Erster Anhang zum sechsten Bande


Giovachino Costa

Ueber Casanovas Zusammentreffen mit seinem früheren Kammerdiener Costa, der ihm für Hundertfünfzigtausend Franken Wert an Diamanten und anderen Kostbarkeiten unterschlagen hatte, die ihm von Frau von Urfé mitgegeben worden waren, erzählt Lorenzo da Ponte in seinen Erinnerungen folgendes:

Ich ging von Venedig fort und hörte länger als drei Jahre nichts mehr von Casanova. Endlich traf ich ihn in Wien, wo ich damals wohnte, auf dem Graben. Casanova hielt sich mehrere Jahre in Wien auf; aber was er dort machte, wovon er lebte, das kann kein Mensch sagen. Ich unterhielt mich ziemlich oft mit ihm; mein Haus und meine Börse standen stets zu seiner Verfügung. Wenngleich ich weder seine Grundsätze noch seine Aufführung billigen konnte, so hatte ich ihn doch gerne; ja, ich legte sogar großen Wert auf seine Lehren und Ratschläge, die wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen waren; ich habe zwar nur wenig Gebrauch davon gemacht, aber sie hätten mir ganz außerordentlich nützlich sein können.

Als ich eines Tages mit Casanova auf dem Graben spazieren ging, sah ich ihn plötzlich die Stirn runzeln, mit den Zähnen knirschen, die Hände zum Himmel emporheben und sich auf einen Menschen stürzen, den er zu kennen schien. Dabei rief er laut: »Assassino! t’ho colto! – Räuber, hab ich dich endlich!«

Da sich infolge seines seltsamen Benehmens und seines Geschreis eine Menge Leute angesammelt hatten, so näherte ich mich ihm, nicht ohne einige Furcht; endlich faßte ich mir jedoch Mut, ergriff Casanovas Hand und zog ihn fast mit Gewalt aus dem Getümmel heraus. Hierauf erzählte er mir, fast wie ein Besessener tobend, die Geschichte von der alten Dame und sagte mir, der Mensch sei Giovachino Costa, der ihn damals betrogen habe. Dieser Giovachino war durch seinen lasterhaften Lebenswandel so weit heruntergekommen, daß er wieder in Dienst hatte gehen müssen; er war damals Kammerdiener bei einem Wiener großen Herrn (dem Grafen von Hardegg) und machte auch Verse, so gut oder schlecht er es eben konnte. Er war auch einer von denen, die mich mit ihren Epigrammen beehrt hatten, als Joseph II. mich zu seinem

Theaterdichter zu machen geruhte. Er ging in ein Kaffeehaus hinein und schrieb dort, während ich meinen Spaziergang mit Casanova fortsetzte, folgende Verse, die er ihm durch einen kleinen Jungen zuschickte:

Casanova non far strepito,
Tu rubasti, ed anch’io furbai;
Tu maestro, ed io discepolo
L’arte tua bene imparai.
Desti pan, ti io focaccia;
Sara meglio che tu taccia.

Casanova, mach keinen Lärm!
Du hast gestohlen, und auch ich hab betrogen:
Du warst der Meister, ich der Schüler,
Deine Kunst hab ich gut gelernt.
Du gabst mir Brot, ich gab dir Kuchen:
Besser ist’s, du schweigst fein still.

Diese Verse hatten eine gute Wirkung; nach einem kurzen Schweigen fing Casanova an zu lachen und sagte mir leise ins Ohr: »Il birbante ha regione – der Schuft hat recht!« Er trat in das Kaffeehaus ein und winkte Costa zu, er möchte herauskommen. Sie gingen miteinander den Graben entlang, wie wenn gar nichts vorgefallen wäre, und trennten sich schließlich, indem sie sich mehrere Male ganz freundschaftlich die Hand schüttelten. Casanova kam wieder zu mir und zeigte mir an seinem Finger einen Ring mit einem Cameo, der durch einen sonderbaren Zufall Merkur, den Schutzgott der Diebe, darstellte. Dieses Kleinod war der letzte Rest von Costas großer Beute; es paßte vorzüglich zum Charakter der beiden wiederversöhnten Freunde.

Zweiter Anhang zum sechsten Bande


Die beiden fehlenden Kapitel

Bekanntlich fehlten im Zwölften Band der edition originale die Kapitel IV und V (in meiner Ausgabe Kap.XX und XXI dieses Bandes). Schon der Herausgeber der éd. orig. sprach die Vermutung aus, daß Casanova selber die beiden Kapitel von dem anderen Manuskript abgetrennt habe, wahrscheinlich um sie zu überarbeiten oder aus einem ähnlichen Grunde. Diese Vermutung hat sich als richtig erwiesen: Die beiden Kapitel befanden sich in Dux bei C.s anderen Papieren, die bekanntlich schon seit Jahrzehnten geordnet sind. Ja, noch mehr: seit zwanzig Jahren befand sich eine Abschrift der beiden Kapitel in Paris in den Händen des Herrn Octave Uzanne! Da dieser seither eine ganze Anzahl Casanoviana von geringerer Bedeutung veröffentlichte, so ist es wirklich verwunderlich, daß er mit der Bekanntgabe dieser bedeutungsvollen Kapitel bis zum Jahre 1906 gezögert hat. Sie sind im August- und Septemberheft der von Uzanne herausgegebenen Zeitschrift L’Ermitage veröffentlicht.

Mit der den Franzosen eigenen Fixigkeit in der Fabrikation und Ergänzung von Memoiren war natürlich die Lücke schon in ziemlich frühen französischen und belgischen Ausgaben der Mémoires ausgefüllt worden. Diese Fälschungen waren auch in einige der schlechten deutschen Ausgaben übergegangen. Selbstverständlich ist es völlig aus der Luft gegriffenes, dummes Zeug.

Warum Casanova diese Kapitel wieder an sich genommen hatte, darüber kann man natürlich nur Vermutungen aufstellen. Vielleicht hatte einer seiner Freunde, die die Mémoires erwiesenermaßen gelesen haben (Fürst de Ligne, Graf Salmour u. a.) ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die Geschichte von dem abermaligen Lotteriegewinn auf Nr. 27 denn doch sehr sonderbar erscheint. Daß übrigens ein Werk von einem derartigen Umfang, besonders in den nebensächlichen Geschichten, die gewissermaßen Arabesken sind, eine Menge Dichtung enthält, ist wohl selbstverständlich. Die innere Wahrhaftigkeit des Ganzen wird dadurch nicht im geringsten in Frage gestellt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich doch einmal besonders darauf hinweisen, daß ein volles Drittel, nämlich die Bände V und VI, meiner Ausgabe für Deutschland sozusagen etwas ganz Neues ist. Buhl, von dem man bisher, ohne eine genauere Vergleichung anzustellen, angenommen hatte, daß ihm die édition originale als Vorlage gedient habe und daß daher seine Ausgabe, abgesehen von einigen geringfügigen Kürzungen, vollständig sei, hat nach der sechsbändigen Rosezschen Ausgabe übersetzt. Daß diese sich als édition originale, la seule complète ausgiebt, muß man wirklich als eine ganz erstaunliche Frechheit bezeichnen. Denn von dem, was die letzten vier Bände meiner Ausgabe bringen, fehlt mindestens ein Drittel, 600 bis 700 Druckseiten (so z. B. die ganze, menschlich doch gewiß äußerst interessante Episode seines Bruders des Abbate, der Venezianerin Marcolina usw.). Und schlimmer noch: in dem, was gebracht wird, ist Casanovas Schilderung oft geradezu auf den Kopf gestellt.

Auch die (vor der éd. orig.) erschienene Bearbeitung des Herrn von Schütz erwies sich mir bei weiterem Vorschreiten meiner Arbeit als ein ganz erbärmliches Machwerk. Entweder hat von Schütz die französische Sprache nur in sehr geringem Maße beherrscht – und dann durfte er eine solche Aufgabe nicht übernehmen – oder er hat bewußt gefälscht.

Es ist nur zu bedauern, daß die Buhlsche wie die Schützsche Ausgabe in Deutschland immerhin noch ziemlich verbreitet sind und sich einer gewissen Wertschätzung erfreuen. Aus ihnen kann man von Casanova unmöglich den richtigen Begriff bekommen.

Drittes Kapitel


Ich komme mit Maton in Dresden an. – Sie macht mir ein Geschenk. – Leipzig. – Die Castelbajac. – Graf Schwerin. – Rückkehr nach Dresden und Abreise von dort. – Prag. – Ankunft in Wien. – Hinterhalt Pocchinis.

Als ich mich in meinem Wagen allein sah und neben mir ein schönes Mädchen hatte, das gleichsam aus den Wolken gefallen war, stellte ich mir vor, ich wäre der sehr ehrenwerte Diener des Schicksals. Nur ihr Schutzgeist konnte sie in meine Arme geführt haben; denn ich fühlte mich herzlich bereit, für sie alles Gute zu tun, was in meiner Macht läge. Aber wem verdankte ich sie? Meinem guten oder meinem bösen Geist? Ich warf diese Frage auf, überließ es aber natürlich der Zeit, mir die Antwort darauf zu geben. Ich lebte eben so dahin, ohne meine Gewohnheiten zu ändern und absichtlich nicht daran denkend, daß ich anfing, nicht mehr ein junger Mann zu sein, und daß ich auf Liebe auf den ersten Blick, die mir so oft zuteil geworden war, nicht mehr rechnen konnte.

Ich wußte natürlich, daß meine neue Begleiterin, wenn sie nicht ganz dumm war, sich mit mir nur in der festen Absicht eingelassen haben konnte, gegen mich ohne Schranken gefällig zu sein; aber das genügte mir nicht. Wie der Leser weiß, litt ich an der fixen Idee, geliebt sein zu wollen. Dies war für mich die Vorbedingung des Glückes, alles übrige war nur flüchtiger Genuß. Da ich nun seit Zaïra nur Genüsse dieser Art gehabt hatte, so arbeitete meine Phantasie bereits an einem Liebesverhältnis in allerschönster Form.

Ich erfuhr bald, daß meine Begleiterin Maton hieß; dies war ihr Familienname, und ich war nicht neugierig, den Namen des oder der Heiligen zu wissen, in deren Schutz ihre Patin sie bei der Taufe gestellt hatte. Ich fragte sie, ob sie ebensogut Französisch schreibe, wie sie es spreche, und sie zeigte mir einen selbstgeschriebenen Brief. Das gab mir die Gewißheit, daß sie eine sorgfältige Erziehung erhalten hatte, und ich gestehe, daß dies mir Vergnügen machte, denn ich glaube, dieser Umstand erhöhte in meinen Augen den Wert meiner neuen Eroberung, wenn ich mir auch nicht Rechenschaft darüber ablegte. Sie sagte mir, sie sei aus Breslau fortgegangen, ohne von irgendeinem Menschen Abschied zu nehmen, ja sie habe nicht einmal ihrer Tante und ihrer Cousine mitgeteilt, daß sie vielleicht nicht wiederkommen werde.

»Und Ihre Sachen?«

»Meine Sachen! Die lohnten nicht einmal die Mühe des Einpackens. Meine ganze Habe ist dieses Paket; es enthält weiter nichts als ein Hemd, ein paar Strümpfe, einige Taschentücher, ein paar Bänder und dergleichen.«

»Was wird Ihr Liebhaber sagen?«

»Ich möchte wohl, daß er etwas sagen könnte; aber ich habe leider keinen.«

»Das erscheint kaum glaublich.«

»Ich habe zwei Liebhaber gehabt. Der erste war ein Schuft: er verführte mich, indem er sich meine Unerfahrenheit zunutze machte, und verließ mich, als ich ihm nichts Neues mehr bieten konnte; der zweite war ein anständiger Mensch, aber er war ein armer Leutnant ohne Hoffnung auf Beförderung. Er hat mich nicht verlassen, aber er wurde in ein anderes Regiment nach Stettin versetzt, und seitdem …«

»Seitdem?«

»Wir waren zu arm, um uns zu schreiben, und so mußten wir in aller Stille unser Schicksal tragen.«

Diese Geschichte kam mir ganz natürlich vor, und ich begriff, daß Maton offenbar nur mit mir gegangen war, um ihr Glück oder wenigstens etwas Besseres zu suchen, als was sie bis dahin gehabt hatte; dies zu finden, konnte nicht schwer sein.

Sie war fünfundzwanzig Jahre alt, und da sie Breslau niemals verlassen hatte, so mußte sie neugierig sein, wie die übrige Welt aussähe, und es mußte ihr eine Freude sein, mit Dresden zu beginnen. Ich verhehlte mir nicht, daß ich eine Dummheit begangen hatte, indem ich mir eine solche Bürde auflud; denn dieses Mädchen mußte mir viel Geld kosten. Trotzdem schien mir, daß ich entschuldbar wäre: denn indem ich den Vorschlag machte, mit mir zu kommen, war hundert gegen eins zu wetten, daß sie mein Anerbieten nicht annehmen würde. Um alle lästigen Gedanken zu verjagen, wünschte ich mir Glück, daß ich wieder einmal im vollen Besitz eines hübschen Mädchens wäre, dessen ganzes Verdienst ich bald kennen lernen mußte. Ich beschloß, während der Reise nichts gegen sie zu unternehmen, weil ich sehen wollte, ob ihre moralischen Eigenschaften, unabhängig von ihren körperlichen Formen, mich in sie verliebt machen würden. Als es dunkel wurde, hielt ich bei einem Posthause an, das mir den Eindruck machte, als ob ich dort gut aufgehoben sein würde. Maton, die halbtot vor Hunger war, aber nicht gewagt hatte, mir etwas davon zu sagen, aß mit einem Appetit, der mir Vergnügen machte; da sie aber nicht an Weintrinken gewöhnt war, so wäre sie bei Tisch eingeschlafen, wenn ich sie nicht gebeten hätte, sich zu Bett zu legen. Sie tat dies, indem sie mich tausendmal um Entschuldigung bat und mir versicherte, so etwas würde nicht wieder vorkommen. Lachend und ihr Mut einsprechend, blieb ich am Tisch sitzen, ohne mich auch nur umzudrehen und zu sehen, ob sie sich angekleidet oder nackt zu Bett legte. Einige Augenblicke später ging ich ebenfalls zu Bett, und um fünf Uhr war ich wieder auf den Beinen, um die Pferde und den Kaffee zu bestellen. Maton lag in tiefem Schlaf; sie hatte sich vollständig bekleidet zu Bett gelegt und schwitzte dicke Tropfen. Ich weckte sie und sagte ihr, ein anderes Mal sollte sie es sich bequem machen, wenn sie sich zu Bett legte; denn in den unbequemen Kleidern und unter der Hitze könnte ihre Gesundheit leiden.

Kaum hatte sie die Augen aufgeschlagen, so stand sie auf und ging hinaus, ohne Zweifel, um sich zu waschen; frisch und sauber kam sie wieder herein, wünschte mir guten Morgen und fragte mich, ob ich sie umarmen wolle.

»Mit großem Vergnügen!« antwortete ich.

Hierauf bat ich sie, sich mit dem Frühstück zu beeilen, weil ich am selben Abend in Dresden anzukommen wünschte. Das gelang mir jedoch nicht, denn es wurde eine Ausbesserung am Wagen notwendig, wodurch ich fünf Stunden verlor, und so mußte ich unterwegs noch einmal übernachten. Maton legte sich ausgekleidet zu Bett; ich besaß jedoch die Standhaftigkeit, sie nicht anzusehen.

In Dresden angekommen, stieg ich im Hotel de Saxe ab und nahm für mich den ganzen ersten Stock. Meine Mutter war auf dem Lande; ich fuhr zu ihr hinaus, und die liebe gute Frau war überglücklich, mich zu sehen, besonders meinen Arm in der Binde, denn das sah sehr malerisch aus. Hierauf besuchte ich meinen Bruder Giovanni und dessen Frau, die Römerin Teresa Roland, die ich bereits vor ihm gekannt hatte, und die mich mit großer Freude empfing. Ferner besuchte ich meine Schwester, die Frau von Peter August. Hierauf ging ich mit meinem Bruder zum Starosten Grafen von Brühl, um ihn und seiner Gemahlin, der Tochter des Wojwoden von Kiew, meine Aufwartung zu machen. Sie war entzückt, Neuigkeiten von ihrer Familie zu hören. Ich wurde überall sehr gefeiert und mußte überall die Geschichte meines Duells erzählen. Übrigens will ich gestehen, daß ich mich nicht bitten ließ; denn ich war eitel darauf.

Zu jener Zeit tagten gerade die Stände in Dresden; während der Minderjährigkeit des Kurfürsten Friedrich August war dessen ältester Oheim, Prinz Xaver, Regent des Landes.

Am selben Abend ging ich in die Italienische Oper, wo eine Pharaobank gehalten wurde. Ich spielte vorsichtig, denn mein ganzer Reichtum bestand in achthundert Dukaten.

Als ich nach Hause kam, setzte man uns ein gutes Abendessen vor, und Maton gefiel mir durch ihren Appetit und ihre Liebenswürdigkeit. Als wir mit dem Essen fertig waren, fragte ich sie zärtlich, ob sie mein Bett teilen wollte, und sie antwortete mir im herzlichsten Ton, sie sei ohne jeden Rückhalt mein. Als wir nach einer wollüstigen Nacht aufstanden, waren wir die besten Freunde von der Welt.

Ich verbrachte den ganzen Vormittag damit, für sie zu bestellen, was sie zu ihrer Toilette brauchte, und das war nicht weniger als alles, denn sie hatte tatsächlich nichts. Ich hatte viele Besuche, und alle wünschten, daß ich sie Maton vorstellte. Ich hielt diese jedoch in ihrem Zimmer eingeschlossen und antwortete immer nur, das Mädchen sei meine Haushälterin und nicht meine Frau, und ich könne daher nicht die Ehre haben, sie ihnen vorzustellen. Demgemäß hatte ich ihr auch Befehl gegeben, niemanden einzulassen, wenn ich nicht zu Hause wäre. Sie arbeitete in ihrem Zimmer an der Wäsche, die ich ihr gekauft hatte, und half der Näherin, die ich für sie angenommen hatte. Da ich sie jedoch nicht zur Sklavin machen wollte, so fuhr ich manchmal in der reizenden Umgegend von Dresden mit ihr spazieren; bei solchen Gelegenheiten konnte sie nach ihrem Belieben mit allen meinen Bekannten sprechen, denen wir begegneten.

Diese Zurückhaltung meinerseits dauerte die ganzen vierzehn Tage, die das Mädchen bei mir blieb, und begann allmählich alle jungen Offiziere von Dresden zu reizen, besonders den Grafen Bellegarde, der nicht gewöhnt war, von einer Schönen, die er nach seinem Geschmack fand, abgewiesen zu werden, wenn er sich um sie bewarb. Jung, schön, freigebig, kühn, ja zuweilen sogar frech, kam er eines Tages in mein Zimmer, als ich mich gerade zu Tisch setzte, und lud sich bei mir zum Essen ein. Ich konnte weder seine Bitte abschlagen, noch Maton hinausschickcn. Während des ganzen Essens neckte er sie durch Scherze und Witze nach Soldatenart, ohne jedoch auch nur im geringsten die Grenzen der Höflichkeit zu überschreiten. Maton benahm sich sehr gut; sie spielte weder die Zimperliche, noch verletzte sie den Respekt, den sie mir und sich selber schuldete.

Da ich die Gewohnheit hatte, nach Tisch Siesta zu halten, bat ich eine halbe Stunde, nachdem wir uns erhoben hatten, den Grafen ohne alle Umstände, sich zu entfernen. Er fragte mich lachend, ob das Fräulein ebenfalls Siesta halte, und ich sagte ihm, es wäre unsere Gewohnheit, sie gemeinsam zu halten, so oft wir Lust dazu bekämen, was an diesem Tage wahrscheinlich der Fall sein würde. Hierauf nahm er seinen Hut und Degen und lud mich mit Maton für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Ich antwortete ihm: »Ich gehe mit ihr nirgendswohin, aber es steht Ihnen frei, jeden Tag bei mir zu essen, was eben gerade auf dem Tisch steht, und Sie können sicher sein, uns stets beisammen zu finden.«

Auf diese ablehnende Antwort wußte er nichts zu sagen und verabschiedete sich, wenn auch nicht ärgerlich, so doch jedenfalls sehr kühl.

Da meine Mutter von ihrem Landaufenthalt zurückgekommen war, suchte ich sie am nächsten Tage auf; sie wohnte im dritten Stock eines Hauses nicht weit von meinem Gasthof, und vom Fenster aus sah ich den Erker der von mir eingenommenen Wohnung. Indes ich zufällig an das Fenster trat und ohne jede Absicht nach meinem Gasthof hinübersah, bemerkte ich Maton im Erker; sie stand am Fenster desselben, arbeitete an ihrer Wäsche und unterhielt sich mit Herrn von Bellegarde, der am Fenster eines Zimmers neben dem Erkerzimmer stand. Dieses Zimmer gehörte ebenfalls zum Gasthof und stieß unmittelbar an meine Wohnung an, gehörte aber nicht zu derselben.

Diese Entdeckung belustigte mich; ich kannte das Terrain und hatte keine Angst, gegen meinen Willen zum Hahnrei gemacht zu werden. Ich wünschte indessen keineswegs, daß der schöne Graf sich einen Einbruch in mein Gebiet erlaubte; ich war eifersüchtig, aber mit dem Verstande, nicht mit dem Herzen.

Ich kam zum Mittagessen nach Hause. Da ich sicher war, daß man mich nicht gesehen hatte, so war ich sehr heiter, und Maton war es ebenfalls. Ich brachte das Gespräch auf Bellegarde und sagte: »Ich glaube, er ist in Sie verliebt.«

»Er ist ein Mädchenjäger, wie alle Offiziere, und ich glaube nicht, daß er in mich mehr verliebt ist als in irgendeine andere.«

»Wie? Ist er denn nicht heute Morgen hier gewesen, um mir einen Besuch zu machen?«

»Nein, und wenn er gekommen wäre, so hätte die Kleine ihm die Türe geöffnet und ihm gesagt, Sie seien nicht zu Hause.«

»Aber hast du ihn nicht unter meinem Fenster auf und ab gehen sehen, als die Wachtparade abgehalten wurde?«

»Nein.«

Mehr brauchte ich nicht zu wissen: sie waren miteinander im Einverständnis. Maton log, und wenn ich nicht einschritt, war ich in vierundzwanzig Stunden angeführt. Natürlich hätte ich in meinem Alter über einen solchen Verrat mich nicht wundern sollen; aber mein Geist oder vielmehr mein Selbstgefühl hatte sich noch nicht mit dieser Möglichkeit vertraut gemacht.

Ich verbarg meine Gefühle, blieb bei guter Laune und schäkerte nach dem Mittagessen einige Augenblicke mit ihr. Hierauf ging ich ins Theater, und nachdem ich ziemlich glücklich gespielt hatte, begab ich mich während des zweiten Aktes nach Hause; es war noch hell. Der Kellner stand vor der Türe; ich fragte ihn, ob im ersten Stock noch andere Zimmer außer den von mir bewohnten wären.

»Noch zwei nach der Straße hinaus.«

»Sagt Eurem Herrn, ich nehme sie.«

»Sie sind seit gestern Abend bestellt.«

»Von wem?«

»Von einem Schweizer Offizier, der heute abend mit zahlreicher Gesellschaft darin speisen will.«

Um keinen Verdacht zu erregen, sagte ich nichts mehr. Ich hatte mich bereits überzeugt, daß es sehr leicht war, von Bellegardes Zimmer in den Erker zu steigen. Außerdem führte von diesem Zimmer eine Verbindungstür in das Zimmer, worin die Schöne mit dem Dienstmädchen schlief, wenn ich keine Lust hatte, sie bei mir zu haben. Diese Tür war auf unserer Seite mit einem Riegel verschlossen. Sobald aber Maton sich im Einverständnis befand, war dies ein trauriges Sicherheitsmittel.

Leise ging ich nach oben und fand Maton im Erker sitzen, wo sie die frische Luft genoß. Nach einigen Vorreden sagte ich ihr, daß ich die Zimmer tauschen wollte: »Du nimmst das meinige, und ich ziehe in dieses, wo ich zuweilen ein bißchen lesen oder die Vorübergehenden beobachten kann.«

Sie fand meinen Gedanken sehr glücklich und sagte, mein Vorschlag sei ihr um so angenehmer, da wir beide denselben Genuß haben würden, wenn ich ihr erlauben wollte, in dem Erkerzimmer zu arbeiten, so oft ich ausgegangen wäre. An dieser Antwort erkannte ich, daß Maton ebenso schlau war wie ich selber. Ich war überzeugt, daß sie mich betrog oder daß sie mich früher oder später unfehlbar betrügen würde. Und von diesem Augenblick an liebte ich sie nicht mehr.

Ich ließ sofort die Sachen umstellen; hierauf aßen wir fröhlich zu Abend, scherzten und lachten, so daß trotz ihrer Schlauheit und ihrer Erfahrung – die sie ohne Zweifel besaß – Maton nichts merkte.

In meinem neuen Zimmer allein geblieben, hörte ich bald die Stimmen Vellegardes und seiner lustigen Kumpane. Ich setzte mich in den Erker, aber die Vorhänge des Nebenzimmers waren zugezogen, was mir wahrscheinlich beweisen sollte, daß kein Einverständnis stattfinde. Ich ließ mich dadurch nicht täuschen und erfuhr denn auch richtig, daß Jupiter von Merkur benachrichtigt worden war, Amphitryon habe das Zimmer gewechselt.

Am nächsten Tage zwang mich ein starkes Kopfweh, woran ich sonst niemals litt, den ganzen Tag im Hause zu verbringen. Ich ließ mir die Ader schlagen, und meine gute Mutter, die mir Gesellschaft leisten wollte, speiste mit Maton. Meine Mutter hatte eine Schwäche für das Mädchen; sie hatte mich oft gebeten, sie ihr zuzuschicken, um ihr Gesellschaft zu leisten, ich war jedoch so vernünftig gewesen, dazu nicht meine Zustimmung zu geben. Da ich mich am zweiten Tage auch nicht besser befand, so nahm ich Medizin ein; aber schon am Abend sah ich mit Schrecken, daß eine scheußliche Krankheit mich befallen hatte. Diese war ein Geschenk von Maton, denn seit Lemberg hatte ich mit keiner anderen Verkehr gehabt. Ich verbrachte die Nacht in heftigem Zorn. Bei Tagesanbruch stand ich auf, trat in ihr Zimmer, deckte sie plötzlich auf und hatte den ekelhaftesten Anblick, den man sich denken kann. Die Elende gestand mir, sie sei seit sechs Monaten krank; sie habe jedoch gehofft, daß sie mir ihr Leiden nicht mitteilen werde, denn sie habe sich stets sorgfältig gewaschen, so oft sie vorausgesehen habe, daß ich mir mit ihr zu tun machen werde.

»Unglückliche! Du hast mich vergiftet. Aber davon darf kein Mensch etwas wissen; denn es ist meine eigene schwere Schuld, und ich schäme mich, daß ich es gar nicht sagen kann. Steh auf; du sollst sehen, wie gut ich bin.«

Sie stand auf, und ich ließ alle Kleider und Wäsche, womit ich sie versehen hatte, in einen Koffer packen. Hierauf befahl ich meinem Bedienten, in einen anderen Gasthof zu gehen und ein kleines Zimmerchen für sie zu mieten. Dieses war bald gefunden. Der Bediente meldete es mir, ich sagte ihm, er solle im Vorzimmer meine Befehle erwarten, und bedeutete Maton, sie habe sich sofort in ihre neue Wohnung zu begeben, denn ich wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich gab ihr fünfzig Taler, worüber ich mir eine ausführliche Quittung schreiben ließ. Es war darin der Grund angeführt, weshalb ich sie fortschickte, und sie erklärte ausdrücklich, daß sie unter keinen Vorwänden irgendwelche Ansprüche erheben könnte. Diese Bedingungen waren natürlich sehr demütigend, und sie wünschte sie gemildert zu sehen; doch unterwarf sie sich ihnen, als ich ihr sagte, ich sei entschlossen, sie ohne einen Heller und so bloß, wie sie zu mir gekommen sei, auf die Straße zu setzen.

»Was soll ich hier in Dresden machen, wo ich keinen Menschen kenne?«

»Wenn Sie nach Breslau zurückkehren wollen, von wo ich Sie unglücklicherweise mitgenommen habe, so will ich Ihnen die Reisekosten bezahlen.«

Da sie nichts antwortete, so schickte ich sie mit ihren Sachen nach ihrem neuen Zimmer. Sie warf sich in der Hoffnung, mich zu rühren, vor mir auf die Knie, aber ich drehte ihr den Rücken zu.

Ich handelte so, ohne das geringste Mitleid zu empfinden; denn was das Mädchen mir angetan hatte oder antun wollte, zeigte mir, daß sie ein Ungeheuer war, das mir auf diese oder jene Art das Leben gekostet haben würde.

Am nächsten Tage verließ ich den Gasthof und mietete auf sechs Monate das möblierte erste Stockwerk des Hauses, worin meine Mutter wohnte. Zugleich traf ich meine Maßregeln, um meinen Körper von dem Gift zu befreien, das die niederträchtige Schlesierin eingeflößt hatte. Ein jeder, der mich sah, fragte mich, was ich mit meiner Haushälterin gemacht hätte; ich antwortete stets, ich bedürfte ihre Dienste nicht mehr und hätte sie daher entlassen, ohne mich weiter um sie zu bekümmern.

Acht Tage darauf sagte mein Bruder Giovanni mir, der Graf von Bellegarde und fünf oder sechs von seinen Freunden befänden sich in ärztlicher Behandlung. So gut hatte Maton sie in diesen paar Tagen behandelt.

»Sie tun mir leid, aber sie haben selber Schuld«, antwortete ich ihm. »Warum haben sie sich der Gefahr ausgesetzt?«

»Ein Mädchen, das mit dir nach Dresden gekommen ist!«

»Und das ich fortgejagt habe. Es genügt mir, daß es ihnen nicht gelungen ist, sie kennen zu lernen, solange sie noch bei mir war. Sage den Herren, sie haben unrecht, wenn sie sich über mich beklagen, und noch mehr unrecht, wenn sie ihre Schande offenbaren. Sie mögen sich dies zur Lehre dienen lassen und sollen versuchen, in aller Stille wieder gesund zu werden. Sonst werden alle vernünftigen Leute sie auslachen. Bist du nicht auch meiner Ansicht?«

»Diese Geschichte macht dir keine Ehre.«

»Das weiß ich wohl; deshalb brüste ich mich auch nicht damit, und ich bin nicht dumm genug, sie über alle Dächer zu schreien. Deine jungen Herren müssen rechte Windbeutel sein; denn sie hätten sich doch denken können, daß ich starke Gründe haben müßte, das Mädchen so plötzlich fortzuschicken; und deshalb hätten sie auf ihrer Hut sein müssen. Sie verdienen den Schaden, den sie ihnen zugefügt hat, und ich wünsche nur, daß sie sich die Lehre zu Herzen nehmen.«

»Sie sind ganz erstaunt, daß du dich so wohl befindest.«

»Du kannst sie trösten und ihnen sagen, daß sie mich ebenso schlecht behandelt hat wie sie, daß ich aber nichts davon sage, weil mir nichts daran liegt, für einen Dummkopf zu gelten.«

Mein guter Giovanni, der sich selber der Dummheit überführt sah, sagte kein Wort mehr und ging.

Ich unterwarf mich einer strengen Kur und hatte das Glück, Mitte August mich vollkommen gesund zu sehen.

Um diese Zeit kam die Fürstin Lubomirska, die Schwester des Fürsten Adam Czartoryski, nach Dresden und wohnte beim Grafen Brühl. Ich hatte die Ehre, ihr meine Aufwartung zu machen, und erfuhr aus ihrem Munde, daß ihr königlicher Vetter so schwach gewesen war, sich von der Verleumdung täuschen zu lassen. Ich sagte zu ihr: ich sei der Meinung Ariostos, daß die Tugenden nur unter dem Schleier der Standhaftigkeit achtungswert sind. »Sie haben wohl bemerkt, Fürstin, daß es dem König, als ich zum letzten Male bei Ihnen mit ihm zusammen speiste, beliebte, so zu tun, wie wenn er mich nicht sähe. Ich beklage den Herrscher, der unter solchen Umständen der Achtung des Philosophen unwürdig wird. Eure Hoheit gehen jetzt nach Wien und werden nächstes Jahr nach Paris gehen; Sie werden mich dort sehen und können dann Ihrem Vetter, dem König, schreiben, daß Sie mich dort nicht gesehen haben würden, wenn man mich wirklich in effigie gehenkt hätte.«

Da die Leipziger September-Messe sehr schön war, so fuhr ich dorthin, um zu meiner Kräftigung recht viele Lerchen zu essen, die mit Recht sehr berühmt sind. Da ich in Dresden mit weiser Zurückhaltung gespielt hatte, obwohl ich immer nur gesetzt hatte, so hatte ich einige hundert Dukaten gewonnen, so daß ich mit einem Kreditbrief von dreitausend sächsischen Talern auf den Bankier Hofmann nach Leipzig abreiste. Dieser machte mich mit einem achtzigjährigen, sehr geistreichen Herrn bekannt, dem Direktor aller Bergwerke des Kurfürstentums. Von diesem ehrenwerten Greis erfuhr ich einen Umstand, der allerdings von geringer Bedeutung, dennoch aber sehr bemerkenswert ist, weil kein Russe ihn kennt: daß nämlich die Kaiserin Katharina die Zweite, die von ganz Rußland und von allen, die sie gesehen haben, für brünett gehalten wurde, ja deren Haare sogar sehr schwarz waren, eigentlich blond war. Der Direktor, der sie von ihrem siebenten bis zum zehnten Jahre täglich in Stettin gesehen hatte, erzählte mir, man habe damals begonnen, die junge Prinzessin mit Bleikämmen zu strählen und die Haare mit einer Salbe einzureiben, wodurch sie schwarz geworden wären. Dies tat man, weil Katharina bereits in ihrem zehnten Jahre zur künftigen Gattin des Herzogs von Holstein, des späteren unglücklichen Zaren, Peters des Dritten, bestimmt war. Da die Russen im allgemeinen blond sind, so bot der Hof alles auf, die Herrscherfamilie schwarzhaarig zu machen. Ich bezweifle jedoch, daß dies gelingen wird, es sei denn durch die natürliche Mischung der Rassen.

In Leipzig hatte ich ein Abenteuer, dessen ich mich stets mit Vergnügen erinnere. Die Prinzessin von Arenberg, die von Wien eingetroffen war und in demselben Gasthof wohnte wie ich, hatte die Laune, die Messe zu besuchen, ohne erkannt zu werden. Da sie ein großes Gefolge bei sich hatte, ließ sie sich durch eine ihrer Kammerfrauen vertreten und mischte sich unter die Personen, die die falsche Prinzessin begleiteten. Meine Leser werden vermutlich wissen, daß die Prinzessin sehr hübsch war, daß sie viel Geist besaß und daß sie den verstorbenen Kaiser Franz den Ersten mit ihrer Huld beglückt hatte.

Ich hatte von dieser Maskerade Kenntnis erhalten und verließ den Gasthof gleichzeitig mit ihr. Als nun die falsche Prinzessin vor einem Laden stehen blieb, um die ausgelegten Schmucksachen zu besehen, trat ich an die angebliche Zofe heran, die mich nicht kannte, und fragte sie ohne alle Umstände, wie man eben mit einem Kammermädchen spricht, ob es wahr sei, daß die Dame – damit zeigte ich auf diese – die berühmte Prinzessin von Arenberg sei.

»Natürlich ist sie es.«

»Ich kann es kaum glauben: denn sie ist nicht hübsch, außerdem hat sie nicht die Haltung und das Benehmen einer Prinzessin.«

»Offenbar verstehen Sie sich nicht auf Prinzessinnen.«

»Daran wäre jedenfalls nicht schuld, daß ich keine gesehen habe; um Ihnen aber zu beweisen, daß ich mich auf Prinzessinnen verstehe, so will ich Ihnen sagen, daß Sie eigentlich die Prinzessin sein müßten, denn ich würde gern hundert Dukaten geben, um die Nacht mit Ihnen zu verbringen.«

»Hundert Dukaten! Sie wären schön angeführt, wenn ich Sie beim Wort nähme.«

»Versuchen Sie es. Ich wohne in demselben Gasthof wie Sie, und wenn Sie es möglich machen, daß wir zusammenkommen, will ich das Geschenk im voraus geben, jedoch nur wenn ich sicher bin, daß ich Sie bekomme; denn ich liebe es nicht, angeführt zu werden.«

»Schön. Sagen Sie nichts und versuchen Sie, vor oder nach dem Abendessen mit mir zu sprechen. Wenn Sie den Mut haben, ein bißchen zu riskieren, so werden wir die Nacht miteinander verbringen.«

»Wie heißen Sie?«

»Caroline.«

Ich war vollkommen überzeugt, daß aus der Sache nichts werden würde, aber es machte mir Spaß, die Prinzessin belustigt und ihr zu verstehen gegeben zu haben, daß sie mir gefiele. Ich beschloß daher, die so glücklich begonnene Rolle des Unwissenden weiter zu spielen. Um die Zeit des Abendessens begann ich vor den Gemächern der Prinzessin herumzustrolchen. Nachdem ich drei- oder viermal vor dem Zimmer stehen geblieben war, worin sich die Kammerfrauen aufhielten, kam eine von ihnen heraus und fragte mich, ob ich etwas suchte.

»Ich wünsche eine von Ihren Kolleginnen zn sehen, mit der ich das Vergnügen hatte, mich einen Augenblick auf der Straße zu unterhalten.«

»Jedenfalls Caroline?«

»Ja.«

»Sie bedient die Prinzessin bei Tisch, aber in einer halben Stunde wird sie herauskommen.«

Ich verbrachte diese halbe Stunde in meinem Zimmer und kam dann wieder. Bald kam dasselbe Mädchen, mit der ich bereits gesprochen hatte, wieder heraus und sagte mir, ich möchte in eine Kammer eintreten, die sie mir zeigte; Caroline würde sofort zu mir kommen.

Die Kammer war dunkel, klein und unbequem; ich trat ein, und nach kurzer Zeit erschien eine Frau. Ich war fest überzeugt, daß es diesmal die wirkliche Caroline war, aber ich spielte meine Rolle weiter.

Kaum war sie eingetreten, so ergriff sie meine Hand und sagte mir, ich möchte nur bleiben, sie würde zu mir kommen, sobald ihre Herrin zu Bett gegangen wäre.

»Und ohne Licht?«

»Ei ja, allerdings! Ohne Licht – denn die Leute von Hause gehen fortwährend hin und her; sie würden merken, daß jemand in der Kammer ist, und das will ich nicht.«

»Aber, reizende Caroline, ohne Licht habe ich keine Seele. Außerdem ist dieser Ort nicht geeignet, um fünf oder sechs Stunden zu verbringen. Ich will Ihnen etwas sagen: das erste Zimmer im oberen Stock ist das meine. Ich werde allein sein, und ich schwöre Ihnen, es wird niemand zu mir kommen! Kommen Sie herauf, und Sie machen mich glücklich. Die hundert Dukaten habe ich hier!«

»Das ist unmöglich. Nicht um eine Million würde ich es wagen, nach oben zu gehen.«

»Um so schlimmer für Sie; denn nicht um anderthalb Millionen würde ich in diesem Loch bleiben, wo nur ein Stuhl ist. Leben Sie wohl, schöne Caroline!«

»Warten Sie doch, lassen Sie mich zuerst hinausgehen!«

Das schlaue Zöfchen lief schnell hinaus, ich war aber ebenso schlau wie sie und ergriff ihren Rock, so daß sie die Tür nicht hinter sich schließen konnte. Wir gingen also miteinander hinaus, ich brachte sie bis an ihre Tür und sagte dort zu ihr: »Leben Sie wohl, Caroline. Die Falle war nicht ganz richtig aufgestellt!«

Im höchsten Grade befriedigt von diesem Maskenscherz legte ich mich zu Bett. Offenbar wollte man mich die Nacht in einem Loch verbringen lassen, um mich dafür zu bestrafen, daß ich es gewagt hatte, der Geliebten eines Kaisers hundert Dukaten anzubieten. Ohne Zweifel biß sich die Prinzessin auf die Lippen, weil ihr Streich ihr mißlungen war.

Am nächsten Mittag trat in dem Augenblick, wo ich um ein Paar Spitzenmanschetten handelte, die Prinzessin von Arenberg in den Laden ein. In ihrer Begleitung war der Graf von Zinzendorf, den ich vor zwölf Jahren in Paris bei der Cavamacchie gekannt hatte. Als ich mich zurückzog, um der Prinzessin Platz zu machen, erkannte der Graf mich, redete mich an und fragte mich, ob ich den Casanova kenne, der vor sechs Monaten das Duell gehabt habe.

»Ach, Herr Graf, das bin ich selber; ich trage infolge davon noch meinen Arm in der Binde.«

»Ich mache Ihnen mein Kompliment dazu, mein Lieber; die Geschichte dieses Duells muß jedenfalls sehr interessant sein.«

Hierauf stellte der Graf mich der Prinzessin vor und fragte sie, ob sie von meinem Zweikampf gehört habe.

»Ja, ich habe durch die Zeitungen davon erfahren. Also der Herr hier ist der Held dieser Geschichte! Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Diese Worte sprach die Prinzessin sehr wohlwollend und zugleich mit der Ruhe vollendeter Verstellung, die man nur bei Hofe richtig lernt. Sie tat, wie wenn sie mich gar nicht kenne, und ich ahmte natürlich ihre Zurückhaltung nach.

Als ich nach Tisch dem Grafen meinen Besuch machte, bat er mich, mit ihm einen Augenblick bei der Prinzessin einzutreten; diese werde sehr erfreut sein, aus meinem eigenen Munde die Erzählung meines seltsamen Abenteuers zu vernehmen. Ich folgte ihm mit großem Vergnügen. Die Prinzessin hörte meiner Erzählung sehr aufmerksam zu und blieb immer Prinzessin; ihre Kammerzofen sahen mich nicht an. Den Tag darauf reiste sie ab, und mein Abenteuer hatte keine weiteren Folgen.

Gegen Ende der Messe empfing ich zu meiner großen Überraschung den Besuch der schönen Castelbajac. Sie erschien in dem Augenblick, wo ich mich allein zu Tisch setzen wollte, um so recht mit Genuß ein Dutzend schöner Lerchen zu verspeisen und mich hierauf zu Bett zu legen.

»Wie, Madame? Sie hier?«

»Leider ja, zu meinem großen Unglück! Ich bin seit drei Wochen hier; ich habe Sie zwanzigmal gesehen, und wir sind Ihnen immer ausgewichen.«

»Wir? Wer?«

»Schwerin.«

»Er ist hier?«

»Im Gefängnis. Wegen eines falschen Wechsels, den er diskontiert hat; und ich weiß nicht, was man mit dem Unglücklichen machen wird. Er hätte fliehen sollen, aber er will, wie es scheint, durchaus sich hängen lassen.«

»Und Sie haben mit ihm die ganze Zeit verbracht, seitdem Sie England verließen? Das ist drei Jahre her.«

»Ganz recht, überall hat er gestohlen, gegaunert, betrogen und dann die Flucht ergriffen. Auf der ganzen Welt ist keine so unglückliche Frau wie ich.«

»Wieviel beträgt der falsche Wechsel?«

»Dreihundert Taler. Vergessen Sie alles, Herr Casanova; tun Sie ein heroisches Werk, retten Sie den Unglücklichen vor dem Galgen oder dem Zuchthaus und mich vor dem Tode; denn ich werde mich töten.«

»Meinetwegen mag man ihn hängen, Madame; denn er hat versucht, mich mit seinen falschen Banknoten an den Galgen zu bringen. Aber ich gestehe Ihnen, um Sie tut es mir leid. Darum lade ich Sie ein, übermorgen mit mir nach Dresden zu fahren, und verspreche Ihnen dreihundert Taler, sobald die Justiz über diesen Spitzbuben die verdiente Strafe ausgesprochen hat. Ich begreife nicht, daß eine Frau wie Sie sich hat in einen Mann verlieben können, der weder hübsch noch geistreich ist, der weder Talent noch Vermögen hat; denn alles, was er hat, ist sein Name Schwerin.«

»Ach, ich muß Ihnen leider zu meiner Schande gestehen, daß ich ihn niemals geliebt habe. Seitdem der andere Spitzbube Castelbajac – dessen Frau ich, nebenbei bemerkt, niemals gewesen bin – ihn mit mir bekannt machte, habe ich nur gezwungen mit ihm gelebt; aber seine Tränen und seine Verzweiflung haben mich oft gerührt. Hätte das Schicksal mir einen ehrenwerten Mann zugeführt, mit dem ich mich durch die Bande des Gesetzes hätte vereinigen können – ich hätte mich von Herzen gern von diesem Unglücklichen losgesagt, der früher oder später noch die Ursache meines Todes sein wird.«

»Wo wohnen Sie?«

»Augenblicklich nirgends; denn man hat mich auf die Straße gesetzt, nachdem man mir alle meine Sachen abgenommen hat. Haben Sie Mitleid mit mir!«

Mit diesen Worten warf die Unglückselige sich unter strömenden Tränen vor mir auf die Knie. Ich war tief gerührt. Der Kellner des Gasthofs stand dabei und sah ganz verblüfft diesem Auftritt zu, da ich ihm noch nicht gesagt hatte, daß er hinausgehen sollte. Die Frau war unfraglich eine der größten Schönheiten Frankreichs; sie mochte etwa sechsundzwanzig Jahre alt sein. Sie war die Frau eines Apothekers in Montpellier und hatte das Unglück gehabt, sich von Castelbajac verführen zu lassen. In London hatte sie keinen Eindruck auf mich gemacht, weil ich damals von einem anderen Gegenstand zu sehr in Anspruch genommen war, aber sie besaß alles, was ein Weib sich nur wünschen kann, um zu gefallen.

Ich hob sie auf, indem ich ihr sagte, ich sei sehr geneigt, ihr zu helfen, müßte sie aber bitten, sich zu beruhigen und sogar mit mir zu Abend zu speisen. Der Kellner brachte, ohne daß ich ihm etwas gesagt hatte, sofort ein zweites Bett in mein Zimmer, worüber ich herzlich lachen mußte.

Die arme Frau aß trotz ihrem Kummer mit großem Appetit; sie erinnerte mich an die Witwe von Ephesus. Nachdem sie tüchtig gegessen hatte, stellte ich sie vor die Wahl, daß ich nichts für sie tun und sie in Leipzig ihrem Schicksal überlassen, oder daß ich versuchen würde, alle ihre Sachen herauszubekommen, und daß ich sie mit mir nach Dresden nehmen, ihr alles Notwendige beschaffen und hundert Dukaten in Gold geben würde, sobald ich gewiß wäre, daß sie sie nicht dem Elenden schenkte, der sie in eine so jämmerliche Lage gebracht hätte.

Sie brauchte nicht lange nachzudenken, um ihren Entschluß zu fassen, und sagte zu mir: »Wenn ich in Leipzig bleibe, so sehe ich keine Möglichkeit, dem unglückseligen Wechselfälscher nützlich zu werden. Außerdem könnte ich selber keine vierundzwanzig Stunden mehr leben, denn ich habe keinen Heller. Ich müßte entweder betteln oder mich prostituieren, und weder zu dem einen noch zu dem anderen kann ich mich entschließen. Wenn Sie mir die hundert Dukaten in diesem Augenblick gäben und ich mittels dieser Summe den Unglücklichen aus dem Gefängnis befreite, so wäre ich noch ebenso tief im Unglück und wüßte nicht, wie ich von hier fortkommen oder wohin ich gehen sollte. Ich nehme also Ihr großmütiges Anerbieten an, und Sie können auf meine Dankbarkeit zählen.«

Ich umarmte sie und versprach ihr, die von ihrem Wirt mit Beschlag belegten Sachen frei zu machen; hierauf lud ich sie ein, sich zu Bett zu legen; denn sie bedurfte der Ruhe.

»Ich sehe voraus,« sagte sie zu mir, »daß Sie, weil Sie Gefallen an mir finden oder auch nur aus Höflichkeit, sich mir nähern und Gunstbezeigungen von mir verlangen werden, die ich herzlich gern aus Liebe und aus Dankbarkeit Ihnen gewähren würde; aber es wäre ein übler Lohn für Ihre Großmut, wenn ich Ihnen nicht sofort mitteilen wollte, in welcher beschämenden Lage ich mich befinde. Hier, sehen Sie meine Wäsche – in diesen Zustand hat mich der Elende versetzt. Darum kann ich ihn auch ohne Bedauern verlassen, obwohl er selber mir immer noch leid tut.«

Ich dachte an die Krankheit, von der ich kaum genesen war, und schlug mir vor den Kopf, denn ich sah, daß ich mich sehr leicht von neuem hatte vergiften können. Die Handlungsweise der Frau fand ich edel und zartfühlend; ich dankte ihr daher und gab ihr die Versicherung, daß ich ihr meine Dankbarkeit noch beweisen würde.

Die schöne Französin hatte trotz ihrem Fehltritt tiefe Gefühle und ein ausgezeichnetes Herz; gerade dieses war ein schlechtes Geschenk, das die Natur ihr gemacht hatte, denn diesem guten Herzen verdankte sie ihr ganzes Unglück.

Gleich am nächsten Tage fand ich einen ehrlichen Makler, dem ich die Angelegenheit in allen Einzelheiten mitteilte; er übernahm es, den Wirt zu veranlassen, daß er gegen eine vernünftige Entschädigung der Frau Castelbajac ihre Sachen herausgäbe. Mit sechzig sächsischen Talern wurde die Sache abgemacht, und schon am Nachmittag sah die arme Frau sich wieder im Besitze aller ihrer Sachen, die sie niemals herauszubekommen geglaubt hatte. Sie war ganz und gar von Dankbarkeit durchdrungen und beklagte den unglücklichen Zustand, der sie hinderte, mir Beweise davon zu geben.

Dies entspricht der Natur: eine gefühlvolle Frau glaubt einem Manne, der ihr Wohltaten erwiesen hat, nichts Besseres antun zu können, als daß sie sich rückhaltlos ihm hingibt. Ich glaube, ein Mann denkt anders, und der Grund davon ist sehr einfach: der Mann ist geschaffen, um zu geben, das Weib aber, um zu empfangen.

Am nächsten Tage, kurz vor unserer Abreise, kam der Makler und sagte uns, der von Schwerin betrogene Bankier habe einen besonderen Boten nach Berlin gesandt, um den Gesandten zu fragen, ob der König von Preußen etwas dagegen habe, daß man mit aller Strenge des Gesetzes gegen den Grafen Schwerin verfahre.

Als die Castelbaiac das hörte, rief sie: »Das ist der Schlag, den der Unglückliche am meisten befürchtete! Es ist um ihn geschehen. Der König wird seine Schulden bezahlen, aber Schwerin wird sein Leben in Spandau beschließen. Warum war er nicht schon vor vier Jahren dort!«

Glücklich und dankbar reiste sie mit mir ab; in Dresden war man sehr überrascht, als ich mit dieser neuen Begleiterin erschien. Sie hatte nicht, wie Maton, das Aussehen einer Dirne, sondern konnte sich in der Gesellschaft sehen lassen, beherrschte den guten Ton und hatte ein bescheidenes und doch imponierendes Auftreten. Ich stellte sie als Gräfin Blasin meiner Mutter und meinen Verwandten vor, und ließ sie in meinem schönsten Zimmer wohnen. Ich ließ den Wundarzt rufen, der mich behandelt hatte, und nahm ihm einen Eid ab, daß er niemals über den Zustand der Gräfin sprechen, sondern sagen werde, er komme nach wie vor meinetwegen. Ich nahm sie mit ins Theater und an andere öffentliche Orte und machte mir eine Freude daraus, sie als eine Person von ausgezeichneter Herkunft auftreten zu lassen. Eine nicht zu scharfe, aber pünktlich befolgte Kur gab ihr in kurzer Zeit ihre Gesundheit wieder. Gegen Ende November befand sie sich so wohl, daß sie imstande zu sein glaubte, mich glücklich zu machen.

Die Vermählung wurde in aller Heimlichkeit vollzogen und war sehr süß. Als Hochzeitsgeschenk erhielt ich am Tage darauf die Nachricht, der König von Preußen habe Schwerins Schuld bezahlt, und der Taugenichts sei unter guter Bedeckung nach Berlin gebracht worden. Wenn er nicht gestorben ist, befindet er sich noch in Spandau.

Die Zeit war also gekommen, wo ich der Schönen, in die ich mich wirklich verliebt hatte, die hundert Dukaten zahlen mußte. Daß ich sie liebte, war kein Wunder, denn sie war sanft, schön und anständig. Ich sagte ihr ganz offen, daß ich meiner Interessen wegen nach Portugal gehen müsse, daß ich aber nicht in Begleitung einer schönen Frau dorthin gehen könne, ohne das Glück in Frage zu stellen, das ich dort zu finden erwarte. Außerdem würden meine Mittel mir nicht erlauben, die Kosten einer so langen Reise für zwei Personen zu bestreiten.

Die Castelbajac hatte zu viele Beweise meiner Liebe empfangen, um glauben zu können, daß ich ihrer überdrüssig wäre und mich ihrer zu entledigen wünschte, um mit einer anderen zusammen zu leben. Sie sagte nur freundschaftlich, sie schulde mir alles, und ich sei ihr nichts schuldig; wenn ich aber meinen Wohltaten die Krone aufsetzen wolle, so möge ich ihr die Mittel geben, nach Montpellier zurückzukehren. »Ich habe dort Verwandte,« sagte sie zu mir, »die mich gut aufnehmen werden, und ich hoffe, zu meinem Gatten zurückkehren zu können. Ich bin das verlorene Kind; ich werde in ihm den guten Vater finden.«

Ich gab ihr mein Wort, daß ich ihr die Mittel verschaffen würde, in ihre Heimat zurückzukehren.

Etwa Mitte Dezember verließ ich Dresden mit Madame Blasin. Ich hatte nur noch vierhundert Dukaten zu meiner Verfügung, weil das Glück mir an der Pharaobank den Rücken gekehrt und weil die Leipziger Reise mit allen ihren Folgen mir dreihundert Dukaten gekostet hatte. Hiervon sagte ich jedoch meiner Schönen nichts, sondern dachte nur daran, ihr meine Liebe auf jede mögliche Art zu beweisen.

Wir machten in Prag einen kurzen Aufenthalt und kamen in Wien am ersten Weihnachtsfeiertage an. Wir stiegen im »Roten Ochsen« ab; Frau Gräfin Blasin, die sich in eine Modistin verwandelt hatte, wohnte in dem einen Zimmer und ich in dem anderen, so daß wir getrennt gelten konnten, dabei aber doch in inniger Vertraulichkeit vereint blieben.

Gleich am nächsten Morgen, als wir miteinander Kaffee tranken, traten zwei Menschen bei ihr ein und richteten in grobem Tone die Frage an sie:

»Wer sind Sie, Madame?«

»Ich heiße Blasin.«

»Wer ist dieser Herr?«

»Fragen Sie ihn selber.«

»Was machen Sie in Wien?«

»Ich trinke Milchkaffee, wie Sie sehen.«

»Wenn der Herr nicht Ihr Gatte ist, werden Sie binnen vierundzwanzig Stunden abreisen.«

»Der Herr ist nicht mein Gatte, sondern nur mein Freund, und ich werde abreisen, wann es mir gefällt, es sei denn, daß man mich mit Gewalt fortschafft.«

»Gut. Wir wissen, mein Herr, daß Sie ein Zimmer für sich haben. Aber das ist einerlei.«

Einer von den beiden Polizisten ging in mein Zimmer; ich folgte ihm und fragte: »Was wollen Sie hier?«

»Nur Ihr Bett ansehen. Wie ich bemerke, haben Sie nicht darin geschlafen. Das genügt.«

»Zum Teufel nochmal, was geht Sie das an? Wer kann denn nur solch ein abscheuliches Spürsystem erlauben?«

Er antwortete nicht, sondern begab sich wieder in das Zimmer der Blasin. Die beiden Büttel wiederholten nochmals den Befehl, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, und entfernten sich.

Ich sagte zu meiner Begleiterin: »Kleiden Sie sich an und berichten Sie den ganzen Vorfall dem französischen Gesandten. Sagen Sie, Sie seien Fräulein Blasin, Modistin, und warten hier nur auf eine Gelegenheit, um sich nach Straßburg und von dort nach Montpellier zu begeben.«

Während sie sich ankleidete, ließ ich einen Wagen und einen Lohndiener kommen. Madame Blasin kam nach einer Stunde wieder und sagte mir, der Gesandte habe ihr versichert, sie könne ruhig bleiben und brauche nicht früher abzureisen als bis es ihr passe. Triumphierend fuhr ich mit ihr nach der Messe; da aber das Wetter schlecht war, so fuhren wir gleich nachher nach Hause und brachten den ganzen Tag damit zu, vor einem guten Feuer bei gutem Essen und Trinken es uns wohl sein zu lassen.

Um acht Uhr abends kam der Wirt und sagte sehr höflich zu ihr, er habe Befehl erhalten, ihr ein Zimmer anzuweisen, das nicht an das meinige anstoße, und er sei gezwungen, zu gehorchen.

»Ich bin bereit, das Zimmer zu wechseln!« rief Madame Blasin lachend.

»Muß Madame auch allein speisen?« fragte ich den Wirt.

»Einen diesbezüglichen Befehl habe ich nicht erhalten.«

»In diesem Falle gedenke ich mit Madame zu soupieren, und ich werde Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie für ein recht gutes Essen sorgen.«

»Sie werden zufriedengestellt werden, mein Herr.«

Trotz der schikanösesten Polizei, die die bigotteste Tyrannei hat ersinnen können, verbrachten wir in innigster Vertraulichkeit die vier Tage und Nächte, die die reizende Frau sich noch in Wien aufhielt. Als sie abreiste, wollte ich sie zur Annahme von fünfzig Louis bewegen; sie nahm aber nur dreißig, da sie sich ausgerechnet hatte, daß sie bei der Ankunft in Montpellier noch Gold in ihrer Börse haben würde. Wir schieden tiefgerührt voneinander, und sie schrieb mir von Straßburg aus. Bei meiner Durchreise durch Montpellier werden wir sie wiederfinden.

Am Neujahrstage 1767 nahm ich eine Wohnung bei einem gewissen Herrn Schröder und übergab meinen Empfehlungsbrief an Frau von Salmor, Oberhofmeisterin der Erzherzogin Marianne, und an Frau von Starhemberg. Hierauf machte ich Besuch bei dem älteren Casalbigi, der unter dem Fürsten Kaunitz für das Ministerium arbeitete.

Dieser Casalbigi, dessen ganzer Körper von Beulen bedeckt war, arbeitete stets in seinem Bett, das er fast niemals verließ, und der Minister ging beinahe jeden Tag zu ihm.

Ich war oft bei Metastasio und ging jeden Tag ins Theater, wo Vestris tanzte, den der junge Kaiser von Paris hatte kommen lassen. Am 7. oder 8. Januar sah ich die Kaiserin-Mutter ganz in Schwarz gekleidet ins Theater kommen. Sie wurde mit allgemeinem Händeklatschen empfangen, denn es war das erstemal, daß sie sich seit dem Tode ihres kaiserlichen Gemahls in der Öffentlichkeit zeigte. Ich fand in Wien den Grafen de la Perouse, der bei der Kaiserin die Rückerstattung einer halben Million Gulden betrieb, welche Kaiser Karl der Sechste seinem Vater geschuldet hatte. Durch seine Vermittlung machte ich die Bekanntschaft eines gewissen Las Casas, eines geistvollen und, was selten vorkommt, vorurteilsfreien Spaniers. Bei dem Grafen fand ich ferner den Venetianer Uccelli, mit dem ich im Kollegium San Cipriano auf Murano zusammen gewesen war; er war in Wien als Gesandtschaftssekretär bei dem Botschafter Polo Renieri, der in jenen Tagen starb. Der Botschafter, ein geistreicher und gebildeter Mann, schätzte mich, konnte mich jedoch wegen meines Handels mit den Staatsinquisitoren nicht empfangen. In jenen Tagen kam mein Freund Campioni in Wien an; er war von Warschau über Krakau gereist. Ich nahm ihn mit großem Vergnügen in meine Wohnung auf. Er hatte ein Engagement in London, konnte jedoch ein paar Monate mit mir verbringen, worüber ich hocherfreut war.

Prinz Karl von Kurland war im Sommer einen Monat in Venedig gewesen, wo Herr von Bragadino und meine anderen Freunde, an die ich ihn empfohlen hatte, ihn mit der größten Auszeichnung empfangen hatten. Hierauf hatte er zwei Monate in Wien zugebracht, war aber vierzehn Tage vor meiner Ankunft nach Venedig zurückgereist, wo damals der vor zwei Jahren verstorbene Herzog von Württemberg großes Aufsehen machte. Er hielt sich unter seinem fürstlichen Namen dort auf und gab ungeheuere Summen aus. Prinz Karl schrieb mir sehr dankbare Briefe; er erklärte, er habe niemals liebenswürdigere und zuvorkommendere Menschen getroffen als meine drei Freunde, und ich könne meinerseits bis zum Tode auf ihn rechnen.

Ich lebte in Wien sehr ruhig und in guter Gesundheit. Unaufhörlich dachte ich an meine Reise nach Portugal, die ich im nächsten Frühjahr antreten wollte. Ich sah weder gute noch schlechte Gesellschaft, ging regelmäßig ins Theater und speiste oft bei Casalbigi, der sich mit seinem Atheismus brüstete und in unverschämter Weise auf Metastasio lästerte, der ihn verachtete. Casalbigi wußte dies, aber er lachte darüber; er war ein großer politischer Rechenkünstler und die rechte Hand des Fürsten Kaunitz.

Als ich eines Tages nach Tisch mit meinem lieben Campioni plauderte, sah ich ein sehr hübsches kleines Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren bei mir eintreten. Ihr Benehmen war ein Gemisch von Keckheit und Schüchternheit; sie blieb in einiger Entfernung vor uns stehen und machte mir eine tiefe Verbeugung. Ich fragte sie nach ihrem Begehr, und sie antwortete mir in lateinischen Versen, ihre Mutter sei im Vorzimmer und werde hereinkommen, wenn ich es wünsche. Ich antwortete ihr in lateinischer Prosa, es liege mir nichts daran, ihre Mutter zu sehen, und sagte ihr ganz offen den Grund dafür. Sie antwortete mir mit vier anderen lateinischen Versen; da diese jedoch nicht paßten, so sah ich, daß sie die Verse auswendig hersagte, ohne zu wissen, was sie bedeuteten. Sie sagte mir, immer in Versen, ihre Mutter müsse hereinkommen, denn man werde sie ins Gefängnis stecken, wenn die Keuschheitskommissäre Verdacht schöpfen könnten, daß sie mit mir allein wäre, und daß ich mich mit ihr belustigte. Dieser letztere Ausdruck war ohne jede Umschreibung mit dem ganzen Kynismus der lateinischen Sprache und im Stile Pirons angewandt. Ich mußte laut lachen und bekam Lust, ihr in ihrer Muttersprache zu erklären, was sie mir gesagt hatte. Die kleine Spitzbübin erzählte mir, sie sei Venetianerin. Das versetzte mich in eine behagliche Laune, und ich ließ mich dazu fortreißen, ihr zu sagen, die Polizeispione könnten sie nicht im Verdacht haben, daß sie das von ihr Erwähnte täte, denn sie wäre noch zu jung. Die Kleine dachte einen Augenblick über diesen Einwand nach und rezitierte dann einige Verse aus den Priapeen, worin es heißt, daß herbe Früchte den Gaumen mehr reizen als reife. Mehr war nicht nötig, um mich ganz und gar in Feuer zu setzen. Campioni merkte, daß er überflüssig war, und ging in sein Zimmer.

Ich zog sie sanft an mich und fragte sie, ob ihr Vater in Wien sei. Sie bejahte diese Frage, ohne sich gegen meine Liebkosungen zu sträuben, und begann erotische Verse zu zitieren. Ich fand das köstlich und gab ihr zwei Dukaten. Hierauf entließ ich sie; bevor sie jedoch ging, sprach sie mir, wiederum in Versen, ihren Dank aus und gab mir einen Zettel, worauf, außer einer Adresse in deutscher Sprache, vier lateinische Verse standen, deren Sinn etwa der war, daß ich in ihr nach meinem Belieben Hebe oder Ganymed finden würde.

Trotz aller Verruchtheit konnte ich nicht umhin, den erfinderischen Geist ihres Vaters zu bewundern, der auf diese Weise auf Kosten seiner Tochter zu leben wußte. Die Kleine war sehr hübsch, aber hübsche Mädchen sind in Wien so gewöhnlich, daß sie trotz aller Schönheit in Armut und Elend bleiben. Seine Tochter war durch diese Scharlatankünste eine überraschende Neuheit geworden; allerdings war vorauszusehen, daß er in Wien nicht weit damit kommen würde.

Am nächsten Abend gab mir mein böser Geist den Wunsch ein, zu Fuß in die Wohnung des Mädchens zu gehen. Trotz meinen zweiundvierzig Jahren, trotz meiner großen Lebenserfahrung beging ich die Unvorsichtigkeit, allein nach dem mir angegebenen Hause zu suchen. Die Kleine hatte mich vom Fenster aus bemerkt; sie erriet, daß ich ihre Wohnung suchte, und zeigte mir die Haustür. Ich trat ein, ging eine Treppe hinauf und fühlte beim Anblick des niederträchtigen Diebes Pocchini mein Blut eiskalt durch die Adern strömen. Eine falsche Scham hielt mich ab, sofort wieder umzukehren; dies hätte ausgesehen, wie wenn ich ihn fürchtete, und daran dachte ich nicht einmal. Ich sah in demselben Zimmer seine angebliche Frau Catina, zwei slawonische Räuber und den Lockvogel. Alle Lust zum Lachen war mir vergangen; aber ich verbarg meine Gefühle so gut ich konnte, fest entschlossen, nach fünf Minuten wieder zu gehen.

Pocchini fluchte und schwor. Er warf mir die Härte vor, womit ich ihn in England behandelt hätte, und erklärte schließlich, jetzt sei für ihn die Zeit gekommen, sich zu rächen, und mein Leben sei in seiner Hand. Einer von den beiden Slawoniern nahm das Wort und sagte, wir müßten Frieden schließen. Er ließ mich Platz nehmen, öffnete eine Flasche Wein und verlangte, daß wir miteinander anstießen. Ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen; da ich jedoch nicht trank, schrie Pocchini wütend, ich tränke nur deshalb nicht, weil ich die Flasche nicht bezahlen wollte.

»Sie irren sich,« sagte ich; »ich bin bereit, sie zu bezahlen.«

Ich steckte die Hand in die Tasche, um einen Dukaten herauszuholen, ohne die Börse zu ziehen; aber der Slawonier sagte, ich könnte sie unbesorgt hervorholen, denn ich wäre bei ehrlichen Leuten. Abermals veranlaßte falsche Scham mich, nachzugeben; da es mir einige Mühe machte, mit der rechten Hand die Börse zu öffnen, während ich die linke in der Binde trug, nahm der Slawonier mir die Börse aus der Hand. In demselben Augenblick entriß Pocchini sie ihm und rief, das Geld gehöre ihm als Ersatz für einen Teil des Schadens, den ich ihm verursacht hätte.

Da ich sah, daß dies eine abgekartete Sache war, so sagte ich lächelnd, dies stehe in seinem Belieben, und stand auf, um mich zu entfernen. Der Slawonier verlangte nun aber, wir sollten uns umarmen, und als ich ihm antwortete, das sei nicht notwendig, zogen er und sein Kamerad wütend ihre Säbel. Ich hielt mich für verloren. Ich beeilte mich, sie zu umarmen, und war sehr erstaunt, daß sie mich gehen ließen.

Den Tod im Herzen ging ich nach Hause und da ich nicht wußte, was ich tun sollte, so legte ich mich zu Bett.

Achtzehntes Kapitels


Ich speise mit Armellina und Emilia im Wirtshaus zu Abend.

Die Neuerungen, von denen ich soeben gesprochen habe, verteilten sich auf einen Zeitraum von sechs Monaten. Vor allen Dingen wurde die Bestimmung abgeschafft, wonach es verboten war, das Speisezimmer und überhaupt das Innere des Klosters zu betreten; da keine Gelübde abgelegt worden waren und eine Klausur nicht bestand, so erhielt die Oberin freie Verfügung, nach ihrem Gutdünken zu handeln. Menicuccio erhielt davon durch ein Briefchen seiner Schwester Nachricht. Er brachte mir dies freudestrahlend und forderte mich auf, ihn nach dem Kloster zu begleiten, wie seine Schwester ihn bat, um ihrer Aufseherin ein Vergnügen zu machen. Sie sagte ihm, wir möchten ihre junge Freundin herunterbitten; sie würde entweder mit ihr allein oder mit ihrer Aufseherin herunterkommen; aber die Hauptsache wäre, daß ich sie rufen ließe. Ich war von Herzen gern dazu bereit, denn ich war ungeduldig, die Gesichter der drei Eingesperrten zu sehen und ihre Bemerkungen über das große Ereignis zu hören. Wir gingen daher sofort hin.

Im großen Sprechzimmer sah ich zwei Gitter; an dem einen befand sich der Abbate Guasco, den ich im Jahre 1751 in Paris bei Giulietta kennen gelernt hatte; an dem anderen saßen ein russischer Kavalier, Iwan Iwanowitsch Schuwaloff, und der gelehrte Astronom Pater Jaquier aus dem Minimitenkloster der Trinita de‘ monti. Im Innern bemerkte ich sehr hübsche Personen.

Als unsere Freundinnen gekommen waren, begannen wir eine sehr interessante Unterhaltung, aber wir mußten leise sprechen, weil man uns hören konnte. Erst als die anderen Besucher fort waren, wurde es für uns behaglich. Die Geliebte meines jungen Freundes war ein sehr hübsches Mädchen, aber seine Schwester war entzückend. Sie war eben sechzehn Jahre alt geworden; hochgewachsen und von üppigen Formen; sie entzückte mich. Niemals glaubte ich eine weißere Haut, schwärzere Augen, Brauen und Haare gesehen zu haben; unwiderstehlich aber wurden ihre Reize durch die Sanftheit ihrer Blicke und ihrer Stimme und durch die geistvolle Naivität ihrer Bemerkungen. Ihre Aufseherin, die zehn oder zwölf Jahre älter war als sie, war ebenfalls sehr liebenswürdig; sie war blaß und traurig und sah aus, wie wenn sie unaufhörlich ein verzehrendes Feuer unterdrücken müßte. Sie machte mir viel Vergnügen, indem sie mir ausführlich erzählte, welche Verwirrung die neue Ordnung der Dinge im Hause angerichtet hatte.

»Die Oberin ist sehr zufrieden damit,« erzählte sie mir, »und alle meine jungen Kameradinnen sind selig vor Freude; aber die alten, die natürlich fromm geworden sind, zetern über den Skandal. Die Oberin hat bereits Befehle gegeben, in dem dunklen Sprechzimmer Fenster anzubringen, obgleich die Alten behaupten, sie dürfe nicht weiter gehen, als der Beichtvater ihr erlaubt habe.«

Die Oberin hatte vollkommen recht, indem sie sagte, die dunklen Sprechzimmer seien lächerlich, seitdem es jedermann erlaubt sei, in das helle Sprechzimmer zu gehen. Ferner hatte sie bestimmt, daß das zweite Gitter zu entfernen sei, da im großen Sprechzimmer sich ebenfalls nur eines befinde. Ich fand, daß die Oberin eine kluge Frau sein mußte, und bekam Lust, ihre Bekanntschaft zu machen. Emilia verschaffte mir dieses Vergnügen am nächsten Tage.

Emilia hieß die traurige Freundin von Menicuccios Schwester Armellina.

Dieser erste Besuch dauerte zwei Stunden, die mir sehr kurz vorkamen. Menicuccio war mit seiner Geliebten und der Aufseherin an ein anderes Gitter gegangen.

Ich entfernte mich, nachdem ich ihnen wie das erstemal zehn römische Taler zurückgelassen und Armellinas schöne Hände geküßt hatte; ihr Gesicht überzog sich mit einem hellen Rot, als sie meine Lippen fühlte. Niemals hatte bis zu diesem Augenblick eine Männerhand diese kleinen, zarten Hände berührt, und sie war ganz verwirrt, als sie sah, mit welcher Wollust ich sie ihr küßte.

Verliebt in die junge Schönheit ging ich nach Hause. Ohne an die Schwierigkeiten zu denken, die ihrer Eroberung entgegenstanden, überließ ich mich dieser Leidenschaft; es schien mir die süßeste und innigste zu sein, die ich jemals empfunden hätte.

Mein junger Freund war ganz selig vor Freude. Er hatte seiner Schönen seine Liebe erklärt, und sie war von Herzen gern bereit, seine Frau zu werden, wenn er sich die Einwilligung des Kardinals beschaffen konnte. Da er, um diese Einwilligung zu erhalten, nur nachzuweisen brauchte, daß er durch seine Arbeit seinen Lebensunterhalt erwerben konnte, so versprach ich ihm hundert römische Taler, sobald er sie nötig hätte, und meine Protektion, um ihm Kunden zu verschaffen; denn da er seine Lehrzeit bestanden und schon als Schneidergeselle gearbeitet hatte, so konnte er eine Werkstatt für eigene Rechnung eröffnen.

»Ich beneide dich um dein Los,« sagte ich zu ihm; »denn du hast die Gewißheit, glücklich zu sein, während ich in Verzweiflung bin, da ich deine Schwester liebe und sie unmöglich heiraten kann.«

»Sie sind also verheiratet?« fragte er mich.

»Leider ja. Aber wir dürfen nichts davon sagen; denn ich will sie jeden Tag besuchen, und wenn man erführe, daß ich verheiratet bin, würden meine Besuche verdächtig werden.«

Ich sah mich zu dieser Lüge gezwungen, einerseits, damit ich nicht etwa die Dummheit beging, mich zu verheiraten, andererseits damit Armellina sich nicht einbildete, daß ich in dieser Absicht zu ihr käme.

Ich fand die Oberin des Klosters sehr liebenswürdig, sehr höflich, geistreich und vorurteilsfrei. Nachdem sie einmal an das Sprechgitter gekommen war, um meinen Höflichkeitsbesuch zu empfangen, erschien sie später mehrere Male zu ihrem eigenen Vergnügen. Sie wußte, daß ich der Urheber der glücklichen Veränderung war, die sich in ihrem Hause vollzogen hatte, und sie gab mir Bericht, sobald sie eine neue Verpflichtung gegen mich zu haben glaubte, und deren waren sehr viele, denn in weniger als sechs Wochen hatte sie das Glück, daß drei von ihren jüngeren Zöglingen aus dem Kloster austraten, um sehr gute Heiratspartien zu machen, und man hatte sechshundert römische Taler zu dem Betrage hinzugefügt, den sie jährlich zur Unterhaltung des von ihr verwalteten Hauses empfing.

Die Oberin vertraute mir an, daß sie mit einem von den Beichtvätern unzufrieden sei. Sie sagte zu mir: »Es ist ein Dominikaner, der von seinen Beichtkindern verlangt, daß sie jeden Sonn- und Festtag vor den Tisch des Herrn treten; er ist stundenlang mit ihnen im Beichtstuhl und legt ihnen zur Buße Entbehrungen auf, unter denen ihre Gesundheit leiden kann. Dies kann ihre Moral nicht verbessern und kostet ihnen viel Zeit, so daß ihre Arbeit darunter leidet und infolgedessen auch ihr Wohlbefinden; denn nur durch ihre kleine Hausindustrie können sie sich einige Annehmlichkeiten verschaffen.«

»Wie viele Beichtväter haben Sie?«

»Im ganzen vier.«

»Sind Sie mit den anderen zufrieden?«

»Ja. Sie sind sehr vernünftige Priester, die von der menschlichen Natur nicht mehr verlangen, als was sie ohne Anstrengung leisten kann.«

»Ich übernehme es, Ihre gerechten Beschwerden dem Kardinal mitzuteilen; wollen Sie sie niederschreiben?«

»Haben Sie die Güte, mir ein Muster anzufertigen.«

Ich tat dies. Sie schrieb die Beschwerde ab, unterzeichnete sie und gab sie mir. Ich ließ sie Seiner Eminenz zustellen, und wenige Tage darauf erhielt der Dominikaner einen anderen Wirkungskreis, und seine Beichtkinder wurden unter die drei anderen Beichtväter verteilt. Dies verschaffte mir bei den jüngeren Insassen des Hauses außerordentliche Ehre.

Menicuccio besuchte seine Freundin an jedem Festtag. Ich war in seine Schwester rasend verliebt und ging jeden Morgen um neun Uhr zu ihr. Ich frühstückte mit ihr und Emilia und blieb bis elf Uhr im Sprechzimmer mit ihnen allein. Da nur ein einziges Sprechgitter in diesem Zimmer war, so schloß ich mich ein; aber dies nützte mir nichts, denn man konnte vom Innern des Hauses das Gitter sehen. Weil nämlich kein Fenster vorhanden war, ließ man die Tür auf, um Licht einzulassen. Dies war mir sehr lästig, denn jeden Augenblick sah ich junge oder alte Insassen des Hauses vor dieser Tür vorübergehen; sie blieben zwar niemals stehen, warfen jedoch unfehlbar einen Blick nach dem Gitter, und dies verhinderte meine schöne Armellina, ihre Hand meinen liebedurstigen Lippen zu überlassen.

Als gegen Ende des Dezembers die Kälte sehr fühlbar wurde, benützte ich diesen Umstand zu einer Bitte an die Oberin, sie möchte mir gestatten, einen Wandschirm ins Kloster zu schicken, um mich vor einer Erkältung zu bewahren, der ich sonst durch die beständige Zugluft unfehlbar ausgesetzt sein würde. Die Frau begriff, daß die Tür nicht geschlossen werden konnte, und nahm daher keinen Anstand, mir meine Bitte zu gewähren. Nun machten wir es uns bequem, aber was ich erlangte, hielt sich im Vergleich zu den heftigen Begierden, die Armellina mir einflößte, in so engen Grenzen, daß ich vor Liebessehnsucht beinahe starb.

Am Neujahrstage 1771 schenkte ich jedem der beiden Mädchen ein gutes Winterkleid und sandte der Oberin eine größere Menge Schokolade, Zucker und Kaffee. Dieses Geschenk wurde herzlich gern und mit bestem Dank angenommen.

Emilia war mehrere Male eine Viertelstunde vor Armellina an das Gitter gekommen, weil ihre Freundin noch nicht fertig war. Ebenso begann Armellina allein zu kommen, um mich nicht allein zu lassen, wenn ihre Aufseherin mit irgend etwas anderem beschäftigt war. In diesen kurzen Augenblicken ungestörten Beisammenseins eroberte die engelhafte Sanftmut dieses anbetungswürdigen Mädchens mich ganz und gar.

Emilia und Armellina waren in der innigsten Freundschaft verbunden; trotzdem waren ihre Vorurteile in bezug auf sinnliche Genüsse so stark, daß es mir noch nicht gelungen war, sie dahin zu bringen, daß sie freie Bemerkungen anhörten oder mir kleine Ungezogenheiten verziehen, die ich mir gerne erlaubte, und mit denen man sich in Erwartung eines Besseren einstweilen begnügt.

Eines Tages waren sie ganz starr vor Entsetzen, als ich sie fragte, ob sie nicht zuweilen miteinander im Bett lägen, um sich gegenseitig Beweise der zärtlichsten Freundschaft zu geben. Sie wurden bei diesen Worten dunkelrot.

Emilia fragte mich mit der Einfalt der Unschuld, was es denn mit Freundschaft zu tun hätte, wenn man sich die Unbequemlichkeit machte, zu zweien in einem sehr engen Bette zu liegen.

Ich hütete mich wohl, meine Frage zu erläutern, denn ich sah, daß der von mir angeregte Gedanke sie beunruhigte. Natürlich waren sie so gut wie ich von Fleisch und Blut, aber unsere Erziehung war nicht von gleicher Art. Ich hielt sie für aufrichtig. Sie hatten sich niemals ihre intimen Geheimnisse mitgeteilt und hatten sie vielleicht nicht einmal ihrem Beichtvater eingestanden, sei es aus unüberwindlicher Schamhaftigkeit, sei es, weil sie gar keine Sünde begangen zu haben glaubten, indem sie ihren Händen gewisse Freiheiten an ihrem eigenen Körper erlaubten.

Eines Tages schenkte ich ihnen seidene Strümpfe, die mit Plüsch gefüttert waren, um gegen die Kälte zu schützen. Sie empfingen dieses Geschenk mit Bekundungen lebhaftester Dankbarkeit, aber ich bat sie vergeblich, die Strümpfe in meiner Gegenwart anzuziehen. Ich sagte ihnen, es sei kein Unterschied zwischen den Beinen eines jungen Mädchens und denen eines Mannes; es wäre nicht einmal eine läßliche Sünde, und ihr Beichtvater würde sie auslachen, wenn sie es als ein Verbrechen beichten wollten. Sie antworteten mir stets übereinstimmend und errötend, Mädchen könne so etwas nie erlaubt sein, denn man habe ihnen die Röcke gegeben, um ihre Beine zu bedecken.

Ich erriet Emiliens Gedanken: sie war überzeugt, daß sie sich in meinen Äugen erniedrigen und daß ich eine ungünstige Meinung von ihr haben würde, wenn sie anders gehandelt hätte. Und doch war Emilia bereits siebenundzwanzig Jahre alt und durchaus nicht übertrieben fromm.

Armellina schämte sich offenbar, weniger sittenstreng zu sein als ihre Freundin, in der sie ihr Vorbild zu erblicken gewohnt war. Mir schien, daß sie mich liebte, und daß es mir weniger schwer sein würde, im geheimen Gunstbezeigungen von ihr zu erlangen, als in Gegenwart ihrer Freundin; in dieser Beziehung war sie allerdings anders als die meisten jungen Mädchen.

Ich stellte sie auf die Probe, als sie eines Morgens allein am Gitter erschien und mir sagte, ihre Aufseherin sei für einige Augenblicke beschäftigt. Ich rief: »Ich bete Sie an, und darum bin ich der unglücklichste aller Menschen; denn da ich verheiratet bin, so kann ich nicht darauf hoffen, mich mit Ihnen zu vermählen und mir auf diese Weise das Glück zu verschaffen, Sie in meinen Armen zu halten und mit meinen Küssen zu bedecken. Wie ist es mir möglich, schöne Armellina, daß ich noch leben kann, da ich keinen anderen Trost habe, als daß ich Ihre reizenden Hände küssen darf?«

Ich sprach diese Worte im leidenschaftlichsten Ton; sie sah mich mit ihren schönen Augen an, dachte einige Sekunden nach und küßte dann meine Hände ebenso feurig, wie ich die ihrigen geküßt hatte.

Nun bat ich sie, ihren Mund dem Gitter zu nähern, gegen das ich meine Lippen gepreßt hatte. Sie errötete, schlug die Augen nieder und rührte sich nicht. Ich beklagte mich bitter darüber, aber vergebens. Sie war taub und stumm, bis Emilia kam, die uns fragte, warum wir nicht so fröhlich wären wie sonst.

An einem der ersten Tage des Jahres 1771 sah ich jene Mariuccia bei mir eintreten, welche ich vor zehn Jahren mit einem braven jungen Menschen verheiratet hatte, der einen Barbierladen aufgemacht hatte. Meine Leser werden sich vielleicht erinnern, daß ich sie bei dem Abbate Momolo, dem Scopatore des Papstes Rezzonico, kennen gelernt hatte. In den drei Monaten, seit ich wieder in Rom war, hatte ich vergeblich Nachforschungen angestellt, um zu erfahren, was aus ihr geworden wäre. Ihr Erscheinen war mir daher sehr angenehm, um so mehr, da ich sie sehr wenig verändert fand.

»Ich habe Sie bei der Weihnachtsmesse in Sankt Peter gesehen,« sagte sie zu mir; »wegen der Gesellschaft, in der ich mich befand, wagte ich jedoch nicht, mich Ihnen zu nähern, und bat daher einen von meinen Bekannten, Ihnen nachzugehen, um zu erfahren, wo Sie wohnten.«

»Wie kommt es, daß ich in drei Monaten nichts von Ihnen habe erfahren können?«

»Seit acht Jahren hat mein Mann sein Geschäft in Frascati, wo wir sehr glücklich leben.«

»Das freut mich. Haben Sie Kinder?«

»Vier, und die älteste, die jetzt neun Jahre alt, sieht Ihnen sehr ähnlich.«

»Lieben Sie sie?«

»Ich bete sie an; aber ich habe die drei anderen ebenso lieb.«

Da ich mit Armellina frühstücken wollte, bat ich Margherita, meiner alten Freundin bis zu meiner Rückkehr Gesellschaft zu leisten.

Mariuccia speiste mit mir zu Mittag, und ich verbrachte den Rest des Tages auf die angenehmste Weise mit ihr, ohne mich versucht zu fühlen, unser Liebesverhältnis zu erneuern. Unsere Erlebnisse boten reichlichen Stoff für unsere Unterhaltung; sie machte mir die interessante Mitteilung, daß mein früherer Kammerdiener Costa drei Jahre nach meiner Abreise mit großem Pomp nach Rom zurückgekehrt war und Momolos Tochter geheiratet hatte, in die er sich verliebt hatte, als er in meinem Dienste stand.

»Das ist ein Lump, der mich bestohlen hat.«

»Ich habe es erraten; aber es hat ihm keinen Nutzen gebracht. Zwei Jahre nach der Heirat hat er seine Frau verlassen, und man weiß nicht, wo er jetzt ist.«

»Was ist aus seiner Frau geworden?«

»Sie befindet sich in Rom und lebt seit dem Tode ihres Vaters im tiefsten Elend.

Ich hatte keine Lust, die unglückliche arme Frau zu besuchen, denn ich konnte ihr nichts Gutes tun und wollte sie nicht betrüben. Ich hätte mich nicht enthalten können, ihr zu sagen, daß ich ihren Mann hängen lassen würde, wenn ich ihn wiederträfe. Diese Absicht habe ich in der Tat bis zum Jahre 1785 gehabt; zu dieser Zeit fand ich den Taugenichts in Wien, wo er Kammerdiener des Grafen Hardegg war. Wenn wir so weit sind, werde ich sagen, was ich mit ihm machte.

Ich versprach Mariuccia, sie während der Fastenzeit einmal zu besuchen.

Die Fürstin Santa-Croce und der gute Kardinal Bernis bedauerten mich wegen meiner unglücklichen Liebe zu Armellina; trotz ihrem Mitleid aber amüsierte ich sie oft, indem ich ihnen von meinen Leiden erzählte.

Der Kardinal sagte der Fürstin, sie könnte mir wohl den Gefallen tun, beim Kardinal Orsini die Erlaubnis auszuwirken, mit Armellina ins Theater zu gehen; ich würde dann mitgehen und könnte sie vielleicht gefügiger machen. »An der Zustimmung des Kardinals können Sie nicht zweifeln, denn Armellina hat kein Gelübde getan; da es jedoch notwendig ist, daß Sie den Gegenstand der heißen Liebe unseres Freundes kennen, bevor Sie diese Bitte aussprechen, so brauchen Sie nur dem Kardinal zu sagen, Sie seien neugierig, das Innere des Hauses zu besichtigen.«

»Glauben Sie, daß er mir das erlauben wird?«

»Sofort; denn die Klausur ist nur eine innere Verwaltungsmaßregel. Wir werden mit Ihnen gehen.«

»Sie gehen mit? Oh, mein lieber Kardinal, das ist eine reizende Partie.«

»Bitten Sie um die Erlaubnis, und wir werden den Zeitpunkt festsetzen.«

Ich fand diesen Plan köstlich. Ich erriet, daß der galante Kardinal neugierig war, Armellina zu sehen; aber seine Neugier beunruhigte mich nicht, denn ich wußte, daß er treu war. Außerdem war ich überzeugt, daß er und die Fürstin, wenn die schöne Eingesperrte ihnen gefiel, sich bemühen würden, einen Mann für sie zu finden, der sie glücklich machen könnte; sie brauchten ihr nur einige von den milden Stiftungen zuzuwenden, die in Rom, wie in allen schlecht regierten Ländern, sehr zahlreich sind.

Drei oder vier Tags darauf ließ die Fürstin mich in ihre Loge im Theater Aliberti rufen und zeigte mir einen Brief vom Kardinal Orsini, der ihr schrieb, sie könnte mit einer beliebigen Anzahl von Personen das Innere des Klosters besichtigen.

»Morgen Nachmittag«, sagte die liebenswürdige Fürstin zu mir, »werden wir Tag und Stunde festsetzen.«

Als ich am nächsten Morgen meinen gewöhnlichen Besuch machte, kam die Oberin an das Gitter, um mir zu sagen, der Kardinal-Protektor habe ihr mitgeteilt, daß die Fürstin Santa-Croce mit einer Gesellschaft das Haus besichtigen werde; dies mache ihr viel Vergnügen.

»Ich weiß es; ich werde bei der Fürstin sein.«

»Und wann wird sie kommen?«

»Das weiß ich noch nicht; aber ich werde Ihnen Bescheid geben, sobald ich es erfahre.«

»Die Neuigkeit hat das ganze Haus in Aufregung gebracht. Unsere Frommen laufen wie geistesabwesend herum; denn mit Ausnahme einiger Priester, des Arztes und des Wundarztes hat seit der Begründung des Hauses kein Mensch jemals Lust gezeigt, das Innere zu besichtigen.«

»Die Exkommunikation ist aufgehoben, Signora, und infolgedessen kann man an eine Klausur nicht mehr denken. Sie brauchen keine Erlaubnis von Seiner Eminenz, um Privatbesuche zu empfangen.«

»Das fühle ich wohl; trotzdem würde ich es aber nicht wagen.«

Am Nachmittag wurde die Stunde des Besuches festgesetzt, und ich meldete dies der Oberin gleich am nächsten Morgen. Die Herzogin von Fiano wollte ebenfalls den Besuch mitmachen, und um drei Uhr waren wir im Kloster. Der Kardinal trug kein Abzeichen seiner hohen Würde. Er erkannte Armellina, sobald er sie sah; so genau war die Beschreibung gewesen, die ich von ihr entworfen hatte. Er machte ihr ein Kompliment wegen ihrer Schönheit und wünschte ihr Glück, daß sie meine Eroberung gemacht hätte.

Das arme Mädchen errötete bis in das Weiße der Augen, und ich glaubte, sie würde ohnmächtig werden, als die Fürstin ihr sagte, niemand im ganzen Hause sei so schön wie sie, und ihr zwei zärtliche Küsse gab, die nach den Regeln des Hauses streng verboten waren.

Nachdem die Fürstin Armellina in dieser Weise geliebkost hatte, machte sie der Oberin Komplimente; sie sagte ihr, ich hätte mit Recht ihre Klugheit gelobt, denn sie fände diese durch die Ordnung und Sauberkeit, die im Hause herrschte, vollauf bestätigt. Sie würde mit dem Kardinal Orsini über sie sprechen, und die Oberin könnte sich darauf verlassen, daß sie ihr alle Gerechtigkeit würde widerfahren lassen, die sie verdiente.

Nachdem wir alle Zimmer gesehen hatten, in denen nichts Merkwürdiges zu sehen war, stellte ich Emilia der Fürstin vor. Diese begrüßte sie auf das herzlichste und sagte zu ihr: »Ich weiß, daß Sie traurig sind, und ich errate die Ursache: Sie sind gut und hübsch; ich werde dafür sorgen, daß Sie einen Mann bekommen werden, der Sie wieder fröhlich machen wird.«

Die Oberin zollte diesem Kompliment ein freundliches Lächeln; aber ich sah ein Dutzend alter Betschwestern fürchterliche Gesichter schneiden.

Emilia wagte nicht zu antworten, aber sie ergriff die Hand der Fürstin und küßte sie inbrünstig, wie wenn sie sie auffordern wollte, ihr Versprechen zu halten.

Ich sah mit Stolz, daß in der ganzen Schar wirklich schöner Mädchen kein einziges es mit meiner Armellina aufnehmen konnte. Sie überstrahlte sie alle, wie vor dem Glanz des Tagesgestirnes die glänzendsten Sterne erbleichen.

Als wir nach dem Sprechzimmer hinuntergingen, sagte die Fürstin zu Armellina, sie würde den Kardinal um Erlaubnis bitten, sie während des Karnevals drei- oder viermal ins Theater zu führen. Über diese Worte machten alle ganz erstaunte Gesichter; nur die Oberin sagte zur Fürstin, Seine Eminenz habe das Recht, in einem Hause, wo die Mädchen nur solange blieben, um sich gut zu verheiraten, alle strengen Maßregeln zu unterdrücken.

Die arme Armellina war halb ohnmächtig vor Scham und Freude. Sie fand keine passenden Worte, um der Fürstin zu danken, die beim Abschied sie und ihre Freundin Emilia noch einmal der Oberin warm empfahl und dieser eine Anweisung übergab, um für sie anzuschaffen, was sie am dringendsten nötig hätten.

Die Herzogin von Fiano wollte an Großmut nicht zurückbleiben und sagte der Oberin, sie würde ihr durch mich ein kleines Geschenk zustellen, das sie Armellina und Emilia zu machen wünschte.

Man kann sich denken, wie eifrig ich der Fürstin meinen Dank abstattete, sobald wir im Wagen saßen.

Ich brauchte Armellina nicht zu entschuldigen; denn die Fürstin und der Kardinal hatten ihr Wesen richtig erkannt. Eine natürliche Verwirrtheit hatte sie gehindert, Geist zu zeigen, aber ihr lebhaftes Auge ließ den Verdacht nicht aufkommen, daß sie keinen Geist hätte, übrigens konnte sie nicht anders sein, als wie die Erziehung sie gemacht hatte.

Die Fürstin war ungeduldig, sie im Theater zu sehen und hierauf nach römischem Brauch im Gasthof mit ihr zu speisen.

Sie schrieb Armellinas und Emilias Namen in ihr Notizbuch ein, um ihnen alle nur möglichen Vergünstigungen zu verschaffen.

Ich dachte an die Geliebte meines armen Menicuccio; aber der Augenblick war nicht günstig, um sie zu empfehlen. Am nächsten Tage zeigte sich jedoch ein günstiger Augenblick, und ich vertraute dem Kardinal Bernis an, warum ich mich für den jungen Menschen interessierte. Der Kardinal ließ ihn kommen, und da Menicuccio ihm gefiel, so interessierte er sich so wirksam für ihn, daß der junge Mensch noch vor dem Ende des Karnevals seine Geliebte mit einer Ausstattung von fünfhundert römischen Talern heiraten konnte. Mit dieser Summe und mit den hundert Talern, die ich ihm schenkte, war er imstande, sich eine gute Einrichtung zu beschaffen und eine Schneiderwerkstatt für eigene Rechnung aufzumachen.

Der Tag nach unserem Besuch im Kloster war für mich ein wahrer Triumph. Als ich wie gewöhnlich am Sprechgitter erschien, sagte man sofort der Oberin Bescheid, die eilends herunterkam, um mir ihren Dank abzustatten.

Die Anweisung, die die Frau Fürstin ihr gegeben hatte, lautete über fünfzig römische Taler; sie sagte mir, sie werde diese darauf verwenden, Armellina und Emilia mit Wäsche zu versehen.

Die lieben Geschöpfe waren ganz starr vor Staunen, als ich ihnen sagte, der dicke Abbate sei der Kardinal Bernis gewesen, denn sie wußten nicht, daß ein Kardinal den Purpur nach seinem Belieben ablegen darf.

Die Herzogin von Fiano hatte ihnen ein Faß Wein geschickt. Dies war ein Genuß, dessen das Haus seit langer Zeit hatte entbehren müssen, und so viele Geschenke erweckten die Hoffnung, daß ihnen noch andere folgen würden. Sie betrachteten mich als den ersten Urheber ihres Glückes, und ihre Dankbarkeit malte sich in ihren Blicken, in dem Klange jedes Wortes, das sie sprachen. Ich glaubte daher, alles hoffen zu können.

Einige Tage darauf stattete die Fürstin dem Kardinal Orsini ihren Dank ab und sagte ihm, sie nehme an zwei von den jungen Mädchen des Klosters besonders Anteil; um passende Partien für sie zu finden, wünsche sie, sie zuweilen ins Theater führen zu können, damit sie die Welt ein bißchen kennen lernten; sie verpflichte sich, sie im Kloster abzuholen und wieder dorthin zu bringen oder sie nur sicheren Leuten anzuvertrauen. Der Kardinal antwortete ihr, die Oberin werde in dieser Beziehung alle Befehle empfangen, die die Fürstin nur wünschen könne.

Als die Fürstin Santa-Croce mir über ihre Unterhaltung mit dem Kardinal berichtete, sagte ich ihr, ich würde dafür sorgen, daß sie alle Befehle erführe, die die Oberin erhielte. Wirklich sagte die Oberin mir schon am nächsten Tage, der Auditor des Kardinals sei bei ihr gewesen und habe ihr gesagt, Seine Eminenz überlasse es ihrer Weisheit, die ihrer Obhut anvertrauten jungen Mädchen bestens zu lenken, und bitte sie auf die Wünsche der Fürstin Santa- Croce alle nur mögliche Rücksicht zu nehmen.

»Ich habe ferner«, erzählte mir die Oberin, »den Befehl erhalten, Seiner Eminenz die Namen derjenigen mitzuteilen, die über dreißig Jahre alt sind und das Kloster verlassen möchten; sie werden die Erlaubnis und zweihundert Scudi erhalten. Ich habe diesen Auftrag noch nicht bekannt gemacht, aber ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mindestens zwanzig Mädchen auf diese Weise los werde.«

Ich gab der Fürstin Bericht über die Aufträge des Kardinals, und sie fand, daß Seine Eminenz wirklich nicht vornehmer handeln könnte.

Kardinal Bernis, der bei unserer Unterhaltung zugegen war, sagte ihr, sie werde wohl daran tun, wenn sie das erste Mal ihre jungen Schützlinge persönlich abholte und der Oberin sagte, sie werde die jungen Mädchen stets nur mit ihrem eigenen Wagen und von Leuten, die ihre Livree trügen, abholen lassen.

Natürlich stimmte die Fürstin dem Kardinal bei, und wenige Tage darauf fuhr sie allein nach dem Kloster und fuhr mit ihnen nach ihrem Palazzo am Campo di Fiore, wo der Kardinal, der Fürst, ihr Gemahl, die Herzogin von Fiano und ich auf sie warteten.

Man empfing sie mit der größten Liebenswürdigkeit, sprach gütig mit ihnen, ermutigte sie zu antworten, zu lachen und ihre Gedanken frei auszusprechen. Alles war vergeblich: sie befanden sich zum ersten Male in einem so herrlich ausgestatteten Saal, in einer glänzenden Gesellschaft und waren so verwirrt, daß sie sich nicht entschließen konnten, ein Wort zu sprechen, weil sie Angst hatten, daß sie Dummheiten sagen würden. Emilia wagte keine zwei Worte zu sagen, ohne aufzustehen, und Armellina glänzte nur durch ihre Schönheit. Die Röte, die bei jeder meiner an sie gerichteten Fragen ihr Gesicht überzog, gab ihrem schönen Antlitz neues Leben. Die Fürstin bedeckte sie mit Küssen, aber sie konnte sie durch nichts bewegen, diese zu erwidern.

Bald jedoch wurde Armellina ein bißchen zuversichtlich: sie ergriff die Hand der Fürstin und preßte inbrünstig ihre Lippen darauf; als aber die schöne Römerin sie auf den Mund küßte, blieb das junge Mädchen untätig und schien von der so natürlichen und süßen Kunst des Küssens gar keine Ahnung zu haben.

Der Kardinal und der Fürst lachten; die Herzogin aber sagte, eine solche Zurückhaltung sei nicht natürlich. Ich stand Höllenqualen aus, denn ein so linkisches Benehmen schien mir an Dummheit zu grenzen, weil Armellina nur mit den Lippen der Fürstin dasselbe zu machen brauchte, was sie mit deren Händen machte. Ohne Zweifel glaubte sie, gegen den Respekt zu verstoßen, indem sie es ebenso machte wie die Fürstin, obgleich diese sie so dringend dazu aufforderte.

Erziehung verdirbt die Natur, wenn sie sie nicht vervollkommnet.

Der Kardinal nahm mich beiseite und sagte mir, es komme ihm unmöglich vor, daß ich in zwei Monaten das junge Mädchen noch nicht verführt habe; er müsse jedoch wohl davon überzeugt sein und anerkennen, welche Macht eine lange Gewohnheit ist, wenn sie von Vorurteilen unterstützt wird.

Dieses erste Mal wollte die Fürstin mit ihnen ins Theater von Torre di Nona fahren, wo Schwänke gespielt werden; sie mußten über die Späße lachen, und dies erweckte unsere Hoffnungen.

Nach der Vorstellung gingen wir in ein Wirtshaus und aßen zu Abend. Das gute Essen und mein Zuspruch lösten endlich ihre Befangenheit. Wir überredeten sie, Wein zu trinken, und dies gab ihnen Mut. Emilia legte ihre Traurigkeit ab, und Armellina gab endlich der Fürstin richtige schöne Küsse. Wir klatschten Beifall, und dies bewies ihr, daß sie nicht unrecht getan hatte.

Natürlich übertrug die Fürstin mir die angenehme Aufgabe, ihre beiden Gäste nach ihrem Kloster zurückzubringen, und dies war der Augenblick, wo ich den ersten Schritt tun mußte, um das große Ziel zu erreichen. Kaum war aber der Wagen abgefahren, da merkte ich, daß ich unrecht daran getan hatte, die Rechnung ohne den Wirt zu machen: Wenn ich Küsse geben wollte, drehte man den Kopf zur Seite; wenn ich mir einen unbescheidenen Griff erlaubte, hüllte man sich in seine Röcke; wenn ich den Zugang mit Gewalt erkämpfen wollte, leistete man mir gewaltsamen Widerstand; wenn ich mich beklagte, sagte man mir, ich hätte unrecht; wenn ich zornig wurde, ließ man mich reden, und wenn ich drohte, ich würde mich nicht wieder sehen lassen, so glaubte man mir nicht.

Als wir im Kloster angekommen waren, öffnete eine Magd die Nebenpforte, und da ich sah, daß sie die Tür nicht wieder zumachte, nachdem die beiden Mädchen eingetreten waren, so ging ich ebenfalls ins Kloster und begab mich mit ihnen zur Oberin, die in ihrem Bett lag und über meinen Anblick durchaus nicht erstaunt zu sein schien. Ich sagte ihr, ich hätte es für meine Pflicht gehalten, ihr ihre beiden Zöglinge persönlich zurückzubringen. Sie dankte mir, sagte mir, ich hätte sehr recht getan, fragte die Mädchen, ob sie sich auch gut unterhalten und tüchtig gelacht hätten, und wünschte mir gute Nacht, indem sie mich bat, beim Hinausgehen möglichst wenig Geräusch zu machen.

Ich entfernte mich, indem ich ihr eine angenehme Nacht wünschte, und nachdem ich der Magd eine Zechine gegeben hatte und dem Kutscher ebenfalls eine, ließ ich mich vor meiner Wohnung absetzen, wo ich Margherita auf einem Lehnstuhl eingeschlafen fand. Sie schimpfte, als sie mich sah, aber sie wurde bald besänftigt, als sie an der Kraft meiner Liebkosungen merkte, daß ich keiner Untreue fähig war.

Ich stand erst mittags auf; um drei Uhr begab ich mich zur Fürstin, bei der ich den Kardinal fand.

Sie erwartete, von einem Triumph zu hören; als ich ihr aber das Gegenteil erzählte, war sie sehr überrascht, und noch mehr darüber, daß ich mich so gleichgültig zeigte.

Ich muß jedoch gestehen, daß mein Gesichtsausdruck nicht der Wahrheit entsprach. Da ich über das Alter, mich wie ein Kind zu beklagen, hinaus war, so gab ich meiner Enttäuschung einen komischen Anstrich und sagte ihr, ich liebte die Pamelas nicht und hätte daher beschlossen, den Versuch aufzugeben.

»Mein Lieber,« sagte der Kardinal zu mir, »in drei Tagen werde ich Ihnen meinen Glückwunsch abstatten.«

Er kannte das menschliche Herz.

Als Armellina mich an diesem Tage nicht sah, glaubte sie, ich hätte die Zeit verschlafen; als aber auch der zweite Tag verging, ohne daß ich mich zeigte, ließ sie ihren Bruder holen, um sich zu erkundigen, ob ich krank sei; denn ich hatte bisher nie zwei Tage vergehen lassen, ohne sie zu besuchen.

Menicuccio kam also zu mir und sagte mir, wie unruhig seine Schwester sei; zugleich freute er sich, ihr sagen zu können, daß ich mich ausgezeichnet wohl befände.

»Ja, mein lieber Freund, sage deiner Schwester, daß ich mich auch weiterhin bemühen werde, ihr die Gunst der Fürstin zu erwirken, daß sie mich aber nicht mehr sehen wird.«

»Warum denn nicht?«

»Ich will versuchen, von meiner unglückseligen Leidenschaft zu genesen. Deine Schwester liebt mich nicht; davon bin ich überzeugt. Ich bin nicht mehr jung, und ich fühle mich durchaus nicht geneigt, ein Märtyrer ihrer Tugend zu werden. Ein junges Mädchen, das liebt, darf die Tugend nicht so weit treiben, daß sie dem Manne, der sie anbetet, nicht einen einzigen Kuß bewilligt.«

»Das hätte ich aber wirklich nicht von ihr geglaubt!«

»Aber es ist so, und ich muß der Sache ein Ende machen. Deine Schwester ist zu jung; sie weiß nicht, welche Folgen es haben kann, wenn sie sich gegen einen Verliebten von meinem Alter so benimmt. Sage ihr dies alles, Menicuccio, aber laß dir nicht einfallen, ihr Ratschläge zu geben.«

»Sie können sich gar nicht vorstellen, wie leid mir das alles tut; aber vielleicht schämt sie sich in Gegenwart Emilias.«

»Nein. Ich habe sie auch unter vier Augen oft mit meinen Bitten bestürmt, ohne etwas von ihr zu erlangen. Ich will von meiner Leidenschaft genesen; denn wenn sie mich nicht liebt, will ich sie weder verführen noch durch Dankbarkeit für mich gewinnen. Tugendhaft zu sein, kostet einem Mädchen, das nicht liebt, keine Mühe; sie fühlt vielleicht, daß sie undankbar ist, aber es macht ihr Vergnügen, die Dankbarkeit dem Vorurteil zu opfern. Wie behandelt dich deine Zukünftige?«

»Seitdem sie sicher ist, daß ich sie heiraten werde, ist sie sehr lieb.«

Ich bedauerte, daß ich mich für einen verheirateten Mann ausgegeben hatte, denn in meinem damaligen Gemütszustand würde ich ihr auch versprochen haben, sie zu heiraten, und ich würde durchaus nicht die Absicht gehabt haben, sie mit diesem Versprechen zu täuschen.

Menicuccio entfernte sich ganz betrübt, und ich begab mich nach dem Kapitol zur Versammlung der Akademie, wo die Marquise d’Août ihr Aufnahmegedicht vortragen sollte. Diese Marquise war eine junge Französin, die sich seit sechs Monaten mit ihrem Gatten in Rom befand. Er war ein freundlicher und liebenswürdiger Mensch, der es jedoch in bezug auf Geist durchaus nicht mit ihr aufnehmen konnte; denn sie war sogar genial zu nennen. Ich befreundete mich an diesem Tage mit ihr, ohne jedoch an ein Liebesverhältnis zu denken. Der Platz war bereits besetzt von einem französischen Abbé, der rasend in sie verliebt war und ihretwegen auf seine aussichtsreiche geistliche Laufbahn verzichtete.

Die Fürstin von Santa-Croce sagte mir jeden Tag, sie würde mir die Schlüssel ihrer Loge geben, so oft ich Lust hätte, mit Armellina und Emilia allein in die Oper zu gehen. Als sie aber sah, daß ich in acht Tagen noch nicht wieder dagewesen war, begann sie zu glauben, daß ich wirklich mit dem Mädchen gebrochen hätte.

Der Kardinal dagegen hielt mich immer noch für verliebt und lobte mein Verhalten. Er prophezeite mir, daß die Oberin mir schreiben würde, und er hatte richtig geraten; denn nach acht Tagen schrieb sie mir ein sehr höfliches Briefchen und bat mich, sie zu besuchen. Ich glaubte mich diesem Besuch nicht entziehen zu können.

Am Sprechgitter sagte ich, daß ich sie allein zu sehen wünschte; sie kam und fragte mich, warum ich so plötzlich meine Besuche eingestellt hätte.

»Weil ich in Armellina verliebt bin.«

»Wenn dieser Grund stark genug war, um Sie jeden Tag hierher zu führen, so kann ich nicht begreifen, warum er jetzt auf einmal genau das Entgegengesetzte bewirkt.«

»Das ist doch ganz natürlich, Signora: wenn man liebt, begehrt man, und wenn man vergeblich begehrt, leidet man; ein beständiges Leiden aber macht den Menschen unglücklich. Sie sehen wohl ein, daß ich alles, was in meinen Kräften steht, tun muß, um nicht mehr unglücklich zu sein.«

»Ich beklage Sie und ich sehe ein, daß Sie weise handeln; aber wenn die Sache sich so verhält, wie ich glaube, so möchte ich Ihnen sagen, daß Sie Armellina achten müssen und daß Sie sie nicht auf diese Weise verlassen dürfen; denn dadurch werden alle ihre Freundinnen veranlaßt, ein Urteil über sie zu fällen, das der Wahrheit widerspricht.«

»Was für ein Urteil denn, Signora?«

»Daß Ihre Liebe nur eine Laune war, und daß Sie, sobald Sie diese befriedigt hatten, Armellina verlassen haben.«

»Das wäre der Gipfel der Bosheit; aber ich kann nichts dagegen machen, denn ich habe nur dieses eine Heilmittel, um von meiner Torheit zu genesen. Kennen Sie ein anderes, Signora? So nennen Sie es mir gütigst.«

»Ich verstehe nicht viel von dieser Krankheit; aber mir scheint, die Liebe wird allmählich zur Freundschaft werden, und dann wird man wieder ruhig.«

»Das ist richtig; aber um zur Freundschaft werden zu können, darf die Liebe nicht beleidigt werden. Wenn der geliebte Gegenstand sie nicht schont, gerät sie in Verzweiflung und wird dann zur Verachtung oder Gleichgültigkeit. Ich will weder in Verzweiflung geraten noch Armellina verachten; denn sie ist ein Engel an Schönheit und Tugend. Ich werde mich ihr nützlich machen, genau so wie wenn sie mich glücklich gemacht hätte; aber ich will sie nicht mehr sehen, und ich bin überzeugt, daß dies ihr nicht mißfallen kann, denn sie muß meinen Zorn bemerkt haben. Das darf nicht wieder vorkommen.«

»Ich tappe vollkommen im Dunklen; sie haben mir fortwährend versichert, daß Sie durchaus keinen Verstoß gegen sie begangen haben, und daß sie nicht zu erraten vermögen, warum Sie nicht mehr kommen.«

»Sie haben gelogen, entweder aus Schüchternheit oder aus Vorsicht oder aus Zartgefühl oder aus Furcht, mir bei Ihnen zu schaden. Aber Sie verdienen alles zu wissen, Signora, und meine Ehre verlangt, daß ich Ihnen alles sage.«

»Ich bitte Sie darum; Sie können auf meine Verschwiegenheit rechnen.«

Hierauf erzählte ich ihr alles ganz ausführlich. Sie war ganz bestürzt und sagte: »Ich habe den Grundsatz, an das Böse nur zu glauben, wenn wirklich Anlaß dazu vorliegt; aber da ich die menschliche Schwäche kenne, so würde ich niemals geglaubt haben, daß Sie beide, die seit drei Monaten jeden Tag mehrere Stunden zusammen waren, sich in so strengen Grenzen gehalten hätten. Mir scheint, ein Kuß hätte weniger geschadet als das Gerede, das Ihr Fernbleiben verursacht.«

»Ich bin überzeugt, daß Armellina sich nichts daraus macht.«

»Sie weint den ganzen Tag.«

»Ihre Tränen entspringen vielleicht einem Gefühl von Eitelkeit oder auch dem Verdruß über den Grund, dem man meine Unbeständigkeit zuschreibt.«

»Nein, das kann nicht sein; denn ich habe allen mitgeteilt, Sie seien krank.«

»Und was sagt Emilia?«

»Sie weint nicht, aber sie ist sehr traurig; sie sagt mir fortwährend, es sei nicht ihre Schuld, daß Sie nicht mehr kommen, und mir scheint, sie will damit sagen, daß Armellina schuld habe. Tun Sie mir den Gefallen und kommen Sie morgen! Sie haben die größte Lust, einmal die Oper im Theater Aliberti und die Komische Oper in der Capronica zu sehen.«

»Nun gut denn, Signora; ich werde morgen vormittag zum Frühstück kommen, und morgen abend werden sie die Oper sehen.«

»Das freut mich außerordentlich, und ich danke Ihnen recht sehr dafür. Kann ich ihnen diese Neuigkeit mitteilen?«

»Ich bitte Sie sogar, Armellina zu sagen, daß ich mich nur in Anbetracht der mir von Ihnen genannten Gründe entschlossen habe, sie wiederzusehen.«

Die Fürstin frohlockte, als ich ihr mein Gespräch mit der Oberin erzählte, und der gute Kardinal rief triumphierend, er habe richtig geraten. Die Fürstin gab mir den Schlüssel zu ihrer Loge und erteilte den Befehl, daß am Abend ein Wagen für mich bereit gehalten werden sollte.

Als ich am anderen Tage Armellina rufen ließ, kam Emilia zuerst herunter, um mir Vorwürfe wegen meiner Grausamkeit zu machen. Sie sagte mir, wenn ein Mann wirklich liebte, könnte er nicht so handeln, und es wäre unrecht von mir gewesen, der Oberin alles zu sagen.

»Ich würde ihr nichts gesagt haben, liebe Emilia, wenn ich ihr etwas von Bedeutung zu sagen gehabt hätte.«

»Armellina ist unglücklich, seitdem sie Sie kennt.«

»Und warum denn, bitte?«

»Weil sie nicht gegen ihre Pflicht verstoßen will, und weil sie sieht, daß Sie sie nur lieben, um sie vom Wege der Pflicht abzubringen.«

»Aber ihr Unglück wird doch aufhören, sobald ich sie nicht mehr behellige.«

»Indem Sie sie zugleich nicht mehr besuchen?«

»Ganz recht. Glauben Sie, das sei mir nicht schmerzlich? Aber um meiner Ruhe willen muß ich mich überwinden.«

»Dann wird sie überzeugt sein, daß Sie sie nicht geliebt haben.«

»Sie mag denken, was sie will. Ich bin überzeugt, daß wir längst einig wären, wenn sie mich liebte, wie ich sie liebe.«

»Wir haben Pflichten, die Sie nicht zu haben glauben.«

»So seien Sie Ihren vermeintlichen Pflichten getreu, aber nehmen Sie es nicht übel, wenn ein Ehrenmann diese Pflichten achtet, sich jedoch Ihnen fernhält.«

Armellina erschien. Ich fand sie verändert.

»Wie kommt es denn, daß Sie so bleich sind? Wo ist Ihre lachende Miene geblieben?«

»Sie haben mir Kummer gemacht.«

»Nun, beruhigen Sie sich nur. Verschaffen Sie sich Ihre gute Laune wieder, und gestatten Sie, daß ich mich von einer Leidenschaft zu heilen suche, die ihrer Natur nach mich veranlaßt, Sie von Ihren Pflichten abwendig zu machen. Deshalb bleibe ich doch Ihr Freund und werde Sie, solange ich in Rom bin, einmal die Woche besuchen.«

»Einmal die Woche! Dann hätten Sie nicht damit anfangen müssen, jeden Tag zu kommen.«

»Sie haben recht. Ihr Gesicht hat mich zu einem Irrtum verleitet; aber ich hoffe, Sie werden aus bloßer Dankbarkeit damit einverstanden sein, daß ich mich bemühe, wieder vernünftig zu werden. Damit aber dieses Heilmittel wirken kann, muß ich es mir zum Gesetz machen, Sie möglichst wenig zu sehen. Denken Sie selber ein wenig darüber nach, und Sie werden finden, daß mein Entschluß weise und Ihrer Achtung würdig ist.«

»Es ist recht schmerzlich, daß Sie mich nicht so lieben können, wie ich Sie liebe!«

»Das heißt: in aller Ruhe und ohne jeden Wunsch.«

«Das will ich nicht sagen; aber so, daß Sie Ihre Wünsche im Zaum zu halten wissen, wenn diese Wünsche unserer Pflicht widersprechen.«

»Das wäre eine Kunst, die ich in meinem Alter nicht erlernen könnte und die ich auch wirklich gar nicht lernen möchte. Möchten Sie mir wohl sagen, ob Sie viel leiden, indem Sie die Wünsche zurückhalten, die Ihre Liebe zu mir Ihnen einflößt?«

»Es würde mir sehr leid tun, wenn ich Wünsche zurückdrängen müßte, indem ich an Sie denke. Im Gegenteil, ich hätschele diese Wünsche. Ich möchte, Sie würden Papst; zuweilen wünsche ich, Sie wären mein Vater, damit ich, frei von jedem Zwange, Sie tausendfach liebkosen könnte; in meinen Träumen wünsche ich, Sie würden ein Mädchen, wie ich, damit ich alle Stunden des Tages mit Ihnen zusammen sein könnte.«

Über ihre naive, aber ebenso natürliche und wahre wie eigenartige Ausdrucksweise mußte ich unwillkürlich lachen. Nachdem ich ihnen gesagt hatte, daß ich sie abholen und mit ihnen ins Theater Aliberti gehen würde, verließ ich sie sehr befriedigt; denn in allem, was Armellina mir gesagt hatte, fand ich nicht die geringste Verstellung oder Koketterie. Ich sah klar und deutlich, daß sie mich liebte, aber sich selber dies durchaus nicht gestehen wollte. Darum empfand sie einen Widerwillen, mir Gunstbezeigungen zu bewilligen, die sie hätte teilen müssen. Dadurch würde sie von ihren wahren Gefühlen überzeugt worden sein. Dies alles sagte ihr ihr Gefühl, denn ihre Seele wußte nichts von Verstellung, und die Erfahrung hatte sie noch nicht gelehrt, daß sie entweder mich fliehen oder sich darein ergeben mußte, unserer Liebe zu erliegen.

Zur rechten Zeit holte ich die beiden Freundinnen wieder mit demselben Wagen ab, und sie ließen mich nicht warten. Ich war allein in dem Wagen, aber dies überraschte sie nicht. Emilia überbrachte mir die Empfehlungen der Oberin, die mich bitten ließ, sie am nächsten Tage zu besuchen. In der Oper machte ich keinen Versuch, ihre Aufmerksamkeit von dem Schauspiel abzulenken, das sie zum ersten Male sahen. Ich war weder fröhlich noch traurig und beschäftigte mich nur damit, ihre Fragen zu beantworten. Da sie Römerinnen waren, mußten sie einigermaßen wissen, was ein Kastrat ist; trotzdem hielt Armellina den Unglücklichen, der die Primadonna spielte, für eine Frau; sie glaubte, ihrer Sache gewiß zu sein, weil man seinen Busen sah, der allerdings sehr schön war.

»Würden Sie es wagen,« fragte ich sie, »sich mit ihm in ein Bett zu legen?«

»Nein, aber nur deshalb nicht, weil ein anständiges Mädchen stets allein im Bett liegen muß.«

So strenge waren bis dahin die Mädchen in ihrer Anstalt erzogen worden. Diese geheimnisvolle Zurückhaltung in bezug auf alles, was zum Liebesgenuß reizen konnte, war schuld daran, daß jeder Blick und jede Berührung die größte Bedeutung erhielten. Dies war der Grund, warum Armellina mir erst nach langem Kampf ihre Hände überlassen hatte, und weshalb weder sie noch Emilia niemals gestatten wollten, daß ich mich durch den Augenschein überzeugte, ob meine gefütterten Seidenstrümpfe ihnen gut säßen. Das strenge Verbot, mit einem anderen Mädchen zusammenzuschlafen, ließ es ihnen als eine große Sünde erscheinen, sich vor einer Freundin nackt sehen zu lassen; sich gar einem Manne so zu zeigen, mußte in ihren Augen eine Verruchtheit sondergleichen sein. Bei dem bloßen Gedanken daran mußten ihnen die Haare zu Berge stehen.

Sooft ich mir am Sprechgitter eine etwas freie Bemerkung über die Freuden der Liebe erlaubt hatte, hatte ich sie stumm und taub gefunden.

Obgleich Emilia trotz ihrer Blässe frisch und hübsch war, interessierte ich mich nicht genug für sie, um mir Mühe zu geben, ihre Traurigkeit zu verjagen; aber in meiner Liebesglut geriet ich in Verzweiflung, als ich sah, daß Armellinas lachendes Gesicht seinen Ausdruck veränderte, weil ich mir die Frage erlaubte, ob sie von dem Unterschied in der körperlichen Bildung einer Frau und eines Mannes eine Ahnung hätte.

Nach der Oper sagte Armellina mir, sie hätte guten Appetit, denn sie hätte wegen des Kummers, den ich ihr machte, seit acht Tagen fast gar nichts gegessen.

»Wenn ich dies hätte ahnen können, hätte ich ein gutes Abendessen bestellt, während ich Ihnen jetzt nichts weiter anbieten kann, als was der Zufall uns gewährt.«

»Oh, das macht nichts. Wie viele werden wir sein?«

»Nur wir drei.«

»Um so besser; wir werden freier sein.«

»Sie lieben also die Fürstin nicht?«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, aber sie verlangt von mir Küsse, die mir nicht gefallen.«

»Sie haben ihr aber doch recht heiße Küsse gegeben.«

»Nur aus Furcht, daß sie mich für eine dumme Gans halten würde, wenn ich es nicht täte.«

»Wollen Sie mir sagen, ob Sie eine Sünde zu begehen glaubten, indem Sie ihr diese Küsse gaben?«

»Nein, ganz gewiß nicht! Denn ich habe nicht nur kein Vergnügen daran gefunden, sondern mich gewaltsam überwinden müssen.«

»Warum haben Sie denn nicht diese Anstrengung auch zu meinen Gunsten gemacht?«

Sie schwieg. Wir kamen in den Gasthof, wo ich vor allen Dingen ein gutes Feuer anzünden ließ; hierauf bestellte ich ein gutes Abendessen.

Der Kellner fragte mich, ob ich Austern wünschte; da ich sah, daß meine Gäste sehr neugierig darauf waren, fragte ich ihn nach dem Preise.

»Sie kommen aus dem Arsenal von Venedig, und wir können sie nicht billiger geben als zu fünfzig Paoli das Hundert.«

»Gut; lassen Sie hundert auftragen; aber ich wünsche, daß sie hier geöffnet werden.«

Armellina war erstaunt, daß ihre Laune mir fünf römische Taler kosten sollte, und bat mich, die Bestellung zu widerrufen; sie schwieg jedoch, als ich ihr sagte, mir wäre nichts zu teuer, wenn ich annehmen könnte, ihr damit ein Vergnügen zu machen.

Als sie diese Antwort hörte, ergriff sie meine Hand und wollte sie an ihre Lippen ziehen; sie war ganz traurig, als ich meine Hand etwas heftig zurückzog.

Ich saß vor dem Feuer zwischen den beiden Mädchen. Armellinas Verwirrung tat mir sehr leid, und ich sagte zu ihr: »Ich bitte Sie um Verzeihung, Armellina; ich habe meine Hand nur zurückgezogen, weil sie nicht würdig ist, daß Sie Ihre schönen Lippen darauf drücken.«

Trotz meiner Entschuldigung konnte sie nicht verhindern, daß zwei große Tränen über ihre Rosenwangen rollten. Ich empfand einen tiefen Schmerz, als ich dies sah.

Armellina war eine zarte Taube, die nicht hart behandelt werden durfte. Ich konnte auf ihre Liebe verzichten; da ich aber nicht die Absicht hatte, mich ihr verhaßt zu machen, so mußte ich entweder aufhören, sie zu sehen, oder sie ganz anders behandeln.

Die beiden Tränen zeigten mir, daß ich ihr Zartgefühl tief verletzt hatte. Ich stand auf und ging hinaus, um Champagner zu bestellen.

Als ich einige Minuten später wieder hereinkam, sah ich, daß sie ihren Tränen freien Lauf gelassen hatte und daß sie sich mit traurigem Herzen zu Tische setzen würde. Ich war darüber untröstlich. Ich durfte keine Zeit verlieren: ich wiederholte meine Entschuldigung und bat sie, wieder ein fröhliches Gesicht zu machen, wenn sie mich nicht auf das allerhärteste bestrafen wollte.

Emilia unterstützte meine Bitte; ich ergriff Armellinas Hand, bedeckte sie mit zärtlichen Küssen und hatte das Glück, ihre schönen Augen in neuer Heiterkeit strahlen zu sehen.

Die Austern wurden in unserer Gegenwart geöffnet, und das Erstaunen der jungen Mädchen würde mir viel Spaß gemacht haben, wenn mein Herz besser zufrieden gewesen wäre. Aber die Liebe brachte mich zur Verzweiflung, und ich fühlte mich unbehaglich. Vergeblich bat Armellina mich, ich möchte doch heiter sein, wie im Anfang unserer Bekanntschaft. Die Stimmung hängt ja nicht vom Willen ab.

Wir setzten uns zu Tisch, und ich lehrte meine liebenswürdigen Gäste Austern schlürfen. Diese waren ausgezeichnet und schwammen in ihrem Wasser.

Nachdem Armellina ein halbes Dutzend hinuntergeschluckt hatte, sagte sie zu ihrer Freundin, einen so köstlichen Bissen zu essen, müßte eine Sünde sein.

Emilia antwortete: »Nicht, weil der Bissen so köstlich ist, muß es eine Sünde sein, meine Liebe, aber, weil wir mit jedem Mundvoll einen halben Paolo hinunterschlucken.«

»Einen halben Paolo! Und unser Heiliger Vater, der Papst, verbietet das nicht? Wenn dies keine Todsünde der Völlerei ist, so weiß ich nicht, was man so nennen kann. Ich esse diese Austern mit großem Vergnügen, aber ich habe bereits daran gedacht, mich in der Beichte dieser Sünde zu beschuldigen, um zu sehen, was mein Beichtvater mir sagen wird.«

Diese Naivitäten waren ein großes Vergnügen für meinen Geist; aber mein Leib wollte auch sein Vergnügen haben, und dies fehlte mir. Meine Liebe war neidisch auf meinen Mund.

Während wir fünfzig Austern aßen, tranken wir zwei Flaschen schäumenden Champagners. Der Wein brachte meine beiden Gäste zum Lachen und zum Erröten, indem er sie nötigte, die Unschicklichkeit des Aufstoßens zu begehen.

Ich hätte gern gelacht und Armellina mit Küssen verschlungen; leider aber konnte ich sie nur mit den Augen verschlingen.

Indem ich den Rest der Austern für den Nachtisch zurückhielt, befahl ich das Essen aufzutragen, und da ich ein wenig auf Bacchus rechnete, so tat ich das Wasser in Acht und Bann.

Das Abendessen war über alle Erwartungen gut, und meine beiden Heldinnen langten tüchtig zu. Zum Schluß war sogar Emilia ganz entflammt.

Ich ließ Zitronen und eine Flasche Rum kommen, und nachdem ich die fünfzig zurückbehaltenen Austern hatte anrichten lassen, schickte ich den Kellner fort und machte eine Bowle Punsch, den ich dadurch verbesserte, daß ich eine Flasche Champagner hineingoß.

Nachdem wir einige Austern geschlürft und von dem Punsch, der die beiden Freundinnen zu lauten Ausrufen der Bewunderung hinriß, ein oder zwei Gläser getrunken hatten, erlaubte ich mir, Emilia zu bitten, mir eine Auster mit ihren Lippen zu geben. »Sie besitzen zu viel Geist,« sagte ich zu ihr, »um sich einbilden zu können, daß etwas Böses dabei sein könnte.«

Erstaunt über diesen Vorschlag dachte Emilia darüber nach. Armellina sah sie aufmerksam an; augenscheinlich war sie neugierig, welche Antwort sie mir geben würde.

»Warum«, sagte Emilia schließlich, »machen Sie diesen Vorschlag nicht Ihrer Armellina?«

»Gib du zuerst ihm die Auster,« sagte Armellina zu ihr, »wenn du den Mut hast, werde ich ihn auch haben.«

»Was für ein Mut ist dazu nötig? Es ist ja nur ein kindlicher Scherz und gar nichts Schlimmes dabei.«

Als ich diese Antwort vernahm, glaubte ich Victoria rufen zu können. Ich hielt ihr die Austernschalen an den Mund, und nachdem sie viel gelacht hatte, schlürfte sie die Auster ein und hielt sie zwischen den Lippen fest. Schnell nahm ich die Auster, indem ich meine Lippen auf ihren Mund preßte; ich tat dies jedoch in sehr anständiger Weise.

Armellina klatschte in die Hände und sagte, sie hätte Emilia nicht für so tapfer gehalten. Hierauf machte sie es genau ebenso wie ihre Freundin. Sie war entzückt über das Zartgefühl, womit ich ihre Auster nahm, indem ich kaum ihre schönen Lippen streifte. Aber man stelle sich meine angenehme Überraschung vor, als ich sie zu mir sagen hörte, es komme mir zu, das Geschenk zurückzuerstatten. Man kann sich denken, mit welcher Wonne ich dies tat.

Nach diesem reizenden Scherz fuhren wir fort, unsere Austern zu essen und unseren Punsch zu trinken.

Wir saßen in einer Reihe, den Rücken dem Feuer zugewandt. Wir waren berauscht, aber niemals hatte es einen fröhlicheren und vernünftigeren Rausch gegeben. Wir erstickten vor Hitze, aber der Punsch war noch nicht ausgetrunken. Da ich es nicht mehr aushalten konnte, zog ich meinen Rock aus, und sie mußten ihre Kleider aufschnüren, deren Mieder mit Pelz gefüttert waren.

Ich erriet, daß sie Bedürfnisse hatten, von denen sie nicht zu sprechen wagten, und zeigte ihnen eine Kammer, wo sie es sich bequem machen konnten. Sie faßten sich an der Hand und liefen schnell dorthin. Als sie wieder hereinkamen, waren sie nicht mehr zwei schüchterne Klosterzöglinge; sie lachten laut auf, als sie sahen, daß sie nur noch im Zickzack gehen konnten.

Wir saßen vor dem Feuer, und ich diente ihnen als Ofenschirm. Ich verschlang mit meinen Blicken tausend Reize, die sie mir in dem Zustande, worin sie sich befanden, nicht verbergen konnten. Ich sagte ihnen, wir dürften unter keinen Umständen fortgehen, bevor wir den Punsch ausgetrunken hätten, und sie antworteten mir wie aus einem Munde, aus vollem Halse lachend, es würde eine Sünde sein, wenn wir etwas so Gutes umkommen ließen.

Hierauf wagte ich ihnen zu sagen, ihre Beine wären vollendet schön, und ich würde in Verlegenheit sein, wenn ich erklären sollte, welche von ihnen die schönsten hätte. Dies verdoppelte ihre Heiterkeit, denn sie hatten nicht bemerkt, daß ihre offenen Kleider und kurzen Unterröcke mich die Hälfte ihrer Beine sehen ließen.

Nachdem wir den letzten Tropfen von unserem Punsch getrunken hatten, plauderten wir noch eine halbe Stunde lang. Ich wünschte mir innerlich Glück, daß ich die Selbstbeherrschung besessen hatte, nichts gegen sie zu unternehmen. Im Augenblick des Aufbruchs fragte ich sie, ob sie sich über mich beklagen könnten. Armellina antwortete mir sofort: wenn ich sie als meine Tochter annehmen wollte, wäre sie bereit, mir bis ans Ende der Welt zu folgen.

»Sie fürchten also nicht mehr, daß ich Sie verleiten könnte, gegen Ihre Pflicht zu verstoßen?«

»Nein, ich fühle mich bei Ihnen vollkommen sicher.«

»Und Sie, liebe Emilia?«

»Ich, ich werde Sie lieben, wenn Sie für mich tun, was die Oberin Ihnen morgen sagen wird.«

»Ich werde alles tun, aber ich werde erst gegen Abend mit ihr sprechen; denn es ist fast drei Uhr.«

Da ging das Gelächter von neuem los: »Was wird Mama sagen? Was wird Mama sagen?«

Ich bezahlte die Rechnung, belohnte den Kellner, der uns gut bedient hatte, und fuhr mit ihnen nach ihrem Kloster, dessen Pförtnerin mit der veränderten Hausordnung sehr zufrieden war, als sie zwei Zechinen in ihrer Hand sah.

Da es bereits zu spät war, um noch zur Oberin hinaufzugehen, so fuhr ich mit dem Wagen der Fürstin zu meiner Wohnung, wo ich den Kutscher und den Lakaien reichlich belohnte.

Margherita, die mir die Augen ausgekratzt haben würde, wenn ich ihr nicht bewiesen hätte, daß ich ihr treu war, war sehr mit mir zufrieden; denn ich löschte an ihr die Glut, die Armellina und der Punsch in meinen Sinnen entzündet hatten. Ich sagte ihr, ich sei durch eine Spielpartie zurückgehalten worden, und da sie ihre Leidenschaft befriedigt sah, so fragte sie nicht weiter.

Am nächsten Tage erheiterte ich die Fürstin und den Kardinal durch die ausführliche Erzählung des Vorgefallenen.

»Sie haben den rechten Augenblick versäumt!« sagte die Prinzessin zu mir.

»Das glaube ich nicht,« bemerkte der Kardinal; »ich denke im Gegenteil, Casanova hat sich dadurch einen vollständigen Sieg für ein anderes Mal gesichert.«

Am Abend begab ich mich nach dem Kloster, wo die gute Oberin mich aufs beste empfing. Sie machte mir ein Kompliment darüber, daß ich mich mit ihren beiden Mädchen bis drei Uhr in der Früh hätte belustigen können, ohne gegen die Ehrbarkeit zu verstoßen. Sie hatten ihr erzählt, auf welche Weise wir das halbe Hundert Austern gegessen hatten, und sie sagte mir, ich hätte da einen sehr scherzhaften Einfall gehabt. Ich bewunderte ihre Unschuld, ihre Einfalt oder ihre Philosophie.

Nach dieser Einleitung sagte sie mir, ich könnte Emilia glücklich machen, indem ich die Fürstin veranlaßte, ihr eine Befreiung von dem dreimaligen Aufgebot zu verschaffen. »Ein Kaufmann von Civita vecchia würde sie schon längst geheiratet haben, wenn nicht das Aufgebot wäre. Es ist nämlich eine Frau vorhanden, die ein Vorrecht auf ihn zu haben behauptet, obgleich dies durchaus nicht der Fall ist. Ihr Einspruch würde einen Prozeß zur Folge haben, und Gott weiß, wann dieser endigen würde. Wenn Sie diese Sache in Ordnung brächten, würde Emilia glücklich werden, und das würde sie nur Ihnen zu verdanken haben.«

Ich schrieb nur den Namen des Mannes auf und versprach ihr, der Fürstin die Sache bestens ans Herz zu legen.

»Haben Sie immer noch die Absicht, sich von Ihrer Liebe zu Armellina zu heilen?«

»Ja, aber ich werde erst in der Fastenzeit aufhören, sie zu besuchen.«

»Nun, dann wünsche ich Ihnen Glück dazu, daß der Karneval dieses Jahr sehr lang ist.«

Am nächsten Tage sprach ich mit der Fürstin über die Sache. Der Dispens konnte nicht ohne eine Bescheinigung des Bischofs von Civita vecchia erlangt werden, woraus hervorginge, daß der Bittsteller ein unabhängiger Mann wäre. Der Kardinal sagte mir, wir müßten den Mann kommen lassen und er würde sich seiner annehmen, wenn er durch zwei bekannte Zeugen bescheinigen lassen könnte, daß er nicht verheiratet wäre.

Ich meldete der Oberin den Bescheid Seiner Eminenz. Sie schrieb nach Civita vecchia, und einige Tage darauf sah ich den Mann am Gitter eines anderen Sprechzimmers mit der Oberin und Emilia. Nachdem er sich meinem Wohlwollen angelegentlich empfohlen hatte, vertraute er mir an, daß er sich nicht verheiraten könnte, wenn er nicht sicher wäre, sechshundert römische Taler zu bekommen. Es handelte sich nur darum, ihm eine Gabe von zweihundert Scudi zu verschaffen, da das Kloster ihm ja vierhundert geben mußte. Es gelang mir, ihm dieses Geld zu verschaffen; zuvor aber verabredete ich noch ein Abendessen mit Armellina, die mich jeden Morgen fragte, wann ich sie in die Komische Oper führen würde. Ich antwortete ihr, ich müßte befürchten, daß meine Zärtlichkeit mich nötigen würde, sie ihren Pflichten abspenstig zu machen; sie antwortete jedoch, die Erfahrung habe sie und ihre Freundin gelehrt, mich nicht zu fürchten.

Neunzehntes Kapitel


Der Florentiner. – Emilia wird verheiratet. – Scolastica. – Armellina auf dem Ball.

Wenn ich vor jenem Abendessen so verliebt in Armellina gewesen war, daß ich mich zu dem Entschluß genötigt sah, sie nicht mehr zu besuchen, um nicht wahnsinnig zu werden, so befand ich mich nach jenem Abend in der Notwendigkeit, sie unter allen Umständen gewinnen zu müssen, wenn es nicht mein Tod sein sollte. Ich hatte gesehen, daß sie in die kleinen Scherze, zu denen ich sie veranlaßt hatte, nur einwilligte, weil sie sie für unwichtige Spielereien hielt; ich beschloß daher, auf demselben Wege so weit wie nur möglich vorwärts zu gehen. Zunächst spielte ich so gut ich es vermochte den Gleichgültigen, indem ich sie nur jeden zweiten Tag besuchte und sie stets nur mit großer Höflichkeit behandelte. Während ich so tat, wie wenn ich ihr die Hand zu küssen vergäße, küßte ich Emilia die Hand, sprach mit ihr über ihre Heirat und sagte ihr, ich würde sofort nach ihrer Hochzeit mich gerne für einige Wochen in Civita vecchia niederlassen, wenn ich sicher sein könnte, daß sie mir gewisse Zärtlichkeitsbeweise geben würde. Ich tat, wie wenn ich es nicht bemerkte, daß Armellina bei solchen Bemerkungen anfing zu zittern; sie konnte es nicht ertragen, daß ich an Emilia Geschmack fand.

Emilia antwortete mir, als verheiratete Frau würde sie frei sein. Es ärgerte Armellina, daß ihre Freundin mir in ihrer Gegenwart Hoffnungen zu machen wagte, und sie sagte in gereiztem Ton zu ihr, die Pflichten einer verheirateten Frau seien viel strengere als die eines Mädchens.

Ich gab ihr bei mir selber recht; da aber eine solche Auffassung nicht zu meinen Absichten paßte, so sagte ich ihr gegen meine Überzeugung, die Hauptpflicht einer Frau bestehe darin, zu verhüten, daß die Nachkommenschaft ihres Mannes angezweifelt werden könne; alles andere sei eine Kleinigkeit.

Um Armellina aufs Äußerste zu treiben, sagte ich sogar zu ihrer Freundin: damit ich mich recht wirksam um die Gewährung von Stipendien bewerben könnte, müßte sie mir nicht nur Hoffnungen machen, daß sie mir in Civita vecchia ihre Gunst gewähren würde, sondern sie müßte mir auch noch vor ihrer Verheiratung bestimmte Beweise geben, daß sie in Zukunft gut zu mir sein würde.

Sie antwortete mir: »Ich werde Ihnen keine anderen Pfänder von Zärtlichkeit geben als Armellina, der Sie ebenfalls einen Gatten verschaffen müssen.«

Diese Rede setzte Armellina in die größte Verlegenheit; trotzdem sagte sie zu mir: »Sie sind der einzige Mann, den ich gesehen habe, solange ich auf der Welt bin, und da ich nicht hoffe, einen Mann zu bekommen, so werde ich Ihnen niemals irgendein Pfand geben; übrigens verstehe ich gar nicht, was Sie mit diesem Wort sagen wollen.«

Ich fühlte die ganze Reinheit dieses Engels, aber ich war so grausam und hart, mich zu entfernen und sie mit ihrer Verwirrung allein zu lassen.

Allerdings mußte ich mir mit Schmerzen Gewalt antun, um das reizende Mädchen, das ich anbetete, so hart zu behandeln; aber ich sah kein anderes Mittel, um ihre Vorurteile zu besiegen, die sich der Erfüllung meiner Wünsche entgegenstellten.

Ich sah bei dem Haushofmeister des venetianischen Botschafters prachtvolle Austern und bewog ihn, mir hundert davon abzulassen; hierauf mietete ich eine Loge im Capronica-Theater und bestellte ein gutes Abendessen im selben Gasthof, wo wir bereits gewesen waren.

»Ich wünsche«, sagte ich zum Kellner, »ein Zimmer, worin ein Bett steht.«

»Das ist in Rom nicht erlaubt, Signor; aber im dritten Stock sind zwei Zimmer mit breiten Kanapees, die die Stelle des Bettes vertreten können, ohne daß das Heilige Offizium etwas dagegen einwenden kann.«

Ich besah mir die beiden Zimmer, mietete sie und befahl, die leckersten Speisen aufzutragen, die man in Rom sich beschaffen könnte.

Als ich am Abend mit meinen beiden Schönen in die Loge eintrat, bemerkte ich in der Nebenloge die Marquise d’Août, die ich nicht vermeiden konnte. Sie grüßte mich und sagte, sie sei hocherfreut, meine Nachbarin zu sein. Bei ihr befanden sich ihr französischer Abbé, ihr Gatte und ein junger Mann von edler und schöner Erscheinung, den ich noch nicht gesehen hatte. Sie fragte mich, wer die beiden jungen Damen seien, und ich sagte ihr, sie gehörten zum Hofstaat des venezianischen Botschafters. Sie bewunderte ihre Schönheit und begann ein Gespräch mit Armellina, die an ihrer Seite saß und ihr bis zu Beginn der Vorstellung sehr treffende Antworten gab. Der junge Kavalier richtete ebenfalls einige Komplimente an sie und gab ihr, nachdem er mich um Erlaubnis gebeten hatte, eine große Tüte mit Zuckerplätzchen, die er sie mit ihrer Nachbarin zu teilen bat.

Da ich den schönen jungen Mann an seiner Aussprache als Florentiner erkannte, so fragte ich ihn, ob dieses Zuckerzeug von den Ufern des Arno komme; er antwortete mir, er habe es von Neapel mitgebracht, von wo er soeben eingetroffen sei.

Nach dem ersten Akt hörte ich zu meiner großen Überraschung den jungen Mann mir sagen, er habe für mich einen Brief von der Marchesa C. »Ich erfahre soeben Ihren Namen und werde die Ehre haben, Ihnen morgen den Brief zu überbringen, wenn Sie so gütig sein wollen, mir Ihre Adresse zu geben.«

Ich tat dies und fragte ihn nach dem Marchese, dessen Schwiegermutter, Anastasia usw. Ich sagte ihm, ich sei entzückt, einen Brief von der Marchesa zu erhalten, von der ich seit einem Monat eine Antwort erwarte.

»Eben diese Antwort auf Ihren Brief war die liebenswürdige Dame so gütig mir anzuvertrauen.«

»Ich bin sehr ungeduldig, sie zu lesen.«

»In diesem Fall kann ich Ihnen den Brief sofort übergeben, doch werde ich mir trotzdem morgen das Vergnügen machen, Sie in Ihrer Wohnung aufzusuchen. Ich werde Ihnen den Brief in Ihrer Loge übergeben, wenn Sie gestatten.«

»Ich bitte Sie darum.«

Er hätte mir den Brief von seinem Platze aus hinüberreichen können; aber dies paßte ihm nicht in seine Pläne.

Er trat ein, und aus Höflichkeit überließ ich ihm meinen Platz neben Armellina. Er zog eine schöne Brieftasche hervor und übergab mir den Brief. Ich öffnete diesen; als ich aber sah, daß er vier Seiten lang war, steckte ich ihn in die Tasche und sagte, ich würde ihn zu Hause lesen, weil die Loge zu dunkel wäre.

»Ich werde bis Ostern in Rom bleiben«, sagte er; »denn ich will alles sehen, obgleich ich nicht hoffen kann, etwas Schöneres anzutreffen, als ich hier unter den Augen habe.«

Armellina, die ich aufmerksam ansah, wurde rot. Ich selber ärgerte mich und fand mich gewissermaßen beleidigt durch ein Kompliment, das ja freilich sehr höflich, aber auch ebenso keck wie unerwartet war.

Ich antwortete ihm nicht, aber ich dachte bei mir selber, dieser Adonis müßte ein eingebildeter Geck ersten Ranges sein. Das Schweigen, das in unserem Kreise herrschte, machte ihn darauf aufmerksam, daß er mich verletzt hatte, und er empfahl sich, nachdem er noch einige zusammenhanglose Bemerkungen gemacht hatte.

In meinem Verdruß machte ich Armellina ein Kompliment über die Eroberung, die sie im Handumdrehen gemacht hätte, und fragte sie, was sie von dem Herrn hielte, den sie so bezaubert hätte.

»Er ist, wie mir scheint, ein schöner Mann, aber sein Kompliment beweist seinen schlechten Geschmack. Sagen Sie mir, ob es Mode ist, auf diese Weise ein junges Mädchen erröten zu machen, das man zum erstenmal sieht?«

»Nein, meine liebe Armellina, das ist weder Mode, noch ist es höflich, und es ist einem Menschen, der in der guten Gesellschaft verkehren will, nicht erlaubt, denn es entspricht nicht der herrschenden Sitte.«

Ich hüllte mich in Stillschweigen und tat, wie wenn ich nur auf die Musik hörte; in Wirklichkeit aber nagte eine jämmerliche Eifersucht mir am Herzen. Ich dachte über meinen Ärger nach und bemühte mich, ihn vernünftig zu finden: mir schien, der Florentiner hätte annehmen müssen, daß ich Armellina liebte, und dann durfte er ihr nicht in meiner Gegenwart eine sehr deutliche Liebeserklärung machen, wenn er nicht etwa so unverschämt war, mich für einen Menschen zu halten, der ein schönes Mädchen bei sich hätte, um den Gefälligen zu spielen.

Nachdem eine Viertelstunde in diesem ungewöhnlichen Stillschweigen vergangen war, verschlimmerte die naive Armellina meinen Zustand noch, indem sie mit einem zärtlichen Blick zu mir sagte, ich sollte mich doch beruhigen, denn ich könnte überzeugt sein, daß der junge Mensch ihr nicht das geringste Vergnügen gemacht, indem er ihr diese Schmeicheleien gesagt hätte.

Sie fühlte nicht, daß sie mir in Wirklichkeit gerade das Gegenteil sagte.

Ich antwortete ihr, ich wünschte, daß es ihr Vergnügen gemacht hätte.

Unglücklicherweise goß Armellina noch Öl ins Feuer, indem sie mir sagte, der junge Mann habe ganz gewiß nicht die Absicht gehabt, mich zu verletzen, denn es sei wohl möglich, daß er mich für ihren Vater gehalten habe.

Was konnte ich auf diese ebenso grausame wie richtige Bemerkung antworten? Nichts. Ich konnte nur innerlich toben wie ein Kind und schweigen.

Endlich konnte ich es nicht mehr aushalten und bat meine beiden Freundinnen, mit mir zu gehen.

Dies geschah nach dem Ende des zweiten Aktes. Wenn ich bei Vernunft gewesen wäre, so hätte ich sicher nicht den guten Mädchen einen so unverständigen Vorschlag gemacht. Wie tyrannisch mein Verlangen war, erkannte ich erst am nächsten Tage, als mein Kopf seine Ruhe wiedergefunden hatte.

Trotz der Sonderbarkeit meines Verlangens sahen sie sich nur einen Augenblick an und erklärten sich dann bereit.

Da ich nicht wußte, wie ich meinen Verstoß bemänteln sollte, so sagte ich ihnen, ich wollte vermeiden, daß die Kutsche der Fürstin erkannt würde, wenn wir mit der ganzen Zuschauermenge das Theater verließen; ich würde sie am übernächsten Tage wieder ins Theater führen.

Ich hielt Armellina davon ab, ihren Kopf in die Loge der Marquise d’Août zu stecken, und wir gingen hinaus. An der Tür fand ich den Bedienten, den die Fürstin mir zur Verfügung gestellt hatte; er plauderte mit einem seiner Kameraden, und infolgedessen nahm ich an, daß die Fürstin in der Oper wäre.

Vor dem Wirtshaus stiegen wir ab, und ich sagte dem Bedienten ins Ohr, er möchte mit dem Wagen nach Hause fahren und mich um drei Uhr morgens abholen; denn es herrschte eine strenge Kälte, und ich mußte auf Menschen und Pferde Rücksicht nehmen.

Zunächst setzten wir uns vor ein gutes Feuer und beschäftigten uns eine halbe Stunde lang damit, Austern zu schlürfen, die ein Küchenjunge in meiner Gegenwart so geschickt öffnete, daß von dem köstlichen Wasser, worin sie schwammen, kein Tropfen verlorenging. Wir aßen sie sofort, nachdem sie geöffnet waren, und die Heiterkeit meiner reizenden jungen Gäste, die bei dem Gedanken an unser erstes Austernessen lachten, verscheuchte allmählich meine unangebrachte Verdrießlichkeit.

An Armellinas sanftem Wesen erkannte ich die Unschuld ihres Herzens, und ich haderte mit mir selber, daß ich mich durch ein häßliches Gefühl hatte aufregen lassen, weil ihr ein Mann gefallen hatte, der darauf viel mehr Anspruch hatte als ich.

Armellina trank Champagner, wie ich es ihr gezeigt hatte, und sah mich dabei mit Blicken an, die mich offenbar baten, in ihre Heiterkeit einzustimmen.

Emilia sprach mit mir von ihrer künftigen Heirat; ohne etwas davon zu sagen, daß ich nach Civita vecchia gehen würde, versprach ich ihr, daß ihr zukünftiger Gatte binnen kurzem vollständigen Dispens erhalten sollte. Während ich sprach, küßte ich Armellinas schöne Hand, und sie schwor mir, dankbar dafür zu sein, daß ich wieder zärtlich geworden wäre.

Nachdem Austern und Champagner uns in eine heitere Stimmung versetzt hatten, aßen wir köstlich zu Abend. Man gab uns unter anderem Stör und wundervolle Trüffeln, denen meine schönen Gäste mit einem wollüstigen Appetit zusprachen, der mir noch mehr Vergnügen machte als das ausgezeichnete Essen an sich.

Ein natürlicher und sehr vernünftiger Instinkt sagt einem Verliebten, daß es eines der sichersten Mittel ist, Gegenliebe zu finden wenn er der Umworbenen Genüsse verschafft, die sie bisher nicht gekannt hat.

Als Armellina mich von Freude belebt und liebeglühend sah, erkannte sie darin ihr Werk und empfand offenbar Freude, daß sie eine solche Herrschaft über mich ausübte. Sie gab mir aus eigenem Antriebe ihre Hand und hielt beständig ihre Augen auf die meinigen geheftet, um mich dadurch zu verhindern, den Kopf nach links zu wenden und Emilia anzusehen. Diese aß und kümmerte sich wenig darum, was wir trieben. Armellina war so zärtlich und in so liebevoller Stimmung, daß es mir unmöglich schien, sie könnte sich meinem Wunsche versagen, wenn wir zum Schluß die Austern und den Punsch gehabt hätten.

Als das Dessert, die fünfzig Austern und alle notwendigen Zutaten zu dem Punsch auf dem Tisch standen, entfernte der Aufwärter sich, indem er uns sagte, im Nebenzimmer würden die Damen alles finden, was sie brauchten.

Da das Zimmer klein und das Feuer sehr stark war, so war uns zu warm. Ich forderte die beiden Freundinnen auf, sich’s bequem zu machen.

Sie gingen in das Nebenzimmer und erschienen bald darauf wieder in kleinen weißen Leibchen und kurzen halbseidenen Röckchen, die die Beine kaum bis zu den Waden bedeckten. Sie hielten sich umschlungen und lachten über ihre leichte Kleidung.

Es gelang mir, die Aufregung zu verbergen, in die mich dieses außerordentlich pikante Kostüm versetzte, und ich sah nicht einmal ihren schönen Busen an, als sie ihr Bedauern aussprachen, daß sie weder ein Halstuch noch eine Spitzeneinfassung an ihren Hemden hätten.

Ich sagte ihnen nachlässig, ich würde nicht hinsehen, und der Anblick einer Brust wäre mir sehr gleichgültig.

Da ich ihre Unerfahrenheit kannte, so glaubte ich lügen zu müssen, denn ich war überzeugt, daß sie nicht sehr auf etwas achten würden, was ich so wenig zu schätzen schien.

Armellina und Emilia wußten wohl, daß sie einen sehr schönen Busen hatten, und waren vielleicht erstaunt über meine Gleichgültigkeit; ohne Zweifel dachten sie, ich hätte niemals einen schönen Busen gesehen, und in Rom sind alleidings schöne Brüste seltener als hübsche Gesichter.

Trotz der Reinheit ihrer Sitten mußte also die natürliche Eitelkeit ihnen den Gedanken einflößen, mir zu beweisen, daß ich unrecht hätte. Meine Aufgabe dagegen war es, sie in eine behagliche Stimmung zu versetzen und dafür zu sorgen, daß sie sich nicht schämten.

Ich machte ihnen eine große Freude, als ich ihnen sagte, sie sollten den Punsch selber machen, und sie jubelten, als sie mich sagen hörten, ich fände den Punsch besser als den, den ich das erste Mal selber gemacht hätte.

Als wir wieder die Austern von Mund zu Munde aßen, machte ich Armellina Vorwürfe darüber, daß sie den Saft der Austern hinunterschluckte, bevor ich diese in meinen Mund bekäme. Ich gab zu, daß es schwierig sei, es anders zu machen, aber ich erbot mich, ihnen zu zeigen, wie man das Wasser anhalten könnte, indem man mit der Zunge einen Damm bildete. Dies gab mir Gelegenheit zum Zungenspiel, das ich nicht näher erklären will, weil jeder es kennt, der einmal wirklich geliebt hat. Armellina ging mit solcher Gefälligkeit und Ausdauer darauf ein, daß sie offenbar ebensoviel Vergnügen daran fand wie ich, obwohl sie zugab, daß es ein höchst unschuldiges Spiel sei.

Zufällig glitt eine schöne Auster, die ich Emilia in den Mund legen wollte, von der Schale herunter und fiel in ihren Busen. Sie wollte sie mit ihren Fingern herausholen, aber ich machte mein Vorrecht geltend, und sie mußte nachgeben, sich aufschnüren lassen und mir erlauben, die Auster aus der Tiefe, wo sie liegen geblieben war, mit meinen Lippen hervorzuholen. Sie konnte es nicht verhindern, daß ich sie gänzlich entblößte, aber ich schlürfte meine Auster so geschickt, daß sie durchaus nicht auf den Verdacht kommen konnte, ich empfände dabei ein anderes Vergnügen als das, meine Auster wiederzuerlangen.

Armellina sah dies alles an, ohne zu lachen; offenbar war sie überrascht, daß ich auf die Schönheiten, die ich vor meinen Augen hatte, gar keinen Wert zu legen schien.

Emilia schnürte lachend ihr Mieder wieder zu.

Die Entdeckung war zu schön, als daß ich sie nicht hätte ausnützen sollen. Während ich Armellina auf meinem Schoß hielt, gab ich ihr eine Auster und ließ diese geschickt in ihren Busen herunterfallen. Hierüber lachte Emilia sehr, denn es hatte sie bereits geärgert, daß Armellina nicht auch schon ihren Mut auf dieselbe Weise wie sie gezeigt hatte.

Armellina war weit davon entfernt, in Verlegenheit zu geraten; im Gegenteil, sie konnte nicht verbergen, daß sie von dem Zufall entzückt war, obwohl sie sich den Anschein gab, wie wenn sie sich nichts daraus machte.

»Ich will meine Auster!« sagte ich zu ihr.

»Nehmen Sie sie!«

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich schnürte ihr Mieder absichtlich so ungeschickt auf, daß die Auster ganz tief hinunterfiel, und beklagte mich dabei, daß ich sie mit den Händen hervorholen müßte.

Welches Martyrium für einen Verliebten, wenn er in einem solchen Augenblick die höchste Wonne verheimlichen muß!

Armellina konnte mich unter keinen Umständen beschuldigen, mir eine Freiheit herausgenommen zu haben, denn ich berührte ihre beiden Alabasterhalbkugeln nur, um mir meine Auster zu holen.

Als ich diese endlich erhascht hatte, konnte ich es nicht mehr aushalten: ich bemächtigte mich der einen ihrer Brüste, indem ich den Saft meiner Auster verlangte, und saugte an der kaum hervortretenden Knospe mit einer Wollust, die sich nicht beschreiben läßt.

Ich ließ sie erst los, um wieder zur Besinnung zu kommen, denn meine Wollust hatte den Höhepunkt erreicht. Sie war überrascht, aber augenscheinlich gerührt.

Als sie mich meine Augen mit jenem schmachtenden Ausdruck, der dem höchsten Genuß folgt, auf die ihrigen richten sah, fragte sie mich, ob es mir viel Vergnügen gemacht hätte, den Säugling zu spielen.

»Ja, mein Herz, ein sehr großes Vergnügen; aber es ist eine ganz unschuldige Kinderei.«

»Das glaube ich nicht, und ich hoffe, Sie werden der Oberin nichts davon sagen. Was Sie mit mir gemacht haben, kann für mich wenigstens nicht unschuldig sein, denn ich habe Gefühle gehabt, die gewiß eine Sünde sind. Wir dürfen auf diese Weise keine Austern mehr essen.«

»Das sind kleine Schwächen, die man mit Weihwasser abspült,« sagte Emilia. »Wir können beschwören, daß wir uns nicht einen einzigen Kuß gegeben haben.«

Sie gingen in das Nebenzimmer, und einen Augenblick später folgte ich ihnen dahin. Wir schoben den Tisch beiseite und setzten uns auf das Sofa vor das Feuer. Als ich nun zwischen ihnen saß, sagte ich zu ihnen, unsere Beine wären doch vollkommen gleich, und ich begriffe nicht, warum die Frauen sie durchaus mit Röcken bedecken wollten.

Während ich sprach, betastete ich ihre Beine und sagte zu ihnen, es wäre genau ebenso, wie wenn ich meine eigenen befühlte.

Als ich sah, daß sie sich dieser Untersuchung, die sich bis zum Knie erstreckte, nicht widersetzten, sagte ich zu Emilia, ich verlangte von ihr keine andere Belohnung, als daß sie mich die Dicke ihrer Schenkel messen ließe, um sie mit denen Armellinas zu vergleichen.

»Sie muß«, sagte diese, »stärkere Schenkel haben als ich, obwohl ich größer bin als sie.«

»Es ist nichts Schlimmes dabei, mich dies sehen zu lassen.«

»Ich glaube doch.«

»Nun, so werde ich sie mit den Händen messen.«

»Nein; denn Sie würden hinsehen.«

»Ich sehe nicht hin; das verspreche ich Ihnen.«

»Lassen Sie sich die Augen verbinden!«

»Gern; aber ich werde Ihnen ebenfalls die Augen verbinden.«

»Gut. Wir werden Blindekuh spielen.«

Bevor ich ihnen die Augen verband und dasselbe mit mir vornehmen ließ, sorgte ich dafür, daß sie eine tüchtige Menge Punsch tranken. Hierauf begann das Spiel. Meine beiden Schönen ließen sich, vor mir stehend, mehrere Male messen und fielen lachend auf mich, so oft ich sie zu hoch maß.

Ich hatte meine Binde in die Höhe geschoben und sah alles; aber sie mußten so tun, wie wenn sie keine Ahnung davon hätten.

Ohne Zweifel betrogen sie mich auf dieselbe Weise, um das zu sehen, was sie an ihrer Gabelung fühlten, wenn sie auf mich fielen.

Dieses reizende Spiel endigte erst, als meine Natur von Wollust völlig erschöpft war und ich durchaus nicht mehr konnte.

Ich brachte meine Kleider in eine anständige Verfassung und bat sie, die Binden von ihren Augen zu nehmen.

Nachdem ich ein schmeichelhaftes Urteil über den Umfang ihrer Schenkel abgegeben hatte, setzten sie sich lachend, aber ohne ein Wort zu sagen, an meine Seite: vielleicht glaubten sie, vor sich selber leugnen zu können, was sie mich hatten machen lassen.

Es kam mir vor, wie wenn Emilia einen Liebhaber gehabt hätte, aber ich hütete mich natürlich, ihr dies zu sagen; Armellina war jedenfalls eine vollkommene Jungfrau. Daher kam es denn wohl, daß sie beschämter aussah als ihre Freundin, und daß ihre großen Augen von einem bescheidenen Feuer der Wollust glänzten. Als ich mir einen Kuß von ihrem schönen Munde nehmen wollte, wandte sie den Kopf zur Seite. Nach allem, was wir getan hatten, mußte ich das sehr sonderbar finden; gleichzeitig drückte sie mir jedoch mit größter Zärtlichkeit die Hände.

Wir hatten vom Ball gesprochen, und sie waren sehr neugierig, zu sehen, was da los wäre; denn für den Ball schwärmten alle jungen Römerinnen, da Papst Rezzonico sie während der zehn langen Jahre seiner Regierung dieses Vergnügens beraubt hatte. Papst Rezzonico hatte den Römern die Glücksspiele jeder Art erlaubt, aber ihnen den Tanz verboten. Sein Nachfolger Ganganelli dachte anders: er hatte das Spiel verboten und den Tanz erlaubt.

Es gehört zur Unfehlbarkeit der Päpste, daß der eine gut findet, was der andere verurteilt. Ganganelli fand es weniger unmoralisch, seine Untertanen herumhüpfen zu lassen, als ihnen die besten Mittel zu erleichtern, um sich zugrunde zu richten, sich das Leben zu nehmen oder Räuber zu werden; aber daran hatte Rezzonico vielleicht nicht gedacht.

Ich versprach also meinen beiden Schönen, sie mitzunehmen, sobald ich einen Ball entdeckt hätte, auf welchem sie wahrscheinlich nicht erkannt werden könnten.

Mit dem Schlage drei hielt der Wagen vor der Tür, und ich fuhr sie nach dem Kloster. Ich war ziemlich zufrieden mit dem, was ich getan hatte, um meine Wünsche zu befriedigen, wenngleich meine Leidenschaft sich nur vergrößert hatte. Ich war mehr denn je überzeugt, daß jeder Mann, der unter der Herrschaft der Schönheit stehe, Armellina anbeten müsse.

Ich gehörte zu diesen Untertanen der Schönheit und gehöre noch heute dazu; aber es macht mich rasend, arm zu sein und zu fühlen, daß das Weihrauchgefäß ein jämmerliches Ding ist, seitdem der Weihrauch verbrannt ist.

Ich dachte darüber nach, was für eine Art von Verzauberung mich wohl zwingen möchte, mich immer wieder in ein Weib zu verlieben, das mir neu vorkam und mir dieselben Begierden einflößte, die das letzte von mir geliebte in mir erweckt hatte – das letzte, das ich erst dann zu lieben aufgehört hatte, als es nicht mehr meine Begierden erregte. War aber dieses Weib, das mir neu vorkam, auch wirklich neu? Durchaus nicht; denn es war immer wieder dasselbe Stück und nur der Titel war neu. Aber wenn es mir nun gelang, mich in Besitz des begehrten Gegenstandes zn setzen, bemerkte ich dann, daß er mir bereits bekannt war? Beklagte ich mich? Fand ich mich getäuscht?

Ganz gewiß nicht, und der Grund dafür war ohne Zweifel der, daß ich bei der Aufführung des Stückes beständig den Titel vor Augen hatte, den reizenden Titel, der mich verliebt gemacht hatte.

Wenn aber die ganze Illusion nur von dem Titel herrührt, wäre es dann nicht besser, sich das Stück anzusehen, ohne den Theaterzettel zu lesen? Denn was frommt es uns, den Namen eines Buches zu wissen, das wir lesen wollen, den Namen einer Speise, die wir essen wollen, den Namen einer Stadt, deren Straßen wir durchstreifen, deren Schönheiten wir bewundern wollen.

Wir finden alles, was wir suchen, in der Stadt, in der Speise, in dem Buche; der Name tut gar nichts dazu. Aber jeder Vergleich ist ein Sophismus. Der Mensch unterscheidet sich eben vom Tier und kann nur mittels der Sinne verliebt werden, und der Sitz aller Sinne, mit Ausnahme des Tastsinnes, befindet sich im Kopf.

Und deshalb übt auf einen Menschen, der Augen hat, der Anblick eines Gesichtes so wunderbare Wirkung aus, indem es ihn verliebt macht.

Wenn das allerschönste Weib mit nacktem Leib, aber bedecktem Kopf, sich dem Blick eines Mannes darböte, so könnte dieser wohl zu fleischlichem Genuß angeregt werden, niemals aber zu einem Genuß des Herzens, eben zu dem, was man Liebe nennt; denn wenn man in dem Augenblick, wo man sich dem körperlichen Genuß überließe, den Kopf entblößte, und wenn dieser Kopf wirklich häßlich wäre, wie gewisse Köpfe, die Abscheu, ja oft sogar Haß einflößen, so würde der Mann voller Grauen entfliehen, und weder die Schönheit des Leibes, noch die Vollendung der Formen könnte ihn reizen, den Akt tierischer Liebe zu vollenden, zu welchem er sich bereits anschickte.

Ganz etwas anderes ist es, wenn eines jener begnadigten Gesichter von einem unwiderstehlichen Zauber einen Mann verliebt gemacht hat. Wenn es ihm gelingt, den Schleier vom Heiligtum zu lüften, so wird, selbst wenn er entstellte Glieder erblicken sollte, das Gesicht doch den Sieg davontragen: nichts wird ihn zurückhalten, und das Opfer wird vollzogen werden.

Dies ist der Grund, warum in allen Ländern der übereinstimmende Brauch herrscht, den ganzen Körper mit Ausnahme des Gesichtes zu verhüllen, und zwar nicht nur bei den Frauen, sondern auch bei den Männern, obwohl allerdings in Europa seit langer Zeit die Männer sich so kleiden, daß die Frauen so ziemlich alles, was sie nicht sehen, doch erraten können. Der Vorteil, den die Frauen von diesem Brauch haben, ist unbestreitbar, obgleich schöne Leiber weniger selten sind als schöne Gesichter, denn es gelingt der Kunst leicht, die Unvollkommenheiten des Gesichtes zu verbergen, ja sogar eine scheinbare Schönheit desselben herzustellen, dagegen gibt es keine Schminke, um die Häßlichkeit einer Brust, eines Bauches oder irgendeines anderen Teiles des menschlichen Körpers zu verbessern.

Trotzdem gebe ich zu, daß die Phänomeriden Spartas recht hatten, indem sie ihren Körper zeigten, und dasselbe Recht muß man allen Frauen zugestehen, die einen sehr schönen Leib, aber ein abstoßendes Gesicht haben. Denn trotz der Schönheit des Stückes finden sie, nur wegen des Titels, keine Zuschauer.

Glücklich, dreimal glücklich sind Weiber wie Armellina, bei denen Titel und Stück beide gleich schön sind!

Als ich nach Hause kam, hatte ich das Glück, Margherita in tiefem Schlaf zu finden. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken, und legte mich, nachdem ich meine Kerze ausgelöscht hatte, so geräuschlos wie möglich zu Bett.

Ich bedurfte der Ruhe, denn ich besaß nicht mehr die unerschöpfliche Kraft der Jugend. Ich schlief bis zum Mittag.

Als ich erwachte, sagte Margherita mir, ein sehr schöner junger Mann habe mir gegen zehn Uhr einen Besuch machen wollen, und da sie nicht gewagt habe, mich zu wecken, so habe sie ihn bis elf Uhr unterhalten. »Ich habe ihm Kaffee gemacht, den er sehr gut gefunden hat. Er will morgen wiederkommen, aber er hat mir seinen Namen nicht genannt. Er ist ein sehr schöner junger Mann und hat mir dieses Goldstück geschenkt, das ich nicht kenne. Ich hoffe, es wird Ihnen nicht unangenehm sein.«

Ich erriet, daß es mein Florentiner war. Das Goldstück war eine doppelte Unze. Ich lachte, denn da ich in das Mädchen nicht verliebt war, so war mir alles gleichgültig. Ich sagte ihr, es sei gut, daß sie ihn unterhalten habe, und noch besser, daß sie das Goldstück angenommen habe, das achtundvierzig Paoli wert sei.

Sie umarmte mich zärtlich und verschonte mich dank diesem Abenteuer mit den Vorwürfen, die sie mir sonst wegen meines späten Nachhausekommens gemacht haben würde.

Ich war neugierig, was das für ein toskanischer Phönix sein möchte, der sich so freigebig zeigte, und beeilte mich daher, den Brief meiner lieben Leonilda zu lesen.

Er war ein reicher Kaufherr, namens M., der ein Geschäft in London hatte und durch einen Malteserritter ihrem Gatten empfohlen worden war. Leonilda schilderte ihn mir als einen reichen, liebenswürdigen, gebildeten und freigebigen Mann und versicherte mir, daß ich ihn lieb gewinnen würde.

Nachdem sie mir viel über ihren Gatten mitgeteilt und allerlei Aufträge von dem guten Marchese und der ganzen Familie an mich ausgerichtet hatte, schrieb Leonilda zum Schluß, sie sei glücklich, denn sie sei guter Hoffnung, Mutter zu werden, und sie würde auf dem Gipfel der Seligkeit sein, wenn sie einen Sohn zur Welt brächte. Sie bat mich, dem Marchese meinen Glückwunsch zu schreiben.

Sei es die Stimme der Natur, sei es die Macht der Erziehung – genug, ich schauderte, als ich diese Mitteilung las. Ich antwortete ihr jedoch einige Tage darauf und legte diesem Brief offen einen anderen an den Marchese bei, dem ich schrieb, daß Gottes Gnaden niemals zu spät kommen, und daß mich niemals eine Nachricht so gefreut habe wie die, daß er bald einen Erben haben werde.

Im Mai brachte Leonilda einen Knaben zur Welt. Ich sah diesen in Prag, als Leopold der Zweite gekrönt wurde, im Hause des Fürsten Rosenberg. Er nennt sich Marchese E., wie sein Vater, vielmehr wie der Gatte seiner Mutter, der ein Alter von achtzig Jahren erreicht hat.

Obgleich mein Name dem jungen Menschen unbekannt war, ließ ich mich ihm vorstellen; ich erfreute mich seiner Unterhaltung noch ein zweites Mal im Theater. Er wurde von einem sehr gebildeten Abbate begleitet, den man seinen Hofmeister nannte; aber er bedurfte eines solchen nicht, denn er war mit zwanzig Jahren schon so vernünftig, wie wenig Menschen es mit sechzig sind.

Ich sah mit inniger Freude, daß der Jüngling das leibhaftige Ebenbild des Marchese war. Ich weinte hierüber Tränen des Glückes, indem ich daran dachte, wie glücklich diese Ähnlichkeit den wackeren Marchese und die Mutter gemacht haben mußte, und ich bewunderte das Spiel eines Zufalls, der die Natur zur Mitschuldigen an einer glücklichen Lüge gemacht zu haben schien.

Ich schrieb an meine teure Leonilda und übergab ihrem Sohn diesen Brief, den sie erst im Karneval des Jahres l792 erhielt, als der junge Marchese nach Neapel zurückkehrte. Bald darauf erhielt ich eine Antwort, worin sie mich zur Hochzeit ihres Sohnes einlud und mich bat, zu ihr zu ziehen und im Schoße zärtlicher Freundschaft meine Tage zu beschließen. Wer weiß, ob es nicht noch mal dazu kommt!

Um drei Uhr begab ich mich zur Fürstin Santa-Croce, die ich im Bett fand. Neben ihr saß der Kardinal und las ihr vor.

Kaum erblickte sie mich, so fragte sie, warum ich die Oper nach dem zweiten Akt verlassen hätte.

»Fürstin, ich kann Ihnen eine sechs Stunden lange, interessante Geschichte erzählen, aber bevor ich dies tue, müssen Sie mir in Bezug auf die Einzelheiten freie Hand gewähren; denn es kommen darin Episoden vor, die unbedingt der Natur gemäß erzählt werden müssen.«

»Ist es etwas in der Art wie mit der Nonne M. M.?«

»Ja, gnädiger Herr, ungefähr so.«

»Wollen Sie taub sein, Fürstin?« fragte Seine Eminenz sie.

»Sie können sich darauf verlassen!«

Ich erzählte ihnen hierauf die Geschichte der Nacht ungefähr in derselben Weise, wie ich sie hier niedergeschrieben habe. Über das Herausfischen der Austern aus dem Leibchen und über das Blindekuhspiel lachte die Fürstin trotz ihrer angeblichen Taubheit bis zu Tränen. Schließlich stimmten sie und der Kardinal darin überein, ich hätte mich gut benommen und würde ohne Zweifel bei der nächsten Zusammenkunft den Lohn meiner Mühen ernten.

»In zwei oder drei Tagen«, sagte der Kardinal zu mir, »werden Sie den Dispens für Emiliens künftigen Gatten erhalten; er kann sie dann heiraten, sobald er will.«

Am nächsten Morgen um neun Uhr machte der Florentiner mir einen Besuch. Ich fand ihn genau so, wie die Marchesa ihn mir geschildert hatte; aber ich war nicht gut auf ihn zu sprechen, und meine Stimmung verbesserte sich nicht, als er mich fragte, ob die hübsche Person, die ich im Theater bei mir gehabt hätte, etwa verheiratet oder verlobt sei, und ob sie Vater oder Mutter oder andere Verwandte habe, von denen sie abhängig sei.

Ich bat ihn mit einem etwas bitteren Lächeln, mir zu erlassen, daß ich hierüber Auskunft gebe, da die junge Dame im Theater maskiert gewesen sei.

Er errötete und bat mich um Verzeihung.

Ich dankte ihm für die Ehre, die er Margherita erwiesen, indem er eine Tasse Kaffee von ihr angenommen habe, und bat ihn, auch mir dieses Vergnügen zu erweisen, indem ich ihm zugleich sagte, ich würde mich am nächsten Morgen zum Frühstück bei ihm einfinden. Er wohnte bei Roland gegenüber San Carlo; in demselben Gasthof wohnte auch die berühmte Sängerin Gabrielli, mit Beinamen la Couchetta, der vom Fürsten Borghese eifrig der Hof gemacht wurde.

Kaum war der junge Florentiner fort, so eilte ich nach San Paolo; ich konnte es kaum erwarten, zu sehen, was für ein Gesicht meine beiden von mir so herrlich eingeweihten Vestalinnen machten.

Sie hatten eine ganz andere Miene als bisher: Emilia war fröhlich, und Armellina war traurig geworden.

Ich sagte zu Emilia: »In drei Tagen werde ich Ihnen einen vollständigen Ablaß vom Aufgebot bringen; in etwa acht Tagen werden Sie die Anweisung des Kardinals ausgehändigt empfangen, auf Grund deren Sie vierhundert Scudi und Ihren Abschied erhalten werden. Am selben Tage werde ich Ihnen ein Stipendium von zweihundert Scudi überbringen.«

Sie geriet bei dieser Nachricht vor Freude ganz außer sich und verließ das Sprechgitter, um zur guten Oberin zu eilen und ihr ihr Glück mitzuteilen.

Als ich mit Armellina allein war, ergriff ich ihre Hände, bedeckte diese mit Küssen und flehte sie an, doch wieder ihre alte köstliche Fröhlichkeit zu zeigen.

»Was soll ich hier ohne Emilia machen!« rief sie aus. »Was soll ich hier machen, wenn Sie fort sind? Ich werde unglücklich sein. Ich liebe mich selber nicht mehr.«

Ich fühlte tiefe Betrübnis, als ich sie Tränen vergießen sah, die ich für mein Leben gern aufgefangen hätte, um mich in Liebe zu berauschen, oder noch besser, um die Glut zu dämpfen, die mich verzehrte. Ich schwor ihr, ich würde Rom nicht verlassen, bevor ich sie verheiratet sähe, und würde ihr eine Mitgift von tausend Talern aussetzen.

»Aus den tausend Talern mache ich mir nichts, aber es beglückt mich, daß Sie mir versprechen, Rom nicht zu verlassen, bevor Sie mich verheiratet haben. Weiter verlange ich nichts; aber wenn Sie mich täuschten, werde ich daran sterben.«

»Und ich werde lieber sterben als Sie täuschen; aber meine liebe Armellina, verzeihen Sie der Liebe, die mich vielleicht vorgestern zu weit fortgerissen hat.«

»Ich verzeihe Ihnen alles, wenn Sie stets mein Freund bleiben.«

»Das verspreche ich Ihnen; aber erlauben Sie mir doch, Sie auf Ihren schönen Mund zu küssen.«

Nach diesem ersten Kuß, den ich als ein sicheres Unterpfand ihrer Übergabe auffaßte, trocknete sie ihre Tränen, und Emilia erschien mit der Oberin, die mir die verbindlichsten Komplimente machte. Unter anderem sagte sie zu mir: »Sie müssen mir versprechen, sich für die neue Kameradin zu interessieren, die ich unserer Armellina zu geben gedenke, sobald Emilia uns verläßt.«

»Ich verspreche Ihnen alles zu tun, was Sie mir befehlen werden, und ich hoffe, Signora, Sie werden mir zum Lohne dafür erlauben, die jungen Mädchen heute Abend ins Theater zu führen.«

»Sie werden sie bereit finden, denn wer könnte Ihnen wohl etwas abschlagen!«

Als ich mit den beiden Freundinnen allein war, entschuldigte ich mich eifrig, daß ich ohne ihre Einwilligung über sie verfügt hätte.

»Ohne unsere Einwilligung!« rief Emilia; »wir wären ja im höchsten Grade undankbar, wenn wir nach allem, was Sie für uns getan haben und noch tun, Ihnen irgend etwas abschlagen könnten.«

»Und Sie, meine schöne Armellina – werden Sie sich meiner Zärtlichkeit entziehen?«

»Nein, lieber Freund. Aber ich werde mich in den Grenzen halten, die die Vernunft vorschreibt. Vor allen Dingen kein Blindekuhspiel mehr!«

»Ach! es ist doch ein so hübsches Spiel! Sie machen mich wirklich traurig.«

»Erfinden Sie doch ein anderes!« sagte Emilia.

Emilia war in Feuer geraten, und das war mir nicht angenehm; denn ich fürchtete, Armellina könnte eifersüchtig werden. Wenn ich dies befürchtete, so brauchte ich darum kein eingebildeter Geck zu sein, denn ich kannte das menschliche Herz.

Sobald ich sie verlassen hatte, eilte ich nach dem Theater von Torre di Nona, um mir eine Loge zu beschaffen; hierauf ging ich in den Gasthof und bestellte das Abendessen und dieselben Zimmer. Ich vergaß auch die Austern nicht, obgleich ich überzeugt war, daß ich derselben nicht mehr bedürfte.

Hierauf begab ich mich sofort zu einem Musiker und beauftragte diesen, mir drei Eintrittskarten für einen Ball zu besorgen, auf welchem ich von niemanden erkannt werden könnte.

Ich ging nach Hause, um dort allein zu essen, fand jedoch ein Briefchen von der Marquise d’Août, die mich zum Mittagessen einlud und mir die freundschaftlichsten Vorwürfe machte, daß ich mich niemals uneingeladen bei ihr sehen ließe. Ich folgte der Einladung und fand bei der Marquise den Florentiner.

Bei Tisch lernte ich eine Menge von den guten Eigenschaften des liebenswürdigen jungen Mannes kennen und fand, daß Leonilda ihm mit ihrer Beschreibung nicht geschmeichelt hatte.

Gegen Ende der Mahlzeit fragte die Marquise mich, warum ich nicht bis zum Schluß der Vorstellung in der Oper geblieben sei.

»Meine jungen Damen langweilten sich.«

»Ich weiß, daß sie nicht zum Hofstaate des venetianischen Botschafters gehören.«

»Allerdings nicht, meine Gnädige, und ich bitte Sie wegen meiner kleinen Lüge um Verzeihung.«

»Sie erfanden Ihre Mitteilung aus dem Stegreif, um mir nicht zu sagen, wer sie sind; aber man weiß es.«

»Ich wünsche den Neugierigen Glück dazu, Madame.«

»Die junge Dame, mit der ich gesprochen habe, ist dazu angetan, allgemeine Neugier zu erregen; aber an Ihrer Stelle würde ich sie ein wenig Puder auflegen lassen.«

»Dazu besitze ich keine Autorität, und wenn ich solche besäße, so möchte ich ihr um alles in der Welt keinen Zwang antun.«

Der Florentiner gefiel mir, weil er alles anhörte, ohne ein Wort zu sagen. Ich ließ ihn viel von England und von seinen Geschäften sprechen. Er sagte mir, er gehe nach Florenz, um seine Erbschaft anzutreten und eine Gattin zu suchen, die er mit sich nach London nehmen würde. Beim Abschied sagte ich ihm, ich würde erst am übernächsten Tage das Vergnügen haben, ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, da eine geschäftliche Angelegenheit mich abhielte, ihn meinem Versprechen gemäß schon am nächsten Tage zu besuchen. Er bat mich, erst zum Mittagessen zu kommen und dieses mit ihm zu teilen.

Voll von Liebe und Hoffnung holte ich meine beiden Freundinnen ab. Sie sahen mit großer Heiterkeit die ganze Komödie an, ohne daß irgend etwas uns störte. Vor dem Gasthof stiegen wir ab, und ich befahl dem Kutscher, mich um zwei Uhr abzuholen. Hierauf gingen wir in den dritten Stock hinauf und setzten uns dort vor ein gutes Kaminfeuer, während man uns die Austern öffnete, die uns nicht mehr so interessierten wie die vorigen Male.

Emilia und Armellina benahmen sich so, wie es sich für unsere Beziehungen gehörte.

Emilia sah aus wie jemand, der gute Ware auf Kredit verkauft hat und den Käufer gönnerhaft behandelt, weil er ihm ein gutes Geschäft vermittelt hat. Armellina war zärtlich und lachte, war aber zugleich etwas bedrückt und winkte mir mit den Augen, wie wenn sie mich an das Wort erinnern wollte, das ich ihr gegeben hatte. Ich antwortete ihr nur durch glühende Küsse, die ihr ihre Sicherheit zurückgaben, sie aber zugleich voraussehen ließen, daß ich meine Verpflichtungen, die ich gegen sie hätte, noch bedeutend zu vermehren gedächte. Es kam mir jedoch so vor, als wenn sie sich mit der Tatsache abgefunden hätte, und so setzte ich mich mit zufriedener Seele zu Tisch.

Ich beschäftigte mich nur mit Armellina. Da Emilia unmittelbar vor ihrer Heirat stand, so konnte sie wohl annehmen, daß ich sie nur aus einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu vor dem Sakrament der Ehe vernachlässigte.

Als wir gespeist hatten, setzte ich mich, fröhlich und wollüstig wie immer, mit Armellina auf das Sofa und verbrachte mit ihr drei Stunden, die ich mir köstlich hätte machen können, wenn ich mich nicht darauf versteift hätte, die höchste Gunst von ihr haben zu wollen. Hierauf wollte sie sich nicht einlassen. Worte, Bitten, Zornesausbrüche konnten sie ebensowenig besiegen wie ihre engelhafte Sanftmut ändern. Zärtlich in meinen Armen liegend, bald lachend, bald liebevoll traurig, bewilligte sie mir niemals, was ich durchaus erringen wollte. Dabei verweigerte sie es mir niemals in aller Form.

Dies scheint ein Rätsel zu sein, aber es ist keines.

Sie verließ meine Arme als Jungfrau, obgleich sie vielleicht betrübt war, daß sie es nicht gewagt hatte, sich über ihre Pflichten hinauszusetzen, indem sie mich ganz und gar glücklich machte.

Die Natur zwang mich aufzuhören, obgleich ich immer noch vor Liebe glühte und wenig befriedigt war. Ich bat sie um Verzeihung. Die Vernunft sagte mir, daß dies das einzige Mittel war, um mir ihre Einwilligung für ein anderes Mal zu verschaffen.

Nachdem wir uns, halb traurig, halb lustig, angezogen hatten, weckten wir Emilia, die in tiefem Schlaf lag, und entfernten uns.

In meiner Wohnung angekommen, legte ich mich zu Bett, ohne mich um die Schimpfwörter zu bekümmern, womit Margherita in ihrem Zorn mich überhäufte.

Der Florentiner gab mir ein Diner von ausgezeichneter Feinheit. Aufs tiefste rührten mich die Freundschaftsbeweise, mit denen er mich überhäufte, und sein Anerbieten, mir mit Geld auszuhelfen, wenn ich dessen bedürfen sollte.

Er hatte Armellina gesehen, und sie hatte ihm gefallen. Ich hatte ihn schroff abfallen lassen, als er mit mir von ihr gesprochen hatte. Seitdem hatte er kein Wort mehr von ihr gesagt, und auch bei diesem Essen wurde nicht mehr von ihr gesprochen.

Ich glaubte annehmen zu müssen, daß eine innere Sympathie ihn zu mir hinzöge; diese war mir angenehm, und ich glaubte, sie ihm in gleicher Weise vergelten zu müssen.

Ich lud ihn bei mir zum Essen ein und ließ Margherita mit mir speisen. Da ich nicht eifersüchtig auf sie war, so wäre es mir sehr angenehm gewesen, wenn er sich in sie verliebt hätte. Er würde, glaube ich, keine Schwierigkeiten bei ihr gefunden haben, denn er gefiel ihr, und ich würde gerne ein Auge zugedrückt haben. Es geschah jedoch nichts. Als das Mädchen einen Ring bewunderte, den er an seiner Uhrkette trug, bat er mich um Erlaubnis, ihr denselben anbieten zu dürfen, und ich gab meine Einwilligung. Dies war deutlich genug; aber dabei blieb die Sache stehen.

In acht Tagen war alles für Emilias Heirat in Ordnung. Ich verschaffte ihr für ihren Stipendienschein bares Geld, und an demselben Tage, wo sie das Kloster verließ, verheiratete sie sich und reiste mit ihrem Mann nach Civitia vecchia.

Menicuccio, von dem ich seit langer Zeit nicht mehr gesprochen habe, war glücklich über mein Verhältnis zu seiner Schwester, denn er glaubte, daß sie in Zukunft Vorteil davon haben würde, und er war noch glücklicher über die Entwicklung, die seine eigenen Angelegenheiten nahmen; denn drei Tage nach Emilias Hochzeit heiratete er seine Geliebte und begründete einen hoffnungsreichen Hausstand.

Als Emilia fort war, gab die gute Oberin meiner Armellina eine neue Aufseherin. Es war ein junges Mädchen, das vielleicht zwei oder drei Jahr älter war als meine Freundin; sie war sehr schön, erregte aber trotzdem meine Teilnahme nur in sehr geringem Grade. Wenn ich von einem Gegenstand stark in Anspruch genommen war, konnte, bevor ich Befriedigung gefunden hatte, ein anderer mir nur sehr leichte Wünsche einflößen.

Die Oberin sagte mir, Armellinas neue Freundin heiße Scolastica. Sie werde gewiß meine Achtung gewinnen, denn sie sei ebenso verständig wie Emilia. Sie hoffe, ich werde ihr dazu verhelfen, daß ein Mann, der eine sehr gute Anstellung habe und den sie kenne, sie heirate; er brauche nur dreihundert Scudi, um den erforderlichen Dispens zu bezahlen.

Dieser Bewerber war der Sohn eines Vetters von Scolastica. Sie nannte ihn ihren Neffen, obwohl er älter war als sie. Der Dispens war für Geld nicht schwer zu erlangen, aber um ihn umsonst zu erhalten, mußte ich jemanden ausfindig machen, der den Heiligen Vater darum bat.

Ich versprach, mich mit der Sache zu beschäftigen.

Der Karneval näherte sich seinem Ende, und Scolastica hatte in ihrem Leben weder Opern noch Komödien gesehen. Armellina hatte Lust, einen Ball zu sehen, und ich hatte endlich einen gefunden, wo wir nach meiner Meinung von keinem Menschen erkannt werden konnten. Da die Sache jedoch Folgen nach sich ziehen konnte, so waren Vorsichtsmaßregeln nötig. Ich fragte also die beiden neuen Freundinnen, ob sie sich als Männer verkleiden wollten, und sagte ihnen, ich werde ihnen alles Nötige besorgen. Sie waren mit Freuden einverstanden.

Für den Tag nach dem Ball hatte ich mir eine Loge im Theater Aliberti besorgt. Ich benachrichtigte also meine jungen Freundinnen, sie möchten die Oberin um Erlaubnis bitten und mich in der Dämmerung erwarten.

Obgleich durch Armellinas Widerstand und durch die Gegenwart ihrer neuen Gesellschafterin etwas entmutigt – denn diese kam mir so vor, wie wenn sie sich weder durch einen Handstreich überrumpeln lassen, noch sich bereit finden lassen würde, unserer Liebschaft als Deckmantel zu dienen – so ließ ich doch alles Erforderliche, um sie in zwei schöne Knaben zu verwandeln, nach dem Gasthof schaffen.

Beim Einsteigen in den Wagen gab Armellina mir die üble Nachricht, daß Scolastica von nichts wüßte und daß wir uns in ihrer Gegenwart nichts erlauben dürften. Da im selben Augenblick Scolastica einstieg, so hatte ich keine Zeit ihr zu antworten, und wir fuhren nach dem Gasthof. Als wir in dem Zimmer mit dem guten Feuer waren, sagte ich ihnen etwas verdrießlich: wenn sie allein sein wollten, so würde ich trotz der Kälte in das Nebenzimmer gehen.

Mit diesen Worten zeigte ich ihnen die Männerkleider. Armellina sagte: »Es genügt, wenn Sie uns den Rücken zukehren. Nicht wahr, Scolastica?«

»Ich mache alles wie du, meine Liebe, aber ich bin sehr betrübt; denn ich bin überzeugt, daß ich euch zur Last bin. Ihr liebt euch, das ist ja sehr einfach, ich verhindere euch, euch eure Liebe zu beweisen, und bin darüber in Verzweiflung. Ich bin doch kein Kind mehr, und ich bin deine Freundin; warum behandelst du mich, wie wenn ich es nicht wäre?«

Als ich diese vernünftige Sprache hörte, atmete ich auf.

»Sie haben recht, schöne Scolastica«, sagte ich zu ihr. »Ich liebe Armellima; aber sie liebt mich nicht und sucht Vorwände, um mich nicht glücklich zu machen.«

Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer, schloß die Tür hinter mir und zündete mir im zweiten Zimmer ein Feuer an.

Seit einer Viertelstunde mopste ich mich, als endlich Armellina an die Türe klopfte und mich bat, ich möchte öffnen. Sie war in Hosen und sagte mir, ich müßte ihr durchaus helfen, denn die Schuhe wären zu klein, und sie könnte sie nicht anbekommen.

Da ich immer noch ein verdrießliches Gesicht machte, fiel sie mir um den Hals und bedeckte mich mit Küssen. Es gelang mir ohne große Mühe, mich zu beruhigen. Während ich ihr die Gründe meiner Verdrießlichkeit sagte und alles, was ich sah, mit meinen Küssen bedeckte, lachte Scolastica laut auf und sagte: »Ich wußte ja, daß ich euch zur Last war. Aber wenn ihr nicht das größte Zutrauen zu mir habt, so erkläre ich euch hiermit, daß ich morgen nicht das Vergnügen haben werde, euch in die Oper zu begleiten.«

»Nun, so umarme doch meinen Freund ebenfalls!« rief Armellina.

»Gern!«

Dieser Edelmut Armellinas gefiel mir nicht, aber dies verhinderte mich nicht, Scolastica mit aller Glut zu küssen, die sie verdiente. Ich hätte es selbst dann getan, wenn sie weniger schön gewesen wäre; denn eine so große Liebenswürdigkeit verdiente ihren Lohn. Ich küßte sie sogar ganz besonders heiß, weil ich Armellina ein wenig bestrafen wollte, aber ich irrte mich: sie war offenbar entzückt und umarmte ihre Freundin zärtlich, wie wenn sie ihr für ihre Gefälligkeit danken wollte.

Ich ließ sie sich hinsetzen, um ihr beim Anziehen der Schuhe zu helfen; aber ich sah, daß die Schuhe nicht paßten und daß wir andere brauchten.

Ich rief den Kellner, der uns bediente, und schickte ihn fort, um mir einen Vorrat an Schuhen zu holen.

Während wir auf seine Ankunft warteten, erlaubte die Liebe mir nicht, mich bei Armellina mit einfachen Küssen zu begnügen. Sie wagte ebensowenig sich mir zu entziehen, wie sich mir ganz und gar hinzugeben; aber gewissermaßen, wie wenn sie sich entschuldigen wollte, nötigte sie mich, ihrer Freundin Scolastica dieselben Liebkosungen zu erweisen wie ihr, und diese kam mir so weit entgegen, ^6i daß ich von ihr nichts mehr hätte verlangen können, wenn ich in sie verliebt gewesen wäre.

Sie war ein reizendes Mädchen und stand an Schönheit des Gesichtes wie an Vollendung der Formen nicht hinter Armellina zurück, wohl aber in einer gewissen Zartheit des Ausdruckes, der nur dieser eigentümlich war.

Im Grunde mißfiel der Scherz mir nicht, aber indem ich darüber nachdachte, mischte sich einige Bitterkeit in den Genuß; denn ich glaubte zu entdecken, daß Armellina mich nicht liebte, und daß die andere mir nur darum keinen Widerstand leistete, weil sie ihrer Freundin die Verlegenheit benehmen und sie überzeugen wollte, daß sie ihr ganz und gar vertrauen könnte.

Dies machte mich so ratlos, daß ich mit dem Liebesspiel innehielt. Schließlich aber kam ich auf den Gedanken, ich würde gut tun, an derjenigen Geschmack zu finden, bei der ich mir völlige Befriedigung verschaffen könnte.

Kaum war dieser Gedanke mir durch den Kopf geschossen, so wurde ich neugierig, einen Versuch zu machen, ob Armellina ihr Verhalten ändern würde, wenn ich mich wirklich in ihre Freundin verliebt zeigte, und ob diese vielleicht finden würde, daß ich zu weit ginge; denn bis dahin waren meine Hände nach unten nicht über die Grenzen ihres Hosenbundes hinausgegangen.

Ich wollte gerade ans Werk gehen, da kam der Schuster. In ein paar Minuten hatten sie gutes Schuhzeug.

Nachdem sie ihre Röcke angezogen hatten, sah ich vor mir zwei sehr hübsche Jünglinge, deren Formen so viel von ihrem Geschlecht verrieten, um einen jeden, der mich in ihrer Gesellschaft sehen würde, eifersüchtig auf mein Glück zu machen.

Ich befahl, das Souper für Mitternacht bereit zu halten, und wir gingen auf den Ball, wo ich hundert gegen eins hätte wetten mögen, daß man mich nicht erkennen würde; denn der Musiker, der mir die Eintrittskarten besorgt hatte, hatte mir gesagt, es sei eine Gesellschaft von kleinen Kaufleuten. Aber was vermag nicht der Zufall oder das Schicksal!

Wir betreten einen großen Saal, der sehr gut, aber ohne Luxus ausgestattet ist, und die ersten Personen, auf die mein Blick fällt, sind die Marquise d‘ Août, ihr Gatte und ihr unzertrennlicher Abbé. Ich wurde jedenfalls feuerrot, aber ich konnte nicht mehr zurück, denn sie hatten mich bereits gesehen. So nahm ich mich zusammen und ging auf sie zu. Wir machten die üblichen Komplimente, und die feine Marchesa fügte diesen auch noch viele Scherze über meine beiden jungen Begleiter hinzu, die in ihrer Verlegenheit kein Wort zu sagen wußten, da sie es nicht gewohnt waren, in Gesellschaft zu verkehren. Was mich aber sehr verdroß, war eine große, junge Dame, die nach der Beendigung eines Menuetts meiner Armellina eine Verbeugung machte und sie aufforderte, mit ihr zu tanzen.

In diesem Mädchen erriet ich den Florentiner, der die Laune gehabt hatte, sich als Weib zu verkleiden. Er sah wie eine vollendete Schönheit aus.

Armellina glaubte, sie dürfte nicht für dumm gelten, und sagte ihm: »Ich erkenne Sie.«

»Vielleicht täuschen Sie sich«, sagte er sehr geistvoll zu ihr; »denn ich habe einen Bruder, der mir vollkommen ähnlich sieht; ebenso müssen Sie eine Schwester haben, die Ihr leibhaftiges Abbild ist. Mein Bruder hat das Glück gehabt, sich im Theater Capronica einen Augenblick mit ihr zu unterhalten.«

Über diese schlagfertige Antwort des Florentiners lachte die Marquise, und ich glaubte einstimmen zu müssen, obgleich mir durchaus nicht danach zumute war.

Da Armellina sich damit entschuldigte, daß sie nicht tanzen könnte, so ließ die Marquise sie zwischen ihr und dem Florentiner Platz nehmen. Der Marquis bemächtigte sich meiner Scolastica, und so blieb mir nur die Aufgabe, mich um die Marquise zu bemühen, ohne Armellina auch nur einmal ansehen zu können, die von den Reden des Florentiners ganz und gar in Anspruch genommen wurde.

Ich war eifersüchtig wie ein Tiger und brüllte innerlich vor Wut; aber die gesellschaftliche Sitte zwang mich, meinen Zorn unter einer Miene völliger Zufriedenheit zu verbergen. Ich überlasse es dem Leser sich auszumalen, wie sehr ich litt, und wie tief ich es bereute, auf diesen Ball gegangen zu sein.

Aber ich hatte noch nicht einmal den Höhepunkt meiner Leiden erreicht, denn diese wuchsen noch ganz beträchtlich als ich sah, wie Scolistaca den Arm des Marquis losließ und auf einen Mann von reiferen Jahren zutrat, mit dem sie sich in eine Ecke des Saals zurückzog, wo sie in sehr vertrauter Weise sich miteinander unterhielten.

Nach den Menuetten kamen die Kontertänze an die Reihe, und ich glaubte zu träumen, als ich Armellina als Kavalier und den Florentiner als Dame in dem Viereck nebeneinander stehen sah.

Ich mußte fortfahren, Gefühle zu zeigen, die mit meinen wirklichen Gefühlen in grausamsten Widerspruch standen. Ich trat daher auf sie zu, um ihnen mein Kompliment zu machen, und fragte Armellina in freundlichem Tone, ob sie auch sicher wäre, daß sie den Kontertanz tanzen könnte.

»Der Herr hat mir gesagt, ich könnte mich unmöglich irren, wenn ich nur alles nachmachte, was er mir vormachen würde.«

Auf diese Antwort ließ sich nichts erwidern. Ich begab mich nun zu Scolastica, denn ich war sehr neugierig, den Herrn kennen zu lernen, mit dem sie sich unterhielt.

Als sie mich herantreten sah, stellte sie ihn mir mit schüchternem Wesen vor und sagte mir, er sei der Neffe, von dem sie mit mir gesprochen habe und der sie glücklich zu machen wünsche, wenn er die Erlaubnis erhalten könne, sie zu heiraten.

Meine Überraschung war groß, aber ich wußte sie zu verbergen. Ich sprach mit ihm so höflich und trostreich, wie ich nur konnte, und sagte unter anderem, die Oberin habe bereits zu seinen Gunsten mit mir gesprochen, und ich habe auch bereits darüber nachgedacht, wie man den Dispens vom Heiligen Vater erlangen könne, ohne etwas dafür zu bezahlen.

Der Mann, der sehr anständig aussah, dankte mir lebhaft und empfahl sich mir angelegentlich, indem er besonders betonte, daß er kein Geld habe.

Da ich sah, daß er nicht im geringsten eifersüchtig war, ließ ich Scolastica mit ihm allein und begab mich wieder zu Armellina. Mit Erstaunen sah ich, daß sie ihre Sache sehr gut machte und bei keiner einzigen Figur einen Fehler beging. Der Florentiner, der ein ausgezeichneter Tänzer war, sagte ihr vorzüglich Bescheid, und alle beide schienen sehr glücklich zu sein.

Mir trat die Galle ins Blut; aber ich nahm mich zusammen und machte nach dem Tanz meiner Armellina sowohl wie ihrem Florentiner ein Kompliment. Er spielte die Dame ganz ausgezeichnet und war so gut angezogen, daß man ihn weder nach seinen Formen noch nach seinem Benehmen jemals für einen Mann hätte halten können. Dies war allerdings kein Wunder, denn die Marquise d’Août hatte es übernommen, ihn zu verkleiden.

Meine Eifersucht erlaubte mir nicht, Armellina aus den Augen zu lassen, und ich versagte mir daher das Vergnügen, selber zu tanzen.

Um Scolastica, die immer noch mit ihrem Bräutigam zusammen war, beunruhigte ich mich nicht; ich wußte, daß das Geplauder mit ihm ihr aufs angenehmste die Zeit vertreiben würde.

Das Souper sollte um Mitternacht beginnen, denn es war ein Samstag, und darum wagte man nicht vor dieser Stunde Fleischspeisen auf den Tisch zu bringen. Gegen halb zwölf Uhr sagte die Marquise, von Armellinas geistreicher Naivität entzückt und vielleicht auch um ihren jungen Freunden angenehm zu sein, in dem leichten Ton der guten Gesellschaft, aber zugleich mit der gebieterischen Miene einer vornehmen Dame zu mir, sie erwarte mich und meine beiden Begleiter in ihrem Hause zum Nachtessen.

»Leider kann ich nicht die Ehre haben, meine gnädige Frau«, antwortete ich ihr, »meine beiden Begleiter wissen warum.«

Sie zeigte auf Armellina und sagte: »Die da hat mir soeben gesagt, es hänge nur von Ihnen ab.«

»Das ist ein Irrtum, glauben Sie mir!«

Ich wandte mich zu Armellina und sagte zu ihr lachend und mit soviel Freundlichkeit, wie ich nur erheucheln konnte: »Sie wissen doch, daß Sie spätestens um halb ein Uhr zu Hause sein müssen.«

»Allerdings«, sagte sie sanft; »aber Sie haben ja doch darüber zu bestimmen.«

Ich antwortete ihr ein wenig traurig, daß ich nicht berechtigt zu sein glaubte, mein Wort zu brechen, daß es aber bei ihr stände, mich dazu zu veranlassen.

Nunmehr begannen die Marquise, deren Mann, der Abbé und der Florentiner sie aufzufordern, sie möchte doch von ihrer Macht Gebrauch machen und mich veranlassen, mein angebliches Wort zu brechen, und Armellina wagte es, mich in dringlicher Weise darum zu bitten.

Ich platzte vor Ärger; da ich jedoch entschlossen war, lieber alles zu tun, als ihnen den geringsten Grund zu geben, mich für eifersüchtig zu halten, so sagte ich zu Armellina mit ganz unbefangener Miene, ich wäre einverstanden, vorausgesetzt, daß es auch ihrer Freundin recht wäre.

»Nun«, sagte sie mit einem Ausdruck von Zufriedenheit, der mich außerordentlich peinlich berührte, »fragen Sie sie doch!«

Nun war ich meiner Sache sicher. Ich begab mich sofort zu Scolastica, trug ihr in Gegenwart ihres Freundes den ganzen Fall vor und bat sie, sie möchte ihre Einwilligung nicht geben, aber es so einrichten, daß ich nicht bloßgestellt würde. Der Bräutigam lobte meine Vorsicht, aber ich brauchte Scolastica nicht erst zu bitten, sich zu verstellen, denn sie sagte mir, sie sei ohnehin entschlossen gewesen, nicht mit anderen Leuten zu soupieren.

Sie kam mit mir, und ich bat sie, zuerst mit ihrer Freundin zu sprechen, bevor sie in Gegenwart der anderen etwas sagte.

Ich führte Scolastica der Marquise zu und sprach mein Bedauern aus, daß es mir nicht gelungen sei, sie zu überreden.

Scolastica bat die Gesellschaft um Entschuldigung und sagte zu Armellina, sie habe ihr etwas unter vier Augen mitzuteilen.

Nachdem sie einige Minuten miteinander gesprochen hatten, kamen sie mit trauriger Miene wieder, und Armellina sagte, es tue ihr sehr leid, aber es sei ganz und gar unmöglich.

Die Marquise bestand nicht länger auf ihren Wunsch, und wir entfernten uns.

Ich bat Scolasticas Bräutigam um Verschwiegenheit und lud ihn ein, am zweiten Tage der Fastenzeit bei mir zu Mittag zu essen.

Wir verließen das Haus. Da die Nacht sehr dunkel war, so war ich sicher, daß man uns nicht folgen würde, und wir gingen zu dem Wagen, den wir auch richtig an dem Ort fanden, wo ich dem Kutscher zu warten befohlen hatte.

Mir war zumute, als wäre ich aus einer Hölle erlöst, wo ich vier Stunden lang tausend Qualen erlitten hätte. Wir kamen beim Gasthof an, ohne daß ich zu den beiden Mädchen auch nur ein Wort gesagt hätte; ich antwortete nicht einmal auf die sehr vernünftigen Fragen, welche die naive Armellina mit einer Stimme, die Stein und Eisen hätten erweichen können, an mich richtete. Scolastica rächte mich, indem sie ihr Vorwürfe darüber machte, daß sie mich vor die unangenehme Wahl gestellt habe, entweder unhöflich und eifersüchtig zu erscheinen oder meine Pflicht zu verletzen.

Als wir dann aber unser Zimmer betraten, verwandelte meine eifersüchtige Wut sich in Mitleid; denn Armellinas schöne Augen schwammen in Tränen, die die von Scolastica ihr gesagten bitteren Wahrheiten ihr entrissen hatten.

Da das Abendessen sofort aufgetragen wurde, so hatten sie nur soviel Zeit, ihre Schuhe zu wechseln. Ich war traurig und hatte Grund dazu; aber Armellinas Stimmung tat mir sehr leid, denn ich fand nicht meine Rechnung dabei. Es galt also, ihre Traurigkeit zu verscheuchen, und dies war eine schwierige Aufgabe, denn ich konnte die Ursache derselben nur darin sehen, daß sie sich in den Florentiner verliebt hatte.

Unsere Mahlzeit war ausgezeichnet; Scolastica tat ihr alle Ehre an, aber Armellina aß gegen ihre sonstige Gewohnheit fast gar nichts. Scolastica zeigte sich von einer reizenden Lustigkeit; sie umarmte ihre Freundin und bat sie, sich doch ihres Glückes zu freuen, denn ihr Bräutigam sei mein Freund geworden, und daher sei sie sicher, daß ich mich für ihn und für sie interessieren würde, wie ich mich für Emilia interessiert hatte. Sie segnete diesen Ball und den Zufall, der ihn hingeführt hätte. Endlich bemühte sie sich aus Leibeskräften, Armellina zu überzeugen, daß sie durchaus keinen Anlaß hätte, traurig zu sein, denn sie könnte doch sicher sein, daß ich nur sie allein liebte.

Scolastica täuschte sich, und Armellina wagte es nicht, ihr diese Täuschung zu benehmen, indem sie ihr die wirkliche Ursache ihrer Traurigkeit mitteilte. Mich hielt nur mein Selbstgefühl davon zurück, es ihr zu sagen; denn ich wußte wohl, daß ich unrecht hatte. Armellina dachte daran, sich zu verheiraten, und der schöne Florentiner war so recht nach ihrem Geschmack.

Unser Abendessen ging zu Ende, und Armellina hatte immer noch nicht ihre gute Laune wiedergefunden. Sie trank nur ein einziges Glas Punsch, und da sie sehr wenig gegessen hatte, so forderte ich sie nicht zum Trinken auf, weil ich befürchtete, daß es ihr schlecht bekommen könnte. Scolastica dagegen, die dieses angenehme Getränk zum ersten Male kostete, überließ sich schrankenlos dem Genuß und fand es scherzhaft, daß der Likör, anstatt in den Magen zu geraten, ihr in den Kopf stieg. In ihrer lustigen Stimmung hielt sie sich für verpflichtet, zwischen Armellina und mir eine vollkommene Aussöhnung zustande zu bringen und uns zu überzeugen, daß sie bei allen Zärtlichkeitsbeweisen, die wir uns vielleicht noch geben würden, nicht stören würde.

Als sie sich erhob, konnte sie kaum stehen; trotzdem trug sie ihre Freundin auf das Sofa, drückte sie an ihre Brust und gab ihr so feurige Küsse, daß Armellina lachen mußte, obgleich sie bei alledem traurig blieb. Hierauf rief sie mich heran, ließ mich an ihrer Seite Platz nehmen und legte Armellina in meine Arme. Ich liebkoste meine Schöne, die diese Liebkosungen nicht zurückwies, aber auch nicht erwiderte, wie Scolastica es erwartet hatte. Ich selber hatte übrigens nicht darauf gehofft, denn ich fühlte recht wohl, daß sie mir in ihrer augenblicklichen Stimmung nicht in Gegenwart Scolasticas gewähren würde, was sie mir verweigert hatte, als ich sie drei Stunden lang in meinen Armen hielt, während sie wußte, daß ihre Freundin in tiefem Schlaf lag.

Scolastica war jedoch damit nicht zufrieden und wandte sich an mich, dem sie eine Kälte vorwarf, von der ich durchaus nichts verspürte.

Ich bat sie, ihre Männerkleider auszuziehen und dafür ihre Frauentracht wieder anzulegen.

Ich half Scolastica Rock und Weste ausziehen, und Armellina erlaubte mir hierauf, ihr ebenfalls zu helfen.

Als ich ihnen ihre Hemden reichte, bat Armellina mich, mich vor das Feuer zu setzen. Ich tat dies.

Bald darauf machte das Geräusch von Küssen mich neugierig; ich drehte mich um und sah, wie Scolastica, vom Punsch erhitzt, Armellinas Busen mit Küssen verschlang. Schließlich wurde diese besiegt; sie fand ihre gewöhnliche Heiterkeit wieder und vergalt ihrer liebeglühenden Freundin Gleiches mit Gleichem.

Bei diesem Anblick geriet der Salpeter in meinen Adern in Wallung; ich eilte zu ihnen, und Scolastica nahm es mir nicht übel, daß ich der Schönheit ihrer herrlichen Brüste Gerechtigkeit widerfahren ließ und sie zur Amme machte.

Armellina schämtte sich, weniger großmütig zu sein als ihre Freundin, und Scolastica jubelte, als sie sah, welchen Gebrauch ich zum erstenmal von den Händen ihrer schönen Kameradin machte. Armellina forderte nach ihrer Gewohnheit ihre Freundin auf, dasselbe zu tun wie sie, und diese ließ sich nicht bitten. Am meisten gefiel mir an ihr ihr Erstaunen, woraus ich sah, daß sie trotz ihren zwanzig Jahren noch Neuling war.

Nachdem die unausbleibliche Wirkung eingetreten war, streifte ich ihnen ihre Hemden über und zog ihnen in allen Ehren die Hosen aus.

Nachdem sie einige Minuten im Nebenzimmer allein gewesen waren, kamen sie, sich umschlungen haltend, wieder herein und setzten sich aus eigenem Antrieb auf meine Knie.

Scolastica nahm es mir durchaus nicht übel, daß ich anfangs Armellinas geheimen Schönheiten den Vorzug gab, sondern schien davon entzückt zu sein. Sie sah mit der größten Aufmerksamkeit zu, wie ich es machte und wie Armellina sich benahm, und es war leicht zu erraten, daß sie die Hoffnung hegte, mich das große Werk vollziehen zu sehen; aber dazu wollte die sanfte Armellina es nicht kommen lassen.

Da ich das, was ich wollte, nicht erreichen konnte, so gab ich es auf, zumal da ich ja auch Verpflichtungen gegen Scolastica hatte; außerdem reizte es mich, ihre geheimsten Schönheiten in Augenschein zu nehmen.

Die gefällige Freundin leistete keinen Widerstand, denn sie war sicher, daß sie keinen Vergleich zu scheuen brauchte.

Es war schwierig zu entscheiden, welche von den beiden Schönen den Apfel verdiente; aber Armellina hatte den Vorzug, von mir geliebt zu sein, und Scolasticas Gesicht, dessen Schönheit vielleicht regelmäßiger war, hatte nicht jenen unbeschreiblichen Schimmer, womit die Liebe den angebeteten Gegenstand umkleidet. Ich merkte, daß sie ebenso unberührt war wie Armellina, aber an der Stellung, die sie einnahm, erkannte ich, daß sie sich mir ohne jeden Widerstand überließ.

Eine gewisse Furcht hielt mich ab, den Augenblick auszunützen. Der Triumph war zu schön, als daß ich ihn der Trunkenheit hätte verdanken mögen.

Trotzdem stellte ich alles mit ihr auf, was ein Kenner nur machen kann, um die Geliebte, wenn er sie auch täuscht, doch in die höchste Wonne zu versetzen. Von Wollust überwältigt, sank Scolastica in Ohnmacht; sicherlich war sie überzeugt, daß ich nur aus Zartgefühl ihren geheimen Wünschen nicht ganz nachgegeben hatte.

Lachend wünschte die naive Armellina uns beiden Glück. Ich fühlte mich beschämt, und Scolastica bat sie um Verzeihung. Hierauf brachte ich sie nach ihrem Kloster, wo ich ihnen versicherte, daß ich sie am nächsten Tage abholen und in die Oper führen würde. Als ich nach Hause kam und mich zu Bett legte, war ich mir selber nicht klar darüber, ob ich an diesem Abend verloren oder gewonnen hatte. Erst als ich erwachte, fühlte ich mich imstande, mir ein bestimmtes Urteil zu bilden.

Zweites Kapitel


Mein Zweikampf mit Branicki. – Reise nach Lemberg und Rückkehr nach Warschau. – Ich empfange vom König den Befehl, abzureisen. – Aufenthalt in Breslau. – Meine Abreise mit der Unbekannten.

Als ich etwas ruhiger geworden war, dachte ich über die unangenehme Geschichte nach und fand, daß Branicki die Gesetze der Galanterie nicht überschritten hatte, indem er in den Wagen des Herrn Tomatis eingestiegen war. Er war allerdings ohne Umstände verfahren, aber er hatte sich doch einfach nur so benommen, wie wenn er ein Freund des Tomatis gewesen wäre. Der Oberst hatte allerdings eine Aufwallung italienischer Eifersucht voraussehen können, nicht aber einen beleidigenden Widerstand, wie der Direktor ihn geleistet hatte; denn wenn er einen solchen vorausgesehen hätte, konnte er sich dem Schimpf, den Wagen wieder verlassen zu müssen, nur aussetzen, wenn er vorher entschlossen war, ihm seinen Säbel durch den Leib zu rennen. Mir schien also, daß er im Grunde sehr maßvoll gewesen war, indem er seinem Gegner nur eine Ohrfeige hatte geben lassen. Eine Ohrfeige zu erhalten, ist allerdings schlimm, aber nicht so arg wie der Tod. Hätte Branicki ihn getötet, so würde man unfehlbar behauptet haben, er hätte ihn ermordet; denn obleich Tomatis seinen Degen trug, so würden doch die Bedienten des Polen ihm nicht soviel Zeit gelassen haben, diesen gegen ihren Herrn zu ziehen. Trotz alledem war ich der Meinung, Tomatis hätte versuchen müssen, den Bedienten zu töten, und wäre dies selbst mit Gefahr seines eigenen Lebens geschehen. Hierzu war weniger Mut nötig, als er bereits gezeigt hatte, indem er den Günstling des Königs zwang, seinen Wagen wieder zu verlassen. Übrigens hätte er voraussehen müssen, daß der edle Pole durch die Beschimpfung tief gekränkt sein würde, und er hätte daher gegen die erste Regung der Rachsucht auf der Hut sein können. Allerdings fand ich ihn entschuldbar, denn bei einer derartigen Überraschung hört oft die Überlegung auf.

Natürlich war schon am nächsten Tage dieses Ereignis Stadtgespräch. Tomatis blieb acht Tage zu Hause und verlangte vergeblich vom König und allen seinen anderen Beschützern Genugtuung. Der Herrscher wußte übrigens wirklich nicht, welche Genugtuung er ihm hätte geben sollen; denn Branicki behauptete, er habe nur eine Beschimpfung mit einer anderen Beschimpfung vergolten. Ich besuchte Tomatis, und dieser sagte mir im Vertrauen, er hätte wohl Mittel gefunden, sich zu rächen, aber dies wäre ihm teuer zu stehen gekommen. Er hatte für die beiden Schauspiele vierzigtausend Dukaten ausgegeben, und dieses Geld wäre verloren gewesen, wenn er sich gerächt hatte; denn er hätte dann das Reich verlassen müssen. Ihn tröstete nur eins: nämlich daß die sehr hohen Familien, zu denen er in Beziehungen stand, ihn mit verdoppeltem Wohlwollen äußerst rücksichtsvoll behandelten, und daß der König ihn geradezu auffällig auszeichnete, sobald er ihm begegnete. Aber die Binetti triumphierte! Als ich sie zum ersten Male sah, bezeigte sie mir mit spöttischen Worten ihr Beileid zu dem Unglück, das meinen Freund betroffen hätte. Sie langweilte mich, aber ich konnte nicht ahnen, daß Branicki nur von ihr aufgereizt gewesen war, als er sich so benommen hatte, und noch weniger konnte ich ahnen, daß sie mir feindlich gesinnt war. Übrigens würde ich darüber gelacht haben, selbst wenn ich es bestimmt gewußt hätte; denn ihr Ritter konnte mir weder im Guten noch im Bösen etwas antun. Ich besuchte ihn niemals und hatte niemals mit ihm gesprochen; wir hatten gar keine Gelegenheit, aneinander zu geraten. Zu den Stunden, in denen ich Seiner Majestät meine Aufwartung zu machen pflegte, war er niemals beim König, und wenn dieser beim Wojwoden zur Nacht speiste, begleitete Branicki ihn niemals, denn er war bei der ganzen Nation unbeliebt. Dieser Branicki galt für einen emporgekommenen Kosaken, der eigentlich Branecki hieß. Nachdem er der Günstling und gefällige Freund des Königs geworden war, hatte er behauptet, er heiße Branicki und gehöre zur Familie der berühmten gleichnamigen Marschalls, der noch am Leben war. Dieser aber erkannte die unechte Verwandtschaft nicht an, sondern befahl auf seinem Totenbett, sein Wappenschild solle zerbrochen und mit ihm begraben werden, denn er sei der letzte Sprößling seines Geschlechts. Wie dem auch immer sein möge – mein Branicki war die Seele der russischen Partei, die Hauptstütze der Nichtkatholiken und Feind aller derer, die sich nicht dem Einfluß der großen Katharina beugen wollten und sich dagegen sträubten, daß Rußland die alte Verfassung Polens vergewaltigte. Der König liebte ihn aus alter Gewohnheit und weil er besondere Verpflichtungen gegen ihn hatte.

Mein Lebenswandel war musterhaft: keine Liebelei, kein Spiel! Ich arbeitete für den König, dessen Geheimschreiber ich zu werden hoffte. Der Fürstin Wojwodin, die meine Gesellschaft liebte, machte ich den Hof und mit dem Wojwoden spielte ich Tre sette.

Der fünfte März ist der Tag des heiligen Kasimir, und daher der Namenstag des Oberhofzermonienmeisters, älteren Bruders des Königs; aus diesem Anlaß fand am Tage vorher, den vierten März, großes Diner bei Hofe statt, und ich hatte die Ehre, dazu geladen zu sein. Nach dem Essen fragte der König mich, ob ich ins Theater gehen würde. Man gab an diesem Tage zum ersten Male eine Komödie in polnischer Sprache. Alle Welt interessierte sich dafür, mir jedoch war sie gleichgültig, da ich kein Wort Polnisch verstand. Ich sagte dies dem König, aber er antwortete mir: »Das tut nichts: kommen Sie in meine Loge.«

Die Einladung war zu schmeichelhaft, als daß ich sie hätte ausschlagen können. Ich gehorchte also und stellte mich hinter seinen Sessel. Nach dem zweiten Akt wurde das Ballett gegeben und die Casacci, eine Piemontesin, tanzte so sehr nach dem Geschmack des Königs, daß Seine Majestät in die Hände klatschte, was eine ganz außerordentliche Huld bedeutete.

Ich kannte die Tänzerin nur vom Sehen, denn ich hatte niemals mit ihr gesprochen. Sie war nicht ohne Verdienst. Ihr bevorzugter Anbeter war Graf Poninski, bei dem ich zuweilen speiste. Er machte mir jedesmal Vorwürfe, daß ich alle anderen Tänzerinnen, aber niemals die Casacci besuchte, bei der es doch sehr behaglich wäre. Diese Umstände veranlaßten mich, nach dem Ballett die Königliche Loge zu verlassen und der Casacci meinen Glückwunsch abzustatten, daß der König ihrem Talent Gerechtigkeit habe widerfahren lassen. Als ich bei dem Ankleidezimmer der Binetti vorüber kam, sah ich die Türe offenstehen und verweilte einen Augenblick. Gleich darauf trat Graf Branicki ein, und ich entfernte mich, indem ich ihm eine Verbeugung machte. Hierauf ging ich zur Casacci, die sehr erstaunt war, daß ich sie zum ersten Male besuchte; sie machte mir liebenswürdige Vorwürfe, worauf ich mit Komplimenten antwortete. Sodann umarmte ich sie und versprach ihr, sie zu besuchen.

In dem Augenblick, da ich sie umarmte, trat Branicki, den ich einige Minuten vorher bei seiner Schönen gelassen hatte, bei der Casacci ein. Es war klar, daß er mir gefolgt war. Aber warum? Natürlich, um Händel mit mir zu suchen; denn er konnte mich nicht leiden. Sein Oberstleutnant Bininski begleitete ihn. Sobald er erschien, stand ich auf, teils aus Höflichkeit, teils weil ich ohnehin gehen wollte; er hielt mich jedoch zurück, indem er zu mir sagte:

»Wie ich sehe, bin ich zu sehr ungelegener Zeit für Sie, mein Herr, hier eingetreten; mir scheint. Sie lieben diese Dame?«

»Gewiß, gnädiger Herr; finden Euere Exzellenz sie denn nicht sehr liebenswürdig?«

»Über alle Maßen liebenswürdig; ja noch mehr: ich liebe sie und bin nicht gesonnen, Nebenbuhler zu dulden.«

»Jetzt, da ich dies weiß, Herr Graf, werde ich sie nicht mehr lieben.«

»Sie weichen mir also?«

»Von Herzen gern; einem hohen Herrn, wie Sie es sind, muß ein jeder weichen.«

»Sehr schön: aber ein Mensch, der einem anderen weicht, scheint mir ein Feigling zu sein.«

»Die Bemerkung ist ein wenig stark!«

Indem ich diese Worte sprach, sah ich ihn mit stolzem Blick an und faßte an den Griff meines Degens. Drei oder vier Offiziere waren Augenzeugen dieses Vorfalles.

Ich hatte noch kaum vier Schritte gemacht, als ich ihn hinter mir herrufen hörte, ich sei eine venetianische Memme. Obwohl das Blut mir zu Kopf stieg, beherrschte ich mich doch, drehte mich um und sagte in ruhigem und festem Ton zu ihm: außerhalb des Theaters könne eine venetianische Memme recht wohl einen tapferen Polen töten. Ohne eine Antwort abzuwarten, ging ich hierauf die große Treppe hinunter, die zum Hauptausgang des Theaters führt.

Dort wartete ich vergeblich eine Viertelstunde in der Hoffnung, daß er herauskommen würde. Ich wollte ihn zwingen, sofort den Degen zu ziehen, denn mich hielt ja nicht wie Tomatis die Furcht zurück, vierzigtausend Dukaten zu verlieren.

Da ich ihn nicht kommen sah und von der Kälte ganz erstarrt war, so rief ich schließlich meinen Wagen und ließ mich zum Wojwoden von Rußland fahren; denn der König hatte mir gesagt, er werde dort zu Abend speisen. Die Zeit und die Kälte hatten mich ein wenig beruhigt, und als ich allein in meinem Wagen saß, wünschte ich mir Glück, daß ich der ersten Aufwallung widerstanden und nicht schon in dem Zimmer der Tänzerin meinen Degen gezogen, hatte; es war mir sogar lieb, daß Branicki nicht gekommen war, während ich auf ihn wartete; denn da er den mit einem Säbel bewaffneten Bininski bei sich hatte, so wäre ich in Gefahr gewesen, ermordet zu werden.

Die Polen sind zwar heutzutage im allgemeinen ziemlich höflich, dennoch aber haftet ihnen noch viel von ihrer alten Natur an. Immer noch sind sie Sarmaten oder Dazier bei Tisch, im Kriege und in der Raserei ihrer sogenannten Freundschaft, die oft nur eine abscheuliche Tyrannei ist. Sie wollen nicht begreifen, daß ein Mensch genügt, es mit einem anderen aufzunehmen, und daß es daher nicht erlaubt ist, rudelweise über einen Menschen, der allein ist und nur mit einem einzigen zu tun hat, herzufallen und ihn abzuschlachten.

Ich sah klar und deutlich, daß Branicki mir nur darum gefolgt war, weil die Binetti ihn aufgehetzt hatte, und es schien mir wahrscheinlich, daß er entschlossen gewesen war, mich ebenso zu behandeln wie den Tomatis. Zwar hatte ich keine Ohrfeige empfangen, aber er hatte es gewagt, mich einen Feigling zu nennen, und da es nicht meine Art war, eine derartige Beschimpfung hinunterzuschlucken, so fühlte ich, daß ich einen Entschluß fassen mußte; nur wußte ich nicht, was für einen. Ich mußte völlige Genugtuung verlangen, daran konnte kein Zweifel sein, und ich beabsichtigte auch, mir solche zu verschaffen; zugleich aber gedachte ich dabei Mäßigung zu üben; denn ich wünschte meine Ehre zu verteidigen, gleichzeitig aber auch, wenn es möglich war, meine Interessen wahrzunehmen, also, wie man zu sagen pflegt, nicht nur die Ziege, sondern auch den Kohl zu behalten. In dieser Stimmung begab ich mich in den Palast des Wojwoden Czartoryski. Ich war entschlossen, dem König alles zu erzählen und Seine Majestät ihren Günstling zwingen zu lassen, mir Genugtuung zu geben. Sobald der Wojwode mich sah, machte er mir freundliche Vorwürfe, daß ich ihn hätte warten lassen; sodann setzten wir uns hin, um unsere Partie Tre sette zu machen. Ich war sein Partner und machte mehrere Fehler. Als wir die zweite Partie verloren, sagte er zu mir: »Aber, wo haben Sie denn heute Ihren Kopf?«

»Gnädiger Herr, vier Meilen weit von hier.«

»Wenn man mit einem anständigen Menschen Tre sette spielt, hat man seinen Kopf beim Spiel und nicht vier Meilen weit.«

Mit diesen Worten warf der Fürst seine Karten auf den Tisch und begann im Saale auf und ab zu gehen. Ich war ein bißchen verstört, beherrschte mich jedoch, stand auf und stellte mich an den Kamin. Der König konnte nach meiner Meinung nicht lange mehr ausbleiben; nachdem ich jedoch eine halbe Stunde gewartet hatte, kam ein Kammerherr mit der Nachricht, Seine Majestät könne an diesem Tage nicht das Vergnügen haben, den Wojwoden zu sehen.

Diese Meldung gab mir einen Stich ins Herz, aber ich verbarg meinen Verdruß. Es wurde zum Essen gerufen, und ich setzte mich auf meinen gewohnten Platz zur Linken des Wojwoden, der mit mir schmollte. Wir waren achtzehn bei Tisch, und gegen meine Gewohnheit aß ich nicht. Mitten während der Mahlzeit kam Fürst Kaspar Lubomirski, Generalleutnant in russischen Diensten, und setzte sich zufällig an das Ende der Tafel mir gegenüber. Sobald der Fürst mich bemerkte, sprach er mir mit lauter Stimme sein Beileid zu dem Vorgefallenen aus: »Ich bedauere Sie«, sagte er; »aber Branicki war betrunken, und ein Betrunkener kann einen Ehrenmann nicht beschimpfen.«

»Was ist geschehen? Was ist geschehen?« so lief es um den ganzen Tisch herum.

Ich schwieg. Man fragte Lubomirski, aber der General sagte: da ich nicht antwortete, so wäre er zum Schweigen verpflichtet. Nun nahm der Wojwode das Wort und sagte in seinem, gewöhnlichen herzlichen Ton zu mir: »Was haben Sie mit Branicki gehabt?«

»Gleich nach dem Essen, gnädiger Herr, werde ich Ihnen in einem Winkel des Saales alles ganz genau erzählen.«

Hierauf wurde von gleichgültigen Dingen gesprochen, und sobald wir vom Tisch aufgestanden waren, ging der Fürst nach der kleinen Tür, durch die er den Speisesaal zu verlassen pflegte. Ich folgte ihm und erzählte ihm alles ganz genau. Er seufzte, machte ein bedauerndes Gesicht und sagte: »Sie hatten allerdings recht, daß Sie Ihren Kopf vier Meilen weit von hier hatten.«

»Dürfte ich es wagen, Eure Exzellenz um einen Rat zu bitten?«

»In solchen Dingen gebe ich keinen Rat; da muß man entweder viel oder nichts tun.«

Diese weisen Worte waren ein deutlicher Rat.

Der Wojwode gab mir die Hand und ging hinaus. Ich zog meinen Pelz an und fuhr nach Hause, und meine gesunde Natur verschaffte mir einen sechsstündigen tiefen Schlaf. Sobald ich erwachte, setzte ich mich in meinem Bett aufrecht und überlegte, was ich zu tun hätte. Das ›viel oder nichts‹ ging mir im Kopf herum. Das ›nichts‹ verwarf ich sofort, und indem ich mich für das ›viel‹ entschied, sah ich keine andere Möglichkeit, als mich entweder auf Leben und Tod zu schlagen, oder, falls Branicki einen Zweikampf verweigern sollte, ihn zu töten, selbst auf die Gefahr hin, trotz allen Vorsichtsmaßregeln auf dem Schafott dafür büßen zu müssen.

Nachdem ich mich entschieden hatte, galt es, ihm einen Zweikampf vorzuschlagen, der vier Meilen von Warschau, außerhalb der Grenzen der Starostei, stattfinden mußte, denn innerhalb derselben war der Zweikampf bei Todesstrafe verboten. Ich schrieb ihm folgenden Brief, den ich wörtlich mitteile, da ich den Entwurf aufbewahrt habe:

Warschau, den 5. März 1766.

Gnädiger Herr,

Eure Exzellenz haben mich gestern Abend im Theater leichten Herzens beschimpft und hatten doch kein Recht und keine Ursache, mich so zu behandeln. Infolgedessen nehme ich an, daß Sie mich hassen und demgemäß den Wunsch haben, mich aus dem Buche der Lebenden zu tilgen. Ich kann und will Sie zufriedenstellen. Haben Sie also die Gefälligkeit, gnädiger Herr, mich mit Ihrem Wagen abzuholen und mich nach einem Ort zu bringen, wo meine Niederlage Sie nicht in Konflikt mit den Gesetzen Polens bringt, und wo ich desselben Vorteils teilhaftig werden kann, wenn Gott mir beisteht, Eure Exzellenz zu töten. Ich würde Ihnen diesen Vorschlag nicht machen, gnädiger Herr, wenn ich nicht an den Adel Ihrer Seele glaubte.

Ich habe die Ehre zu sein usw.

Ich ließ diesen Brief durch meinen Bedienten eine Stunde vor Tagesanbruch in das Schloß bringen, wo Branicki neben den Gemächern des Königs wohnte. Der Bote hatte Befehl, den Brief nur zu eigenen Händen des Empfängers zu bestellen und so lange zu warten, bis der Graf erwacht wäre, und dann wieder, bis er ihm die Antwort gegeben hätte.

Ich empfing diese Antwort eine halbe Stunde darauf, und sie lautete:

Mein Herr,

ich nehme Ihren Vorschlag an, aber Sie werden die Güte haben, mich zu benachrichtigen, wann ich die Ehre haben werde, Sie zu sehen.

Ich bin mit vollkommener Achtung, mein Herr,
Ihr usw. usw.
Branicki, Podstoli.

Hocherfreut über mein Glück antwortete ich ihm augenblicklich, ich würde am nächsten Tag um sechs Uhr früh bei ihm sein.

Sofort erhielt ich einen neuen Brief, worin der Podstoli mir schrieb, ich könnte Ort und Waffen wählen, aber unser Handel müßte im Laufe des Tages ausgetragen werden.

Ich schickte ihm das Maß meines Degens, zweiunddreißig Zoll, und teilte ihm mit, daß jeder Ort außerhalb des Weichbildes, den er wählen würde, mir recht wäre. Hierauf sandte er mir folgenden Brief, den letzten:

Mein Herr,

wollen Sie sich die Mühe machen, sofort zu kommen? Sie erweisen mir damit ein großes Vergnügen. Ich schicke Ihnen meinen Wagen.

Ich habe die Ehre zu sein usw.

Ich antwortete ihm, ich hätte den ganzen Tag zu tun und würde daher nicht ausgehen, und da ich entschlossen wäre, mich nur zu ihm zu begeben, wenn wir uns sofort darauf schlagen würden, so bäte ich ihn, es mir nicht übel zu nehmen, daß ich ihm seinen Wagen zurückschickte.

Eine Stunde darauf kam Branicki selber zu mir. Er ließ seine Leute draußen, trat ein, befahl drei oder vier Leuten, die mit mir zu sprechen hatten, hinauszugehen, schob den Türriegel vor und setzte sich auf mein Bett. Da ich nicht wußte, was dies bedeuten sollte, so ergriff ich meine Pistolen.

»Bemühen Sie sich nicht!« sagte er; »ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um Sie zu ermorden, sondern um Ihnen zu sagen, daß ich Ihre Vorschläge annehme, daß ich aber, wenn es sich um einen Zweikampf handelt, denselben niemals auf den nächsten Tag verschiebe. Wir werden uns also heute schlagen oder nie.«

»Heute kann ich nicht. Heute ist Mittwoch, Posttag, und ich muß etwas fertig machen, das ich dem König zu schicken habe.«

»Sie können es nachher schicken. Wahrscheinlich werden Sie doch nicht fallen; sollten Sie aber Ihr Leben lassen, so wird der König Ihnen sehr leicht verzeihen, dafür stehe ich Ihnen, übrigens hat ein toter Mensch keinen Vorwurf zu fürchten.«

»Ich habe mein Testament zu machen!«

»Auch noch ein Testament! Teufel auch! Sie fürchten also wirklich, daß Sie sterben werden! Lassen Sie diese Furcht: Sie werden Ihr Testament in fünfzig Jahren machen.«

»Aber was kann es Eurer Exzellenz ausmachen, bis morgen zu warten?«

»Ich will nicht angeführt werden.«

»Sie brauchen nicht zu befürchten, daß ich Sie anführe.«

»Ich glaube es; aber Sie sowohl wie ich werden noch vor heute Abend Arrest haben, und zwar auf Befehl des Königs.«

»Das ist nicht möglich, es müßte denn sein, daß Sie ihn von der Sache benachrichtigen.«

»Sie machen mich lachen. Ich weiß, wie es zugeht. Sie haben mich nicht vergeblich herausgefordert. Ich will Ihnen Genugtuung geben – aber heute oder niemals.«

»Gut! Dieses Duell liegt mir zu sehr am Herzen, als daß ich Ihnen einen Vorwand liefern möchte, demselben auszuweichen. Holen Sie mich ab, aber erst nach dem Mittagessen, denn ich habe alle meine Kräfte nötig.«

»Mit Vergnügen. Ich selber will lieber hinterher gut zu Abend speisen, als vorher gut zu Mittag essen.«

»Jeder nach seinem Geschmack.«

»Da haben Sie recht. Doch noch eins: wozu schicken Sie mir das Maß ihres Degens? Ich will mich auf Pistolen schlagen, denn auf Degen schlage ich mich nicht mit einem Unbekannten.«

»Was verstehen Sie unter Unbekannten? Keine Beleidigung in meinem eigenen Hause, wenn ich bitten darf! Ich kann Ihnen in Warschau zwanzig Zeugen beibringen, daß ich in der Waffenführung durchaus kein Meister bin. Auf Pistolen will ich mich nicht schlagen, und Sie können mich nicht dazu zwingen, denn Sie haben mir die Wahl der Waffen überlassen; ich habe Ihren Brief in Händen.«

»Wenn Sie meinen Brief buchstäblich nehmen, haben Sie recht; aber Sie sind zu anständig, als daß Sie sich nicht auf Pistolen schlagen sollten, wenn ich Ihnen versichere, daß Sie mir damit ein Vergnügen machen. Es ist doch die geringste Gefälligkeit, die Sie mir erzeigen können; denn meistens fehlt man ja beim ersten Schuß, und sollten wir beide uns gegenseitig fehlen, so verspreche ich Ihnen, mich auf Degen zu schlagen, so lange Sie wünschen. Wollen Sie mir den Gefallen tun?«

»Ihre Sprache gefällt mir, denn sie zeugt für Ihren Geist. Ich will daher Ihren Wunsch erfüllen, obwohl es mir gegen das Gefühl geht, denn ich finde das Pistolenduell barbarisch. Ich nehme also an, aber unter folgenden Bedingungen: Sie bringen zwei Pistolen mit, die Sie in meiner Gegenwart laden lassen, und ich habe die Wahl. Fehlen wir uns beim ersten Schuß, so schlagen wir uns auf Degen und zwar entweder bis Blut fließt, oder auf Leben und Tod, ganz nach Ihrem Belieben. Sie holen mich um drei Uhr ab, und wir begeben uns an einen Ott, wo wir nicht gegen die Gesetze verstoßen.«

»Vortrefflich. Sie sind ein liebenswürdiger Mensch. Gestatten Sie mir, Sie zu umarmen. Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie keinem Menschen etwas sagen werden; denn man würde uns augenblicklich in Arrest setzen.«

»Wie können Sie an meiner Verschwiegenheit zweifeln; ich würde ja zehn Meilen machen, um die Ehre zu erlangen, die Sie mir erweisen wollen!«

»Das genügt.Leben Sie wohl bis drei Uhr.«

Sobald der unverschämte, aber tapfere Graf mich verlassen hatte, machte ich aus allen Papieren, die für den König bestimmt waren, ein Paket, das ich versiegelte. Hierauf ließ ich den Tänzer Campioni holen, zu welchem ich volles Vertrauen hatte, und sagte zu ihm: »Dieses Paket werden Sie dem König bringen, wenn ich tot bin. Sie können erraten, worum es sich handelt, aber ich darf es Ihnen nicht sagen. Und bedenken Sie: wenn Sie zu irgendeinem Menschen ein Wort sagen, haben Sie keinen grausameren Feind als mich; denn ich würde entehrt sein.«

»Ich begreife Sie vollkommen. Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie die Sache ehrenvoll und glücklich zu Ende führen. Aber gestatten Sie mir, Ihnen einen freundschaftlichen Rat zu geben. Schonen Sie Ihren Gegner nicht, wenn es auch der König selber wäre; denn Ihre Gutmütigkeit könnte Ihnen das Leben kosten. Ich weiß das aus Erfahrung.«

»Ich werde Ihren Rat nicht vergessen. Leben Sie wohl.«

Wir umarmten uns, und er ging. Hierauf bestellte ich mir ein leckeres Mittagessen, denn ich wollte nicht mit nüchternem Magen zu Pluto gehen. Campioni kam um ein Uhr zum Mittagessen wieder, und als wir beim Nachtisch waren, erhielt ich den Besuch von zwei jungen Grafen mit ihrem Hofmeister Bertrand, einem liebenswürdigen und gebildeten Schweizer. Sie waren Zeuge meiner Heiterkeit und meines ausgezeichneten Appetits. Um halb drei bat ich alle Anwesenden, mich allein zu lassen, und um dreivierteldrei stellte ich mich ans Fenster, um sofort hinunterzugehen, wenn ich den Wagen des Podstoli Branicki sehen würde. Er kam in einer sechsspännigen Berline mit zwei berittenen Reitknechten, die zwei Handpferde führten, ferner mit zwei Offizieren, seinem Adjutanten, und mit zwei Ulanen. Außerdem standen vier Bediente auf seiner Kutsche hinten auf. Ich beeilte mich, hinunterzugehen, sobald der Wagen vor meiner Tür hielt, und sah, daß mein Gegner von einem Generalleutnant begleitet war, während ein Jäger auf dem Vordersitz saß; der Wagenschlag wurde geöffnet, und der General räumte mir seinen Platz ein. Ich stieg ein und befahl meinem Bedienten, mir nicht zu folgen, sondern zu Hause zu bleiben, um meine Befehle abzuwarten.

»Vielleicht könnten Sie Ihrer Bedienten bedürfen«, sagte Branicki zu mir, »und deshalb wäre es vielleicht besser, wenn Sie sie mitkommen ließen.«

»Wenn ich ebensoviele hätte wie Sie, würde ich sie mitnehmen; da ich aber nur diese paar Leute habe, so kann ich dieselben um so leichter entbehren, weil ich mit einem Ehrenmann zu tun habe: im Notfall werden Eure Exzellenz mich durch Ihre Leute bedienen lassen.«

Er reichte mir die Hand zur Bekräftigung seiner Worte und sagte mir, er werde seinen Leuten befehlen, sich meiner noch vor ihm selber anzunehmen.

Ich setzte mich, wir fuhren ab.

Es wäre mir lächerlich vorgekommen, wenn ich ihn gefragt hätte, wohin wir fuhren. Ich schwieg; denn es gibt Augenblicke, wo der Mensch sich selber in acht nehmen muß. Aber auch Branicki sprach nicht; ich glaubte daher, eine gleichgültige Unterhaltung beginnen zu müssen, und fragte ihn: »Gedenken Eure Exzellenz die schöne Jahreszeit in Warschau zu verbringen?«

»Dies war gestern noch meine Absicht; aber vielleicht werden Sie heute meinen Plan umstoßen.«

»Ich hoffe, es wird nicht der Fall sein.«

»Haben Sie als Soldat gedient?«

»Ja; aber dürfte ich mir die Frage erlauben, warum Eure Exzellenz mich darnach fragen, denn …«

»O, das geschah nur, um überhaupt irgend etwas zu fragen.«

Wir waren kaum eine halbe Stunde unterwegs, als der Wagen vor der Pforte eines schönen Gartens anhielt. Wir stiegen aus und gingen, begleitet von dem ganzen Gefolge des Podstoli, in einen Laubengang – der, nebenbei bemerkt, am 5. März nicht belaubt war – an dessen Ende ein Steintisch stand. Auf diesen Tisch legte der Jäger zwei Pistolen von anderthalb Fuß Länge nebst einem Pulverhorn und einer Wage. Er lud die beiden Läufe gleichmäßig mit Pulver und Kugeln und legte die Pistolen kreuzweise auf den Tisch.

Hierauf sagte Branicki mit unerschrockenem Gesicht zu mir: »Mein Herr, wählen Sie Ihre Waffe.«

In diesem Augenblick fragte der General ihn mit lauter Stimme: »Mein Herr, ist dies ein Duell?«

»Ja.«

»Hier können Sie sich nicht schlagen, Sie befinden sich innerhalb der Starostei.«

»Das macht nichts.«

»Das macht sehr viel! Ich darf nicht Zeuge davon sein. Ich habe Nachtdienst im Schloß; Sie haben mich überrumpelt.«

»Schweigen Sie. Ich stehe für alles ein. Ich bin diesem Ehrenmann eine Genugtuung schuldig und will sie ihm hier geben.«

»Herr Casanova,« sagte der General zu mir, »Sie können sich hier nicht schlagen.«

»Warum hat man mich denn hierher gebracht, Herr General? Ich verteidige mich überall, wo man mich angreift.«

»Tragen Sie Ihre Sache dem Könige vor, und ich bürge Ihnen dafür, daß seine Entscheidung zu Ihren Gunsten ausfällt.«

»Dazu bin ich gern bereit, Herr General, wenn der Herr Graf bereit ist, mir in Ihrer Gegenwart zu sagen, daß er das gestern zwischen uns Vorgefallene bedauert.«

Nach diesen Worten sah Branicki mich mit einem stolzen Blick an und sagte mit zorniger Stimme, er sei gekommen, um sich zu schlagen, nicht um zu parlamentieren.

»Herr General,« sagte ich nun, »Sie können bezeugen, daß ich versucht habe, den Zweikampf zu vermeiden, soweit das von mir abhängt.«

Der General faßte mit beiden Händen nach seinem Kopf und entfernte sich. Ich warf meinen Pelzrock ab und ergriff auf Branickis Aufforderung eine von den beiden Pistolen. Branicki nahm die andere und sagte mir, er bürge mit seiner Ehre für die von mir gewählte Waffe.

»Ich werde sie«, antwortete ich ihm, »an Ihrem Kopf probieren!«

Er erbleichte, warf seinen Degen einem seiner Diener zu und zeigte mir seine entblößte Brust. Ich sah mich gezwungen, es ebenso zu machen, aber ich bedauerte dies; denn mein Degen war nach Abfeuerung der Pistole meine einzige Waffe. Nachdem ich ihm ebenfalls meine Brust gezeigt hatte, trat ich fünf oder sechs Schritte zurück. Der Podstoli machte es wie ich; weiter konnten wir nicht.

Als ich sah, daß er stehen geblieben war und, wie ich, die Pistole zur Erde gesenkt hielt, nahm ich mit der Linken meinen Hut ab und bat ihn, mir die Ehre zu erweisen, den ersten Schuß zu tun. Hierauf bedeckte ich mich wieder.

Anstatt sofort seine Pistole auf mich zu richten und zu feuern, verlor der Podstoli zwei oder drei Sekunden damit, zu zielen und seinen Kopf hinter seiner Waffe zu decken. Ich war nicht in der Lage, solange zu warten, bis er mit allen diesen Anstalten fertig war. Ich erhob plötzlich meine Pistole und feuerte in demselben Augenblick, wo er auf mich schoß. Hieran kann kein Zweifel sein, denn die Personen der Nachbarschaft erklärten übereinstimmend, nur einen einzigen Schuß gehört zu haben. Ich fühlte mich an der linken Hand verwundet und steckte diese in die Tasche; als ich aber meinen Gegner fallen sah, warf ich meine Pistole fort und eilte auf ihn zu. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich plötzlich drei bloße Klingen über meinem Kopf blitzen sah. Drei adelige Mörder wollten mich über dem Leib ihres Herrn, an dessen Seite ich mich auf die Knie geworfen hatte, in Stücke hacken. Zum Glück hatte Branicki nicht das Bewußtsein verloren; er rief ihnen mit Donnerstimme zu:

»Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden!«

Sie schienen zu Stein zu erstarren, als sie diese Stimme hörten. Ich faßte den Podstoli mit der rechten Hand unter die Achsel, während der General ihn auf der linken Seite stützte. So führten wir ihn nach dem Gasthof, der hundert Schritte vom Garten entfernt lag. Branicki ging sehr gebückt und sah mich dabei aufmerksam an, da er nicht begriff, woher das Blut kam, das über meine Hose und weißen Strümpfe lief.

Als wir das Wirtshaus erreicht hatten, warf Branicki sich in einen großen Lehnstuhl und streckte sich lang aus. Man knöpfte Rock und Hose auf und streifte das Hemd bis zum Magen in die Höhe. Er betrachtete seine Wunde und sah, daß er gefährlich verletzt war. Meine Kugel hatte ihn an der rechten Seite unter der siebenten Rippe getroffen und war unter der letzten falschen Rippe der linken Seite wieder hinausgefahren. Die beiden Öffnungen der Wunde waren zehn Zoll von einander entfernt. Der Anblick war sehr beunruhigend; allem Anschein nach waren die Eingeweide durchbohrt, und der Mann mußte verloren sein. Branicki sagte mir mit schwacher Stimme: »Sie haben mich getötet! Retten Sie sich, denn Sie laufen Gefahr, den Kopf auf einem Schafott zu verlieren. Sie sind innerhalb der Starostei, und ich bin Großwürdenträger der Krone und Inhaber des weißen Adlerordens. Verlieren Sie keine Zeit, fliehen Sie, und wenn Sie nicht genug Geld haben, so nehmen Sie meine Börse!«

Seine schwere Börse fiel auf die Erde; ich hob sie auf, steckte sie ihm wieder in die Tasche, dankte ihm und sagte ihm, die Börse wäre für mich nutzlos, denn wenn ich schuldig wäre, so würde ich meinen Kopf verlieren, den ich sofort dem König zu Füßen legen würde. »Ich hoffe,« fuhr ich fort, »daß Ihre Wunde nicht tödlich sein wird, und ich bin in Verzweiflung, daß Sie mich gezwungen haben, Ihnen diese Wunde beizubringen.«

Hierauf gab ich ihm einen Kuß auf die Stirn und verließ den Gasthof. Draußen sah ich aber weder Wagen noch Pferd noch Bediente. Sie waren alle unterwegs, um Arzt, Chirurgen und Priester zu holen, und die Verwandten und Freunde des Verwundeten zu benachrichtigen. Ich sah mich allein und ohne Degen auf schneebedecktem Felde; ich war verwundet und wußte nicht, welchen Weg ich einschlagen sollte, um wieder nach Warschau zu kommen. Ich ging aufs Geratewohl los und begegnete in einiger Entfernung einem Bauern mit seinem leeren Schlitten. Ich rief ihm zu: »Warszawa?« und zeigte ihm einen Dukaten. Meine Sprache wurde verstanden; er hob eine grobe Matte auf, mit der er mich wieder zudeckte, sobald ich mich im Schlitten ausgestreckt hatte. Hierauf fuhr er nach polnischer Art im Galopp ab.

Eine Viertelstunde weiter sah ich Branickis besten Freund, Bininski, der mit bloßem Säbel im Galopp heransprengte. Offenbar suchte er mich. Zum Glück erregte mein elender Schlitten nicht seinen Verdacht; hätte er einen Blick zur Seite getan, so hätte er meinen Kopf sehen können, und ich zweifle nicht, daß er ihn abgeschlagen haben würde, wie ein Kind mit einer Gerte eine Blume köpft. Ich kam in Warschau an und ließ mich nach dem Palast des Fürsten Adam Czartoryski fahren, um diesen um einen Zufluchtsort zu bitten, aber ich fand keinen Menschen zu Hause. Ohne eine Sekunde zu verlieren, entschloß ich mich, in dem ganz in der Nähe gelegenen Rekollektenkloster Zuflucht zu suchen, und schickte den Schlitten fort.

Ich klingelte an der Klosterpforte. Der Pförtner, ein unbarmherziger Mensch, öffnete mir; als er mich ganz mit Blut bedeckt sah, erriet er den Grund meines Besuches und wollte die Tür schnell wieder schließen. Ich war jedoch hurtiger als er und ließ ihm keine Zeit: mit einem Fußtritt streckte ich ihn zu Boden und drang ein. Auf sein Geschrei lief eine Menge erschrockener Mönchlein herbei; ich rief ihnen zu, daß ich ein Asyl verlange, und bedrohte sie für den Fall, daß sie es mir verweigern würden. Einer von ihnen sprach, und man führte mich in ein Kämmerchen, das wie ein Gefängnis aussah. Ich ließ ohne Widerstand alles mit mir geschehen, denn ich war vollkommen sicher, daß sie binnen kurzem ihre Meinung ändern würden. Ich verlangte einen Mann, um meine Bedienten zu rufen, und sobald diese kamen, schickte ich sie aus, um Campioni und einen Wundarzt zu holen.

Bevor diese kamen, ließ auf einmal der Wojwode von Podlachien sich melden. Ich hatte niemals die Ehre gehabt, mit ihm zu sprechen; aber er hatte in seiner Jugend ein Duell gehabt, und da er jetzt die schönen Einzelheiten meines Zweikampfes erfahren hatte, so benutzte er die Gelegenheit, um mir sofort die Geschichte seines eigenen zu erzählen. Einen Augenblick später erschienen der Wojwode von Kalisch, die Fürsten Jablonowski und Sanguska und der Wojwode von Wilna, Oginski. Sie alle schimpften vor allen Dingen auf die Mönche, die mich wie einen Galerensträfling untergebracht hätten. Die armen Leute entschuldigten sich damit, daß ich ihren Pförtner mißhandelt hätte. Die hohen Herren lachten darüber; ich aber lachte nicht, denn meine Wunde machte mir viele Schmerzen. Sofort erhielt ich ihre beiden besten Zimmer.

Die Kugel war oberhalb des Zeigefingers eingedrungen, hatte die Fingerwurzel zerschmettert und war in der Hand stecken geblieben. Die Gewalt der Kugel war durch einen Metallknopf meiner Weste abgeschwächt worden; außerdem hatte sie meinen Bauch in der Nähe des Nabels leicht verletzt. Es galt nun diese Kugel auszuziehen, die mir sehr lästig war. Der Wundarzt, namens Gendron, war der erste, den man gefunden hatte; er machte an der entgegengesetzten Seite eine Öffnung, so daß ich nunmehr eine doppelte Wunde hatte. Wahrend er diese schmerzhafte Operation vollzog, erzählte ich der Gesellschaft den Hergang und verbiß dabei die Qual, die der ungeschickte Wundarzt mir verursachte, indem er mit seiner Zange in meinem Fleisch herumwühlte, um das Geschoß zu finden. Wie stark wirkt doch die Eitelkeit auf die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen! Wäre ich allein gewesen, so würde ich vielleicht in Ohnmacht gefallen sein.

Als Gendron fort war, kam der Wundarzt des Wojwoden von Rußland und bemächtigte sich meiner, nachdem er versichert hatte, er würde den anderen fortjagen, denn dieser sei ein Pfuscher und gehöre nicht zur Zunft. In demselben Augenblick kam Fürst Lubomirski, der Schwiegersohn des Wojwoden von Rußland; er bereitete uns allen eine große Überraschung, indem er uns erzählte, was unmittelbar nach meinem Duell sich ereignet hatte. Bininski war nach Wola gekommen und hatte die Wunde seines Freundes gesehen. Da er mich nicht erblickte, stieg er zu Pferde, schwor, mich zu töten, wo er mich finden würde, und ritt wie ein Rasender davon. Da er vermutete, daß ich bei Tomatis wäre, so begab er sich zu diesem. Er fand ihn in Gesellschaft seiner Geliebten, sowie des Fürsten Lubomirski und des Grafen Moszczynski. Als er mich nicht sah, fragte er, wo ich sei, und als Tomatis ihm antwortete, er wisse nichts davon, feuerte er eine Pistole gegen dessen Kopf ab. Infolge dieses Meuchelmordversuches packte Graf Moszczynski ihn um den Leib, um ihn zum Fenster hinauszuwerfen; aber der Rasende entledigte sich seiner, indem er ihm drei Säbelhiebe versetzte, von denen der eine die Wange spaltete und ihm drei Zähne herausschlug.

»Nach dieser Heldentat«, fuhr Fürst Lubomirski fort, »packte er mich am Kragen, setzte mir ein Pistol auf die Brust und drohte abzudrücken, wenn ich ihn nicht heil und gesund auf den Hof brächte wo sein Pferd stände, damit er sich ohne Furcht vor den Bedienten des Herrn Tomatis entfernen könnte. Ich tat dies sofort. Moszczynski ist nach Hause gefahren, wo sein Arzt lange mit ihm zu tun haben wird, und ich bin ebenfalls nach Hause gegangen, um die Aufregung zu beobachten, die wegen dieses Zweikampfes in der ganzen Stadt herrschte. Sobald das Gerücht sich verbreitete, Branicki sei tot, setzten seine Ulanen sich zu Pferde und durchstreiften die ganze Umgegend, um ihren Oberst zu rächen und Sie niederzumetzeln. Es war ein glücklicher Gedanke von Ihnen, sich in dieses Kloster zu flüchten. Der Großmarschall hat das Kloster von zweihundert Dragonern umstellen lassen, angeblich, um sich Ihrer Person zu versichern, in Wirklichkeit aber, um zu verhindern, daß Sie von den rasenden Ulanen ermordet werden, die sehr leicht auf den Gedanken kommen könnten, das Kloster zu stürmen.

»Der Podstoli befindet sich in großer Gefahr, sagen die Sachverständigen, wenn die Kugel die Gedärme verletzt hat; wenn dies aber nicht der Fall ist, so bürgen sie dafür, daß er mit dem Leben davon kommt. Hierüber wird man morgen Gewißheit haben. Er hat sich zum Oberzeremonienmeister bringen lassen, da er nicht gewagt hat, seine Wohnung im Königlichen Schloß aufzusuchen. Der König hat sich jedoch sofort zu ihm begeben, und der General, der bei dem Zweikampf zugegen war, hat ihm gesagt, Sie wären nur deshalb mit dem Leben davon gekommen, weil Sie gedroht hätten, nach einem Kopf zu zielen. Branicki hätte seinen Kopf decken wollen und deshalb eine unbequeme Stellung eingenommen; infolgedessen hätte er Sie gefehlt. Sonst hätte er Ihnen das Herz durchbohrt; denn er trifft die Schneide eines Messers, so daß die Kugel in zwei Hälften geteilt wird. Nicht geringer ist Ihr Glück, daß Bininski Sie nicht gesehen hat; er konnte ja nicht auf den Gedanken kommen, daß Sie unter der Matte eines elenden Bauernschlittens lägen.«

»Gnädiger Herr, das allergrößte Glück habe ich gehabt, indem ich Branicki nicht auf der Stelle getötet habe; denn ich wäre in dem Augenblick, wo ich ihm zu Hilfe eilte, von seinen drei Freunden niedergemacht worden. Sie schwangen schon ihre Säbel über meinem Kopf, als der Podstoli ihnen zurief: Gesindel, laßt diesen Ehrenmann in Frieden! – Was Eurer Hoheit und dem guten Grafen Moszczynski widerfahren ist, tut mir recht leid! Wenn Tomatis nicht von dem rasenden Mörder getötet wurde, so verdankt er dies ohne Zweifel nur dem Umstand, daß das Pistol nur mit Pulver geladen war.«

»Das ist auch meine Meinung, denn man hat von der Kugel nichts gehört; aber es war sicherlich nur ein Zufall, daß das Pistol blind geladen war.«

»Daran zweifle ich nicht.«

In diesem Augenblick trat ein Beamter des Wojwoden von Rußland ein und übergab mir ein Briefchen, worin der Fürst mir schrieb:

»Beiliegendes schickt der König mir in diesem Augenblick; schlafen Sie ruhig!«

Das Schreiben des Königs, das ich aufbewahrt habe, lautete:

»Mit Branicki steht es sehr schlecht, lieber Oheim. Meine Ärzte sind bei ihm, um ihm mit ihrer ganzen Kunst beizustehen. Ich habe aber auch Casanova nicht vergessen. Sie können ihm die Versicherung geben, daß ich ihn begnadige, selbst wenn Branicki sterben sollte.«

Ich drückte einen ehrfurchtsvollen und dankbaren Kuß auf diesen Brief und zeigte ihn meinen edlen Besuchern, die mit mir den wahrhaft königlichen Mann bewunderten.

Nachdem ich diesen erquickenden Brief gelesen hatte, bedurfte ich der Ruhe, und die hohen Herren ließen mich allein. Mein Freund Campioni, der leise eingetreten war und, beiseite stehend, alles gehört hatte, trat an mein Bett, gab mir mein Paket zurück und beglückwünschte mich unter Freudentränen zu dem Ausgange des Ereignisses, das mir, wie er versicherte, unsterbliche Ehre einbrächte.

Am nächsten Tage kamen Scharen von Besuchern und zugleich goldgefüllte Börsen von den Magnaten der dem Grafen Branicki feindlichen Partei. Die Überbringer dieser Börsen sagten mir im Auftrage ihrer Herren oder der Damen, die sie schickten: als Fremder hätte ich vielleicht Geld nötig, und in dieser Voraussetzung nähme man sich die Freiheit, mir etwas zu schicken. Ich dankte und wies das Geld zurück. Auf diese Weise schickte ich wenigstens viertausend Dukaten zurück, und ich war eitel auf meine Handlungsweise. Campioni fand meinen Heroismus lächerlich, und er hatte recht, denn ich habe ihn später bereut. Das einzige Geschenk, das ich annahm, war ein gutes Essen für vier Personen, das Fürst Adam Czartoryski mir regelmäßig jeden Tag schickte, obgleich ich nichts aß; denn mein Äskulap, der das Pulver nicht erfunden hatte, war ein großer Anhänger der Hungerkur.

Meine kleine Wunde am Bauch war auf gutem Wege; aber am vierten Tage drohte der Brand meine Hand zu befallen, und die Ärzte stimmten darin überein, daß eine Heilung ohne Amputation nicht möglich sei. Ich las dieses Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Beratung am nächsten Morgen in aller Frühe in der Hofzeitung. Dieses Blatt wurde nachts gedruckt, nachdem der König das Manuskript durch seine Unterschrift genehmigt hatte. Da ich durchaus nicht der Meinung meiner Schlächter war, so lachte ich herzlich über ihre Unwissenheit, und am Vormittag lachte ich allen ins Gesicht, die mir ihr Beileid aussprachen. Ich spottete, als Graf Clary mich überreden wollte, mich der Operation zu unterwerfen. In demselben Augenblick traten drei Ärzte auf einmal ein.

»Ei, meine Herren, Sie sind ja recht zahlreich! Warum denn zu dritt, wenn ich bitten darf?«

Mein gewöhnlicher Arzt antwortete mir: »Bevor ich zur Amputation schreite, wünsche ich die Zustimmung dieser beiden Herren Professoren zu erhalten. Wir werden sehen, in welchem Zustande sich die Wunde befindet.«

Der Verband wird abgenommen, die Wunde untersucht: sie ist blutig, das Fleisch hellbläulich, offenbar ist der Brand bereits dazu getreten; am Abend wird man mir die Hand abnehmen. Diese Mitteilung machte man mir mit strahlendem Gesicht, und mein Handabschneider versicherte mir, ich brauche mich nicht zu fürchten und könne sicher sein, daß ich auf diese Weise schnell genesen werde.

»Meine Herren, Ihre wissenschaftlichen Gründe sind sehr schön. Es fehlt dazu nur ein einziges, nämlich meine Einwilligung, und diese werden Sie nicht bekommen. Ich bin Herr über meine Hand und werde Ihnen niemals erlauben, sie von meinem Arm zu trennen. Ich finde Ihren Vorschlag lächerlich.«

»Mein Herr, der Brand ist bereits dazugetreten; morgen wird er nach dem Arm hinaufsteigen, und dann müssen wir Ihnen den Arm abnehmen.«

»Gut. So werden Sie mir den Arm abnehmen. Aber warten Sie damit noch ein bißchen. Soviel ich mich auf kalten Brand verstehe, ist der bei mir nicht vorhanden.«

»Sie verstehen sich darauf jedenfalls nicht besser als wir.«

»Das ist wohl möglich, aber mir scheint, Sie verstehen überhaupt gar nichts davon.«

»Das ist ein bißchen stark.«

»Stark oder schwach – gehen Sie!«

Zwei Stunden darauf hatte ich die langweiligsten Besuche von allen denen, welchen die Arzte von meinem Starrsinn Mitteilung gemacht hatten. Der Fürst Wojwode schrieb mir sogar, der König sei ganz erstaunt über meinen Mangel an Mut. Das kränkte mich, und ich schrieb dem König einen langen, halb ernsten, halb scherzhaften Brief, worin ich mich über die Unwissenheit der Ärzte und über die Einfalt der guten Leute, die ihre dummen Aussprüche für ein Evangelium hielten, weidlich lustig machte. Ich schrieb Seiner Majestät: da ich mit meinem Arm ohne die Hand nichts anfangen könnte, so würde ich mir den Arm abschneiden lassen, sobald der kalte Brand wirklich sichtbar wäre.

Mein Brief wurde bei Hofe gelesen, und man fand ihn eigentümlich für einen Menschen, der den Brand in der Hand haben sollte; denn er war vier Seiten lang. Fürst Lubomirski sagte mir gütig, ich hätte unrecht getan, mich über die Menschen lustig zu machen, die Anteil an mir nähmen; denn es wäre doch wirklich unmöglich, daß die drei ersten Chirurgen Warschaus bei einem so einfachen Fall sich täuschten.

»Gnädiger Herr, sie täuschen sich nicht, aber sie wollen mich täuschen.«

»Aber welches Interesse haben sie denn daran?«

»Sie wollen Branicki einen Gefallen tun: es steht mit ihm sehr schlecht, und er braucht vielleicht diesen Trost, um zu genesen.«

»O, das ist ja aber unglaublich!«

»Was werden Eure Hoheit aber sagen, wenn Sie sehen, daß ich recht habe?«

»Wenn das der Fall ist, werde ich Sie bewundern, und Ihre Festigkeit wird des höchsten Lobes würdig sein; aber der Fall muß auch wirklich eintreten.«

»Das werden wir heute Abend sehen, gnädiger Herr. Wenn der kalte Brand den Arm ergreift, werde ich ihn mir morgen abschneiden lassen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Die Ärzte kamen, vier an der Zahl! Man fand meinen Arm zweimal so dick wie gewöhnlich, und er war bis zum Ellenbogen bläulich; als aber der Verband abgehoben wurde, sah ich rosenrotes Fleisch und löblichen Eiter. Ich sagte indessen nichts, obgleich mein Herz voller Freude war. Fürst August Sulkowski und der Abbé Gouvel waren anwesend, dieser letztere gehörte zum Hause des Wojwoden von Rußland. Die Ärzte erklärten: der Arm sei angegriffen; es genüge nicht mehr, die Hand abzunehmen: die Amputation des Armes sei unvermeidlich und müsse spätestens am nächsten Morgen stattfinden.

Ich war es müde, mich mit Leuten zu streiten, die eine vorgefaßte Meinung hatten, und sagte ihnen daher, sie möchten nur am nächsten Morgen mit ihren Instrumenten kommen; ich würde mich der Operation unterwerfen. Fröhlich über diesen Sieg entfernten sie sich schleunigst, um die Nachricht bei Hofe zu verbreiten und dem Grafen Branicki, dem Paladin von Rußland usw. mitzuteilen. Kaum waren sie hinaus, so befahl ich meinen Bedienten, sie an der Tür abzuweisen.

Ich will auf die Einzelheiten nicht näher eingehen, obgleich auch der übrige Verlauf nicht uninteressant ist. Doch wird der Leser mir Dank wissen, wenn ich ihm weiter nichts sage, als daß ein französischer Chirurg, der zum Hause des Fürsten Sulkowski gehörte, der Feindschaft aller seiner gelehrten Kollegen zum Trotz, mich nach meinem Wunsch behandelte und mich gesund machte, und daß ich nicht nur meinen Arm, sondern auch meine Hand behielt.

Am Ostertage ging ich, den Arm in der Binde, in die Messe. Meine Heilung hatte nur fünfundzwanzig Tage gedauert, aber ich habe mich des linken Armes erst nach achtzehn Monaten wieder richtig bedienen können. Alle jene, die mein Verhalten verdammt hatten, sahen sich nun gezwungen, mir Komplimente wegen meiner Standhaftigkeit zu machen, die mir zur größten Ehre gereiche, und ein jeder erklärte mit Recht, die großen Chirurgen müßten entweder sehr unwissend oder sehr unvorsichtig sein; ich persönlich hatte große Lust, sie für Schelme zu halten.

An dieser Stelle glaube ich, ein Erlebnis mitteilen zu müssen, das ich drei Tage nach meinem Zweikampf hatte.

Ein Jesuitenpater ließ sich im Auftrage des Bischofs von Posen, zu dessen Sprengel Warschau gehört, bei mir melden und bat um eine Unterredung unter vier Augen. Ich ließ alle Anwesenden hinausgehen und den Geistlichen eintreten. Sobald er erschien, fragte ich ihn, was er von mir wünsche.

Er antwortete: »Ich komme im Auftrage Seiner Gnaden – (das war ein Fürst Czartoryski, ein Bruder des Wojwoden von Rußland) – um Sie von der Verletzung der kirchlichen Gebote zu absolvieren, die Sie durch den Zweikampf übertreten haben.«

»Es ist mir stets lieb, wenn ich absolviert werde, hochwürdiger Vater, aber nur dann, wenn ich mich für schuldig erkläre. Im gegenwärtigen Fall bedarf ich keiner Absolution, denn ich gebe nicht zu, mich einer Verfehlung schuldig gemacht zu haben. Ich bin angegriffen worden, ich habe mich verteidigt. Danken Sie Seiner Gnaden für seine Huld. Wenn Sie mich jedoch ohne Schuldbekenntnis absolvieren wollen, so widersetze ich mich nicht.«

»Wenn Sie die Verfehlung nicht eingestehen, so kann ich Sie nicht freisprechen, aber, lieber Bruder, tun Sie eines: verlangen Sie von mir die Absolution für den Fall, daß Sie sich im Zweikampf geschlagen haben.«

»Mit Vergnügen: wenn es ein Zweikampf ist, bitte ich Sie, mich freizusprechen.«

Der gute Jesuit erteilte mir die Absolution mit denselben Ausdrücken. Er verleugnete damit seine Schule nicht; die Jesuiten sind bewundernswerte Meister, um geschickte Winkelzüge zu machen und überall einen Ausweg zu finden.

Drei Tage vor meinem Ausgang, das heißt am Gründonnerstag, zog der Großmarschall seine Dragoner zurück. Am Ostertag ging ich nach der Messe zu Hofe. Der König reichte mir die Hand zum Kuß und ließ mich auf den Parkettboden niederknien. Er fragte mich, warum ich den Arm in der Binde trüge – (dies war vorher vereinbart worden) – und ich antwortete ihm, ich hätte Rheumatismus.

»Hüten Sie sich nur, noch mehr solchen Rheumatismus zu bekommen!« sagte der König zu mir mit einem leichten Lächeln.

Nachdem ich den König gesehen hatte, ließ ich mich zu Branicki führen, denn ich glaubte, ihm einen Besuch schuldig zu sein. Er hatte sich während meiner Krankheit regelmäßig jeden Tag nach meiner Gesundheit erkundigen lassen und mir meinen Degen zurückgeschickt. Er mußte mindestens noch sechs Wochen zu Bette liegen; denn der Wergpfropfen meiner Pistole war zum Teil mit in die Wunde eingedrungen, und man hatte diese beträchtlich vergrößern müssen, um das Werg zu entfernen, das im Anfang die Heilung verzögert hatte. Der König hatte ihn kürzlich zum Oberjägermeister der Krone ernannt. Dieses Amt oder diese Würde stand im Range unter der des Oberzeremonienmeisters, aber sie war bedeutend einträglicher. Man sagte, der König habe ihm diese Gnade erst gewährt, als er erfahren habe, daß Branicki ein guter Schütze sei; wenn er aber keinen triftigeren Grund gehabt hätte, so hätte er mir die Stelle geben müssen; denn an jenem Tage hatte ich besser geschossen als Branicki.

Ich trat in ein großes Vorzimmer ein; mein Erscheinen rief unter allen Anwesenden, Offizieren, Jägern, Pagen, Lakaien die größte Überraschung hervor. Ich fragte einen Adjutanten, ob der gnädige Herr sichtbar sei, und bat ihn, mich anzumelden. Ohne mir zu antworten, stieß er einen Seufzer aus und ging hinein. Unmittelbar darauf öffneten sich die beiden Flügeltüren, und derselbe Offizier machte mir eine tiefe Verbeugung und forderte mich auf, einzutreten.

Branicki lag, in einen prachtvollen Schlafrock gehüllt, auf seinem Bett und stützte sich auf Kissen, die mit roten Bändern geschmückt waren. Er war bleich wie der Tod. Er grüßte mich, indem er seine Mütze abnahm, und ich sagte zu ihm: »Ich bin gekommen, gnädiger Herr, um Ihnen meine Aufwartung zu machen und Ihnen zu sagen, daß ich in Verzweiflung bin, mich nicht über eine Kleinigkeit hinweggesetzt zu haben, auf die ich gar nicht hätte achten sollen, wenn ich vernünftiger gewesen wäre.«

»Sie haben sich keinen Vorwurf zu machen, Herr Casanova.«

»Eure Exzellenz sind außerordentlich gütig. Ferner bin ich gekommen, um Ihnen zu sagen, daß Sie mir eine Ehre erwiesen haben, die viel größer ist als die Beleidigung, und um Sie für die Zukunft um Ihren edlen Schutz gegen Ihre Freunde zu bitten, die Ihre Seele nicht kennen und darum glauben, meine Feinde sein zu müssen.«

»Ich gebe zu, Sie beleidigt zu haben; aber geben auch Sie zu, daß ich wacker mit meiner Person dafür eingestanden bin! Was meine Freunde anbetrifft, so erkläre ich mich als Feind eines jeden, der Ihnen nicht die gebührende Achtung erweist. Bininski ist degradiert und aus dem Adelsstande ausgestoßen worden; ihm ist recht geschehen. Meines Schutzes bedürfen Sie nicht: der König achtet Sie wie mich, wie einen jeden, der die Gesetze der Ehre kennt. Setzen Sie sich und lassen Sie uns Freunde sein. Man bringe dem Herrn eine Tasse Schokolade! Sie sind also geheilt?«

»Vollkommen, gnädiger Herr, abgesehen von der Beweglichkeit der Hand; bis ich diese wiedererlange, wird noch eine lange Zeit vergehen.«

»Sie haben sich wacker gegen diese Henkersknechte von Ärzten geschlagen; das macht Ihrer gesunden Vernunft ebensoviel Ehre wie Ihrem Mut. Sie hatten vollkommen recht, wenn Sie sagten, daß die Dummköpfe mir zu schmeicheln glaubten, indem sie Sie zum Krüppel machten. Jene beurteilen die Herzen anderer nach ihren eigenen Herzen. Ich wünsche Ihnen Glück, daß Sie die Leute widerlegt haben, indem Sie Ihre Hand behielten. Aber ich begreife noch immer nicht, wie meine Kugel in Ihre Hand eindringen konnte, nachdem sie Sie am Bauch verletzt hatte.«

In diesem Augenblick brachte man mir die Schokolade, und der Oberzeremonienmeister trat ein und sah mich lachend an. Binnen fünf Minuten war das ganze Zimmer voll von Damen und Kavalieren, die erfahren hatten, daß ich bei dem Podstoli war, und in ihrer Neugier gern sehen wollten, wie wir uns benähmen. Ich sah klar und deutlich, daß sie nicht erwarteten, uns so einig zu finden, und daß sie angenehm überrascht waren. Branicki nahm das Gespräch wieder auf, das durch die Schokolade und den Eintritt der Besucher unterbrochen war, und bat mich, ihm zu erklären, wie es möglich wäre, daß seine Kugel mich an der Hand verletzt hätte.

»Eure Exzellenz wird mir gestatten, die Stellung anzunehmen, in der ich mich in jenem Augenblick befand.«

»Ich bitte Sie darum.«

Ich stand auf und stellte mich genau so hin, wie ich im Augenblick des Schusses gestanden hatte, worauf er mir sagte: »Jetzt begreife ich.«

Eine Dame ergriff das Wort und sagte: »Sie hätten die Hand hinter dem Leib halten sollen.«

»Verzeihung, meine Gnädige, ich dachte vielmehr daran, meinen Leib hinter meiner Hand zu halten.«

Über diesen Scherz lächelte Branicki, seine Schwester aber sagte zu mir: »Sie wollten meinen Bruder töten, denn Sie haben nach seinem Kopf geschossen.«

»Davor soll mich Gott bewahren, Madame! In meinem Interesse lag es vielmehr, daß er am Leben blieb, um mich vor seinen Begleitern zu beschützen, wie er es ja auch getan hat.«

»Aber Sie haben zu ihm gesagt, Sie würden nach seinem Kopf schießen.«

»Das ist so eine übliche Redensart, wie man ja auch sagt: einem das Gehirn ausblasen; aber ein vernünftiger Mensch zielt mitten auf den Leib; der Kopf ist am äußersten Ende und bietet keine genügend große Oberfläche; außerdem kann er zu leicht bewegt werden. Ich habe die Pistole erhoben und abgedrückt, als sie ungefähr in Höhe der Mitte des Körpers war.«

»Das ist wahr«, sagte Branicki. »Ihre Taktik ist besser als die meinige, und Sie haben mir eine Lehre gegeben.«

»Eure Exzellenz haben mir ein Beispiel von Heroismus gegeben, das viel würdiger ist, befolgt zu werden.«

»Man sieht,« begann seine Schwester Sapieha, »daß Sie sich sehr oft im Pistolenschießen geübt haben müssen.«

»Ganz und gar nicht, Madame; denn ich verabscheue diese Waffe. Dieser unglückselige Schuß war mein erster; aber ich hatte stets einen richtigen Begriff von der geraden Linie, einen scharfen Blick und eine sichere Hand.«

»Weiter braucht man auch nichts«, sagte Branicki. »Ich besitze dies alles und ich freue mich, daß ich nicht so gut geschossen habe wie für gewöhnlich.«

»Ihre Kugel, gnädiger Herr, hat mir die Fingerwurzel zerschmettert. Hier sehen Sie sie; sie hat sich auf meinem Knochen abgeplattet. Gestatten Sie mir, daß ich sie Ihnen zurückgebe.«

»Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht auch die Ihrige wieder geben kann, denn die ist auf dem Kampfplatz geblieben.«

»Mit Ihrer Wunde geht es ja, Gott sei Dank, besser.«

»Sie will sich nicht recht vernarben. Hätte ich es am Tage unseres Zweikampfes wie Sie gemacht, so wäre ich nicht mehr am Leben; denn, wie man mir gesagt hat, haben Sie sehr gut gespeist.«

»Das habe ich allerdings getan, gnädiger Herr, weil ich fürchtete, diese Mahlzeit würde meine letzte sein.«

»Wenn ich gespeist hätte, würde Ihre Kugel meinen Dickdarm durchschlagen haben; da dieser jedoch leer war, so gab er der Kugel nach, und sie glitt über ihn hinweg, ohne ihn zu beschädigen.«

Es steht fest, daß Branicki, sobald er sicher war, daß er sich um drei Uhr schlagen würde, in die Messe ging, beichtete und das Abendmahl nahm. Der Priester wird ihm die Absolution nicht haben verweigern können, da Branicki ihm gesagt haben wird, die Ehre zwinge ihn, sich zu schlagen. So entsprach es dem alten Rittertum. Ich weiß nicht, ob ich mehr oder weniger rechtgläubig war als Branicki; jedenfalls richtete ich an Gott nur die Worte: »Mein Gott und Herr! Wenn mein Feind mich tötet, so bin ich verdammt. Bewahre mich also in Gnaden vor dem Tode! Amen!«

Nachdem wir noch mehrere heitere und interessante Bemerkungen ausgetauscht hatten, verabschiedete ich mich von dem Helden und begab mich zum Großmarschall der Krone, dem Grafen Bielinski, Bruder der Gräfin Salmor. Dieser Greis, der schon das neunzigste Lebensjahr vollendet hatte, war kraft seines Amtes die höchste Justizperson in Polen. Ich hatte niemals mit ihm gesprochen; aber er hatte mich gegen Branickis Ulanen beschützt und hatte nur die verwirkte Todesstrafe erlassen. Ich mußte ihm daher die Hand küssen.

Ich ließ mich melden und trat ein. Der würdige Neunzigjährige empfing mich mit den Worten: »Was wünschen Sie von mir?«

»Ich möchte meinem Wohltäter, der geruht hat, meine Begnadigung zu unterzeichnen, die Hand küssen, und ich möchte Eurer Exzellenz versprechen, daß ich in Zukunft vernünftiger sein werde.«

»Das rate ich Ihnen. Für Ihre Begnadigung müssen Sie dem König danken; denn wenn er mir nicht ausdrücklich befohlen hätte, diese Begnadigung auszufertigen, so hätte ich Sie enthaupten lassen.«

»Trotz den mildernden Umständen, gnädiger Herr?«

»Was für Umstände? Ist es wahr oder nicht, daß Sie sich im Duell geschlagen haben?«

»Es ist nicht wahr; denn ich bin gezwungen worden, mich zu verteidigen. Man könnte mich der Teilnahme an einem Zweikampf beschuldigen, gnädiger Herr, wenn Graf Branicki, unserer Verabredung gemäß, mich nach einem Ort außerhalb der Starostei gebracht hätte; aber er hat mich gezwungen, mich an dem Ort zu schlagen, an den er mich willkürlich geführt hat. Wären Eure Exzellenz genau unterrichtet gewesen, so hätten Sie mir nicht mehr den Kopf abschlagen lassen.«

»Ich weiß nicht, was ich getan hätte. Der König hat verlangt, daß ich Sie begnadige; das ist ein Beweis, daß Sie nach seiner Meinung die Gnade verdienen, und ich wünsche Ihnen Glück dazu. Wenn Sie morgen bei mir speisen wollen, machen Sie mir ein Vergnügen.«

»Gnädiger Herr, ich gehorche Ihnen mit Freuden.«

Dieser erlauchte Greis hatte viel Geist. Er war ein sehr guter Freund des berühmten Poniatowski gewesen, des Vaters des regierenden Herrn. Am nächsten Tage erzählte er mir bei Tisch viel von diesem.

»Welcher Trost«, bemerkte ich, »wäre es für den würdigen Freund Eurer Exzellenz gewesen, wenn er lange genug gelebt hätte, um noch die Krone auf dem Haupte seines Sohnes zu sehen!«

»Er würde seine Einwilligung nicht gegeben haben!«

Die Energie, mit der er diese Worte sprach, ließ mich auf dem Grund seiner Seele lesen; er gehörte zur sächsischen Partei.

Am Ostersonntag speiste ich zu Mittag beim Fürsten Wojwoden von Rußland. »Politische Gründe«, sagte er zu mir, »haben mich verhindert, Sie im Kloster zu besuchen; aber Sie dürfen deswegen nicht an meiner Freundschaft zweifeln, denn ich habe viel an Sie gedacht. Ich habe Ihnen eine Wohnung in meinem Palast herrichten lassen, denn meine Frau liebt Ihre Gesellschaft; aber die Wohnung wird erst in sechs Wochen fertig sein.«

»So werde ich denn, gnädiger Herr, diese Zeit benutzen, um dem Wojwoden von Kiew einen Besuch zu machen; er hat mir die Ehre erwiesen, mich einladen zu lassen.«

»Wer hat Sie in seinem Auftrage eingeladen?«

»Der Schwiegersohn des Wojwoden, Herr Graf von Brühl in Dresden.«

»Sie werden gut tun, diese kleine Reise zu machen; denn durch dieses Duell haben Sie eine Menge Feinde bekommen, die jede Gelegenheit suchen werden, Händel mit Ihnen anzufangen, und der Himmel möge Sie davor bewahren, sich noch einmal zu schlagen! Ich warne Sie davor. Seien Sie auf Ihrer Hut und gehen Sie niemals zu Fuß aus, besonders nicht bei Nacht.«

Etwa vierzehn Tage lang war ich fortwährend zu Diners und Soupers eingeladen. Ich war das Modetier geworden. Man konnte gar nicht genug davon bekommen, mich meinen Zweikampf mit allen Einzelheiten erzählen zu hören. Die Geschichte hing mir zum Halse heraus, aber aus Gefälligkeit und auch aus Eitelkeit konnte ich solchen Wünschen nicht widerstehen. Oft war der König bei meinen Erzählungen anwesend; aber er tat so, wie wenn er nichts hörte. Einmal fragte er mich jedoch, ob ich in meiner Vaterstadt Venedig einen Patrizier, der mich beleidigt hätte, sofort zum Zweikampf gefordert haben würde.

»Nein, Sire, denn sein Adelsstolz würde ihm nicht erlaubt haben, sich mir zu stellen, und meine Herausforderung wäre daher lächerlich gewesen.«

»Was hätten Sie also dann gemacht?«

»Sire, ich hätte die Faust in der Tasche geballt; aber wenn der edle Venetianer mich in fremdem Lande zu beleidigen wagte, dann müßte er mir Rechenschaft geben.«

Als ich dem Grafen Moszczynski einen Besuch machte, traf ich bei ihm die Binetti, die bei meinem Erscheinen sofort hinauslief.

»Was hat sie denn gegen mich?« fragte ich den Grafen.

»Sie hat Angst vor Ihnen. Sie ist schuld an Ihrem Duell, und Branicki, der ihr Liebhaber war, will nichts mehr von ihr hören. Sie hoffte, er würde Sie behandeln, wie er Tomatis behandelt hatte; Sie haben aber Ihren Kämpen beinahe getötet. Sie machte ihm einen Vorwurf daraus, daß er Ihre Herausforderung angenommen habe; er aber hat erklärt, er wolle sie nicht wiedersehen.«

Dieser Graf Moszczynski war nicht nur sehr geistreich, sondern auch außerordentlich liebenswürdig und so freigebig, daß er durch die Geschenke, die er bei Hof machte, sich zugrunde richtete. Seine Wunde begann zu vernarben. Obgleich ich die mittelbare, wenn auch unschuldige Ursache seiner Schmerzen war, so trug er mir das doch nicht nach, sondern war im Gegenteil mein Freund.

Am meisten Sympathie für den Ausgang meines Duells hätte doch gewiß Tomatis fühlen müssen. Er sah mich im Gegenteil nur noch mit schlecht verhehltem Verdruß. Ich war für ihn gewissermaßen ein leibhaftiger Vorwurf seiner Feigheit, der Arm, den ich in der Binde trug, schien ihn darauf aufmerksam zu machen, daß er sein Geld der Ehre vorgezogen hatte. Ich bin überzeugt, es wäre ihm lieber gewesen, wenn Branicki mich getötet hätte; denn durch seinen Sieg wäre dieser für viele Leute ein Gegenstand des Abscheus geworden. Dann wäre Tomatis vielleicht weniger verächtlich erschienen, indem er sich nach wie vor in den großen Häusern zeigte, obgleich die Hand eines Bedienten seine Wange gezeichnet hatte. Er wurde in diesen Häusern auch nur deshalb noch empfangen, weil die Catai, mehr durch ihre Schönheit als durch ihre Talente, vielen eine Art von Fanatismus eingeflößt hatte.

Ich hatte beschlossen, die Unzufriedenen zu besuchen, die den neuen König nur gezwungenermaßen anerkannt, sowie mehrere, die ihn überhaupt nicht anerkannt hatten. Ich reiste mit einem einzigen Bedienten und mit Campioni, der ein aufrichtiger und treuer Freund und zugleich in Fällen der Not ein Mann von mutigem Herzen und fester Hand war.

Prinz Karl von Kurland war nach Venedig gereist; ich hatte ihn an meine mächtigen Freunde empfohlen, und er hatte allen Anlaß, mit meiner Empfehlung zufrieden zu sein. Der anglikanische Geistliche, der mich von Petersburg aus an den Fürsten Adam empfohlen hatte, war in Warschau angekommen. Ich speiste mit ihm bei dem Fürsten, und der König, welcher ihn gern hatte, nahm an dem Diner teil. Bei Tisch wurde von Madame de Geoffrin, der früheren Freundin des Königs gesprochen; sie sollte demnächst in Warschau eintreffen, wohin sie auf Einladung und Kosten Seiner Majestät reiste. Der König war trotz den Sorgen, die seine Freunde ihm jeden Tag machten, stets die Seele aller Gesellschaften, die er mit seiner Gegenwart beehrte. Der Monarch, dem ich volle Gerechtigkeit widerfahren lasse, hatte leider die Schwäche, der Verleumdung sein Ohr zu leihen und sich dadurch abhalten lassen, mein Glück zu machen. Ich habe jedoch die Freude gehabt, ihn später von seinem Unrecht zu überzeugen.

Sechs Tage nach meiner Abreise von Warschau kam ich in Lemberg an, nachdem ich mich zwei Tage bei dem jungen Grafen Zamoiski aufgehalten hatte, der vierzigtausend Dukaten Rente besaß, aber an der Fallsucht litt. »Ich würde«, sagte er zu mir, »mein ganzes Vermögen demjenigen geben, der mich wieder gesund machen könnte.«

Seine junge Frau tat mir leid. Sie liebte ihn sehr, wagte ihm aber nichts zu gewähren, weil seine Krankheit ihn stets in der Erregung der Liebe befiel. Sie war in Verzweiflung, seinem verliebten Werben Widerstand leisten und sogar vor ihm fliehen zu müssen, wenn er hartnäckig wurde. Bald darauf starb er. Der Magnat brachte mich in prachtvollen Zimmern unter, worin es an allem Notwendigsten fehlte. Das ist polnische Gewohnheit: man nimmt an, daß ein vornehmer Mann auf Reisen alles Notwendige bei sich hat.

In Lemberg wollte ich in einem Gasthof wohnen; aber ich mußte diesen verlassen, um zu der berühmten Kasztellana Kaminska zu ziehen, einer großen Feindin Branickis, des Königs und seiner ganzen Partei. Sie war sehr reich, aber die Konföderationen haben sie zugrunde gerichtet. Sie bewirtete mich acht Tage lang sehr prachtvoll, aber wir hatten beide kein Vergnügen davon, weil sie nur polnisch und deutsch sprach. Von Lemberg reiste ich nach einem Städtchen, dessen Namen ich vergessen habe; die polnischen Namen sind entsetzlich schwer zu behalten. Ich überbrachte einen Brief vom Fürsten Lubomirski an den kleinen General Josef Rzewuski, einen kräftigen, alten, kleinen Herrn, der als Zeichen der Trauer über die unheilkündenden Neuerungen in seinem Vaterlande einen langen Bart trug. Er war reich, gelehrt, abergläubischer Christ und über alle Maßen höflich. Er behielt mich drei Tage bei sich.

Natürlich war er der Höchstkommandierende in der kleinen Festung, worin er mit einer Garnison von fünfhundert Mann lag. Am ersten Tage befand ich mich mit mehreren Offizieren gegen elf Uhr in seinem Zimmer und erzählte mein Duell mit Branicki. Während ich sprach, trat ein anderer Offizier ein und flüsterte dem General etwas ins Ohr. Hierauf trat er an mich heran und sagte leise: »Venedig und St. Markus.«

»St. Markus«, sagte ich laut, »ist der Schutzheilige von Venedig.« Alle lachten. Da merkte ich, daß es die Parole war, die Seine Exzellenz ausgegeben, und die man aus Höflichkeit mir mitgeteilt hatte. Ich entschuldigte mich bestens, und das Losungswort wurde sofort geändert.

Der alte Magnat unterhielt sich mit mir viel über Politik. Er war niemals bei Hofe gewesen, hatte sich aber vorgenommen, den Reichstag zu besuchen und mit allen Kräften die Gesetze zu bekämpfen, die Rußland zugunsten der Nichtkatholiken durchzusetzen beabsichtigte. Der arme General, ein wahrer Pole von echtem Schrot und Korn, war einer von den vier Magnaten, die Repnin aufheben und nach Sibirien bringen ließ.

Nachdem ich von dem tapferen Patrioten Abschied genommen hatte, begab ich mich nach Christianpol, wo der berühmte Wojwode von Kiew, Potocki, wohnte. Er war einer der Liebhaber der russischen Kaiserin Anna Iwanowna gewesen. Er war Begründer der Stadt, die er bewohnte, und hatte sie nach seinem eigenen Namen genannt. Er war noch schön und hielt mit großer Pracht Haus. Der Brief des Grafen verschaffte mir einen freundlichen Empfang: Potocki behielt mich vierzehn Tage bei sich und ließ mich jeden Tag mit seinem Leibarzt ausfahren. Dies war der berühmte Styrneus, ein geschworener Feind des noch berühmteren van Swieten. Dieser Styrneus war zwar sehr gelehrt, aber etwas verrückt und ein Anhänger der empirischen Methode. Er befolgte das asklepiadische System, obgleich dieses seit dem großen Boerhave unhaltbar geworden war; trotzdem machte er erstaunliche Kuren.

Jeden Abend kehrte ich nach Christianpol zurück und spielte mit dem Wojwoden und seiner Gesellschaft. Es wurde nicht hoch gespielt, und ich hatte beständig Glück, was für mich sehr notwendig war. Nach einem recht angenehmen Aufenthalt bei dem Paladin kehrte ich nach Lemberg zurück, wo ich mich acht Tage lang mit einem sehr hübschen Mädchen amüsierte. Kurze Zeit darauf wußte sie den Grafen Potocki, Starost von Sniatin, dermaßen zu fesseln, daß er sie zu seiner Frau machte. So wird in den adeligen Familien das Blut rein erhalten!

Von Lemberg, wo mein Freund Campioni und ich sehr angenehm gelebt hatten, reiste ich nach Pulavy, achtzehn Meilen von Warschau. Dies ist ein herrliches Schloß, das an der Weichsel liegt und dem Fürsten Wojwoden von Rußland gehört, der es selber erbaut hat. Hier trennte Campioni sich von mir und reiste nach Warschau, wohin ihn seine Geschäfte riefen.

Ein Ort mag noch so prachtvoll und zauberisch schön sein, er wird stets langweilig sein für einen Menschen, der dort allein leben muß, wenn er nicht etwa mit einer literarischen Arbeit beschäftigt ist, die ihn ablenkt, oder mit einer wichtigen Idee, die ihn beschäftigt. Bei mir war weder das eine noch das andere der Fall, und so machte sich die Langeweile bemerkbar.

Eines Tages kam ein hübsches Bauernmädchcn in mein Zimmer. Ich fand sie nach meinem Geschmack und da ich nicht polnisch sprechen konnte, so suchte ich ihr handgreiflich klar zu machen, was ich ihr nicht sagen konnte.

Sie setzte sich zur Wehr und machte dabei einen solchen Lärm, daß der Schloßverwalter heraufkam. Dieser sagte mir ganz ruhig: »Warum gehen Sie nicht den geraden Weg, wenn das Mädchen Ihnen gefällt?«

»Was ist das für ein Weg?«

»Ihr Vater ist hier. Sprechen Sie mit ihm und einigen Sie sich mit ihm im Guten.«

»Ich spreche nicht polnisch. Wollen Sie es übernehmen?«

»Gern. Werden Sie ihm fünfzig Gulden geben?«

»Sie scherzen. Wenn sie noch unberührt ist, werde ich hundert Gulden geben, aber unter einer Bedingung: sie muß sanft wie ein Lamm sein.«

Ohne Zweifel war das Geschäft nicht schwierig, denn die Hochzeitsfeier fand an demselben Abend statt. Sobald aber die Operation vollzogen war, lief das arme Schäfchen davon, wie wenn sie mit dem Knüttel verfolgt würde. Ich schloß daraus, daß ihr Vater jedenfalls, um sie zu überreden, die Peitsche angewandt hatte. Hätte ich das ahnen können, so würde ich sie nicht gemocht haben.

Am nächsten Tage bot man mir mehrere an, ohne sie mir zu zeigen.

»Aber wo ist denn das Mädchen? Ich muß doch ihr Gesicht sehen.«

»Was macht Ihnen denn das Gesicht aus?« sagte der Schloßverwalter. »Wenn nur das übrige unversehrt ist!«

»Für mich, mein guter Freund, ist das Gesicht das Wesentliche und alles übrige nur ein Anhängsel.«

Diese Sprache verstand er nicht. Man ließ mich nun die Mädchen sehen, aber ich fand unter ihnen keine, deren Gesicht meine Begierden erregt hätte.

Im allgemeinen ist in jenen Gegenden das weibliche Gesicht häßlich. Die Hübschen sind seltene Ausnahmen, die Schönen aber sind wirklich wahre Wunder. Nach acht Tagen des Überflusses und der Langeweile kehrte ich nach Warschau zurück.

Auf diese Weise sah ich Podolien und Wolhynien, die wenige Jahre später Galizien und Lodomerien genannt wurden, denn sie konnten nicht österreichisches Gebiet werden, ohne den Namen zu ändern. Man sagt jedoch – und das ist wohl glaublich –, daß in materieller Beziehung diese fruchtbaren Provinzen heutzutage glücklicher sind als früher.

Ich fand in Warschau Madame Geoffrin, die man überall feierte, und die man wegen der Einfachheit ihres Anzuges sehr erstaunt ansah. Ich jedoch empfing nicht solche freundlichen Blicke; ich kann nicht sagen, daß ich kalt empfangen wurde, sondern ich wurde geradezu schlecht empfangen. Ohne alle Umstände sagte man zu mir: »Wir glaubten nicht, daß wir Sie hier wiedersehen würden. Was wollen Sie denn hier?«

»Meine Schulden bezahlen!«

Ich fand solches Benehmen empörend. Sogar der Wojwode von Rußland schien ganz anders zu sein. Man empfing mich in den Häusern, wo ich ein für allemal zu Tisch geladen war, aber man sprach nicht mit mir. Nur die Fürstin Lubomirski, die Schwester des Fürsten Adam, lud mich in gütigem Ton ein, bei ihr zu Abend zu speisen. Voller Freuden begab ich mich hin und sah mich an einem runden Tische dem König gegenüber, der nicht ein einziges Mal das Wort an mich richtete. Das war mir noch nicht widerfahren.

Am nächsten Tage aß ich mittags bei der Gräfin Oginska, der Tochter des Fürsten Czartoryski, Großkanzlers von Littauen, und einer Gräfin Waldstein, einer sehr ehrwürdigen Dame, die neunzig Jahre alt wurde. Diese alte Dame fragte während des Essens, wo der König am Abend vorher gespeist habe; niemand wußte es, und ich schwieg. Im Augenblick, wo man von Tisch aufstand, trat der General Roniker ein, und die Wojwodin fragte ihn, wo der König soupiert habe.

»Bei der Fürstin Straznikowa«, antwortete der General; »Herr Casanova war ja auch da.«

»Warum haben Sie es mir nicht gesagt, als ich bei Tisch danach fragte?« sagte die Gräfin zu mir.

»Gnädige Frau, ich sagte es nicht, weil ich tief betrübt bin, dort gewesen zu sein. Seine Majestät hat nicht nur kein einziges Wort an mich gerichtet, sondern mich nicht einmal angesehen. Ich sehe, daß ich in Ungnade gefallen bin, und ich kann den Grund nicht erraten.«

Von Oginski begab ich mich zum Fürsten August Sulkowski, dem scharfsinnigen Denker, um ihm meine Ehrerbietung zu bezeigen.

Nachdem er mich, wie gewöhnlich, sehr gut empfangen hatte, sagte er mir, ich habe nicht gut daran getan, nach Warschau zurückzukommen, weil alle Welt die Meinung über mich geändert habe.

»Was habe ich denn getan?«

»Nichts. Aber so ist nun einmal im allgemeinen der polnische Charakter: unbeständig, launenhaft, unselbständig und oberflächlich – sarmatarum virtus veluti extra ipsos. Diese Wankelmütigkeit wird uns früher oder später teuer zu stehen kommen. Ihr Glück war gemacht: Sie haben den richtigen Augenblick versäumt. Ich rate Ihnen abzureisen.«

»Gewiß werde ich gehen, aber es ist grausam.«

Als ich nach Hause kam, brachte mein Bedienter mir einen Brief, den ein Unbekannter an der Tür abgegeben hatte. Ich öffnete ihn; er trug keine Unterschrift, war aber offenbar in wohlwollender Absicht geschrieben, und ich konnte erraten, daß er von einer Person kam, die mir gut gesinnt war. In dem Brief stand zu lesen, man wisse aus dem Munde des Königs selber, daß seine Majestät mich nicht gerne mehr bei Hofe sehe, weil man ihm versichert habe, man habe mich in Paris in effigie gehangen. Ich sei von dort entflohen und habe eine große Summe aus der Lotteriekasse der Kriegsschule mitgenommen; außerdem habe ich in Italien das entwürdigende Gewerbe eines umherziehenden Komödianten ausgeübt.

Das sind Verleumdungen, die sehr leicht zu verbreiten, aber in einem fremden Lande sehr schwer zu widerlegen sind. An Fürstenhöfen ist der Haß in beständiger Arbeit und wird beständig vom Neid angestachelt. Gerne hätte ich diese niederen Ränke verachtet und wäre auf der Stelle abgereist; aber ich hatte Schulden und besaß nicht genug Geld, um diese zu bezahlen und mich nach Portugal zu begeben, wo ich neue Hilfsquellen zu finden glaubte.

Ich ging nicht mehr aus und sah nur noch Campioni, der über mein Schicksal noch trauriger war als ich selber. Ich schrieb nach Venedig und allen anderen Orten, von wo ich Mittel beschaffen zu können glaubte. Bevor ich aber die Antwort erhalten hatte, erschien eines Tages bei mir der General, der bei meinem Zweikampf zugegen gewesen war, und sagte mir mit betrübter Miene, der König lasse mir befehlen, die Starostei Warschau binnen acht Tagen zu verlassen.

Außer mir über solche ungerechte Behandlung, sagte ich ihm, er möchte dem König antworten, daß ich mich durchaus nicht geneigt fühlte, einen derartigen Befehl zu befolgen. Wenn ich aber abreisen müßte, so sollte alle Welt wissen, daß ich nur der Gewalt gewichen wäre.

»Ich kann eine solche Antwort nicht ausrichten«, erwiderte der General in ebenso wohlwollendem wie edlem Tone. »Ich werde dem König sagen, daß ich den empfangenen Befehl ausgeführt habe; weiter nichts. Sie werden tun, was Sie für angebracht halten.«

Kochend vor Zorn, ohne alle Rücksicht auf die etwaigen Folgen, schrieb ich an den König, meine Ehre erheische, daß ich seinem Befehl nicht gehorche. Ich schrieb: »Meine Gläubiger, Sire, werden nur verzeihen, daß ich Polen nur darum verlassen habe, ohne sie zu bezahlen, weil Eure Majestät mich mit Gewalt ausgetrieben haben.«

Während ich darüber nachdachte, wie ich meinen Brief dem Herrscher zustellen könnte, sah ich den Grafen Moszczynski eintreten. Ich beeilte mich, ihm alles zu erzählen, was mir begegnet war, und nachdem ich ihm meinen Brief vorgelesen hatte, fragte ich ihn, auf welche Weise ich diesen an Seine Majestät gelangen lassen könnte.

»Geben Sie ihn mir!« antwortete der edle Graf; »ich werde ihn persönlich übergeben.«

Als er fort war, empfand ich das Bedürfnis, meine Lungen in der freien Luft zu erfrischen. Ich ging aus und begab mich zum Fürsten Sulkowski, den ich zu Hause fand. Er war durchaus nicht erstaunt über den mir zugegangenen Befehl. Gewissermaßen um die Pille zu versüßen, die der Despotismus mich hinunterschlucken ließ, erzählte der Fürst mir bei dieser Gelegenheit, was ihm selber in Wien widerfahren war: die Kaiserin Maria Theresia hatte ihm den Befehl zugehen lassen, binnen vierundzwanzig Stunden abzureisen, und zwar aus dem einzigen Grunde, daß er der Erzherzogin Christine ein Kompliment vom Prinzen Ludwig von Württemberg ausgerichtet hatte.

Am nächsten Morgen brachte Graf Moszczynski mir tausend Dukaten. Er sagte mir, der König hätte nicht gewußt, daß ich Geld brauchte, und es wäre viel wichtiger, daß ich mein Leben behielte; aus diesem Grunde hätte Seine Majestät mir den Befehl gesandt, Warschau zu verlassen; denn wenn ich in Warschau bliebe und nachts ausführe, oder am Tage zu Fuß ginge, so wäre ich Gefahren ausgesetzt, denen ich auf die Dauer unmöglich entgehen könnte.

Diese Gefahr bestand darin, daß ich fünf oder sechs Herausforderungen empfangen hatte. Ich hatte mir nicht einmal die Mühe genommen, darauf zu antworten. Diese Leute konnten allerdings, um sich für meine Verachtung zu rächen, mir nachts einen bösen Streich spielen, und der König wollte nicht mehr meinetwegen fortwährend in Unruhe sein. Graf Moszczynski sagte mir außerdem, der von Seiner Majestät mir übersandte Befehl gereiche mir durchaus nicht zur Unehre; denn er sei nur von einer Person hohen Ranges überbracht worden, und man habe den Termin so gesetzt, daß ich in aller Bequemlichkeit abreisen könne.

Die Folge unserer Unterredung war, daß ich nicht nur mein Wort gab, abzureisen, sondern auch den Grafen bat, Seiner Majestät für alles Gute und für die bezeigte Teilnahme meinen Dank zu sagen.

Als ich sagte, daß ich den Befehlen des Königs nachkommen werde, umarmte der edle Moszczynski mich und bat mich zugleich, ihm zu schreiben und als freundschaftliches Andenken einen Reisewagen von ihm anzunehmen, da ich keinen solchen besitze. Hierauf erzählte er mir: »Der Gatte der Binetti ist mit der Kammerzofe seiner Frau durchgegangen und hat Diamanten, Schmuck, Wäsche und sogar das Tafelsilber mitgenommen. Er hat sie seinem Mignon, dem Tänzer Pic, zurückgelassen.«

Die Gönner der Binetti, unter ihnen vornehmlich der Bruder des Königs, der Krongeneral, hatten sich zusammengetan, um sie durch ein Geschenk den Diebstahl ihres Mannes vergessen zu machen. Moszczynski erzählte mir ferner, die Krongeneralin, die Schwester des Königs, sei von Bialystock angekommen, und man hoffe, daß ihr Gemahl sich endlich entschließen werde, nach Warschau zu kommen. Dieser Gemahl war der wirkliche Graf Branicki, wie ich bereits sagte, und der Branicki, oder vielmehr Branecki, der mich durch den Zweikampf geehrt hatte, gehörte gar nicht zur Familie.

Gleich am nächsten Tage bezahlte ich meine Schulden, ungefähr zweihundert Dukaten, und traf alle Vorbereitungen, um den Tag darauf mit dem Grafen Clary nach Breslau zu reisen. Jeder fuhr in seinem eigenen Wagen. Dieser Clary reiste von Warschau ab, ohne den Hof gesehen zu haben. Daraus machte er sich nichts, denn er liebte weder gute Gesellschaft noch anständige Frauen: er brauchte nur Spieler und Dirnen. Clary war einer von den Menschen, denen das Lügen zur Natur geworden ist. So oft sie den Mund auftun, kann man ihnen sagen: sie haben gelogen oder sie werden lügen. Wenn sie ein Gefühl für ihre Verworfenheit hätten, wären sie sehr zu beklagen; denn sie befinden sich in der schimpflichen Lage, daß kein Mensch ihnen glaubt, selbst wenn sie einmal die Wahrheit sagen, und wenn es für sie von Bedeutung wäre, daß man ihnen glaubte. Dieser Graf Clary, der mit der edlen Familie der Teplitzer Clarys nicht verwandt war, durfte sich in Wien und überhaupt in seinem Vaterlande nicht sehen lassen, weil er unmittelbar vor einer Schlacht desertiert war. Er war lahm; aber wenn er ging, merkte man es nicht, so geschickt wußte er seinen Fehler zu verbergen. Wenn er weiter nichts verborgen hätte, als diese Wahrheit, hätte kein Mensch ihn des Lügens beschuldigt, denn damit trat er niemandem zu nahe. Er ist in Venedig in tiefstem Elend gestorben.

Ohne Aufenthalt und ohne Unfall kamen wir in Breslau an. Campioni hatte mich bis Wartemberg, sechzig Meilen von Warschau, begleitet. Er kehrte dorthin zurück, weil ein zärtliches Verhältnis ihn rief. Erst sieben Monate später traf er in Wien wieder mit mir zusammen. Graf Clary reiste schon am anderen Morgen in aller Frühe von Breslau ab; ich blieb jedoch noch, weil ich gerne die Bekanntschaft des Abbés Bastiani machen wollte. Dieser berühmte Venetianer hatte durch den König von Preußen sein Glück gemacht und war Domherr in Breslau. Er empfing mich herzlich und ohne alle Umstände; wir verstanden uns sehr gut und hatten gegenseitig bereits den Wunsch gehabt, uns kennen zu lernen. Er war blond, schön von Gesicht, gut gewachsen und sechs Fuß hoch; ich habe niemals einen schöneren Mann gesehen. Außerdem war er sehr geistreich, besaß ausgezeichnete Kenntnisse der Literatur, große Beredsamkeit, eine verführerische Stimme, ein sehr heiteres Gemüt, eine zahlreiche und gutgewählte Büchersammlung, einen guten Koch und einen ausgezeichneten Keller.

Er hatte eine sehr schöne Wohnung zu ebener Erde, und im elften Stock seines Hauses wohnte eine Dame, deren Kinder er sehr liebte, weil er vielleicht ihr Vater war. Er war Verehrer des schönen Geschlechtes, aber dabei nicht exklusiv, sondern auch ein Freund der griechischen Liebe. Seine Leidenschaft für einen jungen Abbé entging mir nicht während der paar Tage, die ich in Breslau zubrachte. Ich nahm alle meine Mahlzeiten, mittags und abends, bei Bastiani ein und hatte also Gelegenheit, ihn zu beobachten. Dieser junge Abbé war ein Graf Cavalcano; er schien ihn geradezu anzubeten, denn er wandte die Augen nicht von ihm ab, und seine Blicke sprühten Feuer. Der unschuldige junge Mensch schien jedoch den Domherrn nicht zu verstehen, und dieser fürchtete wahrscheinlich, seine Würde bloßzustellen, wenn er ihm seine Liebe erklärte.

Bastiani zeigte mir alle Briefe, die er vor seiner Beförderung zum Domherrn vom König von Preußen empfangen hatte. Er war der Sohn eines venetianischen Schneiders. Er war Franziskanermönch und hatte als solcher wegen eines leichtsinnigen Streiches harte Strafe zu befürchten; zum Glück gelang es ihm aber, aus dem Kloster zu entfliehen. Er ging nach dem Haag und suchte dort den venetianischen Gesandten, Tron, auf, der ihm hundert Dukaten lieh. Mit diesen begab er sich nach Berlin, wo der König ihn seiner Aufmerksamkeit würdig fand. Auf solchem Wege machen Menschen ihr Glück. Sequere deum!

Am Tage vor meiner Abreise von Breslau ging ich gegen elf Uhr zu einer Baronin, um ihr einen Brief zu überbringen, den mir ihr Sohn, ein Offizier des Königs in Warschau, mitgegeben hatte. Ich ließ mich anmelden und man bat mich, einige Augenblicke zu warten, um der Dame Zeit zum Ankleiden zu lassen. Ich setzte mich neben ein hübsches, gut gekleidetes junges Mädchen, das ein Mäntelchen trug und einen Arbeitsbeutel in der Hand hielt.

Ich fragte sie, ob sie wie ich auf die Baronin warte.

»Ja, mein Herr,« antwortete sie mir, »ich will mich als Gouvernante für die drei kleinen Töchter der gnädigen Frau anbieten.«

»Gouvernante? In Ihrem Alter?«

»Ach! Auf das Alter kommt es nicht an, wenn man in Not ist. Ich habe weder Vater noch Mutter. Mein Bruder ist ein armer Leutnant, der mir keine Hilfe gewähren kann; was soll ich also tun? Ich kann nur dadurch meinen Lebensunterhalt verdienen, daß ich mir meine gute Erziehung zunutze mache.«

»Und wieviel werden Sie verdienen?«

»Leider nur fünfzig armselige Taler für meine Kleidung.«

»Das ist recht wenig.«

»Mehr gibt man nicht.«

»Und wo wohnen Sie jetzt?«

»Bei einer armen Tante, wo ich kaum mein tägliches Brot verdiene, indem ich vom Morgen bis zum Abend nähe.«

»Wenn Sie, statt bei den Kindern hier, bei mir Gouvernante werden wollten, würde ich Ihnen ebenfalls fünfzig Taler geben, aber nicht jährlich, sondern monatlich.«

»Ihre Gouvernante? Ich? Sie meinen doch in Ihrer Familie?«

»Ich habe keine Familie; ich bin allein und reise. Morgen früh um fünf Uhr fahre ich nach Dresden ab; und zwar allein in meinem Reisewagen, worin auch für Sie Platz ist, wenn Sie wollen. Ich wohne in dem und dem Gasthof. Kommen Sie vor Ihrer Abreise mit Ihrem Koffer, und wir reisen zusammen.«

»Sie scherzen. Außerdem kenne ich Sie ja nicht.«

»Ich scherze durchaus nicht; und was das Kennen anbetrifft, so sagen Sie mir, wer von uns mehr Ursache hat, den anderen kennen zu lernen. Binnen vierundzwanzig Stunden werden wir uns ausgezeichnet kennen; mehr ist nicht nötig.«

Mein Ernst und meine offenbare Aufrichtigkeit überzeugten das Mädchen, daß ich keinen Spaß machte; aber sie war sehr erstaunt. Ich meinerseits war selber überrascht, daß ich so weit gegangen war, denn ich hatte anfangs natürlich nur einen Scherz beabsichtigt. Indem ich meine kleine Abenteurerin überreden wollte, hatte ich mich selber überredet. Dieses Abenteuer schien mir nach allen Regeln eines sehr weisen dummen Streiches angelegt zu sein, und ich sah mit Vergnügen, daß sie darüber nachdachte, indem sie von Zeit zu Zeit einen Blick auf mich warf, wie wenn sie herausbringen wollte, ob ich mich über sie lustig machte. Ich glaubte ihre Gedanken zu erraten und legte sie ganz zu meinen Gunsten aus. Ich bildete mir ein, der Zufall hätte uns nur deshalb zusammengebracht, weil das Schicksal wollte, daß sie durch mich ihr Glück machen sollte. Ich zweifelte weder an ihrer Tugend noch an ihren Gefühlen, denn ich begann mich bereits ernstlich in sie zu verlieben. Um der Sache ein Ende zu machen, zog ich zwei Dukaten aus der Tasche und reichte sie ihr als Angeld auf ihren ersten Monat. Sie nahm sie schüchtern und schien überzeugt zu sein, daß ich sie nicht täuschen wollte.

Da inzwischen die Baronin sich angezogen hatte, so trat ich ein und wurde von ihr außerordentlich freundlich aufgenommen und für den nächsten Tag zum Mittagessen eingeladen, was ich aber nicht annehmen konnte, weil ich meine Abreise bereits auf Tagesanbruch angesetzt hatte. Nachdem ich die tausend Fragen einer guten Mutter beantwortet hatte, die von einem Lieblingskinde spricht, verabschiedete ich mich von der prächtigen Dame. Als ich hinausging, achtete ich nicht weiter darauf, daß das Mädchen nicht mehr im Vorzimmer war, wo ich sie kurz vorher verlassen hatte.

Ich verbrachte den ganzen Tag beim Domherrn: wir aßen gut, tranken tüchtig, spielten L’hombre und schwatzten von Mädchen oder Literatur. Am nächsten Morgen ist alles zur festgesetzten Stunde bereit: ich steige in meinen Wagen und fahre ab, ohne auch nur im geringsten an mein gestriges Abenteuer zu denken. Wir sind noch keine zweihundert Schritte gefahren, da hält der Postillon und ein Kleiderbündel fliegt in meinen Wagen: die Gouvernante ist da. Ich fand das Abenteuer köstlich, und so begrüßte ich das Mädchen herzlich, umarmte sie und ließ sie sich setzen. Dann fuhren wir weiter.

Im folgenden Kapitel wird der Leser die nähere Bekanntschaft meiner neuen Eroberung machen; für jetzt wolle er gemächlich mit mir die Dresdener Straße entlang rollen, während ich ohne Klage die Stöße des Wagens ertrage und neben mir ein Gewächs habe, dessen Früchte vielleicht ein wenig bitter für mich sein werden.

Zwanzigstes und einundzwanzigstes Kapitel1

Am Faschingssonntag nach der Oper ergab Armellina, von Scolasticas Beispiel fortgerissen, sich meiner Zärtlichkeit; am letzten Tage des Karnevals erfreute ich mich ihrer Gesellschaft noch einmal, und zwar zum letzten Male, nachdem ich als Pierrot verkleidet, zu Pferde auf dem Korso herumgeritten war, wo ich von keinem Menschen erkannt zu werden glaubte. Aber ich hatte mich geirrt. Ich hielt vor einem Triumphwagen an und war höchst überrascht, als ein als alter römischer Krieger verkleideter Herr die Zügel meines Pferdes mit der Linken festhielt und mit der Rechten einer neben ihm sitzenden weiblichen Maske, die als Königin gekleidet war, eine Feder und ein Stück Papier gab. Die Königin schrieb und reichte das Papier dem Krieger, der es mir gab, indem er zu gleicher Zeit den Zügel meines Pferdes losließ. In demselben Augenblick spielte die Musik einen Marsch, und alle Masken des Wagens warfen Hände voll Zuckerkonfetti auf mich. Hierauf folgte der Wagen der voranmarschierenden Musik. – Ich glaubte, der Zettel enthielte einen Scherz der gewöhnlichen Art; als ich ihn jedoch las, fand ich zu meiner Überraschung folgende Verse:

Pierrot audacieux, tremble! voici ton sort:
Je t’ai sauvé de Muran à Venise;
Mais cette nuit, je de condamme à mort,
Tu rendras l’âme en changeant de chemise.

Ich erriet sofort, daß der Krieger nur der Kardinal Bernis sein konnte, und daß die Königin seine schöne Fürstin sein mußte. Nur er konnte mich an Vorfälle erinnern, die sich vor siebzehn Jahren abgespielt hatten. Die Improvisation mußte daher von ihm herrühren. Ich verließ den Korso, ritt vor die Tür eines Kaffeehauses und schrieb dort vier Verse, mit denen ich auf den Korso zurückkehrte, um sie der Königin zu übergeben. Sie lauteten:

Je signe à ta sentence, adorable déesse;
Mais de ma sort laisse-moi donc le choix.
Mon crime en bon chrétien au guerrier je confesse:
J’expirerai content, mais sur la sainte croix.

Am zweiten Tage der Fasten erhielt ich von der Oberin alle notwendigen Papiere, um Scolasticas Heirat in Ordnung zu bringen. Die Fürstin und der Kardinal verwendeten sich so nachdrücklich für sie, daß sie kurz nach Ostern das Kloster verließ und sich verheiratete.

Am ersten Sonntag der Fastenzeit gab die Marquise d’Août mir und dem Florentiner ein Diner. Dieser erklärte mir, daß er ernstliche Absichten auf Armellina habe, und es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überreden, beim Abschluß dieser Angelegenheit Vaterstelle an dem jungen Mädchen zu vertreten. In acht Tagen brachte ich alles in Ordnung. Er setzte ihr eine Mitgift von zehntausend Scudi aus, die er auf der Bank des Heiligen Geistes hinterlegte. Nach Ostern heiratete er sie und reiste mit ihr nach Florenz und von dort nach England, wo sie noch jetzt glücklich lebt.

Bei dieser Gelegenheit stellte ich mich dem Kardinal Orsini vor. Er war Princeps der Akademie der Unfruchtbaren und verschaffte mir die Ehre, Mitglied derselben zu werden. Er forderte mich auf, für die erste Versammlung, die am Karfreitag stattfinden sollte, eine Ode auf das Leiden Jesu Christi zu verfassen. Um diese Ode zu dichten, entschloß ich mich einige Tage auf dem Lande zu verbringen und wählte Frascati, wo ich als Einsiedler leben zu können glaubte. Ich hatte Mariuccia mein Wort gegeben, ihr einen Besuch zu machen. Sie hatte mir versichert, daß ich mich freuen würde, ihre Familie kennen zu lernen, und ihre Worte hatten mich neugierig gemacht. Drei Wochen vor Ostern reiste ich ab; ich kam in der Dämmerung in Frascati an, und als ich am nächsten Morgen einen Perückenmacher holen ließ, sah ich Mariuccias Mann vor mir, der mich sofort erkannte. Er sagte mir, er habe einen Kornhandel, mache sehr gute Geschäfte und betreibe sein Gewerbe als Friseur nur zu seinem Vergnügen. Hierauf bot er mir ein Zimmer an und lud mich ehrerbietig zum Essen ein. Ich war sehr überrascht, als er mir sagte, er werde mir meine Tochter vorstellen, die er in der Taufe Giacomina genannt habe. Ich hielt es nicht für angebracht, eine solche Möglichkeit zuzugeben, sondern lachte und sagte ihm, es sei nicht möglich; er antwortete mir aber kaltblütig, ich würde selber die Nichtigkeit seiner Behauptung zugeben, wenn ich das Mädchen sähe. Natürlich wurde ich nun sehr neugierig: schon wieder eine Geschichte, die recht eigentümliche Folgen haben konnte. Jedenfalls konnte aber das Mädchen nur ein Kind von neun oder zehn Jahren sein, und meine Vaterschaft mußte sehr zweifelhaft sein, denn der Friseur hatte Mariuccia vier Wochen nach meiner ersten zärtlichen Unterhaltung mit ihr geheiratet.

Als ich dann aber beim Mittagessen das Gesicht des Mädchens sah, war ich betroffen. Sie hatte alle meine Züge, nur zur Schönheit verfeinert, und war viel schöner als meine Sophie, die ich bei ihrer Mutter, Teresa Pompeati, in London zurückgelassen hatte.

Giacomina war sehr groß für ihr Alter und sehr gut gewachsen. Ich beachtete sie nur wenig, aber ich bemerkte, daß sie mich schweigend sehr aufmerksam musterte. Ich benutzte den ersten günstigen Augenblick, um Mariuccia zu fragen, mit welchem Grunde ihr Mann mir habe sagen können, daß Giacomma meine Tochter sei, und sie antwortete mir in einem Ton, wie wenn das etwas ganz Selbstverständliches wäre: er sei dessen ebenso sicher wie sie selber. Dies hindere ihn aber nicht, Giacomina mehr zu lieben als alle ihre anderen Kinder.

»Aber die Kleine weiß doch nicht, daß sie nicht die Tochter deines Mannes ist?«

»Selbstverständlich nicht. Solche Geheimnisse vertraut man doch keinem Kinde an.«

Ich fand Mariuccias Haus sehr sauber, und da das Zimmer, das ihr Gatte mir anbot, mir gefiel, so erklärte ich mich damit einverstanden, daß er meine Koffer aus dem Gasthof hinüberschaffen ließ.

Als wir miteinander allein waren, sagte Mariuccia mir, ich würde mit einer Frau speisen, die noch Jungfer wäre. Man nenne sie Signora Veronica, und sie leite eine Zeichenschule, die von Giacomina besucht werde. »Giacomina macht ganz erstaunliche Fortschritte«, sagte sie. »Veronica wird mit ihrer angeblichen Nichte kommen; das Mädchen ist hübsch und sehr geschickt und Giacominas beste Freundin; sie ist dreizehn Jahre alt. Ihre Tante kennt dich noch viel besser als deinen Bruder Zanetto. Wir haben viel von dir gesprochen, und sie wird angenehm überrascht sein, wenn sie dich sieht.«

Sie war allerdings überrascht, als sie mich erblickte, aber nicht so sehr wie ich, als ich ihre Nichte sah, die meinem Bruder auf eine höchst indiskrete Art ähnelte. Ich erriet alles. Signora Veronica, die bei Tisch neben mir saß, erzählte mir, das junge Mädchen sei die Tochter ihrer verstorbenen Schwester; nach Tisch aber sagte sie mir, ich würde ihr Schwager sein, wenn mein Bruder ein Ehrenmann gewesen wäre. Sie konnte nicht deutlicher sprechen, um mich sofort auf den Gedanken zu bringen, daß ihre angebliche Nichte ihre Tochter und daß ich selber deren Oheim war. Als ich diese Nachricht hörte, fühlte ich mich sofort entschlossen, diese Nichte zu lieben, und ich fand es spaßhaft und außerordentlich, daß eine gewisse Rachsucht mich zu dieser Liebelei trieb. Kennern der Natur, die gelehrter sind als ich, überlasse ich es, derartige Erscheinungen zu erklären. Meine hübsche Nichte hieß Guglielmina, und während des Essens fand ich immer mehr, daß sie reizend war. Giacomina sprach nur sehr wenig, aber sie schien mir viel zu denken. Nach Tisch ging ich allein in den Park der Villa Ludovisi, um einen Spaziergang zu machen.

Welche Gedanken strömten auf mich ein, als ich mich wieder an dem Ort sah, den ich vor siebenundzwanzig Jahren mit Donna Lucrezia besucht hatte! Der Ort war noch da, und ich fand ihn noch schöner als früher; ich selber war aber nicht nur nicht mehr der gleiche, sondern ich fand auch meine Kräfte in jeder Beziehung herabgemindert, ausgenommen allein meine Erfahrung, die mir aber keinen Ersatz bieten konnte. Daß ich meine Vernunft besser zu brauchen wußte als früher, war ein erbärmlicher Gewinn, denn die Anwendung dieser Gabe führte mich nur zur Traurigkeit, der unbarmherzigen Mutter der Gedanken an den Tod, dem wie ein Stoiker ins Auge zu sehen ich nicht die Kraft hatte. Zu dieser Selbstüberwindung bin ich niemals imstande gewesen und werde ich nie imstande sein. Diese Schwachheit hat mich niemals feige gemacht, trotzdem aber habe ich ihre Ursache verabscheut und habe niemals begreifen können, wie ein denkender Mensch gleichgültig gegen den Tod sein kann.

Wie immer scheuchte ich diese düsteren Gedanken von mir, indem ich mir sagte, daß ich mit Ausnahme der Corticelli alle von mir geliebten Mädchen glücklich gemacht hatte. Lucia von Paseano hatte nur darum ein Ende in Schmach und Schande gefunden, weil ich sie aus einem von meiner Erziehung herrührenden Vorurteil geschont hatte. Sie fiel einem erbärmlichen Lakaien zur Beute, der sie in den Abgrund stürzen mußte.

Als es dämmerig wurde, ging ich nach Hause, wo ich bis zum Abendessen auf meinem Zimmer blieb. Vergebens arbeitete ich vier Stunden lang an meiner Ode über die Erlösung, die ich dem Kardinal Orsini versprochen hatte. Eine Ode zu dichten, ist ein Unternehmen, das nicht vom Willen des Dichters abhängt. Sie kann weder seinem Kopf noch seiner Feder entspringen, wenn Apollo ihm keine Gedanken schickt. An diesem Tage aber spottete Apollo meiner; denn indem ich ihn anrief, dachte ich an Guglielmina, an der dem Gott nichts lag. Zu Abend aß ich mit Clemente und seiner Frau, die in anderen Umständen war. Er hoffte auf einen Jungen, und ich konnte nichts Besseres tun, als ihm die Erfüllung seiner Hoffnung wünschen.

Er ließ mich mit seiner Frau allein. Dies war von seiner Seite eine große Höflichkeit; ich fand sie jedoch in diesem Augenblick zu bürgerlich. Ich verbrachte eine sehr angenehme Stunde mit ihr, aber wir taten während der gangen Zeit nichts als plaudern. Mariuccia war ganz durchdrungen von ihrem Glück, und da sie dieses mir zu verdanken glaubte, so mußte sie mich anbeten; deshalb brauchte sie mich aber nicht mehr zu lieben. Das sind Naturgefühle, die nichts kosten; aber je mehr man hat, desto weniger ist es. Ich sah, daß Manuccia mir zur Verfügung stand, aber mich verlangte nur nach Guglielmina. Meine Freundin sagte mir: »Ihre Tante hat sie bei Giacomina gelassen. Sie sind da oben und liegen im selben Bett. Ich bin überzeugt, sie liegen im tiefsten Schlaf; wollen wir sie uns ansehen?«

»Gern; aber wir dürfen sie nicht aufwecken.«

Auf den Fußspitzen betraten wir das Zimmer. Ich sah zwei Betten; in dem einen schliefen ihre beide jungen Töchter; in dem anderen sah ich Guglielmina und meine Tochter. Beide lagen auf dem Rücken und schliefen; beide waren hübsch und hatten rosige Wangen, wie man sie bei Knaben und Mädchen oft nur im Schlafe sieht. Die Decke lieh die Brüste der beiden Kinder frei; die meiner Tochter war glatt, aber auf dem Busen der anderen sah ich zwei Erhebungen, gleich jenen auf der Stirne eines Kalbes, dem die Hörner sprießen wollen. Von ihren Händen und Unterarmen war nichts zu sehen. Welch wundervoller Anblick! Manuccia lachte über meine Bewunderung. Aber sie wollte diese noch vermehren und zog langsam die Decke herunter. Da sah denn meine begehrliche Seele ein Gemälde, das ich leicht hatte erraten können und das mir daher nicht neu zu sein brauchte. Die beiden unschuldigen Kinder ließen ihre rechte Hand auf dem Unterleib ruhen; die etwas gekrümmten Finger bedeckten die Zeichen ihrer eben erwachenden Mannbarkeit. Der Mittelfinger war noch etwas mehr gekrümmt als die anderen und ruhte unbeweglich auf einer kaum wahrnehmbaren Rundung rosigen Fleisches. Dies war der einzige Augenblick in meinem Leben, wo ich ganz deutlich die wirkliche Denkweise meiner Seele erkannte. Ich empfand ein köstliches Grauen, und dies freute mich. Dieses neue Gefühl zwang mich mit meinen eigenen zitternden Händen die beiden nackten Leiber wieder zuzudecken. Mariuccia war nicht imstande, die Größe des Verrates zu begreifen, den wir begangen hatten. Sie hatte, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, das größte Geheimnis zweier unschuldiger Seelen gerade in dem Augenblick verraten, wo sie sich vollkommen sicher glaubten. Wären sie in dem Augenblick aufgewacht, wo ich mich an ihrer schönen Stellung weidete, sie hätten vor Schmerz sterben können. Nur eine vollständige Unwissenheit hätte sie unbedingt vor solchem Schicksal beschützt, aber diese konnte ich ihnen nicht zutrauen.

Ich verließ zuerst das Zimmer, und Mariuccia geleitete mich nach dem meinigen, wo es zu etwas kam, was sicherlich nicht eingetreten wäre, wenn ich nicht jenes köstliche Gemälde gesehen hätte. Mariuccia faßte es jedoch nicht als Strafe auf, sondern vielmehr als eine Belohnung für das Vergnügen, das sie mir verschafft zu haben glaubte. Ich beließ sie bei ihrem Glauben, und sie ging auf ihr Zimmer, um sich zu ihrem Mann ins Bett zu legen. Ich hatte nicht beabsichtigt, sie wieder zu lieben; aber wenn sie mich nicht beruhigt hätte, würde ich nicht haben einschlafen können.

Ich erwachte, als der Morgen graute, und als ich an meine Ode dachte, mußte ich lachen. Ich fand, daß ich Guglielminas Sklave geworden war: ich hätte nur auf sie Verse machen können. Cupido bekämpfte mit seinen Pfeilen einen traurigen Apoll, der nur an den schmerzensreichen Tod unseres Heilands denken wollte. Als Clemente gerade dabei war, mir meine Haare zu machen, traten die beiden reizenden Freundinnen ein. Giacomina brachte mir auf einem Untersatz meine Schokolade. Die andere hielt eine Papierrolle in der Hand. Auf ihren schonen Zügen malten sich Fröhlichkeit, Unschuld und Vertrauen. Wenn sie gewußt hätten, was in der Nacht vorgefallen war, so hätten sie nicht gewagt, sich vor mir sehen zu lassen. Guglielmina würde es selbst dann nicht gewagt haben, wenn man ihr gesagt hätte, daß ich infolge des gehabten Anblicks mich bis zur Raserei in sie verliebt hätte. Das erste Gefühl eines Mädchens, das wirklich von Natur Geist hat, ist Koketterie, denn dieses ist das einzige, das ihr die Sicherheit gibt, einen Liebhaber beständig zu machen. Guglielmina mit ihren dreizehn Jahren würde mich gehaßt haben, wenn sie erfahren hätte, daß meine Augen sich bereits ohne ihren Willen in ihren Besitz gesetzt hatten. Meine Tochter, die erst neun Jahre alt war, konnte noch nicht so reife Ideen haben.

Ich bat sie, mir die Erzeugnisse ihres Bleistiftes zu zeigen, und nach einigem Sträuben überließ sie mir das Heft. Es waren fast lauter nackte Gestalten von Männern und Weibern, Statuen und Kindergruppen. Alles war hübsch, alles war nach ausgezeichneten Vorbildern kopiert: Der Apoll von Belvedere, Antinous, Herkules und Tizians liegende Venus, die ihre Hand auf derselben Stelle hält, wo ich die der guten Mädchen gesehen hatte. Hierüber erhob sich zwischen Guglielmina und meiner Tochter ein Streit, der mir das größte Vergnügen machte, weil er mich in ihrer Seele lesen ließ.

Meine Tochter wollte mir nicht erlauben, bei der Betrachtung dieser Venus länger zu verweilen, und Guglielmina lachte sie deswegen aus und behauptete, ich dürfte im Gegenteil den Antinous und Apollo nicht näher betrachten, denn da ich ein Mann wäre, könnte ich an diesen Zeichnungen nichts Neues finden: sie dagegen dürfte nicht wissen lassen, daß sie es gewagt hätte, diese Zeichnungen zu machen. Dieser Wortwechsel erfüllte meine ganze Seele mit Wonne; als sie mich jedoch als Schiedsrichter anriefen, da geriet ich in Verlegenheit. Endlich sagte ich ihnen: »Ich weiß nicht, wer von euch beiden recht hat; aber wenn ich nach dem Vergnügen urteile, das eure Zeichnungen mir machen, so muß ich euch sagen, daß die Venus mich mehr interessiert als der Antinous.«

Scherzhafterweise glaubten beide den Sieg davongetragen zu haben, und Guglielmina wollte von einer ausführlichen Erläuterung nichts hören. Mein ganzes Leben legte ich auf solche Kleinigkeiten den höchsten Wert, denn sie bahnten mir oft den Weg zu den Herzen, die ich erobern wollte.

Sie gingen in die Schule. Ich zog mich an und machte dann der Signora Veronica einen Besuch. Ich sah bei ihr sieben oder acht ganz junge Mädchen, von denen aber keine meine Gedanken von Guglielmina abwendig machen konnte. Um einen Grund zu haben, bat ich die Lehrerin, mein Miniaturbildnis zu machen. Da sie nicht reich war, so war sie natürlich hoch erfreut, sechs Zechinen verdienen zu können. Am nächsten Tage versprach ich Guglielmina ebenfalls sechs Zechinen, wenn sie eine Bleistiftzeichnung machen wollte, die mich in Schlafrock und Nachtmütze darstellte. Um diese Zeichnung zu machen, mußte sie sehr früh zu mir kommen. Da sie am nächsten Tage zu lange auf sich warten ließ, sagte Giacomina zu ihr, sie müsse bei ihr über Nacht bleiben; ihre Mutter Mariuccia stimmte ein, und es kostete keine Mühe, die Tante zur Einwilligung zu bewegen. Von diesem Augenblick an hoffte ich auf alles. Am vierten Tag meines Aufenthaltes in Frascati kam Guglielmina allein zu uns zum Abendessen, und um meiner lieben Giacomina H77 jeden eifersüchtigen Gedanken zu benehmen, kaufte ich von ihrem Vater eine goldene Uhr mit Agraffe und schenkte sie ihr. Die Kleine war ganz außer sich vor Freude und überschüttete mich, um mir ihre Dankbarkeit zu bezeugen, mit solchen Liebkosungen, daß es mir große Mühe kostete, diese mit der Miene eines Vaters hinzunehmen. Im ganzen Städtchen flüsterte man sich ins Ohr, ich sei ganz gewiß ihr Vater, und Mariuccia und ihr Mann hatten durchaus nichts dagegen, daß man dies glaubte. Auch Giacomina selber ahnte es, aber sie wußte nicht, wie sie die Gedanken deuten sollte, die ihr durch den jungen Kopf schossen. Als ich mich niedergelegt hatte, forderte ich sie auf, in mein Bett zu kommen. Sie tat dies tapfer und lachte die weiterblickende Guglielmina aus, die es nicht wagte, dasselbe zu tun. Ich begnügte mich damit, meiner Tochter zärtliche Küsse auf ihre schönen Augen und ihren Mund zu drücken. Guglielmina stand dabei und lachte über dieses Getändel. Ich sagte nachlässig zu ihr, vier Jahre machten keinen Unterschied, und wenn sie an Giacominas Platz wäre, würde ich sie ebenfalls nur wie ein Kind behandeln. Diese Art von Verachtung übte nach drei oder vier Tagen endlich die unvermeidliche Wirkung aus. Ich gab ihr sechs Zechinen für ihre Zeichnung, die von ihrer Tante durchgearbeitet wurde, und an demselben Abend legte sie sich neben mich, während meine Tochter an meiner anderen Seite lag. Diese war entzückt, als sie sah, daß ich ihre Freundin genau so behandelte wie sie selber: ich gab ihr harmlose Küsse, und dabei blieb es. Als sie müde waren, gingen sie in ihr Zimmer, um sich zu Bett zu legen; ich war jedoch überzeugt, daß Guglielmina meinen Küssen ernstliche Absichten angemerkt hatte, die ich nur unterdrückte. Am nächsten Morgen erzählten sie, bevor sie zur Schule gingen, in meiner Gegenwart Mariuccia, wie sie mich vor dem Schlafengehen in meinem Bett zur Verzweiflung brächten. Die gute Frau lachte; sie wußte schon wie die Sache endigen würde.

Drei oder vier Tage darauf schlief Giacomina ein oder tat wenigstens so; nach einigen Minuten folgte Guglielmina ihrem Beispiel und ließ mich alles machen, was ich wollte, allerdings nur bis zu einem gewissen Grade, denn plötzlich glaubte sie aufwachen zu müssen. Sie erblickte mich jedoch in einer so ruhigen Haltung, daß sie es für angebracht hielt, sich nicht zu beklagen. Sie wollte in mir den Glauben erwecken, daß sie eingeschlafen sei und ganz und gar nichts bemerkt habe. Nachdem sie Giacomina geweckt hatte, entfernten sich die beiden Mädchen. Am nächsten Morgen schenkte ich ihr einen Ring, der wenigstens fünfzig Taler wert war. Beim Abendessen dankte die Tante mir vielmals dafür. Da die Zeichnung fertig war, machte sie den Vorschlag, ihre angebliche Nichte mit nach Hause zu nehmen, und ich hatte große Furcht, daß sie es wirklich täte. Meine Tochter widersetzte sich aber dieser Absicht mit heißen Tränen, und Signora Veronica gab lachend nach. Sie sagte mir, ich hätte recht, daß ich ihre Nichte liebte, und ebenso recht hätte Giacomina, daß sie ihre Freundin liebte. Sie glaubte ein unlösbares Rätsel gelöst zu haben.

Als sie fort war, blieben die jungen Mädchen mit mir allein und ließen sich zu einem warmen Punsch einladen. Als sie mich in meinem Bette sahen, kamen sie zu mir, um mich zur Verzweiflung zu bringen, wie sie sagten. Meine Tochter schlief sofort fest ein, ich aber brachte es nicht übers Herz, meine liebe Guglielmina zum zweiten Male zu nötigen, zu solcher Kriegslist ihre Zuflucht zu nehmen. Ich sah klar und deutlich, daß ich auf ihre Zärtlichkeit rechnen konnte, und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich erklärte ihr meine Liebe in den innigsten Ausdrücken und wartete ihre Antwort nicht ab, aber an das große Werk machte ich mich erst, als ich ihre Seufzer hörte. Sie gab sich mir hin, ohne sich darum zu bekümmern, daß Giacomina sich aufgerichtet hatte und aufmerksam und erstaunt dem zusah, was wir machten. Nach dem Ende des süßen Liebeskampfes überschütteten wir Giacomina mit unseren Zärtlichkeiten, und es kostete uns keine Mühe, sie Verschwiegenheit schwören zu lassen; aber sie verlangte alles zu wissen und ganz aus der Nähe zu sehen, wie es dabei herginge. Während der nächsten Nacht mußten wir ihre ganze Neugier befriedigen. Vergebens versuchte ich sie zu überzeugen, daß ich sie wegen ihrer Jugend unmöglich ebenso behandeln könnte wie ihre Freundin: sie verlangte von mir den Beweis. Ich empfand inniges Mitleid mit ihr, und Guglielmina hielt sich schließlich für verpflichtet, ihr zu sagen, sie sei wahrscheinlich meine Tochter, und ich dürfe mich nicht in die Gefahr begeben, möglicherweise eine Schändlichkeit zu begehen, die uns beide für unser Leben lang unglücklich machen würde. Dieser Gedanke erfüllte sie mit Entsetzen; sie wurde vernünftig und löschte ihr Feuer so gut sie konnte. Was sie, von der Natur getrieben, mit sich vornahm, mußte meine Wollust noch erhöhen, und Guglielmina konnte an diesen Tändeleien keinen Anstoß nehmen, denn sie selber hatte am meisten Vorteil davon.

Am nächsten Tage trat ein sehr glückliches Ereignis ein, wie ich bereits mehrere erlebt hatte, die mich in einem gewissen Aberglauben bestärkt hatten: bei Tisch erinnerte Mariuccia mich daran, daß sie in Rom das Glück gehabt hatte, mir eine Nummer zu geben, die im Lotto herausgekommen wäre, und der ganzen Gesellschaft einen Gewinn verschafft hätte. Giacomina sagte, sie hätte eine ganz sichere Nummer, und nannte, bevor wir sie noch darnach gefragt hatten, die Zahl siebenundzwanzig. Mariuccia stieß einen Schrei aus; sie erinnerte sich ebensogut wie ich selber, daß die Nummer, die sie mir vor zehn Jahren gegeben hatte, ebenfalls die siebenundzwanzig war.

Mehr war nicht nötig; ich erklärte, ich würde sie sofort spielen, aber Clemente sagte, in Frascati könne man nicht mehr spielen, sondern müsse die Nummern in Rom setzen. Die Ziehung fand am übernächsten Tage statt. Ich befahl sofort, einen sicheren Mann nach Rom zu schicken, und Clemente sagte, er werde selber gehen. Ich bestärkte ihn in dieser Absicht, und er bestellte sofort ein Pferd und zog sich Reitkleider an.

Ich bestimmte fünfundzwanzig Scudi auf Auszug zu gemeinsamem Spiel für fünf Personen, nämlich Mariuccia, Clemente, Giacomina, Guglielmina und die Signora Veronica. Weitere fünfundzwanzig Scudi gab ich für mich selber und bestimmte, daß sie auf den Auszug an zweiter Stelle gesetzt werden sollten. Ich gab Clemente die fünfzig Taler, und dieser ritt unverzüglich ab, indem er versprach, zum Abendessen wieder zurück zu sein.

Mariuccia sagte, sie sei sicher, daß sie gewinnen werde, aber ihre Tochter zeigte sich traurig. Sie sagte: »Wir werden gewinnen und Sie nicht! Warum soll denn diese Nummer nach Ihrer Meinung als zweite und nicht als erste, dritte, vierte oder fünfte herauskommen?«

»Weil es mir Spaß macht, dem Glück ganz und gar zu vertrauen; weil man mir zum zweitenmal die Zahl siebenundzwanzig und weil ich fünfmal mehr gewinnen will als die anderen.«

»Aber die Schwierigkeit ist auch fünfmal so groß, ich glaube, Ihre Berechnung ist nicht richtig!«

»Wenn die 27 als zweiter Auszug herauskommt, nehme ich euch alle mit mir nach Rom und behalte euch die ganze Osterwoche da.«

»Gott gebe, daß sie herauskommt!«

Clemente war um elf Uhr zurück und gab mir meinen Zettel, während er den anderen behielt. Nach dem Essen flüsterte Mariuccia mir ins Ohr, sie habe nicht versäumt, mir neue Bettücher zu geben. Ich dankte ihr, indem ich sie zärtlich umarmte und ihr versicherte, daß wir nach Rom gehen würden.

Guglielmina war mein Engel geworden. In dieser zweiten Nacht fand ich sie so verliebt, daß ich meinem Bruder alle seine Dummheiten verzieh; ich wünschte ihn noch in Rom zu treffen, um ihm meine Erkenntlichkeit zu bezeigen und ihm dafür zu danken, daß er zum Troste für meine Seele dieses Kleinod geschaffen hatte. Guglielmina seufzte in meinen Armen, indem sie an den grausamen Augenblick dachte, wo ich sie verlassen würde. Ich glaubte ihr versprechen zu können, daß ich sie heiraten würde, wenn ihre Tante damit einverstanden wäre. Sie antwortete mir, sie sei gewiß, daß ihre Tante ihre Zustimmung geben würde, aber ich war vom Gegenteil überzeugt. Die arme Kleine wußte nicht, daß sie die Tochter meines Bruders war.

Aber oh, welche Wonne, als man am zweiten Tage darauf die fünf Nummern der römischen Lotterie angeschlagen sah! Der zweite Auszug war die 27. Giacomina fiel mir um den Hals und nach ihr die ganze Familie. Signora Vcronica wußte gar nicht, wie sie ihre Dankbarkeit aussprechen sollte. Dank meinem Einfall sah sie sich im Besitz von hundertundfünfzig Scudi, während auf Clemente und seine Familie zweihundertfünfundzwanzig entfielen. Ich selber hatte achtzehnhundertfünfundsiebzig Scudi gewonnen, und diese Summe konnte mir nicht gleichgültig sein: denn nach den Ausgaben des Karnevals näherte sich mein Schatz seinem Ende.

Der römische Scudo ist soviel wie eine halbe Zechine, Meine Tochter brachte die ganze Gesellschaft zum Lachen, als sie mich fragte, warum ich denn nicht die Nummer für alle Beteiligten auf zweiten Auszug gespielt hätte. Clemente umarmte mich und gestand mir, er habe ebenfalls zehn Taler auf den zweiten Auszug gesetzt. Er gewann dadurch siebenhundertundfünfzig Scudi, wozu ich ihm von ganzem Herzen Glück wünschte.

Ich hielt mein Wort, sie die ganze Osterwoche auf meine Kosten in Rom verbringen zu lassen, doch entschuldigten Veronica und Clemente sich; sie, weil sie nicht von ihrer Schule, und er, weil er nicht von seinem Laden fort konnte. Die Gesellschaft bestand also aus Mariuccia, Giacomina, Guglielmina und mir, und wir machten uns am Sonntag Morgen bei der ersten Dämmerung auf den Weg.

Welche Wonne war es für mich, mich von diesen drei lieben Geschöpfen angebetet zu sehen! Diese schönen Augenblicke in meinem Leben machten mich hundertmal glücklicher, als die bösen Augenblicke mich unglücklich machten.

Ich nahm die drei mit in meine Wohnung, ohne mich darum zu kümmern, daß Margherita ein schiefes Gesicht zog, als ich ihrer Mutter befahl, in dem Nebenzimmer, wo Zerutti gewohnt hatte, zwei Betten aufzuschlagen. Nachdem ich Margheritas Mutter befohlen hatte, bis zum zweiten Ostertage jeden Mittag und Abend für fünf Personen anzurichten, nahm ich einen Wagen von Roland und fuhr mit ihnen nach dem Petersdom sowie im Laufe der Osterwoche nach allen Sehenswürdigkeiten Roms. Margherita beruhigte sich, weil ich ihr das Vergnügen machte, sie mit uns speisen zu lassen, und sie konnte nichts dagegen einwenden, als ich ihr sagte, während der nächsten acht Tage könnte ich sie nach dem Abendessen nicht mein Zimmer betreten lassen. Ich ließ sie bei ihrem Glauben, daß Signora Mariuccia meine Bettgenossin sein würde. Als sie Giacomina sah, konnte sie ohne Schwierigkeiten erraten, daß sie meine Tochter war und daß ich zehn Jahre vorher ihre Mutter geliebt haben mußte. Was sie über Guglielmina dachte, war mir einerlei. Nach dem Abendessen ging Mariuccia zu Bett, und die beiden jungen Mädchen kamen in mein Zimmer, wie sie es in Frascati getan hatten. Ich verbrachte acht sehr glückliche, aber auch sehr kostspielige Tage, denn ich gab für Kleiderstoffe, Wäsche und Schmucksachen aller Art mehr als vierhundert Zechinen aus. Ich vergaß auch die Signora Veronica nicht; die Geschenke, die ich für diese gekauft hatte, nahm Guglielmina mit.

In der Nacht des Gründonnerstags verfaßte ich die Ode, die ich am nächsten Tage in der Versammlung der Unfruchtbaren vortrug. Ich sah dort den Kardinal Bernis und den Kardinal Giambattista Rezzonico, der mich um eine Abschrift meiner Ode bat. Ich trug diese aus dem Gedächtnis vor und vergoß dabei einen Strom von Tränen. Alle Akademiker weinten. Das richtige Mittel, um andere zum Weinen zu bringen, ist, selber zu weinen; aber dann muß das eigene Antlitz den Ausdruck tiefen Schmerzes tragen, ohne zur Grimasse zu werden. Mein Gesicht hatte diesen Ausdruck, und wenn ich Verse sprach, nahm es den Charakter an, der dem behandelten Gegenstande angemessen war. Dies ist noch jetzt so. Kardinal Bernis, der meine Denkweise kannte, sagte mir vier Tage später, er habe mich niemals für einen so großen Schauspieler gehalten. Ich schwor ihm, daß ich in jenem Augenblick wirklich so gefühlt hätte; nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, gab er zu, daß dies wohl möglich sein könnte.

Am zweiten Ostertag führte ich Mariuccia und die beiden Mädchen nach Frascati zurück. Guglielminas Verzweiflung schnitt mir in die Seele.

Ich aß in Mariuccias Hause zu Mittag und zu Abend und schlief dort zum letzten Male. Signora Veronica war sehr gerührt von meiner Freigebigkeit, als Guglielmina alle für sie bestimmten Sachen vor ihr ausbreitete; aber sie betrübte mich tief, als ich am nächsten Tage eine Stunde vor meiner Abreise zu ihr ging, um mich zu verabschieden. Sie nahm mich beiseite und sagte mir: Bei dem Anblick von Guglielminas Tränen könne sie sich des Gedankens nicht erwehren, daß ich sie verliebt gemacht hätte. Nachdem sie sich in allerhand traurigen Gedanken ergangen hatte, forderte sie mich auf, ihr auf mein Ehrenwort zu sagen, ob zwischen uns beiden etwas Ernstliches vorgefallen wäre. Ich versicherte ihr auf mein Ehrenwort, daß Guglielminas Tränen nur von einer Liebe herrühren könnten, die aus der Dankbarkeit entsprungen wäre, und Veronica schien damit zufrieden zu sein.

Kann man einen Ehrenmann unter Berufung auf seine Ehre auffordern, ein Geheimnis preiszugeben, das zu enthüllen die Ehre ihm verbietet? Gott weiß, was ich bei dieser grausamen Trennung litt! Alle Trennungen sind furchtbar, und die letzte scheint stets noch schlimmer zu sein als alle vorhergehenden. Ich wäre hundertmal gestorben, wenn Gott mir nicht eine gute Seele gegeben hätte, die sich leicht mit den Tatsachen abfand und sich in wenigen Tagen beruhigte. Man hat unrecht, wenn man das Vergessen nennt. Vergessen rührt von Schwachheit her; um sich zu beruhigen, indem man einen Ersatz unterschiebt, ist eine Kraft nötig, die man zu den Tugenden rechnen kann. Übrigens ist Guglielmina glücklich geworden. Sie wurde ein Jahr darauf die Frau eines Malers, der sich noch heute durch seine Leistungen auszeichnet. Clemente berichtete mir über sie, so oft ich neugierig war und an ihn schrieb. Er wurde reich und kehrte sieben oder acht Jahre später nach Rom zurück, wo er sich mit einem Kornhändler zusammen tat, der Giacomina heiratete. Diese Ehe war jedoch nicht glücklich. Sie wurde schon mit zwanzig Jahren Witwe und verließ Rom mit einem Grafen aus Palermo, der sie nach dem Tode seiner Frau heiratete.

Als ich im Jahre 1783 Venedig verließ, hätte Gott mich nach Rom, Neapel, Sizilien oder Parma führen sollen, und ich würde allem Anschein nach ein glückliches Alter gehabt haben. Mein Genius aber, der immer recht hat, führte mich nach Paris, um meinen Bruder Francesco zu retten, der, von Schulden überladen, in Gefahr war, in das Gefängnis des Temple gesetzt zu werden. Ich rühme mich nicht damit, daß er mir seine neue Existenz verdankt, aber ich bin glücklich, ihm dazu verholfen zu haben. Wenn er mir dankbar wäre, würde ich mich für belohnt halten; mir ist es recht, daß er eine Verpflichtung gegen mich trägt, die er von Zeit zu Zeit gewiß sehr schwer findet. Eine größere Strafe verdient er nicht. Heute, im dreiundsiebzigsten Jahre meines Lebens, habe ich weiter nichts nötig, als daß ich in Frieden lebe, und daß kein Mensch sich einbilden kann, Ansprüche auf meine moralische Freiheit machen zu können; denn eine solche Einbildung müßte unbedingt von einer Tyrannei begleitet sein.

Nach dem etwas gar zu ausgelassenen Ausflug nach Frascati verbrachte ich sechs Wochen in Rom ohne jede neue Liebschaft. Ich verkehrte im Hause Santa-Croce und in meiner Akademie der Arkadier. Margherita, die mich stets zu erheitern wußte, genügte mir.

Zu jener Zeit kam Pater Stratico, der jetzige Bischof von Lesina, dem ich die Bekanntschaft der schönen Marchesa Chigi in Siena verdankte, nach Rom, um die Würde eines Magisters zu erwerben; dies ist das Doktorat der Dominikaner-Mönche. Ich hatte das Vergnügen, bei der Prüfung zugegen zu sein, die er ablegen mußte, um die Würde eines vollgültigen Theologen zu erhalten. Die Theologen, die ihn prüften, waren vier an der Zahl; außerdem war der Ordensgeneral anwesend. Die Mönche sind sehr streng: sie legen dem Kandidaten die schwierigsten Fragen der ganzen Theologie zur Lösung vor; anscheinend glaubten sie, ihrem General nur dann sehr gelehrt zu erscheinen, wenn sie den Prüfling in Verlegenheit setzen. Sollte dieser zufällig gelehrter sein als sie, so muß er sich wohl in acht nehmen, dies merken zu lassen; denn sie lassen ihn ohne Gnade durchfallen, und gegen ihr Urteil gibt es keine Berufung. Was aber theologische Wissenschaft bedeutet, wird mein Leser ohne Zweifel wissen. Ich war sehr neugierig auf diese lächerliche Doktorprüfung, über welche Stratico selber sich im geheimen lustig machte, und ging am Morgen zu ihm. Ich glaubte ihn mit dem heiligen Thomas in der Hand und mit dem Studium der Kirchenväter beschäftigt zu finden; statt dessen galt seine ganze Aufmerksamkeit einer Partie Pikett, die er mit einem anderen Mönch spielte, der auf das Glück fluchte.

»Ich glaubte,« sagte ich zu ihm, »Sie in das Studium vertieft zu finden.«

Er antwortete mir: »Oportet studuisse.«

Ich verließ ihn, indem ich ihm sagte, ich würde Augenzeuge seines Kampfes sein, wo ich mit besonderer Freude den berühmten Mamocchi zu hören gedächte. Ach, welche Leiden mußte ich ausstehen! Der Prüfling saß nicht auf seinem Schemel, sondern geradezu auf einer Folterbank wie ein Verbrecher. Er mußte die Beweisgründe seiner vier Henker in aller Form widerlegen, und diese machten sich ein ganz besonderes Vergnügen daraus, ihren Schlußfolgerungen Voraussetzungen vorauszuschicken, die gar kein Ende nahmen. Ich fand, daß sie alle unrecht hatten, denn einer war noch abgeschmackter als der andere; aber ich wünschte ihnen Glück dazu, daß es mir nicht erlaubt war, zu sprechen. Ohne Theologe zu sein, schmeichelte ich mir, daß ich sie alle mit Gründen der gesunden Vernunft zerschmettert haben würde. Aber ich täuschte mich: Die gesunde Vernunft hat mit der ganzen Theologie nichts zu tun, am allerwenigsten mit der spekulativen. Stratico bewies mir dies mit philosophischen Gründen noch an demselben Tage in einem Hause, in das er mich mitnahm, um zu Abend zu speisen.

Sein Bruder, der Professor der Mathematik an der Universität Padua, traf zu derselben Zeit in Rom ein; er kam mit dem jungen Cavaliere Morosini, dessen Hofmeister er war, von Neapel. Er hatte bei einem der unvernünftigen Spazierritte, an denen sein zügelloser Zögling ihn teilzunehmen zwang, ein Bein gebrochen und kam nach Rom, um sich dort völlig heilen zu lassen. Die Gesellschaft dieser Brüder Stratico, die beide ehrenhaft, gelehrt und vorurteilsfrei waren, machte mir die größte Freude. Als sie abgereist waren, verließ ich ebenfalls Rom, wo ich, mein Leben genossen, aber zuviel Geld ausgegeben hatte. Ich ging nach Florenz, nachdem ich mich von allen meinen Bekannten verabschiedet hatte, besonders von dem Kardinal, der immer noch hoffte, daß Ludwig der Fünfzehnte ihn nach Versailles zurückrufen würde.

Dies ist das tragische Geschick aller derjenigen, die an einem großen Hofe Minister gewesen sind und sich dann genötigt sehen, anderswo zu leben, wo sie keine amtliche Stellung einnehmen oder nur eine solche, die sie von den Ministern abhängig macht, deren Vorgänger sie waren. Weder Reichtum noch Philosophie, weder Ruhe noch ein anderes Glück kann sie trösten; sie schmachten und seufzen und leben nur in der Hoffnung, daß man sie doch noch wieder rufen werde. Wir finden daher in der Weltgeschichte mehr Herrscher, die dem Thron entsagt haben, als Minister, die freiwillig auf ihr Amt verzichteten. Diese Beobachtung hat mir oft den Wunsch erweckt, Minister zu sein; viel weniger oft habe ich gewünscht, König zu sein: man muß annehmen, daß es einen unbegreiflichen Reiz hat, Minister zu sein; ich möchte gern wissen, was daran ist, denn ich kann mir von diesen Reizen keine recht deutliche Vorstellung machen.

Zu Anfang des Monats Juni 1771 reiste ich allein in meinem Wagen mit vier Postpferden von Rom ab. Ich besaß eine schöne Ausrüstung, befand mich sehr wohl und war fest entschlossen, von nun an einen ganz anderen Lebenswandel zu führen, als ich es bis jetzt getan hatte. Ich war der Genüsse, die ich dreißig Jahre lang gekostet hatte, jetzt müde; ich beabsichtigte zwar nicht ganz auf sie zu verzichten, aber ich wollte für die nächste Zeit nur ab und zu daran nippen und mich vor jeder Verpflichtung in acht nehmen, welche Folgen nach sich ziehen könnte. Ich war entschlossen, mit keinem Menschen zu verkehren, sondern mich gänzlich dem Studium zu widmen, und reiste daher ohne alle Empfehlungsbriefe nach Florenz. Homers Ilias, die ich seit meiner Abreise von London mit dem größten Entzücken täglich ein oder zwei Stunden in der Ursprache las, hatte mir Lust gemacht, sie in italienische Stanzen zu übertragen. Mir schien, daß alle italienischen Übersetzer den Homer verfälscht hätten, mit Ausnahme des Salvini, den wegen allzu großer Trockenheit kein Mensch lesen konnte. Ich besaß Scholiasten und legte besonderen Wert auf Popes Anmerkungen; aber ich fand, daß dieser in seinen Bemerkungen sehr viel mehr hätte sagen müssen. Florenz war die Stadt, wo ich mich damit zu beschäftigen gedachte, ohne mit irgendeinem Menschen zu verkehren. Noch andere Umstände bestimmten mich zu diesem Entschluß. Es kam mir vor, wie wenn ich gealtert wäre. Sechsundvierzig Jahre erschienen mir als ein hohes Alter. Es begegnete mir bereits, daß ich den Liebesgenuß weniger lebhaft, weniger verführerisch fand, als ich ihn mir vorgestellt hatte; seit acht Jahren hatte meine Potenz ganz allmählich abgenommen. Ich fand, daß einem langen Liebeskampf nicht mehr der ruhige Schlaf folgte wie früher; mein Appetit, der einstmals von der Liebe geschärft worden war, war jetzt geringer als in den alten Zeiten des Genießens. Außerdem fand ich, daß ich das schöne Geschlecht nicht mehr auf den ersten Blick interessierte: ich mußte erst sprechen, man zog mir Nebenbuhler vor und tat so, wie wenn man mir eine Gnade erwiese, indem man mich im geheimen einem anderen beigesellte; daß man für mich Opfer brächte, konnte ich nicht mehr erwarten. Ich ärgerte mich, wenn so ein junger Brausekopf sich offenbar gar nichts daraus machte, daß die Schöne, die er liebte, mir ebenfalls gefiel, und wenn diese Schöne, um mir einen Gefallen zu tun, mich als einen Nebenbuhler ohne Bedeutung hinstellte; wenn man von mir sagte, ich sei ein älterer Herr, so gab ich die Richtigkeit dieser Bemerkung zu; aber sie verdroß mich. Wenn ich mit mir allein war und mit mir selber zu Rate ging, so sah ich dies alles ein, und so kam ich denn zu der Überzeugung, daß ich an einen anständigen Rückzug denken müßte. Ich sah mich sogar dazu gezwungen, denn ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich keinen Lebensunterhalt mehr hatte, sobald ich meinen kleinen Schatz aufgezehrt hatte. Alle meine Freunde, deren Börsen mir offen gestanden hatten, waren gestorben. Herr Barbaro, der in diesem Jahre gestorben war, hatte mir weiter nichts vermachen können, als eine lebenslängliche Rente von jämmerlichen sechs Zechinen im Monat, und Dandolo, der einzige Freund, der mir noch blieb, konnte mir auch nichts weiter geben, als noch sechs Zechinen im Monat, und dabei war er zwanzig Jahre älter als ich. Als ich von Rom abreiste, besaß ich sieben- oder achthundert römische Taler und dazu meine Schmucksachen: Uhren, Tabaksdosen, hübsche Ringe von kleinem Wert. Diese Sachen waren mir mehr von Schaden als von Nutzen, denn sie erweckten den Anschein, als ob ich ein reicher Mann wäre, und der Ehrgeiz veranlaßte mich, entsprechende Ausgaben zu machen, um zu zeigen, daß man sich nicht täuschte. Da ich diese Wahrheit erkannte, so faßte ich den weisen Entschluß, in Florenz nur in einfacher Kleidung und ohne jeden Luxus aufzutreten. Sollte ich dann, aus Geldnot, meine Sachen verkaufen müssen, so würde jedenfalls kein Mensch etwas davon wissen.

Mit diesem Plan im Kopfe reiste ich in weniger als zwei Tagen nach Florenz, ohne mich unterwegs aufzuhalten. Ich stieg in einem Gasthof ab, den kein Mensch kannte, und schickte meinen Wagen auf die Post, da der Wirt, ein gewisser J. B. Allegranti, keine Gelegenheit hatte, ihn unterzubringen. Am nächsten Tage ließ ich ihn in eine Remise schaffen. ,

Ich fand in einem kleinen Zimmer eine recht nette Wohnung, der Wirt war freundlich und vernünftig in seinen Preisen, und da ich nur häßliche und alte Frauen sah, so glaubte ich, sehr ruhig in Florenz leben zu können und vor der Gefahr, verführerische Bekanntschaften zu machen, vollkommen sicher zu sein.

Am nächsten Morgen begab ich mich in schwarzer Kleidung und mit dem Degen an der Seite in den Palazzo Pitti, um mich dem Großherzog vorzustellen. Es war jener Leopold, der vor sieben Jahren als Kaiser starb. Er gewährte jedem, der sich einfand, Audienz, und ich glaubte daher unmittelbar zu ihm gehen zu können, ohne vorher den Grafen Rosenberg aufzusuchen. Da ich in Toskana in Ruhe zu leben wünschte, so glaubte ich mich dem Landesherrn selber vorstellen zu müssen, um vor den Unannehmlichkeiten der Spionage und vor dem natürlichen Argwohn der Polizei gesichert zu sein. Ich ging also in das Vorzimmer und schrieb meinen Namen an das Ende der Liste derjenigen, die bereits da waren und auf ihre Audienz warteten. Unter diesen war auch ein Marchese Pucci, der mich in Rom bei einer Marchesa Frescobaldi aus Florenz kennen gelernt hatte. Er trat auf mich zu und sagte mir, wie sehr er sich freue, mich in seiner Vaterstadt wiederzusehen. Er sägte mir, er habe Herrn * * * bis Bologna begleitet. Dieser sei auf dem Rückweg nach England mit einer jungen Gattin, einer Römerin, die alle Londoner Schönheiten in den Schatten stellen werde. Er erzählte mir dies, weil Herr * * * während seines Aufenthaltes in Florenz viel von mir gesprochen und stets gehofft habe, mich nach meiner Rückkehr von Rom noch zu sehen. Ich dankte ihm bestens für die gute Nachricht, die er mir gab, und sagte ihm, daß ich an dem Glück des schönen Paares warmen Anteil nehme.

Es wäre mir unangenehm gewesen, Armellina noch in Florenz zu finden; denn da ich sie noch liebte, so würde es mein Herz mit Bitterkeit erfüllt haben, wenn ich sie im Besitze eines anderen gesehen hätte.

Der Leser wird bemerkt haben, daß ich keinerlei Nebenumstände berichtete, als ich von ihrer Heirat mit dem großmütigen und liebenswürdigen Herrn * * * erzählte. Der Grund ist der, daß ich niemals imstande war, ein Ereignis, dessen Erinnerung mir schmerzlich ist, mit lebhaften Farben zu schildern. Die Ränke der Marquise d’Août und Armellinas Tränen waren mächtige Beweggründe, die mich nötigten, gegen die Wünsche meines Herzens zu handeln. Ich wußte, daß sie in den Florentiner verliebt war, und hatte ihr, als ich die letzten Genüsse von ihr verlangte, mein Ehrenwort gegeben, sie zu seiner Frau zu machen. Sie hatte sie mir unter dieser für sie selber und für mich demütigenden Bedingung gewährt. Nachher tat mein Versprechen mir leid, und ich sah mich in die Notwendigkeit versetzt, in Gegenwart der Oberin Armellina meine Hand anzubieten, nachdem ich sie überzeugt hatte, daß ich nicht verheiratet war. Armellina schlug meinen Antrag nicht mit Worten aber mit Tränen aus, und ein paar Worte der Madame d’Août demütigten mich vollends auf das tiefste: sie fragte mich, ob ich imstande wäre, dem trefflichen Mädchen ein Witwengut von zehntausend Scudi auszusetzen. Diese anmaßende Frage brachte mich zur Vernunft, aber meine Seele war darüber tief bekümmert. Infolgedessen schrieb ich an die Oberin und an Armellina selber: »Ich erkenne mein ganzes Unrecht an und hoffe, Sie werden die von mir begangenen Fehler mit der Leidenschaft entschuldigen, die ich empfand. Ich wünsche ihr von Herzen alles Glück mit Herrn * * *, der ihrer viel würdiger ist als ich.«

Ich bat sie nur, nicht an ihrer Hochzeit teilnehmen zu müssen, und diese Bitte wurde mir gewährt, obgleich die Marquise d’Août, in deren Augen alle Liebesgefühle nur Bagatelle waren, mit allem Nachdruck behauptete, kluge Leute müßten sich über dergleichen hinwegsetzen. Die Fürstin Santa-Croce dachte wie die Marquise, aber der Kardinal Bernis nahm meine Partei, denn er war mehr Philosoph als Franzose. Die Hochzeit fand bei der Marquise statt; Maricuccio und seine Frau nahmen daran teil, weil Armellina in Rom keine anderen Verwandten hatte.

Mit diesem Kummer im Herzen ging ich nach Frascati. Ich glaubte, dieser Kummer werde meine Begeisterung für die Ode auf die Leidensgeschichte Jesu Christi vermehren; mein wohltätiger Genius hatte mir jedoch einen Trost ganz anderer Art zugedacht.

Laster ist nicht gleichbedeutend mit Verbrechen; denn man kann lasterhaft sein, ohne deshalb ein Verbrecher zu sein. Lasterhaft war ich mein Leben lang, aber ich wage zu behaupten, daß ich oftmals neben dem Laster tugendhaft war; denn wenn auch jedes Laster im Gegensatz zur Tugend stehen muß, so braucht es doch nicht die allgemeine Harmonie zn stören. Meine Laster haben stets nur mich selber betroffen, ausgenommen allerdings die Fälle, wo ich Unschuldige verführt habe, aber ich war niemals ein Verführer von Beruf, denn wenn ich verführte, wußte ich gar nichts davon, sondern war selber verführt.

Der berufsmäßige, absichtliche Verführer ist ein verabscheuenswürdiger Mensch, er ist seinem Wesen nach der Feind der Person, auf die er Absicht hat. Er ist ein wahrer Verbrecher, und wenn er die zum Verführer erforderlichen Eigenschaften besitzt, so zeigt er sich derselben unwürdig; denn er mißbraucht sie, um ein Weib unglücklich zu machen.

  1. Diese beiden Kapitel waren bisher ganz unbekannt, da sie in der edition originale fehlten; sie sind inzwischen aufgefunden und im August und September 1906 von Octave Uzanne in der Pariser Monatsschrift veröffentlicht worden. Näheres darüber im Anhang zu diesem Bande.

Zweiundzwanzigstes Kapitel


Die Denis. – Medini. – Zanowitsch. – Zen. – Meine Ausweisung aus Florenz und Ankunft in Bologna. – General Albergati.

Ohne mich mit langen Umschweifen aufzuhalten, bat ich den jungen Großherzog, mir in seinen Staaten eine sichere Zuflucht für die Zeit meines Aufenthaltes zu gewähren, und um allen Fragen von seiner Seite zuvorzukommen, beeilte ich mich, ihm zu sagen, aus welchen Gründen die Türen meiner Heimat mir verschlossen wären.

»Was meinen Lebensunterhalt anlangt,« fügte ich hinzu, »so bitte ich Eure Kaiserliche Hoheit zu glauben, daß ich keines Menschen bedarf, da die Mittel, die ich besitze, mir in dieser Hinsicht völlige Unabhängigkeit gewähren, übrigens gedenke ich meine ganze Zeit nur dem Studium zu widmen.«

»Wenn Sie sich gut aufführen,« antwortete mir der Fürst, »so genügen die Gesetze meines Landes, um Ihnen ein unabhängiges Dasein zu sichern; immerhin ist es mir sehr angenehm, daß Sie sich an mich gewandt haben. Was für Bekannte haben Sie in Florenz?«

»Gnädiger Herr, vor zehn Jahren verkehrte ich hier in mehreren vornehmen Häusern; da ich jedoch die Absicht habe, sehr zurückgezogen zu leben, so gedenke ich nicht, diese Bekanntschaften zu erneuern.«

Hiermit endigte mein Gespräch mit dem jungen Herrscher. Der Schritt, den ich getan hatte, schien mir unumgänglich notwendig zu sein, zugleich aber auch genügend, um mich gegen jedes Unglück zu schützen.

Was mir vor zehn Jahren in Toskana widerfahren war, mußte vergessen oder doch wenigstens in der Erinnerung stark abgeblaßt sein, denn die neue Regierung hatte gar keine Beziehungen zu der früheren.

Vom großherzoglichen Palast begab ich mich zu einem Buchhändler, bei dem ich die Bücher kaufte, deren ich bedurfte. Ein Herr von vornehmem Aussehen bemerkte, daß ich mich nach griechischer Literatur erkundigte, und redete mich an. Er gefiel mir, und ich sagte ihm, daß ich an einer Übersetzung der Ilias arbeitete. Er dankte mir für meine Mitteilung und vertraute mir an, daß er mit einer Anthologie griechischer Epigramme beschäftigt sei, die er in lateinischen und italienischen Versen veröffentlichen wolle. Ich sprach ihm den Wunsch aus, seine Arbeit kennen zu lernen, und er fragte mich, wo ich wohne. Ich beantwortete seine Frage, erkundigte mich aber später nach seinem Namen und seiner Wohnung, weil ich seinem Besuche zuvorkommen wollte. Ich ging gleich am nächsten Tage zu ihm, und den Tag darauf erwiderte er meinen Besuch. Wir zeigten uns unsere wissenschaftliche Arbeiten, wurden Freunde und blieben es bis zu meiner Abreise von Florenz. Wir sahen uns jeden Tag entweder in seiner oder in meiner Wohnung, ohne jemals daran zu denken, miteinander zu essen oder auch nur einen Spaziergang zu machen.

Eine Freundschaft zwischen zwei Jüngern der Wissenschaft schließt oft alle materiellen Genüsse aus, weil sie sich diesen nur hingeben könnten, wenn sie die für die Literatur bestimmte Zeit darauf verwendeten.

Dieser ehrenwerte Florentiner Edelmann hieß oder heißt, wenn er noch lebt, Everardo de‘ Medici.

Meine Wohnung bei Giambattista Allegranti war sehr hübsch; ich hatte dort Einsamkeit und die Ruhe, die ich brauchte, um den Homer zu studieren und mich meiner Arbeit hinzugeben; trotzdem entschloß ich mich, eine andere Wohnung zu nehmen. Maddalena, die Nichte meines Wirtes, beinahe noch ein Kind, war so schön, so anmutig, so klug und reizvoll, daß sie mich fortwährend von meinen Studien ablenkte. Sie kam zuweilen in mein Zimmer, wünschte mir guten Tag und fragte mich, wie ich die Nacht verbracht hätte, ob ich irgend etwas nötig hätte. Ihr Anblick, der Klang ihrer Stimme …. ich konnte nicht widerstehen. Ich fürchtete von ihr verführt zu werden, und wollte sie nicht verführen, und da fand ich kein anderes Hilfsmittel, als die Flucht zu ergreifen.

Einige Jahre später wurde Maddalena eine berühmte Sängerin.

Ich zog also von Allegranti aus und nahm zwei Zimmer bei einem Bürgersmann, dessen Frau häßlich und der weder eine hübsche Tochter noch eine verführerische Nichte hatte.

Hier lebte ich drei Wochen sehr anständig, wie Lafontaines Ratte. Dann aber kam Graf Stratico mit seinem Zögling, dem achtzehnjährigen Cavaliere Morosini, nach Florenz.

Ich konnte nicht umhin, ihnen meinen Besuch zu machen. Das gebrochene Bein war noch nicht wieder so kräftig, daß er hätte gehen können. Er konnte also seinen Zögling nicht begleiten, und da dieser alle Laster der Jugend ohne eine einzige ihrer guten Eigenschaften besaß, so bat mich der Professor, der beständig in Angst vor einem Unglück schwebte, ich möchte mich doch des Jünglings annehmen und nötigenfalls mich sogar an seinen Vergnügungen beteiligen, damit er nicht allein an Orte ginge, wo er nur schlechte Gesellschaft finden und vielleicht gar in Gefahr geraten könnte.

Hierdurch wurden meine Studien unterbrochen und meine friedliche Lebensweise völlig geändert. Ich mußte aus Gefälligkeit an den Ausschweifungen eines jungen Wüstlings teilnehmen.

Cavaliere Morosini war wirklich ein zügelloser Wüstling; von Literatur, von guter Gesellschaft, von vernünftigen Leuten wollte er nichts wissen. Pferde zu Schanden reiten, auf die Gefahr seines eigenen Lebens, im gestreckten Galopp über Stock und Stein sausen, alle möglichen Arten Wein trinken, bis er das Bewußtsein verlor, mit Prostituierten, die er oftmals prügelte, sich den wüstesten Ausschweifungen hingeben, – das waren die Genüsse, denen er Tag für Tag nachging. Der junge Cavaliere zahlte einen Lohndiener eigens zu dem Zweck, ihm jeden Tag ein Mädchen oder eine Frau zu verschaffen, die nicht in Florenz als öffentliche Dirne bekannt wäre.

In zwei Monaten, die der Tollkopf in Florenz verbrachte, rettete ich ihm zwanzigmal das Leben. Es war für mich ein Höllendasein, aber ich hielt mich für verpflichtet, ihn nicht im Stich zu lassen.

Um die Ausgaben brauchte ich mich nicht zu kümmern, denn er war freigebig bis zur Verschwendung und würde es niemals gelitten haben, daß ich die Börse zog. Aber selbst dies war eine Unannehmlichkeit, worüber es zwischen uns oft zum Streit kam; denn da er bezahlte, so behauptete er, ich müßte ebensoviel essen und trinken wie er und müßte ihm auch bei seinen anderen Ausschweifungen nachahmen, sei es mit denselben Weibern, sei es mit anderen. In dieser Beziehung befriedigte ich jedoch nur selten seinen Wunsch, sondern tat, was mir selber genehm war.

Eines Tages waren wir nach Lucca gefahren, um dort die Oper zu sehen; zum Abendessen nahmen wir zwei Tänzerinnen mit in unseren Gasthof. Morosini, der wie gewöhnlich zu viel getrunken hatte, bediente sehr schlecht die von ihm gewählte, obgleich sie ein herrliches Geschöpf war.

Da ich mit der anderen, die zwar hübsch war, aber mit ihrer Freundin nicht verglichen werden konnte, nur getändelt hatte, so verschaffte ich der Schönen eine kräftige Genugtuung. Sie hielt mich für den Vater des jungen Cavaliere und gab mir den freundlichen Rat, ihm eine bessere Erziehung geben zu lassen.

Als Graf Stratico vollkommen wieder hergestellt war, reiste er mit seinem jungen Herrn ab, und ich nahm meine Studien wieder auf, doch soupierte ich jeden Abend bei der früheren Tänzerin Denis, die den Dienst des Königs von Preußen verlassen und sich nach Florenz zurückgezogen hatte.

Die Denis war ungefähr von meinem Alter; das will sagen: sie war nicht mehr jung, besonders für eine Frau; trotzdem besaß sie noch genügende Überreste ihrer Schönheit, um zärtliche Gefühle einflößen zu können; denn wer sie nicht kannte, würde ihr höchstens dreißig Jahre gegeben haben. Sie war von einer reizenden Frische, hatte das liebenswürdige Wesen eines jungen Mädchens, besaß viel Anmut, beherrschte den Ton und die Gewohnheiten der guten Gesellschaft und wußte sich ganz entzückend anzuziehen. Außerdem hatte sie eine wundervolle Wohnung am Hauptplatz, im ersten Stockwerk oberhalb des besuchtesten Kaffeehauses von Florenz. Zu ihrer Wohnung gehörte ein herrlicher Balkon, auf dem man in den warmen Nächten die köstlichste kühle Luft genoß.

Der Leser hat vielleicht nicht vergessen, auf welche Weise ich im Jahre 1764 in Berlin ihr Freund geworden war; als wir durch einen glücklichen Zufall in Florenz uns wiederfanden, entzündete unsere Glut sich von neuem, und wir setzten die Komödie fort, die wir in Preußen begonnen hatten.

Die Hauptmieterin des Hauses, in welchem die Denis wohnte, war jene Brigonzi, die ich auf dem Wege von Petersburg in Memel getroffen hatte.

Diese Dame Brigonzi, welche behauptete, ich hätte sie vor fünfundzwanzig Jahren geliebt, besuchte ihre Mieterin oft mit dem Marchese Capponi, einem sehr liebenswürdigen und gebildeten Mann, der früher ihr Liebhaber gewesen war.

Da ich sah, daß er sich gern mit mir unterhielt, erleichterte ich es ihm, meine Bekanntschaft zu machen, indem ich ihm meinen Besuch abstattete. Er erwiderte denselben und ließ eine Karte zurück, da er mich nicht antraf.

Als ich ihn daraufhin abermals aufsuchte, stellte er mich seiner Familie vor und lud mich zum Mittagessen ein. Um seiner Einladung Ehre zu machen, kleidete ich mich zum ersten Male mit Eleganz und legte alle meine Schmucksachen an.

Beim Marchese Capponi machte ich die Bekanntschaft des berühmten Liebhabers der Corilla, des Marchese Ginori. Dieser führte mich in ein Florenzer Haus ein, wo ich meinem Schicksal nicht entgehen konnte. Ich verliebte mich in eine noch junge Witwe, eine gebildete und ziemlich reiche Dame. Sie hatte einige Monate in Paris zugebracht und dadurch sich jenen guten Ton und jene Höflichkeit zu eigen gemacht, die jeder Bewegung Anmut und Würde verleihen.

Die drei Monate, die ich noch in Florenz verbrachte, wurden mir durch diese unglückliche Liebe zur Qual.

Zu Anfang des Monats Oktober kam Graf Medini in Florenz an; er hatte keinen Heller und konnte nicht einmal seinen Fuhrmann bezahlen, weshalb dieser ihn verhaften ließ. Dieser unglückselige Medini, der mich zu verfolgen schien, wohnte bei einem Irländer, der ein armer Mann war, obwohl er sein ganzes Leben lang ein Gauner gewesen war.

Ich weiß nicht, wie Medini erfuhr, daß ich in Florenz war; genug, er schrieb an mich und bat mich flehentlich, ihm die Sbirren vom Halse zu schaffen, die ihn in seinem Zimmer bewachten und ihn ins Gefängnis bringen wollten. Er schrieb mir, es wäre nicht notwendig, daß ich für ihn bezahlte, sondern ich brauchte nur Bürgschaft für ihn zu stellen und dies wäre für mich ganz gefahrlos, da er sicher wäre, in einigen Tagen bezahlen zu können. Meine Leser wissen, welche Gründe ich hatte, um Medini nicht zu lieben. Trotz diesen Gründen besaß ich nicht die Kraft, seine Bitte einfach unbeachtet zu lassen. Ich war sogar geneigt, mich für ihn zu verbürgen, wenn er mir hätte beweisen können, daß er wirklich imstande wäre, die Summe bald zu bezahlen, um deren willen man ihn verhaftet hatte. Übrigens dachte ich nicht, daß diese Summe sehr groß sein könnte, und ich begriff nicht, warum sein Wirt ihm nicht den Gefallen tat. Ich wunderte mich jedoch nicht mehr, als ich in Medinis Zimmer trat.

Sobald ich eintrat, eilte er auf mich zu, umarmte mich und bat mich, alles zu vergessen und ihn aus seiner peinlichen Verlegenheit zu befreien.

Ich sah mich schnell im Zimmer um und erblickte drei große Koffer, die beinahe leer waren, weil die darin enthalten gewesenen Sachen im ganzen Zimmer herumgestreut waren. Seine Geliebte, die ich kannte und die mich aus gewissen Gründen nicht gern hatte, blickte mich nicht an; ihre elf- oder zwölfjährige junge Schwester weinte; ihre Mutter schimpfte, nannte Medini einen Gauner und drohte, ihn beim Richter zu verklagen; denn es wäre doch nicht möglich, rief sie, daß man ihr ihre Kleider und die ihrer Töchter wegnähme, um damit seine Schuld bei dem Fuhrmann zu decken.

Ich fragte den Wirt, warum er keine Bürgschaft leistete, da er doch die Leute und ihre Sachen bei sich hätte und infolgedessen jedes Risiko ausgeschlossen wäre.

»Alles, was Sie hier sehen«, antwortete er mir, »genügt nicht, um den Fuhrmann zu bezahlen. Ich will diese Leute nicht bei mir behalten.«

Ich war überrascht und begriff nicht, daß alle diese Sachen nicht genügen sollten, um die Schuld bei dem Fuhrmann zu decken. Ich fragte daher den Knecht des Fuhrmanns, wie hoch seine Forderung denn sei.

Er übergab mir ein von Medini unterschriebenes Papier, worauf ich die Summe von zweihundertvierzig römischen Talern las.

»Wie?« rief ich voll Erstaunen; »woher kann denn nur eine so große Schuld entstanden sein?«

Mein Erstaunen legte sich, als der Kutscher mir sagte, er bediene den Grafen und die drei Frauen seit sechs Wochen; er habe sie von Rom nach Livorno, von Livorno nach Pisa und dann kreuz und quer durch ganz Toskana gefahren und habe sie überall verpflegt.

»Der Fuhrmann«, sagte ich zu Medini, »kann mich nicht als Bürgen für eine so bedeutende Summe annehmen; selbst wenn er soviel Vertrauen zu mir haben sollte, würde ich niemals die Torheit begehen, mich auf eine derartige Verpflichtung einzulassen.«

»Haben Sie die Güte, mit mir in das Nebenzimmer zu treten,« sagte der Graf zu mir, »ich werde Sie überreden.«

»Gern.«

Zwei von den Sbirren widersetzten sich jedoch seinem Vorhaben und sagten, er dürfe das Zimmer nicht verlassen, weil er aus dem Fenster entfliehen könnte.

»Ihr könnt ihn mit mir allein lassen; ich bürge für ihn.«

In diesem Augenblick erschien der arme Fuhrmann; er küßte mir die Hand und sagte mir, wenn ich für den Grafen bürgen wollte, so würde er mir zur Bezahlung drei Monate Zeit lassen.

Zufällig war der brave Mann derselbe, der mich mit der von dem Schauspieler Etoile verführten Engländerin nach Rom gefahren hatte. Ich sagte ihm, er möchte warten.

Medini war ein großer Redner und schamloser Lügner, der stets seiner Sache gewiß war. Er glaubte mich zu überreden, indem er mir Briefe zeigte, die ihn in pomphaften Ausdrücken an die ersten adeligen Häuser von Florenz empfahlen. Ich las diese Briefe, aber ich fand in keinem derselben eine Anweisung, ihm Geld zu geben, und machte ihn darauf aufmerksam.

»Das ist allerdings richtig,« sagte er zu mir, »aber in diesen Häusern wird gespielt, und wenn ich abziehe, bin ich sicher, ungeheuere Summen zu gewinnen.«

»Wie Sie wissen, habe ich wenig Vertrauen zu Ihrem Glück.«

»Für alle Fälle habe ich noch eine andere Hilfsquelle.«

»Welche?«

Er zeigte mir hierauf eine große Mappe, die eine Menge Hefte enthielt. Es waren drei Viertel der Henriade Voltaires, ausgezeichnet in italienische Stanzen übersetzt. Die Verse waren denen des Tasso gleichwertig. Er gedachte dieses schöne Gedicht in Florenz zu vollenden und es dem Großherzog zu überreichen; er war überzeugt, daß er nicht nur ein prachtvolles Geschenk von ihm erhalten, sondern sogar der Günstling des Fürsten werden würde.

Ich wagte es nicht, ihm seinen Irrtum zu benehmen, aber ich mußte innerlich lachen. Medini wußte nicht, daß der Großherzog sich nur den Anschein gab, die Literatur zu lieben.

Ein gewisser Abbate Fontaine, ein geschickter Mensch, amüsierte den Fürsten mit etwas Naturgeschichte; dies war die einzige Wissenschaft, wofür er sich interessierte. Im übrigen zog er die schlechteste Prosa den schönsten Versen vor, ohne Zweifel, weil er nicht die Organe besaß, um poetische Schönheiten zu schätzen und sich an ihren Reizen zu erfreuen. Er hatte nur zwei Leidenschaften: Weiber und Geld.

Ich verbrachte zwei sehr langweilige Stunden mit diesem unglückseligen Medini, der ein geistvoller, aber gänzlich urteilsloser Mensch war. Ich bereute es sehr, meiner Neugier nachgegeben zu haben, um zu hören, was er von mir wollte, und sagte ihm schließlich kurz und bündig, daß ich nichts tun könnte, um ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Als ich aber auf die Tür zuschritt, wagte er es, mich am Kragen zu packen.

Verzweiflung treibt die Menschen zu traurigen Ausschreitungen.

In seiner blinden Verzweiflung packte der leidenschaftliche Medini mich am Kragen, ohne eine Waffe in der Hand zu haben, ohne daran zu denken, daß ich vielleicht stärker war als er, daß ich ihn bereits zweimal im Duell verwundet hatte und daß die Sbirren, der Wirt, der Fuhrmann und die Bedienten im Nebenzimmer waren. Wenn ich feige gewesen wäre, hätte ich um Hilfe gerufen; aber da ich größer war als er, so überwältigte ich ihn: ich packte mit beiden Händen seinen Hals, hielt ihn mir vom Leibe und preßte ihm die Gurgel zusammen, bis er die Zunge herausstreckte und mich loslassen mußte. Nun aber packte ich ihn am Kragen und fragte ihn, ob er verrückt geworden wäre. Nachdem ich ihn mit einem heftigen Stoß gegen die Wand geworfen hatte, öffnete ich die Türe, und die vier Sbirren traten ein.

Ich sagte dem Fuhrmann, ich könnte nicht bürgen und er dürfte nicht auf mich rechnen.

In dem Augenblick, wo ich den Türdrücker in die Hand nahm, sprang Medini nach der Tür und rief, ich dürfte ihn nicht im Stich lassen.

Ich hatte die Tür geöffnet. Die Sbirren befürchteten, daß er entfliehen würde, und eilten herbei, um ihn festzuhalten. Und nun entspann sich ein Kampf, der mein tiefes Mitgefühl erregte. Medini, ohne Waffen und im Schlafrock, traktierte die vier Feiglinge, die doch ihre Degen an der Seite hatten, mit Ohrfeigen, Fußtritten und Faustschlägen.

Inzwischen hielt ich die Tür zu, um den irländischen Wirt zu verhindern, daß er das Zimmer verließ und Hilfe herbeirief. Medini war ganz von Blut überströmt, da er einen Fausthieb auf die Nase erhalten hatte; sein Schlafrock und sein Hemd waren zerrissen. Trotzdem prügelte er die vier Sbirren so lange, bis sie von ihm abließen. Wenn auch sein Mut nur einer blinden Verzweiflung entsprang, so flößte er mir doch Achtung ein, und ich beklagte ihn.

Als es einen Augenblick still wurde, fragte ich seine beiden Livreebedienten, die neben mir standen, warum sie ihren Herrn nicht verteidigt hätten? Der eine von den beiden antwortete mir, er sei ihnen den Lohn für sechs Monate schuldig; der andere sagte, er wolle ihn ebenfalls verhaften lassen.

Während Medini sich bemühte, das aus seiner Nase strömende Blut mit kaltem Wasser zum Stillstand zu bringen, sagte der Fuhrmann zu mir: da ich mich weigerte, für seinen Schuldner Bürgschaft zu leisten, so wäre das ein Zeichen, daß er ihn ins Gefängnis bringen lassen müßte.

Was ich sah, rührte mich, und ich sagte zu ihm: »Geben Sie ihm vierzehn Tage Aufschub; wenn er mir in dieser Zeit entflieht, werde ich bezahlen.«

Nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, sagte er: »Gut, Signore. Aber ich will keine Kosten bezahlen.«

Ich erkundigte mich, wieviel diese Kosten ausmachten, und bezahlte, ohne auf die Sbirren zu hören, die eine Entschädigung für die empfangenen Schläge verlangten.

Nun aber sagten die beiden niederträchtigen Lakaien zu mir, wenn ich nicht auch zu ihren Gunsten Bürgschaft leistete, würden sie den Grafen für ihre Rechnung verhaften lassen. Medini rief: »Kümmern Sie sich gar nicht um die Leute! Lassen Sie sie machen, was sie wollen.«

Nachdem ich dem Fuhrmann schriftlich die erforderliche Bestätigung gegeben und vier oder fünf Taler für die Sbirren bezahlt hatte, sagte Medini mir, er müsse noch einmal mit mir sprechen. Ich hörte jedoch nicht mehr auf ihn, sondern drehte ihm den Rücken zu und ging zum Mittagessen.

Zwei Stunden darauf kam einer von den Lakaien zu mir und sagte mir: wenn ich ihm sechs Zechinen versprechen wollte, würde er mir Bescheid sagen, sobald er bemerken würde, daß sein Herr die Flucht ergreifen wolle.

Ich antwortete ihm kurz angebunden, sein Eifer sei für mich ohne Wert, denn ich sei sicher, daß der Graf noch vor dem festgesetzten Termine alle seine Schulden bezahlen werde. Am nächsten Morgen setzte ich den Grafen von dem Schritte seines Dieners in Kenntnis. Als Antwort schrieb er mir einen langen Brief, voll von Versicherungen seiner Dankbarkeit; zugleich bot er noch einmal seine ganze Beredsamkeit auf, daß ich ihn doch in den Stand setzen möchte, mit Ehren seinen Verpflichtungen nachzukommen. Ich antwortete ihm nicht.

Sein guter Geist, der es noch nicht müde geworden war, ihn zu beschützen, ließ jemanden nach Florenz kommen, der ihn aus seiner Verlegenheit erlöste. Das war Premislav Zanowitsch, der später ebenfalls berühmt wurde, wie sein Bruder, der die Amsterdamer Kaufleute betrog und sich den Namen und Rang eines Fürsten Skanderbeg beilegte. Ich werde später von ihnen sprechen. Diese Falschspieler großen Stiles nahmen beide ein schlechtes Ende.

Premislav Zanowitsch stand damals im glücklichen Alter von fünfundzwanzig Jahren; er war der Sohn eines Edelmannes von Budua, der letzten Stadt von Dalmatien an der albanischen Grenze, früher der Republik Venedig, heute dem Großtürken untertan; es ist das alte Epirus.

Premislav war ein kluger Mann: er hatte in Venedig studiert und dort in der vornehmen Welt verkehrt. Er hatte sich an die Genüsse gewöhnt, an denen diese große Stadt so reich ist, und konnte sich nicht entschließen, nach Budua zurückzukehren, wo er nur rohe und ungebildete Slavonier gefunden hätte, die wie das liebe Vieh in den Tag hinein lebten, nichts von Künsten und Wissenschaften wußten und von den Vorgängen in der Welt draußen nur etwas erfuhren, wenn zufällig einmal ein Schiff bei ihnen anlegte. Als daher der Rat der Zehn ihm und seinem noch klügeren Bruder Steffano den Befehl gab, in ihrer Heimat die großen Summen zu verzehren, die sie im Spiel gewonnen hatten, beschlossen sie, sich zu trennen und der eine den Norden, der andere den Süden Europas aufzusuchen, um überall Leute zu betrügen, wo ihr guter Stern ihnen eine Gelegenheit dazu bieten würde.

Premislav, den ich als Kind gekannt hatte und der sich bereits eines gewissen Ruhmes erfreute, weil er in Neapel den Cavaliere Morosini geprellt hatte, indem er ihn veranlaßte, sich für eine Summe von sechstausend Dukaten zu verbürgen, – Premislav kam nach Florenz in einem schönen Wagen mit seiner Maitresse, zwei großen Lakaien und einem Kammerdiener, der ihm als Kurier diente. Er bezog eine schöne Wohnung, mietete Wagen und Pferde, nahm eine Loge in der Oper und gab seiner schönen Geliebten eine Gesellschaftsdame. Hierauf begab er sich, prachtvoll angezogen und mit Juwelen bedeckt, allein in das adlige Kasino.

Man kannte ihn unter dem Namen Graf Premislav Zanowitsch. Die Florentiner haben ein sogenanntes adliges Kasino. Jeder Fremde kann hingehen, ohne vorgestellt zu sein; aber wehe ihm, wenn er sich nicht so zu benehmen weiß, daß er die Berechtigung zum Besuch eines solchen Ortes dadurch kund tut; denn die Florentiner behandeln ihn mit eisiger Kälte und sprechen niemals ein Wort mit ihm. Es kommt daher selten vor, daß einer, dem es so ergangen ist, sich zum zweiten Male einfindet. In diesem Kasino geht es sehr anständig und zugleich sehr zwanglos her: man liest Zeitungen, spielt alle möglichen Spiele, ißt und trinkt für sein Geld. Es fehlt sogar an Liebe nicht: denn auch Damen besuchen dieses Kasino, und dies gilt sogar für besonders guten Ton.

Zanowitsch spielte den Liebenswürdigen, wartete nicht, bis man ihn anredete, machte Verbeugungen nach rechts und links und wünschte sich Glück, daß er sich inmitten einer so vornehmen Gesellschaft befinde. Er sprach von Neapel, von wo er kam, zog Vergleiche, durch die die Anwesenden sich geschmeichelt fühlten, und nannte bei einer passenden Gelegenheit in ganz unauffälliger Weise seinen Namen, spielte sehr vornehm, verlor, ohne sich seine gute Laune trüben zu lassen, bezahlte, nachdem er erst getan hatte, wie wenn er es vergessen hätte, und gefiel allgemein. Ich erfuhr dies alles am nächsten Tage bei der Denis aus dem Munde des weisen Marchese Capponi. Er erzählte mir, man habe Zanowitsch gefragt, ob er mich kenne, und er habe geantwortet, bei meiner Abreise aus Venedig sei er noch auf der Schule gewesen, aber er habe seinen Vater stets mit großer Achtung von mir sprechen hören. Der Cavaliere Morosini war sein bester Freund, und Graf Medini, der seit acht Tagen in Florenz war, war ebenfalls ein Bekannter von ihm und sprach nur Gutes von ihm. Der Marchese fragte mich, ob ich den jungen Mann kenne. Ich sprach mich lobend über ihn aus und hielt mich nicht für verpflichtet, zu erzählen, was ich wußte und was ihm hätte Schaden bringen können. Die Denis sprach den Wunsch aus, ihn kennen zu lernen, und Cavaliere Puzzi versprach ihr, den jungen Herrn zu ihr zu führen. Dies tat er auch wirklich drei oder vier Tage darauf.

Ich war zufällig bei Frau Denis anwesend, als Puzzi ihr den Grafen Zanowitsch vorstellte. Ich sah einen schönen jungen Mann, der sich mit vollendeter Sicherheit benahm und überall Eindruck machen mußte. Zwar waren seine Gesichtszüge nicht eigentlich schön, und seine Gestalt war nicht imponierend, aber er benahm sich mit einem ungezwungenen, edlen Anstand, wußte geistreich zu unterhalten und besaß eine fröhliche Laune, die ansteckend wirkte. Er sprach niemals von sich selber und wußte sehr geschickt seine Teilnahme für andere kund zu geben. Als die Rede auf seine Heimat kam, beschrieb er seine Herrschaft, die zur Hälfte von den Staaten des Sultans eingeschlossen war, als einen Ort, von dem der Frohsinn verbannt wäre und wo der größte Menschenfeind unfehlbar an Traurigkeit zugrunde gehen müßte.

Als er erfuhr, wer ich war, machte er mir die angenehmsten Komplimente, ohne daß diese etwas von Schmeichelei an sich hatten. Ich erkannte den jungen Mann, einen künftigen großen Abenteurer, der es zu großen Erfolgen bringen konnte, wenn er sich zu benehmen wußte; aber sein Luxus verriet mir die schwache Stelle seines Panzers. Er glich mir, wie ich vor fünfzehn Jahren gewesen war; ich konnte jedoch nicht annehmen, daß er meine Hilfsmittel besäße, und konnte mich daher nicht enthalten, ihn zu bedauern.

Zanowitsch machte mir einen Besuch und sagte mir beiläufig, Medini habe ihm leid getan, und er habe alle seine Schulden bezahlt.

Ich lobte ihn wegen dieser guten Handlung und sprach ihm meinen Dank aus, aber diese Freigebigkeit brachte mich auf die Vermutung, daß sie irgendein Komplott nach ihrer Art angesponnen hätten, das jedenfalls bald zur Ausführung gelangen würde. Ich wünschte ihnen alles Glück dazu, aber es lag mir nichts daran, daran beteiligt zu sein.

Gleich am nächsten Tage erwiderte ich seinen Besuch. Er saß mit seiner Geliebten bei Tisch: ich hätte gerne getan, wie wenn ich sie nicht kannte, aber sie nannte sofort zu meinem Unglück meinen Namen und sprach ihre Freude über das Wiedersehen aus.

Als sie mich Don Giacomo anredete, nannte ich sie mit einer Miene der Ungewißheit Donna Ippolita, und sie antwortete mir, ich täusche mich nicht, denn sie sei größer und stärker geworden, aber immer noch dieselbe.

Ich hatte mit Lord Baltimore und ihr in den Crocielle soupiert, und sie war sehr hübsch.

Zanowitsch lud mich für den nächsten Tag zum Mittagessen ein, ich dankte ihm aber, da ich keine Lust hatte, enge Bekanntschaft zu schließen. Ippolita wußte mich jedoch zur Annahme der Einladung zu veranlassen, indem sie mir sagte, ich würde Gesellschaft finden und ihr Koch habe sich verpflichtet, den Beifall aller Gäste zu erringen.

Ich war ein wenig neugierig, die Gesellschaft kennen zu lernen, die sich zu dieser Mahlzeit einfinden würde, und um dem Grafen Zanowitsch zu zeigen, daß er nicht zu befürchten brauchte, ich würde seine Börse in Anspruch nehmen, legte ich zum zweiten Male während meines Aufenthaltes in Florenz meinen ganzen Staat an.

Wie ich erwartet hatte, fand ich Medini mit seiner Geliebten, außerdem zwei fremde Damen mit ihren Kavalieren und einen sehr glänzend gekleideten Venetianer, einen ziemlich schönen Mann von etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahren, den ich nicht wiedererkannt haben würde, wenn Zanowitsch mir nicht seinen Namen genannt hätte. Es war Aloisio Zen.

Da die Zen eine patrizische Familie sind, so hielt ich es für angebracht, ihn zu fragen, mit welchen Titeln ich ihn anzureden hätte.

Er antwortete mir: »Wie einen alten Freund, den Sie natürlich nicht wiedererkennen; denn ich war erst zehn Jahre alt, als ich Sie kannte.«

Er erzählte mir hierauf, daß er der Sohn des Hauptmanns wäre, den ich gekannt hätte, als ich im Fort Sant‘ Andrea in Haft gewesen wäre.

»Seitdem sind«, antwortete ich, »achtundzwanzig Jahre vergangen. Jetzt erinnere ich mich Ihrer, mein Herr, obgleich Sie damals noch nicht die Pocken gehabt hatten.«

Ich sah, daß es ihm unangenehm war, dies zugeben zu müssen; aber das war seine eigene Schuld; denn er hätte ja nicht nötig gehabt, mir zu sagen, daß er mich dort gekannt hätte und daß der Adjutant sein Vater gewesen sei.

Sein Vater war der natürliche Sohn eines venetianischen Nobile, und er selber war der größte Schlingel auf der ganzen Festung gewesen, ein Herumtreiber und Taugenichts im wahren Sinne des Wortes.

Als ich ihn in Florenz traf, kam er von Madrid, wo er viel Geld gewonnen hatte, indem er im Hause des venetianischen Botschafters Marco Zen eine Pharaobank gehalten hatte. Ich war sehr erfreut, ihn persönlich kennen zu lernen. Beim Essen bemerkte ich jedoch, daß er weder Bildung noch Erziehung genossen hatte, und daß seine Manieren und seine Sprache nicht die eines Mannes von gutem Ton waren; aber er selber hätte nicht sein Talent, das Glück zu verbessern, gegen alle diese Vorzüge vertauschen mögen. Medini und Zanowitsch waren ganz andere Leute. Die beiden Fremden waren die Opfer, die sie sich zum Prellen ausersehen hatten. Ich wünschte nicht zu wissen, wie die Sache verlief; sobald ich sah, daß der Spieltisch zurecht gemacht wurde und daß Zen eine große Börse voll Gold darauf ausschüttete, grüßte ich die Gesellschaft und entfernte mich.

So lebte ich während der sieben Monate, die ich in Florenz zubrachte.

Seit diesem Diner sah ich Zen, Zanowitsch und Medini nur gelegentlich aus Zufall an öffentlichen Orten.

Gegen Mitte des Dezembers aber ereignete sich folgendes.

Lord Lincoln, ein Jüngling von achtzehn Jahren, verliebte sich in eine venetianische Tänzerin, namens Lamberti, eine Tochter des Wirtes in der Karrengasse. Dieses junge Mädchen gefiel aller Welt. Nach jeder Opernvorstellung sah man den jungen Engländer sie in ihrer Ankleidekammer besuchen, und alle Beobachter wunderten sich, daß er sie nicht in ihrer Wohnung besuchte, wo er sicher sein konnte, von ihr gut aufgenommen zu werden, nicht nur als Engländer, der natürlich für sehr reich galt, sondern auch wegen seiner Jugend und Schönheit. Ich glaube, er war der einzige Sohn des Grafen von Newcastle.

Zanowitsch machte diese Beobachtungen nicht vergebens und wurde in wenigen Tagen der vertraute Freund der Lamberti. Als er dies erreicht hatte, machte er die Bekanntschaft des jungen Lords Lincoln und führte ihn zu seiner Schönen, wie eben ein höflicher Mann einen Freund zu seiner Geliebten führt.

Die Lamberti spielte mit dem Gauner unter einer Decke und geizte dem jungen Insulaner gegenüber nicht mit ihrer Gunst. Er soupierte bei ihr jeden Abend mit Zanowitsch und Zen, den Zanowitsch ihm vorgestellt hatte, weil er ihn entweder brauchte, um die Bank mit barem Golde zu halten oder weil er selber nicht gut genug zu betrügen verstand.

Natürlich ließen die Gauner an den ersten Abenden den jungen Lord einige hundert Zechinen gewinnen. Da sie erst nach dem Abendessen spielten und Lord Lincoln nach der echten Gewohnheit der Engländer sich so betrank, daß er nicht mehr seine rechte Hand von seiner linken unterscheiden konnte, so war er ganz erstaunt, beim Erwachen am anderen Morgen sich vom Glück ebensogut behandelt zu sehen wie von der Liebe. Der arme Junge sollte sein Lehrgeld bezahlen, er fand den Köder lecker und biß an.

Das Erwachen sollte nicht lange auf sich warten lassen.

Zen gewann von dem jungen Lord zwölftausend Pfund Sterling, und Zanowitsch lieh diesem die Summe in kleinen Beträgen von drei- und vierhundert Louis; denn der Engländer hatte seinem Hofmeister versprochen, niemals auf Wort zu spielen.

Zanowitsch mußte natürlich glücklich sein, denn sonst hätte der Plan nicht durchgeführt werden können. Er gewann daher von Zen alles, was Zen von dem Lord gewann, und so machte dasselbe Geld fortwährend die Runde um den Tisch, wobei die Schuld des jungen Dummkopfs immer größer wurde.

Zum Schluß wurde gezählt, und es stellte sich heraus, daß Lord Lincoln die ungeheure Summe von zwölftausend Pfund Sterling oder dreimalhunderttausend Franken schuldig war.

Der Engländer versprach, dreitausend Guineen am nächsten Tage zu bezahlen, und unterschrieb zwei Wechsel im gleichen Betrage, die in Abständen von drei Monaten bei seinem Londoner Bankier zahlbar waren.

Ich erfuhr diesen ganzen Schwindel von Lord Lincoln selber, als wir uns drei Monate später in Bologna trafen. Schon am Tage nach diesem denkwürdigen Abend begann man in ganz Florenz von diesem Streich zu sprechen. Der Bankier Sasso Sassi hatte auf MylordS Befehl sechstausend Zechinen an Zanowitsch ausgezahlt.

Medini kam zu mir. Er war wütend, daß Zanowitsch ihn nicht zu der Partie zugezogen hatte. Ich hingegen wünschte mir Glück, daß ich nicht dabei gewesen war. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich drei Tage darauf einen Menschen in mein Zimmer treten sah, der mich nach meinem Namen fragte und mir sodann im Namen des Großherzogs befahl, Florenz binnen drei Tagen und Toskana binnen acht Tagen zu verlassen.

Ganz verblüfft ließ ich meinen Wirt heraufkommen, um einen Zeugen für den gegen mich ergangenen unwürdigen Befehl zu haben.

Es war am achtundzwanzigsten Dezember. Am gleichen Tage hatte ich vor drei Jahren in Barcelona den Befehl erhalten, die Stadt binnen dreimal vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Nachdem ich mich in aller Eile angekleidet hatte, begab ich mich zum Auditore, um zu erfahren, was meine Ausweisung veranlaßt hatte, denn diese schien mir nicht natürlich zu sein.

Als ich das Amtszimmer betrat, sah ich vor mir denselben Mann, der mich vor elf Jahren wegen des falschen Wechsels des Russen Ivan aus Florenz ausgewiesen hatte.

Auf meine Frage, aus welchem Grunde er mir den Befehl zur Abreise zugestellt hätte, antwortete er mir kalt, es sei der Wille Seiner Kaiserlichen Hoheit.

»Aber Seine Kaiserliche Hoheit kann diesen Willen nicht ohne Grund haben, und ich habe, wie mir scheint, das Recht, mich darnach zu erkundigen.«

»Wenn Sie dieses Recht haben, das ich Ihnen durchaus nicht bestreite, so erkundigen Sie sich beim Fürsten darnach; denn ich für meine Person weiß nicht, worum es sich handelt. Der Großherzog ist gestern nach Pisa abgereist, wo er drei Tage bleiben wird; es steht in Ihrem Belieben, dorthin zu gehen.«

»Und wird er mir die Reise bezahlen, wenn ich nach Pisa fahre?«

»Das bezweifle ich; aber Sie werden ja jedenfalls sehen, ob er Ihnen diese Höflichkeit erweist.«

»Ich werde nicht nach Pisa gehen, aber ich werde an Seine Kaiserliche Hoheit schreiben, wenn Sie mir versprechen wollen, ihm meinen Brief zuzustellen.«

»Ich werde ihm den Brief sofort schicken; denn dies ist meine Pflicht.«

»Gut, mein Herr, Sie werden ihn noch vormittags erhalten, und morgen vor Sonnenaufgang werde ich auf päpstlichem Gebiet sein.«

»Sie brauchen sich nicht so sehr zu beeilen.«

»Ich habe es im Gegenteil außerordentlich eilig, denn ich finde keine Ruhe in einem von Despotismus und Gewalt regierten Lande, dessen Herrscher mir sein Wort bricht, und wo das Völkerrecht verletzt wird. Dies alles werde ich Ihrem Herrn schreiben.«

Draußen vor der Tür begegnete ich Medini, der sich aus demselben Grunde wie ich zum Auditeur begab.

»Ich habe ihn eben aus demselben Grunde belästigt,« sagte ich lachend zu ihm, »und er hat mir gesagt, ich möchte nach Pisa gehen und den Großherzog nach dem Grunde des Ausweisungsbefehls fragen.«

»Wie? Sie haben ebenfalls den Befehl zur Abreise empfangen?«

»Ja.«

»Was haben Sie getan?«

»Nichts.«

»Ich auch nicht. Gehen wir nach Pisa.«

»Sie können ja hinfahren, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich aber verlasse das Land noch vor heute Abend.«

Ich ging nach Hause und befahl meinem Wirt, meinen Wagen nachsehen zu lassen und zum Einbruch der Nacht vier Postpferde zu bestellen. Dann schrieb ich an den Großherzog den Brief, den ich hier in wörtlicher Übersetzung mitteile:

»Gnädiger Herr! Jupiter hat Ihnen den Blitz nur anvertraut, um ihn gegen die Schuldigen zu schleudern, und Sie sind ungehorsam gegen den Gott, indem Sie ihn auf mein Haupt schleudern. Vor sieben Monaten haben Sie mir versprochen, ich könnte bei Ihnen in vollem Frieden leben, vorausgesetzt, daß ich niemals die gute Ordnung der Gesellschaft störte und daß ich die Gesetze achtete; diese gerechte Bedingung habe ich gewissenhaft erfüllt; Sie aber, Kaiserliche Hoheit, haben Ihr Wort gebrochen. Ich schreibe Ihnen, gnädiger Herr, nur zu dem Zwecke, um Ihnen mitzuteilen, daß ich Ihnen verzeihe. Infolgedessen werde ich mich keinem Menschen gegenüber beklagen und werde Sie von Bologna, wo ich übermorgen sein werde, weder schriftlich noch mündlich der Ungerechtigkeit beschuldigen. Ich wünsche sogar, ich könnte diese Wunde, die Ihre Willkür meiner Ehre geschlagen hat, vergessen, aber ich möchte sie im Gedächtnis behalten, damit ich niemals wieder meinen Fuß auf den Boden setze, zu dessen Herrn Gott Sie gemacht hat. Der Auditore, der an der Spitze Ihrer Polizei steht, hat mir gesagt, ich könnte in Pisa mit Eurer Kaiserlichen Hoheit sprechen; aber ich habe gefürchtet, ein solcher Schritt von meiner Seite könne einem Fürsten allzu kühn erscheinen, der nach dem allgemein geltenden Rechte nicht nach ihrer Verurteilung mit den Menschen sprechen muß, sondern vor derselben.

Ich bin usw.«

Sobald ich mit meinem Brief fertig war, schickte ich ihn dem Auditore; dann begann ich, meine Koffer zu packen.

Als ich mich zu Tische setzen wollte, sah ich Medini bei mir eintreten. Er schimpfte fürchterlich auf Zanowitsch und Zen, die an seinem Unglück schuld wären; denn nur wegen der zwölftausend Guineen, die sie dem Engländer abgewonnen hätten, müßte er Florenz verlassen, und nun weigerten sie sich, ihm hundert Zechinen zu geben, ohne die er doch nicht abreisen könnte.

»Wir fahren alle nach Pisa,« sagte er zu mir, »und wir sind sehr erstaunt, daß Sie nicht ebenfalls hinfahren.«

»Daß Sie überrascht sind, macht mich lachen,« rief ich lachend; »aber ich bitte Sie, mich allein zu lassen, denn ich muß meine Koffer packen.«

Wie ich es erwartet hatte, bat er mich darauf, ihm Geld zu leihen; als ich dies aber auf die unzweideutigste Art abschlug, bestand er nicht länger darauf, sondern entfernte sich.

Nach dem Essen verabschiedete ich mich von Herrn de‘ Medici und machte einen letzten Besuch bei Madame Denis. Sie wußte bereits die ganze Geschichte und schimpfte auf den Großherzog, von dem sie nicht begreifen konnte, wie er dazu käme, die Unschuldigen mit den Schuldigen zu verwechseln. Sie erzählte mir, daß nicht nur die Lamberti ebenfalls den Befehl zur Abreise erhatten hätte, sondern auch ein kleiner, buckeliger venetianischer Abbate, der die Tänzerin zu besuchen pflegte, aber niemals bei ihr soupiert hatte. Der Großherzog hatte offenbar mit allen Venetianern aufgeräumt, die sich damals in Florenz befanden.

Auf dem Heimwege traf ich Lincolns Hofmeister, den ich vor elf Jahren in Lausanne kennen gelernt hatte. Ich erzählte ihm mit verächtlicher Miene, was mir begegnet war, weil sein Schüler sich von den Gaunern hatte ausbeuten lassen. Er sagte mir lachend, der Großherzog habe dem Lord mitgeteilt, er brauche die verlorene Summe nicht zu bezahlen; der Jüngling habe ihm jedoch antworten lassen, wenn er nicht bezahlte, würde er sich eine unanständige Handlungsweise zuschulden kommen lassen; denn das verlorene Geld sei geliehenes Geld, da er niemals auf Wort gespielt habe.

Er konnte wohl den Verdacht hegen, daß Spieler und Darleiher unter einer Decke steckten, aber er hatte keine Gewißheit dafür.

Meine Abreise von Florenz heilte mich von einer sehr unglücklichen Liebe, die ohne Zweifel verhängnisvolle Folgen gehabt haben würde, wenn ich mich nicht so plötzlich entfernt hätte. Ich habe die traurige Geschichte meinen Lesern erspart, weil ich auch jetzt nur mit einem Gefühl des Schmerzes mich ihrer erinnern kann. Die Witwe, die ich liebte, und der ich mich in meiner Schwachheit offenbart hatte, spannte mich nur deshalb vor ihren Triumphwagen, um mich nach Herzenslust demütigen zu können: sie verachtete mich und machte sich mit dem Stolz eines jungen Weibes ein Vergnügen daraus, mir dies zu zeigen. Ich wollte sie durchaus besiegen und bemerkte erst, als die Abwesenheit mich geheilt hatte, daß ich meine Zeit verloren haben würde.

Ich hatte mich noch nicht mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß das Alter kein junges Herz erweichen kann, besonders, wenn noch Armut dazu kommt. Das ist eine böse Erfahrung, die man jedoch unvermeidlich machen muß, wenn man nicht so weise ist, sich selber zur rechten Zeit richtig zu beurteilen.

Ich verließ Florenz mit hundert Zechinen weniger als bei meiner Ankunft. Ich hatte immer verständig gelebt und niemals unnütz Geld ausgegeben.

Am ersten Posthause auf päpstlichem Gebiet machte ich Halt, und am vorletzten Tage des Jahres stieg ich in Bologna im Gasthof San Marco ab.

Mein erster Besuch galt dem florentinischen Geschäftsträger, Grafen Marulli. Ich bat ihn, Seiner Kaiserlichen Hoheit dem Groß- herzog zu schreiben, daß ich aus Dankbarkeit für meine Ausweisung es mir aller Orten zur Pflicht machen würde, seine Tugenden zu preisen.

Da der Graf einen Brief erhalten hatte, der ihm die Geschichte in allen Einzelheiten mitteilte, so glaubte er nicht, daß meine Worte mit meinen Gedanken in Einklang ständen.

»Sie können davon halten, was Sie wollen,« sagte ich zu ihm; »aber wenn Sie alles wüßten, so würden Sie sehen, daß ich Seiner Hoheit wirklich zu großem Dank verpflichtet bin, obwohl er sich allerdings nichts dabei gedacht hat.«

Er versprach mir, seinem Herrn mitzuteilen, wie ich von ihm dächte und spräche.

Am Neujahrstage 1772 stellte ich mich dem päpstlichen Legaten, Kardinal Brancaforte, vor; ich hatte ihn vor zwanzig Jahren in Paris kennen gelernt, als er von Benedikt dem Vierzehnten dorthin gesandt worden war, um den neugeborenen Herzog von Burgund die geweihten Windeln zu bringen.

Wir waren in der Freimaurerloge zusammengetroffen; denn die Mitglieder des Heiligen Kollegiums, die gegen die Maurer donnern, wissen wohl, daß ihre Bannflüche nur den Schwachen gelten, die durch ein zu grelles Licht geblendet werden könnten. Wir hatten auch in Gesellschaft des Don Francesco Sensale und des Grafen Ranucci mit hübschen Sünderinnen feine Soupers veranstaltet und hatten uns diesen gegenüber als Sünder benommen. Mit einem Wort, dieser Kardinal war ein geistvoller Mensch und ein sogenannter Lebemann.

»Ah, da sind Sie ja!« rief er, als er mich sah; »ich hatte Sie erwartet.«

»Wie konnten Sie das, gnädiger Herr, da doch nichts mich verpflichtete, gerade nach Bologna zu gehen?«

»Aus zwei Gründen: Erstens, weil Bologna besser ist als viele andere Orte; zweitens, weil ich mir schmeichelte, Sie würden an mich gedacht haben. Aber es ist nicht nötig, hier zu erzählen, was für einen Lebenswandel wir in unseren jungen Jahren führten.«

»Die Erinnerung daran ist stets süß.«

»Ganz gewiß. Graf Marulli sagte mir gestern, Sie halten große Lobreden auf den Großherzog; daran tun Sie recht. Unter uns gesprochen, – Sie können sich darauf verlassen, daß nichts über die Wände des Zimmers hinausdringen wird – wie viele von euch haben sich in die zwölftausend Guineen geteilt?«

Ich erzählte ihm die Geschichte vollkommen wahrheitsgemäß und zeigte ihm schließlich die Abschrift des Briefes, den ich an den Großherzog geschrieben hatte. Er antwortete mir lachend, es tue ihm leid, daß ich unschuldig sei.

Als er hörte, daß ich mich einige Monate in Bologna aufzuhalten gedächte, sagte er mir, ich könnte auf die größte Freiheit rechnen, und sobald der erste Lärm vorüber wäre, würde er mir seine Freundschaft durch die Tat beweisen.

Nachdem ich diesen notwendigen Besuch erledigt hatte, richtete ich mich so ein, um in Bologna auf dieselbe Weise zu leben, wie ich es in Florenz getan hatte. Es gibt in ganz Italien keine Stadt, wo man freier leben könnte als in Bologna: die Lebensmittel sind gut und billig, und man kann sich mit geringen Kosten alle Freuden des Lebens verschaffen. Außerdem ist die Stadt schön, und fast alle Straßen sind mit Säulengängen eingefaßt – eine große Annehmlichkeit in einem Klima, wo die Hitze sich zuweilen mit großer Kraft fühlbar macht.

Um die Gesellschaft kümmerte ich mich nicht. Ich kannte die Bolognesen: der Adel ist stolz, und seine Angehörigen sind schlau, unhöflich und gewalttätig; das niedere Volk, die sogenannten Birichini, taugt noch weniger als die Lazzaroni von Neapel, während die bürgerlichen Klassen, der Mittelstand, im allgemeinen sehr nette Leute sind. Es ist bemerkenswert, daß in Bologna und Neapel die beiden äußersten Schichten der Bevölkerung verdorben sind, während die mittleren Klassen in jeder Beziehung Achtung verdienen. In diesen Klassen finden sich denn auch, abgesehen von wenigen Ausnahmen, alle Tugenden, alles Können und Wissen.

Übrigens kam es mir wenig auf den Charakter der Gesellschaft an, da ich die Absicht hatte, mich nur meinen Studien hinzugeben und meine Zeit mit einigen Gelehrten hinzubringen, deren Bekanntschaft überall leicht zu machen ist.

Die Florentiner sind im allgemeinen unwissend in bezug auf ihre Sprache, obwohl man dort sehr gut spricht; diese Vollkommenheit ist jedoch kein Verdienst, und ich nenne einen jeden unwissend, der seine Sprache nicht ihrem Wesen nach kennt. In Bologna dagegen hat alles einen literarischen Anstrich. Die Universität hat dreimal soviel Professoren als irgendeine andere; aber sie führen alle ein kümmerliches Dasein, weil sie schlecht bezahlt werden. Es gibt Professoren, die nur fünfzig römische Taler im Jahr bekommen; diese halten sich an den sehr zahlreichen Studenten schadlos. Die Druckereien arbeiten billiger als anderswo, und die Presse ist trotz der Inquisition sehr frei.

Vier oder fünf Tage nach mir kamen alle anderen Florentiner Verbannten in Bologna an. Die Lamberti reiste gleich nach Venedig weiter. Zanowitsch und Zen blieben fünf oder sechs Tage, aber sie wohnten nicht zusammen; denn sie hatten sich bei der Teilung des Raubes veruneinigt.

Zanowitsch weigerte sich, einen von den Wechseln des jungen Lords an Zen zu girieren, weil er sich nicht der Gefahr aussetzen wollte, selber für die Summen Schuldner zu werden, wenn der Engländer nicht bezahlte. Er wollte nach England gehen, und stellte es Zen frei, sich ebenfalls dorthin zu begeben.

Sie reisten nach Mailand, ohne sich geeinigt zu haben; die Mailänder Regierung befahl ihnen jedoch, die Lombardei zu verlassen, und ich habe nicht erfahren, wie sie sich geeinigt haben. Einige Zeit darauf hörte ich, daß die Wechsel des jungen Lords pünktlich bezahlt worden waren.

Medini hatte immer noch kein Geld. Er war in demselben Gasthof abgestiegen, wo ich wohnte, und schleppte immer noch seine Geliebte, deren kleine Schwester und Mutter mit sich, hatte jedoch nur noch einen Bedienten. Er sagte mir, der Großherzog habe in Pisa niemanden anhören wollen; er habe abermals einen Ausweisungsbefehl erhalten und infolgedessen alles verkaufen müssen. Natürlich bat er mich dann wieder, daß ich ihm helfen möchte, aber vergeblich.

Ich sah diesen Abenteurer niemals anders als in verzweifelter Stimmung wegen Geldmangels; trotzdem wollte oder konnte er sich niemals entschließen, seine Ausgaben zu mäßigen, sondern zog sich stets per fas et nefas aus der Schlinge. In Bologna hatte er das Glück, einen slavonischen Franziskanermönch, namens de Dominis, zu finden, der nach Rom ging, um vom Papst die Erlaubnis zu erwirken, Weltgeistlicher zu werden. Der Mönch verliebte sich in seine Geliebte, die ihm natürlich ihre Huld teuer bezahlen ließ.

Nach drei Wochen reiste Medini ab. Er ging nach Deutschland, wo er seine Henriade drucken ließ, nachdem er im Kurfürsten von der Pfalz einen freigebigen Mäzen gefunden hatte.

Hierauf irrte er noch ein Dutzend Jahre in allen Ländern Europas umher, um schließlich im Jahre 1788 in einem Londoner Gefängnis zu sterben.

Ich hatte ihm stets gesagt, er solle England meiden, denn ich war gewiß, daß er dort dem Gefängnis nicht entgehen und daß er lebend nicht mehr herauskommen würde, wenn er einmal hinter Schloß und Riegel säße. Er hat meinen Rat verachtet, und wenn er dies getan hat, um mich Lügen zu strafen, so hat er unrecht gehabt, denn er hat mich zum Propheten gemacht.

Medini war von vornehmer Geburt; er hatte eine gute Erziehung genossen und besaß Geist; da er jedoch arm war und gerne Geld ausgab, sich aber nur durch das Spiel halten konnte, so verbesserte er das Glück oder machte Schulden, die er niemals bezahlen konnte, die ihn folglich zwangen, überall die Flucht zu ergreifen, um nicht mit allen Gefängnissen Europas Bekanntschaft zu machen.

So hat dieser Mensch siebzig Jahre lang gelebt, und er würde vielleicht noch leben, wenn er meinen Rat befolgt hätte.

Vor acht Jahren erzählte Graf Tosio mir, er habe Medini in London im Gefängnis besucht, und der Narr habe ihm gesagt, er würde niemals nach England gegangen sein, wenn ich ihm nicht so grausam sein Unglück prophezeit und wenn er nicht Lust gehabt hätte, mich Lügen zu strafen. Er hatte sehr unrecht, und ich würde es für vernünftiger gehalten haben, wenn er mich innerlich für einen Lügner erklärt hätte, als daß er sich der Gefahr aussetzte, auf seine eigenen Kosten die Erfahrung zu machen, daß er recht hatte.

Medinis Torheit soll mich nicht abhalten, jedem Unglücklichen, den ich am Rande eines Abgrundes sehe, einen guten Rat zu geben. Diesem Grundsatz folgend sagte ich vor zwanzig Jahren in Venedig dem Grafen Cagliostro, der sich Graf Pellegrini nennen ließ, und von dem ich damals nicht wußte, daß er ein abgefeimter Gauner war: er sollte sich hüten, Rom zu betreten. Wenn er mir geglaubt hätte, so wäre er nicht elendiglich in der Festung San Leone zugrunde gegangen.

Ich habe nicht vergessen, daß vor dreißig Jahren ein Weiser mir sagte, ich sollte mich vor Spanien in acht nehmen. Trotz dem guten Rat reiste ich hin, und der Leser weiß, ob ich mich dessen zu freuen habe.

Etwa eine Woche nach meiner Ankunft in Bologna machte ich beim Buchhändler Tarufi die Bekanntschaft eines jungen Abbaten, in dem ich binnen einer Viertelstunde einen geistreichen und geschmackvollen Gelehrten fand. Er schenkte mir zwei Hefte, die neuesten Geisteserzeugnisse zweier jungen Professoren von der Universität. Er sagte mir, ich würde beim Lesen lachen, und er hatte recht.

Die eine dieser beiden Schriften suchte zu beweisen, daß man den Frauen alle ihre Fehler verzeihen müßte, weil für diese ihre Gebärmutter verantwortlich wäre, auf deren Antrieb sie unwillkürlich handelten. Die zweite Schrift war eine Kritik der ersten. Der Verfasser gab zu, daß allerdings der Uterus ein Tier für sich sei; aber er behauptete er übe keinen Einfluß auf die Vernunft des Weibes aus, denn die berühmtesten Anatomen hätten niemals auch nur die geringste Verbindung zwischen dem Behältnis des Fötus und dem Gehirn entdeckt.

Ich bekam Lust, eine Streitschrift gegen diese beiden Abhandlungen drucken zu lassen, und ich verfaßte sie in drei Tagen. Als sie fertig war, schickte ich sie Herrn Dandolo, um fünfhundert Exemplare davon abziehen zu lassen. Ich empfing sie ohne Zeitverlust und gab sie einem Buchhändler, um sie auf meine Rechnung zu vertreiben; in weniger als vierzehn Tagen sah ich mich auf Kosten der beiden schöngeistigen Ärzte im Besitz von hundert Zechinen.

Die erste von diesen beiden Schriften trug den Titel: L’utero pensante – der denkende Uterus. Die zweite Schrift, die Kritik der ersten, war französisch geschrieben und trug den Titel: La force vitale – die Lebenskraft. Ich betitelte die meinige: Lana caprina – Ziegenwolle. Ich behandelte den Stoff in scherzhafter Art, aber doch nicht ohne Tiefe, und machte mich über die beiden Doktoren lustig. Ich hatte eine französische Vorrede vorausgeschickt, die mit echt pariserischen Redensarten gespickt war, so daß sie für jeden unverständlich war, der nicht in der Riesenstadt gelebt hatte. Dieser Schelmenstreich verschaffte mir die Bekanntschaft vieler junger Leute.

Durch den schielenden Abbaten, der Zacchierdi hieß, wurde ich mit dem Abbaten Severini bekannt, mit dem ich in etwa zehn oder zwölf Tagen vertraute Freundschaft schloß. Er veranlaßte mich, aus dem Gasthof auszuziehen, indem er mir zwei schöne Zimmer bei einer früheren Virtuosa verschaffte, der Witwe des Tenors Carlani, die sich von der Bühne zurückgezogen hatte. Mit einem Pastetenbäcker machte er für mich einen Vertrag wegen der Lieferung meines Mittag- und Abendessens, das mir ins Haus geschickt wurde. Dies alles, mit Einschluß eines Bedienten, den ich nehmen mußte, kostete mir nicht mehr als zehn Zechinen im Monat.

Severini wurde die, übrigens sehr angenehme, Ursache, daß ich für den Augenblick meinen Geschmack an den Studien verlor. Ich ließ meine Iliade liegen, um sie wieder aufzunehmen, sobald ich Lust bekommen würde.

Severini stellte mich seiner Familie vor, in der ich bald wie ein guter alter Freund verkehrte. Besonders gern hatte mich seine Schwester, dreißig Jahre alt, eher häßlich als hübsch, aber ein kluges Mädchen; da sie sich in die Notwendigkeit versetzt sah, sich ohne Mann zu behelfen, so spielte sie die Stolze, die die Ehe verachtete.

Während der Fastenzeit verschaffte mir der Abbate die Bekanntschaft aller hübschen Tänzerinnen und Sängerinnen von Bologna.

Bologna ist die Pflanzschule dieses Gezüchtes, und alle diese Theaterheldinnen sind sehr vernünftig und sehr billig zu haben, solange sie sich in ihrer Heimat befinden.

Jede Woche machte mein gefälliger Abbate mich mit einer neuen bekannt. Wie ein wahrer Freund paßte er auf, daß ich nicht zu viel Geld ausgab. Da er arm war, so gab er selber nichts für die Partien aus, die er mit der Geschicklichkeit eines fürstlichen Günstlings zustande brachte; aber ohne ihn hätten diese Vergnügungen mir das Doppelte gekostet, und so fanden wir beide unsere Rechnung dabei.

Ein bologneser großer Herr, der Marchese Albergati Capacelli, machte damals von sich reden. Er hatte dem Publikum sein Theater geschenkt und war selber ein sehr guter Schauspieler. Er hatte sich berühmt gemacht, indem er seine Ehe mit der Tochter eines sehr guten Hauses, die er nicht liebte, für nichtig erklären ließ, um eine Tänzerin zu heiraten, von der er bereits zwei Kinder hatte. Das Komische bei dieser Scheidung war, daß er sein Verlangen mit seiner angeblichen Impotenz begründete und daß er sie sogar bewiesen hatte, indem er sich dem sogenannten Congresso unterwarf, einem ebenso barbarischen wie lächerlichen Gebrauch, der noch jetzt in dem größten Teil von Italien in Kraft ist.

Vier erfahrene, gerechte und unbestochene Richter nahmen mit dem völlig entkleideten Marchese alle Handlungen vor, die sie für geeignet hielten, um eine Erektion bei ihm hervorzubringen. Er bestand alle Proben und wußte in vollkommener Nullität zu verharren; die Ehe wurde daher wegen relativer Impotenz für nichtig erklärt, denn man wußte, daß er Kinder hatte.

Hätte man sich nicht an das alte Vorurteil gekehrt, sondern die Vernunft zu Rate gezogen, so würde man einen anderen Spruch gefällt haben; denn welchen Zweck hatte der Congresso, wenn die relative Impotenz genügend war, um auf Nichtigkeit der Ehe zu erkennen?

Es hätte genügen müssen, wenn der Marchese geschworen hätte, daß er bei seiner Frau ohnmächtig wäre; hätte die Signora dies nicht zugeben wollen, so hätte der Marchese sie auffordern können, ihn eigenhändig in einen Zustand zu versetzen, der ihr recht gegeben hätte.

Aber es sind Jahrhunderte nötig, um Bräuche zu zerstören, die auf leeren Vorurteilen beruhen.

Ich war neugierig, dieses Original kennen zu lernen, und schrieb an Herrn Dandolo, er möchte mir einen Empfehlungsbrief an den Marchese besorgen.

Acht Tage darauf empfing ich von meinem guten alten Freunde den gewünschten Brief. Er war von einem guten Freunde Albergatis, einem edlen Venetianer, namens Zaguri.

Da der Brief nicht versiegelt war, so las ich ihn und war sehr befriedigt davon; denn unmöglich konnte man eine Person besser empfehlen, die man selber nicht kennt, die einem aber durch einen guten Freund empfohlen ist.

Ich glaubte Herrn Zaguri einen Danksagungsbrief schreiben zu sollen, worin ich zum Ausdruck brachte, daß sein Schreiben in mir den lebhaftesten Wunsch erweckt hätte, meine Begnadigung zu erlangen, um Gelegenheit zu haben, den edlen Herrn, der zu meinen Gunsten einen so schönen Brief geschrieben, persönlich kennen zu lernen.

Ich erwartete keine Antwort, aber ich empfing eine, worin Herr von Zaguri mir sagte, er finde meinen Wunsch so schmeichelhaft, daß er sich bemühen werde, mir Vergebung für das Vergangene und Erlaubnis der Rückkehr in mein Vaterland zu erwirken.

Wie man sehen wird, gelang ihm dies, jedoch erst nach zweieinhalbjähriger Bemühung und mit der Unterstützung einiger mächtiger Freunde.

Albergati war von Bologna abwesend: sobald jedoch Severini mir seine Rückkehr mitteilte, begab ich mich nach seinem Palazzo. Der Türsteher sagte mir, Seine Exzellenz – diesen Titel beanspruchen in Bologna alle Edelleute – habe sich nach seinem Landsitz begeben und werde dort das ganze Frühjahr verbringen.

Zwei oder drei Tags später nahm ich Postpferde und fuhr in meinem eigenen Wagen nach der Villa des hohen Herrn hinaus.

Ich fand einen sehr hübschen Landsitz. Da niemand an der Tür war, so ging ich die Treppe hinauf und trat in einen Saal ein, wo ich einen Herrn und eine sehr hübsche Dame erblickte, die sich gerade zu Tisch setzen wollten. Das Essen war angerichtet, und es waren nur zwei Gedecke aufgelegt.

Nachdem ich eine sehr höfliche Verbeugung gemacht hatte, fragte ich den Herrn, ob ich die Ehre hätte, mit dem Herrn Marchese Albergati zu sprechen. Auf seine bejahende Antwort hin überreichte ich ihm den Brief, den ich bei mir hatte. Er nahm ihn, las die Aufschrift, steckte ihn in seine Tasche und sagte, er danke mir, daß ich mir die Mühe gemacht habe, ihm den Brief zu überbringen; er werde nicht verfehlen, ihn zu lesen.

»Es hat mir durchaus keine Mühe gemacht, Ihnen diesen Brief zu bringen, den ich Sie zu lesen bitte. Er ist vom Herrn von Zaguri, den ich darum gebeten habe, da ich die Ehre zu haben wünschte, die Bekanntschaft des Herrn Marchese zu machen.«

Er antwortete mir mit einem liebenswürdigen Lachen, er lese niemals Briefe, wenn er sich zu Tische setze; er werde den Brief nach Tisch lesen und die Befehle ausführen, die sein Freund Zaguri ihm gebe.

Dieses ganze kleine Gespräch führten wir im Stehen; es nahm weniger Zeit in Anspruch, als ich gebraucht habe, um es niederzuschreiben. Da nichts mehr zu sagen war, so fand ich das Benehmen des Herrn sehr unpassend, ging, ohne zu grüßen, hinaus und die Treppe hinunter. Ich kam gerade noch zur rechten Zeit, um den Postillon davon abzuhalten, daß er seine Pferde ausspannte. Ich sagte ihm mit lachender Miene, indem ich ihm ein doppeltes Trinkgeld versprach, er möchte mich nach irgendeinem Dorf fahren; ich wünschte zu frühstücken, und er könnte dort seine Pferde ausruhen lassen.

Im Augenblick, wo ich in meinen sehr hübschen und sehr bequemen Wagen einstieg und der Postillon sich zu Pferde setzen wollte, sah ich einen Bedienten herbeieilen; er trat sehr höflich an den Wagenschlag und sagte mir, Seine Exzellenz lasse mich bitten, nach oben zu kommen.

Ich fand, daß der dumme Marchese sehr schlecht Komödie spielte, zog eine Karte mit meinem Namen und meiner Adresse aus der Tasche und gab diese dem Bedienten, indem ich ihm sagte, dies sei, was sein Herr wünsche. Zugleich befahl ich dem Postillion, im Galopp abzufahren.

Eine halbe Stunde von der Villa hielten wir bei einem guten Gasthof an; hierauf fuhren wir nach Bologna zurück.

Am selben Tage noch berichtete ich Herrn von Zaguri ganz ausführlich über den Empfang, der mir zuteil geworden war, und über meine Abfahrt. Ich schickte meinen Brief offen an Herrn Dandolo mit der Bitte, ihn abzugeben. Ich schloß meinen Brief, indem ich den edlen Venetianer bat, dem Bolognesen zu schreiben, daß ich mich beleidigt fühlte, und daß er es mir nicht übel nehmen könnte, wenn ich meinen berechtigten Ärger nach allen Regeln der Ehre an ihm ausließe.

Ich mußte herzlich lachen, als ich am nächsten Tage nach Hause kam und meine Wirtin mir eine Visitenkarte übergab, worauf ich las: General Marchese d‘ Albergati. Sie sagte mir, der Herr habe ihr die Karte persönlich übergeben, nachdem er gehört habe, daß ich nicht zu Hause sei.

Ich fühlte mich durch diese Genugtuung keineswegs zufriedengestellt, sondern wartete auf den Erfolg des Briefes, den ich an Herrn Zaguri geschrieben hatte, um mich dann erst zu entschließen, welche Art von Genugtuung ich zu fordern hätte. Ich betrachtete die Karte, die der täppische Marchese mir dagelassen hatte, und konnte nicht begreifen, wie er dazu kam, sich den Generalstitel beizulegen. Während ich darüber nachgrübelte, kam mein lieber Severini; dieser sagte mir, der Marchese habe vor drei Jahren vom König von Polen den Stanislaus-Orden und den Kammerherrntitel erhalten.

»Aber ist er denn auch General im Dienste dieses Fürsten?«

»Ich bezweifle es; indessen weiß ich nichts Gewisses.«

Ah! Ich errate es! sagte ich bei mir selber: In Polen hat ein Kammerherr den Rang eines Generaladjutanten. Darum nennt der Marchese sich General!

Ich war entzückt, mich rächen zu können, indem ich den Mann lächerlich machte. Ich schrieb ein Gespräch in burleskem Stil und ließ es am nächsten Tage drucken. Die ganze Auflage schenkte ich meinem Buchhändler, und dieser verkaufte in drei oder vier Tagen sämtliche Exemplare zu einem Bajocco das Stück.

Siebzehntes Kapitel


Margherita. – Die Buonaccorsi. – Die Herzogin von Fiano. – Kardinal Bernis. – Die Prinzessin von Santa-Croce. – Menicuccio und seine Schwester.

Ich hatte mich entschlossen, sechs Monate in der größten Ruhe in Rom zu verbringen und mich nur mit dem Studium der Stadt zu beschäftigen, andere Bekanntschaften aber zu vermeiden. Am Morgen nach meiner Ankunft nahm ich eine hübsche Wohnung gegenüber dem Palast des spanischen Gesandten, damals Monsignore d’Aspura. Zufällig war es dieselbe Wohnung, die vor siebenundzwanzig Jahren der Sprachlehrer inne hatte, bei dem ich Stunden nahm, als ich beim Kardinal Acquaviva war. Die Wirtin war die Frau eines Kochs, der wöchentlich nur einmal bei seiner Frau schlief. Sie hatte eine Tochter von sechzehn oder siebzehn Jahren, die trotz ihrer etwas dunklen Hautfarbe sehr hübsch gewesen wäre, wenn nicht die Pocken sie eines Auges beraubt hätten. Man hatte ihr ein falsches Auge eingesetzt, dessen Farbe und Größe nicht zu dem natürlichen Auge paßten, und dies verlieh ihr ein geradezu unangenehmes Aussehen. Margherita, so hieß meine junge Wirtstochter, machte durchaus keinen Eindruck auf mich; trotzdem machte ich ihr ein Geschenk, das ihr unendlich wertvoll war. Ein englischer Augenarzt, Ritter Taylor genannt befand sich damals in Rom; durch ihn ließ ich ihr ein Emailleauge machen, das ihrem echten Auge täuschend ähnlich war. Dieses Geschenk brachte Margherita auf den Gedanken, daß ich mich binnen vierundzwanzig Stunden in sie verliebt hätte, und ihre Mutter, die sehr fromm war, schwebte in großer Angst, ihr Gewissen zu belasten, indem sie ein voreiliges Urteil über meine Absichten fällte. Dies alles entdeckte ich sehr bald, da ich mit Margherita sehr gut bekannt wurde.

Ich vereinbarte mit der Mutter den Preis für gutes, aber nicht übertriebenes Mittag- und Abendessen. Da ich dreitausend Zechinen besaß, so nahm ich mir vor, so zu leben, daß ich in Rom nicht nur keines Menschen bedürfte, sondern sogar eine anständige Rolle spielen könnte.

Am nächsten Tage fand ich Briefe auf mehreren Postämtern vor, und der Bankvorsteher Belloni, der mich seit langer Zeit kannte, war von den Wechseln, die ich überbrachte, bereits in Kenntnis gesetzt. Herr Dandolo, stets mein getreuer Freund, schickte mir zwei Empfehlungsbriefe, von denen der eine an den venetianischen Gesandten Erizzo adressiert war. Es war der Bruder des früheren Gesandten in Paris. Dieser Brief machte mir das größte Vergnügen. Der andere war an die Herzogin von Fiano von ihrem Bruder, Herrn von Zuliani, gerichtet.

Ich sah mich also in der Lage, zu allen großen Häusern Roms Zutritt zu erhalten, und machte mir ein wahres Vergnügen daraus, mich dem Kardinal Bernis erst vorzustellen, wenn ich bereits in der ganzen Stadt bekannt wäre.

Ich nahm weder Wagen noch Bedienten; denn dies ist in Rom durchaus nicht notwendig, da man dort beides sofort findet, wenn das Bedürfnis sich geltend macht.

Mein erster Besuch galt der Herzogin von Fiano. Sie war sehr häßlich und nicht eben reich, aber sie hatte einen ausgezeichneten Charakter, obgleich sie, um ihren Mangel an Geist zu verdecken, den Entschluß gefaßt hatte, recht boshaft zu sein, damit man sie für geistreich hielte.

Ihr Gemahl, der Herzog, der auch den Namen Ottoboni trug, hatte sie nur geheiratet, um sich einen Erben zu verschaffen. Aber der arme Teufel war babilano, wie man in Rom sagt, mit anderen Worten impotent. Dies vertraute die gute Herzogin mir schon bei meinem dritten Besuch an. Sie sagte es mir jedoch nicht in einem Ton, wie wenn sie ihn nicht liebte, oder wie wenn sie bedauert oder getröstet werden wollte, sondern nur um sich über ihren Beichtvater lustig zu machen, dem sie diesen Umstand anvertraut hatte, und der ihr gedroht hatte, ihr die Absolution zu verweigern, wenn sie fortführe, sich über den Zustand ihres Gemahls zu beklagen, und wenn sie irgendein Mittel anwendete, um ihn von seiner Ohnmacht zu heilen.

Die Herzogin gab jeden Abend ihrem aus sieben oder acht Personen bestehenden Kreise ein kleines Souper; zu diesen Mahlzeiten wurde ich erst nach zehn Tagen zugelassen, als alle mich kannten und meine Gesellschaft zu lieben schienen. Der Herzog war eine Art Uhu und liebte keine Gesellschaft; er speiste auf seinem Zimmer.

Der Fürst von Santa-Croce war der Cavaliere servente der Herzogin, und die Fürstin wurde vom Kardinal Bernis bedient. Die Fürstin war eine Tochter des Marchese Falconieri; sie war jung, hübsch, lebhaft und ganz dazu angetan, den Männern zu gefallen; aber sie war eifersüchtig auf den Besitz des Kardinals und ließ keiner anderen Dame die Hoffnung, ihren Platz einzunehmen.

Der Fürst war ein schöner Mann von edlen Manieren und mit einem recht scharfsinnigen Geist begabt, dessen er sich jedoch nur bediente, um geschäftliche Spekulationen zu machen; er war mit Recht überzeugt, daß er seiner vornehmen Geburt nichts vergab, indem er sein Vermögen durch Operationen vermehrte, zu denen vor allen Dingen Intelligenz nötig sei. Da er nicht gern Geld ausgab, so war er der Kavalier der Herzogin von Fiano geworden, weil diese ihm nichts kostete, und weil er außerdem nicht der Gefahr ausgesetzt war, sich in sie zu verlieben. Der Fürst war nicht fromm, aber er war Jesuit von der kurzen Robe in der vollsten Bedeutung des Wortes.

Als ich einige Wochen nach meiner Ankunft mich beklagte, daß einem Gelehrten so viele lästige Schwierigkeiten gemacht würden, wenn er in der römischen Bibliothek arbeiten wollte, erbot er sich, mich dem Superior des Hauses der Gesellschaft Jesu vorzustellen. Ich nahm sein Anerbieten an und wurde von einem der Bibliothekare empfangen, der mich allen Unterbeamten vorstellte; seitdem konnte ich nicht nur auf die Bibliothek gehen, so oft ich wollte, sondern auch die Bücher, die ich brauchte, in meine Wohnung schaffen lassen; ich hatte zu diesem Zweck nur meinen Namen und die Titel der gewünschten Bücher aufzuschreiben. Man brachte mir Kerzen, wenn man annahm, daß ich nicht mehr genügend Licht zum Lesen hätte, und trieb die Höflichkeit so weit, daß man mir die Schlüssel zu einer kleinen Seitentür gab, durch die ich zu allen Stunden eintreten konnte, oft sogar ohne gesehen zu werden.

Die Jesuiten sind stets die höflichsten von den Orden unserer Religion gewesen, ich muß sogar sagen: die einzigen höflichen; aber in der Krisis, in der sie sich damals befanden, waren sie von einer geradezu kriechenden Zuvorkommenheit.

Der König von Spanien verlangte die Unterdrückung des Ordens, und die Jesuiten wußten, daß der Papst sie ihm versprochen hatte; sie glaubten jedoch, der große Schlag könnte niemals geführt werden, und fühlten sich daher beinahe ganz sicher. Sie konnten sich nicht denken, daß der Papst eine übermenschliche Kraft hätte. Sie ließen sogar von dritter Seite darauf aufmerksam machen, daß seine Macht- Vollkommenheit nicht so weit ginge, ihren Orden ohne die Einwilligung eines Konzils aufzuheben; aber sie täuschten sich. Wenn der Pontifex maximus sich nur mit großer Mühe entschließen konnte, die Aufhebungsbulle zu unterzeichnen, so kam dies daher, daß er überzeugt war, mit der Bulle zugleich auch sein Todesurteil zu unterzeichnen; er entschloß sich daher erst dann dazu, als er sich in seiner Ehre bedroht sah. Der König von Spanien, der starrköpfigste aller Despoten, schrieb ihm mit eigener Hand: wenn er den Orden nicht aufhöbe, so würde er in allen europäischen Sprachen die Briefe drucken lassen, die er als Kardinal an ihn geschrieben hätte, und die ihn, den König, veranlaßt hätten, ihm die Tiara des heiligen Petrus auf das Haupt zu setzen.

Ein Papst mit einem anderen Kopf als Ganganelli würde dem König geantwortet haben, der Papst habe die Versprechungen eines Kardinals nicht zu halten, und die Jesuiten würden diese Doktrin unterstützt haben, die durchaus noch nicht die spitzfindigste unter den von den Anhängern des Probabilismus aufgestellten ist; aber Ganganelli liebte im Grunde die Kinder Loyolas nicht: er war Franziskanermönch und kein Edelmann von Geburt; seine Höflichkeit war bäuerisch, und sein Geist war nicht stark genug, um der Scham zu trotzen, die er gefühlt hätte, wenn er als ein Ehrgeiziger bloßgestellt worden wäre, der sein Wort brechen könnte, das er einem großen Herrscher gegeben hätte, um sich auf den Stuhl des vornehmsten Apostels setzen zu können.

Ich muß lachen, wenn ich sagen höre, Ganganelli hat sich durch das Einnehmen von Gegengiften vergiftet. Allerdings gebrauchte er Gegengifte und schützende Arzneien, weil er mit Recht befürchtete, daß man ihn vergiften würde. Er verstand nichts von Medizinen und hätte daher wohl einen solchen Fehler machen können; aber ich habe die moralische Gewißheit – wenn es überhaupt eine moralische Gewißheit gibt, daß der Papst wirklich an Gift starb, aber nicht an seinen Gegengiften.

Meine Gewißheit gründet sich auf folgendes:

In dem Jahre meines Aufenthaltes in Rom, dem dritten Regierungsjahr Klemens‘ des Vierzehnten, verhaftete man eine Frau aus Viterbo, die in einem rätselhaften Stil ganz überraschende Prophezeiungen aussprach. Sie weissagte in dunklen Ausdrücken die Zerstörung der Gesellschaft Jesu, ohne den Zeitpunkt anzugeben, wann dieses große Ereignis eintreten sollte; aber sie sagte sehr klar und deutlich: dieser religiöse Orden werde von einem Papst vernichtet werden, der nur fünf Jahre drei Monate und drei Tage regieren würde, genau so lange wie Sixtus der Fünfte, keinen Tag länger und keinen weniger.

Fast alle lachten über diese Weissagung, als eine Äußerung eines kranken Gehirns, und man sprach bald nicht mehr von der Sibylle von Viterbo, die man jedoch einsperrte.

Ich bitte meine Leser, mir zu sagen, ob ein urteilsfähiger, denkender Mensch an der Vergiftung Ganganellis noch zweifeln kann, da sein Tod die Prophezeiung wahr machte?

Hier gewinnt die moralische Gewißheit die ganze Kraft einer tatsächlichen Gewißheit. Derselbe Geist, der die Pythia von Viterbo abzurichten wußte, verstand es auch, seine Maßregeln so zu treffen, daß die Welt erfuhr, die Jesuiten hätten, wenn sie auch nicht ihre Unterdrückung verhindern konnten, jedenfalls nicht die Macht verloren, sich zu rächen, und wußten von dieser Macht Gebrauch zu machen. Der mächtige Jesuit, der dem Leben Ganganellis zur vorausbestimmten Stunde ein Ende machte, hätte ihn sicherlich vergiften können, bevor er das Breve der Aufhebung des Ordens unterzeichnet hatte; aber alles scheint dafür zu sprechen, daß die Nachfolger Loyolas die Sache erst dann für möglich hielten, als sie bereits vollbracht war. Hätte der Papst nicht den Jesuitenorden aufgehoben, so wäre er auch nicht vergiftet worden, und dann hätte die Weissagung auch nicht gelogen. Es ist zu bemerken, daß Klemens der Vierzehnte genau so wie Sixtus der Fünfte Franziskanermönch war, und daß beide von geringer Herkunft waren. Auffallenderweise wurde nach dem Tode des Papstes die Prophetin in Freiheit gesetzt, indem man sie für wahnsinnig erklärte. Man hörte niemals mehr von ihr sprechen, und obwohl die Prophezeiung durch das Ereignis bestätigt wurde, sagte man in allen gelehrten und adeligen Kreisen hartnäckig, der Papst sei an den Gegenmitteln gestorben, die er zum Schutz gegen Gift eingenommen habe.

Wer vorurteilslos und nicht voreingenommen ist, möge mir sagen, welches Interesse der Papst daran haben konnte, die Weissagung der Frau von Viterbo buchstäblich zu bestätigen? Wenn man mir sagt, das Ereignis könne nur ein Wert des Zufalles gewesen sein, so stopft man mir natürlich den Mund, denn diese Möglichkeit kann ich nicht leugnen; trotzdem werde ich bei meiner Überzeugung bleiben, weil sie auf Wahrscheinlichkeit und Vernunft gegründet ist.

Diese Vergiftung war die letzte Machtäußerung der Jesuiten. Es war ein Verbrechen, weil es nach dem Ereignis stattfand; wäre der Papst vor ihrem Sturz vergiftet worden, so hätte die Politik diese Tat gerechtfertigt; denn wirkliche Politik besteht in Voraussicht und Vorsicht und zögert niemals, die Mittel anzuwenden, die am meisten geeignet sind, den beabsichtigten Zweck möglichst schnell zu erreichen; der elendeste von allen Politikern ist derjenige, der nicht weiß, daß es nichts auf der Welt gibt, was nicht in zweifelhaften Fällen vorsichtshalber geopfert werden müßte.

Als der Fürst von Santa-Croce mich zum zweitenmal bei der Herzogin von Fiano sah, fragte er mich ohne jede Vorrede, warum ich den Kardinal Bernis nicht besuchte.

»Ich gedenke ihm morgen meine Aufwartung zu machen.«

»Gehen Sie ja hin; denn ich habe niemals Seine Eminenz mit so großer Achtung von einem Menschen sprechen hören, wie von Ihnen.«

»Ich habe seit achtzehn Jahren große Verpflichtungen gegen ihn und bewahre ihm eine unerschütterliche Dankbarkeit.«

»Besuchen Sie ihn also; wir alle werden uns freuen.«

Der Kardinal empfing mich am nächsten Tage mit offenbar großer Freude. Er lobte die Zurückhaltung, womit ich zum Fürsten über ihn gesprochen hätte, und sagte mir, er halte es nicht für notwendig, mir Verschwiegenheit in bezug auf unsere Bekanntschaft von Venedig her anzuempfehlen.

»Eure Eminenz sind ein wenig stärker geworden,« sagte ich zu ihm, »im übrigen aber finde ich Sie frisch und durchaus nicht verändert wieder.«

»Sie irren sich, lieber Freund, ich bin in allem anders geworden. Vor allen Dingen bin ich jetzt fünfundfünfzig Jahre alt, während ich damals nur sechsunddreißig zählte; außerdem darf ich nur noch Gemüse essen.«

»Geschieht dies, um die Neigung zu den Freuden der Venus zu töten?«

»Ich möchte gern, daß man es glaubte; aber ich denke, kein Mensch läßt sich dadurch täuschen.«

Er freute sich sehr, als er hörte, daß ich einen Brief für den venetianischen Gesandten besäße, aber ihn noch nicht abgegeben hätte. Er versicherte mir, er werde den Gesandten zu meinen Gunsten stimmen und dieser werde mich gut aufnehmen. »Schon morgen werde ich damit anfangen, das Eis zu brechen,« sagte der liebenswürdige Kardinal; »Sie werden bei mir speisen, und Seine Exzellenz wird es erfahren.«

Er hörte mit Vergnügen, daß ich gut mit Mitteln versehen und daß ich allein war, sowie, daß ich beschlossen hatte, verständig und ohne jeden Luxus zu leben.

»Ich werde diese Nachricht unserer M. M. mitteilen; denn ich stehe immer noch im Briefwechsel mit der schönen Nonne, und ich glaube, sie wird sich darüber freuen.«

Ich machte ihm viel Spaß, indem ich ihm mein Abenteuer mit der Nonne von Chambery erzählte.

»Sie können«, sagte der Kardinal, »den Fürsten von Santa-Croce ruhig bitten, Sie der Fürstin vorzustellen; wir können dann angenehme Stunden miteinander verbringen, aber nicht in der Art jener einstigen Stunden in Venedig; denn die Fürstin hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit M. M.«

»Sie ist aber doch das Entzücken Eurer Eminenz.«

»Ja,in Ermanglung eines Besseren. Sie werden sehen.«

Am nächsten Tage sagte der Kardinal nach Tisch zu mir, Herr Zuliani habe den Botschafter Erizzo von meiner Anwesenheit in Rom benachrichtigt, und dieser habe die größte Lust, mich kennen zu lernen.

Ich war sehr zufrieden mit dem Empfang, den er mir bereitete. Chevalier Erizzo, der Bruder des noch lebenden Prokurators, war ein geistvoller Mann, ein guter Bürger, ein ausgezeichneter Redner und ein großer Politiker. Er machte mir ein Kompliment wegen meiner Reisen und beglückwünschte mich, daß ich mich der Protektion der Staatsinquisitoren erfreute, anstatt von ihnen verfolgt zu werden; denn Herr Zuliani hatte mich ihm mit ihrer Einwilligung empfohlen. Er behielt mich zum Essen bei sich und bat mich, ihm den Vorzug zu geben, so oft ich nichts Besseres zu tun hätte.

Am selben Abend war ich bei meiner Herzogin und bat den Fürsten Santa-Croce, mich seiner Frau vorzustellen.

Er antwortete mir: »Sie selber wünscht dies, seitdem der Kardinal länger als eine Stunde mit ihr über Sie gesprochen hat. Sie können sich jeden Tag um elf Uhr oder um zwei Uhr nachmittags melden lassen.«

Gleich am nächsten Tage ging ich um zwei Uhr hin. Sie lag im Bett und hielt ihre Mittagsruhe; da ich aber den Vorzug hatte, ein Mensch ohne Bedeutung zu sein, so ließ sie mich sofort eintreten. In einer Viertelstunde wußte ich ganz genau, was an ihr war: sie war jung, hübsch, fröhlich, lebhaft, neugierig, lachlustig, sprach und fragte fortwährend und hatte nicht die Geduld, die Antwort abzuwarten oder zu Ende zu hören. Sie kam mir vor wie ein Spielzeug, um Geist und Herz eines genußfreudigen und weisen Mannes zu erheitern, der wichtige Geschäfte hatte und das Bedürfnis fühlte, sich zu zerstreuen. Der Kardinal sah sie regelmäßig dreimal taglich: am Morgen, wenn sie sich anzog, erkundigte er sich, ob sie eine gute Nacht gehabt hätte; am Nachmittag um drei Uhr trank er mit ihr Kaffee, und am Abend sah er sie noch einmal in der Gesellschaft. Dort machte er mit ihr seine Partie Pikett und spielte so geschickt, daß er jeden Abend sechs römische Zechinen verlor, niemals mehr und niemals weniger. Hierdurch wurde die Fürstin die reichste junge Frau in ganz Rom. Ihr Gemahl besaß zwar den Fehler der Eifersucht, aber er war zu vernünftig, um es übel zu nehmen, daß seine Frau eine Pension von achtzehnhundert Franken im Monat hatte, ohne sich etwas vorzuwerfen zu brauchen und ohne der üblen Nachrede den geringsten Stoff zu liefern; denn alles ging in voller Öffentlichkeit vor sich; übrigens war das Geld ehrlich im Spiel gewonnen, und dieses sehr unschuldige Spiel konnte schließlich ja auch wohl eine schöne Frau beständig begünstigen. Warum sollte das Glück nicht verliebt sein?

Der Fürst Sante-Croce mußte einen unendlichen Wert auf die Freundschaft des Kardinals für seine junge Gemahlin legen; sie war sehr fruchtbar und schenkte ihm jedes Jahr ein Kind; manchmal sogar alle neun Monate, obgleich Doktor Salicetti dringend geraten hatte, an ihre Gesundheit zu denken; er hatte ihr gesagt, sie setze sich den größten Gefahren aus, wenn sie wieder schwanger würde, bevor sechs Wochen seit ihrer letzten Niederkunft vergangen wären. Man behauptete, der Fürst, der sich während der letzten Tage der Schwangerschaft seiner Frau hätte enthalten müssen, ginge sofort wieder ans Werk, wenn man das Neugeborene zur Taufe trüge.

Die Freundschaft des Kardinals mit seiner Frau bot dem Fürsten Santa-Croce ferner noch den Vorteil, daß er alle gewünschten Stoffe aus Lyon kommen lassen konnte, ohne daß der Schatzmeister des Papstes sich hineinmischen durfte, denn die Waren wurden an den französischen Botschafter, Kardinal Vernis, adressiert. Die Gönnerschaft des Kardinals schützte ferner das Haus des Prinzen gegen alle diejenigen, die sonst seiner Frau gerne den Hof gemacht hätten, und ohne Zweifel waren die Freier sehr zahlreich. Der Connetabel Colonna war sehr in sie verliebt. Der Fürst hatte eines Tages den vornehmen Herrn unter vier Augen mit seiner Frau in einem Zimmer seines Palastes überrascht, und zwar in einem Augenblick, wo sie sicher war, daß das Glockenzeichen an der Tür nicht die Eminenz anmeldete. Kaum war der Fürst-Connetabel fortgegangen, so befahl der Fürst seiner Gattin, sich bereit zu halten, um mit ihm am nächsten Tage aufs Land zu gehen. Die Frau verwahre sich dagegen und sagte, diese plötzliche Abreise sei nur eine törichte Laune von ihm, und ihre Ehre erlaube ihr nicht, darin einzuwilligen. Der Fürst war jedoch fest entschlossen, und sie hätte nachgeben müssen, wenn nicht der Kardinal während des Streites eingetroffen wäre. Nachdem er die Geschichte aus dem Munde der naiven und unschuldigen Fürstin vernommen hatte, machte er dem Fürsten begreiflich, er müsse um seines Glückes willen allein aufs Land gehen, wenn er dort Geschäfte hätte, und seine Frau ruhig in Rom lassen; in Zukunft werde sie ihre Maßregeln besser treffen, um solche Zusammentreffen zu vermeiden, die stets listig seien, und aus denen Mißverständnisse hervorgehen könnten, die den häuslichen Frieden stören würden.

In weniger als einem Monat war ich den drei Hauptspielern dieser Komödie völlig unentbehrlich geworden. Niemals mischte ich mich in ihre Dispute ein, sondern hörte und bewunderte immer nur, gab stets dem Sieger recht und wurde ihnen dadurch ebenso notwendig, wie ein Marqueur Billardspielern ist. Durch Erzählung oder scherzhafte Erläuterungen füllte ich die verdrießlichen Augenblicke aus, die derartigen Debatten zu folgen pflegen; man kam wieder in gute Stimmung, man fühlte, daß man dies mir verdankte, und belohnte mich dadurch, daß man mich niemals für überflüssig hielt. Ich sah im Kardinal, im Fürsten und in seiner schönen Frau drei liebenswürdige Wesen, die vernünftig und vorurteilsfrei genug waren, um durch unschuldige Mittel ihr Leben glücklich zu machen, ohne dem Frieden und den guten Sitten der Gesellschaft zu nahe zu treten.

Die Herzogin von Fiano war eitel auf ihren Ruf, den sie in Rom hatte, und da sie den Gatten der Frau besaß, die dieser dem Kardinal überließ, so bildete sie sich nicht wenig darauf ein; aber außer ihr selber ließ sich kein Mensch dadurch täuschen. Die gute Dame wunderte sich, warum ich nicht begreifen konnte, daß die Fürstin nur aus unwiderstehlicher Eifersucht niemals zu ihr käme. Eines Tages suchte sie mich mit solchem Feuer hiervon zu überzeugen, daß ich wohl sah, ich würde mich dem Verlust ihrer Huld aussetzen, wenn ich ihr nicht beistimmte.

Ich hatte ihr von Anfang an zugeben müssen, daß es unbegreiflich wäre, wie die Reize der Fürstin den Kardinal hätten blenden können; denn nach ihrer Meinung gab es keine so magere, leichtfertige und flatterhafte Person wie die Fürstin. Ich war durchaus nicht dieser Meinung, denn in meinen Augen war die Fürstin Santa-Croce ein wahres Kleinod für einen genußliebenden und philosophischen Liebhaber wie den Kardinal Bernis.

Manchmal ertappte ich mich darauf, den Prälaten wegen des Besitzes dieses Schatzes glücklicher zu finden als wegen der hohen Würde, zu der ihn Glück und persönliches Verdienst erhoben hatten.

Ich liebte die Fürstin; da ich aber nicht so kühn war, Hoffnungen auf Erfolg zu hegen, so hielt ich mich innerhalb der Grenzen, die mir eine friedliche Fortdauer unseres Verhältnisses sicherten.

Ich hätte es wagen können, und es wäre mir vielleicht geglückt; aber ich hätte mich vielleicht auch getäuscht und den Stolz der Frau beleidigt, die offenbar mehr stolz als verliebt war; ich würde das Zartgefühl des Kardinals beleidigt haben, der trotz seiner Philosophie durch die Jahre und den Kardinalspurpur anders geworden war als zu der Zeit, da wir die schöne M. M. gemeinsam besaßen. Ich erinnerte mich, daß der Kardinal mir gesagt hatte, er empfinde für sie nur die Zärtlichkeit eines Vaters; hierdurch hatte er mir zur Genüge zu verstehen gegeben, daß er es übel nehmen würde, wenn ich mehr zu werden versuchte als der meistbegünstigte ihrer sehr ergebenen Diener.

Übrigens mußte ich mich sehr glücklich schätzen, daß sie sich mir gegenüber nicht mehr Zwang antat als vor ihrer Kammerzofe. Um ihr nach Möglichkeit gefällig zu sein, tat ich, wie wenn ich nichts sähe, während sie überzeugt war, daß ich alles sähe.

Es ist nicht leicht, den Weg zu finden, um die Gunst einer gegen alles so gleichgültigen Frau zu erringen, besonders wenn sie in ihrem Dienst einen König hat – oder einen Kardinal.

Ich war nun seit einem Monat in Rom. Das Leben, das ich führte, war so, wie ich es mir nur wünschen mochte, um glücklich und ruhig zu sein. Margherita hatte schließlich durch ihre Aufmerksamkeiten meine Teilnahme erregt. Da ich keinen Bedienten hatte, so war sie morgens und abends in meinem Zimmer, und ihr falsches Auge war so vorzüglich gemacht, daß ich an ihre Einäugigkeit gar nicht dachte. Sie hatte viel natürlichen Geist, aber nicht die geringste Bildung; sie war eitel, und obwohl ich anfangs gar keine Absicht dabei hatte, schmeichelte ich ihrer Eitelkeit, indem ich abends und morgens mit ihr schäkerte und ihr kleine Geschenke machte, um sich für den Kirchgang am Sonntag putzen zu können. Es dauerte denn auch nicht lange, so bemerkte ich zweierlei: erstens, daß sie sich wunderte, warum ich niemals zu einer Erklärung in Worten oder Taten käme, obwohl ich sie doch offenbar liebte, denn davon war sie überzeugt; zweitens, daß ihre Eroberung nicht schwierig sein würde, wenn ich sie liebte.

Diesen letzten Umstand erriet ich, als ich sie eines Tages bat, mir die kleinen Abenteuer zu erzählen, die sie gewiß von ihrem elften oder zwölften Jahre bis zu ihrem gegenwärtigen Alter von siebzehn oder achtzehn Jahren gehabt hätte; sie erzählte mir Einzelheiten, die sie nur enthüllen konnte, indem sie jede Zurückhaltung beiseite setzte.

Da diese kleinen Skandalgeschichten mir das größte Vergnügen machten, so hatte ich sie daran gewöhnt, mir niemals etwas zu verschweigen; denn ich gab ihr jedesmal, wenn ich an ihrer Erzählung den Charakter der Wahrheit fand, einige Geldstücke; ich gab ihr aber nichts, wenn ich zu bemerken glaubte, daß sie mir Umstände verschwieg, durch deren Einfügung die Geschichte interessanter geworden wäre.

Sie gestand mir, daß sie das nicht mehr hatte, was ein Mädchen nur einmal verlieren kann, und daß eine Freundin von ihr, namens Buonaccorsi, die sie jeden Feiertag besuchte, sich in derselben Lage befand; schließlich nannte sie mir auch den Namen des jungen Mannes, der sie beide entjungfert hatte.

Mein Nachbar war ein junger piemontesischer Abbate, namens Ceruti; wenn ihre Mutter keine Zeit hatte, mußte Margherita ihn bedienen. Als ich sie mit ihm neckte, schwor sie mir, sie hätte kein Liebesverhältnis mit ihm. Das machte mir Spaß, denn mir lag durchaus nichts daran.

Der Abbate war schön, gelehrt und geistvoll; aber er war arm, verschuldet und wegen einer sehr unangenehmen Geschichte in ganz Rom berüchtigt.

Man erzählte sich, er habe einem Engländer, der die Fürstin Lanti liebte, im Vertrauen gesagt, die Fürstin habe zweihundert Zechinen nötig; der Engländer habe ihm das Geld für sie gegeben und der Abbate habe es für sich behalten. Diese Gemeinheit war entdeckt worden, als es zwischen der Dame und dem Insulaner zu einer Aussprache kam. Dieser sagte der Fürstin, er sei bereit, alles für sie zu tun, und rechne dabei die zweihundert Zechinen nicht, die er ihr bereits habe geben lassen.

Überrascht und entrüstet leugnete die Fürstin. Alles klärte sich auf. Der vorsichtige Engländer entschuldigte sich, und dem Abbaten wurde der Zutritt zum Hause der Fürstin versagt, während der Engländer sich weigerte, ihn zu sehen.

Dieser Abbate Ceruti war der Schriftsteller, von dem Bianconi die allwöchentlich erscheinenden römischen Ephemeriden schreiben ließ; er war, wie man zu sagen pflegt, mein Freund geworden, als wir in Margheritas Haus nebeneinander wohnten. Ich hatte bemerkt, daß er sie liebte, und war durchaus nicht eifersüchtig auf ihn, denn ich war nicht in sie verliebt; da er jedoch jung und schön war, so konnte ich mir nicht vorstellen, daß Margherita ihn hart behandelte. Sie versicherte mir jedoch, sie verabscheute ihn und es wäre ihr sehr unangenehm, daß ihre Mutter ihn nicht immer bedienen könnte.

Ceruti hatte einige Verpflichtungen gegen mich; er hatte von mir zwanzig Scudi auf acht Tage geliehen; und es waren bereits drei Wochen vergangen, ohne daß er Wort gehalten hatte. Ich mahnte ihn jedoch nicht und würde ihm sogar noch zwanzig Scudi geliehen haben, wenn er mich darum gebeten hätte.

Wenn ich bei der Herzogin von Fiano zu Abend speiste, kam ich spät nach Hause, und Margherita wartete dann auf mich. Ihre Mutter lag schon zu Bett. Ich behielt das Mädchen eine Stunde oder manchmal auch zwei bei mir und dachte nicht daran, daß unsere geräuschvollen Späße vielleicht dem Abbate mißfallen könnten, der alles hören mußte; denn unsere Zimmer waren nur durch eine dünne Scheidewand getrennt.

Als ich eines Abends gegen Mitternacht nach Hause kam, fand ich zu meiner Überraschung die Mutter auf mich warten.

»Wo ist Ihre Tochter?« fragte ich sie.

»Sie schläft, und ich kann es mit gutem Gewissen nicht mehr erlauben, daß sie die ganze Nacht bei Ihnen bleibt.«

»Aber sie bleibt ja nur so lange bei mir, bis ich zu Bett gehe. Ihre Mitteilung beleidigt mich, denn es liegt darin ein Verdacht, der für mich verletzend ist. Was kann denn Margherita Ihnen gesagt haben? Wenn sie sich über mich beschwert hat, so hat sie gelogen. Morgen werde ich ausziehen.«

»Da würden Sie unrecht tun. Margherita hat mir nichts gesagt; sie behauptete im Gegenteil, Sie scherzten nur.«

»Ganz recht. Haben Sie etwas gegen solches Scherzen einzuwenden?«

»Nein, aber Sie können sonst noch was machen.«

»Und auf diese Möglichkeit hin erheben Sie einen unwürdigen Verdacht, der Ihr Gewissen beunruhigen muß, wenn Sie eine gute Christin sind?«

»Gott soll mich behüten, daß ich Argwohn gegen meinen Nächsten habe! Aber mir ist gesagt worden, Ihr Gelächter und Ihre Scherze seien so laut, daß ohne jeden Zweifel Ihre Unterhaltungen gegen die guten Sitten verstoßen müßten.«

»So hat also mein Nachbar, der Abbate, Sie mit dieser Sache behelligt?«

»Ich kann Ihnen nicht sagen, wer mich darauf aufmerksam gemacht hat, aber ich weiß Bescheid.«

»Um so besser für Sie! Morgen werde ich ausziehen, damit Ihr Gewissen sich beruhigt.«

»Aber kann ich Sie nicht ebensogut bedienen wie meine Tochter?«

»Nein. Ihre Tochter macht mich lachen, und das tut mir gut. Mit Ihnen wäre es anders. Sie haben mich beleidigt, und ich werde morgen Ihre Wohnung verlassen, denn so etwas darf nicht mehr vorkommen.«

»Es würde mir außerordentlich leid tun wegen meines Mannes; er würde von mir verlangen, daß ich ihm den Grund sage, und dies würde mich in Verlegenheit bringen.«

»Machen Sie das, wie Sie wollen; es ist mir völlig gleichgültig, was Ihr Mann davon denkt, und ich werde morgen ausziehen. Bitte, entfernen Sie sich; ich will zu Bett gehen.«

»Erlauben Sie mir, Sie zu bedienen.«

»Nein. Wenn Sie wünschen, daß ich bedient werde, so schicken Sie mir Margherita.«

»Sie schläft.«

»Wecken Sie sie!«

Die gute Mutter ging hinaus, und zwei Minuten darauf trat die Tochter ein. Sie hatte beinahe nur ein Hemd an, und da sie keine Zeit gehabt hatte, sich ihr falsches Auge einzusetzen, so fand ich sie so komisch, daß ich laut auflachte.

»Ich schlief«, sagte Margherita, »und meine Mutter hat mich plötzlich aufgeweckt und mir befohlen, Sie zu bedienen und Sie zu bitten, daß Sie nicht ausziehen; denn dann würde mein Vater denken, wir hätten irgend etwas Böses miteinander gemacht.«

»Ich werde bleiben; aber Sie werden nach wie vor allein zu mir kommen.«

»Oh, ich komme gern; aber wir dürfen nicht mehr lachen, denn der Abbate hat sich beschwert.«

»Ah, so hat also der Abbate diesen ganzen Lärm gemacht?«

»Das können Sie sich doch denken. Unsere Freude hat ihn geärgert und hat seine Leidenschaft angestachelt.«

»Er ist ein jämmerlicher Kerl, der bestraft werden muß; haben wir gestern gelacht, so werden wir diese Nacht noch mehr lachen.«

Nachdem wir uns hierüber geeinigt hatten, begingen wir tausend Kindereien und lachten dazu absichtlich doppelt laut, um den Bäffchenträger zu ärgern. Als wir seit einer Stunde im schönsten Tollen waren, ging die Türe auf, und die Mutter trat ein.

Sie fand mich mit Margheritas Haube auf dem Kopf und das Mädchen mit einem großen Schnurrbart verziert, den ich ihr mit Tinte angemalt hatte. Bei diesem Anblick mußte die Mutter, die uns vielleicht auf frischer Tat zu ertappen geglaubt hatte, in unser Gelächter einstimmen.

»Nun?« fragte ich sie; »ist dies wirklich ein Verbrechen?«

»Nein; ich sehe, Sie haben recht; aber bedenken Sie, daß Ihre unschuldigen Orgien Ihren Nachbarn am Schlafen verhindern.«

»Mag er anderswo schlafen! Ich werde mir seinetwegen keinen Zwang antun. Ja, ich muß Ihnen sogar sagen, daß Sie zwischen ihm und mir zu wählen haben; denn wenn ich bei Ihnen bleibe, so geschieht dies nur unter der Bedingung, daß Sie ihn fortschicken; sein Zimmer nehme ich.«

»Ich kann ihm erst zum Ende des Monats kündigen, aber ich sehe voraus, daß er meinem Mann Dinge erzählen wird, die den Frieden des Hauses stören werden.«

»Ich verspreche Ihnen, daß er morgen ausziehen und daß er sich hüten wird, etwas zu sagen, überlassen Sie alles mir! Der Abbate wird sofort aus freiem Willen Ihr Haus verlassen, ohne daß Sie die geringste Unruhe zu befürchten haben. In Zukunft aber fürchten Sie für Ihre Tochter, wenn sie mit einem Mann allein ist, ohne zu lachen und zu sprechen. Wenn man nicht lacht, begeht man etwas Ernstes.«

Nach diesem Gespräch entfernte die Mutter sich zufrieden und legte sich zu Bett. Margherita bewunderte die schöne Tat, die ich am nächsten Tage ausführen sollte, und wurde so lustig, daß ich mich nicht enthalten konnte, ihren Reizen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nachdem ich mit ihr eine Stunde verbracht hatte, ohne zu lachen, verließ sie mich sehr glücklich über ihren Sieg.

Am anderen Morgen trat ich in aller Frühe beim Abbaten ein, warf ihm seine Indiskretion vor und forderte ihn auf, sich entweder sofort eine andere Wohnung zu besorgen oder mir unverzüglich die zwanzig Taler zu bezahlen, die er mir schuldig wäre. Er machte allerlei Ausflüchte; als er mich aber unerbittlich sah, sagte er mir, er könne nicht ausziehen, ohne einige kleine Summen zu bezahlen, die er dem Hauswirt schuldig sei, und ohne das Geld zu haben, ein anderes Zimmer auf einen Monat zu bezahlen.

»Gut. Hier sind zwanzig Taler; ich schenke sie Ihnen und ebenso die zwanzig Taler, die Sie mir bereits schuldig sind; aber ziehen Sie noch heute aus und hüten Sie sich, auch nur ein Wörtchen über die ganze Geschichte zu sagen, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich für Ihren unversöhnlichen Feind erkläre.«

Nachdem ich mich auf diese Weise des Abbaten entledigt hatte, sah ich mich im Besitz der beiden Zimmer und hatte auf diese Weise eine bequemere Wohnung; ich hatte Margherita zu meiner freien Verfügung, und durch sie wenige Tage später die hübsche Buonaccorsi, die ihr weit überlegen war.

Die beiden Mädchen machten mich mit dem jungen Helden bekannt, der sie verführt hatte.

Er war ein Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren mit einem reizenden Gesicht, aber klein von Wuchs. Die Natur hatte ihm ein ungeheures männliches Glied gegeben, und auf Lampsakus würde man ihm ohne Zweifel im Tempel des Priapus Altäre errichtet haben, denn er konnte es mit diesem Gott aufnehmen.

Dieser Jüngling, der sehr freundliche und liebenswürdige Manieren hatte, war von Gefühlen beseelt, die sich weit über die Anschauungsweise eines gewöhnlichen Arbeiters erhoben. Er liebte weder Margharita noch die Buonaccorsi; aber als sie eines Tages ungestört beisammen gewesen waren, hatte er erraten, daß sie neugierig waren, das zu sehen, was sie nicht glaubten, und hatte ihnen die Wahrheit gezeigt. Der Anblick erregte das Bedürfnis einer vollständigeren Befriedigung; er bemerkte es und bot ihnen seine Dienste an. Die beiden jungen Mädchen berieten sich miteinander, und indem sie so taten, als wenn sie ihm nur eine Gefälligkeit erwiesen, gaben sie sich ihm hin, und das doppelte Werk wurde vollzogen. Der junge Mann gefiel mir. Ich versah ihn mit guter Wäsche und Kleidung, und bald hatte er zu mir vollstes Vertrauen. Er war in ein junges Mädchen verliebt, dessen Besitz ihm das höchste Glück dünkte. Aber er war unglücklich, denn sie war in ein Kloster eingesperrt, und da er sie nicht zur Frau erhalten konnte, so war er der Verzweiflung nahe. Er verdiente nämlich täglich nur einen Paolo (elf Soldi) und hatte also nicht einmal genug für seinen eigenen Lebensunterhalt.

Da er mir oft von seiner angebeteten Schönen erzählte, so bekam ich Lust, sie zu sehen. Bevor ich jedoch diese Geschichte erzähle, muß ich erst sagen, in welchen Verhältnissen ich mich in Rom befand.

Eines Tages ging ich aufs Kapitol, um der Verteilung der Preise an die jungen Zöglinge der Mal- und Zeichenschule beizuwohnen. Der erste, den ich dort sah, war Raphael Mengs. Er war mit Pompeo Battoni und zwei oder drei anderen Malern da, um zu bestimmen, welche Arbeiten einen Preis erhalten sollten.

Da ich nicht vergessen hatte, wie der Künstler sich in Madrid gegen mich benommen hatte, so tat ich, wie wenn ich ihn nicht gesehen hätte, aber sobald er mich bemerkte, kam er auf mich zu, begrüßte mich freundlich und sagte: »Mein lieber Casanova, trotz dem, was in Madrid zwischen uns vorgefallen ist, können wir hier in Rom, dem Lande wahrer Freiheit, alles vergessen und miteinander sprechen, ohne dadurch unserer Ehre etwas zu vergeben.«

»Ich sage nicht nein; vorausgesetzt, daß der Gegenstand unseres Zwistes niemals erwähnt wird; denn ich für meinen Teil fühle, daß ich dabei nicht kaltblütig bleiben könnte.«

»Das leugne ich nicht, aber hätten Sie Madrid gekannt wie ich und gewußt, wie notwendig es für mich war, Rücksicht auf die bösen Zungen zu nehmen, so hätten Sie mich nicht in die Lage gebracht, tun zu müssen, was ich nur mit großem Bedauern tat.«

»Es sah nicht danach aus.«

»Ich glaube es, aber um so besser! Ich stand nämlich in dem dringenden Verdacht, Protestant zu sein, und wenn ich mich gegen Ihr Verhalten gleichgültig gezeigt hätte, so hätte ich dadurch die Verdachtgründe bestärkt und mich vielleicht zugrunde gerichtet. Kommen Sie morgen zu mir zum Mittagessen; Bacchus wird unseren Groll ertränken. Wir speisen im Kreise meiner Familie und meiner Freunde. Da Sie, wie ich weiß, mit Ihrem Bruder nicht verkehren, so wird er nicht bei mir sein, übrigens empfange ich ihn auch sonst nicht. Denn wenn ich das täte, würden alle anständigen Leute sich von meinem Hause fernhalten.«

Ich nahm die Einladung an, die den Stempel freimütigster Freundschaft trug, und fand mich pünktlich ein.

Mein Bruder verließ Rom einige Zeit nachher mit dem russischen Gesandten in Dresden, Fürsten Beloselski, mit dem er gekommen war; er hatte die Wiederherstellung seiner Ehre nicht erlangen können, denn der Senator Rezzonico war unerbittlich. Wir sahen uns m Rom nur drei- oder viermal.

Fünf oder sechs Tage vor seiner Abreise hatte ich die angenehme Überraschung, meinen anderen Bruder, den Abbate, bei mir eintreten zu sehen. Er war wie gewöhnlich in Lumpen und verlangte ganz frech Hilfe von mir.

»Woher kommst du?«

»Von Venedig. Dort konnte ich nicht bleiben, weil ich meinen Lebensunterhalt nicht fand.«

»Und wovon gedenkst du in Rom zu leben?«

»Ich werde Messen lesen und französischen Unterricht geben.«

»Du willst Sprachlehrer sein? Du kannst ja nicht einmal deine eigene Sprache.«

»Ich kenne die meinige und auch die französische und habe bereits zwei Schüler.«

»Ich wünsche ihnen Glück zu den Grundsätzen, die du ihnen beibringen wirst. Wer sind sie denn?«

»Der Sohn und die Tochter des Gastwirts, bei dem ich wohne. Aber das genügt nicht, und im Anfang mußt du mich unterstützen.«

»Darauf hast du nicht zu rechnen. Hinaus mit dir!«

Ohne länger auf ihn zu hören, zog ich mich in aller Eile fertig an und ging aus, indem ich Margherita beauftragte, mein Zimmer zu schließen.

Der elende Mensch stellte mich bei allen meinen Bekannten bloß, auch bei der Herzogin von Fiano und sogar beim Abbate Gama. Alle Welt lag mir in den Ohren, ich müßte ihn unterstützen oder ihn von Rom fortschaffen. Das wurde mir sehr lästig. Endlich kam der Abbate Ceruti zu mir und sagte: »Wenn es nicht dahin kommen soll, daß der Taugenichts auf der Straße bettelt, so müssen Sie etwas für ihn tun. Sie können ihn außerhalb Roms unterhalten, wenn Sie täglich drei Paoli opfern. Er ist bereit, die Stadt zu verlassen.« ^

Ich erklärte mich einverstanden, und Ceruti ordnete die Angelegenheit auf eine mir sehr erwünschte Weise. Er sprach mit einem Pfarrer, der sich damals in Rom aufhielt und der den Gottesdienst einer Franziskanerinnen-Kirche besorgte. Dieser Pfarrer nahm meinen Bruder mit, indem er ihm täglich drei Paoli zusicherte, um die Messe zu lesen, außerdem hatte er noch Aussicht, Geschenke zu erhalten, wenn es ihm glückte, als Prediger zu gefallen, denn auf das Predigen legten die Nonnen seines Klosters großen Wert.

Der Abbate Casanova entfernte sich also, und ich kümmerte mich wenig darum, ob er wußte oder nicht wußte, von wem er die drei Paoli erhielt. Solange ich in Rom blieb, fehlten die neun Piaster im Monat, ungefähr fünfzig Franken, ihm niemals. Nach meiner Abreise kehrte er nach Rom zurück; später kam er in ein anderes Kloster, wo er vor dreizehn oder vierzehn Jahren eines plötzlichen Todes starb.

Medini befand sich seit meiner Ankunft in Rom ebenfalls dort, aber wir hatten uns niemals gesehen. Er wohnte in der Ursulinerinnenstraße bei einem päpstlichen Dragoner; er lebte nur vom Spiel und suchte die Fremden zu betrügen, deren er habhaft werden konnte.

Der Taugenichts hatte ein bißchen Glück und ließ von Mantua seine Geliebte mit ihrer Mutter und einem anderen sehr hübschen Mädchen von zwölf bis dreizehn Jahren kommen. Er glaubte größere Vorteile zu haben, wenn er eine größere möblierte Wohnung nähme, und zog daher nach dem Spanischen Platz, wo ich fünf oder sechs Häuser von ihm entfernt wohnte. Dieser Umstand war mir jedoch völlig unbekannt.

Als ich eines Tages beim venetianischen Botschafter speiste, sagte Seine Exzellenz mir: »Sie werden mit einem Grafen Manucci speisen, der von Paris kommt, und sich sehr gefreut hat, als er vernahm, daß Sie in Rom sind. Ich nehme an, daß Sie ihn genau kennen; würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, wer dieser Graf ist, den ich morgen dem Heiligen Vater vorstellen soll?«

»Ich habe ihn in Madrid beim Gesandten Mocenigo gekannt; er macht einen guten Eindruck, ist bescheiden und höflich und ein hübscher junger Mensch. Das ist alles, was ich weiß.«

»Wurde er vom spanischen Hof empfangen?«

»Ich glaube es; aber ich kann es nicht bestimmt behaupten.«

»Ich glaube, nein; aber ich sehe. Sie wollen mir nicht alles sagen, was Sie von ihm wissen. Nun, es macht nichts; ich laufe keine Gefahr, wenn ich ihn dem Papst vorstelle. Er behauptet, von dem berühmten Reisenden Manucci aus dem dreizehnten Jahrhundert abzustammen und ein Nachkomme der berühmten Buchdruckerfamille Manucci zu sein, die der Literatur so viel Ehre gemacht hat. Er zeigte mir den Anker in seinem Wappen mit sechzehn Feldern.«

Ich war sehr erstaunt, daß dieser Mensch, der die Rache so weit getrieben hatte, mich sogar ermorden lassen zu wollen, von mir wie von einem vertrauten Freunde sprach. Ich entschloß mich jedoch, meine Gefühle zu verbergen, um zu sehen, wie es weiter kommen würde. Ich sah ihn also erscheinen, ohne ihn meinen gerechten Groll fühlen zu lassen. Als er den Gesandten nach der üblichen Etikette begrüßt hatte, kam er mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, um mich zu umarmen und ich wich ihm nicht aus, sondern erkundigte mich nach seinem Gesandten.

Manucci sprach bei Tisch sehr viel; er erzählte, um mich herauszustreichen, zwanzig Lügen, was ich alles in Madrid getan hätte; wahrscheinlich dachte er dabei, wenn er selber lüge, zwinge er mich, ebenfalls zu lügen und meinerseits ihn herauszustreichen.

Ich schluckte alle diese sehr bitteren Pillen hinunter, da es nun einmal nicht anders ging; aber ich war fest entschlossen, gleich am nächsten Tage eine ernsthafte Erklärung herbeizuführen.

Ein Franzose, der mit Manucci gekommen war, ein gewisser Chevalier de Reuville, interessierte mich sehr. Er war nach Rom gekommen, um die Ehe einer Dame, die sich zu Mantua in einem Kloster befand, für ungültig erklären zu lassen. Er war dem Kardinal Galli ganz besonders empfohlen.

Er erzählte uns eine Menge hübscher Geschichten und erheiterte die ganze Gesellschaft. Als wir den Gesandten verließen, nahm ich Manuccis Einladung an, mit ihm in seinen Wagen zu steigen und bis zum Abend spazieren zu fahren.

Als wir mit Einbruch der Dunkelheit zurückkehrten, sagte der Franzose uns, er werde uns einer hübschen Dame vorstellen, bei der wir zu Abend speisen würden und auch eine Pharaobank legen könnten.

Der Wagen hielt am Spanischen Platz dicht bei meiner Wohnung vor einem Hause, und wir gingen nach dem zweiten Stock hinauf. Als ich eintrat, sah ich zu meiner großen Überraschung den Grafen Medini und dessen Geliebte, die der Chevalier sehr gerühmt hatte, die ich jedoch durchaus nicht nach meinem Geschmack fand. Medini begrüßte mich herzlich und dankte dem liebenswürdigen Franzosen, daß er mich veranlaßt hätte, das Vergangene zu vergessen und ihn zu besuchen.

Herr von Reuville machte ein erstauntes Gesicht; um eine Auseinandersetzung zu vermeiden, die vielleicht unangenehm geworden wäre, brachte ich die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand.

Als die Gesellschaft beisammen war, schienen dem Graf Medini genügend viel Spieler vorhanden zu sein. Er setzte sich an einen großen Tisch, legte fünf- oder sechshundert Scudi in Gold und Banknoten vor sich hin und begann abzuziehen. Manucci verlor alles Gold, das er bei sich hatte; Reuville gewann die Hälfte von dem Golde der Bank, und ich begnügte mich mit der Rolle des Zuschauers.

Nach dem Abendessen verlangte Medini von dem Franzosen Revanche, und Manucci bat mich um hundert Zechinen. Ich gab sie ihm und in weniger als einer Stunde hatte er keinen Heller mehr; Reuville dagegen gewann Medini alles Gold ab, bis auf etwa zwanzig oder dreißig Zechinen. Hierauf gingen wir alle nach Hause. Manucci wohnte bei Rolands Tochter, meiner Schwägerin. Ich gedachte ihn dort gleich am nächsten Morgen aufzusuchen; er ließ mir jedoch keine Zeit dazu, denn ich sah ihn in aller Frühe schon bei mir erscheinen.

Nachdem er mir meine hundert Zechinen wiedergegeben hatte, ließ er mir keine Zeit, mich zu besinnen, sondern umarmte mich herzlich, zeigte mir einen starken Kreditbrief auf Belloni und bot mir an, mir soviel Geld zu leihen, wie ich nötig hätte. Ohne von dem Vergangenen ein Wort zu sagen, benahm der eigentümliche junge Mann sich so, daß ich einsah, wir müßten unser beiderseitiges Unrecht vergessen und uns als gute Freunde betrachten.

Bei dieser Gelegenheit trug wieder einmal mein Herz den Sieg über meine Vernunft davon, wie es mir oft geschehen ist. Ich nahm den Frieden an, den er mir anbot.

übrigens war ich nicht mehr in dem Alter, wo der unüberlegte Mut nur durch einen Degenstoß befriedigt werden kann. Manucci war zwar im Unrecht, aber ich sah auch klar und deutlich, daß es ihm leid tat und daß er es gerne wieder gutmachen wollte. Ich erinnerte mich, daß ich vor ihm im Unrecht gewesen war, wenn auch nicht so sehr wie er, und ich fühlte mein Herz beruhigt und meine Ehre befriedigt.

Am dritten Tage speiste ich mit ihm unter vier Augen in seiner Wohnung. Gegen das Ende der Mahlzeit kam der Chevalier de Reuville und kurz darauf Medini. Reuville forderte uns auf, jeder einmal die Bank zu halten. Wir nahmen seinen Vorschlag an, und das war zu seinem Unglück. Manucci gewann das Doppelte von dem, was er das vorige Mal verloren hatte; Reuville verlor vierhundert Zechinen, und ich verlor eine Kleinigkeit. Medini, der nur etwa fünfzig Zechinen verloren hatte, war in Verzweiflung und wollte sich aus dem Fenster stürzen.

Einige Tage darauf reiste Manucci nach Neapel, nachdem er der Geliebten Medinis, die mit ihm soupiert hatte, hundert Louis geschenkt hatte. Trotz dieser unverhofften Einnahme wurde Medini verhaftet, weil er seit seiner Ankunft in Rom mehr als tausend Scudi Schulden gemacht hatte.

Der Unglückliche schrieb mir vom Gefängnis aus jämmerliche Bittgesuche um Hilfe; diese Schreibebriefe übten jedoch auf mich weiter keine Wirkung aus, als daß ich mich seiner sogenannten Familie annahm. Ich hielt mich für meine Auslagen an der jungen Schwester seiner Geliebten schadlos, da ich nicht verpflichtet zu sein glaubte, ohne jeden Vorteil den Großmütigen zu spielen.

Um diese Zeit kam der deutsche Kaiser mit seinem Bruder, dem Großherzog von Toskana, nach Rom. Einer von den Herren seines Gefolges machte die Bekanntschaft der jungen Schönheit und setzte Medini instand, seine Gläubiger zu befriedigen. Er verließ Rom wenige Tage, nachdem er seine Freiheit wiedererlangt hatte; in einigen Monaten werden wir ihn wiederfinden.

Ich lebte glücklich auf meine selbstgewählte Art. Abends ging ich zur Herzogin von Fiano, jeden Nachmittag zur Fürstin Santa-Croce, und die übrige Zeit war ich zu Hause, wo ich Margherita, die hübsche Buonaccorsi und den jungen Menicuccio hatte, der mir so viel von seiner Liebe erzählte, daß ich schließlich Lust bekam, sein Mädchen kennen zu lernen.

Das junge Mädchen, das er liebte, befand sich seit dem zehnten Jahre in einer Art von klösterlicher Wohltätigkeitsanstalt, die sie nur verlassen konnte, um sich mit der Erlaubnis des Kardinals, dem die Verwaltung und Beaufsichtigung des Hauses unterstand, zu verheiraten. Die in dieses Kloster eingesperrten Mädchen erhielten bei ihrem Austritte zweihundert römische Scudi, die sie ihrem Gatten als Mitgift zubrachten.

Menicuccios Schwester befand sich in derselben Anstalt, und er konnte sie jeden Sonntag besuchen; sie kam mit ihrer Erzieherin an das Sprechgitter. Obgleich Menicuccio ihr Bruder war, erlaubte die Klosterordnung nicht, daß sie allein an das Gitter kam.

Vor fünf oder sechs Monaten hatte der junge Mann bei einem seiner gewöhnlichen Besuche seine Schwester mit einem anderen jungen Mädchen kommen sehen, das er vorher noch niemals bemerkt hatte. Er hatte sich sofort sterblich in dieses verliebt.

Da er die ganze Woche arbeiten mußte, so konnte er nur an Feiertagen das Sprechgitter aufsuchen; aber selbst an diesen Festtagen hatte der arme Junge nur selten das Glück, die Geliebte zu sehen, um die er so viele Seufzer ausstieß; in fünf oder sechs Monaten hatte er sich nur etwa achtmal ihrer Gegenwart erfreut.

Seine Schwester kannte seine Liebe und erwies ihm gerne jede Gefälligkeit; aber es stand nicht in ihrer Macht, die Freundin nach ihrem Belieben mit an das Gitter zu führen, und die Oberin um Erlaubnis zu fragen wagte sie nicht, weil sie Verdacht zu erregen fürchtete.

Ich hatte mich also entschlossen, der armen Eingesperrten einen Besuch zu machen. Unterwegs erzählte Menicuccio mir, daß die Frauen, die dieses Haus leiteten, eigentlich keine Nonnen wären; denn sie hätten kein Gelübde abgelegt und trügen keine geistliche Tracht; trotzdem aber kämen sie kaum in Versuchung, ihr Gefängnis zu verlassen, denn draußen in der Welt würden sie ihr Brot erbetteln oder eine dienende Stellung annehmen müssen. Die mannbaren jungen Mädchen verließen das Haus, indem sie die Flucht ergriffen, was sehr schwierig wäre, oder indem sie sich verheirateten, was sehr selten vorkäme.

Wir kamen an ein schlecht gebautes großes Haus, das an einem der Stadttore in öder Gegend lag; denn das Tor führte auf keinen Weg. Als wir das Sprechzimmer betraten, sah ich zu meiner Überraschung ein doppeltes Gitter von gekreuzten Stäben, die so dicht waren, daß ein zehnjähriges Mädchen seine Hand nicht hätte hindurchstecken können, ohne sich zu verletzen. Zwischen dem inneren und äußeren Gitter befand sich ein ziemlich großer Zwischenraum, wodurch die öffnungen scheinbar noch um die Hälfte kleiner wurden; hierdurch wurde es außerordentlich schwierig, die Gesichtszüge der Personen zu erkennen, die sich dicht an das zweite stellten, um so mehr, da der Teil des Sprechzimmers, wo die unglücklichen Gefangenen sich aufhielten, nur von dem unsicheren Licht des für die Besucher bestimmten Teiles notdürftig erhellt wurde.

Der Anblick erfüllte mich mit Entsetzen, und ich fragte Menicuccio: »Wie und wo hast du denn deine Geliebte gesehen? Ich sehe hier nur Finsternisse.«

»Das erste Mal hatte die Erzieherin zufällig eine Lampe bei sich; aber eine solche anzuzünden, ist bei Strafe der Exkommunikation nur gestattet, wenn Verwandte kommen.«

»Wird sie denn heute mit Licht kommen?«

»Das bezweifle ich; denn die Pförtnerin wird ihr gesagt haben, daß ich nicht allein bin.«

»Aber wie ist es dir dann gelungen, deine Freundin zu sehen, die doch nicht deine Verwandte ist?«

»Durch Zufall. Das erste Mal war sie heimlich gekommen, und die Aufseherin meiner Schwester, eine sehr gute Person, sagte nichts. Die anderen Male kam sie auf Bitten meiner Schwester, jedoch ohne Kerze.«

Wirklich erschien bald darauf die Frauengestalt, aber ohne Licht; es war mir unmöglich, die Aufseherin zu überreden, uns welches zu verschaffen. Sie fürchtete, entdeckt und exkommuniziert zu werden.

Da ich sah, daß ich die unschuldige Ursache war, daß mein junger Freund den Anblick der Geliebten entbehren mußte, so wollte ich mich entfernen; aber dies wollte er nicht zugeben. So verbrachte ich an diesem barbarischen Gitter eine peinliche Stunde, die jedoch nicht uninteressant war. Die Stimme von Menicuccios Schwester erregte in mir ein köstliches Gefühl und brachte mich auf den Gedanken, daß die Blinden sich durch das Gehör verlieben müssen. Die Aufseherin war noch nicht dreißig Jahre alt. Sie sagte mir, die Insassen des Hauses würden nach ihrem fünfundzwanzigsten Jahre Aufseherinnen über die jüngeren, und mit fünfunddreißig Jahren stände es ihnen frei, das Haus zu verlassen. Hierzu entschlössen sich jedoch aus Furcht vor der Armut nur sehr wenige.

»Dann haben Sie wohl viele Alte hier?«

»Wir sind hundert, und die Zahl vermindert sich nur durch den Tod oder durch einen Austritt, der selten vorkommt.«

»Aber es treten doch auch einige aus, um sich zu verheiraten; wie fangen denn diese es an, ihren Freiern Liebe einzuflößen?«

»In den zwanzig Jahren, seitdem ich hier bin, habe ich nur vier austreten sehen, um sich zu verheiraten, und diese haben ihren Gatten erst vor dem Altar kennen gelernt. Wer bei dem Kardinal-Protektor eine von uns zur Ehe verlangt, ist ein Narr oder ein Verzweifelter, der zweihundert Piaster braucht. Übrigens erteilt der Kardinal die Erlaubnis nur, nachdem er sich überzeugt hat, daß der Bewerber in seinem Berufe so viel verdient, um seine Frau ordentlich unterhalten zu können.«

»Und wie wird die Auswahl vollzogen?«

»Der Bewerber muß sagen, wie alt seine Frau sein und was sie können muß, und der Kardinal verläßt sich dann auf die Oberin.«

»Ich nehme an, daß Sie gutes Essen und gute Wohnung haben?«

»Keines von beiden. Dreitausend Scudi jährlich können nicht genügen, um die Bedürfnisse von hundert Personen zu bestreiten. Die glücklichsten sind diejenigen, die sich mit ihrer Arbeit etwas verdienen.«

»Und was sind das für Leute, die sich darum bewerben, ihre Töchter in ein solches Gefängnis zu bringen?«

»Arme Leute oder Fromme, welche Furcht haben, daß ihre Töchter dem Laster zur Beute fallen. Aus diesem Grunde werden nur hübsche Madchen bei uns aufgenommen.«

»Und wer urteilt über diese Schönheit?«

»Die Älteren, der Priester, ein Mönch oder der Pfarrer und als letzte Instanz der Kardinal-Protektor; wenn dieser das Mädchen nicht hübsch findet, so verwirft er sie ohne Mitleid, denn er sagt, die häßlichen haben von der Verführung der Welt nichts zu befürchten. Sie können sich also wohl denken, daß wir Unglücklichen, die wir hier sind, diejenigen verfluchen, die uns hübsch gefunden haben.«

»Ich beklage Sie, aber ich wundere mich, daß man nicht die Erlaubnis erhalten kann, Sie in allen Ehren zu sehen; dies würde vielleicht doch manchen veranlassen, eine von Ihnen zur Frau zu begehren.«

»Der Kardinal sagt, er dürfe diese Erlaubnis nicht geben, denn die Übertretung der Gründungsgesetze sei mit Exkommunikation bedroht.«

»Der Begründer dieses Hauses muß in der Hölle sein.«

»Das glauben wir alle, und wir beten nicht dafür, daß er herauskommt. Der Papst sollte diesem Unfug ein Ende machen.«

Ich gab dem Mädchen zehn Scudi und sagte ihr, da ich sie nicht sehen könne, so wolle ich ihr nicht versprechen, ein zweites Mal wiederzukommen. Ich ging mit Menicuccio hinaus, der sich Vorwürfe machte, mir diese langweilige Stunde verschafft zu haben.

Ich antwortete ihm: »Ich sehe voraus, daß ich niemals deine Geliebte und deine Schwester erblicken werde, deren Stimme mir ins Herz gedrungen ist.«

»Es scheint mir unmöglich zu sein, daß Ihre zehn Piaster nicht Wunder wirken.«

»Es muß doch noch ein anderes Sprechzimmer da sein?«

»Ja, aber dieses dürfen bei Strafe der Exkommunikation ohne Erlaubnis des Heiligen Vaters nur Priester betreten.«

Ich begriff nicht, wie eine so abscheuliche Anstalt geduldet werden konnte; denn es war offenbar, daß die armen Eingesperrten nur mit größter Mühe einen Gatten finden konnten. Da jedem Mädchen eine Mitgift von zweihundert Piastern zugesichert war, so hatte der Gründer der Anstalt doch wohl auf zwei Heiraten jährlich rechnen müssen; ich vermutete, daß diese Summen von irgendeinem Gauner zu seinem Nutzen verwendet würden.

Ich teilte meine Gedanken dem Kardinal Bernis in Gegenwart der Fürstin mit. Sie wurde von lebhafter Teilnahme für die Unglücklichen ergriffen und sagte, man müsse dem Papst eine von allen Insassen der Anstalt unterzeichnete Eingabe überreichen, worin sie den Heiligen Vater um Erlaubnis bäten, im Sprechzimmer in allen Ehren und unter denselben Förmlichkeiten wie in anderen Frauenklöstern Besuche zu empfangen.

Der Kardinal bat mich, die Bittschrift aufzusetzen, sie unterzeichnen zu lassen und der Fürstin zu übergeben. Unterdessen werde er einen günstigen Augenblick benützen, den Heiligen Vater von der Sache in Kenntnis zu setzen, und werde die geeignete Person ausfindig machen, um die Eingabe in aller Form zu überreichen.

An der Einwilligung der allergrößten Zahl der Eingesperrten zweifelte ich nicht. Ich setzte die Bittschrift auf, und als ich zum zweiten Male an das Gitter ging, übergab ich sie derselben Aufseherin, mit der ich bereits gesprochen hatte. Sie war von meiner Idee begeistert und versprach mir, bei meinem nächsten Besuch mir die Eingabe mit den Unterschriften aller ihrer Leidensgefährtinnen zurückzugeben.

Sobald die Fürstin Santa-Croce die Eingabe mit den Unterschriften hatte, wandte sie sich an den Kardinal-Protektor Orsini; dieser versprach ihr, mit dem vom Kardinal Bernis schon vorbereiteten Papst darüber zu sprechen. Der Heilige Vater ließ unverzüglich ein Breve ausfertigen, wodurch die Exkommunikation aufgehoben wurde.

Der Kaplan des Hauses erhielt den Auftrag, der Oberin zu sagen, daß sie in Zukunft Besuche im großen Sprechzimmer zu erlauben hätte; die jungen Mädchen, die gerufen würden, wären von einer Aufseherin zu begleiten.

Menicuccio kam freudestrahlend zu mir und erzählte mir diese Neuigkeit, die die Fürstin selber noch nicht kannte. Sie freute sich außerordentlich, als ich sie ihr erzählte.

Papst Ganganelli war ein Ehrenmann und ließ es dabei nicht bewenden. Er befahl, der Verwaltung den Prozeß zu machen und sie über alles in den hundert Jahren seit der Gründung Unterschlagene genau Rechenschaft ablegen zu lassen. Er setzte die Zahl der Zöglinge von hundert auf fünfzig herunter und verdoppelte die Mitgift. Er befahl außerdem, daß jedes Mädchen, das fünfundzwanzig Jahre alt geworden wäre, ohne einen Mann zu finden, mit der Mitgift von vierhundert Talern entlassen werden sollte. Zwölf Matronen von anerkannt gutem Lebenswandel wurden mit festem Gehalt als Aufseherinnen über die jungen Mädchen angestellt, so daß je vier unter der unmittelbaren Leitung einer dieser Frauen standen; zwölf Mägde sollten bezahlt werden, um die groben Arbeiten und die Bedienung im Hause zu verrichten.

Dreizehntes Kapitel


Marazzani wird bestraft. – Meine Abreise von Lugano. – Turin. – Herr Dubois. – Livorno. – Orloffs Abfahrt mit dem Geschwader. – Pisa. – Stratico. – Siena. – Die Marchesa Chigi. – Ich reise von Siena mit einer Engländerin ab.

Diese glücklichen unvorhergesehenen zufälligen Begegnungen sind die schönsten Augenblicke meines Lebens. Sie sind mir um so lieber, da ich sie nur dem Zufall verdanke. – Alle drei standen wir stumm vor Überraschung und Freude. Herr von R. brach zuerst das Schweigen und umarmte mich herzlich. Schnell entschuldigten wir uns gegenseitig: er, daß er angenommen hatte, es gäbe in Italien noch andere Personen meines Namens; ich, daß ich mich seines Namens nicht erinnert hatte. Ich mußte gleich zum Essen dableiben, und so war unsere Bekanntschaft wieder erneuert. Seine Republik hatte ihm dieses sehr einträgliche Amt gegeben, das zu seinem großen Bedauern nur zwei Jahre währte. Er sagte mir, er sei entzückt, daß er gerade während meines Aufenthaltes da sei, um mir nützlich sein zu können, und bat mich, in jeder Beziehung über ihn zu verfügen. Besseres konnte ich mir nicht wünschen. Er vernahm mit lebhafter Freude, daß ich in Lugano war, um ein Werk drucken zu lassen, und daher genötigt war, mich drei oder vier Monate lang aufzuhalten, aber er war betrübt, als ich ihm sagte, ich könne seinen Tisch höchstens einmal wöchentlich annehmen, da ich das Werk erst in Umrissen entworfen habe und daher sehr fleißig sein müsse.

Frau von R. konnte sich von ihrer Überraschung gar nicht erholen. Es war neun Jahre her, daß ich sie in Solothurn zurückgelassen hatte, und sie war damals so schön gewesen, daß ich nicht hatte annehmen können, einige Jahre mehr würden ihre Schönheit noch vergrößern. Und doch war dies der Fall: sie war viel schöner geworden, und ich machte ihr mein Komplimente darüber. Sie zeigte mir ihren einzigen Sprößling und gab ihn mir auf den Arm. Sie hatte ihn vier Jahre nach meiner Abreise zur Welt gebracht und liebte ihn mehr als das Licht ihrer Augen. Es sah auch ganz darnach aus, wie wenn der Knabe etwas verzogen wäre, ich habe jedoch vor kurzer Zeit gehört, daß dieses Kind jetzt ein ebenso liebenswürdiger wie wohlunterrichteter Mann ist.

Im Laufe einer Viertelstunde erzählte Frau von R. mir alles, was sie seit meiner Abreise von Solothurn erlebt hatte. Sie sagte nur, Lebel habe sich in Besançon niedergelassen und lebe dort mit seiner Frau in sehr angenehmen Vehältnissen.

Während unserer Unterhaltung sagte sie mir beiläufig, sie finde mich nicht mehr so jugendfrisch aussehend wie in Solothurn. Dies veranlaßte mich zu einem Verhalten, das ich sonst vielleicht nicht beobachtet haben würde. Statt mich von ihrer Schönheit fortreißen zu lassen, war ich auf meiner Hut, und anstatt eine Wiederanknüpfung unseres Liebesverhältnisses zu versuchen, sagte ich mir: um so besser; da ich auf den Namen eines Liebhabers keinen Anspruch mehr machen darf, so werde ich ihr Freund sein und werde mich würdig erweisen, auch der ihres ehrenwerten Gatten zu sein. Übrigens erlaubte auch das Werk, das ich drucken lassen wollte, mir keinerlei Zerstreuung, und eine Liebschaft würde den besten Teil meiner Zeit in Anspruch genommen haben.

Gleich am nächsten Tage begann ich zu arbeiten und schrieb mit Ausnahme einer Stunde, die ich einem Besuche widmen mußte, den Herr von R. mir machte, den ganzen Tag hindurch bis in die Nacht hinein. Am nächsten Tage erhielt ich den ersten Korrekturbogen, mit dem ich ziemlich zufrieden war.

Ich verbrachte den ganzen ersten Monat, emsig arbeitend, in meinem Zimmer. Nur an den Sonntagen ging ich aus, um die Messe zu hören, bei Herrn von R. zu speisen und dann mit Frau von R. und ihrem Kinde einen Spaziergang zu machen.

Am Ende dieses ersten Monats war mein erster Band fertig gedruckt und broschiert, und das ganze Manuskript für den zweiten lag bereit. In den letzten Tagen des Oktobers lieferte der Drucker mir das vollständige dreibändige Werk ab, und in weniger als einem Jahre verkaufte ich die ganze Auflage.

Indem ich dieses Werk schrieb, beabsichtigte ich weniger, mir Geld zu verschaffen, als die Gnade der Inquisitoren von Venedig zu erlangen; denn nachdem ich ganz Europa durchstreift hatte, wurde das Bedürfnis, meine Heimat wiederzusehen, so heftig, daß mir zumute war, wie wenn ich ohne dieses Glück überhaupt nicht mehr leben konnte.

Amelot de la Houssaie hatte die Geschichte der venetianischen Regierung als wahrer Feind der Venetianer geschrieben; seine Geschichte war eine Satire, die neben gelehrten Bemerkungen auch viele Verleumdungen enthielt. Amelots Werk befand sich seit siebzig Jahren in allen Händen, und kein Mensch hatte sich die Mühe gemacht, es zu widerlegen. Hätte ein Venetianer Amelots Lügen bloßstellen und ein Buch darüber drucken lassen wollen, so würde er in den venetianischen Staaten nicht die Erlaubnis dazu erhalten haben, denn die Regierung der Republik gestattet grundsätzlich nicht, daß man sich mit ihr beschäftigt, weder im Lob noch im Tadel. So hatte bis dahin kein einziger Schriftsteller die französische Satire zu widerlegen gewagt, da er anstatt einer verdienten Belohnung nur eine schimpfliche Bestrafung hätte erwarten können.

Ich glaubte nun, daß wegen meiner Ausnahmestellung diese Aufgabe mir vorbehalten sei. Da ich Grund genug hatte, mich über eine Regierung zu beklagen, deren Mitglieder mich durch ihre willkürliche und despotische Gewalt verfolgten, so war ich gegen den Verdacht der Parteilichkeit geschützt. Da ich andererseits sicher war, vor ganz Europa Amelots Lügen und Ungenauigkeiten zu enthüllen, so hoffte ich auf eine Belohnung, die nach meiner Meinung gar nicht ausbleiben konnte, da sie nur in einem Akte der Gerechtigkeit bestehen sollte.

Nach einer vierzehnjährigen Verbannung hatte ich Anspruch auf Rückkehr in meine Heimat, und ich glaubte, die Staatsinquisitoren würden sich freuen, diese Gelegenheit benützen zu können, um ihre Ungerechtigkeit wieder gut zu machen, indem sie mir zur Belohnung meiner Vaterlandsliebe meine Begnadigung bewilligten.

Meine Leser werden sehen, daß ich richtig geraten hatte; aber man ließ mich noch fünf Jahre auf etwas warten, was man mir sofort hätte bewilligen sollen.

Da Herr von Bragadino tot war, so hatte ich in Venedig nur noch meine beiden guten alten Freunde Dandolo und Barbaro; durch sie fand ich in Venedig, jedoch ganz im geheimen, etwa fünfzig Subskribenten.

Während meines ganzen Aufenthaltes in Lugano verkehrte ich im Hause des Herrn von R., wo ich mehrere Male den weisen und gelehrten Abbate Riva traf, an den ich von seinem Verwandten, Herrn Guerini empfohlen worden war. Dieser Abbate stand bei seinen Landsleuten wegen seiner Klugheit in so hohem Ruf, daß sie ihn fast bei allen Streitigkeiten, die sonst zu kostspieligen Prozessenssen geführt hätten, zum Schiedsrichter erwählten. Er wurde aber von allen Gerichtsvollziehern, Rechtsanwälten, Sachwaltern und anderen Dienern der Gerechtigkeit herzlich gehaßt. Sein Neffe, Giambattista Riva, war nicht nur ein Freund der Musen, sondern er liebte auch den Gott vom Ganges und die Göttin von Cythere; er war mein Freund, obwohl ich ihm mit dem Glase in der Hand weder standhalten konnte noch wollte. Er lieh mir die jungen Nymphen, die er in die großen Mysterien eingeweiht hatte, und sie hatten ihn darum nur um so lieber, denn ich machte ihnen kleine Geschenke. Ich machte mit ihm und seinen sehr hübschen Schwestern eine Reise nach den Borromeischen Inseln. Ich wußte, daß Graf Federigo Borromeo, der mich im Juni mit seiner Freundschaft beehrt hatte, anwesend war, und war sicher, daß er mich gut empfangen würde. Die eine von den beiden Schwestern sollte für die Frau meines Freundes Riva gelten, und die andere für seine Schwägerin.

Graf Borromeo war zwar ruiniert, lebte aber auf seinen Inseln wie ein Fürst.

Es ist unmöglich, diese glückseligen Inseln zu schildern; man muß sie sehen. Es ist das herrlichste Klima, ein ewiger Frühling; man kennt dort buchstäblich weder Hitze noch Frost.

Der Graf bewirtete uns mit einem leckeren Essen und ließ die beiden Schönen nach Fischen angeln; dies machte ihnen viel Vergnügen. Obwohl er häßlich, alt, gichtbrüchig und verarmt war, besaß er doch noch die große Kunst zu gefallen.

Als wir vier Tage nach unserer Abreise nach Lugano zurückkehrten, wollte ich auf einem ziemlich engen Wege einem Wagen ausweichen; mein Pferd glitt über den Wegrand und stürzte zehn Fuß tief hinab. Ich stieß mit dem Kopf gegen einen großen Stein und glaubte, es sei um mich geschehen, denn das Blut strömte aus einer großen Wunde hervor. Ich kam mit der Furcht davon, denn in einigen Tagen war ich wieder hergestellt. Dies war das letzte Mal, daß ich ein Pferd bestieg.

Während meines Aufenthaltes in Lugano kamen die Abgeordneten der Dreizehn Kantone auf ihrer Rundreise durch die Untertanenländer dorthin. Die Luganesen gaben ihnen den prachtvollen Titel Ambassadoren, Herr von R. aber nannte sie einfach die Schultheißen.

Die Herren wohnten im selben Gasthof wie ich, und ich speiste mit ihnen während der ganzen Zeit ihres Aufenthaltes. Der Schultheiß von Bern gab mir Nachricht über meinen armen Freund F. und dessen Familie. Seine reizende Tochter Sarah hatte Herrn von W. geheiratet und war glücklich.

Bald nach der Abreise der Schultheißen, die lauter kenntnisreiche und sehr liebenswürdige Männer waren, sah ich eines schönen Morgens den unglückseligen Marazzani in mein Zimmer treten. Sobald ich ihn erkannte, sprang ich ihm an den Kragen, schleppte ihn trotz seinem Geschrei und Sträuben hinaus und gab ihm, ohne daß er Zeit gehabt halte, sich seines Stockes oder Degens zu bedienen, so viele Ohrfeigen, Faustschläge, Fußtritte (die er nach besten Kräften erwiderte), daß der Wirt und die Kellner, die auf den Lärm herbeieilten, die größte Mühe hatten, uns zu trennen.

»Lassen Sie den Spitzbuben nicht entwischen,« sagte ich zum Wirt, »und holen Sie den Bargello, damit er ihn ins Gefängnis bringt.«

Ich ging wieder in mein Zimmer, und während ich mich in aller Eile ankleidete, um Herrn von R. aufzusuchen, trat der Bargello ein und fragte mich, warum er den Menschen ins Gefängnis bringen sollte.

»Das werden Sie bei Herrn von R. erfahren, wo ich Sie erwarten werde.«

Warum war ich so zornig? Mein lieber Leser erinnert sich vielleicht, daß ich den Elenden im Schloß Buen Retiro zurückgelassen hatte, als der Alcalde Messa mich aus jener Hölle befreite, um mich nach meiner Wohnung zurückzubringen. Ich hatte später erfahren, daß er nach den afrikanischen Presidios gesandt worden war, um dort dem König aller Spanier als Galerenknecht mit dem Solde eines gemeinen Soldaten zu dienen.

Da ich nichts gegen ihn hatte, so bedauerte ich ihn; da ich ihn jedoch auch nicht näher kannte und nichts tun konnte, um sein Schicksal zu mildern, so hatte ich nicht mehr an ihn gedacht.

Als ich acht Monate später nach Barcelona kam, fand ich unter den Opernsängerinnen die Bellucci, eine junge Venetianerin, die ich im Vorübergehen einmal geliebt hatte, und deren Freund ich geblieben war. Sie stieß einen Freudenschrei aus, als sie mich wiedersah, und sagte mir, sie sei glücklich, mich von dem Unglück erlöst zu sehen, das die Tyrannei über mich gebracht habe.

»Was für ein Unglück meinen Sie, meine Liebe? Ich habe Unglück von mehr als einer Art gehabt, seitdem wir uns zuletzt gesehen haben.«

»Ich spreche vom Presidio, lieber Freund!«

»Dies ist, Gott sei Dank, ein Unglück, das ich nicht zu beklagen habe. Wer hat Ihnen nur so etwas Schreckliches erzählt?«

»Ein gewisser Graf Marazzani, der hier drei Wochen zubrachte; er war, wie er mir sagte, glücklicher gewesen als Sie und hatte entfliehen können.«

»Der Mensch ist ein niederträchtiger Schuft, der Sie frech belogen hat, meine Liebe; aber wenn ich ihn jemals treffe, soll er mir seine Verleumdung teuer bezahlen.«

Seit jenem Augenblick konnte ich an diesen Kerl nicht ohne ein lebhaftes Verlangen, ihn durchzuprügeln, denken; ich dachte jedoch nicht, daß der Zufall ihn so bald mir in den Weg führen würde.

Da ich mich in dieser Stimmung befand, so wird man es wohl ganz natürlich finden, daß ich der ersten Aufwallung folgte und über ihn herfiel, sobald ich ihn sah. Ich hatte ihn geprügelt, aber damit war ich nicht zufrieden; denn ich hatte tatsächlich vielleicht ebenso viele Schläge bekommen, wie ich ausgeteilt hatte. Jedenfalls war er im Gefängnis, und ich wollte doch sehen, was Herr von R. tun könnte, um mir durch Bestrafung des Elenden volle Genugtuung zu verschaffen.

Als Herr von R. den Sachverhalt erfuhr, sagte er mir, er könne Marazzani weder im Gefängnis halten noch aus der Stadt ausweisen, wenn ich nicht eine Eingabe machte, worin ich Schutz meines Lebens gegen diesen Mann verlangte,von dem ich mit gutem Grund annehmen müßte, daß er ein Mörder und eigens nach Lugano gekommen wäre, um einen Anschlag auf mein Leben zu machen.

»Zur Begründung Ihrer Anklage können Sie die wirklichen Beschwerden anfühlen, die Sie gegen ihn haben, und können seinem plötzlichen unangemeldeten Erscheinen in Ihrem Zimmer die übelste Deutung geben. Reichen Sie Ihre Schrift ein; wir werden dann sehen, was er darauf antwortet. Ich werde ihm seinen Paß abverlangen, werde die Geschichte in die Länge ziehen und werde Befehl geben, daß man ihn hart behandle; aber schließlich werde ich doch nichts weiter machen können, als daß ich ihn aus der Stadt ausweise, und wenn er gute Bürgschaft stellt, kann ich selbst das nicht tun.«

Weiter konnte ich natürlich von dem braven Mann nichts verlangen. Ich reichte meine Schrift ein und ging am nächsten Morgen zu Herrn von R., um mir das Vergnügen zu bereiten, den Burschen gefesselt vorgeführt zu sehen.

Auf Herrn von R.’s Frage schwor Marazzani, er habe durchaus keine böse Absicht gehabt, indem er bei mir eingetreten sei. Was er in Barcelona gesagt habe, sei nur eine Wiederholung dessen, was man ihm selber erzählt habe, und es freue ihn sehr, daß man ihm falsch berichtet habe.

Diese Genugtuung hatte mir gewiß genügen sollen, das fühle ich; trotzdem sagte ich kein Wort, um die Strafe zu mildern, die der Richter vielleicht über ihn verhängen würde.

Herr von R. sagte ihm: »Mit einem leeren Gerede, das nicht zu greifen ist, kann man nicht die Verleumdung eines Mitmenschen entschuldigen; ich kann daher Herrn Casanova Gerechtigkeit und die geforderte Genugtuung nicht verweigern. Übrigens ist Herrn Casanovas Verdacht, daß Sie ihn haben ermorden wollen, hinreichend dadurch gerechtfertigt, daß Sie sich im Gasthof unter einem falschen Namen vorgestellt haben; denn der Klüger behauptet, Sie seien kein Graf Marazzani. Er erbietet sich, zur Untersuchung des Tatbestandes Kaution zu stellen, und wenn Herr Casanova Ihnen unrecht tut, wird diese Kaution zu Ihrer Entschädigung verwandt werden. Einstweilen bleiben Sie im Gefängnis, bis ich von Piacenza die Bestätigung von Herrn Casanovas Anschuldigung oder Ihre Rechtfertigung empfangen habe.«

Der Angeklagte wurde ins Gefängnis zurückgeführt, und da der arme Teufel keinen Heller hatte, so brauchte dem Bargello durchaus keine Strenge besonders befohlen zu werden.

Herr von R. schrieb nach Parma an den Geschäftsträger der Dreizehn Kantone, um die erforderliche Aufklärung zu erhalten. Der freche Gauner wußte, daß die Antwort nicht zu seinen Gunsten ausfallen würde, und schrieb mir daher einen ganz demütigen Brief, worin er gestand, daß er in der Tat nur ein armer Bürgersmann von Bobio sei, und daß er, obwohl er wirklich Marazzani heiße, doch mit den Marazzanis von Piacenza nichts zu tun habe. Zum Schluß flehte er mich an, ich mochte ihn wieder in Freiheit setzen lassen.

Ich zeigte Herrn von R. diesen Brief; er ließ den Menschen sofort in Freiheit setzen, indem er ihm Befehl gab, Lugano binnen vierundzwanzig Stunden zu verlassen.

Ich fand diese Genugtuung hinreichend, und um das Unrecht wieder gutzumachen, das ich meinerseits ihm vielleicht angetan hatte, gab ich dem armen Teufel etwas Geld, um nach Augsburg zu gehen, und einen Brief an Herrn von Sellentin, der sich als Werber für den König von Preußen dort aufhielt. Ich werde auf diesen Menschen zu seiner Zeit noch zurückkommen.

Der Chevalier de Breche kam nach Lugano, um Pferde zu kaufen, und verbrachte vierzehn Tage dort. Er verkehrte mit mir häufig im Hause des Herrn von R., denn die Reize der gnädigen Frau hatten tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Wir verkehrten miteinander in guter Freundschaft, und ich sah ihn mit Bedauern scheiden.

Ich verließ Lugano wenige Tage nach ihm, um den Winter in Turin zu verbringen, wo ich im Umgang mit dem englischen Gesandten und meinen anderen Freunden ein angenehmes Leben erwarten durfte.

Vor meiner Abreise erhielt ich vom Fürsten Lubomirski einen sehr freundschaftlichen Brief mit einem Wechsel über hundert Dukaten, die er mir als Preis für fünfzig an ihn gesandte Exemplare meines Werkes schickte. Der gute Fürst war nach dem Tode des Großmalschalls der Krone, Grafen Bilinski, zu dieser hohen Würde erhoben worden.

In Turin fand ich einen Brief des edlen Venetianers Girolamo Zulian, desselben, der mich mit Erlaubnis der Staatsinquisitoren an den Botschafter Mocenigo in Madrid empfohlen hatte. Dieses Schreiben enthielt einen Brief an den Geschäftsträger der Republik in Turin, Herrn Berlendis. Er freute sich sehr über den Empfang und dankte mir, daß ich durch diesen Brief ihn der unangenehmen Notwendigkeit enthoben hätte, mir sein Haus zu verschließen.

Der Geschäftsträger war ein reicher Mann, großer Freund des schönen Geschlechtes und machte ein großes Haus; dies genügte, um die Herren in Venedig von ihm sagen zu lassen, er mache der Republik Ehre; denn um Venedig als Gesandter an fremden Höfen zu vertreten, braucht man keinen Geist zu haben. Es wäre genauer, wenn ich sagte: man darf keinen Geist haben, oder man muß diesen zu verbergen wissen; denn wer Geist hätte und solchen zur Schau trüge, würde gar bald beim Senat in Ungnade fallen, der stets nur das tut, was das Kollegium will. Unter Kollegium versteht man in Venedig den Rat der Staatsinquisitoren. Berlendis lief keine Gefahr, zu mißfallen, denn von Geist war bei ihm keine Rede.

Überzeugt, daß der Erfolg mir nur günstig sein könnte, veranlaßte ich den Geschäftsträger, mein Werk amtlich den Staatsinquisitoren zu übersenden. Die Antwort, die er erhielt, wird erstaunlich erscheinen; mich überraschte sie jedoch keineswegs. Der Sekretär dieses gestrengen und höchst abscheulichen Tribunals schrieb ihm: er habe sehr wohl daran getan, dieses Werk den Inquisitoren zu senden, denn der Titel allein zeige zur Genüge die Vermessenheit des Verfassers. Man werde das Werk prüfen; unterdessen solle er mich genau beobachten und vor allen Dingen mir keinen Gunstbeweis geben, der bei dem Hofe die Meinung erregen könnte, ich würde von ihm in meiner Eigenschaft als Venetianer beschützt.

Die Mitglieder dieses Tribunals waren jedoch dieselben, die mir den Zutritt zu Mocenigo verschafft hatten.

Ich sagte Herrn Berlendis, ich würde ihn nur von Zeit zu Zeit vorsichtig besuchen.

Der Hofmeister seines Sohnes, ein gewisser Abbé Andreis, interessierte mich sehr; er war gelehrt, ein guter Schriftsteller und guter Dichter. Als Freund der Freiheit hat er sich später nach England zurückgezogen, wo er sich der köstlichsten aller Güter, einer vollen Freiheit, erfreute.

Ich lebte in Turin auf die angenehmste Weise und sehr friedlich, in einer liebenswürdigen Gesellschaft von Epikuräern: diese waren der alte Chevalier Raiberti, der Graf de la Pérouse, ein reizender Abbé de Roubien, ein genußfreudiger Graf Riva und der englische Gesandte. Dazu beschäftigte ich mich ein bißchen mit guter Literatur, aber ich hatte keine Liebschaft. Häufige Soupers mit sehr hübschen Modistinnen löschten unsere Begierden, bevor sie noch eigentlich entstanden oder jedenfalls bevor wir Zeit gehabt hatten, zu schmachten.

Während meines Aufenthaltes wurde die Geliebte des Grafen de la Pérouse, eine hübsche Modistin, ernstlich krank. Sie verschluckte bei der letzten Kommunion das Bildnis ihres Geliebten anstatt der Hostie. Ich machte auf diesen Vorfall zwei Sonette, mit denen ich zufrieden war und noch jetzt zufrieden bin. Man wird vielleicht sagen, es sei die Eigenschaft aller Dichter, mit ihren Werken zufrieden zu sein, wie die Äffin mit ihren Äffchen zufrieden ist; aber es ist Tatsache, daß ein vernünftiger Dichter sein erster Kritiker sein muß.

Zu jener Zeit befand sich das russische Geschwader unter dem Oberbefehl des Grafen Alexis Orloff in Livorno; es bedrohte Konstantinopel und wäre vielleicht dorthin gelangt, wenn ein Engländer es befehligt hätte.

Da ich den Grafen Orloff von Petersburg her kannte, so fiel mir ein, daß ich ihm vielleicht nützlich sein und zugleich mein Glück machen könnte.

Nachdem ich vom englischen Gesandten einen Brief erhalten hatte, durch den er mich eindringlich dem Konsul seiner Nation empfahl, verließ ich Turin mlt sehr wenig Geld in der Tasche und ohne einen Kreditbrief für einen Bankier.

Der Engländer Acton empfahl mich einem Landsmann, der in Livorno ein Geschäft hatte, aber seine Empfehlung ging nicht so weit, Geld für mich zu verlangen.

Dieser Acton hatte damals eine eigentümliche Geschichte auf dem Halse: in Venedig hatte er sich in eine sehr schöne Frau verliebt, eins Griechin oder Neapolitanerin. Der Gatte, ein Turiner von Geburt und Taugenichts von Beruf, legte der Liebe Actons, der sehr viel Geld ausgab, kein Hindernis in den Weg, aber er verstand es, gerade in solchen Augenblicken unbequem zu werden, wo er sich als anständiger Mensch hätte fern halten sollen.

Ein solches Verhalten konnte dem offenen und freigebigen, zugleich aber stolzen und ungeduldigen Charakter des verliebten Insulaners nicht lange passen. Im Einverständnis mit seiner Schönen, entschloß Acton sich, die Zähne zu zeigen. Als eines Tages der Ehemann wieder zur Unzeit seinen Besuch machte, sagte der Engländer, ihm mit dürren Worten: »Brauchen Sie tausend Guineen? Diese stehen Ihnen zu Diensten, aber unter der Bedingung, daß Sie mir erlauben, drei Jahre mit Ihrer Frau zu reisen, ohne daß Sie uns begleiten.«

Der Mann fand das Geschäft gut, nahm den Vorschlag an und unterschrieb den Vertrag.

Nach Ablauf der drei Jahre schrieb der Ehemann von Turin aus an seine Frau nach Venedig, sie solle zu ihm kommen, und an Acton, er solle sie nicht daran verhindern.

Die Dame antwortete, sie wolle nicht mehr mit ihm leben; Acton gab ihm zu verstehen, er könne nicht gezwungen werden, die Frau aus seinem Hause zu jagen. Da er jedoch voraussah, daß der Gatte sich an den englischen Gesandten wenden würde, so schrieb Acton an diesen, um ihn zu seinen Gunsten zu stimmen.

Der Gatte verfehlte nicht, den von Acton vorausgesehenen Schritt zu tun: er verlangte, der Gesandte solle ihm befehlen, seine Frau herauszugeben. Er bat sogar den Chevalier Raiberti, dem Komtur Camarana, sardinischen Gesandten in Venedig, zu schreiben, er möchte bei der venetianischen Regierung die Heimsendung der Frau beantragen. Die Angelegenheit würde nach seinem Wunsche erledigt worden sein, wenn Raiberti diesen Schritt getan hätte. Dieser stellte jedoch die Ehre höher als das Sakrament der Ehe und unterließ es nicht nur, an Camarana zu schreiben, sondern bereitete auch auf Veranlassung seines Freundes, des englischen Gesandten, dem Ritter Acton die allerbeste Aufnahme, als er zur Ordnung dieser Angelegenheit nach Turin kam. Seine Geliebte hatte Acton unter dem Schutze des englischen Konsuls in Venedig gelassen.

Der dumme Ehemann schämte sich, öffentlich zu klagen, denn sein Vertrag bedeckte ihn mit Schimpf und Schande; aber Berlendis vertrat seine Rechte und gab uns durch die Art seiner Verteidigung viel zu lachen. Einerseits stellte er die eheliche Vereinigung als heilig und unverletzlich hin, andererseits konnte nach seiner Behauptung die Frau nach Gutdünken verhandelt werden, da sie sich dem Willen und der Verfügung des Gatten in jeder Weise zu unterwerfen hätte. Ich hatte mit ihm einen Disput und wies ihm nach, wie lächerlich er sich machte, indem er die Niedertracht eines Menschen unterstützte, der ohne Erröten eine Frau, die zu beschützen und zu verteidigen er geschworen hätte, als Ware behandelte. Ich überzeugte ihn jedoch erst, als ich ihm nachwies, daß der unwürdige Ehemann dem Liebhaber das Anerbieten gemacht hatte, den Vertrag auf weitere drei Jahre für denselben Preis von tausend Guineen zu erneuern.

Zwei Jahre später fand ich Acton in Bologna wieder und bewunderte die Schönheit der Frau, die er in jeder Beziehung als seine Gattin ansah und behandelte. Sie hielt einen hübschen kleinen Acton auf dem Schoß. Ich brachte ihr Nachrichten von ihrer Schwester, von der ich noch sprechen werde.

Ich reiste von Turin nach Parma mit einem Venetianer, der wie ich aus Gründen, die nur den Staatsinquisitoren bekannt waren, fern von der Heimat durch die Welt irrte. Er war Schauspieler geworden, um sein Brot zu verdienen, und ging nach Parma mit zwei Schauspielerinnen, von denen die eine einige Aufmerksamkeit verdiente. Sobald er hörte, wer ich sei, wurden wir Freunde, und er hätte mich gerne zu allen Vergnügungen zugezogen, die die Gesellschaft unterwegs bieten konnte, wenn ich in der Laune gewesen wäre, mich zu amüsieren.

Ich ging mit phantastischen Ideen nach Livorno und ich glaubte, mich dem Grafen Orloff bei der Eroberung Konstantinopels, zu der er, wie man sagte, auszog, nützlich machen zu können. Ich bildete mir ein, das Schicksal hätte bestimmt, daß er ohne mich niemals die Dardanellen passieren würde.

Obwohl diese Gedanken mich beschäftigten, faßte ich doch eine große Zuneigung zu meinem jungen Landsmann Angelo Bentivoglio. Die Inquisitoren verziehen ihm niemals ein Verbrechen, das die Philosophie nur als eine Läpperei ansehen kann. Ich komme in vier Jahren auf diesen Venetianer zu sprechen, wenn ich wieder in Venedig bin.

Ich kam in Parma gegen Mittag an und verabschiedete mich von Bentivoglio und seinen Begleiterinnen. Der Hof war in Colorno; da ich aber mit diesem Diminutivhof nichts zu tun hatte und schon am nächsten Tage nach Bologna weiterreisen wollte, so erbat ich mir einen Löffel Suppe von dem buckligen Herrn Dubois-Châteleroux, dem Münzdirektor des Infanten. Er war ein geistreicher und sehr talentvoller Mann, obgleich eitel. Der Leser erinnert sich vielleicht, daß ich ihn vor zweiundzwanzig Jahren gekannt hatte, zu jener glücklichen Zeit, als ich in Henriette verliebt war. Er empfing mich mit lauten Ausrufen der Freude und dankte mir herzlich für die Höflichkeit, die ich ihm erwiesen, indem ich die wenigen Stunden meines Aufenthaltes in Parma mit ihm verbringen wollte. Ich sagte ihm, ich ginge nach Livorno zum Grafen Alexis Orloff, der mich erwartete; ich würde Tag und Nacht reisen, denn er müßte in dem Augenblick, wo wir sprächen, bereits segelfertig liegen.

»Er muß in der Tat im Begriff stehen, abzufahren,« antwortete der Bucklige mir; »hier habe ich Briefe von Livorno, in denen er mir gemeldet wird.«

Ich antwortete ihm in geheimnisvollem Ton, er würde nicht ohne mich abreisen, und der feine Bucklige machte mir eine Verbeugung voll politischer Bewunderung. Er wollte über diese Expedition sprechen, worüber ganz Europa orakelte; mein zurückhaltender Ton veranlaßte ihn jedoch, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen.

Beim Mittagessen, woran seine Haushälterin teilnahm, sprachen wir viel von meiner Henriette, deren Namen erfahren zu haben er behauptete. Obgleich er mit großer Ehrerbietung von ihr sprach, nahm ich mich doch in acht, damit er aus meinen Worten keine Schlüsse ziehen konnte. Den ganzen Nachmittag unterhielt er sich mit mir und beklagte sich über alle Herrscher Europas mit Ausnahme des Königs von Preußen, der ihn zum Baron gemacht hatte, obwohl er ihn nicht kannte und niemals auch nur das Geringste mit ihm zu tun gehabt hatte.

Am meisten schimpfte er auf den Infanten von Parma, der ihn durchaus nicht aus seinem Dienst entlassen wollte, obgleich er nicht die Mittel besaß, eine Münze einzurichten und daher seine Talente brach liegen ließ.

Ich hörte alle seine Litaneien sehr gefällig an und gab ihm zu, daß er vollkommen recht hätte, wenn er sich über Frankreich beklagte, weil Ludwig der Fünfzehnte ihm nicht das Band des Michaelordens gegeben hätte; über Venedig, weil es sehr wenig für die großen Dienste bezahlte, die er dem Staat geleistet hätte, indem er das Druckwerk einrichtete, mittels dessen alle Münzen mit Rand geschlagen werden könnten, Ähnliche Beschwerden hatte er über Spanien, Neapel usw.

Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, bat ich ihn, mir durch irgendeinen Bankier fünfzig Zechinen geben zu lassen, die ich in Livorno an irgendein von ihm mir zu bezeichnendes Haus bezahlen würde.

Er antwortete mir in freundschaftlichstem Tone, es sei unnötig, wegen eines solchen Bettels zu einem Bankier zu gehen; er werde mir die fünfzig Zechinen selber geben.

Ich nahm sie an und versprach ihm, das Geld schnellstens zurückzuzahlen. Unglücklicherweise bin ich niemals in der Lage gewesen, dies zu tun, und ich werde mit dem zwecklosen Wunsche sterben, ihn noch bezahlen zu können, übrigens weiß ich nicht, ob er noch lebt; aber selbst wenn er so alt werden sollte wie Methusalem, mache ich mir durchaus keine Hoffnungen; denn ich werde jeden Tag ärmer und sehe, daß ich ganz dicht am Ende meiner Laufbahn stehe.

Am nächsten Tage kam ich in Bologna an und den Tag darauf in Florenz, wo ich den neunzehnjährigen Chevalier Morosini, den Neffen des Prokurators, traf. Er reiste mit dem Grafen Stratico, Professor der Mathematik an der Universität Padua, der den jungen Morosini als Erzieher begleitete. Er gab mir einen Brief an seinen Bruder, den Jakobinermönch und Professor der schönen Wissenschaften an der Universität Pisa. Ich hielt mich in dieser Stadt nur ein paar Stunden auf, um die Bekanntschaft dieses Mönches zu machen, der durch seinen Geist ebenso berühmt war wie durch sein Wissen. Ich fand ihn weit über seinem Beruf stehend, und da er mich sehr gut aufnahm, so versprach ich ihm, ein anderes Mal eigens zu dem Zweck, seine interessante Gesellschaft zu genießen, wieder nach Pisa zu kommen.

Ich verweilte eine Stunde im Seebade, wo ich die Bekanntschaft des Prätendenten auf den großbritannischen Thron machte, und begab mich dann nach Livorno, wo ich den Grafen Orloff nur darum noch vorfand, weil widrige Winde ihn verhindert hatten, in See zu stechen.

Der englische Konsul, bei dem er wohnte, stellte mich sofort dem russischen Admiral vor, der mich mit großer Freude empfing. Er sagte mir, er sei entzückt, mich wiederzusehen, und es werde ihm eine große Freude sein, mich an Bord zu haben. Er forderte mich auf, sofort mein Gepäck an Bord bringen zu lassen, weil er beim ersten günstigen Winde in See gehen würde. Er verließ mich, um einige Geschäfte zu erledigen, und ich blieb mit dem englischen Konsul allein, der mich fragte, in welcher Eigenschaft ich mich einschiffen würde.

»Das möchte ich allerdings auch wissen, bevor ich meine Sachen auf sein Schiff bringen lasse.«

»Sie können erst morgen früh mit ihm sprechen.«

Am nächsten Morgen begab ich mich zum Grafen Orloff und ließ ihm zwei Zeilen überbringen, wodurch ich ihn bat, mir einige Augenblicke für eine Unterhaltung zu gewähren, bevor ich meinen Koffer auf sein Schiff bringen ließe.

Ein Adjutant meldete mir, der Admiral sei im Bett mit Schreiben beschäftigt und lasse mich bitten, etwas zu warten.

»Sehr gern.«

Als ich einige Minuten gewartet hatte, erschien da Loglio, Geschäftsträger des Königs von Polen in Venedig, der mich von Berlin her und sogar durch alte Beziehungen schon von meiner Geburt an kannte.

»Was machen Sie hier, mein lieber Casanova?«

»Ich warte auf eine Besprechung mit dem Admiral.«

»Er ist sehr beschäftigt.«

Nachdem da Loglio mir diese Worte gesagt hatte, trat er ein. Das war eine Unverschämtheit; konnte er mir deutlicher sagen, daß für ihn Orloff nicht beschäftigt sei?

Einen Augenblick darauf kam der Marchese Marucci mit seinem Sankt-Annenorden – und seinem aufgeblasenen Wesen. Er machte mir ein Kompliment über mein Erscheinen in Livorno und sagte mir darauf, er lese mein Werk über Amelot de la Houssaie, worin er sich nicht erwähnt zu finden erwarte.

Er hatte recht; denn der Gegenstand des Werkes und er hatten nichts miteinander gemein; aber er war nicht der Mann, um auf der Welt nur das zu sehen, was er erwartete. Er ließ mir keine Zeit, ihm dies zu sagen, denn er trat beim Admiral ein, wie da Loglio eingetreten war.

Ich ärgerte mich, daß die Herren sofort vorgelassen wurden, während man mich im Vorzimmer warten ließ, und mein Plan begann mir zu mißfallen.

Fünf Stunden darauf kam Orloff mit einem großen Gefolge zum Vorschein. Er sagte mir mit liebenswürdiger Miene, wir wollten bei Tisch oder nach dem Essen miteinander sprechen.

»Nach dem Essen«, antwortete ich ihm.

Um zwei Uhr kam er wieder und setzte sich zu Tisch. Wer sich zuerst hinsetzte, konnte mitessen. Zu diesen gehörte ich; die anderen mußten zusehen.

Orloff sagte fortwährend: »Essen Sie doch, meine Herren!«

Er selber aber aß nichts, sondern las fortwährend seine Briefe, die er einem Sekretär übergab, nachdem er mit Bleistift Notizen darauf gemacht hatte.

Ich sagte während der ganzen Mahlzeit kein Wort. Als nach dem Essen der Kaffee herumgereicht wurde, sah der Graf mich plötzlich an, ergriff meine Hand und führte mich in eine Fensternische. Dort sagte er mir, ich möchte mich beeilen, mein Gepäck an Bord zu schicken, denn wenn der Wind sich hielte, würde er noch vor dem nächsten Morgen an Bord gehen.

»Ja, aber erlauben Sie mir, Herr Graf, Sie zu fragen, in welcher Eigenschaft Sie mich mitnehmen und welcher Art mein Amt sein wird.«

»Ein Amt kann ich Ihnen nicht geben. Aber vielleicht kommt das noch. Fahren Sie nur immer als mein Freund mit mir.«

»Ihr Freund zu sein, ist sehr ehrenwert, und als solcher würde ich sicherlich ohne Zögern mein Leben für Sie aufs Spiel setzen, aber man würde mir das nach der Expedition nicht anrechnen, ja nicht einmal während der Expedition selbst. Denn nur Sie allein würden in Ihrer Güte mir Zeichen von Vertrauen und Achtung geben; sonst würde kein Mensch sich um mich kümmern. Man würde mich als eine Art Lustigmacher ansehen, und ich würde vielleicht den ersten töten, der mir Zeichen von Mißachtung zu geben wagte. Ich brauche ein Amt, das mir die Pflicht auferlegt, Ihnen zu dienen und Ihre Uniform zu tragen. Ich kann Ihnen zu allem möglichen nützlich sein. Ich kenne das Land, wohin Sie gehen, spreche die Umgangssprache, bin gesund, und es fehlt mir nicht an Mut. Ich will Ihre kostbare Freundschaft nicht umsonst haben, sondern ziehe die Ehre vor, sie mir zu verdienen.«

»Mein lieber Freund, ein bestimmtes Amt habe ich Ihnen nicht zu geben.«

»Dann, Herr Graf, wünsche ich Ihnen gute Reise. Ich gehe nach Rom. Ich wünsche, daß es Ihnen niemals leid tun möge, mich nicht mitgenommen zu haben; denn ohne mich werden Sie niemals die Dardanellen passieren.«

»Ist das eine Weissagung?«

»Mehr als das: ein Orakel.«

»Wir werden sehen, mein lieber Kalchas.«

Hiermit endete das Gespräch, das ich mit diesem tapferen Manne hatte, der wirklich nicht die Dardanellen passierte. Würde er sie passiert haben, wenn er mich an Bord gehabt hatte? Das kann kein Mensch sagen.

Am nächsten Tage gab ich meine Briefe bei Herrn Rivarola und bei dem englischen Kaufmann ab. Das russische Geschwader war gegen Morgen abgefahren.

Den Tag darauf begab ich mich nach Pisa, wo ich acht Tage sehr angenehm mit dem Frater Stratico verbrachte. Er wurde zwei oder drei Jahre später Bischof durch einen kühnen Streich, der ihn hätte verderben können. Er wagte es, eine Leichenrede auf den Pater Ricci, den letzten Jesuitengeneral, zu verfassen. Diese Predigt, eine Lobrede auf den Verstorbenen, versetzte den Papst Ganganelli in die Notwendigkeit, entweder den Redner zu bestrafen und sich dadurch vielen Menschen verhaßt zu machen oder ihn für seinen Mut auf eine heroische Weise zu belohnen. Dieses letztere schien der Pontifex vorzuziehen. Als ich Stratico einige Jahre später als Bischof wiedersah, wiederholte er mir mehrere Male im Vertrauen, als ziemlich guter Kenner des menschlichen Herzens habe er die Leichenrede auf den Pater Ricci nur in der Überzeugung verfaßt, daß Seine Heiligkeit ihn durch eine glänzende Belohnung dafür bestrafen werde, und so sei er über den Empfang derselben nicht erstaunt gewesen.

Dieser Mönch ließ mich in Pisa die Reize seiner entzückenden Gesellschaft mitgenießen. Er hatte einige junge Damen von Stande ausgewählt, die Geist mit Schönheit vereinten, und lehrte sie improvisierte Lieder zur Gitarre singen. Er hatte sie durch die berühmte Corilla unterrichten lassen, die sechs Jahre später bei Nachtzeit auf dem Kapitol als Dichterin gekrönt wurde. Man hatte denselben Ort gewählt, wo unsere größten italienischen Dichter den Lorbeerkranz empfingen, und dies war ein großer Skandal; denn das Verdienst der Corilla war allerdings einzig in seiner Art, da jedoch ihre Kunst nur in einem schönen Klingklang bestand, so war sie nicht würdig, dieselben Ehren zu empfangen, die mit Recht einem Petrarca und einem Tasso zuerkannt wurden.

Man machte auf die gekrönte Corilla blutige Satiren, und die Verfasser derselben hatten noch mehr unrecht als jene, die durch ihre Krönung das Kapitol entweihten; denn die Schmähgedichte bezogen sich alle darauf, daß das Kleid der Keuschheit nicht zu den Ehren gehöre, die man ihr habe zuerkennen können. Alle Dichterinnen, von den Zeiten Homers bis auf die unsrigen, zum mindesten alle diejenigen, deren Namen auf die Nachwelt gekommen, haben auf dem Altar der Venus geopfert. Kein Mensch würde Corilla kennen, wenn sie es nicht verstanden hätte, unter geistreichen Leuten Liebhaber zu finden, und niemals wäre sie in Rom gekrönt worden, wenn sie nicht jenen Fürsten Gonzaga Solferino begeistert hätte, der später die hübsche Nangoni heiratete, die Tochter des römischen Konsuls, die ich in Marseille kennen lernte und von der ich bereits gesprochen habe.

Corilla hätte bei hellem Tage gekrönt werden müssen oder überhaupt nicht; man tat sehr übel daran, die Nacht zu wählen, denn diese verstohlene Krönung machte der Frau wenig Ehre und war für ihre Anbeter eine Unehre.

Die Regierung des gegenwärtigen Papstes hat hierdurch einen unauslöschlichen Makel erhalten; denn es ist sicher, daß von nun an kein Dichter mehr nach einer Ehre streben wird, die Rom bis dahin keineswegs verschwendet, sondern im Gegenteil mit sehr kluger Zurückhaltung nur solchen Geistern bewilligt hatte, die über das gewöhnliche Größenmaß der menschlichen Natur hinausgingen.

Zwei Tage nach der Krönung verließen Corilla und ihre Anbeter Rom voller Scham, daß es ihnen gelungen war, einer derartigen Nichtigkeit einen so feierlichen Anstrich zu geben.

Abbate Pizzi, der Vorsitzende der arkadischen Akademie, der die hauptsächlichste Anregung zur Apotheose der Dichterin gegeben hatte, wurde dermaßen mit Spottweisen und Satiren überschüttet, daß er mehrere Monate lang sich nicht öffentlich zu zeigen wagte.

Nach dieser langen Abschweifung, die man zu ganzen Bänden erweitern könnte, muß ich noch einmal zum Pater Stratico zurückkehren, der mir so angenehme Tage verschaffte.

Der Mönch, der nicht schön war, aber in höchstem Maße die Kunst besaß, Liebe zu erwerben, wußte mich zu überreden, acht Tage in Siena zu verbringen. Er versprach, mir alle Genüsse des Herzens wie des Geistes zu verschaffen, indem er mir zwei Empfehlungsbriefe mitgebe, einen für die Marchesa Chigi, den anderen für den Abbate Chiaccheri. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, so nahm ich an und begab mich auf geradem Wege nach Siena, ohne Florenz zu berühren.

Abbate Chiaccheri empfing mich auf das allerbeste; er versprach mir alle Genüsse, die von ihm abhingen, und hielt mir Wort. Er führte mich selber zur Marchesa Chigi, die sofort den angenehmsten Eindruck auf mich machte. Sie überflog den Brief des Abbate Stratico, ihres teueren Lieblings, wie sie ihn nannte, sobald sie seine Handschrift erkannte.

Die Marchesa war noch schön, obgleich sie bereits über die Jugend hinaus war. Trotzdem war sie offenbar ihrer Macht sich bewußt. Wenn ihr die Jugend fehlte, so ersetzte sie diese durch das zuvorkommendste Benehmen, die natürlichste Anmut, ein liebenswürdiges, ungezwungenes Wesen, einen aufgeklärten, angenehmen Geist, womit sie den gleichgültigsten Bemerkungen eine besondere Wendung zu geben wußte, durch die Reinheit ihrer Sprache, und besonders durch die gänzliche Abwesenheit jeder Geziertheit und Anmaßung.

»Setzen wir uns«, sagte sie zu mir. »Sie werden hier acht Tage verbringen, wie mein lieber Stratico mir schreibt. Das ist wenig für uns, aber vielleicht zu viel für Sie. Ich hoffe, unser Freund hat nicht zu übertrieben günstig von uns gesprochen.«

»Er hat mir nichts weiter gesagt, Signora, als daß ich hier acht Tage verbringen müßte und daß alle Reize des Geistes und des Herzens mich umgeben würden. Ich habe es nicht geglaubt und bin hierher gekommen, um zu sehen, ob er die Wahrheit gesprochen hat. Ich habe also, wie Sie sehen, mich nicht vorher beeinflussen lassen.«

»Daran haben Sie recht getan, aber Stratico hätte Sie ohne Mitleid mindestens zu einem Monat verurteilen müssen.«

»Warum ohne Mitleid? Welche Gefahr hätte mir drohen können?«

»Das Sie sich zu Tode langweilen oder in Siena ein Stück Ihres Herzens ließen.«

»Dies kann auch in acht Tagen geschehen; aber ich trotze diesen beiden Gefahren, denn Stratico hat mich gegen die erste geschützt, indem er auf Sie, und gegen die zweite, indem er auf mich rechnete. Sie werden meine Huldigung empfangen, und damit sie ganz rein sei, wird sie durchaus geistiger Art sein. Mein Herz wird Siena frei verlassen, wie es jetzt ist, denn da ich nicht auf eine Rückkehr hoffen kann, so würde eine Niederlage mich unglücklich machen.«

»Ist es möglich, daß Sie zu den Verzweifelten gehören?«

»Ja, und zu meinem großen Glück, denn diesem Umstand verdanke ich meine Ruhe.«

»Welches Unglück, wenn Sie sich täuschten!«

»Das Unglück wäre nicht groß, gnädige Frau, zum mindesten nicht so groß, wie Sie es sich vorstellen. Apollo sorgt mir stets für einen trefflichen Ausweg. Er läßt mir nur die Freiheit, den Augenblick zu genießen, aber da dies eine Gunst des Gottes ist, so genieße ich sie, so sehr ich nur kann. Carpe diem ist mein Wahlspruch.«

»Es war der Wahlspruch des lebensfreudigen Horaz; aber ich billige ihn nur, weil er bequem ist. Der Genuß, der der Begierde folgt, ist vorzuziehen, denn er ist lebhafter.«

»Das ist wahr, aber man kann nicht darauf zählen, und das betrübt den Philosophen, der zugleich ein guter Rechner ist. Möge Gott Sie davor behüten, Signora, diese grausame Wahrheit durch eigene Erfahrung kennen zu lernen. Das Glück, das man genießt, ist stets vorzuziehen. Das Glück, das man begehrt, beschränkt sich oft auf die Freude des Begehrens. Es ist eine Einbildung, deren Nichtigkeit ich in meinem Leben nur zu gut kennen gelernt habe; aber wenn Sie noch nicht erfahren haben, daß Horaz recht hat, so wünsche ich Ihnen Glück dazu.«

Die liebenswürdige Marchesa lächelte freundlich und ersparte sich dadurch, ja oder nein zu sagen.

Chiaccheri, der bis dahin noch nicht den Mund aufgetan hatte, sagte uns, kein größeres Glück könnte uns widerfahren, als daß wir niemals einer Meinung wären. Die Marchesa gab das zu, indem sie Chiaccheri für seinen feinen Gedanken mit einem Lächeln belohnte. Ich aber bestritt die Richtigkeit desselben und sagte:

»Wenn ich dies zugebe, verzichte ich auf das Glück, das nach Ihrer Meinung davon abhängt, niemals mit Ihnen einer Meinung zu sein. Lieber will ich Ihnen widersprechen, Signora, als auf die Ehre verzichten, Ihnen zu gefallen. Der Abbate ist ein böser Geist, der den Apfel der Zwietracht zwischen uns beide geworfen hat; aber wenn wir fortfahren, wie wir begonnen haben, so lasse ich mich dauernd in Siena nieder.«

Glücklich, mir eine Probe ihres Geistes gegeben zu haben, sprach die Marchesa nunmehr von Regen und Sonnenschein. Sie fragte mich, ob ich einigen hübschen Damen in den großen Gesellschaften vorgeführt zu werden wünsche, und erbot sich, mich überall einzuführen. Ich bat sie allen Ernstes, sich doch nicht die Mühe zu machen, und sagte:

»Ich will sagen können, Signora, daß wahrend der acht Tage meines Aufenthaltes in Siena Sie die einzige gewesen sind, der ich den Hof gemacht habe, und daß nur der Abbate Chiaccheri mir die Denkmäler der Stadt gezeigt und mich mit den hiesigen Gelehrten bekannt gemacht habe.«

Geschmeichelt von dieser Erklärung, lud die Marchesa mich mit dem Abbate ein, am nächsten Tage in ihrem reizenden Landhause zu speisen, das dicht vor der Stadt lag und Vico genannt wurde.

Je älter ich wurde, desto mehr zog mich der Geist bei Frauen an, ganz unabhängig von anderen Vorzügen; Geist war das beste Reizmittel für meine abgestumpften Sinne. Bei Männern von entgegengesetztem Temperament wie dem meinigen tritt das Gegenteil ein. Wenn ein grobsinnlicher Mann altert, will er nur noch materielle Genüsse, Weiber, die im Dienste der Venus erfahren sind, und keine philosophischen Gespräche.

Nachdem wir die Narchesa verlassen hatten, sagte ich zu Chiaccheri: wenn ich in Siena bliebe, wäre sie die einzige Frau, die ich besuchen würde; möchte es dann kommen, wie es Gott gefiele. Der Abbate mußte mir zugeben, daß ich recht hätte.

Während meines Aufenthaltes in Siena zeigte Abbate Chiaccheri mir alle die interessanten Kunstschätze der Stadt und führte mich zu allen Gelehrten von einiger Bedeutung, dis mir dann meinen Besuch erwiderten.

Gleich am selben Abend brachte Chiaccheri mich in ein Haus, wo die gelehrte Gesellschaft in zwangloser Weise zusammenkam. Es war die Wohnung zweier Schwestern, von denen die ältere reichlich häßlich, die jüngere sehr hübsch war; aber die ältere galt für die Corinna des Ortes, und mit Recht. Sie bat mich, ihr ein paar von meinen eigenen Versen herzusagen, und versprach mir dafür eine von ihren Dichtungen. Ich deklamierte das erste beste, was mir ins Gedächtnis kam, und sie antwortete mir mit vieler Bescheidenheit, indem sie ein Gedicht von vollendeter Schönheit vortrug. Ich machte ihr mein Kompliment darüber, obgleich ich glaubte, daß sie nicht die Verfasserin wäre. Chiaccheri, der ihr Lehrer gewesen war, erriet meine Gedanken und schlug vor, Gedichte zu gegebenen Endreimen zu machen. Die hübsche Schwester erhielt den Auftrag, die Reime auszugeben, und alle machten sich an die Arbeit. Die Häßliche war vor den anderen fertig und legte die Feder hin. Als die Gedichte verglichen wurden, waren ihre Verse weitaus die besten. Ich war erstaunt darüber, schrieb aus dem Stegreif ein Gedicht zu ihrem Lobe nieder und überreichte es ihr. In weniger ais fünf Minuten erwiderte sie in einem höchst vollendeten Gedicht mit denselben Reimen. Sehr überrascht, nahm ich mir die Freiheit, sie nach ihrem Namen zu fragen, und es war mir wirklich eine Freude zu hören, daß sie die berühmte Maria Fortuna sei, Schäferin, das heißt Mitglied, der arkadischen Akademie.

»Wie, mein Fräulein, das sind Sie?«

Ich hatte die schönen Stanzen gelesen, die sie zu Metastasios Ruhm veröffentlicht hatte. Als ich ihr dies sagte, holte sie die Antwort, die der unsterbliche Dichter mit eigener Hand für sie niedergeschrieben hatte.

Von Bewunderung hingerissen, hatte ich nur noch für sie Worte, und alle ihre Häßlichkeit verschwand.

Hatte ich am Morgen eine köstliche Unterhaltung mit der Marchesa gehabt, so war ich am Abend buchstäblich außer mir vor Entzücken.

Bei Tische sprach ich mit dem Abbate unaufhörlich über Fortuna. Als ich den Abbate fragte, ob sie auch nach Corillas Art improvisiere, sagte er mir, sie habe dies gewünscht, er habe es jedoch nicht gestatten wollen. Es kostete ihm keine große Mühe, mich zu überzeugen, daß dies ihr schönes Talent verderben würde. Ich stimmte ihm ebenfalls bei, als er mir sagte, er habe sie dringend aufgefordert, sich nicht dem Vergnügen des Improvisierens hinzugeben; denn wenn der Geist des Dichters über den ersten besten Gegenstand sprechen soll, ohne Zeit zur Überlegung zu haben, so kann er nur zufällig Gutes geben; denn da er schnell dichten muß, so muß er oft die Vernunft dem Reim aufopfern und das beste Wort dem von ihm gewählten Versmaß, So kommt es, daß gewöhnlich der von dem Improvisator ausgedrückte Gedanke ein Kleid von schlechtem Zuschnitt oder von einer unpassenden Farbe trägt.

Die Improvisation stand bei den Griechen wie bei den Römern nur darum in einigem Ansehen, weil ihre Sprachen nicht die Fesseln des Reimes trugen. Trotzdem waren die großen Dichter, besonders die lateinischen, nur selten bereit, in Reimen zu sprechen; sie wußten, daß trotz all ihrem Genie ihre Verse matt sein würden und daß sie unmittelbar darauf über sie würden erröten müssen.

Horaz verbrachte oft eine schlaflose Nacht, um in einem kräftigen Verse gerade das zu sagen, was er wollte; hatte er diesen Vers gefunden, so schrieb er ihn an die Wand und schlief ruhig ein. Die Verse, die ihm keine Mühe kosteten, sind rhythmische Prosa, deren er sich in mehreren seiner Episteln meisterhaft bediente.

Abbate Chiaccheri, selber ein Gelehrter und liebenswürdiger Dichter, gestand mir, er sei in seine beredte Schülerin trotz ihrer Häßlichkeit verliebt, und er habe, als er sie zuerst im Versemachen unterrichtet habe, niemals gedacht, daß ihm dergleichen widerfahren könnte.

»Das kann ich ohne Mühe glauben,« sagte ich, »denn sublata lucerna…«

»Nichts von sublata lucerna!« versetzte der Abbata lachend; »in ihr Gesicht bin ich verliebt, denn dieses ist untrennbar von ihr selber.«

Ich glaube, ein Toskaner kann leichter als ein anderer Italiener in schöner poetischer Sprache schreiben; denn er saugt seine herrliche Sprache mit der Muttermilch ein. In Siena ist die Sprache noch sanfter, lieblicher, rhythmischer, anmutiger und zugleich kräftiger als die von Florenz, obgleich diese den ersten Rang einzunehmen behauptet, den sie auch durch ihre Reinheit verdient. Diesen unermeßlichen Vorzug und ihren Reichtum verdankt sie ihrer Akademie.

Dieser Reichtum, dieser Überfluß gewährt uns die Möglichkeit, einen Gegenstand mit viel größerer Beredsamkeit als die Franzosen zu behandeln; denn wir haben eine Menge von Synonymen zu unserer Wahl, während man deren in der Sprache Voltaires sehr wenige findet. Der alte Spötter lachte mit Recht über seine Landsleute, welche behaupteten, die französische Sprache sei durchaus nicht arm, denn sie besitze alle Wörter, die ihr notwendig seien.

Wer nur das Notwendige hat, ist nicht reich, und die Hartnäckigkeit, womit die Akademie Fremdwörter zurückweist, zeugt mehr von Stolz als von Weisheit. Das wird nicht ewig so bleiben.

Wir Italiener nehmen aus allen Sprachen die Wörter, die wir brauchen, wenn sie zu dem Geist unserer Sprache passen. Wir sehen mit Freude unseren Reichtum wachsen, wir bestehlen sogar die Armen: das ist die Art des Reichen.

Die liebenswürdige Marchesa Chigi gab uns ein ausgezeichnetes Mittagessen in ihrem hübschen, von Palladio erbauten Hause. Chiaccheri hatte mich gebeten, mit ihm nicht über das Vergnügen zu sprechen, das mir der bei der Dichterin Fortuna verlebte Abend bereitet hätte. Bei Tisch sagte sie mir jedoch, sie sei überzeugt, daß er mich zu ihr geführt habe. Er besaß nicht den Mut, dies zu leugnen, und auch ich verbarg ihr nicht, daß es für mich eine große Freude gewesen sei.

»Stratico«, sagte die Marchesa zu mir, »ist ein Bewunderer der Maria Fortuna. Ich habe einige von ihren Erzeugnissen gelesen und lasse ihrem Talent Gerechtigkeit widerfahren; aber es ist schade, daß man nur heimlich in dieses Haus gehen kann.«

»Warum denn, gnädige Frau?« sagte ich ein wenig erstaunt.

»Wie, Abbate? Sie haben dem Herrn nicht gesagt, was dies für ein Haus ist?«

»Ich habe das nicht für notwendig gehalten, denn ihr Vater und ihre Mutter lassen sich niemals sehen.«

»Ich glaube es wohl, aber einerlei.«

»Aber was ist denn das für ein Vater?« fragte ich sehr neugierig; »es ist doch ganz gewiß nicht der Henker?«

»Schlimmer als das: es ist der Bargello; Sie sehen wohl ein, daß ein Fremder unmöglich zu uns kommen und gleichzeitig in diesem Hause verkehren kann, wo er keine gute Gesellschaft finden kann.«

Ich sah den guten Chiaccheri ein wenig bestürzt und hielt es für angebracht, der Marchesa zu sagen, ich würde erst am Abend vor meiner Abreise noch einmal hingehen.

»Eines Tages«, sagte die Marchesa, »zeigte man mir auf der Promenade die Schwester der Dichterin; das ist wirklich ein schönes Mädchen, und es ist sehr schade, daß diese reizende Person trotz ihrer makellosen Sitten sich nur mit einem Manne vom Stande ihres Vaters verheiraten kann.«

»Ich kannte«, sagte ich nun meinerseits, »einen gewissen Colterini, den Sohn des Bargello von Florenz. Er muß noch jetzt als Hofdichter im Dienste der Kaiserin von Rußland stehen. Ich will an ihn schreiben und ihm diese Heirat vorschlagen. Er ist ein junger Mann von seltensten Gaben.«

Die Marchesa billigte meinen Plan; bald hernach erfuhr ich jedoch, daß der Dichter gestorben war.

In ganz Italien gibt es nichts Verhaßteres als einen Bargello; nur in Modena verkehrt sogar der Adel in seinem Hause und tut seiner ausgezeichneten Tafel alle Ehre an. Dies muß überraschen; ein Bargello muß von Berufs wegen Spion, Lügner, Betrüger, Gauner und Feind der Menschheit sein; denn wer verachtet wird, haßt den, der ihn verachtet.

Man zeigte mir in Siena einen Grafen Piccolomini, einen geistvollen, gelehrten und sehr liebenswürdigen Herrn. Er hatte die sonderbare Laune, wie ein Murmeltier sechs Monate zu Hause zu liegen, ohne jemals auszugehen, ohne einen Besuch zu empfangen, ohne mit irgendeinem Menschen zu sprechen, stets nur mit Lesen und Arbeiten beschäftigt. Während der anderen sechs Monate hielt er sich dafür nach besten Kräften schadlos.

Die Marchesa versprach mir, im Sommer nach Rom zu kommen. Sie hatte dort einen sehr guten Freund, Herrn Bianchoni, der den ärztlichen Beruf aufgegeben hatte, um Geschäftsträger des sächsischen Hofes zu werden. Sie kam auch nach Rom, aber ich sah sie dort nicht.

Am Tage vor meiner Abreise kam der Fuhrmann, der mich allein nach Rom bringen sollte und über den leeren Platz in seiner Kalesche ohne meine Einwilligung nicht verfügen konnte, und fragte mich, ob ich einen Reisegefährten zulassen und dadurch drei Zechinen sparen wollte.

»Ich will niemanden.«

»Sie haben unrecht, denn es ist eine hübsche, junge Dame, die eben angekommen ist.«

»Allein?«

»Nein, sie reist mit einem Herrn, der ein Pferd hat und den Weg nach Rom im Sattel zurücklegen will.«

»Und wie ist dieses Mädchen hier angekommen?«

»Zu Pferde; aber sie kann das Reiten nicht mehr vertragen. Sie ist vollständig erschöpft und hat sich sofort zu Bett gelegt. Der Herr hat mir vier Zechinen geboten, um die Signora nach Rom zu befördern. Da ich ein armer Teufel bin, so können Sie mich dieses Geld wohl verdienen lassen.«

»Der Kavalier wird ohne Zweifel im Schritt hinter dem Wagen herreiten?«

»Ach, das kann er machen, wie er will, das kann weder Ihnen noch mir was ausmachen.«

»Sie sagen, sie sei jung und hübsch?«

»Man hat es mir gesagt, aber ich habe sie nicht gesehen.«

»Was für eine Art Mensch ist ihr Begleiter?«

»Ein hübscher junger Mann, der fast kein Wort Italienisch spricht.«

»Hat er das Pferd verkauft, worauf die Dame ritt?«

»Nein, es war ein Mietpferd. Er hat nur einen Koffer, den er hinter den Wagen schnallen wird.«

»Das alles ist sehr eigentümlich. Ich will mich zu nichts entschließen, bevor ich den Herrn gesehen habe.«

»Ich werde ihm sagen, er solle mit Ihnen sprechen.«

Einen Augenblick darauf sah ich einen schönen jungen Mann in einer Phantasieuniform. Er trat recht gut auf und wiederholte mir alles, was der Fuhrmann mir gesagt hatte. Zum Schluß sagte er mir, er sei überzeugt, daß ich mich nicht weigern werde, mit seiner Frau zusammenzureisen.

Ich erkannte ihn als Franzosen und sagte daher in französischer Sprache zu ihm: »Mit Ihrer Frau, mein Herr?«

»Ach, Gott sei gelobt. Sie sprechen meine Sprache. Ja, mein Herr: mit meiner Frau, einer Engländerin, die Ihnen ganz gewiß nicht lästig fallen wird.«

»Schön. Ich möchte aber meine Abreise nicht verzögern. Wird sie um fünf Uhr bereit sein können?«

»Verlassen Sie sich darauf!«

Am anderen Morgen fand ich sie zur angegebenen Stunde im Wagen. Ich machte ihr eine Verbeugung, setzte mich neben sie, und wir fuhren ab.