähle, muß ich erst sagen, in welchen Verhältnissen ich mich in Rom befand.

Eines Tages ging ich aufs Kapitol, um der Verteilung der Preise an die jungen Zöglinge der Mal- und Zeichenschule beizuwohnen. Der erste, den ich dort sah, war Raphael Mengs. Er war mit Pompeo Battoni und zwei oder drei anderen Malern da, um zu bestimmen, welche Arbeiten einen Preis erhalten sollten.

Da ich nicht vergessen hatte, wie der Künstler sich in Madrid gegen mich benommen hatte, so tat ich, wie wenn ich ihn nicht gesehen hätte, aber sobald er mich bemerkte, kam er auf mich zu, begrüßte mich freundlich und sagte: »Mein lieber Casanova, trotz dem, was in Madrid zwischen uns vorgefallen ist, können wir hier in Rom, dem Lande wahrer Freiheit, alles vergessen und miteinander sprechen, ohne dadurch unserer Ehre etwas zu vergeben.«

»Ich sage nicht nein; vorausgesetzt, daß der Gegenstand unseres Zwistes niemals erwähnt wird; denn ich für meinen Teil fühle, daß ich dabei nicht kaltblütig bleiben könnte.«

»Das leugne ich nicht, aber hätten Sie Madrid gekannt wie ich und gewußt, wie notwendig es für mich war, Rücksicht auf die bösen Zungen zu nehmen, so hätten Sie mich nicht in die Lage gebracht, tun zu müssen, was ich nur mit großem Bedauern tat.«

»Es sah nicht danach aus.«

»Ich glaube es, aber um so besser! Ich stand nämlich in dem dringenden Verdacht, Protestant zu sein, und wenn ich mich gegen Ihr Verhalten gleichgültig gezeigt hätte, so hätte ich dadurch die Verdachtgründe bestärkt und mich vielleicht zugrunde gerichtet. Kommen Sie morgen zu mir zum Mittagessen; Bacchus wird unseren Groll ertränken. Wir speisen im Kreise meiner Familie und meiner Freunde. Da Sie, wie ich weiß, mit Ihrem Bruder nicht verkehren, so wird er nicht bei mir sein, übrigens empfange ich ihn auch sonst nicht. Denn wenn ich das täte, würden alle anständigen Leute sich von meinem Hause fernhalten.«

Ich nahm die Einladung an, die den Stempel freimütigster Freundschaft trug, und fand mich pünktlich ein.

Mein Bruder verließ Rom einige Zeit nachher mit dem russischen Gesandten in Dresden, Fürsten Beloselski, mit dem er gekommen war; er hatte die Wiederherstellung seiner Ehre nicht erlangen können, denn der Senator Rezzonico war unerbittlich. Wir sahen uns m Rom nur drei- oder viermal.

Fünf oder sechs Tage vor seiner Abreise hatte ich die angenehme Überraschung, meinen anderen Bruder, den Abbate, bei mir eintreten zu sehen. Er war wie gewöhnlich in Lumpen und verlangte ganz frech Hilfe von mir.

»Woher kommst du?«

»Von Venedig. Dort konnte ich nicht bleiben, weil ich meinen Lebensunterhalt nicht fand.«

»Und wovon gedenkst du in Rom zu leben?«

»Ich werde Messen lesen und französischen Unterricht geben.«

»Du willst Sprachlehrer sein? Du kannst ja nicht einmal deine eigene Sprache.«

»Ich kenne die meinige und auch die französische und habe bereits zwei Schüler.«

»Ich wünsche ihnen Glück zu den Grundsätzen, die du ihnen beibringen wirst. Wer sind sie denn?«

»Der Sohn und die Tochter des Gastwirts, bei dem ich wohne. Aber das genügt nicht, und im Anfang mußt du mich unterstützen.«

»Darauf hast du nicht zu rechnen. Hinaus mit dir!«

Ohne länger auf ihn zu hören, zog ich mich in aller Eile fertig an und ging aus, indem ich Margherita beauftragte, mein Zimmer zu schließen.

Der elende Mensch stellte mich bei allen meinen Bekannten bloß, auch bei der Herzogin von Fiano und sogar beim Abbate Gama. Alle Welt lag mir in den Ohren, ich müßte ihn unterstützen oder ihn von Rom fortschaffen. Das wurde mir sehr lästig. Endlich kam der Abbate Ceruti zu mir und sagte: »Wenn es nicht dahin kommen soll, daß der Taugenichts auf der Straße bettelt, so müssen Sie etwas für ihn tun. Sie können ihn außerhalb Roms unterhalten, wenn Sie täglich drei Paoli opfern. Er ist bereit, die Stadt zu verlassen.« ^

Ich erklärte mich einverstanden, und Ceruti ordnete die Angelegenheit auf eine mir sehr erwünschte Weise. Er sprach mit einem Pfarrer, der sich damals in Rom aufhielt und der den Gottesdienst einer Franziskanerinnen-Kirche besorgte. Dieser Pfarrer nahm meinen Bruder mit, indem er ihm täglich drei Paoli zusicherte, um die Messe zu lesen, außerdem hatte er noch Aussicht, Geschenke zu erhalten, wenn es ihm glückte, als Prediger zu gefallen, denn auf das Predigen legten die Nonnen seines Klosters großen Wert.

Der Abbate Casanova entfernte sich also, und ich kümmerte mich wenig darum, ob er wußte oder nicht wußte, von wem er die drei Paoli erhielt. Solange ich in Rom blieb, fehlten die neun Piaster im Monat, ungefähr fünfzig Franken, ihm niemals. Nach meiner Abreise kehrte er nach Rom zurück; später kam er in ein anderes Kloster, wo er vor dreizehn oder vierzehn Jahren eines plötzlichen Todes starb.

Medini befand sich seit meiner Ankunft in Rom ebenfalls dort, aber wir hatten uns niemals gesehen. Er wohnte in der Ursulinerinnenstraße bei einem päpstlichen Dragoner; er lebte nur vom Spiel und suchte die Fremden zu betrügen, deren er habhaft werden konnte.

Der Taugenichts hatte ein bißchen Glück und ließ von Mantua seine Geliebte mit ihrer Mutter und einem anderen sehr hübschen Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren kommen. Er glaubte größere Vorteile zu haben, wenn er eine größere möblierte Wohnung nähme, und zog daher nach dem Spanischen Platz, wo ich fünf oder sechs Häuser von ihm entfernt wohnte. Dieser Umstand war mir jedoch völlig unbekannt.

Als ich eines Tages beim venetianischen Botschafter speiste, sagte Seine Exzellenz mir: »Sie werden mit einem Grafen Manucci speisen, der von Paris kommt, und sich sehr gefreut hat, als er vernahm, daß Sie in Rom sind. Ich nehme an, daß Sie ihn genau kennen; würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, wer dieser Graf ist, den ich morgen dem Heiligen Vater vorstellen soll?«

»Ich habe ihn in Madrid beim Gesandten Mocenigo gekannt; er macht einen guten Eindruck, ist bescheiden und höflich und ein hübscher junger Mensch. Das ist alles, was ich weiß.«

»Wurde er vom spanischen Hof empfangen?«

»Ich glaube es; aber ich kann es nicht bestimmt behaupten.«

»Ich glaube, nein; aber ich sehe. Sie wollen mir nicht alles sagen, was Sie von ihm wissen. Nun, es macht nichts; ich laufe keine Gefahr, wenn ich ihn dem Papst vorstelle. Er behauptet, von dem berühmten Reisenden Manucci aus dem dreizehnten Jahrhundert abzustammen und ein Nachkomme der berühmten Buchdruckerfamille Manucci zu sein, die der Literatur so viel Ehre gemacht hat. Er zeigte mir den Anker in seinem Wappen mit sechzehn Feldern.«

Ich war sehr erstaunt, daß dieser Mensch, der die Rache so weit getrieben hatte, mich sogar ermorden lassen zu wollen, von mir wie von einem vertrauten Freunde sprach. Ich entschloß mich jedoch, meine Gefühle zu verbergen, um zu sehen, wie es weiter kommen würde. Ich sah ihn also erscheinen, ohne ihn meinen gerechten Groll fühlen zu lassen. Als er den Gesandten nach der üblichen Etikette begrüßt hatte, kam er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, um mich zu umarmen und ich wich ihm nicht aus, sondern erkundigte mich nach seinem Gesandten.

Manucci sprach bei Tisch sehr viel; er erzählte, um mich herauszustreichen, zwanzig Lügen, was ich alles in Madrid getan hätte; wahrscheinlich dachte er dabei, wenn er selber lüge, zwinge er mich, ebenfalls zu lügen und meinerseits ihn herauszustreichen.

Ich schluckte alle diese sehr bitteren Pillen hinunter, da es nun einmal nicht anders ging; aber ich war fest entschlossen, gleich am nächsten Tage eine ernsthafte Erklärung herbeizuführen.

Ein Franzose, der mit Manucci gekommen war, ein gewisser Chevalier de Reuville, interessierte mich sehr. Er war nach Rom gekommen, um die Ehe einer Dame, die sich zu Mantua in einem Kloster befand, für ungültig erklären zu lassen. Er war dem Kardinal Galli ganz besonders empfohlen.

Er erzählte uns eine Menge hübscher Geschichten und erheiterte die ganze Gesellschaft. Als wir den Gesandten verließen, nahm ich Manuccis Einladung an, mit ihm in seinen Wagen zu steigen und bis zum Abend spazieren zu fahren.

Als wir mit Einbruch der Dunkelheit zurückkehrten, sagte der Franzose uns, er werde uns einer hübschen Dame vorstellen, bei der wir zu Abend speisen würden und auch eine Pharaobank legen könnten.

Der Wagen hielt am Spanischen Platz dicht bei meiner Wohnung vor einem Hause, und wir gingen nach dem zweiten Stock hinauf. Als ich eintrat, sah ich zu meiner großen Überraschung den Grafen Medini und dessen Geliebte, die der Chevalier sehr gerühmt hatte, die ich jedoch durchaus nicht nach meinem Geschmack fand. Medini begrüßte mich herzlich und dankte dem liebenswürdigen Franzosen, daß er mich veranlaßt hätte, das Vergangene zu vergessen und ihn zu besuchen.

Herr von Reuville machte ein erstauntes Gesicht; um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, die vielleicht unangenehm geworden wäre, brachte ich die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand.

Als die Gesellschaft beisammen war, schienen dem Graf Medini genügend viel Spieler vorhanden zu sein. Er setzte sich an einen großen Tisch, legte fünf- oder sechshundert Scudi in Gold und Banknoten vor sich hin und begann abzuziehen. Manucci verlor alles Gold, das er bei sich hatte; Reuville gewann die Hälfte von dem Golde der Bank, und ich begnügte mich mit der Rolle des Zuschauers.

Nach dem Abendessen verlangte Medini von dem Franzosen Revanche, und Manucci bat mich um hundert Zechinen. Ich gab sie ihm und in weniger als einer Stunde hatte er keinen Heller mehr; Reuville dagegen gewann Medini alles Gold ab, bis auf etwa zwanzig oder dreißig Zechinen. Hierauf gingen wir alle nach Hause. Manucci wohnte bei Rolands Tochter, meiner Schwägerin. Ich gedachte ihn dort gleich am nächsten Morgen aufzusuchen; er ließ mir jedoch keine Zeit dazu, denn ich sah ihn in aller Frühe schon bei mir erscheinen.

Nachdem er mir meine hundert Zechinen wiedergegeben hatte, ließ er mir keine Zeit, mich zu besinnen, sondern umarmte mich herzlich, zeigte mir einen starken Kreditbrief auf Belloni und bot mir an, mir soviel Geld zu leihen, wie ich nötig hätte. Ohne von dem Vergangenen ein Wort zu sagen, benahm der eigentümliche junge Mann sich so, daß ich einsah, wir müßten unser beiderseitiges Unrecht vergessen und uns als gute Freunde betrachten.

Bei dieser Gelegenheit trug wieder einmal mein Herz den Sieg über meine Vernunft davon, wie es mir oft geschehen ist. Ich nahm den Frieden an, den er mir anbot.

übrigens war ich nicht mehr in dem Alter, wo der unüberlegte Mut nur durch einen Degenstoß befriedigt werden kann. Manucci war zwar im Unrecht, aber ich sah auch klar und deutlich, daß es ihm leid tat und daß er es gerne wieder gutmachen wollte. Ich erinnerte mich, daß ich vor ihm im Unrecht gewesen war, wenn auch nicht so sehr wie er, und ich fühlte mein Herz beruhigt und meine Ehre befriedigt.

Am dritten Tage speiste ich mit ihm unter vier Augen in seiner Wohnung. Gegen das Ende der Mahlzeit kam der Chevalier de Reuville und kurz darauf Medini. Reuville forderte uns auf, jeder einmal die Bank zu halten. Wir nahmen seinen Vorschlag an, und das war zu seinem Unglück. Manucci gewann das Doppelte von dem, was er das vorige Mal verloren hatte; Reuville verlor vierhundert Zechinen, und ich verlor eine Kleinigkeit. Medini, der nur etwa fünfzig Zechinen verloren hatte, war in Verzweiflung und wollte sich aus dem Fenster stürzen.

Einige Tage darauf reiste Manucci nach Neapel, nachdem er der Geliebten Medinis, die mit ihm soupiert hatte, hundert Louis geschenkt hatte. Trotz dieser unverhofften Einnahme wurde Medini verhaftet, weil er seit seiner Ankunft in Rom mehr als tausend Scudi Schulden gemacht hatte.

Der Unglückliche schrieb mir vom Gefängnis aus jämmerliche Bittgesuche um Hilfe; diese Schreibebriefe übten jedoch auf mich weiter keine Wirkung aus, als daß ich mich seiner sogenannten Familie annahm. Ich hielt mich für meine Auslagen an der jungen Schwester seiner Geliebten schadlos, da ich nicht verpflichtet zu sein glaubte, ohne jeden Vorteil den Großmütigen zu spielen.

Um diese Zeit kam der deutsche Kaiser mit seinem Bruder, dem Großherzog von Toskana, nach Rom. Einer von den Herren seines Gefolges machte die Bekanntschaft der jungen Schönheit und setzte Medini instand, seine Gläubiger zu befriedigen. Er verließ Rom wenige Tage, nachdem er seine Freiheit wiedererlangt hatte; in einigen Monaten werden wir ihn wiederfinden.

Ich lebte glücklich auf meine selbstgewählte Art. Abends ging ich zur Herzogin von Fiano, jeden Nachmittag zur Fürstin Santa-Croce, und die übrige Zeit war ich zu Hause, wo ich Margherita, die hübsche Buonaccorsi und den jungen Menicuccio hatte, der mir so viel von seiner Liebe erzählte, daß ich schließlich Lust bekam, sein Mädchen kennen zu lernen.

Das junge Mädchen, das er liebte, befand sich seit dem zehnten Jahre in einer Art von klösterlicher Wohltätigkeitsanstalt, die sie nur verlassen konnte, um sich mit der Erlaubnis des Kardinals, dem die Verwaltung und Beaufsichtigung des Hauses unterstand, zu verheiraten. Die in dieses Kloster eingesperrten Mädchen erhielten bei ihrem Austritte zweihundert römische Scudi, die sie ihrem Gatten als Mitgift zubrachten.

Menicuccios Schwester befand sich in derselben Anstalt, und er konnte sie jeden Sonntag besuchen; sie kam mit ihrer Erzieherin an das Sprechgitter. Obgleich Menicuccio ihr Bruder war, erlaubte die Klosterordnung nicht, daß sie allein an das Gitter kam.

Vor fünf oder sechs Monaten hatte der junge Mann bei einem seiner gewöhnlichen Besuche seine Schwester mit einem anderen jungen Mädchen kommen sehen, das er vorher noch niemals bemerkt hatte. Er hatte sich sofort sterblich in dieses verliebt.

Da er die ganze Woche arbeiten mußte, so konnte er nur an Feiertagen das Sprechgitter aufsuchen; aber selbst an diesen Festtagen hatte der arme Junge nur selten das Glück, die Geliebte zu sehen, um die er so viele Seufzer ausstieß; in fünf oder sechs Monaten hatte er sich nur etwa achtmal ihrer Gegenwart erfreut.

Seine Schwester kannte seine Liebe und erwies ihm gerne jede Gefälligkeit; aber es stand nicht in ihrer Macht, die Freundin nach ihrem Belieben mit an das Gitter zu führen, und die Oberin um Erlaubnis zu fragen wagte sie nicht, weil sie Verdacht zu erregen fürchtete.

Ich hatte mich also entschlossen, der armen Eingesperrten einen Besuch zu machen. Unterwegs erzählte Menicuccio mir, daß die Frauen, die dieses Haus leiteten, eigentlich keine Nonnen wären; denn sie hätten kein Gelübde abgelegt und trügen keine geistliche Tracht; trotzdem aber kämen sie kaum in Versuchung, ihr Gefängnis zu verlassen, denn draußen in der Welt würden sie ihr Brot erbetteln oder eine dienende Stellung annehmen müssen. Die mannbaren jungen Mädchen verließen das Haus, indem sie die Flucht ergriffen, was sehr schwierig wäre, oder indem sie sich verheirateten, was sehr selten vorkäme.

Wir kamen an ein schlecht gebautes großes Haus, das an einem der Stadttore in öder Gegend lag; denn das Tor führte auf keinen Weg. Als wir das Sprechzimmer betraten, sah ich zu meiner Überraschung ein doppeltes Gitter von gekreuzten Stäben, die so dicht waren, daß ein zehnjähriges Mädchen seine Hand nicht hätte hindurchstecken können, ohne sich zu verletzen. Zwischen dem inneren und äußeren Gitter befand sich ein ziemlich großer Zwischenraum, wodurch die öffnungen scheinbar noch um die Hälfte kleiner wurden; hierdurch wurde es außerordentlich schwierig, die Gesichtszüge der Personen zu erkennen, die sich dicht an das zweite stellten, um so mehr, da der Teil des Sprechzimmers, wo die unglücklichen Gefangenen sich aufhielten, nur von dem unsicheren Licht des für die Besucher bestimmten Teiles notdürftig erhellt wurde.

Der Anblick erfüllte mich mit Entsetzen, und ich fragte Menicuccio: »Wie und wo hast du denn deine Geliebte gesehen? Ich sehe hier nur Finsternisse.«

»Das erste Mal hatte die Erzieherin zufällig eine Lampe bei sich; aber eine solche anzuzünden, ist bei Strafe der Exkommunikation nur gestattet, wenn Verwandte kommen.«

»Wird sie denn heute mit Licht kommen?«

»Das bezweifle ich; denn die Pförtnerin wird ihr gesagt haben, daß ich nicht allein bin.«

»Aber wie ist es dir dann gelungen, deine Freundin zu sehen, die doch nicht deine Verwandte ist?«

»Durch Zufall. Das erste Mal war sie heimlich gekommen, und die Aufseherin meiner Schwester, eine sehr gute Person, sagte nichts. Die anderen Male kam sie auf Bitten meiner Schwester, jedoch ohne Kerze.«

Wirklich erschien bald darauf die Frauengestalt, aber ohne Licht; es war mir unmöglich, die Aufseherin zu überreden, uns welches zu verschaffen. Sie fürchtete, entdeckt und exkommuniziert zu werden.

Da ich sah, daß ich die unschuldige Ursache war, daß mein junger Freund den Anblick der Geliebten entbehren mußte, so wollte ich mich entfernen; aber dies wollte er nicht zugeben. So verbrachte ich an diesem barbarischen Gitter eine peinliche Stunde, die jedoch nicht uninteressant war. Die Stimme von Menicuccios Schwester erregte in mir ein köstliches Gefühl und brachte mich auf den Gedanken, daß die Blinden sich durch das Gehör verlieben müssen. Die Aufseherin war noch nicht dreißig Jahre alt. Sie sagte mir, die Insassen des Hauses würden nach ihrem fünfundzwanzigsten Jahre Aufseherinnen über die jüngeren, und mit fünfunddreißig Jahren stände es ihnen frei, das Haus zu verlassen. Hierzu entschlössen sich jedoch aus Furcht vor der Armut nur sehr wenige.

»Dann haben Sie wohl viele Alte hier?«

»Wir sind hundert, und die Zahl vermindert sich nur durch den Tod oder durch einen Austritt, der selten vorkommt.«

»Aber es treten doch auch einige aus, um sich zu verheiraten; wie fangen denn diese es an, ihren Freiern Liebe einzuflößen?«

»In den zwanzig Jahren, seitdem ich hier bin, habe ich nur vier austreten sehen, um sich zu verheiraten, und diese haben ihren Gatten erst vor dem Altar kennen gelernt. Wer bei dem Kardinal-Protektor eine von uns zur Ehe verlangt, ist ein Narr oder ein Verzweifelter, der zweihundert Piaster braucht. Übrigens erteilt der Kardinal die Erlaubnis nur, nachdem er sich überzeugt hat, daß der Bewerber in seinem Berufe so viel verdient, um seine Frau ordentlich unterhalten zu können.«

»Und wie wird die Auswahl vollzogen?«

»Der Bewerber muß sagen, wie alt seine Frau sein und was sie können muß, und der Kardinal verläßt sich dann auf die Oberin.«

»Ich nehme an, daß Sie gutes Essen und gute Wohnung haben?«

»Keines von beiden. Dreitausend Scudi jährlich können nicht genügen, um die Bedürfnisse von hundert Personen zu bestreiten. Die glücklichsten sind diejenigen, die sich mit ihrer Arbeit etwas verdienen.«

»Und was sind das für Leute, die sich darum bewerben, ihre Töchter in ein solches Gefängnis zu bringen?«

»Arme Leute oder Fromme, welche Furcht haben, daß ihre Töchter dem Laster zur Beute fallen. Aus diesem Grunde werden nur hübsche Madchen bei uns aufgenommen.«

»Und wer urteilt über diese Schönheit?«

»Die Älteren, der Priester, ein Mönch oder der Pfarrer und als letzte Instanz der Kardinal-Protektor; wenn dieser das Mädchen nicht hübsch findet, so verwirft er sie ohne Mitleid, denn er sagt, die häßlichen haben von der Verführung der Welt nichts zu befürchten. Sie können sich also wohl denken, daß wir Unglücklichen, die wir hier sind, diejenigen verfluchen, die uns hübsch gefunden haben.«

»Ich beklage Sie, aber ich wundere mich, daß man nicht die Erlaubnis erhalten kann, Sie in allen Ehren zu sehen; dies würde vielleicht doch manchen veranlassen, eine von Ihnen zur Frau zu begehren.«

»Der Kardinal sagt, er dürfe diese Erlaubnis nicht geben, denn die Übertretung der Gründungsgesetze sei mit Exkommunikation bedroht.«

»Der Begründer dieses Hauses muß in der Hölle sein.«

»Das glauben wir alle, und wir beten nicht dafür, daß er herauskommt. Der Papst sollte diesem Unfug ein Ende machen.«

Ich gab dem Mädchen zehn Scudi und sagte ihr, da ich sie nicht sehen könne, so wolle ich ihr nicht versprechen, ein zweites Mal wiederzukommen. Ich ging mit Menicuccio hinaus, der sich Vorwürfe machte, mir diese langweilige Stunde verschafft zu haben.

Ich antwortete ihm: »Ich sehe voraus, daß ich niemals deine Geliebte und deine Schwester erblicken werde, deren Stimme mir ins Herz gedrungen ist.«

»Es scheint mir unmöglich zu sein, daß Ihre zehn Piaster nicht Wunder wirken.«

»Es muß doch noch ein anderes Sprechzimmer da sein?«

»Ja, aber dieses dürfen bei Strafe der Exkommunikation ohne Erlaubnis des Heiligen Vaters nur Priester betreten.«

Ich begriff nicht, wie eine so abscheuliche Anstalt geduldet werden konnte; denn es war offenbar, daß die armen Eingesperrten nur mit größter Mühe einen Gatten finden konnten. Da jedem Mädchen eine Mitgift von zweihundert Piastern zugesichert war, so hatte der Gründer der Anstalt doch wohl auf zwei Heiraten jährlich rechnen müssen; ich vermutete, daß diese Summen von irgendeinem Gauner zu seinem Nutzen verwendet würden.

Ich teilte meine Gedanken dem Kardinal Bernis in Gegenwart der Fürstin mit. Sie wurde von lebhafter Teilnahme für die Unglücklichen ergriffen und sagte, man müsse dem Papst eine von allen Insassen der Anstalt unterzeichnete Eingabe überreichen, worin sie den Heiligen Vater um Erlaubnis bäten, im Sprechzimmer in allen Ehren und unter denselben Förmlichkeiten wie in anderen Frauenklöstern Besuche zu empfangen.

Der Kardinal bat mich, die Bittschrift aufzusetzen, sie unterzeichnen zu lassen und der Fürstin zu übergeben. Unterdessen werde er einen günstigen Augenblick benützen, den Heiligen Vater von der Sache in Kenntnis zu setzen, und werde die geeignete Person ausfindig machen, um die Eingabe in aller Form zu überreichen.

An der Einwilligung der allergrößten Zahl der Eingesperrten zweifelte ich nicht. Ich setzte die Bittschrift auf, und als ich zum zweiten Male an das Gitter ging, übergab ich sie derselben Aufseherin, mit der ich bereits gesprochen hatte. Sie war von meiner Idee begeistert und versprach mir, bei meinem nächsten Besuch mir die Eingabe mit den Unterschriften aller ihrer Leidensgefährtinnen zurückzugeben.

Sobald die Fürstin Santa-Croce die Eingabe mit den Unterschriften hatte, wandte sie sich an den Kardinal-Protektor Orsini; dieser versprach ihr, mit dem vom Kardinal Bernis schon vorbereiteten Papst darüber zu sprechen. Der Heilige Vater ließ unverzüglich ein Breve ausfertigen, wodurch die Exkommunikation aufgehoben wurde.

Der Kaplan des Hauses erhielt den Auftrag, der Oberin zu sagen, daß sie in Zukunft Besuche im großen Sprechzimmer zu erlauben hätte; die jungen Mädchen, die gerufen würden, wären von einer Aufseherin zu begleiten.

Menicuccio kam freudestrahlend zu mir und erzählte mir diese Neuigkeit, die die Fürstin selber noch nicht kannte. Sie freute sich außerordentlich, als ich sie ihr erzählte.

Papst Ganganelli war ein Ehrenmann und ließ es dabei nicht bewenden. Er befahl, der Verwaltung den Prozeß zu machen und sie über alles in den hundert Jahren seit der Gründung Unterschlagene genau Rechenschaft ablegen zu lassen. Er setzte die Zahl der Zöglinge von hundert auf fünfzig herunter und verdoppelte die Mitgift. Er befahl außerdem, daß jedes Mädchen, das fünfundzwanzig Jahre alt geworden wäre, ohne einen Mann zu finden, mit der Mitgift von vierhundert Talern entlassen werden sollte. Zwölf Matronen von anerkannt gutem Lebenswandel wurden mit festem Gehalt als Aufseherinnen über die jungen Mädchen angestellt, so daß je vier unter der unmittelbaren Leitung einer dieser Frauen standen; zwölf Mägde sollten bezahlt werden, um die groben Arbeiten und die Bedienung im Hause zu verrichten.

Dreizehntes Kapitel


Marazzani wird bestraft. – Meine Abreise von Lugano. – Turin. – Herr Dubois. – Livorno. – Orloffs Abfahrt mit dem Geschwader. – Pisa. – Stratico. – Siena. – Die Marchesa Chigi. – Ich reise von Siena mit einer Engländerin ab.

Diese glücklichen unvorhergesehenen zufälligen Begegnungen sind die schönsten Augenblicke meines Lebens. Sie sind mir um so lieber, da ich sie nur dem Zufall verdanke. – Alle drei standen wir stumm vor Überraschung und Freude. Herr von R. brach zuerst das Schweigen und umarmte mich herzlich. Schnell entschuldigten wir uns gegenseitig: er, daß er angenommen hatte, es gäbe in Italien noch andere Personen meines Namens; ich, daß ich mich seines Namens nicht erinnert hatte. Ich mußte gleich zum Essen dableiben, und so war unsere Bekanntschaft wieder erneuert. Seine Republik hatte ihm dieses sehr einträgliche Amt gegeben, das zu seinem großen Bedauern nur zwei Jahre währte. Er sagte mir, er sei entzückt, daß er gerade während meines Aufenthaltes da sei, um mir nützlich sein zu können, und bat mich, in jeder Beziehung über ihn zu verfügen. Besseres konnte ich mir nicht wünschen. Er vernahm mit lebhafter Freude, daß ich in Lugano war, um ein Werk drucken zu lassen, und daher genötigt war, mich drei oder vier Monate lang aufzuhalten, aber er war betrübt, als ich ihm sagte, ich könne seinen Tisch höchstens einmal wöchentlich annehmen, da ich das Werk erst in Umrissen entworfen habe und daher sehr fleißig sein müsse.

Frau von R. konnte sich von ihrer Überraschung gar nicht erholen. Es war neun Jahre her, daß ich sie in Solothurn zurückgelassen hatte, und sie war damals so schön gewesen, daß ich nicht hatte annehmen können, einige Jahre mehr würden ihre Schönheit noch vergrößern. Und doch war dies der Fall: sie war viel schöner geworden, und ich machte ihr mein Komplimente darüber. Sie zeigte mir ihren einzigen Sprößling und gab ihn mir auf den Arm. Sie hatte ihn vier Jahre nach meiner Abreise zur Welt gebracht und liebte ihn mehr als das Licht ihrer Augen. Es sah auch ganz darnach aus, wie wenn der Knabe etwas verzogen wäre, ich habe jedoch vor kurzer Zeit gehört, daß dieses Kind jetzt ein ebenso liebenswürdiger wie wohlunterrichteter Mann ist.

Im Laufe einer Viertelstunde erzählte Frau von R. mir alles, was sie seit meiner Abreise von Solothurn erlebt hatte. Sie sagte nur, Lebel habe sich in Besançon niedergelassen und lebe dort mit seiner Frau in sehr angenehmen Vehältnissen.

Während unserer Unterhaltung sagte sie mir beiläufig, sie finde mich nicht mehr so jugendfrisch aussehend wie in Solothurn. Dies veranlaßte mich zu einem Verhalten, das ich sonst vielleicht nicht beobachtet haben würde. Statt mich von ihrer Schönheit fortreißen zu lassen, war ich auf meiner Hut, und anstatt eine Wiederanknüpfung unseres Liebesverhältnisses zu versuchen, sagte ich mir: um so besser; da ich auf den Namen eines Liebhabers keinen Anspruch mehr machen darf, so werde ich ihr Freund sein und werde mich würdig erweisen, auch der ihres ehrenwerten Gatten zu sein. Übrigens erlaubte auch das Werk, das ich drucken lassen wollte, mir keinerlei Zerstreuung, und eine Liebschaft würde den besten Teil meiner Zeit in Anspruch genommen haben.

Gleich am nächsten Tage begann ich zu arbeiten und schrieb mit Ausnahme einer Stunde, die ich einem Besuche widmen mußte, den Herr von R. mir machte, den ganzen Tag hindurch bis in die Nacht hinein. Am nächsten Tage erhielt ich den ersten Korrekturbogen, mit dem ich ziemlich zufrieden war.

Ich verbrachte den ganzen ersten Monat, emsig arbeitend, in meinem Zimmer. Nur an den Sonntagen ging ich aus, um die Messe zu hören, bei Herrn von R. zu speisen und dann mit Frau von R. und ihrem Kinde einen Spaziergang zu machen.

Am Ende dieses ersten Monats war mein erster Band fertig gedruckt und broschiert, und das ganze Manuskript für den zweiten lag bereit. In den letzten Tagen des Oktobers lieferte der Drucker mir das vollständige dreibändige Werk ab, und in weniger als einem Jahre verkaufte ich die ganze Auflage.

Indem ich dieses Werk schrieb, beabsichtigte ich weniger, mir Geld zu verschaffen, als die Gnade der Inquisitoren von Venedig zu erlangen; denn nachdem ich ganz Europa durchstreift hatte, wurde das Bedürfnis, meine Heimat wiederzusehen, so heftig, daß mir zumute war, wie wenn ich ohne dieses Glück überhaupt nicht mehr leben konnte.

Amelot de la Houssaie hatte die Geschichte der venetianischen Regierung als wahrer Feind der Venetianer geschrieben; seine Geschichte war eine Satire, die neben gelehrten Bemerkungen auch viele Verleumdungen enthielt. Amelots Werk befand sich seit siebzig Jahren in allen Händen, und kein Mensch hatte sich die Mühe gemacht, es zu widerlegen. Hätte ein Venetianer Amelots Lügen bloßstellen und ein Buch darüber drucken lassen wollen, so würde er in den venetianischen Staaten nicht die Erlaubnis dazu erhalten haben, denn die Regierung der Republik gestattet grundsätzlich nicht, daß man sich mit ihr beschäftigt, weder im Lob noch im Tadel. So hatte bis dahin kein einziger Schriftsteller die französische Satire zu widerlegen gewagt, da er anstatt einer verdienten Belohnung nur eine schimpfliche Bestrafung hätte erwarten können.

Ich glaubte nun, daß wegen meiner Ausnahmestellung diese Aufgabe mir vorbehalten sei. Da ich Grund genug hatte, mich über eine Regierung zu beklagen, deren Mitglieder mich durch ihre willkürliche und despotische Gewalt verfolgten, so war ich gegen den Verdacht der Parteilichkeit geschützt. Da ich andererseits sicher war, vor ganz Europa Amelots Lügen und Ungenauigkeiten zu enthüllen, so hoffte ich auf eine Belohnung, die nach meiner Meinung gar nicht ausbleiben konnte, da sie nur in einem Akte der Gerechtigkeit bestehen sollte.

Nach einer vierzehnjährigen Verbannung hatte ich Anspruch auf Rückkehr in meine Heimat, und ich glaubte, die Staatsinquisitoren würden sich freuen, diese Gelegenheit benützen zu können, um ihre Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, indem sie mir zur Belohnung meiner Vaterlandsliebe meine Begnadigung bewilligten.

Meine Leser werden sehen, daß ich richtig geraten hatte; aber man ließ mich noch fünf Jahre auf etwas warten, was man mir sofort hätte bewilligen sollen.

Da Herr von Bragadino tot war, so hatte ich in Venedig nur noch meine beiden guten alten Freunde Dandolo und Barbaro; durch sie fand ich in Venedig, jedoch ganz im geheimen, etwa fünfzig Subskribenten.

Während meines ganzen Aufenthaltes in Lugano verkehrte ich im Hause des Herrn von R., wo ich mehrere Male den weisen und gelehrten Abbate Riva traf, an den ich von seinem Verwandten, Herrn Guerini empfohlen worden war. Dieser Abbate stand bei seinen Landsleuten wegen seiner Klugheit in so hohem Ruf, daß sie ihn fast bei allen Streitigkeiten, die sonst zu kostspieligen Prozessenssen geführt hätten, zum Schiedsrichter erwählten. Er wurde aber von allen Gerichtsvollziehern, Rechtsanwälten, Sachwaltern und anderen Dienern der Gerechtigkeit herzlich gehaßt. Sein Neffe, Giambattista Riva, war nicht nur ein Freund der Musen, sondern er liebte auch den Gott vom Ganges und die Göttin von Cythere; er war mein Freund, obwohl ich ihm mit dem Glase in der Hand weder standhalten konnte noch wollte. Er lieh mir die jungen Nymphen, die er in die großen Mysterien eingeweiht hatte, und sie hatten ihn darum nur um so lieber, denn ich machte ihnen kleine Geschenke. Ich machte mit ihm und seinen sehr hübschen Schwestern eine Reise nach den Borromeischen Inseln. Ich wußte, daß Graf Federigo Borromeo, der mich im Juni mit seiner Freundschaft beehrt hatte, anwesend war, und war sicher, daß er mich gut empfangen würde. Die eine von den beiden Schwestern sollte für die Frau meines Freundes Riva gelten, und die andere für seine Schwägerin.

Graf Borromeo war zwar ruiniert, lebte aber auf seinen Inseln wie ein Fürst.

Es ist unmöglich, diese glückseligen Inseln zu schildern; man muß sie sehen. Es ist das herrlichste Klima, ein ewiger Frühling; man kennt dort buchstäblich weder Hitze noch Frost.

Der Graf bewirtete uns mit einem leckeren Essen und ließ die beiden Schönen nach Fischen angeln; dies machte ihnen viel Vergnügen. Obwohl er häßlich, alt, gichtbrüchig und verarmt war, besaß er doch noch die große Kunst zu gefallen.

Als wir vier Tage nach unserer Abreise nach Lugano zurückkehrten, wollte ich auf einem ziemlich engen Wege einem Wagen ausweichen; mein Pferd glitt über den Wegrand und stürzte zehn Fuß tief hinab. Ich stieß mit dem Kopf gegen einen großen Stein und glaubte, es sei um mich geschehen, denn das Blut strömte aus einer großen Wunde hervor. Ich kam mit der Furcht davon, denn in einigen Tagen war ich wieder hergestellt. Dies war das letzte Mal, daß ich ein Pferd bestieg.

Während meines Aufenthaltes in Lugano kamen die Abgeordneten der Dreizehn Kantone auf ihrer Rundreise durch die Untertanenländer dorthin. Die Luganesen gaben ihnen den prachtvollen Titel Ambassadoren, Herr von R. aber nannte sie einfach die Schultheißen.

Die Herren wohnten im selben Gasthof wie ich, und ich speiste mit ihnen während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes. Der Schultheiß von Bern gab mir Nachricht über meinen armen Freund F. und dessen Familie. Seine reizende Tochter Sarah hatte Herrn von W. geheiratet und war glücklich.

Bald nach der Abreise der Schultheißen, die lauter kenntnisreiche und sehr liebenswürdige Männer waren, sah ich eines schönen Morgens den unglückseligen Marazzani in mein Zimmer treten. Sobald ich ihn erkannte, sprang ich ihm an den Kragen, schleppte ihn trotz seinem Geschrei und Sträuben hinaus und gab ihm, ohne daß er Zeit gehabt halte, sich seines Stockes oder Degens zu bedienen, so viele Ohrfeigen, Faustschläge, Fußtritte (die er nach besten Kräften erwiderte), daß der Wirt und die Kellner, die auf den Lärm herbeieilten, die größte Mühe hatten, uns zu trennen.

»Lassen Sie den Spitzbuben nicht entwischen,« sagte ich zum Wirt, »und holen Sie den Bargello, damit er ihn ins Gefängnis bringt.«

Ich ging wieder in mein Zimmer, und während ich mich in aller Eile ankleidete, um Herrn von R. aufzusuchen, trat der Bargello ein und fragte mich, warum er den Menschen ins Gefängnis bringen sollte.

»Das werden Sie bei Herrn von R. erfahren, wo ich Sie erwarten werde.«

Warum war ich so zornig? Mein lieber Leser erinnert sich vielleicht, daß ich den Elenden im Schloß Buen Retiro zurückgelassen hatte, als der Alcalde Messa mich aus jener Hölle befreite, um mich nach meiner Wohnung zurückzubringen. Ich hatte später erfahren, daß er nach den afrikanischen Presidios gesandt worden war, um dort dem König aller Spanier als Galerenknecht mit dem Solde eines gemeinen Soldaten zu dienen.

Da ich nichts gegen ihn hatte, so bedauerte ich ihn; da ich ihn jedoch auch nicht näher kannte und nichts tun konnte, um sein Schicksal zu mildern, so hatte ich nicht mehr an ihn gedacht.

Als ich acht Monate später nach Barcelona kam, fand ich unter den Opernsängerinnen die Bellucci, eine junge Venetianerin, die ich im Vorübergehen einmal geliebt hatte, und deren Freund ich geblieben war. Sie stieß einen Freudenschrei aus, als sie mich wiedersah, und sagte mir, sie sei glücklich, mich von dem Unglück erlöst zu sehen, das die Tyrannei über mich gebracht habe.

»Was für ein Unglück meinen Sie, meine Liebe? Ich habe Unglück von mehr als einer Art gehabt, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben.«

»Ich spreche vom Presidio, lieber Freund!«

»Dies ist, Gott sei Dank, ein Unglück, das ich nicht zu beklagen habe. Wer hat Ihnen nur so etwas Schreckliches erzählt?«

»Ein gewisser Graf Marazzani, der hier drei Wochen zubrachte; er war, wie er mir sagte, glücklicher gewesen als Sie und hatte entfliehen können.«

»Der Mensch ist ein niederträchtiger Schuft, der Sie frech belogen hat, meine Liebe; aber wenn ich ihn jemals treffe, soll er mir seine Verleumdung teuer bezahlen.«

Seit jenem Augenblick konnte ich an diesen Kerl nicht ohne ein lebhaftes Verlangen, ihn durchzuprügeln, denken; ich dachte jedoch nicht, daß der Zufall ihn so bald mir in den Weg führen würde.

Da ich mich in dieser Stimmung befand, so wird man es wohl ganz natürlich finden, daß ich der ersten Aufwallung folgte und über ihn herfiel, sobald ich ihn sah. Ich hatte ihn geprügelt, aber damit war ich nicht zufrieden; denn ich hatte tatsächlich vielleicht ebenso viele Schläge bekommen, wie ich ausgeteilt hatte. Jedenfalls war er im Gefängnis, und ich wollte doch sehen, was Herr von R. tun könnte, um mir durch Bestrafung des Elenden volle Genugtuung zu verschaffen.

Als Herr von R. den Sachverhalt erfuhr, sagte er mir, er könne Marazzani weder im Gefängnis halten noch aus der Stadt ausweisen, wenn ich nicht eine Eingabe machte, worin ich Schutz meines Lebens gegen diesen Mann verlangte,von dem ich mit gutem Grund annehmen müßte, daß er ein Mörder und eigens nach Lugano gekommen wäre, um einen Anschlag auf mein Leben zu machen.

»Zur Begründung Ihrer Anklage können Sie die wirklichen Beschwerden anfühlen, die Sie gegen ihn haben, und können seinem plötzlichen unangemeldeten Erscheinen in Ihrem Zimmer die übelste Deutung geben. Reichen Sie Ihre Schrift ein; wir werden dann sehen, was er darauf antwortet. Ich werde ihm seinen Paß abverlangen, werde die Geschichte in die Länge ziehen und werde Befehl geben, daß man ihn hart behandle; aber schließlich werde ich doch nichts weiter machen können, als daß ich ihn aus der Stadt ausweise, und wenn er gute Bürgschaft stellt, kann ich selbst das nicht tun.«

Weiter konnte ich natürlich von dem braven Mann nichts verlangen. Ich reichte meine Schrift ein und ging am nächsten Morgen zu Herrn von R., um mir das Vergnügen zu bereiten, den Burschen gefesselt vorgeführt zu sehen.

Auf Herrn von R.’s Frage schwor Marazzani, er habe durchaus keine böse Absicht gehabt, indem er bei mir eingetreten sei. Was er in Barcelona gesagt habe, sei nur eine Wiederholung dessen, was man ihm selber erzählt habe, und es freue ihn sehr, daß man ihm falsch berichtet habe.

Diese Genugtuung hatte mir gewiß genügen sollen, das fühle ich; trotzdem sagte ich kein Wort, um die Strafe zu mildern, die der Richter vielleicht über ihn verhängen würde.

Herr von R. sagte ihm: »Mit einem leeren Gerede, das nicht zu greifen ist, kann man nicht die Verleumdung eines Mitmenschen entschuldigen; ich kann daher Herrn Casanova Gerechtigkeit und die geforderte Genugtuung nicht verweigern. Übrigens ist Herrn Casanovas Verdacht, daß Sie ihn haben ermorden wollen, hinreichend dadurch gerechtfertigt, daß Sie sich im Gasthof unter einem falschen Namen vorgestellt haben; denn der Klüger behauptet, Sie seien kein Graf Marazzani. Er erbietet sich, zur Untersuchung des Tatbestandes Kaution zu stellen, und wenn Herr Casanova Ihnen unrecht tut, wird diese Kaution zu Ihrer Entschädigung verwandt werden. Einstweilen bleiben Sie im Gefängnis, bis ich von Piacenza die Bestätigung von Herrn Casanovas Anschuldigung oder Ihre Rechtfertigung empfangen habe.«

Der Angeklagte wurde ins Gefängnis zurückgeführt, und da der arme Teufel keinen Heller hatte, so brauchte dem Bargello durchaus keine Strenge besonders befohlen zu werden.

Herr von R. schrieb nach Parma an den Geschäftsträger der Dreizehn Kantone, um die erforderliche Aufklärung zu erhalten. Der freche Gauner wußte, daß die Antwort nicht zu seinen Gunsten ausfallen würde, und schrieb mir daher einen ganz demütigen Brief, worin er gestand, daß er in der Tat nur ein armer Bürgersmann von Bobio sei, und daß er, obwohl er wirklich Marazzani heiße, doch mit den Marazzanis von Piacenza nichts zu tun habe. Zum Schluß flehte er mich an, ich mochte ihn wieder in Freiheit setzen lassen.

Ich zeigte Herrn von R. diesen Brief; er ließ den Menschen sofort in Freiheit setzen, indem er ihm Befehl gab, Lugano binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Ich fand diese Genugtuung hinreichend, und um das Unrecht wieder gutzumachen, das ich meinerseits ihm vielleicht angetan hatte, gab ich dem armen Teufel etwas Geld, um nach Augsburg zu gehen, und einen Brief an Herrn von Sellentin, der sich als Werber für den König von Preußen dort aufhielt. Ich werde auf diesen Menschen zu seiner Zeit noch zurückkommen.

Der Chevalier de Breche kam nach Lugano, um Pferde zu kaufen, und verbrachte vierzehn Tage dort. Er verkehrte mit mir häufig im Hause des Herrn von R., denn die Reize der gnädigen Frau hatten tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Wir verkehrten miteinander in guter Freundschaft, und ich sah ihn mit Bedauern scheiden.

Ich verließ Lugano wenige Tage nach ihm, um den Winter in Turin zu verbringen, wo ich im Umgang mit dem englischen Gesandten und meinen anderen Freunden ein angenehmes Leben erwarten durfte.

Vor meiner Abreise erhielt ich vom Fürsten Lubomirski einen sehr freundschaftlichen Brief mit einem Wechsel über hundert Dukaten, die er mir als Preis für fünfzig an ihn gesandte Exemplare meines Werkes schickte. Der gute Fürst war nach dem Tode des Großmalschalls der Krone, Grafen Bilinski, zu dieser hohen Würde erhoben worden.

In Turin fand ich einen Brief des edlen Venetianers Girolamo Zulian, desselben, der mich mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren an den Botschafter Mocenigo in Madrid empfohlen hatte. Dieses Schreiben enthielt einen Brief an den Geschäftsträger der Republik in Turin, Herrn Berlendis. Er freute sich sehr über den Empfang und dankte mir, daß ich durch diesen Brief ihn der unangenehmen Notwendigkeit enthoben hätte, mir sein Haus zu verschließen.

Der Geschäftsträger war ein reicher Mann, großer Freund des schönen Geschlechtes und machte ein großes Haus; dies genügte, um die Herren in Venedig von ihm sagen zu lassen, er mache der Republik Ehre; denn um Venedig als Gesandter an fremden Höfen zu vertreten, braucht man keinen Geist zu haben. Es wäre genauer, wenn ich sagte: man darf keinen Geist haben, oder man muß diesen zu verbergen wissen; denn wer Geist hätte und solchen zur Schau trüge, würde gar bald beim Senat in Ungnade fallen, der stets nur das tut, was das Kollegium will. Unter Kollegium versteht man in Venedig den Rat der Staatsinquisitoren. Berlendis lief keine Gefahr, zu mißfallen, denn von Geist war bei ihm keine Rede.

Überzeugt, daß der Erfolg mir nur günstig sein könnte, veranlaßte ich den Geschäftsträger, mein Werk amtlich den Staatsinquisitoren zu übersenden. Die Antwort, die er erhielt, wird erstaunlich erscheinen; mich überraschte sie jedoch keineswegs. Der Sekretär dieses gestrengen und höchst abscheulichen Tribunals schrieb ihm: er habe sehr wohl daran getan, dieses Werk den Inquisitoren zu senden, denn der Titel allein zeige zur Genüge die Vermessenheit des Verfassers. Man werde das Werk prüfen; unterdessen solle er mich genau beobachten und vor allen Dingen mir keinen Gunstbeweis geben, der bei dem Hofe die Meinung erregen könnte, ich würde von ihm in meiner Eigenschaft als Venetianer beschützt.

Die Mitglieder dieses Tribunals waren jedoch dieselben, die mir den Zutritt zu Mocenigo verschafft hatten.

Ich sagte Herrn Berlendis, ich würde ihn nur von Zeit zu Zeit vorsichtig besuchen.

Der Hofmeister seines Sohnes, ein gewisser Abbé Andreis, interessierte mich sehr; er war gelehrt, ein guter Schriftsteller und guter Dichter. Als Freund der Freiheit hat er sich später nach England zurückgezogen, wo er sich der köstlichsten aller Güter, einer vollen Freiheit, erfreute.

Ich lebte in Turin auf die angenehmste Weise und sehr friedlich, in einer liebenswürdigen Gesellschaft von Epikuräern: diese waren der alte Chevalier Raiberti, der Graf de la Pérouse, ein reizender Abbé de Roubien, ein genußfreudiger Graf Riva und der englische Gesandte. Dazu beschäftigte ich mich ein bißchen mit guter Literatur, aber ich hatte keine Liebschaft. Häufige Soupers mit sehr hübschen Modistinnen löschten unsere Begierden, bevor sie noch eigentlich entstanden oder jedenfalls bevor wir Zeit gehabt hatten, zu schmachten.

Während meines Aufenthaltes wurde die Geliebte des Grafen de la Pérouse, eine hübsche Modistin, ernstlich krank. Sie verschluckte bei der letzten Kommunion das Bildnis ihres Geliebten anstatt der Hostie. Ich machte auf diesen Vorfall zwei Sonette, mit denen ich zufrieden war und noch jetzt zufrieden bin. Man wird vielleicht sagen, es sei die Eigenschaft aller Dichter, mit ihren Werken zufrieden zu sein, wie die Äffin mit ihren Äffchen zufrieden ist; aber es ist Tatsache, daß ein vernünftiger Dichter sein erster Kritiker sein muß.

Zu jener Zeit befand sich das russische Geschwader unter dem Oberbefehl des Grafen Alexis Orloff in Livorno; es bedrohte Konstantinopel und wäre vielleicht dorthin gelangt, wenn ein Engländer es befehligt hätte.

Da ich den Grafen Orloff von Petersburg her kannte, so fiel mir ein, daß ich ihm vielleicht nützlich sein und zugleich mein Glück machen könnte.

Nachdem ich vom englischen Gesandten einen Brief erhalten hatte, durch den er mich eindringlich dem Konsul seiner Nation empfahl, verließ ich Turin mlt sehr wenig Geld in der Tasche und ohne einen Kreditbrief für einen Bankier.

Der Engländer Acton empfahl mich einem Landsmann, der in Livorno ein Geschäft hatte, aber seine Empfehlung ging nicht so weit, Geld für mich zu verlangen.

Dieser Acton hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: in Venedig hatte er sich in eine sehr schöne Frau verliebt, eins Griechin oder Neapolitanerin. Der Gatte, ein Turiner von Geburt und Taugenichts von Beruf, legte der Liebe Actons, der sehr viel Geld ausgab, kein Hindernis in den Weg, aber er verstand es, gerade in solchen Augenblicken unbequem zu werden, wo er sich als anständiger Mensch hätte fern halten sollen.

Ein solches Verhalten konnte dem offenen und freigebigen, zugleich aber stolzen und ungeduldigen Charakter des verliebten Insulaners nicht lange passen. Im Einverständnis mit seiner Schönen, entschloß Acton sich, die Zähne zu zeigen. Als eines Tages der Ehemann wieder zur Unzeit seinen Besuch machte, sagte der Engländer, ihm mit dürren Worten: »Brauchen Sie tausend Guineen? Diese stehen Ihnen zu Diensten, aber unter der Bedingung, daß Sie mir erlauben, drei Jahre mit Ihrer Frau zu reisen, ohne daß Sie uns begleiten.«

Der Mann fand das Geschäft gut, nahm den Vorschlag an und unterschrieb den Vertrag.

Nach Ablauf der drei Jahre schrieb der Ehemann von Turin aus an seine Frau nach Venedig, sie solle zu ihm kommen, und an Acton, er solle sie nicht daran verhindern.

Die Dame antwortete, sie wolle nicht mehr mit ihm leben; Acton gab ihm zu verstehen, er könne nicht gezwungen werden, die Frau aus seinem Hause zu jagen. Da er jedoch voraussah, daß der Gatte sich an den englischen Gesandten wenden würde, so schrieb Acton an diesen, um ihn zu seinen Gunsten zu stimmen.

Der Gatte verfehlte nicht, den von Acton vorausgesehenen Schritt zu tun: er verlangte, der Gesandte solle ihm befehlen, seine Frau herauszugeben. Er bat sogar den Chevalier Raiberti, dem Komtur Camarana, sardinischen Gesandten in Venedig, zu schreiben, er möchte bei der venetianischen Regierung die Heimsendung der Frau beantragen. Die Angelegenheit würde nach seinem Wunsche erledigt worden sein, wenn Raiberti diesen Schritt getan hätte. Dieser stellte jedoch die Ehre höher als das Sakrament der Ehe und unterließ es nicht nur, an Camarana zu schreiben, sondern bereitete auch auf Veranlassung seines Freundes, des englischen Gesandten, dem Ritter Acton die allerbeste Aufnahme, als er zur Ordnung dieser Angelegenheit nach Turin kam. Seine Geliebte hatte Acton unter dem Schutze des englischen Konsuls in Venedig gelassen.

Der dumme Ehemann schämte sich, öffentlich zu klagen, denn sein Vertrag bedeckte ihn mit Schimpf und Schande; aber Berlendis vertrat seine Rechte und gab uns durch die Art seiner Verteidigung viel zu lachen. Einerseits stellte er die eheliche Vereinigung als heilig und unverletzlich hin, andererseits konnte nach seiner Behauptung die Frau nach Gutdünken verhandelt werden, da sie sich dem Willen und der Verfügung des Gatten in jeder Weise zu unterwerfen hätte. Ich hatte mit ihm einen Disput und wies ihm nach, wie lächerlich er sich machte, indem er die Niedertracht eines Menschen unterstützte, der ohne Erröten eine Frau, die zu beschützen und zu verteidigen er geschworen hätte, als Ware behandelte. Ich überzeugte ihn jedoch erst, als ich ihm nachwies, daß der unwürdige Ehemann dem Liebhaber das Anerbieten gemacht hatte, den Vertrag auf weitere drei Jahre für denselben Preis von tausend Guineen zu erneuern.

Zwei Jahre später fand ich Acton in Bologna wieder und bewunderte die Schönheit der Frau, die er in jeder Beziehung als seine Gattin ansah und behandelte. Sie hielt einen hübschen kleinen Acton auf dem Schoß. Ich brachte ihr Nachrichten von ihrer Schwester, von der ich noch sprechen werde.

Ich reiste von Turin nach Parma mit einem Venetianer, der wie ich aus Gründen, die nur den Staatsinquisitoren bekannt waren, fern von der Heimat durch die Welt irrte. Er war Schauspieler geworden, um sein Brot zu verdienen, und ging nach Parma mit zwei Schauspielerinnen, von denen die eine einige Aufmerksamkeit verdiente. Sobald er hörte, wer ich sei, wurden wir Freunde, und er hätte mich gerne zu allen Vergnügungen zugezogen, die die Gesellschaft unterwegs bieten konnte, wenn ich in der Laune gewesen wäre, mich zu amüsieren.

Ich ging mit phantastischen Ideen nach Livorno und ich glaubte, mich dem Grafen Orloff bei der Eroberung Konstantinopels, zu der er, wie man sagte, auszog, nützlich machen zu können. Ich bildete mir ein, das Schicksal hätte bestimmt, daß er ohne mich niemals die Dardanellen passieren würde.

Obwohl diese Gedanken mich beschäftigten, faßte ich doch eine große Zuneigung zu meinem jungen Landsmann Angelo Bentivoglio. Die Inquisitoren verziehen ihm niemals ein Verbrechen, das die Philosophie nur als eine Läpperei ansehen kann. Ich komme in vier Jahren auf diesen Venetianer zu sprechen, wenn ich wieder in Venedig bin.

Ich kam in Parma gegen Mittag an und verabschiedete mich von Bentivoglio und seinen Begleiterinnen. Der Hof war in Colorno; da ich aber mit diesem Diminutivhof nichts zu tun hatte und schon am nächsten Tage nach Bologna weiterreisen wollte, so erbat ich mir einen Löffel Suppe von dem buckligen Herrn Dubois-Châteleroux, dem Münzdirektor des Infanten. Er war ein geistreicher und sehr talentvoller Mann, obgleich eitel. Der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren gekannt hatte, zu jener glücklichen Zeit, als ich in Henriette verliebt war. Er empfing mich mit lauten Ausrufen der Freude und dankte mir herzlich für die Höflichkeit, die ich ihm erwiesen, indem ich die wenigen Stunden meines Aufenthaltes in Parma mit ihm verbringen wollte. Ich sagte ihm, ich ginge nach Livorno zum Grafen Alexis Orloff, der mich erwartete; ich würde Tag und Nacht reisen, denn er müßte in dem Augenblick, wo wir sprächen, bereits segelfertig liegen.

»Er muß in der Tat im Begriff stehen, abzufahren,« antwortete der Bucklige mir; »hier habe ich Briefe von Livorno, in denen er mir gemeldet wird.«

Ich antwortete ihm in geheimnisvollem Ton, er würde nicht ohne mich abreisen, und der feine Bucklige machte mir eine Verbeugung voll politischer Bewunderung. Er wollte über diese Expedition sprechen, worüber ganz Europa orakelte; mein zurückhaltender Ton veranlaßte ihn jedoch, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.

Beim Mittagessen, woran seine Haushälterin teilnahm, sprachen wir viel von meiner Henriette, deren Namen erfahren zu haben er behauptete. Obgleich er mit großer Ehrerbietung von ihr sprach, nahm ich mich doch in acht, damit er aus meinen Worten keine Schlüsse ziehen konnte. Den ganzen Nachmittag unterhielt er sich mit mir und beklagte sich über alle Herrscher Europas mit Ausnahme des Königs von Preußen, der ihn zum Baron gemacht hatte, obwohl er ihn nicht kannte und niemals auch nur das Geringste mit ihm zu tun gehabt hatte.

Am meisten schimpfte er auf den Infanten von Parma, der ihn durchaus nicht aus seinem Dienst entlassen wollte, obgleich er nicht die Mittel besaß, eine Münze einzurichten und daher seine Talente brach liegen ließ.

Ich hörte alle seine Litaneien sehr gefällig an und gab ihm zu, daß er vollkommen recht hätte, wenn er sich über Frankreich beklagte, weil Ludwig der Fünfzehnte ihm nicht das Band des Michaelordens gegeben hätte; über Venedig, weil es sehr wenig für die großen Dienste bezahlte, die er dem Staat geleistet hätte, indem er das Druckwerk einrichtete, mittels dessen alle Münzen mit Rand geschlagen werden könnten, Ähnliche Beschwerden hatte er über Spanien, Neapel usw.

Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, bat ich ihn, mir durch irgendeinen Bankier fünfzig Zechinen geben zu lassen, die ich in Livorno an irgendein von ihm mir zu bezeichnendes Haus bezahlen würde.

Er antwortete mir in freundschaftlichstem Tone, es sei unnötig, wegen eines solchen Bettels zu einem Bankier zu gehen; er werde mir die fünfzig Zechinen selber geben.

Ich nahm sie an und versprach ihm, das Geld schnellstens zurückzuzahlen. Unglücklicherweise bin ich niemals in der Lage gewesen, dies zu tun, und ich werde mit dem zwecklosen Wunsche sterben, ihn noch bezahlen zu können, übrigens weiß ich nicht, ob er noch lebt; aber selbst wenn er so alt werden sollte wie Methusalem, mache ich mir durchaus keine Hoffnungen; denn ich werde jeden Tag ärmer und sehe, daß ich ganz dicht am Ende meiner Laufbahn stehe.

Am nächsten Tage kam ich in Bologna an und den Tag darauf in Florenz, wo ich den neunzehnjährigen Chevalier Morosini, den Neffen des Prokurators, traf. Er reiste mit dem Grafen Stratico, Professor der Mathematik an der Universität Padua, der den jungen Morosini als Erzieher begleitete. Er gab mir einen Brief an seinen Bruder, den Jakobinermönch und Professor der schönen Wissenschaften an der Universität Pisa. Ich hielt mich in dieser Stadt nur ein paar Stunden auf, um die Bekanntschaft dieses Mönches zu machen, der durch seinen Geist ebenso berühmt war wie durch sein Wissen. Ich fand ihn weit über seinem Beruf stehend, und da er mich sehr gut aufnahm, so versprach ich ihm, ein anderes Mal eigens zu dem Zweck, seine interessante Gesellschaft zu genießen, wieder nach Pisa zu kommen.

Ich verweilte eine Stunde im Seebade, wo ich die Bekanntschaft des Prätendenten auf den großbritannischen Thron machte, und begab mich dann nach Livorno, wo ich den Grafen Orloff nur darum noch vorfand, weil widrige Winde ihn verhindert hatten, in See zu stechen.

Der englische Konsul, bei dem er wohnte, stellte mich sofort dem russischen Admiral vor, der mich mit großer Freude empfing. Er sagte mir, er sei entzückt, mich wiederzusehen, und es werde ihm eine große Freude sein, mich an Bord zu haben. Er forderte mich auf, sofort mein Gepäck an Bord bringen zu lassen, weil er beim ersten günstigen Winde in See gehen würde. Er verließ mich, um einige Geschäfte zu erledigen, und ich blieb mit dem englischen Konsul allein, der mich fragte, in welcher Eigenschaft ich mich einschiffen würde.

»Das möchte ich allerdings auch wissen, bevor ich meine Sachen auf sein Schiff bringen lasse.«

»Sie können erst morgen früh mit ihm sprechen.«

Am nächsten Morgen begab ich mich zum Grafen Orloff und ließ ihm zwei Zeilen überbringen, wodurch ich ihn bat, mir einige Augenblicke für eine Unterhaltung zu gewähren, bevor ich meinen Koffer auf sein Schiff bringen ließe.

Ein Adjutant meldete mir, der Admiral sei im Bett mit Schreiben beschäftigt und lasse mich bitten, etwas zu warten.

»Sehr gern.«

Als ich einige Minuten gewartet hatte, erschien da Loglio, Geschäftsträger des Königs von Polen in Venedig, der mich von Berlin her und sogar durch alte Beziehungen schon von meiner Geburt an kannte.

»Was machen Sie hier, mein lieber Casanova?«

»Ich warte auf eine Besprechung mit dem Admiral.«

»Er ist sehr beschäftigt.«

Nachdem da Loglio mir diese Worte gesagt hatte, trat er ein. Das war eine Unverschämtheit; konnte er mir deutlicher sagen, daß für ihn Orloff nicht beschäftigt sei?

Einen Augenblick darauf kam der Marchese Marucci mit seinem Sankt-Annenorden – und seinem aufgeblasenen Wesen. Er machte mir ein Kompliment über mein Erscheinen in Livorno und sagte mir darauf, er lese mein Werk über Amelot de la Houssaie, worin er sich nicht erwähnt zu finden erwarte.

Er hatte recht; denn der Gegenstand des Werkes und er hatten nichts miteinander gemein; aber er war nicht der Mann, um auf der Welt nur das zu sehen, was er erwartete. Er ließ mir keine Zeit, ihm dies zu sagen, denn er trat beim Admiral ein, wie da Loglio eingetreten war.

Ich ärgerte mich, daß die Herren sofort vorgelassen wurden, während man mich im Vorzimmer warten ließ, und mein Plan begann mir zu mißfallen.

Fünf Stunden darauf kam Orloff mit einem großen Gefolge zum Vorschein. Er sagte mir mit liebenswürdiger Miene, wir wollten bei Tisch oder nach dem Essen miteinander sprechen.

»Nach dem Essen«, antwortete ich ihm.

Um zwei Uhr kam er wieder und setzte sich zu Tisch. Wer sich zuerst hinsetzte, konnte mitessen. Zu diesen gehörte ich; die anderen mußten zusehen.

Orloff sagte fortwährend: »Essen Sie doch, meine Herren!«

Er selber aber aß nichts, sondern las fortwährend seine Briefe, die er einem Sekretär übergab, nachdem er mit Bleistift Notizen darauf gemacht hatte.

Ich sagte während der ganzen Mahlzeit kein Wort. Als nach dem Essen der Kaffee herumgereicht wurde, sah der Graf mich plötzlich an, ergriff meine Hand und führte mich in eine Fensternische. Dort sagte er mir, ich möchte mich beeilen, mein Gepäck an Bord zu schicken, denn wenn der Wind sich hielte, würde er noch vor dem nächsten Morgen an Bord gehen.

»Ja, aber erlauben Sie mir, Herr Graf, Sie zu fragen, in welcher Eigenschaft Sie mich mitnehmen und welcher Art mein Amt sein wird.«

»Ein Amt kann ich Ihnen nicht geben. Aber vielleicht kommt das noch. Fahren Sie nur immer als mein Freund mit mir.«

»Ihr Freund zu sein, ist sehr ehrenwert, und als solcher würde ich sicherlich ohne Zögern mein Leben für Sie aufs Spiel setzen, aber man würde mir das nach der Expedition nicht anrechnen, ja nicht einmal während der Expedition selbst. Denn nur Sie allein würden in Ihrer Güte mir Zeichen von Vertrauen und Achtung geben; sonst würde kein Mensch sich um mich kümmern. Man würde mich als eine Art Lustigmacher ansehen, und ich würde vielleicht den ersten töten, der mir Zeichen von Mißachtung zu geben wagte. Ich brauche ein Amt, das mir die Pflicht auferlegt, Ihnen zu dienen und Ihre Uniform zu tragen. Ich kann Ihnen zu allem möglichen nützlich sein. Ich kenne das Land, wohin Sie gehen, spreche die Umgangssprache, bin gesund, und es fehlt mir nicht an Mut. Ich will Ihre kostbare Freundschaft nicht umsonst haben, sondern ziehe die Ehre vor, sie mir zu verdienen.«

»Mein lieber Freund, ein bestimmtes Amt habe ich Ihnen nicht zu geben.«

»Dann, Herr Graf, wünsche ich Ihnen gute Reise. Ich gehe nach Rom. Ich wünsche, daß es Ihnen niemals leid tun möge, mich nicht mitgenommen zu haben; denn ohne mich werden Sie niemals die Dardanellen passieren.«

»Ist das eine Weissagung?«

»Mehr als das: ein Orakel.«

»Wir werden sehen, mein lieber Kalchas.«

Hiermit endete das Gespräch, das ich mit diesem tapferen Manne hatte, der wirklich nicht die Dardanellen passierte. Würde er sie passiert haben, wenn er mich an Bord gehabt hatte? Das kann kein Mensch sagen.

Am nächsten Tage gab ich meine Briefe bei Herrn Rivarola und bei dem englischen Kaufmann ab. Das russische Geschwader war gegen Morgen abgefahren.

Den Tag darauf begab ich mich nach Pisa, wo ich acht Tage sehr angenehm mit dem Frater Stratico verbrachte. Er wurde zwei oder drei Jahre später Bischof durch einen kühnen Streich, der ihn hätte verderben können. Er wagte es, eine Leichenrede auf den Pater Ricci, den letzten Jesuitengeneral, zu verfassen. Diese Predigt, eine Lobrede auf den Verstorbenen, versetzte den Papst Ganganelli in die Notwendigkeit, entweder den Redner zu bestrafen und sich dadurch vielen Menschen verhaßt zu machen oder ihn für seinen Mut auf eine heroische Weise zu belohnen. Dieses letztere schien der Pontifex vorzuziehen. Als ich Stratico einige Jahre später als Bischof wiedersah, wiederholte er mir mehrere Male im Vertrauen, als ziemlich guter Kenner des menschlichen Herzens habe er die Leichenrede auf den Pater Ricci nur in der Überzeugung verfaßt, daß Seine Heiligkeit ihn durch eine glänzende Belohnung dafür bestrafen werde, und so sei er über den Empfang derselben nicht erstaunt gewesen.

Dieser Mönch ließ mich in Pisa die Reize seiner entzückenden Gesellschaft mitgenießen. Er hatte einige junge Damen von Stande ausgewählt, die Geist mit Schönheit vereinten, und lehrte sie improvisierte Lieder zur Gitarre singen. Er hatte sie durch die berühmte Corilla unterrichten lassen, die sechs Jahre später bei Nachtzeit auf dem Kapitol als Dichterin gekrönt wurde. Man hatte denselben Ort gewählt, wo unsere größten italienischen Dichter den Lorbeerkranz empfingen, und dies war ein großer Skandal; denn das Verdienst der Corilla war allerdings einzig in seiner Art, da jedoch ihre Kunst nur in einem schönen Klingklang bestand, so war sie nicht würdig, dieselben Ehren zu empfangen, die mit Recht einem Petrarca und einem Tasso zuerkannt wurden.

Man machte auf die gekrönte Corilla blutige Satiren, und die Verfasser derselben hatten noch mehr unrecht als jene, die durch ihre Krönung das Kapitol entweihten; denn die Schmähgedichte bezogen sich alle darauf, daß das Kleid der Keuschheit nicht zu den Ehren gehöre, die man ihr habe zuerkennen können. Alle Dichterinnen, von den Zeiten Homers bis auf die unsrigen, zum mindesten alle diejenigen, deren Namen auf die Nachwelt gekommen, haben auf dem Altar der Venus geopfert. Kein Mensch würde Corilla kennen, wenn sie es nicht verstanden hätte, unter geistreichen Leuten Liebhaber zu finden, und niemals wäre sie in Rom gekrönt worden, wenn sie nicht jenen Fürsten Gonzaga Solferino begeistert hätte, der später die hübsche Nangoni heiratete, die Tochter des römischen Konsuls, die ich in Marseille kennen lernte und von der ich bereits gesprochen habe.

Corilla hätte bei hellem Tage gekrönt werden müssen oder überhaupt nicht; man tat sehr übel daran, die Nacht zu wählen, denn diese verstohlene Krönung machte der Frau wenig Ehre und war für ihre Anbeter eine Unehre.

Die Regierung des gegenwärtigen Papstes hat hierdurch einen unauslöschlichen Makel erhalten; denn es ist sicher, daß von nun an kein Dichter mehr nach einer Ehre streben wird, die Rom bis dahin keineswegs verschwendet, sondern im Gegenteil mit sehr kluger Zurückhaltung nur solchen Geistern bewilligt hatte, die über das gewöhnliche Größenmaß der menschlichen Natur hinausgingen.

Zwei Tage nach der Krönung verließen Corilla und ihre Anbeter Rom voller Scham, daß es ihnen gelungen war, einer derartigen Nichtigkeit einen so feierlichen Anstrich zu geben.

Abbate Pizzi, der Vorsitzende der arkadischen Akademie, der die hauptsächlichste Anregung zur Apotheose der Dichterin gegeben hatte, wurde dermaßen mit Spottweisen und Satiren überschüttet, daß er mehrere Monate lang sich nicht öffentlich zu zeigen wagte.

Nach dieser langen Abschweifung, die man zu ganzen Bänden erweitern könnte, muß ich noch einmal zum Pater Stratico zurückkehren, der mir so angenehme Tage verschaffte.

Der Mönch, der nicht schön war, aber in höchstem Maße die Kunst besaß, Liebe zu erwerben, wußte mich zu überreden, acht Tage in Siena zu verbringen. Er versprach, mir alle Genüsse des Herzens wie des Geistes zu verschaffen, indem er mir zwei Empfehlungsbriefe mitgebe, einen für die Marchesa Chigi, den anderen für den Abbate Chiaccheri. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, so nahm ich an und begab mich auf geradem Wege nach Siena, ohne Florenz zu berühren.

Abbate Chiaccheri empfing mich auf das allerbeste; er versprach mir alle Genüsse, die von ihm abhingen, und hielt mir Wort. Er führte mich selber zur Marchesa Chigi, die sofort den angenehmsten Eindruck auf mich machte. Sie überflog den Brief des Abbate Stratico, ihres teueren Lieblings, wie sie ihn nannte, sobald sie seine Handschrift erkannte.

Die Marchesa war noch schön, obgleich sie bereits über die Jugend hinaus war. Trotzdem war sie offenbar ihrer Macht sich bewußt. Wenn ihr die Jugend fehlte, so ersetzte sie diese durch das zuvorkommendste Benehmen, die natürlichste Anmut, ein liebenswürdiges, ungezwungenes Wesen, einen aufgeklärten, angenehmen Geist, womit sie den gleichgültigsten Bemerkungen eine besondere Wendung zu geben wußte, durch die Reinheit ihrer Sprache, und besonders durch die gänzliche Abwesenheit jeder Geziertheit und Anmaßung.

»Setzen wir uns«, sagte sie zu mir. »Sie werden hier acht Tage verbringen, wie mein lieber Stratico mir schreibt. Das ist wenig für uns, aber vielleicht zu viel für Sie. Ich hoffe, unser Freund hat nicht zu übertrieben günstig von uns gesprochen.«

»Er hat mir nichts weiter gesagt, Signora, als daß ich hier acht Tage verbringen müßte und daß alle Reize des Geistes und des Herzens mich umgeben würden. Ich habe es nicht geglaubt und bin hierher gekommen, um zu sehen, ob er die Wahrheit gesprochen hat. Ich habe also, wie Sie sehen, mich nicht vorher beeinflussen lassen.«

»Daran haben Sie recht getan, aber Stratico hätte Sie ohne Mitleid mindestens zu einem Monat verurteilen müssen.«

»Warum ohne Mitleid? Welche Gefahr hätte mir drohen können?«

»Das Sie sich zu Tode langweilen oder in Siena ein Stück Ihres Herzens ließen.«

»Dies kann auch in acht Tagen geschehen; aber ich trotze diesen beiden Gefahren, denn Stratico hat mich gegen die erste geschützt, indem er auf Sie, und gegen die zweite, indem er auf mich rechnete. Sie werden meine Huldigung empfangen, und damit sie ganz rein sei, wird sie durchaus geistiger Art sein. Mein Herz wird Siena frei verlassen, wie es jetzt ist, denn da ich nicht auf eine Rückkehr hoffen kann, so würde eine Niederlage mich unglücklich machen.«

»Ist es möglich, daß Sie zu den Verzweifelten gehören?«

»Ja, und zu meinem großen Glück, denn diesem Umstand verdanke ich meine Ruhe.«

»Welches Unglück, wenn Sie sich täuschten!«

»Das Unglück wäre nicht groß, gnädige Frau, zum mindesten nicht so groß, wie Sie es sich vorstellen. Apollo sorgt mir stets für einen trefflichen Ausweg. Er läßt mir nur die Freiheit, den Augenblick zu genießen, aber da dies eine Gunst des Gottes ist, so genieße ich sie, so sehr ich nur kann. Carpe diem ist mein Wahlspruch.«

»Es war der Wahlspruch des lebensfreudigen Horaz; aber ich billige ihn nur, weil er bequem ist. Der Genuß, der der Begierde folgt, ist vorzuziehen, denn er ist lebhafter.«

»Das ist wahr, aber man kann nicht darauf zählen, und das betrübt den Philosophen, der zugleich ein guter Rechner ist. Möge Gott Sie davor behüten, Signora, diese grausame Wahrheit durch eigene Erfahrung kennen zu lernen. Das Glück, das man genießt, ist stets vorzuziehen. Das Glück, das man begehrt, beschränkt sich oft auf die Freude des Begehrens. Es ist eine Einbildung, deren Nichtigkeit ich in meinem Leben nur zu gut kennen gelernt habe; aber wenn Sie noch nicht erfahren haben, daß Horaz recht hat, so wünsche ich Ihnen Glück dazu.«

Die liebenswürdige Marchesa lächelte freundlich und ersparte sich dadurch, ja oder nein zu sagen.

Chiaccheri, der bis dahin noch nicht den Mund aufgetan hatte, sagte uns, kein größeres Glück könnte uns widerfahren, als daß wir niemals einer Meinung wären. Die Marchesa gab das zu, indem sie Chiaccheri für seinen feinen Gedanken mit einem Lächeln belohnte. Ich aber bestritt die Richtigkeit desselben und sagte:

»Wenn ich dies zugebe, verzichte ich auf das Glück, das nach Ihrer Meinung davon abhängt, niemals mit Ihnen einer Meinung zu sein. Lieber will ich Ihnen widersprechen, Signora, als auf die Ehre verzichten, Ihnen zu gefallen. Der Abbate ist ein böser Geist, der den Apfel der Zwietracht zwischen uns beide geworfen hat; aber wenn wir fortfahren, wie wir begonnen haben, so lasse ich mich dauernd in Siena nieder.«

Glücklich, mir eine Probe ihres Geistes gegeben zu haben, sprach die Marchesa nunmehr von Regen und Sonnenschein. Sie fragte mich, ob ich einigen hübschen Damen in den großen Gesellschaften vorgeführt zu werden wünsche, und erbot sich, mich überall einzuführen. Ich bat sie allen Ernstes, sich doch nicht die Mühe zu machen, und sagte:

»Ich will sagen können, Signora, daß wahrend der acht Tage meines Aufenthaltes in Siena Sie die einzige gewesen sind, der ich den Hof gemacht habe, und daß nur der Abbate Chiaccheri mir die Denkmäler der Stadt gezeigt und mich mit den hiesigen Gelehrten bekannt gemacht habe.«

Geschmeichelt von dieser Erklärung, lud die Marchesa mich mit dem Abbate ein, am nächsten Tage in ihrem reizenden Landhause zu speisen, das dicht vor der Stadt lag und Vico genannt wurde.

Je älter ich wurde, desto mehr zog mich der Geist bei Frauen an, ganz unabhängig von anderen Vorzügen; Geist war das beste Reizmittel für meine abgestumpften Sinne. Bei Männern von entgegengesetztem Temperament wie dem meinigen tritt das Gegenteil ein. Wenn ein grobsinnlicher Mann altert, will er nur noch materielle Genüsse, Weiber, die im Dienste der Venus erfahren sind, und keine philosophischen Gespräche.

Nachdem wir die Narchesa verlassen hatten, sagte ich zu Chiaccheri: wenn ich in Siena bliebe, wäre sie die einzige Frau, die ich besuchen würde; möchte es dann kommen, wie es Gott gefiele. Der Abbate mußte mir zugeben, daß ich recht hätte.

Während meines Aufenthaltes in Siena zeigte Abbate Chiaccheri mir alle die interessanten Kunstschätze der Stadt und führte mich zu allen Gelehrten von einiger Bedeutung, dis mir dann meinen Besuch erwiderten.

Gleich am selben Abend brachte Chiaccheri mich in ein Haus, wo die gelehrte Gesellschaft in zwangloser Weise zusammenkam. Es war die Wohnung zweier Schwestern, von denen die ältere reichlich häßlich, die jüngere sehr hübsch war; aber die ältere galt für die Corinna des Ortes, und mit Recht. Sie bat mich, ihr ein paar von meinen eigenen Versen herzusagen, und versprach mir dafür eine von ihren Dichtungen. Ich deklamierte das erste beste, was mir ins Gedächtnis kam, und sie antwortete mir mit vieler Bescheidenheit, indem sie ein Gedicht von vollendeter Schönheit vortrug. Ich machte ihr mein Kompliment darüber, obgleich ich glaubte, daß sie nicht die Verfasserin wäre. Chiaccheri, der ihr Lehrer gewesen war, erriet meine Gedanken und schlug vor, Gedichte zu gegebenen Endreimen zu machen. Die hübsche Schwester erhielt den Auftrag, die Reime auszugeben, und alle machten sich an die Arbeit. Die Häßliche war vor den anderen fertig und legte die Feder hin. Als die Gedichte verglichen wurden, waren ihre Verse weitaus die besten. Ich war erstaunt darüber, schrieb aus dem Stegreif ein Gedicht zu ihrem Lobe nieder und überreichte es ihr. In weniger ais fünf Minuten erwiderte sie in einem höchst vollendeten Gedicht mit denselben Reimen. Sehr überrascht, nahm ich mir die Freiheit, sie nach ihrem Namen zu fragen, und es war mir wirklich eine Freude zu hören, daß sie die berühmte Maria Fortuna sei, Schäferin, das heißt Mitglied, der arkadischen Akademie.

»Wie, mein Fräulein, das sind Sie?«

Ich hatte die schönen Stanzen gelesen, die sie zu Metastasios Ruhm veröffentlicht hatte. Als ich ihr dies sagte, holte sie die Antwort, die der unsterbliche Dichter mit eigener Hand für sie niedergeschrieben hatte.

Von Bewunderung hingerissen, hatte ich nur noch für sie Worte, und alle ihre Häßlichkeit verschwand.

Hatte ich am Morgen eine köstliche Unterhaltung mit der Marchesa gehabt, so war ich am Abend buchstäblich außer mir vor Entzücken.

Bei Tische sprach ich mit dem Abbate unaufhörlich über Fortuna. Als ich den Abbate fragte, ob sie auch nach Corillas Art improvisiere, sagte er mir, sie habe dies gewünscht, er habe es jedoch nicht gestatten wollen. Es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überzeugen, daß dies ihr schönes Talent verderben würde. Ich stimmte ihm ebenfalls bei, als er mir sagte, er habe sie dringend aufgefordert, sich nicht dem Vergnügen des Improvisierens hinzugeben; denn wenn der Geist des Dichters über den ersten besten Gegenstand sprechen soll, ohne Zeit zur Überlegung zu haben, so kann er nur zufällig Gutes geben; denn da er schnell dichten muß, so muß er oft die Vernunft dem Reim aufopfern und das beste Wort dem von ihm gewählten Versmaß, So kommt es, daß gewöhnlich der von dem Improvisator ausgedrückte Gedanke ein Kleid von schlechtem Zuschnitt oder von einer unpassenden Farbe trägt.

Die Improvisation stand bei den Griechen wie bei den Römern nur darum in einigem Ansehen, weil ihre Sprachen nicht die Fesseln des Reimes trugen. Trotzdem waren die großen Dichter, besonders die lateinischen, nur selten bereit, in Reimen zu sprechen; sie wußten, daß trotz all ihrem Genie ihre Verse matt sein würden und daß sie unmittelbar darauf über sie würden erröten müssen.

Horaz verbrachte oft eine schlaflose Nacht, um in einem kräftigen Verse gerade das zu sagen, was er wollte; hatte er diesen Vers gefunden, so schrieb er ihn an die Wand und schlief ruhig ein. Die Verse, die ihm keine Mühe kosteten, sind rhythmische Prosa, deren er sich in mehreren seiner Episteln meisterhaft bediente.

Abbate Chiaccheri, selber ein Gelehrter und liebenswürdiger Dichter, gestand mir, er sei in seine beredte Schülerin trotz ihrer Häßlichkeit verliebt, und er habe, als er sie zuerst im Versemachen unterrichtet habe, niemals gedacht, daß ihm dergleichen widerfahren könnte.

»Das kann ich ohne Mühe glauben,« sagte ich, »denn sublata lucerna…«

»Nichts von sublata lucerna!« versetzte der Abbata lachend; »in ihr Gesicht bin ich verliebt, denn dieses ist untrennbar von ihr selber.«

Ich glaube, ein Toskaner kann leichter als ein anderer Italiener in schöner poetischer Sprache schreiben; denn er saugt seine herrliche Sprache mit der Muttermilch ein. In Siena ist die Sprache noch sanfter, lieblicher, rhythmischer, anmutiger und zugleich kräftiger als die von Florenz, obgleich diese den ersten Rang einzunehmen behauptet, den sie auch durch ihre Reinheit verdient. Diesen unermeßlichen Vorzug und ihren Reichtum verdankt sie ihrer Akademie.

Dieser Reichtum, dieser Überfluß gewährt uns die Möglichkeit, einen Gegenstand mit viel größerer Beredsamkeit als die Franzosen zu behandeln; denn wir haben eine Menge von Synonymen zu unserer Wahl, während man deren in der Sprache Voltaires sehr wenige findet. Der alte Spötter lachte mit Recht über seine Landsleute, welche behaupteten, die französische Sprache sei durchaus nicht arm, denn sie besitze alle Wörter, die ihr notwendig seien.

Wer nur das Notwendige hat, ist nicht reich, und die Hartnäckigkeit, womit die Akademie Fremdwörter zurückweist, zeugt mehr von Stolz als von Weisheit. Das wird nicht ewig so bleiben.

Wir Italiener nehmen aus allen Sprachen die Wörter, die wir brauchen, wenn sie zu dem Geist unserer Sprache passen. Wir sehen mit Freude unseren Reichtum wachsen, wir bestehlen sogar die Armen: das ist die Art des Reichen.

Die liebenswürdige Marchesa Chigi gab uns ein ausgezeichnetes Mittagessen in ihrem hübschen, von Palladio erbauten Hause. Chiaccheri hatte mich gebeten, mit ihm nicht über das Vergnügen zu sprechen, das mir der bei der Dichterin Fortuna verlebte Abend bereitet hätte. Bei Tisch sagte sie mir jedoch, sie sei überzeugt, daß er mich zu ihr geführt habe. Er besaß nicht den Mut, dies zu leugnen, und auch ich verbarg ihr nicht, daß es für mich eine große Freude gewesen sei.

»Stratico«, sagte die Marchesa zu mir, »ist ein Bewunderer der Maria Fortuna. Ich habe einige von ihren Erzeugnissen gelesen und lasse ihrem Talent Gerechtigkeit widerfahren; aber es ist schade, daß man nur heimlich in dieses Haus gehen kann.«

»Warum denn, gnädige Frau?« sagte ich ein wenig erstaunt.

»Wie, Abbate? Sie haben dem Herrn nicht gesagt, was dies für ein Haus ist?«

»Ich habe das nicht für notwendig gehalten, denn ihr Vater und ihre Mutter lassen sich niemals sehen.«

»Ich glaube es wohl, aber einerlei.«

»Aber was ist denn das für ein Vater?« fragte ich sehr neugierig; »es ist doch ganz gewiß nicht der Henker?«

»Schlimmer als das: es ist der Bargello; Sie sehen wohl ein, daß ein Fremder unmöglich zu uns kommen und gleichzeitig in diesem Hause verkehren kann, wo er keine gute Gesellschaft finden kann.«

Ich sah den guten Chiaccheri ein wenig bestürzt und hielt es für angebracht, der Marchesa zu sagen, ich würde erst am Abend vor meiner Abreise noch einmal hingehen.

»Eines Tages«, sagte die Marchesa, »zeigte man mir auf der Promenade die Schwester der Dichterin; das ist wirklich ein schönes Mädchen, und es ist sehr schade, daß diese reizende Person trotz ihrer makellosen Sitten sich nur mit einem Manne vom Stande ihres Vaters verheiraten kann.«

»Ich kannte«, sagte ich nun meinerseits, »einen gewissen Colterini, den Sohn des Bargello von Florenz. Er muß noch jetzt als Hofdichter im Dienste der Kaiserin von Rußland stehen. Ich will an ihn schreiben und ihm diese Heirat vorschlagen. Er ist ein junger Mann von seltensten Gaben.«

Die Marchesa billigte meinen Plan; bald hernach erfuhr ich jedoch, daß der Dichter gestorben war.

In ganz Italien gibt es nichts Verhaßteres als einen Bargello; nur in Modena verkehrt sogar der Adel in seinem Hause und tut seiner ausgezeichneten Tafel alle Ehre an. Dies muß überraschen; ein Bargello muß von Berufs wegen Spion, Lügner, Betrüger, Gauner und Feind der Menschheit sein; denn wer verachtet wird, haßt den, der ihn verachtet.

Man zeigte mir in Siena einen Grafen Piccolomini, einen geistvollen, gelehrten und sehr liebenswürdigen Herrn. Er hatte die sonderbare Laune, wie ein Murmeltier sechs Monate zu Hause zu liegen, ohne jemals auszugehen, ohne einen Besuch zu empfangen, ohne mit irgendeinem Menschen zu sprechen, stets nur mit Lesen und Arbeiten beschäftigt. Während der anderen sechs Monate hielt er sich dafür nach besten Kräften schadlos.

Die Marchesa versprach mir, im Sommer nach Rom zu kommen. Sie hatte dort einen sehr guten Freund, Herrn Bianchoni, der den ärztlichen Beruf aufgegeben hatte, um Geschäftsträger des sächsischen Hofes zu werden. Sie kam auch nach Rom, aber ich sah sie dort nicht.

Am Tage vor meiner Abreise kam der Fuhrmann, der mich allein nach Rom bringen sollte und über den leeren Platz in seiner Kalesche ohne meine Einwilligung nicht verfügen konnte, und fragte mich, ob ich einen Reisegefährten zulassen und dadurch drei Zechinen sparen wollte.

»Ich will niemanden.«

»Sie haben unrecht, denn es ist eine hübsche, junge Dame, die eben angekommen ist.«

»Allein?«

»Nein, sie reist mit einem Herrn, der ein Pferd hat und den Weg nach Rom im Sattel zurücklegen will.«

»Und wie ist dieses Mädchen hier angekommen?«

»Zu Pferde; aber sie kann das Reiten nicht mehr vertragen. Sie ist vollständig erschöpft und hat sich sofort zu Bett gelegt. Der Herr hat mir vier Zechinen geboten, um die Signora nach Rom zu befördern. Da ich ein armer Teufel bin, so können Sie mich dieses Geld wohl verdienen lassen.«

»Der Kavalier wird ohne Zweifel im Schritt hinter dem Wagen herreiten?«

»Ach, das kann er machen, wie er will, das kann weder Ihnen noch mir was ausmachen.«

»Sie sagen, sie sei jung und hübsch?«

»Man hat es mir gesagt, aber ich habe sie nicht gesehen.«

»Was für eine Art Mensch ist ihr Begleiter?«

»Ein hübscher junger Mann, der fast kein Wort Italienisch spricht.«

»Hat er das Pferd verkauft, worauf die Dame ritt?«

»Nein, es war ein Mietpferd. Er hat nur einen Koffer, den er hinter den Wagen schnallen wird.«

»Das alles ist sehr eigentümlich. Ich will mich zu nichts entschließen, bevor ich den Herrn gesehen habe.«

»Ich werde ihm sagen, er solle mit Ihnen sprechen.«

Einen Augenblick darauf sah ich einen schönen jungen Mann in einer Phantasieuniform. Er trat recht gut auf und wiederholte mir alles, was der Fuhrmann mir gesagt hatte. Zum Schluß sagte er mir, er sei überzeugt, daß ich mich nicht weigern werde, mit seiner Frau zusammenzureisen.

Ich erkannte ihn als Franzosen und sagte daher in französischer Sprache zu ihm: »Mit Ihrer Frau, mein Herr?«

»Ach, Gott sei gelobt. Sie sprechen meine Sprache. Ja, mein Herr: mit meiner Frau, einer Engländerin, die Ihnen ganz gewiß nicht lästig fallen wird.«

»Schön. Ich möchte aber meine Abreise nicht verzögern. Wird sie um fünf Uhr bereit sein können?«

»Verlassen Sie sich darauf!«

Am anderen Morgen fand ich sie zur angegebenen Stunde im Wagen. Ich machte ihr eine Verbeugung, setzte mich neben sie, und wir fuhren ab.

Vierzehntes Kapitel


Miß Betty. – Der Graf de l’Etoile. – Sir B. M. wird zur Vernunft gebracht.

Es war das vierte Abenteuer dieser Art, das mir in meinem Leben begegnete. Es ist an sich nicht zu verwundern, daß einem solche Erlebnisse begegnen, wenn man allein reist und einen Wagen mietet. Dieses vierte Abenteuer hatte aber etwas Romantischeres an sich als die früheren.

Ich besaß ungefähr zweihundert Zechinen und war fünfundvierzig Jahre alt; ich liebte noch immer das schöne Geschlecht, obgleich mit viel weniger Feuer; ich hatte mehr Erfahrung und weniger Mut zu kühnen Unternehmungen; denn da ich mehr wie ein Papa als wie ein Jüngling aussah, so billigte ich mir selber nur noch wenig Rechte zu und machte geringe Ansprüche.

Das junge Madchen, das an meiner Seite saß, war freundlich und hübsch, einfach, aber sehr sauber nach englischer Art gekleidet, blond und zierlich. Ihr knospender Busen zeichnete sich unter einem Halstuch von feinem Musselin ab; ihre Gesichtszüge waren edel, ihre Haltung war sehr bescheiden. Ein Hauch jungfräulicher Unschuld umgab sie und flößte Zuneigung und zugleich Ehrerbietung ein.

»Ich hoffe, meine Gnädige, Sie sprechen Französisch?«

»Ich spreche auch ein bißchen Italienisch, mein Herr.«

»Ich schätze mich glücklich, daß das Schicksal mich dazu ausersehen hat. Sie nach Rom zu bringen.«

»Vielleicht bin ich glücklicher als Sie.«

»Wie man mir gesagt hat, sind Sie zu Pferde angekommen.«

»Allerdings; aber das war eine Torheit, die ich nicht wieder begehen werde.«

»Mir scheint, Ihr Gemahl hätte sein Pferd verkaufen und einen Wagen nehmen sollen.«

»Es gehört ihm nicht, mein Herr; er hat es in Livorno gemietet und muß es in Rom an eine ihm bezeichnete Adresse abliefern. Von Rom werden wir nach Neapel im Wagen fahren.«

»Sie reisen gern?«

»Sehr gern, aber es muß etwas bequemer sein.«

Bei diesen Worten wurde die Engländerin, deren Alabasterantlitz keinen Tropfen Blut zu enthalten schien, plötzlich purpurrot.

Ich erriet die Qual, die sie ausstand, und mehr als die Hälfte ihres Geheimnisses. Ich bat sie um Verzeihung, daß ich sie belästigt hätte, und schwieg dann länger als eine Stunde, indem ich scheinbar die Gegend betrachtete. In Wirklichkeit aber beschäftigten meine Gedanken sich mit ihr, denn sie begann mir eine lebhafte Teilnahme einzuflößen.

Obgleich die Lage meiner jungen Begleiterin mehr als zweideutig war, beschränkte ich mich darauf, sie zu beobachten, denn ich wollte Klarheit haben, bevor ich etwas unternahm. Geduldig wartete ich bis Buonconvento, wo wir zu Mittag aßen und wo der Gatte der Dame uns erwarten sollte.

Wir kamen um zehn Uhr an.

Die Fuhrleute fahren in Italien stets nur im Schritt; man geht schneller zu Fuß, denn sie machen nur drei Miglien in der Stunde, Man langweilt sich zu Tode, und wenn es warm ist, muß man um die Mitte des Tages fünf bis sechs Stunden Halt machen, um nicht krank zu werden.

Mein Fuhrmann sagte mir, er wolle nicht weiter fahren als bis San Quirico, wo der Gasthof sehr gut sei; er breche daher erst um vier Uhr wieder auf.

Wir hatten also sechs Stunden vor uns, um uns auszuruhen.

Meine Engländerin war erstaunt, ihren Gatten nicht zu sehen, und suchte ihn mit den Augen. Ich bemerkte es und fragte den Wirt, wo er sei. Dieser antwortete, er habe gefrühstückt, sein Pferd ausruhen lassen und ihn beauftragt, uns zu sagen, er werde uns im Nachtquartier erwarten, wo er ein gutes Abendessen bestellen werde.

Ich fand das sehr sonderbar, sagte aber nichts. Die arme Engländerin tadelte sein Verhalten und bat mich, seine Leichtfertigkeit zu entschuldigen.

»Ihr Herr Gemahl gibt mir dadurch einen Beweis seines Vertrauens, und ich kann ihm daher nichts übel nehmen, meine Gnädige, das ist so französische Art.«

Der Wirt fragte mich, ob der Fuhrmann die Ausgaben für mich bezahle. Als ich dies verneinte, bat die junge Engländerin mich, sich zu erkundigen, ob er Auftrag habe, die Rechnung für sie zu bezahlen.

Der Fuhrmann kam mit dem Wirt herein. Um die Dame zu überzeugen, daß er durchaus nicht verpflichtet sei, sie zu verpflegen, zeigte er ihr ein Papier, das sie mir zu lesen gab. Die Unterschrift lautete, wie ich sah, Comte de l’Etoile.

Als sie wieder mit mir allein war, bat die reizende Engländerin mich in bescheidenem Tone, dem man aber, ohne daß sie es wollte, einen tiefen Schmerz anmerkte, ich möchte dem Wirte sagen, daß er das Mittagessen nur für mich machen sollte.

Ich erriet mit leichter Mühe, welches Gefühl sie so handeln ließ, und meine Zuneigung zu ihr wurde noch größer.

»Madame,« sagte ich zu ihr im Tone innigster Teilnahme, »wollen Sie mich als einen langerprobten Freund ansehen? Ich errate, daß Sie kein Geld bei sich haben und daß Sie aus Zartgefühl Enthaltsamkeit üben wollen; aber das gebe ich nicht zu. Ihr Mann kann mir das Geld wiedergeben, wenn er es durchaus will. Wenn ich dem Wirt sagte, er solle das Mittagessen nur für mich zubereiten, so würde ich den Grafen entehren, vielleicht auch Sie und in erster Linie mich. Das werden Sie begreifen.«

»Mein Herr, ich fühle es: Sie haben recht. Wir müssen für zwei auftragen lassen, aber ich werde nicht essen, denn ich fühle mich krank und bitte Sie, mir zu gestatten, daß ich mich einen Augenblick aufs Bett lege.«

»Es tut mir außerordentlich leid, und ich bitte Sie, sich durchaus keinen Zwang anzutun. Dieses Zimmer ist ausgezeichnet; ich werde den Tisch im anderen decken lassen. Legen Sie sich in aller Bequemlichkeit zu Bette; schlafen Sie, wenn es Ihnen möglich ist; ich werde erst in zwei Stunden das Essen auftragen lassen. Ich hoffe, Sie werden sich dann besser fühlen.«

Ohne ihr Zeit zu einer Antwort zu lassen, ging ich hinaus, schloß die Tür und bestellte ein Mittagessen, wie ich es wünschte.

Diese Engländerin, deren Wuchs ich erst nach dem Aussteigen aus dem Wagen gesehen hatte, war eine vollendete Schönheit.

Ich war entschlossen, mich nötigenfalls mit ihrem Verführer zu schlagen, den ich nicht mehr für ihren Gatten hielt.

Ich legte mir die Sache so zurecht: ich war in eine Entführung verwickelt, und ihr guter Geist hatte sie unter meinen Schutz gestellt, um sie vor irgendwelchen Gefahren zu beschirmen, die ich selber nicht kannte, um sie zu retten, für sie zu sorgen und sie vielleicht der Schande zu entreißen, in die ihre unglückliche Lage sie stürzen konnte.

Mit solchen Vorstellungen schmeichelte ich meiner eben entstehenden Leidenschaft. Ich lachte über den Namen eines Grafen de l’Etoile, den dieser Taugenichts sich beilegte. Wenn ich daran dachte, daß möglicherweise der Abenteurer das arme junge Mädchen verlassen hatte, um sie für immer in meine Hände zu geben, so fand ich diesen Streich des Galgens würdig. Allerdings fühlte ich mich geneigt, sie niemals zu verlassen.

Ich hatte mich auf ein Bett gelegt, und während ich tausend Luftschlösser baute, schlief ich ein.

Die Wirtin kam leise herein, weckte mich und sagte, es habe drei Uhr geschlagen.

»Warten Sie einen Augenblick, bevor Sie das Essen bringen; ich werde nachsehen, ob die Dame schon wach ist.«

Ich öffnete leise die Tür und sah meine Engländerin eingeschlafen; als ich aber beim Zumachen der Türe ein kleines Geräusch verursachte, wurde sie wach und fragte mich, ob ich schon gegessen hätte.

»Ich werde überhaupt nicht zu Mittag essen, meine Gnädige, wenn Sie mir nicht die Ehre antun, mit mir zu speisen. Sie haben fünf Stunden geruht, und ich hoffe. Sie befinden sich besser.«

»Da Sie es wünschen, mein Herr, so werde ich kommen.«

»Schön! Das macht mich glücklich; ich werde das Essen auftragen lassen.«

Sie aß wenig, aber mit gutem Appetit, und war angenehm überrascht, Beefsteaks und einen Plumpudding zu finden. Diese Speisen hatte ich bestellt, nachdem ich den Wirtsleuten die Zubereitung angegeben hatte.

Als die Wirtin hineinkam, fragte sie sie, ob der Koch ein Engländer sei, und als sie erfuhr, daß ihre beiden Nationalgerichte von mir herstammten, war sie ganz gerührt vor Dankbarkeit. Mit heiterer Miene wünschte sie mir Glück zu meinem ausgezeichneten Appetit. Ich veranlaßte sie, von den ausgezeichneten Weinen, einem Monte Pulciano und einem Monte Fiascone, zu trinken. Sie tat mir Bescheid, aber mit Maß, so daß sie am Schluß der Mahlzeit ganz ruhig war, während ich einen etwas heißen Kopf hatte. Sie sagte mir auf italienisch, sie sei in London geboren und habe in ihrer Pension Französisch gelernt. Ich glaubte, vor Freude zu sterben, als sie auf meine Frage, ob sie die Cornelis kenne, mir antwortete, sie habe ihre Tochter in derselben Pension gekannt, in der auch sie erzogen sei.

»Sagen Sie mir, ob Sophie recht groß geworden ist?«

»Nein, sie ist klein, aber außerordentlich hübsch und sehr talentvoll.«

»Sie muß jetzt siebzehn Jahre alt sein.«

»Ganz genau; wir stehen im gleichen Alter.«

Bei diesen Worten wurde sie rot und schlug die Augen nieder.

»Fühlen Sie sich unwohl?«

»Nein, durchaus nicht. Ich wage Ihnen nicht zu sagen, daß Sophie Ihnen vollkommen ähnlich sieht.«

»Warum sollten Sie das nicht wagen? Man hat es mir mehrere Male gesagt. Ohne Zweifel ist es ein Zufall. Aber es ist schon lange her, seitdem Sie sie gesehen haben?«

»Zum letzten Male sah ich sie vor achtzehn Monaten; damals sollte sie zu ihrer Mutter zurückkehren – wie man sagte, um sich zu verheiraten; aber ich weiß nicht, mit wem.«

»Sie haben mir, Madame, eine sehr interessante Mitteilung gemacht.«

Als der Wirt mir die Rechnung brachte, sah ich darauf drei Paoli, die der Reiter für sich und sein Pferd ausgegeben hatte; der Wirt bemerkte: »Der Herr sagte mir, Sie würden bezahlen.«

Die schöne Engländerin errötete.

Ich bezahlte, und wir fuhren ab.

Im Grunde machte es mir große Freude, das junge Mädchen erröten zu sehen; denn dies bewies mir, daß sie mit dem Benehmen ihres angeblichen Gatten nichts zu tun hatte.

Ich empfand ein brennendes Verlangen, zu erfahren, welches Abenteuer sie aus London fortgeführt hatte, wie sie zu der Verbindung mit einem Franzosen kam und was sie in Rom wollte; aber ich befürchtete, ihr durch Fragen lästig zu fallen, und ich liebte sie bereits zu sehr, als daß ich ihr Kummer hätte machen mögen.

Da wir drei Stunden lang Seite an Seite im Wagen verbringen mußten, bis wir ins Nachtquartier kamen, so brachte ich das Gespräch auf die junge Cornelis, mit der sie ein Jahr in derselben Pension zugebracht hatte.

»War Miß Nancy Stein noch dort?« fragte ich sie.

Der Leser wird sich erinnern, daß dies das junge Mädchen war, das bei mir gespeist hatte, daß ich sie köstlich fand, obgleich sie erst zwölf Jahre alt war, und daß ich sie mit Küssen verschlungen hatte.

Als sie den Namen Nancy hörte, seufzte meine junge Engländerin und sagte mir: »Sie war dort, als ich eintrat, aber sie verließ die Anstalt sieben oder acht Monate darauf.«

»War sie immer noch schön?«

»Eine vollkommene Schönheit; aber ach, Schönheit ist oft eine verhängnisvolle Mitgabe. Nancy war meine vertraute Freundin geworden; wir liebten uns zärtlich. Vielleicht aber stimmten wir nur deshalb so vortrefflich überein, weil das gleiche Geschick uns erwartete, weil wir in eine ganz ähnliche Falle gehen sollten. Nancy, die zärtliche, allzu unschuldige Nancy, ist heute vielleicht noch unglücklicher als ich.«

»Noch unglücklicher? Was sagen Sie da!«

»Ach!«

»Können Sie sich über Ihr Geschick beklagen? Können Sie mit dem Empfehlungsbrief, den die Natur Ihnen gegeben hat, unglücklich sein?«

»Ach, mein Herr… aber ich beschwöre Sie, sprechen wir von etwas anderem.«

Die tiefste Erregung malte sich in ihren Augen. Ich bedauerte sie von Herzen und brachte das Gespräch wieder auf Nancy: »Möchten Sie mir wohl sagen, warum Sie Nancy für unglücklich halten?«

»Sie ist mit einem jungen Manne entflohen, der sie liebte und der sich keine Hoffnung machen durfte, sie von ihren Eltern zu erhalten. Seit ihrer Flucht hat man nichts mehr von ihr gehört, und so hat, wie Sie sehen, meine Freundschaft allen Anlaß, zu befürchten, daß sie sehr unglücklich ist.«

»Sie haben recht. Ich fühle, daß ich mich für sie aufopfern würde, wenn ich sie im Unglück finde.«

»Wo haben Sie sie kennen gelernt?«

»In meinem Hause. Sie speiste dort mit Sophie, und ihr Vater kam gegen Ende der Mahlzeit.«

»Oh, jetzt weiß ich! Wie, mein Herr, das sind Sie? Wenn Sie wüßten, wie oft ich sie mit Sophie Cornelis über Sie habe sprechen hören. Nancy liebte Sie ebenso innig wie ihren Vater und beglückwünschte Sophie zu der Freundschaft, die Sie für sie empfinden. Ich habe sie erzählen hören, Sie wären nach Rußland gegangen und hätten in Polen einen Zweikampf mit einem General gehabt. Ist das wahr? Ach, warum kann ich nicht meiner teuren Sophie alle diese Neuigkeiten melden! Darauf kann ich jetzt leider nicht hoffen!«

»Es ist alles wahr, Madame. Aber warum sollten Sie denn nicht nach England schreiben, an wen Sie wollen? Ich empfinde die lebhafteste Teilnahme für Sie; haben Sie Vertrauen zu mir, und ich verspreche Ihnen, Ihre Briefe an jede gewünschte Adresse zu befördern.«

»Ich bin Ihnen unendlich dankbar.«

Hierauf schwieg sie, und ich überließ sie ihren Gedanken.

Um sieben Uhr kamen wir in San Quirico an, wo der angebliche Graf de l’Etoile seine Frau sehr lustig und sehr verliebt empfing. Er bedeckte sie vor allen Leuten mit Küssen, so daß man ohne Zweifel glaubte, er sei ihr Mann, und ich ihr Vater. Ganz fröhlich und zufrieden erwiderte die Engländerin seine Liebkosungen. Ohne ihm den leisesten Vorwurf zu machen, ging sie mit ihm ins Haus; augenscheinlich erinnerte sie sich gar nicht mehr, daß ich auch noch da war. Ich entschuldigte sie mit Liebe und Jugend und mit der Leichtfertigkeit, die nun einmal diesem Alter von Natur eigen ist.

Nachdem ich ebenfalls mit meinem Nachtsack eingetreten war, ließ der Wirt uns sofort das Essen auftragen; denn der Fuhrmann wollte in aller Frühe abfahren, um vor der starken Hitze in Radicosani anzukommen, und wir hatten sechs starke Stunden zu fahren.

Unser Abendessen war ausgezeichnet. Der Graf, der sechs Stunden vor uns angekommen war, hatte es bestellt, und der Wirt hatte schöne Zeit gehabt, um es zurecht zu machen. Meine Engländerin schien in den Grafen de l’Etoile ebenso verliebt zu sein wie dieser in sie; offenbar bemerkte sie kaum, daß ich als dritter an ihrem Tische saß, oder vielmehr an dem meinigen. Dies kam mir sonderbar vor. Die Späße und manchmal etwas schlüpfrigen Witze des jungen Narren lassen sich nicht beschreiben; seine Schöne lachte darüber aus vollem Halse, und manchmal mußte ich mitlachen.

Mir war, wie wenn ich in einer Theaterloge säße, und ich hörte, beobachtete und dachte nach. Vielleicht, dachte ich bei mir selber, ist er ein leichtsinniger junger Offizier, ein reicher Herr von Stande, der alles nach seiner Art behandelt und für den nichts wichtig ist. Ich sah solche Leute nicht zum ersten Mal. Sie sind auf die Dauer unerträglich, für kurze Zeit jedoch unterhaltend; sie sind leichtfertig, frivol, zuweilen gefährlich, tragen ihre Ehre in der Tasche und legen ihr Ehrenwort auf eine Karte oder hängen es an eine Degenspitze.

Ich war nicht recht mit mir selber zufrieden, denn mir schien, der junge Mann behandele mich zu kavaliermäßig, halte mich für einen Dummkopf und beleidige mich, indem er mir vielleicht eine Ehre zu erweisen glaube.

Wenn die Engländerin wirklich seine Frau war, so wurde ich offenbar von oben herab behandelt, und ich hatte durchaus keine Lust, die Null zu spielen. Ich konnte mir nicht verhehlen, daß jeder, der uns beobachtete, mich für eine untergeordnete Persönlichkeit halten mußte.

In dem Zimmer, wo wir speisten, standen zwei Betten. Als die Aufwärterin hereinkam, um reine Bettücher aufzulegen, befahl ich ihr, mir ein anderes Zimmer anzuweisen. Der Graf forderte mich höflich auf, in demselben Zimmer zu schlafen; ich machte mir aber nichts aus ihrer Nachbarschaft und bestand darauf, sie allein zu lassen.

Ich ließ meinen Nachtsack in ein Zimmer bringen, wünschte ihnen guten Abend und schob den Riegel vor meine Tür. Da meine neuen Bekannten nur einen kleinen Koffer hatten, der hinten an meinen Wagen geschnallt war, so dachte ich mir, sie hätten ihr Gepäck auf einem anderen Wege vorausgeschickt, und das Köfferchen enthielte nur das durchaus Notwendige; da sie jedoch auch diesen nicht auf ihr Zimmer bringen ließen, so nahm ich an, sie seien so heroisch, sich ohne ihre Nachtsachen zu behelfen. Ich ging ganz ruhig zu Bett; für meine Reisebegleiterin interessierte ich mich jetzt viel weniger als während der ganzen Fahrt. Diese Ruhe gefiel mir.

In aller Frühe weckte mich der Wirt. Ich zog mich eilig an, und als ich hörte, daß meine Nachbarn sich ebenfalls ankleideten, öffnete ich meine Türe ein wenig und wünschte ihnen, ohne einzutreten, guten Morgen.

Eine Viertelstunde später hörte ich einen Wortwechsel auf dem Hof. Ich öffnete mein Fenster und sah, daß der Franzose und der Fuhrmann sich stritten. Der Fuhrmann hielt das Pferd am Zügel, und der vorgebliche Graf machte die größten Anstrengungen, um ihm diesen aus der Hand zu reißen.

Ich erriet den Anlaß des Streites: offenbar hatte der Franzose kein Geld, und der Fuhrmann verlangte vergeblich den Lohn, auf den er Anspruch hatte.

Voraussehend, daß sie sich an mich wenden würden, bereitete ich mich darauf vor, unbarmherzig meine Pflicht zu tun, als l’Etoile zuerst bei mir eintrat und mir sagte: »Der Lümmel versteht mich nicht; da er jedoch vielleicht recht hat, so bitte ich Sie, ihm zwei Zechinen zu geben, die ich Ihnen in Rom wiedererstatten werde. Der Zufall fügt es, daß ich kein Geld habe. Er hat nichts zu befürchten, denn er hat meinen Koffer in Händen; aber er behauptet, er brauche bares Geld. Tun Sie mir den Gefallen, mein Herr; in Rom werden Sie erfahren, wer ich bin.«

Ohne meine Antwort abzuwarten, läuft der Bursche die Treppe hinunter. Der Fuhrmann bleibt. Ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und sehe – kaum zu glauben – den Grafen in seidenen Strümpfen sich auf das Pferd schwingen und davon sprengen. Seine wirkliche oder angebliche Gattin stand völlig sprachlos vor mir, und der Fuhrmann schien zur Salzsäule erstarrt zu sein.

Ich setzte mich auf mein Bett und rieb mir die Hände. Plötzlich mußte ich laut auflachen, so scherzhaft und komisch erschien mir der ganze Auftritt.

»Lachen Sie, Madame, lachen Sie! Von allem Gefühl abgesehen – Ihre Traurigkeit ist wirklich nicht am Platz.«

»Ich gebe zu, es ist lächerlich, aber ich habe nicht den Mut, darüber zu lachen.«

»Nun, so setzen Sie sich doch wenigstens.«

Hierauf zog ich zwei Zechinen aus meiner Börse, gab sie dem armen Teufel von Fuhrmann und sagte ihm, es würde nichts schaden, wenn wir eine Viertelstunde später abführen; ich wollte erst Kaffee trinken.

Das traurige Gesicht meiner Engländerin tat mir leid. »Ich begreife«, sagte ich zu ihr, »Ihren gerechten Kummer, und ich will sogar zugeben, daß er Ihnen zum Lobe gereicht; aber ich bitte Sie, sich während dieser Reise zusammenzunehmen. Ich werde für alles aufkommen. Ich bitte Sie nur um eine einzige Gunst; wenn Sie mir diese verweigern, werde ich ebenso traurig sein wie Sie, und das wird nicht unterhaltend sein.«

»Was kann ich Ihnen zu Gefallen tun?«

»Sagen Sie mir auf Ihr Ehrenwort als Engländerin, ob dieser sonderbare Herr Ihr Gatte oder nur Ihr Liebhaber ist.«

»Ich werde Ihnen die Wahrheit sagen: er ist nicht mein Gatte, aber er wird es in Rom sein.«

»Ich atme auf. Er wird es niemals sein, und um so besser für Sie. Ich bin überzeugt, er hat Sie verführt. Sie sind in ihn verliebt; aber von dieser Krankheit werden Sie bald genesen.«

»Das ist unmöglich; er müßte mich denn betrügen.«

»Er hat sie bereits betrogen. Ich bin überzeugt, daß er Ihnen gesagt hat, er sei reich, von vornehmem Stande und werde Sie glücklich machen. Dies ist alles falsch.«

»Aber wie können Sie das wissen?«

»Meine reizende Miß, ich weiß das, wie ich so viele andere Sachen weiß, die die Erfahrung den Menschen lehrt. Ihr Liebhaber ist ein liederlicher, schamloser Narr, der Sie vielleicht heiraten wird, aber nur, um Ihr Herr zu werden und um durch den Handel mit Ihren Reizen sein Glück zu machen oder doch wenigstens sein Leben zu fristen.«

»Er liebt mich, das muß ich doch wissen.«

»Gewiß liebt er Sie, aber nicht mit einer ehrlichen und zartfühlenden Liebe. Er kennt mich nicht, hat mich zum ersten Male gesehen, niemals von mir sprechen hören, denn er kennt meinen Namen nicht. Trotzdem liefert er Sie mir auf Gnade und Ungnade aus; er überläßt Sie mir. Glauben Sie, ein zartfühlender Mensch könnte seine Geliebte auf solche Weise im Stich lassen, wenn er sich auch nur das geringste aus ihr machte?«

»Er ist nicht eifersüchtig. Wie Sie wissen, sind die Franzosen überhaupt nicht eifersüchtig.«

»Ein französischer Ehrenmann ist nichts anderes als ein englischer oder italienischer Ehrenmann; wenn er Sie liebte, hätte er Sie wohl ohne einen Heller Geld in der Gewalt eines Unbekannten gelassen, der unter der Drohung, Sie auf der Straße stehen zu lassen, von Ihnen Gefälligkeiten hätte verlangen können, die Ihnen widerstrebt hätten? Was würden Sie jetzt machen, wenn ich ein roher Mensch wäre? Sprechen Sie, Sie laufen keine Gefahr.«

»Ich würde mich verteidigen.«

»Schön; aber dann würde ich Sie hier sitzen lassen, und was würden Sie dann anfangen? Obgleich Sie hübsch und gefühlvoll sind, so gibt es doch Männer, die für Sie nur etwas tun würden, wenn Sie ihnen Ihre Gefühle zum Opfer brächten. Der Mensch, den Sie zu Ihrem Unglück lieben, kennt mich nicht und setzt Sie dem Hunger und der Schande aus. Beruhigen Sie sich, Ihnen wird nichts geschehen; denn ich bin gerade der Mann, der Ihnen notwendig war; aber Sie müssen das als eine Art Wunder ansehen. Wenn Sie glauben, daß meine Worte vernünftig sind, so sagen Sie mir, ob Sie finden, daß dieser Abenteurer Sie liebt? Er ist ein Ungeheuer. Ich bin in Verzweiflung, Ihre Tränen fließen zu sehen und durch meine Rede Ihre Trauer verschuldet zu haben. Aber, liebe Miß, dies war notwendig, und ich bereue nicht, grausam gewesen zu sein, denn ich werde so gegen Sie handeln, daß ich gerechtfertigt dastehe. Ich wage es. Ihnen zu sagen, daß Sie mir außerordentlich gefallen, und daß ich mich hauptsächlich wegen des Gefühles, das Sie mir einflößen, für Sie interessiere; aber seien Sie überzeugt, ich werde nicht einen einzigen Kuß verlangen, und ich werde Sie auch in Rom nicht verlassen. Bevor wir jedoch dort ankommen, werde ich Ihnen beweisen, daß der angebliche Graf nicht nur Sie nicht liebt, sondern auch, daß er ein abgefeimter Gauner ist.«

»Sie werden mir dies beweisen?«

»Ja, Miß, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort. Aber trocknen Sie Ihre Tränen und lassen Sie uns versuchen, den Tag so wie gestern zu verbringen. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich mich schütze, daß der Zufall Sie unter meinen Schutz gestellt hat. Ich will Sie von meiner Freundschaft überzeugen, und wenn Sie mich dafür nicht durch ein wenig Liebe belohnen, so werde ich mein Leiden mit Geduld tragen.«

Der Wirt kam mit der Rechnung über die ganze Zeche. Ich hatte dies erwartet und bezahlte, ohne ein Wort zu sagen und ohne das arme verirrte Schaf anzusehen; denn ich machte mir beinahe einen Vorwurf daraus, ihr zuviel gesagt zu haben: ich erinnerte mich, daß eine zu starke Arznei den Kranken tötet, anstatt ihn zu heilen.

Ich brannte vor Verlangen, ihre Geschichte zu erfahren, und hoffte, sie dahin bringen zu können, daß sie sie mir vor unserer Ankunft in Rom erzählte.

Nachdem wir ein paar Tassen Kaffee getrunken hatten, fuhren wir ab und reisten Seite an Seite, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, bis zum Gasthof zur Scala, wo wir ausstiegen.

Von der Scala bis Radicosani ist der Weg bergig und schwierig. Der Fuhrmann hätte ein Beipferd nehmen müssen und würde trotzdem vier Stunden zu dem Weg gebraucht haben. Natürlich mußte es ihm sehr angenehm sein, wenn er mit leerem Wagen fahren konnte; da ich mir dadurch das Vergnügen verschaffte, länger in der Scala bleiben zu können, so entschloß ich mich, zwei Postpferde zu nehmen und erst um zehn Uhr abzufahren.

»Wäre es nicht besser, wenn Sie die Post sofort nähmen?« fragte die Engländerin mich; »denn von zehn bis zwölf Uhr wird die Hitze stark sein.«

»Allerdings; aber der Graf de l’Etoile, den wir unfehlbar in Radicofani treffen würden, würde mich nicht gern sehen.«

»Warum denn nicht? Im Gegenteil.«

Ein Gefühl des Mitleids hielt mich ab, ihr zu antworten; denn hätte ich ihr den Grund genannt, so würde sie sicher geweint haben. Ich sah, daß die Liebe sie blind machte und sie verhinderte, in dem von ihr angebeteten Mann einen Schurken zu sehen, weil sie nicht die Kraft hatte, ihren eigenen Instinkt als richtig zu erkennen. Durch sanfte Beredsamkeit konnte ich sie nicht heilen; ich mußte sie ohne Schonung von der Wahrheit überzeugen. Sie litt an einem Geschwür, das ich mit einem glühenden Eisen ausbrennen mußte, ohne mich durch ihren Schmerz erweichen zu lassen. War es aber ein tugendhaftes Gefühl, das mich zu solcher Handlungsweise antrieb? Legte ich mir aus schöner Teilnahme für die junge Unschuld eine solche ebenso heikle wie peinliche Aufgabe auf? Gewiß kamen alle diese Momente in Betracht, denn sie erregte mein Mitleid; aber ich bin nicht so eitel, mich mit Pfauenfedern schmücken zu wollen, und sage daher ganz offen: wäre die Engländerin nicht schön, sondern häßlich und mürrisch gewesen, so hätte ich sie vielleicht ihrem unglücklichen Schicksal überlassen. Im Grunde arbeitete ich also nur für mich selber.

Also, fahre wohl, Tugend!

Ich wollte, vielleicht auch unbewußt, einem anderen einen leckeren Bissen entreißen, um ihn mir anzueignen. Allerdings sagte ich mir das nicht und täuschte mich vielleicht selber darüber; denn ich hätte vor mir selber Abscheu gehabt, wenn ich meine Gedanken entblößt hätte. Indem ich später darüber nachdachte, habe ich erkannt, daß ich in aller Unschuld den Heuchler spielte. Ist dies ein allgemeines Laster, das der ganzen Menschheit gemeinsam ist? Ist der Egoismus, ohne daß wir es wissen, beständig die Triebfeder unserer Handlungen? Dieses Gefühl ist zwar nicht schmeichelhaft; ich gestehe jedoch, daß ich es glaube.

Als der Fuhrmann fort war, lud ich Betty ein, mit mir einen Spaziergang zu machen. Die Landschaft ist dort so schön, daß die Poesie kaum etwas Köstlicheres schaffen könnte. Sie sprach die florentinische Mundart mit etwas englischem Akzent, aber mit einer so silberhellen Stimme, daß der Mangel als ein Vorzug erschien. Ich war von ihr entzückt. Ich sehnte mich danach, auf ihre beweglichen Lippen Küsse der Liebe zu drücken; aber ich hielt meine Gefühle im Zaum und schonte sie.

Wir waren zwei Stunden spazieren gegangen und hatten auf das angenehmste von tausend verschiedenen Dingen geplaudert, als wir plötzlich alle Kirchenglocken läuten hörten. Betty sagte mir, sie habe niemals einen katholischen Gottesdienst gesehen, und es war mir eine Freude, ihr dieses Vergnügen verschaffen zu können. Es war ein örtlicher Feiertag, wie es deren in Italien so viele gibt. Sie wohnte dem Hochamt mit der größten Bescheidenheit bei und machte alles, was sie die Leute machen sah, so daß kein Mensch auf den Gedanken gekommen wäre, sie könnte Protestantin sein. Als wir hinausgingen, sagte sie zu mir: der katholische Gottesdienst sei für zärtliche Seelen geschaffen; er sei viel mehr geeignet, Liebe zur Religion zu erwecken als der englische Kultus. Sie war überrascht von dem Luxus und der südlichen Schönheit der italienischen Bäuerinnen, die sie den englischen weit überlegen fand. Sie fragte mich nach der Zeit, und ich sagte gedankenlos zu ihr, ich wundere mich, daß sie keine Uhr habe. Sie antwortete mir errötend, der Graf habe sie ihr abverlangt, um sie dem Wirt, von dem er das Pferd gemietet habe, als Pfand zu lassen.

Ich bereute meine unfreiwillige Indiskretion; denn ihre Röte verriet brennende Scham, und ich bedauerte diese veranlaßt zu haben. Die arme Betty wußte, daß sie schuldig war, und sie verstand nicht zu lügen.

Um zehn Uhr fuhren wir mit drei Pferden ab, und da ein leichter frischer Wind die Hitze milderte, so kamen wir ganz angenehm mittags in Radicofani an.

Der Wirt, der zugleich Postmeister war, fragte mich, ob ich die drei Paoli bezahlen werde, die der Franzose für sich und sein Pferd verzehrt habe; er sei abgeritten und habe gesagt, sein, Freund werde bezahlen.

Da ich Betty nicht betrüben wollte, so sagte ich ihm, ich würde bezahlen. Dies beruhigte ihn; aber es war noch nicht alles.

»Der Herr«, fuhr der Postmeister fort, »hat mit dem blanken Degen drei von meinen Postillonen geschlagen. Der eine von ihnen, den er im Gesicht verwundet hat, ist ihm nachgeritten, und es wird ihm sicherlich teuer zu stehen kommen. Er hat sie geschlagen, weil sie ihn nicht wollten abreiten lassen, bevor er bezahlt hätte.«

»Sie haben unrecht getan, ihm Gewalt antun zu wollen, denn er sieht nicht wie ein Spitzbube aus, und Sie hätten ihm ohne weiteres glauben müssen, daß ich Sie bei meiner Ankunft bezahlen würde.«

»Sie irren sich; ich war durchaus nicht verpflichtet, ihm zu glauben; denn ich bin hundertmal auf diese Art betrogen worden. Wenn Sie speisen wollen, so ist Ihr Tisch gedeckt.«

Ich sah die arme Betty in Verzweiflung. Ihr Gesicht verriet die ganze Unruhe ihrer Seele; aber sie schwieg, und ich achtete sie deshalb. Anstatt ihr daher Vorhaltungen über den neuen Streich ihres Geliebten zu machen, suchte ich sie durch scherzhafte Reden zu erheitern und forderte sie auf, tüchtig zu essen und den ausgezeichneten Muskatwein zu trinken, von dem der Wirt uns eine riesige Flasche vorgesetzt hatte. Da ich sah, daß sie vergeblich sich bemühte, ihre Unruhe zu bezwingen, um mir einen Gefallen zu tun, so rief ich den Fuhrmann und sagte ihm, ich wolle sofort nach dem Essen wieder abfahren. Dieser Befehl übte eine Zauberwirkung auf sie aus.

»Wir fahren nur bis Centino«, antwortete der Fuhrmann; »wir können bis zur Abendkühle warten.«

»Nein; der Gatte der Signora braucht vielleicht Hilfe. Der verwundete Postillon hat ihn verfolgt, er spricht schlecht Italienisch, und Gott weiß, was alles noch kommen kann.«

»Gut. Wir werden fahren.«

Betty sah mich mit einem Gesicht an, worin sich die lebhafteste Dankbarkeit spiegelte, und um mir diese zu beweisen, tat sie, wie wenn sie großen Appetit hätte. Sie hatte bereits bemerkt, daß dies ein Mittel war, mir zu gefallen.

Während wir aßen, ließ ich einen von den geschlagenen Postillonen heraufkommen und mir von ihm die Geschichte erzählen. Der Bursche sprach ohne Umstände: er gestand, Hiebe mit der flachen Klinge erhalten zu haben, aber er rühmte sich, den Herrn mit einem Steinwurf getroffen zu haben, den er jedenfalls gespürt hätte.

Ich gab ihm einen Paolo und versprach ihm einen Taler, wenn er nach Centino gehen und gegen seinen Kameraden aussagen wollte; er nahm mich beim Wort und begann sofort zugunsten des Grafen zu reden, worüber Betty herzlich lachte. Er sagte, die Wunde im Gesicht sei nur ein Kratzer, über die er sich nicht beklagen dürfe, denn er habe gar kein Recht gehabt, den Reisenden festzuhalten. Um uns zu trösten, versicherte er uns, der Franzose habe nur drei oder vier Steinwürfe erhalten. Für Betty war dies gar kein Trost, aber ich sah, daß die Geschichte eine komische Wendung nahm und daß nichts dabei herauskommen würde. Der Postillon ritt ab, und wir folgten ihm eine halbe Stunde später. Bis Centino war Betty ziemlich ruhig, aber sie wurde sehr traurig, als sie bei der Ankunft dort vernahm, daß Graf l’Etoile nach Acquapendente geritten sei; der anklagende Postillon sei ihm dahin gefolgt, und der verteidigende Postillon habe denselben Weg eingeschlagen. Vergeblich sagte ich ihr, sie habe nichts zu befürchten; der Graf habe den Mund auf dem richtigen Fleck und werde sich zu verteidigen wissen. Sie antwortete mir nur durch tiefe Seufzer.

Ich hatte sie im Verdacht, daß sie befürchtete, ich würde mich ein wenig für die gehabten Mühen und verauslagten Kosten bezahlt machen, wenn sie die Nacht mit mir verbrächte. Ich hatte richtig geraten.

»Wünschen Sie, Betty, daß wir sofort nach Acquapendente weiterfahren?«

Als sie diese Worte hörte, strahlte ihre Stirn von unverhofftem Glück; sie öffnete mir die Arme, und ich drückte sie an mein Herz.

O Natur! Was kommt es für mich darauf an, welcher Quelle der süße Kuß entstammt? Ich rief den Fuhrmann und sagte ihm, ich wolle sofort nach Acquapendente fahren.

Der Kerl antwortete mir grob, seine Pferde wären im Stall, und er würde nicht anspannen; aber ich könnte ja die Post nehmen.

»Schön. Bestelle zwei Pferde.«

Ich glaube, in diesem Augenblick hätte Betty, von Zärtlichkeit durchdrungen, mir alles gewährt; denn sie wußte nicht, wie sie mir ihre Dankbarkeit ausdrücken sollte, und ließ sich in meine Arme sinken. Ich drückte sie zärtlich an mich und sagte ihr, ich könne keinen anderen Willen haben als den ihrigen. Ich bedeckte sie mit Küssen, doch ohne ihr andere Zärtlichkeiten zu bezeigen, und sie schien mir wegen meiner Zurückhaltung dankbar zu sein.

Als die Pferde angespannt waren, bezahlte ich dem Wirte das Abendessen, das er für uns zurecht gemacht zu haben behauptete, und wir fuhren ab.

Wir brauchten nur drei Viertelstunden bis Acquapendente, wo wir den tollen Menschen ganz lustig und zufrieden vorfanden. Er eilte auf seine Dulcinea zu und schloß sie verliebt in seine Arme, und Betty war trunken vor Glück, daß sie ihn heil und gesund wiederhatte. Er sagte uns triumphierend, er habe die sämtlichen Spitzbuben von Radicofani verprügelt und dafür nur ein paar unbedeutende Steinwürfe empfangen, da er seinen Kopf geschickt vor ihnen geschützt habe.

»Wo ist denn der Postillon mit der Schmarre?« fragte ich ihn.

»Er sitzt unten mit seinem Kameraden, der ihm nachgeritten war, und sie trinken auf meine Gesundheit. Sie haben mich alle beide um Verzeihung gebeten.«

»Ja, weil der Herr dem zweiten einen Scudo gegeben hat!« rief Betty.

»Einen Scudo? Wie schade! Sie hätten ihm nichts geben sollen.«

Vor dem Abendessen zeigte der Graf l’Etoile uns die Spuren der Steinwürfe an seinen Schenkeln und Rippen; der Bursche war ein sehr hübscher Junge und konnte wohl einem heißblütigen Mädchen den Kopf verdrehen. Bettys verzücktes Wesen ärgerte mich allerdings; doch ertrug ich es mit großer Geduld, da sie mir bereits ein anderes Zeichen der Dankbarkeit gegeben hatte.

Beim Essen trieb l’Etoile wieder dieselben tollen Späße wie am Tage vorher. Er wollte durchaus, daß ich im selben Zimmer schlafen sollte; ich fühlte jedoch, daß meine Nachbarschaft Betty sehr belästigt haben würde, die bisher nichts von den Orgien wußte, an die der Elende sie gewöhnen wollte. Ich weigerte mich daher standhaft.

Am nächsten Morgen sagte der schamlose Mensch mir, er werde uns ein gutes Abendessen in Viterbo bestellen, und ich werde ihm dafür eine Zechine leihen, damit er sein Mittagessen in Montefiascone bezahlen könne. Mit diesen Worten zeigte er mir nachlässig einen Wechsel von dreitausend Scudi auf einen Bankier in Rom.

Ich lehnte es ab, den Wechsel zu lesen, sondern sagte ihm, ich sei überzeugt, und gab ihm die gewünschte Zechine, obwohl ich mir dachte, daß ich sie niemals wiedersehen würde.

Betty war inzwischen in ein ganz freundschaftliches Verhältnis zu mir gekommen. Als wir in Montefiascone waren, sagte sie mir: »Wie Sie sehen, mein Herr, befindet mein Freund sich nicht durch Zufall oder Leichtsinn in Geldverlegenheit; denn er hat einen Wechsel auf einen hohen Betrag.«

»Ich halte ihn für falsch.«

»Ah, das ist aber boshaft von Ihnen!«

»Nein. Ich schließe dies aus seinem Benehmen; und ich schwöre Ihnen, ich wäre glücklich, wenn ich mich täuschte; aber ich bin überzeugt, ich täusche mich nicht. Vor zwanzig Jahren hätte ich ebenso wie Sie den Wechsel für echt gehalten, aber jetzt ist das etwas anderes. Wenn dieser Wechsel auf Rom wirklich gut ist, warum hat er ihn dann nicht in Siena, in Florenz, in Livorno diskontiert?«

»Vielleicht hat er keine Zeit dazu gehabt; ei hatte es so eilig. Ach, wenn Sie alles wüßten!«

»Ich will, reizende liebe Betty, weiter nichts wissen, als was Sie mir zu sagen für gut befinden werden. Unterdessen aber wiederhole ich Ihnen, daß alles, was ich Ihnen gesagt habe, nicht auf Verdacht und unbestimmter Vermutung beruht, sondern auf Wahrheiten, die aus allem von mir Gesehenen hervorgehen.«

»Sie verharren also bei dem Gedanken, daß er mich nicht liebt?«

»Ich verharre bei der Behauptung, daß er Sie nur auf eine Art liebt, die Ihren Haß verdient.«

»Wieso?«

»Würden Sie nicht einen Mann hassen, der Sie nur liebt, um mit Ihren Reizen Handel zu treiben?«

»Es tut mir leid, daß Sie dies glauben.«

»Ich kann Ihnen dies schon heute abend beweisen, wenn Sie es wünschen.«

»Tun Sie mir diesen Gefallen; aber ich verlange einen vollen, klaren Beweis. Er wird mich auf das tiefste schmerzen, aber Sie erweisen mir damit den allergrößten Dienst.«

»Und wenn ich Sie davon überzeugt habe, können Sie dann wohl aufhören, ihn zu lieben?«

»Ganz gewiß, ich habe mich nur in ihn verliebt, weil ich ihn für einen rechtschaffenen Menschen hielt.«

»Sie irren sich. Sie werden ihn selbst dann noch lieben, wenn ich Ihnen seine schurkische Gesinnung nachgewiesen habe; denn dieser Mensch hat Sie völlig bezaubert. Wenn es anders wäre, würde Ihnen die Sache ebenso klar sein wie mir.«

»Was Sie da sagen, kann wahr sein; aber weisen Sie mir klar und deutlich nach, daß Ihre Behauptungen richtig sind, und überlassen Sie es mir. Sie zu überzeugen, daß ich imstande sein werde, ihn zu verachten.«

»Auf heute abend also! Aber sagen Sie mir zuvor noch, ob Sie ihn schon seit langer Zeit kennen.«

»Ungefähr seit einem Monat; aber wir sind erst seit fünf Tagen beisammen.«

»Haben Sie ihm vorher irgendwelche Gunst gewährt?«

»Nicht einen einzigen Kuß. Er war beständig unter meinem Fenster, und ich habe annehmen müssen, daß er mich innig liebe.«

»Daß er Sie liebt, meine Teuerste, gebe ich zu; es wäre auch schwierig. Sie nicht zu lieben; aber er liebt Sie nicht wie ein zartfühlender Gatte, sondern wie ein schamloser Wüstling.«

»Aber wie können Sie denn eigentlich einen Menschen im Verdacht haben, den Sie nicht kennen?«

»Wollte Gott, ich kennte ihn nicht! Ich bin gewiß, da er nicht zu Ihnen gehen konnte, so hat er Sie überredet, zu ihm zu kommen und mit ihm zu entfliehen.«

»Das ist wahr. Er hat an mich geschrieben, und ich werde Ihnen seinen Brief zeigen, worin er mir versichert, daß er mich in Rom heiraten wird.«

»Und wer bürgt Ihnen für seine Beständigkeit?«

»Seine Zärtlichkeit.«

»Haben Sie zu befürchten, daß Sie verfolgt werden?«

»Nein.«

»Hat er Sie einem Vater, einem Liebhaber, einem Bruder entführt?«

»Einem Liebhaber, der erst in acht oder zehn Tagen nach Livorno zurückkehren wird.«

»Wohin ist er gereist?«

»Nach London, wo er Geschäfte hat; er hatte mich unter die Obhut einer Frau gestellt, der er vertraute.«

»Ich weiß genug, liebe Betty, und beklage Sie tief. Sagen Sie nur, ob Sie den Engländer lieben, und ob er würdig ist, Sie zu besitzen.«

»Ach, ich habe einzig und allein ihn geliebt, bis ich nach seiner Abreise, in den Boboli-Gärten diesen Franzosen sah, der mich zu meinem Glück oder Unglück dem anderen untreu machte. Jener betete mich an und wird in Verzweiflung sein, wenn er mich nicht vorfindet.«

»Ist er reich?«

»Nicht sehr reich, aber wohlhabend. Er ist Geschäftsmann.«

»Ist er jung?«

»Nein, er ist ein Mann von Ihrem Alter; er ist freundlich, höflich, gut und wartete nur auf den Tod seiner Frau, um mich zu heiraten. Seine Frau stirbt an der Schwindsucht.«

»Ich bedauere ihn. Haben Sie ihm ein Kind geschenkt?«

»Nein. Aber ich sehe, daß Gott mich nicht für ihn bestimmt hatte; denn Herr de l’Etoile hat mich unwiderstehlich unterjocht.«

»An solche Unwiderstehlichkeit glauben alle, die aus Liebe einen falschen Schritt tun.«

»Jetzt wissen Sie alles, und ich bin recht froh, daß ich Ihnen nichts verheimlicht habe, denn gestern habe ich erkannt, daß Sie mein wahrer Freund sind.«

»Daß ich das bin, werden Sie in Zukunft noch besser einsehen als jetzt, liebe Betty. Sie bedürfen meiner sehr, und ich verspreche Ihnen, Sie nicht zu verlassen. Ich liebe Sie; das habe ich Ihnen gesagt und wiederhole es Ihnen gerne; trotzdem werden Sie mich nur um Ihre Freundschaft mich bewerben sehen, solange Sie diesen Franzosen lieben.«

»Ich nehme Ihr Wort an und verspreche Ihnen dafür, Ihnen nichts zu verbergen.«

»Sagen Sie mir, warum Sie kein Gepäck haben?«

»Ich bin zu Pferde entflohen; aber mein Koffer, der voll von Wäsche und anderen Sachen ist, wird zugleich mit dem des Grafen zwei Tage nach uns in Rom eintreffen. Ich habe ihn am Tage vor meiner Flucht aus meiner Wohnung herausschaffen lassen, und ich kenne den Mann, der ihn in Empfang nahm: er war vom Grafen geschickt worden.«

»Ade Ihr Koffer!«

»Ach, lieber Freund, Sie sehen überall lauter Unglück.«

»Es genügt, liebe Betty, wenn meine Voraussicht nicht die Macht hat, Unglück hervorzurufen; ich werde mich glücklich schätzen, wenn ich mich täusche. Obgleich Sie zu Pferde gereist sind, hätten Sie doch, wie mir scheint, einen Reisemantel und einen Nachtsack mit einigen Hemden mitnehmen müssen.«

»Das alles befindet sich in dem kleinen Koffer, den ich heute Abend werde auf mein Zimmer bringen lassen.«

Wir kamen um sieben Uhr in Viterbo an und fanden dort den Grafen in sehr lustiger Stimmung.

Da ich sie schon hier überzeugen sollte, daß sie sich einem Schelme anvertraut hatte, so begann ich mich zu stellen, als wenn ich von Betty ganz entzückt wäre. Ich übertrieb das Glück, das ich gehabt hätte, indem ich mit ihr zusammengetroffen wäre, beneidete ihn um sein Glück, daß er einen solchen Schatz besäße, und rühmte besonders den Heroismus, den er dadurch zeigte, daß er mich mit ihr allein ließe, ohne zu befürchten, daß ich sie zur Untreue verführte.

Der Windbeutel stimmte in das Lob ein, das ich seiner Gattin zollte.

Er sagte, die Eifersucht liege seinem Charakter so fern, daß er gar nicht begreifen könne, wie ein Verliebter auf eine Frau eifersüchtig sein und wie er sie beständig lieben könne, ohne zu sehen, daß sie anderen Männern Begierden einflöße.

Über dieses Thema verbreitete er sich ausführlich, und ich hütete mich wohl, ihm zu widersprechen. Ich war zufrieden, den Burschen auf diesen Gegenstand gebracht zu haben, und behielt mir den zweiten Teil meines Beweises bis nach dem Abendessen vor.

Während des Essens ließ ich ihn tüchtig trinken und suchte ihn in eine angenehme Stimmung zu bringen, indem ich eine Menge Bemerkungen machte, die alle darauf hinausliefen, daß er ein geistreicher Mann und über Vorurteile erhaben sei. Als nach Tisch das Gespräch auf die Liebe kam, sagte er, zwei Liebende, die wirklich glücklich sein wollten, müßten vor allen Dingen die gegenseitige Gefälligkeit bis aufs äußerste treiben. »So muß zum Beispiel Betty, die mich liebt, mir den Genuß Fannys schaffen, wenn sie ahnen kann, daß mich auch nur eine einfache Laune zu dieser zieht, und ich, der ich Betty anbete, muß ihr den Genuß verschaffen, mit Ihnen zu schlafen, wenn ich entdecke, daß sie Sie liebt.«

Betty hörte die törichten Behauptungen ihres Abgottes mit großem Erstaunen an, sagte aber kein Wort.

»Ich gestehe, mein lieber Graf,« antwortete ich ihm, »Ihr System ist großartig und scheint mir einzig in seiner Art zu sein, um die allgemeine Glückseligkeit auf Erden zu begründen; aber es ist eine Chimäre. Alles, was Sie gesagt haben, ist theoretisch ganz prachtvoll, praktisch aber unsinnig und nicht auszuführen. Ich glaube, daß Ihr Mut groß ist, aber ich halte Sie nicht für tapfer genug, um ruhig die Gewißheit zu erdulden, daß ein anderer die Reize Ihrer Geliebten genießt. Ich wette um diese fünfundzwanzig Zechinen hier, daß Sie Ihrer Frau nicht erlauben werden, mit mir zu schlafen.«

»Erlauben Sie mir, über Ihre Zweifel zu lachen: Ich wette fünfzig, daß ich sogar die Kraft habe, beim großen Werk ruhiger Zuschauer zu bleiben. Jedenfalls nehme ich die Wette an. Betty, meine liebe Betty, laß uns diesen Ungläubigen bestrafen: ich bitte dich, lege dich mit ihm zu Bett.«

»Du scherzest wohl?«

»Nein, ich bitte dich darum. Ich werde dich nur um so mehr lieben.«

»Ich glaube, du bist verrückt. Ganz gewiß werde ich so etwas nicht tun.«

Nun nahm der Graf sie in seine Arme, liebkoste sie auf das zärtlichste und bat sie, unter Anführung von höchst sophistischen Gründen, ihm doch diesen Beweis von Liebe zu geben, nicht so sehr wegen der fünfundzwanzig Zechinen, als um mich zu lehren, wieweit er über jedes Vorurteil erhaben sei. Um sie zu verführen, scheute er sogar vor unerlaubten Liebkosungen nicht zurück. Betty wies diese sanft, aber entschlossen zurück und sagte ihm, sie werde niemals tun, was er von ihr verlange; übrigens habe er die Wette bereits gewonnen. Dies konnte wahr sein. Endlich bat ihn das arme Mädchen mit einer zärtlichen Umarmung, er möchte doch davon aufhören und sie lieber töten als sie zu einer Handlung zwingen, die ihr niederträchtig erscheine.

Dieser Ton, diese Worte, die den unglückseligen Wüstling hätten zum Erröten bringen sollen, versetzten ihn nur in Wut. Er stieß sie zurück und gab ihr die gemeinsten Schimpfnamen. Zum Schluß rief er zornig, ihr Widerstand sei nur Heuchelei, und er sei fest überzeugt, sie habe mir bereits alles gewährt, was ein verlorenes Mädchen wie sie einem Manne gewähren könne.

Betty zitterte und wurde bleich wie der Tod. Aufs äußerste empört, lief ich nach meinem Degen, den ich ihm durch den Leib gerannt haben würde, wenn der feige Schuft nicht ins Nebenzimmer geflohen wäre, dessen Tür er mit dem Riegel verschloß.

Ich war in Verzweiflung, die unschuldige Ursache der Verlegenheit zu sein, worin dies reizende Mädchen sich befand, und setzte mich neben sie, um sie nach Möglichkeit zu beruhigen.

Ihr Zustand machte mir Sorge. Ihre gepreßten Atemzüge drohten sie zu ersticken, ihre stieren Augen traten aus ihren Höhlen hervor, ihre bleichen Lippen zitterten, ihre Zähne knirschten. Im Gasthof schlief alles; ich konnte keine Hilfe herbeirufen und hatte zu ihrer Erleichterung nur Wasser und tröstende Worte.

Nachdem sie eine Stunde lang in höchster Erregung gewesen war, verfiel sie vor Erschöpfung in eine dumpfe Betäubung. Länger als zwei Stunden blieb ich neben ihr sitzen und beobachtete alle ihre Bewegungen. Ich hoffte, der Schlaf würde ihr neue Kräfte geben, denn es wäre höchst unangenehm gewesen, wenn sie krank geworden wäre und in dem Gasthof hätte bleiben müssen.

Bei Tagesanbruch hörte ich l’Etoile abreisen. Das war mir sehr angenehm. Betty erwachte aus ihrer Betäubung, als jemand an die Türe klopfte und uns zurief, wir möchten uns ankleiden; die Leute glaubten, wir lägen zu Bett.

»Sind Sie imstande weiter zu reisen, meine liebe Betty?«

»Ich befinde mich ganz wohl, lieber Freund, aber ich habe es sehr nötig, ein bißchen Tee zu trinken.«

Da die einfache Art der Zubereitung dieses Getränkes in Italien fast unbekannt ist, so nahm ich den Tee, den sie mir gab, und machte ihn selber zurecht.

Als ich wieder nach oben kam, fand ich sie am Fenster stehen und die frische Morgenluft einatmen. Sie schien ruhig zu sein, und ich faßte Hoffnung, sie geheilt zu haben. Sie trank einige Tassen von dem Lieblingsgetrank der Engländer, und ihr schönes Gesicht gewann wieder die Frische, die sie durch die entsetzliche Nacht verloren hatte.

Als sie in dem Zimmer, wo wir zu Abend gegessen hatten, Laute hörte, fragte sie mich, ob ich die Börse, die auf dem Tisch liegen geblieben wäre, wieder an mich genommen hätte. Ich hatte sie vergessen, als ich dem Grafen die Wette vorschlug. Ich fand meine Börse wieder, und daneben lag ein Papierstreifen mit den Worten: Wechsel über dreitausend Taler. Der Betrüger hatte ihn aus seiner Tasche gezogen, um die Wette anzunehmen, und hatte ihn vergessen, als er aus dem Zimmer floh. Der Wechsel war in Bordeaux auf einen in Paris ansässigen Weinhändler gezogen und an den Grafen de l’Etoile giriert. Er lautete auf Sicht und war bereits sechs Monate alt; einen größeren Unsinn konnte man sich nicht denken.

Ich brachte Betty diesen Wechsel, aber sie sagte mir, sie verstehe nichts davon und bitte mich um Gottes Willen nicht mehr über den Elenden mit ihr zu sprechen. Und in einem Ton, der sich unmöglich beschreiben läßt, setzte sie hinzu: »Seien Sie menschlich und verlassen Sie ein armes Mädchen nicht, das mehr unglücklich als schuldig ist!«

Ich versicherte ihr wiederholt auf mein Ehrenwort, daß ich wie ein Vater für sie sorgen würde, und wir fuhren ab.

Meine arme Engländerin war traurig und niedergeschlagen und schlief vor Erschöpfung bald ein; ich folgte ihrem Beispiel. Wir erwachten beide sehr erstaunt, als der Fuhrmann uns zurief, wir seien in Monterosi. Er war sechs Stunden lang gefahren und hatte achtzehn Miglien zurückgelegt, ohne daß wir ein einziges Mal aufgewacht wären.

Wir konnten bis vier Uhr uns ausruhen, und dies war uns sehr angenehm; denn wir mußten darüber nachdenken, welchen Entschluß wir fassen sollten.

Vor allen Dingen erkundigte ich mich, ob der Unglückliche durchgekommen wäre. Ich erfuhr, er habe eine bescheidene Mahlzeit eingenommen und bezahlt, und er habe gesagt, er werde in Storta übernachten.

Wir speisten mit ziemlich gutem Appetit, und Betty bekam dadurch neue Kräfte. Nach dem Essen sagte sie zu mir, wir müßten uns noch einmal, aber zum letzten Male, mit ihrem unwürdigen Verführer beschäftigen.

»Seien Sie mir ein Vater! Raten Sie mir nicht, sondern befehlen Sie mir, was ich tun soll, und verlassen Sie sich auf meinen Gehorsam. Sie haben vieles, vielleicht alles erraten, nur nicht den Abscheu, den mir der hinterlistige Verbrecher eingeflößt hat, der mich allmählich in die tiefste Schande hineingebracht haben würde, wenn Sie nicht gewesen wären.«

»Können Sie auf die Verzeihung Ihres Engländers rechnen?«

»Ich glaube, ja.«

»Dann müssen Sie nach Livorno zurückkehren. Finden Sie diesen Rat gut, und trauen Sie sich die Kraft zu, ihn zu befolgen? Aber wenn Sie ihn annehmen, so müssen Sie ihn sofort ausführen. Natürlich denke ich nicht daran, ein junges, hübsches, anständiges Mädchen wie Sie allein oder in der Gesellschaft von Leuten zu lassen, für die ich nicht bürgen könnte wie für mich selber. Wenn das Ihnen die Überzeugung gibt, daß ich Sie liebe und Ihrer Achtung würdig bin, so bin ich glücklich und verlange keinen anderen Lohn. Ich werde mit Ihnen verkehren, wie ein Vater mit seiner Tochter, wenn es Ihnen widerstrebt, mir ein lebhafteres Gefühl zu bezeigen, das nicht von Herzen kommen würde. Verlassen Sie sich auf mein Wort; ich halte mich für verpflichtet, Sie wieder mit den Männern auszusöhnen, indem ich Ihnen beweise, daß es ebenso ehrenhafte gibt, wie Ihr Verführer gemein und niederträchtig ist.«

Eine gute Viertelstunde lang saß Betty in tiefem Schweigen da. Sie hatte die Ellbogen auf den Tisch gestützt, den Kopf auf ihre Hände gelegt und sah mich fest an. Sie sah weder traurig noch erstaunt aus, aber offenbar waren ihre Gedanken sehr beschäftigt. Es war mir lieb, daß sie sich ihre Antwort reiflich überlegte, damit sie zu einem endgültigen Entschluß käme. Endlich sagte sie: »Glauben Sie nicht, mein würdiger und teurer Freund, mein Schweigen sei ein Zeichen der Unentschlossenheit. Wenn dies der Fall wäre, so würde ich mich selber verachten. Ich bin verständig genug, um die Weisheit Ihrer Ratschläge zu schätzen und um die edle Quelle zu erkennen, aus der sie entspringt. Ich nehme Ihren Rat an und erkenne es als eine große Wohltat der Vorsehung, daß ich das Glück gehabt habe, einem Mann von Ihrem Charakter in die Hände gefallen zu sein und Ihre Teilnahme in so hohem Maße erregt zu haben, daß Sie für mich alles tun, was ein Vater für eine herzlich geliebte Tochter tun könnte.«

»Wir wollen also nach Livorno zurückkehren und augenblicklich abfahren.«

»Was mich noch schwanken läßt, ist die Ungewißheit, wie ich mich versichern kann, daß Sir B. M. mir verzeihen wird. Ich zweifle nicht an seiner Verzeihung, aber es ist schwierig, an ihn heranzukommen, denn er ist wohl freundlich, zärtlich und liebevoll, aber auch kitzlich im Ehrenpunkt und läßt sich leicht von der allerersten Aufwallung hinreißen. Dieser verhängnisvolle Augenblick muß vermieden werden, denn er würde mich vielleicht töten, und dann wäre ich an seinem Untergang schuld.«

»Darüber können Sie unterwegs nachdenken und mir dann Ihre Absichten mitteilen.«

»Er ist sehr klug und wird sich von einer Lüge nicht täuschen lassen. Ich glaube, ich muß ihm alles schriftlich gestehen, ohne ihm auch nur das geringste zu verbergen; denn wenn ich irgend etwas beschönigen wollte, so würde ihn dies aufregen, und wenn er mutmaßen könnte, daß man ihn betrügen wolle, so würde er in eine unzähmbare Wut geraten. Wenn Sie meinen, daß Sie ihm schreiben wollen, so dürfen Sie ihm ja nicht sagen, daß ich seine Verzeihung verdiene; er muß selber urteilen, ob ich derselben würdig bin oder nicht. Er wird meine Reue aus dem Brief ersehen, den ich ihm schreiben werde; es wird ein Brief voller Tränen sein, und er wird darin meine Seele finden; aber er darf nicht wissen, wo ich mich befinde, bevor er nicht ausgesprochen hat, daß er mir vergibt; alsdann wird weiter nichts mehr zu befürchten sein. Edel und ehrenhaft, wie er ist, wird er sein Wort halten und bis an seinen Tod mit mir leben, ohne mir jemals meinen Fehltritt vorzuwerfen. Wie unglücklich fühle ich mich, daß ich mich so gegen ihn habe vergehen können!«

»Nehmen Sie es mir nicht übel – aber ich möchte Sie fragen, ob Sie ihm schon früher einmal …«

»Niemals, lieber Freund! Das schwöre ich Ihnen.«

»Wie ist seine Vergangenheit?«

»Seine erste Frau hat ihm großen Kummer bereitet. Er hat sich ihretwegen zweimal auf den Antillen geschlagen; er war damals Offizier. Nachdem er sich zum zweiten Male verheiratet hatte, zwangen dringende Gründe ihn, sich scheiden zu lassen. Ich lernte ihn vor zwei Jahren in unserer Pension kennen, wohin er mit Nancys Vater kam. Als ich dann das Unglück hatte, meinen Vater zu verlieren und als dessen Gläubiger sich seines ganzen Vermögens bemächtigten, mußte ich die Pension verlassen, weil ich das Kostgeld nicht bezahlen konnte. Nancy, Sophie und alle meine Freundinnen waren hierüber untröstlich, denn ich war allgemein beliebt. Da übernahm Sir B. M. es, für meinen Unterhalt zu sorgen, und setzte mir eine kleine Rente aus, die mich für mein ganzes Leben gegen Armut schützt. Die Dankbarkeit bewirkte, was die Liebe vielleicht nicht bewirkt hätte, und ich bat ihn, mich mitzunehmen, als ich erfuhr, daß er England auf längere Zeit verlassen würde. Meine Bitte setzte ihn in Erstaunen, und als echter Ehrenmann sagte er mir, er liebe mich zu sehr, als daß er hoffen könne, nur die Gefühle eines Vaters für mich zu haben, wenn er mich mitnähme. Es schien ihm unmöglich zu sein, daß ich ihn anders als mit töchterlicher Liebe lieben könnte. Wie Sie begreifen werden, beseitigte diese Erklärung alle Schwierigkeiten. Ich antwortete ihm: ›Einerlei, auf welche Art Sie mich lieben, ich werde glücklich sein, wenn ich etwas zu Ihrem Glücke beitragen kann.‹ Er gab mir hierauf aus eigenem Antriebe ein schriftliches Versprechen, mich zu heiraten, sobald er es gesetzlich könnte. Wir verließen England, und ich habe ihm niemals den geringsten Anlaß zu Klagen gegeben.«

»Ich bin fest überzeugt, er wird Ihnen verzeihen, meine liebe Betty. Aber trocknen Sie Ihre Tränen und lassen Sie uns abfahren, und kein Mensch wird erfahren, daß wir miteinander bekannt gewesen sind. Ich werde Sie sicheren und ehrlichen Händen anvertrauen und die Stadt nicht früher verlassen, als bis Sie wieder bei Sir B.M. sind, den ich bereits liebe. Sollte etwa dieser Herr unerbittlich sein, so verspreche ich Ihnen, Sie niemals zu verlassen und Sie, wenn Sie es wünschen, nach England zu bringen.«

»Aber wie können Sie Ihre Geschäfte aufgeben?«

»Ich will nicht lügen, um mir ein besonderes Ansehen zu geben, liebe Betty: ich habe in Rom nichts zu tun, so wenig wie anderswo. Es macht mir nichts aus, ob ich nach Rom oder nach London gehe, wohl aber liegt mir daran, Ihr Unglück zu verhindern.«

»Was soll ich tun, um Ihnen meine Dankbarkeit zu bezeugen?«

Ich ließ den Fuhrmann kommen und sagte ihm, ich müsse durchaus nach Viterbo zurückfahren. Er machte Einwendungen, die ich damit behob, daß ich ihm ein paar Piaster gab und Postpferde nahm, um die seinigen nicht zu ermüden.

Wir kamen um sieben Uhr in Viterbo an, und ich fragte in scheinbarer Aufregung, ob man nicht meine Brieftasche gefunden hätte, die ich auf meinem Bett vergessen zu haben behauptete. Die Magd versicherte, es habe kein Mensch außer ihr das Zimmer betreten, und da die angeblich verlorene Brieftasche sich nicht wiederfand, so bestellte ich mit ruhiger Miene ein Abendessen, hörte jedoch nicht auf, über mein Unglück zu jammern. Ich sagte zu Betty, ich müßte nach meiner Meinung so handeln, damit der Fuhrmann keine Schwierigkeiten machte, mich mit ihr nach Siena zurückfahren zu lassen; denn er hätte sich für verpflichtet halten können, sie ihrem angeblichen Gatten zu übergeben.

Wir ließen den kleinen Koffer heraufkommen; mit leichter Mühe sprengte ich das Schloß, und Betty nahm ihren Mantel und ihre paar Sachen heraus. Hierauf untersuchten wir die Sachen, die dem Abenteurer gehörten und die vielleicht alles waren, was er besaß: einige zerlumpte Hemden, zwei oder drei Paar geflickte Seidenstrümpfe, eine Hose, ein Beutel mit Puder, ein Topf Schminke und etwa zwanzig Hefte, lauter Komödien oder komische Opern; außerdem ein Paket Briefe, die augenscheinlich sehr interessant sein mußten; Betty machte daher den Vorschlag, wir sollten sie zusammen lesen.

Das erste, was uns an diesen Briefen auffiel, waren die Adressen: an Herrn l’Etoile, Schauspieler in Marseille, in Bordeaux, in Bayonne, in Montpellier usw.

Die arme Betty tat mir leid. Sie sah sich von einem elenden Possenreißer betrogen und schämte sich darüber so sehr, daß sie Herzkrämpfe bekam.

»Wir wollen diese Wische morgen lesen, meine liebe Betty; heute wollen wir an etwas anderes denken.«

Das arme Mädchen atmete auf.

Schnell aßen wir zu Abend, und dann bat mich Betty, sie einen Augenblick allein zu lassen, damit sie sich zu Bett legen und die Wäsche wechseln könnte.

»Bitte, tun Sie das, und wenn Sie es wünschen, werde ich mein Bett in einem Nebenzimmer zurecht machen lassen.«

»Nein, mein großmütiger Freund! Ich muß ja Ihre Gesellschaft lieben, denn Sie haben mich von Ihrer Freundschaft überzeugt. Was wäre ohne Sie aus mir geworden?«

Ich kam erst wieder herein, als ich annahm, daß sie im Bett läge. Als ich mich ihr näherte, um ihr Gute Nacht zu sagen, umarmte sie mich mit solcher Dankbarkeit, daß ich fühlte, die Schäferstunde habe für mich geschlagen.

Mit dem übrigen will ich dich verschonen, lieber Leser. Ich war glücklich und konnte mich versichern, daß ihr Glück dem meinigen nichts nachgab.

Wir waren in der Morgenfrühe eben eingeschlafen, als der Fuhrmann an unsere Tür klopfte.

Ich kleidete mich in aller Eile an, um ihn zu empfangen, und sagte zu ihm: »Höre, ich muß durchaus meine Brieftasche wieder haben und hoffe sie in Acquapendente zu finden …«

»Ei, schon gut, mein werter Herr!« sagte der Bursche mit seiner italienischen Mimik. »Bezahlen Sie mich, wie wenn wir bis Rom gewesen wären, und geben Sie mir täglich eine Zechine, so fahre ich Sie, wenn Sie wollen, bis nach England!«

»Da, ich sehe, du bist ein vernünftiger Mann.«

Ich gab ihm Geld, und wir machten einen neuen Vertrag. Um sieben Uhr machten wir in Montefiascone Halt, um an Sir B. M. zu schreiben, sie englisch, ich französisch.

Ich hatte bereits bei mir beschlossen, Betty zum Korsen Rivarola zu bringen; diesen hatte ich als einen klugen Mann schätzen gelernt, und er hatte eine schöne und anständige Frau.

Betty zeigte eine Zufriedenheit und Sicherheit, die mich entzückte. Sie sagte mir, sie sei voller Hoffnung, und lachte, indem sie sich vorstellte, was für ein Gesicht der Komödiant machen würde, wenn er sich in Rom allein fände. Sie hoffte, wir würden dem Fuhrmann begegnen, der ihren Koffer hätte, und könnten ihn dann leicht herausbekommen.

»L’Etoile kann uns nachsetzen.«

»Er wird es nicht wagen.«

»Das glaube ich ebenfalls; für alle Fälle aber werde ich ihm einen Empfang bereiten, daß ihm die Lust vergehen soll, die Sache noch weiter zu treiben; denn wenn er nicht umkehrte, würde ich ihm eine Kugel durch den Kopf schießen.«

Bevor ich meinen Brief an Sir B. M. zu schreiben begann, erinnerte Betty mich noch einmal daran, daß ich ihm nichts verschweigen sollte.

»Auch nicht die Belohnung, die du mir gewährt hast?«

»Oh! Diese muß ein Geheimnis unserer Herzen bleiben.«

In kaum drei Stunden waren wir mit unseren Briefen fertig. Betty war mit meinem Brief zufrieden, und der ihrige, den sie mir übersetzte, war ein Meisterwerk an Kunst und Gefühl; ich war überzeugt, daß sie damit ihren Zweck vollkommen erreichen würde.

Ich gedachte sofort nach der Ankunft in Siena die Post zu nehmen, um sie schleunigst vor der Ankunft ihres Geliebten in Sicherheit zu bringen.

Was mich in Verlegenheit setzte, war der Wechsel des Narren; denn mochte er echt oder falsch sein, so mußte ich jedenfalls versuchen, ihm denselben zuzustellen, und ich wußte nicht, wie ich das machen sollte.

Sofort nach dem Essen fuhren wir wieder ab, trotz der Hitze, und waren in Acquapendente mit Einbruch der Nacht, die wir in den Wonnen einer gegenseitigen Liebe verbrachten.

Als ich am Morgen aufstand, sah ich vor dem Gasthof einen beladenen Frachtwagen, der gerade eben nach Rom abfahren wollte.

Mir fiel ein, dies könnte wohl der Wagen sein, worauf Bettys Koffer sich befände; ich bat sie daher aufzustehen und sich zu vergewissern.

Wir gingen hinunter, und meine schöne Engländerin erkannte den Koffer, den sie ihrem Entführer anvertraut hatte.

Wir baten den Fuhrmann um die Herausgabe dieses Koffers, aber er ließ sich nicht erbitten, und da die Gründe, die er anführte, richtig waren, so mußten wir uns damit zufrieden geben. Das einzige, was er uns bewilligen konnte, war die Zusicherung, daß der Koffer auf dem römischen Zollamte einen Monat lang unter Verschluß bleiben sollte, damit sie ihre Ansprüche geltend machen konnte. Ein Notar wurde gerufen, um die Beschlagnahme zu beglaubigen, für die der Fuhrmann die Bürgschaft übernahm. Dieser, der ein sehr ehrlicher und verständiger Mann zu sein schien, versicherte uns, er hätte kein anderes Gepäck mit der Adresse des Grafen de l’Etoile empfangen. Wir gewannen daher die Überzeugung, daß unser Komödiant nur ein Landstreicher war, der auf gewinnreiche Abenteuer auszog, und daß die Lumpen, die wir bei uns hatten, seine ganze Habe ausmachten.

Nach der glücklichen Erledigung dieser Angelegenheit wurde Betty ganz reizend.

»Der Himmel«, rief sie, »wird nichts dagegen haben, daß alles in Ordnung kommt, und mein Erlebnis wird dazu dienen, daß ich mich in Zukunft vor jedem tollen Streich in acht nehme, denn die Lektion war derb genug, und es hätte noch schlimmer ausfallen können, wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, Ihnen zu begegnen.«

»Ich wünsche Ihnen Glück, daß es mir gelungen ist, Sie so schnell von einer Leidenschaft zu heilen, die Ihnen Ihre Vernunft hätte kosten können.«

»Ach, die Vernunft einer Frau ist ein recht zerbrechliches Gefäß. Ich schaudere, wenn ich nur an das Scheusal denke. Trotzdem glaube ich, ich wäre nicht so schnell wieber zu mir gekommen und hätte nicht die Überzeugung gewonnen, daß er mich nicht liebte, wenn der Elende nicht seiner Heuchelei müde geworden wäre, und wenn er mir nicht so verächtlich und zornig gesagt hätte, er sei überzeugt, ich habe Ihnen bereits gewährt, was eine verlorene Dirne dem ersten besten gewähren könne. Diese abscheulichen Worte nahmen die Siegel von meinen Augen, indem sie meine Entrüstung erregten und mir den ganzen Umfang meiner Schande zeigten. Ich glaube, ich hätte Ihnen geholfen, ihm mit Ihrem Degen das Herz zu durchbohren, wenn nicht der Feigling die Flucht ergriffen hätte. Es ist mir jedoch sehr angenehm, daß die Furcht ihm den guten Gedanken gab, hinauszulaufen – nicht seinetwegen, aber weil wir in großer Verlegenheit gewesen wären, wenn ein solches Unglück eingetreten wäre.«

»Sie haben recht: es ist ein großes Glück; aber er wird doch irgendwo gehängt werden.«

»Das ist seine Sache; aber ich bin überzeugt, er wird es niemals wagen, sich vor Ihnen oder vor mir sehen zu lassen.«

Wir kamen gegen zehn Uhr in Radicofani an und setzten uns an einen Tisch, um den für Sir B. M. bestimmten Briefen noch eine Nachschrift hinzuzufügen.

Wir saßen am selben Tisch, Betty gegenüber der geschlossenen Tür und ich so dicht bei der Tür, daß ein Eintretender mich nur hätte sehen können, wenn er sich umgedreht hätte.

Betty war sehr anständig vollkommen bekleidet; ich aber hatte wegen der erstickenden Hitze meinen Rock ausgezogen; obgleich ich aber in Hemdsärmeln war, hätte ich mich doch in Italien in diesem Aufzuge vor der anstandigsten Frau sehen lassen können.

Plötzlich hörte ich schnelle Schritte auf dem Gange. Unsere Türe wurde gewaltsam aufgestoßen, ein wütender Mensch drang in unser Zimmer und rief bei Bettys Anblick: »Ah! Da bist du!«

Ich ließ ihm keine Zeit, sich umzudrehen und mich zu erblicken, sondern sprang auf ihn zu und packte ihn kräftig an den Schultern; hätte ich ihm die Zeit gelassen, sich umzudrehen, so würde er mich mit der Pistole, die er in der Hand hielt, totgeschossen haben.

Als ich auf ihn zusprang, hatte ich unwillkürlich die Tür geschlossen, und in dem Augenblick, wo er mir zurief: »Laß mich los, Verräter!« hatte Betty sich vor ihm auf die Knie geworfen und ihm gesagt: »Du irrst dich – er ist mein Retter!«

Sir B.M. aber schrie in seiner Wut immerzu: »Laß mich los, Schurke!«

Da er dabei die Pistole in der Hand hatte, so dachte ich natürlich nicht daran, seiner Aufforderung Folge zu leisten.

Während er sich aus Leibeskräften bemühte, sich frei zu machen, und ich mich ebensosehr anstrengte, um ihn festzuhalten, fiel er hin, und ich auf ihn.

Von draußen wurde gegen die Tür gedrängt, denn der Wirt und die Kellner waren auf den Lärm herbeigeeilt; da wir aber gegen die Tür gefallen waren, so konnte man diese nicht öffnen.

Betty hatte die Geistesgegenwart, ihrem Engländer die Pistole zu entreißen; sobald ich sah, daß er keinen Schaden anrichten konnte, ließ ich ihn los, indem ich zu ihm sagte: »Mein Herr, Sie irren sich!«

Betty warf sich wieder auf die Knie und versicherte immer wieder, er irre sich, ich sei ihr Retter, er möge sich doch beruhigen.

»Wieso dein Retter?« sagte B. M.

Betty nahm den Brief und sagte: »Lies diesen Brief!«

Ohne aufzustehen, las der Engländer meinen Brief; während er las, öffnete ich zuversichtlich die Tür und sagte dem Wirt, er möchte das Mittagessen für drei anrichten und die Leute von unserer Tür fortschicken, denn alles wäre in Ordnung.

Erstes Kapitel


Ich sehe die Zarin. – Meine Unterhaltungen mit der großen Herrscherin. – Die Valville. – Ich trenne mich von Zaïra. – Meine Abreise von Petersburg und Ankunft in Warschau. – Die Fürsten Adam Czartoryski und Sulkowski. – Der König von Polen Stanislaus Poniatowski, genannt Stanislaus August der Erste. – Theaterintrigen. – Branicki.

Ich gedachte zu Anfang des Herbstes abzureisen, aber die Herren Panin und Alsuwieff sagten mir fortwährend, ich dürfte nicht gehen, wenn ich nicht sagen könnte, daß ich mit der Kaiserin gesprochen hätte.

»Auch mir würde es leid tun«, antwortete ich ihnen; »da ich aber niemanden gefunden habe, um mich vorzustellen, so bleibt mir nichts anderes übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben.«

Endlich sagte Panin mir eines Tages, ich möchte doch in der Morgenfrühe im Sommergarten spazieren gehen, wo Ihre Kaiserliche Majestät häufig lustwandelte; wenn sie mir scheinbar zufällig begegnete, wäre es sehr wahrscheinlich, daß sie mich anreden würde. Ich sagte ihm, es wäre mir sehr angenehm, wenn ich Ihrer Majestät an einem Tage begegnen könnte, wo er bei ihr wäre. Er bezeichnete mir den Tag, und ich ging hin.

Während ich ganz allein spazieren ging, besah ich mir die Statuen, die am Rande der Allee aufgestellt waren – Statuen aus schlechtem Sandstein und von noch schlechterem Geschmack, die aber durch die auf ihrem Sockel eingemeißelten Namen eine komische Wirkung erzielten. Ein Kopf mit strömenden Tränen sollte Demokrit vorstellen, ein anderer, der den Mund von einem Ohr zum anderen aufriß, trug den Namen Heraklit, ein Greis mit langem Bart hieß Sappho und ein altes Weib mit schlotterndem Busen wurde Avicenna genannt. In demselben Geschmack war alles übrige.

Während ich über die Geschmacksverirrung lächelte, die diesen Unsinn eingegeben hatte, sah ich die Zarin erscheinen. Graf Gregor Orloff ging vor ihr her, und zwei Hofdamen folgten ihr. Graf Panin ging zu ihrer Linken. Ich trat beiseite, um sie vorüber zu lassen, aber sobald sie in Sprechweite war, fragte sie mich lachenden Mundes, ob die Schönheit der Statuen mich nicht sehr interessiert hätte. Ich schloß mich ihr an und antwortete: »Ich denke mir, man hat die Bilder hier aufgestellt, um die Dummköpfe zu foppen, oder um solche, die ein bißchen von Weltgeschichte wissen, zu erheitern.«

Die Kaiserin antwortete mir: »Ich weiß nur soviel, daß man meine gute Tante angeführt hat, die freilich wenig Wert darauf legte, solchen kleinen Scherzen auf den Grund zu gehen, übrigens hoffe ich, daß das, was Sie sonst bei uns gesehen haben. Ihnen nicht ebenso lächerlich vorgekommen ist wie diese Statuen.«

Ich würde einen Verstoß gegen Wahrhaftigkeit und Höflichkeit begangen haben, wenn ich diese Anregung nicht verstanden hätte. Ich antwortete daher: das Lächerliche, das man in Rußland sehe, sei nur der Schatten in dem großartigen Gemälde, das es hier zu bewundern gebe. Hierauf unterhielt ich die große Herrscherin länger als eine Stunde von allem, was ich in Petersburg bemerkenswert gefunden hatte.

Eine Abschweifung führte mich auf den König von Preußen, und ich pries den großen Mann, tadelte jedoch seine unerträgliche Gewohnheit, den Leuten, mit denen er sprach, niemals Zeit zu einer vollständigen Antwort zu lassen. Hierauf fragte Katharina mich mit dem anmutigsten Lächeln nach den Gesprächen, die ich mit dem Herrscher gehabt hätte, und ich schilderte ihr alles in einer Weise, die sie offenbar interessierte. Sodann hatte sie die Güte, mir zu sagen, sie habe mich niemals auf dem »Courtag« gesehen. Der Courtag war ein Instrumental- und Vokalkonzert, das sie jeden Sonntag nach dem Essen in ihrem Palais gab und wozu jedermann Zutritt hatte. Sie ging unter den Anwesenden auf und ab und sprach hier und da ein Wort mit solchen, die sie auszeichnen wollte. Ich sagte ihr, ich sei nur ein einziges Mal dagewesen, da ich das Unglück habe, die Musik nicht zu lieben. Sie wandte sich zu ihrem lieben Panin und sagte lächelnd, sie kenne jemanden, der dasselbe Unglück habe. Wenn der Leser sich der Worte erinnert, die ich die Kaiserin beim Verlassen der Oper hatte sagen hören, so wird er finden, daß ich als verschlagener Höfling sprach. Ich gebe es zu; aber ach, es ist zu schwer, es regierenden Herrschaften gegenüber nicht zu sein, besonders wenn es Herrschaften im Unterrock sind.

Die Zarin unterbrach unsere Unterhaltung, um etwas mit Herrn Betzkoy zu sprechen, der an sie herangetreten war. Da Herr von Panin sich von ihr verabschiedete, so verließ auch ich den Park, ganz bezaubert von der Ehre, die mir zuteil geworden war.

Die Kaiserin war von mittlerer Größe, gut gewachsen und von majestätischer Haltung. Sie besaß die Kunst, allen Liebe einzuflößen, von denen sie glaubte, daß sie neugierig seien, sie kennen zu lernen. Ohne schön zu sein, war sie doch sicher, durch ihre Sanftmut und Liebenswürdigkeit zu gefallen, besonders aber durch ihren Geist, dessen sie sich mit feinstem Takt bediente, um den geringsten Anschein von Anmaßlichkeit zu vermeiden, und dies war um so bewunderungswürdiger, da sie mit bestem Recht eine sehr gute Meinung von sich selber haben durfte.

Einige Tage darauf sagte Graf Panin mir, die Kaiserin habe sich zweimal nach mir erkundigt, und das sei ein sicheres Zeichen, daß ich ihr gefallen habe. Er riet mir, Gelegenheiten auszuspähen, um ihr zu begegnen, und versicherte mir, da sie bereits Geschmack an mir gefunden habe, so werde sie mich jedesmal zu sich heranrufen, wenn sie mich sehe, und wenn ich Lust hätte, eine Anstellung zu erhalten, so wäre es wohl möglich, daß sie an mich dachte.

Obwohl ich selber nicht wußte, zu welchem Amt ich in einem Lande, das ich zudem nicht liebte, wohl tauglich sein könnte, so war es mir doch angenehm, zu erfahren, daß ich mir mit leichter Mühe Zutritt bei Hof verschaffen könnte. Infolgedessen ging ich jeden Tag im Parke spazieren, und bald hatte ich ein zweites Gespräch mit der hohen Frau, das ich ganz genau mitteilen will.

Die Kaiserin bemerkte mich von ferne und schickte mir einen Offizier zu, der mich einlud, näher zu kommen. Das Tagesgespräch war damals das große Reiterfest, dessen Abhaltung durch das schlechte Wetter verhindert worden war. Sie fragte mich, ob man auch in Venedig Schauspiele dieser Art geben könnte. In meiner Antwort machte ich eine Menge Bemerkungen über die Schauspiele, die man an keinem anderen Ort als Venedig geben könnte. Meine Ausführungen machten ihr viel Vergnügen. Bei dieser Gelegenheit sagte ich auch, das Klima meiner Heimat sei glücklicher als das russische, insofern, als die schönen Tage dort die Regel seien, während sie in Petersburg eine seltene Ausnahme seien, obwohl die Fremden das Jahr hier jünger fänden als sonstwo auf der Welt.

»Sie haben recht,« sagte sie, »bei Ihnen ist das Jahr elf Tage älter.«

»Wäre es nicht eine Eurer Majestät würdige Handlung, das russische Jahr ebenso alt zu machen, wie das unsrige, indem Sie den Gregorianischen Kalender annähmen? Alle Protestanten haben das mit Vorteil getan, und England, das ihn vor vierzehn Jahren annahm, hat bereits mehrere Millionen gewonnen. Europa ist erstaunt, Madame, daß der alte Stil sich noch in einem Staate erhält, dessen Herrscherin das sichtbare Oberhaupt der Kirche ist, und dessen Hauptstadt eine Akademie der Wissenschaften besitzt. Man glaubt, Madame, Peter der Große, der den Befehl gab, das Jahr mit dem ersten Januar zu beginnen, würde ebenfalls den alten Stil abgeschafft haben, wenn er es nicht für notwendig und vorteilhaft gehalten hätte, sich nach England zu richten, das damals für den Handel Ihres ungeheuren Reiches die größte Bedeutung hatte.«

»Sie wissen doch,« sagte sie mit liebenswürdiger Miene und einem sehr feinen Lächeln, »daß Peter der Große kein Gelehrter war.«

»Madame, er war mehr als ein Gelehrter: der unsterbliche Peter war ein Genius ersten Ranges. Wenn er keine wissenschaftliche Bildung besaß, so hatte er statt dessen ein sehr feines Gefühl, und das ließ ihn ein sehr richtiges Urteil fällen über alles, was er sah oder was nach seiner Meinung geeignet war, die Wohlfahrt seiner Untertanen zu erhöhen. Sein großes Genie, verbunden mit einem festen und entschlossenen Charakter, bewahrte ihn vor Irrtümern und setzte ihn instand, die Mißbräuche abzustellen, die die Erreichung seiner großen Absichten hätten hindern können.«

Ihre Majestät, die mir mit Vergnügen zugehört zu haben schien, wollte mir antworten, als sie im selben Augenblick zwei Damen bemerkte, die sie heranrufen ließ. Sie sagte mir: »Ich werde Ihnen mit Vergnügen ein anderes Mal antworten.« Hierauf wandte sie sich zu den Damen.

Dieses andere Mal trat acht oder zehn Tage später ein, als ich bereits zu glauben begann, sie wolle nicht mehr mit mir sprechen. Denn sie hatte mich gesehen, aber nicht rufen lassen.

Sie redete mich mit den Worten an: »Was Sie zum Ruhme Rußlands gerne geschehen sähen, ist bereits gemacht. Alle Briefe, die wir nach fremden Ländern schreiben, alle öffentlichen Urkunden, die von irgendeiner geschichtlichen Bedeutung sein können, sind von jetzt an mit zwei Daten versehen, von denen das eine oben, das andere unten steht. Daß das Datum, das dem anderen um elf Tage voraus ist, das neuere ist, weiß jedermann.«

»Darf ich es jedoch wagen, Eure Majestät darauf aufmerksam zu machen, daß am Ende dieses Jahrhunderts der Unterschied der Tage zwölf betragen wird?«

»Durchaus nicht, auch dafür ist bereits gesorgt. Das letzte Jahr des Jahrhunderts, das bei Ihnen kein Schaltjahr ist, wird es auch bei uns nicht sein. Es bleibt also kein wirklicher Unterschied zwischen uns. Nicht wahr, diese Einschränkung genügt doch, da sie ein weiteres Umsichgreifen des Irrtums verhindert. Es ist sogar ein Glück, daß der Fehler elf Tage beträgt, denn da dies die Zahl ist, um welche jedes Jahr die Epakten vermehrt werden, so können wir sagen, daß Ihre Epakten auch die unsrigen sind, nur mit dem Unterschied eines Jahres. Wir haben sogar die gleiche Zahl in den elf letzten Tagen des tropischen Jahres. Was die Feier des Osterfestes anbetrifft, so muß man die Leute reden lassen. Ihre Tag- und Nachtgleiche ist auf den einundzwanzigsten März festgesetzt, die unsrige auf den zehnten, und die Vorwürfe, die die Astronomen gegen uns erheben, gelten auch Ihnen; bald haben wir unrecht, bald Sie. Denn die Tag- und Nachtgleiche tritt oftmals einen, zwei und sogar drei Tage früher oder später ein, und sobald wir der Tag- und Nachtgleiche gewiß sind, hat das Gesetz des Märzmondes recht geringe Bedeutung. Sie wissen doch, daß Sie oft nicht einmal mit den Juden übereinstimmen, deren Embolismus, wie man behauptet, ganz vollkommen sein soll. Kurz und gut, der Unterschied der Osterfeier stört nicht im geringsten die öffentliche Ordnung.«

»Was Eure Majestät mir soeben gesagt haben, ist voller Weisheit und Gelehrsamkeit. Sie haben mich mit höchster Bewunderung erfüllt; indessen, das Weihnachtsfest –«

»Nur in diesem Punkt hat Rom allerdings recht; denn Sie wollten mir vermutlich sagen, daß wir Weihnacht nicht in den Tagen der Wintersonnenwende feiern, wie es eigentlich sein sollte. Wir wissen es, aber ich glaube, man darf es auch nicht so genau nehmen. Ich ziehe es vor, lieber diesen geringen Fehler zu dulden, als allen meinen Untertanen eine große Betrübnis zu verursachen, indem ich elf Tage aus dem Kalender ausmerze und dadurch zwei oder drei Millionen wackere Russen um ihren Geburts- oder Namenstag bringe – ja sogar allen Russen: denn man würde sagen, ich hätte durch einen unerhört despotischen Befehl das Leben aller Menschen um elf Tage abgekürzt. Freilich würde man sich nicht laut beklagen, denn das ist hier nicht der Brauch; aber man würde sich ins Ohr flüstern, ich sei eine Atheistin und greife offenbar die Unfehlbarkeit des Konzils von Nicäa an. Diese einfältige Kritik wäre zwar im Grunde lächerlich, aber ich würde durchaus nicht darüber lachen: denn um mich zu erheitern, habe ich andere und viel angenehmere Gegenstände.«

Die Zarin hatte das Vergnügen, mich überrascht zu sehen, und entfernte sich sehr befriedigt. Ich habe nicht einen Augenblick daran gezweifelt, daß sie das Thema eigens studiert hatte, um mich zu verblüffen. Einige Tage darauf sagte Herr Alsuwieff mir, es sei sehr wohl möglich, daß die Kaiserin eine kleine Abhandlung über diesen Gegenstand gelesen habe, ein Werkchen, das er kenne, und worin alles, was sie mir gesagt habe, ganz genau enthalten sei. Übrigens sei es sehr wohl möglich, daß Ihre Majestät tiefe Kenntnisse auf diesem Gebiete besitze. Das war natürlich eine bloße Redensart, wie man sie eben im Munde eines jeden Höflings findet, besonders in Rußland.

Die Zarin sagte in sehr bescheidenem Ton und in einer sehr einfachen Redeweise ihre Meinung klar und deutlich, und ihr Geist schien ebenso unerschütterlich zu sein wie ihre gute Laune, deren immer gleiche Beständigkeit ihr lachendes Antlitz verkündete. Da diese lachende Miene ihr zur Gewohnheit geworden war, so kostete sie ihr wahrscheinlich keine Mühe; trotzdem ist sie dieserhalb zu bewundern, denn es gehört dazu eine Selbstbeherrschung, die die gewöhnlichen Regungen der menschlichen Natur im Zaume zu halten weiß. Die äußere Haltung der großen Katharina war das gerade Gegenteil der des Königs von Preußen, aber sie war Zeugnis, daß ihr Genie größer war als das dieses Herrschers. Sie ermutigte durch einen äußeren Anschein von Güte und hatte dadurch stets einen Vorteil, während die ausgeklügelte Schroffheit des Potsdamer Soldaten nicht selten dazu benutzt wurde, ihn zu täuschen. Prüft man Friedrichs Leben, so bewundert man seinen Mut, aber man sieht zugleich, daß er unterlegen wäre, wenn er nicht viel Glück gehabt hätte. Untersucht man dagegen das Leben Katharinas, so findet man, daß sie offenbar auf den Beistand der blinden Göttin sehr wenig gerechnet hat. Sie führte Unternehmungen durch, die vor ihrer Thronbesteigung in ganz Europa für groß gegolten hatten, die sie aber absichtlich als klein ansah.

Ich las kürzlich einen jener modernen Zeitschriftenaufsätze, deren Schreiber sich absichtlich von ihrem Thema zu entfernen scheinen, um die Aufmerksamkeit der Leser auf ihre eigene Person zu lenken. Der Verfasser behauptet, Katharina die Zweite sei glücklich gestorben wie sie gelebt habe. Alle Welt weiß, daß die große Herrscherin, auf ihrem Nachtstuhl sitzend, von einem plötzlichen Tod ereilt wurde. Wenn nun der Artikelschreiber diesen Tod einen glücklichen nennt, so liegt darin, daß dies die Todesart ist, die er für sich selber wünscht. Natürlich hat jeder seinen eigenen Geschmack, und wir können einem jeden wünschen, daß er einen solchen Tod findet, wie er ihm gefällt. Wenn aber für die Behauptung, daß dieser Tod ein glücklicher sei, die Voraussetzung gilt, daß der von ihm Betroffene ihn so gewünscht haben müsse – wer hat denn dem sonderbaren Schwärmer gesagt, daß Katharina sich gerade diesen Tod gewünscht habe? Wenn er etwa glaubt, daß dieser Wunsch dem tiefen Geist entspreche, den alle Welt der Kaiserin zuschrieb, so kann man ihn fragen, mit welchem Recht er die Behauptung aufstellt, daß ein tiefer Geist einen plötzlichen Tod als den glücklichsten ansehen müsse. Etwa, weil er selber ihn dafür hält? Aber, wenn er kein Dummkopf ist, so muß er doch befürchten, daß er sich irren kann, und wenn er sich irrt, so ist er ja ein Dummkopf. Der Artikelschreiber hat also auf alle Fälle eine Dummheit gesagt, einerlei, ob er sich irrt oder nicht. Um die Wahrheit zu erfahren, müßten wir die verstorbene Zarin selber befragen können. Wir würden etwa zu ihr sagen: »Sind Sie wirklich froh, Madame, daß Sie eines plötzlichen Todes gestorben sind?« Es wäre nicht unmöglich, daß sie uns antwortete:

»Welche Dummheit! Eine solche Frage dürfte nur an einen verzweifelten Menschen gerichtet werden, oder an eine Frau, deren schlechte Gesundheit sie befürchten ließe, daß sie nach langer und grausamer Krankheit einen schmerzhaften Tod erleiden würde. Ich befand mich weder in dem einen noch in dem anderen Fall; denn ich war glücklich und befand mich körperlich wohl. Ein größeres Unglück konnte mir gar nicht zustoßen, und gerade dieses Unglück kam mir völlig unerwartet. Dieses Unglück hat mich verhindert, eine Menge Sachen durchzuführen, die ich leicht hätte zu Ende bringen können, wenn Gott mir eine kleine Krankheit vergönnt hätte, deren Symptome mich auf die Möglichkeit meines Todes aufmerksam gemacht hätten. Es wäre nicht nötig gewesen, daß mein Äskulap mich darauf vorbereitete. Aber so ist es nicht gewesen. Ein unwiderruflicher Befehl hat mich gezwungen, die längste aller Reisen anzutreten, ohne mir Zeit zu lassen, mein Bündel zu schnüren, und in einem Augenblick, wo ich nicht bereit war. Soll man mich etwa wegen dieses Todes glücklich nennen, weil ich nicht die Qual gehabt habe, ihn kommen zu sehen? Wenn man annimmt, ich würde nicht den Mut gehabt haben, mich willig einem Naturgesetz zu fügen, das für mich wie für alle Sterblichen gilt, so traut man mir offenbar eine Feigheit zu, die ich bei Lebzeiten niemals gezeigt zu haben glaube. Heute, da Sie mich als Geist vor sich sehen, kann ich Ihnen versichern, daß ich mich glücklich schätzen würde, wenn der gar zu strenge Befehl, der mich plötzlich wie ein Blitz traf, mir vor meinem Ende einen Aufschub von zwanzig Stunden ruhiger Überlegung gelassen hätte. Dann würde ich mich nicht über die göttliche Ungerechtigkeit beklagen.«

»Wie, Madame, Sie klagen Gott der Ungerechtigkeit an?«

»Das ist ganz natürlich; denn ich bin ja verdammt. Glauben Sie, ein Verdammter, so schwer er auch bei Lebzeiten gefehlt haben möge, könne das Urteil gerecht finden, das ihn dazu verdammt, für die Ewigkeit unglücklich zu sein?«

»Das halte ich allerdings für schwierig, aber ich denke, es hätte Ihnen ein gewisser Trost sein können, wenn Sie die Verurteilung als gerecht anerkennen müßten.«

»Der Gedankengang ist richtig, aber ein Verdammter muß stets untröstlich sein.«

»Trotzdem gibt es Philosophen, die gerade wegen dieses Trostes, der Sie empört, Sie glücklich schätzen.«

»Das sind keine Philosophen, sondern Dummköpfe; denn was ich Ihnen gesagt habe, beweist, daß mein plötzlicher Tod mich offenbar unglücklich macht, selbst wenn ich mich heute glücklich fühlen sollte.«

»Ein starker Gedanke! Aber dürfte ich mir die Frage erlauben, ob Sie zugeben, daß auf einen unglücklichen Tod ein ewiges Glück folgen kann, oder umgekehrt: ein ewiges Unglück auf einen glücklichen Tod?«

»Das sind zwei Dinge, die außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen. Das ewige Glück ergibt sich aus dem seligen Zustande, worin die Seele sich in dem Augenblick befindet, da sie ihre Stoffhülle abwirft; gerade so wird die ewige Verdammnis einer Seele zuteil, die den Leib in einem Augenblick verläßt, wo sie von Gewissensbissen gepeinigt und von brennender Reue verzehrt wird. Doch genug davon: die Strafe, zu der ich verdammt bin, erlaubt mir nicht, noch länger mit Ihnen zu sprechen.«

»Aber sagen Sie mir wenigstens: was ist das für eine Strafe?«

»Mich zu langweilen. Leben Sie wohl!«

Nach dieser langen poetischen Abschweifung, woran vielleicht nichts Wahres ist als meine augenblicklichen Ideen, wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich wieder zu meiner Erzählung zurückkehre.

Graf Panin sagte mir, die Zarin werde in zwei oder drei Tagen nach ihrem Sommerpalast abreisen. Ich fand mich daher wieder im Park ein, in der Voraussicht, daß es zum letzten Male sein werde.

Ich befand mich seit einigen Augenblicken im Garten, als ein ziemlich starker Regen zu fallen begann. Ich wollte mich daher entfernen, aber in diesem Augenblick ließ die Kaiserin mich rufen und in einen zu ebener Erde gelegenen Saal eintreten, worin sie mit Gregorewitsch und einer Hofdame auf und ab ging.

»Ich vergaß«, sagte sie mit einem Gemisch von Würde und liebenswürdigstem Wohlwollen, »ich vergaß, Sie zu fragen, ob Sie die Verbesserung des Kalenders für völlig fehlerfrei halten.«

»Gewiß nicht, Madame; der verbesserte Kalender gibt ja diesen Fehler selber zu; aber der Fehler ist so klein, daß er sich erst nach Ablauf von neun- oder zehntausend Jahren bemerkbar machen kann.«

»Das habe ich ebenfalls gefunden, und mir scheint daher, daß unter diesen Umstünden Papst Gregor den Irrtum nicht hätte zugeben dürfen. Ein Gesetzgeber darf sich niemals so schwach und so übertrieben genau zeigen. Ich mußte lachen, als ich vor einigen Tagen sah, daß, ohne die Ausmerzung des Grundirrtums durch Unterdrückung des Schaltjahres am Ende jeden Jahrhunderts, die Welt nach Ablauf von fünfzigtausend Jahren ein ganzes Jahr zuviel gehabt hätte, und daß während dieses Zeitraums die Tag- und Nachtgleiche einhundertunddreißig Mal auf alle Tage des Jahres gefallen sein würde. Man hätte infolgedessen Weihnachten zehn- bis zwölftausendmal im Sommer gefeiert. Der Hohe Priester der lateinischen Kirche fand bei der Durchführung seiner weisen Maßregel einen willigen Gehorsam, den er in meiner Kirche nicht gefunden haben würde; denn diese hält überaus peinlich an ihren alten Gebräuchen fest.«

»Ich habe mir stets eingebildet, Eure Majestät würde sie gehorsam gefunden haben.«

»Daran zweifle ich nicht; aber wie tief würde es meine Geistlichkeit betrübt haben, wenn sie mehr als hundert männliche und weibliche Heilige ihres Festtages hatte berauben müssen! Sie haben für jeden Tag nur einen Heiligen, wir aber haben ein Dutzend. Ich möchte außerdem noch bemerken, daß alle alten Staaten an ihren alten Gesetzen hängen. Man hat mir gesagt, Ihre Republik beginne ihr Jahr mit dem ersten März, und ich finde diesen Brauch nicht etwa barbarisch, sondern im Gegenteil groß: er ist ein ehrenvolles Denkmal, das für das Alter des Staates zeugt. Übrigens ist es richtiger, das Jahr am ersten März, als am ersten Januar zu beginnen. Aber verursacht dieser Brauch nicht mancherlei Verwirrung?«

»Durchaus nicht, Madame. Die beiden Buchstaben M. V., die wir in den Monaten Januar und Februar dem Datum hinzufügen, machen ein Mißverständnis unmöglich.«

»Venedig zeichnet sich auch durch sein Wappen aus, das von allen Regeln der Heraldik abweicht; denn man kann es eigentlich kein Wappenschild nennen. Eigentümlich ist auch die scherzhafte Art, wie Ihr Schutzpatron dargestellt ist, und seltsam sind die fünf lateinischen Worte, die sich an den Heiligen Markus richten, und worin, wie man mir gesagt hat, ein grammatikalischer Fehler vorkommt – ein Fehler, der durch sein Alter ehrwürdig geworden ist. Aber ist es wahr, daß Sie die vierundzwanzig Stunden des Tages nicht in zweimal zwölf Stunden einteilen?«

»Ganz recht, Madame, und wir beginnen die Stundenzählung mit dem Einbruch der Nacht.«

»Da sehen Sie die Macht der Gewohnheit! Ihnen erscheint dies bequemer, und Sie kümmern sich nicht darum, daß es der ganzen übrigen Welt lächerlich vorkommt. Ich wenigstens würde es, glaube ich, sehr unbequem finden.«

»Eure Majestät würde durch einen Blick auf die Uhr sofort erfahren, wie viele Stunden der Tag noch dauern wird, und brauchte nicht auf den Kanonenschuß der Zitadelle zu hören, die die Einwohner benachrichtigt, daß die Sonne unter den Horizont verschwunden ist.«

»Das ist richtig, aber wenn Sie den Vorteil haben, zu wissen, wieviel Uhr es am Ende des Tages ist, so haben wir dafür zwei Vorteile: wir wissen, daß es um zwölf Uhr stets entweder Mittag oder Mitternacht ist.«

Hierauf sprach die Zarin mit mir über die Sitten der Venetianer, besonders über ihre Neigung zum Glücksspiel. Sie fragte mich bei dieser Gelegenheit, ob die Genueser Lotterie bereits in Venedig eingerichtet sei, und bemerkte: »Man hat mich überreden wollen, sie in meinem Staate zu erlauben. Ich wäre einverstanden gewesen, aber nur unter der Bedingung, daß der Einsatz nicht weniger als einen Rubel betragen dürfte, damit die Armen nicht zum Spiel verlockt würden.«

Ich antwortete auf diese weise Bemerkung durch eine tiefe Verbeugung, und dies war das Ende der letzten Unterhaltung, die ich mit der berühmten Frau hatte. Sie hat es verstanden, fünfunddreißig Jahre lang zu regieren, ohne auch nur einen einzigen bedeutungsvollen Fehler zu begehen. Der Geschichtschreiber wird ihr stets einen der schönsten Plätze unter den großen Herrschern zuerkennen, wenngleich strenge Moralisten sie zu den übermüßig sinnlichen Frauen rechnen werden, und mit Recht.

Wenige Tage vor meiner Abreise gab ich allen meinen Freunden ein Festmahl in Katharinenhof mit einem schönen Feuerwerk, das mir nichts kostete, denn es war ein Geschenk meines Freundes Melissino. Mein Abendessen zu dreißig Gedecken war auserlesen und mein Ball glänzend. Trotz der Schmalheit meiner Börse hielt ich mich für verpflichtet, meinen Freunden für die viele Aufmerksamkeit, die sie mir erwiesen hatten, dieses Zeichen meiner Dankbarkeit zu geben.

Da ich mit der Schauspielerin Valville abreiste, so muß ich jetzt dem Leser mitteilen, auf welche Weise ich ihre Bekanntschaft machte.

Eines Abends ging ich allein in die Französische Komödie und setzte mich in einer Loge neben eine sehr hübsche Dame, die ohne Begleitung dort war und die ich nicht kannte. Ich kam mit ihr in ein Gespräch, indem ich bald lobende, bald tadelnde Bemerkungen über das Spiel der Künstler und Künstlerinnen machte. Ich fand ihre Antworten stets richtig und geistreich und ihren Ton ebenso verführerisch wie ihre Reize. Ganz entzückt von ihr, nahm ich mir gegen Ende der Vorstellung die Freiheit, sie zu fragen, ob sie Russin sei.

»Um Gottes willen, nein!« sagte sie lächelnd; ich bin Pariserin, und zwar Schauspielerin von Beruf. Ich heiße Valville und bin durchaus nicht überrascht, daß Sie mich nicht kennen, denn ich bin erst seit einem Monat hier und habe nur ein einziges Mal die Zofenrolle in den Folies amoureuses gespielt.«

»Warum haben Sie nur ein einziges Mal gespielt?«

»Weil ich nicht das Glück hatte, der Kaiserin zu gefallen. Da ich jedoch für ein Jahr engagiert bin, hat sie gnädigst befohlen, mir bis zum Ablauf des Jahres jeden Monat hundert Rubel auszuzahlen. Alsdann wird man mir einen Paß geben, mir die Reisekosten bezahlen, und ich werde abreisen.«

»Ich bin überzeugt, die Zarin glaubt, Ihnen eine Gnade zu erweisen, indem sie Ihnen Ihr Gehalt auszahlen läßt, ohne daß Sie zu spielen brauchen.«

»Wahrscheinlich glaubt sie das, aber sie ist keine Schauspielerin und weiß nicht, daß ich mehr, als sie mir gibt, verliere, indem ich nicht spiele; denn ich verlerne meinen Beruf, worin ich noch nicht einmal ausgelernt hatte.«

»Sie müssen Sie darauf aufmerksam machen.«

»Es wäre mein Wunsch, daß sie mir eine Audienz bewilligte.«

»Das ist nicht nötig. Sie haben doch ganz gewiß einen Liebhaber?«

»Nein.«

»Das ist unglaublich.«

»Das Wahre ist zuweilen nicht wahrscheinlich, aber es ist die Wahrheit.«

»Ich will es Ihnen gern glauben.«

Ich ließ mir ihre Adresse geben und schrieb ihr gleich am nächsten Tage folgendes Briefchen:

»Ich möchte, Madame, eine Intrige mit Ihnen anknüpfen. Sie haben mir Gefühle eingeflößt, die mich unglücklich machen würden, wenn Sie sie nicht erwidern würden. Ich nehme mir die Freiheit, mich bei Ihnen zum Abendessen einzuladen, aber ich wünsche vorher zu wissen, was es mir kosten wird; ich muß in einem Monat nach Warschau reisen und biete Ihnen einen Platz in meinem Schlafwagen an. Ich kenne die Mittel, Ihnen einen Paß zu verschaffen. Der Bote hat Befehl, auf Antwort zu warten, und ich hoffe, Sie werden diese eben so klar und deutlich abfassen, wie mein Brief es ist.«

Zwei Stunden später erhielt ich folgende Antwort:

»Mein Herr! Da ich das Talent besitze, eine Intrige, deren Fäden mir nicht gefallen, mit Leichtigkeit wieder zu lösen, so nehme ich durchaus keinen Anstand, Ihrem Vorschlage zuzustimmen. Ich verlange nichts Besseres, als die Gefühle zu teilen, die Sie mir eingeflößt haben, und ich werde mein Möglichstes tun, Sie glücklich zu machen. Sie werden das Abendessen bereit finden; über den Preis dessen, was darauf folgen soll, werden wir uns später einigen. Es wird mir eine große Freude sein, den Platz in Ihrem Schlafwagen anzunehmen, wenn Sie soviel Einfluß besitzen, um mir außer meinem Paß auch die Reisekosten bis Paris zu verschaffen. Ich hoffe, Sie werden meine Ausdrücke nicht weniger deutlich finden als die Ihrigen. Leben Sie wohl bis heute Abend!«

Ich fand meine neue Bekannte allein in einer sehr gut eingerichteten Wohnung, und wir begrüßten uns wie zwei alte vertraute Freunde.

»Ich würde glücklich sein,« sagte sie, »mit Ihnen abreisen zu können, aber ich bezweifle, daß Sie mir die Erlaubnis verschaffen können.«

»Ich zweifle gar nicht daran, wenn Sie der Kaiserin eine Eingabe überreichen wollen, wie ich sie Ihnen machen werde.«

»Ich werde sie genau so einreichen wie sie ist; darauf können Sie sich verlassen!«

Sie reichte mir sofort Schreibzeug, und ich schrieb die Eingabe nieder. Sie lautete ungefähr folgendermaßen:

»Madame, ich bitte Eure Majestät allergnädigst bedenken zu wollen, daß ich meinen Beruf, den ich noch nicht einmal völlig erlernt habe, ganz sicherlich verlernen werde, wenn ich ein volles Jahr hier bleibe, ohne etwas zu tun. Ihre Großmut gereicht mir daher nicht zum Nutzen, sondern im Gegenteil zu großem Schaden, und ich würde Eurer Majestät zu tiefster Dankbarkeit verpflichtet sein, wenn Sie mir gütigst gestatten würden, abzureisen.«

»Wie? Weiter nichts?«

»Kein Wort mehr.«

»Du sagst nichts vom Paß, nichts vom Reisegeld. Ich bin nicht reich.«

»Überreiche diese Eingabe, und ich müßte der allerdümmste Mensch sein, wenn du nicht nur das Reisegeld, sondern auch dein Gehalt für das ganze Jahr erhieltest.«

»Das wäre zuviel.«

»Nein, und du wirst es bekommen. Du kennst Katharina nicht, ich aber kenne sie. Laß diese Eingabe abschreiben und überreiche sie persönlich.«

»Ich werde sie selber abschreiben, denn ich habe eine ziemlich schöne Schrift. Übrigens kommt es mir vor, wie wenn ich selber diese Eingabe verfaßt hätte, denn es ist ganz und gar mein Stil. Ich glaube, mein lieber Freund, du bist ein besserer Schauspieler als ich, und ich will von heute Abend an deine Schülerin werden. Laß uns zu Tisch gehen, damit du mir meine erste Unterrichtsstunde um so früher geben kannst!«

Nach einem recht delikaten Abendessen, das die schöne Valville mit hundert angenehmen Bemerkungen würzte, bewilligte sie mir alles, was ich wünschte. Ich ging einen Augenblick hinunter, um meinen Kutscher fortzuschicken und ihm zu sagen, was er meiner Zaira mitteilen sollte. Ich hatte dieser vorher gesagt, ich würde vielleicht nach Kronstadt fahren und dann erst am nächsten Tage zurückkehren. Mein Kutscher war ein Ukrainer, dessen Treue ich oft erprobt hatte. Aber ich begriff sofort, daß ich mich von meiner schönen Russin trennen mußte, wenn ich der Freund meiner neuen Eroberung wurde.

Ich fand an der Valville den Charakter und die Eigenschaften aller jungen Französinnen ihrer Art, die ihre Reize auszunützen gedenken, eine gewisse Erziehung genossen haben, die sie über den großen Haufen hinaushebt, und daraus das Recht ableiten, nur einem einzigen anzugehören: sie wollen unterhalten werden, und es schmeichelt ihnen mehr, eine Geliebte zu sein als eine Gattin.

In unserem Zwischenakte erzählte sie mir einige von ihren Abenteuern, und ich erriet daraus ihre ganze Geschichte, die nicht lang war. Der Schauspieler Clerval war nach Paris gegangen, um für den Petersburger Hof eine Schauspielertruppe zu werben. Er hatte sie zufällig kennen gelernt, und da er in ihr ein geistreiches Mädchen fand, so hatte er ihr eingeredet, sie sei zur Schauspielerin geboren, obwohl sie nie in ihrem Leben daran gedacht hatte. Der Gedanke hatte sie geblendet, und sie hatte den Vertrag unterzeichnet. Sie war mit ihrem Werber und sechs anderen Schauspielern und Schauspielerinnen von Paris abgereist; unter diesen war sie die einzige, die noch niemals gespielt hatte.

»Ich glaubte,« so erzählte sie mir, »man könnte in eine Schauspielertruppe eintreten, wie in Paris ein junges Mädchen in den Opernchor oder ins Ballett eintritt, ohne jemals singen oder tanzen gelernt zu haben. Konnte ich anders denken, wenn ein Künstler wie Clerval mir sagte, ich sei dazu geschaffen, auf der Bühne zu glänzen, und wenn er es mir dadurch bewies, daß er mit mir einen vorteilhaften Vertrag abschloß und daß er mich mit sich nahm? Er verlangte von mir weiter nichts, als daß ich ihm etwas vorlas und daß ich einige Szenen auswendig lernte, die er mich in meinem Zimmer mit ihm spielen ließ. Er fand, ich sei eine ausgezeichnete Soubrette, und er hat mich ganz gewiß nicht täuschen wollen; aber er hat sich selber getäuscht. Vierzehn Tage nach unserer Ankunft in Petersburg trat ich zum ersten Mal auf und erlitt einen sogenannten Durchfall, aus dem ich mir in Wahrheit recht wenig machte, da ich die angebliche Schande nicht fühlte.«

»Vielleicht hast du Angst gehabt.«

»Angst! Im Gegenteil. Clerval hat mir geschworen: wenn ich nur ein wenig Angst hätte heucheln können, so würde die Kaiserin, die die Güte selber ist, es als ihre Pflicht angesehen haben, mich zu ermutigen.«

Ich verließ sie am Morgen, nachdem sie noch in meiner Gegenwart die Eingabe abgeschrieben hatte. Sie hatte eine sehr schöne Handschrift.

»Ich werde«, sagte sie mir, »die Bittschrift morgen überreichen.«

Ich bestärkte sie in diesem Beschluß und nahm ihre Einladung zu einem zweiten Abendessen an, das an dem Abend stattfinden sollte, wo ich mich von Zaïra getrennt haben würde.

Die jungen Pariserinnen, die sich dem Dienst der Venus gewidmet haben und dabei Geist besitzen, gleichen alle der Valville: sie haben weder Leidenschaft noch Temperament und kennen infolgedessen die Liebe nicht; aber sie sind gefällig, einschmeichelnd und liebenswürdig. Sie kennen nur ein einziges Ziel, dem sie unaufhörlich zustreben: angenehmes Leben und pekuniären Vorteil. Lachend und stets mit der größten Leichtigkeit lösen und knüpfen sie eine Intrige. Das ist keine Leichtfertigkeit, sondern System, und wenn es nicht das beste ist, so ist es sicherlich das bequemste.

Als ich nach Hause kam, fand ich Zaïra ruhig, traurig, und dies gefiel mir noch weniger, als wenn sie zornig gewesen wäre, denn ich liebte sie. Aber ich mußte ein Ende mit ihr machen und mich auf alle Pein unserer bevorstehenden Trennung vorbereiten.

Der Baumeister Rinaldi, ein alter Herr von siebzig Jahren, aber noch frisch und sinnlich, war in sie verliebt. Er hatte mir mehrere Male gesagt, ich würde ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich bei meiner Abreise sie ihm überließe, und hatte sich erboten, mir das Doppelte von dem zu geben, was sie mir gekostet hätte. Ich hatte ihm bisher immer geantwortet, ich würde sie niemals einem anderen überlassen, dem sie nicht freiwillig folgte, denn ich hatte die Absicht, ihr die Summe zu überlassen, die ich für sie erhalten würde. Diese Erklärung gefiel Herrn Rinaldi nicht, denn er schmeichelte sich nicht mit der Einbildung, ihr zu gefallen. Trotzdem hoffte er.

Der Zufall führte ihn gerade an diesem Morgen zu mir, als ich beschlossen hatte, der Sache ein Ende zu machen. Da er sehr gut russisch sprach, so erklärte er der Kleinen, wie innig und zärtlich er sie liebe. Sie antwortete ihm italienisch, sie könne nur demjenigen gehören, dem ich ihren Paß überlassen werde, und er müsse sich daher an mich wenden; denn sie könne keinen anderen Willen haben als den meinigen; sie hege jedoch für keinen Menschen Gefühle des Abscheus oder der Zuneigung.

Der ehrenwerte Greis konnte eine bestimmtere Antwort nicht von ihr erlangen und verließ uns daher, nachdem er mit uns gespeist hatte. Seine Hoffnung war gering, trotzdem empfahl er sich angelegentlich meiner Fürsprache.

Als Rinaldi fortgegangen war, bat ich Zaïra, mir aufrichtig zu sagen, ob sie es mir übelnehmen würde, wenn ich sie diesem trefflichen Manne überließe, der sie wie seine eigene Tochter behandeln würde.

In dem Augenblick, wo sie mir antworten wollte, übergab man mir ein Briefchen von der Valville. Sie bat mich, einen Augenblick bei ihr vorzusprechen, um eine gute Nachricht zu hören. Ich befahl sofort meinen Wagen, indem ich Zaiïra sagte, ich würde sehr bald zurückkommen.

»Schön,« antwortete sie mir; »besorge deine Geschäfte. Wenn du wiederkommst, werde ich dir eine bestimmte Antwort geben.«

Ich fand die Valville in einem Freudentaumel.

»Hurra die Bittschrift!« rief sie mir sofort bei meinem Anblick entgegen. »Ich erwartete die Kaiserin vor ihren Gemächern, als sie aus der Kapelle kam. Sobald sie mich bemerkte, fragte sie mich huldvoll, was ich da machte. Ich überreichte ihr mit ehrfurchtsvoller Miene meine Bittschrift; sie las dieselbe im Gehen und sagte mir mit einem wohlwollenden Lächeln, ich möchte einen Augenblick warten. Zwei Minuten darauf schickte Ihre Majestät mir die Eingabe mit einer eigenhändigen Randbemerkung zurück und ließ mir sagen, ich möchte damit zu Herrn Ghelagin gehen. Der Herr empfing mich sehr freundlich und sagte mir, die Fürstin befehle ihm, mir einen Paß auszuhändigen und dazu mein Gehalt für ein Jahr und hundert Dukaten für die Reisekosten. Paß und Geld werde ich in vierzehn Tagen erhalten, weil soviel Zeit erforderlich ist, um die polizeilichen Veröffentlichungen zu erlassen.

Die Valville war voll von Dankbarkeit und versicherte mich ihrer innigsten Freundschaft. Wir verabredeten den Zeitpunkt unserer Abfahrt, und drei oder vier Tage darauf ließ ich bekannt machen, daß ich reisen würde.

Da ich Zaiïra versprochen hatte, gleich wieder nach Hause zu kommen, außerdem auch neugierig war, welchen Entschluß sie gefaßt hätte, so verabschiedete ich mich von meiner neuen Freundin, indem ich ihr die Versicherung gab, daß ich mit ihr zusammenleben würde, sobald ich die junge Russin, die ich in Petersburg lassen müßte, guten Händen übergeben hätte.

Zaiïra aß in sehr guter Laune mit mir zu Abend und fragte mich dann, ob Herr Rinaldi, wenn er sie erhielt, mir die hundert Rubel zurückzahlen würde, die ich ihrem Vater gegeben hätte. Als ich diese Frage bejahte, fuhr sie fort: »Aber mir scheint, jetzt bin ich doch viel mehr wert; denn du lässest mir alle Sachen, die du mir geschenkt hast, und außerdem spreche ich italienisch.«

»Du hast vollkommen recht, mein Kind, aber ich will nicht, daß man mir soll nachsagen können, ich hätte Geld an dir verdient, zumal da ich die Absicht habe, dir die hundert Rubel zu schenken, die er mir auszahlen wird, wenn ich ihm deinen Paß gebe.«

»Da du mir dieses schöne Geschenk machen willst, warum gibst du mich nicht mit meinem Paß meinem Vater zurück? Wenn Herr Rinaldi mich liebt, brauchst du ihm nur zu sagen, er solle mich bei meinem Vater aufsuchen. Er spricht ebensogut russisch wie dieser, sie werden sich über den Preis einigen, und ich werde mich nicht widersetzen. Wird es dir unangenehm sein, wenn er für mich bezahlt, was ich wert bin?«

»Nein, gewiß nicht; es wird mir im Gegenteil sehr angenehm sein, wenn ich deiner Familie nützlich sein kann, um so mehr, da Rinaldi reich ist.«

»Das genügt. Du wirst meinem Gedächtnis stets teuer sein. Bringe mich morgen nach Katharinenhof und jetzt laß uns zu Bett gehen!«

So trennte ich mich also von diesem reizenden Mädchen, dem ich es verdankte, daß ich in Petersburg recht vernünftig lebte. Zinowieff sagte mir, ich hätte mit ihr abreisen können, wenn ich eine bescheidene Summe als Bürgschaft hinterlegte. Er würde mir die Erlaubnis leicht verschaffen. Ich dachte jedoch an die Folgen und war so vernünftig, das Anerbieten abzulehnen; denn ich liebte Zaiïra. Sie entwickelte sich immer herrlicher,und bei ihrer Schönheit und ihrem Geist wäre ich ihr Sklave geworden. Immerhin ist es möglich, daß ich es nicht so genau genommen hätte, wenn ich nicht bereits die Valville besessen hätte.

Zaiïra verbrachte den Vormittag damit, unter Lachen und Weinen ihre Sachen zu packen. Sie sah meine Tränen fließen, so oft sie ihren Koffer verließ, um mir einen Kuß zu geben. Als ich sie bei ihrem Vater ließ und diesem ihren Paß gab, sah ich um mich herum ihre ganze Familie auf den Knien liegen. Ich schämte mich der menschlichen Natur, die durch die Sklaverei so tief erniedrigt wird.

Zaiïra paßte nicht gut in die armselige elterliche Hütte hinein, wo ein riesiger Strohsack das gemeinsame Bett der ganzen Familie war.

Rinaldi war mit den getroffenen Anordnungen nicht unzufrieden; er sagte mir, die Einwilligung des Vaters werde er bald haben, da er auf die Zustimmung der Tochter rechnen dürfte. Er besuchte sie gleich am nächsten Tage, doch erhielt er sie erst nach meiner Abreise. Er hat sie bis zu seinem Tode bei sich behalten und ihr viel Gutes getan.

Nach dieser traurigen Trennung wurde die Valville meine einzige Freundin. Einige Wochen darauf reisten wir ab. Ich nahm als Diener einen armenischen Kaufmann, der mir hundert Dukaten lieh und recht gut auf orientalische Art kochte. Er hatte einen Empfehlungsbrief des polnischen Gesandten für den Fürsten August Sulkowski und einen anderen von einem anglikanischen Geistlichen für den Fürsten Adam Czartoryski.

Am Tage nach unserer Abfahrt von Petersburg machten wir in Koporie Halt, um dort zu Mittag zu essen; wir hatten in unserem Schlafwagen gute Eßwaren und ausgezeichnete Weine. Zwei Tage darauf begegneten wir dem berühmten Kapellmeister Galuppi, genannt Buranelli, der sich mit zwei Freunden und einer Virtuosa nach Petersburg begab. Er kannte mich nicht und war sehr überrascht, in dem Gasthof, wo er Halt machte, ein gutes Mittagessen nach venetianischer Art zu finden und von einem Kavalier mit einem Kompliment in seiner Muttersprache empfangen zu werden. Sobald ich ihm meinen Namen genannt hatte, umarmte er mich mit Ausrufen der Überraschung und Befriedigung.

Da der Regen die Straßen verdorben hatte, brauchten wir acht Tage, um nach Riga zu gelangen, wo ich zu meinem großen Schmerz meinen liebenswürdigen Prinzen Karl nicht mehr fand. Von Riga brauchten wir noch vier Tage bis Königsberg, wo die Valville, die in Berlin erwartet wurde, mich verlassen mußte. Ich überließ ihr meinen Armenier, dem sie gerne die hundert Dukaten bezahlte, die ich ihm schuldete. Zwei Jahre später traf ich sie in Paris wieder, wie ich am geeigneten Orte erzählen werde. Wir trennten uns als gute Freunde und ohne jene traurigen Gedanken, die uns stets einige Augenblicke des Glücks rauben. Wir waren nur deshalb ein Liebespaar gewesen, weil wir uns aus der Liebe selbst nichts gemacht hatten, aber unsere Genüsse hatten zwischen uns eine aufrichtige und opferwillige Freundschaft begründet. In Klein-Roop, einem Örtchen nicht weit von Riga, wo wir die Nacht verbrachten, bot sie mir ihre Diamanten und all ihr Geld an. Wir wohnten bei der Gräfin von Löwenwald, der ich einen Brief von der Fürstin Dolgorucki überbracht hatte. Die Dame hatte bei ihren Kindern als Erzieherin Campionis Frau, die hübsche Engländerin, die ich bei meiner ersten Durchreise in Riga kennen gelernt hatte. Sie sagte mir, ihr Mann sei in Warschau und wohne bei Villiers. Sie gab mir einen Brief für ihn, und ich versprach ihr, ihn zu veranlassen, daß er ihr Geld schickte; ich habe Wort gehalten. Ich sah auch die kleine Betty wieder; sie war immer noch reizend und wurde immer noch von ihrer Mutter, die auf sie eifersüchtig zu sein schien, schlecht behandelt.

Da ich nun in Königsberg allein war, so verkaufte ich meinen ausgezeichneten Schlafwagen und nahm einen Platz in einem Mietswagen, um die Reise nach Warschau zu machen. Wir waren zu vieren, und meine Begleiter waren Polen, die nur polnisch und deutsch sprachen; so lernte ich denn in den sechs Tagen, die diese unangenehme Reise dauerte, die Langeweile in ihrer ganzen Häßlichkeit kennen. In Warschau stieg ich bei Villiers ab, in dessen Gasthof ich sicher war, meinen Freund Campioni zu treffen.

Bald hatte ich das Vergnügen, ihn zu sehen. Ich fand ihn in guten Verhältnissen und in einer schönen Wohnung. Er hielt eine Tanzschule, die sich guten Zuspruchs erfreute. Er war hocherfreut, Nachrichten von Fanny und seinen Kindern zu erhalten, und schickte ihnen Geld, dachte aber nicht daran, sie nach Warschau kommen zu lassen, wie sie es wünschte. Er versicherte mir, Fanny sei nicht seine Frau.

Er erzählte mir, Tomatis, der Direktor der Komischen Oper, habe in Warschau sein Glück gemacht; er habe eine Mailänder Tänzerin, eine gewisse Catai, die mehr durch ihre Reize als durch ihr Talent Stadt und Hof entzücke. Das Glücksspiel war erlaubt; er nannte mir die Spieler, die offenes Haus hielten, machte mich aber zugleich darauf aufmerksam, daß Warschau voll von Griechen sei, oder mit einem anderen Wort: von Betrügern. Eine Veroneserin, namens Giropoldi, die mit einem lothringischen Offizier, Bachelier, zusammenlebte, hielt eine Pharaobank; eine Tänzerin, die früher die Geliebte des berüchtigten Afflisio in Wien gewesen war, lockte die Kunden an.

Ein anderer Grieche, der mit einer hübschen Sächsin zusammenlebte, war der Major Salvi, von dem ich gelegentlich meines zweiten Aufenthaltes in Amsterdam zur Genüge gesprochen habe. Der Baron von Ste.-Héleine war ebenfalls in Warschau, aber sein Haupttalent bestand nur darin, Schulden zu machen und nicht zu bezahlen. Er wohnte ebenfalls bei Villiers mit seiner hübschen und anständigen Frau, die von seinen Geschäften nichts wissen wollte. Campioni erzählte mir außerdem von verschiedenen anderen Abenteurern, die ich in meinem eigenen Interesse sorgfältig vermeiden müßte. Es war mir sehr lieb, von ihm diese Warnung zu erhalten.

Am nächsten Tage nahm ich einen Lohndiener und einen Mietswagen; ein solcher ist in Warschau unentbehrlich, denn es war dort, zu meiner Zeit wenigstens, völlig unmöglich, zu Fuß zu gehen. Es war Ende Oktober 1765.

Mein erster Ausgang galt dem Fürsten Adam Czartoryski, General von Podolien, für den ich einen Brief hatte. Ich fand den Fürsten vor einem großen, mit Aktenheften bedeckten Tisch, von etwa fünfzig Menschen umringt, in einer sehr großen Bibliothek, die er sich als Schlafzimmer eingerichtet hatte. Er war indessen mit einer sehr hübschen Gräfin von Flemming verheiratet, hatte ihr aber noch kein Kind machen können, weil er sie zu mager fand.

Nachdem er den langen Brief gelesen hatte, den ich ihm überbrachte, sagte er mir in parfümiertem Französisch, er halte große Stücke auf die Person, die mich empfehle; da er aber für den Augenblick sehr beschäftigt sei, so bitte er mich, mit ihm zu Abend zu speisen, ›wenn ich nichts Besseres zu tun habe‹.

Ich stieg wieder in meinen Wagen und ließ mich zum Fürsten Sulkowski fahren, der soeben zum Gesandten am Hofe Ludwigs des Fünfzehnten ernannt worden war. Der Fürst war der älteste von vier Brüdern; er hatte einen tiefen Geist und war voll von Plänen; aber diese waren alle im Geschmack des Abbé von St.- Pierre.

Er las meinen Brief und sagte mir, er habe viel mit mir zu sprechen; da er aber ausgehen müsse, so werde ich ihm ein großes Vergnügen machen, wenn ich um vier Uhr allein mit ihm zu Mittag speisen werde. Ich versprach es ihm. Von dort fuhr ich zu einem Kaufmann, namens Szempinski, der mir im Auftrage Papanelopulos jeden Monat fünfzig Dukaten auszahlen sollte. Mein Lakai sagte mir, im Theater finde die Generalprobe einer neuen Oper statt, wozu jedermann Zutritt habe. Ich ließ mich hinfahren und verbrachte dort drei Stunden; ich kannte unter den Anwesenden keinen Menschen, und niemand kannte mich. Ich fand die Künstlerinnen hübsch, besonders aber die Catai, obwohl diese keinen Schritt tanzen konnte. Trotzdem fand sie allgemeinen Beifall, besonders auch vonseiten des russischen Gesandten, Fürsten Repnin, der in einem Ton sprach, wie wenn er der Herrscher von Polen wäre.

Fürst Sulkowski behielt mich vier lange Stunden bei Tisch und prüfte mich auf allen Gebieten, nur nicht auf denen, wo ich etwas wissen konnte. Seine Stärke waren Politik und Handelswissenschaft, und da er fand, daß ich davon gar nichts verstand, so glänzte er und faßte eine große Zuneigung zu mir; wie ich glaube, gerade darum, weil er in mir nur einen Bewunderer sah.

‚Da ich nichts Besseres zu tun hatte‘ – eine Redensart, die alle polnischen großen Herren unaufhörlich im Munde führten, – so ging ich gegen neun Uhr zum Fürsten Adam, der der Gesellschaft meinen Namen nannte und mir hierauf alle anwesenden Personen vorstellte. Es waren Seine Gnaden der Fürstbischof von Ermland, Krasinski; der Großnotar der Krone, Rzewuski, den ich in Petersburg gesehen hatte, der Freund der kurz vorher an den Pocken gestorbenen Langlade; der Wojwode von Wilna, Oginski, und der General Roniker nebst zwei anderen Herren, deren allzu schwierige Namen ich nicht habe behalten können. Die letzte, die er mir nannte, war seine Frau, die ich sehr hübsch fand. Einige Augenblicke darauf sah ich einen schönen Kavalier eintreten, bei dessen Anblick alle Anwesenden sich erhoben. Fürst Adam nannte meinen Namen, wandte sich hierauf zu mir und sagte in kaltem Tone: »Es ist der König.«

Diese Art, einen bedeutungslosen Fremden mit einem Herrscher zusammenzubringen, hatte sicherlich nichts Entmutigendes, denn die souveräne Majestät trat nicht in einer blendenden Form auf; nichtsdestoweniger war es für mich eine Überraschung, und ich sah, daß allzu große Einfachheit einen Menschen ebensowohl aus dem Gleichgewicht bringen kann wie allzugroße Pomphaftigkeit. Den Gedanken, daß der Fürst sich über mich lustig machen könnte, wies ich sofort von mir. Ich trat zwei Schritt vor, und in dem Augenblick, wo ich das Knie beugen wollte, gab Seine Majestät mir mit der größten Anmut die Hand zum Kuß. Als er mich anreden wollte, gab Fürst Adam ihm den Brief des anglikanischen Geistlichen, der ihm ebenfalls sehr gut bekannt war. Der König begann diesen Brief zu lesen, ohne sich zu setzen; hierauf stellte er mir allerlei Fragen über die Zarin und über die hervorragendsten Persönlichkeiten der Hofgesellschaft; er schien sich sehr für die Einzelheiten zu interessieren, die ich ihm erzählen konnte und mit denen ich nicht geizig war.

Als zu Tisch gerufen wurde, ging der König in fortwährendem Gespräch mit mir in den Speisesaal und ließ mich zu seiner Rechten Platz nehmen. Alle aßen, außer dem König, der wahrscheinlich keinen Appetit hatte, und mir, der sich wahrscheinlich nicht hätte einfallen lassen, Appetit zu haben, selbst wenn ich nicht vier Stunden am Tische des Fürsten Sulkowski verbracht hätte – so sehr schmeichelte mir die Ehre, daß die ganze Gesellschaft aufmerksam meinen Bemerkungen lauschte. Nach Tisch machte der König Anmerkungen zu allem von mir Gesagten, und zwar legte er in alle seine Worte eine ganz besondere Anmut. Seine Majestät sprach übrigens im elegantesten Stil, aber ganz ungesucht. Als er sich entfernte, sagte er mir, er werde mich stets mit großem Vergnügen an seinem Hofe sehen, und Fürst Adam sagte mir seinerseits, wenn ich von ihm seinem Vater vorgestellt zu werden wünschte, möchte ich ihn nur am nächsten Morgen um elf Uhr aufsuchen.

Der König von Polen war von mittlerer Größe, aber sehr gut gewachsen. Sein Gesicht war nicht schön, aber anmutig,geistreich und ausdrucksvoll. Er war ein wenig kurzsichtig, und wenn er nicht sprach, lag auf seinen Zügen ein Anflug von Melancholie; wenn er dagegen sprach, belebte er sich und glänzte durch seine Beredsamkeit. Er besaß auch das Talent, alle Bemerkungen, die es erlaubten, mit feinem Witz zu würzen.

Mit diesem ersten Anfang recht zufrieden, kehrte ich nach meinem Gasthof zurück, wo ich Campioni mit mehreren Gästen beiderlei Geschlechts bei Tisch fand. Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang aus Neugier bei ihnen aufgehalten hatte, ging ich zu Bett.

Am nächsten Tage um elf Uhr machte ich die Bekanntschaft des seltenen Mannes, des prachtliebenden Wojwoden von Rußland, Fürsten August Czartoryski. Der hohe Herr stand im Schlafrock in einem Kreise von Edelleuten, die die polnische Nationalkleidung mit den hohen Stiefeln trugen; sie hatten lange Schnurrbärte, und ihre Köpfe waren unbedeckt und glattrasiert. Der Fürst sprach mit einem jeden von ihnen in freundlichem, aber ernstem Ton. Sobald sein Sohn Adam meinen Namen genannt hatte, erheiterte sich sein Gesicht, und er empfing mich voller Würde und Wohlwollen. Er schüchterte nicht ein, aber er flößte auch keine Vertraulichkeit ein; dies setzte ihn in den Stand, einen Menschen, den er kennen lernen wollte, genau zu beobachten. Als er erfuhr, daß ich in Rußland mich nur unterhalten und mit der Hofgesellschaft verkehrt hatte, zog er den Schluß, daß ich in Polen mich in derselben Absicht aufhielte, und sagte mir, er werde mir Gelegenheit verschaffen, die ganze vornehme Gesellschaft kennen zu lernen. Er fügte hinzu: da er wie ein Junggeselle für sich allein lebte, so würde ich ihm ein Vergnügen machen, wenn ich morgens und abends an seinem Tisch äße, falls ich nicht anderweitig eingeladen wäre. Nachdem er sich hinter einen Wandschirm zurückgezogen hatte, ließ er sich ankleiden; hierauf erschien er in der Uniform seines Regiments nach französischem Schnitt in einer langen blonden Zopfperrücke mit großen Seitenlocken, im Kostüm des verstorbenen Königs August des Dritten. Er machte allen Anwesenden eine Verbeugung und begab sich dann in das Innere seiner Gemächer, wo seine Gemahlin, die Wojwodin, wohnte.

Sie litt noch an den Nachwehen einer Krankheit, der sie ohne die Geschicklichkeit des Doktor Reimann, eines Schülers des großen Boerhave, erlegen sein würde. Die Dame entstammte der inzwischen erloschenen Familie d’Enoff, als deren letzte Erbin sie dem Wojwoden ein unermeßliches Vermögen zugebracht hatte. Er trat aus dem Malteserorden aus, als er sie heiratete, und hatte sie durch einen Zweikampf zu Pferde mit Pistolen gewonnen. Die Dame hatte ihr Wort gegeben, den Sieger zu heiraten, und der Fürst hatte das Glück, seinen Nebenbuhler zu töten. Die Kinder aus dieser Ehe waren Fürst Adam und eine Prinzessin, die jetzt verwitwet und unter dein Namen Lubomirska bekannt ist; während ihrer Ehe nannte man sie Stražnikowa nach dem Range, den ihr Gatte im königlichen Heere einnahm.

Dieser Fürst-Wojwode von Rußland und sein Bruder, der Großkanzler von Littauen, führten die ersten polnischen Unruhen herbei. Die beiden Brüder waren unzufrieden mit der geringen Beachtung, die ihnen bei Hofe zuteil wurde; denn der König tat nur, was sein Günstling und Premierminister Graf Brühl wollte. Sie stellten sich daher an die Spitze der Verschwörung, die den regierenden König beseitigen wollte, um unter dem Schutze Rußlands ihren Neffen auf den Thron zu setzen – einen jungen Mann, der in Petersburg bei der polnischen Gesandtschaft gewesen war und die Huld der Großfürstin Katharina, die bald darauf Kaiserin wurde, zu gewinnen verstanden hatte.

Dieser junge Mann war Stanislaus Poniatowski, der Sohn von Constanze Czartoryska und dem berühmten Poniatowski, dem Freund Karls des Zwölften. Das Glück wollte, daß es nicht einer Verschwörung bedurfte, um einen Thron zu besteigen, dessen er dignus fuisset, si non regnasset: denn König August der Dritte, der Sohn Augusts des Starken, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, starb am fünften Oktober 1763 und räumte den Platz dem Fürsten Poniatowski, der am sechsten September 1764 als Stanislaus August der Erste zum König erwählt wurde. Als ich in Warschau ankam, regierte er seit zwei Jahren. Ich fand seine Hauptstadt glänzend, denn man traf eben die Vorbereitungen, den Reichstag dort abzuhalten, und jeder war ungeduldig zu sehen, welche Ansprüche Katharina dafür erheben würde, daß sie den Polen einen König aus dem Geschlechte der Piasten gegeben hatte.

Als ich zum Mittagessen kam, fand ich beim Paladin von Rußland drei Tafeln zu je dreißig Gedecken, und man sagte mir, für eine solche Anzahl von Gästen werde jeden Tag gedeckt. Der Glanz des Hofes erblich vor dem Luxus des Paladins. Fürst Adam sagte zu mir: »Herr Chevalier, an der Tafel meines Vaters wird stets ein Gedeck für Sie aufgelegt sein.«

Ich fühlte mich von dieser Auszeichnung geschmeichelt. Der Fürst stellte mich an demselben Tag seiner Schwester, der schönen Prinzessin, vor, sowie auch mehreren Wojwoden und Starosten. Da ich nicht verfehlte, allen diesen hohen Herrschaften meinen Besuch zu machen, so war ich in weniger als vierzehn Tagen in allen großen Häusern bekannt und wurde überall sehr gut aufgenommen.

Da meine Börse nicht gut genug versehen war, um mich mit den polnischen Spielern einzulassen oder mir eine zärtliche Bekanntschaft mit einer der Theaterschönen zu verschaffen, so nahm ich meine Zuflucht zu der Bücherei des Bischofs von Kiew, Zaluski, der mir eine ganz besondere Zuneigung zu seiner Person eingeflößt hatte. Ich verbrachte bei ihm fast alle meine Vormittage, und von diesem Prälaten erhielt ich die authentischen Dokumente über alle Ränke, die zum Umsturz der alten polnischen Verfassung angesponnen wurden. Zaluski war eine der stärksten Stützen dieser Verfassung; leider war seine Standhaftigkeit erfolglos. Er war einer von den Polen, die die russische Tyrannei unter den Augen des Königs aufheben ließ, der zum Widerstande zu schwach war. Die Zarin ließ sie nach Sibirien schaffen. Dieses schmachvolle Ereignis fand wenige Monate nach meiner Abreise statt.

Das Leben, das ich führte, war also sehr eintönig, aber es war das Leben eines Ehrenmannes, und ich erinnere mich dieser Zeit stets mit Vergnügen. Die Nachmittage verbrachte ich beim Wojwoden von Rußland, um mit ihm tre sette zu spielen, ein italienisches Kartenspiel, das er sehr liebte und das ich ziemlich gut spielte, so daß er immer sehr zufrieden war, wenn er seine Partie mit mir machen konnte.

Trotz meiner vernünftigen Lebensweise und Sparsamkeit befand ich mich drei Monate nach meiner Ankunft in Schulden, und leider hatte ich keine Hilfsmittel. Ich erhielt aus Venedig monatlich fünfzig Dukaten; aber diese genügten mir nicht, denn die Ausgaben für Wagen, Wohnung, Bediente und die unerläßliche gute Kleidung waren zu hoch. So befand ich mich denn in Not, aber ich wollte mich niemandem offenbaren. Ich hatte recht; denn ein Mensch, der sich in Not befindet und einen Reichen um Hilfe bittet, verliert dessen Achtung, wenn er Unterstützung erlangt, und erwirbt sich dessen Verachtung, wenn sie ihm versagt wird. Aber das Glück sorgte für mich, es hatte mich noch niemals verlassen.

Madame Schmidt, die der König aus gewissen Gründen in seinem Palaste wohnen ließ, lud mich zum Abendessen ein, indem sie mir sagen ließ, daß der König anwesend sein werde. Ich ging hin und sah mit Vergnügen den liebenswürdigen Bischof Krasinski, den Abbate Guigiotti und zwei oder drei andere Herren, die sich für die italienische Literatur interessierten. Der König, den ich in Gesellschaft niemals bei schlechter Laune sah, und der große Kenntnisse in allen Literaturen besaß, brachte das Gespräch auf Anekdoten über alte römische Schriftsteller und zitierte dabei Handschriften von Scholiasten, die Seine Majestät vielleicht nur erfand, und mit denen er mir jedenfalls den Mund verschloß. Alle beteiligten sich an der Unterhaltung. Ich war der einzige, der schlechter Laune war. Da ich nicht zu Mittag gespeist hatte, so aß ich wie ein Tiger und gab nur einsilbige Antworten, wenn die Höflichkeit es durchaus verlangte. Die Rede kam auf Horaz; ein jeder zitierte einen oder zwei Aussprüche und sagte seine Meinung über die tiefe Philosophie des großen Dichters der Vernunft. Schließlich zwang Abbate Guigiotti mich zum Sprechen, indem er sagte, ich dürfte nicht schweigen, wenn ich nicht etwa seiner Meinung wäre.

»Wenn Sie mein Schweigen«, antwortete ich ihm, »als eine Bestätigung ansehen, daß Sie mit Recht die von Ihnen zitierte Stelle des Horaz mehreren anderen vorziehen, so gestatte ich mir, Ihnen zu sagen, daß ich inbezug auf Hofpolitik bedeutendere von ihm kenne, denn das nec cum venari volet poemata panges, das Ihnen so sehr gefällt, ist im Grunde nur eine keineswegs zartfühlende Satire.«

»Es ist schwierig, Zartgefühl und Satire zu vereinigen.«

»Nicht für Horaz, der hauptsächlich deshalb Augustus gefiel. Das spricht zum Lobe dieses Herrschers, der als Beschützer von Dichtern und Gelehrten seinen Namen unsterblich machte und dadurch manche gekrönten Häupter dazu veranlaßte, sich als seine Nacheiferer zu erklären, indem sie seinen Namen, zuweilen sogar in einer Verkleidung, annahmen.«

Der König, der bei seiner Thronbesteigung den Namen August angenommen hatte, wurde ernst und konnte sich nicht enthalten, mich zu unterbrechen.

»Wer sind denn«, fragte er, »die Herrscher, die den Namen August in einer Verkleidung angenommen haben?«

»Der erste König von Schweden; er nannte sich Gustav und das ist ein Anagramm von August.«

»Das ist amüsant. Diese Anekdote wiegt alle unsrigen auf. Woher haben Sie sie?«

»Ich fand sie in Wolfenbüttel in dem Manuskript eines Professors von Upsala.«

Der König lachte herzlich; er erinnerte sich, daß er beim Beginn des Essens ebenfalls ein Manuskript zitiert hatte. Er wurde jedoch bald wieder ernst und fragte mich: »In welcher Stelle des Horaz, und zwar einer nicht etwa nur im Manuskripte vorhandenen, sondern allgemein bekannten, finden Sie ein bemerkenswertes Zartgefühl, das geeignet ist, seine Satire besonders angenehm zu machen?«

»Sire, ich könnte mehrere anführen, begnüge mich aber mit einem einzigen, das ich sehr schön und vor allen Dingen sehr bescheiden finde. Horaz sagt:

Coram rege sua de paupertate tacentes
plus quam poscentes ferent. «

»Das ist wahr,« sagte der König lächelnd.

Madame Schmidt, die kein Latein verstand und von ihrer Mutter her die von der Urmutter Eva ererbte Neugier besaß, bat den Bischof, die Stelle zu übersetzen. Er sagte:

»Wer vor dem König nicht von seinen Bedürfnissen spricht, wird mehr erlangen, als andere, die davon sprechen.«

Die Dame sagte, die Bemerkung scheine ihr nicht satirisch zu sein.

Nachdem ich so viel gesagt hatte, mußte ich schweigen; der König aber brachte die Rede auf Ariost und sagte zu mir, er wünschte, daß wir ihn zusammen läsen. Ich neigte das Haupt und antwortete mit Horaz: »tempora quaeram.«

Als am nächsten Tage der edle und unglückliche Stanislaus August zur Messe kam, reichte er mir seine Hand zum Kuß und gab mir eine Rolle mit den Worten: »Danken Sie nur Horaz und sagen Sie keinem Menschen etwas davon.«

Die Rolle enthielt zweihundert polnische Dukaten, und ich beeilte mich, meine Schulden zu bezahlen. Seit diesem Tage ging ich fast jeden Morgen in das Ankleidezimmer des Königs, wo er sich das Haar machen ließ und gerne mit den Herren sprach, die sich dort nur einfanden, um ihn zu unterhalten. Es war jedoch niemals die Rede davon, den Ariost zu lesen. Er verstand Italienisch, aber zu wenig, um es zu sprechen oder gar an dem großen Dichter Geschmack finden zu können.

Wenn ich an diesen guten Fürsten denke, an die großen Eigenschaften, womit er begabt war, so erscheint es mir unmöglich, daß er als König so viele Fehler begangen hat. Daß er das Ende seines Vaterlandes überlebt hat, war vielleicht der geringste von diesen Fehlern. Wenn er keinen Freund fand, um ihn zu töten, so meine ich, er hätte sich selber töten sollen. Aber er hatte nicht nötig, einen Freund zu suchen, um ihm diesen verhängnisvollen Dienst zu erweisen; denn er brauchte nur den unsterblichen Koscinszko nachzuahmen, und ein Russe würde genügt haben, um ihn in die Unsterblichkeit zu befördern.

Der Karneval war sehr glänzend. Die Fremden schienen sich von allen Ecken und Enden Europas hier zusammengefunden zu haben, nur um den glücklichen Sterblichen zu sehen, der so ganz wider Erwarten durch eine Laune des Glücks König geworden war. Aber wer ihn gesehen und mit ihm gesprochen hatte, der gab ohne weiteres zu, daß er die Behauptung Lügen strafte, das Glück sei stets blind und taub. Vielleicht ging er jedoch zu weit in seinem Eifer, sich vor Fremden sehen zu lassen. Ich habe bemerkt, daß er unruhig wurde, wenn er wußte, daß in Warschau irgendein Fremder war, den er noch nicht gesehen hatte, übrigens hatte niemand nötig, sich ihm vorstellen zu lassen; denn sein Hof war, wie alle Höfe es sein sollten, für alle Welt geöffnet, und wenn er Gäste mit fremden Gesichtern sah, so war er der erste, das Wort an sie zu richten.

Gegen Ende Januar hatte ich ein Erlebnis, das ich hier berichte, mag man über meine Denkweise urteilen, wie man will. Es handelte sich um einen Traum, und ich habe bereits an anderer Stelle das Bekenntnis abgelegt, daß ich eines gewissen Aberglaubens mich niemals habe erwehren können.

Mir träumte, ich speiste in guter Gesellschaft; einer der Gäste warf mir eine Flasche an den Kopf; das Blut strömte reichlich hervor; ich stieß dem Angreifer meinen Degen durch den Leib und stieg in meinen Wagen, um zu fliehen.

Prinz Karl von Kurland kam nach Warschau und veranlaßte mich, ein Diner bei dem Grafen Poninski, dem damaligen Haushofmeister der Krone, mitzumachen. Es ist derselbe Poninski, der später so viel von sich reden machte, der zum Fürsten erhoben, später aber geächtet und mit Schimpf und Schande bedeckt wurde. Er machte ein stattliches Haus und hatte eine liebenswürdige Familie. Ich hatte ihm niemals meine Aufwartung gemacht, weil er beim König und dessen Verwandten nicht beliebt war.

Während des Essens zersprang eine Flasche Champagner, ein Splitter traf mich über dem Auge und zerschnitt eine Ader. Das Blut rieselte über mein Gesicht und über meine Kleider, sogar bis auf das Tischtuch. Alle Gäste sprangen auf; schnell wird mir die Stirn verbunden, man wechselt das Tischtuch, und das Essen geht weiter. Ich war der erste, der über den Unfall lachte. Freilich war ich erstaunt über das Eintreffen meines Traumes, doch wünschte ich mir Glück, daß die Wirklichkeit in den hauptsächlichsten Umständen davon abwich. Der Leser wird sehen, daß einige Monate später diese Umstände doch noch wirklich eintrafen.

Die Binetti, die ich zuletzt in London gesehen hatte, traf mit ihrem Gatten und dem Tänzer Pic in Warschau ein. Sie kamen von Wien und gingen nach Petersburg. Sie hatten einen Empfehlungsbrief an den Bruder des Königs, den Prinzen Poniatowski, der als General im österreichischen Dienst stand, damals aber sich in Warschau aufhielt. Ich erfuhr dies alles am Tage ihrer Ankunft, als ich mit dem König beim Fürsten Wojwoden speiste. Der König sagte, er wolle sie tanzen sehen und werde sie veranlassen, für ein Honorar von tausend Dukaten acht Tage in Warschau zu bleiben.

Ich war ungeduldig, die Binetti zu sehen und ihr als erster diese gute Nachricht zu überbringen; daher ging ich am anderen Morgen schon in aller Frühe zu ihr. Sie war sehr überrascht, mich in Warschau zu sehen, und noch mehr über meine Nachricht von den tausend Dukaten, die das Glück ihr in den Schoß warf. Sie rief Pic, der an der Wahrheit zu zweifeln schien; während wir uns aber darüber unterhielten, kam Prinz Poniatowski in eigener Person, um ihnen den Wunsch Seiner Majestät mitzuteilen, und das Anerbieten wurde angenommen. In drei Tagen arrangierte Pic ein Ballett; Kostüme, Dekorationen, Orchester und Ballettpersonal – alles war zur rechten Zeit in Ordnung, weil Tomatis die Sache in großem Stil betrieb, um seinem freigebigen Herrn gefällig zu sein. Die Binetti und ihr Freund gefielen so sehr, daß unter glänzenden Bedingungen mit ihnen ein Vertrag auf ein Jahr geschlossen wurde. Dies war aber der Catai sehr ärgerlich; denn die Binetti verdunkelte sie nicht nur durch ihre Talente, sondern beging noch das viel größere Unrecht, daß sie ihr ihre Anbeter wegnahm. Von ihr beeinflußt, bereitete Tomatis der Binetti solche Unannehmlichkeiten, daß die beiden Tänzerinnen unversöhnliche Feindinnen wurden.

Kaum waren zehn oder zwölf Tage vergangen, so hatte die Binetti ein elegant eingerichtetes Haus, einfaches, aber gutes Silbergeschirr, einen Keller mit auserlesenen Weinen, einen ausgezeichneten Koch und zahlreiche Anbeter, darunter den Stolnik Moszcynski und den Freund des Königs, den Kronpodstoli Branicki, der im Schloß seine Gemächer unmittelbar neben denen des Monarchen hatte.

Das Parkett war in zwei Parteien geteilt, denn die Catai dachte nicht daran, der Binetti das Feld zu räumen, obgleich ihr Talent sich nicht annähernd mit dem ihrer Feindin vergleichen ließ. Sie tanzte im ersten Ballett, und die Binetti im zweiten. Diejenigen, die der ersten Beifall gezollt hatten, schwiegen, sobald die zweite erschien, und umgekehrt. Die Verpflichtungen, die ich gegen die Binetti hatte, sind bekannt; aber ich hatte Verpflichtungen auch gegen die Catai, auf deren Seite die ganze Familie Czartoryski mit ihrem Anhang stand; unter anderen der Kronstražnik, Fürst Lubomirski, der mich bei jeder Gelegenheit mit seinem Vertrauen beehrte; dieser war ihr vornehmster Anbeter. Es ist klar, daß ich nicht um der Binetti willen die Partei meiner Freunde verlassen konnte, ohne mir deren Verachtung zuzuziehen. Die Binetti machte mir bittere Vorwürfe deswegen; ich sagte ihr offen meine Gründe und sie gab mir recht. Zugleich aber verlangte sie von mir, ich solle nicht mehr ins Theater gehen. Eine nähere Erklärung verweigerte sie mir und sagte nur soviel, daß sie gegen Tomatis eine Rache vorbereite, um ihn für seine Unverschämtheit zu bestrafen. Sie nannte mich den Doyen aller ihrer Bekannten; übrigens liebte ich sie noch und machte mir gar nichts aus der Catai, die zwar hübscher als die Binetti war, aber an Fallsucht litt.

Die erste Rache, die die Binetti an Tomatis nahm, bestand in folgendem:

Der Vorstand der Anbeter der Binetti war Xaver Branicki, Kronpodstoli, Ritter des weißen Adlers, Ulanenoberst. Er hatte sechs Jahre in Frankreich gedient, war noch jung, hatte ein hübsches Gesicht und war der Freund des Königs. Ohne Zweifel vertraute die Tänzerin ihm ihren Kummer an und wahrscheinlich verlangte sie von ihm, sie an einem Manne zu rächen, der als Theaterdirektor keine Gelegenheit versäumte, um sie zu kränken und zu ärgern. Graf Branicki muß ihr versprochen haben, diese Rache zu vollziehen und eine Gelegenheit dazu zu schaffen, falls eine solche sich nicht binnen kurzer Zeit von selber zeigen sollte. Dies ist der Verlauf, den alle Händel dieser Art nehmen, und ich glaube daher, daß meine Vermutung richtig ist. Eigentümlich aber und wirklich ganz außerordentlich war die Art und Weise, wie der Pole es anfing. Am zwanzigsten Februar war Branicki in der Oper. Gegen seine Gewohnheit ging er nach dem zweiten Akt in das Zimmer, worin die Catai sich auskleidete, und begann der Tänzerin den Hof zu machen. Tomatis war dabei; er war bisher mit der Catai allein gewesen und hielt es nicht für nötig, hinauszugehen. Die Catai und Tomatis glaubten, der Oberst habe sich mit ihrer Nebenbuhlerin überworfen und sei nur gekommen, ihren Triumph vollständig zu machen. Obwohl sie sich sehr wenig daraus machte, ihn unter ihren Anbetern zu sehen, behandelte sie ihn doch mit Auszeichnung, denn sie wußte, daß sie seine Huldigungen nicht verschmähen durfte, ohne sich großen Gefahren auszusetzen.

Als die Catai mit dem Umkleiden fertig war, war auch die Vorstellung zu Ende. Der galante Podstoli bot ihr seinen Arm, um sie zu ihrem Wagen zu führen, der vor der Türe hielt, und Tomatis folgte ihnen. Ich befand mich ebenfalls an der Türe, da ich auf meinen Wagen wartete. Die Catai kam, der Wagenschlag ihres Vis-à-Vis wurde geöffnet, sie stieg ein, Branicki folgte ihr und sagte zu dem sehr erstaunten Tomatis, er solle sich in seine Berline setzen und ihnen nachfahren. Aufgebracht erwiderte Tomatis ihm, er wolle nur in seinem eigenen Wagen fahren und bitte den Herrn Oberst, gefälligst auszusteigen. Branicki kümmerte sich nicht um ihn und rief dem Kutscher zu, er solle abfahren. Tomatis dagegen verbot diesem, sich von der Stelle zu rühren, und da der Kutscher natürlich seinem Herrn gehorchte, so sah der schöne Podstoli sich gezwungen, auszusteigen; aber er befahl seinem Husaren, dem Direktor eine Ohrfeige zu geben, und dieser Befehl wurde mit solcher Schnelligkeit und Kraft ausgeführt, daß der arme Tomatis keine Zeit hatte, sich zu erinnern, daß er einen Degen trug, den er seinem Beleidiger für die schnöde Beschimpfung hätte durch den Leib rennen können. Er stieg in seinen Wagen und fuhr ab. Aber er konnte nicht zu Abend essen, wahrscheinlich, weil er erst seine Ohrfeige verdauen mußte. Ich hätte eigentlich bei ihm speisen sollen; nachdem ich jedoch Zeuge dieses schrecklichen Auftritts gewesen war, besaß ich nicht den Mut, hinzugehen. Traurig und gedankenvoll fuhr ich nach Hause; mir war beinahe zu Mute, wie wenn ich die Hälfte dieser schimpflichen Ohrfeige empfangen hätte. Ich zerbrach mir den Kopf, ob der Streich wohl mit der Binetti vereinbart gewesen wäre; dies schien mir jedoch nicht möglich zu sein, denn weder sie noch Branicki hatten ahnen können, daß Tomatis so unhöflich und so feige sein würde. Im nächsten Kapitel wird der Leser sehen, was für ein tragisches Erlebnis die Folge dieses Auftritts war.

Zehntes Kapitel


Ich begehe eine Indiskretion, die Manucci zu meinem grausamsten Feind macht. – Seine Rache. – Meine Abreise von Madrid. – Saragossa. – Valencia. – Nina. – Meine Ankunft in Barcelona.

Wenn diese Erinnerungen, die ich nur niederschreibe, um die Langeweile zu unterbrechen, diese dumpflastende Krankheit, die mich hier in Böhmen tötet und mich vielleicht auch an jedem anderen Ort töten würde, da sie möglicherweise ein unvermeidliches Ergebnis meines Charakters und meines Alters ist – zweier Dinge, die sich beständig im Gegensatz befinden, denn an Jahren bin ich alt, mein Charakter aber ist jung geblieben wie meine Begierden; – wenn, sage ich, diese Erinnerungen jemals das Licht der Welt erblicken, so wird dies erst der Fall sein, wenn ich es nicht mehr sehe. Und wie der scheußliche Mörder Karls des Ersten sagte: »Was macht es mir aus, ob man mich für einen Schelm hält« – so werde ich das Urteil der Welt verlachen können, wie ich es schon im voraus verlache. Da jedoch die Menschheit aus zwei Teilen besteht, der sehr zahlreichen Menge von Unwissenden und Oberflächlichen und der sehr geringen Menge von Gelehrten und Denkern, so wende ich mich an diesen kleinen Teil der Menschheit und nur an ihn; denn nur aus seinem Beifall mache ich mir etwas, und nur sein künftiges Urteil schätze ich – ein Urteil, das ich niemals vernehmen werde, das aber – ich weiß es – meine Wahrhaftigkeit anerkennen wird. Denn warum sollte ich nicht wahr sein? Sich selber täuscht man niemals; und jetzt schreibe ich nur für mich selber.

Ich habe bis jetzt die Wahrheit gesprochen, ohne darauf zu sehen, ob die Wahrheit mir günstig oder schädlich wäre. Meine Lebenserzählung verfolgt keine dogmatischen Zwecke. Wenn man mich jemals liest, werde ich keinen Menschen verderben. Wenigstens ist das nicht mein Wille. Aber meine Erfahrung, meine Laster, wenn man sie so nennen will, und die Tugend, die man wohl in meinem Charakter und in meinen Grundsätzen finden kann – sie werden solchen, die wie die Bienen aus allen Blüten Honig zu saugen wissen, von Nutzen sein können.

Nach dieser Abschweifung, die vielleicht zu lang ist, für die ich aber nur mir selber Rechenschaft schuldig bin, will ich mit der Aufrichtigkeit, deren ich mir bewußt bin, erklären, daß es mir niemals so schwer geworden ist, die Wahrheit zu sagen, wie bei dem, was ich jetzt dem Papier anvertrauen werde: eine verhängnisvolle Indiskretion, eine begreifliche Leichtfertigkeit, die ich mir niemals habe verzeihen können; denn nach so vielen Jahren, nach so vielen Wechselfällen des Lebens zerreißt sie mir noch heute das Herz.

Am nächsten Tage speiste ich beim venetianischen Gesandten und hatte das Vergnügen, von ihm zu vernehmen, daß bei Hof alle Minister und alle Granden, deren Bekanntschaft ich gemacht hatte, von mir die allerbeste Meinung hätten. Drei oder vier Tage darauf kehrte der König mit den Ministern und der königlichen Familie nach Madrid zurück. Wegen der Kolonie in der Sierra Morena verhandelte ich täglich mit den Ministern, und ich stand im Begriff, eine Reise nach jener Gegend zu machen. Manucci, der mir fortwährend eine aufrichtige Freundschaft bezeigte, wollte mich zu seinem Vergnügen begleiten und gedachte, eine Abenteuerin mitzunehmen, die sich Porto-Carrero nannte; sie behauptete, eine Nichte oder Tochter des verstorbenen Kardinals dieses Namens zu sein, und machte daraufhin große Ansprüche, obwohl sie in Wirklichkeit nur die geheime Konkubine des französischen Konsuls in Madrid, Abbé Bigliardi, war.

In dieser günstigen Lage befanden sich meine Verhältnisse, als ein böser Geist einen Lütticher Baron de Fraiture nach Madrid führte. Er war Oberhofjägermeister seines heimatlichen Fürstentums, ein Wüstling, Spieler und Gauner – ein Gauner, wie alle diejenigen, die noch heute behaupten, er sei ehrlich verfahren.

Ich hatte das Unglück gehabt, ihn in Spaa kennen zu lernen, wo ich ihm gesagt hatte, ich würde nach Portugal gehen. Dorthin reiste er mir nach, da er auf meine Bekanntschaft rechnete, um Zutritt zur guten Gesellschaft zu erlangen und seine Börse mit dem Gelde der Dummen zu füllen, die er zu finden hoffte.

Niemals haben die Spieler den geringsten Grund zu der Annahme gehabt, daß ich zu ihrer höllischen Bande gehörte, trotzdem haben sie mich aufs hartnäckigste für einen Falschspieler gehalten.

Sobald der Baron erfuhr, daß ich in Madrid sei, besuchte er mich; und da er anständig aussah und höflich zu reden wußte, so nötigte er mich, ihn gut aufzunehmen. Ich glaubte, er würde mich nicht bloßstellen, wenn ich ihm einige Höflichkeiten erwiese, und vielleicht einige Bekanntschaften vermittelte. Er hatte einen Reisegefährten, mit dem er mich bekannt machte. Dies war ein dicker Franzose, ein Faulenzer, ein unwissender Mensch, aber eben ein Franzose, also liebenswürdig. Solche Leute gehen unbeachtet durch die Welt, wenn man nicht gerade forschende Blicke auf sie wirft, und man denkt selten daran, den Charakter eines Franzosen auszuforschen, der gut auftritt, sich sauber kleidet und, mit einem Wort, das ganze Äußere eines Mannes von gutem Ton hat. Er war von Beruf Rittmeister von jener Sorte von Militärs, die das Glück haben, beständig ein halbes Jahr auf Urlaub zu sein. Vier oder fünf Tage nach seinem ersten Besuch sagte der Baron Fraiture ohne alle Umstände zu mir, er habe kein Geld und bitte mich, ihm doch zwanzig Louis zu geben, die er mir zurückerstatten werde. Ich dankte ihm für sein Vertrauen und sagte ihm, ebenfalls ohne alle Umstände, ich könne ihm bei dieser Gelegenheit nicht gefällig sein, denn ich brauche selbst das bißchen Geld, das ich zur Verfügung habe.

»Aber wir werden irgendein gutes Geschäft machen, und an Geld wird es Ihnen nicht fehlen können.«

»Ich weiß nicht, ob das gute Geschäft zustande kommt, aber ich weiß, daß ich das Notwendige nicht hergeben darf.«

»Wir wissen nicht, was wir anfangen sollen, um unseren Wirt zu beruhigen: sprechen Sie doch mal mit ihm!«

»Wenn ich mit ihm spreche, werde ich Ihnen mehr Schaden als Nutzen bringen, denn er wird mich fragen, ob ich für sie bürgen wolle, und ich werde antworten, Sie seien Kavaliere, die keines Bürgen bedürften. Trotzdem wird der Wirt natürlich denken, daß ich für Sie nicht bürge, weil ich Zweifel hege.«

Da ich ihn auf der Promenade mit dem Grafen Manucci bekannt gemacht hatte, so überredete Fraiture mich, ihn zu diesem zu führen, und ich war so schwach, dies zu tun.

Ihm eröffnete sich einige Tage darauf der Lütticher Baron.

Manucci war dienstwillig, aber selber Falschspieler und schlau; er lieh ihm kein Geld, aber verschaffte ihm jemanden, der ihm ohne Wucherzinsen gegen Pfand lieh.

Fraiture und sein Freund machten einige Spielpartien und gewannen auch etwas; ich mischte mich in keiner Weise in diese Angelegenheiten ein.

Mit meiner Kolonie und mit Dona Ignazia beschäftigt, wollte ich in Frieden leben; hätte ich eine einzige Nacht außer dem Hause verbracht, so hätte ich dadurch die Seele des ausgezeichneten Mädchens beunruhigt, das alles der Liebe opferte.

In jenen Tagen kam der neue venetianische Gesandte Herr Querini in Madrid an, um Herrn von Mocenigo abzulösen, der als Botschafter an den Französischen Hof ging. Dieser Querini besaß wissenschaftliche Bildung, eine Eigenschaft, die Herrn von Mocenigo abging; denn der liebte nur die Musik und die Liebe auf seine besondere Art.

Der neue Gesandte wurde mir wohl geneigt und binnen wenigen Tagen konnte ich mich überzeugen, daß ich auf ihn viel mehr hätte rechnen können als auf Mocenigo.

Baron Fraiture und sein Freund mußten daran denken, Spanien zu verlassen; weder beim Gesandten noch anderswo brachten sie eine Spielpartie zusammen, und sie hatten keine Hoffnung, im Escorial spielen zu können. Sie mußten nach Frankreich zurückkehren, aber sie hatten Schulden in ihrem Gasthof, und für die Reise brauchten sie Geld. Ich konnte ihnen nichts geben, und Manucci glaubte ihnen ebenfalls nichts geben zu können. Wir bedauerten ihr Unglück, aber wir mußten in erster Linie an uns selber denken und daher gegen alle Welt grausam sein.

Eines Morgens kam Manucci verstört und aufgeregt zu mir, ohne mir jedoch zu sagen, was ihn bekümmerte.

»Was hast du, lieber Freund?«

»Ich weiß es nicht. Ich habe dem Baron Fraiture seit acht Tagen den Zutritt verboten; denn er wurde mir lästig, da ich ihm kein Geld geben konnte. Nun hat er mir einen Brief geschrieben, worin er mir droht, er werde sich heute noch erschießen, wenn ich ihm nicht hundert Pistolen leihe, und ich bin überzeugt, er wird es tun, wenn ich ihm das Geld verweigere.«

»Vor drei Tagen hat er mir dasselbe gesagt. Ich habe ihm geantwortet, ich wolle zweihundert Pistolen wetten, daß er sich nicht töten werde. Aufgebracht über meine Antwort, forderte er mich auf, mich mit ihm zu schlagen. Ich antwortete ihm: da er in einem verzweifelten Zustande wäre, so hätte er entweder einen Vorteil vor mir, oder ich vor ihm. Antworte ihm wie ich, oder antworte ihm überhaupt nicht.«

»Ich kann deinen Rat nicht befolgen. Da hast du hundert Pistolen. Bringe sie ihm und sieh zu, daß du eine Quittung von ihm bekommst.«

Ich bewunderte die schöne Handlung und übernahm den Auftrag. Ich ging zum Baron, den ich sehr verwirrt und verlegen fand; ich wunderte mich jedoch nicht darüber, da ich es mir durch seine Lage erklärte.

Ich dachte mir, seine gute Laune würde wohl zurückkehren, wenn ich ihm sagte, daß ich ihm tausend Franken überbrächte, die der Graf Manucci ihm schickte, um seine Angelegenheiten ordnen und abreisen zu können. Er nahm das Geld, aber ohne irgendwelche Freude oder Dankbarkeit zu bezeigen, und schrieb den Schuldschein nach meinem Diktat. Hierauf versicherte er mir, er werde am nächsten Tage mit seinem Freunde nach Barcelona abreisen und sich von dort nach Frankreich begeben.

Ich brachte Manucci, der immer noch nachdenklich und zerstreut war, die Quittung des Barons und blieb beim Gesandten zum Mittagessen.

Es war das letzte Mal.

Drei Tage darauf wollte ich bei dem Gesandten speisen, als zu meiner großen Überraschung der Türhüter mir sagte, er habe Befehl, mich nicht mehr eintreten zu lassen.

Dies war für mich ein Blitzschlag, dessen Herkunft ich nicht erraten konnte. Ganz vernichtet ging ich nach Hause. Ich schrieb sofort an Manucci, um eine Erklärung für die erlittene Beschimpfung zu erhalten. Filippo brachte mir den Brief uneröffnet zurück. Neue Überraschung. Ich fiel aus den Wolken.

»Was ist geschehen? Ich will eine Erklärung haben, und sollte ich darüber zugrunde gehen!« sagte ich zu mir selbst.

Ich speiste sehr traurig mit Doña Ignazia, ohne ihr etwas von der Ursache meines Kummers zu sagen. Als ich mich eben zur Mittagsruhe hinlegen wollte, brachte Manuccis Bedienter mir einen Brief von seinen Herrn und lief hinaus, obwohl ich ihm sagte, er möchte warten, bis ich den Brief gelesen hätte.

Dieser Brief enthielt einen anderen, offenen, den ich augenblicklich las. Er war vom Baron Fraiture. Der verzweifelte Mensch erbat von Manucci hundert Pistolen als Darlehen und versprach ihm, wenn er ihm das Geld gebe, wolle er ihm einen Feind gerade in dem Manne enthüllen, den er für den treuesten Freund halte.

Manucci nannte mich einen Verräter und Undankbaren und schrieb mir, er sei neugierig gewesen, diesen Feind kennen zu lernen, und habe den Baron Fraiture nach dem Padro San Jeronimo bestellt. Nachdem der Baron sein Ehrenwort erhalten habe, daß er ihm das Geld leihen werde, habe er ihm bewiesen, daß ich dieser Feind sei; denn von mir habe er erfahren, daß zwar der Name, den Manucci trage, echt sei, daß er aber nicht den Rang besitze, den er sich beilege usw.

Manucci führte viele Einzelheiten an, die Fraiture ihm gegeben hatte, und die er nur von mir haben konnte. Er schloß seinen Brief mit dem Rat, ich möchte Madrid so schnell wie möglich und spätestens binnen acht Tagen verlassen.

Vergeblich würde ich versuchen, den Zustand der Niedergeschlagenheit zu schildern, in den mich dieser Brief versetzte. Zum ersten Male in meinem Leben mußte ich mich einer ungeheuerlichen, ohne jeden Grund begangenen Indiskretion schuldig bekennen, einer abscheulichen Undankbarkeit, die sonst nicht in meinem Charakter lag, mit einem Wort, eines Verbrechens, dessen ich mich nicht für fähig gehalten hätte.

Ich schämte mich meiner selber, erkannte das Unrecht in vollem Umfang an und fühlte, daß ich nicht einmal um Verzeihung bitten durfte, da ich keine verdiente. Darum versank ich traurig in eine Art von Verzweiflung.

Obwohl jedoch Manucci mit Recht erzürnt war, mußte ich sagen, daß er einen großen Fehler begangen hatte, indem er seinen Brief mit dem beleidigenden Rat schloß, Madrid binnen acht Tagen zu verlassen. Da er mich genau kannte, so mußte der junge Mann wissen, daß mein Selbstgefühl mir verbot, einen solchen Rat zu befolgen. Er war nicht mächtig genug, fordern zu können, daß ich einen Rat annähme, der einem Befehl von höchster Stelle glich. Nachdem ich das Unglück gehabt hatte, eine unwürdige Handlung zu begehen, durfte ich mich nicht einer zweiten schuldig machen, durch die ich mich zum erbärmlichsten Menschen gemacht und mich für unfähig erklärt hätte, ihm eine andere Genugtuung zu geben.

Kummervoll verbrachte ich den Tag, ohne einen Entschluß fassen zu können. Ich aß nicht zu Abend und ging zu Bett, ohne mich an der Gesellschaft meiner Ignazia erfreut zu haben.

Nachdem ich ziemlich gut geschlafen hatte, so daß ich imstande war, einen vernünftigen Entschluß zu fassen, wie er mir als dem schuldigen Teil zukam, stand ich auf und schrieb dem beleidigten Freunde in einem demütigen Brief das aufrichtigste Schuldbekenntnis. Ich endete mit den Worten: »Wenn Ihre Seele so großmütig ist, wie ich gerne glauben will, so wird mein Brief, der Ihnen meine ebenso tiefe wie aufrichtige Reue zeigt. Ihnen die weitestgehende Genugtuung gewähren müssen. Sollte aber, entgegen meiner Hoffnung, dies Ihnen nicht genügen, so brauchen Sie mir nur zu sagen, was Sie beanspruchen. Ich bin zu allem bereit, wenn es nur nicht ein Schritt ist, der nach Furcht von meiner Seite aussehen würde. Es steht in Ihrem Belieben, mich ermorden zu lassen, aber ich werde von Madrid nur nach meiner Bequemlichkeit abreisen, und wenn ich hier nichts mehr zu tun habe.«

Nachdem ich meinen Brief mit einem nichtssagenden Siegel verschlossen hatte, ließ ich von Filippo, dessen Handschrift Manucci nicht kannte, die Adresse drauf schreiben und schickte ihn mit der Königlichen Post nach Pardo, wohin der König sich begeben hatte.

Ich verbrachte den ganzen Tag auf meinem Zimmer mit Dona Ignazia, die nicht mehr in mich drang, um die Ursache meiner Niedergeschlagenheit zu erfahren, da sie sah, daß meine Stimmung sich gehoben hatte. Auch am nächsten Tag ging ich nicht aus, da ich auf eine Antwort hoffte; aber meine Hoffnung war vergebens.

Am dritten Tage, einem Sonntag, ging ich aus, um dem Fürsten della Cattolica einen Besuch zu machen. Während ich vor der Türe wartete, kam der Türsteher höflich an meinen Wagen und sagte mir ins Ohr, Seine Exzellenz habe Gründe, um mich zu bitten, sie nicht mehr zu besuchen.

Das hatte ich nicht erwartet; aber nach diesem Schlage war ich auf alles gefaßt.

Ich begab mich zum Abbé Bigliardi; ein Lakai meldete mich an und brachte mir den Bescheid, der Herr sei ausgegangen.

Ich stieg wieder in meinen Wagen und fuhr zu Varnier, der mir sagte, er habe mit mir zu sprechen.

»Wollen Sie sich zu mir in den Wagen setzen? Wir werden zusammen die Messe hören.«

Sobald er eingestiegen war, teilte er mir mit, der venetianische Gesandte Mocenigo habe dem Herzog von Medina-Sidonia gesagt, er fühle sich verpflichtet, ihm mitzuteilen, daß ich ein gefährlicher Mensch sei. Der Herzog habe ihm geantwortet: sobald er dies bemerke, werde er Ihnen keinen Zutritt mehr zu seiner Person gestatten.

Diese drei Dolchstöße, die mich in Zeit von einer halben Stunde trafen, ließen mich die ganze Stufenfolge aller schmerzlichen Gefühle durchmachen. Mir war zumute, als wenn ich ersticken solle; – aber ich sagte nichts und hörte mit diesem würdigen Manne zusammen die Messe. Als aber diese zu Ende war, da hätte mich ein Schlagfluß getroffen, wenn ich nicht mein Herz erleichtert hätte, indem ich ihm mit allen Einzelheiten erzählte, warum der Gesandte so zornig war.

Varnier sprach mir sein Bedauern aus und schloß mit den Worten: »So sind die großen Herren, wenn sie sich einmal über Tugend und gute Sitte hinweggesetzt haben. Ich rate Ihnen jedoch, mit keinem Menschen darüber zu sprechen, denn dies könnte Manucci, dem gegenüber Sie leider unrecht haben, nur erbittern.«

Ich fuhr nach Hause zurück und schrieb Manucci, er möchte eine zu unanständige Rache aufgeben, die mich in die Notwendigkeit versetzen würde, indiskret zu werden und alle, die um dem Haß des Gesandten einen Gefallen zu tun, mich beschimpfen zu müssen glaubten, über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Ich schickte meinen Brief offen an den Gesandtschaftssekretär Soderini, da ich sicher war, daß dieser ihn weiterbefördern würde.

Hierauf aß ich mit meiner Geliebten zu Mittag und ging dann mit ihr zum Stiergefecht, wo ich zufällig neben der Loge saß, worin Manucci und die beiden Gesandten sich befanden. Ich machte ihnen eine Verbeugung, die sie nicht umhin konnten mir zu erwidern, und sah sie hierauf gar nicht mehr an.

Als am nächsten Tage der Minister Grimaldi mir eine Audienz verweigerte, sah ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hatte. Der Herzog von Lossada empfing mich, denn er liebte den Gesandten nicht wegen dessen unnatürlicher sexuellen Neigungen; aber er sagte mir, er sei bereits ersucht worden, mich nicht mehr zu empfangen, und fügte hinzu, bei einer derartigen erbitterten Verfolgung sei leicht vorauszusehen, daß ich vom spanischen Hofe nichts erlangen würde.

Eine derartige Wut war unglaublich. Manucci brüstete sich mit der Macht, die er über den Menschen ausübte, dem er als Gatte diente. Um sich zu rächen, hatte er sich über alle Grenzen der Scham hinweggesetzt.

Ich wollte wissen, ob er Don Emanuel de Roda und den Marques Mora vergessen hätte; ich fand sie bereits benachrichtigt. So blieb nur noch Graf Aranda übrig. Im Augenblick, wo ich mich anschickte, ihn aufzusuchen, kam ein diensttuender Adjutant zu mir und teilte mir mit, Seine Exzellenz wolle mit mir sprechen.

Bei dieser Mitteilung wurde ich vor Schreck ganz kalt; denn in meiner damaligen Stimmung stellte ich mir sofort die übelsten Dinge vor.

Zu der mir bezeichneten Stunde ging ich hin. Ich fand den klugen Denker allein, und er empfing mich mit heiterer Miene. Dies machte mir Mut. Er ließ mich Platz nehmen, und da er mir solche Gnade bisher niemals hatte widerfahren lassen, so fühlte ich mich in angenehmer Stimmung.

»Was haben Sie Ihrem Gesandten getan?« fragte er mich.

»Ihm selber nichts, gnädiger Herr; aber ich habe mit einer unentschuldbaren Leichtfertigkeit seinen süßen Freund Manucci an seiner empfindlichsten Stelle verletzt. Ohne die geringste Absicht, ihm schaden zu wollen, beging ich eine Indiskretion und machte einem elenden Menschen eine vertrauliche Mitteilung, die dieser gemeiner Weise dem Herrn Manucci für hundert Pistolen verkaufte. In seiner Wut hat Manucci den anderen gegen mich vorgeschickt – den anderen, der ihn anbetet und der alles tun muß, was er will.«

»Sie haben unrecht getan, aber was einmal geschehen ist, ist geschehen. Es tut mir leid, daß Sie sich durch diese Unbesonnenheit geschadet haben: Sie begreifen wohl, daß Sie von Ihrem Plan nichts mehr erhoffen können; denn sobald es sich darum handeln würde, Sie anzustellen, würde der König sich bei Ihrem Gesandten nach Ihnen erkundigen.«

»Ich fühle es zu meinem großen Bedauern, gnädiger Herr; aber muß ich denn gehen?«

»Nein. Der Gesandte hat an mich die dringende Bitte gerichtet, Sie ausweisen zu lassen; aber ich habe ihm geantwortet, dies stehe nicht in meiner Macht, solange Sie die Gesetze des Landes nicht übertreten. – Er sagte zu mir: ›Er hat durch Verleumdungen die Ehre eines venetianischen Untertanen verletzt, den zu schützen ich verpflichtet bin.‹ – ›Wenn er ein Verleumder ist,‹ habe ich ihm geantwortet, ›müssen Sie ihn auf dem gewöhnlichen Wege belangen, und wenn er sich nicht rechtfertigen kann, wird man nach der ganzen Strenge des Gesetzes gegen ihn vorgehen.‹ – Zum Schluß hat der Gesandte mich gebeten, Ihnen zu befehlen, daß Sie nicht mit den Venetianern, die gegenwärtig in Madrid sind, über ihn sprechen, und mir scheint, dies könnten Sie mir versprechen, um ihn zu beruhigen.«

»Gnädiger Herr, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, das ich niemals gebrochen habe.«

»Schön; im übrigen können Sie in Madrid bleiben und so wie jetzt weiterleben, solange es Ihnen paßt und ohne irgend etwas zu befürchten. Außerdem wird Mocenigo ja im Laufe der Woche abreisen.«

Dies war mein ganzes Gespräch mit dem hochverdienten Manne. Ich faßte augenblicklich den Entschluß, mich nur noch zu unterhalten und mich nicht mehr damit zu bemühen, irgendwelchen großen Herren den Hof zu machen. Freundschaft allein führte mich oft zu Varnier, zu dem von mir hochgeachteten Herzog von Medina-Sidonia und zum Baumeister Sabattini, der mich ebenso wie seine Frau stets sehr gut aufnahm.

Doña Ignazia besaß mich ganz und gar und wünschte mir oft Glück, mich von alledem befreit zu sehen, was mir früher Sorgen machte.

Nach der Abreise des Herrn von Mocenigo, der sich, nachdem sein Gesuch, Venedig besuchen zu dürfen, abschlägig beschieden worden war, auf dem Wege durch Navarra nach Paris auf seinen Botschafterposten begab, wollte ich sehen, ob sein Neffe Querini für den Groll seines Oheims eintrete; ich lachte dem Türsteher ins Gesicht, der mir den Bescheid überbrachte, er habe Befehl, mir den Eintritt in den Palast zu versagen.

Sechs oder sieben Wochen nach Manuccis Abreise verließ ich ebenfalls Madrid. Ich mußte mich dazu entschließen, trotz meiner Liebe zu Ignazia, die mich völlig glücklich machte und mein Glück teilte; denn abgesehen davon, daß ich nicht nach Portugal gehen konnte, von wo ich keine Briefe mehr erhielt, hatte ich meine Börse erschöpft, ohne daß meine Geliebte etwas davon ahnte. Ich gedachte eine schöne Repetieruhr und eine Tabaksdose, deren Goldwert 25 Louis betrug, zu verkaufen, um nach Marseille zu reisen. Von dort beabsichtigte ich nach Konstantinopel zu gehen, wo ich mein Glück machen zu können glaubte, ohne mich zu Mohammed bekennen zu müssen. Ohne Zweifel würde ich mich geirrt haben, denn ich trat in ein Alter ein, von dem die Glücksgöttin, die flatterhafte Kokette, nichts mehr wissen will. Damit will ich jedoch nicht sagen, daß ich mich über sie zu beklagen habe, denn sie hat mir oft ihre Gunst zugewandt, und ich habe diese stets mißbraucht – das will ich gerne zugeben.

In meiner Verlegenheit verschaffte der gelehrte Abbate Pinzi, Auditor des päpstlichen Nuntius, mir die Bekanntschaft eines Genueser Buchhändlers Corrado, eines reichen, ehrenwerten und tugendhaften Mannes, den der liebe Gott auf die Welt geschickt zu haben schien, damit man die Genueser Spitzbüberei verzeihe. An diesen braven Mann wandte ich mich, um meine Uhr und Tabaksdose zu verkaufen; aber der gute Corrado weigerte sich, diese Gegenstände zu kaufen, und wollte sie nicht einmal als Pfand nehmen, sondern gab mir zwanzig goldene Unzen oder siebzehnhundert Franken, ohne etwas anderes zu verlangen als mein Wort, daß ich ihm diese Summe wiedergeben würde, wenn ich jemals in der Lage wäre, es zu tun. Unglücklicherweise bin ich niemals mehr imstande gewesen, diese heilige Schuld anders heimzuzahlen, als durch ewige Dankbarkeit, die ich dem Geber zolle.

Nichts ist für einen Mann süßer, als mit einer Frau zusammen zu leben, die er anbetet und von der er geliebt wird; aber es gibt auch nichts, das bitterer wäre, als die Trennung, wenn die Liebe noch in voller Kraft steht: der Schmerz scheint viel größer zu sein als die Wonne, die nicht mehr vorhanden ist und deren Eindruck sich verwischt hat oder die zum mindesten durch das auf sie folgende Leid sehr beeinträchtigt wird.

Ich verbrachte meine letzten Tage in Madrid in Genüssen, die von Traurigkeit vergiftet wurden. Der gute Diego weinte nicht, obgleich er sehr traurig war.

Filippo, ein tüchtiger Junge, der hoch über seiner Herkunft stand, gab mir bis in die Mitte des nächsten Jahres Nachrichten von Doña Ignazia. Sie wurde die Gattin eines reichen Schuhmachers; die Rücksicht auf den Nutzen besiegte den Widerwillen, den ihr Vater gegen eine nicht standesgemäße Heirat hatte.

Ich hatte dem Marques Mora und dem Obersten Royas versprochen, sie in der aragonischen Hauptstadt Saragossa oder Caesarea Augusta zu besuchen. Ich kam anfangs September an und verbrachte dort vierzehn Tage, die mir Gelegenheit gaben, die Sitten der Aragonesen zu beobachten. Arandas Gesetze hatten bei diesem Volke keine Kraft; denn bei Tage wie bei Nacht sah man auf den Straßen Männer mit langen Mänteln und Schlapphüten. Sie sahen aus wie wirkliche Masken oder wie schwarze Gespenster; denn der Mantel, der die Absätze bedeckte, verbarg auch die Hälfte des Gesichts. Aber unter dem Mantel trug die Maske el spadino, einen Degen von riesiger Länge. Diese Gespenster werden mit großer Ehrfurcht behandelt, obwohl es meistens nur Spitzbuben waren; es konnten aber auch große Herren sein.

Man muß in Saragossa die ungeheure Frömmigkeit sehen, womit Unsere liebe Frau del Pilar verehrt wird. Ich habe Prozessionen gesehen, bei denen hölzerne Statuen von ungeheurer Größe herumgetragen wurden. Man führte mich in die besten Gesellschaften ein, wo es von Mönchen wimmelte. Man stellte mich einer erstaunlich dicken Dame vor, die man mir als eine Cousine des seligen Palafox bezeichnete; ich war jedoch keineswegs von Ehrfurcht hingerissen, wie man ohne Zweifel erwartet hatte. Ferner hatte ich Gelegenheit, den Domherrn Pignatelli, einen gebürtigen Italiener, kennen zu lernen, den ehrwürdigen Präsidenten der Inquisition. Dieser Herr ließ jeden Morgen die Kupplerin einkerkern, die ihm das Mädchen besorgt hatte, das mit ihm zu Abend gegessen und die Nacht bei ihm geschlafen hatte. Die Strafe erhielt sie, um dafür Buße zu tun, daß sie ihm ermöglicht hatte, eine Sünde zu begehen. Von Wollust erschöpft, erwachte der Domherr und gab Befehl, das Mädchen aus dem Hause zu jagen und die Kupplerin ins Gefängnis zu setzen. Hierauf kleidete er sich an, beichtete, las die Messe und setzte sich sofort zu Tisch. Von Wein und gutem Essen erhitzt, verlangte er ein neues Mädchen, und so ging es jeden Tag. Trotzdem wurde dieser Mensch in Saragossa hoch verehrt, denn er war Mönch, Domherr und Inquisitor.

Die Stierkämpfe waren in der Hauptstadt Aragoniens schöner als in Madrid; denn sie waren mörderischer, und solche barbarischen Schauspiele sind um so schöner, je mehr Blut dabei fließt.

Die Herren Mora und Royas gaben mir sehr schöne Diners. Der Marques war der liebenswürdigste aller Spanier; er ist zwei Jahre darauf in sehr jugendlichem Alter gestorben.

Die große Kirche Nuestra Señora del Pilar liegt auf den Wällen der Stadt, und die Aragonesen betrachten diesen Teil als uneinnehmbar; sie behaupten, im Falle einer Belagerung würde der Feind, wenn Gott es wollte, von allen anderen Seiten eindringen, aber nicht von dieser.

Ich hatte der Doña Pelliccia versprochen, sie in Valencia zu besuchen. Unterwegs sah ich auf einer Anhöhe das alte Sagunt liegen. »Ich will da hinauf!« sagte ich zu einem Priester, der mit mir fuhr, und zu dem Fuhrmann, der am Abend in Valencia ankommen wollte und dem seine Maultiere lieber waren als alle Antiquitäten der Welt. Wie der Priester und der Maultiertreiber sich sträubten und wie sie redeten!

»Sie werden nur Ruinen sehen, Señor.«

»Gut; ich will eben Ruinen sehen, und wenn sie recht alt sind, ziehe ich sie den schönsten Gebäuden der Neuzeit vor.«

»Aber wir werden nicht mehr heute Abend in Valencia ankommen können!«

»Da hast du einen Duro; wir werden morgen ankommen.«

Dieser Taler brachte alles in Ordnung; denn der Fuhrmann rief: »Helf mir Gott! Das ist ein Ehrenmann!«

Das ist der schönste Lobspruch aus dem Munde eines Untertanen Seiner Katholischen Majestät!

Oben auf der Anhöhe sah ich Mauern, die zum großen Teil noch im guten Stande waren, und deutlich erkennbare Zinnen, und doch stammt dieses Denkmal aus der Zeit des zweiten Punischen Krieges. An zwei Toren, die noch aufrecht standen, bemerkte ich Inschriften, die für mich und für viele andere stumm sind, die aber La Condamine oder Séguier, der frühere Freund des Marchese Maffei, sicherlich entziffert hätten.

Dieses Denkmal eines ganzen Volkes, das lieber in den Flammen untergehen, als den Römern die Treue brechen und sich einem Hannibal ergeben wollte, erregte meine volle Bewunderung und die Heiterkeit des unwissenden Priesters, der nicht einmal eine Messe gratis gelesen hätte, um Besitzer dieses von Erinnerungen so reichen Ortes zu werden, dessen Namen sogar untergegangen ist. Diesen hätte man doch wenigstens achten können, zumal da er schöner und leichter auszusprechen ist als der an seine Stelle getretene Name Murviedro, wenngleich dieser ebenfalls auch dem Lateinischen entstammt und von muri veteres hergeleitet ist. Aber die Zeit ist ein unbändiges, wildes Ungeheuer, das nicht nur Marmelstein und Erz zerstört, sondern auch die Erinnerung vertilgt.

»Dieser Ort,« sagte der Priester zu mir, »hat stets Murviedro geheißen.«

»Das ist nicht möglich; denn der gesunde Menschenverstand sträubt sich dagegen, etwas alt zu nennen, was bei seiner Entstehung neu war. Das ist gerade, wie wenn Sie behaupten wollten, Neu-Kastilien sei nicht alt, weil man es ›Neu‹ nenne.«

»Aber es ist doch sicher, daß Alt-Kastilien älter sein muß als Neu-Kastilien.«

»Nein, das ist nicht der Fall: Neu-Kastilien ist so genannt worden, weil es die letzte Rückeroberung von den Mauren war, in Wirklichkeit aber ist Neu-Kastilien älter als Alt-Kastilien.«

Der arme Abbate schwieg; er schüttelte den Kopf und hielt mich für verrückt.

Vergeblich bemühte ich mich, Hannibals Kopf und die Inschrift zu Ehren des Cäsar und Claudius, des Nachfolgers des Kaisers Gallienus, aufzufinden; dagegen sah ich die Spuren des Amphitheaters.

Am anderen Morgen besah ich den Mosaikboden, den man zwanzig Jahre vor jener Zeit bloßgelegt hatte.

Um neun Uhr morgens kam ich in Valencia an. Ich fand sehr schlechte Unterkunft, weil der Operndirektor Marescalchi aus Bologna alle guten Zimmer für die Sänger und Sängerinnen belegt hatte, die von Madrid eintreffen sollten. Bei ihm befand sich sein Bruder, ein Abbate, den ich für sein Alter gelehrt fand. Wir machten einen Spaziergang, und er lachte, als ich ihm vorschlug, ins Kaffeehaus zu gehen; denn es gab in der ganzen Stadt keinen einzigen Ort, wo ein anständiger Mensch eintreten konnte, um sich gegen eine Geldvergütung in anständiger Weise auszuruhen. Es gab nur Schenken niedrigster Ordnung, in denen der Wein untrinkbar war. Ich fand das unbegreiflich; aber Spanien ist ein ganz besonderes Land. In Valencia, das so nahe bei Malaga und Alicante liegt, konnte man zu meiner Zeit eine gute Flasche Wein sich nur mit großen Schwierigkeiten beschaffen.

In den ersten drei Tagen meines Aufenthaltes in Valencia, der Vaterstadt des Papstes Alexanders des Sechsten, sah ich alles Sehenswerte, was in dieser Stadt vorhanden ist, und fand wieder einmal meine Wahrnehmung bestätigt, daß alles, was wir nach Beschreibungen von Dichtern und Abbildungen von Künstlern bewundern, unendlich viel verliert, wenn wir es in der Nähe und in der Wirklichkeit betrachten.

Valencia liegt in herrlichem Klima ganz dicht am Mittelmeer in einer lachenden Landschaft, die die köstlichsten und leckersten Erzeugnisse der Natur in reicher Fruchtbarkeit hervorbringt; die Luft ist gesund und von köstlicher Milde; die Stadt liegt nur eine Stunde von dem berühmten Amoenum stagnum, worin es so delikate Fische gibt; in Valencia wohnt ein zahlreicher vornehmer und begüterter Adel; in Valencia sind die Frauen, wenn nicht die geistreichsten, so doch zum mindesten die schönsten von ganz Spanien; Valencia hat einen Erzbischof und einen Klerus mit einem Jahreseinkommen von einer Million Duros – und trotzalledem ist Valencia eine sehr unangenehme Stadt für einen Fremden; denn er kann dort keine der Bequemlichkeiten genießen, die er sonst überall für sein Geld findet. Unterkunft und Essen ist schlecht; trinken kann man nicht, weil es keinen guten Wein gibt; unterhalten kann man sich nicht, weil man keine gute Gesellschaft hat; man kann nicht einmal disputieren; denn obgleich Valencia eine Universität hat, findet man dort keinen Menschen, den man vernünftigerweise einen Gelehrten nennen könnte.

Die fünf Brücken über den Guadalajara, die Kirchen, die öffentlichen Gebäude, das Zeughaus, die Börse, das Stadthaus, die zwölf Tore konnten mich nicht dazu hinreißen, eine Stadt zu bewundern, deren Straßen nicht gepflastert sind, und wo man nur außerhalb der Mauern spazieren gehen kann. Dort draußen findet man dann allerdings alle seine Sinne befriedigt; denn die Umgebung von Valencia ist ein wahres Paradies, besonders nach dem Meere zu. Aber die Umgegend ist nicht die Stadt.

Was ich dort bewunderte und was man wahrscheinlich noch dort findet, waren eine beträchtliche Anzahl einspänniger Wagen, die immer bereit stehen und die einen für einen sehr bescheidenen Betrag sehr schnell überall hinfahren, sei es auf die Promenade, sei es auf Entfernungen von zwei und drei Tagereisen.

Wäre ich bei guter Laune gewesen, so hätte ich eine Fahrt durch die Königreiche Murcia und Granada gemacht, die an materieller Schönheit alles überbieten, was man in Italien findet.

Arme Spanier! Die Schönheit, die Fruchtbarkeit und der Reichtum eures Landes sind die Ursachen eurer Unwissenheit, wie die Minen von Peru und Potosi schuld sind an eurem dummen Stolz und an allen Vorurteilen, die euch erniedrigen.

O Spanier! Wann werdet ihr einen edlen, aber starken Anstoß erhalten, der euch aus eurer dumpfen Betäubung weckt und eure eingeschlafene Tatkraft mit neuem Leben beseelt, dessen sie recht wohl fähig ist! Heute seid ihr ein elendes, bemitleidenswertes Volk, für die ganze Welt so unnütz wie für euch selber. Was braucht ihr? Ihr braucht eine starke Revolution, eine völlige Umwälzung, einen furchtbaren Anstoß, eine Eroberung, die neues Leben weckt. Eure Fäulnis kann nicht durch einfache zivilisatorische Maßnahmen beseitigt werden; der Krebsschaden, der euer Fleisch verzehrt, muß mit Feuer ausgebrannt werden.

Ich reiste der edlen und bescheidenen Pelliccia entgegen. Die erste Vorstellung sollte am zweiten Tage darauf stattfinden. Das war nicht schwierig; denn man spielte dieselben Opern, die man vor der Hofgesellschaft im Sitios aufgeführt hatte, das will sagen: in Aranjuez, im Escorial, in der Granja; denn Graf Aranda hat niemals gewagt, seine freisinnige Kühnheit so weit zu treiben, um dem Theater in Madrid die Aufführung einer italienischen Opera buffa zu erlauben. Solche Neuerung wäre zu groß gewesen, und die Inquisition hätte ihre satanischen Augen zu weit aufgerissen.

Die Bälle der Scaños del Peral hatten die Inquisition erstaunt, und man war genötigt, sie zwei Jahre später wieder zu unterdrücken. Solange Spanien eine Inquisition hat, wird dieses Ungeheuer der Stein des Anstoßes für Fortschritt und Glück sein.

Señora Pelliccia schickte sofort nach ihrer Ankunft dem Don Diego Valencia den Empfehlungsbrief, den der Herzog von Arcos ihr drei Monate vorher gegeben hatte. Sie hatte den hohen Herrn seit jenen Tagen in Aranjuez nicht wieder gesehen.

Wir saßen beim Essen, nämlich sie, ihr Mann, ihre Schwester, ein berühmter erster Geiger, den sie einige Zeit darauf heiratete, und ich, und waren eben beim Nachtisch angelangt, als man ihr den Señor Diego Valencia meldete; dies war der Bankier, an den der Herzog sie empfohlen hatte.

»Gnädige Frau,« sagte Don Diego zu ihr, »ich bin entzückt von der Gnade, die der Herzog von Arcos mir zuteil werden läßt, indem er Sie an mich weist, und möchte Ihnen meine Dienste anbieten und Ihnen die Befehle mitteilen, die Seine Exzellenz mir gibt und die ihnen vielleicht noch unbekannt sind.«

»Mein Herr, ich hoffe, es wird nicht der Fall eintreten, daß ich genötigt wäre, Sie zu belästigen, aber ich weiß vollkommen die Gnade zu schätzen, die der Herzog mir erwiesen hat, und bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie sich zu mir bemüht haben; ich werde die Ehre haben, Ihnen meinen Besuch zu machen, um Ihnen meinen Dank abzustatten.«

»Das ist nicht notwendig, Señora, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich Befehl habe, Ihnen jede gewünschte Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen auszuzahlen.«

»Fünfundzwanziqtausend Dublonen?«

»Zweihundertfünfzigtausend Franken, Señora, und nicht mehr. Haben Sie die Güte, den Brief Seiner Exzellenz zu lesen; denn es kommt mir vor, wie wenn Sie den Inhalt nicht kennen.«

Der Brief war vier Zeilen lang:

Don Diego, Sie werden der Dona Pelliccia auf ihr Ersuchen jede Summe bis zur Höhe von fünfundzwanzigtausend Dublonen für meine Rechnung auszahlen.

Der Herzog von Arcos.

Wir waren vor Erstaunen sprachlos.

Doña Pelliccia gab den Brief dem Bankier zurück, der seine Verbeugung machte und sich entfernte.

Die Geschichte ist beinahe unglaublich, und nur in Spanien kann man so etwas erleben; dort aber sind solche Züge nicht selten. Ich habe bereits erzählt, wie der Herzog von Medina-Celi sich gegen die Pichona benahm.

Wer weder den spanischen Charakter noch die ungeheuren Reichtümer einiger großer Herren kennt, mag vielleicht solche Handlungen unvernünftig und lächerlich finden und sie für Verschwendung erklären; dies ist begreiflich, denn der Mensch urteilt stets nur durch Vergleichung. In diesem Falle aber würde er sich täuschen. Der Verschwender gibt ohne Unterschied und ohne Aufhören, wie der Geizhals unablässig Schätze aufhäuft; weder der eine noch der andere handelt mit Überlegung und aus edlem Antrieb. Es mag wohl vorkommen, daß der Verschwender innehält; aber das geschieht nur, wenn er sich mit Schrecken am Rande des Abgrundes sieht. Die heldenmütigen Handlungen aber, von denen ich spreche, tragen nicht diesen Charakter. Der Spanier ist in hervorragendem Maße gierig nach Bewunderung; alles, was er tut, geschieht in der Absicht, bewundert zu werden; dieser selbe Stolz hält ihn aber zurück, wenn die Leidenschaften ihn dazu treiben möchten, irgendeine Handlung zu begehen, die ihm Schande bringen könnte. Man soll von ihm glauben, er stehe über seinesgleichen, geradeso wie seine Nation über allen anderen erhaben zu sein glaubt. Diejenigen, die ihn prüfen, sollen ihn eines Thrones würdig erachten und von ihm voraussetzen, daß ihm alle Tugenden eigen sind; Tugenden aber kann der Mensch nicht in eigennütziger Absicht ausüben.

Man kann noch hinzufügen, daß gewisse spanische Granden ebenso reich sind wie gewisse englische Lords, daß sie aber nicht wie diese die Mittel haben, ihre Reichtümer auszugeben; infolgedessen wird es ihnen eben möglich, sie zu verschenken.

Als Don Diego fortgegangen war, drehte unsere ganze Unterhaltung sich um die Freigebigkeit des Herzogs.

Señora Pelliccia sagte, der Herzog habe ihr zeigen wollen, was für einen Mann sie um eine Empfehlung gebeten habe, und er habe ihr dabei die Ehre erwiesen, sie für unfähig zu halten, sein Vertrauen zu mißbrauchen. »Jedenfalls ist so viel sicher, daß ich lieber vor Hunger sterben als von Don Diego eine einzige Dublone annehmen würde.«

»Der Herzog wird sich beleidigt fühlen«, sagte der Geiger; »ich wäre der Meinung, Sie sollten etwas annehmen.«

»Du mußt die ganze Summe annehmen«, sagte der Gatte.

»Ich bin der Meinung der gnädigen Frau: sie muß sich so verhalten, daß man ihr nicht den Vorwurf machen kann, seine Großmut mißbraucht zu haben.« Und mich an die Pelliccia wendend, fuhr ich fort: »Ich bin überzeugt, der Herzog von Arcos wird sich für verpflichtet halten, Ihr Glück zu machen, gerade weil Sie durch Ihr Zartgefühl seine Achtung erworben haben werden.«

Sie folgte meinem Rat und ihrem eigenen Antrieb, zur nicht geringen Unzufriedenheit des Bankiers.

Aber so groß ist die Verderbtheit der Menschen, daß niemand an das Zartgefühl der Pelliccia glaubte. Der König erhielt Kenntnis von dem Vorfall; er wollte den Herzog von Arcos verhindern, sich zugrunde zu richten, und ließ der ehrenwerten Sängerin den Befehl zustellen, sofort Madrid zu verlassen.

So wird zuweilen die Tugend hienieden verkannt; aber die boshaften Menschen, die den König vielleicht zu dieser ungerechten Handlung angestachelt hatten, um der Pelliccia zu schaden, wurden die Ursache ihres Glückes.

Der Herzog glaubte sich durch den willkürlichen Befehl seines Herrschers beleidigt; er kannte die Römerin gar nicht weiter, als daß er zuweilen an öffentlichen Orten mit ihr gesprochen hatte, und er hatte niemals etwas für sie ausgegeben. Als er nun sah, daß er wider Willen die brave Frau unglücklich machte, wollte er dies nicht dulden. Zu stolz, um die Rücknahme eines Befehls zu erbitten, dem er sich nicht widersetzen konnte, faßte er den einzigen Entschluß, der seiner edlen Seele würdig war. Zum ersten Mal in seinem Leben begab er sich in die Wohnung der Señora Pelliccia und bat sie, ihm zu verzeihen, daß er die unfreiwillige Ursache ihres Mißgeschickes sei, und eine Rolle und einen Brief anzunehmen, die er auf einen Tisch legte, indem er ihr glückliche Reise wünschte.

Die Rolle enthielt hundert goldene Unzen mit den Worten: »Für die Reisekosten.« Der Brief war an die Bank des Heiligen Geistes in Rom gerichtet und enthielt eine Anweisung auf achtzigtausend römische Taler oder vierhundertachtzigtausend Franken, die Herr Belloni ihr auszahlte.

Durch die uneigennützige Freigebigkeit eines Ehrenmannes reich geworden, legte die Dame ihr Vermögen in guten Werten an. Seit neunundzwanzig Jahren führt sie in Rom ein Haus auf eine Weise, die klar und deutlich zeigt, daß sie dieses Glückes würdig war.

Am Tage nach der Abreise der Pelliccia sagte der König im Pardo zum Herzog von Arcos, er solle nicht traurig sein, sondern die Dame vergessen, die er nur zu seinem Besten habe ausweisen lassen.

»Indem Eure Majestät ihr den Ausweisungsbefehl übersandt haben, haben Sie mich gezwungen, das wahr zu machen, was bis dahin nur eine Fabel war; denn ich kannte die Frau nur insofern, daß ich einige Male mit ihr an öffentlichen Orten gesprochen hatte, und ich hatte ihr niemals auch nur das kleinste Geschenk gemacht.«

»Du hast ihr also nicht fünfundzwanzigtausend Dublonen gegeben?«

»Sire, ich habe diese Summe verdoppelt, aber erst vorgestern. Eure Majestät sind der Herr und können tun, was Ihnen beliebt; aber soviel ist gewiß: wäre sie nicht ausgewiesen worden, so wäre ich niemals zu ihr gegangen, und sie hätte mir niemals etwas gekostet.«

Der König war so erstaunt, daß er kein Wort sagen konnte. Nun begriff er, daß ein König sich um das müßige Geschwätz des Publikums nicht kümmern darf.

Ich erfuhr von diesem Gespräch durch Herrn Monino, der später unter dem Namen Floridablanca bekannt wurde und in diesem Augenblick in seiner Vaterstadt Murcia als Verbannter lebt.

Nach Marecalchis Abreise traf ich meine Vorbereitungen, um nach Barcelona zu fahren. Kurz vor meiner Abreise sah ich in der Stierkampf- Arena ein Weib, das etwas unbeschreiblich Imposantes an sich hatte.

Ich fragte einen Alcantara-Ritter, der neben mir saß, wer die Dame sei.

»Wieso berühmt?«

»Wenn Sie sie nicht dem Ruf nach kennen, ist Ihre Geschichte zu lang, um sich hier erzählen zu lassen.«

Ohne mir irgend etwas dabei zu denken, sah ich die Dame scharf an; zwei Minuten später trennte ein ziemlich übel aussehender, aber gut gekleideter Mann sich von der imposanten Schönheit, trat an den Ritter heran und sagte ihm etwas ins Ohr.

Der Ritter wandte sich mit höflicher Miene zu mir und sagte mir, die Dame, nach deren Namen ich ihn gefragt habe, wünsche den meinigen zu wissen.

Dummerweise von dieser Neugier geschmeichelt, antwortete ich dem Boten, wenn die Dame es erlaube, werde ich nach dem Schauspiel ihr persönlich meinen Namen sagen.

»Nach Ihrem Akzent scheinen Sie Italiener zu sein.«

»Ich bin aus Venedig.«

»Sie auch.«

Als der Bote fort war, wurde der Ritter weniger wortkarg und sagte mir, Nina sei eine Tänzerin, die der Generalkapitän des Fürstentums Barcelona, Graf Ricla, seit einigen Wochen in Valencia unterhält, bis er sie wieder nach Barcelona zurückkehren lassen könne, wo der Bischof sie wegen des von ihr erregten Ärgernisses nicht länger habe dulden wollen.

»Der Graf ist wahnsinnig in sie verliebt und gibt ihr täglich fünfzig Dublonen.«

»Aber sie gibt sie doch hoffentlich nicht aus?«

»Das kann sie nicht; aber sie macht jeden Tag tolle Streiche, die ihm viel Geld kosten.«

Ich war sehr neugierig, eine Frau von solchem Charakter kennen zu lernen, und fürchtete durchaus nicht, daß diese Bekanntschaft mir irgendwelche Unannehmlichkeiten zuziehen könnte. Ich konnte daher kaum das Ende des Schauspiels abwarten, um mit ihr zu sprechen.

Als ich sie anredete, empfing sie mich mit großer Ungezwungenheit. Sie wollte eben in eine schöne, mit sechs Maultieren bespannte Kutsche einsteigen und sagte mir, sie würde entzückt sein, wenn ich ihr das Vergnügen machte, am nächsten Tag um neun Uhr mit ihr zu frühstücken.

Ich versprach es ihr und ging pünktlich hin. Ich fand sie in einem sehr großen Hause ganz dicht vor der Stadt. Es war mit ziemlich viel Geschmack reich möbliert, und ein großer Garten umgab es.

Was mir besonders auffiel, waren eine Menge von Bedienten in glänzenden Livreen und mehrere elegant gekleidete Kammerfrauen, die überall hin und her liefen.

Als ich näher trat, hörte ich eine gebieterische Stimme laut schelten.

Die Schimpferin war die Nina, die einen Mann herunterputzte, der ganz erstaunt vor einem großen Tisch stand, worauf eine Menge Waren ausgebreitet lagen.

»Sie werden meinen Zorn entschuldigen«, sagte sie zu mir; »dieser spanische Dummkopf will behaupten, die Spitzen seien schön. Sagen Sie mir Ihre Meinung darüber.«

Ich fand die Spitzen wirklich schön; weil ich sie aber nicht bei meinem ersten Besuch ärgern wollte, so sagte ich ihr, ich verstände nichts davon.

»Señora,« sagte der Händler schließlich unwillig zu ihr, »wenn Sie die Spitzen nicht wollen, so lassen Sie sie liegen; aber wollen Sie die Stoffe?«

»Ja, ich behalte sie. Außerdem will ich Sie überzeugen, daß ich Ihre Spitzen nicht deshalb zurückweise, um Geld zu sparen!«

Mit diesen Worten nahm sie eine Schere und zerschnitt die Spitzen.

»Das ist sehr schade«, sagte der Mann, der am Tage vorher mit mir gesprochen hatte. »Man wird sagen, Sie seien wahnsinnig!«

»Halt den Mund, elender Kuppler!« rief sie, indem sie ihm eine kräftige Ohrfeige versetzte.

Der Kerl ging hinaus, indem er sie ›Hure‹ nannte, worüber sie nur laut auflachte; hierauf wendete sie sich zum Spanier und befahl ihm, augenblicklich seine Rechnung zu machen. Der Kaufmann ließ sich das nicht zweimal sagen; er hielt sich an den Preisen für die Beleidigungen schadlos, mit denen sie ihn überhäuft hatte. Sie nahm die Rechnung, unterschrieb, ohne sie zu lesen, und sagte: »Gehen Sie zu Don Diego Valencia; er wird Sie sofort bezahlen.«

Als wir allein waren, wurde die Schokolade gebracht, und sie ließ dem Ohrfeigenkerl befehlen, augenblicklich zu kommen und mit uns zu frühstücken.

»Wundern Sie sich nicht«, sagte sie zu mir, »über die Art und Weise, wie ich mit diesem Subjekt umgehe. Er ist ein jämmerlicher Lump, den Ricla mir beigegeben hat, um zu spionieren. Ich behandle ihn, wie Sie gesehen haben, damit er ihm alles schreibt.«

Ich glaubte zu träumen, so sonderbar kam mir alles vor, was ich sah und hörte; ich hatte niemals gedacht, es könnte eine Frau von solchem Charakter auf der Welt geben.

Der unglückselige Geohrfeigte, ein Sänger aus Bologna, kam und trank seine Schokolade, ohne ein Wort zu sagen. Er hieß Molinali.

Sobald er fertig war, ging er wieder hinaus. Hierauf erzählte Nina mir eine Stunde lang Geschichten aus Spanien, Italien und Portugal, wo sie einen Tänzer, namens Bergonzi, geheiratet hatte.

»Ich bin eine Tochter des berühmten Scharlatans Pelandi, den Sie vielleicht in Venedig gekannt haben.«

Nach dieser vertraulichen Mitteilung, aus der sie kein Geheimnis machte, bat sie mich, mit ihr zu soupieren. Das Souper sei ihre Lieblingsmahlzeit. Ich versprach es ihr und machte dann einen Spaziergang, um ungestört über den Charakter dieser Frau nachzudenken, die ein so großes Glück schnöde mit Füßen trat.

Nina war eine überraschende Schönheit; aber da ich niemals geglaubt habe, daß Schönheit allein genügen könne, um einen Mann glücklich zu machen, so begriff ich nicht, wie ein Vizekönig von Katalonien bis zu einem solchen Grade verliebt sein konnte. Molinari konnte ich nach allem, was ich gesehen hatte, nur für einen niederträchtigen Schuft halten.

Ich ging zu ihrem Souper, wie zu einem Schauspiel; denn so schön sie auch war, so hatte sie mir doch keine Gefühle eingeflößt.

Wir standen im Anfang des Oktobermonats, aber in Valencia waren zwanzig Grad Réaumur im Schatten.

Nina ging mit ihrem Jocrisse im Garten spazieren. Beide waren sehr leicht gekleidet; Nina hatte nur ein Hemd und ihr dünnes Röckchen an.

Sobald sie mich sah, kam sie auf mich zu und forderte mich auf, es mir ebenso bequem zu machen; ich unterließ dies jedoch, indem ich einige Gründe anführte, mit denen sie sich zufrieden geben mußte. Die Gegenwart des gemeinen Menschen war mir im höchsten Grade widerwärtig.

Bis zum Abendessen unterhielt Nina mich mit tausend schlüpfrigen Anekdoten, deren Heldin sie gewesen war, von Beginn ihres ausgelassenen Lebenswandels bis zum dreiundzwanzigsten Jahre, in welchem sie damals stand.

Ohne die Gegenwart des ekelhaften Argus hätten alle diese Geschichten ohne Zweifel ihre natürliche Wirkung auf mich geübt, wenn ich sie auch nicht liebte. So aber verspürte ich gar nichts.

Das Abendessen war lecker zubereitet, und wir hatten alle großen Appetit; als wir fertig waren, wäre ich gerne nach Hause gegangen, aber das lag nicht in ihrer Absicht. Der Wein hatte sie erhitzt, der Hanswurst war betrunken; sie wollte ihren Spaß haben.

Nachdem sie alle Leute hinausgeschickt hatte, verlangte die Messalina von Molinari, er solle sich ganz nackt ausziehen; hierauf begann sie mit ihm Experimente zu machen, die ich nur mit dem größten Ekel beschreiben könnte.

Der Bursche war jung und kräftig, und obgleich er betrunken war, versetzten Ninas Manipulationen ihn bald in einen recht respektablen Zustand. Offenbar war ihre Absicht, daß ich sie bei dieser Gelegenheit in Gegenwart des Halunken bedienen sollte; sein Anblick nahm mir jedoch sogar die Fähigkeit, Begierden zu haben.

Nina hatte sich, ohne mich anzusehen, in Naturzustand versetzt; als sie mich bei dieser Orgie kalt bleiben sah, bediente sie sich dieses Menschen, um ihre Glut zu löschen.

Ich sah mit Schmerz ein so schönes Weib sich mit einem Vieh begatten, das kein anderes Verdienst hatte, als eine ungeheuerliche Mißbildung, die für sie ohne Zweifel eine Vollkommenheit war.

Als sie ihn durch alle möglichen Buhlkünste, die nur eine Bacchantin aufbieten konnte, völlig erschöpft hatte, warf sie sich einen Augenblick in eine Badewanne, die in Gestalt einer Kommode im Zimmer stand und von mir bis dahin nicht bemerkt worden war. Hierauf kam sie wieder, nahm eine Flasche Malvasier von Madeira und zwang den Kerl zu trinken, bis er niedersank.

Ich flüchtete mich in ein Nebenzimmer, denn ich konnte es vor Ekel nicht mehr aushalten; sie folgte mir, immer noch nackt. Durch das Bad erfrischt, setzte sie sich neben mich auf eine Ottomane und fragte mich, wie ich dieses Fest gefunden hätte.

Da meine Ehre und mein Stolz eine Genugtuung verlangten, so sagte ich ihr, der Abscheu, den der Elende mir einflößte, sei so groß, daß er alle Wirkungen zerstöre, die ihre Reize auf mich, wie auf jeden Mann, der Augen im Kopfe hätte, ausüben könnten.

»Ich halte das wohl für möglich; aber jetzt ist er doch nicht da, und trotzdem sagen Sie nichts. Man würde das nicht glauben, wenn man Sie sieht.«

»Man würde recht haben, Nina, denn ich bin nicht minderwertiger als ein anderer; aber er hat mich zu sehr angeekelt. Lassen Sie mich heute! Morgen, wenn ich dieses Ungeheuer nicht mehr sehe, das nicht würdig ist, Ihrer zu genießen…«

»Er genießt nicht; ich töte ihn. Wenn ich glauben könnte, er genösse, so würde ich lieber sterben, als etwas mit ihm machen; denn ich verabscheue ihn.«

»Wie? Sie lieben ihn nicht und bedienen sich seiner zu solchen Zwecken?«

Wie ich mich eines künstlichen Werkzeuges bedienen würde.«

Ich sah in diesem Weibe die Natur in ihrer tiefsten Verderbnis.

Sie lud mich für den nächsten Tag zum Abendessen ein, indem sie mir sagte: »Ich will sehen, ob Sie die Wahrheit gesagt haben. Wir werden unter vier Augen sein, denn Molinari wird krank sein.«

»Er wird seinen Wein verdaut haben und sich sehr wohl befinden.«

»Ich sage Ihnen nochmals, er wird krank sein. Kommen Sie, und kommen Sie jeden Abend.«

»Ich reise übermorgen.«

»Sie werden erst in acht Tagen reisen, und zwar werden wir zusammen fahren.«

»Sie werden nicht reisen, sage ich Ihnen; denn Sie würden mir einen Schimpf antun, den ich nicht dulden würde.«

Ich ging nach Hause, fest entschlossen, sofort abzureisen, ohne mich um sie zu bekümmern.

Obwohl es für mich in meinem Alter auf diesem Gebiete nichts Neues mehr gab, war ich doch erstaunt über die Schrankenlosigkeit dieser Megäre, über ihre freie Sprech- und Handlungsweise und vor allen Dingen über ihre Offenheit; denn sie hatte mir eingestanden, was ich zuvor wußte, was aber niemals ein Weib einem Manne gesteht: »Ich bediene mich seiner, um mich zu befriedigen, weil ich sicher bin, daß er mich nicht liebt; wenn ich wüßte, daß er mich liebte, würde ich lieber sterben, als ihm etwas erlauben; denn ich verabscheue ihn.«

Am nächsten Tage ging ich um sieben Uhr abends zu ihr. Sie empfing mich mit einer erheuchelten traurigen Miene, indem sie zu mir sagte: »Leider werden wir beim Abendessen allein sein, denn Molinari hat Kolik.«

»Sie haben mir gesagt, er werde krank sein; haben Sie ihn vergiftet?«

»Ich wäre dazu imstande; aber Gott soll mich davor behüten.«

»Aber Sie haben ihm irgend etwas eingegeben?«

»Nur was er gern hat; aber darüber werden wir noch sprechen. Jetzt wollen wir spielen. Hierauf werden wir zu Abend speisen und bis morgen früh lustig sein, und morgen Abend fangen wir wieder an.«

»Nein, denn ich werde um sieben Uhr abfahren.«

»Oh, Sie werden nicht abreisen, und Ihr Kutscher wird deshalb keine Händel mit Ihnen anfangen, denn er ist bezahlt. Hier ist die Quittung.«

Dies alles sagte sie in einem heiteren Tone verliebter Tyrannei, die mir nicht mißfallen konnte.

Da ich es im Grunde nicht eilig hatte, nahm ich die Sache von der heiteren Seite und sagte ihr nur: »Sie sind wahnsinnig; ich bin des Geschenks nicht würdig, das Sie mir damit gemacht haben. Über eins wundere ich mich jedoch: daß ein Weib wie Sie, das ein so schön eingerichtetes Haus hat, sich nichts daraus macht, Gesellschaft zu empfangen.«

»Alle Welt zittert vor mir. Sie fürchten den verliebten und eifersüchtigen Ricla, dem der Kerl mit der Kolik alles schreibt, was ich mache. Er schwört, das sei nicht wahr; aber ich weiß, daß er lügt. Es ist mir sogar sehr lieb, daß er es tut, und ich bedauere außerordentlich, daß er ihm bis jetzt nichts Wichtiges hat melden können.«

»Er wird ihm schreiben, daß ich heute mit Ihnen allein soupiert habe.«

»Um so besser. Haben Sie Furcht?«

»Nein, aber mir scheint, Sie müßten mir sagen, ob ich etwas zu befürchten habe.«

»Nichts; denn er kann sich nur an mich halten.«

»Aber ich möchte nicht die Ursache einer Zwistigkeit sein, die Ihnen zum Schaden gereichen würde.«

»Im Gegenteil; je mehr ich ihn reize, desto mehr wird er mich lieben, und die Aussöhnung wird ihm teuer zu stehen kommen.«

»Sie lieben ihn also nicht?«

»Doch! Aber nur, um ihn zugrunde zu richten. Leider ist er so reich, daß es mir nicht gelingen wird.«

Ich sah vor mir ein Weib, schön wie Venus, verdorben wie der Engel der Finsternis, eine abscheuliche Prostituierte, die dazu geboren war, einen jeden zu strafen, der das Unglück haben würde, sich in sie zu verlieben. Ich hatte andere Weiber dieser Art gekannt, aber niemals ihresgleichen.

Um von dieser verruchten Sünderin einen Vorteil zu haben, beschloß ich, mir ihren Reichtum zunutze zu machen.

Sie ließ Karten bringen und lud mich ein, mit ihr ›Primiera‹ zu spielen. Dies ist ein Glücksspiel, aber es enthält solche Kombinationen, daß der beste und vorsichtigste Spieler stets gewinnen muß.

In weniger als einer Viertelstunde bemerkte ich, daß ich besser spielte als sie. Sie hatte jedoch so viel Glück, daß ich mit zwanzig Pistolen im Verlust war, als wir aufstanden, um uns zu Tisch zu setzen. Sie nahm das Geld und versprach mir Revanche.

Wir aßen gut zu Abend und begingen hierauf alle Tollheiten, die sie von mir verlangte und die ich noch leisten konnte; denn ich war nicht mehr in dem Alter, wo man Wunder vollbringt.

Am anderen Tage ging ich früher zu ihr. Wir spielten, und sie verlor; ebenso an den folgenden Tagen, so, daß ich zwei- bis dreihundert Dublonen von ihr gewann, was bei meinen damaligen Glücksumständen keine gleichgültige Sache war.

Der Spion war wieder gesund; am nächsten Tage und ebenfalls an den folgenden Tagen speiste er mit uns; aber seine Gegenwart belästigte mich nicht mehr, seitdem sie nicht mehr vor meinen Augen sich ihm preisgab. Sie hatte sich gerade das Gegenteil ausgedacht: sie gab sich mir hin und sagte ihm, er möchte nur dem Grafen Ricla alles schreiben, was er sähe.

Der Graf schrieb ihr einen Brief, den sie mir zu lesen gab und worin der arme Verliebte ihr mitteilte, sie könnte nach Barcelona ohne alle Furcht zurückkehren; denn der Bischof hätte vom Hofe Befehl empfangen, sie nur als eine Theaterdame anzusehen, die sich in seinem Sprengel nur auf der Durchreise aufhielte; sie könnte daher den ganzen Winter in Barcelona verbringen und sich darauf verlassen, daß man sie nicht belästigen würde, vorausgesetzt, daß sie kein Ärgernis erregte.

Sie sagte mir, während meines Aufenthaltes in Barcelona könnte ich sie nur nachts besuchen, nachdem der Graf sie verlassen hätte, was er stets um zehn Uhr täte. Sie versicherte mir außerdem, es wäre für mich durchaus keine Gefahr dabei.

Ich hätte mich vielleicht nicht in Barcelona aufgehalten, wenn Nina mir nicht gesagt hätte, falls ich etwa Geld nötig haben sollte, würde sie mir die Summe leihen, deren ich bedürfte.

Sie verlangte, daß ich einen Tag vor ihr aus Valencia abreiste und in Tarragona Halt machte, um auf sie zu warten. Ich tat, was sie wünschte, und verbrachte in dieser Stadt, die voll von Denkmälern des Altertums ist, einen der angenehmsten Tage.

Ich ließ ein leckeres Abendessen zurechtmachen, um Nina so zu empfangen, wie sie es gerne hatte, und sorgte dafür, daß ihr Schlafzimmer an das meinige anstieß, um kein Ärgernis zu erregen.

Am Morgen reiste sie ab und bat mich, erst am Abend abzufahren, die Nacht hindurch zu reisen und am Morgen in Barcelona anzukommen, wo ich im Gasthof Santa Maria absteigen sollte. Sie empfahl mir, sie nicht früher zu besuchen, als bis sie mir Nachricht gegeben hätte.

Ich befolgte die Vorschriften dieser eigentümlichen Frau und fand in Barcelona eine sehr schöne Wohnung bei einem Schweizer, der mir im geheimen sagte, er habe Befehl erhalten, mich gut zu bedienen, und ich brauchte nur zu verlangen, was ich haben wollte. Wir werden sehen, wohin das alles führte.

Elftes Kapitel


Mein unvorsichtiges Benehmen. – Passano. – Meine Haft im Gefängnisturm. – Abreise von Barcelona. – Die Castelbajac in Montpellier. – Nimes. – Meine Ankunft in Aix in der Provence.

Obgleich mein Wirt ein ehrlicher Schweizer zu sein schien, auf dessen Verschwiegenheit ich rechnen zu können glaubte, fand ich doch Ninas Empfehlung höchst unvorsichtig. Sie war die Geliebte des Generalkapitäns, der vielleicht ein geistreicher Mann war, aber in Spanien in Sachen der Galanterie jedenfalls unbequem sein mußte. Nach ihrer eigenen Schilderung war er von hitzigem, mißtrauischem und eifersüchtigem Charakter.

Aber es war nun einmal geschehen.

Als ich aufgestanden war, stellte mein Wirt mir einen Lohndiener vor, für den er bürgte; hierauf ließ er mir ein ausgezeichnetes Mittagessen auftragen. Es war ungefähr drei Uhr, und ich hatte seit dem Morgen geschlafen.

Nach dem Essen ließ ich den Schweizer heraufkommen und fragte ihn, ob er mir den Bedienten auf Ninas Befehl besorgt habe. Er bejahte dies und sagte, ein Mietswagen halte zu meiner Verfügung vor der Tür; er habe diesen wochenweise gemietet.

»Ich wundere mich, daß Nina sich diese Mühe macht. Denn meine Ausgaben kann nur ich allein bestimmen.«

»Mein Herr, alles ist bezahlt.«

»Alles ist bezahlt? – Das werde ich nicht leiden.«

»Sie können das mit ihr abmachen; inzwischen aber können Sie sich darauf verlassen, daß ich keinen Heller von Ihnen annehmen werde.«

Ich sah sofort alles mögliche Unheil voraus; da ich aber niemals unangenehmen Gedanken nachzuhängen liebte, so beschäftigte ich mich nicht genug mit diesen.

Ich hatte einen Empfehlungsbrief vom Marques de Mora für Don Miguel de Cevallos, und einen vom Obersten Royas für Don Diego de la Secada. Ich gab sie ab; und am nächsten Tage besuchte Don Diego mich und führte mich zum Grafen Peralada. Am übernächsten Tage stellte Don Miguel mich dem Grafen von Ricla vor; dies war der Generalkapitän, Statthalter des Königs im Fürstentum Katalonien und Liebhaber Ninas.

Der Graf von Peralada war ein sehr reicher junger Herr, hübsch von Gesicht, schlecht gewachsen, ein großer Wüstling, Freund schlechter Gesellschaft, Feind der Religion, der guten Sitten und der Polizei. Er war von heftigem Charakter und sehr stolz auf seine Geburt: er stammte in gerader Linie von jenem Grafen Peralada ab, der Philipp dem Zweiten so gut gedient hatte, daß der König ihn zum Grafen »von Gottes Gnaden« ernannte. Dies stand auf einem Pergament, das unter Glas und Rahmen in seinem Vorzimmer aufgehängt war. Es war absichtlich dort angebracht, damit die Besucher während der Viertelstunde, die er sie warten ließ, es lesen konnten.

Der Graf empfing mich mit jener freien und ungezwungenen Weise, die den großen Herrn ankündigt, der auf alle Zeichen von Ehrfurcht, die er wegen seiner hohen Geburt beanspruchen zu können glaubt, freiwillig verzichtet. Er dankte Don Diego dafür, daß er mich zu ihm geführt habe, und sprach mit mir viel vom Obersten Royas. Er fragte mich, ob ich die Engländerin kennen gelernt habe, die der Oberst in Saragossa unterhalte, und als ich diese Frage bejahte, flüsterte er mir ins Ohr, er habe bei ihr geschlafen.

Nachdem er mich in seinen Stall geführt hatte, wo er herrliche Pferde hatte, lud er mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein.

Ganz anders war der Empfang, den der Generalkapitän mir bereitete: er empfing mich stehend, damit er mir keinen Stuhl anzubieten brauchte. Als ich ihn in italienischer Sprache anredete, die ihm, wie ich wußte, vertraut war, antwortete er mir auf Spanisch und redete mich mit »Ussia« an – eine Zusammensetzung von vuestra Señioria: eure Herrlichkeit, eine gebräuchliche Anrede, mit der man in Spanien sehr verschwenderisch umgeht; denn die Packträger nennen sich untereinander so – im Austausch für den Titel Exzellenz, den ich ihm selbstverständlich gab.

Er sprach mit mir viel über Madrid und beklagte sich, daß Herr von Mocenigo über Bajonne nach Paris gereist sei, statt über Barcelona, wie er es ihm versprochen habe.

Um den Gesandten zu entschuldigen, sagte ich, Herr von Mocenigo habe auf der anderen Straße etwa fünfzig Wegstunden gespart; aber der Statthalter antwortete mir, es wäre besser gewesen, wenn er sein Wort gehalten hätte.

Er fragte mich, ob ich mich in Barcelona lange aufzuhalten gedächte, und schien überrascht zu sein, als ich ihm sagte, ich würde mit seiner Erlaubnis so lange bleiben, wie es mir gefiele.

»Ich wünschte,« versetzte er, »daß es Ihnen lange hier gefiele; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß die Vergnügungen, die mein Neffe Peralada Ihnen verschaffen kann, Sie in Barcelona in keinen guten Ruf bringen werden.«

Da der Graf Ricla diese Bemerkung in Gegenwart anderer Leute gemacht hatte, so glaubte ich sie dem Grafen Peralada bei Tische an demselben Tage wiedererzählen zu können. Er war entzückt davon und erzählte mir in ruhmredigem Ton, er habe drei Reisen nach Madrid gemacht und jedesmal vom Hofe den Befehl erhalten, nach Katalonien zurückzukehren.

Ich glaubte den indirekten Rat des Generalkapitäns befolgen zu sollen und schlug alle Einladungen zu Vergnügungspartien, sei es auf dem Lande, sei es in Peraladas Hause, höflich aus.

Am fünften Tage überbrachte ein Offizier mir eine Einladung zum Mittagessen bei dem Generalkapitän. Diese Einladung freute mich sehr; denn ich befürchtete, er möchte von meinen Beziehungen zu Nina während meines Aufenthaltes in Valencia gehört haben und mir deswegen grollen. Bei Tisch war er liebenswürdig und richtete oft das Wort an mich, aber stets in ernstem Tone und mit Vermeidung jeder scherzhaften Wendung.

Ich befand mich seit acht Tagen in Barcelona und hatte zu meinem großen Erstaunen von Nina noch nichts gehört; endlich aber schrieb sie mir einen Brief, ich möchte, zu Fuß und ohne Bedienten, an demselben Abend um zehn Uhr bei ihr vorsprechen.

Da ich in dieses Weib nicht verliebt war, so hätte ich sicherlich nicht hingehen sollen. Damit würde ich anständig und weise gehandelt haben und hätte zugleich dem Grafen Ricla einen Beweis meiner Achtung gegeben. Aber ich war, der Leser weiß es, weder weise noch vorsichtig. In meinem an Unglück so reichen Leben hatte ich doch noch nicht genug Unglück gehabt, um vernünftig zu werden.

Ich begab mich also zur bestimmten Stunde, im Überrock und nur mit meinem Degen bewaffnet, zu ihr. Ich fand sie mit ihrer Schwester zusammen, einer Person von ungefähr sechsunddreißig Jahren, die an einen italienischen Tänzer verheiratet war. Dieser hatte den Beinamen Schizza, weil er plattnäsiger war als ein Kalmücke.

Nina hatte mit ihrem Liebhaber gespeist, der sie nach seiner unabänderlichen Gewohnheit kurz vor meiner Ankunft verlassen hatte.

Sie sagte mir, sie sei hocherfreut, daß ich bei ihm gespeist habe, um so mehr, daß sie mit ihm über mich gesprochen und mich gelobt habe, daß ich ihr acht oder zehn Tage lang in Valencia so gute Gesellschaft geleistet habe.

»Vortrefflich, meine Liebe; aber mir scheint. Sie sollten mich nicht zu unschicklicher Zeit zu sich kommen lassen.«

»Das tue ich, um der Klatschsucht der Nachbarn keinen Stoff zu liefern.«

»Dazu ist das nicht das rechte Mittel; im Gegenteil, du wirst dadurch die bösen Zungen noch mehr reizen und deinem Grafen einen Floh ins Ohr setzen.«

»Er kann nichts davon wissen.«

»Er wird es erfahren.«

Um Mitternacht zog ich mich nach einer höchst anständigen Unterhaltung zurück. Ihre Schwester, die übrigens durchaus nicht zimperlich war, verließ uns keinen Augenblick, und Nina tat nichts, wodurch jene unsere vertrauten Beziehungen hätte erraten können.

An den nächsten Tagen machte ich jeden Abend den gleichen Besuch, weil sie mich darum bat. Wir ließen die Rechte des Grafen unangetastet, und darum fürchtete ich nichts. Trotzdem hätte ich nicht mehr hingehen sollen, denn ich erhielt eine Warnung. Aber mein Schicksal und mein Eigensinn trieben mich vorwärts.

Ein Offizier von der Wallonischen Garde redete mich eines Mittags an, als ich vor der Stadt allein spazieren ging. Er sagte höflich: »Ich bitte Sie, zu entschuldigen, daß ich, obwohl Ihnen unbekannt, mir die Freiheit nehme, von etwas zu sprechen, was mich selber durchaus nichts angeht, für Sie jedoch von großem Interesse ist.«

»Sprechen Sie nur, mein Herr! Ich kann Ihnen nur dankbar sein für das, was Sie mir gütigst sagen wollen.«

»Schön. Sie sind ein Fremder, mein Herr; Sie kennen vielleicht weder den Boden, worauf Sie sich befinden, noch die spanischen Sitten, und wissen infolgedessen nicht, daß Sie sich einer großen Gefahr aussetzen, indem sie jeden Abend oder vielmehr jede Nacht zu Nina gehen, sobald der Graf sie verlassen hat.«

»Was kann ich dabei riskieren? Ich möchte darauf wetten, daß der Graf es weiß, und daß er nichts Böses dabei findet.«

»Ich glaube ebenfalls, daß er es weiß, und daß er vielleicht ihr gegenüber tut, wie wenn er nichts weiß, weil er sie ebensosehr fürchtet, wie er sie liebt; aber wenn sie Ihnen sagt, der Graf nehme es nicht übel, so täuscht sie sich oder Sie; denn es ist nicht möglich, daß er sie liebt, ohne eifersüchtig zu sein, und ein eifersüchtiger Spanier…! Folgen Sie meinem Rat, mein Herr, glauben Sie mir und verzeihen Sie mir!«

»Ich danke Ihnen aufrichtig, mein Herr; aber ich werde Ihren Rat nicht befolgen, denn das wäre ein Verstoß Nina gegenüber, die meine Gesellschaft liebt, mich sehr gut aufnimmt und weiß, daß ich sie gerne besuche. Ich werde so lange hingehen, bis sie mir es verbietet, oder bis der Graf mir kundgibt, daß meine Besuche bei seiner Geliebten ihm unangenehm sind.«

»Das würde der Graf niemals tun; er würde fürchten, sich dadurch zu erniedrigen.«

Der brave Offizier erzählte mir hierauf ausführlich alle Ungerechtigkeiten und Gewaltsamkeiten, die Graf Ricla begangen hatte, seitdem er sich in diese Frau verliebt hatte, die ihn alles tun ließ, was sie wollte. Leute wurden auf den einfachen Verdacht, sie zu lieben, aus dem Dienst gejagt, andere wurden in die Verbannung geschickt, noch andere unter nichtigen Vorwänden eingekerkert. Der Graf, der ein so hohes Amt bekleidete und der vor der Bekanntschaft mit Nina ein Muster von Weisheit, Gerechtigkeit und Tugend gewesen war – er war, seitdem er sich in sie verliebt hatte, ungerecht, gewalttätig, blind geworden und gab allen Leuten ein Ärgernis.

Die Auseinandersetzungen des ehrlichen Offiziers hätten mich zur Vernunft bringen sollen; aber es war nicht der Fall. Ich sagte ihm beim Abschied aus Höflichkeit, ich würde mich allmählich von ihr trennen; aber ich dachte nicht daran, zu tun, was ich sagte.

Als ich ihn fragte, wie er erfahren hätte, daß ich zu Nina ginge, antwortete er mir lachend, das sei das Tagesgespräch in allen Kaffeehäusern der Stadt.

An demselben Abend besuchte ich Nina, ohne ihr ein Wort von unserer Unterhaltung zu sagen. Ich wäre entschuldbar gewesen, wenn ich sie geliebt hätte; da ich aber nichts für sie fühlte, so war ich – wahnsinnig.

Am 14. November ging ich um die gewöhnliche Stunde zu ihr. Ich fand bei ihr einen Mann, der ihr Miniaturen zeigte. Ich sah ihn an und erkannte den niederträchtigen Schurken Passano oder Pogomas.

Das Blut stieg mir zu Kopf; ich nahm Nina bei der Hand, führte sie in ein Nebenzimmer und sagte ihr, sie möchte augenblicklich den Gauner fortschicken, den sie bei sich hätte; sonst würde ich gehen und niemals wiederkommen.

»Es ist ein Maler.«

»Ich weiß es, ich kenne ihn; ich werde Ihnen alles sagen; aber schicken Sie ihn fort oder ich gehe.«

Nina rief ihre Schwester und trug ihr auf, dem Genueser zu befehlen, sofort ihr Haus zu verlassen und es nicht wieder zu betreten.

Der Befehl wurde sofort ausgeführt, und die Schwester berichtete mir, er habe im Hinausgehen gesagt: Se ne pentira – »er wird es bereuen!«

Eine Stunde lang erzählte ich ihnen einen Teil der Beschwerden, die ich gegen das Ungeheuer hatte.

Am nächsten Tage, dem 15. November, begab ich mich zur gewohnten Stunde zu Nina, und nachdem ich in Gegenwart ihrer Schwester zwei Stunden in heiterer Unterhaltung verbracht hatte, ging ich mit dem Schlage zwölf Uhr hinaus.

Die Haustüre befand sich unter dem Bogengang, der bis an das Ende der Straße führte.

Es war dunkel. Kaum hatte ich fünfundzwanzig Schritte unter den Steinlauben gemacht, als ich mich von zwei Männern angegriffen sah.

Schnell sprang ich zurück, zog den Degen, rief »Mörder!« und stieß meine Klinge dem nächsten in den Leib. Dann sprang ich aus dem Bogengang über die niedrige Mauer mitten auf die Straße und lief davon. Ein Schuß, den der zweite Mörder mir nachsandte, traf mich glücklicherweise nicht. Unterwegs fiel ich hin, sprang aber sofort wieder auf und lief weiter, ohne meinen Hut zu suchen, den ich bei meinem Sturze verloren hatte. Ich wußte nicht, ob ich verwundet war, aber ich lief immer weiter, den blanken Degen in der Hand, bis ich ganz außer Atem in meinem Gasthof ankam, wo ich meinen Degen vor dem Wirt auf den Schenktisch legte. Die Klinge war ganz blutig.

Ich erzählte dem guten alten Mann, was vorgefallen war; hierauf zog ich meinen Überrock aus und fand unterhalb der Achsel zwei Kugellöcher.

»Ich werde zu Bett gehen,« sagte ich zu meinem Schweizer, »und lasse Ihnen meinen Degen und meinen Überrock zurück. Morgen früh werde ich Sie bitten, mit mir vor den Richter zu gehen, um diesen Mordanfall anzuzeigen; denn wenn ein Mensch getötet H0Z sein sollte, so wird man sehen, daß ich nur in Verteidigung meines Lebens gehandelt habe.«

»Ich glaube, Sie werden besser tun, sofort abzureisen.«

»Sie glauben also, daß die Sache sich nicht so verhält, wie ich sie ihnen erzählt habe?«

«Ich glaube alles. Aber reisen Sie ab! Denn ich sehe, von wo der Streich ausgeht, und Gott weiß, was Ihnen noch geschieht!«

»Mir wird nichts geschehen; wenn ich aber abreiste, würde man mich für schuldig halten! Nehmen Sie den Degen in Verwahrung! Man hat mich ermorden wollen. Die Mörder mögen sich in acht nehmen!«

Ziemlich aufgeregt legte ich mich zu Bett; indessen war ich doch weniger aufgeregt, wie ich es nach einem solchen Ereignis hätte sein können; denn wenn ich einen Menschen getötet hatte – wie ich noch jetzt ganz bestimmt glaube – so hatte ich es nur zu meiner Selbsterhaltung getan. Mein Gewissen war ruhig.

Um sieben Uhr morgens wurde an meine Tür geklopft. Ich öffnete und sah vor mir meinen Wirt und einen Beamten in Uniform, der mir befahl, ihm alle meine Papiere zu übergeben, mich anzukleiden und ihm zu folgen; wenn ich den geringsten Widerstand leistete, würde er bewaffnete Hilfe heraufkommen lassen.

Ich antwortete ihm: »Ich habe durchaus keine Lust, Widerstand zu leisten, auch bedarf ich dessen nicht. In wessen Auftrag verlangen Sie von mir meine Papiere?«

»Auf Befehl des Gouverneurs; sie werden Ihnen zurückgegeben werden, wenn nichts Verdächtiges dabei ist.«

»Und wohin werden Sie mich bringen?«

»Auf die Zitadelle. Sie werden dort in Haft gesetzt werden.«

Ich öffnete meinen Koffer und nahm meine Wäsche und meine Kleider heraus, die ich dem Schweizer übergab. Der Beamte machte ein ganz erstauntes Gesicht, als er sah, daß der Koffer halb voll von Papieren war.

»Dies sind meine Papiere, mein Herr; andere habe ich nicht.«

Ich schloß den Koffer wieder zu und übergab ihm den Schlüssel.

Er nahm ihn und sagte zu mir: »Ich rate Ihnen, in einen Mantelsack die Sachen zu legen, die Sie für die Nacht brauchen.«

Hierauf wandte er sich zum Wirt und befahl ihm, mir ein Bett zu schicken; dann sagte er, er wünschte zu wissen, ob ich Papiere in meinen Taschen hätte.

»Nur meine Pässe.«

»Gerade Ihre Pässe«, sagte er mit einem bitteren Lächeln, »wünsche ich zu erhalten.«

»Meine Pässe sind unantastbar, ich werde sie nur dem Generalgouverneur übergeben, und Sie können sie mir nur zugleich mit meinem Leben entreißen. Haben Sie Respekt vor Ihrem König, hier ist sein Paß, hier der des Grafen Aranda und hier der des venetianischen Gesandten. In diesen Pässen wird Ihnen befohlen, mich zu respektieren. Sie bekommen Sie nur, wenn Sie mir Arme und Beine binden lassen.«

»Mäßigen Sie sich, mein Herr! Wenn Sie sie mir geben, ist das so gut, als wenn Sie sie Seiner Exzellenz übergäben. Wenn Sie sich widersetzen, werde ich Ihnen nicht Hände oder Füße binden lassen, aber ich werde Sie vor den Generalkapitän führen, und dort werden Sie gezwungen sein, sie vor allen Leuten herauszugeben. Liefern Sie sie mir gutwillig aus, und ich werde Ihnen eine Quittung darüber ausstellen.«

Mein guter Schweizer sagte mir, es wäre besser, wenn ich nachgäbe, und meine Pässe könnten mir nur günstig sein. Der Beamte gab mir eine genaue Quittung darüber; ich legte diese in meine Brieftasche, die er mir aus Gefälligkeit ließ, und ging mit ihm hinaus. Sechs Häscher, die er unter seinem Befehl hatte, folgten uns nur von ferne. Indem ich mich an die Katastrophe in Madrid erinnerte, fühlte ich mich menschlich behandelt.

Bevor wir gingen, sagte der Beamte mir, ich könne bei meinem Wirt bestellen, was ich zu meinen Mahlzeiten zu erhalten wünsche, und ich bat diesen, mir Mittag- und Abendessen nach meiner Gewohnheit zu schicken.

Unterwegs erzählte ich dem Beamten, was mir in der letzten Nacht begegnet war; er hörte mich mit großer Aufmerksamkeit an, ohne jedoch auch nur ein einziges Wort zu äußern.

In der Zitadelle übergab mein Begleiter mich dem wachthabenden Offizier, der mich in ein Zimmer im ersten Stock brachte. Dieses Zimmer hatte völlig kahle Wände, aber die Fenster waren nicht vergittert und gingen auf einen kleinen Platz hinaus.

Kaum war ich zehn Minuten dort, so brachte man mir meinen Nachtsack und ein ausgezeichnetes Bett.

Als ich allein war, überließ ich mich meinen Betrachtungen. Ich hörte mit dem auf, womit ich hätte anfangen sollen:

Was bedeutet ein solches Gefängnis, und was kann es mit meinem Abenteuer von voriger Nacht zu tun haben? Ich sehe keine Beziehungen. Man will meine Papiere prüfen; ohne Zweifel glaubt man, ich habe mit irgendeiner Verschwörung gegen die Regierung oder die Religion zu tun; ich weiß, daß ich nichts zu befürchten habe, und darum bin ich ruhig. Man gibt mir eine sehr anständige Unterkunft, versichert sich aber meiner Person jedenfalls so lange, bis man meine Papiere untersucht hat. In alledem ist nichts, was nicht in der Ordnung wäre.

Die Erstechung meines Mörders hat gar nichts damit zu tun. Selbst wenn der Schurke tot sein sollte, habe ich doch, glaube ich, von dieser Seite nichts zu fürchten.

Anderseits zeigt mir der Rat, den mein Wirt mir gestern Abend gab, daß ich alles zu fürchten habe, wenn die Menschen, die mich töten wollten, auf Befehl eines Mannes handelten, der nichts zu fürchten hat, weil ihm eine unbeschränkte Macht zu Gebote steht.

Ricla kann sich rächen, er kann mich verderben wollen; aber ich darf dies nicht annehmen.

Würde ich gut daran getan haben, dem Rate des ehrlichen Schweizers zu folgen und auf der Stelle abzureisen?

Das kann wohl sein, aber ich glaube es nicht; denn abgesehen davon, daß es meine Ehre verletzt hätte, so hätte man mich verfolgen, mich fangen und in einen schrecklichen Kerker setzen können.

Hier bin ich zwar in einem Gefängnis, befinde mich aber ganz behaglich.

Zur Durchsicht meiner Papiere sind nur drei oder vier Tage nötig, und da in ihnen nichts enthalten ist, was die Regierung oder den spanischen Stolz beleidigen könnte, so wird man sie mir zurückgeben und zugleich mit ihnen meine Freiheit, die mir um so süßer erscheinen wird, da ich ihrer für einige Augenblicke beraubt gewesen bin.

Meine Pässe können mir nur Achtung verschaffen.

Es ist nicht wahrscheinlich, daß der heute Nacht gegen mich verübte Angriff von einem tyrannischen Befehl des einzigen Mannes ausgeht, der in Barcelona einen solchen erteilen kann; denn abgesehen davon, daß ein solcher Befehl ihn entehrt hätte, so würde er mich auch jetzt nicht so sanft behandeln. Ist der Befehl von ihm ausgegangen, so hat er auch auf der Stelle erfahren, daß seinen Mordknechten der Streich mißlungen ist, und ich glaube nicht, daß ein kluger Mann wie er dann den Befehl gegeben hätte, mich zu verhaften.

Wir werden sehen.

Täte ich gut daran, an Nina zu schreiben? Aber kann man hier überhaupt schreiben?

Mit tausend solchen Gedanken beschäftigt lag ich auf meinem Bett, denn einen Stuhl hatte ich nicht. Während ich so nachdachte, ohne zu einem Entschluß kommen zu können, hörte ich ein Geräusch. Ich öffnete mein Fenster und sah zu meiner größten Überraschung den Schurken Passano, den ein Korporal und zwei Soldaten in das Gefängnis führten, das sich fünfundzwanzig Schritte von meinem Fenster entfernt im Erdgeschoß befand. Als der Spitzbube in die Tür trat, blickte er auf, bemerkte mich und fing an zu lachen.

»Aha!« sagte ich bei mir selber, »da gibt es neue Nahrung für meine Mutmaßungen. Der Schurke hat zu Ninas Schwester gesagt, ich werde es bereuen. Er wird irgendeine gräßliche Verleumdung gegen mich ausgeheckt haben, und man nimmt ihn in Haft, damit er für sie eintritt. Gut! Besseres könnte ich mir gar nicht wünschen.«

Man brachte mir ein leckeres Mittagessen, aber ich hatte weder Tisch noch Stuhl. Der Soldat, der mich zu bewachen hatte, besorgte mir beides für einen Duro.

Es war verboten, ohne besondere Erlaubnis den Gefangenen Federn und Tinte zu liefern; da aber die Vorschrift von Bleistift und Papier nichts sagte, so besorgte mein Soldat mir für mein Geld davon soviel, wie ich wollte, ferner noch Kerzen und Leuchter, und ich machte, um die Zeit totzuschlagen, geometrische Berechnungen.

Ich ließ den freundlichen Soldaten mit mir zu Abend essen, und er versprach mir, am nächsten Tage mich einem seiner Kameraden zu empfehlen, der mich treu bedienen würde. Die Wache wurde um elf Uhr abgelöst.

Am Morgen des vierten Tages trat der wachhabende Offizier mit traurigem Gesicht bei mir ein und sagte mir höflich, es tue ihm sehr leid, mir eine recht unangeneme Nachricht ankündigen zu müssen.

Eine solche hatte ich an diesem Ort nicht erwartet. »Worum handelt es sich?«

»Ich habe Befehl, Sie in das unterirdische Gefängnis des Turms zu bringen.«

»Mich?«

«Sie.«

»Man hat also in mir einen großen Verbrecher entdeckt. Gehen wir, mein Herr!«

Wir kamen in ein rundes Gefängnis, eine Art von Keller, der mit großen Steinfliesen gepflastert war. Fünf oder sechs Spalten von zwei Fuß Breite ließen ein spärliches Licht ein. Der Offizier sagte mir, ich könne befehlen, was ich zu essen wünsche, aber nur einmal am Tage; denn sonst sei es verboten, das Gefängnis zu öffnen.

»Wer wird mir Licht bringen?«

»Sie können beständig eine Lampe brennen lassen, und diese muß Ihnen genügen, denn Bücher sind nicht erlaubt. Wenn man Ihnen Ihr Essen bringt, wird der wachhabende Offizier die Pasteten und das Geflügel öffnen, um sich zu überzeugen, daß sie nichts Geschriebenes enthalten; denn hier ist es nicht erlaubt, Briefe zu empfangen oder welche zu schreiben.«

»Ist dieser Befehl eigens für mich gegeben worden?«

»Nein, mein Herr, es ist allgemeine Vorschrift. Sie werden beständig eine Schildwache bei sich haben, mit der Sie sich nach Ihrem Belieben unterhalten können.«

»Die Tür wird also offen sein?«

»O nein!«

»Und die Reinlichkeit?«

»Der Offizier, der Ihnen das Essen bringen läßt, wird einen Soldaten mitkommen lassen, der Sie für eine Kleinigkeit bedienen wird.«

»Darf ich zu meiner Unterhaltung mit Bleistift architektonische Pläne zeichnen?

»Soviel Sie wollen!«

»Wollen Sie also, bitte, befehlen, daß man mir Papier kaufe.«

»Mit Vergnügen.«

Der Offizier verließ mich mit bekümmerter Miene, indem er mich zur Geduld ermahnte, wie wenn es von mir abgehangen hätte, keine Geduld zu haben, und verschloß doppelt eine dicke Tür, hinter der ich eine Schildwache mit aufgepflanztem Bajonett sah. In dieser Tür war ein kleines, vergittertes Fenster angebracht.

Der Offizier, der mittags kam, brachte mir Papier, zerlegte ein Huhn und stocherte mit der Gabel in den Schüsseln herum, worin sich Tunke befand, um sich zu vergewissern, daß nicht etwa ein Papier auf dem Grunde läge.

Mein Essen war so reichlich, daß es für sechs genügt haben würde. Ich sagte ihm, er würde mir eine Ehre erweisen, wenn er mit mir speisen wollte, aber er antwortete mir, das sei streng verboten. Dieselbe Antwort gab er mir, als ich ihn fragte, ob ich die Zeitungen lesen dürfte.

Meine Schildwachen führten ein Götterleben, denn ich gab ihnen zu essen und bewirtete sie mit ausgezeichnetem Wein. Die armen Teufel behandelten mich denn auch mit aller erdenklichen Rücksicht.

Ich war sehr neugierig, zu erfahren, ob ich das gute Essen auf meine eigenen Kosten erhielt, aber es war mir nicht möglich, meine Neugier zu befriedigen; denn der Kellner aus dem Gasthof konnte nicht bis zu mir dringen.

In diesem Loch, worin ich zweiundvierzig Tage verbrachte, schrieb ich mit Bleistift und ohne ein anderes Hilfsmittel als mein Gedächtnis die ganze Widerlegung der Geschichte der Regierung von Venedig von Amelot de la Houssaye; die Stellen für die Zitate ließ ich frei, um sie einzufügen, wenn ich wieder in Freiheit wäre und das Werk selber vor Augen hätte.

Der Zufall fügte es, daß ich in meinem Gefängnis einen Augenblick lachen durfte, und das Lachen ist ein Vorrecht des vernunftbegabten Wesens, das oft zu wenig mit Vernunft begabt ist.

Um diese Geschichte zu erzählen, muß ich etwas weiter ausholen:

Ein Italiener, namens Tadini, kam nach Warschau, während ich mich in der polnischen Hauptstadt aufhielt. Er war an Tomatis empfohlen, und dieser empfahl ihn an mich. Dieser Tadini nannte sich einen Okulisten. Tomatis lud ihn manchmal zum Essen ein; ich, der ich damals nicht reich war, konnte ihm weiter nichts geben als gute Worte und eine Tasse Kaffee, wenn er zum Frühstück zu mir kam.

Tadini sprach überall von seinen Operationen und schimpfte auf einen anderen, seit zwanzig Jahren in Warschau ansässigen Augenarzt, weil dieser, wie er behauptete, nicht den Star zu stechen wüßte.

Der andere dagegen nannte ihn einen Scharlatan, der nicht einmal wisse, wie das Auge gebaut sei.

Tadini bat mich, zu seinen Gunsten mit einer Dame zu sprechen, die von dem anderen erfolglos operiert worden war, denn der Star war wiedergekommen.

Diese Dame war auf dem operierten Auge blind, aber mit dem anderen sah sie, und da die Geschichte heikel war, so sagte ich Tadini, ich wolle nichts damit zu tun haben.

»Ich habe mit der Dame gesprochen,« sagte der Italiener zu mir, »und habe ihr gesagt, daß Sie für mich bürgen können.«

»Daran haben Sie sehr unrecht getan, denn in solchen Dingen würde ich nicht einmal für den allergelehrtesten Menschen bürgen. Ihr Wissen aber kenne ich ja gar nicht.«

»Aber Sie wissen doch, daß ich Okulist bin.«

»Ich weiß, daß Sie als solcher bezeichnet werden; das ist aber auch alles. In Ihrem Beruf dürfen Sie keine Empfehlung von irgendeinem Menschen nötig haben; Sie müssen laut rufen: Operibus credite – glaubet meinen Werken! Das muß Ihr Wahlspruch sein.«

Er machte keine Einwendungen, legte mir aber eine Menge Zeugnisse vor, die ich vielleicht gelesen haben würde, wenn nicht das allererste, das er mir zeigte, von einer Person hergerührt hätte, die urbi et orbi verkündete, Herr Tadini habe sie vom schwarzen Star geheilt. Ich lachte ihm ins Gesicht und bat ihn, mich ungeschoren zu lassen.

Einige Tage darauf war ich mit ihm zum Essen bei der Dame mit dem grauen Star. Ich behandelte ihn freundlich und ließ ihn reden, jedoch mit der Absicht, die Dame rechtzeitig zu warnen, daß sie sich ihm nicht anvertrauen solle. Ich fand sie beinahe entschlossen, sich der Operation zu unterwerfen; da aber der Bursche mich als Zeugen angerufen hatte, so wünschte sie, daß ich bei einer Disputation zwischen ihm und dem Warschauer Okulisten zugegen wäre. Dieser kam nach Tisch.

Ich war mit dem größten Vergnügen bereit, die Gründe der beiden feindlichen Professoren anzuhören. Der Alte war ein Deutscher, sprach aber gut französisch. Er griff jedoch Tadini in lateinischer Sprache an. Dieser fiel ihm sofort ins Wort, indem er sagte, die Dame müsse doch verstehen können, was sie sagten. Dieser Meinung schloß ich mich an.

Offenbar aber verstand Tadini kein Wort Latein.

Der deutsche Augenarzt führte zunächst Gründe der Vernunft an. Er sagte: es sei allerdings wahr, daß das Stechen des grauen Stares dem Operateur und dem Operierten die Gewißheit gebe, daß der Star nicht wiederkommen werde; die Operation aber sei weniger sicher und setze außerdem den Kranken der Gefahr aus, blind zu werden, indem er die unersetzbare Kristallinse verliere.

Tadini hätte dies leugnen sollen, denn der Deutsche hatte unrecht; statt dessen beging er die Albernheit, eine kleine Schachtel hervorzuziehen, worin er kleine Kugeln hatte, die sehr schönen Kristallinsen glichen.

»Was soll das bedeuten?« fragte der alte Professor.

»Ich besitze die Kunst, diese Kügelchen anstatt der Kristallinsen in die Hornhaut einzusetzen.«

Hierüber lachte der Deutsche so laut und so anhaltend, daß die Dame sich nicht enthalten konnte, ebenfalls zu lachen. Ich hätte gerne mitgelacht, aber ich schämte mich, für einen dummen Ignoranten zu gelten, und verhielt mich schweigend.

Tadini glaubte ohne Zweifel, ich wolle mit diesem Schweigen das Lachen des Deutschen mißbilligen, und hoffte das Gewitter beschwören zu können, indem er sich an mich wandte.

Ich antwortete ihm: »Da Sie meine Meinung kennen zu lernen wünschen, so will ich sie Ihnen sagen: der Unterschied zwischen einem Zahn und der Kristallinse des Auges ist sehr groß und Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, man könne die Kristallinse in das Auge zwischen der Netzhaut und der Hornhaut einsetzen, wie Sie vielleicht an Stelle eines ausgerissenen hohlen Zahnes einen falschen Zahn in einen Kiefer einsetzen.«

»Mein Herr, ich habe keinem Menschen je einen Zahn eingesetzt!«

»Das kann wohl sein, aber sicherlich auch keine Kristallinse.«

Als ich diese Worte sagte, stand der freche Ignorant auf und ging hinaus. Daran tat er wohl, denn was hätte er anderes machen sollen?

Wir lachten noch lange über den Mann, und die Dame nahm sich fest vor, den unverschämten Menschen, der sehr gefährlich werden konnte, nicht mehr zu empfangen. Der Professor aber glaubte, ihn nicht stillschweigend verachten zu dürfen. Er ließ ihn vor das Kollegium der Fakultät zitieren, um in einer Prüfung seine Kenntnisse von der Einrichtung des menschlichen Auges zu zeigen. Außerdem brachte er einen komischen Artikel in die Zeitungen, worin er sich über die Einsetzung einer Kristallinse zwischen Netz- und Hornhaut lustig machte; dabei zitierte er den wunderbaren Künstler, der in Warschau wäre und diese Operation mit derselben Leichtigkeit vollzöge, wie ein Zahnarzt einen falschen Zahn einsetzte.

Wütend und verzweifelt lauerte Tadini dem alten Professor in einer Straße auf; er griff ihn mit gezücktem Degen an und zwang ihn, in ein Haus zu flüchten.

Nach dieser schönen Heldentat verließ er ohne Zweifel die Stadt zu Fuß; denn man sah ihn nicht wieder.

Man stelle sich also meine Überraschung und meine Lachlust vor, als ich eines Tages durch das vergitterte Türfenster meines Calabozo, worin ich vor Langeweile umkam, den Okulisten Tadini sah, der in weißer Uniform mit aufgepflanztem Bajonett als Schildwache dastand. Ich weiß nicht, wer von uns beiden am meisten erstaunt war. Jedenfalls fiel der arme Teufel aus den Wolken, als er trotz der Dunkelheit mich endlich erkannte. Aber ihm war nicht lächerlich zumute, während ich mich nicht enthalten konnte, während der ganzen zwei Stunden bis zu seiner Ablösung aus vollem Halse zu lachen.

Nachdem ich ihm tüchtig zu essen gegeben und ihn mehrere Gläser meines ausgezeichneten Weines hatte trinken lassen, schenkte ich ihm einen Taler und versprach ihm eine gleiche Bewirtung für jedes Mal, wo er auf Posten sein würde. Er kam jedoch nur viermal wieder, denn die Soldaten rissen sich darum, tagsüber vor meinem Gefängnis Wache zu stehen.

Tadini belustigte mich, indem er mir alles Unglück erzählte, das ihm seit seinem Fortgange von Warschau widerfahren war. Nachdem er viel gereist, aber nirgendswo das Glück getroffen hatte, war er nach Barcelona gekommen, wo die katalonischen Gesetze auf seine Würde als Okulist keine Rücksicht genommen hatten. Da er keine Empfehlungen hatte und kein Universitätsdiplom besaß, so wollte man mit ihm ein Examen in lateinischer Sprache anstellen. Er weigerte sich jedoch, sich diesem zu unterziehen, indem er erklärte, die lateinische Sprache habe mit den Augenkrankheiten nichts zu schaffen. Man begnügte sich nicht, ihn wie an anderen Orten einfach auszuweisen – worin er sich gefügt hätte, zumal da er daran gewöhnt war – sondern man hatte ihn zum Soldaten gemacht.

Nachdem ich ihm Verschwiegenheit versprochen hatte, vertraute er mir an, er würde bei der nächsten Gelegenheit desertieren, wollte jedoch sicher sein, daß er nicht auf die Galeren käme.

»Und was haben Sie mit Ihren Kristallinsen gemacht?«

»Auf diese habe ich seit Warschau verzichtet, obgleich ich sicher bin, daß sie Erfolg haben müssen.«

Er hatte niemals eine praktische Erfahrung damit gemacht.

Ich habe nicht wieder von ihm sprechen hören.

Am 28. Dezember, sechs Wochen nach dem Tage meiner Verhaftung, kam der wachthabende Offizier und forderte mich auf, mich anzukleiden und ihm zu folgen.

»Wohin gehen wir?«

»Es wartet auf Sie ein Beamter des General-Kapitäns; diesem werde ich Sie übergeben.«

Ich kleidete mich in aller Eile an, und nachdem ich alle Sachen, die ich dort hatte, in einen Mantelsack gepackt hatte, folgte ich ihm.

In der Wachtstube übergab er mich demselben höflichen Beamten, der mich verhaftet hatte. Dieser führte mich nach dem Palast des Statthalters, wo ein Regierungsbeamter mir meinen Koffer zeigte und mir sagte, alle meine Papiere seien darin. Hierauf übergab er mir meine drei Pässe mit den Worten, sie seien in Ordnung.

»Das weiß ich und wußte ich.«

»Ich zweifle nicht daran, aber man hat starke Gründe gehabt, das Gegenteil zu glauben.«

»Das müssen Gründe sein, die ich mir nicht denken kann; denn, wie Sie sehen, waren diese Gründe unbegründet.«

»Sie werden begreifen, Señor, daß ich auf eine solche Bemerkung nicht antworten kann.«

»Das verlange ich auch nicht.«

»Euer Gnaden sind vollkommen gerechtfertigt; indessen erteile ich Ihnen hierdurch den Befehl, Barcelona in drei Tagen zu verlassen und Katalonien in acht.«

»Selbstverständlich werde ich gehorchen; aber ich hoffe, alle ehrlichen Leute der ganzen Welt, und Sie zu allererst, werden zugeben, daß dieser Befehl kaum dazu angetan ist, die mir widerfahrene Ungerechtigkeit wieder gut zu machen.«

»Es steht in Ihrer Macht, nach Madrid zu gehen und sich bei Hofe zu beschweren, wenn Sie Anlaß zu Klagen zu haben glauben.«

»Ich habe sehr großen Anlaß zu Klagen, mein Herr, aber ich werde nach Frankreich gehen und nicht nach Madrid: ich habe von Spanien genug. Wollen Sie mir wohl den Befehl schriftlich geben, den Sie mir erteilt haben?«

»Das ist nicht nötig. Sie haben ihn ja verstanden. Ich heiße Emanuel Badillo und bin Sekretär der Regierung. Der Herr wird Sie nach Santa Maria in dasselbe Zimmer bringen, worin er Sie verhaftet hat. Sie werden dort alles finden, was Sie zurückgelassen haben. Sie sind frei. Morgen werde ich Ihnen den von Seiner Exzellenz, dem General-Kapitän, und von mir unterzeichneten Paß schicken. Leben Sie wohl, mein Herr.«

Begleitet von dem Zivilbeamten und einem Bedienten, der meinen Koffer trug, begab ich mich nach meinem Gasthof. Unterwegs las ich die Theateranzeige für denselben Abend und sagte: »Gut, ich werde die Oper sehen.«

Mein guter Schweizer strahlte vor Freude, als er mich wiedersah, und ließ mir schnell ein gutes Feuer anzünden; denn bei dem Nordwind war es außerordentlich kalt. Er versicherte mir, kein Mensch außer ihm habe mein Zimmer betreten, und übergab mir in Gegenwart des Beamten meinen Degen, meinen Überrock und außerdem, zu meinem großen Erstaunen, meinen Hut, den ich bei meinem Sturz auf der Flucht vor den Mördern verloren hatte. Der Beamte ließ hierauf ebenfalls alles, was ich in dem Turm der Zitadelle zurückgelassen hatte, auf mein Zimmer bringen und fragte mich, ob ich irgendwelche Ansprüche an ihn hätte.

»Nicht den geringsten, mein Herr.«

»Ich wäre glücklich, wenn Sie anerkennen wollten, daß ich nur meine Pflicht getan habe und daß Sie sich nicht über mich zu beklagen haben.«

Ich streckte ihm die Hand hin und versicherte ihn meiner Achtung.

»Leben Sie wohl, mein Herr, ich wünsche Ihnen glückliche Reise.«

Diese Erzählung ist in allen Einzelheiten wahr; sie könnte, wenn das der Mühe wert wäre, von mehreren Personen bezeugt werden. Aber sie ist noch nicht zu Ende:

Ich sagte meinem guten Schweizer, ich würde um zwölf Uhr zu Mittag essen, und er müßte daran denken, mir zur Feier meiner Befreiung ein Festmahl zu rüsten; hierauf ging ich mit meinem Bedienten nach der Post, um nachzufragen, ob Briefe für mich da seien. Ich fand fünf oder sechs, die völlig unversehrt waren, worüber ich mich ebenfalls in hohem Grade verwunderte. Denn wie kann man begreifen, daß eine Behörde einen Menschen aus irgendwelchen Verdachtsgründen seiner Freiheit beraubt und sich dann selbstverständlich auch seiner Papiere bemächtigt, zugleich aber das Geheimnis der Briefe achtet, die an ihn adressiert sind? Ich glaube, schon gesagt zu haben: Spanien ist ein Land, wo alles anders ist als sonst auf der Welt.

Diese Briefe kamen von Paris, Venedig, Warschau und Madrid, und ich hatte keinen Anlaß zum Verdacht, daß die Behörde einen anderen beseitigt hätte.

Nachdem ich in meinen Gasthof zurückgekehrt war, um in aller Bequemlichkeit meine Briefe zu lesen, ließ ich meinen Wirt kommen und fragte ihn nach meiner Rechnung.

»Mein Herr, Sie sind mir nichts schuldig. Hier ist die Rechnung über Ihre Ausgaben seit Ihrer Verhaftung; wie Sie sehen, ist sie beglichen. Außerdem habe ich von derselben Seite den Befehl erhalten, Ihnen im Gefängnis und solange Sie überhaupt in Barcelona bleiben, alles zu liefern, was Sie wünschen könnten.«

»Haben Sie gewußt, wie lange Zeit ich im Gefängnis bleiben sollte?«

»Nein, mein Herr; man hat mich am Ende jeder Woche bezahlt.«

»In wessen Auftrag?«

»Das wissen Sie.«

»Haben Sie irgendeinen Brief für mich empfangen?«

»Nichts.«

»Und was ist während meiner Haft aus dem Lohndiener geworden?«

»Nach Ihrer Verhaftung zahlte ich ihm seinen Lohn und entließ ihn; jetzt habe ich in bezug auf ihn keinerlei Befehl.«

»Ich wünsche, daß der Mann mich bis Perpignan begleitet.«

»Sie haben recht, und ich glaube, Sie tun gut daran, Spanien zu verlassen, denn Gerechtigkeit werden Sie hier nicht finden.«

»Was hat man zu dem Mordanfall gesagt?«

»O, das ist sehr komisch! Man sagt, den Büchsenschuß, den man hörte, hätten Sie selber abgefeuert; ebenso hätten Sie selber Ihren Degen blutig gemacht; denn man behauptet, man habe weder einen Toten noch einen Verwundeten gefunden.«

»Das ist scherzhaft; und mein Hut?«

»Man hat ihn mir drei Tage später gebracht.«

»Welches Chaos! Aber wußte man, daß ich im Turm saß?«

»Die ganze Stadt wußte es, und man führte zwei gute Gründe dafür an, den einen öffentlich, den anderen im Vertrauen.«

»Und was sind das für Gründe?«

»Der öffentlich bekannt gegebene Grund: daß Ihre Pässe falsch wären; der Grund, den man sich ins Ohr flüsterte: daß Sie alle Nächte mit der Nina verbrächten.«

»Sie hätten bezeugen können, daß ich keine Nacht außer dem Hause geschlafen habe.«

»Das habe ich auch zu jedermann laut gesagt; aber das war einerlei: Sie gingen zu Nina, und für einen gewissen hohen Herrn ist das ein Verbrechen. Ich glaube aber jetzt, Sie haben gut daran getan, daß Sie nicht die Flucht ergriffen, wie ich es Ihnen riet; denn jetzt stehen Sie vor aller Welt gerechtfertigt da.«

»Ich will heute Abend in die Oper gehen, aber nicht ins Parkett. Ich bitte Sie, mir eine Loge für mich allein zu besorgen.«

»Sie sollen sie erhalten. Aber, mein guter Herr, Sie werden nicht zur Nina gehen, nicht wahr?«

»Nein, mein braver Mann, ich bin entschlossen, nicht mehr hinzugehen.«

Im Augenblick, wo ich mich zum Essen niedersetzen wollte, brachte ein Bankkommis mir einen Brief, der mir eine angenehme Überraschung bereitete, denn er enthielt die Wechsel, die ich in Genua dem Marchese Augustino Grimaldi de la Pietra gegeben hatte, nebst folgenden Zeilen:

Passano ersucht mich vergebens, diese Wechsel nach Barcelona zu schicken, um Sie verhaften zu lassen. Ich schicke sie, aber um sie Ihnen zu schenken und Sie dadurch zu überzeugen, daß ich nicht der Mann bin, die Leiden von Menschen zu vermehren, die ohnehin schon vom Schicksal verfolgt werden.

Genua, den 30. November 1768.

Das war der vierte Genuese, der sich gegen mich wie ein wirklicher Held betrug. Mußte ich um dieser vier braven Männer willen ihrem scheusäligen Landsmann Passano verzeihen?

Ich fühlte mich solcher Tugend nicht fähig. Ich dachte, es wäre besser, wenn ich diesen Räuber beseitigte, der über alle Genuesen Schimpf und Schande brächte; aber ich habe vergeblich gewünscht, eine Gelegenheit dazu zu finden. Einige Jahre später erfuhr ich, daß der Elende in größter Armut in seiner Heimatstadt gestorben sei.

Die hochherzige Handlungsweise des Herrn Grimaldi machte mich neugierig zu erfahren, was aus Passano geworden sei. Ich wußte, daß er als Gefangener in der Kaserne geblieben war, als man mich in den Turm brachte, und es war für mich wichtig, seinen Aufenthaltsort zu wissen, um ihn entweder wenn möglich zu vernichten, wenn er etwa imstande sein sollte, mir zu schaden, oder um gegen einen solchen Mordgesellen auf der Hut zu sein.

Ich teilte meinen Wunsch dem Wirte mit, und dieser beauftragte den Lohndiener, sich zu erkundigen.

Ich konnte aber weiter nichts entdecken, als folgendes: Ascanio Pogomas, genannt Passano, war gegen Ende November aus dem Gefängnis entlassen worden, und man hatte ihn auf eine Feluke gebracht, die nach Toulon segelte.

Ich schrieb am selben Tage einen langen Brief an Herrn Grimaldi, um ihm meine lebhafte Dankbarkeit auszudrücken. Mit solchen Gefühlen der Dankbarkeit mußte ich die tausend Zechinen bezahlen, die ich ihm schuldig war, und ihm für seine wahrhaft großmütige Handlungsweise danken; denn wenn er auf die Ratschläge meines niederträchtigen Feindes gehört hätte, hätte er mich furchtbar unglücklich machen können.

Mein Wirt hatte eine Loge auf meinen Namen genommen. Zwei Stunden darauf wurden zum großen Erstaunen der ganzen Stadt die Theaterzettel mit einer Ankündigung überklebt, worin es hieß, zwei von den Sängern seien plötzlich unwohl geworden; die angekündigte Vorstellung finde daher nicht statt, und das Theater sei bis zum 2. Januar geschlossen.

Dieser Befehl konnte nur vom Grafen Ricla ausgehen, und alle Welt erriet die Ursache.

Es tat mir sehr leid, unschuldigerweise die große Stadt ihres einzigen leidlichen Vergnügens zu berauben, und ich beschloß, überhaupt nicht auszugehen. Dies schien mir das beste Mittel, den Eifersüchtigen über seine tyrannische Willkür erröten zu machen.

Petrarca sagt:

Amor che fa gentile un cor villano.

Wenn er den Liebhaber der verruchten Nina gekannt hätte, hätte er das Gegenteil von ihr sagen können:

Amor che fa villan un cor gentile.

In einem Monat werde ich etwas mehr über diese dunkle Geschichte sagen können.

Wäre ich nicht ein bißchen abergläubisch gewesen, so wäre ich am selben Tage abgereist; aber ich wollte am letzten Tage des unglückseligen Jahres abreisen, das ich in Spanien erlebt hatte. Ich brachte also meine drei Tage damit zu, an alle meine Bekannten eine Menge Briefe zu schreiben.

Don Miguel de Cevallos, Don Diego de la Secada und der Graf von Peralada besuchten mich, ohne jedoch einander zu treffen. Dieser Herr de la Secada war ein Oheim der Gräfin A. B., die ich in Mailand gekannt hatte. Diese drei Herren erzählten mir einen sehr eigentümlichen Umstand, der ebenso sonderbar ist wie die anderen, aus denen sich meine Erlebnisse in Barcelona zusammensetzen.

Am 26. desselben Monats, also zwei Tage vor meiner Befreiung, fragte der Abbate Marquisio, Gesandter des Herzogs von Modena, den Grafen Ricla in Gegenwart vieler Leute, ob er mir einen Besuch machen könne, um mir einen Brief zu übergeben, den er mir nur persönlich zustellen könne, und den er sonst zu seinem großen Bedauern mit sich nach Madrid nehmen müsse, wohin er am nächsten Tage abreise.

Zum großen Erstaunen aller Anwesenden antwortete der Graf nichts, und der Abbate reiste wirklich am nächsten Tage ab.

Ich schrieb diesem Abbate, den ich nicht kannte; aber ich habe niemals erfahren können, was aus diesem so sorgfältig behandelten Briefe, der meine Neugier im höchsten Maße erregte, geworden ist.

Es ist sonnenklar, daß ich nur durch Willkür des armen Grafen Ricla verhaftet worden war. Nina machte sich über den Eifersüchtigen lustig, und die schöne Verbrecherin hatte sich den Spaß gemacht, ihm einzubilden, sie mache mich mit ihrer Liebe glücklich. Meine Pässe konnten nur ein Vorwand sein; denn wenn man überhaupt an ihrer Echtheit zweifelte, so hätte man sie in acht oder zehn Tagen nach Madrid schicken und wieder zurückhaben können. Wenn Passano gewußt hätte, daß ich einen Paß vom König besaß, so hätte er allerdings darauf aufmerksam machen können, daß dieser falsch wäre; denn um eine solche Ehre zu erlangen, hätte ich einen Paß vom venetianischen Botschafter beibringen müssen, und dies konnte nicht möglich sein, weil ich bei den Staatsinquisitoren in Ungnade war. Er hätte sich allerdings getäuscht, aber dies wäre entschuldbar gewesen, und es wäre ihm gelungen, mir Unannehmlichkeiten zu verursachen.

Als ich mich gegen Ende August entschlossen hatte, mich von meiner reizenden Doña Ignazia zu trennen und Madrid für immer zu verlassen, bat ich den Grafen Aranda um einen Paß. Er antwortete mir, nach der herkömmlichen Regel könne er mir einen solchen nur ausstellen, wenn ich ihm einen Paß vom venetianischen Gesandten bringe, der mir, so sagte er, einen solchen nicht verweigern könne.

Sehr zufrieden mit diesem Bescheide, begab ich mich nach dem Gesandtschaftspalast. Da Herr Querini in San Jldefonso war, sagte ich dem Türsteher, ich hätte mit dem Gesandtschaftssekretär zu sprechen.

Der Türsteher meldete mich an, aber der Geck erlaubte sich, mich nicht empfangen zu wollen. Entrüstet schrieb ich ihm, ich sei nicht Hl l in den Palast Seiner Exzellenz des venetianischen Gesandten gekommen, um seinem Sekretär meine Aufwartung zu machen, sondern um einen Paß zu verlangen, den er mir nicht verweigern könne. Ich unterzeichnete mit meinem Namen und mit meinem Titel als Doktor der Rechte und hat ihn, den Paß beim Türsteher zu hinterlegen, bei dem ich ihn am nächsten Tage abholen würde.

Am nächsten Tage fand ich mich ein, und der Türhüter sagte mir, er habe Auftrag, mir mitzuteilen, daß der Gesandte mündlich Befehl hinterlassen habe, mir keinen Paß zu geben.

Wütend schrieb ich sofort an den Marques Grimaldi und an den Herzog von Lossaba und bat sie, dem venetianischen Gesandten zu sagen, er möchte mir einen regelrechten Paß schicken, sonst würde ich die schmachvolle Ursache veröffentlichen, durch die sein Oheim Mocenigo veranlaßt worden wäre, mich in Ungnade zu stürzen.

Ich weiß nicht, ob die Herren meinen Brief dem Gesandten Querini zeigten, aber ich weiß, daß der Sekretär Olivieri mir den Paß schickte.

Auf Grund dieses Passes schickte Graf Aranda mir einen anderen Paß, der vom König unterzeichnet war.

Am letzten Tage des Jahres verließ ich Barcelona mit meinem Bedienten, der auf meiner Kalesche hinten aufsaß. Mit dem Fuhrmann hatte ich einen Vertrag gemacht, wonach ich in kleinen Tagereisen am 3. Januar 1769 in Perpignan ankommen sollte.

Mein Fuhrmann war ein Piemontese, ein braver Mann. Als ich am zweiten Tage in einem Wirtshaus an der Straße beim Mittagessen saß, trat er mit meinem Bedienten in ein Zimmer und fragte mich, ob ich vielleicht annehmen könnte, daß ich verfolgt würde.

»Das wäre wohl möglich; warum fragen Sie danach?«

»Ich sah gestern bei unserer Abfahrt aus Barcelona drei bewaffnete und übel aussehende Männer zu Fuß. Die letzte Nacht haben sie bei meinen Maultieren im Stall geschlafen. Heute haben sie hier zu Mittag gegessen und vor dreiviertel Stunden sind sie vorausgegangen. Die Leute sprachen mit keinem Menschen; sie sind mir verdächtig.«

»Was können wir tun, um nicht ermordet zu werden oder um uns von einem lästigen Verdacht zu befreien?«

»Wir können später fahren und bei einem mir bekannten Wirtshaus anhalten, das eine Wegstunde diesseits der gewöhnlichen Station liegt, wohin die Leute gegangen sein werden, um uns zu erwarten. Sehen wir sie umkehren und in demselben Wirtshaus, wo wir sind, übernachten, so wird kein Zweifel mehr sein.«

Dies schien mir richtig gedacht zu sein. Wir fuhren später als gewöhnlich ab, und ich ging fast den ganzen Weg zu Fuß. Um fünf Uhr machten wir Halt. Es war eine schlechte Herberge, aber wir sahen wenigstens die drei verdächtigen Gestalten nicht.

Als ich um acht Uhr beim Abendessen saß, trat mein Bedienter ein und sagte mir, die drei Kerle wären zurückgekommen und säßen im Stall, wo sie mit dem Fuhrmann trinken.

Meine Haare sträubten sich mir auf dem Kopf. Es war kein Zweifel mehr.

Im Gasthof hatte ich nichts zu befürchten, um so mehr aber an der Grenze, wo wir in der Dämmerung des nächsten Tages ankommen mußten. Ich ermahnte meinen Bedienten, sich nichts merken zu lassen, und befahl ihm, dem Fuhrmann Bescheid zu sagen, daß er mit mir sprechen möchte, sobald die drei Mörder schliefen. Um zehn Uhr kam der brave Mann und sagte mir ohne alle Umschweife, die drei Kerle würden uns ermorden, sobald wir an der französischen Grenze wären. »Sie haben mit Ihnen getrunken?«

»Ja, nachdem wir einige Flaschen geleert hatten, die ich bezahlte, fragte einer von ihnen mich, warum ich nicht bis zur nächsten Station gefahren wäre, wo Sie doch bessere Unterkunft gefunden hätten. Ich antwortete ihm, es wäre Ihnen zu kalt gewesen und wir hätten uns verspätet gehabt. Ich hätte sie fragen können, warum sie nicht selber dort geblieben wären und wohin sie gingen. Ich habe mich aber wohl gehütet und sie nur gefragt, ob die Straße bis Perpignan gut sei. Sie haben mir geantwortet, sie sei ausgezeichnet.«

»Was tun sie jetzt?«

»Sie schlafen, in ihre Mäntel eingewickelt, neben meinen Maultieren.«

»Was sollen wir tun?«

»Wir werden vor Tagesanbruch abfahren, jedoch selbstverständlich erst nach ihnen, und werden auf der gewöhnlichen Haltestelle zu Mittag essen. Von diesem Augenblicke an verlassen Sie sich nur auf mich: wir fahren nach ihnen ab, ich werde in gutem Trabe einen anderen Weg einschlagen, und um Mitternacht sind wir heil und gesund in Frankreich. Sie können sich auf meine Worte verlassen.«

Hätte ich eine Bedeckung von vier bewaffneten Männern erhalten können, so würde ich den Rat des Piemontesen nicht befolgt haben. Aber in der Lage, in der ich mich befand, konnte ich nichts Besseres tun, als ihm folgen.

Wir fanden die drei Halunken an dem von meinem Fuhrmann mir bezeichneten Ort. Ich sah sie scharf an. Sie sahen wie richtige Halsabschneider aus, die für ein paar kleine Münzen den ersten besten töten würden.

Eine Viertelstunde darauf brachen sie auf. Eine halbe Stunde später kehrte mein braver Fuhrmann um und nahm einen Bauern als Führer an; mein Bedienter hatte sich in den Wagen neben mich gesetzt, der Bauer stieg hinten auf, um dem Kutscher Bescheid zu sagen, wenn er sich im Wege irren sollte. Er bog in einen Seitenweg ein und ließ seine Maultiere fortwährend traben, so daß wir in sieben Stunden elf französische Meilen machten. Um zehn Uhr kamen wir an ein gutes Wirtshaus in einem großen Dorf des lieben Frankreichs, wo wir nichts mehr zu befürchen hatten. Ich schenkte dem Führer eine Dublone, so daß er mit diesem guten Nebengeschaft sehr zufrieden war, und gab mich selber in einem ausgezeichneten französischen Bett einem köstlichen Schlummer hin. Hoch Frankreich für seine guten Betten und für seine köstlichen Weine!

Am nächsten Tage kam ich zur Essenszeit vor dem Gasthof zur Post in Perpignan an. Nun erst war ich ganz sicher, mein Leben gerettet zu haben; ich verdankte es meinem ehrlichen Fuhrmann.

Ich zerbrach mir den Kopf, um zu erraten, wer die Räuber bezahlt haben könnte. Bald wird der Leser sehen, wie ich zwanzig Tage später dies erfuhr.

In Perpignan entließ ich meinen Bedienten, den ich ebenso wie meinen braven Fuhrmann so reichlich belohnte, wie es mir in Anbetracht meiner damaligen Mittel möglich war. Hierauf schrieb ich meinem Bruder nach Paris und teilte ihm mit, daß ich den Nachstellungen von drei Mördern glücklich entronnen sei. Ich bat ihn, mir nach Aix in der Provence zu antworten, wo ich in der Hoffnung, den Marquis d’Argens zu treffen, vierzehn Tage zu verbringen gedachte.

Ich verließ Perpignan am Tage nach meiner Ankunft und übernachtete in Narbonne; den Tag daraus fuhr ich bis Béziers.

Von Narbonne bis Béziers sind nur fünf französische Meilen, und es war nicht meine Absicht gewesen, hier die Tagereise zu beschließen; aber, wie mein Leser weiß, hat gutes Essen immer einen verführerischen Reiz für mich gehabt. Diese Leidenschaft wird Gott sei Dank nicht mit dem Alter schwächer, wie die andere so süße Leidenschaft, die sich zu einer Qual verwandelt, wenn das Alter uns unsere körperlichen Kräfte genommen hat. Das gute Essen also, das ausgezeichnete Essen, das die liebenswürdigste aller Wirtinnen mir zu Mittag vorsetzte, veranlaßte mich, mit ihr und ihrer ganzen Familie zu Abend zu essen.

Béziers ist eine Stadt, deren herrliche Lage man auch in der schlechten Jahreszeit mit Vergnügen sieht. Keine Stadt eignet sich so sehr zur Alterszuflucht für einen Philosophen, der auf alle Eitelkeiten der Erde verzichtet hat, oder für einen wollüstigen Epikuräer, der alle Freuden der Sinne genießen möchte, ohne reich zu sein.

Der Geist ist ein einheimisches Produkt dieses Landes; alle Welt hat Geist; das weibliche Geschlecht ist schön, und man ißt ausgezeichnet für einen bescheidenen Preis. Wie man weiß, sind die Weine köstlich und billig. Was kann man mehr wünschen? Hoffentlich wird die Gegend nicht durch zu großen Fremdenzustrom verdorben, und vielleicht werde ich eines Tages … Aber verlieren wir uns nicht in eitle Pläne!

Nachdem ich in Pézénas übernachtet hatte, kam ich in Montpellier an und stieg im Gasthof zum weißen Roß ab, mit der Absicht, acht Tage in der Stadt zu verbringen. Am Abend speiste ich an der Wirtstafel; die Gesellschaft war zahlreich, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß ebenso viele Schüsseln auf dem Tisch standen, wie Esser vorhanden waren. Nirgendwo in Frankreich, selbst in Béziers nicht, ißt man besser als in Montpellier. Es ist ein wahres Schlaraffenland.

Am nächsten Morgen ging ich zum Frühstück ins Kaffeehaus. Dies ist eine göttliche Einrichtung, die man nur in Frankreich gut antrifft, wo man überhaupt sich auf Lebenskunst besser versteht als in allen anderen Ländern. Ich knüpfte mit einem der Gäste ein Gespräch an, und als er erfuhr, daß ich ein Fremder sei und Professoren kennen zu lernen wünschte, erbot er sich, mich selber zu einem der berühmtesten zu führen.

Diese Dienstwilligkeit ist auch wieder eine von den herrlichen Eigenschaften des französischen Charakters. Die französische Nation ist überhaupt in mancher Hinsicht allen anderen überlegen, trotz ihren zahlreichen Fehlern, die man vielleicht zu sehr übertrieben hat. Für einen Franzosen in seinem Lande ist ein Fremder ein geheiligtes Wesen; überall empfängt ihn Gastfreundschaft im besten Sinne des Wortes – nicht jene Gastfreundschaft, die darin besteht, dem Gast die Füße zu waschen, ihm einen Platz am Tisch und am Kamin zu geben, sondern jene Herzlichkeit, jene feine Zuvorkommenheit, die es ihm behaglich macht und es ihm erleichtert, alles kennen zu lernen, was ihn interessieren kann.

Mein neuer Bekannter stellte mich dem Professor vor, der mich mit jener Freundlichkeit empfing, die nach der Meinung der französischen Gelehrten mit Recht für die schönste Blume in Apollos Kranz angesehen wird. Der wahre Gelehrte muß der Freund aller sein, die die Wissenschaft lieben, und er ist es in Frankreich noch mehr als in Italien. In Deutschland ist der Gelehrte geheimtuerisch und zurückhaltend. Er glaubt sich zu sehr verpflichtet, als ganz anspruchslos zu erscheinen, während für ein schwaches Auge der Dünkel überall hervorsieht; dieses Vorurteil verhindert ihn, sich die Freundschaft der Fremden zu erwerben, die ihn aufsuchen, um ihn in der Nähe zu bewundern und die Milch seiner Weisheit zu saugen.

In Montpellier war damals eine ausgezeichnete Schauspielertruppe. Ich ging noch an demselben Abend ins Theater, und meine Seele weitete sich vor Glück, weil ich mich wieder in der wohltuenden Luft Frankreichs befand, nachdem ich in Spanien so viele Leiden ausgestanden hatte. Mir war, als sei ich eben wiedergeboren; ich fühlte mich verjüngt, aber auch verwandelt, denn ich hatte auf der Bühne mehrere Schauspielerinnen von reizender Anmut, Jugend und Schönheit gesehen; und doch hatten sie keinerlei Wunsch in mir erregt, und das war mir angenehm.

Ich hatte den lebhaften Wunsch, die Castelbajac wiederzusehen, viel mehr, um mich zu freuen, wenn es ihr gut gehen sollte, oder mit ihr das Bißchen zu teilen, was ich besaß, als in der Hoffnung, unsere Beziehungen wieder anzuknüpfen; aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte, um sie zu entdecken.

Ich hatte an sie unter dem Namen Madame Blasin geschrieben; aber sie hatte meinen Brief nicht erhalten, weil sie sich diesen Namen willkürlich beigelegt hatte. Ihren richtigen Nnmen hatte sie mir nicht angegeben, überdies befürchtete ich, ihr vielleicht zu schaden, wenn ich mich nach ihr erkundigte.

Da ich wußte, daß ihr Mann Apotheker sein sollte, so beschloß ich, mich mit allen Apothekern von Montpellier bekannt zu machen.

Unter dem Vorwande, zu chemischen Experimenten einiger wenig bekannter Stoffe zu bedürfen, unterhielt ich mich über die Verschiedenheit des Apothekenwesens in Frankreich und in den fremden Landern, die ich besucht hatte. Wenn ich mit dem Herrn selber sprach, so hoffte ich, daß er mit seiner Frau über den Fremden sprechen würde, der dieselben Länder besucht hätte, wo sie gewesen wäre; ich dachte mir, dadurch würde sie neugierig werden, mich kennen zu lernen. Wenn ich dagegen mit einem Gehilfen spräche, so würde ich bald alles erfahren, was die Familie seines Herrn beträfe, und wenn das nicht zu meinen Nachforschungen passen würde, so würde ich gehen.

Am dritten Tage endlich gelang mir mein Plan. Ich erhielt von meiner früheren Freundin einen Brief, worin sie mir schrieb, sie habe mich mit ihrem Gatten in seinem Laboratorium sprechen sehen. Sie bitte mich, zu der und der Stunde wiederzukommen und ihrem Mann auf seine Fragen nichts weiter zu sagen, als daß ich sie als Spitzenhändlerin unter dem Namen eines Fräuleins Blasin in England, Spaa, Leipzig und Wien gekannt und daß ich mich in Wien ihrer angenommen habe, um ihr den Schutz des Botschafters zu verschaffen. Sie beendete ihren Brief mit den Worten: »Ich zweifle nicht daran, daß mein guter Mann zum Schluß mich triumphierend als seine liebe Frau vorstellen wird.«

Ich befolgte ihre Vorschrift. Der Biedermann freute sich, als er mich wiedersah, und fragte mich, ob ich irgendwo eine junge Spitzenhändlerin, namens Fräulein Blasin, aus Montpellier kennen gelernt hätte.

»Ja, ich erinnere mich sehr wohl dieser sehr liebenswürdigen und sehr anständigen jungen Dame, aber ich weiß nicht, ob sie aus Montpellier war. Sie war hübsch und anständig, und ich glaube, sie machte gute Geschäfte. Ich habe sie mehrere Male an verschiedenen Orten Europas gesehen, das letzte Mal in Wien, wo ich das Glück hatte, ihr nützlich zu sein. Ihre gute Aufführung verschaffte ihr die Achtung aller Damen, mit denen sie in Berührung kam. Die Dame, bei der ich sie in England kennen lernte, war sogar nichts geringeres als eine Herzogin.«

»Würden Sie sie wieder erkennen, wenn Sie sie sähen?«

»Das will ich meinen. Eine so hübsche Frau! Ist sie in Montpellier? Wenn sie hier ist, fragen Sie sie nach dem Chevalier de Seingalt.«

»Mein Herr, Sie können selber mit ihr sprechen, wenn Sie mir die Ehre erweisen wollen, mir zu folgen.«

Mir klopfte das Herz, aber es gelang mir, mich zu beherrschen.

Der biedere Apotheker ging voran, stieg eine Treppe hinauf, öffnete im ersten Stock eine Tür und sagte zu mir: »Da ist sie.«

»Wie, mein Fräulein, Sie hier? Ich bin entzückt. Sie zu sehen.«

»Mein Herr, es ist kein Fräulein, sondern meine liebe Frau, wenn Sie nichts dagegen haben, und ich bitte Sie, sich dadurch nicht abhalten zu lassen, sie zu umarmen.«

»Das ist eine Ehre, die ich niemals gehabt habe; aber ich tue es mit großem Vergnügen. Sie sind also nach Montpellier gekommen, um sich zu verheiraten? Ich wünsche Ihnen allen beiden Glück und danke für mich dem glücklichen Zufall. Sagen Sie mir, ob Sie von Wien nach Lyon eine gute Reise gehabt haben?«

Madame Blasin – ich muß sie wohl auch weiter hier unter diesem Namen bezeichnen – erzählte mir irgendwelche Geschichte und fand in mir einen ebenso guten Schauspieler, wie sie selber war.

Unser Vergnügen über dieses Wiedersehen war groß; aber die Freude, die der gute Apotheker empfand, als er sah, wie ehrfurchtsvoll ich seine keusche Gattin behandelte, war unzweifelhaft noch viel größer.

Eine volle Stunde lang erzählten wir uns Geschichten, die lediglich unserer Einbildungskraft entsprungen waren, aber den Eindruck unverfälschter Wahrheit machten.

Sie fragte mich, ob ich den Karneval in Montpellier zu verbringen gedächte, und nahm eine gekränkte Miene an, als ich ihr sagte, ich würde am nächsten Tage abreisen.

Ihr Mann erklärte sofort, das sei nicht möglich. Sie selber sagte ebenfalls: »Oh, das werden Sie doch hoffentlich nicht tun! Sie müssen unbedingt meinem Mann die Ehre erweisen, ihm zwei Tage zu schenken, um übermorgen in unserer Familie zu speisen.«

Nachdem ich mich durch den Gatten ziemlich lange hatte bitten lassen, gab ich endlich nach und nahm ihr Familienessen für den übernächsten Tag an.

Ich widmete ihnen nicht nur zwei Tage, sondern vier. Die Mutter des Apothekers war eine durch ihre Weisheit sowohl wie ihr Alter ehrwürdige Dame. Sie hatte wie ihr Sohn alles vergessen, was sie hätte verhindern können, ihre Schwiegertochter mit mütterlicher Zärtlichkeit zu lieben.

Bei unseren Unterhaltungen, die wir unter vier Augen hatten, versicherte Madame Blasin mir in einem Tone schlichter Einfachheit, sie sei glücklich, und ich hatte allen Anlaß, ihr dies zu glauben. Sie hatte es sich zum Gesetz gemacht, alle Pflichten einer ehrbaren Frau und guten Gattin gewissenhaft zu erfüllen, und ging nur selten ohne ihre Schwiegermutter oder ihren Mann aus.

Ich verbrachte diese vier Tage in der süßen Zufriedenheit einer, aufrichtigen und reinen Freundschaft, ohne daß die Erinnerung an unsere früheren Liebesfreuden in uns den Wunsch erregte, sie zu erneuern. Wir brauchten unsere Gedanken nicht auszusprechen, um sie gegenseitig zu kennen. Am Tage vor meiner Abreise speiste ich mit ihr und ihrem Gemahl zu Mittag; als wir nach Tisch einen Augenblick allein waren, sagte sie mir: wenn ich fünfzig Louis brauchen sollte, so wüßte sie, wo sie sich diese Summe verschaffen könnte. Ich bat sie, mir dieses Geld für ein anderes Mal aufzuheben, wenn ich das Glück hätte, sie wiederzusehen, und das Unglück, in Geldnot zu sein. ^

Ich verließ Montpellier mit der Gewißheit, daß mein Besuch die Achtung ihres Gatten und ihrer Schwiegermutter nur noch vermehrt hätte, und ich freute mich, zu sehen, daß ich mich wirklich glücklich fühlen konnte, ohne Verbrechen zu begehen.

Einen Tag nach meinem Abschied von dieser Frau, die mir ihr Glück verdankte, übernachtete ich in Nîmes, wo ich drei Tage in der Gesellschaft eines sehr gelehrten Naturforschers verbrachte, des Herrn de Séguier, eines vertrauten Freundes des Marchese Maffei in Verona.

Er zeigte mir in den Wundern seiner Sammlung die Unendlichkeit der Natur und die unbegreifliche Allmacht ihres Schöpfers.

Nîmes ist eine Stadt, die es verdient, die Aufmerksamkeit eines gebildeten oder Bildung suchenden Fremden zu fesseln. Man findet für den Geist reichliche Nahrung in ihren großen Denkmälern und in dem schönen Geschlecht, das hier wirklich schön ist, noch reichlichere fürs Herz.

Ich wurde zu einem Ball eingeladen, bei dem ich in meiner Eigenschaft als Fremder die erste Rolle spielte. Ein solches Vorrecht genießt der Fremde nur in Frankreich, während in England und besonders in Spanien das Wort Ausländer eine Beleidigung ist. Nachdem ich von Nîmes abgereist war, beschloß ich, den ganzen Karneval in Aix zu verbringen, das der Sitz eines Parlaments ist und dessen Adel sich eines großen Rufes erfreut. Ich wünschte diese Gesellschaft kennen zu lernen. Ich stieg, wenn ich mich nicht irre, in den Drei Delphinen ab, wo ich einen spanischen Kardinal fand, der sich zur Wahl eines Nachfolgers für den Papst Rezzonico nach dem Konklave begab.

Zwölftes Kapitel


Mein Aufenthalt in Aix in der Provence. – Schwere Krankheit. – Ich werde von einer Unbekannten gepflegt. – Der Marquis d’Argens. – Cagliostro. – Meine Abreise. – Brief von Henrietten. – Marseille. – Geschichte der Nina. – Nizza. – Turin. – Lugano. –Frau von ***.

Da mein Zimmer von der kastilianischen Eminenz nur durch eine leichte Scheidewand getrennt war, so hörte ich beim Abendessen den Kardinal seinem Haushofmeister einen derben Verweis erteilen, daß er auf der Reise an den Mahlzeiten und Wohnungen sparte, wie wenn er der armseligste aller Spanier wäre. »Eure Gnaden, ich spare durchaus nicht; aber es ist nicht möglich, mehr auszugeben, wenn ich nicht etwa die Wirte zwinge, für die Mahlzeiten, die sie mir geben, das Doppelte zu verlangen. Eure Eminenz finden ja selber, daß das Essen ausgezeichnet und reichlich ist.«

»Das mag sein, aber wenn Sie ein bißchen Geist hätten, könnten Sie zum Beispiel durch reitende Boten Mahlzeiten bestellen, die ich unterwegs nicht einnehmen würde und die Sie natürlich trotzdem zu bezahlen hätten; ferner könnten Sie für zwölf bestellen, während wir nur sechs sind; vor allen Dingen müssen stets drei Tafeln da sein: eine für mich, die zweite für die Beamten meines Haushaltes, die dritte für die Bedienten. Ich sehe aus dieser Rechnung, daß Sie den Postillonen immer nur einen Franken Trinkgeld geben; Sie müßten ihnen wenigstens einen Taler geben; denn über eine solche Knickerei muß ich ja erröten. Wenn man Ihnen auf einen Louis herausgibt, müssen Sie das Geld auf dem Tische liegen lassen, statt es in Ihre Tasche zu stecken. Von Schäbigkeiten will ich nichts wissen. Man wird in Versailles und Madrid, vielleicht sogar in Rom sagen: der Kardinal de la Cerda ist ein Geizhals. Ich bin es nicht und will nicht in solchem Rufe stehen. Ich verlange, daß Sie mich fernerhin nicht mehr entehren; sonst müssen Sie gehen.«

Dieses eigentümliche Gespräch würde mich ein Jahr früher sehr überrascht haben; jetzt aber hörte ich es ohne Erstaunen an, denn ich hatte inzwischen den spanischen Charakter einigermaßen kennen gelernt: alles für den Ruhm, oder vielmehr für das Großtun!

Wenn ich die freigebige Verschwendung des *Senor de la Cerda bewunderte, so konnte ich andererseits nicht umhin, es kläglich zu finden, wie dieser Kirchenfürst in einem Augenblick, wo er an der Wahl des Oberhauptes der Christenheit teilnehmen sollte, sich mit seinen Reichtümern brüstete.

Was ich aus dem Munde des Prälaten gehört hatte, machte mir Lust, ihn zu sehen, und ich paßte auf, als er abreiste. Was für ein Mann! Er war nicht nur klein, braun von Farbe, schlecht gewachsen, sondern es war auch ein Gesicht so häßlich, der Ausdruck seiner Züge so gemein, daß neben Seiner Eminenz Äsop wie ein Liebesgott hätte aussehen müssen. Nun begriff ich, warum er das Bedürfnis hatte, sich durch Verschwendung Achtung zu verschaffen und sich durch äußeren Prunk auszuzeichnen; denn sonst hätte man ihn für einen Stallknecht halten können. Sollte jemals das Konklave die sonderbare Laune haben, ihn zum Papst zu machen, so würde Gottes Sohn niemals einen häßlicheren Statthalter auf Erden gehabt haben.

Sogleich nach der Abfahrt Seiner Eminenz erkundigte ich mich nach dem Marquis d’Argens und erfuhr, er sei auf dem Lande bei seinem Bruder, dem Parlaments-Präsidenten, Marquis l’Eguille. Ich begab mich dorthin.

Der Marquis, der mehr durch die beständige Freundschaft Friedrichs des Zweiten als durch seine heutigentags von keinem Menschen mehr gelesenen Werke berühmt geworden ist, war damals schon alt. Ehrenhaft und sinnlich, liebenswürdig und witzig, ein überzeugter Epikuräer, lebte der Marquis d’Argens mit der Schauspielerin Cochois zusammen, die er geheiratet hatte und die es verstand, sich dieser Ehre würdig zu zeigen. Der Marquis selber besaß ein gründliches gelehrtes Wissen und eine große Kenntnis der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache; er war mit einem wunderbaren Gedächtnis begabt und infolgedessen vollgepfropft mit Kenntnissen.

Er empfing mich sehr gut, da er sich erinnerte, was sein Freund, Mylord Marishal, ihm über mich geschrieben hatte. Er stellte mich seiner Frau und seinem Bruder vor. Dieser war ein ausgezeichneter Beamter, ziemlich reich, ein Freund der Wissenschaften. Er führte einen streng sittlichen Lebenswandel, und dazu veranlaßte ihn noch mehr sein Charakter als sein religiöser Glaube. Das will viel sagen; denn er war aufrichtig fromm, obwohl er ein kluger Mann war. Übrigens können nach meiner Meinung diese beiden Eigenschaften sich sehr wohl miteinander vertragen.

Trotzdem überraschte es mich sehr, daß er ein sogenannter Jesuit von der kurzen Robe war; er liebte seinen Bruder zärtlich und seufzte fortwährend über dessen sogenannte Irreligiosität; doch hoffte er immer noch, daß die werktätige Gnade ihn früher oder später in den Schoß der Kirche zurückführen würde. Sein Bruder ermutigte ihn zu diesen Hoffnungen und lachte zugleich darüber. Da sie beide vernünftige Leute waren, so vermieden sie es, von Religion zu sprechen, um sich nicht zu ärgern.

Man stellte mich einer zahlreichen Gesellschaft vor, die aus Verwandten beiderlei Geschlechtes bestand. Alle waren liebenswürdig und höflich, wie eben der Adel der Provence durchweg ist.

Man spielte Komödie auf einem hübschen kleinen Theater, aß und trank gut und ging trotz der Jahreszeit spazieren. Aber in der Provence macht sich die Strenge des Winters nur fühlbar, wenn der Nordwind weht, was leider oft der Fall ist.

Eine Berlinerin, die Witwe eines Neffen des Marquis d’Argens, war nebst ihrem Bruder auf dem Schlosse anwesend. Der noch sehr junge Mann, ein lustiger Tollkopf, hatte seine Freude an allen Vergnügungen des Hauses, kümmerte sich aber gar nicht um den Gottesdienst, der jeden Tag abgehalten wurde. Als geborener Ketzer dachte er höchst selten einmal an die Kirche, während das ganze Haus der Messe beiwohnte, die der Jesuit, bei dem die ganze Familie beichtete, jeden Tag las, spielte er auf seiner Flöte lustige Walzer. Er lachte über alles. Mit seiner Schwester war es anders; sie war nicht nur katholisch geworden, sondern auch so fromm, daß das ganze Haus sie für eine Heilige ansah, obgleich sie erst zweiundzwanzig Jahre alt war. Das war das Werk des Jesuiten.

Ihr Bruder erzählte mir, ihr Mann, der an der Schwindsucht gestorben sei, habe im Augenblick seines Todes zu ihr gesagt: er könne nicht hoffen, sie im Jenseits wiederzusehen, wenn sie nicht katholisch werde.

Diese Worte hatten sich in ihre Seele eingegraben, und da sie ihren Gatten anbetete, hatte sie sich entschlossen, Berlin zu verlassen und bei den Verwandten ihres Mannes zu leben. Niemand hatte gewagt, sich ihrer Absicht zu widersetzen. Ihr Bruder erklärte sich bereit, sie zu begleiten, und sobald sie sich den Verwandten des Verstorbenen entdeckt hatte, herrschte die größte Freude in der ganzen Familie.

Diese angehende Heilige war häßlich.

Ihr junger Bruder wurde bald mein Freund, da er mich in meinen Ansichten weniger starr fand als seine Verwandten. Er kam alle Tage nach Aix, um mich in allen adligen Familien einzuführen.

Wir waren jeden Tag mindestens dreißig Personen bei Tisch; das Essen war gut und lecker, aber ohne Übertreibung. Es herrschte der Ton der guten Gesellschaft, die Scherze waren geschmackvoll und alle Bemerkungen anständig. Ausgeschlossen waren doppelsinnige Bemerkungen, die sich auf die Geschlechtsliebe bezogen oder darauf hätten bezogen werden können. Wenn dem Marquis d’Argens eine derartige Bemerkung auch nur in ganz verschleierter Form entschlüpfte, so schnitten die Damen jedesmal Gesichter, und der Herr Beichtvater beeilte sich, ein anderes Gespräch zu beginnen. Dieser Beichtvater hatte nichts von der jesuitischen Weltgewandtheit an sich, denn er ging auf dem Lande wie ein einfacher Abbé gekleidet, und ich hätte nicht erraten, daß er Jesuit wäre, obwohl man doch dieses Wild von weitem wittern muß. Der Marquis d’Argens hatte mich darauf aufmerksam gemacht; übrigens übte die Gegenwart des Pfaffen durchaus keine Wirkung auf meine natürliche Heiterkeit aus.

Ich erzählte in sorgfältig gewählten Ausdrücken die Geschichte von dem Bilde der Jungfrau, die ihren göttlichen Sprößling säugte und von den Spaniern nicht mehr angebetet wurde, als der unglückselige Pfarrer ihren schönen Busen mit einem häßlichen Tuch hatte bedecken lassen. Ich weiß nicht mehr auf welche besondere Art ich diese Geschichte erzählte, aber alle Damen lachten darüber. Dieses Lachen mißfiel dem Jünger Loyolas so sehr, daß er sich erlaubte, mir zu sagen, man dürfe Geschichten, die sich zweideutig auslegen ließen, nicht öffentlich erzählen. Ich dankte ihm mit einer Neigung des Kopfes, und um das Gespräch abzulenken, fragte der Marquis d’Argens mich, wie man auf italienisch eine große Fleischpastete nenne, die Madame d’Argens gerade eben verteilte und die von allen ausgezeichnet gefunden wurde.

»Wir nennen das eine Crostata, doch weiß ich nicht, wie man die Beatilien bezeichnet, mit denen sie gefüllt ist.«

Diese Beatilien waren kleine Schweserwürstchen, Champignons, Artischockenböden, Gänseleber usw.

Der Jesuit fand, ich machte mich über den ewigen Ruhm lustig, indem ich dieses Allerlei Beatilien nannte.

Über diese dumme Empfindlichkeit mußte ich unwillkürlich laut auflachen. Der Marquis d’Eguille nahm meine Partei und sagte, Beatilles sei in gutem Französisch die Bezeichnung für alle Leckereien.

Nachdem er sich in dieser Weise erlaubt hatte, gegen seinen Gewissensbeirat aufzutreten, hielt der verständige Mann es für besser, von etwas anderem zu sprechen. Unglücklicherweise trat er erst recht ins Töpfchen, indem er mich fragte, welchen Kardinal man nach meiner Meinung zum Papst machen würde.

»Ich möchte darauf wetten, daß man den Pater Ganganelli wählen wird, denn er ist der einzige Kardinal, der zugleich Mönch ist.«

»Warum muß man denn durchaus einen Mönch zum Papst wählen?«

»Weil nur ein Mönch imstande ist, das zu tun, was Spanien von dem neuen Pontifex verlangt.«

»Sie meinen die Unterdrückung des Jesuiten-Ordens?«

»Ganz recht.«

»Spanien verlangt sie vergebens.«

»Ich wünsche es; denn in den Jesuiten liebe ich meine Lehrer; aber ich hege große Befürchtungen, denn ich habe einen schrecklichen Brief gelesen. Abgesehen davon wird Kardinal Ganganelli noch aus einem anderen Grund gewählt werden, über den Sie lachen werden, der aber nichtsdestoweniger ausschlaggebend ist.«

»Was ist das für ein Grund? Nennen Sie ihn uns; wir werden lachen.«

»Er ist der einzige Kardinal, der keine Perücke trägt. Solange das Papsttum besteht, hat auf Sankt Peters Stuhl niemals ein Papst mit einer Perücke gesessen.«

Da ich allen diesen Bemerkungen den Anstrich eines leichten Scherzes gab, so wurde viel darüber gelacht; hierauf aber veranlaßte man mich, in Ernst über die Aufhebung des Ordens zu sprechen, und als ich alles sagte, was ich vom Abbate Pinzi erfahren hatte, sah ich meinen Jesuiten erbleichen.

»Der Papst«, sagte er, »kann diesen Orden nicht unterdrücken.«

»Augenscheinlich, Herr Abbé haben Sie nicht bei den Jesuiten studiert; denn Sie haben den Satz aufgestellt: Der Papst kann alles et aliquid pluris.«

Infolge dieser Worte glaubten alle, ich wüßte nicht, daß ich mit einem Jesuiten spräche, und da er nicht antwortete, so begannen wir von etwas anderem zu reden.

Nach dem Essen bat man mich, zur Aufführung des Polieucte dazubleiben; aber ich entschuldigte mich und fuhr mit dem jungen Berliner nach Aix zurück. Dieser erzählte mir die Geschichte seiner Schwester und schilderte den Charakter der verschiedenen Personen, aus denen die tägliche Gesellschaft des Marquis d’Eguille bestand. Ich sah, daß es mir unmöglich sein würde, mich ihren Gewohnheiten und Vorurteilen anzuschmiegen, und wenn ich nicht durch den jungen Berliner reizende Bekanntschaften gemacht hätte, so wäre ich nach Marseille gegangen.

Mit Gesellschaften, Bällen, Soupers und Liebeleien mit sehr hübschen Provencalinnen verbrachte ich den Karneval und einen Teil der Fastenzeit in Aix.

Ich hatte dem Marquis d’Argens, der ebenso gut griechisch sprach wie französisch, eine Ilias von Homer zum Geschenk gemacht. Ferner hatte ich seiner Adoptivtochter eine lateinische Tragödie geschenkt, denn sie verstand die lateinische Sprache sehr gut.

Meine Iliade hatte die Anmerkungen des Porphyrius. Es war ein seltenes Exemplar in reichem Einbande.

Der Marquis kam nach Aix, um mir zu danken, und ich mußte, seiner Einladung folgend, noch einmal auf das Land hinausgehen.

Am Abend fuhr ich ohne Mantel in einem offenen Wagen bei sehr kaltem Nordwind nach Aix zurück. Ich kam ganz erstarrt an. Anstatt sogleich zu Bett zu gehen, begleitete ich den jungen Berliner zu einer Frau, die eine junge Tochter von seltener Schönheit hatte, ein Mädchen von herrlichem Wuchs, mit allen Zeichen vollständiger Mannbarkeit, obgleich sie nur vierzehn Jahre alt war. Dieses kleine Wunder forderte alle Liebhaber heraus, es zu entjungfern. Mein Berliner hatte sich bereits mehrere Male bemüht, es war ihm jedoch nicht gelungen. Ich lachte ihn aus, denn ich wußte, daß es nur Spiegelfechterei war, und war entschlossen, die junge Spitzbübin aus dem Sattel zu heben, wie mir ähnliches bereits in England und in Metz gelungen war.

Da das Mädchen uns zur Verfügung stand, so gingen wir ans Werk. Die junge Spitzbübin dachte nicht an Widerstand, sondern sagte, sie wünsche gar nichts Besseres, als von ihrem unangenehmen Leiden befreit zu werden.

Ich bemerkte sofort, daß die Schwierigkeit nur von ihrer schlechten Haltung herrührte; ich hätte sie vor allen Dingen durchprügeln sollen, wie ich es fünfundzwanzig Jahre früher in Venedig getan hatte; aber törichterweise wollte ich durch Anwendung von Kraft siegen, denn ich glaubte, ich könnte sie vergewaltigen.

Die Zeit der Wundertaten war jedoch vorbei.

Nachdem ich zwei Stunden lang mich vergeblich bemüht hatte, ging ich allein in meinen Gasthof zurück, indem ich den jungen Preußen weiterarbeiten ließ.

Als ich mich zu Bett legte, verspürte ich sehr heftiges Seitenstechen, und nachdem ich sechs Stunden geschlafen hatte, fühlte ich mich sehr unwohl. Es war eine Lungenentzündung ausgebrochen. Ein alter Arzt, den der Wirt holen ließ, wollte mich zu Ader lassen. Ich hatte einen heftigen Husten, und am nächsten Tage begann ich Blut zu spucken. Nach sechs oder sieben Tagen war die Krankheit so ernst, daß ich beichtete und die letzte Wegzehrung erhielt.

Am zehnten Tage, nachdem ich drei Tage lang bewußtlos gewesen war, erklärte der alte Arzt, ein geschickter Mann, ich werde bestimmt mit dem Leben davonkommen; aber erst am achtzehnten Tage hörte ich auf, Blut zu spucken.

Hierauf begann eine Rekonvaleszenz, die drei Wochen dauerte und die ich schwerer zu ertragen fand als meine Krankheit; denn ein Kranker, der leidet, hat keine Zeit sich zu langweilen. Während der ganzen Krankheit wurde ich Tag und Nacht von einer Frau gepflegt, die ich nicht kannte. Ich wußte nicht einmal, woher sie kam. Da ich mich aber mit unendlicher Sorgfalt und Aufmerksamkeit bedient sah, so wartete ich nur meine vollständige Heilung ab, um sie zu belohnen und wieder fortzuschicken.

Diese Frau war nicht alt, sah aber auch nicht so aus, um mir den Wunsch einzuflößen, mich mit ihr zu belustigen. Sie hatte während meiner Krankheit beständig in meinem Zimmer geschlafen.

Gleich nach dem Osterfest fühlte ich mich bereits wohl genug, um wieder ausgehen zu können. Ich belohnte sie nach besten Kräften, dankte ihr, und fragte sie, wer sie zu mir gebracht habe. Sie antwortete mir, der Arzt habe sie zu meiner Pflege angenommen; hierauf dankte sie mir und entfernte sich.

Als ich ein paar Tage später meinem alten Doktor dafür dankte, daß er mir eine so gute Krankenpflegerin besorgt habe, war er sehr erstaunt und versicherte mir, er kenne sie gar nicht! Dies machte mich neugierig; ich fragte meine Wirtin, ob sie sie kenne, und sie verneinte ebenfalls. Kurz und gut, kein Mensch wollte die gute Frau kennen, und ich konnte trotz der größten Mühe nicht herausbringen, wie sie zu mir gekommen war.

Als ich wieder gesund war, holte ich von der Post alle Briefe, die für mich dort lagen. Eine eigentümliche Nachricht erhielt ich von meinem Bruder in Paris in seiner Antwort auf meinen von Perpignan an ihn gerichteten Brief. Er dankte mir für das Vergnügen, das ich ihm durch meinen Brief bereitete, indem ich durch diesen die ihm zugegangene schreckliche Nachricht widerlegt hätte, ich sei in den ersten Tagen des Januar an der Grenze von Katalonien ermordet worden. »Die Trauerbotschaft brachte mir einer deiner besten Freunde, der Graf Manucci von der venetianischen Gesandtschaft, und er versicherte mir, sie sei durchaus zuverlässig.«

Dies war für mich ein Lichtstrahl. Der beste meiner Freunde hatte seine Rachsucht so weit getrieben, Mörder zu bezahlen, um mir das Leben zu nehmen.

Bis dahin war Manucci entschuldbar, von diesem Augenblicke an aber hatte er unrecht.

Er mußte seiner Sache offenbar sehr sicher sein, da er meinen Tod als bereits eingetreten meldete. Indem er die Todesart bekannt gab, zu der seine fürchterliche Rachsucht mich verurteilt hatte, enthüllte er seinen verbrecherischen Anschlag.

Als ich diesen verächtlichen Menschen zwei Jahre später in Rom traf und ihn von der Schimpflichkeit seiner Handlungsweise überzeugen wollte, leugnete er alles und behauptete, er hätte die Nachricht ganz frisch von Barcelona erhalten; aber davon werden wir später sprechen.

Ich speiste täglich mittags und abends an der Gasttafel, wo die Gesellschaft ausgezeichnet und das Essen köstlich war. Eines Mittags sprach man von einem Pilger und einer Pilgerin, die soeben angekommen waren. Sie waren Italiener; sie kamen zu Fuß von Santiago de Compostella in Galizien und mußten Leute von hoher Geburt sein, denn sie hatten gleich nach ihrer Ankunft in der Stadt reichliche Almosen ausgeteilt.

Man sagte, die Pilgerin solle reizend sein; sie sei ungefähr achtzehn Jahre alt und habe sich, sehr ermüdet, gleich nach ihrer Ankunft zu Bett gelegt. Sie wohnten in demselben Gasthof. Wir wurden alle neugierig, und ich mußte mich als Italiener an die Spitze der Gesellschaft stellen, um den beiden Personen einen Besuch zu machen, die offenbar entweder fanatisch fromm oder Betrüger waren.

Wir fanden die Pilgerin, die allem Anschein nach sehr ermüdet war, in einem Lehnstuhl sitzend. Sie erregte unsere Teilnahme durch ihre große Jugend, durch ihre Schönheit, die durch einen Schimmer von Frömmigkeit noch besonders gehoben wurde, und durch einen sechs Zoll langen Kruzifixus von gelbem Metall, den sie in den Händen hielt. Als wir eintraten, legte sie den Kruzifixus fort und stand auf, um uns eine anmutige Verbeugung zu machen. Der Pilger, der auf seinem Mäntelchen von schwarzer Wachsleinwand Muschelschalen ordnete, rührte sich nicht; indem er seine Frau ansah, schien er uns zu sagen, wir müßten uns nur mit ihr beschäftigen. Er war anscheinend vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahre alt, klein von Gestalt und ziemlich gut gewachsen. Auf seinem nicht unangenehmen Gesicht las man Kühnheit, Frechheit, Spottsucht und Betrügerei; er war gerade das Gegenteil von einer Frau, die offenbar edel, bescheiden und sanft war und jene schüchterne Schamhaftigkeit zeigte, die ein junges Weib so reizvoll macht. Da die beiden nur so viel Französisch sprachen, wie unumgänglich notwendig ist, um sich verständlich zu machen, so atmeten sie erleichtert auf, als ich sie auf italienisch anredete.

Die Pilgerin sagte mir, sie sei Römerin; sie hätte es mir nicht zu sagen gebraucht, denn ihre hübsche Aussprache verriet es mir. Den jungen Mann hielt ich für einen Neapolitaner oder Sizilianer. Sein in Rom ausgestellter Paß lautete auf den Namen Balsamo. Sie trug die Namen Serafina Feliciani, die sie seitdem immer beibehalten hat; ihn werden wir zehn Jahre später unter dem Namen Cagliostro wieder finden.

Sie erzählte mir: »Wir sind auf dem Rückwege nach Rom, nachdem wir Santiago von Compostella und Unsere liebe Frau del Pilar verehrt haben. Wir sind den ganzen Weg zu Fuß gegangen und haben nur von Almosen gelebt, damit Gott, den ich in meinem Leben so oft beleidigt habe, uns eher seine Barmherzigkeit schenke. Vergebens bat ich, mir aus Barmherzigkeit nur einen Sou zu geben; man hat mir stets Silbermünzen und sogar Goldstücke gegeben, so daß wir nach unserer Ankunft in jeder Stadt das uns verbliebene Geld unter die Armen verteilen mußten, damit wir nicht die Sünde begingen, kein Vertrauen zur ewigen Vorsehung zu haben. Mein Mann ist kräftig und hat nicht viel gelitten; ich aber habe große Leiden ausgestanden, um einen so langen Weg zu Fuß zu machen, auf Stroh oder in schlechten Betten zu schlafen, und zwar stets angekleidet, um nicht von Krankheiten angesteckt zu werden, die man nicht leicht wieder los wird.«

Ich fand es ziemlich wahrscheinlich, daß sie den letzten Umstand nur anführte, um uns Lust zu machen, die Sauberkeit ihrer Haut noch an anderen Stellen als an ihren Armen und Händen zu sehen, deren Weiße und tadellose Sauberkeit sie uns einstweilen gratis sehen ließ.

»Gedenken Sie sich hier einige Tage aufzuhalten, Madame?«

»Meine Ermüdung wird uns zwingen, drei Tage hier zu verbringen; von hier werden wir uns nach Rom begeben, und zwar über Turin, wo wir zum heiligen Schweißtuch beten werden.«

»Sie wissen ohne Zweifel, daß es in Europa mehrere Schweißtücher gibt?«

»Man hat es uns gesagt, aber zugleich uns versichert, das Turiner Schweißtuch sei das echte: es ist das Tuch, dessen die heilige Veronika sich bediente, um unserem Erlöser den Schweiß abzutrocknen, wodurch das göttliche Gesicht dem Tuche sein Bild eindrückte.«

Wir verabschiedeten uns sehr befriedigt von der schönen Pilgerin, an deren Frömmigkeit wir jedoch wenig glaubten. Ich war noch zu schwach von meiner Krankheit her und hatte daher keine Absichten auf sie; aber alle anderen Herren, die mit mir bei ihr gewesen waren, hätten gerne mit ihr zu Abend gespeist, um sie zu erobern. Am nächsten Tage kam der Gatte der schönen Römerin zu mir und fragte mich, ob ich hinaufkommen und mit ihnen frühstücken wolle oder ob es mir lieber wäre, wenn sie zu mir herunterkämen. Es wäre unhöflich gewesen, ihm zu antworten: keines von beiden; ich sagte ihm daher, sie würden mir ein Vergnügen bereiten, wenn sie herunterkämen.

Beim Frühstücken fragte ich den Pilger nach seinem Beruf; er antwortete mir, er mache Federzeichnungen in sogenannter helldunkler Art.

Seine Kunst bestand darin, einen Kupferstich zu kopieren, nicht aber einen neuen Stich zu entwerfen. Er versicherte mir jedoch, er verstehe seine Kunst ganz ausgezeichnet und könne einen Stich so getreu abzeichnen, daß die Kopie vom Urbilde nicht zu unterscheiden sei.

»Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu. Wenn Sie nicht reich sind, so sind Sie sicher, mit solchem Talent Ihr Brot zu verdienen, einerlei, wo Sie sich niederlassen.«

»Von allen Seiten wird mir dasselbe gesagt, aber es ist ein Irrtum, denn mit meinem Talent kann man Hungers sterben. Wenn ich in Rom oder Neapel diese Beschäftigung ausübe, verdiene ich höchstens einen halben Franken täglich, und das ist nicht genug, um zu leben.«

Hierauf zeigte er mir Fächer, die er gemacht hatte, und man konnte nichts Schöneres sehen; sie waren mit Federzeichnungen geschmückt, die nicht von den besten Kupferstichen übertroffen wurden.

Um mich vollends zu überzeugen, zeigte er mir eine von ihm kopierte Rembrandt-Zeichnung, die beinahe noch schöner war als das Original. Trotzdem schwor er mir, sein Talent verschaffe ihm nicht den Lebensunterhalt; ich glaubte ihm nicht; nach meiner Meinung war er einer von jenen Faulenzern, die lieber in der Welt herumziehen, als ein arbeitsames Leben führen.

Ich bot ihm für einen seiner Fächer einen Louis; er wies jedoch das Geld zurück, bat mich, den Fächer umsonst anzunehmen und für ihn bei Tisch eine Sammlung zu veranstalten, denn er wünsche am dritten Tage weiterzureisen.

Ich nahm sein Geschenk an und versprach ihm, die Sammlung zu veranstalten.

Ich brachte ein paar hundert Franken zusammen, die die Pilgerin sich holte, als wir noch bei Tisch saßen.

Die junge Frau sah in höchstem Grade tugendhaft aus. Als sie gebeten wurde, ihren Namen auf ein Lotteriebillett zu schreiben, entschuldigte sie sich mit der Bemerkung: Kinder, die man zu ehrbaren und tugendhaften Mädchen erziehen wolle, lasse man in Rom nicht schreiben lernen.

Alle lachten über diese Entschuldigung, außer mir; sie tat mir leid, und ich wollte sie nicht gerne erniedrigt sehen. Aber es schien mir nunmehr offenbar zu sein, daß sie den allerniedrigsten Klassen des Volkes angehörte.

Am nächsten Tage kam die Pilgerin in mein Zimmer und bat mich, ihr einen Empfehlungsbrief für Avignon zu geben. Ich schrieb sofort zwei, den einen an den Bankier Audifret, den andern an den Wirt des Gasthofes zum heiligen Homer. Am Abend brachte sie mir den für Herrn Audifret zurück, indem sie mir sagte, ihr Mann habe diesen für überflüssig erklärt. Zugleich bat sie mich, genau nachzusehen, ob es auch wirklich der Brief sei, den ich ihr gegeben habe. Ich sah die Schrift genau an und sagte, es sei ganz gewiß mein Brief.

Hierauf antwortete sie mir lachend: »Sie irren sich, das ist nur eine Abschrift.«

»Das ist nicht möglich!«

Sie rief ihrem Mann, und dieser kam mit meinem echten Brief in der Hand. Da ich nicht mehr zweifeln konnte, so sagte ich zu ihm: »Ihr Talent ist wunderbar; denn ein Brief ist viel schwerer nachzumachen, als eine Zeichnung zu kopieren ist. Sie können es bei Ihrer Begabung weit bringen und aus Ihrer Geschicklichkeit großen Vorteil ziehen; aber wenn Sie nicht vernünftig sind, kann es Ihnen das Leben kosten.«

Am nächsten Tage reiste das Paar ab. Ich werde später erzählen, wann und wie ich zehn Jahre später diesen Menschen unter dem Namen eines Grafen Pellegrini wiedersah; seine Frau und unzertrennliche Begleiterin, die gute Serafina, war immer noch bei ihm.

Im Augenblick, da ich dieses schreibe, befindet er sich im Gefängnis, das er wahrscheinlich nicht mehr verlassen wird; seine Frau befindet sich in einem Kloster und ist, vielleicht, glücklich.

Als ich meine Kräfte völlig wiedererlangt hatte, begab ich mich zum Marquis d’Argens und seinem Bruder, um mich zu verabschieden. Nachdem ich am Familientische mit dem Jesuiten gespeist hatte, den ich gar nicht beachtete, verbrachte ich drei Stunden mit dem guten und gelehrten alten Herrn, und es waren drei köstliche Stunden, denn sie waren mit Geist, Gelehrsamkeit, Philosophie und Heiterkeit gewürzt. Er erzählte mir eine Menge Züge aus dem Privatleben Friedrichs des Zweiten. Der Leser würde mir gewiß dankbar sein, wenn ich ihm diese charakteristischen Anekdoten mitteilte, um so mehr, da sie zum größten Teil für die Geschichte verloren sein werden. Aber eine unerklärliche Faulheit quält mich in diesem Augenblick, ich werde alt, oder ich bin alt geworden, das fühle ich. In einem anderen Augenblick vielleicht, wenn das Schloß zu Dux nicht von so dichten Nebeln umgeben ist, wenn mein Geist von einigen Strahlen einer belebenden Sonne aufgeweckt wird – ein anderes Mal vielleicht, sage ich, werde ich dies alles zu Papier bringen; heute fühle ich nicht den Mut dazu.

Friedrich hatte große Eigenschaften und große Schwächen, wie fast alle großen Menschen; aber sicherlich war die Gesamtheit seiner Schwächen geringer als die seiner hohen Eigenschaften, und die Weltgeschichte wird in diesem Herrscher stets einen großen Mann sehen und in ihm ein Merkzeichen des achtzehnten Jahrhunderts verehren.

Der ermordete König von Schweden fand ein Vergnügen darin, Haß zu erregen, weil es in seinen Augen ein Ruhm war, solchem Hasse zu trotzen. Er hatte eine Despotenseele, und er mußte ein Despot sein, um seine herrschende Leidenschaft zu befriedigen: nämlich von sich reden zu machen und für einen großen Mann zu gelten. Darum haben seine Feinde sich dem Tode geweiht, um ihm das Leben zu entreißen. Der König hätte sein Ende voraussehen müssen, denn seine Gewalttaten hatten schon lange die von ihm Unterdrückten zur Verzweiflung getrieben. Zwischen ihm und Friedrich ist kein Vergleich möglich.

Der Marquis d’Argens schenkte mir alle seine Werke. Ich fragte ihn, ob ich mich wirklich rühmen könnte, alle zu besitzen, und er antwortete mir: »Ja, mit Ausnahme eines Teils meiner Lebensgeschichte, die ich in meiner Jugend geschrieben und später vernichtet habe, weil ich es bereute, sie veröffentlicht zu haben.«

»Warum?«

»Weil ich die Manie hatte, nur die Wahrheit sagen zu wollen, und mich damit unsterblich lächerlich gemacht habe. Sollten Sie jemals eine solche Lust verspüren, so weisen Sie sie als eine unvernünftige Versuchung von sich ab. Ich kann Ihnen versichern, Sie würden es bereuen; denn als Ehrenmann könnten Sie nur die Wahrheit schreiben und als wahrhaftliebender Geschichtschreiber wären Sie nicht nur verpflichtet, nichts zu verschweigen, sondern Sie dürften nicht einmal mit den von Ihnen begangenen Fehlern eine feige Nachsicht üben und müßten sie als guter Moralist geißeln, wie Sie als echter Philosoph das von Ihnen bewirkte Gute hervorheben müßten. Sie wären genötigt, auf jeder Seite sich selber zu loben oder zu tadeln. Nun würde man alles Böse, das Sie von sich selber sagen, für bare Münze nehmen, alle Ihre kleinen Sünden für Verbrechen erklären, und wenn Sie etwas Gutes von sich sagen, würde man es Ihnen nicht nur nicht glauben, sondern Ihnen obendrein Stolz, Eitelkeit usw. vorwerfen. Außerdem würden Sie durch die Abfassung von Lebenserinnerungen sich alle jene zu Feinden machen, von denen Sie Unvorteilhaftes berichten müßten. Glauben Sie mir, lieber Freund, wenn es einem Ehrenmann nicht erlaubt ist, von sich selber zu sprechen, so ist es ihm noch weniger erlaubt, über sich selber zu schreiben, es sei denn, daß Verleumdung uns zwingt, uns zu verteidigen. Ich hoffe, Sie werden niemals Rousseaus Fehler begehen – einen Fehler, den ich von einem so hervorragenden Mann niemals habe begreifen können.«

Durch seine weisen Reden überzeugt, versprach ich ihm, niemals eine solche Torheit zu begehen; trotzdem tue ich seit sieben Jahren nichts anderes, und es ist für mich allmählich eine Notwendigkeit geworden, die Sache zu Ende zu bringen, obwohl ich sehr bereue, sie angefangen zu haben. Aber ich schreibe in der Hoffnung, daß meine Geschichte niemals das Tageslicht der Öffentlichkeit erblicken wird; denn abgesehen davon, daß die niederträchtige Zensur, dieses Löschhorn des Geistes, niemals den Druck erlauben würde, so hoffe ich, daß ich in meiner letzten Krankheit vernünftig werde, da ich nicht mehr verrückter werden kann, und alle meine Hefte vor meinen Augen verbrennen lasse. Sollte dies nicht der Fall sein können, so rechne ich auf die Nachsicht meiner Leser, und diese werden sie mir nicht vorenthalten, wenn sie erfahren, daß die Niederschrift meiner Erinnerungen für mich das einzige Heilmittel war, um nicht wahnsinnig zu werden oder vor Ärger zu sterben – vor Ärger über die Unannehmlichkeiten und täglichen Scherereien von seiten der neidischen Halunken, die sich mit mir zusammen auf dem Schloß des Grafen von Waldstein oder Wallenstein in Dux befinden.

Indem ich täglich zehn oder zwölf Stunden schrieb, habe ich verhindert, daß der düstere Kummer mein Leben verzehrte oder mir die Vernunft raubte. Wir werden später darüber sprechen, wenn ich nicht etwa früher sterbe.

Am Tage nach dem Fronleichnamsfest reiste ich von Aix ab und begab mich nach Marseille. Ich habe jedoch eine wichtige Sache zu erwähnen vergessen, die ich noch nachtragen will. Ich spreche von der Fronleichnamsprozession.

Wie ein jeder weiß, wird das Fest des heiligen Sakraments in der ganzen Christenheit mit Pomp gefeiert; aber in Aix in der Provence sind mit dieser Feier so anstoßende Gebräuche verbunden, daß jeder vernünftige Mensch eine derartige Verirrung beklagen muß.

Dem Wesen aller Wesen, das unter dem Bilde der Eucharistie in Leib und Seele verkörpert wird, folgen bekanntlich überall sämtliche religiöse Körperschaften. Hierüber will ich also nichts sagen, denn dasselbe findet auch in Aix statt. Was aber unangenehm überraschen und anstößig wirken muß, das sind die Maskeraden und unpassenden Späße, die man sich bei einer so heiligen Handlung erlaubt, bei welcher man alles darauf berechnen müßte, die der Religion unentbehrliche Ehrfurcht noch zu vermehren, indem man Liebe und Dankbarkeit und fromme Verehrung für den Schöpfer aller Dinge und Spender alles Guten erregte.

Statt dessen sieht man den Teufel, den Tod und die sieben Todsünden, auf die lächerlichste Art gekleidet, tausend komische Gliederverrenkungen machen, sich schlagen und stoßen, heulen und schreien, wie wenn sie außer sich darüber wären, dem Herrn der Welt dienen zu müssen. Das Volk lacht und schreit und pfeift die greulichen Gestalten aus, singt Spottlieder auf sie, foppt sie auf alle möglichen Arten. Dies alles zusammen bildet ein Schauspiel, das mehr an Karnevalssaturnalien erinnert als an eine Prozession christlicher Völker, und das an schmutziger Unsittlichkeit alles überbietet, was wir über die Bacchanalien des Heidentums lesen. Die ganze Landbevölkerung von fünf bis sechs Wegstunden in der Runde kommt an diesem Tage nach Aix, um Gott zu ehren. Es ist sein Fest. Gott kommt im ganzen Jahre nur an diesem einen Tage auf die Straße. Ohne Zweifel hat eine Geistlichkeit, die entweder aus Verrückten oder aus Betrügern bestand, es für notwendig gehalten, den lieben Gott zum Lachen zu bringen. Die niedrigen Klassen des Volkes glauben dies allen Ernstes, und wenn einer sich erlauben sollte, etwas dagegen zu sagen, so würde es ihm übel ergehen, denn der Bischof marschiert an der Spitze des ganzen Mummenschanzes; folglich muß alles fromm und heilig sein.

Als ich gegen das tolle Treiben sprach, das die Religion nur in Verruf bringen könnte, sagte ein gewisser Herr der St. Marc, ein Mann von Bedeutung und Mitglied des Parlaments, in ernstem Tone zu mir, dieses Fest wäre eine ausgezeichnete Sache, denn dadurch kämen an einem einzigen Tage mehr als hunderttausend Franken in die Stadt.

Diese Anschauungsweise war so gewichtig, daß ich mir keine Antwort erlaubte.

Während meines Aufenthaltes in Aix verging kein Tag, daß ich nicht an Henriette dachte. Da ich ihren richtigen Namen kannte, so hatte ich nicht vergessen, was sie mir durch Marcolina hatte sagen lassen; ich erwartete, sie in Aix in irgendeiner Gesellschaft zu finden, und ich würde mich alsdann gegen sie so benommen haben, wie sie es gewünscht hätte. Oft hatte ich ihren Namen nennen gehört, aber ich hatte mir niemals eine Frage erlaubt, da ich sorgfältig vermeiden wollte, daß man vermuten konnte, sie sei mir bekannt. Ich hatte stets geglaubt, sie sei auf dem Lande, und da ich beschlossen hatte, ihr einen Besuch zu machen, war ich nur deswegen so lange in Aix geblieben, um vollständig gesund bei ihr anzukommen. Als ich nun von Aix abreiste, hatte ich in meiner Tasche einen Brief, wodurch ich mich bei ihr anmeldete. Ich beabsichtigte vor dem Tor des Schlosses zu halten, ihr den Brief hineinzuschicken und den Wagen nicht zu verlassen, wenn sie mich nicht dazu auffordern würde.

Ich hatte dem Postillon Bescheid gesagt; ihr Schloß lag anderthalb französische Meilen diesseits von Croix d’Or. Es war elf Uhr, als wir ankamen.

Ein Mann kam heraus. Ich gab ihm meinen Brief, und er sagte mir, er werde nicht verfehlen, ihn der gnädigen Frau zu schicken.

»Ist sie denn nicht hier?«

»Nein, mein Herr; sie ist in Aix.«

»Seit wann?«

»Seit sechs Monaten.«

»Wo wohnt sie?«

»In ihrem Hause; sie wird erst in drei Wochen hier hinauskommen, um nach ihrer Gewohnheit den Sommer hier zu verbringen.«

»Würden Sie so freundlich sein, mich einen Brief schreiben zu lassen?«

»Bitte, steigen Sie nur aus! Ich werde Ihnen das Zimmer der gnädigen Frau öffnen lassen; dort werden Sie alles finden, was Sie brauchen.«

Ich stieg aus, trat ins Haus und sah zu meiner größten Überraschung meine Krankenwärterin vor mir.

»Sie wohnen hier?« »Jawohl, mein Herr.« »Seit wann?« »Seit zehn Jahren.« »Wie kam es denn, daß Sie mich während meiner Krankheit pflegten?« »Das werde ich Ihnen oben sagen.«

Ihre Erzählung lautete folgendermaßen:

»Die gnädige Frau ließ mich in aller Eile holen und befahl mir, zu Ihnen zu gehen und Sie so zu pflegen, wie wenn sie selber krank gewesen wäre, und Ihnen zu sagen, ich sei auf Anordnung des Arztes bei Ihnen, falls Sie etwa irgendeine Frage an mich stellen sollten.«

»Der Arzt hat mir gesagt, er kenne Sie nicht.«

»Vielleicht hat er Ihnen die Wahrheit gesagt; wahrscheinlicher aber ist es, daß er von der gnädigen Frau Befehl erhalten hatte, Ihnen so zu antworten. Mehr weiß ich übrigens nicht; aber ich bin überrascht, daß Sie die gnädige Frau nicht in Aix gesehen haben.«

»Sie muß wohl nicht in Gesellschaft verkehren, denn ich bin überall gewesen.«

»Allerdings empfängt Madame keine Besuche, aber sie geht überall hin.«

»Das ist sehr wunderbar! Ich muß sie gesehen haben, und kann nicht begreifen, daß ich sie nicht erkannt habe. Sie sind seit zehn Jahren bei ihr?«

»Jawohl, mein Herr, wie ich bereits die Ehre hatte. Ihnen zu sagen.«

»Ist sie verändert? Hat sie irgendeine Krankheit gehabt, durch die ihr Gesicht sich geändert hat? Ist sie gealtert?«

»Durchaus nicht. Sie ist stärker geworden, aber ich versichere Ihnen, man würde sie für eine Frau von dreißig Jahren halten.«

»Ich muß blind sein, oder ich habe sie nicht ein einziges Mal zu sehen bekommen. Ich werde ihr schreiben.«

Die Frau ging hinaus.

Ich fühlte mich ratlos in dieser seltsamen Lage und fragte mich: soll ich augenblicklich nach Aix umkehren? Sie wohnt in ihrem Hause, sie empfängt niemanden. Wer kann sie verhindert haben, mit mir zu sprechen, und wer könnte sie verhindern, mich zu empfangen? Wenn sie mich nicht vorläßt, werde ich sofort wieder abfahren, und dann hätte ich eben einfach den Weg vergebens gemacht. Damit wäre dies erledigt. Aber Henriette liebt mich noch. Sie hat mich während meiner Krankheit pflegen lassen, und das würde sie nicht getan haben, wenn ich ihr gleichgültig geworden wäre. Sie wird empfindlich darüber sein, daß ich sie nicht wiedererkannt habe. Sie weiß, daß ich von Aix abgereist bin, und kann nicht daran zweifeln, daß ich in diesem Augenblick hier bin. Soll ich zu ihr fahren? Oder soll ich ihr schreiben?

Zu dem letzteren entschloß ich mich endlich. Ich schrieb ihr, ich würde in Marseille auf ihre Antwort warten. Ich gab meiner Pflegerin den Brief und das nötige Geld, um ihn sofort durch einen besonderen Boten zu befördern, und stieg wieder in meinen Wagen. Zum Mittagessen war ich in Marseille, wo ich in einem geringen Gasthof abstieg, da ich nicht erkannt werden wollte. Kaum war ich ausgestiegen, so sah ich die Donna Schizza, Ninas Schwester. Sie kam mit ihrem Mann von Barcelona; sie reisten nach Livorno und befanden sich seit drei oder vier Tagen in Marseille.

Signora Schizza war in diesem Augenblick allein, denn ihr Mann war ausgegangen. Ich hatte eine brennende Lust, hundert Dinge zu erfahren, und bat sie daher, in mein Zimmer zu kommen, bis man mir mein Essen brächte.

»Was macht Ihre Schwester? Ist sie immer noch in Barcelona?«

»Ja; aber sie wird nicht lange mehr dort bleiben, denn der Bischof will sie weder in der Stadt noch in seinem Sprengel dulden, und der Bischof ist mächtiger als Graf Ricla. Sie ist von Valencia zurückgekehrt, weil Graf Ricla geltend machte, man könne es ihr nicht verwehren, durch Katalonien nach ihrer Heimat zurückzureisen. Man bleibt aber nicht neun oder zehn Monate in einer Stadt, wenn man nur auf der Durchreise ist. In einem Monat wird sie sicherlich abreisen, aber daraus macht sie sich nicht viel; denn sie ist sicher, daß der Graf ihr überall einen mehr als reichlichen Lebensunterhalt gewähren wird, und es wird ihr vielleicht gelingen, ihn zugrunde zu richten. Einstweilen freut sie sich, daß sie seinen guten Ruf vernichtet hat.«

»Ich weiß ja, wie sie zu denken pflegt; aber schließlich kann sie doch nicht einen Mann hassen, durch den sie jetzt reich geworden sein muß.«

»Reich? Sie hat nur Diamanten. Aber können Sie annehmen, daß dieses Scheusal Dankbarkeit kennt? Glauben Sie, sie denke wie ein Mensch? Sie ist ein Scheusal; das weiß niemand so gut wie ich. Sie hat nur darum den Graf gezwungen, hundert Ungerechtigkeiten zu begehen, weil ganz Spanien von ihr sprechen und weil alle Welt wissen soll, daß sie Herrin über seinen Leib, sein Hab und Gut, seine Seele und seinen Willen ist. Je haarsträubender eine Ungerechtigkeit ist, zu der sie ihn veranlaßt, desto sicherer ist sie, daß man von ihr sprechen wird, und weiter will sie nichts. Ihre Verpflichtungen gegen mich, mein Herr, sind unzählig; denn sie verdankt mir alles, sogar das Leben; aber anstatt mir Gutes zu tun, indem sie meinem Mann einen besseren Posten mit einer Gehaltserhöhung verschaffte, was ihr nur ein Wort gekostet hätte, hat sie ihn verabschieden lassen.«

»Ich wundere mich, daß sie bei einer solchen Denkungsweise sich gegen mich so edel benommen hat.«

»Ja, ich weiß alles; aber wenn Sie ebenfalls alles wüßten, würden Sie ihr für das, was sie für Sie getan hat, keinen Dank wissen.«

»Nun, sprechen Sie!«

»Sie hat Ihre Rechnung im Gasthof und die Verpflegung im Gefängnisturm nur deshalb bezahlt, damit das Publikum zur Schande des Grafen glauben sollte, Sie wären ihr Liebhaber. Ganz Barcelona weiß, daß man Sie vor ihrer Tür hat ermorden wollen, und daß der Mordbube an dem Degenstich gestorben ist, den Sie zu Ihrem großen Glück ihm versetzt hatten.«

»Aber sie hat doch nicht meine Ermordung befehlen können! Sie hat nicht einmal Mitschuldige sein können; denn das wäre nicht natürlich!«

»Das weiß ich wohl, aber an Nina ist eben nichts Natürliches. Aber ich kann Ihnen für gewiß sagen, was ich selber mit angehört habe: Während der Stunden, die Graf Ricla bei ihr verbrachte, sprach sie unaufhörlich von Ihnen, von Ihrem Geist, von Ihrem edlen und galanten Auftreten, das sie mit dem der Spanier verglich, um diese verächtlich zu machen und herunterzusetzen. Der Graf ärgerte sich und sagte ihr schließlich, sie möchte von etwas anderem sprechen; aber vergeblich. Um nichts mehr davon zu hören, entfernte er sich mit einem Fluch auf Sie. Zwei Tage vor jenem Vorfall war er wieder ganz außer sich; er verließ sie mit den Worten: »Valga me Dios! Ich werde Ihnen eine Höflichkeit erweisen, auf die Sie nicht gefaßt sind!« Als wir dann den Büchsenschuß gleich nach Ihrem Fortgehen hörten, sagte sie ohne die geringste Gemütsbewegung, dieser Schuß sei ohne Zweifel die Höflichkeit, die ihr ekliger Spanier ihr in Aussicht gestellt habe. Ich sagte ihr, vielleicht habe man Sie getötet. »Um so schlimmer für den Grafen!« sagte sie zu mir; »denn er wird ebenfalls an die Reihe kommen.« Hierauf lachte sie wie eine Wahnsinnige bei dem Gedanken, welchen Lärm diese Neuigkeit in Barcelona verursachen würde. Am anderen Morgen um acht Uhr – dies muß ich zu ihrem Lobe sagen – war sie recht erfreut, als Ihr Bedienter ihr meldete, man habe Sie auf die Zitadelle gebracht.«

»Wie? Mein Bedienter? Ich habe niemals gewußt, daß er Beziehungen zu ihr hatte.«

»Sie sollten das auch nicht wissen. Übrigens kann ich Ihnen versichern, daß der ein braver Mann war, der Sie liebte.«

»Davon bin ich überzeugt gewesen. Fahren Sie fort.«

»Nina schrieb Ihrem Wirt ein Briefchen. Sie zeigte es mir nicht; aber ohne Zweifel hat sie ihm darin befohlen, Ihnen alles zu besorgen, was Sie wünschen würden. Der Bediente sagte uns, er habe den blutbefleckten Degen gesehen, und Ihr Mantel sei von einer Kugel durchlöchert worden. Sie freute sich darüber, aber nicht etwa, weil sie Sie liebte; glauben Sie das nur nicht! Sie freute sich, weil Sie dem Mordanfall entronnen waren und sich daher rächen könnten. In Verlegenheit brachte sie nur der Vorwand, dessen der Graf sich bedient hatte, um Sie verhaften zu lassen. – An jenem Abend kam der Graf nicht, aber am nächsten Tage kam er um acht Uhr, und das niederträchtige Weib empfing ihn lachend, wie wenn sie ganz glücklich wäre. Sie sagte ihm, sie wisse, daß er Sie ins Gefängnis gesteckt habe; daran habe er wohl getan, denn er könne sich dazu doch nur entschlossen haben, um Ihr Leben gegen neue Nachstellungen zu sichern. Er antwortete kurz angebunden, Ihre Verhaftung habe mit dem Vorfall der Nacht nichts zu tun. Sie seien nur für einige Tage gefangen gesetzt, denn man untersuche Ihre Papiere und werde Sie wieder in Freiheit setzen, wenn man daran nichts finde, was eine strenge Haft rechtfertigen könnte. Nina fragte ihn, wer der Mann wäre, den Sie verwundet hätten. Er antwortete: >Die Polizei stellt Nachforschungen an, denn man hat weder einen Toten noch einen Verwundeten, ja nicht einmal Blutspuren gefunden. Man hat nur Casanovas Hut gefunden, und diesen hat man in seinen Gasthof geschickt.« – Hierauf blieben sie bis Mitternacht miteinander allein; so daß ich nicht hören konnte, was sie noch weiter über Sie sagten; aber drei Tage darauf erfuhr alle Welt, daß Sie in den Turm gesperrt worden seien.

Am Abend fragte Nina den Grafen nach dem Grunde dieser strengen Maßregel; er antwortete, man hätte Verdacht, daß Ihre Pässe falsch seien; denn der vom Botschafter in Ildefonso ausgestellte müsse falsch sein. Da Sie nämlich bei der Staatsinquisition von Venedig in Ungnade seien, so sei es nicht wahrscheinlich, daß der Gesandte Ihnen einen Paß gegeben habe; ohne diesen aber hätten Sie weder den des Königs noch den vom Grafen Aranda erhalten können. In dieser Annahme habe man Sie in den Turm setzen müssen, denn das Verbrechen könne Ihnen teuer zu stehen kommen.

Diese Nachrichten beunruhigten uns, und als wir erfuhren, daß Pogomas verhaftet worden war, waren wir überzeugt, daß er Sie angezeigt hätte, um sich dafür zu rächen, daß Sie ihn aus unserem Hause hatten jagen lassen. Als wir erfuhren, daß der Kerl aus dem Gefängnisse entlassen, aber zu Schiff nach Genua gebracht worden war, glaubten wir, nun könne Ihre Freilassung nicht lange mehr dauern, denn man hätte doch längst die Nachricht erhalten müssen, daß ihre Pässe in Ordnung seien. Als wir aber sahen, daß man Sie immer noch in Haft behielt, da wußten wir nicht mehr, was wir darüber denken sollten; denn der Graf antwortete nicht mehr auf ihre Fragen nach Ihrem Befinden. Falsch, wie sie ist, hatte sie den Entschluß gefaßt, zu schweigen. Da erfuhren wir endlich, daß Sie in Freiheit gesetzt und vollkommen gerechtfertigt seien.

Nina zweifelte nicht, daß sie Sie im Parkett sehen und daß sie in ihrer Loge triumphieren würde; sie gedachte sich in dem ganzen Schmuck ihrer Diamanten zu zeigen; sie war daher in Verzweiflung, als sie von dem unerwarteten Ausfall der Theatervorstellungen hörte. Am Abend erfuhr sie vom Grafen, man habe Ihnen Ihre Pässe wiedergegeben, aber auch zugleich Ihnen den Befehl erteilt, binnen drei Tagen abzureisen. Die falsche Spitzbübin lobte die Vorsicht ihres Liebhabers, obgleich sie im geheimen ihn in die Hölle wünschte.

Sie dachte sich wohl, daß Sie nicht wagen würden, sie zu besuchen, denn sie glaubte, Sie hätten gewiß geheime Befehle empfangen, keinerlei Beziehungen zu ihr zu unterhalten; da erfuhr sie, daß Sie abgereist seien, ohne ihr auch nur ein ganz kleines Briefchen zu schreiben; sie geriet in eine rasende Wut gegen Ricla und schrie: >>Wenn Casanova den Mut gehabt hätte, mich zur Reise mit ihm einzuladen, so würde ich es getan haben.«

Durch Ihren Bedienten erfuhr sie, daß Sie glücklich drei Mördern entronnen seien. Am Abend machte sie Ricla ein Kompliment darüber, er schwor aber, er wisse nichts davon. Nina glaubte es ihm nicht. Ach! danken Sie Gott, daß Sie aus Spanien heraus gekommen sind, nachdem Sie Nina kennen gelernt hatten, dieses Scheusal, das Ihnen schließlich noch das Leben gekostet hätte und das mich dafür bestraft, es ihr gegeben zu haben.«

»Wie, Sie sind ihre Mutter?«

»Ja, Nina, dieses abscheuliche Geschöpf, ist meine Tochter.«

»Ist es möglich! Alle Welt hält sie für Ihre Schwester.«

»Das ist ja eben das Entsetzliche. Alle Welt hat recht.«

»Wie? Erklären Sie mir dies.«

»Ich will es tun, obgleich es mich in Verlegenheit bringt: sie ist meine Tochter und meine Schwester; denn sie ist die Tochter meines Vaters.«

»Was höre ich! Ihr Vater hat Sie geliebt.«

»Ob der Barbar mich geliebt hat, weiß ich nicht; jedenfalls hat er mich als seine Frau behandelt. Ich war damals sechzehn Jahre alt. Sie ist aus einem Verbrechen entsprossen, und der gerechte Gott bestraft mich durch sie. Mein Vater ist der Rache Gottes entgangen; möchte er auch der ewigen Höllenstrafe entgehen! Was soll aus mir werden? Ich hätte das niederträchtige Geschöpf in der Wiege erdrosseln sollen; vielleicht aber werde ich sie noch erdrosseln, bevor sie mich tötet.«

Außer mir vor Entsetzen, hörte ich schweigend diese furchtbare Erzählung an, deren Wahrheit nicht anzuzweifeln war.

»Ihr eigener Vater hat es ihr gesagt, als sie zwölf Jahre alt war. Er weihte sie zuerst in den Lebenswandel ein, den sie seitdem geführt hat, und er würde schließlich auch sie zur Mutter gemacht haben, wenn er nicht in demselben Jahre gestorben und dadurch vielleicht dem Galgen entgangen wäre.«

»Wie kam es, daß Graf Ricla sich in sie verliebte?«

»Hören Sie! Die Geschichte ist nicht lang, und sie ist eigenartig. Als sie vor zwei Jahren von Portugal nach Barcelona kam, wurde sie nur wegen ihres schönen Wuchses als Ballettfigurantin angenommen; denn Talent hat sie ja nicht; das einzige, was sie gut macht, ist die Rebaltade, eine Art Rückwärtssprung mit Pirouetten. Bei ihrem ersten Auftreten klatschte das Parkett lebhaften Beifall, weil sie bei der Rebaltade ihre Unterhosen bis zum Gürtel sehen ließ. Nun muß man wissen, daß in Spanien ein Gesetz besteht, daß jede Tänzerin, die auf der Bühne dem Publikum ihre Unterhosen zeigt, zu einem Taler Strafe verurteilt wird. Nina wußte davon nichts; als sie den Beifall hörte, machte sie es gleich noch einmal; aber nach dem Ballett sagte der Inspektor ihr, er würde zur Strafe für ihre schamlosen Sprünge zwei Taler von ihrem Monatsgehalt zurückbehalten. Nina fluchte und wetterte, konnte aber gegen das Gesetz nichts machen. Wissen Sie, was sie am nächsten Tage tat, um das Gesetz zu umgehen und sich zu rächen?«

»Vielleicht tanzte sie schlecht?«

»Sie tanzte ohne Unterhosen und machte wieder ihre Rebaltade. Dies erregte im Parkett eine so stürmische Heiterkeit, wie man sie in Barcelona noch niemals erlebt hatte.

Graf Ricla, der von seiner Loge alles gesehen hatte und sich von Entsetzen und zugleich von Bewunderung ergriffen fühlte, ließ den Inspektor rufen und sagte ihm, er müsse diese freche Tänzerin auf ganz andere Weise als durch Geldbuße exenplarisch bestrafen. ‚Einstweilen schicken Sie sie mal sofort zu mir!‘

Gleich darauf stand Nina in der Loge des Vizekönigs und fragte ihn mit ihrem schamlosen Gesicht, was er von ihr wünsche.

‚Sie sind eine schamlose Person und haben das Publikum beschimpft.‘

‚Was habe ich getan?‘

‚Sie haben denselben Sprung gemacht wie gestern.‘

‚Allerdings; aber ich habe Ihr Gesetz nicht verletzt; kein Mensch kann behaupten, daß er eine Unterhose gesehen hat; denn, um sicher zu sein, daß man sie nicht sehen würde, habe ich keine angezogen. Konnte ich mehr für Ihr verdammtes Gesetz tun, das mir bereits zwei Taler kostete? Antworten Sie nur!‘

Der Vizekönig und alle die ernsten würdigen Herren, die zugegen waren, mußten sich auf die Lippen beißen, um nicht zu lachen; denn im Grunde hatte Nina recht, und wenn es zu einer Diskussion über diese Gesetzesübertretung gekommen wäre, hätte man sich sehr lächerlich darüber gemacht.

Der Vizekönig begriff, daß er sich in einer falschen Lage befand; er sagte zur Tänzerin nur: wenn sie noch einmal ohne Unterhose tanze, werde sie einen Monat bei Wasser und Brot im Gefängnis sitzen.

Nina war gehorsam. Acht Tage darauf gab man ein Ballett meines Mannes. Es wurde mit solchem Beifall aufgenommen, daß das Publikum stürmisch die Wiederholung verlangte.

Ricia befahl, den Wunsch des Publikums zu erfüllen, und den Tänzern wurde gesagt, daß sie noch einmal aufzutreten hätten.

Nina, die sich inzwischen fast gänzlich entkleidet hatte, sagte meinem Mann, er möchte sich einrichten, wie er wollte, sie würde nicht tanzen. Da sie nun die erste Rolle hatte, so konnte das Ballett ohne sie nicht aufgeführt werden. Mein Mann schickte daher den Direktor zu ihr, aber diesen warf sie in ihrer Wut mit solcher Kraft zur Türe hinaus, daß der arme Mensch mit der Stirn gegen die Korridorwand fuhr. Der Direktor berichtete jammernd dem Vizekönig von der Weigerung der Tänzerin. Zwei Soldaten erhielten Befehl, sie vor ihn zu führen, und dies war zu seinem Unglück; denn Nina ist, wie Sie wissen, sehr schön, und ihr Anzug war in jenem Augenblicke in einem Zustande, daß sie den kältesten Mann verführt haben würde.

Der Graf sagte ihr mit unsicherer Stimme, was er ihr zu sagen hatte. Seine Verlegenheit machte sie kühn, und sie antwortete ihm, es stehe in seiner Macht, sie in Stücke reißen zu lassen, aber er sei nicht mächtig genug, um sie dazu zu bringen, daß sie gegen ihren Willen tanze; denn in ihrem Vertrage stehe nichts davon, daß sie an einem Abend zweimal tanzen müsse; das könne weder er noch das Publikum von ihr verlangen.

‚Ich bin außer mir‘, rief sie, ‚über Ihr tyrannisches Vorgehen, das mich zwingt, beinahe nackt zwischen zwei Soldaten zu erscheinen, und ich werde Ihnen diesen barbarischen Despotismus niemals vergeben. Sie können machen, was Sie wollen, ich werde nicht tanzen, und ich erkläre Ihnen, ich werde Ihnen nicht mehr die Ehre erweisen, vor Ihnen und Ihrem Publikum zu tanzen. Ich verlange von Ihnen weiter nichts, als daß Sie mich gehen lassen oder mich töten; standhaft werde ich die härteste Behandlung erdulden und Ihnen beweisen, daß ich Venetianerin und ein freies Weib bin!‘ Erstaunt sagte der Vizekönig, Nina sei toll. Hierauf ließ er meinen Gatten kommen und befahl ihm, das Ballett ohne sie tanzen zu lassen und in Zukunft nicht auf sie zu rechnen, denn sie stehe nicht mehr in seinem Dienst.

Dann sagte er zu Nina, sie möchte gehen, und befahl den Soldaten, sie freizulassen.

Sie ging in ihre Ankleidekammer zurück, und als sie sich angezogen hatte, kam sie zu uns, denn sie wohnte bei uns.

Das Ballett wurde wiederholt, so gut es eben ging; der arme Graf sah aber nicht mehr viel davon, denn das Gift hatte bereits seine Wirkung getan. ‚

Am folgenden Tage kam der jämmerliche Sänger Molinari zu Nina und sagte ihr, der Gouverneur wünsche sich zu überzeugen, ob sie wahnsinnig sei oder nicht; er wolle sie in einem gewissen Landhause sehen.

Das war just, was das unglückselige Geschöpf wollte, und sie antwortete Molinari: ‚Sagen Sie Seiner Exzellenz, ich werde der Einladung Folge leisten und der Herr Gouverneur werde mich sanft wie ein Lamm und keusch wie einen Engel finden.‘ So begann ihre Bekanntschaft. Sie wußte die Schwächen ihrer neuen Eroberung so scharfsinnig zu erraten, daß sie den armen Spanier ebensosehr durch ihre schlechte Behandlung fesselte wie durch ihre verführerischen Reize und durch die schlaueste Koketterie.«

Dieses erzählte die unglückselige Schizza mit der ganzen Leidenschaft einer von Reue und Rachsucht gepeinigten Italienerin.

Am nächsten Tage erhielt ich, wie ich erwartet hatte, die Antwort meiner Henriette. Sie schrieb mir:

»Nichts, mein lieber Freund, ist romantischer als unsere Begegnung in meinem Landhause vor sechs Jahren und jetzt wieder von neuem, zweiundzwanzig Jahre nach jenem Tage, da wir uns in Genf trennten. Wir sind alle beide gealtert, das ist natürlich. Aber wollen Sie es glauben? Obgleich ich Sie noch liebe, ist es mir doch angenehm, daß Sie mich nicht wiedererkannt haben. Nicht daß ich häßlich geworden wäre, aber ich bin dicker geworden, und dadurch haben sich meine Gesichtszüge verändert. Ich bin Witwe, lebe glücklich und besitze ein genügendes Vermögen, um Ihnen sagen zu können, daß Sie sich an Henriettens Börse wenden mögen, wenn Sie etwa bei den Bankiers kein Geld haben sollten. Kommen Sie nicht nach Aix zurück, um das Wiedersehen mit mir zu feiern, denn Ihre Rückkehr könnte Anlaß zu Gerede geben; wenn Sie aber nach einiger Zeit herkommen, so werden wir uns sehen können, jedoch nicht als alte Bekannte. Ich fühle mich glücklich in dem Gedanken, daß ich vielleicht zur Verlängerung Ihres Lebens beigetragen habe, indem ich Ihnen eine Frau schickte, deren gutes Herz und Treue ich kannte. Wenn Ihnen ein Briefwechsel mit mir recht ist, so werde ich gern mein Bestes tun. Ich bin sehr neugierig, zu erfahren, was Sie seit Ihrer Flucht aus den Bleikammern gemacht haben, und da Sie jetzt einen so schönen Beweis von Verschwiegenheit abgelegt haben, so verspreche ich Ihnen, alles zu erzählen, was unser Zusammentreffen in Cesena und meine Rückkehr in die Heimat veranlaßte. Unsere Bekanntschaft ist ein Geheimnis für alle Welt. Nur Herr d’Antoine kennt einen Teil davon. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie sich bei keinem Menschen nach meiner Existenz erkundigt haben, obwohl Marcolina Ihnen gewiß alles gesagt hat, was ich ihr für Sie auftrug. Schreiben Sie mir, was mit diesem entzückenden Geschöpf geworden ist. Leben Sie wohl!«

Ich antwortete ihr, indem ich den angebotenen Briefwechsel annahm und ihr in großen Umrissen meine wechselvollen Schicksale erzählte. Sie ihrerseits erzählte mir in etwa vierzig Briefen ihre ganze Lebensgeschichte. Wenn sie vor mir stirbt, werde ich diese Briefe meinen Erinnerungen beigeben; aber heutigentags lebt sie noch, und sie ist glücklich, wenngleich alt.

Am nächsten Tage besuchte ich Frau Audibert, und wir fuhren zusammen zu Frau N. N., die bereits Mutter von drei Kindern war. Sie wurde von ihrem Gatten angebetet und war infolgedessen glücklich. Ich brachte ihr gute Nachrichten von Marcolina und erzählte ihr Croces Abenteuer und Charlottens Tod, der ihr sehr zu Herzen ging.

Sie gab mir dafür die allerneuesten Nachrichten über Rosalie, die durch ihren Mann sehr reich geworden war. Ich konnte nicht mehr hoffen, diese reizende Frau wiederzusehen, denn in Genua würde der Anblick des Herrn Grimaldi mir kein Vergnügen gewesen sein.

Meine liebe frühere Nichte betrübte mich, ohne es zu wollen; sie sagte mir, sie finde mich gealtert. Obgleich ein Mann sich aus dem Altwerden nichts zu machen braucht, so mißfällt doch ein solches Kompliment, wenn man noch nicht auf Galanterie verzichtet hat. Sie gab mir zu Ehren ein schönes Diner, und ihr Gatte machte mir Anerbietungen, die ich aus falscher Scham nicht annahm. Ich besaß noch fünfzig Louis, und da ich nach Turin gehen wollte, so wußte ich, daß ich dort Hilfsquellen haben würde.

Ich traf in Marseille den Herzog von Villars, den Tronchin künstlich am Leben erhielt; der hohe Herr war Gouverneur der Provence; er lud mich zum Abendessen ein, und ich fand zu meiner Überraschung bei ihm den angeblichen Marquis d’Arragon, der eine Bank hielt. Ich spielte mit kleinen Einsätzen und verlor. Der Marquis lud mich zum Mittagessen bei seiner Frau, der alten Engländerin, ein, die ihm vierzigtausend Guineen zugebracht hatte, während weitere zwanzigtausend nach ihrem Tode einem Sohne zufallen sollten, den sie in London hatte. Von diesem glücklichen Taugenichts schämte ich mich nicht, fünfzig Louis zu borgen, obwohl es ziemlich sicher war, daß ich sie ihm niemals zurückgeben würde.

Ich reiste allein von Marseille über Antibes, Nizza und den Col di Tenda, die höchste Alpenstraße nach Turin. Auf diesem Wege hatte ich das Vergnügen, das sogenannte Piemont zu sehen, ein Land von großer Schönheit.

In Turin empfingen der Chevalier Raiberti und Graf de la Pérouse mich auf das freundlichste. Beide wiederholten mir das Kompliment meiner Exnichte: sie fanden, daß ich alt geworden wäre. Da ich aber nur im Verhältnis zu den vierundvierzig Jahren alt sein konnte, die ich damals zählte, so tröstete ich mich leicht.

Ich schloß enge Freundschaft mit dem englischen Gesandten, Ritter R., einem liebenswürdigen, wissenschaftlich gebildeten, reichen, geschmackvollen Mann, der eine ausgezeichnete Tafel führte und den alle Welt liebte, unter anderen auch eine Tänzerin aus Parma, namens Campioni, ein Weib von entzückender Schönheit.

Ich teilte meinen Freunden mit, daß ich die Absicht hätte, nach der Schweiz zu gehen, und dort auf meine Kosten in italienischer Sprache eine Widerlegung der Geschichte der venetianischen Regierung von Amelot de la Houssaie drucken zu lassen. Alle beeilten sich, mir Subskribenten zu verschaffen, die mir eine gewisse Anzahl von Exemplaren vorausbezahlten. Der Freigebigste von allen war der Graf de la Pérouse, der mir siebenhundertundfünfzig Franken für fünfzig Exemplare gab. Acht Tage darauf verließ ich Turin mit dreitausend Franken in meiner Börse. Dieses Geld setzte mich in den Stand, das ganze Werk drucken zu lassen, das ich in der Zitadelle von Barcelona niedergeschrieben hatte. Ich mußte es jedoch noch einmal umschreiben, weil ich damals den zu widerlegenden Autor und die venetianische Geschichte des Prokurators Rani nicht vor Augen gehabt hatte.

Nachdem ich mir diese Werke verschafft hatte, begab ich mich in der Absicht, mein Buch drucken zu lassen, nach Lugano, wo eine gute Buchdruckerei und keine Zensur war. Ich wußte außerdem, daß der Buchdruckereibesitzer ein wissenschaftlich gebildeter Mann war, sowie, daß man in Lugano gut aß und gute Gesellschaft fand. Ich war dort dicht bei Mailand, in nächster Nähe von Varese, wo der Herzog von Modena die schöne Jahreszeit verbrachte, von Como, Chiavenna und dem Lago Maggiore mit den berühmten Borromeischen Inseln. Ich befand mich also an einem Ort, wo ich leicht Unterhaltung finden mußte. Ich ging in den Gasthof, der für den besten galt, und der Wirt, ein gewisser Tagoeretti, gab mir das beste Zimmer seines Hauses.

Gleich am nächsten Morgen suchte ich den Dottore Agnelli auf; er war zugleich Buchdrucker, Priester, Theologe und ein recht ehrlicher Mann. Ich machte mit ihm einen Vertrag in einer Form, wonach er sich verpflichtete, mir wöchentlich vier Bögen in zwölfhundert Exemplaren zu liefern. Ich meinerseits verpflichtete mich, jede Woche das Fertige zu bezahlen. Er behielt sich das Recht der Zensur vor, sprach aber die Hoffnung aus, daß seine Meinung stets mit der meinigen übereinstimmen werde.

Ich übergab ihm sofort Vorwort und Einleitung, womit er für eine volle Woche genug zu tun haben mußte, und suchte ein Papier in Großoktavformat aus.

Als ich in den Gasthof zurückgekehrt war, um zu Mittag zu essen, meldete man nur den Bargello oder Polizeimeister.

Obgleich Lugano zu den dreizehn Kantonen der Schweizerischen Eidgenossenschaft gehört, wird die Polizei dort wie in den italienischen Städten gehandhabt.

Ich war neugierig, was ein solcher Mann von übler Vorbedeutung von mir wünschen könnte, und da ich außerdem verpflichtet war, ihn anzuhören, so ließ ich ihn eintreten. Nachdem er mir eine tiefe Verbeugung gemacht hatte, sagte der Signore Bargello, mit dem Hut in der Hand, er sei gekommen, um mir seine Dienste anzubieten und mir zu versichern, daß ich mich, wenngleich fremd, in Lugano sehr wohl befinden werde und daß ich weder für meine Person etwas zu befürchten habe, falls ich etwa Feinde außerhalb des Kantons habe, noch für meine persönliche Freiheit, falls ich Verdrießlichkeiten mit der venetianischen Regierung haben sollte.

»Ich danke Ihnen, Herr Bargello, und bin vollkommen überzeugt, daß Sie mir die Wahrheit sagen, da ich mich ja in der Schweiz befinde.«

»Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, mein Herr, daß Ausländer, die hierher kommen und der Unverletzlichkeit der ihnen gewährten Zuflucht sicher sein wollen, gewöhnlich eine Kleinigkeit vorauszahlen, sei es wöchentlich oder monatlich oder auf ein Jahr.«

»Und wenn sie nicht zahlen wollen?«

»Dann sind sie nicht so sicher.«

»Schön! – Geld macht alles?«

»Aber mein Herr….«

»Ich verstehe, aber ich will Ihnen etwas sagen: ich habe nichts zu befürchten und halte mich daher für unverletzlich, ohne daß ich mir die Mühe mache, etwas zu bezahlen.«

»Sie werden mir verzeihen, aber ich weiß, daß Sie im Unfrieden mit der venetianischen Regierung leben.«

»Sie täuschen sich, mein guter Freund.«

»Oh nein, hierin täusche ich mich ganz gewiß nicht.«

»Wenn Sie Ihrer Sache sicher zu sein glauben, so bringen Sie mir irgend jemanden, der um zweihundert Zechinen wetten will, daß ich irgend etwas von Venedig zu befürchten habe. Ich werde dagegen wetten und die Summe sofort hinterlegen.«

Der Bargello wurde ganz verlegen, und der Wirt, der zugegen war, sagte ihm, er möchte sich doch vielleicht irren. Er grüßte mich und entfernte sich sehr enttäuscht.

Mein Wirt freute sich, dieses Gespräch mit angehört zu haben, und sagte mir: »Da Sie die Absicht haben, einige Zeit hier am Orte zu verweilen, so tun Sie gut, wenn Sie dem Capitano oder Landvogt einen Besuch machen. Er ist gewissermaßen Gouverneur, und alle Macht liegt in seiner Hand. Er ist ein liebenswürdiger Schweizer Edelmann, und seine Frau ist voller Geist und eine strahlende Schönheit.«

»O, das ist etwas anderes. Verlassen Sie sich darauf, gleich morgen werde ich den Herrn aufsuchen.«

Am nächsten Tage ließ ich mich gegen Mittag beim Landvogt melden; ich wurde sofort vorgelassen und sah vor mir Herrn von R. und seine reizende Gemahlin mit einem hübschen Knaben von fünf oder sechs Jahren.

Man stelle sich unsere gegenseitige Überraschung vor!