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Jules Verne – Robur der Sieger

admin am Feb 4th 2012

Jules Verne
Robur der Sieger

 

Erstes Capitel

Worin die gelehrte Welt sich ebenso wenig Rath weiß, wie die ungelehrte.

Paff!… Paff!

Zwei Pistolenschüsse knallten zu gleicher Zeit. Eine Kuh, welche eben in der Entfernung von fünfzig Schritten vorüber trabte, bekam eine Kugel ins Rückgrat… und sie ging die Sache doch gar nichts an.

Von den beiden Gegnern war keiner getroffen worden.

Wer waren jene beiden Herren? Niemand weiß es, und gerade hier wäre ja Gelegenheit gewesen, ihre Namen der Nachwelt zu überliefern. Es läßt sich über sie nichts weiter sagen, als daß der ältere ein Engländer, der jüngere Duellant ein Amerikaner war. Desto leichter läßt sich die Oertlichkeit bestimmen, an der jener unschuldige Wiederkäuer eben sein letztes Grasbündelchen abgeweidet hatte; diese ist nämlich am rechten Ufer des Niagara und unweit der Hängebrücke zu suchen, welche drei Meilen unterhalb der berühmten Fälle das canadische Ufer mit dem amerikanischen verbindet.

Der Engländer schritt jetzt auf den Amerikaner zu.

»Ich bleibe nichtsdestoweniger dabei, daß es die Melodie von Rule Britannia war, sagte er.

»Nein, der Yankee Doodle!« versetzte der Andere.

Der Streit schien auf’s Neue entbrennen zu sollen, als sich einer der Zeugen – ohne Zweifel im Interesse des weidenden Viehes – mit den Worten einmischte:

»Nehmen wir an, es wäre der Rule Doodle und der Yankee Britannia gewesen und begeben wir uns nun zum Frühstück.«

Dieses Compromiß zwischen den beiden Nationalgesängen Amerikas und Großbritanniens wurde zur allgemeinen Befriedigung angenommen. Längs des linken Niagara-Ufers zurückwandelnd, beeilten sich Amerikaner und Engländer, an der einladenden Tafel des Hotels auf Goat Island – einem neutralen Gebiete zwischen den beiden Fällen – Platz zu nehmen. Während ihrer Beschäftigung mit gekochten Eiern und dem landesüblichen Schinken mit kaltem Roastbeef, einem Zwischengericht von im Munde fast brennenden Pickles und mit Hochfluthen von Thee, welche die bekannten Wasserfälle eifersüchtig machen könnten, wollen wir sie nicht weiter stören, zumal kaum anzunehmen ist, daß von ihnen im Laufe dieser Erzählung noch ferner die Rede sein wird.

Wer hatte nun Recht, der Engländer oder der Amerikaner? Es wäre schwer gewesen, diese Frage zu entscheiden. Jedenfalls liefert jenes Duell den Beweis für die leidenschaftliche Erregung der Geister nicht allein in der Neuen, sondern auch in der Alten Welt, und zwar über ein Ereigniß oder eine unerklärliche Erscheinung, welche seit etwa einem Monate alle Köpfe verwirrte.

… Os sublime dedit coelumque tueri

hat Ovid einst zu Ehren der Menschheit gefangen. In der That hatte man seit dem Erscheinen des ersten Menschen auf der Erdkugel noch niemals den Himmel so vielfach betrachtet.

Gerade in der vorhergegangenen Nacht hatte nämlich eine Trompete aus der Luft ihre metallenen Töne herabgeschmettert über denjenigen Theil von Canada, der sich zwischen dem Ontario- und dem Erie-See ausdehnt. Die Einen hatten daraus den Yankee Doodle, die Anderen das Rule Britannia zu hören vermeint, daraus entstand auch obiger angelsächsische Zweikampf, der mit dem Frühstück auf Goat Island endigte. Vielleicht war es weder der eine, noch der andere Nationalgesang gewesen; nur darüber herrschte bei Niemandem ein Zweifel, daß die betreffenden Töne die Eigenthümlichkeit gehabt hatten, als schienen sie vom Himmel zur Erde hernieder zu steigen.

Sollte man etwa gar an eine Himmelsposaune denken, die ein Engel oder ein Erzengel geblasen hätte?… Waren es nicht vielmehr lustige Luftschiffer gewesen, die sich des sonoren Instrumentes bedienten, von dem die Reclame so ausgebreiteten Gebrauch macht? Nein, von einem Ballon, von Lustschiffern konnte nicht die Rede sein. In hohen Himmelsregionen vollzog sich ein außergewöhnliches Ereigniß, dessen Natur und Ursprung kein Mensch zu enträthseln vermochte. Heute zeigte sich dasselbe über Amerika, vierundzwanzig Stunden später über Europa, acht Tage später in Asien über dem Himmlischen Reiche. Wenn die Trompete, welche das Vorüberziehen jener Erscheinung ankündigte, nicht die des jüngsten Gerichtes war, welche, ja, welche war es dann?

In allen Landen der Erde, in Königreichen wie in Republiken, entstand deshalb eine gewisse Unruhe, welche gestillt werden mußte. Vernimmt Einer in sei nem Hause eigenthümliche und unerklärliche Geräusche, würde er nicht schnellstens die Ursache derselben zu ermitteln suchen, und wenn das vergeblich wäre, würde er nicht sein Haus verlassen, um ein anderes zu bewohnen? Ganz sicherlich! Hier war das Haus freilich die Erdkugel, und es gab doch kein Mittel, diese zu verlassen und etwa mit dem Monde, mit Mars, Venus, Jupiter oder einem anderen Planeten des Sonnensystems zu vertauschen.

Es galt demnach unbedingt, aufzuklären, was im unendlichen leeren Raume, doch innerhalb der Erdatmosphäre, vorging. Ohne Luft ist ja ein Geräusch unmöglich, und da man hier ein solches vernahm – immer jene fast sagenhafte Trompete – mußte die Erscheinung auch in der Lufthülle stattfinden, deren Dichtigkeit sich nach oben zu immer mehr vermindert und die sich über unserem Sphäroïd nur wenige Meilen hoch verbreitet.

Natürlich bemächtigten sich die Tagesblätter der vorliegenden Frage, behandelten sie unter allen Gesichtspunkten, beleuchteten oder verdunkelten dieselbe, berichteten falsche oder wahre Thatsachen, erregten oder beruhigten ihre Leser im Interesse der Höhe ihrer Auflage – und wiegelten endlich die schon halb verwirrten Massen nicht wenig auf. Welch’ Wunder! Die Politik hatte den Laufpaß erhalten und die Geschäfte gingen deshalb doch nicht schlecht. Aber um was handelte es sich überhaupt?

Man befragte alle großen Observatorien der ganzen Welt. Wenn diese keine Antwort gaben, wozu nützten dann solche Observatorien eigentlich? Wenn die Astronomen, welche selbst in der Entfernung von hunderttausend Millionen Meilen noch einen Lichtpunkt zu zwei und drei Sternen aufzulösen vermögen, nicht im Stande waren, den Ursprung einer kosmischen Erscheinung zu ergründen, die nur wenige Kilometer über ihnen auftrat, wozu hatte man Astronomen?

Man könnte auch in der That kaum schätzungsweise angeben, wie viel Teleskope, Brillen, Fernröhre, Lorgnetten, Binocles und Monocles während der schönen Sommernacht nach dem Himmel gerichtet waren, noch wie viele Augen sich vor die Oculare und Instrumente von jeder Art und Vergrößerung hefteten. Vielleicht mehrere Hunderttausend, und das ist nur gering angeschlagen. Zehnmal mehr, als man am Firmament mit unbewaffnetem Auge sichtbare Sterne zählt. Nein, noch keiner, auf allen Punkten der Erdkugel gleichzeitig beobachteten Sonnenfinsterniß hatte man solche Ehre angethan!

Die Observatorien antworteten, aber unzulänglich. Jedes gab seine Meinung ab, die stets von der aller anderen abwich, so daß sich daraus während der letzten Wochen des April und der ersten des Mai ein wirklicher Bürgerkrieg unter der Gelehrtenwelt entwickelte.

Das Observatorium von Paris erwies sich sehr zurückhaltend. Keine seiner Abtheilungen sprach sich entschieden aus. In der Abtheilung für mathematische Astronomie hatte man es für unter seiner Würde gehalten, Beobachtungen anzustellen; in der für die Meridianmessung hatte man nichts entdeckt; in der für physikalische Beobachtungen hatte man nichts wahrgenommen; in der für Geodäsie nichts bemerkt; in der für Meteorologie war Niemandem etwas aufgefallen; in der für die Berechnungen hatte man nichts gesehen. Das war wenigstens ein offenes Geständniß. Dieselbe Offenherzigkeit bekundete das Observatorium von Montsoucis, wie die magnetische Station im Park Saint-Maur. Dieselbe Achtung vor der Wahrheit bewies das Längenbureau. Nun ja, Frankreich heißt ja das Land, wo man »frank«, d. h. offen spricht.

Die Provinz war etwas entschiedener in ihrer Aeußerung. Etwa in der Nacht zwischen dem 6. und 7. Mai hatte sich ein Lichtschein elektrischen Ursprunges gezeigt, der zwanzig Secunden nicht überdauerte. Am Pic-du-Midi war derselbe zwischen neun und zehn Uhr Abends beobachtet worden; im meteorologischen Observatorium des Puy-de-Dôme hatte man ihn zwischen ein und zwei Uhr Morgens bemerkt; auf dem Mont Ventoux in der Provence zwischen zwei und drei Uhr; in Nizza zwischen drei und vier Uhr; auf den Semnoz-Alpen endlich zwischen Annecy, le Bourget und dem Genfer See im Augenblicke, als der Tagesschimmer sich eben bis zum Zenith erhob.

Offenbar konnte man diese Beobachtungen unmöglich in Bausch und Bogen verwerfen. Es unterlag keinem Zweifel, daß der Lichtschein an verschiedenen Punkten, und zwar im Verlauf einiger Stunden, wahrgenommen worden war. Derselbe ging also entweder von mehreren Herden aus, die sich durch die Erdatmosphäre hinbewegten, oder, wenn er nur einem einzigen solchen angehörte, so mußte dieser sich mit einer Schnelligkeit fortbewegen, welche nahezu 200 Kilometer in der Stunde erreichte.

Hatte man denn aber im Laufe des Tages niemals etwas Besonderes in der Luft bemerkt?

Nein, niemals.

Erklang nicht wenigstens jene Trompete einmal durch die Luftschichten?

Nein, zwischen Aufgang und Untergang der Sonne hatte man nicht den leisesten Ton gehört.

Im vereinigten Königreich Großbritannien wußte man nicht mehr aus, noch ein. Die Observatorien gelangten zu keinerlei Uebereinstimmung. Greenwich konnte sich nicht mit Oxford verständigen, obwohl Beide die Behauptung aufstellten, »an der ganzen Sache sei nichts«.

»Eine Gesichtstäuschung! meinte das Eine.

»Eine Gehörstäuschung!« erwiderte das Andere.

Darüber lagen sie im Streit; auf eine Täuschung lief es jedoch allemal hinaus. Die Verhandlungen zwischen den Sternwarten zu Berlin und der zu Wien drohten zu internationalen Verwicklungen zu führen. Rußland bewies ihnen in der Person des Vorstehers seiner Sternwarte zu Pulkowa, daß sie Beide Recht hätten, das hänge nur von den Gesichtspunkten ab, auf die sie sich bezüglich Bestimmung der Natur jener Erscheinung stellten, die in der Theorie unmöglich schien und in der Praxis möglich war.

In der Schweiz, auf der Sternwarte zu Säntis, im Canton Appenzell, auf dem Rigi, im Gäbris, in den Beobachtungsstationen des St. Gotthard, St. Bernhard, des Julier, des Simplon, in denen von Zürich und des Sonnblick in den Hohen Tauern, befleißigte man sich einer ganz besonderen Zurückhaltung gegenüber einer Thatsache, die bisher Niemand zu bekräftigen vermocht hatte – was gewiß recht vernünftig zu nennen ist.

In Italien dagegen, auf den meteorologischen Stationen des Vesuv und des Aetna, welch’ letztere sich in der alten Casa Inglese befindet, wie auf dem Monte Cavo, zögerten die Beobachter nicht im geringsten, die Wirklichkeit jener Erscheinung anzuerkennen, und das auf Grund des Umstandes, daß sie dieselbe einmal am Tage in Form eines kleinen Dampfwölkchens und einmal in der Nacht in Gestalt einer Sternschnuppe hatten wahrnehmen können. Ueber die eigentliche Natur derselben wußten sie freilich ebenfalls nichts.

In der That begann dieses Geheimniß allmählich die Vertreter der Wissenschaft zu ermüden, erregte dagegen und erschreckte desto mehr die Einfältigen und Unwissenden, welche, Dank einem hochweisen Naturgesetze, von jeher in dieser Welt die ungeheure Mehrzahl gebildet haben, noch bilden und in aller Zukunft bilden werden. Die Astronomen und Meteorologen hatten also schon darauf verzichtet, sich mit der Sache zu beschäftigen, als in der Nacht vom 26. zum 27. auf der Sternwarte zu Cantokeino in Finnland, in Norwegen, in der Nacht vom 28. zum 29. auf der des Isfjord und auf Spitzbergen, die Norweger auf einer und die Schweden auf der anderen Seite in der Anschauung übereingestimmt hatten, daß inmitten einer Art Nordlichtscheines etwas wie ein gewaltiger Vogel oder ein Luftungeheuer sichtbar gewesen sei. War es auch nicht gelungen, dessen Structur genauer zu bestimmen, so unterlag es doch keinem Zweifel, daß derselbe kleine Körper ausgeworfen habe, welche gleich Bomben mit einem Knalle zersprangen.

In Europa neigte man wohl dazu, die Beobachtungen der Stationen von Finnmarken und Spitzbergen nicht anzuzweifeln. Ganz besonders merkwürdig erschien freilich, daß die Schweden und die Norweger doch einmal über einen Punkt einig zu sein schienen.

Man lachte und spottete über die angebliche Entdeckung auf allen Sternwarten Südamerikas, in Brasilien und Peru, ebenso wie in La Plata, auf denen von Australien, in Sidney, Adelaide, wie in Melbourne, und das australische Lachen ist bekanntlich sehr ansteckend.

Nur ein einziger Vorsteher einer meteorologischen Station verhielt sich zustimmend bei dieser Frage, trotz der Spötteleien, welche seine Erklärung derselben hervorrufen mochte. Das war ein Chinese, der Director der Sternwarte zu Zi-Ka-Wey, die sich inmitten einer ausgedehnten Ebene, mindestens zehn Lieues vom Meere, erhebt und welche bei ungemeiner Klarheit der Luft ein grenzenlos weiter Horizont umschließt.

»Es könnte ja sein, sagte er, daß der Gegenstand, um den es sich handelt, ein besonders construirter Apparat, eine fliegende Maschine wäre.«

Welcher Scherz!

Waren die vielfachen Widersprüche nun schon in der Alten Welt sehr lebhaft, so begreift man leicht, wie sie sich in jenem Theile der Neuen Welt gestalten mußten, von dem die Vereinigten Staaten das weitaus größte Gebiet einnehmen.

Ein Yankee liebt bekanntlich keine Umwege – er wählt gewöhnlich den Weg, der am schnellsten zum Ziele führt. So zögerten auch die amerikanischen Bundesstaaten nicht im mindesten, ihre Ansichten gegenseitig auszusprechen. Wenn sie sich dabei nicht gleich die Objective ihrer Fernrohre an den Kopf warfen, so kam das nur daher, daß sie dieselben jetzt, wo sie gerade am meisten gebraucht wurden, erst hätten wieder ersetzen müssen.

In dieser so viel Staub aufwirbelnden Frage standen die Sternwarten von Washington im District Columbia und die von Cambridge im Staate Duna denen des Darmouth-Collegs in Connecticut und von Aun-Arbor in Michigan feindlich gegenüber. Ihr Streit betraf übrigens nicht die Natur des beobachteten Körpers, sondern die genaue Zeit der Beobachtung, denn Alle behaupteten, ihn in derselben Nacht, zu derselben Stunde, zur gleichen Minute und Secunde wahrgenommen zu haben, obwohl die Flugbahn des geheimnißvollen Wanderers der Lüfte nur in mäßiger Höhe über dem Horizont liegen sollte. Von Connecticut bis Michigan, von Duna nach Columbia ist aber die Entfernung eine so große, daß eine doppelte Beobachtung zu ein und demselben Zeitpunkt als unmöglich angesehen werden konnte.

Dudley in Albany, Staat New-York, und West-Point, die Militärakademie, gaben allen ihren Collegen Unrecht in einer Zuschrift, welche die gerade Aufsteigung und die Declination des bewußten Körpers bestimmte.

Später stellte sich jedoch heraus, daß diese Beobachter einem Irrthume unterlegen waren und daß der betreffende Körper nur eine Feuerkugel gewesen war, welche durch die mittleren Luftschichten hinblitzte. Um diese Feuerkugel handelte es sich aber offenbar nicht. Wie könnte auch eine solche Feuerkugel eine Trompete geblasen haben?

Was nun die erwähnte Trompete anging, versuchte man vergeblich deren schmetternden Ton als eine einfache Gehörstäuschung hinzustellen. Jedenfalls hatten sich bei dieser Gelegenheit die Ohren der Leute ebenso wenig getäuscht wie deren Augen. Unzählige Beobachter hatten vielmehr entschieden etwas gesehen und gleichzeitig gehört. In der sehr dunklen Nacht – vom 12. zum 13. Mai – war es den Beobachtern des Yale-Collegs an der Hochschule von Sheffield sogar gelungen, einige Tacte eines musikalischen Satzes in A-dur und im Viervierteltacte in Noten zu fixiren, welche vollkommen mit einem Theile der Melodie des bekannten Chant du départ – eines Soldatenliedes beim Auszug zum Kampfe – übereinstimmten.

»Sehr schön! riefen dazu die Witzbolde, da hätten wir ja ein französisches Orchester, das seine Weisen mitten in der Luft ertönen läßt!«

Scherzen heißt aber nicht Antworten. Diese Bemerkung machte auch das von der Atlantic Iron Works Company gegründete Observatorium zu Boston, dessen Anschauungen in Fragen der Astronomie und Meteorologie für die gelehrte Welt allmählich schon die Bedeutung von Gesetzen gewannen.

Ferner gab auch noch das, Dank der Freigebigkeit des Mr. Kilgoor im Jahre 1870 auf dem Berge Lookout entstandene Observatorium von Cincinnati eine Erklärung ab, jenes Institut, das sich durch seine mikrometrischen Messungen der Doppelsterne so vortheilhaft bekannt gemacht hat. Sein Director sprach sich in vollem guten Glauben dahin aus, daß den weitverbreiteten Gerüchten unzweifelhaft etwas zu Grunde liege, daß sich zu nahe aneinanderliegenden Zeiten an sehr verschiedenen Stellen in der Atmosphäre ein in Bewegung befindlicher Körper zeige, daß über dessen Natur, Größenverhältnisse, Geschwindigkeit und Flugbahn aber kein Urtheil möglich sei.

Da erhielt ein Journal von allergrößter Verbreitung, der New-York Herald, von einem Abonnenten folgende anonyme Mittheilung: »Noch dürfte der Wettkampf unvergessen sein, der vor einigen Jahren herrschte zwischen den beiden Erben der Begum von Ragginahra, dem französischen Arzt Sarrasin in seiner Stadt Franceville, und dem deutschen Ingenieur Herrn Schulze in seiner Stadt Stahlstadt, welche Beide im südlichen Theile von Oregon, Vereinigte Staaten, angelegt waren.

»Man kann auch nicht vergessen haben, daß Herr Schulze in der Absicht, Franceville zu zerstören, ein ungeheures Geschoß, schon mehr eine Maschine, auf letztere Stadtschleuderte, welche dieselbe mit einem Schlage vernichten sollte.

»Noch weniger kann der Vergessenheit verfallen sein, daß dieses Geschoß, dessen Anfangsgeschwindigkeit beim Verlassen der Mündung der Monstrekanone falsch berechnet war, mit einer sechzehnmal größeren Geschwindigkeit, als gewöhnliche Geschosse – nämlich fünfundsiebzig bis achtzig geographische Meilen in der Stunde – hinweg getragen wurde, daß es auf die Erde nicht niedergefallen ist und nach seinem Uebergang in den Zustand etwa einer Feuerkugel noch jetzt um unseren Planeten kreist und in alle Ewigkeit kreisen muß.

»Warum sollte dieses Riesengeschoß, dessen Vorhandensein nicht anzuzweifeln ist, nicht der in Frage stehende Körper sein?«

Das war ja recht scharfsinnig von dem Abonnenten des New-York Herald … aber die Trompete…? In dem Projectil des Herrn Schulze hatte sich bestimmt keine Trompete befunden.

Alle bisherigen Erklärungen erklärten also nichts, alle Beobachter beobachteten also einfach falsch.

Es blieb sonach nur noch die von dem Director von Zi-Ka-Wey aufgestellte Hypothese. Aber, mein Gott, der Mann war ja Chinese!

Man darf nicht etwa glauben, daß sich der Bevölkerung der Alten und der Neuen Welt endlich ein gewisser Ueberdruß bemächtigt hätte. Im Gegentheil, die Erörterungen dauerten in gleicher Lebhaftigkeit fort, ohne daß irgendwo eine Uebereinstimmung erzielt wurde. Gleichwohl trat einmal eine Art Pause ein. Es vergingen nämlich einige Tage, ohne daß etwas von dem fraglichen Gegenstande, von der Feuerkugel oder was es sonst war, gemeldet wurde und ohne daß sich der bekannte Trompetenton aus der Luft hören ließ. War jener Körper also irgendwo auf die Erde niedergefallen, vielleicht an einem Punkte, der sein Wiederauffinden besonders erschwerte – etwa gar ins Meer? Lag er jetzt in der unendlichen Tiefe des Atlantischen, des Pacifischen oder des Indischen Oceans? Wer hätte das sagen können?

Da vollzog sich aber zwischen dem 2. und dem 9. Juni eine neue Reihe von Thatsachen, deren Erklärung durch die Annahme eines rein kosmischen Phänomens schlechterdings unmöglich war.

Im Laufe jener acht Tage fand man nämlich auf den entlegensten Punkten eine Fahne gerade an den schwerst zugänglichen Stellen von Kirchen u. s. w. befestigt; so wurden die Hamburger überrascht durch eine solche an der Spitze des Thurmes von St. Michael, die Türken auf dem höchsten Minaret der heiligen Sophien-Moschee, die Einwohner von Rouen an der Spitze des metallenen Pfeiles ihrer Kathedrale, die Straßburger am obersten Punkte des Münsters, die Amerikaner auf dem Kopfe ihrer Bildsäule der Freiheit am Eingange des Hafens und am Gipfel des Washington-Denkmals in Boston, die Chinesen an der Spitze des Tempels der fünfhundert Geister in Canton, die Hindus am sechzehnten Stockwerk der Pyramide des Tempels zu Tanjur, die Römer am Kreuze des St. Peters-Domes, die Engländer am Kreuze der St. Pauls-Kirche in London, die Egypter an der obersten Spitze der Pyramide von Gizeh die Wiener an dem Reichsadler auf der Spitze des St. Stephansthurmes, die Pariser am Blitzableiter des dreihundert Meter hohen eisernen Thurmes der Ausstellung von 1889 und noch andere mehr.

Diese Fahne aber zeigte ein schwarzes Flaggentuch, das in der Mitte eine goldene Sonne und ringsum verstreut einzelne Sterne enthielt.

Zweites Capitel

In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen.

»Und der Erste, der das Gegentheil behauptet…

– Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafür vorliegt!

– Und auch trotz Ihrer Drohungen!…

– Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn!

– Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent!

– Ich bleibe dabei, daß sich die Schraube nur am Hintertheil befinden darf!

– Wir auch! Wir auch! erschallten fünfzig Stimmen wie aus einer Kehle.

– Sie muß am Vordertheil sein! rief Phil Evans.

– Am Vordertheil! brüllten fünfzig andere Stimmen eben so stark, wie jene früheren.

– Wir werden nie zu einer und derselben Ansicht kommen!

– Niemals!… Niemals!

– Nun, warum streiten wir dann überhaupt noch?

– Das ist kein Streit… es ist nur eine Erörterung!«

Das hätte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfen Entgegnungen, die Vorwürfe und das Geschrei hörte, welche den Sitzungssaal seit einer guten Viertelstunde erfüllten.

Gedachter Saal war nämlich der größte des Weldon-Institutes… und jenes vor allem berühmten Clubs in der Valnut Street zu Philadelphia, Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika.

In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl eines Gaslaternenanzünders zu öffentlichen Kundgebungen, geräuschvollen Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schlägen gekommen. Daher rührte eine noch nicht besänftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch jene außergewöhnliche Erregung, welche die Mitglieder des Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine einfache Vereinigung von »Ballonisten«, welche über die noch heutigen Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten.

Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago, Cincinnati und San Francisco überholt hat – einer Stadt, welche weder ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist – in einer Stadt, die an Größe schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien, Petersburg und Dublin übertrifft – einer Stadt, die einen Park besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen Platz finden – einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu eine Million zweihunderttausend Einwohner zählt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als die fünfte Stadt der Welt betrachtet.

Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen monumentalen Gebäuden und öffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die größte Eisenbahnbrücke der Erde ist die, welche den Schuylkill überspannt, und diese befindet sich in Philadelphia. Der schönste Tempel der Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der größte Club von Freunden und Beförderern der Luftschifffahrt ebenfalls in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt hätte, diesen am Abend des 12. Juni zu besuchen, der würde sich dabei ausgezeichnet unterhalten haben.

In erwähntem großen Saale bewegten, drängten sich, gesticulirten, sprachen, verhandelten und stritten – Alle den Hut auf dem Kopfe – wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Präsidenten, dem ein Schriftführer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das keine Ingenieurs von Fach: nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und vor Allem Feinde Derjenigen welche den

Aerostaten Apparate, »schwerer als die Luft«, fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen beabsichtigen. Daß diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des Ballons erfinden würden, war gewiß mehr als wahrscheinlich. Auf jeden Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst gehörig zu lenken und zu leiten.

Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Präsident war der Onkel Prudent – Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung »Onkel« betrifft, so braucht man sich in Amerika über diese nicht zu wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderwärts Vater von Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch haben.

Onkel Prudent war eine gewichtige Persönlichkeit und trotz seines Namens oft genannt gerade wegen seiner Kühnheit, daneben sehr reich, was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll. Wie hätte er das auch nicht sein sollen, da er einen großen Theil der Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich nämlich in Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berühmten Fälle gegründet. Die siebentausendfünfhundert Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde hinabwälzt, können sieben Millionen Dampfpferdekräfte erzeugen. Diese ungeheure, in einem Umkreise von fünfhundert Kilometer nach allen Fabriken und Werkstätten vertheilte Kraftmenge lieferte eine jährliche Ersparniß von zwölfhundert Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft – speciell in die Taschen des Onkel Prudent – zurückfloß. Uebrigens war er Junggeselle, lebte höchst einfach und hatte als häuslichen persönlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so kühnen, unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es gibt einmal Regelwidrigkeiten.

Daß der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes Clubs war – unter Anderen alle Die, welche selbst nach diesem Amte strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftführer des Weldon-Institutes zu erwähnen.

Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagtäglich fünfhundert Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten der Schweiz an die Seite stellen können. Phil Evans hätte also für einen der glücklichsten Menschen der Welt selbst in den Vereinigten Staaten gelten können, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent absah. Wie letzterer, war auch er fünfundvierzig Jahre alt, von scheinbar unerschütterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Kühnheit, und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzüge des Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu vertauschen. Wahrlich, das waren zwei Männer, wie geschaffen, einander zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine, Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum höchsten Uebermaße.

Und woher kam es, daß Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs ernannt worden war? Die Stimmenzahl für Onkel Prudent und für ihn war die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majorität weder für den Einen noch für den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten hätte überdauern können.

Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes. Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten, ausschließlicher Gemüseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung, wie alle gegohrenen Getränke verwarfen – halb Brahmanen und halb Muselmänner – der Rival eines Niepmann, Pietmann, Ward und Davie, welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen gemacht haben.

Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied des Clubs unterstützt, von William T. Forbes, dem Director einer großen Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefelsäure hergestellt wurde – ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter Wäsche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren Töchtern, der Miß Dorothee, genannt Doll, und der Miß Martha, genannt Mat, die in der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben.

Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen unterstützte Vorschlag Jem Cip’s ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den Mittelpunkt zu bestimmen.

Wahrlich, dieser Wahlmodus könnte in allen Fällen angewendet werden, wo es sich darum handelt, den Würdigsten zu erwählen, und sehr viele, höchst vernünftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei der Ernennung des Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu bringen.

Auf zwei tadellos weiße Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie gezogen. Die Länge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am nämlichen Tage inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden Wettbewerber versahen sich jeder mit einer feinspitzigen Nadel und gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am nächsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen würde, sollte damit zum Vorsitzenden des Weldon-Institutes gewählt sein.

Es versteht sich von selbst, daß hierbei jedes Hilfsmittel, jedes Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blickes entscheidend war. Es galt, nach volksthümlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu haben.

Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans. Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Concurrenten sich dem Mittelpunkte am meisten genähert hatte.

Welches Wunder! Die beiden Männer hatten so vortreffliches Augenmaß entwickelt, daß die Messungen keinen schätzenswerthen Unterschied ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei Beiden obendrein noch gleich groß zu sein.

Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit.

Zum Glück bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux’ mikrometrischer Maschine getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die Möglichkeit gewährt, noch ein Fünfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf dem Lineal waren in der That fünfzehnhundert Abtheilungen auf einem solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man folgendes Resultat:

Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkte auf weniger als sechs fünfzehnhundertstel Millimeter genähert, Phil Evans auf nahezu neun fünfzehnhundertstel.

Daher kam es, daß Phil Evans nur Schriftführer des Weldon-Institutes wurde, während Onkel Prudent die Würde des Präsidenten desselben erhielt.

Einer Entfernung von drei fünfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht bedurft, um Phil Evans mit Haß gegen Onkel Prudent zu erfüllen, mit einem Haß, der, wenn er ihn auch in sich verschloß, doch nicht minder grimmig war.

Jener Zeit, und zwar seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgerüsteten Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verlängerten Ballon anbrachte, ferner Dupuy de Lôme 1872, die Gebrüder Tissandier 1883 und die Capitäne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mußte.

Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst, unter dem Drucke einer Schraube manövrirend, eine schräge Richtung gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen, um nach ihrem Ausgangspunkte zurückzukehren, also wirklich gelenkt worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders günstigen Umständen erreicht werden. In großen, geschlossenen ausgedehnten Hallen allerdings! In recht ruhiger Atmosphäre – das ging auch noch recht gut. Bei einem leichten Winde von fünf bis sechs Meter in der Secunde war es vielleicht eben noch zu erzwingen – Alles in Allem hatte man eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt. Gegen einen Windmühlenwind von acht Metern in der Secunde würden jene Apparate nahezu stationär geblieben sein; vor einer frischen Brise von zehn Metern in der Secunde hätten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu werden; und bei einem jener Cyclone, welche hundert Meter in der Secunde überschreiten, würde man von ihnen kein Stückchen wieder gefunden haben.

Selbst nach den scheinbar glänzend gelungenen Versuchen der Capitäne Krebs und Renard dürfte als bewiesen angesehen werden, daß die Aerostaten, wenn sie an Bewegungsfähigkeit auch ein wenig gewonnen hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unmöglich zu betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu verwenden.

Während man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der Aerostaten, das heißt mit den Mitteln beschäftigte, diesen eine eigene Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und der Verwendung der bloßen Muskelkraft waren allmählich die elektrischen Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrüder Tissandier benützten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern in der Secunde. Die zwölf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen Maschinen der Capitäne Krebs und Renard gestatteten, eine Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen.

Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen, sich dem frommen Wunsche zu nähern, »eine Dampfpferdekraft in einem Taschenuhrgehäuse« zu erzeugen. Die Effecte der Säule, deren Zusammensetzung die Capitäne Krebs und Renard geheim gehalten hatten, wurden ebenfalls bald übertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen Verhältniß mit ihrer Kraftwirkung wuchs.

Die Anhänger der Möglichkeit einer Lenkbarkeit des Ballons hatten also gewiß Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele klare Köpfe haben es verworfen, an die Benützung solcher zu glauben. In der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner großen Masse in diese eingetaucht. Und wie könnte derselbe, da er wieder den Strömungen der Atmosphäre eine so breite Angriffsfläche bietet, jemals, und wenn sein Triebwerk noch so mächtig wäre, direct gegen einen widrigen Wind aufkommen?

Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch Anwendung sehr großer Apparate zu lösen.

Es ergab sich übrigens, daß bei diesem Wettstreite der Erfinder in der Herstellung eines sehr kräftigen und dennoch leichten Motors die Amerikaner sich dem gewünschten Ziele am meisten genähert hatten. Ein auf der Anwendung einer neuen Säule beruhender elektro-dynamischer Apparat, dessen Construction vorläufig noch Geheimniß blieb, war seinem Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft worden. Mit größter Sorgfalt durchgeführte Berechnungen und mit äußerster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, daß dieser Apparat, wenn er auf eine Schraube von angepaßter Größe wirkte, eine Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde gewährleisten mußte.

Wahrlich, das wäre großartig gewesen!

»Und das Ding ist nicht theuer!« hatte Onkel Prudent hinzugesetzt, als er dem Erfinder gegen regelrecht ausgestellte Quittung das letzte Päckchen von hunderttausend Papierdollars einhändigte, mit dem man ihm seine Erfindung bezahlte.

Unverzüglich ging das Weldon-Institut an’s Werk. Handelt es sich um ein Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht, so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die nöthigen Mittel strömten zusammen, so daß selbst die Gründung einer Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars (also sechshunderttausend Gulden = einundein Fünftel Million Mark) füllten gleich nach dem ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W. Tinder’s, der sich unter Anderen vorzüglich durch drei kühne Fahrten berühmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis zwölftausend Meter erhob, d. h. höher aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel, Crocé-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, während der er ganz Amerika von New- York bis San Francisco überflog und um mehrere hundert Lieues die längste Reise Nadar’s, Godard’s und vieler Anderer hinter sich ließ, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der Grafschaft Jefferson elfhundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatte; die dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der Höhe von fünfzehnhundert Fuß endigte, bei dem er sich doch nur den rechten Daumen verstauchte, während der minder vom Glücke begünstigte Pilâtre de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fuß augenblicklich den Tod fand.

Zur Zeit, mit der diese Erzählung beginnt, konnte man schon beurtheilen, daß das Weldon-Institut die Angelegenheit kräftig gefördert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich bereits ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Füllung mit stark comprimirter Luft geprüft werden sollte. Vor Allem würde dieser den Namen eines Monstre-Ballons verdienen.

Wie viel faßte der Géant Nadar’s? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der Ballon John Wise’s? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878? Fünfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser. Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes, dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man leicht, daß Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigermaßen Recht hatten, sich vor Stolz aufzublähen.

Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die höchsten Schichten der Atmosphäre zu erreichen, nannte sich nicht »Excelsior«, eine Bezeichnung, wel che sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein, er war einfach Go a head, d. h. »Vorwärts« getauft, und es erübrigte also nur noch, daß er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung seines Capitäns allenthalben entsprach.

Jener Zeit war die elektro-dynamische Maschine nach dem vom Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte darauf rechnen, daß der Go a head seinen Flug durch das Luftmeer bald begonnen haben werde.

Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht überwunden. Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht etwa die Form der Schraube oder deren Größenverhältnisse festzustellen, sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des großen Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrüder Tissandier wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capitäne Krebs und Renard schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Vertreter dieser beiden Ansichten bei den bezüglichen Verhandlungen darüber fast handgemein wurden. Die Gruppe der »Vordermänner« glich an Zahl genau der der »Hintermänner«. Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger Stimmengleichheit die entscheidende gewesen wäre, Onkel Prudent, der unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war, vermied es klüglich, sich zu äußern.

Bei der Unmöglichkeit, ein Einverständniß herbeizuführen, war es natürlich auch unmöglich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung ins Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um das zu kümmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewiß ganz Recht.

So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu wollen – der wie gewöhnlich mit Injurien begann, sich mit Faustschlägen fortsetzte, dann zu Stockschlägen überging und mit dem Knallen der Revolver abschloß – als ein Zwischenfall um acht Uhr siebenunddreißig Minuten diesen beliebten Verlauf störte.

Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der stürmischen Wogen einer Volksversammlung, hatte sich der Thürsteher des Weldon-Instituts genähert und dem Vorsitzenden eine Karte eingehändigt. Er erwartete eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben könnte.

Onkel Prudent ließ die Dampftrompete ertönen, die ihm als Präsidentenglocke diente, denn hier hätte, um durchzudringen, nicht einmal die große Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm der Lärm nur noch zu. Da »entblößte der Präsident den Kopf« und Dank diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche Ruhe.

»Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verließ, zugelangt.

– Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die hierüber zufällig einer Meinung waren.

– Ein Fremdling, geehrte Collegen, wünscht in unseren Sitzungssaal Eintritt zu erhalten.

– Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen.

– Er wünscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den Beweis zu liefern, daß es der greulichste Wahnwitz sei, an die Lenkbarkeit von Ballons zu glauben.«

Allgemeines Murren beantwortete diese Erklärung.

»Herein, herein mit ihm!

– Wie nennt sich denn diese merkwürdige Persönlichkeit? fragte der Schriftführer Phil Evans.

– Robur, antwortete Onkel Prudent.

– Robur!… Robur!… Robur!« heulte die ganze Versammlung.

Und wenn bei Nennung dieses eigenthümlichen Namens der Träger desselben so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschuß seiner Erbitterung abzuschütteln.

Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt – wenigstens scheinbar. Wie könnte übrigens ein Sturm so schnell vorübergehen bei einem Volke, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter der Form von Wirbelwinden entsendet?

Drittes Capitel

In dem eine neue Persönlichkeit nicht besonders vorgestellt zu werden braucht, da sie das selbst besorgt.

»Bürger der Vereinigten Staaten, ich heiße Robur und bin dieses Namens würdig. Trotz meiner vierzig Jahre sehe ich aus wie dreißig, habe eine eiserne Constitution, eine unerschütterliche Gesundheit, hervorragende Muskelkraft und einen Magen, der selbst in der Welt der Strauße als vorzüglich gelten würde.«

Die Versammlung lauschte. Jedes Geräusch hatte vorläufig aufgehört, als man diese unerwartete Vorrede pro facie sua vernahm. War es ein Narr oder ein Spötter, diese Persönlichkeit? Wie dem auch sein mochte, er machte Eindruck und wußte sich diesen zu erzwingen. Jetzt ging kein Lufthauch durch diese Menge, in der kurz vorher ein Orkan wüthete. Die Windstille nach der hohen See.

Ueberdies schien Robur wirklich der Mann zu sein, für den er sich ausgab. Von mittlerer Größe mit geometrischer Gestalt, ein regelmäßiges Trapez bildend, deren größte Parallelseite von der Schulterbreite ausgefüllt wurde; auf dieser Linie saß wieder auf einem kräftigen Halse ein gewaltiger sphäroidaler Kopf. Welchem Dickkopfe mochte derselbe zu vergleichen sein? Dem eines Stieres, aber eines Stieres mit intelligentem Gesicht. Darin funkelten ein Paar Augen, welche der geringste Widerspruch sicherlich in volle Gluth versetzte, und über letzteren waren die Augenbrauenmuskeln – ein Zeichen entwickelter Energie – fortwährend zusammengezogen. Die Haare des Mannes waren kurz, etwas kraus und von metallischem Glanze, als trüge er ein Toupet von eisernem Stroh; seine breite Brust hob und senkte sich mit Bewegungen gleich einem Schmiedeblasebalg. Arme und Hände, Beine und Füße erwiesen sich des Rumpfes völlig würdig.

Schnurr- und Backenbart sah man bei ihm nicht, nur einen starken Seemanns-Kinnbart nach amerikanischer Mode, der die Anhaftepunkte der Kinnlade frei ließ, deren Kaumuskeln eine furchtbare Kraft entwickeln mußten. Man hat berechnet – was berechnet man denn nicht? – daß der Druck der Kinnlade des Krokodils unter gewöhnlichen Umständen dem von vierhundert Atmosphären gleich kommt, während der eines Jagdhundes von mittlerer Größe hundert erreichen soll.

Daraus hat man folgende merkwürdige Formel abgeleitet: Wenn ein Kilogramm Hund acht Kilogramm Muskelkraft entwickelt, so entwickelt ein Kilogramm Krokodil deren zwölf. Nun, ein Kilogramm des genannten Robur hätte deren gewiß zehn entwickelt. Er hielt also zwischen Hund und Krokodil in dieser Beziehung die Mitte.

Aus welchem Lande dieses merkwürdige Menschenkind stammte, hätte man nur schwer errathen können. Jedenfalls drückte sich der Mann ganz geläufig englisch aus und ohne jeden schleppenden Tonfall, der den Yankee von Neu-England unterscheidet.

Er fuhr folgendermaßen fort:

»Nun lassen Sie mich auch von meinen anderen Eigenschaften sprechen, ehrenwerthe Bürger. Sie sehen vor sich einen Ingenieur, dessen geistige Natur seiner körperlichen nicht nachsteht’ Ich fürchte mich vor nichts und vor Niemand; besitze eine Willenskraft, die noch nie vor einem Anderen gewichen ist. Hab’ ich mir einmal ein Ziel gesetzt, so würde ganz Amerika, ja die ganze Welt sich vergeblich verbünden, mich von Erreichung desselben abzuhalten. Hab’ ich einen Gedanken, so erwarte ich, daß Andere ihn theilen, und vertrage keinen Widerspruch. Ich betone diese Einzelheiten, ehrenwerthe Bürger, weil Sie mich gründlich kennen lernen müssen. Sie finden vielleicht, daß ich zuviel von mir selbst spreche? Thut nichts! Jetzt aber überlegen Sie sich Alles, ehe Sie mich unterbrechen, denn ich bin hiehergekommen Ihnen Dinge zu sagen, welche Ihnen vielleicht nicht recht gefallen dürften.«

Ein Grollen wie das der Brandung lief längs der ersten Bänke des Saales hin, ein Zeichen, daß das Meer bald wieder hoch aufwogen werde.

»Reden Sie, ehrenwerther Fremdling,« begnügte sich Onkel Prudent, der Mühe hatte, seine Ruhe zu bewahren, auf diese Ansprache zu antworten.

Und Robur sprach wie vorher, ohne sich irgendwie um Beifall oder Mißfallen seiner Zuhörer zu kümmern.

»Ja wohl, ich weiß Alles! Nach einem Jahrhundert andauernder Experimente, die zu nichts geführt, nach Versuchen, die ergebnißlos verliefen, gibt es noch immer verkehrt beanlagte Geister, welche hartnäckig an die Lenkbarkeit des Ballons glauben. Sie erdenken irgend einen Motor, einen elektrischen oder einen anderen, der an ihre anspruchsvollen, dünnen Hüllen angebracht wurde, welche letztere den atmosphärischen Strömungen so breite Angriffsflächen darbieten. Sie bildeten sich ein, Beherrscher eines Aerostaten werden zu können, wie man etwa ein Schiff auf der Oberfläche des Meeres beherrscht. Weil einige Erfinder bei ganz oder doch fast ganz stiller Witterung den Erfolg gehabt haben, entweder schief durch den Wind oder einer ganz leichten Brise entgegen zu fahren, deshalb sollte die Lenkbarkeit von Apparaten, welche leichter sind als die Luft, zu praktischen Erfolgen führen? O gehen Sie! Sie sind hier an hundert Männer, die an die Verwirklichung ihrer Träume glauben und viele Tausende von Dollars nicht ins Wasser, aber in die Luft werfen. Ich sage Ihnen, das heißt gegen eine Unmöglichkeit kämpfen!«

Wunderbar, die Mitglieder des Weldon-Instituts sagten gegenüber dieser Behauptung jetzt kein Wort, als wären sie eben so taub wie langmüthig geworden, oder hielten sie nur an sich, um zu sehen, wie weit dieser kühne Widersacher zu gehen wagen würde?

Robur fuhr fort:

»Nehmen wir einen Ballon. Um ein Kilogramm an Gewicht zu verlieren, muß derselbe ein Cubikmeter Gas aufnehmen. Ein Ballon, der den Anspruch macht, mit Hilfe eines Mechanismus dem Winde zu widerstehen, wenn der Druck einer steifen Brise auf das Großsegel eines Schiffes der Kraft von vierhundert Pferden gleichkommt, wenn man bei dem Unglücksfalle mit der Taybrücke gesehen hat, daß ein Orkan einen Druck von vierhundertvierundvierzig Kilogramm auf den Quadratmeter auszuüben im Stande ist! Ein Ballon, wo die Natur doch niemals ein fliegendes Geschöpf nach diesem System geschaffen hat, ob dasselbe nun mit Flügeln, wie die Vögel, oder mit Membranen, wie gewisse Fische und Säugethiere, ausgerüstet wurden…

– Säugethiere? rief eines der Mitglieder des Clubs.

– Gewiß, die Fledermaus, welche ja auch fliegt, wenn ich nicht irre. Sollte der Herr, welcher mich unterbrach, wirklich nicht wissen, daß die Fledermaus ein Säugethier ist, oder hat er jemals eine Omelette aus Fledermauseiern bereiten sehen?«

Darauf behielt der Heimgeschickte seine Unterbrechungen ferner für sich, Robur dagegen fuhr mit demselben Eifer fort:

»Wäre damit aber gesagt, daß der Mensch darauf verzichten müsse, das Luftmeer zu beherrschen und durch Nutzbarmachung dieses wunderbaren Beförderungsmittels die Zustände der alternden Welt umzuwandeln? Gewiß nicht! So wie er der Herr der Meere geworden durch das Schiff mit Ruder, Segel, Rad oder Schraube, so wird er auch zum Herrn der Luft werden durch Apparate, welche schwerer sind als diese, denn unbedingt müssen jene schwerer sein, um mächtiger sein zu können.«

Jetzt war in der Versammlung aber kein Halten mehr. Welche Breitseite von Zurufen donnerte aus jedem Munde, die alle auf Robur zielten, wie eben so viele Gewehrläufe oder Kanonenrohre! Sollten sie nicht antworten auf solch’ offenbare, in’s Lager der Ballonisten geschleuderte Kriegserklärung? Wurde hiermit nicht der Kampf zwischen dem »leichter« und »schwerer als die Luft« ausgesprochener Maßen wieder aufgenommen?

Robur verzog keine Miene. Die Arme über der Brust gekreuzt, wartete er es regungslos ab, bis wieder Ruhe eingetreten war.

Onkel Prudent befahl durch eine Handbewegung, das Feuer einzustellen.

»Ja, fuhr Robur fort, die Zukunft gehört den Flugmaschinen. Die Luft bietet den hinreichenden, soliden Stützpunkt. Man verleihe einer Säule dieses Mediums eine aufsteigende Bewegung von fünfundvierzig Meter in der Secunde und ein Mensch würde sich schon oberhalb derselben erhalten, wenn die Sohlen seiner Schuhe nur ein Achtel Quadratmeter Oberfläche böten. Würde die Geschwindigkeit der Luftsäule auf neunzig Meter gesteigert, so könnte er mit bloßen Füßen darauf gehen. Treibt man nun durch die Flügel einer archimedischen Schraube eine Luftmasse mit derselben Schnelligkeit fort, so erzielt man dasselbe Resultat.«

Was Robur hier sagte, hatten vor ihm alle Anhänger der sogenannten Aviation ausgesprochen, deren Arbeiten langsam, aber sicher zur Lösung des vorliegenden Problems zu führen versprechen.

Die Ehre, diese einfachen Gedanken verbreitet zu haben, kommt Ponton d’Annécourt, La Landelle, Nadar, Luzi, Louvrie, Liais, Bélégnic, Moreau, den beiden Richard, Babinet, Jobert, Du Temple, Salives, Penaud, De Villeneuve, Gauchol und Tatin, Michel Loup, Edison, Planavergue und noch einer Menge anderer Männer zu. Mehrmals aufgegeben und wieder aufgenommen, mußte denselben doch eines Tages der Sieg zu Theil werden. Und hatten von dieser Seite die Feinde der Aviation, welche behaupteten, daß der Vogel nur durch Erwärmung der Luft, mit der er sich aufbläht, fliege, auf Antwort warten müssen? Hatten die Erstgenannten nicht vielmehr nachgewiesen, daß ein fünf Kilogramm wiegender Adler sich hätte mit fünfzig Cubikmeter jenes erwärmten Fluidums anfüllen müssen, um sich dadurch allein frei schwebend zu erhalten?

Ganz dasselbe wies auch hier Robur mit unerbittlicher Logik nach, aber inmitten eines Heidenlärmes, der sich von allen Seiten erhob. Zum Schluß warf er den Ballonisten noch folgende Worte ins Gesicht:

»Mit Ihren Aerostaten können Sie nichts ausrichten, werden Sie zu nichts kommen und niemals etwas wagen dürfen. Der kühnste Ihrer Aeronauten, John Wise, mußte, obwohl er schon eine Luftreise von zwölfhundert Meilen über das Festland Amerikas zurückgelegt hatte, doch auf die Absicht, über den Atlantischen Ocean zu fahren, verzichten. Und seit jener Zeit sind Sie um keinen Schritt, um keinen einzigen auf diesem Wege vorwärts gekommen.

– Mein Herr, begann da der Vorsitzende, der sich vergeblich bemühte, ruhig zu bleiben, Sie vergessen offenbar, was unser unsterblicher Franklin ausgesprochen hat, als die erste Mongolfière aufstieg, also zur Zeit der Geburt des Ballons. »Jetzt ist das nur ein Kind, aber es wird wachsen!« lautete seine Prophezeiung, und es ist gewachsen!

– Nein, Herr Präsident, nein, es ist nicht gewachsen… es ist nur größer und dicker geworden, und das ist nicht das Nämliche.«

Das war ein directer Angriff gegen die Pläne des Weldon-Instituts, welches die Herstellung eines Monstre-Ballons beschlossen, unterstützt und betrieben hatte. Sofort kreuzten sich denn auch ziemlich bedrohliche Ausrufe in dem geräumigen Saale, wie:

»Nieder mit dem Eindringling!

– Werft ihn von der Tribüne herunter!

– Um ihm zu beweisen, daß er schwerer ist als die Luft!«

Und Aehnliches mehr.

Man begnügte sich indessen noch mit Worten, ohne zu Thätlichkeiten überzugehen. Robur konnte also noch einmal seine Stimme erheben und laut hinausrufen:

»Fortschritte, Bürger Ballonisten, sind nicht mit dem Aerostaten, sondern nur mit fliegenden Maschinen zu erwarten. Der Vogel fliegt auch, und er ist kein Ballon, sondern ein Mechanismus!…

– Ja, er fliegt wohl, schrie der vor Zorn keuchende Bat T. Fyn, aber er fliegt gegen alle Regeln der Mechanik.

– Ach so!« erwiderte Robur, die Achseln zuckend.

Dann fuhr er fort:

»Seit man den Flug der größeren und kleineren fliegenden Thiere genau beobachtet hat, ist folgender sehr einfache Gedanke in den Vordergrund getreten: Es gilt auch hier die Natur nachzuahmen, denn diese täuschte sich niemals. Zwischen dem Albatros, der kaum zehn Flügelschläge in der Minute macht, und dem Pelikan, der siebenzig macht…

– Einundsiebenzig! rief eine schnarrende Stimme.

– Und der Biene, bei der man hundertzweiundneunzig in der Secunde zählte…

– Hundertdreiundneunzig! rief ein Anderer aus Scherz.

– Und der Stubenfliege, welche dreihundertunddreißig fertig bringt…

– Dreihundertdreißigundeinhalb!

– Und dem Mosquito, der Millionen macht…

– Nein… Milliarden!«

Robur ließ sich durch alle diese Einreden nicht außer Fassung bringen.

»Zwischen diesen verschiedenen Zahlen… nahm er wieder das Wort.

– Ist ein großer Unterschied! ließ sich eine Stimme hören.

… wird man die richtige wählen müssen, um eine praktische Lösung der Aufgabe zu finden. Schon an dem Tage, wo De Lucy nachweisen konnte, daß der Hirschkäfer, jenes Insect, welches nur zwei Gramm wiegt, ein Gewicht von vierhundert Gramm, d. h. zweihundertmal so viel wie sein eigenes Gewicht, aufzuheben vermochte, war eigentlich das Problem der Aviation gelöst. Außerdem wurde nachgewiesen, daß die Flächenausdehnung der Flügel in gleichem Verhältniß abnimmt, wie die Größe und das Gewicht des Thieres zunehmen. Seitdem hat man schon mehr als sechzig verschiedene Apparate erdacht oder auch ausgeführt…

– Die noch niemals haben fliegen können! rief der Schriftführer Phil Evans.

– Welche geflogen sind oder noch fliegen werden, antwortete Robur, ohne sich irre machen zu lassen. Ob man sie nun Streophören, Helicopteren. Orthoptheren nennt, oder ihrem Namen nach dem lateinischen navis die Silbe »nef« anhängt, meinetwegen auch nach dem Worte avis die Silbe »efs« – jedenfalls kommt man zu dem Apparate, dessen endliche Herstellung den Menschen zum Herrn des Luftmeeeres machen muß.

– Aha, die Schraube! warf Phil Evans ein. Der Vogel hat aber keine Schraube… so weit man das weiß!

– Zugegeben, erwiderte Robur, wie Penaud gezeigt hat, arbeitet eigentlich der Vogel selbst als solche und ist seinem Fluge nach Helicoptere, darum ist auch die Schraube der Motor der Zukunft…

… »Vor solchem Uebel,

Heilige Helice,3 behüte uns!« …

trällerte einer der Zuhörer, der zufällig dieses Motiv aus Hérold’s Zampa im Kopfe behalten hatte.

Alle wiederholten den Refrain im Chor und mit Intonationen, bei denen sich der Componist sicher im Grabe herumdrehte.

Dann, als die letzten Töne in einem entsetzlichen Durcheinander verhallten, glaubte Onkel Prudent unter Benützung eines augenblicklichen Stillschweigens sagen zu müssen:

»Bürger Fremdling, bis hierher haben wir Sie reden lassen, ohne Sie zu unterbrechen…«

Es scheint demnach, als ob der Vorsitzende des Weldon-Instituts die früheren Einwürfe, die Zwischenrufe, das tolle Durcheinander nicht für Unterbrechungen, sondern nur für einfachen Meinungsaustausch hielt.

»Jedenfalls, fuhr er fort, muß ich Sie daran erinnern, daß die Theorie der Aviation schon im Voraus durch die meisten amerikanischen und fremden Ingenieure verurtheilt und völlig verworfen worden ist. Ein System, auf dessen Debetseite der Tod Sarasin Volant’s in Constantinopel, der des Mönches Voabor in Lissabon, der Letuo’s im Jahre 1852 und der Groof’s 1864 steht, ohne die Opfer zu zählen, die ich augenblicklich vergessen habe, und wäre es nur der mythologische Icarus…

– Dieses System, nahm Robur den Satz auf, ist nicht verdammenswerther, als das, dessen Opferliste die Namen eines Pilâtre de Rozier in Calais, der Madame Blanchard in Paris, eines Donaldson und Grimwood, welche in den Michigan-See fielen, eines Swel, Croce-Spinelli, Eloy und so vieler Anderer enthält, welche gewiß nicht so leicht der Vergessenheit anheimfallen.«

Das hieß »mit einem Hieb parirt«, wie man in der Fechtkunst sagen würde.

»Mit Ihren Ballons, fuhr Robur fort, werden Sie übrigens, dieselben mögen noch so vervollkommnet sein, niemals eine praktisch werthvolle Schnelligkeit erzielen, zehn Jahre brauchen, um eine Reise um die Erde zu vollenden – was eine Maschine in etwa acht Tagen abmachen dürfte.«

Neue wüthende Proteste und Verneinungen, welche drei ganze Minuten anhielten, bevor dann Phil Evans das Wort ergreifen konnte.

»Mein Herr Aviator, Sie, der Sie uns so viel von der Herrlichkeit der Aviation vorreden, sind Sie denn jemals in dieser Weise geflogen?

– Ja, gewiß!

– Und Sie hätten also den Kampf mit der Luft siegreich bestanden?

– Vielleicht, mein Herr.

– Hurrah, Robur, der Sieger! rief eine Stimme spottend.

– Nun ja, Robur, der Sieger – ich nehme diesen Namen an und werde ihn führen, denn ich habe das Recht dazu.

– Wir erlauben uns indeß daran zu zweifeln! rief Jem Cip.

– Meine Herren, erklärte Robur, dessen Augenbrauen sich runzelten, wenn ich eine ernsthafte Sache ernsthaft behandle, duld’ ich es nicht, daß mir Jemand eine Unzuverlässigkeit meiner Worte vorwirft, und ich würde gern den Namen des Herrn kennen lernen, der mich in dieser Weise unterbrach.

– Ich heiße Jem Cip… und bin Vegetarianer.

– Bürger Jem Cip, antwortete Robur, ich weiß, daß die Pflanzenesser gewöhnlich längere Eingeweide haben, als andere Men!chen – mindestens um einen Fuß länger. Das ist schon viel…. Nun verleiten Sie mich nicht, die Ihrigen noch mehr zu verlängern, indem ich bei den Ohren anfange…

– Durch die Thür!

– Hinaus auf die Straße!

– Man viertheile ihn!

– Lynchen, lyncht den Kerl!

– Verdrehen wir ihn zu einer Schraube!…«

Die Wuth der Ballonisten hatte ihren Gipfel erreicht. Schon sprangen sie von den Stühlen auf und umdrängten die Tribüne. Robur verschwand unter einer Unmasse von Armen, welche sich, wie von einem Sturme getrieben, auf- und abbewegten. Vergebens ließ die Dampftrompete ihren heulenden Ton durch die Versammlung brausen.

An jenem Abend konnte Philadelphia wohl glauben, eine Feuersbrunst verzehre eines seiner Quartiere, und das ganze Wasser des Schuylkill-Stromes werde zum Löschen desselben nicht hinreichen.

Plötzlich entstand in der lärmenden Masse eine Bewegung nach rückwärts. Robur hatte eben die Hände wieder aus den Taschen gezogen und streckte sie gegen die vorderste Reihe der wüthenden Gegner aus.

Seine beiden Hände zeigten jetzt zwei sogenannte amerikanische Fäuste, welche gleichzeitig Revolver bilden und die schon ein Druck des Daumens ihre überall verständliche Sprache reden läßt – zwei kleine Taschen-Mitrailleusen.

Dann rief er, das Zurückgehen der Angreifer und die vorübergehende Stille, welche dabei eintrat, schnell benützend:

»Entschieden war es nicht Amerigo Vespucci, der die Neue Welt entdeckt hat, sondern Sebastian Cabot. Sie sind keine Amerikaner, Bürger Ballonisten! Sie sind nur Cabo….«

In diesem Augenblicke krachten auch schon vier oder fünf Schüsse in die Luft, welche Niemand verwundeten. Inmitten des Pulverdampfes verschwand der Ingenieur, und als jener sich zerstreute, entdeckte man von ihm keine Spur mehr. Robur der Sieger war davongeflogen, als ob irgend ein Aviations-Apparat ihn in die Lüfte entführt hätte.

Viertes Capitel

In dem der Verfasser in Folge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht.

Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des Weldon-Institutes, wenn sie nach stürmischen Verhandlungen aus den Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraßen noch streitend und lärmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses Stadttheiles Klagen eingegangen über die geräuschvollen Ausläufer solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten müssen, um wenigstens Verkehrsstörungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie so große Verhältnisse angenommen, niemals wären jene Klagen mehr begründet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger gewesen.

Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde Umstände zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier Pfählen, wie sie eben erlitten, gewiß nicht versehen hatten. Den übereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes »leichter, als die Luft« hatte ein nicht minder energischer des »schwerer, als die Luft« höchst unangenehme Dinge in’s Gesicht gesagt; und als ihm dafür die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann spurlos verschwunden.

Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen, hätten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben müssen. Die Nachkommen Amerigo’s als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war?

Die Mitglieder des Clubs stürzen sich also truppenweise erst in die Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraßen und dann in das ganze Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden.

Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Häuser vornehmen zu lassen, um sich später wegen des gewaltthätigen Angriffs in das Privatleben ihrer Mitbürger zu entschuldigen, was gerade bei den Völkern von angelsächsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt wird. Vergebliches Aufgebot von Belästigungen und Nachforschungen. Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur hinterlassen. Und wenn er mit dem Go a head, dem Ballon des Weldon-Instituts, davongefahren wäre, hätte er nicht mehr unauffindlich gewesen sein können.

Nach einstündigen Haussuchungen mußten sie darauf verzichten und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen über das ganze Gebiet Nord- und Südamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen.

Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt. Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu die Städte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen häuslichen Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Miß Doll und Miß Mat ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose versüßt hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein, deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entferntesten Vorstädte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem öffentlich nachgesagt worden war, um einen Fuß längere Eingeweide zu haben, als der Mensch sie sonst mit sich herumträgt, begab sich nach seinem Eßzimmer, wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete.

Zwei der bedeutendsten Ballonisten – aber nur zwei – schienen nicht daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es waren das die beiden Unversöhnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts.

An der Thür des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel Prudent, wie gewöhnlich seinen Herrn.

Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den Gegenstand des Gesprächs zu kümmern, der die beiden Collegen schon in die Hitze gebracht hatte.

Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort »plaudern« für die Thätigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalität zu suchen war.

»Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, hätte ich die Ehre gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu präsidiren, es wäre niemals zu einem solchen Scandal gekommen!

– Und was würden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt hätten? fragte Onkel Prudent.

– Ich hätte jenem öffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch ehe er den Mund öffnete.

– Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, müsse man ihn ein solches wenigstens erst aussprechen lassen.

– Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!«

Und während sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten ins Gesicht warfen, schlenderten die beiden Männer mehrere Straßen dahin, die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten Quartiere, deren Lage sie später zu großen Umwegen zwingen mußte.

Frycollin folgte noch immer nach, fühlte sich aber doch etwas beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzüglich nicht so kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der zunehmende Mond war eben nur dabei, »seine achtundzwanzigtägige Rundreise« zu beginnen.

Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von verdächtigen Schatten belauscht würden, und wirklich, er glaubte fünf oder sechs große Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu verlieren schienen.

Instinctiv näherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt hätte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprächs zu unterbrechen, von dem er zuweilen einige Brocken aufschnappte.

Der Zufall fügte es, daß der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem Fairmont-Park verirrten. Hier überschritten sie in lebhaftem Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berühmten Eisenbrücke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden.

Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin plötzlich noch mehr zu, und das mit um so größerer Berechtigung, da fünf bis sechs jener Schatten ihnen auch über die Strombrücke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner Augen hatte sich dabei so erweitert, daß sie bis an den Rand der Iris reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Körper zusammen und zog sich zurück, als besäße er jene eigenthümliche Zusammenziehbarkeit, welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist.

Der Diener Frycollin war nämlich ein vollständiger Hasenfuß.

Ein richtiger Neger und Südcaroliner, mit vierschrötigem Kopfe auf einem mageren Rumpfe. Er zählte jetzt gerade einundzwanzig Jahre, war also nicht einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon nahe daran gewesen, vor die Thüre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn behalten – um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkühnsten Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen sein Hasenherz auf die härtesten Proben gestellt werden mußte. Dafür fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere Vorwürfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner Trägheit. Ach, armer Frycollin, hättest Du in der Zukunft lesen können!

Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen vorkamen? War für Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht das des Onkel Prudent wo das kühne Wagen in Permanenz erklärt war?

Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit an seine Fehler gewöhnt, übrigens besaß er doch eine gute Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie diese gewöhnlich – und das hat einigen Werth, denn nichts ist so widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des besitzanzeigenden Fürwortes und des Infinitivs bis zum Mißbrauch getrieben wird. Es steht also fest, daß der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war und zwar nannte man ihn einen »Prahlhans gleich dem Monde«.

Es erscheint übrigens nur gerecht, gegen diesen für die blonde Phöbe beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets der Erde gerade ins Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rücken zuzuwenden?

Doch wie dem auch sei, zu dieser Stande – es war jetzt bald Mitternacht – begann die »blasse, verdächtige Scheibe« schon im Westen hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den Erdboden, so daß es unter den Bäumen noch etwas finsterer war.

Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu lassen.

»Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen sie näher heran.«

Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu.

»Master Onkel!« redete er ihn an.

So nannte er ihn gewöhnlich und so wollte der Vorsitzende des Weldon-Instituts auch genannt sein.

Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste entbrannt; und da sie einander spazieren führten, wurde Frycollin sehr grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit sei.

Und während die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel Prudent immer weiter hinaus nach den verödeten Grasgründen des Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der Brücke, die sie zur Rückkehr nach der Stadt unbedingt überschreiten mußten.

Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bäume, in deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum derselben schloß sich eine größere Lichtung an, ein weiter, ovaler Wiesenplan, wie geschaffen für Wettrennen. Hier hätte nicht die kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestört und kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert.

Und doch, wären Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten nicht gar so sehr vertieft gewesen, hätten sie sich nur einigermaßen aufmerksam umgesehen, so hätte ihnen nicht entgehen können, daß der weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man hätte das Ganze mit seinen vielen Windmühlen für ein Zauberwerk erklären können, wenn man die Mühlenflügel sah, die, jetzt unbeweglich, im Halbdunkel Grimassen zu ma chen schienen.

Doch weder der Präsident, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts bemerkte diese auffällige Veränderung der Ansicht des Fairmont-Parks; Frycollin sah sie ebensowenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen Gestalten sich näherten und zusammenduckten, als rüsteten sie sich zu einem räuberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern und war doch gleichzeitig wie gelähmt, so hatte ihn die Furcht vor den nächsten Minuten ergriffen.

Obwohl ihm die Knie förmlich schlotterten, gewann er doch noch die Kraft, einmal zu rufen:

»Master Onkel!… Master Onkel!

– Nun, was gibt es denn?« antwortete Onkel Prudent.

Vielleicht wären er und Phil Evans nicht böse darüber gewesen, ihren Zorn dadurch abzukühlen, daß sie dem unglücklichen Diener eine tüchtige Tracht Prügel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben.

Unter den Bäumen gellte plötzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf.

Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung, daß der Augenblick zu irgend einer Gewaltthätigkeit gekommen sei.

Schneller, als man es ausdenken kann, stürzten sich schon sechs Männer durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz überflüssiger Weise, denn der Neger wäre ganz unfähig gewesen, sich zu wehren.

Obgleich überrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde, blind durch eine Binde über die Augen, und wurden, überwältigt und gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was konnten sie anders annehmen, als daß sie einer Rotte jener gewissenlosen Herumlungerer in die Hände gefallen seien, welche Jeden ausrauben, den sie noch zu später Stunde im Walde antrafen? Und doch täuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute, mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich führte.

Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fühlten Onkel Prudent, Phil Evans und der Diener Frycollin, daß sie, ohne daß ein Wort zwischen den Angreifern gewechselt worden wäre, nicht auf den Rasen der Waldblöße, sondern auf eine Art Fußboden niedergelegt wurden, der unter ihrem Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf hörte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte die drei Männer, daß sie gefangen seien.

Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Geräusch, wie ein Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzte, ohne daß in der so ruhigen Nacht etwas Anderes hörbar geworden wäre.

***

Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes räthselhaften Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur – Robur der Sieger! – die Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten erregt, und endlich sein unerklärliches Verschwinden.

Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man später davon hörte, daß auch der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien.

Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen angestellt! Vergeblich – alle vergeblich. Die Zeitungen von Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die von ganz Amerika bemächtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklärten ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch Annoncen und Maueranschläge wurden beträchtliche Preise ausgesetzt – nicht allein für Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden würde, sondern auch für Jeden, der nur auf eine Fährte hinweisen könnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg. Und hätte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so konnten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht vollständiger von der Oberfläche der Erdkugel verschwunden sein.

Die Regierungsblätter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen hervor, das Personal der Polizei in beträchtlichem Maße zu vermehren, weil ähnliche Attentate gegen die besten Bürger der Vereinigten Staaten sich wiederholen könnten – und sie hatten damit Recht.

Freilich verlangten die Blätter der Opposition, daß das Personal vollständig, und zwar als unnütz verabschiedet werde, da derartige Raubanfälle sich doch wiederholen könnten, ohne daß es möglich würde, die Urheber derselben zu entdecken – und vielleicht hatten sie damit nicht Unrecht.

Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden wird.

Fünftes Capitel

In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird.

Eine Binde über den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knöchel zu haben, d. h. also jeder Möglichkeit, zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen, beraubt zu sein, das war für den Onkel Prudent keine Lage, in der er sich hätte wohl fühlen können, und ebenso wenig für Phil Evans und den Diener Frycollin Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber dieser Entführung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und welches Loos man zu erwarten habe – das mußte gewiß auch das allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehörten die Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im Geringsten zur Familie der Lämmer. Berücksichtigt man die natürliche Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in welcher Gemüthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte.

Jedenfalls mußten Phil Evans und er langsam einsehen, daß es für sie Schwierigkeiten haben werde, am nächsten Abend ihre Plätze im Bureau des Clubs einzunehmen.

Frycollin war es mit verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde überhaupt unmöglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt, als lebendig.

Während einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung ein Kein Mensch ließ sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben, nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf erstickte Seufzer, auf ein dumpfes »Ach!« angewiesen, das sich kaum durch ihre Knebel preßte, und beschränkt auf schwache Bewegungen, wie sie etwa ein seinem natürlichen Element entrissener absterbender Karpfen ausführt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch’ verhaltene oder vielmehr eingeschnürte Wuth das in ihnen erzeugen mußte. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn augenblicklich abging, bemühten sie sich, vielleicht durch den Gehörsinn einige Aufklärung über diesen beunruhigenden Zustand der Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes Geräusch zu hören, als das ununterbrochene und unerklärliche »frrr«, das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien.

Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe ans Werk ging, den Strick locker zu machen, der um sein Handgelenk lag. Dann löste sich allmählich der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht aneinander, und endlich erlangten seine Hände wieder die gewohnte Bewegungsfreiheit.

Durch kräftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen Blutumlauf wieder her, und in der nächsten Minute schon hatte Phil Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus seinem Munde gelöst und alle Stricke mit der seinen Klinge seines »Bowie-Messers« zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein Bowie-Messer in der Tasche hätte, wäre eben kein Amerikaner mehr.

Wenn Phil Evans aber hieraus die Möglichkeit sich zu bewegen und zu sprechen wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen fanden keine Gelegenheit zu nützlicher Thätigkeit – wenigstens jetzt nicht, denn in der Zelle, die sie einschloß, herrschte vollständige Finsterniß. Ein ganz schwacher Lichtschein drang durch eine Schießscharte herein, die in sechs bis sieben Fuß Höhe in der Wand angebracht war.

Es versteht sich von selbst, daß Phil Evans keinen Augenblick zögerte, auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Züge mit dem Bowie-Messer genügten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Füße und Hände fesselten. In heller Wuth riß sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf den Füßen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus und stammelte mit erstickter Stimme:

»Ich danke Ihnen!

– Nein!… Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere.

– Phil Evans?

– Onkel Prudent?

– Hier gibt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftführer des Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr.

– Sie haben Recht, bestätigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei Männer, die sich zu rächen haben an einen Dritten, dessen Gewaltstreich die strengste Wiedervergeltung herausfordert.

– Und dieser Dritte…

– Ist jener Robur!…

– Ja, jener Robur!«

Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezüglich dessen die beiden Ex-Concurrenten völlig übereinstimmten, ein Streit über diesen Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen.

»Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir müssen auch ihn befreien.

– Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er würde uns mit seinen Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun, als auf sein Jammern zu achten.

– Und was denn, Onkel Prudent?

– Uns zu retten, wenn es möglich ist!

– Und selbst wenn es unmöglich ist!«

Ein Zweifel daran, daß diese Entführung jenem Fremdling, dem Robur, zuzuschreiben sei, konnte dem Präsidenten und seinem Collegen gar nicht in den Sinn kommen. In der That hätten ja einfache, ehrsame Räuber sie unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einzuschließen in… Ja, in was? – Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lösung verdiente, ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen zu ihrer Flucht denken konnten.

»Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir hätten wahrlich besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt Liebenswürdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurückkommen wollen, auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wären. Verließen wir die Straßen von Philadelphia nicht, so wäre das Alles nicht geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein Auftreten im Club bewirken würde, er muthmaßte die Wuthausbrüche, welche seine Herausforderungen entfesseln mußten und hatte vor der Thüre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle beizuspringen.

Sie wurden durch die Waldlichtung fortgeschleppt. (S. 45.) Sie wurden durch die Waldlichtung fortgeschleppt. (S. 45.)

Als wir dann die Walnut-Straße verließen, spürten uns seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, daß wir uns unkluger Weise in den Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da hatten sie ja leichtes Spiel.

– Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen.

– Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben,« versetzte Onkel Prudent.

Da ertönte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der Zelle.

»Was war das? fragte Phil Evans.

– O nichts… Frycollin träumt nur.«

Und Onkel Prudent fuhr ungestört fort:

»Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf, sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, daß jene Leute uns nicht über den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben.

– Denn wenn das geschehen wäre, hätten wir doch von der Fortschaffung etwas verspüren müssen.

– Einverstanden, erklärte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem Gefährte von Seiltänzern.

– Ohne Zweifel. Befänden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom vertäuten Schiffe, so müßte sich das durch ein leichtes Schwanken von Bord zu Bord, veranlaßt durch die Strömung, zu erkennen geben.

– Einverstanden, stets, stets, wiederholte Onkel Prudent, und ich meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder nie der geeignete Moment zur Flucht, um später jenen Robur wieder aufzuspüren…

– Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen!

– Theuer… sehr theuer!

– Doch, wer ist dieser Mann?… Woher kommt er?… Ist er ein Engländer, ein Deutscher, ein Franzose…

– Jedenfalls ein elender Wicht, das genügt, antwortete Onkel Prudent. Und nun an’s Werk!«

Mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern tasteten Beide an der Wand des kleinen Raumes umher, um einen Riß oder eine Spalte zu entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der Thür. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wäre unmöglich gewesen, das Schloß derselben zu sprengen. Man mußte also ein Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem Vorhaben gar zerbrechen würden.

»Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhört? fragte Phil Evans, der sich über das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen konnte.

– Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent.

– Der Wind?… Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig gewesen wäre…

– Gewiß, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was halten Sie dann für die Ursache?«

Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers aufgeklappt, in die Wand nahe der Thür einzuschneiden. Vielleicht genügte es, hier eine Oeffnung zu machen, um diese von außen zu öffnen, wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlüssel im Schlosse stecken geblieben war. Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine tausendzähnige Säge zu verwandeln.

»Es greift wohl nicht, Phil Evans?

– Nein.

– Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden?

– Das nicht, Onkel Prudent; diese Wände geben angeschlagen keinen metallischen Ton.

– Also vielleicht aus Eisenholz?

– Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz.

– Aus was bestände sie denn dann?

– Das ist unmöglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine Substanz, welche der Stahl nicht angreift.«

Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den widerhallenden Boden mit den Füßen und seine Hände suchten einen eingebildeten Robur zu erwürgen.

»Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie einmal Ihr Glück.«

Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen vermochten, als ob diese aus Krystall wäre.

Eine Flucht erschien also ganz unausführbar, denn ohne Oeffnung der Thür war an eine solche doch gar nicht zu denken.

Es galt demnach, für jetzt darauf zu verzichten, was dem Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal zuwider ist. Natürlich geschah das nicht ohne Verwünschungen, furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur’s gerichtete schwere persönliche Beleidigungen, während er doch gar nicht der Mann dazu schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im Weldon-Institute.

Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krümmen im Magen empfand oder die Einschnürung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen hatte, jedenfalls begann er jämmerlich zu lamentiren.

Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu müssen, indem er die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt.

Fast hätte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern. Sofort begann Jener nämlich eine endlose Litanei, in der Ausbrüche des Entsetzens und – Klagen über Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, ja, es wäre schwierig gewesen, zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem Jammern des Negers beizumessen war.

»Frycollin! rief Onkel Prudent.

– Master Onkel! Master Onkel! antwortete der Neger mit kläglichem Geschrei.

– Es ist möglich, daß wir verdammt sind, in diesem Gefängnisse Hungers zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar erscheint, zu versuchen, um unser Leben zu verlängern.

– Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin.

– Wie man es unter solchen Umständen mit einem Neger stets macht! Sorge also, Frycollin, daß Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst…

– Oder Du wirst fri – cas – sirt!« setzte Phil Evans hinzu.

Frycollin bekam wirklich Angst, daß sein Leichnam in Anspruch genommen werden könnte, das Leben zweier Männer zu verlängern, das jedenfalls werthvoller war, als das seinige. Er begnügte sich also, nur noch im Stillen zu seufzen.

Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thür oder die Wand gewaltsam zu öffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus die Wand bestand, ließ sich unmöglich feststellen. Metall war das nicht, Holz war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fußboden der Zelle schien übrigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stieß man mit dem Fuße auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die bekannten Geräusche zu classificiren, Onkel Prudent gewiß viele Mühe gemacht hatte.

Dabei bemerkte man noch, daß der Fußboden entschieden hohl klang, so, als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja er schien bei dem unerklärlichen frrr selbst leise zu erzittern. Al les das war nicht gerade beruhigender Natur.

»Onkel Prudent, begann Phil Evans.

– Phil Evans? antwortete der Gefragte.

– Meinen Sie, daß unsere Zelle ihre Lage verändert hat?

– Keineswegs.

– Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bäume wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einsaugen, so viel ich will, es erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wäre.

– Das ist freilich wahr.

– Doch, wie soll man das erklären?

– Erklären wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht durch die Hypothese, daß unser Gefängniß eine Ortsveränderung erlitten habe. Ich wiederhole, daß wir es unbedingt hätten fühlen müssen, wenn wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem dahingleitenden Schiffe befänden.«

Frycollin ließ einen langgedehnten Seufzer hören, den man hätte für seinen letzten halten können, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt wären.

»Ich gab mich der Hoffnung hin, daß Robur uns bald veranlassen werde, vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort.

– Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm ins Gesicht sagen…

– Was?

– Daß er erst wie ein Unverschämter in unsere Verhandlungen eingegriffen hat, um schließlich gleich einem Schurken zu handeln!«

Eben jetzt bemerkte Phil Evans, daß der Tag zu grauen begann. Ein noch schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der Thür gegenüberliegenden Wand angebrachte Schießscharte herein. Es mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser Breite färbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit den ersten Morgenstrahlen.

Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen ließ, ein Meisterwerk, das aus der Anstalt seines Collegen hervorgegangen war – meldete diese, daß es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte.

»Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht sein.

– Meine Uhr müßte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel Prudent.

– Eine Uhr der Waldon Watch Company!« rief Phil Evans beleidigt.

Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich die Schießscharte weiß von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und doch, wenn das Morgengrauen frühzeitiger auftrat, als es entsprechend dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den niedrigen Breiten.

Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwähnte der fast unerklärlichen Erscheinung.

»Wir könnten vielleicht bis nach der Schießscharte hinaufklimmen,« bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir überhaupt sind

– Das können wir,« stimmte Onkel Prudent zu.

Dann wandte er sich an Frycollin:

»Nun munter, Fry, auf die Füße!«

Der Neger erhob sich.

»Lehne Dich mit dem Rücken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort, und Sie, Phil Evans, steigen gefälligst auf die Schultern dieses Burschen, während ich Sie von rückwärts halte.

– Recht gern,« antwortete Phil Evans.

Einen Augenblick später kletterte er schon auf Frycollin’s Schultern, so daß er zu der Schießscharte hinaussehen konnte.

Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewöhnliche Planscheibe. Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien Ausblick Phil Evans’, dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschränkt wurde.

»So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht können Sie dann besser sehen.«

Phil Evans führte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab, aber nicht zerbrach.

Ein zweiter, noch kräftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat.

»Schön, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!«

Wirklich mußte diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders Siemens gehärteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten Schläge ganz blieb.

Uebrigens war es jetzt draußen hell genug, um ziemlich weit sehen zu können, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der Schießscharte frei ließ.

»Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent.

– Nichts.

– Wie? Keinen Wald?

– Nein.

– Nicht einmal die Gipfel der Bäume?

– Auch diese nicht.

– Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung?

– Weder in der Lichtung, noch überhaupt im Park.

– Erkennen Sie denn auch nicht die Dächer der Häuser, die Spitzen der Denkmäler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttäuschung schon in einem Grade zunahm, daß sie nahe an Wuth grenzte.

– Weder Dächer, noch Spitzen.

– Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein?

– Nichts – als die leere Luft.–

Eben jetzt öffnete sich die Thür der Zelle, in der ein Mann sichtbar wurde.

Das war Robur.

»Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme, Sie sind nun frei, nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen….

– Frei! rief Onkel Prudent.

– Ja… das heißt innerhalb der Grenzen des »Albatros«!

Onkel Prudent und Phil Evans stürzten aus der Zelle.

Und was sahen sie da?

Zwölf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberfläche eines Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemühten.

Sechstes Capitel

Welches Ingenieure, Mechaniker und andere Gelehrte vielleicht am besten überschlagen.

»Wann wird der Mensch einmal aufhören, in der Tiefe umherzukriechen, um im Azur und im Frieden des Himmels zu leben?«

Die Antwort auf diese Frage Camille Flamarion’s ist ziemlich leicht. Das wird dann geschehen, wenn die Fortschritte der Mechanik das Problem der Aviation, d. h. der Nachahmung des Vogelfluges, zu lösen gestatten, und vor Ablauf weniger Jahre – das sah man ja voraus – mußte eine praktische Verwerthung der Elektricität zur Lösung dieses Räthsels führen.

Schon im Jahre 1773, also ziemlich lange, bevor die Brüder Montgolfier ihre erste Montgolfière und der Physiker Charles seinen ersten Wasserstoffballon construirten, hatten einzelne abenteuerliche Köpfe davon geträumt, mittelst mechanischer Apparate die Luft so zu sagen zu erobern. Die ersten Erfinder hatten also keineswegs an Apparate gedacht, welche leichter als die Luft waren, was schon der Standpunkt der physikalischen Wissenschaft ihrer Zeit nicht erlaubte. Sie gingen darauf aus, die Fortbewegung durch die Luft durch specifisch schwerere Apparate, durch Flugmaschinen, welche die Bewegung des Vogels nachahmten, zu ermöglichen.

Ganz dasselbe hatte schon jener Thor, der Icarus, der Sohn des Daedalus, gethan, dessen mit Wachs angeheftete Flügel ihm bei der Annäherung an die Sonne abfielen.

Doch ohne bis auf mythologische Zeiten zurückzugehen, ohne eines Archytas von Tarent zu erwähnen, begegnet man schon in den Arbeiten eines Dante von Perusa, eines Leonardo da Vinci und Guidotti der Idee von Maschinen, welche bestimmt waren, sich in der Atmosphäre zu bewegen. Zweieinhalb Jahrhunderte später traten weit zahlreichere Erfinder auf. Im Jahre 1742 construirt sich der Marquis de Baqueville ein System von Flügeln, versucht dasselbe über der Seine und bricht beim Herabfallen den Arm. 1768 entwirft Paucton den Plan zu einem Apparat mit zwei Schrauben zum Heben und zur Fortbewegung.

1781 baut Meerwein, der Architekt des Fürsten von Baden, eine Maschine zur Nachahmung des Vogelflugs und verwirft den Gedanken der Lenkbarkeit von Ballons, welche eben erfunden worden waren. 1784 lassen Launoy und Bienvenu eine Helicoptere aufsteigen, die von Federn bewegt wurde. 1808 Fliegversuch des Oesterreichers Jakob Degen. 1810 erscheint ein Schriftchen von Deniau aus Nantes, in dem der Grundsatz des »schwerer, als die Luft« beleuchtet ist. In den Zeitraum von 1811 bis 1840 fallen die Untersuchungen und Versuche von Berblinger, Vigual, Sarti, Dubochet und Cagniard de Latour. 1842 tritt der Engländer Henson mit seinem System der geneigten Ebene und durch Dampf bewegten Schraube auf; 1845 Cossus mit seinem Apparat mit Steigschrauben; 1847 meldet sich Camille Vert mit seiner Helicoptere aus Federflügeln; 1852 Letur mit seinem lenkbaren Fallschirm, dessen praktische Prüfung ihm das Leben kostete. In demselben Jahre tritt Michel Loup hervor mit seinem Vorschlage, bei dem die gleitende Bewegung in Verbindung mit vier sich drehenden Flügeln gebracht ist; 1853 Béléguic mit seinem durch Zugschrauben bewegten Aeroplan; Vaussin-Chardannes mit seinem lenkbaren Drachen; Georges Cauley mit seinen Fliegmaschinen, die ein Gasmotor treiben sollte. Zwischen 1854 und 1863 sind zu nennen: Josef Pline, der Patente auf verschiedene Systeme der Luftschifffahrt besitzt, Bréant, Carlingfort, Le Bris, Du Temple, Bright, dessen Steigschrauben sich in verkehrter Richtung bewegen; Smythies, Panafieu, Crosnier u. A. m. Endlich wird im Jahre 1863 auf Betreiben Nadar’s in Paris eine Gesellschaft »Schwerer, als die Luft« gegründet; hier führen die Erfinder ihre Maschinen vor, von denen schon verschiedene patentirt wurden, wie die von Ponton d’Amécourt und seine Dampf-Helicoptere; de la Landelle’s System einer Verbindung von Schrauben mit geneigten Ebenen und Fallschirmen; Louvrie’s Aeroscaph; Esterno’s mechanischer Vogel; Groof’s Apparat mit durch Hebel bewegten Flügeln. Jetzt, nachdem der Anstoß gegeben ist, erfinden die Erfinder, berechnen die Rechner Alles, was die willkürliche Fortbewegung durch die Luft ihrer praktischen Anwendung zuzuführen verspricht. Boureart, Le Bris, Kaufmann, Smyth, Stringfellow, Prigent, Danjard, Pomès und de la Panze, Moy, Renaud Jobert Hureau de Villeneuve, Achenbach, Garapon, Duchesne, Danduran, Parisel, Dieuaide, Melkisff, Forlanini, Brearey, Tatin, Dandrieux, Edison erdenken, construiren, erbauen und vervollkommnen – die Einen unter Anwendung von Flügeln oder Schrauben, die Anderen unter der von geneigten Ebenen – Maschinen, welche bereit sein werden, an dem Tage zu functioniren, wo ihnen ein glücklicher Erfinder einen Motor von hinreichender Kraft und außerordentlicher Leichtigkeit hinzufügt.

Wir bitten wegen dieses etwas langen Namensverzeichnisses um freundliche Entschuldigung, doch es schien uns nothwendig, die Einzelstufen jener Leiter der Luftschifffahrtserfolge, auf deren Gipfel jetzt Robur der Sieger erscheint, vorzuführen. Ohne die schwachen Versuche und die kühnen Experimente seiner Vorgänger hätte der Ingenieur ja unmöglich einen so vollkommenen Apparat zu construiren vermocht. Und wenn er nur ein verächtliches Achselzucken für Diejenigen hatte, welche noch immer starrsinnig dabei verharrten, die Lenkbarkeit von Ballons erfinden zu wollen, so standen bei ihm die Anhänger des Grundsatzes »schwerer als die Luft« in hohem Ansehen, ob das nun Engländer, Amerikaner, Deutsche, Oesterreicher, Italiener oder Franzosen waren – vor Allem letztere, deren durch ihn vervollkommnete Arbeiten ihn in den Stand gesetzt hatten, seine Flugmaschine, den »Albatros«, zu ersinnen und auszuführen, jenes Ungeheuer, das jetzt das Luftmeer durchmaß.

»Die Taube fliegt! hatte einer der enthusiastischen Anhänger des »Albatros« gerufen.

– Man wird noch durch die Luft spazieren fahren, wie jetzt über die Erde! hatte darauf ein hochbegeisterter Vertheidiger derselben Theorie hinzugesetzt.

– Mit der Locomotive, der Aeromotive!« hatte der lustigste von Allen hinaustrompetet, der sich mit Vorliebe der Presse bediente, um die Alte und Neue Welt für die Sache zu interessiren.

In der That steht es ja durch Rechnung und Erfahrung fest, daß die Luft ein sehr widerstandsfähiger Stützpunkt sein kann. Ein Kreis von einem Meter Durchmesser vermag als Fallschirm nicht allein das Eindringen in die Luft zu verlangsamen, sondern den Fall sogar isochronisch zu machen. Das war schon längst bekannt.

Ebenso wußte man, daß die Einwirkung der Schwerkraft, wenn die Fortbewegung eines Körpers eine sehr schnelle ist, etwa im umgekehrten Verhältnisse des Quadrats der Schnelligkeit abnimmt und zuletzt ziemlich bedeutungslos werden kann.

Man wußte ferner, daß sich bei zunehmendem eigenen Gewichte eines fliegenden Thieres die zum Schwebenderhalten desselben nothwendige Oberfläche der Flügel nicht in gleichem Maße vergrößert, obwohl die Bewegungen, die es ausführt, etwas langsamer sein müssen.

Ein Aviations-Apparat muß demnach so construirt sein, daß er diesen Naturgesetzen entspricht und dem Vogel nachgebildet ist, »dem wunderbaren Typus der Fortbewegung in der Luft,« wie Doctor Marey im französischen Institut sich ausgedrückt hat.

Die Apparate nun, welche allein dieses Problem zu lösen vermögen, zerfallen in folgende drei Arten:

Die Helicopteren oder Spiraliseren, welche nur aus Schrauben mit verticalen Achsen bestehen.

Die Orthopteren, das sind Maschinen, welche ganz den natürlichen Flug der Vögel nachzuahmen bestimmt sind.

Die Aeroplanen, in Wirklichkeit geneigte Ebenen, wie die Papierdrachen der Knaben, aber von horizontalen Schrauben getrieben oder gezogen.

Jedes dieser Systeme hatte und hat selbst noch heute entschiedene Anhänger, welche ihre Ansichten unabänderlich als die richtigen hinstellen.

Aus mancherlei Gründen hatte Robur jedoch die beiden letzteren verworfen.

Es unterliegt zwar keinem Zweifel, daß die Orthoptere, der mechanische Vogel, gewisse Vorzüge aufweist. Die Arbeiten Renaud’s haben dafür 1884 den Beweis beigebracht. Doch man darf, wie dem Genannten auch eingeworfen wurde, die Natur niemals sclavisch nachahmen wollen. Die Locomotiven sind auch nicht nach dem Vorbilde der Hafen und die Dampfschiffe nicht nach dem der Fische gebaut. Den ersteren gab man Räder, welche doch keine Beine sind, letzteren Schrauben, welche gewiß nicht den Flossen entsprechen. Und wir meinen, Beide laufen doch recht gut. Uebrigens weiß man noch gar nicht genau, wie der Flug der Vögel, welche sehr complicirte Bewegungen ausführen, eigentlich zu Stande kommt. Doctor Marey z. B. hat die Vermuthung ausgesprochen, daß die Federn der Flügel sich beim Aufschlag öffnen, um die Luft durchzulassen – ein Vorgang, der durch eine künstliche Maschine schwerlich herzustellen sein möchte.

Andererseits ist es nicht zweifelhaft, daß auch die Aeroplane einige gute Erfolge aufzuweisen haben. Setzen die Schrauben den Luftschichten eine schiefe Ebene entgegen, so müßte daraus eine aufsteigende Bewegung hervorgehen, und kleine Versuchsapparate haben bewiesen, daß das disponible Gewicht, dasjenige, über welches man noch über das Eigengewicht des Apparates hinaus verfügen könnte, mit dem Quadrate der Geschwindigkeit zunahm. Hierin liegt offenbar ein großer Vortheil, welcher die der Aerostaten, welche aufgetrieben werden sollen, weit übertrifft.

Nichtsdestoweniger glaubte Robur, daß, wenn es etwas noch Besseres gäbe, das auch noch einfacher sein müsse. Auch die Schrauben – die ihm im Weldon-Institut durch ein glückliches Wortspiel direct an den Kopf geworfen worden waren – konnten ja wohl allen Ansprüchen an seine Flugmaschine genügen. Die Einen sollten dieselbe in der Luft schwebend erhalten, die Anderen sie unter den besten Verhältnissen der Schnelligkeit und Sicherheit in der Horizontalen fortbewegen.

Theoretisch müßte man ja mittelst einer nur kurzen, aber in der Fläche großen Schraube, wie Victor Tatin es zuerst ausgesprochen hatte, dahin gelangen, »wenn man es auf das Aeußerste triebe, ein ungeheures Gewicht durch verschwindend kleine Kraft zu heben.«

Wenn die Orthoptere – durch Flügelschläge gleich einem Vogel – sich erhebt, indem sie sich in normaler Weise gegen die Luft stürzt, so steigt die Helicoptere auf, indem sie mit ihren Schraubenflügeln schräg dagegen wirkt, als ob sie eine geneigte Ebene hinaufklimme. Im Grunde hat sie ja nur schraubenförmig gewundene, an Stelle der schaufelartigen Flügel. Die Schraube bewegt sich nothwendig in der Richtung ihrer Achse fort. Ist diese vertical, so bewegt sie sich vertical; ist diese horizontal angebracht, so treibt sie in horizontalem Sinne.

Der große Flug-Apparat des Ingenieur Robur beruhte nur auf diesen beiden Wirkungen.

Wir geben hier eine genaue Beschreibung desselben, welche füglich in drei Theile zerfallen kann, betreffend das Verdeck, die Schwebe- und Treibmaschinen und die äußere Maschinerie.

Verdeck. Das war ein dreißig Meter langes, vier Meter breites Bauwerk, ein wirkliches Schiffsdeck mit Vordersteven in Form eines Rammspornes. Darunter wölbte sich der festgefügte Rumpf, der die Apparate zur Erzeugung der mechanischen Kraft barg, ferner befanden sich da die Pulverkammer, die Werkzeuge, das allgemeine Magazin für Vorräthe aller Art, darunter auch die Wassergefäße des Fahrzeugs. Rund herum standen leichte Pfosten, die, mit Eisendraht unter einander verbunden, die Reeling bildeten. Darauf aber erhoben sich drei Ruffs, deren Räumlichkeiten zur Wohnung für das Personal und für die Maschinerie bestimmt sind. Im mittleren Ruff arbeitet die Maschine, welche das Schwebewerk in Bewegung setzt; in dem vorderen die Maschine für die vordere Treibschraube, im hinteren die für die hintere Schraube, so daß diese drei von einander völlig unabhängig wirken. Nahe dem Vordertheile befindet sich der Ruff für die Werkstatt, die Küche und die Mannschaftswohnung. Nahe dem Heck, im letzten Ruff, finden sich mehrere Cabinen, unter anderen die des Ingenieurs, ein Speisezimmer und darüber ein kleiner verglaster Raum, in dem sich der Steuermann aufhält, der das Ganze mittelst eines gewaltigen Steuerrades lenkt und leitet. Alle diese Ruffs werden durch Lichtpforten erhellt, deren Scheiben aus Hartglas bestehen, das eine zehnfach größere Widerstandsfähigkeit als gewöhnliches Glas hat. Unterhalb des Rumpfes ist ein System von biegsamen Federn angebracht, dazu bestimmt, etwaige Stöße zu mildern, obwohl eine Landung ungemein sanft bewerkstelligt werden konnte, so sehr war der Ingenieur Herr seines Apparates.

Auftriebs- und Treibmaschinen. Auf dem Verdeck erhoben sich lothrecht siebenunddreißig Achsen, von denen je fünfzehn an Back- und Steuerbord und sieben höhere in der Mitte errichtet waren, so daß das Ganze einem Schiffe mit siebenunddreißig Masten ähnlich wurde; nur trugen diese Masten an Stelle der Segel jeder zwei horizontale Schrauben von kurzer Steigung und geringem Durchmesser, denen aber eine ungeheure Umdrehungsgeschwindigkeit ertheilt werden konnte. Jede dieser Achsen empfängt ihre Bewegung unabhängig von der anderen, und außerdem drehen sich je zwei und zwei in entgegengesetztem Sinne – eine nothwendige Maßregel, um den ganzen Apparat nicht in wellenförmige Bewegung kommen zu lassen.

Auf diese Weise aber halten sich alle Schrauben, während sie eine wie die andere auf verticalen Luftsäulen emporzusteigen streben, gegenseitig das Gleichgewicht. Der Apparat ist demnach mit vierundsiebenzig Schwebeschrauben ausgerüstet, deren drei Arme äußerlich durch einen Metallring zusammengehalten werden, der, als Schwungrad wirkend, die motorische Kraft besser ausnützen hilft. Am Vorder- wie am Hintertheile drehen sich, auf horizontalen Achsen montirt, zwei Treibschrauben mit vier Armen jede, welche der Fortbewegung des Ganzen vorstehen. Diese Schrauben, welche an Durchmesser die Auftriebsschrauben übertreffen, können sich ebenfalls mit der größten Geschwindigkeit drehen.

Alles in Allem schließt sich dieser Apparat an die Systeme an, welche von Cossus, de la Landelle und de Ponton d’Amécourt aufgestellt und vom Ingenieur Robur verbessert wurden. Dagegen gebührt ihm bezüglich der Wahl und der Verwendung der motorischen Kraft unbedingt der Ruhm des Erfinders.

Maschinerie. Weder vom Dampf des Wassers oder anderer Flüssigkeiten, weder von der comprimirten Luft oder anderen elastischen Gasen und endlich ebenso wenig von explosiven Gemischen, welche fähig sind, eine mechanische Wirkung auszuüben, entlehnte Robur die nothwendige Kraft, seinen Apparat schwebend zu erhalten und fortzubewegen, er nahm dazu die Elektricität in Anspruch, jene Naturkraft, welche dereinst die Seele der industriellen Welt zu werden verspricht. Eine dynamo-elektrische Maschine verwendete er zur Erzeugung derselben jedoch nicht, sondern nur Batterien und Accumulatoren; nur war es Robur’s Geheimniß, welche Materialien er zur Zusammenstellung seiner Elemente und welche Säuren er zur Erregung derselben anwendete; dasselbe galt für die Accumulatoren. Niemand wußte, woraus deren positive und negative Platten bestanden. Der Ingenieur hatte sich aus gewissen Gründen wohl gehütet, darauf ein Patent zu nehmen. Unbestreitbar aber zeigten seine Batterien eine außerordentliche Ergiebigkeit, die Säuren eine fast vollständige Widerstandsfähigkeit gegen Verdunstung und Frieren, seine Accumulatoren eine unverkennbare Ueberlegenheit über die von Faure, Sellon, Volckmar, und endlich lieferten seine Ströme Amperes von bisher unerreichter Anzahl. Daraus aber ergab sich eine so zu sagen unendliche Menge elektrischer Pferdekräfte zur Bewegung der Schrauben, welche dem Apparate eine seinen Bedürfnissen weit überlegene Schwebe- und Triebkraft unter allen Umständen verliehen.

Wir wiederholen jedoch, das war die Sache des Ingenieurs Robur und darüber bewahrte er ein unverbrüchliches Geheimniß, und wenn der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht das Glück haben, dasselbe zu durchdringen, so dürfte es wahrscheinlich auf immer für die Menschheit verloren sein.

Es versteht sich von selbst, daß dieser Apparat in Folge der glücklich gewählten Lage seines Schwerpunktes hinreichende Stabilität zeigte. Man brauchte also niemals zu fürchten, daß er mit der Horizontalen bedenkliche Winkel bilden oder gar umschlagen könnte.

Es erübrigt noch mitzutheilen, aus welchem Material der Ingenieur Robur seinen Aeronef hergestellt hatte, ein Name, der für den »Albatros« besonders geeignet erscheint. Welches war der so harte Stoff, daß das Bowie-Messer Phil Evans’ ihn nicht zu ritzen und Onkel Prudent dessen Natur nicht zu erkennen vermochte? Ganz einfach – Papier!

Schon eine Reihe von Jahren hatte die Fabrikation desselben große Ausdehnung gewonnen. Ungeleimtes Papier, dessen Blätter mit Dextrin und Stärkemehl imprägnirt wurden, bildet unter der Wirkung der hydraulischen Presse ein Material von der Härte des Stahls. Man erzeugt daraus Rollen, Schienen und Wagenräder, welche haltbarer und gleichzeitig leichter sind, als solche aus Metall. Diese große Haltbarkeit bei außerordentlicher Leichtigkeit eben hatte Robur bei der Erbauung seiner Luftlocomotive zu benützen gesucht. Alles, Rumpf, Rippen, Ruffs, Cabinen, bestand aus Strohpapier, das unter hohem Drucke metallähnlich geworden war und das sich – ein Umstand, bei einem in großer Höhe dahinschwebenden Apparate gewiß von Werth – auch als unverbrennlich erwies.

Für die verschiedenen Theile der Schwebe- und Treibmaschinerie, wie für die Flügel der Schrauben hatte gelatinirtes Fasergewebe als ebenso widerstandsfähiges, wie biegsames Material gedient, und von diesem war auch, da es sich allen Formen anpaßte, in den meisten Gasen und Flüssigkeiten, Säuren und Salzen unlöslich war – ohne von seinen isolirenden Eigenschaften zu sprechen – in der elektrischen Maschinerie des »Albatros« der ausgedehnteste Gebrauch gemacht worden Der Ingenieur Robur, sein Obersteuermann Tom Turner, ein Mechaniker mit zwei Gehilfen, zwei Bootsmänner und ein Koch – Alles in Allem acht Personen – bildeten die Besatzung des »Albatros«, welche für die bei der Fahrt durch die Luft nöthigen Manöver übrig ausreichte. Jagd- und Kriegswaffen, Fischergeräthe, elektrische Lampen, Beobachtungsinstrumente, Boussolen und Sextanten zur Entdeckung der Fahrrichtung, Thermometer zur Messung der Temperatur; verschiedene Barometer, die einen, um die erreichte Höhe, die anderen, um die Veränderung des Luftdruckes zu messen, ein »Stormglas« zum Erkennen drohender Stürme, eine kleine Bibliothek, eine kleine tragbare Druckerei, ein Geschütz auf Zapfen, in der Mitte des Decks, das, von rückwärts geladen, ein Geschoß von sechs Centimeter Durchmesser schleuderte; der nöthige Vorrath an Pulver, Kugeln, Dynamitpatronen; eine Küche, in der die von Accumulatoren gelieferten Ströme zur Feuerung dienten, ein Vorrath von Conserven, Fleisch und Gemüse, die in einer Cambüse ad hoc neben Gefäßen mit Brandy, Whisky und Gin aufgestapelt waren, endlich Alles, was während einiger Monate gebraucht werden konnte, ohne landen zu müssen – das bildete das Material und die Vorräthe des »Albatros« – ohne die berühmte Trompete zu rechnen.

Außerdem befand sich ein leichtes, unversenkbares Kautschukboot an Bord, das acht Mann auf einem Flusse, einem See oder auch auf ruhigem Meer tragen konnte. Fallschirme in Voraussicht eines eintretenden Unglücks führte Robur nicht mit sich. Er glaubte nicht an Unfälle dieser Art. Die Achsen der Schrauben waren alle von einander unabhängig; der Stillstand der einen blieb auf die übrigen ohne Einfluß. Selbst wenn nur das halbe Triebwerk in Gang blieb, reichte es schon aus, den »Albatros« in seinem natürlichen Element zu erhalten.

»Und mit ihm, wie Robur der Sieger Gelegenheit fand gegen seine Passagiere – Passagiere wider Willen – zu äußern, mit ihm bin ich Herr jenes siebenten Welttheiles, der an Größe Australien und Afrika, Oceanien, Asien, Amerika und Europa übertrifft, jenes Icariens der Luft, das eines Tages noch Tausende von Icarussen bevölkern werden!«

Siebentes Capitel

In welchem Onkel Prudent und Phil Evans sich noch immer nicht überzeugen lassen wollen.

Der Vorsitzende des Weldon-Instituts war höchst erstaunt, sein Gefährte geradezu verblüfft. Aber weder der Eine noch der Andere wollte sich diese so natürliche Regung anmerken lassen. Der Diener Frycollin dagegen verheimlichte sein Entsetzen nicht, sich an Bord einer solchen Maschine in den Luftraum entführt zu sehen, im Gegentheil, er gab das offen zu erkennen.

Inzwischen drehten sich die Schwebe- oder Auftriebschrauben hastig über ihren Köpfen. So schnell diese Bewegung auch vor sich ging, hätte sie doch noch um das Dreifache gesteigert werden können, im Fall der »Albatros« höhere Zonen erreichen wollte.

Die beiden eigentlichen Propeller, die jetzt einen mittelmäßigen Gang zeigten, verliehen dem Apparate nur eine Fortbewegung von zwanzig Kilometer in der Stunde.

Sich über das Verdeck hinausbeugend, konnten die Passagiere des »Albatros« ein langes, gewundenes, flüssiges Band wahrnehmen, das sich gleich einem Bächlein durch wellenförmiges Land schlängelte, in dem auch einzelne kleinere Seen die Strahlen der Sonne glänzend widerspiegelten. Dieser Bach war übrigens ein Fluß, und zwar einer der bedeutendsten des betreffenden Gebiets. An seinem linken Ufer erhob sich eine Bergkette, deren Fortsetzung sich über Gesichtsweite hinaus verlor.

»Werden Sie uns wohl sagen, wo wir uns befinden? fragte Onkel Prudent mit einer vor Ingrimm zitternden Stimme.

– Ich habe dazu gar keine Veranlassung, antwortete Robur.

– Und werden Sie uns sagen, wohin wir fahren? setzte Phil Evans hinzu.

– Durch den Luftraum.

– Und das dauert, wie lange?…

– So lange es Zeit erfordert.

– Wollen Sie etwa eine Reise um die Erde mit uns machen? fragte Phil Evans ironisch.

– Noch mehr als das, erwiderte Robur.

– Und wenn eine solche Reise uns nicht paßt?… versetzte Onkel Prudent.

– So wird sie Ihnen eben passen müssen!«

Das gab einen kleinen Vorgeschmack von den Beziehungen, die sich zwischen dem Herrn des »Albatros« und seinen Gästen, um nicht zu sagen, seinen Gefangenen, zu entwickeln versprachen. Offenbar wollte Jener ihnen jedoch erst Zeit gönnen, sich zu sammeln, den außerordentlichen Apparat zu bewundern, der sie durch die Lüfte trug, und ohne Zweifel auch, um dem Erfinder ihre Glückwünsche darbringen zu können. Dieser schlenderte scheinbar ziellos von einem Ende des Verdecks zum anderen; sie hatten dagegen vollständige Freiheit, die Anordnung der Maschinerie und die Gesammtausrüstung des Aeronefs zu betrachten, oder auch ihre Aufmerksamkeit ungetheilt der Landschaft zuzuwenden, deren Relief sich unter ihren Füßen so zu sagen aufrollte.

»Onkel Prudent, begann da Phil Evans, wenn ich mich nicht täusche, müssen wir über den mittleren Gebietstheilen von Canada hinschweben. Jener nach Nordwest verlaufende Fluß ist wahrscheinlich der St. Lorenz, und die Stadt, die wir da hinter uns lassen, Quebeck.«

Es war in der That die alte Stadt Champlain’s, deren Weißblechdächer wie Reflectoren in der Sonne glänzten. Der »Albatros« hatte sich bis zum sechsundvierzigsten Grade der Breite erhoben – was den vorzeitigen Anbruch des Tages und die abnorme Verlängerung des Morgenrothes hinlänglich erklärte.

»Ja, fuhr Phil Evans fort, da liegt ja die Stadt in der Gestalt eines Amphitheaters, der Hügel, der ihre Citadelle trägt, dieses Gibraltar Nordamerikas! Dort erheben sich die englische und die französische Hauptkirche, und da wieder das Zollamt mit seiner Kuppel und der englischen Fahne darauf!«

Phil Evans hatte kaum gesprochen, als die Hauptstadt Canadas schon wieder in der Entfernung zu verschwinden begann, der Aeronef trat in eine Schicht kleinerer Wolken ein, welche den Ausblick nach der Erde allmählich verhinderten.

Als Robur jetzt sah, daß der Vorsitzende und Schriftführer des Weldon-Instituts ihre Aufmerksamkeit der äußeren Construction des »Albatros« zuwendeten, trat er auf sie zu und sagte:

»Nun, meine Herren, glauben Sie endlich an die Möglichkeit einer Fortbewegung durch die Luft mittelst Apparaten, die schwerer sind als jene?«

Es wäre ja schwierig gewesen, sich dem augenscheinlichen Beweise zu widersetzen. Onkel Prudent und Phil Evans gaben jedoch keine Antwort.

»Sie schweigen? fuhr der Ingenieur fort. Aha, jedenfalls verhindert Sie der Hunger am Sprechen… doch, wenn ich es unternommen habe, Sie durch Luft zu transportiren, so glauben Sie nicht, daß ich Sie auch mit diesem wenig nahrhaften Fluidum ernähren wollte. Ihr erstes Frühstück erwartet Sie.«

Da Onkel Prudent und Phil Evans einen schon recht quälenden Hunger verspürten, hatten sie hier keine Veranlassung, Umstände zu machen. Eine Mahlzeit verpflichtet ja noch zu nichts, und wenn Robur sie erst wieder auf der Erde abgesetzt hätte, rechneten sie nach wie vor darauf, ihm gegenüber auch ihre ganze Handlungsfreiheit wieder zu erhalten.

Beide wurden nach dem hinteren Ruff geleitet und nach einem kleinen dining-room, in dem sich ein sauber gedeckter Tisch befand, an welchem sie während der Fahrt speisen sollten. An Gerichten trug derselbe verschiedene Conserven und unter Anderem eine Art Brot aus gleichen Theilen Mehl und pulverisirtem Fleisch, untermischt mit ein wenig Speck, welches, in Wasser gekocht, eine vorzügliche nahrhafte Suppe liefert; ferner Schnitte von geräuchertem Schinken und als Getränk Thee.

Auch Frycollin war nicht vergessen worden. Auf dem Vordertheil erhielt er eine tüchtige Brotsuppe. Wahrlich, er mußte gewaltigen Hunger haben, um essen zu können, denn seine Kinnladen zitterten eigentlich aus Furcht und hätten ihm jeden anderen Dienst versagt.

»Wenn das entzwei ginge! Wenn das entzwei ginge!« wiederholte der unglückliche Neger. Das machte ihm fortwährend Angst. Aber man denke nur… ein Sturz von fünfzehnhundert Meter, der ihn in Pulver verwandelt hätte!

Nach Verlauf einer Stunde erschienen Onkel Prudent und Phil Evans wieder auf dem Verdeck. Robur war nicht mehr hier. Am Hintertheile folgte der Steuermann in seinem Glashäuschen, das Auge auf den Compaß gerichtet, unentwegt dem ihm vom Ingenieur vorgezeichneten Curse.

Die andere Mannschaft mochte wohl auch durch das Frühstück in ihrem Logis zurückgehalten werden. Nur ein Hilfsmechaniker, dem nun die Ueberwachung der Maschinen oblag, wanderte von einem Ruff zum anderen umher.

War die Geschwindigkeit des Apparates jetzt auch eine große, so konnten die beiden Collegen darüber doch nur unvollkommen urtheilen, obgleich der »Albatros« aus jener Wolkenschicht wieder hervorgetreten war und sich der Erdboden fünfzehnhundert Meter unter ihnen deutlich zeigte.

»Man kann eigentlich gar nicht daran glauben! bemerkte Phil Evans.

– So glauben wir nicht daran,« antwortete Onkel Prudent.

Sie begaben sich hiermit nach dem Vorderdeck und ließen die Blicke über den Horizont im Westen schweifen.

»Ah, eine andere Stadt! rief Phil Evans.

– Können Sie dieselbe erkennen?

– Ja, es scheint mir Montreal zu sein.

– Montreal?… Aber wir haben doch Quebeck vor kaum zwei Stunden verlassen!

– Das beweist, daß diese Maschine sich mit einer Geschwindigkeit von mindestens fünfundzwanzig Lieues die Stunde bewegt.«

Das war in der That die Größe der Geschwindigkeit des »Albatros«, und wenn die Passagiere davon keine Belästigung verspürten, lag das daran, daß sie mit dem Winde forttrieben. Bei stillem Wetter hätte sie die Schnelligkeit schon merkbar genirt, weil sie fast der eines Expreßzuges gleichkommt. Bei widrigem Winde wäre dieselbe ganz unerträglich gewesen.

Phil Evans täuschte sich nicht. Unter dem »Albatros« erschien Montreal, das an seiner Victoria-Brücke, einer Röhrenbrücke über den St. Lorenz gleich dem Bahnviaduct über die Lagunen von Venedig, leicht kenntlich war. Bald unterschied man auch seine breiten Straßen, die ungeheuren Magazine, die Paläste der Banken, die Kathedrale, eine neuerdings nach dem Vorbilde des St. Peters-Domes in Rom erbaute Basilica, und endlich den Mont-Royal, der die ganze Stadt überragt und zu einem herrlichen Park umgeschaffen ist.

Es war ein Glück zu nennen, daß Phil Evans die Hauptstadt Canadas schon früher einmal besucht hatte. Er konnte so Mehreres erkennen, ohne Robur erst zu fragen. Nach Montreal kamen sie, etwa einhalb zwei Uhr Nachmittags, über Ottawa hinweg, dessen Fälle, von oben gesehen, einem ungeheuren Siedekessel glichen, der durch sein furchtbares Ueberschäumen einen großartigen Effect hervorbrachte.

»Da ist der Parlaments-Palast,« sagte Phil Evans.

Er wies bei diesen Worten nach einer Art Nürnberger Spielzeug, das auf einem Hügel verloren war. Dieses Spielzeug mit seiner vielfarbigen Architektur glich dem Parlamentshaus zu London, wie die Kathedrale von Montreal der Peters-Kirche zu Rom. Doch nichtsdestoweniger war und blieb die in Sicht befindliche Stadt eben Ottawa.

Auch diese schien von dem Standpunkte der Beschauer aus schnell dem Horizonte zuzueilen und bildete bald nur einen etwas helleren Fleck auf der Erde.

Es mochte gegen zwei Uhr sein, als Robur wieder erschien. Sein Obersteuermann Tom Turner begleitete ihn. Er sagte zu diesem nur drei Worte. Letzterer übermittelte dieselben den beiden Gehilfen im Vorder- und im Hinterruff.

Auf ein Zeichen veränderte der Steuermann die Richtung des »Albatros«, so daß dieser um zwei Grade nach Südwesten abwich. Gleichzeitig konnten Onkel Prudent und Phil Evans wahrnehmen, daß den Treibschrauben des Aeronefs eine größere Schnelligkeit verliehen wurde.

Diese Schnelligkeit hätte in Wirklichkeit noch verdoppelt werden können, und man hätte damit eine Maschine erhalten, welche alle Erdmaschinen weit hinter sich lassen mußte.

Man urtheile selbst: Torpedoboote können zwanzig Knoten oder vierzig Kilometer in der Stunde zurücklegen. Die schnellsten Eisenbahnzüge bringen es wohl bis auf hundert; Schlittenboote auf den übereisten Seen der Vereinigten Staaten bis auf hundertfünfzehn; eine in der Werkstatt Patterson’s erbaute Maschine mit Zahnrädern hat über den Erie-See hinweg hundertdreißig erreicht, und eine andere Locomotive zwischen Trenton und Jersey gar hundertundsiebenunddreißig Kilometer.

Der »Albatros« aber konnte beim Maximum seiner Kraftäußerung mittelst seiner Treibschrauben sich zweihundert Kilometer in der Stunde, das heißt fast fünfzig Meter in der Secunde, fortbewegen.

Eine solche Schnelligkeit aber ist die des Orkans, der Bäume entwurzelt, die jenes Windstoßes, der bei dem Sturm vom 21. September 1881 in Cahors hundertvierundneunzig Kilometer in der Stunde dahinraste. Es ist die mittlere Geschwindigkeit der Brieftaube, welche nur noch von der gewöhnlichen Schwalbe (mit siebenundsechzig Metern in der Secunde) und von der Mauerschwalbe (mit neunundachtzig Metern) übertroffen wird.

Mit einem Worte, und wie Robur gesagt, der »Albatros« hätte bei Entwickelung der ganzen Kraft seiner Schrauben die Fahrt um die Erde binnen zweihundert Stunden, d. h. also in noch nicht acht Tagen, zurücklegen können.

Ob die Erde jener Zeit schon vierhundertfünfzigtausend Kilometer Eisenstraßen besaß, d. h. eine Länge, welche elfmal den Aequator umspannt hätte – so blieb das doch für diese fliegende Maschine ohne Bedeutung. Stand ihr nicht das große Luftmeer offen?

Brauchen wir jetzt noch mehr hinzuzufügen? Jenes Phänomen, dessen Erscheinung die ganze Alte und Neue Welt in Aufruhr versetzt hatte, war der Aeronef des Ingenieurs. Jene Trompete, welche die schmetternden Fanfaren in den Lüften ertönen ließ, war die des Obersteuermanns Tom Turner. Die Flaggen, welche man auf den Hauptbauwerken Europas, Asiens und Amerikas aufgepflanzt gefunden hatte, war die Flagge Robur’s des Siegers und seines »Albatros«.

Und wenn der Ingenieur bisher einige Vorsicht beobachtet hatte, um nicht erkannt zu werden, wenn er mit Vorliebe nur in der Nacht gefahren war, die er zuweilen durch jene elektrischen Lichtströme erhellte, während er den Tag über jenseits der Wolken zu verschwinden trachtete, so schien er sein Geheimniß doch jetzt nicht mehr bewahren zu wollen. Denn als er nach Philadelphia gekommen war und sich in dem Sitzungssaale des Weldon-Institutes vorgestellt hatte, konnte er da etwas Anderes beabsichtigen, als die Bekanntgebung seiner wunderbaren Entdeckung, um selbst die Ungläubigsten ipso facto zu überzeugen?

Wir wissen, wie er hier aufgenommen wurde, und werden sehen, welche Repressalien er gegenüber dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des bekannten Clubs zu ergreifen gedachte.

Inzwischen hatte sich Robur den beiden Männern genähert. Diese stellten sich noch immer, als erstaunten sie nicht im geringsten über das, was sie vor sich sahen; offenbar setzte sich unter diesen beiden angelsächsischen Schädeln ein Starrsinn fest, der nur schwierig auszurotten sein würde.

Robur seinerseits wollte sich auch nicht den Anschein geben, als fiele ihm das auf, und begann deshalb, als setze er nur ein Gespräch fort, das doch schon seit zwei Stunden unterbrochen war:

»Sie haben sich ohne Zweifel damit befaßt, meine Herren, ob dieser für die Bewegung durch die Luft ausgezeichnete Apparat auch eine noch größere Geschwindigkeit annehmen könne. Er wäre indeß nicht würdig, den Luftraum sozusagen besiegt zu haben, wenn er sich denselben nicht gänzlich unterwürfig machen könnte. Ich bin darauf ausgegangen, die Luft als festen Stütz- und Angriffspunkt zu benützen, und als solcher dient sie mir. Ich sah längst ein, daß man, um gegen den Wind anzukämpfen, stärker sein müsse als dieser, und ich bin stärker. Ich bedarf keiner Segel, die mich ziehen, keiner Ruder oder Räder, die mich treiben, keiner Schienen, um schneller und leichter fortzukommen – nur Luft… nichts weiter! Luft, die mich ganz ebenso umgiebt, wie das Wasser jedes submarine Fahrzeug, und in der meine Propeller sich drehen, wie die Schrauben eines Dampfers. Das ist das ganze Geheimniß, wie ich das Problem der Aviation löste; da haben Sie, was weder ein Ballon, noch irgend ein Apparat, der leichter als die Luft ist, jemals leisten wird.

Die beiden Collegen schwiegen still wie das Grab, ohne daß sich der Ingenieur dadurch aus der Fassung bringen ließ. Er begnügte sich, verstohlen zu lächeln, und fuhr in folgenden Fragesätzen fort:

»Sie fragen vielleicht, ob der »Albatros« mit dieser Kraft, die ihn horizontal treibt, auch eine gleich wirkungsvolle Kraft verbindet, um sich in verticaler Richtung zu bewegen, mit einem Worte, ob er, wenn es sich darum handelte, große Höhen zu erreichen, werde noch mit einem Aerostaten wetteifern können? Nun, ich würde Ihnen nicht rathen, den Go a head mit ihm um den Preis kämpfen zu lassen.«

Die beiden Collegen zuckten einfach mit den Achseln, das war vielleicht der wunde Punkt, an dem sie den Ingenieur fassen zu können glaubten.

Robur gab ein Zeichen. Die Treibschrauben standen sofort still, und nachdem der »Albatros« etwa noch eine Meile in gleicher Richtung dahin geschwebt war, blieb auch er unbeweglich.

Auf ein zweites Zeichen Robur’s setzten sich die Auftriebsschrauben in Bewegung, und zwar mit einer Geschwindigkeit, welche man füglich hätte mit den zu akustischen Experimenten benützten Sirenen vergleichen können. Ihr frrr erhob sich in der Tonleiter um fast eine ganze Octave, während dessen Intensität wegen der jetzt dünneren Luft abnahm, und der Apparat strebte lothrecht in die Höhe, wie eine Lerche, welche ihre hellen Töne durch die Lüfte schmettert.

»Herr! Bester Herr!… rief Frycollin wiederholt, wenn nur nicht Alles in Stücke geht!«

Ein verächtliches Lächeln war Robur’s ganze Antwort. Nach wenigen Minuten hatte der »Albatros« eine Höhe von zweitausendsiebenhundert Metern erreicht, was den Gesichtskreis auf siebenzig Meilen ausdehnte – dann eine solche von viertausend Metern, was das bis auf vierhundertachtzig Millimeter herabsinkende Barometer anzeigte.

Nach dieser gelungenen Vorführung sank der »Albatros« wieder herab. Die Verminderung des Drucks in den hohen Luftschichten bedingt bekanntlich eine starke Abnahme des Sauerstoffes in derselben und deshalb auch im Blute. Das ist die Ursache der ernsten Unfälle, welche schon Hunderten von Luftschiffern zugestoßen sind; Robur aber hielt es für nutzlos, sich einem solchen auszusetzen.

Der »Albatros« gelangte also nach derjenigen Höhe zurück, die er mit Vorliebe einzuhalten schien, und seine wieder in Thätigkeit gesetzten Treibschrauben führten ihn jetzt mit vermehrter Geschwindigkeit nach Südwesten hin.

»Jetzt, meine Herren, können Sie sich, wenn Sie nur darnach fragten, selbst Antwort geben.«

Hiermit neigte er sich über die Reeling hinaus und blieb so in Betrachtung versunken stehen.

Als er den Kopf wieder erhob, waren der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts vor ihn hingetreten.

»Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, der sich vergebens zu bemeistern sachte, das, was Sie zu glauben scheinen, haben wir uns keineswegs gefragt. Doch wollen wir Ihnen eine Frage stellen, auf welche wir jedenfalls Antwort erwarten.

– Reden Sie!

– Mit welchem Rechte haben Sie uns in Philadelphia, im Fairmont-Park überfallen? Mit welchem Rechte uns in jene Zelle eingeschlossen? Mit welchem Rechte entführen Sie uns wider Willen an Bord dieser fliegenden Maschine?

– Und mit welchem Rechte, meine Herren Ballonisten, entgegnete Robur, mit welchem Rechte haben Sie mich beleidigt, verspottet; in Ihrem Club bedroht, und zwar in einer Weise, daß ich mich selbst wundere, lebend davon gekommen zu sein?

– Fragen heißt nicht antworten, erwiderte Phil Evans, und ich wiederhole Ihnen, mit welchem Rechte handelten Sie?

– Sie wollen das wissen?…

– Wenn es Ihnen gefällig ist.

– Nun wohl, mit dem Rechte des Stärkeren!

– Das ist cynisch!

– Aber es ist so.

– Und wie lange, Bürger Ingenieur, fragte Onkel Prudent, dem nun die Geduld ausging, wie lange denken Sie, dieses Recht uns gegenüber auszunützen?

– Aber, meine Herren, antwortete Robur ironisch, wie können Sie nur eine solche Frage stellen, da Sie blos den Blick zu senken brauchen, um ein Schauspiel zu genießen, das in der Welt nicht seines Gleichen findet?«

Der »Albatros« spiegelte sich eben in der ungeheuren Fläche des Ontario-Sees, er war eben über das von Cooper so hochpoetisch besungene Land gekommen, dann folgte er der Südgrenze dieses weiten Wasserbeckens und wandte sich dem berühmten Flusse zu, der ihm die Gewässer des Erie-Sees, aber zerstäubt in seinen Katarakten, zuführt.

Einen Augenblick lang drang ein wahrhaft majestätisches Geräusch, gleich dem Rollen des Sturmes, bis zu ihm hinauf, und als ob sich ein feuchter Dunst in den Lüften verbreitete, wurde die Temperatur merklich kühler.

Tief unten donnerten die ungeheuren Wassermassen in Hufeisenbogen hinunter. Man glaubte wohl einen gewaltigen Strom von Krystall vor sich zu sehen, den tausend, durch Refraction aus der Zerlegung des Sonnenlichtes entstandene Regenbogen umglänzten. Es war ein wirklich erhebender Anblick.

Vor diesen Fällen verband eine, gleich einem Faden ausgespannte schmale Brücke ein Ufer mit dem anderen. Etwas weiter unten – etwa drei Meilen entfernt – war eine Hängebrücke darüber geschlagen, über welche sich eben ein Bahnzug hinschlängelte, der von dem canadischen Ufer nach dem amerikaschen zu dampfte.

»Die Niagarafälle!« rief Phil Evans.

Und dieser Ausruf entfuhr ihm, während Onkel Prudent sich die erdenklichste Mühe gab, alle Wunder, die sich vor seinen Augen entrollten, scheinbar nicht zu beachten.

Eine Minute später hatte der »Albatros« den Strom überschritten, der die Vereinigten Staaten von der Colonie Canada scheidet, und er schwebte nun über den unendlich weiten Gebieten des nördlichen Amerika.

Achtes Capitel

Worin man sehen wird, daß Robur sich entschließt, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten.

In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerstätten, Wäsche, eine hinreichende Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst Mänteln und Reisedecken vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer hätte ihnen mehr Bequemlichkeiten bieten können. Wenn sie nicht in einemfort schliefen, so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch’ unberechenbares Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie würde die ganze Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur Robur? – Das war gewiß genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu erfüllen.

Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom »Albatros« zusammenstoßenden Cabine untergebracht worden. Diese Nachbarschaft mißfiel ihm keineswegs – er liebte es, sich mit den Großen dieser Erde auf guten Fuß zu stellen. Doch, wenn er endlich einschlief, so träumte der arme Teufel nur vom Herabstürzen durch die Luft, was seinen Schlummer zum fortwährenden Alpdrücken verunstaltete.

Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben durch die Atmosphäre, deren Strömung sich am Spätabend ganz gelegt hatte. Außer dem Schwirren der Schraubenflügel drang kein Geräusch nach dieser Höhe, höchstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen Locomotive, die auf ihrer Eisenstraße dahinrollte, oder kaum vernehmbare Laute von Hausthieren. – Ein eigenthümlicher Instinct schien diesen Erdengeschöpfen zu verrathen, daß die Flugmaschine über ihnen hinglitt, und das veranlaßte sie, einen Angstschrei von sich zu geben.

Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des »Albatros«. Eine Veränderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber hier ein Wachposten? Fürchtete man auch mit der ersten Maschine dieser Art einen etwaigen Zusammenstoß? Nein, das gewiß nicht. Robur hatte ja noch keine Nachahmer gefunden. Die Möglichkeit, einem in den Lüften schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, daß sie füglich außer Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls wäre der Aerostat am schlimmsten daran gewesen – wie bei einem Zusammenstoß des eisernen Topfes mit dem irdenen. Der »Albatros« hatte von einer solchen Collision ja so gut wie nichts zu fürchten.

Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht ausgeschlossen, daß der Aeronef unversehens auf eine Küste zusteuerte, wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den Weg versperrte. Ein solcher Berg wäre also eine Klippe in der Luft, und diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu meiden hat.

Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capitän, die Fahrtrichtung angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen Höhe, in der sich der Apparat halten mußte, um auch die höchsten Berggipfel der betreffenden Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber eben in stark gebirgigem Lande befand, war es gewiß nur ein Gebot der Klugheit, sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom richtigen Laufe abwich.

Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen großen Binnensee, dessen nach Süden gelegene Spitze der »Albatros« bald erreichen mußte. Sie schlossen daraus, daß sie während der Nacht über den Erie-See in seiner ganzen Länge weggekommen wären. Da der Aeronef nun direct nach Westen steuerte, so mußten sie später den äußersten Theil des Michigan-Sees erreichen.

»Hier ist kein Zweifel möglich, sagte Phil Evans, jenes Meer von Dächern am Horizonte ist Chicago!«

Er täuschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die Königin des Westens, das ungeheure Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenströmen, welche den westlichen Theil der Union bilden.

Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgebäude jener Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die öffentlichen Bauten, die zahlreichen Elevatoren, ebenso das gewaltige Hotel Sheeman zeigen, das einem großen Würfel, wie man solche zum Spielen gebraucht, glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder Seite erschienen.

»Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen, daß wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, als es wünschenswerth wäre, um nach unserem Abfahrtspunkt zurückzukehren.«

Der »Albatros« entfernte sich in der That in gerader Linie von der Hauptstadt Pennsylvaniens.

Hätte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach Osten zurückzuführen, so wäre das jetzt wenigstens unmöglich gewesen. Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben, seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen Arbeiten beschäftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden Collegen mußten also frühstücken, ohne ihn gesehen zu haben.

Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht verändert. Bei der Richtung des eben wehenden Windes wurde dieselbe nicht lästig, und da das Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine erträgliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben – wenn der Ausdruck erlaubt ist – welche immerhin eine so schnelle Drehbewegung einhielten, daß die Strahlen ihrer Flügel zu einer halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.

In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise längs seiner Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den Vater der Gewässer, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht größer als gewöhnliche Kähne erschienen. Dann wendete sich der »Albatros« nach Jova, nachdem Jova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.

Einzelne Hügelketten, die »Bluffs«, schlängelten sich von Süden nach dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre mäßige Höhe machte keine besondere Aufsteigung des Aeronefs nöthig. Diese Bluffs mußten auch bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Jova Platz zu machen, welche sich über dessen ganzen nördlichen Theil, wie über Nebraska ausdehnen – ungeheure Prairien, welche bis zum Fuß der Felsengebirge heranreichen.

Da und dort glänzten zahlreiche Rios, Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern lagen Städte und Dörfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der »Albatros« schneller nach dem Far-West über sie hinwegglitt.

Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und Phil Evans blieben sich gänzlich selbst überlassen. Kaum bemerkten sie einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er nicht etwa an Schwindelzufällen, wie man hätte glauben können. Wegen Mangels an Vergleichsobjecten hätte sich dieser Schwindel überhaupt nicht in derselben Weise äußern können, wie etwa auf dem Dache eines hohen Gebäudes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten gähnt gar kein Abgrund, sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt denselben.

Um zwei Uhr glitt der »Albatros« über Omaha an der Grenze von Nebraska hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und Steinhäusern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schloß eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.

Zweifellos mußten, während die Passagiere des Aeronefs alle diese Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen Apparat wahrgenommen haben.

Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen, konnte gewiß nicht größer sein, als das des Vorsitzenden und des Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu befinden.

Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erklärung des Phänomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt beschäftigte.

Eine Stunde später war der »Albatros« schon über Omaha hinweg. Der Aeronef steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom Plate-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese Wahrnehmung gerade nicht befriedigen.

»Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den Antipoden zu bringen, sagte der Eine.

– Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit mir spielen zu lassen!

– Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu mäßigen…

– Mich mäßigen!…

– Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen.«

Gegen fünf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern bedeckten schwarzen Berge flog der »Albatros« über jenen Gebieten hin, die man mit Recht das »schlimme Land« genannt hat – ein Chaos von ockerfarbigen Hügeln, gleichsam von Bergstücken, welche der Schöpfer hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trümmer gegangen waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Blöcke die phantastischsten Formen an.

Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von Bruchstücken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen Städten mit Forts, Wartthürmen, Laufgräben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses »schlimme« oder »böse Land« aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden.

Mit einbrechendem Abend war schon das große Becken des Plate-River übersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem »Albatros« eine weite Ebene bis zu dem durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus.

Während der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der Locomotive oder die heulenden Töne von Dampfbooten, welche die Ruhe des gestirnten Firmaments störten. Lang anhaltendes Grunzen und Blöken drang manchmal bis zu dem, übrigens jetzt der Erde näheren Aeronef hinaus. Dasselbe rührte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung von Wasserläufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen ein dumpfes Geräusch, ähnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung und sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben.

Von Zeit zu Zeit ließ sich wohl auch das Heulen von Wölfen, das Gebell und Geschrei von Füchsen und Wildkatzen hören oder das scharfe Bellen von Coyots, jenes canis latrans, dessen Name sich schon durch die gellenden Töne des Thieres rechtfertigt.

Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und Absinth, vermischt mit dem kräftigen Harzgeruch von Coniferen, in der reinen Nachtluft.

Endlich hörte man, um alle vom Erdboden kommenden Geräusche zu erwähnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von den Coyois herrührte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres verwechseln könnte.

Am 15. Juni verließ Phil Evans gegen fünf Uhr Morgens seine Cabine. Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich wiedersehen.

Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage nicht gezeigt haben möge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner.

Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fünfundvierzig Jahre alt, breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen, hatte einen jener charakteristischen Köpfe à la Hogarth, wie sie dieser Maler der angelsächsischen Häßlichkeiten aus seinem Pinsel hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlot’s Progreß genauer betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner’s auf den Schultern des Gefängnißwärters wiederfinden und wird erkennen, daß dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat.

»Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans.

– Weiß nicht, antwortete Tom Turner.

– Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist.

– Vielleicht.

– Auch nicht, wann er zurückkehren könnte.

– Vermuthlich, wenn er mit seiner Coursbestimmung fertig ist.«

Hiermit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Russ.

Phil Evans mußte sich wohl oder übel mit dieser Antwort begnügen welche um so weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte Beobachtung des Compasses ihm lehrte, daß der »Albatros« noch immer nach Südwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte!

Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurückgelegt, befand er sich über einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten, bekrönten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; Dörfer gab es nur wenige und ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldführenden, einige Grade südlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen Landstriche.

In der Ferne erhob sich, vorläufig nur in verschwindenden Umrissen, eine Reihe von Bergkämmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig leuchtendem Kranze schmückte.

Das waren die Felsengebirge.

Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans eine empfindliche Kälte. Die Erniederung der Temperatur war aber nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne leuchtete fortwährend in hellem Glanze.

»Das wird von der Erhebung des »Albatros« in der Atmosphäre herkommen,« meinte Phil Evans.

In der That war das an der äußeren Seite der Thür des mittleren Ruffs angebrachte Barometer bis auf fünfhundertvierzig Millimeter gesunken – was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef hielt sich also in einer bedeutenden, übrigens durch die gebirgige Bodenbeschaffenheit bedingten Höhe.

Eine Stunde vorher hatte er sogar eine Höhe von viertausend Metern übersteigen müssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem Schnee bedeckte Berghäupter.

Weder Onkel Prudent noch sein Gefährte konnten sich erinnern, welches Land das wohl wäre. Im Laufe der Nacht hatte der »Albatros« ja einen anderen Weg nach Norden oder Süden einhalten können, und bei seiner übermäßigen Schnelligkeit genügte das, sie schon sehr weit zu verschlagen.

Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen besprochen, einigten sie sich darüber, daß das vorliegende, von einem kreisförmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches durch Congreßacte vom März 1872 zum Nationalpark der Vereinigten Staaten erklärt worden war.

Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollständig den Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hügel, mit Seen statt der Teiche, mit Strömen statt der Bäche, mit tiefen Wäldern statt künstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmückten denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher Mächtigkeit.

Nach wenig Minuten glitt der »Albatros«, den Stevensonberg rechts liegend lassend, über den Yellowstone-Fluß hin und gelangte nach dem großen See, der den Namen jenes Flusses trägt. Welch’ reiche Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit Obsidianen und kleinen Krystallen besäete Ränder die Sonnenstrahlen in unzähligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln über seine Fläche zerstreut! Wie wunderbar blau wirst dieser Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurück! Und rings um diesen See – übrigens einer der höchstgelegenen der ganzen Erde – schwammen und flatterten ganze Wolken verschiedener Vögel, wie Pelikane, Schwäne, Möven, Gänse, Rothgänse und Tauchervögel. Einige der Strecken des steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrünes Gewand von Fichten- und Lärchenbäumen, während am Fuße seiner Böschungen unzählige weiße Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des Erdinneren in fortwährendem Sieden erhalten wird.

Für den Koch wäre jetzt oder niemals eine günstige Gelegenheit gewesen, sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden, ernährt. Der »Albatros hielt sich jedoch stets in einer solcher Höhe, daß ein Fischzug, der unzweifelhaft von einträglichstem Erfolge gewesen wäre, sich nicht hätte ausführen lassen.

Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden, und wenig später das Gebiet der Geyser, die mit den schönsten in Island wetteifern, überschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt, beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flüssigen Säulen, die hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues Kraftelement zuführen. Es waren das der »Fächer«, dessen Dämpfe sich kreisförmig ausbreiten; »das befestigte Schloß«, das sich gleichsam durch Trombenschüsse zu vertheidigen scheint; »der alte Treue« mit seiner von Regenbogen begrenzten Flüssigkeitssäule, und »der Riese«, durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fünfundzwanzig Fuß Umfang auf mehr als zweihundert Fuß Höhe emporschleudert. Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewiß in der Welt einzig dasteht, schon zur Genüge zu kennen, denn er erschien nicht auf dem Verdeck.

Sollte er den Aeronef nur zum Vergnügen seiner Gäste über dieses National-Eigenthum hingeführt haben? Wenn diese Voraussetzung auch vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er ließ sich nicht einmal durch die kühne Fahrt quer durch die Felsengebirge, welche der »Albatros« gegen sieben Uhr Morgens erreichte, aus seiner Ruhe stören

Es ist bekannt, daß dieses orographische System sich gleich einem gewaltigen Rückgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexicanischen Anden bildet. Das Ganze erreicht eine Länge von dreitausendfünfhundert Kilometern und hat seinen höchsten Punkt im Pic-James, der bis fast zwölftausend Fuß hoch aufragt.

Gewiß hätte der »Albatros« durch Vermehrung seiner Flügelschläge, gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die höchsten Gipfel dieser Ketten überfliegen können, um dann wie mit Riesenschwingen nach Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Manöver war aber nicht einmal nothwendig, da es hier Pässe giebt, um durch die Bergkette zu gelangen, ohne deren Kamm zu übersteigen. Man findet verschiedene solcher »Canons«, eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man nur schwer gelangen kann – die einen, wie der Bridger-Paß, dem auch die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die anderen etwas weiter im Norden oder im Süden.

In einen dieser Canons lenkte der »Albatros« ein, nachdem er seine Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Anstoßen an die Wände der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein sichere Hand die vorzügliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan hätte. Es war in der That bewunderungswürdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den die beiden Feinde des »Schwerer, als die Luft« noch immer empfanden, mußten sie doch entzückt sein über die Vollkommenheit dieser sich durch den Luftraum bewegenden Maschine.

Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige Bergkette durchfahren und der »Albatros« nahm seine gewöhnliche Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er steuerte jetzt auf’s Neue dem Südwesten zu, um nicht gar zu hoch über dem Erdboden das Gebiet von Utah schräg zu durchschneiden. Dabei war er bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die Töne einer Pfeife die Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans erregten.

Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am großen Salzsee zudampfte.

In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der »Albatros« noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinsausenden Zuge zu folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige Köpfe erschienen an den Thüren der Waggons. Dann drängten sich bald zahlreiche Passagiere auf den kleinen Laufbrücken, welche die amerikanischen »Cars« mit einander verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu können. Laute Hips und Hurrahs dröhnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur erscheinen zu lassen.

Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der »Albatros« noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem hätte überholen können, nicht hinter sich zu lassen. So flog er über diesem hin, wie ein ungeheurer Käfer, während er doch hätte einem riesenhaften Raubvogel gleichen können.

Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach links ab, schoß einmal vorwärts und kehrte auf demselben Wege wieder zurück, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne gehißt, worauf der Zugführer als Antwort das Banner mit den siebenunddreißig Sternen der amerikanischen Union schwenkte.

Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende Gelegenheit zu benützen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen geworden wäre. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit Stentorstimme:

»Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!«

Und der Schriftführer:

»Ich bin Phil Evans, sein College!«

Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere des Zugs die merkwürdige Erscheinung des Luftschiffes begrüßten.

Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck desselben erschienen und Einer von ihnen ließ – wie es Seeleute zu thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff überholen – nach dem Zuge ein Stück Tau hinab – ein ironisches Angebot, ihn ins Schlepptau zu nehmen.

Dann nahm der »Albatros« sofort seinen gewöhnlichen Gang wieder an und nach einer halben Stunde hatte er jenen Expreßzug, dessen letzte Dampfwölkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit hinter sich gelassen.

Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr große Scheibe sichtbar, welche die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurückwarf.

»Das muß die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!« sagte Onkel Prudent.

In der That war es die große Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute dieselbe die Strahlen der Sonne nach allen Richtungen hin.

Hier dehnte sich die große Stadt aus am Fuße der Wasatsh-Berge, welche bis zur halben Höhe mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer jenes Jordan, der die Gewässer von Utah in den großen Salzsee ergießt. Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten amerikanischen Städte bilden – hier ein Damenbrett mit »mehr Damen als Feldern«, da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blüthe steht. Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, während sich Schafheerden von mehr als tausend Köpfen vielfach umhertummelten.

Aber das Ganze verblaßte wie ein Schatten, und der »Albatros« flog jetzt nach Südwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich fühlbar wurde, weil sie die des Windes übertraf.

Bald darauf schwebte der Aeronef über dem Staate Nevada und seinen silberführenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldführenden Ländereien Californiens trennt.

»Wir können auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend zu sehen, sagte Phil Evans.

– Und dann?…« antwortete Onkel Prudent.

Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch denselben Einschnitt von Truckie überschritten wurde, der auch der Bahn als Bergpaß dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert Kilometer zurückzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen.

Die dem »Albatros« jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so große, daß noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden.

Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen gingen auf ihn zu.

»Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz könnte nun sein Ende finden.

– Ich scherze nie,« antwortete Robur.

Er gab ein Zeichen; der »Albatros« senkte sich schnell abwärts, doch gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, daß sich Alle in die Ruffs flüchten mußten.

Kaum hatte sich die Thür der Cabine hinter den beiden Collegen geschlossen, als Onkel Prudent rief:

»Nur noch etwas mehr und ich erwürge ihn!

– Wir müssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans.

– Ja… es koste, was es wolle!«

Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein.

Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Küstenfelsen brandete. Es war der Pacifische Ocean.

Neuntes Capitel

In dem der »Albatros« fast zehntausend Kilometer zurücklegt und das mit einem merkwürdigen Sprunge endigt.

Onkel Prudent und Phil Evans waren fest entschlossen, zu fliehen. Hätten sie es nur zu Dreien mit den acht, allerdings sehr kräftigen Männern zu thun gehabt, welche die Besatzung des Aeronefs bildeten, so würden sie den Kampf vielleicht gewagt haben. Ein kühner Handstreich hätte sie zu Herren an Bord gemacht und ihnen die Möglichkeit gegeben, an einem beliebigen Punkte der Vereinigten Staaten niederzugehen. Zu Zweien aber – denn Frycollin konnte ja nur als verschwindende Größe gezählt werden – war daran nicht wohl zu denken; da jede Gewaltanwendung also ausgeschlossen blieb, mußten sie, sobald der »Albatros« einmal zur Erde hinabging, zur List ihre Zuflucht nehmen. Das bemühte sich auch Phil Evans seinem wuthschnaubenden Collegen beizubringen, da er von diesem immer noch eine gewaltthätige Uebereilung fürchtete, welche ihre Lage nur verschlimmern konnte.

Jedenfalls war jetzt kein günstiger Augenblick. Der Aeronef glitt in schnellster Gangart eben über den Nordpacifischen Ocean hin. Schon am nächsten Morgen, dem des 16. Juni, sah man nichts von der Küste, und da diese von der Insel Vancouver bis zur Gruppe der Alnuten – das ist der früheren russischen Besitzung in Amerika, welche 1867 an die Vereinigten Staaten abgetreten wurde – in einem großen Bogen verläuft, so hatte es den Anschein, als ob der »Albatros« letztere an dem vorspringenden Bogentheile kreuzen sollte, wenigstens wenn die jetzt eingehaltene Fahrtrichtung nicht verändert wurde.

Wie lang erschienen die Nächte jetzt den beiden Collegen! Sie beeilten sich auch jeden Morgen, ihre Cabine zu verlassen. Als sie heute nach dem Deck kamen, war der Horizont im Osten schon vollständig hell. Man näherte sich ja der Sommersonnenwende, dem längsten Tage auf der nördlichen Halbkugel, an dem es unter dem sechzigsten Breitengrade eigentlich kaum Nacht wird.

Der Ingenieur Robur dagegen schien – ob aus Gewohnheit oder mit Absicht – keine besondere Eile zu haben, seinen Ruff zu verlassen; und als das heute endlich geschah, begnügte er sich, seine beiden Gäste zu begrüßen, als er auf dem Hintertheile des Aeronef ihren Weg kreuzte.

Inzwischen hatte sich auch Frycollin mit vor Schlaflosigkeit gerötheten Augen, glanzlosem Blicke und schlotternden Beinen aus seiner Cabine gewagt. Er ging dahin, wie Einer, dessen Fuß es empfindet, daß dem Boden darunter nicht recht zu trauen ist. Sein erster Blick richtete sich nach der Auftriebsmaschinerie, die, ohne sich zu beeilen, mit beruhigender Regelmäßigkeit arbeitete.

Danach begab sich der immerfort schwankende Neger nach der Reeling und ergriff diese mit beiden Händen, um sich mehr Gleichgewicht zu sichern. Offenbar wünschte er einen Ueberblick über das Land zu gewinnen, das der »Albatros« jetzt in der Höhe von höchstens zweihundert Metern überflog.

Frycollin hatte sich tüchtig zusammennehmen müssen, um einen solchen Versuch zu wagen. Es bedurfte ja, seiner Meinung nach, einer gewissen Kühnheit, seine werthe Person einer solchen Gefahr auszusetzen.

Vor der Reeling stehend, hielt Frycollin erst den Körper nach rückwärts geneigt, dann schüttelte er an derselben, um ihre Haltbarkeit zu prüfen; nachher richtete er sich auf, beugte sich etwas nach vorwärts und steckte endlich den Kopf ein wenig hinaus. Wir brauchen wohl nicht zu bemerken, daß er während der Dauer dieses Experimentes beide Augen fest geschlossen hielt. Endlich öffnete er dieselben.

Hei, wie schrie er da laut, wie flog er eiligst zurück und wie verkroch sich sein Kopf zwischen den Schultern!

Unter dem Abgrunde hatte er den ungeheuren Ocean erblickt. Wären seine Haare nicht zu kraus gewesen, sie hätten sich gewiß über der Stirn gesträubt.

»Das Meer! Das Meer!…« schrie er auf.

Frycollin wäre lang auf das Verdeck hingestürzt, wenn der Koch nicht die Arme ausgebreitet hätte, ihn aufzufangen.

Dieser Koch war ein Franzose, vielleicht ein Gascogner, obwohl er sich François Tapage nannte. Wenn er nicht Gascogner war, so mußte er während seiner Kindheit die Brisen der Garonne eingesaugt haben. Wie dieser François Tapage aber in die Dienste des Ingenieurs gekommen, durch welche Reihe von Zufälligkeiten er unter die Mannschaft des »Albatros« gerathen war, das wußte kein Mensch. Jedenfalls sprach dieser Schlaukopf englisch trotz jedem Yankee.

»Heda, aufrecht, zum Teufel, herauf! rief er, den Neger mit kräftigem Handgriffe aufrichtend.

– Master Tapage!… antwortete der arme Teufel, einen verzweiflungsvollen Blick nach den Schrauben werfend.

– Was willst Du denn, Frycollin?

– Geht das manchmal entzwei?

– Manchmal nicht, aber es wird einmal entzwei gehen.

– Warum?… Warum denn?…

– Weil zuletzt Alles einmal zum Kuckuk geht, wie man bei mir zu Hause sagt.

– Ja, aber da ist ja das Meer darunter?…

– Im Fall eines Sturzes ist das viel besser.

– Doch da muß man ertrinken!

– Man ertrinkt freilich, aber man behält seine ganzen Knochen«, erwiderte François Tapage zuversichtlich.

Wie eine Schlange dahinkriechend, war Frycollin gleich darauf tief hinein in seine Cabine geschlichen.

Im Laufe des 16. Juni hielt der Aeronef nur eine mittlere Geschwindigkeit ein. Er schien an der Oberfläche dieses so ruhigen Meeres, das im vollen Sonnenschein glänzte, fast hinzustreichen, da er sich kaum hundert Fuß über demselben hielt.

Heute nun waren Onkel Prudent und sein Gefährte in ihrer Cabine zurückgeblieben, um Robur nicht zu begegnen, der rauchend, bald allein, bald mit seinem Obersteuermann Tom Turner, auf dem Deck umherging. Nur die halbe Anzahl Schrauben war in Thätigkeit, doch das genügte schon, den Apparat in den niedrigeren Zonen der Atmosphäre zu erhalten.

Unter diesen Verhältnissen hätte die Mannschaft außer dem Vergnügen eines Fischzuges sich noch die Befriedigung bereiten können, in ihren gewohnten Speisezettel eine Abwechslung zu bringen, wenn das Wasser des Stillen Oceans fischreich genug wäre. Auf dessen Oberfläche zeigten sich aber nur einzelne Walfische, von der Art mit gelbem Bauche, welche gegen fünfundzwanzig Meter in der Länge mißt. Gerade diese kennt man als die furchtbarsten Celaceer der nördlichen Meere. Die Fischer von Beruf hüten sich weislich, dieselben anzugreifen, so gefährlich können diese Thiere werden.

Immerhin konnte man wohl die Harpunirung eines jener Walfische entweder mit der Fletcher’schen Rakete oder mit der Wurfbombe versuchen, und von beiden hatte man eine Auswahl an Bord.

Wozu aber diese unnütze Schlächterei? Wahrscheinlich wollte Robur nur den beiden Mitgliedern des Weldon-Instituts zeigen, wozu er seinen Aeronef Alles verwenden könne, und deshalb sollte auf einen der gewaltigen Cetaceer Jagd gemacht werden.

Auf den Ruf: »Walfische! Walfische!« eilten Onkel Prudent und Phil Evans aus ihren Cabinen. Vielleicht war ein Schiff, ein sogenannter Walfischfahrer, in Sicht. In diesem Falle wären Beide, um ihrem Gefängnisse zu entfliehen, entschlossen gewesen, sich ins Meer zu stürzen, auf die schwache Hoffnung hin, von einem Fahrzeug aufgenommen zu werden.

Schon stand die ganze Mannschaft des »Albatros« geordnet und jedes Befehls gewärtig auf dem Verdeck und wartete.

»Wir wollen’s also versuchen, Master Robur? fragte der Obersteuermann Tom Turner.

– Ja, Tom,« antwortete der Ingenieur.

In den Ruffs für die Maschinerie standen der Mechaniker und seine Gehilfen auf Posten, um jedes Manöver auszuführen, das ihnen durch Zeichen anbefohlen wurde. Der »Albatros« senkte sich sofort nach dem Meere zu und hielt etwa fünfzig Fuß darüber an.

Wie die beiden Collegen sich überzeugen konnten, war hier kein Schiff in Sicht, so wenig wie eine Küste, welche sie hätten schwimmend erreichen können, vorausgesetzt, daß Robur sie nicht wieder ergreifen ließ.

Mehrere Dunst- und Wasserstrahlen, welche sie durch die Nasenlöcher austrieben, verkündeten die Anwesenheit von Walfischen, welche, um zu athmen, einmal auf die Oberfläche kamen.

Tom Turner hatte sich, unterstützt von einem seiner Kameraden, am Vordertheil aufgestellt. Ihm nahe zur Hand lag eine jener Wurfbomben californischen Fabrikats, welche mit einer Art Büchse abgeschossen werden. Jene besteht aus einem Metallcylinder, der mit einer ebenso geformten Bombe endigt, welche in eine Stange mit widerhakigen Spitzen ausläuft. Von dem Vordercastell aus, das er eben bestieg, gab Robur mit der rechten Hand dem Mechaniker und mit der linken Hand dem Steuermann die nöthigen Zeichen, wie sie manövriren sollten; so beherrschte er den Aeronef sowohl in wagrechter, wie in senkrechter Richtung.

»Ein Walfisch!… Ein Walfisch!« rief Tom Turner noch einmal.

Eben tauchte wirklich der Rücken eines solchen Cetaceers etwa vier Kabellängen vor dem »Albatros« auf.

Der Aeronef stürzte gleichsam auf ihn zu und hielt, als er sich kaum noch sechzig Fuß über dem Thiere befand, schnell an.

Tom Turner hatte seine, in einer an der Reeling befestigten Gabel liegende Büchse angeschlagen. Der Schuß krachte und das Geschoß, das eine lange, mit ihrem Ende am Verdeck angebundene Leine mit sich riß, schlug in den Körper des Walfisches ein. Die mit leicht entzündlichen Stoffen gefüllte Bombe explodirte und schleuderte dabei eine Art kleinere, zweiarmige Harpune, die sich in das Fleisch des Thieres einkrallte.

»Achtung!« rief Tom Turner.

Trotz ihrer herzlich schlechten Laune betrachteten Onkel Prudent und Phil Evans dieses Schauspiel doch mit aufrichtigem Interesse.

Der schwer verwundete Walfisch hatte das Meer mit dem Schwanze so furchtbar gepeitscht, daß das Wasser bis zum Vordertheil des Aeronefs hinausspritzte; dann tauchte derselbe bis zu großer Tiefe hinab, während man die Leine schnell nachgleiten ließ; letztere war übrigens in einem mit Wasser gefüllten Fasse zusammengelegt, um durch die Reibung nicht Feuer zu fangen. Als der Walfisch wieder an die Oberfläche kam, suchte er so schnell als möglich in der Richtung nach Norden zu entfliehen.

Der Leser kann sich leicht vorstellen, mit welch’ rasender Schnelligkeit der »Albatros« dabei geschleppt wurde, denn die Triebschrauben waren vorher angehalten worden. Man überließ das Thier ganz sich selbst und hielt sich nur in gleicher Linie mit ihm. Tom Turner stand bereit, die Leine zu kappen, wenn ein erneuertes Tauchen dieses Schleppen gefährlich machte.

So wurde der »Albatros« etwa eine halbe Stunde lang und vielleicht eine Entfernung von sechs Meilen weit hingezerrt; dann merkte man aber, daß der Cetaceer zu erlahmen anfing.

Jetzt ließen die Hilfsmaschinisten das Triebwerk nach rückwärts arbeiten und die Triebschrauben setzten dem Walfisch, der sich dem Bord mehr und mehr näherte, einen gewissen Widerstand entgegen.

Bald schwebte der Aeronef nur noch fünfundzwanzig Fuß über demselben; noch immer peitschte sein Schweif das Wasser mit fast unglaublicher Gewalt, und wenn er sich vom Bauch auf den Rücken drehte, wühlte das Thier eine wirkliche Brandung auf.

Plötzlich richtete es sich, so zu sagen, gerade in die Höhe und tauchte mit solcher Schnelligkeit unter, daß Tom Turner kaum Zeit hatte, ihm die Leine gehörig nachschießen zu lassen. Mit einem Male wurde der Aeronef bis zur Wasserfläche herabgezerrt; an der Stelle, wo das Thier verschwunden war, hatte sich ein vollständiger Wirbel gebildet, und über die Reeling hinein schlug das Wasser, wie es über den Bug eines Schiffes geht, das gegen Wind und Wellen läuft.

Glücklicher Weise trennte Tom Turner noch rechtzeitig mit einem Axthiebe die Leine, und der nun befreite »Albatros« stieg unter dem Drucke seiner Auftriebschrauben zweihundert Meter empor.

Auch während dieses aufregenden Zwischenfalls hatte Robur den Apparat geleitet, ohne daß ihn seine Kaltblütigkeit nur einen Augenblick verlassen hätte.

Einige Minuten später kam der Walfisch wieder an die Oberfläche – diesmal aber todt.

Von allen Seiten flatterten die Seevögel herzu, um sich des Cadavers zu bemächtigen, und stießen Schreie aus, welche einen sich zankenden Congreß taub gemacht hätten.

Der »Albatros«, der mit der todten Beute doch nichts beginnen konnte, setzte seinen Weg nach Westen fort.

Am folgenden Tage, am 17. Juni, Morgens um sechs Uhr, erstreckte sich am Horizonte Land hin. Es war die Halbinsel Aljaska und die lange Klippenreihe der Alëuten.

Der »Albatros« zog über dieser Barriere hin, an der es von Pelzseehunden wimmelte, welche die Alëutier für Rechnung der russisch-amerikanischen Gesellschaft jagen. Der Fang dieser sechs bis sieben Fuß langen, fast rosenrothen und zwei-, drei- bis fünfhundert Pfund wiegenden Amphibien ist für sie ein sehr gutes Geschäft. Dieselben lagen hier in endloser Reihe wie in Schlachtordnung und in Abertausenden von Exemplaren.

Wenn sie sich durch das Vorüberkommen des »Albatros« nicht in ihrer phlegmatischen Ruhe stören ließen, so war das nicht der Fall mit den Tauchervögeln, Polarenten und Eistauchern, deren heiseres Geschrei die Luft erfüllte und welche unter dem Wasser verschwanden, als ob ein entsetzliches Luftungeheuer sie bedrohte.

Die zweitausend Kilometer des Behrings-Meeres von den ersten Alëuten bis zur äußersten Spitze von Kamtschatka wurden während der vierundzwanzig Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht zurückgelegt. Um ihren Fluchtplan ins Werk zu setzen, befanden sich Onkel Prudent und Phil Evans nicht gerade in günstigsten Verhältnissen, denn weder an dem öden Strande des nördlichsten Asiens, noch über dem Ochotskischen Meere hätten sie mit auch nur einiger Aussicht auf glücklichen Erfolg entweichen können.

Allem Anscheine nach wandte sich der »Albatros« nach der Gegend von Japan oder China zu. Wenn es auch nicht sehr weise sein mochte, sich auf die Unterstützung von Chinesen oder Japanesen zu verlassen, waren die beiden Collegen doch fest entschlossen, zu fliehen, wenn der Aeronef an irgend einem Punkte dieser Länder anhalten sollte.

Doch würde er denn Halt machen? Es lag ja bei ihm nicht so, wie bei einem Vogel, der durch langen Flug endlich ermüdet, oder wie bei einem Ballon, der wegen Gasmangel genöthigt wird, einmal niederzugehen. Der Aeronef besaß noch für mehrere Wochen aushaltende Vorräthe aller Art, und seine Organe von wunderbarer Solidität straften jede Erwartung auf Schwäche oder Trägheit Lügen.

Nach scharfer Fahrt über die Halbinsel Kamtschatka, von der man kaum die Niederlassung von Petropaulowsk und den Vulcan von Klutschew sah, und nach der weiteren über das Ochotskische Meer, nahezu in der Höhe der Kurilen, welche darin einen von Hunderten von Canälen unterbrochenen Damm bilden, erreichte der »Albatros« am 19. Juni die La Pérouse-Straße zwischen der Nordspitze von Japan und der Insel Sachalin an dem kleinen Einschnitt, in welchen sich der große sibirische Strom, der Amur, ergießt.

Nachher erhob sich ein dichter Nebel, den der Aeronef unter sich lassen wollte, wenn er auch nicht gezwungen war, denselben zu meiden, um weiter zu fahren, denn in der von ihm jetzt eingenommenen Höhe hatte er kein Hinderniß zu fürchten, weder höhere Bauwerke, an welche er hätte anstoßen können, noch Berge, an welchen er sich im Fluge zu zertrümmern Gefahr gelaufen wäre. Das Land war kaum wellenförmiger Natur. Die Dünste machten sich aber doch zu unangenehm fühlbar, da sie Alles an Bord durchnäßten.

Es bedurfte ja nichts weiter, als sich über diese Nebelschicht, welche drei- bis vierhundert Meter stark sein mochte, zu erheben. Die Schrauben wurden also in schnelle Umdrehung versetzt, und oberhalb des Nebels fand der »Albatros« wieder den reinen, vom Sonnenlicht gebadeten Himmel.

Unter diesen Verhältnissen hätten Onkel Prudent und Phil Evans Mühe gehabt, ihren Fluchtversuch auszuführen, selbst wenn sie den Aeronef hätten verlassen können.

An diesem Tage blieb Robur, als er einmal an ihnen vorüberkam, wie zufällig stehen und sagte, ohne äußerlich seinen Worten besondere Bedeutung beizulegen:

»Meine Herren, ein Segel- oder Dampfschiff, das in einen Nebel gerieth, dem es nicht entrinnen kann, ist immer sehr genirt, es fährt nur unter fortwährendem Pfeifen oder unter den Tönen des Nebelhorns weiter. Es muß seine Fortbewegung verlangsamen und hat trotz aller Vorsicht jeden Augenblick eine Collision zu befürchten. Der »Albatros« kennt solche Sorgen nicht. Was kümmern ihn die Nebel, da er sich ihnen entziehen kann? Ihm gehört das Luftmeer, die ganze weite Atmosphäre!«

Nach diesen Worten ging Robur ruhig weiter, ohne eine Antwort abzuwarten, die er auch gar nicht verlangte, und die blauen Wölkchen seiner Pfeife zerflossen im Azur.

»Onkel Prudent, begann da Phil Evans, erscheint, als ob dieser merkwürdige »Albatros« ganz und gar nichts zu fürchten habe.

– Das werden wir noch sehen!« antwortete der Vorsitzende des Weldon-Instituts.

Der Nebel hielt drei Tage lang, den 19., 20. und 21. Juni, mit beklagenswerther Zähigkeit an. Man hatte hoch steigen müssen, um die japanesischen Gebirge von Fusi-Yama zu vermeiden. Als dieser Nebelvorhang aber zerrissen war, gewahrte man eine ungeheure Stadt mit Palästen, Villen, Thürmchen, Gärten und Parks. Selbst ohne dieselben zu sehen, hätte Robur sie schon erkannt an dem Gebell der Tausende von Hunden, an dem Schreien der Raubvögel und vor Allem an dem Leichengeruch, den die Körper von Hingerichteten in weitem Umkreise verbreiteten.

Die beiden Collegen befanden sich auf dem Deck, als der Ingenieur eben das Besteck machte, für den Fall, daß er seine Fahrt wieder im Nebel fortzusetzen gezwungen wäre.

»Meine Herren, begann er, ich habe keinen Grund, Ihnen zu verheimlichen, daß diese Stadt Yeddo, die Hauptstadt von Japan ist.«

Onkel Prudent antwortete nicht. In Gegenwart des Ingenieurs keuchte er nur, als wenn es seinen Lungen an Luft fehlte.

»Dieser Anblick Yeddos ist wirklich recht merkwürdig.

– So merkwürdig er auch sein mag…, versetzte Phil Evans.

– So bleibt er doch hinter dem von Peking zurück, unterbrach ihn der Ingenieur. Das ist meine Meinung auch, und Sie werden binnen Kurzem selbst darüber urtheilen können.«

Unmöglich hätte der Mann liebenswürdiger sein können.

Der »Albatros«, der bisher auf Südost zuhielt, veränderte jetzt seine Richtung um vier Compaßstriche, um im Osten eine neue Route aufzusuchen.

Während der Nacht zerstreute sich der Nebel, dagegen erschienen Anzeichen eines nicht weit entfernten Typhons, denn der Barometer fiel sehr rasch, alle Dunstmassen verschwanden, am fast kupferfarbenen Grunde des Himmels ballten sich große elliptische Wolken zusammen und am entgegengesetzten Horizont glühten lange, carminrothe Streifen, die sich vom schieferblauen Himmel abhoben, im Norden aber war ein Theil des Himmels völlig klar. Das Meer lag zwar still, sein Wasser nahm jedoch mit Sonnenuntergang eine dunkle Scharlachfarbe an.

Zum Glück entfesselte sich dieser Typhon mehr im Süden und hatte hier keine weiteren Folgen, als daß er die seit drei Tagen angehäuften Nebelmassen zertheilte.

Binnen einer Stunde hatte man die zweihundert Kilometer der Meerenge von Korea und nachher die vorspringendste Spitze dieser Halbinsel überschritten; während der Typhon an den Südostküsten von China wüthete, wiegte sich der »Albatros« über dem Gelben Meere, und während des 22. und 23. über dem Golf von Petscheli; am 24. glitt er das Thal des Pei-Ho hinauf und gelangte endlich über die Hauptstadt des Himmlischen Reiches.

Ueber die Reeling hinausgebeugt, konnten die beiden Collegen – wie es der Ingenieur vorausgesagt – sehr deutlich die ungeheure Stadt sehen, die Mauer, welche sie in zwei ungleiche Hälften, die Mandschu-und die Chinesenstadt, theilt, ebenso wie die zwölf sie umgebenden Vorstädte, die breiten, nach dem Mittelpunkte zu verlaufenden Alleestraßen, die Tempel, deren gelbe oder grüne Dächer in der aufgehenden Sonne erglänzten, die Parks, welche sich um die Paläste der Mandarinen ausdehnen; ferner, inmitten der Mandschustadt, die sechshundertachtundsechzig Hektar (= 1/8 geographische Quadratmeile) große Gelbe Stadt mit ihren Pagoden, ihren kaiserlichen Gärten, künstlichen Seen, dem die ganze Stadt überragenden Kohlenberge, und endlich unterschieden sie in der Mitte der Gelben Stadt, gleich einer jener wunderbaren chinesischen in einander geschachtelten Arbeiten, die Rothe Stadt, d. i. den eigentlichen Kaiserpalast, mit allen Phantasien seiner fast unglaublichen Architektur.

Eben jetzt ertönte die Luft unter dem »Albatros« von einer seltsamen Harmonie; man hätte ein Concert von Aeolsharfen zu hören vermeint. In der Luft schwankten nämlich gegen hundert verschieden geformte Drachen aus Palmen- oder Pandanuspapier umher, deren oberer Theil eine Art leichten hölzernen Bogens bildete, welcher durch ein ganz dünnes Bambusstäbchen gespannt erhalten wurde. Unter dem schwachen Windhauche erzeugten alle diese saitenartigen, verschiedene, denen einer Harmonika ähnliche Töne gebenden Stäbchen ein leises Gesumme von höchst melancholischer Wirkung. Es machte den Eindruck, als ob man hier in der Höhe – musikalischen Sauerstoff einathme.

Da fiel es Robur ein, sich diesem Luftorchester zu nähern, und langsam tauchte der »Albatros« in die tönenden Wellen herab, welche die Drachen nach der Atmosphäre entsandten.

Plötzlich entstand in der fast zahllosen Bevölkerung tief unten eine außerordentliche Aufregung. Tamtamschläge und andere entsetzliche Instrumente des chinesischen Orchesters erschallten, Flintenschüsse krachten und hundertfach hämmerten die Leute auf großen Mörsern herum, Alles in der Absicht, den Aeronef zu verjagen.

Wenn die Sternkundigen des chinesischen Reiches an diesem Tage vielleicht erkannten, daß diese Flugmaschine die veranlassende Ursache zu so vielen Streitigkeiten der ganzen gelehrten Welt gewesen sein möchte, so hielten die Millionen Chinesen vom niedrigsten Manne bis zum vielknöpfigen Mandarin sie jedenfalls für ein apokalyptisches Ungeheuer, das am Himmel Buddhas erschien.

In dem unnahbaren »Albatros« kümmerte sich natürlich Niemand um jene lärmenden Kundgebungen. Die Bindfäden aber, welche die Drachen an kleinen in den kaiserlichen Gärten eingerammten Pfählen festhielten, wurden entweder zerschnitten oder schnell eingezogen. Die leichten »Spielzeuge«, wie wir sagen würden, kamen dadurch, einen nur noch lauteren Ton gebend, entweder rasch zur Erde, oder sie fielen herab, gleich flügellahm geschossenen Vögeln, deren Gesang mit dem letzten Athemzuge verstummt.

Da dröhnte eine gewaltige Fanfare aus der Trompete Tom Turner’s über der Hauptstadt und übertäubte die letzten Klänge jenes Lufttonwerks, doch das machte dem Gewehrfeuer unten kein Ende. Als aber eine Sprengkugel nur einige zwanzig Fuß vom Verdeck des »Albatros« platzte, stieg dieser nach den unerreichbaren Zonen des Himmels empor.

Im Laufe der nächfolgenden Tage ereignete sich kein Zwischenfall, den sich die Gefangenen hätten zu nutze machen können. Die Richtung des Aeronefs blieb unabänderlich eine südwestliche, was darauf hindeutete, daß er sich Hindostan nähern sollte. Uebrigens bemerkte man, daß der fortwährend höher aufsteigende Erdboden den »Albatros« nöthigte, sich nach den Linien seines Profils zu richten. Etwa zehn Stunden nach der Weiterfahrt von Peking konnten Onkel Prudent und Phil Evans an der Grenze von Chen-Si einen Theil der Großen Mauer erkennen. Dann kamen sie, unter Umgehung der Bung-Berge, über und durch das Thal von Wany-Ho und überschritten die Grenze des chinesischen Kaiserreichs da, wo dieses mit Tibet zusammenstößt.

Tibet bildet eine vegetationslose Hochebene, da und dort mit schneebedeckten Gipfeln, trockenen Schluchten oder von Gletschern genährten Bergströmen, mit Abgründen, aus welchen mächtige Salzlager heraufschimmern, und mit vielen, von grünenden Forsten eingerahmten Seebecken.

Das auf vierhundertundfünfzig Millimeter gesunkene Wetterglas zeigte jetzt eine Höhe von viertausend Metern über dem Meere an. In dieser Höhe überschritt die Temperatur, obgleich man sich jetzt in den wärmsten Monaten der nördlichen Halbkugel befand, nicht den Gefrierpunkt. Diese starke Abkühlung im Verein mit der Schnelligkeit des »Albatros« machte die Situation fast unerträglich, und obwohl die beiden Collegen warme Reisedecken zur Verfügung hatten, zogen sie es doch vor, in ihre Ruffs zurückzukehren.

Selbstverständlich mußte den Auftriebsschrauben eine außerordentliche Schnelligkeit ertheilt werden, um den Aeronef in der recht verdünnten Luft zu erhalten. Diese arbeiteten jedoch in vorzüglichstem Zusammenwirken, und es schien, als ob die Insassen des Apparats durch das Schwirren ihrer Flügel gewiegt würden.

An diesem Tage sah Garlok, eine Stadt des nördlichen Tibet und der Hauptort der Provinz Gavi-Khorsum, den »Albatros« etwa in der Größe einer Brieftaube vorüberschweben.

Am 27. Juni bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gewaltigen Damm mit verschiedenen, in ewigem Schnee verlorenen Spitzen, der den Horizont begrenzte.

An das Ruff auf dem Vordertheil gelehnt, um dem Luftdruck bei der so schnellen Fortbewegung widerstehen zu können, sahen Beide die kolossalen Bergmassen, welche dem Aeronef vorauszulaufen schienen.

»Jedenfalls der Himalaya, sagte Phil Evans, wahrscheinlich wird Robur nur den unteren Theil desselben umkreisen, ohne nach Indien einzudringen.

– Desto schlimmer, antwortete Onkel Prudent, auf diesem ungeheuren Gebiete hätten wir vielleicht Gelegenheit –

– Wenigstens, wenn er um die Bergkette nicht über Birma im Osten oder über Nepal im Westen fährt.

– Ich möchte darauf wetten, daß er über dieselben gehen wird.

– Jedenfalls!« ließ sich da eine Stimme vernehmen.

Am folgenden Tage, am 28. Juni, befand sich der »Albatros« über der Provinz Zyang gegenüber jenen gewaltigen Bergmassen. An der anderen Seite des Himalaya lag das Gebiet von Nepal.

Wenn man von Norden kommt, schneiden nacheinander drei Gebirgsketten den Weg nach Indien.

Die beiden nördlichen, zwischen denen der »Albatros« wie ein Schiff zwischen ungeheuren Klippen dahinglitt, sind die ersten Stufen des Grenzwalles im Süden von Central-Asien. Der Kuen-Lün und nach diesem der Karakorum bezeichnen zuerst dieses längliche und mit dem Himalaya parallel verlaufende Thal, ungefähr in jener Höhenlage, in welcher sich die Stromgebiete des Indus im Westen und des Brahmaputra im Osten abgabeln.

Welch’ wunderbares orographisches System! Hier ragen über zweihundert schon gemessene Gipfel auf, von denen siebzehn fünfundzwanzigtausend Fuß übersteigen! Vor dem »Albatros« erhob sich der Mount Everest auf achttausendachthundertvierzig Meter Höhe; ihm zur Rechten der Dawalaghiri, achttausendzweihundert Meter hoch; zur Linken der Kinahanjunga, achttausendfünfhundertzweiundneunzig Meter, der also seit den letzten genaueren Messungen des Mount Everest nur noch die zweite Stelle einnimmt.

Offenbar hatte Robur nicht die Absicht, über jene Gipfel hinwegzugehen, sondern er kannte zweifelsohne schon die verschiedenen Pässe des Himalaya, unter Anderen den Ibi-Yamin-Paß, den die Gebrüder Schlagintweit 1856 in einer Höhe von sechstausendachthundert Metern überschritten haben; wenigstens hielt er entschlossen auf diesen zu.

Jetzt kamen einige ängstliche, selbst sehr beschwerliche Stunden, und wenn die Verdünnung der Luft auch nicht einen solchen Grad erreichte, daß man zu eigens dafür construirten Apparaten hätte greifen müssen, den Sauerstoff in den Cabinen zu erneuern, so wurde die Kälte doch höchst beschwerlich.

Auf dem Vordertheile stehend und die kräftige Gestalt in einen Mantel gehüllt, leitete Robur alle Manöver. Tom Turner hielt die Barre des Steuerruders fest in der Hand. Der Maschinist überwachte aufmerksam seine Batterien, von deren Säuren glücklicher Weise ein Einfrieren nicht zu befürchten war. Die zur allergrößten Umdrehungsgeschwindigkeit angetriebenen Schrauben gaben einen schärfer werdenden Ton, der trotz der höchst dünnen Luft laut vernehmbar blieb. Das Barometer fiel auf zweihundertneunzig Millimeter, was eine Höhe von siebentausend Metern anzeigte.

Wie prachtvoll lag dieses Chaos von Bergriesen hier vor den erstaunten Blicken ausgebreitet! Ueberall weißglänzende Gipfel, keine Seen, aber gewaltige schimmernde Gletscher, die bis auf zehntausend Fuß Höhe hinabreichen. Kein Gras, außer einigen dürftigen Kryptogamen an der Grenze des vegetabilischen Lebens, nichts von jenen wunderschönen Fichten und Cedern, die sich an den unteren Abhängen der Kette in herrlichen Wäldern vorfinden; nichts von gigantischen Farren und endlosen Schmarotzerpflanzen, die sich, wie im Unterholz der Dschungeln, von Baum zu Baum hinziehen. Kein Thier, weder wilde Pferde, noch Yaks oder tibetanische Rinder; dann und wann nur eine Gazelle, die sich bis nach diesen Oeden hinein verirrt hatte; keine Vögel, außer einzelnen jener Pärchen Raben welche sich bis zu den letzten Schichten der athembaren Luft erheben.

Nachdem er diesen Paß durchschritten, begann der »Albatros« wieder hinabzusteigen. Als sie dessen Ausgang passirten, hatten die Reisenden, jenseits der Region der Bergwaldung, eine grenzenlose Landschaft vor sich, die sich in weitem Umkreise vor ihnen ausdehnte.

Jetzt trat Robur an seine Gäste heran und sagte mit liebenswürdigem Tone:

»Da haben Sie Indien, meine Herren!«

Zehntes Capitel

Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin ins Schlepptau genommen wurde.

Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte er nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch’ außerordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um davon selbst Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, daß der »Albatros« vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist? Das wird sich später zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich anzuerkennen, daß die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz außerordentliche war, so ließen sie sich davon wenigstens nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren Augen bot, als der »Albatros« den reizenden Landschaften des Pendschab folgte.

Wohl gibt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem gesundheitsschädliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den »Albatros« ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gefährden, er erhob sich ohne große Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni öffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen sich frei läßt! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprüngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird dieselbe bewässert von den launischen Windungen des Flusses, der die Heersäulen Porus’ und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe zusammenstoßen sah. Er füllt noch immer sein Bett, dieser Hydaspis, während die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen Sieg gegründeten beiden Städte so vollständig verschwunden sind, daß man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu finden.

Während dieses Vormittags schwebte der »Albatros« über Srinagar – mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir – hin.

Onkel Prudent und sein Gefährte sahen eine sehr schöne, an beiden Flußufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken gleich ausgespannten Fäden, den Sennhütten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Gebäuden mit berasten Dächern, welche fast das Aussehen großer Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Canälen mit Barken gleich Nußschalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren Palästen, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange der Vorstädte – das Ganze auch noch verdoppelt durch die Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die auf einem Hügel angelegt ist, wie das stärkste Fort von Paris auf dem Mont-Valérien.

»Das wäre Venedig, wenn wir uns in Europa befänden, sagte Phil Evans.

– Und wenn wir in Europa wären, würden wir den Rückweg nach Amerika schon zu finden wissen,« antwortete Onkel Prudent.

Der »Albatros« verweilte nicht über dem See, den der Fluß durchfließt, sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. Während dessen versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe aufgesaugt wurde, welche die Ströme der Accumulatoren in Bewegung setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur wenige Meter über der Oberfläche des Hydaspis und nahe dem Ufer desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter dem Wasser fortschwammen, wie hätte Robur sie wieder ergreifen lassen können? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mußte er sich ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über dem Seebecken halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen Umstände eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustürzen, als sich mehrere Hände fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unmöglichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten sich, die, welche sie hielten, zurückzustoßen – aber es waren handfeste Burschen diese Leute des »Albatros«!

»Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren »Albatros«, so verläßt man diesen nicht so… französisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen denselben überhaupt nicht wieder!«.

Phil Evans zerrte seinen Gefährten, der sich schon zu einem Gewaltacte hinreißen lassen wollte, noch zurück. Beide begaben sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte.

Der »Albatros«, hatte wieder seinen Cours nach Westen eingeschlagen. Während dieses Tages überschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des Königreichs Herat.

In diesen noch immer so umstrittenen Ländern und auf diesem Wege, der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, erschienen große Haufen von Menschen, Colonnen, Gepäckwagen, mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche befindlichen Armee bildet. Man hörte wohl auch Kanonendonner und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage des Ehrgeizes oder der Humanität bildeten. War Herat, wie man sagt, wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch gar nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berührten den furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschließlichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von Sand, wie er in diesen Gegenden so häufig vorkommt. Dieser Sturmwind, der hier »Tebbad« genannt wird, trägt manche Fieberkeime mit dem unwägbar seinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe hätte gefährden können, erhob sich der »Albatros«um zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr gemäßigte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigt, so steigen diese doch nur zu mittlerer Höhe an. Bei der Annäherung an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fuß Teheran erbaut ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem Sand-Samum auf.

Der »Albatros« steuerte so, um über die Stadt hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke seinen Staubes verhüllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man indeß die breiten Gräben erkennen, welche die Umwallung einschließen, und in der Mitte den Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau geschnitten scheinen.

Das schöne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der »Albatros« nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau nach Norden. Einige Stunden später befanden sie sich über einer kleinen Stadt im nördlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer ausgedehnten Wasserfläche, deren Ende weder nach Norden, noch nach Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station Rußlands; die Wasserfläche aber fast ein Meer, nämlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach europäischer Art gebauter Häuser, welche, mit einem sie überragenden Glockenthurm, längs eines Vorgebirges lagen.

Der »Albatros« senkte sich über dieses Meer, dessen Gewässer dreihundert Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend glitt er längs der früher turkestanischen, jetzt aber russischen Küste hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am nächsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter über dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europäischen Seite war hier Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise geschwellte Segel, an deren Formen man erkannte, daß es Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe, mit nur einem Maste, und Teimits, einfache, zur Küstenfahrt oder zum Fischfang benützte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die Ausläufer von Rauchsäulen bis zum »Albatros« empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Rußland zu Polizeizwecken auf den turkomanischen Gewässern unterhält.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch François Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

»Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem Kaspi-See verweilen.

– Schön, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit zu fischen?

– Ganz gewiß.«

Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei zweihundert (englischen) Meilen Breite mißt, zurückzulegen, mußte die Geschwindigkeit des »Albatros« natürlich stark gemäßigt und letzterer während eines vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner’s wurde auch von Phil Evans gehört, der sich gerade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufhörlichen Klagen und bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, daß er ihn »auf der Erde absetzen« lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er unter größter Vorsicht, von Niemand gehört zu werden, die wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

»Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden?

– Gewiß nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das paßt – und wenn er sie uns überhaupt wieder gibt.

– In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den »Albatros« zu verlassen.

– Ein wundervoller Apparat, das muß man wohl zugestehen!

– Das ist ja möglich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurückhält. Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu vernichten…

– Beginnen wir damit, uns zu retten!… antwortete Phil Evans, wir werden ja später sehen.

– Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach fährt der »Albatros« über den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Süden von Rußland nach Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fuß setzen mögen, bis zum Atlantischen Ocean hin wäre unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns also jede Stunde bereit halten.

– Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen können?

– Hören Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor, daß der »Albatros« während der Nacht nur wenige hundert Fuß über dem Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von dieser Länge, und mit einiger Kühnheit könnte man sich wohl hinabgleiten lassen…

– Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich nicht zaudern…

– Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch hinzu, daß während der Nacht außer dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gewöhnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und gehört zu werden, dürfte es möglich sein, desselbe aufzurollen…

– Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans, ich sehe mit Vergnügen, Onkel Prudent, daß Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der »Albatros« wird noch tiefer hinabgehen und während des Fischzuges anhalten… Könnten wir daraus keinen Vortheil ziehen?…

– Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, überwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben’s ja gesehen, als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen.

– Und wer sagt, daß wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind? erwiderte Phil Evans.

– Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende machen mit diesem »Albatros« und seinem Besitzer!«

Man sieht, daß die beiden Collegen – und vorzüglich Onkel Prudent – unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verführt werden konnten, die waghalsigsten und für ihre eigene Sicherheit vielleicht gefährlichsten Handlungen zu begehen.

Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der verächtliche Spott, mit dem Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erhöhen, deren Druck jeden Tag deutlicher hervortrat.

An jenem Tage hätte übrigens ein neuer Auftritt bald einen höchst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, daß er dazu die Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, bemächtigte sich des Hasenfußes wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind – und wie ein Neger, der er ja war – fing er an zu jammern, zu klagen und zu protestiren, und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

»Ich will fort!… Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel!… Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! … Ich will, daß ich auf die Erde abgesetzt werde, und das sogleich!«

Selbstverständlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch die Ungeduld Robur’s.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl der Ingenieur, um sich Frycollin’s zu entledigen, diesen in sein Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die Wand und heulte aus Leibeskräften.

Es war jetzt Mittag. Der »Albatros« schwebte eben nur fünf oder sechs Meter über der Oberfläche des Meeres. Einige bei seiner Annäherung erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mußte also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, daß die beiden Collegen unter diesen Verhältnissen, wo sie gelegentlich nur hätten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der Gegenstand erhöhter Aufmerksamkeit sein mußten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, daß sie sich über Bord gestürzt hätten, so wäre es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des »Albatros« wieder einzufangen. Während dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst thätig dabei, während Onkel Prudent im Zustand fortwährend kochender Wuth sich in seine Cabine zurückzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine beträchtliche Bodendepression wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergießen sich die Gewässer sehr großer Ströme, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u. A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken den Wasserüberfluß wieder entführt, hätte dieses siebzehntausend Quadratmeilen große Loch von fünf- bis sechshundert Fuß mittlerer Tiefe schon längst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden und Osten überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit höher liegt, so ernährt es doch eine große Menge Fische – wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Südende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des »Albatros« die Befriedigung, welche er derselben gewährte, deutlich genug zu erkennen.

»Achtung!« rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich bedeutender Größe und ähnlich einem Haisisch harpunirt hatte.

Es war das ein prächtiger, gegen sieben Fuß langer Stör, von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Weißwein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den Flüssen gefangenen Störe noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des »Albatros« mit großem Jubel begrüßt.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich der Fischzug aber durch Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgroßen Sterlets wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten – ohne alle Transportkosten – unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in die Siedekessel der Mannschaftsküche.

Die Leute Robur’s zogen mit großem Vergnügen die Leine ein, nachdem der »Albatros« sie mehrere Stunden lang langsam dahingeführt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: Lärmen, Getöse) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde genügte, alle Behälter des »Albatros« mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

Während dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgehört, zu schreien, an die Wand seiner Cabine zu hämmern, mit einem Worte, einen unausstehlichen Lärm zu machen.

»Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

– Mir scheint, Herr Robur, daß er völlig Recht hat, sich zu beklagen, bemerkte Phil Evans.

– Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu ersparen, erwiderte Robur.

– Ingenieur Robur!… ließ sich da der eben auf dem Verdeck erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

– Herr Präsident des Weldon-Instituts?«…

Beide waren auf einanderzugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

»An das Ende des Taues!« sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine geholt.

Aber wie jämmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten Zwecke benützen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden… Nein, er sollte nur aufgehängt werden.

Das Tau wurde nämlich außen in der Länge von etwa hundert Fuß abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu – er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren widersetzen wollen – sie wurden einfach zurückgestoßen.

»Das ist abscheulich!… Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der darüber ganz außer sich war.

– Freilich! antwortete Robur.

– Das ist ein Mißbrauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als durch Worte allein Einspruch erheben werde!

– Immer zu!

– Ich werde mich rächen, Ingenieur Robur!

– Rächen Sie sich getrost, Präsident des Weldon-Instituts.

– An Ihnen und Ihren Leuten!«

Die Mannschaft des »Albatros« hatte sich in nicht besonders wohlwollender Haltung genähert. Robur gab den Leuten ein Zeichen sich zu entfernen

»Ja, an Ihnen und Ihren Leuten… wiederholte Onkel Prudent, den sein College vergebens zu beruhigen sachte.

– Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

– Und ohne Rücksicht auf die Mittel!

– Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es gibt noch mehr Taue an Bord! Schweigen Sie… oder… der Herr ganz wie der Diener.«

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre Erstickung beklemmte, so daß Phil Evans ihn in seine Cabine führen mußte.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar verändert und es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mißdeutung zuließen – ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische Sättigung der Atmosphäre hatte einen so hohen Grad erreicht, daß Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast leuchtende Dünste auf – was jedenfalls von der verschiedenen und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen ließ Myriaden von Lichtern auf der Oberfläche des Meeres hintanzen, deren Intensität um so lebhafter wurde, je mehr sich der Himmel verfinsterte.

Der »Albatros« und jenes Meteor mußten bald zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? – Nun, Frycollin folgte noch immer im Schlepptau – ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurückblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen können, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit gewaltiger Macht durch die Himmelsräume rollte. Das ganze Personal bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu manövriren, daß sie entweder höher als dasselbe hinauskamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rücken ließen.

Der »Albatros« befand sich eben ungefähr in mittlerer Höhe – etwa tausend Meter – als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit über ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windstoß folgte. Binnen wenigen Secunden stürzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollin’s ein gutes Wort einzulegen und zu erklären, daß dieser wieder an Bord herangezogen würde.

Robur hatte eine solche Vermittelung aber gar nicht erst abgewartet und schon den nöthigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit dem Einziehen des Taues beschäftigt, als sich eine plötzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Russ.

»Kraft!… Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir müssen schnell höher, als das Unwetter steht, emporsteigen.

– Es ist unmöglich, Herr Ingenieur.

– Warum?

– Die Ströme sind gestört…. Es treten Unterbrechungen ein.«

In der That senkte sich der »Albatros« schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Strömen in den Telegraphendrähten vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparates den regelmäßigen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mußte damit enden, daß der Aeronef, ohne daß man seiner ferner Herr war, ins Meer hinabstürzte.

»Lass’ ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone herauskommen. Vorwärts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!«

Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn eiligst nachzukommen.

Obwohl der »Albatros« sich nun einige hundert Fuß gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mußte jeden Augenblick fürchten, daß ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gefährlicher Sturz zu werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, daß er in weniger als einer Minute auf der Meeresfläche angelangt sein mußte, und einmal ins Wasser getaucht, hätte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Plötzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. Der »Albatros« war jetzt nicht mehr als sechzig Meter vom Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu überfluthen.

Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel für die Vorwärtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden Ströme geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der umgebenden Atmosphäre keinen Einfluß äußerte… in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der »Albatros« hielt sich in geringer Höhe, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, das er bald hinter sich zurückließ.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, daß Frycollin, wenn auch nur für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an Bord zurückkam, war er durchnäßt, als hätte er die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am nächsten Tage, am 4. Juli, hatte der »Albatros« die Nordgrenze des Kaspi-Sees überschritten.

Elftes Capitel

In dem die Wuth des Onkel Prudent mit dem Quadrat der Geschwindigkeit zunimmt.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans je auf die Hoffnung, entfliehen zu können, verzichten mußten, so war das während der nun folgenden fünfzig Stunden der Fall. Befürchtete Robur, daß die Ueberwachung seiner Gefangenen bei der Fahrt über Europa weniger leicht sein möchte? Vielleicht. Er wußte ja übrigens, daß sie zu Allem entschlossen waren, um zu entweichen.

Doch, wie dem auch sein mochte, jeder Versuch wäre jetzt einem Selbstmorde gleichgekommen. Wenn Einer von einem Expreßzuge, der mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern in der Stunde dahinfliegt, herabspringt, so setzt er vielleicht sein Leben in Gefahr; wer aber das von einem zweihundert Kilometer in der Stunde dahinrasenden Blitzzuge versuchte, der kann nur den Tod wollen.

Eben diese Geschwindigkeit, die größte, die er anzunehmen im Stande war, war jetzt dem »Albatros« ertheilt worden. Er überholte noch den Flug der Schwalbe, die hundertachtzig Kilometer in der Stunde zurücklegen kann.

Hier mag auch bemerkt sein, daß bisher nordöstliche Winde in einer der Fortbewegung des »Albatros« sehr günstigen Ausdauer anhielten, da dieser in derselben Richtung, d. h. im Allgemeinen nach Westen zu flog. Dieser Wind begann aber allmählich abzuflauen, so daß es nachgerade unmöglich wurde, sich auf dem Verdeck zu halten, ohne die Athmung durch die Schnelligkeit der Bewegung fast aufgehoben zu sehen. Die beiden Collegen wären auch beinahe über Bord gschleudert worden, wenn sie nicht der Luftdruck an ihrem Ruff so zu sagen festgenagelt hätte.

Zum Glück bemerkte sie der Steuermann durch die Lichtpforten seiner Hütte, und eine elektrische Klingel setzte die auf dem Verdeck eingeschlossenen Mannschaften von ihrer Nothlage in Kenntniß.

Ueber das Verdeck hinkriechend, glitten vier Mann davon nach dem Hintertheil zu.

Diejenigen, welche sich in einem Sturm auf einem vor dem Winde liegenden Schiffe befunden haben, werden verstehen, welchen Druck der Wind dabei auszuüben vermag. Hier war es jedoch der »Albatros« selbst, der diesen durch seine maßlose Geschwindigkeit hervorrief.

Man mußte wirklich seinen Gang verlangsamen, was Onkel Prudent und Phil Evans gestattete, ihre Cabine wieder zu erreichen.

Im Inneren seiner Ruffs führte der »Albatros«, ganz wie der Ingenieur das versichert hatte, eine vollkommen athembare Atmosphäre mit sich.

Welche erstaunliche Festigkeit besaß aber dieser Apparat, um einer so schnellen Fortbewegung den nöthigen Widerstand leisten zu können. Die Treibschrauben am Bug und am Heck sah man gar nicht mehr sich drehen; sie pfiffen nur mit scharfem, durchdringendem Ton durch die Luft.

Die letzte, vom Bord aus gesehene Stadt war Astrachan gewesen, das ziemlich am nördlichsten Ende des Kaspi-Sees lag.

Der Stern der Wüste – jedenfalls hat ein russischer Dichter es so genannt – ist jetzt von der ersten Größe zur fünften oder sechsten zurückgegangen. Dieser sehr einfache Hauptort des Gouvernements hatte einen Augenblick seine alten, mit unnützen Zinnen gekrönten Mauern gezeigt, ebenso wie seine alten Thürme in der Mitte der Stadt, seine an Kirchen in modernem Styl angrenzenden Moscheen, seine Kathedrale mit fünf vergoldeten und mit blauen Sternen übersäeten Kuppeln, die einem ausgeschnittenen Stück Firmament glichen – das Ganze fast im Niveau der hier zwei Kilometer breiten Wolgamündung.

Von diesem Punkt aus war der Flug des »Albatros« schon mehr eine Art Ritt durch die Höhen des Himmels, als würde er von fabelhaften Hippogryphen fortgetragen, welche eine Meile mit jedem Flügelschlage zurücklegten.

Es war gegen zehn Uhr Morgens am 4. Juli, als der Aeronef, etwa dem Thale der Wolga folgend, nach Nordwesten weiter steuerte. An beiden Stromesufern hin dehnten sich die Steppen des Don und des Ural. Wäre es möglich gewesen, einen Blick auf diese ungeheuren Gebiete zu werfen, so hätte man die Städte und Dörfer darin kaum zählen können. Am Abend endlich zog der Aeronef über Moskau weg, ohne die auf dem Kreml flatternde Flagge zu salutiren. Binnen zehn Stunden hatte er die zweitausend Kilometer, welche Astrachan von der Hauptstadt aller Russen trennen, zurückgelegt.

Von Moskau nach Petersburg ist die Eisenbahnlinie nicht länger als zwölfhundert Kilometer, konnte also mehr Zeit als einen halben Tag nicht beanspruchen. So erreichte denn auch der »Albatros« mit der Pünktlichkeit eines Expreßzuges Petersburg und die Ufer der Newa gegen zwei Uhr Morgens. Die Helligkeit der Nacht, in der in so hoher Breite die Sonne nicht tief unter den Horizont nieder taucht, gestattete einen Augenblick, das Gesammtbild dieser großen Stadt zu überschauen.

Nachher folgte der finnische Meerbusen, das Inselgewirr von Abo, die Ostsee, Schweden in der Breite von Stockholm, Norwegen in der von Christiania – zweitausend Kilometer in nur zehn Stunden! Wahrlich, man hätte glauben können, daß keine menschliche Macht fernerhin im Stande wäre, die Geschwindigkeit des »Albatros« zu hemmen, als ob die Resultante seiner Treibkraft und der Anziehung der Erde ihn in unveränderlichem Kreislaufe um die Erde gefesselt hielte.

Danach unterbrach er seinen Lauf, und zwar genau über dem berühmten Wasserfall des Rjukansos in Norwegen. Der Gusta, dessen Gipfel diesen herrlichen Theil von Telemarken beherrscht, erschien gleich einem riesenhaften Grenzwall, den er nach Westen nicht überschreiten durfte.

Von hier aus näherte sich der »Albatros« auch, ohne Verminderung seiner Geschwindigkeit, wieder mehr dem Erdboden.

Und was begann wohl Frycollin während dieser Fahrt ohne Gleichen?

Frycollin blieb stumm in seiner Cabine und schlief, mit Ausnahme der Zeit, wo gegessen wurde, so gut er konnte.

Frauçois Tapage leistete ihm dann Gesellschaft und ergötzte sich weidlich an seiner ewigen Angst.

»He, he, mein Junge, sagte er, Du heulst ja gar nicht mehr? Brauchst Dich gar nicht zu geniren!… Mit zwei Stunden aufgehängt ist Alles quitt gemacht!… He, bei der Schnelligkeit, mit der wir jetzt fahren, müßte das ein vortreffliches Luftbad gegen den Rheumatismus abgeben!

– Mir kommt es vor, als ob Alles in kurze und kleine Stücke ginge, antwortete Frycollin.

– Das ist wohl möglich, mein wackerer Frycollin; aber wir fliegen so schnell dahin, daß wir gar nicht mehr fallen könnten. Das ist doch auch eine Beruhigung.

– Glauben Sie?

– Bei meiner Gascogner-Ehre!«

Um die Wahrheit zu sagen und nicht zu übertreiben, wie François Tapage, so lag die Sache so, daß die Arbeit der Auftriebsschrauben in Folge jener ungeheuren Geschwindigkeit jetzt ein wenig vermindert war, der Aeronef glitt auf den Luftschichten etwa hin, wie eine Congrève’sche Rakete.

»Und das wird noch lange so fortdauern? sagte Frycollin.

– Lange?… O nein! antwortete der Koch, nur das ganze Leben lang.

– Ach! seufzte der Neger, wieder mit seinen Klagen beginnend.

– Nimm Dich in Acht, Frycollin, nimm Dich in Acht! rief da François Tapage, denn, wie man bei mir zu Hause sagt, der Herr könnte Dich auf die Schaukel hinaussetzen.«

Und mit den Bissen, die er gleich doppelt in den Mund steckte, würgte Frycollin auch seine Seufzer hinunter.

Während dessen entwarfen Onkel Prudent und Phil Evans, welche nicht dazu angethan waren, sich unnütz zu beklagen, einen wohl durchdachten Plan. An Ausführung eines Fluchtversuches war unmöglich zu denken. Doch wenn sie den Fuß auch nicht auf die Erde setzen konnten, war es nicht denkbar, den Erdenbewohnern mitzutheilen, was nach ihrem Verschwinden aus dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des Weldon-Instituts geworden war, wer sie geraubt hatte, auf welcher fliegenden Maschine sie sich befanden, um vielleicht – aber, lieber Gott, auf welche Weise? – einen kühnen Versuch ihrer Freunde, sie den Händen Robur’s zu entreißen, herbeiführen zu können?

Doch wie sollten sie von sich Nachricht geben? Hätte es dazu hingereicht, die Methode der Seeleute nachzuahmen, welche ein Schriftstück mit Bezeichnung der Stelle des Schiffbruchs in eine Flasche stecken und diese ins Meer werfen?

Hier vertrat die Stelle des Meeres aber die Atmosphäre. Die Flasche konnte natürlich nicht schwimmen. Fiel dieselbe nicht gerade auf einen zufällig Vorübergehenden, dem sie recht gut den Schädel zerschmettern konnte, so lag die Vermuthung nahe, daß sie niemals aufgefunden wurde.

Die beiden Collegen hatten leider kein anderes Mittel zur Verfügung und sie standen schon im Begriff, eine Flasche des Luftfahrzeuges zu opfern, als dem Onkel Prudent noch ein anderer Gedanke kam. Er schnupfte, wie wir wissen, und diese kleine Untugend darf man einem Amerikaner, der weit schlimmere Unsitten hätte an sich haben können, wohl nachsehen. Als Schnupfer besaß er natürlich auch eine Dose, die jetzt schon längst leer war. Diese Dose war aus Aluminium gearbeitet. Warf er dieselbe hinaus, so durfte man hoffen, daß jeder ehrbare Bürger, der sie fand, sie auch aufheben werde. Hob er sie auf, so lieferte er sie auch bei der Polizei ab, und hier würde man Kenntniß nehmen von dem Document, welches dazu dienen sollte, die Lage der beiden Opfer Robur des Siegers kund zu geben.

Das wurde denn auch ausgeführt. Das kurze einzuschließende Schriftstück sagte Alles und trug daneben die Adresse des Weldon-Instituts mit der Bitte, dasselbe dahin zu befördern.

Nachdem Onkel Prudent das Papier eingelegt, umwickelte er die Dose sorgsam mit einem dicken wollenen Band, um zu verhüten, daß dieselbe sich während des Falles schon öffne und durch das Aufschlagen etwa in Stücke gehe. Jetzt galt es nur noch eine günstige Gelegenheit abzuwarten.

Das Schwerste bei der ganzen Sache war es aber während dieser merkwürdigen Fahrt über Europa, das Ruff zu verlassen, über das Verdeck zu kriechen, auf die Gefahr hin, fortgerissen zu werden, und das ganz heimlich durchzuführen. Andererseits kam es darauf an, daß die Dose nicht in ein Meer, einen Golf, See oder einen anderen Wasserlauf fiel, denn damit – wäre sie ja verloren gewesen.

Jedenfalls schien es aber nicht unmöglich, daß die beiden Collegen sich durch dieses Mittel mit der bewohnten Welt ins Einvernehmen setzen konnten.

Eben jetzt wurde es jedoch Tag und es schien rathsamer, die Nacht abzuwarten und entweder eine Verminderung der Geschwindigkeit oder einen Halt zu benützen, um das Ruff zu verlassen. Vielleicht konnten sie dann die Reeling erreichen und die kostbare Dose genau über einer Stadt herunterfallen lassen.

Doch selbst bei dem Zusammentreffen aller günstigen Umstände hätte das Vorhaben nicht gleich zur Ausführung gebracht werden können – wenigstens nicht am heutigen Tage.

Nachdem der Aeronef nämlich Norwegen in der Höhe des Gusta verlassen, hatte er sich nach Süden zu gewendet und folgte jetzt genau dem französischen Meridian Null, der bekanntlich über Paris verläuft. Er schwebte also über die Nordsee hinweg, nicht ohne an Bord der Tausende von Küstenfahrern, welche zwischen dem Festlande und England verkehren, das größte Aufsehen zu erregen. Fiel die Dose hier nicht gerade auf das Deck eines solchen Schiffes, so hatte sie die gegründete Aussicht, auf Nimmerwiedersehen in der Tiefe zu versinken.

Onkel Prudent und Phil Evans sahen sich also genöthigt, einen günstigeren Augenblick abzuwarten. Da sollte sich ihnen, wie wir sehen werden, bald eine besonders geeignete Gelegenheit darbieten.

Gegen zehn Uhr Abends erreichte der »Albatros« die Küste Frankreichs, nahezu in der Höhe von Dunkerque. Die Nacht war ziemlich dunkel. Einen Augenblick konnte man den Leuchtthurm von Gris-Nez seine elektrischen Lichtstrahlen mit denen von Dover kreuzen sehen, die also den Canal in seiner ganzen Breite erhellten. Dann steuerte der »Albatros« über Frankreich hin und hielt sich dabei in einer mittleren Höhe von etwa tausend Metern.

Seine Geschwindigkeit hatte sich freilich nicht geändert. Wie eine Bombe flog er über Städte, Schlösser und Dörfer hinweg, die so zahlreich in den fruchtbaren Provinzen des nördlichen Frankreichs zerstreut liegen. Es waren das unter dem Meridiane von Paris nach Dunkerque, Doullons, Amiens, Creil, St. Denis…. Immer hielt jener dabei eine gerade Linie ein. So gelangte er gegen Mitternacht über die »Stadt des Lichts«, welche diesen Namen wenigstens verdient, wenn ihre Einwohner schlafen oder doch schlafen sollten.

Welch’ sonderbare Laune veranlaßte nun den Ingenieur, gerade über der Stadt Paris einmal anzuhalten? Niemand weiß es. Jedenfalls senkte sich hier der »Albatros« so weit, daß er nur wenige hundert Fuß über derselben schwebte. Robur trat aus seiner Cabine hervor und auch die ganze Mannschaft erschien, um lustwandelnd einmal frische Luft zu schöpfen, auf dem Verdeck.

Onkel Prudent und Phil Evans achteten wohl darauf, die sich jetztbietende ausgezeichnete Gelegenheit nicht vorüber gehen zu lassen. Beide suchten sich, sobald sie aus ihrem Ruff getreten waren, von den Anderen entfernt zu halten, um den rechten Augenblick zur Ausführung ihres Vorhabens auswählen zu können. Auf keinen Fall sollten die Anderen etwas davon merken.

Einem gigantischen Käfer ähnlich zog der »Albatros« so langsam über die Stadt hin. Er überschritt die Linie der Boulevards, welche durch Edison’sche Lampen in hellem Tageslichte lagen. Das Geräusch der Wagen, welche noch durch die Straßen jagten, und das Rollen der Züge auf den vielen, in Paris zusammentreffenden Bahnlinien drang bis zu ihm hinaus.

Dann glitt er in der Höhe der höchsten Bauwerke hin, als hätte er die Kugel vom Pantheon oder das Kreuz vom Invalidendom abstreifen wollen. Er steuerte zwischen den beiden Minarets des Trocadero hindurch nach dem eisernen Thurm des Marsfeldes, dessen ungeheurer Reflector die ganze Hauptstadt mit elektrischem Lichte überströmte.

Diese Luftpromenade, dieses Flaniren in der Nacht, währte etwa eine Stunde. Es glich einer Station in den Lüften vor Fortsetzung der endlosen Reise.

Der Ingenieur Robur wollte dabei den Parisern offenbar den Anblick eines Meteors bereiten, das ihre Astronomen noch niemals gesehen oder nur geahnt hatten. Die Signallichter des »Albatros« wurden in Function gesetzt. Zwei glänzende Strahlenbündel ergossen sich über die Plätze, die Häuservierecke, Gärten und die sechzigtausend Häuser der Stadt, indem sie ungeheure Lichtmassen von einem Horizont zum anderen schweifen ließen.

Gewiß – diesmal war der »Albatros« gesehen worden, und nicht allein gesehen, sondern auch gehört worden, denn Tom Turner hatte die Trompete hervorgeholt und eine schmetternde Fanfare über die Stadt hin ertönen lassen. In diesem Augenblick beugte sich Onkel Prudent ein wenig über die Reeling, öffnete die Hand und ließ die Dose fallen.

Fast gleichzeitig erhob sich der »Albatros« wieder sehr schnell.

Da schallte durch die Höhe des Pariser Himmels ein vieltausendfältiges Hurrah aus der Menge, das sich über die Boulevards fortpflanzte – ein Hurrah der Verwunderung über das unvorhergesehene, phantastische Meteor.

Plötzlich erloschen die Lichtquellen des Aeronefs und rund um ihn wurde es wieder dunkel und still; darauf nahm er seine Fahrt mit der Geschwindigkeit von zweihundert Kilometern in der Stunde wieder auf.

Das war Alles gewesen, was seine Insassen von der Hauptstadt Frankreichs hatten sehen sollen.

Um vier Uhr Morgens hatte der »Albatros« das ganze Land schon überflogen. Um keine Zeit mit der Ueberschreitung der Pyrenäen oder der Alpen zu verlieren, glitt er jetzt an der Oberfläche der Provence bis zur Spitze des Cap d’Antibes hin.

Um neun Uhr bleiben die auf der Terrasse des St. Peters-Domes versammelten Römer verblüfft stehen, als sie ihn über die Ewige Stadt hinwegschweben sahen. Zwei Stunden später schwankte er, hoch über dem Golf von Neapel, einen Augenblick in der Rauchsäule des Vesuvs. Nachdem er dann das Mittelmeer in schräger Richtung überschritten, wurde er in der ersten Nachmittagsstunde von den Wachposten in La Golette an der tunesischen Küste beobachtet.

Von Amerika über Asien! Von Asien über Europa! Mehr als dreißigtausend Kilometer hatte der wunderbare Apparat in weniger als dreiundzwanzig Tagen zurückgelegt. Und jetzt zog er majestätisch über die bekannten und unbekannten Landmassen Afrikas dahin!

Vielleicht wünscht der Leser zu erfahren, was nach dem Herabfallen aus der berühmten Schnupftabaksdose geworden war?

Die Dose war in der Rivoli-Straße vor dem Hause Nummer 210 zu einer Zeit niedergefallen, wo diese Straße gerade ziemlich leer war. Am folgenden Morgen wurde sie von einer ehrlichen Straßenkehrerin aufgefunden, welche sich beeilte, dieselbe auf der Polizei-Präfectur abzuliefern.

Hier hielt man sie zuerst für einen explodirenden Körper und wickelte sie mit derselben allergrößten Vorsicht auf, wie sie zuletzt geöffnet wurde.

Da trat wirklich eine Art Explosion ein… Ein furchtbares Niesen, dessen sich der Sicherheitschef nicht zu erwehren vermochte.

Dann zog man das Schriftstück aus der Dose und las zum allgemeinen Erstaunen, wie folgt:

»Onkel Prudent und Phil Evans, Vorsitzender und Schriftführer des Weldon-Instituts zu Philadelphia, entführt durch den Aeronef des Ingenieur Robur.

Freunden und Bekannten davon Nachricht zu geben.

Onkel Prudent und Phil Evans.«

Hiermit war die unerklärliche Erscheinung den Bewohnern beider Welten endlich erklärt, und die vielen Gelehrten an den Observatorien, welche es auf der Erde gibt, gewannen die längst verlorene Ruhe endlich wieder.

Zwölftes Capitel

In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der Monthnon-Preise bewerben wollte.

Bei dieser Erdumkreisung des »Albatros« drängen sich wohl von selbst ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel:

Wer ist überhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an unzugänglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedürfte, sich wenigstens mit neuen Vorräthen versorgt? Es wäre doch merkwürdig, wenn das nicht so sein sollte. Auch die mächtigsten Segler der Lüfte haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest.

Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur belästigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner Gewalt zu behalten und für ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen? Oder wird er ihnen, nachdem er sie über Afrika, Südamerika, Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean hinweggeführt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu überzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten:

»Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezüglich des Grundsatzes: »Schwerer, als die Luft«, nicht mehr so ungläubig zeigen! –?«

Auf diese Fragen läßt sich vorläufig noch keine Antwort geben; dies ist ein Geheimniß der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages entschleiert werden.

Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes angedeutete Nest an der Nordküste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des Tages strich er noch, je nach Laune bald dahinrasend, bald langsamer schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago über die Regentschaft Tunis hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen, unter Cactus und Rosenbüschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte. Zu vielen Hunderten flogen die Vögel auf, die in langen Reihen auf den Telegraphendrähten saßen, als wollten sie Depeschen beim Durchgang abfangen und auf ihren Flügeln weiter tragen.

Mit Einbruch der Nacht schwebte der »Albatros« über den Grenzen von Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterließ er es gewiß nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz and Hilfe anzuflehen.

Am folgenden Morgen waren Bona und die schönen Hügel seiner Umgebung in Sicht, später Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen bogenförmigen Quais, seinen herrlichen Weingärten, deren grünende Reben der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft, welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund herausgeschnitten zu sein scheint.

Diese Spazierfahrt von fünfhundert Kilometern über Groß- und Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der Höhe der Kasbah von Algier. Welch’ schönes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs! Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit Palästen, Marabuts und Landhäusern besäete Uferland; die launenhaft gewundenen Thäler mit ihrem Mantel von Weinstöcken; das tiefblaue Mittelmeer, das die, hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran, dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den »Albatros« mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gefängniß über Algerien – die Fortsetzung Frankreichs an der Südküste des Mittelmeeres – hinführte, so mußten sie die Ueberzeugung gewinnen, daß diese Laune zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des Steuerruders lenkte den »Albatros« nach Südosten ab, und dieser sah am folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell überstiegen, die Sonne über dem Wüstensande der Sahara aufgehen.

Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurückgelegt: Zuerst erblickte man den kleinen Flecken Géryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der Wüste gegründet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter ging es über die Wüste hin, bald langsam oberhalb der grünenden Oasen oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der Lämmergeier überholte. Manchmal mußte sogar auf diese gewaltigen Raubvögel Feuer gegeben werden, die sich, zu zwölf und fünfzehn vereinigt, selbst nicht scheuten, zum größten Schrecken Frycollins auf den Aeronef zu stürzen.

Wenn diese Lämmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch Schnabelhiebe und Krallenschläge zu antworten vermochten, so verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit Flintenschüssen, vorzüglich als er über die Berge von Sel gekommen war, deren grüne und violette Grundmasse da und dort durch den weißen Mantel blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon über der großen Sahara, wo an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagerstätten Abd-el-Kader’s zu bemerken waren. Hier – und vorzüglich unter den Verbündeten Beni-Myal – bietet das Land für den europäischen Reisenden noch immer ernste Gefahren.

Jetzt mußte der »Albatros« wieder in höhere Zonen flüchten, um einem daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Wolke röthlichen Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die öden Hochplateaus der Chebka ihre schwärzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen, grünen Thale des Ain-Massin. Schwerlich vermöchte sich Jemand größere Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier im weiten Umfange umfaßte. Auf baum- und buschbedeckte Hügel folgten da lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In der Ferne erschienen »Queds« mit brausenden Bergströmen, Wälder von Palmen, kleine Ansammlungen von Hütten, welche entweder einen Hügel krönten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein religiöser Häuptling, der große Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat.

Während der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer über ein ziemlich ebenes, nur von Dünen unterbrochenes Gebiet zurückgelegt. Hätte der »Albatros« hier Halt machen wollen, so würde er in der Niederung der, unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans, einer Art befestigter Kasbah, ihren Häusern aus Backsteinen, welche erst die glühende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath hätte erneuern können. Dank seiner außerordentlichen Schnelligkeit aber füllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis geschöpfte Wasser noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wüsten von Afrika, an.

Der »Albatros« wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt, denn es begrüßten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschüssen, ohne daß die Kugeln ihn hätten erreichen können.

Dann kam die Nacht, die grabesstille Wüstennacht, deren Geheimnisse Felicien David so hochpoetisch geschildert hat.

Während der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Südwesten zurück und kreuzte die Straßen von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war.

Rings herrschte tiefe Finsterniß. Nichts war zu sehen von der nach den Plänen Duponchel’s zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande, das Algier mit Timbuktu über Leghuat und Gardaia verknüpfen und später bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll.

Der »Albatros« gelangte nun in die äquatorialen Gebiete jenseits des Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der Sahara überschritt er die Straße, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand; er kreuzte den Weg der Carawane von Marokko nach dem Sudan, und über dem Theile der Wüste, in dem die Tuarys hausen, hörte er, was man den »Gesang des Sandes« zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln, das dem Erdboden zu entsteigen scheint.

Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von Heuschrecken zog in großer Höhe daher und aus derselben fiel nun eine so große Menge an Bord, daß das Luftschiff davon unterzugehen drohte. Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwünschte Last wieder abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stück, welche François Tapage für sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet schmackhafte Weise zu, daß Frycollin darüber sogar einmal seine eigene Angst vergaß.

»Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!« sagte er.

Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren Königreichs Sudan.

Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines großen Stromes eine Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger – die Stadt war Timbuktu.

Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von kühnen Reisenden der Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams, Loiny, Laillé, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten von heute ab, und zwar Dank den Zufälligkeiten eines Abenteuers ohne Gleichen, auch Amerikaner de visu, de auditu und obendrein de olfactu davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden – wenn sie überhaupt einmal dahin zurückgelangten.

De visu, weil sie alle Ecken des fünf bis sechs Kilometer großen Dreiecks, das die Stadt bildet, übersehen konnten; – de auditu, weil an diesem Tage großer Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne Heidenlärmen nicht abgeht; – de olfactu, weil der Geruchsnerv sehr unangenehm erregt werden mußte durch die Dünste des Yubu-Kamo-Platzes, auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der Könige die Fleischverkaufshalle erhebt.

Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts aufmerksam machen zu sollen, daß es die höchste Zeit sei, sich die Königin des Sudans zu betrachten, die sich jetzt in den Händen der Tuaregs von Laganet befindet.

»Timbuktu, meine Herren!« sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem er zwölf Tage früher zu ihnen »Indien, meine Herren!« gesagt hatte.

Dann fuhr er fort:

»Timbuktu, unter achtzehn Grad nördlicher Breite und fünf Grad sechsundfünfzig Minuten westlicher Länge von Paris, zweihundertundvierzig Meter über dem mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zwölf- bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und Wissenschaft auszeichneten. – Vielleicht hätten Sie den Wunsch, hier einige Tage Halt zu machen?«

Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch sein.

»Indeß, fuhr er fort, es möchte für Fremde einigermaßen gefährlich werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier wohnen, vorzüglich wenn wir bedenken, daß die Ankunft des Aeronefs ihr Mißfallen erregt haben dürfte.

– Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, für das Vergnügen, Sie verlassen zu können, würden wir gern die Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen hier übel empfangen zu werden. Ein Kerker ist so gut wie der andere, aber Timbuktu immer noch besser, als der »Albatros«.

– Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall möchte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich für die Sicherheit der Gäste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen…

– Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus, mit der Rolle unseres Kerkermeisters – nein, Sie müssen uns auch noch beleidigen?

– O, das war höchstens eine erlaubte Ironie!

– Gibt es denn keine Waffen an Bord?

– Gewiß, ein ganzes Arsenal.

– Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein Herr, den anderen.

– Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten könnte!

– Nein, ihm gewiß kosten würde!

– Nein, nein, mein Herr Präsident des Weldon-Instituts, ich ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten.

– Um sicherer zu sein, daß Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr klug.

– Klug oder nicht, mir paßt es eben. Es steht Ihnen völlig frei, darüber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es können.

– Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!

– Wirklich?

– War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Gegenden Europas so schwierig, ein Schriftstück hinunterfallen zu lassen…

– Das hätten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell aufloderte.

– Und wenn wir es gethan hätten?

– Wenn Sie es gethan hätten, verdienten Sie…

– Was denn, mein Herr Ingenieur?

– Daß man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen ließe!

– So werfen Sie uns über Bord…. Wir haben es gethan!« rief Onkel Prudent.

Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgniß, ihr nicht widerstehen zu können, plötzlich in seine Cabine zurück.

»Sehr schön! sagte Phil Evans.

– Und was er zu thun nicht wagte, erklärte Onkel Prudent, das werde ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!«

In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuktu auf den Plätzen und Straßen der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der amphitheatralisch erbauten Häuser.

In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden kugelförmigen Hütten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flüche und Verwünschungen gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war indeß unschädlicher, als Flintenkugeln.

Und auch bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhaftester Bewegung. Wenn der »Albatros« hier zur Erde niedergegangen wäre, die Leute hätten ihn in Stücke gerissen.

Während einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit wetteifernd lärmende Schaaren von Störchen, Haselhühnern und Ibissen; sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurückgelassen.

Gegen Abend ertönte ein dumpfes Grollen und Murren von Büffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten.

Während vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem Meridian Null und dem zweiten Grade der Länge zwischen dem Knie des Stromes gelegene Gegend unter dem »Albatros« gleich einem Wandelpanorama.

Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfügung gehabt hätte, wie leicht wäre es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme des Landes auszuführen, die höchsten Punkte zu messen, den Lauf der Ströme und ihrer Nebenflüsse zu bestimmen und die Lage der Städte und Dörfer festzusetzen. Dann gäbe es in den Karten von Inner-Afrika nicht mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte Länder – und keine punktirten Linien und unsicheren Abgrenzungen mehr, welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen.

Am Morgen des 11. überschritt der »Albatros« die Berge des nördlichen Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen trägt. Am Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des Königreichs Dahomey.

Seit der Abfahrt von Timbuktu hatten Onkel Prudent und Phil Evans beobachten können, daß sie stets die Richtung von Norden nach Süden eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, daß sie, wenn hierin keine Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen mußten. Sollte der »Albatros« sich wirklich vom Festland ganz wegwenden und hinaus, nicht auf das Behrings-Meer, den Kaspi-See, die Nordsee und das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen?

Diese Aussicht war für die beiden Collegen, welche damit jede Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, keine besonders angenehme.

Der »Albatros« bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorwärts, als zögerte er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur dachte indeß keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, über welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im höchsten Grade.

Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, daß das Königreich Dahomey an der Westküste Afrikas eines der mächtigsten ist. Stark genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe messen zu können, sind seine Grenzen doch sehr beschränkt, denn es mißt nur fünfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Süd und gegen sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl beläuft sich jedoch auf sieben- bis achthunderttausend Seelen, seitdem es die bisher unabhängigen Gebiete von Ardrah und Wydoch annectirt hat.

Wenn dieses Königreich Dahomey also auch nicht groß ist, so hat es doch recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berühmt durch die entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben, welche gewöhnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden Könige dargebracht werden. Ja, es gehört so zu sagen zum guten Ton, daß der König von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa eines Gesandten erhält, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die Köpfe abschlagen läßt – abschlagen durch seinen Minister der Justiz, den »Minghan«, der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich entledigt.

Zur Zeit, als der »Albatros« die Grenze von Dahomey überschritt, war eben der König Lahadu verstorben und die ganze Bevölkerung schritt zur Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen Lande eine große Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte entgehen können.

Lange Züge von Landbewohnern Dahomeys drängten sich nach Abomey, der Hauptstadt des Reiches, hin, überall zeigte das Land wohlunterhaltene Straßen, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen verlaufen. Ungeheure Maniocselder, Wälder voll herrlicher Palmen, Cocosnußbäume, Mimosen, Orangen- und Mangobäume, deren Düfte bis zum »Albatros« hinaufstiegen, während Tausende von Papageien und Cardinälen aus dem dunklen Grün aufflatterten.

Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner.

Es schien übrigens nicht, als ob der »Albatros« von vornherein die Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war. Hauptsächlich kam das jedoch wohl daher, daß er sich in großer Höhe und zwischen leichten Wolken hielt.

Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergürtel, den noch ein zwölf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren breiten, regelmäßigen, sehr eben verlaufenden Straßen und dem großen Platz, den der Palast des Königs einnimmt. Alle die vielen Baulichkeiten überragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gewöhnlichen Opferplatz. Während der größten Feste werden dem Volke von der Höhe derselben aus die in Weidenkörben angebundenen Gefangenen zugeworfen, und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit welcher diese Unglücklichen in Stücke gerissen werden.

In einem Theile der Höfe, welche den Palast des Herrschers umschließen, sind viertausend Krieger einquartiert, eine der Abtheilungen der königlichen Armee, und natürlich nicht die schlechteste.

Wenn es auch zweifelhaft ist, daß es jemals Amazonen auf dem Strome dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Schärpe, weiße, blaugestreifte Beinkleider, weiße kurze Beinkleider darüber und die Patronentasche im Gürtel; die Anderen, die Elephanten-Jägerinnen, sind bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte Antilopenhörner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbüchse mit alten gußeisernen Rohren, noch andere endlich, ein Bataillon jener Mädchen, trägt eine Art blauer Mäntel mit kurzem weißen Beinkleid; das sind wirkliche Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen ausgerüstet.

Rechnet man zu diesen Amazonen noch fünf- bis sechstausend Mann in Baumwollhemden und mit einem Gürtel um die Taille, so hat man die ganze Armee von Dahomey Revue passiren lassen.

Abomey selbst war an diesem Tage völlig menschenleer; der König, das ganze Hofpersonal, die männliche und die weibliche Armee, sowie die Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen entfernt auf einem großen, von prächtigem Baumschlag eingerahmten Platze zusammenzuströmen.

Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen Königs stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten Augenblicks.

Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt über derselben Ebene schwebende »Albatros« aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher den Augen der Bevölkerung von Dahomey verhüllt hatte, etwas mehr niederzusinken.

Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus allen Städten und Dörfern gekommen waren.

Der neue König – ein kräftiger Kerl, Namens Bu-Stadt und fünfundzwanzig Jahre alt – thronte auf einer kleinen Anhöhe, welche eine Gruppe von Bäumen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm drängten sich der neue Hofstaat, seine männliche Armee, seine Amazonen und das ganze Volk hin und her.

Am Fuße dieses Erdhügels spielten etwa fünfzig Musiker auf ihren barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenzähnen, die einen rauhen Ton gaben, wirbelten auf großen, mit einer Hirschkuhhaut bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkürbisse, Guitarren, Glocken, die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Flöten aus Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester übertönte. Jeden Augenblick krachten die Flinten, Donnerbüchsen und zuweilen die alten Kanonen, deren Lafetten dabei zurücksprangen, daß die Artilleristen in Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenlärm und so wüstes Geschrei, daß man kaum einen Donnerschlag hätte hören können.

In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten überwacht, die Gefangenen, welche dem verstorbenen Könige das Geleit in die andere Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine Einbuße an seiner hohen Würde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo’s, des Vaters Bahadu’s, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener mitgegeben. Bu-Stadt konnte seinem Vorgänger hierin doch nicht nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein, um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten Königs bilden sollten.

Eine Stunde verging mit Gesprächen, Vorträgen und Ansprachen, unterbrochen von Tänzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen aufführten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische Grazie entwickelten.

Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen Männer, Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus dem Auge.

Der Minghan verweilte am Fuße des Erdhügels. Er schwang das Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener Vogel saß, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war er nicht allein; er wäre mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In seiner Umgebung befanden sich noch etwa hundert Scharfrichter, die alle eingeübt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu lösen.

Inzwischen näherte sich der »Albatros« allmählich in schräger Richtung und ließ seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhüllt hatte, und wurde jetzt zum ersten Male sichtbar.

Ganz entgegen den gewöhnlichen Erfahrungen sahen die wilden Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem Zwecke herabgestiegen sei, dem Könige Bahadu zu huldigen.

Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen übernatürlichen Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den Körper des verstorbenen Königs in die Höhe des Dahomey’schen Himmels zu tragen.

Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugeführt.

Plötzlich krachte vom »Albatros« ein Schuß. Der Justizminister stürzte getroffen zur Erde.

»Gut gezielt, Tom! sagte Robur.

– Bah!… Es war ein Schuß mitten in den Haufen!« antwortete bescheiden der Obersteuermann.

Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben.

Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauung schnell gewechselt; dieses geflügelte Ungeheuer war kein guter, sondern ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele Gewehre, die nach dem »Albatros« gerichtet waren. Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa hundertfünfzig Fuß über der Erde niederzusinken.

Trotz ihrer dem Ingenieur Robur gewiß ungünstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen Werke theilzunehmen.

»Ja, laßt uns die Gefangenen befreien! riefen sie.

– Das ist meine Absicht!« antwortete der Ingenieur.

Schon begannen die Repetirgewehre des »Albatros« in den Händen der beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem doch keine Kugel inmitten der großen Menschenmasse verloren ging.

Und selbst das kleine Geschütz an Bord, das so tief als möglich herabgerichtet wurde, sandte einige Kartätschenladungen hinunter, welche wahre Wunder wirkten.

Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der Höhe gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, während die Soldaten auf den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel durchlöchert, während einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen hatte, wäre fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden.

»Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!« rief Tom Turner.

Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem Dutzend Dynamitpatronen zurück, die er an die Kameraden vertheilte. Auf ein Zeichen Robur’s wurden dieselben über den Hügel hinabgeworfen und durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine Bomben.

Das gab aber eine wilde Flucht! Der König, der Hof, die Armee und das ganze Volk stürzte, von gewiß nicht ungerechtfertigter Furcht ergriffen, auf und davon. Alle suchten unter den Bäumen Schutz, während die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen Königs von Dahomey unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans mußten zugestehen, über wie große Machtmittel dieser Apparat verfügte und welchen hohen Nutzen er der Menschheit hätte gewähren können.

Der »Albatros« erhob sich darauf zu mittlerer Höhe; er glitt über Mydah hinweg und hatte bald diese ungastliche Küste, welche die Westwinde mit unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren.

Er schwebte nun über dem Atlantischen Weltmeere.

Dreizehntes Capitel

In dem Onkel Prudent und Phil Evans einen ganzen Ocean durchfahren, ohne die Seekrankheit zu bekommen.

Ja, das Atlantische Meer! Die Befürchtungen der beiden Collegen hatten sich bewahrheitet. Es schien übrigens nicht, als ob Robur hier über dem unendlichen Ocean irgend welche Unruhe empfände. Das kümmerte ihn so wenig wie seine Leute, welche an derartige Fahrten gewöhnt sein mochten. Dieselben waren schon wieder in ihre Wohnung zurückgekehrt. Kein Alpdrücken sollte ihren Schlummer stören.

Wohin steuerte nun der »Albatros«? Sollte er wirklich noch mehr als eine Reise um die Erde ausführen? Auf jeden Fall mußte diese Fahrt doch irgendwo ein Ende nehmen. Daß Robur sein ganzes Leben in den Lüften, an Bord des Aeronefs zubringen sollte, ohne jemals zur Erde hinunter zu gehen, war doch nicht wohl annehmbar, denn wie hätte er seine Vorräthe an Munition und Lebensmitteln erneuern sollen, ohne das für die Functionirung der Maschine nothwendige Material zu erwähnen? Unbedingt mußte er also einen Zufluchtsort, eine Art Nothhafen haben, und wahrscheinlich auf einem unbekannten und schwer erreichbaren Punkt der Erde, wo der »Albatros« sich mit allen Bedürfnissen frisch versehen konnte. Mit den Bewohnern der Erde mochte er jeden Verkehr abgebrochen haben, mit der Erde als solcher aber gewiß nicht.

Doch wenn das der Fall war, wo lag dieser Punkt? Wie mochte der Ingenieur dazu gelangt sein, ihn zu erwählen? Erwartete ihn eine kleine Colonie etwa als ihren Herrn? Konnte er von da neue Mannschaften erhalten? Und zunächst, wie war er überhaupt dazu gekommen, seine, aus den verschiedensten Ländern stammenden Leute an sein Schicksal zu binden? Ueber welche Mittel verfügte er ferner, um einen so kostspieligen Apparat erbauen zu können, dessen ganze Construction so geheim gehalten worden war? Seine Unterhaltung freilich schien nicht besonders viel zu beanspruchen. An Bord führte man fast ein gemeinsames Leben, wie in einer Familie oder wie glückliche Leute, die kein Geheimniß vor einander haben.

Doch wer war eigentlich jener Robur? Woher kam er? Welcher Art war seine Vergangenheit? Das waren ebenso viele unlösbare Räthsel, und der, auf den sie Bezug hatten, würde sicherlich der Letzte sein, eine Erklärung darüber abzugeben.

Es ist gewiß nicht zu verwundern, wenn diese Situation voller unenthüllbarer Probleme die beiden Collegen mehr und mehr erregte. Sich so ins Unbekannte hinaus entführt und den endlichen Ausgang eines solchen Abenteuers nicht im geringsten vorauszusehen, selbst daran zu zweifeln, daß dasselbe überhaupt jemals ein Ende nehme, zum ewigen Umherfliegen verurtheilt zu sein – mußte das den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts nicht auf’s Aeußerste treiben?

Inzwischen schwebte der »Albatros« am Abend des elften Juli über den Atlantischen Ocean hin. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhob sie sich über die kreisförmige Linie, in der Himmel und Wasser zusammen zu treffen scheinen. Trotz des weit ausgedehnten Gesichtsfeldes war doch nirgends ein Land in Sicht und Afrika schon vollständig hinter dem nördlichen Horizont verschwunden.

Als Frycollin sich einmal aus seiner Cabine wagte und das weite Meer unter sich sah, wurde er sofort von der grimmigsten Angst gepackt. »Unter sich« ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck, es wäre besser zu sagen, »um sich«, denn für einen auf sehr hohem Punkte befindlichen Beobachter erscheint es, als ob der Abgrund ihn von allen Seiten umgäbe, und der Horizont weicht dabei gleichsam zurück, ohne daß man je seine Grenzen erreichen könnte.

Physikalisch erklärte sich Frycollin diese Erscheinung sicherlich nicht, aber er fühlte sie moralisch. Das genügte aber schon, um ihm die »Angst vor der Leere« zu erzeugen, deren sich manche, sonst ganz muthige Naturen nicht entziehen können.

Jedenfalls erging sich der Neger aus Klugheit nicht in den gewohnten Klagen. Mit geschlossenen Augen tastete er sich nach seiner Cabine zurück, entschlossen, diese auf lange Zeit nicht wieder zu verlassen.

Von den dreihundertdreiundsiebzig Millionen achthundertfünfundneunzig Tausend dreihundertdreiundvierzig Quadrat-Kilometern, welche die Oberfläche der Meere einnehmen, fällt über ein Viertel auf den Atlantischen Ocean. Es schien aber gar nicht, als ob der Ingenieur jetzt besondere Eile habe, wenigstens hatte er nicht Befehl gegeben, den Aeronef mit voller Geschwindigkeit arbeiten zu lassen. Uebrigens hätte dieser auch die Fahrtschnelligkeit wie über Europa hin nicht erreichen können. In den Gegenden, in denen der Südwestwind vorherrscht, lief er diesem fast entgegen, und obwohl derselbe nur schwach zu nennen war, so bot der Apparat ihm doch eine große Angriffsfläche.

Die neuesten und auf eine große Anzahl von Beobachtungen gestützten meteorologischen Arbeiten haben eine gewisse Convergenz der Passate, entweder nach der Sahara oder nach dem Golf von Mexiko, erkennen lassen. Außerhalb der Region der Calmen kommen sie entweder von Westen und strömen nach Afrika zu, oder sie kommen von Osten her und ziehen nach der Neuen Welt zu – wenigstens während der wärmeren Jahreszeit.

Der »Albatros« versuchte also gar nicht, gegen den ihm widrigen Wind mit der ganzen Kraft seiner Treibschrauben anzukämpfen. Er begnügte sich mit einer gemäßigten Gangart, welche übrigens die der transatlantischen Dampfer immer noch überholte.

Am 13. Juli überschritt der Aeronef den Aequator, was der ganzen Mannschaft besonders angemeldet wurde.

Onkel Prudent und Phil Evans erfuhren also dabei auch, daß sie nun die nördliche Halbkugel verlassen hatten und nach der südlichen gekommen waren. Diese Passirung der Linie wurde jedoch nicht durch die tollen Ceremonien gefeiert, welche auf vielen Kriegs- und Handelsschiffen gebräuchlich sind.

Nur François Tapage ließ es sich nicht nehmen, Frycollin eine große Pinte Wasser über den Kopf zu gießen, da dieser Taufe aber einige Gläser Gin nachfolgten, erklärte der Neger sich bereit, die Linie so oft passiren zu wollen, wie man wünschte, vorausgesetzt, daß das nicht auf dem Rücken eines mechanischen Vogels zu geschehen brauche, der ihm nun einmal kein Vertrauen einflößte.

Am Morgen des 15. schwebte der »Albatros« über den Inseln Ascension und St. Helena, aber näher der letzteren hin, deren höhere Theile sich einige Stunden lang am Horizonte zeigten.

Hätte zur Zeit, als Napoleon sich in der Gewalt der Engländer befand, ein Apparat, ähnlich dem des Ingenieurs Robur, existirt, gewiß würde Hudson Lowe trotz seiner oft geradezu beleidigenden Vorsichtsmaßregeln seinen berühmten Gefangenen auf dem Wege durch die Lüfte haben entweichen sehen.

Während der beiden Abende des 16. und 17. Juli zeigten sich mit Abnahme des Tageslichtes höchst eigenthümliche Dämmerungserscheinungen. Unter höherer Breite hätte man bei ihrem Anblick an ein Nordlicht denken können. Die Sonne warf nämlich bei ihrem Niedergang über den Himmel vielfarbige Strahlen, von denen einige in leuchtendem Grün erschienen.

War das eine Wolke kosmischen Staubes, welche an der Erde vorüber zog und jetzt den letzten Schimmer des Tages wiederstrahlte? Einige Beobachter haben solche Dämmerungserscheinungen in dieser Weise allerdings erklärt; sie wären aber gewiß zu anderer Anschauung gekommen, wenn sie sich an Bord des Aeronefs befunden hätten.

Eine aufmerksame Prüfung ergab nämlich, daß in der Luft seine Pyroxen-Krystalle schwebten, glasartige Kügelchen, nämlich zarte Theilchen magnetischen Eisens, ganz entsprechend den Stoffen, welche feuerspeiende Berge auswerfen. Es schwand damit also jeder Zweifel, daß diese Wolke von einer vulcanischen Eruption herrührte, deren krystallinische Auswurfsstoffe die beobachtete Erscheinung erzeugten – eine Wolke, welche die Luftströmungen auch noch über dem Atlantischen Ocean schwebend erhielten.

Während dieses Theiles der Reise wurden übrigens auch noch andere Erscheinungen wahrgenommen. Wiederholt verliehen gewisse Wolken dem Himmel eine weißgraue Färbung von eigenthümlichem Aussehen; gelangte man dann durch einen solchen Dunstvorhang, so erschien dessen Oberfläche ganz übersäet von glänzend weißen Körperchen, zwischen denen einzelne größere besonders hervorleuchteten, was sich unter dieser Breite durch nichts anderes, als durch eine Hagelbildung erklären ließ.

In der Nacht vom 17. zum 18. bildete sich ein grünlichgelber Mondregenbogen in Folge der Stellung des Aeronefs zwischen dem Vollmonde und einem Netz von seinem Regen, der schon in Dunst überging, ehe er das Meer erreichte. Vielleicht ließ sich aus diesen verschiedenen Erscheinungen schon auf einen bevorstehenden Witterungsumschlag schließen. Jedenfalls hatte der Wind, der seit der Abfahrt von der afrikanischen Küste stets aus Südwesten wehte, sich in der Nähe des Aequators ganz gelegt. Hier in der Tropenzone herrschte dazu eine fast unerträgliche Hitze. Robur suchte daher Kühlung in höheren Luftschichten, und doch mußte man sich auch noch hier vor den directen Sonnenstrahlen schützen, welche Niemand hätte aushalten können.

Dieser Wechsel in den Luftströmungen ließ schon ahnen, daß jenseits des Aequatorialgebiets auch andere klimatische Verhältnisse herrschen würden; es darf’ hierbei auch nicht vergessen werden, daß der Monat Juli der südlichen Halbkugel der Januar der nördlichen ist, also dem tiefsten Winter entspricht. Wenn der »Albatros« noch weiter nach Süden vordrang, mußte er die Folgen davon bald spüren.

Das Meer aber »empfand das«, wie die Seeleute sagen. Am 18. Juli zeigte sich jenseits des Wendekreises des Steinbocks ein anderes Phänomen, welches gewiß jeden Schiffer erschreckt hätte.

Mit einer auf mindestens sechzig Meilen in der Stunde zu schätzenden Geschwindigkeit zog über das Meer weg eine merkwürdige Reihe von leuchtenden Wellen, die einander in der Entfernung von etwa achtzig Fuß folgten und lang schimmernde Streifen zurückließen. Mit einbrechender Nacht strahlte der Widerschein davon sogar bis zum »Albatros« hinauf, so daß dieser jetzt wirklich hätte für einen glühenden kleinen Himmelskörper angesehen werden können. Noch nie war es Robur vorgekommen, über ein Meer in Flammen hinwegzusteuern – über Flammen ohne Hitze, denen zu entfliehen er nicht nöthig hatte.

Die Elektricität mußte offenbar die Ursache dieser Erscheinung sein, denn etwa einer Fischlaichbank oder einem von jenen kleinen Geschöpfen gebildeten Zuge, welche zuweilen die Fläche des Meeres bedecken, konnte man dieselbe nicht zuschreiben.

Das ließ vermuthen, daß die elektrische Spannung der Luft jetzt eine sehr hohe sein müsse.

Am folgenden Tage, am 19. Juli, wäre ein Schiff auf diesem Meere wohl dem Untergang geweiht gewesen. Der »Albatros« dagegen spielte mit Wind und Wellen, wie der gewaltige Vogel, dessen Namen er trug. Wenn es ihm nicht beliebte, wie ein Sturmvogel über die Meeresfläche hinzugleiten, so konnte er wie der Adler in höheren Schichten Ruhe und Sonnenschein aufsuchen.

Man hatte jetzt den siebenundvierzigsten Grad südlicher Breite überschritten. Der Tag dauerte nur noch sieben bis acht Stunden, und er mußte mit der Annäherung an die antarktischen Gegenden noch immer kürzer werden.

Gegen ein Uhr Nachmittags hatte sich der »Albatros«, um eine günstige Luftströmung aufzufinden, sehr tief gesenkt. Er schwebte höchstens noch hundert Fuß über der Oberfläche des Meeres.

Das Wetter war still. An einzelnen Stellen des Himmels zogen dicke, dunkle Wolken mit ausgezackten Rändern auf, welche oben eine genau horizontale Linie bildeten. Aus diesen Wolken quollen langgezogene Protuberanzen hervor, deren Ende das Wasser anzuziehen schien, das darunter in Form eines flüssigen Straußes aufbrodelte.

Plötzlich stieg das Wasser in Form einer ungeheuren Sanduhr hoch empor.

In einem Augenblick wurde der »Albatros« in den Wirbel einer riesigen Trombe hineingezogen, der bald zwanzig andere von Tintenschwärze das Geleite gaben. Zum Glück vollzog sich die Drehung dieser Trombe entgegen der der Auftriebsschrauben, sonst hätten diese ihre Wirkung ganz eingebüßt und der Aeronef wäre ins Meer gefallen; jetzt wurde er nur mit erschreckender Schnelligkeit um sich selbst gedreht.

Immerhin war die Gefahr groß und schien unmöglich abwendbar, da der Aeronef sich nicht aus der Trombe losmachen konnte, deren Anziehung ihn trotz der Treibschrauben zurückhielt.

Durch die Centrifugalkraft wurde die Mannschaft nach beiden Enden des Verdecks geschleudert, und mußte sich hier an den Schraubenmasten anhalten, um nicht über Bord zu fallen.

»Ruhig Blut!« rief Robur.

Und das brauchten sie wirklich, und Geduld obendrein.

Onkel Prudent und Phil Evans, die aus ihrer Cabine heraustraten, wurden nach dem Hintertheil getrieben und hatten die größte Mühe, sich noch fest zu klammern.

Und während sich der »Albatros« in dieser Weise um sich selbst drehte, folgte er der Lageveränderung der Tromben, die mit einer Schnelligkeit, auf welche die Schrauben desselben hätten eifersüchtig werden können, sich weiterhin wanden. Sobald er der einen entgangen, wurde er von einer anderen gepackt und war stets in Gefahr, in Stücke zerrissen zu werden.

»Einen Kanonenschuß!« rief der Ingenieur.

Der Obersteuermann Tom Turner verstand völlig diesen an ihn gerichteten Befehl; er lehnte eben an dem kleinen Bordgeschütz mittschiffs, wo die Centrifugalkraft minder wirksam war. Schneller, als wir es beschreiben können, hatte er die Schwanzschraube des Rohrs geöffnet und führte in diese eine scharfe Patrone ein, von denen ein kleiner Vorrath in einem an der Lafette befestigten Kasten vorhanden war. Der Schuß krachte und sofort sanken einige Tromben zusammen.

Die Lufterschütterung hatte hingereicht, das Meteor zu zerreißen und die ungeheure Dunstmasse löste sich in einen Sturzregen auf, der den Himmel mit dicken Wasserstreifen überzog, die Meer und Himmel verbanden.

Endlich befreit, beeilte sich der »Albatros«, um einige hundert Meter aufzusteigen.

»Nichts zerbrochen an Bord? fragte der Ingenieur.

– Nein, antwortete Tom Turner; aber das war denn doch ein etwas gar zu tolles Kreiseln, das wir uns nicht zum zweiten Male wünschen möchten.«

In der That, in der Zeit von zehn Minuten war der »Albatros« in größter Gefahr gewesen, und ohne seine solide Bauart dürfte er den Wirbeln der Tromben schwerlich widerstanden haben.

Wie lang wurden die Stunden bei dieser Fahrt über den Ocean, wenn nichts die Eintönigkeit derselben unterbrach. Die Tage nahmen immer mehr ab und die Kälte wurde allmählich fühlbar. Onkel Prudent und Phil Evans sahen Robur wenig. In seine Cabine eingeschlossen, beschäftigte er sich damit, den Cours zu bestimmen, auf seinen Karten die zurückgelegten Strecken einzutragen und sich, wenn es irgend anging, Gewißheit zu verschaffen, wo sie sich eben befanden, ferner die Barometer, Thermometer und Chronometer zu beobachten und endlich alle Zwischenfälle der Reise in das Schiffsbuch einzutragen.

Sorgsam verhüllt, bemühten sich die beiden Collegen unablässig, im Süden Land zu entdecken.

Frycollin seinerseits versuchte, gemäß einem besonderen Auftrage des Onkel Prudent, den Koch bezüglich des Ingenieurs auszuforschen. Wie hätte aber Jemand aus dem, was der Gascogner François Tapage zur Antwort gab, klug werden können? Nach ihm war Robur bald ein ehemaliger Minister der Republik Argentina, ein Chef der Admiralität, ein abgetretener Präsident der Vereinigten Staaten, ein auf Wartegebühr gesetzter spanischer General, oder auch ein Vicekönig von Indien, der in den Lüften eine noch höhere Stellung gesucht hatte. Bald besaß er, Dank der mit Hilfe seiner Maschine ausgeführten Razzias, Millionen und war er allgemein in die Acht erklärt; bald hatte er sich wieder durch die Herstellung dieses Apparates ruinirt und gezwungen gesehen, öffentlich aufzusteigen, um sein Geld wieder zu gewinnen. Auf die Frage nach dem Ruheplatz desselben war keine Auskunft zu erhalten, außer der, daß er nach dem Mond zu gehen beabsichtige, um dort zu bleiben, wenn er eine ihm passende Oertlichkeit anträfe.

»He, Fry… mein Kamerad!… Nicht wahr, es würde Dir Vergnügen machen, zu sehen, wie es da oben zugeht?

– Ich gehe nicht mit! Ich weigere mich!… erwiderte der Schwachkopf der alle diese Faseleien für Ernst nahm.

– Und weshalb, Fry, weshalb? Wir verheiraten Dich dort mit einer hübschen, jungen Mondbewohnerin… Du wirst da der Stammvater der Neger!«

Als Frycollin das, was er gehört, seinem Herrn hinterbrachte, erkannte dieser wohl, daß über Robur keine Auskunft zu erlangen sei. Er dachte also nur noch daran, sich zu rächen.

»Phil, begann er eines Tages zu seinem Collegen, es liegt nun auf der Hand, daß eine Flucht für uns unmöglich ist.

– Unmöglich, Onkel Prudent!

– Zugegeben, ein Mann ist aber stets sein eigener Herr, und wenn es sein muß, indem er sein Leben opfert…

– Wenn ein solches Opfer nothwendig ist, dann wird es so schnell als möglich gebracht! antwortete Phil Evans, dessen sonst so kühles Temperament nun doch die Grenze des Erträglichen erreicht hatte. Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen!… Wohin geht der »Albatros«?… Jetzt fliegt er schräg über den Atlantischen Ocean, und wenn er diese Richtung beibehält, muß er nach den Küsten von Patagonien, dann nach denen des Feuerlandes kommen…. Aber nachher?… Wird er auch noch über den Stillen Ocean hinausschweben? Oder steuert er dann nach dem Südpolarlande?… Diesem Robur ist Alles zuzutrauen!… Dann wären wir verloren!… Wir befinden uns also in der Zwangslage berechtigter Nothwehr, und wenn wir einmal zu Grunde gehen müssen…

– So geschehe es nicht, fiel Onkel Prudent ein, ohne daß wir uns gerächt, ohne daß wir diesen Apparat mit Allen, die er trägt, zerstört haben!«

Bis zu solchen Anschauungen hatte der ohnmächtige Zorn, die in ihnen aufgehäufte Wuth die beiden Collegen schon gebracht! Ja, weil es nicht anders ging, wollten sie sich opfern, um den Erfinder sammt seinem Geheimniß zu vernichten. Nur wenige Monate hätte dann dieser wunderbare Aeronef erlebt, dessen unbestreitbare Ueberlegenheit bezüglich der Fortbewegung durch die Luft sie anzuerkennen sich gezwungen sahen.

Diese Vorstellung hatte in ihren Köpfen so fest Wurzel geschlagen, daß sie an gar nichts Anderes mehr dachten. Doch wie sollten sie zu Werke gehen? O, sie wollten sich nur einer der an Bord vorhandenen Explosionsmaschinen bemächtigen, um damit den ganzen Apparat in tausend Stücke zu zersprengen; freilich mußten sie dazu erst Gelegenheit finden, in die Munitionskammer einzudringen.

Glücklicher Weise ahnte Frycollin nichts von ihren Absichten. Bei dem Gedanken, daß der »Albatros« in die Luft gesprengt werden sollte, würde er sich nicht entblödet haben, seinen eigenen Herrn zu verrathen.

Am 23. Juli war es, wo im Südwesten wieder Land sichtbar wurde, und zwar nahe dem Cap der Jungfrauen am Eingange der Magellan-Straße. Jenseits des vierundfünfzigsten Breitengrades währte die Nacht in dieser Jahreszeit fast neunzehn Stunden und die Mitteltemperatur der Luft blieb fortwährend unter Null Grad zurück.

Statt jetzt noch weiter nach Süden vorzudringen, folgte der »Albatros« zunächst den Windungen jener Meerenge, als ob er dem Stillen Ocean zutriebe. Nachdem er über die Bai von Lomas hinweggekommen, den Gregory-Berg im Norden und die Brecknocks-Berge im Westen hinter sich gelassen, kam er in Sicht von Punta Arena, einem kleinen chilenischen Dörfchen, gerade als daselbst das volle Kirchengeläute erklang, und einige Stunden später in die Nähe der alten Niederlassung im sogenannten Hungerhafen.

Wenn die Patagonier, deren Feuer man da und dort aufleuchten sah, wirklich eine das mittlere Menschenmaß übertreffende Körpergröße haben, so konnten doch die Passagiere des Aeronef darüber nicht urtheilen, da sie ihnen, von dieser Höhe gesehen, als Zwerge erschienen.

Doch welch’ Schauspiel bot sich hier während der kurzen Stunden des südlichen Tages! Steile, zerklüftete Berge, mit ewigem Schnee bedeckte Spitzen, deren Seiten mit dichten Wäldern bedeckt waren; Binnenseen, Buchten zwischen den Vorgebirgen und Inseln dieses Archipels; daneben Clarence-, Dawson- und Desolationsland, Canäle und Furthen, unzählige Caps und Halbinseln – all’ dieses undurchdringliche Gewirr, und jetzt durch das Eis zu einer festen Masse verschmolzen, vom Cap Forward, am Ende des amerikanischen Festlandes, bis zum Cap Horn am letzten Ausläufer der Neuen Welt!

Nachdem er jedoch den Hungerhafen erreicht, nahm der »Albatros« wieder eine völlig südliche Richtung an. Zwischen dem Tarnberge der Halbinsel Brunswick und dem Grawes-Berge hindurchsteuernd, wandte er sich in gerader Linie nach dem Sarmiento-Berge, einem gewaltigen, dick übereisten Spitzberge, welcher die Meerenge der Magellan-Straße in einer Höhe von zweitausend Metern beherrscht.

Hier zeigte sich den Blicken der Reisenden das Land der Pescheräs oder Fuegier, jener Ureinwohner, welche noch im Feuerland siedeln.

Wie herrlich und fruchtbar hätten sich diese Gebiete – vorzüglich deren mittlerer Theil – im Sommer gezeigt, wo die Tage sechzehn bis siebzehn Stunden lang dauern! Ueberall bieten sie nämlich Thäler und Weideplätze, welche Abertausende von Thieren ernähren könnten, nebst jungfräulichen Wäldern mit riesenhaften Bäumen, mit Weiden, Buchen, Eschen, Cypressen und blühenden Farrenkräutern; dann wieder Ebenen, welche große Herden von Guanaquen, Vigogneschafen und Straußen bewohnen. Als der »Albatros« seine elektrischen Lichter erglühen ließ, flatterten auch Papageitaucher, Enten und Gänse – hundertmal mehr, als François Tapage’s Speisekammer fassen konnte – an Bord.

Der Koch, welcher dieses Federwild so vortrefflich zuzurichten verstand, daß es seinen thranigen Geschmack ganz verlor, erhielt dadurch plötzlich weit mehr Arbeit, als gewöhnlich; mehr Arbeit machte das aber auch Frycollin, der es nicht abschlagen konnte, von diesem interessanten Geflügel ein Dutzend nach dem anderen wenigstens zu rupfen.

Am nämlichen Tage zeigte sich, als die Sonne eben versinken wollte, auch noch ein ziemlich großer, von prächtigen Waldungen eingerahmter See. Jetzt lagerte über dem See eine feste Eisdecke und einige Eingeborene glitten auf ihren langen Schneeschuhen pfeilschnell über dessen Oberfläche hin.

Beim Erblicken dieser Flugmaschine entflohen diese Fuegier nämlich nach allen Seiten, und wenn sie nicht fliehen konnten, so versteckten sie sich doch und gruben sich wie Thiere in die Erde ein.

Der »Albatros« steuerte noch immer nach Süden über dem Beagle-Canal hinaus und weiter fort, als die Insel Navarin, deren griechischer Name unter den gewöhnlichen Bezeichnungen dieser entlegenen Landstrecken etwas auffällig erscheint, weiter, als die Insel Wollaston, die sich schon in den Wogen des Stillen Oceans badet. Endlich, nachdem er von Dahomeys Küste aus über siebentausendfünfhundert Kilometer zurückgelegt, schwebte er über die letzten Inseln des Magellan-Archipels hinweg und endlich ganz im Süden über das schreckliche Cap Horn, an das eine unaufhörliche wilde Brandung donnert.

Vierzehntes Capitel

In dem der »Albatros« etwas ausführt, was man vielleicht niemals dürfte ausführen können.

Der nächstfolgende Tag war der 24. Juli. Der 24. Juli der südlichen Halbkugel entspricht bekanntlich aber dem 24. Januar der nördlichen Hemisphäre; außerdem war jetzt auch schon der sechsundfünfzigste Breitegrad überschritten, der im Norden Europas Schottland in der Höhe von Edinburgh und Südschweden in der von Helsingborg durchschneidet.

Das Thermometer hielt sich auch fortwährend unter Null Grad, so daß es sich nöthig machte, die Ruffs durch künstliche Wärme etwas wohnlicher zu machen.

Es versteht sich von selbst, daß der Tag, wenn er seit dem 21. Juni des südlichen Winters auch schon zunahm, doch immer noch merklich kürzer wurde, da der »Albatros« einen Cours nach den Polarregionen einhielt.

Die Folge davon war eine sehr geringe Helligkeit über jenem Theile des Stillen Oceans, der an das antarktische Eismeer grenzt. Man hatte also nur wenig Aussicht und während der Nacht recht empfindliche Kälte. Um ihr zu widerstehen, mußte man sich nach Art der Eskimos und Fuegier kleiden; doch da es an Bord an warmen Ueberkleidern nicht fehlte, konnten die beiden, wohl eingepackten Collegen doch auf dem Verdeck ausharren, wobei sie freilich immer nur an ihr Vorhaben dachten und eine dazu günstige Gelegenheit zu erspähen suchten. Uebrigens sahen sie Robur jetzt sehr wenig, und seit jenem Wortwechsel mit beiderseitigen Drohungen, der über Timbuktu stattfand, sprachen der Ingenieur und sie nicht mit einander.

Frycollin kam jetzt kaum noch aus der Küche François Tapage’s heraus, der ihm hier wohlwollende Gastfreundschaft gewährte – unter der Bedingung, daß er sich als Hilfskoch nützlich machte. Da das nicht ohne Vortheil für ihn abging, hatte der Neger sich mit Erlaubniß seines Herrn gern dazu verpflichtet. So eingeschlossen, sah er ja auch nicht, was draußen vorging, und konnte sich gegen jede Gefahr geschützt glauben. Glich er nicht völlig dem thörichten Strauße, nicht allein physisch durch seinen vortrefflichen Magen, sondern auch geistig durch seine kindische Beschränktheit?

Doch nach welchem Punkte der Erde sollte der »Albatros« sich nun wenden? Konnte man wohl annehmen, daß er sich im tiefen Winter über diese südlichen Meere oder über das Festland des Pols hinauswage? Selbst wenn die Chemikalien in den Batterien nicht durch die furchtbare Kälte erstarrten, drohte in dieser eisigen Atmosphäre doch Allen der Tod – der schreckliche Tod des Erfrierens. Daß Robur es unternommen hätte, in der warmen Jahreszeit über den Pol zu fahren, möchte wohl angehen; inmitten der ewigen Nacht des antarktischen Winters erschien dies dagegen wie der Streich eines Tollhäuslers.

Diesen Gedankengang hatten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts, als sie sich jetzt nach dem äußersten Ende der Neuen Welt entführt sahen, nach Gegenden, welche zwar zu Amerika, aber freilich nicht zu den Vereinigten Staaten gehören.

Ja, was hatte dieser unergründliche Robur noch Alles vor? War jetzt nicht der Zeitpunkt gekommen, die Reise durch Zerstörung des fliegenden Apparates zu beendigen?

Fiel hierüber die Antwort auch noch unbestimmt aus, so stand dagegen fest, daß der Ingenieur im Laufe des 24. Juli wiederholt mit seinem Obersteuermann verhandelte. Mehrere Male beobachteten auch Tom Turner und er selbst das Barometer, diesmal aber nicht zur Abschätzung der Höhe, sondern um verschiedene Anzeichen eines drohenden Wetterumschlags zu erkennen.

Onkel Prudent glaubte auch zu bemerken, daß Robur in Erfahrung zu bringen suchte, wie viel er noch an Vorräthen aller Art, ebenso derjenigen zur Unterhaltung der Treib- und Auftriebsmaschinen des Aeronefs, wie derjenigen für die menschlichen Maschinen besaß, da es darauf ankam, auch diese und ihre Arbeitskraft in bestem Zustand zu erhalten.

Alles das schien auf eine geplante Umkehr hinzudeuten.

»Umkehr?… sagte Phil Evans, aber wohin?

– Dahin, wo sich Robur frisch verproviantiren kann, antwortete Onkel Prudent.

– Das müßte irgend eine im Stillen Ocean verlorene Insel sein, mit einer, ihres Chefs ganz würdigen Colonie von Verbrechern.

– Das ist auch meine Ansicht, Phil Evans. Ich glaube wirklich, er wird nach Westen zu wenden lassen, und bei der Schnelligkeit, über die er verfügt, dürfte er sein Ziel bald genug erreicht haben.

– Wir würden jedoch unseren Plan nicht mehr zur Ausführung bringen können… wenn er daselbst ankommt…

– Er wird nicht ankommen, Phil Evans!«

Wie sich zeigte, hatten die beiden Collegen die Absichten des Ingenieurs wenigstens zum Theil errathen.

Im Laufe des Tages noch schwand jeder Zweifel, daß der »Albatros«, nachdem er die Grenzen des südlichen Eismeeres gestreift, entschieden wieder rückwärts steuerte.

Wenn die Eisschollen auf dem Wasser bis zum Cap Horn hintrieben, mußten sich die südlicheren Theile des Stillen Weltmeeres ganz mit Eisfeldern und Eisbergen bedecken, und das Packeis bildete dann einen undurchdringlichen Wall für die festesten Schiffe, wie für die tollkühnsten Reisenden.

Gewiß hätte der »Albatros«, wenn er seinen Flügelschlag beschleunigte, diese über den Ocean aufgethürmten Eisberge ebenso überfliegen können, wie die auf dem Festlande des Polarkreises aufragenden Gebirge – wenn es überhaupt ein Festland ist, was das Südende der Erdachse überdeckt.

Doch entschieden würde er nicht gewagt haben, in mitten der finsteren Polarnacht auch einer Polarluft Trotz zu bieten, welche sich zuweilen bis sechzig Grad unter Null abkühlen kann.

Nachdem er also etwa hundert Kilometer nach Süden vorgedrungen, wandte sich der »Albatros« nach Westen, so, als ob er die Richtung nach einer unbekannten Insel des Archipels des Stillen Oceans einschlüge.

Unter ihm breitete sich die flüssige Ebene aus, welche zwischen die Ländermasse Amerikas und Asiens geworfen ist. Jetzt hatten die Fluthen derselben jene eigenthümliche Färbung angenommen, die zum Theil dem Ocean den Namen des »Milchmeeres« erworben hat. In dem Halbdunkel, welches die matten Sonnenstrahlen niemals wirklich durchdrangen, erschien die ganze Oberfläche des Stillen Weltmeeres in der That milchig weiß. Man hätte ein ungeheures Schneefeld zu erblicken geglaubt, dessen Bodensenkungen und Erhebungen aus dieser Höhe nicht zu erkennen wären. Wäre auch dieser ganze Meerestheil durch die Kälte zu einem einzigen Eisfeld erstarrt gewesen, der Anblick desselben hätte kaum ein anderer sein können.

Jetzt weiß man, daß es Myriaden leuchtender Theilchen, phosphorescirende Körperchen sind, welche diese Erscheinung erzeugen. Merkwürdig blieb nur der Umstand, diesen opalisirenden Massen außerhalb des Indischen Oceans zu begegnen.

Nachdem das Barometer sich in den ersten Stunden des Tages ziemlich hoch gehalten hatte, fiel es plötzlich sehr rasch, ein Anzeichen, das für jedes Schiff von ernster Bedeutung gewesen wäre, während der Aeronef es außer Acht lassen konnte. Jedenfalls ließ dasselbe aber erkennen, daß in letzter Zeit ein furchtbarer Sturm die Gewässer des Pacifischen Oceans aufgewirbelt haben mochte.

Es war gegen zwei Uhr Mittags, als Tom Turner auf den Ingenieur zutrat.

»Master Robur, begann er, sehen Sie da den schwarzen Punkt am Horizont?… Dort, gerade im Norden vor uns… ein Felsen kann das nicht sein?

– Nein, Tom, nach dieser Seite zu liegt kein Land.

– Dann muß es ein Schiff sein, oder doch irgend ein Fahrzeug.«

Onkel Prudent und Phil Evans blickten nach dem von Tom Turner bezeichneten Punkt hinaus.

Robur ließ sich ein Seefernrohr reichen und betrachtete scharf den fraglichen Gegenstand.

»Es ist ein Boot, sagte er, und ich möchte behaupten, daß sich Menschen in demselben befinden.

– Schiffbrüchige? rief Tom.

– Ja, Schiffbrüchige, welche gezwungen gewesen sein werden, ihr Schiff zu verlassen, erklärte Robur; Unglückliche, welche nicht wissen, wo sie Land finden sollen und die vielleicht vor Hunger und Durst umkommen. Wohlan, es soll Niemand sagen können, der »Albatros« hätte nicht den Versuch gemacht, ihnen Hilfe zu bringen!«

Der Maschinist und der Gehilfe erhielten dementsprechend Befehl und der Aeronef begann langsam hinabzusinken. In hundert Meter Höhe hielt er damit ein und seine Propeller trieben ihn rasch nach Norden.

Es war in der That ein Boot, an dessen Mast ein Segel schlaff herabhing und das wegen Mangels an Wind nicht vorwärts kommen konnte. Die an Bord befindlichen Leute hatten offenbar nicht mehr Kraft genug, ein Ruder zu handhaben.

Auf dem Boden desselben lagen fünf Menschen, die eingeschlafen oder vor Entkräftung regungslos geworden waren, wenn nicht gar der Tod sie schon ereilt hatte.

Ueber ihnen angekommen, ging der »Albatros« langsam nach unten. Am Heck des Bootes konnte man noch den Namen des Schiffes lesen, zu dem es gehört hatte; es war die »Jeannette« von Nantes gewesen, ein französisches Schiff, das seine Besatzung hatte aufgeben müssen.

»Aoh!« rief Tom Turner.

Die Leute mußten ihn wohl hören, denn sie befanden sich kaum achtzig Fuß unter ihm.

Keine Antwort.

»Schießt ein Gewehr ab!« sagte Robur.

Der Befehl wurde ausgeführt und der Knall des Schusses verbreitete sich weithin über die Oberfläche des Wassers.

Da sah man einen der Schiffbrüchigen sich mühsam aufrichten, seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, so daß das Gesicht mehr dem eines Skelets ähnelte.

Als er den »Albatros« bemerkte, malte sich in seinen Zügen erst der helle Schrecken.

»Fürchtet nichts! rief Robur ihm französisch zu. Wir kommen Euch zu retten. Wer seid Ihr?

– Matrosen von der »Jeannette«, einer Dreimastbark, deren zweiter Officier ich war, antwortete der Mann. Vor nun vierzehn Tagen… mußten wir dieselbe verlassen… weil sie schon im Sinken war… Wir haben weder Wasser, noch Lebensmittel mehr!…«

Die vier übrigen Schiffbrüchigen hatten sich nach und nach etwas erhoben. Elend, kraftlos und entsetzlich abgemagert, streckten sie die Hände nach dem Aeronef empor.

»Achtung!« rief Robur.

Vom Verdeck aus sank ein Tau hernieder und ein Eimer mit Süßwasser wurde zu dem Boote hinabgesendet.

Die Unglücklichen stürzten darüber her und tranken mit einer Hast, welche fast widerlich mit anzusehen war.

»Brot!… Brot!«… riefen sie.

Sofort stieg auch ein Korb mit einigen Lebensmitteln, mit Conserven, einem Fläschchen Brandy und mehreren Pinten Kaffee zu ihnen herunter. Der zweite Officier hatte alle Mühe, die Leute bei der Stillung ihres Hungers nur einigermaßen im Zaum zu halten.

»Wo sind wir denn? fragte er dann.

– Fünfzig Meilen von der Küste von Chili und dem Chonas-Archipel, antwortete Robur.

– Ich danke, doch wir haben keinen Wind, und…

– Wir werden Sie ins Schlepptau nehmen.

– Wer sind Sie?

– Leute, die sich glücklich schätzen, daß sie im Stande waren. Euch Hilfe zu bringen,« erwiderte einfach Robur.

Der Mann begriff, daß er hier ein Incognito zu respectiren habe. Doch war es wirklich möglich, daß diese Maschine Kraft genug besaß, sie zu schleppen?

Ja; durch Vermittelung eines hundert Fuß langen Kabels wurde das Boot von dem mächtigen Apparat nach Osten hingezogen.

Um zehn Uhr Abends war Land in Sicht, oder man sah wenigstens die Leuchtfeuer, welche dessen Lage bezeichneten. Sie war wirklich zur rechten Zeit gekommen, diese Hilfe vom Himmel für die Schiffbrüchigen der »Jeannette«, und sie hatten gewiß einiges Recht, ihre Rettung für ein Wunder zu halten.

Als sie dann bis zum Eingang der Wasserstraße zwischen den Chonas-Inseln gebracht worden waren, rief ihnen Robur zu, das Tau schießen zu lassen, was sie denn auch, ihre Retter segnend, thaten, und der »Albatros« steuerte wieder auf die offene See hinaus.

Entschieden besaß er doch gute Eigenschaften, dieser Aeronef, der auf diese Weise im weiten Weltmeer verirrten Seeleuten Beistand leisten konnte. Welcher noch so vervollkommnete Ballon wäre im Stande gewesen, es ihm nachzuthun? Unter sich mußten auch Onkel Prudent und Phil Evans das anerkennen, obwohl sie mehr in der Laune waren, die Wahrheit des ganzen Zwischenfalls zu leugnen.

Das Meer blieb immer aufgeregt und es traten weitere beunruhigende Vorzeichen auf. Das Barometer sank noch um einige Millimeter, dann und wann brausten sehr heftige Böen daher, welche in den helikopterischen Maschinen des »Albatros« ein lautes Pfeifen verursachten und diesen merkbar aufhielten. Unter diesen Umständen hätte ein Segelschiff schon die Marssegel zweimal und das Focksegel einmal reefen müssen Alles deutete darauf, daß der Wind nach Nordwesten umschlagen werde. Das Rohr des Sturmglases fing an, sich beunruhigend zu trüben.

Um ein Uhr Morgens erlangte der Wind eine ungewöhnliche Heftigkeit. Obgleich der Aeronef denselben ganz von vorne hatte, so konnten seine Propeller ihn doch noch forttreiben, so daß er etwa vier bis fünf Meilen in der Stunde zurücklegte. Mehr konnte man jedoch nicht von ihm verlangen.

Ganz entschieden war jetzt ein Cyclon im Anzuge, was unter diesen Breiten sehr selten vorkommt. Ob man diesen nun Hurracan im Atlantischen, Typhon im Chinesischen Meere, Samum in der Sahara und Tornado an der Westküste Amerikas nennt, immer ist es ein Wirbelsturm, der große Gefahren mit sich bringt für jedes Fahrzeug, das von seiner drehenden Bewegung gepackt wird, die nach dem Centrum hin zunimmt und nur eine Stelle ruhig läßt, den innersten Mittelpunkt dieses Maelstromes der Lüfte.

Robur wußte das. Er wußte auch, daß es rathsam war, einem Cyclon zu entfliehen, indem er aus dem Bereiche seiner Anziehung nach höheren Luftschichten aufstieg. Bisher hatte er das immer vermocht. Aber es war keine Stunde, vielleicht keine Minute mehr zu verlieren.

In der That wuchs die Gewalt des Sturmes zusehends. Die an ihren Kämmen zerrissenen Wellen trugen einen weißlichen Staub über die Meeresfläche hin. Es war auch zu erkennen, daß der Cyclon beim Fortschreiten mit rasender Schnelligkeit sich den Polargebieten nähern mußte.

»Hinauf! befahl Robur.

– Hinauf!« wiederholte Tom Turner.

Dem Aeronef wurde die äußerste Auftriebskraft ertheilt und er erhob sich in schräger Richtung, als stiege er eine schiefe Ebene empor, die sich nach Südwesten hin senkte.

Da fiel das Barometer noch weiter – die Quecksilbersäule sank schnell um acht, dann um zwölf Millimeter. Plötzlich hörte die aufsteigende Bewegung des »Albatros« gänzlich auf.

Was veranlaßte diesen Halt? Offenbar war es der Druck der Luft in Folge einer sehr starken Strömung, die von oben nach unten zu stattfand und den Widerstand seines Angriffspunktes herabsetzte.

Wenn ein Dampfer einem Strome entgegenfährt, erzeugt seine Schraube eine um so weniger wirksame Arbeit, je schneller das strömende Wasser zwischen ihren Flügeln hindurchfließt. Dann bleibt er zurück und das kann so weit gehen, daß er mit der Strömung zurückgeht. In dieser Lage befand sich jetzt der »Albatros«.

Robur gab seine Sache aber damit noch nicht auf. Seine mit erstaunlichster Uebereinstimmung arbeitenden Schrauben wurden in die schnellstmögliche Umdrehung versetzt; doch unwiderstehlich von dem Cyclon angezogen, konnte der Apparat ihm nicht entgehen. Während kurzer Stillen stieg er wieder etwas in die Höhe. Dann zog ihn der schwere Luftdruck auf’s Neue hernieder und er sank, wie ein Schiff im Untergehen.

Und konnte man das nicht ein Untergehen im Luftmeere nennen, inmitten einer Nacht, welche die Blendlichter des »Albatros« nur in geringem Umfange unterbrachen?

Wenn die Kraft des Cyclons immer zunahm, wurde der »Albatros« gewiß bald zum unlenkbaren Strohhalm, der von den Wirbeln hinweggetragen wurde, welche Bäume entwurzeln, Dächer abdecken und oft ganze Mauern umwerfen.

Robur und Tom konnten sich nur noch durch Zeichen verständlich machen. An die Reeling geklammert, fragten sich Onkel Prudent und Phil Evans, ob das schauerliche Meteor nicht für sie eintreten und den Aeronef mit seinem Erfinder, und mit dem Erfinder das ganze Geheimniß der Erfindung vernichten würde.

Da es nun dem »Albatros« nicht gelang, sich in lothrechter Richtung diesem Cyclon zu entziehen, blieb ihm nur noch der eine Ausweg, den verhältnißmäßig stilleren Mittelpunkt desselben aufzusuchen, wo er mehr Herr seiner Manöver war. Gewiß; doch um zu jenem vorzudringen, mußte er die Kreisströme überwinden, die ihn an ihren Pheripherien mit fortzerrten. Besaß er wirklich genug mechanische Kräfte, sich diesen zu entreißen?

Plötzlich barsten jetzt die Wolken über ihm; die Dünste verdichteten sich zu einem furchtbaren Platzregen.

Es war um zwei Uhr Morgens. Das um zwölf Millimeter auf- und abschwankende Barometer war bis auf siebenhundertundneun gefallen, wobei allerdings die Höhe, welche der Aeronef über dem Meere einnahm, in Rechnung zu ziehen ist.

Seltsamer Weise hatte sich dieser Cyclon außerhalb der Zonen, die er sonst durchzieht, gebildet, d. h. zwischen dem dreißigsten Grade nördlicher und dem siebenundzwanzigsten Grade südlicher Breite. Vielleicht erklärt sich hierdurch, warum dieser Wirbelsturm sehr bald in einen gewöhnlichen, ziemlich geradlinig verlaufenden überging. Doch welcher Orkan wüthete dafür! Der Windstoß von Connecticut am 22. März 1882 hätte ihm etwa verglichen werden können, dessen Geschwindigkeit hundertsechzehn Meter in der Secunde, d. h. über hundert Meilen in der Stunde, erreichte.

Es blieb jetzt also nichts übrig, als nach rückwärts zu entfliehen, wie ein Schiff vor dem Sturm, oder sich vielmehr von dieser Strömung mit forttragen zu lassen, die der »Albatros« nicht überwinden und aus der er sich nicht befreien konnte. Aber wenn er dieser ihm aufgezwungenen Straße folgte, floh er nach dem Süden hin und wurde nach den Polargebieten verschlagen, welche Robur hatte vermeiden wollen. Doch da er nicht mehr Herr seiner Bewegungen war, mußte er ja hingehen, wohin der Orkan ihn trug.

Tom Turner hielt noch immer getreulich am Steuerruder aus. Es bedurfte aller seiner Gewandtheit, um nicht immer von einem Bord zum anderen geschleudert zu werden.

Mit den ersten Stunden des Tages – wenn man den schwachen Schein, der den Horizont färbte, so nennen konnte – hatte der »Albatros« vom Cap Horn her fünfzehn Breitengrade hinter sich gelassen, d. h. über vierhundert Meilen, und er überschritt nun den Polarkreis.

Hier dauert die Nacht im Monat Juli noch neunzehn Stunden lang, die kalte Sonnenscheibe erscheint nur schwach leuchtend am Horizont, um fast sogleich wieder zu verschwinden. Am Pole selbst verlängert sich diese Nacht bis auf hundertneunundsiebzig volle Tage. Alles deutete darauf hin, daß sich der »Albatros« wie in einen Abgrund in dieselbe stürzen müsse.

An diesem Tage hätte eine Beobachtung, wenn eine solche möglich gewesen wäre, die südliche Breite von sechsundsechzig Grad vierzig Minuten ergeben. Der Aeronef befand sich also nur vierzehnhundert Seemeilen vom antarktischen Pol.

Unwiderstehlich nach diesem sonst unerreichbaren Punkt der Erdkugel hingezogen, »verzehrte« seine Geschwindigkeit so zu sagen seine ganze Schwere, obwohl diese in Folge der Abplattung der Erde am Pol hier eine noch größere war. Seine Auftriebsschrauben konnten sich das ja wohl gefallen lassen. Bald wurde die Gewalt des Sturmes eine so ungeheure, daß Robur die Umdrehungszahl der Propeller auf ein Minimum zu reduciren beschloß, um diese vor ernsten Beschädigungen zu schützen und doch ein wenig bei der geringsten möglichen eigenen Geschwindigkeit durch das Steuerruder wirken zu können.

Inmitten dieser Gefahren ertheilte der Ingenieur seine Befehle mit größter Kaltblütigkeit, und die Mannschaft gehorchte ihm, als ob die Seele des Chefs auch in ihr lebte.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten das Verdeck, wo sie übrigens ohne alle Schwierigkeit verweilen konnten, nicht einen Augenblick verlassen. Die Luft bot ja keinen oder nur sehr schwachen Widerstand. Der Aeronef befand sich eben in derselben Lage, wie jeder Aerostat, der sich mit dem Fluidum, in das er ganz eintaucht, fortbewegt.

Das südliche Polargebiet umfaßt der gewöhnlichen Angabe nach eine Fläche von viereinhalb Millionen (englische) Quadratmeilen, doch weiß man nicht, ob dasselbe ein Festland, einen Archipel oder nur ein Meer enthält, dessen Eis selbst während der langen Sommerzeit nicht zum Schmelzen kommt.

Bekannt ist dagegen, daß der Südpol noch kälter ist, als der Nordpol, eine Erscheinung, welche von der Stellung der Erde in ihrer Bahn während des Winters der antarktischen Region abgeleitet wird.

Während des Tages trat kein Anzeichen ein, daß der Sturm abnehmen werde. Der »Albatros« gelangte unter den fünfundsiebzigsten Grad westlicher Länge nach dem Polargebiete. Wer hätte wissen können, unter welchem Meridian er wieder aus demselben heraustreten sollte?

Je mehr er nach Süden hinabkam, desto mehr verminderte sich die Tageslänge. Binnen Kurzem mußte er sich in der fortwährenden Nacht befinden, welche nur vom Mondschein oder von dem schwachen Leuchten der Südlichter erhellt wird. Jetzt war aber Neumond, und die Gefährten Robur’s liefen Gefahr, gar nichts von jenen Gegenden zu sehen, deren Geheimniß der Mensch noch nicht zu entschleiern vermocht hat.

Höchst wahrscheinlich kam der »Albatros« nahe dem Polarkreise über einzelne schon bekannte Punkte hinweg, so im Westen über das Graham-Land, welches Biscon 1832 entdeckt hat, und über das Louis Philipp-Land, das Dumont-d’Urville als äußersten Ausläufer des unbekannten Festlandes 1838 entdeckte.

An Bord litt man zwar nicht besonders von der Kälte, welche nicht so arg war, als man eigentlich fürchten mußte. Der Orkan schien eine Art Golfstrom der Luft zu bilden, der eine gewisse Menge Wärme mit sich führte.

Wie bedauerlich war es, daß diese ganze Gegend in Finsterniß lag! Hierzu kommt noch, daß selbst bei vollem Mondschein jede Beobachtung sehr beschränkt war, denn zu dieser Jahreszeit bedeckt eine ungeheure Schneelage und ein dicker Eispanzer die ganze Oberfläche des Polargebietes. Man gewahrt dann nicht einmal jenen »Blink« der Eismassen, den weißlichen Schein, der sich an dem dunklen Horizonte nicht widerspiegeln kann. Wie hätte Jemand unter diesen Umständen die Gestalt von Ländern, die Ausdehnung der Meere oder die Vertheilung von Inseln zu erkennen vermocht? Wie hätte man sich über das hydrographische Netz des Landes unterrichten, oder selbst dessen orographische Anordnung aufnehmen können, da jetzt alle Hügel, alle Berge mit den Eisbergen und dem Packeise zu einer einzigen Masse verschmolzen?

Kurz vor Mitternacht erhellte ein Südpolarlicht einmal die tiefe Finsterniß. Mit seinen silbernen Ausläufern, seinen weit hinausreichenden Strahlen, bildete das Meteor die Gestalt eines ungeheuren Fächers, der etwa die Hälfte des Himmels einnahm. Die letzten elektrischen Effluvien desselben verloren sich am südlichen Kreuz, dessen vier Sterne im Zenith brannten. Diese Erscheinung war von wirklich unvergeßlicher Großartigkeit und ihre Helligkeit reichte hin, einen Ueberblick über diese in grenzenloses Weiß verhüllte Gegend zu gewähren.

Es versteht sich von selbst, daß der Compaß in diesen, dem magnetischen Südpol so nahe gelegenen Gebieten gänzlich gestört erschien und über die eingehaltene Richtung keinerlei Aufklärung geben konnte. Die Inclination der Nadel wurde aber gelegentlich eine so bedeutende, daß Robur annehmen mußte, über diesen magnetischen Pol, der ziemlich genau im achtundsiebzigsten Meridian zu suchen ist, hinweggekommen zu sein.

Und später, gegen ein Uhr des Morgens, rief er nach Beobachtung des Winkels, den die Nadel mit der Verticalen machte, laut:

»Jetzt ist der Südpol unter unseren Füßen!«

Wohl sah man eine ganz weiße Fläche, aber nichts verrieth, was sie unter ihrem Eispanzer bergen mochte.

Das Südpolarlicht erlosch bald nachher, und jener ideale Punkt, in dem sich alle Meridiane kreuzen, ist erst noch zu entdecken.

Hatten Onkel Prudent und Phil Evans die Absicht, den Aeronef und Alle, die er trug, in der geheimnißvollsten Einöde zu begraben, so war jetzt die beste Gelegenheit dazu. Wenn sie es doch nicht thaten, so lag es daran, daß ihnen die dazu nothwendige Sprengmaschine mangelte.

Indessen raste der Orkan mit einer solchen Wuth weiter, daß der »Albatros«, wenn er auf seinem Wege einen Berg getroffen hätte, daran unbedingt ebenso zerschellt wäre, wie ein Schiff, das auf eine felsige Küste geworfen wird.

Augenblicklich vermochte er sich nämlich ebenso wenig horizontal fortzubewegen, wie er Herr über sein Auf- und Absteigen war.

Einzelne Gipfel aber erheben sich bekanntlich auch in den antarktischen Gebieten. Jeden Augenblick war ein Zusammenstoß möglich, der die Vernichtung des ganzen Apparates hätte herbeiführen müssen.

Eine solche Katastrophe schien um so mehr zu fürchten, als der Wind der nach dem Meridian Null zurückging, weiter nach Osten umschlug. Schon zeigten sich auch, etwa hundert Kilometer vom »Albatros« entfernt, zwei leuchtende Punkte.

Es waren das die beiden Vulcane, welche zu dem gewaltigen Gebiete der Roß-, Erebus- und Terrorberge gehören.

Sollte der »Albatros« in den Flammen gleich einem riesigen Schmetterling verbrennen?

Es war eine Stunde voll entsetzlicher Angst; der eine der Vulcane, der Erebus, schien ordentlich auf den Aeronef, der sich aus dem Bett des Orkans nicht befreien konnte, loszustürzen… Sein Flammenbüschel wuchs zusehends, ein Feuernetz versperrte den Weg, das die Luft weithin erleuchtete. Die an Bord jetzt deutlich sichtbaren Gestalten nahmen ein halb teuflisches Aussehen an. Alle erwarteten regungslos, ohne einen Schrei, ohne mit den Muskeln zu zucken, die entsetzliche Minute, in der dieser Hochofen sie mit seinen Flammen umhüllen würde.

Der Orkan aber, der den »Albatros« mit sich fortriß, rettete ihn auch vor dieser schrecklichen Katastrophe. Die von dem Sturm niedergedrückten Flammen des Erebus gaben ihm den gefährlichen Weg frei, und inmitten eines Hagels von Lavastücken, welche durch die centrifugale Bewegung der Auftriebsschrauben glücklicher Weise weggeschleudert wurden, kam er glücklich über diesen in voller Eruption begriffenen Krater hinweg.

Eine Stunde später verdeckte schon der Horizont die beiden kolossalen Flammen, welche das Ende der Welt während der langen Polarnacht erleuchten.

Um zwei Uhr Morgens kam man an der Insel Ballery und zwar am Rande der Küste der Entdeckung vorüber, ohne diese jedoch erkennen zu können, da auch sie mit den Polarländern durch festes Eis verkittet war.

Mit dem Austritt aus dem Polarkreise, den der »Albatros« unter dem fünfundsiebzigsten Meridian durchschnitt, trug ihn der Orkan über die Packeismassen und die Eisberge hinweg, an welchen er sich hundertmal zu zertrümmern drohte. Er war eben nicht mehr in der Hand seines Steuermannes, sondern nur in der Hand Gottes, und Gott ist ja der beste Pilot.

Der Aeronef folgte nun wieder dem Meridian von Paris, der mit dem, unter welchem er die antarktische Welt betreten, einen Winkel von hundertfünf Grad bildet.

Endlich, jenseits des sechzigsten Breitengrades, schien die Kraft des Orkans zu erlahmen. Seine Schnelligkeit nahm merklich ab. Der »Albatros« wurde wieder mehr seiner selbst Herr. Ferner kam er jetzt, was eine Erleichterung gewährte, wieder in die erleuchteten Theile der Erdkugel, und um acht Uhr Morgens brach der Tag an.

Nachdem Robur und die Seinen dem Wirbelsturm des Cap Horn glücklich entgangen waren, hatten sie nun auch diesen Orkan überstanden. Sie waren über das ganze Südpolargebiet weg, nachdem sie binnen neunzehn Stunden gegen siebentausend Kilometer zurückgelegt, wieder nach dem Stillen Ocean getrieben worden, und da sie zu einer Meile nur eine Minute gebraucht hatten, war ihre Schnelligkeit doppelt so groß gewesen, als sie der »Albatros« unter gewöhnlichen Umständen hätte entwickeln können.

In Folge der Störung des Magnetismus seiner Compaßnadel im Polargebiete, wußte Robur nun aber nicht mehr, wo er sich befand. Er mußte also warten, bis die Sonne unter hinreichend günstigen Verhältnissen schien, um eine directe Beobachtung zu gestatten. Unglücklicher Weise bedeckten dichte Wolken an diesem Tage den Himmel und die Sonne wurde überhaupt nicht sichtbar.

Das war für Alle desto betrübender, weil die beiden Treibschrauben während des Sturmes einige Beschädigungen erlitten hatten.

Sehr verstimmt durch diesen Unfall, konnte Robur während des ganzen Tages nur mit stark verminderter Geschwindigkeit weiterfahren. Als er über den Antipoden von Paris schwebte, legte er nur sechs Meilen in der Stunde zurück, denn er mußte sich wohl hüten, die Beschädigungen zu verschlimmern. Versagten seine beiden Treibschrauben etwa ganz vollständig den Dienst, so wurde die Lage des Aeronefs über dem ungeheuren Stillen Ocean eine sehr mißliche. Der Ingenieur fragte sich auch schon, ob er die nöthigen Ausbesserungen nicht sollte an Ort und Stelle vornehmen lassen, um die Fortsetzung der Reise zu sichern.

Am Morgen des 27. Juli wurde da ein Land im Norden gemeldet.

Man erkannte bald, daß das eine Insel war; doch welche von den Tausenden, die im Pacifischen Ocean verstreut liegen? Nichtsdestoweniger beschloß Robur hier Halt zu machen, doch ohne auf die Erde selbst zu gehen. Seiner Ansicht nach mußte ein Tag hinreichen, die Havarien auszubessern, und er meinte dann denselben Abend wieder weiter fahren zu können.

Der Wind hatte sich – ein günstiger Umstand zur Ausführung jenes Vorhabens – fast vollständig gelegt. Da er nun anhalten sollte, konnte der »Albatros« wenigstens nicht nach unbekannten Gegenden verschlagen werden.

Man ließ also ein mit einem Anker versehenes hundertfünfzig Fuß langes Kabel von dem Luftschiff herunter. Als der Aeronef an den Rand der Insel kam, faßte der Anker an den ersten Klippen desselben und legte sich schnell zwischen zwei Felsen fest. Das Kabel spannte sich unter der Wirkung der Auftriebsschrauben straff an und der »Albatros« blieb unbeweglich, wie ein Schiff, das am Strande festgelegt wurde.

Es war das erste Mal, daß er seit der Abfahrt aus Philadelphia überhaupt mit der Erde in Berührung kam.

Fünfzehntes Capitel

Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewiß der Mühe lohnt.

Als der »Albatros« noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte man erkennen, daß diese Insel von mittlerer Größe war. Doch welcher Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens (Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun nicht im Stande gewesen war, Compaßangaben zu Rathe zu ziehen, hatte er doch Ursache, zu glauben, daß er sich über dem Stillen Ocean befinde. Sobald nur die Sonne erschien, mußten die Umstände zu einer genauen Beobachtung höchst günstige sein.

Von dieser Höhe – von etwa fünfhundert Fuß – aus zeigte sich die, gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der Form eines dreispitzigen Seesterns.

Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein Felsengewirr anschloß. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur’s bezüglich seiner augenblicklichen Lage zu bestärken schien, da die Gezeiten im Stillen Ocean gleich Null sind.

An der Nordwestküste erhob sich ein nahezu kegelförmiger Berg, dessen Höhe auf zwölfhundert Fuß zu schätzen war.

Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranlaßt, sich zu verbergen oder zu entfliehen.

Der »Albatros« hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unsern derselben schlängelte sich in beschränkter Bucht ein Flüßchen durch die Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Thäler mit verschiedenen Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft hätte Robur hier an’s Land gehen können, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, daß der sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des Aeronefs zu bieten schien.

Vor dem Wiederaufsteigen ließ der Ingenieur die nothwendigsten Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben hatten selbst gegenüber der größten Heftigkeit des Orkans vortrefflich functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben erleichterte. Augenblicklich war nur die Hälfte des Austriebsmechanismus in Thätigkeit, doch hinreichend viel, um das lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.

Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mußten deren Schaufeln wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.

Die Mannschaft beschäftigte sich unter der Leitung Robur’s und Tom Turner’s mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für den Fall, daß der »Albatros« aus irgend welchem Grunde genöthigt sein könnte, vor völliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und man schon mit diesem Propeller allein nöthigenfalls eine genügende Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.

Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.

Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied, nur noch hundertfünfzig Fuß über dem Erdboden zu schweben!

Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über dem Horizonte zunächst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.

Als Resultat der mit größter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab sich da eine

Länge von 176° 17’ westlich von Greenwich,

Breite von 43° 37’ südlich vom Aequator.

Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande Viss, welche Gruppe gewöhnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade östlich von Tawai-Pomann, der südlich gelegenen Inselhälfte Neuseelands im Süden des Stillen Oceans.

»Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom Turner.

– Und wir befinden uns demnach…?

– Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das heißt gegen zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.

– Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen, antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin könnten wir leicht widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur geringen Proviantvorräthe ist es von Wichtigkeit, die Insel X so schnell als möglich wieder anzulaufen.

– Gewiß, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Treibschraube, während die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.

– Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren Diener…

– Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, hätten sie darüber sich zu beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?«

Was war denn eigentlich diese Insel X? – Eine in dem grenzenlosen Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu ihrem Namen erwählt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem weiten Meere der Marquisen außerhalb aller Wege des interoceanischen Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der »Albatros«, wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufhörlichen Reisen. Auf dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte, eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen können. Hier konnte er denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorräthen aller Art, welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig Köpfe zählenden Einwohnerschaft aufgehäuft wurden.

Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht gewesen, sich schräg über den Stillen Ocean nach der Insel X zu begeben. Da hatte aber der Cyklon den »Albatros« in seinen Wirbel gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche Fahrtrichtung gedrängt worden, und abgesehen von den Beschädigungen seiner Treibschrauben, wäre dieser Verzögerung keine besondere Bedeutung beizumessen gewesen.

Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war, wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein recht weiter, und höchst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen widrige Winde anzukämpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller mechanischen Kraft des »Albatros«, um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu erreichen. Bei einigermaßen guter Witterung und bei der gewöhnlichen Fahrtgeschwindigkeit hätte das sonst nur drei bis vier Tage beansprucht.

Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam entschlossen, wo er wenigstens die vordere Treibschraube unter günstigeren Verhältnissen wieder ausbessern konnte.

Er fürchtete dann nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob, nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden fahren wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen, einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu beginnen.

Es liegt auf der Hand, daß das die einfachste Methode war und entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn auch sogleich befolgt.

Im Bewußtsein, daß jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die Mannschaft des »Albatros« entschlossen an diese Arbeit.

Und während die Anderen am Vordertheil des Aeronef beschäftigt waren, führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen von ganz außerordentlicher Bedeutung sein sollten.

»Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das Leben zum Opfer zu bringen?

– Ja, gleich Ihnen!

– Und noch einmal, es liegt auf der Hand, daß wir von diesem Robur nichts zu hoffen haben.

– Nichts!

– Nun wohl, Phil Evans, mein Entschluß ist gefaßt. Da der »Albatros« noch heute spät Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen, ohne daß unser Werk vollbracht wäre. Wir werden dem Vogel des Ingenieurs Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft zersprengt!

– Haben Sie auch alles dazu Nöthige in Bereitschaft?

– Gewiß. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.

– So lassen Sie uns unverzüglich an’s Werk gehen, Onkel Prudent…

– Nein, erst heute am Spätabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, daß mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht.«

Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise. Zwei Stunden später hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen, als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.

Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten ahnen, welche Katastrophe den »Albatros« bedrohte.

Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu schreiten:

Wie schon erwähnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers und einer Patrone bemächtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgfältig versteckt, mit der der »Albatros«, wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder begonnen, gesprengt werden sollte.

Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten Explosionskörper.

Dieser bestand aus einer längeren Hülfe, deren metallene Wand etwa ein Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu reißen und sein vielfältiges Steigschrauben-Getriebe zu zerstören. Vernichtete ihn die Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mußte der Sturz in die Tiefe das Zerstörungswerk vollenden. Die Form und Größe der Patrone begünstigten es übrigens außerordentlich, diese in einer Ecke der Cabine so anzubringen, daß sie die Plattform unbedingt durchschlug und ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.

Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgendermaßen gedacht: Gleich nach Vollendung der Reparaturarbeiten an der Vordertreibschraube sollte der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen; wenn Obiges aber geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, daß Robur mit seinen Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere Treibschraube wieder in guten Stand zu setzen.

Die Anwesenheit der gesammten Mannschaft in der Nähe der Cabine aber konnte Onkel Prudent leicht bei seiner Thätigkeit stören. Deshalb hatte er sich zur Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.

Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:

»Als ich die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren Länge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke. Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.

– Gut ausgedacht!« antwortete Phil Evans.

Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin gelangt, mit größter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen eben eine solche Summe von Haß gegen Robur und seine Leute in sich, daß ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu groß erschien, nur um den »Albatros« und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, daß diese That ein sinnloses, ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie besänftigten stillen Wuth, ließen sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.

»Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?

– Wir opfern ja auch das unsrige,« entgegnete Onkel Prudent.

Es dürfte zweifelhaft sein, ob Frycollin das als stichhaltigen Grund angesehen hätte.

Onkel Prudent ging also sofort an’s Werk, während Phil Evans vor dem Ruff Wache hielt.

Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand hergestellten Schlauch. Durch eine vorläufige Probe überzeugte er sich, daß diese binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der Länge von einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mußte. Erlösch te die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das Ende derselben in das Zündhütchen ein.

Alles das war, ohne den geringsten Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn Uhr Abends vollendet. Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.

Während derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Treibschraube eifrig gefördert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen, um die letzt falsch gebogenen Flügel abheben zu können.

Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur Erzeugung der mechanischen Kraft des »Albatros« gehörte, hatte durch die Wuth des Cyklons Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier bis fünf Tage Kraftvorrath vorhanden.

Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit unterbrachen, ohne die vordere Treibschraube bisher wieder an richtiger Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür, seinen von der gehabten Anstrengung erschöpften Leuten einige Erholung zu gönnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, während die Positionslaternen dazu nur ungenügendes Licht hätten liefern können.

Hiervon wußten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach den ihnen zu Ohren gekommenen Aeußerungen Robur’s mußten sie voraussetzen, daß die vordere Treibschraube vor Einbruch der Nacht schon wieder völlig in Stand gesetzt sei und der »Albatros« seine Fahrt nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für losgelöst von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt.

Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar nicht geahnte Wendung geben.

Es war eine dunkle, moudeslose Nacht, deren Finsterniß schwere Wolken nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den »Albatros« nicht von der Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.

In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der Auftriebsschrauben, das jedes andere Geräusch an Bord übertönte, und erwarteten nur den Augenblick zum Handeln.

Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:

»Es ist nun Zeit!«

Unter den Lagerstätten der Cabine befand sich ein schubladenartiger Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch auffälligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter das Bett zurück.

»Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten.«

Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.

Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.

»Der »Albatros« schwebt noch am nämlichen Orte, sagte er leise. Die Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren können.«

Ueber Onkel Prudent’s Gesicht lief ein Zug der Enttäuschung.

»So müssen wir die Lunte löschen, sagte er.

– Nein… aber uns retten! erwiderte Phil Evans.

– Uns retten?

– Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig Fuß hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.

– Nichts, bestätigte Onkel Prudent, und wir wären reine Thoren, eine so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen.«

Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder längeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu können. Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie möglichst geräuschlos nach dem Vorderdeck.

Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht mit ihnen veranlassen.

Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenströmung von Südost wurde etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker, indem er, so weit es das gespannte Kabel zuließ, leicht in verticaler Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei Männer abzuschrecken, die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu wegzuwerfen.

Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Geräusch vernehmbar werde. Nein… Alles still. Kein Schein zitterte durch die Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war vielmehr in Schlaf versanken.

Onkel Prudent und sein Begleiter näherten sich schon der Cabine Frycollin’s, als Phil Evans plötzlich stehen blieb.

»Der Wachposten!« sagte er.

Wirklich lag ein Mann in der Nähe eines der Ruffs. Offenbar konnte derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser Lärm schlug, mußte die Flucht unmöglich werden.

Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.

Eine Minute später war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so daß er weder einen Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.

Alles das vollzog sich fast ohne jedes Geräusch.

Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt… Selbst im Inneren der Ruffs ließ sich kein Laut hören. Was an Bord war, lag in festem Schlafe.

Die beiden Flüchtlinge – denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben – kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. François Tapage ließ ein höchst beruhigendes Schnarchen vernehmen.

Zur größten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin’s nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.

»Da ist Niemand d’rin, flüsterte er.

– Niemand… Wo könnte er sein?« murmelte Phil Evans.

Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin möchte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.

Auch hier fand sich Niemand.

»Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein?… fragte Onkel Prudent.

– Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir können unbedingt nicht länger warten. Vorwärts!«

Ohne Zögern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit den Händen und hielten sich auch mit den Füßen daran fest, dann glitten sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.

Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein Spielball der Luft zu sein!

Sie suchten eben, längs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem Inneren der Insel zu gelangen, als sich plötzlich vor ihnen ein Schatten erhob.

Das war Frycollin.

Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung vorher zur Ausführung zu bringen.

Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel Prudent drängte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.

»Hören Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt außer dem Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, daß er ihn verdient hat. Wenn er aber nun bei seiner Ehre schwören wollte, von jedem Versuche, uns wieder mit sich zu schleppen, abzusehen…

– Die Ehre eines solchen Mannes…«

Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des »Albatros« entstand eine auffällige Bewegung.

Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt worden

»Hierher, hierher,« rief eine Stimme.

Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte abstreifen können. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.

»Da sind sie! Da unten!« rief Tom Turner.

Die Flüchtlinge waren erkannt worden.

Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur’s hin die Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des Ankertaues begann der »Albatros« sich der Erde zu nähern.

In diesem Augenblick ließ sich deutlich die Stimme Phil Evans’ vernehmen.

»Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf dieser Insel frei zu lassen?

– Niemals!« entgegnete Robur bestimmt.

Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen Geschoß die Schulter Phil Evans’ streifte.

»Ah, diese Schurken!« rief Onkel Prudent.

Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen, zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich nur noch fünfzig Fuß über der Erde.

Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen merklich aufgefrischte Brise, die den »Albatros« in schiefer Richtung traf, führte diesen nach Nordwesten über das Meer hinaus.

Sechzehntes Capitel

Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewißheit läßt.

Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fünf bis sechs Flintenschüsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans unterstützend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz der Felsen geflüchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Für den Augenblick hatten sie nichts mehr zu fürchten.

Zunächst wurde der »Albatros«, während er sich gleichzeitig von der Insel Chatam entfernte, zu einer Höhe von neunhundert Metern emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergrößern müssen, um nicht ins Meer zu fallen.

In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten den ersten Ausruf ausgestoßen hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschließenden Leinwandhülle befreit und seine Fesseln gelöst. Darauf stürzte der Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans, fand diese aber leer.

François Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin’s durchsucht; auch in dieser war Niemand mehr.

Als Robur die Ueberzeugung gewann, daß seine Gefangenen ihm entronnen waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel Prudent und Phil Evans’ war sein Geheimniß und seine Persönlichkeit aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt über Europa herabgeworfenen Schriftstückes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge gemacht, weil er annehmen durfte, daß dasselbe beim Niederfallen überhaupt verloren gegangen sei…. Jetzt lag die Sache aber ganz anders.

Dann sachte er sich wieder zu beruhigen.

»Sie sind vorläufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen können, so werde ich dahin zurückkehren. Ich werde sie suchen… sie wieder einfangen… und dann…«

In der That konnten sich die drei Flüchtlinge noch keineswegs als gerettet betrachten. Erlangte der »Albatros« erst seine Manövrirfähigkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen vermochten. Schon vor Verlauf von zwölf Stunden konnten sie ungünstigen Falles dem Ingenieur wieder in die Hände gerathen sein.

Vor Verlauf von zwölf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der »Albatros« ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerstörungswerk mitten in der Luft vollführen sollte?

Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise weiter nach Nordwest hin getrieben und mußte mit Sonnenaufgang die Insel Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben.

Um gegen den Wind aufkommen zu können, hätten seine Treibschrauben mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein müssen.

»Tom, rief der Ingenieur, laßt die Signallaternen so hell als möglich leuchten.

– Sogleich Master Robur.

– Und dann Alle an die Arbeit!

– Alle!« wiederholte der Obersteuermann.

Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der nöthigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem »Albatros« gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt hätte, die Flüchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Treibschraube richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise über den Stillen Ocean und nach der Insel X ausführen könne.

Jedenfalls erschien es von Bedeutung, daß der »Albatros« nicht allzu weit nach Nordwest verschlagen würde. Leider wurde der Wind aber immer stärker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner Treibschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten geworden. Die noch an der Küste weilenden Flüchtlinge konnten sich noch überzeugen, daß er vollständig außer Sicht gekommen war, ehe die vorbereitete Explosion ihn in Stücke riß.

Der jetzige Zustand der Dinge flößte Robur doch einige Beunruhigung ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verzögerung nach der Insel Chatam zurückzukehren hoffen durfte. Er entschloß sich deshalb, während alle Hände mit der so nothwendigen Ausbesserung beschäftigt waren, sich tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schwächere Luftströmung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der »Albatros« in diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder eigene Kraft genug zu äußern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg anzukämpfen.

Dieses Manöver wurde auch sogleich ausgeführt. Wenn jetzt ein Schiff in der Nähe gewesen wäre, wie würde dessen Mannschaft erschrocken sein beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates?

Als der »Albatros« nur noch wenige hundert Fuß über der Meeresoberfläche schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten. Leider mußte sich Robur überzeugen, daß der Wind in diesen niederen Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch größerer Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natürlich Gefahr, sehr weit nach Nordwest verschlagen zu werden, was die Rückkehr nach der Insel Chatam noch mehr verzögern mußte.

Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich mehr in den oberen Lagen der Atmosphäre zu erhalten, wo das Luftmeer in besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der »Albatros« stieg also wieder zu einer mittleren Höhe von dreitausend Meter empor. Blieb er hier auch nicht stationär, so trieb er doch wenigstens nur langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, daß er bei Tagesanbruch und von dieser Höhe aus die Insel, deren geographische Lage er übrigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch werde sehen können.

Darum, ob die Flüchtlinge Seitens der Eingeborenen – im Fall die Insel bewohnt war – einen freundlichen Empfang gefunden hatten oder nicht, machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner hilfreich beistanden, war für ihn ziemlich belanglos. Durch die Angriffswaffen, über die der »Albatros« verfügte, würden sie sicherlich erschreckt und schnell zerstreut werden.

Die Wiedererlangung der Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen…

»Nun, von der Insel X entflieht Niemand!« sagte Robur.

Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Treibschraube wieder in Stand gesetzt. Es erübrigte nun blos noch die Montirung derselben, d. h. die gehörige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der »Albatros«, den Bug nach Südost gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren Treibschraube in Angriff genommen werden.

Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte, von der schon der dritte Theil aufgezehrt war!… Und jener Funken, der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone näherte!…

Wäre die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich beschäftigt gewesen, so hätte doch vielleicht Einer das schwache Knistern wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand; vielleicht hätte er auch den Geruch des verbrannten Pulvers bemerkt. Das hätte ihn sicherlich so beunruhigt, daß er dem Ingenieur davon Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten, in dem der explodirende Körper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben. Es wäre also noch Zeit gewesen, den wunderbaren »Albatros« und Alle, die er trug, zu retten.

Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Beschäftigung ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Robur legte als geschickter Mechaniker persönlich Hand mit an. Er betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachlässigen, daß Alles mit größter Sorgfalt ausgeführt wurde, da es ihm ja darauf ankam, seines Apparates vollständig Herr zu werden.

Gelang es ihm nicht, die Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurückzukehren. Dann wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte dabei möglicher Weise aufgefunden werden; damit aber wäre das Ende der Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der »Albatros« trug, geschaffen hatten – das Ende dieser übermenschlichen, so zu sagen hocherhabenen Lebensweise.

Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel nach ein Uhr.

»Master Robur, begann er, mir scheint die Brise hat Neigung abzuflauen und mehr nach Westen umzuschlagen.

– Und was zeigt das Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel flüchtig betrachtet.

– Es hält sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der Obersteuermann. Außerdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter dem »Albatros« sich senkten.

– Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle wäre es nicht unwahrscheinlich, daß über dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir jedoch über der Regenzone schweben, so kümmert uns das ja nicht, und wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gestört werden.

– Wenn jetzt Regen fällt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz seiner sein – die Form der Wolken läßt das wenigstens muthmaßen – und höchst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald gänzlich.

– Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir zweckmäßiger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle erlittenen Beschädigungen auszubessern, dann können wir ja nach Belieben manövriren, und das ist die Hauptsache.«

Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet. Nach Wiedereinsetzung der vorderen Treibschraube wurden die jene bewegenden Batterien in Thätigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte sich die Bewegung des »Albatros«, und, den Bug nach Südost gerichtet, kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel Chatam zurück.

»Tom, sagte Robur, es mögen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein, seit wir nach Nordwest hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich, wie mir Compaßbeobachtungen lehrten, seitdem nicht geändert. Ich schätze also, daß wir binnen höchstens einer Stunde die Gestade der Insel wieder gefunden haben können.

– Ich glaub’ es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann, denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zwölf Meter in der Secunde vorwärts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens müßte der »Albatros« seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen.

– Das wäre desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein Interesse daran, noch während der Nacht einzutreffen und ungesehen an’s Land zu kommen. Die Flüchtlinge halten uns für weit nach Norden verschlagen und sind jetzt gewiß nicht auf ihrer Hut. Wenn der »Albatros« ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Müßten wir dann selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen…

– So bleiben wir eben da, Master Robur, und hätten wir auch gegen eine ganze Armee von Eingeborenen zu kämpfen…

– So kämpfen wir, Tom, kämpfen wir für unseren »Albatros«!«

Der Ingenieur wandte sich zu seinen, neue Anordnungen erwartenden Leuten zurück.

»Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen, wir müssen bis zum Anbruch des Tages thätig sein.«

Alle erklärten sich bereit.

Jetzt galt es, an der hinteren Treibschraube dieselben Reparaturen vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgeführt waren. Es handelte sich dabei um die gleichen Beschädigungen, die auch die nämliche Ursache, jener Orkan bei der Fahrt über den antarktischen Continent, veranlaßt hatte.

Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des Aeronefs während einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine Rückwärtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur’s legte der Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in entgegengesetztem Sinne drehen ließ, so daß der Aeronef – um den seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen – »über Steuer zu gehen« anfing.

Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein eigenthümlicher Geruch auffiel.

Es waren die in dem Kasten jetzt angehäuften Gase der Lunte, welche aus der Cabine der Flüchtlinge hervordrangen.

»Hm… machte der Obersteuermann.

– Was gibt es? fragte Robur.

– Riechen Sie nichts? Man könnte sagen, es müsse Pulver brennen.

– Ihr habt Recht, Tom!

– Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Russ.

– Ja… sogar aus derselben Cabine…

– Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben?

– Und wenn es nicht nur Feuer wäre?… rief Robur. Stoßt die Thür ein, Tom, stoßt sie ein!«

Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen, als eine furchtbare Explosion den »Albatros« erschütterte. Die Ruffs flogen in Stücke. Die elektrischen Lampen verlöschten, da ihnen der Strom plötzlich fehlte, und es ward vollständig finster. Doch wenn auch gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise zertrümmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungestört weiter.

Plötzlich öffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Treibschraube in Thätigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich ebenso schnell abwärts. Fast gleichzeitig standen die hinteren Auftriebsschrauben still und der »Albatros« stürzte in die Tiefe hinab.

Das bedeutete für die acht Männer, welche sich gleich Schiffbrüchigen an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern.

Derselbe mußte obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere Treibschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete.

Da ließ sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz außerordentliche Kaltblütigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und veränderte sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorwärts nach aufwärts trieb.

Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden Geschwindigkeit nieder, welche alle, nur der Wirkung der Schwerkraft unterworfenen Körper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem »Albatros« noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos ins Meer stürzen mußten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar werdenden Luft.

Vierundzwanzig Secunden später war, was vom »Albatros« noch übrig war, in den Fluthen versanken.

Siebzehntes Capitel

Worin der Leser um zwei Monate rückwärts und auch um neun Monate vorwärts geführt wird.

Einige Wochen früher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwürdigen Sitzung, während der es im Weldon-Institut zu so stürmischen Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bevölkerung von Philadelphia, unter den Negern wie den Weißen, eine leichter zu constatirende, als zu beschreibende Aufregung.

Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich überall von den unerwarteten, lärmenden Zwischenfällen der Sitzung des letzten Abends. Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den an sich unwahrscheinlichen Namen Robur – Robur der Sieger! – führen wollte, eine Persönlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser Nationalität hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die Ballonisten mit gröblichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die Vorzüge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein verächtliches Hohnlachen unter dem wildesten Getöse aufgeschlagen und zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder als Antwort ins Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern geräumt, verschwunden, und trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm entdeckt.

Natürlich waren solche Vorfälle dazu angethan, alle Zungen zu wetzen und der Phantasie ein weites Feld zu eröffnen. Daran sollte es denn auch weder in Philadelphia, noch in den sechsunddreißig anderen Staaten der Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht minder erregt, wie die Neue Welt.

Wie mußte sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, daß weder der Vorsitzende, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen zurückgekehrt waren und hierbei handelte es sich um zwei geachtete, gelehrte Männer von verhältnißmäßig hoher Stellung. Am Vorabend noch hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Bürger, welche ruhig nach ihrem Heim zurückzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft kein mürrisch gerunzeltes Gesicht verbittert hätte. Sollten sie vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein; mindestens hatten sie nichts geäußert, was zu diesem Glauben hätte verführen können; ja, es war sogar besprochen worden, daß sie schon am nächsten Tage wieder nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Plätze des Vorsitzenden und Schriftführers bei einer außerordentlichen Sitzung einnehmen sollten, welche man zur weiteren Besprechung der Vorfälle des letzten Abends bestimmt hatte.

Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Persönlichkeiten des Staates Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen einzunehmen, welche irgend eine Excentricität in dem schönen Amerika schon in helleres Licht zu setzen hinreicht.

Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung. Vor den Post and Telegraph offices starke Ansammlung von Neugierigen, um etwaige Nachrichten noch ganz warm zu erhalten.

Vergebliche Liebesmühe.

Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem Gespräch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden Frycollin mit nahmen und nachher die Walnut-Straße hinabwanderten, um sich dem Fairmont-Park zuzuwenden.

Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Präsidenten noch die rechte Hand gedrückt und sich verabschiedet mit den Worten:

»Auf morgen also!«

Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rühmte sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal »Auf Wiedersehen!« zugerufen hatte.

Miß Doll und Miß Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an Onkel Prudent fesselte, konnten sich über sein Verschwinden gar nicht beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu hören, eher noch mehr, als gewöhnlich.

So verstrichen drei, vier, fünf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite Woche… Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die Fährte der drei Verschwundenen.

Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel vorgenommen… vergeblich; in allen nach dem Hafen zu führenden Straßen… nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen größerer Bäume und dichterer Gebüsche… erfolglos!… Ueberall nichts!

Auf der großen Waldblöße erkannte man jedoch, daß da das Gras ganz neuerdings niedergedrückt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer Unerklärlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des dieselbe umschließenden Waldes Spuren eines Kampfes entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden Collegen zu vorgerückter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke getroffen und überfallen?

Das war ja möglich. Die Polizei nahm auch eine diesbezügliche regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in die Hand. Man führte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schlämmte seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angehäuften Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer gründlichen Säuberung gerade recht nöthig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von Philadelphia!

Später wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen, Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen und republikanischen Blätter der Union – ohne Rücksicht auf deren Farbe – versendet. Der »Daily Negro«, das specielle Organ der schwarzen Rasse, brachte Frycollin’s Bildniß nach dessen letzter Photographie. Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei Abwesenden Nachricht geben könnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend welches Anzeichen entdeckten, das auf deren Fährte zu leiten versprach.

»Fünftausend Dollars! Fünftausend Dollars jedem Bürger, der…«

Vergeblich; die fünftausend Dollars verblieben in der Casse des Weldon-Instituts.

»Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!! Nicht aufzufinden !!! Onkel Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!«

Es versteht sich von selbst, daß der Club durch dieses unerklärliche Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftführers in heillose Unordnung gerieth, und von vornherein sah derselbe sich durch diese Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die früher so eifrig betriebenen und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des Go a head auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie hätten die anderen Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begründer und Förderer dieses Unternehmens, dem dieselben – an Zeit und Geld – einen Theil ihres Vermögens geopfert hatten, sich entschließen können, ein Werk zu Ende zu führen, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu krönen?

Sie mußten sich also in Geduld fassen.

Gerade zu dieser Zeit ging auf’s Neue die Rede von der wunderbaren, merkwürdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so lebhaft erregt hatte.

In der That war jener geheimnißvolle Gegenstand wieder und wiederholt gesehen worden, wie er durch die höheren Schichten der Atmosphäre schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerklärlichen Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es hätte auch einer außergewöhnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall war das Asteroïd, die erkaltete Feuerkugel oder das Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter Bedingungen gesehen worden, welche seine Größe und Gestalt besser abzuschätzen erlaubten. Zuerst in Canada über den Gebietstheilen, die sich von Ottawa bis Quebeck erstrecken, und zwar schon am nächsten Tage nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann später über den Ebenen des Fernen Westens, als der »Albatros« sich an Schnelligkeit mit einem Zuge der großen Pacific-Bahn maß.

Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewißheit mehr; dieser Körper war kein Erzeugniß der Natur, sondern ein Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des »Schwerer, als die Luft«. Und wenn der Schöpfer und Führer dieses Aeronefs auch für seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte, jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab, weil er dieselbe so dicht über den Gebieten des Fernen Westens sehen ließ. Die von ihm gewählte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb vorläufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch außer Zweifel gestellt, daß diesem Aeronef eine ganz außergewöhnliche Fortbewegungsfähigkeit innewohnte, denn nur wenige Tage später meldete man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den nördlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen Rußlands.

Wer mochte nun jener kühne Mechaniker sein, der über so große bewegende Kräfte gebot, für den weder Länder, noch Meere eine Grenze hatten, der in der Erdatmosphäre wie in einem ihm allein zugehörigen Gebiete schaltete und waltete? Sollte man glauben, es könne das jener Robur sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rücksichtslos ins Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewußten Abend erschien, um in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu legen?

Vielleicht kam einigen weiter blickenden Köpfen dieser Gedanke. Und – wunderbarer Weise – dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, daß besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange stehen könnte.

Das blieb noch weiter Geheimniß, bis eine Depesche von Frankreich durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenunddreißig Minuten in New-York eintraf.

Und was meldete diese Depesche? Sie übermittelte den Text jenes in Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents – des Schriftstückes, welches endlich enthüllte, was aus den beiden Männern geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte.

Der Urheber der Entführung war also doch Robur, der Ingenieur, der ausschließlich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem Aeronef »Albatros« umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die Lüfte entführt hatte! Und diese Personen konnte man als für immer verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen mächtigen Apparat zu bekämpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit nicht zu Hilfe kamen.

Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs erhielten davon unverzüglich Kenntniß. Nach zehn Minuten hatte ganz Philadelphia durch seine Telephons die große Neuigkeit erfahren, binnen einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den zahllosen Drähten der Neuen Welt verbreitet.

Man wollte noch nicht recht daran glauben und hielt es wohl für die Mystification eines schlechten Witzbolds – sagten die Einen – für ein »Einräuchern-schlimmster Art – meinten die Andern. Wie wäre es möglich gewesen, diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszuführen? Wie hätte der »Albatros« im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen können, ohne am Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden?

Recht schön – so lauteten die gewöhnlichen Argumente. – Die Ungläubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13. Juli ging das französische Packetboot »Normandie« im Hudson vor Anker und – brachte die berühmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn beförderte dieselbe in größter Eile von New-York nach Philadelphia.

Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip hätte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran, ohnmächtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein Freundschaftsprischen zugelangt! Miß Doll und Miß Mat erkannten sie ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche betrachtet, eines Tages auch ihre dürren Altjungfernfinger hinein zu senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T. Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut – hundertmal hatten sie dieselbe in den Händen ihres verehrten Vorsitzenden sich öffnen und schließen sehen.

Endlich hatte sie das Zeugniß aller Freunde für sich, die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besaß, deren Name – wie man nicht oft genug wiederholen kann – darauf hinweist, daß ihre Bewohner sich wie Brüder lieben.

Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern besonders auch die von ihm herrührenden Schriftzüge des Documents erlaubten es auch den Ungläubigen nicht mehr mit den Achseln zu zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte Hände erhoben sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine entführt, ohne daß man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien!

Die Gesellschaft der Niagara-Fälle, deren stärkster Actionär Onkel Prudent war, hätte beinahe ihre Geschäfte eingestellt und die Wasserfälle geschlossen. Die Walton Match Company dachte schon daran, ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans eingebüßt hatte.

Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar nicht übertrieben, denn manche hirnverbrannte Köpfe, wie man deren auch in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein, die beiden ehrenwerthen Bürger niemals wiederzusehen.

Nachdem er über Paris hingefahren war, hörte man von dem »Albatros« zunächst nicht weiter reden. Einige Stunden später war er über Rom schwebend gesehen worden – das war Alles. Bei der bekannten Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er über Europa von Nord nach Süd und über das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer beobachten. Und hätten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers hätte sich so weit und so hoch entfernt – in »Ikarien«, wie er zu sagen pflegte – daß Alle verzweifelt wären, deren Spur je wieder aufzufinden.

Hier sei hinzugefügt, daß, wenn seine Geschwindigkeit über dem Ufer Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den Höhen des algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er über Timbuktu wahrgenommen; das Observatorium dieser berühmten Stadt – wenn sie überhaupt ein solches besitzt – hatte aber noch nicht Zeit gefunden, das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den König von Dahomey betrifft, so hätte dieser gewiß eher zehntausend Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf kürzer machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder fröhnt eben seiner kleinen Eigenliebe.

Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann über den Atlantischen Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, über die südlichsten Landvesten und über das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen antarktischen Gegenden aus war natürlich keine Nachricht zu erwarten.

Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rühmen, den Aeronef nur flüchtig wieder erblickt zu haben.

Der August ging zu Ende, ohne daß sich an der Ungewißheit über das Loos der beiden Gefangenen Robur’s etwas änderte. Man fing allmählich an, sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses ältesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erwähnt, nicht ein Opfer seiner Kühnheit geworden sein möge.

Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers ohne jede Aenderung der Sachlage.

Bekanntlich gewöhnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu empfinden; man vergißt, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In diesem Falle mußte man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer Ehre nachsagen, daß sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Weißen und eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entführt schienen, denen aber keine Rückkehr durch die Bibel geweissagt war.

In Philadelphia trat das natürlich noch deutlicher zu Tage, als an jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja nähere persönliche Beziehungen ins Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache ihrer Heimat entfremdet, hatte wenn auch ohne jedes Recht, eine grausame Wiedervergeltung geübt. Doch war seine Rache damit gekühlt? Würde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut fühlen lassen? Und wer konnte sich gesichert wähnen gegen etwaige Angriffe jenes allmächtigen Beherrschers des Luftmeeres?

Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht sein.

Das Merkwürdigste an dieser Botschaft war, daß sie sich bestätigte, obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten.

Dennoch mußte man sich der Thatsache fügen. Das waren die beiden Verschwundenen in Person – nicht ihre Schatten – und auch Frycollin war mit ihnen zurückgekehrt.

Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine ungeheure Volksmenge strömten vor Onkel Prudent’s Hause zusammen. Alle begrüßten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und Hips von Hand zu Hand getragen wurden.

Hier befand sich Jem Cip, der sein Frühstück – geröstete Brotschnittchen mit gekochtem Lattig – verlassen hatte, und auch William T. Forbes nebst seinen beiden Töchtern Miß Doll und Miß Mat. Wäre Onkel Prudent Mormone gewesen, heute hätte er sie alle Beide zu Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat T. Fyn und endlich die übrigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis heutigen Tages ein Räthsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen können, welche sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu erdrücken drohten.

An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte wöchentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen ihre früheren Plätze wieder einnehmen zu sehen. Da sie übrigens von ihren Abenteuern bisher noch nichts erzählt hatten – vielleicht hatte der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die nöthige Zeit gewährt – so hoffte man auch, daß sie nun von den gehabten Eindrücken während jener unfreiwilligen Reise berichten würden.

In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt hätten.

Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen wollen, war Folgendes:

Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorgänge in der Nacht vom 27. zum 28. Juli zurück zu kommen; auf die kühn ausgeführte Flucht des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut, auf ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam, den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschuß, auf das durchschnittene Ankertau und den »Albatros«, der damals, seiner Treibschrauben entbehrend, durch den Südostwind weit fortgetrieben und gleichzeitig zu großer Höhe gewissermaßen emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden.

Die Flüchtlinge hatten nun nichts mehr zu fürchten. Wie hätte Robur nach der Insel zurückkehren können, da seine Schrauben noch drei bis vier Stunden außer Stande waren, zu functioniren?

Nach Ablauf dieser Zeit aber mußte der durch die Explosion zerstörte »Albatros« zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein, und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stücke gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte.

Der entsetzliche Racheact mußte dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten, litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen.

Phil Evans war durch die vom »Albatros« aus entsendete Kugel nur leicht verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der Hoffnung, Eingeborene anzutreffen.

Diese Hoffnung sollte nicht getäuscht werden. Etwa fünfzig halbwilde, vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westküste Chatams. Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten den Flüchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als übernatürliche Wesen verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und brachte sie in der größten und schönsten Hütte unter. Frycollin fand gewiß niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der Schwarzen spielen zu können.

Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef nicht wieder zurückkehren, und mußten daraus schließen, daß die schreckliche Katastrophe in großer Höhe eingetreten sein werde. Nun würde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden hören, so wenig wie von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen hatte.

Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rückkehr noch Amerika abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So verstrich der ganze Monat August und die Flüchtlinge legten sich schon die Frage vor, ob sie am Ende nicht blos ein Gefängniß gegen ein anderes eingetauscht hätten, mit dem Frycollin sich weit besser, als mit dem »Kerker in der Luft«, abzufinden schien.

Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, daß Onkel Prudent zur Zeit der Entführung aus Philadelphia mehrere tausend Dollars Papiergeld bei sich führte, d. h. mehr als nothwendig war, um nach Amerika zurückkehren zu können. Nachdem sie ihren Verehrern, welche ihnen stets den allergrößten Respect bewiesen hatten, herzlich gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach Aukland ein. Von ihren Schicksalen erzählten sie nichts, und nach zwei Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an.

Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und am 20. September landeten die Ueberlebenden des »Albatros« nach höchst glücklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen; doch da sie einen recht anständigen Preis für ihre Plätze entrichteten, so wäre es keinem amerikanischen Capitän jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute zu richten.

In San Francisco benützten Onkel Prudent, sein College und der Diener Frycollin den ersten Zug der großen Pacific-Bahn und trafen am 27. wohlbehalten in Philadelphia ein.

Das ist der gedrängte Bericht über Alles, was seit dem Entweichen der Flüchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftführer, inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Plätze im Weldon-Institut wieder einnehmen.

Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein hätte niemals ahnen lassen, daß seit jener denkwürdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in ihrem Leben gar nicht mit zu zählen. Nach den ersten Begrüßungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und ergriff zuerst das Wort:

»Ehrenwerthe Bürger, sagte er, die Sitzung ist eröffnet.«

Wahnsinniger und gewiß wohlberechtigter Beifall; denn wenn es auch als etwas Außergewöhnliches nicht gelten konnte, daß eine solche Wochenversammlung eröffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein außergewöhnliches Gewicht, daß das durch Onkel Prudent unter Assistenz von Phil Evans geschah.

Der Vorsitzende ließ den in Zurufen und Händeklatschen kundgegebenen Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort:

»In unserer letzten Sitzung, meine Herren, kam es zu recht lebhaftem Meinungsaustausch (Hört! Hört!) zwischen den Vertretern der Vorder- und der Rückenschraube für unseren Ballon, den Go a head. (Zeichen von Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je einer Treibschraube.« (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.)

Das war Alles!

Ja, Alles; von der Entführung des Vorsitzenden und des Schriftführers des Weldon-Instituts fiel kein Sterbenswörtchen; kein Wort über den Ingenieur Robur und den »Albatros«; kein Wort über die Art und Weise, wie die Gefangenen hatten entkommen können, und endlich kein Wort über das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befürchten wären.

Gewiß fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugeknöpft, daß es angezeigt schien, ihre Zurückhaltung zu respectiren. Wenn sie die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, würden sie schon allein sprechen und Alle würden sich geehrt fühlen, ihnen zuzuhören.

Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimniß verborgen liegen, das heute noch nicht enthüllt werden durfte.

Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des Weldon-Instituts unerhörten Stillschweigen wieder das Wort.

»Meine Herren, sagte er, es erübrigt uns nun blos noch den Aerostaten Go a head, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern, schleunigst der Vollendung entgegen zu führen. – Die Sitzung ist geschlossen.«

Achtzehntes Capitel

Welches diese wahrhafte Geschichte zu Ende führt, ohne sie zu beendigen.

Am 29. April des folgenden Jahres, sieben Monate nach der so unerwarteten Rückkehr des Onkel Prudent und Phil Evans, war ganz Philadelphia in reger Bewegung. Um politische Fragen handelte es sich dabei nicht, ebenso wenig um Wahlen oder Volksversammlungen. Der auf Betreiben des Weldon-Instituts nun vollendete Aerostat Go a head sollte endlich seinem natürlichen Element übergeben werden.

Als Aeronaut für denselben war der berühmte Harry W. Tinder, dessen wir schon zu Anfang dieser Erzählung erwähnten, bestimmt worden, und ihm hatte man noch einen erfahrenen Gehilfen beigegeben.

Die Passagiere bildeten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts, denen diese Ehre gewiß vor allen Anderen zukam, da es für sie so zu sagen eine Lebensaufgabe geworden war, persönlich gegen jeden Apparat, der auf dem Principe »Schwerer als die Luft« beruhte, Einspruch zu erheben.

Doch auch jetzt, nach sieben Monaten, sollten sie immer noch erst anfangen, über ihre Abenteuer zu berichten. Selbst Frycollin hatte, wie sehr es ihn auch dazu drängte, noch nicht vom Ingenieur Robur und von dessen wunderbarer Maschine gesprochen. Offenbar wollten Onkel Prudent und Phil Evans als eingefleischte und unverbesserliche Ballonisten überhaupt nicht, daß von dem Aeronef oder einer anderen Flugmaschine jemals die Rede sei. Auch wenn ihr Ballon, der Go a head, noch nicht die erste Stelle unter den zur Fortbewegung durch die Luft bestimmten Apparaten einnehmen sollte, so wollten sie doch keine, von irgendwelchem Anhänger der Aviation herrührende Erfindung dabei anwenden lassen. Sie glaubten noch immer und wollten auch später nur glauben, daß das einzig wahre atmosphärische Vehikel der Aerostat sei, und daß ihm allein die Zukunft gehöre.

Uebrigens existirte ja Derjenige, an dem sie eine so furchtbare, ihrer Ansicht nach aber nur gerechte Rache genommen hatten, jetzt schon längst nicht mehr. Keiner von Denen, die er trug, hatte seinen Untergang überleben können.

Das Geheimniß des »Albatros« lag jetzt in den unergründlichen Tiefen des Stillen Oceans begraben.

Die Annahme, daß der Ingenieur Robur einen Zufluchtsort, eine rettende Insel im ungeheuren, verlassenen Ocean gefunden habe, erschien nur als eine sehr gewagte Hypothese.

Die beiden Collegen behielten sich für später die Entscheidung darüber vor ob es angezeigt erscheine, nach dieser Richtung besondere Nachforschungen zu veranlassen.

Man schritt also endlich zu dem großen Experimente, welches das Weldon-Institut so lange Zeit und mit so großer Sorgfalt vorbereitet hatte. Der Go a head war der vollendetste Typus dessen, was im Bereiche der Aerostatik bisher erfunden war – dasselbe wie der »Inflexible« und der »Formidable« (zwei neuere französische Panzerschlachtschiffe) in der Schiffsbaukunst.

Der Go a head besaß alle für einen Aerostaten nur wünschenswerthen Eigenschaften. Sein Volumen gestattete ihm, bis zu den allergrößten Höhen, die ein Ballon nur erreichen kann, aufzusteigen; seine Undurchlässigkeit für Gas, sich unbegrenzt lange in der Luft zu erhalten; seine Festigkeit, jeder Ausdehnung der Gase ebenso zu widerstehen, wie dem heftigsten Platzregen und stärksten Sturmwinde; sein Fassungsvermögen, eine genügende Auftriebskraft zu entfalten, um außer dem sonst nöthigen Zubehör eine elektrische Maschine mitzunehmen, die seinen Propellern eine, jeder bisher erreichten überlegene Treibkraft verleihen konnte.

Der Go a head hatte eine längliche Gestalt, um die horizontale Fortbewegung zu erleichtern. Seine Gondel, eine derjenigen des Ballons der Capitäne Krebs und Renard ähnliche Plattform, enthielt alles für Luftschiffer nothwendige Geräth und Werkzeug, physikalische Instrumente, Taue, Anker, Rollen u. s. w., außerdem die Apparate, Batterien und Accumulatoren, welche seine mechanische Kraft lieferten. Diese Gondel trug vorn eine Schraube und hinten neben einer gleichen Schraube ein Steuerruder. Aller Wahrscheinlichkeit nach mußte jedoch die Arbeitsleistung der Maschinen des Go a head weit hinter jener der Apparate des »Albatros« zurückbleiben.

Der Go a head war nach vollendeter Füllung nach der Waldblöße im Fairmont-Park übergeführt worden, d. h. genau nach derselben Stelle, an welcher früher der Aeronef einige Stunden gelegen hatte.

Wir brauchen wohl nicht zu betonen, daß ihm die Auftriebskraft durch das leichteste aller Gase verliehen worden war. Das gewöhnliche Leuchtgas entwickelt per Cubikmeter nur eine Hebekraft gleich etwa siebenhundert Gramm – was gegen die umgebende Luft nur einen unbeträchtlichen Gewichtsunterschied darstellt. Das Wasserstoffgas dagegen besitzt bei gleichem Volumen eine auf etwa elfhundert Gramm zu schätzende Steigekraft. Solches, nach dem Verfahren und in den Special-Apparaten des berühmten Henry Giffard dargestellte reine Wasserstoffgas erfüllte den ungeheuren Ballon. Da der Go a head nun einen Fassungsraum von vierzigtausend Cubikmetern besaß, so entsprach die Steigkraft seines Gases einem Gewichte von vierzigtausendmal elfhundert Gramm oder vierundvierzigtausend Kilogramm.

Am Morgen des 20. April war Alles bereit. Um elf Uhr schon schwankte der riesige Aerostat wenige Fuß über dem Boden und fertig, sich in die Luft zu erheben, majestätisch hin und her.

Es herrschte ein prächtiges und wie für diesen Versuch eigens gemachtes Wetter. Vielleicht wäre eine etwas größere Windstärke wünschenswerther gewesen, da sie die Probe mehr beweisend gestaltet hätte. Man hat ja niemals bezweifelt, daß ein Ballon in ganz ruhiger Luft nach Belieben gelenkt werden könne, in bewegter Atmosphäre ist das aber ein anderes Ding und nur unter solchen Verhältnissen sollten derartige Proben ausgeführt werden.

Genug, jetzt war weder Wind zu verspüren, noch deutete etwas darauf hin, daß solcher auftreten würde. An jenem Tage sendete Nordamerika aus seinem unerschöpflichen Vorrathe keinen Sturm nach dem westlichen Europa, und niemals hätte ein Tag günstiger als dieser zur Vornahme eines solchen aeronautischen Experimentes gewählt werden können.

Kaum brauchen wir der ungeheuren, im Fairmont-Park aufgestauten Menschenmenge, ebenso wenig der zahlreichen Bahnzüge zu erwähnen, welche Ströme von Neugierigen aus allen Nachbarstaaten über Philadelphia ergossen hatten; auch nicht der Unterbrechung jeder industriellen und commerciellen Thätigkeit, welche es Allen – Chefs, Beamten, Handwerkern, Männern und Frauen, Greisen und Kindern, Congreßmitgliedern, Vertretern der bewaffneten Macht, Magistratspersonen, Reportern, weißen und schwarzen Eingeborenen, die auf der Waldblöße zusammengelaufen waren – gestattete, diesem Schauspiele beizuwohnen. Oder sollten wir das geräuschvolle Durcheinanderwogen dieser Volksmengen schildern, die unerwarteten Bewegungen, das plötzliche Drängen und das Jauchzen und Rufen des Mobs? Sollen wir die Hipp! Hipp! Hipp! nachzählen, welche von allen Seiten gleich dem Krachen von Feuerwerkskörpern laut wurden, als Onkel Prudent und Phil Evans auf der mit dem amerikanischen Sternenbanner geschmückten Plattform erschienen? Oder müßten wir es erst besonders aussprechen, daß der größte Theil dieser Neugierigen vielleicht nicht gekommen war, um den Go a head zu sehen, sondern um sich die zwei außerordentlichen Männer zu betrachten, um welche die Alte Welt die Neue beneidete?

Warum aber nur Zwei und nicht Drei? Warum nicht auch Frycollin? – Das kam daher, daß Frycollin die Reise mit dem »Albatros« für seine Berühmtheit als genügend erachtete und er die Ehre, seinen Herrn zu begleiten, bescheiden abgelehnt hatte. Er bekam also keinen Theil von den tollen Jubelrufen, welche den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts empfingen. Es versteht sich von selbst, daß von allen Mitgliedern der berühmten Gesellschaft keiner auf dem für diese reservirten Platze innerhalb der Pfähle und Leinen fehlte, welche einen Theil der Lichtung abgrenzten. Hier waren Truk Milnor, Bat T. Fyn, William T. Forbes, der seine beiden Töchter Miß Doll und Miß Mat an den Armen führte. Alle waren erschienen, um durch ihre Anwesenheit zu bekräftigen, daß nichts jemals im Stande sei, die Anhänger des »Leichter, als die Luft« zu trennen.

Gegen elf Uhr zwanzig Minuten verkündigte ein Kanonenschuß die Beendigung der letzten Vorbereitungen.

Der Go a head erwartete nur noch das Signal zum Aufsteigen.

Ein zweiter Kanonenschuß donnerte um elf Uhr fünfundzwanzig.

Der nur noch durch seine Leitseile gehaltene Go a head erhob sich gegen fünfzehn Meter über die Lichtung. Am hinteren Ende stehend, legten Onkel Prudent und Phil Evans die linke Hand auf die Brust, was bedeuten sollte, daß sie mit dem Zuschauerkreise eines Herzens wären. Dann streckten sie die rechte Hand nach dem Zenith aus, um anzudeuten, daß der größte, bis jetzt bekannte Ballon endlich im Begriffe stehe, von seinem überirdischen Reiche Besitz zu ergreifen. Da legten sich hunderttausend Hände auf hunderttausend Brüste; und hunderttausend andere erhoben sich zum Himmel.

Um elf Uhr dreißig krachte ein dritter Kanonenschuß.

»Alles los!« rief Onkel Prudent, die hergebrachte Redensart benützend.

Und der Go a head erhob sich »majestätisch« – das immer gebrauchte Beiwort in der Beschreibung von beginnenden Luftfahrten.

In der That, es war ein prächtiges Schauspiel! Man hätte ein Seeschiff zu sehen gemeint, das eben vom Stapel lief. Und war das hier nicht auch ein Schiff, das in’s Luftmeer abgelassen wurde?

Der Go a head stieg genau lothrecht in die Höhe – ein Beweis für die vollkommene Ruhe der Atmosphäre – und hielt etwa zweihundertfünfzig Meter über der Erde still.

Hier begann nun die Vorführung der Fahrt in wagrechter Richtung.

Der von seinen zwei Schrauben getriebene Go a head zog mit der Geschwindigkeit von zehn Metern in der Secunde der Sonne entgegen. Das ist die Geschwindigkeit des Walfisches im freien Wasser. Es ist auch gar nicht falsch, jenen mit dem genannten Riesen der nördlichen Meere zu vergleichen, zumal da er auch die Gestalt jenes Cetaceers hatte.

Eine neue Salve von Hurrahs drang zu den geschickten Aeronauten empor.

Hierauf führte der Go a head unter der Wirkung seines Steuers allerlei kreisförmige, schiefe und geradlinige Bewegungen aus, welche ihm die Hand seines Steuermannes aufnöthigte. Er wendete in engem Kreise, ging nach vorwärts, nach rückwärts, um selbst die zähesten Widersacher der Lenkbarkeit von Ballons eines Besseren zu belehren… wenn es solche Widersacher hier gab! Und wenn es dergleichen gegeben hätte, hätte man sie in die Pfanne gehauen!

Warum fehlte aber der Wind diesem herrlichen Experimente? Das war bedauerlich. Unzweifelhaft hätte der Go a head alle Bewegungen ohne Zögern ausgeführt, indem er entweder eine schräge Richtung einhielt, wie ein Schiff, das dicht beim Winde segelte, oder der Luftströmung gleich einem Dampfer gerade entgegentrieb.

In diesem Augenblicke stieg der Aerostat um einige hundert Meter höher hinaus.

Man begreift wohl die Absicht. Onkel Prudent und seine Begleiter suchten in den höheren Luftschichten eine Strömung zu finden, um die Probe zu vervollständigen. Ein System von inneren Ballons, entsprechend der Schwimmblase der Fische, in welche man mittelst Pumpen eine gewisse Menge Gas hineindrücken konnte, gestattete ihm nämlich, auf- und niederzusteigen. Ohne je Ballast auszuwerfen, um höher, oder Gas zu verlieren, um tiefer zu gehen, war er im Stande, sich nach Belieben des Luftschiffers in der Atmosphäre zu heben oder zu senken. Außerdem war er jedoch am oberen Scheitel mit einem Ventil versehen, für den Fall, daß er einmal sehr schnell herabzugehen gezwungen wäre. Hier waren demnach nur bereits bekannte Mittel vorgesehen, diese aber bis zum höchsten Grade der Vollkommenheit entwickelt.

Der Go a head erhob sich also in lothrechter Linie. Durch optische Wirkung verringerten sich seine Dimensionen allmählich den Blicken. Gewöhnlich erscheint das ziemlich merkwürdig für die Zuschauer, die sich, um gerade hinauf zu sehen, fast die Halswirbel brechen. Der ungeheure Walfisch wurde so nach und nach zum Meerschwein, um endlich bis zur Größe des gewöhnlichen Gründlings herabzusinken.

Da die aufsteigende Bewegung nicht unterbrochen wurde, erreichte der Go a head eine Höhe von viertausend Metern, blieb aber bei dem reinen, keine Spur von Dunst enthaltenden Himmel vollkommen klar sichtbar.

Indeß hielt er sich fortwährend über der Lichtung, als würde er daselbst von divergirenden Leinen festgehalten. Und wenn eine riesenhafte Glocke über die Umgegend gestürzt gewesen wäre, hätte die Luft darunter nicht ruhiger sein können. Weder in jener, noch in irgend einer anderen Höhe regte sich der leiseste Hauch. Stark verkleinert durch die Entfernung, als ob man ihn durch ein verkehrt gehaltenes Fernrohr betrachtet hätte, manövrirte der Aerostat, ohne den geringsten Widerstand zu finden.

Plötzlich drang ein Aufschrei aus der Menge, ein Schrei, dem sofort hunderttausend: andere folgten. Alle Arme richteten sich nach einem Punkte am Horizonte, und zwar nach Nordwesten hin.

Dort im tiefen Azur ist ein sich bewegender Körper erschienen, der näher herankommt und größer wird. Ist es ein Vogel, der mit mächtigem Flügelschlage durch die höchsten Luftschichten schwebt? Ist’s eine Feuerkugel, deren Bahn die Atmosphäre in schiefer Richtung durchschneidet? Jedenfalls ist der räthselhaften Erscheinung eine bedeutende Schnelligkeit eigen und sie muß bald über die erstaunte Volksmenge hinwegrauschen.

Ein Verdacht, der sich gleichsam elektrisch allen Gehirnen mittheilt, verbreitet sich über die ganze Lichtung.

Es scheint jedoch, als ob auch der Go a head den fremdartigen Gegenstand bemerkt hätte. Offenbar hat er das Gefühl einer drohenden Gefahr empfunden, denn plötzlich steigert sich seine Geschwindigkeit und er flieht nach Osten hin.

Ja, die Menge hat Alles begriffen. Ein von einem der Mitglieder des Weldon-Instituts ausgerufener Name wird von zweihunderttausend Lippen wiederholt: »Der »Albatros«!… Der »Albatros«!«

In der That, es ist der »Albatros«. Robur ist es, der in den Höhen des Himmels wieder erscheint! Er ist’s, der gleich einem gigantischen Raubvogel auf den Go a head losstürzt!

Und neun Monate vorher war der durch die Explosion zersprengte Aeronef, die Schrauben zerbrochen und das Verdeck in zwei Stücke zerrissen, doch vernichtet worden. Ohne die wunderbare Besonnenheit des Ingenieurs, der die Drehbewegung des vorderen Propellers veränderte und diesen als Auftriebsschraube wirken ließ, wäre die ganze Besatzung des »Albatros« schon durch die Schnelligkeit des Sturzes erstickt worden. Doch wenn sie auch dieser Gefahr glücklich entronnen, wie kam es, daß sie nicht in den Fluthen des Pacifischen Oceans ertrunken war?

Das kam daher, daß die Trümmer des Verdecks, die Flügel der Triebschrauben, die Wände der Ruffs und was sonst noch vom »Albatros« übrig war, ihn zur schwimmenden Seetrift verwandelt hatten. Der verwundete Vogel war in’s Wasser gefallen, seine Flügel aber hielten ihn noch auf den Wellen. Einige Stunden lang blieben Robur und seine Leute noch auf diesem Wrack, dann flüchteten sie in das auf dem Ocean wieder gefundene Kautschukboot.

Die Vorsehung, für Diejenigen, welche an einen göttlichen Eingriff in irdische Dinge glauben – der Zufall, für Diejenigen, welche die Schwäche haben, an keine Vorsehung zu glauben – kam den Schiffbrüchigen zu Hilfe.

Wenige Stunden nach Sonnenaufgang wurden sie von einem Schiffe bemerkt, das nicht allein Robur und seine Leute, sondern auch die umherschwimmenden Trümmer des Aeronefs aufnahm. Der Ingenieur begnügte sich mit der Angabe, sein Fahrzeug sei durch eine Collision zerstört worden, und sein Incognito blieb auch bei dieser Gelegenheit gewahrt.

Jenes Schiff war ein englischer Dreimaster, der »Two Friends« von Liverpool. Es segelte nach Melbourne, wo es nach wenigen Tagen eintraf.

Nun war man zwar in Australien, aber sehr fern von der Insel X, nach der man doch baldigst zurückkehren mußte.

Unter den Trümmern des hinteren Ruffs hatte der Ingenieur noch eine beträchtliche Geldsumme gefunden, die ihm, ohne einen Anderen anzusprechen, alle Bedürfnisse seiner Leute zu bestreiten gestattete. Kurz nach der Ankunft in Melbourne erwarb er eine Goelette von hundert Tonnen und auf dieser begab sich Robur, der auch ein tüchtiger Seemann war, nach der Insel X zurück.

Jetzt erfüllte ihn nur noch eine fixe Idee – sich zu rächen. Doch um das zu können, mußte ein zweiter »Albatros« gebaut werden, was für den, der den ersten construirt hatte, ja eine leichte Aufgabe war. Man verwendete dabei, was noch vom alten Aeronef brauchbar erschien, unter anderen Maschinentheilen auch dessen Propeller, die mit allen Trümmern auf der Goelette verladen gewesen waren. Der Mechanismus wurde mittelst neuer Batterien und Accumulatoren wieder in Stand gesetzt. Kurz, binnen weniger als acht Monaten war die ganze Arbeit beendigt und ein neuer »Albatros«, ganz gleich dem durch die Explosion zerstörten und eben so mächtig wie dieser, stand bereit, durch die Luft abzusegeln.

Selbstverständlich trug er auch dieselbe Mannschaft und ebenso selbstverständlich schäumte diese Mannschaft vor Wuth auf Onkel Prudent und Phil Evans im Besonderen, wie auf das ganze Weldon-Institut im Allgemeinen.

Mit den ersten Tagen des April verließ der »Albatros« die Insel X. Während dieser Luftfahrt sollte sein Vorüberkommen von keinem Punkte der Erde aus gemeldet werden können. So schwebte er also immer zwischen den Wolken hin. Ueber Nordamerika an einer Einöde des Far-West angelangt, ging er zur Erde. Das tiefste Incognito bewahrend, erfuhr der Ingenieur hier, was ihm das größte Vergnügen gewähren mußte: daß das Weldon-Institut nun so weit sei, um mit seinen Probefahrten zu beginnen, und daß der Go a head mit Onkel Prudent und Phil Evans am 29. April von Philadelphia aus aufsteigen sollte.

Welch’ herrliche Gelegenheit zur Kühlung jener Rache, die das Herz Robur’s und aller seiner Leute erfüllte! Eine schreckliche Rache, welcher der Go a head nicht entrinnen sollte! Eine öffentliche Rache, welche gleichzeitig die Ueberlegenheit des Aeronefs über die Aerostaten und alle Apparate dieser Art beweisen mußte!

Aus diesem Grunde also erschien an jenem Tage gleich dem Geier, der aus schwindelnder Höhe niederschießt, der Aeronef über dem Fairmont-Park.

Ja, das war der »Albatros«, leicht erkannt selbst von Denen, die ihn früher nie gesehen hatten.

Der Go a head floh noch immer. Er begriff jedoch, daß er durch eine Flucht in horizontaler Richtung niemals zu entkommen vermöge. Er sachte sein Heil also in verticaler Flucht, aber nicht durch Annäherung an die Erde, denn da hätte der Aeronef ihm den Weg verlegen können, sondern indem er sich in die Luft erhob, nach einer Zone, in der er vielleicht nicht angegriffen werden konnte. Das war sehr kühn, doch gleichzeitig recht logisch gehandelt.

Inzwischen erhob sich aber auch der »Albatros« mit ihm. Weit kleiner als der Go a head, glich er dem Schwertfisch bei Verfolgung des Wals, den er mit seinem Stachel durchbohrt, oder dem auf das Panzerschiff zufliegenden Torpedo, der jenes mit einem Schlage in die Luft zu sprengen trachtet.

Die Zuschauer bemerkten das mit beklemmender Angst. Binnen wenigen Augenblicken hatte der Aerostat eine Höhe von fünftausend Fuß erreicht. Der

»Albatros« war ihm bei seiner aufsteigenden Bewegung nachgefolgt. Er tänzelte jetzt gleichsam um seine Seiten und umkreiste ihn in stetig vermindertem Umfange. Mit einem Sprung konnte er ihn vernichten, indem er seine dünne Hülle zerriß. Onkel Prudent und dessen Begleiter wären durch einen furchtbaren Absturz rein zerschmettert worden.

Die vor Schreck verstummten und nach Athem ringenden Zuschauer waren von jener Art Entsetzen gepackt, das die Brust einschnürt und die Füße lähmt, wenn man Einen aus großer Höhe herabstürzen sieht. Jetzt drohte ein Luftkampf, ein Kampf, der nicht einmal die geringen Aussichten für Rettung wie ein Wasserkampf darbot – der erste dieser Art, aber gewiß nicht der letzte, denn der Fortschritt gehört zu den ehernen Gesetzen dieser Welt. Und wenn der Go a head an seiner Seite das amerikanische Sternenbanner trug, so hatte der »Albatros« auch seine Flagge, das schwarze Fahnentuch mit der goldenen Sonne Robur des Siegers, entfaltet.

Der Go a head wollte aus dem Bereiche seines Gegners zu kommen suchen, in dem er sich noch weiter erhob. Er warf den als Reserve mitgeführten Ballast aus. Noch einmal machte er einen Satz von tausend Metern und erschien jetzt nur noch als ein Punkt im Luftraum. Der »Albatros«, der ihm mit der größten Drehgeschwindigkeit seiner Schrauben nacheilte, war schon völlig unsichtbar geworden.

Plötzlich erhob sich von der Erde ein Schreckensschrei.

Der Go a head nahm sichtlich an Größe wieder zu, während auch der sich mit ihm senkende Aeronef auf’s Neue erschien. Jetzt war der Sturz da! Das in der furchtbaren Höhe zu stark ausgedehnte Gas hatte die Hülle des Ballons gesprengt, und nur noch halb aufgeblasen fiel dieser rasch herunter.

Der Aeronef dagegen, der nur die Bewegung seiner Auftriebsschrauben gemäßigt hatte, sank mit abgemessener Geschwindigkeit herab. Er fuhr an den Go a head heran, als dieser nur noch zwölfhundert Meter von der Erde entfernt war, und näherte sich ihm Bord an Bord.

Wollte Robur ihm den Gnadenstoß geben? – Nein, er wollte helfen wollte die Insassen retten!

Seine Manövrirgeschicklichkeit war eine so erstaunliche, daß der Aeronaut und sein Genosse auf das Verdeck des Aeronefs gelangen konnten.

Sollten Onkel Prudent und Phil Evans etwa die Unterstützung Robur’s ablehnen, es verweigern, sich von ihm retten zu lassen? Sie wären es wahrlich im Stande gewesen! Die Leute des Ingenieurs bemächtigten sich jedoch derselben und schafften sie mit Gewalt vom Go a head nach dem »Albatros«.

Da machte sich der Aeronef von jenem klar und blieb an derselben Stelle, während der jetzt völlig gasleere Ballon auf die Bäume neben der Lichtung niederfiel, wo er gleich einem riesigen Fetzen hängen blieb.

Unten herrschte das Schweigen des Todes; es schien wirklich, als wenn alles Leben aus den Herzen der Menge entflohen wäre. Sehr Viele hatten gleich die Augen geschlossen, um das Ende der Katastrophe nicht mit anzusehen.

Onkel Prudent und Phil Evans waren also wiederum die Gefangenen des Ingenieur Robur geworden. Sollte er, nun er sie wieder erlangt, mit ihnen noch einmal in’s Luftmeer hinausfliegen, wohin ihm Keiner folgen könnte?

Das was vielleicht zu vermuthen.

Indessen senkte sich der »Albatros«, statt höher zu steigen, langsam zur Erde nieder. Man glaubte, er wolle bis aufs Land gehen, und die Menge drängte sich, um ihm Platz zu machen, auseinander.

Die Erregung der Leute hatte jetzt den höchsten Grad erreicht.

Zwei Meter über der Erde hielt der »Albatros« an, und unter tiefstem Stillschweigen ließ sich die Stimme des Ingenieurs vernehmen:

»Bürger der Vereinigten Staaten, sagte er, der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts sind wiederum in meiner Gewalt. Hielte ich sie zurück, so würde ich nur von meinem Rechte der Wiedervergeltung Gebrauch machen. Bei der in ihrer Seele durch die Erfolge des »Albatros« entfachten Leidenschaft aber sehe ich ein, daß ihr geistiger Zustand doch nicht derart ist, um die Umwälzungen, welche die Beherrschung des Luftmeeres einst nach sich ziehen muß, vollständig zu begreifen. Onkel Prudent und Phil Evans, Sie sind frei!«

Der Vorsitzende, der Schriftführer des Weldon-Instituts, der Aeronaut und sein Gehilfe hatten nur einen Sprung zu thun, um auf die Erde zu gelangen.

Der »Albatros« erhob sich dann sofort, um etwa zehn Meter über die Menge, und Robur fuhr fort:

»Bürger der Vereinigten Staaten, mein Versuch ist glücklich durchgeführt, doch meine Ansicht geht dahin, nichts zu übereilen, auch nicht einmal den Fortschritt. Die Wissenschaft darf den Landessitten und Gewohnheiten nicht zu sehr vorauseilen. Die Menschheit soll nur schrittweise, nicht durch gewaltsame Umänderungen vorwärts kommen. Ich selbst würde heute noch zu zeitig auftreten, um alle widerstrebenden und getheilten Interessen zu vereinigen. Die Nationen sind zum wirklichen Bunde noch nicht reif.

»Ich ziehe also weiter und nehme mein Geheimniß mit mir. Für die Menschheit wird es deshalb nicht verloren sein, sondern ihr dereinst gehören, wenn sie unterrichtet genug sein wird, daraus Vortheil zu ziehen, und weise genug, um es nicht zu mißbrauchen. Heil Euch, Bürger der Vereinigten Staaten, Heil Euch jetzt und immerdar!«

Die Luft mit seinen vierundsiebzig Schrauben peitschend und von den beiden mit größter Kraft arbeitenden Propellern davongetragen, verschwand der »Albatros« im Osten inmitten eines Sturmes von Hurrahs, die jetzt der allgemeinen Bewunderung Ausdruck gaben.

Die beiden, jetzt wie das ganze Weldon-Institut tief gedemüthigten Collegen thaten das Einzige, was sie thun konnten – sie schlichen nach ihren Behausungen zurück, während die Menge infolge einer plötzlichen Sinnesänderung nicht übel Lust zeigte, sie mit jetzt ganz angebrachtem beißenden Spotte zu begrüßen.

***

Nun bleibt noch immer die Frage bestehen: »Wer ist jener Robur? Wird man es jemals erfahren?«

Man weiß es schon heute. Robur ist das Wissen und Können der Zukunft, vielleicht schon des nächsten Tages – er ist der sichere Schatz im Schooße kommender Zeiten.

Daß der »Albatros« noch immer durch die Erdatmosphäre hinschwebe, inmitten seines Reiches, das ihm Niemand streitig machen kann, ist nicht zu bezweifeln; auch Robur der Sieger wird seinem Versprechen gemäß eines Tages wiederkehren und das Geheimniß einer Erfindung offenbaren, welche die socialen und politischen Verhältnisse der Erde gänzlich umgestalten dürfte.

Was die Zukunft der Luftschifffahrt angeht, so gehört diese den Aeronesfs, nicht den Aerostaten.

Den »Albatrossen« ist es noch vorbehalten, sich das Reich der Luft endgiltig zu erobern.

- Ende -


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Jules Verne – Von der Erde zum Mond

admin am Feb 4th 2012

Jules Verne

Von der Erde zum Mond

Erstes Capitel

Der Gun-Club

Während des Bundeskriegs der Vereinigten Staaten bildete sich zu Baltimore in Maryland ein neuer Club von großer Bedeutung. Es ist bekannt, wie energisch sich bei diesem Volk von Rhedern, Kaufleuten und Mechanikern der militärische Instinct entwickelte. Einfache Kaufleute brauchten nur in ihrem Comptoir auf- und abzuschreiten, um unversehens Hauptleute, Obristen, Generäle zu werden, ohne die Militärschule zu Westpoint durchzumachen; bald standen sie in der »Kriegskunst« ihren Collegen der Alten Welt nicht nach und verstanden gleich diesen durch Vergeuden von Kugeln, Millionen und Menschen Siege zu gewinnen.

Aber in der Ballistik übertrafen sie die Europäer ganz außerordentlich. Sie fertigten Geschütze nicht allein von höchster Vollkommenheit, sondern auch von ungewöhnlicher Größe, die folglich eine noch unerhörte Tragweite haben mußten. In Beziehung auf rasante und Breche-Schüsse, Schüsse in schiefer, in gerader Richtung oder vom Rücken her – kann man die Engländer, Franzosen, Preußen nichts mehr lehren; aber ihre Kanonen, Haubitzen und Mörser sind nur Sackpistolen gegen die fürchterlichen Maschinen der amerikanischen Artillerie.

Das ist aber nicht zum Verwundern. Die Yankees, die ersten Mechaniker auf der Welt, sind geborene Ingenieure, wie die Italiener Musiker, die Deutschen Metaphysiker. Ganz natürlich, daß sich ihre kühne Genialität in ihrer Geschützkunde zu erkennen gab. Daher jene Riesenkanonen, die zwar weit weniger nützen, als die Nähmaschinen, doch ebenso viel Staunen, und noch mehr Bewunderung erregen. Bekannt sind von solchen Wunderwerken die Parott, Dahlgreen, Rodman. Die Armstrong, Palliser, Treuille de Beaulieu mußten vor ihren überseeischen Rivalen die Segel streichen.

Daher standen denn auch während des fürchterlichen Kampfes der Nord- und Südstaaten die Artilleristen im allerhöchsten Ansehen; die Journale der Union priesen ihre Erfindungen mit Enthusiasmus, und es gab keinen armseligen Krämer, keinen einfältigen Buben, der sich nicht den Kopf zerbrach mit unsinnigen Schußberechnungen.

Wenn aber einem Amerikaner eine Idee im Kopfe steckt, so sucht er sich einen zweiten Amerikaner, um sie zu theilen. Sind ihrer drei, so wählen sie einen Präsidenten und zwei Secretäre; vier, so ernennen sie einen Archivisten, und das Bureau tritt in Wirksamkeit. Bei fünfen berufen sie eine Generalversammlung, und der Club ist fertig. So ging’s auch zu Baltimore. Einer erfand eine Kanone, associirte sich mit Einem, der sie goß, und einem Anderen, der sie bohrte. Aus einem solchen Kern erwuchs auch der Gun-Club. Einen Monat nach seiner Bildung zählte er 1833 wirkliche Mitglieder und 30,575 correspondirende.

Unerläßliche Bedingung für jedes Mitglied des Clubs war, daß man eine Kanone, oder mindestens irgend eine Feuerwaffe, erfunden, oder doch verbessert hatte. Aber, offen gesagt, die Erfinder von Revolvern zu fünfzehn Schuß, von Pivot-Karabinern oder Säbelpistolen genossen kein großes Ansehen. Die Artilleristen behaupteten in jeder Hinsicht den ersten Rang.

»Die Achtung, welche sie genießen«, sagte einmal einer der gescheitesten Redner des Gun-Clubs, »steht im Verhältniß zur Masse ihrer Kanonen, und zwar nach directem Maßstab des Quadrats der Distanzen, welche ihre Geschosse erreichen!«

Noch etwas mehr, das Newton’sche Gravitationsgesetz verpflanzte sich in die moralische Welt.

Man kann sich leicht vorstellen, was, nachdem der Gun-Club einmal gegründet war, das erfinderische Genie der Amerikaner in dieser Gattung zu Tage förderte. Die Kriegsmaschinen nahmen einen kolossalen Maßstab an, und die Geschosse flogen weit über die ihnen gesteckten Schranken hinaus, um harmlose Spaziergänger zu zerreißen. Alle diese Erfindungen ließen die schüchternen Werkzeuge der europäischen Artillerie weit hinter sich. Man urtheile aus folgenden Zahlen.

Einst. »wenn’s gut ging« vermochte ein Sechsunddreißigpfünder in einer Entfernung von dreihundert Fuß sechsunddreißig Pferde von der Seite her zu durchbohren, und dazu achtundsechzig Mann. Die Kunst lag damals noch in der Wiege. Seitdem hat sie Fortschritte gemacht. Die Rodmankanone, die eine Kugel von einer halben Tonne2 sieben (engl.) Meilen weit schleuderte, hätte leicht hundertundfünfzig Pferde und dreihundert Mann niedergeworfen. Es war im Gun-Club gar die Rede davon, eine förmliche Probe damit anzustellen. Aber, ließen sich’s auch die Pferde gefallen, das Experiment zu machen, an Menschen fehlte es leider.

Wie dem auch sei, diese Kanonen leisteten Mörderisches, und bei jedem Schuß fielen die Menschen, wie die Aehren unter der Sense. Was wollte neben solchen Geschossen die berühmte Kugel zu Coutras bedeuten, welche im Jahre 1587 fünfundzwanzig Mann kampfunfähig machte, und die andere, welche bei Zorndorf 1758 vierzig Mann tödtete, und 1742 bei Kesselsdorf die österreichische, die bei jedem Schuß siebenzig Feinde niederwarf? Was war dagegen das erstaunliche Geschützfeuer bei Jena und Austerlitz, das die Schlachten entschied? Da gab’s während des Bundeskriegs ganz andere Dinge zu schauen!

Bei Gettysburg traf ein kegelförmiges Geschoß aus einer gezogenen Kanone dreiundsiebenzig Feinde, und beim Uebergang über den Potomak beförderte eine Rodmankugel zweihundertfünfzehn Südländer in eine ohne Zweifel bessere Welt. So verdient auch ein fürchterlicher Mörser, den I. T. Maston, ein hervorragendes Mitglied und beständiger Secretär des Gun-Clubs, erfand, erwähnt zu werden; seine Wirkung war noch mörderischer, denn beim Probiren tödtete er dreihundertsiebenunddreißig Personen – freilich, beim Zerspringen!

Diese Zahlen sprechen beredt ohne Commentar. Auch wird man ohne Widerrede die folgende, vom Statistiker Pitkairn aufgestellte Berechnung gelten lassen: dividirt man die Anzahl der durch die Kugeln gefallenen Opfer mit der Zahl der Mitglieder des Gun-Clubs, so ergiebt sich, daß auf Rechnung jedes Einzelnen des letzteren durchschnittlich 2375 Mann kommen, nebst einem Bruchtheil.

Nimmt man diese Ziffern in Erwägung, so ist’s augenscheinlich, daß das Trachten dieser gelehrten Gesellschaft einzig auf Menschenvertilgung zu philanthropischem Zweck, und auf Vervollkommnung der Kriegswaffen als Civilisationsmittel gerichtet war. Es war ein Verein von Würgengeln, sonst die besten Menschenkinder auf der Welt.

Diese Yankees, muß man weiter anführen, von erprobter Tapferkeit, ließen’s nicht beim Reden bewenden, und traten persönlich ein. Man zählte unter ihnen Officiere jedes Grades vom Lieutenant bis zum General, Militärpersonen jedes Alters, Anfänger im Kriegsdienst und bei der Lafette ergraute Männer. Manche fielen auf der Wahlstatt und ihre Namen wurden in’s Ehrenbuch des Gun-Clubs eingetragen, und von denen, welche davonkamen, trugen die meisten Beweise ihrer unzweifelhaften Unerschrockenheit an sich. Krücken, hölzerne Beine, gegliederte Arme, Haken statt der Hände, Kinnbacken von Kautschuk, Schädel von Silber, Nasen von Platina, nichts mangelte in der Sammlung, und der obgedachte Pitkairn berechnete ebenfalls, daß im Gun-Club nicht völlig ein Arm auf vier Personen kam, und nur zwei Beine auf sechs.

Aber diese wackeren Artilleristen machten sich nicht so viel daraus, und sie waren mit Recht stolz darauf, wenn das Bulletin einer Schlacht zehnmal mehr Opfer anführte, als Geschosse waren abgefeuert worden.

Eines Tags jedoch – ein trauriger, bedauerlicher Tag – unterzeichneten die Ueberlebenden den Frieden, der Geschützesdonner hörte allmälig auf, die Mörser verstummten, die Haubitzen wurden für lange Zeit unschädlich gemacht, und die Kanonen kehrten gesenkten Hauptes in die Arsenale zurück, die Kugeln wurden in den Zeughäusern aufgeschichtet, die blutigen Erinnerungen erblichen, die Baumwollstanden sproßten üppig auf den reich gedüngten Feldern, mit den Trauerkleidern wurde auch der Schmerz abgelegt, und der Gun-Club versank in vollständige Unthätigkeit.

– Trostlos! sagte eines Abends der tapfere Tom Hunter, während seine hölzernen Beine am Kamin verkohlten: »Nichts mehr zu thun! nichts mehr zu hoffen! Welch langweiliges Leben! O goldene Zeit, da einst jeden Morgen lustiger Kanonendonner uns weckte!

– Die Zeit ist hin! erwiderte der muntere Bilsby. Das war eine Luft! Man erfand seinen Mörser, und war er gegossen, so probirte man ihn vor’m Feind; dann begab man sich wieder in’s Lager mit einer Belobung Sherman’s oder einem Handschlag Mac-Clellan’s! Aber nun sind die Generale wieder auf ihren Comptoirs und versenden harmlose Baumwollenballen! Ja, wahrhaftig, die Artillerie hat in Amerika keine Zukunft mehr!

– Ja, Bilsby, rief der Obrist Blomsberry aus, das sind grausame Täuschungen! Eines Tags verläßt man seine friedlichen Gewohnheiten, übt sich in den Waffen, zieht aus Baltimore in’s Feld, tritt da als Held auf, und zwei, drei Jahre später muß man die Frucht seiner Strapazen wieder verlieren, in leidiger Unthätigkeit einschlafen.

– Und kein Krieg in Aussicht! sagte darauf der berühmte J. T. Maston, und kratzte dabei mit seinem eisernen Haken seinen Guttapercha-Schädel. Kein Wölkchen am Himmel, und zu einer Zeit, da noch so viel in der Artilleriewissenschaft zu thun ist! Da hab’ ich diesen Morgen einen Musterriß fertig gebracht, sammt Plan, Durchschnitt und Aufriß, für einen Mörser, der die Kriegsgesetze umzuändern bestimmt ist!

– Wirklich? erwiderte Tom Hunter, und dabei fiel ihm unwillkürlich der letzte Versuch des ehrenwerthen J. T. Maston ein.

– Ja, wirklich, entgegnete dieser. Aber wozu nun so viele Studien, das Ueberwinden so vieler Schwierigkeiten? Ist das nicht verlorene Mühe? Die Bevölkerung der Neuen Welt scheint entschlossen zu sein, nun in Frieden zu leben, und unsere kriegerische Tribüne hat bereits Katastrophen in Folge des Anwachsens der Bevölkerung geweissagt!

– Indessen, Maston, fuhr Obrist Blomsberry fort, in Europa giebt’s immer noch Kriege für’s Princip der Nationalitäten!

– Nun denn?

– Nun denn! Da könnte man vielleicht einen Versuch machen, und wenn man unsere Dienste annähme? …

– Was meinen Sie? Ballistik zu Gunsten von Ausländern.

– Besser, als gar nichts damit treiben, entgegnete der Obrist.

– Allerdings, sagte J. T. Maston, es wäre wohl besser, aber an so einen Ausweg darf man nicht einmal denken.

– Und weshalb? fragte der Obrist.

– Weil man in der Alten Welt über das Avancement Ideen hat, die unseren amerikanischen Gewohnheiten schnurstracks zuwider laufen. Die Leute dort meinen, man könne nicht commandirender General werden, wenn man nicht zuvor Unterlieutenant gewesen, was auf dasselbe hinausläuft, als man verstehe nicht eine Kanone zu richten, wenn man sie nicht selbst gegossen hat! Nun ist aber selbstverständlich …

– Lächerlich! erwiderte Tom Hunter, indem er mit einem Bowie-Messer Schnitte in die Arme seines Lehnsessels machte; und weil dem so ist, so bleibt uns nichts übrig, als Tabak zu pflanzen oder Thran zu sieden!

– Wie? rief J. T. Maston mit laut hallender Stimme, wir sollen unsere letzten Lebensjahre nicht auf die Vervollkommnung der Feuerwaffen verwenden! Es sollte sich keine Gelegenheit mehr ergeben, unsere Geschosse zu probiren! Der Blitz von unseren Kanonen soll nicht mehr die Luft erhellen! Es sollte sich keine internationale Streitfrage ergeben, die Anlaß gäbe, einer überseeischen Macht den Krieg zu erklären! Sollten nicht die Franzosen eins unserer Dampfboote in Grund bohren, und die Engländer sollten nicht mit Verachtung des Völkerrechts etliche unserer Landsleute hängen!

– Nein, Maston, entgegnete der Obrist Blomsberry, dies Glück wird uns nicht werden! Nein! Kein einziger dieser Fälle wird eintreten, und geschähe es, so würden wir ihn nicht benützen! Das amerikanische Selbstgefühl schwindet von Tag zu Tag, und wir werden zu Weibern!

– Ja, wir sinken herab! erwiderte Bilsby.

– Und man drückt uns herab! entgegnete Tom Hunter. – Dies Alles ist nur allzu wahr, erwiderte J. T. Maston mit erneuter Heftigkeit. Tausend Gründe sich zu schlagen lassen sich aus der Luft greifen, und man schlägt sich nicht! Man will Arme und Beine schonen, und das zu Gunsten von Leuten, die nichts damit anzufangen wissen! Und, denken Sie, man braucht einen Grund zum Krieg nicht so weit herzuholen: hat nicht Nord-Amerika einst den Engländern gehört?

– Allerdings, erwiderte Tom Hunter, indem er mit seiner Krücke das Feuer schürte.

– Nun denn! fuhr J. T. Maston fort, warum sollte nicht England einmal an die Reihe kommen, den Amerikanern zu gehören?

– Das wäre nur recht und billig, erwiderte lebhaft der Obrist Blomsberry.

– Machen Sie einmal dem Präsidenten der Vereinigten Staaten den Vorschlag, rief J. T. Maston, und Sie werden sehen, wie er Sie empfangen wird!

– Gewiß wohl schlecht, brummte Bilsby zwischen den Zähnen, die er noch hatte.

– Meiner Treu! rief J. T. Maston, auf meine Stimme hat er nicht mehr zu rechnen!

– Auch auf die unsrigen nicht, erwiderten einstimmig die kriegerischen Invaliden.

– Unterdessen, erwiderte J. T. Maston zum Schluß, giebt man mir nicht Gelegenheit, meinen neuen Mörser auf einem wirklichen Schlachtfeld zu probiren, so trete ich aus dem Gun-Club und vergrabe mich in den Savannen von Arkansas!

– Da gehen wir mit, erwiderten die Genossen des kühnen J. T. Maston.«

So standen die Dinge, die Geister erhitzten sich, und der Club war mit naher Auflösung bedroht, als ein unerwartetes Ereigniß dazwischen kam. Tags nach dieser Unterredung erhielt jedes Mitglied der Gesellschaft ein folgendermaßen abgefaßtes Circular:

Baltimore, 3. October.

»Der Präsident des Gun-Clubs beehrt sich, seine Collegen zu benachrichtigen, daß er in der Sitzung am 5. d. eine Mittheilung zu machen hat, welche sie lebhaft interessiren wird. Demnach bittet er sie, ungesäumt der im Gegenwärtigen enthaltenen Einladung zu folgen.

Mit herzlichem Gruß

Impey Barbicane, Präsident.«

Zweites Capitel

Mittheilung des Präsidenten Barbicane

Am 5. October um acht Uhr Abends drängte sich eine dichte Menge in den Sälen des Gun-Clubs, 21. Union-square. Alle zu Baltimore einheimischen Mitglieder der Gesellschaft hatten sich auf die Einladung ihres Präsidenten dahin begeben. Die correspondirenden langten mit Expreß zu Hunderten in der Stadt an, und so groß auch die Sitzungshalle war, so konnte die Menge der Gelehrten darin nicht mehr Platz finden; sie strömte über in die anstoßenden Säle, die Gänge bis mitten in die äußeren Höfe, wo sie mit dem gewöhnlichen Volk zusammentraf, das sich an den Eingängen drängte: indem jeder in die vordersten Reihen zu gelangen trachtete, alle voll Begierde, die wichtige Mittheilung des Präsidenten Barbicane zu vernehmen, stieß und schob man sich herum, zerdrückte sich mit jener Freiheit des Handelns, welche den in den Ideen des self-government erzogenen Massen eigenthümlich ist.

An jenem Abend hätte ein zu Baltimore anwesender Fremder um keinen Preis in den großen Saal gelangen können; derselbe war ausschließlich den einheimischen Mitgliedern oder den Correspondenten vorbehalten; kein Anderer konnte darin einen Platz bekommen; und die Notablen der Stadt, die Mitglieder des Rathes der »Auserkohrenen« hatten sich unter die Menge ihrer Untergebenen mengen müssen, um flüchtig zu erhaschen, was drinnen vorging.

Die unermeßlich große Halle bot den Blicken einen merkwürdigen Anblick dar. Das umfassende Local war zum Erstaunen für seine Bestimmung geeignet. Hohe Säulen, aus übereinandergesetzten Kanonen gebildet, auf einer dicken Unterlage von Mörsern, trugen die seinen Verzierungen des Gewölbes, gleich Spitzen aus Guß gefertigt. Vollständige Rüstungen von Stutzern, Donnerbüchsen, Büchsen, Karabinern, alle Feuerwaffen alter und neuer Zeit, waren an den Wänden mit malerischen Verschlingungen gruppirt. Das Gas strömte in vollen Flammen aus tausend Revolvern, die in Form von Lustren zusammengeordnet waren, während Girandolen von Pistolen und Candelaber aus Bündeln von Flintenläufen gebildet, die glänzende Beleuchtung vollendeten. – Die Kanonenmodelle, die Probemuster von Bronze, die durchlöcherten Zielscheiben, die von Kugeln des Gun-Clubs zerschossenen Platten, die Auswahl von Setzern und Wischern, die Rosenkränze von Bomben, die Halsbänder von Geschossen, die Guirlanden von Granaten, kurz alle Werkzeuge des Artilleristen überraschten das Auge durch ihre Staunen erregende Anordnung, und erweckten den Gedanken, daß sie in Wahrheit mehr zum Schmuck, als zum Morden bestimmt seien.

Am Ehrenplatze sah man unter einer glänzenden Glasglocke ein zerbrochenes, vom Pulver zerdrehtes Stück von einem Kanonenstoß, kostbares Reststück von der Kanone J. T. Maston.

Am Ende des Saales saß auf einem breiten Sonderplatze der Präsident, umgeben von vier Secretären. Sein Sitz, der sich auf einer mit Schnitzwerk gezierten Lafette befand, war im Ganzen gleich einem starken Mörser von zweiunddreißig Zoll geformt, unter einem Winkel von neunzig Grad aufgeprotzt und an Zapfen befestigt, so daß der Präsident sich auf demselben, wie auf einem Schaukelstuhl (rocking-chair) in angenehmster Weise schaukeln konnte. Auf dem Schreibtisch, einer breiten Platte von Eisenblech auf sechs Caronaden, sah man ein besonders geschmackvolles Dintenfaß, das aus einer kostbar gemeißelten Biskayer Büchse gebildet war, und eine Donnerglocke, die bei Gelegenheit wie ein Revolver knallte. Bei heftigem Streit reichte diese neu erfundene Glocke manchmal kaum hin, die Stimmen dieser Legion von erhitzten Artilleristen zu übertönen.

Vor dem Schreibtisch waren kleine Bänke im Zickzack, gleich den Linien einer Verschanzung, aufgestellt und bildeten eine Reihenfolge von Basteien und Courtinen. Auf diesen saßen die Mitglieder des Gun- Clubs, und diesen Abend konnte man sagen, »es fehlte nicht an Mannschaft auf den Wällen«. Man kannte den Präsidenten gut genug, um zu wissen, daß er ohne den gewichtigsten Grund seine Collegen nicht in Bewegung gesetzt hätte.

Impey Barbicane war ein Mann von vierzig Jahren, ruhig, kaltblütig, streng, von außerordentlich ernstem und concentrirtem Geist, pünktlich wie ein Chronometer, von erprobtem Temperament, unerschütterlichem Charakter, wenig ritterlich, doch abenteuerlich, aber voll praktischer Ideen, selbst bei den verwegensten Unternehmungen; – er war in hervorragender Weise der Mann Neu-Englands, der nordische Pflanzer, der Abkömmling jener Rund-Köpfe, die einst den Stuarts so gefährlich wurden, der unversöhnliche Feind der südlichen Gentlemen, jener vormaligen Junker des Mutterlandes. Mit einem Wort, er war ein Yankee reinsten Wassers durch und durch.

Barbicane hat sich im Holzhandel ein großes Vermögen erworben; während des Krieges zum Artilleriedirector ernannt, zeigte er sich fruchtbar an Erfindungen, kühn in Ideen, trug viel zu den Fortschritten dieser Waffe bei, und gab den experimentalen Forschungen einen unvergleichlichen Schwung.

Ein Mann von mittlerer Statur hatte er – seltene Ausnahme im Gun-Club – ganz wohlbehaltene Glieder. Seine scharf ausgeprägten Gesichtszüge waren wie mit dem Lineal nach dem Winkelmaße geschnitten, und wenn es wahr ist, daß man, um eines Menschen instinctiven Charakter zu erkennen, ihn im Profil ansehen müsse, so konnte man bei ihm darin die deutlichsten Anzeigen von Energie, Kühnheit und Kaltblütigkeit wahrnehmen.

In diesem Augenblick war er in seinem Lehnstuhl unbeweglich, stumm, in Gedanken versenkt, den Blick nach innen gerichtet, mit einem hochgeformten Hut, – schwarzem Seidencylinder –, welcher, scheint es, den amerikanischen Schädeln angeschraubt ist.

Das lärmende Geplauder seiner Collegen um ihn her störte ihn nicht; sie fragten sich einander, schweiften auf dem Feld der Vermuthungen, forschten in den Zügen ihres Präsidenten, und trachteten vergeblich das X seiner undurchdringlichen Physiognomie heraus zu bekommen.

Als die Uhr des großen Saales mit Donnerschlägen die Stunde verkündete, erhob sich Barbicane plötzlich, als wie von einer Sprungfeder emporgeschnellt. Alles lauschte, und der Redner ließ sich mit etwas emphatischem Ton folgendermaßen vernehmen:

»Tapfere Collegen, schon allzu lange hat ein unfruchtbarer Friede die Mitglieder des Gun-Clubs in bedauerliche Unthätigkeit versetzt. Nach vier so ereignißvollen Jahren mußten wir unsere Arbeiten einstellen und auf dem Wege des Fortschritts plötzlich Halt machen. Ich nehme keinen Anstand, es laut auszusprechen, jeder Krieg, der uns wieder die Waffen in die Hand gäbe, würde willkommen sein …«

– Ja, der Krieg! rief stürmisch J. T. Maston.

– Hört! Hört! vernahm man allerwärts.

»Aber der Krieg«, sagte Barbicane, »ist unter gegenwärtigen Umständen unmöglich; und was sich auch der ehrenwerthe College, welcher mich unterbrach, für Hoffnungen machen mag, es wird eine Reihe von Jahren verfließen, ehe unsere Kanonen wieder auf einem Schlachtfeld donnern. Das muß man sich nun gefallen lassen, und in einem andern Ideenkreise Nachahmung für unseren Thätigkeitstrieb suchen.«

Da die Versammlung merkte, daß ihr Präsident nun auf den Hauptpunkt kam, verdoppelte sie ihre Aufmerksamkeit.

»Seit einigen Monaten, wackere Collegen«, fuhr Barbicane fort, »habe ich darüber nachgedacht, ob wir nicht – doch innerhalb unseres Specialfachs – im Stande wären, eine große, des neunzehnten Jahrhunderts würdige Forschung vorzunehmen, und ob nicht die Fortschritte in der Ballistik uns in den Stand setzten, sie glücklich auszuführen. Zu dem Ende habe ich geforscht, gearbeitet, Berechnungen angestellt, und das Ergebniß meiner Studien war die Ueberzeugung, daß wir bei einer Unternehmung, die in jedem anderen Lande unausführbar sein würde, zu einem glücklichen Ziele gelangen müssen. Ueber dieses reiflich durchdachte Project will ich Ihnen nähere Mittheilung machen; es ist Ihrer würdig, würdig der Vergangenheit des Gun-Clubs, und wird unfehlbar großes Aufsehen in der Welt machen!«

– Viel Aufsehen? rief ein leidenschaftlicher Artillerist.

»Sehr viel Aufsehen, im echten Sinne des Worts«, erwiderte Barbicane.

– Nicht unterbrechen! rief es von anderen Seiten.

»Ich bitte Sie also, wackere Collegen«, fuhr der Präsident fort, »mir Ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken.«

Unwillkürliche Bewegung ergriff die Versammlung. Barbicane rückte rasch seinen Hut und drückte ihn fest, dann fuhr er mit ruhiger Stimme fort:

»Es ist keiner unter Ihnen, wackere Collegen, der nicht den Mond gesehen, oder mindestens von ihm sprechen gehört hätte. Wundern Sie sich nicht, daß ich Sie hier über das Gestirn der Nacht unterhalte. Vielleicht ist’s uns vorbehalten, für diese unbekannte Welt die Rolle des Columbus zu spielen. Begreifen Sie mich, unterstützen Sie mich mit allen Kräften, so will ich Sie führen, diese Eroberung zu machen, und der Name des Mondes wird sich denen der sechsunddreißig Staaten anreihen, welche den großen Bund dieses Landes bilden.«

– Hurrah dem Mond! rief der Gun-Club wie mit einer Stimme.

»Man hat viel Studien über den Mond gemacht«, fuhr Barbicane fort. »Seine Masse, Dichtigkeit, sein Gewicht und Umfang, seine Beschaffenheit, Bewegungen, Entfernung, seine Rolle in der Sonnenwelt sind nun genau bekannt; man hat Mondkarten gefertigt, welche an vollkommener Ausführung den Erdkarten wenigstens gleich kommen, wofern sie dieselben nicht übertreffen; die Photographie hat von unserem Trabanten Musterbilder von unvergleichlicher Schönheit geliefert. Kurz, man weiß von dem Mond Alles, was die mathematischen Wissenschaften, Astronomie, Geologie, Optik uns lehren können; aber bis jetzt ist noch nie ein directer Verkehr mit demselben hergestellt worden.«

Bei diesem Satz des Redners gab sich eine heftige Bewegung des Interesses und der Ueberraschung zu erkennen.

»Gestatten Sie mir«, fuhr derselbe fort, »mit einigen Worten daran zu erinnern, wie einige glühende Geister in phantasievollen Reisebeschreibungen vorgaben, die Geheimnisse unseres Trabanten ergründet zu haben. Im siebenzehnten Jahrhundert rühmte sich ein gewisser David Fabricius, die Bewohner des Mondes mit eigenen Augen gesehen zu haben. Im Jahre 1649 veröffentlichte ein Franzose J. Beaudoin, eine Reise in den Mond, von dem spanischen Abenteurer Dominico Gonzalez unternommen. Zu derselben Zeit ließ Cyrano de Bergerac die berühmte Expedition, welche in Frankreich so viel Erfolg hatte, erscheinen. Später schrieb ein anderer Franzose, Fontenelle mit Namen, über die Mehrheit der Welten ein Hauptwerk; aber die Wissenschaft überbietet in ihrem Fortschritt auch die Meisterwerke! Um’s Jahr 1835 erzählte ein aus dem New-York Americain übersetztes Werkchen, Sir J. Herschel, der zum Zweck der astronomischen Studien an’s Cap der guten Hoffnung gesendet worden war, habe vermittelst eines vervollkommneten Teleskops den Mond bis auf eine Entfernung von achtzig Yards nahe gebracht. Da habe er ganz deutlich Höhlen beobachtet, worin Flußpferde hausten, grüne mit Goldsaum befranzte Berge, Schöpfe mit Hörnern von Elfenbein, weiße Rehe, Bewohner mit pergamentgleichen Flügeln, wie bei den Fledermäusen. Dieses von einem Amerikaner Namens Locke verfaßte Werkchen hatte großen Erfolg. Bald aber erkannte man darin eine Mystification der Wissenschaft, und die Franzosen lachten zuerst darüber.«

– Ueber einen Amerikaner lachen! rief J. T. Maston, da haben wir ja einen Casus belli …

»Beruhigen Sie sich, mein würdiger Freund. Bevor die Franzosen lachten, haben sie sich von unserem Landsmanne vollständig anführen lassen. Ich füge bei, daß ein gewisser Hans Pfaal aus Rotterdam in einem Ballon, der mit Stickstoffgas gefüllt war, welches fünfunddreißigmal leichter als Wasserstoffgas ist, in neunzehn Tagen bis zum Mond gelangte. Diese Reise war, gleich der vorausgehenden, nur eine Phantasie-Unternehmung, aber sie hatte einen populären amerikanischen Schriftsteller, der ein Genie von seltenem Tiefsinn war, Poé, zum Verfasser.«

– Hurrah dem Edgar Poé! rief die Versammlung voll Begeisterung.

»So viel«, fuhr Barbicane fort, »von den Versuchen, die als lediglich wissenschaftlich durchaus ungenügend sind, um ernstlich Verbindungen mit dem Gestirn der Nacht einzurichten. Doch muß ich hinzufügen, daß einige praktische Geister den Versuch machten, sich wirklich mit ihm in Verbindung zu setzen. Vor einigen Jahren machte ein deutscher Geometer den Vorschlag, eine Commission von Gelehrten in die Steppen Sibiriens zu schicken. Dort solle man auf ungeheuer ausgedehnten Ebenen unermeßliche geometrische Figuren mit Hilfe beleuchteter Metallspiegel entwerfen, unter anderen das Quadrat der Hypothenuse, das die Franzosen gewöhnlich ›Eselsbrücke‹ nennen. ›Jedes intelligente Wesen‹, sagt der Geometer, ›muß die wissenschaftliche Bedeutung dieser Figur begreifen. Wenn es nun Mondbewohner giebt, so werden sie mit einer ähnlichen Figur antworten, und ist einmal die Verbindung eingerichtet, so ist’s keine schwere Sache, ein Alphabet zu schaffen, welches in Stand setzt, sich mit den Bewohnern des Mondes zu unterhalten.‹ So lautet der Vorschlag des deutschen Geometers, aber er kam nicht zur Ausführung, und bis jetzt ist noch keine directe Verbindung zwischen der Erde und ihrem Trabanten eingerichtet. Aber es ist dem praktischen Genie der Amerikaner vorbehalten, die Verbindung mit der Sternenwelt in’s Leben zu rufen. Das Mittel dafür ist einfach, leicht, sicher, unfehlbar; mein Vorschlag wird’s Ihnen auseinandersetzen.«

Lautes Beifallgeschrei, ein Sturm von Zurufen erfolgte. Es war auch nicht ein Einziger unter den Anwesenden, der nicht von den Worten des Redners bewältigt, hingerissen wurde.

– Hört! Hört! Stille doch! rief man auf allen Seiten.

Als es wieder ruhig geworden, fuhr Barbicane mit ernsterer Stimme fort:

»Sie wissen, welche Fortschritte die Ballistik seit einigen Jahren gemacht hat, und zu welch hohem Grade der Vollkommenheit diese Waffen gelangt wären, wenn der Krieg fortgedauert hätte. Ebenso ist’s Ihnen im Allgemeinen nicht unbekannt, daß die Widerstandskraft der Kanonen und die Treibkraft des Pulvers ohne Grenzen sind. Nun! von diesem Grundgedanken ausgehend, habe ich mir die Frage gestellt, ob es nicht, vermittelst hinreichender Vorrichtung innerhalb bestimmter Widerstandsbedingungen, möglich wäre, ein Geschoß bis zum Mond zu entsenden!«

Bei diesen Worten entfuhr ein staunendes »Oh!« aus beklommener Brust von Tausenden; dann nach einer kleinen Pause, gleich der Stille, welche dem Donner vorausgeht, entlud sich ein gewitterartiger Beifallssturm von Schreien und Rufen, daß der Sitzungssaal davon erbebte. Der Präsident versuchte zu sprechen; vergebens. Erst nach zehn Minuten konnte er zum Wort kommen.

»Lassen Sie mich ausreden«, fuhr er kalt fort. »Ich habe die Frage unter allen Gesichtspunkten betrachtet, habe sie entschlossen angefaßt, und aus meinen unbestreitbaren Berechnungen ergiebt sich, daß jedes Geschoß, das mit einer anfänglichen Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde in der Richtung nach dem Mond hin abgeschleudert wird, nothwendig dort anlangen muß. Ich habe daher die Ehre, meine wackeren Collegen, Ihnen dieses kleine Experiment vorzuschlagen!«

Drittes Capitel

Welchen Eindruck Barbicane’s Mittheilung machte

Der Eindruck, welchen diese letzten Worte des ehrenwerthen Präsidenten machten, läßt sich nicht beschreiben. Das war ein Schreien! ein Grunzen! ein Rufen mit Hurrah! Hip! Hip! Hip! und allen den Naturlauten, woran die amerikanische Sprache so reich ist; es war ein Getümmel, ein Lärmen ohne Gleichen! Die Kehlen schrieen, die Hände klaschten, die Füße stampften den Boden. Kein Wunder das: es giebt Kanoniere, die im Lärmen mit ihren Kanonen wetteifern.

Barbicane bewahrte mitten in diesem Enthusiasmus seine Kaltblütigkeit; seine Handbewegungen forderten vergebens zur Stille auf, die donnernden Töne seiner Glocke wurden nicht gehört. Man riß ihn von seinem Präsidentenstuhl und trug ihn im Triumph umher.

Ein Amerikaner läßt sich nicht in Bestürzung versetzen. Für den Begriff »unmöglich« findet sich in seinem Wörterbuch kein Ausdruck. In Amerika ist Alles leicht, einfach, die mechanischen Schwierigkeiten sind wie todtgeboren. Ein wahrer Yankee war nicht im Stande, nur einen Schein von Schwierigkeit zwischen Barbicane’s Vorschlag und seiner Ausführung zu erkennen. Gesagt, gethan.

Der Triumphzug des Präsidenten dauerte den ganzen Abend; es war ein echter Fackelzug. Irländer, Franzosen, Schotten, alle die gemischten Nationalitäten, woraus die Bevölkerung Marylands besteht, schrieen in ihrer Muttersprache, und es mischten sich die Vivat! Hurrah! und Bravo! in einem Schwung, der über alle Beschreibung geht.

Luna, als begriffe sie, daß es sich um sie handle, strahlte in heiterer Pracht, die irdischen Feuer verdunkelnd. Alle Yankees richteten die Blicke nach ihrer glänzenden Scheibe; die Einen grüßten sie mit der Hand, die Anderen mit zärtlichen Worten; diese maßen sie mit den Augen, Andere drohten mit der Faust: ein Optiker hatte bis Mitternacht nur Augengläser zu verkaufen. Frau Luna wurde wie eine Dame der hochvornehmen Welt lorgnettirt, und das mit einer Rücksichtslosigkeit, wie sie amerikanischen Gutsbesitzern eigen ist. Gerade als gehöre die blonde Phöbe bereits ihren kühnen Eroberern an als Gebietstheil der Union. Und doch handelte sich’s erst darum, ein Geschoß zu ihr zu schleudern: eine ziemlich brutale Art Verbindungen anzuknüpfen, selbst gegenüber einem Trabanten; doch ist sie unter den civilisirten Nationen sehr in Gebrauch.

Es war Mitternacht, und der Enthusiasmus war auf seinem Höhepunkt, verbreitete sich gleichmäßig unter allen Klassen der Bevölkerung: die Stadtbehörden, Gelehrten, Großhändler und Kaufleute, Lastträger, verständige Leute und Gelbschnäbel, fühlten sich bis in die zartesten Fasern des Daseins aufgeregt; es handelte sich um eine National-Unternehmung; so waren denn auch die Ober- und Unterstadt, die Quais an den Ufern das Patapsco, die Fahrzeuge in ihren Bassins dicht voll gedrängt von einer Menge im Rausch der Freude, des Gin und Whisky; jeder plauderte, schwatzte, disputirte, discutirte, billigte, klatschte, von dem Gentleman, der auf dem Kanapee der Schenkstube vor seinem Schoppen Sherry-Cobbler flegelhaft hingestreckt lag, bis zu dem Bootsmann, der in den dunklen Kneipen von Fells-Point sich mit »Knock me down« betrank.

Gegen zwei Uhr legte sich die Aufregung. Nun gelang es dem Präsidenten heim zu kommen, wie ein geräderter Mann. Es gehörte eine Herkulesnatur dazu, solch einen Enthusiasmus zu bestehen. Die Menge auf den Straßen verlief sich allmälig. Die vier Eisenbahnen, welche in Baltimore zusammentreffen, nach dem Ohio, Susquehanna, Philadelphia und Washington, führten das auswärtige Publicum nach den vier Weltgegenden zurück, und die Stadt kam wieder in einen verhältnißmäßig ruhigeren Zustand.

Uebrigens wäre es ein Irrthum, wenn man glaubte, nur zu Baltimore habe diesen Abend solche Aufregung geherrscht. Die großen Städte der Union, New-York, Boston, Albany, Washington, Richmond, Crescent-City, Charleston, Mobile, von Texas bis Massachussets, von Michigan bis Florida, nahmen alle Theil an der Schwärmerei der Begeisterung. Die dreißigtausend correspondirenden Mitglieder des Gun-Clubs kannten ja den Brief ihres Präsidenten, und warteten mit gleicher Ungeduld auf die merkwürdige Mittheilung des 5. October. Sowie daher die Worte des Redners seinen Lippen entströmten, wurden sie noch denselben Abend von den Telegraphendrähten durch alle Staaten der Union befördert, mit einer Schnelligkeit von zweihundertachtundvierzigtausendvierhundertsiebenundvierzig (engl.) Meilen in der Secunde. Man kann also ganz bestimmt sagen, daß die Vereinigten Staaten Amerikas, welche zehnmal so groß als Frankreich sind, in demselben Augenblick in einem einzigen Hurrah zusammen stimmten, und daß fünfundzwanzig Millionen Herzen, von Stolz geschwellt, denselben Pulsschlag fühlten.

Am folgenden Morgen nahmen fünfzehnhundert Journale, Tags- und Wochenblätter, monatliche und zweimonatliche Zeitschriften, die Frage in Betrachtung; sie prüften dieselbe unter den verschiedenen Gesichtspunkten, dem physischen, meteorologischen, ökonomischen oder moralischen, auf dem Standpunkt des Uebergewichts in Politik oder Civilisation. Man fragte, ob denn der Mond ein fertiger Weltkörper sei, oder noch Umbildungen unterworfen. Glich er der Erde zu der Epoche, da dieselbe noch keine Atmosphäre hatte?

Welchen Anblick würde seine unsichtbare Seite unserer Erdkugel darbieten? Obwohl es sich nur erst darum handelte, eine Kugel dahin zu schleudern, so sahen doch Alle, daß eine Reihe von Untersuchungen von diesem Punkt ausgehen würden; Alle gaben sich der Hoffnung hin, Amerika werde in die tiefverhüllten Geheimnisse der mysteriösen Scheibe dringen, und Manche schienen sogar zu befürchten, seine Eroberung werde auffallend das europäische Gleichgewicht stören.

Nachdem das Project besprochen war, setzte kein einziges Blatt seine Ausführbarkeit in Zweifel; die von den gelehrten, wissenschaftlichen oder religiösen Gesellschaften herausgegebenen periodischen Blätter, Brochüren, Bulletins, Magazine strichen seine Vortheile heraus, und die »Gesellschaft für Naturgeschichte« zu Boston, die »Amerikanische Gesellschaft der Wissenschaften und Künste« zu Albany, die »Geographische und Statistische Gesellschaft« zu New-York, die »Amerikanische Philosophische Gesellschaft« zu Philadelphia, das »Smithson’sche Institut« zu Washington, sendeten in tausend Zuschriften dem Gun-Club Glückwünsche, mit unverzüglichen Anerbietungen von Geld und Dienstleistung.

Darum, kann man kecklich versichern, gab’s auch nie einen Vorschlag, dem so viele Anhänger zufielen; von Zweifeln, Bedenken, Besorgnissen war keine Rede. In Europa, zumal in Frankreich, hätte wohl die Idee, ein Geschoß bis zum Mond zu schleudern, Scherzreden, Caricaturen, Spottlieder hervorgerufen: so etwas hätte sich Jemand nicht einfallen lassen dürfen; kein »Lifepreserver« auf der Welt hätte gegen die allgemeine Entrüstung geschützt. In der neuen Welt giebt’s Dinge, die über’s Lachen hinaus sind.

Impey Barbicane wurde daher von dem Tag an den größten Bürgern der Vereinigten Staaten angereiht, er galt etwa für einen Washington der Wissenschaft. Ein einziger Zug kann unter anderen zeigen, bis zu welchem Grad die Hingebung eines Volkes an einen Mann plötzlich gestiegen war.

Einige Tage nach der famosen Sitzung des Gun-Clubs kündigte der Director einer englischen Theatertruppe zu Baltimore das Shakespeare’sche »Viel Lärmen um Nichts« an. Da das Stadtvolk darin eine verletzende Anspielung auf die Projecte Barbicane’s sah, drang es in den Theatersaal, zertrümmerte die Bänke und nöthigte den unglücklichen Director, seinen Zettel abzuändern. Als gescheiter Mann beugte er sich dem Volkswillen, setzte an die Stelle des leidigen Stücks desselben Dichters »Wie es Euch beliebt«, und bekam einige Wochen beispiellos enorme Einnahmen.

Viertes Capitel

Gutachten des Observatoriums zu Cambridge

Inzwischen verlor Barbicane inmitten der Huldigungen, die ihm zu Theil wurden, keinen Augenblick. Vor allem ließ er die Bureaux des Gun-Clubs zu einer Berathung sich versammeln. Man beschloß, über die astronomische Seite des Unternehmens die Astronomen zu befragen; sodann auf Grund eines Gutachtens derselben sich über die technischen Mittel zu bereden, um nichts zu versäumen, was den Erfolg des großen Versuchs sichern könne.

Es wurde daher ein klar und genau abgefaßtes Schreiben mit speciellen Fragen redigirt, und an das Observatorium zu Cambridge in Massachussets gerichtet. Dieser Sitz der ersten Universität in den Vereinigten Staaten ist durch sein astronomisches Bureau sehr berühmt. Da finden sich die verdienstvollsten Gelehrten und das weitreichende Teleskop, mit dessen Hilfe Bond das Nebelgestirn Andromeda durchdrang und Clarke den Trabanten des Sirius entdeckte. Das Vertrauen des Gun-Clubs zu diesem Institut war also in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

Zwei Tage nachher traf die so ungeduldig erwartete Antwort beim Präsidenten Barbicane ein. Folgendes ihr Wortlaut:

Der Director des Observatoriums zu Cambridge an den Präsidenten des Gun-Clubs zu Baltimore.

Cambridge, 7. October.

»Bei Empfang Ihres geehrten, unterm 6. d. im Namen der Mitglieder des Gun-Clubs zu Baltimore an das Observatorium zu Cambridge gerichteten Schreibens hat sich unser Bureau unverzüglich versammelt und für angemessen erachtet, folgendermaßen zu antworten:

Die ihm vorgelegten Fragen sind:

1. Ist’s möglich, ein Wurfgeschoß auf den Mond zu schleudern?

2. Welches ist genau berechnet die Entfernung der Erde von ihrem Trabanten?

3. Binnen welcher Zeit hätte das Geschoß bei einer hinreichenden Anfangsgeschwindigkeit diese Distanz zu durchfliegen; folglich in welchem Zeitpunkt wird man es abschleudern müssen, damit es in einem bestimmten Moment auf dem Mond eintreffe?

4. In welchem Zeitpunkt wird der Mond genau in der Stellung sich befinden, welche am günstigsten ist, daß er von demselben getroffen werde?

5. Nach welchem Punkt am Himmel wird das Geschütz zu richten sein, womit das Projectil abgeschossen werden soll?

6. An welcher Stelle wird sich der Mond am Himmel befinden, wann das Geschoß abfliegen wird?

Die Antwort auf die erste Frage ist:

Ja, es ist möglich, ein Projectil auf den Mond zu schleudern, wenn es gelingt, demselben eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Richtiger Berechnung nach reicht diese Geschwindigkeit hin. Je weiter man sich von der Erde entfernt, nimmt die Schwerkraft ab im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Entfernung, also z.B. für eine dreimal größere Entfernung bedarf’s einer neunmal geringeren Bewegkraft. Folglich wird die Schwere des Geschosses reißend abnehmen und endlich völlig aufhören im Moment, wo die Anziehungskraft der Erde von der des Mondes aufgewogen wird, d.h. bei siebenundvierzig Zweiundfünfzigtheilen der Entfernungslinie. In diesem Moment wird das Projectil keine Schwerkraft mehr haben, und sowie es noch weiter fliegt, wirkt die Anziehungskraft des Mondes auf dasselbe ein, und es fällt auf den Mond. Theoretisch ist hiermit die Möglichkeit des Experiments bewiesen; ob es gelingt, hängt allein von der Kraft der angewendeten Maschine ab.

Auf die zweite Frage lautet die Antwort:

Der Mond beschreibt bei seinem Umlauf um die Erde nicht einen Kreis, sondern eine Ellipse, worin unsere Erdkugel einen der Brennpunkte einnimmt; demnach befindet sich der Mond in einer bald näheren, bald weiteren Entfernung von der Erde, astronomisch ausgedrückt, bald in der Erdnähe, bald in der Erdferne. Nun ist der Unterschied zwischen seinem weitesten und nächsten Abstand ziemlich bedeutend, so daß man im besonderen Fall denselben nicht unberücksichtigt lassen darf. Die größte Entfernung des Mondes beträgt nämlich zweihundertsiebenund-vierzigtausendfünfhundertzweiundfünfzig Meilen (= neunundneunzigtausendsechshundertvierzig Lieues zu vier Kilometer), die geringste nur zweihundertachtzehntausendsechshundertsiebenundfünfzig (= achtundachtzigtausend und zehn Lieues), so daß der Unterschied achtundzwanzigtausendachthundertundfünfundneunzig (= elftausendsechshundertunddreißig Lieues) beträgt, also mehr als den neunten Theil der Umlaufslinie. Der Abstand der Erdnähe muß nun den Berechnungen zu Grunde gelegt werden.

Auf die dritte Frage:

Wenn das Geschoß die Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde, welche man ihm beim Abschießen gäbe, unverändert beibehielte, so bedürfte es nur etwa neun Stunden, um an dem Ort seiner Bestimmung anzulangen; da aber diese Geschwindigkeit in zunehmendem Verhältniß sich beständig vermindert, so wird es aller Berechnung nach dreihunderttausend Secunden brauchen, d.h. dreiundachtzig Stunden und zwanzig Minuten, um an den Punkt zu gelangen, wo die Anziehungskraft der Erde und des Mondes sich aufwiegen, und von diesem Punkt an bedarf es noch fünfzigtausend Secunden, oder dreizehn Stunden, dreiundfünfzig Minuten und zwanzig Secunden, um auf den Mond zu fallen. Man muß es also siebenundneunzig Stunden, dreizehn Minuten und zwanzig Secunden eher abschießen, als der Mond an dem Punkt, wohin man zielt, ankommen wird.

Auf die vierte Frage:

Nach dem Gesagten muß man zuerst die Zeit der Erdnähe des Mondes wählen, und zugleich den Moment, wo er sich im Zenith befinden wird, wodurch die Linie, welche das Geschoß zurückzulegen hat, um das Maaß eines Erdradius kürzer wird, nämlich um dreitausendneunhundertundneunzehn Meilen; so daß die zu durchlaufende Linie definitiv zweihundertvierzehntausendneunhundertsechsundsiebenzig Meilen (= sechsundachtzigtausendvierhundertundzehn Lieues) betragen wird. Aber wenn auch der Mond allmonatlich in seine Erdnähe kommt, so steht er in dem Moment nicht immer im Zenith: ein Zusammentreffen, welches nur in langen Zwischenräumen stattfindet. Solch ein Zusammentreffen der Erdnähe mit dem Zenithstand ist also abzuwarten. Glücklicherweise wird am vierten December folgenden Jahres sich bei dem Mond diese doppelte Bedingung ergeben: um Mitternacht wird er in seine Erdnähe treten, d.h. seinen kürzesten Abstand von der Erde, und zu gleicher Zeit wird er im Zenith stehen.

Auf die fünfte Frage:

Die vorausgehenden Bemerkungen zu Grunde gelegt, wird das Geschütz auf den Zenith des Ortes gerichtet werden müssen; dergestalt wird der Schuß perpendiculär auf die Fläche des Horizonts gehen, und das Geschoß wird um so schneller der Anziehungskraft der Erde entzogen. Aber damit der Mond in den Zenith eines Ortes zu stehen komme, darf dieser Ort nicht unter höherem Breitegrad liegen, als die Abweichung dieses Gestirns vom Aequator beträgt, mit anderen Worten, er muß zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite sich befinden. An jedem anderen Ort würde der Schuß nothwendig in schiefer Richtung geschehen, was dem Gelingen des Experiments hinderlich sein würde.

Auf die sechste Frage:

Im Augenblick, wo das Projectil in den Weltraum geschleudert wird, muß der Mond, der in seiner Bahn täglich dreizehn Grad, zehn Minuten und fünfunddreißig Secunden läuft, sich viermal so weit vom Zenithpunkt entfernt befinden, nämlich zweiundfünfzig Grad, zweiundvierzig Minuten und zwanzig Secunden, denn so lange wird er noch zu laufen haben. Aber da man auch die Abweichung in Anschlag bringen muß, welche die Bewegung der Erde um ihre Achse bei dem Geschoß hervorbringen wird, und da dasselbe erst nach einer Abweichung von sechzehn Halbdurchmesser der Erde auf dem Mond ankommen wird, welche auf der Mondscheibe gemessen ohngefähr elf Grad ausmachen, so muß man diese elf Grad noch zu denen hinzurechnen, welche die erwähnte Zögerung des Mondes ausdrücken, nämlich rund vierundsechszig Grad. So wird also im Moment des Schusses die nach dem Mond gerichtete Sehlinie mit der verticalen des Ortes einen Winkel von vierundsechszig Grad bilden.«

So lauteten die Antworten, welche auf die dem Observatorium zu Cambridge von den Mitgliedern des Gun-Clubs gestellten Fragen ertheilt wurden. Resumiren wir:

1. Das Geschütz muß in einem Land zwischen 0° und 28° nördlicher oder südlicher Breite aufgestellt werden.

2. Es muß auf den Zenith des Ortes gerichtet werden.

3. Dem Geschoß muß eine anfängliche Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde gegeben werden.

4. Es muß am ersten December des folgenden Jahres um elf Uhr, weniger dreizehn Minuten und zwanzig Secunden, abgeschossen werden.

5. Es wird vier Tage hernach, am vierten December, Punkt zwölf Uhr Nachts, in dem Moment, wo der Mond in den Zenith treten wird, dort anlangen.

Die Mitglieder des Gun-Clubs müssen also unverzüglich die für eine solche Unternehmung erforderlichen Arbeiten vornehmen, um zu dem bestimmten Zeitpunkt zum Operiren bereit zu sein; denn, lassen sie diesen vierten December vorübergehen, so werden sie erst achtzehn Jahre und elf Tage hernach den Mond wieder in demselben Verhältniß der Erdnähe und des Zeniths finden.

Das Bureau des Observatoriums zu Cambridge stellt sich ihnen für die Fragen theoretischer Astronomie zu Verfügung, und vereinigt seine Glückwünsche mit denen ganz Amerikas.

Für das Bureau:

J. M. Belfast,

Director des Observatoriums zu Cambridge.«

Fünftes Capitel

Roman des Mondes

Ein mit unendlich scharfem Blick begabter Beobachter in dem unbekannten Centrum, um welches die Welt gravitirt, würde zu der Zeit, als das Weltall im Chaos lag, gesehen haben, wie Myriaden Atome den Raum erfüllten. Aber allmälig, im Laufe der Jahrhunderte, ging eine Veränderung vor, indem ein Gesetz der Anziehung auf die bis dahin unsteten Atome wirkte. Diese Atome traten ihrer Verwandtschaft gemäß in chemische Verbindung, wurden zu Elementartheilchen und bildeten jene Nebelmassen, welche durch den Himmel in seinen Tiefen zerstreut sind.

Diese Massen wurden sogleich von einer Bewegung um ihren Mittelpunkt beseelt. Solch ein Centrum unbestimmter Elementarbestandtheilchen begann in allmäliger Verdichtung sich um sich selbst zu drehen; ferner nahm nach unveränderlichen mechanischen Gesetzen, im Verhältniß wie sein Umfang durch Verdichtung abnahm, seine Rundbewegung an Schnelligkeit zu; und indem diese beiden Wirkungen fortdauerten, ergab sich dadurch ein Hauptstern, der das Centrum der Nebelmasse bildete.

Bei aufmerksamer Betrachtung würde der Beobachter damals gewahrt haben, daß die anderen Elementartheilchen der Masse sich ebenso wie der Centralstern verhielten, sich in eigenthümlicher Weise durch eine Rundbewegung von steigender Schnelligkeit verdichteten, und in Gestalt unzähliger Sterne um denselben als ihren Schwerpunkt kreisten. So entstand ein Nebelflecken, deren die Astronomie jetzt gegen fünftausend aufzählt.

Unter diesen fünftausend Nebelflecken befindet sich die von den Menschen sogenannte Milchstraße, welche achtzehn Millionen Sterne zählt, deren jeder das Centrum einer Sonnenwelt geworden ist.

Hätte der Beobachter damals seine besondere Auf merksamkeit einem von den achtzehn Millionen Sternen, welcher zu den bescheidensten und am mindesten glänzenden gehört, gewidmet, einem Sterne vierten Ranges, der mit Stolz Sonne genannt wird, so würden sich alle Erscheinungen der Weltbildung der Reihe nach vor seinen Augen vollzogen haben.

In der That würde er diese Sonne noch im gasförmigen Zustand und aus beweglichen Elementarbestandtheilchen gebildet gesehen, und gewahrt haben, wie sie sich um ihre Achse drehte, um ihr Concentrationswerk zu vollziehen. Er würde beobachtet haben, wie diese Bewegung, nach den Gesetzen der Mechanik, mit der Abnahme des Umfangs an Schnelligkeit zunahm, und dann ein Zeitpunkt kam, wo die centrifugale Kraft über die centripetale, welche die Elementarbestandtheile dem Centrum zutreibt, das Uebergewicht bekam.

Dann wäre vor den Augen des Beobachters eine andere Erscheinung vorgegangen. Er hätte gewahrt, wie die Elementartheile in der Gegend des Aequators, gleich dem Stein einer Schleuder, deren Schnur plötzlich zerreißt, sich losmachten und um die Sonne herum mehrere concentrische Ringe gleich denen des Saturn bildeten; wie sodann diese aus dem Urstoff bestehenden Ringe für sich in eine Rundbewegung um die Centralmasse fortgerissen zerbrachen und in Nebelgestirne untergeordneter Art, d.h. in Planeten auflösten.

Hätte der Beobachter hierauf alle seine Achtsamkeit auf die Planeten gerichtet, so hätte er gewahrt, daß dieselben sich gerade wie die Sonne verhielten und einem oder mehreren kosmischen Ringen den Ursprung gaben, woraus jene Gestirne niederen Ranges entstanden, welche man Trabanten nennt.

So bekommt man denn, aufsteigend vom Atom zum Elementartheilchen, von diesem zum Nebelflecken und weiter zum Nebelgestirn und zum Hauptstern, von diesem zur Sonne, zu dem Planeten und seinen Trabanten – einen Begriff von der ganzen Reihe der Umbildungen, welche die Himmelskörper seit dem Ursprung der Welt erfuhren.

Die Sonne scheint sich in der Unermeßlichkeit der Sternenwelt zu verlieren, und dennoch gehört sie, der gegenwärtigen wissenschaftlichen Theorie nach, zu dem Nebelflecken der Milchstraße. So klein sie auch inmitten der ätherischen Räume erscheinen mag, so ist sie doch Centrum einer Welt und von enormer Größe, denn diese beträgt vierzehntausendmal die der Erde. Um sie herum kreisen acht Planeten, welche zur ersten Schöpfungszeit aus ihr selbst hervorgegangen sind. Diese sind, vom nächsten zum entferntesten weiter gehend: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Außerdem kreisen zwischen Mars und Jupiter regelmäßig noch andere weniger beträchtliche Himmelskörper, vielleicht unstete Trümmer eines in mehrere tausend Stücke zerbrochenen Gestirns, von welchen das Teleskop bis jetzt siebenundneunzig entdeckt hat.

Von diesen abhängigen Körpern, welche die Sonne nach dem großen Gravitationsgesetz in ihrer elliptischen Bahn beherrscht, besitzen einige ihre eigenen Trabanten. Uranus hat deren acht, Saturn acht, Jupiter vier, Neptun vielleicht drei, die Erde einen; dieser, der einer der unbedeutendsten der Sonnenwelt ist, heißt Mond: derselbe, den das kühne Genie der Amerikaner zu erobern trachtete.

Das Nachtgestirn hat durch seine verhältnißmäßige Nähe und die rasch erneuerte Anschauung seiner Phasen von allem Anfang an zugleich mit der Sonne die Aufmerksamkeit der Erdbewohner auf sich gezogen; aber die Sonne ermüdet beim Anblick, und der blendende Glanz ihres Lichtes nöthigt ihre Beschauer die Augen abzuwenden.

Die blonde Phöbe dagegen ist menschenfreundlicher, läßt sich gefällig in ihrer bescheidenen Anmuth betrachten; sanft anzuschauen, wenig ehrgeizig, erlaubt sie sich doch zuweilen, ihren Bruder, den strahlenden Apollo, in Schatten zu stellen, ohne je von ihm verdunkelt zu werden. Die Muhammedaner haben in dankbarer Erkenntlichkeit gegen diese treue Freundin der Erde ihre Monate nach ihrem Umlauf geregelt.

Die Urvölker widmeten dieser keuschen Göttin einen besonderen Gottesdienst. Die Aegyptier nannten sie Isis, die Phönizier Astarte, die Griechen verehrten sie unter dem Namen Phöbe, Tochter der Latona und Jupiter’s, und erklärten ihre Verfinsterungen durch die geheimnißvollen Besuche der Diana beim schönen Endymion. Der mythologischen Legende nach durchstreifte der Nemeische Löwe, bevor er auf der Erde erschien, die Gefilde Luna’s, und der Dichter Agesianax verherrlichte in Versen die süßen Augen, die reizende Nase und den freundlichen Mund, welche die bestrahlten Theile der anbetungswürdigen Selene erkennen lassen.

Aber begriffen auch die Alten den Charakter, das Temperament, kurz, die moralischen Eigenschaften Luna’s vom mythologischen Gesichtspunkt aus, so waren doch selbst die Gelehrtesten derselben in der Selenographie sehr unwissend.

Jedoch entdeckten einige Astronomen der frühesten Zeiten einige besondere Eigenschaften, welche zu heutiger Zeit von der Wissenschaft bestätigt wurden. Behaupteten die Arkadier, schon zu einer Zeit, da der Mond noch nicht existirte, auf der Erde gewohnt zu haben; hielt Simplicius ihn für unbeweglich am krystallenen Himmelsgewölbe befestigt; sah Tatius ihn als ein von der Sonnenscheibe abgetrenntes Fragment an; nahm des Aristoteles Schüler Klearch ihn als einen polirten Spiegel, auf welchem die Gebilde des Oceans sich abstrahlten; sahen Andere in demselben nur eine Anhäufung von Ausdünstungen der Erde, oder eine Kugel, die halb aus Feuer, halb aus Eis bestand und sich um sich selbst bewegte: so gab es doch einige Gelehrte, die trotz dem Mangel an optischen Instrumenten durch scharfsinnige Beobachtung die meisten Gesetze erriethen, welchen das Nachtgestirn unterworfen ist.

Thales aus Milet äußerte 460 Jahre vor Christus die Meinung, der Mond sei von der Sonne erleuchtet; Aristurch zu Samos gab die richtige Erklärung seiner Phasen; Kleomenes lehrte, er strahle entliehenes Licht wieder. Der Chaldäer Berosus machte die Entdeckung, daß die Dauer seiner Rundbewegung der seines Umlaufs gleich sei, und erklärte daraus die Thatsache, daß der Mond stets die nämliche Seite zeigt. Hipparch endlich, zwei Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung, erkannte einige Ungleichheiten in den anscheinenden Bewegungen des Erdtrabanten.

Diese Beobachtungen bestätigten sich in der Folge, und wurden den neuen Astronomen nützlich. Ptolemäus im zweiten Jahrhundert, der Araber Abul-Wefa im zehnten, vervollständigten des Hipparch Bemerkungen über die Ungleichheiten, welche der Mond im Verfolgen der wellenförmigen Linie seiner Bahn unter Einwirkung der Sonne zu erleiden hat. Später haben Kopernicus im fünfzehnten Jahrhundert, und Tycho Brahe im sechszehnten, das Weltsystem und die Rolle, welche der Mond unter den Himmelskörpern spielt, vollständig dargestellt.

Zu dieser Zeit wurden seine Bewegungen fast vollständig bestimmt; aber von seiner physischen Beschaffenheit wußte man wenig. Damals erklärte Galiläi die in gewissen Phasen eintretenden Lichterscheinungen durch die Existenz von Bergen, welchen er eine durchschnittliche Höhe von 4500 Toisen beilegte.

Später setzte Helvetius, ein Astronom aus Danzig, die höchsten Angaben auf 2600 Toisen (15,600 par. Fuß) herab; aber sein Genosse Riccioli kam wieder auf 7000 Toisen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts beschränkte Herschel, der mit dem stärksten Teleskop bewaffnet war, diese Maße bedeutend, indem er für die höchsten Berge neunzehnhundert Toisen annahm, und als durchschnittliche Höhe nur vierhundert Toisen (2400 par. Fuß). Aber auch Herschel irrte noch, und es bedurfte der Beobachtungen von Schröter, Louville, Halley, Nasmyth, Bianchini, Pastorf, Lohrmann, Gruithuysen, und besonders der ausdauernden Studien von Beer und Mädler, um die Frage entschieden zu lösen. Ihnen verdankt man es, daß man jetzt die Höhe der Mondberge genau kennt. Die Letzteren beiden haben neunzehnhundertundfünf Berghöhen gemessen, von denen sechs zweitausendsechshundert Toisen überragen, zweiundzwanzig über 2400; ihr höchster Gipfel reicht bis an 3801 Toisen über der Mondfläche.

Zu gleicher Zeit wurde die Kenntniß von der Beschaffenheit des Mondes vollständiger; er zeigte sich voll Krater, und seine wesentlich vulkanische Natur ward durch jede Beobachtung bestätigt. Aus dem Mangel an Brechung der Lichtstrahlen bei den von ihm verdeckten Planeten schloß man, daß ihm eine Atmosphäre fast gänzlich fehle. Aus diesem Mangel an Luft war auf Mangel an Wasser zu schließen. Daraus ergab sich klar, daß die Seleniten, um zu leben, besonders organisirt und von den Bewohnern der Erde sehr verschieden sein müßten.

Endlich haben die in Folge der neuen Methoden noch mehr vervollkommneten Instrumente den Mond unablässig untersucht und ließen keinen Punkt seiner Oberfläche undurchforscht, und doch mißt sein Durchmesser zweitausendfünfhundert Meilen, seine Oberfläche beträgt den dreizehnten Theil der Erdoberfläche, sein Umfang den neunundvierzigsten Theil der Erdkugel; aber dem Auge der Astronomen blieb keins seiner Geheimnisse verborgen; und diese geschickten Gelehrten gelangten mit ihren wundervollen Beobachtungen noch weiter.

So bemerkten sie, daß zur Zeit des Vollmonds die Scheibe an manchen Stellen von weißen Linien durchfurcht schien, zur Zeit der Phasen mit schwarzen. Durch genauere Studien gelang es ihnen, über die Natur dieser Linien sich nähere Auskunft zu verschaffen. Es waren lange, enge Furchen, tief zwischen parallelen Rändern, welche meist in die Umkreise von Kratern ausliefen, von achthundert Toisen (4800 Fuß) Breite und zehn bis hundert Meilen Länge. Die Astronomen nannten sie Furchen (Streifen), das war aber auch Alles; denn ob es ausgetrocknete Bette vormaliger Flüsse seien, konnten sie nicht bestimmt entscheiden. Daher hofften auch die Amerikaner, diese geologische Thatsache früher oder später in’s Reine zu bringen. Auch behielten sie sich vor, jene Reihe von parallelen Wällen zu durchforschen, welche der gelehrte Professor Gruithuysen zu München entdeckte, der sie für von seleniten Ingenieuren errichtete Befestigungswerke hielt. Diese beiden noch unklaren Punkte, und unstreitig noch viele andere können wohl nicht eher als nach Herstellung einer directen Verbindung mit dem Monde in’s Reine gebracht werden.

In Betreff der Stärke seines Lichtes war nichts weiter zu lernen; man wußte, daß dasselbe dreihunderttausendmal schwächer als das Sonnenlicht ist, und daß seine Wärme nicht berechenbar auf die Thermometer wirkt. Was die unter dem Namen »aschfarbiges Licht« bekannte Erscheinung betrifft, so ist sie natürlich durch die Wirkung der von der Erde auf den Mond zurückgeworfenen Sonnenstrahlen zu erklären, welche die Mondscheibe zu ergänzen scheinen, wann dieser in Form eines Halbmonds beim ersten und letzten Viertel zu sehen ist.

Diesen Stand der Kenntnisse, welche man über den Trabanten der Erde gewonnen hatte, in allen Gesichtspunkten, dem kosmographischen, geologischen, politischen und moralischen, zu vervollständigen, machte sich der Gun-Club zur Aufgabe.

Sechstes Capitel

Was in den Vereinigten Staaten nun nicht mehr unbekannt sein kann, und was man nicht mehr glauben darf

Barbicane’s Vorschlag hatte zur unmittelbaren Folge, daß alle astronomischen Thatsachen, welche sich auf das Gestirn der Nacht bezogen, auf die Tagesordnung kamen. Jeder machte sich daran, dieselbe eifrig zu studiren. Es schien als sei der Mond zum ersten Male am Horizont aufgetreten, und es habe ihn bisher noch Niemand am Himmel gesehen. Luna wurde zur Mode: sie wurde Löwin des Tages, ohne deshalb weniger bescheiden aufzutreten, sie nahm ihren gebührenden Rang unter den »Gestirnen« ein, ohne darum mehr Stolz erkennen zu lassen. Die Journale wärmten die alten Anekdoten wieder auf, worin diese »Sonne der Wölfe« gepriesen wurde; sie erinnerten an den Einfluß, welchen die Unwissenheit früherer Zeiten ihr geliehen, und sangen ihre Loblieder in allen Tonarten; fast hätten sie bon mots von ihr zum Besten gegeben; ganz Amerika wurde mondsüchtig.

Die wissenschaftlichen Zeitschriften behandelten ihrerseits die mit der Unternehmung des Gun-Clubs zusammenhängenden Fragen specieller; das Schreiben des Observatoriums zu Cambridge wurde von ihnen veröffentlicht, erläutert und rückhaltlos gebilligt.

Kurz, selbst dem mindest wissenschaftlichen Yankee war es nicht mehr gestattet, in Beziehung auf seinen Trabanten nur eine einzige Thatsache nicht zu kennen, sowenig wie der bornirtesten alten Mistreß, ferner die in Betreff desselben gehegten abergläubischen Irrthümer gelten zu lassen. Die Wissenschaft gelangte unter allen Formen zu ihnen, drang durch die Augen und Ohren in ihren Geist; es war nicht mehr möglich, ferner ein Esel zu sein … in Sachen der Astronomie.

Bisher war es vielen Leuten unbekannt, wie man die Entfernung des Mondes von der Erde zu berechnen im Stande war. Man benützte diesen Umstand sie zu belehren, daß man diese Kenntniß durch Messung der Parallaxe des Mondes gewinne. Waren sie über dieses Wort betroffen, so sagte man ihnen, so heiße man den Winkel, welchen zwei gerade Linien bildeten, die man von den beiden Enden des Erddurchmessers zu dem Monde hinzog. Zweifelten sie an der Zulänglichkeit dieser Methode, so bewies man ihnen unmittelbar, nicht allein, daß dieser mittlere Abstand wohl zweihundertvierunddreißigtausenddreihundertsiebenundvierzig (engl.) Meilen (= vierundneunzigtausenddreihundertunddreißig Lieues) betrug, sondern auch daß die Astronomen sich nicht um siebenzig Meilen irrten.

Denen, welche mit den Bewegungen des Mondes nicht genau bekannt waren, erklärten die Journale täglich, daß er zwei verschiedene Bewegungen habe, erstens die Umdrehung um seine Achse, und zweitens den Umlauf um die Erde, welche beide Bewegungen in gleicher Zeit vorgingen, nämlich binnen siebenundzwanzig und einem Drittel Tag.

Die Umdrehung um seine Achse bewirkt für die Mondoberfläche Tag und Nacht; nur daß es binnen eines Monats auf dem Mond nur einen Tag giebt, und nur eine Nacht, von denen jedes dreihundertvierundfünfzig und ein Drittel Stunden dauert. Aber zum Glück ist die der Erde zugekehrte Seite von dieser mit einem Licht bestrahlt, welches vierzehnmal stärker als das Mondlicht ist. Die andere, stets unsichtbare Seite hat natürlich dreihundertvierundfünfzig Stunden absolute Nacht, welche nur durch das schwache Licht, das von den Sternen her ihr zufällt, gemildert wird. Diese Erscheinung rührt einzig von der Eigenthümlichkeit her, daß die Bewegungen der Umdrehung und des Umlaufs in vollständig gleicher Zeit vor sich gehen; eine Erscheinung, die nach Cassini und Herschel auch bei den Trabanten Jupiter’s, und sehr wahrscheinlich bei allen anderen Trabanten vorkommt.

Manche recht gescheite, aber etwas starre Köpfe begriffen nicht sogleich, daß, wenn der Mond bei seinem Umlauf um die Erde derselben stets das nämliche Antlitz zuwendet, er während derselben Zeit sich dabei um sich selber dreht. Zu diesen sagte man: »Treten Sie in Ihren Speisesaal und gehen Sie um den Tisch herum, so daß Sie den Blick stets dem Centrum zuwenden; wenn Sie mit diesem Rundgang fertig sind, findet sich, daß Sie zugleich sich selbst umgedreht haben, denn Ihr Auge hat nach und nach alle Punkte des Saals angeblickt. Nun! Der Saal ist der Himmel, der Tisch ist die Erde, und der Mond sind Sie!« – Und sie waren höchlich befriedigt durch die Vergleichung.

Also, der Mond zeigt der Erde unablässig dieselbe Seite; doch muß man, um exact zu sein, beifügen, daß er, in Folge einer gewissen schwankenden Bewegung von Norden nach Süden, und von Westen nach Osten, welche man »Libration« nennt, etwas mehr als die Hälfte seiner Scheibe, nämlich ungefähr siebenundfünfzig Hunderttheile, sehen läßt.

Als die Unwissenden über die Rundbewegung des Mondes ebenso viel wußten, als der Director des Observatoriums zu Cambridge, beunruhigten sie sich über seine Umlaufbewegung um die Erde, und zwanzig wissenschaftliche Zeitschriften waren rasch bei der Hand, sie zu belehren. Sie lernten dabei, daß das Firmament mit seinen unzähligen Sternen wie ein großes Zifferblatt angesehen werden kann, worauf der Mond herum spaziert und allen Erdbewohnern die richtige Stunde angiebt; daß das Nachtgestirn bei dieser Bewegung seine verschiedenen Phasen zeigt; daß es Vollmond ist, wenn er auf der der Sonne entgegengesetzten Seite (in Opposition) steht, d.h. die drei Gestirne in derselben Linie, in der Mitte die Erde; Neumond dagegen, wenn er seinen Stand zwischen der Erde und der Sonne hat (mit ihr in Conjunction ist); endlich, daß der Mond in seinem ersten oder letzten Viertel sich befindet, wenn er an der Spitze eines rechten Winkels steht, welchen die beiden Linien nach der Sonne und der Erde hin, bilden.

Einige scharfsinnige Yankees zogen daraus den Schluß, daß die Verfinsterungen nur zur Zeit der Conjunction oder Opposition stattfinden könnten, und sie urtheilten richtig. Im Stand der Conjunction vermag der Mond die Sonne zu verfinstern, während bei der Opposition die Erde ihn verfinstern kann, und daß nur deshalb die Finsternisse nicht zweimal bei jedem Mondumlauf eintreten, weil die Ebene der Mondbewegung gegen die Ekliptik, d.h. die Bahn der Erdbewegung, geneigt ist.

Was die Höhe betrifft, welche das Nachtgestirn über dem Horizont einnehmen kann, so hatte das Schreiben des Observatoriums in der Hinsicht Alles gesagt. Jeder wußte, daß diese Höhe sich nach dem Breitegrad des Beobachters ändert. Aber die einzige Zone, für welche der Mond im Zenith, d.h. gerade über dem Scheitel seiner Bewohner, stehen kann, liegt nur zwischen dem Aequator und dem achtundzwanzigsten Grad südlicher wie nördlicher Breite.

Deshalb wurde so dringend empfohlen, das Experiment nur auf einem Punkt innerhalb dieser Zone vorzunehmen, damit man das Geschoß senkrecht abschleudern und um so schneller der Wirkung der Schwere entziehen könne. Das Gelingen des Vorhabens war an diese wesentliche Bedingung geknüpft, und die öffentliche Meinung mußte sich daher lebhaft dafür interessiren.

In Betreff der Linie, welche der Mond bei seiner Bahn um die Erde beschreibt, hatte das Observatorium zu Cambridge hinlänglich, auch den Ignoranten aller Länder, gezeigt, daß dieselbe nicht ein Kreis ist, sondern eine Ellipse, worin sich die Erde an einem der Brennpunkte befindet. Diese elliptischen Bahnen finden sich bei allen Planeten, wie bei allen Trabanten, und die rationelle Mechanik beweist mit aller Schärfe, daß es nicht anders möglich ist. Selbstverständlich begriff man, daß die Erdferne des Mondes seinen Stand an demjenigen Punkt seiner Bahn bedeute, welcher am weitesten von der Erde ab liegt, seine Erdnähe den an dem nächsten bei derselben.

Dieses also mußte jeder Amerikaner, er mochte wollen oder nicht, wissen, und anständiger Weise konnte Niemand darin unwissend sein. Aber verbreiteten sich auch dergestalt rasch die richtigen Ansichten, so war es nicht so leicht, eine Menge Irrthümer, manche falsche Besorgnisse, auszurotten.

So behaupteten z.B. manche wackeren Leute, der Mond sei ein vormaliger Komet, der bei seiner verlängerten Bahn um die Sonne in der Nähe der Erde vorbeigekommen und in seinem Anziehungskreis festgehalten worden sei. Diese Salon-Astronomen meinten damit das verbrannte Aussehen des Mondes zu erklären. Man brauchte ihnen aber nur die Bemerkung zu machen, daß die Kometen eine Atmosphäre haben, der Mond keine oder sehr wenig, und sie wußten nichts darauf zu erwidern.

Andere äußerten hinsichtlich des Mondes gewisse Besorgnisse. Sie hatten gehört, seit den zur Zeit der Kalifen gemachten Beobachtungen nehme seine Umlaufbewegung an Schnelligkeit in gewissem Verhältniß zu. Daraus folgerten sie ganz logisch, daß einer beschleunigten Bewegung eine Verminderung des Abstandes beider Gestirne entsprechen müsse, und daß, wenn diese doppelte Wirkung in’s Unendliche fortdauere, am Ende der Mond einmal auf die Erde fallen müsse. Doch sie mußten ihre Besorgnisse um die zukünftigen Generationen aufgeben, als man sie lehrte, daß nach Laplace’s Berechnungen diese Beschleunigung der Bewegung sich in sehr engen Schranken hält, und eine verhältnißmäßige Verminderung unfehlbar darauf folgen werde, demnach eine Störung des Gleichgewichts in der Sonnenwelt in Zukunft nicht stattfinden könne.

Nun blieben noch die abergläubischen Ignoranten, welche sich nicht darauf beschränken, nichts zu wissen, vielmehr wissen, was nicht ist; und hinsichtlich des Mondes wußten sie ein Langes und Breites. Die Einen sahen seine Scheibe wie einen Polirspiegel an, vermittelst dessen man an verschiedenen Punkten der Erde sich sehen und seine Gedanken mittheilen könne. Andere behaupteten, bei tausend Neumonden, die man beobachtete, seien auf neunhundertundfünfzig erhebliche Veränderungen erfolgt, Ueberschwemmungen, Revolutionen, Erdbeben etc.; sie glaubten daher an einen mysteriösen Einfluß des Nachtgestirns auf die menschlichen Schicksale; sie meinten, jeder Erdbewohner stehe durch ein Band der Sympathie mit einem Mondbewohner in Verbindung; mit dem Doctor Mead behaupteten sie, das Lebenssystem sei ihm völlig unterworfen, Knaben würden nur zur Zeit des Neumonds geboren, Mädchen zur Zeit des letzten Viertels etc. etc. Aber endlich mußten sie diese Irrthümer aufgeben; und wenn der Mond, seitdem er seines Einflusses beraubt ist, in den Augen gewisser Leute, die allen Mächtigen den Hof machen, gesunken ist, wenn Manche ihm den Rücken kehrten, so erklärte sich die immense Majorität zu seinen Gunsten. Die Yankees hatten keinen anderen Ehrgeiz mehr, als den, von diesem neuen Continent der Lüfte Besitz zu ergreifen, und das Sternenbanner der Vereinigten Staaten Amerikas auf seinem höchsten Gipfel aufzupflanzen.

Siebentes Capitel

Loblied der Kugel

Das Observatorium zu Cambridge hatte in seinem merkwürdigen Schreiben vom 7. October die Frage vom astronomischen Gesichtspunkte aus behandelt; nun handelte sich’s um die technische Lösung derselben. In jedem anderen Lande hätte man die praktischen Schwierigkeiten für unüberwindlich gehalten. In Amerika war’s nur ein Spiel.

Ohne Zeit zu verlieren, hatte der Präsident Barbicane im Schooße des Gun-Clubs ein Ausführungscomité ernannt. Dieses sollte in drei Sitzungen die drei großen Fragen, der Kanone, des Projectils und des Pulvers, beleuchten. Es waren vier sehr sachverständige Mitglieder: Barbicane, mit überwiegender Stimme bei Stimmengleichheit, der General Morgan, der Major Elphiston, und der unvermeidliche J. T. Maston als berichterstattender Secretär.

Am 8. October versammelte sich das Comité bei dem Präsidenten Barbicane, 3 Republican-street. Da bei einer so ernsten Berathung der Magen keine Störung machen durfte, so war der Tisch, woran die vier Mitglieder des Gun-Clubs Platz nahmen, mit Sandwichs und ansehnlichen Theekannen besetzt. Sogleich befestigte Maston seine Feder an seinen eisernen Haken und die Sitzung begann.

Barbicane ergriff das Wort:

»Liebe Collegen«, sprach er, »wir haben eins der wichtigsten Probleme der Ballistik zu lösen, der Wissenschaft, welche sich mit der Bewegung der Projectile beschäftigt, d.h. der Körper, welche durch irgend eine Treibkraft in den Raum hinausgeschleudert, dann sich selbst überlassen werden.«

– O! die Ballistik! die Ballistik! rief J.T. Maston mit gerührter Stimme.

»Vielleicht«, fuhr Barbicane fort, »wäre es richtiger gewesen, diese erste Sitzung der Besprechung der Maschine zu widmen …«

– Ja wohl! erwiderte der General Morgan.

»Doch schien mir«, fuhr Barbicane fort, »nach reiflicher Erwägung die Frage des Projectils voraus gehen zu müssen, da von dem letzteren die Dimensionen der ersteren abhängen müssen.«

– Ich bitte um’s Wort, rief J.T. Maston.

Es wurde ihm gerne vergönnt.

»Meine tapferen Freunde«, sagte er mit gehobener Stimme, »unser Präsident hat Recht, dem Projectil den Vorrang zu geben. Diese Kugel, welche wir auf den Mond schleudern wollen, ist unser Abgesandter, und ich möchte mir erlauben, denselben vom rein moralischen Gesichtspunkt aus in Betrachtung zu nehmen.«

Diese ungewöhnliche Betrachtungsweise eines Projectils reizte ausnehmend die Neugierde der Comitémitglieder; sie schenkten daher den Worten Maston’s die gespannteste Aufmerksamkeit.

»Liebe Collegen«, fuhr dieser fort, »ich will mich kurz fassen; ich lasse die physische Kugel, welche tödtet, bei Seite, um nur die mathematische, die moralische, zu betrachten. Ich erkenne in der Kugel die glänzendste Kundgebung der Macht des Menschen; bei ihrer Schöpfung hat sich der Mensch am meisten dem Schöpfer genähert.«

– Sehr gut! sagte der Major Elphiston.

»Wahrhaftig«, rief der Redner, »wie Gott die Sterne und die Planeten geschaffen hat, so schuf der Mensch die Kugel, das Nachbild der im Weltenraum schweifenden Gestirne, die in Wahrheit nur Projectile sind! Gott schuf die Schnelligkeit der Elektricität, des Lichtes, der Sterne, der Kometen, Planeten und Trabanten, die Schnelligkeit des Tons, des Windes! Wir aber die Schnelligkeit der Kugel, welche die der Bahnzüge und der flüchtigsten Rennpferde hundertmal übertrifft!«

J. T. Maston war begeistert; er sang dieses Loblied mit lyrischem Schwung.

»Zahlen sprechen mit Beredtsamkeit«, fuhr er fort. »Nehmen Sie nur den bescheidenen Vierundzwanzigpfünder; fliegt er auch achthunderttausendmal weniger rasch als die Elektricität, sechshundertundvierzigtausendmal minder als das Licht, sechsundsiebenzigmal minder schnell, als die Erde sich um die Sonne bewegt, so übertrifft er doch, wenn er aus der Kanone herauskommt, bereits die Schnelligkeit des Tones, macht in der Secunde zweihundert Toisen (= 1200 par. Fuß), zweitausend in zehn, vierzehn (engl.) Meilen (sechs Lieues) in der Minute, achthundertundvierzig Meilen in der Stunde (vierhundertsechzig Lieues), zwanzigtausendeinhundert Meilen (achttausendsechshundertvierzig Lieues) im Tag, d.h. die Schnelligkeit der Punkte des Aequators bei seiner Umdrehung um seine Achse, sieben Millionen, dreihundertsechsunddreißigtausendfünfhundert Meilen (drei Millionen, einhundertfünfundfünfzigtausendsiebenhundertsechzig Lieues) im Jahr. Er würde also in elf Tagen zum Monde gelangen, in zwölf Jahren bis zur Sonne. Das könnte diese bescheidene Kugel, unserer Hände Werk! Was wäre es, wenn wir ihm diese Schnelligkeit zwanzigfach gäben! Ah! prachtvolle Kugel! ich denke wohl, man wird dich dort oben als Abgesandten der Erde mit gebührenden Ehren empfangen!«

Die Rede wurde mit Hurrah aufgenommen, und Maston von seinen Collegen mit Glückwünschen begrüßt.

»Und nun«, sagte Barbicane, »nachdem wir der Poesie Raum gegeben, lassen Sie uns die Frage direct anfassen.«

– Wir sind dazu bereit, erwiderten die Mitglieder des Comité, und verschlangen jeder ein halbes Dutzend Sandwichs.

»Sie kennen unsere Aufgabe«, fuhr der Präsident fort; »es handelt sich darum, einem Projectil die Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Ich darf wohl glauben, daß wir dieses erreichen können. Zunächst mustern wir die bis jetzt erzielten Geschwindigkeiten; der General Morgan wird im Stande sein, uns darüber zu unterhalten.«

– Um so leichter, erwiderte der General, als ich während des Krieges der Commission für die Experimente angehörte. Ich bemerke daher, daß Dahlgreen’s Cent-Kanonen, welche zweitausendfünfhundert Toisen (fünfzehntausend Fuß) weit trugen, ihrem Projectil eine anfängliche Geschwindigkeit von fünfhundert Yards in der Secunde gaben.

– Gut. Und die Columbiade Rodman? fragte der Präsident.

– Die beim Fort Hamilton, nächst New-York, verwendete Columbiade Rodman schleuderte eine Kugel von einer halben Tonne Gewicht sechs Meilen weit mit einer Schnelligkeit von achthundert Yards in der Secunde, ein Resultat, das Armstrong und Palliser in England niemals erreichten.

– Ja! Die Engländer! sagte J. T. Maston mit einer drohenden Bewegung nach Osten.

– Also, fuhr Barbicane fort, diese achthundert Yards wären die größte bis jetzt erzielte Geschwindigkeit.

– Ja, erwiderte Morgan.

– Doch will ich bemerken, fiel J. T. Maston ein, wäre mein Mörser nicht zersprungen …

– Ja, aber er ist doch zersprungen, entgegnete Barbicane mit wohlwollender Handbewegung. Wir haben also diese Geschwindigkeit von achthundert Yards als Ausgangspunkt zu nehmen. Wir müssen sie zwanzigfach erzielen. Da wir nun die Berathung über die Mittel, solch eine Geschwindigkeit zu bekommen, für eine andere Sitzung bestimmt haben, so will ich, werthe Collegen, Ihre Aufmerksamkeit auf die Dimensionen richten, welche wir der Kugel geben müßten. Sie sehen wohl, daß sich’s nicht mehr um Projectile von einer halben Tonne handelt!

– Warum nicht? fragte der Major.

– Weil diese Kugel, fiel Maston lebhaft ein, groß genug sein muß, um die Aufmerksamkeit der Mondbewohner, wenn’s deren giebt, auf sich zu ziehen.

– Ja, erwiderte Barbicane, und noch aus einem andern wichtigen Grund.

– Was meinen Sie damit, Barbicane, fragte der Major.

– Ich meine, es genügt nicht, ein Projectil fortzuschleudern, und sich nicht weiter darum zu bekümmern; wir müssen ihm folgen bis zu dem Moment, wo es am Ziele anlangen wird.

– Hm! äußerten sich der General und der Major etwas überrascht.

– Allerdings, fuhr Barbicane fort, oder unser Experiment wird kein Resultat haben.

– Aber dann, erwiderte der Major, wollen Sie dem Projectil enorme Dimensionen geben?

– Nein. Hören Sie gefälligst. Sie wissen, daß die optischen Instrumente eine große Vollkommenheit erlangt haben; mit einigen Teleskopen hat man bereits sechstausendfache Vergrößerungen erlangt, so daß man damit den Mond bis auf vierzig englische Meilen nahe gebracht hat. In dieser Entfernung nun sind Gegenstände von sechzig Fuß Umfang völlig sichtbar. Hat man die Schärfe der Teleskope noch nicht weiter gebracht, so geschah es, weil dies nur auf Kosten der Klarheit möglich ist. Da nun der Mond ein schwaches reflectirtes Licht hat, so kann man nicht auf eine weitere Vergrößerung denken.

– Nun! was wollen Sie also machen? fragte der General. Werden Sie Ihrem Projectil einen Durchmesser von sechzig Fuß geben?

– Nein!

– Also wollen Sie dem Mond mehr Leuchtkraft geben?

– Ja wohl.

– Nun, das ist stark! rief J. T. Maston aus.

– Ja, sehr einfach, erwiderte Barbicane. In der That, wenn es mir gelingt, die Dichtheit der Atmosphäre, welche das Mondlicht zu durchdringen hat, zu vermindern, wird dadurch nicht dieses Licht stärker leuchten?

– Unstreitig!

– Nun denn! Zu diesem Zweck wird es genügen, ein Teleskop auf einem hohen Berg aufzustellen.

– Ich ergebe mich, erwiderte der Major. Was haben Sie für eine Art, die Dinge zu vereinfachen! … Und welche Verstärkung hoffen Sie dadurch zu erlangen?

– Achtundvierzigtausendmal, wodurch der Mond auf fünf Meilen nahe gebracht wird; und um sichtbar zu sein, brauchen die Gegenstände nur neun Fuß Durchmesser zu haben.

– Vortrefflich! rief Maston, unser Projectil wird also neun Fuß Durchmesser bekommen?

– Ja wohl.

– Erlauben Sie mir indessen zu bemerken, sprach der Major Elphiston, daß es dann noch ein Gewicht hat …

– O! Major, erwiderte Barbicane, ehe wir sein Gewicht besprechen, lassen Sie mich anführen, daß unsere Väter in der Hinsicht Wunderbares leisteten. Ich bin weit entfernt zu behaupten, die Ballistik habe keine Fortschritte gemacht, aber es ist doch zu merken, daß man bereits im Mittelalter erstaunliche Resultate erzielte, ich darf sagen, erstaunlichere, als unsere sind.

– Zum Beispiel! entgegnete Morgan.

– Beweisen Sie, was Sie sagen, rief lebhaft J. T. Maston.

– Nichts leichter als dies, erwiderte Barbicane, ich kann Beispiele anführen. Bei der Belagerung Constantinopels durch Mahomet II. im Jahre 1543 warf man steinerne Kugeln, die wogen neunzehnhundert Pfund, und waren wohl hübsch groß.

– O! O! sagte der Major, neunzehn Centner ist eine starke Ziffer!

– Zur Zeit der Malteserritter war auf dem Fort St. Elme eine Kanone, die warf Projectile von zweitausendfünfhundert Pfund.

– Nicht möglich!

– Endlich, nach einem französischen Geschichtschreiber unter Louis XI., gab’s einen Mörser, der warf eine Bombe, zwar nur von fünfhundert Pfund; aber diese Bombe flog von der Bastille, wo die Gescheiten von den Narren eingeschlossen wurden, bis nach Charenton, wo die Narren von den Gescheiten eingesperrt werden.

– Sehr gut! sagte J. T. Maston.

– Was haben wir seitdem erlebt, kurz zu sagen? Die Armstrong-Kanonen werfen Fünfhundertpfünder, Rodman’s Columbiade Projectile von einer halben Tonne! Es scheint demnach, die Projectile haben an Tragweite gewonnen, an Gewicht verloren. Wenn wir nun unsere Bemühungen nach dieser Seite hin richten, müssen wir, vermöge des Fortschritts der Wissenschaft, es dahin bringen, das zehnfache Gewicht der Kugeln Mahomet’s II. und der Malteser zu erzielen.

– Offenbar, erwiderte der Major, aber welches Metall denken Sie für das Projectil zu verwenden?

– Gußeisen, ganz einfach, sagte der General Morgan.

– Pfui! Gußeisen! rief Maston verächtlich, das ist doch zu gemein für eine Kugel, die den Mond besuchen soll.

– Lassen wir die Uebertreibungen, mein ehrenwerther Freund, erwiderte Morgan; Gußeisen genügt.

– Nun! fuhr der Major Elphiston fort, dann wird, weil das Gewicht der Kugel im Verhältniß zu ihrem Umfang steht, eine Kugel von Gußeisen mit einem Durchmesser von neun Fuß, immer noch ein furchtbares Gewicht haben!

– Ja, wenn massiv; nicht aber, wenn sie hohl ist, sagte Barbicane.

– Hohl? Also eine Haubitz-Granate?

– In die man Depeschen stecken kann, und Pröbchen von unseren Producten?

– Ja, eine Hohlkugel, erwiderte Barbicane, muß es durchaus sein; eine massive von hundertundacht Zoll würde über zweihunderttausend Pfund wiegen, ein offenbar zu beträchtliches Gewicht; doch da man dem Geschoß eine gewisse Festigkeit bewahren muß, so schlage ich vor, ihm ein Gewicht von fünftausend Pfund zu geben.

– Wie dick sollen denn die Wände sein? fragte der Major.

– Dem regelmäßigen Verhältniß nach, versetzte Morgan, verlangt ein Durchmesser von hundertundacht Zoll mindestens zwei Fuß dicke Wände.

– Das wäre viel zu viel, erwiderte Barbicane; bemerken Sie wohl, es handelt sich hier nicht um eine Kugel, die Platten durchbohren soll; die Wände brauchen nur so stark zu sein, um dem Druck des Pulvergases widerstehen zu können. Also stellt sich die Frage: wie dick muß eine Hohlkugel von Gußeisen sein, die nur zwanzigtausend Pfund wiegen soll? Unser geschickter Berechner, der wackere Maston, wird’s uns unverzüglich sagen können.

– Nichts ist leichter, versetzte der ehrenwerthe Secretär des Comités. Bei diesen Worten schrieb er einige algebraische Formeln nieder; aus seiner Feder kamen π und x in zweiter Potenz. Es hatte sogar das Ansehen, als ziehe er, ohne nur anzurühren, eine bestimmte Kubik-Wurzel aus; darauf sprach er:

»Die Wände brauchen kaum zwei Zoll dick zu sein.«

– Sollte das hinreichen? fragte der Major mit zweifelnder Miene.

– Nein, erwiderte der Präsident, sicherlich nicht.

– Nun, was ist dann zu thun? fuhr Elphiston etwas verlegen fort.

– Wir nehmen ein anderes Metall.

– Kupfer? sagte Morgan.

– Nein, das ist auch zu schwer; ich hab’ Ihnen was besseres vorzuschlagen.

– Was denn? sagte der Major.

– Aluminium, erwiderte Barbicane.

– Aluminium! riefen die drei Collegen des Präsidenten.

– Ganz gewiß! meine Freunde. Sie wissen, daß es einem berühmten französischen Chemiker, Sainte-Claire-Deville, im Jahre 1854 gelungen ist, Aluminium in fester Masse darzustellen. Dieses köstliche Metall ist weiß wie Silber, unveränderlich wie Gold, zäh wie Eisen, schmelzbar wie Kupfer und leicht wie Glas; leicht zu bearbeiten, in der ganzen Natur sehr verbreitet, – denn es bildet die Basis der meisten Gesteine – ist es dreimal leichter wie Eisen, und es scheint ganz dazu geschaffen zu sein, um für unser Projectil den geeigneten Stoff zu liefern!

– Hurrah dem Aluminium! rief der Secretär des Comités.

– Aber, lieber Präsident, sagte der Major, ist das Aluminium nicht sehr theuer?

– Das war es im Anfang, erwiderte Barbicane; da kostete das Pfund zweihundertundsechzig bis zweihundertundachtzig Dollars; hernach sank es auf siebenundzwanzig Dollars und nun gilt es nur neun Dollars.

– Aber neun Dollars das Pfund, erwiderte der Major, ist noch enorm theuer.

– Allerdings, lieber Major, ist der Preis hoch, aber doch aufzubringen.

– Wie schwer wird dann das Projectil wiegen? fragte Morgan?

– Ich will Ihnen das Ergebniß meiner Berechnungen sagen, erwiderte Barbicane. Eine Kugel von hundertundacht Zoll Durchmesser und zwölf Zoll Dicke würde in Gußeisen siebenundsechzigtausendvierhundertundvierzig Pfund wiegen; aus Aluminium gegossen, würde ihr Gewicht auf neunzehntausendzweihundertundfünfzig Pfund herabsinken.

– Vortrefflich! rief Maston, das paßt ja in unser Programm.

– Vortrefflich! vortrefflich! erwiderte der Major, aber wissen Sie nicht, was bei einem Preis von achtzehn Dollars per Pfund das Projectil kosten wird …

– Hundertdreiundsiebenzigtausendzweihundertfünfzig Dollars, ich weiß es genau; aber haben Sie keine Besorgnisse, meine Freunde, an Geld wird’s für unser Unternehmen nicht fehlen, ich stehe dafür.

– Es wird in unsere Kassen regnen.

– Nun, was halten Sie vom Aluminium? fragte der Präsident.

– Angenommen, riefen sie einstimmig.

– Auf die Form des Projectils kommt wenig an, fuhr Barbicane fort, weil dasselbe, wenn es einmal über der Atmosphäre ist, sich im leeren Raum befindet; ich schlage also eine runde Kugel vor, die nach Belieben sich um sich selbst drehen kann.

So endete die erste Sitzung des Comités; die Frage des Projectils war entschieden, und J. T. Maston war hoch erfreut bei dem Gedanken, eine Kugel von Aluminium abzusenden, »was den Seleniten eine recht hübsche Idee von den Erdbewohnern geben würde!«

Achtes Capitel

Geschichte der Kanone

Die in der ersten Sitzung gefaßten Beschlüsse erregten großes Aufsehen. Manche schüchterne Leute erschraken ein wenig beim Gedanken, eine Kugel von zwanzigtausend Pfund durch den Raum zu schleudern. Man fragte sich, welche Kanone jemals im Stande wäre, einer solchen Masse eine hinreichende Anfangsgeschwindigkeit zu geben. Das Protokoll der zweiten Comitésitzung sollte diese Frage siegreich beantworten.

Den folgenden Abend nahmen die vier Mitglieder des Gun-Clubs abermals vor Bergen von Sandwichs und einem Ocean von Thee Platz. Die Berathung begann sogleich, diesmal ohne einleitende Vorrede.

»Liebe Collegen«, sagte Barbicane, »wir haben uns nun mit der zu construirenden Maschine zu beschäftigen, ihrer Länge, Gestalt, Zusammensetzung und Gewicht. Möglich, daß wir derselben werden riesenmäßige Dimensionen geben müssen; aber so groß auch die Schwierigkeiten sein werden, unser industrielles Genie wird sie leicht überwinden. Hören Sie mich also gefälligst an und verschonen mich nicht mit treffenden Einwendungen. Ich fürchte sie nicht!«

Diese Erklärung wurde mit beifälligem Brummen aufgenommen.

»Behalten wir im Sinn«, fuhr Barbicane fort, »an welchem Punkt unsere gestrige Berathung angelangt ist; die Aufgabe stellt sich nun unter folgender Form: einer Hohlkugel von hundertundacht Zoll Durchmesser und zwanzigtausend Pfund Gewicht eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben.«

– Das ist in der That jetzt die Aufgabe, erwiderte der Major Elphiston.

»Wenn also«, fuhr Barbicane fort, »ein Projectil in den Raum hinausgeschleudert worden ist, was geht dann vor? Es ist der Einwirkung von drei unabhängigen Kräften ausgesetzt, dem Widerstand der Umgebung, der Anziehung von der Erde, und der ihm einwohnenden Treibkraft. Betrachten wir diese drei Kräfte näher. Der Widerstand der Umgebung, d.h. der Luft, wird unbedeutend sein. In der That erstreckt sich die Atmosphäre der Erde nur auf vierzig englische Meilen. Bei einer Geschwindigkeit von zwölftausend Yards (achtundvierzigtausend Fuß) wird das Projectil sie in fünf Secunden durchlaufen. Nehmen wir sodann die Anziehungskraft der Erde, d.h. Schwere der Kugel. Wir wissen, daß diese Schwerkraft im umgekehrten Verhältniß des Quadrats der Entfernung abnimmt. Die Physik lehrt uns nun Folgendes: Wenn ein sich selbst überlassener Körper auf die Oberfläche der Erde fällt, so ist das Maß dafür in der ersten Secunde fünfzehn Fuß, und wenn derselbe Körper in eine Entfernung von zweihundertsiebenundfünfzigtausendfünfhundertzweiundvierzig Meilen, mit anderen Worten in die Entfernung des Mondes versetzt ist, so beträgt sein Fall in der ersten Secunde etwa eine halbe Linie. Das ist beinahe Unbeweglichkeit. Es handelt sich also darum, diese Widerstandskraft nach und nach zu überwinden. Wie erreichen wir dies? Durch die treibende Kraft.«

– Darin liegt eben die Schwierigkeit, erwiderte der Major.

»Ja wohl, darin«, fuhr der Präsident fort, »aber wir werden sie überwinden; denn diese treibende Kraft, welche wir bedürfen, ergiebt sich aus der Länge des Geschützes und aus der Menge des verwendeten Pulvers, indem diese nur durch den Widerstand jener beschränkt ist. Beschäftigen wir uns also heute mit den Dimensionen, welche man der Kanone geben muß. Wohl verstanden, daß wir sie unter so zu sagen unbegränzten Widerstandsbedingungen aufstellen können, weil sie nicht zum Manoeuvriren bestimmt ist.«

– Das ist Alles sonnenklar, erwiderte der General.

»Bisher«, sagte Barbicane, »sind unsere längsten Kanonen, die enormen Columbiaden, nicht über fünfundzwanzig Fuß lang gewesen; wir werden daher unserer Columbiade Dimensionen geben müssen, wel che Manche in Erstaunen versetzen.«

– Ja, ganz gewiß! rief Maston. Ich meines Theils verlange eine Kanone, die mindestens eine halbe (englische) Meile lang ist.

– Eine halbe Meile! riefen der Major und der General.

– Ja! eine halbe Meile, und das wird noch um die Hälfte zu kurz sein.

– Aber, Maston, erwiderte Morgan, Sie übertreiben.

– Nein! entgegnete der heißblütige Secretär, und ich weiß wahrhaftig nicht, weshalb Sie mich der Uebertreibung beschuldigen.

– Weil Sie zu weit gehen!

– Wissen Sie, mein Herr, versetzte Maston mit stolzer Miene, daß ein Artillerist, wie eine Kugel, niemals zu weit gehen kann!

Da die Unterredung persönlich wurde, legte sich der Präsident in’s Mittel.

»Seien wir ruhig, Freunde, und überlegen wir; es muß offenbar eine Kanone von langem Lauf sein, weil die Länge des Stücks die Spannkraft des unter dem Projectil angesammelten Gases vermehren wird, aber man braucht nicht gewisse Grenzen zu überschreiten.«

– Ganz recht, sagte der Major.

– Welche Regeln befolgt man gewöhnlich in solchem Fall? In der Regel ist eine Kanone zwanzig bis fünfundzwanzigmal so lang, als der Durchmesser der Kugel, und sie wiegt zweihundertundfünfunddreißig bis vierzigmal so viel, als diese.

– Das genügt nicht, rief Maston ungestüm.

– Ich geb’s wohl zu, mein würdiger Freund, und in der That würde diesem Verhältniß nach ein Projectil von neun Fuß Durchmesser und dreißigtausend Pfund schwer nur eine Maschine von zweihundertfünfundzwanzig Fuß Länge und sieben Millionen zweimalhunderttausend Pfund Gewicht erfordern.

– Lächerlich, rief Maston. Ebensogut nähme man ein Pistol!

– Das denk’ ich auch, erwiderte Barbicane. Deshalb beabsichtige ich diese Länge viermal zu nehmen, und eine neunhundert Fuß lange Kanone zu bauen.

Der General und der Major machten zwar einige Einwendungen; aber dennoch wurde dieser Vorschlag, vom Secretär des Clubs lebhaft unterstützt, definitiv angenommen.

– Jetzt, sagte Elphiston, wie dick sollen die Wände sein?

– Sechs Fuß, erwiderte Barbicane.

– Sie denken wohl nicht daran, solch eine Masse auf eine Lafette zu pflanzen? fragte der Major.

– Das wäre doch prachtvoll, sagte Maston.

– Aber unausführbar, erwiderte Barbicane. Nein, ich denke, die Maschine in den Boden einzusenken, Ringe von Schmiedeeisen darum zu legen und endlich sie mit einem festen Gemäuer von Stein und Kalk zu umgeben, damit sie an der ganzen Widerstandskraft des umgebenden Bodens Theil nehme. Ist das Geschütz einmal gegossen, so wird die Seele sorgfältig ausgefeilt und kalibrirt, damit die Kugel nicht Luft habe; so wird kein Gas verloren, und die ganze Ausdehnungskraft des Pulvers wird als treibende Kraft verwendet.

– Hurrah! Hurrah! rief Maston, da haben wir unsere Kanone.

– Noch nicht, erwiderte Barbicane, indem er seinen ungeduldigen Freund mit der Hand beschwichtigte.

– Und warum?

– Weil wir noch nicht ihre Form berathen haben. Soll es eine Kanone, eine Haubitze oder ein Mörser sein?

– Eine Kanone, versetzte Morgan.

– Eine Haubitze, entgegnete der Major.

– Ein Mörser, rief Maston.

Es wollte sich eben ein neuer lebhafter Streit entspinnen, da jeder seine Lieblingswaffe anpries, als der Präsident ihn kurz abschnitt.

»Meine Freunde«, sagte er, »ich will Sie alle zufrieden stellen; unser Columbiade wird von diesen drei Feuerschlünden etwas haben.

Eine Kanone wird’s sein, weil ihr Pulverbehälter denselben Durchmesser wie ihr Lauf haben wird; eine Haubitze, weil sie eine Hohlkugel schleudern wird; und ein Mörser, weil sie unter einem Winkel von neunzig Grad aufgeprotzt sein wird, und weil sie, ohne daß ein Rückstoß möglich, unerschütterlich fest im Boden, dem Projectil alle in ihrem Innern gesammelte Treibkraft mittheilen wird.«

– Angenommen, angenommen, erwiderten die Mitglieder des Comités.

– Eine einfache Bemerkung, sagte Elphiston; wird die Haubitzen-Mörser-Kanone gezogen sein?

– Nein, erwiderte Barbicane, nein, wir bedürfen einer enormen Anfangsgeschwindigkeit, und Sie wissen wohl, daß die Kugel aus den gezogenen Kanonen minder rasch herausfährt, als aus denen mit glattem Lauf.

– Richtig!

– Endlich haben wir sie diesmal, wiederholte Maston.

– Noch nicht ganz, erwiderte der Präsident.

– Und warum?

– Weil wir noch nicht wissen, aus welchem Metall sie bestehen soll.

– Bestimmen wir’s unverzüglich.

– Soeben wollte ich einen Vorschlag machen.

Die vier Comitémitglieder verschlangen jeder ein Dutzend Sandwichs nebst einer Bulle Thee, dann begann die Berathung von Neuem.

»Meine wackeren Collegen«, sagte Barbicane, »unsere Kanone muß in hohem Grade zähe, äußerst hart sein, darf bei der Hitze nicht schmelzen, sich auflösen, noch bei der Einwirkung von Säuren verkalken.«

– Kein Zweifel in dieser Hinsicht, erwiderte der Major, und da wir eine sehr beträchtliche Quantität Metall haben müssen, so wird uns die Wahl nicht schwer.

– Nun dann schlage ich, sagte Morgan, für unsere Columbiade die beste bis jetzt bekannte Metallmischung vor, nämlich zu hundert Theilen Kupfer, zwölf Zinn und sechs Messing.

– Meine Freunde, erwiderte der Präsident, ich gebe zu, daß diese Composition vortreffliche Resultate geliefert hat; aber im gegebenen Fall würde sie zu kostspielig und sehr schwierig anzuwenden sein. Ich denke daher, man muß einen trefflichen, aber billigen Stoff wählen, wie Gußeisen. Meinen Sie nicht, Major?

– Sie haben vollkommen Recht, erwiderte Elphiston.

– In der That, fuhr Barbicane fort, Gußeisen kostet zehnmal weniger, als Bronce, ist leicht zu gießen, fließt einfach in die Sandformen und läßt sich rasch behandeln; man spart also dabei Zeit und Geld zugleich. Zudem ist’s ein vortrefflicher Stoff; ich erinnere mich, daß während des Kriegs, bei der Belagerung von Atlanta, gußeiserne Geschütze von fünf zu fünf Minuten je tausend Schüsse gethan haben, ohne dabei Schaden zu leiden.

– Doch das Gußeisen zerspringt leicht, erwiderte Morgan.

– Ja; aber es hat auch große Widerstandskraft; übrigens will ich dafür stehen, daß es uns nicht zerspringen wird.

– Es kann auch einem wackern Mann etwas zerspringen, entgegnete Maston bedeutsam.

– Unstreitig, erwiderte Barbicane. Ich möchte nun unseren würdigen Secretär bitten, das Gewicht einer Kanone von Gußeisen auszurechnen, die neunhundert Fuß lang ist, einen inneren Durchmesser von neun Fuß, und sechs Fuß dicke Wände hat.

– Sogleich, erwiderte J. T. Maston.

Und er brachte, wie am Abend zuvor, mit erstaunlicher Leichtigkeit seine Formeln zu Papier, und sagte nach Verlauf einer Minute:

»Diese Kanone wird achtundsechzigtausendundvierzig Tonnen wiegen (= achtundsechzig Millionen vierzigtausend Kilo).«

– Und was wird sie kosten, das Pfund zu zwei Cent (= zehn Centimes)?

»Zwei Millionen fünfhundertundzehntausendsiebenhundertundein Dollars (= dreizehn Millionen sechshundertundachttausend Francs!)«

Maston, der Major und der General blickten mit besorgter Miene auf Barbicane.

»Nun, meine Herren!« sagte der Präsident, »ich wiederhole Ihnen, was ich gestern sagte, seien Sie unbesorgt, an Millionen wird’s nicht mangeln!«

Auf diese Versicherung seines Präsidenten ging das Comité auseinander, nachdem es den folgenden Abend für die dritte Sitzung bestimmt hatte.

Neuntes Capitel

Die Pulverfrage

Es war noch die Frage des Pulvers vorzunehmen. Das Publicum sah mit Spannung dieser Entscheidung entgegen. Da die Dicke des Projectils und die Länge der Kanone gegeben waren, welche Quantität Pulver würde nun erforderlich sein, um die treibende Kraft zu produciren? Diese fürchterliche Kraft, deren Wirkungen jedoch der Mensch zu bemeistern versteht, sollte nun berufen sein, in unerhörten Verhältnissen seine Rolle zu spielen.

Man hat allgemein angenommen und wiederholt gerne, das Pulver sei im vierzehnten Jahrhundert von einem Mönch Namens Schwarz erfunden worden, der seine Entdeckung mit dem Leben zu bezahlen hatte. Aber es ist nun der Beweis fast völlig hergestellt, daß diese Geschichte unter die Märchen des Mittelalters zu rechnen ist. Kein Mensch hat das Pulver erfunden; es ist direct vom griechischen Feuer herzuleiten, welches ebenfalls eine Mischung von Schwefel und Salpeter war. Nur haben sich seitdem diese Mischungen aus zerfließenden in explodirende verwandelt.

Aber sind auch die Gelehrten über diesen Irrthum im Reinen, so verstehen doch wenige Menschen die mechanische Kraft des Pulvers zu beurtheilen. Das muß man jedoch können, um die Wichtigkeit der dem Comité unterbreiteten Frage zu begreifen.

Also ein Liter Pulver wiegt ungefähr zwei Pfund1 (= neunhundert Gramm); es erzeugt beim Entzünden vierhundert Liter Gas; ist dies Gas frei und unter Einwirkung einer Temperatur bis zu zweitausendvierhundert Grad, so nimmt es den Raum von viertausend Liter an. Also verhält sich der Umfang des Pulvers zu dem des durch seine Verbrennung erzeugten Gases wie eins zu viertausend. Darnach ermesse man die entsetzlich treibende Kraft dieses Gases, wann es in einen viertausendmal zu engen Raum eingepreßt ist.

Dies war den Mitgliedern des Comités, als sie am folgenden Tage zur Sitzung zusammen kamen, geläufig. Barbicane gab dem Major Elphiston das Wort, welcher während des Kriegs Pulverdirector gewesen war.

»Liebe Kameraden«, sagte dieser ausgezeichnete Chemiker, »ich will mit unverwerflichen Zahlen beginnen, die uns als Basis dienen sollen. Der Vierundzwanzigpfünder, von welchem vorgestern der ehrenwerthe Herr Maston mit so poetischem Schwung gesprochen hat, ist nur durch sechzehn Pfund Pulver aus dem Feuerschlund getrieben worden.«

– Ist diese Ziffer zuverlässig? fragte Barbicane.

»Ganz zuverlässig«, erwiderte der Major. »Die Armstrong-Kanone braucht nur fünfundsiebenzig Pfund Pulver für ein Projectil von achthundert Pfund, und die Columbiade Rodman nur hundertundsechzig Pfund, um ihre halbtönnige Kugel sechs Meilen weit zu werfen. Diese Thatsachen sind nicht in Zweifel zu ziehen; ich habe sie selbst aus den Protokollen des Artillerie-Ausschusses entnommen.«

– Ganz richtig, erwiderte der General.

»Nun denn!« fuhr der Major fort, »lassen Sie uns aus diesen Ziffern die Folgerung ziehen, daß die Quantität Pulver im Verhältniß zum Gewicht der Kugel nicht gleichmäßig zunimmt; in der That, wenn sechzehn Pfund Pulver für einen Vierundzwanzigpfünder erforderlich waren; mit anderen Worten, wenn bei gewöhnlichen Kanonen das Gewicht des verwendeten Pulvers im Verhältniß von zwei Drittel zum Gewicht des Projectils steht, so bleibt sich dies Verhältniß nicht gleich. Rechnen Sie, und Sie werden sehen, daß für eine halbtönnige Kugel anstatt dreihundertdreiunddreißig nur hundertundsechzig Pfund Pulver erforderlich waren.«

– Wo hinaus wollen Sie damit? fragte der Präsident.

– Wenn Sie Ihre Theorie auf’s Aeußerste treiben, lieber Major, sagte Maston, so kommen Sie zu dem Ergebniß, daß, wenn Ihre Kugel hinreichend schwer ist, Sie gar kein Pulver mehr brauchen.

»Mein Freund Maston beliebt auch bei den ernstesten Dingen zu scherzen«, erwiderte der Major, »aber er möge sich beruhigen; ich werde bald Quantitäten von Pulver in Vorschlag bringen, welche sein Artillerie-Selbstgefühl befriedigen werden. Ich wollte hier nur feststellen, daß während des Kriegs für die größten Kanonen das Gewicht des erforderlichen Pulvers, der gemachten Erfahrung nach, sich auf ein Zehntheil des Gewichts der Kugel ermäßigt hat.«

– Das ist höchst exact, sagte Morgan. Aber bevor wir über die erforderliche Quantität Pulver eine Bestimmung treffen, halte ich für gut, sich über seine Beschaffenheit zu verständigen.

»Wir werden grobkörniges verwenden«, erwiderte der Major; »es brennt rascher ab, als das seine.«

– Allerdings, entgegnete Morgan, aber es ist sehr brisant und verdirbt am Ende die Seele der Stücke.

»Gut! Aber was für eine zu dauernder Benutzung bestimmte Kanone unzuträglich ist, gilt nicht ebenso für unsere Columbiade. Wir haben gar keine Explosion zu besorgen, und das Pulver muß sich augenblicklich entzünden, um seine mechanische Wirkung vollständig zu äußern.«

– Man könnte, sagte Maston, mehrere Zündlöcher bohren, um an verschiedenen Stellen zugleich zu entzünden.

– Allerdings, erwiderte Elphiston, aber die Ausführung würde dadurch schwieriger. Ich komme daher auf mein grobkörniges Pulver zurück, wobei diese Schwierigkeiten vermieden werden.

– Meinetwegen, erwiderte der General.

»Zur Ladung seiner Columbiade«, fuhr der Major fort, »verwendete Rodman ein Pulver von so grobem Korn, wie Kastanien, aus Weidenkohlen, die nur in gußeisernen Kesseln geröstet waren. Dieses Pulver war hart und glänzend, ließ keine Spur auf der Hand, enthielt in starkem Verhältniß Wasserstoff und Sauerstoff, entzündete sich augenblicklich und verdarb, obwohl sehr brisant, nicht merklich die Feuerschlünde.«

– Ah! Mir dünkt, sagte Maston, daß wir uns nicht zu besinnen haben und unsere Wahl getroffen ist.

»Sofern Sie nicht Goldpulver vorziehen«, erwiderte der Major mit Lachen, worüber ihm sein reizbarer Freund mit seinem eisernen Häkchen drohte.

Bisher hatte Barbicane an der Discussion keinen Antheil genommen. Er ließ reden, hörte zu. Offenbar hatte er eine Idee. Auch beschränkte er sich nur darauf zu sagen:

»Jetzt, meine Freunde, welche Quantität Pulver schlagen Sie vor?«

Die drei Mitglieder des Gun-Clubs sahen sich eine Weile gegenseitig an.

– Zweihunderttausend Pfund, sagte endlich Morgan.

– Fünfmalhunderttausend, erwiderte der Major.

– Achtmalhunderttausend, rief Maston.

Diesmal wagte Elphiston nicht, seinen Collegen der Uebertreibung zu beschuldigen. In der That, es handelte sich darum, ein zwanzigtausend Pfund schweres Projectil bis zum Mond zu entsenden und ihm eine Anfangsgeschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben. Eine kleine Pause folgte auf den dreifachen Vorschlag.

Endlich brach der Präsident Barbicane das Schweigen.

»Meine wackeren Kameraden«, sagte er mit ruhiger Stimme, »ich gehe von dem Grundgedanken aus, daß der Widerstand unserer unter den gegebenen Bedingungen verfertigten Kanone unbegrenzt ist. Ich will daher den ehrenwerthen Herrn Maston mit der Aeußerung überraschen, daß er in seinen Berechnungen zu schüchtern war, und ich schlage vor, die achtmalhunderttausend Pfund Pulver zu verdoppeln.«

– Sechzehnhunderttausend Pfund? rief Maston und sprang vom Stuhl auf.

»Gerade soviel.«

– Aber dann muß man auf meine halbmeilenlange Kanone zurückkommen.

– Offenbar, sagte der Major.

– Sechzehnhunderttausend Pfund Pulver, fuhr der Secretär des Comités fort, werden einen Raum von etwa zweiundzwanzigtausend Kubikfuß einnehmen. Da nun Ihre Kanone nur vierundfünfzigtausend Kubikfuß Inhalt hat, wird sie zur Hälfte damit angefüllt, und der Lauf ist nicht mehr lang genug, daß die Spannkraft des Gases auf das Projectil eine hinreichend treibende Wirkung äußere.

Darauf war nichts zu antworten. Maston hatte Recht. Man sah Barbicane an.

»Doch«, fuhr der Präsident fort, »bestehe ich auf dieser Quantität Pulver. Denken Sie, sechzehnhunderttausend Pfund Pulver werden sechs Milliarden Liter Gas erzeugen. Sechs Milliarden! Sie verstehen wohl?«

– Aber was fangen wir dann an? fragte der General.

»Sehr einfach: Wir beschränken den äußeren Umfang des Pulvers, ohne damit seine mechanische Kraft zu verringern.«

– Gut! Aber durch welches Mittel?

»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Barbicane.

Seine Zuhörer verschlangen ihn mit den Augen.

»Nichts ist in der That leichter«, fuhr er fort, »als diese Pulvermasse auf den vierten Theil ihres Umfangs zu beschränken. Sie kennen den merkwürdigen Stoff, welcher das elementare Gewebe der Vegetabilien ausmacht, und den man Cellulose nennt.«

– Ah, ich verstehe Sie, lieber Barbicane, sagte der Major.

»Diesen Stoff«, sagte der Präsident, »findet man vollkommen rein in verschiedenen Körpern, besonders in der Baumwolle, welche nichts anderes ist, als das Haar der Saamenkörner der Baumwollenstaude. Die Baumwolle nun in Verbindung mit Stickstoffsäure im kalten Zustand verwandelt sich in eine äußerst unlösliche, höchst entzündliche und höchst explodirbare Substanz.

Im Jahre 1832 entdeckte ein französischer Chemiker, Braconnot, diese Substanz, welche er Xyloidine nannte. Ein anderer Franzose, Pelouze, studierte im Jahre 1838 ihre verschiedenen Eigenschaften, und endlich machte im Jahre 1846 Schönbein, Professor der Chemie zu Basel, den Vorschlag, sie anstatt Schießpulver zu gebrauchen. Dieses Pulver nun ist die stickstoffhaltige Baumwolle.«

– Oder Pyroxylin, erwiderte Elphiston.

– Oder Schießbaumwolle, versetzte Morgan.

– Giebt’s denn nicht ein amerikanisches Wort, um diese Entdeckung damit zu bezeichnen? rief J. T. Maston in lebhaftem Nationalselbstgefühl.

– Leider keins, erwiderte der Major.

»Doch will ich«, fuhr der Präsident fort, »zur Befriedigung Maston’s ihm sagen, daß die Arbeiten eines unserer Mitbürger mit dem Studium der Cellulose in Verbindung gebracht werden können; denn das Collodium, eines der hauptsächlichen, wichtigsten Hilfsmittel der Photographie, ist ganz einfach in alkoholsattem Aether aufgelöstes Pyroxylin, und dies wurde von Maynard, als er zu Boston Medicin studierte, entdeckt.«

– Nun denn! Hurrah für Maynard und die Schießbaumwolle! rief stürmisch der Secretär des Gun-Clubs.

»Ich komme auf das Pyroxylin zurück«, fuhr Barbicane fort. »Sie kennen seine Eigenschaften, welche es für uns so werthvoll machen; es ist sehr leicht anzufertigen; Baumwolle wird fünfzehn Minuten lang in rauchende Stickstoffsäure getaucht, dann in frischem Wasser ausgewaschen, hernach getrocknet, damit ist’s fertig.«

– Das ist höchst einfach, wahrhaftig, sagte Morgan.

»Weiter, das Pyroxylin wird von der Feuchtigkeit nicht angegriffen, eine für uns sehr werthvolle Eigenschaft, weil zum Laden der Kanone einige Tage erforderlich sind; entzündlich ist es bei hundertundsiebenzig Grad anstatt zweihundertundvierzig, und es verbrennt so rasch, daß man es auf gewöhnlichem Pulver anzünden kann, ohne daß dieses Zeit hätte Feuer zu fangen.«

– Vortrefflich, erwiderte der Major.

– Nur ist es kostspieliger.

– Das macht nichts aus, sagte Maston.

»Endlich, es theilt den Projectilen eine viermal größere Geschwindigkeit mit, als Pulver. Dazu kommt weiter, daß, wenn man acht Zehntheile seines Gewichts salpetersaure Pottasche beimischt, seine Ausdehnungskraft bedeutend verstärkt wird.«

– Wird das nöthig sein? fragte der Major.

»Ich denke nicht«, erwiderte Barbicane. »Also, anstatt sechzehnhunderttausend Pfund Pulver werden wir nur vierhunderttausend Pfund Schießbaumwolle haben, und da man ohne Gefahr fünfhundert Pfund Baumwolle bis zu siebenundzwanzig Kubikfuß zusammenpressen kann, so wird dieser Stoff in der Columbiade nur eine Höhe von hundertachtzig Fuß betragen. Auf diese Weise wird die Kugel über siebenhundert Fuß der Seele der Kanone unter der Treibkraft von sechs Milliarden Liter Gas zu durchlaufen haben, bevor sie dem Nachtgestirn entgegen fliegt!«

Nun konnte Maston seine Gemüthsbewegung nicht mehr unterdrücken; er warf sich seinem Freunde mit der Gewalt eines Projectils in die Arme, und würde ihn niedergeschmettert haben, wäre Barbicane nicht bombenfest gewesen.

Hiermit schloß die dritte Comitésitzung. Barbicane und seine kühnen Collegen, denen nichts unmöglich schien, hatten die so verwickelte Frage des Projectils, der Kanone und des Pulvers gelöst. Ihr Plan war fertig, man brauchte ihn nur auszuführen.

»Das ist nur Detail, eine Bagatelle«, sagte J. T. Maston.

Anmerkung.

Daß bei dieser Berathung der Präsident Barbicane die Erfindung des Collodiums einem seiner Landsleute zuschreibt, beruht auf einem Irrthum, worüber Herr Maston nicht grollen möge; derselbe rührt von der Aehnlichkeit zweier Namen her.

Ein Studierender zu Boston Namens Maynard hatte zwar im Jahre 1847 die Idee, das Collodium bei Behandlung von Wunden anzuwenden; aber entdeckt wurde das Collodium bereits 1846 von einem Franzosen Louis Menard, einem geistvollen Gelehrten, der zugleich Maler, Dichter, Philosoph, Hellenist und Chemiker war.

J. V.

Zehntes Capitel

Ein Feind gegen fünfundzwanzig Millionen Freunde

Das amerikanische Publicum verfolgte das Vorhaben des Gun-Clubs mit lebhaftem Interesse bis in die geringsten Details. Es begleitete Tag für Tag die Berathungen des Comités, und unterhielt sich mit größter Leidenschaft über die einfachsten Vorbereitungen zu der großen Unternehmung, die Zifferfragen, die mechanischen Schwierigkeiten, welche zu lösen waren, um sie in Gang zu bringen.

Zwar sollte ein ganzes Jahr vom Beginnen der Arbeiten bis zu ihrer Vollendung verfließen, aber es fehlte diese Zeit über nicht an stets erneuten Anregungen der Theilnahme: die Wahl des Ortes für das Bohren der Kanone, die Verfertigung der Gießform, der Guß der Columbiade, ihr höchst gefährliches Laden – dies Alles enthielt Stoff genug für die Neugierde des Volks. War das Projectil einmal abgeschossen, so sollte es vor Ablauf einer halben Minute den Blicken entschwinden; was daraus werden, wie es ihm im Weltenraum ergehen, wie es bis zu dem Monde gelangen würde, mit eigenen Augen zu beobachten, sollte nur Wenigen vorbehalten bleiben. Daher nahmen die Vorbereitungen, die genauen Details der Ausführung damals das wirkliche Interesse in Anspruch.

Indessen wurde der rein wissenschaftliche Reiz der Unternehmung auf einmal durch einen Zwischenfall in hohem Grade gesteigert.

Barbicane’s Project hatte ihm Legionen von Bewunderern und Freunden verschafft; aber so ehrenhaft, so außerordentlich dieser allgemeine Beifall war, einstimmig sollte er nicht werden. Ein einziger Mann, ein einziger im ganzen Staatenverband, erhob Widerspruch gegen den Versuch des Gun-Clubs und griff ihn bei jeder Gelegenheit heftig an. Barbicane, – so ist die menschliche Natur – war mehr empfindlich gegen diese einzige Opposition, als empfänglich für den Beifall aller Uebrigen.

Doch war ihm das Motiv dieses unvertilgbaren Widerwillens, der Ursprung dieser vereinzelten Feindschaft wohl bekannt: er wußte, aus welcher Quelle persönlicher Eifersucht des Ehrgeizes sie längst entsprungen war.

Diesen hartnäckigen Feind hatte der Präsident des Gun-Clubs niemals gesehen; zum Glück, denn ein persönliches Begegnen dieser beiden Männer hätte gewiß traurige Folgen gehabt. Der Nebenbuhler war ein Gelehrter, wie Barbicane, eine stolze, kühne, entschiedene, ungestüme Natur, ein echter Yankee. Er hieß Kapitän Nicholl und wohnte zu Philadelphia.

Jedermann ist bekannt, wie während des Bundeskriegs sich ein merkwürdiger Kampf zwischen dem Projectil und dem Panzer der Schiffe entspann, indem jenes bestimmt war diesen zu durchbohren, letzterer sich nicht durchbohren lassen wollte. Es entsprang daraus eine nationale Umbildung der Marine in den Staaten der beiden Welttheile. Die Kugel und die Eisenplatte rangen mit beispielloser Erbitterung, indem jene an Größe, diese an Dicke in stetem Verhältniß zunahmen. Die mit fürchterlichen Geschützen versehenen Schiffe boten unterm Schutz ihrer undurchdringlichen Bepanzerung dem feindlichen Feuer Trotz. Die Merrimac, Monitor, Ram-Tenesse, Weckausen warfen, gegen die Projectile der anderen gedeckt, enorme Geschosse. Sie thaten Anderen, was sie nicht wollten, daß man ihnen thue, nach dem unmoralischen Princip der ganzen Kriegskunst.

War nun Barbicane berühmt im Gießen der Geschosse, so war es Nicholl nicht minder im Schmieden der Eisenplatten. Tag und Nacht goß der Eine zu Baltimore, schmiedete der Andere zu Philadelphia: eine entgegengesetzte Strömung der Ideen trieb und belebte beide. Sowie Barbicane eine neue Kugel erfand, setzte Nicholl eine neue Platte dagegen. Der Präsident des Gun-Clubs war sein Leben lang darauf bedacht, Löcher zu bohren, der Kapitän, ihn daran zu hindern. Daher eine fortwährende Eifersucht, welche eine persönliche ward. Nicholl erschien in Barbicane’s Phantasie gleich einem undurchdrunglichen Panzer, an welchem solche Bemühungen scheiterten, und Barbicane war in Nicholl’s Gedanken wie ein Projectil, das ihn durch und durch bohrte.

Obwohl nun diese beiden Gelehrten zwei divergirende Linien einschlugen, so wären sie doch, entgegen allen Lehrsätzen der Geometrie, am Ende auf einander gestoßen; doch auf dem Boden des Duells. Zum Glück für diese ihrem Vaterland so nützlichen Bürger waren sie durch einen Zwischenraum von fünfzig bis sechzig Meilen von einander getrennt, und ihre Freunde wußten ihnen so viele Hindernisse entgegen zu schieben, daß sie sich niemals begegneten.

Zur Zeit wußte man noch nicht recht, welcher der beiden Erfinder den Sieg davon tragen würde; es schien jedoch, es werde schließlich der Panzer der Kugel das Feld räumen. Jedoch waren competente Beurtheiler noch im Zweifel. Bei den letzten Proben waren Barbicane’s kegel-cylindrische Spitzkugeln in Nicholl’s Platten stecken geblieben; jetzt glaubte der Schmied zu Philadelphia schon den Sieg in Händen zu haben und seinen Rivalen gering schätzen zu dürfen; als aber später dieser anstatt der Spitzkugeln einfache sechshundertpfündige Haubitzgranaten verwendete, mußte der Kapitän schon sich herab stimmen. In der That, diesen Geschossen gelang es, obschon bei mäßiger Schnelligkeit, die Platten aus bestem Metall zu zerschmettern, zu durchlöchern, in Stücke zu zertrümmern.

Als nun der Sieg auf Seiten der Kugel gesichert schien, und Nicholl eben einen neuen Panzer von Schmiedeeisen fertig hatte, nahm der Krieg ein Ende. Es war ein Meisterstück, das allen Geschossen der Welt Trotz bot. Der Kapitän ließ es auf das Polygon zu Washington bringen, und forderte den Präsidenten des Gun-Clubs auf, es zu zertrümmern. Nach dem Friedensschluß wollte Barbicane gar nicht mehr die Probe machen.

Darauf erbot sich Nicholl, seine Platte den unwahrscheinlichsten Schüssen auszusetzen, Vollkugeln oder hohlen, Spitzkugeln oder runden, aber der Präsident ließ sich nicht darauf ein, er wollte durchaus nicht mehr seinen letzten Erfolg einer Gefahr aussetzen.

Nicholl, durch diesen unbeschreiblichen Eigensinn gereizt, wollte Barbicane durch alle Vortheile, die er ihm anbot, in Versuchung bringen. Er schlug vor, seine Platte in einer Entfernung von zweihundert Yards von der Kanone aufzustellen. Barbicane beharrte auf seiner Weigerung. Auf hundert Yards? Nicht einmal auf fünfundsiebenzig.

»Auf fünfzig dann«, rief der Kapitän in seinen Journalen, »auf fünfundzwanzig Yards meine Platte, und ich will mich dahinter stellen!«

Barbicane ließ antworten, selbst wenn Nicholl sich davor stellte, würde er doch nicht mehr schießen.

Nun gerieth Nicholl außer sich, wurde beleidigend. Er erklärte, Feigheit sei eine untrennbare Eigenschaft; ein Mann, der sich weigere, einen Kanonenschuß zu thun, sei nahe daran sich zu fürchten; überhaupt, die Artilleristen, welche sich jetzt auf sechs Meilen Distanz schlagen, seien so klug, persönlichen Muth durch mathematische Formeln zu ersetzen; und übrigens verrathe es ebenso viel Muth, hinter einer Platte eine Kugel ruhig abzuwarten, als sie nach allen Regeln der Kunst abzuschießen.

Barbicane ließ sich nicht herbei, auf solche gehässige Aeußerungen zu antworten; vielleicht auch kamen sie ihm nicht zu Ohren, denn die Beschäftigung mit seinem großen Vorhaben nahm ihn völlig in Beschlag.

Als er seine berühmte Mittheilung an den Gun-Club machte, stieg Nicholl’s Zorn auf’s Höchste. Es mischte sich ein hoher Grad von Eifersucht bei, und das Bewußtsein, gar nichts dagegen zu vermögen! Wie konnte er etwas erfinden, was diese Columbiade von neunhundert Fuß Länge überbot! Konnte jemals ein Panzer einem Dreißigtausendpfünder Widerstand leisten? Nicholl war Anfangs zu Boden geworfen, vernichtet, zerschmettert von diesem »Kanonenschuß«; hernach richtete er sich wieder auf, und beschloß, den Vorschlag durch das Gewicht seiner Beweisgründe zu vernichten.

Er griff also die Arbeiten des Gun-Clubs auf’s Heftigste an; schrieb eine Menge Briefe, welche die Journale gerne abdruckten. Er versuchte auf wissenschaftlichem Wege Barbicane’s Werk zu zerstören. Als einmal der Krieg in Gang war, rief er Gründe aller Art, und offen gesagt, häufig auch nur scheinbare ohne Gehalt, zu seinem Beistand.

Zuerst griff er Barbicane sehr heftig in seinen Berechnungen an; suchte durch A+B die Unrichtigkeit seiner Formeln zu beweisen, und beschuldigte ihn, das A.B.C. der Ballistik nicht zu verstehen. Unter anderen Irrthümern wies er ihm nach, daß richtiger Berechnung zufolge es durchaus nicht möglich sei, irgend einem Körper eine Geschwindigkeit von zwölftausend Yards in der Secunde zu geben; er behauptete, die Algebra an der Hand, daß selbst bei dieser Geschwindigkeit niemals ein Geschoß über die Grenze der Erdatmosphäre gelangen könne! Es würde selbst keine acht Lieues (zwanzig engl. Meilen) weit fliegen können. Mehr noch. Nähme man die Schnelligkeit als zu erzielen und für hinreichend an, so würde doch die Hohlkugel nicht dem Druck des durch Entzündung von einer Million sechshunderttausend Pfund Pulver entwickelten Gas widerstehen; und vermöchte sie auch dieses, so würde sie wenigstens eine solche Temperatur nicht aushalten, sondern beim Herausfahren aus der Columbiade schmelzen, und als siedender Regen auf die Köpfe der unbedachtsamen Zuschauer niederfallen.

Barbicane verzog bei diesen Angriffen keine Miene, und fuhr ungestört fort an seinem Werk.

Darauf faßte Nicholl die Frage von anderen Seiten an. Ohne von der Nutzlosigkeit des Experiments in jeder Hinsicht zu reden, sah er dasselbe als höchst gefährlich an, sowohl für die Bürger, welche ein so verwerfliches Schauspiel mit ihrer Gegenwart beehren würden, als auch für die Nachbarstädte; denn er bemerkte ebenso, daß, wenn das Projectil sein Ziel nicht erreichte – was durchaus unmöglich sei –, es augenscheinlich auf die Erde zurückfallen würde, da denn das Herabfallen einer solchen Masse, deren Wucht um das Quadrat ihrer Schnelligkeit vervielfacht würde, irgend einen Punkt der Erde ausnehmend beschädigen müsse. Unter solchen Umständen also, und ohne die Rechte freier Bürger zu beeinträchtigen, gehöre der Fall zu denjenigen, wo die Regierung einschreiten müsse, denn man dürfe nicht nach dem Belieben eines Einzelnen die Sicherheit Aller gefährden.

Man sieht, zu welchen Uebertreibungen der Kapitän Nicholl sich fortreißen ließ. Er blieb mit seiner Meinung allein. Auch beachtete Niemand seine schlimmen Voraussagungen. Man ließ ihn daher nach Belieben schreien, wenn’s ihn auch seine Lunge kostete. Er machte sich zum Vertheidiger einer zum Voraus verlorenen Sache; man hörte ihn wohl, merkte aber nicht darauf, und er entzog dem Präsidenten des Gun-Clubs nicht einen einzigen Verehrer. Dieser hielt es übrigens nicht einmal für der Mühe werth, die Beweisführung seines Rivalen zu widerlegen.

Da Nicholl, in seine letzten Verschanzungen zurückgedrängt, nicht einmal persönlich seine Sache verfechten konnte, beschloß er sein Geld daran zu wenden. Er schlug daher öffentlich, in dem Enquirer von Richmond, eine Reihe von Wetten vor, die in einem steigenden Verhältniß folgendermaßen ausgedrückt waren.

Er wettete:

1. Daß die zur Unternehmung des Gun-Clubs erforderlichen Geldmittel nicht würden aufgebracht werden, um

1000 Dollars

2. Daß das Gießen einer Kanone von neunhundert Fuß Länge unausführbar sei, und nicht gelingen werde, um

2000 Dollars.

3. Daß es unmöglich sein würde, die Columbiade zu laden, und daß die Schießbaumwolle unter dem Druck des Projectils von selbst sich entzünden würde, um

3000 Dollars.

4. Daß die Columbiade beim ersten Schuß zerspringen würde, um

4000 Dollars.

5. Daß die Kugel nicht sechs Meilen weit fliegen, und einige Secunden nach dem Abschießen niederfallen werde, um

5000 Dollars.

Man sieht, der Kapitän setzte in seinem unüberwindlichen Starrsinn eine bedeutende Summe daran, im Ganzen 15,000 Dollars.

Trotz der so bedeutenden Wette erhielt er, am 19. Mai, ein versiegeltes, mit köstlichem Lakonismus folgendermaßen abgefaßtes Schreiben:

»Baltimore, 18. October.

Angenommen.

Barbicane.«

Elftes Capitel

Florida und Texas

Indessen blieb eine Frage noch zu entscheiden: man mußte einen für das Experiment geeigneten Platz wählen. Der Empfehlung des Observatoriums nach mußte der Schuß senkrecht auf den Horizont, d.h. gegen den Zenith gerichtet werden, aber der Mond steigt nur in den Gegenden zwischen 0° und 28° Breite bis zum Zenith, mit anderen Worten: seine Abweichung beträgt nur 28°. Es handelte sich also darum, genau die Stelle zu bestimmen, wo die ungeheure Columbiade gegossen werden sollte.

Als der Gun-Club am 20. October eine General-Versammlung hielt, brachte Barbicane eine prächtige Karte der Vereinigten Staaten von Z. Belltropp dahin mit. Aber ohne ihm Zeit zum Auseinanderlegen derselben zu lassen, hatte J. T. Maston mit gewohntem Ungestüm das Wort begehrt, und sprach also:

»Ehrenwerthe Collegen, die Frage, welche heute behandelt werden soll, hat eine wahrhaft nationale Bedeutung, und sie wird uns Gelegenheit geben, einen großen Act des Patriotismus auszuführen.«

Die Mitglieder des Gun-Clubs sahen sich einander an, da sie nicht begriffen, wo der Redner damit hinaus wollte.

»Keiner von Ihnen«, fuhr er fort, »denkt sich mit dem Ruhm abzufinden, und die Union darf gewiß das Recht in Anspruch nehmen, die furchtbare Kanone des Gun-Clubs in ihrem Schooße zu bergen. Unter den gegenwärtigen Umständen nun …

– Wackerer Maston … sagte der Präsident.

– Gestatten Sie mir, meinen Gedanken zu entwickeln, fuhr der Redner fort. Unter den gegenwärtigen Umständen müssen wir einen Ort wählen, der dem Aequator nahe genug liegt, damit das Experiment unter den erforderlichen Bedingungen gemacht werde …

– Wenn Sie die Güte haben wollen … sagte Barbicane.

– Ich begehre freie Aeußerung der Ideen, versetzte der aufbrausende Maston, und ich behaupte, daß der Landstrich, von welchem unser glorreiches Projectil sich emporschwingen wird, der Union angehören muß.

– Kein Zweifel! erwiderten einige Mitglieder.

– Nun! Weil die Ausdehnung unseres Gebiets nicht so weit reicht, weil uns im Süden der Ocean eine Schranke setzt, über welche wir nicht hinaus können, weil wir den achtundzwanzigsten Grad außerhalb der Vereinigten Staaten in einem Nachbarlande suchen müssen, so giebt das einen berechtigten casus belli, und ich verlange, daß man Mexiko den Krieg erkläre!

– Nein! Nein! rief man von allen Seiten.

– Nein! entgegnete Maston. Im Schooße dieser Versammlung muß man doch über dieses Wort staunen!

– Aber hören Sie doch! …

– Niemals! niemals! rief der feurige Redner. Früher oder später muß dieser Krieg geführt werden, und ich verlange, daß man ihn heute noch erkläre.

– Maston, sagte Barbicane, und ließ laut seine Glocke erschallen, ich entziehe Ihnen das Wort!«

Maston wollte erwidern, aber es gelang einigen seiner Collegen, ihn zu beschwichtigen.

»Ich stimme bei«, sagte Barbicane, »daß das Experiment nur auf dem Boden der Union vorgenommen werden darf, aber wenn mein ungeduldiger Freund mich hätte reden lassen, wenn er einen Blick auf eine Karte geworfen hätte, so wüßte er, daß es durchaus unnöthig ist, unsern Nachbarn den Krieg zu erklären, denn einige Grenzlandschaften der Vereinigten Staaten reichen bis über die Linie des achtundzwanzigsten Grades hinaus. Sehen Sie, wir haben den ganzen südlichen Theil von Texas und Florida zur Verfügung.«

Der Zwischenfall hatte keine Folgen; doch ließ sich Maston nur ungern überzeugen. Es wurde also beschlossen, die Columbiade solle auf dem Gebiete von Texas oder Florida gegossen werden. Aber dieser Beschluß sollte eine beispiellose Rivalität zwischen den Städten dieser beiden Staaten hervorrufen.

Der achtundzwanzigste Breitegrad durchschneidet da, wo er an die amerikanische Küste stößt, die Halbinsel Florida, welche er in zwei fast gleiche Theile zerlegt. Dann bildet er vom Mexicanischen Golf die Sehne eines Bogens, welchen die Küsten Alabama’s, Mississippi’s und Louisiana’s beschreiben, schneidet hierauf ein Stück von Texas ab, und zieht weiter durch Mexico über Sonora und Alt-Californien zum Stillen Ocean. Es waren also nur die südlich vom achtundzwanzigsten Grad gelegenen Theile von Texas und Florida in der Lage, den vom Observatorium zu Cambridge anempfohlenen Bedingungen der Breite zu entsprechen.

Florida hat in seinem südlichen Theile keine bedeutenden Städte, ist nur mit Forts zum Schutz gegen die unstäten Indianer gespickt. Eine einzige Stadt, Tampa-Town, konnte ihrer günstigen Lage wegen sich mit Ansprüchen melden.

In Texas dagegen sind zahlreichere und bedeutendere Städte. Corpus-Christi in der Landschaft Nucces, und alle Städte am Rio-Bravo, Laredo, Comalites, San-Ignacio, im Web, Roma, Rio-Grande-City, im Starr, Edinburg, im Hidalgo, Santa-Rita, El Panda, Brownsville, im Cameron, bildeten gegen die Ansprüche Floridas einen imponirenden Bund.

Daher kamen denn auch, als der Beschluß kaum bekannt war, Deputationen aus Texas und Florida eiligst nach Baltimore, und der Präsident Barbicane, sowie die einflußreichen Mitglieder des Gun-Clubs wurden Tag und Nacht mit fürchterlichen Reclamationen bestürmt. Stritten einst sieben Städte Griechenlands um die Ehre, die Geburtsstätte Homer’s zu sein, so drohten jetzt zwei ganze Staaten um einer Kanone willen in Streit zu gerathen.

Man sah damals diese »wilden Brüder« gewaffnet in den Straßen der Stadt umherwandeln. Bei jedem Begegnen war ein Conflict zu befürchten, der schlimme Folgen haben konnte. Zum Glück verstand der Präsident mit Klugheit und Geschicklichkeit die Gefahr zu beschwören. Die Journale der verschiedenen Staaten wetteiferten mit persönlichen Demonstrationen; New-York Herald und die Tribune unterstützten Texas, während die Times und American Review für Florida plaidirten. Die Mitglieder des Gun-Clubs wußten nicht mehr, wem sie Gehör geben sollten.

Texas zog stolz heran mit seinen sechsundzwanzig Provinzen, welche es wie eine Batterie aufstellte; aber Florida erwiderte, daß in einem sechsfach kleineren Lande zwölf Provinzen doch mehr vermöchten, als sechsundzwanzig.

Texas prahlte stark mit seinen dreihundertunddreißigtausend Eingeborenen, aber Florida rühmte sich bescheidener, bei seinen sechsundfünfzigtausend Bewohnern doch besser bevölkert zu sein. Außerdem warf es Texas vor, es habe eine besondere Art von Sumpffieber, welchem Jahr aus Jahr ein, in guter wie schlechter Zeit, einige tausend als Opfer fielen. Und es hatte nicht Unrecht.

Texas entgegnete, hinsichtlich des Fiebers habe Florida ihm nichts vorzuwerfen, und es sei mindestens unklug, andere Länder als ungesund zu bezeichnen, wenn man die Ehre habe, das »schwarze Erbrechen« (Vomito negro) chronisch bei sich zu haben. Und es hatte Recht.

»Uebrigens«, fügte Texas durch den New-York Herald bei, »ist man einem Staate Rücksicht schuldig, wo die beste Baumwolle in Amerika wächst, einem Staat, der das beste Schiffbauholz liefert, so prachtvolle Kohlen enthält, und Eisenerz, das fünfzig Procent reines Metall ausgiebt.«

Hierauf erwiderte der American Review, der Boden Florida’s sei zwar nicht so ergiebig, liefere aber die besten Erfordernisse für die Formen und den Guß der Columbiade, denn es sei reich an Sand und Thonboden.

»Aber«, entgegneten die Texaner, »ehe man in einem Land etwas gießen will, muß man in dasselbe hineinkommen; allein die Verkehrswege mit Florida sind schwierig, während die Küste von Texas die Bai von Galveston darbietet, welche vierzehn Meilen Umfang hat und alle Flotten der Welt aufnehmen kann.«

– Gut! erwiderten die Florida ergebenen Journale, Ihr möget hübsch prahlen mit der Bai Galveston, die über dem neunundzwanzigsten Breitegrad liegt. Haben wir nicht die Bai Espiritu Santo gerade unter dem achtundzwanzigsten, unmittelbar vor Tampa-Town?

– Hübsche Bai! versetzte Texas, die halb versandet ist!

– Selbst versandet! rief Florida. Sollte man nicht meinen, Ihr wäret ein Land von Wilden?

– Wahrhaftig, die Seminolen durchstreifen auch Eure Wiesengründe!

– Ei! und Eure Apachen und Comanchen, sind die civilisirt?

So dauerte der Krieg seit einigen Tagen, als Florida seinen Gegner auf einen anderen Boden zu ziehen versuchte, und eines Morgens gab die Times zu verstehen, da die Unternehmung eine »wesentlich amerikanische« sei, so könne sie auch nur auf »wesentlich amerikanischem« Boden vorgenommen werden!

Bei diesen Worten rief Texas empört: »Amerikaner! Sind wir’s nicht ebenso gut? Sind nicht Texas und Florida mit einander im Jahre 1845 der Union einverleibt worden?«

– Allerdings, versetzte die Times, aber wir gehören seit 1820 zum Staat.

– Ich glaub’s wohl, entgegnete die Tribune; nachdem Ihr zweihundert Jahre Spanier oder Engländer waret, hat man Euch um fünf Millionen Dollars an die Vereinigten Staaten verkauft.

– Was liegt daran? erwiderten die Floridaner, haben wir uns dessen zu schämen? Hat man nicht 1803 Louisiana für sechzehn Millionen Dollars von Napoleon gekauft?

– Eine Schande! riefen dann die Deputirten von Texas. Ein armseliger Fetzen Landes, wie Florida, wagt sich mit Texas zu vergleichen, das nicht verkauft wurde, sondern sich selbst unabhängig gemacht hat, das am 2. März 1836 die Mexicaner hinausjagte, und nach dem Sieg S. Huston’s über Santa-Anna’s Truppen am San-Jacinto sich zu einer Föderativrepublik erklärt hat! Ein Land endlich, das sich freiwillig den Vereinigten Staaten Amerika’s angeschlossen hat!

– Aus Angst vor den Mexicanern! entgegnete Florida.

Angst! Sowie dies allzu lebhafte Wort gesprochen war, wurde die Lage unerträglich. Man versah sich einer Mordscene auf den Straßen Baltimore’s. Es wurde nöthig die Abgeordneten zu überwachen.

Der Präsident Barbicane wußte nicht, wohin er den Kopf wenden sollte. Es regneten Noten, Urkunden, grobe Drohbriefe in sein Haus. Für wen sollte er sich entscheiden? Vom Gesichtspunkt der Zugehörigkeit, der Zugänglichkeit, der Leichtigkeit des Transports waren die Ansprüche beider Staaten völlig gleich. Politische Anzüglichkeiten hatten nichts mit der Frage zu schaffen.

Dieses Schwanken, diese Verlegenheit dauerte schon geraume Zeit, als Barbicane sich entschloß herauszukommen; er versammelte seine Collegen und legte ihnen einen Bescheid vor, der, wie man sehen wird, recht weise war.

»Bei reiflicher Erwägung dessen, was so eben zwischen Florida und Texas vorfiel, ist es offenbar, daß sich die nämlichen Schwierigkeiten zwischen den Städten des bevorzugten Staates ergeben werden. Die Rivalität wird von der Gattung zur Art, vom Staat zur Stadt fortschreiten. Nun hat Texas elf Städte von den erforderlichen Bedingungen, die sich um die Ehre der Unternehmung streiten werden, und wir werden neue Feinde dadurch bekommen; Florida dagegen hat nur eine. Also entscheiden wir für Florida und Tampa-Town!«

Als dieser Bescheid bekannt wurde, machte er die Abgeordneten von Texas ganz zerschlagen. Sie geriethen in unbeschreiblichen Zorn und bedrohten mehrere Mitglieder des Gun-Clubs namentlich. Den Behörden von Baltimore blieb nur ein Mittel übrig, und sie ergriffen es. Man ließ einen Extrazug heizen, brachte die Texaner mit oder wider Willen darauf und schaffte sie mit einer Schnelligkeit von dreißig Meilen die Stunde fort.

Aber so rasch sie dahin fuhren, hatten sie doch Zeit genug ihren Gegnern ein letztes drohendes Spottwort zuzurufen.

Anspielend auf den schmalen Landstrich, wie Florida zwischen beiden Meeren sich hinstreckt, behaupteten sie, es werde den Stoß des Schusses nicht aushalten, und beim ersten Kanonenschuß auseinander springen.

»Nun denn! so mag es springen!« erwiderten die Floridaner mit einem Lakonismus, der des Alterthums würdig war.

Zwölftes Capitel

Dem ganzen Erdkreis

Als die astronomischen, mechanischen, topographischen Schwierigkeiten gelöst waren, kam die Geldfrage. Es handelte sich um die Beschaffung einer enormen Summe für die Ausführung des Projects. Kein Privatmann, kein Staat selbst hätte die erforderlichen Millionen zur Verfügung gehabt.

Der Präsident Barbicane entschloß sich daher, obwohl die Unternehmung eine amerikanische war, sie zu einer Sache des allgemeinen Interesses zu machen, und jedes Volk um seine finanzielle Betheiligung anzugehen. Die ganze Erde hatte zugleich das Recht und die Pflicht, in den Angelegenheiten ihres Trabanten mitzuwirken. Die zu dem Ende eröffnete Subscription richtete sich von Baltimore an die gesammte Welt, Urbi et Orbi.

Diese Subscription sollte über alle Erwartung Erfolg haben. Es handelte sich jedoch nicht um eine Anleihe, sondern um ein Geldgeschenk. Die Operation war buchstäblich ohne Interessen und bot keine Aussicht auf einen Vortheil.

Aber die Mittheilung Barbicane’s hatte ihre Wirkung über die Gränzen der Vereinigten Staaten hinaus geäußert, war über den Atlantischen und Stillen Ocean gedrungen, hatte sich zugleich über Asien und Europa, Afrika und Oceanien verbreitet.

Die Observatorien der Union setzten sich unmittelbar mit den ausländischen in Verbindung; die einen, zu Paris, Petersburg, Berlin, Altona, Stockholm, Warschau, Hamburg, Ofen, Bologna, Malta, Lissabon, auf dem Cap, zu Benares, Madras, Peking, ließen dem Gun-Club ihre Begrüßung zugehen; die anderen beobachteten eine vorsichtig zuwartende Haltung.

Das Observatorium zu Greenwich, dem die zweiundzwanzig übrigen astronomischen Beobachtungsstätten Großbritanniens beifällig wurden, sprach sich klar aus; es leugnete dreist die Möglichkeit des Erfolges, und stellte sich auf die Seite der Theorieen des Kapitäns Nicholl. Ebenso, während die verschiedenen gelehrten Gesellschaften Abgeordnete nach Tampa-Town zu schicken versprachen, ging das Bureau zu Greenwich in einer Sitzung brutal über Barbicane’s Vorschlag zur Tagesordnung über. Es war das die pure englische Eifersucht, nichts sonst.

Im Ganzen war der Eindruck auf die wissenschaftliche Welt ausgezeichnet, und äußerte seinen Einfluß auf die Massen, welche im Allgemeinen sich lebhaft für die Frage interessirten; ein sehr wichtiger Umstand, weil man an diese sich wendete, um ein beträchtliches Capital zu unterzeichnen.

Der Präsident Barbicane hatte am 8. October ein Manifest voll Enthusiasmus erlassen, worin er sich an alle Menschen von gutem Willen auf dem Erdball wendete. Dieses Schriftstück wurde in alle Sprachen übersetzt und hatte guten Erfolg.

In den Hauptstädten der Union wurden Subscriptionen aufgelegt, um sich zu Baltimore bei der Bank, 9 Baltimore-Street, zu centralisiren; hierauf unterzeichnete man in den verschiedenen Staaten der beiden Welttheile:

– Zu Wien bei S. M. von Rothschild;

– Petersburg bei Stieglitz & Cie.;

– Paris beim Credit Mobilier;

– Stockholm bei Tottie & Arfuredson;

– London bei N. M. von Rothschild & Söhne;

– Turin bei Ardouin & Cie.;

– Berlin bei Mendelsohn;

– Genf bei Lombard, Odier & Cie.;

– Constantinopel bei der Ottomanischen Bank;

– Brüssel bei S. Lambert;

– Madrid bei Daniel Weisweller;

– Amsterdam beim Credit Néerlandais;

– Rom bei Torlonia & Cie.;

– Lissabon bei Lecesne;

– Kopenhagen bei der Privatbank;

– Buenos Ayres bei der Bank Maua;

– Rio-de-Janeiro bei demselben Hause;

– Montevideo ebendaselbst;

– Valparaiso bei Thomas La Chambre & Cie.;

- Zu Mexico bei Martin Daran & Cie.;

– Lima bei Th. Lachambre & Cie.

Drei Tage nach dem Manifest des Präsidenten Barbicane waren in den verschiedenen Städten der Union vier Millionen Dollars hergeschossen. Mit einer solchen Baarschaft konnte der Gun-Club schon sich in Bewegung setzen.

Doch einige Tage später ward durch Depeschen Amerika kund, daß die auswärtigen Listen sich wetteifernd mit Unterzeichnungen bedeckten. Einige Länder zeichneten sich durch edle Freigebigkeit aus, andere öffneten minder leicht die spendende Hand. Das ist Sache des Temperaments.

Uebrigens sprechen Zahlen beredter, als Worte; es folge daher hier die officielle Aufstellung der Summen, welche nach dem Schluß der Unterzeichnungen dem Gun-Club zur Verfügung waren.

Rußland zeichnete als seinen Antheil den enormen Betrag von dreihundertachtundsechzigtausendsiebenhundertdreiunddreißig Rubeln. Wollte man sich darüber wundern, so müßte man den wissenschaftlichen Sinn der Russen verkennen, und den Fortschritt, welcher die astronomischen Studien bei ihnen begleitet, Dank ihren zahlreichen Observatorien, deren bedeutendstes zwei Millionen Rubel gekostet hat.

Frankreich lachte Anfangs über die Anmaßung der Amerikaner. Der Mond wurde Zielscheibe unzähliger abgenützter Witze und Gegenstand einer Menge von Vaudevilles, worin schlechter Geschmack mit Unwissenheit wetteiferte. Aber wie die Franzosen vormals zahlten, nachdem sie gesungen, so zahlten sie diesmal, nachdem sie gelacht hatten, und unterzeichneten für eine Summe von einer Million zweihundertfünfunddreißigtausendneunhundertunddreißig Francs. Dafür durften sie schon sich ein wenig lustig machen.

Oesterreich zeigte sich inmitten seiner Finanznoth recht edelmüthig. Sein Beitrag belief sich in öffentlicher Steuer auf zweihundertsechzehntausend Gulden, die sehr willkommen waren.

Zweiundfünfzigtausend Reichsthaler war der Beitrag von Schweden und Norwegen, eine im Verhältniß zum Land ansehnliche Ziffer; aber sie wäre gewiß höher ausgefallen, wenn man die Subscription zu Christiania und Stockholm zu gleicher Zeit aufgelegt hätte. Die Norweger schicken nicht gerne ihr Geld nach Schweden, für welchen Zweck es auch sei.

Preußen bezeugte durch eine Sendung von zweihundertundfünfzigtausend Thalern, wie sehr es die Unternehmung billigte. Seine verschiedenen Observatorien betheiligten sich eifrig mit einer bedeutenden Summe, und trugen am meisten dazu bei, den Präsidenten Barbicane zu ermuthigen.

Die Türkei benahm sich edelmüthig dabei; sie war aber auch besonders dabei interessirt; nach dem Mond ist in der That ihr Jahresverlauf geregelt und ihre Fastenzeit Ramadan. Sie konnte nicht weniger geben, als eine Million dreihundertzweiundsiebzigtausendsechshundertundvierzig Piaster, und sie zahlte dieselben mit einem Eifer, welcher jedoch einen gewissen Druck von Seiten der Pforte erkennen ließ.

Belgien zeichnete sich unter allen Staaten zweiten Ranges aus durch eine Gabe von fünfhundertdreizehntausend Francs, ungefähr zwölf Centimes auf den Kopf seiner Bewohner.

Holland und seine Colonieen betheiligten sich bei der Unternehmung mit hundertundzehntausend Gulden, bat nur um Bewilligung von fünf Procent Sconto, weil man baar zahlte.

Dänemark gab trotz der Beschränkung seines Gebietes doch neuntausend seine Dukaten, ein Beweis, wie gerne die Dänen wissenschaftliche Unternehmungen befördern.

Der Deutsche Bund unterzeichnete vierunddreißigtausendzweihundertfünfundachtzig Gulden; man konnte nicht mehr von ihm begehren; auch hätte er übrigens nicht mehr gegeben.

Italien, obwohl in großer Verlegenheit, fand doch in den Taschen seiner Kinder zweihunderttausend Lire, aber es mußte dieselben tüchtig umkehren. Hätte es Venedig gehabt, so hätte es mehr gespendet; aber es war noch nicht im Besitz desselben.

Der Kirchenstaat glaubte nicht unter siebentausendundvierzig römische Thaler senden zu dürfen, und Portugal bezeugte seine Hingebung an die Wissenschaft mit dreißigtausend Cruzados.

Mexico spendete den Pfennig der Witwe mit sechsundachtzig Piastern; aber Reiche, die in der Gründung begriffen, sind immer etwas beengt.

Zweihundertsiebenundfünfzig Francs war der bescheidene Beitrag der Schweiz zum Werke Amerika’s. Offen gesagt, die Schweiz erkannte nicht die praktische Seite der Unternehmung; sie konnte sich nicht vorstellen, daß das Hinaufsenden einer Kugel in den Mond geeignet wäre, Geschäftsverbindungen mit dem Gestirn der Nacht zu gründen, und es kam ihr unklug vor, in eine so gewagte Unternehmung Geld zu stecken. Nach Allem hatte die Schweiz vielleicht Recht.

Für Spanien war’s unmöglich, mehr wie hundertundzehn Realen aufzubringen. Sein Vorwand war, daß es seine Eisenbahnen noch fertig zu bauen habe. Der wahre Grund aber liegt darin, daß in diesem Lande die Wissenschaft nicht gerne gesehen wird. Es ist noch ein wenig zurück. Und dann waren manche Spanier, die nicht zu den Ungelehrten gehörten, aber keine genaue Vorstellung von der Masse des Projectils im Verhältniß zu der des Mondes sich machen konnten; sie fürchteten, es möge seine Bahn stören, dieselbe in seiner Trabantenbestimmung aus der Ordnung bringen, so daß er auf die Erde fallen müsse. In diesem Falle sei es besser, sich davon fern zu halten. Und das thaten sie auch, etliche Realen abgerechnet.

Blieb noch England. Wir kennen bereits den verächtlichen Widerwillen, womit es Barbicane’s Vorschlag aufnahm. Die Engländer haben nur eine und dieselbe Seele für die fünfundzwanzig Millionen der Bewohner Großbritanniens. Sie gaben zu verstehen, die Unternehmung des Gun-Clubs streite mit dem »Nicht-Interventionsprincip«, und sie unterzeichneten nicht für einen Pfennig.

Auf diese Mittheilung hatte der Gun-Club nur ein Achselzucken, und fuhr fort in seinem großen Werke. Als Südamerika, d.h. Peru, Chili, Brasilien, die La Platastaaten, Columbia, ihnen als Beitrag die Summe von dreihunderttausend Dollars zugestellt hatte, waren sie im Besitz eines ansehnlichen Capitals, dessen Gesammtbetrag sich folgendermaßen errechnete:

Unterzeichnung der Vereinigten Staaten

4,000,000 Dollars,

Ausländische Subscriptionen

1,446,675 Dollars

Summa

5,446,675 Dollars.

Also fünf Millionen vierhundertsechsundvierzigtausend-sechshundertundfünfundsiebenzig Dollars, oder neunundzwanzig Millionen fünfhundertundzwanzigtausend-neunhundertdreiundachtzig Francs vierzig Centimes ließ das Publicum in die Casse des Gun-Clubs fließen.

Staune man nicht über die bedeutende Summe. Die Guß-, Bohr- und Maurer-Arbeiten, die Kosten für Reise und Unterhalt der Arbeiter in einem fast unbewohnten Lande, die Einrichtung der Oefen und Gebäude, das Geräthe der Werkstätten, das Pulver und Projectil, die Nebenkosten, mußten dem Ueberschlag nach fast die ganze Summe verschlingen. Im Bundeskrieg sind gewisse Kanonenschüsse auf tausend Dollars zu stehen gekommen; der Schuß des Präsidenten Barbicane, der in den Annalen der Artillerie einzig dasteht, konnte wohl fünftausendmal mehr kosten.

Am 5. October wurde mit der Hütte Goldspring bei New-York, die während des Kriegs für Parrott seine besten Kanonen gegossen hatte, ein Vertrag abgeschlossen.

Es wurde zwischen den Contrahenten ausgemacht, daß die Hütte Goldspring sich verbindlich mache, das zum Guß der Columbiade erforderliche Material nach Tampa-Town, in Südflorida, hinzuschaffen. Diese Operation sollte bis zum kommenden 15. October fertig, und die Kanone in gutem Zustand geliefert sein bei Strafe von hundert Dollars täglich bis zu dem Moment, da der Mond sich unter den nämlichen Bedingungen wieder darstellen werde, d.h. in achtzehn Jahren und elf Tagen.

Das Anwerben der Arbeiter, ihre Bezahlung, die nöthige wirthschaftliche Einrichtung liege der Compagnie Goldspring ob.

Dieser Vertrag, doppelt und redlich ausgefertigt, wurde unterzeichnet von J. Barbicane, Präsidenten des Gun-Clubs, und J. Murchison, Director des Hüttenwerks Goldspring.

Dreizehntes Capitel

Stone’s-Hill

Seitdem der Gun-Club zu Ungunsten von Texas die Wahl getroffen hatte, ward es in Amerika, wo Jedermann zu lesen versteht, für Jeden eine Obliegenheit, die Geographie von Florida zu studiren. Die Hauptwerke darüber wurden ausverkauft, und es mußten neue Auflagen gemacht werden.

Für Barbicane genügte das Lesen nicht; er mußte mit eigenen Augen sehen, und den Ort für die Columbiade bestimmen. Auch stellte er unverzüglich dem Observatorium zu Cambridge die zur Errichtung eines Teleskops erforderlichen Mittel zur Verfügung, und verhandelte mit dem Hause Bread will und Comp. zu Albany über die Anfertigung des Projectils in Aluminium. Darauf verließ er Baltimore in Begleitung von J. T. Maston, dem Major Elphiston und dem Director der Hütte Goldspring.

Die vier Reisegenossen gelangten am folgenden Tag nach Neu-Orleans, schifften sich da unverzüglich auf dem Tampico ein, einem Avisofahrzeug der Bundesmarine, welches die Regierung ihnen zur Verfügung stellte; und als der Dampf im Zug war, entschwanden bald die Gestade Louisiana’s ihren Augen.

Die Ueberfahrt dauerte nicht lange; zwei Tage nach der Abfahrt, als sie vierhundertachtzig Meilen zurückgelegt hatten, wurden sie der Küste von Florida ansichtig. Als Barbicane näher kam, gewahrte er vor sich ein niedriges, flaches Land von ziemlich unfruchtbarem Aussehen. Nachdem der Tampico eine Reihe Töpfe mit Austern und Hummern gefüllt, fuhr er in die Bai Espiritu Santo ein.

Diese Bai besteht aus zwei langen Rheden, der von Tampa und der von Hillisboro, in deren enge Mündung der Dampfer alsbald einfuhr. Kurz darauf spiegelte das Fort Brooke seine Streichbatterieen auf den Fluthen ab, und es zeigte sich die Stadt Tampa im Hintergrunde des kleinen natürlichen Hafens, welchen die Mündung des Flusses Hillisboro bildet, nachlässig gelagert.

Hier ging der Tampico am zweiundzwanzigsten October um sieben Uhr Abends vor Anker; die vier Passagiere begaben sich unverzüglich an’s Land.

Als Barbicane den Boden Florida’s betrat, klopfte ihm das Herz mit heftigen Schlägen; es war, als betaste sein Fuß den Boden, wie ein Architekt, der ein Gebäude prüft. J. T. Maston kratzte den Boden mit seinem eisernen Haken.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »wir haben keine Zeit zu verlieren; gleich morgen steigen wir zu Pferd, das Land zu recognosciren.«

Sowie Barbicane an’s Land gestiegen war, strömten die dreitausend Bewohner von Tampa-Town ihm entgegen, eine Ehre, die dem Präsidenten des Gun-Clubs wohl gebührte, welcher ihnen bei der Wahl seine Gunst geschenkt hatte. Sie empfingen ihn mit fürchterlichem Beifallsgeschrei; aber Barbicane entzog sich jeder Huldigungsbezeugung, begab sich in ein Zimmer im Hôtel Franklin und nahm keine Besuche an. Der Stand eines berühmten Mannes war ihm entschieden nicht genehm.

Am folgenden Morgen, dreiundzwanzigsten October, sah man kleine Pferde spanischer Race voll Feuer und Leben unter den Fenstern paradiren; aber es waren nicht vier, sondern fünfzig, und zwar beritten. Barbicane kam herab in Begleitung seiner drei Gefährten, und staunte anfangs über den Reiteraufzug um ihn her. Er bemerkte weiter, daß jeder Reiter seinen Karabiner am Bandelier, und Pistolen im Halfter trug. Ein junger Floridaner gab ihm sogleich Auskunft über eine solche Entwickelung von Streitkräften mit den Worten:

»Mein Herr, es giebt da Seminolen.«

– Was? Seminolen?

– Wilde, die auf den Wiesengründen streifen; darum hielten wir für rathsam, Ihnen als Schutzwache zu dienen.

– Pöh! machte Maston, indem er sein Thier bestieg.

– Am Ende, fuhr der Floridaner fort, ist’s so sicherer.

»Meine Herren«, sagte Barbicane, »ich danke für die Aufmerksamkeit; und jetzt vorwärts!«

Die kleine Truppe sprengte sogleich davon und verschwand in einem Staubgewölke. Es war fünf Uhr Morgens; die Sonne glänzte bereits, und der Thermometer zeigte 84°; aber frische Seewinde mäßigten die Hitze.

Barbicane wendete sich von Tampa-Town südlich der Küste entlang, um an das Flüßchen Alisia zu gelangen, das zwölf Meilen unterhalb Tampa-Town in die Bai Hillisboro mündet. Die Truppe ritt längs seinem rechten Ufer östlich aufwärts. Bald verschwanden die Gewässer der Bai hinter einer Biegung des Landes, und nur Flachland lag vor ihren Blicken.

Florida besteht aus zwei Theilen: der nördliche, bevölkerter, minder öde, mit der Hauptstadt Talahassee und Pensacola, einem der bedeutendsten Seearsenale der Vereinigten Staaten; der südliche, eingeengt zwischen den Gewässern des Amerikanischen Meeres und dem Busen von Mexico, ist nur eine schmale Halbinsel längs dem Golfstrom, eine Landspitze inmitten eines kleinen Archipels, beständig von zahlreichen Fahrzeugen des Bahama-Canals umfahren. Es ist bei großen Stürmen der vorgeschobene Schutzposten des Golfs. Die Oberfläche dieses Staats beträgt achtunddreißig Millionen dreiunddreißigtausendzweihundertsiebenundsechzig Morgen (Acres) Landes, auf welchen die für die Unternehmung geeignete Stelle innerhalb des achtundzwanzigsten Breitegrades zu wählen war; daher prüfte auch Barbicane während des Reitens achtsam die Gestaltung des Bodens und seine besondere Vertheilung.

Florida, von Juan Ponce de Leon im Jahre 1518 am Palmsonntag entdeckt, wurde Anfangs nach diesem Tag (Pâques Fleuries) benannt, welche schöne Beziehung gar nicht zu seinen dürren, versengten Küsten paßte. Aber einige Meilen vom Gestade entfernt ändert sich allmälig die Beschaffenheit des Bodens, und das Land zeigt sich seines Namens würdig: der Boden war mit einem Netz von Bächen und Flüßchen, fließenden und stehenden Wassern, kleinen Seen bedeckt; man konnte meinen, man sei in Holland oder Guyana; aber das Land wurde allmälig höher, und zeigte bald seine fruchtbaren Ebenen, wo alle Pflanzenproducte des Nordens und Südens gedeihen, seine unermeßlichen Fluren, wo die tropische Sonne und die im Thonboden enthaltene Feuchtigkeit allen förmlichen Anbau ersparten; endlich seine Wiesengründe voll Ananas, Yams, Tabak, Reis, Baumwolle und Zuckerrohr, welche sich in unabsehlicher Ausdehnung erstreckten und mit ihrem Reichthum in sorgloser Ueppigkeit prangten.

Barbicane schien sehr befriedigt, als er die allmälige Erhebung des Bodens gewahrte, und als Maston ihn darüber befragte, erwiderte er:

»Mein würdiger Freund, wir haben ein bedeutendes Interesse, unsere Columbiade auf dem höher gelegenen Grund zu gießen.«

– Um dem Mond näher zu sein? rief der Secretär des Gun-Clubs.

»Nein!« erwiderte Barbicane lächelnd. »Was machen einige Toisen aus? Vielmehr, weil in dem höheren Grund unsere Arbeiten leichter vorschreiten, wir haben da wenig mit dem Wasser zu kämpfen, was uns weitläufige und kostspielige Röhrenwerke ersparen wird, wenn sich’s darum handelt, einen neunhundert Fuß tiefen Schacht zu graben.«

– Sie haben Recht, sagte darauf der Ingenieur Murchison, man muß soviel wie möglich während des Bohrens das Zuströmen des Wassers vermeiden; aber wenn wir auf Quellen stoßen, das macht nichts aus, wir werden sie mit Maschinen auspumpen, oder wir werden sie ableiten. Es handelt sich hier nicht um einen artesischen Brunnen, wobei der Schraubenbohrer, die Dille, das Senkblei, kurz alle Bohrwerkzeuge im Dunkeln arbeiten. Nein, wir werden in freier Luft, bei hellem Licht arbeiten, der Spaten, die Hacke und Keilhaue in der Hand, und mit Hilfe der Mine werden wir rasch vorwärts kommen.

»Jedoch«, erwiderte Barbicane, »wenn wir durch einen höher liegenden Boden oder die Beschaffenheit desselben einem Kampf mit den unterirdischen Wassern ausweichen können, so wird die Arbeit dabei rascher fördern und tüchtiger sein; suchen wir also unseren Schacht in einen Grund zu führen, der einige hundert Toisen über dem Niveau des Meeres liegt.«

– Sie haben Recht, Herr Barbicane, und irre ich nicht, so werden wir bald eine passende Stelle finden.

– Ah! ich möchte beim ersten Spatenstich dabei sein, sagte der Präsident.

– Und ich beim letzten! rief Maston.

– Wir werden dies Ziel erreichen, meine Herren, erwiderte der Ingenieur, und glauben Sie mir, die Compagnie Goldspring wird Ihnen keine Verzugsstrafen zu zahlen haben.

– Beim heiligen Bart! Da werden Sie wohl daran thun! erwiderte Maston! hundert Dollars täglich, bis der Mond wieder in die nämliche Stellung kommt, d.h. achtzehn Jahre und elf Tage lang; wissen Sie wohl, daß dies sechshundertachtundfünfzigtausend und hundert Dollars betragen würde.

– Nein, mein Herr, wir wissen’s nicht, erwiderte der Ingenieur, und werden’s gar nicht zu lernen brauchen.

Gegen zehn Uhr Vormittags hatte die kleine Schaar bereits ein Dutzend Meilen zurückgelegt; sie kamen aus den fruchtbaren Feldern in die Region der Wälder. Da wuchsen mancherlei Essenzen in tropischer Fülle. Diese fast undurchdringlichen Wälder bestanden aus Granat-, Orangen-, Citronen-, Feigen-, Oliven-, Aprikosen-Bäumen, Pisang und großen Weinreben, deren Früchte und Blüthen mit Farben und Wohlgerüchen um die Wette erquickten. Im duftenden Schatten dieser prachtvollen Bäume flog und sang eine ganze Welt von Vögeln mit glänzenden Farben, unter welchen besonders die Krebsfresser hervorstechen, deren Nest ein Schmuckkästlein sein sollte, um diesen befiederten Kleinodien würdig zu entsprechen.

Maston und der Major konnten sich nicht enthalten, ihre Bewunderung der glänzenden Schönheiten dieser reichen Natur zu äußern.

Aber der Präsident Barbicane eilte, unempfänglich für alle diese Wunder, voran; das Land mißfiel ihm eben durch seine Fruchtbarkeit; ohne gerade ein Wasserentdeckungskünstler zu sein, fühlte er das Wasser unter seinen Füßen, und suchte vergeblich nach Anzeigen einer unbestreitbaren Trockenheit.

Inzwischen kam man vorwärts; man mußte mehrere Flüsse durchwaten, nicht ganz ohne Gefahr, denn sie waren durch fünfzehn bis achtzehn Fuß lange Kaimans gefährlich. Maston drohte ihnen kühn mit seinem eisernen Haken; aber nur die Pelikane, Kriechenten und Phaetons, die wilden Bewohner der Gegend, wurden scheu, während große rothe Flamingos ihn dumm anblickten.

Endlich verschwanden auch diese Bewohner feuchter Landschaft; minder starke Bäume sah man zerstreut in lichterer Waldung; inmitten unendlicher Ebenen zeigten sich vereinzelte Gruppen, wohin sich Heerden aufgescheuchter Damhirsche zogen.

»Endlich!« rief Barbicane in seinen Steigbügeln sich empor richtend, »hier kommt die Fichtenregion!«

– Und auch die der Wilden, erwiderte der Major.

In der That zeigten sich am fernen Horizont einige Seminolen; sie geriethen in Bewegung, rannten auf ihren raschen Pferden hin und her, schwangen lange Lanzen oder schossen dumpf mit ihren Gewehren; übrigens beschränkten sie sich auf diese feindseligen Kundgebungen, ohne weiter zu beunruhigen.

Barbicane befand sich mit seinen Gefährten mitten auf einer felsigen Ebene, einen offenen wenige Morgen großen Raum, worauf die Sonne glühende Strahlen warf. Diese hervorragende geräumige Erhöhung des Bodens schien den Mitgliedern des Gun-Clubs alle für die Aufstellung ihrer Columbiade erforderlichen Eigenschaften zu haben.

»Halt!« rief Barbicane, indem er stehen blieb. »Hat dieser Ort einen Namen im Land?«

– Er heißt Stone’s-Hill (Steinhügel), erwiderte ein Floridaner.

Barbicane stieg schweigend ab, nahm seine Instrumente, und begann seine Lage mit äußerster Genauigkeit aufzunehmen; die kleine Truppe sammelte sich um ihn und beobachtete ihn im tiefsten Schweigen.

In diesem Moment trat die Sonne in den Meridian. Barbicane schrieb nach einigen Augenblicken rasch das Ergebniß seiner Beobachtung auf. »Dieser Platz liegt dreihundert Toisen über der Meeresfläche unterm 27°7’ nördlicher Breite, und 5°7’ westlicher Länge; es scheint mir, er biete durch seine trockene und felsige Beschaffenheit alle dem Unternehmen günstigen Bedingungen dar; auf dieser Ebene wollen wir also unsere Magazine, unsere Werkstätten, Essen, Arbeiterwohnungen errichten, und von dieser, ja dieser Stelle aus«, wiederholte er, indem er mit dem Fuß den Gipfel von Stone’s-Hill betrat, »soll unser Projectil in die Räume der Sonnenwelt empor fliegen!«

Vierzehntes Capitel

Hacke und Kelle

An demselben Abend kehrte Barbicane mit seinen Gefährten nach Tampa-Town zurück, und der Ingenieur Murchison schiffte sich auf dem Tampico wieder nach New-Orleans ein. Er mußte ein Heer von Arbeitern dingen und den größten Theil des Materials dort holen. Die Mitglieder des Gun-Clubs blieben zu Tampa-Town, um mit Hilfe der Leute des Landes die ersten Arbeiten einzurichten.

Acht Tage nach seiner Abfahrt kam der Tampico mit einer kleinen Flotte von Dampfbooten in die Bai Espiritu Santo zurück. Murchison hatte fünfzehnhundert Arbeiter zusammengebracht. Zu der leidigen Zeit der Sclaverei hätte er Zeit und Mühe verloren. Aber seitdem das Land der Freiheit, Amerika, nur freie Bewohner hat, strömen diese von allen Seiten herbei, wo reichlich bezahlte Arbeit sie hinruft. Da es dem Gun-Club nicht an Geld mangelte, so bot er seinen Leuten hohen Lohn nebst beträchtlichen verhältnißmäßigen Vergütungen. Der nach Florida gedungene Arbeiter konnte darauf rechnen, daß nach Vollendung der Arbeit auf der Bank von Baltimore ein Capital für ihn niedergelegt war. Murchison hatte daher nach Belieben die Wahl, und konnte strenge Anforderungen an die Geschicklichkeit und Tüchtigkeit seiner Arbeiter machen. Man darf wohl glauben, daß er in sein Arbeitsheer nur die besten Leute sich wählte, Mechaniker, Heizer, Gießer, Kalkbrenner, Grubenarbeiter, Ziegelstreicher und Handwerker aller Art, schwarze oder weiße, ohne Unterschied der Farbe. Viele von ihnen nahmen ihre Familien mit. Es war eine Art Auswanderung.

Am 31. October um zehn Uhr Vormittags stieg diese Schaar zu Tampa-Town ans Land; man begreift, welche Bewegung und Thätigkeit in diesem Städtchen entstand, als auf einmal sich ihre Einwohnerzahl verdoppelte. In der That mußte dieser Schritt des Gun-Clubs Tampa-Town zu großem Vortheil gereichen, nicht sowohl durch die Menge der Werkleute, welche sich unverzüglich nach Stone’s-Hill begaben, als durch das Zuströmen von Neugierigen, die nach und nach aus allen Theilen der Welt nach der Halbinsel Florida kamen.

In den ersten Tagen schiffte man das mitgebrachte Geräthe aus, die Maschinen, Lebensmittel, nebst einer großen Anzahl von Wohnungen aus Eisenblech, deren Theile auseinandergelegt und numerirt waren. Zu gleicher Zeit steckte Barbicane zur Verbindung von Stone’s-Hill mit Tampa-Town eine fünfzehn Meilen lange Eisenbahn ab.

Es ist bekannt, wie man in Amerika Eisenbahnen baut; launig in Beziehung auf Umwege, mit kühnen Steigungen, Geländer und künstliche Bauten verschmähend, laufen dieselben bergan und bergab blindlings weiter ohne Rücksicht auf die gerade Linie; sie sind nicht kostspielig, nicht unbequem; nur daß man in voller Freiheit darauf entgleist und Luftsprünge macht. Die Strecke von Tampa-Town nach Stone’s-Hill war eine Bagatelle, die nicht viel Geld noch Zeit kostete.

Uebrigens war Barbicane die Seele dieser auf seinen Ruf zusammengeströmten Leute; er belebte sie, theilte ihnen seinen Hauch, seinen Enthusiasmus, seine Ueberzeugung mit; er war allerwärts zugegen, als sei er mit Allenthalbenheit begabt, stets von Maston, wie von einer summenden Mücke, begleitet. Sein praktischer Geist ersann tausend Erfindungen. Für ihn gab’s kein Hinderniß, keine Schwierigkeit, keine Verlegenheit; er war Bergmann, Maurer, Mechaniker sowie Artillerist, hatte Antworten auf alle Fragen und Lösungen für alle Probleme. Er correspondirte lebhaft mit dem Gun-Club oder dem Hüttenwerk Goldspring; Tag und Nacht war mit angezündetem Feuer und gespanntem Dampf der Tampico auf der Rhede zu Hillisboro seiner Befehle gewärtig.

Am 1. November verließ Barbicane mit einem Trupp seiner Arbeiter Tampa-Town und vom folgenden Tage an wuchs um Stone’s-Hill herum eine Stadt maschinenfertiger Häuser empor; man umgab sie mit Palissaden, und ihrem regen, emsigen Leben nach hätte man sie für eine der großen Städte der Union gehalten. Das Leben war darin disciplinarisch geordnet, und die Arbeiten begannen in vollkommenster Ordnung.

Durch sorgfältig angestellte Untersuchungen kannte man schon genau die Beschaffenheit des Bodens, und die Grabarbeit konnte bereits am 4. November in Angriff genommen werden. An diesem Tage versammelte Barbicane seine Werkmeister und sprach zu ihnen:

»Es ist Ihnen, meine Freunde, allen bekannt, weshalb ich Sie in dieser öden Gegend Florida zusammen berufen habe. Es soll eine Kanone gegossen werden, von neun Fuß innerem Durchmesser, mit sechs Fuß dicken Wänden und einer steinernen Verkleidung von neunzehn und ein halb Fuß; dafür nun ist ein Schacht zu graben von sechzig Fuß Breite und neunhundert Tiefe. Diese bedeutende Arbeit soll in acht Monaten fertig sein. Sie haben also zwei Millionen fünfhundertdreiundvierzigtausendvierhundert Kubikfuß Grund auszugraben und binnen zweihundertfünfundfünfzig Tagen, d.h. zehntausend Kubikfuß täglich. Diese Aufgabe, welche für tausend Arbeiter mit freien Armen nicht schwierig ist, wird in einem verhältnißmäßig engen Raum etwas beschwerlicher sein. Dennoch, da es nothwendig ist, wird die Arbeit zu fertigen sein, und ich zähle auf Ihren Muth, wie auf Ihre Tüchtigkeit.«

Um acht Uhr Vormittags geschah der erste Spatenstich in Florida’s Boden, und von diesem Moment an blieb dieses treffliche Werkzeug in der Hand der Grubenleute nicht einen Augenblick müßig. Die Arbeiter lösten sich jeden Viertheil des Tages ab.

So kolossal übrigens die Aufgabe war, überstieg sie doch nicht das Maß menschlicher Kräfte. Wie manche weit schwierigere, wobei die Elemente direct zu bewältigen waren, wurden zu gutem Ende geführt! Und um nun von Arbeiten der nämlichen Art zu reden, brauch’ ich nur den Brunnenschacht des Pater Joseph anzuführen, welchen der Sultan Saladin bei Kairo aufführen ließ, zu einer Zeit, als die menschliche Kraft noch nicht durch Maschinen hundertfach stärker geworden war, und der vom Niveau des Nils dreihundert Fuß in die Tiefe ging. Sodann den zu Coblenz, welchen Markgraf Johann von Baden sechshundert Fuß tief graben ließ. Und, um was handelte sich’s denn hier, kurz zu sagen? Diese Tiefe dreimal zu nehmen bei zehnfacher Breite, wodurch das Graben nur leichter wurde. Darum zweifelte auch kein Werkmeister oder Arbeiter am günstigen Erfolg.

Die Beschleunigung der Arbeit wurde noch durch einen wichtigen Beschluß erleichtert, welchen der Ingenieur Murchison mit dem Präsidenten Barbicane faßte. Ein Artikel des Vertrags besagte, daß die Columbiade mit Ringen von Schmiedeeisen umgeben werden solle, welche glühend angelegt werden mußten. Es war dies eine übertriebene Vorsicht, denn man konnte diese Ringe wohl entbehren. Man verzichtete daher auf diesen Punkt, und sparte dadurch viele Zeit; man konnte dann beim Graben das neue System anwenden, welches man jetzt beim Schachtbau befolgt, indem man das Mauern gleichzeitig mit dem Graben vornimmt. In Folge dieses einfachen Verfahrens ist es nicht mehr nöthig, den Erdgrund mit Strebepfählen zu stützen, das Mauerwerk hält denselben unerschütterlich fest.

Mit diesem Verfahren konnte man jedoch erst dann beginnen, als die Hacke auf den Felsgrund gekommen war.

Am 4. November gruben fünfzig Arbeiter im Mittelpunkt des umzäumten Raumes auf der Oberfläche von Stone’s-Hill ein kreisrundes Loch von sechzig Fuß Breite.

Die Hacke stieß Anfangs auf eine sechs Zoll tiefe Schichte schwarzen Erdreichs, das leicht beseitigt war. Hierauf folgten zwei Fuß seinen Sandes, den man sorgfältig aufhob, um ihn bei Fertigung der Gießform zu benutzen.

Hernach zeigte sich ein weißer, ziemlich fester Thon, ähnlich dem Mergel in England, der eine vier Fuß dicke Schichte bildete.

Jetzt kam man auf den harten Grund von versteinerten Muscheln, der sehr trocken und fest war und fortwährend die Anwendung von Handwerkszeug nothwendig machte. Man hatte bereits eine Tiefe von sechs und einem halben Fuß erreicht, und die Maurerarbeit konnte begonnen werden.

Auf dem Boden dieser Grube fertigte man von Eichenholz eine radförmige stark ausgebolzte Scheibe von erprobter Festigkeit, mit einer Oeffnung in der Mitte von einem Durchmesser gleich dem äußeren der Columbiade. Auf dieser Radscheibe ruhten die ersten Schichten des Mauerwerks, dessen Steine durch hydraulischen Mörtel auf’s Zäheste verbunden waren. Als das Mauerwerk vom Umkreis bis zur Mitte aufgeführt war, befanden sich die Arbeiter in einem einundzwanzig Fuß breiten Schacht eingeschlossen.

Als man damit fertig war, nahmen die Arbeiter Hacke und Pickel zur Hand, hieben den Felsgrund dicht unter der Scheibe an, welche sie nach Maßgabe der fortschreitenden Arbeit mit äußerst starkem Gebälk zu stützen bedacht waren. Sobald die Grube um zwei Fuß tiefer geworden war, nahm man die Balken, einen nach dem andern, heraus; die Radscheibe senkte sich allmälig sammt dem ringförmigen Mauerwerk, welches die Werkleute oben unaufhörlich weiter aufführten, indem sie dabei »Abzugslöcher« frei ließen, durch welche während der Gußarbeit das sich entwickelnde Gas entweichen konnte.

Diese Art von Arbeit erforderte auf Seiten der Arbeiter eine ausnehmende Geschicklichkeit und unablässige Achtsamkeit; Mancher wurde beim Graben unter der Scheibe von Steinsplittern verwundet, aber ihr Eifer ließ bei Tag und Nacht nicht eine Minute nach: bei Tag, wo die Hitze einige Monat später bis auf neunzig Grad2 stieg; Nachts beim bleichen Schein elektrischer Lichtströme, unterm Lärmen der klopfenden Steinhauer, der explodirenden Minen, der knarrenden Maschinen, in einem Wirbel von Dünsten, welche in weitem Kreis um Stone’s-Hill herum die Lüfte durchdrangen, so daß weder Büffelheerden noch Seminolen sich in die Nähe wagten.

Indessen schritten die Arbeiten regelmäßig vor; das Material wurde vermittelst Krahnen durch Dampfkraft auf und ab geschafft; unerwartete Hindernisse gab’s wenige, der vorausgesehenen ward man leicht Herr.

Nach Verlauf des ersten Monats hatte der Schacht die für diesen Zeitraum bestimmte Tiefe, nämlich hundertundzwölf Fuß, erreicht; im December das Doppelte, im Januar das Dreifache dieses Maßes. Während des Februar hatten die Arbeiter gegen Wasser zu kämpfen, welches durch den umgebenden Erdgrund eindrang. Man mußte stark wirkende Pumpen und Vorrichtungen mit zusammengepreßter Luft anwenden, um es herauszuschaffen und dann die Mündungen der Quellen zu vermauern. So wurde man der widerwärtigen Einströmungen Meister; nur geschah es, daß in Folge desweicheren Grundes die Radscheibe zum Theil nachgab und ein theilweises Einstürzen eintrat. Man denke auch, welchen furchtbaren Druck das vierhundertundfünfzig Fuß hohe Mauerwerk auf die Scheibe ausüben mußte. Dabei kamen einige Arbeiter um’s Leben.

Drei Wochen gingen drauf, um das Mauerwerk zu stützen, die Arbeit unten wieder aufzunehmen, und die Scheibe wieder so fest, wie früher, zu machen. Doch erlangte das eine Zeit lang geschädigte Werk durch die Geschicklichkeit der Ingenieure und die Tüchtigkeit der Maschinen seine Festigkeit wieder, und die Bohrarbeit wurde fortgesetzt.

Von nun an hielt kein neuer Zwischenfall den Fortschritt der Arbeit auf, und am 10. Juni, zwanzig Tage vor Ablauf der von Barbicane gesteckten Frist, hatte der Schacht mit seiner vollständigen Mauereinfassung die Tiefe von neunhundert Fuß erreicht. Unten ruhte das Gemäuer auf einem massiven dreißig Fuß dicken Würfel, und oben reichte es an die Oberfläche des Bodens.

Barbicane und die Mitglieder des Gun-Clubs begrüßten warm den Ingenieur Murchison, daß seine Cyklopenarbeit so außerordentlich rasch fertig geworden.

Im Verlauf dieser acht Monate verließ Barbicane Stone’s-Hill nicht einen Augenblick; während er Schritt für Schritt die Bohrarbeit begleitete, bekümmerte er sich unablässig um das Wohlsein und die Gesundheit seiner Arbeiter, und wußte auch glücklich die Krankheiten fern zu halten, welche bei großer Menschenanhäufung so leicht vorkommen, und in den Gegenden tropischen Klimas so gefährlich werden können.

Es hatten zwar mehrere Arbeiter ihre Unvorsichtigkeit mit dem Leben zu büßen; aber bei so gefährlichen Arbeiten sind beklagenswerthe Unfälle der Art unmöglich zu vermeiden, und sie gehören zu dem Detail, was den Amerikanern wenig Sorge macht. Sie bekümmern sich mehr um die Humanität im Allgemeinen, als gegen das Individuum im Besonderen. Doch Barbicane hatte die entgegengesetzten Grundsätze und brachte sie bei jeder Gelegenheit zur Anwendung. Seiner Sorge und Einsicht, seinem nützlichen Einwirken bei schwierigen Fällen, seinem erstaunlichen humanen Scharfblick war es daher auch zu verdanken, daß die Unglücksfälle durchschnittlich diejenige Zahl nicht überschritten, wie sie in denjenigen europäischen Ländern vorkommen, welche man wegen überreicher Vorsichtsmaßregeln als Muster anführt, unter anderen Frankreich, wo man bei den Arbeiten auf zweimalhunderttausend Francs ohngefähr einen Unglücksfall rechnet.

Fünfzehntes Capitel

Das Gußfest

Während acht Monate lang die Grubenarbeit vorgenommen wurde, waren zu gleicher Zeit die Vorarbeiten für den Guß äußerst rasch vorgeschritten; ein Fremder, der nach Stone’s-Hill kam, wäre durch den Anblick, der sich seinen Blicken darbot, sehr überrascht worden.

Sechshundert Yards von dem Schacht entfernt, im Kreise um diesen Mittelpunkt, erhoben sich zwölfhundert Streichösen, jeder sechs Fuß breit und drei von einander entfernt. Es war eine Linie von zwei Meilen Länge, woran diese zwölfhundert Oefen gereiht waren. Alle nach dem nämlichen Muster mit viereckigen Rauchfängen erbaut, machten einen ganz besonderen Eindruck. J. T. Maston fand diese Anordnung prachtvoll. Sie erinnerte ihn an die Monumente Washington’s. Für ihn gab’s nichts Schöneres auf der Welt; selbst in Griechenland oder sonst irgendwo gab’s nie etwas der Art, meinte er.

Wir erinnern uns, daß das Comité in der dritten Sitzung für die Columbiade Gußeisen, insbesondere graues, zu verwenden beschloß. Dieses Metall ist in der That zäher, dehnbarer, weicher, leichter zu feilen, für alle Verrichtungen des Formens geeigneter, und mit Steinkohlen behandelt von vorzüglicher Beschaffenheit für die Stücke großer Widerstandskraft, wie Kanonen, Dampfmaschinencylinder, hydraulische Pressen etc.

Aber das Gußeisen ist, wenn es nur einmal geschmolzen wird, selten gleichartig genug, und man reinigt und läutert es durch ein zweites Schmelzen, indem man es seiner letzten erdigen Bestandtheile dadurch entledigt.

Daher wurde auch das Eisenerz, bevor man es nach Tampa-Town schaffte, in den Hochöfen zu Goldspring behandelt, und mit Steinkohlen und Kieselstoff in Berührung einem hohen Hitzgrade ausgesetzt, war es mit Kohlenstoff verbunden zu Gußeisen geworden. Nach dieser ersten Zubereitung wurde das Metall nach Stone’s-Hill geschafft. Aber die Masse von hundertsechsunddreißig Millionen Pfund war für Beförderung durch Eisenbahn zu kostspielig; die Kosten wären durch den Transport auf’s Doppelte gestiegen. Man zog daher vor, zu New-York Schiffe zu miethen, um sie mit dem Gußeisen in Barren zu befrachten. Es waren nicht weniger als achtundsechzig Fahrzeuge von tausend Tonnen erforderlich, eine wahre Flotte, die am dritten Mai aus den Gewässern von New-York auslief, den Ocean längs der amerikanischen Küste durchfuhr, durch den Kanal von Bahama um die Spitze von Florida wieder aufwärts am zehnten desselben Monats in der Bai Espiritu Santo ankam und ohne Schaden und Gefahr im Hafen von Tampa-Town ankerte. Hier wurde die Ladung der Schiffe in die Waggons der Bahn nach Stone’s-Hill gebracht, und um die Mitte des Januar befand sich die enorme Masse Metall an ihrem Bestimmungsort.

Es ist leicht begreiflich, daß, um diese sechzigtausend Tonnen Eisen zu gleicher Zeit zu schmelzen, zwölfhundert Oefen nicht zuviel waren. Jeder dieser Schmelzöfen konnte etwa hundertundvierzehntausend Pfund dieses Metalls fassen; sie wurden nach dem Muster derjenigen erbaut, welche man beim Guß der Rodmans-Kanone gebraucht hatte; sie waren trapezförmig und sehr niedrig. Der Heizungsapparat und der Rauchfang befanden sich an den beiden Enden des Ofens, so daß dieser seiner ganzen Länge nach gleichmäßig geheizt war. Diese aus feuerfesten Ziegelsteinen erbauten Oefen bestanden lediglich aus einem Rost, um die Steinkohlen darauf zu brennen, und einem Heerd, »Sole«, worauf die Gußbarren gelegt wurden; diese unter einem Winkel von fünfundzwanzig Grad geneigte »Sole« ließ das Metall in die Auffangebecken abfließen; von da leiteten es zwölfhundert Rinnen dem Centralbecken zu.

Sobald die Grab- und Mauerarbeit beendigt war, schritt Barbicane zur Fertigung der inneren Gießform. Es handelte sich darum, im Mittelpunkt des Schachts seiner Achse entlang einen neunhundert Fuß langen und neun Fuß breiten Cylinder herzustellen, der genau den für die Seele der Columbiade bestimmten Raum enthalten sollte. Der Cylinder wurde aus einer thonartigen Erde und Sand gefertigt, mit einer Beimischung von Heu oder Stroh. Der Zwischenraum, welcher zwischen dem Cylinder und dem aufgemauerten Mantel leer blieb, sollte mit dem geschmolzenen Metall ausgefüllt werden, welches demgemäß die sechs Fuß dicken Wände bilden sollte.

Dieser Cylinder mußte, um das Gleichgewicht zu halten, durch eiserne Beschläge zusammengehalten und in gewissen Entfernungen vermittelst Querstäben, die in der steinernen Umkleidung eingelassen wurden, befestigt werden; nach dem Guß mußten diese Querstäbe sich in der Masse des Metalls befinden, was keinen Nachtheil brachte.

Diese Arbeit wurde am 8. Juli fertig, und nun wurde der Guß auf den folgenden Tag festgesetzt.

– Der Guß wird ein hübsches Fest werden, sagte Maston zu seinem Freund Barbicane.

»Allerdings!« erwiderte dieser, »aber ein öffentliches Fest darf’s nicht sein.«

– Wie so! Wollen Sie nicht die Pforten Jedem öffnen?

»Davor werd’ ich mich hüten, Maston; der Guß der Columbiade ist eine bedenkliche, wo nicht gefährliche Sache, und es wird besser sein, daß man dabei die Thüren schließt. Beim Abschießen des Projectils, wenn man ein Fest will, meinetwegen, aber eher nicht!«

Der Präsident hatte Recht; es konnten sich bei der Vornahme des Gusses unvorhergesehene Gefahren ergeben, bei welchen eine große Menge von Zuschauern hinderlich gewesen wäre. Man mußte Freiheit der Bewegung haben.

Es wurde daher in den umschlossenen Raum Niemand zugelassen, außer Abgeordnete des Gun-Clubs, die nach Tampa-Town kamen. Da sah man den muntern Bilsby, Tom Hunter, den Obrist Blomsberry, den Major Elphiston, den General Morgan, und Alle, denen der Guß der Columbiade eine persönliche Angelegenheit wurde. Maston wurde ihr Cicerone; er verschonte sie mit keinem Detail, führte sie überall umher, in die Magazine, Werkstätten, mitten unter die Maschinen, ja sie mußten die zwölfhundert Schmelzöfen der Reihe nach alle besuchen. Bei dem zwölfhundertsten waren sie allerdings ein wenig erschöpft.

Der Guß sollte gerade um Mittag vorgenommen werden; Tags zuvor wurden in jeden Ofen hundertundvierzehntausend Pfund Metall in Barren geschafft und diese kreuzweise über einander gelegt, damit die heiße Luft frei zwischen ihnen spielen konnte. Seit dem frühen Morgen spieen die zwölfhundert Essen ihre Feuerströme in die Lüfte, und der Boden war in dumpf zitternder Bewegung.

Es schmolz ja eine so ungeheure Menge Metall, glühte eine so ungeheure Masse Kohlen. Die achtundsechzigtausend Tonnen Kohlen mußten wohl einen dichten Vorhang schwarzen Rauchs vor die Sonnenscheibe ziehen.

In der Umgebung der Oefen, die mit dumpfem Getöse, das dem Rollen des Donners glich, weithin vernehmlich waren, wurde die Hitze bald unerträglich; gewaltige Kühlmaschinen wehten beständig frische Luft zu, und sättigten alle glühenden Essen mit Sauerstoff.

Sollte der Guß gelingen, so mußte er rasch ausgeführt werden. Auf ein Signal mit einem Kanonenschuß mußte jeder Ofen die flüssige Masse frei lassen und sich gänzlich entleeren. Gemäß dieser Anordnungen warteten die Werkmeister und Arbeiter auf den bestimmten Moment mit unruhig gespannter Ungeduld. Es befand sich Niemand mehr im inneren Raum, und jeder Gießmeister auf seinem Posten bei den Abflußlöchern.

Barbicane mit seinen Collegen wohnte auf einer nahen Erhöhung der Ausführung bei. Vor ihnen stand ein Geschützstück bereit, auf einen Wink des Ingenieurs das Zeichen zu geben.

Einige Minuten vor zwölf Uhr begannen die ersten Tröpfchen Metall zu fließen; die Becken füllten sich allmälig, und als der Guß völlig flüssig war, ließ man ihn einige Minuten ruhig stehen, um leichter fremdartige Theile daraus zu entfernen.

Schlag zwölf donnerte der Kanonenschuß und blitzte durch die Lüfte. Die zwölfhundert Abflußlöcher öffneten sich zu gleicher Zeit und zwölfhundert feurige Schlangen rieselten dem Schacht in der Mitte zu mit glühenden Ringen. Da stürzten sie, mit erschrecklichem Getöse, neunhundert Fuß tief hinab. Es war ein erhebender, prachtvoller Anblick. Der Boden erbebte, während diese Fluthen von Guß Rauchsäulen zum Himmel empor wirbelten, zugleich die Feuchtigkeit der Form verflüchtigend, welche als undurchdringlicher Dampf durch die Zuglöcher der Umkleidung hervorqualmte. Diese künstlichen Wolken wälzten ihre dichten Spiralsäulen bis dreitausend Fuß hoch zu dem Zenith empor. Mancher außerhalb des Gesichtskreises streifende Wilde mochte glauben, es bilde sich im Schooße Florida’s ein neuer Krater, und doch war kein Vulkanausbruch, kein Wetterwirbel, kein Gewitter, noch sonst ein Ringen der Elemente, noch ein fürchterliches Naturereigniß, wie sie sich mitunter begeben! Nein! Lediglich Menschenwerk waren diese gerötheten Dampfwolken, diese eines Vulkans würdigen Riesenflammen, diese erdbebengleichen donnernden Erschütterungen, dieses stumme und gewittergleiche Dröhnen; seine Hand stürzte einen ganzen Niagara strömenden Metalls in einen selbstgegrabenen Abgrund.

Sechzehntes Capitel

Die Columbiade

War der Guß gelungen? Man konnte darüber nur Vermuthungen haben. Doch ließ Alles an den guten Erfolg glauben, weil die Gießform die ganze Masse des in den Oefen geschmolzenen Metalls in sich aufgenommen hatte.

Wie dem auch sei, es sollte noch lange dauern, bis man darüber Gewißheit haben konnte.

In der That, als der Major Rodman seine Kanone von hundertsechzigtausend Pfund goß, waren nicht weniger als vierzehn Tage zum Abkühlen erforderlich. Wie lange noch sollte die riesenhafte Columbiade, umgeben von ihren Dampfwirbeln und durch ihre große Hitze geschützt, sich den Blicken ihrer Bewunderer entziehen? Das war schwer zu berechnen.

Die Ungeduld der Mitglieder des Gun-Clubs wurde inzwischen auf eine harte Probe gestellt. Aber es ließ sich nichts dafür thun. Maston hätte sich beinahe aus Hingebung gebraten. Vierzehn Tage nach dem Guß stieg noch ein unendlicher Rauchwirbel zum Himmel empor, und im Umkreis von zweihundert Fuß um Stone’s-Hill verbrannte noch der Boden die Füße.

Tage verflossen, Wochen reiheten sich an Wochen. Kein Mittel, den ungeheuren Cylinder abzukühlen, keine Möglichkeit, nahe zu kommen. Es galt nur abzuwarten, und die Mitglieder des Gun-Clubs mußten sich in Geduld fügen.

»Nun haben wir schon den 10. August«, sagte eines Morgens J. T. Maston. »Keine vier Monate mehr bis zum 1. December. Den inneren Theil der Form herausnehmen, die Seele kalibriren, die Columbiade laden, das Alles muß noch geschehen! Wir werden nicht fertig! Man kann ja noch nicht einmal nahe kommen! Wird die Kanone niemals kalt werden! Da wären wir grausam angeführt!«

Vergeblich suchte man den ungeduldigen Secretär zu beruhigen; Barbicane äußerte nichts, aber sein Schweigen barg eine innere Aufregung. Gänzlich gehemmt sein durch ein Hinderniß, das nur die Zeit besiegen konnte – die Zeit, unter den gegebenen Umständen ein fürchterlicher Feind, – und einem Feind waffenlos Preis gegeben, das war hart für Kriegerseelen!

Inzwischen ließen tägliche Beobachtungen eine Veränderung im Zustand des Bodens wahrnehmen. Um den 15. August war der emporsteigende Dampf bereits bedeutend minder stark und dicht. Einige Tage hernach strömte der Boden nur noch leichte Dünste aus, ein letztes Hauchen des im steinernen Sarg eingeschlossenen Ungeheuers. Nach und nach hörte das Zittern des Bodens auf, und der Kreis des Wärmestoffs ward enger; die ungeduldigsten Zuschauer wagten sich näher; den einen Tag gewannen sie zwei Toisen, den folgenden vier, und am 22. August konnte Barbicane mit seinem Ingenieur und seinen Collegen schon auf dem Streifen-Guß Platz nehmen, welcher den Boden von Stone’s-Hill leicht bedeckte; gewiß ein der Gesundheit zuträglicher Ort, wo man nicht kalte Füße bekam.

»Endlich!« rief der Präsident des Gun-Clubs mit tiefer Befriedigung aus.

Denselben Tag noch begannen wieder die Arbeiten. Sofort schritt man dazu, das Innere der Form herauszunehmen; die Hacke und Spitzhaue, die Werkzeuge zum Bohren waren unausgesetzt thätig; die Thonerde mit dem Sand hatten durch Einwirkung der Wärme eine äußerste Härte erlangt; aber mit Hilfe der Maschinen bewältigte man den Stoff, welcher in der Nähe der Wände noch glühend heiß war; er wurde herausgenommen, und rasch auf Karren mit Dampfkraft fortgeschafft. Dabei war der Eifer bei der Arbeit so groß und förderlich, Barbicane’s Einwirkung so dringend, und seine Beweisgründe in Form von Dollars so wirksam, daß am 3. September jede Spur der Gußform verschwunden war.

Sogleich begann darauf das Ausfeilen; unverzüglich wurden die Maschinen in Bewegung gesetzt, und mächtige Feilen waren eilig beschäftigt, alles Rauhe des Gusses zu beseitigen. Nach einigen Wochen war die innere Fläche der ungeheuren Röhre völlig cylindrisch und die Seele sein polirt.

Endlich, am 22. September, ehe noch ein Jahr seit Barbicane’s Bekanntmachung verflossen, war die enorme Maschine sorgfältig kalibrirt und mit Hilfe genauer Instrumente vollständig vertikal gerichtet, zum Gebrauch fertig. Man hatte nur noch den Mond abzuwarten, konnte aber sicher sein, daß er beim Rendez-vous erscheinen werde.

Maston’s Freude ging über alle Schranken, und er hätte beinahe, indem er in die neunhundert Fuß lange Röhre blickte, einen schrecklichen Fall gethan.

Hätte er sich nicht an dem starken Arm Blomsberry’s festgehalten, so hätte der Secretär des Gun-Clubs, wie ein neuer Herostrat, in den Tiefen der Columbiade seinen Tod gefunden.

Die Kanone war also fertig; an ihrer vollkommenen Herstellung war nicht zu zweifeln; daher erschien auch am 6. October der Kapitän Nicholl bei dem Präsidenten Barbicane, und dieser trug in seine Bücher den Einnahmeposten von zweitausend Dollars ein. Man kann wohl glauben, daß der Kapitän im höchsten Grade erzürnt war, so daß er krank ward. Doch waren noch drei Wetten, zu drei, vier und fünftausend Dollars so daß, wenn er nur zwei derselben gewann, seine Sache nicht schlecht, wo nicht vortrefflich stand.

Aber er brachte das Geld gar nicht in Anschlag, und der von seinem Rivalen errungene Erfolg, eine Kanone zu gießen, welcher sechsunddreißig Fuß dicke Platten nicht widerstehen konnten, versetzte ihm einen harten Schlag.

Seit dem 23. September war dem Publicum der Zutritt in den umschlossenen Raum von Stone’s-Hill erlaubt, und man kann sich denken, welch’ ein Zuströmen von Besuchern stattfand.

In der That, zahllose Neugierige aus allen Theilen der Vereinigten Staaten zogen sich nun nach Florida. Die Stadt Tampa hatte sich im Laufe des den Arbeiten des Gun-Clubs gewidmeten Jahres bedeutend vergrößert, und sie zählte damals hundertundfünfzigtausend Bewohner. Nachdem sie zuerst das Fort Brooke mit einem Netz von Straßen umgeben hatte, dehnte sie sich nun auf der Erdzunge aus, welche die beiden Rheden der Bai Espiritu Santo scheidet; neue Quartiere, neue Plätze, ein ganzer Wald von Häusern war im Klima amerikanischer Sonne an den kürzlich noch öden Uferstellen emporgewachsen. Es hatten sich Compagnien gebildet, um Kirchen, Schulen, Privatwohnungen zu bauen, und im Verlauf eines Jahres war die Stadt zehnmal größer geworden.

Bekanntlich sind die Yankees geborne Kaufleute; überall, wohin sie das Schicksal wirst, vom Pol bis zum Aequator, muß ihr Geschäftsinstinct sich nutzbringend üben. Daher kam’s, daß blos neugierige Leute, die einzig zu dem Zweck nach Florida kamen, um den Arbeiten des Gun-Clubs beizuwohnen, sich, sowie sie in Tampa wohnhaft waren, mit Handelsunternehmungen befaßten. Die Schiffe, welche für den Transport des Materials und der Arbeiter gemiethet waren, hatten eine Thätigkeit ohne Gleichen im Hafen veranlaßt. Bald fanden sich andere Fahrzeuge von jeder Größe und Gestalt, mit Lebensmitteln, Vorräthen und Waaren befrachtet, in der Bai und auf den beiden Rheden ein; es entstanden große Rhederei-Comptoirs und Wechselstuben, und die Schifffahrtszeitung zählte täglich neue Schiffe auf, die im Hafen von Tampa ankamen.

Während die Straßen sich um die Stadt herum vervielfältigten, wurde diese, in Betracht des erstaunlichen Zuwachses der Bevölkerung und ihres Handels, durch eine Eisenbahn mit den Südstaaten der Union in Verbindung gebracht. Bereits war Mobile mit Pensacola, dem großen Seearsenal des Südens, durch einen Bahnweg in Verbindung, welcher von da aus nach Talahassee führte. Dieses war durch eine Strecke von einundzwanzig Meilen mit St. Marks am Meeresufer in Verbindung. Diese kurze Bahnstrecke wurde nun nach Tampa-Town verlängert, und führte in dieser Richtung den erstorbenen Theilen Mittelflorida’s erneuertes Leben zu. So konnte Tampa, Dank der durch einen eminenten Kopf hervorgerufenen merkwürdigen Industrie, mit Recht sich als große Stadt benehmen. Man hatte ihr den Beinamen »Mondstadt« gegeben.

Nun ist’s Jedem begreiflich, weshalb die Eifersucht zwischen Texas und Florida so arg gewesen, und die Texaner so aufgebracht wurden, als sie durch die Wahl des Gun-Clubs ihre Ansprüche zurückgewiesen sahen. In vorausblickendem Scharfsinn hatten sie eine Idee davon, welche Vortheile Barbicane’s Experiment dem Lande bringen werde. Es entging Texas dadurch ein bedeutender Mittelpunkt des Handels und der Eisenbahnen, mit einem beträchtlichen Zuwachs an Bevölkerung. Alle diese Vortheile wurden jetzt der armseligen Halbinsel Florida zu Theil, welche nun einen Damm zwischen den Fluthen des Golfs und den Wogen des Oceans bilden zu sollen schien. Darum hatte auch Barbicane eine so arge Antipathie gegen Texas, wie sie der General Sta. Anna hegte.

Obwohl ihrem Handelstrieb und ihrem industriellen Eifer hingegeben, ließ doch die neue Bevölkerung von Tampa-Town die interessanten Werke des Gun-Clubs nicht unbeachtet. Im Gegentheil sie wendeten den geringsten Details der Unternehmung eine leidenschaftliche Theilnahme zu. Zwischen der Stadt und Stone’s-Hill strömte man beständig hin und her, es war eine Procession, eine Wallfahrt.

Man konnte schon voraussehen, daß am Tage des Experiments die Zuschauer nach Millionen zählen würden; denn sie kamen schon von allen Punkten der Erde her und strömten auf die schmale Landzunge zusammen. Europa wanderte nach Amerika.

Aber bisher, muß man zugeben, war die Neugierde dieser zahllosen Ankömmlinge nur wenig befriedigt worden. Viele rechneten bei dem Guß auf ein Schauspiel und bekamen nur Rauch zu sehen. Das war für die gierigen Blicke zu wenig; aber Barbicane wollte bei dieser Operation durchaus keine Zuschauer. Daher fluchte, murrte, schalt man; man warf dem Präsidenten eine Willkür vor, die wenig »amerikanisch« sei. Beinahe hätte es einen Aufruhr bei den Palissaden von Stone’s-Hill gegeben. Barbicane blieb, wie wir wissen, unerschütterlich in seinem Entschluß.

Als aber die Columbiade völlig fertig war, gestattete er den Zutritt; es wäre auch unhöflich, ja unklug gewesen, die Gefühle des Publicums zu mißachten. Barbicane ließ daher Jedermann zu; doch sein praktischer Sinn gab ihm den Gedanken ein, aus dieser Neugierde Capital zu schlagen.

Die riesenmäßige Columbiade anzuschauen, war wohl etwas Großes, aber in dieselbe hineinzusteigen, schien den Amerikanern ein Glück ohne Gleichen. Daher versagte sich auch kein einziger Besucher dieses Vergnügen, das man ihnen vermittelst einer mechanischen Vorrichtung nebst Dampfkraft verschaffte. Wie wahnsinnig drängte man sich zu, Frauen, Kinder, Greise, in die Geheimnisse des Riesen bis auf den tiefsten Grund des Innern zu dringen. Trotz des hohen Preises von fünf Dollars für die Person strömten zwei Monate lang die Besucher zu, und brachten dem Gun-Club eine Einnahme von fast fünfmalhunderttausend Dollars.

Den ersten Besuch in der Columbiade statteten natürlich die Mitglieder des Gun-Clubs ab, ein Fest, das am 25. September stattfand. Der Präsident Barbicane, Maston, der Major Elphiston, Obrist Blomsberry, der Ingenieur Murchison, und andere hervorragende Mitglieder, im Ganzen zehn, fuhren hinab. Es war im Innern der langen Metallröhre noch ziemlich warm, ein wenig zum Ersticken; aber eine Freude dagegen zum Entzücken! Eine Tafel von zehn Gedecken war da unten hergerichtet, mit tagheller Beleuchtung durch elektrisches Licht. Zahlreiche ausgesuchte Gerichte kamen wie vom Himmel herab vor die Gäste und die besten Weine Frankreichs strömten reichlich bei dem Gastmahl in der Tiefe von neunhundert Fuß.

Das Fest war sehr belebt, ja lärmend; man trank auf’s Wohl des Erdballs und seines Trabanten, auf’s Wohl des Gun-Clubs, der Union, des Mondes, der Phöbe, Selene etc. etc. Alle diese Toaste gelangten in der akustischen Röhre donnerähnlich oben an, wo die Menge rings mit Jubel in die Rufe der zehn Gäste da unten einstimmte.

Maston war außer sich, schrie und gestikulirte, hätte seinen Platz nicht mit einem Königreich getauscht, »hätte auch die geladene Kanone ihn bis zu dem Planetenraum in die Lüfte geschleudert!«

Siebzehntes Capitel

Eine telegraphische Depesche

Die großen, vom Gun-Club unternommenen Arbeiten waren, so zu sagen, fertig, und doch sollte es noch zwei Monate dauern, bis das Projectil nach dem Mond geschleudert würde. Die zwei Monate mußten der allgemeinen Ungeduld so lange wie zwei Jahre vorkommen! Bisher waren die geringsten Details der Vorbereitungen von den Journalen, die man mit gierigen und leidenschaftlichen Blicken verschlang, tagtäglich mitgetheilt worden; nun aber war zu befürchten, es möchte diese dem Publicum gespendete »Interessendividende« sehr herabgemindert werden, und jeder erschrak, daß er nicht mehr seinen Theil an der täglichen Gemüthsbewegung haben sollte.

Doch so kam es nicht; es begab sich ein höchst unerwartetes, ganz außerordentliches, unglaubliches, unwahrscheinliches Ereigniß, welches von Neuem die gespannten Geister fanatisiren, die ganze Welt in gesteigerte Aufregung versetzen sollte.

Am 30. September, um drei Uhr siebenundvierzig Minuten Nachmittags, kam ein vom Kabel zwischen Valentia in Irland und der nordamerikanischen Küste befördertes Telegramm an den Präsidenten Barbicane.

Derselbe öffnete und las die Depesche, und so groß auch seine Selbstbeherrschung war, seine Lippen erbleichten, seine Augen wurden trübe beim Lesen der zwanzig Worte ihres Inhaltes.

Der Text, wie er im Archiv des Gun-Clubs zu finden ist, lautete:

Frankreich, Paris 30. Sept. 4 U. Morg.

»Barbicane, Tampa, Florida. Vereinigte Staaten.

Nehmen Sie statt rundem Projectil ein cylinder-kegelförmiges. Werde darin mit hinauf reisen. Werde mit Dampfboot Atlanta kommen.

Michel Ardan.«

Achtzehntes Capitel

Der Passagier der Atlanta

Wäre diese Bestürzung erregende Neuigkeit, anstatt durch den elektrischen Draht einfach mit der Post unter versiegeltem Umschlag angelangt, wäre sie nicht den französischen, irländischen und amerikanischen Telegraphenbeamten zur Kenntniß gekommen, so wäre Barbicane nicht einen Augenblick in Verlegenheit gewesen. Er hätte aus Klugheit geschwiegen, um sein Werk nicht in der Achtung herabzusetzen. Es konnte ja, zumal da das Telegramm von einem Franzosen kam, eine Mystification dahinter stecken. War es denn wahrscheinlich, daß irgend ein Mensch so kühn wäre, auch nur den Gedanken einer solchen Reise zu fassen? Und gab es so einen Menschen, war es nicht ein Narr, den man in eine Zelle einschließen mußte, nicht in eine Kugel?

Aber die Depesche war bekannt, weil die Art der Beförderung die Verschwiegenheit ausschließt, und der Vorschlag Michel Ardan’s war schon in allen Vereinigten Staaten verbreitet. Also war für Barbicane kein Grund ihn geheim zu halten. Er berief daher seine zu Tampa-Town anwesenden Collegen, und las, ohne seine Gedanken zu äußern, ohne über die Glaubwürdigkeit der Mittheilung ein Wort zu reden, ihnen kalt den lakonischen Text vor.

»Nicht möglich! – Unwahrscheinlich! – Purer Scherz! – Man macht sich über uns lustig! – Lächerlich! – Absurd!« Alle Ausdrücke zur Bezeichnung von Zweifel, Unglauben, Thorheit, Unsinn – ließen sich einige Minuten lang vernehmen mit Begleitung üblicher Bewegungen. Jeder lächelte, lachte hell auf, zuckte die Achseln. Nur Maston hatte ein Wort der Befriedigung:

»Das ist eine Idee, das!« rief er aus.

– Ja, erwiderte der Major, aber wenn es mitunter gestattet ist, solche Ideen zu haben, so versteht sich dabei, daß man keinen Gedanken hat, sie auszuführen.

– Und warum nicht? erwiderte lebhaft der Secretär des Gun-Clubs, und wollte darüber streiten. Aber man wollte es doch nicht weiter treiben.

Doch war Michel Ardan’s Name zu Tampa bereits ein Stadtgespräch. Fremde wie Einheimische sahen sich einander an, fragten sich und scherzten, nicht über diesen Europäer, – eine Mythe, eine Person der Einbildung – sondern über Maston, der an die Existenz des sagenhaften Individuums glauben konnte. Als Barbicane den Vorschlag machte, ein Projectil nach dem Mond zu entsenden, hielt jeder das Vorhaben für natürlich, ausführbar, lediglich eine Sache der Ballistik! Aber daß ein vernünftiger Mensch sich erbot, in dem Projectil Platz zu nehmen, diese unwahrscheinliche Reise zu wagen, war eine Phantasterei, ein Scherz, eine Posse, und um einen bei den Deutschen wie Franzosen eingebürgerten Ausdruck zu gebrauchen, ein »Humbug!«

Die Spöttereien dauerten unaufhörlich bis zum Abend, und man kann behaupten, daß man in der ganzen Union hell auflachte, was in einem Lande, wo unmögliche Unternehmungen Lobredner, Theilnehmer und Anhänger finden, nichts Gewöhnliches ist.

Doch verfehlte Michel Ardan’s Vorschlag nicht, wie alle neuen Ideen, manche Geister zu beschäftigen. Das brachte die gewöhnlichen Gemüthsbewegungen aus ihrem Gang. »An so was hatte man nicht gedacht!« Dieser Fall gewann bald selbst durch seine Seltsamkeit eine Kraft, die Leute davon besessen zu machen. Man dachte darüber nach. Wie Manches, was man Abends verwirft, wird den folgenden Tag wirklich! Warum sollte nicht eine solche Reise früher oder später einmal ausführbar sein? Aber jedenfalls mußte der Mensch, der sich so der Gefahr aussetzen wollte, ein Narr sein, und gewiß, weil sein Project nicht ernstlich genommen werden konnte, hätte er besser geschwiegen, anstatt eine ganze Bevölkerung durch lächerliche Hirngespinnste in Aufruhr zu bringen.

Aber, für’s Erste, existirt wirklich diese Person? Eine Hauptfrage! Der Name »Michel Ardan« war in Amerika nicht unbekannt! Er gehörte einem wegen kühner Unternehmungen oft genannten Europäer. Sodann, dieses über die Tiefen des Atlantischen Oceans gesendete Telegramm, diese Bezeichnung des Schiffes, auf welchem der Franzose kommen wollte, der für seine demnächstige Ankunft festgesetzte Tag, alle diese Umstände gaben dem Vorschlag einen Anstrich von Wahrscheinlichkeit. Man mußte darüber in’s Reine kommen. Bald traten einzelne Personen in Gruppen zusammen. Diese Gruppen wurden in Folge der Neugierde dichter, wie Atome durch Einwirkung der Anziehungskraft, und zuletzt entstand daraus eine compacte Menge, die sich nach der Wohnung des Präsidenten Barbicane hin bewegte.

Dieser hatte seit Ankunft der Depesche seine Ansicht nicht ausgesprochen; er hatte Maston seine Meinung sagen lassen, ohne weder Billigung noch Tadel zu äußern; er verhielt sich stille und nahm sich vor, die Ereignisse abzuwarten, aber dabei hatte er die Ungeduld des Publicums nicht in Anschlag gebracht, und war wenig befriedigt, als er die Bewohner Tampa’s sich unter seinen Fenstern sammeln sah. Bald nöthigte man ihn durch Murren und Rufen, sich zu zeigen. Man sieht, er hatte sammt den Obliegenheiten auch alle Unannehmlichkeiten der Berühmtheit.

Er erschien also; es ward stille, ein Bürger ergriff das Wort und stellte unumwunden die Frage: »Ist die in der Depesche mit dem Namen Michel Ardan bezeichnete Person auf dem Weg nach Amerika, ja oder nein?«

– Meine Herren, erwiderte Barbicane, das weiß ich so wenig, wie Sie.

– Man muß es wissen, riefen ungeduldige Stimmen.

– Das wird die Zeit lehren, erwiderte kalt der Präsident.

– Die Zeit hat nicht das Recht, ein ganzes Land in Spannung zu halten, entgegnete der Redner. Haben Sie den Plan des Projectils geändert, wie das Telegramm verlangt?

– Noch nicht, meine Herren; aber, Sie haben Recht, man muß wissen, woran man sich zu halten hat; der Telegraph, welcher diese ganze Aufregung verursacht hat, wird wohl die Güte haben, Ihnen vollständige Auskunft zu geben.

– Zum Telegraphen! zum Telegraphen! schrie die Menge.

Barbicane kam herab und begab sich, gefolgt von der ungeheuren Menge, auf’s Bureau der Administration.

Einige Minuten darauf ging eine Depesche an den Syndikus der Schiffsmäkler zu Liverpool ab. Man begehrte Antwort auf folgende Fragen:

»Wie steht’s mit dem Schiff Atlanta? – Wann hat es Europa verlassen? – Befand sich ein Franzose Namens Michel Ardan an Bord?«

Zwei Stunden hernach empfing Barbicane so genaue Auskunft, daß nicht der mindeste Zweifel mehr blieb.

»Der Dampfer Atlanta aus Liverpool ist am 2. October nach Tampa-Town unter Segel gegangen – an seinem Bord befand sich ein Franzose, der unter dem Namen Michel Ardan im Passagierbuch eingetragen ist.«

Auf diese Bestätigung der ersten Depesche erglänzten plötzlich die Augen des Präsidenten, er ballte heftig die Faust und man hörte ihn murren:

»Es ist also doch wahr! Doch möglich! Der Franzose existirt! und binnen vierzehn Tagen wird er hier sein! Aber ‘s ist ein Narr, ein verbranntes Gehirn … Niemals werd’ ich gestatten ….«

Und inzwischen, denselben Abend, schrieb er an das Haus Breadvill & Cie. und bat, bis auf weiteren Befehl den Guß des Projectils zu verschieben.

Sollte ich jetzt die Aufregung schildern, welche ganz Amerika ergriff, und die zehnmal größer war, als bei der ersten Mittheilung Barbicane’s; die Aeußerungen der Journale der Union, wie sie die Nachricht aufnahmen, und nach welcher Weise sie dem Helden des alten Continents zu seiner Ankunft ein Loblied sangen; von der fieberhaften Bewegung, worin jeder die Stunden, Minuten, Secunden zählend lebte, ein Bild geben; nur eine schwache Idee davon, wie alle Köpfe von einem einzigen Gedanken beherrscht, besessen waren, einem einzigen Lieblingsgedanken alle anderen wichen, die Arbeiter stille standen, der Handel gehemmt war, die zur Abfahrt bestimmten Schiffe vor Anker blieben, um die Ankunft des Atlanta nicht zu verfehlen; wie die Eisenbahnzüge voll ankamen und leer zurückkehrten, die Bai Espiritu-Santo unaufhörlich von Dampfern, Packetbooten, Vergnügungs-Yachten, Küstenschiffen aller Größe durchkreuzt war; wollte ich die Tausende von Neugierigen aufzählen, welche in vierzehn Tagen die Bevölkerung von Tampa-Town vervierfachten, und gleich einer Armee im Felde unter Zelten zubringen mußten, diese Aufgabe würde menschliche Kraft übersteigen, es wäre vermessen sie zu versuchen.

Am 20. October um neun Uhr Vormittags signalisirten die Telegraphen des Bahamakanals einen dichten Rauch. Zwei Stunden später tauschte ein großer Dampfer Erkennungssignale mit ihnen. Sogleich wurde der Name Atlanta nach Tampa-Town gemeldet. Um vier Uhr näherte sich das englische Schiff der Rhede Espiritu-Santo. Um fünf Uhr segelte es mit vollem Dampf durch das Fahrwasser der Rhede Hillisboro. Um sechs Uhr legte es sich im Hafen von Tampa vor Anker.

Der Anker hatte noch nicht Grund gefaßt, als bereits hundert Fahrzeuge den Atlanta umgaben. Der Dampfer wurde im Sturm besetzt. Barbicane erstieg zuerst die Verschanzung, und rief mit vergeblich unterdrückter Bewegung:

»Michel Ardan!«

– Hier! rief ein Mann vom Hinterverdeck.

Mit gekreuzten Armen, forschendem Auge, schweigendem Mund heftete Barbicane seine Blicke auf den Passagier.

Es war ein Mann von zweiundvierzig Jahren, von hohem Wuchs, aber schon etwas gewölbtem Rücken, wie die Karyatiden, welche Balkone stützen. Sein starker Kopf, ein echtes Löwenhaupt, schüttelte mitunter ein brandrothes Haar, das ihn wie eine Mähne umwallte. Sein kurzes Angesicht mit breiten Schläfen, borstigem Schnurrbart und einzelnen Haarbüscheln auf den Wangen hatte etwas auffallend Katzenartiges, die runden Augen waren kurzsichtig, mit etwas grassem Blick, die Nase kühn gezeichnet, der Mund besonders freundlich, die Stirne hoch, verständig und voll Runzeln. Ein kräftig entwickelter Oberkörper in fester Haltung auf langen Beinen, muskelstarke Arme, ein entschlossener Gang kennzeichneten diesen Europäer als solid gebauten Gesellen, der mehr geschmiedet als gegossen war.

Lavater’s Jünger hätten am Schädel und in den Gesichtszügen dieses Mannes unverkennbare Zeichen von Streitfertigkeit entdeckt, Muth in Gefahren, und Neigung Hindernisse zu beseitigen; von Wohlwollen und Liebe zum Wunderbaren, dem Instinct, von dem manche Charaktere zu leidenschaftlichem Interesse an übermenschlichen Dingen getrieben werden; dagegen die Kennzeichen der Erwerbsamkeit, des Bedürfnisses zu besitzen und sich anzueignen mangelten gänzlich.

Seine Kleidung war weit geformt, Hosen und Paletot reichlich an Stoff, so daß er sich selbst »Tuchmörder« nannte, seine Halsbinde schloß mit breit ausgelegtem Hemdkragen, zeigte einen starken Hals, und aus stets aufgeknüpften Manschetten ragten fieberheiße Hände hervor. Man fühlte, daß der Mann, auch im strengsten Winter und in ärgster Gefahr, niemals Kälte empfand, – selbst nicht im Blick.

Uebrigens ging er auf dem Verdeck, inmitten der Menge, beständig hin und her, blieb nie an derselben Stelle, gesticulirte, duzte jedermann und nagte gierig an seinen Nägeln.

In der That, die moralische Persönlichkeit Michel Ardan’s bot dem Analytiker zu Beobachtungen ein reiches Feld dar. Der seltsame Mensch lebte in beständiger Neigung zu Uebertreibungen, und er war über das Alter der Superlative noch nicht hinaus; die Gegenstände zeichneten auf der Netzhaut seines Auges Bilder von übermäßiger Größe, woraus eine Association riesenhafter Ideen entsprang; er schaute Alles in kolossalem Maßstab, nur die Schwierigkeiten und die Menschen nicht. Zudem war’s eine überreiche Natur, Künstler von Instinct, ein geistreicher Geselle, der zwar nicht Rottenfeuer von bons mots hören ließ, doch auf’s Tirailliren sich verstand. Beim Disputiren kümmerte er sich wenig um Logik; ein Feind von Vernunftschlüssen, die er nicht erfunden hätte, versetzte er Schläge auf eigene Art. Ein wahrer Scheibenzertrümmerer, schleuderte er sicher treffende Argumenta ad hominem aus voller Brust, und verfocht gerne verzweifelte Sachen mit Händen und Füßen.

Unter anderen hatte er die Manie, sich einen »erhabenen Ignoranten«, gleich wie Shakespeare, zu nennen und die Gelehrten professionsmäßig zu verachten. »Das sind Leute«, sagte er, »die nur die Points markiren, während wir die Partie spielen.« Es war, kurz gesagt, ein Heidenkind aus dem Wunderland, abenteuerlich, doch kein Abenteurer, ein Wagehals, ein Phaeton, der den Sonnenwagen in voller Carrière zu leiten verstand, ein Ikarus mit Flügeln zum Wechseln. Schließlich, er stand mit eigener Person ein, und tüchtig; er stürzte sich keck in tolle Unternehmungen, verbrannte seine Schiffe lustiger als Agathokles, und zu jeder Stunde bereit sich den Rückgrat zu brechen, fiel er doch zuletzt immer wieder auf die Füße, wie die Purzelmännchen von Hollundermark, womit die Kinder sich ergötzen.

Mit zwei Worten, sein Wahlspruch war: Wenn auch! und die ihn beherrschende Leidenschaft Neigung zum Unmöglichen.

Aber auch wie war dieser unternehmende Geselle mit allen Fehlern seiner Vorzüge begabt! Wer nichts wagt, gewinnt nichts, sagt das Sprichwort. Ardan wagte häufig und gewann nichts dabei!

Es war ein Geldvergeuder, ein Danaidenfaß. Als ein sonst uneigennütziger Mensch, spielte ihm eben so das Herz einen Streich, wie der Kopf; hilfreich, ritterlich, wäre er nicht im Stande gewesen, seines bittersten Feindes Todesurtheil zu unterzeichnen, und hätte sich als Sklave verkaufen lassen, um einen Neger loszukaufen.

In Frankreich, in Europa war diese glänzende, geräuschvolle Persönlichkeit Jedermann bekannt. Machte er nicht unaufhörlich von sich reden durch die hundert Stimmen der Fama, die bis zur Heiserkeit sein Lob priesen? Lebte er nicht in einem gläsernen Hause, wo er die ganze Welt zur Vertrauten seiner Geheimnisse machte? Aber er hatte auch eine beträchtliche Anzahl Feinde, Leute, die er mehr oder minder verletzt, verwundet, unbarmherzig gestürzt hatte, indem er die Ellenbogen gebrauchte, um sich in dem Gedränge der Masse Luft zu machen.

Doch liebte man ihn allgemein, behandelte ihn als Schooßkind. Es war, wie man volksmäßig sagt, »ein Mann zum Nehmen oder Lassen.« Und man nahm ihn. Jeder interessirte sich für seine kühnen Unternehmungen und begleitete ihn dabei mit besorgten Blicken, weil man die Unvorsichtigkeit seiner Verwegenheit kannte. Als ihm ein Freund durch Warnungen vor einer bevorstehenden Katastrophe Einhalt thun wollte, antwortete er mit liebenswürdigem Lächeln: »Der Wald ist nur durch seine eigenen Bäume verbrannt.« Er ahnte nicht, daß er damit eins der schönsten arabischen Sprichwörter citirte.

So war der Passagier der Atlanta, stets in Bewegung, stets aufbrausend, von innerem Feuer getrieben, stets aufgeregt, nicht durch das, was er in Amerika vor hatte, – daran dachte er nicht einmal – sondern in Folge seiner fieberhaften Organisation. Standen jemals zwei Personen in auffallendem Contrast, so war es der Franzose Michel Ardan und der Yankee Barbicane, einer jedoch wie der andere unternehmend, kühn, verwegen, jeder in seiner Weise.

Die Betrachtung, welcher der Präsident des Gun-Clubs sich hingab, als er den Rivalen, der ihn an die zweite Stelle hinabdrücken sollte, vor sich sah, wurde rasch durch die Hurrahs und Vivats der Menge unterbrochen. Dies Geschrei wurde so rasend, der Enthusiasmus nahm dergestalt persönliche Formen, daß Michel Ardan, nachdem er tausend Hände gedrückt und dabei fast seiner Finger verlustig geworden wäre, sich in seine Kabine flüchten mußte.

Barbicane folgte ihm, ohne ein Wort zu reden.

»Sie sind Barbicane?« fragte ihn Michel Ardan, sobald sie allein waren, und in dem Ton, als seien sie schon zwanzig Jahre Freunde.

– Ja, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs.

– Ah! Guten Tag, Barbicane. Wie geht’s? recht gut? Nun, um so besser, so besser!

– Also, sagte Barbicane, ohne auf Weiteres einzugehen, Sie sind entschlossen die Reise zu machen?

– Fest entschlossen.

– Lassen Sie sich durch Nichts abhalten?

– Durch Nichts. Haben Sie das Projectil abgeändert, wie meine Depesche angab?

– Ich wartete auf Ihre Ankunft. Aber, fragte Barbicane, von Neuem zusetzend, haben Sie wohl überlegt? …

– Ueberlegt! Ist denn Zeit zu verlieren. Ich finde die Gelegenheit, einen Abstecher in den Mond zu machen, und ergreife sie; was weiter? Es dünkt mir, dies bedürfe nicht so vieler Ueberlegung.

Barbicane konnte seinen Blick von dem Manne nicht wegwenden, der von seinem Reiseproject mit solchem Leichtsinn, mit solcher Sorglosigkeit und ohne alle Unruhe sprach.

»Aber Sie haben doch wenigstens«, sprach er, »einen Plan, Mittel der Ausführung?«

– Vortreffliche, mein lieber Barbicane. Aber gestatten Sie mir eine Bemerkung: ich habe so große Luft, meine Geschichte einmal Jedermann zu erzählen, so daß nicht mehr davon die Rede sein soll. Also, besseres vorbehalten, berufen Sie Ihre Freunde zusammen, ihre Collegen, die ganze Stadt, ganz Florida, wenn Sie wollen, ganz Amerika, und ich will morgen bereit sein, meine Mittel darzulegen und auf alle Einwendungen zu antworten. Seien Sie ruhig, ich werde Sie festen Fußes abwarten. Sind Sie das zufrieden?

– Ich bin’s zufrieden, erwiderte Barbicane.

Darauf trat der Präsident aus der Kabine, und theilte der Menge die Absicht Michel Ardan’s mit. Seine Worte wurden mit Beifallstampfen und Freudegrunzen aufgenommen. Damit war jede Schwierigkeit abgeschnitten. Am folgenden Tag konnte Jeder den Helden aus Europa sich nach Luft ansehen. Doch wollten einige hartnäckige Zuschauer das Verdeck nicht verlassen; sie blieben die Nacht über an Bord. Unter ihnen war J. T. Maston, der seinen Haken in das Barkholz des Hinterverdecks eingeschraubt hatte; man hätte ihn loswinden müssen.

»Es ist ein Heros! ein Heros!« rief er in allen Tonarten, »und wir sind nur Weiblein gegen diesen Europäer!«

Der Präsident begab sich, nachdem er die Besucher zum Fortgehen auffordert hatte, in die Kabine des Passagiers zurück, und blieb da bis Mitternacht.

Darauf drückten sich die beiden Nebenbuhler um die Volksgunst warm die Hand, und Michel Ardan duzte den Präsidenten Barbicane.

Neunzehntes Capitel

Ein Meeting

Am folgenden Morgen erhob sich das Tagesgestirn zu spät für die Ungeduld des Publicums. Man hielt dafür, die Sonne sei träge, da es galt, ein solches Fest zu beleuchten. Barbicane hätte gerne, um indiscrete Fragen für Michel Ardan zu vermeiden, seine Zuhörer auf eine geringe Anzahl Eingeweihter beschränkt, z.B. seine Collegen. Aber das wäre ein Versuch gewesen, den Niagara durch einen Damm zu hemmen. Er mußte dieses Vorhaben aufgeben, und mußte seinen neuen Freund die Chancen einer öffentlichen Conferenz bestehen lassen. Der neue Börsensaal zu Tampa-Town wurde trotz seines kolossalen Umfangs für ungenügend zu dieser Versammlung gehalten, denn diese nahm die Verhältnisse eines Meetings an.

Eine sehr große Ebene außerhalb der Stadt wurde für diesen Zweck ausgewählt; in einigen Stunden wurde man mit der Errichtung eines ungeheuren Schutzdaches fertig; die Schiffe des Hafens lieferten mit ihrem reichen Vorrath an Segeln, Takelwerk, Masten und Stangen das nöthige Zubehör für ein kolossales Zelt. Nicht lange, so deckte ein unermeßlicher Zelthimmel die trockene Wiese zum Schutz gegen die brennenden Sonnenstrahlen. Hier fanden dreimalhunderttausend Menschen Platz, und trotzten in Erwartung des Franzosen einige Stunden lang einer erstickenden Temperatur! Von dieser Masse von Zuschauern war doch nur ein Drittheil im Stande zu sehen und zu hören; ein zweites Drittel sah schlecht und hörte nichts; das dritte hörte und sah nichts. Und doch waren diese am eifrigsten im Beifallspenden.

Um drei Uhr erschien Michel Ardan in Begleitung der hervorragenden Mitglieder des Gun-Clubs. Er gab den rechten Arm dem Präsidenten Barbicane, den linken J.T. Maston, der so glanzvoll strahlte, wie die Mittagssonne, und fast ebenso röthlich.

Ardan bestieg ein Gerüste, von welchem herab seine Blicke über einen Ocean von schwarzen Hüten schweiften. Er schien durchaus nicht in Verlegenheit, suchte auch nicht zu imponiren; er befand sich da wie zu Hause, munter, vertraulich, liebenswürdig. Die Hurrahs, womit er empfangen ward, beantwortete er mit einem höflichen Gruß; darauf begehrte er mit einem Wink Stille, ergriff das Wort, und sprach correct englisch folgendermaßen:

»Meine Herren, obwohl es sehr heiß ist, will ich Ihre Geduld einige Augenblicke in Anspruch nehmen, um Ihnen einige Auskunft über Projecte zu geben, welche Sie zu interessiren schienen. Ich bin weder Redner, noch Gelehrter, und hatte nicht darauf gerechnet öffentlich zu sprechen; aber mein Freund Barbicane sagte mir, es werde Ihnen Vergnügen machen, drum habe ich mich dazu verstanden. Schenken Sie mir also mit ihren sechsmal hunderttausend Ohren Gehör, und entschuldigen die Mängel des Vortrags.«

Dieser ungezwungene Eingang war sehr nach dem Geschmack der Anwesenden, welche ihre Befriedigung durch ein unermeßliches Beifallsmurren zu erkennen gaben.

»Meine Herren«, fuhr er fort, »Aeußerungen des Beifalls oder der Mißbilligung sind nicht untersagt. Dies vorausgesetzt beginne ich. Und vor Allem, vergessen Sie nicht, Sie haben’s mit einem Ignoranten zu thun, aber seine Unwissenheit ist so groß, daß er selbst die Schwierigkeiten nicht kennt. Es dünkte ihm daher, es sei eine einfache, natürliche, leichte Sache, in einem Projectil als Passagier Platz zu nehmen und eine Reise nach dem Mond zu machen. Früher oder später mußte diese Reise geschehen, und was die angenommene Art der Beförderung betrifft, so folgt sie ganz einfach dem Gesetz des Fortschritts. Der Mensch reiste zuerst auf vier Füßen, hernach, eines schönen Morgens auf zweien, dann auf einem Karren, hernach in der Kutsche darauf in der Patache, sodann im Waggon; und nun! Das Projectil ist der Waggon der Zukunft, und die Wahrheit zu sagen, die Planeten sind nur Projectile, Kanonenkugeln, welche des Schöpfers Hand abgeschossen hat. Doch kommen wir auf unser Fahrzeug zurück. Einige von Ihnen, meine Herren, haben glauben können, die Schnelligkeit, welche ihm mitgetheilt werden soll, sei eine übermäßige; dem ist nicht so; alle Gestirne übertreffen dasselbe an reißend schneller Bewegung, und selbst die Erde in ihrer Bewegung um die Sonne reißt uns dreimal schneller mit sich fort. Ich will einige Beispiele anführen. Nur bitte ich um die Erlaubniß, mich des Ausdrucks Lieues bedienen zu dürfen, denn die amerikanischen Maße sind mir nicht recht geläufig, und ich besorge, in meinen Berechnungen dadurch irre zu werden.«

Die Bitte schien ganz natürlich, und es gab keine Schwierigkeit. Der Redner fuhr also fort:

»Zuerst, meine Herren, über die Schnelligkeit der Planeten. Ich muß gestehen, daß ich trotz meiner Unwissenheit dieses kleine astronomische Detail sehr genau kenne; aber binnen zwei Minuten werden Sie davon eben so viel verstehen, wie ich. So merken Sie gefälligst, daß Neptun in einer Stunde fünftausend Lieues macht; Uranus siebentausend; Saturn achttausendachthundertachtundfünfzig; Jupiterelftausendsechshundertfünfundsiebenzig; Mars zweiundzwanzigtausendundelf; die Erde siebenundzwanzigtausendfünfhundert; Venus zweiunddreißigtausendhundertundneunzig; Merkur zweiundfünfzigtausendfünfhundertundzwanzig; einige Kometen vierzehnhunderttausend in ihrer Sonnennähe! Dagegen sind wir wahrhaftig Faullenzer; saumselige Leute, unsere Schnelligkeit wird nicht über neuntausendneunhundert Lieues gehen, und dabei stets abnehmen! Ich frage Sie, ist da ein Grund, vor Verwunderung außer sich zu gerathen, und ist’s nicht klar, daß dies Alles einmal durch noch weit größere Geschwindigkeiten wird überboten werden, wobei das Licht oder die Elektricität vermuthlich die mechanischen Agenten abgeben?«

Kein Mensch schien diese Behauptung Michel Ardan’s in Zweifel zu ziehen.

»Meine lieben Zuhörer«, fuhr er fort, »soll man gewissen bornirten Köpfen – der bezeichnende Ausdruck für sie – glauben, so wäre die Menschheit in einen Kreis des Popilius eingeengt, aus dem sie nicht heraus könnte, und dazu verurtheilt, auf diesem Erdball zu vegetiren, ohne jemals sich in die Planetenräume emporschwingen zu können! Daran ist nichts! Man ist im Begriff, auf den Mond zu reisen, man wird auf die Planeten, auf die Sterne reisen, so wie gegenwärtig von Liverpool nach New-York, leicht, rasch, sicher, und es wird nicht lange dauern, so wird man über den atmosphärischen Ocean ebenso setzen, wie über den Ocean, der uns vom Monde trennt! Die Distanz ist nur ein relativer Begriff, der schließlich auf ein Null reducirt werden wird.«

Obgleich die Versammlung sehr günstig für unseren französischen Heros gestimmt war, so wurde sie doch etwas verblüfft über diese kühne Theorie. Michel Ardan schien’s zu begreifen.

»Sie scheinen nicht überzeugt, meine wackeren Freunde«, fuhr er mit liebenswürdigem Lächeln fort. »Nun denn! Ueberlegen wir ein wenig. Wissen Sie, wie viel Zeit ein Expreßzug brauchen würde, um auf dem Monde anzulangen? Dreihundert Tage, mehr nicht. Eine Fahrt von sechsundachtzigtausendvierhundertundzehn Lieues, aber was will das heißen? Nicht neunmal die Fahrt um die Erde, und es giebt keinen Seemann noch irgend einen bewanderten Reisenden, der nicht eine größere Strecke in seinem Leben zurückgelegt hätte. Denken Sie doch, daß ich nur siebenundneunzig Stunden unterwegs sein werde! Ach! Sie meinen, der Mond sei weit von der Erde entfernt, und man müsse zweimal überlegen, ehe man den Versuch wagt! Aber was würden Sie erst sagen, wenn es sich darum handelte, auf den Neptun zu reisen, der in einer Entfernung von elfhundertsiebenundvierzig Millionen Lieues um die Sonne gravitirt! Solch’ eine Reise würden Wenige machen können, und wenn sie nur fünf Sous per Kilometer kostete! Selbst der Baron Rothschild würde mit einer Milliarde seinen Platz nicht bezahlen können, es würden ihm hundertundsiebenvierzig Millionen fehlen.«

Diese Art der Beweisführung schien der Versammlung sehr zu gefallen; übrigens gerieth dabei Michel Ardan, der von seinem Gegenstand das Herz voll hatte, in einen prachtvollen Schwung; er fühlte, daß man ihm gierig zuhörte, und fuhr mit erstaunlicher Sicherheit fort:

»Nun denn, meine Freunde, diese Entfernung des Neptun von der Sonne ist noch nichts, wenn man sie mit der der Sterne vergleicht; in der That, will man diese Entfernungen schätzen, so muß man Berechnungen vornehmen, wobei es einem schwindeln kann, die kleinste Ziffer ihre neun Stellen hat und die Milliarde als Einheit genommen wird. Ich bitte um Entschuldigung, daß ich in Beziehung auf diese Frage so gut bewandert bin, aber sie ist von tiefdringendem Interesse. Hören und urtheilen Sie! Alpha des Centauren ist achttausend Milliarden Lieues entfernt, Wega fünfzigtausend Milliarden, Sirius ebenso, Arcturus zweiundfünfzigtausend Milliarden, der Polarstern hundertsiebzehntausend Milliarden, die Ziege hundertsiebzigtausend Milliarden, die anderen Sterne Tausende, Millionen und Milliarden von Milliarden Lieues! Ist dagegen die Distanz der Planeten von der Sonne noch der Rede werth? Kann man behaupten, das sei eine Entfernung? Irrthum! Unwahrheit! Sinnentäuschung! Wissen Sie, was ich von der Welt halte, die von dem strahlenden Gestirn beginnt und mit dem Neptun endigt? Soll ich Ihnen meine Theorie sagen? Sie ist sehr einfach: In meinen Augen ist diese Sonnenwelt ein solider, gleichartiger Körper; die Planeten, aus welchen er besteht, sind sich ganz nahe, berühren sich, und der zwischen ihnen befindliche Raum will nicht mehr bedeuten, als der zwischen den Elementartheilchen des festesten Metalls, Silber, Gold oder Platina! Ich behaupte mit vollem Recht, und wiederhole mit einer Ueberzeugung, die Sie alle durchdringen wird: Distanz ist ein inhaltsleeres Wort, Distanz existirt nicht!«

– Gut gesprochen! Bravo! Hurrah! rief einstimmig die Versammlung, die von den Bewegungen, dem Accent des Redners, von der Kühnheit seiner Begriffe elektrisirt war.

– Nein! rief Maston energischer als die anderen, die Distanz existirt nicht.

Und das Ungestüm seiner Bewegungen, der Schwung seines Körpers, dessen er kaum noch Meister war, brachte ihn fast dahin, daß er vom Gerüst herabfiel. Doch gelang es ihm, wieder in’s Gleichgewicht zu kommen, und damit einen Sturz zu vermeiden, der ihm einen derben Beweis geliefert hätte, daß die Distanz nicht ein inhaltleerer Begriff ist. Darauf fuhr der fesselnde Redner fort:

»Meine Freunde«, sprach Michel Ardan, »ich denke, diese Frage ist nunmehr gelöst. Wenn ich Sie nicht Alle überzeugt habe, so liegt der Grund in der Schüchternheit meiner Beweisführung, der Schwäche meiner Begründung und Mangel an hinreichenden theoretischen Studien. Wie dem auch sei, ich wiederhole, die Entfernung der Erde von ihren Trabanten ist in Wirklichkeit von geringer Bedeutung, und nicht werth, einen ernsten Geist befangen zu machen. Ich glaube daher nicht zu weit zu gehen, wenn ich behaupte, man werde bald Projectilzüge einrichten, um mit Bequemlichkeit die Reise zum Mond vorzunehmen, und man wird dies Ziel rasch erreichen, ohne Ermüdung, in gerader Linie, ›im Flug der Biene‹, um einen Ausdruck Eurer Pelzjäger zu gebrauchen. Ehe zwanzig Jahre verflossen sind, wird die Hälfte der Erdbewohner einen Besuch auf dem Mond gemacht haben!«

– Hurrah! Hurrah! für Michel Ardan! riefen die Anwesenden, selbst die am wenigsten überzeugt waren.

– Hurrah für Barbicane! erwiderte der Redner bescheiden.

Diese Anerkennung des Urhebers der Unternehmung wurde mit einstimmigem Beifall aufgenommen.

»Jetzt, meine Freunde«, fuhr Michel Ardan fort, »wenn Sie eine Frage an mich zu richten haben, werden Sie mich armen Menschen wohl in Verlegenheit setzen, doch ich will mich zu antworten bemühen.«

Bis dahin hatte der Präsident des Gun-Clubs Grund, mit der Haltung der Debatte zufrieden zu sein. Sie war auf die speculativen Theorien gerichtet, worin Michel Ardan, von seiner lebhaften Phantasie fortgerissen, sich sehr glänzend zeigte. Man mußte ihn nur abhalten, sich den praktischen Fragen zuzuwenden, woraus er sich schwerlich eben so gut gezogen hätte. Barbicane ergriff daher schnell das Wort und richtete an seinen neuen Freund die Frage, ob er meine, daß der Mond oder die Planeten bewohnt seien.

»Du stellst mir da, mein würdiger Präsident, eine große Aufgabe zur Lösung«, erwiderte der Redner lächelnd; »doch, irre ich nicht, so haben Männer von großer Einsicht, Plutarch, Swedenborg, Bernardin de St. Pierre und viele Andere sich bejahend über dieselbe ausgesprochen. Vom Standpunkt der Naturphilosophie aus wäre ich geneigt, ihnen beizustimmen; ich würde mir sagen, daß in der Welt nichts Zweckloses existirt, und indem ich eine Frage mit einer anderen beantworte, Freund Barbicane, würde ich die Behauptung aufstellen: wenn die Welten bewohnbar sind, so sind sie entweder bewohnt, oder sind es gewesen, oder werden es sein.«

– Sehr gut! riefen die Zuhörer der vordersten Reihen, deren Meinung Gesetzeskraft für die hinteren hatte.

– Man kann nicht logischer und richtiger antworten, sagte der Präsident des Gun-Clubs. Die Frage ist also auf die zurückgeführt: »Sind die Welten bewohnbar?« – Ich meines Theils glaube es.

»Und ich bin davon überzeugt«, erwiderte Michel Ardan.

– Doch giebt es, entgegnete einer der Anwesenden, Gründe gegen die Bewohnbarkeit der Welten. Offenbar müßten bei den meisten die ersten Lebensbedingungen andere sein. So müßte man, um nur von den Planeten zu reden, auf dem einen verbrennen, auf dem anderen erfrieren, je nachdem sie der Sonne näher oder ferner sie umkreisen.

»Ich bedauere«, versetzte Michel Ardan, »daß ich meinen ehrenwerthen Gegner nicht persönlich kenne, denn ich will eine Erwiderung versuchen. Sein Einwand ist nicht ohne Werth, aber ich glaube, er läßt sich mit einigem Erfolg bestreiten, gleich allen anderen, die gegen die Bewohnbarkeit der Welten aufgestellt werden. Wäre ich Physiker, so würde ich sagen, man braucht nur auf den der Sonne näheren Planeten weniger Wärmestoff sich entwickeln zu lassen, dagegen mehr auf den entfernteren, so reicht diese einfache Thatsache hin, um die Wärme auszugleichen, und die Temperatur dieser Welten für Wesen, die organisirt sind, wie wir, erträglich zu machen. Wäre ich Naturforscher, so würde ich nach dem Vorgang vieler berühmter Gelehrten sagen, die Natur stelle uns auf der Erde Beispiele von Geschöpfen auf, die unter sehr verschiedenen Bedingungen der Bewohnbarkeit leben, wie die Fische in einer Umgebung sich befinden, welche anderen lebenden Wesen tödtlich ist, die Amphibien eine doppelte, schwer zu erklärende Existenz haben; wie gewisse Meerbewohner sich in großen Tiefen aufhalten, ohne durch den Druck von fünfzig oder sechzig Atmosphären zerquetscht zu werden; wie manche Wasserinsecten so unempfindlich gegen die Temperatur sind, daß man sie ebensowohl in siedend heißen Quellen, wie im Eismeer der Pole findet; endlich man müsse bei der Natur eine Verschiedenheit in den Mitteln ihres Wirkens anerkennen, welche oft unbegreiflich, aber darum doch wirklich ist, und bis zur Allmacht hinanreicht. Wäre ich Chemiker, so würde ich anführen, daß die Meteorsteine, welche offenbar außerhalb des Bereichs der Erde gebildet sind, bei der Analyse unbestreitbare Spuren von Kohle erkennen ließen; daß diese Substanz nur von organisirten Wesen herrührt, und daß sie, nach Reichenbach’s Experimenten, nothwendig thierischem Stoff angehörig, ›animalysirt sein‹ müssen. Wäre ich Theologe, so würde ich ihm sagen, es scheine, man müsse die göttliche Erlösung, nach dem Apostel Paulus, nicht allein auf die Erde, sondern auf alle Welten des Himmels beziehen. Aber ich bin weder Theologe, noch Chemiker, noch Naturforscher oder Physiker. Darum beschränke ich mich, bei meiner großen Unbekanntschaft mit den Gesetzen der Welt, auf die Antwort: Ich weiß nicht, ob die Welten bewohnt sind, und weil ich’s nicht weiß, will ich dort einen Besuch machen.«

Wagte der Gegner der Theorien Michel Ardan’s andere Beweise dagegen anzuführen? Man kann es nicht sagen, denn das wahnsinnige Geschrei der Menge hätte die Aeußerung jeder Meinung gehindert. Als es bis zu den entferntesten Gruppen wieder stille geworden, begnügte sich der triumphirende Redner, die folgenden Betrachtungen beizufügen:

»Sie denken wohl, wackere Yankees, daß ich eine so bedeutende Frage nur oberflächlich berührt habe; ich habe nicht die Absicht, Ihnen einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, und über diesen umfassenden Gegenstand einen Streitsatz zu verfechten. Es giebt noch eine ganze Reihe von Gründen für die Bewohnbarkeit der Welten. Ich lasse sie bei Seite und erlaube mir nur, einen Punkt hervorzuheben. Den Leuten, welche behaupten, die Planeten seien nicht bewohnt, muß man entgegnen: Sie können Recht haben, wenn es bewiesen ist, daß die Erde die bestmögliche der Welten ist, aber das ist sie nicht, was auch Voltaire darüber gesagt haben mag. Sie hat nur einen Trabanten, während Jupiter, Uranus, Saturn, Neptun deren mehrere zu Diensten haben, ein Vorzug, der nicht zu unterschätzen ist. Aber was besonders unseren Erdball so unbehaglich macht, ist die Neigung seiner Achse gegen seine Bahn. Daher rührt die Ungleichheit der Tage und Nächte, die leidige Verschiedenheit der Jahreszeiten. Auf unserem unglückseligen Planeten ist’s stets zu warm oder zu kalt; im Winter leidet man Frost, im Sommer Hitze; es ist eine Wohnstätte des Schnupfens, Katarrhs und Rheumatismus, während auf dem Jupiter z.B., dessen Achse sehr wenig geneigt ist, die Bewohner einer stets gleichen Temperatur sich erfreuen können: da giebt’s eine Zone des Frühlings, eine solche des Sommers, wie des Herbstes und Winters, mit fortdauernd gleichem Klima; jeder Jupiter-Bewohner kann sich ein solches nach Belieben wählen, und sich sein Lebtag gegen die Abwechselungen der Temperatur schützen. Ihr werdet wohl diesen Vorzug Jupiter’s vor unserem Planeten gerne anerkennen, ohne seiner Jahre zu gedenken, deren eins zwölf der unserigen dauert! Ferner, für mich ist es offenbar, daß unter diesen merkwürdigen Lebensbedingungen die Bewohner dieser glückseligen Welt Wesen höherer Gattung sind, die Gelehrten noch gelehrter, die Künstler noch mehr künstlerisch, die Bösen minder böse, die Guten noch besser. Ach! Woran mangelt’s unserem Planeten, um ebenso vollkommen zu sein? Nicht viel! Nur eine Umdrehungsachse, die weniger geneigt wäre gegen die Ebene seiner Bahn.«

– Aber nun! rief eine Stimme voll Ungestüm, vereinigen wir unsere Bemühungen, Maschinen zu erfinden, um die Erdachse zu ändern!

Ein Beifallklatschen gleich dem Donner erschallte bei diesem Vorschlag, der von Niemand sonst als J.T. Maston herrühren konnte. Aber man muß es heraussagen, denn es ist Wahrheit, Viele unterstützten ihn mit ihrem Beifallgeschrei, und hätten die Amerikaner den Stützpunkt gehabt, welchen bereits Archimedes vermißte, sie hätten ohne allen Zweifel einen Hebel construirt, der fähig wäre, die Welt aus ihren Angeln zu heben, und ihre Achse anders zu richten. Aber an diesem Stützpunkt eben fehlte es diesen verwegenen Maschinenkünstlern.

Demungeachtet hatte diese »eminent praktische« Idee einen ungeheuren Erfolg; die Discussion wurde für eine gute Viertelstunde unterbrochen, und lange, sehr lange noch sprach man in den Vereinigten Staaten Amerika’s von dem Vorschlag, welchen der beständige Secretär des Gun-Clubs so energisch gemacht hatte.

Zwanzigstes Capitel

Angriff und Abwehr

Dieser Zwischenfall schien den Schluß der Berathung zu veranlassen. Ein besseres Schlußwort war nicht zu finden. Doch als die Aufregung sich gelegt hatte, vernahm man mit starker und ernster Stimme folgende Worte:

»Nunmehr, nachdem der Redner der Phantasie reichlich Raum gegeben, wolle er zu seinem Gegenstand zurückkehren, weniger sich mit Theorie befassen, und die praktische Seite des Unternehmens besprechen?«

Alle Blicke wandten sich auf die Person, welche dies sprach. Es war ein magerer, trockener Mann von energischem Aussehen, mit einem amerikanisch zugeschnittenen Bart, der üppig sein Kinn umgab. Bei der in der Versammlung herrschenden Bewegung hatte er allmälig in der vordersten Reihe Platz gewonnen. Hier stand er mit gekreuzten Armen, glänzenden kühnen Augen mit unverwandtem Blick auf den Helden des Meeting. Nachdem er sein Begehren gestellt, schwieg er, und es schienen weder die tausend auf ihn gerichteten Blicke, noch das durch seine Worte hervorgerufene Murren der Mißbilligung Eindruck auf ihn zu machen. Da die Antwort auf sich warten ließ, stellte er seine Frage nochmals mit demselben klaren und bestimmten Ton, dann fügte er bei:

»Wir haben uns hier mit dem Mond zu befassen, nicht mit der Erde.«

»Sie haben Recht, mein Herr«, erwiderte Michel Ardan, »die Unterredung ist abgeschweift, kommen wir auf den Mond zurück.«

– Mein Herr, fuhr der Unbekannte fort, Sie behaupten, unser Trabant sei bewohnt. Gut. Aber wenn es Mondbewohner giebt, so leben diese Leute sicherlich ohne zu athmen, denn – ich bemerke es in Ihrem Interesse zum Voraus – es giebt auf der Oberfläche des Monds nicht die geringste Spur von Luft.

Bei dieser Behauptung strich sich Ardan sein helles Haar zurück; er begriff, daß der Streit mit diesem Manne auf den Kern der Frage einging. Er faßte ihn ebenfalls scharf in’s Auge und sprach:

»So! Es giebt keine Luft auf dem Mond! Und wer behauptet das, wenn’s beliebt?«

– Die Gelehrten.

– Wirklich?

– Wirklich.

»Mein Herr«, fuhr Michel fort, »allen Scherz bei Seite, ich habe tiefe Achtung vor den Gelehrten, die etwas verstehen, aber eine tiefe Mißachtung gegen die, welche nichts verstehen.«

– Kennen Sie solche, die zu Letzteren gehören?

»Sehr genau. In Frankreich giebt’s einen, der behauptet, ›mathematisch könne der Vogel nicht fliegen‹, und einen anderen, der die Theorie aufstellt, der Fisch sei nicht geeignet, im Wasser zu leben.«

– Um diese handelt sich’s nicht, mein Herr, ich könnte zur Stütze meiner Behauptung Namen anführen, die Sie nicht zurückweisen würden.

»Dann, mein Herr, würden Sie einen armen Ignoranten sehr in Verlegenheit setzen, der übrigens sich zu belehren sehr beflissen ist.«

– Warum befassen Sie sich denn mit wissenschaftlichen Fragen, wenn Sie dieselben nicht studirt haben? fragte etwas barsch der Unbekannte.

»Warum?« erwiderte Ardan; »aus dem Grunde, weil, wer eine Gefahr nicht ahnt, stets tapfer ist! Ich weiß nichts, es ist wahr, aber gerade in dieser meiner Schwäche liegt meine Kraft.«

– Ihre Schwäche geht bis zum Wahnsinn, schrie der Unbekannte in übelgelauntem Ton.

»Dann um so besser«, entgegnete der Franzose, »wenn mich mein Wahnsinn bis zum Mond führt!«

Barbicane und seine Collegen warfen grimmige Blicke auf diesen zudringlichen Menschen, der sich so keck dazwischen geworfen hatte. Niemand kannte ihn, und der Präsident, in Unruhe über die Folgen eines so offen geführten Disputs, blickte mit einer gewissen Besorgniß auf seinen neuen Freund. Die Versammlung war aufmerksam gespannt und ernstlich unruhig, denn dieser Streit führte dazu, ihre Aufmerksamkeit auf die Gefahren, oder sogar wirkliche Unmöglichkeit des Vorhabens zu richten.

– Mein Herr, fuhr der Gegner Michel Ardan’s fort, es giebt unzählige unbestreitbare Gründe, welche beweisen, daß es keine Atmosphäre um den Mond herum giebt. Ich sage sogar a priori, daß, wenn es je eine solche gab, sie ihm durch die Erde entzogen werden müßte. Doch will ich Ihnen lieber unbestreitbare Thatsachen anführen.

»Führen Sie nur solche an, mein Herr«, erwiderte Michel Ardan mit vollkommener Höflichkeit, »führen Sie an, soviel es Ihnen beliebt.«

– Sie wissen, sagte der Unbekannte, daß, wenn Lichtstrahlen ein Medium der Art, wie die Luft ist, durchlaufen, sie von der geraden Linie abgelenkt werden, mit anderen Worten, daß sie eine Brechung erleiden. Nun! Wenn Sterne durch den Mond verdeckt werden, haben ihre Strahlen, die an den Rand der Scheibe streifen, nie die geringste Abweichung, die leiseste Spur von Brechung bemerken lassen. Daraus folgt klar, daß der Mond nicht mit einer Atmosphäre umgeben ist.

Man wendete seine Blicke auf den Franzosen, denn wurde die Wahrheit des Satzes zugegeben, so waren bedeutende Folgerungen daraus zu ziehen.

»In der That«, erwiderte Michel Ardan, »das ist Ihr bester Beweisgrund, wo nicht der einzige, und ein Gelehrter wäre vielleicht in Verlegenheit, darauf zu antworten; ich sage Ihnen nur, daß derselbe keinen unbedingten Werth hat, weil er voraussetzt, daß der angulare Durchmesser des Mondes vollständig bestimmt sei, was nicht der Fall ist. Aber gehen wir weiter und sagen Sie mir, lieber Herr, geben Sie zu, daß es Vulkane auf der Oberfläche des Mondes giebt?«

– Ausgebrannte, ja; brennende, nein.

»Lassen Sie mich jedoch glauben, und ohne die Grenzen der Logik zu überschreiten, daß diese Vulkane zu einer gewissen Zeit in Thätigkeit gewesen sind.«

– Unstreitig, aber da sie den zum Verbrennen nöthigen Sauerstoff selbst gewähren konnten, so liefert die Thatsache ihres Ausbruchs durchaus keinen Beweis dafür, daß eine Atmosphäre auf dem Mond vorhanden.

»Gehen wir also weiter«, erwiderte Michel Ardan, »lassen wir diese Art Beweisgründe bei Seite, um uns zu directen Beobachtungen zu wenden. Aber ich sage Ihnen zum Voraus, ich werde Namen beibringen.«

– Bringen Sie diese nur bei.

»Ich führe an. Im Jahre 1715 haben die Astronomen Louville und Halley bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß des 3. Mai gewisse blitzartige Erscheinungen sonderbarer Art wahrgenommen. Dieses rasche, öfters wiederholte Aufblitzen des Lichts schrieben sie Gewittern zu, die im Bereich der Mondatmosphäre entstanden.«

– Im Jahre 1715, erwiderte der Unbekannte, haben die Astronomen Louville und Halley Erscheinungen, die lediglich zur Erde gehörten, für solche des Mondes gehalten, Boliden oder andere, welche innerhalb unserer Atmosphäre vorgingen. So haben sich die Gelehrten über jene Thatsachen ausgesprochen, und dies gebe ich Ihnen zur Erwiderung.

»Gehen wir weiter«, versetzte Ardan, ohne sich durch den Widerspruch irre machen zu lassen. »Hat nicht Herschel im Jahre 1787 eine große Anzahl von Lichtpunkten auf der Oberfläche des Mondes beobachtet?«

– Allerdings, aber ohne über den Ursprung derselben eine Erklärung zu geben; Herschel selbst hat daraus keinen Schluß auf das nothwendige Vorhandensein einer Mondatmosphäre gezogen.

»Gut geantwortet«, sagte Michel Ardan, mit einem Compliment für seinen Gegner; »ich sehe, daß Sie sehr stark in der Selenographie sind.«

– Sehr stark, mein Herr, und ich füge bei, daß die geschicktesten Beobachter, welche am meisten Studien über den Mond gemacht haben, Beer und Mädler, über den gänzlichen Mangel an Luft auf seiner Oberfläche einig sind.

Die Zuhörer, auf welche die Argumente des merkwürdigen Mannes Eindruck zu machen schienen, geriethen in Bewegung.

»Nur weiter«, erwiderte Michel Ardan mit größter Seelenruhe, »und nehmen wir eine bedeutende Thatsache in Betracht. Laussedat, ein tüchtiger französischer Astronom, hat bei Beobachtung der Sonnenfinsterniß am 18. Juli 1860 constatirt, daß die Spitzen der halbmondförmigen Sonnenscheibe abgerundet und verstümmelt waren.

Diese Erscheinung aber konnte nur von einer Brechung der Sonnenstrahlen durch die Atmosphäre des Mondes herrühren; eine andere Erklärung ist nicht gut möglich.«

– Aber steht auch die Thatsache fest? fragte lebhaft der Unbekannte.

»Unumstößlich fest!«

Das Schweigen seines Gegners erregte in der Versammlung abermals eine Bewegung, und zwar zu Gunsten ihres gefeierten Helden. Ardan ergriff wieder das Wort und sagte, ohne sich mit dem errungenen Vortheil zu brüsten, einfach:

»Sie sehen also wohl, mein werther Herr, daß man sich nicht so bestimmt gegen das Vorhandensein einer Atmosphäre auf der Oberfläche des Mondes aussprechen darf; diese Atmosphäre ist vielleicht dünn, etwas sein, aber heutiges Tags hat die Wissenschaft allgemein angenommen, daß sie vorhanden ist.«

– Nicht über die Berge hinaus, wenn Sie belieben, entgegnete der Unbekannte, der an seiner Meinung festhielt.

»Nein, aber in den Thälern, und einige Hundert Fuß hoch.«

– Jedenfalls würden Sie wohl thun sich vorzusehen, denn diese Luft wird erschrecklich dünn sein.

»O! mein wackerer Herr, für einen einzigen Menschen wird sie immer hinreichen; übrigens, bin ich nur einmal oben, so werde ich möglichst haushälterisch sein, und nur bei Hauptveranlassungen athmen.«

Entsetzliches Lachen donnerte dem geheimnißvollen Disputanten in die Ohren; mit stolzem Trotz schweiften seine Blicke über die Versammlung hin.

»Da wir nun«, fuhr Michel Ardan mit ungezwungener Miene fort, »über das Vorhandensein einer Atmosphäre einig sind, so müssen wir nothwendig zugeben, daß auch eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. Ueber diese Folgerung freue ich meinerseits mich sehr. Außerdem, mein liebenswürdiger Gegner, gestatten Sie mir, Ihnen noch eine Bemerkung vorzulegen. Wir kennen nur eine Seite der Mondscheibe, und wenn auf der uns zugekehrten Seite wenig Luft vorhanden ist, so ist’s möglich, daß derselben viel auf der entgegengesetzten sich findet.«

– Und aus welchem Grund?

»Weil der Mond in Folge der Anziehung von Seiten der Erde die Gestalt eines Eies angenommen hat, dessen Spitze uns zugekehrt ist. Daher, nach Hansen’s Berechnung, die Folge, daß sein Schwerpunkt in der andern Hälfte liegt. Daraus schließt man, daß von den ersten Tagen der Schöpfung unseres Trabanten an, alle Massen von Luft und Wasser sich auf die andere Seite ziehen mußten.«

– Pure Phantasieen! rief der Unbekannte.

»Nein, pure Theorieen, die sich auf die Gesetze der Mechanik stützen, und die, meines Erachtens, schwer zu widerlegen sind. Ich berufe mich darüber auf diese Versammlung, und ich lege ihr die Frage zur Entscheidung vor, ob ein solches Leben, wie es auf der Erde vorhanden, auf der Oberfläche des Mondes möglich ist?«

Dreimalhunderttausend Zuhörer zollten dem Satze Beifall. Der Gegner Michel Ardan’s wollte noch reden, konnte aber nicht zu Gehör kommen. Er ward von Schreien und Drohen wie mit einem Hagel überschüttet.

– Genug, genug, riefen die Einen.

– Jagt den Eindringling fort! wiederholten Andere.

– Hinaus! Hinaus! schrie die aufgeregte Menge.

Er aber, fest an das Gerüst geklammert, wich und wankte nicht, ließ den Sturm austoben, der zu einer fürchterlichen Höhe gestiegen wäre, hätte ihn nicht Michel Ardan durch eine Handbewegung gestillt. Er war zu ritterlich, um seinen Gegner in solcher Noth stecken zu lassen.

»Sie wünschen noch einige Worte hinzuzufügen«, fragte er im freundlichsten Tone.

– Ja! Hundert, tausend, erwiderte der Unbekannte empört. Oder vielmehr nein, ein einziges! Wollten Sie auf Ihrem Vorhaben beharren, so müßten Sie …

»Wie unklug! mir so dafür zu begegnen, daß ich von meinem Freund Barbicane ein cylindrokonisches Geschoß begehrte, um nicht unterwegs mich umdrehen zu müssen, wie die Eichhörnchen!«

– Aber, Unglückseliger, der fürchterliche Gegenstoß würde Sie in Stücke zersetzen!

»Mein lieber Widersacher! Sie legen den Finger auf die wahre und einzige Schwierigkeit; doch habe ich eine zu gute Meinung von dem industriellen Genie der Amerikaner, um zu glauben, sie könnten dieselbe nicht lösen!«

– Aber die Hitze, welche beim Durchschneiden der Luftschichten durch die Schnelligkeit des Projectils entwickelt wird.

»O! Seine Wände sind so dick, und ich werde ja rasch über die Atmosphäre hinauskommen!«

– Aber Lebensmittel? Wasser?

»Ich habe ausgerechnet, daß ich für die Dauer eines Jahres mitnehmen kann, und meine Fahrt wird vier Tage dauern!«

– Aber Luft zum Athmen unterwegs?

»Ich werde solche auf chemischem Wege erzeugen.«

– Aber wenn Sie je auf den Mond kommen, werden Sie dort zu Boden fallen.

»Ein Fall auf die Erde würde sechsmal schneller sein, weil auf der Oberfläche des Mondes die Schwerkraft sechsmal geringer ist.«

– Doch würde Sie noch hinreichend sein, um Sie wie Glas zu zerschmettern.

»Und wer würde mich hindern, meinen Fall vermittelst angemessen angebrachter und rechtzeitig angezündeter Raketen langsamer zu machen?«

– Aber endlich, vorausgesetzt, daß alle diese Schwierigkeiten gelöst, alle Hindernisse beseitigt seien, daß Alles noch Ungewisse zu Ihren Gunsten ausfiele; angenommen, daß Sie wohlbehalten auf dem Mond ankämen, wie würden Sie wieder zurückkommen?

»Ich würde gar nicht wieder kommen.«

Bei dieser durch ihre Einfachheit an das Erhabene reichenden Antwort blieb die Versammlung stumm, aber dies Schweigen war beredter, als enthusiastisches Geschrei. Der Unbekannte benützte dasselbe, um zum letzten Male seine Einsprache zu erheben.

– Sie würden unfehlbar sich umbringen, rief er aus, und Ihr unsinniger Tod würde nicht einmal der Wissenschaft nützen!

»Fahren Sie nur fort, edelmüthiger Unbekannter, denn wahrhaftig, Sie prophezeihen recht angenehm!«

– Ah! das ist zu viel, rief der Gegner Michel Ardan’s, und ich weiß nicht, weshalb ich eine so wenig ernsthafte Unterredung fortsetzen soll. Führen Sie nur nach Belieben Ihr tolles Vorhaben aus. Ihnen hat man darüber nichts vorzuwerfen.

»O! Geniren Sie sich nicht!«

– Nein, ein Anderer wird für Ihr Thun verantwortlich sein!

»Und wer denn, wenn’s beliebt?« fragte Michel Ardan in gebieterischem Ton.

– Der Ignorant, welcher diesen so unmöglichen, rein lächerlichen Versuch veranstaltet hat.

Das war ein directer Angriff. Barbicane hatte seit dem Dazwischentreten des Unbekannten sich mit äußerster Anstrengung zurückgehalten, um, wie manche Kessel »seinen Rauch zu verzehren«; aber als er sich so beleidigend angegriffen sah, stand er eilig auf und schritt auf seinen Gegner zu, der ihm trotzig in’s Gesicht sah, – als er plötzlich von ihm getrennt ward.

Das Gerüst wurde auf einmal von hundert kräftigen Armen emporgehoben, und der Präsident des Gun-Clubs mußte mit Michel Ardan die Ehre eines Triumphzugs theilen. Es war zwar ein schwerer Schild, aber die Träger lösten sich einander unablässig ab, und jeder stritt sich darum, rang und kämpfte, um mit seinen Schultern zu dieser Huldigung beizutragen.

Inzwischen hatte der Unbekannte den Tumult nicht benützt, um seinen Platz zu verlassen. Er hätte es auch in der dicht gedrängten Menge nicht vermocht. Für jeden Fall blieb er in der vordersten Reihe, mit gekreuzten Armen, die Augen fest auf Barbicane gerichtet.

Dieser verlor ihn auch nicht aus dem Gesicht, und die Blicke beider Männer blieben wie gezückte Degen gegen einander gerichtet.

Während dieses Triumphzugs blieb das Geschrei der unermeßlichen Menge fortwährend auf seinem Höhepunkt. Michel Ardan ließ sich’s mit augenscheinlichem Behagen gefallen; sein Antlitz strahlte. Manchmal schien das Gerüst in ein Schwanken zu gerathen gleich dem Stampfen und Schlingen eines Schiffes auf den Wogen. Aber die beiden Helden des Meetings verstanden sich auf die See; sie wankten nicht, und ihr Fahrzeug langte ohne Fährlichkeit im Hafen von Tampa-Town an.

Es gelang Michel Ardan, sich dem äußersten Gedränge seiner kräftigen Bewunderer zu entziehen; er flüchtete in’s Hôtel Franklin, begab sich unverzüglich in sein Zimmer und schlüpfte rasch in sein Bett, während ein Heer von hunderttausend Mann unter seinen Fenstern Wache hielt.

Während dieser Zeit begab sich eine kurze, bedeutsame, entschiedene Scene zwischen der geheimnißvollen Person und dem Präsidenten des Gun-Clubs.

Als Barbicane sich endlich frei fühlte, war er gerade auf seinen Gegner losgegangen.

»Kommen Sie«, sprach er barsch.

Der Letztere folgte ihm auf den Quai, und bald standen sich die Gegner allein gegenüber am Eingang einer Werft.

Hier sahen sich die beiden Feinde, ohne sich zu kennen, einander in’s Angesicht.

»Wer sind Sie?« fragte Barbicane..

– Der Kapitän Nicholl.

»Ich vermuthete es. Bis jetzt hat der Zufall noch nicht gewollt, mit Ihnen auf meinem Wege zusammen zu treffen …«

– Deshalb bin ich gekommen!

»Sie haben meine Ehre angegriffen!«

– Oeffentlich.

»Und Sie werden mir für den Schimpf Genugthuung geben.«

– Augenblicklich.

»Nein. Ich wünsche, daß Alles im Stillen unter uns vorgehe. Drei Meilen von Tampa-Town ist das Gehölz Skersnaw. Kennen Sie’s?«

– Ja.

»Beliebt’s Ihnen, morgen früh fünf Uhr von einer Seite her dorthin zu kommen?«

– Ja, wenn Sie zu derselben Zeit sich von der andern Seite her einfinden.

»Und Sie werden nicht Ihren Rifle vergessen«, sagte Barbicane.

– So wenig, wie Sie den Ihrigen, erwiderte Nicholl.

Nach diesen in aller Kälte gewechselten Worten gingen der Präsident des Gun-Clubs und der Kapitän auseinander. Barbicane begab sich nach Hause, aber anstatt einige Stunden auszuruhen, sann er die Nacht über auf Mittel, den Gegenstoß des Projectils zu vermeiden, und das von Michel Ardan bei der Discussion des Meetings aufgestellte schwierige Problem zu lösen.

Einundzwanzigstes Capitel

Wie ein Franzose eine Sache zur Ausgleichung bringt

Während zwischen dem Präsidenten und dem Kapitän die Abrede über das Duell getroffen wurde, das entsetzliche, unmenschliche Duell, worin jeder Gegner einem Menschen das Leben zu nehmen trachtet, ruhte Michel Ardan aus von den Strapazen seines Triumphs. Ausruhen ist nicht der richtige Ausdruck, denn die amerikanischen Betten können an Härte mit Marmortischen wetteifern.

Ardan schlief daher ziemlich schlecht, indem er sich zwischen den Servietten, die ihm als Leintücher dienten, hin und her warf, und er dachte darauf, in seinem Projectil sich ein bequemeres Lager einzurichten – als ein heftiges Getöse ihn in seinen Träumen störte. Es wurde mit übermäßigen Schlägen an seine Thüre gepocht; es schien, sie rührten von einem eisernen Instrument her. Zwischen diesem etwas allzufrühen Lärmen vernahm man fürchterlich rufende Stimmen:

»Mache auf!« rief’s, »um’s Himmels willen, mach’ gleich auf!« Ardan hatte keinen Grund, einem so lärmend gestellten Begehren zu willfahren. Doch stand er auf und öffnete seine Thüre, als sie eben der Gewaltübung des beharrlichen Besuchers nachzugeben im Begriff war.

Der Secretär des Gun-Clubs drang in das Gemach. Eine Bombe würde nicht minder ohne Umstände sich Eingang verschafft haben.

– Gestern Abend, rief J.T. Maston ohne Weiteres, ist unser Präsident während des Meetings öffentlich beschimpft worden! Er hat seinen Gegner gefordert, der Niemand sonst ist, als der Kapitän Nicholl! Diesen Morgen früh schlagen sie sich im Gehölz von Skersnaw! Ich weiß Alles aus Barbicane’s eigenem Munde! Fällt er, so werden dadurch unsere Projecte zunichte! Also muß dies Duell verhindert werden! Niemand in der Welt aber kann auf Barbicane Einfluß genug haben, um ihn davon abzubringen, als Michel Ardan!

Während Maston so sprach, hatte Michel Ardan, ohne ihn zu unterbrechen, in aller Hast seine weiten Hosen angezogen, und binnen weniger als zwei Minuten befanden sich die beiden Freunde eilenden Schritts in der Vorstadt von Tampa-Town.

Unterwegs setzte Maston seinen Begleiter in Kenntniß von der Sache. Er theilte ihm den wahren Grund der Feindschaft beider mit, wie dieselbe von langer Zeit herrührte, weshalb durch die Bemühungen gemeinschaftlicher Freunde der Präsident und der Kapitän sich bisher noch nicht persönlich begegnet waren; er fügte bei, es handle sich einzig um eine Rivalität der Platte und Kugel, und Nicholl habe bei dem Meeting nur die Gelegenheit gesucht, einen alten Groll zu befriedigen.

Es giebt nichts Schrecklicheres, als diese persönlichen Feindschaften und Zweikämpfe in Amerika. Da suchen sich zwei Gegner und lauern auf einander in Wald und Gehölz, und zielen aus dem Gebüsch, wie auf Rothwild. Dann beneiden sie die Indianer der Prairien um ihre wunderbaren Naturgaben, den raschen Verstand, die angeborene Schlauheit, die instinctmäßige Witterung des Feindes. Ein Irrthum, ein Anstoß, ein Fehltritt können den Tod herbeiführen. Solches Streifen nehmen die Yankees oft in Begleitung ihrer Hunde vor, zugleich als Jäger und Wild, und treiben sich stundenlang einander auf.

– Welche Teufel von Leuten seid Ihr! rief Michel Ardan, als ihm sein Gefährte mit viel Energie dies ganze Treiben geschildert hatte.

– So sind wir, erwiderte Maston kleinlaut; aber eilen wir.

Indessen mochten sie noch so sehr in Eile über die thaufeuchte Ebene rennen, über Reisfelder und Bäche setzen, um die Wege abzukürzen; vor halb sechs Uhr konnten sie nicht in’s Gehölz von Skersnaw kommen. Barbicane mußte schon seit einer halben Stunde sich auf dem Platz eingefunden haben.

Sie trafen da einen alten Buschmann, der mit Reiserbinden beschäftigt war.

Maston lief zu ihm, und rief ihm zu:

– Haben Sie einen Mann mit einer Büchse in den Wald gehen sehen – den Präsidenten Barbicane, meinen besten Freund? …

Der würdige Secretär des Gun-Clubs war so naiv, zu glauben, sein Präsident müsse der ganzen Welt bekannt sein. Aber der Buschmann schien ihn nicht zu verstehen.

– Einen Jäger, sagte drauf Ardan.

– Einen Jäger? Ja, erwiderte der Buschmann.

– Ist’s schon lange?

– Etwa eine Stunde.

– Zu spät! schrie Maston.

– Und haben Sie Flintenschüsse gehört? fragte Michel Ardan. – Nein.

– Nicht einen einzigen?

– Nicht einen. Der Jäger hat, scheint’s, keine gute Jagd.

– Was nun weiter? sagte Maston.

– Wir gehen in’s Gehölz auf die Gefahr, von einer Kugel getroffen zu werden, die nicht für uns bestimmt ist.

– Ach! rief Maston in einem Ton, der nicht mißzuverstehen war, lieber hätte ich zehn Kugeln in meinem Kopf, als eine einzige in Barbicane’s.

– Vorwärts also! fuhr Ardan mit einem Händedruck fort.

Nach einigen Minuten verschwanden die beiden Freunde im Gehölz. Es war ein Dickicht von Riesencypressen, Sykomoren, Tulpenbäumen, Oelbäumen, Tamarinden, immergrünen Eichen. Die Zweige dieser verschiedenen Bäume waren unentwirrbar mit einander verwachsen, und gestatteten dem Blick keine weite Aussicht. Michel Ardan und Maston gingen also nicht weit von einander schweigend durch hohes Gras, bahnten sich ihren Weg durch Lianen, fragten mit Blicken die Büsche und das dichte Laubwerk. Nirgends ließ sich eine Spur erkennen, die Barbicane’s Schritte hätte bezeichnen können, und sie gingen wie blind auf den mit Mühe gebahnten Pfaden, wo ein Indianer Schritt für Schritt seinem Gegner gefolgt wäre.

Nach einer Stunde vergeblichen Suchens blieben sie stehen. Ihre Unruhe verdoppelte sich.

– Es muß wohl Alles vorbei sein, sagte Maston entmuthigt. Ein Mann wie Barbicane hat nicht seinem Gegner einen listigen Streich gespielt! Er ist zu offen, zu muthig, ist gerade vorwärts der Gefahr entgegen gegangen, ohne Zweifel zu weit von dem Buschmann entfernt, als daß dieser den Schuß hören konnte!

– Aber wir! wir! versetzte Michel Ardan, seit wir uns in dem Gehölz befinden, hätten ihn hören müssen! …

– Und wenn wir zu spät kamen! rief Maston im Ton der Verzweiflung.

Michel Ardan hatte kein Wort darauf zu antworten, und sie gingen weiter. Von Zeit zu Zeit erhoben sie lautes Geschrei, und riefen, bald Barbicane, bald Nicholl; aber keiner von Beiden gab eine Antwort. Muntere Vögel, von dem Lärm geschreckt, verließen in Schwärmen das Gezweig, und einige aufgescheuchte Damhirsche flüchteten eiligst durch das Gehölz.

Noch eine volle Stunde suchten sie fort. Sie hatten fast den größten Theil des Buschwerks durchforscht, und keine Spur von der Anwesenheit der Kämpfer hatte sich gezeigt. Die Aussage des Buschmanns war doch zu bezweifeln, und Ardan wollte schon das fruchtlose Suchen aufgeben, als Maston plötzlich stehen blieb.

– St! St! Da ist Jemand!

– Jemand? erwiderte Michel Ardan.

– Ja! ein Mann! Es scheint, er rührt sich nicht. Keine Büchse in seiner Hand. Was treibt er doch?

– Aber erkennst Du ihn? fragte Michel Ardan, den bei solchem Anlaß sein kurzes Gesicht im Stiche ließ.

– Ja! ja! er wendet sich um, erwiderte Maston.

– Und es ist? …

– Der Kapitän Nicholl!

– Nicholl! rief Michel Ardan, dem das Herz sich zusammen schnürte.

Nicholl ohne Waffe! Also hatte er von seinem Gegner nichts mehr zu fürchten? Aber sie waren noch keine fünfzig Schritte weiter gegangen, als sie stehen blieben, um den Kapitän aufmerksamer zu betrachten. Sie meinten einen blutbefleckten, in seiner Rache gesättigten Menschen zu treffen. Und sie staunten, wie sie ihn sahen.

Zwischen riesenhaften Tulpenbäumen war ein Maschennetz gespannt, in dessen Mitte ein Vöglein, dessen Flügel sich darein verwickelt hatten, mit kläglichem Geschrei sich abzappelte. Der Vogelsteller, der dieses unzerreißliche Netz gespannt hatte, war kein menschliches Wesen, sondern eine giftige, in der Landschaft einheimische Spinne, von der Größe eines Taubeneies mit enormen Krallen. Als das häßliche Thier eben über seine Beute herfallen wollte, wurde es fortgescheucht und suchte auf den Zweigen des Baumes seine Zuflucht, denn es sah sich selbst von einem fürchterlichen Feind bedroht.

Wirklich legte der Kapitän Nicholl seine Büchse bei Seite, vergaß die Gefahr seiner Lage, und war sorgfältig bemüht, das im Garne der abscheulichen Spinne gefangene Thierlein zu befreien. Als er damit fertig war, ließ er das Vöglein flattern, das mit lustigem Flügelschlag verschwand.

Nicholl sah mit gerührtem Blick ihm durch die Zweige nach, als er die mit bewegter Stimme gesprochenen Worte vernahm:

»Sie sind doch ein wackerer Mensch!«

Er wendete sich um. Michel Ardan stand vor ihm, und wiederholte in allen Tonarten:

»Und ein liebenswürdiger Mensch!«

– Michel Ardan! rief der Kapitän. Was wollen Sie hier, mein Herr?

– Ihnen die Hand drücken, Nicholl, und Sie abhalten, entweder Barbicane oder sich selbst um’s Leben zu bringen.

– Barbicane! rief der Kapitän, den ich seit zwei Stunden vergeblich suche! Wo steckt er? …

– Nicholl, sagte Michel Ardan, das ist nicht sein! Man muß stets seinen Gegner achten; seien Sie ruhig, wenn Barbicane noch bei Leben ist, werden wir ihn finden, und um so leichter, als er, wenn er sich nicht damit vergnügt hat, verfolgten Vöglein beizustehen, uns ebenfalls suchen muß. Aber wenn wir ihn gefunden haben, so wird – Michel Ardan sagt Ihnen dies – von einem Duell zwischen Ihnen keine Rede mehr sein.

– Zwischen dem Präsidenten Barbicane und mir, erwiderte Nicholl ernst, besteht eine so feindliche Rivalität, daß nur der Tod …

– Gehen Sie doch! Gehen Sie damit, fuhr Michel Ardan fort, so wackere Leute, wie Sie, können sich wohl einander zuwider sein, aber man achtet sich. Sie werden sich nicht schlagen.

– Ich werde mich schlagen, mein Herr.

– Nimmermehr.

– Kapitän, sagte darauf J.T. Maston mit tief bewegtem Herzen, ich bin des Präsidenten Freund, sein alter ego, ein anderes Exemplar von ihm; wenn Sie durchaus einen um’s Leben bringen wollen, zielen Sie auf mich, es wird ganz dasselbe sein.

– Mein Herr, sagte Nicholl, indem er krampfhaft seine Büchse in die Hand nahm, solche Scherze …

– Freund Maston scherzt nicht, erwiderte Michel Ardan, und ich begreife die Idee, für den Mann, den man liebt, sein Leben zu lassen! Aber weder er, noch Barbicane werden durch die Kugel des Kapitäns Nicholl um’s Leben kommen, denn ich habe den beiden Rivalen einen Vorschlag zu machen, der so verführerisch ist, daß sie eifrig bereit sein werden, ihn anzunehmen.

– Und welchen? fragte Nicholl, mit augenscheinlichem Zweifel.

– Geduld, erwiderte Ardan, ich kann ihn nur in Gegenwart Barbicane’s mittheilen.

– So wollen wir ihn suchen, rief der Kapitän.

Und sofort machten sich die drei Männer auf den Weg; der Kapitän entlud sein Gewehr, hing’s um seine Schulter und ging schweigend im Trott weiter.

Noch eine halbe Stunde lang suchten sie vergeblich. Maston ward von einer schlimmen Ahnung ergriffen. Er faßte Nicholl strenge in’s Auge und fragte sich, ob etwa, nachdem des Kapitäns Rache befriedigt worden, der unglückliche Barbicane von einer Kugel getroffen bereits leblos in seinem Blute unter einem Gebüsch liege. Michel Ardan schien den gleichen Gedanken zu haben, und beider Blicke maßen bereits fragend den Kapitän Nicholl, als Maston plötzlich stille stand.

Zwanzig Schritte von da gewahrte man unbeweglich am Fuß einer riesenmäßigen Catalpa mit dem Rücken wider gelehnt, im Grase halb versteckt eine Mannesgestalt.

»Er ist’s!« sagte Maston.

Barbicane rührte und regte sich nicht. Ardan senkte seine Blicke in die Augen des Kapitäns, aber der wankte nicht. Ardan schritt vor und rief:

»Barbicane! Barbicane!«

Keine Antwort. Ardan stürzte auf seinen Freund, aber im Moment, als er ihn beim Arm fassen wollte, hielt er ein mit einem Schrei der Verwunderung.

Barbicane, mit dem Bleistift in der Hand, machte geometrische Figuren und Formeln in ein Notizbüchlein, indeß sein Gewehr unschädlich auf dem Boden lag.

In seine Arbeit versunken, hatte der Gelehrte ebenfalls Duell und Rache vergessen, nichts gesehen, nichts gehört.

Aber als Michel Ardan seine Hand auf die seinige legte, richtete er sich auf und sah ihn verwundert an.

– Ah! rief er endlich, Du hier! Ich hab’s gefunden, Freund! gefunden!

– Was gefunden?

– Mein Mittel.

– Was für ein Mittel?

– Das Mittel, die Wirkung des Rückstoßes beim Abschießen des Projectils aufzuheben.

– Wirklich? sagte Michel, und blickte schielend nach dem Kapitän.

– Ja! Wasser! bloßes Wasser wird die Federkraft abgeben … Ah! Maston! Sie auch!

– Er selbst, erwiderte Michel Ardan, und erlaube mir, Dir zugleich den würdigen Kapitän Nicholl vorzustellen!

– Nicholl! rief Barbicane, und sprang augenblicklich auf. Verzeihen Sie, Kapitän, ich hatte vergessen … ich bin bereit …

Michel Ardan legte sich in’s Mittel, ehe noch die beiden Feinde Zeit hatten sich anzureden.

»Wahrhaftig!« sprach er, »ein Glück, daß so wackere Männer, wie Sie, sich nicht eher begegneten! Wir hätten sonst einen oder den anderen zu beweinen. Aber, Gott sein Dank, er hat dafür gesorgt, daß nichts mehr zu besorgen ist. Wenn man seinen Haß vergißt, um sich in mechanische Probleme zu versenken, oder den Spinnen einen Streich zu spielen, dann ist dieser Haß für Niemand mehr gefährlich.«

Und Michel Ardan erzählte dem Präsidenten, was mit dem Kapitän vorgegangen war.

»Ich frage nun endlich«, sagte er zum Schluß, »ob zwei so tüchtige Männer, wie Sie, dafür da sind, um sich einander den Kopf zu zerschmettern?«

Diese Sachlage enthielt etwas Lächerliches, etwas so Unerwartetes, daß Barbicane und Nicholl nicht recht wußten, welche Haltung sie einander gegenüber annehmen sollten. Michel Ardan merkte es wohl, und beschloß, die Auflösung mit einem Schlag herbeizuführen.

»Meine wackeren Freunde«, sagte er, und ließ sein bestes Lächeln auf den Lippen spielen, »es hat stets nur ein Mißverstehen zwischen Ihnen stattgefunden, sonst Nichts. Nun denn! Zum Beweis, daß zwischen Ihnen Alles im Reinen ist, und da Sie ja Männer sind, die ihre Haut zu riskiren fähig sind, nehmen Sie frisch den Vorschlag an, den ich eben Ihnen machen will.«

– Reden Sie, sagte Nicholl.

– Freund Barbicane glaubt, sein Projectil werde grades Wegs in den Mond gelangen.

– Ja sicherlich, erwiderte der Präsident.

– Und Freund Nicholl ist überzeugt, daß es wieder auf die Erde fallen werde.

– Ganz gewiß, rief der Kapitän.

– Gut! versetzte Michel Ardan. Ich maße mir nicht an, Sie miteinander in Harmonie zu bringen; aber ich sage Ihnen ganz einfach: – Reisen Sie mit mir, und wir wollen dann sehen, ob wir die Reise durchführen.

– Hm! sagte J.T. Maston bestürzt.

Die beiden Rivalen sahen sich bei dem plötzlichen Vorschlag einander an, warteten mit Spannung einer auf des anderen Wort.

»Nun?« fragte Michel Ardan mit gewinnendem Ton. »Weil ein Rückstoß nicht mehr zu fürchten!«

– Angenommen! rief Barbicane.

Aber, so rasch er das Wort sprach, Nicholl sprach dasselbe zugleich.

»Hurrah! Bravo! Hip! Hip! Hip!« rief Michel Ardan, und reichte den beiden Gegnern die Hand. »Und nun, da die Sache beigelegt ist, gestatten Sie mir, nach französischer Weise, Sie zu bewirthen. Gehen wir zum Frühstück.«

Zweiundzwanzigstes Capitel

Der neue Bürger der Vereinigten Staaten

An demselben Tag erfuhr ganz Amerika den Handel des Kapitäns Nicholl mit dem Präsidenten Barbicane, sowie seine eigenthümliche Erledigung. Die Rolle, welche der ritterliche Europäer dabei spielte, sein unerwarteter Vorschlag, welcher die Schwierigkeit durchschnitt, die gleichzeitige Annahme der beiden Rivalen, diese Eroberung des Mondcontinents, wobei Frankreich und die Vereinigten Staaten zusammenwirkten, Alles vereinigte sich, um die Popularität Michel Ardan’s zu steigern. Es ist bekannt, bis zu welchem Wahnsinn die Yankee’s ihre Leidenschaft für ein Individuum steigern. In einem Lande, wo ehrwürdige Magistratspersonen sich an den Wagen einer Tänzerin spannen und sie im Triumph herumfahren, was kann man da von der durch den kühnen Franzosen entfesselten Leidenschaft erwarten! Spannte man nicht seine Pferde aus, so geschah es vermuthlich nur deshalb, weil keine da waren, aber alle anderen Huldigungsbezeugungen wurden ihm gespendet. Nicht ein Bürger, der ihm nicht mit Herz und Geist ergeben war!

Von diesem Tage an hatte Michel Ardan keine ruhige Stunde mehr. Abgeordnete aus allen Ecken und Enden der Union belästigten ihn unablässig. Er mußte sie unweigerlich empfangen.

Das Händedrücken, das Duzen der Leute ist gar nicht herzuerzählen. Es dauerte nicht lange, so war er erschöpft; seine Stimme, heiser von den unzähligen Ansprachen, konnte nur noch unverständliche Worte stammeln, und er hätte von der Menge der Toaste, die er auszustehen hatte, fast eine Lungenentzündung bekommen. Dieser Erfolg hätte einen Anderen am ersten Tag benebelt, aber er wußte sich in geistreicher, reizender Halbtrunkenheit zu halten.

Unter den Deputationen aller Art, welche ihn bestürmten, befand sich auch die der »Mondsüchtigen«, welche nicht vergaß, was sie gegen den künftige Eroberer des Mondes zu beobachten hatte. Eines Tags suchten Einige der armen Leute, deren es in Amerika ziemlich viele giebt, ihn auf, und baten, ihn in ihre Heimat begleiten zu dürfen. Einige von ihnen behaupteten, »selenitisch« zu sprechen, und wollten Michel Ardan diese Sprache lehren. Dieser zeigte sich gutmüthig bereit, ihrer naiven Manie zu willfahren, und Aufträge an ihre dortigen Freunde anzunehmen.

»Sonderbarer Wahnsinn!« sagte er zu Barbicane, nachdem er sie verabschiedet hatte, »ein Wahnsinn, der oft gescheite Leute befällt. Einer unserer berühmtesten Gelehrten, Arago, sagte mir, viele sehr gescheite und in ihren Begriffen sehr nüchterne Leute geriethen allemal, wenn der Mond sie befangen mache, in große Aufregung bis zu unglaublichen Sonderbarkeiten. Du glaubst nicht an den Einfluß des Mondes auf die Krankheiten?«

– Wenig, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs.

»Ich glaube auch nicht daran, und doch finden sich Thatsachen zum Erstaunen in der Geschichte verzeichnet. So sind im Jahre 1693 zur Zeit einer Epidemie am 21. Januar im Moment einer Mondfinsterniß die Leute in größerer Anzahl gestorben. Der berühmte Bacon fiel während der Mondfinsternisse in Ohnmacht, und kam erst dann, wann sie völlig vorüber waren, wieder zu vollem Lebensbewußtsein. Karl VI. verfiel im Jahre 1399 sechsmal, beim Neumond oder Vollmond, in Irrsinn. Die Epilepsie wird von den Aerzten unter diejenigen Krankheiten gezählt, welche den Mondphasen gemäß auftreten. Die Nervenkrankheiten scheinen oft dem Einfluß des Monds unterworfen zu sein. Mead spricht von einem Kind, welches in Krämpfe verfiel, wenn der Mond in die Stellung der Opposition trat. Gall hatte bemerkt, daß bei schwachen Personen die Nervenaufregung zweimal monatlich, zur Zeit des Neu- und Vollmonds, zunahm. Endlich giebt es auch unzählige Wahrnehmungen dieser Art über Schwindel, bösartiges Fieber, Somnambulismus, welche zu beweisen geeignet sind, daß das Nachtgestirn einen geheimnißvollen Einfluß auf die Krankheiten des Erdenlebens ausübt.«

– Aber wie? warum? fragte Barbicane.

– Warum? erwiderte Ardan. Wahrhaftig, ich gebe Dir die nämliche Antwort, welche neunzehn Jahrhundert nach Plutarch Arago wiederholt hat: »Vielleicht, weil es nicht wahr ist!«

Bei seinem Triumph konnte Michel Ardan sich keiner der lästigen Zumuthungen entziehen, welche dem Stand eines berühmten Menschen anhängen. Die Unternehmer von Erfolg wollten ihn öffentlich aufstellen. Barnum bot ihm eine Million, um ihn in allen Staaten der Union von Stadt zu Stadt zu führen und wie ein Wunderthier anstaunen zu lassen. Michel Ardan behandelte ihn als Elephantenführer, und wies ihm seinen Weg.

Indessen, weigerte er auch in solcher Weise die öffentliche Neugierde zu befriedigen, so machte wenigstens sein Bild die Runde durch die Welt und erhielt in den Albums einen Ehrenplatz; man gab es in allen Größen heraus, von der natürlichen bis zu der mikroskopischen der Postmarken. Man konnte den Helden in allen denkbaren Stellungen haben, als Kopf- oder Brustbild, en face oder profil, ganze Figur etc. Es wurden über fünfzehnhunderttausend Exemplare abgezogen, und es gab eine hübsche Gelegenheit, sich selbst als Andenken zu verschleißen, wenn er hätte davon profitiren wollen. Er brauchte nur seine Haare um einen Dollar das Stück zu verkaufen, und hätte sich damit ein großes Vermögen gemacht!

Offen gesagt, war diese Popularität doch nach seinem Geschmack. Er stellte sich gerne dem Publicum zur Disposition, und correspondirte mit der ganzen Welt. Man wiederholte seine bons mots, verbreitete sie weiter, ganz besonders die, welche er gar nicht gesprochen hatte. Man legte sie ihm, wie gewöhnlich, in den Mund, denn er war reich in dem Punkt.

Nicht allein die Männer hatte er zu Anhängern, sondern auch die Frauen. Was hätte er für eine Menge »guter Partieen« machen können, wenn er hätte sich fesseln lassen wollen. Zumal die alten Jungfern, wel che seit vierzig Jahren schmachteten, träumten Tag und Nacht von seiner Photographie.

Gewiß hätte er Hunderte von Lebensgefährtinnen gefunden, selbst unter der Bedingung ihn in den Weltenraum zu begleiten. Die Frauen, welche sich nicht vor Allem fürchten, sind unverzagt. Aber es war seine Absicht nicht, auf dem Mondcontinent ein Stammvater zu werden und eine Mischrace von französischem und amerikanischem Geblüt dorthin zu verpflanzen. Daher lehnte er ab.

»Dort oben«, sagte er, »die Rolle Adam’s mit einer Tochter Eva’s zu spielen, danke schön! Da würde ich’s mit Schlangen zu thun bekommen! …«

Als er sich endlich den allzu häufigen Triumphesfreuden entziehen konnte, machte er in Begleitung seiner Freunde der Columbiade einen Besuch. Das war auch seine Schuldigkeit. Uebrigens hatte er auch seit seinem Umgang mit Barbicane, Maston und Genossen in der Ballistik große Fortschritte gemacht. Es machte ihm die größte Freude, den wackeren Artilleriebeflissenen oft vorzusagen, sie seien nur liebenswürdige und gelehrte Menschenschlächter. Ueber diesen Punkt war er unerschöpflich in Scherzreden. Bei seinem Besuch gab er der Columbiade seine hohe Bewunderung zu erkennen, und drang dem Riesenmörser, der ihn bald dem Gestirn der Nacht entgegen schleudern sollte, bis auf den Grund der Seele.

»Wenigstens«, sagte er, »wird diese Kanone Niemand ein Leid zufügen, – was bei einer Kanone etwas sehr Erstaunliches ist. Aber von Euren Maschinen, die zerstören, in Brand stecken, zertrümmern, das Leben rauben, – davon redet mir nicht, und vor Allem saget mir doch nicht, sie haben ›eine Seele‹; ich würde es nicht glauben!«

Nun muß ich noch einen Vorschlag J.T. Maston’s berichten. Als der Secretär des Gun-Clubs hörte, wie Barbicane und Nicholl den Vorschlag Michel Ardan’s annahmen, entschloß er sich, als Vierter an der Partie Theil zu nehmen. Eines Tags stellte er das Begehren, sich anzuschließen. Barbicane, der ihm ungern etwas abschlug, suchte ihm begreiflich zu machen, das Projectil könne eine so große Anzahl Passagiere nicht mitnehmen. In Verzweiflung wendete sich Maston an Michel Ardan, der ihn aufforderte, auf diesen Wunsch zu verzichten, und machte dabei Gründe ad hominem geltend.

»Siehst Du«, mein alter Maston, sprach er zu ihm, »Du darfst mir nicht übel nehmen, was ich Dir darüber zu sagen habe; aber wahrhaftig, unter uns gesagt, Du bist zu unvollständig, um auf dem Mond aufzutreten!«

– Unvollständig! rief der rüstige Invalide.

– Ja! mein wackerer Freund! Denke Dir, wenn wir dort oben Bewohnern begegnen. Möchtest Du ihnen wohl eine so traurige Vorstellung von dem, was hienieden vorgeht, geben; einen Begriff von dem, was ein Krieg heißt: ihnen anschaulich machen, daß man seine beste Zeit darauf wendet, sich gegenseitig zu zerfleischen, aufzuzehren, Arme und Beine zu zerschmettern, und das auf einer Kugel, worauf hundert Milliarden Bewohner ihre Nahrung finden können, kaum zwölfhundert Millionen sich befinden? Ah! Da würdest Du, würdiger Freund, Anlaß geben, daß man uns die Aufnahme versagte!

– Aber wenn Ihr in Stücken ankommt, entgegnete J.T. Maston, werdet Ihr eben so unvollständig sein wie ich!

– Allerdings, erwiderte Michel Ardan, aber in Stücken werden wir nicht anlangen!

In der That hatte ein am 18. October vorgenommenes vorbereitendes Experiment die besten Resultate geliefert und zu den besten Hoffnungen berechtigt. In der Absicht, sich über den Rückstoß im Moment des Abfahrens eines Projectils genau zu unterrichten, ließ Barbicane aus dem Arsenale zu Pensacola einen Mörser von zweiunddreißig Zoll kommen. Man stellte ihn am Ufer der Rhede von Hillisboro auf, damit die Bombe in’s Meer falle, und so ihr Fall unschädlich werde. Es handelte sich nur darum, die Erschütterung beim Abschleudern zu probiren, nicht die Wirkung beim Anprallen.

Für dieses merkwürdige Experiment wurde mit größter Sorgfalt ein hohles Projectil hergerichtet. Die inneren Wände wurden mit dichter Flockseide über einem Netz von Springfedern aus dem besten Stahl ausgefüttert, gleich einem sorgfältig auswattirten Nest.

– Wie schade, daß man sich nicht da hineinlegen kann! sagte J.T. Maston, mit Bedauern, da seine Taille ihm den Versuch nicht gestattete.

In diese reizende Bombe, die mit einem Schraubendeckel verschließbar war, brachte man zuerst eine große Katze, hernach ein Eichhörnchen, das dem beständigen Secretär des Gun-Clubs angehörte und sehr werth war, aber man wollte wissen, wie diesem wenig dem Schwindel unterworfenen Thierchen die Versuchsreise bekommen würde.

Der Mörser wurde mit hundertundsechzig Pfund Pulver geladen, die Bombe hinein gethan. Man gab Feuer.

Mit reißender Schnelligkeit fuhr das Projectil heraus, beschrieb majestätisch seine Parabel bis zu einer Höhe von etwa tausend Fuß, und senkte sich in graciösem Bogen in die Fluthen.

Unverzüglich fuhr ein Boot nach der Stelle, wo sie niedergefahren war; geschickte Taucher stürzten sich auf den Meeresgrund, und befestigten Taue an die Henkel der Bombe, welche dann sofort herausgezogen wurde. Es waren kaum fünf Minuten verflossen, seit die Thiere eingeschlossen wurden, bis man den Deckel wieder öffnete.

Ardan, Barbicane, Nicholl, Maston befanden sich auf der Barke und sahen mit begreiflicher Spannung dem Resultat entgegen. Kaum war die Bombe geöffnet, so sprang die Katze heraus, zwar ein wenig gequetscht, aber lustig und munter, und ohne daß man ihr die Luftreise ansah. Aber das Eichhörnchen war nicht vorhanden. Man suchte nach; keine Spur. Man mußte sich überzeugen, daß die Katze ihren Reisegefährten aufgezehrt hatte. J.T. Maston war sehr betrübt über dies Märtyrerthum der Wissenschaft.

Wie dem auch sei, in Folge dieses Experiments verschwand alles Bedenken, alle Besorgniß; übrigens war Barbicane darauf bedacht, das Projectil noch vollkommener zu machen, um die Wirkungen des Rückstoßes gänzlich zu beseitigen. Damit war es zum Abschießen fertig.

Zwei Tage hernach erhielt Michel Ardan eine Botschaft des Präsidenten der Union, eine Ehre, die ihm sehr schmeichelte.

Nach dem Beispiel seines ritterlichen Landsmannes Lafayette ertheilte ihm die Regierung das Ehrenbürgerrecht der Vereinigten Staaten Amerika’s.

Dreiundzwanzigstes Capitel

Der Projectil-Waggon

Nach Vollendung der berühmten Columbiade wendete sich das öffentliche Interesse sofort dem Projectil zu, diesem neuen Transportmittel, welches die drei kühnen Abenteurer durch den Weltraum befördern sollte. Jeder wußte, daß Michel Ardan in seiner Depesche vom 30. September eine Modification der vom Comité beschlossenen Einrichtung desselben begehrt hatte.

Der Präsident Barbicane war damals mit Recht der Meinung, daß die Form des Projectils wenig auf sich habe, denn nachdem es in wenigen Secunden aus dem Bereich der Atmosphäre gekommen, sollte es in dem absolut leeren Raum weiter fahren. Das Comité hatte daher die runde Form gewählt, damit die Kugel sich um sich selber drehen und nach Belieben sich verhalten könne. Aber von dem Augenblick an, da man ihm die Bestimmung eines Transportmittels gab, war die Sache eine andere. Michel Ardan hatte nicht Luft, sich gleich dem Eichhörnchen zu bewegen; er wollte aufrecht gehen, Kopf oben, Füße nach unten, mit ebensoviel Anstand, wie die Passagiere des Luftballons in dem Schifflein, zwar rascher, aber ohne unaufhörlich Luftsprüngen ausgesetzt zu sein, die ihm wenig zu sagten.

Es wurde daher dem Hause Breadwill & Cie. zu Albany ein neuer Plan zugeschickt und die unverzügliche Anfertigung anempfohlen. Das demnach abgeänderte Projectil wurde am 2. November gegossen und sofort durch die Eisenbahn nach Stone’s-Hill befördert.

Am 10. kam es wohlbehalten an seinem Bestimmungsort an. Michel Ardan, Barbicane und Nicholl erwarteten mit der größten Ungeduld diesen »Projectil-Waggon«, in welchem sie zur Entdeckung einer neuen Welt ausfliegen sollten.

Man muß zugeben, es war ein prachtvolles Stück Metall, ein metallurgisches Product, welches dem industriellen Genie der Amerikaner alle Ehre machte. Man hatte zum ersten Male Aluminium in so beträchtlicher Masse gewonnen, was mit Recht als ein staunenswerthes Ergebniß angesehen werden konnte. Das kostbare Projectil funkelte in den Sonnenstrahlen. Beim Anblick seiner imponirenden Formen mit der kegelförmigen Spitze hätte man’s leicht für so ein dickes Thürmchen in Gestalt einer Gewürzbüchse gehalten, wie sie die Architekten des Mittelalters an den Ecken ihrer festen Schlösser anbrachten; es fehlte dafür nur an Schießscharten und einer Wetterfahne.

»Es sieht mir so aus«, rief Michel Ardan, »als käme ein mit Hakenbüchse und stählernem Panzer gewappneter Mann daraus hervor. Wir werden uns darin wie Feudalherren befinden, und mit etwas Artillerie könnte man darin allen Seleniten-Heeren Stand halten, sofern es deren auf dem Monde giebt!«

– Also ist das Fahrzeug nach Deinem Geschmack? fragte Barbicane seinen Freund.

– Ja! ja! gewiß, erwiderte Michel Ardan, der es mit einem Künstlerauge ansah. Ich vermisse nur schlankere Formen, eine graciösere Spitze; man hätte ihm einen Büschel, Verzierungen von guillochirtem Metall aufsetzen sollen, mit einer Chimäre, z.B. einem Schlaraffengesicht, einem Salamander, der mit ausgebreiteten Flügeln und offenem Rachen aus dem Feuer heraus käme …

– Wozu das? sagte Barbicane, dessen positiver Geist wenig Sinn für Kunstschönheiten hatte.

– Wozu? Freund Barbicane! Ach! Da Du mir so eine Frage stellst, fürchte ich wohl, daß Du’s niemals begreifst!

– Sag’s nur heraus, wackerer Kamerad.

– Nun denn, meiner Ansicht nach, muß man bei dem, was man vornimmt, immer etwas Kunst anbringen, das ist besser. Kennst Du ein indisches Stück, »Das Kinderwägelein« betitelt?

– Nicht dem Namen nach, erwiderte Barbicane.

– Das nimmt mich nicht Wunder, fuhr Michel Ardan fort. So merke Dir, daß in diesem Stück ein Dieb vorkommt, der im Begriff in ein Haus einzubrechen sich die Frage stellt, ob er seinem Loch die Form einer Lyra, einer Blume, eines Vogels oder einer Amphora geben solle?

Nun sag’ mir, Freund Barbicane, wenn Du zu der Zeit zur Jury gehört hättest, würdest Du diesen Dieb verurtheilt haben?

– Ohne Bedenken, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, und zwar unter erschwerenden Umständen.

– Und ich hätte ihn freigesprochen, Freund Barbicane. Deshalb wirst Du nie mich begreifen!

– Ich werde es nicht einmal versuchen, mein tapferer Künstler!

– Aber zum Mindesten, fuhr Michel Ardan fort, weil das Aeußere unseres Waggon-Projectils etwas zu wünschen übrig läßt, wird man mir gestatten, es nach meinem Geschmack zu meubliren, und mit allem Luxus, der den Botschaftern der Erde zusteht!

– In der Hinsicht, mein wackerer Michel, erwiderte Barbicane, wirst Du’s nach Belieben machen, wir werden Dich gewähren lassen.

Aber, ehe er das Angenehme vornahm, hatte der Präsident des Gun-Clubs an das Nützliche gedacht, und die von ihm erfundenen Mittel, um die Wirkungen des Gegenstoßes abzuschwächen, wurden mit einer vollendeten Einsicht in Anwendung gebracht.

Barbicane hatte sich gesagt, und nicht ohne Grund, daß keine Sprungfeder Kraft genug haben könne, um die Wirkung des Stoßes gänzlich zu beseitigen, und während seines merkwürdigen Spaziergangs im Gehölz von Skersnaw war er am Ende darauf gekommen, diese große Schwierigkeit auf sinnreiche Weise zu lösen. Das Wasser, darauf rechnete er, sollte ihm diesen ausgezeichneten Dienst leisten. Sehen wir, in welcher Weise.

Das Projectil sollte drei Fuß hoch mit Wasser angefüllt werden, worauf eine hölzerne, vollständig wasserdichte Scheibe an den inneren Wänden des Projectils dicht hinglitt. Auf diesem Floß nahmen die Passagiere ihren Platz. Die flüssige Masse war durch horizontale Scheidewände in Schichten zertheilt. Der Stoß beim Abschießen mußte diese nach einander zerbrechen, worauf sodann jede Wasserschichte, von der niedrigsten aufwärts bis zur höchsten, durch Abzugsröhren nach dem oberen Theile des Projectils drang, und so den Zweck einer Federkraft erfüllte, während die Scheibe, selbst mit äußerst starken Pfropfen versehen, nur nachdem allmälig die verschiedenen Scheidewände zertrümmert waren, mit dem Bodenstück zusammenstoßen konnte. Ohne Zweifel würden die Reisenden nach vollständigem Entweichen der flüssigen Masse noch einen heftigen Gegenstoß erleiden, aber der erste Stoß mußte doch durch jenen sehr starken Gegendruck fast gänzlich unwirksam gemacht werden.

Zwar mußten drei Fuß Wasser auf einer Fläche von vierundfünfzig Quadratfuß gegen elftausendfünfhundert Pfund wiegen; aber die Treibkräfte des in der Columbiade angesammelten Gas genügten, nach Barbicane’s Annahme, diesen Zuwachs an Schwere aufzuwiegen; übrigens mußte der Stoß in weniger als einer Secunde all dieses Wasser hinaustreiben, so daß das Projectil gleich sein normales Gewicht wieder bekam.

Dieses also hatte der Präsident des Gun-Clubs ausgedacht, und auf diese Weise glaubte er die wichtige Frage des Gegenstoßes gelöst zu haben. Uebrigens wurde diese Arbeit von den Ingenieuren des Hauses Bread will mit Einsicht begriffen und zum Erstaunen ausgeführt; war einmal die Wirkung geäußert und das Wasser hinausgetrieben, so konnten die Reisenden sich leicht der zerbrochenen Scheidewände entledigen, und die bewegliche Scheibe, auf welcher sie im Moment der Abfahrt sich befanden, hinwegnehmen.

Oben waren die Wände des Projectils mit einer dichten Lederbekleidung gefüttert, über Spiralfedern vom besten Stahl, die so biegsam wie Uhrfedern waren. Unter diesem Lederfutter waren die Abzugsröhren so verdeckt, daß man ihr Vorhandensein nicht wahrnehmen konnte.

So waren also alle erdenklichen Vorkehrungen getroffen, um die Wirkung des ersten Stoßes zu beseitigen, und um sich erdrücken zu lassen, müßte man wie Michel Ardan sich ausdrückte, »von schlechter Composition sein.«

Das Projectil hatte einen äußeren Breitedurchmesser von neun Fuß bei zwölf Fuß Höhe. Um das angegebene Gewicht nicht zu überschreiten, hatte man die Wände etwas minder dick gemacht, den Boden dagegen stärker, weil er die ganze Gewalt des durch Verbrennen der Baumwolle entwickelten Gases auszuhalten hatte. So ist’s übrigens auch bei den Bomben und konischen Granaten, deren Bodentheil immer dicker ist.

In diesen metallenen Thurm gelangte man durch eine enge Oeffnung, welche an der Spitze angebracht war, gleich wie bei den Dampfkesseln. Sie wurde hermetisch durch eine Aluminiumplatte verschlossen, welche innen durch starke Stellschrauben befestigt war. Die Reisenden konnten also nach Belieben aus ihrem beweglichen Gefängniß herauskommen, sobald sie auf dem Gestirn der Nacht angelangt waren.

Aber man mußte unterwegs auch sehen. Dies war sehr leicht gemacht. Es befanden sich unter dem Futter vier Lucken mit sehr dicken Linsengläsern, zwei in der Rundwand, eine im Boden und eine in der Spitze. Dadurch waren die Reisenden im Stande, sowohl nach der Erde, als nach dem Monde und dem Sternenhimmel zu schauen und zu beobachten. Nur waren diese Schaulöcher gegen Stöße durch fest angepaßte Deckel geschützt, welche man leicht im Inneren nach außen zurückschrauben konnte. Auf diese Art wurden die Beobachtungen möglich, ohne daß die in dem Projectil enthaltene Luft entwich.

Alle diese bewundernswerthen mechanischen Vorrichtungen waren sehr leicht im Gang, und die Ingenieure bewiesen ebenso viel Einsicht bei der inneren Einrichtung als bei der Versorgung des Waggon-Projectils.

Sehr fest gefügte Behälter waren bestimmt, das für die drei Reisenden nöthige Wasser und die Lebensmittel aufzunehmen; dieselben konnten sogar sich Feuer und Licht durch Gas verschaffen, welches in besonderen Behältern unter einem Druck mehrerer Atmosphären aufbewahrt war. Man brauchte nur einen Hahnen zu drehen, und hatte für sechs Tage das zur Erleuchtung und Heizung erforderliche Gas. Man sieht, es fehlte an Nichts, was wesentlich zum Leben, und selbst zur Behaglichkeit diente. Außerdem war, dem Geschmack Michel Ardan’s gemäß, durch Kunstgegenstände das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Uebrigens würde man irren, wollte man annehmen, es müsse drei Personen in diesem Thurm zu enge werden. Seine Oberfläche betrug ungefähr vierundfünfzig Quadratfuß zu zehn Fuß Höhe, wobei Raum für einige Bewegung war. Sie hätten im bequemsten Waggon der Vereinigten Staaten nicht so viele Gemächlichkeit gehabt.

So war die Frage der Lebensmittel und Beleuchtung gelöst; es blieb noch die der Luft. Offenbar konnte die in dem Projectil enthaltene Luft nicht vier Tage zum Athmen der Reisenden ausreichen; denn jeder Mensch verbraucht etwa in einer Stunde den gesammten in hundert Liter Luft enthaltenen Sauerstoff. Barbicane, seine beiden Gefährten, und zwei Hunde, die er mitnehmen wollte, mußten in vierundzwanzig Stunden zweitausendvierhundert Liter Sauerstoff, d.h. ungefähr sieben Pfund verzehren. Es mußte also die Luft im Projectil erneuert werden. Wie das? Durch ein sehr einfaches Verfahren, nach Reiset und Regnault, wie Michel Ardan während der Discussion beim Meeting angegeben hatte.

Bekanntlich besteht die Luft hauptsächlich aus einundzwanzig Theilen Sauerstoff und neunundsiebenzig Theilen Stickstoff. Beim Athmen nun verzehrt der Mensch den Sauerstoff der eingeathmeten Luft, und stößt den Stickstoff wieder aus. Die ausgeathmete Luft hat etwa fünf Procent ihres Sauerstoffs verloren, und enthält dann fast ebensoviel Kohlensäure, welche durch Verbrennen von Elementen des Bluts durch den eingeathmeten Sauerstoff entsteht. Daraus ergiebt sich, daß in einem umschlossenen Raum nach einer gewissen Zeit aller Sauerstoff der Luft durch Kohlensäure ersetzt wird, ein wesentlich schädlicher Stoff.

Die Aufgabe bestand also damals darin: 1) Den verzehrten Sauerstoff zu ersetzen; 2) die ausgeathmete Kohlensäure zu vernichten. Dies war sehr leicht durch chlorsaures Kali und kaustisches Kali.

Chlorsaures Kali ist ein Salz, das in Form von weißen Flitterblättchen vorkommt; wenn man es einer Temperatur von mehr als hundert Grad aussetzt, verwandelt es sich in salzsaures Kali, und der Sauerstoff, welchen es enthält, entbindet sich völlig. Nun geben achtzehn Pfund chlorsaures Kali sieben Pfund Sauerstoff, also soviel, als die Reisenden binnen vierundzwanzig Stunden brauchen. So also läßt sich der Sauerstoff ergänzen.

Kaustisches Kali verschlingt den in der Luft enthaltenen Kohlenstoff sehr gierig, und man braucht es nur zu schütteln, damit es denselben an sich ziehe, und doppeltkohlensaures Kali bilde. So kann man also die Kohlensäure vernichten.

Durch Verbindung dieser beiden Mittel konnte man sicher sein, der verdorbenen Luft alle belebenden Eigenschaften wieder zu geben. Dieses hatten die beiden Chemiker Reiset und Regnault durch glückliche Experimente festgestellt.

Aber, nicht zu verhehlen ist, die Experimente wurden bis jetzt nur mit Thieren – in anima vili – gemacht. Bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit, womit dieselben veranstaltet wurden, wußte man durchaus nicht, wie sich Menschen dazu verhielten.

Diese Bemerkung war in der Sitzung, wo diese wichtige Frage behandelt wurde, gemacht worden. Michel Ardan wollte die Möglichkeit, mittels dieser künstlich erzeugten Luft zu leben, nicht im Zweifel lassen, und erbot sich, vor der Abreise den Versuch zu machen.

Aber J.T. Maston nahm die Ehre, diesen Versuch zu machen, energisch in Anspruch.

»Da ich nicht mitreise«, sagte der brave Artillerist, »so darf ich doch wenigstens das Projectil acht Tage lang bewohnen.«

Es wäre undankbar gewesen, ihm seine Bitte abzuschlagen. Man willfahrte ihm und stellte ihm die hinreichende Quantität von chlorsaurem und kaustischem Kali sammt Lebensmitteln für acht Tage zur Verfügung; darauf, am 12. November um sechs Uhr Morgens frühe, drückte er seinen Freunden die Hand, und schlüpfte, nachdem er ausdrücklich anempfohlen, vor dem 20. um sechs Uhr Abends sein Gefängniß nicht zu öffnen, in das Projectil, und man schloß die Oeffnung hermetisch.

Was ging während dieser acht Tage vor? Man konnte darüber durchaus nichts vernehmen, da die Dicke der Wände hinderte, daß irgend welches Geräusch im Inneren außerhalb gehört wurde.

Am 20. November präcis sechs Uhr wurde geöffnet; Maston’s Freunde waren doch etwas unruhig geworden. Aber sie wurden sogleich beruhigt, als sie mit freudiger Stimme ein fürchterliches Hurrah rufen hörten.

Alsbald kam auch der Secretär des Gun-Clubs an der Spitze des Kegels in triumphirender Haltung zum Vorschein.

Er war fetter geworden!

Vierundzwanzigstes Capitel

Das Teleskop des Felsengebirgs

Am 20. October des verflossenen Jahres, nachdem die Subscription beendigt war, hatte der Präsident des Gun-Clubs dem Observatorium zu Cambridge die nöthige Summe angewiesen, um ein ungeheures optisches Instrument zu verfertigen. Dasselbe sollte stark genug sein, um auf der Oberfläche des Mondes einen nur neun Fuß breiten Gegenstand sichtbar zu machen.

Zwischen Fernrohr und Teleskop ist ein bedeutender Unterschied, woran hier zu erinnern nicht überflüssig ist. Das Fernrohr besteht aus einer Röhre, welche an ihrem oberen Ende mit einer convexen Linse versehen ist, Objectiv genannt, am unteren mit einer zweiten, genannt Ocularglas, vor welchem das Auge des Beobachters sich befindet. Die von dem erleuchteten Gegenstand herkommenden Strahlen dringen durch die erste Linse, und bilden durch Brechung im Brennpunkte derselben ein umgekehrtes Bild. Dieses betrachtet man mittelst des Oculars, welches dasselbe, gerade wie eine Loupe, vergrößert. Also ist beim Fernrohr die Röhre an beiden Enden geschlossen, durch das Objectiv- und das Ocularglas.

Beim Teleskop dagegen ist die Röhre am oberen Ende offen. Die von dem beobachteten Gegenstand ausgehenden Strahlen dringen da frei ein und fallen auf einen concaven Metallspiegel convergent. Von da zurückprallend treffen sie auf einen kleinen Spiegel, welcher sie einem Ocularglas zuwirft, das zur Vergrößerung des hervorgebrachten Bildes geeignet ist.

So spielt bei den Fernröhren Brechung der Strahlen die Hauptrolle, bei den Teleskopen das Zurückprallen derselben. Daher nennt man die ersteren Refractore, d.h. Strahlenbrecher, die letzteren Reflectore, Zurückstrahler.

Die ganze Schwierigkeit bei der Fertigung dieses optischen Apparats liegt in der Bereitung der Objective, seien sie Linsen oder Metallspiegel.

Zur Zeit nun, als der Gun-Club sein großes Experiment machte, waren diese Instrumente äußerst vollkommen und gaben prachtvolle Resultate. Galilei hatte seine Beobachtungen mit einem armseligen Fernrohr angestellt, welches höchstens siebenmal vergrößerte. Seit dem sechzehnten Jahrhundert wurden die optischen Instrumente beträchtlich weiter und länger, und gestatteten, die Sternenräume so gründlich, wie noch nie bisher, auszumessen. Unter den damals gebrauchten Refractoren nannte man das Fernrohr des Observatoriums zu Pulkowa in Rußland, dessen Objectiv fünfzehn Zoll breit ist, das des französischen Optikers Lerebours mit einem Objectiv von gleicher Größe wie das vorige, und endlich das Fernrohr des Observatoriums zu Cambridge mit einem Objectiv von neunzehn Zoll.

Unter den Teleskopen waren zwei von merkwürdiger Stärke und riesenhafter Größe bekannt. Das erste, von Herschel construirt, war sechsunddreißig Fuß lang und hatte einen 41/2 Fuß breiten Spiegel; man konnte damit sechstausendfache Vergrößerungen erhalten. Das zweite befand sich in Irland, zu Birrcastle im Park von Parsonstown, und gehörte dem Lord Rosse. Seine Röhre war achtundvierzig Fuß lang, sein Spiegel sechs Fuß breit; es vergrößerte sechstausendundvierhundertfach, und man hatte ein ungeheures Mauerwerk aufführen müssen, um den für die Handhabung des Instruments nöthigen Apparat anzubringen; dasselbe wog achtundzwanzigtausend Pfund.

Aber, wie man sieht, trotz dieser kolossalen Dimensionen betrug die Vergrößerung nicht über sechstausendmal, in runder Zahl; eine solche aber bringt den Mond nur bis auf neununddreißig (engl.) Meilen nahe, und läßt nur Gegenstände von sechzig Fuß Durchmesser wahrnehmen, sofern sie nicht sehr lange sind.

Im vorliegenden Falle aber handelte sich’s um ein Projectil von neun Fuß Durchmesser und fünfzehn Fuß Länge: man mußte daher den Mond bis auf fünf Meilen (zwei Lieues) wenigstens nahe bringen, und dafür achtundvierzigtausendfache Vergrößerung er zielen.

Diese Aufgabe ward dem Observatorium zu Cambridge gestellt. Ungehemmt von finanziellen Schwierigkeiten blieben nur noch die materiellen.

Für’s erste war zwischen Fernrohr und Teleskop zu wählen. Ersteres bietet größere Vortheile: bei gleich großem Objectiv gestattet es, beträchtlichere Vergrößerungen zu erzielen, weil die Lichtstrahlen, welche durch die Linsen dringen, weniger abgeschwächt werden, als durch die Reflexion vermittelst des Metallspiegels. Aber der Linse kann man nur eine beschränkte Größe geben, weil sie bei zu großer Dicke die Lichtstrahlen nicht mehr hindurchdringen läßt. Zudem ist die Anfertigung dieser ungeheuer großen Linsen äußerst schwierig und erfordert jahrelange Zeit.

Obwohl daher die Bilder der Gegenstände im Fernrohr besser beleuchtet sind, ein unschätzbarer Vorzug bei Beobachtung des Mondes, dessen Licht blos ein reflectirtes ist, so entschied man sich doch für’s Teleskop, welches rascher zu fertigen ist und stärkere Vergrößerungen erzielen läßt. Nur beschloß der Gun-Club, weil die Lichtstrahlen beim Durchdringen unserer Atmosphäre sehr an Stärke verlieren, das Instrument auf einem der höchsten Berge der Union aufzustellen, der dünneren Luftschicht wegen.

Bei den Teleskopen wird, wie wir gesehen haben, die Vergrößerung durch das Ocularglas, d.h. die vor dem Auge des Beobachters befindliche Loupe, bewirkt, und dasjenige Objectiv ist dafür am förderlichsten, welches den größten Durchmesser und die größte Distanz des Brennpunktes hat. Um eine achtundvierzigtausendmalige Vergrößerung zu erzielen, müßte man das Objectiv bedeutend größer machen, wie Herschel und Lord Rosse. Darin lag die Schwierigkeit, denn der Guß solcher Spiegel ist eine sehr mißliche Sache.

Zum Glück hatte vor einigen Jahren ein französischer Gelehrter, Léon Foucault, Mitglied des Instituts, ein Verfahren erfunden, wodurch das Poliren der Objective sehr leicht und rasch zu Stande gebracht wird, indem man an Stelle der Metallspiegel versilberte anwendet. Man brauchte nur ein Glas von der erforderlichen Größe zu gießen und vermittelst Silbersalz mit Metall zu überziehen. Dieses so trefflich bewährte Verfahren wurde bei Anfertigung des Objectivs befolgt.

Ferner wendete man für die Anordnung die von Herschel für seine Teleskopen ersonnene Methode an. Bei dem großen Apparate des Astronomen von Slough wurde das Bild des Gegenstandes von dem unten im Tubus in geneigter Lage befindlichen Spiegel reflectirt, so daß es am entgegengesetzten Ende, wo das Ocularglas sich befand, sich darstellte. Dergestalt bekam der Beobachter, anstatt am unteren Theile der Röhre, am oberen seinen Platz, von wo aus er vermittelst seiner Loupe in den enormen Cylinder hinabschaute. Diese Anordnung bot den Vortheil, daß der kleinere Spiegel, welcher die Bestimmung hatte, das Bild dem Ocularglas zuzuwerfen, ganz wegfiel, so daß anstatt einer doppelten Zurückstrahlung nur eine einmalige stattfand, folglich eine mindere Anzahl von Lichtstrahlen verloren ging, demnach das. Bild minder schwach war, mithin mehr Klarheit erzielt wurde, ein höchst schätzbarer Vorzug bei der Beobachtung, welche angestellt werden sollte.

Nachdem diese Beschlüsse gefaßt waren, begannen die Arbeiten. Nach den Berechnungen des Bureau des Observatoriums zu Cambridge sollte der Tubus des neuen Reflectors eine Länge von zweihundertundachtzig Fuß, und sein Spiegel sechzehn Fuß Durchmesser bekommen. So kolossal auch solch ein Instrument war, so war es doch nicht mit dem Teleskop zu vergleichen, welches der Astronom Hooke vor einigen Jahren in Vorschlag brachte, nämlich von einer Länge von zehntausend Fuß (= 31/2 Kilometer). Dennoch bot dessen Anfertigung große Schwierigkeiten.

Die Frage, an welcher Stelle dasselbe aufzustellen sei, wurde rasch entschieden. Es war ein hohes Gebirg zu wählen, und solche sind in den Vereinigten Staaten nicht zahlreich.

In der That beschränkt sich das Gebirgssystem dieses großen Landes auf zwei Ketten von mittlerer Höhe, zwischen welchen der majestätische Mississippi strömt, welchen die Amerikaner »König der Flüsse« nennen würden, wenn sie irgend ein Königthum gelten ließen.

In der östlichen Kette der Apalachen ragt der höchste in New-Hampsire gelegene Gipfel nicht über die bescheidene Höhe von fünftausendsechshundert Fuß hinan.

Im Westen dagegen findet sich das Felsengebirge, ein Theil der ungeheuren Kette, welche von der Magellanischen Enge an längs der Westküste Süd-Amerika’s unter dem Namen Anden oder Cordilleren hin zieht, über den Isthmus von Panama sich fortsetzt und durch Nordamerika bis zum Gestade des Polarmeeres läuft.

Dieses Gebirge ist nicht sehr hoch, und die Alpen, wie der Himalaya würden mit größter Verachtung auf sie herabsehen. In der That ist sein höchster Gipfel nicht über zehntausendsiebenhundert Fuß hoch, während der Montblanc vierzehntausendvierhundertneununddreißig mißt, und der Kintschindjinga sechsundzwanzigtausendsiebenhundertsechsundsiebenzig über den Meeresspiegel sich erhebt.

Aber da der Gun-Club darauf hielt, daß das Teleskop, ebenso wie die Columbiade, innerhalb der Staaten der Union errichtet würde, so mußte man sich mit dem Felsengebirg begnügen, und das erforderliche Material wurde auf den Gipfel Long’s-Peak im Gebiet von Missouri geschafft.

Unbeschreibliche Schwierigkeiten aller Art hatten die amerikanischen Ingenieure zu überwinden; sie verrichteten Wunder an Kühnheit und Geschicklichkeit. Enorme Steinblöcke, schwere Stücke geschmiedeten Metalls, Klammern von beträchtlichem Gewicht, ungeheure Stücke des Cylinders, das Objectiv, welches allein bei dreißigtausend Pfund wog, mußten über die Linie des ewigen Schnees mehr als zehntausend Fuß hoch hinauf geschafft werden, nachdem man sie zuvor über öde Wiesengründe, undurchdringliche Wälder und reißende Gewässer, fern von bevölkerten Plätzen, mitten durch wilde Gegenden zu transportiren hatte, wo jede Existenz fast unmöglich war. Dennoch triumphirte das Genie der Amerikaner über diese tausend Hindernisse. Es verfloß nicht ein volles Jahr seit dem Beginnen der Arbeiten, in den letzten Tagen des September ragte der riesenhafte Refractor mit seinem zweihundertachtzig Fuß langen Tubus in die Lüfte empor. Er war von einem enormen eisernen Gerüste umgeben, und ein sinnreicher Mechanismus setzte in den Stand, ihn leicht nach allen Punkten des Himmels zu bewegen, um den Gestirnen auf ihrer Bahn von der einen Seite des Horizonts bis zur anderen zu folgen.

Er hatte über viermalhunderttausend Dollars gekostet. Als er zum erstenmal auf den Mond gerichtet wurde, geriethen die Beobachter vor neugierigem Wissensdrang in unruhige Bewegung. Was sollten sie mit dem achtundvierzigtausendmal vergrößernden Teleskop da für Entdeckungen machen? Mondvölker und Heerden, Städte, Seen, Meere? – Nichts von dem fand sich, nichts, was die Wissenschaft nicht bereits kannte; und auf allen Punkten seiner Scheibe ließ sich die vulcanische Natur des Mondes mit absoluter Genauigkeit feststellen.

Aber das Teleskop des Felsengebirgs leistete, noch ehe es des Gun-Clubs Zwecke förderte, der Astronomie bereits unermeßliche Dienste. Durch seine weit reichende Kraft wurden die Tiefen des Himmels bis zu den äußersten Grenzen durchforscht, bei einer großen Anzahl von Sternen wurde der scheinbare Durchmesser sehr genau bestimmt, und H. Clarke auf dem Bureau zu Cambridge war im Stande, das Nebelgestirn »Krebs« im Stiere in seine Einzeltheile zu zerlegen, was der Reflector Lord Rosse’s niemals hatte fertig bringen können.

Fünfundzwanzigstes Capitel

Letzte Begebnisse

Es war der 22. November, und in zehn Tagen der äußerste für die Abreise bestimmte Zeitpunkt. Noch eine Operation war vorzunehmen und glücklich auszuführen, die viele Behutsamkeit erforderte, gefährlich, ja so mißlich war, daß der Capitän Nicholl seine dritte Wette auf ihr Mißglücken gestellt hatte. Die Columbiade war mit viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle zu laden. Nicholl hatte, vielleicht nicht ohne Grund, besorgt, die Behandlung einer so furchtbaren Menge leicht entzündlichen Stoffes werde bedeutende Katastrophen veranlassen, und jedenfalls die Masse unter dem Druck des Projectils sich von selbst entzünden.

Noch größere Gefahr drohte durch die leichtsinnige Sorglosigkeit der Amerikaner, welche während des Bundeskriegs gar keinen Anstand nahmen, mit der Cigarre im Mund ihre Bomben zu laden. Aber Barbicane ließ es sich angelegen sein, es mit Erfolg auszuführen, und nicht im Hafen zu scheitern; er wählte daher seine besten Arbeiter aus, ließ sie unter seinen Augen ihr Werk verrichten, wendete nicht einen Augenblick den Blick von ihnen, und wußte durch Klugheit und Vorsicht sich den glücklichen Erfolg zu sichern.

Vor Allem war er so vorsichtig, nicht die ganze Ladung auf einmal nach Stone’s-Hill bringen zu lassen, sondern nur nach und nach in vollkommen verschlossenen Kisten. Die gesammte Baumwollenmasse war in Päcke von fünfhundert Pfund Gewicht vertheilt, das waren achthundert starke Patronen, die von den geschicktesten Werkleuten zu Pensacola sorgfältig gefertigt waren. Jede Kiste enthielt deren zehn, und sie kamen eine nach der anderen auf der Eisenbahn von Tampa-Town; auf diese Weise hatte er nie mehr als fünftausend Pfund auf einmal in dem Werkhof. Sowie eine solche ankam, wurde sie von Arbeitern, die barfuß gingen, entladen und jede Patrone an die Mündung der Columbiade gebracht, wo man sie vermittelst Krahnen, die von Menschenhand gedreht wurden, hinabsenkte. Jede Dampfmaschine war entfernt, und auf zwei Meilen ringsum jedes Fünkchen Feuer gelöscht. Es war schon eine starke Aufgabe, diese Masse Schießbaumwolle gegen die Sonnenhitze zu schützen. Man arbeitete daher vorzugsweise bei Nacht beim Schein eines künstlich erzeugten Lichtes, welches mit Hilfe eines Ruhmkorff’schen Apparats das Innere der Columbiade bis auf den Grund taghell erleuchtete. Hier wurden die Patronen regelmäßig in Reihen geordnet und mit einem Metalldraht aneinander befestigt, welcher den elektrischen Funken gleichzeitig in’s Centrum einer jeden zu leiten bestimmt war.

In der That, die Anzündung dieser Masse Baumwolle mußte vermittelst der Voltaischen Säule geschehen. Alle diese, mit einem isolirenden Stoff umgebenen Drahtfäden vereinigten sich oben, wo das Projectil aufgesetzt werden sollte, bei einem engen Zündloch; hier liefen sie durch die dicke gußeiserne Wand durch eines der in der Mauerkleidung gelassenen Luftlöcher, bis zum Boden hinaus. Hier auf der Höhe von Stone’s-Hill wurde der Draht, von Trägern unterstützt, zwei Meilen weit fortgeleitet, indem er durch einen Unterbrechungsapparat bis zu einer starken Voltaischen Säule lief.

Man brauchte dann nur mit dem Finger auf den Knopf des Apparats zu drücken, um den Strom augenblicklich wieder herzustellen, und das Feuer theilte sich den viermalhunderttausend Pfund Baumwolle mit. Es versteht sich von selbst, daß die Säule erst im letzten Augenblick in Thätigkeit gesetzt ward.

Am 28. November waren die achthundert Patronen im Innern der Columbiade eingelegt. Dieser Theil der Arbeit war glücklich fertig. Aber welches Lärmen, welche Unruhe, welche Kämpfe hatte Barbicane zu bestehen! Es half nichts, den Eintritt in Stone’s-Hill zu verbieten; tagtäglich stiegen die Neugierigen über die Palissaden, und manche gingen in ihrer Unvorsichtigkeit bis zum Wahnsinn, rauchten mitten unter den Ballen Schießbaumwolle. Barbicane gerieth täglich in Zornentrüstung. Maston unterstützte ihn möglichst, indem er die Eingedrungenen lebhaft verjagte, und die brennenden Cigarrenstumpfen sammelte, welche die Yankees hinwarfen. Ein schweres Stück Arbeit, denn es drängten sich über dreimalhunderttausend Mann um die Palissaden. Michel Ardan hatte sich zwar erboten, die Kisten bis zur Mündung der Columbiade zu escortiren; aber da er ihn selbst mit einer Cigarre im Munde betraf, während er die Unvorsichtigen, welchen er das schlimme Beispiel gab, fortjagte, sah der Präsident des Gun-Clubs wohl, daß er sich auf diesen unermüdlichen Raucher nicht verlassen könne, und sah sich genöthigt, ihn ganz besonders überwachen zu lassen.

Endlich, da Gottes Auge die Artilleristen schützt, wurde das Laden ohne Explosion glücklich fertig gebracht. Die dritte Wette des Kapitäns Nicholl war also sehr gewagt. Es war nur noch das Projectil hinein zu bringen, und auf der dichten Lage Schießbaumwolle aufzustellen.

Aber bevor man zu dieser Verrichtung schritt, wurden die Reisebedürfnisse in dem Waggon-Projectil geordnet aufgestellt. Es war deren eine ziemliche Anzahl, und hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätten sie bald den ganzen für die Reisenden vorbehaltenen Raum eingenommen. Man kann sich kaum vorstellen, was dieser liebenswürdige Franzose Alles in den Mond mitnehmen wollte. Ein wahrer Ballast unnöthiger Dinge. Aber Barbicane legte sich in’s Mittel, und man mußte sich auf das streng Nothwendige beschränken.

Einige Thermometer, Barometer und Brillen wurden in den Koffer zu den Instrumenten gethan.

Die Reisenden waren begierig, unterwegs den Mond zu studiren, und sie nahmen, um sich die Kenntniß dieser neuen Welt zu erleichtern, die ausgezeichnete Mondkarte von Beer und Mädler mit, in vier Blättern, welche für ein wahres Meisterstück ausdauernder Beobachtung gilt. Sie stellt mit gewissenhafter Genauigkeit die uns zugewendete Seite des Mondes im geringsten Detail dar: Berge, Thäler, Circus, Krater, Rundplätze, Bergkegel und Streifen waren in genauen Maßangaben, richtiger Lage und Benennung, von den Bergen Dörfel und Leibnitz, mit seinem hohen Gipfel auf der östlichen Seite der Scheibe bis zum Eismeer in der Umgebung des nördlichen Pols.

Es war also für die Reisenden ein kostbares Document, denn sie konnten darauf das Land studiren, bevor sie noch den Fuß darauf gesetzt.

Sie nahmen ferner drei Büchsen und drei Jagd-Carabiner für explodirende Kugeln mit; dazu Pulver und Blei in reichlichem Vorrath.

»Man weiß nicht, mit wem man dort zu thun haben wird«, sagte Michel Ardan. »Menschen oder Thiere könnten’s übel nehmen, daß wir ihnen einen Besuch machen! Man muß sich also vorsehen.«

Uebrigens wurde auch nützliches Werkzeug, wie Beile, Hacken und Handsägen, mitgenommen, sowie Kleidungsstücke für alle Temperaturen und Zonen.

Michel Ardan hätte gern eine Anzahl Thiere mitgenommen, obwohl nicht von jeder Gattung ein Paar, denn Schlangen, Tiger, Alligatoren und andere Raubthiere wollte er nicht auf dem Monde einführen.

»Nein«, sagte er zu Barbicane, »aber einige Saumthiere, Ochse oder Kuh, Esel oder Pferd würden dort dienlich und uns vielleicht sehr nützlich sein.«

– Ich gebe das zu, lieber Ardan, erwiderte der Präsident des Gun-Clubs, aber unser Waggon-Projectil ist nicht eine Arche Noah. Das ist weder seine Bestimmung, noch ist’s dazu eingerichtet. Also bleiben wir innerhalb der Grenzen des Möglichen.

Endlich, nach langem Widerreden, kam man überein, sich mit einer vortrefflichen Jagdhündin, die Nicholl gehörte, und einem munteren, kräftigen Neufoundländer zu begnügen. Einige Kisten nützlicher Arten Saatfrucht wurden zu den unerläßlichen Gegenständen gerechnet. Hätte man Michel Ardan gewähren lassen, so hätte er auch einige Säcke mit Erde mitgenommen, um sie darauf zu säen. Für alle Fälle nahm er ein Dutzend junger Bäumchen mit, welche sorgfältig mit Stroh eingepackt in einen Winkel gestellt wurden.

Nun blieb noch die wichtige Lebensmittelfrage, denn man mußte sich für den Fall vorsehen, daß man in eine durchaus unfruchtbare Gegend des Mondes gerathen würde. Barbicane war so vorsichtig, für ein ganzes Jahr Vorrath mitzunehmen.

Doch muß ich bemerken, daß man nicht allzusehr staune, diese Lebensmittel bestanden in Conserven von Fleisch und zusammengepreßten Gemüse, und zwar solche, die viel Nahrungsstoff enthielten; zwar nicht viel zur Abwechselung, aber bei solch einer Fahrt darf man nicht heikel sein. Auch Branntwein war dabei, etwa zweihundert Liter, und Wasser nur für zwei Monate; denn in Folge der neuesten astronomischen Beobachtungen zweifelte man nicht, daß auf der Oberfläche des Mondes eine gewisse Quantität Wasser vorhanden sei. In Hinsicht der Lebensmittel wäre es unsinnig gewesen, zu glauben, daß Erdbewohner dort keine Nahrung für sich fänden. Michel Ardan hatte in der Hinsicht gar keinen Zweifel mehr; sonst hätte er sich auch nicht zur Reise dahin entschlossen.

»Uebrigens«, sagte er eines Tages zu seinen Freunden, »werden wir von unseren Kameraden auf der Erde nicht ganz im Stich gelassen werden, sie werden uns nicht vergessen.«

– Nein, gewiß nicht, erwiderte J.T. Maston.

– Wie verstehen Sie das? fragte Nicholl.

»Ganz einfach«, erwiderte Ardan. »Ist nicht die Columbiade hier? Nun! So oft der Mond sich in der günstigen Zenithstellung findet, wenn auch nicht in Erdnähe, also etwa einmal im Jahre, könnte man uns denn nicht eine mit Lebensmitteln befrachtete Kugel zusenden, die wir am bestimmten Tage erwarten würden?«

– Hurrah! Hurrah! rief Maston, als ein Mann von Ideen; trefflich gesagt! Gewiß, wackere Freunde, wir werden Euch nicht vergessen!

»Ich verlasse mich darauf! So, sehen Sie, bekommen wir regelmäßig Nachrichten vom Erdball, und was uns betrifft, so würden wir sehr ungeschickt sein, wenn wir nicht Mittel fänden, uns mit unseren guten Freunden auf der Erde in Verbindung zu setzen!«

Diese Worte athmeten eine solche Zuversicht, daß Michel Ardan bei seiner entschiedenen Miene, seiner festen Haltung den ganzen Gun-Club mit sich fortgerissen hätte. Was er sagte, schien so einfach, elementar, leicht, von sicherem Erfolg, und man hätte wahrhaftig in kleinlicher Weise an diesem armseligen Erdball kleben müssen, wäre man nicht bereit gewesen, die drei Reisenden bei ihrer Mondfahrt zu begleiten.

Als die verschiedenen Gegenstände in dem Projectil aufgestellt waren, wurde das zur Hemmung des Rückstoßes bestimmte Wasser in seine Verschläge gebracht und das Leuchtgas in seine Behälter gepumpt. Von kohlensaurem und kaustischem Kali nahm Barbicane, um für eine unvorausgesehene Verspätung zu sorgen, einen hinreichenden Vorrath mit, um zwei Monate lang den Sauerstoff erneuern und die Kohlensäure entfernen zu können. Er hatte einen äußerst sinnreichen Apparat, der automatisch wirkend der Luft ihre belebenden Eigenschaften wiedergab und sie vollständig reinigte. So war denn das Projectil gerüstet, es war nur noch nöthig, dasselbe in die Columbiade hinabzubringen; eine übrigens schwierige und gefährliche Operation.

Das enorme Geschoß wurde auf den Gipfel von Stone’s-Hill gebracht, wo starke Krahnen es faßten und schwebend über den metallenen Schacht hielten.

Es war ein Moment ängstlicher Besorgniß. Wenn unter dem ungeheuren Gewicht die Ketten rissen, so wäre durch das Herabfallen einer solchen Masse die Entzündung der Baumwolle unfehlbar erfolgt.

Zum Glück trat dieser Fall nicht ein, und nach einigen Stunden lagerte das behutsam in die Seele der Kanone hinabgesenkte Projectil auf der baumwollenen Unterlage wie auf Eiderdaunen. Seine Schwere wirkte nur dahin, die Ladung der Columbiade stärker zu verpfropfen.

»Ich hab’ verloren«, sagte der Kapitän, und stellte dem Präsidenten Barbicane dreitausend Dollars zu.

Barbicane wollte von seinem Reisekameraden das Geld nicht annehmen; aber er mußte Nicholl’s Beharrlichkeit nachgeben, der, bevor er die Erde verließ, alle seine Verbindlichkeiten erfüllen wollte.

»Dann«, sagte Michel Ardan, »habe ich nur noch einen Wunsch für Sie, mein wackerer Kapitän.«

– Und der wäre? fragte Nicholl.

»Daß Sie auch die beiden anderen Wetten verlieren mögen! Dann werden wir sicherlich auf der Reise nicht drauf gehen.«

Sechsundzwanzigstes Capitel

Feuer!

Der erste des December nahte heran, ein verhängnißvoller Tag, denn wenn das Abschleudern des Projectils nicht denselben Abend um zehn Uhr sechsundvierzig Minuten und vierzig Secunden zu Stande kam, so würden über achtzehn Jahre verfließen, ehe der Mond unter denselben gleichzeitigen Bedingungen von Zenith und Erdnähe sich darböte.

Es war prächtiges Wetter; trotz der Annäherung des Winters bestrahlte die Sonne glänzend diese Erde, welche drei ihrer Bewohner um einer neuen Welt willen zu verlassen im Begriff waren. Wie viele verbrachten die Nacht vor dem so ungeduldig ersehnten Tag schlaflos! Wie manche Brust war von der schweren Last des Wartens beklommen! Alle Herzen schlugen voll Unruhe, außer Michel Ardan’s. Dieser Mann, den nichts aus seiner Gemüthsruhe brachte, ging in gewöhnlicher Geschäftlichkeit ab und zu, und man konnte nicht wahrnehmen, daß sein Geist ungewöhnlich in Anspruch genommen war. Er schlief so ruhig, wie Turenne vor der Schlacht auf einer Lafette.

Seit dem frühen Morgen bedeckte eine unzählbare Menge die Wiesen, welche sich unabsehbar um Stone’s-Hill herum ausdehnen. Jede Viertelstunde brachte die Eisenbahn Neugierige von Tampa-Town her; diese Einwanderung stieg bald in’s Fabelhafte und nach Angabe des Tampa-Town Observer betraten im Laufe dieses denkwürdigen Tages fünf Millionen Zuschauer den Boden Florida’s.

Seit einem Monat bivouakirte die Menge zum größten Theil in der Umgebung des Werkhofs und legte den Grund zu einer Stadt, die nachher Ardan’s-Town genannt wurde. Die Ebene war mit Baracken, Hütten, Zelten bedeckt, unter welchen eine so zahlreiche Bevölkerung sich aufhielt, daß sie den Neid der größten Städte erregte.

Es waren da alle Völker der Erde vertreten, es wurden alle Sprachen der Welt gesprochen in einer Verwirrung, wie einst um den Thurm zu Babel. Es herrschte da unbedingte Gleichheit der amerikanischen Gesellschaftsklassen. Bankiers, Landbauern, Seeleute, Commissionäre, Mäkler, Baumwollpflanzer, Großhändler, Schiffsleute, Magistrate drängten und stießen sich da in angeborener Rücksichtslosigkeit. Die Kreolen Louisiana’s fraternisirten mit den Farmers Indiana’s; die Gentlemen aus Kentucky und Tennessee, die eleganten und stolzen Virginier, verkehrten mit den halbwilden Pelzjägern von den Seen und den Eierhändlern aus Cincinnati. Unterm weißen Castorhut oder klassischen Panama, in blauen Hosen aus den Fabriken Opelousas, eleganten Linnenblusen, mit bunten Stiefelchen legten sie übermäßige Jabot’s aus und behingen Hemden und Manschetten, Cravatten, ihre Ohren und alle zehn Finger mit einem Kleinodienlager von Nadeln, Brillanten, Ketten, Schnallen, Brelocken, die so theuer wie geschmacklos waren. Frauen, Kinder und Dienerschaft, ebenfalls reich geschmückt, begleiteten und umgaben die Männer und Väter, die in der Mitte zahlloser Familienglieder den Stammeshäuptlingen glichen.

Zur Essenszeit hätte man sehen sollen, wie diese Menge Leute über die Lieblingsspeisen des Südens herstürzte, und mit einem Appetit, der Florida’s Vorräthen Gefahr drohte, die für einen europäischen Magen ekelhaften Gerichte verschlang, wie Frösche-Frikassee, gedämpftes Affenfleisch, Fisch-Allerlei, Beutelthierbraten, Waschbär-Rostbraten.

Aber auch wie mancherlei Getränke oder Schnäpse kamen der Verdauung zu Hilfe! Und welch aufmunterndes Geschrei, einladendes Zurufen hallten in den Schenkbuden und Gaststuben voll Gläsern und Bechern, Flaschen und Karaffen von allen möglichen Formen, Mörsern zum Zuckerstampfen u. dgl.

»Hier Münz-Julep!« rief’s schallend aus einer Schenkbude.

»Sangaree mit Bordeaux!« erwiderte ein Anderer mit kreischender Stimme.

»Und Gin-sling!« ließ ein Anderer sich vernehmen.

»Und Cocktail! Brandy-smash!« schrie ein Anderer.

»Wer echten Münz-Julep kosten will nach neuester Mode!« riefen die gewandten Verkäufer, indem sie so flink wie Taschenspieler, Zucker, Citrone, Münzkraut, zerstoßenes Ei, Cognac, Ananas mit Wasser mengten, den erquickenden Trank zu bereiten.

So wiederholten sich gewöhnlich die lockenden Zurufe an die lechzenden, durch Gewürze gereizten Kehlen, durchkreuzten sich in betäubendem Lärm. Aber am 1. December hörte man wenig von solchem Geschrei; die Schenkwirthe hätten vergeblich sich heiser gerufen. Kein Mensch dachte an Essen und Trinken, und um vier Uhr Nachmittags hatten Manche ihren gewohnten Imbiß noch nicht zu sich genommen. Noch mehr, die leidenschaftliche Spiellust der Amerikaner unterlag der Spannung der Gemüther. Wie ließ man Kegel und Würfel bei Seite, kümmerte sich nicht um Roulette und Cribbage, ließ die Whistkarten, Rouge et noir, Monte und Faro unangetastet: das Ereigniß des Tages verschlang jedes andere Bedürfniß, und ließ für keinerlei andere Zerstreuung Raum.

Bis zum Abend lief eine dumpfe geräuschlose Bewegung, wie die Schwüle vor schweren Naturereignissen, durch diese harrende Menge. Unbeschreibliches Mißbehagen beherrschte die Geister, peinliche Zerschlagenheit, unerklärliche Beklemmung lastete auf den Gemüthern. Jeder wünschte, »es möge vorüber sein.«

Gegen sieben Uhr wurde dies dumpfe Schweigen plötzlich unterbrochen. Der Mond stieg am Horizont empor, begrüßt von etlichen Millionen Hurrah’s. Er fand sich pünktlich auf seinem Platze ein. Das Geschrei drang bis zum Himmel empor; auf allen Seiten Händeklatschen, während die blonde Phöbe friedlich in bewunderungswürdigem Schein erglänzte und die berauschte Menge mit liebevollen Strahlen entzückte.

In diesem Moment erschienen die drei unerschrockenen Reisenden. Bei ihrem Anblick immer lauteres Zurufen. Urplötzlich, einmüthig erschallte der Nationalgesang aus beklommener Brust, und das Yankee doodle drang im Chor aus fünf Millionen Kehlen gleich rauschendem Sturmwind bis zum Ende des Luftmeers hinan.

Nach diesem unwiderstehlichen Aufschwung verstummte der Gesang, die letzten Harmonien lösten sich auf, das Geräusch verschwand, und eine schweigende Bewegung durchlief die tief ergriffene Menge. Inzwischen waren der Franzose und die beiden Amerikaner in den umzäunten Raum getreten, um welchen herum die unzählige Menge sich drängte. Sie erschienen in Begleitung der Mitglieder des Gun-Clubs und der von den europäischen Observatorien gesendeten Deputationen. Barbicane ertheilte mit kalter Seelenruhe seine letzten Befehle. Nicholl schritt mit geschlossenen Lippen, die Arme auf dem Rücken gekreuzt, mit festem, gemessenem Tritt einher. Michel Ardan, stets leichten Herzens, in vollständiger Reisekleidung, mit Ledergamaschen und Reisetasche, von weiter, braunsammtner Kleidung umwallt, theilte im Vorübergehen warme Händedrücke mit fürstlicher Freigebigkeit aus. In unversiegbarer Laune munterster Heiterkeit lachend, scherzend, schnitt er dem würdigen J.T. Maston Grimassen; mit einem Wort »Franzose«, und was noch schlimmer ist, »Pariser« bis zur letzten Secunde.

Es schlug zehn, und nun ward es Zeit in dem Projectil Platz zu nehmen. Das zum Hinabsteigen erforderliche Verfahren, das feste Zuschrauben des Verschlusses, das Hinwegschaffen der Krahnen und Gerüste über der Mündung der Columbiade kostete eine gewisse Zeit.

Barbicane hatte sein Chronometer fast bis auf ein Zehntheil Secunde nach dem des Ingenieur Murchison gerichtet, der beauftragt war, das Pulver vermittelst des elektrischen Funkens zu entzünden. So konnten die in dem Projectil eingeschlossenen Reisenden mit dem Auge die rührungslose Nadel verfolgen, welche ihnen genau den Augenblick der Abfahrt anzeigte.

Der Moment des Abschieds war gekommen; eine rührende Scene. Trotz seiner fieberhaften Munterkeit empfand Michel Ardan eine Gemüthsbewegung. J.T. Maston hatte unter seinen trockenen Wimpern eine alte Thräne wieder gefunden, die er ohne Zweifel für diese Gelegenheit gespart hatte. Er vergoß sie auf das Antlitz seines theuren, wackeren Präsidenten.

»Wenn ich doch mitginge!« sagte er, »noch ist’s Zeit!«

– Unmöglich, alter Freund, erwiderte Barbicane.

Nach einigen Augenblicken befanden sich die drei Reisegefährten im Projectil und hatten die Oeffnung innen fest zugeschraubt; die Mündung der Columbiade klaffte nach Entfernung des Gerüstes frei himmelwärts.

Nicholl, Barbicane und Michel Ardan waren in ihrem metallenen Waggon unabänderlich verschlossen.

Die allgemeine Bewegung der Gemüther auf ihrem Höhepunkt zu schildern ist unmöglich.

Der Mond stieg in reinster Klarheit am Firmament empor, die funkelnden Sterne seiner Umgebung überstrahlend; bereits über das Zwillingsgestirn hinaus befand er sich eben am Horizont auf halber Bahn bis zum Zenith. Jeder begriff also leicht, daß man dem Zielpunkt voran visirte, wie der Jäger dem Hafen, welchen er treffen will, voraus visirt, seine Bewegung berücksichtigend.

Eine Stille zum Erschrecken lastete auf der ganzen Scene. Kein Windhauch über der Erde! Kein Athemzug aus der Brust! Die Herzen wagten keinen Pulsschlag. Alle Blicke waren angstvoll auf die klaffende Mündung der Columbiade gerichtet.

Murchison’s Auge begleitete die Nadel seines Chronometers. Kaum noch vierzig Secunden hatten zu verfließen, und jede dauerte eine Ewigkeit.

Bei der zwanzigsten entstand ein allgemeines Schaudern, es fiel der Menge ein, daß die eingeschlossenen Reisenden ebenso die erschrecklichen Secunden zählten! Man vernahm einzelne Rufe:

»Fünfunddreißig! – Sechsunddreißig! – Siebenunddreißig! – Achtunddreißig! – Neununddreißig! – Vierzig! FEUER!!!«

Sofort drückte Murchison mit dem Finger auf den Unterbrechungs-Apparat, daß die hergestellte Strömung den elektrischen Funken auf den innersten Grund der Columbiade leitete.

Augenblicklich ertönte ein fürchterlicher, unerhörter, donnerartiger Knall, ebenso wie das Blitzen und Krachen beim Ausbruch über alle menschlichen Begriffe hinaus ging. Eine himmelhohe Feuersäule schoß aus dem Boden, wie aus einem Krater empor. Die Erde erbebte, und kaum einzelne Personen konnten einen Augenblick das Projectil gewahren, wie es inmitten flammender Dünste siegreich in die Lüfte empor drang.

Siebenundzwanzigstes Capitel

Bedeckter Himmel

Der Feuerstrahl, welcher weißglühend zum Himmel sich erhob, verbreitete sein Licht über ganz Florida, und eine Weile war weit und breit das Land taghell erleuchtet. Das unermeßliche sprudelnde Feuer ward hundert Meilen weit auf dem Meere gewahrt und von manchem Schiffskapitän als riesenhaftes Meteor aufgezeichnet.

Ein wahres Erdbeben begleitete die Explosion der Columbiade; Florida ward bis in die innersten Tiefen erschüttert. Das von der Hitze entwickelte Pulvergas drängte mit unvergleichlicher Gewalt die Luftschichten zurück und der künstliche Orcan strich hundertfach stärker als Gewitterstürme gleich einer Trombe durch die Lüfte.

Nicht ein einziger Zuschauer konnte sich auf den Beinen halten; Männer, Frauen, Kinder sanken wie die Aehren beim Hagel; es entstand ein entsetzlicher Tumult, unzählige Personen wurden schwer verletzt, und J.T. Maston, der aller Vorsicht zuwider sich allzuweit voran gewagt, ward hundertundzwanzig Fuß weit weg geschleudert, flog wie eine Kugel über die Köpfe seiner Mitbürger. Dreimalhunderttausend Menschen waren momentan von Betäubung getroffen..

Der Luftstrom warf die Baracken um, riß die Hütten nieder, entwurzelte die Bäume in einem Umkreis von zwanzig Meilen, trieb die Eisenbahnzüge bis Tampa, stürzte wie eine Lavine über diese Stadt und zerstörte eine Menge Häuser, unter andern die Marienkirche und das neue Börsengebäude, welches seiner ganzen Länge nach beschädigt ward. Manche Fahrzeuge im Hafen wurden wider einander geworfen und versanken, und ein Dutzend Schiffe wurden von der Rhede an die Küste getrieben, nachdem ihre Ketten wie Baumwollenfäden zerrissen.

Der Kreis dieser Zerstörungen war noch weiter ausgedehnt, reichte über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus. Ja die Wirkungen des Stoßes wurden, von den Westwinden begünstigt, über dreihundert Meilen vom amerikanischen Ufer entfernt auf dem Atlantischen Meere verspürt. Ein gemachter, unerwarteter Sturmwind, welchen der Admiral Fitz-Roy nicht voraussehen gekonnt, traf mit unerhörter Gewalt die Schiffe; manche Fahrzeuge, die nicht Zeit hatten, sich dem fürchterlichen Wirbel zu entziehen, scheiterten mit vollen Segeln, unter anderen der Child Harold aus Liverpool, eine bedauerliche Katastrophe, die von Seiten Englands lebhafte Anklagen hervorrief.

Endlich, um nichts zu übergehen, obwohl die Thatsache keine andere Bürgschaft hat, als die Aussage einiger eingebornen Bewohner von Goréa und Sierra Leone, welche behaupten, eine halbe Stunde nach Abfahrt des Projectils eine dumpfe Erschütterung verspürt zu haben, die äußerste Verpflanzung der Tonwellen, welche über das Atlantische Meer drang und an der afrikanischen Küste erlosch.

Doch auf Florida zurück zu kommen. Als der erste Moment des Tumults vorüber war, erwachten die Verwundeten, die ganze Menge aus ihrer Betäubung, und wahnsinniges Geschrei: »Hurrah für Ardan! Hurrah für Barbicane! Hurrah für Nicholl!« drang zum Himmel empor. Einige Millionen Menschen, mit Fernröhren, Brillen, Lorgnetten bewaffnet, forschten in den Lüften, ihre Quetschungen und Erschütterungen vergessend, nur allein mit dem Projectil beschäftigt. Aber vergebens. Es war nicht mehr wahrzunehmen, man mußte sich darein geben, auf Telegramme von Longs Peak zu warten. Der Director der Sternwarte zu Cambridge, Belfast, war auf seinem Posten im Felsengebirge, und diesem geschickten, ausdauernden Astronomen waren die Beobachtungen anvertraut.

Aber eine unvorausgesehene Erscheinung, die jedoch leicht vorauszusehen, obwohl nicht zu verhindern war, stellte die Ungeduld des Publicums auf eine harte Probe.

Das bisher so schöne Wetter änderte sich; der Himmel ward trübe, mit Gewölk verhüllt. War es anders möglich nach der fürchterlichen Veränderung in der Lage der Luftschichten und nach der Zerstreuung der enormen Menge von Dünsten, welche durch die Verbrennung von viermalhunderttausend Pfund Schießbaumwolle erzeugt wurden? Die ganze Naturordnung war gestört worden. Darüber sollte man sich nicht wundern, denn bei den Seeschlachten hat man oft wahrgenommen, daß durch die Kanonensalven der Zustand der Atmosphäre plötzlich verändert wurde.

Am folgenden Tag war bei Sonnenaufgang der Horizont mit dichtem Gewölk bedeckt, ein undurchdringlicher Vorhang zwischen Himmel und Erde gezogen, der leider bis zu den Regionen des Felsengebirgs reichte. Eine ärgerliche Sache. Allerwärts in der Welt wurden Reclamationen laut. Aber die Natur ließ sich nicht rühren, und gewißlich, da die Ordnung in der Atmosphäre von den Menschen gestört worden war, so mußten sie auch die Folgen davon sich gefallen lassen.

Während dieses ersten Tags suchte Jeder den düstern Wolkenschleier zu durchdringen, aber vergebens, und zudem irrte man auch, indem man seine Blicke zum Himmel richtete, denn in Folge der täglichen Bewegung der Erde befand sich das Projectil nothwendig über den Köpfen der Antipoden.

Wie dem auch sei, da die Nacht wieder kam, undurchdringlich finstere Nacht, konnte man, als der Mond am Horizont emporstieg, ihn doch nicht sehen; man konnte meinen, er entziehe absichtlich seinen Anblick den Verwegenen, die nach ihm geschossen. Eine Beobachtung war also nicht möglich, und die Depeschen aus Longs Peak bestätigten den leidigen Unstern.

Jedoch, wenn der Versuch glückte, so mußten die am 1. December um zehn Uhr sechsundvierzig Minuten und vierzig Secunden Abends abgefahrenen Reisenden am 4. zu Mitternacht ankommen. Daher geduldete man sich bis dahin ohne allzuviel Murren, zumal da es unter diesen Umständen doch sehr schwierig gewesen wäre, einen so kleinen Gegenstand wahrzunehmen.

Am 4. December wäre es nun wohl, von acht Uhr Abends bis zu Mitternacht, möglich gewesen, dem Projectil, welches wie ein schwarzer Punkt vor der glänzenden Mondscheibe erschienen wäre, auf die Spur zu kommen. Aber das Wetter blieb unbarmherzig bedeckt, was die Erbitterung des Publicums auf die Spitze trieb. Man ging so weit, gegen den Mond Schmähungen auszustoßen, weil er sich gar nicht zeigen wollte. So geht’s leider stets hienieden!

J.T. Maston reiste in Verzweiflung nach Longs Peak. Er wollte selbst beobachten. Er hatte nicht den mindesten Zweifel, daß seine Freunde am Ziel ihrer Reise ankämen. Zudem hatte man noch nicht gehört, daß das Projectil irgendwo auf den Inseln oder Continenten der Erde wieder niedergefallen sei, und J.T. Maston hielt gar nicht für möglich, daß es in ein Meer gefallen, wovon doch die Erde zu drei Viertheil bedeckt ist.

Am 5. gleiche Witterung. Die großen Teleskopen der alten Welt, Herschel’s, Rosse’s, Foucault’s waren unablässig auf das Nachtgestirn gerichtet, denn in Europa war es prächtiges Wetter; aber diese Instrumente waren verhältnißmäßig zu schwach, um mit Erfolg beobachten zu können.

Am 6. gleiches Wetter. Drei Viertheil der Erde wurde von Ungeduld verzehrt. Man kam darauf, die unsinnigsten Mittel vorzuschlagen, um die in der Luft gesammelten Wolken zu zerstreuen.

Am 7. schien der Himmel ein etwas anderes Aussehen zu bekommen. Aber die gefaßte Hoffnung währte nicht lange, und am Abend verhüllte ein dichter Wolkenvorhang das bestirnte Himmelsgewölbe allen Blicken.

Dieser Umstand wurde nun bedeutend. In der That, am 11. um neun Uhr elf Minuten Vormittags mußte der Mond in sein letztes Viertel treten. Nach Ablauf dieser Frist sollte er stets abnehmen, und wäre auch das Wetter wieder völlig heiter, so würden doch die Aussichten für die Beobachtung immer geringer; denn der Mond würde dann nur einen stets geringer werdenden Theil seiner Scheibe zeigen, und am Ende Neumond werden, d.h. er würde zugleich mit der Sonne unter- und aufgehen, so daß die Strahlen derselben ihn völlig unsichtbar machten. Dann müßte man bis zum 3. Januar um zwölf Uhr vierundvierzig Minuten warten, um beim Vollmond die Beobachtungen wieder aufzunehmen.

Die Journale veröffentlichten diese Erwägungen mit tausend Commentaren, und verhehlten dem Publicum nicht, daß es sich mit einer Engelsgeduld waffnen müsse.

Am 8. Nichts. Am 9. zeigte sich die Sonne wieder einen Augenblick, als wolle sie der Amerikaner spotten. Lautes Hohngeschrei empfing sie, und ohne Zweifel dadurch beleidigt, zeigte sie nur um so spärlicher ihre Strahlen.

Am 10. keine Aenderung. Maston wäre bald zum Narren geworden, und man hegte ernstliche Besorgnisse für das Gehirn des würdigen Mannes, welches bisher unter seinem Gutta-Percha-Schädel sich gut conservirt hatte.

Aber am 11. entluden sich fürchterliche Stürme, wie sie zwischen den Wendekreisen vorkommen. Starke Ostwinde fegten die so lange gehäuften Wolken hinweg, und am Abend stieg das Nachtgestirn mit halb angenagter Scheibe majestätisch zwischen den übrigen Sternen hinan.

Achtundzwanzigstes Capitel

Ein neues Gestirn

In derselben Nacht verbreitete sich die so ungeduldig erwartete Nachricht zuckend wie ein Blitzstrahl in allen Staaten der Union, und durchlief über den Ocean springend alle Telegraphendrähte des Erdballs. Das Projectil war durch den Riesenreflector zu Longs Peak bemerkt worden.

Es folge hier die vom Director des Observatoriums zu Cambridge gegebene Meldung. Sie enthält den wissenschaftlichen Schluß dieses großen Experiments des Gun-Clubs.

Longs Peak, 12. December.

An die Herren Mitglieder des Bureau des Observatoriums zu Cambridge.

»Das vermittelst der Columbiade zu Stone’s-Hill abgeschossene Projectil ist von den Herren Belfast und J.T. Maston am 12. December um acht Uhr siebenundvierzig Minuten Abends wahrgenommen worden, als der Mond eben in sein letztes Viertel trat.

Das Projectil ist nicht an seinen Zielpunkt gelangt, sondern neben vorbei, doch ziemlich nahe, so daß es von der Anziehungskraft des Mondes festgehalten wird.

Seine Bewegung in gerader Richtung hat sich in eine Kreisbewegung mit reißender Schnelligkeit verwandelt, und es ist in eine elliptische Bahn um den Mond herum fortgerissen worden, so daß es ein wirklicher Trabant desselben ist.

Die Elemente dieses neuen Gestirns festzustellen, ist noch nicht möglich gewesen. Man kennt weder die Schnelligkeit seiner Fortbewegung, noch der Bewegung um seine Achse. Seine Entfernung von der Mondoberfläche läßt sich auf etwa zweitausendachthundertdreiunddreißig Meilen anschlagen.

Jetzt sind zwei Fälle als möglich anzunehmen, welche eine Aenderung im Stand der Dinge herbeiführen.

Entweder die Anziehungskraft des Mondes wird überwiegen, und die Reisenden gelangen dann an ihr Ziel.

Oder unveränderlich festgehalten wird das Projectil bis zum Ende der Jahrhunderte um die Mondscheibe herum kreisen.

Darüber werden die Beobachtungen einmal Auskunft geben, aber bis jetzt hat der Versuch des Gun-Clubs nichts weiter erzielt, als daß unser Sonnensystem mit einem neuen Gestirn ausgestattet worden ist.

J. Belfast.«

Wie viele Fragen wurden durch diese unerwartete Lösung angeregt! Welche geheimnißvolle Lage blieb den Forschungen der Wissenschaft vorbehalten! Dank dem Muth und der Hingebung dreier Männer hatte dieser dem Anschein nach ziemlich unbedeutende Versuch, eine Kugel nach dem Mond zu schleudern, ein unermeßliches Ergebniß von unberechenbaren Folgen bekommen. Hatten auch die in dem neuen Trabanten eingeschlossenen Reisenden ihr Ziel nicht erreicht, so gehörten sie doch wenigstens der Mondwelt an, kreisten um das Nachtgestirn, und zum ersten Mal konnte das Menschenauge in alle seine Geheimnisse eindringen. Die Namen Nicholl, Barbicane, Michel Ardan haben sich in den Annalen der Astronomie ruhmvoll verewigt, denn diese kühnen Forscher haben, aus Begierde den Kreis der menschlichen Kenntnisse zu erweitern, sich verwegen in den Weltenraum gewagt und in dem seltsamsten Unternehmen der Neuzeit ihr Leben auf’s Spiel gesetzt.

Wie dem auch sei, als die Meldung aus Longs Peak sich verbreitete, wurde die ganze Welt theilnehmend von Staunen und Schrecken erfüllt. Gab’s eine Möglichkeit, diesen kühnen Erdbewohnern Beistand zu leisten? Nein, ganz gewiß nicht, denn sie hatten sich durch Ueberschreitung der von Gott den Creaturen der irdischen Welt gesteckten Grenzen außer Verbindung mit der Menschheit gesetzt. Sie konnten sich zwei Monate lang Luft bereiten. Mit Lebensmitteln waren sie auf ein Jahr versehen. Aber hernach? … Die fühllosesten Herzen erbangten bei dieser fürchterlichen Frage.

Ein einziger Mensch wollte das Verzweifelte der Lage nicht zugeben; ein einziger hatte Zuversicht, ihr ergebener, kühner und gleich ihnen entschlossener Freund, der wackere J.T. Maston.

Uebrigens verlor er sie nicht aus den Augen. Der Posten Longs Peak war von nun an sein Wohnsitz, der Spiegel des unermeßlichen Reflectors sein Horizont. Sobald an demselben der Mond emporstieg, faßte er ihn in den Rahmen seines Sehfeldes, verlor ihn keinen Moment aus den Augen und begleitete ihn mit Beharrlichkeit auf seiner Bahn durch die Sternenräume; mit unverwüstlicher Geduld beobachtete er den Weg des Projectils vor seiner silbernen Scheibe, und wahrhaftig der würdige Mann blieb in fortwährender Verbindung mit seinen drei Freunden, welche wiederzusehen er die Hoffnung nicht aufgab.

»Wir werden mit ihnen correspondiren«, sagte er zu Jedem, der ihn hören wollte, »sobald die Umstände es gestatten. Wir werden Kunde von ihnen bekommen, und sie von uns! Zudem weiß ich, daß es sinnreiche, erfinderische Männer sind, die alle Hilfsquellen der Kunst, Wissenschaft und Industrie bei sich haben. Damit richtet man aus, was man will, und wir werden sehen, daß sie sich aus der Verlegenheit ziehen können!«

- Ende -


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Jules Verne – Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

admin am Feb 4th 2012

Jules Verne

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Ausgabe von: A. Hartleben, Wien Pest Leipzig 1874

Erstes Capitel

Professor Lidenbrock

Am 21. Mai 186., eines Sonntags, kam mein Oheim, der Professor Lidenbrock, in hastiger Eile heim in sein kleines Haus, Königsstraße 19, eine der ältesten Straßen des alten Stadtviertels zu Hamburg.

Die gute Martha mußte glauben sehr mit dem Mittagessen in Rückstand zu sein, denn es fing eben erst an auf dem Heerde zu sieden.

»Schön, sagte ich, aber wenn mein Oheim Hunger hat, wird der ungeduldige Mann Zeter schreien.

– Da ist ja schon Herr Lidenbrock! rief die gute Martha in Bestürzung, indem sie die Thür des Speisezimmers ein wenig öffnete.

– Ja, Martha, aber das Essen darf schon noch etwas kochen, denn es hat eben erst auf der Michaeliskirche halb zwei geschlagen.

– Warum kommt aber Herr Lidenbrock schon heim?

– Er wird’s uns vermuthlich sagen.

– Da ist er! Ich flüchte mich, Herr Axel, Sie werden ihn zur Einsicht bringen.«

Und die gute Martha eilte wieder in ihre Küche.

Ich blieb allein. Aber einen zornigen Professor zur Einsicht zu bringen, war doch für meinen etwas schwankenden Charakter nicht möglich. Daher war ich im Begriff mich klüglich wieder in mein Zimmerchen hinauf zu begeben, als die Angeln der Hausthür knarrten; des Hausherrn lange Beine schritten geräuschvoll über die hölzerne Treppe quer durch das Speisezimmer hastig in sein Arbeitscabinet.

Im Vorbeirennen warf er seinen Stock mit einem Nußknackerknopf in eine Ecke, seinen wider den Strich gebürsteten Hut auf einen Tisch, und rief laut seinem Neffen zu:

»Axel, komm’ mir nach!«.

Ich hatte noch nicht Zeit, vom Fleck zu kommen, als der Professor mit lebhafter Ungeduld mir zurief:

»Nun! noch nicht hier?«

Ich eilte in’s Zimmer meines fürchterlichen Oheims. Otto Lidenbrock war kein bösartiger Mensch, ich geb’s gerne zu; aber wofern er nicht, was sehr unwahrscheinlich ist, sich ändert, so wird er als ein schrecklicher Sonderling sterben.

Er war Professor am Johanneum, und hielt Vorträge über Mineralogie, wobei er regelmäßig ein- oder auch zweimal in Zorn gerieth. Es kam ihm durchaus nicht darauf an, daß seine Schüler fleißig die Lectionen besuchten, noch daß sie aufmerksam zuhörten, noch daß sie Fortschritte machten: diese Kleinigkeiten machten ihm wenig Sorge. Sein Vortrag war, wie die deutsche Philosophie sich ausdrückt, »subjectiv« für ihn, und nicht für andere. Er war ein egoistischer Gelehrter, ein Wissensbrunnen, dessen Rolle knarrte, wenn man etwas herausziehen wollte: mit einem Wort, ein Geizhals.

Es giebt in Deutschland manche Professoren der Art. Mein Oheim hatte leider keine leichte Aussprache, wenigstens wann er öffentlich sprach, ein bedauerlicher Mangel bei einem Redner. Bei seinen Vorträgen im Johanneum blieb der Professor oft plötzlich stecken; er rang mit einem störrigen Ausdruck, der nicht von seinen Lippen wollte, einem Ausdruck, der sich sträubt und aufbläht, bis er endlich in der unwissenschaftlichen Form eines Fluchs heraus kommt. Darüber arge Erzürnung.

Nun giebt’s in der Mineralogie viele halb-griechi sche, halb-lateinische Benennungen, die schwer auszusprechen sind, so holperig rauh, daß sie für eines Dichters Lippen eine Pein sind. Ich will dieser Wissenschaft nichts Uebles nachsagen. Aber gegenüber von rhomboedrischen Krystallisationen, von retin-asphaltischen Harzen, von Gheleniden, Fangasiden, Molybdaten, Tungstaten, Titaniaten und Zircone darf die geläufigste Zunge fehl sprechen.

In der Stadt nun kannte man diese verzeihliche Schwäche meines Oheims, und man machte sich über ihn lustig; man lauerte ihm auf, reizte ihn zum Zorn und lachte ihn aus, was auch in Deutschland durchaus nicht für anständig gilt. Und waren die Zuhörer Lidenbrock’s stets zahlreich, so kamen sie meist deshalb, um sich an dem ergötzlichen Zorn des Professors zu belustigen.

Wie dem auch sein mag, mein Oheim war, – das kann ich nicht genug betonen – ein echter Gelehrter. Obwohl er manchmal bei allzu barschen Versuchen seine Musterstücke zerschlug, verband er mit dem Genie des Geologen den Blick des Mineralogen. Mit seinem Hammer, seiner stählernen Spitzhaue, seiner Magnetnadel, seinem Löthrohr und Fläschchen Salpetersäure war der Mann sehr stark. Er verstand jedes beliebige Metall nach dem Bruch, Aussehen, der Härte, Schmelzbarkeit, dem Ton, Geruch oder Geschmack ohne viel Bedenken in die Classification der sechshundert jetzt bekannten Gattungen einzureihen.

Daher hatte auch Lidenbrock’s Name in den Gymnasien und Vereinen einen ehrenvollen Klang. Humphry Davy und von Humboldt, die Kapitäne Franklin und Sabine machten ihm auf der Reise durch Hamburg ihren Besuch. Becquerel, Ebelmen, Brewster, Dumas, Milne-Edwards, Sainte-Claire-Deville befragten ihn gerne über wichtige Punkte der Chemie. Diese Wissenschaft verdankte ihm hübsche Entdeckungen, und im Jahre 1853 war zu Leipzig von Otto Lidenbrock eine Abhandlung über Transcendentale Krystallographie in Großfolio mit Abbildungen erschienen, welche jedoch nicht die Kosten deckte.

Zudem war mein Oheim Conservator des mineralogischen Museums des russischen Gesandten Struve, welches europäischen Ruf hatte.

Dieser Mann war’s, der mich so ungeduldig anrief. Ein großer, magerer Mann mit eiserner Gesundheit und blondem jugendlichen Aussehen, das ihn um zehn Jahre jünger machte, als er wirklich war. Große unablässig rollende Augen hinter einer ansehnlichen Brille; eine lange seine Nase, gleich einer scharfen Klinge; böse Zungen behaupteten, sie sei mit einem Magnet bestrichen und ziehe den Eisenstaub an sich.

Pure Verleumdung: sie zog nur den Tabak in sich, und zwar, um der Wahrheit ihr Recht zu geben, in reichlichem Maße.

Wenn ich noch hinzufüge, daß mein Oheim mathematisch gemessen drei Fuß lange Schritte machte, und ferner bemerke, daß er mit festgeschlossenen Händen – was ein heftiges Temperament bezeichnet – einherging, so kennt man ihn hinlänglich, um auf seine Gesellschaft nicht sehr erpicht zu sein.

Er wohnte auf der Königsstraße in einem eigenen kleinen Hause, das halb aus Holz, halb aus Ziegelstein gebaut war, mit ausgezacktem Giebel; es lag an einem der Canäle, welche in Schlangenwindungen durch das älteste Quartier Hamburgs ziehen, das von dem großen Brand im Jahre 1842 glücklich verschont wurde; sein Dach saß ihm so schief, als einem Studenten des Tugendbundes die Mütze auf dem Ohr; das Senkblei durfte man an seine Seiten nicht anlegen; aber im Ganzen hielt es sich fest, Dank einer kräftigen in die Vorderseite eingefügten Ulme, die im Frühling ihre blühenden Zweige durch die Fensterscheiben trieb.

Mein Oheim war für einen deutschen Professor reich zu nennen. Das Haus war sammt Inhalt sein volles Eigenthum. Zu dem Inhalt gehörte seine Pathin, Gretchen, ein siebenzehnjähriges Mädchen aus den Vierlanden, die gute Martha und ich. In meiner doppelten Eigenschaft als Neffe und Waise ward ich sein Handlanger-Gehilfe bei seinen Experimenten.

Ich gestehe, daß ich an den geologischen Wissenschaften Lust hatte; es floß mineralogisches Blut in meinen Adern, und ich langweilte mich nie in Gesellschaft meiner kostbaren Steine.

Uebrigens konnte man doch in diesem kleinen Hause der Königsstraße glücklich leben trotz der ungeduldigen Weise seines Eigenthümers, denn obwohl er sich etwas brutal benahm, liebte er mich doch. Aber der Mann verstand nicht zu warten, und eilte sogar der Natur voran.

Wann er im April in die Fayence-Töpfe seines Salons Stöckchen Reseda oder Winde pflanzte, zupfte er sie jeden Morgen an den Blättern, um ihr Wachsthum zu beschleunigen.

Bei einem solchen Original war nichts anderes möglich, als gehorchen. Ich stürzte daher hastig in sein Arbeitszimmer.

Zweites Capitel

Ein altes Document

Dieses Cabinet war ein wahrhaftes Museum. Alle Musterstücke aus dem Mineralreich fanden sich da mit Etiketten versehen in vollständigster Ordnung gereiht, nach den drei großen Abtheilungen der brennbaren, metallischen und steinartigen Mineralien.

Wie war ich mit diesem Spielzeug der mineralogischen Wissenschaft vertraut! Wie oft hatte ich, anstatt mit meinen Kameraden meine Zeit zu vertändeln, meine Freude daran, diese Graphiten, Anthraciden, Ligniten, die Steinkohlen und Torfe abzustäuben! Und die Harze, Erdharze, organischen Salze, die vor den geringsten Stäubchen zu schützen waren! Und diese Metalle, vom Eisen bis zum Gold, deren relativer Werth vor der absoluten Gleichheit der wissenschaftlichen Gattungen verschwand! Und alle die Steine, womit man das Haus an der Königsstraße hätte neu aufbauen können, und noch ein hübsches Zimmer dazu, worin ich mich recht hübsch eingerichtet hätte!

Aber als ich in das Arbeitszimmer trat, dachte ich nicht an diese Wunder; mein einziger Gedanke war mein Oheim. Er war in seinem großen, mit Utrechter Sammt beschlagenen Lehnstuhl vergraben und hielt ein Buch in den Händen, das er mit tiefster Bewunderung anschaute.

»Welch ein Buch! welch ein Buch!« rief er aus. Dieser Ausruf erinnerte mich, daß der Professor Lidenbrock auch zu Zeiten ein Büchernarr war: eine alte Scharteke hatte in seinen Augen nur insofern Werth, als sie schwer aufzufinden oder wenigstens unleserlich war.

»Aber, sagte er, siehst Du denn nicht? Das ist ja ein unschätzbares Kleinod, das ich heute Morgen im Laden des Juden Hevelius aufgefunden habe.

– Prachtvoll!« erwiderte ich mit erheucheltem Enthusiasmus. Wahrhaftig, wozu so viel Lärm um einen alten Quartanten in Kalbleder, eine vergilbte Scharteke mit verblaßtem Buchzeichen.

Der Professor fuhr indessen fort in unerschöpflicher Bewunderung, indem er sich selbst fragte und antwortete:

»Siehst Du, ist’s nicht hübsch? Ja, wunderschön! was für ein Einband! wie leicht schlägt man’s auf! wie trefflich schließen die Blätter, daß sie nirgends klaffen! Und an diesem Rücken sieht man nach sieben Jahrhunderten noch keinen Riß!«

Ich konnte nichts Besseres thun, als ihn über den Inhalt zu fragen, obwohl der mich wenig kümmerte.

»Und wie ist denn der Titel des merkwürdigen Buches? fragte ich hastig.

– Dies Werk, erwiderte mein Oheim lebhaft, ist die Heimskringla von Snorro Sturleson, dem berühmten isländischen Chronisten des zwölften Jahrhunderts! Es enthält die Geschichte der norwegischen Fürsten, die auf Island herrschten.

– Wirklich! rief ich so freudig wie möglich, und gewiß eine deutsche Uebersetzung?

– Schön! entgegnete lebhaft der Professor, eine Uebersetzung! Und was mit der Uebersetzung anfangen? Wer kümmert sich um eine solche? Es ist ein Originalwerk in isländischer Sprache, dem prächtigen, reichen und zugleich einfachen Idiom!

– Wie das Deutsche, fügte ich schmeichelnd bei.

– Ja, erwiderte mein Oheim mit Achselzucken, ohne in Anschlag zu bringen, daß die isländische Sprache die drei Geschlechter bezeichnet, wie beim Griechischen, und die Eigennamen declinirt, wie im Lateinischen!

– Ah! rief ich, indem ich meiner Gleichgiltigkeit Gewalt anthat, und wie schön sind die Lettern!

– Lettern! Was meinst Du, Lettern? Wie? Du meinst, das sei gedruckt? Nein, Dummer, es ist ein Manuscript, ein Runen-Manuscript! …

– Runen?

– Ja! Begehrst Du nun eine Erklärung dieses Worts?

– Das laß ich bleiben«, erwiderte ich mit dem Ton eines Beleidigten.

Aber mein Oheim fuhr um so eifriger fort mich wider Willen über Dinge zu belehren, die ich zu wissen gar nicht Lust hatte.

»Die Runen, fuhr er fort, waren Schriftzüge, die vor uralten Zeiten auf Island im Gebrauch waren und von Odin selbst erfunden sein sollen! Aber schau doch her, bewundere doch, Gottloser, die von einem Gott ausgedachten Zeichen!«

Wahrhaftig, anstatt zu antworten, fiel ich auf die Kniee, eine Antwort, die Göttern und Königen gefällt.

Ein Zwischenfall gab der Unterhaltung eine andere Wendung. Ein schmutziges Pergament fiel aus der Scharteke heraus auf den Boden.

Mit begreiflicher Gier fiel mein Oheim über diesen Quark her. Ein altes Document, das vielleicht seit unvordenklicher Zeit in einem alten Buche lag, mußte unfehlbar in seinen Augen sehr kostbar sein.

»Was ist das?« rief er aus.

Und zugleich entfaltete er sorgfältig auf dem Tisch ein fünf Zoll langes, drei Zoll breites Pergamentstück, worauf in Querzeilen ein unverständliches Gekritzel von Schriftzügen sich befand.

Ich gebe hier ein genaues Facsimile derselben. Es ist mir darum zu thun, diese seltsamen Zeichen zur Anschauung zu bringen, weil sie den Professor Lidenbrock nebst seinen Neffen zu der sonderbarsten Unternehmung des neunzehnten Jahrhunderts veranlaßten:

Der Professor betrachtete diese Zeichen eine Weile; dann sprach er, indem er seine Brille höher rückte:

»Es ist Runisch; diese Zeichen sind denen auf dem Manuscript Snorro’s völlig gleich! Aber … was mag das nur bedeuten?«

Da es mir schien, das Runische sei eine Erfindung der Gelehrten, um die ungelehrten Leute zu hintergehen, so war es mir nicht unlieb, daß mein Oheim nichts davon verstand. Das nahm ich wenigstens aus seinen Fingerbewegungen ab.

»Es ist doch alt Isländisch«, brummte er in den Bart.

Und der Professor Lidenbrock mußte das wohl verstehen, denn er galt für ein Wunder von einem Sprachenkenner. Die zweitausend Sprachen und viertausend Dialekte, die man auf der Erde kennt, sprach er nicht nur geläufig, sondern verstand auch deren einen guten Theil.

Um dieser Schwierigkeit willen war er im Begriff, sich allen Stürmen seines heftigen Gefühls hinzugeben, als es auf der kleinen Uhr des Kamins zwei schlug, und die gute Martha die Thür mit den Worten öffnete:

»Die Suppe ist aufgetragen.

– Zum Henker mit der Suppe, schrie mein Oheim, sammt der Köchin, und wer sie verzehrt!«

Martha entfloh, ich eilte ihr nach und befand mich, ohne zu wissen wie, an meinem gewöhnlichen Platz im Speisezimmer.

Ich wartete eine Weile. Der Professor kam nicht. Zum ersten Mal, meines Gedenkens, ließ er sich bei dem Mittagessen vermissen. Und doch, welch treffliches Essen! Petersiliensuppe, Eierkuchen mit Schinken in Sauerampfersauce, Kalbsnierenbraten mit Pflaumencompot, und zum Dessert Meerkrebschen mit Zucker, und dazu ein hübscher Moselwein.

Das Alles versäumte mein Oheim über dem alten Papier. Wahrhaftig als ergebener Neffe glaubte ich mich verbunden, für uns beide zu essen. Und ich that es gewissenhaft.

»Das hab’ ich nie erlebt! sagte die gute Martha. Herr Lidenbrock nicht bei Tische!

– Unglaublich.

– Das hat was Arges zu bedeuten!« fuhr die Alte mit Kopfschütteln fort.

Meines Erachtens bedeutete es nichts anderes, als eine fürchterliche Scene, wenn mein Oheim sein Essen aufgezehrt finden würde.

Ich war an meinem letzten Krebschen, als eine lauthallende Stimme mich den Genüssen des Nachtisches entzog. Mit einem Sprung war ich im Cabinet des Herrn.

Drittes Capitel

Das Pergament des Arne Saknussemm

»Es ist offenbar Runisch, sagte der Professor mit Stirnrunzeln. Aber ich werde das Geheimniß, das dahinter steckt, entdecken, sonst …«

Und er machte eine heftige Bewegung mit der Hand.

»Setz’ Dich dahin, fuhr er fort, indem er auf den Tisch hinwies, und schreib’.«

Im Augenblick war ich bereit.

»Jetzt will ich Dir jeden Buchstaben unseres Alphabets dictiren, sowie er mit einem dieser Schriftzüge stimmt. Wir werden sehen, was dabei herauskommen wird. Aber nimm Dich wohl in Acht, daß Du nichts verfehlst!«

Er fing an, zu dictiren, und ich gab mir alle Mühe. Er benannte jeden Buchstaben einen nach dem andern, und so bildeten sich folgende unverständliche Worte:

m.rnllsesreuelseecJde

sgtssmfunteiefniedrke

kt,samnatrateSSaodrrn

emtnaeInuaectrrilSa

Atvaar.nscrcieaabs

ccdrmieeutulfrantu

dt,iacoseiboKediiI

Als dies fertig war, nahm mein Oheim hastig das Blatt, worauf ich geschrieben hatte.

»Was will das bedeuten?« wiederholte er mechanisch.

Auf Ehre, ich hätte es ihm nicht sagen können. Uebrigens fragte er mich nicht, und sprach weiter mit sich selbst:

»Das heißen wir eine Geheimschrift, sagte er, worin der Sinn hinter absichtlich durcheinander gemischten Buchstaben versteckt ist, welche in gehöriger Folge geordnet, eine verständliche Phrase bilden würden. Darin steckt vielleicht die Erklärung oder Andeutung einer großen Entdeckung!«

Ich meines Theils dachte, es stecke gar nichts dahinter, aber ich hütete mich wohl, meine Meinung auszusprechen.

Der Professor nahm darauf das Buch und das Pergament, und verglich sie beide mit einander.

»Diese beiden Schriften sind nicht von derselben Hand; das Geheimschriftstück ist späteren Ursprungs, als das Buch, wie ich das gleich vorne aus einem unwiderleglichen Beweis ersehe. In der That, der erste Buchstabe ist ein doppeltes M, das in Sturleson’s Buch sich nicht findet, denn es wurde erst im vier zehnten Jahrhundert dem isländischen Alphabet hinzugefügt. Also liegen wenigstens zwei Jahrhunderte zwischen dem Manuscript und dem Document.«

Das schien mir allerdings ziemlich folgerichtig.

»Das bringt mich auf den Gedanken, fuhr mein Oheim fort, diese geheimnißvolle Schrift sei von einem Besitzer des Buches verfaßt worden. Aber wer zum Henker war dieser Besitzer? Sollte er nicht seinen Namen irgendwo unter das Manuscript gesetzt haben?«

Mein Oheim setzte seine Brille höher, nahm eine starke Lupe, und musterte sorgfältig die ersten Seiten des Buches durch. Auf der zweiten Rückseite entdeckte er eine Art Flecken, der wie ein Tintenklex aussah; aber genauer besehen unterschied man einige halb verloschene Schriftzüge. Mein Oheim begriff, daß es auf diesen Punkt ankomme; er machte sich also auf’s Eifrigste darüber her, und erkannte endlich mit Hilfe seiner Lupe die folgenden Runenschriftzeichen, welche er ohne Anstoß lesen konnte:

»Arne Saknussemm! rief er triumphirend aus, aber das ist ein Name, und noch dazu ein isländischer Name, eines Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, eines berühmten Alchymisten.«

Ich schaute meinen Oheim mit einigem Staunen an.

»Diese Alchymisten, fuhr er fort, Avicenna, Bacon, Lullus, Paracelsus waren die einzigen, die echten Gelehrten ihrer Epoche. Sie haben Entdeckungen gemacht, worüber wir erstaunt sein dürfen. Warum sollte nicht dieser Saknussemm unter dieser Geheimschrift eine auffallende Entdeckung verhüllt haben? So muß es sein. So ist’s wirklich.«

Bei dieser Hypothese erhitzte sich des Professors Phantasie.

»Ganz gewiß, erwiderte ich keck, aber was konnte dieser Gelehrte für ein Interesse dabei haben, eine merkwürdige Entdeckung geheim zu halten?

– Warum? Warum? Ja, weiß ich’s? Hat’s nicht Galiläi ebenso gemacht in Beziehung auf Saturn? Uebrigens, wir werden schon sehen: ich werde das Geheimniß dieses Documents herausbekommen, und ich werde weder essen noch schlafen, bis ich’s heraus habe.

– O! dachte ich.

– Du ebenfalls nicht, Axel, fuhr er fort.

– Teufel! dacht’ ich, da ist’s gut, daß ich doppelte Mahlzeit gehalten habe.

– Und erstlich, sagte mein Oheim, gilt’s, die Sprache dieser Chiffre aufzufinden. Das kann nicht schwer sein.«

Bei diesen Worten hob ich lebhaft den Kopf. Mein Oheim fuhr fort, mit sich selbst zu reden:

»Es giebt nichts Leichteres. Dieses Document enthält hundertzweiunddreißig Buchstaben, wovon neunundsiebenzig Consonanten gegen dreiundfünfzig Vocale. Ungefähr dieses Verhältniß findet bei den südlichen Sprachen statt, während die Idiome des Nordens unendlich reicher an Consonanten sind. Es handelt sich also um eine Sprache des Südens.«

Diese Folgerungen waren richtig.

»Aber was ist’s für eine Sprache?

– Dieser Saknussemm, fuhr er fort, war ein unterrichteter Mann; wenn er also nicht in seiner Muttersprache schrieb, mußte er der unter den gebildeten Geistern des sechzehnten Jahrhunderts geläufigen Sprache den Vorzug geben, der lateinischen nämlich. Irre ich darin, so kann ich mit dem Spanischen, dem Französischen, Italienischen, Griechischen oder Hebräischen einen Versuch machen. Aber die Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts schrieben im Allgemeinen lateinisch. Ich darf also als selbstverständlich annehmen, es sei Latein.«

Ich sprang von meinem Stuhl auf. Meine Erinnerungen aus der Lateinschule sträubten sich gegen die Behauptung, diese Gruppe seltsamer Worte könne der sanften Sprache Virgil’s angehören.

»Ja! Latein, fuhr mein Oheim fort, aber verworrenes Latein.

– Das mag sein! dachte ich. Wenn Du es entwirrst, lieber Oheim, bist Du ein seiner Kopf.

– Untersuchen wir gehörig, sagte er, und nahm das von mir beschriebene Blatt wieder zur Hand. Hier ist eine Gruppe von hundertzweiunddreißig Buchstaben, die wir in vollständiger Verworrenheit finden. Da sind Worte, worin nur Consonanten vorkommen, wie das erste ›rnlls‹, andere dagegen, worin die Vocale überwiegen, z.B. das fünfte: ›uneeief‹, oder das vorletzte: ›oseibo‹. Nun ist offenbar diese Gruppirung nicht so zusammengesetzt worden; sie wurde mathematisch gegeben durch ein uns unbekanntes Verhältniß, nach welchem die Aneinanderreihung dieser Buchstaben bestimmt wurde. Ich halte für gewiß, daß die ursprüngliche Phrase regelmäßig geschrieben, sodann nach einem Grundgedanken, den man auffinden muß, umgebildet wurde. Wer den Schlüssel dieser ›Chiffre‹ besäße, würde sie geläufig lesen. Aber was ist das für ein Schlüssel? Axel, hast Du ihn?«

Auf diese Frage wußte ich nicht zu antworten, und aus gutem Grunde. Meine Blicke waren auf ein reizendes Porträt, das an der Wand hing, geheftet, das Porträt Gretchen’s. Die Mündel meines Oheims befand sich damals zu Altona bei einer Verwandten, und ich war über ihre Abwesenheit sehr betrübt, denn, jetzt kann ich’s gestehen, die hübsche Vierländerin und der Neffe des Professors liebten sich mit echt deutscher Herzlichkeit und Ausdauer. Wir hatten uns ohne Wissen unseres Oheims verlobt, der allzuviel Geolog war, um für solche Gefühle einen Begriff zu haben. Gretchen war eine reizende Blondine mit blauen Augen, von etwas gesetztem Charakter und ernstem Sinn; aber sie liebte mich darum nicht minder. Ich meinerseits betete sie an, sofern dieser Begriff im Altdeutschen existirt! Das Bild meiner kleinen Vierländerin versetzte mich also auf einmal aus der wirklichen Welt in die Welt der Träume, der Erinnerungen.

Ich erblickte in diesem Bild die treue Genossin meiner Arbeiten und Freuden. Sie half mir tagtäglich die köstlichen Steine meines Oheims ordnen, dieselben mit Etiketten versehen. Fräulein Gretchen war in der Mineralogie sehr stark! Sie hätte darin mehr als einen Gelehrten zurecht weisen können. Sie befaßte sich gerne damit, schwierige Fragen der Wissenschaft zu ergründen. Welche süße Stunden hatten wir mit gemeinsamen Studien hingebracht! Und wie oft beneidete ich die fühllosen Steine um das Glück, von ihren reizenden Händen betastet zu werden!

Hernach, wann die Erholungszeit kam, wandelten wir mit einander durch die belaubte Alsterallee, und besuchten zusammen die alte betheerte Mühle, die sich am Ende des See’s so gut ausnimmt; unterwegs plauderten wir Hand in Hand. Ich erzählte ihr Dinge, worüber sie herzlich lachte. So kamen wir bis zum Elbufer, und nachdem wir den Schwänen, die zwischen den großen weißen Seerosen schwimmen, gute Nacht gesagt, begaben wir uns mit dem Dampfboot wieder zum Quai.

Als ich in meinem Träumen hier ankam, ward ich von meinem Oheim durch einen Faustschlag auf den Tisch gewaltsam in die Wirklichkeit zurückgerufen.

»Sehen wir, sagte er, die erste Idee, die sich dem Geist darbietet, um die Buchstaben einer Phrase aus ihrer Ordnung zu bringen, besteht, dünkt mir, darin, daß man die Worte, anstatt horizontal, vertical schreibt. Wir müssen anschauen, was dabei herauskommt. Axel, schreib’ irgend einen Satz auf diesen Zettel, aber anstatt die Buchstaben neben einander zu stellen, setze sie in verticalen Reihen einen nach dem andern, und zwar in Gruppen von fünf bis sechs.«

Ich begriff, wie es gemeint war, und schrieb sogleich von oben nach unten.

»Gut, sagte der Professor, ohne gelesen zu haben. Jetzt schreibe diese Worte in eine horizontale Zeile.

Ich gehorchte und bekam folgende Phrase:

Jermtt chdzeech lilise ichinGn ehchgr! be,ue

Ganz recht, sagte mein Oheim, und riß mir den Zettel aus der Hand, das sieht schon aus wie das alte Document: die Vocale stehen so wie die Consonanten in der nämlichen Unordnung gruppirt; da sind selbst Anfangsbuchstaben sowie Komma in der Mitte der Worte, ganz wie in dem Pergament des Saknussemm!«

Ich konnte nicht umhin, diese Bemerkungen für recht sinnreich zu halten.

»Nun, fuhr mein Oheim fort, um die Phrase, welche Du geschrieben hast, und deren Inhalt ich nicht kenne, zu lesen, brauch’ ich nur zuerst den ersten Buchstaben jedes Wortes zusammen zu reihen, dann je den zweiten, hernach den dritten u.s.w.«

Und mein Oheim las, zu seinem und meinem größten Erstaunen:

Ich liebe dich herzlich, mein gutes Gretchen!

»Oho!« sagte der Professor.

Ja, unversehens hatte ich als verliebter Tölpel diese verrätherische Zeile geschrieben!

»So! Du liebst Gretchen? fuhr mein Oheim in echtem Vormünderton fort.

– Ja … Nein … stotterte ich.

– Du liebst also Gretchen! wiederholte er maschinenmäßig. Nun, wenden wir mein Verfahren auf das fragliche Document an.«

Mein Oheim war schon wieder in das Nachsinnen, welches ihn ganz in Anspruch nahm, versunken, daß er bereits meine unvorsichtigen Worte vergaß. Ich sage unvorsichtigen, denn der Kopf des Gelehrten konnte die Herzensangelegenheiten nicht begreifen. Aber zum Glück hatte die große Angelegenheit des Documents das Uebergewicht.

Im Begriff, seinen Hauptversuch zu machen, sprühten des Professors Augen Blitze durch seine Brille hindurch. Mit zitternden Fingern nahm er das alte Pergament wieder zur Hand. Er war von ernster Bewegung ergriffen. Endlich hustete er tüchtig, und dictirte mir mit würdigem Ton, indem er der Reihe nach zuerst den ersten Buchstaben, dann den zweiten jedes Wortes zusammen nahm, die folgenden Gruppen:

mmessunkSenrA.icefdoK.segnittamurtn

ecertserrette,rotaivsadua,ednecsedsadne

lacartuïïiluJsiratracSarbmutabiledmek

meretarcsilucoIsleffenSnI

Als ich sie fertig hatte, war ich, offen gestanden, in Gemüthsbewegung; in diesen Buchstaben hatte ich gar keinen Sinn zu erkennen vermocht; ich war also darauf gespannt, des Professors Lippen würden stattlich eine Phrase prachtvollen Lateins hören lassen.

Aber wer hätte das gedacht! ein heftiger Faustschlag erschütterte den Tisch, daß die Tinte emporspritzte, die Feder meinen Händen entfiel.

»Das ist’s nicht! schrie mein Oheim, das hat keinen Sinn!« Darauf stürzte er rasch wie eine Kugel durch das Cabinet, wie eine Lawine die Treppe hinab, auf die Königsstraße und entfloh aus Leibeskräften.

Viertes Capitel

Entzifferung des Geheimnisses

»Er ist fort, rief Martha, die herbeigelaufen kam, als er die Hausthür so heftig zuschlug, daß von dem Schmettern das ganze Haus erschüttert wurde.

– Ja, erwiderte ich, ganz und gar fort!

– Nun! und sein Mittagessen? sagte die alte Dienerin.

– Er wird nicht zu Mittag speisen!

– Und sein Abendessen?

– Er wird auch nicht zu Abend speisen!

– Wie? sagte Martha und rang die Hände.

– Nein, gute Martha, er wird nicht mehr essen, und Niemand im ganzen Hause. Mein Oheim läßt uns alle fasten, bis es ihm gelingt, ein altes Gekritzel, das durchaus unleserlich ist, zu entziffern!

– Jesus! So bleibt uns also nichts, als Hungers sterben.«

Ich getraute nicht, einzugestehen, daß bei einem so unbedingten Mann, wie mein Oheim, dies uns unvermeidlich bevorstehe.

Ernstlich beunruhigt begab sich die alte Dienerin mit Seufzen in ihre Küche zurück.

Als ich allein war, kam mir der Gedanke, zu Gretchen zu eilen und ihr Alles zu erzählen. Aber wie konnte ich das Haus verlassen? Der Professor konnte jeden Augenblick heim kommen. Und wenn er nach mir rief? Und wenn er seine Enträthselungsarbeit, die man dem alten Oedipus vergeblich vorgelegt haben würde, wieder anfangen wollte? Und was würde es geben, wenn ich auf sein Rufen nicht Antwort gäbe?

Das Klügste war, zu bleiben. Eben hatte uns ein Mineralog aus Besançon eine Sammlung Klappersteine vom Kieselgeschlecht zugeschickt, welche zu classificiren waren. Ich machte mich an die Arbeit. Ich sonderte aus, machte Etiketten, ordnete in ihrem Glaskasten alle die hohlen Steine, worin kleine Krystalle eingeschlossen waren.

Aber diese Thätigkeit beschäftigte mich nicht völlig. Das alte Document machte mir in den Gedanken viel zu schaffen. Mein Kopf glühte, und eine unbestimmte Unruhe ergriff mich. Ich ahnte eine bevorstehende Katastrophe.

Nach Verlauf einer Stunde waren meine Klappersteine geordnet. Darauf wiegte ich mich in dem großen Lehnstuhl, den Kopf rückwärts, die Arme baumelnd. Ich zündete meine Pfeife an, deren lange krumme Röhre am Kopf mit dem Bild einer Nymphe geziert war, und ergötzte mich daran, die Fortschritte der Verkohlung zu beobachten, wodurch die Nymphe zu einer vollständigen Negerin geworden war. Von Zeit zu Zeit lauschte ich, ob sich nicht Tritte auf der Treppe vernehmen ließen. Nichts zu hören. Wo mochte mein Oheim eben sein? Ich sah ihn in Gedanken die schöne Allee der Altonaer Straße entlang laufen, gesticulirend, mit kräftigem Arm die Kräuter zerschlagen, Disteln köpfen und die Schwäne in ihrem Frieden stören.

Wird er triumphirend oder entmuthigt heim kommen? Sollte er das Geheimniß heraus bekommen haben? So fragte ich mich, und nahm maschinenmäßig das Blatt Papier in die Hand, worauf die von mir geschriebenen unverständlichen Zeilen sich befanden. Ich wiederholte:

»Was bedeutet dies?«

Ich versuchte die Buchstaben so zu gruppiren, daß sie Worte bildeten. Unmöglich. Man mochte sie zu zwei, drei, fünf oder sechs zusammenstellen, es kam durchaus nichts Verständliches heraus. Doch ließ sich aus dem vierzehnten, fünfzehnten und sechzehnten Buchstaben das englische Wort »ice« bilden, aus dem vier-, fünf- und sechsundachtzigsten das Wort »sir«. Endlich erkannte ich mitten in dem Document auf der dreißigsten Zeile die lateinischen Worte »rota«, »mutabile«, »ira«, »nec«, »atra«.

Teufel, dacht’ ich, diese letzteren Wörter könnten wohl meinem Oheim Auskunft über die Sprache des Documents geben! Und da sehe ich gar, auf der vierten Zeile noch das Wort »luco«, das einen »heiligen Hain« bedeutet. Zwar auf der dritten Zeile ist das Wort »tabiled« zu lesen, welches ganz hebräisch aussieht, und auf der letzten die Wörter »mer«, »arc«, »mère«, die rein französisch sind.

Darüber konnte man den Kopf verlieren: Vier verschiedene Sprachidiome in einer sinnlosen Phrase! In welchem Zusammenhang konnten die Wörter »Eis«, »Herr«, »Zorn«, »grausam«, »heiliger Hain«, »wechselnd«, »Mutter«, »Bogen«, »Meer« stehen? Das letzte und erste allein ließen sich leicht an einander reihen: es wäre nicht zu verwundern, wenn in einem auf Island geschriebenen Document von »Eismeer« die Rede wäre. Aber den übrigen Theil des Geheimschriftstücks zu begreifen, war doch eine andere Aufgabe.

Ich rang also mit einer unlöslichen Schwierigkeit; mein Gehirn erhitzte sich, meine Augen blinzelten bei dem Blick auf das Blatt; die hundertzweiunddreißig Buchstaben schienen um mich herum zu hüpfen, wie die Silbertropfen, die in der Luft unseren Kopf umflimmern, wenn das Blut stark dahin dringt.

Es wandelten mich Phantasiegesichte an; der Athem ging mir aus; ich bedurfte Luft. Unwillkürlich fächelte ich mich mit dem Blatt Papier, so daß seine Vorder- und Rückseite abwechselnd mir vor Augen kamen. Wie war ich überrascht, als ich bei einem solchen raschen Umwenden vollkommen lesbare Wörter zu erkennen glaubte, lateinische Wörter, z.B. »craterem«, »terrestre«.

So drang auf einmal ein Lichtstrahl in meinen Geist; diese einzigen Spuren führten mich auf den Weg der Wahrheit; ich hatte das Gesetz der Chiffre gefunden. Um das Document zu verstehen, brauchte man nicht einmal quer über auf die Rückseite des Blattes zu lesen! Nein.

Gerade so, wie es war, gerade so, wie mir’s dictirt wurde, konnte es geläufig buchstabirt werden. Alle sinnreichen Gedanken des Professors verwirklichten sich. Er hatte Recht in Hinsicht der Zusammenreihung der Buchstaben, sowie in Hinsicht der Sprache. Um dieses lateinische Schreiben von Anfang bis zu Ende lesen zu können, bedurfte er nur noch »etwas«, und dieses »etwas« wurde mir vom Zufall gegeben.

Natürlich war ich sehr im Gemüth ergriffen. Meine Augen wurden trübe, so daß sie mir den Dienst versagten. Ich hatte das Papier auf dem Tisch ausgebreitet. Ich brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um das Geheimniß in Besitz zu bekommen.

Endlich ward ich mit Mühe meiner Bewegung Herr. Um meine Nerven ruhig werden zu lassen, legte ich mir auf, zweimal durch das Zimmer zu gehen, darauf wiegte ich mich wieder in dem großen Lehnstuhl.

»So will ich lesen«, rief ich aus, nachdem ich aus tiefer Brust aufgeathmet.

Ich neigte mich über den Tisch, verfolgte mit dem Finger der Reihe nach jeden Buchstaben, und las ohne anzuhalten, ohne einen Augenblick zu stocken, mit lauter Stimme den ganzen Satz.

Aber welche Bestürzung, welcher Schrecken befiel mich! Ich stand Anfangs wie vom Schlag gerührt. Wie! Was ich eben gelernt hatte, war schon am Ziel! Ein Mensch war kühn genug, dahin zu dringen! …

»Ah! rief ich hüpfend aus, nein! nein! Mein Oheim soll’s nicht erfahren! Er würde unfehlbar eine solche Reise vornehmen! Er würde auch diesen Genuß haben wollen! Nichts würde ihn abhalten können! Ein so entschlossener Geolog! Er würde jedenfalls hinreisen, trotz Allem! und er würde mich mitnehmen, um nimmer heimzukehren! Niemals! nie!«

Ich war in unbeschreiblicher Aufregung.

»Nein! nein! Das wird nicht geschehen, sagte ich mit Energie, und da es in meiner Macht steht, zu verhindern, daß meinem Tyrannen eine solche Idee in den Sinn komme, so will ich’s thun. Wenn er das Document um- und herumwendet, könnte er zufällig den Schlüssel desselben entdecken! So will ich’s vernichten!«

Im Kamin war noch ein wenig Feuer. Ich ergriff nicht allein das Blatt Papier, sondern auch das Pergament des Saknussemm; mit fieberhaft zitternder Hand war ich im Begriff, es mit einander auf die Kohlen zu werfen, und so das gefährliche Geheimniß zu vernichten. Da öffnete sich die Thür des Zimmers und mein Oheim trat ein.

Fünftes Capitel

Der Schlüssel des Documents

Ich hatte nur noch Zeit, das unglückselige Document wieder auf den Tisch zu legen.

Der Professor Lidenbrock schien gänzlich erschöpft. Der ihn beherrschende Gedanke ließ ihm keinen Augenblick Ruhe; er hatte während seines Spazierganges offenbar die Sache durchforscht, zergliedert, alle Hilfsquellen seines Geistes erschlossen, und er kam zurück, einen neuen Gedanken in Anwendung zu bringen.

In der That setzte er sich in seinen Lehnstuhl, ergriff die Feder und fing an, Formeln niederzuschreiben, die einem algebraischen Rechenexempel glichen.

Meine Blicke begleiteten seine zitternde Hand; ich ließ mir nicht eine einzige seiner Bewegungen entgehen. Sollte wohl unversehens ein unverhofftes Resultat sich ergeben? Ich zitterte, doch ohne Grund, denn da die einzig richtige Verbindungsweise bereits aufgefunden war, so mußte nothwendig jedes andere Nachforschen vergeblich sein.

Drei Stunden lang arbeitete mein Oheim, ohne zu reden, ohne den Kopf zu heben, tilgte aus, fuhr fort, radirte, fing tausendmal von Neuem an.

Ich wußte wohl, daß, wenn er’s dahin brächte, diese Buchstaben in alle möglichen Verbindungen mit einander zu bringen, die Phrase dabei heraus käme. Aber ich wußte auch, daß aus nur zwanzig Buchstaben sich zwei Quintillionen, vierhundertzweiunddreißig Quadrillionen, neunhundertundzwei Trillionen, acht Milliarden, hundertsechsundsiebenzig Millionen, sechshundertvierzehntausend Verbindungen bilden lassen. Nun waren in der Phrase hundertzweiunddreißig Buchstaben vorhanden, und diese hundertzweiunddreißig ergaben eine Anzahl verschiedener Phrasen, die aus hundertdreiunddreißig Ziffern mindestens bestanden, eine Zahl, die fast zu zählen unmöglich ist, und über alle Schätzungen hinausgeht.

Ich war beruhigt in Hinsicht dieses heroischen Mittels, das Problem zu lösen.

Inzwischen verfloß die Zeit; es ward Nacht; der Lärm der Straße verstummte; mein Oheim, stets über seiner Aufgabe, sah nichts, selbst die gute Martha nicht, als sie die Thür etwas öffnete; er hörte nichts, selbst die Stimme dieser guten Dienerin nicht, als sie sagte:

»Wird der Herr diesen Abend speisen?«

Auch Martha mußte ohne Antwort sich zurückziehen.

Ich meines Theils, nachdem ich einige Zeit widerstanden, verfiel in einen unüberwindlichen Schlaf, und ich schlief an einem Ende des Canapee’s ein, während mein Oheim Lidenbrock immer fort rechnete und stets ausstrich.

Als ich am folgenden Morgen wieder erwachte, war der unermüdliche Forscher immer noch bei der Arbeit. Seine rothen Augen, seine bleifarbige Haut, seine verwirrten Haare unter seiner fieberhaften Hand, seine gerötheten Wangen gaben hinlänglich seinen Kampf mit dem Unmöglichen zu erkennen, und in welcher Erschöpfung des Geistes, welcher Anstrengung des Gehirns ihm die Stunden verfließen mußten.

Wahrlich, er dauerte mich. Trotz der Vorwürfe, die ich glaubte ihm machen zu dürfen, war ich einigermaßen gerührt. Der arme Mann war dermaßen von seiner Idee befangen, daß er sich zu erzürnen vergaß. Alle seine Lebenskräfte concentrirten sich auf einen einzigen Punkt, und da sie nicht ihren gewöhnlichen Ableitungsweg hatten, so konnte man fürchten, es werde ihre Spannung ihm jeden Augenblick den Kopf zersprengen.

Ich konnte den eisernen Schraubstock, worin sein Schädel gespannt war, mit einer Handbewegung, mit einem einzigen Wort ihm lockern! Und ich that’s nicht.

Doch war ich gutmüthig. Weshalb blieb ich denn stumm unter solchen Umständen? Im eigenen Interesse meines Oheims.

»Nein, nein, sagte ich wiederholt, nein, ich werde nicht reden! Er würde hinreisen wollen, ich kenne ihn; nichts würde ihn zurückhalten können. Es ist ein vulkanischer Gedanke, und um zu thun, was andere Geologen nicht gethan haben, würde er sein Leben riskiren. Ich will schweigen; ich will das Geheimniß, in dessen Besitz mich der Zufall gesetzt hat, für mich behalten! Es ihm mitzutheilen wäre sein Tod. Er mag’s errathen, wenn er kann. Ich will mir nicht einen einzigen Tag den Vorwurf aufbürden, ihn in sein Verderben geführt zu haben!«

Nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kreuzte ich die Arme, und wartete ab. Aber ich hatte doch die Rechnung ohne den Wirth gemacht.

Als die gute Martha aus dem Hause auf den Markt gehen wollte, fand sie die Thür verschlossen, und es war kein Schlüssel im Schloß. Wer hatte ihn weggenommen? Offenbar mein Oheim, als er am Abend von seinem Ausgang heimgekehrt war.

War’s absichtlich oder aus Versehen? Wollte er uns der Pein des Hungers aussetzen? Das wäre doch ein wenig stark. Wie! Martha und ich, wir sollten unter der Verlegenheit leiden, die uns auf der Welt nichts anging? Ganz gewiß, und ich erinnerte mich eines andern Falles der Art, welcher uns in Schrecken setzen konnte. In der That, vor einigen Jahren, zur Zeit als mein Oheim an seiner großen mineralogischen Classification arbeitete, enthielt er sich einmal achtundvierzig Stunden des Essens, und das ganze Haus mußte sich dieser wissenschaftlichen Diät fügen. Ich bekam damals Magenkrämpfe, die einem Jungen von etwas gefräßigem Charakter sehr wenig erquicklich waren.

Nun dünkte es mir, das Frühstück werde ebenso in Ausfall kommen, wie Tags zuvor das Abendessen. Doch entschloß ich mich, heroisch zu sein, und den Forderungen des Magens nicht nachzugeben. Martha nahm das sehr ernst und ward trostlos, die gute Frau. Mir machte die Unmöglichkeit, das Haus verlassen zu können, viel zu schaffen, aus gutem Grunde.

Mein Oheim arbeitete immer fort; seine Phantasie verlor sich in der idealen Welt der Combinationen; er lebte fern von der Erde, und wahrhaftig außerhalb der irdischen Bedürfnisse.

Gegen Mittag stachelte mich der Hunger ernstlich. Martha hatte in aller Unschuld Tags zuvor alle Vorräthe der Speisekammer aufgezehrt; es war gar nichts mehr im Hause vorhanden. Doch hielt ich standhaft aus; es war mir eine Art Ehrensache geworden.

Es schlug zwei Uhr. Es wurde lächerlich, unerträglich sogar. Ich machte über die Maßen große Augen. Ich fing an, zu der Ansicht zu kommen, daß ich die Wichtigkeit des Documents übertrieb; daß mein Oheim nicht daran glauben, eine bloße Mystification darin finden würde; daß im schlimmsten Falle, wenn er das Abenteuer versuchen wollte, man ihn wider Willen zurückhalten könne; daß er endlich doch selbst den Schlüssel der Chiffre finden könnte, und dann hätte ich umsonst gefastet.

Diese Gründe, die ich am Tag zuvor mit Unwillen verworfen hätte, schienen mir jetzt vortrefflich; es kam mir so ganz lächerlich vor, daß ich so lange gewartet hatte, und ich entschloß mich, Alles zu sagen.

Ich suchte daher, als der Professor aufstand und, um auszugehen, seinen Hut aufsetzte, eine Gelegenheit der Sache beizukommen, aber nicht zu grell.

Wie! Das Haus verlassen, und uns abermals einschließen! Nimmermehr.

»Oheim!« sagte ich.

Er schien mich nicht zu hören.

»Oheim Lidenbrock? rief ich nochmals laut.

– Was? sagte er, wie ein Mensch, der plötzlich aufwacht.

– Nun! dieser Schlüssel?

– Welcher Schlüssel? von der Hausthür?

– Nein, rief ich, der Schlüssel des Documents!«

Der Professor sah mich über die Brille hinweg an; er bemerkte wohl etwas Ungewöhnliches in meinen Gesichtszügen, denn er faßte mich lebhaft beim Arm und fragte mich, unfähig zu reden, mit dem Blick. Doch war die Frage klar ausgesprochen.

Ich bewegte den Kopf von oben nach unten.

Er schüttelte den seinigen etwas mitleidig, als habe er’s mit einem Narren zu thun.

Ich machte ein noch stärkeres Zeichen der Bejahung.

Seine Augen glänzten lebhaft; seine Hand wurde drohend.

Diese stumme Unterhaltung unter diesen Umständen hätte den gleichgiltigsten Zuschauer interessirt. Und wahrlich, ich wagte nicht einmal ein Wort zu sagen, aus Besorgniß, mein Oheim möge in den ersten freudigen Umarmungen mich ersticken. Aber es war doch dringend geworden, zu antworten.

»Ja, dieser Schlüssel! … Zufällig! …

– Was sagst Du? rief er in unbeschreiblicher Gemüthsbewegung.

– Hier, sagte ich, und hielt ihm das Blatt Papier hin, worauf ich geschrieben hatte, lesen Sie.

– Aber das bedeutet nichts! erwiderte er, indem er das Blatt zerknitterte.

– Nichts«, und fing an, den Anfang zu lesen, aber vom Ende an …

Ich hatte meine Phrase noch nicht fertig gelesen, als der Professor einen Schrei, mehr noch, ein wahres Gebrüll hören ließ! Es war seinem Geist ein Licht aufgegangen. Er war ganz umgewandelt.

»Ach! sinnreicher Saknussemm! rief er aus, Du hattest also anfangs Deine Phrase umgekehrt geschrieben?«

Und er fiel über das Papier her, mit trübem Auge, bewegter Stimme, und las das Document vollständig vom letzten Buchstaben aufwärts bis zum ersten.

Es lautete also:

In Sneffels Yoculis craterem kem delibat umbra Scartaris Julii intra calendas descende, audax Viator, et terrestre Centrum attinges. Kod feci.

Arne Saknussemm.

Was in gut Deutsch sich so übersetzen läßt:

Steig hinab in den Krater des Sneffels Yocul, welchen der Schatten des Skartaris vor dem ersten Juli liebkoset, kühner Wanderer, und Du wirst zum Mittelpunkt der Erde gelangen. Das hab ich vollbracht.

Arne Saknussemm.

Als mein Oheim dies gelesen, hüpfte er, als habe er unversehens eine Flasche Leydener getrunken. Vor Freude, Ueberzeugung und Kühnheit war er prachtvoll. Er ging hin und her, faßte seinen Kopf mit beiden Händen, rückte die Stühle, legte seine Bücher auf einander, spielte – kaum glaublich – Ball mit seinen kostbaren Klappersteinen, schlug mit der Faust hierhin, mit der Hand dorthin. Endlich wurden seine Nerven ruhiger und er sank erschöpft in seinen Lehnstuhl.

»Wieviel Uhr ist’s doch? fragte er nach einer kleinen Weile.

– Drei Uhr, erwiderte ich.

– Höre! Mein Essen war bald vorüber. Ich habe Hunger zum Umfallen. Zu Tische. Hernach …

– Hernach …

– Wirst Du meinen Koffer packen.

– Gut, rief ich.

– Und den Deinigen!« erwiderte der unbarmherzige Professor beim Eintritt in das Speisezimmer.

Sechstes Capitel

Das Centrum der Erde

Bei diesen Worten lief mir ein Schauder über den ganzen Körper. Doch nahm ich mich zusammen. Ich entschloß mich sogar, mich wacker zu halten. Wissenschaftliche Gründe allein konnten den Professor Lidenbrock abhalten. Nun gab’s deren, und zwar gewichtige, gegen eine solche Reise.

Nach dem Mittelpunkt der Erde zu reisen! welche Thorheit! Ich sparte meine Einwendungen für den günstigen Moment auf und machte mich an’s Essen.

Wie fluchte mein Oheim, als er den Tisch nicht gedeckt sah. Alles klärte sich auf. Die gute Martha bekam wieder ihre Freiheit, eilte auf den Markt und rührte sich dergestalt, daß nach einer Stunde mein Hunger gestillt war und das Bewußtsein der Lage mir wieder kam.

Während der Mahlzeit war mein Oheim fast lustig; er ließ Scherze hören, die bei einem Gelehrten nie sehr gefährlich sind. Nach dem Dessert winkte er mir, ihm in sein Cabinet zu folgen.

Ich gehorchte. Er setzte sich an’s eine Ende des Tisches, ich an’s andere.

»Axel, sagte er mit ziemlich sanfter Stimme, Du bist ein sehr gescheiter Junge; Du hast mir da einen wackeren Dienst geleistet, als ich des Ringens müde schon den Gedanken aufgeben wollte. Wohin wäre ich gerathen? Niemand kann das wissen! Ich werde Dir’s niemals vergessen, und Du wirst an dem Ruhm, den wir erlangen werden, Deinen Antheil haben.

– Nun, dacht ich, ist er guter Laune; da ist’s Zeit über den Ruhm zu disputiren.

– Vor Allem, fuhr mein Oheim fort, empfehle ich Dir völliges Geheimniß, verstehst Du mich? Es fehlt in der Gelehrtenwelt nicht an Neidischen, und es würden Viele die Reise unternehmen wollen, die bis zu unserer Rückkehr nichts merken sollen.

– Meinen Sie, sagte ich, die Zahl solcher Verwegenen sei so groß?

– Ganz gewiß! Wer würde sich besinnen, solch einen Ruhm zu gewinnen? Wäre dies Document bekannt, so würde ein ganzes Heer von Geologen hineilen, Arne Saknussemm’s Spur zu verfolgen.

– Davon bin ich aber gar nicht überzeugt, lieber Oheim, denn die Aechtheit des Documents ist durch nichts erwiesen.

– Wie? und das Buch, worin wir’s gefunden haben!

– Gut! Ich gebe zu, daß Saknussemm diese Zeilen geschrieben hat, aber folgt daraus, daß er wirklich die Reise vorgenommen hat, und kann nicht das alte Pergament eine Fopperei enthalten?«

Es war mir fast leid, dies letztere etwas kecke Wort herausgesagt zu haben. Der Professor runzelte die Stirn, und ich fürchtete Schlimmes für die Fortsetzung dieser Unterhaltung. Zum Glück hatte es nichts zu bedeuten. Mein strenger Genosse erwiderte mit leichtem Lächeln:

»Das werden wir sehen.

– Ah! sagte ich etwas verdutzt; aber erlauben Sie mir vorzubringen, was sich alles über das Document sagen läßt.

– Rede, lieber Junge, genire Dich nicht. Ich lasse Dir alle Freiheit Deine Meinung zu sagen. Du bist nun nicht mehr mein Neffe, sondern mein College. Also vorwärts.

– Nun, so will ich Sie erst fragen, was sind diese Yokul, Sneffels und Scartaris, wovon ich nie ein Wort habe reden hören?

– Das ist ganz leicht. Ich habe just vor Kurzem von meinem Freunde August Petermann in Gotha eine Karte bekommen, die mir gerade zu rechter Zeit kam. Nimm den dreißigsten Atlas im zweiten Fach der großen Bibliothek, Reihe Z, Brett 4.«

Ich stand auf und fand in Gemäßheit dieser genauen Angaben rasch den begehrten Atlas. Mein Oheim schlug ihn auf und sagte:

»Hier ist eine der besten Karten von Island, die Handerson’sche; ich glaube, die wird uns alle Schwierigkeiten lösen.«.

Ich beugte mich über die Karte.

»Sieh diese aus Vulkanen bestehende Insel, sagte der Professor, und merke, daß sie alle mit dem Namen Yokul bezeichnet sind. Dies Wort bedeutet im Isländischen ›Gletscher‹, und unter dem hohen Breitegrad Islands geschehen die meisten vulkanischen Ausbrüche durch die Eisdecke.

– Gut, erwiderte ich, aber was ist dann Sneffels?« Ich hoffte, er wisse diese Frage nicht zu beantworten. Wie irrte ich mich! Mein Oheim fuhr fort:

»Folge mir auf die westliche Küste Islands. Siehst Du seine Hauptstadt Reykjawik? Ja. Gut. Fahre über die unzähligen Fjorde dieser zerrissenen Seeküsten, und halte etwas unter dem fünfundsechzigsten Breitegrad an. Was siehst Du da?

– Eine Art Halbinsel, gleich einem abgenagten Knochen.

– Die Vergleichung ist richtig, lieber Junge; jetzt, siehst Du nichts auf dieser Halbinsel?

– Ja, einen Berg, der aus dem Meer emporgewachsen scheint.

– Gut! Dieser Snäfields Jöcul ist der Sneffels.

– Der Snäfields Jöcul?

– Der ist’s, ein fünftausend Fuß hoher Berg, einer der merkwürdigsten auf der Insel, und gewiß der berühmteste der ganzen Welt, wenn sein Krater den Eingang zum Centrum der Erde bildet.

– Aber das ist unmöglich! rief ich mit Achselzucken, und gegen eine solche Annahme mich sträubend.

– Unmöglich! erwiderte der Professor Lidenbrock mit strengem Ton. Und warum?

– Weil dieser Krater offenbar mit Lava verstopft ist, die Felsen glühend, und dann …

– Und wenn’s ein ausgebrannter Krater ist?

– Ausgebrannt?

– Ja. Die Zahl der noch thätigen Vulkane auf der Erdoberfläche beträgt gegenwärtig nur etwa dreihundert; aber es giebt eine noch weit größere Anzahl erloschener Vulkane. Unter die letzteren gehört der Snäfields, der seit den historischen Zeiten nur einen Ausbruch gehabt hat, im Jahre 1219; seitdem ist er allmälig stille geworden, und er gehört nicht mehr zu den thätigen Vulkanen.«

Auf diese bestimmten Angaben hatte ich durchaus nichts zu erwidern; ich warf mich also auf die übrigen Schwierigkeiten, die das Document enthielt.

»Was bedeutet das Wort Scartaris, fragte ich, und was haben die Kalenden des Juli dabei zu schaffen?«

Mein Oheim besann sich einige Augenblicke. Einen Augenblick hatte ich Hoffnung, aber auch nur einen Augenblick, denn bald antwortete er mir folgendermaßen:

»Was Du Dunkelheit nennst, ist für mich Licht. Dies beweist die sinnreiche Sorge, womit Saknussemm seine Entdeckung genau bezeichnen wollte. Der Snäfields hat mehrere Krater, und es war daher erforderlich, denjenigen, welcher zum Mittelpunkt der Erde führt, anzugeben. Wie hat’s nun der gelehrte Isländer gemacht? Er hat bemerkt, daß beim Herannahen des ersten Juli, also gegen Ende des Juni, eine der Bergspitzen, der Scartaris, ihren Schatten bis zu der Mündung des fraglichen Kraters werfe, und hat diese Thatsache in dem Document niedergelegt. Dies war die genaueste Angabe, so daß man, wenn man einmal auf dem Gipfel des Snäfields sich befindet, unmöglich mehr in Zweifel sein kann, welcher Weg einzuschlagen.«

Allerdings wußte mein Oheim eine Antwort auf Alles. Ich sah wohl, daß ihm bei den Worten des alten Pergaments nicht beizukommen war. Ich setzte ihm daher von dieser Seite aus nicht mehr zu, und da ich vor Allem ihn überzeugen mußte, so ging ich zu den wissenschaftlichen Einwendungen über, welche meines Erachtens ganz anders bedeutsam waren.

»Nun, sagt’ ich, die Phrase Saknussemm’s, ich muß es zugeben, ist klar und läßt über ihren Sinn keinen Zweifel mehr. Ich gebe sogar zu, daß das Document den Anschein völliger Aechtheit hat. Dieser Gelehrte ist in das Innere des Snäfields hinabgestiegen; hat gesehen, wie der Schatten des Scartaris den Rand des Kraters vor dem ersten Juli bestrich; er hat sogar aus den sagenhaften Erzählungen seiner Zeit entnommen, daß dieser Krater zum Centrum der Erde führe; aber daß er selbst dahin gedrungen, daß er von einer Reise dahin wieder zurückgekehrt sei, glaub’ ich durchaus nicht!

– Und aus welchem Grund? sagte mein Oheim mit ausnehmend spöttischem Ton.

– Weil alle Theorien der Wissenschaft beweisen, daß eine solche Unternehmung unausführbar ist!

– Alle Theorien sprechen das aus? erwiderte der Professor mit gutmüthiger Miene. Ja, die schlechten Theorien! Die armseligen Theorien werden uns geniren!«

Ich sah, daß er sich über mich lustig machte, aber ich fuhr demungeachtet fort:

»Ja! es ist eine ausgemachte Sache, daß die Wärme unter der Erdoberfläche mit siebenzig Fuß Tiefe um einen Grad zunimmt; nehmen wir nun dies steigende Verhältniß als sich gleichbleibend an, so muß, da der Erdradius fünfzehnhundert Lieues beträgt, im Centrum eine Temperatur stattfinden von mehr als zweimalhunderttausend Grad! Die Stoffe im Inneren der Erde befinden sich daher im Zustand des glühenden Gas, denn die Metalle, Gold, Platina, die härtesten Steine widerstehen nicht einer solchen Hitze. Ich darf also fragen, ob es möglich sei, in eine solche Umgebung zu gelangen.

– Also, Axel, die Hitze macht Dir Bedenken?

– Allerdings. Kämen wir bis zu einer Tiefe von nur zehn Lieues, so wären wir an der Grenze der Erdrinde, denn da ist die Temperatur bereits über dreizehnhundert Grad.

– Und Du hast Angst zu zerschmelzen?

– Ich überlasse Ihnen die Entscheidung der Frage, erwiderte ich mit Humor.

– So will ich Dir meine Meinung bestimmt sagen, entgegnete der Professor Lidenbrock, indem er einen hohen Ton annahm: Weder Du, noch irgend ein Mensch weiß einigermaßen zuverlässig, was im Inneren des Erdballs vorgeht, da man kaum erst den zwölftausendsten Theil ihres Radius kennt; daher ist die Wissenschaft außerordentlich vervollkommnungsfähig, und jede Theorie wird von einer neuen umgestürzt. Hat man ja bis auf Fourier geglaubt, die Temperatur der Planetenräume sei stets abnehmend, und jetzt weiß man, daß die höchste Kälte der Aetherregionen nicht über vierzig bis fünfzig Grad unter Null steigt. Warum könnte es mit der Wärme im Inneren nicht ebenso der Fall sein? Weshalb sollte sie nicht in einer gewissen Tiefe eine nicht mehr zu übersteigende Höhe erreichen, anstatt bis zu einer Höhe zu steigen, wo die störrigsten Metalle schmelzen?«

Da mein Oheim die Frage auf das Gebiet der Hypothesen verpflanzte, so hatte ich nichts darauf zu erwidern.

»Nun denn, ich will Dir nur sagen, daß echte Gelehrte, wie Poisson unter Anderen, bewiesen haben, daß, wenn im Inneren des Erdballs eine Hitze von zweimalhunderttausend Grad existirte, das aus den zerschmolzenen Stoffen erzeugte glühende Gas eine solche Spannkraft erlangen würde, daß die Erdrinde nicht mehr Widerstand zu leisten vermöchte und zerspringen müsse, wie die Wände eines Dampfkessels durch die Ausdehnung des Dampfes.

– Das ist Poisson’s Ansicht, lieber Oheim, nichts weiter.

– Einverstanden, aber es ist auch die Ansicht anderer ausgezeichneter Geologen, daß das Innere des Erdballs weder aus Gas, noch Wasser, noch schwereren Steinen besteht, als die wir kennen, denn in diesem Falle würde die Erde ein zweifach geringeres oder verdoppeltes Gewicht haben.

– O! Mit Ziffern beweist man Alles, was man will!

– Und ist’s mit Thatsachen, lieber Junge, ebenso? Ist’s nicht ausgemacht, daß die Zahl der Vulkane seit den ersten Tagen der Welt beständig abgenommen hat? und wenn es eine Centralwärme giebt, kann man nicht daraus schließen, daß sie immer schwächer wird?

– Lieber Oheim, wenn Du Dich auf’s Feld der Voraussetzungen begiebst, habe ich nicht mehr zu reden.

– Und ich habe zu sagen, daß die Ansichten der berufensten Männer mit der meinigen übereinstimmen. Erinnerst Du Dich, wie mir im Jahre 1825 der berühmte englische Chemiker Humphry Davy einen Besuch machte.

– Durchaus nicht, denn ich kam erst neunzehn Jahre später auf die Welt.

– Nun, Humphry Davy besuchte mich auf einer Durchreise durch Hamburg. Wir besprachen uns lange, unter Anderem über die Hypothese der Flüssigkeit des inneren Kerns der Erde. Wir waren einstimmig darin, daß die Flüssigkeit nicht möglich sei, aus einem Grunde, worauf die Wissenschaft nie eine Antwort gefunden hat.

– Und welcher ist das? fragte ich etwas betroffen.

– Weil diese flüssige Masse gleich dem Ocean der Anziehung von Seiten des Mondes ausgesetzt wäre, und folglich zweimal täglich im Inneren Ebbe und Fluth entstehen würden, welche durch Emporheben des Erdbodens zu periodischen Erdbeben Anlaß gäben.

– Aber es ist doch unverkennbar, daß die Erdoberfläche der Verbrennung ausgesetzt gewesen ist, und man darf annehmen, daß die äußere Kruste sich erst abkühlte, während die Hitze sich zum Centrum zurückzog.

– Irrthum, erwiderte mein Oheim; die Erde ist erst durch Verbrennung ihrer Oberfläche in Hitze gerathen, nicht anders. Ihre Oberfläche bestand aus einer großen Quantität von Metallen, wie Potassium und Sodium, welche die Eigenschaft haben, bei der bloßen Berührung mit Luft und Wasser in Brand zu gerathen. Diese Metalle geriethen in Brand, als die atmosphärischen Dünste als Regen auf den Boden herabkamen; und allmälig, als die Gewässer durch die Ritzen der Erdrinde drangen, veranlaßten sie abermals Brand mit Explosionen und Ausbrüchen. Daher die zahlreichen Vulkane in der ersten Zeit der Welt.

– Das ist doch eine sinnreiche Hypothese! rief ich etwas wider Willen.

– Und Humphry Davy machte mir’s durch ein sehr einfaches Experiment erkennbar. Er verfertigte eine metallene Kugel hauptsächlich aus den Metallen, wovon ich eben sprach, als ein vollständiges Ebenbild unseres Erdballs. Als man dieselbe mit einem seinen Thau auf ihrer Oberfläche benetzte, schwoll sie auf, oxydirte und bildete ein kleines Gebirge; an dessen Spitze öffnete sich ein Krater, und es fand ein Ausbruch statt, und theilte der Kugel eine solche Hitze mit, daß man sie nicht mehr in der Hand halten konnte«

Wahrlich, die Beweisgründe des Professors singen an auf mich Eindruck zu machen; er machte sie zudem mit seiner gewöhnlichen Leidenschaft und seinem Enthusiasmus geltend.

»Du siehst, Axel, fügte er bei, der Zustand des inneren Kerns hat verschiedene Hypothesen unter den Geologen veranlaßt; nichts ist weniger bewiesen, als die Thatsache einer inneren Hitze; meiner Ansicht nach ist sie nicht vorhanden, könnte nicht vorhanden sein; doch, wir werden’s sehen, und werden, wie Arne Saknussemm, dann wissen, woran man sich hinsichtlich dieser Frage zu halten habe.

– Nun ja! erwiderte ich, indem ich diesen Enthusiasmus zu theilen anfing, ja, wir werden’s sehen, wenn man jedoch dort sehen kann?

– Und warum nicht? Können wir nicht auf elektrische Erscheinungen rechnen, die uns Licht gewähren, und selbst auf die Atmosphäre, welche bei Annäherung an das Centrum durch ihren Druck leuchtend werden kann?

– Ja, sagte ich, ja! Das ist möglich, nach Allem.

– Das ist gewiß, erwiderte mein Oheim triumphirend; aber nur stille, verstehst Du? Kein Wort von alle diesem; kein Mensch soll die Idee bekommen, vor uns das Centrum der Erde zu entdecken.«

Siebentes Capitel

Reise-Vorbereitungen

So schloß diese merkwürdige Unterredung. Ich war fieberhaft angeregt. Ich verließ ganz verblüfft das Cabinet meines Oheims, und die Luft Hamburgs reichte nicht aus, um mich darin zu erholen. Ich eilte daher an das Elbufer nach der Dampffähre hin, welche zur Verbindung der Stadt mit der Harburger Eisenbahn dient.

War ich von dem, was man mich eben gelehrt hatte, überzeugt? War ich nicht vielmehr dem Professor Lidenbrock erlegen? Sollte ich im Ernst nehmen, daß er entschlossen sei, zum Centrum des Erdkörpers zu dringen? Hörte ich soeben die tollen Speculationen eines Narren, oder die wissenschaftliche Darlegung eines großen Genie? Bei Allem, wo hörte die Wahrheit auf, begann der Irrthum?

Ich schwankte zwischen tausend sich widersprechenden Hypothesen, ohne mich an einer festhalten zu können.

Doch erinnerte ich mich, daß ich überzeugt worden war, obwohl mein Enthusiasmus anfing mäßiger zu werden; aber ich hätte unverzüglich abreisen wollen, ohne mir Zeit zum Ueberlegen zu lassen. Ja, es hätte mir nicht an Muth gefehlt, augenblicklich meinen Ranzen zu schnallen.

Doch muß ich gestehen, eine Stunde hernach war diese Ueberreizung schon gesunken, die Spannung meiner Nerven ließ nach, und ich kam wieder aus den Abgründen der Erde zur Oberfläche empor.

»Das ist ja lächerlich! sagte ich mir; es hat keinen rechten Verstand! Solch einen Vorschlag kann man einem verständigen Jungen nicht im Ernst machen. Das Alles ist eitel Nichts. Ich habe übel geschlafen, einen schlimmen Traum gehabt.«

Inzwischen war ich längs dem Ufer der Elbe um die Stadt herum gekommen und auf die Straße nach Altona. Es hatte mich eine richtige Ahnung diesen Weg geführt, denn ich bemerkte bald mein liebes Gretchen, das raschen Schrittes tapfer nach Hamburg heim ging.

»Gretchen!« rief ich ihr von Weitem zu.

Das Mädchen stand stille, etwas betroffen schien es, auf offener Straße so angerufen zu werden. Mit zehn Schritten war ich bei ihr.

»Axel! sagte sie überrascht. Du bist mir entgegen gegangen, das ist ja recht hübsch.«

Als nun aber Gretchen mich ansah, entging ihr mein unruhiges verstörtes Aussehen nicht.

»Was ist Dir? sagte sie mir die Hand reichend.

– Was mir ist, Gretchen!« rief ich.

Und in zwei Secunden, in drei Sätzen hatte ich meine hübsche Vierländerin über die Lage der Dinge in Kenntniß gesetzt. Einige Augenblicke schwieg sie. Ob ihr Herz gleich dem meinigen klopfte, weiß ich nicht, aber ihre Hand in der meinigen zitterte nicht. Hundert Schritte gingen wir stumm neben einander her.

»Axel! sagte sie endlich.

– Liebes Gretchen!

– Das wird eine schöne Reise sein.«

Ich sprang auf bei diesen Worten.

»Ja, Axel, eine Reise, des Neffen eines Gelehrten würdig. Ein Mann muß sich durch ein großes Unternehmen auszeichnen!

– Wie? Gretchen, Du räthst mir nicht von solch einem Unternehmen ab?

– Nein, lieber Axel, und ich würde Euch gerne begleiten, wenn nicht ein armes Mädchen ein Hinderniß für Euch wäre.

– Ist das wirklich Dein Ernst?

– Wirklich.«

Ach! Wie sind doch Frauen, junge Mädchen, weibliche Herzen stets unbegreiflich! Seid Ihr nicht die schüchternsten Wesen, so seid Ihr die tapfersten! Vernunft hat bei Euch keine Geltung. Wie? dieses Kind ermunterte mich, die Reise mitzumachen! Sie hatte keine Furcht vor einer abenteuerlichen Fahrt! Sie drängte mich dazu, den sie doch liebte.

Ich war verlegen und, offen zu sagen, schämte mich.

»Gretchen, fuhr ich fort, wir wollen sehen, ob Du morgen noch ebenso sprichst.

– Morgen, lieber Axel, werd’ ich reden, wie heute.«

Wir gingen Hand in Hand, aber in tiefem Schweigen unseres Weges weiter. Die Gemüthsbewegungen des Tages hatten mich kleinlaut gemacht.

»Immerhin, dachte ich, ist der erste Juli noch weit entfernt, und bis dahin kann noch Manches vorgehen, was meinen Oheim von der tollen Luft, eine Reise unter die Erde zu machen, heilen mag.«

Es war schon Nacht geworden, als wir bei dem Hause der Königsstraße anlangten. Ich hatte vermuthet, wir träfen die Wohnung ruhig, meinen Oheim, wie gewöhnlich, schon zu Bette, und Martha mit Abstäuben des Speisezimmers beschäftigt.

Aber ich hatte die Ungeduld des Professors nicht in Anschlag gebracht. Ich fand ihn unter einer Truppe Lastträger, welche allerhand Waaren in die Allee brachten, mit lautem Geschrei hin und her rennend; die alte Dienerin wußte nicht, wo ihr der Kopf stand.

»Aber, so komm doch, Axel; eile doch, Unglückseliger! rief mein Oheim schon von Weitem, wie er mich erblickte. Und Dein Koffer ist noch nicht gepackt, und meine Papiere noch nicht geordnet, und der Schlüssel meines Reisesacks nicht zu finden, und meine Kamaschen bleiben aus!«

Ich war wie vom Donner gerührt, die Stimme versagte mir. Kaum vermochten meine Lippen die Worte hervorzubringen:

»Also reisen wir ab?

– Ja, Unglückseliger, und Du gehst spazieren, anstatt bei der Hand zu sein!

– Wir reisen ab? fragte ich nochmals mit schwacher Stimme.

– Ja, übermorgen in aller Frühe.«

Ich konnte nichts weiter anhören und flüchtete in mein Zimmerchen.

Es war nicht mehr daran zu zweifeln. Mein Oheim hatte den Nachmittag dazu verwendet, einen Theil der Reisebedürfnisse anzuschaffen; die Allee lag voll Strickleitern, Fackeln, Reiseflaschen, eisernen Haken, Spitzhauen, beschlagenen Stöcken, Spaten – wofür man zehn Mann wenigstens zum Herbeischleppen brauchte.

Ich brachte eine entsetzliche Nacht hin. Am folgenden Morgen hörte ich schon frühe mich anrufen. Ich war entschlossen, meine Thüre nicht zu öffnen.

Aber wie hätte ich einer so süßen Stimme widerstehen können, die mir zurief: »Lieber Axel!«

Ich ging aus meiner Kammer, und dachte, mein verstörtes blasses Aussehen, meine rothen Augen würden auf Gretchen wirken, daß sie ihre Gedanken änderte.

»Nun! mein lieber Axel, sagte sie zu mir, ich sehe, Du befindest Dich besser, und die Nacht hat Dich beruhigt.

– Beruhigt!« rief ich.

Ich eilte vor meinen Spiegel. Ei nun! Ich sah nicht so übel aus, als ich gedacht hatte. Kaum glaublich.

»Axel, sprach Gretchen zu mir, ich habe lange mit meinem Vormund geplaudert. Es ist ein kühner Gelehrter, ein muthiger Mann, und Du wirst Dich erinnern, daß sein Blut in Deinen Adern fließt. Er hat mir von seinen Plänen erzählt, von seinen Hoffnungen, weshalb und wie er seinen Zweck zu erreichen hofft. Ich zweifle nicht, daß er ihn erreichen wird. Ach! lieber Axel, wie schön ist’s, sich so seiner Wissenschaft zu widmen! Welcher Ruhm wird Herrn Lidenbrock zu Theil werden, und auf seinen Genossen zurückstrahlen! Bei der Rückkehr wirst Du ein Mann sein, seines Gleichen, frei zu reden, zu handeln, frei endlich zu …«

Erröthend stockte das Mädchen. Seine Worte machten mir wieder Muth. Dennoch wollte ich noch nicht an unsere Abreise glauben. Ich zog Gretchen mit mir zu dem Zimmer des Professors.

»Lieber Oheim, sagte ich, es ist also ausgemacht, daß wir abreisen?

– Wie? Du zweifelst daran?

– Nein, sagte ich, um ihm nicht zu widersprechen. Nur möcht’ ich Sie fragen, ob es so Eile damit hat.

– Ja wohl! die Zeit drängt! die Zeit, die unwiederbringlich schnell entflieht!

– Wir haben ja doch erst den 26. Mai, und bis zu Ende Juni …

– Hm! meinst Du denn, Unwissender, daß man so leicht nach Island komme? Wärest Du nicht wie ein Narr von mir gelaufen, so hätte ich Dich mit auf das Kopenhagener Bureau, zu Lissender & Cie., genommen. Da hättest Du erfahren, daß von Kopenhagen nach Reykjawik nur einmal monatlich, am 22., ein Boot abgeht.

– Nun?

– Nun? wenn wir bis zum 22. Juni warteten, würden wir zu spät kommen, um zu sehen, wie ›des Scartaris Schatten den Krater des Sneffels liebkoset‹. Wir müssen daher so schnell wie möglich nach Kopenhagen kommen, um daselbst für die Ueberfahrt ein Beförderungsmittel zu finden. Geh’ und pack’ Deinen Koffer!«

Darauf war kein Wort zu erwidern. Ich begab mich wieder in mein Zimmer. Gretchen folgte mir nach und bemühte sich selbst, meine Reisebedürfnisse in einen kleinen Ranzen zu packen. Es ging ihr das nicht näher zu Herzen, als wenn sich’s um einen Ausflug nach Lübeck oder Helgoland handelte. Ihre kleinen Hände bewegten sich ohne Uebereilung hin und her. Sie plauderte ruhig und führte mir die verständigsten Gründe zu Gunsten unserer Unternehmung an. Sie wirkten zauberhaft auf mich, und ich konnte ihr nicht zürnen. Manchmal, wenn ich aufbrausen wollte, achtete sie nicht darauf, und setzte mit methodischer Ruhe ihre Arbeit fort.

Endlich war der letzte Riemen des Ranzen geschnallt, und ich kam herab in’s Erdgeschoß.

Diesen Tag über kamen die Ablieferungen von physikalischen Instrumenten, Waffen, elektrischen Apparaten noch häufiger. Die gute Martha verlor den Kopf.

»Ist der Herr ein Narr geworden?« sagte sie zu mir.

Ich machte ein Zeichen der Bejahung.

»Und er nimmt Sie mit?«

Gleiches Ja.

»Wohin soll’s gehen?« fragte sie.

Ich deutete mit dem Finger nach dem Inneren der Erde.

»In den Keller? schrie die alte Dienerin.

– Nein, sagte ich endlich, noch tiefer hinab!«

Der Abend kam. Ich wußte gar nicht mehr, wie die Zeit verflossen war.

»Morgen früh, sagte mein Oheim, präcis sechs Uhr reisen wir ab.«

Um zehn Uhr sank ich wie eine träge Masse auf mein Bett. Während der Nacht kam mir wieder die Angst.

Ich träumte in einem fort von Abgründen! Ich verfiel dem Wahnsinn. Ich fühlte mich von des Professors starker Hand ergriffen, fortgezogen, in einen Schlund gestürzt. Ich fiel in unergründliche Schluchten hinab mit der wachsenden Schnelligkeit fallender Körper. Mein Leben war nur noch ein endloses Fallen.

Um fünf Uhr wachte ich auf, zerschlagen durch Erschöpfung und Aufregung. Ich begab mich in’s Speisezimmer hinab. Mein Oheim saß bei Tische und schlang sein Frühstück hinunter. Ich blickte ihn mit einer Art Grauen an. Aber Gretchen war zugegen. Ich sprach nichts, konnte nicht essen.

Um halb sechs Uhr hörte man das Rasseln eines Wagens in der Straße. Es kam ein großer Wagen, uns auf die Altonaer Eisenbahn zu bringen. Er war bald mit den Collis meines Oheims bepackt.

»Und Dein Koffer? sagte er zu mir.

– Er ist fertig, erwiderte ich, und es ward mir schwach.

– So bring’ ihn rasch herab, oder Du bist Schuld, daß wir den Zug verfehlen!«

Gegen mein Geschick anzukämpfen, schien mir damals unmöglich. Ich begab mich wieder in meine Kammer, ließ meinen Ranzen die Treppe hinab rutschen und folgte hinterdrein.

In diesem Augenblick gab mein Oheim die »Zügel« seines Hauses in Gretchen’s Hände. Meine hübsche Vierländerin bewahrte ihre gewohnte Ruhe. Sie umarmte ihren Vormund, konnte aber, als sie meine Wange mit ihren süßen Lippen berührte, eine Thräne nicht zurückhalten.

»Gretchen! rief ich aus.

– Geh’, lieber Axel, geh’, sagte sie zu mir, Du verlässest Deine Braut, aber bei der Rückkehr findest Du Deine Frau.«

Ich schloß Gretchen in meine Arme, dann setzte ich mich in den Wagen. Martha und das junge Mädchen sagten uns von der Schwelle des Hauses aus Lebewohl. Darauf rannten die Pferde, durch das Pfeifen ihres Kutschers angeregt, im Galop über die Altonaer Straße.

Achtes Capitel

Reise nach Island

Von Altona aus, welches zum Weichbild Hamburgs gehört, führt eine Eisenbahn nach Kiel, wo wir an’s Ufer des Belt gelangten. In zwanzig Minuten kamen wir auf Holsteinisches Gebiet.

Um halb sieben hielt der Wagen vorm Bahnhof; die zahlreichen Collis meines Oheims, seine umfangreichen Reiseartikel wurden abgeladen, transportirt, gewogen, etikettirt, in den Gepäckwagen gebracht; und um sieben Uhr saßen wir in derselben Waggonabtheilung einander gegenüber. Der Dampf zischte, die Locomotive setzte sich in Bewegung. Wir befanden uns unterwegs.

Ich hatte mich noch nicht drein gefunden. Doch wirkten die frische Morgenluft, die bei der Schnelligkeit der Fahrt rasch erneuerten Eindrücke darauf hin, mich durch Zerstreuung aus meiner großen Befangenheit zu reißen.

Die Gedanken des Professors eilten offenbar dem Zug voraus, der für seine Ungeduld zu langsam fuhr. Wir befanden uns allein in dem Waggon, sprachen aber kein Wort mit einander. Mein Oheim durchmusterte seine Taschen und seinen Reisesack mit sorgfältiger Achtsamkeit. Ich sah wohl, daß es ihm für die Ausführung seiner Pläne an nichts mangelte.

Unter Anderem hatte er ein sorgfältig zusammengelegtes Blatt Papier mit dem Wappen der dänischen Kanzlei und der Unterschrift des dänischen Consuls zu Hamburg, der ein Freund des Professors war. Mit Hilfe desselben konnten wir leicht in Kopenhagen Empfehlungen an den Gouverneur von Island bekommen.

Ich bemerkte auch das merkwürdige Document in der geheimsten Tasche des Portefeuille auf’s Sorgfältigste aufgehoben. Ich verfluchte es aus Herzens Grund, und sah mir das Land an. Es war eine ungeheure Reihe wenig merkwürdiger Ebenen, die einförmig, schlammig und ziemlich fruchtbar waren: eine Landschaft, die zur Anlage von Eisenbahnen sehr geeignet war und gerade Linien zuließ, welche den Eisenbahngesellschaften so erwünscht sind. Aber diese Einförmigkeit konnte mir nicht einmal langweilig werden, denn bereits drei Stunden nach unserer Abfahrt hielt der Zug in Kiel zwei Schritte vom Meere.

Da unser Gepäck nach Kopenhagen eingeschrieben war, brauchten wir uns nicht darum zu bekümmern. Doch wurde es von dem Professor während des Transports zum Dampfboot mit sorglichem Auge überwacht. Hier wurde es im unteren Schiffsraum geborgen.

Mein Oheim hatte bei seiner übermäßigen Eile die Stunden des Anschlusses von Dampfboot und Eisenbahn so wohl berechnet, daß wir einen vollen Tag zu verlieren hatten. Das Dampfboot Ellenora ging nicht vor Abend ab.

Daraus entsprang ein neunstündiger Fieberzustand, während dessen der zornmüthige Reisende die Verwaltung der Boote und der Eisenbahnen zum Teufel wünschte, sammt den Regierungen, welche dergleichen Mißbräuche gestatteten. Ich mußte darin einstimmen, als er den Kapitän der Ellenora darüber zur Rede stellte. Er wollte ihn nöthigen, unverzüglich heizen zu lassen. Der aber hieß ihn seines Weges gehen.

In Kiel muß wohl, wie anderwärts, ein Tag hinzubringen sein. Wir gingen an den grünen Ufern der Bai, in deren Hintergrund das Städtchen sich erhebt, spazieren, durchliefen die belaubten Gebüsche, welche ihm das Aussehen eines Nestes unterm Gezweig geben, die Villen zu bewundern, welche sämmtlich mit Badehäuschen versehen sind; so kam unter Herumlaufen und Fluchen zehn Uhr Abends heran.

Die Rauchwolken der Ellenora wirbelten in die Lüfte; das Verdeck zitterte unter den Stößen des Dampfkessels; wir befanden uns an Bord im Besitz von zwei Lagerstätten übereinander in der einzigen Kammer des Bootes.

Um zehn Uhr fünfzehn Minuten wurden die Anker gelichtet, und der Dampfer fuhr rasch über die dunkeln Fluthen des Großen Belt.

Es war dunkle Nacht, ein hübscher Seewind, und das Meer stark wogend; einige Feuer an der Küste schimmerten durch die Finsterniß; später, ich weiß nicht wo, glänzte ein Leuchtthurm hell über den Fluthen.

Um sieben Uhr früh landeten wir zu Korsör, einem Städtchen an der Westküste Seelands. Hier stiegen wir unverzüglich in den Waggon einer neuen Eisenbahn und fuhren durch eine Landschaft, die nicht minder flach war, als die Ebenen Holsteins.

Nach drei Stunden langten wir in der Hauptstadt Dänemarks an. Mein Oheim hatte die ganze Nacht kein Auge geschlossen. Ich glaube, in seiner Ungeduld trappelte er im Waggon und stampfte mit den Füßen.

Endlich gewahrte er eine Mündung in’s Meer.

»Der Sund!« rief er.

Zu unserer Linken befand sich ein ungeheurer Bau, der einem Spital glich.

»Das ist ein Irrenhaus, sagte einer unserer Reisegefährten.

– Gut, dachte ich, da sollten wir bis an’s Ende unserer Tage bleiben! Und so groß dies Spital ist, so wäre es doch zu klein für alle Narrheit des Professors Lidenbrock!«

Endlich, um zehn Uhr, stiegen wir zu Kopenhagen aus; das Gepäck wurde auf einen Wagen geladen und mit uns zum Hotel Phönix in Bred-Gade gefahren. Das dauerte eine halbe Stunde, denn der Bahnhof liegt außerhalb der Stadt. Darauf nahm mein Oheim, nachdem er ein wenig seine Toilette geordnet, mich mit sich. Der Portier des Hotels sprach deutsch und englisch; aber der Professor, der vieler Sprachen kundig war, fragte ihn auf gut dänisch, und in gutem Dänisch gab ihm der Mann an, wo das Museum der Nordischen Alterthümer lag.

In dieser merkwürdigen Anstalt sind eine Menge wunderbarer Dinge aufgestapelt, woraus man die Geschichte des Landes mit seinen alten Steinwaffen, seinen Humpen und Schmucksachen wieder aufbauen könnte. Der Director desselben, der gelehrte Professor Thomson, war ein Freund des Hamburgischen Consuls.

Mein Oheim hatte einen Brief an denselben, der ihn warm empfahl. Im Allgemeinen empfängt ein Gelehrter den anderen ziemlich schlecht. Aber hier war’s ganz anders. Herr Thomson als dienstfertiger Mann ließ dem Professor Lidenbrock, und selbst seinem Neffen einen herzlichen Empfang zu Theil werden. Daß mein Oheim dem trefflichen Director gegenüber sein Geheimniß bewahrte, brauch’ ich kaum zu sagen. Unsere Absicht war ganz einfach, als Liebhaber ohne Interesse Island zu besuchen.

Herr Thomson stellte sich uns ganz zu Verfügung, und wir liefen über die Quais, um ein abfahrendes Schiff aufzusuchen.

Ich hoffte, es werde ganz an Beförderungsmitteln fehlen; aber ich täuschte mich. Eine kleine dänische Corvette, die Valkyrie, sollte am 2. Juni nach Reykjawik unter Segel gehen. Der Kapitän, Herr Bjarne, befand sich an Bord. Sein demnächstiger Passagier drückte ihm in seiner Freude tüchtig die Hände. Der wackere Mann war über diese Herzlichkeit etwas betroffen. Er fand es ganz einfach, daß er, wie es ihm oblag, nach Island fahre. Meinen Oheim kam das als etwas Erhabenes vor. Der würdige Kapitän benutzte diesen Enthusiasmus, um uns für die Ueberfahrt doppelt bezahlen zu lassen. Aber wir machten uns daraus nicht viel.

Herr Bjarne strich eine ansehnliche Summe Speciesthaler ein und sagte: Erscheinen Sie Dienstag um sieben Uhr frühe an Bord.

Wir dankten Herrn Thomson für seine Bemühung und begaben uns in’s Hotel Phönix zurück.

»Das geht ja schön! recht schön! sprach mein Oheim. Welch glücklicher Zufall, daß wir dies Schiff zum Abfahren bereit fanden! jetzt wollen wir frühstücken und dann die Stadt besehen.«

Wir begaben uns zum Kongens-Nye-Torw, einem unregelmäßigen Platz, wo sich ein Posten befand mit zwei aufgeprotzten unschuldigen Kanonen, die keinem Menschen Angst machen. Dicht daneben, Nr. 5, befand sich eine französische »Restauration«, die von einem Koch Namens Vincent gehalten wurde; wir frühstückten daselbst hinlänglich für den mäßigen Preis von vier Mark die Person.

Hernach freute ich mich wie ein Kind, die Stadt zu besehen; mein Oheim ließ sich führen; übrigens sah er nichts, weder den unbedeutenden Königspalast, noch die hübsche Brücke aus dem siebzehnten Jahrhundert, die vor dem Museum über den Canal führt, noch das ungeheure Grabmal Thorwaldsen’s, das an den Wänden mit abscheulichen Gemälden geziert ist und die Werke dieses Bildhauers enthält, noch in einem ziemlich schönen Park das allerliebste Schloß Rosenberg, noch den bewundernswerthen Renaissance-Bau der Börse, noch deren Thurm, der aus den verschlungenen Schwänzen von vier broncenen Drachen gebildet ist, noch die großen Mühlen der Festungswerke, deren ungeheure Flügel gleich den Segeln eines Schiffes im Seewind schwellen.

Was könnten wir da, meine hübsche Vierländerin mit mir, für köstliche Spaziergänge machen längs des Hafens, wo die Zweidecker und Fregatten unter ihrer rothen Bedachung ruhten, an dem grünen Gestade der Meerenge, durch das schattige Buschwerk, in dessen Schoße die Citadelle sich birgt, deren Kanonen zwischen Hollunder und Weidengezweig ihre schwarze Mündung hervorstrecken!

Aber ach! mein armes Gretchen war fern, und konnte ich hoffen, sie jemals wieder zu sehen?

Mein Oheim jedoch hatte kein Auge für diese reizenden Gegenden; um so mehr aber gefiel ihm ein Glockenthurm der Insel Amak, welche den südwestlichen Theil Kopenhagens bildet.

Wir richteten unsere Schritte dorthin, bestiegen ein kleines Dampffahrzeug, welches zum Verkehr auf den Canälen diente, und in einigen Augenblicken legte es am Quai Dock-Yard an.

Nachdem wir durch einige enge Straßen gekommen, wo Galeerensträflinge in halb gelben, halb grauen Hosen unter dem Stock der Profoßen arbeiteten, kamen wir vor Frelsers-Kirk. Diese Kirche bietet nichts Merkwürdiges. Dagegen wurde die Aufmerksamkeit des Professors durch ihren ziemlich hohen Thurm angezogen, um dessen Spitze sich von der Plattform an außen im Freien eine Treppe spiralförmig windet.

»Steigen wir hinauf, sagte mein Oheim.

– Aber der Schwindel? entgegnete ich.

– Um so mehr, man muß sich gewöhnen.

– Doch …

– Komm’, sag’ ich Dir, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Ich mußte mich fügen. Ein Aufseher, der gegenüber wohnte, stellte uns einen Schlüssel zu, und wir begannen hinaufzusteigen.

Mein Oheim ging mit munterem Schritt voran. Ich folgte nicht ohne Angst nach, denn es ward mir sehr leicht schwindelig. Es ging mir die Haltung des Adlers und die Unempfindlichkeit seiner Nerven ab.

So lange wir uns in der inneren Schnecke befanden, ging Alles gut; aber nach etwa hundertundfünfzig Stufen wehte mir die Luft in’s Gesicht; wir waren bis zur Plateform gekommen, von wo aus die Treppe in freier Luft begann, mit einem schwachen Geländer und Stufen, die stets enger wurden und bis zum Unendlichen zu führen schienen.

»Es ist mir nicht möglich! Niemals! – schrie ich.

– Solltest Du wohl so feige sein? Steig’!« erwiderte unbarmherzig der Professor.

Ich mußte durchaus ihm folgen, und klammerte mich an.

In der freien Luft schwand mir die Besinnung; ich fühlte bei den heftigen Windstößen den Thurm schwanken, meine Beine versagten mir den Dienst; ich ruschte bald auf den Knieen, dann auf dem Leib; ich schloß die Augen; es wurde mir übel.

Endlich, indem mein Oheim mich am Kragen faßte, kam ich bei der Kugel an.

»Jetzt schau’, sagte er, und schaue recht! Du mußt lernen, in einen Abgrund blicken!«

Ich öffnete die Augen. Ich sah die Häuser platt und zusammen gedrückt, wie mitten im Nebel des Rauchs. Ueber meinem Kopf zog flockiges Gewölk, und durch optische Täuschung schien es mir unbeweglich, während der Thurm, die Kugel, wir zugleich mit in phantastischer Eile fortgezogen wurden. In der Ferne sah man auf der einen Seite grüne Felder, auf der andern das im Sonnenschein schimmernde Meer. Bei der Spitze von Helsingör breitete sich der Sund aus, mit etlichen weißen Segeln, und östlich zeigten sich im Nebel wogend die halb vermischten Gestade Schwedens. Dies alles zusammen wirbelte vor meinen Blicken.

Demungeachtet mußte ich aufstehen, mich gerade halten, schauen. Meine erste Schwindellection dauerte eine Stunde. Als ich endlich wieder hinabsteigen und den festen Boden des Pflasters betreten durfte, war ich an allen Gliedern steif.

»Morgen wiederholen wir die Lection«, sagte mein Professor.

Und wirklich, fünf Tage wurde diese Schwindelübung fortgesetzt, und ich machte, mit und wider Willen, merkliche Fortschritte in der Kunst, von einem hohen Standpunkt aus zu betrachten.

Neuntes Capitel

Ankunft auf Island

Der Tag der Abreise kam heran. Tags zuvor überbrachte uns der gefällige Herr Thomson dringende Empfehlungsbriefe an den Statthalter Islands, Grafen Trampe, den Coadjutor des Bischofs, Herrn Picturson, und den Bürgermeister von Reykjawik, Herrn Finsen. Mein Oheim dankte ihm mit wärmstem Händedruck.

Am 2., sechs Uhr frühe, befand sich unser kostbares Gepäck an Bord der Valkyrie. Der Kapitän führte uns in ziemlich enge Cabinen.

»Haben wir günstigen Wind? fragte mein Oheim.

– Vortrefflichen, erwiderte der Kapitän Bjarne; Südost. Wir werden mit vollen Segeln aus dem Sund in die weite See stechen.«

Nach einer kleinen Weile stach die Goelette, mit Fockmast, Mars- und Bramstange, in See und fuhr mit vollen Segeln in die Meerenge ein. Eine Stunde hernach schien die Hauptstadt Dänemarks fern in den Fluthen zu versinken, und die Valkyrie fuhr längs der Küste von Helsingör. Ich befand mich in reizbarer Stimmung, glaubte Hamlet’s Schatten auf der Terrasse des alten Schlosses zu sehen, das übrigens weit jünger ist, als der heroische Prinz von Dänemark. Es dient gegenwärtig als kostbare Hütte des Pförtners am Sund, wo jährlich fünfzehntausend Schiffe aller Nationen vorüber fahren.

Das Schloß Kronborg verschwand bald im Nebel, ebenso der Thurm von Helsingborg auf dem schwedischen Gestade, und die Goelette neigte sich ein wenig unterm Wehen der Seewinde des Kattegat.

Die Valkyrie segelte trefflich, aber auf ein Segelschiff kann man sich nie sehr verlassen. Es war für Reykjawik mit Kohlen, Haushaltungsgegenständen, Töpferwaaren, wollenen Kleidungsstücken und einer Ladung Getreide befrachtet. Fünf Mann, lauter Dänen, genügten als Bemannung.

»Wie lange wird die Ueberfahrt dauern? fragte mein Oheim den Kapitän.

– Zehn Tage etwa, erwiderte letzterer, wenn wir nicht bei den Faröern allzuviel widrigen Wind aus Nordwest gegen uns haben.

– Aber Sie werden dadurch doch nicht einer bedeutenden Verspätung ausgesetzt sein?

– Nein, Herr Lidenbrock; seien Sie ruhig, wir werden ankommen.«

Gegen Abend fuhr die Goelette um das Cap Skagen an der Nordspitze Dänemarks, dann während der Nacht durch den Skager-Rak, streifte beim Cap Lindenäs an der Südspitze Norwegens vorüber und stach in das Nordmeer.

Zwei Tage nachher bekamen wir die schottische Küste bei Peterhead in Sicht, und die Valkyrie fuhr zwischen den Orcaden und den Shetlandinseln auf die Faröer zu.

Bald glitt unsere Goelette über die Wogen des Atlantischen Meeres; sie mußte gegen den Nordwind laviren und kam mit Mühe bei diesen Inseln an. Am 8. erkannte der Kapitän Myggenäs, die östlichste der Gruppe, und von nun an fuhren wir gerade auf Cap Portland an der Südküste Islands.

Es kam nichts Merkwürdiges bei der Fahrt vor. Ich bestand leicht die Seekrankheit; mein Oheim war zu seinem großen Leidwesen beständig unwohl, und schämte sich dessen.

Er konnte also den Kapitän Bjarne nicht über den Snäfields, über die Verkehrsmittel und den Transport befragen. Er mußte dies also auf seine Ankunft verschieben, und brachte seine ganze Zeit in seiner Cabine liegend zu, deren Scheidewände vom Wogenschlag krachten. Er verdiente auch wirklich ein wenig sein Schicksal.

Am 11. bekamen wir Cap Portland in Sicht. Das damals helle Wetter ließ Myrdals Yokul, der es beherrscht, erkennen. Das Cap besteht aus einer starken, vereinzelt am Ufer sich erhebenden Anhöhe mit steilen Abhängen.

Die Valkyrie hielt sich in mäßiger Entfernung von den Küsten, indem sie längs derselben westwärts mitten durch Heerden von Hai- und Wallfischen fuhr. Bald zeigte sich ein ungeheurer durchbrochener Felsen, durch welchen das schäumende Meer mit wüthendem Brausen eindrang. Die Westmaninselchen schienen wie hingesäete Felsen über dem Meeresspiegel emporzuragen. Von hier fuhr die Goelette weiter vom Land ab, um das Cap Reykjanäs, welches die Westspitze von Island bildet, in gehöriger Entfernung zu umsegeln.

Mein Oheim war durch das starke Wogen des Meeres gehindert das Verdeck zu betreten, um die ausgezackten Küsten zu bewundern.

Achtundvierzig Stunden darauf, nach einem Sturm, der mit zusammengeschlagenen Segeln zu fliehen zwang, gewahrte man östlich die Boje der Spitze Skagen, deren gefährliche Felsen sich weit hin unter dem Wasserspiegel ziehen. Es kam ein isländischer Lootse an Bord und nach drei Stunden ankerte die Valkyrie in der Bai Faxa vor Reykjawik.

Nun kam endlich der Professor aus seiner Cabine heraus, etwas blaß und zerschlagen, aber stets enthusiastisch, und Befriedigung sprach aus seinen Augen.

Die Bevölkerung der Stadt, die sich für das ankommende Schiff ungemein interessirte, strömte am Quai zusammen.

Mein Oheim eilte, sein Gefängniß, um nicht zu sagen, sein Krankenhaus, zu verlassen. Bevor er aber vom Verdeck stieg, zog er mich in den Vordergrund und zeigte mir mit dem Finger auf der Nordseite der Bai einen hohen Berg mit zwei Spitzen, einen doppelten mit ewigem Schnee bedeckten Kegel.

»Der Snäfields! rief er aus, der Snäfields!«

Darauf, nachdem er mir mit einem Wink unbedingtes Schweigen anempfohlen, stieg er in das Landungsboot; ich ihm nach, und bald betraten wir den Boden Islands.

Sofort zeigte sich ein stattlicher Mann in Generalsuniform. Es war jedoch nur ein Magistrat, der Statthalter der Insel, Baron Trampe, in eigener Person. Der Professor überreichte ihm seine Briefe aus Kopenhagen, und es entspann sich in dänischer Sprache eine kurze Unterhaltung, ‘woran ich, aus gutem Grunde, mich durchaus nicht betheiligte. Das Resultat war, daß der Baron Trampe sich dem Professor Lidenbrock völlig zur Verfügung stellte.

Ein herzlicher Empfang wurde meinem Oheim von dem Bürgermeister Finsen zu Theil, der gleich dem Statthalter in militärischer Uniform ebenso friedlichen Charakters war.

Der Coadjutor Pictursson befand sich eben auf einer bischöflichen Rundreise im nördlichen Bezirk; wir mußten vorerst darauf verzichten, ihm vorgestellt zu werden. Aber der Professor der Naturwissenschaften an der Schule zu Reykjawik, Herr Fridrickson, ein sehr gefälliger Mann, gewährte uns einen sehr schätzbaren Beistand. Dieser bescheidene Gelehrte sprach nur Isländisch und Latein; er bot mir in letzterer Sprache seine Dienste an, und wir konnten uns in derselben leicht verständigen. Er war auch in der That der einzige Mann, mit dem ich mich während meines Aufenthalts auf Island unterhalten konnte.

Von den drei Zimmern, welche seine Wohnung enthielt, stellte uns der treffliche Mann zwei zur Verfügung, und wir richteten uns flugs bei ihm ein, über die Menge unseres Gepäcks waren die Bewohner von Reykjawik etwas erstaunt.

»Nun, Axel, sagte mein Oheim, es geht gut; die Hauptschwierigkeit ist schon beseitigt.

– Wie, die Hauptschwierigkeit? rief ich aus.

– Allerdings, wir brauchen nur hinabzusteigen.

– Wenn Sie’s so verstehen, haben Sie Recht; aber am Ende, denk’ ich, müssen wir auch wieder herauskommen?

– O! Das macht mir keine Sorgen! Wohlan! Es ist keine Zeit zu verlieren. Ich gehe nun auf die Bibliothek, da findet sich vielleicht ein Manuscript von Saknussemm, das ich sehr gerne zu Rathe ziehen würde.

– Dann besehe ich mir unterdessen die Stadt. Wollen Sie das nicht auch thun?

– Das interessirt mich sehr wenig. Die Merkwürdigkeiten dieses Landes sind nicht über, sondern unter der Erde.«

Ich ging aus, streifte umher.

In den zwei Straßen Reykjawiks irre gehen, wäre nicht leicht gewesen. Ich brauchte daher nicht nach dem Weg zu fragen, was in der Geberdensprache zu Mißverständnissen führt.

Die Stadt zieht sich auf ziemlich niederem und sumpfigem Boden zwischen zwei Anhöhen hin. Auf der einen Seite ist sie von einer ungeheuren Lavaschicht bedeckt, die in allmäligen Stufen nach dem Meer zu abfällt; auf der anderen erstreckt sich die ungeheure, nördlich von dem großen Gletscher des Snäfields begrenzte Bai Faxa, worin eben die Valkyrie das einzige vor Anker liegende Schiff war. Gewöhnlich liegen hier die englischen und französischen Fischerboote in Menge; diese waren aber damals auf der Nordküste der Insel beschäftigt.

Die längere der beiden Straßen von Reykjawik läuft mit dem Ufer parallel; in derselben wohnen die Kauf- und Geschäftsleute in hölzernen Hütten, die aus rothen, horizontal gelegten Balken aufgebaut sind; die andere läuft westlicher zwischen den Häusern des Bischofs und der anderen, nicht dem Handel angehörigen Personen einem kleinen See zu.

Diese trübseligen, düsteren Straßen hatte ich rasch durchschritten. Ich sah darin mitunter ein Stückchen farblosen Rasen gleich einem alten abgetragenen Teppich; oder auch ein Fleckchen, das wie ein Nutzgarten aussah, mit etwas Gemüse, Erdäpfeln, Kohl und Lattich, welches wohl für eine Liliputertafel ausgereicht haben würde; einige kränkelnde Levkojen suchten auch am Sonnenstrahl Erquickung.

Ungefähr in der Mitte der nicht geschäftlichen Straße fand ich, umgeben von einer Erdmauer, den öffentlichen Friedhof, worin es an Raum nicht gebrach. Hierauf, nach einigen Schritten, gelangte ich zur Wohnung des Statthalters, einem Gemäuer gleich dem Stadthause zu Hamburg, einem Palast neben den Hütten der isländischen Bewohner Zwischen dem kleinen See und der Stadt erhob sich die Kirche, die im protestantischen Styl aus verkalktem, von den Vulkanen ausgeworfenem Gestein erbaut war; durch die argen Westwinde wäre ihr Dach aus rothem Ziegelstein augenscheinlich in alle Lüfte zerstreut worden.

Auf einer nahen Anhöhe erblickte ich die Nationalschule, wo man, wie ich hernach von unserem Hauswirth hörte, die hebräische, englische, französische und dänische Sprache lehrte, von welchen vier Sprachen ich, zu meiner Schande, nicht ein Wörtchen verstand. Ich wäre unter den vierzig Schülern dieses kleinen Gymnasiums der unterste gewesen, und nicht würdig, mit ihnen in den Schränken mit zwei Abtheilungen zu schlafen, worin die schwächeren in der ersten Nacht ersticken konnten.

In drei Stunden hatte ich nicht allein die Stadt, sondern auch ihre Umgebung gemustert. Im Allgemeinen ein höchst trauriger Anblick. Keine Bäume, so zu sagen keine Vegetation. Ueberall lebende Spitzen vulkanischen Gesteins. Die Hütten der Isländer sind aus Erde und Torf verfertigt, ihre Wände nach Innen geneigt. Sie sehen wie Dächer aus, die unmittelbar auf dem Boden ruhen. Nur sind diese Dächer Wiesen, die einigermaßen ergiebig sind. In Folge der Wärme ihrer Bewohner sproßt das Gras darauf ziemlich gut, und man mäht es zur Zeit der Heuernte sorgfältig ab, sonst würden die Hausthiere auf den grünen Dächern weiden.

Während meines Spaziergangs begegneten mir wenig Leute. Auf dem Heimweg durch die gewerbliche Straße fand ich die meisten Einwohner beschäftigt, Kabljau zu trocknen, zu salzen und einzuladen; denn es ist dies der Hauptausfuhrartikel. Die Menschen scheinen kräftig, aber schwerfällig, Musterstücke von blonden Deutschen mit gedankenvollem Auge, die sich etwas außerhalb der menschlichen Gesellschaft fühlen, arme, in dieses Eisland verwiesene Verbannte, welche die Natur dazu verurtheilte, auf dieser Grenze des Polarkreises zu leben! Ich bemühte mich vergebens, ein Lächeln auf ihrem Antlitz zu gewahren; manchmal lachten sie wohl aus unwillkürlicher Muskelbewegung, niemals aber kam’s zur Freundlichkeit des Lächelns.

Ihre Tracht bestand in einem groben Rock von schwarzer Wolle, die in den scandinavischen Ländern unter dem Namen »Vadmel« bekannt ist, einem breitgerandeten Hut, Hosen mit rother Borde, und einem Stück Leder, das zu einer Art Fußbekleidung zusammengelegt ist.

Die Frauen, von traurigem Aussehen, zeigten ziemlich angenehme aber ausdruckslose Züge; ihr Anzug bestand aus Leibchen und Rock aus dunklem »Vadmel«; die Mädchen trugen ihr Haar in Zöpfen geflochten unter einem braunen gestrickten Häubchen; die Verheirateten hatten als Kopfbedeckung ein buntes Tuch, worüber eine Verzierung von weißer Leinwand.

Als ich nach einem hübschen Spaziergang in die Behausung des Herrn Fridrickson zurückkam, fand ich meinen Oheim bereits in Gesellschaft seines Hauswirths.

Zehntes Capitel

Professor Fridrickson

Das Mittagessen war bereit. Der Professor Lidenbrock verschlang es mit großem Appetit, denn sein Magen war in Folge des Fastens an Bord zu einem Schlund geworden. Diese mehr dänische, wie isländische Mahlzeit hatte an sich nichts Merkwürdiges; aber unser Wirth, der mehr Isländer wie Däne war, erinnerte mich an die antike Gastfreundschaft, welche den Gast mehr gelten läßt.

In die Unterhaltung, welche in der Landessprache geführt wurde, mischte mein Oheim deutsche Brocken, und Herr Fridrickson lateinische, damit auch mir etwas verständlich sei. Sie betraf wissenschaftliche Fragen, wie es bei Gelehrten passend ist; aber der Professor Lidenbrock hielt sich äußerst rückhaltend, und seine Augen befahlen mir bei jedem Satze unbedingtes Schweigen über unsere Zwecke an.

Zuerst erkundigte sich Herr Fridrickson bei meinem Oheim über das Resultat seiner Untersuchungen auf der Bibliothek.

»Ihre Bibliothek, bemerkte Letzterer, besteht nur aus verstümmelten Werken, aus fast leeren Fächern.

– Wie? erwiderte Herr Fridrickson, wir besitzen achttausend Bände, worunter viele werthvolle und seltene Werke in alt-scandinavischer Sprache, und alle neueren Erscheinungen, womit wir von Kopenhagen aus jährlich versorgt werden.

– Wo sind denn diese achttausend Bände? Meiner Schätzung nach …

– Ei! Herr Lidenbrock, sie sind im Umlauf in Land. Man hat auf unserer alten Eisinsel Luft am Lesen! Es giebt keinen Bauer, keinen Fischer, der nicht lesen könnte und nicht liest. Wir meinen, Bücher seien bestimmt, anstatt hinter eisernen Gittern zu verschimmeln, unter den Augen der Leser nützlich zu sein. So sind denn auch diese Bände von Hand zu Hand in Umlauf, werden durchblättert, gelesen und wieder gelesen; und manchmal sind sie ein Jahr oder zwei abwesend, bis sie wieder in ihr Fach kommen.

– Doch, erwiderte mein Oheim etwas ärgerlich, die Fremden …

– Was meinen Sie! Die Ausländer haben in ihrer Heimat Bibliotheken, und vor Allem bedürfen unsere Landleute der geistigen Nahrung. Ich wiederhole, Freude an der Belehrung liegt dem Isländer im Blute. Auch haben wir 1816 eine literarische Gesellschaft gegründet, die in Blüthe ist; ausländische Gelehrte machen sich eine Ehre daraus, derselben anzugehören; sie veröffentlicht Schriften für Erziehung und Bildung unserer Landsleute, und leistet dem Land wirkliche Dienste. Wenn Sie, Herr Lidenbrock, uns als correspondirendes Mitglied angehören wollen, machen Sie uns damit ein großes Vergnügen.«

Mein Oheim, der bereits hundert wissenschaftlichen Gesellschaften angehörte, nahm es freundlich an zur dankbaren Befriedigung des Herrn Fridrickson.

»Jetzt, fuhr dieser fort, geben Sie mir gefälligst die Bücher an, welche Sie auf unserer Bibliothek zu finden hofften, und ich kann Ihnen vielleicht darüber Auskunft geben.«

Ich sah meinen Oheim an. Er zögerte mit der Antwort. Das berührte direct seine Pläne. Doch entschloß er sich, nach einiger Ueberlegung, zu reden.

»Herr Fridrickson, sagte er, ich möchte wissen, ob Sie unter Ihren alten Büchern auch die von Arne Saknussemm besitzen?

– Arne Saknussemm! erwiderte der Professor aus Reykjawik. Sie meinen den Gelehrten des sechzehnten Jahrhunderts, der ein großer Naturkundiger, Alchymist und Reisender war?

– Den eben meine ich.

– Eine der Zierden der Wissenschaft und Literatur Islands?

– Wie Sie sagen.

– Ein weltberühmter Mann?

– Ich geb’s zu.

– Von eben so großem Muth, als Genie?

– Ich sehe, daß Sie ihn genau kennen.«

Mein Oheim hörte mit Entzücken so von seinem Helden sprechen. Seine Blicke hingen unverwandt an Herrn Fridrickson.

»Nun! fragte er, seine Werke?

– Seine Werke haben wir nicht.

– Wie? Auf Island?

– Sie existiren weder auf Island, noch sonstwo.

– Und warum?

– Weil Arne Saknussemm als Ketzer verfolgt, und seine Werke im Jahre 1573 zu Kopenhagen durch Henkershand verbrannt wurden.

– Vortrefflich! rief mein Oheim, zum Aergerniß des Professors der Naturwissenschaften.

– Wie? fragte dieser.

– Ja! Alles erklärt sich, Alles verknüpft sich, Alles ist verständlich, und ich begreife, weshalb Saknussemm, nachdem seine Schriften verfolgt und er genöthigt worden, die Entdeckungen seines Geistes zu verbergen, sein Geheimniß in unverständliche Geheimschrift verhüllen mußte …

– Was für ein Geheimniß? fragte lebhaft Fridrickson.

– Ein Geheimniß … das … erwiderte stotternd mein Oheim.

– Haben Sie vielleicht ein besonderes Document?

– Nein … Es war bloße Vermuthung.

– Gut, versetzte Herr Fridrickson, der so freundlich war, als er seine Verlegenheit sah, nicht weiter in ihn zu dringen. Ich hoffe, fuhr er fort, Sie werden unsere Insel nicht verlassen, ohne aus ihren mineralogischen Schätzen zu schöpfen?

– Unfehlbar, erwiderte mein Oheim; aber ich komme etwas spät, es sind schon andere Gelehrte hier gewesen?

– Ja, Herr Lidenbrock; die auf königlichen Befehl ausgeführten Arbeiten der Herren Olafsen und Povelsen, die Studien Troil’s, die wissenschaftliche Mission der Herren Gaimard und Robert an Bord der französischen Corvette ›La Recherche‹, und letzthin die Beobachtungen der auf der Fregatte La Reine Hortense befindlichen Gelehrten haben zur Kenntniß Islands sehr viel beigetragen. Aber, glauben Sie mir, sie haben noch etwas zu thun übrig gelassen.

– Sie meinen? fragte mein Oheim mit gutmüthiger Miene, indem er das Feuer seiner Augen zu mildern bemüht war.

– Ja. Was sind da für Berge, Gletscher, Vulkane, die noch wenig gekannt sind, zu erforschen! Sehen Sie da, um nicht weiter zu gehen, diesen Berg am Horizont emporragen. Das ist der Snäfields.

– So! sagte mein Oheim, der Snäfields!

– Ja, einer der merkwürdigsten Vulkane, dessen Krater selten besucht wird.

– Ist er erloschen?

– O! Seit fünfhundert Jahren.

– Nun denn! erwiderte mein Oheim, der, um nicht aufzuspringen, krampfhaft die Beine über einander schlug, ich habe Lust, meine geologischen Studien mit diesem Sessel … Fessel … wie sagten Sie? zu beginnen.

– Snäfields!« fuhr der treffliche Herr Fridrickson fort.

Dieser Theil der Unterhaltung hatte in lateinischer Sprache stattgefunden; ich hatte Alles verstanden, und konnte kaum meine ernsthafte Miene bewahren, als mein Oheim seine freudige Befriedigung zu verbergen suchte, die aus ihm herausstrahlte. Indem er sich unschuldig stellen wollte, glich er einem alten Teufel.

»Ja, sagte er, Ihre Worte sollen mich bestimmen! Wir wollen den Snäfields zu ersteigen versuchen, vielleicht auch seinen Krater untersuchen!

– Ich bedauere sehr, erwiderte Herr Fridrickson, daß meine Geschäfte mir nicht gestatten, mich zu entfernen; ich würde Sie gerne dahin begleitet haben.

– O nein! nein! erwiderte lebhaft mein Oheim; wir wollen durchaus keine Störung machen, Herr Fridrickson; ich danke Ihnen herzlich. Die Betheiligung eines so gelehrten Mannes, wie Sie, wäre sehr nützlich, aber die Obliegenheiten Ihres Amtes …«

Ich denke mir gerne, daß unser Wirth in der Unbefangenheit seiner isländischen Seele von der großen Schalkheit meines Oheims keinen Begriff hatte.

»Ich billige sehr, Herr Lidenbrock, sagte er, daß Sie mit diesem Vulkan anfangen. Sie werden da an merkwürdigen Beobachtungen eine reiche Ernte bekommen. Aber sagen Sie mir, wie denken Sie auf die Halbinsel des Snäfields zu kommen?

– Zur See, über die Bai. So geht’s am schnellsten.

– Allerdings; aber das ist jetzt unmöglich.

– Weshalb?

– Weil wir nicht ein einziges Boot zu Reykjawik haben.

– Teufel!

– Sie müssen längs der Küste zu Land reisen. Das ist zwar ein Umweg, aber er ist interessant.

– Gut. Ich werde einen Führer zu bekommen suchen.

– Ich kann Ihnen gerade einen anbieten.

– Ist’s ein zuverlässiger, verständiger Mann?

– Ja, ein Bewohner der Halbinsel. Es ist ein sehr geschickter Eiderjäger, mit dem Sie zufrieden sein werden. Er spricht geläufig dänisch.

– Und wann kann ich ihn sehen?

– Morgen, wenn’s Ihnen beliebt.

– Warum nicht heute?

– Weil er erst morgen ankommt.

– Morgen also, erwiderte mein Oheim seufzend.«

Kurz darauf endigte diese bedeutsame Unterhaltung, und der deutsche Professor dankte dem isländischen auf’s Wärmste.

Mein Oheim hatte bei der Mahlzeit wichtige Dinge erfahren, unter anderem die Geschichte Saknussemm’s und den Grund seines geheimnißvollen Documents, sowie die Aussicht, morgen einen Führer zur Verfügung zu haben.

Elftes Capitel

Hans Bjelke

Abends machte ich einen kleinen Spaziergang am Gestade von Reykjawik, kam frühzeitig zurück, und legte mich zu Bette, wo ich in tiefem Schlaf ausruhte.

Beim Erwachen hörte ich meinen Oheim im Nebenzimmer in lebhaftem Gespräch. Ich stand sogleich auf und beeilte mich zu ihm zu kommen.

Er sprach dänisch mit einem Manne von hohem, kräftigem Wuchs. Der große Bursche schien ungemein stark zu sein. Seine Augen in einem starken Kopf mit treuherzigen Zügen schienen verständig. Sie waren blau und tiefsinnig. Lange Haare, die selbst in England für roth gelten konnten, wallten über seine athletischen Schultern. Seine Bewegungen waren zwar geschmeidig, aber er regte wenig die Arme; die Sprache der Gesticulation war ihm unbekannt. In Allem sprach sich bei ihm das vollkommen ruhige, aber doch nicht gleichgiltige Temperament aus. Man fühlte, daß er von keinem Menschen etwas begehrte, daß er nach eigenem Ermessen arbeitete, und daß nichts in der Welt ihn in seiner Lebensphilosophie störte.

Die Schattirungen dieses Charakters nahm ich an der Art und Weise ab, wie der Isländer den leidenschaftlichen Wortschwall des Professors aufnahm.

Mit gekreuzten Armen blieb er inmitten der fortwährenden Gesticulation meines Oheims unbeweglich; zum Verneinen wandte er seinen Kopf von der Linken zur Rechten, zum Bejahen neigte er sich, aber so wenig, daß seine langen Haare sich kaum bewegten. Die Sparsamkeit an Bewegungen trieb er bis zum Geiz.

Beim Anblick dieses Mannes hätte ich sicher nicht geahnt, daß er seines Zeichens ein Jäger sei; dieser scheuchte gewiß sein Wild nicht auf, aber wie konnte er ihm nahe kommen?

Dies ward mir begreiflich, als ich von Herrn Fridrickson vernahm, dieser ruhige Mann sei nur ein »Eiderjäger«. Um das Gefieder der Eidergans, »Eiderdaunen« genannt, worin ein großer Reichthum der Insel besteht, zu sammeln, bedarf’s in der That keines großen Aufwandes von Bewegung.

In den ersten Sommertagen baut das Weibchen sein Nest zwischen die Felsen der Fjords, womit das Land ausgezackt ist und füttert sodann dasselbe mit den zarten Flaumfedern seines Leibes aus. Alsbald kommt nun der Jäger, oder vielmehr der Daunenhändler, nimmt das Nest weg, und das Weibchen beginnt seine Arbeit von Neuem. Dies dauert so lange, als sein Gefieder ausreicht. Ist es dessen entblößt, so kommt an das Männchen die Reihe. Da aber dessen rauhe und grobe Federn keinen Handelswerth haben, so nimmt nun der Jäger nicht mehr das Nest weg, worin dann das Weibchen seine Eier legt und ausbrütet. Im folgenden Jahre wird das Eiderdaunensammeln in gleicher Weise erneuert.

Da nun die Eidergans für ihr Nest nicht die steilen Felsen auswählt, sondern die leicht zugänglichen horizontalen, welche sich in’s Meer verlaufen, so kann der Eiderjäger sein Geschäft ohne große Anstrengung seiner Glieder verrichten. Es ist also ein Bauer, der weder zu säen, noch die Ernte zu schneiden, sondern lediglich sie einzusammeln hat.

Dieser ernste, phlegmatische und schweigsame Mann hieß Hans Bjelke; er kam auf Herrn Fridrickson’s Empfehlung und ward unser Führer. Sein Benehmen war eigenthümlich verschieden von dem meines Oheims.

Doch verständigten sie sich leicht. Keiner von beiden brachte den Preis in Anschlag; der eine bereit, zu nehmen, was man ihm bot, der andere zu geben, was verlangt wurde. Nie kam ein Handel leichter zu Stande.

Hans machte sich also verbindlich, uns bis zum Dorfe Stapi zu führen, das an der Südküste der Halbinsel des Snäfields, dicht am Fuße des Vulkans liegt. Dieser Weg wurde auf zweiundzwanzig Meilen berechnet, welche mein Oheim in zwei Tagen zurückzulegen meinte. Als er aber vernahm, daß es dänische Meilen von vierundzwanzigtausend Fuß seien, mußte er seinen Anschlag ändern und sich, in Betracht der mangelhaften Wege, auf sieben bis acht Tage gefaßt machen.

Vier Pferde mußten zur Verfügung sein, zwei zum Reiten für ihn und mich, die beiden anderen für das Gepäck zu tragen. Hans sollte nach seiner Gewohnheit zu Fuß gehen. Er kannte diese Gegend genau und versprach, den kürzesten Weg einzuschlagen.

Zur Zeit unserer Ankunft in Stapi trat derselbe nicht aus meines Oheims Dienst, sondern ließ sich von demselben für die ganze Dauer seiner wissenschaftlichen Unternehmung zum Preise von drei Reichsthalern anwerben. Nur wurde ausdrücklich ausbedungen, daß diese Summe ihm wöchentlich, am Samstag Abend, ausbezahlt würde.

Die Abreise wurde auf den 16. Juni festgesetzt. Mein Oheim wollte ihm ein Draufgeld geben, aber er lehnte es mit einem Wort ab.

»Efter, sagte er.

– Nachher«, übersetzte mir’s der Professor.

Als der Vertrag gemacht war, zog sich Hans zurück.

»Ein famoser Mensch, rief mein Oheim aus, aber er ahnt gar nicht, was für eine Rolle zu spielen ihm vorbehalten ist.

– Er wird uns also begleiten bis …

– Ja, Axel, bis nach dem Mittelpunkt der Erde.«

Achtundvierzig Stunden blieben uns noch bis zur Abreise; zu meinem großen Bedauern mußte ich sie auf die Vorbereitungen verwenden; unsere gesammten Geisteskräfte wurden in Anspruch genommen, jeden Gegenstand auf die angemessenste Weise zu ordnen, die Instrumente hierhin, die Waffen dorthin, die Werkzeuge in dies Packet, die Lebensmittel in jenes. Im Ganzen waren’s vier Gruppen.

Die Instrumente bestanden aus:

Einem hunderttheiligen Thermometer von Eigel, mit einer Scala von hundertundfünfzig Grad, welches mir zu hoch oder zu niedrig vorkam. Zu hoch, wenn die Hitze unserer Umgebung diesen Grad erreicht, denn dann würden wir gebraten. Zu niedrig, wenn sich’s darum handelte, die Temperatur der Quellen oder jedes anderen geschmolzenen Stoffs zu messen.

Ein Manometer für den Luftdruck, um die höheren Grade anzugeben, welche den der Atmosphäre auf dem Niveau des Meeres überstiegen. In der That würde das gewöhnliche Barometer nicht tauglich gewesen sein, da der Druck der Atmosphäre im Verhältniß unseres Hinabsteigens unter die Oberfläche der Erde zunehmen mußte.

Ein Chronometer vom jüngeren Boissonnas zu Genf, das nach dem Meridian Hamburgs genau gerichtet war.

Zwei Compasse für senkrechte und wagerechte Verwendung.

Ein Nachtfernrohr.

Zwei Ruhmkorff’sche Apparate, welche vermittelst eines elektrischen Stroms ein leicht tragbares Licht gewähren, das sicher ist und wenig Raum einnimmt.

Die Waffen bestanden in zwei Karabinern von Purdley More & Co. und zwei Revolvern von Colt. Wofür denn Waffen? Wir hatten doch, denk’ ich, weder Wilde noch Gewild zu fürchten. Aber mein Oheim schien an seinem Arsenal zu hängen, wie an seinen Instrumenten, besonders an einem gehörigen Vorrath von Schießbaumwolle, die von Feuchtigkeit nicht leidet, und deren Treibkraft weit stärker ist, als die des gewöhnlichen Pulvers.

Die Werkzeuge bestanden aus zwei Spitzhauen, zwei Hacken, einer Strickleiter von Seide, drei mit Eisen beschlagenen Stöcken, einem Beil, einem Hammer, einem Dutzend eiserner Keile und Ringschrauben, nebst langen Stricken mit Knoten. Das mußte wohl ein starkes Packet ausmachen, denn die Leiter war dreihundert Fuß lang.

Endlich waren auch Lebensmittel darin. Das nicht sehr große Packet enthielt an concentrirtem Fleisch mit Zwieback Vorrath für sechs Monat. Wachholderbranntwein war die einzige Flüssigkeit, an Wasser mangelte es gänzlich; aber wir hatten Kürbisflaschen, und mein Oheim rechnete auf Quellen, um sie damit zu füllen; die Einwendungen, welche ich über ihre Beschaffenheit, Temperatur, selbst ihr Vorhandensein zu machen hatte, waren fruchtlos geblieben.

Um die Liste unserer Reiseartikel vollständig zu geben, nenne ich noch eine Reiseapotheke mit stumpfen Scheeren, Schienen für einen Bruch, ein Stück Band von rohem Garn, Binden und Bäuschchen, Fontenelle, ein Aderlaßbecken, ganz erschreckliche Dinge; ferner eine Anzahl Fläschchen mit Dextrin, Wundspiritus, Bleiessig, Aether, Essig und Salmiak, lauter Arzneimittel, die wenig beruhigen konnten; endlich den nöthigen Stoff für einen Ruhmkorff’schen Apparat.

Mein Oheim vergaß auch nicht Tabak, Schießpulver und Zunder, desgleichen einen ledernen Gurt, welchen er um die Hüften trug, mit hinreichendem Vorrath an Gold, Silber- und Papiergeld. Tüchtige Schuhe, die durch einen Ueberzug von Theer und elastischem Gummi wasserdicht gemacht waren, befanden sich, und zwar sechs Paare, unter dem Geräthe.

»Also ausgestattet und versehen, sagte mein Oheim, hat man keinen Grund, eine weite Reise zu scheuen.«

Der 14. wurde ganz dazu verwendet, diese verschiedenen Gegenstände zu ordnen. Am Abend speisten wir bei dem Baron Trampe in Gesellschaft des Bürgermeisters von Reykjawik und des Doctors Hyallalin, dem obersten Arzt des Landes. Herr Fridrickson befand sich nicht unter den Gästen; später hörte ich, er sei mit dem Statthalter über einen Punkt der Verwaltung gespannt, und sie besuchten sich daher nicht. Es ging mir also die Gelegenheit ab, ein Wort von dem, was bei dieser halb-officiellen Mahlzeit gesprochen wurde, zu verstehen. Ich bemerkte nur, daß mein Oheim fortwährend sprach.

Den folgenden Tag, am 15., wurden die Vorbereitungen fertig. Unser Wirth machte dem Professor eine große Freude, indem er ihm eine Karte von Island zustellte, die ohne Vergleichung vollständiger war, als die Henderson’sche, nämlich die von Olaf Nicolas Olsen, im Maßstabe von 1: 480,000, welche von der isländischen literarischen Gesellschaft nach den geodätischen Arbeiten Scheel Frisac’s und der topographischen Aufnahme von Bjorn Gumlaugsonn herausgegeben worden war. Es war für einen Mineralogen ein kostbares Document.

Der letzte Abend wurde in vertraulichem Gespräch mit Herrn Fridrickson verbracht, zu dem ich mich mit lebhaftem Freundschaftsgefühl hingezogen fühlte; auf diese Unterhaltung folgte ein ziemlich unruhiger Schlaf, meinerseits wenigstens.

Um fünf Uhr weckte mich das Wiehern der vier Pferde, welche unter meinem Fenster stampften. Ich kleidete mich hastig an und kam herab auf die Straße. Hier war Hans beschäftigt unser Gepäck völlig aufzuladen, ohne dabei ein Wort hören zu lassen. Doch verfuhr er dabei mit ungewöhnlichem Geschick. Mein Oheim machte mehr Geräusch, als förderliche Arbeit, und der Führer schien sich wenig an seine Anweisungen zu kehren.

Um sechs Uhr war Alles fertig. Herr Fridrickson drückte uns die Hände. Mein Oheim dankte ihm in isländischer Sprache recht herzlich für seine wohlwollende Gastlichkeit. Ich ließ in meinem besten Latein einen herzlichen Gruß vernehmen; dann saßen wir auf und Herr Fridrickson rief uns zum Lebewohl den Vers Vergil’s nach:

»Fahren wir denn getrost, wohin Fortuna uns führet!«

Zwölftes Capitel

Nach Snäfieldsnäß

Wir hatten bei der Abreise bedeckten Himmel, doch beständige Witterung, weder erschöpfende Hitze zu fürchten, noch verderblichen Regen.

Das Vergnügen, zu Pferd einen Ausflug durch’s Land zu machen, erleichterte mir’s, mich in die Unternehmung zu schicken. Ich fühlte so recht das Glück, in Freiheit seinen Wünschen zu leben, und fing an, der Sache die freundliche Seite abzugewinnen.

»Was ist übrigens, sagte ich mir, zu riskiren? Mitten in einem merkwürdigen Lande zu reisen! einen berühmten Berg zu erklimmen! im schlimmsten Fall in den erloschenen Krater desselben hinabzusteigen! Offenbar hat Saknussemm nichts anderes gethan. Daß ein verborgener Gang von da in’s Centrum des Erdballs führe, pure Einbildung! rein unmöglich! So nehmen wir denn das Gute der Unternehmung hin, ohne zu handeln.«

Unter solchen Gedanken waren wir aus Reykjawik herausgekommen.

Hans ging voran, mit raschem, gleichmäßigem, ausdauerndem Schritt. Hinter ihm die zwei Pferde mit unserm Gepäck, ohne daß man sie zu treiben brauchte. Mein Oheim und ich nahmen uns wirklich nicht übel aus auf unseren kleinen, aber kräftigen Thieren.

Island gehört zu den großen Inseln Europa’s. Bei einem Flächeninhalt von vierzehnhundert Quadratmeilen zählt es nur sechzigtausend Bewohner. Die Geographen haben sie in vier Viertel getheilt, und wir mußten quer durch den Theil wandern, welcher Südwest-Viertel, »Sudvestr Fjordungr« heißt.

Hans hatte gleich von Reykjawik aus die Richtung längs des Meeresufers eingeschlagen. Wir ritten über mageres Weideland, das mehr gelb als grün aussah. Die runzeligen Gipfel der trachytischen Massen verwischten sich am Horizont im östlichen Nebel; mitunter sah man Schneestriche, welche das zerstreute Licht concentrirten, dieses schimmernd auf den Abhang fernerer Höhen zurückstrahlen; einzelne kühner empor strebende Spitzen durchbohrten das graue Gewölk und kamen über diesen beweglichen Dunstmassen gleich ragenden Klippen am klaren Himmel wieder zum Vorschein.

Ost liefen diese dürren Felsenketten in einer Spitze dem Meere zu und schnitten in das Weideland ein; aber es blieb dann noch hinreichender Raum für den Weg. Unsere Pferde suchten sich übrigens instinctmäßig die geeigneten Stellen, ohne dabei je langsamer vorwärts zu kommen. Mein Oheim hatte nicht einmal die Befriedigung, sein Reitthier durch Zuruf oder Peitsche anzutreiben; seine Ungeduld konnte sich nicht geltend machen. Ich wußte mich des Lächelns nicht zu enthalten, als ich ihn so groß auf so einem kleinen Pferde sah, daß seine langen Beine auf dem Boden strichen und er wie ein sechsfüßiger Centaur aussah.

»Braves Thier! Braves Thier! sagte er. Du wirst sehen, Axel, daß kein Thier das isländische Pferd an Verstand übertrifft. Schnee, Stürme, schlechte Wege, Felsen, Gletscher, nichts hält es auf; es ist wacker, behutsam, zuverlässig. Nie ein Fehltritt, nie ein Widerstreben. Ist ein Fluß, ein Fjord zu passiren, so stürzt es sich ohne Zaudern gleich einem Amphibium in’s Wasser, um an das gegenüberliegende Ufer zu gelangen! Aber man darf es nicht hart anfahren, muß es gewähren lassen, und man wird eins in’s andere gerechnet, täglich fünf Meilen mit ihm zurücklegen.

– Wir, allerdings, erwiderte, ich, aber der Führer?

– O! der kümmert mich nicht. Diese Leute kommen voran, ohne es zu merken. Dieser da rührt sich so wenig, daß er gar nicht müde wird. Uebrigens werd’ ich nöthigenfalls ihm mein Thier abtreten. Ich würde bald Krämpfe bekommen, wenn ich nicht mehr Bewegung hätte.«

Inzwischen kamen wir raschen Schrittes vorwärts. Das Land war bereits etwas öde. Hier und da ein vereinzelter Pachthof, ein einzeln stehendes Bauernhaus von Holz, Erde, Lavastücken zeigte sich gleich einem Bettler am Rand eines Hohlwegs. Diese verfallenen Hütten sahen aus, als sprächen sie die Barmherzigkeit der Vorübergehenden an, und man fühlte sich versucht, ihnen ein Almosen zu geben. Es fehlte in diesem Land gänzlich an Straßen, selbst an Fußpfaden, und so langsam die Vegetation war, so vertilgte sie doch bald die seltenen Fußtritte der Reisenden.

Und doch gehörte dieser in aller Nähe der Hauptstadt gelegene Theil der Provinz zu den bewohnten und angebauten Strecken der Insel. Wie stand es demnach mit den Gegenden, welche noch öder waren, als diese Oede. Wir hatten erst eine halbe Meile zurückgelegt, und waren noch nicht auf einen Bauer an der Thüre seiner Hütte, noch auf einen wilden Schäfer gestoßen, der eine nicht so wilde Heerde hütete; nur einige sich selbst überlassene Kühe und Hämmel kamen uns zu Gesicht. Wie sollte es erst mit den von vulkanischen Ausbrüchen und Erdbeben heimgesuchten Gegenden stehen?

Wir sollten sie später kennen lernen; aber die Olsen’sche Karte belehrte mich, daß man ihnen auswich, indem man sich an das buchtige Gestade hielt. Die große plutonische Bewegung hatte sich besonders auf das Innere der Insel beschränkt; da finden sich denn auch die horizontal über einander geschichteten Felsen, in skandinavischer Sprache Trapps genannt, die trachytischen Ausbrüche von Basalt, Tuff und allen vulkanischen Conglomeraten, die Ergießungen von Lava und geschmolzenem Porphyr, welche dem Land ein übernatürlich schauderhaftes Aussehen geben. Ich hatte damals noch keine Ahnung von dem Anblick, den wir auf der Halbinsel des Snäfields haben sollten, wo diese Verheerungen einer wilden Natur ein furchtbares Chaos bilden.

Zwei Stunden nach unserer Abreise aus Reykjawik gelangten wir zu dem Flecken Gufunns, genannt »Aoalkirkja«, oder Hauptkirche. Es findet sich da nichts Merkwürdiges; die wenigen Häuser würden in Deutschland kaum einen Weiler bilden.

Hier machte Hans eine halbe Stunde Halt; er theilte unser frugales Frühstück mit uns, antwortete auf die Fragen meines Oheims über die Beschaffenheit des Weges mit Ja und Nein, und als man ihn fragte, wo er zu übernachten gedenke, sagte er nur:

»Gardar.«

Ich sah auf der Karte nach, und fand am Ufer des Hvalfjord, vier Meilen von Reykjawik, einen kleinen Flecken dieses Namens. Als ich ihn meinem Oheim zeigte, sprach er:

»Vier Meilen nur! vier Meilen von zweiundzwanzig! Das ist ein hübscher Spaziergang.«

Er wollte dem Führer eine Bemerkung machen, der gab ihm aber keine Antwort und machte sich an die Spitze seiner Pferde wieder auf den Weg.

Drei Stunden später, indem wir stets den farblosen Rasen des Weidelandes durchzogen, mußten wir um den Kollafjord herum reiten, ein Umweg, der kürzer und leichter war, als eine Fahrt über den Busen. Darauf kamen wir in ein »Pingstaor«, d.h. eine Bezirks-Gerichtsstelle, mit Namen Ejulberg, zur Mittagszeit, als die Glocke zwölf geschlagen haben würde, wenn überhaupt die isländischen Kirchen bemittelt genug wären, um eine Thurmuhr anzukaufen; so wie auch die Pfarrkinder keine Uhren tragen, weil sie keine besitzen.

Hier wurden die Pferde gefüttert; darauf ritten wir auf einem schmalen Uferweg zwischen einer Hügelreihe und dem Meer ununterbrochen weiter bis zu der »Aoalkirkja« Brantär, und eine Meile weiter nach Saurböer, einer Filialkirche, »Annexia«, am südlichen Ufer des Hvalfjord.

Es war vier Uhr Abends, und wir hatten vier (dän.) Meilen zurückgelegt.

Der Fjord war an dieser Stelle mindestens eine halbe Meile breit; die Meereswellen schlugen tosend wider die scharf gespitzten Felsen; der Golf erweiterte sich zwischen Felswänden, die dreitausend Fuß hoch senkrecht aufstiegen und durch braune Schichten zwischen röthlichen Tufflagern merkwürdig waren. So verständig unsere Pferde sein mochten, so ahnte ich nichts Gutes dabei, wenn wir es unternahmen auf dem Rücken eines Vierfüßlers über einen wirklichen Meeresarm zu setzen.

»Wenn sie verständig sind, sagte ich, so werden sie keinen Versuch machen überzusetzen. Jedenfalls übernehme ich’s, an ihrer Statt verständig zu sein.«

Aber mein Oheim wollte nicht warten. Er galopirte dem Ufer zu. Sein Reitthier witterte die Meereswellen und hielt an. Jener aber hatte seinen eigenen Instinct, und setzte ihm noch mehr zu. Das Pferd schüttelte den Kopf und weigerte sich abermals. Nun fluchte und peitschte er, aber das Thier schlug hinten aus und machte Miene seinen Reiter abzuwerfen. Schließlich beugte es seine Kniekehlen und schlüpfte unter den langen Beinen des Professors weg, so daß er aufrecht auf zwei Felsstücken stehen blieb, wie der Koloß auf Rhodus.

»Du verdammtes Thier! rief der Reiter, als er sich plötzlich zu Fuß sah, und schämte sich wie ein Reiterofficier, der zum Infanteristen gemacht werden soll.

– Farja, sagte der Führer, und klopfte ihm auf die Schulter.

– Wie? eine Fähre.

– Dort, erwiderte Hans und deutete auf ein Fahrzeug.

– Ja wohl, rief ich, da ist eine Fähre.

– Das hätte man sagen sollen! Nun, weiter!

– Tidvatten, fuhr der Führer fort.

– Was sagt er?

– Er meint die Ebbe, übersetzte mein Oheim das dänische Wort.

– Allerdings, wir müssen die Ebbe abwarten.

– Forbida? fragte jener.

– Ja.«

Mein Oheim stampfte mit dem Fuß, während die Pferde auf die Fähre zu gingen.

Es war mir wohl begreiflich, daß man, um überzusetzen, noch eine Weile warten müsse, bis das Wasser auf seinem Höhestand weder steigt noch fällt, weil dann die Strömung in keiner Richtung wirksam ist, so daß die Fähre nicht Gefahr läuft fortgerissen zu werden.

Dieser günstige Zeitpunkt trat erst um sechs Uhr Abends ein; mein Oheim, ich, der Führer, zwei Fährmänner und die vier Pferde hatten bereits in der etwas gebrechlichen flachen Barke Platz genommen. Da ich an die Dampffähren der Elbe gewöhnt war, so kamen mir die Ruder der Schiffer als ein armseliger Behelf vor. Wir brauchten über eine Stunde Zeit, um über den Fjord zu setzen; aber endlich kamen wir doch glücklich hinüber.

Nach einer halben Stunde erreichten wir Gardar.

Dreizehntes Capitel

Eine Bauernherberge

Es hätte nun dunkel werden sollen, aber unter dem vierundsechzigsten Breitegrad konnte die nächtliche Helle mich nicht in Verwunderung setzen; in Island geht die Sonne während des Juni und Juli nicht unter.

Doch war die Temperatur niedrig. Es fror mich und ich hatte Hunger. Da war nun das Bauernhaus willkommen, welches uns gastlich aufnahm.

Die Gastlichkeit dieses Bauers wog die eines Königs auf. Als wir ankamen, reichte uns der Besitzer die Hand entgegen und winkte uns ohne Weiteres ihm zu folgen.

Zu folgen, denn ihn zu begleiten war nicht möglich. Ein langer, schmaler, dunkler Gang führte in diese aus nothdürftig behauenen Balken errichtete Wohnung und bildete den Zugang zu den Gemächern; deren waren es vier: die Küche, die Weberwerkstätte, das Schlafzimmer der Familie, »Badstosa« und das Fremdenzimmer, von allen das beste. Da man beim Bauen des Hauses nicht an die Größe meines Oheims gedacht hatte, so stieß er einigemal mit dem Kopf wider die Vorsprünge der Decke.

Man führte uns in unser Gemach, ein großes Zimmer mit einem Boden von gestampfter Erde und einem Fenster, dessen Scheiben aus wenig durchsichtigen Häutchen von Hammelfleisch gemacht waren. Das Bettzeug bestand aus dürrem Stroh, das man in zwei hölzerne, roth angestrichene und mit isländischen Sprüchen verzierte Verschläge geworfen hatte. Solch eines Comforts hatte ich mich nicht versehen; nur durchdrang das Haus ein starker Geruch getrockneter Fische, eingemachten Fleisches und saurer Milch. Meinem Geruchsorgan wollte dies nicht behagen.

Nachdem wir unsere Reiserüstung abgelegt hatten, lud uns der Hauswirth ein, in die Küche zu kommen, die einzige Stelle auch bei größter Kälte, wo Feuerung war.

Mein Oheim folgte ungesäumt der freundlichen Einladung, und ich schloß mich an.

Das Kamin der Küche war nach uraltem Muster eingerichtet; in der Mitte des Raums bildete ein einziger Stein die Feuerstätte; im Dach befand sich ein Loch als Rauchfang. Diese Küche diente auch als Speisesaal.

Bei unserm Eintritt grüßte uns unser Hauswirth, als habe er uns noch nicht gesehen, mit dem Wort »saellvertu«, d.h. seid glücklich, und küßte uns auf die Wange.

Nach ihm sprach seine Frau die nämlichen Worte, verbunden mit derselben Ceremonie; darauf legten sie die rechte Hand auf’s Herz und machten eine tiefe Verbeugung.

Die Frau war Mutter von neunzehn Kindern, die alle, große wie kleine, mitten in dem Dunst des Heerdes, welcher das Gemach füllte, durcheinander wimmelten. Jeden Augenblick sah ich ein anderes blondes, etwas melancholisches Köpfchen aus diesem Nebel hervortauchen. Man hätte sie für eine Gruppe ungewaschener Engel halten können.

Wir begegneten dieser »Nestbrut« recht freundlich, und bald hatten wir drei oder vier der Meerkätzchen auf unsern Schultern, ebensoviel auf dem Schooß, die übrigen zwischen den Beinen. Die sprechen konnten, ließen das »saellvertu« in allen erdenklichen Tonarten vernehmen. Die noch nicht sprechen konnten, schrien um so mehr.

Das Concert wurde durch die Ankündigung der Mahlzeit unterbrochen. In diesem Augenblick trat der Eiderjäger ein, welcher inzwischen für Fütterung der Pferde gesorgt hatte, d.h. er hatte sie sparsamer Weise, auf dem Felde zu weiden, losgezäumt; die armen Thiere mußten sich mit spärlichem Moos der Felsen und einigem wenig nahrhaften Seegras begnügen, um Tags darauf von selbst wieder zur Tagesarbeit zu kommen.

»Saellvertu«, rief Hans.

Darauf folgte ruhig, automatisch, ohne daß ein Kuß lebhafter war als der andere, dieselbe Scene der Begrüßung von Seiten des Wirths, seiner Frau und der neunzehn Kinder.

Als die Ceremonie zu Ende war, setzte man sich zu Tische, vierundzwanzig an Zahl, folglich eins auf das andere, im wörtlichen Sinne. Wer nur zwei auf den Knieen hatte, kam dabei gut weg.

Jedoch als die Suppe kam, ward das Völkchen stille. Unser Wirth reichte uns eine Moossuppe, die nicht übel schmeckte, dann eine stattliche Portion getrockneten Fisch in Butter schwimmend, die seit zwanzig Jahren etwas scharf geworden und also nach isländischen Begriffen vorzüglicher war als frische Butter. Dazu gab es »Skyr«, eine Art geronnener Milch, mit Zwieback und einer Brühe von Wachholderbeeren; endlich ein Trank, Molken mit Wasser gemischt, der »Blanda« genannt wird. Ob diese seltsame Nahrung gut war, oder nicht, kann ich nicht beurtheilen. Es hungerte mich, und zum Dessert verschlang ich einen dicken Haidekornbrei bis auf den letzten Mund voll.

Nach beendigter Mahlzeit verliefen sich die Kinder wieder; die erwachsenen Personen umgaben die Feuerstelle, wo sie Torf, Reiser, Kuhmist und Gräten getrockneter Fische brannten. Darauf, nachdem sie dergestalt sich gewärmt, begaben sich die einzelnen Gruppen wieder in ihre Gemächer. Die Wirthin erbot sich, der Gewohnheit gemäß, uns Strümpfe und Bein kleider auszuziehen; aber nach unserer höflichen Ablehnung bestand sie nicht darauf, und ich kam endlich dazu, mich auf mein Streulager zu kauern.

Am folgenden Morgen um fünf Uhr verabschiedeten wir uns von dem isländischen Bauer; mit Mühe konnte mein Oheim ihn bewegen, eine angemessene Vergütung anzunehmen, und Hans gab das Zeichen zur Abreise.

In einer Entfernung von hundert Schritten bekam die Gegend ein anderes Aussehen; der Boden wurde sumpfig und für die Reise weniger geeignet. Rechts zog sich die Gebirgsreihe unendlich hin, wie ein System natürlicher Festungswerke; oft stieß man auf Bäche, die man nothwendig durchwaten mußte, ohne daß jedoch das Gepäck allzu naß wurde.

Die Oede der Gegend nahm zu; mitunter jedoch schien eine menschliche Gestalt in der Ferne zu fliehen. Da wir auf einem Umwege unversehens einem dieser Gespenster nahe kamen, wandelte mich unwillkürlich ein Ekel an beim Anblick eines geschwollenen Kopfes ohne Haare mit glänzender Haut, und ekelhaften Wunden, die zwischen elenden Lumpen durch zu erkennen waren.

Das unglückselige Geschöpf reichte nicht seine Hand zum Gruß entgegen; vielmehr floh es so rasch, daß ihm Hans nicht sein »saellvertu« zurufen konnte.

»Spetelsk, sagte er.

– Ein Aussätziger!« verdeutschte mein Oheim.

Und dies einzige Wort wirkte so abstoßend. Diese erschreckliche Krankheit ist in Island gewöhnlich; sie ist nicht ansteckend, sondern angeerbt. Darum ist auch solchen Unglücklichen das Heiraten untersagt.

Diese Erscheinungen waren nicht geeignet, die traurige Landschaft heiterer zu machen. Die letzten Kräuter erstarben unter unseren Füßen; kein Baum, außer einigem Gestrüpp von Zwergbirken. Nicht ein Thier, außer etlichen Pferden, die, weil ihr Herr sie nicht füttern konnte, über die düsteren Ebenen schweiften. Bisweilen sah man einen Falken im grauen Gewölk schweifen und pfeilschnell nach dem Süden fliehen. Ich gab mich der Melancholie dieser wilden Natur hin, und meine Erinnerungen zogen mich heim in mein Geburtsland.

Bald mußten wir wieder einige unbedeutende Fjorde durchwaten, und endlich einen Golf; da das Meer dort eben im Stillstand war, konnten wir ohne zu warten hinüber kommen, und gelangten zu dem eine Meile weiter gelegenen Weiler Alstanes.

Nachdem wir einige an Austern und Hechten reiche Flüßchen, Alfa und Heta, durchwatet, mußten wir die Nacht in einem verlassenen Gemäuer hinbringen, das von allen Kobolden der skandinavischen Mythologie besucht zu werden verdiente: der Plagegeist der Kälte war dort sicherlich zu Hause, um uns die ganze Nacht zu quälen.

Den folgenden Tag begegnete uns nichts Besonderes. Stets derselbe Sumpfboden, dieselbe Einförmigkeit, dasselbe traurige Aussehen. Am Abend hatten wir die Hälfte des Weges zurückgelegt, und übernachteten in der Annexia Krösolbt.

Am 19. Juni hatten wir etwa eine Meile weit Lavagrund unter den Füßen; solcher heißt in der Sprache des Landes »Hraun«; die runzelige Lava zeigte an der Oberfläche die Gestalt von Ankertauen, die bald zusammen gerollt, theils auseinander gezogen schienen; ein ungeheurer Strom war den nahen Bergen herabgeströmt, nunmehr erloschenen Vulkanen, deren Trümmerreste von den früheren heftigen Ausbrüchen Zeugniß geben. Doch drang hier und da einiger Qualm heißer Quellen hervor.

Diese Erscheinungen zu beobachten mangelte uns die Zeit. Bald zeigte sich wieder unter den Füßen unserer Thiere der Sumpfboden, der von kleinen Seen unterbrochen war. Die Richtung unseres Weges war damals westlich; wir hatten in der That die große Bai Faxa umgangen, und der doppelte weiße Gipfel des Snäfields ragte in der Entfernung von nicht fünf Meilen empor.

Die Pferde gingen einen guten Schritt, ohne sich durch die Schwierigkeiten des Bodens aufhalten zu lassen. Ich meines Theils fing an sehr müde zu werden; mein Oheim blieb so fest und gerade, wie am ersten Tag; ich konnte nicht umhin, ihn zu bewundern, gleich dem Eiderjäger, der diese Reise wie einen Spaziergang ansah.

Samstags 20. Juni kamen wir Abends um sechs Uhr nach Büdir, einem kleinen Flecken am Meeresufer, und der Führer begehrte seine bedungene Zahlung. Mein Oheim rechnete mit ihm ab. Die Familie unseres Hans, nämlich seine Oheime und Vettern boten uns ihre Gastfreundschaft an; wir wurden wohl empfangen und ich hätte mich, ohne die Güte dieser wackeren Leute zu mißbrauchen, gerne bei ihnen von den Reisebeschwerden erholt. Aber mein Oheim, der selbst keine Erholung bedurfte, verstand’s nicht so, und am folgenden Morgen mußten wir von Neuem aufsitzen.

Der Boden zeigte schon Spuren von der Nähe des Berges, dessen granitene Wurzeln wie die einer alten Eiche aus der Erde zum Vorschein kamen. Wir umgingen den ungeheuren Fuß des Vulkans. Der Professor verlor ihn nicht aus den Augen; er gesticulirte, als wenn er ihn herausfordere, und rief aus: »Da ist der Riese, den ich bezwingen will!« Endlich, nach vier Stunden hielten die Pferde von selbst an dem Thore des Pfarrhauses zu Stapi.

Vierzehntes Capitel

Im Pfarrhaus

Stapi, ein kleiner Flecken von etwa dreißig Hütten, steht auf Lavagrund im Widerschein der von dem Vulkan reflectirten Sonnenstrahlen. Der kleine Fjord, woran derselbe liegt, ist von einer auffallend gebildeten Basaltmauer eingefaßt.

Bekanntlich ist der Basalt ein braunes Gestein vulkanischen Ursprungs, das regelmäßige Formen zeigt, welche durch ihre Eigenthümlichkeit überraschen. Die Natur verfährt hier geometrisch und arbeitet in menschlicher Weise, als hätte sie Winkelmaß, Zirkel und Senkblei in der Hand. Indem sie sonst überall ihre Kunst in großen unordentlichen Massen und seltsamer Verbindung der Linien gezeigt hat, so wollte sie hier ein Muster von Regelmäßigkeit geben und den Architekten der frühesten Jahrhunderte ein streng geregeltes Vorbild schaffen, das weder von der Herrlichkeit Babylons, noch von den Wundern Griechenlands je übertroffen worden ist.

Ich hatte wohl von dem Riesendamm in Island und der Fingalsgrotte auf einer der Hebriden reden hören, aber den Anblick eines basaltischen Unterbau’s hatte ich noch nicht gehabt.

Zu Stapi nun zeigte sich ein solcher in voller Schönheit. Die Uferwand des Fjord, wie das ganze Ufer der Halbinsel besteht aus einer Reihe dreißig Fuß hoher, senkrechter Säulen. Ueber diesen geraden Schäften von reinen Verhältnissen zog sich ein Schwibbogengesims aus horizontalliegenden Säulen, die nach dem Meer hin vorsprangen. In gewissen Zwischenräumen gewahrte das Auge unter diesem natürlichen Schutzdach Oeffnungen von bewundernswerther Zeichnung, durch welche reichlich strömende Wogen schäumend eindrangen. Basaltblöcke, vom wüthenden Strom der Gewässer fortgerissen, lagen zerstreut auf dem Boden, wie Trümmer eines antiken Tempels, ewig junge Ruinen, unverletzt von darüber rollenden Jahrhunderten.

Dies war die letzte Etappe unserer Landreise. Hans hatte uns verständig geleitet, und ich beruhigte mich ein wenig bei dem Gedanken, daß er uns noch ferner begleiten sollte.

Als wir am Thore des Pfarrhauses ankamen, einer niedrigen Hütte, die weder schöner noch bequemer war, als die benachbarten, sah ich da einen Mann beschäftigt ein Pferd zu beschlagen, mit lederner Schürze und einem Hammer in der Hand.

»Saellvertu, sprach der Eiderjäger.

– Guten Tag, erwiderte in gutem Dänisch der Hufschmied.

– Kyrkoherde, sagte Hans zu meinem Oheim.

– Der Pfarrer! übersetzte dieser. Es scheint, Axel, dieser tapfere Mann da ist der Pfarrer.«

Während dessen setzte der Führer den Pfarrer in Kenntniß von der Lage der Dinge; dieser unterbrach seine Arbeit und stieß einen Schrei aus, wie er zwischen Pferden und Roßhändlern üblich sein mag, und sogleich kam eine große Furiengestalt aus der Hütte heraus. Maß sie nicht sechs Fuß, so fehlte doch nicht viel daran.

Ich fürchtete, sie möge den Reisenden den isländischen Gruß darbieten, aber ohne Grund; ja sie zeigte sich wenig freundlich, als sie uns in’s Haus führte.

Das Fremdenzimmer schien mir das schlechteste von allen im Hause zu sein, enge, schmutzig und übelriechend. Man mußte genügsam sein. Dem Pfarrherrn schien durchaus nicht die Gastlichkeit der Urzeit eigen. Bevor der Tag zu Ende, erkannte ich, daß wir es mit einem Grobschmied, einem Fischer, Jäger, Zimmermann, und keineswegs mit einem geistlichen Herrn zu thun hatten. Allerdings war’s ein Werktag; vielleicht stellte sich der Pfarrer am Sonntag ein.

Ich will die armen Priester nicht tadeln, die, Allem zufolge, sehr übel daran sind. Der Gehalt, welchen sie von der dänischen Regierung bekommen, ist äußerst gering, und dazu beziehen sie den vierten Theil des Zehntens ihrer Gemeinde, was keine sechzig Mark beträgt. Daher müssen sie für ihren Lebensunterhalt arbeiten; aber wenn man die Arbeit eines Fischers, Jägers, Schmieds verrichtet, nimmt man die Sitten und die Lebensart dieser ungebildeten Leute an; am Abend merkte ich gar, daß unser Wirth die Tugend der Nüchternheit nicht kannte.

Mein Oheim sah gleich, mit was für Leuten er zu thun hatte; es war ein grober, plumper Bauer statt eines würdigen Gelehrten. Um so rascher beschloß er sein großes Vorhaben in Angriff zu nehmen. Ohne Rücksicht auf die Beschwerden, nahm er sich vor, einige Tage im Gebirge zuzubringen.

Es wurden daher gleich den folgenden Tag nach unserer Ankunft zu Stapi die Vorbereitungen getroffen. Hans miethete drei Isländer, um anstatt der Pferde das Gepäck zu tragen; aber es wurde ausgemacht, daß, sobald wir auf dem Boden des Kraters angekommen, sie wieder zurückkehren sollten.

Bei dieser Gelegenheit gab mein Oheim Hans zu erkennen, daß er die Erforschung des Vulkans bis zum äußersten fortzusetzen beabsichtige. Hans nickte nur mit dem Kopf. Dahin oder sonst wohin, auf der Oberfläche oder in’s Innere hinab, war ihm gleichgiltig. Ich meines Theils hatte bisher, durch die Reisebegegnisse zerstreut, die Zukunft ein wenig vergessen, jetzt aber ergriff mich der Gedanke um so lebhafter. Was war zu thun? Wenn ein Widerstand möglich, so war er zu Hamburg zu versuchen, nicht am Fuße des Snäfields.

Eine Idee quälte mich vor Allem, eine erschreckliche Idee, die auch unempfindliche Nerven erschüttern konnte.

»Wir besteigen, sagte ich bei mir, den Snäfields. Gut. Wir wollen in seinen Krater hinab. Andere haben das auch gethan, und haben dabei ihr Leben nicht eingebüßt. Aber dabei soll’s nicht bleiben. Zeigt sich ein Weg, um in’s Innere der Erde zu dringen, hat der unglückselige Saknussemm Wahrheit gesagt, so werden wir uns in den unterirdischen Gängen des Vulkans verlieren. Nun haben wir noch keine Gewißheit, daß der Snäfields erloschen ist! keinen Beweis, daß nicht ein Ausbruch bevorsteht? Und was soll dann aus uns werden?«.

Es verlohnte der Mühe, darüber nachzudenken. Ich dachte daran, und im Schlaf träumten meine Gedanken davon. Als Schlacke ausgeworfen zu werden, schien mir doch all zu arg.

Endlich entschloß ich mich, bei meinem Oheim die Sache zur Sprache zu bringen, so geschickt wie möglich in Form einer Hypothese.

Ich suchte ihn auf, theilte ihm meine Besorgnisse mit.

»Ich dachte schon selbst daran«, erwiderte er nur.

Was wollte das bedeuten? Sollte er wohl der Stimme der Vernunft Gehör geben?

Nach einer kleinen Pause fuhr er fort:

»Ich dachte daran. Seit unserer Ankunft zu Stapi hab’ ich mich mit der Frage beschäftigt, denn tollkühn dürfen wir nicht sein.

Sechshundert Jahre sind’s, daß der Snäfields stumm ist, aber die Sprache hat er doch nicht verloren. Den Ausbrüchen aber gehen immer gewisse Erscheinungen voraus, die genau bekannt sind. Ich habe die Landesbewohner befragt, den Boden studirt, und kann Dir sagen, Axel, es steht kein Ausbruch bevor.«

Ueber diese Behauptung war ich bestürzt, hatte nichts darauf zu antworten.

»Zweifelst Du an meiner Versicherung? sagte mein Oheim; nun, so geh’ mit mir.«

Ich folgte mechanisch. Wir verließen das Pfarrhaus, und der Professor schlug einen Weg ein, der durch eine Oeffnung der Basaltwand vom Meer abwärts führte. Bald befanden wir uns auf offenem Feld, wenn man eine ungeheure Anhäufung vulkanischer Auswürfe so nennen darf.

Ich sah hie und da Rauchwirbel emporsteigen; diese weißen Dünste, »Reykir« im Isländischen genannt, rührten von heißen Quellen her, und zeigten durch ihre Heftigkeit die vulkanische Thätigkeit des Bodens an. Das schien meine Befürchtungen zu rechtfertigen. Wie war ich daher verblüfft, als mein Oheim sagte:

»Du siehst diese Rauchwirbel, Axel; sie beweisen, daß wir nichts vom Vulkan zu besorgen haben!

– Das wäre! rief ich aus.

– Merke Dir wohl, fuhr der Professor fort: Wenn ein Ausbruch bevorsteht, werden diese Ausströmungen erst lebhafter, um sodann während der Dauer desselben völlig zu verschwinden. Wenn also diese Ausströmungen in ihrem gewöhnlichen Zustand bleiben, ihre Energie nicht zunimmt, wenn ferner nicht, anstatt Wind und Regen, schwere und ruhige Luft sich einstellt, so kannst Du bestimmt sagen, daß kein Ausbruch in der Nähe bevorstehe.

– Aber …

– Genug. Wenn die Wissenschaft ihren Ausspruch gethan hat, gilt nur Schweigen.«

Ich ließ die Ohren hängen, als wir in’s Pfarrhaus zurückkehrten; mein Oheim hatte mich mit wissenschaftlichen Gründen zum Schweigen gebracht. Doch blieb mir noch eine Hoffnung, nämlich daß, wenn wir auf dem Grund des Kraters angekommen, dort ein in’s Innere führender Gang nicht vorhanden, es also unmöglich sein würde, tiefer einzudringen, trotz aller Saknussemm auf der Welt.

Die folgende Nacht hatte ich schwer ängstigende Träume mitten in einem Vulkan und den Tiefen der Erde; ich fühlte mich als wie ein ausgeworfenes Felsstück in die Lüfte emporgeschleudert.

Am folgenden Morgen, 23. Juni, erwartete uns Hans mit seinen Kameraden, welche die Lebensmittel, Werkzeuge und Instrumente trugen. Zwei beschlagene Stöcke, zwei Gewehre, zwei Patrontaschen waren für meinen Oheim und mich vorgesehen. Hans hatte vorsichtig zu unserem Gepäck einen vollen Schlauch gefügt, welcher nebst unseren Flaschen uns für acht Tage mit Wasser versorgte.

Es war neun Uhr Morgens. Der Pfarrer und seine Furie warteten vor ihrem Thor; ohne Zweifel, um den Reisenden ein letztes Lebewohl zu sagen. Aber dieses Lebewohl erschien unversehens in Form einer fürchterlichen Rechnung, die sogar die verpestete Luft sich bezahlen ließ. Dies würdige Ehepaar schnürte uns, wie ein Gastwirth in der Schweiz, und brachte seine Gastfreundschaft hoch in Anschlag.

Mein Oheim zahlte, ohne zu handeln. Auf der Reise nach dem Mittelpunkt der Erde waren einige Reichsthaler nicht anzusehen.

Als dies geordnet war, gab Hans das Zeichen zum Aufbruch, und nach einigen Minuten hatten wir Stapi im Rücken.

Fünfzehntes Capitel

Auf dem Vulkan

Der Snäfields ist fünftausend Fuß hoch. Er schließt mit seinem zweifachen Kegel eine trachytische Kette ab, die sich von dem orographischen System der Insel sondert. Von dem Punkt unserer Abreise aus konnte man nicht sehen, wie seine beiden Spitzen auf dem grauen Hintergrund des Himmels hervortraten. Ich gewahrte nur, daß eine enorme Schneekappe dem Riesen über die Stirn gedrückt war.

Wir gingen Einer hinter dem Anderen her, der Jäger voran, und dieser stieg enge Fußpfade hinan, wo zwei Personen nicht nebeneinander gehen können. Jede Unterhaltung war dadurch fast unmöglich.

Ueber der Basaltwand des Fjords Stapi zeigte sich zuerst ein krautartiger faseriger Torfboden, welcher aus der uralten Vegetation der Moorgründe der Halbinsel herrührte. Die Menge dieses noch unausgebeuteten Brennmaterials würde ausreichen, ein Jahrhundert lang der ganzen Bevölkerung Islands einzuheizen. Dies ungeheure Torflager war, vom Boden einiger Hohlwege aus gemessen, oft siebenzig Fuß hoch, und zeigte aufeinanderfolgende Schichten von verkohltem Gerölle, dazwischen Lagen von Bimssteintuff.

Als echter Neffe des Professors Lidenbrock und trotz meiner Befangenheiten beobachtete ich mit Interesse die mineralogischen Merkwürdigkeiten, welche in diesem ungeheuren naturhistorischen Cabinet zu schauen waren; zugleich wiederholte ich in meinem Geist die ganze geologische Geschichte Islands.

Diese merkwürdige Insel ist offenbar zu einer verhältnißmäßig neueren Epoche aus dem Meeresgrund emporgetaucht. Vielleicht auch erhebt sie sich allmälig noch mehr. Wenn dem so ist, so kann man ihren Ursprung nur dem Wirken unterirdischer Feuer zuschreiben. In diesem Fall gingen die Theorie Humphry Davy’s, das Document Saknussemm, die Behauptungen meines Oheims sämmtlich in Rauch auf. Diese Hypothese brachte mich darauf, die Beschaffenheit des Bodens genau zu untersuchen, und ich gab mir sofort Rechenschaft über die nach einander folgenden Naturerscheinungen, welche zu seiner Bildung besonders mitwirkten.

Island, gänzlich ohne Niederschlagboden, enthält lediglich vulkanischen Tuff, d.h. eine Zusammenhäufung von Steinen und Felsstücken porösen Gewebes. Bevor die Vulkane entstanden, bestand sie aus einem Kern von Trapp, der durch den Druck centraler Kräfte allmälig aus den Fluthen emporgehoben wurde. Die Feuer des Inneren waren noch nicht zum Ausbruch gekommen.

Später entstand schräg von Südwest nach Nordost über die ganze Insel ein Spalt, durch welchen die trachytische Masse sich nach und nach ergoß.

Dieses vollzog sich damals ohne gewaltsamen Ausbruch; es fand ein enormer Ausfluß statt, und die geschmolzenen aus dem Inneren der Erde ausgeworfenen Stoffe breiteten sich ruhig aus in großen Streifen oder warzenartigen Massen. Zu dieser Epoche entstanden die Feldspathe, Syenite und Porphyre.

Aber in Folge dieser Ergießung nahm der Umfang der Insel bedeutend zu, und folglich ihre Widerstandskraft. Man begreift, welche Menge elastischer Flüssigkeiten eingeschlossen wurde, als sie nach dem Erkalten der trachytischen Kruste keinen Ausgang mehr hatte. Es kam daher ein Zeitpunkt, wo die mechanische Gewalt dieser Gase so stark wurde, daß sie die schwere Rinde emporhoben, und sich Auswege gleich Kaminen schufen. So entstanden aus dem Emporheben der Erdrinde Vulkane, und so bildete sich plötzlich die Krateröffnung an ihrer Spitze.

Auf die Ausbrüche erfolgten sodann vulkanische Erscheinungen. Durch die neu gebildeten Oeffnungen entluden sich zuerst die basaltischen Auswürfe, wovon die Ebene, worüber wir so eben gekommen waren, die merkwürdigsten Proben unseren Blicken darlegte. Unsere Schritte führten uns über die wuchtigen dunkelgrauen Felsblöcke, welche bei dem Erkalten Prismengestalt mit sechsseitiger Basis annahmen. In der Ferne sah man eine große Zahl abgeplatteter Kegel, welche vormals feuerspeiende Mündungen waren.

Hierauf, als der Basaltausbruch vorüber war, entlud der Vulkan Lavaströme nebst Asche und Schlackenmassen, wovon ich lange Streifen gleich einem reichwallenden Haupthaar auf seine Seiten herabfallen sah.

Einer solchen Reihe von Naturbegebenheiten verdankt Island seinen Ursprung; sie rührten alle von der Wirkung innerer Feuer her, und es war Thorheit, anzunehmen, daß die innere Masse nicht in fortdauerndem Zustand glühender Flüssigkeit sich befinde. Ja Wahnsinn war es, anzunehmen, man könne zum Mittelpunkt der Erde gelangen!

Ich beruhigte mich daher hinsichtlich des Ausgangs unserer Unternehmung, während wir den Snäfields hinandrangen.

Der Weg wurde immer schwieriger, bergan; die Felsstücke wankten und man mußte sorgfältig aufmerken, um einen gefährlichen Sturz zu vermeiden.

Hans ging ruhig, wie auf ebenem Boden, voran; manchmal verschwand er hinter großen Blöcken, und wir verloren ihn augenblicklich außer Augen; dann gab er mit hellem Pfeifen die Richtung an, auf der wir ihm zu folgen hatten. Ost auch stand er stille, las einige Felsstücke auf, ordnete sie auf leicht erkennbare Weise, und bildete so eine Richtschnur für die Rückkehr. Die Ereignisse, welche eintrafen, machten solche Vorsorge unnöthig.

In drei ermüdenden Wegstunden waren wir nur bis zum Fuß des Berges gekommen. Hans gab ein Zeichen, Halt zu machen, und ein leichtes Frühstück wurde von Allen eingenommen. Mein Oheim aß doppelte Portionen, um schneller fort zu kommen. Doch da diese Pause auch zum Ausruhen bestimmt war, so mußte er sich nach dem Führer richten, der erst nach einer Stunde das Zeichen zum Aufbruch gab. Die drei Isländer, welche so schweigsam waren, wie ihr Kamerad, der Eiderjäger, ließen kein Wort vernehmen, und aßen mäßig.

Wir singen jetzt an, die Abhänge des Snäfields hinanzusteigen. Sein schneebedeckter Gipfel schien mir durch eine optische Täuschung, wie sie im Gebirge häufig vorkommt, sehr nahe, und doch, wie lange Stunden dauerte es noch, bis wir ihn erreichten! Und welche Beschwerden dazu! Die Steine, durch kein Bindemittel festgehalten, lösten sich unter unseren Füßen los und rollten so schnell wie eine Lawine auf die Ebene hinab.

An manchen Stellen bildeten die Seiten des Berges mit dem Horizont einen Winkel von mindestens sechsunddreißig Grad; es war unmöglich, hinan zu klimmen, und man konnte nicht ohne Schwierigkeit um die Steinblöcke herum kommen. Wir unterstützten uns dabei gegenseitig mit unseren Stöcken.

Mein Oheim hielt sich mir so nahe wie möglich; er verlor mich nicht aus den Augen, und manchmal gewährte mir sein Arm eine tüchtige Stütze. Er seinerseits hatte wohl einen angeborenen Gleichgewichtssinn, denn er wankte und stolperte nicht. Die Isländer, obwohl mit Gepäck beladen, kletterten so gewandt, wie Bergbewohner.

Sah ich die Höhe des Gipfels an, so schien es mir unmöglich, von dieser Seite her hinauf zu kommen. Zum Glück gelangten wir nach einer Stunde voll Strapazen, mitten in der Schneedecke auf der Höhe des Vulkans unversehens zu einer Art Treppe, die unser Steigen sehr erleichterte. Sie war aus Steinen, die bei dem Ausbruch massenweise ausgeschleudert wurden, gebildet. Wären dieselben nicht beim Herabstürzen von der Bergwand aufgehalten worden, so wären sie in’s Meer hinabgerollt, und hätten da neue Inseln gebildet.

So wie sie nun gefallen, waren sie uns sehr förderlich. Bei der zunehmenden Steilheit des Bergabhangs machten uns die Stufen dieser Steine das Hinaufsteigen leicht, und es ging dabei so rasch, daß ich, als ich eine kleine Weile hinter meinen Genossen flehen blieb, sie schon durch die Entfernung merklich verkleinert sah.

Um sieben Uhr Abends hatten wir die zweitausend Treppenstufen erstiegen, und wir befanden uns oben auf einer Anschwellung des Berges, einer Art Unterlage, worauf der eigentliche Kegel des Kraters sich stützte.

Das Meer war hier dreitausendzweihundert Fuß tief. Wir hatten die Grenze des ewigen Schnee’s überschritten, welche in Island in Folge des beständig feuchten Klima’s nicht sehr hoch ist. Es war grimmig kalt, und es wehte ein starker Wind. Ich war erschöpft. Der Professor sah wohl, daß meine Beine mir den Dienst versagten, und entschloß sich, trotz seiner Ungeduld, einen Halt zu machen. Er gab dem Jäger ein Zeichen; der schüttelte aber den Kopf und sagte:

»Osvansor.«

»Es scheint, sagte mein Oheim, wir müssen noch höher steigen.«

Darauf fragte er Hans um den Grund.

»Mistour«, war die Antwort.

– Ja, mistour, wiederholte einer der Isländer mit etwas erschrockenem Ton.

– Was bedeutet dieser Ausdruck? fragte ich unruhig.

»Sieh nur«, sagte mein Oheim.

Ich richtete meine Blicke nach der Ebene. Eine ungeheure Säule von gepulvertem Bimsstein, Sand und Staub erhob sich im Wirbel gleich einer Wetterhose; der Wind schlug sie nieder auf die Seite des Snäfields, wo wir uns befanden; dieser dunkle, vor die Sonne gespannte Vorhang verursachte einen tiefen Schatten, der über’m Gebirg lagerte. Wenn diese Tromke herabkam, mußte sie uns nothwendig in ihren Wirbel hineinziehen. Diese Naturerscheinung, die, wenn der Wind von den Gletschern herweht, ziemlich häufig vorkommt, heißt im Isländischen »Mistour«.

»Hastigt, hastigt«, rief unser Führer.

Ohne dänisch zu verstehen, leuchtete mir ein, daß wir Hans so schnell wie möglich nachfolgen sollten. Dieser fing an, um den Kegel des Kraters herum zu gehen, aber in schräger Richtung. Bald senkte sich die Hofe nieder auf den Berg, welcher erzitterte; die vom Wirbelwind mit fortgerafften Steine flogen, wie beim Ausbruch eines Vulkans, gleich Regen und Hagel. Wir befanden uns glücklicher Weise auf der entgegengesetzten Seite, und waren dadurch gegen die Gefahr gedeckt. Ohne die Vorsicht unseres Führers wären unsere Körper zersetzt, in Staub zermalmt in der Ferne niedergefallen, wie das Product eines Meteors.

Doch hielt Hans nicht für gerathen, die Nacht auf der Außenseite des Kegels zuzubringen. Wir setzten unser Aufsteigen im Zickzack fort; die fünfzehnhundert Fuß, welche noch zu erklimmen waren, nahmen noch fast fünf Stunden in Anspruch; die Umwege und schrägen Wege betrugen mindestens drei Lieues. Ich konnte nicht weiter; ich erlag der Kälte und dem Hunger. Die etwas dünne Luft reichte nicht mehr aus für das Spiel meiner Lungen.

Endlich, um elf Uhr Abends, erreichten wir im dichten Dunkel den Gipfel des Snäfields. Bevor ich noch zu meinem Schutz mich in den Krater hinein begab, hatte ich noch Zeit, die »Mitternachtssonne« an der niedrigsten Stelle ihres Umlaufs zu sehen, wo sie ihre bleichen Strahlen auf die zu meinen Füßen schlummernde Insel hinwarf.

Sechzehntes Capitel

In dem Krater

Das Abendessen wurde rasch verzehrt, und die kleine Truppe bettete sich so qut wie möglich. Das Lager war hart, das Obdach wenig solid, die Lage sehr peinlich, fünftausend Fuß über dem Meeresspiegel. Doch war mein Schlaf während dieser Nacht besonders ruhig, so gut, wie seither lange nicht. Ich träumte nicht einmal.

Den andern Morgen wachte man halb erfroren bei lebhafter Kälte im schönen Sonnenschein auf. Ich verließ mein Granitlager, um das prachtvolle Schauspiel vor meinen Augen zu genießen.

Ich befand mich auf dem Gipfel der südlichen Spitze des Snäfields, und mein Blick schweifte von da über den größten Theil der Insel. Wie auf allen sehr hohen Standpunkten ließ eine optische Täuschung die Gestade höher, die inneren Theile tiefer erscheinen. Ich sah zu meinen Füßen tiefe Thäler in allen Richtungen sich durchkreuzen; Abgründe sahen aus wie Brunnen, Seen wie Teiche, Flüsse wie Bäche. Zu meiner Rechten reiheten sich Gletscher an Gletscher und zahlreiche Bergspitzen; aus manchen derselben stiegen leichte Rauchsäulen empor. Die wellenförmigen Erhebungen dieser zahllosen Gebirge, welche bei ihrer Schneedecke wie schäumend aussahen, erinnerten an die Oberfläche eines stürmisch aufgeregten Meeres. Blickte ich nach Westen, so breitete sich vor meinen Augen majestätisch der Ocean aus als Fortsetzung der schafartigen Gipfel. Die Grenze zwischen Land und Meer war nicht zu erkennen.

Ich gab mich also der bezaubernden Entzückung hin, in welche man auf den erhabenen Standpunkten versetzt wird, und diesmal ohne Schwindel, denn ich hatte mich bereits an die Betrachtungen aus der Höhe gewöhnt. Meine geblendeten Blicke schwelgten in der durchsichtigen Ausstrahlung des Sonnenlichts. Berauscht von diesem Wonnegefühl des Höheren dachte ich nicht an die Tiefen, worin bald mein Schicksal mich versenken sollte. Aber die Ankunft des Professors nebst Hans, welche mich auf der Höhe aufsuchten, führte mich in die Wirklichkeit zurück.

Mein Oheim zeigte mir mit der Hand in westlicher Richtung einen leichten Dunst, einen Nebel, einen Anschein von Land, welches die Wogen begränzte.

»Das ist Grönland, sagte er.

– Grönland? rief ich.

– Ja, wir sind keine fünfunddreißig Stunden mehr davon entfernt, und zur Zeit des Thauwetters kommen die Eisbären auf Eisblöcken, die aus dem Norden herbeitreiben, bis nach Island. Aber das will nicht viel heißen. Wir sind nun auf dem Gipfel des Snäfields, und sehen hier zwei Spitzen, eine südliche und eine nördliche. Hans wird uns sagen, wie bei den Isländern der heißt, worauf wir eben stehen.«

»Scartaris.«

Mein Oheim sah mich triumphirend an.

»Zum Krater!« sprach er.

Der Krater des Snäfields stellte einen umgekehrten Kegel dar, und seine Mündung mochte einen Durchmesser von fünf Kilometer haben. Seine Tiefe schätzte ich auf etwa zweitausend Fuß. Wie mochte es in einem solchen Behälter aussehen, wenn er unter Donner und Blitz sich füllte. Der Trichter hatte unten schwerlich mehr als tausend Fuß Umfang, so daß man auf dem ziemlich sanften Abhang leicht hinunter gelangen konnte. Unwillkürlich verglich ich diesen Krater mit einer ungeheuren Donnerbüchse.

»In eine Donnerbüchse, die vielleicht geladen ist, und jeden Augenblick losgehen kann, hinabsteigen, das thuen nur Narren.«

Aber ich konnte nicht mehr zurück. Hans ging mit gleichgiltiger Miene voran. Ich folgte schweigend nach.

Um das Hinabsteigen zu erleichtern, machte Hans den Umweg großer Ellipsen. Man mußte mitten unter ausgeworfenen Felsen gehen, die mitunter aufgerüttelt in Sprüngen bis in den Grund der Tiefe hinabrollten. Laut hallendes Echo begleitete ihr Hinabstürzen.

An manchen Stellen des Kegels befanden sich innere Gletscher. Dann schritt Hans nur mit großer Vorsicht voran, indem er mit seinem beschlagenen Stock den Boden untersuchte, ob nicht Spalten vorkämen. An manchen bedenklichen Stellen mußte man uns mit einem langen Tau an einander binden, damit der, dessen Fuß unversehens zu straucheln anfing, von seinen Genossen Beistand haben konnte. Dies war zwar vorsichtig ersonnen, sicherte aber nicht gegen alle Gefahr.

Inzwischen glückte das Hinabsteigen, trotz der dem Führer nicht bekannten Schwierigkeiten ohne Unfall, außer daß ein Pack Stricke, der den Händen eines Isländers entfiel, den kürzesten Weg in die Tiefe hinabrollte.

Mittags zwölf Uhr kamen wir unten an. Ich blickte aufwärts nach der Mündung des Kegels, welche nur ein äußerst kleines Stückchen Himmel umrahmte. An einem Punkt nur hob sich die Spitze des Scartaris davon ab.

Auf dem Boden des Kraters befanden sich drei offene Kamine, woraus zur Zeit der Ausbrüche des Snäfields das Centralfeuer seine Laven und seine Dünste auswarf. Jeder dieser Kamine hatte ungefähr hundert Fuß Durchmesser; sie klafften zu unsern Füßen. Ich hatte nicht den Muth, hinein zu blicken. Der Professor Lidenbrock hatte ihre Lage schnell untersucht; er war athemlos, lief von Einem zum Andern, gesticulirte, ließ unverständliche Worte hören. Haus mit seinen Kameraden sah auf einem Lavablock sitzend ihm zu; sie hielten ihn offenbar für närrisch.

Plötzlich stieß mein Oheim einen Schrei aus. Ich meinte, sein Fuß sei ihm eingesunken und er sei im Begriff, in einen der drei Schlünde hinabzufallen.

Doch nein. Ich sah, wie er mit ausgebreiteten Armen, gespreizten Beinen vor einem Granitfelsen stand, der auf der Mitte des Kraters lag, wie ein enormes Fußgestell für eine Statue Pluto’s. Seine Haltung zeigte einen ganz vom Staunen bestürzten Mann, aber seine Bestürzung wich bald vor einer unsinnigen Freude.

»Axel, Axel! rief er aus, komm’! komm’!«

Ich eilte zu ihm. Hans und die Isländer rührten sich nicht.

»Sieh’ nur«, sagte der Professor.

Und mit gleichem Staunen, wo nicht gleicher Freude, las ich auf der Westseite des Felsblocks in Runenschrift, die halb von der Zeit zerfressen war, den tausendmal verwünschten Namen:

»Arne Saknussemm! rief mein Oheim aus, wirst Du jetzt noch zweifeln?«

Ich hatte keine Antwort darauf, und kam verstört zu meiner Lavabank zurück. Der Augenschein hatte mich niedergeschmettert.

Wie lange ich so in Gedanken versunken war, weiß ich nicht. Nur das weiß ich, daß ich, als ich den Kopf wieder aufrichtete, meinen Oheim und Hans allein vor mir sah. Die Isländer waren verabschiedet worden, und stiegen bereits auf dem Heimwege nach Stapi den äußeren Abhang des Snäfields hinab.

Hans schlief ruhig am Fuß eines Felsblocks in einer Lavarinne, wo er sich eine Lagerstätte eingerichtet hatte; mein Oheim kehrte auf den Boden des Kraters zurück, wie ein Stück Rothwild in der Fallgrube eines Jägers.

Ich hatte weder Lust noch Kraft aufzustehen, folgte dem Beispiel des Führers und sank in einen schmerzlichen Schlummer, denn es war mir, als hörte ich Getöse, und fühlte ein Schauern im Schooße des Berges.

So verging diese erste Nacht im Innern des Kraters.

Am folgenden Morgen drückte der Himmel grau, umwölkt, schwer auf der Spitze des Kegels. Ich merkte es nicht sowohl an der Düsterheit des Schlundes, als am Zorne meines Oheims.

Ich begriff die Ursache, und es kam wieder ein Rest von Hoffnung in’s Herz, aus folgendem Grund.

Von den drei Wegen, welche unseren Füßen sich öffneten, hatte Saknussemm nur einen eingeschlagen. Nach der Angabe des weisen Isländers mußte man ihn an dem in der Geheimschrift angeführten Kennzeichen herausfinden, daß der Schatten des Scartaris in den letzten Tagen des Juni seinen Rand küssen werde. Man konnte in der That diesen spitzen Gipfel wie den Zeiger einer ungeheuren Sonnenuhr ansehen, dessen Schatten an einem bestimmt angegebenen Tag den Weg nach dem Mittelpunkt der Erde zeigen werde.

Nun aber, wenn die Sonne nicht schien, gab’s auch keinen Schatten; dann fehlte also das Merkzeichen. Es war am 25. Juni. Blieb der Himmel sechs Tage lang bedeckt, so mußte die Beobachtung auf ein anderes Jahr verschoben werden.

Den ohnmächtigen Zorn des Professors Lidenbrock zu schildern verzichte ich. Der Tag verstrich, ohne daß ein Schatten in den Grund des Kraters hinab fiel. Hans rührte sich nicht vom Platz; doch mußte er sich fragen, worauf wir warteten, wenn er überhaupt sich eine Frage stellte! Nicht ein einziges Wort gönnte mir mein Oheim. Seine unveränderlich nach dem Himmel gerichteten Blicke verloren sich in der grauen und nebeligen Farbe.

Am 26. noch nichts. Den ganzen Tag über fiel Regen mit Schnee vermischt. Hans errichtete aus Lavastücken eine Hütte. Ich ergötzte mich ein wenig an der Betrachtung der tausend an den Seiten des Kegels improvisirten Cascaden, indem jeder Stein das betäubende Getöse vermehrte.

Mein Oheim konnte sich nicht mehr ruhig halten. Auch ein geduldigerer Mensch mußte darüber aufgebracht werden; denn es war wirklich ein Scheitern im Hafen.

Aber der Himmel knüpft an den großen Schmerz unablässig auch die große Freude, und ließ dem Professor Lidenbrock eine Befriedigung zu Theil werden, die seiner verzweifelnden Unlust entsprach.

Auch am folgenden Tage war der Himmel noch bedeckt; aber Sonntags, 28. Juni, am vorletzten Tag des Juni, brachte der Mondwechsel auch einen Wechsel der Witterung.

Die Sonne ergoß reichliche Strahlen in den Krater. Der geringste Berg, jeder Felsen, jeder Stein und jede Erhöhung nahm Theil an der Bestrahlung und warf sofort seinen Schatten auf den Boden. Der des Scartaris zeichnete sich ab wie eine belebte Spitze, die zugleich mit dem strahlenden Gestirn unmerklich sich drehte.

Mein Oheim drehte sich zugleich mit.

Um zwölf Uhr, da er am kürzesten war, beleckte er sanft den Rand des mittleren Kamins.

»Hier ist’s! rief der Professor aus. Hier geht’s nach dem Mittelpunkt des Erdballs!« fügte er dänisch bei.

Ich blickte auf Hans.

»Forüt! sagte ruhig der Führer.

– Vorwärts!« erwiderte mein Oheim.

Es war ein Uhr dreizehn Minuten Nachmittags.

Siebenzehntes Capitel

In den Schlund hinab

Nun begann erst die wahre Reise. Bisher gingen die Beschwerden über die Schwierigkeiten; jetzt sollten diese im wahren Sinn des Wortes uns unter den Füßen aufwachsen.

Ich hatte meinen Blick noch nicht in den unergründlichen Schlund gesenkt, in welchen ich mich hinabwagen sollte. Jetzt war der Moment gekommen, an dem Vorhaben entweder mich zu betheiligen oder dies zu verweigern.

Aber ich schämte mich, von dem Jäger mich hierin übertreffen zu lassen. Hans gab sich bei dem gewagten Unternehmen zufrieden, so ruhig, so gleichgiltig, so unbekümmert um jede Gefahr, daß ich mich schämte, weniger tapfer zu sein, als er. In seiner Gegenwart unterließ ich also, Einwendungen zu machen; ich erinnerte mich meiner hübschen Vierländerin und trat zu der mittleren Oeffnung heran.

Dieselbe maß, wie gesagt, hundert Fuß im Durchmesser, oder dreihundert im Umfang. Ich bog mich über einen Felsblock und blickte hinein. Die Haare sträubten sich mir, es kam mir der Schwindel; ich fühlte wie ein Trunkener, daß der Schwerpunkt in mir sich änderte. So ein Abgrund äußert eine gefährliche Anziehungskraft, ich war im Begriff, hinabzufallen. Da hielt mich Hans mit starker Hand. Sicherlich hätte ich zu Kopenhagen noch mehr Schwindel-Lectionen haben sollen.

So kurze Zeit ich in den Schlund hinabgeblickt, hatte ich mir doch gemerkt, wie er beschaffen war. An seinen fast senkrechten Wänden befanden sich zahlreiche Vorsprünge, welche das Hinabsteigen erleichtern mußten. Aber gebrach’s auch nicht an einer Leiter, so fehlte es an einem Geländer. Ein an der Mündung befestigtes Seil konnte wohl hinreichend stützen, aber wie sollte man es los machen, wenn man unten war?

Dafür gab’s ein einfaches Mittel, welches mein Oheim in Anwendung brachte. Er nahm ein zolldickes, vierhundert Fuß langes Seil, und ließ es erst zur Hälfte hinab, dann schlang er es um einen vorspringenden Lavablock, und warf die andere Hälfte nach. Nun konnte jeder von uns, indem er die beiden Hälften des Seiles in die Hand faßte, sich beim Hinabsteigen dadurch unterstützen; war man aber in der Tiefe von zweihundert Fuß angelangt, so war es höchst leicht, indem man das eine Ende los machte, das ganze Seil hinabzuziehen. Dieses Verfahren konnte man so oft wiederholen, als es beliebte und erforderlich war.

Als diese Vorbereitungen fertig waren, sagte mein Oheim: »Jetzt machen wir uns an das Gepäck; es wird in drei Päcke vertheilt, wovon jeder von uns eines auf seinen Rücken nimmt; ich meine nur die zerbrechlichen Gegenstände.«

Offenbar zählte der kühne Professor uns nicht zu den letzteren.

»Hans, fuhr er fort, wird die Werkzeuge mit einem Theil der Lebensmittel übernehmen; Du, Axel, ein zweites Drittel des Proviants nebst den Waffen; ich den Rest und die feineren Instrumente.

– Aber, sagte ich, die Kleider, die Menge Taue und Leitern, wer soll die hinab schleppen?

– Die kommen schon von selbst hinab.

– Wie so? fragte ich.

– Du wirst’s gleich sehen.«

Und sogleich schritt er zur Ausführung. Hans machte aus allen nicht zerbrechlichen Gegenständen einen einzigen Pack, verschnürte ihn tüchtig, dann wurde er ohne Weiteres in den Abgrund geworfen.

Ich vernahm ein lautes Getöse, womit der Pack hinab polterte. Mein Oheim beugte sich vor, und begleitete mit befriedigtem Blick das rollende Gepäck, so lange er es wahrnehmen konnte.

»Gut, sagte er. Jetzt kommt die Reihe an uns.«

Ich frage jeden aufrichtigen Menschen, ob man solche Worte ohne Schaudern anhören kann.

Der Professor nahm den Pack mit den Instrumenten auf seinen Rücken, Hans den mit dem Geräthe, ich die Waffen. Beim Hinabsteigen ging Hans voran, dann kam mein Oheim, zuletzt ich. Es ging dabei ganz stille her, nur daß man zuweilen Felsstücke, die sich los machten, in den Abgrund rollen hörte.

Ich rutschte, so zu sagen, hinab, indem ich mit der einen Hand krampfhaft das doppelte Tau faßte, mit der andern der Stütze des Stocks mich bediente. Ich hatte große Besorgniß, es möge der Stützpunkt mangeln. Das Tau schien mir zu schwach, um die drei Personen zu tragen. Daher bediente ich mich desselben so wenig wie möglich, indem ich auf den Lavastücken, die mein Fuß aufsuchte, mir das Gleichgewicht zu erhalten bemüht war.

Als eine von diesen Stufen hinabgleitend dem Hans unter die Füße gerieth, sagte er ruhig!

»Gif Akt!

– Acht gegeben!« wiederholte mein Oheim.

Nach einer halben Stunde waren wir auf einem Felsen angelangt, der fest in der Wand des Schlundes stak.

Hans zog an einem Ende des Taues, während das andere in die Höhe glitt; nachdem es oben über den Felsen, um den es geschlungen war, gezogen worden, fiel es hinab, indem es Steine und Lavastücke gleich einem Regen oder vielmehr wie ein gefährlicher Hagel mit sich fortriß.

Indem ich mich über unsern schmalen Ruheplatz vorbog, bemerkte ich, daß der Boden des Schachtes noch nicht sichtbar war.

Wir brachten von Neuem das Tau in Anwendung, und nach einer halben Stunde waren wir wieder um zweihundert Fuß weiter gekommen. Ich meines Theils kümmerte mich wenig um die Bodenbeschaffenheit, aber der Professor stellte Beobachtungen an und machte sich Notizen, denn an einem Haltepunkt sprach er zu mir:

»Je weiter ich komme, desto zuversichtlicher bin ich. Die Beschaffenheit des vulkanischen Erdreichs rechtfertigt durchaus die Theorie Davy’s. Der Boden, worauf wir uns befinden, ist durch und durch ursprünglicher Boden, worin die chemische Operation der Metalle vorging, welche bei der Berührung mit Luft und Wasser in Gluth und Flammen geriethen. Ich weise unbedingt das System einer centralen Wärme zurück. Uebrigens, wir werden’s schon sehen.«

Stets die nämliche Folgerung. Man begreift, daß ich zum Disputiren keine Luft hatte. Mein Schweigen wurde als Zustimmung gedeutet, und das Hinabsteigen begann von Neuem.

Nach Verlauf von drei Stunden konnte ich noch nicht den Boden des Schlundes erkennen. Als ich aufwärts blickte, gewahrte ich, wie seine Mündung merklich kleiner geworden war. Seine Wände zeigten das Streben, sich näher zu kommen. Allmälig ward es dunkler.

Inzwischen stiegen wir immer weiter hinab; es schien mir, als sei das Anprallen der losgelösten Steine, welche hinab rollten, schon matter, und als müßten sie schon bald auf den Grund kommen.

Da ich genau notirt hatte, wie oft wir das Tau in Anwendung brachten, so konnte ich die Tiefe, welche wir erreicht, und die verbrauchte Zeit berechnen.

Wir hatten nun vierzehnmal die Verrichtung vorgenommen, welche jedesmal eine halbe Stunde dauerte. Das machte im Ganzen sechs und eine halbe Stunde. Nachdem wir um ein Uhr angefangen, mußte es jetzt elf Uhr sein. Die Tiefe, zu der wir gelangt waren, berechnete sich mit vierzehnmal zweihundert Fuß auf zweitausendachthundert.

In diesem Augenblick ließ Hans sich vernehmen:

»Halt!« rief er.

Ich hielt plötzlich an, als ich eben im Begriff war, meinem Oheim auf den Kopf zu treten.

»Wir sind am Ziel, sagte er.

– Wo? fragte ich, indem ich zu ihm glitt.

– Auf dem Boden der senkrechten Schlucht.

– Ist nicht ein anderer Ausgang da?

– Ja, ich sehe eine Art Gang zur rechten Hand. Das werden wir morgen sehen. Jetzt wollen wir speisen, hernach schlafen.«

Es war noch nicht völlig dunkel. Man öffnete den Proviantsack und aß, dann legte sich jeder so gut er konnte, auf ein Lager von Steinen und Lavabrocken.

Und als ich, auf dem Rücken liegend, die Augen aufschlug, bemerkte ich am Ende des dreitausend Fuß langen Tubus eines riesenhaften Fernrohrs einen glänzenden Punkt.

Es war ein Stern ohne alles Flimmern; meiner Berechnung nach mußte es ß im kleinen Bären sein.

Darauf schlief ich ein und genoß einen tiefen Schlaf.

Achtzehntes Capitel

Durch die Lavagalerie

Um acht Uhr Morgens drang ein Strahl Tageslicht zu uns hinab und weckte uns. Die tausend Facetten der Lava der Wände singen ihn auf und zerstreuten ihn gleich einem Funkenregen.

Dieser Schimmer reichte hin, um die Gegenstände der Umgebung zu unterscheiden.

»Nun, Axel, was sagst Du dazu? rief mein Oheim, indem er sich die Hände rieb. Hast Du je in unserm Hause in der Königsstraße eine so ruhige Nacht hingebracht! Da ist kein Wagengerassel, Geschrei der Kaufleute, Rufen der Bootsleute!

– Allerdings sind wir hier sehr ruhig auf dem Boden dieses Schachts, aber es liegt doch etwas Erschreckendes darin.

– Aber, rief mein Oheim, erschrickst Du jetzt schon, wie wird’s da später gehen? Wir sind noch keinen Zoll weit in’s Innere der Erde gedrungen.

– Was meinen Sie?

– Ich meine, wir sind erst bis auf den Boden der Insel gelangt. Diese lange senkrechte Röhre, die im Krater des Snäfields mündet, endigt etwa in der Höhe des Meeresspiegels.

– Wissen Sie dies gewiß?

– Sehr gewiß. Befrage nur den Barometer.«

Wirklich, das Quecksilber, welches im Verhältniß, wie wir hinabkamen, allmälig gestiegen, war bei neunundzwanzig Grad stehen geblieben.

»Du siehst, fuhr der Professor fort, wir haben erst den Druck einer Atmosphäre, und ich bin ungeduldig, den Barometer durch den Manometer zu ersetzen.«

Jenes Instrument mußte in der That von dem Augenblick an unbrauchbar werden, wo das Gewicht der Luft den Druck derselben, wie er auf dem Meeresspiegel stattfindet, überschreitet.

»Aber, sagte ich, ist nicht zu besorgen, dieser stets zunehmende Druck werde peinlich werden?

– Nein. Wir kommen langsam abwärts, und unsere Lungen gewöhnen sich, eine dichtere Atmosphäre einzuathmen. Den Luftschiffern mangelt’s am Ende an Luft, wenn sie in die höheren Schichten kommen, und wir bekommen vielleicht zu viel. Aber das ist besser. Verlieren wir nun keinen Augenblick Zeit. Wo ist der Pack, welchen wir zuvor hinabgeworfen haben?«

Ich erinnere mich, daß wir Abends zuvor vergeblich danach gesucht hatten. Mein Oheim fragte Hans, der mit seinem Jägerauge sich umsah.

»Der huppe? fragte er.

– Dort oben.«

Wirklich, der Pack war an einem Felsenvorsprung etwa hundert Fuß über unserem Kopf hängen geblieben. Und der behende Isländer kletterte gleich einer Katze hinan und holte in einigen Minuten denselben herunter.

»Jetzt, sagte mein Oheim, wollen wir frühstücken, aber wie Leute, die vielleicht eine weite Fahrt zu machen haben.«

Zum Zwieback und getrocknetem Fleisch wurden einige Schluck Wasser mit Wachholderbranntwein genommen.

Als das Frühstück zu Ende war, zog mein Oheim sein Notizbüchlein aus der Tasche, nahm nach einander die verschiedenen Instrumente, und zeichnete auf:

Montag, 1. Juli.

Chronometer: 8 Uhr 17 M. Vorm.

Barometer: 29‘7”.

Thermometer: 6°.

Richtung: O.-S.-O.

Diese letztere Angabe des Compasses bezog sich auf den dunkeln Gang.

»Jetzt, Axel, rief der Professor begeistert aus, jetzt werden wir erst recht in’s Innere des Erdballs dringen. Nun beginnt eigentlich erst unsere Reise.«

Und unverzüglich faßte mein Oheim mit der einen Hand einen an seinem Halse hängenden Ruhmkorff’schen Apparat, brachte mit der andern den elektrischen Strom in Verbindung mit der Serpentine in der Laterne, und helles Licht zerstreute das Dunkel des Ganges.

Der zweite Apparat, welchen Hans trug, wurde ebenfalls in Thätigkeit gesetzt. Diese sinnreiche Anwendung der Elektricität setzte uns in Stand, durch Schöpfung künstlichen Tageslichts selbst mitten durch entzündliche Gase weiter zu dringen.

»Marsch!« sagte mein Oheim.

Jeder nahm wieder seinen Pack, Hans übernahm es, den mit den Kleidern und Stricken vor sich her zu stoßen, und wir traten alle drei in die Galerie.

Im Augenblick, als wir uns hinein begaben, blickte ich empor, und sah zum letztenmal durch den unermeßlichen Tubus den Himmel Islands, »den ich nicht wieder sehen sollte.«

Die Lava hatte sich bei ihrem Ausbruch im Jahre 1229 einen Weg durch diesen Tunnel gebrochen. Sie überzog das Innere mit einem dichten glänzenden Ueberzug, wovon das elektrische Licht mit hundertfacher Stärke reflectirt wurde.

Die Schwierigkeit des Weges bestand hauptsächlich darin, daß man über eine in einem Winkel von fünfundvierzig Grad geneigte Fläche nicht allzu rasch hinabglitt; zum Glück konnten manche zerfressene oder hervorragende Stellen als Stufen dienen, und das Gepäck brauchten wir nur an einer langen Leine uns nachzuziehen.

Aber, was unter unseren Füßen die Stufen abgab, wurde an den anderen Wänden zum Tropfstein. Die an manchen Stellen löcherige Lava bildete kleine runde Blasen; Krystalle von dunklem Quarz, mit klaren Glastropfen geziert, hingen wie Lüstres vom Gewölbe herab, schienen bei unserer Ankunft angezündet zu werden. Man konnte meinen, die unterirdischen Geister illuminirten ihren Palast, um die Gäste von der Oberwelt zu empfangen.

»Wie prachtvoll ist das! rief ich unwillkürlich aus. Welch ein Anblick! Zum Staunen diese Nuancen der Lava, die in unmerklichen Abstufungen aus dem Rothbraunen in’s glänzende Gelb übergehen! Und diese Krystalle sehen aus wie leuchtende Kugeln!

– Ach! jetzt kommst Du darauf, Axel! erwiderte mein Oheim. Ah, Du hältst das für prächtig, lieber Junge! Du wirst noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen, hoff’ ich. Nur vorwärts! vorwärts!«

Der Compaß, den ich häufig befragte, wies unveränderlich strenge die Richtung Südost. Dieser Lavastrom wich nach keiner Seite hin von der geraden Linie ab.

Inzwischen nahm die Wärme nicht merkbar zu. Dies bestätigte Davy’s Theorie, und ich befragte öfters mit Verwunderung den Thermometer. Zwei Stunden nach unserer Abreise zeigte er nur 10°, das heißt eine Steigerung von 4°. Dies veranlaßte zu der Annahme, daß wir uns mehr horizontal, als vertical bewegten. Wie tief mir hinabgekommen, war leicht zu bestimmen. Der Professor maß die Winkel der senkrechten und wagerechten Richtung des Weges, aber das Ergebniß seiner Beobachtungen hielt er geheim.

Abends um acht Uhr gab er das Zeichen zum Anhalten. Hans setzte sich sogleich nieder. Die Lampen wurden an einem Lavavorsprung befestigt. Wir befanden uns in einer Art Höhle, wo es an Luft nicht mangelte. Im Gegentheil, wir spürten einigen Luftzug. Woher rührte diese atmosphärische Bewegung? Diese Frage mir zu lösen, unterließ ich jetzt, da Hunger und Ermüdung mir die Fähigkeit zu denken benahmen. Das Hinabsteigen während sieben Stunden hintereinander hatte meine Kräfte erschöpft, und ich hörte mit Vergnügen den Ruf »Halt!« Hans breitete auf einem Lavablock einige Lebensmittel aus, und wir aßen mit Appetit. Doch beunruhigte mich ein Umstand: unser Wasservorrath war zur Hälfte verzehrt. Mein Oheim hatte darauf gerechnet, ihn aus unterirdischen Quellen zu ergänzen, aber bisher mangelten diese gänzlich. Ich konnte nicht umhin, diesen Punkt seiner Beachtung zu empfehlen.

»Ist Dir dieser Mangel an Quellen befremdlich? sagte er.

– Allerdings, und er beunruhigt mich sogar. Wir haben nur noch auf fünf Tage Wasser.

– Sei ruhig, Axel, ich stehe Dir dafür, daß wir Wasser finden werden, und mehr als uns lieb sein wird.

– Wann?

– Wenn wir aus diesen Lavaschichten heraus sind. Wie ist’s möglich, daß Quellen durch diese Wände dringen?

– Aber vielleicht zieht sich dieser Gang bis zu großen Tiefen hin. Es scheint mir, wir sind senkrecht noch nicht so tief hinab gekommen.

– Worauf stützest Du diese Voraussetzung?

– Weil, wenn wir innerhalb der Erdrinde weit vorwärts gekommen wären, die Wärme stärker wäre.

– Nach Deinem System, erwiderte mein Oheim. Was zeigt der Thermometer?

– Kaum fünfzehn Grad, also nur einen Grad mehr seit unserer Abreise.

– Nun folgere.

– Ich folgere also. Nach den genauesten Beobachtungen beträgt die Steigerung der Temperatur im Innern der Erde einen Grad auf hundert Fuß. Aber diese Ziffer kann wohl unter gewissen Bedingungen der Oertlichkeit sich ändern. So hat man zu Jakutzk in Sibirien wahrgenommen, daß die Steigerung um einen Grad schon bei sechsunddreißig Fuß stattfand. Dieser Unterschied hängt offenbar von der Leitfähigkeit der Felsen ab. Ich füge ferner bei, daß man in der Nähe eines erloschenen Vulkans und durch den Gneis wahrgenommen hat, daß die Steigerung der Temperatur nur bei hundertfünfunddreißig Fuß einen Grad betrug. Halten wir uns nun an diese letztere Annahme, die sich am günstigsten ausspricht, und rechnen wir.

– Rechne nur, lieber Junge.

– Das ist nicht schwer, sagte ich, und schrieb die Ziffern in mein Notizbuch. Neun mal hundertfünfundzwanzig Fuß machen elfhundertfünfundzwanzig Fuß Tiefe.

– Sehr genau ausgerechnet.

– Nun?

– Nun, nach meinen Beobachtungen befinden wir uns nun zehntausend Fuß unter dem Meeresspiegel.

– Ist’s möglich?

– Ja, oder die Ziffern gelten nicht mehr!«

Des Professors Berechnung stand richtig. Wir waren bereits um sechstausend Fuß tiefer gekommen, als bisher den Menschen gelungen war, zum Beispiel in den Gruben zu Kitz-Bühel in Tyrol und zu Kuttenberg in Böhmen.

Die Temperatur, welche an dieser Stelle einundachtzig Grad hätte betragen sollen, betrug kaum fünfzehn. Das gab sonderlich Stoff zum Nachdenken.

Neunzehntes Capitel

Auf dem Irrweg

Am folgenden Tag, Dienstags, 30. Juni, um sechs Uhr, setzten wir die Reise fort.

Wir folgten stets der Lavagalerie, welche in mäßigem Fall abwärts führte, wie die geneigten Flächen, die noch in manchen alten Häusern sich an Stelle der Treppen finden. So ging’s bis zwölf Uhr siebenzehn Minuten, als wir Hans, der stehen geblieben war, einholten.

»Ah! rief mein Oheim aus, da sind wir ja am Ende des Ganges!«

Ich sah mich um. Wir befanden uns mitten auf einem Kreuzweg, wo zwei Wege mündeten, beide düster und enge. Welchen sollten wir einschlagen?

Mein Oheim, welcher vor mir und dem Führer nicht den Anschein haben wollte, als schwanke er, bezeichnete den östlichen Tunnel, und alsbald gingen wir in denselben hinein. Uebrigens würde jede Unschlüssigkeit bezüglich dieses Weges sehr lange gedauert haben, denn es war kein Anzeichen vorhanden, welches die Wahl des einen oder des andern bestimmen konnte; wir mußten uns ganz dem Zufall anheim geben.

Diese neue Galerie hatte kaum merkbaren Fall, und sehr ungleichen Durchschnitt. Mitunter hatten wir eine Reihe von Gewölbebogen vor uns, die dem Nebenschiff einer gothischen Cathedrale glichen. Die Baukünstler des Mittelalters hätten da alle Formen der religiösen Architektur, welche aus dem Spitzbogen sich entwickelt hat, studieren können. Eine Meile weiter hatten wir unter den gedrückten Bogen des romanischen Styls den Kopf zu beugen, und mächtige Pfeiler in den Grundmauern stützten die Gewölbe mit ihren Unterlagen. An manchen Stellen sah man statt ihrer niedrige Unterbauten, die den Werken der Biber glichen, und wir glitten durch enge Gänge kriechend hinab.

Die Wärme hielt sich stets auf einem erträglichen Höhegrad. Unwillkürlich verglich ich damit, wie unendlich stark dieselbe gewesen, als die vom Snäfields ausgeworfenen Lavaströme auf diesem jetzt so ruhigen Weg durchbrachen. Ich dachte mir, wie an den Ecken der Galerie die Feuerströme sich brachen, und in diesem engen Raum die übermäßig heißen Dämpfe sich häuften.

»Wenn es nur, dachte ich, dem alten Vulkan nicht wieder einfällt, loszubrechen!«

Gegen meinen Oheim sprach ich diesen Gedanken nicht aus; er hätte ihn nicht begriffen. Sein einziger Gedanke war: Vorwärtsdringen. Er ging, rutschte, purzelte mit einer Ueberzeugung, die man doch bewundern mußte.

Um sechs Uhr Abends waren wir, wenig ermüdet, 3 Kilometer südlich vorwärts gekommen, aber in die Tiefe kaum eine Viertelmeile.

Mein Oheim gab das Zeichen zum Ausruhen. Wir aßen, ohne viel zu reden, und schliefen, ohne uns allzuviel Gedanken zu machen.

Unsere Einrichtung für die Nacht war sehr einfach; unser ganzes Bett bestand in einer Reisedecke, womit man sich umhüllte. Wir hatten weder Kälte, noch Belästigung durch einen Besuch zu fürchten. In den Wüsten Afrika’s, in den Waldungen der neuen Welt sind die Reisenden genöthigt, während des Schlafs sich einander Wache zu halten. Hier dagegen vollständige Einsamkeit, vollkommene Sicherheit. Weder Wilde, noch reißende Thiere waren zu fürchten.

Den andern Morgen setzten wir frisch und rüstig die Reise fort. Wir hatten denselben Lavagrund, wie Tags zuvor; die Beschaffenheit des Erdreichs, welches sie umgab, war unmöglich zu erkennen. Der Tunnel aber zog sich nicht mehr tiefer hinab, sondern ward allmälig ganz horizontal; ja ich glaubte zu bemerken, er führe wieder aufwärts, der Erdoberfläche zu. Gegen zehn Uhr Vormittags zeigte sich dies ganz offenbar; das Gehen wurde ermüdend, und ich mußte schon meinen Schritt mäßigen.

»Nun, Axel? sagte der Professor ungeduldig.

– Nun, ich kann nicht rascher, erwiderte ich.

– Wie? Nach drei Stunden auf einem so leichten Weg!

– Leicht, will ich nicht in Abrede stellen, aber doch ermüdend.

– Wie? Wir gehen ja nur abwärts!

– Aufwärts, erlauben Sie!

– Aufwärts! sagte mein Oheim, und zuckte die Achseln.

– Allerdings. Seit einer halben Stunde hat sich die Neigung des Weges geändert, und wenn’s so fortgeht, kommen wir sicherlich wieder auf die Oberfläche.«

Der Professor schüttelte den Kopf, da er sich nicht überzeugen lassen wollte. Ich brachte von Neuem die Rede darauf, er gab mir aber keine Antwort. Ich sah wohl, daß sein Schweigen nur von übler Laune herrührte.

Inzwischen hatte ich meinen Bündel wieder auf den Rücken genommen, und folgte eilig Hans nach, der vor meinem Oheim her ging. Es war mir darum zu thun, daß ich nicht zurück blieb; und meine Hauptsorge war, daß ich meine Gefährten nicht aus den Augen verlöre Ich schauderte bei dem Gedanken, daß ich mich in den Tiefen dieses Labyrinths verirren könne.

Uebrigens, wenn der nun aufwärts führende Weg ermüdender war, so tröstete ich mich darüber mit dem Gedanken, daß uns derselbe der Erdoberfläche näher brachte. Darin lag eine Hoffnung. Jeder Schritt bestätigte es, und ich erquickte mich schon bei dem Gedanken, mein liebes Gretchen wieder zu sehen.

Zur Mittagszeit gewährten die Wände der Galerie einen andern Anblick. Ich merkte es an der schwächeren Rückstrahlung des elektrischen Lichts. An Stelle der Lavaverkleidung trat jetzt das lebendige Gestein. Der Grundstock bestand aus geneigten, oft vertical geordneten Schichten. Wir befanden uns mitten in der Uebergangsepoche, in der silurischen Periode.

»Es ist augenscheinlich klar, rief ich aus, der Schiefer, der Kalk- und der Sandstein entstanden in der zweiten Epoche der Erdbildung aus dem Niederschlag der Gewässer! Wir kehren jetzt dem Granitkern den Rücken! Wir machen’s jetzt wie die Hamburger, welche über Hannover nach Lübeck reisen wollen.«

Ich hätte meine Beobachtungen für mich behalten sollen. Aber meine Anlage zum Geologen überwog die Klugheit, und Onkel Lidenbrock hörte meine Ausrufungen.

»Was hast Du denn vor? sprach er.

– Sehen Sie! erwiderte ich, und zeigte ihm die abwechselnde Reihe des Sand- und Kalksteins, und der ersten Spuren des Schieferbodens.

– Nun?

– Wir sind in die Periode gekommen, in welcher die ersten Pflanzen und Thiere zum Vorschein kamen.

– So! meinst Du?

– Aber schauen Sie nur, untersuchen, beobachten Sie!«

Ich nöthigte den Professor, seine Lampe an die Wände der Galerie zu halten. Ich versah mich seinerseits eines Ausrufs. Aber er sagte kein Wort, ging schweigend seines Weges weiter.

Hatte er mich verstanden, oder nicht? Wollte er, aus Eigenliebe des Oheims und des Gelehrten, nicht zugeben, daß er sich geirrt habe, indem er den östlichen Tunnel wählte, oder hatte er sich vorgenommen, diesen Gang bis an sein Ende zu verfolgen? Es lag klar, daß wir aus dem durch die Laven ziehenden Weg heraus gekommen waren, und daß dieser Weg unmöglich zum Herd des Snäfields führen konnte.

Doch fragte ich mich, ob ich nicht dieser Aenderung des Bodens eine zu große Bedeutung beigelegt habe. Hab’ ich mich nicht selbst geirrt? Wandern wir wirklich durch diese Schichten von Gestein, welches über dem Granitgerippe liegt?

»Habe ich Recht, dacht’ ich, so muß ich einige Trümmer von Urpflanzen finden, und man hat sich wohl an den Augenschein zu wenden. So wollen wir suchen.«

Ehe ich hundert Schritte machte, boten sich meinen Augen unverwerfliche Beweise dar. Das mußte wohl der Fall sein, denn in der silurischen Epoche befanden sich in den Meeren über fünfzehnhundert Arten von Pflanzen oder Thieren. Meine Füße, die bisher harten Lavaboden unter sich gehabt, traten nun plötzlich auf einen Staub aus Pflanzenresten und Muscheln. An den Wänden sah man deutlich Abdrücke von Meergräsern und Lykopodien. Der Professor Lidenbrock konnte nun unmöglich mehr irren; aber er schloß die Augen, denk’ ich, und schritt unabänderlich weiter.

Es war das ein Eigensinn über alle Grenzen. Jetzt hielt ich mich nicht länger zurück. Ich nahm eine vollkommen wohl erhaltene Muschel, die einem Thier angehört hatte, das ungefähr einer jetzigen Assel glich; darauf ging ich zu meinem Oheim und sagte zu ihm:

»Sehen Sie!

– Nun! erwiderte er ruhig, es ist die Muschel eines Thiers von der jetzt verschwundenen Gattung der Trilobiten. Weiter nichts.

– Aber folgern Sie nicht daraus? …

– Was Du folgerst? Ja wohl. Wir sind aus der Schichte des Granits und der Lava herausgekommen. Möglich, daß ich irre; aber ich bin nicht eher von meinem Irrthum überzeugt, als bis wir an’s Ende dieser Galerie gekommen sind.

– Sie verfahren mit Recht so, lieber Oheim, und ich würde Ihnen Beifall geben, hätten wir nicht eine immer mehr drohende Gefahr zu fürchten gehabt.

– Und welche?

– Wassermangel.

– Nun! Wir werden uns auf Rationen setzen, Axel.«

Zwanzigstes Capitel

Verlegenheiten

In der That, man mußte den Trunk beschränken. Unser Vorrath konnte nur noch drei Tage dauern. Das erkannte ich Abends beim Essen. Und dazu hatten wir wenig Aussicht, in diesem Uebergangsgebirge auf eine lebende Quelle zu stoßen.

Während des ganzen folgenden Tages vor unsern Schritten nichts als die unübersehbaren Gewölbe. Wir gingen ohne fast nur ein Wort zu reden: wir theilten die Schweigsamkeit unsers Hans. Aufwärts führte der Weg nicht, wenigstens unmerkbar. Manchmal schien er sogar sich abwärts zu neigen.

Der Schiefer, der Kalkboden und der alte rothe Sandstein der Wände schimmerten glänzend im elektrischen Licht. Man hätte denken können, man befinde sich in einer Grube zu Devonshire, woher diese Bodengattung benannt ist. Prachtvolle Musterstücke von Marmor deckten die Wände, hier von grauem Achat mit weißen Adern launisch durchzogen, dort fleischfarben oder gelb mit rothen Flecken; weiter hin dunkelfarbig, roth und braun gefleckt.

Die meisten dieser Marmor zeigten Abdrücke von Thieren aus der Urzeit. Seit Tags zuvor hatte die Schöpfung offenbar einen Fortschritt gemacht. An Stelle der Kerbthiere früherer Bildung sah ich Reste einer höheren Stufe; unter anderen solche, in welchen das Auge des Paläontologen die ersten Formen der Reptilien entdecken konnte. Die Meere von Devonshire waren von einer großen Anzahl Thiere dieser Gattung bewohnt, und setzten sie tausendweise auf den Felsen neuerer Bildung ab.

Offenbar befanden wir uns auf der Stufenleiter des Thierlebens, worauf der Mensch die höchste einnimmt.

Aber der Professor Lidenbrock schien darauf nicht zu achten. Er wartete auf zwei Dinge: entweder, daß ein senkrechter Schacht sich ihm vor den Füßen öffne, um wieder abwärts zu dringen, oder daß ein Hinderniß ihm die Fortsetzung auf diesem Weg versagte. Aber es kam der Abend heran, ohne daß sich diese Hoffnung verwirklichte.

Freitags, nachdem ich schon eine Nacht hindurch die Qual des Durstes ausgestanden, setzten wir unsere Irrfahrt in den Gängen der Galerie fort.

Nachdem wir zwei Stunden gegangen, bemerkte ich, daß der Widerschein unserer Lampen an den Wänden bedeutend schwächer wurde. An Stelle des Marmors, Schiefers, Kalk- oder Sandsteins trat eine dunkle glanzlose Wand. Als einmal der Tunnel sehr enge ward, griff ich links an dieselbe; als ich die Hand zurückzog, war sie ganz schwarz. Ich sah sie näher an. Wir befanden uns mitten in einer Kohlengrube.

»Eine Kohlenmine! rief ich aus.

– Eine Grube ohne Grubenleute, erwiderte mein Oheim.

– Nun, wer weiß?

– Ich meines Theils weiß, versetzte der Professor kurz, und bin fest überzeugt, daß dieser durch diese Kohlenschichte ziehende Gang nicht das Werk von Menschenhand ist. Aber, sei’s ein Werk der Natur, oder nicht, daran liegt mir wenig. Nun ist’s Zeit zum Abendessen. Machen wir uns daran.«

Hans bereitete einige Speisen. Ich aß wenig, und trank die wenigen Tropfen meiner Ration. Nur noch die Flasche des Führers halb voll, das war Alles, was noch vorhanden war, um drei Menschen den Durst zu stillen.

Nach der Mahlzeit streckten sich meine beiden Gefährten auf ihre Decken und erholten sich durch einen guten Schlaf von ihren Strapazen. Ich aber konnte nicht schlafen und zählte die Stunden bis zum Morgen.

Am Samstag um sechs Uhr frühe gingen wir weiter. Nach zwanzig Minuten kamen wir in eine große Aushöhlung; ich erkannte sogleich, daß diese Grube nicht von Menschenhand gemacht sein konnte; sonst hätten sie die Gewölbe mit Stützen versehen, und diese standen nur durch ein Wunder von Gleichgewicht fest.

Diese Art von Höhle war hundert Fuß breit und hundertundfünfzig hoch. Das Erdreich war durch eine unterirdische Erschütterung gewaltsam weggerissen. Der feste Grundbau der Erde hatte sich, einem mächtigen Druck nachgebend, verschoben, so daß dieser weite Raum, wohin nun zum ersten Mal Bewohner der Erde drangen, leer blieb.

Die ganze Geschichte der Kohlenperiode war auf diesen dunkeln Wänden verzeichnet, und ein Geolog konnte daran leicht die verschiedenen Entwickelungsstufen verfolgen. Die Kohlenlager waren durch feste Schichten Sandstein oder Thon geschieden und wie durch die oberen Lagen zerdrückt.

Zu der Zeit, welche der zweiten Epoche vorausging, ward die Erde in Folge der Wirkung einer tropischen Wärme und einer dauernden Feuchtigkeit mit einer ungeheuren Vegetation bedeckt. Eine Atmosphäre von Dünsten umgab den Erdball von allen Seiten und entzog ihm noch dazu die Sonnenstrahlen.

Daher die Folgerung, daß die hohen Temperaturen nicht von diesem neuen Herd herrührten. Vielleicht auch war das Tagesgestirn nicht bereit seine glänzende Rolle zu spielen. Die Klima existirten noch nicht, und eine versengende Hitze verbreitete sich über die ganze Oberfläche der Erde, an den Polen ebenso wie am Aequator. Woher kam sie? Aus dem Inneren des Erdkörpers.

Trotz der Theorien des Professors Lidenbrock glühte ein gewaltiges Feuer in den Tiefen der Erde, dessen Wirkung bis zu den äußersten Schichten der Erdrinde sich fühlbar machte; die Pflanzen, welche der wohlthätigen Bestrahlung der Sonne beraubt waren, trieben weder Blüthen, noch dufteten sie Wohlgerüche, aber ihre Wurzeln schöpften kräftiges Leben aus dem heißen Boden der ersten Tage.

Es gab wenig Bäume, nur krautartige Pflanzen, unermeßliche Rasen, Farrenkräuter, Lykopodien und andere seltene Familien, deren Gattungen damals nach Tausenden zählten.

Gerade dieser überreichen Vegetation verdankt die Kohle ihren Ursprung. Die noch elastische Rinde des Erdkörpers gab den Bewegungen der flüssigen Masse, wovon er bedeckt war, nach. Daher zahlreiche Spalten, Einsenkungen. Die unter die Gewässer fortgerissenen Pflanzen bildeten allmälig beträchtliche Anhäufungen.

Dann kam die Einwirkung der natürlichen Chemie dazu; auf dem Meeresgrund wurden die pflanzlichen Stoffe zuerst Torf; dann gestalteten sie sich durch Einfluß der Gase und unter dem Feuer der Gährung vollständig zu Mineralien.

Also entstanden die unermeßlichen Kohlenlager, welche jedoch durch einen übermäßigen Verbrauch, wenn die Industrie nicht vorsorgt, in drei Jahrhunderten erschöpft werden müssen.

Diese Gedanken kamen mir in den Sinn, während ich die in dieser Gegend aufgehäuften Kohlenschätze betrachtete. Diese hier werden allerdings nie in Verbrauch kommen. Die Ausbeutung dieser entlegenen Minen würde zu bedeutende Opfer erfordern und auch nicht nöthig sein, so lange die Kohle noch nächst der Oberfläche der Erde in so vielen Gegenden zu finden ist.

Inzwischen gingen wir weiter, und ich vergaß die Länge des Wegs, um mich in geologischen Betrachtungen zu verlieren. Die Temperatur blieb merklich dieselbe, wie wir sie mitten durch die Laven und Schiefer getroffen hatten. Nur fiel meiner Nase ein sehr starker Geruch von kohlenstoffhaltigem Wasserstoffgas auf, und ich erkannte sogleich, daß in dieser Galerie eine ansehnliche Menge von dem gefährlichen Fluidum vorhanden war, welches so oft durch Explosion erschreckliche Katastrophen herbeigeführt hat.

Zum Glück waren wir mit dem sinnreichen Ruhmkorff’schen Apparat versehen. Hätten wir unvorsichtiger Weise diese Galerie mit Fackeln in der Hand untersucht, so hätte eine fürchterliche Explosion der Reise ein vernichtendes Ende gemacht.

Wir gingen in der Kohlenmine fort bis zum Abend. Mein Oheim konnte seine Ungeduld über den horizontalen Weg kaum zurück halten. Die Dunkelheit hinderte, die Länge der Galerie zu schätzen, und ich fing schon an sie für unendlich zu halten, als wir plötzlich, um sechs Uhr, uns vor einer Wand befanden. Rechts und links, oben und unten kein Ausweg. Wir waren in eine Sackgasse gerathen.

»Nun, um so besser! rief mein Oheim, ich weiß denn wenigstens, woran ich mich zu halten habe. Wir sind nicht auf Saknussemm’s Weg, und es bleibt uns nichts übrig als umzukehren. Wir wollen eine Nacht ausruhen, und vor Ablauf von drei Tagen werden wir wieder an der Stelle sein, wo die beiden Galerien zusammenstoßen.

– Ja, sagte ich, wenn unsere Kräfte ausreichen!

– Und warum nicht?

– Weil morgen das Wasser uns völlig ausgehen wird.

– Und der Muth auch?« sagte der Professor mit einem strengen Blick.

Ich getraute nicht zu antworten.

Einundzwanzigstes Capitel

Wassermangel

Am folgenden Tage brachen wir in aller Frühe auf. Eile war nöthig. Wir waren fünf Tagereisen von dem Kreuzweg entfernt.

Ueber die Leiden unseres Rückwegs will ich kurz sein. Mein Oheim ertrug sie mit dem Zorne eines Mannes, der einer Uebermacht weichen muß; Hans mit der Ergebung seiner friedlichen Natur; ich, muß ich gestehen, mit Klagen und in Verzweiflung: gegen solches Mißgeschick konnte ich nicht den Muth finden.

Wie bereits erwähnt, ging uns das Wasser bereits am Ende des ersten Tages gänzlich aus. Wir waren zum Trunk auf den Wachholderbranntwein angewiesen, aber der brannte höllisch die Kehle, und ich konnte ihn nicht einmal ansehen. Die Temperatur war mir zum Ersticken, meine Kräfte waren gelähmt, ich war mitunter nahe daran regungslos hinzufallen. Man machte dann Halt; mein Oheim und der Isländer stärkten mich wieder, so gut sie vermochten. Aber ich bemerkte bereits, daß der Erstere gegen die äußerste Ermüdung und die Qualen des Durstes eine peinliche Wirkung übte.

Endlich, Dienstag, 8. Juli, gelangten wir, auf den Knieen, auf den Händen uns fortschleppend, halbtodt an dem Vereinigungspunkt der beiden Galerien an. Hier blieb ich wie eine träge Masse auf dem Lavaboden ausgestreckt liegen. Es war zehn Uhr Vormittags.

Hans und mein Oheim versuchten mir einige Brocken Zwieback beizubringen. Lange Seufzer entfuhren meinen aufgeschwollenen Lippen. Ich fiel in tiefen Schlummer.

Nach einer Weile kam mein Oheim heran und nahm mich in seine Arme.

»Armer Junge!« murmelte er mit dem Ton wahren Mitleidens.

Diese Worte rührten mich, da ich bei dem harten Professor Zärtlichkeiten nicht gewöhnt war. Ich er griff seine zitternden Hände mit den meinigen. Er ließ es geschehen und blickte mich an. Seine Augen waren feucht.

Darauf nahm er seine Flasche, die ihm an der Seite hing. Zu meinem Erstaunen hielt er sie an meine Lippen:

»Trink«, sprach er.

Konnte ich meinen Ohren trauen? War mein Oheim nicht bei Sinnen? Ich sah ihn starr an. Ich mocht’ es nicht begreifen.

»Trink«, wiederholte er.

Und er nahm seine Flasche und leerte sie ganz aus in meinen Mund.

O! unendliche Erquickung! Ein Schluck Wasser benetzte meinen glühenden Mund; ein einziger, der aber genügte, das entfliehende Leben mir wieder zu geben.

Ich dankte meinem Oheim mit gefalteten Händen.

»Ja, sagte er, der letzte Tropfen! der letzte! verstehst Du wohl? Der letzte! Ich hatte ihn sorgfältig in meiner Flasche aufbewahrt. Zwanzigmal, hundertmal mußte ich meinem erschrecklichen Verlangen widerstehen! Aber mein Axel, ich hob es für Dich auf.

– Lieber Oheim! stammelte ich, und Thränen quollen aus meinen Augen.

– Ja, armer Junge, ich dachte mir, bei Deiner Ankunft an diesem Kreuzweg würdest Du halb todt hinsinken, und habe meinen letzten Tropfen aufgehoben, Dich wieder zu beleben.

– Dank! Dank!« rief ich aus.

So wenig auch mein Durst gestillt war, einige Kraft hatte ich doch wieder gefunden. Meine bereits zusammen geschrumpften Kehlmuskeln erweiterten sich wieder, die Entzündung meiner Lippen war beschwichtigt. Ich vermochte zu reden.

»Sehen wir, sagte ich, jetzt haben wir keine andere Wahl; wir haben kein Wasser, müssen also denselben Weg zurück.«

Während ich sprach, mied mein Oheim meinen Blick; er senkte den Kopf, seine Augen wichen den meinigen aus.

»Wir müssen rückwärts, rief ich aus, und wieder den Weg nach dem Snäfields einschlagen. Wenn uns Gott nur die Kraft verleiht, wieder bis zur Höhe des Kraters zu gelangen!

– Zurückkehren! rief mein Oheim, als antworte er sich selbst, und nicht mir.

– Ja, zurück, und ohne einen Augenblick zu verlieren.«

Es entstand eine ziemlich lange Pause.

»Also, Axel, fuhr der Professor mit seltsamem Ton fort, diese Tropfen Wasser haben Dir Muth und Thatkraft nicht wieder belebt?

– Den Muth!

– Ich sehe Dich so muthlos, wie zuvor, und auch Worte der Verzweiflung!«

Was für ein Mann, mit dem ich zu thun hatte, und was für Projecte hegte sein verwegener Geist immer noch!

»Wie? Sie wollen nicht? …

– Verzichten auf die Unternehmung, im Augenblick, wo Alles anzeigt, daß sie gelingen kann! Niemals!

– So müssen wir uns entschließen, das Leben hinzugeben?

– Nein, Axel, nein! Geh’ nur. Deinen Tod will ich nicht. Hans mag Dich begleiten. Lasse mich allein!

– Sie verlassen!

– Lasse mich, sag’ ich Dir! Ich hab’ die Reise unternommen, und werde sie bis zu Ende führen, oder ich kehre nicht zurück. Geh’ nur! Axel, geh’ nur!«

Mein Oheim sprach mit größter Aufregung. Seine Stimme, die eine Weile weich geworden, ward wieder hart, drohend. Er rang mit düsterer Energie gegen das Unmögliche! Ich wollte ihn nicht in der Tiefe dieses Abgrunds verlassen, und dagegen drängte mich der Selbsterhaltungstrieb, ihn zu fliehen.

Hans begriff, was zwischen uns vorging, aber er zeigte doch wenig Antheil an der Frage, wobei sein eigenes Dasein im Spiel war; er war bereit, nach dem Winke seines Herrn weiter zu gehen oder zu bleiben.

Wir beide hätten wohl den hartnäckigen Professor zur Einsicht bringen, zur Rückkehr nöthigen können. Ich trat zu ihm, legte meine Hand in die seinige; er rührte sich nicht. Ich zeigte ihm den Weg nach dem Krater; er blieb unbeweglich. In meinem Angesicht waren alle meine Leiden zu lesen. Der Isländer schüttelte sanft den Kopf und wies ruhig auf meinen Oheim und sprach »Master.«

– »Der Herr, rief ich aus! Unsinnig! Nein, er ist nicht Deines Lebens Herr! wir müssen fliehen! ihn mit fortreißen! Hörst Du? verstehst Du mich?«

Ich faßte Hans beim Arm, rang mit ihm. Mein Oheim legte sich in’s Mittel.

»Ruhig, Axel, sprach er. Bei diesem unerschütterlichen Diener wirst Du nichts ausrichten. So höre, was ich Dir vorzulegen habe.«

Ich kreuzte die Arme und sah meinem Oheim in’s Angesicht.

»Der Mangel an Wasser ist das einzige Hinderniß der Ausführung meiner Projecte. In dieser östlichen Galerie, die aus Lava, Schiefer, Kohlen besteht, haben wir nicht einen Tropfen gefunden. Möglich aber ist, daß wir in dem westlichen Tunnel glücklicher sind.«

Ich schüttelte ungläubig den Kopf.

»Höre mich bis zu Ende an, fuhr der Professor mit gehobener Stimme fort. Während Du regungslos da lagst, hab’ ich diesen Gang untersucht. Er führt direct in’s Innere, und in wenig Stunden mitten in den Kern des Granit. Da müssen wir reichlich Quellen finden. Die Felsart bringt es mit sich, und der Instinct geht einig mit der Logik zu Gunsten meiner Ueberzeugung. Dies also ist mein Vorschlag. Columbus hat von seiner Schiffsmannschaft drei Tage begehrt, um die neue Welt zu entdecken. Ich begehre von Dir nur noch einen Tag. Stoßen wir nicht binnen dieser Zeit auf das mangelnde Wasser, so schwöre ich Dir, daß wir nach der Oberfläche zurückkehren werden.«

Trotz meiner Gereiztheit rührten mich diese Worte, und die Gewalt, welche mein Oheim sich anthat, eine solche Sprache zu führen.

»Nun denn! rief ich, ich füge mich Ihrem Wunsch, und Gott möge Ihre übermenschliche Energie lohnen! Es sind nur wenige Stunden. Also vorwärts!«

Zweiundzwanzigstes Capitel

Noth

Wir gingen also durch die neue Galerie wieder abwärts, Hans, wie gewöhnlich, voran. Wir waren noch keine hundert Schritte weit, als der Professor, die Lampe an der Wand, ausrief:

»Hier ist Urgebirg! Wir sind auf dem rechten Weg! Vorwärts! Vorwärts!«

Als in der ersten Epoche der Welt die Erde allmälig erkaltete, veranlaßte die Verringerung des Umfangs in ihrer Rinde Verschiebungen, Risse, Klüfte und Spalten. Der eben betretene Gang war ein Spalt dieser Art, durch welchen ehemals der ausgeworfene Granit seinen Weg fand. Seine unzähligen Wendungen bildeten ein verworrenes Labyrinth im ursprünglichen Boden.

Im Verhältniß, wie wir abwärts kamen, zeigten sich klarer die aufeinanderfolgenden Schichten, woraus das Urgestein besteht. Die Geologie sieht dieses als die Unterlage der mineralischen Rinde an, und hat erkannt, daß es aus drei verschiedenen Schichten besteht, dem Schiefer, Gneis und Glimmerschiefer, welche auf dem unerschütterlich festen Granit lagern.

Nun befanden sich nie Mineralogen in einer so merkwürdig günstigen Lage, um die Natur an Ort und Stelle zu studiren. Was die Sonde, die rohe Maschine ohne Intelligenz über das innere Gefüge nicht zu Tage fördern konnte, waren wir im Begriff mit eigenen Augen zu sehen, mit Händen zu greifen.

Quer durch die Lage des Schiefergesteins in schönen grünen Schattirungen zogen Erzgänge, Kupfer, Braunstein und etliche Spuren von Platina und Gold. Ich dachte mir, wie die Habgier der Menschen von diesen so tief vergrabenen Schätzen nie einen Genuß haben wird. Sie sind bei dem Durcheinanderrütteln jener Urzeit so tief versenkt worden, daß sie von Schaufel und Hacke nicht zu erreichen sind.

An die Schiefer reiheten sich die Gneis, von geschichtetem Bau, merkwürdig durch regelmäßig parallele Blätter, sodann die Glimmerschiefer in großen Stücken, welche durch das Funkeln des weißen Glimmers in die Augen sprangen.

Das Licht der Apparate, von den kleinen Facetten der Felsenmasse zurückgeworfen, kreuzte seine Feuerstrahlen unter allen Winkeln, so daß man denken konnte, man reise durch einen hohlen Diamanten, worin tausendfach blendend die Strahlen sich brachen.

Gegen sechs Uhr fing dieser Glanz an merklich schwächer zu werden, fast zu verschwinden; die Wände nahmen eine krystallisirte, aber düstere Färbung; der Glimmer mischte sich inniger mit dem Feldspath und Quarz, um das allerhärteste Gestein zu bilden, welches, ohne zerdrückt zu werden, die vier Stockwerke des Erdreichs trägt. Wir befanden uns mitten im Granit.

Es war Abends acht Uhr. Immer noch kein Wasser. Ich litt fürchterlich. Mein Oheim schritt immer voran, wollte nicht stehen bleiben. Er lauschte mit dem Ohre das Murmeln einer Quelle zu erhaschen. Vergebens!

Inzwischen versagten mir meine Beine den Dienst. Ich widerstand meinen Qualen, um nicht meinen Oheim zum Stillestehen zu nöthigen, Es wäre für ihn ein Verzweiflungsschlag gewesen, denn der Tag lief zu Ende, der letzte, welcher ihm gehörte.

Endlich gingen mir die Kräfte aus. Ich fiel nieder mit einem Schrei: »Hilfe! ich sterbe!«

Mein Oheim kam augenblicklich herbei. Er sah mich an mit gekreuzten Armen; dann murmelte er dumpf: »Es ist Alles aus!«

Eine fürchterlich zornige Bewegung war das letzte, was ich sah, als ich die Augen schloß.

Beim Wiederausschlagen derselben gewahrte ich meine Gefährten unbeweglich in ihre Decken gewickelt. Schliefen sie? Ich meines Theils konnte nicht einen Augenblick in Schlaf kommen. Ich litt allzu sehr, zumal bei dem Gedanken, daß nicht zu helfen sein solle. Meines Oheims letzte Worte, »Alles ist aus!« hallten in meinem Ohre wieder, denn bei dem hohen Grade meiner Schwäche war kein Gedanke, wieder auf die Erdoberfläche zu kommen.

Wir befanden uns fünfzehn Kilometer in der Tiefe!

Es war mir, als laste diese ganze Masse auf meinen Schultern. Ich fühlte mich wie zerschmettert und strengte mich vergebens an, mich auf meinem Granitlager umzudrehen.

So verflossen einige Stunden. Tiefe Stille herrschte um uns, Grabesstille. Kein Laut drang durch diese zum Mindesten fünf Meilen dicken Mauern.

Inzwischen glaubte ich mitten in meinem Schlummer ein Geräusch zu vernehmen. Es war dunkel im Tunnel. Als ich recht achtsam blickte, schien mir’s, als sähe ich den Isländer mit der Lampe in der Hand verschwinden.

Weshalb entfernt er sich? Will Hans uns verlassen? Mein Oheim schlief. Ich wollte schreien; die Stimme versagte mir zwischen den ausgetrockneten Lippen. Es war völlig dunkel geworden, und das letzte Geräusch war verstummt.

»Hans verläßt uns! schrie ich. Hans! Hans!«

So rief ich, jedoch nur im stillen Innern. Inzwischen, nach der ersten Anwandlung des Schreckens, schämte ich mich wieder meines Verdachts gegen den braven Menschen. Unmöglich wollte er fliehen. Er ging die Galerie abwärts, nicht nach oben, wohin üble Absicht ihn gezogen hätte. Dabei beruhigte ich mich ein wenig, und ich kam auf andere Gedanken. Hans, dieser friedliche Mann, mußte einen wichtigen Beweggrund haben, der ihn vom Lager trieb. Ging er, um eine Quelle zu finden? Hatte er in der Stille der Nacht ein Murmeln gehört, das nicht bis zu meinem Ohr gedrungen war?

Dreiundzwanzigstes Capitel

Der Hansbach

Eine Stunde lang überdachte ich in meinem wahnsinnigen Gehirn alle Gründe, welche den phlegmatischen Jäger zum Handeln treiben konnten. Die absurdesten Ideen verwickelten sich in meinem Kopf. Ich glaubte, ich sei im Begriff, ein Narr zu werden!

Doch endlich vernahm man Fußtritte aus der Tiefe des Ganges. Hans kam zurück. Das Licht fing an unstät an den Wänden zu schimmern, dann kam es an der Mündung des Tunnels zum Vorschein. Hans erschien, trat nahe zu meinem Oheim, legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn sanft. Er richtete sich auf und rief:

»Was giebt’s?

– Vatten«, erwiderte der Jäger.

Man muß annehmen, daß jeder Mensch, wenn ihn heftige Schmerzen anregen, alle Sprachen versteht. Ich verstand nicht ein einziges Wörtlein dänisch, und doch begriff ich instinctmäßig das Wort unsers Führers.

»Wasser! Wasser! rief ich aus, klaschte mit den Händen, geberdete mich wie wahnsinnig.

– Wasser! wiederholte mein Oheim. ›Hwar?‹ fragte er den Isländer.

– Nedat«, antwortete Hans.

Wo? Unten! Ich verstand Alles. Ich ergriff des Jägers Hand und drückte sie; er sah mich ruhig an.

Ohne uns mit Vorbereitungen aufzuhalten, waren wir flugs auf dem Weg, in einem Gang von zwei Fuß Fall per Toise.

Nach einer Stunde hatten wir bei tausend Toisen zurückgelegt und waren zweitausend Fuß abwärts gekommen.

In diesem Augenblick vernahm ich deutlich einen ungewohnten Ton seitwärts in der Granitwand, eine Art dumpfes Brausen gleich fernem Donner. Während der ersten halben Stunde unsers Wegs, da wir noch nicht auf die angekündigte Quelle stießen, überkam mich wieder die Angst; nun aber belehrte mich mein Oheim über den Ursprung des Geräusches, welches man vernahm.

»Hans hat sich nicht geirrt, sagte er; was Du da hörst, ist das Rauschen eines Baches.

– Ein Bach? rief ich aus.

– Ohne allen Zweifel. Ein unterirdischer Fluß strömt in unserer Nähe!«

Wir beschleunigten unsere Schritte, von Hoffnung gespornt. Ich fühlte keine Müdigkeit mehr. Bereits das Rauschen eines murmelnden Wassers erquickte mich. Es wurde merklich stärker. Nachdem wir den Bach lange Zeit über unserm Kopf gehört, floß er jetzt in der linken Seitenwand, brausend und sprudelnd. Ich hielt öfters meine Hand wider den Felsen, in Hoffnung, Spuren von durchsickernder Feuchtigkeit zu finden. Aber vergebens.

Eine halbe Stunde verfloß noch. Eine halbe Lieue wurde noch zurückgelegt.

Es zeigte sich nun klar, daß der Jäger, als er abwesend war, sein Suchen nicht weiter hatte fortsetzen können. Geleitet von einem den Bergbewohnern eigenthümlichen Instinct, erkannte er im Gefühl diesen Bach durch den Felsen hindurch, gesehen aber hatte er das köstliche Naß sicherlich nicht, seinen Durst nicht damit gestillt.

Bald ergab sich auch, daß wir, wenn wir weiter fort gingen, uns von dem fließenden Wasser, dessen Rauschen schwächer zu werden anfing, wieder entfernen würden.

Wir gingen also wieder zurück. Hans blieb genau an der Stelle stehen wo der Bach am nächsten zu sein schien.

Ich setzte mich neben der Wand nieder, während das Wasser in einer Entfernung von zwei Fuß sehr reißend strömte. Aber eine Granitwand trennte uns noch.

Ohne nachzudenken, ohne mich zu fragen, ob es nicht irgend ein Mittel gebe, dieses Wasser sich zu verschaffen, gab ich mich im ersten Augenblick einer Verzweiflung hin.

Hans sah mich an, und ich glaubte ein Lächeln auf seinen Lippen zu bemerken.

Er stand auf und nahm seine Lampe. Ich folgte ihm nach. Er ging nach der Wand hin; ich sah ihm zu, was er machte. Er hielt sein Ohr ganz nahe an den bloßen Stein, fuhr mit demselben daran vorbei, sorgfältig lauschend. Ich begriff, daß er genau die Stelle suchte, wo man den Bach am lautesten rauschen hörte. Diese Stelle fand er in der linken Wand, drei Fuß über dem Boden.

Ich war in großer Bewegung! Ich wagte nicht zu rathen, was der Jäger thun würde. Aber ich konnte nicht umhin, ihn zu begreifen, zu beglückwünschen, mit Liebesbezeigungen zu überschütten, als ich ihn zur Spitzhaue greifen sah, um sich an den Felsen selbst zu machen.

»Retten Sie! rief ich aus.

– Ja, wiederholte mein Oheim wie wahnsinnig, Hans hat Recht! Der wackere Jäger! Wir wären nicht darauf gekommen!«

Ich glaub’s wohl! So einfach ein solches Mittel auch war, es wäre uns nicht in den Sinn gekommen. Es war doch höchst gefährlich, mit der Hacke in dies Gerüste des Erdballs einzuhauen? Es konnte ein Einsturz erfolgen, der uns zermalmte! Der Bach konnte, nachdem er durchgebrochen, uns verschlingen. Diese Gefahren hatten nichts Grillenhaftes; aber damals konnte die Besorgniß vor Einsturz oder Ueberschwemmung uns nicht abhalten, denn unser Durst war stark.

Hans machte sich an die Arbeit, die weder mein Oheim, noch ich fertig gebracht hätte. Die Ungeduld hätte uns die Hand geführt, so daß der Felsen unter wiederholten Schlägen zertrümmert worden wäre. Der Führer dagegen, ruhig und bedächtig, hieb den Felsen mit öfter wiederholten kleinen Schlägen an, und grub so ein sechs Zoll breites Loch. Es dauerte nicht lange, so war die Haue schon zwei Fuß in die Granitwand gedrungen. Die Arbeit währte über eine Stunde. Ich zappelte vor Ungeduld! Mein Oheim wollte es mit Macht angreifen; ich konnte ihn kaum zurückhalten, und schon griff er zur Haue, als man plötzlich ein Zischen vernahm. Ein Wasserstrahl brach aus der Wand vor, und schlug wider die Wand der entgegengesetzten Seite.

Hans, den der Stoß bald umgeworfen hätte, konnte einen Schmerzensschrei nicht unterdrücken. Ich begriff es, als ich meine Hände in den Strahl tauchte, und schrie ebenfalls laut auf. Das Wasser war siedend heiß.

»Das Wasser ist hundert Grad heiß! rief ich.

– Nun, es wird schon kalt werden«, erwiderte mein Oheim.

Der Gang füllte sich mit Dämpfen, und es entstand ein Bach, der sich in Krümmungen verlief; wir konnten bald unsern Trunk daraus schöpfen.

Ach! welche Lust! welch’ unvergleichliche Erquickung! Woher kam das Wasser? daran lag wenig. Es war Wasser, das, wenn auch warm, das schon entschwindende Leben doch dem Herzen wieder zuführte. Ich trank ohne einzuhalten, ohne nur zu kosten.

Erst nachdem ich mich eine Minute erquickt, rief ich aus: »Aber das Wasser ist eisenhaltig!

– Das ist für den Magen vortrefflich, versetzte mein Oheim; und es hat viel Mineralgehalt! Es könnte eine Reise nach Spaa oder Teplitz sparen!

– Und wie gut schmeckt’s!

– Ich glaub’s wohl, ein Wasser, das man zwei Lieues unter der Erde schöpft. Es hat einen Tintengeschmack, doch nichts Unangenehmes. Hans hat uns da eine famose Erquickungsquelle verschafft. Darum schlag ich auch vor, dem heilsamen Bach seinen Namen zu geben.

– Gut!« rief ich aus.

Und der Name »Hansbach« wurde gleich angenommen.

Hans ward dadurch nicht stolzer. Nachdem er sich ein wenig erquickt, setzte er sich mit gewohnter Ruhe in einen Winkel.

»Jetzt, sagte ich, sollte man dies Wasser nicht sich verlaufen lassen?

– Zu welchem Zweck? erwiderte mein Oheim, ich vermuthe, die Quelle ist unerschöpflich.

– Gleichviel! Füllen wir unseren Schlauch und die Flaschen, und versuchen dann die Oeffnung zu stopfen.«

Man folgte meinem Rath. Hans versuchte mit Granitsplittern und Werch die gehauene Oeffnung zu stopfen. Das war nicht leicht, weil man sich die Hände verbrannte, ohne den Zweck zu erreichen. Der Druck war zu stark und die Versuche mißglückten.

»Offenbar liegt die Quelle dieses Stromes sehr hoch.

– Ohne Zweifel, versetzte mein Oheim. Wenn die ser Wasserstrahl aus einer Höhe von zweiunddreißigtausend Fuß kommt, so ist’s ein Druck von tausend Atmosphären. Aber es fällt mir etwas ein.

– Was?

– Warum setzen wir uns in den Kopf die Oeffnung zu verstopfen?

– Weil …«

Ich war in Verlegenheit, einen Grund zu finden.

»Wenn unsere Flaschen leer sind, werden wir sie wieder füllen können?

– Nein, offenbar.

– Nun, so lassen wir dies Wasser fließen! Es wird seinen natürlichen Lauf abwärts nehmen, uns den Weg zeigen und zugleich erfrischen!

– Ein guter Gedanke! rief ich aus, und in Begleitung dieses Baches haben wir um so mehr Grund für das Gelingen unsers Vorhabens.

– Ah! Jetzt kommst Du darauf, lieber Junge, sagte der Professor lachend.

– Noch besser, ich bin schon darauf.

– Einen Augenblick! Ruhen wir erst einige Stunden aus.«

Ich hatte wirklich vergessen, daß es Nacht war. Der Chronometer zeigte mir’s. Bald verfielen wir, hinlänglich gestärkt und erquickt, in tiefen Schlummer.

Vierundzwanzigstes Capitel

Weiter hinab

Am folgenden Morgen hatten wir schon die bestandenen Leiden vergessen. Ich war erstaunt, daß ich keinen Durst mehr hatte, und fragte nach dem Grund. Der zu meinen Füßen rieselnde Bach gab mir murmelnd die Antwort.

Man frühstückte und trank dies köstliche Stahlwasser. Ich fühlte mich wieder ganz gekräftigt und entschlossen zur weiteren Reise. Warum sollte ein Mann von Ueberzeugung, wie mein Oheim, nebst einem sinnreichen Führer, wie Hans, und einem »entschlossenen« Neffen, wie ich, nicht zum Ziel gelangen? So schöne Gedanken schlichen nun in meinen Kopf! Hätte man mir jetzt den Vorschlag gemacht, nach der Höhe des Snäfields zurück zu kehren, ich hätte ihn mit Unwillen zurück gewiesen.

Es handelte sich aber nur um’s Hinabsteigen.

»Vorwärts!« rief ich, und rief durch enthusiastische Betonung die alten Echo der Erde wach.

Freitags um acht Uhr frühe wurde die Reise fortgesetzt. Der Granitgang zog sich in krummen Umwegen mit unerwarteten Winkeln labyrinthähnlich hin; doch im Ganzen in der Hauptrichtung nach Südost. Mein Oheim befragte unaufhörlich auf’s Sorgfältigste den Compaß, um über den zurückgelegten Weg klar zu sein.

Die Galerie lief fast horizontal mit höchstens zwei Zoll Fall per Toise. Der Bach floß zu unseren Füßen gemächlich murmelnd. – Mein Oheim verwünschte das Horizontale der Richtung. Sein Weg zog sich unendlich in die Länge, und anstatt längs dem Erdradius hinabzugleiten, machte er, wie er sich ausdrückte, den Weg der Hypothenuse. Aber wir hatten keine andere Wahl, und so lange man nur abwärts dem Centrum näher kam, wenn auch langsam, durfte man sich nicht beklagen. Doch nahm von Zeit zu Zeit der Fall zu; unser Bach eilte brausend, und wir gelangten mit ihm mehr in die Tiefe.

Im Ganzen lief diesen und den folgenden Tag der Weg meistentheils horizontal, und verhältnißmäßig wenig vertical.

Am 10. Juli, Freitag Abends, mußten wir unserer Schätzung nach uns dreihundert Kilometer südöstlich von Reykjawik, und in einer Tiefe von fünfundzwanzig Kilometer befinden.

Damals öffnete sich vor unseren Füßen ein etwas erschrecklicher Schacht. Mein Oheim konnte sich nicht enthalten in die Hände zu klatschen, als er die steilen Wände in Berechnung zog.

»Dieser wird uns weit führen, rief er aus, und leicht, denn die Felsenvorsprünge bilden eine wirkliche Leiter!«

Die Stricke wurden von Hans derart verwendet, daß jeder Unfall dadurch verhütet wurde. Wir begannen hinabzusteigen. Ich getraue mir nicht, es gefährlich zu nennen, denn ich war mit dergleichen Uebungen bereits vertraut.

Dieser Schacht war eine enge, in dem Grundbau angebrachte Spalte von der Art, welche man »faille« nennt. Offenbar war derselbe durch Zusammenziehung des Gerippes der Erde zur Zeit ihrer Erkaltung entstanden. Wenn vormals die von dem Snäfields ausgeworfenen Gegenstände durch denselben ihren Weg fanden, so war mir unerklärlich, warum diese keine Spur davon darin zurück ließen. Wir stiegen eine Art von Wendeltreppe hinab, die man für ein Werk menschlicher Hände hätte halten können.

Von Viertelstunde zu Viertelstunde mußte man anhalten, um gehörig auszuruhen, daß unsere Kniekehlen ihre Elasticität wieder gewannen. Man setzte sich dann auf einen Vorsprung und ließ die Beine hängen, man plauderte beim Essen und trank dazu aus dem Bach.

Es versteht sich, daß der Hansbach zum Wasserfall geworden war und sich dabei sein Umfang vermindert hatte; aber er war noch mehr als hinreichend, um unsern Durst zu stillen; übrigens bekam er an minder rauhen Stellen seinen gewöhnlichen ruhigen Lauf.

Am 6. und 7. Juli folgten wir den Windungen dieses Ganges, und drangen dabei wieder zwanzig Kilometer in der Erdrinde weiter vor, das machte über fünfzig Kilometer über dem Meeresspiegel. Aber am 8. gegen Mittag bekam derselbe in südöstlicher Richtung einen weit sanfteren Abfall, von etwa fünfundvierzig Grad.

Der Weg wurde sodann bequem und völlig einförmig. Es hätte auch nicht leicht anders sein können; es war keine Landschaft da, welche hätte Abwechselung gewähren können.

Endlich, Mittwoch 15., befanden wir uns siebenzig Kilometer unter der Erde, und etwa fünfzig Lieues vom Snäfields entfernt. Obwohl wir etwas ermüdet waren, so hielt sich doch unsere Gesundheit in gutem Zustand, und die Reise-Apotheke war noch unberührt.

Mein Oheim verzeichnete von Stunde zu Stunde die Angaben des Compasses, des Chronometers, Manometers und Thermometers, dieselben, welche er in dem wissenschaftlichen Bericht von seiner Reise veröffentlicht hat. Er konnte sich daher von seiner Lage genaue Rechenschaft geben. Als er mir mittheilte, wir befänden uns horizontal fünfzig Lieues entfernt, konnte ich einen lebhaften Ausdruck meines Staunens nicht zurückhalten.

»Was hast Du vor? fragte er.

– Nichts, ich machte nur eine Bemerkung.

– Welche, mein Lieber?

– Sind Ihre Berechnungen richtig, so befinden wir uns nicht mehr unter Island.

– Meinst Du?

– Wir können uns leicht davon überzeugen.«

Ich maß mit dem Zirkel auf der Karte.

»Ich irrte nicht, sagte ich. Wir sind über Cap Portland hinaus, und die fünfzig Lieues in südöstlicher Richtung versetzen uns mitten unter’s Meer.

– Unter’m Meer, versetzte mein Oheim und rieb sich die Hände.

– Also, rief ich aus, haben wir den Ocean über unserem Kopf!

– Bah! Axel, ganz natürlich! Ziehen nicht zu Newcastle die Kohlengruben weit unter dem Meere hin?«

Der Professor fand wohl diese Lage sehr einfach; aber der Gedanke, daß ich unter der Masse des Meeres wandelte, machte mir doch etwas Sorge. Jedoch, ob die Ebenen und Gebirge Islands über unserm Kopf waren, oder die Wogen des Atlantischen Meeres, machte im Ganzen wenig Unterschied, wenn nur der Granitbau fest war. Uebrigens gewöhnte ich mich bald an diesen Gedanken; denn der Gang, welcher bald geradaus, bald in Krümmungen launenhaft hinzog, führte doch immer südöstlich und stets weiter in die Tiefe hinab.

Vier Tage darauf, Samstags, 18. Juli, kamen wir Abends in einer Art von geräumiger Grotte an; mein Oheim stellte Hans seine wöchentlichen drei Reichsthaler zu, und es wurde beschlossen, morgen solle Rasttag sein.

Fünfundzwanzigstes Capitel

Rasttag

Ich wachte am Sonntag Morgen mit dem gewohnten Gedanken sofortiger Abreise auf. Und, obwohl im tiefsten Abgrund, war es doch immer angenehm. Uebrigens waren wir bereits förmliche Troglodyten geworden, und ich dachte gar nicht mehr an Sonnen-und Mondenschein und Sternenlicht, an Bäume, Häuser, Städte und alle diese Ueberflüssigkeiten des irdischen Lebens, woraus die Leute unter’m Mond sich Nothwendigkeiten geschaffen haben. In unserer Eigenschaft als Fossilien spotteten wir über diese unnützen Wunderdinge.

Die Grotte bildete einen geräumigen Saal. Auf seinem Granitboden floß gemüthlich der treue Bach. So weit von seiner Quelle entfernt hatte sein Wasser keinen höheren Wärmegrad mehr, wie seine Umgebung, so daß man’s leicht trinken konnte.

Nach dem Frühstück verwendete der Professor einige Stunden darauf, seine täglichen Notizen in Ordnung zu bringen.

»Für’s Erste, sagte er, will ich Berechnungen anstellen, um unsere Lage genau aufzunehmen: ich möchte nach unserer Rückkehr eine Karte von unserer Reise entwerfen, eine Art von senkrechtem Erddurchschnitt, welche das Profil der Expedition geben wird.

– Das wird sehr merkwürdig sein, lieber Oheim; aber werden Ihre Aufzeichnungen dafür hinlänglich genau sein?

– Ja. Ich habe die Neigungen und Winkel sorgfältig gemessen, und ich kann mich darauf verlassen, daß ich nicht irre. Sehen wir nun zuerst, wo wir uns befinden? Nimm den Compaß und merke die Richtung, welche er angiebt.«

Ich betrachtete das Instrument, und antwortete, nachdem ich’s genau geprüft:

»Ost-Quart-Süd-Ost.

– Recht! sagte der Professor, indem er die Angabe aufzeichnete, und einige flüchtige Berechnungen hinwarf. Ich entnahm daraus, daß wir fünfundachtzig Lieues seit unserer Abreise zurückgelegt hatten.

– Also reisen wir unter’m atlantischen Meere?

– Ganz richtig.

– Und in diesem Augenblick bricht vielleicht ein Sturm los, und Schiffe werden über unserm Kopf von Sturm und Wogen gerüttelt?

– Wohl möglich.

– Und die Wallfische werden mit ihrem Schwanz wider die Wände unseres Gefängnisses schlagen?

– Sei ruhig, Axel, es wird ihnen nicht gelingen, es zu erschüttern. Aber kehren wir zu unseren Berechnungen zurück. Wir befinden uns im Südosten, fünfundvierzig Meilen vom Snäfields, und meinen Notizen nach in einer Tiefe von sechzehn Lieues (hundertundsechzig Kilometer).

– Sechzehn Lieues! rief ich aus.

– Allerdings.

– Aber das ist ja die äußerste Linie, welche die Wissenschaft für die Dicke der Erdrinde angenommen hat.

– Ich stelle das nicht in Abrede.

– Und es sollte, nach dem Gesetz für die steigende Temperatur, hier eine Wärme von fünfzehnhundert Grad sein.

– Es ›sollte‹, lieber Junge.

– Und all dieser Granit könnte sich nicht in festem Zustand halten, und wäre in vollem Schmelzen begriffen.

– Du siehst, daß nichts daran ist, und daß, wie gewöhnlich, die Theorien durch die Thatsachen Lügen gestraft werden.

– Ich muß es zugeben, aber es setzt mich doch in Erstaunen.

– Was giebt der Thermometer an?

– Siebenundzwanzig und sechs Zehntel Grad.

– Es fehlen also noch vierzehnhundertvierundsiebenzig Grad und vier Zehntel an dem, was die Gelehrten behaupten. Folglich beruht das verhältnißmäßige Steigen der Temperatur auf einem Irrthum. Folglich irrte Humphry Davy nicht. Folglich darf ich ihm Gehör leihen. Was hast Du darauf zu antworten?

– Nichts.«

Zwar hätte ich viel darauf zu sagen gehabt. Ich ließ die Theorie Davy’s in keiner Hinsicht gelten, ich hielt stets an der Centralwärme fest, obwohl ich ihre Wirkungen nicht spürte. Eher ließ ich wirklich gelten, daß dies Kamin eines erloschenen Vulkans, mit seinem störrigen Lava-Ueberzug die Wärme nicht durch seine Wände dringen ließ.

Aber anstatt mich mit Aufsuchen neuer Beweise aufzuhalten, beschränkte ich mich darauf, die Lage der Dinge zu nehmen, wie sie war.

»Lieber Oheim, fuhr ich fort, ich halte alle Ihre Berechnungen für genau, aber gestatten Sie mir eine strenge Folgerung daraus zu ziehen.

– Thu’s, Lieber, nach Belieben.

– An dem Punkt, wo wir uns befinden, unter der Breite Islands, beträgt der Erdradius ungefähr fünfzehnhundertdreiundachtzig Lieues?

– Fünfzehnhundertdreiundachtzig.

– Nehmen wir nun sechzehnhundert Lieues. Von diesen haben wir sechzehn zurückgelegt.

– So ist’s.

– Und zwar um den Preis von fünfundachtzig Lieues Diagonale?

– Richtig.

– Binnen zwanzig Tagen etwa?

– Ja.

– Nun machen sechzehn Lieues den hundertsten Theil des Erdradius aus. Fahren wir so fort, so brauchen wir noch zweitausend Tage, oder nächst fünf und ein halb Jahr, um hinunter zu kommen!«

Der Professor hatte nichts darauf zu erwidern.

»Ohne in Anschlag zu bringen, daß, wenn eine verticale Linie von sechzehn Lieues durch eine horizontale von achtzig gewonnen wird, dies achttausend Lieues in südöstlicher Richtung beträgt, und daß man also viel Zeit braucht, um von einem Punkt des Umfangs zum Centrum zu gelangen!

– Zum Teufel mit Deinen Berechnungen! entgegnete mein Oheim zornig. Zum Teufel mit Deinen Hypothesen! Worauf beruhen sie denn? Wer sagt Dir denn, daß dieser Gang nicht direct bis zu unserm Ziel führt? Zudem hab’ ich zu meinen Gunsten einen Vorgänger. Was ich unternehme, hat schon ein Anderer ausgeführt, und was ihm glückte, wird auch mir glücken.

– Ich hoff’ es; aber schließlich darf ich doch …

– Du darfst schweigen, Axel, wenn Du in der Weise aburtheilen willst.«

Ich sah wohl, daß der fürchterliche Professor unter der Haut des Oheims wieder zum Vorschein zu kommen drohte, und ich ließ mir’s gesagt sein.

»Jetzt, fuhr er fort, befrage den Manometer. Was zeigt er an?

– Einen sehr bedeutenden Druck.

– Gut. Du siehst, daß, wenn man allmälig abwärts kommt, man sich nach und nach an die dichtere Atmosphäre gewöhnt, so daß man gar nicht darunter zu leiden hat.

– Gar nicht, abgerechnet etwas Ohrenschmerzen.

– Das will nichts heißen, und Du wirst dies Uebel beseitigen, wenn Du die äußere Luft rasch mit der in Deinen Lungen enthaltenen in Verbindung bringst.

– Ganz recht, versetzte ich, entschlossen, meinem Oheim nicht mehr zu widersprechen. Es ist sogar eine rechte Luft, sich in diese dichtere Atmosphäre zu tauchen. Haben Sie bemerkt, mit welcher Stärke sich darin der Ton fortpflanzt?

– Gewiß. Ein Tauber würde da trefflich zum Gehör gelangen.

– Aber diese Dichtheit wird ohne Zweifel zunehmen?

– Ja, nach einem noch wenig festgestellten Gesetz. Es steht richtig, daß die Schwerkraft im Verhältniß, wie man abwärts kommt, geringer wird. Du weißt, daß ihre Wirksamkeit am meisten auf der Erdoberfläche fühlbar ist, und daß im Centrum der Erde die Gegenstände kein Gewicht mehr haben.

– Ich weiß es; aber sagen Sie mir, wird die Luft nicht endlich an Dichtigkeit dem Wasser gleich kom men?

– Allerdings, bei einem Druck von siebenhundertundzehn Atmosphären.

– Und unterhalb dieser Grenze?

– Wird die Dichtigkeit stets zunehmen.

– Wie können wir aber dann abwärts kommen?

– Nun, da stecken wir uns Steine in die Taschen.

– Wahrhaftig, Oheim, Sie haben auf Alles eine Antwort.«

Ich wagte auf dem Feld der Hypothesen nicht weiter vorzugehen; ich wäre vielleicht noch auf eine Unmöglichkeit gestoßen, wobei der Professor außer sich gekommen wäre.

Es war jedoch klar, daß die Luft unter einem Druck, der auf Tausende von Atmosphären steigen konnte, am Ende in einen festen Zustand übergehen würde, und dann mußte man, vorausgesetzt, daß unsere Körper Widerstand zu leisten fähig wären, Halt machen, trotz alles Disputirens auf der Welt.

Aber ich machte diesen Grund gar nicht geltend. Mein Oheim hätte mir abermals seinen Saknussemm vorgehalten. Dieses Beispiel eines Vorgängers ist aber ohne Gewicht, denn hält man auch die Reise des gelehrten Isländers für echt, so gab es doch darauf einen sehr einfachen Einwand.

Im sechzehnten Jahrhundert waren Barometer und Manometer noch nicht erfunden; wie konnte dann Saknussemm sein Anlangen im Mittelpunkt der Erde feststellen?

Aber ich behielt diesen Beweisgrund für mich, und wartete die Ereignisse ab.

Der übrige Theil des Tages verfloß in Berechnungen und Unterhaltungen. Ich war stets mit dem Professor Lidenbrock gleicher Ansicht, und beneidete Hans um seine vollkommene Leidenschaftslosigkeit, indem er, ohne viel nach Ursache und Wirkung zu fragen, sich blind vom Verhängniß leiten ließ.

Sechsundzwanzigstes Capitel

Verirrt

Offen gestanden, die Dinge standen bisher gut, und ich durfte mich nicht beklagen. Wenn die Schwierigkeiten nicht »im Durchschnitt« zunahmen, so konnte es nicht fehlen, daß wir unser Ziel erreichten. Und welcher Ruhm dann! Ich war so weit gekommen, daß ich à la Lidenbrock urtheilte. Ernstlich. Gehörte das mit zu der seltsamen Umgebung, worin ich lebte? Vielleicht.

Während einiger Tage führte uns ein vermehrt abschüssiger Weg, der mitunter selbst erschrecklich senkrecht war, tief in’s Innere des Erdkerns. An manchen Tagen kam man eine und eine halbe bis zwei Lieues dem Centrum näher. Das Hinabsteigen war gefährlich, aber die Geschicklichkeit unseres Hans und seine merkwürdige Kaltblütigkeit kamen uns dabei sehr zu statten. Dieser Isländer von unverwüstlichem Gleichmuth widmete sich mit unbegreiflicher Ungenirtheit, und wir hatten es ihm zu danken, daß wir über manchen schlimmen Fall hinaus kamen, was uns allein nicht möglich gewesen wäre.

Während der beiden Wochen nach unserer letzten Unterhaltung fiel nichts besonders Merkwürdiges vor. Nur ein einziges Ereigniß von ernstester Bedeutung ist mir unvergeßlich, und aus gutem Grund. Nicht den kleinsten Umstand dabei hätte ich aus dem Sinn verlieren können.

Am 7. August waren wir allmälig bis zu einer Tiefe von dreißig Lieues gelangt, das heißt über unserem Kopf waren dreißig Lieues an Felsen, Ocean, Festland und Städten. Wir mußten damals zweihundert Lieues von Island entfernt sein.

Diesen Tag zeigte sich im Tunnel sehr wenig Fall.

Ich ging voran. Mein Oheim trug einen der beiden Ruhmkorff’schen Apparate, ich den andern. Ich betrachtete die Granitschichten.

Auf einmal, als ich mich umsah, fand ich mich allein.

»Gut, dachte ich, ich bin zu rasch gegangen, oder Hans und mein Oheim sind stehen geblieben. So muß ich sie aufsuchen. Zum Glück geht der Weg nicht merklich aufwärts.«

Ich ging also meinen Weg zurück, eine Viertelstunde lang. Ich sah um mich. Kein Mensch. Ich rief. Keine Antwort. Meine Stimme verhallte unter einer Menge Echo’s, welche sie plötzlich wach rief.

Jetzt ward ich unruhig; es überlief mich ein Schauder am ganzen Körper.

»Nur ruhig, sagte ich laut. Sicherlich werde ich meine Gefährten wieder finden. Es giebt ja nur einen Weg! Da ich voran war, muß ich wieder rückwärts.«

Eine halbe Stunde lang ging ich in dieser Richtung. Ich horchte, ob man mir nicht zuriefe, und in dieser dichten Atmosphäre konnte ich schon von weitem her es hören. Todesstille herrschte in dem unermeßlichen Gang.

Ich blieb stehen. Ich konnte nicht glauben, daß ich mich ganz allein befand. Verirrt wollte ich wohl sein, nicht verloren. Verirrt, da findet man sich wieder.

Ich sagte mir wiederholt: »Da es nur einen Weg giebt und da sie diesen gehen, so muß ich wieder zu ihnen kommen. Ich brauche nur ferner rückwärts zu gehen, es sei denn, daß sie, als sie mich nicht sahen und nicht daran dachten, daß ich vorausging, auf den Gedanken kamen, zurück zu gehen. Nun, selbst in diesem Fall, wenn ich eile, werd’ ich sie wieder finden. Das ist klar!«

Ich wiederholte mir diese letzten Worte, wie ein Mensch, der nicht überzeugt ist. Uebrigens brauchte ich lange Zeit, um diese so einfachen Gedanken zu verbinden und in Form eines Urtheils zu bringen.

Nun kam mir ein Zweifel. War ich wirklich voran? Gewiß, Hans folgte mir nach hinter meinem Oheim her. Er war sogar einige Augenblicke stehen geblieben, um sein Gepäck auf seiner Schulter wieder zu befestigen. An alles dies erinnerte ich mich. Ich hätte in dem Augenblick weiter gehen müssen.

»Uebrigens, dacht’ ich, hab’ ich ja ein sicheres Mittel, mich nicht zu verirren, meinen treuen Bach, der mich in dem Labyrinth leiten kann. Ich brauche nur an ihm aufwärts zurück zu gehen, so muß ich nothwendig meinen Gefährten auf die Spur kommen.«

Diese Gedanken gaben mir wieder Muth, und ich beschloß, ohne einen Augenblick Zeitverlust mich auf den Weg zu machen.

Wie pries ich da meines Oheims Vorsicht, als er den Jäger hinderte, das für die Quelle in die Wand gehauene Loch wieder zuzumachen. Also sollte die heilsame Quelle, nachdem sie uns unterwegs erquickt, mich durch die Irrgänge der Erdrinde hindurch führen.

Bevor ich mich aufmachte, wollte ich mich etwas abwaschen.

Ich bückte mich, um im Hansbach mein Angesicht zu netzen.

Man denke sich meine Bestürzung! Ich griff nur auf dürren und rauhen Granit! Der Bach floß nicht mehr zu meinen Füßen.

Siebenundzwanzigstes Capitel

Im dunkeln Labyrinth

Meine Verzweiflung war unbeschreiblich. Kein Wort der menschlichen Sprache könnte meine Gefühle ausdrücken. Ich war lebendig begraben; unter den Qualen des Hungers und Durstes hinzusterben war mein Loos.

Unwillkürlich berührte ich mit meinen brennenden Händen den Boden. Wie trocken schien dieser Fels!

Aber wie hab’ ich den Lauf des Baches verfehlt? Denn kurz, er war nicht mehr da! Nun begriff ich den Grund der auffallenden Stille, als ich zum letzten Mal horchte, ob nicht ein Ruf meiner Gefährten zu meinem Ohr dringe. Also hatte ich, als ich den ersten unvorsichtigen Schritt auf diesem Wege ging, die Abwesenheit des Baches nicht bemerkt. Offenbar hatte sich der Weg vor mir gabelförmig getheilt, und ich schlug die eine Richtung ein, während der Hansbach, den Launen einer andern folgend, mit meinen Genossen unbekannten Tiefen zueilte!

Wie konnte ich zurückkommen? Spuren gab’s keine. Auf diesem Granit drückte sich der Fuß nicht ein. Ich zerbrach mir den Kopf, die Lösung des unlöslichen Problems zu finden. Meine Lage war in dem einzigen Wort begriffen: verloren!

Ja! Verloren in einer Tiefe, die unermeßlich schien!

Diese dreißig Lieues dicke Erdrinde lastete mit fürchterlichem Gewicht auf meinen Schultern. Ich fühlte mich zermalmt.

Ich versuchte meine Gedanken auf die Angelegenheiten der Oberwelt zu richten. Kaum war es mir möglich. Hamburg, das Haus der Königsstraße, mein armes Gretchen, diese ganze Welt über mir, ging rasch vor meiner verstörten Erinnerung vorüber. In lebhaftem Träumen überblickte ich die Begebnisse der Reise, die Ueberfahrt, Island, Herrn Fridrickson, den Snäfields! Ich sagte mir, wenn ich in meiner Lage noch einen Schatten von Hoffnung bewahrte, sei es ein Zeichen des Wahnsinns, und da sei Verzweiflung noch besser!

In der That, welche Menschenmacht konnte mich auf die Oberfläche der Erde zurück führen, diese enormen Bögen zerspalten, welche sich über meinem Kopfe wölbten? Wer konnte mich auf den Heimweg leiten und mit meinen Gefährten wieder zusammen bringen?

»O! mein Oheim!« rief ich in Verzweiflung.

Dies Wort war der einzige Vorwurf, der über meine Lippen kam, denn ich begriff, was der unglückliche Mann leiden mußte, indem auch er mich suchte.

Als ich mich so von aller menschlichen Hilfe verlassen sah, unfähig, etwas für meine Rettung vorzunehmen, dachte ich an den Beistand des Himmels.

Die Erinnerungen aus meinen Kinderjahren, an meine Mutter, die ich nur in frühesten Jahren gekannt, lebten mir wieder auf. Ich wendete mich zum Gebet, so wenig Ansprüche ich machen konnte, daß Gott, zu dem ich so spät mich wendete, mein heißes Flehen erhören werde. Diese Hinwendung zur Vorsehung machte mich etwas ruhig, und ich vermochte alle meine Geisteskräfte auf meine Lage zu concentriren.

Ich hatte Lebensmittel auf drei Tage, und eine gefüllte Flasche. Länger konnte ich allein nicht existiren. Aber mußte ich auf- oder abwärts?

Aufwärts ohne Zweifel; immer aufwärts!

So mußte ich an die Stelle gelangen, wo ich von der Quelle abgekommen war, zu der unseligen Spaltung des Weges. Dort, hatte ich einmal den Bach zu meinen Füßen, konnte ich immer weiter nach oben, bis zur Höhe des Snäfields gelangen.

Wie hab’ ich doch nicht früher daran gedacht! Darin lag doch offenbar eine Aussicht auf Rettung. Am dringendsten war’s also, den Hansbach wieder zu finden.

Ich richtete mich auf und ging, auf meinen Stock gestützt, den Gang hinaus. Der Abhang war ziemlich steil. Ich schritt mit Hoffnung und ohne Verlegenheit, wie ein Mensch, der keine andere Wahl hat.

Eine halbe Stunde lang stieß ich auf kein Hinderniß. Ich versuchte, meinen Weg an der Form des Tunnels, an dem Vorsprung gewisser Felsen, an der Eigenthümlichkeit der Krümmungen wieder zu erkennen. Aber es fiel mir durchaus kein besonderes Zeichen auf, und ich erkannte bald, daß mich diese Galerie nicht zu jener Wegespaltung führen konnte. Sie war ohne Ausgang. Ich stieß wider eine undurchdringliche Wand, und fiel auf den Felsboden.

Welch’ fürchterlicher Schrecken, welche Verzweiflung mich da ergriff, kann ich nicht ausdrücken. Ich war vernichtet. Meine letzte Hoffnung zerschellte an dieser Granitwand.

Verloren in diesem Labyrinth, dessen Irrgänge sich in allen Richtungen kreuzten, konnte ich ein unmögliches Entrinnen nicht mehr versuchen. Ich mußte den jämmerlichsten Tod erleiden! Und seltsamer Weise kam mir in den Sinn, es werde, wenn mein fossil gewordener Körper einmal aufgefunden würde, eine bedeutende wissenschaftliche Streitfrage darüber entstehen, daß man dreißig Lieues im Schooße der Erde ihn vorgefunden!

Ich wollte laut reden, aber es kamen nur rauhe Töne von meinen trockenen Lippen. Ich keuchte.

Mitten in dieser großen Angst befiel ein neuer Schrecken meinen Geist. Meine Lampe hatte beim Fallen Schaden gelitten und ich war nicht im Stande, sie zu repariren. Ihr Licht wurde bleicher und drohte mir auszugehen!

Ich sah, wie der Lichtstrom in der Serpentine des Apparats schwächer wurde. Auf den dunkeln Wänden entwickelte sich eine Procession beweglicher Schatten. Ich wagte nicht mehr, mein Auge zu schließen, in Besorgniß, das geringste Atom dieser entfliehenden Helle zu verlieren! Jeden Augenblick kam mir’s vor, als wolle es erlöschen, und dunkle Nacht würde mich dann umfangen.

Endlich zitterte ein letzter Schimmer in der Lampe. Ich folgte ihm, fing ihn mit den Blicken auf, sammelte alle Kraft meiner Augen auf ihn, als sei das die letzte Lichtempfindung, welche ihnen vergönnt würde, und ich war versenkt in unermeßliche Finsterniß.

Ein fürchterlicher Schrei entfuhr mir! Oben auf der Erde, inmitten des tiefsten Dunkels der Nächte, verliert das Licht niemals ganz seine Rechte! Es ist zerstreut, sein; aber, so wenig davon noch übrig ist, die Netzhaut des Auges faßt es endlich auf! Hier, nichts! Die absolute Dunkelheit machte aus mir einen Blinden in vollem Sinn des Worts.

Nun verlor ich den Kopf. Ich stand auf und streckte die Hände aus, versuchte mit Schmerzen zu tasten. Ich fing an zu fliehen, stürzte in dem wirren Labyrinth auf’s Gerathewohl stets abwärts, wie ein unterirdischer Höhlenbewohner, rief, schrie, heulte, quetschte mich an den Felsenvorsprüngen, fiel und stand blutend wieder auf, stets gewärtig, auf eine nicht bemerkte Wand zu stoßen und mir den Kopf daran zu zerschellen.

So lief ich unsinnig, ohne zu wissen, wohin. Nach einigen Stunden, ganz erschöpft an Kräften, fiel ich wie eine träge Masse bewußtlos neben der Wand nieder.

Achtundzwanzigstes Capitel

Ein Spiel der Akustik

Als ich wieder zum Bewußtsein kam, war mein Angesicht naß, von Thränen benetzt. Wie lange dieser Zustand dauerte, kann ich nicht sagen. Ich hatte gar kein Mittel mehr, mir Rechenschaft von der Zeit zu geben. Nie gab’s eine Einsamkeit gleich der meinigen, nie eine so vollständige Verlassenheit!

Nach meinem Fall hatte ich viel Blut verloren. Ach! ich jammerte, daß ich nicht gestorben war, »daß ich noch zu sterben hatte!« Ich wollte nicht mehr denken, wies jeden Gedanken von mir, überwältigt von Jammer wälzte ich mich auf dem Boden.

Bereits fühlte ich mich wieder einer Ohnmacht und damit der völligen Vernichtung nahe, als ein starkes Getöse in mein Ohr drang. Es glich einem anhaltenden Donnern, ich vernahm, wie die Tonwellen sich allmälig in fernen Tiefen verloren.

Woher dies Getöse? Es kam ohne Zweifel von einer Naturerscheinung im Schooße des Erdbaues her! Von einer Gasexplosion, dem Herabsturz einer gewaltigen Steinschichte!

Ich lauschte, um zu vernehmen, ob sich das Getöse wiederhole. So verlief eine Viertelstunde in völliger Stille. Ich hörte nicht einmal mehr mein Herzklopfen.

Plötzlich glaubte ich, als mein Ohr zufällig an die Wand kam, unbestimmte, unvernehmliche Worte in weiter Ferne zu hören. Ich zitterte.

»Eine Sinnentäuschung!« dachte ich.

Doch nein. Als ich achtsamer lauschte, hörte ich wirklich Stimmengemurmel. Aber zu vernehmen, was man sagte, war mir aus Schwäche nicht möglich. Doch waren’s Worte, die man sprach, ganz gewiß.

Eine Weile fürchtete ich, es seien meine eigenen Worte, die mir ein Echo zurückwarf. Hatte ich wohl ohne mein Wissen geschrieen? Ich preßte meine Lippen fest zusammen und lehnte mein Ohr abermals wider die Wand.

»Ja, sicherlich, man spricht! man spricht!«

Als ich längs der Wand einige Fuß weiter ging, hörte ich deutlicher. Es gelang mir unbestimmte, seltsame, unbegreifbare Worte zu vernehmen. Sie drangen zu mir, als seien sie leise gesprochen, sozusagen gemurmelt. Oefters wiederholt mit schmerzlicher Betonung hörte ich das Wort: »förlorad«.

Wer sprach? Offenbar Hans oder mein Oheim. Aber wenn ich sie hörte, konnten auch sie mich hören.

»Hilfe! zu Hilfe!« schrie ich aus Leibeskräften.

Ich horchte, lauschte nach einer Antwort, einem Schreien, einem Seufzer. Kein Laut ließ sich vernehmen einige Minuten lang. Eine Welt von Gedanken erschloß sich in meinem Geist. Ich dachte, meine Stimme sei zu schwach, um bis zu meinen Gefährten zu dringen.

»Denn sie sind’s unfehlbar, wiederholte ich. Wer sonst, dreißig Lieues unter der Erde?«

Ich horchte abermals. Als ich mein Ohr längs der Wand fortbewegte, kam ich auf einen mathematischen Punkt, wo die Stimmen ihren Höhegrad an Stärke zu erreichen schienen. Abermals drang das Wort »förlorad« zu meinen Ohren; dann wieder so ein Donnergeroll, wie das, welches mich aus meiner Erstarrung geweckt hatte.

»Nein, sagte ich, nein. Quer durch die Grundmassen kann man diese Stimmen nicht vernehmen. Die Granitwand würde den stärksten Ton nicht hindurchdringen lassen! Die Töne kommen aus der Galerie selbst! Es muß dabei eine ganz besondere Wirkung der Akustik im Spiel sein!«

Ich horchte abermals, und diesesmal ja! hörte ich meinen Namen deutlich hinaus gerufen!

Mein Oheim rief! Er sprach mit dem Führer, von dem das dänische »förlorad« herrührte.

Jetzt begriff ich Alles. Um mir vernehmlich zu werden, mußte ich hart neben der Wand sprechen, welche meine Stimme, wie der elektrische Draht, fortleitete.

Aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Entfernten sich meine Gefährten noch eine kurze Strecke, so war die Akustik nicht mehr möglich. Ich trat also nahe an die Wand heran, und sprach so deutlich, wie möglich, die Worte:

»Mein Oheim Lidenbrock!«

Ich wartete in höchster Spannung. Der Ton läuft nicht äußerst schnell, und die dichtere Luft erhöht nicht seine Schnelligkeit, sondern nur seine Stärke. Einige Secunden verflossen, bis endlich diese Worte zu meinem Ohr drangen:

»Axel, Axel! Bist Du’s?«

»Ja! ja!« erwiderte ich.

»Mein Kind, wo bist Du?«

»Verloren, im tiefsten Dunkel!«

»Aber Deine Lampe?«

»Verloschen.«

»Und der Bach?«

»Verschwunden.«

»Axel, armer Axel, fasse wieder Muth!«

»Warten Sie ein wenig, ich bin erschöpft! Habe nicht mehr die Kraft zu antworten. Aber sprechen Sie zu mir!«

»Muth, fuhr mein Oheim fort. Rede nicht, lausche mir. Wir haben Dich auf- und abwärts in der Galerie gesucht; konnten Dich nicht finden. Ich habe sehr um Dich geweint, mein Kind! Endlich, in Voraussetzung, Du seist noch längs dem Hansbach, sind wir wieder abwärts gegangen und haben unsere Flinten abgefeuert. Jetzt können unsere Stimmen zwar akustisch zusammen kommen, aber die Hände noch nicht sich berühren! Doch verzweifle nicht, Axel! Sich hören zu können, ist schon Etwas!«

Während dessen hatte ich überlegt. Eine gewisse, noch unbestimmte Hoffnung kam mir wieder. Vor Allem war mir ein Punkt von Wichtigkeit. Ich hielt meine Lippen an die Wand und sprach:

»Mein Oheim?«

»Mein Kind? hörte ich nach einer kleinen Weile.«

»Vor Allem, wie weit sind wir von einander?«

»Das kann man leicht erfahren.«

»Haben Sie Ihren Chronometer?«

»Ja.«

»Nun, nehmen Sie ihn. Sprechen Sie meinen Namen und verzeichnen genau die Secunde. Ich will ihn wiederholen, sobald er zu mir gelangen wird, und Sie verzeichnen ebenso genau den Augenblick, wo meine Antwort eintreffen wird.«

»Gut, und die Hälfte der Zeit zwischen meiner Frage und Deiner Antwort wird angeben, wieviel meine Stimme braucht, um bis zu Dir zu gelangen.«

»Richtig, Oheim.«

»Bist Du bereit?«

»Ja.«

»Nun, gieb Acht, ich spreche Deinen Namen.«

Ich hielt mein Ohr an die Wand, und sobald das Wort »Axel« bei mir anlangte, antwortete ich unverzüglich »Axel«, dann wartete ich.

»Vierzig Secunden«, sagte darauf mein Oheim. Vierzig Secunden verflossen zwischen den beiden Worten; der Ton brauchte also zwanzig Secunden, um zu mir zu gelangen. Nun, da tausendundzwanzig Fuß auf die Secunde kommen, so macht das zwanzigtausendvierhundert Fuß, d.i. über fünfzehn Kilometer.

»Fünfzehn Kilometer!« murmelte ich.

»Nun, das kann man schon fertig bringen, Axel!«

»Aber, muß ich auf- oder abwärts?«

»Abwärts, und zwar deshalb: Wir sind an einen weiten Raum gekommen, wo eine Menge Galerien münden. Ohne Zweifel wird die, welche Du eingeschlagen hast, Dich dahin führen, denn es scheint, alle diese Spalten, diese Risse im Erdkörper, bilden einen Strahl um die ungeheure Höhle, wo wir uns befinden. Mache Dich auf und setze Deinen Weg fort. Gehe, schleppe Dich fort; wenn’s Noth thut, rutsche über steile Abhänge, und Du wirst unsere Arme finden, Dich am Ende des Weges aufzunehmen. Auf, mein Kind, auf den Weg!«

Diese Worte belebten mich wieder.

»Adieu, Oheim, rief ich; ich gehe. Sobald ich diese Stelle verlassen habe, können wir nicht mehr durch Worte verkehren. Adieu also!«

»Auf Wiedersehen, Axel! auf Wiedersehen!«

Dies waren die letzten Worte, welche ich hörte. Diese merkwürdige Unterredung, welche mitten durch die Masse der Erde in einer Entfernung von fast einer französischen Meile geführt wurde, schloß mit diesen Worten voll Hoffnung. Ich dankte Gott im Gebet, denn er hatte mich in dem unermeßlichen Dunkel an den Punkt geleitet, der vielleicht der einzige war, wo die Stimme meiner Gefährten zu mir gelangen konnte.

Diese sehr erstaunliche Wirkung der Akustik ist durch die Gesetze der Physik leicht zu erklären; sie rührte von der Form des Ganges und der Leitungsfähigkeit des Gesteins her. Es giebt manche Beispiele solcher Fortpflanzung der Töne, welche in dem Zwischenraum nicht vernehmbar sind. Ich erinnere mich, daß diese Naturerscheinung an manchen Stellen beobachtet worden ist, unter anderen in der inneren Galerie der Paulskirche zu London, und besonders mitten in den merkwürdigen Höhlen Siciliens, den Latomien bei Syrakus, von welchen die merkwürdigste unter dem Namen »Ohr des Dionysius« bekannt ist.

Diese Erinnerungen kamen mir in den Kopf, und es war mir klar, daß, weil meines Oheims Stimme bis zu mir drang, kein Hinderniß zwischen uns lag. Indem ich dem Weg des Tones mich anschloß, so mußte ich logisch ebenso wohl, wie er, ankommen, wenn mir die Kräfte nicht ausgingen.

Ich richtete mich also auf und schleppte mich fort. Der Abhang war ziemlich jäh; ich ließ mich hinabgleiten.

Bald nahm die Schnelligkeit, womit ich hinabrutschte, in erschreckendem Verhältniß zu, und drohte ein wirkliches Fallen zu werden. Es fehlte mir die Kraft mich zurückzuhalten.

Plötzlich schwand mir der Boden unter den Füßen. Ich fühlte, daß ich über die Unebenheiten einer senkrechten Galerie abprallend hinabrollte. Mein Kopf schlug wider einen spitzen Felsen und ich verlor das Bewußtsein.

Neunundzwanzigstes Capitel

Rettung

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in einem halbdunkeln Raum auf dicken Decken gelagert. Mein Oheim wachte und forschte auf meinem Angesicht nach einem letzten Lebenszeichen. Bei meinem ersten Aufathmen ergriff er meine Hand, bei meinem ersten Blick stieß er ein Freudengeschrei aus.

»Er lebt! er lebt! rief er.

– Ja, versetzte ich mit schwacher Stimme.

– Mein Kind, sagte mein Oheim, und drückte mich an seine Brust, Du bist also gerettet!«

Der Ton, womit er diese Worte sprach, rührte mich lebhaft, und mehr noch die Sorge, womit sie begleitet waren. Aber es bedurfte auch solcher Prüfungen, um bei dem Professor solche Ergießungen hervorzurufen.

In dem Augenblick kam Hans dazu. Er sah meine Hand in der meines Oheims; ich darf versichern, daß seine Augen eine lebhafte Befriedigung ausdrückten.

»God dag, sprach er.

– Guten Tag, Hans, guten Tag, murmelte ich. Und jetzt, lieber Oheim, laß mich wissen, wo wir uns eben befinden.

– Morgen, Axel, morgen; heute bist Du noch zu schwach; ich habe Deinen Kopf mit Bäuschchen um geben, die man nicht aus der Ordnung bringen darf! schlaf’ nur, lieber Junge, und morgen sollst Du alles hören.

– Aber wenigstens, fuhr ich fort, wie viel Uhr, welcher Tag ist’s?

– Elf Uhr Abends, und heute ist Sonntag, 9. August. Jetzt erlaube ich Dir nicht, vor dem 10. d.M. mich weiter zu fragen.«

Ich war wirklich sehr schwach, und meine Augen schlossen sich unwillkürlich.

Ich mußte mich eine Nacht ausruhen; ich ließ mich also mit dem Gedanken beruhigen, daß meine Trennung vier lange Tage gedauert hatte.

Am folgenden Morgen beim Erwachen blickte ich um mich her. Mein Lager, aus allen Reisedecken bereitet, befand sich in einer reizenden Grotte, die mit prächtigen Tropfsteinen verziert war, der Boden mit seinem Sand bestreut. Es war darin Halbdunkel. Keine Lampe oder Fackel brannte, und doch kam einige unerklärliche Helle von außen, durch eine enge Oeffnung der Grotte eindringend. Ich hörte auch ein unbestimmtes Murmeln gleich leisem Wellenschlag wider ein Ufer, und mitunter ein Windessausen.

Ich fragte mich, ob ich völlig wach sei, ob ich noch träume, ob nicht etwa mein Gehirn von dem Fall Schaden gelitten, so daß dies nur Einbildungen seien. Jedoch, weder meine Augen noch Ohren konnten in der Hinsicht sich täuschen.

»Es ist ein Strahl vom Tageslicht, dacht’ ich, welches durch diese Felsspalte hinabdringt! Aber der Wellenschlag, und das Wehen des Windes! Irre ich mich, oder sind wir wieder zur Erdoberfläche gekommen? Hat mein Oheim sein Vorhaben aufgegeben, oder ist er damit glücklich zu Ende?«.

Ich stellte mir diese unlösbare Frage, als der Professor dazu kam.

»Guten Morgen, Axel! sagte er freudig. Ich wollte wetten, daß Dir’s gut geht!

– O ja, sagt’ ich, und richtete mich auf.

– Das konnte nicht fehlen, denn Du hast ruhig geschlafen. Wir haben, Hans und ich, abwechselnd gewacht, und gesehen, daß Deine Genesung merklich fortschritt.

– Ich fühle mich wirklich wieder kräftig, und zum Beweis will ich dem Frühstück, das Sie mir freundlich zukommen lassen, Ehre machen!

– Du sollst zu essen haben, lieber Junge! Du bist frei vom Fieber. Hans hat Deine Wunden mit einer Salbe, die bei den Isländern ein Geheimniß ist, gerieben, und sie sind auffallend rasch vernarbt. Es ist doch ein wackerer Mensch, unser Jäger.«

Während er sprach, bereitete mir mein Oheim einige Nahrung, die ich, trotz seiner Mahnungen, gierig verschlang. Inzwischen überhäufte ich ihn mit Fragen, welche er mir zu beantworten beflissen war.

Nun hörte ich, daß ich durch göttliche Fügung gerade an das Ende einer fast senkrechten Galerie gefallen war. Da ich mitten in einem Strom von Steinen herab kam, von welchen der kleinste mich hätte zerquetschen können, so war daraus abzunehmen, daß ein Theil der Steinmasse mit mir gerutscht war. Auf diese erschreckliche Art gelangte ich bis in die Arme meines Oheims, in welche ich bewußtlos und mit Blut bedeckt fiel.

»Wahrhaftig, sagte er, es ist zum Staunen, daß Du nicht hundertmal um’s Leben gekommen bist. Aber, um’s Himmels willen! jetzt wollen wir uns nimmer trennen, denn wir würden Gefahr laufen, uns nie wieder zu sehen.«

»Wir wollen uns nimmer trennen!« Also war die Reise noch nicht zu Ende? Ich machte große Augen vor Staunen. Mein Oheim fragte sofort:

»Was hast Du denn, Axel?

– Eine Frage an Sie. Sie sagen, ich sei gesund und wohl?

– Ohne Zweifel.

– Alle meine Glieder sind wohl behalten?

– Ganz gewiß.

– Und mein Kopf?

– Dein Kopf steht, einige Quetschungen abgerechnet, in völliger Ordnung zwischen Deinen Schultern.

– Ich bin in Sorge, mein Gehirn habe gelitten.

– Gelitten?

– Ja. Sind wir nicht wieder auf der Erdoberfläche?

– Nein, gewiß nicht!

– Dann muß ich ein Narr sein, denn ich bemerke Tageslicht, ich höre Windeswehen und Wellenschlag!

– Ah! Nichts weiter?

– Können Sie mir das erklären? …

– Ich erkläre Dir nichts, was nicht zu erklären; aber Du wirst sehen und begreifen, daß die Geologie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat.

– So wollen wir ausgehen, rief ich, und richtete mich rasch auf.

– Nein, Axel, nein! Die freie Luft würde Dir schaden.

– Die freie Luft?

– Ja, der Wind ist ziemlich stark. Du darfst Dich ihm nicht so aussetzen.

– Aber ich versichere, daß ich mich zum Staunen wohl fühle.

– Ein wenig Geduld, lieber Junge. Ein Rückfall würde uns hemmen, und es ist keine Zeit zu verlieren, denn die Ueberfahrt kann lang dauern.

– Die Ueberfahrt?

– Ja, ruhe Dich heute noch aus, und wir können morgen zu Schiffe gehen.

– Zu Schiff?«

Dies Wort brachte mich außer mir.

Wie? Zu Schiffe gehen! Hatten wir denn einen Fluß, See, ein Meer zur Verfügung? Lag ein Fahrzeug in einem Hafen vor Anker?

Meine Neugierde war im höchsten Grad gespannt. Vergeblich suchte mein Oheim mich zurück zu halten. Als er sah, daß meine Ungeduld mir mehr schaden würde, als die Befriedigung meiner Wünsche, gab er nach.

Ich kleidete mich rasch an. Zur Vorsicht hüllte ich mich in eine der Decken und ging aus der Grotte heraus.

Dreißigstes Capitel

Das Meer Lidenbrock

Anfangs konnte ich nichts sehen. Meine des Lichts entwöhnten Augen schlossen sich unverzüglich. Als ich sie wieder zu öffnen vermochte, war ich noch mehr bestürzt als erstaunt.

»Das Meer! rief ich aus.

– Ja, erwiderte mein Oheim, das Meer Lidenbrock, und ich glaube gern, kein Seefahrer wird mir die Ehre der Entdeckung streitig machen, und das Recht, ihm meinen Namen beizulegen.«

Eine große Wasserfläche, der Anfang eines See’s oder Meeres, breitete sich vor unsern Blicken bis über die Grenzen des Gesichtskreises aus. Das buchtenreiche Ufer bot den letzten Wellenschlägen einen seinen Sand dar voll kleiner Muscheln, welche den ersten Wesen der Schöpfung zur Behausung gedient hatten. Die Wellen brachen sich daran mit dem lauten Gemurmel, welches den umschlossenen Räumen eigenthümlich ist. Beim Wehen eines mäßigen Windes flog ein leichter Schaum auf, und es benetzten einige Flocken desselben mein Gesicht. An diesem flachen Ufer, hundert Toisen vom Rande der Wellen, verliefen sich die Strebemauern enormer Felsen, welche zu einer unmeßbaren Höhe sich erhoben. Einige zerrissen mit scharfer Kante das Ufer und bildeten Vorgebirge, welche der Wellenschlag benagte. Weiter hinaus verfolgte das Auge ihre klar gezeichnete Masse auf dem nebeligen Hintergrund des Horizonts.

Es war ein wirkliches Meer mit dem launigen Umriß der Ufer auf der Oberwelt, aber öde und von erschrecklich wildem Aussehen.

Meine Blicke konnten sich weithin über dieses Meer ergehen, weil ein ganz besonderes Licht es bis auf’s kleinste Detail erleuchtete. Nicht das Sonnenlicht mit seinen glänzenden Büscheln und seiner prachtvollen Strahlenergießung, noch das blasse und unstete des Nachtgestirns, das ein rückgestrahltes ohne Wärme ist. Nein. Die Leuchtkraft dieses Lichtes, seine zitternde Verbreitung, seine klare und trockene Weiße, die geringe Höhe seiner Temperatur, sein Glanz, der an Gehalt den des Mondlichtes übertraf – dies Alles bekundete klar einen elektrischen Ursprung. Es war gleichsam ein Nordlicht, ein dauerndes kosmisches Phänomen, welches diese Höhle erfüllte, die einen Ocean zu enthalten fähig war.

Das Gewölbe über meinem Kopf, der Himmel, wenn man will, schien aus großem Gewölk zu bestehen, beweglichen und wechselnden Dünsten, welche in Folge ihrer Verdichtung nach einigen Tagen sich in heftigen Regen entladen mußten. Ich hatte geglaubt, unter einem so starken Druck der Atmosphäre könne die Verdünstung des Wassers nicht vor sich gehen, und doch war, aus einem mir noch unbekannten physikalischen Grund, reichlich Gewölk in der Luft verbreitet. Damals aber war es schönes Wetter. Die elektrischen Streifen erzeugten auf den sehr hohen Wolken staunenswerthe Lichtspiele. Lebhafte Schatten fielen auf ihre unteren Schichten, und oft drang zwischen zwei getrennten Schichten ein Strahl mit merkwürdiger Stärke bis zu uns. Aber im Ganzen war’s nicht Sonnenlicht, denn es fehlte ihm an Wärme. Seine Wirkung war traurig, ganz besonders melancholisch. Anstatt eines Firmaments mit seinem Sternenglanz fühlte ich über diesen Wolken ein granitenes Gewölbe, das mit seiner ganzen Wucht auf mir lastete, und so unermeßlich dieser Raum war, hätte er doch für den bescheidensten Trabanten nicht zum Spaziergang hingereicht.

Wir waren in einer enormen Höhle, in Wirklichkeit doch im Gefängniß. Ihre Breite konnte man nicht beurtheilen, weil das Gestade unabsehbar sich erweiterte, und auch ihre Länge nicht, weil der Blick bald durch eine etwas unbestimmte Linie des Horizonts aufgehalten war. Ihre Höhe mußte mehr als einige Lieues betragen. Wo dies Gewölbe sich auf seine granitenen Strebemauern stützte, konnte das Auge nichts wahrnehmen; aber es hing manches Gewölk in der Atmosphäre, dessen Höhe auf zweitausend Toisen zu schätzen war, eine Höhe, welche die der Erdausdünstung übertraf und ohne Zweifel der beträchtlichen Dichtigkeit der Luft zuzuschreiben ist.

Der Ausdruck »Höhle« ist offenbar nicht passend, um diesen unermeßlichen Raum zu bezeichnen. Aber wer sich in die Abgründe des Erdballs hinabwagt, für den reichen die Worte der menschlichen Sprache nicht mehr aus!

Ich wußte übrigens nicht, durch welche geologische Thatsache ich das Vorhandensein einer solchen Aushöhlung erklären sollte. War es möglich, daß dieselbe durch das Erkalten des Erdkörpers entstand? Ich kannte wohl aus den Berichten der Reisenden einige berühmte Grotten, aber keine von solcher Ausdehnung.

A. von Humboldt hat die Grotte zu Guachara in Columbia untersucht, und eine Strecke von zweitausendfünfhundert Fuß ausgekundet; wenn dabei nicht hinsichtlich ihrer Tiefe ein Geheimniß vorbehalten blieb, so erstreckte sie sich wahrscheinlich nicht viel weiter. Die ungeheure Mammuth-Grotte in Kentucky zeigte wohl riesenhafte Verhältnisse, denn ihre Wölbung erhob sich fünfhundert Fuß über einen unergründlichen See, und es sind Reisende darin über hundert Kilometer weit gedrungen, ohne das Ende zu finden. Aber was wollten diese Höhlen neben derjenigen bedeuten, welche ich damals bewunderte, mit ihrem Dunsthimmel, ihrer elektrischen Beleuchtung und einem ungeheuren Meer innerhalb ihres Schooßes? Für diesen unermeßlichen Umfang reichte meine Phantasie nicht aus.

Alle diese Wunder betrachtete ich im Stillen. Es mangelte mir der Ausdruck für meine Empfindungen, denn für neue Lebenserscheinungen fehlte die Bezeichnung. Ich betrachtete, dachte nach, bewunderte mit einer Bestürzung, zu der sich einiger Schrecken gesellte.

Das Unerwartete dieses Anblicks rief die Farbe der Gesundheit wieder auf mein Angesicht, und ich war im Zug mich durch Erstaunen zu kuriren und meine Genesung durch diese neue therapeutische Methode zu vollenden; zudem belebte mich die Lebenskraft einer sehr dichten Luft, indem sie meinen Lungen mehr Sauerstoff zuführte.

Es ist leicht begreiflich, daß nach einer siebenundvierzigtägigen Einkerkerung in einem engen Gange ein unendlicher Genuß darin lag, diesen Seewind voll salzhaltiger Feuchtigkeit einzuathmen.

Darum hatte ich auch nicht zu bereuen, daß ich aus meiner dunkeln Grotte herausgekommen war. Mein Oheim, der schon an solche Wunder gewöhnt war, gerieth nicht mehr in Erstaunen.

»Fühlst Du Dich stark genug zu einem kleinen Spaziergang? fragte er mich.

– Ja, gewiß, erwiderte ich; es wird mir höchst angenehm sein.

– Nun, so nimm meinen Arm, Axel, wir wollen uns längs dem Ufer halten.«

Voll Eifer nahm ich’s an, und wir begannen an der neuen Meeresküste zu wandeln. Links bildeten steile, über einander gethürmte Felsen eine riesenhafte Gruppe von wundervoller Wirkung, an deren Seiten zahllose Cascaden mit klarem, rauschendem Wasser herabströmten. Einige leichte Dünste, die zwischen den Felsen hervordrangen, zeigten warme Quellen an, und Bäche rieselten sanft zu dem gemeinschaftlichen Becken.

Unter diesen Bächen erkannte ich unseren treuen Reisegefährten, den Hansbach, der sich gemächlich in dem Meer verlief, als hätte er seit Anfang der Welt es so gemacht.

»Er wird von nun an uns fehlen, sagte ich seufzend.

– Bah! erwiderte der Professor, ob dieser oder ein anderer, gleichviel.«

Die Antwort kam mir etwas undankbar vor.

Aber in dem Augenblick erregte ein unerwarteter Anblick meine Aufmerksamkeit. In einer Entfernung von hundert Schritten, an der Ecke eines hohen Vorgebirgs, lag vor unseren Augen ein hoher, dichter Wald. Derselbe bestand aus Bäumen mittlerer Höhe von einem Wuchs gleich regelmäßigen Sonnenschirmen mit deutlich abgezirkelten Umrissen; die Lichtströmung schien ihrem Laube nicht beizukommen, denn trotz eines Windes blieben sie unbeweglich, wie ein Gebüsch versteinerter Cedern.

Ich beeilte mich hinzukommen, ich wußte diese ganz sonderbaren Wesen nicht zu benennen. Gehörten sie nicht zu den bereits bekannten zweimalhunderttausend Pflanzengattungen, und mußte man ihnen in der Flora der Sumpfgewächse eine besondere Stelle anweisen? Nein. Als wir nahe kamen, war meine Ueberraschung so groß, als mein Erstaunen.

In der That hatten wir Producte der Erde vor uns, aber von riesenhaftem Maßstab. Mein Oheim wußte sie sogleich richtig zu benennen.

»Nur ein Wald von Champignons«, sagte er.

Und er täuschte sich nicht. Nun mache man sich einen Begriff, welche Entwickelung diese theuren Pflanzen in warmer, feuchter Umgebung erreichen können. Ich wußte, daß nach Bulliard das Lycoperdon giganteum acht bis neun Fuß Umfang erreichen kann; hier aber waren weiße Champignons, dreißig bis vierzig Fuß hoch, mit einer Kappe von entsprechendem Durchmesser. Sie standen da zu Tausenden. Kein Lichtstrahl drang durch ihren dichten Schatten und es herrschte völliges Dunkel unter diesen Domen, die gleich runden Dächern einer afrikanischen Stadt neben einander gereiht waren.

Doch wünschte ich weiter vorzudringen. Todeskälte drang aus diesen fleischigen Wölbungen herab. Eine halbe Stunde lang schweiften wir in diesem feuchten Dunkel umher, so daß wir mit wahrem Wohlbehagen uns wieder am Meeresufer einfanden.

Aber die Vegetation dieser unterirdischen Landschaft beschränkte sich nicht auf diese Champignons. Weiter hinaus sah man gruppenweise eine Menge anderer Bäume mit farblosem Laub. Sie waren leicht zu erkennen; es waren niedere Gesträuche der Erdoberfläche in außerordentlichen Dimensionen, hundert Fuß hohe Lycopodien riesenhafte Sigillarien, Farrenkräuter so hoch wie breitastige Tannenbäume, Lepidodendreen mit runden gabelförmigen Stämmen, die in lange Blätter endigten und mit rauhen Haaren besetzt waren.

»Zum Staunen, prachtvoll! rief mein Oheim. Da ist ja die ganze Flora der zweiten Epoche der Welt, der Uebergangsepoche. Da sehen wir unsere niedrigen Gartengewächse in den ersten Jahrhunderten als Bäume! Schau doch, Axel, bewundere! Eine festliche Freude für einen Botaniker!

– Sie haben Recht, lieber Oheim. Die Vorsehung scheint in diesem ungeheuren Gewächshaus die vorsündfluthigen Pflanzen aufbewahrt zu haben, welche der Scharfsinn der Gelehrten so glücklich wieder aufgefunden hat.

– Du sagst ganz richtig, es sei ein Gewächshaus; besser noch würdest Du’s vielleicht eine Menagerie nennen.

– Eine Menagerie!

– Ja, ohne Zweifel. Sieh nur diesen Staub unter unseren Füßen, diese auf dem Boden zerstreuten Gebeine.

– Gebeine! rief ich aus. Ja, Gebeine vorsündsluthiger Thiere!«

Ich stürzte über diese Jahrhunderte alten Trümmer von einer unzerstörbaren Mineralsubstanz her, und wußte ohne Besinnen diese riesenhaften Knochen, welche wie ausgetrocknete Baumstämme aussahen, zu benennen.

»Hier ist der Unterkiefer des Mastodon, sagte ich; hier die Backenzähne des Dinotherium; dieser Hüftknochen kann nur dem allergrößten dieser Gattung, dem Megatherium, angehört haben. Ja, es ist wohl eine Menagerie, denn diese Gebeine sind gewiß nicht durch eine Ueberschwemmung hieher verpflanzt worden. Die Thiere, von welchen sie herrühren, haben an den Ufern dieses unterirdischen Meeres, unter dem Schatten dieser Riesenpflanzen gelebt. Sieh, da sind ja ganze Skelette. Und dennoch.

– Dennoch? sagte mein Oheim.

– Ich begreife nicht das Vorkommen solcher Vierfüßler in dieser Granithöhle.

– Weshalb?

– Weil das thierische Leben auf der Erde erst in den secundären Perioden existirt hat, als sich durch Anschwemmungen aus dem Niederschlag das Erdreich gebildet und an die Stelle der Felsen der Urperiode getreten war.

– Ah nun, Axel, auf Deinen Einwand giebt’s eine sehr einfache Antwort, nämlich, daß dieses Terrain ein durch Niederschlag gebildetes ist.

– Wie? in einer solchen Tiefe unter der Erdoberfläche!

– Ja wohl, und diese Thatsache läßt sich geologisch erklären. Zu einer gewissen Zeit bestand die Erde nur aus einer elastischen Rinde, welche kraft der Gesetze der Anziehung abwechselnden Bewegungen nach oben und unten unterworfen war. Es ist wahrscheinlich, daß Einsenkungen des Bodens stattfanden, und daß ein Theil des sedimentären Terrains auf den Grund eines plötzlich geöffneten Abgrundes hinabgezogen wurde.

– Das muß wohl der Fall sein. Aber wenn vorsündsluthige Thiere in diesen unterirdischen Regionen gelebt haben, wer sagt uns, daß nicht eins von diesen Ungeheuern noch jetzt in dieser dunkeln Waldung oder hinter diesen steilen Felsen umherstreift?«

Bei diesem Gedanken fragte ich, nicht ohne Schrecken, den Horizont in verschiedenen Richtungen; aber es zeigte sich kein lebendes Wesen an diesen öden Gestaden.

Ich war ein wenig müde und setzte mich am Ende eines Vorgebirgs nieder, an dessen Fuß sich die Wellen rauschend brachen. Von da aus umfaßte mein Blick die ganze durch eine Ausbiegung der Küste gebildete Bai. Im Hintergrunde fand sich ein kleiner Hafen zwischen den pyramidalen Felsen. Seine Gewässer schlummerten ruhig im Schutze vor’m Wind. Eine Brigg und zwei bis drei Goeletten hätten daselbst bequem ankern können. Ich war fast darauf gefaßt, ein Fahrzeug mit vollen Segeln herauskommen zu sehen, um unter’m Südwind das Weite zu suchen.

Aber diese Täuschung verschwand rasch. Wir waren wohl die einzigen lebenden Geschöpfe dieser unterirdischen Welt. Wenn es mitunter windstille war, kam eine tiefere Stille, als die der Wüste über die trockenen Felsen und lastete auf der Oberfläche des Meeres. Ich suchte dann den Nebel der Ferne zu durchdringen, diesen vor den geheimnißvollen Hintergrund des Horizonts gezogenen Vorhang zu zerreißen. Wie drängten da sich die Fragen auf meinen Lippen? Wo endigte das Meer? Wohin führte es? Würden wir je die jenseitigen Ufer desselben zu erkennen im Stande sein?

Mein Oheim zweifelte seinerseits nicht daran. Ich wünschte und fürchtete es zugleich.

Nachdem wir eine Stunde in Betrachtung dieses merkwürdigen Anblicks hingebracht, gingen wir zu der sandigen Uferstelle zurück, um wieder in die Grotte zu gelangen. Und so schlief ich unter’m Eindruck der seltsamsten Gedanken ein und ruhte in tiefem Schlummer.

Einunddreißigstes Capitel

Zu Schiffe

Am folgenden Tag wachte ich völlig geheilt auf. Ich dachte, ein Bad würde mir sehr heilsam sein, und tauchte mich einige Minuten lang in die Gewässer dieses mittelländischen Meeres.

Als ich zurückkam, speiste ich mit trefflichem Appetit. Hans verstand sich darauf, ein Frühstück zu bereiten; er war mit Wasser und Feuer versehen, so daß er ein wenig Abwechselung in unser Frühstück bringen konnte. Zum Dessert lieferte er uns einige Tassen Kaffee, und nie hat mir dieses köstliche Gebräu angenehmer geschmeckt.

»Jetzt, sagte mein Oheim, ist die Zeit der Ebbe und Fluth, und wir dürfen die Gelegenheit, diese Erscheinung zu studiren, nicht vorüber gehen lassen.

– Wie? Ebbe und Fluth.

– Allerdings.

– Reicht der Einfluß von Sonne und Mond so weit hinab?

– Warum nicht? Sind die Körper nicht im Ganzen der allgemeinen Anziehung unterworfen? Diese Wassermasse kann sich folglich nicht dem allgemeinen Gesetz entziehen. Daher wirst Du auch sehen, daß sie, trotz des Drucks der Atmosphäre, welcher auf ihre Oberfläche wirkt, steigt, wie das atlantische Meer.«

In diesem Augenblick betraten wir den Sand am Ufer, und sahen die Wellen nach und nach mehr auf dem flachen Boden vordringen.

»Da ist ja die beginnende Fluth, rief ich aus.

– Ja, Axel, und aus dieser Anhäufung von Schaum kannst Du abnehmen, daß das Meer wohl zehn Fuß hoch steigt.

– Wunderbar!

– Nein, es ist natürlich.

– Sie haben gut reden, lieber Oheim, alles dies kommt mir außerordentlich vor, und ich kann kaum meinen Augen trauen. Wer hätte jemals sich in dieser Erdrinde ein wirkliches Meer gedacht, mit Ebbe und Fluth, Seewind und Stürmen!

– Warum nicht? Spricht ein Grund der Physik dagegen?

– Ich sehe nicht, sobald man das System der Central-Wärme aufgeben muß.

– Also bis auf diesen Punkt findet sich Davy’s Theorie gerechtfertigt?

– Offenbar, und dennoch liegt darin kein Widerspruch, daß es Meere oder Landschaften im Innern der Erde giebt.

– Ohne Zweifel, aber unbewohnte.

– Richtig! Warum sollten diese Wasser nicht einige Fische von einer unbekannten Gattung enthalten?

– Jedenfalls haben wir bis jetzt noch nicht einen einzigen wahrgenommen.

– Nun, wir können Angeln machen, und sehen, ob der Köder hier unten ebenso anzieht als in den Gewässern unter’m Mond.

– Wir wollen’s versuchen, Axel, denn wir müssen in alle Geheimnisse dieser neuen Gegenden dringen.

– Aber wo befinden wir uns denn? lieber Oheim, denn ich habe noch nicht diese Frage an Sie gerichtet, worauf Ihre Instrumente Ihnen die Antwort schon gegeben haben müssen.

– Horizontal dreihundertundfünfzig Lieues von Island.

– So weit?

– Ich bin überzeugt, daß ich nicht um fünfhundert Toisen irre.

– Und die Magnetnadel weist fortwährend auf Süd-Ost?

– Ja, mit einer westlichen Abweichung von neunzehn Grad und zweiundvierzig Minuten, gerade wie oben auf der Erde. Was die verticale Richtung betrifft, so ist ein merkwürdiger Fall eingetreten, den ich sorgfältig beobachtet habe.

– Und welcher?

– Die Nadel, anstatt sich, wie sonst auf der nördlichen Hemisphäre, gegen den Pol hin zu richten, hebt sich dagegen.

– Also muß man daraus schließen, daß der magnetische Anziehungspunkt sich zwischen der Erdoberfläche und dem Punkt, wo wir eben sind, findet.

– Ganz richtig, und es ist zu vermuthen, daß, wenn wir in die Polargegenden kämen, zum siebenzigsten Grad, wo James Roß den magnetischen Pol entdeckt hat, die Nadel in senkrechter Richtung stehen würde. Folglich liegt dies geheimnißvolle Centrum der Anziehung nicht sehr tief.

– Wirklich, und das ist eine von der Wissenschaft nicht geahnte Thatsache.

– Die Wissenschaft, lieber Junge, ist voll Irrthümer, die man aber nicht zu scheuen hat, weil sie allmälig der Wahrheit zuführen.

– Und wie tief sind wir jetzt unten?

– Dreihundertundfünfzig Kilometer.

– Also, sagte ich mit einem Blick auf die Karte, das schottische Hochland über unserm Kopf, und dort die mit Schnee bedeckten Gipfel der Grampiangebirge sind wunderbar hoch.

– Ja, erwiderte der Professor lachend. Eine etwas schwere Bürde, aber das Gewölbe ist solid; der große Baumeister des Weltalls hat es aus guten Materialien errichtet, und niemals hätte der Mensch ihm eine gleiche Tragfähigkeit zu geben vermocht. Was wollen die Brückenbogen und die Gewölbe der Kathedralen gegen dieses Schiff mit einem Durchmesser von dreißig Kilometer, unter welchem ein Meer und seine Stürme sich bequem entwickeln können?

– O! Ich habe keine Angst, daß mir der Himmel auf den Kopf falle. Jetzt, lieber Oheim, was haben Sie im Plan? Denken Sie nicht auf die Erdoberfläche zurückzukehren?

– Zurückkehren? Das wäre! Im Gegentheil, die Reise fortsetzen, weil Alles bis jetzt so gut gegangen.

– Doch weiß ich nicht, wie wir unter dieser flüssigen Ebene weiter dringen werden.

– O! Ich denke nicht kopfüber mich hinein zu stürzen. Aber wenn die Oceane, richtig benannt, nur Seen sind, weil sie von Land umgeben werden, so ist mit um so mehr Grund anzunehmen, daß dieses innere Meer vom granitenen Bau umgeben ist.

– Kein Zweifel.

– Nun, auf dem jenseitigen Ufer bin ich sicher neue Ausgänge zu finden.

– Wie groß glauben Sie, daß dieser Ocean sei?

– Dreihundert bis vierhundert Kilometer.

– Ah! sagte ich; doch meinte ich, diese Schätzung möchte wohl nicht völlig genau sein.

– Also wir haben keine Zeit zu verlieren, und gleich morgen wollen wir in die See stechen.«

Unwillkürlich sah ich mich um nach dem Fahrzeug, das uns hinüberschaffen sollte.

»Nun, sagte ich, einschiffen werden wir uns. Gut! und auf welchem Boot werden wir Platz nehmen?

– Dafür bedarf’s keines Bootes, lieber Junge, sondern ein gutes und solides Floß wird ausreichen.

– Ein Floß! rief ich aus. Ein Floß ist ebenso schwer zu bauen, und ich sehe nicht …

– Du siehst nicht, Axel, aber wenn Du hören willst, könntest Du hören!

– Hören?

– Ja, die Hammerschläge würden Dir begreiflich machen, daß Hans schon an der Arbeit ist.

– Er errichtet ein Floß?

– Ja.

– Wie! hat er schon Bäume gefällt?

– O! die Bäume waren sämmtlich gefällt. Komm, und Du wirst ihn bei der Arbeit finden.«

Nachdem wir eine Viertelstunde weit gegangen, bemerkte ich jenseits des Vorgebirgs, welches den kleinen Hafen bildete, Hans bei der Arbeit. Nur noch einige Schritte und ich war bei ihm. Zu meiner großen Ueberraschung lag ein halb fertiges Floß auf dem Sand; es war aus Balken einer ganz besonderen Holzart gefertigt, und eine Anzahl Bohlen, Kniestücke, Spante aller Art bedeckten den Boden. Man konnte daraus schon eine Flotte bauen.

»Oheim, rief ich, was ist das für ein Holz?

– Fichten, Tannen, Birken, allerlei zapfentragende Bäume des Nordens, die durch’s Seewasser mineralisirt worden.

– Ist’s möglich?

– Man nennt dies fossile Holz ›surtarbrandur‹.

– Aber dann muß es, als versteinertes Holz und hart wie ein Stein, im Wasser untergehen?

– Das ist zuweilen der Fall; manches Holz der Art ist vollständig Anthracit geworden; anderes aber, wie dieses, hat nur einen Anfang der Umbildung erlitten. Schaue nur«, fuhr mein Oheim fort, und warf eins dieser kostbaren Stücke in’s Meer.

Das Stück kam, nachdem es untergesunken, wieder an die Oberfläche des Wassers und schwankte auf den Wellen.

»Hast Du Dich überzeugt? sagte mein Oheim.

– Um so mehr, als es unglaublich ist!«

Am folgenden Abend war, Dank der Geschicklichkeit des Führers, das Floß fertig; es war zehn Fuß lang und fünf breit. Die mit starken Stricken zusammengeschnürten Balken von Surtarbrandur gewährten eine solide Fläche, und als dieses improvisirte Fahrzeug in’s Wasser gelassen war, schwamm es ruhig auf den Wogen des Meeres Lidenbrock.

Zweiunddreißigstes Capitel

Eine Wasserpartie

Am 13. August standen wir frühzeitig auf. Es handelte sich darum, eine neue Art von Transportmittel einzuweihen.

Ein aus zwei mit Schalen verstärkten Stäben verfertigter Mast, eine aus einem dritten gebildete Raa, ein unseren Decken entliehenes Segel – dies war das Takelwerk des Flosses. An Stricken mangelte es nicht. Alles war solid.

Um sechs Uhr gab der Professor das Zeichen zum Einschiffen. Die Lebensmittel, Bagage, Instrumente, die Waffen und ein ansehnlicher Vorrath süßen Wassers, welcher in den Felsen gesammelt worden war, befanden sich an der Stelle. Hans hatte ein Steuerruder eingerichtet, womit er seinen schwimmenden Apparat leiten konnte. Er stellte sich an die Barre. Ich machte das Ankertau, womit wir am Ufer befestigt waren, los. Das Segel wurde gerichtet, und wir stießen rasch vom Ufer ab.

Im Augenblick, als wir den Hafen verließen, wollte mein Oheim demselben einen Namen geben, etwa den meinigen.

»Wahrhaftig, sagt’ ich, ich habe Ihnen einen anderen vorzuschlagen.

– Welchen?

– Den Namen Gretchen’s. Hafen Gretchen wird sich gut auf der Karte ausnehmen.

– Richtig: Hafen Gretchen.«

So hat sich das Andenken an meine liebe Vierländerin mit unserer abenteuerlichen Fahrt verknüpft.

Der Wind wehte aus Nord-Ost. Wir fuhren von ihm getrieben äußerst schnell. Die dichte Atmosphäre hatte bedeutende Treibkraft und wirkte auf das Segel wie ein starker Blasebalg.

Nach Verlauf einer Stunde konnte mein Oheim unsere Schnelligkeit ziemlich genau schätzen.

»Wenn es so fort geht, sagte er, machen wir in vierundzwanzig Stunden mindestens dreihundert Kilometer, und werden bald das jenseitige Ufer erkennen.«

Ich erwiderte nichts und nahm meinen Platz vornen auf dem Floß. Bereits sank das nördliche Ufer zum Horizont herab. Vor meinen Augen erstreckte sich ein unermeßliches Meer. Große Wolken breiteten rasch ihre grauen Schatten über seine Oberfläche. Die silbernen Strahlen des elektrischen Lichtes, hie und da von einigen Tröpfchen reflectirt, ließen in den von dem Fahrzeug aufgeregten Wirbeln leuchtende Punkte hervorglänzen. Bald war alles Land aus dem Gesicht verloren, jedes Merkzeichen verschwunden, und wäre nicht das schäumende Fahrwasser des Flosses gewesen, so hätte ich meinen können, dasselbe sei voll ständig unbeweglich.

Gegen Mittag sah man ungeheure Seegrasmassen auf der Oberfläche der Wellen treiben. Ich kannte die vegetative Kraft dieser Pflanzen, welche in einer Tiefe von mehr als zwölftausend Fuß auf dem Meeresgrund kriechen, sich unter’m Druck von vierhundert Atmosphären fortpflanzen, und oft sehr ansehnliche Bänke bilden, um den Lauf der Schiffe zu hemmen; aber niemals, glaub’ ich, gab’s riesenhafteres Seegras, als im Meer Lidenbrock.

Unser Floß fuhr an drei- bis viertausend Fuß langem Fucus vorüber, ungeheure Schlangengewinde, die sich über die Weite des Gesichtskreises hinauszogen; es machte mir Vergnügen, ihre unendlichen Bänder mit dem Blick zu verfolgen, ohne ihr Ende zu erreichen, und meine Geduld, wo nicht mein Staunen, wurde Stunden lang getäuscht.

Was war dies für eine Naturkraft, welche solche Pflanzen hervorbrachte, und wie muß das Aussehen der Erde in den ersten Jahrhunderten ihrer Bildung gewesen sein, als unter Zusammenwirken von Wärme und Feuchtigkeit das Pflanzenreich allein auf seiner Oberfläche zur Entwickelung kam!

Der Abend kam, und wie ich Tags zuvor bemerkt hatte, die Helle der Luft blieb unvermindert. Es war eine dauernde Naturerscheinung, auf deren Fortbestehen man rechnen konnte.

Nach dem Abendessen legte ich mich am Fuße des Masts nieder und schlief unverzüglich ein inmitten sorgloser Träume.

Hans, unbeweglich am Steuer, ließ dem Floß seinen Lauf, das übrigens, vom Winde getrieben, einer Leitung nicht bedurfte.

Seit unserer Abfahrt aus Gretchen-Hafen hatte mich der Professor Lidenbrock beauftragt, das Tagebuch der Fahrt zu führen, die geringsten Wahrnehmungen darin zu verzeichnen, die interessanten Erscheinungen einzutragen, die Richtung des Windes, die erlangte Schnelligkeit, den durchlaufenen Weg, kurz, alle Ereignisse dieser merkwürdigen Fahrt.

Ich beschränke mich nun darauf, diese täglichen, sozusagen von den Ereignissen dictirten Bemerkungen hier wiederzugeben, um einen desto genaueren Bericht von unserer Ueberfahrt zu geben.

Freitag, 14. August. – Gleichmäßig. N.-O.-Wind. Das Floß fährt rasch geradeaus. Die Küste bleibt 300 Kilometer unter dem Wind. Nichts am Horizont. Die Stärke des Lichts unverändert. Schönes Wetter, d.h. die Wolken sehr hoch, wenig dicht und in einer Atmosphäre, die weiß ist wie geschmolzenes Silber.

Thermometer +32° hundertth.

Um Mittag fügt Hans eine Angel an eine Schnur, und wirst sie mit einem Bröckchen Fleisch als Köder in’s Meer. Binnen zwei Stunden fängt er nichts. Also sind diese Gewässer ohne Bewohner? Nein. Man spürt eine Erschütterung. Hans zieht die Schnur heraus und hebt einen Fisch aus dem Wasser, der gewaltig zappelt.

»Ein Fisch! rief mein Oheim.

– Es ist ein Stör! rief ich, ein kleiner Stör!«

Der Professor betrachtet das Thier achtsam und ist nicht meiner Ansicht. Dieser Fisch hat einen platten zugerundeten Kopf und den vorderen Theil des Leibes mit knochenartigen Plättchen besetzt; sein Maul ist ohne Zähne; am schwanzlosen Körper befinden sich ziemlich entwickelte Brustflossen. Dies Thier gehört wohl zu einer Klasse, welcher die Naturforscher den Stör zugewiesen haben, aber es unterscheidet sich auch in wesentlichen Punkten von diesem.

Mein Oheim irrt sich nicht und äußert nach kurzer Untersuchung:

»Dieser Fisch gehört zu einer seit Jahrhunderten ausgestorbenen Familie, wovon man nur fossile Reste im Terrain der Uebergangsepoche findet.

– Wie? sagte ich, wir hätten einen solchen Bewohner der Meere der Urzeit gefangen?

– Ja, erwiderte der Professor, indem er zu beobachten fortfuhr, und Du siehst, daß diese fossilen Fische keineswegs mit den gegenwärtigen Gattungen einerlei sind. Ein solches Wesen lebend zu besitzen, ist für einen Naturforscher ein wahres Glück.

– Aber zu welcher Familie gehört er?

– Zur Ordnung der Ganoiden, Familie der Cephalaspiden, Gattung …

– Nun?

– Gattung Pterychtis, wollt’ ich beschwören! Aber dieser zeigt eine Eigenthümlichkeit, welche, wie man sagt, nur bei den Fischen der unterirdischen Gewässer angetroffen wird.

– Welche?

– Er ist blind!

– Blind!

– Nicht allein blind, sondern es fehlt das Sehorgan gänzlich.«

Ich schaue, völlig richtig. Aber das kann wohl ein besonderer Fall sein. Man wirst die Angel von Neuem aus. Dies Meer ist allerdings sehr fischreich, denn binnen zwei Stunden fangen wir eine Menge Pterychtis, sowie von der gleichfalls ausgestorbenen Familie der Dipieriden, deren Gattung jedoch mein Oheim nicht erkennen kann. Alle sind ohne Gesichtsorgan. Dieser unverhoffte Fischfang ergänzt reichlich unseren Lebensmittelvorrath.

Also dies scheint ausgemacht, dieses Meer enthält nur fossile Gattungen, worunter die Fische wie Reptilien um so vollkommener sind, als ihre Schöpfung älter ist.

Vielleicht stoßen wir auch auf einige von den Sauriern, welche die Wissenschaft mit einem Stück Knochen oder Knorpel zu ergänzen verstanden hat?

Ich ergreife das Fernrohr und untersuche das Meer. Es ist öde. Ohne Zweifel sind wir noch zu nahe bei den Küsten.

Ich richte meine Blicke in die Lüste. Warum sollten nicht einige von den Vögeln, welche der unsterbliche Cuvier wieder hergestellt hat, diese schwere Luft mit ihren Flügeln schlagen? An den Fischen fänden sie reichlich Nahrung. Ich beobachte, aber die Lüfte sind ohne Bewohner, wie die Gestade.

Inzwischen führt mich meine Phantasie in die wundervollen Hypothesen der Paläontologie hinein. Ich träume im vollen Wachen. Es dünkt mir, ich sehe auf der Oberfläche der Gewässer jene enormen vorsündfluthigen Schildkröten gleich schwimmenden Inselchen. Am düsteren Strande wandeln die großen Säugethiere der Urzeit, das Leptotherium, das man in den Höhlen Brasiliens fand, das Mericotherium aus den Eisgegenden Sibiriens. Weiterhin der Dickhäuter Lophiodon, dieser Riesentapir versteckt sich hinter den Felsen, bereit, dem Anoplotherium seine Beute streitig zu machen: dieses seltsame Thier hat etwas mit dem Rhinoceros, dem Pferd, dem Flußpferd und dem Kameel gemein, als hätte der Schöpfer eilfertig mehrere Thiergattungen in einer vereinigt. Das riesige Mastodon windet seinen Rüssel und zerbröckelt mit seinen Hauern die Felsen, während das Megatherium mit seinen enormen Tatzen die Erde aufwühlt und mit seinem Gebrüll das hallende Echo der Granite wachruft. Oben erklettert das Urbild des Affen, der Protopitheke, die steilen Gipfel. Weiter oben gleitet der Pterodaktylus mit der geflügelten Hand, wie eine große Fledermaus über der dichten Luft. Endlich, in den höchsten Schichten, entfalten ungeheure Vögel, stärker als der Kasuar, größer als der Strauß, ihre weitgebreiteten Flügel, um mit dem Kopf wider das Granitgewölbe zu stoßen.

Diese ganze fossile Welt kommt mir in der Phantasie wieder zum Bewußtsein. Ich versetze mich in die Schöpfungsepochen der Bibel, welche weit über die Schaffung des Menschen hinausreichen, als die noch unvollständig entwickelte Erde für den Menschen noch nicht genügend war, ja noch ehe lebende Wesen darauf erschienen. Die Säugethiere, dann die Vögel, hierauf die Reptilien der zweiten Epoche verschwanden, endlich die Fische, Schalthiere, Mollusken. Auch die Zoophyten der Uebergangsepoche kehren wieder in ihr Nichts zurück. Es giebt keine Jahreszeiten, kein Klima; die dem Erdkörper eigenthümliche Wärme wächst unaufhörlich und wiegt die der Sonne auf. Die Vegetation überbietet sich. Ich wandle wie ein Schatten unter baumartigen Farrenkräutern, betrete mit schwankendem Schritt die bunten Märgel und Sandsteine des Bodens; ich lehne mich wider einen Stamm ungeheurer Zapfenbäume, und schlafe unter’m Schatten hundert Fuß hoher Lykopodien.

Die Jahrhunderte verfließen wie Jahre! Ich steige die Reihe der Umbildungen der Erde aufwärts. Die Pflanzen verschwinden; die Granitfelsen verlieren ihre Härte; der feste Zustand geht unter Einwirkung einer stärkeren Hitze in den flüssigen über; die Gewässer fließen auf der Oberfläche des Erdballs; sie sieden, verflüchtigen sich; Dünste umhüllen die Erde, die allmälig nur eine gasartige Masse bildet, so groß und glänzend wie die Sonne.

Im Centrum dieses Nebelgestirns, vierzehnhunderttausendmal ansehnlicher, als die Erdkugel, welche es einst bilden soll, fühle ich mich in die Planetenräume fortgezogen!

Was für ein Traum? Wohin führt er mich? Meine fieberhafte Hand bringt diese seltsamen Details zu Papier! Ich habe Alles vergessen, den Professor, den Führer und das Floß.

»Was ist Dir denn?« sagte mein Oheim.

Meine offenen Augen starren ihn an, ohne ihn zu sehen.

»Gieb Acht, Axel, Du wirst in’s Meer fallen!«

Zugleich faßte mich Hans mit kräftiger Hand, sonst wäre ich in meinem Traum in die Wellen hinabgestürzt.

»Ist er ein Narr geworden? schrie der Professor.

– Was giebt’s denn? sagte ich endlich, als ich wieder zu mir kam.

– Bist Du krank?

– Nein, ich war einen Augenblick in Traumgesichte verloren, jetzt ist’s vorüber. Sonst geht Alles gut?

– Ja! Guter Wind, gutes Meer! Wir gleiten rasch voran, und irre ich nicht in meiner Schätzung, so müssen wir bald landen.«

Bei diesen Worten stand ich auf, forschte am Horizont; aber die Linie des Wassers vermischte sich stets mit der des Gewölbes.

Dreiunddreißigstes Capitel

Ein Riesenkampf

Samstag, 15. August. – Das Meer ist fortwährend einförmig. Kein Land in Sicht. Der Horizont scheint sehr zurückgewichen.

Der Kopf ist mir noch schwer von meinem gewaltigen Traum.

Mein Oheim hat nicht geträumt, aber er ist übler Laune. Er blickt mit seinem Fernrohr in allen Richtungen und kreuzt die Arme mit verdrießlicher Miene.

Ich bemerke, daß der Professor Lidenbrock dazu neigt, wieder der ungeduldige Mann, wie vormals, zu werden, und zeichne die Thatsache auf. Es hatte meiner Gefahren und Leiden bedurft, um ihm einige Funken Menschlichkeit zu entlocken; aber seit meiner Genesung ist er wieder der Alte.

»Sie scheinen unruhig, lieber Oheim? sagte ich, da ich ihn oft das Fernrohr vor die Augen halten sah.

– Unruhig? Nein.

– Also ungeduldig.

– Man könnte es wenigstens sein.

– Doch fahren wir so schnell …

– Gleichviel. Nicht die Schnelligkeit ist zu gering, sondern das Meer zu groß!«

Nun erinnerte ich mich, daß der Professor vor unserer Abfahrt die Länge dieses unterirdischen Meeres auf dreihundert Kilometer geschätzt hatte. Aber wir hatten bereits einen dreimal so langen Weg gemacht, und die südlichen Ufer waren noch nicht zu sehen.

»Wir kommen damit nicht abwärts! fuhr der Professor fort. Das ist nur Zeit verloren, und, kurz, ich bin nicht so weit hergekommen, um eine Vergnügungsfahrt auf einem Teich zu machen!«

Er nannte also diese Ueberfahrt eine Vergnügungspartie und dies Meer einen Teich.

»Aber, sagte ich, da wir den von Saknussemm angegebenen Weg eingeschlagen haben …

– Das ist die Frage. Sind wir auf diesem Weg geblieben? hat Saknussemm diese Wasserfläche angetroffen? Ist er darüber gefahren? Hat uns nicht der Bach, welchen wir zum Führer nahmen, völlig irre geführt?

– Jedenfalls haben wir nicht zu bedauern, daß wir so weit gekommen sind. Das ist ein prachtvolles Schauspiel, und …

– Um das Schauen handelt sich’s nicht. Ich habe mir einen Zweck vorgesteckt, und ich will ihn erreichen! Also sprich mir nicht von bewundern!«

Ich ließ mir’s gesagt sein, und kümmerte mich nicht darum, daß der Professor sich vor Ungeduld die Lippen zerbiß. Um sechs Uhr Abends forderte Hans seinen Lohn, und seine drei Reichsthaler wurden ihm ausgezahlt.

Sonntag, 16. August. – Nichts Neues. Gleiches Wetter. Der Wind wird etwas frischer. Beim Erwachen ist meine erste Sorge, die Stärke des Lichtes zu constatiren. Ich besorge stets, die elektrische Erscheinung möge dunkler werden, dann verlöschen. Kein Grund dazu. Der Schatten des Flosses ist auf der Wasserfläche klar gezeichnet.

Wahrhaftig, dieses Meer ist unendlich groß! Es muß so breit als das Mittelländische, oder gar Atlantische sein. Warum nicht?

Mein Oheim sondirt öfters. Er befestigt eine der schwersten Spitzhauen an’s Ende eines Strickes und läßt ihn zweihundert Klafter tief hinab. Kein Grund. Es kostet viel Mühe, die Sonde wieder herauf zu bekommen.

Als die Haue wieder herauskam, macht mir Hans bemerklich, wie sich auf derselben stark eingedrückte Stellen befanden. Man konnte meinen, das Stück Eisen sei zwischen zwei harten Körpern stark eingeklemmt gewesen.

Ich sah den Jäger an.

»Tänder!« sprach er.

Ich verstand ihn nicht, wendete mich an meinen Oheim, der ganz in Betrachtungen versunken war. Ich mochte ihn nicht stören, wendete mich daher wieder zu dem Isländer. Dieser machte mir durch wiederholtes Oeffnen und Schließen seines Mundes begreiflich, was er meinte.

»Zähne!« sagte ich mit Bestürzung, als ich achtsamer das Stück Eisen betrachtete.

Ja wohl! es sind die Spuren von Zähnen dem Metall eingedrückt! Die Kinnbacken, worin dieselben stecken, müssen ausnehmend stark sein! Tief unten da treibt sich wohl ein Ungeheuer von den untergegangenen Gattungen um, gefräßiger als der Haifisch, fürchterlicher als der Wallfisch. Ich kann meinen Blick von dem halb zerfressenen Stück Eisen nicht wegwenden. Soll mein Traum der letzten Nacht sich verwirklichen?

Diese Gedanken peinigen mich den ganzen Tag, und meine Phantasie kann sich kaum in einem mehrstündigen Schlaf beruhigen.

Montag, 17. August. Ich suche mir die eigenthümlichen Instincte dieser vorsündfluthigen Thiere wieder zum Bewußtsein zu bringen, welche auf die Weichthiere, Schalthiere und Fische folgend, dem Auftreten der Säugethiere vorausgingen. Die Welt gehörte damals den Reptilien. Diese Ungeheuer beherrschten die Meere der zweiten Epoche. Die Natur hatte ihnen die vollständigste Organisation verliehen. Welch’ riesenhafter Bau! welche wunderhafte Kraft! Die größten und furchtbarsten der gegenwärtigen Saurier, Alligatore oder Krokodile sind doch nur schwache Nachbilder ihrer Ahnen der Urzeit!

Ich schaudere bei dem Gedanken, daß ich diese Ungeheuer heraufbeschwöre. Kein menschliches Auge hat sie lebend gesehen. Sie erscheinen tausend Jahrhunderte vor dem Menschen auf der Erde; aber aus ihren fossilen Knochen, die man in dem thonigen Kalkstein, welchen die Engländer Lias nennen, wieder auffand, ist es möglich gewesen, sie anatomisch wieder herzustellen und ihren riesenhaften Bau kennen zu lernen.

Ich habe im Museum zu Hamburg das Skelet eines dieser Saurier gesehen, welches dreißig Fuß lang war. Trifft etwa mich, den Erdbewohner, das Loos, einen der Repräsentanten einer vorsündfluthigen Familie vor mir zu sehen? Nein, unmöglich! Doch sind die starken Zähne desselben auf das Eisen eingegraben, und an ihrem Abdruck erkenne ich, daß sie konisch sind, gleich denen des Krokodils.

Mit Schrecken sind meine Augen auf das Meer gerichtet. Ich habe Angst, es möge ein solcher Bewohner der unterseeischen Höhlen aus demselben hervortauchen.

Ich vermuthe, daß der Professor Lidenbrock meine Gedanken, wenn auch nicht meine Besorgnisse theilt, denn nachdem er die Haue untersucht, schweift sein Blick über den Ocean.

»Verflucht, sagte ich bei mir selbst, daß er den Gedanken hatte, zu sondiren! Er hat ein oder das andere Thier aus seiner Ruhestätte aufgestört, und wenn wir nicht während der Fahrt angegriffen werden! …«

Mit einem Blick auf die Waffen versichere ich mich, daß sie in gutem Zustand sind. Mein Oheim sieht’s und giebt seine Billigung zu erkennen.

Bereits zeigen weit reichende Bewegungen der Oberfläche des Wassers, daß die tieferen Schichten beunruhigt sind. Die Gefahr ist nahe. Es gilt zu wachen.

Dienstag, 18. August. Es naht der Abend, oder vielmehr die Zeit, wo der Schlaf auf unsere Augenlider drückt, denn auf diesem Ocean giebt’s keine Nacht, und das unversöhnliche Licht ermüdet unablässig unsere Augen, als wenn wir unter der Sonne des nördlichen Eismeeres führen. Hans steht am Steuer, und während er wacht, schlafe ich.

Zwei Stunden hernach weckt mich eine fürchterliche Erschütterung. Das Floß wird mit unbeschreiblicher Gewalt emporgehoben und zwanzig Toisen weggeschleudert.

»Was giebt’s? rief mein Oheim. Sind wir aufgefahren?«

Hans weist mit dem Finger auf eine zweihundert Toisen entfernte schwärzliche Masse, die abwechselnd auf- und niedertaucht. Ich blicke hin und schreie auf:

»Es ist ein riesenmäßiges Meerschwein …

– Ja, versetzte mein Oheim, und dort eine Meereidechse von seltener Größe.

– Und weiter hinaus ein ungeheuerliches Krokodil! Sehen Sie seine große Kinnlade und die Reihen Zähne, womit es gewaffnet ist! Ah! es verschwindet!

– Ein Wallfisch! ein Wallfisch! rief darauf der Professor. Ich sehe seine ungeheuren Flossen! Sieh den Strahl von Wasser und Luft, den er ausstößt!«

Wirklich, man sah zwei Strahlen zu beträchtlicher Höhe über’s Meer emporschießen. Staunen, Bestürzung, Entsetzen ergriff uns beim Anblick dieser Heerde Seeungeheuer. Sie sind von übernatürlicher Größe und das kleinste derselben würde mit einem Biß das ganze Floß zertrümmern.

Hans will das Segel zur schleunigen Flucht aus der gefährlichen Gegend richten; aber er sieht auf der andern Seite nicht minder furchtbare Feinde: eine vierzig Fuß große Schildkröte und eine dreißig Fuß lange Schlange, die den Kopf aus den Wogen emporstreckt.

Flucht ist unmöglich. Die Ungethüme kommen nahe, kreisen um das Floß mit einer Schnelligkeit daß ein Eilzug der Eisenbahn ihnen nicht gleich käme; sie ziehen concentrische Kreise um dasselbe. Ich ergreife meinen Karabiner. Aber was konnte eine Kugel für eine Wirkung auf die Schuppen machen, womit der Körper dieser Thiere gedeckt ist?

Wir sind stumm vor Schrecken. Da kommen sie schon heran! Auf der einen Seite das Krokodil, auf der anderen die Schlange. Die übrigen sind verschwunden. Ich will Feuer geben. Hans hält mich durch ein Zeichen zurück. Die beiden Ungeheuer schießen fünfzig Toisen vom Floß entfernt vorüber, stürzen sich aufeinander, so daß sie in ihrer Wuth des Kampfes uns nicht gewahren.

Hundert Toisen vom Floß entfernt entspinnt sich der Kampf. Wir sehen deutlich die beiden Ungeheuer mit einander ringen.

Aber mir kommt’s vor, als kämen jetzt die anderen Thiere herbei, um Theil an dem Kampf zu nehmen, das Meerschwein, der Wallfisch, die Eidechse, die Schildkröte. Ich sehe sie jeden Augenblick dabei, zeige sie dem Hans. Der schüttelt aber den Kopf verneinend.

»Tva, sprach er.

– Was! Zwei? Er behauptet, nur zwei …

– Er hat Recht, rief mein Oheim, der das Fernrohr stets vor den Augen hatte.

– Das wäre!

– Ja! Das erste dieser beiden Ungeheuer hat die Schnauze eines Meerschweins, den Kopf einer Eidechse; die Zähne eines Krokodils, das hat uns getäuscht. Es ist das fürchterlichste der vorsündfluthigen Reptilien, der Ichthyosaurus!

– Und das andere?

– Das andere ist eine Schlange unter der hüllenden Schale einer Schildkröte, des ersteren furchtbarer Feind, der Plesiosaurus!«

Hans hatte Recht. Nur zwei Ungeheuer sind’s, welche so die Oberfläche des Meeres beunruhigen, und ich habe vor den Augen zwei Seereptile der Urzeit. Ich sehe das blutige Auge des Ichthyosaurus, so groß wie ein Menschenkopf, das von der Natur mit einem äußerst starken optischen Apparat versehen ist, so daß es dem Druck der Wasserschichten in der Tiefe widerstehen kann. Man hat dieses Thier mit Recht den Wallfisch der Saurier genannt, denn es ist eben so rasch und groß. Es mißt nicht weniger als hundert Fuß, und ich kann auf seine Größe schließen, wenn es seine Schwanzflossen vertikal über die Wellen herausstreckt. Seine enorme Kinnlade zählt, nach Angabe der Naturforscher, nicht minder als hundertzweiundachtzig Zähne.

Der Plesiosaurus, eine Schlange mit cylinderförmigem Leib und kurzem Schwanz, hat Tatzen, die wie Ruder geformt sind. Sein Leib ist ganz mit einer Schildkrötenschale bekleidet, und seinen biegsamen Schwanenhals kann er dreißig Fuß aus dem Wasser herausstrecken.

Diese beiden Thiere bekämpfen sich einander mit unbeschreiblicher Wuth. Sie regen das Wasserberg hoch auf bis zu unserem Floß hin, so daß wir zwanzigmal in Gefahr kommen umzuschlagen. Man hört ein wunderhaft starkes Zischen. Die beiden Thiere verwickeln sich in einander, so daß man sie nicht unterscheiden kann. Von der Wuth des Siegers ist Alles zu fürchten.

Eine, zwei Stunden verlaufen, und der Kampf dauert mit gleicher Hitze fort. Die Kämpfenden kommen dem Floß bald näher, bald entfernen sie sich. Wir halten uns unbeweglich, zum Feuern fertig.

Plötzlich verschwinden sie beide im Schooße der Wellen. Wird der Kampf in der Tiefe beendigt werden?

Auf ein Mal schießt ein ungeheurer Kopf aus dem Wasser empor, der Kopf des Plesiosaurus. Das Ungeheuer ist tödtlich verwundet. Ich sehe nicht mehr seine ungeheure Schildhülle. Nur sein langer Hals ragt empor, duckt sich, richtet sich wieder auf, krümmt sich, geißelt die Wogen wie eine riesige Peitsche und windet sich, wie ein zerschnittener Wurm. Das Wasser spritzt weit ab, benimmt uns die Aussicht. Aber bald geht der Todeskampf des Reptils zu Ende, seine Bewegungen werden schwächer, seine krampfhaften Verdrehungen hören auf, und das lange Stück der verstümmelten Schlange ragt wie eine träge Masse über den ruhigen Fluthen.

Hat sich der Ichthyosaurus wieder in seine Höhle in der Tiefe zurückgezogen, oder wird er wieder auf der Oberfläche des Meeres zum Vorschein kommen?

Vierunddreißigstes Capitel

Ein Geyser

Mittwoch, 19. August. – Zum Glück hat der kräftig wehende Wind uns gestattet, rasch vom Kriegstheater weg zu fliehen. Hans ist stets beim Steuer. Mein Oheim, den das Ereigniß des Kampfes aus seinen Gedanken, worin er versunken war, herausgezogen, sank wieder in seine ungeduldige Betrachtung des Meeres zurück.

Die Reise bekam wieder ihre monotone Einförmigkeit, die ich um den Preis der gestrigen Gefahren nicht aufgeben möchte.

Donnerstag, 20. August. – Wind N.-N.-O., ziemlich ungleich. Temperatur warm. Wir fahren mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißig Kilometer in der Stunde.

Gegen Mittag vernimmt man aus weiter Entfernung ein Getöse. Ich zeichne hier nur die Thatsache auf, ohne sie zu erklären. Es ist ein anhaltendes Rauschen.

»Es muß in der Ferne, sagte der Professor, ein Felsen oder Inselchen sein, woran das Meer sich bricht.«

Hans klettert auf den Mast, kann aber keine Klippe wahrnehmen. Der Ocean ist eben bis zur Linie des Horizonts.

Drei Stunden verlaufen. Das Rauschen scheint von einem fernen Wasserfall herzurühren.

Ich bemerke dies meinem Oheim, der schüttelt aber den Kopf. Doch bin ich überzeugt, daß ich nicht irre. Fahren wir wohl einem Wasserfall zu, der uns in den Abgrund stürzen wird? Mag diese Art abwärts zu kommen dem Professor zusagen, weil sie der senkrechten Richtung näher kommt, möglich, aber ich …

Jedenfalls muß einige Lieues entfernt in der Richtung des Windes ein Ereigniß sein, wodurch das Getöse verursacht wird, denn jetzt läßt sich das Rauschen sehr heftig vernehmen. Kommt es vom Himmel oder dem Ocean her?

Ich blicke auf zu den in der Atmosphäre schwebenden Dünsten und suche ihre Tiefe zu ergründen. Der Himmel ist ruhig. Das Gewölk, welches sich ganz oben an’s Gewölbe gezogen hat, scheint unbeweglich und verliert sich in der starken Lichtstrahlung. Die Ursache der Erscheinung ist also anderwärts zu suchen.

Ich frage darauf den reinen, durchaus nebelfreien Horizont. Sein Aussehen hat sich nicht geändert. Aber wenn das Getöse von einem Wasserfall herrührt, wenn dieses ganze Meer in ein tieferes Becken hinabstürzt, wenn das Brausen von einer herabfallenden Wassermasse kommt, so muß der Strom lebhafter werden, und seine zunehmende Schnelligkeit kann mir den Maßstab der Gefahr geben, wovon wir bedroht sind. Ich untersuche die Strömung. Es ist keine vorhanden.

Gegen vier Uhr kletterte Hans den Mast hinan, überblickt oben den ganzen Kreis, welchen der Ocean vor dem Floß beschreibt, und hält an einem Punkte an. Sein Angesicht zeigt nichts von Ueberraschung, aber sein Auge haftet da fest.

»Er hat etwas gesehen, sagte mein Oheim.

– Ich glaube.«

Hans steigt wieder herab, streckt seinen Arm südlich und sagt:

»Der nere!

– Dort unten?« wiederholte mein Oheim.

Und er ergriff sein Fernrohr, blickte achtsam eine Minute lang, die mir sehr lange dauerte.

»Ja, ja! rief er aus.

– Was sehen Sie?

– Einen ungeheuren Wasserstrahl, der aus dem Wasser aufsteigt.

– Noch ein Seeungeheuer?

– Vielleicht.

– Also richten wir das Vordertheil mehr westlich, denn wir wissen, wie wir daran sind mit der Gefahr, diesen Ungeheuern der Urzeit zu begegnen.

– Lassen wir’s gehen«, erwiderte mein Oheim.

Ich begebe mich wieder zu Hans, der mit unbeugsamer Strenge sein Steuer handhabt.

Jedoch, wenn man von so weiter Entfernung aus – sie ließ sich mindestens auf hundertundzwanzig Kilometer schätzen – den emporgeworfenen Wasserstrahl wahrnehmen kann, so muß es ein Thier von übernatürlicher Größe sein. Zu fliehen verlangte die ganz gewöhnliche Vorsicht. Aber wir sind nicht gekommen, um vorsichtig zu sein.

Also fahren wir voran. Je näher wir kommen, desto größer der Strahl. Was für ein Ungeheuer muß das sein, das eine solche Menge Wasser in sich aufnehmen und unaufhörlich wieder ausstoßen kann!

Um acht Uhr Abends sind wir nur noch zwanzig Kilometer von demselben entfernt. Sein schwärzlicher, enormer, bergähnlicher Körper streckt sich gleich einem Inselchen in’s Meer hin. Ist’s Täuschung, ist’s Schrecken? es scheint über tausend Toisen lang zu sein! Was für eine Gattung von Wallfischgeschlecht ist das, die weder von Cuvier noch von Blumenbach vorgesehen wurde? Unbeweglich, wie schlafend liegt es da; das Meer scheint es nicht emporheben zu können, und die Wogen umspielen seine Seiten. Die fünfhundert Fuß hohe Wassersäule fällt mit betäubendem Getöse als Regen nieder. Unsinnig, auf eine solche Masse, die hundert Wallfische nur einen Tag nicht sättigen könnten, loszufahren.

Der Schrecken befällt mich. Ich will nicht weiter! Ich werde nöthigenfalls das Segeltau zerhauen! Ich empöre mich gegen den Professor, der mir keine Antwort giebt.

Plötzlich steht Hans auf, zeigt mit dem Finger auf den drohenden Punkt und spricht:

»Holme.

– Eine Insel, rief mein Oheim.

– Eine Insel! sagte auch ich mit Achselzucken.

– Offenbar, versetzte der Professor und lachte laut auf.

– Aber diese Wassersäule?

– Geyser, sprach Hans.

– Ja wohl, Geyser! erwiderte mein Oheim, ein Geyser gleich denen, wie sie auf Island vorkommen.«

Anfangs sträubte ich mich dagegen, mich so gröblich getäuscht zu haben. Ein Inselchen für ein Seeungeheuer zu halten! Aber der Augenschein zeigt es, und ich muß endlich meinen Irrthum eingestehen. Es ist hier nur eine Naturerscheinung.

Je näher wir kommen, zeigen sich die Verhältnisse des Wasserstrahls großartiger. Das Inselchen ist wirklich einem Wallfisch täuschend ähnlich, einem riesenhaften Thier, dessen Kopf zehn Toisen hoch das Meer überragt. Der Geyser erhebt sich majestätisch am einen Ende. Von Zeit zu Zeit hört man dumpfes Getöse, und der enorme Wasserstrahl, vom heftigsten Zorn getrieben, schüttelt seine Dunstbüschel, bis zur obersten Wolkenschichte empordringend. Er ist vereinzelt; keine Rauchsäulen, keine heißen Quellen umgeben ihn, die gesammte vulkanische Kraft concentrirt sich in ihm. Die Strahlen des elektrischen Lichtes mischen sich mit diesem blendenden Strahlenbüschel, dessen Tropfen in allen Farben des Prisma’s spielen.

»Landen wir«, sagte der Professor.

Aber man muß sorgfältig dieser Wassersäule ausweichen, welche in einem Moment das Floß versenken würde. Hans bringt uns durch geschickte Wendungen an das äußerste Ende der Insel.

Ich springe heraus auf den Felsen. Mein Oheim folgt mir flink nach, während der Jäger auf seinem Posten bleibt, als ein Mensch, der über solches Erstaunen hinaus ist.

Wir schreiten über einen mit Kieseltuff vermischten Granit; der Boden erzittert unter unseren Füßen; er ist brennend. Wir gelangen zu einem kleinen Central-Becken, woraus der Geyser sich erhebt. Ich halte in das siedende Wasser ein Thermometer, welcher eine Hitze von hundertdreiundsechzig Grad nachweist.

Also dieses Wasser kommt aus einem Herde der Gluth. Dies widerspricht auffallend den Theorien des Professors Lidenbrock. Ich konnte mich nicht enthalten, dieses bemerklich zu machen.

»Wie nun, entgegnete er, was beweist dies gegen meine Lehre?

– Nichts«, sagte ich trocken, denn ich sah, daß ich wider vollendete Hartnäckigkeit stieß.

Demungeachtet muß ich gestehen, daß wir bis jetzt ausnehmend begünstigt sind, und daß, aus einem mir unbekannten Grunde, diese Reise besonderen Bedingungen der Temperatur unterliegt; aber es scheint mir klar, gewiß, daß wir früher oder später in solche Regionen kommen werden, wo die Centralwärme den höchsten Grad erreicht und über alle Thermometermessungen hinausgeht.

»Nun, wir werden sehen«, sprach der Professor. Er benannte das vulkanische Inselchen nach seinem Neffen, dann gab er das Zeichen zum Einschiffen.

Einige Minuten noch betrachte ich den Geyser. Ich bemerke, daß sein Strahl unregelmäßig im Aufsprudeln ist, daß er manchmal an Stärke abnimmt, dann mit erneuter Kraft fortfährt, was ich der wechselnden Stärke des Drucks der in seinem Vorrathsbehälter gesammelten Dünste zuschreibe.

Endlich fahren wir ab um die sehr steilen Felsen des Südens herum. Hans hatte während unseres Aufenthaltes das Floß wieder in guten Stand gesetzt.

Aber ehe wir abstachen, mache ich einige Bemerkungen, um die durchlaufene Entfernung zu berechnen, und verzeichne sie in meinem Tagebuch. Wir haben seit unserer Abfahrt aus Gretchen-Hafen zur See zweihundertundsiebenzig Lieues zurückgelegt, und befinden uns sechshundertundzwanzig Lieues von Island entfernt, unter England.

Fünfunddreißigstes Capitel

Ein Gewitter

Freitag, 21. August. – Am folgenden Tag verschwand der prachtvolle Geyser. Der frische Wind trieb uns rasch vom Inselchen Axel weg. Das Brausen wurde nach und nach unvernehmlich.

Dies Wetter, wenn man sich so ausdrücken darf, wird sich bald ändern. Die Atmosphäre wird mit Dünsten erfüllt, welche alle durch die Verdünstung der Salzwasser gebildete Elektricität in sich aufnehmen; die Wolken senken sich merklich und nehmen eine gleichförmig olivenartige Färbung an; die elektrischen Strahlen können durch diesen dunkeln Vorhang kaum dringen, welcher vor das Theater herabgelassen ist, worauf ein Sturmdrama aufgeführt werden soll.

Es machte dies auf mich einen ganz besonderen Eindruck, so wie auf der Erde ein bevorstehender Wolkenbruch auf jedes Geschöpf wirkt. Das im Süden aufsteigende Gewölk gewährt einen unheimlichen Anblick; es sieht so unbarmherzig aus, wie oft beim Ausbruch eines Gewitters. Die Luft ist schwül, das Meer ruhig.

In der Ferne häufen sich die Wolken gleich dicken Baumwollballen in malerischer Unordnung; allmälig schwellen sie an, sind minder zahlreich, dagegen größer und so schwer, daß sie nicht vom Horizont sich losmachen können; aber ein stärkerer Wind treibt sie in die Höhe, daß sie allmälig zusammenfließen, dunkel werden und bald eine einzige Schichte von drohendem Aussehen bilden.

Offenbar ist die Atmosphäre vom elektrischen Fluidum gesättigt; ich bin davon ganz durchdrungen; meine Haare auf dem Kopf sträuben sich, wie wenn man einer Elektrisirmaschine nahe kommt. Es dünkt mir, wenn meine Gefährten mich in diesem Augenblick anrührten, würden sie einen starken Stoß bekommen.

Um zehn Uhr sind die Anzeichen des Sturmes entschiedener. Ich will zwar noch nicht den Drohungen des Himmels glauben, doch kann ich nicht umhin zu sagen:

»Ein Unwetter bereitet sich vor.«

Der Professor bleibt die Antwort schuldig. Er ist sehr übel gelaunt, da er den Ocean vor seinen Augen sich unendlich ausdehnen sieht. Er zuckt nur die Achseln.

»Wir werden ein Gewitter bekommen, sagte ich, indem ich die Hand nach dem Horizont ausstreckte. Diese Wolken senken sich auf’s Meer, als wollten sie’s erdrücken!«

Allgemeine Stille. Auch der Wind ist stille. Die Natur sieht wie erstorben aus, und kein Lüftchen weht. Am Mast, worauf ich schon ein leichtes St. Elmsflämen glänzen sehe, fällt das gespannte Segel in Falten herab. Das Floß ist unbeweglich auf einem Meer ohne Wellenschlag. Aber, wenn wir nicht mehr vorwärts kommen, wozu dann dieses Segel, das uns beim ersten Stoß des Sturms in Verderben bringen kann?

»Nehmen wir’s herab, sagt’ ich, senken wir den Mast nieder! Das wäre vorsichtig!

– Nein, zum Teufel! schrie mein Oheim, hundertmal nein! Mag der Wind uns fassen! der Sturm uns fortreißen! aber ich muß endlich die Felsen eines Ufers sehen, wenn auch unser Schiff daran in tausend Splitter zerschellen sollte.«

Unverzüglich bekommt der Horizont im Süden ein anderes Aussehen. Die gesammelten Dünste lösen sich in Wasser auf, und da die Luft, um den durch die Verdichtung entstandenen leeren Raum zu füllen, in heftigem Zug dorthin strömt, so entsteht ein Orkan. Er kommt aus den entferntesten Enden der Höhle. Es wird dunkler; kaum kann ich noch einige unvollständige Notizen machen.

Das Floß wird in die Höhe gehoben, hüpft auf den Wellen. Mein Oheim wird vom oberen Theil herabgeworfen. Ich schleppe mich zu ihm hin. Er hat sich an ein Stück Tau festgeklammert und scheint dem Schauspiel der entfesselten Elemente mit Vergnügen zuzusehen.

Hans rührt sich nicht, seine vom Sturm rückwärts getriebenen langen Haare umhüllen sein unbewegliches Angesicht, und dies giebt ihm eine seltsame Physiognomie, denn alle Haarspitzen sind mit kleinen leuchtenden Strahlenbüscheln geziert. Er sieht aus wie ein verkleideter Mensch der Urzeit.

Indessen der Mast widersteht. Das Segel ist gespannt, wie eine zum Bersten gefüllte Blase. Das Floß treibt mit einer Schnelligkeit, die ich nicht schätzen kann.

»Das Segel! das Segel! rief ich, mit einem Wink, es abzunehmen.

– Nein! erwidert mein Oheim.

– Nej«, sagt Hans und schüttelt sanft den Kopf.

Der Regen bildet inzwischen einen brausenden Katarakt vor dem Horizont, auf welchen wir unsinnig zufahren. Aber ehe er noch bis zu uns gelangt, zerreißt das Gewölk, das Meer geräth in Wallung, und die durch eine umfassende chemische Thätigkeit in den oberen Schichten entwickelte Elektricität kommt mit in’s Spiel. Unzählige Blitze durchkreuzen sich, und der Donner folgt Schlag auf Schlag; die ganze Dunstmasse glüht; hellleuchtender Hagel schlägt wider unsere Geräthe, und die aufgeregten Wogen scheinen Feuer zu sprühen.

Meine Augen sind geblendet, meine Ohren betäubt! Ich muß mich am Mast festhalten, der wie ein Rohr von der Gewalt des Sturms gebeugt wird!

(Hier werden meine Reisenotizen sehr unvollständig. Ich habe nur einige flüchtige Bemerkungen wiedergefunden, die in ihrer Kürze, selbst in ihrer Dunkelheit das Gepräge meiner Gemüthsbewegung an sich tragen, und besser als meine Erinnerung von der Lage einen Begriff geben.)

***

Sonntag, 23. August. – Wo sind wir? Wohin hat uns die unberechenbare Fahrt verschlagen?

Es war eine fürchterliche Nacht. Der Sturm will sich nicht legen. Inmitten des Tobens und Brausens unablässiges Donnergeroll. Unsere Ohren sind wund. Unmöglich ist’s, ein Wort mit einander zu reden.

Unaufhörliche Blitze. Ich sehe rückwärtsgehende Zickzackstrahlen, die, von oben geschleudert, wieder rückwärts wider das Granitgewölbe schlagen. Wenn es zusammenbräche! Andere Blitze spalten sich oder nehmen die Gestalt von Feuerkugeln an, die wie Bomben zerplatzen. Das allgemeine Getöse scheint nicht zuzunehmen; es hat den Höhepunkt erreicht, welchen das menschliche Ohr fassen kann. Unablässig ist die Strömung des Lichts aus der Oberfläche der Wolken, der elektrische Stoff entladet sich unaufhörlich; unzählige Wassersäulen thürmen sich in der Atmosphäre und sinken schäumend wieder zurück.

Wohin treiben wir? … Mein Oheim liegt der Länge nach am Ende des Flosses.

Verdoppelte Wärme. Ich sehe auf das Thermometer; es zeigt … (die Ziffer ist ausgelöscht).

Montag, 24. August. – Das nimmt kein Ende! Warum sollte der Zustand dieser dichten Atmosphäre, wenn er einmal sich ändert, nicht ein definitiver werden.

Wir sind von Strapazen erschöpft. Hans, wie gewöhnlich. Das Floß läuft unverändert südöstlich. Wir haben vom Inselchen Axel aus über zweitausend Kilometer zurückgelegt.

Zu Mittag verdoppelt sich die Gewalt des Sturmes. Man ist genöthigt, alle Gegenstände der Ladung festzubinden. Jeder von uns bindet sich ebenfalls an. Die Wellen gehen uns über den Kopf.

Seit drei Tagen ist’s nicht möglich, ein Wort mit einander zu reden. Wir öffnen den Mund, bewegen die Lippen, ein verständlicher Ton kommt nicht zum Vorschein. Selbst wenn man sich in’s Ohr spricht, kann man sich nicht verstehen.

Mein Oheim nähert sich mir, artikulirt einige Worte. Ich glaube, er sagte: »Wir sind verloren«. Doch weiß ich’s nicht gewiß.

Ich schreibe ihm die Worte auf: »Weg mit unserm Segel!«

Er giebt durch ein Zeichen seine Zustimmung.

Auf einmal fällt eine feurige Kugel auf das Floß. Mast und Segel sind augenblicklich entfernt und flattern hoch in den Lüften, wie ein urweltlicher Vogel.

Wir sind starr vor Schrecken. Die Kugel, halb weiß, halb lazurblau, von der Größe einer sechszölligen Bombe, rollt langsam, hier und dorthin, springt auf den Lebensmittelsack, gleitet langsam wieder herunter, hüpft, streift an die Pulverkiste. Grauenhaft! Wir alle in die Luft springen! Nein. Die schreckliche Kugel entfernt sich, nähert sich Hans, der sie fest anstarrt; meinem Oheim, der, um auszuweichen, auf die Kniee fällt; mir, der todtenblaß zurückschaudert vor dem Glanz und der Hitze; sie kreiselt neben meinem Fuß, den ich zurückziehen will, was aber nicht möglich ist.

Ein Geruch von Salpetergas füllt die Luft, dringt in die Kehle, die Lungen – zum Ersticken.

Weshalb kann ich meinen Fuß nicht zurückziehen? Die elektrische Kugel hat alles Eisen an Bord magnetisirt; die Instrumente, Geräthe, Waffen gerathen in Bewegung und stoßen mit hellem Klang an einander; die Nägel an meinen Schuhen hängen fest an einer Eisenplatte, die in Holz eingelassen ist. Darum kann ich meinen Fuß nicht wegziehen! Endlich gelingt mir’s mit höchster Anstrengung, als eben die Kugel in ihrer Kreisbewegung ihn erreichen will …

Da zerspringt sie mit hellem Lichtglanz; wir sind mit Flammenströmen übergossen! Darauf erlischt Alles. Ich hatte eben nur Zeit, meinen Oheim auf dem Floß hingestreckt zu sehen, und Hans, getreulich an seinem Steuer, »Feuer speiend«, da er von Elektricität durchdrungen ist!

Wohin fahren wir? Wohin?

Dienstag, 25. August. – Ich erwache aus langer Ohnmacht. Das Gewitter dauert fort; die Blitze zischen entfesselt, wie eine Brut Schlangen.

Sind wir noch immer auf dem Meer? Ja, fortgerissen mit unberechenbarer Schnelligkeit. Wir sind unter England hergefahren, dem Kanal, Frankreich, vielleicht ganz Europa!

Abermals wird ein Getöse vernehmbar! Offenbar bricht sich das Meer an Felsen! Aber dann …

Sechsunddreißigstes Capitel

Verschlagen

Hier endigt mein Tagebuch, wie ich’s oben nannte, das ich glücklich aus dem Schiffbruch gerettet habe. Ich fahre in meiner Erzählung fort, wie oben.

Was beim Scheitern des Flosses an den Felsen der Küste vorging, kann ich nicht sagen. Ich fühlte, daß ich in die Wogen stürzte; daß ich aber dem Tod entrann, daß nicht mein Körper an den spitzen Felsen zerrissen ward, verdanke ich dem starken Arm unseres Hans.

Der muthige Isländer trug mich aus dem Bereich der Wellen auf glühenden Sand, wo ich mich an der Seite meines Oheims fand.

Darauf begab er sich wieder zu den Felsen, in die tobenden Wellen, um etwas von der Habe aus dem Schiffbruch zu retten. Ich vermochte nicht zu reden; ich war von Gemüthsbewegungen und Strapazen gebrochen; ich bedurfte eine volle Stunde, um mich zu erholen.

Inzwischen regnete es fortwährend, wie bei der Sündfluth. Einige überhängende Felsen boten uns Schutz gegen diese Ströme. Hans bereitete ein Mahl, das ich nicht anrühren konnte, dann verfielen wir alle, erschöpft vom Wachen durch drei Nächte, in einen schmerzvollen Schlaf.

Am folgenden Tag war prachtvolles Wetter. Himmel und Meer hatten sich friedlich geeinigt. Jede Spur von Gewitter war verschwunden. Der Professor begrüßte mich beim Erwachen. Er war fürchterlich munter.

»Nun, lieber Junge, hast Du gut geschlafen?«

Hätte man nicht denken sollen, wir befänden uns in dem Hause der Königsstraße, ich käme da ruhig zum Frühstück herab, meine Hochzeit mit Gretchen solle heute gefeiert werden?

Ach! wäre das Floß vom Sturm nach Osten verschlagen worden, so wären wir unter Deutschland gefahren, unter meine Vaterstadt Hamburg, unter die Straße, wo mein Liebstes auf der Welt weilt. Dann wären wir kaum vierzig Lieues von einander! aber vertikal durch eine Granitwand, und in Wirklichkeit mehr als tausend Lieues getrennt!

Alle diese schmerzlichen Gedanken durchliefen meinen Geist, bevor ich auf meines Oheims Fragen antworten konnte.

»Nun, wiederholte er, Du hast wohl nicht Lust zu antworten, ob Du gut geschlafen hast?

– Sehr gut, erwiderte ich; ich bin noch ganz zerschlagen; aber das thut nichts.

– Gar nichts, ein wenig Ermüdung, das ist Alles.

– Aber Sie scheinen recht lustig diesen Morgen, lieber Oheim.

– Voll Freude, mein Junge! entzückt! Wir sind angelangt.

– Am Ziel unserer Reise?

– Nein, aber am Ende dieses Meeres, das kein Ende nehmen wollte.

Jetzt werden wir wieder den Landweg einschlagen, daß wir wirklich in’s Innere der Erde dringen.

– Lieber Oheim, erlauben Sie mir eine Frage.

– Das Fragen ist Dir vergönnt, Axel.

– Und die Rückreise?

– Die Rückreise! Denkst Du an Rückkehr, ehe wir angekommen sind?

– Nein, ich will nur fragen, wie sie ausgeführt werden soll.

– Auf die einfachste Weise, die es giebt. Sind wir einmal im Centrum unseres Erdballs angekommen, so finden wir entweder einen neuen Weg, um auf seine Oberfläche zurückzukehren, oder wir gehen ganz ruhig den Weg, welchen wir gekommen sind, wieder zurück. Ich denke wohl, man wird nicht hinter uns die Pforten schließen.

– Dann muß man das Floß wieder in guten Stand setzen.

– Nothwendig.

– Aber werden die Lebensmittel ausreichen, um alles dies Große zu vollenden?

– Ja, gewiß. Hans ist ein tüchtiger Bursche, der hat gewiß den größten Theil der Ladung gerettet. Uebrigens wollen wir uns dessen versichern.«

Wir verließen diese, jedem Luftzug ausgesetzte Grotte. Ich hatte eine Hoffnung, die zugleich eine Besorgniß war; es schien mir unmöglich, daß nicht bei dem fürchterlichen Anprallen des Flosses die ganze Ladung zu Grunde ging. Ich irrte mich. Bei meiner Ankunft am Ufer bemerkte ich Hans mitten in einem Haufen von Gegenständen, die er hübsch geordnet hatte. Mein Oheim drückte ihm die Hand mit lebhaftem Bezeugen seiner Erkenntlichkeit. Dieser Mensch, von übermenschlicher Hingebung beseelt, wie man nicht leicht einen anderen finden würde, hatte, während wir schliefen, gearbeitet, und mit Lebensgefahr die werthvollsten Gegenstände gerettet.

Wir hatten zwar ziemlich erhebliche Verluste erlitten, z.B. unserer Waffen; aber schließlich konnte man dieselben entbehren. Der Pulvervorrath war unversehrt geblieben, nachdem wir während des Gewitters beinahe wären in die Luft gesprengt worden.

»Nun, rief der Professor, da die Gewehre mangeln, so brauchen wir nicht mehr zu jagen.

– Gut; aber die Instrumente?

– Hier ist der Manometer, das nützlichste von allen, für welches ich die anderen sämmtlich hingegeben haben würde. Mit seiner Hilfe kann ich die Tiefe berechnen, und wissen, wann wir das Centrum erreicht haben werden. Ohne dasselbe würden wir riskiren, drüber hinaus zu dringen und bei den Antipoden wieder herauszukommen!«

Diese Heiterkeit war arg.

»Aber der Compaß? fragte ich.

– Da ist er, auf diesem Felsen, in vollkommenem Zustand, sowie der Chronometer und die Thermometer. Ja, der Jäger ist ein werthvoller Mensch!«

Das mußte man wohl anerkennen; in Hinsicht der Instrumente fehlte nichts. An Werkzeug und Geräthen bemerkte ich auf dem Sande auseinander gelegt, Leitern, Stricke, Hauen, Hacken u.s.w.

Doch waren auch noch die Lebensmittel in Betracht zu nehmen.

»Und die Provision? sagte ich.

– Sehen wir nach«, erwiderte mein Oheim.

Die Kisten, welche sie enthielten, befanden sich am Ufer in wohl erhaltenem Zustand; das Meer hatte sie zum größten Theile verschont, und im Ganzen konnte man an Zwieback, Fleisch, Branntwein und Fischen noch auf vier Monate zu leben haben.

»Vier Monate! rief der Professor. Wir haben daran Zeit genug, hin und zurück zu kommen, und mit dem Reste will ich allen meinen Collegen am Johanneum ein großes Diner geben!«

Ich hätte seit langer Zeit an das Temperament meines Oheims gewöhnt sein können; und dennoch setzte mich dieser Mann stets in Erstaunen.

»Jetzt, sagte er, wollen wir unseren Wasservorrath mit dem Regen ergänzen, welcher bei dem Gewitter in alle Granitbassins gefallen ist; demnach haben wir nicht zu besorgen, Durst leiden zu müssen. Das Floß mag Hans auf’s Beste wieder herstellen, obgleich wir, denk’ ich, es nicht mehr gebrauchen werden.

– Wie so? rief ich aus.

– Es ist so meine Idee. Ich denke, wir werden nicht denselben Weg, den wir gekommen sind, zur Rückkehr brauchen.«

Ich betrachtete den Professor mit einigem Mißtrauen. Ich fragte mich, ob er nicht ein Narr geworden sei.

»Jetzt wollen wir frühstücken«, fuhr er fort.

Nachdem er dem Jäger seine Anweisung gegeben, begleitete ich ihn auf ein hohes Cap. Hier nahmen wir eine treffliche Mahlzeit ein, die aus getrocknetem Fleisch, Zwieback und Thee bestand, und, ich muß gestehen, die beste war, welche ich je in meinem Leben genossen habe. Das Bedürfniß, die frische Luft, die Ruhe nach den Erschütterungen, Alles trug dazu bei, mir Appetit zu machen.

Während des Frühstücks richtete ich an meinen Oheim die Frage, wo wir uns eben befänden.

»Es scheint mir dies, sagte ich, schwer zu berechnen.

– Genau zu berechnen, ja, erwiderte er; das ist wohl nicht möglich, weil ich während der drei Gewittertage nicht im Stande war, die Schnelligkeit und die Richtung unseres Fahrzeugs zu notiren; doch können wir durch Schätzung unsere Lage aufnehmen.

In der That war die letzte Beobachtung am Inselchen des Geyser angestellt worden.

– Am Eiland Axel, lieber Junge. Lehne die Ehre nicht ab, der ersten im Innern des Erdbaues entdeckten Insel Deinen Namen zu geben.

– Meinetwegen! auf dem Eiland Axel hatten wir ungefähr zweihundertundsiebzig Lieues zur See gemacht, und wir befanden uns über sechshundert Lieues von Island entfernt.

– Gut! Von diesem Punkt ausgehend wollen wir vier Tage Sturm rechnen, während dessen unsere Geschwindigkeit nicht geringer sein konnte, als achtzig Lieues in vierundzwanzig Stunden.

– Ich denke. Das gäbe also dreihundert Lieues weiter.

– Ja, und das Meer Lidenbrock mäße also fast sechshundert Lieues von einem Ufer zum andern! Verstehst Du wohl, Axel, daß es an Größe sich mit dem Mittelländischen messen kann?

– Ja! zumal wenn wir’s nur der Breite nach gemessen haben!

– Das ist wohl möglich!

– Und, merkwürdiger Umstand, fügte ich bei, sind unsere Berechnungen genau, so haben wir jetzt dieses Mittelländische Meer über unserm Kopf.

– Wirklich!

– Wirklich, denn wir sind bei neunhundert Lieues von Rykjawik entfernt!

– Das ist ein hübsches Stück Wegs, lieber Junge; doch ob wir nun vielmehr unter’m Mittelländischen Meer sind, als unter der Türkei oder dem Atlantischen, darüber läßt sich nur dann eine Behauptung aussprechen, wenn wir von unserer Richtung nicht abgekommen sind.

– Nein, der Wind schien sich gleich zu bleiben; ich denke also, dieses Uferland müsse südöstlich von Gretchen-Hafen liegen.

– Gut, es ist leicht, sich durch den Compaß davon zu überzeugen. So wollen wir ihn befragen.«

Der Professor ging zu den Felsen, worauf Hans die Instrumente niedergelegt hatte. Er war heiter, lustig, rieb sich die Hände! wahrhaftig wie ein Jüngling! Ich folgte ihm, sehr begierig zu wissen, ob ich in meiner Schätzung nicht irre.

Als wir an dem Felsen ankamen, nahm mein Oheim den Compaß, legte ihn horizontal und beobachtete die Nadel, die nach einigem Schwanken in fester Stellung blieb nach Maßgabe des magnetischen Einflusses.

Mein Oheim schaute, dann rieb er sich die Augen und schaute von Neuem. Endlich wendete er sich voll Erstaunen nach mir hin.

»Was ist vor?« fragte ich.

Er deutete mir an, das Instrument zu untersuchen. Es entfuhr mir ein Ausdruck der Ueberraschung. Die Nadel zeigte Norden da, wo wir Süden vermutheten! Sie drehte sich nach dem Ufer zu, anstatt auf’s volle Meer hinzuweisen!

Ich schüttelte den Compaß, untersuchte ihn; er war in vollkommenem Zustand. In welche Lage man die Nadel bringen mochte, sie nahm hartnäckig die unerwartete Richtung.

Also, es war kein Zweifel mehr – während des Sturms war der Wind umgeschlagen, was wir nicht bemerkt hatten, und hatte das Floß nach dem Ufer zurückgeführt, welches mein Oheim hinter sich zu lassen meinte.

Siebenunddreißigstes Capitel

Ein Gebeinfeld

Die wechselnden Gefühle, welche den Professor Lidenbrock peinigten, Bestürzung, Unglauben und endlich Zorn, kann ich unmöglich schildern. Nie hab’ ich einen Menschen so haltungslos anfangs, dann so gereizt gesehen. Die Beschwerden der Ueberfahrt, die bestandenen Gefahren, Alles war von Neuem vorzunehmen! Wir waren rückwärts, anstatt voran gekommen.

Aber mein Oheim gewann rasch wieder die Oberhand.

»Ah! was für einen Streich hat mir das Verhängniß gespielt! Die Elemente verschwören sich wider mich! die Luft, das Feuer und Wasser vereinigen ihre Kräfte, meine Fahrt zu hindern! Nun gut! Man soll erfahren, was meine Willenskraft vermag. Ich werde nicht nachgeben, nicht eine Linie weit zurückweichen, und wir werden sehen, wer die Oberhand bekommen wird, der Mensch oder die Natur!«

Auf dem Felsen stehend, gereizt, drohend schien Otto Lidenbrock gleich dem wilden Ajax die Götter herauszufordern. Aber ich hielt für angemessen mich in’s Mittel zu legen, um den unsinnigen Jähzorn zu zügeln.

»Hören Sie mich an, sagte ich zu ihm in festem Ton. Jeder Ehrgeiz hat hienieden seine Grenzen; gegen das Unmögliche soll man nicht ankämpfen; für eine Seereise sind wir zu schlecht ausgerüstet; fünfhundert Lieues macht man nicht auf einem schlechten Gebund Balken mit einer Bettdecke anstatt Segel, einer Stange anstatt des Masts, und den entfesselten Winden gegenüber. Wir können nicht das Fahrzeug lenken, sind ein Spielball der Stürme: es wäre Narrheit zum zweiten Male diese unmögliche Ueberfahrt zu versuchen!«

Zehn Minuten lang konnte ich solche unwiderlegbare Gründe der Reihe nach anführen, ohne unterbrochen zu werden, aber das kam einzig von der Unaufmerksamkeit des Professors, der kein Wort meiner Beweisführung hörte.

»Zum Floß!« rief er.

Dies war seine Antwort. Ich mochte thun, was ich wollte, bitten, zornig werden, ich stieß wider einen Willen, der härter war als Granit.

Hans war eben mit der Ausbesserung des Flosses fertig geworden. Man hätte meinen können, der seltsame Mensch habe eine Ahnung von den Projecten meines Oheims. Mit einigen Stücken Surtarbrandur hatte er das Fahrzeug wieder fest gemacht. Ein Segel war schon wieder aufgesteckt und der Wind spielte in seinen wallenden Falten.

Der Professor sagte dem Führer einige Worte, und sogleich brachte dieser das Gepäck an Bord und machte Alles zur Abfahrt fertig. Die Atmosphäre war ziemlich rein und der Wind hielt sich gut aus Nordwest.

Was konnte ich machen? Allein mich zweien widersetzen? Unmöglich. Wäre nur Hans auf meiner Seite gewesen. Aber nein. Es schien, als habe der Isländer allen persönlichen Willen aufgegeben und ein Gelübde der Selbstverleugnung gethan. Von einem Diener, der so seinem Herrn leibeigen war, konnte ich nichts erlangen. Ich mußte mit vorwärts.

Ich war also im Begriff meinen gewohnten Platz auf dem Floß einzunehmen, als mein Oheim mich mit der Hand anhielt.

»Wir fahren erst morgen ab«, sagte er.

Ich machte eine Bewegung, wie Einer, der sich in Alles ergiebt.

»Ich darf nichts versäumen, fuhr er fort, und weil das Verhängniß mich auf diese Seite der Küste getrieben hat, so will ich sie erst untersuchen, ehe ich sie verlasse.«

Diese Bemerkung wird man verstehen, wenn man weiß, daß wir zwar an die Nordküste zurückgekommen waren, aber nicht an die nämliche Stelle, wo wir früher abfuhren. Gretchen-Hafen mußte westlicher liegen. Also nichts natürlicher, als die Umgebung, wo wir an’s Land getrieben waren, sorgfältig zu untersuchen.

»So wollen wir auf Entdeckungen ausgehen!« sagte ich. Wir ließen Hans bei seiner Arbeit und machten einen Ausflug. Der Raum zwischen unserem Ruheplatz am Meer und dem Fuß der Vorberge war sehr weit; man konnte eine halbe Stunde gehen, bis man an die Felsenwand kam. Unsere Füße zertraten unzählige Muscheln von allen Formen und Größen, worin die Thiere der ersten Epoche gelebt hatten. Ich bemerkte auch enorme Schildkrötendecken, deren Durchmesser oft über fünfzehn Fuß betrug. Sie gehörten den riesenhaften Glyptodons der Urzeit an. Außerdem war der Boden mit einer großen Menge von Steintrümmern bedeckt, eine Art Steinkiesel, die von den Wellen abgerundet und reihenweise an’s Ufer geschichtet waren. Ich wurde dadurch auf die Bemerkung geleitet, daß das Meer ehemals diesen Raum bedeckt haben müsse. Auf den zerstreuten Felsen, welche jetzt außer Berührung mit dem Meere sind, hatten die Fluthen deutliche Spuren gelassen.

Dies konnte bis auf einen gewissen Punkt das Dasein dieses Meeres vierzig Lieues unter der Erdoberfläche erklären. Aber, meiner Ansicht nach, mußte diese Masse sich allmälig im Innern der Erde verlieren, und sie kam offenbar aus den Gewässern des Oceans her, welche durch irgend eine Spalte eindrangen. Doch mußte man annehmen, daß diese Spalte gegenwärtig verstopft sei, denn sonst würde diese Höhle, oder besser dieser ungeheure Behälter, in ziemlich kurzer Zeit angefüllt worden sein. Vielleicht auch ist dieses Wasser, indem es gegen unterirdische Feuer zu kämpfen hatte, zum Theil verdünstet. Daher die über unserem Kopf schwebenden Wolken und die Entwickelung der Elektricität, welche im Innern des Erdkerns Gewitter erzeugte.

Diese Theorie der Erscheinungen, die wir erlebten, schien mir befriedigend; denn so groß auch die Wunder der Natur sein mögen, sie sind immer durch physische Gründe erklärbar.

Wir gingen also auf einer Art von Niederschlagboden, der, wie alle Erdarten dieser Periode, welche so reichlich auf der Oberfläche des Erdballs verbreitet sind, durch Wasser gebildet wurden. Der Professor untersuchte genau jede Ritze im Felsen. Fand sich eine Oeffnung, so war sie ihm wichtig, ihre Tiefe zu erforschen.

Wir waren eine Meile weit längs dem Ufer des Meeres Lidenbrock gegangen, als der Boden plötzlich ein anderes Aussehen hatte. Er schien durch eine gewaltsame Erhöhung der unteren Schichten umgestürzt und durcheinander geworfen. An manchen Stellen bezeugten Einsenkungen oder Erhebungen eine starke Verrenkung des Grundbaus der Erde.

Wir kamen mit Mühe über diese Granitbrocken, vermischt mit Kiesel, Quarz und Niederschlag aus Anschwemmungen, hinaus, als ein Feld, oder vielmehr eine Ebene mit Gebeinen vor unseren Augen lag. Man konnte es eine ungeheure Todtenstätte nennen, wo die Generationen von zwanzig Jahrhunderten ihren ewig dauernden Staub vermischten. In der Ferne sah man hohe Trümmerhaufen aufgeschichtet, welche bis an die Grenzen des Horizonts reichten, und sich dann in einen zerfließenden Nebel verloren. Hier, auf einer Fläche von etwa drei Quadratmeilen, lag die ganze Geschichte des Thierlebens, welche in dem zu neuen Boden der bewohnten Erde kaum verzeichnet ist, zusammengehäuft.

Doch eine ungeduldige Neugierde riß uns fort. Unsere Füße zertraten geräuschvoll die Reste dieser vorhistorischen Thiere und diese Fossilien, deren seltene und interessante Trümmer die Museen der großen Städte sich streitig machen. Tausend Cuvier hätten nicht ausgereicht, die Skelette der organischen Wesen, welche auf diesem prachtvollen Todtenfeld lagen, wieder zusammenzusetzen.

Ich war bestürzt. Mein Oheim hob seine großen Arme zu dem dichten Gewölk empor, das uns den Himmel vertrat. Sein weit geöffneter Mund, seine unter der Brille hervorleuchtenden Augen, sein Kopfschütteln von oben nach unten, von der Rechten zur Linken, seine ganze Stellung gab ein grenzenloses Erstaunen kund. Er sah vor seinen Augen eine unschätzbare Sammlung von Leptotherium, Mericotherium, Mastodon, Megatherium, Lophodion, und wie alle die urweltlichen Ungeheuer heißen, aufgehäuft zu seinem persönlichen Vergnügen.

Aber wie war sein Erstaunen noch weit größer, als er unter dem Moder organischer Reste einen nackten Hirnschädel fand! Mit zitternder Stimme rief er; »Axel, Axel, ein Menschenkopf!

– Ein Menschenkopf! mein Oheim, erwiderte ich eben so sehr erstaunt.

– Ja, Neffe! Ah! Milne-Edwards! Ah, Quatrefages! Warum seid Ihr nicht, wo ich bin, Otto Lidenbrock!«

Achtunddreißigstes Capitel

Ein fossiler Mensch

Um meines Oheims Anrufung dieser berühmten französischen Gelehrten zu verstehen, muß ich bemerken, daß kurz vor unserer Abreise eine für die Paläontologie höchst wichtige Thatsache vorgefallen war.

Am 28. März 1863 wurde von den Grabarbeitern, welche unter Leitung des H. Boucher de Perches in den Steinbrüchen zu Moulin-Quignon bei Abbeville arbeiteten, vierzehn Fuß unter der Erdoberfläche ein menschlicher Kinnbacken aufgefunden. Es war dies das erste Fossil dieser Art, welches an’s Tageslicht gefördert wurde. Neben demselben fand man steinerne Hacken und behauene Kiesel, bemalt und mit der Zeit von einförmiger Patina überzogen.

Diese Entdeckung erregte großes Aufsehen, nicht allein in Frankreich, sondern auch in England und Deutschland. Einige Gelehrte vom Institut français, unter anderen die Herren Milne-Edwards und de Quatrefages, nahmen sich lebhaft der Sache an, bewiesen die unbestreitbare Aechtheit des fraglichen Knochens, und traten als die eifrigsten Verfechter desselben bei diesem »Kinnbackenproceß«, wie die Engländer sich ausdrückten, auf.

Zu den Geologen des Vereinigten Königreichs, welche die Thatsache für zuverlässig hielten, Falconer, Busk, Carpenter u.s.w. gesellten sich deutsche Gelehrte, und unter ihnen in vorderster Reihe der enthusiastischste, mein Oheim Lidenbrock.

Die Echtheit eines fossilen Menschen in der vierten Epoche schien also unbestreitbar bewiesen und zugegeben.

Dieses System hatte zwar einen hitzigen Gegner in dem Herrn Elie de Beaumont. Dieser Gelehrte von so großer Autorität behauptete, das Terrain von Moulin-Quignon gehöre nicht dem »Diluvium«, sondern einer minder alten Schichte an, und in diesem Punkt mit Cuvier einig, gab er nicht zu, daß das Menschengeschlecht aus gleicher Zeit mit den Thieren der vierten Epoche stammte. Mein Oheim Lidenbrock, in Uebereinstimmung mit der großen Majorität der Geologen, hatte sich wacker gehalten, disputirt, discutirt, und Herr E. de Beaumont war fast der einzige Mann seiner Partei.

Wir kannten alle Einzelheiten der Sache, aber wir wußten nicht, daß seit unserer Abreise die Frage neue Fortschritte gemacht hatte. Andere Kinnbacken derselben Art, obwohl Individuen verschiedener Typen und von verschiedenen Nationen, wurden in lockerem und grauem Erdreich gewisser Grotten in Frankreich, der Schweiz, Belgien gefunden, sowie Waffen, Geräthe, Werkzeuge, Gebeine von Kindern, jungen Leuten, Männern, Greisen. Die Existenz des quaternären Menschen wurde täglich mehr bestätigt.

Nicht genug dies. Weitere, im tertiären Boden ausgegrabene Reste hatten kühneren Gelehrten gestattet, dem Menschengeschlecht ein noch höheres Alter zuzuschreiben. Diese Reste waren zwar nicht Menschengebeine, sondern nur Gegenstände seiner Industrie, Bein- und Hüftknochen fossiler Thiere, regelmäßig gestreift, sozusagen vom Bildhauer gemacht, und das Gepräge menschlicher Arbeit an sich tragend.

Also ist der Mensch mit einem Male die Stufenleiter einer größeren Zahl von Jahrhunderten hinaufgestiegen; er ging dem Mastodon voraus, wurde Zeitgenosse des südlichen Elephanten; seine Existenz berechnete sich auf hunderttausend Jahre.

Bei diesem Stand der paläontologischen Wissenschaft wird das Staunen und die Freude meines Oheims begreiflich, zumal da er, zwanzig Schritte weiter, auf ein Exemplar des quaternären Menschen stieß.

Es war ein völlig kenntlicher Menschenkörper. Hatte ein Boden von besonderer Beschaffenheit, wie der des Friedhofs St. Michael zu Bordeaux, ihn so wohl erhalten Jahrhunderte lang bewahrt? Ich könnte es nicht sagen. Aber dieser Leichnam, die pergamentartige Haut, die – dem Anschein nach – noch markigen Glieder, die noch erhaltenen Zähne, das reiche Haar, die erschrecklich langen Nägel an Händen und Zehen – das Alles zeigte sich unseren Augen, so wie es bei Leben gewesen.

Ich war stumm bei dieser Erscheinung aus einem anderen Zeitalter. Mein Oheim, der sonst so geschwätzig ist, schwieg ebenfalls. Wir hoben den Körper auf, betasteten seinen Rumpf, er blickte uns aus seinen Augenhöhlen an. Nach einer kleinen Pause machte sich der Professor in dem Oheim geltend. Er vergaß die Umstände, worin wir uns befanden, glaubte ohne Zweifel vor seinen Zuhörern am Johanneum zu stehen. Denn er sprach im Ton des Docenten, wie vor einem Auditorium:

»Meine Herren, ich habe die Ehre, Ihnen einen Menschen aus der quaternären Epoche vorzustellen. Große Gelehrte haben seine Existenz in Abrede gestellt; nun kann auch der Ungläubigste sich überzeugen, wenn er mit den Fingern ihn berührt und seinen Irrthum inne wird. Ich weiß nun wohl, daß die Wissenschaft bei Entdeckungen dieser Art vorsichtig sein muß! Ich weiß wohl, was die Barnum und andere Charlatane mit fossilen Menschen für ein Unwesen getrieben haben. Ich kenne alle Geschichten der Art, weiß auch, daß Cuvier und Blumenbach solche Gebeine für bloße Mammuthknochen erklärt haben. Aber hier ist kein Zweifel statthaft. Der Cadaver ist da! Sie können ihn sehen, berühren; es ist ein unversehrter Körper, ein Skelet.

Sie sehen, er ist nicht völlig sechs Fuß groß; gehört unstreitig der kaukasischen Race an, ja ich wage zu behaupten, er gehört zur japhelischen Familie, welche von Indien bis zu den Grenzen West-Europas verbreitet ist. Ja, es ist ein fossiler Mensch, ein Zeitgenosse des Mastodon. Aber auf welchem Wege er hieher gekommen ist in diese enorme Höhlung, das wage ich nicht zu bestimmen. Doch das weiß ich zu sagen, der Mensch ist da, umgeben von Werken seiner Hand, und ich kann nicht die Echtheit seines Ursprungs aus der Urzeit in Zweifel ziehen.«

Als der Professor geendigt hatte, klatschte ich Beifall. Uebrigens hätten viel gelehrtere Leute, als sein Neffe ist, Mühe gehabt, mit ihm zu streiten.

Hiezu kommt weiter. Der fossile Körper war nicht der einzige auf dem großen Gebeinfeld; bei jedem Schritt stießen wir noch auf andere, so daß mein Oheim die Wahl hatte, um für die Ueberzeugung der Ungläubigen ein Musterstück zu haben.

Eine wichtige Frage drängte sich dabei auf, welche wir nicht zu entscheiden uns getrauen. Sind diese Geschöpfe zu einer Zeit, als sie schon vermodert waren, durch eine gewaltsame Erschütterung des Bodens an’s Ufer des Meeres Lidenbrock hinabgerutscht, oder haben sie in dieser unterirdischen Welt, unter diesem künstlichen Himmel gelebt, wurden geboren und starben gleich unseren Erdbewohnern?

Bis jetzt hatten wir nur Seeungeheuer und Fische lebendig angetroffen! Sollte wohl auch ein Mensch an diesem öden Gestade der Unterwelt vorhanden sein?

Neununddreißigstes Capitel

Ein Proteus der Urwelt

Eine halbe Stunde lang durchwanderten wir dieses Lager von Gebeinen. Glühende Neugierde trieb uns weiter. Was für andere Wunder, welche Schätze für die Wissenschaft barg noch diese Höhle? Ich war auf jede Ueberraschung gefaßt.

Wir waren von dem Meeresufer hinter dem Gebeinfeld längst abgekommen.

Den unvorsichtigen Professor kümmerte es wenig, ob wir uns verirrten, und ich ließ mich von ihm fortziehen. Wir gingen schweigend vorwärts. Das elektrische Licht beleuchtete gleichmäßig die Gegenstände, ohne daß ein bestimmter Brennpunkt existirte, der einen Schatten bewirken konnte. Alle Dünste waren verschwunden. Die Felsen, die fernen Gebirge, einige undeutliche Gruppen von Waldung bekamen bei der gleichen Vertheilung des leuchtenden Fluidums ein seltsames Aussehen.

Nachdem wir eine Meile weit gegangen, kamen wir an den Rand eines ungeheuren Waldes. Es waren aber nicht Champignons, wie bei Gretchen-Hafen; es zeigte sich die tertiäre Vegetation in voller Pracht. Große Palmbäume, jetzt verschwundene Gattungen, Fichten, Eiben, Cypressen, Thuya’s waren netzartig mit Lianen durchflochten. Ein Teppich von Moos und Leberkraut bekleidete körnig den Boden. Einige Bäche rieselten unter dem schattenlosen Gebüsch. An ihrem Uferrand wuchsen baumhohe Farrenkräuter gleich denen in unseren Gewächshäusern. Nur waren alle diese Bäume, Gebüsche, Pflanzen farblos, da die belebende Sonnenwärme fehlte. Alles verschwommen in einförmiger Färbung, bräunlich und wie verblichen. Die Blätter ohne Grün, und selbst die Blumen, welche in dieser tertiären Epoche zahlreich sproßten, damals farb- und geruchlos, sahen aus wie von Papier gemacht, das durch Einwirken der Luft seine Farbe verloren hat.

Mein Oheim Lidenbrock wagte sich in dieses riesige Gehölz. Ich folgte ihm, nicht ohne Angst. Da die Natur hier die vegetale Nahrung sprossen ließ, warum sollten sich nicht da auch die fürchterlichen Säugethiere finden? Ich bemerkte an den lichten Stellen Leguminosen, Rubiaceen und die unzähligen Nahrungssträuche, welche die Wiederkäuer aller Perioden gerne fressen. Hernach zeigten sich die Bäume verschiedener Gegenden der Erdoberfläche durcheinander gemischt: die Eiche neben der Palme, der australische Eucalyptus an der Seite der norwegischen Tanne, die Birke des Nordens mit der seeländischen Kauris, das Gezweig verflechtend.

Plötzlich stand ich stille, hielt meinen Oheim mit der Hand zurück.

Das zerstreute Licht gestattete in der Tiefe der Waldung die geringsten Gegenstände zu sehen. Ich glaubte zu sehen … Nein, wirklich, mit eigenen Augen sah ich ungeheure Gestalten unter den Bäumen sich bewegen! Wirklich, es waren Riesenthiere, eine Heerde Mastodone, nicht fossil, nein, leibhaftige, gleich denen, deren Reste 1801 in den Sümpfen des Ohio aufgefunden wurden!

Ich gewahrte diese großen Elephanten, deren Rüssel unter den Bäumen wühlten gleich wimmelnden Schlangen. Ich hörte sie mit ihren langen Haaren die alten Stämme anbohren. Die Zweige krachten, und das massenweis herabgerissene Laub verschwand in den weiten Rachen dieser Ungeheuer.

Diesen wilden Bewohnern waren wir also, einsam mitten im Schoße der Erde, Preis gegeben!

Mein Oheim schaute hin.

»Auf! sagte er auf einmal, und faßte mich beim Arm, vorwärts, vorwärts!

– Nein, rief ich, nein! Wir sind waffenlos! Was sollen wir mitten in der Heerde von Riesenthieren anfangen? Kommen Sie, Oheim, kommen Sie! Kein menschliches Geschöpf kann ungestraft den Zorn dieser Ungeheuer herausfordern.

– Kein menschliches Geschöpf! erwiderte mein Oheim mit leiser Stimme. Du irrst, Axel. Schau, schau nur, dort unten! Es dünkt mir, da seh’ ich ein lebendes Wesen! ein Unsersgleichen! einen Mann!«

Ich blickte hin, zuckte die Achseln, entschlossen, die Ungläubigkeit bis zum Aeußersten zu treiben. Doch, ich mußte mich durch den Augenschein überführen lassen.

Wirklich, nicht eine Viertelmeile weit, an den Stamm eines enormen Kauris gelehnt, war ein menschliches Wesen, ein Proteus jener unterirdischen Gegenden, ein neuer Sohn des Neptun, welcher diese zahllose Heerde von Mastodoten hütete!

Es war kein Fossil, wie jener Cadaver im Gebeinfeld, sondern ein Riese, der diesen Ungeheuern zu gebieten verstand. Seine Größe betrug über zwölf Fuß. Sein Kopf, so groß wie der eines Büffels, verschwand im Gebüsch eines wilden Haupthaars. Er schwang in der Hand einen ungeheuren Baumzweig, einen würdigen Hirtenstab des Schäfers der Urzeit.

Wir waren unbeweglich, voller Bestürzung, stehen geblieben. Aber man konnte uns bemerkt haben, wir mußten entfliehen.

»Kommen Sie, kommen Sie«, rief ich, und zog meinen Oheim mit mir, welcher zum ersten Male mir nachgab!

Nach einer Viertelstunde befanden wir uns außer dem Gesichtskreis dieses fürchterlichen Feindes.

Und jetzt, da ich ruhig daran denke, jetzt, da mein Geist wieder Besonnenheit gewonnen hat, da Monate seit der übernatürlichen Begegnung verflossen sind, was soll ich denken, glauben? Nein! Unmöglich! Es war Sinnentäuschung, was unsere Augen sahen, ist nicht in Wirklichkeit so gewesen! In dieser unterirdischen Welt existirt kein menschliches Geschöpf! Eine Generation von Menschen, welche diese Höhlen im Schoße des Erdkörpers, ohne Verbindung mit der Oberwelt, bewohnte, ist vollständiger Unsinn!

Eher ließe ich die Existenz eines Thieres gelten, dessen Bau dem menschlichen ähnlich ist, eines Affen der Urzeit, eines Protopitheken. Aber dieser übertraf an Wuchs alle bekannten Maße! Gleichviel! Ein Affe, so unwahrscheinlich auch, ein Affe mag’s sein; aber ein lebendiger Mensch nie!

Inzwischen hatten wir den klaren und hellen Wald verlassen, stumm vor Erstaunen, gedrückt von Bestürzung. Wir liefen wider Willen. Unser Instinct leitete uns dem Meer Lidenbrock wieder zu, und ein Gedanke brachte mich wieder auf praktischere Beobachtungen.

Obwohl ich gewiß war, daß wir uns auf völlig unbetretenem Boden befanden, so bemerkte ich mitunter Felsengruppen, deren Form an die von Gretchen-Hafen erinnerte. Dies war übrigens durch die Angaben des Compasses und unsere unwillkürliche Rückkehr auf die Nordseite des Meeres bestätigt. Es war mitunter täuschend ähnlich. Bäche und Wasserfälle stürzten zahlreich aus den Felsvorsprüngen. Ich glaubte das Lager von Surtarbrandur, unsern treuen Hansbach und die Grotte, worin ich wieder zu Besinnung kam, zu erkennen. Hernach etwas weiter wurde ich wieder durch die Gestaltung der Berge, durch einen Bach und die überraschende Zeichnung eines Felsens in den Zweifel zurückgeworfen.

Ich theilte meinem Oheim mein Schwanken mit. Er schwankte ebenfalls. Er konnte sich in dieser Umgebung nicht auskennen.

»Offenbar, sagte ich, sind wir nicht bei unserm Abfahrtspunkt gelandet, sondern der Sturm hat uns etwas weiter oberhalb getrieben, und wenn wir uns längs dem Ufer halten, werden wir nach Gretchen-Hafen gelangen.

– In diesem Falle, erwiderte mein Oheim, ist’s unnütz, diese Untersuchung fortzusetzen, und das Beste wäre, nach unserm Floß zurückzukehren. Aber, Axel, irrst Du Dich nicht?

– Es ist schwer, ein bestimmtes Urtheil darüber zu fällen, lieber Oheim, denn alle diese Felsen gleichen sich. Ich glaube jedoch das Vorgebirge wieder zu erkennen, an dessen Fuß Hans das Fahrzeug gebaut hat. Wir müssen nahe bei dem kleinen Hafen sein, wenn er nicht schon hier ist.

– Nein, Axel, wir würden wenigstens unsere eigenen Spuren finden, und ich sehe nichts …

– Aber ich sehe etwas, rief ich aus, und stürzte auf einen Gegenstand, der im Sande glänzte.

– Was ist’s denn?

– Dies«, erwiderte ich.

Und ich zeigte meinem Oheim einen verrosteten Dolch, den ich aufgehoben hatte.

»Ah! sagte er, Du hattest also doch diese Waffe mitgenommen?

– Ich? Keineswegs! Aber Sie …

– Nein, soviel ich wüßte, versetzte der Professor. Ich habe diesen Gegenstand nie im Besitz gehabt.

– Das ist aber eigenthümlich!

– Nein, es ist sehr einfach, Axel. Die Isländer haben oft Waffen dieser Art, und Hans, dem diese angehört, wird sie verloren haben …«

Ich schüttelte den Kopf. Hans hatte diesen Dolch nie in Besitz.

»Ist’s vielleicht die Waffe eines urweltlichen Kriegers, rief ich aus, eines lebenden Menschen, Zeitgenossen des riesigen Schäfers? Aber nein! Es ist nicht ein Werkzeug aus dem Zeitalter des Steins! nicht einmal der Bronce! Diese Klinge ist von Stahl …«

Mein Oheim unterbrach mich bei diesem Gedanken und fügte mit kaltem Tone bei:

»Beruhige Dich, Axel, und komme zur Vernunft. Dieser Dolch ist eine Waffe aus dem sechzehnten Jahrhundert, ein wirklicher Dolch, wie die Edelleute ihn am Gürtel trugen, um den Gnadenstoß zu geben. Er ist spanischen Ursprungs. Er gehört weder Dir, noch mir, noch dem Jäger, noch auch den menschlichen Wesen, welche vielleicht im Schoße des Erdballs leben!

– Wagen Sie dies zu behaupten? …

– Sieh, man hat ihn nicht durch Menschenmord schartig gemacht; seine Klinge ist mit einem Rost bedeckt, der älter ist, als ein Tag, ein Jahr, ein Jahrhundert!«

Der Professor ereiferte sich wie gewöhnlich und ließ sich durch seine Phantasie fortreißen.

»Axel, sagte er, wir sind der großen Entdeckung auf der Spur! Diese Klinge liegt hier auf dem Sande seit hundert, zweihundert, dreihundert Jahren, und ist an den Felsen dieses unterirdischen Meeres schartig geworden!

– Aber sie ist nicht allein gekommen, rief ich aus; es ist Jemand vor uns hier gewesen! …

– Ja! ein Mann.

– Und dieser Mann?

– Dieser Mann hat mit diesem Dolch seinen Namen eingegraben! Dieser Mann hat noch einmal eigenhändig den Weg nach dem Mittelpunkt zeigen wollen! Suchen wir nur!«

Und mit erstaunlichem Eifer gingen wir längs der hohen Felswand und forschten nach den geringsten Spalten, die zur Galerie werden konnten.

So gelangten wir zu einer Stelle, wo das Gestade enger wurde. Das Meer drang fast bis an den Fuß der Vorberge und ließ nur eine oder zwei Klafter als Weg frei. Zwischen zwei Felsenvorsprüngen gewahrte man den Eingang zu einem dunkeln Tunnel.

Hier zeigten sich auf einer Granitfläche zwei geheimnißvolle halb verwitterte Buchstaben, die beiden Anfangsbuchstaben des kühnen und abenteuerlichen Reisenden:

»A.S.! rief mein Oheim. Arne Saknussemm! Stets Arne Saknussemm!«

Vierzigstes Capitel

Cap Saknussemm

Seit Anfang der Reise habe ich viel Erstaunliches erlebt, und ich durfte glauben nun vor Ueberraschungen sicher und gegen Verwunderung abgestumpft zu sein. Doch beim Anblick dieser beiden seit dreihundert Jahren hier eingegrabenen Buchstaben erstaunte ich ganz über die Maßen. Nicht nur die Handschrift des gelehrten Alchymisten stand auf dem Felsen, sondern auch das Stilet, womit er sie eingegraben hatte, war in meinen Händen. Wollte ich nicht ganz allen Glauben verleugnen, so konnte ich die Existenz des Reisenden und die Wirklichkeit seiner Reise nicht mehr in Zweifel stellen.

Während diese Gedanken meinen Kopf in Bewegung setzten, gab sich der Professor Lidenbrock einem Schwung der Begeisterung gegen Arne Saknussemm hin, indem er das Vorgebirge, wo er dieses Meer, entdeckt hatte, nach seinem Namen Cap Saknussemm benannte.

Diese Begeisterung zündete in mir ein gleiches Feuer. Ich vergaß alle Gefahren der Reise und der Rückkehr; was Andere vollbracht, wollte ich auch fertig bringen, und nichts, was menschlich ist, schien mir unmöglich.

»Vorwärts, vorwärts!« rief ich aus.

Ich stürzte schon auf den dunkeln Gang zu, als der Professor mich hemmte, und der ungestüme Mann rieth mir Geduld und Gemüthsruhe an.

»Erst wollen wir zu Hans zurück und das Floß herbeiholen.«

Ich folgte der Weisung nicht ohne Mißbehagen, und schlüpfte rasch zwischen den Felsen des Ufers hin.

»Wissen Sie, Oheim, sagte ich beim Fortgehen, daß wir bisher viel Glück gehabt haben!

– So, Du meinst, Axel?

– Allerdings, und sogar der Sturm hat uns glücklich auf den rechten Weg geführt; gutes Wetter hätte uns davon entfernt. Dann wäre uns Saknussemm’s Name nicht zu Gesicht gekommen, und wir befänden uns jetzt verlassen ohne Ausweg.

– Ja, Axel, es ist eine Art göttlicher Fügung, daß wir, südwärts schiffend, nach dem Norden verschlagen wurden zum Cap Saknussemm. Diese Thatsache enthält wirklich etwas Unerklärliches.

– Nun, gleichviel! Es gilt hier nicht die Thatsachen zu erklären, sondern zu benutzen.

– Allerdings, lieber Junge, aber …

– Aber wir wollen uns jetzt wieder nach dem Norden wenden, unsern Weg unter Schweden, Rußland, Sibirien und was es sonst für Nordländer Europas giebt, einschlagen, anstatt unter den Wüsten Afrikas oder den Fluthen des Oceans.

– Ja, Axel, Du hast Recht, und das Alles ist ganz gut, weil wir jetzt das horizontale Meer verlassen, welches zu nichts führen konnte. Wir werden jetzt abwärts dringen, immer abwärts! Weißt Du, daß wir bis zum Centrum nur noch fünfzehnhundert Lieues1 zurückzulegen haben!

– Bah! rief ich aus, das ist wahrhaftig nicht der Rede werth! Also vorwärts! auf den Weg!«

Solche unsinnige Reden führten wir noch, bis wir zu dem Jäger kamen. Alles war zur sofortigen Abfahrt gerüstet, wir bestiegen das Floß, das Segel wurde aufgespannt, und Hans steuerte längs der Küste nach dem Cap Saknussemm.

Der Wind war für ein solches Fahrzeug nicht günstig. Wir mußten daher an manchen Stellen unsere Stöcke zu Hilfe nehmen, um vorwärts zu kommen. Ost waren wir durch Felsen, die bis an die Oberfläche des Wassers strichen, genöthigt, einen weiten Umweg zu nehmen. Endlich, nach drei Stunden, gegen sechs Uhr Abends, kamen wir an einen günstigen Landungsplatz.

Ich sprang an’s Land, hinter mir mein Oheim und der Isländer. Diese Ueberfahrt hatte mich nicht ruhiger gemacht. Ich schlug sogar vor, »unsere Schiffe zu verbrennen«, um uns die Rückkehr abzuschneiden. Aber mein Oheim war dagegen; ich fand ihn äußerst lau.

»Wenigstens, sagte ich, wollen wir unverzüglich uns auf den Weg machen.

– Ja, lieber Junge; aber zuvor müssen wir diese neue Galerie untersuchen, um zu wissen, ob wir unsere Leitern dazu bereit machen müssen.«

Mein Oheim setzte seinen Ruhmkorff’schen Apparat in Thätigkeit; das Floß wurde am Ufer angebunden; übrigens war die Mündung der Galerie kaum zwanzig Schritte von da, und wir begaben uns, ich voran, unverzüglich dahin.

Die fast kreisrunde Oeffnung hatte etwa fünf Fuß Durchmesser; der dunkle Tunnel war in lebendig Gestein gebrochen und durch ausgeworfene Gegenstände, welche durch denselben ihren Weg gefunden, geglättet; unten reichte sie an den Boden, so daß man ohne Schwierigkeit hinein konnte.

Wir gingen erst ganz horizontal, als uns nach sechs Schritten der Weg durch einen ungeheuren Felsblock versperrt war.

»Verdammter Block!« rief ich zornig, als ich mich plötzlich durch ein unübersteigliches Hinderniß gehemmt sah.

Wir mochten suchen, wie wir wollten, rechts und links, oben und unten, es fand sich kein Zugang, keine Spaltung. Ich fühlte mich sehr herabgestimmt und wollte die Wirklichkeit des Hindernisses nicht gelten lassen. Ich bückte mich nieder, schaute oben über den Felsblock. Kein Zwischenraum, überall dieselbe Schranke von Granit. Hans beleuchtete mit der Lampe die Wand allerwärts, aber sie zeigte nirgends eine Lücke. Man mußte darauf verzichten, hier weiter zu kommen.

Ich hatte mich auf den Boden gesetzt; mein Oheim ging mit großen Schritten auf und ab.

»Aber wie ging’s denn Saknussemm? rief ich.

– Ja, sagte mein Oheim, ist er durch diesen Felsen gehemmt gewesen?

– Nein, nein, fuhr ich lebhaft fort. Dieses Felsstück hat, sei’s in Folge eines Erdbebens oder einer magnetischen Einwirkung, den Gang plötzlich versperrt. Offenbar hat diese Galerie früher der Lava einen Weg zum Abfluß gegeben, und die Auswurfgegenstände hatten darin Spielraum. Sehen Sie, es sind frische Ritzen da an der Granitdecke; diese sind durch ungeheure Steine, die sich durchzwängten, entstanden, als wenn Riesen daran gearbeitet hätten; eines Tages hat ein stärkerer Druck diesen Block hineingedrängt, und mit demselben, wie mit einem Gewölbeverschluß, den ganzen Weg versperrt. Dieses Hinderniß, welches Saknussemm nicht vorfand, ist später dahin gekommen. Wir müssen es beseitigen, sonst verdienen wir nicht das Ziel des Mittelpunkts zu erreichen!«

So sprach ich; des Professors Seele war ganz in mich eingedrungen. Der Entdeckungstrieb beseelte mich; ich vergaß darüber die Vergangenheit, verachtete die Zukunft. Es existirte für mich nichts mehr auf der Erdoberfläche; Städte und Land, Hamburg und die Königsstraße zogen mich nicht mehr an, und mein armes Gretchen mußte glauben, ich sei im Schoße der Erde für immer vergraben!

»Nun! fuhr mein Oheim fort, wir wollen mit Spitzhaue und Steinbrecher uns Bahn machen! die Wand sprengen!

– Sie ist zu hart dafür und zu dick!

– Aber …

– Wir haben ja Pulver! Machen wir eine Mine und zersprengen den Block!

– Ja Pulver!

– Es handelt sich nur darum, ein Loch in den Fels zu hauen!

– Hans! an’s Werk!« rief mein Oheim.

Der Isländer holte alsbald von dem Floß eine Spitzhaue, womit er das Loch für die Mine aushauen konnte. Es war das keine geringe Arbeit. Es handelte sich um eine Oeffnung, die fünfzig Pfund Schießbaumwolle fassen konnte, deren Treibkraft viermal so stark ist, als die des Kanonenpulvers.

Ich war erstaunlich aufgeregt. Während Hans die Arbeit verrichtete, war ich meinem Oheim behilflich, eine lange Lunte zu fertigen.

»Wir werden durchdringen! sagte ich.

– Ja durchdringen«, wiederholte mein Oheim.

Zu Mitternacht war unsere Minenarbeit fertig, die Ladung mit Baumwolle in die Höhlung gebracht, und die durch die Galerie laufende Lunte endigte außen.

Ein Funke war im Stande, die fürchterliche Vorrichtung in Thätigkeit zu versetzen.

»Auf Morgen«, sagte der Professor.

Ich mußte mich wohl fügen, und noch fünf volle Stunden warten!

Einundvierzigstes Capitel

Eine Explosion

Der folgende Tag, 27. August, war für diese unterirdische Reise von der größten Bedeutung. Ich kann nicht an denselben zurückdenken, ohne daß mir vor Entsetzen das Herz bebt. Von diesem Moment an hatte unsere Vernunft, unser Urtheil, unser Erfindungstalent nichts mehr bei der Sache mitzusprechen, wir sollten ein Spielball der in der Erde wirkenden Naturkräfte sein.

Um sechs Uhr waren wir bei der Hand. Der Moment war gekommen, mittels Pulver einen Weg durch die Granitrinde zu bahnen.

Ich bat mir die Ehre aus, die Mine anzuzünden. Darauf sollte ich zu meinen Gefährten auf das gar nicht abgeladene Floß eilen, um das Weite zu suchen. So suchten wir den Gefahren der Explosion auszuweichen, deren Wirkungen sich über das Innere des Granitkerns hinaus weiter erstrecken konnten.

Die Lunte mußte zehn Minuten lang, unserer Berechnung nach, brennen, bevor das Feuer zum Pulver kam. Ich hatte also Zeit genug, um wieder auf das Floß zu kommen.

Ich rüstete mich, meine Rolle auszuführen, nicht ohne Herzklopfen.

Nachdem wir rasch ein Mahl eingenommen, begaben sich mein Oheim und der Jäger auf das Floß, während ich am Ufer zurückblieb. Ich war zum Behuf des Anzündens mit einer brennenden Laterne versehen.

»Geh, lieber Junge, sagte mein Oheim, und komme gleich wieder zu uns.

– Seien Sie ruhig, versetzte ich, ich werde mich unterwegs nicht aufhalten.«

Alsbald ging ich zur Mündung der Galerie, öffnete die Laterne und faßte das Ende der Lunte.

Der Professor hielt seinen Chronometer in der Hand.

»Fertig? rief er mir zu.

– Fertig! war die Antwort.

– Nun denn! Feuer, mein Junge!«

Rasch zündete ich die Lunte und eilte in vollem Lauf zum Ufer.

»Einsteigen! rief mein Oheim, und abfahren!«

Hans stieß uns mit einem kräftigen Druck vom Ufer ab; das Floß kam in eine Entfernung von zwanzig Klaftern.

Es war ein ängstlicher Augenblick. Der Professor begleitete mit dem Auge den Zeiger des Chronometers.

»Noch fünf Minuten! sprach er. Noch vier! drei!«

Mein Puls schlug die halben Secunden.

»Noch zwei! eine! … Stürze zusammen, Granitbau!«

Was begab sich darauf? Das Donnergetöse vernahm ich gar nicht. Aber die Form der Felsen sah ich plötzlich vor meinen Augen sich ändern; sie gingen wie ein Vorhang auseinander. Ich gewahrte eine unergründliche Schlucht, die am Ufer klaffte. Das Meer, im Wirbel gedreht, thürmte sich auf zu einer ungeheuren Woge, auf deren Rücken das Floß senkrecht sich erhob.

Wir wurden alle Drei niedergeworfen. Das Licht wich tiefster Dunkelheit. Ich fühlte, daß der zuverlässige Grund mangelte, nicht meinen Füßen, sondern dem Floß. Ich meinte, es werde untersinken. Doch kam es dazu nicht. Ich hätte gern mit meinem Oheim gesprochen, aber das Tosen des Wassers hätte ihn gehindert mich zu verstehen.

Trotz dem Dunkel, dem Getöse, der Ueberraschung, der Gemüthsaufregung begriff ich, was vorgegangen war.

Hinter dem Felsen, der eben zersprengt ward, befand sich ein Abgrund. Die Explosion hatte in diesem zerklüfteten Boden eine Art von Erdbeben verursacht, der Schlund sich geöffnet, und das in einen reißenden Strom umgewandelte Meer riß uns mit fort hinein.

Ich hielt mich für verloren.

Eine, zwei Stunden – ich weiß nicht – verflossen dergestalt. Wir schlossen die Ellenbogen an einander, reichten uns die Hände, um nicht aus dem Floß geworfen zu werden. Es setzte die ärgsten Stöße, wenn es an die Wand stieß. Doch traten solche Stöße selten ein, woraus ich schloß, daß die Galerie beträchtlich weiter ward. Es war dies ohne Zweifel Saknussemm’s Weg; aber anstatt denselben allein hinabzusteigen, hatten wir aus Unvorsichtigkeit ein ganzes Meer zur Begleitung.

Diese Gedanken, begreift man, drangen in unbestimmter, unklarer Form in meinen Geist. Es hielt mir schwer, während dieser schwindelhaften Fahrt, die einem Hinabsturz glich, sie in Verbindung zu bringen. Nach dem Luftstrom, der mir in’s Angesicht blies, zu urtheilen, übertraf die Schnelligkeit die unserer Eilzüge. Eine Fackel anzuzünden, war unter diesen Umständen nicht möglich, und unser letzter elektrischer Apparat war bei der Explosion zerbrochen.

Ich war daher überrascht, als ich in meiner Nähe plötzlich ein Licht erglänzen sah. Es beleuchtete das ruhige Antlitz unseres Hans. Dem geschickten Jäger war es gelungen, die Laterne anzuzünden, und obwohl die Flamme hin und her flackerte, warf sie doch einige Strahlen in dies fürchterliche Dunkel. Die Galerie war breit. Ich hatte sie richtig geschätzt. Das schwache Licht ließ nicht die beiden Wände auf einmal erkennen. Der Fall des Wassers, auf dem wir so reißend fuhren, übertraf den der reißendsten Ströme Amerika’s. Das Floß, manchmal von Wirbeln ergriffen, fuhr dann wie ein Kreisel. Wenn wir einer Wand nahe kamen, hielt ich die Laterne daran, und ich konnte die Schnelligkeit, womit wir fuhren, daraus abnehmen, daß die Vorsprünge wie fortlaufende Linien aussahen. Ich schätzte sie auf dreihundert Kilometer in der Stunde.

Mein Oheim und ich kauerten mit verstörtem Blick neben dem Stumpf des Mastes, der bei der Katastrophe abgebrochen war, und kehrten der Luftströmung den Rücken, um nur athmen zu können.

Inzwischen verflossen Stunden. Die Lage war unverändert, aber ein Umstand machte sie mißlicher. Ein großer Theil der mitgenommenen Gegenstände war bei der Explosion, als das Meer so ungestüm uns zusetzte, abhanden gekommen. Mit der Laterne in der Hand untersuchte ich unsere Vorräthe. Von den Instrumenten waren nur noch ein Compaß und der Chronometer vorhanden; von Takelwerk nur ein Stück Tau, das um den Maststumpf gewunden war; kein Werkzeug mehr, und Lebensmittel nur noch auf einen Tag, ein Stück getrocknetes Fleisch und etliche Zwieback!

Ich sah mit starrem Blick drein, wollt’ es nicht begreifen! Wenn auch die Lebensmittel auf Monate reichten, wie konnten wir aus den Abgründen, wohin das reißende Wasser uns trug, herauskommen?

Demnach vergaß ich die unmittelbare Gefahr vor den Schrecken der Zukunft. Wie konnten wir ihnen entrinnen. Aber der Hunger drohte baldige Vernichtung.

Ich getraute mit meinem Oheim nicht davon zu sprechen, um seine Kaltblütigkeit zu schonen.

Nun ward das Licht in der Laterne allmälig schwächer und verlosch endlich, da der Docht völlig verbrannt war. Es ward wieder stockfinster, und es war nicht daran zu denken, das undurchdringliche Dunkel zu verscheuchen. Zwar hatten wir noch eine Fackel, aber man hätte sie gar nicht in der Hand halten können. Da machte ich’s wie ein Kind und schloß die Augen, um die Finsterniß nicht zu sehen.

Nach geraumer Zeit ward die Schnelligkeit unserer Fahrt verdoppelt, wie mir durch die Stärke des Luftzugs, der wider mein Gesicht schlug, fühlbar wurde. Der Fall des Wassers wurde übermäßig; ich glaube wirklich, wir glitten nicht mehr, sondern fielen hinab. Es war mir, als stürzten wir fast senkrecht. Mein Oheim und Hans, die sich fest an meine Arme klammerten, hielten mich kräftig zurück.

Plötzlich spürte ich einen Stoß; das Floß war nicht wider einen harten Körper gestoßen, sondern hielt in seinem Abfall auf einmal inne, und ein Wasserwirbel, eine ungeheure Säule stürzte über seine Oberfläche. Ich verlor den Athem, war überschwemmt …

Doch dauerte diese plötzliche Ueberfluthung nicht lange. In einigen Secunden fühlte ich mich in freier Luft und konnte wieder ungehindert athmen. Mein Oheim und Hans hielten mir den Arm fest, und das Floß trug uns noch alle Drei.

Zweiundvierzigstes Capitel

Bergfahrt im Tunnel

Es mochte damals zehn Uhr Abends sein. Das erste, was nach diesem letzten Stoß mir auffiel, war, daß es stille ward in der Galerie, nach dem Tosen und Brausen, welches bisher seit langen Stunden mein Ohr erfüllt hatte. Endlich drangen wie ein Gemurmel einige Worte meines Oheims zu meinem Ohr:

»Nun geht’s aufwärts!

– Was meinen Sie damit? rief ich.

– Ja, aufwärts! wir fahren zu Berg!«

Ich streckte den Arm aus, die Wand zu betasten; meine Hand ward blutig. Wir fuhren äußerst rasch bergan.

»Die Fackel! die Fackel!« rief der Professor.

Nicht ohne Schwierigkeit kam Hans damit zu Stande, sie anzuzünden, und die Flamme, welche trotz der aufsteigenden Bewegung aufrecht flackerte, reichte hin, die Scene zu beleuchten.

»Das dacht’ ich mir wohl, sagte mein Oheim. Wir befinden uns in einem engen Schacht von kaum vier Klafter Durchmesser. Wenn das Wasser auf dem Grund ankommt, trachtet es sein Niveau zu gewinnen, und hebt uns mit sich empor.

– Wohin?

– Ich weiß nicht, aber man muß sich auf Alles gefaßt halten. Die Geschwindigkeit, mit der wir aufwärts kommen, schlage ich auf zwei Klafter in der Secunde an, also hundertundzwanzig in der Minute, d.i. über dreißig und eine halbe Lieues in der Stunde. Auf diese Weise kommt man vorwärts.

– Ja, wenn uns nichts hemmt, wenn dieser Schacht offen ist! Aber wenn er geschlossen ist, wenn die Luft unter dem Druck der Wassersäule allmälig sich verdichtet, wenn wir dann zerdrückt werden!

– Axel, erwiderte der Professor mit großer Ruhe, die Lage ist allerdings fast zum Verzweifeln, aber es ist doch einige Aussicht auf Rettung da, und dies fasse ich jetzt in’s Auge. Können wir jeden Augen blick zu Grunde gehen, so können wir auch jeden Augenblick gerettet werden. Halten wir uns daher gefaßt, die geringsten Umstände zu benützen.

– Aber was fangen wir jetzt an?

– Stärken wir uns durch eine Mahlzeit.«

Bei diesen Worten sah ich meinen Oheim mit starren Augen an. Was ich nicht gestehen wollte, mußte ich nun heraussagen:

»Essen? fragte ich.

– Ja, unverzüglich.«

Der Professor sprach einige Worte dänisch. Hans schüttelte den Kopf.

»Wie, schrie mein Oheim, unsere Lebensmittel verloren?

– Ja, hier dies der ganze Rest! ein Stück Dürrfleisch für uns drei!«

Mein Oheim sah mich an, ohne begreifen zu wollen.

»Nun, sagt’ ich, glauben Sie noch, daß wir davon kommen können?«

Keine Antwort auf meine Frage.

Eine Stunde verlief, ich fing an starken Hunger zu leiden. Meine Gefährten ebenfalls, aber Keiner wagte den armseligen Rest anzutasten.

Inzwischen kamen wir mit äußerster Schnelligkeit aufwärts. Manchmal versagte uns der Athem, wie den Lustseglern, welche zu schnell auffahren. Aber wenn diese, nach Verhältniß wie sie in die höheren Luftschichten kommen, gesteigerte Kälte zu empfinden haben, so hatten wir gerade das Gegentheil zu leiden. Die Wärme nahm in beunruhigender Weise zu, und hatte gewiß in diesem Moment vierzig Grad.

Was hatte diese Aenderung zu bedeuten? Bisher hatten die Thatsachen die Theorien Davy’s und Lidenbrock’s bestätigt; bisher hatten die besonderen Bedingungen von feuerbeständigem Gestein, Elektricität, Magnetismus die allgemeinen Naturgesetze modificirt und uns eine gemäßigte Temperatur verschafft, denn in meinen Augen war die Theorie vom Centralfeuer doch die einzig richtige, die allein erklärbare. Sollten wir nun in eine Umgebung kommen, wo diese Erscheinungen in aller Strenge sich vollzogen und die Felsen durch die Hitze vollständig zerschmolzen? Ich fürchtete es und sagte zum Professor:

»Sind wir nicht ertrunken oder zerquetscht, sterben wir nicht Hungers, so bleibt uns immer noch die Aussicht, lebendig zu verbrennen.«

Er zuckte nur die Achseln und sank in seine Betrachtungen zurück.

Eine Stunde verlief weiter, und, ausgenommen eine geringe Steigerung der Temperatur, hatte kein Zwischenfall die Lage verändert. Endlich brach mein Oheim das Schweigen.

»Sehen wir, sprach er, man muß eine Entschließung fassen.

– Eine Entschließung fassen? entgegnete ich.

– Ja. Wir müssen unsere Kräfte ersetzen. Wenn wir versuchen, durch Sparung dieses Restes unser Dasein um einige Stunden zu verlängern, so werden wir bis zu Ende schwach sein.

– Ja, bis zum Ende, das nicht auf sich warten lassen wird.

– Wenn nun eine Gelegenheit der Rettung sich ergiebt, das Handeln im Moment nothwendig wird, woher nehmen wir die Kraft zum Handeln, wenn wir uns durch Nahrungsmangel abschwächen lassen?

– Aber, Oheim, was bleibt uns dann, wenn dieser Rest aufgezehrt ist?

– Nichts, Axel, nichts. Aber wird’s Dich mehr nähren, wenn Du es mit den Augen verzehrst? Du urtheilst wie ein Mensch ohne Willenskraft, ein Geschöpf ohne Energie!

– Verlieren Sie denn nicht die Hoffnung? rief ich gereizt.

– Nein! entgegnete fest der Professor.

– Wie? Sie glauben noch an eine Möglichkeit der Rettung?

– Ja! Gewiß, ja! und ich lasse nicht gelten, daß ein mit Willen begabtes Geschöpf, so lange sein Herz schlägt, so lange sein Fleisch zuckt, der Verzweiflung Raum gebe.«

Welche Worte! Der Mann, welcher unter solchen Umständen sie aussprach, hatte sicherlich einen ungewöhnlich festen Charakter.

»Schließlich, sagte ich, was denken Sie zu thun?

– Diesen Rest von Nahrung bis zum letzten Krümchen aufzehren, und damit unsere Kräfte ersetzen. Wird dieses Mahl unser letztes sein, gut! aber zum Mindesten werden wir dann, anstatt entkräftet, wieder Menschen geworden sein.

– Nun denn! so verschlingen wir’s!« rief ich aus.

Mein Oheim nahm das Stück Fleisch und den wenigen Zwieback, welcher aus dem Schiffbruch gerettet war, machte daraus drei gleiche Portionen und theilte sie aus. Es betrug für den Mann etwa ein Pfund Nahrung. Der Professor verzehrte es gierig, mit fieberhaftem Ungestüm; ich, ohne Behagen, trotz meines Hungers fast mit Widerwillen; Hans ruhig, langsam, kaute stille kleine Stückchen, und genoß sie mit der Ruhe eines Menschen, den die Sorgen um die Zukunft nicht quälten. Er hatte noch eine halbe Flasche Wachholderbranntwein aufgefunden und bot uns denselben an. Dieser wohlthuende Trunk vermochte mich ein wenig wieder zu beleben.

»Förtrafflig! sagte Hans, indem er trank.

– Vortrefflich!« stimmte mein Oheim ein.

Ich hatte wieder einige Hoffnung gefaßt. Aber unser letztes Mahl war nun zu Ende. Es war fünf Uhr frühe.

Nach dieser Mahlzeit gab sich jeder seinem Gedankenspiel hin, Hans, dieser Mann des äußersten Westens, einer fatalistischen Resignation der Orientalen. Meine Gedanken bestanden nur aus Erinnerungen, und die führten mich auf die Oberfläche der Erde, welche ich nie hätte verlassen sollen: das Haus der Königsstraße, mein armes Gretchen, die gute Martha, schwebten mir als wie Phantome vor Augen. Mein Oheim, der stets, was er that, mit ganzer Seele betrieb, untersuchte mit der Fackel achtsam die Natur der Erdarten. Ich hörte ihn geologische Worte murmeln; ich verstand sie und interessirte mich wider Willen dafür.

»Ausgeworfener Granit, sagte er. Wir befinden uns noch in der Urzeit; aber es geht aufwärts! Wer weiß?«

Wer weiß? Er hegte stets Hoffnung. Eigenhändig betastete er die senkrechte Wand, und nach einigen Augenblicken fuhr er fort:

»Hier ist Gneis! Hier Glimmerschiefer! Gut! Bald wird das Erdreich aus der Uebergangsepoche kommen, und dann …«

Was wollte der Professor damit sagen? Konnte er die Dicke der Erdrinde über unserem Kopf messen? Besaß er irgend ein Mittel, diese Berechnung vorzunehmen? Nein. Es fehlte der Manometer, und keine Schätzung konnte ihn ersetzen.

Indessen nahm die Wärme in steigendem Verhältniß zu, und wir waren von Schweiß bedeckt inmitten glühender Atmosphäre. Hans, mein Oheim und ich, wir hatten allmälig unsere Westen und Gilets ablegen müssen; die leichteste Kleidung verursachte Uebelbefinden, wo nicht Schmerzen.

»Fahren wir denn auf einen weißglühenden Herd zu? rief ich aus, als die Hitze zunahm.

– Nein, erwiderte mein Oheim, das ist unmöglich! unmöglich!

– Jedoch, sagte ich, die Wand betastend, diese Wand ist ja brennend heiß!«

In dem Augenblick gerieth meine Hand in’s Wasser und ich mußte sie rasch herausziehen.

»Das Wasser ist siedend!« rief ich aus.

Diesmal antwortete der Professor nur mit einer zornigen Bewegung.

Jetzt aber befiel mein Gehirn ein unüberwindlicher Schrecken, und verließ es nicht mehr. Ich hatte die Ahnung einer bevorstehenden Katastrophe, so wie die kühnste Phantasie sie nicht hätte fassen können. Eine Idee, erst unbestimmt, unsicher, wurde mir im Geiste zur Gewißheit. Ich wies sie zurück, aber sie drängte sich hartnäckig wieder auf. Ich wagte nicht, ihr eine Fassung zu geben. Doch einige unwillkürliche Beobachtungen bestimmten meine Ueberzeugung. Beim unstäten Fackelschein bemerkte ich in den Granitschichten außerordentliche Bewegungen; eine Naturerscheinung, wobei die Elektricität eine Rolle spielte, war offenbar im Begriff, sich zu vollziehen; sodann diese übermäßige Hitze, dies siedende Wasser! … Ich wollte den Compaß befragen.

Er war irre.

Dreiundvierzigstes Capitel

Ausgeworfen aus dem Krater

Ja, irre! Die Nadel sprang von einem Pole zum andern in grellen Stößen, durchlief die ganze Zeigerscheibe und dann rückwärts, als sei sie von Schwindel befallen.

Ich wußte wohl, daß, nach den verbreitetsten Theorien die minerale Erdrinde nie im Zustand völliger Ruhe ist; die von der Zersetzung der inneren Stoffe veranlaßten Modificationen, die von den großen Strömungen herrührende Erschütterung, die Einwirkung des Magnetismus trachten sie unablässig zu erschüttern, selbst dann, wenn die auf ihrer Oberfläche verbreiteten Geschöpfe keine Ahnung von seiner Thätigkeit haben. Diese Erscheinung hätte mich daher nicht weiter erschreckt, oder hätte wenigstens nicht in meinem Geiste eine schreckliche Idee aufkommen lassen.

Aber andere Thatsachen, gewisse Details eigenthümlicher Art, konnten mich nicht länger täuschen. Mit erschreckender Heftigkeit wiederholte sich häufiges Getöse. Ich konnte es nur mit dem Lärm vergleichen, welchen eine große Anzahl Karren, die reißend schnell über’s Pflaster fahren, verursachen. Es war ein ununterbrochenes Donnergeroll.

Sodann die durch elektrische Erscheinungen aus der Ordnung gebrachte Magnetnadel bestätigte meine Vermuthung, die minerale Rinde drohte zu bersten, der granitene Grundbau sich zusammenzufügen, die Spalten fest zu schließen, die leeren Räume sich auszufüllen, und wir arme Atome würden dann jämmerlich zerdrückt.

– »Oheim, lieber Oheim! wir sind verloren! rief ich aus.

– Was für ein neuer Schrecken? erwiderte er mit auffallender Ruhe. Was hast Du denn vor?

– Sehen Sie doch, wie diese Wände wanken, der Grundbau aus den Fugen geht, diese glühende Hitze, dies siedende Wasser, diese sich verdichtenden Dünste, die irre Magnetnadel, lauter Anzeigen eines Erdbebens!«

Mein Oheim schüttelte sanft den Kopf.

»Ein Erdbeben? sagte er.

– Ja!

– Lieber Junge, ich glaube, Du irrst!

– Wie? Erkennen Sie diese Voranzeichen nicht? …

– Eines Erdbebens? nein! Ich bin auf Besseres gefaßt!

– Was meinen Sie damit?

– Einen Ausbruch, Axel.

– Einen Ausbruch! sagte ich. Wir befinden uns im Schlund eines thätigen Vulkans!

– Ich denke, sagte der Professor lächelnd, und das ist ja das Glücklichste, was uns treffen kann!«

Das Glücklichste! War mein Oheim ein Narr geworden? Was wollte das bedeuten? Und dabei die Gemüthsruhe und das Lächeln?

»Wie! rief ich aus, wir sind in einem Ausbruch begriffen! Das Verhängniß hat uns zur glühenden Lava verschlagen, den Felsen im Feuer, dem siedenden Wasser, allem Auswurfstoff! Wir werden hinausgestoßen, weggeworfen, ausgespieen, in die Lüfte geschleudert mit den Felsblöcken, dem Aschenregen, den Schlacken, in einem Flammenstrudel, und dies ist das Glücklichste, was uns begegnen kann!

– Ja, versetzte der Professor, und sah mich durch seine Brille an, denn es liegt darin die einzige Aussicht, wieder auf die Oberfläche der Erde zu kommen!«

Tausend Ideen kreuzten sich in meinem Gehirn. Mein Oheim hatte Recht, unbedingt Recht, und nie ist er mir kühner, nie überzeugter vorgekommen, als in dem Moment, wo er auf einen Ausbruch gefaßt, die Aussichten dabei mit Seelenruhe erwog.

Inzwischen kamen wir stets aufwärts; die Nacht verlief unter dieser Bewegung nach oben; das Getöse umher verdoppelte sich; ich war am Ersticken, glaubte, meine letzte Stunde sei gekommen, und doch, die Phantasie ist so wunderlich, daß ich mich einer wahrhaft kindischen Untersuchung hingab. Ich war nicht Herr meiner Gedanken, sondern von ihnen fortgerissen.

Offenbar wurden wir von einem Drängen zum Ausbruch fortgeschoben; unter dem Floß befand sich siedendes Wasser, und unter diesem Wasser eine Lavateig-Masse, eine Anhäufung von Felsstücken, die auf dem Kratergipfel in alle Richtungen zerstreut werden sollten. Wir befanden uns also in dem Schlund eines Vulkans; daran war nicht zu zweifeln.

Aber diesesmal handelte sich’s, anstatt des erloschenen Snäfields um einen solchen in voller Thätigkeit. Ich stellte mir also die Frage, was dies für ein Berg sein könne, und an welcher Stelle der Welt mir sollten ausgeworfen werden.

In den Nordgegenden, daran war nicht zu zweifeln. Von dem Cap Saknussemm an waren wir einige hundert Meilen weit gerade nördlich fortgerissen worden. Befanden wir uns unter Island? Sollten wir durch den Krater des Hekla oder einen der andern sieben feuerspeienden Berge der Insel ausgeworfen werden? In einem Umkreis von fünfhundert Meilen sah ich westwärts unter diesem Breitegrad nur die wenig bekannten Vulkane der Nordwestküste von Amerika. Ostwärts gab’s nur einen unterm achtzigsten Grad, den Esk auf der Insel Mayen unweit Spitzbergen! Allerdings an Kratern fehlte es nicht, und zwar die geräumig genug waren, um eine ganze Armee auszuspeien! Aber welcher uns dienen sollte, um herauszukommen, das bemühte ich mich zu errathen.

Gegen Morgen beschleunigte sich die aufsteigende Bewegung. Nahm die Hitze zu, anstatt bei Annäherung an die Erdoberfläche abzunehmen, so war die Ursache eine locale unter Einfluß eines Vulkans. Ueber die Art unserer Fortbewegung hatte ich nicht den geringsten Zweifel mehr. Eine ungeheure Gewalt, die Kraft von mehreren hundert Atmosphären, welche im Schoße der Erde aufgehäufte Dünste erzeugt hatten, drängte uns unwiderstehlich. Aber welchen unzähligen Gefahren setzte sie uns aus!

Bald drangen gelbe Reflexe in die Galerie, welche nun weiter wurde; ich bemerkte rechts und links tiefe Gänge gleich ungeheuren Tunnels, woraus dichte Dünste entwichen; Flammenzungen beleckten knisternd ihre Wände.

»Sehen Sie! Sehen Sie, lieber Oheim, rief ich.

– Nun, das sind Schwefelflammen. Das ist bei einem Ausbruch ganz natürlich.

– Aber wenn sie uns umgeben?

– Sie werden uns nicht umgeben.

– Aber wenn sie uns ersticken?

– Sie werden uns nicht ersticken. Die Galerie wird weiter, und nöthigenfalls verlassen wir das Floß, und flüchten uns in eine Kluft.

– Und das Wasser! das steigende Wasser?

– Es ist kein Wasser mehr, Axel, sondern eine Art Lavateig, die uns bis zur Mündung des Kraters emporschiebt.«

An Stelle der Wassersäule waren in der That jetzt ziemlich dichte, obwohl siedende Auswurfstoffe getreten. Die Temperatur ward unerträglich, und ein Thermometer würde über siebenzig Grad gezeigt haben! Der Schweiß rann mir aus allen Poren. Nur das rasche Aufwärtsfahren bewahrte uns vor Ersticken.

Doch führte der Professor den Vorschlag, das Floß zu verlassen, nicht aus, und that wohl daran. So schlecht diese Balken zusammengefügt waren, boten sie doch eine feste Oberfläche, einen Stützpunkt, der uns sonst überall gefehlt hätte.

Gegen acht Uhr Morgens ergab sich zum ersten Mal ein neuer Zwischenfall. Die aufsteigende Bewegung hörte plötzlich auf. Das Floß hielt durchaus unbeweglich an.

»Was ist das? fragte ich, durch das plötzliche Anhalten wie durch einen Stoß gerüttelt.

– Ein Halt, erwiderte mein Oheim.

– Hält der Ausbruch inne?

– Ich hoffe nicht.«

Ich stand auf, versuchte umher zu schauen. Vielleicht verursachte das Floß, indem es durch einen Felsvorsprung aufgehalten wurde, einen vorübergehenden Widerstand gegen die ausbrechende Masse. In diesem Falle mußte man sich beeilen, es so schnell wie möglich frei zu machen.

Dies war nicht der Fall. Die Masse von Asche, Schlacken und Steingerölle hatte selbst zu steigen aufgehört.

»Wird der Ausbruch inne halten? rief ich.

– Ah! sagte mein Oheim, Du fürchtest es, lieber Junge; aber beruhige Dich, diese Pause kann nicht lange dauern; bereits fünf Minuten sind vorüber, und bald werden wir unser Emporsteigen zur Mündung des Kraters fortsetzen.«

Der Professor beobachtete, während er sprach, unablässig seinen Chronometer, und er sollte nochmals Recht haben in seinen Vorausvermuthungen. Bald wurde das Floß wieder von einer raschen unordentlichen Bewegung ergriffen, die etwa zwei Minuten dauerte.

»Gut, sagte mein Oheim, und sah dabei auf die Uhr, in zehn Minuten wird es sich wieder in Bewegung setzen.

– Zehn Minuten?

– Ja. Wir haben’s mit einem Vulkan zu thun, dessen Ausbrüche mit Unterbrechungen vor sich gehen. Er läßt uns ausruhen.«

Dies war völlig richtig. Auf die angesagte Minute wurden wir von Neuem mit äußerster Schnelligkeit fortgestoßen. Wir mußten uns an die Balken festklammern, um nicht von dem Floß weggeschleudert zu werden. Dann hielt der Stoß wieder ein.

Seitdem hab’ ich über diese auffallende Erscheinung nachgedacht, ohne eine befriedigende Erklärung zu finden. Doch scheint es mir klar, daß wir uns nicht in dem Hauptschlund des Vulkans befanden, sondern etwa in einem Nebengang, wo in der That ein Gegenschlag sich fühlbar machte.

Wie oft sich solch ein Ruck wiederholte, kann ich nicht sagen. Nur das kann ich angeben, daß wir bei jeder Erneuerung der Bewegung mit zunehmender Gewalt, und wie von einem Projectil fortgerissen, emporgeschoben wurden. Während der Pausen war’s zum Ersticken; während des Fortschiebens machte mir die glühende Luft das Athmen unmöglich. Allmälig übrigens, durch die wiederholten Erschütterungen erschöpft, verlor ich die Besinnung. Ohne unsers Hans Arme hätte ich mehr wie einmal mir den Schädel an der Granitwand zerschmettert.

Ich habe daher keine genaue Erinnerung von dem, was in den folgenden Stunden vorging, behalten. Ich habe das unklare Bewußtsein von unaufhörlichem donnerartigen Getöse, von der Erschütterung des Grundbaues, von einer kreiselartigen Bewegung, welche das Floß ergriff. Es schaukelte über Lavawogen inmitten eines Aschenregens, umgeben von schnaufenden Flammen. Ein Orkan, als käme er von einem ungeheuren Blasebalg, sachte die unterirdischen Feuer an. Zum letzten Male sah ich unsers Hans Antlitz im Widerschein einer Feuersbrunst, und ich hatte kein anderes Gefühl, als das unselige Entsetzen der Unglücklichen, welche vor die Mündung einer Kanone gebunden sind, im Moment wo der Schuß losgeht, um ihre Glieder in die Lüfte zu zerstreuen.

Vierundvierzigstes Capitel

Stromboli

Als ich wieder die Augen aufschlug, fühlte ich mich von der kräftigen Hand unsers Führers am Gürtel gefaßt. Mit der andern stützte er meinen Oheim. Ich war nicht schwer verwundet, sondern mehr am ganzen Körper zerschlagen und gelähmt. Ich lag auf dem Abhang eines Berges, zwei Schritte von einem Schlund, in welchen die geringste Bewegung mich hinabgestürzt hätte. Hans hatte mich vom Tode gerettet, während ich über die Seitenwand des Kraters rollte.

»Wo sind wir?« fragte mein Oheim, welcher mir aufgebracht vorkam, daß er wieder auf die Erde zurück gekommen sei.

Der Jäger zuckte mit den Achseln, um kund zu geben, daß er’s nicht wisse.

»In Island, sagte ich.

– Nej, erwiderte Hans.

– Wie? Nein? rief der Professor.

– Hans irrt«, sagte ich; und stand auf.

Nach den unzähligen Ueberraschungen dieser Reise war uns eine erstaunliche noch vorbehalten. Ich war darauf gefaßt, einen mit ewigem Schnee bedeckten Kegel zu sehen, mitten in den dürren Wüsteneien der nördlichen Gegenden, und ganz dem entgegen lagen wir am Abhange eines Berges, der von den glühenden Strahlen einer versengenden Sonne ausgetrocknet war.

Ich wollte nicht meinen Augen trauen; aber der Sonnenbrand, den mein Körper wirklich zu erleiden hatte, benahm allen Zweifel. Wir waren halbnackt aus dem Krater herausgekommen, und das strahlende Gestirn, welches uns seit zwei Monaten nichts gespendet hatte, zeigte sich gegen uns freigebig mit Licht und Wärme.

Als sich meine Augen an diesen Glanz wieder gewöhnt hatten, war ich bemüht, unseren Irrthum zu berichtigen.

Der Professor ergriff zuerst das Wort, und sprach:

»Wirklich, das sieht nicht aus wie Island.

– Aber doch wie die Insel Mayen? erwiderte ich.

– Auch das nicht, lieber Junge; es ist kein Vulkan des Nordens mit einer Schneekoppe.

– Doch …

– Sieh! Axel, sieh nur!«

Höchstens fünfhundert Fuß über unserm Kopf öffnete sich der Krater eines Vulkans, aus welchem von Viertel- zu Viertelstunde mit starkem Donnergetöse eine hohe Flammensäule, vermischt mit Bimsstein, Asche und Lava hervordrang. Nach unten, über einen ziemlich steilen Abhang, ergossen sich ausgeworfene Stoffe in Streifen sieben- bis achthundert Fuß hinab, woraus sich für den Vulkan eine Gesammthöhe von dreihundert Klafter ergab. Sein Fuß verlor sich in einem wahren Garten grüner Bäume, unter denen ich Oelbäume, Feigen und mit rothen Trauben reich beladene Reben unterschied.

So sehen nicht nordische Länder aus, das mußte man zugeben. Wenn der Blick über diese grüne Umgebung hinausschweifte, verlor er sich gleich in den Gewässern eines wunderlichen Meers oder See’s, der dieses Zauberland zu einer großen Insel von kaum einigen Meilen machte. Oestlich sah man hinter einigen Häusern einen kleinen Hafen, worin eigenthümlich geformte Schiffe auf azurblauen Wogen schaukelten. Weiter hinaus ragten Inselgruppen aus der Wasserfläche hervor, so zahlreich, daß sie wimmelten wie ein Ameisenhaufen. Westlich begrenzte fernes Küstenland den Horizont; auf der einen war in harmonisch geformten Umrissen blaues Gebirg gezeichnet; auf den anderen, die ferner waren, sah man einen erstaunlich hohen Bergkegel, aus dessen Spitze eine Rauchsäule aufstieg. Nördlich schimmerte in den Sonnenstrahlen eine unendlich weite Wasserfläche, woraus hier und dort ein Mast oder ein schwellendes Segel hervorglänzte.

Das Ueberraschende eines solchen Anblicks erhöhte noch hundertfach die wunderbare Schönheit desselben.

»Wo sind wir? wo sind wir?« wiederholte ich leise. Hans schloß gleichgiltig seine Augen, und mein Oheim schaute das zauberhafte Bild, ohne es zu begreifen.

»Wie auch dieser Berg heißen mag, sagte er endlich, es ist hier ein wenig heiß; die Explosionen dauern ununterbrochen fort, und es verlohnte wahrhaftig nicht der Mühe, einem Ausbruch glücklich entronnen zu sein, um einen Felsblock auf den Kopf zu bekommen. Wir wollen hinabsteigen, da werden wir erfahren, woran wir sind. Uebrigens hab’ ich Hunger und Durst zum Sterben.«

Gewiß, der Professor war kein schwärmerischer Kopf. Ich meinerseits hätte Bedürfniß und Strapazen vergessen, und wäre noch Stunden lang an dieser Stelle geblieben, aber ich mußte mich meinen Gefährten anschließen.

Der Abhang des Vulkans war sehr steil; wir glitten in Schluchten voll Asche, indem wir den Lavaströmen auswichen, welche gleich feurigen Schlangen hinabflossen. Beim Hinabsteigen plauderte ich geschwätzig, denn meine volle Phantasie mußte sich aussprechen.

»Wir sind in Asien, rief ich aus, an Indiens Küsten, auf den Malaischen Inseln, in Oceanien! Wir sind durch die Hälfte des Erdballs gefahren, um bei den Antipoden Europa’s herauszukommen.

– Aber die Magnetnadel? erwiderte mein Oheim.

– Ja, die Magnetnadel! sagte ich verlegen. Sollten wir ihr glauben, so sind wir stets nordwärts gefahren.

– Also hat sie gelogen?

– O! Gelogen!

– Sofern nicht hier der Nordpol liegt!

– Der Pol nicht; aber …«

Es lag hier eine unerklärliche Thatsache vor.

Indessen näherten wir uns der grünen Ebene, welche einen so freundlichen Anblick gewährte. Hunger und Durst quälten mich. Zum Glück bot sich, nachdem wir zwei Stunden gegangen, unsern Blicken ein hübsches Feldstück dar, das ganz mit Oliven- und Granatbäumen und Reben bedeckt war, welche aussahen, als seien sie Jedermanns Eigenthum. Uebrigens nahmen wir’s, in unserem entblößten Zustand, damit nicht so genau. Wie erquickten uns da die saftigen Früchte und die rothen Trauben, womit wir zur Sättigung uns labten! Nicht weit entfernt entdeckte ich im Grase unter köstlichem Baumschatten eine kalte, sprudelnde Quelle, womit wir uns Angesicht und Hände erfrischten.

Während wir so in diesen Labungen uns erholten, zeigte sich ein Knabe zwischen dem Olivengebüsch.

»Ah! rief ich, ein Bewohner dieser glücklichen Landschaft!« Es war ein armer, elend gekleideter Junge, den offenbar unser Anblick in Schrecken setzte; und wirklich, halb bekleidet mit wilden Bärten, hatten wir wohl ein schlimmes Aussehen, und wäre dies Land nicht eine Räuberheimat, so waren wir geeignet, seinen Bewohnern Schrecken einzujagen.

Sowie der Junge entfliehen wollte, lief ihm Hans nach und brachte ihn trotz alles Schreiens und Sträubens zurück. Mein Oheim, um ihn auf’s beste zu beruhigen, redete ihn zuerst auf gut Deutsch an:

»Wie heißt dieser Berg, lieber Kleiner?«

Keine Antwort.

»Gut, sagte mein Oheim, in Deutschland sind wir nicht.«

Er that dieselbe Frage auf Englisch.

Der Knabe antwortete auch darauf nicht. Ich war sehr verlegen.

»Ist er denn stumm?« rief der Professor, und da er auf seine Sprachenkenntniß sich etwas einbildete, stellte er ihm dieselbe Frage im Französischen.

Wieder keine Antwort.

»So versuchen wir Italienisch«, fuhr mein Oheim fort, und fragte in dieser Sprache:

»Wo sind wir?«

Gleiches Schweigen. Nun aber ward mein Oheim zornig, und zupfte den Knaben bei den Ohren und rief: »Ei was! wirst Du reden? Wie heißt diese Insel?«.

– Stromboli, erwiderte der Hirtenknabe, machte sich von Hans los und lief querfeldein durch den Olivengarten.

Wir dachten nicht mehr an ihn. Stromboli! Wie regte dieses unerwartete Wort meine Phantasie an! Wir befanden uns in der Mitte des Mittel ländischen Meeres, auf der Insel, wo einst Aeolus die Winde und Stürme gefesselt hielt. Und diese blauen Berge im Osten waren die Berge Calabriens! und dieser am südlichen Horizont ragende Vulkan der fürchterliche Aetna.

»Stromboli! Stromboli!« rief ich wiederholt, und stimmte ein Loblied an, wobei mein Oheim mich begleitete:

O! wundervolle Reise! Hinabgefahren durch einen Vulkan in den Schoß der Erde, kamen wir durch einen anderen wieder heraus, und dieser lag über zwölfhundert Lieues vom Snäfields entfernt, von dem öden Island an den Grenzmarken der Erde! Die Wechselfälle dieser Fahrt haben uns unter den lieblichsten Gegenden des Erdbodens hergeführt. Wir verließen die Region des ewigen Schnees gegen die des ewigen Grün, und den grauen Nebel der Eiszonen über unseren Köpfen gegen den lasurblauen Himmel Siciliens! Nach einem köstlichen Mahl aus Obst und frischem Wasser machten wir uns wieder auf den Weg nach dem Hafen von Stromboli. Es schien uns nicht klug, offen zu sagen, wie wir auf die Insel gekommen waren; der abergläubische Sinn der Italiener würde uns für Teufel, welche die Hölle ausgespien, angesehen haben; es war daher gerathen, daß wie uns für Schiffbrüchige ausgeben.

Unterwegs hörte ich meinen Oheim murmeln:

»Aber die Magnetnadel! Die Magnetnadel, die Norden zeigte! wie ist dies zu erklären?

– Wahrhaftig! sagte ich mit vornehmer Verachtung, man braucht gar nicht zu erklären, das ist leichter!

– Das wäre! ein Professor am Johanneum sollte den Grund einer kosmischen Naturerscheinung nicht anzugeben wissen! Das wäre eine Schande!«

Bei diesen Worten ward mein Oheim, halb bekleidet, den Ledergürtel um die Hüften und die Brille über der Nase wieder der fürchterliche Professor der Mineralogie.

Eine Stunde, nachdem wir das Olivenwäldchen verlassen, kamen wir im Hafen S. Vicenzo an, wo Hans den Lohn für seine dreizehnte Woche forderte, der ihm auch mit wärmstem Handschlag verabfolgt wurde.

Er fühlte einige besondere Rührung, drückte mit seinen Fingern leise unsere Hände und lächelte.

Fünfundvierzigstes Capitel

Schluß

Nun komme ich zum Schluß meines Berichts, welchem Manche, so sehr sie sich auch gewöhnt haben über nichts zu erstaunen, den Glauben versagen werden. Aber ich bin zum Voraus gegen den Unglauben der Menschen gerüstet.

Die Fischer zu Stromboli nahmen uns mit allen Rücksichten auf, welche man Schiffbrüchigen zollt. Sie beschenkten uns mit Kleidung und Lebensmitteln. Nachdem wir achtundvierzig Stunden gewartet, brachte uns eine kleine Barke nach Messina, wo wir uns in einigen Tagen völlig ausruhten und erholten.

Freitags, 4. September, gingen wir auf dem Volturno, einem Post-Packetboot der kaiserlichen Messagerien, unter Segel, und landeten nach drei Tagen zu Marseille, ohne weitere Sorge, als über die verdammte Magnetnadel, denn diese unerklärliche Thatsache quälte mich ernstlich. Am 9. September Abends langten mir zu Hamburg an. Unbeschreiblich war das Erstaunen Martha’s, Gretchen’s Jubel.

»Nun, da Du ein Held bist, sagte meine liebe Braut, brauchst Du mich nicht mehr zu verlassen, Axel!«

Ich sah ihr in’s Auge. Sie weinte lächelnd.

Daß des Professors Lidenbrock Rückkehr zu Hamburg Aufsehen machte, versteht sich von selbst. Durch Martha’s Redseligkeit war die Nachricht von seiner Abreise nach dem Mittelpunkt der Erde überall verbreitet worden. Man glaubte nicht daran, und als man ihn wiedersah, glaubte man’s noch weniger.

Jedoch durch die Anwesenheit unsers Hans, und einige Nachrichten, die man aus Island erhielt, änderte sich allmälig die öffentliche Meinung Nun wurde mein Oheim ein großer Mann, und ich der Neffe eines großen Mannes, und das ist schon Etwas. Hamburg gab uns zu Ehren ein Fest. Im Johanneum fand eine öffentliche Sitzung statt, worin der Professor einen Bericht über seine Unternehmung vortrug. An demselben Tage legte er Saknussemm’s Document im Archiv der Stadt nieder, und erklärte sein lebhaftes Bedauern, daß ihm die Umstände nicht erlaubt hätten, die Spuren des isländischen Reisenden bis zum Mittelpunkt der Erde weiter zu verfolgen.

So viel Ehre mußte ihm Neider erwecken. Es fehlte daran nicht, und da seine Theorien, auf zuverlässige Thatsachen gestützt, den wissenschaftlichen Systemen über die Frage des Centralfeuers widersprachen, so hatte er mit den Gelehrten aller Länder merkwürdige Streitigkeiten zu bestehen.

Ich meines Theils kann seine Theorie des Erkaltens nicht gelten lassen, trotzdem, was ich gesehen habe, glaube ich an die Centralwärme, und werde stets daran glauben; doch gebe ich zu, daß gewisse, noch nicht hinlänglich bestimmte Umstände dieses Gesetz unter Einwirkung von Naturerscheinungen modificiren können.

Zur Zeit als diese Fragen lebhaft im Zug waren, erlitt mein Oheim einen herben Kummer. Hans, den das Heimweh befiel, verließ trotz seiner Bitten Hamburg. Der Mann, dem wir Alles verdankten, wollte das nicht gestatten, ihm den Tribut unserer Dankbarkeit zu zollen.

»Farval«, sagte er eines Tages, und nach diesem einfachen Abschied reiste er nach Reykjawik, wo er glücklich ankam.

Wir waren unserem wackeren Eiderjäger sehr anhänglich. Die ihm ihr Leben verdankten, werden seiner stets in Liebe gedenken, und ich werde gewiß vor meinem Ende ihn noch besuchen.

Zum Schluß darf ich beifügen, daß diese Reise nach dem Mittelpunkt der Erde ungeheures Aufsehen in der ganzen Welt erregte. Sie wurde gedruckt und in alle Sprachen übersetzt; die gelesensten Journale eigneten sich ihre wichtigsten Capitel an, und sie wurden dann erläutert, erörtert, angegriffen, vertheidigt mit gleicher Ueberzeugung im Lager der Gläubigen und Ungläubigen. Es wurde meinem Oheim die seltene Gunst des Schicksals zu Theil, daß er noch bei Lebzeiten seinen vollen Ruhm genoß, sodaß sogar Barnum ihm den Antrag machte, ihn für hohen Preis in allen Vereinigten Staaten öffentlich sehen zu lassen.

Aber mitten in diesem Ruhm beschlich ihn ein Unbehagen, quälte ihn eine Pein: die unerklärliche Thatsache der Magnetnadel. Für einen Gelehrten wird eine solche unerklärte Thatsache zu einer Qual des Verstandeslebens. Nun, der Himmel beschied meinem Oheim die Vollständigkeit seines Glückes.

Eines Tages, als ich eine Sammlung Mineralien in seinem Cabinet ordnete, kam mir dieser merkwürdige Compaß unter die Augen, und ich beobachtete ihn.

Seit sechs Monaten befand er sich in seinem Winkel, ohne zu ahnen, welche Unruhe er verursachte.

Auf einmal, welch Erstaunen! Ich schrie laut auf. Der Professor kam eilig herbei.

»Was giebt’s, fragte er.

– Dieser Compaß! …

– Nun?

– Seine Nadel weist auf Süden und nicht auf Norden!

– Was sagst Du?

– Sehen Sie! Die Pole verkehrt.

– Verkehrt!«

Mein Oheim schaute, verglich und sprang auf, daß das Haus erzitterte.

Welches Licht drang auf einmal in seinen und meinen Geist!

»Also, rief er aus, sobald er wieder sprechen konnte, seit unserer Ankunft am Cap Saknussemm zeigte die verdammte Nadel auf Süden anstatt auf Norden?

– Offenbar.

– Dadurch erklärt sich unsere Irrfahrt. Aber welches Ereigniß konnte die Umkehrung der Pole bewirken?

– Ein sehr einfaches.

– Sprich Dich aus, lieber Junge.

– Während des Sturmes auf dem Meer Lidenbrock hat die Kugel, welche das Eisen des Flosses magnetisirte, unsere Nadel ganz einfach irre gemacht.

– So! rief der Professor mit hellem Lachen, da hat also die Elektricität einen Streich gespielt?«

Von diesem Tag an war mein Oheim der glücklichste Gelehrte, und ich der glücklichste Mensch, denn meine hübsche Vierländerin, die mündig geworden, nahm in dem Hause in der Königsstraße die doppelte Stellung an als Nichte und Ehefrau. Dazu kam sodann, daß ihr Oheim der berühmte Professor Otto Lidenbrock war, correspondirendes Mitglied aller wissenschaftlichen, geographischen und mineralogischen Gesellschaften der ganzen Welt.

- Ende -


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Annette von Droste-Hülshoff – Westfälische Schilderungen

admin am Jan 26th 2012

Annette von Droste-Hülshoff

Westfälische Schilderungen

I

Wenn wir von Westfalen reden, so begreifen wir darunter einen großen, sehr verschiedenen

Landstrich, verschieden nicht nur den weit auseinanderliegenden Stammwurzeln seiner

Bevölkerung nach, sondern auch in allem, was die Physiognomie des Landes bildet, oder

wesentlich darauf zurückwirkt, in Klima, Naturform, Erwerbsquellen, und, als Folge dessen, in

Kultur, Sitten, Charakter, und selbst Körperbildung seiner Bewohner: daher möchten wohl wenige

Teile unsers Deutschlands einer so vielseitigen Beleuchtung bedürfen.

Zwar gibt es ein Element, das dem Ganzen, mit Ausnahme einiger kleinen Grenzprovinzen, für den

oberflächlichen Beobachter einen Anhauch von Gleichförmigkeit verleiht, ich meine das des

gleichen (katholischen) Religionskultus, und des gleichen früheren Lebens unter den

Krummstäben, was, in seiner festen Form und gänzlicher Beschränkung auf die nächsten Zustände,

immer dem Volkscharakter und selbst der Natur einen Charakter von bald beschaulicher, bald in

sich selbst arbeitender Abgeschlossenheit gibt, den wohl erst eine lange Reihe von Jahren, und

die Folge mehrerer, unter fremden Einflüssen herangebildeter Generationen völlig verwischen

dürften. Das schärfere Auge wird indessen sehr bald von Abstufungen angezogen, die in ihren

Endpunkten sich fast zum Kontraste steigern, und, bei der noch großenteils erhaltenen

Volkstümlichkeit, dem Lande ein Interesse zuwenden, was ein vielleicht besserer, aber

zerflossener Zustand nicht erregen könnte. – Gebirg und Fläche scheinen auch hier, wie

überall, die schärferen Grenzlinien bezeichnen zu wollen; doch haben, was das Volk betrifft,

Umstände die gewöhnliche Folgenreihe gestört, und statt aus dem flachen, heidigen

Münsterlande, durch die hügelige Grafschaft Mark und das Bistum Paderborn, bis in die, dem

Hochgebirge nahestehenden Bergkegel des Sauerlandes (Herzogtum Westfalen) sich der Natur

nachzumetamorphosieren, bildet hier vielmehr der Sauerländer den Übergang vom friedlichen

Heidebewohner zum wilden, fast südlich durchglühten, Insassen des Teutoburger Waldes. – Doch

lassen wir dieses beiläufig beiseite, und fassen die Landschaft ins Auge, unabhängig von ihren

Bewohnern, insofern die Einwirkung derselben (durch Kultur etc.) auf deren äußere Form dieses

erlaubt.

Wir haben bei Wesel die Ufer des Niederrheins verlassen, und nähern uns durch das, auf der

Karte mit Unrecht Westfalen zugezählte, noch echt rheinische Herzogtum Kleve, den Grenzen

jenes Landes. Das allmählige Verlöschen des Grüns und der Betriebsamkeit; das Zunehmen der

glänzenden Sanddünen und einer gewissen lauen, träumerischen Atmosphäre, sowie die aus den

seltenen Hütten immer blonder und weicher hervorschauenden Kindergesichter sagen uns, daß wir

sie überschritten haben, –


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Annette von Droste-Hülshoff – Ledwina

admin am Jan 26th 2012

Annette von Droste-Hülshoff

Ledwina

Der Strom zog still seinen Weg und konnte keine der Blumen und Zweige auf seinem Spiegel

mitnehmen; nur eine Gestalt, wie die einer jungen Silberlinde, schwamm langsam seine Fluten

hinauf. Es war das schöne bleiche Bild Ledwinens, die von einem weiten Spaziergange an seinen

Ufern heimkehrte. Wenn sie zuweilen halb ermüdet, halb sinkend still stand, dann konnte er

keine Strahlen stehlen, auch keine hellen oder milderen Farbenspiele von ihrer jungen Gestalt,

denn sie war so farblos wie eine Schneeblume, und selbst ihre lieben Augen waren wie ein paar

verblichne Vergißmeinnicht, denen nur Treue geblieben, aber kein Glanz.

»Müde, müde«, sagte sie leise und ließ sich langsam nieder in das hohe, frischgrüne Ufergras,

daß es sie nun umstand, wie die grüne Einfassung ein Lilienbeet. Eine angenehme Frische zog

durch alle ihre Glieder, daß sie die Augen vor Lust schloß, als ein krampfhafter Schmerz sie

auftrieb. Im Nu stand sie aufrecht, die eine Hand fest auf die kranke Brust gepreßt, und

schüttelte unwillig ob sich das blonde Haupt, wandte sich rasch wie zum Fortgehn und kehrte

dann fast wie trotzend zurück; sie trat dicht an das Ufer und schaute anfangs hell, dann

träumend in den Strom.

Ein großer, aus dem Flusse ragender Stein sprühte bunte Tropfen um sich, und die Wellchen

strömten und brachen sich so zierlich, daß das Wasser hier wie mit einem Netze überzogen

schien und die Blätter der am Ufer neigenden Zweige im Spiegel wie grüne Schmetterlinge

davonflatterten. Ledwinens Augen aber ruhten aus auf ihrer eignen Gestalt, wie die Locken von

ihrem Haupte fielen und forttrieben, ihr Gewand zerriß und die weißen Finger sich ablösten und

verschwammen, und wie der Krampf wieder sich leise zu lösen begann, da wurde es ihr, als ob

sie wie tot sei und wie die Verwesung lösend durch ihre Glieder fresse und jedes Element das

Seinige mit sich fortreiße.

»Dummes Zeug!« sagte sie, sich schnell besinnend, und bog mit einem scharfen Zug in den milden

Mienen auf die dicht am Flusse hinlaufende Heerstraße, indem sie das Auge durch das weite,

leere Feld nach heitern Gegenständen aussandte. Ein wiederholtes Pfeifen vom Strome her blieb

ihr unbemerkt, und als daher bald darauf ein großer schwarzer Hund mit vorgestrecktem Kopfe

quer über den Anger grade auf sie einrannte, flüchtete sie, von einem Schrecken ergriffen, mit

einem Schrei auf den Strom zu und, da das Tier ihr auf der Ferse folgte, mit ebnen Füßen

hinein. »Pst, Sultan!« rief es neben ihr, und zugleich fühlte sie sich von zwei unzarten

Händen gefaßt und ans Ufer gesetzt. Sie wandte sich noch ganz betäubt und verschreckt um. Vor

ihr stand ein großer vierschrötiger Mann, den sie an einem Hammel, der ihm wie ein Palatin um

den Hals hing, als einen Fleischer erkannte. Beide betrachteten sich eine Weile, indem das

Gesicht


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Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche

admin am Jan 26th 2012

Annette von Droste-Hülshoff

Die Judenbuche

Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen

Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren

Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,

So fest, daß ohne Zittern sie den Stein

Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?

Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,

Zu wägen jedes Wort, das unvergessen

In junge Brust die zähen Wurzeln trieb,

Des Vorurteils geheimen Seelendieb?

Du Glücklicher, geboren und gehegt

Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,

Leg hin die Waagschal’, nimmer dir erlaubt!

Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt! –

Friedrich Mergel, geboren 1738, war der einzige Sohn eines sogenannten Halbmeiers oder

Grundeigentümers geringerer Klasse im Dorfe B., das, so schlecht gebaut und rauchig es sein

mag, doch das Auge jedes Reisenden fesselt durch die überaus malerische Schönheit seiner Lage

in der grünen Waldschlucht eines bedeutenden und geschichtlich merkwürdigen Gebirges. Das

Ländchen, dem es angehörte, war damals einer jener abgeschlossenen Erdwinkel ohne Fabriken und

Handel, ohne Heerstraßen, wo noch ein fremdes Gesicht Aufsehen erregte, und eine Reise von

dreißig Meilen selbst den Vornehmeren zum Ulysses seiner Gegend machte – kurz, ein Fleck, wie

es deren sonst so viele in Deutschland gab, mit all den Mängeln und Tugenden, all der

Originalität und Beschränktheit, wie sie nur in solchen Zuständen gedeihen. Unter höchst

einfachen und häufig unzulänglichen Gesetzen waren die Begriffe der Einwohner von Recht und

Unrecht einigermaßen in Verwirrung geraten, oder vielmehr, es hatte sich neben dem

gesetzlichen ein zweites Recht gebildet, ein Recht der öffentlichen Meinung, der Gewohnheit

und der durch Vernachlässigung entstandenen Verjährung. Die Gutsbesitzer, denen die niedere

Gerichtsbarkeit zustand, straften und belohnten nach ihrer in den meisten Fällen redlichen

Einsicht; der Untergebene tat, was ihm ausführbar und mit einem etwas weiten Gewissen

verträglich schien, und nur dem Verlierenden fiel es zuweilen ein, in alten staubichten

Urkunden nachzuschlagen. Es ist schwer, jene Zeit unparteiisch ins Auge zu fassen; sie ist

seit ihrem Verschwinden entweder hochmütig getadelt oder albern gelobt worden, da den, der sie

erlebte, zuviel teure Erinnerungen blenden und der Spätergeborene sie nicht begreift. Soviel

darf man indessen behaupten, daß die Form schwächer, der Kern fester, Vergehen häufiger,

Gewissenlosigkeit seltener waren. Denn wer nach seiner Überzeugung handelt, und sei sie noch

so mangelhaft, kann nie ganz zugrunde gehen, wogegen nichts seelentötender wirkt, als gegen

das innere Rechtsgefühl das äußere Recht in Anspruch nehmen.

Ein Menschenschlag, unruhiger und unternehmender als alle seine Nachbarn, ließ in dem kleinen

Staate, von dem wir reden, manches weit greller hervortreten als anderswo


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Annette von Droste-Hülshoff – Bei uns zulande auf dem Lande

admin am Jan 26th 2012

Annette von Droste-Hülshoff

Bei uns zulande auf dem Lande

Nach der Handschrift eines Edelmannes aus der Lausitz

Einleitung des Herausgebers

Ich bin ein Westfale, und zwar ein Stockwestfale, nämlich ein Münsterländer, – Gott sei Dank!

füge ich hinzu und denke gut genug von jedem Fremden, wer er auch sei, um ihm zuzutrauen, daß

er gleich mir den Boden, wo »seine Lebenden wandeln und seine Toten ruhen«, mit keinem andern

auf Erden vertauschen würde, obwohl seit etwa zwei Jahrzehnten, d.h. seit der Dampf sein

Bestes tut, das Landeskind in einen Weltbürger umzublasen, die Furcht, beschränkt und

eingerostet zu erscheinen, es fast zur Sitte gemacht hat, die Schwächen der Alma mater, welche

man sonst Vaterland nannte und bald nur als den zufälligen Ort der Geburt bezeichnen wird, mit

möglichst schonungsloser Hand aufzudecken und so einen glänzenden Beweis seiner Vielseitigkeit

zu geben. Es ist bekanntlich ja unendlich trostloser, für albern als für schlimm zu gelten.

Möge die zivilisierte Welt also getröstet sein, denn ihre Fortschritte zu der alles

nivellierenden Unbefangenheit der wandernden Schauspieler, Scherenschleifer und vazierenden

Musikanten sind schnell und unwidersprechlich. – Dennoch bleiben Erbübel immer schwer

auszurotten, und ich glaube bemerkt zu haben, daß, sobald man auf die Redeweisen dieser

grandiosen Parteilosen fein kräftig eingeht und etwa hier und dort noch den rechten Drücker

aufsetzt, sie geradeso vergnügt lächeln als ein Bauer, der Zahnweh hat.

Gott besser’s, sage ich und überlasse die beliebige Auslegung jedem. – Was mich anbelangt, so

bin ich, wie gesagt, ein Mensch nullius iudicii, nämlich ein Münsterländer, sonst guter Leute

Kind, habe studiert in Bonn, in Heidelberg, auch auf einer Ferienreise vom Rigi geschaut und

die Welt nicht nur weitläufig, sondern sogar überaus schön gefunden – ein in der Tat wunderbar

köstlicher Moment, und für den armen Studenten, der um jeden zu diesem Zwecke heimgelegten

Taler irgendeine andere Freude hat totschlagen müssen, ein tief, fast heilig bewegender –

dennoch nichts gegen das erste Knistern des Heidekrauts unter den Rädern, nichts gegen das

mutwillige Andringen der ersten Blütenstaubwolke, die die erste Nußhecke uns in den Wagen

wirbelte, nach drei langen auswärts verlebten Jahren. Da habe ich mich mal weit aus dem

Schlage gelehnt und mich gelb einpudern lassen, wie ein Römer aus den Zeiten Augusts, und so

wie berauscht die erstickenden Küsse meiner Heimat eingesogen. Dann kamen meine klaren,

stillen Weiher mit den gelben Wasserlilien, meine Schwärme von Libellen, die wie glänzende

Zäpfchen sich überall anhängen, meine blauen, goldenen, getigerten Schmetterlinge, die wie

flatternde Miniaturen aufstiegen. Wie gern wäre ich ausgestiegen und ein Weilchen

nebenhergetrabt, aber es kam mir vor, als müßte ich mich schämen


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Jack London – Kid & Co

admin am Jan 25th 2012

JACK LONDON

Kid & Co

* * *

Über das Buch

Längst ist aus Kid Bellew, dem Grünschnabel, ein erfahrener Jäger und Goldsucher, einer der

kühnsten Männer des wilden Nordens geworden. Er und sein Freund Kurz durchstreifen die weißen

Einöden von Alaska, und mit ihnen reist das Abenteuer. Sie gehen seltsamen Spuren im Schnee

nach, die sie zu einem merkwürdigen Waldlager führen, über dessen Bewohnern ein Geheimnis zu

liegen scheint… Sie steigen groß in das Geschäft mit Eiern ein, das sich allerdings sehr bald

als Fehlspekulation erweist; doch Kid und Kurz nehmen Rache an denen, die sie hereingelegt und

allgemeinem Spott ausgeliefert haben…

Von Frauen scheinen beide keine allzu hohe Meinung zu haben. Aber das soll sich – zumindest

was Kid betrifft – eines Tages ändern: Anläßlich eines unfreiwilligen Aufenthalts in einem

Indianerlager lernt er die Tochter des weißen Häuptlings kennen. Sie animiert ihn zur Flucht.

Während er mit ihr in unwegsamem Gelände umherirrt, schreckliche Entbehrungen erdulden muß und

dabei stets die aufopfernde Liebe dieses Mädchens spürt, kreisen Kids Gedanken immer häufiger

um eine Person, die bereits in dem Roman Alaska-Kid eine Rolle spielte: Joy Gastell…

* * *

Über den Autor

Jack London (eig. John Griffith, später J. G. London nach seinem Stiefvater) wurde am

12.01.1876 in San Franzisko geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich

als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach,

beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel

von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und

bereist die ganze Welt. Am 22.11.1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in

Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.

* * *

Ein Mißgriff der Schöpfung

»Brrr!« brüllte Kid den Hunden zu und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die

Lenkstange, um den Schlitten zum Stehen zu bringen. Kid, genannt Alaska-Kid, der ehemalige

Journalist, der in Alaska zum Manne herangereift war, zu einem der kühnsten Männer des wilden

Nordens.

»Was willst du denn?« klagte Kurz, sein ständiger Gefährte. »Hier ist doch kein Wasser unter

dem Schnee.«

»Nein, aber sieh dir mal die Fährte an, die hier nach rechts abschwenkt«, antwortete Kid. »Ich

hätte nicht geglaubt, daß jemand hier in der Gegend überwinterte.«

Im selben Augenblick, als sie anhielten, legten sich die Hunde in den Schnee und begannen die

kleinen Eisstücke, die zwischen ihren Zehen saßen, abzuknabbern. Noch vor fünf Minuten war

dieses Eis Wasser gewesen. Die Tiere waren durch eine dünne, von Schnee bedeckte Eisschicht

eingebrochen, und unter dem Eis verbarg sich die Quelle, die am Hang entsprang und auf der

drei Fuß dicken Winterkruste des Nordbeskaflusses kleine Pfützen bildete.

»Das ist das erstemal, daß ich von Menschen hier in Nordbeska höre«, sagte Kurz und starrte

die fast gänzlich verwischte Fährte an, die, von zwei Fuß tiefem Schnee verdeckt, das Flußbett

in einem rechten Winkel verließ und nach der Mündung eines Baches führte, der von links

geflossen kam.

»Vielleicht sind es Jäger gewesen«, meinte er. »Jäger, die längst wieder abgezogen sind.«

Kid fegte den lockeren Neuschnee mit den in Fäustlingen steckenden Händen beiseite, blieb

einen Augenblick stehen, um sich die Fährte anzusehen, fegte wieder, sah abermals nach.

»Nein«, entschied er dann. »Die Spuren laufen nach beiden Richtungen, aber die jüngere geht

den Bach hinauf. Wer es auch sein mag, er muß jedenfalls noch da sein. Es ist mehrere Wochen

her, daß jemand hier ging. Aber was hält ihn noch dort? Das möchte ich wissen.«

»Und was ich wissen möchte, ist, wo wir heute nacht lagern werden«, sagte Kurz und betrachtete

den Horizont im Südwesten mit mißtrauischen Blicken. Die Dunkelheit der kommenden Nacht begann

bereits das Zwielicht des Nachmittags zu verdrängen.

»Wir können ja der Fährte den Bach hinauf folgen«, schlug Kid vor. »Wir haben trockenes Holz

genug hier. Wir können lagern, wann es uns beliebt.«

»Ja, natürlich können wir lagern, wann es uns beliebt. Aber wenn wir nicht hungern wollen,

müssen wir marschieren, und es handelt sich auch darum, die rechte Richtung einzuschlagen.«

»Bachaufwärts werden wir schon etwas finden«, erklärte Kid.

»Aber schau dir doch den Proviant an! Schau dir die Hunde an!« rief Kurz. »Schau… na,

meinetwegen los… du sollst deinen Willen haben.«

»Es wird die Reise nicht um einen Tag verlängern«, meinte Kid, »wahrscheinlich nicht einmal um

eine Meile.«

»Es ist vorgekommen, daß Männer um weniger als eine Meile verreckt sind«, antwortete Kurz und

schüttelte mit finsterer Miene den Kopf. »Aber nur los jetzt! Auf, ihr armen wundfüßigen

Viecher. Auf jetzt… Los, Bright… Hüh!«

Der Leithund gehorchte, und das ganze Gespann schleppte sich müde weiter durch den lockeren

Schnee.

»Brrr… halt!« schrie Kurz. »Hier müssen wir uns die Fährte selbst stampfen.«

Kid holte seine Schneeschuhe unter der Schlittenpersenning hervor, band sie an seine in

Mokassins steckenden Füße und ging voraus, um die lockere Oberfläche für die Hunde

festzutreten.

Es war eine mühselige Arbeit. Hunde und Männer hatten seit Tagen nur kleine Rationen erhalten,

und die Kraft, die sie noch in Reserve hatten, war sehr begrenzt und armselig. Sie folgten dem

Bachbett, welches aber so steil abfiel, daß der jähe, unzugängliche Hang ihnen viel Mühe

machte. Die hohen Felswände zu beiden Seiten verengten sich schnell immer mehr zu einer

Schlucht, in der es, da die hohen Berge die lang anhaltende Dämmerung nicht hereinließen, fast

ganz dunkel war.

»Das ist ja die reine Falle«, sagte Kurz. »Verdammt eklig ist es überhaupt hier. Es ist ein

Loch im Boden. Hier wird das Pech nur so herausquellen.«

Kid antwortete nicht. Und die nächste halbe Stunde zogen sie wortlos weiter. Dann brach Kurz

wieder das Schweigen.

»Das Unheil marschiert schon«, murrte er. »Es ist schon an der Arbeit… und ich will es dir

erzählen, wenn du es hören magst.«

»Nur los«, sagte Kid.

»Gut, meine Ahnung sagt mir ganz offen und einfach, daß wir nie und nimmer aus diesem

verdammten Dreckloch herauskommen, jedenfalls erst nach vielen, vielen Tagen. Wir werden

verflucht viel Pech haben und sehr lange Zeit und noch einige Tage dazu hierbleiben müssen…«

»Sagt deine Ahnung nichts von Proviant?« fragte Kid unfreundlich. »Denn wir haben ja nicht

Proviant für Tage und Tage und noch einige Zeit dazu.«

»Nee… kein Wort von Proviant. Ich glaube ja noch, daß wir die Sache deichseln werden, aber ich

will dir was sagen, Kid, offen und ehrlich, ich esse jeden Hund hier im Gespann, aber Bright

nicht. Bei Bright mache ich halt.«

»Hör jetzt auf«, schalt Kid. »Meine Ahnung ist auch an der Arbeit, und zwar ganz gewaltig. Sie

sagt mir, daß es kein Essen aus Hundefleisch geben wird und daß wir uns fett und dick fressen

werden, mag es nun an Elch- oder Rentierfleisch oder Kaviar sein.«

Kurz gab seinen Widerwillen nur durch ein verächtliches Grunzen kund, und wieder verging eine

Viertelstunde in tiefem Schweigen.

»Jetzt beginnt dein Unheil schon«, sagte Kid und machte halt.

Dann starrte er auf einen Gegenstand, der neben der alten Fährte lag.

Kurz verließ die Lenkstange und trat zu ihm. Gemeinsam starrten sie auf den Körper eines

Mannes, der im Schnee lag.

»Er ist gut genährt«, sagte Kid.

»Sieh dir mal seine Lippen an«, sagte Kurz.

»Steif wie ein Besenstiel«, erklärte Kid, als er den einen Arm der Leiche hob. So steif war

der Arm, daß der ganze Körper der Bewegung folgte.

»Wenn du ihn aufhebst und wieder fallen läßt, zerbricht er in Stücke«, sagte Kurz.

Der Mann lag auf der Seite und war völlig gefroren. Aus dem Umstand, daß er nicht mit Schnee

bedeckt war, schlossen sie, daß er erst kurze Zeit hier lag.

»Vor drei Tagen hat es ja mächtig geschneit«, erinnerte sich Kurz.

Kid nickte, dann beugte er sich über die Leiche, drehte sie halb um, so daß sie das Gesicht

sahen, und zeigte auf eine Schußwunde in der Schläfe. Er untersuchte den Boden zu beiden

Seiten und zeigte nickend auf einen Revolver, der im Schnee lag.

Einige hundert Meter weiter fanden sie eine zweite Leiche, die mit dem Gesicht nach unten im

Schnee lag.

»Zweierlei ist klar«, sagte Kid. »Sie sind gut genährt. Es handelt sich also nicht um

Hungersnot. Aber sie haben auch nicht viel Gold gefunden, sonst hätten sie nicht Selbstmord

begangen.«

»Wenn sie das getan haben«, wandte Kurz ein.

»Das haben sie ganz sicher. Es sind ja keine Spuren außer ihren eigenen vorhanden, und sie

sind beide vom Pulver verbrannt.«

Kid zog die Leiche beiseite und grub mit der Spitze seines Mokassins einen Revolver aus dem

Schnee, wo er unter der Leiche gelegen hatte. »Damit hat er es getan. Ich sagte dir ja, daß

wir etwas finden würden.«

»Es sieht sogar aus, als ob wir kaum erst beim Anfang wären. Aber warum haben die beiden

dicken Kerle sich wohl erschossen?«

»Wenn wir das erst entdecken, dann wissen wir auch, wie es mit dem Unheil zusammenhängt, das

du uns prophezeit hast«, antwortete Kid. »Komm. Wir müssen weiter… es ist schon verflucht

dunkel.«

Es war wirklich schon sehr dunkel, als Kid mit seinen Schneeschuhen über eine dritte Leiche

stolperte. Dann fiel er quer über einen Schlitten, neben dem eine vierte lag. Und als er den

Schnee, den er im Fallen in den Kragen bekommen, entfernt und ein Streichholz angezündet

hatte, sahen er und Kurz noch eine Leiche, die, in Decken gehüllt, neben einem halbfertigen

Grab lag. Ehe das Streichholz erlosch, hatten sie noch ein halbes Dutzend Gräber daneben

entdeckt.

»Pfui Teufel«, erklärte Kurz schaudernd. »Ein Selbstmörderlager. Alle dick und gut genährt.

Ich vermute, daß die ganze Gesellschaft tot ist.«

»Nein… sieh dort!« Kid starrte auf einen schwachen Lichtschimmer in der Ferne. »Und dort ist

noch ein Licht… und dort ein drittes… Komm… schnell!«

Sie fanden keine weiteren Leichen, und wenige Minuten später hatten sie auf einem

festgetretenen Weg das Lager erreicht.

»Das ist ja eine Stadt!« flüsterte Kurz. »Es müssen mindestens zwanzig Hütten sein. Und nicht

ein einziger Hund. Ist das nicht seltsam?«

»Und damit ist auch die ganze Geschichte geklärt. Es ist die Expedition Laura Sibleys«,

flüsterte Kid sehr erregt zurück. »Erinnerst du dich noch? Die Leute kamen letzten Herbst mit

der Port Townsend Nummer sechs den Yukon herauf. Sie fuhren an Dawson vorbei, ohne anzuhalten.

Der Dampfer muß sie an der Mündung des Baches an Land gesetzt haben.«

»Ich weiß schon… es waren Mormonen.«

»Nein, Vegetarier«, sagte Kid und grinste in der Dunkelheit.

»Sie wollten kein Fleisch essen und die Hunde nicht arbeiten lassen.«

»Ist ja alles Jacke wie Hose… der Allweise hatte ihnen selbst den Weg zum Gold gezeigt. Und

Laura Sibley wollte sie spornstreichs dorthin führen, wo sie alle Millionäre werden sollten.«

»Ja, sie war ihre Seherin… hatte Visionen und ähnliches. Ich dachte, sie wären den

Nordenskjöld hinaufgezogen.«

»Pst… hör mal…«

Kurz tippte Kid warnend gegen die Brust, und beide lauschten auf ein tiefes, langgezogenes

Stöhnen, das aus einer der Hütten kam. Bevor es verstummte, kam ein neues aus einer anderen

Hütte und dann wieder aus einer anderen… es war wie das furchtbare Stöhnen einer leidenden

Menschheit… es wirkte unheimlich wie ein Alpdruck.

»Pfui Deibel!« Kurz erschauerte. »Mir wird ganz übel davon. Wir wollen hingehen und sehen, was

los ist.«

Kid klopfte an die Tür einer Hütte, in der Licht brannte. Und als von drinnen »Herein!«

gerufen wurde – offenbar von der Stimme, die vorher gestöhnt hatte -, traten beide ein.

Es war eine ganz einfache Hütte aus rohen Balken, die Wände mit Moos gedichtet, der lehmige

Boden mit Hobelspänen und Sägemehl bestreut. Das Licht rührte von einer Öllampe her, und in

seinem Schein konnten sie fünf Betten sehen. In dreien davon lagen Männer, die sofort zu

stöhnen aufhörten, um die Neuankömmlinge anzustarren.

»Was ist los?« fragte Kid einen Mann, dessen breite Schultern und mächtige Muskeln die

Bettdecke nicht zu verbergen vermochte. Seine Augen waren jedoch von Schmerz verdunkelt und

seine Wangen ausgehöhlt. »Pocken? Oder was sonst?«

Statt zu antworten zeigte der Mann auf seinen Mund und öffnete mit großer Mühe die schwarzen

und geschwollenen Lippen. Kid erschauerte, als er ihn ansah. »Skorbut«, flüsterte er Kurz zu.

Und der Mann nickte, um die Richtigkeit der Feststellung zu bestätigen.

»Lebensmittel genug?« fragte Kurz.

»Jawohl«, antwortete der Mann. »Aber ihr müßt euch selber helfen. Es ist massenhaft da. Die

nächste Hütte auf der andern Seite steht leer. Das Depot liegt daneben. Geht nur hin.«

In allen Hütten, die sie in dieser Nacht besuchten, fanden sie dasselbe Bild. Das ganze Lager

war vom Skorbut ergriffen. Es waren auch ein Dutzend Frauen da, aber die bekamen sie nicht

gleich zu sehen. Ursprünglich waren es im ganzen dreiundneunzig Männer und Frauen gewesen,

aber zehn waren gestorben und zwei kürzlich verschwunden. Kid erzählte, wie sie die beiden

gefunden hatten, und drückte sein Erstaunen darüber aus, daß es keinem eingefallen war, die

Fährte eine so kurze Strecke zu verfolgen und selbst Untersuchungen anzustellen. Was aber ihm

und Kurz besonders auffiel, war die völlige Hilflosigkeit dieser Leute. Ihre Hütten waren

unordentlich und unsauber. Die Teller standen ungewaschen auf den roh gezimmerten Tischen. Sie

halfen sich auch nicht gegenseitig. Die Sorgen einer Hütte waren nur ihre Sorgen allein, ja,

die Leute hatten sogar schon aufgehört, ihre Toten zu begraben.

»Es ist wirklich ganz unheimlich«, sagte Kid zu Kurz. »Ich habe viele Gauner und Taugenichtse

in meinem Leben getroffen, aber noch nie so viele auf einmal. Du hörst ja selbst, was sie

sagen. Sie haben die ganze Zeit keine Hand zur Arbeit gerührt. Ich wette, sie haben sich nicht

einmal die Gesichter gewaschen. Kein Wunder, daß sie Skorbut bekommen haben.«

»Aber Vegetarianer sollten doch eigentlich gar nicht Skorbut bekommen können«, wandte Kurz

ein. »Man glaubt ja immer, daß nur Leute, die Salzfleisch essen, Skorbut bekommen. Und die

Leute hier essen ja gar kein Fleisch, weder frisches noch gepökeltes, weder rohes noch

gekochtes oder sonst irgendwie zubereitetes.«

Kid schüttelte den Kopf. »Ich weiß schon. Und mit vegetarischer Kost heilt man Skorbut, was

keine Medizin vermag. Pflanzen, namentlich Kartoffeln, sind die einzigen Gegenmittel. Aber

vergiß eines nicht, Kurz: Wir haben es hier nicht mit einer Theorie, sondern mit der

Wirklichkeit zu tun. Es ist eine Tatsache, daß diese Grasfresser alle Skorbut bekommen haben.«

»Es ist vielleicht ansteckend.«

»Nein, soviel wissen die Ärzte jedenfalls. Skorbut ist keine ansteckende Krankheit. Man wird

nicht angesteckt. Er entsteht im Organismus selbst. Soviel ich weiß, ist die Ursache das

Fehlen irgendeines Stoffes im Blut. Es kommt nicht davon, daß sie etwas gekriegt haben,

sondern daß ihnen etwas fehlt. Ein Mensch bekommt Skorbut, wenn ihm gewisse Chemikalien in

seinem Blut fehlen, und diese Chemikalien zieht man nicht aus Pulvern und Flaschen, sondern

nur aus Pflanzen.«

»Und diese Leute haben nichts als Gras gefressen«, stöhnte Kurz. »Und sie sind bis über die

Ohren damit vollgestopft. Das beweist, daß du auf einem falschen Gleis bist, Kid. Du hast

wieder mal so eine Theorie, aber die Tatsachen schlagen deiner Theorie den Boden aus. Skorbut

steckt an, und deshalb sind sie alle angegriffen, und das sogar ganz niederträchtig! Und wir

beide werden auch krank werden, wenn wir in dieser Gegend bleiben. Pfui Deibel, ich kann schon

merken, wie der Dreck mir durch den ganzen Körper dringt.«

Kid lachte spöttisch und klopfte an die Tür einer Hütte.

»Ich denke, daß wir hier ganz dieselbe Lage vorfinden werden«, sagte er. »Komm, wir müssen

sehen, wie die Geschichte zusammenhängt.«

»Was wünschen Sie?« rief eine scharfe Frauenstimme.

»Wir möchten sehen, wie es mit Ihnen steht«, antwortete Kid.

»Wer sind Sie?«

»Zwei Ärzte aus Dawson«, rief Kid ohne zu überlegen. Sein Leichtsinn bewog Kurz, ihm mit dem

Ellbogen einen Rippenstoß zu geben.

»Ich will keinen Arzt sehen«, sagte die Frau. Ihre Stimme klang abgerissen und heiser vor

Schmerz und Ärger. »Gehen Sie! Gute Nacht. Wir glauben nicht an Doktoren.«

Kid drückte die Türklinke nieder und öffnete die Tür.

Drinnen drehte er die kleingeschraubte Öllampe hoch, so daß sie sehen konnten. Die vier Frauen

in den vier Betten hörten mit Stöhnen und Seufzen auf, um die Eindringlinge anzustarren. Zwei

von ihnen waren junge Geschöpfe mit ausgemergelten Gesichtern, die dritte war eine ältere,

sehr kräftige Frau, und die vierte, die Kid an der Stimme wiedererkannte, war das magerste und

gebrechlichste Exemplar der menschlichen Rasse, das er je gesehen. Er erfuhr bald, daß es

Laura Sibley selbst war… die Seherin und berufsmäßige Wahrsagerin, die die Expedition in Los

Angeles auf die Beine gebracht und nach dem Todeslager in Nordbeska geführt hatte. Die

Unterredung, die jetzt stattfand, war recht ungemütlich. Laura Sibley glaubte nicht an Ärzte.

Zu ihrer Entschuldigung muß gesagt werden, daß sie auch schon fast aufgehört hatte, an sich

selbst zu glauben.

»Warum haben Sie nicht nach Hilfe geschickt?« fragte Kid, als sie erschöpft und atemlos einen

Augenblick schwieg. »Unten am Stewart ist doch ein Lager, und Dawson selbst können Sie im

Laufe von achtzehn Tagen erreichen.«

»Warum ist Arnos Wentworth denn nicht hingegangen?« fragte sie in einem an Hysterie grenzenden

Wutanfall.

»Ich habe nicht die Ehre, den Herrn zu kennen«, gab Kid zur Antwort. »Was macht er denn?«

»Nichts, gar nichts… aber er ist der einzige, der keinen Skorbut hat. Und warum hat er ihn

nicht bekommen? Das will ich Ihnen erzählen… nein… ich will es lieber nicht…« Die dünnen

Lippen, die so ausgezehrt waren, daß sie fast durchsichtig erschienen, preßten sich so fest

zusammen, daß Kid sich einbildete, die Zähne nebst ihren Wurzeln sehen zu können. »Und was

hätte es auch genützt? Was weiß ich? Ich bin nicht so blöd! Unsere Depots sind voll von

Fruchtsäften und eingekochten Gemüsen. Wir sind besser gegen Skorbut geschützt als alle

anderen Lager in ganz Alaska. Es gibt keine Sorte von Gemüsen, Obst und Nüssen, die wir nicht

in Mengen hätten… und wie!«

»Da hat sie dir eins ausgewischt, Kid«, rief Kurz eifrig. »Hier geht es aber um eine Tatsache

und nicht um Theorien. Du sagst, Gemüse heilt! Hier ist Gemüse genug… aber wo bleibt die

Heilung?«

»Es gibt anscheinend keine Erklärung, das räume ich ja ein«, gestand Kid. »Aber dennoch gibt

es kein Lager in ganz Alaska wie dieses. Ich habe früher schon Skorbut gesehen… vereinzelte

Fälle hie und da. Aber ich habe nie ein ganzes Lager angegriffen gesehen und auch nie so

furchtbare Fälle wie hier. Damit kommen wir jedoch nicht weiter, Kurz! Wir müssen jedenfalls

für die Leute tun, was wir können, aber zuerst wollen wir uns selber einrichten und für unsere

Hunde sorgen. Wir werden Sie morgen wieder besuchen… Frau Sibley.«

»Fräulein Sibley«, fauchte sie. »Und nun hören Sie, junger Mann, was ich Ihnen sage! Wenn Sie

hier herumlungern, den Idioten spielen und uns so eine Doktormixtur geben wollen, dann werde

ich Sie mit Kugeln durchlöchern, daß Sie wie ein Sieb aussehen.«

»Sie ist wirklich reizend, die göttliche Seherin«, lachte Kid, als er und Kurz durch die

Dunkelheit nach der leeren Hütte tappten, die sie zuerst betreten hatten. Sie konnten hier

feststellen, daß sie bis vor kurzem von zwei Männern bewohnt gewesen war. Vermutlich waren es

die beiden Selbstmörder gewesen, deren Leichen sie gefunden hatten. Sie untersuchten das Depot

und fanden, daß es mit ungeahnten Mengen von Lebensmitteln versehen war, die alle eingemacht,

pulverisiert, gedämpft, kondensiert oder gedörrt waren.

»Wie in aller Teufel Namen haben die Leute sich den Skorbut geholt?« fragte Kurz und zeigte

auf die kleinen Pakete mit pulverisierten Eiern und italienischen Champignons.

»Sieh dir das mal an… und das!« Er zog Büchsen mit Tomaten und Mais und Gläser mit gefüllten

Oliven hervor.

»Und dabei hat selbst die göttliche Lenkerin Skorbut bekommen. Was sagst du dazu?«

»Lenkerin… wie kommst du darauf?« fragte Kid.

»Na, ganz einfach«, antwortete Kurz. »Hat sie nicht ihre Schafe nach diesem verdammten Loch

gelenkt?«

Am nächsten Morgen, als es hell geworden war, sah Kid einen Mann, der ein mächtiges Bündel

Brennholz trug. Es war ein kleiner Kerl, aber er war sauber gekleidet und sah recht keck aus.

Trotz der schweren Bürde bewegte er sich rasch und leicht. Kid fühlte unwillkürlich einen

gewissen Unwillen gegen ihn.

»Was ist mit Ihnen los?« fragte er.

»Gar nichts«, antwortete der Kleine.

»Das dachte ich mir schon«, erklärte Kid. »Eben deshalb habe ich gefragt. Dann sind Sie also

Arnos Wentworth. Aber sagen Sie mir, warum in aller Welt haben Sie keinen Skorbut gekriegt,

wie alle andern?«

»Weil ich mir tüchtig Bewegung gemacht habe«, lautete die rasche Antwort. »Die andern hätten

ihn auch nicht zu kriegen brauchen, wenn sie sich nur ein bißchen Bewegung gemacht und

gearbeitet hätten. Warum haben sie das nicht getan? Sie haben nur gemurrt, gemeckert und

geschimpft, weil es kalt und die Nächte zu lang und das Leben zu schwer war, haben über ihre

Schmerzen und Leiden und über alles mögliche geklagt. Sie haben tagsüber in ihren Betten

gepennt, bis sie so aufgedunsen waren, daß sie sie überhaupt nicht mehr verlassen konnten. Das

ist die ganze Geschichte. Sehen Sie mich an! Ich habe geschuftet. Kommen Sie nur mit in meine

Hütte.«

Kid folgte ihm.

»Schauen Sie sich nur ruhig um! Alles blitzblank, nicht? Was sagen Sie nun? Alles piekfein und

sauber! Ich würde auch die Späne und das Sägemehl nicht auf dem Boden liegen lassen, wenn es

nicht warmhielte… aber es sind saubere Späne und sauberes Sägemehl, kann ich Ihnen sagen.

Schauen Sie sich mal den Fußboden in den andern Hütten an, Verehrtester! Sauställe, sag ich

Ihnen. Ich pflege auch nicht von ungewaschenen Tellern zu futtern. Nee, besten Dank,

Verehrtester. Aber es heißt arbeiten, und gearbeitet hab’ ich wie ein Vieh, und deshalb hab’

ich auch keinen Skorbut gekriegt! Darauf können Sie sich verlassen, Verehrtester!«

»Da haben Sie offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen«, gab Kid zu. »Aber ich sehe, daß Sie

hier nur ein Bett haben… Warum sind Sie so ungesellig?«

»Weil es mir lieber so ist! Es ist leichter, nach einem sauberzumachen als nach zweien. Die

stinkfaulen Pennbrüder! Kein Wunder, daß sie Skorbut gekriegt haben.«

Das klang ja alles sehr überzeugend, aber Kid konnte sich dennoch nicht von einem Gefühl des

Unbehagens dem Mann gegenüber befreien.

»Was hat Laura Sibley eigentlich gegen Sie?« fragte er plötzlich.

Arnos Wentworth warf ihm einen raschen Blick zu.

»Die ist ja verrückt«, antwortete er. »Im übrigen sind ja alle verrückt… aber der Himmel

bewahre mich vor Leuten, deren Verrücktheit darin besteht, daß sie die Teller, von denen sie

gefressen haben, nicht abwaschen wollen, und von der Sorte sind all die Trottel hier.«

Wenige Minuten später sprach Kid mit Laura Sibley. Auf zwei Stöcke gestützt, humpelte sie im

Lager herum und war vor Wentworth’ Hütte stehengeblieben.

»Was haben Sie eigentlich gegen Wentworth?« fragte er ganz unvermittelt, als er sich mit ihr

unterhielt. Die Frage kam so unerwartet, daß sie nicht darauf vorbereitet sein konnte.

Ihre grünen Augen blitzten erbost auf, ihr ausgemergeltes Gesicht verzerrte sich vor Wut, und

ihre wunden Lippen konnten nur mit Mühe einen unbeherrschten, unbesonnenen Ausbruch

zurückhalten. Aber sie gab nur ein hörbares Stöhnen und einige unverständliche Laute von sich.

Dann gelang es ihr, sich durch eine furchtbare Willensanspannung zu beherrschen.

»Weil er gesund geblieben ist«, ächzte sie. »Nur weil er keinen Skorbut gekriegt hat! Weil er

keinem von uns die geringste Hilfe leisten will! Weil er uns verrecken läßt, ohne einen Finger

zu rühren, um uns Wasser oder Brennholz zu bringen! So ein Biest ist er. Das ist alles. Aber

er soll sich in acht nehmen.«

Stöhnend und ächzend humpelte sie weiter. Als Kid aber fünf Minuten später aus seiner Hütte

trat, um die Hunde zu füttern, sah er, wie sie sich in die Hütte von Arnos Wentworth schlich.

»Hier stimmt etwas nicht, Kurz, das ist todsicher«, sagte er und schüttelte düster den Kopf,

als sein Kamerad zur Tür herauskam, um einen Eimer mit Abwaschwasser auszugießen.

»Zweifle gar nicht daran«, antwortete Kurz gut gelaunt. »Und wir beide werden den Dreck auch

noch kriegen – du wirst schon sehen.«

»Ich meine gar nicht den Skorbut.«

»Ach so, du meinst die göttliche Lenkerin. Die würde selbst einen Toten ausziehen, wenn sie

was davon hätte! Sie ist das gierigste Frauenzimmer, das ich je gesehen habe.«

»Es ist nur die Bewegung, Kurz, die uns beide gesund hält. Und dadurch ist auch Wentworth

gesund geblieben. Du siehst ja, wie es den anderen ergangen ist, weil sie nicht für Bewegung

gesorgt haben. Jetzt müssen wir also den Patienten hier Bewegung verordnen. Ich ernenne dich

hiermit zur Oberschwester.«

»Was sagst du? Ausgerechnet mich?« rief Kurz entgeistert. »Ich lege das Amt nieder.«

»Nein, das tust du nicht. Ich werde dir schon behilflich sein, denn es wird ja wahrscheinlich

keine Sinekure werden. Wir wollen sie schon springen lassen. Zuallererst müssen sie ihre Toten

begraben. Die Kräftigsten stecken wir in die Begräbnisschicht. Die Zweitstärksten kommen in

die Holzfällerschicht… Sie sind in ihren Betten geblieben, um Brennholz zu sparen… und so

geht’s weiter. Dann kommt der Fichtentee. Den darfst du um Gottes willen nicht vergessen. Die

Leute hier haben nie davon gehört.«

»Da werden wir ja genug zu tun haben«, grinste Kurz. »Aber ich glaube, daß wir selbst doch

vorher ein paar Kugeln in den Bauch kriegen werden.«

»Du könntest recht haben… zuerst wollen wir uns also damit beschäftigen«, sagte Kid. »Nur

los.«

Im Laufe der nächsten Stunde machten sie die Runde durch sämtliche zwanzig Häuser. Die gesamte

Munition, alle Stutzen, Schrotbüchsen und Revolver wurden beschlagnahmt.

»Hört mal, ihr Invaliden«, rief Kurz den Kranken zu, »her mit den Schießprügeln! Wir brauchen

sie.«

»Wer sagt denn das?« wurde gleich in der ersten Hütte gefragt.

»Zwei Ärzte aus Dawson«, gab Kurz zur Antwort. »Und was die sagen, wird getan. Nur her damit!

Her mit eurer Munition!«

»Was wollt ihr denn damit?«

»Einen kleinen Feldzug gegen Büchsenfleisch unternehmen, das den Canyon heraufmarschiert… Und

ich rate euch, gut aufzupassen, denn es steht eine Überschwemmung von Fichtentee bevor. Also

los.« Und das war der Anfang des ersten Tages. Mit Hilfe von Überredungskunst und

Kommandieren, und hin und wieder auch mit Gewalt, gelang es ihnen, die Männer aus den Betten

zu jagen und sie so weit zu bringen, daß sie sich anzogen. Kid suchte sich die leichtesten

Fälle für die Beerdigungsschicht heraus. Eine zweite Schicht erhielt den Befehl, Holzscheite

herbeizuschaffen, mit denen die Gräber durch den Schnee bis zur gefrorenen Erde gebrannt

wurden. Eine dritte Schicht mußte Brennholz schlagen und es unparteiisch in den Hütten

verteilen. Wer zu schwach war, um ins Freie zu gehen, mußte die Hütten säubern, Fußböden

schrubben und Kleider waschen.

Eine besondere Schicht mußte Fichtenzweige in Mengen sammeln; sämtliche Öfen wurden geheizt,

damit man genügend Fichtentee zubereiten konnte.

Aber was Kurz und Kid auch taten, die Lage blieb doch äußerst ernst und unbehaglich.

Mindestens dreißig schlimme und offenbar unheilbare Kranke mußten sie in den Betten liegen

lassen, nachdem sie mit Grauen und Ekel ihren Zustand geprüft hatten. In Laura Sibleys Hütte

starb eine der Frauen.

Aber strenge Maßnahmen waren ja unter den gegebenen Verhältnissen unvermeidlich.

»Es geht mir gegen den Strich, kranke Leute zu verhauen«, erklärte Kurz und ballte drohend die

Fäuste. »Aber ich würde ihnen den Kopf abschlagen, wenn ich sie dadurch heilen könnte. Und was

euch Taugenichtsen nottut, sind Dresche! Also los! Heraus aus den Decken und etwas willig,

oder ich mache eure schönen Gesichter zu Apfelmus.«

Alle Arbeitsschichten stöhnten, seufzten und schluchzten.

Und die Tränen strömten ihnen aus den Augen und gefroren noch während der Arbeit auf den

Wangen zu Eiszapfen.

Als die Arbeiter dann gegen Mittag in die Hütten zurückkehrten, fanden sie anständig

zubereitetes Essen, das die schwächeren Leute inzwischen unter Kids und Kurz’ Fuchtel und

Anleitung gekocht hatten, auf den Tischen vor.

»Und jetzt genug für heute«, sagte Kid gegen drei Uhr nachmittags. »Jetzt ist Schluß! Geht zu

Bett! Ihr fühlt euch natürlich sehr schlecht, aber morgen wird es schon besser gehen.

Selbstverständlich ist es kein Spaß, wieder gesund zu werden, aber ich werde euch schon

zurechtkriegen.«

»Zu spät«, erklärte Wentworth mit einem leisen Lächeln, als er Kids Bemühungen betrachtete.

»Sie hätten schon letzten Herbst auf diese Weise anfangen müssen.«

»Kommen Sie mal mit«, antwortete Kid. »Nehmen Sie die beiden Eimer hier. Ihnen fehlt ja

nichts.« Dann gingen die drei Männer von Hütte zu Hütte und flößten jedem einen ganzen Liter

Fichtentee ein. So ganz leicht ging das freilich nicht.

»Ihr könnt sicher sein, daß wir nicht spaßen«, erklärte Kid dem ersten Widerspenstigen, der in

seinem Bett auf dem Rücken liegenblieb und mit zusammengebissenen Zähnen ächzte. »Pack an,

Kurz!« Kurz faßte den Patienten an der Nase und gab ihm mit der anderen Hand einen Stoß in das

Zwerchfell, daß er den Mund öffnen mußte. »So, und jetzt hinunter damit.«

Und hinunter kam der Fichtentee, wenn der Patient auch die unvermeidlichen prustenden und

röchelnden Laute von sich gab.

»Nächstes Mal wird es schon besser gehen«, tröstete Kurz das Opfer, während er den Mann im

Nebenbett an der Nase packte.

»Ich für meinen Teil würde ja lieber Rizinus nehmen«, gestand Kurz vertraulich, bevor er die

eigene Portion hinunterwürgte. »Lieber Gott!« war alles, was er laut sagen konnte, als er den

bitteren Trank eingenommen hatte. »Klein wie ein Mäuschen, aber stark wie ein Elefant… das

hat’s in sich.«

»Wir werden diese Fichtenteerunde viermal täglich machen, und jedesmal müssen achtzig Personen

betreut werden«, teilte Kid Laura Sibley mit. »Wir haben also keine Zeit, Allotria zu treiben…

Wollen Sie den Tee schlucken oder soll ich Sie an der Nase fassen?« Er hob Daumen und

Zeigefinger in sehr beredter Weise. »Er ist ja aus Fichtennadeln hergestellt, der Tee, so daß

Sie sich keine Gewissensbisse zu machen brauchen.«

»Gewissensbisse!« prustete Kurz. »Bei Gott im Himmel, nein… es ist eine himmlische Medizin.«

Laura Sibley zögerte immer noch. Sie verschluckte jedoch, was sie sagen wollte.

»Na? Wird’s?« fragte Kid barsch.

»Ich werde… werde es ja schon nehmen«, sagte sie zitternd.

»Aber machen Sie schnell.«

Als es Abend wurde, krochen Kid und Kurz ins Bett, müder, als sie selbst nach den längsten

Schlittenfahrten und Wanderungen je gewesen.

»Es macht mich ganz krank«, gestand Kid. »Es ist furchtbar, wie sie dabei leiden. Aber

Bewegung ist wirklich das einzige Mittel, das ich weiß, und wir müssen es natürlich gründlich

versuchen. Ich möchte nur, wir hätten einen einzigen Sack Kartoffeln.«

»Sparkins kann nicht mehr Teller abwaschen«, sagte Kurz. »Er hat solche Schmerzen, daß er

schwitzt. Ich mußte ihn wieder ins Bett bringen, so hilflos war der arme Kerl.«

»Wenn wir nur rohe Kartoffeln hätten«, spann Kid seinen Gedanken weiter. »Das Entscheidende,

das Wesentliche fehlt in dem eingemachten Fraß. Das, was Leben schafft, ist einfach

herausgekocht.«

»Und wenn der junge Bengel, der Jones aus der Hütte von Brownlow, nicht abkratzt, ehe es

Morgen wird, kannst du mich einen Affen schimpfen.«

»Um Gottes willen, sei doch nicht solch Schwarzseher!« rügte Kid.

»Wir werden ihn wohl begraben dürfen, nicht wahr?« fauchte Kurz entrüstet. »Ich sage dir, dem

jungen Burschen geht es verdammt dreckig.«

»Halt’s Maul«, rief Kid.

Nachdem Kurz noch ein paarmal entrüstet gegrunzt hatte, schlief er unter lautem Schnarchen

ein.

Am nächsten Morgen zeigte es sich, daß nicht nur Jones tatsächlich im Laufe der Nacht

gestorben war, sondern auch einer der Kräftigeren, der in der Brennholzschicht gearbeitet

hatte. Er hatte sich aufgehängt. Und jetzt begann eine Reihe von Tagen, die ein wahrer

Alpdruck waren. Eine ganze Woche gelang es Kid noch, seine Bestimmungen in bezug auf

Fichtentee und Bewegung durchzuführen, obgleich er sich sehr hart machen mußte, um es

erzwingen zu können. Er war aber doch genötigt, bald einen, bald mehrere der Kranken von der

Arbeit zu befreien. Allmählich sah er ein, daß Bewegung ungefähr das schlimmste Mittel war,

das man Skorbutkranken empfehlen konnte. Die Beerdigungsschicht, die täglich kleiner wurde,

hatte unaufhörlich Arbeit genug und mußte jetzt immer ein halbes Dutzend Gräber in

Bereitschaft halten, die auf ihre Opfer warteten.

»Sie hätten auch keinen schlechteren Platz für das Lager wählen können als diesen«, sagte Kid

zu Laura Sibley. »Sehen Sie sich nur um… er liegt tief unten in einer engen Schlucht, die von

Osten nach Westen geht. Die Mittagssonne steigt nie über den Rand der Schlucht empor. Es muß

ja Monate her sein, daß Sie überhaupt die Sonne gesehen haben.«

»Aber wie konnte ich das wissen?«

Er zuckte die Achseln. »Ich weiß eigentlich nicht, warum Sie es nicht hätten wissen sollen,

wenn Sie imstande waren, hundert Verrückte nach einer Goldmine zu führen.«

Sie warf ihm einen bösen Blick zu und humpelte weiter. Als er einige Minuten später von einem

Spaziergang nach der Stelle zurückkehrte, wo eine Schicht ächzender Patienten Fichtenzweige

sammelte, sah er die Seherin in die Hütte Arnos Wentworth’ treten und folgte ihr. Noch vor der

Tür hörte er ihre Stimme wimmern und betteln.

»Nur für mich«, bat sie, als Kid eintrat. »Ich werde es keiner Seele verraten.«

Beide starrten den Ankömmling eigentümlich schuldbewußt an, und Kid hatte den Eindruck, daß er

dicht vor einer Entdeckung stand, wenn er auch nicht wußte, um was es ging, und er verfluchte

sich, daß er nicht an der Tür gehorcht hatte.

»Heraus damit!« befahl er barsch. »Was ist los?«

»Was soll los sein?« fragte Arnos Wentworth mürrisch.

Kid konnte aus guten Gründen keine nähere Erklärung geben, was los sein sollte.

Die Lage wurde immer unheimlicher. In der Tiefe der dunklen Schlucht, wo nie die Sonne

hereinschien, stieg die Sterbeliste von Tag zu Tag. Und täglich untersuchten Kid und Kurz

gegenseitig ihren Mund, aus Furcht, daß der Gaumen und die Schleimhäute anfangen sollten, weiß

zu werden… das erste sichere Zeichen, daß sie von der Krankheit befallen wären.

»Jetzt hab’ ich genug«, erklärte Kurz eines Abends. »Ich hab’ mir die Sache genau überlegt.

Ich hab’ genug davon. Ich mache gern mit, wenn es gilt, Sklaven an die Arbeit zu treiben, aber

Krüppel anzutreiben, ist mehr, als mein Magen verträgt. Es wird immer schlimmer mit ihnen! Es

sind im ganzen kaum noch zwanzig Mann, die ich an die Arbeit treiben kann. Ich sagte heute

abend zu Jackson, daß er ruhig wieder ins Bett kriechen sollte. Er stand am Rande des

Selbstmords. Ich konnte es ihm direkt ansehen. Bewegung tut nicht gut.«

»Das hab’ ich auch eingesehen«, antwortete Kid.

»Wir werden sie alle von der Arbeit befreien mit Ausnahme von einem Dutzend, die uns helfen

müssen. Sie können sich ja ablösen. Und dann wollen wir mit dem Fichtentee aufhören. Der hilft

auch nichts.«

»Ich bin fast derselben Ansicht«, seufzte Kid. »Aber er schadet ihnen jedenfalls nicht.«

»Wieder ein Selbstmord«, berichtete Kurz am nächsten Morgen. »Philipps hat Schluß gemacht. Ich

hab’ es schon seit Tagen kommen sehen.«

»Ja, wir haben das Schicksal jetzt gegen uns«, klagte Kid. »Was würdest du vorschlagen, Kurz?«

»Wer? Ich? Ich gebe mich nicht mit Vorschlägen ab. Die Sache muß eben ihren schiefen Gang

weitergehen.«

»Aber das würde bedeuten, daß alle sterben«, protestierte Kid.

»Mit Ausnahme von Wentworth«, knurrte Kurz ärgerlich, denn er teilte schon längst den Unwillen

seines Partners gegen diesen Menschen.

Kid war ganz verblüfft über den immer noch guten Zustand Wentworth’, der unter den gegebenen

Verhältnissen das reine Wunder schien. Warum in aller Welt war er der einzige, der keinen

Skorbut bekam? Und warum haßte Laura Sibley ihn… während sie doch gleichzeitig winselte und

bettelte und ihn anflehte, um irgend etwas Geheimnisvolles von ihm zu bekommen? Was war dieses

Geheimnisvolle, das sie von ihm erhalten und das er ihr nicht geben wollte?

Kid hatte sich daran gewöhnt, hin und wieder einen Besuch in der Hütte Wentworth’ abzustatten,

wenn der seine Mahlzeiten einnahm. Aber das einzig Verdächtige, das er feststellen konnte, war

lediglich Wentworth’ Mißtrauen gegen ihn. Bei der nächsten Gelegenheit versuchte er, Laura

Sibley auszufragen.

»Rohe Kartoffeln würden ja die ganze Gesellschaft kurieren«, bemerkte er zu der Seherin. »Das

weiß ich. Ich habe schon früher gesehen, wie gut sie tun.«

In ihren Augen blitzte Zustimmung auf, wurde aber sofort von Haß und Bitterkeit verdrängt. Er

merkte, daß er auf die richtige Spur gekommen war.

»Warum haben Sie keine rohen Kartoffeln auf dem Dampfer mitgebracht?«

»Das taten wir ja auch. Als wir aber den Fluß heraufkamen, verkauften wir sie in Bausch und

Bogen in Fort Yukon. Wir hatten ja reichlich Eingemachtes und wußten, daß es sich besser

hielt.«

Kid stöhnte. »Und Sie haben wirklich alle verkauft?« fragte er.

»Ja. Wie konnten wir denn wissen…«

»Nein… aber blieben nicht vielleicht ein paar Säcke übrig?… So ganz zufällig, wissen Sie…

irgendwo auf dem Dampfer versteckt?«

Es kam ihm vor, als zögerte sie ein bißchen, ehe sie den Kopf schüttelte.

»Aber wäre das nicht doch möglich?« beharrte er.

»Wie soll ich das wissen?« fauchte sie wütend. »Ich hatte nicht das Amt eines

Proviantverwalters.«

»Das hatte wohl Arnos Wentworth…« Plötzlich fiel ihm die Möglichkeit ein. »… Gut, sehr gut…

aber was meinen Sie denn rein persönlich über diese Sache? Ganz unter uns. Glauben Sie, daß

Wentworth irgendwo rohe Kartoffeln versteckt hält?«

»Nein… sicher nicht… warum sollte er?«

»Warum sollte er nicht?«

Aber sie zuckte nur die Achseln.

»Wentworth ist ein Sauvieh«, gab Kurz seine Meinung von der Sache kund, als Kid ihm seinen

Verdacht mitgeteilt hatte.

»Und das ist Laura Sibley auch«, fügte Kid hinzu. »Sie glaubt, daß er Kartoffeln hat, hält es

aber geheim, weil sie hofft, daß er mit ihr teilen werde.«

»Und er will nicht?« Kurz fluchte der Schwäche des menschlichen Charakters mit ausgesuchten

Verwünschungen, bis er kaum noch japsen konnte.

Als es Nacht geworden war und das ganze Lager schnarchte und ächzte oder stöhnte, ohne

schlafen zu können, suchte Kid die bereits dunkle Hütte Wentworth’ auf.

»Hören Sie mal, Wentworth«, sagte er. »Ich habe in diesem Beutel genau tausend Dollar in

Goldstaub. Ich gelte als reicher Mann hier im Lande und kann es mir leisten. Ich fürchte, daß

ich auch angesteckt worden bin… Geben Sie mir eine rohe Kartoffel, und der Staub gehört Ihnen.

Hier… nehmen Sie.«

Es schauderte Kid, als Arnos Wentworth wirklich die Hand ausstreckte und das Gold nahm. Kid

hörte ihn in seinem Bett herumwühlen und dann merkte er, wie ihm… nicht das Gold, sondern eine

richtige Kartoffel in die Hand gedrückt wurde.

Kid wartete den nächsten Morgen nicht ab. Er und Kurz fürchteten, daß die zwei am meisten

angegriffenen ihrer Patienten jeden Augenblick sterben würden, und sie suchten deshalb deren

Hütten auf. Sie zerrieben die Kartoffel im Werte von tausend Dollar mit der Schale und dem

Schmutz, der daran klebte, in einer Tasse und träufelten von dieser breiigen Masse jede Stunde

ein wenig in die furchtbaren Löcher, die einst Münder gewesen waren. Die ganze Nacht hindurch

lösten sie einander ab, so daß sie den Patienten in regelmäßigen Zwischenräumen den

Kartoffelsaft einflößen konnten.

Als der nächste Tag zu Ende ging, schien ihnen die Besserung im Zustand der Patienten fast

wunderbar. Sie waren schon nicht mehr die Kränksten. Und als die Kartoffel nach achtundvierzig

Stunden verbraucht war, waren die beiden Patienten außer Gefahr, wenn auch noch längst nicht

geheilt.

»Ich will Ihnen sagen, was ich jetzt tun möchte«, sagte Kid zu Wentworth. »Ich besitze viele

Grundstücke hier im Lande, und mein Kredit ist so gut wie nur einer. Ich gebe Ihnen

fünfhundert Dollar für jede Kartoffel bis zum Gesamtbetrag von fünfzigtausend Dollar. Also für

insgesamt hundert Kartoffeln.«

»War das aller Staub, den Sie hatten?« fragte Wentworth.

»Kurz und ich haben alles zusammengescharrt, was wir bei uns hatten. Aber, offen gesagt, er

und ich sind zusammen mehrere Millionen schwer.«

»Ich habe keine Kartoffeln mehr«, sagte Wentworth schließlich. »Es ist wirklich schade. Die

Kartoffel, die ich Ihnen gab, war die einzige… Ich habe sie den ganzen Winter über aufbewahrt,

aus Angst, daß ich Skorbut kriegen würde. Ich habe sie nur abgegeben, um mir eine Fahrkarte

kaufen und das Land verlassen zu können.«

Obgleich die beiden Patienten keinen Kartoffelsaft mehr bekamen, hielt die Besserung noch am

dritten Tage an. Die Fälle aber, die nicht behandelt worden waren, wurden unterdessen immer

schlimmer. Am vierten Morgen wurden vier gräßlich aussehende Leichen begraben. Kurz machte

alles geduldig mit, aber dann wandte er sich zu Kid und sagte: »Du hast jetzt deine Methode

versucht. Jetzt bin ich an der Reihe.«

Er ging direkt in die Hütte Wentworth’. Er hat aber später nie – nicht einmal Kid – berichtet,

was dort vor sich ging. Er kam jedoch mit zerschlagenen, wunden Knöcheln wieder zum Vorschein,

und das Gesicht Wentworth’ wies nicht nur alle Anzeichen einer ziemlich unfreundlichen

Behandlung auf, er trug auch längere Zeit den Kopf schief und hatte einen steifen Hals. Diese

eigentümliche Haltung war zum Teil verständlich, wenn man die vier blauen und schwarzen Flecke

auf der einen und einen blau-schwarzen Fleck auf der anderen Seite seiner Kehle bemerkte. Es

waren ganz deutliche Spuren von Fingern.

Hierauf begaben Kid und Kurz sich nach der Hütte Wentworth’. Ihn selbst warfen sie in den

Schnee hinaus, während sie alles in seiner Hütte auf den Kopf stellten. Laura Sibley half

ihnen mit dem Eifer einer Verrückten beim Suchen.

»Du kriegst nicht soviel, wie auf meiner Hand liegen kann, altes Mädchen, und wenn wir eine

ganze Tonne finden«, versicherte Kurz ihr.

Aber sie sollte ebenso enttäuscht werden wie Kid und Kurz.

Sie fanden nicht das geringste, obgleich sie sogar den Boden aufbrachen.

»Ich bin dafür, ihn über einem langsamen Feuer zu rösten, bis er nachgibt«, schlug Kurz vor.

Kid schüttelte abweisend den Kopf.

»Er ist doch ein Mörder«, erklärte Kurz. »Er tötet ja all die armen Trottel ebenso, wie wenn

er ihnen mit einer Keule den Kopf zerschlüge.«

Und wieder verging ein Tag, an dem sie alle Bewegungen Wentworth’ überwachten. Mehrmals

näherten sie sich wie zufällig seiner Hütte, wenn er mit seinem Eimer ausging, um Wasser aus

dem Bach zu holen, und jedesmal eilte er zurück, ehe er Wasser geschöpft hatte.

»Die Kartoffeln sind offenbar in seiner Hütte versteckt«, sagte Kurz. »So sicher, wie Gott das

Mistzeugs geschaffen hat. Aber wo, zum Teufel, hat er sie denn? Wir haben doch wirklich alles

auf den Kopf gestellt.« Er stand auf und zog sich die Fäustlinge an. »Ich werde sie finden,

und wenn ich die Hütte abreißen sollte.«

Er sah Kid an, der mit einem abwesenden, nach innen gewandten Ausdruck dasaß und gar nicht

zugehört hatte.

»Was ist denn mit dir los?« fragte Kurz empört. »Du wirst mir doch nicht erzählen wollen, daß

du Skorbut gekriegt hast?«

»Ich versuche mich an etwas zu erinnern.«

»An was denn?«

»Das weiß ich eben nicht. Das ist ja das Verfluchte. Es war etwas sehr Gutes, wenn ich mich

nur entsinnen könnte.«

»Nun hör aber mal, Kid! Du vertrottelst doch wohl hier nicht allmählich?« sagte Kurz

eindringlich. »Denk auch ein bißchen an mich! Laß deinen Gehirnapparat etwas schneller

arbeiten. Komm und hilf mir die Hütte abreißen. Ich würde sie anzünden, wenn wir nicht

riskierten, die Kartoffeln dabei mitzubraten.«

»Ich hab’s«, rief Kid und sprang auf. »Das war es eben, an das ich mich zu erinnern suchte. Wo

steht die Petroleumkanne? Ich bin dabei, Kurz. Die Kartoffeln kriegen wir schon.«

»Was ist es denn?«

»Warte nur ab, mein Junge, dann wirst du schon sehen«, neckte ihn Kid.

Kurz darauf schlichen die beiden Männer – im blaßgrünen Schein des Nordlichts – nach der Hütte

von Arnos Wentworth.

Lautlos und vorsichtig gossen sie Petroleum über die Balken und besonders sorgfältig über Tür

und Fensterrahmen. Dann strichen sie ein Zündholz an, blieben stehen und sahen zu, wie das

brennende Öl sich ausbreitete.

Sie sahen, wie Wentworth aus der Hütte stürzte, mit wildem Schrecken die Feuersbrunst

anstarrte und dann wieder hineinstürmte. Kaum eine Minute war vergangen, als er wiederkam…

diesmal aber ganz langsam und tief gebückt unter der Last, die er auf seinem Rücken trug. Es

war ganz unverkennbar ein schwerer Sack. Kid und Kurz sprangen wie ein paar hungrige Wölfe auf

ihn los. Sie trafen ihn gleichzeitig von links und rechts. Er brach zusammen unter dem Gewicht

des Sacks, den Kid kräftig drückte, um den Inhalt mit Sicherheit festzustellen. Da merkte Kid,

wie Wentworth’ Arme seine Knie umfaßten, während der Mann ihm ein leichenfahles Gesicht

zuwandte.

»Geben Sie mir ein Dutzend, nur ein Dutzend… ein halbes Dutzend nur, dann überlasse ich Ihnen

den Rest«, heulte er. Er bleckte die Zähne und wollte, halb verrückt vor Wut, Kid in die Beine

beißen. Aber dann änderte er seinen Entschluß und begann zu betteln: »Nur ein halbes Dutzend«,

wimmerte er. »Ich wollte sie Ihnen ja sowieso morgen geben. Ja, ja, morgen früh… sie sind das

Leben… sie sind das Leben! Nur ein halbes Dutzend!«

»Wo ist der andere Sack?« bluffte ihn Kid.

»Den habe ich aufgegessen«, lautete die zweifellos aufrichtige Antwort. »Nur dieser Sack ist

übriggeblieben. Geben Sie mir doch ein paar… Sie können den ganzen Rest behalten.«

»Du hast sie aufgegessen?« brüllte Kurz. »Einen ganzen Sack voll! Und die armen Schlucker da

drüben sterben, weil sie keine haben! Da hast du… und hier… und hier… und da… Du verfluchtes

Dreckschwein… du Lausebengel!«

Der erste Hieb riß Wentworth von Kids Beinen fort, die er noch immer umklammert hielt. Der

nächste schlug ihn in den Schnee. Aber Kurz hieb immer wieder auf ihn los.

»Nimm deine Zehen in acht«, war das einzige, was Kid sagte.

»Ich brauche ja auch nur die Absätze«, antwortete Kurz.

»Hol’ mich der Teufel… Ich schlage ihm den Kopf in den Bauch hinein, daß er zwischen den

eigenen Rippen herausguckt und glaubt, er sitze hinter schwedischen Gardinen. Ich schlage ihn

zu Spinat… Da… und da… Nur schade, daß ich Mokassins und keine Stiefel anhabe. Du stinkiges

Mistschwein!«

Diese Nacht wurde im Lager wenig geschlafen. Stunde um Stunde machten Kid und Kurz die Runde

und gossen den lebenserneuernden Kartoffelsaft in die kranken Schlünde der Bevölkerung.

Jedesmal wurde nur ein viertel Löffel voll gegeben. Und den ganzen folgenden Tag setzten sie

diese Arbeit fort, doch wechselten sie jetzt miteinander ab, um auch selbst etwas Schlaf zu

bekommen.

Todesfälle gab es nicht mehr. Selbst die am schwersten Angegriffenen begannen, sich zu

erholen, und zwar kam die Besserung so plötzlich, daß man staunen mußte. Am dritten Tage waren

Männer, die viele Wochen lang nicht das Bett verlassen hatten, imstande, aufzustehen und

herumzugehen, wenn auch nur auf Krücken. Und an diesem Tag war die Sonne, die schon seit zwei

Monaten auf dem Anmarsch war, so liebenswürdige zum ersten Male einen freundlichen Blick über

den Rand der Schlucht zu werfen.

»Nicht so viel Kartoffeln wie auf meiner bloßen Hand«, sagte Kurz zu dem wimmernden und

flehenden Wentworth. »Sie haben ja gar keinen Skorbut. Sie haben einen ganzen Sack voll

aufgefressen und sind also gegen Skorbut für die ersten zwanzig Jahre gefeit. Jetzt, nachdem

ich Sie kennengelernt habe, verstehe ich erst den lieben Gott. Ich konnte nie begreifen, warum

er den Teufel am Leben ließ. Jetzt weiß ich aber, warum. Er ließ ihn am Leben, genau wie ich

Sie am Leben lasse. Aber es ist eigentlich ein Mordsskandal.«

»Nur einen freundschaftlichen Rat«, flüsterte Kid Wentworth zu. »Die Leute werden jetzt

schnell gesund sein. Und Kurz und ich können nur noch eine Woche hierbleiben – dann gibt es

keinen mehr, der Sie beschützen kann, wenn die Leute sich für Sie interessieren sollten. Dort

geht der Weg! Nach Dawson sind es nur achtzehn Tage…«

»Ja, machen Sie sich lieber dünne«, stimmte Kurz ihm bei, »sonst befürchte ich, daß das, was

ich Ihnen so freundlich gegeben habe, nur ein bescheidener Vorgeschmack von dem sein wird, was

Ihnen die andern Herren hier zuteilen werden.«

»Meine Herren, ich bitte Sie, schenken Sie mir doch Gehör«, heulte Wentworth. »Ich bin ja ganz

fremd in diesem schrecklichen Land. Ich weiß nicht einmal den Weg! Ich kenne die Sitten hier

nicht! Lassen Sie mich mit Ihnen gehen! Ich gebe Ihnen tausend Dollar, wenn Sie mich mit Ihnen

reisen lassen.«

»Glaub’ ich ja gern«, grinste Kid boshaft. »Aber meinetwegen, wenn Kurz nichts dagegen hat.«

»Wer? Ich?« Kurz erstarrte wie in einer ungeheuren Anspannung. »Ich? Ich bin ein Herr

Garnichts. Ich bin nur ein Wurm, eine Made, ein bescheidener Bruder der kleinsten Kröte, das

jüngste Kind von einem Brummer… ich fürchte freilich weder, was kreucht noch was fleucht… und

bin auch sonst nicht sehr schüchtern. Aber mit einer solchen Mißgeburt reisen… geh weg, Mann…

daß ich nicht kotze!«

Und Arnos Wentworth mußte allein abreisen. Und allein mußte er seinen Schlitten ziehen, der

mit genügend Proviant für die Fahrt nach Dawson beladen war. Eine Meile von dem Lager entfernt

wurde er von Kurz eingeholt.

»Du… komm mal her«, lautete Kurz’ Gruß… »Komm mal her… ein bißchen fix! Her mit der Pinke!«

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, erklärte Wentworth zitternd, denn er hatte die beiden

Portionen Prügel noch nicht vergessen, die Kurz ihm gegeben hatte.

»Ich meine die tausend Dollar, verstanden, mein Herr?… Die tausend Dollar, die Kid Ihnen als

Bezahlung für die lausige kleine Kartoffel gegeben hat. Das war Wucher… heraus damit!«

Wentworth warf ihm den Sack mit dem Goldstaub zu.

»Hoffentlich wirst du von einem Stinktier gebissen, du Schwein… und kriegst echte Tollwut!« so

lautete Kurz’ letzter Abschiedsgruß an Arnos Wentworth.

* * *

Die Geschichte eines kleinen Mannes

»Wenn du nur nicht so verdammt eigensinnig wärst«, murrte Kurz. »Mir flößt der verdammte

Gletscher da eine Hundeangst ein. Kein vernünftiger Mensch würde ganz allein mit so einem

Biest anbinden.«

Kid lachte heiter und ließ den Blick über die blinkende Oberfläche des kleinen Gletschers

schweifen, der den Eingang zu dem engen Tal versperrte. »Jetzt haben wir schon August, und in

den zwei letzten Monaten sind die Tage immer kürzer geworden«, sagte er, um Kurz die Situation

klarzumachen. »Du verstehst dich auf Quarz, und ich habe keine Ahnung davon. Aber ich kann den

Proviant hierherschaffen, während du die Mutterader suchst. Also auf Wiedersehen solange.

Morgen abend bin ich wieder da.«

Er drehte sich um und schickte sich zum Gehen an.

»Aber ich habe das Gefühl, daß etwas geschehen wird«, rief Kurz ihm nach.

Kid antwortete nur mit einem übermütigen Lachen und setzte seinen Weg durch das kleine Tal

fort. Ab und zu wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Im Gehen zertraten seine Stiefel

die reifen Berghimbeeren und die zarten Farnkräuter neben den kleinen eisbedeckten Pfützen,

die die Sonnenstrahlen noch nicht erreicht hatten.

Zeitig im Frühjahr waren Kurz und er den Stewart hinaufgezogen und hatten sich in das seltsame

Chaos begeben, das diese Gegend kennzeichnete, wo auch der Überraschungssee lag. Und sie

hatten den ganzen Frühling und den halben Sommer mit vergeblichen Wanderungen vergeudet.

Bis sie endlich – als sie schon drauf und dran waren umzukehren – zum erstenmal die tückische

Wasserfläche erblickten, die in ihrer Tiefe so viel Gold barg und die eine ganze Generation

von Goldsuchern verlockt und ins Unglück geführt hatte. Sie ließen sich in der Hütte, die Kid

bei seinem ersten Besuche gefunden hatte, häuslich nieder und entdeckten bald dreierlei.

Erstens, daß große Goldklumpen den Boden des Sees bedeckten, zweitens, daß man an den

seichteren Stellen nach dem Golde tauchen konnte, daß aber die niedrige Temperatur des Wassers

jeden Menschen töten mußte, und drittens, daß das Trockenlegen des Sees eine viel zu große

Arbeit war, als daß zwei Männer sie im Laufe der kürzeren Hälfte eines an sich kurzen Sommers

hätten ausführen können. Sie ließen sich dadurch aber nicht von ihrem Plan abschrecken. Und

aus der Größe der Goldkörner zogen sie den Schluß, daß es nicht von weither kommen konnte. Sie

begannen deshalb die Mutterader zu suchen. Sie überquerten den großen Gletscher, der düster

und drohend am südlichen Rande des Sees lag, und widmeten ihre Kräfte zunächst einer genauen

Untersuchung des verworrenen Labyrinths von kleinen Tälern und Canyons, die in einer sehr

wenig gebirgsmäßigen Weise nach dem See führten oder einst geführt hatten.

Das Tal, in das Kid jetzt hinabstieg, erweiterte sich allmählich nach Art jedes normalen

Tales. Aber sein unteres Ende wurde ganz unerwartet von hohen und schroffen Wänden eingeengt,

um plötzlich von einer Querwand ganz versperrt zu werden. Am Fuße dieser Wand verschwand das

Bächlein in einem Tohuwabohu von Felsen und fand offenbar seinen Ablauf irgendwo unter der

Oberfläche. Als Kid die Felswand erklommen hatte, sah er vom Gipfel aus den See tief unter

sich liegen. Im Gegensatz zu andern Bergseen, die er gesehen hatte, war dieser nicht blau,

sondern von intensiver pfauengrüner Farbe, und er schloß daraus, daß er sehr seicht sein

mußte; diese Seichtheit ermöglichte es eben, ihn trockenzulegen. An allen Seiten war der See

von einem Gewirr von Bergen umgeben, deren eisglitzernde Zinnen und Gipfel groteske Gestalten

und Gruppen bildeten. Es war alles chaotisch und planlos anzusehen… fast wie der böse Traum

eines Dore. So phantastisch und unwirklich erschien ihm das ganze Bild, daß es auf Kid eher

den Eindruck machte, ein landschaftlicher Witz des Schöpfers als ein vernünftiger Teil der

Erdoberfläche zu sein. In den Canons sah er viele Gletscher… die meisten waren freilich

ziemlich klein, aber während er noch dastand, kalbte vor seinen Augen ein größerer am

nördlichen Ufer des Sees unter Getöse und Schaumspritzern. Am gegenüberliegenden Ufer des Sees

- scheinbar nur eine halbe Meile, in Wirklichkeit aber, wie er wußte, mehr als fünf Meilen

entfernt – konnte er den kleinen Fichtenhain und die Hütte sehen. Er spähte noch einmal, um

seiner Sache sicher zu sein, hinüber und sah ganz deutlich Rauch aus dem Schornstein

aufsteigen.

Er überlegte sich, daß irgend jemand offenbar ganz unerwartet den See gefunden haben mußte.

Dann wandte er sich ab, um die südliche Wand zu erklettern.

Von deren Gipfel gelangte er in ein kleines Tal, das von bunten Blumen und dem schläfrigen

Summen der Bienen erfüllt war. Dieses Tälchen benahm sich ganz wie andere Täler, jedenfalls

insofern, als es in traditioneller Weise nach dem See führte. Aber doch stimmte seine Länge

nicht, denn es war kaum hundert Schritt lang. Es begann an einer Felswand, die mindestens

tausend Fuß hoch war und von der ein Bach sich wie ein Nebelschleier ins Tal stürzte.

Und wieder sah er hier Rauch. Diesmal stieg er jedoch irgendwo hinter einem vorspringenden

Felsblock träge durch den warmen Sonnenschein. Als Kid um den Felsen bog, hörte er das

metallische Geräusch von Hammerschlägen und ein heiteres Pfeifen, das den Takt markierte. Dann

sah er einen kleinen Mann, der einen Schuh mit der Sohle nach oben zwischen den Knien hielt

und große Bergsteigernägel hineinschlug.

»Donnerwetter«, lautete der Gruß des Fremden, und sofort schloß Kid den kleinen Mann in sein

Herz. »Sie kommen gerade rechtzeitig, um einen Happen mitzuessen. Hier ist Kaffee genug im

Topf, ein paar kalte Pfannkuchen und ein bißchen Pemmikan.«

»Ich wäre ein Esel, wenn ich ein so freundliches Angebot ablehnen würde«, erklärte Kid und

nahm Platz. »Bei den letzten Mahlzeiten habe ich ein bißchen sparen müssen. Aber sonst haben

wir Lebensmittel genug in der Hütte drüben.«

»Auf der andern Seite des Sees? Da wollte ich ja eben hin.«

»Es sieht so aus, als sei der Überraschungssee plötzlich volkstümlich geworden«, klagte Kid,

während er die Kaffeekanne leerte.

»Der Überraschungssee?… Na hören Sie mal, Sie machen doch Spaß, nicht wahr?« sagte der Mann,

und auf seinem Gesicht malte sich Erstaunen.

Kid lachte. »Ja, so wirkt der See auf alle. Sehen Sie die Felsterrasse drüben? Von dort habe

ich den See zum erstenmal gesehen. Ganz unverhofft. Auf einmal sah ich den ganzen See vor mir

liegen. Und ich hatte es damals schon aufgegeben, ihn überhaupt je zu finden.«

»So ging es mir auch«, stimmte der andere ihm bei. »Ich wollte gerade umkehren und hatte

gedacht, heute abend den Stewart zu erreichen, als ich plötzlich den See entdeckte. Aber wenn

das da der Überraschungssee ist, wo zum Teufel ist dann der Stewart? Und wo bin ich die ganze

Zeit gewesen? Und wie sind Sie hierhergekommen? Und wie heißen Sie eigentlich?«

»Bellew… Kid Bellew.«

»Oh, dann kenne ich Sie ja.« Die Augen und das ganze Gesicht des kleinen Mannes leuchteten vor

heller Freude, und er reichte Kid eifrig die Hand. »Ich habe schon allerlei von Ihnen gehört.«

»Sie lesen vermutlich die Polizeinachrichten?« fragte Kid bescheiden.

»Nee, doch nicht«, lachte der Mann und schüttelte den Kopf. »Nur die Tagesgeschichte von

Klondike. Ich hätte Sie ja gleich erkannt, wenn Sie glattrasiert gewesen wären. Ich war mit

dabei und habe Sie gesehen, als Sie das ganze Spielergesindel mit der Roulette im Elch zum

besten hielten. Ich heiße Carson – Andy Carson. Und ich kann gar nicht sagen, wie ich mich

freue, daß ich Sie getroffen habe.«

Er war ein kleiner schlanker Mann, hatte aber Muskeln wie Stahl, lebhafte blaue Augen und eine

anziehende, kameradschaftliche Art.

»Und das hier ist also wirklich der Überraschungssee?« murmelte er ungläubig.

»Ganz gewiß.«

»Und sein Boden ist mit Gold gepflastert?«

»Vollkommen richtig. Hier sehen Sie ein paar von den Pflastersteinen.« Kid steckte die Hand in

die Hosentasche und zog ein halbes Dutzend Goldklumpen heraus. »So sehen die Dinger aus. Sie

brauchen also nur zu tauchen – einfach ins Blinde – und können eine ganze Handvoll sammeln.

Dann müssen Sie freilich nachher eine halbe Meile laufen, um den Blutumlauf wieder in Ordnung

zu bringen.«

»Hol’ mich der Teufel, da sind Sie mir also zuvorgekommen«, fluchte Carson launig, aber er war

ganz offensichtlich sehr enttäuscht. »Und ich bildete mir schon ein, daß ich die ganze

Goldmühle für mich allein haben sollte. Na, ich habe ja jedenfalls das Vergnügen gehabt, den

Weg hierher zu finden.«

»Das Vergnügen?« rief Kid. »Wenn es uns gelingt, alles Gold, das dort in der Tiefe liegt, in

die Finger zu kriegen, wird Rockefeller ein Waisenknabe gegen uns sein.«

»Es gehört ja alles Ihnen«, wandte Carson ein.

»Quatsch, lieber Freund. Sie müssen sich mal klarmachen, daß noch nie, solange es Goldminen

gibt, ein solches Goldlager gefunden wurde wie dieses. Wir brauchen Sie und mich und meinen

Partner und alle Freunde, die wir finden können, um das Gold in die Finger zu kriegen. Bonanza

und Eldorado zusammen sind nicht soviel wert wie ein halber Morgen da unten, selbst wenn man

sie beide in einen Topf schmeißt. Die Frage ist nur, wie man den See trockenlegt. Das wird

Millionen kosten. Und ich habe eine Befürchtung. Es ist nämlich so viel Gold darin, daß es,

wenn wir es nicht zurückhalten, einfach im Wert fallen wird.«

»Und Sie sagen, daß ich…« Carson verstummte sprachlos.

»Und wir sind froh, daß Sie mitmachen. Wir werden ein oder zwei Jahre und alles Geld, das wir

haben, brauchen, um den See trockenzulegen. Aber es ist zu machen! Ich habe den Boden genau

untersucht. Aber wir werden jeden Mann im Lande brauchen, der für guten Lohn arbeiten will.

Wir brauchen ein ganzes Heer, und jetzt im Anfang vor allem anständige Menschen, die mitmachen

wollen. Wollen Sie mit dabei sein?«

»Ob ich will? Sehe ich nicht so aus? Ich fühle mich schon dermaßen als Millionär, daß ich

Angst habe, den großen Gletscher dort zu überschreiten. Jetzt kann ich es mir nicht mehr

leisten, das Genick zu brechen. Ich möchte gern noch einige von den großen Nägeln da haben.

Ich schlug mir gerade die letzten ein, als Sie kamen. Wie sind Ihre denn? Lassen Sie mal

sehen?«

Kid hob den einen Fuß.

»Glattgescheuert wie `ne Schlittschuhbahn!« rief Carson.

»Die müssen Sie gründlich gebraucht haben. Warten Sie einen Augenblick, dann ziehe ich einige

von meinen heraus und gebe sie Ihnen.«

Aber Kid wollte nichts davon wissen. »Außerdem«, fügte er hinzu, »habe ich ungefähr zwölf

Meter Seil da, wenn wir ans Eis kommen. Mein Partner und ich haben es gebraucht, als wir

hinübergingen. Es ist ganz einfach.«

Es war ein mühseliges und warmes Klettern. Die Sonne blendete sie auf der flimmernden

Eisfläche, der Schweiß strömte aus allen Poren, und sie stöhnten vor Anstrengung. Es waren

Stellen da, die von unzähligen Rissen und Spalten durchquert wurden, wo sie nach einer

gefährlichen und mühseligen Arbeit von einer Stunde kaum mehr als hundert Meter weitergekommen

waren. Als sie um zwei Uhr nachmittags eine kleine Wasserpfütze, die sich im Eis gesammelt

hatte, erreichten, machte Kid halt.

»Wollen wir nicht ein bißchen Pemmikan futtern?« sagte er. »Ich bin etwas knapp mit Proviant,

und ich merke, daß mir die Knie zittern. Außerdem haben wir schon das Schlimmste hinter uns.

Wir haben nur noch dreihundert Meter bis zu den Felsen drüben, und es ist kein schlimmer Weg,

mit Ausnahme von einigen unangenehmen Spalten und einer besonders bösen, die uns zu dem

Vorsprung führt… es kommt freilich eine etwas schwächliche Eisbrücke, aber Kurz und ich sind

damals doch hinübergegangen.«

Während die beiden Männer aßen, lernten sie einander besser kennen, und Andy Carson machte

keine Mördergrube aus seinem Herzen, sondern erzählte seine ganze Lebensgeschichte.

»Ich wußte ja, daß ich den Überraschungssee finden würde«, sagte er zwischen zwei Bissen. »Und

ich mußte es auch. Denn ich kam zu spät bei den Franzosenbänken, beim großen Skookum und bei

Monte Christo… und da hieß es eben Überraschungssee oder sich aufhängen. Und da bin ich also

jetzt. Meine Frau wußte auch, daß ich es schaffen würde. Ich habe schon Vertrauen genug, aber

es ist gar nichts gegen das ihrige. Sie ist überhaupt prima, primissima… Edelware… geht keiner

Arbeit aus dem Wege, reines Gold vom Scheitel bis zur Sohle, ein Prachtstück, kennt weder das

Wort niemals noch kann nicht oder so was. Eine Kampfnatur durch und durch. Die einzige Frau

für mich, waschecht und alles, was dazu gehört. Sehen Sie nur mal…«

Er öffnete seine Uhr, und auf der Innenseite des Deckels sah Kid eine kleine dort eingeklebte

Photographie. Sie zeigte eine blondhaarige Frau, und zu jeder Seite das lachende Gesicht eines

Kindes.

»Jungens?« fragte er.

»Junge und Mädel«, antwortete Carson stolz. »Er ist anderthalb Jahre älter.« Er seufzte. »Sie

hätten ja älter sein können, aber wir mußten eben so lange warten. Sehen Sie, meine Frau war

krank. Die Lunge… aber sie hat den Kampf mit der Krankheit aufgenommen. Was zum Kuckuck

verstanden wir davon? Ich war im Büro – bei der Eisenbahn, Chicago -, als wir heirateten. Ihre

Verwandten waren alle tuberkulös. Damals hatten die Ärzte ja nicht viel Schimmer. Sie sagten,

daß es erblich wäre! Die ganze Familie hatte Tuberkulose. Einer bekam es vom andern, nur

dachten sie nie daran. Bildeten sich alle ein, damit geboren zu sein. Schicksal! Sie und ich

lebten die ersten Jahre mit den andern zusammen. Ich hatte keine Angst. In meiner Familie gab

es keine Tuberkulose. Aber ich kriegte sie. Das gab mir zu denken. Es war also ansteckend. Ich

kriegte sie, weil ich die Ausdünstung der andern einatmete.

Wir besprachen die Sache. Sie und ich. Dann schickte ich den alten Hausarzt zum Teufel und

fragte einen modernen Spezialisten um Rat. Der erzählte mir, was ich mir selbst ausgeknobelt

hatte. Und sagte auch, daß Arizona die richtige Gegend für uns wäre. Da brachen wir unsere

Zelte ab und reisten hin. Nicht einen Cent. Ich fand eine Stellung als Schafhirt und ließ die

Frau in der Stadt, einer richtigen Lungenstadt, so voll von Lungenkranken, daß man kaum

spucken konnte.

Na, ich lebte und schlief ja im Freien und begann mich bald zu erholen. Ich war immer

monatelang draußen. Und jedesmal, wenn ich zurückkam, ging es ihr schlechter. Sie konnte

einfach nicht gesund werden. Aber wir hatten was gelernt. Ich nahm sie weg aus der verfluchten

Stadt. Sie ging einfach mit mir Schafe hüten. Vier Jahre, Sommer und Winter, in Hitze und

Kälte, im Regen, Schnee und Frost und allem Dreckwetter schliefen wir im Freien. Nie unter

Dach. Und wir wechselten immer wieder unsern Lagerplatz. Sie hätten nur den Unterschied sehen

sollen… braun wie Kaffeebohnen, mager wie Indianer, zäh wie frischgegerbtes Leder. Als wir uns

einbildeten, geheilt zu sein, gingen wir nach San Franzisko zurück. Aber wir waren zu voreilig

gewesen. Schon im zweiten Monat hatten wir leichte Blutstürze. Sofort flüchteten wir wieder

nach Arizona und zu unseren Schafherden. Blieben noch zwei Jahre dort. Dann waren wir in

Ordnung. Vollkommen geheilt. Ihre ganze Familie ist ausgestorben. Wollten nicht hören, was wir

ihnen sagten. Wir hielten uns aber von allen Städten fern. Zogen die Küste des Pazifiks

hinunter. Das südliche Oregon gefiel uns besonders gut. Wir ließen uns im Rogue-River-Tal

nieder. Äpfel! Hat eine große Zukunft. Ich bekam meinen Grund und Boden – natürlich in Pacht -

für vierzig Dollar den Morgen. In zehn Jahren wird er fünfhundert wert sein.

Aber wir haben ja auch anständig geschuftet. Kostet auch viel Geld, so was. Und anfangs hatten

wir keinen Cent, verstehn Sie, und mußten das Haus bauen, die Scheune, Pferde, Pflüge und

alles andere anschaffen. Sie hielt zwei Jahre lang Schule. Dann kam der Junge! Sie sollten nur

die Bäume sehen, die wir gepflanzt haben… hundert Morgen voll! Fast alle tragen jetzt. Aber

damals machte es ja nur Kosten… und dazu waren auch immer noch die Hypothekenzinsen zu

bezahlen. Deshalb bin ich ja hier. Sie macht die Sachen dort unten, und ich sitze hier, ein

erstklassiger, verfluchter Millionär… wenn man nach den Aussichten gehen darf.«

Er war einen glücklichen Blick über das Eis, das im Sonnenschein flimmerte, nach dem grünen

See in der Ferne.

Dann sah er auch die Photographie an und murmelte: »Sie ist ein Prachtstück von einer kleinen

Frau, das ist sie. Donnerwetter, wie sie geschuftet hat! Sie wollte einfach nicht sterben,

obgleich sie nur noch Haut und Knochen war, die um ein kleines Häufchen brennenden Feuers

gewickelt waren, als wir mit den Schafen losgingen. Oh, sie ist immer noch dünn, sie wird auch

nie dick werden. Aber es ist die süßeste Dünnheit, die ich je gesehen habe, und wenn ich

zurückkomme, und die Bäume tragen, und die Kleinen gehen in die Schule, dann werden wir beide,

meine Frau und ich, nach Paris fahren. Ich habe freilich nicht viel Vertrauen zu der

verdammten Stadt, aber sie hat sich ihr ganzes Leben danach gesehnt.«

»Nun, und hier liegt ja das Gold, das Sie nach Paris bringen wird«, versicherte ihm Kid. »Wir

brauchen nur die Hand danach auszustrecken.«

Carson nickte mit leuchtenden Augen. »Ich sage ja, unsere Farm ist der hübscheste Obstgarten

Gottes an der ganzen Pazifikküste. Und ein herrliches Klima dazu! Unsere Lungen werden nicht

mehr zum Teufel gehen. Leute, die Tuberkulose gehabt haben, müssen sonst vorsichtig sein,

wissen Sie! Wenn Sie sich mal irgendwo ansässig machen wollen, dann werfen Sie zuerst einen

Blick in unser Tal, ehe Sie sich entscheiden. Das müssen Sie tun! Unbedingt! Und fischen kann

man dort. Donnerwetter! Haben Sie je einen Lachs von fünfunddreißig Pfund mit einer Angelrute

von sechs Unzen gefangen?«

»Ich bin um vierzig Pfund leichter als Sie«, sagte Carson. »Lassen Sie mich vorangehen.«

Sie standen am Rande der großen Spalte. Sie war wirklich ungeheuer groß und alt, mindestens

hundert Fuß breit und hatte schräge, vom Alter verwitterte Hänge statt scharfer Ränder. An der

Stelle, wo Kid und Carson standen, wurde sie von einem riesigen Haufen festgeballten Schnees

überbrückt, der halb zu Eis geworden war. Sie konnten nicht einmal sehen, wo dieser

Schneehaufen aufhörte, oder wie tief er in den Spalt hinabreichte, und noch weniger, wie tief

dieser Spalt selbst war. Die Brücke begann indessen schon zu schmelzen und drohte jeden

Augenblick zusammenzubrechen. Man konnte sehen, daß Teile davon erst kürzlich abgebröckelt

waren. Und selbst in dem Augenblick, als die beiden diese Brücke untersuchten, brach ein Stück

im Gewicht von einer halben Tonne ab und stürzte in die Tiefe.

»Sieht scheußlich unsicher aus«, gab Carson zu, während er bedenklich den Kopf schüttelte.

»Und sie sieht viel schlimmer aus als damals, als ich noch kein Millionär war.«

»Aber wir müssen losgehen«, sagte Kid. »Wir sind schon zu weit, um umkehren zu können. Und die

ganze Nacht hier oben auf dem Eis lagern können wir auch nicht. Es gibt keinen andern Weg.

Kurz und ich haben eine ganze Meile zu beiden Seiten geforscht. Aber die Brücke war damals,

als wir sie überschritten, freilich in besserem Zustande.«

»Sie kann nur einen tragen. Lassen Sie mich zuerst hinübergehen.« Carson nahm Kid den Schlag

des Seiles aus der Hand. »Sie müssen loslassen. Ich nehme das Seil und die Hacke. Geben Sie

mir die Hand, so daß ich leichter hinuntersteigen kann.«

Langsam und vorsichtig kletterte er einige Fuß bis zur Brücke hinunter, auf der er dann einen

Augenblick stehenblieb, um die letzten Vorbereitungen für den gefährlichen Übergang zu

treffen. Auf dem Rücken trug er seine Ausrüstung. Das Seil legte er sich um den Hals, so daß

es auf seinen Schultern ruhte.

Das eine Ende war indessen um seinen Körper festgebunden.

»Ich würde einen ansehnlichen Teil meiner künftigen Million für eine Bande tüchtiger

Brückenarbeiter geben«, sagte er, aber sein heiteres, launiges Lächeln strafte seine Worte

Lügen.

Dann fügte er hinzu: »Alles in Ordnung! Ich bin die reine Katze.«

Die Hacke und die lange Stange, die er als Alpenstock benutzte, hielt er des Gleichgewichts

wegen waagerecht vor sich wie ein Seiltänzer. Er setzte erst den einen Fuß prüfend vor, zog

ihn wieder zurück und nahm sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen.

»Ich möchte lieber eine arme Laus sein«, sagte er lächelnd; »wenn ich diesmal kein Millionär

werde, versuche ich es nie wieder. Es ist doch zu unbequem.«

»Wird schon gehen«, ermunterte ihn Kid. »Ich bin ja schon einmal hinübergekommen. Lassen Sie

mich lieber zuerst versuchen.«

»Ausgerechnet Sie mit Ihren vierzig Pfund Mehrgewicht«, gab der kleine Mann eifrig zurück. »In

einer Minute bin ich bereit. Ich bin es schon.«

Diesmal hatte er seine Nerven sofort in der Gewalt.

»Gut, hier geht es um den Rogue River und die Äpfel«, sagte er, als er den Fuß vorsetzte.

Diesmal aber ließ er ihn leicht und vorsichtig stehen, während er den andern langsam und

sachte hob und an ihm vorbeischob. Mit großer Umsicht und Sorgfalt setzte er dann den Weg über

die zerbrechliche Brücke fort, bis er zwei Drittel des Weges zurückgelegt hatte. Dann machte

er halt, um eine Vertiefung zu untersuchen, die er überschreiten mußte. Er bemerkte aber darin

einen ganz frischen Riß und blieb zögernd stehen. Kid, der ihn die ganze Zeit beobachtete,

sah, daß er erst zur Seite und dann in die Tiefe hinunterblickte und darauf leise hin und her

zu schwanken begann.

»Nicht nach unten blicken«, befahl Kid barsch. »Weitergehen… sofort!«

Der kleine Mann gehorchte und schwankte nicht mehr unterwegs. Der von der Sonne zernagte

Abhang auf der andern Seite der Kluft war schlüpfrig, aber nicht steil, und es gelang ihm, ein

schmales Felsstück zu erreichen, das aus der Wand vorsprang. Dort wandte er sich mit dem

Gesicht gegen Kid und setzte sich.

»Jetzt ist die Reihe an Ihnen!« rief er ihm zu. »Aber bleiben Sie nicht stehen und sehen Sie

auch nicht nach unten! Und jetzt los! Der ganze Mist hier taugt schon nichts mehr.«

Kid begann mit waagerecht gehaltenem Stock den Übergang.

Es war klar, daß die Brücke schon in ihren letzten Zügen lag.

Er vernahm ein Knistern unter seinen Füßen. Die ganze Schneemasse schien sich zu bewegen. Das

Knistern wurde immer stärker. Dann hörte er einen einzelnen scharfen Knack.

Er erkannte, daß irgend etwas Schlimmes hinter ihm geschah.

Hätte er sonst nichts gespürt, so würde schon der gespannte und erregte Ausdruck in Carsons

Gesicht es ihm enthüllt haben. Aus der Tiefe hörte er das leise und schwache Plätschern eines

rieselnden Baches, und ganz unwillkürlich und unfreiwillig warf er einen schnellen Blick in

den schimmernden Abgrund. Dann nahm er sich zusammen und starrte wieder geradeaus. Als er die

zwei Drittel zurückgelegt hatte, war er bei der Vertiefung angelangt. Die scharfen Ränder des

Risses, die von der Sonne noch kaum berührt waren, zeigten deutlich, wie frisch er war. Kid

hob bereits den einen Fuß, um den Riß zu überqueren, als dieser langsam breiter zu werden

begann, während Kid gleichzeitig eine Reihe von scharfen, schnappenden Geräuschen vernahm. Er

wollte sich beeilen weiterzukommen und machte deshalb den Schritt länger als beabsichtigt.

Aber dadurch glitt sein Schuh, dessen Nägel abgeschliffen waren, auf der andern Seite des

Risses aus. Er fiel auf sein Gesicht und rutschte sofort in den Spalt der Brücke hinab. Seine

Beine schwebten frei in der Luft, aber es war ihm gelungen, im Fallen den Stock quer über die

Lücke zu legen, und er konnte jetzt seine Brust dagegen stemmen…

Zuerst wurde ihm ganz übel, weil sein Herz mit unheimlicher Schnelligkeit klopfte. Sein erster

Gedanke war indessen nur Staunen, daß er nicht tiefer gefallen war. Hinter sich vernahm er

Krachen und Knistern und ein Schütteln, das seinen Stock zittern ließ. Und tief, tief unter

sich, aus dem Herzen des Gletschers, drang das leise und hohle Dröhnen der Schneemassen zu ihm

herauf, die sich losgerissen hatten und auf den Boden des Abgrundes schlugen. Dennoch hielt

die Brücke immer noch, obgleich sie an der andern Seite fast völlig vom Felsen losgerissen war

und in der Mitte den großen Riß hatte, während der Teil, den er bereits zurückgelegt hatte, in

einem Winkel von zwanzig Grad abwärts hing. Er konnte sehen, daß Carson, der auf seinem

Vorsprung saß, die Füße fest gegen die allmählich schmelzende Oberfläche stemmte, schnell das

Seil von der Schulter nahm und es abzuwickeln begann.

Mit einem schnellen Blick berechnete Carson den Abstand, löste das Tuch, das er um den Hals

trug, und knüpfte es an das Seil, das er durch ein zweites Tuch, das er in seiner Tasche

hatte, noch weiter verlängerte. Das Seil selbst war aus Schlittentauen und kurzen,

zusammengeflochtenen Ledersträngen geknüpft und sowohl leicht wie stark. Carson warf es sehr

gewandt und hatte gleich Erfolg, so daß es Kid gelang, es zu ergreifen. Er hatte offenbar die

Absicht, mit dem Seil in der Hand aus dem Spalt zu kriechen. Aber Carson, der inzwischen das

andere Ende des Seils um seinen Körper gebunden hatte, hinderte ihn daran.

»Binden Sie es sich auch um«, befahl er.

»Wenn ich dann hinunterstürze, ziehe ich Sie mit«, wandte Kid ein.

Der kleine Mann erlaubte keinen Widerspruch. »Halten Sie den Mund«, kommandierte er. »Der

Klang Ihrer Stimme genügt vollkommen, um das Ding da zum Einsturz zu bringen.«

»Wenn ich aber wirklich zu gleiten beginne…«, begann Kid.

»Halten Sie jetzt gefälligst die Schnauze… Sie werden überhaupt nicht zu fallen beginnen,

verstanden? Nun tun Sie, wie ich gesagt habe… so… so ist’s richtig… unter die Achsel. Binden

Sie es gehörig fest… Jetzt… Los! Aber vorsichtig! Ich werde das Seil schon einholen! Kommen

Sie jetzt…« Kid war vielleicht zehn Schritt weit gekommen, als die Brücke völlig

zusammenzubrechen begann. Lautlos und stoßweise zerbröckelte sie und stellte sich dabei immer

schräger.

»Schnell«, rief Carson und holte mit beiden Händen das Seil ein, das sich durch Kids Bewegung

gelockert hatte.

Als es dann krachte, krampften sich Kids Finger in die harte Wand, während sein Körper von der

zerbröckelnden Brücke nach unten gezogen wurde. Carson saß, die Beine gespreizt und gegen den

Boden gestemmt, da und holte das Seil aus allen Kräften ein. Durch diese Bemühungen wurde Kid

wohl an die Wand heran, gleichzeitig aber Carson aus der Höhlung, in der er saß,

herausgezerrt. Er schnellte wie eine Katze herum, krallte sich mit wilder Energie am Eise

fest, glitt aber doch hinab. Unter ihm – mit vierzig Fuß Seil zwischen ihnen – kämpfte Kid

ebenso verzweifelt, um sich festzuhalten. Aber ehe das Dröhnen aus der Tiefe ihnen meldete,

daß die Brücke den Boden des Abgrunds erreicht hatte, waren beide hängengeblieben. Carson fand

zuerst eine Stelle, und das bißchen Gewicht, das er jetzt in seinen Zug am Seil noch legen

konnte, genügte, um seinen eigenen Sturz aufzuhalten.

Beide blieben in kleinen Vertiefungen stecken, aber die von Kid war so schmal, daß er ohne

Hilfe von oben doch tiefer gestürzt wäre, obgleich er sich aus allen Kräften an die Wand

drückte und festkrallte. Er hing über einem Vorsprung an der Felswand und konnte deshalb nicht

hinabsehen. Einige Minuten vergingen, während deren beide sich bemühten, sich Klarheit über

ihre Lage zu verschaffen. Auch machten sie verblüffende Fortschritte in der Kunst, sich an dem

nassen und glitschigen Eise festzukrallen. Der kleine Mann war der erste, der zu sprechen

begann.

»Kreuzdonnerwetter«, sagte er. Und fügte dann eine Minute später hinzu: »Wenn Sie sich einen

Augenblick festhalten und das Seil ein bißchen lockern, werde ich mich umdrehen können.

Versuchen Sie es mal.«

Kid machte einen Versuch, stützte sich aber dann wieder auf das Seil.

»Es geht«, meinte er. »Sagen Sie mir, wann Sie bereit sind. Aber schnell.«

»Ungefähr drei Fuß unter mir ist eine Stelle, wo meine Hacken Halt finden können«, sagte

Carson. »Ich brauche nur einen Augenblick dazu. Sind Sie bereit?«

»Nur los.«

Es war eine schwere Arbeit, die paar Meter hinabzukriechen und sich dann umzudrehen und

hinzusetzen. Aber es war noch schwerer für Kid, sich eng an die Eiswand zu pressen und in

einer Lage zu verharren, die von Minute zu Minute immer höhere Anforderungen an seine Muskeln

stellte. Er merkte schon, wie er ganz leise, fast unmerklich, hinabzurutschen begann, als das

Seil sich endlich wieder straffte. Da sah er auch schon das Gesicht Carsons über sich. Kid

bemerkte, daß die sonnengebräunte Haut Carsons ganz fahl war, weil ihm das Blut aus dem

Gesicht gewichen war, und er dachte, wie er wohl aussehen mochte. Als er dann aber sah, wie

Carson mit zitternden Fingern nach seinem Messer tastete, sagte er sich, daß er Schluß machen

müßte. Der Mann war offenbar außer sich vor Angst und wollte das Seil durchschneiden.

»Kü… kü… kümmern Sie si… si… sich nur nicht um mi… mi… mich…«, stotterte der kleine Mann. »Mir

i… i… ist ga… gar nicht ba… bange. Es sind n… nur meine Ne… nerven… hol… hol sie der T…

teufel… In einer Mi… mi… nu… nute geht es wie… wie… wieder.«

Und Kid beobachtete ihn, wie er dalag: ganz zusammengekauert, die Schultern zwischen den

Knien, zitternd und linkisch. Mit der einen Hand straffte er das Seil ein bißchen, mit der

andern, die das Messer hielt, schlug und hieb er Löcher für seine Absätze in das Eis.

Kid wurde es ganz warm ums Herz. »Hören Sie mal, Carson. Sie können mich nie da hinaufziehen,

und es hat keinen Zweck, daß wir beide zum Teufel gehen. Machen Sie Schluß und schneiden Sie

das Seil durch…«

»Halten Sie doch die Schnauze«, lautete die empörte Antwort. »Wem gehört der Laden hier?«

Und Kid merkte, daß der Zorn ein gutes Heilmittel für die Nerven des andern war. Für seine

eigenen Nerven war es eine schlimme Belastung, eng an das Eis gedrückt dazuliegen, ohne etwas

anderes tun zu können, als sich festzukrallen. Ein Stöhnen und ein schneller Ruf: »Halten Sie

sich fest!« warnten ihn. Das Gesicht gegen die Eiswand gedrückt, machte er eine äußerste

Anspannung, um sich festzuhalten, merkte, daß das Seil sich lockerte, und erkannte, daß Carson

im Begriff war, zu ihm herunterzugleiten. Er wagte erst aufzublicken, als er merkte, daß das

Seil sich wieder straffte, und wußte, daß der andere einen neuen Halt gefunden hatte.

»Pfui Deibel… Das war aber auf der Kippe«, stotterte Carson. »Ich bin mehr als einen Meter

weit gerutscht. Nun müssen Sie ein bißchen warten. Ich muß mir einen neuen Halt hauen. Wenn

dies verfluchte Eis nicht so verdammt brüchig wäre, würden wir besser dran sein.«

Und während der kleine Mann mit der einen Hand das Seil so straff hielt, wie es für Kid

dringend notwendig war, zerhieb und zerriß er das Eis mit dem Messer, das er in der andern

hielt. So vergingen zehn Minuten.

»Jetzt werde ich Ihnen sagen, was wir zu tun haben«, rief Carson zu Kid hinunter. »Ich habe

Löcher für Ihre Hände und Füße neben mir gehauen. Jetzt werde ich das Seil ganz langsam und

vorsichtig einholen, und dann kommen Sie herauf. Aber halten Sie sich gut fest, und machen Sie

nicht zu schnell! Ich will Ihnen vorher noch was sagen. Ich halte Sie am Seil fest, und Sie

werfen unterdessen das ganze Gepäck weg. Verstanden?«

Kid nickte und löste mit unendlicher Vorsicht seinen Rucksackriemen. Dann schüttelte er

kräftig die Schultern, so daß der Rucksack abfiel. Carson sah, wie das Gepäck über den

Vorsprung kollerte und in der Tiefe verschwand.

»Jetzt werfe ich meinen weg«, rief er hinab. »Inzwischen müssen Sie sich nur ruhig verhalten.«

Fünf Minuten darauf begann für Kid der Kampf, um nach oben zu gelangen. Erst wischte er sich

die Hände an der Innenseite seiner Ärmel ab, dann begann er vorsichtig hinaufzuklettern… kroch

auf dem Bauche, klammerte, krallte und krampfte sich an die Wand… unterstützt und festgehalten

von dem Zug Carsons am Seil. Allein wäre er nicht einen Zoll vorwärts gekommen. Trotz seiner

stärkeren Muskeln konnte er nicht wie Carson klettern, weil sein Mehrgewicht von vierzig Pfund

ihn behinderte. Als er ein Drittel des Weges hinter sich hatte und die Wand steiler und das

Eis weniger brüchig wurde, fühlte er, daß der Zug, am Seil nachließ. Immer langsamer ging es

vorwärts. Hier war es aber ausgeschlossen, stehenzubleiben und zu warten. Und selbst mit der

größten Anstrengung war es ihm nicht möglich, weiterzukommen. Er merkte auch schon, wie er

wieder hinabzugleiten begann.

»Ich rutsche«, rief er nach oben.

»Ich auch«, lautete die Antwort, die Carson mit Mühe durch die Zähne hervorstieß.

»Dann lassen Sie das Seil fahren.«

Kid merkte, daß das Seil sich eine Sekunde in einer vergeblichen Anspannung straffte… dann

rutschte er schneller nach unten, und während er zu seinem früheren Standpunkt, ja über den

Vorsprung hinabglitt, sah er gerade noch, wie Carson dort auf den Rücken gefallen war und wie

ein Wahnsinniger mit Armen und Beinen zappelte, um nicht weiter hinabgezogen zu werden. Zu

Kids Staunen stürzte er selbst, als er den Vorsprung passiert hatte, nicht jäh in die Tiefe.

Das Seil hielt ihn etwas zurück, als er einen noch schrofferen Abhang hinunterrutschte, der

jedoch gleich wieder sanfter wurde, und schließlich blieb er in einer neuen Vertiefung am

Rande eines neuen Vorsprungs liegen. Carson konnte er jetzt gar nicht mehr sehen, denn der lag

ihm verborgen an der Stelle, die Kid vorher eingenommen hatte.

»Pfui Deibel«, hörte er Carson mit klappernden Zähnen stottern.

Einen Augenblick herrschte Stille. Dann merkte Kid, daß das Seil angezogen wurde.

»Was machen Sie denn?« rief er hinauf.

»Ich haue neue Löcher für Hände und Füße«, lautete die zitternde Antwort. »Sie müssen eben so

lange warten. Ich werde Sie im Handumdrehen heraufziehen. Kehren Sie sich nicht daran, wie ich

spreche! Ich bin eben ein bißchen aufgeregt! Sonst bin ich aber ganz auf der Höhe. Warten Sie

nur, dann werden Sie sehen!«

»Sie halten mich ja nur durch Ihre Kraft«, wandte Kid ein. »Früher oder später, wenn das Eis

schmilzt, rutschen Sie mir nach. Das einzige, was Sie zu tun haben, ist das Seil

durchzuschneiden. Tun Sie, wie ich Ihnen sage! Es hat doch keinen Zweck, daß wir beide zum

Teufel gehen. Sie sind der größte kleine Mann in der ganzen Welt, und Sie haben Ihr Bestes

getan. Schneiden Sie mich jetzt los.«

»Nun halten Sie doch endlich einmal Ihre werte Schnauze. Ich haue jetzt hier Löcher, und

diesmal so tief, daß ich ein ganzes Pferdegespann heraufziehen könnte.«

»Sie haben mich schon lange genug festgehalten«, erklärte Kid eindringlich. »Lassen Sie mich

fahren.«

»Wie oft habe ich Sie gehalten?« fragte der Mann wütend.

»Mehrmals… und jedesmal war einmal zuviel… Sie rutschen ja selbst immer weiter herunter.«

»Und dabei lerne ich immer mehr, wie die Sache zu deichseln ist. Ich werde Sie festhalten, bis

wir aus diesem Schlamassel heraus sind. Verstehen Sie? Als Gott mich zu einem Leichtgewichtler

machte, wußte er schon, denke ich mir, was er tat. Also… Maul halten und still sein! Ich habe

hier zu tun…«

Wieder vergingen einige Minuten in Schweigen. Kid konnte den metallischen Klang des Messers

hören, mit dem der Kleine auf das Eis losschlug, und hin und wieder glitten kleine

Eisstückchen über den Vorsprung zu ihm herab. Da er durstig war, fing er, sich mit Händen und

Füßen festkrallend, einige dieser Stückchen mit den Lippen und ließ sie im Munde zergehen, um

sich auf diese Weise zu erfrischen.

Er hörte Carson schwer atmen, vernahm ein klagendes Stöhnen der Verzweiflung und merkte, daß

das Seil wieder nachließ, so daß er sich aus allen Kräften festhalten mußte. Das Seil straffte

sich jedoch gleich wieder. Mit großer Anstrengung gelang es ihm, einen Blick den Steilhang

hinaufzuwerfen. Er spähte einige Sekunden vergeblich empor… dann sah er, wie das Messer mit

der Spitze nach unten über den Rand des Vorsprungs zu ihm herunterglitt. Er preßte seine Wange

dagegen, zuckte zusammen, als er fühlte, wie die Schneide seine Haut zerschnitt, drückte

wieder stärker und merkte dann, daß das Messer liegenblieb.

»Ich bin doch ein Esel«, klang es bedauernd von oben.

»Nur ruhig, ich habe es«, antwortete Kid.

»Schön, aber warten Sie ein bißchen. Ich habe eine Menge Bindfaden in der Tasche. Ich lasse

ihn zu Ihnen hinab, und dann schicken Sie mir das Messer wieder herauf.«

Kid antwortete nicht. Ihm schoß plötzlich ein Einfall durch den Kopf.

»Hallo, Sie da… jetzt kommt der Bindfaden! Sagen Sie mir, ob Sie ihn bekommen haben.«

Ein kleines Taschenmesser, das am Ende des Bindfadens festgebunden war, glitt über das Eis

herab. Kid fing es auf.

Durch eine rasche Bewegung mit den Zähnen und der einen Hand gelang es ihm, die große Klinge

zu öffnen; er überzeugte sich, daß sie scharf war. Dann band er das Messer an den Bindfaden.

»Hinaufziehen!« rief er.

Mit gespannten Blicken beobachtete er, wie das Messer nach oben gezogen wurde. Aber er sah

noch mehr… er sah einen kleinen Mann, der voll tödlicher Angst und dennoch unerschrocken,

zitternd und mit klappernden Zähnen, krank vor Schwindel, Übelkeit und Furcht heldenmütig

überwand.

Seit Kid Kurz getroffen, hatte er noch keinem so schnell aufrichtige und warme Freundschaft

entgegengebracht wie diesem Manne. »Glänzend«, erklang die Stimme von oben über den Vorsprung

zu ihm hinab. »Jetzt werden wir im Handumdrehen aus diesem Eisloch heraus sein.«

Die erschütternde Anstrengung, Mut und Hoffnung aufrechtzuerhalten, die aus Carsons Stimme

herausklang, war für Kid entscheidend.

»Hören Sie, Carson«, sagte er ruhig, während er sich vergeblich bemühte, das Bild Joy Gastells

aus seinem Gehirn zu bannen. »Ich habe Ihnen das Messer hinaufgeschickt, damit Sie sich aus

dieser Lage befreien. Ich werde jetzt mit dem Taschenmesser das Seil durchschneiden. Es

genügt, wenn einer von uns beiden zum Teufel geht. Verstanden?«

»Beide oder keiner«, kam die barsche, aber zitternde Antwort zurück. »Wenn Sie noch eine

Minute ausharren…«

»Ich habe schon zu lange ausgeharrt. Ich bin nicht verheiratet. Ich habe keine anbetungswürdig

dünne Frau, keine Kinder und keine Apfelbäume, die auf mich warten. Jetzt müssen Sie sehen,

daß Sie wenigstens aus dem Dreck herauskommen… und das bald…«

»Warten Sie doch… um Gottes Willen, warten Sie…«, schrie Carson zu ihm herab. »Das dürfen Sie

nicht! Geben Sie mir doch eine Möglichkeit, Sie zu retten. Nur ruhig, alter Freund! Wir werden

es schon kriegen! Sie werden sehen! Ich haue jetzt Löcher, die groß genug sind, um ein ganzes

Haus mit Scheune heraufzuholen.«

Kid antwortete nicht. Ruhig und sicher, wie gebannt von dem, was er im Geiste sah, sägte er

weiter mit dem Messer, bis der eine von den drei Strängen durchschnitten war.

»Was tun Sie«, rief Carson verzweifelt. »Wenn Sie es durchschneiden, verzeihe ich es Ihnen

nie… Niemals… Ich sage Ihnen ja: entweder kommen wir beide aus dem Dreck hinaus oder keiner

von uns… Wir werden die Sache schon deichseln… Nur warten! Um Gottes willen…«

Und Kid, der den durchschnittenen Strang, der kaum fünf Zoll vor seinen Augen baumelte,

anstarrte, empfand eine so jämmerliche Furcht wie noch nie in seinem Leben. Er wollte nicht

sterben… er prallte zurück, als er in den schimmernden Abgrund unter sich blickte, und die

sinnlose Angst ließ sein Gehirn die törichtesten Vorwände hervorsuchen, um die Sache in die

Länge zu ziehen…

»Gut«, rief er hinauf. »Ich werde noch warten. Tun Sie, was Sie können. Aber ich sage Ihnen,

Carson, sobald wir wieder zu gleiten beginnen, schneide ich das Seil durch.«

»Pscht… Nicht daran denken… Wenn wir uns wieder bewegen, geht es nach oben! Ich klebe wie eine

Klette… ich würde hier hängenbleiben, und wenn es doppelt so steil wäre… Ich habe schon ein

reines Riesenloch für den einen Absatz fertig… und jetzt werden Sie still sein und mich

arbeiten lassen.«

Nur langsam vergingen die Minuten. Kid konzentrierte all seine Gedanken auf einen dumpfen

Schmerz, den ihm ein Niednagel an dem einen Finger verursachte. Er hatte ihn am selben Morgen

abschneiden wollen – er schmerzte schon damals, überlegte er. Und er faßte den Entschluß, ihn

abzuschneiden, wenn er nur erst aus dieser verdammten Klemme herausgekommen war. Als er aber

den Finger und den Niednagel in solcher Nähe betrachtete, kam ihm ein ganz neuer Gedanke.

Gleich – bestenfalls in wenigen Minuten – waren dieser Niednagel, dieser Finger, der mit so

kunstfertigen und geschmeidigen Gelenken versehen war, vielleicht Teile einer zerschmetterten

Leiche in der Tiefe der Schlucht. Als er sich seiner Angst bewußt wurde, fühlte er Haß gegen

sich selbst.

Liebhaber von Bärenfleisch mußten aus anderem Holz geschnitzt sein! In der Wut über seine

eigene Furcht begann er wieder mit dem Messer auf das Seil loszusägen… Da hörte er wieder

Carson stöhnen und seufzen. Eine plötzliche Lockerung des Seils warnte ihn. Er begann zu

gleiten. Die Bewegung war zuerst sehr langsam. Das Seil wurde treu und brav wieder angezogen -

aber er glitt dennoch immer weiter. Carson konnte ihn nicht mehr halten, sondern wurde mit

hinabgezogen! Er fühlte sich mit der Fußspitze vor und merkte den leeren Raum unter sich;

jetzt, wußte er, mußte er senkrecht nach unten stürzen. Und er war sich gleichzeitig darüber

klar, daß sein Körper im Fall sofort Carson mitreißen würde.

Dann wurde ihm auf einmal klar, was Recht und was Unrecht war. In blinder Verzweiflung setzte

er wieder das Messer an das Seil, sah, wie die zerschnittenen Stränge auseinanderplatzten.

Fühlte dann, wie er immer schneller glitt und schließlich in die Tiefe stürzte…

Was dann geschah, wußte er nicht. Er war nicht bewußtlos, aber alles geschah so schnell und

kam so unerwartet. Statt im Todessturz zu zerschmettern, schlugen seine Füße fast

augenblicklich gegen Wasser, und er setzte sich mitten in eine Pfütze, die ihn mit kalten

Spritzern durchnäßte.

»Oh, warum haben Sie das getan?« hörte er eine klagende Stimme von oben rufen.

»Hören Sie«, rief er hinauf. »Ich bin vollkommen heil. Sitze hier bis zum Hals im Wasser. Und

unsere beiden Rucksäcke sind auch da. Ich setze mich darauf. Es ist Platz für ein halbes

Dutzend hier. Wenn Sie heruntergleiten, halten Sie sich nur dicht an die Wand, und Sie werden

heil landen wie ich. Aber sonst machen Sie, daß Sie schnell hinaufklettern und wegkommen.

Gehen Sie nach der Hütte. Es muß jemand drinnen sein. Ich habe den Rauch ja gesehen. Verlangen

Sie dort ein Seil oder etwas, das ein Seil vorstellen kann… und kommen Sie wieder und holen

mich hinauf.«

»Ist es wirklich wahr?« rief Carson zweifelnd.

»So wahr ich hier sitze und hoffe, daß ich einst sterben werde. Machen Sie jetzt, daß Sie

wegkommen… sonst erkälte ich mich und hole mir den Tod.«

Kid hielt sich warm, indem er mit seinen Füßen einen Kanal durch die Eisdecke hämmerte. Er

hatte eben das letzte Wasser durch die Rinne abgeleitet, als ein Ruf anzeigte, daß Carson den

oberen Rand der Kluft erreicht hatte.

Darauf verwendete Kid die Zeit in aller Ruhe dazu, seine Kleider zu trocknen. Die späte

Nachmittagssonne schien warm auf ihn herab, während er seine Kleider wrang und sie rings um

sich ausbreitete. Seine Streichholzschachtel war wasserdicht, und es gelang ihm, genügend

Tabak und Reispapier zu trocknen, um sich Zigaretten drehen zu können.

Als er zwei Stunden später auf den beiden Rucksäcken saß und rauchte, hörte er von oben eine

Stimme, in der er sich nicht irren konnte.

»Aber Kid, Kid!«

»Tag Fräulein Gastell!« rief er zurück. »Wo in aller Welt kommen Sie denn her?«

»Haben Sie sich verletzt?«

»Keine Spur!«

»Papa wirft Ihnen jetzt das Seil hinunter… Können Sie es sehen?«

»Jawohl… und ich hab’ es auch schon gefangen«, antwortete er. »Sie müssen nur so freundlich

sein, ein paar Minuten zu warten!«

»Was ist denn los?« fragte sie ängstlich nach einigen Minuten. »Oh, ich weiß, Sie haben sich

doch verletzt.«

»Nein, durchaus nicht… ich muß mich nur anziehen…«

»Anziehen?«

»Ja… ich hab’ ein bißchen gebadet… So, sind Sie bereit? Also, ziehen Sie!«

Er ließ zuerst die beiden Rucksäcke hinaufziehen und mußte dafür eine kleine Rüge von Fräulein

Gastell einstecken… dann erst folgte er selber.

Joy Gastell sah ihn mit leuchtenden Augen an, während ihr Vater und Carson sich bemühten, das

Seil aufzuwickeln. »Es war prachtvoll, daß Sie das Seil durchschnitten«, erklärte sie. »Es

war… es war einfach herrlich…«

Kid lehnte die Bewunderung mit einer Handbewegung ab.

»Ich habe schon die ganze Geschichte gehört…«, erklärte sie. »Carson erzählte sie mir. Sie

haben sich geopfert, um ihn zu retten.«

»Keine Rede davon«, log Kid. »Ich hatte ja schon längst das kleine Schwimmbecken unter mir

gesehen.«

* * *

Eier

An einem klaren Wintermorgen gab Lucille Arral in dem großen Laden der A. C. Company Kid über

den Ladentisch hinweg einen geheimnisvollen Wink. Der Verkäufer war auf einer Forschungsreise

in das Innere der Lagerräume verschwunden, und trotz dem dickbäuchigen, rotglühenden Ofen

hatte Lucille sich wieder ihre Handschuhe angezogen.

Kid gehorchte bereitwillig. In Dawson gab es keinen Mann, dem eine Auszeichnung Lucilles nicht

geschmeichelt hätte. Sie war nämlich die sehr beliebte und fesche Soubrette der kleinen

Sängertruppe, die allabendlich in der Palast-Oper auftrat.

»Es ist schrecklich langweilig hier«, klagte sie mit einer bezaubernden Ausgelassenheit,

sobald sie Kid die Hand gegeben hatte. »Eine ganze Woche lang ist gar nichts Interessantes

vorgefallen. Und der Maskenball, den Stiff Mitchell arrangieren wollte, ist verschoben worden.

Es wird kein Goldstaub umgesetzt! Nicht einmal das Opernhaus ist abends voll. Und es ist

länger als zwei Wochen her, daß wir die letzte Post bekamen. Die ganze Stadt ist in ihre Höhle

gekrochen und schläft den Winterschlaf… Wir müssen etwas anstellen… es muß Leben in die Bude

kommen, und das können wir beide schon schaffen. Wenn jemand die Stadt auf den Kopf stellen

kann, dann sind wir beide es. Ich habe übrigens mit Wild Water gebrochen, wissen Sie.«

Kid sah sogleich zwei Bilder vor sich. Das eine stellte Joy Gastell dar. Das andere zeigte ihn

selbst im Schein des kalten nördlichen Mondes auf einem öden Schneefeld liegend, und es war

der obenerwähnte Herr Wild Water, der ihn mit gutgezielten und schnellen Schüssen

niedergeknallt hatte. Kids Neigung, die Stadt mit Lucille Arrals Hilfe auf den Kopf zu

stellen, war demgemäß so gering, daß sie es bemerken mußte.

»Ich meine gar nicht das, was ich Ihrer Meinung nach jetzt meinen sollte… danke schön«, sagte

sie, schnippisch lachend, aber doch ein bißchen gekränkt. »Wenn ich mich Ihnen einmal an den

Hals werfe, so müssen Sie Ihre Augen besser aufmachen… sonst wissen Sie gar nicht, wie ich

aussehe.«

»Andere Männer wären einfach am Herzschlag tot umgefallen, wenn ihnen ein so unerhörtes Glück

in den Schoß gefallen wäre«, murmelte er und versuchte vergeblich seine Erleichterung zu

verbergen.

»Sie Lügner«, antwortete sie gutgelaunt. »Sie wären wohl eher aus Angst gestorben. Aber ich

will Ihnen etwas erzählen, Herr Alaska-Kid: Nichts liegt mir ferner, als mit Ihnen zu flirten,

und wenn Sie es wagen sollten, mir den Hof zu machen, so wird Herr Wild Water sich Ihrer schon

annehmen. Sie kennen ihn ja. Außerdem… außerdem habe ich nicht ganz mit ihm gebrochen.«

»Na… nur weiter mit Ihren Rätseln«, neckte er sie. »Vielleicht kriege ich doch noch heraus,

was Sie eigentlich wollen, wenn Sie mir nur ein bißchen Zeit lassen… ich hab’ so eine lange

Leitung.«

»Da gibt es nichts herauszukriegen, Kid. Ich will es Ihnen ganz offen erklären. Wild Water

glaubt, ich hätte mit ihm gebrochen… verstehen Sie?«

»Ja, aber haben Sie es oder haben Sie es nicht?«

»Ich habe es nicht, daß Sie’s wissen! Aber das bleibt unter uns beiden… auf Ehre! Ich habe nur

ein bißchen Krach mit ihm gemacht, so als ob ich mit ihm brechen wollte… und er hat es auch

verdient, glauben Sie mir… wirklich!«

»Und wo bleibt mein Stichwort?« fragte Kid.

»Wie? Na ja, Sie werden eine Menge Geld verdienen, und wir machen Wild Water ein bißchen

lächerlich und stellen dabei ganz Dawson auf den Kopf… und, was das Allerbeste ist… Wild Water

wird eine gesunde kleine Lehre erhalten. Er hat es wirklich nötig… aber wirklich, sage ich

Ihnen. Er ist… na, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll… er ist eben ein bißchen zu

wild, der liebe Junge! Er macht sich so furchtbar wichtig… und nur, weil er so `n großer

Lümmel ist und weil er so viel Claims hat, daß er sie nicht mehr zählen kann…«

»Und weil er mit dem süßesten kleinen Weibsstück in ganz Alaska verlobt ist«, fügte Kid

schnell hinzu.

»Ja, deshalb auch, ich danke schön… aber deshalb braucht er doch wirklich keinen Koller zu

kriegen! Gestern abend hat er wieder mal solchen Anfall gehabt… hat den ganzen Fußboden bei M.

& M. mit Goldstaub überstreut… es waren mindestens tausend Dollar, öffnete einfach seinen

Goldsack und streute den Staub vor die Füße der Tanzenden… Sie haben es natürlich schon

gehört.«

»Ja, natürlich, heute morgen schon… ich hätte nichts dagegen gehabt, Reinemachefrau zu sein.

Aber ich verstehe noch immer nicht, was ich machen soll.«

»Jetzt hören Sie zu! Er war zu verrückt, und da habe ich unsere Verlobung aufgehoben, und

jetzt läuft er herum, macht Theater und spielt den Mann mit dem gebrochenen Herzen… und jetzt

kommen wir zu dem springenden Punkt. Ich esse leidenschaftlich gern Eier.«

»Aber großer Gott!« schrie Kid verzweifelt. »Was in aller Welt haben die Eier mit mir zu tun?«

»Warten Sie doch ab.«

»Ja, aber sagen Sie mir doch, was Eier und Ihr Appetit mit dieser Sache zu tun haben?« fragte

er.

»Sehr viel sogar, wenn Sie nur Geduld hätten.«

»Ach, Geduld, holde Himmelsgabe.«

»Also hören Sie bitte jetzt um Himmels willen zu! Ich liebe Eier über alles. Aber es gibt nur

eine begrenzte Menge von Eiern hier in Dawson.«

»Vollkommen richtig. Das weiß ich auch. Die meisten hat Slavovitschs Restaurant. Schinken und

ein Ei, drei Dollar! Schinken und zwei Eier – fünf Dollar. Das heißt also zwei Dollar das Ei,

im Kleinhandel… und es sind nur Protzen und natürlich Menschen wie die schöne kleine Lucille

Arral oder wie Wild Water, die sich Eier leisten können.«

»Er liebt Eier auch«, erklärte sie weiter. »Aber darauf kommt es jetzt nicht an. Ich liebe

sie! Ich pflege jeden Morgen um elf bei Slavovitsch zu frühstücken. Und ich esse immer zwei

Eier.« Sie hielt inne, um Eindruck auf ihn zu machen. »Denken wir uns nun… denken wir uns nun,

daß jetzt jemand in Eiern spekulieren würde.«

Sie wartete die Wirkung ihrer Worte ab und kassierte vergnügt die bewundernden Blicke ein, die

Kid ihr sandte. Er mußte auch in seinem Herzen gestehen, daß Wild Water wirklich einen guten

Geschmack bezeigt hatte, als er sie zu seiner Auserwählten machte.

»Sie hören ja gar nicht zu«, rief sie.

»Aber ja«, sagte er. »Nur weiter. Ich gebe das Rätselraten auf. Was soll ich denn antworten?«

»Gott, haben Sie eine lange Leitung! Sie kennen doch Wild Water. Wenn er sieht, daß ich Eier

haben möchte… und ich lese ja in ihm wie in einem offenen Buch… und ich weiß auch, wie ich ihm

zeigen soll, daß ich Lust auf Eier habe… na, was glauben Sie, daß er dann tun wird?«

»Geben Sie lieber selbst die Antwort. Also weiter.«

»Nun… er wird sofort zu dem Mann hinstürzen, der das Eiergeschäft gemacht hat. Er wird den

ganzen Vorrat aufkaufen, einerlei, was es kostet. Also stellen Sie sich vor: Ich komme gegen

elf in das Restaurant von Slavovitsch. Wild Water wird am Nebentisch sitzen. Er wird schon

dafür sorgen, daß er da ist, wenn ich komme. Zwei Spiegeleier, bitte, werde ich dem Kellner

sagen. Tut mir leid, Fräulein Arral, wird der Kellner antworten. Tut mir sehr leid, aber wir

haben keine Eier mehr. Dann sagt Wild Water mit seiner gewaltigen Brummbärstimme: Ober, sechs

Eier, weich gekocht. Und der Ober antwortet: Jawohl, Herr… und er bringt wirklich die Eier.

Nächstes Bild: Wild Water wirft mir einen Blick zu, und ich sehe wie ein ganz außergewöhnlich

entrüsteter Eiszapfen aus und rufe den Kellner: Tut mir wirklich sehr leid, Fräulein Arral,

sagt er, aber die Eier da sind Privateigentum des Herrn Wild Water. Verstehen Sie, gnädiges

Fräulein, er ist ihr Besitzer. Neues Bild: Wild Water tut sein Bestes, um den Gleichmütigen zu

markieren, während er triumphierend seine sechs Eier verzehrt.

Neues Bild: Herr Slavovitsch bringt mir in höchst eigener Person zwei Spiegeleier und sagt:

Mit einem ergebenen Gruß von Herrn Wild Water, Fräulein. Was kann ich dann tun? Natürlich nur

Wild Water freundlich anlächeln, und dann sprechen wir uns selbstverständlich aus, und er wird

es billig finden, selbst wenn er zehn Dollar für das Stück bezahlt hat, und zwar für alle

vorhandenen Eier.«

»Nur weiter, immer weiter«, rief Kid. »Was habe ich denn mit der Geschichte zu tun?«

»Gott, sind Sie blöd! Sie machen doch eben die Spekulation in den Eiern. Und Sie müssen gleich

anfangen, noch heute. Sie können sämtliche Eier in Dawson für drei Dollar das Stück kaufen und

sie an Wild Water mit so viel Gewinn verkaufen, wie Sie wollen. Und nachher lassen wir dann

durchsickern, wie alles zugegangen ist. Dann wird man Wild Water tüchtig auslachen! Vielleicht

wird er dann vernünftiger werden… Und wir beide werden die Ehre davon haben. Außerdem

verdienen Sie eine Stange Gold dabei, und Dawson wird durch ein ordentliches Gelächter aus

seinem Winterschlaf geweckt. Aber wenn Sie meinen, daß die Sache zu gefährlich ist, dann gebe

ich Ihnen natürlich das Geld dazu.«

Das war doch zu starker Tabak für Kid. Da er nur ein sterblicher Mann des Westens mit den

gewöhnlichen verschrobenen Vorstellungen von Geld und Frauen war, lehnte er mit tiefer

Entrüstung ihr Angebot ab, ihm Goldstaub zur Verfügung zu stellen.

»Holla, Kurz!« brüllte Kid durch die Hauptstraße seinem Partner zu. Dort kam nämlich Kurz mit

seinem langsamen, schlotternden Gang. In der einen Hand hielt er eine nicht eingepackte

Flasche so, daß alle sie sehen konnten; der Inhalt schien gefroren zu sein.

Kid überschritt den Fahrdamm. »Wo warst du denn den ganzen Tag?« fragte er.

»Beim Doktor«, antwortete Kurz und hielt die Flasche hoch. »Sally ist nicht ganz in Ordnung.

Als ich sie heute nacht fütterte, sah ich, daß sie die Haare im Gesicht und an den Flanken zu

verlieren beginnt. Der Doktor sagt…«

»Laß das jetzt«, unterbrach Kid ihn ungeduldig. »Was ich wollte…«

»Was ist denn mit dir los?« fragte Kurz entrüstet und erstaunt. »Bei dem verflixten Wetter

wird Sally eines schönen Tages ganz nackt herumspazieren müssen.«

»Laß doch Sally warten. Hör mal zu.«

»Ich sage dir ja, daß sie nicht warten kann. Es ist die reine Tierquälerei. Sie erfriert ja.

Warum bist du denn plötzlich so verrückt?«

»Das werde ich dir schon erzählen. Aber du mußt mir einen Gefallen tun, Kurz.«

»Selbstverständlich«, sagte Kurz heiter. Er war sofort versöhnt und dienstbereit. »Was gibt’s

denn? Schieß nur los! Ich stehe ganz zu deiner Verfügung.«

»Ich möchte, daß du Eier für mich kaufst.«

»Schön… und Kölnisch Wasser und Talkumpuder, wenn du willst! Und die arme Sally verliert

unterdessen ihre Haare, daß es ein Skandal ist. Weißt du, Kid, wenn du ein so üppiges Leben

führen willst, kannst du wirklich selbst deine Eier kaufen…«

»Ich kaufe auch, aber du mußt mir behilflich sein. Halt jetzt die Schnauze, Kurz. Jetzt bin

ich dran! Du gehst sofort zu Slavovitsch. Zahle bis zu drei Dollar das Stück, aber nimm alle,

die er hat…«

»Drei Dollar«, stöhnte Kurz. »Und ich habe noch gestern sagen hören, daß er nicht weniger als

siebenhundert auf Lager hat. Zweitausendeinhundert Dollar für Eier! Ich will dir einen guten

Rat geben, Kid. Lauf du lieber umgehend zum Doktor! Er wird dir schon sagen, was los ist. Und

er nimmt höchstens eine Unze für die erste Untersuchung. Auf Wiedersehen nachher! Ich muß die

Flasche nach Hause bringen.«

Aber Kid hielt seinen Partner an der Schulter fest.

»Kid, du weißt ja, daß ich alles für dich täte«, protestierte Kurz ernst. »Wenn du einen

Schnupfen hättest und gleichzeitig mit gebrochenen Armen zu Bett lägest, würde ich Tag und

Nacht neben dir sitzen und dir die Nase putzen. Aber ich will in alle Ewigkeit verflucht sein,

wenn ich zweitausendeinhundert Dollar für Eier wegschmeiße.«

»Erstens sind es gar nicht deine Dollars, sondern meine, Kurz. Ich habe etwas vor. Ich will

einfach sämtliche gesegneten Eier aufkaufen, die es in Dawson, in Klondike und am ganzen Yukon

gibt. Du mußt mir dabei behilflich sein! Ich habe keine Zeit, dir zu erzählen, wie es mit dem

Geschäft eigentlich zusammenhängt. Das tue ich hinterher, und du kannst halbpart machen, wenn

du Lust hast. Aber jetzt gilt es, die Eier schnellstens zu bekommen. Also mach, daß du zu

Slavovitsch kommst, und kauf alle, die er hat.«

»Aber was soll ich ihm denn sagen? Er weiß doch, daß ich sie nicht alle fressen kann.«

»Gar nichts sollst du ihm sagen. Geld spricht für sich. Er verkauft sie gekocht für zwei

Dollar. Biete ihm bis zu drei für die ungekochten Eier. Wenn er neugierig werden sollte,

kannst du ihm ja erzählen, daß du eine Hühnerfarm einrichten willst. Was ich haben muß, sind

Eier. Also mach schnell! Und vergiß nicht, daß die kleine Frau auf der anderen Seite der

Sägemühle – die die Mokassins macht – auch welche hat.«

»Gut, wenn du durchaus willst, Kid. Aber Slavovitsch scheint ja derjenige zu sein, an den wir

uns hauptsächlich heranmachen müssen.«

»Also beeil dich jetzt! Und heute abend werde ich dir die ganze Geschichte erzählen…«

Aber Kurz schwenkte die Flasche. »Erst muß ich Sally kurieren. Solange können die Eier schon

noch warten. Wenn sie bis jetzt nicht aufgefressen sind, werden sie es auch nicht, weil ich

mich um einen armen kranken Hund kümmere, der mehr als einmal dein und mein Leben gerettet

hat.«

Nie ging eine Spekulation schneller vor sich. Ehe drei Tage vergangen waren, hatten Kid und

Kurz sämtliche Eier, die es in Dawson gab – ein paar Dutzend ausgenommen – in der Hand.

Kid war beim Einkauf der Großzügigste gewesen. Ohne zu erröten gestand er, daß er einem alten

Mann in Klondike City fünf Dollar das Stück für seine zweiundsiebzig Eier gegeben hatte. Kurz

hatte die meisten gekauft und einen richtigen Kuhhandel dabei getrieben. Der Frau mit den

Mokassins hatte er nur zwei Dollar das Ei gegeben, und er war ganz stolz, daß er Slavovitsch

an die Wand gedrückt und seine siebenhundertundfünfzig Eier zu einem Durchschnittspreis von

nur zweieinhalb Dollar bekommen hatte. Dagegen ärgerte er sich aufrichtig, daß das kleine

Restaurant auf der anderen Seite der Straße einen Preis von eindreiviertel Dollar das Stück

für hundertdreißig schäbige Eier verlangt hatte.

Die wenigen Dutzend, die noch übrig waren, befanden sich in den Händen von nur zwei Personen.

Die eine, mit der Kurz verhandelte, war eine Indianerin, die in einer Hütte auf dem Hügel

hinter dem Krankenhaus wohnte.

»Ich werde sie schon kleinkriegen«, erklärte Kurz am nächsten Morgen. »Du wäschst die Teller

ab, Kid. Ich bin im Handumdrehen wieder da, wenn ich mir nicht die Zunge verrenken muß, um sie

zu überreden. Laß mich mit Männern Geschäfte machen, wenn es sein soll, aber diese verdammten

Frauenzimmer… es ist einfach traurig, wie sie einen mit ihrem Quatsch aufhalten.«

Als Kid nachmittags zurückkehrte, fand er Kurz auf dem Boden sitzen, eifrig beschäftigt,

Sallys Rute mit Öl einzureiben. Sein Gesicht war so ausdruckslos, daß es direkt verdächtig

war.

»Na, wie ist es dir ergangen?« fragte Kurz gleichgültig.

»Nichts zu machen«, sagte Kid. »Hoffentlich hattest du Erfolg bei deiner Indianerin?«

Kurz wies triumphierend mit dem Kopf auf einen Eimer voller Eier, der auf dem Tisch stand.

»Sieben Dollar das Stück«, gestand er, nachdem er noch einige Minuten schweigend die Rute des

Hundes eingerieben hatte.

»Ich habe schließlich sogar zehn Dollar geboten«, erzählte Kid, »und dann sagte der Kerl mir,

daß er die Eier schon verkauft hätte. Die Sache sieht also dreckig aus, Kurz. Es ist offenbar

noch jemand auf dem Markt. Diese achtundzwanzig Eier können uns die ganze Suppe versalzen. Du

weißt ja, daß der Erfolg lediglich davon abhängt, daß wir auch das letzte Ei haben.«

Er schwieg plötzlich, um seinen Partner anzustarren. Dessen Ausdruck hatte sich unverkennbar

verändert… er war sichtbar aufgeregt, verbarg es aber hinter einer Maske scheinbarer

Beherrschung… Dann machte Kurz die Salbenbüchse zu, wischte sich die Hände ruhig und bedächtig

an Sallys dichtem Pelz ab, stand auf, ging in die andere Ecke, sah sich das Thermometer an und

kam dann wieder zurück. Er sprach mit einer leisen, trockenen und übertrieben höflichen

Stimme.

»Würdest du vielleicht die Güte haben zu wiederholen, wieviel Eier es waren, die der Mann dir

nicht verkaufen wollte«, fragte er.

»Achtundzwanzig…«

»Hm«, sagte Kurz bei sich und nickte gleichgültig zur Bestätigung mit dem Kopfe. Dann starrte

er mit steigender Erbitterung auf den Ofen. »Du, Kid, wir müssen uns bald einen neuen Ofen

bauen… er ist falsch gebaut, der Ofen, unser Brot verbrennt immer.«

»Laß den Ofen«, rief Kid herrisch, »und sage mir, was los ist.«

»Los? Du willst wissen, was los ist? Bitte, dann hab nur die Güte, deine außergewöhnlich

schönen Augen auf den Eimer zu richten, der auf dem Tisch da steht. Hast du ihn gesehen?«

Kid nickte.

»Gut, dann will ich dir etwas sagen: nur eine einzige Sache… In dem Eimer sind ganz genau,

weder mehr noch weniger, achtundzwanzig Eier! Und sie kosten, jedes verfluchte Ei, genau die

ernorme Summe von sieben herrlichen, großen, runden Dollar. Wenn du irgendwelche weiteren

Auskünfte dringend brauchst, stehe ich dir ausschließlich zur Verfügung.«

»Nur weiter«, sagte Kid.

»Nun meinetwegen… der Trottel, mit dem du gehandelt hast, war ein großer plumper Indianer…

nicht wahr?«

Kid nickte und nickte auch zu allen folgenden Fragen.

»Er hat nur eine Backe; die andere ist ihm fast ganz von einem Grisly abgerissen… Nicht wahr?

Er ist Hundehändler… stimmt’s? Er heißt Narbengesicht, richtig? Da ist es also, nicht wahr?

Verstehst du?«

»Du meinst also, daß wir beide…«

»Gegeneinander geboten haben. Uns überboten, ja. Daran ist nicht zu tippen. Die Indianerin ist

seine Frau, und sie wohnen beide hinter dem Krankenhaus. Ich hätte die Eier für zwei Dollar

das Stück haben können, wenn du nicht dazwischengekommen wärest.«

»Und ebenso wäre es gewesen«, lachte Kid, »wenn du dich nicht in die Sache gemischt hättest.

Aber das ist an sich ganz schnuppe. Wir wissen jetzt, daß wir die Eier haben. Darauf kommt es

ja schließlich an.«

Kurz verbrachte die nächste Stunde damit, mit einem Bleistiftstummel etwas auf den Rand einer

drei Jahre alten Zeitung zu kritzeln. Und je unbestimmter und geheimnisvoller seine Figuren

wurden, desto gemütlicher wurde er selbst.

»Hier steht’s…«, sagte er, »… schwarz auf weiß. Schön, nicht wahr? Donnerwetter, ja. Laß dir

mal die Gesamtsumme sagen. Du und ich besitzen in diesem seligen Augenblick nicht weniger als

neunhundertdreiundsiebzig Eier. Sie kosten uns genau zweitausendsiebenhundertundsechzig

Dollar, wenn ich den Goldstaub zum Kurs von sechzehn Dollar die Unze nehme und die Zeit nicht

berechne. Und jetzt hör mal! Wenn es uns gelingt, Wild Water die Eier zu einem Stückpreis von

zehn Dollar aufzuschwatzen, dann haben wir, rein netto gerechnet, alles in allem,

sechstausendneunhundertsiebzig Dollar verdient. Siehst du, das ist eine Buchführung, die sich

gewaschen hat! Das kannst du jedem erzählen. Und ich mache halbpart mit dir. Es ist eine feine

Sache, Kid.«

Gegen elf Uhr am selben Abend wurde Kid von Kurz aus tiefem Schlaf geweckt. Seine Pelzparka

war mit frischem Reif bedeckt, und Kid fühlte an seinem Kinn, wie eiskalt seine Hände waren.

»Was ist denn jetzt los?« murrte Kid. »Hat Sally die letzten Haare verloren?«

»Unsinn! Aber ich muß dir ein paar gute Neuigkeiten mitteilen. Ich habe mit Slavovitsch

gesprochen. Oder richtiger, Slavovitsch hat mit mir gesprochen, denn er war es, der anfing. Er

sagte zu mir: Sie, Kurz, ich möchte mal wegen dieser Eiergeschichte mit Ihnen sprechen. Ich

habe bisher mit keinem darüber gesprochen. Niemand weiß, daß ich sie Ihnen verkauft habe. Aber

wenn Sie eine Spekulation damit machen wollen, so kann ich Ihnen einen guten Tip geben. Und

das hat er auch getan, Kid. Nun, was glaubst du, was es für ein Tip war?«

»Nur weiter. Erzähle!«

»Schön… vielleicht klingt es unwahrscheinlich. Aber der Tip war Wild Water Charley! Er will

Eier kaufen. Er kam bei Slavovitsch vorbei und bot ihm fünf Dollar das Stück, und ehe er ging,

war er schon bei acht Dollar angelangt. Und der gute Slavovitsch hat ja keine Eier mehr. Das

letzte, was Wild Water sagte, war, daß er dem Slavovitsch den Kopf abhauen würde, wenn er je

hörte, daß Slavovitsch seine Eier irgendwo versteckt hätte. Slavovitsch mußte ihm erzählen,

daß er die Eier verkauft hatte, daß aber der Käufer nicht bekannt zu werden wünschte.«

Und Kurz fügte hinzu: »Slavovitsch bat, Wild Water erzählen zu dürfen, wer die Eier bekommen

hat. Kurz, sagte er, Wild Water wird sofort zu Ihnen laufen. Sie können ihm die Dinger für

acht Dollar das Stück verkaufen. Acht Dollar, sagte ich. Sie alte Großmama… er wird zehn geben

müssen, ehe ich mit ihm zu tun haben will. Jedenfalls würde ich mir die Sache überlegen und

ihm morgen früh Bescheid geben, sagte ich zu Slavovitsch. Natürlich werden wir ihm erlauben,

Wild Water Bescheid zu sagen. Nicht wahr?«

»Selbstverständlich, Kurz. Gleich morgen früh werden wir Slavovitsch Bescheid geben. Laß ihn

ruhig Wild Water erzählen, daß alle Eier dir und mir gehören.«

Fünf Minuten später wurde Kid wieder von Kurz geweckt.

»Du… Kid… Kid, zum Teufel…«

»Ja?«

»Nicht einen Cent unter zehn Dollar, nicht?«

»Ganz einverstanden«, antwortete Kid schläfrig.

Am nächsten Morgen traf Kid zufällig wieder Lucille Arral am Ladentisch.

»Jetzt läuft die Sache«, rief er begeistert. »Sie läuft, wie sie soll. Wild Water war schon

bei Slavovitsch und hat versucht, Eier von ihm zu kaufen oder aus ihm herauszuquetschen… und

in diesem heiligen Augenblick wird Slavovitsch ihm schon erzählt haben, daß Kurz und ich in

Eiern spekulieren.«

Die Augen der hübschen Lucille Arral blitzten vor Freude.

»Ich gehe jetzt frühstücken«, rief sie. »Und ich werde Eier beim Kellner bestellen, und wenn

es keine gibt, werde ich klagen und jammern, daß es ein steinernes Herz erweichen würde. Und

Sie wissen ja, daß Wild Waters Herz gar nicht aus Stein ist. Er wird die Eier kaufen, und wenn

es ihm seine sämtlichen Minen kosten sollte. Und Sie halten jetzt den Rücken steif! Ich bin

nicht zufrieden, wenn Sie weniger als zehn Dollar das Stück bekommen; und wenn Sie wirklich

billiger verkaufen, verzeihe ich es Ihnen nie.«

Als es Mittag wurde und beide zu Hause in ihrer Hütte saßen, stellte Kurz einen Topf Bohnen,

die Kaffeekanne, eine Pfanne mit frischgebackenem Brot, eine Dose mit Butter und eine Büchse

eingemachte Sahne auf den Tisch. Dann kam noch eine Schüssel mit dampfendem Elchbraten und

Räucherspeck und eine Schüssel mit Kompott aus getrockneten Pfirsichen hinzu.

Als alles bereitstand, rief Kurz zu Tisch: »Komm, Kid. Das Essen ist fertig! Aber sieh zuerst

mal nach Sally.«

Kid legte das Hundegeschirr, an dem er gerade genäht hatte, beiseite, öffnete die Tür und sah,

daß Sally und Bright mit großem Eifer und Gekeif dabei waren, eine Bande von Schlittenhunden,

die auf Plünderung ausgegangen war, aus der Nachbarhütte zu verjagen. Er sah aber noch etwas,

das ihn veranlaßte, die Tür schnell wieder zuzuwerfen und zum Ofen zu stürzen. Die Bratpfanne,

die noch ganz heiß von dem Elchfleisch mit Speck war, stellte er wieder auf das vorderste

Herdloch. Dann legte er einen tüchtigen Klumpen Butter darauf, nahm ein Ei, zerschlug es und

warf es in die Pfanne, wo es in der heißen Butter zischte. Als er die Hand nach einem zweiten

Ei ausstreckte, hielt Kurz empört seinen Arm fest.

»Aber großer Gott, was tust du denn?« fragte er.

»Mache Spiegeleier«, erklärte ihm Kid, während er das zweite Ei zerschlug und sich von Kurz’

Hand befreite, die ihn zurückhalten wollte. »Kannst du denn nicht mehr sehen?«

»Ist dir vielleicht nicht ganz wohl?« fragte Kurz seinerseits entrüstet, als Kid ein drittes

Ei zerschlug und sich durch einen kräftigen Stoß vor die Brust von Kurz’ Griff befreite. »Da

hast du schon für dreißig Dollar Eier verschwendet.«

»Und ich werde für sechzig Dollar Eier braten«, lautete Kids Antwort, während er das vierte in

die Pfanne warf. »Geh weg, Kurz. Wild Water ist unterwegs hierher; in fünf Minuten kann er

schon hier sein.«

Kurz stieß einen tiefen Seufzer, von Verständnis und Erleichterung aus und setzte sich an den

Tisch. Fast im selben Augenblick wurde, wie erwartet, an die Tür geklopft. Kid setzte sich

auch schnell an den Tisch, und jeder von ihnen hatte einen Teller mit drei heißen Spiegeleiern

vor sich.

»Herein!« rief Kid.

Wild Water Charley – ein gutgewachsener junger Riese, der kaum um einen Zoll weniger als sechs

Fuß maß und gut hundertneunzig Pfund wog – trat ein und gab ihnen die Hand.

»Nehmen Sie Platz, Herr Wild Water«, lud Kurz ihn ein. »Kid, mach doch ein paar Spiegeleier

für ihn. Ich bin überzeugt, daß er schon als kleiner Junge gern Eier gegessen hat.«

Kid tat noch drei Eier in die Pfanne und setzte einige Minuten später die fertigen Spiegeleier

dem Gast vor, der sie mit einem so seltsamen und gespannten Ausdruck anstarrte, daß Kurz

später gestand, er hätte Angst gehabt, Wild Water würde die Eier gleich in die Tasche stecken

und mitnehmen.

»Sehen Sie, die großen Leute in den Staaten haben es nicht viel besser als wir, was das Essen

betrifft«, protzte Kurz. »Hier sitzen Sie und Kid und ich und essen Eier im Wert von neunzig

Dollar, ohne mit der Wimper zu zucken.«

Wild Water starrte immer noch die Eier an, die mit verblüffender Schnelligkeit verschwanden.

Er sah aus, als wäre er zu Stein geworden.

»Greifen Sie nur zu und essen Sie«, sagte Kid aufmunternd.

»Sie sind… sind aber doch keine zehn Dollar wert«, sagte Wild Water langsam.

Kurz nahm die Herausforderung an. »Jede Sache hat den Wert, den man dafür bekommen kann… nicht

wahr?« sagte er.

»Ja… aber…«

»Gar kein Aber. Ich sage Ihnen ja nur, was wir dafür bekommen können. Zehn das Stück. Wir sind

Eiertrust, Kid und ich, vergessen Sie das nicht.« Er stippte mit einer Brotkruste die Butter

vom Teller. »Ich glaube, ich könnte noch ein paar essen«, seufzte er. Dann machte er sich an

die Bohnen.

»Sie sollten aber nicht auf diese Weise Eier essen«, wandte Wild Water ein. »Das ist… das ist

einfach unrecht.«

»Wir sind nun mal auf Eier versessen, Kid und ich.«

Wild Water leerte seinen Teller halb in Gedanken und starrte dann die beiden Partner mit etwas

mißtrauischen Blicken an.

»Sagt mal, Kameraden, ihr könntet mir einen großen Dienst erweisen«, begann er vorsichtig.

»Verkauft mir… oder leiht mir etwa ein Dutzend Eier.«

»Gern«, antwortete Kid. »Ich weiß ja selbst, was es heißt, Appetit auf Eier zu haben. Aber wir

sind nicht so arm, daß wir unsere Gastfreundschaft zu verkaufen brauchen. Sie kosten nichts.«

Als er so weit war, verriet ihm ein energischer Fußtritt unter dem Tisch, daß Kurz ängstlich

zu werden begann.

»Ein Dutzend, sagten Sie, Wild Water?«

Wild Water nickte.

»Du, Kurz«, fuhr Kid fort. »Brate sie doch für ihn! Ich verstehe ihn gut… Ich habe selbst

Augenblicke gehabt, da ich ein ganzes Dutzend essen konnte, eines nach dem andern.«

Aber Wild Water legte dem eifrigen Kurz die Hand auf den Arm, um ihn aufzuhalten, und

erklärte: »Ich meine ja nicht gebraten… ich möchte sie roh mit der Schale haben.«

»Zum Mitnehmen?«

»Ganz recht.«

»Ja, aber das hat nichts mehr mit Gastfreundschaft zu tun«, wandte Kurz ein. »Das ist ja… das

ist Geschäft.«

Kid nickte zum Einverständnis. »Das ist ja etwas ganz anderes, Wild Water. Ich dachte, Sie

wollten sie essen. Sehen Sie, wir haben sie ja auf Spekulation gekauft.«

Das stets gefährlich drohende Blau in Wild Waters Augen begann noch bedrohlicher auszusehen.

»Ich will sie natürlich bezahlen«, sagte er schneidend. »Wieviel?«

»Kein Dutzend natürlich«, antwortete Kid. »Wir können kein Dutzend verkaufen. Wir sind ja

keine Kleinhändler. Wir sind eben Spekulanten geworden. Wir können uns doch nicht selbst den

Markt verderben! Wir haben eine richtig gute Spekulation gemacht…«

»Wie viele habt ihr denn, und was wollt ihr dafür haben?«

»Wie viele haben wir eigentlich, Kurz?« fragte Kid.

Kurz räusperte sich und begann laut nachzurechnen. »Laß mal sehen. Neunhunderteinundsiebzig

weniger neun, das macht also neunhundertzwoundsechzig. Und wenn ich das Stück zu zehn Dollar

rechne, macht die ganze Geschichte genau neuntausendsechshundertundzwanzig gute runde Dollar

aus. Selbstverständlich sind wir kulante Kaufleute mit Dienst am Kunden und so weiter und

geben das Geld für jedes Ei, das nicht gut ist, zurück. Aber das ist das einzige, was ich noch

nie hier in Klondike gesehen… ein schlechtes Ei. Niemand ist so verrückt, ein faules Ei

hierherzubringen.«

»So ist’s recht«, fügte Kid hinzu. »Wir geben das Geld für die schlechten Eier zurück, Wild

Water. Und da haben Sie unseren Vorschlag: neuntausendsechshundertundzwanzig Dollar, und alle

Eier, die es in Klondike gibt, gehören Ihnen.«

»Sie werden sicher den Preis auf zwanzig Dollar treiben und also ihre Auslagen doppelt wieder

einbringen können«, meinte Kurz.

Wild Water schüttelte melancholisch den Kopf und tröstete sich mit den Bohnen. »Das ist zu

teuer, Kurz. Ich will ja nur einige wenige haben. Ich gebe euch zehn Dollar das Stück, wenn

ihr mir ein paar Dutzend ablaßt.«

»Alle oder gar keine«, lautete Kids Ultimatum.

»Seht mal her, ihr beiden«, sagte Wild Water in einem plötzlichen Anfall von

Vertrauensseligkeit. »Ich will ganz aufrichtig zu euch sein, aber ihr dürft es nicht zu weit

treiben. Ihr wißt ja, daß ich mit Fräulein Arral verlobt war. Na, und sie hat jetzt mit mir

gebrochen. Das wißt ihr natürlich auch… alle Leute wissen es ja. Und die Eier möchte ich gern

für sie haben.«

»Ach so«, sagte Kurz ironisch. »Dann begreifen wir schon, daß Sie sie ausgerechnet in den

Schalen haben wollen. Aber das hätte ich doch nicht von Ihnen gedacht.«

»Was gedacht?«

»Das ist ja ein ganz gemeines Mittel, jawohl«, fuhr Kurz mit wachsender Entrüstung fort. »Und

es sollte mich gar nicht wundern, wenn Ihnen jemand dafür eine Kugel durch den Kopf schösse…

verdienen täten Sie’s.«

Wild Water war nahe daran, einen seiner bekannten Wutanfälle zu bekommen. Er ballte die

Fäuste, bis die billige Gabel, die er hielt, sich zu krümmen begann, und seine blauen Augen

blitzten feurige Warnungen. »Nun sagen Sie mal, Kurz, was meinen Sie denn? Wenn Sie etwas

dabei im Sinne haben…«

»Ich meine, was ich meine«, gab Kurz eigensinnig zurück. »Und Sie können darauf schwören, daß

es keine Hinterlist ist. Wenn Sie etwas tun wollen, so kann es nur offen und ehrlich

geschehen. Denn anders können Sie sie ja gar nicht schmeißen.«

»Was schmeißen?«

»Eier, Pflaumen, Fußbälle, was Sie wollen. Aber, Wild Water, machen Sie keine Dummheit! Für so

etwas gibt es hier kein Publikum. Nur weil sie Sängerin ist, haben Sie kein Recht, sie mit

Eiern zu bombardieren.«

Einen Augenblick schien es, als wollte Wild Water entweder einen Wutanfall oder einen

Schlaganfall bekommen. Er trank schnell einen Schluck von dem heißen Kaffee und gewann langsam

seine Selbstbeherrschung wieder. »Sie irren sich, Kurz«, sagte er mit kühler Ruhe. »Ich habe

nicht die Absicht, sie mit Eiern zu bewerfen. Fällt mir nicht ein, Mensch!« brüllte er dann in

plötzlich wachsender Erregung. »Ich will ihr die Eier schenken, auf einem Teller… Spiegeleier,

zum Teufel…«

»Na, ich konnte mir ja schon denken, daß ich mich irrte…«, erklärte Kurz großzügig, »… ich

wußte ja, daß Sie solche Gemeinheiten nicht machen würden.«

»Das stimmt auch wirklich, Kurz«, sagte Wild Water versöhnlich. »Aber reden wir wieder

geschäftlich. Ihr seht also, warum ich die Eier kaufen möchte.«

»Sie wollen also wirklich neuntausendsechshundertundzwanzig dafür zahlen?« fragte Kurz.

»Das ist der reine Nepp, jawohl«, erklärte Wild Water erbost.

»Geschäft, nur Geschäft«, erwiderte Kurz. »Sie glauben doch wohl nicht, daß wir die Eier nur

unserer Gesundheit wegen aufgekauft haben?«

»Nee… aber jetzt seid doch mal ein bißchen vernünftig«, sagte Wild Water eindringlich. »Ich

möchte nur ein Dutzend haben. Ich gebe gern zwanzig Dollar das Stück. Was in aller Welt soll

ich denn mit all den Eiern?«

»Deswegen brauchen Sie sich doch nicht aufzuregen«, beschwichtigte Kurz ihn. »Wenn Sie sie

nicht haben wollen, ist die Sache ja erledigt. Wir zwingen Sie doch nicht, die Eier zu

kaufen…«

»Aber ich will sie ja haben«, klagte Wild Water.

»Na, dann wissen Sie ja, was sie kosten… es macht genau neuntausendsechshundertundzwanzig

Dollar, und wenn ich falsch gerechnet habe, komme ich für den Fehler auf.«

»Aber vielleicht tun die Eier es gar nicht«, wandte Wild Water ein. »Vielleicht hat Fräulein

Arral jetzt gar keinen Appetit mehr auf Eier.«

»Ich muß zugeben, daß Fräulein Arral schon den Preis für die Eier wert ist«, warf Kid ruhig

ein.

»Wert?« Wild Water wurde so eifrig, daß er aufstand. »Sie ist eine Million wert. Sie ist alles

wert, was ich habe. Sie ist alles Gold wert, das es in Klondike gibt.« Er setzte sich wieder

und fuhr dann mit ruhiger Stimme fort: »Aber deshalb brauche ich doch nicht zehntausend Dollar

für ein Frühstück für sie wegzuschmeißen. Ich will euch einen Vorschlag machen. Leiht mir ein

Dutzend von diesen verdammten Eiern. Ich werde sie Slavovitsch geben. Er wird sie wieder

Fräulein Arral mit einem Gruß von mir geben. Es ist schon länger als hundert Jahre her, daß

sie mich angelächelt hat. Wenn die Eier mir ein Lächeln von ihr eintragen, dann nehme ich euch

den ganzen Laden ab.«

»Wollen wir einen Vertrag in diesem Sinne abschließen?« sagte Kid schnell. Er wußte ja genau,

Lucille Arral würde Wild Water anlächeln, wenn sie die Eier bekam.

Wild Water ächzte. »Ihr seid ja verdammt schnell hier oben, wenn es sich um Geschäfte

handelt.«

»Wir nehmen ja nur Ihren eigenen Vorschlag an«, antwortete Kid.

»Das ist wahr… also bringt das Papier… und legt mir Handschellen an«, rief Wild Water.

Kid verfaßte die Urkunde, durch die Wild Water sich verpflichtete, sämtliche Eier, die ihm

geliefert wurden, zum Preise von zehn Dollar das Stück anzunehmen, vorausgesetzt, daß die zwei

Dutzend, die ihm zur Verfügung gestellt wurden, ihm ein Lächeln von Lucille Arral eintrugen.

Als Wild Water die Feder, mit der er eben unterzeichnen wollte, in der erhobenen Hand hielt,

besann er sich. »Einen Augenblick«, sagte er. »Wenn ich die Eier kaufe, nehme ich nur gute

Eier ab.«

»Es gibt ja gar keine schlechten Eier in Klondike«, erklärte Kurz entrüstet.

»Ganz einerlei… wenn ich ein schlechtes Ei finde, müßt ihr es mir ersetzen…«

»Einverstanden«, sagte Kid vermittelnd.

»Und ich verpflichte mich, alle schlechten Eier aufzufuttern«, fügte Kurz hinzu.

Kid schob das Wort »gut« in den Vertrag ein, und Wild Water unterzeichnete mürrisch. Dann

bekam er die zwei Dutzend, die er zur Probe genommen hatte, zog sich die Handschuhe an und

öffnete die Tür.

»Guten Abend, ihr beiden Räuber«, knurrte er und knallte wütend die Tür zu…

Am nächsten Morgen war Kid ein gespannter Zuschauer des Auftritts, der sich im Restaurant von

Slavovitsch abspielte. Er war von Wild Water eingeladen worden, und sie saßen zusammen am

Tisch neben dem, an welchem Fräulein Arral zu sitzen pflegte. Alles ging wirklich fast

wortgetreu vor sich, wie sie es vorausgesagt hatte.

»Haben Sie wirklich immer noch keine Eier«, fragte sie den Kellner mit rührend-kläglicher

Stimme.

»Nein, meine Dame«, lautete die Antwort. »Irgend jemand in Dawson hat sämtliche Eier

aufgekauft. Herr Slavovitsch hat selbst versucht, extra für Sie ein paar zu kaufen. Aber der

Spekulant will nichts abgeben.«

Eben in diesem Augenblick rief Wild Water den Besitzer zu sich, legte ihm die Hand auf die

Schulter und zog seinen Kopf zu sich herab, um ihm etwas ins Ohr flüstern zu können.

»Hören Sie mal, Slavovitsch«, sagte Wild Water leise und heiser. »Ich habe Ihnen doch heute

nacht ein paar Dutzend Eier gegeben. Wo haben Sie die?«

»Im Safe… mit Ausnahme von den sechs, die ich schon aufgetaut und für Sie bereitgestellt

habe…«

»Ich will sie ja gar nicht selber haben«, flüsterte Wild Water noch leiser und heiserer.

»Machen Sie Spiegeleier daraus und lassen Sie sie Fräulein Arral reichen.«

»Ich werde sie persönlich servieren«, versicherte ihm Herr Slavovitsch.

»Und vergessen Sie nicht… mit einem Gruß von mir«, fügte Wild Water hinzu und ließ die

Schulter des Wirtes wieder los.

Die hübsche Lucille Arral starrte gerade verzweifelt ihr aus einem kleinen Häppchen Speck und

Kartoffelmus bestehendes Frühstück an, als Herr Slavovitsch die zwei Spiegeleier auf ihren

Tisch stellte.

»Mit einem ergebenen Gruß von Herrn Wild Water«, hörten die beiden am Nachbartisch ihn sagen.

Kid mußte einräumen, daß sie blendend Komödie zu spielen verstand… dieser schnelle, freudige

Blick in ihren Augen, die impulsive Drehung des Köpfchens, der halb unfreiwillige Vorläufer

eines Lächelns, das durch eine bewundernswerte Selbstbeherrschung zurückgehalten wurde, mit

der sie sich auch wieder dem Wirt zuwandte, um einige freundliche Worte zu sagen. Kid merkte,

daß Wild Waters Fuß im Mokassin ihm unter dem Tisch ein Zeichen gab.

»Wird sie sie auch essen… darauf kommt es ja an… ob sie sie jetzt auch wirklich essen will?«

flüsterte er, ganz außer sich vor Spannung.

Und als sie heimlich Lucille beobachteten, sahen sie, wie sie einen Augenblick zögerte, nahe

daran war, die Schüssel fortzuschieben, dann aber doch der Versuchung erlag.

»Ich nehme die Eier also«, sagte Wild Water zu Kid. »Der Vertrag tritt jetzt in Kraft. Haben

Sie sie beobachtet? Haben Sie alles gesehen? Sie war nahe daran zu lächeln! Ich kenne sie… Es

ist alles in Ordnung. Morgen wieder zwei Eier, dann wird sie mir verzeihen, und wir werden uns

wieder aussöhnen. Wenn sie nicht dabei wäre, würde ich Ihnen die Hand schütteln, Kid… ich bin

Ihnen wirklich dankbar. Sie sind gar kein Räuber, wie ich gestern sagte… Sie sind ein… ein

Menschenfreund.«

Kid kehrte triumphierend in die Hütte auf dem Hügel zurück und fand dort Kurz, der einsam in

schwarzer Verzweiflung dasaß und Karten legte. Wenn sein Partner allein Karten legte, dann -

das wußte Kid – bedeutete es, daß der Himmel über ihm eingestürzt war.

»Geh… sprich lieber nicht zu mir«, lautete die erste Abfuhr, die Kid bekam.

Kurz taute indessen bald auf und begann frisch von der Leber weg zu erzählen.

»Jetzt ist’s vorbei mit dem großen Schweden«, stöhnte er. »Unsere Spekulation ist zum Teufel

gegangen. Morgen werden sie in allen Kneipen Sherry mit Ei für einen Dollar das Glas

verkaufen. Es gibt kein hungriges Waisenkind in ganz Klondike, das sich nicht an Eiern

vollfressen kann. Was, glaubst du, hab’ ich heute erlebt? Einen verfluchten Idioten hab’ ich

getroffen, der dreitausend Eier hergebracht hat… verstehst du? Dreitausend… direkt aus Forty

Mile.«

»Das ist doch nicht wahr«, meinte Kid zweifelnd.

»Wahr wie die Hölle… ich hab’ ja die Eier höchst persönlich gesehen. Gauteraux heißt der

Lümmel… ein großer, blöder blauäugiger Bengel von französischem Kanadier. Erst fragte er nach

dir, dann nahm er mich beiseite und traf mich direkt ins Herz! Es war unsere Eierspekulation,

die ihn auf den Weg gebracht hatte. Er hatte von den dreitausend gehört, die in Forty Mile

lagen, ging einfach hin und kriegte sie. Zeigen Sie sie mir, sagte ich zu ihm. Und das tat er

auch. Da stand sein Hundegespann mit ein paar indianischen Fahrern, die am Uferhang so

warteten, wie sie soeben aus Forty Mile gekommen waren. Und auf dem Schlitten lagen

Seifenkisten… dünne hölzerne Kisten.

Wir nahmen eine mit auf das Eis, mitten auf den Fluß, und öffneten sie, Eier, so wahr ich

lebe! Unmengen von Eiern! Alle in Sägespäne eingepackt. Wir haben das Spiel verloren, Kid. Wir

haben eben Hasard gespielt. Weißt du, was er die Frechheit hatte, mir zu sagen? Daß wir sie

alle für zehn Dollar das Stück bekommen könnten. Und weißt du, was er tat, als ich seine Hütte

verließ? Er zeichnete ein Plakat, auf dem er die Eier zum Verkauf anbot. Sagte, er habe uns

das Vorkaufsrecht gegeben, für zehn Dollar das Stück bis zwei Uhr heut nachmittag… und wenn

wir bis dahin nicht handelseinig seien, würde er uns das Geschäft verderben. Er sagte, er sei

kein Geschäftsmann, aber er könne schon sehen, wenn eine Sache gut wäre… und damit meinte er,

soviel ich verstehen konnte, dich und mich.«

»Das ist ja alles nicht so schlimm«, sagte Kid zufrieden. »Verlier nur nicht den Kopf und laß

mich einen Augenblick überlegen. Hier helfen nur kaltes Blut und schnelles Handeln! Um zwei

Uhr werde ich Wild Water hierherbestellen, um die Eier abzunehmen. Inzwischen kaufst du die

Eier von Gauteraux. Versuch, den Preis zu drücken. Aber selbst wenn du zehn Dollar das Stück

bezahlen mußt, wird Wild Water sie uns ja zum selben Preis abnehmen müssen. Wenn du sie

billiger kriegst, schön, dann verdienen wir auch an ihnen. Aber sorg dafür, daß sie nicht

später als bis zwei Uhr hier sind. Leih dir die Hunde von Oberst Bowie und nimm auch unser

Gespann mit. Punkt zwei Uhr mußt du hier sein.«

»Du, Kid…«, rief Kurz, als sein Partner die Anhöhe hinabging. »Nimm lieber einen Regenschirm

mit. Es sollte mich nicht wundern, wenn es Eier zu regnen begänne, bevor du zurückkommst.«

Kid fand Wild Water bei M & M. und es wurde eine ziemlich stürmische Sitzung.

»Ich muß Ihnen sagen, daß wir noch einige Eier dazubekommen haben«, sagte Kid, als Wild Water

sich bereit erklärt hatte, den Goldstaub um zwei Uhr nach der Hütte zu bringen und die Ware

bei sofortiger Abnahme zu bezahlen.

»Ihr habt offenbar mehr Glück bei eurer Eiersuche als ich«, gab Wild Water zu. »Nun, wie viele

Eier habt ihr denn im ganzen, und wieviel Staub muß ich mitbringen?«

Kid schlug in seinem Notizbuch nach. »So, wie es jetzt steht, macht es nach Kurz’ Berechnung

genau dreitausendneunhundertzweiundsechzig Eier… multipliziert mit zehn…«

»Vierzigtausend Dollar«, brüllte Wild Water. »Sie sagten doch, es wären im ganzen nur ungefähr

neunhundert Eier da! Das ist ja der reine Nepp… da mach ich nicht mit.«

Kid zog den Vertrag aus der Tasche und zeigte auf die Worte: »Zahlbar bei Abnahme.«

»Es steht kein Wort da, wie viele Eier abzunehmen sind. Sie haben sich bereit erklärt, zehn

Dollar für jedes Ei zu zahlen, das wir Ihnen liefern. Wir haben die Eier bekommen, und Vertrag

bleibt Vertrag! Ich gebe gern zu, daß wir nichts von den Eiern wußten, als wir mit Ihnen

abschlossen. Aber dann kauften wir sie, um uns das Geschäft nicht zu verderben.«

Fünf lange Minuten herrschte ein schwüles Schweigen. Wild Water kämpfte einen schweren Kampf

mit sich. Dann gab er widerstrebend nach.

»Ich bin im Nachteil«, sagte er mit gebrochener Stimme. »Das ganze Land scheint Eier

auszuspucken. Und je schneller ich die Sache erledige, um so besser! Sonst gibt es noch eine

wahre Sturzflut von Eiern. Ich werde um zwei Uhr bei euch sein… aber vierzigtausend Dollar!«

»Es sind übrigens nur neununddreißigtausendsechshundertundzwanzig«, berichtigte Kid.

»Das wiegt mehr als zweihundert Pfund«, wütete Wild Water. »Ich muß das Geld mit einem Gespann

hinausfahren.«

»Wir werden Ihnen unsere Hunde zur Verfügung stellen, um die Eier abzutransportieren«, erbot

sich Kid freundlich.

»Aber wo, zum Teufel, soll ich sie aufbewahren? Wo schaffe ich sie nur hin? Na… nichts zu

machen. Um zwei bin ich da. Aber solange ich lebe, werde ich kein Ei mehr anrühren.«

Um halb zwei kam Kurz, der den schroffen Hang hinauf ein doppeltes Gespann gebraucht hatte,

mit Gauteraux’ Eiern an.

»Wir können unsern Gewinn, hol’ mich der Teufel, fast verdoppeln«, erzählte er Kid, als sie

die Seifenkisten in die Hütte brachten. »Ich hab’ den Preis auf acht Dollar gedrückt. Nachdem

er zuerst ganz verdammt auf französisch geflucht hatte, gab er schließlich nach. Wir haben

also einen regulären Nettoprofit von zwei Dollar das Ei, und es sind im ganzen dreitausend.

Ich habe sie in bar bezahlt. Hier die Quittung.«

Während Kid die Goldwaage hervornahm und alles für die Ablieferung der Ware bereitmachte,

vertiefte Kurz sich in Berechnungen.

»Hier haben wir es schwarz auf weiß«, berichtete er triumphierend. »Es ergibt einen Gewinn von

zwölftausendneunhundertsiebzig Dollar. Und Wild Water tun wir nichts Böses an. Er gewinnt ja

seine Lucille dabei. Außerdem bekommt er alle die herrlichen Eier. Es ist also für beide Teile

ein gutes Geschäft. Keiner wird geschädigt.«

»Selbst Gauteraux verdient seine vierundzwanzigtausend«, lachte Kid. »Natürlich mit Abzug

seiner Unkosten für Kauf und Transport der Eier. Und wenn Wild Water die Eier hält, kann er

auch noch einen Profit herauspressen.«

Als Kurz um Punkt zwei hinausguckte, sah er Wild Water den Hügel heraufkommen. Als er in die

Hütte trat, war er kurz angebunden und sehr geschäftsmäßig.

»Bringt die Eier her, ihr Räuber«, begann er. »Und ich gebe euch den guten Rat, nie mehr in

meiner Anwesenheit von Eiern zu reden, jedenfalls nicht, wenn ihr in Freundschaft mit mir

leben wollt.«

Sie machten den Anfang mit den verschiedenen Posten des ursprünglichen Corners, und alle drei

beteiligten sich an der Nachzählung. Als die ersteh zweihundert erreicht waren, zerschlug Wild

Water plötzlich ein Ei am Tischrand.

»Hallo… was soll das…!« protestierte Kurz.

»Es ist ja mein Ei, oder etwa nicht?« brummte Wild Water mürrisch. »Ich bezahle ja meine zehn

guten Dollar dafür, nicht wahr? Aber ich pflege keine Katze im Sack zu kaufen. Wenn ich zehn

runde Dollar für ein Ei zahlen muß, will ich auch wissen, daß es gut ist.«

»Wenn es Ihnen nicht gut genug ist, bin ich bereit, es zu essen«, erbot sich Kurz ironisch.

Wild Water guckte das Ei an, beroch es und schüttelte den Kopf. »Nee, daraus wird nichts,

Kurz. Das Ei ist gut! Geben Sie mir einen Topf. Ich werde es heut abend selber essen.«

Dreimal noch zerschlug Wild Water versuchsweise ein Ei, aber sie waren alle gut, und er tat

sie in den neben ihm stehenden Topf.

»Es sind zwei mehr, als Sie gerechnet haben, Kurz«, sagte er, als sie endlich sämtliche Eier

nachgezählt hatten.

»Neunhundertdreiundsechzig, nicht einundsechzig.«

»Da hab’ ich mich also geirrt«, gab Kurz artig zu. »Die kriegen Sie als Gratiszugabe.«

»Glaub schon, daß ihr euch den Spaß leisten könnt«, räumte Wild Water grimmig ein. »Den Posten

nehme ich also ab. Neuntausendsechshundertzwanzig Dollar. Ich bezahle gleich! Schreiben Sie

die Quittung aus, Kid.«

»Warum nehmen Sie nicht lieber auch gleich den Rest ab?« schlug Kid vor. »Dann können Sie

alles auf einmal zahlen.«

Wild Water schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht so gut im Rechnen. Jeder Posten für sich und

kein Fehler, das ist meine Methode.«

Er trat zu seinem Pelz und zog aus den Taschen zwei Beutel mit Goldstaub, die so dickbäuchig

und lang waren, daß sie wie Salamiwürste aussahen.

Als er den ersten Posten bezahlt hatte, blieben nur wenige hundert Dollar in den Säcken.

Jetzt wurde eine Seifenkiste auf den Tisch gestellt, und sie begannen die dreitausend

abzuzählen. Als sie die ersten hundert voll hatten, schlug Wild Water ein Ei hart gegen die

Kante des Tisches. Es ging aber nicht entzwei.

»Durch und durch gefroren«, sagte er und schlug noch härter.

Dann hielt er das Ei hoch, und sie sahen alle drei, daß die Schale an der Stelle, wo er sie

gegen den Tisch geschlagen, in ganz feine Stückchen zersplittert war.

»Hm«, sagte Kurz. »Es muß ja auch gefroren sein, da es eben erst den weiten Weg von Forty Mile

hierhergebracht worden ist. Wir müssen es mit einer Axt zerschlagen.«

»Dann geben Sie eine Axt«, sagte Wild Water.

Kid holte die Axt, und mit dem sicheren Auge und der geübten Hand des Holzfällers teilte Wild

Water das Ei mit einem Hieb in zwei gleiche Teile. Das Aussehen des Eis war durchaus nicht

befriedigend. Kid wurde von einer unheimlichen Ahnung durchschauert. Kurz war

zuversichtlicher. Er hielt die eine Hälfte an seine Nase.

»Riecht sehr gut«, sagte er.

»Aber sieht verdammt schlecht aus«, behauptete Wild Water. »Stinken kann es ja gar nicht, weil

der Geruch mitgefroren ist. Warten Sie nur einen Augenblick, dann werden Sie es schon merken.«

Er legte beide Hälften in eine Bratpfanne, die er dann auf den heißen Ofen stellte. Dann

standen die drei Männer eine Weile da und warteten mit weit geöffneten Nüstern der Dinge, die

da kommen sollten. Langsam begann ein unverkennbarer Geruch sich durch den Raum zu verbreiten.

Wild Water blieb stumm, und auch Kurz schwieg, obgleich er schon überzeugt war.

»Werfen Sie es weg«, rief Kid, nach Luft schnappend.

»Was hilft das?« fragte Wild Water. »Wir müssen die andern ja auch nachprüfen.«

»Nicht hier im Haus.« Kid hustete, und ihm wurde recht übel. »Zerschlagen Sie sie mit dem

Beil, dann brauchen wir sie nur anzusehen. Schmeiß es doch weg, Kurz… hinaus damit! Pfui

Deibel!«

Kiste auf Kiste wurde geöffnet. Ein Ei nach dem andern wurde in zwei Stücke zerschlagen. Und

jedes trug dieselben unverkennbaren Merkmale; sie waren ohne Ausnahme unrettbar und

hoffnungslos verdorben.

»Ich verlange nicht, daß Sie alle aufessen, Kurz«, spottete Wild Water. »Und wenn Sie nichts

dagegen haben, will ich mich schleunigst aus dem Staube machen. Mein Vertrag lautet auf gute

Eier! Wenn Sie mir einen Schlitten und Ihr Gespann zur Verfügung stellen wollen, werde ich die

guten Eier entführen, bevor sie angesteckt sind.«

Kid half ihm die Eier auf den Schlitten zu verstauen. Kurz blieb am Tisch sitzen, die Karten

vor sich, bereit, sobald sie allein waren, eine Patience zu legen.

»Sagen Sie mal, wie lange habt ihr beide eigentlich die Eier gehalten?« lauteten die

spöttischen Abschiedsworte Wild Waters.

Kid gab keine Antwort, sondern begann nach einem schnellen Blick auf seinen Partner, die

Seifenkisten in den Schnee hinauszuwerfen.

»Sag mal, Kurz, wieviel hast du eigentlich für die dreitausend bezahlt?«

»Acht Dollar… Aber geh, sprich nicht… ich rechne genauso gut wie du. Wir haben siebzehntausend

Dollar an der Geschichte verloren, wenn jemand auf einem Schlitten angefahren kommen sollte,

um dich zu fragen. Ich hab’ es ausgerechnet, während wir warteten, daß das erste Ei schmelzen

sollte.«

Kid überlegte einige Minuten, dann begann er wieder zu sprechen: »Sag mal, Kurz.

Vierzigtausend Dollar wiegen gut zweihundert Pfund. Wild Water lieh sich unsern Schlitten und

unser Gespann, um die Eier wegzuschaffen. Er kam ohne Schlitten den Hügel herauf. Die beiden

Säcke mit Goldstaub, die er in den Taschen trug, hatten ein Gewicht von kaum zwanzig Pfund je.

Wir hatten verabredet, daß er bei Abnahme bezahlen sollte. Und doch brachte er nur so viel

Staub mit, daß er die guten Eier bezahlen konnte. Er hatte offenbar gar nicht daran gedacht,

die dreitausend zu bezahlen. Mit andern Worten: er wußte, daß sie schlecht waren. Und wie hat

er denn wissen können, daß sie nicht gut waren?… Was meinst du dazu, Kurz?«

Kurz sammelte die Karten und mischte sie, um eine neue Patience zu legen, hielt dann aber

inne: »Hm… die Frage ist ja sehr einfach. Jedes Kind kann sie beantworten. Wir haben

siebzehntausend Dollar verloren. Wild Water hat also siebzehntausend gewonnen. Die Eier von

Gauteraux haben die ganze Zeit Wild Water gehört. Möchtest du sonst noch etwas wissen?«

»Ja«, sagte Kid. »Warum hast du denn nur die Eier nicht untersucht, bevor du sie bezahltest?«

»Ebenso einfach wie deine erste Frage. Wild Water hat das verfluchte Spiel auf Minute und

Sekunde zurechtgelegt. Ich mußte mich schon genug beeilen, um sie herzubringen, so daß wir sie

rechtzeitig liefern konnten. Und jetzt, Kid, mußt du mir erlauben, dir eine offene, anständige

Frage zu stellen: Wie hieß der Mann, der die Idee zu dieser Spekulation gab?«

Kurz hatte seine sechzehnte Patience verloren, und Kid war schon dabei, das Abendbrot

vorzubereiten, als Oberst Bowie an die Tür klopfte, Kid einen Brief überreichte und gleich

nach seiner eigenen Hütte weiterging.

»Hast du sein Gesicht gesehen?« wütete Kurz. »Er mußte sich ordentlich zusammennehmen, um

ernst zu bleiben. Jetzt gibt es ein Mordsgelächter… aber auf unsere Kosten, Kid. Wir können

unsere Gesichter in Dawson nie wieder sehen lassen.«

Der Brief war von Wild Water, und Kid las ihn vor:

»Liebe Freunde Kid und Kurz!

Ich schreibe, um Euch zu bitten, mich mit Eurer Anwesenheit heute abend zu einem Essen im

Restaurant Slavovitsch zu beehren. Fräulein Arral wird kommen und Gauteraux ebenfalls. Er und

ich waren in Circle vor fünf Jahren Kompagnons. Er ist in jeder Beziehung ein ausgezeichneter

Mensch und wird mein Trauzeuge sein. Was die Eier betrifft, so kamen sie schon vor fünf Jahren

ins Land. Sie waren bei der Ankunft verdorben. Sie waren es schon, als sie Kalifornien

verließen. Sie sind überhaupt immer verdorben gewesen. Einen Winter haben sie in Carluk und

einen in Nutlik verbracht, wo sie gegen Erstattung der Lagerspesen verkauft wurden. Diesen

Winter werden sie vermutlich in Dawson verbringen. Aber lagern Sie sie nicht in einem

geheizten Raum! Lucille sagt, ich soll Ihnen sagen, daß Sie beide und ich Dawson jetzt ein

paar gemütliche Stunden verschafft haben. Und ich sage, daß Sie eine Runde schmeißen müssen;

darüber kann kein Zweifel sein.

Ihr ergebener Freund

W. W.«

»Na, was sagst du nun?« fragte Kid. »Wir nehmen die Einladung natürlich an, nicht wahr?«

»Eins möchte ich aber doch noch bemerken«, antwortete Kurz, »nämlich, daß Wild Water nie zu

hungern braucht, wenn es ihm schiefgehen sollte. Denn er ist ein guter Schauspieler…ein ganz

gottverfluchter, gerissener Schauspieler. Und dann muß ich noch bemerken, daß meine Zahlen

alle falsch gewesen sind. Wild Water hat einen Gewinn von siebzehntausend Dollar gehabt, aber

in Wirklichkeit hat er noch mehr gewonnen. Wir beide haben ihm alle guten Eier, die es in

Klondike gibt, geschenkt… neunhundertvierundsechzig, davon zwei als Gratiszugabe. Und er war

so unsagbar knickerig, daß er die drei, die er öffnete, in einem Topf mitnahm! Und dann habe

ich noch eine letzte Bemerkung zu machen. Wir beide sind Grubenbesitzer und verstehen uns auf

Goldminen. Wenn es sich aber um richtige Geschäfte handelt, sind wir die armseligsten Trottel,

die je die verrückte Idee bekommen haben, schnell reich zu werden. Nach dieser Geschichte

haben wir nichts anderes zu tun, als uns an unzugängliche Felsen und große Baumstämme zu

halten… und wenn du noch einmal das Wort Ei aussprichst, dann sind wir geschiedene Leute…

Verstanden?«

* * *

Die neue Stadt

Kid und Kurz, die aus entgegengesetzten Richtungen kamen, trafen sich an der Ecke, wo das

Schanklokal »Elchgeweih« lag.

Kid sah sehr vergnügt aus und ging flott und rasch, während Kurz anscheinend sehr

niedergeschlagen dahertrottete.

»Was ist los?« fragte Kid übermütig.

»Ich will ewig verflucht sein, wenn ich es selbst ahne«, gab Kurz mißmutig zur Antwort. »Ich

möchte es tatsächlich gern wissen. Es gibt auch nichts, was mich ein bißchen aufrütteln

könnte. Zwei Stunden lang habe ich die blödesten, langweiligsten Patiencen gelegt… keine

Aufregung, keine Trümpfe, nichts zu machen. Dann habe ich ein paar Robber Whist mit Skiff

Mitchel um Schnäpse gespielt, und jetzt sehne ich mich so nach einem Erlebnis, daß ich die

Straße hier auf und ab laufe in der Hoffnung, daß es wenigstens eine Hundekeilerei oder einen

Streit oder sonst irgendwas geben möchte.«

»Da hab’ ich was Besseres auf Lager«, antwortete Kid, »deshalb bin ich auf der Suche nach dir.

Komm mit.«

»Jetzt?«

»Ja, natürlich…«

»Wohin denn?«

»Über den Fluß, um dem alten Dwight Sanderson einen Besuch abzustatten.«

»Hab’ nie was von dem gehört«, gab Kurz mißmutig zur Antwort, »… auch noch nie, daß überhaupt

jemand auf der andern Seite des Flusses lebt. Warum in aller Welt wohnt er denn da? Ist er

vollkommen verrückt?«

»Er hat was zu verkaufen«, lachte Kid.

»Hunde? Oder eine Goldmine? Vielleicht Tabak?«

Kid schüttelte zu jeder Frage den Kopf.

»Komm nur mit, dann wirst du schon sehen, was es ist. Ich will es jedenfalls kaufen… und wenn

du willst, kannst du halbpart mit mir machen.«

»Sag nur um Gottes willen nicht, daß es Eier sind«, rief Kurz, und sein Gesicht verzog sich zu

einem Grinsen, das halb drollig, halb spöttisch war.

»Komm nur mit«, erklärte Kid, »ich lasse dich noch zehnmal raten, während wir über das Eis

gehen.«

Sie kletterten den schroffen Hang am Ende der Straße hinab und erreichten den eisbedeckten

Yukon. Dreiviertel Meilen entfernt sahen sie gerade vor sich das andere Ufer mit seinen noch

schrofferen Felsen. Dazwischen schlängelte sich, von vielen zerborstenen Eisblöcken

unterbrochen, eine schmale, nur wenig benutzte Schlittenspur. Kurz trottete dicht hinter Kid

her und verbrachte die Zeit mit zahlreichen Versuchen, zu enträtseln, was Dwight Sanderson

wohl zu verkaufen hätte.

»Rentiere? Eine Kupfermine? Oder eine Ziegelei? Das war mein erster Versuch, das Rätsel zu

lösen! Bären- oder andere Felle? Lotterielose? Eine Kartoffelfarm?«

»Jetzt kommst du der Sache schon näher«, ermunterte ihn Kid.

»Zwei Kartoffelfarmen? Eine Käsefabrik? Ein Binsengut?«

»Du irrst dich gar nicht so sehr, Kurz, bist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt, wie

du selber glaubst.«

»Ein Steinbruch?«

»Jetzt bist du fast ebenso nahe daran wie mit dem Binsengut und der Kartoffelfarm.«

»Sei mal einen Augenblick ruhig, ich muß nachdenken! Ich darf noch einmal raten.«

Zehn Minuten vergingen im Schweigen.

»Weißt du, Kid, ich versuche es gar nicht mehr. Wenn das Ding, das du kaufen willst, so

ähnlich lautet wie eine Kartoffelfarm, ein Binsengut und ein Steinbruch, dann geb’ ich es

lieber gleich auf. Und ich werde mich auch nicht an dem Geschäft beteiligen, bevor ich es

gesehen habe und mir meine Meinung darüber bilden kann.«

»Gut… du wirst ja bald genug die Karten auf dem Tische sehen. Guck mal dort hinauf… Siehst du

den Rauch aus der Hütte? Da wohnt der alte Dwight Sanderson. Er hat Grundstücke genug für eine

ganze Stadt.«

»Was hat er sonst noch?«

»Weiter nichts«, lachte Kid. »Das heißt, er hat auch Gicht… das hab’ ich wenigstens gehört.«

»Sag mal…« Kurz streckte die Hand aus, packte seinen Kameraden an der Schulter und zwang ihn

stehenzubleiben.

»Du willst mir doch nicht einreden, daß du auf diesem vollkommen verrückten Land Grundstücke

für eine Stadt kaufen willst?«

»Jetzt hast du das zehntemal geraten… und diesmal richtig!«

»Aber wart doch einen Augenblick«, bat Kurz. »Sieh dir doch die Grundstücke hier an. Sie sind

ja nichts als Felsen und Glitschbahnen… die reine Rutschbahn. Wo zum Teufel soll die Stadt

denn stehen?«

»Ja, das möchtest du wohl wissen!«

»Dann willst du also gar keine Stadt hier bauen?«

»Nein, aber Dwight Sanderson will sie uns zur Gründung einer Stadt verkaufen«, neckte ihn Kid.

»Komm jetzt, wir müssen diese Rutschbahn hinaufklettern.«

Es war ein sehr schroffer Hang, und der schmale Steg schlängelte sich wie eine riesige

Jakobsleiter empor. Kurz stöhnte und ächzte über die vielen scharfen Ecken und Spitzen.

»Daß jemand hier eine Stadt anlegen will! Es ist nicht so viel ebene Fläche hier, um eine

Briefmarke aufzukleben. Und außerdem ist es ja die falsche Seite vom Fluß! Der ganze

Warenverkehr geht ja am anderen Ufer vor sich. Schau dir mal Dawson dort unten an! Da ist

Platz genug für eine Erweiterung, selbst wenn die Bevölkerung auf vierzigtausend steigen

sollte. Du, Kid, ich weiß ja, daß du die Grundstücke nicht kaufen willst, um eine Stadt zu

gründen, aber warum in aller Teufel Namen kaufst du sie denn?«

»Um sie wieder zu verkaufen natürlich.«

»Aber andere Leute sind nicht solche Trottel wie der Alte dort oben oder wie du.«

»Vielleicht nicht in derselben Weise, Kurz. Aber ich kaufe jetzt diese Grundstücke. Dann teile

ich sie in kleine Parzellen auf und verkaufe sie an eine ganze Menge von den vernünftigen

Leuten in Dawson.«

»Brrr… ganz Dawson grinst heute noch über uns beide wegen der verdammten Eier. Du möchtest

wohl, daß sie noch mehr grinsen?«

»Ja, natürlich.«

»Aber es ist ein verflucht teures Vergnügen, Kid! Bei der Eiergeschichte hab’ ich dir

geholfen, die Leute zum Lachen zu bringen, und mein Anteil an diesem neuen Vergnügen betrug

fast neuntausend Dollar.«

»Ganz recht… aber du brauchst ja diesmal nicht mitzumachen. Dann stecke ich den Gewinn allein

ein. Trotzdem mußt du mir aber helfen.«

»Oh, helfen tue ich gern! Und auslachen können sie mich meinetwegen auch. Aber ich gebe nicht

eine Unze dafür aus. Was verlangt der alte Sanderson denn für seine Grundstücke… ein paar

hundert?«

»Zehntausend. Ich denke aber, daß ich sie für fünf kriegen werde.«

»Ich möchte gern Pastor sein«, erklärte Kurz mit brennendem Eifer in seiner Stimme.

»Pastor? Wieso?«

»Dann würde ich eine wunderbar beredte Predigt über einen Text halten, den du vielleicht

öfters gehört hast, nämlich über einen Narren und sein Geld…«

»Herein«, hörten sie Dwight Sanderson mürrisch rufen, als sie an seine Tür klopften. Und als

sie eintraten, sahen sie ihn am steinernen Kamin hocken, wo er Kaffeebohnen, die in einem

Fetzen aus einem alten Mehlsack eingewickelt waren, zerstampfte.

»Was wünschen Sie?« fragte er barsch, während er die zerstoßenen Kaffeebohnen in die

Kaffeekanne schüttete, die auf den Kohlen stand.

»Etwas Geschäftliches mit Ihnen besprechen«, erwiderte Kid. »Sie haben Grundstücke für eine

Stadt hier abgesteckt, wie ich gehört habe. Was verlangen Sie für die ganze Geschichte?«

»Zehntausend Dollar«, lautete die Antwort. »Und nachdem ich es Ihnen gesagt habe, können Sie

ja wieder hinausgehen und mich auslachen. Da ist die Tür.«

»Ich habe gar nicht die Absicht zu lachen. Ich kenne eine Menge lustigerer Sachen, als

ausgerechnet diese verdammten Felsen heraufzuklettern. Ich will Ihr Land kaufen.«

»So, wollen Sie? Nun, ich freue mich, endlich mal etwas Vernünftiges zu hören.« Sanderson trat

zu ihnen und setzte sich seinen Besuchern gegenüber; seine Hände legte er auf den Tisch vor

sich, während seine Blicke hin und wieder ängstlich nach der Kaffeekanne schweiften. »Ich habe

Ihnen ja meinen Preis gesagt, und ich schäme mich nicht, ihn zu wiederholen… zehntausend

Dollar! Und Sie können lachen oder kaufen… das ist mir beides ganz schnuppe.«

Um zu zeigen, wie schnuppe es ihm war, begann er mit seinen geschwollenen Knöcheln auf den

Tisch zu trommeln und starrte wild die Kaffeekanne an. Ein paar Minuten später fing er auch

an, eintönig und einförmig vor sich hin zu summen: »Tralalu, tralali, tralalu, tralali…«

»Aber sehen Sie, Herr Sanderson…«, sagte Kid. »Diese Grundstücke sind keine zehntausend wert.

Wären sie das, so würden sie ebensogut hunderttausend wert sein. Und wenn sie keine

hunderttausend wert sind – und daß sie das nicht sind, wissen Sie ja selbst sehr gut -, dann

sind sie keine zehn Cent wert.«

Sanderson trommelte weiter mit seinen Knöcheln und summte: »Tralali, tralalu«, bis die

Kaffeekanne überkochte. Er goß kaltes Wasser auf und nahm dann wieder seinen Platz ein.

»Wieviel bieten Sie denn?« fragte er Kid.

»Fünftausend.«

Kurz stöhnte.

Wieder folgte eine Pause, die nur durch das Trommeln auf dem Tische gestört wurde.

»Sie sind ja kein Idiot«, ließ Sanderson Kid wissen, »denn Sie sagten, wenn sie keine

hunderttausend wert seien, hätten sie auch nicht den Wert von zehn Cent. Und doch bieten Sie

fünftausend. Dann sind sie also hunderttausend wert. Ich erhöhe deshalb meine Forderung auf

zwanzigtausend.«

»Sie werden ja nie einen Heller dafür kriegen«, antwortete Kid eifrig. »Und wenn Sie

hierbleiben, bis Sie in Verwesung übergegangen sind.«

»Ich werde es schon aus Ihnen herauskriegen.«

»Nicht zu machen.«

»Dann werde ich eben hierbleiben, bis ich in Verwesung übergehe«, gab Sanderson in einem Ton

zurück, der offensichtlich die Unterredung abschließen sollte.

Er nahm keine Rücksicht mehr auf die Anwesenheit der beiden, sondern bereitete seine

kulinarischen Genüsse vor, als ob er ganz allein wäre. Als er einen Topf Bohnen aufgewärmt und

eine Scheibe Brot geröstet hatte, deckte er den Tisch für eine Person und begann zu essen.

»Nein, nein, danke schön… sehr liebenswürdig«, murmelte Kurz. »Wir sind gar nicht hungrig.«

»Lassen Sie mich Ihre Urkunden sehen«, sagte Kid schließlich. Sanderson suchte unter seinem

Kopfkissen im Bett herum und zog schließlich einen ganzen Stoß Dokumente hervor. »Es ist alles

tipptopp, in prima Ordnung«, sagte er.

»Das große da, mit den riesigen Siegeln, kommt den weiten Weg aus Ottawa hierher.

Territorialschwierigkeiten gibt es nicht, die kanadische Regierung steht in dieser Sache

hinter mir und bestätigt mir mein Besitzrecht.«

»Wie viele Parzellen haben Sie eigentlich in den zwei Jahren, in denen Sie das Grundstück

besitzen, verkauft?«

»Das ist nicht Ihre Sache«, antwortete Sanderson mürrisch. »Es gibt kein Gesetz, das einem

Mann verbietet, allein auf seinem Grund und Boden zu wohnen, solange er Lust dazu hat.«

»Ich gebe Ihnen fünftausend«, sagte Kid.

»Ich weiß nicht, wer von euch beiden der Verrücktere ist«, klagte Kurz. »Komm mal einen

Augenblick mit hinaus, Kid. Ich möchte dir gern etwas sagen.«

Zögernd fügte sich Kid den Überredungskünsten seines Partners.

»Ist es dir denn nie eingefallen«, fragte Kurz, als sie im Schnee draußen vor der Hütte

standen, »daß es Meile auf Meile zu beiden Seiten dieser blöden Baugrundstücke gibt, die

keinem gehören? Die kriegst du doch umsonst, wenn du sie nur selbst absteckst und die Pfähle

einrammst.«

»Ja, aber sie erfüllen meinen Zweck nicht«, sagte Kid.

»Wieso denn nicht?«

»Du staunst, daß ich ausgerechnet diese Parzellen haben will, wo ich so viele Meilen umsonst

bekommen kann, nicht wahr?«

»Selbstverständlich«, räumte Kurz ein.

»Und darauf kommt es eben an«, fuhr Kid triumphierend fort. »Wenn du darüber staunst, werden

die andern noch mehr staunen. Und wenn sie staunen, werden sie angestürmt kommen. Durch dein

Staunen beweist du, daß ich die Sache psychologisch richtig sehe. Und jetzt hör mal zu, Kurz:

ich habe die Absicht, Dawson ein Geschenk zu machen, das diesem verdammten Eiergrinsen den

Boden ausschlagen wird. Komm jetzt mit hinein.«

»Nun?« sagte Sanderson, als sie wieder eintraten. »Ich dachte, ich würde euch nicht wieder zu

sehen bekommen…«

»Nun sagen Sie mir Ihre letzte Forderung«, sagte Kid.

»Zwanzigtausend.«

»Ich gebe zehntausend.«

»Schön, zu dem Preis verkaufe ich. Das ist ja meine ursprüngliche Forderung. Wann bezahlen

Sie?«

»Morgen – in der Nordwest-Bank. Aber ich stelle zwei Bedingungen. Erstens, daß Sie, wenn Sie

das Geld bekommen haben, sofort den Fluß hinab nach Forty Mile fahren und den Rest des Winters

dort bleiben.«

»Das kann ich ohne weiteres. Was sonst?«

»Daß ich Ihnen fünfundzwanzig auszahle und Sie mir fünfzehntausend wiedergeben.«

»Kann ich gern machen.« Sanderson wandte sich zu Kurz. »Die Leute sagen, daß ich verrückt war,

als ich hierherzog und die Grundstücke parzellierte«, spottete er. »Aber jedenfalls bin ich

doch nicht verrückter gewesen, als daß ich zehntausend Dollar daran verdient habe.«

»In Klondike gibt’s wahrhaftig Verrückte genug«, war alles, was Kurz antworten konnte. »Und

wenn es so viele gibt, muß einer von ihnen wohl mal Glück haben.«

Am nächsten Morgen wurden die juristischen Formalitäten des Grundstücksverkaufs geregelt, und

auf Kids ausdrücklichen Wunsch wurde im Vertrag bemerkt, daß dieser Grundstückskomplex künftig

den Namen »Tra-li« tragen sollte. Dann wog der Kassierer der Nordwest-Bank Goldstaub im Werte

von fünfundzwanzigtausend Dollar ab, während ein halbes Dutzend zufällige Zuschauer dem

Abwiegen, der Auszahlung und dem Empfang beiwohnten.

In einem Goldgräberlager sind alle mißtrauisch. Alles, was jemand unerwartet unternimmt, kann

ja der Schlüssel zu einem geheimnisvollen Goldfund sein, selbst wenn der Betreffende in

Wirklichkeit nur auf die Elchjagd geht oder einen Abendspaziergang macht, um das schöne

Nordlicht zu betrachten. Und als bekannt wurde, daß eine so bekannte Persönlichkeit wie

Alaska-Kid dem alten Dwight Sanderson fünfundzwanzigtausend Dollar ausgezahlt hatte, wollte

ganz Dawson wissen, wofür er diesen Betrag gezahlt hatte. Was hatte nun Dwight Sanderson, der

drüben auf seinen einsamen Grundstücken hockte und halb verhungerte, was hatte er zu

verkaufen, das fünfundzwanzigtausend Dollar wert war? Da die Leute von Dawson nirgends eine

Antwort auf diese Frage bekamen, war es nur selbstverständlich, daß sie mit fieberhafter

Spannung alles beobachteten, was Kid jetzt unternahm. Am Nachmittag wußte man bereits überall

in der Stadt, daß eine ganze Anzahl von Männern leichte Wanderbündel geschnürt hatten, die sie

in verschiedenen, ihnen geeignet erscheinenden Kneipen an der Hauptstraße versteckten. Wo Kid

auch hinging, beobachteten ihn viele Augen. Und zum Beweis, wie ernst man ihn nahm, mag

erwähnt werden, daß keiner die Stirn hatte, ihn offen über seine Geschäfte mit Sanderson

auszufragen. Andererseits gab es auch keinen, der die Geschichte mit den Eiern vor ihm zu

erwähnen wagte. Kurz war natürlich Gegenstand einer ähnlichen Beobachtung und derselben

diskreten Freundlichkeit.

»Ich habe fast das Gefühl, als ob ich irgend jemand totgeschlagen oder die Pocken bekommen

hätte, so lauern sie auf alles, was ich tue, und solche Angst haben sie, mir etwas zu sagen«,

gestand Kurz, als er Kid zufällig vor dem »Elchgeweih« traf. »Schau dir mal Bill Saltman da

drüben an – er platzt schon fast vor Neugierde und guckt doch dabei immerfort anderswohin…

wenn man ihn ansieht, glaubt man, er hätte überhaupt keine Ahnung davon, daß wir beide auf der

Welt sind. Aber ich wette Schnaps soviel du willst, Kid, daß wir, wenn wir um die Ecke hier

abbögen, als ob wir irgendwohin gehen wollten, und dann an der nächsten Ecke umkehrten, sehen

würden, daß er uns nachrennte, als ob ihm der Teufel auf den Hacken wäre.«

Sie machten den Versuch, und als sie an der nächsten Ecke umkehrten und zurückkamen, liefen

sie Saltman direkt in die Arme. Er war ihnen tatsächlich im Schlittentrott nachgelaufen.

»Tag, Bill«, grüßte Kid. »Wohin denn?«

»Nur ein bißchen herumbummeln«, antwortete Saltman. »So ein klein bißchen bummeln. Es ist

verdammt schönes Wetter heute… nicht?«

»Hm«, meinte Kurz ironisch. »Wenn du die Schnelligkeit bummeln nennst, dann möchte ich wissen,

was du tust, wenn du läufst.«

Als Kurz gegen Abend die Hunde fütterte, hatte er das unverkennbare Gefühl, daß ringsum im

Dunkeln eine Menge Augen auf ihn lauerten. Und als er die Hunde an den Zaun band, statt sie,

wie sonst, nachts frei herumlaufen zu lassen, wußte er genau, daß er die Nervosität der

Bevölkerung noch um ein Bedeutendes vermehrte.

Wie verabredet, nahm Kid sein Abendbrot in der Stadt ein und ging dann weiter, um sich zu

amüsieren. Wo er auch erschien, wurde er gleich zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Er

machte absichtlich eine Rundreise durch sämtliche Lokale. Die Bars füllten sich, sobald er

erschien, und leerten sich, sobald er wieder ging. Wenn er an einem schläfrigen Roulettetisch

einige Spielmarken kaufte, saß binnen fünf Minuten mindestens ein halbes Dutzend Spieler um

ihn herum. Er benutzte die Gelegenheit, um eine kleine Rache an Lucille Arral zu nehmen, indem

er den Zuschauerraum der Oper gerade in dem Augenblick verließ, als sie ihr volkstümlichstes

Lied ableiern sollte. In kaum drei Minuten hatten mindestens zwei Drittel des gesamten

Publikums das Theater verlassen. Gegen ein Uhr morgens ging er durch die außergewöhnlich

belebte Hauptstraße. Er bog auf den Seitenweg ein, der die Anhöhe zu seiner Hütte

hinaufführte. Als er einen Augenblick oben stehenblieb, hörte er, wie der Schnee hinter ihm

unter den Tritten vieler Mokassins knirschte.

Eine Stunde blieb es noch dunkel in der Hütte, dann steckte er eine Kerze an, und nachdem er

und Kurz sich so lange still verhalten hatten, wie man braucht, um sich anzuziehen, öffneten

sie die Tür und begannen, die Hunde anzuspannen.

Als der Schein der Kerze aufflackerte und sie und die Hunde beleuchtete, hörten sie nicht weit

entfernt einen leisen Pfiff.

Dieses Pfeifen wurde dann von jemand am Fuße des Hügels beantwortet.

»Horch mal«, lachte Kid. »Sie haben Posten aufgestellt, um uns zu belauschen, und jetzt geht

der Bescheid weiter durch die ganze Stadt. Ich wette, daß mindestens vierzig Leute in diesem

Augenblick im Begriff sind, aus dem Bett zu steigen.«

»Sind die Leute nicht verrückt?« kicherte Kurz. »Sag mal, Kid, wozu hat man eigentlich seinen

Grips? Man muß ja blöd sein, um sich heutzutage abzuschinden und mit den Händen zu schuften,

wenn man Grips hat. Die Welt ist ja zum Überlaufen voll von Trotteln, die ganz verrückt danach

sind, ihr Gold loszuwerden. Und bevor wir den Hügel hinunterklettern, möchte ich dir nur noch

sagen, daß ich natürlich halbpart mit dir mache – wenn du nichts dagegen hast.«

Auf dem Schlitten hatten sie eine leichte Schlaf- und Minenausrüstung verstaut. Eine kleine

Rolle Stahldraht guckte ganz unschuldig aus ihrem Versteck unter einem Proviantsack hervor,

während ein Brecheisen, nur halb verborgen, unten auf dem Schlitten lag. Kurz strich leise mit

den Händen über den Stahldraht und gab dem Brecheisen einen letzten freundschaftlichen Klaps.

»Ho«, flüsterte er. »Ich weiß ja, was ich selbst denken würde, wenn ich das Zeugs nachts auf

einem Schlitten sähe.«

Sie lenkten die Hunde ganz vorsichtig und leise den Hügel hinab, und als sie die Ebene

erreichten, fuhren sie mit dem Gespann nordwärts durch die Hauptstraße. Dann ging es unter

Beachtung noch größerer Vorsichtsmaßregeln aus dem Geschäftsviertel der Stadt hinaus in

Richtung Sägemühle. Sie hatten noch niemand gesehen, als sie aber die Richtung änderten,

hörten sie leise Pfiffe aus der Finsternis hinter sich, die nicht einmal die Sterne zu

erhellen vermochten. Nachdem sie an der Sägemühle und dem Krankenhaus vorbeigekommen waren,

fuhren sie noch eine halbe Stunde, so schnell es ihnen möglich war, weiter geradeaus. Dann

machten sie plötzlich kehrt und fuhren denselben Weg zurück, den sie gekommen waren. Kaum

waren sie die ersten hundert Meter gefahren, als sie mit Mühe und Not einen Zusammenstoß mit

fünf Männern vermieden, die in schnellem Tempo angelaufen kamen. Alle gingen gebückt unter dem

Gewicht der Goldsucherausrüstung.

Der eine hielt Kids Leithund an, während die andern sich um sie scharten.

»Habt ihr nicht einen Schlitten gesehen, der in der andern Richtung gefahren ist?« fragte

einer.

»Nee«, antwortete Kid. »Bist du’s, Bill?«

»Jawohl, und ich will ewig verflucht sein, wenn das nicht Alaska-Kid ist!« rief Bill Saltman

in ehrlichem Staunen aus.

»Was machst du denn hier mitten in der Nacht?« fragte Kid.

Ehe Bill Saltman antworten konnte, hatten sich schon zwei weitere Männer, die herbeigelaufen

kamen, der Gruppe angeschlossen. Ihnen folgten noch andere, während das Knirschen des Schnees

unter den Mokassins das Kommen vieler verkündete.

»Wer sind denn all Ihre Freunde hier?« fragte Kid.

Saltman steckte sich die Pfeife an, obgleich er kaum viel Vergnügen daran haben konnte, danach

zu urteilen, wie er nach dem langen Lauf stöhnte und japste. Eine Antwort gab er aber nicht.

Der Kniff mit dem Streichholz war zu deutlich, als daß die Absicht mißverstanden werden

konnte, und Kid sah denn auch, wie sämtliche Augenpaare sich auf die Rolle Stahldraht und das

große Brecheisen richteten. Dann erlosch das Streichholz wieder.

»Ach, ich hab’ etwas reden hören, das ist alles, nur ein Gerücht«, murmelte Saltman mit

feierlicher Geheimnistuerei.

»Da mußt du wirklich Kurz und mich einweihen«, meinte Kid.

Irgend jemand in der Gruppe kicherte ironisch.

»Aber wo wolltet ihr denn eigentlich hin?« fragte Saltman.

»Und als was seid ihr denn eigentlich hier?« erwiderte Kid. »Vielleicht Mitglieder eines

Sicherheitsausschusses?«

»Nur als Interessenten… als richtige Interessenten«, sagte Saltman.

»Ihr könnt euer Leben wetten, daß wir Interessenten sind«, erklang eine andere Stimme aus der

Dunkelheit.

»Wißt ihr, Kinder«, bemerkte Kurz, »ich möchte eigentlich wissen, wer von euch sich am

dümmsten vorkommt.«

Man lachte nervös.

»Komm, Kid, wir wollen weitergehen«, sagte Kurz und trieb die Hunde an.

Die ganze Schar schloß sich ihnen an.

»Hört mal, Kinder«, verhöhnte Kurz sie. »Irrt ihr euch jetzt nicht? Als wir euch trafen, gingt

ihr in der entgegengesetzten Richtung, und jetzt macht ihr wieder kehrt, ohne irgendwo gewesen

zu sein! Habt ihr vielleicht die Adresse vergessen?«

»Geh zum Teufel«, sagte Saltman wenig gemütvoll. »Wir gehen und kommen, wie es uns paßt. Wir

brauchen keinen Vormund.«

Und der Schlitten fuhr, Kid voran und Kurz an der Lenkstange, durch die Hauptstraße, begleitet

von drei Dutzend Männern, von denen jeder eine Goldgräberausrüstung auf dem Rücken trug. Es

war schon drei Uhr morgens, und nur die schlimmsten Nachtbummler der Stadt sahen die

Prozession und konnten in Dawson am nächsten Tage von der neuesten Sensation berichten.

Eine halbe Stunde später kletterten die beiden mit ihren Hunden, gefolgt von der ganzen Schar,

den Hügel hinauf. Und als sie die Hunde vor der Hütte abgeschirrt hatten, warteten sechzig

erbitterte Goldsucher immer noch draußen.

»Gute Nacht, Kameraden«, rief Kid ihnen zu und schloß die Tür.

Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als die Kerze drinnen ausgelöscht wurde… aber nach einer

halben Stunde tauchten Kid und Kurz wieder leise und vorsichtig vor der Hütte auf und

schirrten die Hunde wieder an, ohne jedoch Licht zu machen.

»Hallo, Kid«, sagte Saltman, der sich ihnen so weit näherte, daß sie den Umriß seiner Gestalt

sehen konnten.

»Ich kann dich offenbar nicht abschütteln, Bill«, antwortete Kid gemütlich. »Wo sind denn alle

deine Freunde?«

»In die Stadt gegangen, um ein Glas zu trinken. Sie haben mich hiergelassen, um euch im Auge

zu behalten, und das werde ich auch tun! Was ist denn eigentlich mit euch los, Kid? Du kannst

mich und die andern auf keinen Fall abschütteln… du kannst uns also ebensogut gleich

mitnehmen. Wir sind ja lauter gute Freunde. Das weißt du doch.«

»Es gibt Fälle, in denen man nicht einmal seine besten Freunde mitnehmen darf«, gab Kid

vorsichtig zur Antwort. »Und andere Fälle, in denen man es tun kann. Und siehst du, Bill, dies

ist einer von denen, wo man es eben nicht tun darf. Es wäre viel vernünftiger, wenn du zu Bett

gingest. Gute Nacht!«

»Hier gibt es heute keine Gute Nacht, Kid. Du kennst uns nicht… Wir sind die reinen Kletten,

weißt du.«

Kid seufzte hörbar. »Na ja, wenn du durchaus deinen Willen durchsetzen willst, kann ich es ja

nicht verhindern. Aber komm jetzt, Kurz, wir können nicht mehr die Dummköpfe spielen, wir

müssen ja weiter.«

Als der Schlitten losfuhr, ließ Saltman einen scharfen Pfiff hören und folgte ihm dann selbst.

Unterhalb des Hügels, von der Ebene her hörte man das Pfeifen der Wachtposten. Kurz lief an

der Lenkstange, und Kid und Bill gingen nebenher.

»Weißt du, Bill«, sagte Kid. »Ich will dir einen Vorschlag machen. Möchtest du nicht selbst

mitmachen… aber natürlich nur du allein?«

Saltman zögerte nicht eine Minute mit der Antwort.

»Und all meine Freunde im Stich lassen? Nee, mein Herr! Wir wollen alle mit dabei sein.«

»Dann kommst du zuerst dran…«, rief Kid aus, bückte sich, um den andern besser anpacken zu

können, und warf ihn dann in den tiefen Schnee neben der Schlittenbahn.

Kurz trieb die Hunde an und schwenkte mit seinem Gespann südwärts auf den Weg ein, der an den

baufälligen Hütten auf den wellenförmigen Abhängen hinter Dawson vorbeiführt. Kid und Saltman

rollten fest umschlungen im Schnee herum. Kid war freilich der Ansicht, daß er in glänzender

Form sei, aber Saltman hatte ein Mehrgewicht von fünfzig Pfund, die nur aus schieren,

harttrainierten Muskeln bestanden, und er bekam deshalb auch mehrmals die Oberhand. Ein über

das andere Mal gelang es ihm, Kid auf den Rücken zu legen; und Kid machte es sich dabei

gemütlich und ruhte sich aus. Sooft aber Saltman den Versuch machte, sich von ihm zu befreien,

um weiterzulaufen, streckte Kid die Hand aus und hielt ihn am Bein fest, so daß er fiel und

ein neuer Ringkampf begann.

»Du bist nicht ganz ohne«, räumte Saltman anerkennend ein, als er zehn Minuten später keuchend

auf Kids Brust saß. »Aber ich kriege dich doch immer wieder unter.«

»Und ich halte dich doch immer wieder fest«, gab Kid ächzend zurück. »Und deshalb bin ich ja

auch hier… nur um dich festzuhalten, nicht wahr? Wohin, glaubst du, ist Kurz inzwischen

gelaufen?«

Saltman machte eine verzweifelte Anstrengung, um sich freizumachen, jedoch erfolglos. Kid

erwischte ihn am Bein und schleuderte ihn mit dem Gesicht in den Schnee. Oben vom Hügel her

hörte man ängstlich fragende Pfiffe. Saltman setzte sich auf und ließ ein schrilles Pfeifen

hören, wurde aber wieder von Kid umgeworfen, der sich auf seine Brust setzte und ihn mit den

Händen auf den Schultern unten hielt. In dieser Lage wurden sie von den Goldsuchern gefunden.

Kid lachte und stand auf.

»Und jetzt gute Nacht, Kameraden«, sagte er und lief den Hügel hinab, während die sechzig

verzweifelten, aber entschlossenen Goldsucher ihm auf den Fersen folgten.

Er schwenkte nach Norden ab, lief an der Sägemühle und dem Krankenhaus vorbei und folgte dann

dem Uferweg über die schroffen Hänge am Fuß der Mooshillberge entlang. In einem großen Bogen

umkreiste er das Indianerdorf und lief dann weiter nach der Mündung des Moosbaches, wo er

kehrtmachte und sich seinen Verfolgern stellte.

»Ihr macht mich aber tüchtig müde, Kameraden«, sagte er und knurrte in scheinbarer Wut.

»Hoffentlich überanstrengen wir dich nicht«, murmelte Saltman höflich.

»Durchaus nicht«, knurrte Kid mit besser vorgetäuschter Wut, während er an den andern

vorbeisauste und den Rückweg nach Dawson einschlug. Zweimal versuchte er das unwegsame Packeis

auf dem Fluß zu überqueren, und seine entschlossenen Begleiter folgten ihm, aber beide Male

mußten er und die andern den Versuch aufgeben. Er kehrte deshalb zum Ufer bei Dawson zurück,

trottete geradenwegs durch die Hauptstraße, setzte über den gefrorenen Klondike und kehrte

dann wieder nach Dawson zurück. Als es gegen acht Uhr hell zu werden begann, führte er seine

todmüden Verfolger nach dem Wirtshaus von Slavovitsch, wo wenige Minuten später selbst für

teures Geld kein Tisch zum Frühstücken mehr zu haben war.

»Gute Nacht, Kameraden«, sagte er, als er seine Rechnung bezahlt hatte.

Und er sagte ihnen wiederum »Gute Nacht«, als er den Hügel hinaufkletterte. Im hellen

Tageslicht konnten sie ihn nicht mehr begleiten, sondern mußten sich damit begnügen, ihn in

seine Hütte gehen zu sehen.

Zwei Tage blieb Kid noch in der Stadt, ständig unter schärfster Bewachung. Kurz war mit dem

Schlitten verschwunden. Weder Wanderer, die den Yukon auf und hinab gegangen waren, noch

solche, die aus Bonanzo, Eldorado oder Klondike kamen, hatten ihn gesehen. Es blieb also nur

übrig, Kid zu beobachten, der ja doch früher oder später die Verbindung mit seinem

verschwundenen Kompagnon aufnehmen mußte. Deshalb richtete sich alle Aufmerksamkeit jetzt auf

Kid. Am zweiten Abend verließ er die Hütte überhaupt nicht, sondern löschte schon um neun Uhr

die Lampe und stellte den Wecker auf zwei Uhr morgens. Der Posten, der vor seiner Hütte stand,

hörte auch das schrille Klingeln der Uhr, so daß sich Kid – als er eine Stunde später aus der

Hütte kam – sofort von einer ganzen Bande umgeben sah, nur waren es diesmal nicht sechzig,

sondern mindestens dreihundert. Ein flammendes Nordlicht beleuchtete die Landschaft, als er

mit einer zahlreichen Eskorte nach der Stadt hinunterging und in den Schankraum des

»Elchgeweih« trat.

Der ganze Raum füllte sich sofort mit einer ängstlichen und wütenden Schar, die Getränke

bestellte und vier langweilige Stunden damit verbrachte, Kid zuzuschauen, wie er mit seinem

guten alten Freund Breck Whist spielte. Nach sechs Uhr morgens verließ Kid mit wutentbrannter,

düsterer Miene das »Elchgeweih« und ging durch die Hauptstraße. Ihm folgten treu und brav die

dreihundert Goldsucher in unordentlichen Reihen. Sie sangen dabei höhnisch: »Hep hep hep, Herr

Hasenfuß, Herr Schlauberger… hep hep.«

»Gute Nacht, Kameraden«, sagte Kid wütend, als sie den Rand des Yukonabhanges erreichten, wo

die Winterfährte steil hinabführte. »Ich gehe jetzt frühstücken, und dann will ich pennen.«

Die dreihundert riefen ihm zu, daß sie ihn begleiten würden, und folgten ihm auch wirklich

über den zugefrorenen Fluß direkt nach Tra-li. Gegen sieben Uhr morgens führte er seine

goldsuchende Schar den gewundenen Pfad nach der Hütte Dwight Sandersons empor. Das Licht einer

Kerze schien durch das Fenster, das mit Pergamentpapier verklebt war, und blauer Rauch stieg

aus dem Schornstein auf. Kurz öffnete die Tür.

»Komm nur herein, Kid«, grüßte er. »Das Frühstück wartet schon. Wo sind deine Freunde?«

Kid drehte sich auf der Schwelle um. »Also jetzt gute Nacht, Kameraden. Ich hoffe, daß euer

Spaziergang euch ein bißchen Vergnügen gemacht hat.«

»Einen Augenblick nur, Kid«, rief Bill Saltman mit einer Stimme, durch welche die Enttäuschung

hindurchklang. »Ich möchte einen Augenblick mit dir sprechen.«

»Schieß nur los«, sagte Kid freundlich.

»Warum hast du dem alten Sanderson fünfundzwanzigtausend Dollar gezahlt? Willst du mir eine

Antwort darauf geben?«

»Bill, warum willst du mir solchen Kummer bereiten?« lautete Kids Antwort. »Ich bin

hierhergezogen, um mich ein bißchen zu erholen, sozusagen… und jetzt bist du mit einer ganzen

Bande da, und ihr wollt mich ins Kreuzverhör nehmen, während ich doch nur Ruhe haben will…

Ruhe und Frühstück.«

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet«, stellte Bill Saltman unerschütterlich fest.

»Und ich habe auch nicht die Absicht, es zu tun, Bill. Denn das ist eine rein persönliche

Angelegenheit zwischen Dwight Sanderson und mir und geht keinen andern etwas an! Willst du

sonst noch was wissen?«

»Ja… was ist denn mit dem Brecheisen und mit der Rolle Stahldraht, die du auf deinem Schlitten

mitgenommen hast?«

»Das ist auch etwas, das mit dir und deinen süßen und unschuldigen Geschäften nichts zu tun

hat, Bill. Aber wenn Kurz Lust hat, es dir zu erzählen, dann meinetwegen.«

»So, meinst du?« sagte Kurz, der sich jetzt eifrig in die Bresche stellte. Er öffnete den

Mund, um etwas zu sagen, dann stockte er plötzlich und wandte sich an seinen Partner: »Du,

Kid, im tiefsten Vertrauen… ich glaube nicht, daß das die andern Herren etwas angeht. Komm

lieber herein! Dein Kaffee kocht schon so lange, daß Kraft und Saft längst verdampft sind.«

Die Tür schloß sich, und die dreihundert zogen sich in mißmutigen, murrenden Gruppen zurück.

»Na, weißt du, Saltman«, sagte einer. »Ich dachte, du würdest uns zur Goldquelle führen.«

»Geh zum Teufel«, antwortete Saltman wütend. »Ich habe gesagt, daß Kid uns führen würde.«

»Und du meinst, daß es hier ist?«

»Ihr wißt genau so viel davon wie ich, und das einzige, was wir wissen, ist, daß Kid

herumschleicht und irgend etwas fingern will! Denn warum, zum Teufel, hätte er sonst dem alten

Sanderson fünfundzwanzigtausend für diese dreckigen, blöden Grundstücke gezahlt? Doch

todsicher nicht, um eine verflucht idiotische Stadt hier zu gründen!«

Eine Menge von Stimmen bestätigte die Richtigkeit von Saltmans Gedanken.

»Nun ja… aber was jetzt?« fragte einer mißmutig.

»Ich bin dafür, daß wir frühstücken gehen«, erklärte Wild Water guter Laune. »Diesmal hast du

uns in eine Sackgasse geführt, lieber Bill.«

»Das stimmt nicht, sage ich euch«, gab Bill Saltman zurück. »Kid hat uns geführt! Und mag es

sein, wie es will… was haltet ihr von den fünfundzwanzigtausend?«

Nach halb acht, als es schon ganz hell geworden war, öffnete Kurz die Tür und spähte hinaus.

»Donnerwetter«, rief er. »Sie sind alle nach Dawson zurückgekehrt. Ich hätte geglaubt, sie

würden hier ihr Lager aufschlagen.«

»Nur ruhig… sie werden schon wiederkommen«, tröstete ihn Kid. »Wenn ich mich nicht sehr irre,

wirst du halb Dawson hier sehen, bevor wir mit unserer Arbeit fertig sind. Komm jetzt nur mit

hinein und hilf mir! Wir haben genug zu tun!«

»Um Gottes willen, erkläre mir jetzt, was du eigentlich vorhast«, klagte Kurz, als sie eine

Stunde später das Ergebnis ihrer Arbeit betrachteten – in der einen Ecke der Hütte stand eine

Winde mit einem endlosen, durch einen Doppelblock laufenden Seil.

Kid begann ohne Mühe zu drehen, und das Seil straffte sich, knarrte und quietschte. »Jetzt

kannst du mal hinausgehen, Kurz, und mir nachher erzählen, wie das draußen klingt.«

Kurz stand draußen, lauschte an der Tür und hörte all die vielen Geräusche, die eine Winde

macht, wenn eine schwere Last damit heraufgeholt wird, und er erwischte sich dabei, wie er

ganz unbewußt die Tiefe des Schachtes, aus dem die Last heraufgeholt wurde, einzuschätzen

versuchte. Dann trat eine Pause ein, und vor seinem inneren Auge sah er, wie der Eimer am

kurzen Seil hin und her schaukelte. Dann hörte er, wie der Eimer wieder schnell

hinuntergelassen wurde und mit einem dumpfen Schlag gegen den Rand des Schachtes schlug. Er

öffnete strahlend die Tür.

»Das hört sich einfach wunderbar an«, rief er. »Ich wurde selbst ganz neugierig. Was ist jetzt

zu tun?«

Zuerst mußten mehrere Schlittenladungen von schweren Steinen in die Hütte geschleppt werden.

»Und heute abend fährst du dann mit den Hunden nach Dawson hinüber«, sagte Kid, als sie

Abendbrot gegessen hatten.

»Laß sie bei Breck, er wird sich ihrer schon annehmen. Die Leute werden gehörig aufpassen, was

du tust, deshalb sollst du Breck überreden, daß er zur A. C. Company geht und ihr ganzes

Sprengstofflager aufkauft. Sie haben höchstens ein paar hundert Pfund liegen! Und dann mußt du

Breck beauftragen, ein halbes Dutzend Steinbohrer beim Grobschmied zu bestellen. Breck ist

selbst Fachmann, er wird dem Schmied schon erklären, wie die Dinger sein sollen. Und gib Breck

auch diese Grundbuchauszüge, so daß er sie morgen früh dem Goldkommissar überreichen kann. Und

endlich mußt du gegen zehn durch die Hauptstraße gehen und hören, was geschehen soll. Vergiß

nicht, daß die Explosionen nicht zu laut sein dürfen. Man muß sie in Dawson nur gerade hören

können, nicht mehr. Ich werde es dreimal versuchen, mit verschiedenen Mengen, und du mußt dir

merken, welche am natürlichsten klingt.«

Gegen zehn Uhr desselben Abends bummelte Kurz durch die Hauptstraße und fühlte, daß viele

neugierige Blicke sich auf ihn richteten. Er paßte eifrig auf, was kommen sollte, und hörte

bald eine sehr schwache Explosion, die aus weiter Ferne zu kommen schien. Dreißig Sekunden

später erfolgte eine zweite, die schon so stark war, daß sie die Aufmerksamkeit der Passanten

erregte. Und endlich folgte eine dritte, die so gewaltig war, daß alle Bewohner auf die Straße

stürzten.

»Du hast sie herrlich aufgerüttelt«, erklärte Kurz, als er eine Stunde später atemlos die

Hütte in Tra-li erreichte. Er ergriff Kids Hand. »Du hättest sie nur sehen sollen: Bist du nie

in einen Ameisenhaufen getreten? Genauso sah Dawson aus. Die ganze Hauptstraße war voll von

summenden Menschen, als ich mich dünnemachte. Morgen werden wir Tra-li vor lauter Menschen

nicht sehen können. Und wenn nicht schon in diesem heiligen Augenblick ein paar draußen

herumkriechen, dann weiß ich nicht, wie ein Goldsucher beschaffen ist.«

Kid grinste, trat zur Winde und ließ sie ein paarmal quietschen und knarren. Kurz zupfte etwas

Moos zwischen den Wandbalken heraus, so daß man durch die Löcher hereingucken konnte. Dann

blies er die Kerze aus.

»Jetzt«, flüsterte er, als eine halbe Stunde vergangen war.

Kid drehte langsam das Spill, hörte aber nach einigen Minuten auf, nahm einen verzinkten, mit

Erde gefüllten Eimer und zog ihn scharrend, schleifend und kratzend über den Haufen von

Steinen, die sie in die Hütte geschleppt hatten.

Dann steckte er sich eine Zigarette an, hielt aber die Hand vor die Flamme des Streichholzes.

»Es sind drei draußen«, flüsterte Kurz. »Du hättest sie sehen sollen. Als du vorhin das dumpfe

Geräusch mit dem Eimer machtest, wären sie fast geplatzt. Jetzt steht einer am Fenster und

versucht hereinzugucken.«

Kid ließ seine Zigarette aufglühen und sah auf die Uhr.

»Wir müssen die Sache jetzt aber auch durchführen«, flüsterte er. »Jede Viertelstunde müssen

wir einen Eimer heraufziehen. Und in der Zwischenzeit…«

Er begann mit einem Meißel auf einen Stein zu hämmern, nachdem er zuerst einen dreifach

zusammengelegten Sack darübergelegt hatte.

»Herrlich… wunderbar«, stöhnte Kurz begeistert. Er schlich sich lautlos an sein Guckloch…

»Jetzt stecken sie die Köpfe zusammen… ich kann beinahe sehen, wie eifrig sie miteinander

reden.«

Von da an bis gegen vier Uhr morgens wiederholten sie jede Viertelstunde den Trick mit dem

Eimer, der scheinbar mit der Winde heraufgezogen wurde, die in der natürlichsten Weise

quietschte und knarrte. Dann verschwanden die Besucher, und Kid und Kurz konnten endlich ins

Bett gehen. Als es hell geworden war, untersuchte Kurz die Mokassinfährten. »Der lange Bill

Saltman war jedenfalls mit dabei«, stellte er fest.

Kid guckte nach der andern Seite des Flusses.

»Mach dich bereit, Besuch zu empfangen«, sagte er. »Es kommen zwei jetzt über das Eis.«

»Hoho… warte nur, bis Breck die Geschichte von den Goldclaims erzählt hat, dann kommen

zweitausend über den Fluß.«

Kurz war inzwischen auf einen hohen Felsen geklettert und betrachtete von dort aus mit dem

Auge des Kenners das Gelände, das sie abgezeichnet hatten. »Es sieht tatsächlich wie ein

richtiger Claim aus«, sagte er. »Ein Experte würde fast die Linien ziehen können, wo die Ader

unter dem Schnee läuft. Selbst der Klügste würde sich hinters Licht führen lassen. Die

Rutschbahn da füllt den ganzen Vordergrund aus, und guck dir nur die Ausläufer da an… Es sieht

alles ganz echt aus… und doch steckt nichts dahinter!«

Als die beiden Männer, die soeben den Fluß überquerten, den gewundenen Pfad die glatten

Felswände heraufgeklettert waren, fanden sie die Hütte verschlossen. Bill Saltman, der den

Führer machte, ging leise zur Tür und lauschte. Dann gab er Wild Water ein Zeichen, daß auch

er kommen und lauschen sollte. Von drinnen hörten beide das Knarren und Quietschen einer

Winde, die eine schwere Last heraufzog. Sie warteten die Pause ab, dann hörten sie endlich,

wie der Eimer hart gegen die Felswand schlug. Viermal im Laufe einer Stunde hörten sie, wie

dieselben Geräusche sich wiederholten. Dann klopfte Wild Water an die Tür. Von drinnen kamen

noch einige leise, verstohlene Geräusche… dann wurde es still. Wieder hörte man einige noch

verdächtigere Laute… und als schließlich mindestens fünf Minuten vergangen waren, öffnete Kid,

schwer atmend, die Tür auf Zollbreite und spähte vorsichtig hinaus. Auf seinem Gesicht und

Hemd sahen sie noch den grauen Staub von dem Gestein, in dem er gearbeitet hatte. Sein Gruß

war so freundlich, daß er ihnen doppelt verdächtig erschien.

»Wartet nur noch einen Augenblick«, sagte er. »Ich bin gleich bei euch.«

Während er sich die Handschuhe anzog, schlüpfte er zur Tür hinaus und stellte sich in den

Schnee vor dem Haus neben seine Besucher. Ihre raschen Blicke stellten sofort fest, daß sein

Hemd, besonders an den Schultern, schmutzig und voll Staub war und daß die Knie seiner

Arbeitshosen deutliche Spuren von Erde trugen, die er offenbar ebenso schnell wie

oberflächlich abzuwischen versucht hatte.

»Ein bißchen früh für einen Besuch«, sagte er. »Aber was hat euch über den Fluß gebracht?«

»Wir haben euch durchschaut«, sagte Wild Water vertraulich. »Und ihr könnt uns ebensogut die

ganze Geschichte verraten… ihr habt was Feines vor, ihr beiden.«

»Wenn Sie Eier haben wollen«, begann Kid.

»Na, lassen wir die Geschichte. Wir wollen doch Geschäfte machen.«

»Ihr meint, daß ihr Parzellen kaufen wollt, nicht wahr?« leierte Kid schnell ab. »Es sind

tatsächlich pikfeine Grundstücke hier. Aber, seht, wir können noch nicht verkaufen! Wir haben

die Stadt noch nicht parzelliert. Wenn Sie nächste Woche vorbeikommen wollen, Wild Water, und

wenn Sie Ruhe und Frieden lieben und im Ernst hier wohnen möchten, dann werde ich Ihnen etwas

ganz besonders Schönes zeigen. Also nächste Woche, ihr beiden, dann haben wir alles in

Ordnung. Auf Wiedersehen… Tut mir leid, daß ich euch nicht hereinbitten kann, aber Kurz… na,

ihr kennt ihn ja… er ist ja etwas sonderbar… Er sagt, er ist hierhergekommen, um Ruhe und

Frieden zu finden… und er hat sich eben schlafen gelegt. Ich würde ihn nicht um ein

Kaiserreich zu wecken wagen…«

Während Kid noch redete, schüttelte er ihnen freundschaftlich die Hände. Und noch immer

sprechend und die Hände schüttelnd, schlüpfte er schnell wieder ins Haus und schlug, bevor sie

ein Wort sagen konnten, die Tür zu.

Sie guckten sich an und nickten.

»Hast du seine Hosen gesehen?« flüsterte Saltman heiser.

»Natürlich! Und seine Schultern? Er ist ordentlich herumgekrochen drinnen im Schacht.«

Bei diesen Worten ließ Wild Water seine Blicke über die verschneite Schlucht gleiten, bis sie

an etwas hängenblieben, das seinen Lippen einen verständnisinnigen Pfiff entlockte.

»Guck mal da hinauf, Bill. Siehst du, wo ich hinzeige? Wenn das nicht ein Minenloch ist… und

dann guck auch nach beiden Seiten… siehst du, wie sie da im Schnee herumgestampft sind? Wenn

das kein Randfelsen ist… und zu beiden Seiten, du, Bill… dann weiß ich nicht, was ein

Randfelsen ist… da ist der Eingang zu einer Ader… kein Zweifel!«

»Und sieh dir mal an, wie groß er ist!« brüllte Saltman. »Da haben sie was gefunden, so wahr

ich hier stehe.«

»Und da… guck dir mal den Erdrutsch an… da, wo die Felswände herausgucken und gleich wieder

abfallen… Der ganze Abhang gehört bestimmt mit zur Ader!«

»Ja, du, aber schau jetzt mal aufs Eis hinaus… auf den Weg da unten…«, und Saltman zeigte mit

dem Finger… »Es sieht aus, als ob das halbe Dawson unterwegs wäre, nicht?«

Wild Water warf einen Blick hinab und sah, daß der Weg bis zu dem fernen Hang bei Dawson

schwarz von Menschen war, und selbst ganz drüben strömte eine ununterbrochene Reihe von

Menschen den Hang hinunter.

»Na, ich werde mir jedenfalls mal das Loch angucken, bevor die Leute herkommen«, sagte er und

begann schnell nach der Schlucht zu gehen.

Aber im selben Augenblick öffnete sich die Tür, und die beiden Bewohner traten heraus.

»Hallo, Sie!« rief Kid. »Wo wollen Sie hin?«

»Mir einen Claim abstecken«, rief Wild Water zurück.

»Schaut euch den Fluß an. Ganz Dawson ist unterwegs, um sich Claims abzustecken, und da wollen

wir ihnen doch zuvorkommen und uns selbst welche aussuchen… Das ist ja unser gutes Recht,

nicht wahr, Bill?«

»Todsicheres Recht«, bestätigte Saltman. »Hier scheint ja die richtige Stelle zu sein, um eine

Vorstadt zu gründen. Und offenbar wird sie eine zahlreiche Bevölkerung bekommen.«

»Wir werden aber dort, wo Sie jetzt hingehen, keine Parzellen verkaufen«, antwortete Kid. »Die

Grundstücke liegen rechts drüben, weiter hinter den Felsblöcken. Dieser Teil, vom Fluß bis zum

obersten Rand des Abhangs ist reserviert! Kehren Sie lieber gleich wieder um.«

»Das ist aber die Stelle, die wir uns ausgesucht haben«, wandte Saltman ein.

»Da habt ihr aber nichts zu suchen… sage ich euch«, gab Kid ihm scharf zurück.

»Habt ihr denn etwas dagegen, daß wir dort herumspazieren?« fragte Saltman hartnäckig.

»Ja, wahrhaftig… Dein Herumspazieren fängt an, mich zu langweilen… Kommt jetzt zurück!«

»Aber ich denke, daß wir trotzdem hier herumspazieren werden«, knurrte Saltman. »Komm, Wild

Water!«

»Ich warne euch… es ist eine Verletzung des Besitzrechtes«, lautete Kids letztes Wort.

»Ach wo, wir wollen ja nur Spazierengehen«, antwortete Saltman gut gelaunt und ging weiter.

»Halt… Komm sofort zurück, Bill, oder ich knall dich nieder«, donnerte Kurz und hob zwei

unfreundlich aussehende 44er Colts. »Wenn du nicht sofort umkehrst, schieße ich dir elf Löcher

in deinen verflucht gemeinen Bauch. Verstanden?«

Saltman blieb ganz überrascht stehen.

»Er weiß schon Bescheid«, murmelte Kurz Kid zu. »Aber wenn er weitergehen sollte, bringt er

mich in eine verdammt schwierige Lage. Ich kann doch nicht einfach auf ihn schießen. Was zum

Deibel soll ich machen?«

»Hör mal, Kurz, sei doch vernünftig«, bat Saltman.

»Komm hierher, dann werden wir vernünftig miteinander reden«, lautete Kurz’ Antwort.

Und sie standen noch und sprachen »vernünftig« miteinander, als die Spitze der

Goldsucherkolonne am Ende des geschlängelten Weges auftauchte und sich ihnen näherte.

»Ihr könnt nicht sagen, daß ein Mann sich gegen das Eigentumsrecht vergeht, wenn er auf einem

Baugrundstück herumgeht, um sich eine Parzelle auszuwählen, die er kaufen will«, rechtfertigte

sich Wild Water, und Kurz antwortete: »Selbst auf einem Stadtareal gibt es Privatbesitz, und

das Stück dort oben ist eben Privatbesitz. Ich wiederhole es Ihnen: Die Parzellen dort werden

nicht verkauft!«

»Jetzt müssen wir das Geschäft aber schnell abwickeln«, murmelte Kid, »wenn die Leute auf

eigene Faust herumzugehen beginnen.«

»Du mußt verdammt viel Selbstvertrauen haben«, flüsterte Kurz zurück, »wenn du glaubst, daß du

all die Leute zurückhalten kannst. Es kommen mindestens zweitausend aus Dawson herüber… oder

noch mehr. Sie werden unsere Absperrung einfach durchbrechen.«

Die Sperrlinie lief am Rande der Schlucht entlang, und Kurz hatte sie geschaffen, indem er die

zuerst Gekommenen angehalten hatte, so daß sie dort stehenblieben. Unter der Menge befanden

sich auch einige Beamte der Nordwest-Polizei mit einem Leutnant. Kid unterhielt sich flüsternd

mit ihm.

»Es strömen immer noch neue Scharen aus Dawson herbei«, sagte er, »und es wird nicht lange

dauern, dann sind fünftausend Menschen hier. Die Gefahr besteht darin, daß sie früher oder

später anfangen werden, sich auf eigene Faust Claims auszusuchen. Wenn Sie bedenken, daß es im

ganzen nur fünf Claims gibt, so bedeutet das also tausend Mann pro Feld, und vier- von den

fünftausend werden versuchen, das ihnen Zunächstliegende zu bekommen! Das ist natürlich

unmöglich, und wenn es wirklich so weit kommt, wird es mehr Tote geben als in der ganzen

Geschichte Alaskas. Außerdem sind diese fünf Felder schon heute morgen angemeldet und

eingetragen worden und können also gar nicht mehr belegt werden. Mit anderen Worten: es darf

gar nicht erst so weit kommen.«

»Gut, mein Herr«, sagte der Leutnant. »Ich werde meine Leute zusammenrufen und ihnen ihre

Posten anweisen. Wir dürfen keine Unruhen bekommen, und wir wollen sie auch nicht haben. Aber

ich glaube, es wird besser sein, wenn Sie mit den Leuten sprechen.«

»Hier muß ein Mißverständnis vorliegen, Kameraden«, begann Kid mit lauter Stimme. »Wir sind

noch gar nicht so weit, daß wir Parzellen verkaufen. Die Straßen sind noch nicht einmal

abgesteckt. Aber nächste Woche werden wir mit dem öffentlichen Verkauf beginnen können.«

Er wurde durch einen gewaltigen Ausbruch von Ungeduld und Entrüstung unterbrochen.

»Wir wollen gar keine Bauparzellen kaufen«, rief ein junger Goldgräber. »Wir sind gekommen, um

zu kriegen, was im Boden ist.«

»Wir haben keine Ahnung, was im Boden ist«, antwortete Kid. »Aber wir wissen, daß eine

pikfeine Stadt hier oben entstehen wird, wenn es erst so weit ist.«

»Eine verdammt feine Stadt«, fügte Kurz hinzu. »Mit wunderbarer Aussicht und herrlicher

Einsamkeit.«

Wieder hörte man ungeduldige Ausbrüche, und Saltman rückte jetzt heran.

»Wir sind hierhergekommen, um Goldclaims zu belegen«, begann er. »Wir wissen schon, was ihr

getan habt… Ihr habt euch nicht weniger als fünf Quarzclaims einregistrieren lassen, und sie

liegen alle in einer Linie quer durch die Bauplätze, am Erdrutsch und der Schlucht. Aber ihr

habt einen Fehler gemacht! Denn zwei von den Eintragungen sind einfach Schwindel! Wer ist Seth

Talbot? Keiner hat je etwas von so einem Kerl gehört. Und doch habt ihr heute morgen einen

Claim auf seinen Namen eintragen lassen! Und ein zweites Feld habt ihr auf den Namen von Harry

Macewell eintragen lassen. Aber der wohnt in Seattle. Ist schon letzten Herbst von hier

weggezogen. Diese beiden Felder müssen also neu belegt und eingetragen werden.«

»Wie könnt ihr wissen, ob ich nicht Vollmacht von ihnen habe?« fragte Kid.

»Die hast du nicht«, antwortete Saltman. »Und wenn du sie wirklich hast, so bist du

verpflichtet, sie vorzulegen… Jedenfalls werden wir die Claims neu belegen.«

Saltman hatte schon die Sperrlinie überschritten und wandte sich eben zu den andern, um sie

anzutreiben, als der Polizeileutnant rief: »Zurück da… Das ist nicht erlaubt.«

»Ich handle in Übereinstimmung mit dem Gesetz… oder etwa nicht?« fragte Saltman herausfordernd

den Leutnant.

»Mag sein, daß es gesetzlich ist«, lautete die ruhige Antwort. »Aber ich kann und werde nicht

erlauben, daß fünftausend Mann den Versuch machen, zwei Claims zu belegen und abzustecken. Es

würde äußerst gefährlich sein! Hier, an dieser Stelle und in diesem Augenblick ist es die

Nordwest-Polizei, die das Gesetz vertritt. Der erste Mann, der die Sperrlinie überschreitet,

wird erschossen. Und Sie, Bill Saltman, treten sofort zurück!«

Saltman gehorchte widerstrebend. Die ganze Menge aber, die sich in unregelmäßigen Haufen

zusammenballte, wurde von einer Unruhe ergriffen, die wenig Gutes verhieß.

»Donnerwetter«, flüsterte der Leutnant Kid zu. »Sehen Sie doch die Leute, die wie Fliegen dort

am Rande des Felsens kleben.«

Kid trat heraus.

»Ich bin gern bereit, mit offenen Karten zu spielen, Kameraden«, sagte er. »Wenn ihr durchaus

Bauplätze haben wollt, bin ich bereit, sie euch zum Preise von hundert Dollar das Stück zu

verkaufen, und dann könnt ihr ja, sobald wir alles vermessen haben, über die Lage würfeln.«

Die Menge zeigte deutlich ihren Unwillen gegen diesen Vorschlag, aber Kid hob abermals die

Hand, um sie zu beruhigen. »Bleibt doch stehen… sonst geraten Hunderte von euch in

Lebensgefahr.«

»Das ist uns ganz egal… deshalb sollt ihr uns doch nicht beschwindeln«, rief eine Stimme. »Wir

verlangen eine neue Belegung der Felder.«

»Aber es sind ja nur zwei Felder, die überhaupt in Frage kommen«, wandte Kid ein. »Wenn sie

neu belegt werden, was macht dann der Rest von euch?« Er wischte sich mit dem Hemdsärmel die

Stirn, und im selben Augenblick rief eine Stimme: »Nehmt uns alle mit… mit gleich großen

Anteilen!«

Keiner von den vielen, die diesem Vorschlag ihren Beifall zubrüllten, hatte eine Ahnung, daß

er verabredet war, sobald Kid sich die Stirn mit dem Hemdsärmel wischte.

»Ihr müßt eure Chancen mit uns teilen! Schmeißt die gesamten Bauplätze in einen Topf«, rief

der Mann weiter… »Und das Gold kommt mit in den Topf.«

»Aber es ist ja der reine Unsinn mit dem Gold«, wandte Kid ein.

»Das ist uns gleichgültig! Dann könnt ihr sie ja ruhig mit in denselben Pott schmeißen. Das

Risiko wollen wir schon laufen.«

»Kameraden«, sagte Kid. »Ihr übt ja einen mordsmäßigen Zwang auf mich aus. Mir wäre es lieber,

wenn ihr alle am anderen Ufer geblieben wäret.«

Aber sein Versuch, die Entscheidung zu verzögern, war so unzweideutig, daß die Menge ihn unter

gewaltigem Gebrüll nötigte, sofort seine Zustimmung zu geben. Saltman und die andern in der

vordersten Reihe murrten.

»Kameraden«, rief Kid. »Bill Saltman und Wild Water wollen euch nicht alle teilnehmen lassen!«

Dadurch machten sich Bill Saltman und Wild Water unter sämtlichen Anwesenden gründlich

unbeliebt.

»Aber wie sollen wir’s jetzt anfangen?« fragte Kid. »Kurz und ich wollen natürlich die

Majorität behalten. Wir sind die Entdecker.«

»Das ist euer gutes Recht«, riefen mehrere.

»Drei Fünftel für uns«, schlug Kid vor. »Und ihr, Kameraden, kriegt zwei Fünftel. Und ihr müßt

eure Anteile natürlich bezahlen.«

»Zehn Cent per Dollar«, rief einer. »Und steuerfrei…«

»Und der Präsident der Gesellschaft muß persönlich herumgondeln und euch die Dividende auf

einem silbernen Teller bringen, nicht?« spottete Kid. »Nein, mein Herr. Aber zehn Cent per

Dollar wird die ganze Geschichte schon in Schwung bringen. Ihr bekommt zwei Fünftel vom

Aktienpaket, hundert Dollar pro Aktie zum Kurs von zehn Dollar, die sofort zahlbar sind. Mehr

kann ich beim besten Willen nicht für euch tun.«

»Keine Vertrustung hier«, ertönte eine Stimme, und dieser Ausruf war es, der all die vielen

Köpfe Kids Vorschlag einstimmig billigen ließ.

»Es sind rund fünftausend Mann hier anwesend… das macht also fünftausend Aktien«, rechnete Kid

laut nach. »Und diese fünftausend Aktien sollen zwei Fünftel des gesamten Kapitals ausmachen.

Die Tra-li-Grundstücksgesellschaft wird demnach mit einem Kapital von einer Million

zweihundertfünfzigtausend Dollar gegründet, also mit zwölftausendfünfhundert Aktien zu je

hundert Dollar, und ihr, Kameraden, bekommt fünftausend von diesen Aktien zum Vorzugskurse von

zehn Dollar die Aktie. Mir persönlich ist es vollkommen gleichgültig, ob ihr sie nehmt oder

nicht.«

Die Menge fühlte sich vollständig überzeugt, ihn auf frischer Tat ertappt zu haben, daß er die

beiden Claims auf falsche Namen hatte eintragen lassen. Sie traute ihm deshalb nicht ganz,

sondern verlangte sofortige Erledigung der Angelegenheit. Ein Komitee wurde gewählt, das in

großen Zügen die Organisation der Tra-li-Gesellschaft entwarf. Das Komitee lehnte den

Vorschlag, die Aktien am nächsten Tage in Dawson zu liefern, ab, und zwar weil man

befürchtete, daß die übrige Bevölkerung von Dawson, die an dem heutigen Rennen nach dem Golde

nicht teilgenommen hatte, sonst auch noch einen Anteil an den Aktien fordern würde. Es wurde

deshalb auf dem Eis unterhalb des Erdrutsches ein großes Feuer angezündet, und hier saß nun

das Komitee und schrieb jedem Teilnehmer eine Quittung über zehn Dollar aus. Die zehn Dollar

wurden an Ort und Stelle in Goldstaub abgewogen.

Gegen Abend war die Arbeit vollbracht, und Tra-li lag wieder still und öde da. Nur Kid und

Kurz waren zurückgeblieben. Sie saßen jetzt in ihrer Hütte und verzehrten ihr Abendbrot,

während sie sich über die Goldsäcke und das Verzeichnis der Aktionäre, das nicht weniger als

viertausendachthundertvierundsiebzig Namen umfaßte, belustigten.

»Aber du hast das Geschäft noch nicht zu Ende geführt«, meinte Kurz.

»Das kommt schon noch«, versicherte Kid im Brustton der Überzeugung. »Er ist der geborene

Hasardeur, und wenn Breck ihm unsern Tip zuflüstert, hält ihn nicht einmal eine Herzlähmung zu

Hause.«

Es dauerte kaum eine Stunde, als es an die Tür klopfte und Wild Water in Begleitung Bill

Saltmans eintrat. Ihre Blicke durchsuchten sofort eifrig die Hütte.

»Wenn ich nun aber im ganzen zwölfhundert Aktien haben möchte«, erklärte Wild Water, als sie

schon eine halbe Stunde hin und her geredet hatten. »Mit den fünftausend, die heute verkauft

worden sind, würde das nur sechstausendzweihundert Aktien ausmachen. Sie und Kurz würden dann

immer noch sechstausenddreihundert behalten. Ihr hättet also doch die Majorität.«

»Aber Bill will ja auch welche haben«, sagte Kid widerstrebend. »Wir geben auf keinen Fall

mehr als fünfhundert ab.«

»Wieviel kannst du denn anlegen?« fragte Wild Water Bill Saltman.

»Na… sagen wir fünftausend Dollar.«

»Nun gut, Wild Water«, sagte Kid dann. »Wenn ich Sie nicht so gut kennen würde, gäbe ich Ihnen

keine einzige von diesen dummen Aktien. Aber Kurz und ich wollen keinesfalls mehr als

fünfhundert Aktien abgeben und verlangen fünfzig Dollar für die Aktie. Das ist unser letztes

Wort in dieser Sache. Bill kann hundert haben, und die übrigen vierhundert kannst du ja

nehmen.«

Schon am nächsten Tage erhielt Dawson Anlaß zum Lachen.

Es begann frühmorgens, kurz vor Tagesanbruch, als Kid zum Warenhaus der A. C. Company kam und

auf der schwarzen Tafel vor dem Eingang eine Bekanntmachung mit Reißnägeln befestigte. Es

versammelten sich sogleich mehrere Zuschauer.

Sie lasen die Mitteilung über seine Schulter hinweg und begannen schon, ehe der letzte

Reißnagel saß, zu schmunzeln.

Sofort strömten Hunderte von Leuten herbei, die nicht nahe genug an die schwarze Tafel kommen

konnten, um die Bekanntmachung zu lesen; sie wählten deshalb einstimmig einen Vorleser, und im

Laufe des Tages wurden viele ernannt, die mit lauter Stimme die von Kid am Eingang des

Warenhauses angeschlagene Bekanntmachung vorlesen mußten. Viele Männer blieben stundenlang im

Schnee stehen und hörten immer wieder zu, um all die heiteren Einzelheiten auswendig zu

lernen. Die Bekanntmachung lautete wie folgt:

»Die Tra-li-Grundstücksgesellschaft veröffentlicht ihren Geschäftsbericht an der Mauer des

Warenhauses A. C. Company. Der vorliegende Bericht ist der erste und letzte zugleich.

Sämtliche Aktionäre, die nicht bereit sind, für das allgemeine Krankenhaus in Dawson zehn

Dollar zu stiften, können diesen Betrag durch persönliche Rücksprache mit Herrn Wild Water

Charley oder, falls diese nicht zum Erfolge führen sollte, durch Rücksprache mit Herrn

Alaska-Kid zurückerhalten.

Einnahmen und Ausgaben:

* * *

Einnahmen Ausgaben 4874 Aktien à 10 Dollar 48.740$

An Dwight Sanderson für Grundstücke 10.000$

An verschiedene Unkosten: Pulver,

Bohrer, Winde, Eintragungsgebühren 1.000$

An Allgemeines Krankenhaus, Dawson 37.740$

———————————————————-

insgesamt 48.740$ 48.740$ Von Bill Saltman für 100 Aktien

Privatverkauf à 50 Dollar 5.000$

Von Wild Water Charley für

400 Aktien à 50 Dollar 20.000$

An Bill Saltman zur Deckung

von Unkosten als freiwilliger Aktionär 5.000$

An Allgemeines Krankenhaus, Dawson 3.000$

An Alaska Kid und Kurz als

Entschädigung für Verlust an

Eiern und für moralisches Guthaben 17.000$

———————————————————-

insgesamt 25.000$ 25.000$

Übriggebliebene Aktien: 7126. Diese Aktien, die keinen Wert haben, befinden sich im Besitz von

Alaska-Kid und Jack Kurz und werden auf Wunsch an Interessenten, die geneigt sind, nach dem

einsamen und friedlichen Gelände von Tra-li überzusiedeln, gratis abgegeben. Anmerkung: Ruhe

und Einsamkeit werden auf den Bauplätzen von Tra-li für alle Ewigkeit garantiert.

Gezeichnet: Alaska-Kid, Präsident & Jack Kurz, Sekretär.«

* * *

Das Wunder des Weibes

»Na, weißt du, Kid«, bemerkte Kurz, um die Unterredung, die allmählich eingeschlafen war,

wieder in Fluß zu bringen, »ich finde jedenfalls nicht, daß du besonders aufs Heiraten

versessen warst.«

Kid saß auf einem Zipfel seines Schlafsacks und war eifrig damit beschäftigt, die Füße eines

knurrenden Hundes zu untersuchen, den er im Schnee auf den Rücken gewälzt hatte.

Er gab deshalb keine Antwort. Kurz, der einen dampfenden Mokassin an einem Stock zum Trocknen

ans Feuer hielt, sah seinem Kameraden aufmerksam ins Gesicht.

»Schau dir mal das Nordlicht an«, sagte er. »Ein bißchen leichtfertig sieht es aus! Fast genau

wie so `n schillerndes, flatterndes Frauenzimmer! Von denen sind ja selbst die besten

leichtfertig, wenn sie nicht komplett verrückt sind. Und Katzen sind sie alle, ohne Ausnahme,

die kleinsten und die größten, die hübschesten und die häßlichsten. Sie sind ganz wie

brüllende Löwen und keifende Hyänen, wenn sie erst mal einen Mann aufgespürt haben, den sie

verzehren möchten.«

Wiederum blieb der Monolog Kurz’ unbeantwortet. Kid gab dem Hund, der nach seiner Hand

schnappte, einen leichten Klaps und setzte seine Untersuchung der wunden und blutenden

Fußballen fort.

»Hm«, plauderte Kurz weiter. »Vielleicht denkst du, ich hätte nicht verheiratet sein können,

wenn ich Lust gehabt hätte? Und vielleicht glaubst du auch nicht, daß ich verheiratet wäre,

selbst wenn ich keine Lust gehabt hätte, wäre ich nicht aus so hartem Holz geschnitzt? Kid,

willst du wissen, was mich gerettet hat? Ich will es dir sagen. Meine gute Lunge! Ich lief

einfach fort, und die Schürze möchte ich sehen, die mich einholen könnte!«

Kid ließ den Hund laufen und krempelte seine eigenen dampfenden Mokassins um, die ebenfalls

auf Stöcken zum Trocknen am Feuer hingen. »Wir werden bis morgen hierbleiben und Mokassins für

die Hunde machen müssen«, ließ er sich herab mitzuteilen. »Die dünne Eiskruste verdirbt ihnen

die Pfoten.«

»Wir wollen lieber weitermarschieren«, wandte Kurz ein. »Wir haben nicht Proviant genug, um

umkehren zu können, und müssen also sehen, so bald wie möglich das Gebiet der Rentiere oder

der weißen Indianer zu erreichen… sonst werden wir unsere eigenen Hunde essen müssen… mit Haut

und Haaren und wunden Pfoten! Aber glaubst du denn, daß überhaupt einer diese weißen Indianer

gesehen hat? Alles nur Unsinn. Wie zum Teufel sollte eine Rothaut weiß sein können? Ein weißer

Schwarzer wäre genauso natürlich und wahrscheinlich! Du, Kid, wir müssen also jedenfalls

sehen, daß wir morgen weiterkommen. Das Land hier ist ja von allen Göttern verlassen…

jedenfalls von allem Wild. Die ganze Woche haben wir nicht eine einzige Hasenfährte gesehen…

das weißt du ja. Und wir müssen aus dieser Einöde heraus und irgendwohin, wo das Futter

lebendig herumläuft.«

»Die Hunde werden aber alle besser laufen, wenn sie einen Ruhetag gehabt haben und Mokassins

bekommen«, riet Kid. »Wenn du von irgendeiner Wasserscheide aus Ausschau halten würdest, so

daß wir sehen könnten, was auf der anderen Seite liegt, wäre es gar nicht so dumm. Wir müßten

eigentlich jeden Augenblick offenes Hügelland antreffen. Das hat jedenfalls La Perle gesagt.«

»Pah! Nach seinem eigenen Bericht ist es zehn Jahre her, daß er durch diese Gegend kam, und er

war damals so verrückt vor Hunger, daß er gar nicht ahnte, was er sah! Denk doch daran, daß er

uns erzählt hat, er hätte große Flaggen auf den Bergen wehen sehen. Danach kannst du

ausrechnen, wie verrückt er war! Und er gibt selber zu, daß er nie eine weiße Rothaut gesehen

hat… es war Anton, der ihm diesen Bären aufgebunden hat. Und der gute Anton war ja auch, zwei

Jahre, ehe wir beide nach Alaska kamen, durchgebrannt. Aber ich werde morgen einen kleinen

Ausflug machen. Und vielleicht erwische ich auch einen Elch. Aber wollen wir jetzt nicht

schlafen?«

Kid verbrachte den Morgen im Lager, wo er Mokassins für die Hunde nähte und das Geschirr

reparierte. Gegen Mittag kochte er für sie beide, aß dann seine Ration und begann sich nach

Kurz’ Rückkehr zu sehnen. Eine Stunde später schnallte er sich die Schneeschuhe an und begann

der Fährte seines Partners nachzugehen. Sie führte ihn das Flußbett hinauf und durch eine enge

Schlucht, die sich ganz plötzlich zu einer Elchweide erweiterte. Aber offenbar waren seit dem

ersten Schneefall keine Tiere dagewesen. Die Furchen von Kurz’ Schneeschuhen überquerten die

Weide und führten den sanften Hang einer niedrigen Wasserscheide hinauf. Auf der Kuppe blieb

Kid stehen. Die Fährte Kurz’ lief den anderen Hang wieder hinab. Die ersten Fichten standen

unten im Flußbett, eine kleine Meile entfernt, und es leuchtete Kid ein, daß Kurz sie passiert

haben mußte. Kid sah auf seine Uhr, gedachte der eintretenden Dunkelheit, der wartenden Hunde,

des einsamen Lagers und entschloß sich widerstrebend zur Umkehr. Vorher aber warf er noch

einen langen spähenden Blick über das weite Land. Der ganze östliche Horizont war von dem

schneebedeckten Grat der Rocky Mountains begrenzt und glich der zackigen Schneide einer Säge.

Das gewaltige Gebirge erstreckte sich, Kette neben Kette, nach Nordwesten und schien den Weg

nach dem offenen Lande, von dem La Perle erzählt hatte, zu versperren. Es sah deshalb aus, als

ob die Berge sich zusammengetan hätten, um den Wanderer nach dem Westen und dem Yukon

zurückzudrängen.

Bis Mitternacht unterhielt Kid ein großes Feuer, das Kurz als Wegweiser dienen konnte. Und

sobald er am nächsten Morgen das Lager abgebrochen und die Hunde vorgespannt hatte, nahm er

die Verfolgung auf. In der engen Schlucht, durch die er ging, spitzte der Leithund plötzlich

die Ohren und begann zu heulen. Bald danach stieß Kid auf sechs Indianer, die ihm

entgegenkamen. Sie trugen nur leichtes Gepäck und hatten keine Hunde bei sich. Sie umringten

ihn und gaben ihm sofort verschiedene Gründe, erstaunt zu sein. Es war nämlich ganz offenbar,

daß sie unterwegs waren, um ihn zu suchen. Ebenso schnell stellte er fest, daß sie keinen der

ihm bekannten Indianerdialekte sprachen. Es waren indessen keine weißen Rothäute, obgleich sie

größer und kräftiger gebaut waren als die Indianer unten am Yukon. Fünf von ihnen trugen lange

altmodische Gewehre, während der sechste einen Winchesterstutzen trug, den Kid sofort als

Kurz’ Eigentum erkannte.

Sie verschwendeten auch keine Zeit, um ihn feierlich gefangenzunehmen. Er selbst trug keine

Waffen und war also gezwungen, sich zu ergeben. Den Inhalt des Schlittens übernahmen sie ohne

weiteres und verteilten ihn unter sich. Er selbst mußte ein Bündel mit seinem und Kurz’

Schlafsack auf den Rücken nehmen. Die Hunde liefen ohne Sielen herum, und als Kid dagegen

Einspruch erhob, bedeutete ihm einer der Indianer durch Zeichen, daß der Weg zu schwierig zum

Schlittenfahren sei. Kid mußte sich deshalb in das Unvermeidliche fügen, stellte den Schlitten

auf den Hang oberhalb des Flusses aufrecht in den Schnee und trottete dann mit seinen Wärtern

weiter. Sie zogen über die Wasserscheide nordwärts nach den Fichten, die Kid am vorigen Abend

aus der Ferne gesehen hatte.

Die erste Nacht verbrachten sie in einem Lager, das seit mehreren Tagen benutzt sein mußte.

Hier lagen reichliche Mengen von getrocknetem Lachs und einer Art Pemmikan, die die Indianer

in ihren Bündeln verstauten. Von diesem Lagerplatz aus lief eine durch viele Schneeschuhe

getretene Fährte… Kid war sich darüber klar, daß sie von den Leuten herrührte, die Kurz

gefangengenommen hatten. Und schon ehe es dunkel wurde, hatte er unter den vielen Spuren die

von Kurz’ Schneeschuhen festgestellt, die schmaler als die der Indianer waren. Als er die

Indianer durch Zeichen danach befragte, nickten sie zur Bestätigung und wiesen mit den Fingern

nach Norden.

Die folgenden Tage zeigten sie immer nur nach dem Norden, und auch die Fährte, die sich durch

ein wahres Chaos von hohen Felsblöcken schlängelte, führte in diese Richtung. Der Schnee war

tiefer als in den niedriger gelegenen Tälern, und sie hätten überhaupt nicht ohne Schneeschuhe

vorwärts kommen können. Kids Wärter, die alle jung waren, wanderten indessen leicht und

sicher. Und er konnte einen gewissen Stolz nicht unterdrücken, daß er so mühelos mit ihnen

Schritt zu halten vermochte.

Sie brauchten sechs Tage, um den mittleren Paß zu erreichen und zu überschreiten, denn wenn er

auch im Verhältnis zu den Bergen, die ihn umgaben, niedrig erschien, war er an sich doch

schreckenerregend und für schwerbeladene Schlitten überhaupt unbefahrbar. Nachdem sie weitere

fünf Tage dem gewundenen Weg, der sich immer tiefer und tiefer den Berg hinabschlängelte,

gefolgt waren, gelangten sie in das offene, wellenförmige, nur leicht hügelige Gelände, das La

Perle zehn Jahre zuvor besucht hatte. Kid erkannte es auf den ersten Blick – es war ein

eisiger Tag, das Thermometer stand vierzig Grad unter Null, und die Luft war so klar, daß er

Hunderte von Meilen weit sehen konnte. So weit sein Blick reichte, erstreckte sich das

wellenförmige Gelände. Fern im Osten erhoben die Gipfel der Rocky Mountains ihre

schneebedeckten Bastionen gen Himmel. Nach Süd und Südwest liefen die zackigen Ketten, die dem

soeben überschrittenen hoch aufragenden System von Ausläufern angehörten. Und in der großen

Senkung inmitten dieser Gebirge lag das Gelände, das La Perle durchwandert hatte… im

Augenblick freilich weiß von Schnee, aber sicher zu verschiedenen Jahreszeiten reich an Wild,

und im Sommer von bunten Blumen bedeckt.

Sie wanderten weiter an einem breiten Strom entlang, an verschneiten Weiden und an entlaubten

Eschen vorbei, durch Niederungen mit vielen Fichten und erreichten gegen Mittag ein großes

Lager, das seit einigen Tagen verlassen schien. Im Vorbeigehen warf Kid einen prüfenden Blick

hin und schätzte es auf vier- bis fünfhundert Feuer, so daß also die Bevölkerung in die

Tausende gehen mußte. Die Schlittenfährte war so frisch und von den vielen Füßen so

festgestampft, daß Kid und seine Wärter sich die Schneeschuhe abschnallten und nun in

Mokassins schneller weitergehen konnten. Allmählich begannen die Spuren eines Wildbestandes

sichtbar zu werden, der immer reicher zu werden schien… Sie sahen Fährten von Wölfen und

Luchsen, die ohne Fleisch ja nicht leben konnten.

Einmal stieß einer der Indianer einen Ruf der Zufriedenheit aus und wies auf ein weites

verschneites Feld, das mit Rentierschädeln bedeckt war, denen die wilden Tiere Haut und

Fleisch abgenagt hatten. Und auf dem ganzen Gelände war die Schneedecke so zerstampft und

aufgerissen, als ob ein ganzes Heer dort einen schweren Kampf ausgefochten hätte. Kid war sich

gleich darüber klar, daß Jäger hier seit dem letzten Schneefall sehr viele Tiere erlegt

hatten. Obgleich die lang andauernde Dämmerung schon angebrochen war, schien doch niemand die

Absicht zu haben, ein Lager aufzuschlagen. Die Indianer gingen weiter durch die zunehmende

Dunkelheit, die jedoch allmählich von dem leuchtenden Himmel erhellt wurde… große glitzernde

Sterne funkelten durch den grünen Schimmer des zitternden Nordlichts. Die Hunde waren die

ersten, die das ferne Getöse des Lagers hörten… Sie spitzten die Ohren und winselten leise aus

Eifer und Verlangen. Dann hörten auch die Wanderer das Geräusch… zuerst ein Murmeln, das die

Entfernung noch schwach und dumpf machte, das aber doch ohne die sanft rauschende Romantik

war, welche alle sehr fernen Geräusche kennzeichnet. Es waren statt dessen wilde und laute

Töne… ein Gewirr von schrillen Lauten, die von einem noch schrilleren durchbrochen wurden… dem

langen, unheimlich eintönigen Wolfsgeheul vieler Hunde… einem Johlen und Schreien, wie aus

Unfrieden und Schmerz, schwermütig und klagend, wie die Stimmen hoffnungsloser Empörung gegen

ein unabwendbares Schicksal.

Kid öffnete sein Uhrglas, und mit bloßen Fingern Zeiger und Ziffern nachprüfend, konnte er

feststellen, daß es bereits gegen elf Uhr war. Die Männer, die ihn begleiteten, beschleunigten

ihren Gang. Die Beine, die sich bereits mehr als zwölf ermüdende Stunden bewegt hatten, mußten

sich noch mehr beeilen, so daß sie fast liefen oder, die meiste Zeit jedenfalls, trabten. Aus

einer düsteren Fichtenniederung traten sie auf einmal in den Lichtkreis vieler Feuer und in

einen plötzlich gewaltig anwachsenden Lärm. Vor ihnen lag das große Lager.

Und als sie es erst betreten hatten und durch seine unregelmäßigen Wege gingen, gerieten sie

in ein wildes Getümmel, das wie eine Woge gegen sie anbrach und brausend mit ihnen

weiterrollte… Rufe, Grüße, Fragen und Antworten, Späße und Witze flogen hin und her; die

Wolfshunde schnappten und knurrten wütend und stürzten sich wie zottige Kugeln auf Kids

fremdartige Hunde; die Indianerfrauen schimpften und lachten; die Kinder wimmerten und

weinten; die Kranken klagten und stöhnten, wenn sie aus ihrem Schlaf zu neuen Schmerzen

geweckt wurden… hier herrschte der ganze Höllenlärm, der ein Lager von Völkern der Einöden,

von Völkern ohne Nerven, kennzeichnet.

Mit ihren Keulen und Gewehrkolben scheuchten Kids Begleiter die angriffslustigen Hunde zurück,

während seine eigenen Tiere, die sich vor so vielen Feinden fürchteten, sich erregt knurrend

und schnappend zwischen den Beinen ihrer menschlichen Beschützer verkrochen.

Es wurde erst haltgemacht, als sie den festgestampften Schnee um ein großes Feuer erreichten,

wo Kurz mit zwei jungen Indianern hockte und lange Streifen Elchfleisch briet.

Drei andere junge Indianer, die bereits in ihren Schlafsäcken auf einem Lager von

Fichtenzweigen lagen, richteten sich auf.

Kurz sah seinen Partner über das Feuer hinweg an, aber seine Miene blieb unbewegt und

gleichgültig, genau wie die der Indianer. Er gab auch keine Zeichen, daß er Kid erkannte,

sondern briet seelenruhig sein Fleisch weiter.

»Was hast du denn?« fragte Kid verärgert. »Kannst du nicht mehr reden?«

Das alte, vertraute Lachen glitt über Kurz’ Gesicht. »Nein«, antwortete er. »Ich bin Indianer

geworden. Ich habe jetzt gelernt, daß man keine Überraschung zeigen darf. Wann haben sie dich

erwischt?«

»Am Tage nach deinem Verschwinden.«

»Hm«, sagte Kurz, und ein halb spöttisches Lächeln blitzte in seinen Augen auf. »Ich befinde

mich hier sauwohl, darauf kannst du schwören. Es ist das Lager der Junggesellen.« Er streckte

mit einer großartigen Bewegung die Hand aus, als ob er all die Herrlichkeiten an seine Brust

drücken wollte, obgleich sie nur aus einem Feuer, aus Schlafplätzen aus Fichtenzweigen, die

auf dem Schnee ausgestreut waren, aus Elchhautzelten und aus Windschirmen, die aus

Weidenzweigen geflochten waren, bestanden.

»Und hier siehst du die Junggesellen!«

Diesmal zeigte er auf die jungen Männer und spie dabei einige Gaumenlaute in ihrer Sprache

aus, so daß sie dankbar und erfreut das Weiße ihrer Augen und Zähne blitzen ließen.

»Sie freuen sich, dich kennenzulernen, Kid. Setz dich und trockne deine Mokassins, dann werde

ich etwas Futter für dich fertigmachen. Ich kann schon richtig mit ihrem Kauderwelsch umgehen.

Das wirst du auch nötig haben, denn mir scheint, als ob wir ziemlich lange hierbleiben werden!

Es ist noch ein Weißer hier. Der wurde vor sechs Jahren gefangengenommen. Es ist ein Ire, den

sie am Großen Sklavensee aufgegabelt haben. Hier wird er Danny McCan genannt. Er hat sich

schon mit einer Indianerfrau zur Ruhe gesetzt. Hat schon zwei Kinderlein, will sich aber

trotzdem unsichtbar machen, wenn sich eine Möglichkeit bieten sollte. Siehst du das niedrige

Feuer drüben rechts? Da ist sein Wigwam.«

Kid sollte offenbar auch hierbleiben, denn seine Wärter verließen ihn und seine Hunde und

schritten tiefer ins Lager hinein. Während er für seine Fußbekleidung Sorge trug und

gleichzeitig lange Streifen warmen Fleisches verschlang, kochte und schwätzte Kurz weiter.

»Es ist ja zweifellos eine herrliche Suppe, die wir uns hier eingebrockt haben… kannst mir

ruhig glauben! Und wir müssen verdammt früh aufstehen, wenn wir lebendig aus diesem

Hexenkessel entschlüpfen wollen. Sie sind richtige, waschechte wilde Indianer. Sie sind

freilich nicht weiß, aber ihr Häuptling ist es. Er spricht, als ob er das Maul voll von heißem

Brei hätte… Und wenn er nicht ein Vollblutschotte ist, dann gibt’s überhaupt gar nicht so was

wie Schotten in dieser verworrenen Welt. Er ist der Hiju, Skookum, Oberhäuptling des ganzen

Warenhauses. Was er sagt, ist einfach Gesetz… das mußt du dir gleich von Anfang an klarmachen.

Danny McCan versucht jetzt seit sechs Jahren durchzubrennen. Danny ist ein ganz guter Kerl,

aber viel Mumm steckt nicht mehr in seinen alten Knochen. Er weiß einen Weg, auf dem man

entkommen kann – hat ihn auf den Jagden kennengelernt – westlich von dem Weg, den wir gekommen

sind. Er hat nur nicht die richtigen Nerven, um so eine Sache allein zu deichseln. Aber wir

drei werden den Laden schon schmeißen. Backenbart ist ja ganz nett und todanständig, aber

trotzdem ist er ein bißchen reichlich verschroben.«

»Wer ist der Backenbart?« fragte Kid, der unterdessen die warmen Fleischstücke mit wahrem

Wolfshunger verschlungen hatte, jetzt aber eine kleine Pause machte.

»Na, das ist ja der Obergeneral-Idiot… der alte Schotte… er ist wirklich etwas alt geworden,

und deshalb schläft er wohl auch jetzt schon. Aber morgen wird er dich sehen wollen, und er

wird dir mit aller gewünschten Deutlichkeit sagen, was du für ein jämmerlicher Wicht bist,

wenn du auf seine Jagdgründe gerätst. Denn dieses ganze Gebiet gehört ihm, das mußt du deiner

Kokosnuß gleich einbleuen. Hier ist noch nie ein Forscher oder Entdecker gewesen, und es

gehört ihm alles. Er hat ungefähr zwanzigtausend Quadratmeilen als Jagdgebiet. Er ist auch der

weiße Indianer… er und sein Frauenzimmer. Haha, du brauchst mich deshalb nicht so anzugucken…

warte, bis du sie gesehen hast… Verflucht hübsches Ding und ganz weiß, wie der Papa… du weißt,

der Backenbart! Und Rentiere! Donnerwetter noch mal! Ich hab sie schon gesehen… die Herden

werden jetzt ostwärts getrieben, und wir sollen ihnen nachgehen… jeden Tag kann es losgehen…

Was Backenbart von Rentieren und von Lachsen weiß, das weiß sonst keiner in der Welt… das

kannst du mir ruhig glauben.«

»Da kommt Backenbart – er sieht aus, als ob er irgendwas vorhätte«, flüsterte Kurz.

Es war Morgen, und die Junggesellen hockten schon um das Feuer und verzehrten ein gutes

Frühstück aus Elchfleisch, das sie geröstet hatten. Kid blickte auf und sah einen kleinen

schlanken Mann. Er war wie ein Wilder in Pelze gekleidet, aber trotzdem sah man sofort, daß er

ein Bleichgesicht war. Er ging an der Spitze eines Hundegespanns und wurde von einem halben

Dutzend Indianer begleitet. Kid zerbrach eben einen heißen Knochen, und während er das

dampfende Mark aussaugte, blickte er seinen Wirt, der sich ihnen näherte, prüfend an. Ein

ergrauter, vom Rauch vieler Lagerfeuer geschwärzter, buschiger Bart verbarg den größten Teil

des Gesichtes, konnte aber doch die mageren, fast unheimlich eingefallenen Wangen nicht

verbergen. Kid stellte aber fest, daß diese Magerkeit nicht von Krankheit oder Schwäche

herrührte, denn die weit geöffneten Nüstern und die gewölbte, breite Brust zeugten von

außergewöhnlicher Gesundheit.

»Guten Tag«, sagte der Mann. Gleichzeitig zog er einen Handschuh ab und gab Kid die Hand.

»Mein Name ist Snass«, fügte er hinzu, als sie sich die Hände schüttelten.

»Und ich heiße Alaska-Kid«, antwortete Kid mit einem eigentümlichen Gefühl der Unruhe, als er

in die klaren, durchdringenden Augen blickte.

»Sie haben genug zu essen, scheint es.«

Kid nickte und begann wieder seinen Markknochen zu bearbeiten. Das Schnurren der schottischen

Aussprache berührte ihn seltsam angenehm.

»Es sind natürlich nur derbe Gerichte, die wir Ihnen bieten können. Aber es geschieht dafür

selten, daß wir hungern müssen. Und unser Essen ist jedenfalls natürlicher und gesünder als

der gekünstelte Fraß, den man in den Städten bekommt.«

»Sie lieben offenbar die Städte nicht«, sagte Kid lachend, nur um etwas zu sagen. Er war aber

ganz verblüfft, als er die Veränderung bemerkte, die seine Worte in Snass’ Gesicht

hervorriefen.

Wie eine empfindliche Pflanze schien die ganze Gestalt des Mannes plötzlich zu zittern und

sich zu krümmen. Dann wich die Erregung, um sich in seinen Augen zu konzentrieren, die – in

wildem Aufruhr – einen Haß sprühten, der seine unermeßliche Pein, seinen unsagbaren Schmerz

fast in die Welt hinausschrie. Mit einem Ruck wandte er sich ab, nahm sich aber mit einer

gewaltigen Anstrengung wieder zusammen und warf Kid einen Gruß zu: »Ich werde Sie später ja

sehen, Herr Kid. Die Rentiere beginnen ostwärts zu wandern, und ich muß deshalb fort, um einen

Lagerplatz zu finden. Morgen werden wir alle weiterwandern müssen.«

»Ein tüchtiger Backenbart, nicht?« flüsterte Kurz, als Snass an der Spitze seiner Schar

verschwunden war.

Später am selben Morgen bummelte Kid im Lager herum.

Alle waren mit ihren einfachen Pflichten beschäftigt. Eine große Schar von Jägern war soeben

zurückgekehrt, und die Männer zerstreuten sich an die verschiedenen Lagerfeuer.

Viele Frauen und Kinder waren im Begriff, mit den Hunden, die vor leere Tobogganschlitten

gespannt waren, auszuziehen, während andere Frauen, Kinder und Hunde Schlitten mit

frischgeschlachtetem, aber schon gefrorenem Fleisch herbeizogen. Ein kalter Frühlingswind

wehte, und der ganze wilde Auftritt spielte sich bei einer Temperatur von dreißig Grad unter

Null ab. Nirgends sah man gewebte Stoffe, alle waren in Pelzwerk und leichtgegerbte Felle

gekleidet. Knaben liefen vorbei, sie hatten Bogen in den Händen, und ihre Köcher waren von

Pfeilen mit knöchernen Widerhaken vollgestopft. Er sah auch viele Jagdmesser aus Knochen oder

Stein, die am Gürtel oder in ledernen Riemen um den Hals getragen wurden.

Frauen beugten sich über die Feuer und kochten und brieten, während die kleinen Kinder, die

sie auf dem Rücken trugen, mit großen runden Augen um sich blickten und an Klumpen von Talg

saugten. Hunde, sehr nahe Verwandte von Wölfen, kamen mit gesträubten Haaren auf Kid zu, aber

nur, um von ihm mit seinem kurzen Knüppel verjagt zu werden. Sie wollten alle diesen Fremden

beschnüffeln, den sie des harten Knüppels wegen dulden mußten.

Mitten im Lager brannte ein Feuer ganz für sich. Kid war sich klar darüber, daß es der

Lagerplatz Snass’ sein mußte.

Obwohl offenbar nur zu vorübergehendem Gebrauch gedacht, schien er dennoch sorgfältig gebaut

zu sein und war von bedeutendem Umfang. Eine ganze Menge Bündel Felle und Ausrüstungen aller

Art lagen auf einem Gerüst, so daß die Hunde sie nicht erreichen konnten. Eine große

Leinwandplane war wie ein Halbzelt so aufgestellt, daß man in seinem Schutz schlafen und sich

aufhalten konnte. Daneben stand ein Zelt aus Seide, wie Forschungsreisende oder reiche

Großwildjäger sie bevorzugen. Kid hatte noch nie ein solches Zelt gesehen und trat deshalb

näher. In diesem Augenblick wurde der Vorhang beiseite geschlagen, und eine junge Frau trat

heraus. Sie kam so plötzlich und schnell, daß ihr Erscheinen auf Kid wie eine Offenbarung

wirkte. Er schien jedoch denselben Eindruck auf sie gemacht zu haben, und einen langen

Augenblick blieben beide stehen und starrten sich an.

Sie war ganz in Pelzwerk gekleidet, aber in Pelzwerk von so wunderbarer Schönheit, wie Kid es

nie auch nur im Traum gesehen hatte. Ihre Parka, deren Kapuze sie zurückgeschlagen hatte,

bestand aus irgendeinem unbekannten Pelz von der Farbe fahlen Silbers. Die Mukluks, deren

Sohlen aus Walroßhaut waren, bestanden aus den silberfarbenen Fußballen vieler Luchse. Die

langen Stulpenhandschuhe, die Troddeln an den Knien, all der verschiedenartige Pelzbesatz

ihrer Kleidung hatte denselben blassen Silberglanz, der in der eisigen Luft wie Mondlicht

schimmerte… und aus diesem fahlfunkelnden Silber erhob sich auf einem schlanken, feingeformten

Hals ein Kopf, dessen rosiges Gesicht ebenso hell war, wie ihre Augen blau waren. Die Ohren

glichen rosigen Muscheln. Das hellbraune Haar war von Reif bedeckt, so daß es wie von

glitzernden Eiskristallen funkelte. Kid sah das alles und noch mehr wie in einem märchenhaften

Traum.

Dann nahm er sich zusammen und faßte nach seiner Mütze. Im selben Augenblick wich der

benommene Blick aus den Augen des Mädchens, die ihn wie ein Wunder angestarrt hatte, einem

natürlichen Lächeln. Mit einer schnellen, lebhaften Bewegung zog sie einen Handschuh aus und

gab ihm die Hand. »Guten Tag«, flüsterte sie ernst, mit einem eigenartigen, aber reizenden

Akzent. Ihre Stimme hatte einen silbernen Klang, der ihrem Pelzwerk in sonderbarer Weise

entsprach, und berührte Kids Ohr als etwas Ungewohntes und Merkwürdiges, da er so lange nur

die rauhen Stimmen der Squaws in den verschiedenen Lagern gehört hatte.

Er vermochte nur einige Gemeinplätze zu stammeln, ungeschickte Erinnerungen aus seinem

einstigen Gesellschaftsleben.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, sagte sie langsam und unsicher, während ein strahlendes

Lächeln über ihr Gesicht glitt. »Sie müssen mein Englisch entschuldigen. Es ist nicht sehr

schön. Ich bin Engländerin«, versicherte sie ihm ernst. »Mein Vater ist Schotte. Meine Mutter

ist tot. Sie war Französin und Engländerin und auch ein klein wenig Indianerin. Ihr Vater war

irgend etwas Großes bei der Hudson-Bucht-Company. Hu, es ist so kalt heute.« Sie zog ihren

Handschuh wieder an und rieb sich die Ohren, deren zartes Rosa schon anfing, weiß zu werden.

»Wollen wir ans Feuer gehen und uns ein bißchen unterhalten? Ich heiße Labiskwee. Wie heißen

Sie denn?«

Auf diese Weise machte Kid die Bekanntschaft Labiskwees, der Tochter des alten Snass, der sie

selbst Margaret nannte.

»Mein Vater heißt gar nicht Snass«, teilte sie Kid mit. »Snass ist nur sein indianischer

Name…«

Kid lernte vieles an diesem Tage und den folgenden, während das Jagdlager der Fährte der

Rentiere folgte. Es waren wirklich wilde Indianer, dieselben, die Anton einst getroffen hatte

und denen er vor so vielen Jahren entkommen war. Sie befanden sich jetzt nahe der westlichen

Grenze ihres Territoriums. Im Sommer zogen sie nordwärts bis zu den arktischen Tundren und

westwärts bis an den Luskwa. Was der Luskwa für ein Fluß war, konnte Kid freilich nicht

feststellen, und weder Labiskwee noch McCan konnten ihm Auskunft darüber geben.

Hin und wieder zog Snass mit einer großen Schar tüchtiger Jäger ostwärts über die Rocky

Mountains, an den Seen und am Mackenzie vorbei in die Einöde. Bei dem letzten Ausflug in

dieser Richtung hatte man das Zelt Labiskwees gefunden.

»Es gehörte der Milicent-Abdury-Expedition«, erzählte Snass Kid.

»Ach wirklich? Ja, ich erinnere mich! Sie suchte nach Moschusochsen. Die Hilfsexpedition fand

nie eine Spur von den beiden.«

»Ich fand sie«, sagte Snass. »Aber sie waren tot.«

»Die Welt weiß es noch nicht; sie hat nie etwas davon erfahren.«

»Die Welt wird auch nie etwas davon erfahren«, versicherte Snass ihm freundlich.

»Sie meinen, wenn sie am Leben gewesen wären, als Sie sie fanden…«

Snass nickte. »So hätten sie bei mir und meinem Volke bleiben müssen.«

»Anton entkam aber«, sagte Kid herausfordernd.

»Ich entsinne mich nicht mehr des Namens. Wie lange ist das her?«

»Vierzehn oder fünfzehn Jahre«, antwortete Kid.

»Er kam also durch… trotz allem. Wissen Sie, ich habe seinerzeit oft an ihn gedacht. Wir

nannten ihn Langzahn. Er war ein kräftiger Mann.«

»La Perle kam vor zehn Jahren durch dieses Gebiet.« Snass schüttelte den Kopf.

»Er fand Spuren Ihrer Lagerplätze… es war im Sommer.«

»Das erklärt die Sache«, antwortete Snass. »Im Sommer sind wir im hohen Norden, Hunderte von

Meilen von hier entfernt.«

Soviel Kid sich aber auch bemühte, konnte er doch nichts von der Geschichte Snass’ aus der

Zeit erfahren, ehe er in der Wildnis des Nordens zu leben begann. Er war nicht ohne Erziehung,

aber in der ganzen dazwischenliegenden Zeit hatte er weder Bücher noch Zeitungen gelesen. Er

hatte keine Ahnung, was in der Welt seither geschehen war – aber es interessierte ihn auch gar

nicht, es zu erfahren. Er hatte etwas von den Goldsuchern am Yukon und von dem großen Goldfund

in Klondike gehört. Aber die Goldsucher hatten nie sein Gebiet betreten, und er freute sich

aufrichtig darüber. Die Welt außerhalb seines Territoriums existierte nicht für ihn.

Und er duldete nicht, daß sie erwähnt wurde.

In dieser Beziehung konnte Labiskwee auch keine Auskunft geben. Sie selbst war in den

Jagdgründen geboren. Ihre Mutter hatte noch sechs Jahre gelebt… sie war die einzige weiße

Frau, die Labiskwee je gesehen hatte. Sie erzählte ihm das mit einem wehmütigsehnsuchtsvollen

Klang in der Stimme. Überhaupt zeigte sie bei tausend Gelegenheiten, daß sie ein wenig von der

großen fremden Welt wußte, deren Tür ihr Vater so fest verriegelt hatte. Aber sie bewahrte

dieses Wissen wie ein furchtbares Geheimnis, das sie ängstlich hüten mußte.

Labiskwee hatte schon längst aus Erfahrung gelernt, daß ihr Vater bei jeder Erwähnung der

fremden Welt wahre Wutanfälle bekam.

Anton hatte einst einer Indianerin von ihrer Mutter erzählt, und er war es, der gesagt hatte,

daß sie die Tochter eines hohen Beamten der Hudson-Bucht-Company gewesen war. Später hatte

diese Squaw es dann Labiskwee selbst weitererzählt.

Aber den Namen ihrer Mutter hatte sie nie gekannt.

Als Quelle bedeutungsvoller Informationen war der gute McCan absolut untauglich. Er liebte

überhaupt keine Abenteuer. Das Leben in der Einöde war ihm ein Greuel, und doch hatte er neun

Jahre hier verbracht. In San Franzisko war er von einem Heuerbaas schanghait worden, aber

später bei Point Barrow mit drei Kameraden von dem Walfängerschiff desertiert. Zwei von ihnen

waren längst gestorben, und der dritte hatte ihn auf der furchtbaren Wanderung nach dem Süden

verlassen. Zwei Jahre hatte er unter den Eskimos verbracht, bevor er den Mut fand, die

Wanderung nach dem Süden fortzusetzen… und dann, nur noch wenige Tagesreisen von einer der

Stationen der Hudson-Bucht-Company entfernt, wurde er von einer kleinen Schar von Snass’

jungen Männern eingefangen. Er war ein schmächtiger, unintelligenter Mensch, der an einer

Augenkrankheit litt. Und er konnte von nichts anderem sprechen und träumen als von der

Möglichkeit, nach San Franzisko und zu seinem geliebten Maurerhandwerk zurückzukehren.

»Sie sind der erste intelligente Mensch, den wir hier gehabt haben«, erklärte Snass

liebenswürdig, als er und Kid eines Abends am Feuer saßen. »Das heißt, mit Ausnahme von

Vierauge, so wurde der Alte von meinen Indianern genannt, denn er trug eine Brille und war

sehr kurzsichtig. Er war ursprünglich Professor der Zoologie…« Kid bemerkte, wie korrekt Snass

dieses Fremdwort aussprach… »Er starb vor gut einem Jahr. Meine jungen Männer fanden ihn, als

er sich von seiner Expedition am oberen Porcupine verirrt hatte. Er war sehr intelligent… o

ja… aber dabei freilich auch ein Narr… das war seine Schwäche… er verirrte sich immer! Er war

gründlich in Geologie beschlagen und wußte, wie man Metall bearbeitet. Drüben am Luskwa, wo

Kohle ist, haben wir auch einige sehr anständige Handschmieden nach seiner Anleitung

eingerichtet. Er reparierte unsere Gewehre und lehrte auch unsere jungen Männer, wie sie es

machen sollten. Er starb leider voriges Jahr, und wir haben ihn ehrlich vermißt. Er verirrte

sich… er tat es, wirklich… und erfror kaum eine Meile von unserem Lager.«

Am selben Abend sagte Snass zu Kid: »Es wäre klüger, wenn Sie sich eine Frau wählen würden, so

daß Sie Ihr eigenes Feuer bekommen könnten. Dann würden Sie es viel bequemer haben als bei den

jungen Leuten. Das Feuer der Jungfrauen wird erst angezündet, wenn Hochsommer und Lachs da

sind… es ist so eine Art Fest der Jungfrauen, wissen Sie… aber ich kann es früher tun lassen,

wenn Sie es wünschen.«

Kid lachte und schüttelte den Kopf.

»Vergessen Sie nicht«, beendete Snass ruhig die Unterredung. »Anton ist der einzige, der

jemals von hier entkam. Er hatte Glück – ganz außergewöhnliches Glück.«

Labiskwee erzählte Kid, daß ihr Vater einen eisernen Willen hatte.

»Vierauge pflegte ihn den gefrorenen Seeräuber zu nennen – ich weiß nicht, was er damit meinte

- oder den Tyrannen des Eises, den Höhlenbären, den primitiven Tiermenschen, den König der

Rentiere, den bärtigen Panther und mit einer Menge ähnlicher Namen zu nennen. Vierauge liebte

solche Ausdrücke sehr. Er lehrte mich auch mein erstes Englisch. Er machte immer Späße. Man

wußte nie, wo er eigentlich hinwollte. Er nannte mich seinen Cheetah-Kameraden, wenn ich

zornig gewesen war. Was bedeutet eigentlich Cheetah?«

Sie plauderte weiter mit einer eifrigen und offenen Kindlichkeit, die Kid nicht gleich mit der

reifen Fraulichkeit ihrer Gestalt und ihres Gesichts in Einklang bringen konnte.

Ja, ihr Vater war eisern und herrisch. Alle fürchteten ihn.

Wenn er zornig wurde, war er schreckenerregend. Da war zum Beispiel die Geschichte mit den

Leuten aus Porcupine. Durch sie und die Leute von Luskwa verkaufte er seine Felle an die

Handelsstationen, und durch sie erhielt er auch seine Vorräte an Munition und Tabak. Er war

stets korrekt in seinen Geschäften, aber der Häuptling der Porcupines versuchte ihn zu

betrügen. Und nachdem Snass ihn zweimal gewarnt hatte, brannte er sein hölzernes Dorf ab, und

mehr als ein Dutzend Porcupines fielen in dem Kampf. Aber mit dem Betrügen war es ein für

allemal vorbei! Ein andermal war es – als sie noch ein kleines Kind war – geschehen, daß ein

Weißer zu fliehen versuchte… aber Snass fing und tötete ihn, das heißt, er selbst tat es

natürlich nicht, sondern er gab den jungen Männern des Stammes Befehl, es zu tun. Keiner der

Indianer würde es wagen, ihrem Vater nicht zu gehorchen.

Aber je mehr Kid von ihr erfuhr, um so mehr vertiefte sich das Geheimnis, das die

Persönlichkeit Snass’ umgab.

»Und erzählen Sie mir doch, ob es wahr ist«, fragte das junge Mädchen, »ob es wahr ist, daß

einst ein Mann und seine Frau gelebt haben, die Paolo und Francesca hießen und einander über

alles in der Welt liebten?«

Kid nickte.

»Vierauge erzählte mir von ihnen«, berichtete sie und strahlte dabei vor Glück. »Er hat es

also nicht selbst erfunden, wie es scheint. Sie sehen, ich war nicht ganz sicher… ich habe

meinen Vater einmal gefragt, aber er wurde nur böse. Die Indianer haben mir verraten, daß er

dem armen Vierauge deswegen furchtbare Vorwürfe machte. Dann gab es ja auch zwei, die Tristan

und Isolde hießen… zwei Isolden sogar. Es war schrecklich traurig, aber ich möchte so

furchtbar gern auf diese Weise lieben! Tun alle jungen Männer und Frauen in der Welt so wie

die beiden? Hier tun sie es nicht! Sie heiraten einfach… sie scheinen gar keine Zeit zum

Lieben zu haben. Aber ich bin Engländerin und würde nie einen Indianer heiraten – würden Sie?

- Deshalb habe ich nie mein Jungfrauenfeuer angezündet. Einige von den jungen Männern quälen

meinen Vater immer, daß er mich zwingen soll, es zu tun. Einer von ihnen ist Libash – ein

großer Jäger. Und Mahkook kommt immer hierher und singt seine Lieder. Er ist verrückt! Wenn

Sie heute abend nach Dunkelwerden in mein Zelt kommen wollen, werden Sie ihn in der Kälte

stehen sehen und singen hören. Aber mein Vater sagt immer, ich soll tun, was ich will, und

deshalb zünde ich mein Feuer nicht an. Sehen Sie… wenn ein Mädchen sich entschlossen hat zu

heiraten, zündet sie ein Feuer an, um es den jungen Männern auf diese Weise bekanntzugeben.

Vierauge sagte immer, daß es eine schöne Sitte sei. Aber er selbst nahm sich keine Frau.

Vielleicht nur, weil er zu alt war. Er hatte fast keine Haare mehr, aber ich finde doch nicht,

daß er so furchtbar alt war. Und wie können Sie es denn wissen, wenn Sie von der richtigen

Liebe erfaßt werden – so wie Paolo und Francesca, meine ich?«

Der klare Blick ihrer blauen Augen verwirrte Kid.

»Ja, man sagt…«, stotterte er, »… sie sagen… also diejenigen, die selbst lieben… die sagen,

daß Liebe mehr wert sei als das Leben. Wenn einer merkt, daß er – oder sie – einen andern

lieber hat als sonst jemand in der ganzen Welt… ja, dann weiß er, daß er liebt. So geht es…

aber es ist unendlich schwer zu erklären. Man weiß es einfach… das ist alles!«

Sie starrte durch den beißenden Rauch des Lagerfeuers in den blauen Abend hinaus. Dann seufzte

sie tief und wandte sich wieder dem Handschuh zu, an dem sie gerade nähte.

»Nun ja«, sagte sie in einem Ton, als ob sie einen endgültigen Entschluß faßte, »ich werde

jedenfalls nie heiraten… nie.«

»Wenn es uns je gelingt, aus dem Lager zu entkommen, werden wir die Beine ordentlich

gebrauchen müssen«, sagte Kurz mißmutig.

»Ja… die Gegend hier ist eine einzige Riesenfalle«, stimmte Kid ihm bei.

Von der Kuppe eines nackten Felsens blickten sie über das schneebedeckte Reich Snass’ hinaus.

Im Osten, Westen und Süden war es von hohen Zinnen und zackigen Ketten eingeschlossen. Gegen

Norden schien das wellenförmige Gelände schier unendlich… aber es war ihnen bekannt, daß auch

in dieser Richtung ein Dutzend querlaufender Gebirgsketten alle Wege verriegelten.

»Zu dieser Jahreszeit könnte ich Ihnen drei Tage Vorsprung geben«, sagte Snass am selben Abend

zu Kid. »Sie können Ihre Fährte gar nicht verstecken, wissen Sie? Anton flüchtete, als der

Schnee geschmolzen war. Meine jungen Leute laufen ebenso schnell wie der schnellste Weiße…

außerdem würden Sie ja den Weg für sie festtreten. Und wenn der Schnee geschmolzen ist, werde

ich schon dafür sorgen, daß Sie nicht die Chancen bekommen, die Anton seinerzeit hatte. Das

Leben hier ist schön! Und die Erinnerung an die Welt schwindet sehr schnell. Ich habe mich nie

von meinem Staunen erholt, daß es so leicht war, ohne diese Welt zu leben, die ihr die eure

nennt.«

»Was mir besondere Sorge macht, ist, daß wir Danny McCan mitnehmen müssen«, vertraute Kurz Kid

an. »Er taugt nicht für große Fahrten. Aber er schwört alle möglichen heiligen Eide, daß er

den Weg nach dem Westen kennt, und deshalb müssen wir ja einen Versuch mit ihm machen, Kid,

sonst wird dein Schicksal bald entschieden sein.«

»Soo?…« sagte Kid. »Wir sitzen doch wohl im selben Boot.«

»O nein, durchaus nicht, mein Freund… für dich birgt das Schicksal etwas ganz anderes im

Busen.«

»Wieso?«

»Hast du die letzte Neuigkeit noch nicht gehört?«

Kid schüttelte den Kopf.

»Die Junggesellen haben es mir erzählt. Sie hatten es gerade erfahren. Heute abend geht’s los…

obgleich es für die Geschichte eigentlich mehrere Monate zu früh ist.«

Kid zuckte die Achseln.

»Interessiert es dich nicht, das Nähere zu hören?«

»Ich warte ja darauf.«

»Gut… Dannys Frau hat es den Junggesellen erzählt…« Kurz machte eine Pause, um den Eindruck zu

erhöhen. »Und die Junggesellen haben es natürlich wieder mir erzählt… nämlich, daß heute abend

das Jungfrauenfeuer angezündet werden soll. Das ist alles. Wie gefällt dir die Geschichte?«

»Ich verstehe nicht, was du meinst, Kurz.«

»Ach nee… wirklich? Mir scheint es wahrhaftig einfach und klar genug! Es ist ein Mädel nach

dir aus, und dies Mädel will ein Feuer anstecken, und das Mädel heißt Labiskwee! O ja, ich

habe schon bemerkt, wie sie dich anguckt, wenn du es nicht siehst! Sie hat ja auch noch nie

ein Feuer anzünden wollen. Sie sagte immer, daß sie keinen Indianer nehmen wollte -. Und wenn

sie jetzt ihr Feuer anzündet, so ist es todsicher, daß es meinem armen, unglücklichen Freund

Alaska-Kid gilt.«

»Das klingt ja ganz logisch«, sagte Kid. Aber das Herz wurde ihm sehr schwer, denn er entsann

sich, wie seltsam Labiskwee in den letzten Tagen gewesen war.

»Ja, siehst du«, meinte Kurz, »so geht es uns immer… sobald wir im Begriff sind, etwas Gutes

auszuknobeln, kommt immer so ein verfluchtes Frauenzimmer und verdirbt uns die ganze Mahlzeit.

Wir haben in dieser Beziehung ein verdammtes Pech… Holla… horch!«

Drei uralte Squaws waren gerade zwischen dem Lager der Junggesellen und dem McCans

stehengeblieben, und die älteste von ihnen hielt in schrillem Falsett einen Vortrag.

Kid verstand nur die Namen, aber nicht alle Worte, die Kurz ihm indessen mit wehmütiger Ironie

übersetzte.

»Labiskwee, die Tochter Snass’, des Herrn des Regens, des großen Häuptlings, zündet heute

abend zum ersten Male ihr Jungfrauenfeuer an. Maka, die Tochter Owits, des gewaltigen Jägers…«

Im ganzen wurden die Namen von fünf bis sechs jungen Mädchen genannt… dann watschelten die

drei Heroldinnen weiter nach dem nächsten Feuer, um ihre Botschaft dort zu verkünden.

Die Junggesellen, die im jugendlichen Übermut geschworen hatten, kein Mädchen je anreden zu

wollen, bezeigten kein Interesse für die angekündigte Zeremonie. Um ihre Geringschätzung so

deutlich wie möglich zum Ausdruck zu bringen, begannen sie sofort eine Expedition

vorzubereiten, die Snass ihnen befohlen hatte, die aber freilich eigentlich erst am nächsten

Tag stattfinden sollte. Der Häuptling war nämlich unzufrieden mit den Erklärungen, die die

alten Jäger über die Wanderung der Rentiere gaben, weil er selbst der Ansicht war, daß die

Herde sich geteilt hatte. Den Junggesellen war deshalb die Aufgabe gestellt worden, nach

Norden und Westen vorzustoßen, um die zweite Abteilung der großen Herde dort zu suchen. Kid,

der sich durch Labiskwees Feuer sehr beunruhigt fühlte, erklärte, die Junggesellen begleiten

zu wollen. Vorher aber hatte er eine Unterredung mit Kurz und McCan.

»Am dritten Tag mußt du also da sein, Kid«, sagte Kurz. »Wir bringen die Ausrüstung und die

Hunde mit.«

»Aber vergiß nicht«, warnte ihn Kid, »wenn wir uns aus irgendeinem Grund nicht treffen

sollten, dann geht ihr doch weiter, bis ihr den Yukon erreicht… das ist ja selbstverständlich,

denn wenn euch das gelingt, könnt ihr nächsten Sommer wiederkommen und mich holen. Und wenn es

mir gelingt, zu entkommen, werde ich natürlich dasselbe tun und euch nächstes Jahr holen.«

McCan, der an seinem Feuer stand, zeigte mit dem Blick auf einen zackigen Berg drüben, wo die

westliche Gebirgskette in die Ebene verlief.

»Da drüben ist es«, sagte er. »Ein schmaler Fluß auf der Südseite. Wir gehen den Strom hinauf.

Am dritten Tag treffen Sie uns dann! Denn am dritten Tag überschreiten wir den Fluß. Wo Sie

ihn auch erreichen, werden Sie entweder uns oder unsere Fährte treffen.«

Aber am dritten Tag fand Kid überhaupt gar keine Möglichkeit zu entfliehen. Die Junggesellen

hatten die Richtung, in der sie zogen, geändert. Während Kurz und McCan mit ihren Hunden den

Strom hinaufzogen, befanden sich Kid und die jungen Männer sechzig Meilen entfernt an einem

Ort, wo sie der Fährte der Herde nordwärts folgten. Erst mehrere Tage später kamen sie an

einem dunklen Abend im Schneegestöber in das große Lager zurück. Eine Indianerin, die an einem

Feuer saß und klagte, sprang auf, als sie Kid sah, und lief auf ihn zu.

Wild und böse blickend, verfluchte sie ihn, während sie mit den Armen auf eine stumme,

pelzbekleidete Gestalt zeigte, die reglos auf einem Schlitten lag.

Kid konnte nur ahnen, was geschehen war, und als er das Feuer McCans erreichte, war er deshalb

darauf vorbereitet, hier wiederum verflucht zu werden. Statt dessen sah er aber McCan

gemütlich am Feuer sitzen und mit gutem Appetit einen großen Bissen Rentierfleisch verzehren.

»Ich bin keine Kampfnatur«, erklärte der Ire klagend. »Aber Kurz ist geflohen, wenn sie ihm

auch noch auf den Fersen sind. Er wird sich schon kräftig schlagen… aber sie werden ihn doch

kriegen. Er hat ja keine Möglichkeit zu entkommen. Er hat übrigens zwei junge Indianer

verwundet, aber die werden sich schon erholen. Einen hat er freilich gerade durch die Brust

geschossen.«

»Ja, ich weiß schon«, sagte Kid. »Ich habe soeben seine Witwe gesehen.«

»Der alte Snass wünscht mit Ihnen zu sprechen«, fügte McCan hinzu. »Er hat schon Befehl

gegeben: Sobald Sie zurück sind, sollen Sie gleich an sein Feuer kommen. Ich habe kein Wort

von Ihnen gesagt! Sie wissen also von gar nichts! Vergessen Sie das nicht… Kurz ist ganz von

selbst mit mir davongelaufen.«

Am Feuer des Häuptlings traf Kid Labiskwee. Sie sah ihn mit Augen an, die von solcher Wärme

und Liebe leuchteten, daß ihm angst und bange wurde. »Ich bin so glücklich, daß Sie nicht auch

fortgelaufen sind«, sagte sie. »Sie sehen ja, daß ich…«, sie zögerte einen Augenblick, schlug

aber die Augen nicht nieder… es funkelte in ihnen ein Licht, das nicht mißzuverstehen war…

»Ich habe mein Feuer angezündet… und natürlich für Sie. Es ist geschehen… ich habe Sie mehr

liebgewonnen als sonst jemand in der Welt… lieber als meinen Vater, lieber als tausend Männer

wie Libash oder Mahkook. Ich liebe… es ist sehr seltsam… ich liebe, wie Francesca geliebt hat,

wie Isolde es getan. Der alte Vierauge hat die Wahrheit gesprochen! Auf diese Weise können

Indianer nicht lieben. Aber meine Augen sind blau, meine Haut ist weiß… Wir sind beide weiß,

Sie und ich…«

Zum erstenmal in seinem Leben war Kid Gegenstand einer Werbung, und er wußte deshalb nicht,

wie er sich benehmen sollte. Ja, schlimmer noch… es war keine Werbung im üblichen Sinne, denn

die Werbung ging davon aus, daß er mit ihr einig war. So sicher fühlte Labiskwee sich seiner

Gegenliebe, so warm und weich war das Licht in ihren Augen, daß er sich nur wunderte, daß sie

nicht ihre Arme um seinen Hals schlang und ihren süßen Kopf an seine Brust lehnte. Da wurde

ihm klar, daß sie – trotz der keuschen Freimütigkeit ihrer Gefühle – noch nichts von den

zarten Mitteln der Liebe wußte. Unter den primitiven Indianern kennt man dergleichen ja nicht.

Sie hatte keine Möglichkeit gehabt, sie kennenzulernen.

Sie plauderte weiter, und jedes Wort, das sie sagte, verriet, wie glücklich ihre Liebe sie

machte, während Kid mit sich kämpfte, um einen Weg zu finden, sie durch die Wahrheit zu

verwunden, in der Hoffnung, sie dadurch abzukühlen. Nur jetzt hatte er Gelegenheit, der

unerquicklichen Lage ein für allemal ein Ende zu machen.

»Aber hören Sie doch, bitte, Labiskwee«, begann er. »Sind Sie denn auch sicher, daß Vierauge

Ihnen die Geschichte von Paolo und Francesca zu Ende erzählt hat?«

Sie schlug begeistert die Hände zusammen und lachte in einem wahren Rausch unschuldiger

Freude. »Oh!« rief sie. »Die Geschichte geht also weiter! Ich wußte ja, daß es mehr und immer

mehr Liebe geben mußte! Ich habe so viel darüber nachgedacht, seit ich selbst zu lieben

begann… Ich habe…«

Aber in diesem Augenblick trat Snass aus der Dunkelheit und den fallenden Schneeflocken in den

hellen Lichtkreis des Feuers, und Kid wußte, daß er die einzige Gelegenheit verpaßt hatte.

»Guten Abend«, knurrte Snass barsch. »Ihr Kamerad hat eine nette Verwirrung hier angerichtet.

Es freut mich, daß Sie wenigstens vernünftiger gewesen sind.«

»Erzählen Sie mir bitte zuerst, was geschehen ist«, bat Kid.

Das Blitzen der weißen Zähne in dem grauen Bart machte einen unheimlichen Eindruck auf Kid.

»Natürlich kann ich Ihnen die Sache gern erst erzählen. Ihr Freund hat einen meiner Leute

getötet. Diese schleimige Memme, der McCan, floh beim ersten Schuß. Er wird nie wieder den

Versuch machen, wegzulaufen. Aber meine Jäger haben Ihren Freund in den Bergen eingeschlossen

und werden ihn schon kriegen. Er wird nie den Yukon erreichen! Und was Sie betrifft, so wird

es am besten sein, wenn Sie künftig an meinem Feuer schlafen. Es gibt auch kein Herumstrolchen

mit den jungen Männern mehr. Ich werde schon aufpassen.«

Kids Lage war sehr schwierig geworden, seit er sich immer am Feuer Snass’ aufhalten mußte. Er

sah Labiskwee jetzt öfter als je. Eben weil ihre Liebe so süß und keusch war, brachte ihr

Freimut ihn in unbeschreiblich heikle Situationen. All ihre Blicke waren Blicke der Liebe;

sooft sie ihn ansah, war es wie eine Liebkosung. Immer wieder entschloß er sich, ihr von Joy

Gastell zu erzählen, und immer wieder mußte er feststellen, daß er ein moralischer Feigling

war. Das Furchtbarste dabei war, daß Labiskwee so unendlich bezaubernd war. Es war eine

Freude, sie anzusehen. Obgleich seine Selbstachtung sich krümmte, sobald er mit ihr zusammen

war, freute er sich doch über jede Minute, die er mit ihr verbrachte. Zum erstenmal in seinem

Leben lernte er eine Frau richtig kennen, und so klar und hell war Labiskwees Seele, so

rührend und verführerisch in ihrer Unschuld und Unwissenheit, daß er in ihr wie in einem Buch

lesen konnte. Die ganze Güte des Weibes, die seit uralten Zeiten in der Seele der Frau lebt,

war auch in ihr unberührt geblieben von der Kenntnis der Anforderungen der Konvention und von

dem Betrug der Notwehr, die so oft die Frauen zivilisierter Völker verdirbt und entartet. In

seinem Gedächtnis ging er wieder den Gedanken Schopenhauers nach und erkannte hinter allen

Sophismen, daß dieser schwermütige Philosoph sich in allen Punkten irrte. Die Frau

kennenzulernen, wie er Labiskwee kennenlernte, war gleichbedeutend mit der Erkenntnis, daß

alle Weiberfeinde nur kranke Menschen waren.

Labiskwee war einfach wundervoll, und doch brannte neben ihrem Gesicht, das er täglich in der

Wirklichkeit sah, das traumhafte Bild Joy Gastells. Joy konnte sich beherrschen, sie konnte

ihre Gefühle zurückhalten, sie besaß alle Hemmungen, die unsere Zivilisation von Frauen

verlangt. Und doch war seine Phantasie und die lebendige Kraft der Frau, die neben ihm saß, so

seltsam, daß Joy Gastell ihm von derselben Güte wie Labiskwee erschien. Die eine erhöhte nur

den Wert der andern, und der Wert aller Frauen der Welt stieg in den Augen Kids durch alles,

was er in der wunderbaren Seele Labiskwees abends am Feuer Snass’ im Schneelande las.

Und Kid lernte auch vieles über sich selbst. Er gedachte aller Erlebnisse, die er mit Joy

Gastell gehabt hatte, und erkannte, daß er sie liebte. Und dennoch war er von Labiskwee

entzückt.

Und war dies Entzücken denn etwas anderes als Liebe? Er konnte seinen Zustand mit keinem

geringeren Wort bezeichnen. Es war Liebe! Es mußte Liebe sein! Und er wurde bis in die Wurzel

seines Wesens erschüttert, als er diesen polygamen Zug bei sich feststellte. In den Ateliers

von San Franzisko hatte er öfters behaupten hören, daß ein Mann zwei Frauen gleichzeitig

lieben könnte. Damals hatte er es nicht für möglich gehalten… und wie hätte er es auch glauben

sollen, solange er selbst keine Erfahrung auf diesem Gebiet gemacht hatte? Jetzt lag die Sache

natürlich ganz anders. Er wußte jetzt, daß er tatsächlich zwei Frauen gleichzeitig liebte,

ehrlich und aufrichtig liebte. Und wenn er auch vielleicht meistens überzeugt war, daß seine

Liebe zu Joy Gastell die tiefere war, gab es doch auch sehr viele Stunden, in denen er mit

derselben unerschütterlichen Sicherheit wußte, daß seine Liebe zu Labiskwee doch noch größer

war.

»Es muß sehr viele Frauen in der Welt geben«, sagte sie eines Tages in ihrer naiven Art. »Und

Frauen haben die Männer gern. Viele Frauen müssen auch Sie geliebt haben. Erzählen Sie mir

doch bitte von ihnen.«

Er gab keine Antwort.

»Erzählen Sie mir doch«, bat sie eindringlich. »Ist es denn nicht so?«

»Ich bin nie verheiratet gewesen«, sagte er mit einem Versuch, die Frage zu umgehen.

»Und sonst haben Sie nie geliebt? Gibt es keine andere Isolde in eurer Welt hinter unsern

Bergen?«

In diesem Augenblick erkannte Kid mit Bitterkeit, daß er ein Feigling war. Denn er log. Er tat

es widerstrebend, aber er tat es. Er schüttelte den Kopf und lächelte dabei langsam und

nachsichtig. Und es war mehr Liebe in seinen Augen, als er selbst ahnte, auch in dem

Augenblick, als er bemerkte, wie eine unbeschreibliche Freude das Gesicht Labiskwees

verklärte. Er versuchte, sich vor sich selbst zu entschuldigen.

Er wußte aber selbst sehr gut, daß seine Gründe überaus spitzfindig waren. Anderseits war er

doch nicht Spartaner genug, um ihr kindlich-frauliches Herz tödlich verwunden zu können.

Auch Snass tat das Seinige, um das Problem noch verwickelter zu machen.

»Kein Mann sieht seine Tochter gern verheiratet«, sagte er zu Kid. »Am allerwenigsten, wenn er

ein wenig Phantasie besitzt. Es tut weh… selbst der Gedanke daran tut einem einfach weh! Und

doch gehört es ja zur Ordnung der Natur. Und auch Margaret muß einmal heiraten. – Ich bin ein

harter und grausamer Mann, das weiß ich«, erklärte er weiter. »Aber Gesetz ist Gesetz, und ich

bin gerecht. Ja… für dieses Volk bin ich sogar das Gesetz und die Gerechtigkeit selbst…«

Kid erfuhr nie, wohin er eigentlich mit seinen Worten zielte, denn sie wurden von einem lauten

Schimpfen unterbrochen, das durch das silberne Lachen Labiskwees abgelöst wurde. Ein

schmerzlicher Zug ging über Snass’ Gesicht.

»Ich werde es ertragen müssen«, murmelte er grimmig. »Margaret muß heiraten… und es ist mein

Glück… und auch das Ihre, daß Sie bei uns sind.«

Dann kam Labiskwee aus dem Zelt und setzte sich mit einem Wolfsjungen in den Armen ans Feuer.

Wie von einem Magnet angezogen, starrten ihre Augen den Mann an, den sie liebte.

Und ihre blauen Augen leuchteten von dieser Liebe, die keine Unnatur sie zu verbergen gelehrt

hatte.

»Hören Sie, was ich Ihnen sage«, predigte McCan. »Der Frühling ist gekommen, und es beginnt

schon zu tauen. Auf dem Schnee wird sich bald eine harte Kruste bilden. Jetzt würde die

richtige Zeit zum Wandern sein, wären nicht die Frühlingsstürme im Gebirge… ich kenne sie. Ich

würde mit einem schwächeren Mann als Sie eine solche Wanderung nicht unternehmen.«

»Aber Sie können ja selbst nicht laufen«, wiedersprach Kid. »Sie können überhaupt nie mit

einem Schritt halten. Ihr Rückgrat ist schlapp wie gekochtes Mark. Wenn ich gehen will, gehe

ich allein. Aber die Welt verdorrt allmählich, und es ist sehr wohl möglich, daß ich nie von

hier wegkommen werde. Rentierfleisch schmeckt sehr gut… und bald kommt der Sommer und mit ihm

der Lachs.«

Snass sagte: »Ihr Freund ist tot. Aber meine Jäger haben ihn nicht getötet… sie fanden seinen

Leichnam steifgefroren in den ersten Frühlingsstürmen im Gebirge. Keiner kann von hier

entkommen. Wann werden wir die Hochzeit feiern?«

Und Labiskwee sagte: »Ich beobachte dich. Es regt sich Sehnsucht in deinen Augen, in deinem

Gesicht. Oh, ich kenne jede Bewegung, jeden Ausdruck deines Gesichtes. Du hast eine kleine

Narbe am Hals, gerade unter dem rechten Ohr. Wenn du glücklich bist, ziehen sich deine

Mundwinkel nach oben, wenn du an etwas Trauriges denkst, nach unten. Wenn du lächelst, hast du

drei oder vier Runzeln in deinen Augenwinkeln. Wenn du aber lachst, sind es sechs! Zuweilen

habe ich sogar sieben gezählt. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr zählen! Ich habe nie Bücher

lesen gelernt. Ich weiß nicht, wie man liest. Aber Vierauge hat mich vieles gelehrt. Ich kann

sehr gut Grammatik, die hat er mich gelehrt. Und in seinen Augen lernte ich die Sehnsucht nach

der Welt lesen. Ihn hungerte sehr oft nach der Welt! Und doch ist das Fleisch hier gut, und es

gab Fisch in Hülle und Fülle, und Beeren und Wurzeln und oft genug Mehl, das wir für die Felle

bekommen, die die Leute am Porcupine und am Luskwa für uns verkaufen… aber ihn hungerte nach

der Welt selbst und nach ihrem Leben. Ist denn die Welt so wunderbar, daß auch du dich nach

ihr sehnst? Vierauge besaß nichts. Aber du… du hast ja mich…«

Sie seufzte und schüttelte den Kopf.

»Als Vierauge starb, war er noch voller Hunger nach der Welt. Und wenn du immer hier leben

müßtest, würde dich dann nicht auch nach der Welt hungern, bis du stürbest? Ich fürchte, daß

ich die Welt nicht kenne. Möchtest du denn so gerne fliehen, um diese Welt, nach der du

hungerst, wiederzusehen?«

Kid konnte nicht sprechen, aber aus seinen Mundwinkeln las sie, was er dachte und empfand. Und

das überzeugte sie.

Minuten vergingen schweigend, in denen sie furchtbar mit sich kämpfte, während Kid der

unerwarteten Schwäche fluchte, die es ihm unmöglich machte, seinen Hunger nach der früheren

Welt zu verhehlen, ihn aber zwang, ihr die Wahrheit von der andern Frau zu verschweigen.

Wieder seufzte Labiskwee.

»Gut, mein Freund… ich liebe dich mehr, als ich den Zorn meines Vaters fürchte, und doch ist

er gefährlicher in seinem Zorn als die Stürme in den Bergen. Du hast mir erzählt, was Liebe

ist. Und dies ist eine Probe meiner Liebe. Ich werde dir helfen, in deine frühere Welt

zurückzukehren.«

Leise und vorsichtig wurde Kid geweckt. Warme, kleine Finger strichen sanft über seine Wange

und legten sich weich auf seine Lippen. Dann merkte er, wie Pelzwerk, das die Kälte draußen

mit eisigem Reif bedeckt hatte, seine Haut kitzelte.

Und ein einziges Wort wurde in sein Ohr geflüstert: »Komm.«

Er erhob sich vorsichtig und lauschte. Die vielen hundert Wolfshunde des Lagers hatten ihren

Nachtgesang angestimmt, aber trotz diesem gewaltigen Geheul konnte er ganz dicht neben sich

Snass leicht und regelmäßig atmen hören.

Leise zupfte Labiskwee ihn am Ärmel, und er verstand, daß er ihr folgen sollte. Er nahm seine

Mokassins und die wollenen Strümpfe in die Hand und kroch, noch in den Schlafmokassins, in den

Schnee hinaus. Auf der andern Seite des Lagerfeuers, dessen Glut noch nicht ganz erloschen

war, bedeutete sie ihm durch Zeichen, daß er seine Wandermokassins anziehen sollte.

Und während er ihrem Wunsche nachkam, schlüpfte sie noch einmal in das Zelt, in dem Snass

schlief.

Als Kid mit der Hand auf seiner Uhr nach der Zeit fühlte, stellte er fest, daß es ein Uhr

nachts war. Es war schon ganz warm, fand er, höchstens zehn Grad unter Null. Labiskwee kam

wieder zu ihm und führte ihn durch die dunklen Wege des schlafenden Lagers. Obgleich sie

vorsichtig und leise gingen, knisterte der Schnee doch klirrend unter ihren Mokassins, aber

das Geräusch ertrank in dem stürmischen Geheul der Hunde.

»Jetzt können wir endlich reden«, sagte sie, als das letzte Feuer des Lagers eine halbe Meile

hinter ihnen lag. Im hellen Sternenlicht standen sie Angesicht zu Angesicht da. Jetzt erst sah

Kid, daß sie eine schwere Last in ihren Armen trug. Und als er nachfühlte, stellte er fest,

daß sie seine Schneeschuhe, einen Stutzen, zwei Patronengürtel und seinen Schlafsack

mitgenommen hatte.

»Es ist alles da«, sagte sie und lachte glücklich. »Ich habe zwei Tage gebraucht, um das

Versteck einzurichten. Wir haben Fleisch, ein bißchen Mehl, Streichhölzer und

Indianerschneeschuhe, die für die harte Kruste am besten sind; selbst wenn sie zerbrechen,

hält das Netzwerk doch. Oh, ich kann schon Schneeschuh laufen, und wir werden schnell gehen

können, mein Geliebter.«

Kid bezwang seine Zunge… Daß sie diese Flucht vorbereitet hatte, war ihm schon eine große

Überraschung, daß sie ihn aber selbst begleiten wollte, war mehr, als er gedacht hatte.

Außerstande, sofort einen Entschluß zu fassen, nahm er ihr freundlich ein Bündel nach dem

andern ab. Dann legte er seinen Arm um sie und preßte sie eng an sich, wußte aber immer noch

nicht, was er tun sollte.

»Gott ist so gut«, flüsterte sie. »Er hat mir einen Mann geschickt, der mich liebt.«

Kid war doch anständig genug, ihr nicht vorzuschlagen, daß er allein gehen sollte. Und bevor

er zu reden begann, fühlte er, wie all seine Erinnerungen an die glückliche Welt und die

Länder der Sonne dahinschwanden und welkten.

»Wir werden umkehren, Labiskwee«, sagte er. »Du sollst meine Frau sein, und wir werden immer

bei dem Volk der Rentiere leben.«

»Nein… nein« – sie schüttelte den Kopf. Und selbst ihr Körper, den er umfaßt hielt, sträubte

sich gegen seinen Vorschlag. »Ich weiß zu gut Bescheid. Ich habe zuviel darüber nachgedacht.

Dich würde ja doch der Hunger nach der Welt packen, und in den langen Nächten würde er dein

Herz ganz verzehren. Vierauge starb vor Sehnsucht nach der Welt. So würdest auch du sterben!

Und ich will nicht, daß du stirbst. Wir werden den Schnee der Berge durchwandern, bis wir nach

dem Süden gelangt sind.«

»Höre, Geliebte«, bat er. »Laß uns umkehren.«

Sie legte ihren Handschuh leise gegen seine Lippen, um zu verhindern, daß er weitersprach.

»Du liebst mich… sag, daß du mich liebst.«

»Ich liebe dich, Labiskwee. Du bist meine wunderbare, süße Geliebte.«

Wieder hinderte der sanfte Druck des Handschuhs ihn am Weitersprechen. »Laß uns nach dem

Versteck gehen«, sagte sie entschlossen. »Es liegt drei Meilen von hier.«

Er hielt sie zurück, und so stark sie auch an seinen Armen zerrte, konnte sie ihn doch nicht

von der Stelle bringen. Er fühlte sich fast versucht, ihr von der andern Frau fern im Süden zu

erzählen, die er liebte.

»Es würde ein furchtbares Unrecht gegen dich sein, wenn wir umkehren sollten«, sagte sie. »Ich

bin… ich bin nur ein kleines wildes Mädchen, und ich habe Angst vor der Welt, aber noch mehr

fürchte ich für dich. Du siehst, es ist alles ganz, wie du mir erzählt hast. Ich liebe dich

mehr als sonst etwas in dieser Welt. Ich liebe dich viel mehr als mich selbst. Alle Gedanken

in meinem Herzen leuchten nur für dich, so hell und so zahlreich wie die Sterne am Himmel… und

es gibt keine Sprache, die reich genug für sie wäre. Wie sollte ich sie dir alle sagen können…

Sie sind nur da, fühlst du?«

Und während sie sprach, zog sie ihm den Fäustling von der Hand und führte sie unter ihre warme

Parka, bis sie auf ihrem Herzen ruhte. Fest preßte sie seine Hand an sich. Und während sie

beide schwiegen, spürte er das Klopfen des Herzens, das Klopfen ihres heißen Herzens… und

verstand, daß jeder Schlag, den es schlug, nur von Liebe, immer nur von Liebe sprach. Dann

begann ihr Körper – erst ganz langsam, fast unmerkbar – sich von dem seinen zurückzuziehen,

und während sie noch immer seine Hand an ihre Brust drückte, begann sie, nach dem Versteck zu

gehen. Er vermochte ihr nicht mehr zu widerstehen. Ihm war, als zöge ihn ihr Herz… ihr

klopfendes Herz, das so nahe an seiner Hand pochte.

Die Eiskruste, die sich nach dem Auftauen gebildet hatte, war so fest, daß sie auf ihren

Schneeschuhen sehr schnell vorwärts kamen.

»Hier zwischen den Bäumen ist das Versteck«, erzählte Labiskwee Kid.

Im nächsten Augenblick faßte sie seinen Arm mit einem Ausruf des Erstaunens. Die Flammen eines

kleinen Feuers tanzten lustig zwischen den Bäumen hin und her… und am Feuer hockte kein

anderer als McCan. Labiskwee murmelte einige indianische Worte, und das plötzliche Aufblitzen

ihrer Augen erinnerte unwillkürlich daran, daß Vierauge sie »Cheetah« genannt hatte.

»Ich habe mir ja schon gedacht, daß Sie ohne mich weglaufen würden«, erklärte McCan, als sie

ihn erreichten, und seine kleinen stechenden Augen funkelten listig. »Deshalb behielt ich Ihr

Mädel im Auge, und als ich sah, daß sie Schneeschuhe und Lebensmittel verbarg, wußte ich ja,

woran ich war. Ich habe meine eigenen Schneeschuhe und Lebensmittel mitgebracht. Das Feuer?

Ach wo, das ist ganz ungefährlich. Das ganze Lager schnarcht, und das Warten hier war so

verdammt kalt. Wollen wir jetzt losgehen?«

Labiskwee sah Kid mit einem schnellen, erschrockenen Blick an, aber ebenso schnell hatte sie

sich ein Urteil gebildet und sprach. Und als sie sprach, zeigte sie, daß sie in Sachen der

Liebe freilich noch ein Kind war, aber in allen anderen Angelegenheiten des Lebens die

Fähigkeit, schnelle Entschlüsse zu fassen, besaß, und die Kaltblütigkeit, die es ihr

ermöglichte, auf eigenen Füßen zu stehen.

»McCan, du bist ein Köter«, fauchte sie, und ihre Augen sprühten wilde Wut. »Ich weiß, daß du

die Absicht hast, das Lager zu alarmieren, wenn wir dich nicht mitnehmen. Gut, wir sind also

gezwungen, dich mitzunehmen. Aber du kennst meinen Vater. Ich bin von derselben Art wie er. Du

wirst deinen Anteil an der Arbeit leisten müssen. Und wenn du uns auch nur einen einzigen

schmutzigen Streich zu spielen versuchst, dann würde es besser für dich sein, wenn du nie

geflohen wärest.«

Als es Tag wurde, hatten sie den Gürtel von niedrigen Hügeln erreicht, der zwischen dem

wellenförmigen Gelände und den großen Bergen lag. McCan schlug vor, daß sie frühstücken

sollten, aber sie gingen weiter. Erst als die Nachmittagswärme die Schneekruste erweichte und

dadurch das Wandern erschwerte, machten sie halt, um zu essen.

Labiskwee erklärte Kid, was sie von dem Gelände wußte, und sagte ihm auch, wie sie sich

gedacht hatte, die Verfolger hinters Licht zu führen. Es gab nur zwei richtige Wege, einen

westlichen und einen südlichen. Snass würde unverzüglich Abteilungen von jungen Kriegern

aussenden, die beide Wege beobachten sollten. Aber außerdem gab es noch einen dritten Weg nach

Süden. Freilich führte er nur halbwegs bis zu den Bergen, dann schwenkte er plötzlich nach

Westen ab, überquerte drei Wasserscheiden und vereinigte sich schließlich mit dem gewöhnlich

gebrauchten westlichen Wege. Wenn die Indianer keine Fährte auf dem normalen Wege nach Süden

fanden, kehrten sie wahrscheinlich um, in der Annahme, daß die Flüchtlinge den westlichen Weg

eingeschlagen hätten, auf keinen Fall aber würden sie darauf kommen, daß sie den weiten Umweg

vorgezogen hatten.

Während sie noch sprachen, warf Labiskwee einen Blick auf McCan, der als letzter ging, und

flüsterte Kid zu: »Er ißt. Das ist kein gutes Zeichen.«

Kid beobachtete ihn. Der Ire ging und kaute tatsächlich vorsichtig an einem Klumpen

Rentiertalg, den er aus seiner Tasche gezogen hatte.

»Zwischen den Mahlzeiten wird nicht gegessen, McCan«, befahl er. »Es gibt kein Wild in dem

Gebiet, das vor uns liegt, und wir müssen von Anfang an die Lebensmittel in gleich große

Rationen einteilen.«

Um ein Uhr war die Kruste so aufgeweicht, daß die Schneeschuhe durchbrachen. Da schlugen sie

ihr Lager auf, und die erste Mahlzeit wurde eingenommen. Dann nahm Kid eine Schätzung des

Proviantbestandes vor. McCans Bündel war eine Enttäuschung. Er hatte so viele Silberfuchsfelle

in seinen Proviantsack gestopft, daß nur wenig Platz für Lebensmittel geblieben war.

»Ja… aber ich habe wirklich keine Ahnung gehabt, daß so viele darin waren«, erklärte er. »Ich

machte es zu recht, als es noch ganz dunkel war. Aber sie werden viele schöne Dollar geben.

Und mit der Menge Munition, die wir mitführen, können wir ja Wild in Hülle und Fülle

schießen.«

»Die Wölfe werden dich in Hülle und Fülle fressen«, war das einzige, was Kid in seiner

Hilflosigkeit zu sagen wußte.

Labiskwees Augen blitzten vor Zorn.

Sie hatten für einen Monat Proviant – wie Kid und Labiskwee feststellten -, aber freilich nur,

wenn sie sehr haushälterisch wirtschafteten und ihren Hunger nie völlig stillten. Kid

bestimmte Größe und Gewicht der einzelnen Bündel, nachdem er schließlich Labiskwees dringendem

Wunsch, auch einen Teil des Gepäcks zu tragen, hatte nachgeben müssen.

Am nächsten Tage erreichten sie eine Stelle, wo das Flußbett sich zu einem großen Gebirgstal

erweiterte, und sie begannen schon durch die Eiskruste zu brechen, als sie zu ihrem Glück die

härtere Oberfläche auf dem Hang der Wasserscheide erreichten.

»Zehn Minuten später – und wir wären nicht mehr herübergekommen«, sagte Kid, als sie auf

halber Höhe eine Atempause machten.

»Wir müssen hier schon tausend Fuß höher sein.« Wortlos wies Labiskwee auf eine offene

Niederung zwischen den Bäumen hinab. Mitten darin sahen sie in einer Reihe nebeneinander fünf

kleine schwarze Punkte, die sich kaum vorwärts zu bewegen schienen. »Die jungen Männer«, sagte

Labiskwee. »Sie stecken bis zu den Hüften im Schneewasser«, meinte Kid. »Heute werden sie kaum

noch festen Boden unter die Füße bekommen. Wir sind ihnen also um mehrere Stunden voraus. Komm

jetzt, McCan! Nimm dich zusammen, zum Teufel. Wir essen nicht, ehe wir so müde sind, daß wir

nicht weiterkönnen.« McCan murrte, aber er hatte keinen Rentiertalg mehr in der Tasche, und

verdrießlich schloß er sich deshalb als letzter den andern an.

In dem höher gelegenen Tal, in dem sie sich jetzt befanden, begann die Kruste erst nach drei

Uhr nachmittags zu bersten, und um diese Zeit hatten sie den Schatten eines Berges erreicht,

wo die harte Schneeschicht schon wieder zu gefrieren begann. Sie machten nur ein einziges Mal

halt, um den Talg herauszuholen, den sie MacCan weggenommen hatten, und den sie im

Weiterwandern verzehren konnten. Das Fleisch war ja ganz steifgefroren und nur genießbar, wenn

man es am Feuer aufgetaut hatte. Aber der Talg zerging ihnen im Munde und stärkte immerhin

etwas den Magen, der sonst von einem zitternden Schwächegefühl gequält wurde.

Nach einer langen Dämmerung trat gegen neun Uhr die Dunkelheit ein, die noch dadurch stärker

wurde, daß der Himmel von Wolken überzogen war. Sie schlugen deshalb ihr Lager mitten in einem

Hain von Zwergkiefern auf. MacCan war vollkommen hilflos und wimmerte fortwährend. Die

Wanderung des Tages war sehr ermüdend gewesen, und er hatte seinen Zustand noch dadurch

verschlimmert, daß er – trotz neunjähriger Erfahrung in den arktischen Gebieten – Schnee

gegessen hatte, so daß sein versengter Mund ihm furchtbare Schmerzen bereitete.

Labiskwee war unermüdlich, und Kid wunderte sich unwillkürlich über die ungeheure Lebenskraft

ihres Körpers und die Ausdauer ihrer Seele und ihrer Muskeln. Ihre gute Laune war auch

keinesfalls gekünstelt oder gewollt. Sie hatte stets ein Lächeln für ihn bereit, und sooft

ihre Hand die seine berührte, zögerte sie einen Augenblick in einer Liebkosung.

Im Laufe der Nacht begann es zu wehen und zu regnen, und den ganzen Tag lang bahnten sie sich

blindlings den Weg, ohne zu merken, daß sie die Biegung des Weges, der an einem schmalen Fluß

entlang westwärts führte und eine Wasserscheide überquerte, übersehen hatten. Dann wanderten

sie noch zwei Tage weiter, überschritten andere Wasserscheiden, aber nicht die richtigen, und

in diesen zwei Tagen ließen sie den Frühling hinter sich und stiegen wieder in das Gebiet des

eisigen Winters empor.

»Die jungen Männer haben unsere Fährte verloren… wir können uns doch einen Tag ausruhen«,

bettelte McCan.

Aber es wurde keine Ruhepause bewilligt. Kid und Labiskwee erkannten die Gefahren, die ihnen

drohten. Sie hatten sich im Hochgebirge verirrt und sahen weder Wild noch irgendwelche

Anzeichen davon. Tag für Tag kämpften sie sich durch das schwierigste Gelände vorwärts, das

sie in verschlungene Schluchten und Täler hineinzwängte. Wenn sie einmal in einen solchen

Canyon hineingerieten, waren sie gezwungen, ihm zu folgen, gleichgültig in welche Richtung er

führte, denn die vereisten Hänge zu beiden Seiten ließen sich nicht übersteigen. Die

furchtbare Ermüdung und die unaufhörliche Kälte zermürbten ihre Energie, und dennoch setzten

sie die Rationen, die sie sich täglich bewilligten, noch weiter herab.

Eines Nachts wurde Kid durch das Geräusch eines Kampfes geweckt. Er vernahm deutlich Stöhnen

und Ächzen von der Stelle, wo McCan lag und schlief. Er schürte das Feuer, bis es hell

aufloderte, und sah bei seinem Schein Labiskwee, die über den Iren gebeugt stand und die eine

Hand um seine Kehle preßte, während sie mit der andern einen Bissen zum Teil schon gekauten

Fleisches aus seinem Munde riß. In dem Augenblick, als Kid hinsah, führte sie schnell die eine

Hand nach der Hüfte und zog ihr Messer so schnell aus der Scheide, daß es blitzte.

»Labiskwee!« rief Kid, und seine Stimme klang herrisch.

Ihre Hand zauderte.

»Tue es nicht«, sagte er und trat zu ihr.

Sie zitterte vor Wut, steckte aber doch das Messer nach kurzem Zögern langsam wieder in die

Scheide. Als ob sie fürchtete, sich nicht länger beherrschen zu können, ging sie schnell zum

Feuer und schürte es. McCan erhob sich jammernd und schimpfend, und halb wütend, halb

verängstigt begann er eine unverständliche Entschuldigung zu stottern.

»Wo hast du das da her…?« fragte Kid.

»Untersuche seine Kleider«, rief Labiskwee.

Es waren die ersten Worte, die sie sprach, und ihre Stimme bebte noch vor Zorn.

McCan versuchte Widerstand zu leisten, aber Kid hielt ihn mit harter Hand fest und untersuchte

ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Er fand auch in der Armhöhle ein Stück Rentierfleisch, das die

Körperwärme schon aufgetaut hatte. Ein kurzer Ausruf Labiskwees erregte Kids Aufmerksamkeit.

Sie war zu McCans Bündel hingesprungen und öffnete es jetzt. Statt Lebensmittel fand sie nur

Moos, Fichtennadeln, Späne… allerlei leichten Abfall, den er statt des Fleisches in das Bündel

gepackt hatte, damit es wohl dieselbe Größe, aber nicht dasselbe Gewicht hatte.

Wieder fuhr die Hand Labiskwees an ihre Hüfte, und sie stürzte sich auf den Verbrecher, wurde

jedoch von Kids Arm zurückgehalten. Erst da ergab sie sich seinem Willen, während sie noch vor

zwecklosem Zorn schluchzte.

»Oh, Geliebter, glaub’ mir, es ist nicht des Proviants wegen«, ächzte sie, »sondern weil es

dein Leben gilt. Dieser Köter! Er verzehrt dein Leben, wenn er uns bestiehlt… er frißt dich

auf.«

»Wir werden schon weiterleben«, beruhigte Kid sie. »Von jetzt an kann er das Mehl tragen. Das

kann er jedenfalls nicht roh essen… und wenn er es doch tun sollte, würde das Selbstmord für

ihn bedeuten, denn er fräße dann nicht nur mein Leben, sondern auch deines.« Er drückte sie

fester an sich. »Geliebte, Töten ist Männerarbeit… Frauen dürfen es nicht.«

»Würdest du mich denn nicht mehr lieben, wenn ich den räudigen Köter töten würde?« fragte sie

überrascht.

»Nicht mehr so wie jetzt«, antwortete Kid verlegen.

Sie seufzte.

»Nun gut«, sagte sie, »dann werde ich es nicht tun.«

Die jungen Männer setzten ihre Verfolgung unbarmherzig fort.

Teils durch merkwürdige Zufälle, teils durch Berechnung, welchen Weg die Flüchtlinge

einschlagen mußten, gelang es den Verfolgern wirklich, die Fährte zu finden, die das

Schneegestöber inzwischen verhüllt hatte, und sie folgten ihr unverdrossen.

Wenn Schneesturm herrschte, machten Kid und Labiskwee die unwahrscheinlichsten Umwege, um sie

irrezuleiten -, bogen nach Osten ab, wenn der bessere Weg süd- oder westwärts ging, oder

ließen eine niedrige Wasserscheide links liegen, um eine höhere zu erklimmen. Da sie sich nun

doch einmal verirrt hatten, spielte ein Umweg keine Rolle mehr.

Und doch gelang es ihnen nicht, die Verfolger abzuschütteln.

Zuweilen gewannen sie einen Vorsprung von einigen Tagen, aber immer wieder tauchten die jungen

Männer auf.

Kid konnte die Tage nicht mehr zählen. Er kannte sich nicht mehr aus mit Tagen und Nächten,

mit Stürmen und Lagern.

Das Ganze war wie ein ungeheurer, wahnsinniger Fiebertraum von Leiden, Qualen und

Anstrengungen, durch die Labiskwee und er sich vorwärtskämpften… während McCan irgendwie und

irgendwo hinter ihnen herstolperte. Sie flohen schwarze Canons hinab, deren Wände so schroff

waren, daß die Felsen trotz der Kälte schneefrei waren. Sie wateten durch vereiste Täler, wo

gefrorene Seen tief unter der Schneekruste lagen, auf der sie wanderten. Hoch über der

Baumgrenze lagerten sie ohne Feuer machen zu können, so daß sie das Fleisch nur durch die

Wärme ihrer Körper auftauen und genießbar machen konnten. Und doch verlor Labiskwee keinen

Augenblick ihre gute Laune -, höchstens, wenn sie McCan sah. Und ihre Liebe zu Kid blieb immer

gleich beredt und unstillbar.

Wie eine Tigerin überwachte sie die Verteilung der mageren Rationen, und Kid konnte merken,

daß sie seinetwegen McCan um jeden Bissen, den er in den Mund steckte, grollte. Einmal

verteilte sie die Rationen. Das erste, was Kid hörte, waren wilde Widersprüche seitens McCans

- sie hatte nicht nur ihm, sondern auch sich selbst kleine Rationen gegeben, damit Kid um so

mehr erhielt. Von diesem Tage an nahm Kid selbst die Verteilung vor.

Eines Nachts hatte es geschneit, und am nächsten Morgen gerieten sie in eine Lawine, die sie

viele hundert Meter weit den Berg hinabschleuderte. Halb erstickt, aber unverletzt tauchten

sie wieder auf… nur McCan hatte sein Bündel mit dem gesamten Mehlvorrat verloren. Eine zweite,

noch größere Lawine begrub es vollkommen, so daß sie keine Hoffnung mehr hatten, es wieder

auszugraben. Aber von diesem Tag an war Labiskwee nicht mehr imstande, McCan anzusehen,

obgleich er an dem Unfall völlig unschuldig war, und Kid wußte genau, daß sie einfach nicht

den Mut hatte, ihn anzusehen… sie wußte, daß sie ihn sonst töten würde.

Dann kam ein Morgen, an dem es vollkommen windstill und der Himmel klar und blau war. Weiße

Sonnenlichter flackerten auf dem weißen Schnee, und der Weg führte einen langen breiten Hang

hinauf, der von einer dünnen Eiskruste bedeckt war. Wie müde Gespenster schlichen sie sich

durch diese totenstille Welt vorwärts. In der eisigen, unwirklichen Stille regte sich kein

Hauch. Weiße Gipfel, die Hunderte von Meilen entfernt hinter dem Grat der Rocky Mountains

auftauchten, schienen so nahe, als seien sie nur fünf Meilen von ihnen entfernt.

»Es wird etwas geschehen«, flüsterte Labiskwee. »Kannst du es nicht merken… hier, dort,

überall…? Alles ist heute so seltsam.«

»Ich empfinde auch einen merkwürdigen Schauer, der nicht von der Kälte herrührt«, antwortete

Kid. »Und Hunger ist es auch nicht.«

»Er ist in deinem Herzen… in deinem Gehirn«, bestätigte sie erregt. »So empfinde ich es

nämlich auch.«

»Aber es hat eigentlich nichts mit meiner Stimmung zu tun«, erklärte Kid. »Es kommt von

außerhalb, merke ich, und durchschauert mich wie Eis. Es sind meine Nerven.«

Eine Viertelstunde mußten sie stehenbleiben, um Atem zu schöpfen.

»Ich kann die fernen Gipfel nicht mehr sehen«, sagte Kid.

»Die Luft wird so dick und schwer«, sagte Labiskwee. »Ich kann kaum atmen.«

»Es sind drei Sonnen da«, murmelte McCan heiser und wankte, obgleich er sich auf seinen Stock

stützte. Sie sahen tatsächlich je eine falsche Sonne zu beiden Seiten der richtigen.

»Jetzt sind es fünf«, erklärte Labiskwee. Und noch während sie emporstarrten, bildeten sich

neue Sonnen vor ihren Augen, Sonnen, die blaß funkelten.

»Mein Gott!« schrie McCan voller Furcht. »Der Himmel ist voller Sonnen, die man nicht zählen

kann.«

Und es war wahr; denn wo sie auch hinsahen, flammten und funkelten neue Sonnen an der

Himmelswölbung.

McCan schrie auf vor Überraschung und Schmerz. »Ich bin gestochen worden«, rief er.

Dann kam die Reihe zu schreien an Labiskwee, und Kid fühlte gleichzeitig einen Stoß und einen

Stich an seiner Wange, so kalt, daß es wie Säure brannte. Es erinnerte ihn an vergangene

Zeiten, wenn er im salzigen Meere schwamm und von Quallen verbrannt wurde. So ähnlich empfand

er selbst den Schmerz, daß er ganz mechanisch die Hand hob, um die beißende Substanz, die gar

nicht da war, von seiner Wange zu wischen.

Da knallte ein Schuß, seltsam dumpf, wie durch Watte. Am Fuße des Hanges standen die jungen

Männer auf ihren Schneeschuhen, und einer nach dem andern feuerten sie ihre Gewehre ab.

»Wir müssen uns verstreuen«, kommandierte Kid, »und dann klettern, so schnell wir können! Wir

sind ja gleich auf dem Gipfel. Sie sind eine Viertelmeile unter uns, und das bedeutet einen

Vorsprung von etlichen Meilen, wenn wir erst die andere Seite des Hanges hinuntergefahren

sind.«

Mit Gesichtern, die von den unsichtbaren Stacheln der Luft gestochen und verbrannt wurden,

entfernten sich die drei voneinander und kletterten die Schneefläche hinauf. Der gedämpfte

Knall der Stutzen klang wie verzaubert in ihren Ohren.

»Gott sei Dank«, sagte Kid zu Labiskwee, »daß drei von ihnen nur alte Musketen haben und nur

der eine einen Winchesterstutzen. Außerdem machen die vielen Sonnen ihnen ein sorgfältiges

Zielen unmöglich.«

»Es zeigt aber, wie wütend mein Vater ist«, erklärte sie. »Sie haben offenbar den Befehl, uns

zu töten.«

»Wie merkwürdig du sprichst«, sagte Kid. »Deine Stimme klingt wie aus weiter Ferne.«

»Bedecke deinen Mund«, schrie Labiskwee plötzlich. »Und sprich nicht! Ich weiß, was es ist!

Deck den Mund mit deinem Ärmel zu!«

McCan war der erste, der hinfiel. Er kämpfte kraftlos, um wieder auf die Beine zu kommen. Und

dann fielen sie alle ein über das andere Mal, ehe sie den Gipfel erreichten. Ihr Wille war

stärker als ihre Muskeln… sie wußten selbst nicht, was eigentlich geschah, sie fühlten nur,

daß ihre Körper unter einer merkwürdigen Empfindungslosigkeit und einer Schwere litten, die

ihnen jede Bewegung zur Qual machte. Als sie vom Gipfel den Abhang hinabblickten, den sie

soeben hinaufgeklettert waren, sahen sie, daß auch die jungen Männer immer wieder stürzten und

stolperten.

»Sie werden nie heraufgelangen«, sagte Labiskwee. »Es ist der weiße Tod. Ich kenne ihn, wenn

ich ihn auch nie gesehen habe. Aber ich habe oft genug die alten Männer des Stammes davon

sprechen hören. Bald wird der Nebel kommen… aber er ist ganz anders als jeder Nebel, Dunst

oder Rauch, den du je gesehen hast. Nur sehr wenige haben ihn erlebt… und überlebt.«

McCan ächzte und keuchte.

»Halt den Mund geschlossen«, befahl ihm Kid.

Von allen Seiten flammte jetzt ein durchdringender Lichtschein auf. Kid blickte zu den vielen

Sonnen empor und sah sie wie durch einen Schleier schimmern. Die Luft war von mikroskopischem

Feuerstaub erfüllt. Die nahen Gipfel waren von dem zauberhaften Nebel schon wie ausgewischt.

Und die jungen Männer, die tapfer und hartnäckig vorzudringen versuchten, wurden langsam von

ihm verschlungen. McCan war zusammengesunken. Halb lag er, halb hockte er auf seinen

Schneeschuhen, während er Mund und Augen mit den Armen bedeckte.

»Komm jetzt, wir müssen weiter«, befahl Kid.

»Ich kann mich nicht rühren«, ächzte McCan.

Sein gekrümmter Körper begann hin und her zu schwanken.

Langsam ging Kid zu ihm, kaum imstande, den Willen zur Bewegung gegen die Lethargie, die

seinen Körper zentnerschwer machte, durchzusetzen. Er stellte fest, daß sein Gehirn vollkommen

klar war. Nur der Körper schien angegriffen zu sein.

»Laß ihn doch hier«, murmelte Labiskwee.

Aber Kid hielt an seinem Entschluß fest, zog den Iren wieder auf die Beine und stellte ihn mit

dem Gesicht in der Richtung des Hanges, den sie hinab sollten. Dann setzte er ihn durch einen

kräftigen Stoß in Bewegung. Mit dem Stock bremsend und steuernd, schoß McCan in eine Wolke von

diamantenem Staub hinein und verschwand.

Kid sah Labiskwee an, und sie lächelte, obgleich es ihr nur mit großer Mühe gelang, sich

aufrecht zu halten. Er nickte ihr zu, daß sie aufbrechen sollte, aber sie kam zu ihm hin,

stellte sich neben ihn, und Seite an Seite, nur wenige Fuß voneinander entfernt, sausten sie

durch die schwere, brennende Luft, die wie eisiges Feuer war.

So stark Kid auch bremste, riß sein größeres Körpergewicht ihn doch an ihr vorbei, und er

sauste mit furchtbarer Schnelligkeit ein großes Stück weiter. Es ging erst langsamer, als er

ebenes, mit einer Eiskruste bedecktes Gelände erreichte.

Hier wartete er, bis Labiskwee ihn einholte, und dann liefen sie wieder Seite an Seite weiter,

während ihre Schnelligkeit allmählich nachließ, bis sie schließlich ganz still standen. Ihre

Benommenheit war indessen noch stärker geworden. Selbst mit der größten Anspannung aller

Energie konnten sie sich doch nur so langsam wie eine Schnecke vorwärts bewegen. Sie kamen an

McCan vorbei, der wieder über seinen Schneeschuhen kauerte, und Kid gab ihm mit seinem Stock

einen Hieb, daß er sich wieder aufraffte.

»Jetzt müssen wir haltmachen«, flüsterte Labiskwee mit schmerzlicher Mühe. »Sonst sterben wir.

Jetzt müssen wir uns ganz zudecken… so haben mir die Alten gesagt.«

Sie ließ sich nicht einmal Zeit, die Knoten zu lösen, sondern zerschnitt ihre Gepäckriemen mit

dem Messer. Kid machte es ebenso, und nachdem sie einen letzten Blick auf die feurigen

Todesnebel und die täuschenden Sonnen geworfen hatten, deckten sie sich mit den Schlafsäcken

zu und krochen eng aneinander. Sie fühlten, daß ein Körper über sie stolperte und fiel. Dann

hörten sie ein leises Wimmern und Fluchen, das durch einen Hustenanfall erstickt wurde, und

wußten, daß es McCan war, der zu ihnen kroch und sich in seinen Schlafsack hüllte. Dann hatten

sie selbst Erstickungsanfälle und wurden durch einen trockenen Husten, den sie nicht zu

unterdrücken vermochten, wie in Krämpfen geschüttelt und gequält. Kid merkte, daß seine

Temperatur stieg und zum Fieber wurde, und Labiskwee erlitt dieselben Qualen. Stunde auf

Stunde nahmen die Hustenanfälle an Häufigkeit und Stärke zu, und erst am Nachmittag hatten sie

den Höhepunkt erreicht. Dann trat eine langsame Besserung ein, und zwischen den Anfällen

schlummerten sie jetzt erschöpft.

McCans Husten wurde dagegen immer schlimmer, und aus seinem Stöhnen und Jammern erkannten sie,

daß er im Fieberdelirium lag. Einmal wollte Kid schon den Schlafsack beiseite schleudern, aber

Labiskwee hielt ihn fest.

»Nein, tue es nicht«, bat sie. »Es ist der Tod, wenn du dich jetzt entblößt. Verbirg dein

Gesicht hier in meiner Parka, atme ganz ruhig und still und sprich nicht.«

So lagen sie im Halbschlaf in der Dunkelheit, obgleich der immer schwächer werdende Husten des

einen die andern immer weckte. Es schien Kid, als ob McCan nach Mitternacht zum letztenmal

hustete.

Kid erwachte, als Lippen sich gegen die seinen preßten. Er lag in Labiskwees Armen, sein Kopf

ruhte an ihrer Brust. Ihre Stimme war heiter wie sonst. Der verschleierte Klang war ganz

verschwunden.

»Es ist schon Tag«, sagte sie und lüftete vorsichtig einen Zipfel des Schlafsacks. »Sieh,

Geliebter, es ist Tag! Wir haben den weißen Tod überlebt, und wir husten nicht mehr! Laß uns

die Welt anschauen, obgleich ich gern für immer hierbliebe. Die letzte Stunde war voll

wunderbarer Süße. Ich war die ganze Zeit wach, und ich lag hier und hatte dich so lieb.«

»Ich höre McCan nicht mehr«, sagte Kid. »Und was ist aus den jungen Männern geworden, da sie

uns nicht gefangen haben?«

Er schlug die Schlafsäcke zurück und sah eine normale und vernünftige Sonne allein am Himmel

stehen. Ein leiser Wind wehte knisternd vor Frost und doch voll von Verheißungen warmer Tage,

die bald kommen sollten. Die ganze Welt war wieder wie sonst. McCan lag auf dem Rücken, sein

ungewaschenes, vom Rauch der Lagerfeuer geschwärztes Gesicht war hartgefroren, so daß es wie

in Marmor gehauen zu sein schien. Der Anblick machte keinen Eindruck auf Labiskwee.

»Sieh«, rief sie. »Ein Schneehuhn! Das ist ein gutes Zeichen!«

Von den jungen Männern war keine Spur zu sehen. Sie hatten so wenig Proviant, daß sie es nicht

wagten, auch nur ein Zehntel von dem, was sie nötig hatten, oder ein Hundertstel von dem,

worauf sie Appetit hatten, zu essen. Und in den folgenden Tagen, an denen sie durch das

einsame und öde Gebirge wanderten, wurde der scharfe Stachel ihrer Lebenskraft abgestumpft,

und sie gingen weiter wie in einem Dämmerzustand. Hin und wieder kehrte bei Kid das Bewußtsein

zurück, und er fand sich, wie er dastand und nach den fernen Schneekuppen starrte, die nie ein

Ende nehmen wollten und die er längst hassen gelernt hatte, während sein eigenes sinnloses

Plappern ihm noch in den Ohren hallte. Auch Labiskwee war meistens verstört. Überhaupt mühten

sie sich rein automatisch ab, ohne darüber nachzudenken. Und immer wieder wurden sie durch

schneebedeckte Gipfel enttäuscht und nach Norden oder Süden abgelenkt.

»Es gibt keinen Weg nach dem Süden«, sagte Labiskwee. »Die alten Männer wußten es. Westwärts,

nur westwärts geht unser Weg.« Dann kam ein Tag, an dem es wieder kalt wurde und ein dichtes

Schneegestöber sie überfiel, das nicht aus richtigen Schneeflocken, sondern aus Eiskristallen

von der Größe von Sandkörnern bestand. Drei Tage lang fiel dieser Schnee, Tag und Nacht

ununterbrochen. Es war unmöglich, weiterzuwandern, ehe sich unter dem Einfluß der

Frühlingssonne eine Kruste gebildet hatte. Sie legten sich deshalb in ihren Schlafsäcken zur

Ruhe, und da sie ruhten, brauchten sie nicht so viel zu essen. So klein waren die Rationen

bereits geworden, daß sie den stechenden Hunger, der erst aus dem Magen, aber doch noch mehr

aus dem Gehirn kam, nicht zu besänftigen vermochten. Und Labiskwee, die im Fiebertraum lag,

wurde halb verrückt, wenn sie ihre kleine Ration kostete; sie schluchzte und murmelte und

stieß kleine Schreie tierischer Freude aus. Dann stürzte sie sich über die Ration für den

nächsten Tag und steckte sie in den Mund.

Aber da erlebte Kid etwas Wunderbares. Als sie das Essen zwischen den Zähnen spürte, kam sie

zum Bewußtsein. Sie spie den Bissen aus, und in einem furchtbaren Zornesausbruch schlug sie

sich mit der geballten Faust auf den eigenen Mund, der ihr solches Ärgernis bereitet hatte.

Überhaupt war es Kid vergönnt, in den kommenden Tagen viel Wunderbares zu erleben.

Nach dem lang anhaltenden Schneegestöber begann ein starker Wind zu wehen, der die feinen

trockenen Eisstäubchen durch die Luft jagte, so wie der Wüstensturm die Sandkörner vor sich

hertreibt. Die ganze Nacht hindurch wehte dieser Sturm des Eissandes, als es dann aber Tag -

ein klarer, windiger Tag – geworden war, sah Kid mit schwimmenden Augen und schwindelndem Hirn

etwas, das er für eine Vision oder einen Traum hielt. Zu allen Seiten erhoben sich mächtige

Gipfel, kleinere, einsame Schildwachen und ganze Gruppen und Versammlungen von gewaltigen

Titanen. Und von allen diesen Zinnen und Gipfeln flatterten mächtige, meilenlange

Schneebanner, wehten, wogten und winkten weitausladend zum blauen Himmel empor, milchweiß und

nebelig woben Licht und Schatten und funkelten silbern im Widerschein der Sonne.

»Meine Augen haben den Glanz deines Kommens geschaut, o Herr!« sang Kid, als er diese

Schneewolken sah, die wie Schärpen aus schimmernder Seide im Winde flatterten.

Und er blieb stehen und starrte, und die Banner auf den Zinnen verschwanden nicht, und er

glaubte noch zu träumen, als Labiskwee sich erhob.

»Ich träume, Labiskwee«, sagte er. »Sieh! Träumst du denselben Traum wie ich?«

»Es ist kein Traum«, antwortete sie. »Auch davon erzählten die alten Männer des Stammes. Und

wenn dies vorbei ist, werden warme Winde wehen, und wir werden am Leben bleiben und Frieden

finden.«

Kid erlegte ein Schneehuhn, und sie teilten es. In einem tiefen Tal, wo die Weiden schon

Knospen trugen, schoß er einen Schneehasen. Und ein andermal war es ein mageres, weißes

Wiesel, das er erlegte. Das war aber auch alles, was sie sich an Lebensmitteln verschaffen

konnten. Mehr fanden sie nicht.

Labiskwees Gesicht war mager geworden, aber die großen, klaren Augen waren jetzt noch klarer

und größer. Wenn sie ihn ansah, schien sie sich zu verwandeln und von einer seltsam wilden,

unirdischen Schönheit zu werden.

Die Tage wurden immer länger, und die Schneedecke begann dünner zu werden. Jeden Tag taute die

Eiskruste, und jede Nacht gefror sie wieder. Früh und spät waren sie unterwegs, denn in den

Mittagsstunden zwang die Wärme sie zu rasten, weil die Eiskruste ihr Gewicht nicht mehr tragen

konnte. Wenn Kid schneeblind wurde, band Labiskwee ihn mit einem Riemen an ihren Gürtel und

führte ihn so. Und wenn sie schneeblind war, tat er dasselbe mit ihr. Elend vor Hunger,

kämpften sie sich in einem sich immer mehr vertiefenden Dämmerzustand durch ein Land, das im

Begriff war zu erwachen, wo sie aber die einzigen lebenden Wesen waren.

In seiner Erschöpfung fürchtete Kid fast einzuschlafen, so furchtbar und trostlos waren die

Visionen aus dem Lande des Wahnsinns und des Zwielichts. Er träumte immer von Essen, das ihm

immer wieder, sobald es sich seinen Lippen näherte, von dem bösen Schöpfer seiner Träume

weggerissen wurde. Er gab große Gelage für seine Kameraden aus den guten alten San-Franziskoer

Tagen. Er selbst leitete mit wachsamem Blick die Vorbereitungen und schmückte den Tisch mit

Ranken des wilden Weins in den tiefen Farben des Herbstes. Die Gäste kamen spät, und während

er sie begrüßte und sie ihre neuesten Witze glänzen ließen, war er wie von Sinnen vor Gier

nach dem Essen. Ohne daß jemand es bemerkte, schlich er sich in das Eßzimmer, raubte eine

Handvoll schwarzer, reifer Oliven und kehrte zurück, um einen neuen Gast zu empfangen. Und

andere umringten ihn, und das Lachen und die Jonglierkünste des Witzes gingen weiter, während

er immer noch diese blöden reifen Oliven in seiner Hand hielt.

Er gab viele Gesellschaften dieser Art, und alle endeten sie in derselben unbefriedigenden

Weise. Er beteiligte sich an mächtigen, eines Gargantua würdigen Orgien, bei denen Scharen von

Menschen sich an dem Fleisch zahlloser Ochsen, die ganz am Spieß gebraten wurden, sättigten.

Sie zogen die Braten selbst aus dem Feuer heraus und schnitten mit scharfen Messern gewaltige

Bissen von den dampfenden Körpern. Er selbst aber stand mit offenem Munde zwischen langen

Reihen von Puten, die von Männern mit weißen Schürzen verkauft wurden. Und viele Käufer waren

da, nur Kid bekam nichts; er blieb immer mit offenem Mund stehen, weil sein bleischwerer

Körper ihn an das Pflaster fesselte. Oder er war wieder Knabe geworden und saß mit erhobenem

Löffel vor großen Schüsseln voll Brei und Milch. Er verfolgte scheu gewordene Kühe über

hochgelegene Weiden und erlebte Jahrhunderte von Qual infolge der vergeblichen Versuche, ihnen

die Milch aus den Eutern zu stehlen… oder er kämpfte in stinkenden Gefängnissen mit den Ratten

um Abfälle und Reste.

Nur einmal… ein einziges Mal… hatte er Erfolg in seinem Traum. Als verhungerter

Schiffbrüchiger oder Ausgesetzter kämpfte er mit der gewaltigen Dünung des Stillen Ozeans um

die Muscheln, die an den Felsen der Küsten hafteten. Und er schleppte seine Beute auf den Sand

hinauf bis zu dem trockenen Strandgut, das von den Frühlingsstürmen herrührte.

Damit machte er ein Feuer, und in die schwelenden Holzkohlen legte er seinen köstlichen Fund.

Er sah den Dampf aus den Muscheln strömen und die geschlossenen Schalen sich allmählich

öffnen, so daß das lachsfarbene Fleisch sichtbar wurde. Gerade so gekocht, wie es sein mußte -

das wußte er… und diesmal trat keine Störung ein, die ihm das Essen von den Lippen fortriß.

Endlich einmal… so träumte er mitten in seinem Traum… sollte sich ein Traum verwirklichen.

Diesmal sollte er wirklich essen! Und doch fühlte er selbst in dieser Sicherheit Zweifel, und

er hatte sich bereits gestählt, um die unvermeidliche Änderung der Vision ertragen zu können…

aber schließlich fühlte er das lachsrote Fleisch heiß und wohlschmeckend in seinem Mund. Seine

Zähne schlossen sich gierig, um es festzuhalten. Er aß! Das Wunder war erfüllt! Aber die

Verwunderung weckte ihn. Es war dunkel, als er wach wurde, er lag auf dem Rücken und hörte

sich selbst leise fröhliche Rufe ausstoßen und grunzen wie ein Ferkel. Seine Kiefer bewegten

sich, und die Zähne zermalmten das Fleisch. Er regte sich nicht… da merkte er, wie kleine

Finger seine Lippen berührten und einen winzigen Bissen Fleisch zwischen sie steckten. Und

weil er nicht mehr essen wollte – weniger deshalb, weil er böse wurde -, weinte Labiskwee sich

in seinen Armen in den Schlaf. Aber er blieb wach, voll Verwunderung über die Liebe und die

Wunder der Frau.

Dann kam der Tag, an dem sie nichts mehr zu essen hatten.

Die hohen Gipfel zogen sich immer weiter zurück, die Wasserscheiden wurden immer niedriger,

und der Weg nach dem Westen lag offen und verheißungsvoll vor ihnen. Aber die letzten

Kraftreserven waren schon erschöpft, und weil sie nichts zu essen hatten, kam bald der

Augenblick, da sie sich abends hinlegten und morgens nicht mehr aufstehen konnten.

Labiskwee lag bewußtlos, und ihr Atem ging so schwach, daß Kid oft glaubte, sie wäre tot. Am

Nachmittag wurde er durch das Schnattern eines Eichhörnchens geweckt. Er schleppte den

schweren Stutzen hinter sich her, als er durch die Kruste, die zu Schlamm geworden war,

watete. Bald kroch er auf Händen und Knien, bald stand er aufrecht und fiel dann vornüber,

während das schnatternde Eichhörnchen vor ihm herkletterte, langsam und spöttisch, daß es ihm

wahre Tantalusqualen verursachte. Er hatte nicht Kraft genug, einen schnellen Schuß abzugeben,

und das Tier verhielt sich nie still. Zuweilen wälzte sich Kid im nassen Schnee und heulte vor

Schwäche. Zuweilen schienen seine Lebensgeister ganz zu entschwinden, und er versank in

Bewußtlosigkeit. Wie lange er in der letzten Ohnmacht gelegen hatte, wußte er nicht, aber er

kam wieder zum Bewußtsein, als er in der windigen Abendluft vor Kälte zitterte; da waren seine

nassen Kleider bereits am Boden festgefroren. Das Eichhörnchen war verschwunden, und nach

einem furchtbaren Kampf mit seiner Kraftlosigkeit kam er wieder zu Labiskwee zurück. So

erschöpft war er, daß er die ganze Nacht wie tot dalag und nicht einmal träumte.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und dasselbe Eichhörnchen schnatterte lustig in den

Wipfeln der Bäume, als Labiskwee ihre Hand sanft auf Kids Wange legte und ihn weckte.

»Lege deine Hand auf mein Herz, Geliebter«, sagte sie. Ihre Stimme war klar, aber schwach und

schien aus weiter Ferne zu kommen. »Mein Herz ist meine Liebe, und du hältst es in deiner

Hand.«

Es schien lange Zeit vergangen zu sein, als sie wieder sprach: »Vergiß nicht, daß es keinen

Weg südwärts gibt. Das weiß das ganze Volk der Rentiere! Westwärts… dorthin geht der Weg… und

du bist schon nahe am Ziel… und du wirst es erreichen.«

Aber Kid versank in eine Ohnmacht, die fast der Tod war, und erwachte erst, als sie ihn wieder

weckte.

»Lege deine Lippen an die meinen«, bat sie. »So will ich sterben…«

»Wir wollen zusammen sterben, Geliebte«, gab er zur Antwort.

»Nein.« Eine leise zitternde Bewegung ihrer Hand ließ ihn verstummen… so schwach war jetzt

ihre Stimme, daß er sie kaum hören konnte, und doch hörte er alles. Ihre Hand tastete unsicher

nach irgend etwas in der Kapuze der Parka, dann zog sie ein Säckchen hervor, das sie in seine

Hand legte.

»Und jetzt reichst du mir deine Lippen, Geliebter. Deine Lippen auf meinen Lippen… deine Hand

auf meinem Herzen…«

Doch während des langes Kusses wurde er wieder bewußtlos, und als er aus der Ohnmacht

erwachte, wußte er, daß er allein war und selbst sterben wollte. Aber er freute sich auf den

Tod.

Er merkte, daß seine Hand auf dem Säckchen ruhte…

Innerlich mußte er über die Neugierde lachen, die ihn bewog, die Schnur zu lösen. Aber er

öffnete es doch, und ein kleiner Strom von Lebensmitteln rann heraus. Kein Stückchen davon,

das er nicht kannte, alles Labiskwee durch Labiskwee gestohlen… da waren kleine Brotstücke aus

den Tagen, als McCan das Mehl verlor, da lagen Bissen und Streifen von Rentierfleisch, zum

Teil schon gekaut… und Krümel von Talg.

Da war auch ein Hinterbein des Schneehasen, völlig unberührt, und ein Hinterbein und ein Teil

vom Vorderbein des weißen Wiesels… ein Flügel vom Schneehuhn mit Merkmalen ihrer Zähne, die es

nur zögernd freigegeben hatten, und auch ein Beinknochen, jämmerliche Reste, tragische

Entsagungen, ein Kreuzweg der Lebensfreude und des Lebenswillens… kleine Bissen nur, aber

durch ihre unendliche Liebe ihrem furchtbaren Hunger entrissen. Mit dem Lachen eines

Wahnsinnigen schleuderte Kid den Inhalt des Säckchens in den Schnee und sank wieder in

Ohnmacht.

Er träumte. Der Klondike war ausgetrocknet. Er wanderte durch sein Bett, zwischen schmutzigen

Wasserpfützen und eisbedeckten Felsblöcken hindurch und hob große Goldklumpen auf. Allmählich

wurde ihr Gewicht so groß, daß er die Last kaum noch tragen konnte, aber da entdeckte er, daß

das Gold eßbar war und gut schmeckte. Und er verschlang es gierig. Welchen Wert hatte

schließlich das Gold, das die Menschen so priesen, wenn es nicht einmal zu essen war?

Er erwachte zu einem neuen Tage. Sein Gehirn war sonderbar frei und klar, und er sah keine

Nebelflecken mehr vor seinen Augen. Das bisherige gewohnte Zittern, das ihn so lange gequält,

war auch verschwunden. Alle Säfte in seinem Körper schienen zu singen, als ob der Frühling

selbst ihn erobert hätte. Er fühlte sich so unerhört wohl! Er wandte sich zu Labiskwee um, sah

- und erinnerte sich, was geschehen war. Er spähte nach den weggeworfenen Lebensmitteln… sie

waren verschwunden. Da verstand er, daß sie in seinen Fieberträumen die Rolle der Goldklumpen

gespielt hatten. Im Fieber und im Traum hatte er neuen Lebensmut gewonnen durch das Todesopfer

Labiskwees, die ihr Herz in seine Hand gelegt und seine Augen für die Wunder des Weibes

geöffnet hatte.

Er war ganz überrascht, wie leicht er sich bewegte, und staunte, daß er mühelos ihren

pelzgekleideten Leib nach dem Kieshang schleppen konnte, wo er ihn bestattete.

Drei Tage kämpfte er sich weiter nach Westen, ohne daß er etwas zu essen bekam. Gegen Mittag

des dritten Tages sank er unter einer Fichte nieder, die an einem breiten offenen Wasser

wuchs, von dem er wußte, daß es der Klondike sein mußte.

Bevor er in die Finsternis versank, öffnete er sein Bündel, sagte der hellen Welt Lebewohl und

hüllte sich in seinen Schlafsack.

Ein schläfriges Zirpen weckte ihn. Die lange andauernde Dämmerung war schon angebrochen. Über

ihm, in den Zweigen der Fichte, saßen mehrere Schneehühner. Der Hunger ließ ihn sofort

handeln, wenn er seine Handlungen auch sehr langsam vollbrachte. Fünf Minuten vergingen, ehe

er überhaupt imstande war, seinen Stutzen an die Schulter zu bringen, und fünf weitere

Minuten, ehe er, auf dem Rücken liegend und gerade nach oben zielend, genügend Kraft gesammelt

hatte, um zu schießen. Der Schuß ging indessen glatt vorbei. Kein Vogel fiel, aber es flog

auch keiner fort. Sie putzten alle schläfrig und schlaff ihre Flügel und raschelten in den

Zweigen. Ein zweiter Schuß ging ebenfalls vorbei, weil Kid beim Schießen zusammenfuhr.

Die Schneehühner blieben indessen weiter sitzen. Er legte seinen Schlafsack mehrmals zusammen

und steckte ihn in den freien Raum zwischen seinem rechten Arm und seiner Seite.

Dann stützte er den Kolben seines Stutzens gegen das Pelzwerk und feuerte wieder… und diesmal

fiel ein Huhn herab. Er ergriff es gierig, mußte aber feststellen, daß das meiste Fleisch

fortgerissen war. Die schwere Kugel hatte kaum etwas mehr übriggelassen als einen Klumpen

blutiger Federn.

Die Schneehühner flogen immer noch nicht fort, und er entschloß sich, nur nach den Köpfen zu

schießen – sonst lieber gar nicht. Er zielte deshalb jetzt nur nach den Köpfen. Immer wieder

füllte er das Magazin, er schoß vorbei, er traf… und die dummen Schneehühner, die nicht

fortfliegen wollten, fielen wie ein Regen von frischem Fleisch auf ihn herab… So wurde wieder

das Leben anderer Wesen vernichtet, damit er weiterleben konnte.

Das erste Huhn verschlang er roh. Dann ruhte er und schlief, während die Lebenskraft des

kleinen Tieres zu einem Teil seines Wesens wurde. Als es dunkel geworden war, wachte er auf,

hungrig, aber genügend gekräftigt, um ein Feuer zu machen. Und bis zum frühen Morgen briet und

aß er abwechselnd und zermalmte die Knochen zu Brei zwischen seinen Zähnen, die so lange

unbeschäftigt gewesen waren. Und dann schlief er ein, wachte, als es wieder Nacht geworden

war, und schlief dann weiter bis zum nächsten Tage.

Da stellte er fest, daß das Feuer mit frischem Holz geschürt worden war und lichterloh

brannte. Und über den Gluten am Rande des Feuers hing eine rauchgeschwärzte Kaffeekanne, die

ihm bekannt vorkam. Daneben saß… kaum um Armeslänge von ihm entfernt… kein anderer als Kurz,

der wohlgefällig eine Zigarette aus Packpapier rauchte, während er ihn aufmerksam beobachtete.

Kids Lippen bewegten sich, aber seine Kehle war wie gelähmt, und er hatte Mühe, die Tränen

zurückzuhalten, die hervorzustürzen drohten… Er streckte die Hand nach einer Zigarette aus und

sog den Rauch mit tiefen Zügen ein.

»Es ist lange her, daß ich geraucht habe«, sagte er leise. »Sehr sehr lange her.«

»Und nach deinem Aussehen zu urteilen, ist es offenbar auch lange her, daß du gegessen hast«,

fügte Kurz barsch hinzu.

Kid nickte und machte eine Handbewegung nach den Federn der Schneehühner, die ihn umgaben…

»Mit Ausnahme der letzten Tage«, antwortete er. »Weißt du, ich möchte gern eine Tasse Kaffee

haben… er muß ganz merkwürdig schmecken… und dann Eierkuchen und Speck.«

»Und vielleicht auch mit Bohnen?« fragte Kurz lächelnd.

»Die müßten himmlisch schmecken. Ich habe den Eindruck, daß ich wieder einen mächtigen Hunger

kriege…«

Während der eine kochte und der andere aß, erzählten sie einander kurz, was ihnen geschehen

war, seit sie sich getrennt hatten.

»Das Eis auf dem Klondike wollte schmelzen«, schloß Kurz seinen Bericht, »und wir mußten also

warten, bis das Wasser wieder befahrbar geworden. Wir haben zwei gute Wrickboote und noch

sechs Leute… du kennst sie alle, tüchtige Kerle, kann ich dir sagen… und allerhand Ausrüstung

mit, und wir sind langsam, aber sicher vorwärts gekommen, haben gewrickt und geschoben und

gezogen. Aber die Stromschnellen mußten die Boote eine gute Woche zurückhalten. Da habe ich

die andern zurückgelassen, als sie einen Weg über die Felsen am Ufer anlegten, um die Boote an

den Schnellen vorbeizuziehen. Ich hatte so eine Ahnung, weißt du, daß ich weiterlaufen müßte.

Deshalb schnürte ich mir ein tüchtiges Bündel mit Proviant und ging. Ich wußte, daß ich dich

irgendwo unterwegs finden würde, wenn auch ein bißchen mitgenommen.«

Kid ergriff seine Hand und drückte sie stumm. »Wollen wir nicht sehen, daß wir weiterkommen?«

sagte er.

»Aber du bist ja so schwach wie ein neugeborenes Zicklein. Du kannst vorläufig nicht ans

Wandern denken. Warum denn so eilig?«

»Weißt du, Kurz, ich bin auf der Suche nach dem Größten und Besten, das es hier in Klondike

gibt… und ich kann nicht länger warten… das ist es, Kurz! Fang nur an zu packen. Es ist das

Größte in der ganzen Welt! Es ist größer als Seen voller Gold, als Berge aus Gold, größer als

alle Abenteuer und als Fleisch essen und Bären töten.«

Kurz’ Augen traten fast aus den Höhlen, so entgeistert war er über diesen Ausbruch.

»In drei Teufels Namen«, fragte er endlich, »was ist dir denn zugestoßen? Bist du vielleicht

verrückt geworden?«

»Gar nicht, mein Freund… es geht mir sogar verdammt gut. Es kann ja sein, daß man eine

Zeitlang ganz ohne Essen leben muß, um die Welt und die Menschen im richtigen Licht zu sehen.

Jedenfalls habe ich für mein Teil Dinge gesehen, von deren Dasein ich mir nie hätte träumen

lassen. Ich weiß jetzt, was eine Frau ist.«

Kurz öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und sowohl um seine Lippen wie um seine funkelnden

Augen lag ein merkwürdiger Zug, der verriet, daß er schon eine spöttische Bemerkung auf der

Zunge hatte.

»Bitte, laß das«, sagte Kid sanft. »Du weißt nichts davon… aber ich habe es kennengelernt.«

Kurz behielt also seine Bemerkung für sich und schlug ein anderes Thema an.

»Hm… ich brauche keine fremde Hilfe, um ihren Namen zu erraten! Alle andern sind schon nach

dem Überraschungssee gezogen, um ihn trockenzulegen, nur Joy Gastell wollte nichts davon

hören. Sie sagte, sie hätte keine Lust mitzugehen. Sie strolcht in Dawson herum und wartet,

daß ich dich mit nach Hause bringe. Und sie hat geschworen, wenn ich es nicht tue, ihre

Minenanteile zu verkaufen, ein ganzes Heer von guten Schützen zu heuern, nach dem Rentierland

zu marschieren und dem alten Snass und seiner Rasselbande die letzte Puste aus dem Leibe zu

schießen. Und wenn du dich noch ein bißchen beherrschen kannst, werde ich inzwischen den

ganzen Mist einpacken und mich fertigmachen, so daß wir schnellstens von hier verduften

können.«

Und Alaska-Kid lächelte…

ENDE

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Jack London – In den Wäldern des Nordens

admin am Jan 25th 2012

JACK LONDON

In den Wäldern des Nordens

Erzählungen

* * *

Über das Buch

Zwei Welten prallten aufeinander, als die ersten Weißen über die frostigen, baumlosen Einöden

zu den ungeahnten, riesigen Wäldern des Nordens vorstießen und bis dahin unbekannte

Eskimostämme entdeckten. Die Titelgeschichte erzählt von einem Moschusjäger, der als einziger

Überlebender seiner Gruppe zu Tode erschöpft bei einem jener Stämme Aufnahme fand und bei

diesen unkomplizierten Menschen blieb. Nach fünf Jahren wird er von einer Expedition gefunden.

Seine Entscheidung, wieder in die Zivilisation zurückzukehren, wird für ihn zum Schicksal.

Dasselbe Thema wird – mit umgekehrten Vorzeichen – in der Erzählung ›Nam-Bok, der Lügner‹

wieder aufgenommen. In ein Fischerdorf im Yukon-Delta, dessen Bewohner in ihrem ganzen Leben

nur zwei Weiße – den Volkszählungsbeamten und einen verirrten Jesuitenpater – gesehen haben,

kehrt der jahrelang verschollene und für tot gehaltene Nam-Bok zurück. Seine Geschichten von

riesigen Kanus, die aus Eisen gemacht sind, und von dem Ungeheuer, das Rauch ausspeit und auf

eisernen Stangen läuft, können nach Ansicht des Häuptlings nur Lügen sein oder aus der

Schattenwelt stammen. Nam-Bok verliert erneut seine Heimat. Ergreifend ist die Geschichte ›Das

Gesetz des Lebens‹, in der sich ein alter, blinder Mann, von seinem Sohn nur mit einem

Häufchen Reisig im Schnee zurückgelassen, aufs Sterben vorbereitet. Mit unterkühltem Humor

erzählt Jack London dagegen, wie ein Schamane mit einem kriminalistischen Trick das Vertrauen

seines Stammes wiedergewinnt. In der Vielfalt ihrer Motive und Formen illustrieren die

Geschichten dieses Bandes Jack Londons Erzählkunst ebenso packend wie überzeugend.

* * *

Über den Autor

Jack London wurde am 12. 1. 1876 in San Franzisko geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen

auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt

das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang

im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in

Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22. 11. 1916 setzt der berühmte Schriftsteller

auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten

Leben ein Ende.

* * *

In den Wäldern des Nordens

Nach einer beschwerlichen Reise bis hinter das letzte verkrüppelte Buschwerk und wuchernde

Unterholz, hinter tiefen Einöden, wo der karge Norden der Erde alles zu verweigern scheint,

stößt man auf weite Waldgebiete und Striche lächelnden Landes. Aber das hat die Welt erst

jetzt erfahren. Einige Forschungsreisende haben es gewußt, aber keiner von ihnen kehrte bisher

zurück, um es der Welt zu verraten.

Einöden – ja, es sind Einöden, dieses traurige Land des Nordens, diese Wüsten des

Polarkreises, sie, die frostige, rauhe Heimat des Moschusochsen, die unfruchtbare, karge

Stätte des mageren Steppenwolfes. So fand Avery van Brunt sie, baumlos und freudlos, kaum mit

Moos und Flechten bewachsen und so gar nicht einladend. So fand er sie wenigstens, bis er zu

den weißen Stellen auf der Landkarte vordrang und auf ungeahnte reiche Fichtenwälder und auf

nirgends verzeichnete Eskimostämme stieß. Er hatte die Absicht – und den Ehrgeiz – gehabt,

diese weißen Stellen auf der Karte auszufüllen, indem er in buntem Wechsel Gebirgsketten, Seen

und Flußbetten, sich schlängelnde Ströme einzeichnete, und mit wachsendem Entzücken malte er

sich die Möglichkeit eines Gürtels von Nutzholz und heimischen Dörfern aus.

Avery van Brunt, oder mit seinem vollen Titel: A. van Brunt, Professor am Geologischen

Vermessungsinstitut, war Nächstkommandierender der Expedition und Führer der Unterexpedition,

die er selbst auf einem Abstecher 500 Meilen weit durch die Täler des Thelon hinaufgeleitet

hatte und jetzt in eines der nicht verzeichneten Dörfer führte. Hinter ihm mühten sich

unverdrossen auf seiner Fährte acht Männer: zwei französisch-kanadische Reisende, die übrigen

stämmige Crees von der Manitoba-Straße. Er allein war Vollblut-Angelsachse, und das Blut

rollte, durch die Tradition seiner Rasse geheiligt, stolz durch seine Adern. Mit ihm schritten

Clive und Hastings, Drake und Raleigh, Hengist und Horsa. Als erster aller Männer seiner Rasse

sollte er dies weltabgeschiedene Dorf des Nordlandes betreten. Bei diesem Gedanken überkam ihn

ein Triumphgefühl, eine frohe Erregung, und seine Kameraden bemerkten, wie seine Müdigkeit

wich und wie er unversehens seinen Schritt beschleunigte.

Das Dorf leerte sich, und eine buntscheckige Menge zog ihm dichtgeschart entgegen. Voran die

Männer, Bogen und Speere drohend in den Fäusten, als Nachtrab schüchtern Frauen und Kinder.

Van Brunt hob den rechten Arm und gab das übliche Friedenszeichen, ein Zeichen, das alle

Völker verstehen, und die Dorfbewohner antworteten mit dem Zeichen des Friedens. Aber da lief

zu seinem Kummer ein fellbekleideter Mann vor und streckte die Hand mit einem vertraulichen

»Hallo« aus. Es war ein bärtiger Mann, Wangen und Stirn bronzefarbig verbrannt, und in ihm

erkannte van Brunt einen seiner eignen Rasse.

»Wer sind Sie?« fragte er, die ausgestreckte Hand ergreifend. »Andrée?«

»Wer ist Andrée?« fragte der Mann seinerseits.

Van Brunt sah ihn schärfer an. »Bei Gott, Sie müssen eine gute Weile hier gelebt haben.«

»Fünf Jahre«, antwortete jener, und ein düsterer Schimmer von Stolz leuchtete in seinen Augen.

»Aber kommen Sie, lassen Sie uns plaudern. – Lassen Sie sie hier lagern«, beantwortete er den

fragenden Blick, den van Brunt auf seine Leute warf. »Der alte Tant latch wird für Sie sorgen.

Kommen Sie.«

Mit langen Schritten ging er. Van Brunt folgte ihm auf dem Fuße durch das ganze Dorf.

Unregelmäßig, wo sich gerade eine günstige Stelle bot, waren die Zelte aus Elchfellen

aufgeschlagen. Van Brunt ließ seinen erfahrenen Blick darüber hingleiten und berechnete.

»Zweihundert außer den Kindern«, schätzte er.

Der Mann nickte. »So ungefähr. Aber hier wohne ich, etwas außerhalb, wissen Sie – mehr für

mich. Nehmen Sie Platz. Ich esse mit Ihnen, wenn Ihre Leute abkochen. Ich habe ganz vergessen,

wie Tee schmeckt. – Fünf Jahre, und weder geschmeckt noch gerochen. – Etwas Tabak? – Ah,

danke, und eine Pfeife? Gut. Und nun noch ein Zündholz, und dann wollen wir sehen, ob das alte

Kraut noch seine Zaubermacht besitzt.«

Mit der peinlichen Vorsicht eines Waldbewohners strich er das Zündholz an, freute sich an der

jungen Flamme, als hätte es noch nie etwas Ähnliches in der Welt gegeben, und zog den ersten

Mundvoll Rauch ein. Er hielt ihn eine Weile nachdenklich zurück und blies ihn dann mit spitzen

Lippen langsam und zärtlich aus. Als er sich zurücklehnte, war sein Ausdruck milder, und ein

weicher Schimmer trat in seine Augen. Er seufzte tief und glücklich mit unermeßlicher

Zufriedenheit und sagte plötzlich: »Weiß Gott! Das schmeckt!«

Van Brunt nickte verständnisvoll. »Fünf Jahre, sagen Sie?«

»Fünf Jahre.« Der Mann seufzte wieder. »Und ich nehme an, Sie möchten darüber hören, sind

natürlich neugierig; es ist ja auch eine seltsame Situation, das stimmt. Aber es ist nicht

viel zu erzählen. Ich kam von Edmonton auf der Jagd nach Moschusochsen, hatte Pech wie Pike

und die andern und verlor meine Leute und meine Ausrüstung. Hunger, Entbehrung, die alte

Geschichte, wissen Sie, der einzige Überlebende und so weiter, bis ich auf Händen und Füßen

hier bei Tant latch angekrochen kam.«

»Fünf Jahre«, murmelte van Brunt nachdenklich und suchte in seiner Erinnerung.

»Im Februar waren es fünf Jahre. Anfang Mai kam ich über den Great Slave…«

»Und Sie sind – Fairfax?« unterbrach van Brunt ihn.

Der Mann nickte.

»Warten Sie… John, nicht wahr, John Fairfax.«

»Woher wissen Sie?« fragte Fairfax träge und mit seinen Gedanken beschäftigt, während er

Rauchspiralen in die stille Luft steigen ließ.

»Die Zeitungen waren voll davon, als Prevanche…«

»Prevanche!« Fairfax setzte sich, plötzlich munter geworden, auf. »Er verschwand in den Smoke

Mountains.«

»Ja, aber er arbeitete sich durch und kam dann heraus.«

Fairfax lehnte sich zurück und wandte sich von neuem seinen Rauchspiralen zu. »Das freut

mich«, meinte er nachdenklich. »Prevanche war ein Prachtkerl, wenn er auch seine eigenen Ideen

über das Zaumzeug von Zugtieren hatte, das Biest. Und er kam wirklich durch? Wahrhaftig, das

freut mich.«

Fünf Jahre – das fuhr van Brunt immer wieder durch den Sinn, und irgendwie schien Emily

Southwaithes Antlitz vor ihm aufzutauchen und lebendig zu werden. Fünf Jahre. – Ein Keil von

Wildgänsen schwebte niedrig über ihnen, und beim Anblick des Lagers schwenkten sie schnell

nach Norden ab in die glimmende Sonne.

Es war eine Stunde nach Mitternacht. Die Wolken im Norden färbten sich plötzlich blutig,

dunkelrote Strahlen schossen südwärts, und die düsteren Wälder brannten in einem blassen

Feuer. Die Luft hing in atemloser Stille, keine Nadel zitterte, und die letzten Töne vom Lager

kamen klar und deutlich herüber wie Trompetenschall. Crees und Reisende spürten einen Hauch

davon, murmelten leise und träumerisch, und der Koch dämpfte unbewußt das Rasseln der Töpfe

und Pfannen. Irgendwo weinte ein Kind, und aus der Tiefe des Waldes erhob sich wie das Klingen

einer silbernen Saite das Klagelied einer Frauenstimme: »O-o-o-o-o-o-a-haa-ha-a-ha-aa-a-a, O-

o-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a.«

Van Brunt erschauerte, und er rieb sich kräftig seine Handrücken.

»Und sie gaben mich auf, dachten, ich sei tot?« fragte sein Genosse langsam.

»Ja, Sie kamen nie zurück, und da haben Ihre Freunde…«

»Mich prompt vergessen.« Fairfax lachte hart und verächtlich.

»Warum kamen Sie nicht wieder?«

»Teils aus Widerwillen, denke ich, und teils aus Ursachen, über die ich keine Macht hatte.

Sehen Sie, Tant latch hatte sich den Fuß gebrochen, als ich seine Bekanntschaft machte – und

es war ein häßlicher Bruch –, und ich renkte ihn ein und bekam ihn wieder zurecht. Ich blieb

einige Zeit und kam wieder zu Kräften. Ich war der erste Weiße, den er gesehen hatte, und

natürlich erschien ich ihm sehr weise, und tatsächlich zeigte ich seinem Volke unendlich viele

Dinge. Unter anderm paukte ich ihnen Strategie ein, so daß sie die vier andern zum Stamme

gehörenden Dörfer, die Sie noch nicht gesehen haben, besiegten und Herren des Landes wurden.

Und natürlich hielten sie viel von mir, so viel, daß sie nichts davon hören wollten, als ich

daran dachte, wieder aufzubrechen. Sie waren wirklich sehr gastfrei, stellten ein paar Wächter

an und bewachten mich Tag und Nacht. Und dann gebrauchte Tant latch gewissermaßen Lockmittel –

er überredete mich sozusagen, und da es so oder so doch keinen großen Unterschied machte, so

fand ich mich damit ab und blieb.«

»Ich kannte Ihren Bruder in Freiburg. Ich bin van Brunt.«

Fairfax streckte impulsiv die Hand aus und schüttelte die des andern. »Wie, Sie sind der

Freund Billys? Armer Billy. Er sprach oft von Ihnen. – Und ausgerechnet hier müssen wir uns

treffen«, fügte er hinzu, ließ seinen Blick über die urweltliche Landschaft schweifen und

lauschte einen Augenblick auf die Trauerklage der Frau. »Ihr Mann ist von einem Bären

zerrissen worden, und sie kommt schwer darüber hinweg.«

»Scheußliches Leben!« Van Brunt schnitt eine Grimasse des Ekels. »Ich denke, nach fünf Jahren

muß Zivilisation süß schmecken? Was meinen Sie?«

Das Gesicht von Fairfax nahm einen schlaffen Ausdruck an. »Ach, ich weiß nicht. Schließlich

sind es ehrliche Menschen, und sie leben ihrer Einsicht gemäß. Und dazu sind sie

bewundernswert einfach. Nichts Kompliziertes, nicht tausend feine Verästelungen jeder

Gefühlsregung. Sie lieben, fürchten, hassen, und ärgern und freuen sich in gewöhnlichen,

offenen, unfehlbaren Ausdrücken. Es mag ein scheußliches Leben sein, aber es lebt sich

wenigstens leicht. Keine Liebelei, keine Zeitvergeudung. Wenn eine Frau Sie liebt, wird sie

nicht zögern, es Ihnen zu sagen. Haßt sie Sie, so wird sie es auch sagen, und wenn Sie dann

Lust dazu haben, können Sie sie schlagen. Die Hauptsache ist, daß sie genau weiß, was Sie

meinen und umgekehrt. Keine Irrtümer, keine Mißverständnisse. Das hat seinen Reiz nach dem

krampfhaften Fieber der Zivilisation. Verstehen Sie das? – Nein, es ist ein ganz gutes Leben«,

fuhr er nach einer Pause fort, »gut genug, wenigstens für mich, und ich gedenke es

fortzusetzen.«

Van Brunt senkte nachdenklich den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln spielte auf seinen

Lippen. Keine Liebelei, keine Tändelei, kein Mißverständnis. – Nun, Fairfax nimmt es auch

nicht leicht, dachte er, eben weil Emily Southwaithe versehentlich in die Klauen eines Bären

geriet. Und er war auch kein schlechter Bär, dieser Carlton Southwaithe.

»Aber Sie werden doch mit mir kommen«, meinte van Brunt vorsichtig.

»Nein.«

»Doch.«

»Das Leben ist zu leicht hier, wie gesagt.« Fairfax sprach mit Entschiedenheit. »Sommer und

Winter wechseln wie das Flammen der Sonne durch die Latten eines Zaunes, die Jahreszeiten sind

ein nebelhaftes Etwas zwischen Licht und Schatten, die Zeit flieht, und das Leben zerrinnt und

dann… Eine Klage im Walde und die Finsternis. Hören Sie!« Er streckte die Hand in die Höhe,

und durch die Stille und Einsamkeit ertönte die silberne Saite von der Trauer des Weibes.

Fairfax stimmte leise mit ein.

»O-o-o-o-o-a-haa-ha-a-aa-a-a, O-o-o-o-o-a-ha-a-ha-a«, sang er. »Hören Sie nicht? Sehen Sie

nicht? Die Klage eines Weibes? Das Totenlied? Meine Haare weißlockig und ehrwürdig? Die rauhe

Pracht meiner Pelze, in die ich gehüllt bin? Der Jagdspeer an meiner Seite? Wer kann da sagen,

es sei nicht gut so?«

Van Brunt blickte ihn kühl an: »Fairfax, Sie sind ein Narr. Fünf solche Jahre genügen, um

einen Mann zu knicken, und Sie befinden sich in einer ungesunden, krankhaften Verfassung.

Übrigens: Carlton Southwaithe ist tot.«

Van Brunt stopfte seine Pfeife, steckte sie an und beobachtete den andern vorsichtig und mit

fast berufsmäßigem Interesse. Einen Augenblick blitzten Fairfax’ Augen auf, seine Fäuste

ballten sich, und er erhob sich halb. Dann erschlafften seine Muskeln, er schien zu grübeln.

Michael, der Koch, meldete, daß das Essen fertig sei, aber van Brunt winkte ihm, daß er noch

warten wolle. Das Schweigen war drückend, und er hatte den Einfall, die Gerüche des Waldes zu

analysieren, diese Düfte modernder und verwesender Vegetation, dann die harzigen der

Tannenzapfen und Nadeln, den aromatischen Rauch von vielen Lagerfeuern. Zweimal blickte

Fairfax auf, ohne etwas zu sagen, und dann kam es: »Und – Emily…?«

»Seit drei Jahren Witwe, und noch immer Witwe.«

Wieder Schweigen, ein langes Schweigen, das Fairfax endlich mit naivem Lächeln brach. »Sie

haben wohl recht, van Brunt. Ich komme mit.«

»Ich wußte es.« Van Brunt legte Fairfax die Hand auf die Schulter. »Man kann natürlich nicht

wissen, aber ich glaube – eine Frau in ihrer Lage – sie hatte Anträge…«

»Wann brechen Sie auf?« unterbrach Fairfax ihn.

»Wenn die Leute etwas geschlafen haben. Dabei fällt mir ein, daß Michael böse wird; kommen

Sie, wir wollen essen.«

Nach dem Abendbrot, nachdem die Crees und die Reisenden sich in ihre Decken gehüllt hatten und

schnarchten, saßen die beiden Männer noch an dem erlöschenden Feuer. Sie hatten viel zu reden

– von Kriegen und Politik, Forschungsreisen, Männertaten und Ereignissen, Freunden, Heiraten

und Todesfällen – von fünfjährigem Geschehen, auf das Fairfax brannte.

»So wurde die spanische Flotte bei Santiago erledigt«, sagte van Brunt gerade, als eine junge

Frau mit leichtem Schritt zu ihnen trat und neben Fairfax stehenblieb. Sie blickte ihm rasch

ins Gesicht und warf einen verwirrten Blick auf van Brunt.

»Die Tochter des Häuptlings Tant latch, eine Art Prinzessin«, erklärte Fairfax mit ehrlichem

Erröten. »Um es gleich zu gestehen, eines von den Lockmitteln, die mich hierbleiben ließen.

Thom, das ist mein Freund, van Brunt.«

Van Brunt streckte die Hand aus, aber die Frau verharrte in ihrer starren Ruhe, die über ihrer

ganzen Erscheinung lag. Weder wurde eine Linie in ihrem Antlitz sanfter, noch entspannten sich

ihre Züge. Ihr Blick begegnete dem seinen durchdringend, fragend, suchend.

»Köstlich, sie versteht es!« lachte Fairfax. »Ihre erste Vorstellung, wissen Sie. Aber wie

sagten Sie, die spanische Flotte wurde bei Santiago vernichtet?«

Thom kauerte neben ihrem Gatten nieder, reglos wie eine Bronzestatue, nur ihre Blicke

wanderten unaufhörlich spähend von Angesicht zu Angesicht. Und während Avery van Brunt immer

weiter sprach, spürte er unter dem stummen Blick eine gewisse Nervosität. Mitten in

malerischen Schlachtenschilderungen fühlte er plötzlich das schwarze Auge auf sich brennen,

und dann stotterte und stammelte er, bis er seine Haltung wiedergewann und wieder in Gang kam.

Die Hände um die Knie geschlungen, mit erloschener Pfeife und in tiefem Sinnen trieb Fairfax

ihn an, wenn er zögerte, und malte sich die Welt wieder, die er vergessen zu haben glaubte.

Eine oder zwei Stunden vergingen, dann erhob Fairfax sich zaudernd. »Und Cronje wurde in die

Enge getrieben, wie? Na ja! Warten Sie einen Augenblick, ich gehe nur schnell zu Tant latch

hinüber. Er wird Sie erwarten, und ich werde es so einrichten, daß Sie ihn nach dem Frühstück

begrüßen können. Das ist Ihnen doch recht, nicht wahr?«

Er verschwand zwischen den Kiefern, und van Brunt fand sich, wie er in das warme Auge Thoms

starrte. Fünf Jahre, überlegte er, und sie kann jetzt nicht älter als zwanzig sein. Ihre Nase

war nicht flach und gleichsam breitgedrückt wie die der Eskimofrauen, sondern adlerhaft mit

zarten Flügeln und so fein gebildet wie die einer Dame weißer Rasse. – Also irgendwie

Indianerblut, verlaß dich drauf, Avery van Brunt. Und sei nicht nervös, Avery van Brunt, sie

wird dich nicht auffressen; sie ist nur eine Frau, und noch dazu keine häßliche. Eher

orientalisch als arktisch. Große und weit offene Augen mit einer ganz schwachen Andeutung von

Mongolentum. Thom, du bist eine Anomalie. Du gehörst nicht zu den Eskimos, selbst wenn dein

Vater einer ist. Wo kam deine Mutter her? Oder deine Großmutter? Und Thom, liebes Kind, du

bist eine Schönheit, eine eisige, frostige kleine Schönheit mit Alaska-Lava im Blut, und

bitte, schau mich nicht so an. – Er lachte und stand auf. Ihr unausgesetztes Starren verwirrte

ihn. Ein Hund schnupperte an den Nahrungsmittelsäcken. Er wollte ihn vertreiben und den

Proviant in Sicherheit bringen, bis Fairfax wiederkam. Aber Thom hinderte ihn mit einer

Handbewegung daran und stand, ihn musternd, auf.

»Du?« sagte sie in einem arktischen Dialekt, der fast ohne Abweichungen von Grönland bis Point

Barrow gesprochen wird. »Du?«

Und der Ausdruck, der schnell auf ihr Gesicht trat, verriet alles, was sie mit diesem »Du«

meinte: die Frage, warum er hier sei, was er wolle, was er mit ihrem Manne zu schaffen habe –

alles.

»Brüder«, antwortete er im selben Dialekt, indem er mit der Hand nach Süden wies. »Brüder sind

wir, dein Mann und ich.«

Sie schüttelte den Kopf. »Es ist nicht gut, daß du hier bist.«

»Nach einem Schlaf gehe ich.«

»Und mein Mann?« fragte sie mit zitterndem Eifer.

Van Brunt zuckte die Achseln. Ihn überkam ein gewisses heimliches Schamgefühl, eine Art

unpersönlicher Scham, und ein Zorn auf Fairfax. Und als er die junge Wilde ansah, spürte er

das heiße Blut, das ihm ins Gesicht stieg. Sie war eben Weib. Das sagte alles – Weib. Wieder

einmal die alte niederträchtige Geschichte, immer wieder, so alt wie Eva und so jung wie der

letzte Liebeskuß.

»Mein Mann! Mein Mann! Mein Mann!« wiederholte sie heftig, indem sie ihm mit leidenschaftlich

gerötetem Gesicht und der unbarmherzigen Milde des ewigen Weibes in die Augen blickte.

»Thom«, sagte er ernst auf englisch, »du bist in den Wäldern des Nordlandes geboren, du hast

Fisch und Fleisch gegessen, mit Kälte und Hunger gekämpft und alle deine Tage einfach gelebt.

Und es gibt viele Dinge, die wahrlich nicht einfach sind, die du nicht kennst und nicht

verstehen kannst. Du weißt nicht, was es heißt, sich nach fernen Fleischtöpfen zu sehnen, du

kannst nicht verstehen, was es heißt, Verlangen nach dem Antlitz einer schönen Frau zu tragen.

Und die Frau ist schön, Thom, die Frau ist sehr schön. Du warst diesem Manne eine Frau, und du

warst ihm alles, was du konntest, aber dein ›Alles‹ ist sehr wenig und sehr einfach. Zu wenig

und zu einfach, und er ist ein Mann von einer fremden Rasse. Ihn hast du nie gekannt und wirst

ihn nie kennen. Es ist so bestimmt. Du hieltest ihn in deinen Armen, aber du hieltest nie sein

Herz, das Herz dieses Mannes, dem die Jahreszeiten wechselnde Farben sind und dessen Träume

barbarisch enden. Traum und Traumdunst, das ist er dir gewesen. Du griffst nach einer Gestalt

und faßtest einen Schatten, schenktest dich einem Manne und warst die Bettgenossin eines

Gespenstes. So ging es in alten Zeiten den Töchtern der Menschen, wenn die Götter sie schön

fanden. Und doch, Thom, Thom, ich möchte nicht John Fairfax sein in den schlaflosen Nächten

der kommenden Jahre, in den Nächten, da seine Augen nicht den Sonnenglanz von dem Haare der

Frau an seiner Seite, sondern die dunklen Flechten einer Gefährtin sehen werden, die er in den

Wäldern des Nordens verlassen hat.«

Obwohl sie ihn nicht verstand, hatte sie mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht, als hinge

ihr Leben von seinen Worten ab. Aber sie erfaßte den Namen ihres Gatten und rief auf

eskimoisch: »Jaja, Fairfax! Mein Mann!«

»Armes Närrchen, wie könnte er dein Mann sein?«

Aber sie verstand seine englische Sprache nicht und glaubte, daß er sich über sie lustig

mache. Der triebhafte, unvernünftige Zorn des Weibchens flammte auf ihrem Gesicht, und es

schien dem Manne fast, als kröche sie wie ein Panther zum Sprunge zusammen. Er fluchte leise

bei sich und sah, wie die Flamme von ihrem Antlitz wich und die weiche strahlende Glut des

flehenden Weibes sich entzündete – des flehenden Weibes, das auf Stärke verzichtet und sich

wohlweislich mit seiner Schwäche waffnet.

»Er ist mein Mann«, sagte sie sanft. »Ich habe nie einen andern gekannt. Es kann nicht sein,

daß ich je einen andern kennen werde. Es kann auch nicht sein, daß er von mir geht.«

»Wer hat gesagt, daß er von dir gehen soll?« fragte er scharf, halb im Zorn, halb in Ohnmacht.

»Du mußt sagen, daß er nicht von mir gehen soll«, antwortete sie sanft und mit Tränen in der

Stimme.

Van Brunt stieß zornig mit dem Fuß ins Feuer und setzte sich nieder.

»Du mußt es ihm sagen. Er ist mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann. Du bist groß, du

bist stark, und sieh, ich bin schwach. Sieh, ich liege zu deinen Füßen. Du hast es in der

Hand, mit mir zu tun, was du willst. Es ist deine Sache.«

»Steh auf!« Er riß sie heftig hoch und stand selbst auf. »Du bist ein Weib, und deshalb darfst

du nicht zu Füßen eines Mannes liegen.«

»Er ist mein Mann.«

»Dann verzeihe Christus allen Männern!« rief van Brunt leidenschaftlich.

»Er ist mein Mann!« wiederholte sie eintönig und flehend.

»Er ist mein Bruder«, antwortete er.

»Mein Vater ist der Häuptling Tant latch. Er herrscht über fünf Dörfer. Ich will dafür sorgen,

daß die fünf Dörfer durchsucht werden nach einem Mädchen, das dir gefällt, so daß du in

Wohlbehagen hier bei deinem Bruder leben kannst.«

»Nach einem Schlaf gehe ich fort.«

»Dort kommt mein Mann, sieh!«

Aus dem Dunkel der Fichten erklang Fairfax’ Stimme in munterm Trällern.

Wie der Tag durch ein Nebelmeer verdrängt wird, so vertrieb sein Gesang das Licht von ihrem

Antlitz.

»Es ist die Sprache seines eigenen Volkes«, sagte sie, »die Sprache seines eigenen Volkes.«

Sie wandte sich mit den leichten Bewegungen eines geschmeidigen jungen Tieres und verschwand

im Walde.

»Alles in Ordnung!« rief Fairfax im Näherkommen. »Seine Majestät werden Sie nach dem Frühstück

empfangen.«

»Haben Sie es ihm gesagt?« fragte van Brunt.

»Nein. Ich will es ihm auch nicht sagen, ehe wir marschfertig sind.«

Van Brunt warf verstimmt einen Blick auf die schlafenden Gestalten seiner Leute.

»Ich werde froh sein, wenn wir hundert Meilen von hier weg sind«, sagte er.

Thom hob den Fellvorhang von der Hütte ihres Vaters. Zwei Männer saßen drinnen bei ihm, und

alle drei blickten sie mit lebhaftem Interesse an. Aber ihr Gesicht verriet nichts, als sie

eintrat und sich schweigend niederließ. Tant latch trommelte mit den Knöcheln auf einem

Speerschaft, den er über seine Knie gelegt hatte, und starrte träge einem Sonnenstrahl nach,

der durch ein Schnürloch fiel und eine schimmernde Spur in die trübe Luft der Hütte zeichnete.

An seiner rechten Schulter kauerte Chugungatte, der Schamane. Beides waren alte Männer, und

die Müdigkeit vieler Jahre nistete in ihren Augen. Ihnen gegenüber aber saß Keen, ein junger

und im Stamme sehr beliebter Mann. Er hatte rasche und lebhafte Bewegungen, und seine

schwarzen Augen blitzten unaufhörlich forschend und herausfordernd von einem Antlitz zum

andern.

Es war still in der Hütte. Hin und wieder drang der Lärm vom Lager herein, und in der Ferne

klang schwach wie die Schatten von Stimmen das Zanken von Knaben in dünnen, schrillen Tönen.

Ein Hund steckte plötzlich den Kopf zum Eingang herein und blinzelte die Versammelten eine

Weile wolfsartig an, während der Geifer von seinen elfenbeinweißen Fangzähnen tropfte. Nach

einer Weile knurrte er aufreizend, senkte dann aber, durch die Unbeweglichkeit der

menschlichen Gestalten erschreckt, wieder den Kopf und kroch rückwärts hinaus. Tant latch

blickte seine Tochter gleichgültig an.

»Und dein Mann, wie steht es mit ihm und dir?«

»Er singt fremdartige Lieder«, antwortete Thom, »und es ist ein neuer Ausdruck in seinem

Gesicht.«

»So? Hat er gesprochen?«

»Nein, aber es ist ein neuer Ausdruck in seinem Gesicht, ein neues Licht in seinen Augen, und

er sitzt mit dem Fremden am Feuer, und sie reden und reden, reden ohne Ende.«

Chugungatte flüsterte seinem Herrn etwas ins Ohr, und Keen bog sich in den Hüften vor.

»Irgend etwas ruft ihn aus der Ferne«, fuhr sie fort, »und er scheint zu lauschen und mit

einem Lied in der Sprache seines eigenen Volkes zu antworten.«

Wieder flüsterte Chugungatte, Keen bog sich vor, und Thom schwieg, bis ihr Vater ihr zunickte,

daß sie fortfahren solle.

»Du weißt, Tant latch, daß Wildgans und Schwan und die kleine Krickente hier im Tieflande

geboren werden. Und du weißt, daß sie vor dem Froste in unbekannte Länder fliehen, und ebenso

weißt du, daß sie stets zurückkehren, wenn die Sonne über dem Lande steht und die Wasserläufe

frei sind. Stets kehren sie dorthin zurück, wo sie geboren sind, damit dort neues Leben

entstehen kann. Das Land ruft sie, und sie kommen. Und jetzt ruft ein anderes Land, und es

ruft meinen Mann – das Land, in dem er geboren ist –, und er gedenkt, dem Rufe zu folgen.

Dennoch ist er mein Mann. Vor allen Frauen ist er mein Mann.«

»Ist das gut, Tant latch? Ist das gut?« fragte Chugungatte mit einer leisen Drohung in der

Stimme.

»Ja, es ist gut!« rief Keen dreist. »Das Land ruft seine Kinder, alle Länder rufen ihre Kinder

wieder. Wie Wildgans und Schwan und die kleine Krickente gerufen werden, so auch dieser

Fremdling, der bei uns verweilt hat und nun gehen muß. Auch das Geschlecht ruft. Die Gans

paart sich mit der Gans, und der Schwan paart sich nicht mit der kleinen Krickente. Es tut

nicht gut, wenn der Schwan sich mit der kleinen Krickente paart. Und es tut auch nicht gut,

wenn Fremdlinge sich ihre Weiber in unsern Dörfern suchen. Daher sage ich, daß der Mann zu

seinem eigenen Geschlecht in sein eigenes Land gehen soll.«

»Er ist mein Mann«, antwortete Thom, »und er ist ein großer Mann.«

»Ja, er ist ein großer Mann.« Chugungatte hob den Kopf mit einem leisen Erwachen jugendlicher

Kraft. »Er ist ein großer Mann, und er hat deinem Arm Stärke geschenkt, o Tant latch, hat dir

Macht gegeben und deinen Namen gefürchtet im Lande gemacht, gefürchtet und geehrt. Er ist sehr

weise und seine Weisheit bringt viel Nutzen. Ihm haben wir vieles zu verdanken – die Anwendung

von Kriegslisten und die Geheimnisse einer Verteidigung des Dorfes und bei Überfällen im

Walde, die Abhaltung von Beratungen, Besiegung des Feindes durch Worte und feierliche

Versprechungen, Einkreisung des Wildes, das Stellen von Fallen, die Aufbewahrung von

Nahrungsmitteln und die Heilung von Krankheit und Wunden auf der Jagd und im Kampfe. Du, Tant

latch, würdest heute ein lahmer alter Mann sein, wäre der Fremdling nicht zu uns gekommen und

hätte dich gepflegt. Und stets, wenn wir im Zweifel über eine schwierige Frage waren, sind wir

zu ihm gegangen, daß er uns durch seine Weisheit Rat schaffte, und stets hat er uns Rat

geschafft. Und es werden immer wieder Fragen kommen, da wir sein Wissen brauchen werden. Wir

können ihn deshalb nicht gehen lassen. Es ist nicht gut, ihn gehen zu lassen.«

Tant latch trommelte weiter auf dem Speerschaft und gab kein Zeichen, daß er zugehört hatte.

Thom forschte vergebens in seinem Gesicht, Chugungatte schien einzuschrumpfen und

zusammenzusinken, als ob die Last der Jahre wieder auf ihn fiele.

»Niemand tötet meine Beute.« Keen schlug sich kräftig vor die Brust. »Ich töte meine Beute

selbst. Ich freue mich des Lebens, wenn ich meine Beute töte. Wenn ich mich über den Schnee an

den großen Elch anpirsche, so bin ich glücklich. Und wenn ich mit voller Kraft den Bogen

spanne und ihm den Pfeil schnell und scharf ins Herz jage, so bin ich glücklich. Und das

Fleisch von der Beute, die ein anderer Mann gefällt hat, schmeckt mir nicht so gut wie das von

meiner eigenen Beute. Ich freue mich des Lebens, freue mich meiner eigenen List und Kraft,

freue mich, daß ich etwas ausrichte, etwas für mich selber. Wozu sollte man sonst wohl leben?

Wozu sollte ich leben, wenn ich mich nicht freute über mich selbst und über das, was ich

vollbringe? Und weil ich mich freue und glücklich darüber bin, daß ich jage und fische, darum

werde ich listig und stark. Der Mann, der in seiner Hütte am Feuer sitzt, wird nicht listig

und stark. Er wird nicht froh, wenn er von meiner Beute ißt, und das Leben ist keine Freude

für ihn. Er lebt nicht. Und deshalb sage ich: Es ist gut, daß der Fremdling geht. Seine

Weisheit macht uns nicht weise. Wenn er listig ist, so brauchen wir es nicht zu sein. Haben

wir List nötig, so gehen wir zu ihm und holen sie uns. Wir essen das Fleisch von seiner Beute,

und es schmeckt nicht. Wir haben den Nutzen von seiner Stärke, und wir werden nicht glücklich

dadurch. Wir leben nicht, wenn er für uns lebt. Wir werden dick und weibisch, wir fürchten uns

vor der Arbeit, und wir vergessen, was wir für uns selbst tun müssen. Laß den Mann gehen, o

Tant latch, auf daß wir Männer sein können! Ich bin Keen, ein Mann, und ich töte selbst meine

Beute!«

Tant latch sandte ihm einen Blick, in dem die Leere der Ewigkeit zu liegen schien. Keen

wartete gespannt auf die Entscheidung; aber die Lippen blieben unbeweglich, und der alte

Häuptling wandte sich zu seiner Tochter.

»Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden«, brach sie los. »Ich war noch ein Kind,

als der Fremdling, der mein Mann ist, zu uns kam. Und ich kannte nicht Männer und Männerart,

und mein Herz lebte im Spiel der Mädchen, als du, Tant latch, du und kein anderer, mich zu dir

riefst und mich in die Arme des Fremdlings legtest. Du und kein anderer, Tant latch! Und wie

du mich dem Manne gabst, so gabst du auch den Mann mir. Er ist mein Mann. In meinen Armen hat

er geschlafen, und aus meinen Armen kann er nicht gerissen werden.«

»Es wäre gut, o Tant latch«, fügte Keen schnell mit einem bedeutungsvollen Blick auf Thom

hinzu, »es wäre gut, daran zu denken: Was gegeben ist, kann nicht zurückgenommen werden.«

Chugungatte richtete sich auf. »Deine Jugend, Keen, gibt deinem Mund diese Worte ein. Aber

wir, o Tant latch, wir sind alte Männer, und wir verstehen. Auch wir haben in die Augen von

Frauen geblickt und gefühlt, wie unser Blut heiß wurde von seltsamen Wünschen. Aber die Jahre

haben uns abgekühlt, und wir haben die Weisheit der Ratsversammlung, die Schlauheit des kühlen

Kopfes und der ruhigen Hand gelernt, und wir wissen, daß das heiße Herz allzu heiß ist und zur

Unbesonnenheit neigt. Wir wissen, daß Keen Gnade vor deinen Augen fand. Wir wissen, daß Thom

ihm in alten Tagen versprochen wurde, als sie noch ein Kind war. Und wir wissen, daß die neuen

Tage kamen und mit ihnen der Fremdling und daß um unseres Wissens und unseres Verlangens nach

Glück willen Keen Thom verlor und das Versprechen gebrochen ward.«

Der alte Schamane schwieg und sah dem jungen Mann gerade in die Augen.

»Und man mag auch wissen, daß ich, Chugungatte, den Rat gab, das Versprechen zu brechen.«

»Auch nahm ich kein anderes Weib in mein Bett«, fiel Keen ein. »Ich habe selbst mein Feuer

entzündet und mein Essen gekocht und in meiner Einsamkeit mit den Zähnen geknirscht.«

Chugungatte winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er noch nicht fertig sei. »Ich bin ein alter

Mann, und ich spreche, weil ich verstehe. Es ist gut, stark zu sein und nach Macht zu streben.

Es ist besser, auf Macht zu verzichten, auf daß Gutes daraus entstehe. In alten Tagen saß ich

neben deiner Schulter, Tant latch, und meine Stimme wurde überall gehört im Rate, und mein Rat

wurde in wichtigen Dingen befolgt. Und ich war stark und hatte Macht. Nächst Tant latch war

ich der Größte. Da kam der Fremdling, und ich sah, daß er listig und weise und groß war. Und

weil er weiser und größer war als ich, wurde es klar, daß größerer Vorteil von ihm kommen

würde als von mir. Und ich hatte dein Ohr, Tant latch, und du lauschtest meinen Worten, und

der Fremdling erhielt Macht und Stellung und deine Tochter Thom. Und der Stamm gedieh unter

den neuen Gesetzen in den neuen Tagen, und so wird er weiter gedeihen, solange wir den

Fremdling in unserer Mitte haben. Wir sind alte Männer, wir beiden, o Tant latch, du und ich,

und dies ist eine Sache des Kopfes und nicht des Herzens. Hör meine Worte! Laß den Mann

hierbleiben.«

Ein langes Schweigen herrschte. Der alte Häuptling grübelte mit der gewichtigen Sicherheit

eines Gottes, und Chugungatte schien sich in die Nebel eines hohen Alters zu hüllen. Keen sah

verlangend auf das Weib, aber sie achtete nicht darauf, sondern hielt ihre Augen starr auf das

Gesicht ihres Vaters geheftet. Der Wolfshund schob wieder den Vorhang beiseite, faßte in der

Stille Mut und kroch auf dem Bauche näher. Er schnupperte neugierig an Thoms gleichgültiger

Hand, spitzte Chugungatte gegenüber herausfordernd die Ohren und kroch vor Tant latch

zusammen. Der Speer fiel rasselnd zu Boden, der Hund sprang mit einem erschrockenen Heulen

beiseite, schnappte in die Luft und erreichte mit einem neuen Sprung den Eingang.

Tant latch sah von einem Gesicht auf das andre und betrachtete jedes lange und sorgfältig.

Dann hob er den Kopf mit rauher Königswürde und sprach sein Urteil in kaltem, ruhigem Tone:

»Der Mann bleibt. Laßt die Jäger zusammenrufen. Schickt einen Läufer in das nächste Dorf mit

dem Befehl, die Krieger zu schicken. Ich will den neuen Fremdling nicht sehen. Sprich du mit

ihm, Chugungatte. Sag ihm, daß er gleich gehen soll, wenn er in Frieden gehen will. Kommt es

aber zum Kampfe, so tötet, tötet, tötet bis zum letzten Mann, aber gebt mein Wort kund, daß

nichts Böses unserm Manne widerfahren darf – dem Manne, den meine Tochter geheiratet hat. – Es

ist gut.«

Chugungatte erhob sich und stolperte hinaus; Thom folgte ihm. Als Keen sich aber im Eingang

bückte, hielt Tant latchs Stimme ihn zurück: »Keen, es ist gut, auf mein Wort zu hören. Der

Mann bleibt. Sorge dafür, daß ihm nichts Böses widerfährt.«

Infolge des strategischen Unterrichts von Fairfax kam der Stamm nicht wild und lärmend

angestürzt. Vielmehr herrschte große Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, die Krieger

begnügten sich damit, schweigend, von Deckung zu Deckung kriechend, vorzurücken. Unten am

Flusse und teilweise durch eine kleine Lichtung geschützt, lagen zusammengekauert die Crees

und die Reisenden. Ihre Augen konnten nichts sehen und ihre Ohren nur undeutlich hören, aber

sie fühlten das Leben, daß durch den Wald pulste, die undeutlichen, unbestimmbaren Bewegungen

eines vorrückenden Heeres.

»Verflixt!« brummte Fairfax. »Sie hatten noch nie Pulver gerochen, aber ich hab’ es sie

gelehrt.«

Avery van Brunt lachte, klopfte seine Pfeife aus und steckte sie samt dem Tabaksbeutel

sorgfältig ein. Dann lockerte er das Jagdmesser in der Scheide an seiner Hüfte.

»Wartet nur«, sagte er, »wir wollen euch die Suppe schon versalzen.«

»Wenn sie an meine Lehre denken, greifen sie uns in einzelnen Abteilungen an.«

»Mögen sie. Unsere Magazingewehre sind bereit. Sie wollen es – gut! So möge das erste Blut

fließen! Eine Extraration Tabak, Lom!«

Lom, einer der Crees, hatte eine ungedeckte Schulter entdeckt und ihren Besitzer mit einer

brennenden Kugel über seine Entdeckung belehrt.

»Wenn wir sie nur zum Losbrechen reizen könnten«, murmelte Fairfax. »Wenn wir sie nur zum

Losbrechen reizen könnten.«

Van Brunt sah hinter einem entfernten Baum einen Kopf hervorlugen und brachte den Mann durch

einen schnellen Schuß zu Fall. Er zappelte im Todeskampf auf dem Boden. Michael erledigte

einen dritten, und Fairfax beteiligte sich mit den übrigen ebenfalls am Spiel und feuerte,

sobald jemand sich eine Blöße gab oder ein Busch sich bewegte. Beim Lauf über eine kleine

Niederung, wo es keine Deckung gab, blieben fünf Eingeborene auf ihren Gesichtern liegen, und

links, wo die Deckung nur spärlich war, wurde ein Dutzend getroffen. Aber trotzdem behielten

sie ihre trotzige Hartnäckigkeit und näherten sich vorsichtig und ruhig, ohne Hast, aber auch

ohne Zögern.

Zehn Minuten später, als sie ganz nahe waren, hörten alle Bewegungen auf, der Vormarsch wurde

plötzlich eingestellt, und die Stille, die jetzt folgte, war unheilverkündend und drohend. Es

waren nur die grünen und goldenen Farben des Waldes und der Büsche zu sehen, die in dem ersten

schwachen Hauch des Morgenwindes erschauerten. Die blasse, weiße Morgensonne sprenkelte den

Boden mit langen Schatten und Lichtstreifen. Ein Verwundeter hob den Kopf und kroch

beschwerlich über die Niederung. Michael folgte ihm mit der Büchse, schoß aber nicht. Ein

Pfeifen durchfuhr die unsichtbare Linie von links nach rechts, und ein Schauer von Pfeilen

schwirrte durch die Luft.

»Fertig!« kommandierte van Brunt mit einem metallischen Klang in seiner Stimme. »Jetzt!«

Gleichzeitig brachen sie aus der Deckung hervor. Der Wald wurde plötzlich lebendig. Ein

mächtiges Geheul ertönte, und die Gewehre kläfften in scharfem Trotz. Die Männer des Stammes

begegneten dem Tod mitten im Sprunge, und während sie fielen, fluteten ihre Brüder in einer

brüllenden, unwiderstehlichen Woge über sie hinweg. Allen voran, mit flatterndem Haar und die

Arme schwingend, über gefallene Bäume springend, kam Thom. Fairfax zielte auf sie und hätte

fast abgedrückt, als er sie noch rechtzeitig erkannte.

»Die Frau! Schießt nicht!« rief er. »Seht, sie ist unbewaffnet!«

Die Crees hörten nicht, ebensowenig Michael und sein Kamerad, der andere Reisende, auch nicht

van Brunt, der unaufhörlich schoß. Aber Thom lief unverletzt weiter, auf den Fersen eines

fellbekleideten Jägers, der von seitwärts vor sie gestürzt war. Fairfax leerte sein Magazin

auf die Männer rechts und links von ihr und drehte seinen Gewehrlauf, um den großen Jäger zu

treffen. Aber der Mann schien ihn zu erkennen, schwenkte plötzlich ab und rannte Michael einen

Speer in den Leib. Im nächsten Augenblick hatte Thom ihren Arm um den Hals ihres Gatten

geschlungen und, sich herumwirbelnd, mit Stimme und Bewegung den Schwarm der Angreifer

gespalten. Ein Schock Männer stürzte an beiden Seiten vorüber, und Fairfax stand einen

Augenblick da und betrachtete sie und ihre bronzefarbene Schönheit. Ergriffen und frohlockend

starrte er in unerhörte Tiefen, hatte Gesichte von den seltsamsten Dingen, träumte

unsterbliche Träume. Vage Erinnerungen an die Lehrsätze alter Philosophie und neuer Ethik

gingen ihm durch den Sinn und wunderbare, greifbare, aber schmerzhaft unzusammenhängende

Bilder – Jagdszenen, finstere Waldstrecken, schweigende Schneefelder, Ballsäle mit strahlenden

Lichtern, große Galerien und Vorlesungssäle, das undeutliche Blinken schimmernder

Reagenzgläser, Regale mit langen Bücherreihen, Maschinengeratter und Straßenlärm, Fragmente

eines vergessenen Liedes, Gesichter geliebter Frauen und alter Kameraden, ein einsamer Bach

zwischen ragenden Bergspitzen, fette Täler, Duft von Heu. – Ein Jäger stürzte, von einer Kugel

zwischen den Augen getroffen, plötzlich leblos vornüber, schoß durch die Wucht seines Falles

noch ein Stück über den Boden. Fairfax kam wieder zu sich. Seine Kameraden waren, soweit sie

noch lebten, weit zurück zwischen die Bäume getrieben. Er konnte das leidenschaftliche Heia!

Heia! der Jäger hören, während sie drauflosgingen und mit ihren Waffen aus Knochen und

Elfenbein hieben und stachen. Die Schreie der Gefallenen trafen ihn wie Schläge. Er wußte, daß

der Kampf zu Ende und die Schlacht verloren war, aber alle Überlieferungen und die Treue

seiner Rasse zwangen ihn, sich ins Getümmel zu stürzen, um wenigstens mit seinen Brüdern zu

sterben.

»Mein Mann! Mein Mann!« schrie Thom. »Du bist gerettet!«

Er versuchte, vorwärts zu kommen, aber das Gewicht ihres Körpers hemmte seinen Schritt.

»Es ist unnütz! Sie sind tot, und das Leben ist sehr schön!« Sie hielt seinen Hals fest

umschlungen, umwand ihn mit ihren Beinen, so daß er strauchelte, kämpfen mußte, um wieder auf

die Füße zu kommen, wieder strauchelte und hintenüberfiel. Im Fallen hatte Thom das Sausen

eines gefiederten Pfeiles gehört, der vorbeiflog: sie deckte seinen Leib mit dem ihren wie mit

einem Schilde, während sie ihn immer noch fest mit den Armen umschlungen hielt und Gesicht und

Lippen gegen seinen Hals preßte.

Da erhob Keen sich aus einem wirren Laubdickicht einige Fuß entfernt. Er blickte sich

vorsichtig um. Der Kampf hatte sich verzogen, und der Schrei des letzten Mannes erstarb.

Niemand war zu sehen. Er legte einen Pfeil auf die Bogensehne und warf einen Blick auf den

Mann und die Frau. Zwischen ihrer Brust und ihrem Arm zeigte sich das weiße Fleisch der Flanke

des Mannes. Keen spannte den Bogen und zog den Pfeil bis zur Spitze zurück. Zweimal tat er es,

ruhig und um seines Schusses sicher zu sein. Dann ließ er das mit knöchernen Widerhaken

versehene Geschoß gerade in das weiße Fleisch fliegen, das nie weißer leuchtete als in der

dunkelarmigen, dunkelbrüstigen Umarmung.

* * *

Das Gesetz des Lebens

Der alte Koskoosh lauschte begierig. Obwohl er längst das Augenlicht verloren hatte, waren

seine Ohren doch noch scharf, und das schwächste Geräusch drang zu der Intelligenz, die noch

hinter seiner welken Stirn glimmte, aber nicht mehr auf die Dinge dieser Welt blickte. Aha!

Das war Sit-cum-to-ha, die mit schriller Stimme die Hunde ausschalt, während sie sie puffte

und schlug, damit sie sich einspannen ließen. Sit-cum-to-ha war die Tochter seiner Tochter,

aber sie war zu sehr in Anspruch genommen, um einen Gedanken an ihren altersschwachen

Großvater zu verschwenden, der allein, einsam und hilflos, dort im Schnee saß. Das Lager mußte

abgebrochen werden. Der weite Weg wartete, und der kurze Tag zögerte nicht. Das Leben rief

sie, das Leben und die Pflichten des Lebens, nicht der Tod. Und er war dem Tode jetzt sehr

nahe.

Der Gedanke flößte dem alten Manne einen Augenblick Schrecken ein, und er streckte die

gichtige Hand aus, die zitternd über dem kleinen Haufen trockenen Holzes neben ihm hin und her

fuhr. Als er sich vergewissert hatte, daß er wirklich da war, kehrte seine Hand in den Schutz

seines räudigen Pelzes zurück, und er lauschte wieder. Das widrige Knarren halbgefrorener

Felle sagte ihm, daß die Elchhäute, vom Zelt des Häuptlings heruntergeholt, in tragbare Form

geknetet und gepreßt wurden. Der Häuptling war sein Sohn, stark und kraftvoll, der beste Mann

des Stammes und ein mächtiger Jäger. Während die Weiber sich mit dem Lagergepäck abplagten,

erscholl seine Stimme, die sie ihrer Langsamkeit wegen ausschalt. Der alte Koskoosh spitzte

die Ohren. Es war das letztemal, daß er die Stimme hören sollte. Jetzt fiel Geehows Zelt! Und

nun Tuskens! Sieben, acht, neun; jetzt konnte nur noch das des Schamanen stehen. So! Jetzt

arbeiteten sie daran. Er konnte den Schamanen brummen hören, während er es auf dem Schlitten

aufstapelte. Ein Kind wimmerte, und eine Frau beruhigte es mit sanften, klagenden Kehllauten.

Die kleine Kootee, dachte der alte Mann, ein unruhiges Kind und nicht sehr kräftig. Es starb

vielleicht bald, und dann brannten sie ein Loch in die gefrorene Tundra und häuften Steine

darüber, um den Vielfraß abzuhalten. Nun ja, was machte das? Wenige Jahre bestenfalls, und

ebensooft ein leerer Magen wie ein voller. Und zuletzt wartete der Tod, der immer Hungrige,

der Hungrigste von allen.

Was war das? Oh, die Männer schirrten die Schlitten an und zogen die Leinen fest. Er lauschte,

er, der nie mehr lauschen sollte. Die Peitschenhiebe sausten und schnitten in die Hunde.

Horch, wie sie heulten! Wie sie die Arbeit und die Reise haßten! Jetzt zogen sie an! Schlitten

auf Schlitten schwankte langsam in das Schweigen hinaus. Sie waren fort. Waren aus seinem

Leben geglitten, und er sah allein der letzten bitteren Stunde ins Angesicht. Nein. Der Schnee

knirschte unter einem Mokassin. Ein Mann stand neben ihm, und eine Hand legte sich weich auf

sein Haupt. Sein Sohn war gut, daß er dies tat. Er erinnerte sich anderer alter Männer, deren

Söhne nicht geblieben waren, als der Stamm fortzog. Aber sein Sohn war geblieben. Seine

Gedanken verloren sich in der Vergangenheit, bis die Stimme des jungen Mannes ihn zurückrief.

»Geht es dir gut?« fragte er.

Und der alte Mann antwortete: »Es geht mir gut.«

»Es liegt Holz neben dir«, fuhr der Jüngere fort, »und das Feuer brennt hell. Der Morgen ist

trübe, und die Kälte hat nachgelassen. Es wird gleich schneien. Gerade jetzt fängt es an.«

»Ja, es schneit schon.«

»Der Stamm hat Eile. Die Lasten sind schwer und ihre Leiber flach aus Mangel an Nahrung. Der

Weg ist weit, und sie reisen schnell. Ich gehe jetzt. Ist es gut?«

»Ja, es ist gut. Ich bin wie das letzte Blatt des Jahres, das noch lose am Stamme hängt. Der

erste Windhauch, und ich falle. Meine Stimme ist wie die eines alten Weibes geworden. Meinen

Augen zeigen den Füßen nicht mehr den Weg, und meine Füße sind schwer, und ich bin müde. Es

ist gut.«

Er neigte ergeben das Haupt, bis der letzte Laut des knirschenden Schnees erstorben war und er

wußte, daß er seinen Sohn nicht mehr zurückrufen konnte. Dann tastete seine Hand schnell nach

dem Holze. Das war das einzige, das noch zwischen ihm und der Ewigkeit stand, die über ihn

hereinbrach. Zu guter Letzt war sein Leben nach einer Handvoll Scheite zu messen. Eines nach

dem andern würde schwinden, um das Feuer zu nähren, und Schritt für Schritt würde sich der Tod

an ihn heranschleichen. Wenn das letzte Scheit seine Wärme abgegeben hatte, würde die Kälte

ihre Kräfte sammeln. Zuerst würden die Füße nachgeben, dann die Hände, und langsam würde die

Starre der Glieder den Leib ergreifen. Sein Haupt würde auf die Knie fallen, und er würde Ruhe

haben. Das war ganz leicht. Alle Menschen mußten sterben.

Er beklagte sich nicht. Das war das Gesetz des Lebens, und es war recht so. Dicht an der Erde

war er geboren, dicht an der Erde hatte er gelebt, und ihr Gesetz war ihm daher nicht neu. Es

war das Gesetz allen Fleisches. Die Natur war nicht gütig gegen das Fleisch. Es galt ihr

nichts das greifbare Ding, das man Individuum nannte, ihre Sorge galt nur der Art, der Rasse.

Dies war die tiefste Abstraktion, der der barbarische Geist des alten Koskoosh fähig war, aber

sie hatte er auch mit festem Griff gepackt.

In allem Lebendigen sah er Beispiele dafür. Das Steigen des Pflanzensaftes, das aufbrechende

Grün der Weidenknospe, der Fall des gelben Laubes – schon darin lag alles. Aber eine Aufgabe

stellte die Natur dem Individuum. Löste es sie nicht, so starb es. Löste es sie – gleichviel

–, es starb dennoch. Der Natur war es gleichgültig: Es waren unzählige, die gehorchten, und

nur der Gehorsam, nicht der Gehorchende, lebte und lebte ewig.

Koskoosh’ Stamm war sehr alt. Die Alten Männer, die er als Knabe gekannt, hatten alte Männer

vor ihnen gekannt. So war es also wahr, daß der Stamm lebte, daß er für den Gehorsam all

seiner Glieder, deren Gräber unbekannt waren, bis in die vergessene Vorzeit einstand. Sie

zählten nicht, sie waren Episoden. Sie waren entschwunden wie die Wolken an einem

Sommerhimmel. Auch er war eine Episode und würde verschwinden. Die Natur kümmerte sich nicht

darum. Sie stellte dem Leben nur eine Aufgabe, gab nur ein Gesetz. Sich fortzupflanzen war die

Aufgabe des Lebens, sein Gesetz der Tod. Eine Jungfrau war schön anzusehen, stark und mit

vollen Brüsten, den Frühling in ihrem Gange und Licht in ihren Augen. Aber ihre Aufgabe lag

noch vor ihr. Das Licht in ihren Augen wurde noch heller, ihr Schritt schneller, sie war den

jungen Männern gegenüber bald keck, bald furchtsam und teilte ihnen ihre eigene Unruhe mit.

Und immer schöner und schöner wurde sie, bis irgendein Jäger sie in sein Zelt nahm, wo sie ihm

sein Essen bereitete, für ihn arbeitete und die Mutter seiner Kinder wurde. Und wenn ihre

Nachkommenschaft kam, verfiel ihre Schönheit. Ihre Glieder wurden langsam und träge, ihre

Augen stumpf und trübe, und nur die kleinen Kinder freuten sich noch an der runzligen Wange

der alten Squaw am Lagerfeuer. Ihre Aufgabe war gelöst. Nur eine kurze Weile, und bei der

ersten Hungersnot, beim ersten langen Marsch wurde sie zurückgelassen, wie es ihm geschehen

war, mit einem Häufchen Reisig im Schnee. So war das Gesetz.

Er legte behutsam ein Scheit in das Feuer und gab sich wieder seinen Betrachtungen hin.

Überall und mit allen Wesen war es dasselbe. Die Moskitos verschwanden beim ersten Frost. Das

kleine Eichhörnchen verkroch sich, um zu sterben. Wenn das Kaninchen alterte, wurde es langsam

und dick und konnte seinen Feinden nicht mehr entkommen. Selbst der große Hirsch wurde

schwerfällig und blind und zänkisch und konnte zuletzt von einer Handvoll kläffender junger

Hunde gefällt werden.

Er dachte daran, wie er seinen eigenen Vater eines Winters am Oberlaufe des Klondike verlassen

hatte, den Winter, bevor der Missionar mit seinen Büchern voll von Geschwätz und seiner Kiste

voll von Medizin gekommen war. Oft hatte Koskoosh in der Erinnerung an die Kiste mit der Zunge

geschnalzt, aber jetzt wollte ihm das Wasser im Munde nicht mehr zusammenlaufen. Der

»Schmerzstiller« war besonders gut gewesen. Aber der Missionar war schließlich doch eine

Plage, denn er brachte kein Fleisch ins Lager, aß aber für drei, und die Jäger murrten. Aber

an der Wasserscheide von Mayo bekam er Lungenentzündung, und nachher stießen die Hunde die

Steine weg und balgten sich um seine Knochen.

Koskoosh legte noch ein Scheit aufs Feuer und ließ seine Gedanken weiter zurück in die

Vergangenheit schweifen. Da war die Zeit der großen Hungersnot, als die Männer sich mit leerem

Magen ums Feuer kauerten und düstere Sagen von den alten Zeiten erzählten, als der Yukon drei

Winter lang breit und offen dahinströmte, dafür aber in drei Sommern zu Eis erstarrte. Er

hatte seine Mutter bei der Hungersnot verloren. Im Sommer hatte die Laichzeit der Lachse einen

Fehlschlag ergeben, und der Stamm hatte sich mit der Hoffnung auf den Winter und das

Erscheinen der Rene getröstet. Und dann kam der Winter, aber kein Ren. Nie war so etwas

geschehen, selbst die ältesten Männer hatten es nicht erlebt. Aber das Ren kam nicht, und es

war das siebente Jahr, und die Kaninchen hatten sich nicht vermehrt, und die Hunde bestanden

nur noch aus Haut und Knochen. Und in der langen Finsternis weinten und starben Kinder und

Frauen und alte Männer, und nicht einer von zehn im Stamme lebte noch, um die Sonne willkommen

zu heißen, als sie im Frühling wiederkehrte. Das war eine Hungersnot!

Aber er hatte auch Zeiten der Fülle erlebt, da das Fleisch verfaulte und die Hunde vor

Übersättigung faul und untauglich waren – Zeiten, da sie das Wild laufen ließen, ohne es zu

erlegen, da die Frauen fruchtbar und die Zelte überfüllt waren von krabbelnden Knaben und

Mädchen.

Da geschah es, daß die Männer übermütig wurden, alte Streitigkeiten wiederaufnahmen, über die

Wasserscheide nach Süden gingen, um die Pellys zu töten, und nach Westen, um an den

ausgebrannten Feuern der Tananas zu sitzen.

Er erinnerte sich, als Knabe in einer guten Zeit gesehen zu haben, wie ein Elch von Wölfen

getötet wurde. Zing-ha lag neben ihm im Schnee und sah zu – Zing-ha, der später der listigste

Jäger wurde und der schließlich durch eine Wake in den Yukon fiel. Sie fanden ihn einen Monat

später. Er war halb herausgekrochen und zu Eis gefroren.

Aber der Elch. Er war an dem Tage mit Zing-ha fortgegangen, um Jäger zu spielen. Am Bache

hatten sie die frische Fährte eines Elchs und gleichzeitig eine Menge Wolfsfährten gefunden.

»Ein alter Bursche«, sagte Zing-ha, der die Zeichen schneller lesen konnte, »ein alter

Bursche, der dem Rudel nicht mehr folgen kann. Die Wölfe haben ihn von seinen Brüdern

getrennt, und jetzt lassen sie nicht mehr von ihm ab.«

Und so war es. Das war nun einmal ihre Art. Tag und Nacht, ohne Rast und Ruhe, knurrten sie

dicht hinter ihm, schnappten nach seiner Schnauze, wollten ihn verfolgen bis zum Ende. Wie in

Zing-ha und ihm der Blutdurst erwachte! Das Ende mußte sehenswert sein!

Schnellfüßig folgten sie der Fährte, und selbst er, Koskoosh, dessen Auge nicht so scharf und

der ein ungeübter Spürer war, hätte ihr blind folgen können, so breit war sie. Sie waren dicht

hinter der Beute her und konnten mit jedem Schritt die furchtbare, soeben geschriebene

Tragödie lesen.

Jetzt kamen sie an eine Stelle, wo der Elch haltgemacht hatte. Auf die dreifache Länge eines

erwachsenen Mannes war der Schnee nach allen Richtungen zerstampft und fortgeschleudert. In

der Mitte waren die tiefen Eindrücke von den breiten Hufen des Wildes und ringsherum die

leichteren Fußspuren der Wölfe. Einige hatten sich, während ihre Brüder die Beute umsprangen,

seitwärts niedergelegt und ausgeruht. Die Eindrücke ihrer ausgestreckten Körper waren so

deutlich im Schnee, als wären sie soeben erst entstanden. Ein Wolf war bei dem wilden Ansprung

von dem wütenden Opfer abgefangen und zu Tode gestampft worden. Eine wenige reingenagte

Knochen zeugten davon.

Wieder hielten sie ihre Schneeschuhe an. Hier hatte das große Tier verzweifelt gekämpft.

Zweimal war es, wie der Schnee zeigte, zu Boden gerissen worden, und zweimal hatte es seine

Angreifer abgeschüttelt und war wieder auf die Beine gekommen. Seine Aufgabe hatte es längst

gelöst, aber dennoch war ihm das Leben noch lieb gewesen. Zing-ha sagte, es wäre etwas

Seltenes, daß ein Elch, der einmal niedergerissen war, wieder freikäme, aber hier war es

unleugbar geschehen. Der Schamane würde Zeichen und Wunder darin gesehen haben, wenn sie es

ihm erzählt hätten.

Und nun hatten sie die Stelle erreicht, wo der Elch versucht hatte, den Hang hinaufzusteigen

und den Wald zu gewinnen. Aber seine Feinde hatten ihn von hinten angegriffen, so daß er sich

gebäumt, sich überschlagen und zwei von ihnen zermalmt und tief in den Schnee gepreßt hatte.

Es war klar, daß das Ende bevorstand, denn die Wölfe hatten ihre gefallenen Brüder nicht

angerührt.

Sie eilten weiter, an zwei Stellen vorbei, wo das Tier wieder haltgemacht hatte, wenn auch nur

ganz kurze Zeit. Jetzt war die Fährte rot, und die weiten Schritte des großen Tieres waren

kürzer und wankend geworden. Und dann hörten sie das erste Geräusch des Kampfes – nicht den

vollen Jagdchor, sondern das kurze, knurrende Kläffen, das von Nahkampf und von im Fleisch

vergrabenen Zähnen erzählte.

Auf dem Bauche kroch Zing-ha gegen den Wind durch den Schnee, und zusammen mit ihm kroch er,

Koskoosh, der im nächsten Jahre Häuptling des Stammes werden sollte. Sie schoben sich zusammen

unter die Zweige einer jungen Fichte und spähten vorwärts. Es war das Ende, das sie sahen.

Dies Bild stand, wie alle Jugendeindrücke, noch klar vor ihm, und seine stumpfen Augen sahen

das Ende ebenso lebendig, wie es sich in jener fernen Zeit abgespielt hatte. Koskoosh wunderte

sich darüber, denn in den folgenden Tagen, als er der Führer von Männern und das Haupt der

Berater gewesen, hatte er große Taten ausgeführt und seinen Namen zum Fluch im Munde der

Pellys gemacht, gar nicht zu reden von den fremden weißen Männern, die er, Messer gegen

Messer, in offenem Kampfe getötet hatte. Lange grübelte er über die Tage seiner Jugend, bis

das Feuer zusammensank und der Frost zu schneiden begann.

Diesmal legte er zwei Scheite auf und maß sein Leben an dem Holz, was noch übrig war. Hätte

Sit-cum-to-ha an ihren Großvater gedacht und einen größeren Armvoll gesammelt, hätten seine

Stunden länger gedauert. Das wäre leicht gewesen. Aber sie war stets ein gleichgültiges Kind

gewesen und hatte nichts für die Alten übrig gehabt seit der Stunde, da der Biber, der Sohn

von Zing-has Sohn, sein Auge auf sie geworfen hatte.

Nun, was tat es? Hatte er nicht in seiner eigenen unbedachtsamen Jugend ebenso gehandelt?

Eine Weile lauschte er auf die Stille. Vielleicht wurde das Herz seines Sohnes weich, und er

kehrte mit den Hunden zurück, um seinen alten Vater mit dem Stamme weiterzubringen bis zu

einer Stelle, wo die Rene zahlreich waren und ihnen die Bäuche schwer von Fett hingen. Er

strengte sein Ohr an, sein ruheloses Gehirn wurde einen Augenblick still. Nichts regte sich,

nichts. Er allein atmete mitten in der großen Stille. Es war sehr einsam.

Horch, was war das?

Ein kalter Schauer rann über seinen Körper.

Das wohlbekannte, langgezogene Geheul durchbrach die Stille, ganz nahe. Und dann sahen seine

trüben Augen das Bild des Elches – des alten Elchbullen –, der mit zerrissenen Flanken und

blutigen Seiten, wirrer Mähne und das große verzweigte Geweih auf den Boden gesenkt, bis zum

letzten kämpfte. Er sah die blitzschnellen grauen Gestalten, die schimmernden Augen, die

lechzenden Zungen, die triefenden Fangzähne. Und er sah, wie der unerbittliche Kreis sich

schloß, bis er zu einem dunklen Punkte mitten in dem zerstampften Schnee wurde.

Eine kalte Schnauze stieß gegen seine Wange, und bei dieser Berührung sprang seine Seele

wieder in die Gegenwart. Seine Hand fuhr ins Feuer und zog ein brennendes Scheit heraus. Einen

Augenblick, von seiner ererbten Furcht vor dem Menschen überwältigt, zog das Tier sich zurück

und schickte seinen Brüdern einen langgezogenen Ruf, und die antworteten gierig, bis sich ein

Kreis zusammengekrochener, geifernder grauer Tiere um ihn schloß. Der alte Mann spürte, wie

dieser Kreis enger wurde. Er schwang wild seinen Brand, und das Schnaufen wurde zum Knurren,

aber die keuchenden Bestien wollten nicht weichen. Jetzt schlängelte sich eine, den Hinterleib

nachziehend, vorwärts, jetzt eine zweite, jetzt eine dritte, aber keine einzige wich zurück.

Warum sich ans Leben klammern? fragte er sich und ließ das flammende Scheit in den Schnee

fallen. Es zischte und erlosch. Der Kreis knurrte unruhig, blieb aber liegen.

Wieder sah er den letzten Kampf des alten Elchbullen, und Koskoosh ließ das Haupt müde auf die

Knie sinken. Was tat es schließlich? War es nicht das Gesetz des Lebens?

* * *

Nam-Bok, der Lügner

»Eine Bidarka, nicht wahr? Schau, eine Bidarka, und ein Mann, der sie ungeschickt mit einem

Paddel rudert!«

Die alte Bask-Wah-Wan erhob sich, vor Kraftlosigkeit und Eifer zitternd, auf die Knie und

starrte übers Meer hinaus. »Nam-Bok war immer ungeschickt mit dem Ruder«, murmelte sie, sich

erinnernd, beschattete die Augen gegen die Sonne und spähte über das silberfunkelnde Wasser.

»Nam-Bok war immer ungeschickt. Ich weiß noch…«

Aber Frauen und Kinder lachten laut, und in ihrem Lachen lag ein sanfter Spott. Bask-Wah-Wans

Stimme wurde leiser, bis ihre Lippen sich nur noch lautlos bewegten.

Koogah hob das ergraute Haupt von seiner Beinschnitzerei und folgte ihrem Blick. Eine Bidarka

näherte sich dem Strande, wurde nur hin und wieder von heftigen Böen abgetrieben. Ihr Besitzer

ruderte mit mehr Kraft als Geschicklichkeit und kam in mühseligstem Zickzack näher. Koogah

ließ sein Haupt wieder auf die Arbeit sinken und kratzte in den Elfenbeinhauer zwischen seinen

Knien die Rückenflosse eines Fisches, desgleichen nie im Meere geschwommen war.

»Es ist zweifellos der Mann aus dem Nachbardorfe«, sagte er abschließend. »Er kommt, um mich

über das Schnitzen in Bein zu Rate zu ziehen. Und der Mann ist ein ungeschickter Bursche. Er

wird es nie lernen.«

»Es ist Nam-Bok«, wiederholte die alte Bask-Wah-Wan. »Sollte ich meinen eigenen Sohn nicht

kennen?« fragte sie schrill. »Ich sage und ich sage es wieder: Es ist Nam-Bok.«

»Und das hast du viele Sommer gesagt«, spottete eine der Frauen sanft. »Immer, wenn das Eis

auf dem Meere schmolz, saßest du hier und hieltest den lieben langen Tag Wache, und bei jedem

Kanu sagtest du: ›Das ist Nam-Bok.‹ Nam-Bok ist tot, Bask-Wah-Wan, und die Toten kehren nicht

wieder. Es ist unmöglich, daß die Toten wiederkehren.«

»Nam-Bok!« rief die alte Frau so laut und deutlich, daß das ganze Dorf sie verblüfft

anblickte.

Sie kam mit Anstrengung auf die Beine und wankte über den Sand hinab. Sie stolperte über ein

Kind, das in der Sonne lag, und die Mutter beschwichtigte sein Weinen und rief der alten Frau

harte Worte nach, ohne daß diese sich jedoch darum kümmerte. Die Kinder liefen ihr zum Strande

voraus, und während der Mann in der Bidarka immer näher kam und das Boot in seiner

Ungeschicklichkeit fast zum Kentern gebracht hätte, kamen die Frauen ihr nach. Koogah ließ

seinen Walroßzahn fallen und folgte, schwer auf seinen Stock gestützt, und die andern Männer

schlenderten zu zweien oder dreien hinter ihm her.

Die Bidarka wandte dem Lande die Breitseite zu, und der Wellenschlag drohte sie zu füllen,

aber ein nackter Knabe lief ins Wasser und zog den Bug hoch auf den Strand. Der Mann erhob

sich und warf einen fragenden Blick über die Reihe der Dorfbewohner. Eine bunte Wolljacke

hing, schmutzig und abgenutzt, über seiner breiten Schulter, und er hatte ein rotes

Taschentuch nach Matrosenart um den Hals gebunden. Eine Fischermütze auf seinem

kurzgeschorenen Kopfe, Wollhosen und schwere Schuhe vervollständigten seine Kleidung.

Aber nichtsdestoweniger war er eine merkwürdige Erscheinung für diese einfachen Fischer im

großen Yukon-Delta, die ihr ganzes Leben lang übers Beringmeer gestarrt und in der ganzen Zeit

nur zwei weiße Männer gesehen hatten – den Volkszählungsbeamten und einen Jesuitenpater, der

sich verirrt hatte. Sie waren arm, ihr Erdboden enthielt kein Gold, ihre Jagd brachte kein

wertvolles Pelzwerk, so daß die Weißen sie stets hatten links liegenlassen. Dazu hatte der

Yukon in den Jahrtausenden das Meer in der Nähe mit Alaskakies gefüllt und seicht gemacht, so

daß die Schiffe auf Grund stießen, ehe sie das Land in Sicht bekamen. Daher wurde die feuchte

Küste mit ihren weiten Lagunen und den großen Barrieren schlammiger Inseln von den Schiffen

der Weißen gemieden, und die Fischer wußten nicht einmal, daß solche Wesen existierten.

Koogah, der Beinschnitzer, zog sich in plötzlicher Eile zurück, stolperte über seinen Stock

und fiel hin. »Nam-Bok!« rief er, während er erschrocken wieder auf die Füße zu kommen suchte.

»Nam-Bok, der aufs Meer hinausgeweht wurde, ist zurückgekehrt!«

Männer und Frauen schauderten zurück, und die Kinder liefen ihnen zwischen den Beinen fort.

Nur Opee-Kwan war kühn, wie es sich für den Dorfhäuptling ziemte. Er trat vor und starrte den

Ankömmling lange und ernst an.

»Es ist Nam-Bok«, sagte er schließlich, und bei dem überzeugten Klang seiner Stimme heulten

die Weiber furchtsam und zogen sich weiter zurück.

Die Lippen des Fremden bewegten sich unentschlossen, und sein brauner Hals wand sich und

kämpfte mit unausgesprochenen Worten.

»La, la, es ist Nam-Bok«, sang Bask-Wah-Wan, während sie ihm ins Gesicht blickte. »Ich habe

immer gesagt, daß Nam-Bok zurückkehren würde.«

»Ja, es ist Nam-Bok, der zurückgekehrt ist.« Diesmal war es Nam-Bok selbst, der sprach, indem

er ein Bein über den Rand der Bidarka streckte und mit dem einen Fuß im Boote, mit dem andern

an Land stehenblieb. Wieder wand sich sein Hals und kämpfte, während er nach vergessenen

Worten suchte. Und als die Worte kamen, war ihr Klang seltsam, und ein Sprudeln der Lippen

begleitete die Kehllaute. »Seid gegrüßt, o Brüder«, sagte er, »Brüder aus alter Zeit, ehe der

Festlandwind mich entführte.«

Er trat mit beiden Füßen auf den Strand, aber Opee-Kwan winkte ihn zurück.

»Du bist tot, Nam-Bok«, sagte er.

Nam-Bok lachte. »Ich bin dick.«

»Tote sind nicht dick«, räumte Opee-Kwan ein. »Es geht dir gut, aber es ist seltsam. Niemand

kann sich mit dem Festlandwind paaren und nach Jahren zurückkehren.«

»Ich bin zurückgekehrt«, antwortete Nam-Bok einfach.

»Vielleicht bist du aber doch ein Schatten, ein Schatten, der kommt und geht, ein Schatten des

Nam-Bok, der lebte. Schatten können wiederkehren.«

»Ich bin hungrig. Schatten essen nicht.«

Aber Opee-Kwan war unschlüssig und strich sich in trauriger Verwirrung mit der Hand über die

Stirn. Nam-Bok war gleichfalls verwirrt. Er blickte auf und die Reihe entlang, fand aber kein

Willkommen in den Augen der Fischer. Männer und Frauen flüsterten zusammen. Die Kinder zogen

sich ängstlich zwischen die Erwachsenen zurück, und den Hunden sträubten sich die Haare, sie

krochen zu ihm und beschnupperten ihn mißtrauisch.

»Ich gebar dich, Nam-Bok, und ich säugte dich, als du klein warst«, wimmerte Bask-Wah-Wan und

kam näher, »und magst du nun ein Schatten sein oder nicht, so will ich dir doch zu essen

geben.«

Nam-Bok machte eine Bewegung, als wollte er auf sie zutreten, aber ein furchtsames und

drohendes Murren hielt ihn zurück. Er sagte etwas in einer fremden Sprache, das wie »den

Teufel auch« klang, und fügte hinzu: »Kein Schatten bin ich, sondern ein Mensch.«

»Wer kann diese geheimnisvollen Dinge begreifen?« fragte Opee-Kwan halb bei sich, halb zu

seinem Stamme gewandt. »Wir sind, und einen Atemzug später sind wir nicht mehr. Wenn ein

Mensch zum Schatten werden kann, kann dann ein Schatten nicht auch zum Menschen werden? Nam-

Bok war, aber er ist nicht. Das wissen wir, aber wir wissen nicht, ob dies Nam-Bok ist oder

Nam-Boks Schatten.«

Nam-Bok räusperte sich und antwortete: »In alten, längst vergangenen Tagen zog deines Vaters

Vater, Opee-Kwan, fort und kam erst nach Jahren wieder. Und ihm wurde nicht der Platz am Feuer

verweigert. Man sagt…« Er machte eine bedeutungsvolle Pause, und sie lauschten. »Man sagt«,

wiederholte er und betonte absichtlich das Folgende, »daß Sipsip, seine Klooch, ihm nach

seiner Heimkehr zwei Söhne gebar.«

»Aber er hatte nichts mit dem Festlandwinde zu schaffen«, antwortete Opee-Kwan. »Er zog ins

Herz des Landes, und es ist nur natürlich, daß der Mensch immer tiefer ins Land hineingehen

kann.«

»Und ebenso auf dem Meere. Aber das hat nichts damit zu tun. Man sagt, daß deines Vater

seltsame Geschichten von dem erzählte, was er gesehen hatte.«

»Ja, seltsame Geschichten erzählte er.«

»Ich habe auch seltsame Geschichten zu erzählen«, erklärte Nam-Bok einschmeichelnd. Und als

sie wankten: »Und Geschenke habe ich auch.«

Aus der Bidarka nahm er einen Schal, wunderbar von Stoff und Farbe, und warf ihn seiner Mutter

um die Schulter. Die Frauen stöhnten im Chor vor Bewunderung, und die alte Bask-Wah-Wan rollte

den bunten Stoff zwischen den Fingern, streichelte ihn und sang leise in kindischer Freude.

»Er hat Geschichten zu erzählen«, murmelte Koogah.

»Und Geschenke«, half eine Frau ihm.

Und Opee-Kwan wußte, daß sein Volk eifrig war, und vor allem spürte er selbst eine kribbelnde

Neugier nach diesen noch nicht erzählten Geschichten. »Der Fischfang ist gut gewesen«, sagte

er einsichtsvoll. »Und wir haben Tran die Menge. Also komm, Nam-Bok, laß uns schmausen.«

Zwei Männer hoben die Bidarka auf ihre Schultern und trugen sie zum Feuer. Nam-Bok ging neben

Opee-Kwan, und die Dorfbewohner folgten ihnen mit Ausnahme einiger Weiber, die einen

Augenblick zögerten, um den Schal mit zärtlichen Fingern zu betasten.

Während des Schmauses wurde nicht viel gesprochen, obwohl viele neugierige Blicke auf Bask-

Wah-Wans Sohn fielen. Das störte ihn zwar nicht aus Bescheidenheit, sondern weil der Gestank

des Robbentrans ihm den Appetit geraubt hatte und er aufrichtig wünschte, seine Gefühle in

dieser Beziehung zu verbergen.

»Iß, du bist hungrig«, gebot Opee-Kwan ihm, und Nam-Bok schloß beide Augen und griff mit der

Hand in den großen Topf mit verfaultem Fisch.

»La, la, zier dich nicht. Es gab viele Robben heuer, und starke Männer sind immer hungrig.«

Und Bask-Wah-Wan tunkte ein besonders widerliches Stück Lachs in den Tran und reichte den

triefenden Bissen zärtlich ihrem Sohne.

Als warnende Anzeichen ihm bedeuteten, daß sein Magen nicht mehr so widerstandsfähig wie in

alten Tagen war, stopfte er verzweifelt seine Pfeife und begann zu paffen. Die Leute fraßen

lärmend weiter und sahen zu. Nur wenige von ihnen konnten sich näherer Bekanntschaft mit dem

kostbaren Kraut Tabak rühmen, obwohl sie hin und wieder geringe Mengen, freilich von

abscheulicher Qualität, von Eskimos aus dem Norden kaufen konnten. Koogah, der neben ihm saß,

ließ verstehen, daß er nichts dagegen habe, auch einen Zug zu tun, und zwischen zwei Bissen

sog er mit Lippen, die dick mit Tran beschmiert waren, an der Bernsteinspitze drauflos. Und

hierauf hielt Nam-Bok sich mit zitternder Hand den Magen und lehnte es ab, die Pfeife

zurückzunehmen, als sie ihm wieder angeboten wurde. Koogah könnte sie gern behalten, sagte er,

denn er habe von Anfang an die Absicht gehabt, ihn damit zu beehren. Und die Leute leckten

sich die Finger und freuten sich über seine Freigebigkeit.

Opee-Kwan erhob sich. »Und jetzt, o Nam-Bok, ist der Schmaus zu Ende, und wir wollen die

Geschichten von den seltsamen Dingen hören, die du gesehen hast.«

Die Fischer klatschten Beifall, nahmen ihre Arbeit zur Hand und machten sich bereit, zu

lauschen. Die Männer befestigten Speerspitzen an die Schäfte und schnitzten in Elfenbein,

während die Frauen den Speck von den Robbenfellen schrapten und sie aufweichten oder mit

Sehnenfaden Kamicker nähten. Nam-Bok ließ seine Blicke über die Szene schweifen, aber sie

hatte nicht den Reiz, den seine Erinnerung ihn hatte erwarten lassen. In den Jahren seiner

Wanderung hatte er stets diese Szene vor Augen gehabt, und jetzt, da sie gekommen, war er

enttäuscht. Es schien ihm ein nacktes mageres Leben, nicht zu vergleichen mit dem, an das er

sich gewöhnt hatte. Aber dennoch wollte er ihnen die Augen ein wenig öffnen, und bei dem

Gedanken funkelten die seinen.

»Brüder«, begann er mit der behaglichen Selbstzufriedenheit eines Mannes, der im Begriffe ist,

seine eigenen großen Taten zu erzählen. »Letzten Sommer waren es schon viele Sommer her, seit

ich fortzog, gerade in solchem Wetter, wie dies zu werden scheint. Ihr erinnert euch alle des

Tages: die Möwen flogen niedrig, der Wind wehte stark vom Lande her, und ich konnte meine

Bidarka nicht gegen ihn halten. Ich band den Überzug der Bidarka dicht um mich zusammen, so

daß kein Wasser eindringen konnte, und kämpfte die ganze Nacht mit dem Sturm. Und am Morgen

war kein Land zu sehen – nur das Meer –, und der Festlandwind hielt mich fest in seinen Armen

und trug mich fort. Drei solcher Nächte erhellten sich zum Tagesgrauen, und kein Land zeigte

sich mir, und der Festlandwind wollte mich nicht loslassen. Und als der vierte Tag kam, war

ich wie von Sinnen. Von Hunger geschwächt, konnte ich das Ruder nicht ins Wasser stecken, und

der Kopf wirbelte mir von dem Durst, der über mir war. Aber das Meer war nicht mehr zornig,

und der milde Südwind blies, und als ich mich umsah, hatte ich einen Anblick, der mich glauben

ließ, daß ich den Verstand verloren hätte.«

Nam-Bok schwieg, um ein Stückchen Lachs zu entfernen, das sich zwischen seinen Zähnen

festgesetzt hatte. Männer und Frauen warteten mit müßigen Händen und vorgebeugten Köpfen.

»Ich erblickte ein Kanu, ein großes Kanu. Wenn alle Kanus, die ihr je gesehen habt, zu einem

einzigen vereinigt würden, so wäre es nicht so groß.«

Ausrufe von Zweifel wurden laut, und Koogah, der Uralte, schüttelte den Kopf.

»Wenn jede Bidarka ein Sandkorn wäre«, fuhr Nam-Bok trotzig fort, »und wenn es ebenso viele

Bidarkas gäbe wie Sandkörner hier am Strande, so würden sie dennoch kein so großes Kanu

ausmachen wie das, welches ich am Morgen des vierten Tages sah. Es war ein sehr großes Kanu

und wurde Schoner genannt. Ich sah, wie dieses Wunderding, dieser große Schoner, hinter mir

herkam, und auf ihm sah ich Männer…«

»Halt, o Nam-Bok!« unterbrach Opee-Kwan ihn. »Was für eine Art von Männern war das? – Große

Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich.«

»Kam das große Kanu schnell?«

»Ja.«

»Seine Seiten waren hoch und die Männer klein.«

Opee-Kwan bekräftigte diese Voraussetzungen in überzeugtem Ton. »Und ruderten diese Männer mit

langen Paddeln?«

Nam-Bok lächelte. »Es waren gar keine Paddel da«, sagte er.

Die Münder blieben offen, und ein langes Schweigen trat ein. Opee-Kwan lieh sich die Pfeife

von Koogah und machte ein paar nachdenkliche Züge. Eine der jüngeren Frauen kicherte erregt

und zog sich dafür zornige Blicke zu.

»Es waren keine Paddel da?« fragte Opee-Kwan sanft, indem er die Pfeife zurückgab.

»Der Südwind stand hinter ihnen«, erklärte ihm Nam-Bok.

»Aber der Wind treibt nur langsam.«

»Der Schoner hatte Flügel – so.« Er entwarf eine Zeichnung von Masten und Segeln im Sande, und

die Männer scharten sich darum und studierten sie. »Der Wind frischte auf«, und zur

Veranschaulichung ergriff er die Ecken vom Schal seiner Mutter und spannte ihn auf, bis er wie

ein Segel schwoll. Bask-Wah-Wan schalt und wehrte sich, wurde jedoch ein ganzes Stück den

Strand hinuntergeweht und landete hilflos auf einem Stapel Treibholz. Die Männer grunzten klug

und verständnisvoll, Koogah aber warf plötzlich sein graues Haupt hintenüber.

»Ho! Ho!« lachte er. »Ein verrücktes Ding, dies große Kanu! Ein ganz verrücktes Ding! Ein

Spielzeug für den Wind! Wohin der Wind geht, geht es auch. Kein Mann, der darin reist, kann im

voraus den Strand nennen, wo er landen wird, denn er geht immer mit dem Wind, und der Wind

geht irgendwie, aber keiner weiß wohin.«

»So ist es«, fügte Opee-Kwan ernst hinzu. »Mit dem Winde gehen ist leicht, aber gegen den Wind

muß man schwer kämpfen, und diese Männer mit dem großen Kanu hatten ja keine Paddel und

konnten daher nicht kämpfen.«

»Sie brauchten nicht zu kämpfen!« rief Nam-Bok ärgerlich. »Der Schoner ging auch gegen den

Wind.«

»Und was, sagtest du, ließ den Sch-Sch-Schoner gehen?« fragte Koogah und trippelte vorsichtig

über das fremde Wort.

»Der Wind«, lautete die ungeduldige Antwort.

»Der Wind ließ also den Sch-Sch-Schoner gegen den Wind gehen?« Der alte Koogah grinste ganz

offensichtlich Opee-Kwan an, und während das Lachen ringsum wuchs, fuhr er fort: »Der Wind

weht gleichzeitig sowohl von vorn wie von hinten. Das ist ganz einfach. Das verstehen wir,

Nam-Bok. Das verstehen wir ganz deutlich.«

»Du bist ein Narr!«

»Wahrheit fällt von deinen Lippen«, antwortete Koogah demütig. »Ich habe zu lange gebraucht,

um zu verstehen, und es war ja ganz einfach.«

Aber Nam-Boks Antlitz war düster, und er sprach einige schnelle Worte, die die andern nie

zuvor gehört hatten. Beinschnitzerei und Fellschrapen begannen wieder, aber er schloß die

Lippen dicht über der Zunge, der man nicht glauben konnte.

»Dieser Sch-Sch-Schoner«, fragte Koogah unerschütterlich, »er war wohl aus einem sehr großen

Baum gemacht?«

»Er war aus vielen Bäumen gemacht«, knurrte Nam-Bok kurz. »Er war sehr groß.«

Er versank wieder in finsteres Schweigen, und Opee-Kwan stieß Koogah an, der mit schlaffem

Erstaunen den Kopf schüttelte und murmelte: »Das ist sehr seltsam.«

Nam-Bok biß an. »Das ist noch gar nichts«, sagte er überlegen. »Da solltest du erst den

Dampfer sehen. Was das Sandkorn gegen die Bidarka und die Bidarka gegen den Schoner, das ist

der Schoner gegen den Dampfer. Dazu ist der Dampfer aus Eisen gemacht. Ganz und gar aus

Eisen.«

»Nein, nein, Nam-Bok!« rief der Häuptling. »Wie kann das sein? Eisen geht doch immer unter.

Ich habe einmal ein eisernes Messer von dem Häuptling des nächsten Dorfes erstanden, und

gestern glitt mir das Messer aus der Hand und fiel tief, tief ins Meer. Alle Dinge haben ihr

Gesetz. Nie geschieht etwas gegen das Gesetz. Das wissen wir. Und außerdem wissen wir, daß

alle Dinge derselben Art dasselbe Gesetz haben und daß alles Eisen dies Gesetz hat. So nimm

denn deine Worte zurück, Nam-Bok, damit wir dich in Ehren halten können.«

»Es ist so«, behauptete Nam-Bok. »Der Dampfer ist ganz aus Eisen und sinkt doch nicht.«

»Nein, nein, das kann nicht sein.«

»Ich hab’ es mit meinen eigenen Augen gesehen.«

»Das ist gegen die Natur der Dinge.«

»Aber sage mir, Nam-Bok«, unterbrach Koogah aus Furcht, daß die Geschichte nicht weitergehen

würde, »sage mir, wie diese Männer ihren Weg übers Meer finden, wenn es keine Küste gibt, nach

der sie steuern können.«

»Die Sonne zeigt ihnen den Weg.«

»Aber wie?«

»Zur Mittagszeit nimmt der Häuptling des Schoners ein Ding, durch das seine Augen nach der

Sonne sehen, und dann läßt er die Sonne vom Himmel bis zum Rand der Erde hinabsteigen.«

»Aber das ist doch böse Medizin!« rief Opee-Kwan entsetzt über den Frevel. Die Männer hoben

voll Schreck die Hände, und die Frauen stöhnten. »Das ist böse Medizin. Es ist nicht recht,

die große Sonne auf falschen Weg zu leiten, die Sonne, die die Nacht verjagt und uns Robben,

Lachs und Wärme schenkt.«

»Und wenn es nun böse Medizin wäre?« fragte Nam-Bok hart. »Ich habe selbst durch das Ding nach

der Sonne gesehen und die Sonne vom Himmel heruntersteigen lassen.«

Die Nächststehenden zogen sich eiligst von ihm zurück, und eine Frau verdeckte das Gesicht

ihres Säuglings, damit seine Augen nicht darauffielen.

»Aber am Morgen des vierten Tages, o Nam-Bok«, meinte Koogah, »am Morgen des vierten Tages,

als der Sch-Sch-Schoner hinter dir herkam?«

»Ich hatte nur noch wenig Kräfte und konnte nicht fliehen. So wurde ich an Bord geholt, und

man flößte mir Wasser in den Mund und gab mir gutes Essen. Zweimal, meine Brüder, habt ihr

einen weißen Mann gesehen. Diese Männer waren alle weiß, und es waren ihrer ebensoviele, wie

ich Finger und Zehen habe. Und als ich sah, daß sie voller Freundlichkeit waren, faßte ich Mut

und beschloß, auf alles zu achten, was ich sah. Und sie lehrten mich die Arbeit, die sie

selbst taten, und gaben mir gutes Essen und eine Stelle, wo ich schlafen konnte. Und Tag auf

Tag fuhren wir übers Meer, und jeden Tag zog der Häuptling die Sonne vom Himmel herunter und

ließ sich von ihr erzählen, wo wir waren. Und wenn die Wellen freundlich waren, jagten wir die

Pelzrobbe, und ich wunderte mich sehr, denn sie warfen immer Fleisch und Speck fort und

behielten nur das Fell.«

Opee-Kwans Mund zitterte heftig, und er wollte gegen eine solche Verschwendung protestieren,

als Koogah ihm mit einem Fußtritt bedeutete, daß er schweigen solle.

»Nach langer Zeit, als die Sonne fort war und die Schärfe des Frostes durch die Luft schnitt,

wandte der Häuptling die Nase des Schoners nach Süden. Nach Süden und Osten reisten wir Tag

auf Tag und bekamen nie Land in Sicht, bis wir in die Nähe des Dorfes kamen, aus dem die

Männer stammten.«

»Wie konnten sie wissen, daß sie in der Nähe waren?« fragte Opee-Kwan, der nicht länger an

sich halten konnte. »Es war ja kein Land in Sicht gekommen.«

Nam-Bok blickte ihn zornig an. »Sagte ich nicht, daß der Häuptling die Sonne vom Himmel

herunterholte?«

Koogah legte sich dazwischen, und Nam-Bok fuhr fort: »Wie gesagt, als wir in der Nähe des

Dorfes waren, kam ein starker Sturm, und nachts wußten wir nicht, wo wir waren.«

»Du sagtest doch eben, daß der Häuptling wußte…«

»Schweig, Opee-Kwan! Du bist ein Narr und kannst nicht verstehen. Wie gesagt, wir waren

hilflos in der Nacht, als ich durch den Lärm des Sturmes das Geräusch der Brandung hörte. Und

gleich darauf stießen wir mit einem mächtigen Krach auf, und ich fiel ins Wasser und schwamm.

Es war eine felsige Küste, wo es auf viele Meilen nur ein einziges Fleckchen flachen Sand gab,

und es war mir bestimmt, daß ich den Sand erreichte und mich mit den Händen aus der Brandung

zog. Die andern Männer müssen auf die Klippen gespült sein, denn keiner von ihnen kam an Land,

außer dem Häuptling, und ihn konnte ich nur an dem Ring an seinem Finger erkennen. Als der Tag

kam, war nichts mehr vom Schoner übrig, und ich wandte mein Gesicht dem Lande zu und wanderte

hinein, um Nahrung zu finden und Menschen zu treffen. Und als ich an ein Haus kam, wurde ich

empfangen und bekam zu essen, denn ich hatte ihre Sprache gelernt, und weiße Männer sind immer

freundlich. Und es war ein Haus, größer als alle Häuser, die wir und unsere Väter vor uns

gebaut haben.«

»Es war ein mächtiges Haus«, sagte Koogah und verbarg seinen Unglauben hinter Verwunderung.

»Und es gehören viele Bäume dazu, um ein solches Haus zu bauen«, fügte Opee-Kwan hinzu, indem

er es dem andern nachmachte.

»Das ist gar nichts.« Nam-Bok zuckte geringschätzig die Achseln. »Was unsere Häuser gegen das

Haus, das war das Haus gegen die Häuser, die ich später sehen sollte.«

»Und es sind keine großen Männer?«

»Nein, gewöhnliche Männer wie du und ich«, antwortete Nam-Bok. »Ich hatte mir einen Stock

geschnitten, um bequemer zu gehen, und da ich daran dachte, euch, meinen Brüdern, zu melden,

was ich zu sehen bekam, so schnitt ich für jeden Menschen, der in dem Hause wohnte, eine Kerbe

in den Stock. Und dort blieb ich viele Tage und arbeitete, und zum Lohn gaben sie mir Geld –

etwas, das ihr nicht kennt, das aber sehr gut ist. Und eines Tages verließ ich den Ort und

ging weiter ins Land hinein. Und während ich ging, traf ich viele Menschen, und ich schnitt

kleinere Kerben in meinen Stock, damit für sie alle Platz wäre. Und da stieß ich auf ein

seltsames Ding. Auf dem Boden vor mir lag eine Eisenstange, so dick wie ein Arm, und einen

weiten Schritt davon lag eine andere Eisenstange…«

»Da warst du ein reicher Mann«, versicherte Opee-Kwan, »denn Eisen ist mehr wert als alles

andere auf der Welt. Es muß für viele Messer gereicht haben.«

»Ja, aber es gehörte nicht mir.«

»Du hattest es gefunden, und was man findet, darf man behalten.«

»Nein, die weißen Männer hatten es dort hingelegt. Und außerdem waren diese Stangen so lang,

daß kein Mensch sie forttragen konnte – so lang, daß sie kein Ende hatten, so weit man sehen

konnte.«

»Nam-Bok, das ist sehr viel Eisen«, warnte Opee-Kwan.

»Ja, es war schwer zu glauben, selbst als ich es mit eigenen Augen sah; aber ich konnte meine

eigenen Augen nicht widerlegen. Und als ich es betrachtete, hörte ich…«

Er wandte sich plötzlich zu dem Häuptling. »Opee-Kwan, du hast den Seelöwen im Zorn brüllen

hören. Denke dir nur, so viele Seelöwen, wie Wellen im Meere sind, und denke dir, daß alle

diese Seelöwen zu einem einzigen Seelöwen geworden sind, und wie dieser eine Seelöwe brüllen

würde, so brüllte das Ding, das ich hörte.«

Die Fischer stießen laute Rufe des Erstaunens aus, und Opee-Kwans Mund öffnete sich und blieb

offenstehen.

»Und in der Ferne sah ich ein Ungeheuer wie tausend Wale. Es war einäugig und spie Rauch aus,

und es schnaufte entsetzlich laut. Ich fürchtete mich und lief auf zitternden Beinen den Weg

zwischen den Stangen entlang. Aber es kam mit der Schnelligkeit des Windes, dieses Ungeheuer,

und ich lief fort von den Eisenstangen, als es mir seinen heißen Atem ins Gesicht blies…«

Opee-Kwan gewann die Herrschaft über seinen Mund wieder. »Und – und was dann, o Nam-Bok?«

»Dann lief es weiter die Stangen entlang und tat mir nichts, und als ich wieder auf den Beinen

stehen konnte, war es nicht mehr zu sehen. Und das war etwas ganz Gewöhnliches in diesem Land.

Selbst Frauen und Kinder fürchten sich nicht davor. Die Männer lassen sie für sich arbeiten,

diese Ungeheuer.«

»Wie wir unsere Hunde arbeiten lassen?« fragte Koogah mit skeptischem Augenzwinkern.

»Ja, wie wir unsere Hunde arbeiten lassen.«

»Und wie vermehren sie sich, diese – diese Dinge?« fragte Opee-Kwan.

»Sie vermehren sich gar nicht. Die Menschen machen sie sinnreich aus Eisen, füttern sie mit

Steinen und geben ihnen Wasser zu trinken. Die Steine werden zu Feuer, und das Wasser wird zu

Dampf, und der Wasserdampf ist der Atem in ihren Nüstern, und…«

»So so, o Nam-Bok«, unterbrach Opee-Kwan ihn. »Erzähl uns von andern Wundern. Dies ermüdet

uns, da wir es nicht verstehen können.«

»Versteht ihr es nicht?« fragte Nam-Bok verzweifelt.

»Nein, wir verstehen es nicht«, antworteten die Männer und Frauen klagend. »Wir können es

nicht verstehen.«

Nam-Bok dachte an eine komplizierte Mähmaschine und an die Maschinen, in denen man Bilder

lebender Menschen sehen konnte, und an die Maschinen, aus denen Menschenstimmen kamen, und er

wußte, daß sein Volk sie nie verstehen würde.

»Darf ich sagen, daß ich auf diesem eisernen Ungeheuer durch das Land ritt?« fragte er bitter.

Opee-Kwan hob die Hände mit nach außen gekehrten Flächen in offenbarem Unglauben. »Weiter.

Sag, was du willst. Wir lauschen.«

»Ja, dann ritt ich auf diesem Ungeheuer und gab Geld dafür…«

»Du sagtest doch, es würde mit Steinen gefüttert.«

»Und ich sagte auch, du Narr, daß Geld etwas sei, wovon ihr nichts verständet. Wie gesagt, ich

ritt auf dem Ungeheuer durch das Land und durch viele Dörfer, bis ich in ein großes Dorf an

einem salzigen Meeresarm kam. Und die Häuser hoben ihre Dächer ganz bis zwischen die Sterne

des Himmels, und die Wolken trieben an ihnen vorbei, und überall war viel Rauch. Und der Lärm

in dem Dorfe war wie das Brüllen des Meeres im Sturm, und die Menschen waren so zahlreich, daß

ich meinen Stock wegwarf und nicht mehr an die Kerben dachte.«

»Hättest du die Kerben ganz klein gemacht«, sagte Koogah vorwurfsvoll, »so hättest du uns

Nachricht bringen können.«

Nam-Bok schnellte zornig zu ihm herum. »Wenn ich die Kerben ganz klein gemacht hätte! Hör zu,

Koogah, du Knochenkratzer! Wenn ich die Kerben auch ganz klein gemacht hätte, so würde doch

weder der Stock noch zwanzig Stöcke – ja, nicht einmal alles Treibholz am ganzen Strande

zwischen diesem Dorf und dem nächsten für sie Platz gehabt haben. Und wenn ihr alle, Frauen

und Kinder inbegriffen, zwanzigmal so viele wäret und jeder zwanzig Hände und einen Stock und

ein Messer in jeder Hand hättet, so könntet ihr doch nicht Kerben schneiden für alle Menschen,

die ich sah, so viele waren es und so schnell kamen und gingen sie.«

»So viele Menschen kann es in der ganzen Welt nicht geben«, wandte Opee-Kwan, halb betäubt,

ein, denn sein Sinn konnte eine solche Zahl nicht fassen.

»Was weißt du von der ganzen Welt und davon, wie groß sie ist?« fragte Nam-Bok.

»Aber es können doch nicht so viele Menschen an einem Ort sein.«

»Wer bist du, daß du sagen kannst, was sein und was nicht sein kann?«

»Es kann sich doch jeder selbst sagen, daß nicht so viele Menschen an einem Ort sein können.

Ihre Kanus würden ja das ganze Meer füllen, so daß kein Platz mehr wäre. Und sie könnten jeden

Tag das Meer von Fischen leeren und würden doch nicht Nahrung genug haben.«

»So sollte es scheinen«, lautete Nam-Boks endgültige Antwort. »Aber dennoch war es so. Ich sah

es mit eigenen Augen, und ich warf meinen Stock weg.«

Er gähnte tief und erhob sich.

»Ich bin weit gerudert. Der Tag ist lang gewesen, und ich bin müde. Jetzt will ich schlafen,

und morgen werden wir mehr von den Dingen reden, die ich gesehen habe.«

Bask-Wah-Wan humpelte ängstlich vor, zwar stolz, aber dennoch ängstlich besorgt um ihren

wunderbaren Sohn, und führte ihn in ihr Iglu, wo sie ihn in die fettigen, übelduftenden Felle

stopfte. Die Männer aber blieben am Feuer sitzen und hielten Rat mit vielem Flüstern und

leiser Rede und Widerrede.

Eine Stunde verging und noch eine, und Nam-Bok schlief, während die Beratung ihren Fortgang

nahm. Die Abendsonne sank im Nordwesten, und um elf Uhr stand sie fast genau im Norden.

Da verließen der Häuptling und der Beinschnitzer den Rat, gingen zu Nam-Bok und weckten ihn.

Er blinzelte sie an und drehte sich auf die andere Seite, um weiterzuschlafen. Aber Opee-Kwan

ergriff ihn am Arm und schüttelte ihn freundlich, aber bestimmt, bis er zu sich kam.

»Komm, Nam-Bok, steh auf!« befahl er. »Es ist Zeit.«

»Wieder ein Schmaus?« rief Nam-Bok. »Nein, ich bin nicht hungrig. Eßt ihr nur weiter und laßt

mich schlafen.«

»Es ist Zeit, daß du gehst!« donnerte Koogah.

Aber Opee-Kwan sprach sanfter. »Du warst mein Bidarka-Kamerad, als wir Knaben waren«, sagte

er. »Gemeinsam lernten wir die Robbe jagen und den Lachs fangen. Und du zogst mich ins Leben

zurück, Nam-Bok, als das Meer sich über mir schloß und ich hinabgezogen wurde zu den schwarzen

Felsen. Gemeinsam hungerten wir und fanden uns in die Qual des Frostes, und gemeinsam krochen

wir unter ein Fell und lagen dicht aneinander. Und wegen all diesem und wegen der

Freundschaft, die ich für dich hegte, tut es mir so sehr leid, daß du als ein so schrecklicher

Lügner zurückgekommen bist. Wir können die Dinge, die du gesagt hast, nicht verstehen, und uns

schwindeln die Köpfe davon. Und deshalb schicken wir dich fort, damit unsere Köpfe klar und

stark bleiben und nicht von den unbegreiflichen Dingen verwirrt werden.«

»Diese Dinge, von denen du sprichst, sind Schatten«, ergriff Koogah das Wort. »Du hast sie aus

der Schattenwelt gebracht, und zur Schattenwelt mußt du sie zurückbringen. Deine Bidarka ist

bereit, und der Stamm wartet. Sie können nicht schlafen, ehe du fortgezogen bist.«

Nam-Bok war verblüfft, lauschte aber der Stimme des Häuptlings.

»Wenn du Nam-Bok bist«, sagte Opee-Kwan, »so bist du ein schrecklicher und höchst wunderbarer

Lügner; bist du aber Nam-Boks Schatten, so sprichst du von Schatten, und es ist nicht gut, daß

lebende Menschen etwas davon wissen. Das große Dorf, von dem du sprichst, muß ein Dorf der

Schatten sein. Darin schweben die Seelen der Toten, denn der Toten sind viele und der Lebenden

wenige. Die Toten kehren nicht wieder. Nie ist ein Toter wiedergekehrt – außer dir mit deinen

wunderbaren Geschichten. Es ist nicht schicklich, daß die Toten wiederkehren, und würden wir

es erlauben, so könnte großes Unglück über uns kommen.«

Nam-Bok kannte sein Volk gut und wußte, daß die Stimme des Rates unumstößlich war. Daher ließ

er sich an den Strand führen, wo man ihn in seine Bidarka setzte und ihm ein Paddelruder in

die Hand gab.

Eine einsame Wildgans schrie draußen auf dem Meere, und die Brandung schlug lässig und hohl

gegen den Sand. Eine trübe Dämmerung brütete über Land und Meer, und gegen Norden glühte

schwach und unfreundlich, in blutrote Nebel gehüllt, die Sonne. Die Möwen flogen niedrig. Der

Festlandwind wehte scharf und kalt, und die schwarzen Wolkenmassen im Hintergrunde versprachen

schlechtes Wetter.

»Vom Meere kamst du«, sang Opee-Kwan orakelhaft, »und zum Meere gehst du. So ist alles

ausgeglichen und dem Gesetz Genüge getan.«

Bask-Wah-Wan humpelte an den Schaumrand und rief: »Ich segne dich, Nam-Bok, weil du an mich

dachtest.«

Aber Koogah schob Nam-Bok vom Strande ab, riß ihr den Schal von der Schulter und warf ihn in

die Bidarka.

»Es ist kalt in den langen Nächten«, jammerte sie, »und der Frost beißt in alte Knochen.«

»Das Ding ist ein Schatten«, antwortete der Beinschnitzer, »und Schatten können dich nicht

erwärmen.«

Nam-Bok erhob sich, damit man seine Stimme an Land hören konnte.

»Oh, Bask-Wah-Wan, Mutter, die mich gebar!« rief er. »Lausche den Worten deines Sohnes Nam-

Bok. Seine Bidarka hat Platz für zwei, und er will dich gern mitnehmen. Denn er reist dorthin,

wo es voll ist von Fischen und Tran. Dorthin kommt der Frost nicht, dort ist das Leben bequem,

und Eisendinge tun die Arbeit der Menschen. Willst du mitkommen, o Bask-Wah-Wan?«

Sie zögerte einen Augenblick, während die Bidarka schnell abtrieb, und erhob dann ihre Stimme

in zitterndem Diskant: »Ich bin alt, Nam-Bok, und muß bald zu den Schatten gehen. Aber ich

möchte nicht gehen, ehe meine Zeit gekommen ist. Ich bin alt, Nam-Bok, und ich fürchte mich.«

Ein Lichtstrahl schoß über das schwach beleuchtete Meer und warf auf das Boot und den Mann

einen rotgoldenen Glanz.

Es ward still unter den Fischern, und man hörte nichts mehr als das Stöhnen des Festlandwindes

und die Schreie der niedrig fliegenden Möwen.

* * *

Der Herr des Geheimnisses

Es herrschte Jammer im Dorfe. Die Frauen riefen mit schrillen, hohen Stimmen durcheinander.

Die Männer sahen finster und unschlüssig drein, und selbst die Hunde streiften unsicher umher,

erschrocken über die Unruhe im Lager und bereit, sich beim ersten Ausbruch von Unruhen in die

Wälder zurückzuziehen. Die Luft war schwül von Mißtrauen. Kein Mensch war seines Nachbarn

sicher, und jeder war sich bewußt, daß seine Kameraden ihm gegenüber ebenso unsicher waren.

Selbst die Kinder befanden sich in gedrückter und feierlicher Stimmung, und der kleine Di Ya,

die Ursache von allem, hatte erst von seiner Mutter Hooniah, dann von seinem Vater Bawn eine

tüchtige Tracht Prügel bekommen und wimmerte nun und betrachtete die Welt vorwurfsvoll im

Schutze der großen umgestürzten Kanus am Strande.

Und um es gar noch schlimmer zu machen, war Scundoo, der Schamane, in Ungnade gefallen, und

man konnte nun seinen Zauber nicht in Anspruch nehmen, um den Missetäter zu finden. Hatte doch

Scundoo vor einem Monat guten Südwind versprochen, daß der Stamm nach dem Potlatch in Tonkin

reisen konnte, wo Taku Jim auszugeben gedachte, was er sich seit zwanzig Jahren erspart hatte.

Und als der Tag kam, wehte ein scharfer Nordwind, und von den drei ersten Kanus, die sich

hinauswagten, wurde eins von der schweren See vollgeschlagen und die beiden andern auf den

Klippen zerschmettert, wobei ein Kind ertrank. Er hätte versehentlich den falschen Sack

geöffnet, erklärte er. Aber die Leute wollten ihm kein Gehör schenken; die Opfer von Fleisch,

Fisch und Fellen fanden nicht mehr den Weg zu seiner Tür, und nun saß er drinnen und schmollte

und tat bittere Buße beim Fasten, wie sie glaubten; in Wirklichkeit aß er gründlich von seinen

reichen Vorräten und grübelte über den Wankelmut der Menge.

Hooniahs Decken waren verschwunden. Es waren gute Decken, wunderbar dick und warm, und

Hooniahs Stolz auf sie wurde noch dadurch erhöht, daß sie so billig zu ihnen gekommen war.

Ty-Kwan aus dem Nachbardorfe war ein Narr, daß er sie so preiswert abgelassen hatte. Aber sie

wußte allerdings nicht, daß sie aus dem Besitz des ermordeten Engländers stammten, wegen

dessen Verschwinden der Kutter der Vereinigten Staaten lange Zeit die Küste entlang

geschnüffelt hatte, während Jollen die geheimen Einläufe durchschnauften und durchfauchten.

Und da sie nicht wußte, daß Ty-Kwan Eile gehabt hatte, die Decken loszuwerden, damit sein

eigenes Volk der Regierung keine Rechenschaft abzulegen brauchte, war Hooniahs Stolz

unerschüttert. Und weil die andern Frauen sie beneideten, war ihr Stolz ohne Ende und

schrankenlos, so daß er sich über die Grenzen des Dorfes hinaus über die ganze Küste Alaskas

von Dutch Harbour bis St. Mary verbreitete. Ihr Totem war mit Recht berühmt, und ihr Name

lebte auf den Lippen von Männern, wo immer Männer zusammenkamen, um zu fischen oder zu

schmausen, eben wegen der Decken und deren wunderbarer Dicke und Wärme. Nun aber waren sie

verschwunden – man stand vor einem Mysterium.

»Ich hatte sie gerade an die Hüttenwand in die Sonne zum Trocknen gehängt«, erklärte Hooniah

zum tausendsten Male ihren Thlinket-Schwestern. »Ich hatte sie gerade aufgehängt und mich

umgedreht; denn Di Ya, der Teigdieb und Mehlfresser, der er ist, stand kopfüber in dem großen

eisernen Topf, so daß seine Beine wie die Zweige eines Baumes im Winde schwankten. Und ich

hatte ihn eben herausgezogen und zweimal mit dem Kopf gegen die Tür gestoßen, um ihm Vernunft

beizubringen – und denkt euch: da waren die Decken weg!«

»Weg waren die Decken!« wiederholten die Frauen in ehrfurchtsvollem Flüstern.

»Ein schwerer Verlust«, sagte eine, und eine zweite: »Nie hat es solche Decken gegeben.« Und

eine dritte: »Dein Verlust tut uns leid, Hooniah.« Dennoch war jede der Frauen im Herzen froh,

daß die abscheulichen Decken, die so viel Zwietracht veranlaßt hatten, weg waren.

»Ich hatte sie gerade in die Sonne gehängt«, begann Hooniah zum tausendundersten Male.

»Jaja«, sagt Bawn müde. »Aber es war keiner von den Spitzbuben aus andern Dörfern hier. Und

daher ist es klar, daß es irgend jemand von unserm eigenen Stamme gewesen sein muß, der sich

an den Decken vergriffen hat.«

»Wie ist das möglich, o Bawn?« ertönte es in ärgerlichem Chor von den Frauen. »Wer sollte das

sein?«

»Dann ist es Hexerei gewesen«, fuhr Bawn stumpfsinnig fort, ließ jedoch einen schlauen Blick

über ihre Gesichter schweifen.

»Hexerei!« Und bei dem furchtbaren Worte dämpften sie ihre Stimmen und blickten sich ängstlich

an.

»Ja«, bestätigte Hooniah, und einen Augenblick flammte die versteckte Bosheit in ihr jubelnd

auf.

»Und sie haben nach Klok-No-Ton geschickt und starke Ruder mitgegeben. Er kommt sicher mit der

Nachmittagsflut.«

Die kleinen Gruppen brachen auf, und Furcht legte sich auf das Dorf. Von allem Unglück war

Hexerei das entsetzlichste. Mit den ungreifbaren und unsichtbaren Mächten konnten nur die

Schamanen es aufnehmen, und weder Mann noch Weib oder Kind konnte bis zum Augenblick der Probe

wissen, ob ihre Seelen vom Teufel besessen waren oder nicht. Und von allen Schamanen war

Klok-No-Ton, der im Nachbardorfe wohnte, der furchtbarste. Keiner fand mehr böse Geister als

er, keiner suchte seine Opfer mit schrecklicheren Foltern heim. Einmal hatte er sogar einen

Teufel gefunden, der im Leibe eines drei Monate alten Kindes wohnte – einen äußerst

widerspenstigen Teufel, der sich erst austreiben ließ, nachdem das Kind eine ganze Woche auf

Dornen gelegen hatte. Die Leiche war dann ins Meer geworfen worden, aber die Wellen

schleuderten sie immer wieder an den Strand wie einen Fluch über das Dorf, und sie verschwand

erst wirklich, als zwei kräftige Männer bei Ebbe an Pfähle gebunden und ertränkt waren.

Und nach diesem Klok-No-Ton hatte Hooniah jetzt geschickt. Besser wäre es gewesen, wenn

Scundoo, ihr eigener Schamane, sich nicht mit Schande bedeckt hätte. Denn er war immer milder

aufgetreten und hatte einmal zwei Teufel aus einem Manne gejagt, der später sieben gesunde

Kinder zeugte. Aber Klok-No-Ton! Es schauderte sie vor trüben Ahnungen bei dem Gedanken an

ihn, und jeder einzige fühlte sich als das Ziel anklagender Augen und sah anklagend die andern

an – jeder einzige, mit Ausnahme von Sime, und Sime war ein Lästerer, dessen schlimmes Ende

mit Sicherheit vorausbestimmt war, die durch seine Erfolge nicht erschüttert werden konnte.

»Ho! Ho!« lachte er. »Teufel und Klok-No-Ton! Es gibt keinen größeren Teufel als ihn selber im

ganzen Thlinket-Lande.«

»Du Narr! Jetzt kommt er gerade mit seinen Hexereien und Zauberkünsten; halte deine Zunge im

Zaum, daß dir nichts Böses widerfährt und deine Tage nicht kurz werden im Lande!«

So sprach La-lah, auch der Sünder genannt, und Sime lachte höhnisch.

»Ich bin Sime, der keine Angst kennt und sich nicht fürchtet vor der Dunkelheit. Ich bin ein

starker Mann, wie mein Vater vor mir, und mein Kopf ist klar. Weder du noch ich, keiner von

uns beiden hat die unsichtbaren bösen Mächte mit Augen gesehen.«

»Aber Scundoo hat es«, antwortete La-lah. »Und Klok-No-Ton auch. Das wissen wir.«

»Woher weißt du das, du Sohn eines Toren?« donnerte Sime, und sein heißes Blut färbte seinen

dicken Stierhals.

»Aus ihrem eigenen Munde, daß du es weißt.«

Sime schnaubte. »Ein Schamane ist auch nur ein Mensch. Können seine Worte nicht falsch sein

wie deine und meine? Pah! Pah! Nicht so viel gebe ich für alle deine Schamanen und alle Teufel

deiner Schamanen!«

Und nach rechts und links mit den Fingern schnippend, verließ Sime den Kreis der Zuschauer,

die ihm ängstlich und beflissen Platz machten.

»Ein guter Fischer und ein starker Jäger, aber ein böser Mensch«, sagte einer.

»Aber er gedeiht doch«, grübelte ein anderer.

»Darum sei auch du böse und gedeihe«, gab Sime über die Schulter zurück. »Und wenn ihr alle

böse wäret, so brauchtet ihr keinen Schamanen. Pah! Ihr seid Kinder, die sich vor der

Dunkelheit fürchten!«

Und als Klok-No-Ton mit der Nachmittagsflut kam, klang Simes trotziges Lachen noch ebenso

dreist, ja, er konnte sich nicht einmal einen Witz verbeißen, als der Schamane beim Landen auf

dem Sande ausglitt. Klok-No-Ton blickte ihn mürrisch an und schritt grußlos mitten durch sie

hindurch nach Scundoos Haus.

Über die Begegnung mit Scundoo erfuhr keiner vom Stamme etwas, denn sie standen ehrerbietig in

einiger Entfernung zusammen und flüsterten miteinander, während die Herren des Geheimnisses

sich trafen.

»Sei gegrüßt, o Scundoo!« brummte Klok-No-Ton, augenscheinlich im Zweifel, wie der andere ihn

empfangen würde.

Er war ein wahrer Riese und ragte weit über den kleinen Scundoo empor, dessen dünne Stimme wie

das schwache ferne Zirpen einer Grille tönte.

»Sei gegrüßt, Klok-No-Ton«, antwortete er. »Dein Kommen macht den Tag schön.«

»Aber es scheint…«, Klok-No-Ton zögerte.

»Jaja«, fiel der kleine Schamane ungeduldig ein, »daß böse Tage über mich gekommen sind, sonst

brauchte ich dir nicht zu danken, daß du meine Arbeit tust.«

»Es tut mir leid, Freund Scundoo…«

»Nein, ich freue mich, Klok-No-Ton.«

»Aber ich will dir die Hälfte von dem geben, was man mir gibt.«

»Nein, nein, mein guter Klok-No-Ton«, murmelte Scundoo mit einer abwehrenden Handbewegung.

»Ich bin dein Sklave, und meine Tage sind von dem Wunsch erfüllt, dir Freundschaft zu

erweisen.«

»Wie auch ich…«

»Wie auch du mir jetzt Freundschaft erweisest.«

»Ist dem so, so sage mir, ob es eine schlimme Geschichte mit den Decken dieser Frau Hooniah

ist?«

Der große Schamane fühlte sich vorsichtig vor, und Scundoo lächelte ein blasses fahles

Lächeln, denn er war gewohnt, in den Herzen der Menschen zu lesen, und alle Menschen

erschienen ihm sehr klein.

»Du hast immer starke Medizin gebraucht«, sagte er. »Zweifellos wirst du bald den Täter

entdecken.«

»Ja, bald, sobald meine Augen ihn gesehen haben.« Wieder zögerte Klok-No-Ton. »Sind Spitzbuben

von anderswo hier gewesen?« fragte er.

Scundoo schüttelte den Kopf. »Sieh! Ist das nicht ein prachtvoller Kamik?«

Er hielt den Schuh aus Robbenfell und Walroßhaut hoch, und sein Gast untersuchte ihn mit

heimlichem Interesse.

»Ich bekam ihn billig.«

Klok-No-Ton nickte aufmerksam.

»Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah. Er ist ein merkwürdiger Mann, und ich habe oft gedacht…«

»So?« sagte Klok-No-Ton ungeduldig auf gut Glück.

»Ich habe oft gedacht«, schloß Scundoo, indem er die Stimme senkte und eine Pause machte. »Es

ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark, Klok-No-Ton.«

Klok-No-Tons Gesicht klärte sich auf. »Du bist ein großer Mann, Scundoo, ein Schamane unter

den Schamanen. Jetzt gehe ich. Ich werde stets an dich denken. Und der Mann La-lah ist, wie du

sagst, ein merkwürdiger Mann.«

Scundoo lächelte, noch fahler und blasser, schloß die Tür hinter seinem sich entfernenden

Gaste und verriegelte sie sorgsam.

Sime setzte sein Kanu instand, als Klok-No-Ton an den Strand kam, und er unterbrach seine

Arbeit gerade lange genug, um herausfordernd seine Büchse zu laden und neben sich zu legen.

Der Schamane bemerkte es und rief: »Laß alle Leute sich hier an dieser Stelle versammeln! So

befiehlt Klok-No-Ton, der Teufelsucher und Teufelaustreiber!«

Er hatte sie eigentlich bei Hooniahs Hause versammeln wollen, es war aber notwendig, daß alle

dabei waren, und er zweifelte an Simes Gehorsam und wollte sich ungern mit ihm einlassen. Sime

war seiner Meinung nach ein Mann, den man am besten in Frieden ließ und mit dem in Streit zu

geraten für einen Schamanen überhaupt nicht geraten war.

»Laßt das Weib Hooniah vortreten«, befahl Klok-No-Ton und blickte wütend im Kreise herum, so

daß denen, die er ansah, ein kalter Schauder den Rücken hinabrann.

Hooniah watschelte vor mit gesenktem Haupt und abgewandtem Blick.

»Wo sind deine Decken?«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gehängt, und dann waren sie weg!« jammerte sie.

»So?«

»Es war Di Yas Schuld.«

»So?«

»Er hat eine tüchtige Tracht Hiebe bekommen und soll noch mehr haben, weil er Unglück über uns

arme Leute gebracht hat.«

»Die Decken!« brüllte Klok-No-Ton heiser, der voraussah, daß sie von dem Preis, den sie

bezahlen sollte, abhandeln wollte. »Die Decken, Weib! Daß du reich bist, wissen wir.«

»Ich hatte sie eben in die Sonne gelegt«, greinte sie, »und wir sind arme Leute und haben

nichts.«

Sein ganzer Körper wurde plötzlich starr, sein Gesicht verzog sich zu einer häßlichen

Grimasse, und Hooniah schauderte zurück. Aber da sprang er plötzlich mit verdrehten Augen und

herabhängendem Unterkiefer auf sie los, daß sie stolperte und vor ihm niederfiel, wo sie, sich

krümmend, liegenblieb. Er machte wilde Armbewegungen und peitschte die Luft, während sein

Körper sich wie in Qualen wand und drehte. Er sah aus, als habe er einen epileptischen Anfall

erlitten. Weißer Schaum stand ihm auf den Lippen, und sein Körper erschauerte und zitterte in

Krämpfen.

Die Frauen brachen in einen jammernden Gesang aus und wiegten sich in völliger Selbstaufgabe

vor und zurück, und die Männer erlagen einer nach dem andern der Erregung, bis nur Sime noch

übrig war. Er saß rittlings auf seinem Kanu und sah mit spöttischer Miene zu; aber dennoch

lasteten die Vorfahren, deren Abkomme er war, schwer auf ihm, und er schwor seine stärksten

Eide, um sich zu ermutigen. Klok-No-Ton war schrecklich anzusehen. Er hatte seine Decke

abgeworfen und sich die Kleider vom Leibe gerissen, so daß er, bis auf einen Gürtel von

Adlerklauen um die Lenden, ganz nackt war. Unter Schreien und Heulen sprang er mit flatterndem

langem, schwarzem Haar wie ein nächtlicher Schatten im Kreise umher. Sein Wahn drückte sich in

einem gewissen unkultivierten Rhythmus aus, der schließlich alle beherrschte, so daß ihre

Leiber im Takt mit dem seinen schwangen und ihre Schreie mit den seinen zusammenklangen. Da

blieb er plötzlich starr aufrecht sitzen und streckte einen langen krallenartigen Finger aus.

Ein leises Stöhnen, wie vom Tode, erklang, und das Volk kroch mit zitternden Knien zusammen,

während der entsetzliche Finger über sie hinglitt. Denn der Tod wanderte mit ihm, und das

Leben blieb bei denen, die ihn vorübergehen sahen, und die, an denen er vorbeigegangen war,

folgten ihm mit eifrigem Interesse. Zuletzt ertönte ein furchtbarer Schrei, und der

unheilvolle Zeigefinger blieb auf La-lah haften. Der zitterte wie Espenlaub und sah sich im

Geiste bereits tot, seinen Besitz in alle Winde zerstreut und seine Witwe mit seinem Bruder

verheiratet. Er versuchte zu sprechen, zu leugnen, aber die Zunge klebte ihm am Gaumen, und

die Kehle war ihm wie vor unerträglichem Durst verdorrt. Klok-No-Ton schien jetzt, da sein

Werk vollbracht, halb ohnmächtig zu sein, aber er wartete mit geschlossenen Augen und

lauschte, ob das große Blutgeschrei sich erhob – das große Blutgeschrei, das seine Ohren so

gut kannten aus tausend Beschwörungen, wenn der Stamm sich wie Wölfe über das zitternde Opfer

gestürzt hatte. Aber hier herrschte nur Schweigen, dann ertönte ein leises Kichern und wuchs,

bis sich eine mächtige Woge von Lachen bis zum Himmel erhob. »Was heißt das?« rief er.

»Na, na!« lachte das Volk. »Deine Medizin taugt nichts, o Klok-No-Ton!«

»Alle wissen«, stammelte La-lah, »daß ich acht lange Monate weit fort mit den Siwash-

Robbenfängern jagte und erst heute morgen heimgekommen bin und gehört habe, daß Hooniahs

Decken verschwunden waren, ehe ich kam!«

»Das ist wahr!« schrien sie einstimmig. »Hooniahs Decken waren verschwunden, ehe er kam!«

»Und du bekommst keine Bezahlung für deine Medizin, die nichts taugt«, erklärte Hooniah, die

wieder auf die Beine gekommen war und unter dem Gefühl litt, sich lächerlich gemacht zu haben.

Aber Klok-No-Ton sah nur Scundoos Gesicht mit dem blassen, fahlen Lächeln vor sich und hörte

nur das schwache ferne Grillenzirpen: »Ich kaufte ihn von dem Manne La-lah, und ich habe oft

gedacht« und »Es ist schönes Wetter heute, und deine Medizin ist stark.«

Er schoß an Hooniah vorbei, und der Kreis machte ihm instinktiv Platz. Sime rief ihm von

seinem Kanu aus eine Anzüglichkeit zu, die Frauen kicherten ihm ins Gesicht, höhnische Rufe

ertönten hinter ihm her, aber ohne sich darum zu kümmern, eilte er nach Scundoos Haus. Er

donnerte an die Tür, schlug mit geballten Fäusten auf sie los und heulte Verwünschungen. Aber

es kam keine Antwort, nur in den Pausen erklang Scundoos Stimme in unheimlichen

Zaubergesängen. Klok-No-Ton raste wie ein Verrückter, als er aber die Tür mit einem großen

Stein einzuschlagen versuchte, ertönte Knurren von Männern und Frauen. Und er, Klok-No-Ton,

wußte, daß er hier, seiner Stärke und Autorität beraubt, einem fremden Volke gegenüberstand.

Er sah, wie ein Mann sich nach einem Stein bückte, sah, wie ein zweiter dasselbe tat, und er

wurde von Furcht gepackt.

»Tu Scundoo nichts, er ist ein Meister!« rief eine Frau.

»Es ist am besten, wenn du in dein eigenes Dorf zurückkehrst!« rief ein Mann drohend.

Klok-No-Ton machte kehrt und schritt durch sie hindurch zum Strande hinunter, grimmige Wut im

Herzen und in seinem Kopfe begründete Besorgnis um seinen wehrlosen Ruf. Aber kein Stein wurde

ihm nachgeworfen. Die Kinder umschwärmten ihn mit Spottworten, und die Luft erscholl von

Hohngelächter, aber das war auch alles. Immerhin atmete er erst auf, als sein Kanu auf offener

See war. Da erhob er sich und schleuderte einen zwecklosen Bannstrahl auf das ganze Dorf und

seine Bewohner und vergaß nicht, Scundoo, der ihn angeführt hatte, besonders zu erwähnen.

An Land rief man nach Scundoo, und die Bevölkerung scharte sich um seine Tür und bat und

flehte in babylonischer Verwirrung, bis er mit erhobener Hand heraustrat.

»Da ihr meine Kinder seid, bin ich bereit, euch zu verzeihen«, sagte er. »Aber nur dieses eine

Mal. Es ist das letztemal, daß ich euch eure Torheit ungestraft hingehen lasse. Was ihr

wünscht, soll erfüllt werden und ich weiß schon, was es ist. Heute nacht, wenn der Mond hinter

die Welt gegangen ist, um die mächtigen Toten anzuschauen, soll das Volk sich in der

Dunkelheit um Hooniahs Haus versammeln. Dann soll der Missetäter vortreten und seinen

verdienten Lohn empfangen. Ich habe gesprochen.«

»Und er soll den Tod erleiden«, brüllte Bawn, »denn er hat uns Kummer und Schande gebracht!«

»So sei es denn«, erwiderte Scundoo und schloß seine Tür.

»Jetzt wird alles an den Tag kommen, und Zufriedenheit wird unter uns herrschen«, erklärte

La-lah orakelhaft.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Hilfe«, höhnte Sime.

»Durch Scundoo, des kleinen Mannes Medizin«, berichtigte La-lah.

»Kinder der Torheit, dieses Thlinket-Volk!«

Sime schlug sich klatschend auf den Schenkel. »Es ist ganz unverständlich, daß erwachsene

Frauen und starke Männer in den Dreck hinunter wollen, um Märchen zu träumen.«

»Ich bin ein weitgereister Mann«, antwortete La-lah. »Ich habe die tiefen Meere befahren und

Zeichen und Wunder gesehen, und ich weiß, daß es so ist. Ich bin La-lah…«

»Der Betrüger…«

»So nennt man mich, aber mein rechter Name wäre ›der Weltbereiste‹.«

»Ich bin kein so großer Reisender«, begann Sime.

»Dann solltest du den Mund halten«, unterbrach ihn Bawn, und sie schieden in Unfrieden.

Als der letzte Silberstrahl des Mondes auf der andern Seite der Welt verschwunden war, trat

Scundoo unter das Volk, das sich um Hooniahs Haus gesammelt hatte. Er ging mit schnellen,

leichten Schritten, und wer ihn so im Scheine von Hooniahs Tranlampe sah, bemerkte, daß er mit

leeren Händen ohne Rasseln, Masken oder die sonstige Ausstattung eines Schamanen kam, außer

einem großen, schläfrigen Raben, den er unter dem einen Arme trug.

»Ist Holz für ein Feuer gesammelt, damit alle sehen können, wie das Werk vor sich geht?«

fragte er.

»Ja«, antwortete Bawn. »Hier ist reichlich Holz.«

»So hört alle wohl zu, denn meiner Worte sind nur wenige. Ich habe Jelchs, den Raben,

mitgebracht, der Geheimnisse errät und Verborgenes sieht. Ihn, den Schwarzen, will ich unter

Hooniahs großen schwarzen Topf in den schwärzesten Winkel des Hauses setzen. Die Tranlampe

soll ausgelöscht werden, daß alles dunkel ist. Das ist ganz einfach. Einer nach dem andern

sollt ihr dann ins Haus gehen, so lange, wie man braucht, um Luft zu schöpfen, die Hand an den

Topf legen und sie dann wieder zurückziehen. Zweifellos wird Jelchs schreien, wenn die Hand

des Missetäters ihm nahe kommt. Wenn aber ein anderer es besser weiß, so laßt ihn seine

Weisheit zeigen. Seid ihr bereit?«

»Wir sind bereit«, ertönte die vielstimmige Antwort.

»Dann will ich der Reihe nach den Namen jedes Mannes und jeder Frau aufrufen, bis ihr alle

genannt seid.«

Nun wurde als erster La-lah gerufen, und er ging gleich hinein. Alle spitzten die Ohren, und

in der Stille konnten sie seine Fußtritte auf dem Boden knirschen hören. Aber das war auch

alles. Jelchs schrie nicht und gab kein Zeichen. Der nächste war Bawn, denn es war ja denkbar,

daß ein Mann seine eigenen Decken stahl, um Schande über seine Nachbarn zu bringen. Dann

folgten Hooniah und andere Frauen und Kinder, aber ohne Ergebnis.

»Sime!« rief Scundoo.

»Sime!« wiederholte er.

Aber Sime rührte sich nicht.

»Fürchtest du dich vor der Dunkelheit?« fragte La-lah, dessen eigene Unschuld bewiesen war,

schroff.

Sime kicherte. »Ich lache darüber, denn es ist eine große Torheit. Dennoch will ich

hineingehen, nicht, weil ich an Wunder glaube, sondern zum Zeichen, daß ich nicht bange bin.«

Und er ging dreist hinein und kam, immer noch spottend, wieder heraus.

»Eines Tages wirst du ganz plötzlich sterben«, flüsterte La-lah in gerechtem Zorn.

»Ich zweifle nicht daran«, antwortete der Spötter rasch. »Wenige Männer unseres Volkes sterben

in ihren Betten. Das machen die Schamanen und das tiefe Meer.«

Als sicher die Hälfte der Leute die Probe bestanden hatte, wurde die Spannung in ihrer

Heftigkeit qualvoll, eben weil sie zurückgedrängt werden mußte. Als zwei Drittel sie

überstanden hatten, brach eine junge Frau, die bald zum ersten Mal gebären sollte, zusammen,

und ihr Entsetzen machte sich in nervösem Schreien und Lachen Luft.

Endlich kam die Reihe an den letzten von allen, und noch war nichts geschehen. Und Di Ya war

der letzte von allen. Sicher, er mußte es sein. Hooniah sandte ein Klagegeschrei zu den

Sternen, während die übrigen sich von dem elenden Jungen zurückzogen. Er war halbtot vor

Angst, und die Beine gaben unter ihm nach, so daß er auf der Schwelle wankte und fast gefallen

wäre. Scundoo stieß ihn hinein und schloß die Tür hinter ihm. Es verging eine lange Zeit, in

der man nur das Weinen des Knaben hören konnte. Dann ganz langsam seine knirschenden Schritte

in dem entferntesten Winkel, eine Pause und dann wieder ein Knirschen: Er kam zurück. Die Tür

öffnete sich, und er trat heraus. Nichts war geschehen, und er war der letzte.

»Zündet das Feuer an«, befahl Scundoo.

Die hellen Flammen schossen empor und zeigten Gesichter, die noch die Spuren der schwindenden

Furcht trugen, aber auch von Zweifel verdüstert waren.

»Es ist sicher fehlgeschlagen«, flüstert Hooniah heiser.

»Ja«, antwortete Bawn selbstzufrieden. »Scundoo wird alt, und wir brauchen einen neuen

Schamanen.«

»Wo ist nun Jelchs Weisheit?« lachte Sime La-lah ins Ohr. La-lah strich sich verblüfft über

die Stirn und antwortete nicht.

Sime blies sich übermütig auf und brüstete sich vor dem kleinen Schamanen. »Ho! Ho! Wie ich

sagte: Es ist nichts dabei herausgekommen!«

»So scheint es, so scheint es«, antwortete Scundoo demütig. »Und das muß denen, die in den

Mysterien nicht erfahren sind, sonderbar vorkommen.«

»Wie dir selbst zum Beispiel?« fragte Sime frech.

»Ja, vielleicht gerade wie mir.« Scundoo sprach ganz sanft, aber seine Lider sanken leise

immer tiefer, bis seine Augen fast verborgen waren. »Und deshalb denke ich jetzt an eine neue

Probe. Laßt jeden Mann, jede Frau und jedes Kind die Hände über den Kopf empor strecken.«

So unerwartet kam das Gebot, und so gebieterisch wurde es ausgesprochen, daß alle ohne Zögern

gehorchten. Alle Hände wurden hochgestreckt.

»Blicke nun jeder auf die Hände der andern und seht alle«, gebot Scundoo, »auf daß…«

Aber seine Stimme wurde übertönt von dem zornigen Gelächter. Alle Augen ruhten auf Sime. Jede

Hand außer der seinen war schwarz von Ruß, die seine war die einzige, die sich nicht an

Hooniahs Topf beschmutzt hatte.

Ein Stein sauste durch die Luft und traf ihn an der Backe.

»Es ist Lüge!« rief er. »Lüge! Ich weiß nichts von Hooniahs Decken!«

Ein zweiter Stein verwundete ihn an der Stirn, ein dritter flog an seinem Kopfe vorbei, das

große Blutgeschrei ertönte, und überall suchten die Leute auf dem Boden nach Wurfgeschossen.

Er wankte und sank halb zusammen.

»Es war nur ein Scherz! Nur ein Scherz!« schrie er. »Ich tat es nur zum Spaß!«

»Wo hast du sie versteckt?« Scundoos gellende scharfe Stimme durchschnitt den Lärm wie ein

Messer.

»In dem großen Fellpacken, der unter dem Dachbalken in meinem Hause hängt«, lautete die

Antwort. »Aber es war nur Scherz, sage ich, nur…«

Scundoo nickte, und es wurde dunkel von fliegenden Steinen. Simes Frau weinte schweigend, den

Kopf auf den Knien, aber sein kleiner Knabe warf wie die andern unter Schreien und Lachen

Steine. Hooniah kam mit den kostbaren Decken angewatschelt. Scundoo hielt sie an.

»Wir sind arme Leute und besitzen nur wenig«, jammerte sie. »Sei daher nicht zu hart gegen

uns, o Scundoo.«

Das Volk trat von dem schwankenden Steinhaufen zurück, den es errichtet hatte, und sah zu.

»Nein, das ist nie meine Art gewesen, gute Hooniah«, antwortete Scundoo und streckte die Hand

nach den Decken aus. »Zum Beweise, daß ich nicht hart bin, will ich mich mit einigen von

diesen begnügen. – Bin ich nicht weise, meine Kinder?« fragte er.

»Wahrlich, du bist weise, o Scundoo!« riefen sie einstimmig.

Und er ging ins Dunkel, die Decken um sich geschlagen und den schläfrig nickenden Jelchs unter

dem Arm.

* * *

Die Männer des Sonnenlandes

Mandell ist ein unbekanntes Dorf am Gestade des Polarmeeres. Es ist nicht groß, und seine

Bewohner sind friedlich, noch friedlicher als die umwohnenden Stämme. Es wohnen in Mandell

wenige Männer und viele Frauen. Dies ist der Grund für die Ausübung einer gesunden und

notwendigen Vielweiberei. Die Frauen setzen mit Eifer Kinder in die Welt, und die Geburt eines

Knaben wird mit allgemeinem Jubel begrüßt. Und dann lebt Aab-Waak dort, dessen Kopf stets auf

der einen Schulter ruht, als wäre sein Hals einmal müde geworden und hätte sich dann für immer

geweigert, seine gewohnte Pflicht zu tun.

Die Ursache zu alledem – Friedlichkeit, Vielweiberei und Aab-Waaks müdem Hals – liegt Jahre

zurück, in der Zeit, da der Schoner »Search« in der Mandelbucht vor Anker ging und Tyee, der

Häuptling, einen Plan schmiedete, wie der Stamm plötzlich zu Reichtum gelangen solle. Noch

heute erinnert sich das Volk in Mandell dessen, was geschah, und erzählt es mit gedämpfter

Stimme, dieses Volk, das mit den westlich davon lebenden »Hungrigen« verwandt ist. Die Kinder

rücken enger zusammen, wenn die Geschichte erzählt wird, und wundern sich, klug wie sie sind,

über die Dummheit derer, die ihre Eltern hätten sein können, wenn sie nicht die Männer des

Sonnenlandes herausgefordert und ein bitteres Ende gefunden hätten.

Es begann damit, daß sechs Mann von der »Search« mit schwerer Ausrüstung an Land kamen und

sich in Negaahs Iglu einquartierten, als gedächten sie, sich hier häuslich niederzulassen. Sie

bezahlten zwar recht gut für die Unterkunft mit Mehl und Zucker, aber Negaah grämte sich sehr,

weil Mesahchie, seine Tochter, ihr Schicksal gewählt hatte und Nahrung und Decke mit Bill, dem

Anführer der weißen Männer, teilte.

»Sie ist ihren Preis wert«, klagte Negaah der Versammlung um das Beratungsfeuer, als die sechs

weißen Männer eingeschlafen waren. »Sie ist ihren Preis wert, denn wir haben mehr Männer als

Frauen, und die Männer bieten hoch. Der Jäger Ounenk bot mir einen neuen Kajak und eine

Büchse, die er bei den Hungrigen erstanden hatte. Das wurde mir geboten, und seht, nun ist sie

fort, und ich habe nichts bekommen.«

»Ich bot auch auf Mesahchie«, brummte eine Stimme in nicht allzu mißmutigem Tone, und Peelos

breites, freundliches Gesicht zeigte sich einen Augenblick im Lichtschein.

»Du auch«, bestätigte Negaah. »Und andere ebenfalls. Warum ist eine solche Unruhe über den

Männern des Sonnenlandes?« fragte er recht verdrießlich. »Warum bleiben sie denn nicht zu

Hause? Das Schneevolk wandert ja auch nicht ins Sonnenland.«

»Frag sie lieber, warum sie hergekommen sind«, erklang eine Stimme aus der Dunkelheit, und

Aab-Waak drängte sich in die erste Reihe vor.

»Ja! Warum sind sie gekommen?« riefen viele Stimmen, und Aab-Waak gebot mit einer Handbewegung

Schweigen.

»Männer graben nicht ohne Grund in der Erde«, begann er. »Ich weiß das noch von den Walleuten,

die auch aus dem Sonnenland stammten und ihr Schiff im Eise verloren. Ihr erinnert euch alle

der Walleute, die in ihren halb zerstörten Booten zu uns kamen und, als der Frost kam und der

Schnee das Land bedeckte, mit Hunden und Schlitten südwärts zogen. Und ihr erinnert euch, wie

sie auf den Frost warteten und wie einer von ihnen in der Erde zu graben begann. Dann gruben

zwei und drei und schließlich alle, unter großer Spannung und Unruhe. Was sie aus der Erde

gruben, wissen wir nicht, denn sie jagten uns fort, so daß wir es nicht sehen konnten. Später

aber, als sie weg waren, sahen wir nach und fanden nichts. Aber es ist viel Erde da, und sie

durchwühlten nicht alles.«

»Ja, Aab-Waak, ja!« rief das Volk bewundernd.

»Und daher denke ich«, schloß er, »daß einer der Männer des Sonnenlandes es dem andern erzählt

und daß diese Männer des Sonnenlandes es so erfahren haben und nun hergekommen sind, um in der

Erde zu graben.«

»Aber wie kann es sein, daß Bill unsere Sprache spricht?« fragte ein eingeschrumpfter alter

kleiner Jäger. »Bill, den unsere Augen nie zuvor gesehen haben?«

»Bill ist zu andern Zeiten im Schneeland gewesen«, antwortete Aab-Waak, »sonst könnte er nicht

die Sprache des Bärenvolkes reden, die die gleiche wie die der Hungrigen, also der der

Mandeller sehr ähnlich ist. Denn es sind viele Männer aus dem Sonnenlande unter dem

Bärenvolke, aber nur wenige unter den Hungrigen und kein einziger unter den Mandellern

gewesen, ausgenommen die Walleute und die, die jetzt in Negaahs Iglu schlafen.«

»Ihr Zucker ist sehr gut«, bemerkte Negaah, »und ihr Mehl auch.«

»Sie haben große Reichtümer«, fügte Ounenk hinzu. »Gestern war ich auf ihrem Schiff und sah

ungeheuer sinnreiche Geräte aus Eisen und Messer und Büchsen und Mehl und Zucker und seltsame

Nahrungsmittel ohne Ende.«

»So ist es, Brüder!« Tyee erhob sich und jubelte innerlich über das ehrerbietige Schweigen,

mit dem das Volk ihn ehrte. »Sie sind sehr reich, diese Männer des Sonnenlandes. Zudem sind

sie Toren. Denn seht! Sie kommen hierher zu uns, kühn und blind und ohne an ihren großen

Reichtum zu denken. Eben jetzt schnarchen sie, und wir sind zahlreich und unerschrocken.«

»Vielleicht sind sie auch unerschrocken und große Kämpfer«, wandte der eingeschrumpfte kleine

alte Jäger ein.

Aber Tyee warf ihm einen Blick zu. »Nein, das scheint mir nicht so. Sie leben im Süden, unter

der Bahn der Sonne, und sind weichlich wie ihre Hunde. Erinnert ihr euch der Hunde der

Walleute? Unsere Hunde fraßen sie am zweiten Tage, weil sie weichlich waren und nicht zu

kämpfen verstanden. Die Sonne ist warm und das Leben bequem in den Sonnenländern, und die

Männer sind wie Weiber und die Weiber wie Kinder.«

Köpfe nickten Beifall, und die Frauen streckten den Hals aus, um zu lauschen.

»Es heißt, sie seien gut gegen ihre Frauen, die nicht viel Arbeit verrichten«, kicherte

Likita, ein breithüftiges, gesundes junges Weib, die Tochter Tyees.

»Du möchtest wohl Mesahchies Spuren folgen, wie?« rief er zornig. Dann wandte er sich schnell

zu den Männern des Stammes: »Seht ihr, Brüder, so sind die Männer des Sonnenlandes. Sie

blicken auf unsere Frauen und nehmen sie eine nach der andern. Wie Mesahchie ihnen gefolgt ist

und Negaah um seinen Preis gebracht hat, so will Likita ihnen folgen, und so wollen sie es

alle, und wir sind die Betrogenen. Ich habe mit einem Jäger des Bärenvolkes gesprochen, und

ich weiß es. Hier sind einige der Hungrigen unter uns; laßt sie sprechen und sagen, ob meine

Worte wahr sind.«

Die sechs Jäger vom Stamme der Hungrigen bezeugten die Wahrheit seiner Worte, und jeder von

ihnen erzählte dem neben ihm Sitzenden von den Männern des Sonnenlandes und ihren Sitten.

Murren ertönte von den jüngeren Männern, die sich Frauen suchen sollten, und von den älteren,

die Töchter zu guten Preisen abzugeben hatten, und ein leises Summen von Wut wurde lauter und

deutlicher.

»Sie sind sehr reich und haben sinnreiche Geräte aus Eisen, Messer und zahllose Büchsen«,

hetzte Tyee, und sein Traum von plötzlichem Reichwerden begann feste Gestalt anzunehmen.

»Ich werde mir Bills Büchse nehmen«, erklärte Aab-Waak plötzlich.

»Nein, die soll mein sein!« rief Negaah. »Denn der Preis für Mesahchie muß einberechnet

werden.«

»Friede! O Brüder!« Tyee beschwichtigte die Versammlung mit einer Handbewegung. »Laßt Frauen

und Kinder in ihre Iglus gehen. Dies ist Männerrede; laßt sie nur für Männerohren sein.«

»Es sind Büchsen genug für uns alle«, sagte er, als die Frauen sich widerwillig zurückgezogen

hatten. »Ich zweifle nicht, daß es zwei Büchsen für jeden Mann sein werden, gar nicht zu reden

vom Mehl, Zucker und von den andern Dingen. Und leicht wird alles auszuführen sein. Die sechs

Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu töten wir heute nacht, wenn sie schlafen. Morgen gehen

wir friedlich zum Schiffe, um Handel zu treiben, und wenn die Gelegenheit günstig ist, töten

wir dort alle ihre Brüder. Und morgen abend halten wir Schmaus, sind lustig und teilen uns

ihre Reichtümer. Und der Geringste soll mehr haben, als selbst der Reichste zuvor besaß. Ist

es weise, was ich gesprochen habe, Brüder?«

Ein leises, beifälliges Gemurmel antwortete ihm, und die Vorbereitungen für den Überfall

begannen. Die sechs Hungrigen waren mit Büchsen bewaffnet und reichlich mit Munition versehen,

wie es sich für Angehörige eines wohlhabenderen Stammes geziemte. Von den Mandell-Leuten

besaßen jedoch nur wenige eine Büchse, und die waren fast alle entzwei. Außerdem herrschte

allgemeiner Mangel an Pulver und Patronen. Diese Armut an Kampfwaffen wurde indessen reichlich

aufgewogen durch eine Unzahl von Pfeilen und Wurfspeeren mit Knochenspitzen zum Fernkampf und

stählernen Messern russischen und amerikanischen Fabrikats für den Nahkampf.

»Macht keinen Lärm«, lauteten die letzten Anweisungen Tyees, »aber es müssen auf jeder Seite

des Iglus viele stehen, und zwar so nahe, daß die Männer des Sonnenlandes nicht durchbrechen

können. Und dann wirst du, Negaah, mit sechs von den jungen Männern hinter dir, zu ihnen

hineinkriechen. Nehmt keine Büchsen mit, denn die gehen meistens los, wenn man es gerade am

wenigsten erwartet, sondern legt die Stärke eurer Arme in eure Messer.«

»Und denkt daran, daß Mesahchie nichts geschieht, denn sie ist ihren Preis wert«, flüsterte

Negaah heiser.

Flach auf dem Boden liegend, konzentrierte sich das kleine Heer um den Iglu, und hinter den

Kriegern kauerten, begeistert und erwartungsvoll, viele Frauen und Kinder, die dem Morde

beiwohnen wollten. Die kurze Augustnacht war fast vorbei, und in der grauen Dämmerung konnte

man undeutlich die kriechenden Gestalten Negaahs und der jungen Männer unterscheiden. Auf

Händen und Knien krochen sie immer weiter, bis sie in dem langen Gange verschwanden, der in

die Hütte führte. Tyee stand auf und rieb sich die Hände. Alles ging gut. In dem großen Kreise

hob sich erwartungsvoll Kopf auf Kopf. Jeder malte sich die Szene seiner Phantasie

entsprechend aus – die schlafenden Männer, die Messerstiche und den plötzlichen Tod in der

Finsternis.

Der laute Ruf eines der Männer des Sonnenlandes durchbrach die Stille, und ein Schuß knallte.

Und dann erhob sich ein furchtbares Getöse im Iglu. Ohne Überlegung stürzte der ganze Kreis

vor und drängte sich um den Eingang. Drinnen begann ein halbes Dutzend Repetiergewehre zu

knattern, und die auf einen engen Raum zusammengedrängten Mandeller waren machtlos. Die

vordersten kämpften wild, um aus dem Bereich der feuerspeienden Büchsen vor ihnen zu kommen,

und von hinten drängte man ebenso wild zum Angriff vorwärts. Die Kugeln der schweren Kaliber

gingen durch ein halbes Dutzend Menschen auf einmal, und der Gang, der vollgestopft von

kämpfenden, hilflosen Männern war, wurde zu einer Schlachtbank. Die ziellos in die Menge

abgefeuerten Büchsen fegten sie hinweg wie ein Maschinengewehr, und gegen diesen ständigen

Strom des Todes konnte niemand vorrücken.

»Nie hat es dergleichen gegeben!« stöhnte einer der Hungrigen. »Ich guckte nur hinein, und da

lagen die Toten aufgestapelt wie die Robben nach dem Schlagen auf dem Eise!«

»Sagte ich nicht, daß es kampfgeübte Männer seien?« schwatzte der eingeschrumpfte Jäger.

»Das war zu erwarten«, antwortete Aab-Waak keck. »Wir kämpften in einer Falle, die wir uns

selbst gestellt hatten.«

»O ihr Toren!« schalt Tyee. »Ihr Söhne von Toren! So war es nicht gemeint. Nur Negaah und die

sechs jungen Leute sollten hineingehen. Meine Weisheit ist größer als die der Männer des

Sonnenlandes, aber ihr macht sie zuschanden und raubt mir ihre Früchte.«

Keiner antwortete, aber alle Augen hefteten sich auf den Iglu, der sich undeutlich und riesig

von dem klaren Nordosthimmel abhob. Durch ein Loch im Dache stieg der Pulverrauch in langsamen

Spiralen in die unbewegliche Luft empor, und hin und wieder kam ein Verwundeter beschwerlich

in das graue Licht herausgekrochen.

»Jeder soll seinen Nebenmann nach Negaah und den sechs jungen Leuten fragen«, befahl Tyee.

Nach einer Weile kam die Antwort: »Negaah und die sechs jungen Leute sind tot.«

»Und viele andere sind auch tot«, jammerte eine Frau im Hintergrunde.

»Um so größerer Reichtum bleibt für die Überlebenden«, tröstete Tyee grimmig. Dann wandte er

sich an Aab-Waak und sagte: »Geh und hol viele mit Tran gefüllte Robbenfelle. Die Jäger sollen

sie über die hölzerne Außenseite des Iglus und des Ganges ausgießen. Und dann zündet sie an,

ehe die Männer des Sonnenlandes Löcher für ihre Büchsen in den Iglu schlagen können.«

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als sich schon ein Loch im Lehm zwischen den Balken zeigte

und eine Büchsenmündung herausgestreckt wurde. Einer der Hungrigen griff sich mit der Hand an

die Seite und schnellte in die Luft. Noch ein Schuß durchbohrte seine Lunge und brachte ihn zu

Fall. Tyee und die andern sprangen beiseite, um aus der Schußlinie zu kommen, und Aab-Waak

schalt auf die Männer mit den Tranfellen. Unter Vermeidung der Schießscharten, die sich jetzt

auf allen Seiten des Iglus bildeten, entleerten sie die Felle auf das trockene Treibholz, das

der Mandellfluß aus den holzreichen Ländern im Süden herabgeführt hatte. Ounenk lief mit einem

brennenden Scheit vor, und die Flammen schlugen hoch. Es vergingen viele Minuten, ohne daß

etwas geschah, und sie hielten ihre Waffen bereit, während das Feuer um sich griff. Tyee rieb

sich vergnügt die Hände, während der trockene Bau brannte und knisterte.

»Jetzt haben wir sie in der Falle, Brüder!«

»Und niemand kann mir Bills Büchse streitig machen«, erklärte Aab-Waak.

»Außer Bill selbst«, quiekte der alte Jäger. »Seht, da kommt er!«

In eine angesengte und geschwärzte Decke gehüllt, sprang der große weiße Mann zu dem

flammenden Eingang heraus, und dicht hinter ihm kamen Mesahchie und die fünf anderen Männer

des Sonnenlandes. Die Leute vom Stamme der Hungrigen versuchten, den Angriff mit einer

schlecht gezielten Salve abzuwehren, während die Mandell-Leute einen Schauer von Speeren und

Pfeilen schleuderten. Aber die Männer des Sonnenlandes warfen im Laufen ihre brennenden Decken

ab, und man sah, daß jeder von ihnen auf der Schulter ein Päckchen Munition trug. Das war das

einzige, was sie von ihren Besitztümern gerettet hatten. In schnellem, wohlüberlegtem Laufe

durchbrachen sie den Kreis und stürzten gerade auf die große Klippe los, die sich eine halbe

Meile hinter dem Dorfe schwarz in den klaren Tag erhob.

Aber Tyee ließ sich auf das Knie nieder und zielte mit seiner Büchse auf den letzten der

Männer des Sonnenlandes.

Ein lauter Schrei ertönte, als er abdrückte. Der Mann fiel vornüber, kam wieder halb auf die

Beine, fiel aber wieder. Ohne sich um den Pfeilregen zu kümmern, kehrte ein anderer Mann des

Sonnenlandes um, beugte sich über ihn und hob ihn auf die Schulter. Aber die mit Speeren

bewaffneten Mandeller näherten sich ihm, und ein kräftig geschleuderter Spieß durchbohrte den

Verwundeten. Er schrie laut und erschlaffte schnell, während sein Kamerad ihn zu Boden sinken

ließ. Unterdessen hatten Bill und die drei andern haltgemacht und schickten nun den

vorrückenden Speerschleuderern einen Schauer von Blei entgegen. Der fünfte Mann des

Sonnenlandes beugte sich über seinen getroffenen Kameraden, fühlte sein Herz, schnitt dann

kaltblütig das Päckchen ab und erhob sich mit der Munition und den beiden Büchsen in der Hand.

»Nun, ist er nicht ein Narr?« rief Tyee und machte im Vorwärtsstürmen einen Luftsprung, um

nicht auf den krampfhaft zitternden Körper eines Mannes vom Stamme der Hungrigen zu treten.

Seine eigene Büchse war in Unordnung geraten, so daß er sie nicht gebrauchen konnte, und er

rief, daß irgend jemand mit dem Speer nach dem Manne des Sonnenlandes werfen solle, der

kehrtgemacht hatte, um Deckung hinter dem schützenden Feuer zu suchen. Der alte kleine Jäger

wiegte seinen Speer auf dem Wurfholz, schwang im Laufen den Arm zurück und schleuderte die

Waffe.

»Beim Körper des Wolfs, sage ich, das war ein guter Wurf!« lobte Tyee, als der Fliehende

vornüberstürzte, so daß der Speer, aufrecht zwischen seinen Schultern haftend, langsam hin und

her schwankte. Der eingeschrumpfte kleine Mann hustete und setzte sich nieder. Ein roter

Streifen zeigte sich auf seinen Lippen, dann wälzte sich ein dicker Strom hervor. Er hustete

wieder, und ein seltsam pfeifender Ton begleitete seine Atemzüge.

»Sie fürchten sich auch nicht, sie sind große Kämpfer«, pfiff er und tastete unsicher mit den

Händen in die Luft. »Und seht! Jetzt kommt Bill!« Tyee sah auf. Viele Mandeller und einer der

Hungrigen hatten sich über den Gefallenen, der sich auf die Knie erhoben hatte, gestürzt und

ihn mit ihren Speeren durchbohrt, so daß er wieder zurücksank. In einer Sekunde sah Tyee vier

von ihnen unter den Kugeln der Männer des Sonnenlandes fallen. Der fünfte, der noch

unverwundet war, ergriff die beiden Büchsen; als er sich aber erhob, um zu fliehen, wurde er

durch den Schlag einer Kugel, die ihn am Arme traf, beinahe herumgewirbelt, von einem zweiten

zum Stehen gebracht und von einem dritten zu Boden geworfen. Im nächsten Augenblick war Bill

da, um die Päckchen abzuschneiden und die Büchsen zu holen.

Dies sah Tyee, und er sah seine eigenen Leute fallen, als sie in zerstreuter Ordnung

vorrückten, und plötzlich spürte er Zweifel und beschloß liegenzubleiben, wo er war, um mehr

zu sehen. Aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde lief Mesahchie zu Bill zurück, aber ehe sie

ihn erreicht hatte, sah Tyee, wie Peelo vorsprang und sie mit seinen Armen umschlang. Er

versuchte, sie über seine Schulter zu werfen, aber sie klammerte sich an ihn und zerriß und

zerkratzte ihm das Gesicht. Dann stellte sie ihm ein Bein, und beide fielen schwer zu Boden.

Als sie wieder auf die Füße kamen, hatte Peelo den Griff gewechselt, so daß sein Arm unter

ihrem Kinn lag und sein Handgelenk auf ihre Kehle drückte und sie würgte. Er begrub das

Gesicht an ihrer Brust, fing die Schläge ihrer beiden Hände mit seinem dicken, verfilzten Haar

auf und begann sie langsam vom Kampfplatz wegzuschleppen. Aber in diesem Augenblick prallten

sie gegen Bill, der mit den Waffen seiner gefallenen Kameraden zurückkam. Als Mesahchie ihn

sah, wirbelte sie ihr Opfer herum und hielt es fest. Bill schwang die Büchse in der Rechten

und schlug zu, fast ohne stehenzubleiben. Tyee sah Peelo wie vom Blitz getroffen zu Boden

sinken und den Mann des Sonnenlandes mit Negaahs Tochter fliehen.

Eine Gruppe Mandeller machte unter Führung eines vom Stamme der Hungrigen einen nutzlosen

Sturmangriff, der unter dem prasselnden Feuer zusammenbrach.

Tyee schnappte nach Luft und murmelte: »Wie Reif in der Morgensonne.«

»Ich sagte es ja, sie sind große Kämpfer«, flüsterte der alte Jäger matt, vom Blutverlust sehr

geschwächt. »Ich weiß es. Ich habe es gehört. Sie sind Seeräuber und Robbenjäger, sie schießen

schnell und sicher, denn das ist ihr Leben und ihre Arbeit.«

»Wie Reif in der Morgensonne«, wiederholte Tyee, indem er sich zusammenkauerte und hinter dem

sterbenden Manne Deckung suchte, um nur hin und wieder hervorzulugen.

Man konnte es nicht länger einen Kampf nennen, denn kein Mandeller wagte sich vor, und

andererseits waren sie den Männern des Sonnenlandes zu nahe gekommen, um wieder zurück zu

können. Drei versuchten es, indem sie verstreut wie Kaninchen liefen, aber der eine fiel mit

gebrochenem Bein, der zweite erhielt eine Kugel durch den Leib, und der dritte, der sich

drehte und schlängelte, fiel am Rande des Dorfes. Der Stamm kauerte sich daher in Löchern

zusammen und wühlte sich auf freiem Felde in den Staub ein, während die Kugeln der Männer des

Sonnenlandes über die Ebene dahinfuhren.

»Beweg dich nicht«, bat Tyee, als Aab-Waak am Boden zu ihm hinkroch. »Beweg dich nicht, guter

Aab-Waak, oder du bringst den Tod über uns.«

»Der Tod hat viele von uns geholt«, lachte Aab-Waak, »daher wird es, wie du sagst, großen

Reichtum zwischen uns zu teilen geben. Mein Vater liegt hinter dem großen Felsen dort und

atmet kurz und schnell, und neben ihm liegt mein Bruder, als hätte man einen Knoten in ihn

geschlagen. Aber ihr Teil soll mein Teil werden, und das ist gut.«

»Wie du sagst, guter Aab-Waak, und wie ich gesagt habe; aber ehe wir teilen können, müssen wir

etwas zu teilen haben, und die Männer des Sonnenlandes sind noch nicht tot.«

Eine Kugel prallte von einem Felsblock vor ihnen ab und flog mit gellendem Pfeifen in ihrem

zweiten Fluge tief über ihren Häuptern dahin. Tyee duckte sich und schauderte, aber Aab-Waak

grinste und versuchte ihr vergebens mit den Augen zu folgen. »So schnell fliegen sie, daß man

sie nicht einmal sehen kann«, bemerkte er.

»Aber viele von uns sind tot«, fuhr Tyee fort.

»Und viele sind noch übrig«, lautete die Antwort.

»Und sie pressen sich dicht an die Erde, denn sie haben gelernt, wie man kämpfen muß. Dazu

sind sie zornig geworden. Und wenn wir die Männer des Sonnenlandes auf dem Schiffe getötet

haben, so sind nur noch vier hier auf dem Lande übrig. Es dauert vielleicht lange, bis wir sie

getötet haben, aber schließlich wird es doch geschehen.«

»Wie können wir zum Schiff gelangen, wenn wir nicht hier und nicht dort gehen können?« fragte

Tyee.

»Es ist eine schlechte Stelle, wo Bill und seine Brüder liegen«, erklärte Aab-Waak. »Wir

können von allen Seiten über sie herfallen, und das ist nicht gut. Daher suchen sie die

Klippen in den Rücken zu bekommen, um dort zu warten, bis ihre Brüder vom Schiff ihnen zu

Hilfe kommen.«

»Nie sollen sie vom Schiff kommen, ihre Brüder! Ich habe es gesagt.«

Tyee schöpfte wieder Mut, und als die Männer des Sonnenlandes die Prophezeiung erfüllten und

sich nach der Klippe zurückzogen, war ihm so leicht ums Herz wie nur je.

»Es sind nur noch drei von uns übrig!« klagte einer vom Stamme der Hungrigen, als man sich zur

Beratung versammelte.

»Dafür soll statt zwei Büchsen jeder vier haben«, lautete Tyees Erwiderung.

»Wir haben gut gekämpft.«

»Ja, und sollte es sein, daß nur zwei von euch übrigbleiben, so würdet ihr sechs Büchsen jeder

bekommen. Darum kämpft gut.«

»Und wenn keiner von ihnen übrigbleibt?« flüsterte Aab-Waak schlau.

»Dann bekommen wir die Büchsen, du und ich«, antwortete Tyee ebenfalls flüsternd.

Um aber die Männer vom Hungrigen Volke günstig zu stimmen, machte er einen von ihnen zum

Führer des Zuges gegen das Schiff. Diese Abteilung umfaßte volle zwei Drittel des Stammes und

ging in einer Entfernung von einem Dutzend Meilen, mit Fellen und andern Handelswaren beladen,

an die Küste. Die Zurückgebliebenen bildeten einen weiten Halbkreis um die Brustwehr, die Bill

und seine Männer des Sonnenlandes aufzuwerfen begonnen hatten. Tyee war sich schnell über den

Nutzen einer Sache klar, und er ließ sofort seine Leute kleine Schützengräben auswerfen.

»Die Zeit wird vergehen, ehe sie es gewahr werden«, sagte er zu Aab-Waak, »und wenn sie

beschäftigt sind, werden sie nicht so sehr an die Gefallenen oder an ihre eigenen Beschwerden

denken. Und im Dunkel der Nacht können wir uns weiter vorschieben, so daß die Männer des

Sonnenlandes, wenn sie im Morgenrot Ausschau nach uns halten, uns ganz nahe finden werden.«

In der Mittagshitze machten die Männer eine Arbeitspause und nahmen eine Mahlzeit von

Stockfisch und Robbentran ein, die ihnen von den Frauen gebracht wurde. Einige riefen nach den

Nahrungsmitteln, die die Männer des Sonnenlandes in Negaahs Iglu hatten, aber Tyee weigerte

sich, sie auszuteilen, ehe die, welche das Schiff angreifen sollten, zurückgekehrt waren. Es

wurde hin und her über den Ausfall geredet, aber auf einmal ertönte ein dumpfes Dröhnen vom

Meere her über das Land. Wer gute Augen hatte, sah eine dichte Rauchwolke, die sich schnell

auflöste und die ihrer Behauptung nach gerade über dem Schiff der Männer des Sonnenlandes

schwebte. Tyee meinte, es müsse ein Kanonenschuß sein. Aab-Waak wußte es nicht, dachte aber,

daß es irgendein Signal sein müsse. Auf jeden Fall, sagte er, sei es Zeit, daß etwas geschehe.

Fünf bis sechs Stunden später erblickte man einen Mann, der allein über die breite Ebene vom

Meere heraufkam, und Frauen und Kinder strömten ihm in einer großen Schar entgegen. Es war

Ounenk, nackt, atemlos und verwundet. Das Blut rann ihm noch aus einer Schramme an der Stirn

über das Gesicht herab. Sein linker Arm hing furchtbar verstümmelt und hilflos an seiner

Seite. Aber am merkwürdigsten von allem war ein wildes Licht in seinen Augen, das die Frauen

nicht verstanden.

»Wo ist Peshack?« fragte eine alte Squaw.

»Und Olitlie?« – »Und Polak?« – »Und Mah-Kuk?« stimmten andre ein.

Aber er sagte nichts, sondern drängte sich nur durch die lärmende Menge und wankte auf Tyee

zu. Die alte Squaw erhob das Trauergeheul, und die Frauen stimmten eine nach der andern mit

ein, während sie sich hinten anschlossen. Die Männer krochen aus ihren Schützengräben und

liefen zurück, um sich um Tyee zu scharen, und man bemerkte, wie die Männer des Sonnenlandes

auf ihre Barrikade kletterten, um sehen zu können.

Ounenk machte halt, wischte sich das Blut aus den Augen und blickte sich um. Er versuchte zu

sprechen, aber seine trockenen Lippen klebten aufeinander. Likita brachte ihm Wasser, und er

grunzte und trank wieder.

»War es ein Kampf?« fragte Tyee schließlich. »Ein guter Kampf?«

»Ho! ho! ho!« So plötzlich und wild lachte Ounenk, daß alle schwiegen. »Nie hat es einen

solchen Kampf gegeben! Das sage ich, Ounenk, der ich so manchen Kampf mit Tieren und Menschen

ausgefochten habe. Und ehe ich es vergesse, laßt mich große und weise Worte sprechen. Die

Männer des Sonnenlandes kämpfen gut und lehren uns Mandeller kämpfen. Und wenn wir lange genug

kämpfen, werden wir große Kämpfer wie die Männer des Sonnenlandes, oder – wir sind tot. Ho!

ho! ho! Das war ein Kampf!«

»Wo sind deine Brüder?« Tyee schüttelte ihn, daß der Verwundete vor Schmerz schrie.

Ounenk wurde ruhiger. »Meine Brüder? Sie sind nicht mehr.«

»Und Pome-Lee?« rief einer der Hungrigen. »Pome-Lee, der Sohn meiner Mutter?«

»Pome-Lee ist nicht mehr«, sagte Ounenk eintönig.

»Und die Männer des Sonnenlandes?« fragte Aab-Waak.

»Die Männer des Sonnenlandes sind nicht mehr.«

»Aber das Schiff der Männer des Sonnenlandes und ihr Reichtum, ihre Büchsen und anderen

Dinge?« fragte Tyee.

»Weder das Schiff der Männer des Sonnenlandes noch ihr Reichtum oder ihre anderen Dinge,

nichts ist mehr. Nichts. Ich bin allein.«

»Und du bist ein Narr.«

»Das kann sein«, antwortete Ounenk unbewegt. »Ich habe gesehen, was mich wohl zu einem Narren

machen konnte.«

Tyee schwieg, und alle warteten, bis es Ounenk gefiele, seine Geschichte zu erzählen.

»Wir nahmen keine Büchsen mit, o Tyee«, begann er endlich, »keine Büchsen, meine Brüder – nur

Messer und Jagdbogen und Speere. Und zu je zweien und dreien kamen wir in unsern Kajaks zum

Schiffe. Sie freuten sich, als sie uns sahen, die Männer des Sonnenlandes, wir breiteten

unsere Felle aus, sie holten ihre Handelswaren, und alles ging gut. Und Pome-Lee wartete –

wartete, bis die Sonne hoch am Himmel stand und sie sich zum Essen gesetzt hatten. Da stieß er

den Schrei aus, und wir fielen über sie her. Nie hat es einen solchen Kampf gegeben und nie

solche Kämpfer. Die Hälfte erschlugen wir im ersten Augenblick, aber die Hälfte, die

übrigblieb, wurde zu Teufeln, und sie vervielfältigten sich und kämpften überall wie die

Teufel. Sie stellten sich mit dem Rücken gegen den Mastbaum, und wir umgaben sie mit einem

Kreis unserer Toten, ehe sie selbst starben. Und einige nahmen zwei Büchsen und schossen,

indem sie beide Augen offenhielten, und sie schossen sehr schnell und sicher. Und einer nahm

eine große Büchse, aus der er eine Menge kleiner Kugeln auf einmal schoß. Seht her!« Ounenk

zeigte auf sein Ohr, das sauber von einem Rehposten durchbohrt war.

»Aber ich, Ounenk, durchstieß ihn von hinten mit meinem Speere. Und so töteten wir sie alle

irgendwie – alle außer dem Häuptling. Und ihn umringten wir, viele von uns, und er war allein,

aber da stieß er einen lauten Schrei aus, brach durch und lief in das Innere des Schiffes,

während fünf oder sechs von uns sich an ihn hängten. Und da, als der Reichtum des Schiffes

unser und nur der Häuptling, den wir auch bald töten mußten, noch unten war, ja, da ertönte

ein Krachen wie von allen Büchsen der Welt – ein mächtiges Krachen! Und wie ein Vogel flog ich

in die Luft, und das lebende Mandellervolk und die toten Männer des Sonnenlandes, die kleinen

Kajaks, das große Schiff, die Büchsen, der Reichtum – alles flog in die Luft. Darum sage ich,

Ounenk, der diese Geschichte erzählt, daß ich der einzige bin, der übrigblieb.«

Tiefes Schweigen senkte sich auf die Versammlung. Tyee blickte Aab-Waak mit entsetzten Augen

an, sagte aber nichts. Selbst die Frauen waren zu erstaunt, um über die Toten zu jammern.

Ounenk sah sich stolz um. »Ich bin der einzige, der übrigblieb«, wiederholte er.

Aber in diesem Augenblick knallte eine Büchse von Bills Barrikade, und es klatschte scharf

gegen Ounenks Brust. Er schwankte hintenüber und richtete sich mit einem Ausdruck von

Verblüffung wieder auf. Er schnappte nach Luft, und seine Lippen verzogen sich zu einem

grimmigen Lächeln. Seine Schultern fielen zusammen, und seine Knie knickten ein. Er schüttelte

sich wie ein Mann, der im Begriff ist, einzuschlafen, und raffte sich wieder auf. Aber das

Zusammenfallen und Einknicken begann wieder, und er sank langsam, ganz langsam zu Boden.

Es war eine ganze Meile bis zum Graben der Männer des Sonnenlandes, aber der Tod hatte den

Abstand überbrückt. Ein mächtiges Wutgeschrei erhob sich, in dem viel Rachgier und

gedankenlose tierische Wildheit lag. Tyee und Aab-Waak versuchten, das Mandellvolk

zurückzuhalten, wurden aber beiseite gestoßen und konnten nichts als sich umdrehen und dem

wahnsinnigen Ansturm zusehen. Aber es fiel kein Schuß von den Männern des Sonnenlandes, und

ehe die Hälfte der Strecke zurückgelegt war, wurden viele durch die geheimnisvolle Stille

erschreckt, machten halt und warteten. Die wilderen Geister stürmten weiter, sie hatten wieder

die Hälfte des übriggebliebenen Abstandes zurückgelegt, und immer noch gab der Graben kein

Lebenszeichen von sich. In einer Entfernung von zweihundert Ellen verlangsamten sie den Lauf

und sammelten sich; bei hundert Ellen blieben sie, an zwanzig Mann, mißtrauisch stehen und

berieten sich. Da wurde die Barrikade von einer Rauchwolke gekrönt, und sie zerstreuten sich

wie eine Handvoll kleiner Steine, die aufs Geratewohl hingeworfen werden. Vier fielen und noch

vier, und sie fielen weiter schnell, immer einer oder zwei zugleich, bis nur einer übrig war,

und der jagte in voller Flucht zurück, während der Tod ihm um die Ohren pfiff. Es war Nok, ein

junger Jäger, langbeinig und hochgewachsen, und er lief, wie er nie zuvor gelaufen war. Er

fuhr über die nackte Ebene wie ein Vogel, schwang sich auf und segelte und sprang von einer

Seite auf die andere. Die Büchsen im Graben donnerten in einer mächtigen Salve, sie knallten

durcheinander, aber immer noch schwang Nok sich auf, tauchte nieder und schwang sich immer

wieder unbeschädigt auf. Das Schießen ließ nach, als hätten die Männer des Sonnenlandes es

aufgegeben, ihn zu treffen, und Nok zickzackte immer weniger in seinem Fluge, bis er bei jedem

Sprunge geradeaus flog. Und wie er schnell und geradeaus so sprang, kläffte eine einzelne

Büchse aus dem Graben, und Nok ballte sich mitten in der Luft zusammen und kam als ein Klumpen

auf die Erde, flog durch den Aufprall wieder hoch und landete als ein zerschmettertes

Häufchen.

»Wer ist so schnell wie das schnellbeschwingte Blei?« grübelte Aab-Waak.

Tyee brummte und wandte sich ab. Der Fall war erledigt, und es gab Wichtigeres zu denken. Ein

Mann vom Stamme der Hungrigen und vierzig von seinen eigenen Kriegern, darunter einige

Verwundete, waren noch übrig, und man hatte noch mit vier Männern des Sonnenlandes zu rechnen.

»Wir halten sie in ihrem Loch an der Klippe fest«, sagte er, »und wenn der Hunger sie gepackt

hat, so töten wir sie, als ob es Kinder wären.«

»Aber warum kämpfen?« fragte Oloof, einer der jüngeren Männer. »Der Reichtum der Männer des

Sonnenlandes ist nicht mehr; es ist nur übrig, was sich in Negaahs Iglu befindet, ein elender

Rest…« Er brach hastig ab, denn eine Kugel pfiff scharf an seinem Ohr vorbei.

Tyee lachte höhnisch. »Nimm das als Antwort. Was könnten wir sonst tun mit diesen wahnsinnigen

Menschen des Sonnenlandes, die nicht sterben wollen?«

»Welche Torheit!« protestierte Oloof, während er im stillen die Ohren spitzte, ob nicht eine

neue Kugel käme. »Es ist nicht recht, daß sie so kämpfen, diese Männer des Sonnenlandes. Warum

wollen sie nicht einen leichten Tod sterben? Sie sind Toren, daß sie nicht wissen, daß sie

doch des Todes sind, und uns so viel Mühe machen.«

»Zuerst kämpften wir, um großen Reichtum zu gewinnen, jetzt tun wir es, um unser Leben zu

retten«, faßte Aab-Waak in Kürze die Lage zusammen.

Nachts ertönte Lärm in den Gräben, und Schüsse wurden gewechselt. Und am Morgen fand man

Negaahs Iglu von den Besitztümern der Männer des Sonnenlandes geräumt. Sie hatten sie selbst

geholt, wie ihre Fährten zeigten, als die Sonne aufging. Oloof kroch auf den Rand der Klippe,

um große Steine in den Graben hinabzuschleudern, aber die Klippe hing über, und so schleuderte

er statt dessen Scheltworte und Beleidigungen hinunter und versprach ihnen bittere Foltern,

wenn das Ende gekommen sei. Bill schickte ihm Hohnworte in der Sprache des Bärenvolkes zurück,

und Tyee, der den Kopf aus dem Graben hervorsteckte, um zuzusehen, erhielt einen tiefen

Streifschuß an der Schulter.

Und in den traurigen Tagen, die jetzt folgten, und den wilden Nächten, in denen sie die Gräben

näher an den Feind heranführten, wurde viel davon gesprochen, ob es nicht klug sei, die Männer

des Sonnenlandes entwischen zu lassen. Aber davor fürchteten sie sich, und die Frauen erhoben

stets ein Geschrei bei dem Gedanken. Sie hatten viel von den Männern des Sonnenlandes gesehen

und hatten keine Lust, noch mehr zu sehen. Die ganze Zeit hindurch war die Luft von dem

Pfeifen und Klatschen der Kugeln erfüllt, und die ganze Zeit hindurch wuchs die Verlustliste.

Im goldenen Morgengrauen ertönte der schwache, ferne Knall einer Büchse, und eine Frau

streckte getroffen am fernen Rande des Dorfes die Hände hoch. In der Mittagshitze hörten die

Männer in den Gräben das gellende Pfeifen und wußten, daß ihr Tod geflogen kam, und im grauen

Abendschein spritzte der Staub in kleinen Wölkchen bei dem schwachen Feuer auf. Und durch die

Nächte klang das langgezogene, jammernde »Wa-hoo-ha-a, wa-hoo-ha-a!« der trauernden Frauen.

Wie Tyee vorausgesagt hatte, kam es schließlich so weit, daß der Hunger die Männer des

Sonnenlandes packte. Und während eines zeitigen Herbststurmes kroch einer von ihnen in der

Dunkelheit in die Gräben und stahl eine Menge Stockfische. Aber er konnte nicht wieder

zurückkommen, und die Sonne fand ihn, wie er sich vergebens im Dorfe zu verstecken suchte. So

kämpfte er denn den großen Kampf ganz allein in einem engen Kreis des Mandellvolkes, erschoß

vier mit seinem Revolver, und ehe sie ihn ergreifen und foltern konnten, kehrte er die Waffe

gegen sich selber und starb.

Das warf Schwermut über das Volk. Oloof stellte die Frage: »Wenn nur ein Mann sich so kühn

verteidigt, ehe er stirbt, was werden dann die drei tun, die noch übrig sind?«

Dann stellte Mesahchie sich auf die Barrikade und rief die Namen dreier Hunde, die in die Nähe

gekommen waren. Das war Fleisch und Leben – und das schob den Tag der Abrechnung hinaus und

goß Verzweiflung in die Herzen des Mandellvolkes. Und die Flüche eines ganzen Geschlechtes

wurden über Mesahchies Haupt ausgeschüttet.

Die Tage schleppten sich hin. Die Sonne eilte gen Süden, die Nächte wurden immer länger, und

es kam ein Hauch von Frost in die Luft. Und immer noch hielten die Männer des Sonnenlandes

ihren Graben. Unter diesem endlosen Druck sank der Mut, und Tyee grübelte tief und ernsthaft.

Dann erließ er die Botschaft, daß alle Felle und Häute im ganzen Stamme gesammelt werden

sollten. Die ließ er zu großen Rollen wickeln und legte hinter jede Rolle einen Mann.

Als der Befehl gegeben wurde, war der kurze Tag beinahe verstrichen, und es war eine

langwierige Arbeit, die großen Ballen Fuß für Fuß vorwärts zu rollen. Die Kugeln der Männer

des Sonnenlandes klatschten und schlugen in sie, ohne sie zu durchdringen, und die Männer

heulten vor Begeisterung. Aber die Dunkelheit brach herein, und Tyee, der jetzt seines

Erfolges sicher war, ließ die Ballen in die Gräben zurückholen.

Am nächsten Morgen begann das Vorrücken im Ernst, während im Graben der Männer des

Sonnenlandes ein unheimliches Schweigen herrschte. Anfangs rückten die Ballen sich langsam mit

weiten Zwischenräumen näher, während der Kreis sich verengerte. In einer Entfernung von

hundert Ellen waren sie einander ganz nahe gekommen, so daß Tyees Befehl, anzuhalten,

flüsternd von einem Flügel zum andern lief. Der Graben gab kein Lebenszeichen von sich. Sie

warteten lange und gespannt, aber nichts regte sich. Das Vorrücken begann wieder, und das

Manöver wiederholte sich in einem Abstand von fünfzig Ellen. Immer noch kein Zeichen, kein

Laut. Tyee schüttelte den Kopf, und selbst Aab-Waak hegte Zweifel. Aber wieder wurde Befehl

zum Vorrücken gegeben, und sie rückten vor, bis Ballen neben Ballen lag und eine feste Schanze

aus Fellen und Häuten sich von der Klippe rings um den Graben wieder bis zur Klippe

erstreckte. Tyee blickte sich um und sah, wie Frauen und Kinder sich wie dunkle Schatten in

den verlassenen Gräben scharten. Er sah vorwärts nach dem schweigenden Graben. Die Männer

bewegten sich nervös, und er ließ einen um den andern Ballen vorrücken. Diese neue Linie

bewegte sich vorwärts, bis wieder wie zuvor Ballen an Ballen stieß. Dann schob Aab-Waak aus

eigenem Antriebe einen Ballen allein vor. Als er gegen die Barrikade stieß, wartete er lange.

Dann warf er Steine in den Graben hinüber, bekam aber keine Antwort, und schließlich erhob er

sich mit großer Vorsicht und guckte hinunter. Ein Teppich von leeren Patronenhülsen, einige

reingenagte Hundeknochen und eine sumpfige Stelle, wo das Wasser aus einer Felsspalte

herabträufelte, begegneten seinem Blick. Das war alles. Die Männer des Sonnenlandes waren weg.

Ein Murmeln von Hexerei und unbestimmte Klagen ertönten, und düstere Blicke wurden gewechselt,

die Tyee unheimliche Dinge prophezeiten, die noch geschehen konnten, und er atmete erleichtert

auf, als Aab-Waak den Spuren am Fuße der Klippe folgte.

»Die Höhle!« rief Tyee. »Sie sahen meine Weisheit mit den Fellballen voraus und flohen in die

Höhle!« Die Klippe war von einem Labyrinth unterirdischer Gänge durchbohrt, die in der Mitte,

wo der Graben gegen die Felswand stieß, zusammenliefen. Dorthin folgten die Männer des Stammes

Aab-Waak unter vielen Ausrufen, und als sie die Stelle erreichten, konnten sie deutlich sehen,

daß die Männer des Sonnenlandes in die einige zwanzig Fuß hohe Mündung geklettert waren.

»Jetzt ist es geschehen«, sagte Tyee und rieb sich die Hände. »Jetzt gebiete ich, daß alle

sich freuen sollen, denn jetzt sind sie in der Falle, diese Männer des Sonnenlandes – in der

Falle. Die jungen Leute sollen hinaufklettern und den Eingang der Höhle mit Steinen füllen, so

daß Bill und seine Brüder und Mesahchie vom Hunger gequält werden, bis sie zu Schatten werden

und unter Fluchen in Stille und Finsternis sterben.«

Rufe, die Jubel und Erleichterung ausdrückten, begrüßten diese Worte, und Howgah, der letzte

vom Stamme der Hungrigen, kletterte den steinigen Hang hinauf und kauerte sich am Rande der

Öffnung zusammen. Aber im selben Augenblick ertönte ein scharfer Knall, dann noch einer,

während er sich verzweifelt an den glatten Felsrand klammerte. Mit widerstrebender Schwäche

ließ er los und stürzte zu Tyees Füßen nieder, zitterte einen Augenblick wie ein riesiger

Gallertklumpen und lag dann still da.

»Wie konnte ich wissen, daß sie so große Kämpfer seien und sich nicht fürchteten?« fragte Tyee

unter dem Drange, sich zu verteidigen, bei der Erinnerung an die düsteren Blicke und die

unbestimmten Klagen.

»Wir waren viele und glücklich«, erklärte einer der Männer geradezu. Ein anderer ließ die

lüsternen Finger mit seinem Speere spielen.

Aber Oloof gebot ihnen Schweigen. »Hört, meine Brüder! Es gibt einen andern Weg! Als Knabe

fand ich ihn zufällig eines Tages, als ich oben auf dem Hange spielte. Er ist von den Felsen

verborgen, und niemand kommt dorthin. Daher ist er ein Geheimnis, und kein Mensch kennt ihn.

Er ist sehr schmal, man kriecht ein weites Stück auf dem Bauche, und dann ist man in der

Höhle. Heute nacht wollen wir geräuschlos hineinkriechen und die Männer des Sonnenlandes von

hinten überraschen. Und morgen wird Friede sein, und nie wieder werden wir in den kommenden

Jahren mit Männern des Sonnenlandes kämpfen.«

»Nie mehr!« tönte es im Chor von den müden Männern. »Nie mehr!« Und Tyee stimmte mit ein. Am

Abend sammelte sich die Schar von Frauen und Kindern um den bekannten Eingang der Höhle, die

Erinnerung an ihre Toten im Herzen und Steine, Speere und Messer in den Händen. Die mehr als

zwanzig Fuß zur Erde konnte keiner der Männer des Sonnenlandes hoffen, lebend

hinunterzugelangen. Im Dorfe blieben nur die Verwundeten zurück, während alle gesunden und

beweglichen Männer – es waren noch dreißig – Oloof nach dem heimlichen Zugang folgten. Es

waren hundert Fuß unwegsame Felsen und unsicher aufgehäufte Steine zwischen ihnen und der

Erde, und aus Furcht, die Steine durch Hand oder Fuß in Unordnung zu bringen, kroch immer nur

ein Mann auf einmal in den Gang. Oloof, der zuerst kam, rief leise den nächsten, daß er kommen

solle, und verschwand drinnen. Ein Mann folgte, noch einer, ein dritter und so fort, bis nur

Tyee übrig war. Er hörte das Rufen des letzten Mannes, wurde aber von einem plötzlichen

Zweifel gepackt und blieb zurück, um nachzudenken. Eine halbe Stunde später schwang er sich

zur Öffnung empor und guckte hinein. Er konnte fühlen, wie eng der Gang war, und die

Dunkelheit vor ihm wirkte gleichsam massiv. Die Furcht vor dem Raum zwischen den Erdwänden

ließ ihn erstarren, und er konnte sich nicht hineinwagen. Alle Toten, von Negaah, dem ersten

der Mandeller, bis zu Wawgah, dem letzten der Hungrigen, setzten sich zu ihm. Aber er zog das

Unheimliche ihrer Gesellschaft dem Entsetzen vor, das er in dem dichten Dunkel lauern spürte.

Er hatte lange dort gesessen, als etwas Weiches und Kaltes leise gegen seine Wange flatterte,

und er wußte, daß es der erste Winterschnee war, der fiel. Dann kam die schwache

Morgendämmerung und hierauf der klare Tag, und dann hörte er einen leisen Kehllaut, ein

Schluchzen, das näher kam und deutlicher wurde. Er ließ sich über den Rand gleiten, setzte die

Füße auf den ersten Felsvorsprung und wartete.

Das Schluchzen kam langsam näher, aber endlich, nach manchem Stocken war es da, und er war

sicher, daß es von keinem Manne des Sonnenlandes ausgehen konnte. Daher streckte er die Hand

dem Laut entgegen, aber wo ein Kopf hätte sein sollen, fühlte er die Schulter eines Mannes,

der sich auf die Ellenbogen stützte. Den Kopf fand er hinterher, nicht aufrecht, sondern

herabhängend, so daß der Scheitel auf dem Boden des Ganges ruhte.

»Bist du es, Tyee?« fragte der Kopf. »Denn ich bin es, Aab-Waak, hilflos und geknickt wie ein

schlecht geworfener Speer. Mein Kopf liegt im Schmutze, und ich kann nicht ohne Hilfe

hinunterklettern.«

Tyee kroch hinein und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand, aber der Kopf hing auf die

Brust herab und schluchzte und jammerte.

»Ai-oo-o, ai-oo-o!« kam es. »Oloof hatte vergessen, daß Mesahchie auch das Geheimnis kannte,

und sie hat es den Männern des Sonnenlandes verraten, sonst hätten sie nicht am andern Ende

des Ganges gewartet. Und darum bin ich ein geknickter Mann und hilflos – ai-oo-o, ai-oo-o!«

»Und starben sie, die verfluchten Männer des Sonnenlandes, am andern Ende des Ganges?« fragte

Tyee.

»Wie konnte ich wissen, daß sie warteten?« gurgelte Aab-Waak. »Denn meine Brüder waren

vorausgegangen, viele von ihnen, und es war nichts von einem Kampf zu hören. Wie konnte ich

wissen, warum es keinen Kampflärm gab? Und ehe ich es wußte, legten sich zwei Hände um meinen

Hals, so daß ich nicht rufen und meine Brüder warnen konnte, die hinter mir kamen. Und dann

legten sich noch zwei Hände um meinen Kopf und zwei um meine Füße. Auf diese Weise hielten die

Männer des Sonnenlandes mich. Und während die Hände meinen Kopf festhielten, drehten die Hände

um meine Füße meinen Körper herum, und der Hals wurde mir umgedreht, wie wir einer Wildente

den Hals umdrehen. Aber es war nicht bestimmt, daß ich sterben sollte«, fuhr er mit einem

schwachem Funken von Stolz fort. »Ich bin der einzige, der übrigblieb. Oloof und die andern

liegen in einer Reihe auf dem Rücken, und ihre Gesichter sind hierhin und dorthin gedreht, und

manche Gesichter sind dort, wo ihre Nacken sein sollten. Es ist kein schöner Anblick; denn als

das Leben in mich zurückkehrte, sah ich sie alle beim Schein einer Fackel, die die Männer des

Sonnenlandes zurückgelassen hatten, und ich war in eine Reihe mit den andern gelegt worden.«

»So? So?« grübelte Tyee, zu verblüfft, um mehr sagen zu können.

Es gab einen Ruck in ihm, und ihn schauderte, denn Bills Stimme ertönte aus dem Gange.

»Es ist gut«, sagte sie, »ich suche den Mann, der mit gebrochenem Hals fortkriecht, und siehe,

ich finde Tyee. Wirf deine Büchse von dir, Tyee, daß ich sie auf die Steine fallen hören

kann.«

Tyee gehorchte ohne Einwand, und Bill kroch ins Licht heraus. Tyee betrachtete ihn neugierig.

Er war mager, mitgenommen und schmutzig, und seine Augen leuchteten wie glühende Kohlen in

ihren tiefen Höhlen.

»Ich bin hungrig, Tyee«, sagte er. »Sehr hungrig sogar!«

»Und ich bin Schmutz zu deinen Füßen«, antwortete Tyee. »Dein Wort ist mir Gebot. Außerdem

werde ich meinem Volke befehlen, dir keinen Widerstand zu leisten. Ich rate ihnen…«

Aber Bill hatte sich umgedreht und rief in den Gang hinein: »He! Charley! Jim! Kommt her und

bringt das Mädchen mit!«

»Jetzt bekommen wir etwas zu essen«, sagte er, als seine Kameraden und Mesahchie sich ihm

angeschlossen hatten. Tyee rieb sich entschuldigend die Hände. »Wir haben nur wenig, aber was

wir haben, ist dein.«

»Und dann wollen wir südwärts über den Schnee wandern«, fuhr Bill fort.

»Möget ihr ohne Beschwer wandern, und möge der Weg euch leicht werden.« – »Es ist ein weiter

Weg. Wir brauchen Hunde und Nahrung – viel!«

»Du kannst unter unsern Hunden wählen und so viel Nahrung nehmen, wie sie ziehen können.«

Bill ließ sich über den Felsrand gleiten und schickte sich an hinunterzusteigen. »Aber wir

kommen wieder, Tyee. Wir kommen wieder, und unsere Tage werden lang sein hier im Lande.«

Und so reisten sie in den ungebahnten Süden, Bill, seine Brüder und Mesahchie. Und als das

nächste Jahr kam, lag »Search II« in der Mandellbucht vor Anker. Die wenigen vom Mandellvolke,

die noch lebten, weil ihre Wunden sie gehindert hatten, in die Höhlen zu kriechen, begannen

auf Befehl der Männer des Sonnenlandes zu arbeiten und in der Erde zu graben. Sie jagen und

fischen nicht mehr, sondern erhalten Tagelohn, für den sie sich Mehl, Zucker, Baumwollstoff

und solche Waren kaufen, wie »Search II« sie alljährlich von den Männern des Sonnenlandes

bringt.

Und diese Mine wird in aller Heimlichkeit ausgebeutet, wie so viele Nordlandminen ausgebeutet

worden sind, und kein weißer Mann außerhalb der Aktiengesellschaft, die aus Bill, Jim und

Charley besteht, weiß, wo an der Küste des Polarmeeres Mandell liegt. Aab-Waak trägt immer

noch seinen Kopf schief auf der Schulter hängend, er ist zum Orakel geworden und predigt den

jüngeren Generationen Frieden, wofür er eine Pension von der Aktiengesellschaft erhält. Tyee

ist Vorarbeiter in der Mine und hat sich eine neue Theorie über die Männer des Sonnenlandes

gebildet.

»Wer unter dem Pfade der Sonne lebt, ist nicht weichlich«, sagt er, während er seine Pfeife

raucht und beobachtet, wie die Tagschicht nach Hause geht und die Nachtschicht sich zur Arbeit

begibt. »Denn die Sonne dringt in ihr Blut ein und brennt sie mit einem starken Feuer, so daß

sie von Lüsten und Leidenschaften erfüllt werden. Sie brennen immer, so daß sie es selbst

nicht wissen, wenn sie besiegt sind. Dazu ist eine Unrast in ihnen, ein Teufel, der sie über

die ganze Erde treibt, um unaufhörlich zu arbeiten, zu schleppen und zu kämpfen. Ich weiß es.

Ich bin Tyee.«

* * *

Li Wan, die Schöne

»Die Sonne sinkt, Canim, und die Hitze des Tages ist vorbei!« So rief Li Wan ihrem Manne zu,

dessen Kopf in dem Eichhörnchenfellgewand verborgen war, aber sie rief es so leise, als wankte

sie zwischen der Pflicht, ihn zu wecken, und der Furcht vor ihm, wenn er erwachte. Denn sie

fürchtete ihren großen Gatten, der keinem der Männer glich, die sie je gekannt hatte.

Das Elchfleisch prasselte unruhig über dem Feuer, und sie stellte die Bratpfanne neben die

rote Glut. Dabei warf sie einen vorsichtigen Blick auf die beiden Hudsonbuchthunde, von deren

scharlachroten Zungen gierig der Geifer troff und die jeder ihrer Bewegungen folgten. Es waren

mächtige zottige Gesellen, die auf der vom Winde geschützten Seite des Feuers in dem dünnen

Rauch zusammengekauert waren, um den schwärmenden Myriaden von Moskitos zu entgehen. Als Li

Wan den Hang hinabblickte, dorthin, wo der Klondike seine angeschwollenen Fluten zwischen den

steilen Ufern dahinwälzte, schlängelte sich einer der Hunde wie ein Wurm vorwärts und warf mit

einem gewandten, katzenartigen Pfotenschlag ein Stück des heißen Fleisches auf den Boden. Aber

Li Wan ergriff ihn auf frischer Tat und gab ihm mit einem Holzscheit einen Schlag über die

Schnauze, daß er schnappend und knurrend zurücksprang.

»Nein, Olo«, lachte sie und hob das Fleisch auf, ohne ihn aus den Augen zu lassen. »Du bist

immer hungrig, und dann bringt deine Nase dich in endlose Unannehmlichkeiten.«

Aber Olos Kamerad gesellte sich zu ihm, und gemeinsam boten sie der Frau Trotz. Die Haare

sträubten sich ihnen auf Rücken und Schultern, sie verzerrten und fletschten die dünnen Lippen

und entblößten die grausam drohenden Fleischfresser-Fangzähne. Selbst ihre Nasen zuckten und

wanden sich wie die wilden Bestien, und sie knurrten wie Wölfe mit all dem Haß und der ganzen

Bosheit ihrer Rasse, bereit, sich auf die Frau zu stürzen und sie zu Boden zu reißen.

»Und du auch, Bash? Du bist so wild wie dein Herr und beugst dich nie der Hand, die dich

füttert! Dies ist nicht deine Sache, darum nimm dies! Und das!«

Dies rufend, schlug sie mit dem Scheit nach ihnen, aber sie wichen den Schlägen aus, ohne sich

zurückzuziehen. Sie trennten sich und näherten sich je von einer Seite, kriechend und

knurrend. Li Wan rang mit dem Wolfshund um die Herrschaft seit der Zeit, da sie zwischen den

Fellballen der Teepee herumgezottelt war, und sie wußte, daß eine Krisis bevorstand. Bash

hatte haltgemacht, seine Muskeln strafften sich zum Sprunge; Olo kroch noch in Reichweite

ihres Schlages.

Sie ergriff zwei qualmende Scheite an den verkohlten Enden und trat den Bestien entgegen. Die

eine hielt sich zurück, aber Bash sprang zu, und ihre brennende Waffe traf ihn in der Luft.

Ein scharfes Schmerzgeheul ertönte, und der Geruch von verbranntem Haar und Fleisch machte

sich bemerkbar, während das Tier in den Schmutz rollte und die Frau ihm die schwelende Asche

in den Rachen stieß. Wild schnappend warf er sich beiseite und suchte in fast wahnsinniger

Furcht das Weite. Olo hatte schon seinen Rückzug begonnen, als Li Wan ihn an ihre Übermacht

gemahnte, indem sie ihm ein schweres Holzscheit in die Rippen jagte. Unter einem Regen von

Brennholz zog sich das Paar zurück und begann sich am Rande des Lagerplatzes, abwechselnd

wimmernd und knurrend, die Wunden zu lecken.

Li Wan blies die Asche vom Fleisch und setzte sich wieder. Ihr Herz hatte nicht schneller

geschlagen, sie war die Zwischenfälle gewohnt, sie gehörten mit zu ihrem täglichen Leben.

Canim hatte sich bei dem Lärm nicht gerührt, sondern nur kräftig geschnarcht.

»Komm, Canim!« rief sie. »Die Hitze des Tages ist entschwunden, und der Weg wartet auf uns.«

Das Eichhörnchenfell geriet in Bewegung und wurde durch einen braunen Arm beiseite geworfen.

Das Augenlid des Mannes zuckte und senkte sich wieder. – Seine Last ist schwer, dachte sie,

und er ist noch müde von der Morgenarbeit.

Ein Moskito stach sie in den Nacken, und sie betupfte sich die ungeschützte Stelle mit

feuchtem Lehm aus einem Klumpen, den sie immer zur Hand hatte. Den ganzen Morgen hatten sich

Mann und Frau, während sie sich, in eine Wolke dieser Pest eingehüllt, zur Wasserscheide

hinaufgeschleppt hatten, mit dieser klebrigen Masse beschmiert, die in der Sonne trocknete und

ihre Gesichter mit Lehmmasken bedeckte. Diese Masken sprangen an verschiedenen Stellen durch

die Bewegung der Gesichtsmuskeln und mußten beständig erneuert werden, so daß der Niederschlag

unregelmäßig stark und von seltsamem Aussehen war.

Li Wan schüttelte Canim sanft, aber anhaltend, bis er völlig erwachte und sich aufsetzte. Sein

erster Blick galt der Sonne, und nachdem er die Himmelsuhr befragt hatte, beugte er sich über

das Feuer und machte sich gierig über das Fleisch her.

Er war ein großer Indianer, volle sechs Fuß hoch, mit breiter Brust und schweren Muskeln, und

seine Augen blickten kühner und zeugten von einer Geisteskraft, wie sie bei seiner Rasse

selten ist. Linien, von Energie geprägt, hatten tiefe Furchen in sein Antlitz gegraben und

ließen einen Mann erkennen, der gewohnt war, seinen Willen unerschütterlich durchzusetzen und

Versuchen, ihn zu durchkreuzen, mit tückischer Grausamkeit zu begegnen.

»Morgen, Li Wan, werden wir ein Festessen haben.« Er saugte einen Markknochen aus und warf ihn

den Hunden zu. »In Speck gebratene Pfannkuchen und, was noch besser schmeckt, Zucker…«

»Pfannkuchen?« fragte sie, das Wort neugierig genießend.

»Ja«, antwortete Canim überlegen, »und ich werde dir neue Kochkünste beibringen. Die Dinge,

von denen ich spreche, kennst du nicht und vieles andere auch nicht. Du hast deine Tage in

einem kleinen entlegenen Winkel verlebt und weißt nichts. Ich aber«, er richtete sich auf und

blickte sie stolz an, »ich bin ein großer Wanderer und war überall, selbst unter den Weißen,

und ich kenne ihre Gebräuche und die vieler anderer Völker. Ich bin kein Baum, der immer auf

demselben Platze steht und nicht weiß, was hinter dem nächsten Hügel liegt; ich bin Canim, das

Kanu, geschaffen, hierhin und dorthin zu wandern und die Welt der Länge und Breite nach zu

durchreisen und zu durchforschen.«

Sie neigte demütig ihr Haupt. »Es ist wahr. Ich habe alle meine Tage Fisch, Fleisch und Beeren

gegessen und in einem kleinen Winkel gelebt. Ich ließ mir nicht träumen, daß die Welt so groß

war, bis du mich meinem Volke entführtest und ich auf endlosen Wegen für dich kochte und

Lasten trug.« Sie sah plötzlich zu ihm auf. »Sag mir, Canim, hat dieser Weg nie ein Ende?«

»Nein«, antwortete er. »Mein Weg gleicht der Welt, er endet nie. Mein Weg ist die Welt, ich

befahre ihn, seit meine Füße mich tragen konnten, und ich werde ihn wandern, bis ich sterbe.

Mein Vater und meine Mutter sind vielleicht tot – es ist lange her, seit ich sie sah –, aber

ich mache mir nichts daraus. Mein Stamm ist wie der deine. Er bleibt auf demselben Fleck, weit

von hier, aber ich mache mir nichts aus meinem Stamm, denn ich bin Canim, das Kanu!«

»Und muß ich, Li Wan, so müde ich bin, immer deinen Weg wandern, bis ich sterbe?«

»Du, Li Wan, bist mein Weib, und das Weib wandert den Weg des Gatten, wohin er auch führt. So

ist das Gesetz. Und wäre es nicht so, so würde es doch Canims Gesetz sein, der sich selbst und

den Seinen die Gesetze gibt.«

Wieder neigte sie ihr Haupt, denn sie kannte kein anderes Gesetz, als daß der Mann der Herr

des Weibes sei.

»Beeile dich nicht«, warnte er sie, als sie die spärlichen Ausrüstungsgegenstände in ein

Bündel zusammenzuschnüren begann. »Die Sonne brennt noch heiß, der Weg führt bergab und ist

gut.«

Sie ließ gehorsam von ihrer Arbeit und setzte sich wieder.

Canim betrachtete sie mit forschenden Blicken. »Du kauerst nicht nieder wie andere Frauen?«

bemerkte er.

»Nein«, sagte sie. »Es ermüdet mich, und ich kann in der Stellung nicht ausruhen.«

»Und warum zeigen deine Füße nicht geradeaus?«

»Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß sie anders als die Füße unserer Frauen sind.«

Ein zufriedenes Leuchten blitzte in seinen Augen auf, sonst aber gab er kein Zeichen.

»Gleich dem anderer Frauen ist dein Haar schwarz; aber weißt du, daß es weich und fein ist,

weicher und feiner als das anderer Frauen?«

»Ich habe es bemerkt«, erwiderte sie kurz, denn sie war verwirrt von einer solchen kalten

Erwähnung ihrer weiblichen Mängel.

»Es ist jetzt ein Jahr her, seit ich dich deinem Volke entführte«, fuhr er fort, »und du bist

noch beinahe ebenso scheu und furchtsam vor mir wie damals, als meine Augen zum ersten Male

auf dir ruhten. Woher kommt das?«

Li Wan schüttelte den Kopf. »Ich fürchte mich vor dir, Canim, du bist so stark und fremd. Und

dann: Bevor du deine Blicke auf mich warfst, fürchtete ich mich vor allen jungen Leuten. Ich

weiß nicht – ich kann nicht sagen… Aber mir scheint, ich weiß nicht wieso, als wäre ich nicht

für sie geschaffen, als wäre ich…«

»Nun?« ermutigte er sie, ungeduldig über ihr Stocken.

»Als wären sie nicht von meiner Art.«

»Nicht von deiner Art?« fragte er langsam.

»Ich weiß nicht, ich…« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kann nicht in Worte kleiden, was

ich empfand. Es war ein Gefühl von Fremdheit in mir. Ich war anders als andere Mädchen, die

die jungen Männer im geheimen aufsuchten. Ich konnte mir nichts aus den jungen Männern auf

diese Weise machen. Es schien mir, als wäre es ein großes Unrecht, eine schlechte Handlung.«

»Was ist deine früheste Erinnerung?« fragte Canim plötzlich ohne Übergang.

»Pow-Wah-Kaan, meine Mutter.«

»Und nichts vor Pow-Wah-Kaan?«

»Nichts.«

Aber Canim hielt ihren Blick mit dem seinen fest, suchte im Innersten ihrer Seele und sah sie

schwanken.

»Denk nach, denk scharf nach, Li Wan!« drohte er. Sie stammelte, und ihre Augen flehten um

Mitleid, aber sein Wille beherrschte sie und entrang die Worte ihrem widerstrebenden Munde.

»Aber es waren nur Träume, Canim, böse Träume meiner Kindheit, Schatten unwirklicher Dinge,

Gesichte, ähnlich wie Hunde sie wimmernd sehen, wenn sie in der Sommerhitze schlafen.«

»Erzähle von diesen Dingen!« befahl er.

»Es sind vergessene Gedanken«, wandte sie ein. »Als Kind träumte ich wach, die offenen Augen

dem Tage zugewandt, und wenn ich von den seltsamen Dingen sprach, die ich sah, lachte man mich

aus, und die andern Kinder fürchteten sich und zogen sich vor mir zurück. Und wenn ich von

dem, was ich sah, zu Pow-Wah-Kaan sprach, so schalt sie mich aus und sagte, es sei häßlich;

sie schlug mich auch deswegen. Es war eine Krankheit, glaube ich, wie die Fallsucht, die alte

Männer befällt, und allmählich ging es mir besser, und ich träumte nicht mehr. Und jetzt –

kann ich mich nicht mehr darauf besinnen.« Sie hob verwirrt die Hand an die Stirn. »Hier

irgendwo stecken sie, aber ich kann sie nicht finden, nur…«

»Nur«, wiederholte Canim und hielt sie fest.

»Nur eines. Aber du wirst über meine Torheit lachen, es ist so unwahrscheinlich.«

»Nein, Li Wan. Träume sind Träume. Sie mögen Erinnerungen an andere Leben sein, die wir

lebten. Ich war einst ein Elch. Ich glaube ganz fest, daß ich einst ein Elch war, wenn ich

daran denke, was ich in Träumen gesehen und gehört habe.«

Sosehr er sich auch bemühte, sie zu verbergen, offenbarte sich doch eine immer wachsende

Ängstlichkeit, aber Li Wan, die nach Worten suchte, in die sie ihre Gedanken kleiden konnte,

bemerkte sie nicht.

»Ich sehe einen Platz mit festgestampftem Schnee zwischen den Bäumen«, begann sie, »und im

Schnee die Fährte eines Mannes, der sich schwer auf Händen und Füßen weiterschleppt. Und ich

sehe auch den Mann im Schnee, und wenn ich ihn sehe, scheint es mir, als sei ich ihm ganz

nahe. Er sieht nicht so aus wie andere Männer, denn er hat Haar im Gesicht, viel Haar, und das

Haar auf seinem Gesicht und seinem Kopfe ist gelb wie das Sommerkleid eines Wiesels. Seine

Augen sind geschlossen, aber sie öffnen sich und suchen umher. Sie sind blau wie der Himmel

und schauen in die meinen und suchen nicht mehr. Und seine Hand bewegt sich langsam wie in

großer Schwäche, und ich fühle…«

»Nun«, flüsterte Canim heiser. »Du fühlst…«

»Nein, nein!« schrie sie hastig. »Ich fühle nichts. Sagte ich ›fühle‹? Ich meinte es nicht. Es

kann nicht sein, daß ich es fühlte. Ich sehe und sehe nur, und alles, was ich sehe, ist – ein

Mann im Schnee, mit Augen wie der Himmel und Haaren wie das Wiesel. Ich sah es oft und immer

dasselbe – einen Mann im Schnee…«

»Und siehst du dich selber?« fragte er, indem er sich vorbeugte und sie fest anblickte.

»Siehst du je dich selber und den Mann im Schnee?«

»Warum sollte ich mich sehen? Bin ich nicht wirklich?«

Seine Muskeln erschlafften, und er ließ sich zurücksinken, mit großer Befriedigung in den

Augen, die er von ihr wandte, damit sie sie nicht sähe.

»Ich will dir etwas sagen, Li Wan!« sprach er mit Entschiedenheit. »In einem früheren Leben,

als du dies sahst, warst du ein Vögelchen, und die Erinnerung hieran lebt noch in dir. Das ist

nicht seltsam. Ich war einst ein Elch, und meines Vaters Vater wurde ein Bär nach seinem Tode,

so sagte der Schamane, und der Schamane lügt nicht. So gleiten wir von Leben zu Leben auf den

Pfaden der Götter, und nur die Götter wissen und verstehen. Träume und Schatten von Träumen

sind Erinnerungen, nichts weiter, und der Hund, der in der Sonnenhitze im Schlafe wimmert,

erinnert sich zweifellos längst geschehener Dinge. Bash hier war einst ein Krieger. Ich glaube

fest, daß er ein Krieger war.«

Canim warf dem Tiere einen Knochen zu und erhob sich. »Komm, laß uns aufbrechen. Es ist noch

heiß, aber es wird nicht kühler werden.«

»Und diese Weißen, wie sind sie?« fragte Li Wan plötzlich.

»Sie sind wie du und ich«, erwiderte er, »nur ist ihre Haut heller. Ehe der Tag stirbt, wirst

du bei ihnen sein.«

Canim band seinen Schlafsack an seinen anderthalb Zentner schweren Packen, bestrich das

Gesicht mit nassem Lehm und setzte sich, um sich auszuruhen, bis Li Wan die Hunde beladen

hatte. Olo kroch beim Anblick des Knüttels in ihrer Hand zusammen und machte keine

Schwierigkeiten, als ihm das vierzig Pfund schwere Bündel auf den Rücken geschnallt wurde.

Bash jedoch war gekränkt und schlechter Laune und wimmerte und knurrte, als die Last ihm

aufgeladen wurde. Er krümmte den Rücken, fletschte die Zähne, als Li Wan die Riemen anzog,

während die ganze Heimtücke seiner Natur aus seinen Blicken blitzte, die er ihr von der Seite

zuwarf. Und Canim lachte. »Hab’ ich nicht gesagt, daß du einst ein großer Krieger warst?«

»Diese Felle werden einen guten Preis bringen«, bemerkte er, indem er sich den Kopfriemen

zurechtrückte und seinen Packen vom Boden aufhob. »Einen großen Preis. Die weißen Männer

zahlen gut für solche Ware, denn sie haben keine Zeit zu jagen und sind zu empfindlich gegen

die Kälte. Bald werden wir Festschmaus halten, Li Wan, wie noch nie in allen deinen früheren

Leben.«

Sie murmelte ihre Anerkennung für die Leutseligkeit ihres Herrn, schlüpfte ins Geschirr und

beugte sich unter der Last vorwärts.

»Das nächste Mal möchte ich als weißer Mann zur Welt kommen«, fügte er hinzu und schwang sich

den Weg hinab, der in die Schlucht zu seinen Füßen mündete.

Die Hunde folgten ihm rasch auf den Fersen, und Li Wan schloß den Zug. Aber ihre Gedanken

waren weit fort, jenseits der Gletscher im Osten, an dem kleinen Fleckchen Erde, wo sie ihre

Kindheit verlebt hatte. Als Kind schon, dessen erinnerte sie sich wohl, hatte man sie stets

als etwas Merkwürdiges angesehen, wie eine, die von einem Leid heimgesucht war. Tatsächlich

hatte sie wachend geträumt und war gescholten und geschlagen worden wegen der seltsamen

Gesichte, die sie hatte, bis sie ihnen mit der Zeit entwachsen war. Aber nicht ganz. Wenn sie

sie auch nicht mehr im Wachen beunruhigten, so kamen sie doch, so erwachsen sie auch war, im

Schlafe zu ihr, und manche Nacht wurde sie von diesem von flatternden Gestalten erfüllten,

unbestimmten sinnlosen Alp bedrückt. Das Gespräch mit Canim hatte sie angeregt, und den ganzen

Weg, den unebenen Hang der Wasserscheide hinab, lauschte sie den neckischen Phantasien ihrer

Träume.

»Wir wollen verschnaufen«, sagte Canim, als sie die Hälfte des Weges zurückgelegt und das Bett

des Hauptflusses erreicht hatten.

Er stützte seinen Packen auf einen Felsvorsprung, streifte den Kopfriemen ab und ließ sich

nieder. Li Wan folgte seinem Beispiel, und die Hunde streckten sich keuchend aus. Zu ihren

Füßen rauschte die eisige Flut der Berge, aber sie war schmutzig und mißfarben, als ob jemand

die Erde aufgewühlt und das Wasser dadurch verunreinigt hätte.

»Woher kommt das?« fragte Li Wan.

»Weil die Weißen in der Erde arbeiten. Hörst du?«

Er hob die Hand und sie hörten den Klang von Hacke und Spaten und den Ton menschlicher

Stimmen. »Sie sind verrückt nach Gold und arbeiten unablässig, um es zu finden. Gold? Das ist

etwas Gelbes, wird in der Erde gefunden und gilt als sehr wertvoll. Es dient auch als

Wertmesser.«

Aber Li Wans umherschweifende Blicke hatten ihre Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt. Einige

Schritte weiter abwärts, halb verborgen hinter einer Gruppe junger Tannen, erhoben sich die

Querbalken und das vorspringende Dach einer Hütte. Ein Schauer durchrieselte sie, und all ihre

Traumgesichte erhoben sich und regten sich unruhig.

»Canim«, flüsterte sie in Angst und Qual, »Canim, was ist das?«

»Das Zelt des weißen Mannes, in dem er ißt und schläft.«

Sie betrachtete es schweigend, übersah seine Vorzüge mit einem Blick und zitterte wieder bei

den unerklärlichen Gefühlen, die es in ihr wachrief.

»Es muß sehr warm bei Frostwetter sein«, sagte sie laut, obgleich ihr war, als ob ihre Lippen

fremdartige Laute bilden müßten.

Sie fühlte den Drang, sie zu sprechen, tat es aber nicht, und im nächsten Augenblick sagte

Canim: »Es wird Hütte genannt.«

Ihr Herz sprang heftig. Das waren die Laute! Eben das! In plötzlichem Erschrecken sah sie sich

um. Wie konnte sie dieses seltsame Wort kennen, ehe sie es noch gehört hatte? Wie konnte das

sein? Und dann wußte sie plötzlich, zwischen Furcht und Entsetzen schwankend, daß zum ersten

Male in ihrem Leben Sinn und Bedeutung in dem gelegen hatte, was ihre Träume ihr zugeflüstert

hatten.

»Hütte«, wiederholte sie bei sich. »Hütte – Hütte.« Ein Gewirr undeutlicher Traumbilder

wirbelte um sie auf, bis ihr der Kopf schwirrte und das Herz zu springen drohte. Schatten,

Ungewisse Gestalten und unverständliche Gedankenverbindungen flatterten und wirbelten

durcheinander, und vergebens suchte sie sie in ihr Bewußtsein zu zwingen und festzuhalten.

Denn sie fühlte, daß hier, in diesem Chaos von Erinnerungen, der Schlüssel des Geheimnisses

lag; wenn sie ihn nur fassen und halten konnte, so mußte alles klar und verständlich werden.

O Canim! O Pow-Wah-Kaan! O Schatten und Phantome, was bedeutete das alles?

Sprachlos und zitternd wandte sie sich zu Canim. Sie war krank und halb ohnmächtig und konnte

nur den berauschenden Tönen lauschen, die in wundersamem Rhythmus aus der Hütte drangen. In

ihrer Ekstase schien es ihr, als ob alles sich endlich klären müßte. – Jetzt! Jetzt! dachte

sie. Plötzlich wurden ihre Augen feuchte, und Tränen rannen über ihre Wangen herab. Das

Geheimnis erschloß sich, aber ihre Schwäche übermannte sie. Wenn sie sich nur noch lange genug

aufrecht halten konnte! Wenn nur… Aber die Landschaft senkte und hob sich, und die Hügel

schwankten am Himmel auf und nieder, als sie aufsprang und rief: »Väterchen! Väterchen!« Dann

schwankte die Sonne, Finsternis schlug sie, und sie fiel kraftlos zwischen den Felsblöcken

vornüber.

Canim überzeugte sich, daß ihr Hals nicht durch das schwere Bündel gebrochen war, brummte

zufrieden und bespritzte sie mit Wasser aus dem Flusse. Langsam kam sie unter erstickendem

Schluchzen zu sich und setzte sich auf.

»Es ist nicht gut, wenn die Sonne einem so heiß auf den Kopf scheint«, meinte er.

Und sie antwortete: »Nein, es ist nicht gut, und die harte Last drückte mich schwer.«

»Wir werden unser Lager aufschlagen, so daß du lange schlafen kannst und wieder zu Kräften

kommst«, sagte er freundlich. »Und wenn wir jetzt gehen, werden wir um so eher zur Ruhe

kommen.«

Li Wan sagte nichts, gehorsam erhob sie sich, wenn auch schwankend, und jagte die Hunde auf.

Mechanisch folgte sie seinen Schritten, und als sie an der Hütte vorbeikam, wagte sie kaum zu

atmen. Aber kein Ton drang heraus, obgleich die Tür offenstand und Rauch dem Schornstein aus

dünnem Eisenblech entstieg.

An der Wendung des Flusses stießen sie auf einen Mann. Seine Haut war weiß, und er hatte blaue

Augen, und für einen Augenblick war es Li Wan, als sähe sie den andern Mann im Schnee. Aber

sie sah ihn nur verschwommen, denn sie war schwach und müde von allem, was geschehen war.

Dennoch blickte sie ihn neugierig an und blieb neben Canim stehen, um ihn arbeiten zu sehen.

Mit einer regelmäßig wiederkehrenden wippenden Bewegung wusch er Sand in einer großen Pfanne,

und wie sie sahen, gab er ihr einen gewandten Schwung, daß sich das gelbe Gold in einem

breiten Streifen quer über den Boden der Pfanne legte.

»Dieser Fluß ist sehr reich«, erzählte ihr Canim im Weitergehen. »Eines schönen Tages werde

ich schon einen ebensolchen Fluß finden, und dann werde ich ein mächtiger Mann.«

Hütten und Menschen wurden zahlreicher, bis sie an eine Stelle kamen, wo der Hauptarm des

Flusses vor ihnen lag. Es war ein Schauplatz großer Verwüstung. Überall war die Erde

umgepflügt und zerrissen, wie nach einer Titanenschlacht. Wo sich nicht aufgeworfene Kieshügel

erhoben, gähnten tiefe Löcher; Risse und Spalten, wo die dicke Erdschicht bis zur

Felsunterlage abgeschält war. Der Fluß strömte nicht in seinem Bette, das Wasser war abgedämmt

und abgeleitet, sickerte in Senkgruben und tiefgelegene Stellen und wurde, durch riesige

Wasserräder gehoben, tausend- und abertausendmal ausgenützt. Die Hügel waren ihrer Bäume

beraubt, und ihre bloßgelegten Flanken waren von großen Holzgleitbahnen und Versuchsbohrungen

angebohrt und durchlöchert. Und über allem breitete sich wie ein ungeheures Ameisenheer eine

Schar von Männern aus – von Männern, die zu den selbstgegrabenen Löchern hinein- und

herauskrabbelten und schwitzend an den großen Sandhaufen arbeiteten, die sie in beständiger

Bewegung hielten. Männer, so weit das Auge reichte, bis zu den Hängen der Hügel, Männer, die

das Antlitz der Natur zerfurchten und zerrissen. Li Wan war entsetzt über diese ungeheure

Umwälzung. »Wahrhaftig, diese Männer sind verrückt«, sagte sie zu Canim.

»Was für ein Wunder! Das Gold, nach dem sie graben, ist etwas Großes«, erwiderte er. »Es ist

das Größte in der Welt.«

Stundenlang wanderten sie durch dieses Chaos der Habgier, Canim eifrig und aufmerksam, Li Wan

schwach und teilnahmslos. Sie wußte, daß sie am Rande der Enthüllung gewesen war, und fühlte,

daß sie sich immer noch am Rande der Enthüllung befand, aber die Nervenerregung, die sie

durchgemacht, hatte sie ermüdet, und sie wartete passiv auf das Ereignis, das eintreten mußte,

ohne daß sie wußte, was es war. Überallher erfaßten ihre Sinne zahllose Eindrücke, und jeder

einzelne wurde ihr zu einem wirren Anreiz ihrer erschöpften Einbildungskraft. Irgendwo aus

ihrem Innern kam die Antwort auf die sie umgebenden Dinge, vergessene und ungeahnte

Zusammenhänge wurden erneuert, und sie wurde dessen in einer schlaffen, gleichgültigen Weise

gewahr, ihre Seele war verwirrt, aber sie war den geistigen Anforderungen nicht gewachsen, um

die Dinge deuten und verstehen zu können. So trottete sie müde weiter hinter ihrem Herrn her

und begnügte sich mit dem Bewußtsein, daß das, was sie erwartete, irgendwo und irgendwie

einmal geschehen müsse.

Nachdem der Strom die wahnsinnige Sklaverei der Menschen erduldet hatte, kehrte er schließlich

zu seiner alten Art zurück, jedoch völlig beschmutzt und getrübt von seiner Fron, und

schlängelte sich träge zwischen den Niederungen und Wäldern dahin, zu denen sich das Tal in

der Nähe der Mündung weitete. Hier führte der Boden kein Gold mehr, und die Männer hatten

nicht Lust, sich weiterlocken zu lassen. Und hier war es, wo Li Wan, als sie stehenblieb, um

Olo mit ihrem Stock anzutreiben, den weichen Silberklang eines Frauenlachens hörte.

Vor einer Hütte saß eine Frau mit schöner Haut und rosig wie ein Kind und lachte mit Grübchen

in den Wangen über die Worte einer anderen Frau in der Tür. Aber die sitzende Frau schüttelte

die schwere Masse ihres schwarzen, nassen Haares, das unter der warmen Liebkosung der Sonne

seine Feuchtigkeit verströmte.

Einen Augenblick blieb Li Wan wie angewurzelt stehen. Da sah sie ein blendendes Aufblitzen und

fühlte ein Schnappen, als ob etwas nachgab. Darauf verschwanden die Frau vor der Hütte und die

Hütte selbst, die hohen Fichten und der gezackte Horizont, und Li Wan sah eine andere Frau im

Scheine einer andern Sonne, die die schwere Masse ihres schwarzen Haares bürstete, und beim

Bürsten sang. Und Li Wan hörte die Worte des Liedes und verstand sie und war wieder Kind. Sie

hatte eine Erscheinung, in der all die verwirrenden Träume verschmolzen und eins wurden, und

Gestalten und Schatten nahmen ihren gewohnten Platz ein, und alles wurde klar und deutlich und

wirklich. Viele Bilder rollten vorbei, fremde Szenen und Bäume und Blumen und Menschen, und

sie sah sie und kannte sie alle.

»Als du ein Vögelchen warst«, sagte Canim, und seine Augen bohrten sich in die ihren.

»Als ich ein Vögelchen war«, flüsterte sie so schwach und leise, daß er es kaum hörte. Und sie

wußte, daß sie log, als sie den Kopf gegen den Riemen stemmte und weiterschritt. Und so

seltsam war alles, daß die Wirklichkeit jetzt unwirklich wurde. Die meilenweite Wanderung und

das Aufschlagen des Lagers am Flußufer erschienen ihr wie ein Erlebnis in einem Nachtspuk. Sie

kochte das Fleisch, fütterte die Hunde und lud die Packen ab wie im Traum und kam erst wieder

zu sich, als Canim von seinen nächsten Reisen zu sprechen begann.

»Der Klondike mündet in den Yukon«, sagte er. »Das ist ein mächtiger Strom, größer als der

Mackenzie, den du kennst. Dann gehen wir beide, du und ich, nach Fort Yukon hinab. Mit den

Hunden im Winter sind es zwanzig Tagemärsche. Dann folgen wir dem Yukon nach Westen – hundert

bis zweihundert Tage. Ich habe nie genau gehört, wieviel es sind, aber es ist sehr weit. Und

dann endlich kommen wir ans Meer. Du kennst das Meer nicht, so lasse mich denn davon erzählen:

Wie ein See zu einer Insel, so verhält sich das Meer zum Festland. Alle Ströme fließen ihm zu,

und es ist ohne Ende. Ich habe es in der Hudsonbucht gesehen, und ich werde es noch bei Alaska

sehen. Und dann können wir in einem großen Kanu aufs Meer fahren, du und ich, Li Wan, oder wir

können dem Lande viele Hundert Tage südlich folgen. Und weiter weiß ich nichts mehr, außer,

daß ich Canim, das Kanu, bin, der weit über die Erde wandert und schweift.«

Sie saß lauschend da, und Furcht schlich sich ihr ins Herz, als sie an die grenzenlose Wildnis

dachte, in die sie sich stürzen sollte. »Es ist ein schwerer Weg«, war alles, was sie sagte,

während sie den Kopf ergeben auf die Knie sinken ließ.

Und dann hatte sie einen prachtvollen Einfall, einen so wunderbaren, daß sie ganz Feuer und

Flamme wurde. Sie schritt zum Flusse hinab und wusch sich den getrockneten Lehm vom Gesicht.

Und als das Wasser wieder still geworden war, blickte sie lange auf das Spiegelbild ihrer

Züge. Jedoch Sonne und Wetter hatten ihre Arbeit getan, und die Rauheit und der Bronzeton

ihrer Haut zeigte nicht die Weichheit und die Grübchen eines Kindes. Aber der Einfall war doch

prachtvoll, und als sie wieder neben ihren Gatten unter das Schlaffell kroch, war sie immer

noch gleich freudig erregt. Wach lag sie da, starrte in den blauen Himmel hinauf und wartete

darauf, daß Canim fest eingeschlafen wäre. Als dies geschehen war, kroch sie langsam und

vorsichtig fort, stopfte das Schlaffell fest um ihn und stand auf. Als sie den zweiten Schritt

tat, knurrte Bash wild. Sie sprach ihm flüsternd zu und blickte auf den Mann. Canim schnarchte

tief. Da wandte sie sich um und eilte mit schnellen, geräuschlosen Schritten den Weg, den sie

gekommen, zurück.

Frau Evelyn van Wyck wollte sich gerade zu Bett begeben. Müde der Pflichten, die das

Gesellschaftsleben, ihr Reichtum und ihr Witwentum ihr auferlegten, war sie nach dem Norden

gereist und war darauf verfallen, sich in einer gemütlichen Hütte am Rande des Minenlagers

häuslich niederzulassen. Mit Hilfe ihrer Freundin und Genossin Myrtle Giddings spielte sie ein

erdnahes Leben und pflegte das Primitive mit einer Hingebung, die sie mit ihrer ganzen

Verfeinerung würzte.

Sie war bestrebt, sich von den Generationen der überfeinsten Kultur loszureißen, und suchte

die enge Verbindung mit der Erde, die ihre Vorfahren längst aufgegeben hatten. Auch geistig

glaubte sie aufrichtig, sich der Art des Steinzeitmenschen zu nähern, und gerade jetzt, als

sie ihr Haar für die Nacht aufsteckte, frönte sie ihrer Phantasie, indem sie sich eine

paläologische Liebeswerbung vorstellte. Die Einzelheiten dieser Phantasie bestanden

hauptsächlich aus Höhlenwohnungen und gespaltenen Markknochen, wilden Raubtieren, zottigen

Mammuts und Kämpfen mit roh zugehauenen Feuersteinmessern. Aber die Erregung war bezaubernd.

Und als Evelyn van Wyck gerade durch die finsteren Laubengänge des Waldes vor den allzu

glühenden Angriffen ihres niedrigstirnigen, fellbekleideten Verehrers floh, öffnete sich die

Tür der Hütte, ohne daß jemand die Höflichkeit besessen hätte anzuklopfen, und herein trat ein

fellbekleidetes wildes Weib.

»Herrgott!«

Mit einem Sprunge, der einer Höhlenbewohnerin Ehre gemacht haben würde, landete Fräulein

Giddings hinter dem Tisch. Aber Frau van Wyck wich nicht. Sie bemerkte, daß der Eindringling

sich in großer Aufregung befand, und warf einen raschen Blick nach rückwärts, um sich zu

vergewissern, daß der Weg zu ihrem Bette frei war, unter dessen Kissen der große Coltrevolver

lag.

»Sei gegrüßt, o Frau mit dem wunderbaren Haar«, sagte Li Wan.

Aber sie sagte es in ihrer eigenen Sprache, die nur an einem ganz kleinen Fleckchen der Erde

gesprochen wurde, und die beiden Frauen verstanden sie nicht.

»Soll ich Hilfe holen?« fragte Fräulein Giddings zitternd.

»Das arme Geschöpf ist harmlos, glaube ich«, antwortete Frau van Wyck. »Und sieh nur ihre

Fellkleider, wie zerlumpt und zerschlissen sie sind. Sie sind sicher einzig in ihrer Art. Ich

kaufe sie mir für meine Sammlung. Hol bitte meinen Beutel mit Goldstaub, Myrtle, und die

Waagschale.«

Li Wan sah, wie die Lippen die Worte formten, aber die Worte waren unverständlich, und in

diesem Augenblick banger Erwartung erkannte sie erst, daß es kein Verständigungsmittel für sie

gab. Verzweifelt über ihre Stummheit, brach sie mit weit ausgebreiteten Armen aus: »O meine

Schwester!« Die Tränen rannen ihr über die Wangen herab, als sie sich ihnen sehnsüchtig

zuwandte, und ihre brechende Stimme verriet den Kummer, dem sie keine Worte zu leihen

vermochte. Aber Fräulein Giddings zitterte, und selbst Frau van Wyck war verwirrt.

»Ich möchte leben, wie ihr lebt. Eure Wege sind meine Wege, und unsere Wege sollen eins sein.

Mein Gatte ist Canim, das Kanu, und er ist groß und seltsam, und ich fürchte mich. Sein Weg

ist die ganze Welt und endet nie, und ich bin müde. Meine Mutter war wie du, und ihr Haar war

wie deines und ihre Augen wie deine. Und damals war das Leben freundlich für mich, und die

Sonne war warm.«

Demütig kniete sie und beugte das Haupt zu Frau van Wycks Füßen. Aber Frau van Wyck zog,

erschrocken über diese Leidenschaftlichkeit, ihre Füße an sich.

Li Wan erhob sich, nach Worten ringend. Ihre stummen Lippen vermochten nicht, das

überwältigende verwandtschaftliche Gefühl auszusprechen.

»Handeln? Du handeln?« fragte Frau van Wyck, indem sie nach Art überlegener Menschen gebrochen

zu sprechen begann.

Sie berührte Li Wans zerlumpte Felle, um ihren Wunsch anzudeuten, und schüttete für mehrere

Hundert Dollar Goldstaub in die Waagschale. Sie rührte in dem Staub und ließ ihn verführerisch

durch ihre Finger gleiten.

Aber Li Wan sah nur diese milchweißen, so wohlgeformten Finger, die sich zart zu den rosigen,

juwelengleichen Nägeln rundeten. Sie legte ihre eigene Hand daneben, diese verarbeitete,

schwielige Hand, und weinte.

Frau van Wyck mißverstand sie. »Gold«, ermunterte sie, »gutes Gold! Du handeln? Du tauschen?«

Und sie legte wieder ihre Hand auf Li Wans Fellkleid. »Wieviel? Du verkaufen? Wieviel?« fuhr

sie fort und ließ die Hand gegen den Strich der Felle gleiten, um sich zu vergewissern, daß

die Säume mit Sehnenfaden genäht waren.

Aber Li Wan war ebenso taub wie stumm, und die Worte der Frau bedeuteten ihr nichts.

Verzweiflung über ihren Mißerfolg ergriff sie. Wie sollte sie diesen Frauen verständlich

machen, daß sie eine der Ihren war? Sie wußte, daß sie vom selben Stamme, daß sie

Blutschwestern waren. Ihre Augen irrten durch das Innere der Hütte und blieben an den weichen

Vorhängen, die rings an den Wänden hingen, an den weiblichen Kleidungsstücken, dem ovalen

Spiegel und den eleganten Toilettegegenständen haften. Und diese Dinge beunruhigten sie, denn

sie hatte ähnliche früher gesehen. Und als sie so darauf blickte, formten ihre Lippen

unwillkürlich Laute, die auszusprechen sich ihre Kehle noch zitternd widersetzte. Dann überkam

sie ein Gedanke, und sie versuchte sich zu fassen. Sie mußte ruhig sein. Sie mußte sich

beherrschen, denn diesmal durfte sie sich keinem Mißverständnis aussetzen, sonst… Und sie rang

mit einer Flut unterdrückter Tränen und beruhigte sich.

Sie legte die Hand auf den Tisch, »Tisch«, sagte sie klar und deutlich. »Tisch«, wiederholte

sie.

Sie blickte Frau van Wyck an, die zustimmend nickte.

Li Wan frohlockte, beherrschte sich aber mit Anspannung aller Willenskraft und blieb ruhig.

»Ofen«, fuhr sie fort. »Ofen.«

Und jedesmal, wenn Frau van Wyck nickte, stieg Li Wans Aufregung. Stammelnd und zögernd, dann

wieder in fieberhafter Hast, je nachdem die vergessenen Ausdrücke schnell oder langsam wieder

auftauchten, ging sie durch die Hütte und nannte ein Ding nach dem andern beim Namen. Und als

sie endlich stehenblieb, tat sie es triumphierend, in aufrechter Haltung und mit

zurückgezogenem Kopf, erwartungsvoll, fragend.

»Katze«, sagte Frau van Wyck lachend und buchstabierte nach Kinderart: »Ich – sehe – wie – die

– Katze – eine – Maus – hascht.«

Li Wan nickte ernsthaft. Endlich begannen sie zu begreifen, diese Frauen. Ihr Blut färbte den

Bronzeton ihrer Haut noch dunkler bei diesem Gedanken, und sie lächelte und nickte noch

heftiger.

Frau van Wyck, wandte sich an ihre Freundin. »Ich vermute, sie hat irgendwo ein bißchen

Missionserziehung genossen und will sich nun zeigen.«

»Natürlich«, kicherte Fräulein Giddings. »Die kleine Närrin. Ihre Eitelkeit bringt uns noch um

unsern ganzen Schlaf.«

»Macht nichts, ich will nun mal die Jacke haben. Wenn sie auch alt ist, so ist es doch

ausgezeichnete Arbeit – ein Prachtstück.« Sie wandte sich an ihre Besucherin: »Tauschen? Du?

Tauschen? Wieviel? He! Wieviel, du?«

»Vielleicht will sie lieber ein Kleid oder etwas Derartiges haben«, meinte Fräulein Giddings.

Frau van Wyck ging zu Li Wan und machte ihr ein Zeichen, daß sie ihr ihren Morgenrock für die

Jacke geben wolle. Um den Abschluß des Handels zu beschleunigen, ergriff sie Li Wans Hand,

legte sie zwischen die Spitzen auf ihrem wogenden Busen und rieb die Finger hin und her, damit

Li Wan die Feinheit des Stoffes fühlte. Der edelsteinbesetzte Schmetterling jedoch, der das

Gewand an dieser Stelle zusammenhielt, war nicht sicher befestigt, und so glitt der Stoff

beiseite und entblößte eine feste weiße Brust, die noch nie die Berührung von Kinderlippen

gespürt hatte.

Frau van Wyck ordnete ruhig ihr Kleid, aber Li Wan stieß einen lauten Schrei aus und riß und

zerrte an ihrem Fellhemd, bis ihre eigene Brust, fest und weiß wie die Evelyn van Wycks, sich

enthüllte. Mit unartikuliertem Stammeln und lebhaften Zeichen versuchte sie, ihre

Stammesverwandtschaft zu beweisen.

»Ein Mischling«, erklärte Frau van Wyck. »Ich dachte es mir gleich, als ich ihr Haar sah.«

Fräulein Giddings machte eine Bewegung des Abscheus. »Stolz auf die weiße Haut ihres Vaters.

Das ist ekelhaft. Gib ihr etwas Evelyn, und laß sie gehen.«

Aber die andere seufzte. »Die Ärmste! Wenn ich nur etwas für sie tun könnte!«

Ein schwerer Fußtritt knirschte draußen im Sand. Dann öffnete sich die Tür der Hütte, und

Canim trat ein.

Fräulein Giddings sah sich einem plötzlichen Tode ausgesetzt und schrie, aber Frau van Wyck

trat ihm ruhig entgegen.

»Was willst du?« fragte sie.

»Guten Abend«, sagte Canim liebenswürdig und geradezu; dann zeigte er auf Li Wan: »Meine

Frau.« Er streckte die Hand nach ihr. aus, aber sie wies ihn zurück.

»Sprich, Canim! Sag ihnen, daß ich…«

»Daß du die Tochter Pow-Wah-Kaans bist? Nein, was geht sie das an? Was sollten sie sich daraus

machen? Ich erzähle ihnen lieber, daß du ein schlechtes Weib bist, das sich aus dem Bett des

Gatten fortschleicht, wenn der Schlaf schwer auf seinen Augen liegt.«

Wieder streckte er die Hand nach ihr aus, aber sie floh zu Frau van Wyck, warf sich ihr zu

Füßen und machte verzweifelte Anstrengungen, ihre Knie zu umklammern.

Die Dame wich zurück und erlaubte Canim mit einem Blick, sich ihrer zu bemächtigen. Er ergriff

Li Wan unter den Armen und hob sie auf. Sie kämpfte in wahnsinniger Verzweiflung mit ihm, bis

seine Brust vor Anstrengung wogte.

»Laß mich los, Canim«, schluchzte sie.

Aber er drehte ihr Handgelenk, bis sie den Kampf aufgab.

»Die Erinnerungen an die Zeit, da du ein kleines Vögelchen warst, sind allzu stark und

verwirren dich«, sagte er.

»Ich weiß es! Ich weiß es!« brach sie aus. »Ich sehe den Mann auf Händen und Knien durch den

Schnee kriechen. Und ich bin ein kleines Kind und sitze auf seinem Rücken. Und das war, ehe

ich Pow-Wah-Kaan und die Zeit kannte, da ich in einem kleinen Winkel der Erde lebte.«

»Das weißt du«, antwortete er und drängte sie zur Tür, »aber du wirst mit mir den Yukon

hinabwandern und wirst vergessen.«

»Nie werde ich es vergessen!« Wie rasend klammerte sie sich an den Türpfosten.

»Dann werde ich dich lehren, zu vergessen, ich, Canim, das Kanu!«

Und mit diesen Worten riß er ihre Finger los und schritt mit ihr den Weg hinab.

* * *

Der Bund der Alten

Vor dem Kriegsgericht stand ein Mann, bei dem es um Leben und Tod ging. Es war ein alter Mann,

ein Eingeborener vom Weißfischfluß, der unterhalb des Le-Barge-Sees in den Yukon mündet. Ganz

Dawson befand sich in Aufregung, ja, die Bevölkerung längs des Yukons auf tausend Meilen

flußauf und – ab. Es war von jeher Brauch bei den land- und seeräuberischen Angelsachsen

gewesen, den besiegten Völkern Gesetze zu geben, und oft sind diese Gesetze hart. Aber in

Imbers Fall schien das Gesetz einmal unzulänglich und milde zu sein. Wollte man sie

mathematisch berechnen, so entsprach die Strafe, die ihn treffen mußte, nicht der Schwere des

Verbrechens. Daß er gestraft würde, stand von vornherein fest und konnte nicht bezweifelt

werden, aber obwohl das Urteil auf Todesstrafe lauten mußte, besaß Imber ja nur ein einziges

Leben, während es sich bei der Anklage gegen ihn um ein Dutzend von Menschenleben handelte.

Tatsächlich klebte das Blut so vieler Menschen an seinen Händen, daß die Zahl seiner Opfer

sich nicht genau feststellen ließ. Eine Pfeife am Wegrande rauchend oder am Ofen hockend,

machte man lose Überschläge über die Zahl seiner Opfer. Sie waren alle weiß gewesen, die armen

Ermordeten, und sie waren einzeln, paar- oder scharenweise erschlagen worden. Und so sinnlos

und unüberlegt waren diese Morde gewesen, daß sie der berittenen Polizei lange ein Mysterium

gewesen waren, sogar in den Tagen der Kapitäne und später, als die Goldwäsche sich zu

rentieren begann und ein Gouverneur von der Regierung geschickt wurde, um das Land für seinen

Reichtum bezahlen zu lassen.

Aber noch mysteriöser war, daß Imber nach Dawson kam und sich selbst stellte. Es war spät im

Frühling, und der Yukon murrte und wand sich unter seiner Eisdecke, als der alte Indianer

mühsam das Flußufer hinaufklomm und blinzelnd an der Hauptstraße stehenblieb. Leute, die ihn

hatten kommen sehen, bemerkten, daß er schwach und unsicher auf den Beinen war und daß er zu

einem Stapel Bauholz wankte, auf dem er sich niederließ. Hier saß er einen ganzen Tag und

starrte geradeaus auf den ununterbrochenen Strom weißer Männer, der vorüberflutete. Mancher

Kopf wandte sich neugierig zur Seite, um seinem stieren Blick zu begegnen, und mehr als eine

Bemerkung fiel über den Alten. Unzählige Menschen erinnerten sich später, daß die

ungewöhnliche Gestalt ihnen aufgefallen war, und brüsteten sich stets damit, daß sie sofort

das Seltsame der Erscheinung erkannt hatten.

Aber es war Dickensen, Klein Dickensen, vorbehalten, der Held des Tages zu werden. Klein

Dickensen war mit großen Träumen und einer Handvoll Geld ins Land gekommen. Mit dem Gelde

waren aber auch die schönen Träume verschwunden, und um den Betrag für die Rückreise nach den

Staaten zu verdienen, hatte er eine Stellung bei der Maklerfirma Holbrook & Mason angenommen.

Auf der andern Seite der Straße, gerade gegenüber dem Kontor von Holbrook & Mason, lag der

Stapel Bauholz, auf den Imber sich gesetzt hatte. Dickensen sah ihn durch das Fenster, ehe er

frühstücken ging, und als er vom Frühstück zurückkam und wieder zum Fenster hinaussah, saß der

alte Siwash immer noch da.

Dickensen sah weiter zum Fenster hinaus, und auch er brüstete sich später stets mit seiner

schnellen Auffassungsgabe. Er war ein romantisches Kerlchen, und so verglich er den

unbeweglichen alten Heiden mit dem Schutzgeist der Siwashrasse, der ruhig auf die Heerscharen

der angelsächsischen Eindringlinge starrte. Die Stunden gingen, aber Imber blieb unbeweglich

sitzen und regte keinen Muskel, und Dickensen mußte an den Mann denken, der einmal aufrecht

auf einem Schlitten in der Hauptstraße gesessen hatte, wo die Leute von allen Seiten

vorübergekommen waren. Man hatte geglaubt, daß der Mann sich ausruhe. Als man ihn aber später

berührte, fand man, daß er steif und kalt war. Er war mitten in der verkehrsreichen Straße

erfroren. Um ihn zu strecken, damit man ihn in den Sarg legen konnte, mußte man ihn erst ans

Feuer schleppen und ein bißchen auftauen. Es schauderte Dickensen bei der Erinnerung.

Später trat Dickensen auf die Straße, um eine Zigarre zu rauchen und ein wenig frische Luft zu

schnappen, und gleich darauf kam Emily Travis zufällig vorbei. Emily Travis war fein, zart und

reizend, und ob sie sich nun in London oder in Klondike befand, so kleidete sie sich stets,

wie es sich für die Tochter eines millionenschweren Mineningenieurs geziemte. Klein Dickensen

legte seine Zigarre auf den Rand des Fensterrahmens, wo er sie leicht wiederfinden konnte, und

lüftete den Hut. Sie hatten sich zehn Minuten unterhalten, als Emily Travis über Dickensens

Schulter blickte und erschrocken aufschrie. Dickensen drehte sich um und war auch betroffen.

Imber war über die Straße geschritten und stand nun, ein magerer und hungrig aussehender

Schatten, da, den Blick auf das junge Mädchen geheftet.

»Was willst du?« fragte Klein Dickensen zitternd, indem er seinen ganzen Mut zusammennahm.

Imber murmelte etwas und trat auf Emily Travis zu. Er betrachtete sie genau und eingehend, als

wollte er sich jeden Quadratzentimeter ihrer Gestalt einprägen. Namentlich schienen ihn ihr

seidenweiches braunes Haar und die Farbe ihrer Wangen zu interessieren, die, leicht

sommersprossig und zart, an den daunigen Reif von Schmetterlingsschwingen erinnerten. Er ging

um sie herum und betrachtete sie mit einem berechnenden Blick, als studiere er die Linien im

Bau eines Pferdes oder Schiffes. Bei dem Rundgang kam ihre rosige Ohrmuschel zwischen sein

Auge und die sinkende Sonne, und er machte halt, um ihre rosenrote Durchsichtigkeit zu

betrachten. Dann kehrte er zu ihrem Antlitz zurück und blickte lange und fest in die blauen

Augen. Er brummte und legte die eine Hand auf ihren Arm mitten zwischen Schulter und

Ellenbogen. Mit der andern Hand hob er ihren Unterarm und bog ihn zurück. Widerwille und

Verwunderung zeigten sich auf seinen Zügen, und er ließ den Arm mit verächtlichem Grunzen

fallen. Dann murmelte er einige Kehllaute, drehte ihr den Rücken zu und wandte sich an

Dickensen.

Dickensen verstand nicht, was er sagte, und Emily Travis lachte. Imber wandte sich von einem

zum andern und runzelte die Stirn, aber beide schüttelten den Kopf. Er war im Begriff zu

gehen, als sie rief: »He, Jimmy! Komm mal her!«

Jimmy kam von der andern Seite der Straße. Er war ein großer, dicker Indianer, wie ein Weißer

gekleidet, mit einem Dorado-Sombrero auf dem Kopf. Er sprach mit Imber, mühselig und mit

krampfhafter Heiserkeit. Jimmy war ein Sitkan und kannte die Mundarten des Innern nur

oberflächlich. »Ihn Weißfischmann«, sagte er zu Emily Travis. »Mich kennen sein Sprach nicht

viel. Ihn sprechen wollen Häuptling von weiße Männer.«

»Den Gouverneur«, ließ Dickensen einfallen.

Jimmy sprach noch etwas mit dem Weißfischmann, und sein Gesicht wurde ernst und bestürzt.

»Ich glauben, ihn fragen nach Käptn Alexander«, erklärte er. »Ihn sagen, ihn töten weiße

Männer, weiße Frauen, weiße Knaben, ihn töten viele weiße Leute. Ihn wollen sterben.«

»Wahrscheinlich verrückt«, sagte Dickensen mit einer bezeichnenden Handbewegung.

»Vielleicht, vielleicht«, sagte Jimmy und wandte sich wieder an Imber, der immer noch nach dem

Häuptling der weißen Männer fragte.

Ein Polizist trat zu der Gruppe und hörte, wie Imber seinen Wunsch wiederholte. Er war ein

handfester junger Bursche, breitschultrig und breitbrüstig, mit festen, etwas gespreizten

Beinen, und so groß Imber auch war, war er doch noch einen halben Kopf größer. Seine Augen

waren kühl, grau und ruhig, und er trug das eigentümliche Selbstbewußtsein zur Schau, das von

edlem Herkommen stammt. Seine prachtvolle Männlichkeit wurde noch betont durch eine

ausgesprochene Jungenhaftigkeit – er war blutjung –, und seine glatten Wangen schienen so

leicht zu erröten wie die einer Jungfrau.

Imber fühlte sich gleich zu ihm hingezogen. Seine Augen leuchteten beim Anblick einer

Säbelhiebnarbe auf seiner Backe. Er ließ seine welke Hand über das Bein des jungen Mannes

gleiten und streichelte seine schwellenden Muskeln. Er beklopfte mit den Knöcheln die breite

Brust und drückte und betastete die dicke Muskelschicht, die seine Schultern wie ein Harnisch

bedeckte. Die Gruppe hatte sich um einige neugierige Passanten vermehrt – rauhe Minenarbeiter,

Gebirgs- und Grenzbewohner, Nachkommen langbeiniger und breitschultriger Generationen. Imber

sah von einem zum andern und sagte dann laut etwas in der Weißfischsprache.

»Was sagt er?« fragte Dickensen.

»Ihn sagen, das sein ein Mann, das Polizeimann«, erklärte Jimmy.

Klein Dickensen war nur klein, und wegen Fräulein Travis’ Anwesenheit bereute er seine Frage.

Dem Polizisten tat er leid, und er sprang in die Bresche. »Ich glaube fast, es ist etwas an

seiner Geschichte. Ich will ihn mit zum Kapitän nehmen. Sag ihm, daß er mich begleiten soll,

Jimmy.«

Jimmy willfahrte dem Wunsche in noch krampfhafteren Kehllauten, und Imber brummte zufrieden.

»Aber frag ihn, Jimmy, was er meinte, als er meinen Arm faßte.«

So sprach Emily Travis, und Jimmy gab die Frage weiter, und er nahm die Antwort entgegen.

»Ihn sagen, du nicht bange«, sagte Jimmy.

Emily Travis sah froh aus.

»Ihn sagen, du nicht skookum, nicht stark, du sehr zart wie ein kleines Kind. Ihn brechen dich

mit seinen Händen in Stücke. Ihn finden es sehr komisch, sehr merkwürdig, daß du kannst werden

Mutter von Männern so groß, so stark wie Polizeimann.«

Emily Travis blickte nicht fort, aber ihre Wangen färbten sich rot. Klein Dickensen errötete

auch und wurde ganz verlegen. Dem Polizisten strömte sein Knabenblut ins Gesicht.

»Komm«, sagte er barsch und bahnte sich einen Weg durch die Menge.

So kam es, daß Imber den Weg nach den Militärbaracken nahm, wo er freiwillig ein umfassendes

Geständnis ablegte und von wo er nie zurückkehren sollte.

Imber sah sehr abgespannt aus. Die Ermüdung der Hoffnungslosigkeit und des Alters stand auf

seinen Zügen. Seine Schultern hingen, und seine Augen waren glanzlos. Sein wirres Haar hätte

weiß sein müssen, aber Sonne, Wind und Wetter hatten es verbrannt und verwittert, so daß es

strähnig, leb- und farblos herabhing. Er zeigte keinerlei Interesse für die Vorgänge um ihn

her. Der Gerichtssaal war vollgepfropft mit Männern von den Flüssen und Wegen, und in dem

leisen Murren und Knurren ihrer Stimmen lag ein unheilverkündender Klang, der in seinen Ohren

klang wie das Rauschen des Meeres in tiefen Höhlen.

Er saß dicht an einem Fenster und ließ seine Augen hin und wieder teilnahmslos auf der trüben

Szenerie draußen ruhen. Der Himmel war bedeckt, und ein grauer Staubregen fiel. Der Yukon war

im Steigen begriffen. Der eisfreie Fluß überschwemmte die Stadt. In der Hauptstraße fuhren die

immer rastlosen Menschen in Kanus und Booten hin und her. Meistens sah er, wie diese Boote

sich von der Straße seitwärts wandten und auf das überschwemmte Viereck zuhielten, das den

Exerzierplatz des Lagers bezeichnete. Zuweilen verschwanden die Fahrzeuge unter ihm, und er

hörte, wie sie gegen die Balken des Hauses schrammten und ihre Besitzer durchs Fenster des

tiefergelegenen Stockwerks hineinkletterten. Hierauf vernahm er das Plätschern, wenn die

Männer im Zimmer darunter durch das Wasser wateten und die Treppe heraufkamen. Dann erschienen

sie in der Tür mit gezogenen Hüten und triefenden Schifferstiefeln und schlossen sich der

wartenden Menge an.

Und während sie ihre Blicke auf ihn hefteten und in grimmiger Erwartung schon die Strafe

genossen, die er erleiden sollte, betrachtete Imber sie und dachte nach über ihre Gebräuche

und Gesetze, die niemals schliefen, sondern ununterbrochen wirkten, in guten und schlechten

Zeiten, bei Überschwemmung und Hungersnot, in Sorge und Schrecken und Tod, und die

unaufhörlich weiterleben würden bis ans Ende aller Tage.

Ein Mann klopfte scharf auf einen Tisch, und die Unterhaltung erstarb. Imber sah den Mann an.

Er schien Autorität zu besitzen, aber Imber erriet, daß der Mann mit der vierkantigen Stirn,

der an einem Tische weiter hinten saß, der Häuptling über alle, auch über den, der geklopft

hatte, war. Ein anderer Mann am selben Tische erhob sich und begann aus vielen Bogen Papier

laut vorzulesen. Bei Beginn jedes Bogens räusperte er sich, und am Schlusse feuchtete er sich

die Finger an. Imber verstand nicht, was er las, aber die anderen taten es, und Imber sah, daß

sie zornig wurden. Zuweilen wurden sie sehr zornig, und einmal fluchte ihm ein Mann, langsam,

mit scharf betonten Silben sprechend, brennend und scharf, bis der Mann am Tische ihn durch

Klopfen zur Ruhe brachte.

Unendlich lange las der Mann. Seine eintönige, singende Aussprache verlockte Imber zu Träumen,

und er träumte tief, als der Mann innehielt. Eine Stimme sprach ihn in seiner eigenen

Weißfischsprache an, und er raffte sich auf und erkannte ohne Überraschung den Sohn seiner

Schwester, einen jungen Mann, der vor Jahren ausgewandert war, um sich bei den Weißen

niederzulassen.

»Du kennst mich nicht mehr?« sagte er statt eines Grußes.

»Doch«, antwortete Imber. »Du bist Howkan, der fortzog. Deine Mutter ist tot.«

»Sie war eine alte Frau«, sagte Howkan.

Aber Imber hörte nicht, und Howkan legte ihm die Hand auf die Schulter und weckte ihn wieder.

»Ich werde dir sagen, was der Mann gesprochen hat: Es ist die Geschichte der Untaten, die du

verübt hast, und die du, o Tor, dem Kapitän erzählt hast. Und du wirst erklären, ob es wahr

ist oder nicht. So ist es befohlen.«

Howkan war in die Mission geraten, und dort hatte man ihn lesen und schreiben gelehrt. In

seinen Händen hielt er die vielen dünnen Bogen, aus denen der Mann vorgelesen hatte und die,

als Imber, mit Jimmy als Dolmetscher, sein Geständnis vor Kapitän Alexander abgelegt hatte,

von einem Schreiber beschrieben worden waren. Jetzt begann Howkan zu lesen. Imber lauschte

eine Weile, dann zeigte sich Erstaunen in seinen Zügen, und er unterbrach ihn schroff.

»Das ist, was ich gesagt habe, Howkan. Aber jetzt kommt von deinen Lippen, was deine Ohren

nicht gehört haben.«

Howkan schmunzelte selbstzufrieden. Sein Haar war mitten über der Stirn gescheitelt. »Nein, es

kommt aus dem Papier, o Imber. Meine Ohren haben es nie gehört. Es kommt aus dem Papier durch

meine Augen in meinen Kopf und aus meinem Munde zu dir. Das ist der Weg, den es geht.«

»Das ist der Weg, den es geht? Und es ist in dem Papier da?« Imbers Stimme senkte sich zu

einem ehrerbietigen Flüstern, während er die Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger knistern

ließ und auf die Schriftzeichen starrte. »Das ist eine große Medizin, Howkan, und du bist ein

Wundertäter.«

»Das ist gar nichts, das ist gar nichts«, antwortete der junge Mann nachlässig und stolz. Dann

las er aufs Geratewohl einen Satz aus dem Dokument: »In diesem Jahre kam, ehe das Eis brach,

ein alter Mann mit einem Knaben, der hinkte. Die tötete ich ebenfalls, und der alte Mann

machte sehr viel Lärm…«

»Das ist wahr«, unterbrach Imber ihn atemlos. »Er machte sehr viel Lärm und brauchte lange, um

zu sterben. Aber woher weißt du das, Howkan? Hat der Häuptling der weißen Männer es dir

vielleicht erzählt? Niemand sah es, und er ist der einzige, dem ich es gesagt habe.«

Howkan schüttelte ungeduldig den Kopf. »Habe ich dir nicht gesagt, daß es auf dem Papier

steht, du Narr?«

Imber starrte auf das beschriebene Blatt. »Wie der Jäger den Schnee betrachtet und sagt: Erst

gestern ist hier ein Kaninchen vorbeigekommen; hier bei den Weiden machte es halt, lauschte

und hörte etwas und wurde bange; hier machte es kehrt und lief zurück; hier machte es

schnelle, weite Sprünge, und hier kam ein Luchs mit noch schnelleren und weiteren Sprüngen;

hier, wo die Klauen sich tief in den Schnee gegraben haben, machte der Luchs einen sehr weiten

Satz, und hier packte er das Kaninchen, und es rollte unter ihn, und hier ist die Spur des

Luchses allein und kein Kaninchen mehr – wie der Jäger die Zeichen im Schnee sieht und so und

so und hier und da sagt, so siehst du auf das Papier und erkennst die Dinge, die der alte

Imber getan hat.«

»Geradeso«, sagte Howkan. »Und nun hör zu und halt deine Weiberzunge zwischen deinen Zähnen,

bis man verlangt, daß du sprichst.«

Hierauf las Howkan ihm sein Geständnis vor. Es dauerte lange, und Imber saß nachdenklich und

schweigend da. Zuletzt sagte er: »Das ist, was ich gesagt habe, und wahr ist es, aber ich bin

alt geworden, Howkan, und mir fallen Dinge ein, die ich vergessen habe und die der Häuptling

dort wissen sollte. Erstens war da der Mann, der mit klug erdachten Fallen aus Eisen über die

Gletscher kam, der die Biber des Weißfischflusses jagte. Ihn erschlug ich. Und dann waren da

drei Männer, die vor langer Zeit am Weißfischfluß Gold suchten. Die tötete ich auch und ließ

sie dem Vielfraß. Und bei den Fünf Fingern war ein Mann mit einem Floß und viel Fleisch.«

In den Pausen, die Imber machte, um nachzudenken, übersetzte Howkan, was er gesagt hatte, und

ein Schreiber schrieb es nieder. Das Gericht lauschte gespannt auf jede dieser ungeschminkten

kleinen Tragödien, bis Imber von einem rothaarigen, schieläugigen Manne erzählte, den er durch

einen Schuß auf ungewöhnliche Entfernung getötet hatte.

»Teufel auch«, sagte ein Mann in der vordersten Reihe der Zuhörer. Er sagte es in

tiefempfundenem, traurigem Ton. Er war rothaarig. »Teufel auch«, wiederholte er. »Das war mein

Bruder Bill.« Und mit regelmäßigen Zwischenräumen hörte man während der ganzen Sitzung sein

feierliches »Teufel auch« im Gerichtssaal; er ließ sich weder von seinen Kameraden noch von

einem Manne am Tische zum Schweigen bringen.

Imbers Kopf sank wieder herab, und seine Augen wurden trübe, wie von einem Schleier überzogen,

der die Welt vor ihm verbarg.

Da weckte Howkan ihn wieder: »Steh auf, o Imber. Es wird befohlen, daß du erzählst, warum du

dieses Unheil angerichtet und diese Menschen getötet hast und warum du zuletzt hierhergekommen

bist, um das Gesetz zu suchen.«

Imber erhob sich schwerfällig und schwankend. Er begann leise murmelnd zu erzählen, aber

Howkan unterbrach ihn.

»Dieser alte Mensch ist ganz verrückt«, sagte er auf englisch zu dem Manne mit der

vierkantigen Stirn. »Seine Rede ist töricht und wie die eines Kindes.«

»Wir wollen seine Rede hören, die wie die eines Kindes ist«, sagte der Mann mit der

vierkantigen Stirn. »Und wir wollen sie Wort für Wort hören, genau wie er sie spricht.

Verstehst du?«

Howkan verstand, und Imbers Augen leuchteten, denn er hatte dies Spiel zwischen seinem Neffen

und dem mächtigen Manne verstanden. Und dann begann die Erzählung, das Epos eines

bronzefarbigen Patrioten, selbst wert, in Bronze gegossen und für ungeborene Geschlechter

aufbewahrt zu werden. Eine seltsame Stille legte sich über die Menge, und der Richter mit der

vierkantigen Stirn stützte den Kopf in die Hand und sann nach über seine Seele und die Seele

seiner Rasse. Man hörte nichts als die tiefen Laute Imbers, regelmäßig unterbrochen von der

schrillen Stimme des Dolmetschers, und hin und wieder wie den Schlag einer tiefen

Kirchenglocke das erstaunte und nachdenkliche »Teufel auch« des rothaarigen Mannes.

»Ich bin der Imber vom Weißfischflusse.« So übersetzte Howkan, dessen angeborene Barbarei

Macht über ihn gewann und der seine Missionserziehung und seinen Zivilisationsfirnis vergaß,

als er von dem wilden Klange und dem Rhythmus der Erzählung des alten Imber gepackt wurde.

»Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Das Land war warm von Sonnenschein und Frohsinn,

als ich Knabe war. Das Volk hungerte weder nach fremden Dingen, noch lauschte es neuen

Stimmen, und die Wege seiner Väter waren auch seine Wege. Die Frauen fanden Gnade vor den

Augen der jungen Männer, und die jungen Männer blickten mit Zufriedenheit auf sie. Säuglinge

hingen an den Brüsten der Frauen, und die Hüften der Frauen waren schwer vom Wachstum des

Stammes. Männer waren Männer in jenen Tagen. In Frieden und Überfluß wie in Krieg und Hunger

waren sie Männer.

Damals gab es mehr Fische im Wasser als jetzt und mehr Wild im Walde. Unsere Hunde waren

Wölfe, warm in ihrem dicken Pelz und abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und wie unsere Hunde,

so waren auch wir, denn auch wir waren abgehärtet gegen Frost und Sturm. Und als die Pellys in

unser Land kamen, töteten wir sie oder wurden getötet. Denn wir waren Männer, wir vom

Weißfischvolke, und unsere Väter und die Väter unserer Väter hatten mit den Pellys gekämpft

und die Grenzen des Landes festgesetzt.

Ja, wie unsere Hunde, so waren auch wir. Und eines Tages kam der erste weiße Mann. Auf Händen

und Knien schleppte er sich über den Schnee. Und seine Haut war straff gespannt, und die

Knochen stachen spitz heraus. – Nie hat es einen solchen Mann gegeben, dachten wir, und wir

wunderten uns, aus welchem fremden Stamme er sein und wo sein Land liegen mochte. Und er war

schwach, sehr schwach, wie ein kleines Kind, so daß wir ihm einen Platz am Feuer und warme

Pelze gaben, und wir gaben ihm zu essen, wie man kleinen Kindern zu essen gibt. Und bei ihm

war ein Hund, so groß wie drei von unseren Hunden, aber sehr schwach. Das Haar dieses Hundes

war kurz und nicht warm, und sein Schwanz war erfroren, so daß die Spitze abfiel. Und diesen

fremden Hund fütterten wir und jagten unsere Hunde vom Feuer fort, damit er daran liegen

konnte, denn sonst hätten sie ihn getötet. Und das Elchfleisch und der in der Sonne gedörrte

Lachs brachten Mann und Hund wieder zu Kräften, und wie die Kräfte kamen, wurden sie groß und

unerschrocken. Und der Mann sprach laute Worte und lachte über die alten und jungen Männer und

betrachtete die Jungfrauen mit dreisten Blicken. Und der Hund kämpfte mit unsern Hunden, und

obwohl er kurzhaarig und weichlich war, biß er drei von ihnen an einem Tage tot.

Als wir den Mann nach seinem Volke fragten, sagte er: ›Ich habe viele Brüder‹, und lachte auf

eine Weise, die nicht gut war. Und als er seine volle Kraft wieder hatte, zog er fort, und mit

ihm zog Noda, die Tochter des Häuptlings. Dann warf eine unserer Hündinnen. Und nie hat man

solche Welpen gesehen – dickköpfig, großmäulig und kurzhaarig und hilflos. Ich entsinne mich

deutlich meines Vaters Otsbaok, eines starken Mannes. Sein Gesicht wurde schwarz vor Zorn über

solche Hilflosigkeit, und er nahm einen Stein, und gleich darauf gab es keine Hilflosigkeit

mehr. Und zwei Sommer darauf kam Noda wieder zu uns mit einem Knaben auf dem Arm. Und so

begann es. Dann kam ein anderer weißer Mann mit kurzhaarigen Hunden, die er zurückließ, als er

fortzog. Und mit ihm gingen sechs unserer stärksten Hunde, die er von Koo-So-Tee, dem Bruder

meiner Mutter, für eine wunderbare Pistole gekauft hatte, die sehr schnell sechsmal

hintereinander schießen konnte. Und Koo-So-Tee war sehr stolz auf seine Pistole und lachte

über unsere Bogen und Pfeile. ›Weiberkram‹ nannte er sie und trat einem Grislybären mit der

Pistole in der Hand entgegen. Nun ist es bekanntlich nicht gut, einen Bären mit einer Pistole

zu jagen, aber wie sollten wir das wissen? Und wie konnte Koo-So-Tee das wissen? Also er trat

dem Bären keck entgegen und schoß seine Pistole sehr schnell sechsmal ab, aber der Bär brummte

nur und erdrückte ihn an seiner Brust, als ob er ein Ei wäre, und wie der Honig aus dem Nest

der wilden Bienen, so tropfte Koo-So-Tees Hirn zu Boden.

Er war ein guter Jäger gewesen, und jetzt gab es niemand, der seiner Squaw und seinen Kindern

Fleisch bringen konnte. Und wir wurden erbittert und sagten: ›Was gut für die weißen Männer

ist, ist nicht gut für uns.‹ Und das ist wahr. Es gibt viele weiße Männer, und sie sind fett,

aber ihre Sitten haben uns verzehrt. Es kam der dritte weiße Mann, mit großen Reichtümern an

jeder Art, wundersamen Nahrungsmitteln und anderen Dingen. Er erstand zwanzig von unseren

stärksten Hunden. Und mit Geschenken und großen Versprechungen lockte er zehn von unsern

jungen Jägern mit auf die Reise, von der keiner wußte, wohin sie ging. Es heißt, daß sie im

Schnee auf den Eisbergen umkamen, wo nie ein Mensch gewesen ist, oder auf den Hügeln des

Schweigens, die hinter dem Ende der Welt liegen. Wie dem auch sein mochte, jedenfalls wurden

Hunde und junge Männer nie mehr vom Weißfischvolke gesehen.

Und mit den Jahren kamen mehr weiße Männer, und immer, gegen Bezahlung und Geschenke, nahmen

sie junge Männer mit. Und die jungen Männer kehrten zuweilen zurück mit so seltsamen

Geschichten über Gefahren und Mühseligkeiten in Ländern, die hinter dem der Pellys lagen, und

zuweilen kehrten sie nicht zurück. Und wir sagten: ›Wenn sie sich nicht fürchten, ihr Leben

aufs Spiel zu setzen, diese weißen Männer, so ist es, weil ihrer viele sind; aber wir hier am

Weißfischflusse sind unser wenige, und unsere jungen Männer dürfen nicht mehr fortziehen.‹

Aber die jungen Männer zogen weiterhin fort und die jungen Weiber auch, und wir waren sehr

zornig.

Wahr ist, wir aßen Mehl und gesalzenen Speck und tranken Tee, was uns großes Vergnügen

bereitete; wenn wir aber keinen Tee bekommen konnten, war es sehr schlimm, und wir wurden

mürrisch und gerieten schnell in Wut. So sehnten wir uns nach den Dingen, die die weißen

Männer uns verhandelten. Handel! Handel! Immer wurde gehandelt. Einen Winter verkauften wir

unser Fleisch für unbrauchbare Uhren und für abgenutzte Feilen und Pistolen, zu denen die

Patronen fehlten. Und dann kam Hungersnot, und wir hatten kein Fleisch, und zweimal zwanzig

von uns starben, ehe der Frühling kam. ›Jetzt sind wir schwach geworden‹, sagten wir, ›und

jetzt werden die Pellys uns überfallen und unsere Grenzen auslöschen.‹ Aber wie uns, so war es

auch den Pellys ergangen, und sie waren zu schwach, gegen uns zu ziehen. Mein Vater Otsbaok,

ein starker Mann, war jetzt alt und sehr weise. Und er sprach zum Häuptling und sagte: ›Sieh,

unsere Hunde sind wertlos. Nicht länger sind sie dickpelzig und stark, und sie sterben im

Frost und im Geschirr. Laß uns ins Dorf gehen und sie töten und nur die verschonen, die von

Wölfen abstammen. Die laß uns des Nachts draußen anbinden, damit sie sich mit den wilden

Wölfen des Waldes paaren können. So werden wir wieder warme, kräftige Hunde erhalten.‹

Und seine Worte fanden Gehör, und das Weißfischvolk wurde bekannt wegen seiner Hunde, die die

besten im Lande waren. Aber um unserer selbst willen wurden wir nicht bekannt. Die besten

unserer jungen Männer und Frauen waren weggezogen mit den weißen Männern, um auf Wegen und

Flüssen nach fernen Orten zu wandern. Und die jungen Frauen kamen zurück, alt und gebrochen

wie Noda, oder sie kehrten gar nicht wieder. Und die jungen Männer kamen zurück, um eine

Zeitlang an unserm Feuer zu sitzen, voll von übler Rede und roher Art, sie tranken und

spielten lange Tage und Nächte hindurch, eine große Unrast lebte in ihren Herzen, bis der Ruf

der weißen Männer zu ihnen drang und sie wieder weiterzogen nach unbekannten Orten. Und sie

waren ohne Ehre und Achtung, sie spotteten der alten Gebräuche und lachten Häuptling und

Schamanen ins Gesicht.

Ja, wir waren ein schwaches Häufchen geworden, wir Weißfische. Wir verkauften unsere warmen

Pelze und Felle für Tabak und Whisky und dünnen Baumwollstoff, in dem wir vor Kälte

schauerten. Und der Husten kam über uns, und Männer und Frauen husteten und schwitzten die

langen Nächte hindurch, und die Jäger auf der Fährte des Wildes spuckten Blut in den Schnee.

Bald blutete der eine, bald der andere und starb. Und die Frauen gebaren wenig Kinder, und die

wenigen waren schwach und kränklich. Und andere Krankheiten kamen von den weißen Männern zu

uns, Krankheiten, wie wir sie nie gekannt hatten und auf die wir uns nicht verstanden. Pocken

und Masern habe ich diese Krankheiten nennen hören, und wir starben an ihnen, wie der Lachs im

Herbst im stillen Bergstrom stirbt, wenn er gelaicht hat und nicht mehr zu leben braucht. Und

immer noch, und das ist das Seltsame daran, kommen die weißen Männer wie der Atem des Todes.

Alle ihre Wege führen zum Tode, ihre Nüstern sind voll von ihm, und doch sterben sie nicht.

Ihrer ist der Whisky, der Tabak und die kurzhaarigen Hunde; ihrer sind die vielen Krankheiten,

die Pocken und die Masern, der Husten und das Bluten aus dem Munde; ihrer die weiße Haut und

die Empfindlichkeit gegen Frost und Sturm; ihrer die Pistolen, die sechsmal sehr schnell

hintereinander schießen und die wertlos sind. Und dennoch werden sie dick und gedeihen mit

ihren vielen Übeln und legen eine schwere Hand auf die ganze Welt und stampfen schwer über

ihre Völker. Und ihre Frauen sind zart wie kleine Kinder, leicht zerbrechlich und doch nie

zerbrochen, Mütter von Männern. Und aus all dieser Weichlichkeit und Krankheit und großen

Schwäche erwachsen Stärke, Macht und Herrschertum. Sie sind Götter oder Teufel, wie dem nun

sein mag. Ich weiß es nicht. Was ich weiß, ich, der alte Imber von den Weißfischen? Nur das

weiß ich, daß sie unerforschlich sind, diese weißen Männer, die über die ganze Erde wandern

und überall kämpfen. Ja, das Wild im Walde wurde immer seltener. Es ist wahr, die Büchse des

weißen Mannes ist eine vortreffliche Waffe und tötet auf weite Entfernung, aber was nützt die

Büchse, wenn es kein Wild zu töten gibt? Als ich ein Knabe am Weißfischflusse war, gab es

Elche auf jedem Hügel, und jedes Jahr kamen unzählige Rene. Aber jetzt kann der Jäger zehn

Tage lang einer Fährte folgen, und nicht ein einziger Elch erfreut sein Auge, und die

unzähligen Rene sind verschwunden. Wenig wert ist die Büchse, sage ich, die auf weite

Entfernung tötet, wenn es nichts zu töten gibt. Und ich, Imber, sann über diese Dinge nach und

sah unterdessen, wie die Weißfische und die Pellys und alle Stämme im Lande ausstarben wie das

Wild im Walde. Lange sann ich nach. Ich sprach mit den Schamanen und mit den alten und weisen

Männern. Ich hielt mich abseits, damit der Lärm des Dorfes mich nicht störte, und ich aß kein

Fleisch, daß mein Magen mich nicht beschweren und Auge und Ohr erschlaffen sollten. Lange und

schlaflos saß ich im Walde und wartete mit offenen Augen auf das Zeichen und mit geduldig

lauschenden Ohren auf die Worte, die da kommen sollten. Und ich wanderte allein im Dunkel der

Nacht das Flußufer hinab, wo der Wind klagte, das Wasser schluchzte und wo ich Weisheit bei

den Geistern alter verstorbener Schamanen in den Bäumen suchte. Und zuletzt kamen, wie in

einer Vision, die abscheulichen kurzhaarigen Hunde zu mir, und der Weg lag deutlich vor mir.

Durch die Weisheit Otsboaks – er war mein Vater und ein starker Mann – war das Blut unsrer

eigenen Wolfshunde rein geblieben, und daher hatten wir ihren warmen Pelz und ihre Stärke im

Geschirr behalten. Und so kehrte ich in mein Dorf zurück und sprach zu den Männern. ›Dies ist

ein Stamm, diese weißen Männer‹, sagte ich, ›ein sehr großer Stamm, und sicherlich gibt es

kein Wild mehr in ihrem Lande, und nun kommen sie zu uns, um selbst neues Land zu erhalten.

Aber sie machen uns schwach, und wir müssen sterben. Sie sind ein sehr hungriges Volk. Schon

hat unser Wild uns verlassen, und wenn wir leben wollen, müssen wir mit ihnen verfahren, wie

wir es mit ihren Hunden getan haben.‹

Und ich redete weiter und riet zum Kampf. Und die Männer der Weißfische lauschten, und einige

sagten dies und andere das, und einige sprachen von andern, gleichgültigen Dingen, aber

niemand sprach kühn von Taten und Kampf. Während aber die jungen Männer weich wie Wasser und

furchtsam waren, bemerkte ich, wie die Alten schwiegen und in ihren Augen das Feuer kam und

ging. Und später, als das Dorf schlief und niemand davon wußte, führte ich die alten Männer in

den Wald und sprach noch mehr. Und jetzt waren wir einig, und wir erinnerten uns der guten

Tage unserer Jugend und des freien Landes und des Reichtums und des Frohsinns und des

Sonnenscheins, und wir nannten uns Brüder und schworen uns tiefstes Geheimnis und einen

mächtigen Eid, das Land von der bösen Brut zu reinigen, die sich darin niedergelassen hatte.

Es ist klar, daß wir Toren waren, aber wie konnten wir das wissen, wir Alten vom

Weißfischvolke?

Und um die andern anzufeuern, beging ich die erste Tat. Ich lauerte am Yukon, bis das erste

Kanu den Fluß hinabkam. In ihm saßen zwei weiße Männer, und als ich mich am Ufer erhob und die

Hand hob, änderten sie den Kurs und ruderten auf mich zu. Und als der Mann im Steven den Kopf

aufrichtete, um zu wissen, was ich von ihm wollte, sang mein Pfeil durch die Luft gerade in

seine Kehle, und er wußte es. Der andere Mann, der achtern am Ruder saß, hatte die Büchse halb

zur Schulter gehoben, als der erste meiner drei Wurfspieße ihn traf.

›Das waren die ersten‹, sagte ich, als die Alten sich um mich scharten. ›Später wollen wir die

jungen Männer, die noch stark sind, sammeln, dann wird die Arbeit leicht sein.‹

Und dann warfen wir die beiden toten Männer in den Fluß. Und aus dem Kanu, das ein sehr gutes

Kanu war, machten wir ein Feuer und ebenso aus den Dingen, die im Kanu waren. Aber erst sahen

wir uns die Dinge an; es waren Ledersäcke, die wir mit unsern Messern aufschnitten. Und in

diesen Säcken war eine Menge Papier, gerade wie das, aus dem du liest, Howkan, mit Zeichen

darauf, über die wir uns wunderten und die wir nicht verstehen konnten. Jetzt bin ich weise

geworden und weiß, daß es die Rede von Menschen ist, was du mir erzählt hast.«

Ein Flüstern und Summen ging durch den Gerichtssaal, als Howkan diese Geschichte vom Kanu

fertig übersetzt hatte, und die Stimme eines Mannes sagte laut: »Das war die Post, die im

Jahre 1891 verlorenging; Peter James und Delany brachten sie, und zuletzt hörte man von ihnen

in Le Barge, wo sie Matthrews trafen.« Der Schreiber kritzelte ruhig weiter, und die

Geschichte des Nordens wurde um ein neues Kapitel vermehrt.

»Es gibt nicht viel mehr«, fuhr Imber langsam fort. »Sie stehen in dem Papier, die Dinge, die

wir taten. Wir waren alte Männer, und wir verstanden nicht. Selbst ich, Imber, verstehe es

jetzt noch nicht. Im geheimen töteten und töteten wir, denn das Alter hatte uns listig

gemacht, und wir hatten gelernt, wie schnell es geht, wenn man nicht eilt. Als weiße Männer

mit bösen Blicken und harten Worten zu uns kamen und sechs der jungen Männer in eisernen

Fesseln fortführten, wußten wir, daß wir weiter töten mußten. Und einer nach dem andern zogen

wir Alten den Fluß hinauf nach unbekannten Ländern. Das war tapfer. Alt waren wir und

unerschrocken, aber die Furcht vor der Ferne ist eine schreckliche Furcht für Männer, die alt

sind. So töteten wir, listig und ohne Hast. Auf dem Chilcoot und im Delta töteten wir, von den

Pässen bis ans Meer, überall, wo die weißen Männer sich ihren Weg bahnten und ihr Lager

aufschlugen. Es ist wahr, sie starben, aber es half nichts. Immer wieder kamen sie über die

Berge, immer mehr, während unter den Alten immer weniger waren. Ich erinnere mich des Lagers

eines weißen Mannes beim Renkreuzweg. Er war ein sehr kleiner weißer Mann, und drei von den

Alten überraschten ihn im Schlafe. Und am nächsten Tage stieß ich auf alle vier. Der weiße

Mann war der einzige, der noch atmete, und es war Atem genug in ihm, um mich zu verfluchen,

ehe er starb.

Und so ging es, bald ein alter Mann und bald ein anderer. Manchmal erfuhren wir lange

hinterher, wie sie gestorben waren, und manchmal erfuhren wir gar nichts davon. Und die alten

Männer der andern Stämme waren gebrechlich und ängstlich und wollten sich uns nicht

anschließen. Wie ich sage: einer nach dem andern, bis ich allein übrig war. Ich bin Imber vom

Weißfischvolke. Mein Vater war Otsbaok, ein starker Mann. Jetzt gibt es kein Weißfischvolk

mehr. Von den Alten bin ich der letzte. Die jungen Männer und Frauen sind weggezogen, manche,

um mit den Pellys, manche, um mit den Lachsen, und die meisten, um mit den weißen Männern

zusammen zu leben. Ich bin sehr alt und sehr müde, und da es zu nichts führt, gegen das Gesetz

zu kämpfen, bin ich, wie du sagst, Howkan, gekommen, um das Gesetz zu suchen.«

»O Imber, du bist wahrlich ein Tor«, sagte Howkan.

Doch Imber träumte.

Der Richter mit der vierkantigen Stirn träumte ebenfalls, und seine ganze Rasse erhob sich vor

ihm in einem mächtigen Phantasiegebilde, seine eisenbeschlagene, gepanzerte Rasse, die

Gesetzgeberin und Weltschöpferin unter den Geschlechtern der Menschen. Wie im Morgenrot sah er

sie hinter finsteren Wäldern und düsteren Meeren tagen, in blutrot flammendem Triumph, und den

dunkelbeschatteten Hang hinab sah er den blutroten Sand in die Nacht tropfen. Und in allem sah

er das Gesetz, das mächtige, unbarmherzige, unabänderliche und stets gebieterische, größer als

die Menschenstäubchen, die es erfüllten oder von ihm zermalmt wurden, wie es auch größer war

als er, dessen Herz jetzt nach Frieden verlangte.

* * *

Wie vor alters zog die Argo…

Es war im Sommer 1897, als Unruhe in der Familie Tarwater entstand. Großvater Tarwater war

nach einem Jahrzehnt der Unterjochung und Unterdrückung wieder einmal ausgebrochen. Diesmal

war es das Klondikefieber. Das erste und einzige Symptom solcher Anfälle war Gesang. Er sang

nur ein Lied, und auch von dem konnte er nicht mehr als vier Verse der ersten Strophe. Und die

Familie wußte, daß ihn die Füße juckten und daß ihm die alte Tollheit im Hirn krabbelte, wenn

er sein heiseres, brüchiges Falsett erhob und sang:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Zehn Jahre zuvor hatte er das Lied nach der Melodie des kirchlichen Lobgesangs gesungen, als

ihn das Fieber gepackt hatte, nach Patagonien zu ziehen und Gold zu graben. Die ganze

zahlreiche Familie hatte sich ihm widersetzt, aber sie hatte eine schwere Zeit mit ihm gehabt.

Als nichts seinen Entschluß erschüttern konnte, hatten sie ihm Rechtsanwälte geschickt mit der

Drohung, ihn zu entmündigen und in der staatlichen Irrenanstalt einzusperren – eine

vernünftige Maßregel einem Mann gegenüber, der vor einem Vierteljahrhundert alles bis auf zehn

Morgen mageren Bodens eines Gutes in Kalifornien verspekuliert und seitdem auch nicht viel

mehr Scharfsinn in Geschäften bewiesen hatte.

Die Anwendung der Rechtsanwälte bei John Tarwater glich der Anwendung eines Senfpflasters,

denn seiner Meinung nach waren es von allen Menschen gerade diese, die ihm seinen ausgedehnten

Besitz entrissen hatten. Zu der Zeit, als er das Patagonienfieber hatte, genügte der Gedanke

an ein so drastisches Mittel allein, um ihn zu kurieren. Er bewies schnell, daß er nicht

verrückt war, indem er das Fieber abschüttelte und darauf einging, nicht nach Patagonien zu

ziehen.

Hierauf bewies er, wie verrückt er in Wirklichkeit war, indem er unaufgefordert seiner Familie

die zehn Morgen zu Tarwater Flat, einschließlich Haus, Scheuer, Wirtschaftsgebäude und

Wasserrechte, überschrieb. Ebenfalls übertrug er ihnen die achthundert Dollar, die er auf der

Bank hatte, das lang gesparte Wrackgut seines vernichteten Vermögens. Hierin sah die Familie

jedoch keinen Grund, ihn in die Irrenanstalt zu schicken, was ja unweigerlich seine löblichen

Absichten durchkreuzt hätte. »Großvater ist sicher schlechter Laune«, sagte Mary, seine

älteste Tochter, selbst schon Großmutter, als ihr Vater das Rauchen aufgab.

Alles, was er für sich behalten hatte, war ein Gespann alter Pferde und ein einziges Zimmer in

dem überfüllten Hause. Da er versicherte, niemand Dank schulden zu wollen, übertrug man ihm

ferner die Aufgabe, zweimal wöchentlich die Post der Vereinigten Staaten von Kelterville über

die Tarwater-Berge nach Old Almaden zu bringen – einer sporadisch bearbeiteten Quecksilbermine

im Viehland in den Bergen. Mit seinen beiden alten Pferden beanspruchten die beiden

wöchentlichen Fahrten seine ganze Zeit. Und in den zehn Jahren hatte er, ob Regen oder

Sonnenschein, nie eine Fahrt versäumt. Und ebensowenig hatte er es auch nur ein einziges Mal

unterlassen, allwöchentlich die Bezahlung für seine Beköstigung in Marys Hand zu legen. Diese

Beköstigung hatte er während der Erholung von seinem Patagonienfieber verlangt und genau

bezahlt, obwohl er seinen Tabak hatte aufgeben müssen, um dazu imstande zu sein.

»Hu!« vertraute er dem zerbrochenen Wasserrad der alten Tarwater-Wassermühle an, die er selbst

aus Stämmen aus dem Walde erbaut und die Weizen für die ersten Ansiedler gemahlen hatte. »Hu!

Solange ich mich selbst erhalte, werden sie mich nicht ins Armenhaus schicken, und wenn ich

nicht einen roten Heller habe, so ist es nicht wahrscheinlich, daß so ein Rechtsverdreher

kommt und mich beschnüffelt.«

Und doch waren gerade diese in hohem Maße vernünftigen Handlungen der Grund, daß man John

Tarwater für leicht verrückt hielt.

Das erste Mal hatte er das Lied »Wie vor alters zog die Argo« im Jahre 1849 gesungen, als er,

zweiundzwanzig Jahre alt und heftig vom Kalifornienfieber ergriffen, in Michigan

zweihundertvierzig Morgen, davon vierzig gerodet, für vier Ochsengespanne und einen Wagen

verkauft hatte und quer über die Steppe gezogen war.

»Und bei Fort Hall, wo die Oregon-Auswanderer nach Norden gingen, bogen wir südwärts nach

Kalifornien ab«, pflegte er seinen Bericht von dieser beschwerlichen Reise zu schließen. »Und

Bill Ping und ich fingen Grislybären mit dem Lasso im Unterholz von Cache Slough im

Sacramento-Tal.«

Dann waren Jahre mit Frachtfahren und Minenarbeit gefolgt. Mit einem in den Mercedes-

Goldwäschereien gesammelten Gewinn befriedigte er schließlich den Landhunger seiner Rasse und

seiner Zeit und ließ sich im Sonoma-Land nieder.

Die zehn Jahre, die er die Post in der Tarwater-Gemeinde, durch das Tarwater-Tal und über den

Tarwater-Berg – das meiste davon hatte ihm einmal gehört – fuhr, verbrachte er damit, daß er

davon träumte, das Land wiederzugewinnen, ehe er starb.

Und jetzt, da seine riesige, magere Gestalt aufrechter war, als sie seit Jahren gewesen, und

blaue Flammen in seinen kleinen, engstehenden Augen glimmten, stimmte er wieder sein altes

Lied an.

»Da geht er nun – hört nur!« sagte William Tarwater.

»Niemand zu Hause«, lachte Harris Topping, Tagelöhner, mit Annie Tarwater verheiratet und

Vater ihrer neun Kinder.

Die Küchentür öffnete sich, um den alten Mann einzulassen, der soeben seine Pferde gefüttert

hatte. Der Gesang war auf seinen Lippen verstummt, aber Mary war gereizt, weil sie sich die

Hand verbrannt hatte und weil der Magen eines Enkelkindes sich weigerte, die gewässerte

Kuhmilch ordentlich zu verdauen.

»Es hat keinen Zweck, so anzufangen«, wandte sie sich streitsüchtig an ihn. »Die Zeit ist

vorbei, als du nach einer Gegend wie Klondike durchbrennen konntest, und dein Singen kann sie

dir nicht wiederkaufen.«

»Einerlei«, antwortete er ruhig. »Ich wette, daß ich nach diesem Klondike gehen und Gold genug

sammeln könnte, um den Tarwater-Besitz zurückzukaufen.«

»Alter Narr!« bemerkte Annie.

»Um ihn zurückzukaufen, brauchst du mindestens dreihunderttausend, wenn nicht mehr«, versuchte

William ihn zum Schweigen zu bringen.

»Dann könnte ich dreihunderttausend und noch mehr sammeln, wenn ich nur dort wäre«, sagte der

alte Mann ruhig.

»Danke Gott, daß du nicht hinspazieren kannst, sonst brächest du heute schon auf!« rief Mary.

»Seereisen kosten Geld.«

»Ich hatte Geld«, sagte ihr Vater demütig.

»Aber jetzt hast du keines – daher denk nicht mehr dran«, riet William. »Die Zeiten sind

vorbei, da du mit Bill Ping Bären fingst. Es gibt keine Bären mehr.«

»Einerlei…«

Aber Mary schnitt ihm das Wort ab. Sie nahm die Zeitung vom Küchentisch und schwang sie ihrem

betagten Vater heftig vor der Nase hin und her.

»Was sagen diese Klondiker? Hier steht es schwarz auf weiß. Nur die Jungen und Starken können

Klondike aushalten. Es ist schlimmer als der Nordpol. Und selbst die haben dort massenhaft

Tote zurückgelassen. Sieh nur die Bilder. Du bist vierzig Jahre älter als die ältesten von

ihnen.«

John Tarwater sah wirklich hin, aber seine Augen schweiften zu anderen Fotografien auf dem im

höchsten Maße effektvollen Umschlag.

»Und sieh hier die Fotografien von den Goldklumpen, die sie mitgebracht haben«, sagte er. »Ich

kenne Gold. Habe ich nicht zwanzigtausend aus der Mercedes-Grube geholt? Und wären es nicht

hunderttausend geworden, wenn der Wolkenbruch nicht meinen Damm gesprengt hätte! Wenn ich

jetzt nur in Klondike wäre…«

»Total verrückt!« knurrte William beiseite, aber hörbar für die andern.

»Eine hübsche Art, mit seinem alten Vater zu reden«, tadelte der alte Tarwater ihn mild. »Mein

Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so zu ihm gesprochen

hätte.«

»Aber du bist wirklich verrückt, Vater«, begann William.

»Du wirst schon recht haben, mein Sohn. Aber in dem Punkt war mein Vater nicht verrückt. Er

hätte es getan.«

»Der alte Mann hat ein paar Artikel von Männern gelesen, die noch nach den Vierzigern Glück

gehabt haben«, höhnte Annie.

»Und warum nicht, mein Kind?« fragte er. »Warum kann ein Mann nicht Glück haben, wenn er

siebzig ist? Ich bin dies Jahr erst siebzig geworden. Und vielleicht hätte ich Glück, wenn ich

nur nach Klondike kommen könnte.«

»Was du eben nicht kannst«, wies Mary ihn ab.

»Na ja«, seufzte er, »wenn nicht, dann kann ich ja ebensogut gleich zu Bett gehen.«

Er stand auf, lang, mager knochig und knorrig, die prächtige Ruine eines Mannes. Sein zottiges

Haar und sein Backenbart waren nicht grau, sondern schneeweiß, ebenso die Haarbüschel, die auf

der Rückseite seiner ungeheuer knochigen Finger standen. Er bewegte sich zur Tür, öffnete sie,

seufzte, blieb stehen und sandte einen Blick zurück.

»Und doch«, murmelte er klagend, »jucken mich die Fußsohlen ganz schrecklich.«

Lange, ehe die Familie am nächsten Morgen aufstand, hatte der alte Tarwater seine Pferde beim

Laternenschein gefüttert und angespannt, sich das Frühstück bei Lampenlicht bereitet und

gegessen und war durch das Tarwater-Tal nach Kelterville aufgebrochen. Zweierlei

Ungewöhnliches war an dieser gewöhnlichen Fahrt, die er seit Abschluß des Postkontraktes

tausendundvierzigmal gemacht hatte. Er fuhr nicht nach Kelterville, sondern bog südwärts auf

die Landstraße nach Santa Rosa ab. Noch merkwürdiger als dies war das in Papier gewickelte

Paket zwischen seinen Füßen. Es enthielt seinen einzigen schwarzen Anzug, den Mary ihn lange

nicht mehr hatte tragen lassen wollen, nicht weil er abgetragen war, sondern weil er, wie sie

seiner Vermutung nach im Innersten dachte, anständig genug war, um ihn darin zu begraben.

Und in Santa Rosa verkaufte er den Anzug sofort in einem Trödlerladen für zweieinhalb Dollar.

Von demselben willfährigen Geschäftsmann empfing er vier Dollar für den Trauring seiner längst

verstorbenen Frau. Sein Gespann und den Wagen verkaufte er für fünfundsiebzig Dollar, wenn er

auch nur fünfundzwanzig in bar erhielt. Als er zufällig auf der Straße Alton Granger traf,

demgegenüber er noch nie ein Wort von den zehn Dollar erwähnt hatte, die er ihm im Jahre

vierundsiebzig geliehen, erinnerte er ihn an die kleine Angelegenheit und erhielt

augenblicklich sein Geld. Und von all den Menschen, die vermutlich nicht bei Kasse waren,

hatte er allein Glück bei dem Trunkenbold der Stadt, dem er in seinen alten guten Tagen

manches Glas spendiert hatte: Er lieh sich von ihm einen Dollar. Schließlich fuhr er mit dem

Nachmittagszug nach San Franzisko.

Zwölf Tage später landete er, einen Leinensack mit wollenen Decken und altem Zeug schleppend,

an der Küste von Dyea, mitten in dem großen Klondikestrom. Der Strand war ein brüllendes

Tollhaus. Zehntausend Tonnen Ausrüstung lagen angehäuft und verstreut da, zweimal zehntausend

Mann ruderten darin herum und riefen durcheinander. Die Fracht auf Indianerrücken über den

Chilcoot nach dem Linderman-See war von sechzehn auf dreißig Cent gesprungen, was einem Preis

von sechshundert Dollar für eine Tonne entsprach. Und der subarktische Winter mit seiner

Finsternis stand vor der Tür. Alle wußten es, und alle wußten auch, daß von den zwanzigtausend

nur wenige über die Pässe kommen sollten, während die übrigen hier überwintern und auf das

späte Frühlingstauwetter warten mußten.

So war der Strand, den der alte John Tarwater betrat, und er steuerte direkt über den Strand

auf den Chilcoot los, sein altes Lied gackernd, selbst ein richtiger alter Argonaute, den

keine Ausrüstung beschwerte. Denn er besaß keine Ausrüstung. Nachts schlief er auf der flachen

Strecke fünf Meilen oberhalb Dyeas, an der Stelle, wo die Schiffahrt in Booten begann. Hier

wurde der Dyea-Fluß ein stürmischer Gebirgsstrom, der in einer engen Schlucht aus den

Gletschern stürzte, die ihm ihr Wasser von weit her sandten.

Und hier sah er früh am nächsten Morgen einen kleinen Mann, der nicht mehr als hundert Pfund

wog, über einen Baumstamm wandern, mit gut hundert Pfund Mehl auf dem Rücken. Er sah ferner,

wie der kleine Mann von dem Baumstamm stolperte, kopfüber in eine ruhige, zwei Fuß tiefe

Pfütze fiel und sich ganz ruhig anschickte, zu ertrinken. Er wünschte sicher nicht, so leicht

zu sterben, aber das Mehl auf seinem Rücken wog ebensoviel wie er selber und erlaubte ihm

nicht aufzustehen.

»Schönen Dank, Alter«, sagte er zu Tarwater, als der ihn aufs Trockene gezogen hatte.

Während er sich die Schuhe aufschnürte und das Wasser ausgoß, setzten sie die Unterhaltung

fort. Dann zog er ein Zehndollarstück aus der Tasche und bot es seinem Retter an.

Der alte Tarwater schüttelte den Kopf und zitterte vor Kälte, denn das Eiswasser hatte ihn bis

zu den Knien durchnäßt.

»Aber ich denke, ich hätte nichts dagegen, mich zu einer freundschaftlichen Mahlzeit mit Ihnen

zusammenzusetzen.«

»Haben Sie noch nicht gefrühstückt?« fragte der kleine Mann, der über Vierzig war und gesagt

hatte, daß er Anson hieß, mit einem offenbar interessierten Blick.

»Nicht einen Bissen«, antwortete John Tarwater.

»Wo ist Ihre Ausrüstung? Voraus?«

»Hab’ keine Ausrüstung.«

»Wollen Sie im Lande kaufen?«

»Hab’ nicht einen Dollar, um was zu kaufen, Freundchen. Was im Augenblick nicht so wichtig ist

wie ein bißchen warmes Frühstück.«

In Ansons Lager, eine Viertelmeile weiter, fand Tarwater einen schlanken jungen Mann von

dreißig mit rotem Backenbart, der über einem Feuer aus nassem Weidenholz fluchte. Nachdem er

als Charles vorgestellt war, übertrug er seine finsteren Blicke und seine Wut auf Tarwater,

der tat, als ob er nichts merkte, und sich seinerseits mit dem Feuer zu schaffen machte. Er

benutzte den kühlen Morgenwind, um Zug zu erhalten, den die andern dummerweise durch Steine

ferngehalten hatten, und erzeugte bald weniger Rauch und mehr Feuer. Das dritte Mitglied der

Gesellschaft, Bill Wilson, oder der Große Bill, wie sie ihn nannten, kam mit einem

hundertvierzig Pfund schweren Packen; und Charles servierte etwas, das Tarwater für ein sehr

schlechtes Frühstück ansah. Die Grütze war halbgar und zum größten Teil verbrannt, der Speck

verkohlt und der Kaffee unaussprechlich.

Sobald das Essen verschlungen war, nahmen die drei Teilhaber ihre Packgurte und machten sich

auf den Weg nach der Stelle, wo in ihrem letzten Lager, eine Meile zurück, der Rest ihrer

Ausrüstung lag. Und der alte Tarwater bekam zu tun. Er wusch die Schüsseln, holte trockenes

Holz, setzte einen zerrissenen Packgurt instand, schliff Schlachtermesser und Lageraxt und

packte Hacken und Schaufeln um, so daß sie besser zu tragen waren.

Was während des kurzen Frühstücks Eindruck auf ihn gemacht hatte, war der Respekt, den Anson

und der Große Bill vor Charles hatten. Als Anson am Morgen einmal, nachdem er einen neuen

Hundertpfundpacken hereingebracht hatte, verschnaufte, machte Tarwater eine feine Anspielung

hierauf.

»Sehen Sie, die Sache ist die«, sagte Anson. »Wir haben die Führerschaft geteilt. Jeder hat

seine besondere Aufgabe. Ich bin Zimmermann. Wenn wir zum Linderman-See kommen und die Bäume

gefällt und zu Planken zersägt sind, habe ich den Bootsbau zu leiten. Der Große Bill ist

Flößer und Grubenarbeiter. Er hat für das Holz und für alle Minenunternehmen zu sorgen. Das

meiste von unserer Ausrüstung ist vorausgeschickt. Wir mußten den Indianern so viel für den

Transport nach dem Chilcoot bezahlen, daß wir ruiniert sind. Unser letzter Teilhaber ist oben

bei den Sachen und schafft sie selbst nach der anderen Seite hinüber. Er heißt Liverpool und

ist Seemann. Wenn die Boote gebaut sind, ist er es daher, der ihre Ausrüstung zu leiten hat,

damit wir die Seen und Stromwirbel bis Klondike hinunterfahren können.«

»Und Charles – dieser Herr Crayton –, was ist seine Spezialität?« fragte Tarwater.

»Er ist Geschäftsmann. Er leitet die Organisation und etwaige Geschäfte.«

»Hm«, überlegte Tarwater. »Es ist ein Glück, eine solche Schar von Sonderkenntnissen für eine

Expedition zu bekommen.«

»Mehr als Glück«, meinte Anson. »Es war auch alles Zufall. Jeder von uns zog allein. Wir

trafen uns auf dem San-Franziskoer Dampfer und gründeten die Gesellschaft. – Na, ich muß fort.

Sonst gibt Charles mir noch einen Tritt, weil ich nicht meinen Teil trage. Eigentlich kann man

doch nicht verlangen, daß ein Mann von hundert Pfund ebensoviel trägt wie einer von

hundertsechzig.«

»Los, mach uns was zu Essen«, sagte Charles zu Tarwater, als er das nächste Mal mit einer Last

hereinkam und sah, wie geschickt der alte Mann war.

Und Tarwater bereitete ein Mittagessen, das wirklich ein Mittagessen war, wusch die Schüsseln,

hatte wirkliches Schweinefleisch und Bohnen zum Abendessen und dazu in einer Bratpfanne

gebackenes Brot, das so delikat war, daß die drei Teilhaber sich fast zuschanden daran aßen.

Als das Aufwaschen nach dem Abendessen besorgt war, hieb er Späne, um am Morgen schnell und

sicher Feuer anmachen zu können, zeigte Anson einen Kniff mit dem Schuhzeug, unentbehrlich für

einen Mann, der etwas schleppen sollte, sang sein »Wie vor alters zog die Argo« und erzählte

ihnen von der großen Auswanderung über die Steppe im Jahre neunundvierzig.

»Wahrhaftig, das erste anständige und angenehme Lager, seit wir von der See aufbrachen«,

bemerkte der Große Bill, als er seine Pfeife ausklopfte und sich die Schuhe aufschnürte, um zu

Bett zu gehen.

»Hab’ ich’s euch ein bißchen erleichtert, Jungens, was?« forschte Tarwater freundlich.

Alle nickten.

»Na, dann will ich euch einen Vorschlag machen, Jungens. Ihr könnt ihn annehmen oder nicht,

aber hört ihn bitte an. Ihr habt Eile, weiterzukommen, ehe alles zufriert. Die halbe Zeit, die

ihr zum Tragen verwenden könntet, vergeudet einer von euch auf das Kochen. Wenn ich das für

euch besorge, werdet ihr schneller weiterkommen. Das Essen wird auch besser sein und euch

befähigen, besser zu tragen. Und ich selbst kann hin und wieder auch ein bißchen tragen, ein

ganz klein bißchen, ja, ein ganz klein bißchen.«

Der große Bill und Anson wollten gerade zum Zeichen ihres Einverständnisses nicken, als

Charles sich dazwischenlegte.

»Was wollen Sie von uns dafür?« fragte er den alten Mann.

»Ach, das überlasse ich Ihnen.«

»Das ist kein Geschäft«, verwies Charles ihn scharf. »Sie haben den Vorschlag gemacht. Nun

machen Sie ihn auch ganz.«

»Nun, die Sache ist so…«

»Sie denken, daß wir Sie den ganzen Winter durchfüttern sollen, wie?« unterbrach ihn Charles.

»Nein, mein Herr, das tue ich nicht. Alles, womit ich rechne, ist, daß eine Reise nach

Klondike in Ihrem Boot hochanständig von Ihnen wäre.«

»Sie haben nicht eine Unze Proviant, Alter, Sie würden verhungern, wenn Sie hinkämen.«

»Ich hab’ lange Zeit hindurch ziemlich viel Glück mit meiner Ernährung gehabt«, antwortete der

alte Tarwater mit einem lustigen Schimmer in den Augen: »Ich bin siebzig und bis jetzt noch

nie verhungert.«

»Wollen Sie eine Erklärung unterschreiben, daß Sie selbst für sich sorgen werden, sobald Sie

nach Dawson kommen?« fragte der Geschäftsmann.

»Gewiß«, lautete die Antwort.

Und wieder brachte Charles seine beiden Kompagnons zum Schweigen, die ihre Zufriedenheit mit

dem Arrangement äußern wollten.

»Noch eines, Alter: Wir sind vier Teilhaber, die alle in einer solchen Frage Stimmrecht haben.

Der junge Liverpool ist mit der Hauptausrüstung vorausgezogen, hat deshalb ein Wörtchen

mitzureden und kann es nicht, weil er nicht hier ist.«

»Was für eine Art Teilhaber ist er denn?« fragte Tarwater.

»Er ist ein grobkörniger Seemann und hat ein rasches, bösartiges Temperament.«

»Ein bißchen ungestüm«, fügte Anson hinzu.

»Und fluchen kann er, einfach fürchterlich«, bezeugte der Große Bill. »Aber er ist ehrlich«,

fügte er hinzu.

Anson nickte herzhaft zu dieser Einschätzung.

»Na, Jungens«, meinte Tarwater, »ich bin von Kalifornien hierhergekommen, und jetzt bin ich

unterwegs nach Klondike. Nichts kann mich aufhalten. Ich muß dreihunderttausend aus der Erde

holen. Nichts kann mich aufhalten, weil ich das Geld eben brauche. Daß der Junge bösartig ist,

stört mich nicht, wenn er nur ehrlich ist. Ich will auf gut Glück mit euch gehen, bis wir ihn

einholen. Wenn er dann nicht auf den Vorschlag eingehen will, gebe ich’s auf. Aber ich kann

mir eigentlich nicht vorstellen, daß er nein sagen wird, denn das hieße, daß wir der Zeit,

wenn alles zufriert, zu nahe kommen würden und daß es zu spät für mich wäre, eine andere

Möglichkeit zu finden. Und da ich sicher bin, nach Klondike zu kommen, ist es einfach

unmöglich, daß er nein sagen wird.«

Der alte John Tarwater wurde eine auffallende Gestalt auf einem Wege, der von auffallenden

Gestalten wimmelte. Tausende von Männern, die jeder für sich für jede halbe Tonne Ausrüstung

zurücktrotteten und jede Meile Weges zwanzigmal zurücklegten, lernten ihn kennen und begrüßten

ihn als »Vater Weihnacht«. Und immer, wenn er arbeitete, stimmte er mit der Fistelstimme des

alten Mannes sein Lied an. Keiner der drei Männer, denen er sich angeschlossen hatte, konnte

sich über seine Arbeit beklagen. Allerdings waren seine Glieder steif – und er litt ein wenig

an Rheumatismus. Er bewegte sich langsam und schien zu knirschen und zu knacken, wenn er sich

regte. Aber er hielt sich immer in Bewegung. Er war der letzte, der abends in die Wolldecken

kroch, und der erste, der morgens herauskam, so daß die andern warmen Kaffee erhielten, ehe

sie ihren einen Packen vor dem Frühstück holten. Und zwischen Frühstück und Mittag und

zwischen Mittag und Abendbrot ging er stets selber zurück und holte verschiedene Packen. Mehr

als sechzig Pfund konnte er indessen nicht tragen. Er konnte es zwar auf fünfundsiebzig

bringen, aber nicht für die Dauer. Einmal versuchte er es mit neunzig, fiel aber unterwegs um

und war einige Tage ganz schwach.

Arbeit! Auf einem Wege, wo schwer arbeitende Männer zum erstenmal lernten, was Arbeit war,

arbeitete keiner im Verhältnis zu seiner Kraft schwerer als der alte Tarwater. Verzweifelt von

der Nähe des Winters angetrieben und wahnsinnig von dem Traum vom Golde angelockt, arbeiteten

sie bis aufs äußerste und sanken neben dem Wege nieder. Andere schossen sich eine Kugel vor

den Kopf, wenn sie sich von der Hoffnungslosigkeit ihres Unternehmens überzeugt hatten. Einige

verloren den Verstand, und unter der Qual dieser für Menschen so vernichtenden Anspannung

brachen andere die Kameradschaft und beendeten lebenslängliche Freundschaften mit Burschen,

die ebenso gut wie sie selbst und ebenso überanstrengt und wahnsinnig waren.

Arbeit! Der alte Tarwater beschämte sie alle trotz seinem Knirschen und Knacken und dem

schlimmen trockenen Husten, den er sich angeschafft hatte. Früh und spät, unterwegs oder im

Lager neben dem Wege, konnte man ihn stets irgendwie beschäftigt sehen, und immer antwortete

er auf den Ruf »Vater Weihnacht«. Müde Menschen, die zurückgingen, pflegten ihre Packen auf

einen Baumstamm oder einen Stein zu stützen, wenn sie zu ihm kamen, und zu sagen: »Sing uns

dein Lied von neunundvierzig, Vater.« Und wenn er stöhnend ihren Wunsch erfüllt hatte, nahmen

sie ihre Lasten wieder auf, bemerkten, daß es wirklich herzergreifend wäre, und gingen weiter.

»Wenn sich je ein Mann seine Reise erarbeitet und verdient hat«, vertraute der Große Bill

seinen beiden Kompagnons an, »dann ist es unser alter Schelm.«

»Darauf kannst du wetten«, bestätigte Anson. »Er ist ein wertvoller Zuwachs unserer

Gesellschaft, und ich meinerseits hätte nicht das geringste dagegen, ihn zum regelrechten

Teilhaber zu machen.«

»Nichts davon!« fuhr Charles Clayton dazwischen. »Wenn wir nach Dawson kommen, sind wir fertig

mit ihm – so lautet das Abkommen. Wenn wir ihn bei uns behielten, müßten wir ihn nur begraben.

Außerdem gibt es Hungersnot, und da ist jede Unze Proviant von Bedeutung. Denkt daran, daß wir

ihn den ganzen Weg von unserem eigenen Vorrat füttern, und wenn uns nächstes Jahr der Proviant

ausgeht, dann wißt ihr den Grund. Dampfschiffe können erst Mitte Juni Proviant nach Dawson

bringen, und bis dahin sind es noch neun Monate.«

»Nun ja, du hast ebensoviel an Geld und Ausrüstung eingeschossen wie wir andern«, gab der

Große Bill zu, »und selbstverständlich hast du ein Wörtchen mitzureden.«

»Und das will ich auch haben«, betonte Charles mit wachsender Gereiztheit. »Und es ist ein

Glück für euch, daß ihr mit eurer blöden Gefühlsduselei einen habt, der für euch an die

Zukunft denkt, sonst würdet ihr alle verhungern. Ich sage euch, die Hungersnot steht vor der

Tür. Ich bin mir über die Situation klar. Mehl wird zwei Dollar das Pfund kosten oder auch

zehn, und niemand wird zu verkaufen haben. Denkt an meine Worte.«

Über die mit losem Geröll bedeckte Ebene, durch die dunkle Schlucht nach dem Scheidekamm,

vorbei an überhängenden, stets drohenden Gletschern, nach den Scales und von den Scales die

steilen, vom Eis polierten Hänge der Felsen hinauf, wo die Träger mit Händen und Füßen

klettern mußten, sorgte der alte Tarwater für das Essen, schleppte und sang. Der erste

Herbststurm wehte ihn über den Chilcoot-Paß, jenseits der Waldgrenze. Leute ohne Brennholz am

schneidend kalten Rande des Kratersees unter ihm hörten aus dem dichten Schneegestöber oben

eine gespensterhafte Stimme singen:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Und aus dem Schneetreiben sahen sie eine hohe, magere Gestalt auftauchen, mit einem Backenbart

aus fliegendem Weiß, das sich mit dem Schneesturm mischte, während die Gestalt sich unter

einem sechzigpfündigen Packen mit Lagerutensilien beugte.

»Vater Weihnacht!« ertönte es, und dann: »Drei donnernde Hurras für Vater Weihnacht!«

Zwei Meilen hinter dem Kratersee lag das Glückslager – so genannt, weil hier die Waldgrenze

war und die Menschen sich wieder am Feuer erwärmen konnten. Es war kaum Wald zu nennen, denn

er bestand nur aus zwergenhaften Bergkiefern, deren Wipfel sich nie höher als einen Fuß über

das Moos erhoben und die sich schlängelten und krochen wie die Pflanzen, die von Schweinen

aufgewühlt werden. Hier auf dem Wege, der nach dem Glückslager führte, beim ersten

Sonnenschein seit mehr als einer Woche, stützte der alte Tarwater seine Last auf einen großen

Findlingsstein und schöpfte Luft. Um diesen großen Stein herum ging der Weg, auf dem beladene

Männer sich langsam vorwärts arbeiteten und Männer mit leeren Tragriemen schnell nach neuen

Lasten zurückhumpelten. Zweimal versuchte der alte Tarwater sich zu erheben und weiterzugehen,

und jedesmal ließ er sich, von seinem Zittern gewarnt, wieder sinken, um mehr Kraft zu

gewinnen. Vom Wege hinter dem Stein hörte er, wie zwei Männer sich begrüßten; er erkannte die

Stimme Charles Claytons und war sich darüber klar, daß sie jetzt Jung Liverpool getroffen

hatten. Sofort stürzte Charles sich in Geschäfte, und Tarwater hörte mit großer Deutlichkeit

jedes Wort von der wenig schmeichelhaften Beschreibung, die Charles von ihm gab, sowie von dem

Vorschlag, ihm freie Reise bis Dawson zu gewähren.

»Ein verflucht blöder Vorschlag«, lautete Liverpools Meinung, als Charles ausgesprochen hatte.

»Ein alter Großvater von siebzig. Wenn er auf dem letzten Loch pfeift, warum, zum

Donnerwetter, habt ihr euch dann so an ihm festgehakt? Wenn es Hungersnot gibt, und es sieht

danach aus, brauchen wir jede Unze Proviant für uns selbst. Wir haben uns nur für vier

versorgt und nicht für fünf.«

»Es ist alles in Ordnung«, hörte Tarwater den andern versichern. »Reg dich nicht auf. Das alte

Wrack ist darauf eingegangen, die endgültige Entscheidung dir zu überlassen, sobald wir dich

einholten. Du brauchst nichts zu tun, als deinen Willen geltend zu machen und nein zu sagen.«

»Du meinst, ich soll den Alten an die Luft setzen, nachdem ihr ihn ermutigt habt und seine

Arbeit von Dyea bis hierher gebraucht habt?«

»Die Reise ist hart, Liverpool, und nur Männer, die hart sind, kommen durch«, bemühte Charles

sich, die Sache zu beschönigen.

»Und da soll ich es sein, der die dreckige Arbeit tut?« beschwerte sich Liverpool, während

Tarwater das Herz im Leibe sank.

»Da hast du nicht ganz unrecht«, sagte Charles, »die Entscheidung liegt bei dir.«

Dann stieg das Herz wieder im alten Tarwater, als die Luft von einem Orkan lästerlicher Rede

durchschnitten wurde, aus der Sätze brachen wie: »Dreckiges Stinktier. – Erst will ich euch in

der Hölle sehen! – Mein Entschluß ist gefaßt. – Brand und Verderbnis der Hölle. – Das alte

Wrack zieht mit uns den Yukon hinauf, darauf kannst du dich verlassen, mein Junge! – Hart? Du

weißt nicht, was hart ist, aber ich will es dir zeigen! – Ich lasse die ganze Ausrüstung zum

Teufel gehen, wenn einer von euch versucht, ihn beiseite zu schieben! – Versucht es nur, und

ihr werdet denken, der Jüngste Tag und alle Plagen Gottes hätten euch auf einmal getroffen!«

So sehr stärkte Liverpools Redestrom den alten Mann, daß er sich, ganz ohne sich der

Anstrengung bewußt zu sein, unter der Last erhob und nach dem Glückslager schritt.

Vom Glückslager nach dem Langen See, vom Langen See nach dem Tiefen See und über den

ungeheuren Schweinerücken bis zum Linderman-See ging der menschentötende Wettlauf mit dem

Winter. Männern brachen die Herzen und sprangen die Rücken, und sie weinten neben dem Wege vor

Ermattung. Aber der Winter gab nicht nach. Die Herbststürme wehten, und unter bitterkalten,

durchweichenden Regenschauern und immer zunehmenden Schneegestöbern schafften Tarwater und die

Gesellschaft, an die er geknüpft war, das letzte von ihrer Ausrüstung an den Strand.

Es gab keine Ruhe. Jenseits des Sees, eine Meile hinter einem brüllenden Bergstrom, stachen

sie ein Stück Tannenwald ab und bauten ihre Sägegrube. Hier sägten sie mit Handkraft, mit

einer unzweckmäßigen Langsäge, Baumstämme zu Brettern. Sie arbeiteten Tag und Nacht. Dreimal

wurde der alte Tarwater bei der Nachtarbeit in der Sägegrube ohnmächtig. Am Tage bereitete er

wie gewöhnlich das Essen, und in den Abendpausen half er Anson, am Ufer des Bergstromes aus

den frischen Planken das Boot zu bauen.

Die Tage wurden kürzer. Der Wind schlug nach Norden um und wurde zu unendlichem Sturm. Morgens

krochen die müden Männer aus ihren Wolldecken, setzten sich in Socken an das Feuer, das

Tarwater stets für sie angezündet hatte, und trockneten und tauten ihre gefrorenen Schuhe auf.

Immer mehr wurde von der Hungersnot im Lande erzählt. Die letzten Dampfer, die Proviant von

der Beringsee brachten, wurden durch den niedrigen Wasserstand an der Grenze des Yukonlandes,

Hunderte von Meilen nördlich von Dawson, aufgehalten. Sie lagen bei der Station der alten

Hudsonbucht-Kompanie am Fort Yukon innerhalb des Polarkreises. Mehl kostete in Dawson zwei

Dollar das Pfund, aber niemand wollte Mehl verkaufen. Bonanza- und Doradokönige mit ungeheurem

Geld verließen das Land, weil sie keinen Proviant kaufen konnten. Komitees von Minenarbeitern

konfiszierten alle Nahrungsmittel und setzten die Bevölkerung auf knappe Rationen. Ein Mann,

der auch nur eine Unze Proviant zurückhielt, wurde wie ein Hund niedergeschossen. Zwei Dutzend

waren schon hingerichtet worden.

Und unter einer Anstrengung, die so viele jüngere geknickt hatte, begann auch der alte

Tarwater zusammenzubrechen. Sein Husten war schrecklich geworden, und hätten seine ermatteten

Kameraden nicht wie die Toten geschlafen, so würde er sie die Nächte hindurch wach gehalten

haben. Er begann auch an Kälteschauern zu leiden, so daß er sich mit allen Kleidungsstücken,

die er hatte, ins Bett legte und sein Kleidersack nicht einen Fetzen mehr enthielt. Alles, was

er besaß, war um seine magere, alte Gestalt gewickelt.

»Wenn er jetzt schon, wo das Thermometer nicht niedriger als zwanzig Grad Fahrenheit über dem

Nullpunkt steht, alles anzieht, was er hat«, sagte der Große Bill, »was will er dann erst tun,

wenn es auf fünfzig oder sechzig unter Null fällt?«

Sie zogen das roh gearbeitete Boot an einer Leine den Bergstrom hinab, wobei sie es ein

dutzendmal fast verloren hätten, und ruderten es über das Südende des Linderman-Sees direkt in

einen Herbststurm hinein. Am nächsten Morgen gedachten sie das Boot zu beladen und geradeswegs

nach Norden ihre gefährliche Fahrt von fünfhundert Meilen über Seen, Stromschnellen und tief

eingeschnittene Flußbetten anzutreten. Ehe jedoch der junge Liverpool an diesem Abend zu Bett

ging, verließ er das Lager. Er kehrte wieder und fand die ganze Gesellschaft im Schlaf. Er

weckte Tarwater und sprach leise mit ihm.

»Hören Sie, Vater«, sagte er, »Sie haben freie Fahrt in unserm Boot. Und wenn sich je ein Mann

freie Fahrt verdient hat, so sind Sie es. Aber Sie wissen selbst, daß Sie schon ziemlich bei

Jahren sind und daß Sie augenblicklich nicht mit Ihrer Gesundheit prahlen können. Wenn Sie mit

uns weiterziehen, setzen Sie, so sicher wie die Hölle, Ihren Pelz zu. – Lassen Sie mich

ausreden, Vater. Die Bezahlung für eine Reise ist jetzt auf fünfhundert Dollar gestiegen. Ich

habe meinen Willen durchgesetzt und einen Passagier abgelehnt. Er ist Beamter der Alaska-

Handelsgesellschaft, muß unbedingt ins Land und hat sechshundert geboten, um in unserm Boot

mitzufahren. Die Fahrt gehört Ihnen. Verkaufen Sie sie ihm, stecken Sie die sechshundert in

die Tasche und ziehen Sie wieder heim, solange der Weg gut ist. Sie können in zwei Tagen in

Dyea und eine Woche später in Kalifornien sein. Was meinen Sie dazu?«

Tarwater hustete und zitterte eine Weile, ehe er Luft bekam, um zu reden.

»Mein Sohn«, sagte er, »ich möchte Ihnen nur eines sagen. Ich fuhr neunundvierzig mit einem

Viergespann von Ochsen über die Steppe, ohne einen einzigen zu verlieren. Ich fuhr mit ihnen

direkt nach Kalifornien, und später arbeitete ich als Fuhrmann mit ihnen von Sutter Fort nach

American Bar. Und jetzt bin ich nach Klondike unterwegs. Nichts kann mich halten. Nichts. Ich

muß mit Ihnen am Steuer im Boot bis nach Klondike reisen und dreihunderttausend aus den

Graswurzeln schütteln. Da es so steht, wäre es gegen alle Vernunft, wenn ich meine Reise

verkaufte. Aber ich danke Ihnen herzlich, mein Sohn, ich danke Ihnen herzlich.«

Einer plötzlichen Eingebung folgend, streckte der junge Seemann die Hand aus und ergriff die

des alten Mannes.

»Bei Gott, Vater!« rief er. »Sie werden sicher hinkommen. Sie sind aus dem richtigen Stoff

gemacht.«

Er ließ einen Blick unverstellter Verachtung über die Schlafenden zu der Stelle schweifen, wo

Charles Crayton in seinen roten Bart schnarchte. »Es scheint heute nicht mehr viele Ihres

Schlages zu geben, Vater.«

Nordwärts kämpften sie sich, obwohl Veteranen, die zurückkehrten, den Kopf schüttelten und

prophezeiten, daß sie auf den Seen einfrieren würden. Daß das Wasser jeden Tag zufrieren

konnte, war klar, und es hieß ohne Zögern aufzubrechen. Deshalb entschloß Liverpool sich, mit

dem vollbelasteten Boot über den reißenden Strom zu fahren, der den Linderman-See mit dem

Bennett-See verbindet. Man pflegte die leeren Boote abwärts zu ziehen und die Fracht

hinüberzutragen, und selbst dabei hatten viele leere Boote Schiffbruch erlitten. Jetzt aber

war keine Zeit zu solcher Vorsicht.

»Steigen Sie aus, Vater«, kommandierte Liverpool, als er sich anschickte, vom Ufer abzustoßen

und sich in die Stromschnellen zu stürzen.

Der alte Tarwater schüttelte sein weißes Haupt.

»Ich bleibe bei der Ausrüstung«, erklärte er. »Das ist die einzige Möglichkeit, durchzukommen.

Sehen Sie, mein Sohn, ich muß nach Klondike. Wenn ich im Boot bleibe, ist es

selbstverständlich, daß das Boot nach Klondike kommt. Steige ich aus, so ist es

höchstwahrscheinlich, daß ihr das Boot verliert.«

»Na, es hat keinen Zweck, das Boot zu überlasten«, erklärte Charles und sprang plötzlich ans

Ufer, als das Boot loswarf.

»Das nächste Mal wartest du meinen Befehl ab!« rief Liverpool ihm zu, während die Strömung das

Boot packte. »Und dann gibt es kein Herumspazieren um die Stromschnellen und keine

Zeitvergeudung mehr, um auf dich zu warten und dich wieder aufzulesen.«

Für jedes Stück, das sie auf dem Strom in zehn Minuten schafften, brauchte Charles fast eine

halbe Stunde, und die Zeit, die sie am Ende des Bennett-Sees auf ihn warteten, verbrachten sie

mit mehreren arg mitgenommenen zurückkehrenden Veteranen. Die Nachrichten von der Hungersnot

waren ernster als je. Die berittene Nordwest-Polizei, die am unteren Ende des Marsh-Sees

stationiert war, wo die Goldgräber auf kanadisches Gebiet gelangten, ließ keinen durch, der

nicht mindestens siebenhundert Pfund Proviant mitbrachte. In Dawson warteten tausend Mann mit

Hunden auf das Zufrieren des Sees, um über das Eis zu kommen. Die Handelsgesellschaften

konnten ihre Verträge bezüglich der Lieferung von Nahrungsmitteln nicht erfüllen, und

Teilhaber losten unter sich, wer weiterziehen und wer zurückbleiben und die Claims bearbeiten

sollte. »Das entscheidet«, sagte Charles, als er von dem Auftreten der berittenen Polizei

hörte. »Alter Mann, Sie können ebensogut gleich umkehren.«

»Klettern Sie an Bord«, kommandierte Liverpool, »wir gehen nach Klondike, und der alte Vater

geht mit.«

Ein Umschlagen des Sturmes nach Süden schaffte ihnen günstigen Wind auf dem Bennett-See, auf

dem sie vor dem Winde unter einem großen, von Liverpool verfertigten Segel liefen. Das schwere

Gewicht der Ausrüstung wirkte als Ballast, so daß er drauflosfuhr, wie ein kühner Seemann muß,

wenn jede Minute von Wichtigkeit ist. Eine Drehung des Windes von vier Strich nach Südwest,

die gerade rechtzeitig kam, als sie den Caribou Crossing erreichten, trieb sie durch dieses

Bindeglied von Tagish- und Marsh-See. Während eines stürmischen Sonnenuntergangs und der

darauffolgenden Dämmerung unternahmen sie die gefährliche Kreuzung über den Großen Windarm, wo

sie zwei andere Boote mit Goldgräbern kentern und die Insassen ertrinken sahen.

Charles war dafür, daß sie nachts an Land gehen sollten, aber Liverpool blieb unerbittlich und

steuerte nach dem Tagish-See, wobei er sich nach dem Geräusch der Brandung auf den Klippen und

nach den gelegentlichen Feuern an der Küste richtete, die von schiffbrüchigen oder furchtsamen

Argonauten erzählten. Um vier Uhr morgens weckte er Charles. Der alte Tarwater, der wach lag

und zitterte, hörte, wie Liverpool Charles nach achtern neben sich an die Ruderpinne rief, und

hörte auch die einseitige Unterhaltung.

»Hör gut zu, Freund Charles, und halt selber den Mund«, begann Liverpool. »Ich wünsche, daß du

dir eins merkst. Der alte Vater reist weg auf Order der Polizei. Verstanden? Er reist weg.

Wenn sie unsere Ausrüstung untersuchen, gehört dem alten Vater ein Fünftel davon. Verstanden?

Dadurch kommen wir alle unter das Gewicht, das wir haben sollten, aber wir werden sie schon

irgendwie bluffen. Also merk dir das und vergiß es nicht! Es bleibt dabei!«

»Wenn du glaubst, ich würde das alte Wrack verraten…«, begann Charles gekränkt.

»Das ist dein Gedanke, ich habe nicht ein Wort davon gesagt«, unterbrach ihn Liverpool.

»Versteh mich recht: Mir ist es einerlei, was du gedacht hast. Es kommt darauf an, was du

denken wirst. Wir kommen heute im Laufe des Nachmittags an der Polizeistation vorbei und

müssen uns bereithalten, die Geschichte ohne Blinzeln durchzuführen, und es ist am besten, so

wenig wie möglich davon zu reden.«

»Wenn du glaubst, ich wollte…«, begann Charles wieder.

»Hör mal«, unterbrach ihn Liverpool. »Ich weiß nicht, was du willst. Ich will es auch nicht

wissen. Ich wünsche, daß du weißt, was ich will. Wenn wir Pech haben, wenn der alte Vater von

der Polizei zurückgeschickt wird, dann suche ich mir den ersten ruhigen Platz aus und setze

dich an Land. Und dann gebe ich dir eine gehörige Tracht Prügel. Versteh mich recht. Das wird

keine halbe Sache, sondern eine richtige zweibeinige und zweihändige Tracht Prügel. Ich

gedenke dich nicht totzuschlagen, aber viel wird nicht daran fehlen.«

»Aber was kann ich denn dabei machen?« meinte Charles kläglich.

»Nur eines«, waren Liverpools Schlußworte. »Bete nur kräftig, daß der alte Vater an der

Polizei vorbeikommt, daß er wirklich vorbeikommt – das ist alles. Und nun mach, daß du wieder

in deine Decken kommst.«

Ehe sie den Le-Barge-See erreichten, war das Land mit Schnee bedeckt, der das nächste halbe

Jahr nicht schmelzen sollte. Sie konnten auch nicht nach Belieben am Ufer anlegen, denn dort

bildete sich schon eine Eiskante. Gerade vor der Mündung des Flusses in den Le-Barge-See

fanden sie Hunderte von Argonauten, deren Boote der Sturm aufgehalten hatte. Von Norden wehte

quer über den großen See herüber ein unendlicher Schneesturm. Drei Morgen hintereinander

stießen sie ab und kämpften mit dem Sturm und den Wellen, deren Spritzer zu Eis wurden, wenn

sie ins Boot fielen. Während die anderen sich an den Riemen zuschanden arbeiteten, sorgte der

alte Tarwater dafür, sein Blut genügend in Zirkulation zu halten, indem er das Eis zerhieb und

über Bord warf.

Als sie drei Tage nacheinander geschlagen waren und hilflos dalagen, machten sie kehrt und

liefen wieder in den schirmenden Fluß ein. Am vierten Tage waren die Boote zu dreihundert

angewachsen, und die zweitausend Argonauten an Bord wußten, daß der große Sturm das Zufrieren

des Le-Barge-Sees verkündete. Eine Strecke weiter strömten die reißenden Flüsse noch tagelang.

Wenn sie aber nicht gleich aufbrachen, waren sie dazu verurteilt, für die nächsten sechs

Monate einzufrieren.

»Heute müssen wir durchkommen«, erklärte Liverpool. »Heute gibt es kein Umkehren. Und wer von

uns an den Riemen stirbt, wird wieder aufleben und weiterrudern.«

Und sie kamen durch; sie legten bis Anbruch der Nacht die Hälfte von der Länge des Sees zurück

und ruderten weiter die ganze Nacht, während der Wind sich legte. Sie schliefen an den Riemen

ein, wurden von Liverpool aufgerüttelt und arbeiteten sich durch einen bösen Traum, lang wie

ein Leben, hindurch, während die Sterne zum Vorschein kamen, die Oberfläche des Sees glatt wie

ein Stück Papier wurde und zu dünnem Eis gefror, das wie zerbrochenes Glas klirrte, wenn die

Ruderblätter es zerschlugen.

Als der Tag klar und kalt anbrach, fuhren sie in die Flußmündung ein und ließen einen

zugefrorenen See hinter sich. Liverpool sah sich nach seinem betagten Passagier um und fand

ihn hilflos und fast bewußtlos. Als er das Boot an die Eiskante schwang, um ein Feuer zu

machen und Tarwater von innen und außen zu erwärmen, protestierte Charles gegen einen solchen

Zeitverlust.

»Dies ist nicht Geschäft, misch dich also nicht hinein«, unterrichtete Liverpool ihn. »Ich bin

es, der für die Bootsfahrt einsteht. Klettere also nur heraus und hack Holz, und zwar eine

Menge. Du, Anson, machst ein Feuer, und du, Bill, stellst den Yukonofen im Boot auf. Der alte

Vater ist nicht so jung wie wir andern, und für den Rest dieser Reise soll er am Feuer

sitzen.« Alles geschah, wie er sagte, und das Boot, dessen zwei Ofenröhren der Rauch wie einem

Flußdampfer entstieg, wurde vom Strom gepackt, stieß auf Klippen, blieb hängen, wo der Strom

sich teilte, ging auf Stromschnellen und tiefe Schluchten los und trieb immer tiefer in den

Winter des Nordlandes hinein. Der Große und der Kleine Lachsfluß warfen Grützeis in den

Hauptstrom, als sie vorbeifuhren, und unterhalb der Schnellen löste sich Grundeis vom Flußbett

und bedeckte die Oberfläche mit kristallklarem Schaum. Tag und Nacht wuchs das Randeis, bis es

an ruhigen Stellen hundert Meter weit von der Küste in den Strom ragte. Und der alte Tarwater

saß mit all seinen Kleidungsstücken am Ofen und schürte das Feuer. Da sie aus Furcht vor dem

drohenden Zufrieren nicht anzuhalten wagten, fuhren sie Tag und Nacht weiter, inmitten einer

immer wachsenden Menge Grützeis.

»Hallo, wie steht’s, Alter?« rief Liverpool von Zeit zu Zeit.

»Glänzend«, hatte der alte Tarwater zu antworten gelernt.

»Mein Sohn, was kann ich je zum Dank für Sie tun?« fragte Tarwater, der für das Feuer sorgte,

zuweilen Liverpool, der, um die Blutzirkulation rege zu halten, bald die eine, bald die andere

Hand auf den Bootsrand schlug, während er auf dem eiskalten Achtersitz saß und steuerte.

»Sing nur dein Lied, alter Neunundvierziger«, lautete die merkwürdige Antwort.

Und Tarwater erhob seine Stimme zu einem gackernden Singen, das er laut erklingen ließ, als

das Boot schließlich durch das treibende Grützeis ans Ufer schwang, am Ufer von Dawson vertäut

wurde und die ganze Flußstraße in Dawson die Ohren spitzte, um den Triumphgesang zu hören:

»Wie vor alters zog die Argo,

Kann uns keiner heut’ verwehren

Auszuziehen, tum-tum-tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Charles tat es, aber er tat es so vorsichtig, daß keiner von seiner Gesellschaft, am wenigsten

der Seemann, etwas davon erfuhr. Er sah, daß zwei große, offene Boote sich mit Männern

füllten. Auf seine Frage erfuhr er, daß es Leute ohne Proviant waren, die vom

Sicherheitsausschuß eingefangen waren und den Yukon hinabgeschickt wurden. Die Boote sollten

von dem letzten kleinen Dampfer, der sich in Dawson befand, geschleppt werden und man hoffte,

daß sie, ehe der Fluß zufror, Fort Yukon erreichten, wo die gestrandeten Dampfer lagen. Auf

jeden Fall sollte Dawson von ihrer Anwesenheit und ihrem Hunger befreit werden, einerlei, wie

es ihnen erging. Deshalb begab sich Charles zum Sicherheitsausschuß, um ihm heimlich einen

Floh bezüglich Tarwaters ins Ohr zu setzen, der weder Proviant noch Geld hatte und alt war.

Tarwater war einer der letzten, der aufgelesen wurde, und als der junge Liverpool ans Ufer

zurückkehrte, sah er gerade noch die Boote in einer Pressung von Grützeis um die Biegung

hinter den Moosehide-Bergen verschwinden.

Die Boote fuhren den ganzen Tag im Grützeis und entgingen mehrmals Baumstämmen, die an

seichten Stellen im Grunde des Yukons saßen. Sie legten ihre Hunderte von Meilen nordwärts

zurück und froren dicht neben der Proviantflotte ein. Hier, innerhalb des Polarkreises, ließ

der alte Tarwater sich für den langen Winter nieder. Er arbeitete täglich einige Stunden,

indem er Holz für die Dampfschiffgesellschaft hackte, und das genügte, ihn zu ernähren. Die

übrige Zeit hatte er nichts zu tun, als in seiner aus Baumstämmen erbauten Hütte den

Winterschlaf zu halten.

Wärme, Ruhe und genügend Nahrung heilten seinen schlimmen Husten und brachten ihn in einen so

guten Gesundheitszustand, wie es für seine vorgeschrittenen Jahre möglich war. Aber kurz vor

Weihnachten verursachte der Mangel an frischem Gemüse eine Skorbutepidemie, und einer der

enttäuschten Abenteurer nach dem anderen ergab sich auf diesem Höhepunkt des Unglücks kläglich

und legte sich in seine Koje. Das tat Tarwater nicht. Als sich die ersten Symptome bei ihm

zeigten, brachte er sein einziges Heilmittel, nämlich Bewegung, in Anwendung. In der der alten

Handelsstation gehörigen Niederlage suchte er eine Anzahl alter Fallen hervor, und von einem

Dampferkapitän lieh er sich eine Büchse.

So ausgerüstet, ließ er das Holzhacken und begann mehr als sein bloßes Auskommen zu verdienen.

Auch als der Skorbut in seinem eigenen Körper ausbrach, verlor er den Mut nicht. Immer noch

versorgte er seine Fallen und sang sein altes Lied. Kein Pessimist konnte seine Sicherheit

bezüglich der dreihunderttausend erschüttern, die er in einem Strom von Klondikegold aus den

Graswurzeln schütteln wollte.

»Aber dies ist kein Goldland«, sagten sie zu ihm.

»Gold ist, wo man es findet, mein Sohn. Ich muß es doch wissen, denn ich habe in Minen

gearbeitet, längst ehe du geboren wurdest, im Jahre neunundvierzig«, lautete die Antwort. »Was

war Bonanza Creek anderes als eine Elchweide? Kein Goldsucher wollte ihn ansehen; und doch

wuschen sie Pfannen zu fünfhundert Dollar aus und gewannen fünfzig Millionen Dollar. Dorado

war ebenso schlecht. Nach allem, was man weiß, liegen gerade unter dieser Hütte oder eben

jenseits des nächsten Hügels Millionen und warten darauf, daß ein Glücklicher wie ich kommt

und sie ans Tageslicht bringt.«

Ende Januar kam sein Unglück. Irgendein kräftiges Tier, seiner festen Meinung nach ein Luchs,

verfing sich in einer seiner Fallen und schleppte sie fort. Ein starker Schneefall hielt seine

Verfolgung auf halbem Wege auf, verlöschte die Fährte und ließ ihn sich verirren. Es war nur

wenige Stunden täglich zwischen den zwanzig Stunden Finsternis hell, und seine Bemühungen in

der Dämmerung und dem beständigen Schneefall hatten zur Folge, daß er sich noch gründlicher

verirrte.

Glücklicherweise steigt das Thermometer stets, wenn Winterschnee im Nordland fällt; statt der

gewöhnlichen vierzig, fünfzig oder sogar sechzig Grad Fahrenheit unter Null blieb die

Temperatur auf fünfzehn Grad stehen. Er war auch warm gekleidet und hatte eine volle

Streichholzschachtel bei sich. Ferner trug zur Linderung seiner Unannehmlichkeit bei, daß er

am fünften Tage einen verwundeten Elch tötete, der mehr als eine halbe Tonne wog. Er schlug

sein Lager neben dem toten Elch in einem tannenbewachsenen Gelände auf und bereitete sich

darauf vor, hier den Winter durchzuhalten, falls er nicht von einer Abteilung, die nach ihm

suchte, gefunden wurde oder sein Skorbut sich verschlimmern sollte.

Nach zwei Wochen aber hatte sich noch kein Mensch gezeigt, sein Skorbut sich aber unweigerlich

verschlimmert. Dicht an seinem Feuer, gegen die äußere Kälte durch eine Mauer aus

Tannenzweigen geschützt, lag er lange Stunden zusammengekauert schlafend und lange Stunden

wach da. Aber die wachen Stunden wurden weniger, wurden sehr bald zu halbwachen und

halbträumenden Stunden. Und langsam sank der letzte Funke von Bewußtsein, der John Tarwater

ausmachte, immer tiefer hinab in die Tiefe seines Wesens, die zusammengesetzt war, ehe der

Mensch Mensch war oder während er Mensch wurde, als er zuerst von allen Tieren sich selbst mit

nach innen gewandten Augen betrachtet und den Grundstein zur Moral in einem Aberglauben gelegt

hatte, der die Welt mit den Ungeheuern bevölkert, die seinen eigenen, jeder Ethik baren

Wünschen entsprungen waren.

Wie ein Mensch im Fieber mit langen Zwischenräumen zum Bewußtsein erwacht, so erwachte der

alte Tarwater, bereitete sich sein Elchfleisch und legte Holz aufs Feuer. Aber immer längere

Zeit verbrachte er in seiner Schlaffheit, ohne zu wissen, was Traum im Wachen und was Traum im

Schlafen während seiner Bewußtlosigkeit war. Und hier, in den unvergeßlichen Verstecken der

ungeschriebenen Geschichte der Menschheit, die undenkbar und nicht zu erfahren ist, wie die

Begebenheiten in einem Alptraum oder unmögliche Erlebnisse in der Verrücktheit, begegnete er

den Ungeheuern, die das erste Moralgefühl des Menschen geschaffen und die ihn seither stets

geplagt haben, so daß er phantastische Erzählungen ersinnen mußte, um sie zu täuschen oder zu

bekämpfen.

Kurz, unter der Last seiner siebzig Jahre, in der ungeheuren schweigenden Einsamkeit des

Nordens fand der alte Tarwater wie in einem durch einen Schlaftrunk oder ein Betäubungsmittel

hervorgerufenen Delirium das kindliche Gemüt des Kindmenschen einer früheren Zeit wieder. In

der Dämmerung der flatternden Schwingen des Todes kauerte Tarwater nieder und begann wie sein

ferner Vorgänger, der Kindmensch, Mythen zu schaffen, die Sonne zu einem Halbgott zu machen

und selbst der Halbgott zu werden, der nach dem Schatz aus undenkbaren Zeiten suchte, nach dem

Schatz, der so schwer zu erringen ist.

Entweder mußte er den Schatz gewinnen – denn so lautete die unerbittliche Logik im

Schattenland des Unbewußten –, oder er mußte in dem alles verschlingenden Meer, dem schwarzen

Verzehrer des Lichts, versinken, der allnächtlich die Sonne verschlang, so daß sie erlosch –

die Sonne, die immer wieder neu geboren am nächsten Morgen im Osten aufging und die für den

Menschen das erste Symbol der Unsterblichkeit durch Wiedergeburt geworden ist. Alles das war

in den Tiefen seines Bewußtseins (dem dunklen Westen des sinkenden Lichts) die nahe Dämmerung

des Todes, in der er langsam versank.

Wie aber sollte er diesen finsteren Ungeheuern entgehen, die ihn von innen heraus langsam

verschlangen? Allzu tief versunken war er, um von Befreiung zu träumen oder einen

Fluchtgedanken zu hegen. Für ihn hatte die Wirklichkeit aufgehört zu sein. Nicht einmal aus

der verfinsterten Kammer seines eigenen Ichs konnte die Wirklichkeit wieder aufflammen. Seine

Jahre lasteten zu schwer auf ihm, und die Schwäche, die Folge der Krankheit, und die

Schlaffheit und Gefühllosigkeit, die Folgen der Stille und Kälte, waren zu mächtig. Nur von

außen konnte die Wirklichkeit auf ihn wirken und in ihm die Aufmerksamkeit für die

Wirklichkeit wieder erwecken. Sonst mußte er durch das Schattenreich des Unbewußten in die

völlige Finsternis der Auslöschung sinken.

Doch er kam, dieser Anstoß der Wirklichkeit von außen, krachte in einem lauten, explosiven

Schnauben gegen seine Trommelfelle. Zwei Tage lang, bei einer Temperatur, die sich nie über

fünfzig Grad unter Null erhob, hatte sich nicht ein Windhauch geregt, hatte nicht der

geringste Laut die Stille durchbrochen. Wie der Opiumraucher auf seiner Ruhebank seine Augen

wieder von den weiten Räumen des Traumes auf die Enge der elenden Kammer einstellt, so starrte

der alte Tarwater mit unsicherem Blick vor sich hin, über das sterbende Feuer, auf einen

großen Elch, der ihn, ein verwundetes Bein nachschleppend, mit allen Anzeichen äußerster

Ermattung erschrocken anstarrte; auch der war blind im Schattenland umhergeschweift und

gerade, als er an Tarwaters Feuer trat, zur Wirklichkeit erwacht.

Matt zog der alte Tarwater sich den großen Fäustling aus Fell mit dem dicken Wollrand von

seiner rechten Hand. Er versuchte, den Zeigefinger zu bewegen, fand aber, daß er zu steif war.

Vorsichtig, langsam, in langen Minuten, wühlte er die bloße Hand unter seine Wolljacke und

seine Fellparks, durch die Brustöffnung seiner Hemden in seine linke Armhöhle, die nur wenig

warm war. Lange Minuten vergingen, ehe der Finger beweglich wurde, und dann hob er mit ebenso

vorsichtiger Langsamkeit die Büchse an die Schulter und zielte über das Feuer hinweg auf das

große Tier.

Bei dem Schuß wankte der eine der beiden schattenhaften Wanderer in die Finsternis hinab, und

der andere wirbelte aufwärts zum Licht, wie ein Betrunkener auf seinen vom Skorbut

geschwächten Beinen taumelnd, vor Nervosität und Kälte bebend. Er rieb sich mit zitternden

Fingern die rinnenden Augen und starrte auf die wirkliche Welt um sich her, die mit einer so

überwältigenden Plötzlichkeit zu ihm zurückgekehrt war. Er nahm sich zusammen und erkannte,

daß er lange Zeit, wie lange, wußte er nicht, in den Armen des Todes gebettet gewesen. Er spie

aus, lauschte auf das Geräusch und schloß daraus, daß es weit unter sechzig Grad sein mußte.

Tatsächlich zeigte das Spiritusthermometer in Fort Yukon an diesem Tage fünfundsiebzig Grad

Fahrenheit unter Null, was, da der Gefrierpunkt zweiunddreißig Grad über Null liegt,

hundertundsieben Grad Frost entspricht.

Langsam schmiedete Tarwaters Hirn einen vernünftigen Plan zur Tat. Hier in der unendlichen

Einsamkeit wohnte der Tod. Zwei verwundete Elche waren hierhergekommen. Als sich der Himmel

nach Eintritt der großen Kälte geklärt hatte, war ihm die Lage seiner Zufluchtsstätte

klargeworden. Er wußte, daß die beiden verwundeten Elchtiere sich von Osten zu ihm geschleppt

hatten. Deshalb mußte es Menschen im Osten geben – ob Weiße oder Indianer, konnte er nicht

sagen –, aber jedenfalls Menschen, die ihm in seiner Not beistehen und ihm helfen konnten,

sich jenseits des Meeres der Finsternis in der Wirklichkeit zu verankern.

Er bewegte sich langsam, aber er bewegte sich, umgürtete sich mit Büchse und Munition, nahm

Streichhölzer und einen Packen mit zwanzig Pfund Elchfleisch. Ein verjüngter Argonaute, wenn

auch auf beiden Beinen lahm und wankend, kehrte er dem gefährlichen Westen den Rücken und

hinkte nun nach Osten, wo die Sonne aufgeht und wiedergeboren wird.

Mehrere Tage später – wie viele, sollte er nie erfahren – gelangte er, unter Träumen und

Gesichten und sein altes Goldlied von neunundvierzig gackernd, wie einer, der am Ertrinken ist

und matt schwimmt, um sein Bewußtsein über der verschlingenden Finsternis zu halten, auf einen

Schneehang über einer tiefen Bergesschlucht und sah von unten Rauch aufsteigen und Männer, die

mit der Arbeit aufhörten, um ihn anzustarren. Immer singend, stolperte er zu ihnen hinab, und

als er vor Atemlosigkeit aufhörte, riefen sie ihn mit verschiedenen Namen: Heiliger Nikolaus,

alter Weihnacht, Vollbart, Letzter Mohikaner und Vater Weihnacht. Und als er bei ihnen war,

stand er ganz still, ohne zu reden, während große Tränen aus seinen Augen rannen. Er weinte

lange schweigend, bis er sich, als besänne er sich plötzlich, mit krachenden und knirschenden

Gliedern in den Schnee setzte, in dieser vorteilhaften Stellung seitwärts umsank und in eine

ruhige und leichte Ohnmacht fiel.

In weniger als einer Woche war der alte Tarwater wieder auf den Beinen und hinkte bei der

Hausarbeit in der Hütte umher, bereitete Essen und wusch auf für die fünf Mann am Bache. Es

waren echte Pioniere, zäh und schwer zu narren, die so tief in der Polarwelt begraben gewesen

waren, daß sie nichts von dem Sturm auf Klondike wußten. Die Nachrichten, die er ihnen

brachte, waren das erste, was sie davon hörten. Sie lebten fast ausschließlich von Elch- und

Renfleisch und geräuchertem Lachs, dazu wilden Beeren und einigen saftigen wilden Wurzeln, von

denen sie im Sommer einen Vorrat gesammelt hatten. Sie hatten vergessen, wie Kaffee schmeckt,

machten Feuer mit einem Brennglas, führten, wohin sie reisten, natürliche Feuerhölzer mit sich

und rauchten in ihren Pfeifen getrocknete Blätter, die die Zunge bissen und in der Nase

brannten.

Vor drei Jahren hatten sie von den Hauptstrecken von Koyokuk nordwärts bis zur Mündung des

Mackenzie in das Nördliche Eismeer nach Gold gesucht. Dort hatten sie auf den

Walfängerschiffen die letzten weißen Männer gesehen und sich mit dem letzten Proviant für

weiße Männer versehen, der hauptsächlich aus Salz und Rauchtabak bestand. Auf dem Wege nach

Süden und Westen, auf dem weiten Zuge bis zur Vereinigung von Yukon und Porcupine bei Fort

Yukon, fanden sie in diesem Bache Gold und blieben hier, um den Boden zu bearbeiten.

Sie begrüßten Tarwaters Ankunft mit Freuden, wurden nie müde, seinen Erzählungen von

neunundvierzig zu lauschen, und tauften ihn um zu »alter Held«. Mit Tee aus Tannennadeln, mit

einem Gebräu aus Weidenrinde, mit sauren und bitteren Wurzeln und Zwiebeln aus der Erde

trieben sie den Skorbut aus ihm heraus, so daß er nicht mehr hinkte und seine knochige Gestalt

sich mit Fleisch zu bedecken begann. Er sah immer noch nicht ein, weshalb er nicht einen

reichen Goldschatz aus der Erde gewinnen sollte.

»Wir wissen nichts von diesen dreihunderttausend«, sagten sie eines Morgens beim Frühstück,

ehe sie zu ihrer Arbeit gingen, zu ihm. »Aber würden hunderttausend nicht genügen, alter Held?

Das ist ein Claim unserer Berechnung nach wert; der Boden ist schlecht abgegrenzt, und wir

haben schon ein Stück für dich abgesteckt.«

»Na ja, Jungens«, antwortete der alte Tarwater. »Ich danke euch herzlich, und alles, was ich

sagen kann, ist, daß hunderttausend hübsch und für einen Anfänger sogar sehr hübsch sein

würden. Aber natürlich höre ich nicht auf, ehe ich die dreihunderttausend voll habe. Deshalb

bin ich ins Land gekommen.«

Sie lachten, priesen seinen Ehrgeiz und meinten, daß sie dann einen reicheren Bach für ihn

ausfindig machen müßten. Und der alte Held meinte, daß er sich selbst, wenn das Frühjahr käme

und er sich kräftiger fühlte, ein bißchen umschauen müsse.

»Denn nach allem, was man weiß«, sagte er, indem er auf einen Bergeshang auf der anderen Seite

des Tales wies, »kann das Gold vielleicht in Klumpen an den Mooswurzeln dort unter dem Schnee

hängen.«

Er sagte nichts mehr, als aber die Sonne stieg und die Tage wärmer und länger wurden, starrte

er oft nach dem Bach und nach der deutlichen Terrassenformation in halber Höhe des Berges

hinüber. Und eines Tages, als die Schneeschmelze schon in vollem Gange war, setzte er über den

Fluß und erklomm die Terrasse. Wo der Boden der Sonne ausgesetzt war, war er schon einen Zoll

tief geschmolzen. An einer solchen Stelle legte er sich nieder, nahm eine Handvoll Moos in

seine großen, knorrigen Hände und zerrte die Wurzeln auseinander. Die Sonne schien auf

mattschimmerndes Gold. Er schüttelte das Moos, und derbe Klumpen wie Kies fielen auf die Erde.

Es war das Goldne Vlies, zum Scheren bereit.

Nicht vergessen in den Annalen Alaskas ist der Sommer 1898, in dem die Goldgräber von Fort

Yukon nach den Minen bei den Terrassen von Tarwater Hill strömten. Und als Tarwater seinen

Besitz für rund eine halbe Million an die Bowdie-Gesellschaft verkaufte und die Nase nach

Kalifornien kehrte, ritt er auf einem Maultier auf einem neu angelegten Wege mit behaglichen

Häusern bis zur Dampferanlegestelle von Fort Yukon.

Bei der ersten Mahlzeit auf dem Ozeandampfer von St. Michaels wurde er von einem grauhaarigen

Steward bedient, dessen Gesicht von Sorgen verheert und dessen Körper vom Skorbut verrenkt

war. Der alte Tarwater mußte ihn zweimal in Augenschein nehmen, um sich zu vergewissern, daß

es Charles Crayton war.

»Schlecht gegangen, mein Sohn, was?« fragte Tarwater.

»So viel Glück habe ich gehabt«, klagte der andere, als er ihn erkannt und begrüßt hatte. »Nur

einer von der Gesellschaft wurde vom Skorbut gepackt. Ich habe Höllenqualen erduldet. Die

anderen drei arbeiten alle, sind gesund und bekommen Proviant und Ausrüstung, um im Winter am

Weißen Fluß nach Gold zu suchen. Anson verdient fünfundzwanzig täglich als Zimmermann.

Liverpool schlägt Holz für die Sägemühle und kriegt zwanzig, und der Große Bill hat vierzig

täglich als Vorarbeiter der Sägemühle. Ich tat mein Bestes, und wenn der Skorbut nicht gewesen

wäre…«

»Sicher, mein Sohn, hast du dein Bestes getan, was viel sein muß, da du von Natur aus reizbar

und durch zu viele Geschäfte hart geworden bist. Aber ich will dir etwas sagen. Jetzt bist du

so verschandelt, daß du dich nicht mehr zur Arbeit eignest. Ich werde deine Überfahrt beim

Kapitän bezahlen, in freundlicher Erinnerung an die Unterstützung, die du mir gewährt hast,

und du kannst dich den Rest der Reise ausruhen. Wie steht es mit dir, wenn du in San Franzisko

an Land gehst?«

Charles Cray ton zuckte die Achseln.

»Ich will dir etwas sagen«, fuhr Tarwater fort. »Es gibt Arbeit für dich auf meinem Gut, bis

du wieder mit Geschäften anfangen kannst.«

»Ich könnte Ihr Geschäft verwalten«, begann Charles eifrig.

»Nein, mein Herr«, erklärte Tarwater mit Nachdruck. »Aber es gibt immer Löcher für Pfosten zu

graben und Brennholz zu hacken, und das Klima ist ausgezeichnet…«

Tarwater kam heim als der wahre verlorene Großvater, für den das fette Kalb bereitstand und

geschlachtet wurde. Aber ehe er sich zu Tisch setzte, mußte er erst ein wenig umherschweifen.

Und Söhne und Töchter sowie Schwiegersöhne und Schwiegertöchter mußten ihn unbedingt

begleiten, so widerwärtig es ihnen auch war, aus der knorrigen alten Hand zu essen, die eine

halbe Million auszubezahlen hatte. Er schritt an der Spitze, und keine Ansicht, die er heiter

aussprach, war so falsch oder unmöglich, daß sie Widerspruch bei seinem Gefolge erregt hätte.

Als er bei dem verfallenen Wasserrad stehenblieb, zu dem er das Holz im Hochwald geschlagen

hatte, strahlte sein Gesicht, während er den Blick über das Tarwater-Tal und weiter über die

fernen Höhen bis zu den Zinnen der Tarwater-Berge schweifen ließ – jetzt wieder alles sein.

Da kam ihm der Einfall, der ihn sich abwenden und die Nase putzen ließ, um das Blinzeln in

seinen Augen zu verbergen. Immer noch von der ganzen Familie gefolgt, begab er sich zu der

baufälligen Scheuer. Er hob einen alten Knüppel vom Boden auf.

»William«, sagte er, »erinnerst du dich der kleinen Unterhaltung, die wir hatten, ehe ich nach

Klondike ging? Du erinnerst dich sicher noch, William. Du erzähltest mir, daß ich verrückt

sei. Und ich sagte, mein Vater würde mir das Fell mit einem Knüppel gegerbt haben, wenn ich so

mit ihm geredet hätte.«

»Ach, das war ja nur Unsinn«, versuchte William sich zu entschuldigen.

William war ein grauhaariger Mann von fünfundvierzig, und seine Frau und seine erwachsenen

Söhne standen dabei und sahen neugierig zu, wie Großvater Tarwater seinen Rock auszog und ihn

Mary zu halten gab.

»William, komm her!« befahl er gebieterisch.

William kam, wenn auch äußerst widerstrebend.

»Nur eine Kostprobe, mein Sohn William, von dem, was mein Vater mir oft genug gegeben hat«,

brüllte der alte Tarwater, indem er auf Rücken und Schultern seines Sohnes mit dem Knüppel

losprügelte. »Ich mache dich darauf aufmerksam, daß ich dich nicht auf den Kopf schlage. Mein

Vater war sehr heftig und fragte nicht danach, wenn er prügelte. – Stoß nicht die Ellbogen

zurück! Sonst bekommst du noch zufällig einen Schlag darauf. Und nun sag mir nur eines, mein

Sohn William: Denkst du noch, daß ich verrückt bin?«

»Nein«, heulte William, vor Schmerzen herumtanzend, »du bist nicht verrückt, Vater! Natürlich

bist du nicht verrückt.«

»Gesagt hast du es«, bemerkte der alte Tarwater bündig, indem er den Knüppel wegwarf und sich

wieder in den Rock hineinarbeitete. »Und jetzt laßt uns hineingehen und essen.«

* * *

Die Goldschlucht

Es war mitten in der grünen Schlucht, wo die Felswände zurückweichen und die starren, harten

Linien der Schlucht durch ein stilles, warmes und weichgepolstertes Winkelchen unterbrochen

wurden. Hier ruhte alles. Selbst der kleine Bergbach hielt einen Augenblick in seinem eiligen

Fall inne und bildete einen ruhigen Teich. Knietief im Wasser stand mit gesenktem Haupt und

geschlossenen Augen ein roter, vielzackiger Hirsch.

Auf der einen Seite stieß eine kleine Wiese an den Teich, ein kühler, federnder, grüner

Teppich, der sich bis an den Fuß der düsteren Felswand erstreckte. Auf der andern Seite des

Teiches zog sich ein Sandhang bis zum Felsen empor. Der Hang war mit feinem Gras bewachsen –

Gras, das mit Blumen vermischt war, die hier und dort orangefarbene, purpurne und goldene

Flecken bildeten. Abwärts schloß sich die Schlucht und versperrte die Aussicht. Die schroffen

Felswände lehnten sich aneinander, die Schlucht endete in einem Chaos bemooster Felsblöcke und

wurde von einem grünen Vorhang von Weinranken, Schlinggewächsen und Zweigen verborgen. Fern am

oberen Ende der Schlucht erhoben sich ferne Gipfel und Zinnen: die hohen, mit Kiefern

bestandenen Randberge. Und weit hinter ihnen ragten wie Wolken weiße Minaretts in den Himmel:

Dort funkelte der ewige Schnee der Sierra in der flammenden Sonne.

Nicht ein Stäubchen war in der Schlucht zu sehen. Das Laub und die Blumen waren rein und

jungfräulich. Das Gras war wie frischer Samt. Drei Pappeln ließen ihre schneeweißen Daunen

durch die stille Luft auf den Teich herabregnen. Auf den freien Stellen des Hanges, wohin

selbst die längsten Schatten der Manzanitaranken nicht reichten, erhoben sich die

Mariposalilien wie ein Schwarm juwelengeschmückter Nachtfalter, die plötzlich festgehalten

werden, sich aber im nächsten Augenblick wieder in die Luft werfen wollen. Hier und da

erfüllte der Harlekin der Wälder, die Madrona, deren erbsengrüne Stämme gerade eine krapprote

Farbe annahmen, die Luft mit süßem Wohlgeruch aus den wachsbleichen Glocken ihrer großen

Blütendolden. Sahnenartig waren diese Glocken, sie glichen in der Form Narzissen, und ihr Duft

enthielt die ganze Süße des Frühlings.

Nicht ein Hauch regte sich. Die Luft war schläfrig und von Duft geschwängert. Dieser süße Duft

würde drückend gewesen sein, wäre die Luft schwer und feucht gewesen. Aber sie war dünn und

scharf wie Sternenlicht, das in Atmosphäre verwandelt und von Sonnenlicht und süßem Blumenatem

durchdrungen und durchwärmt ist.

Hin und wieder flatterte ein Schmetterling durch die Licht- und Schattenflecken. Und von allen

Seiten hörte man das leise, einschläfernde Summen der Bergbienen – feiernder Sybariten, die

sich gutmütig stießen, aber keine Zeit hatten, grob und unhöflich zu sein. So ruhig quoll und

rieselte der kleine Bach durch die Schlucht, daß man ihn nur hin und wieder leise murmeln

hörte. Die Stimme des Baches erklang wie ein schläfriges Wispern, das durch träumerisches

Schweigen unterbrochen wurde, aber immer wieder von neuem erwachte.

Hier im Herzen der Schlucht ging alles seinen stillen Gang. Sonnenschein und Schmetterlinge

glitten ein und aus zwischen den Bäumen. Das Summen der Bienen und das Flüstern des Baches

bildeten ein anhaltendes gleitendes Geräusch, und die gleitenden Farben verwoben sich zu einem

zarten unfaßbaren Gespinst, das der Geist der Stätte war. Dieser Geist war vom Frieden

geprägt, nicht vom Frieden des Todes, sondern von dem Frieden, den das Leben schenkt, wenn es

leicht und sorglos dahingleitet; er war von einer Ruhe geprägt, die aber nicht Schweigen, von

einer Bewegung, die nicht Handlung war, von einer Ruhe, die von Leben überströmte, aber fern

von der gewaltsamen Unruhe des Kampfes und der Arbeit war. Der Geist der Stätte war vom

Frieden des Lebens geprägt, leichtschläfrig in seinem zufriedenen, sorglosen Wohlbefinden und

ganz ungestört von allen Gerüchten von fernem Streit.

Der rote, vielzackige Hirsch unterwarf sich willig dem Geist der Stätte und stand schläfrig

bis zu den Knien in dem kühlen, schattigen Teich. Es gab offenbar keine Fliegen, die ihn

störten, und er war in tiefe Ruhe versunken. Zuweilen, wenn der Bach erwachte und flüsterte,

bewegten sich seine Ohren, aber sie taten es träge, weil er gut wußte, daß es nur der Bach

war, der gemerkt hatte, daß er eingeschlafen war, und jetzt plötzlich redselig wurde. Aber es

kam ein Augenblick, da der Hirsch gespannt und eifrig lauschend die Ohren spitzte. Er wandte

den Kopf und sah die Schlucht hinab. Seine empfindsamen, zitternden Nüstern witterten. Seine

Augen vermochten nicht den grünen Vorhang zu durchdringen, unter dem der Bach rieselnd

verschwand, aber seine Ohren fingen den Laut einer Menschenstimme auf. Es war eine eintönige,

ununterbrochen singende Stimme. Einmal hörte der Hirsch das harte Klingen von Metall, das

gegen den Felsen schlug. Als er den Laut hörte, schnaufte er und sprang mit einem Satz aus dem

Teich auf die Wiese; seine Füße versanken in dem weichen, samtenen Grase, er spitzte die Ohren

und sicherte wieder. Dann schritt er still über die kleine Wiese, blieb hin und wieder stehen,

um zu lauschen, und verschwand leichtfüßig und geräuschlos wie ein Schatten aus der Schlucht.

Der harte Klang von eisenbeschlagenen Stiefelsohlen gegen den Felsen wurde allmählich stärker

und die Männerstimme lauter und deutlicher. Es war eine Art Singen und wurde beim Näherkommen

allmählich so deutlich, daß man die Worte unterscheiden konnte:

»Lasse deine Augen sehen

Lieblich waldbedeckte Höhen

(Achte nicht der Sünde Macht).

Schau dich um die Kreuz und Quere,

Deinen Sündensack entleere

(Triffst du doch den Herrn bei Nacht).«

Ein rasselndes Geräusch begleitete den Gesang, und der Geist der Stätte floh auf der Fährte

des Hirsches. Der grüne Vorhang wurde beiseite gerissen, und ein Mann spähte über Wiese, Teich

und Bergeshang. Es war ein vorsichtiger, ruhiger Mann. Er warf einen schnellen Blick durch die

Schlucht und ließ dann seine Augen forschend auf allen Einzelheiten weilen, wie um seinen

ersten Eindruck zu vervollständigen. Dann, aber auch nicht eher, öffnete er den Mund und sagte

zugleich lebhaft und mit feierlicher Anerkennung: »Weiß Gott! Das ist ein Anblick! Wald und

Wasser und Gras und ein Bergeshang! Eine Freude für jedes Goldgräberauge und ein Paradies für

ein Präriepony! Kühles Grün, eine Erquickung für müde, wehe Augen! Eine einsame Weide für

Goldgräber und eine Erholungsstätte für erschöpfte Viecher, der Teufel soll mich holen!«

Er hatte einen sandfarbenen Teint, und sein Gesicht, das sehr beweglich und von wechselndem

Ausdruck war, zeigte als hervorstechende Eigenschaften Lebhaftigkeit und Humor. Wenn er

dachte, konnte man es ihm direkt ansehen. Die Gedanken fuhren sozusagen über sein Gesicht wie

Windstöße über einen Wasserspiegel. Sein dünnes, ungekämmtes Haar hatte dieselbe unbestimmbare

Farblosigkeit wie sein Teint. Es sah aus, als hätte sich aller Farbstoff in ihm in seinen

Augen gesammelt, die erstaunlich blau waren. Es waren zudem lachende, frohe Augen, die sich

nicht wenig von dem verwunderten, naiven Ausdruck des Kindes bewahrt hatten, dabei aber

gleichzeitig seltsam unbewußt in ruhigem Selbstvertrauen und einer Festigkeit leuchteten, die,

wie man ahnte, in persönlichen Erfahrungen in der Erkenntnis von Welt und Leben wurzelten.

Aus dem dichten Gewirr von Ranken und Schlingpflanzen holte er eine Hacke, eine Schaufel und

eine Goldgräberpfanne heraus und warf die Sachen vor sich auf den Boden. Dann kroch er selbst

aus seinem Versteck heraus und trat ins Freie. Er trug verblichene Überziehhosen, ein

schwarzes Baumwollhemd, an den Füßen nägelbeschlagene Transtiefel und auf dem Kopf einen Hut,

der mit seinen vielen Beulen und Flecken davon zeugte, daß er lange Wind und Wetter, Regen und

Sonne und dem Rauch der Lagerfeuer ausgesetzt gewesen war. Er blieb stehen, betrachtete mit

offenen Augen die ruhige Stätte und sog mit friedlich zitternden Nasenflügeln den süßen

Blütenhauch der Vegetation ein. Er kniff die Augen zu, so daß sie zu zwei lachenden blauen

Spalten wurden, sein Gesicht verzog sich vor Freude, und seine Lippen kräuselten sich in einem

Lächeln, während er laut rief: »Donnerwetter, der Duft ist was für mich! Laß die andern ihre

Parfüm- und Eau-de-Cologne-Fabriken behalten! Hier können sie nicht mit!«

Er hatte die Gewohnheit, laute Selbstgespräche zu halten. Zwar verrieten seine beweglichen

Züge alle seine Gedanken und Stimmungen, aber seine Zunge kam gleich hinterher und sprach die

Gedanken aus.

Der Mann legte sich am Rande des Teiches nieder und trank tief und lange vom Wasser. »Das

schmeckt«, murmelte er, hob den Kopf und blickte über den Teich auf den Bergeshang, während er

sich den Mund mit dem Handrücken wischte. Der Hang hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Immer

noch auf dem Bauche liegend, studierte er die Gebirgsformation lange und sorgsam. Es war ein

geübtes Auge, das den Hang bis zu der verwitterten Felswand hinauf und wieder herab zum Ufer

des Teiches durchforschte. Dann erhob er sich und untersuchte den Hang noch einmal.

»Sieht gut aus«, sagte er schließlich und hob Hacke, Schaufel und Pfanne auf.

Er überschritt den Bach unterhalb des Teiches, indem er gewandt von Stein zu Stein sprang. An

einer Stelle, wo der Hang direkt bis ans Wasser reichte, hob er eine Schaufel voll Erde aus

und schüttete sie in die Pfanne. Er hockte mit der Pfanne nieder und tauchte sie halb in den

Bach. Dann setzte er die Pfanne in schnell kreisende Bewegung, die das Wasser über Erde und

Kies ein- und ausströmen ließ. Die größeren und leichteren Teile kamen an die Oberfläche, und

durch gewandte schaukelnde Bewegungen mit der Pfanne ließ er sie über den Rand gleiten. Hin

und wieder hielt er in der Bewegung inne und suchte, um das Auswaschen zu beschleunigen, die

größeren Steine und Felsklumpen mit den Fingern heraus.

Der Inhalt der Pfanne verringerte sich schnell, und zuletzt waren nur noch Sand und die

allerkleinsten Kiesteilchen übrig. Jetzt begann er sehr vorsichtig und sorgsam zu waschen, und

er wusch immer vorsichtiger, sah genau nach und drehte die Pfanne mit ganz kleinen, behutsamen

Bewegungen. Zuletzt schien die Pfanne nur noch Wasser zu enthalten, aber mit einer schnellen,

halbkreisförmigen Bewegung schleuderte er das Wasser über den Rand der Pfanne hinweg, und

jetzt zeigte sich eine Schicht schwarzen Sandes auf dem Boden der Pfanne. Die Schicht war so

dünn, daß sie wie ein feiner Anstrich wirkte. Er untersuchte sie genau. Mittendarin war ein

winziger goldener Punkt. Er ließ ein wenig Wasser über den abwärts gehaltenen Rand der Pfanne

laufen. Mit einer schnellen Bewegung ließ er das Wasser über den Boden spülen und die

schwarzen Sandkörner umkehren. Ein neuer goldener Punkt war das Ergebnis seiner Mühe. Das

Waschen wurde jetzt sehr sorgfältig – viel sorgfältiger, als Goldwaschen im allgemeinen zu

sein braucht. Er arbeitete mit dem schwarzen Sand, nahm immer ein wenig auf einmal davon und

untersuchte es auf dem gebogenen Rand der Pfanne. Jedesmal durchforschte er es so scharf, daß

er jedes Körnchen gesehen hätte, ehe er es über den Rand gleiten ließ. Körnchen für Körnchen

ließ er, genau aufpassend, den schwarzen Sand fortgleiten. Ein Goldkorn, nicht größer als eine

Stecknadelspitze, zeigte sich auf dem Rande, aber durch eine kleine Bewegung mit dem Wasser

spülte er es wieder in die Pfanne. Und auf diese Weise entdeckte er ein neues Goldkörnchen und

wieder eines. Er achtete genau auf sie. Wie ein Hirt hütete er seine Herde von Goldkörnchen,

daß keines von ihnen verlorenging. Zuletzt war nichts mehr in der Pfanne als seine goldene

Herde. Er zählte sie und schleuderte sie dann mit dem letzten Wasser aus der Pfanne, trotz

aller Arbeit, die er darauf verwandt hatte.

Aber seine blauen Augen schimmerten vor Verlangen, als er sich erhob. »Sieben«, murmelte er

laut, mit Bezug auf die Zahl der Goldkörnchen, für die er so schwer gearbeitet und die er

soeben so nachlässig fortgeworfen hatte. »Sieben«, wiederholte er mit einem Nachdruck, als

wollte er sich die Zahl seinem Gedächtnis unverlöschlich einprägen. Er stand eine Weile still

und betrachtete den Bergeshang. Ein Ausdruck von brennender Neugier war in seinen Augen. Seine

ganze Haltung drückte Frohlocken aus, dabei aber eine Wachsamkeit, an ein jagendes Tier

erinnernd, das soeben die Beute gewittert hat.

Er ging ein paar Schritte am Bach entlang und füllte seine Pfanne wieder mit Erde.

Wieder wusch er die Erde sorgfältig aus, wachte eifersüchtig über seine goldenen Körnchen und

schleuderte sie, als er sie gezählt hatte, wieder ohne weiteres in den Bach.

»Fünf«, murmelte er und wiederholte: »Fünf!«

Noch einmal mußte er den Berghang studieren, ehe er seine Pfanne ein wenig weiter abwärts am

Bache füllte. Seine goldene Herde nahm ab. »Vier, drei, zwei, zwei, eins«, wiederholte er bei

sich, während er den Bach abwärts kam. Als sich nach einer Wäsche nur noch ein einziges

Körnchen vorfand, hielt er inne und zündete ein kleines Feuer an. Er warf die Pfanne auf das

Feuer und ließ sie in Flammen liegen, daß sie ganz blauschwarz wurde, dann holte er sie heraus

und untersuchte sie kritisch. Er nickte beifällig. Bei dieser Farbe konnte auch nicht das

kleinste Goldkörnchen seiner Aufmerksamkeit entgehen.

Er ging das Bachbett weiter hinab und wusch wieder eine Pfanne aus. Das Ergebnis war ein

einziges Goldkörnchen. Die dritte Pfanne enthielt gar kein Gold. Er begnügte sich jedoch nicht

damit, sondern wusch noch drei Pfannen aus, und zwar waren die Stellen, an denen er die Erde

mit der Schaufel entnahm, nicht mehr als je einen Fuß voneinander entfernt. Keinmal war Gold

in der Pfanne, aber diese Tatsache schien ihn nicht zu entmutigen, sondern eher zu

befriedigen. Sein Siegesstolz wuchs jedesmal, wenn die Wäsche ein niedrigeres Ergebnis

brachte, und zuletzt erhob er sich und rief freudestrahlend: »Wenn das nicht das richtige ist,

dann mag der liebe Gott mir den Kopf mit sauren Äpfeln zerschlagen.«

Er kehrte zu seinem Ausgangspunkt zurück und begann am oberen Lauf des Baches Probepfannen

auszuwaschen. Anfangs wuchs seine goldene Ernte an Zahl – wuchs erstaunlich. »Vierzehn,

achtzehn, einundzwanzig, sechsundzwanzig«, wiederholte er bei sich. Am Oberlauf des Baches

wusch er seine reichste Pfanne aus – »fünfunddreißig Körner«. Die Sonne stand jetzt hoch am

Himmel. Der Mann arbeitete weiter. Er ging das Bachbett hinauf und wusch eine Pfanne nach der

andern aus, und die Ergebnisse wurden immer geringer.

»Direkt großartig, mit welcher Gleichmäßigkeit es abnimmt!« rief er triumphierend, als seine

Pfanne schließlich nicht mehr als ein einziges Goldkörnchen enthielt. Und als sich zuletzt in

mehreren Pfannen keine Goldkörnchen mehr gezeigt hatten, richtete er sich auf und warf einen

zuversichtlichen Blick auf den Bergeshang.

»Aha, eine Tasche!« rief er, als wendete er sich an einen Zuhörer, der irgendwo unter der

Oberfläche des Hanges versteckt lag. »Aha, eine Tasche! Ich komme, ich komme, und ich werde

sie erwischen, so wahr ich hier stehe.«

Er wandte sich um und warf einen forschenden Blick auf die Sonne, die gerade über ihm an dem

azurblauen Himmel stand. Dann schritt er durch die Schlucht, an der Reihe von Löchern entlang,

die er jedesmal beim Füllen der Pfanne mit der Schaufel gegraben hatte. Unterhalb des Baches

überschritt er den Teich und verschwand hinter dem grünen Vorhang.

Der Geist der Stätte konnte noch nicht mit seiner Ruhe wiederkehren, denn die Stimme des

Mannes ertönte mit ihrem trällernden Singen immer noch durch die Schlucht.

Nach einer kleinen Weile kehrte er zurück, und man hörte ein stärkeres Trampeln

eisenbeschlagener Füße gegen den Felsen als zuvor. Der grüne Vorhang geriet in heftige

Bewegung. Er wogte hin und her wie in einem qualvollen Kampfe. Man hörte den laut klirrenden

Klang von Metall. Die Stimme des Mannes schrillte noch heftiger und nahm einen scharfen,

gebieterischen Klang an. Ein schwerer Körper fiel, und man hörte Schnaufen und Stöhnen. Aus

dem Gebüsch kam ein Schnappen, Zerren und Reißen, und unter einer Woge fallender Blätter brach

ganz plötzlich ein Pferd durch den Vorhang.

Es trug ein Bündel auf dem Rücken und schleppte abgerissene Ranken und Schlingpflanzen hinter

sich her. Das Tier starrte äußerst erstaunt die Umgebung an, in die es hineingestürzt war,

senkte aber einen Augenblick darauf den Kopf ins Gras und begann zufrieden zu weiden.

Ein zweites Pferd taumelte plötzlich aus dem Gebüsch heraus, glitt auf den moosigen

Felsblöcken aus, kam aber wieder auf die Füße, als seine Hufe in die weiche Oberfläche der

Wiese einsanken. Es trug keinen Reiter, hatte aber auf dem Rücken einen hohen mexikanischen

Sattel, der von langem Gebrauch abgenutzt und mitgenommen war.

Zuletzt kam der Mann. Er warf Bündel und Sattel ab, sah sich nach einem passenden Lagerplatz

um und ließ die Tiere frei weiden. Dann packte er Proviant sowie eine Bratpfanne und eine

Kaffeekanne aus. Hierauf sammelte er einen Armvoll trockenen Reisigs und errichtete mit einem

Armvoll Steinen eine Feuerstatt.

»Lieber Gott«, sagte er, »wie hungrig ich bin! Ich könnte Eisenspäne und Hufeisennägel fressen

und sogar mehrere Portionen, wenn es sein sollte.«

Er richtete sich auf, und während er in der Hosentasche nach einer Schachtel Streichhölzer

suchte, ließ er seinen Blick über den Teich und den Hang schweifen. Seine Finger hatten schon

nach den Streichhölzern gefaßt, ließen sie aber wieder los, und als er die Hand aus der Tasche

zog, war sie leer.

Der Mann zögerte unentschlossen. Sein Blick schweifte von den Vorbereitungen zum Mittagessen

nach den Bergen.

»Ich glaube, ich will noch einen Versuch machen«, sagte er schließlich und ging über den Bach.

»Es hat nicht viel Sinn, das weiß ich«, murmelte er, sich gleichsam entschuldigend. »Aber ich

glaube nicht, daß es mir jemand übelnehmen wird, wenn ich das Mittagessen um eine Stunde

verschiebe.«

Wenige Fuß hinter der Lochreihe, wo er seine Probepfannen gefüllt hatte, begann er eine neue

Reihe zu graben. Die Sonne sank im Westen, und die Schatten wurden immer länger, aber der Mann

arbeitete weiter. Er begann eine dritte Reihe von Probelöchern. Allmählich zum Berg

hinaufsteigend, legte er eine Reihe von Probelöchern quer über den Hang. Das mittlere Loch in

jeder Reihe ergab die reichste Ausbeute, während die Löcher zu beiden Enden der Reihe nicht

das geringste Goldkörnchen in der Pfanne ergaben. Und je höher er stieg, desto kürzer wurden

die Reihen. Die Regelmäßigkeit, mit der sie sich abkürzten, zeigten deutlich, daß die letzte

Reihe irgendwo oben auf dem Hang so kurz wurde, daß man überhaupt nicht mehr von einer Länge

sprechen konnte und daß sie schließlich in einem Punkt enden mußten. Die Zeichnung nahm die

Form eines umgekehrten V an. Die zusammenlaufenden Linien dieses V bildeten die Grenzen des

Gebietes, innerhalb dessen sich die goldhaltige Erde befand.

Die Spitze dieses V war offenbar das Ziel des Mannes. Er ließ seinen Blick oft die

konvergierenden Linien entlang und weiter den Hang hinauf schweifen, um zu erraten, wo die

Spitze des umgekehrten V, der Punkt, wo der goldhaltige Boden aufhörte, sein würde. Dort war

die »Tasche«, und der Mann rief: »Komm her, Tasche! Sei brav und komm herunter!«

»Also schön!« sagte er kurz darauf in resigniertem, aber festem Ton. »Also schön, Tasche, ich

merke schon, daß ich ganz hinaufkommen und dich an den Ohren zupfen muß. Aber dazu bin ich

auch der Rechte. Verlaß dich drauf«, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu.

Jede Pfanne brachte er ans Wasser hinunter und wusch sie aus, und je höher er den Hang

hinaufkam, desto reicher wurde der Inhalt der Pfannen, so daß er schließlich begann, das Gold

in eine leere Backpulverdose zu schütten, die er nachlässig in die Hosentasche steckte. Er war

so von seiner Arbeit in Anspruch genommen, daß er nicht die Dämmerung bemerkte, die den

Eintritt des Abends verkündete. Erst als er die Goldkörner auf dem Boden der Pfanne nicht mehr

erkennen konnte, merkte er, daß es spät geworden war. Er richtete sich plötzlich auf und sagte

zögernd, mit einem komisch verwunderten und erschrockenen Gesichtsausdruck: »Gottverdammich!

Vor lauter Arbeit hab’ ich ganz das Mittagessen vergessen!«

Er stolperte in der Dunkelheit über den Bach und zündete das Reisig an, das er lange zuvor

gesammelt und zurechtgelegt hatte. Das Abendessen bestand aus Pfannkuchen, Speck und

aufgewärmten Bohnen. Hinterher rauchte er an dem ausgehenden Feuer eine Pfeife, lauschte auf

die Laute der Nacht und freute sich über den Mondschein, der die Schlucht erleuchtete.

Schließlich packte er das Bettzeug aus, zog sich die schweren Stiefel von den Füßen und

wickelte sich gut in die Decke ein. Sein Gesicht leuchtete weiß im Mondlicht und erinnerte an

das einer Leiche. Aber es war eine Leiche, die nach Wunsch aufstehen konnte, denn plötzlich

stützte sich der Mann auf den einen Ellbogen und starrte nach dem Hang hinüber.

»Gute Nacht, Tasche«, murmelte er schläfrig. »Gute Nacht!«

Er schlief die ganze Nacht und die ersten grauen Morgenstunden. Erst als die fast senkrechten

Strahlen der Morgensonne auf seine geschlossenen Lider fielen, erwachte er mit einem Ruck und

sah sich um, bis ihm klar war, wer und wo er war.

Seine Toilette bestand hauptsächlich darin, daß er sich die Stiefel anzog. Er ließ den Blick

von der Feuerstätte nach der Bergwand streifen, schwankte unschlüssig einen Augenblick,

überwand aber die Versuchung und machte sich daran, das Feuer anzuzünden.

»Immer ruhig, Bill, immer ruhig«, ermahnte er sich. »Wozu die Eile? Es hat ja keinen Zweck,

sich zu erhitzen und zu schwitzen. Die Tasche wartet schon noch auf dich. Die läuft nicht weg,

ehe du dein Frühstück gegessen hast. Nein, Bill, was du brauchst, ist ein bißchen Abwechslung

auf der Speisekarte. Da mußt du wohl sehen, etwas zu fassen zu kriegen.«

Am Ufer des Teiches schnitt er sich einen kurzen Stock ab und zog eine Schnur sowie eine

ramponierte Fliege, die einst bessere Tage gesehen hatte, aus einer seiner Taschen.

»Früh am Morgen beißen sie vielleicht an«, murmelte er, indem er die Schnur auswarf. Und einen

Augenblick später rief er freudestrahlend: »Hab ich’s nicht gesagt? Hab ich’s nicht gesagt?«

Er hatte keine Rolle an der Schnur, und um nicht mehr Zeit als notwendig zu vergeuden, zog er

schnell mit den bloßen Händen eine schimmernde, zehn Zoll lange Forelle aus dem Wasser. Sie

und noch drei, die er schnell hintereinander fing, machten sein Frühstück aus. Als er auf dem

Wege nach dem Hang zu den Steinen am Bach kam, hatte er einen Einfall, der ihn plötzlich

stillstehen ließ.

»Es wäre vielleicht gut, ein Stückchen den Bach hinunterzugehen«, sagte er. »Man kann nie

’wissen, ob nicht irgendein Kerl in der Nähe herumschleicht.«

Aber er ging weiter über die Steine, und mit einem »Eigentlich müßte ich ja die kleine

Untersuchungsexpedition unternehmen«, schlug er die Anwandlung in den Wind und machte sich an

seine Arbeit.

Bei Eintritt der Dunkelheit richtete er sich auf. Seine Lenden waren steif, weil er so lange

gebückt gearbeitet hatte, und indem er die Hand auf den Rücken legte, um die schmerzenden

Muskeln zu beschwichtigen, sagte er: »So was hab’ ich doch, Gottverdammich, noch nicht erlebt!

Jetzt hab’ ich das Mittagessen rein vergessen! Wenn ich nicht aufpasse, endet es noch damit,

daß ich wie diese durchgedrehten Kerle werde, die nur zweimal täglich essen.«

»Taschen haben eine verfluchte Art, einen abzulenken«, sagte er bei sich am Abend, als er sich

in seine Decken rollte. Und er vergaß auch nicht, zum Hang hinauf zurufen: »Gute Nacht,

Tasche! Gute Nacht!«

Mit der Sonne stand er auf, aß eilig sein Frühstück und machte sich an seine Arbeit. Er war

wie von einem Fieber ergriffen, und die Tatsache, daß die Probepfannen immer reicher

ausfielen, war nicht dazu angetan, sein Fieber zu beschwichtigen! Die Röte seiner Wangen kam

nicht allein von der Hitze der Sonne, und er vergaß Müdigkeit und Zeit. Wenn er eine Pfanne

mit Erde gefüllt hatte, lief er den Hang hinab, um sie auszuwaschen; und er konnte sich nicht

halten, sondern lief schnaufend und stolpernd den Hang hinauf, um die Pfannen von neuem zu

füllen. Er war jetzt etwa hundert Meter vom Wasser entfernt, und das umgekehrte V begann

endgültige Form anzunehmen. Das Terrain, das den hinreichend goldhaltigen Kies enthielt, wurde

immer schmaler, und der Mann verlängerte im Geiste die Seiten des umgekehrten V bis zu ihrem

Schnittpunkt, hoch oben auf dem Hange. Die Spitze dieses V war sein Ziel, und er wusch viele

Probepfannen aus, um sie festzustellen.

»Genau zwei Meter oberhalb des Manzanitastrauchs und einen Meter rechts«, sagte er

schließlich.

Dann packte ihn die Versuchung. »Es ist ja sonnenklar«, sagte er, gab sein mühseliges Graben

quer über den Hang auf und kletterte zu der Stelle, wo er die Spitze des umgekehrten V annahm.

Er füllte seine Pfanne und trug sie den Hang hinunter, um sie auszuwaschen. Sie enthielt nicht

ein einziges Goldkörnchen. Er grub tiefer, und er grub an der Oberfläche, füllte und wusch ein

Dutzend Pfannen aus, erhielt aber nicht ein einziges Goldkörnchen für all seine Mühe. Er

ärgerte sich, daß er der Versuchung erlegen war, wütete und verfluchte sich auf die

gotteslästerlichste Art. Schließlich schritt er den Hang hinab und nahm seine Arbeit nach dem

ursprünglichen Plan wieder auf.

»Langsam, aber sicher, Bill, langsam, aber sicher«, murmelte er. »Für dich gibt es keinen

Richtweg zum Glück, das solltest du doch bald wissen. Sei vernünftig, Bill, sei vernünftig.

Die langsame, sichere Methode ist die einzige, auf die du dich verstehst. Halt dich an sie.«

Je kürzer die Querlinien wurden und je mehr sich die Seitenlinien ihrem Schnittpunkt näherten,

um so mehr vertiefte sich das V. Die Goldkörner lagen in immer größerer Tiefe. Dreißig Zoll

unter der Oberfläche erhielt er kleine Goldkörnchen in die Pfanne. Der Kies, den er aus

fünfundzwanzig und fünfunddreißig Zoll Tiefe holte, enthielt nicht die geringste Andeutung von

Gold. An der Basis des umgekehrten V, unten am Wasser, hatte er die Goldkörner zwischen den

Graswurzeln gefunden. Je höher er den Hang hinauf kam, desto tiefer sank das Gold. Es war eine

recht mühselige Arbeit, ein drei Fuß tiefes Loch zu graben, nur um eine Probepfanne zu füllen,

und bis zur Spitze des V mußten noch unzählige derartige Löcher gegraben werden. »Und kein

Mensch kann wissen, wie tief es später noch geht«, seufzte er, als er einen Augenblick

innehielt, um sich seinen schmerzenden Rücken zu reiben.

Mit fieberhafter Gier, wehem Rücken und steifen Muskeln arbeitete sich der Mann mit Hacke und

Schaufel in dem weichen braunen Boden langsam den Hang hinan. Vor ihm lag der ebenmäßige Hang,

mit Blumen bestreut, die mit ihrem süßen Duft die Luft erfüllten. Hinter ihm war Vernichtung.

Es sah aus, als sei die glatte Oberfläche des Hanges einem furchtbaren vulkanischen Ausbruch

zum Opfer gefallen. Seine langsam vorschreitende Arbeit erinnerte an die Schnecke, die die

Schönheit mit ihren abscheulichen Spuren besudelt.

Die immer tiefere Lage der Goldader vermehrte die Arbeit des Mannes, doch er tröstete sich mit

dem immer reicheren Goldinhalt der Pfannen. Der Wert des Goldes in den Pfannen wechselte

zwischen zwanzig, dreißig und fünfzig Cent, und als er bei Anbruch der Dunkelheit seine letzte

Pfanne auswusch, gab sie ihm in einer einzigen Schaufel Erde für einen Dollar Goldstaub.

»Ich möchte wetten, daß irgendein zudringlicher Bursche auf meine kleine Weide angestiegen

kommt«, murmelte er schläfrig, als er sich am Abend in die Decke wickelte.

Plötzlich setzte er sich auf. »Bill!« rief er scharf. »Hör jetzt, was ich sage, Bill,

verstehst du? Du wirst morgen zeitig aufstehen müssen und dich ein wenig umgucken, ob du

jemand entdecken kannst. Verstanden? Zeitig morgen früh, vergiß es nicht!« Er gähnte und warf

einen Blick nach seinem Bergeshang. »Gute Nacht, Tasche«, rief er.

Am Morgen kam er der Sonne zuvor, denn als ihre ersten Strahlen auf ihn fielen, hatte er

längst gefrühstückt und war im Begriff, die Felswand an einer Stelle zu erklimmen, wo ihm die

Verwitterung des Gesteins ermöglichte, Fuß zu fassen. Als er den Gipfel erreicht hatte und

umherspähte, sah er sich von allen Seiten von Öde und Einsamkeit umgeben. Eine Bergeskette

erhob sich hinter der anderen, so weit er sehen konnte. Im Osten wurde sein Blick, der so

leicht und schnell über die zahlreichen, meilenweit auseinanderliegenden Bergesketten

hinwegglitt, doch zuletzt von den weißen, himmelanragenden Zinnen der Sierra – des

Hauptgebirges, dem Rückgrat des Westlandes – aufgehalten. Im Norden und Süden sah er deutlich

die Ketten, die quer durch dieses endlose Meer von Bergen liefen. Im Westen wurden die Berge

immer kleiner und niedriger und gingen schließlich in die weichgeschwungenen Randhügel über,

die sich ihrerseits wiederum zu dem großen Tal hinabsenkten, das er nicht sehen konnte.

Und in diesem ganzen mächtigen Gebiet sah er keine Spur von Menschen oder von der Arbeit von

Menschen – mit Ausnahme des aufgewühlten Hanges zu seinen Füßen. Lange durchforschte der Mann

spähend die Landschaft. Einmal kam ihm vor, als sähe er eine schwache Andeutung von Rauch weit

unten in seiner eigenen Schlucht. Er blickte mit geschärfter Aufmerksamkeit nach diesem

Phänomen und kam zu dem Ergebnis, daß es der violette Bergnebel sei, den die dahinterliegende

Felswand der Schlucht dunkel und wogend wie eine Rauchspirale erscheinen ließ.

»Heda, Tasche!« rief er in die Schlucht hinab. »Heraus mit dir! Jetzt komme ich, Tasche! Jetzt

komme ich!«

Die schweren Transtiefel, die der Mann trug, behinderten ihn anscheinend, aber dennoch schwang

er sich leicht und gewandt wie eine Bergziege von der schwindelnden Höhe hinab. Ein Felsblock,

der am Rande des Abgrundes unter seinen Füßen fortglitt, brachte ihn nicht aus der Fassung. Er

schien genau zu wissen, wann der kritische Augenblick eintreffen würde, und benutzte

unterdessen den trügerischen Boden als Stützpunkt, um sich in Sicherheit zu bringen. Dort, wo

die Wand so steil abfiel, daß er nicht eine Sekunde aufrecht stehen konnte, zögerte er keinen

Augenblick. Nur einen Bruchteil der verhängnisvollen Sekunde berührte sein Fuß die gefährliche

Oberfläche, aber gerade lange genug, um ihm den Sprung, der ihn weiterbrachte, zu ermöglichen.

Dort wo er selbst diesen Bruchteil einer Sekunde nicht Fuß fassen konnte, schwang er seinen

Körper vorbei, indem er blitzschnell nach einem Felsvorsprung, einem Spalt oder einem nicht

sehr festsitzenden Strauch griff. Zuletzt ließ er die Wand fahren, sprang desperat ab,

rutschte mit einem lauten Geheul abwärts und endete seine Niederfahrt inmitten mehrerer Tonnen

gleitender Erde.

Heute ergab seine erste Probepfanne für über zwei Dollar grobkörniges Gold. Die Erde war genau

aus der Mitte des Winkels des umgekehrten V entnommen. Nach beiden Seiten von dieser Stelle

nahm der Goldinhalt der Pfannen schnell ab. Die Löcherreihen, die er grub, waren allmählich

sehr kurz geworden. Die Seiten des umgekehrten V waren jetzt nur noch wenige Meter voneinander

entfernt. Der Schnittpunkt befand sich wenige Schritte über ihm. Aber das goldhaltige Material

mußte er aus immer größeren Tiefen schürfen. Früh am Nachmittag mußte er die Probelöcher fünf

Fuß tief machen, ehe die Pfannen auch nur das geringste Gold aufwiesen.

Im übrigen waren es nicht mehr Goldkörner; der Boden bestand fast aus reinem Golde, und der

Mann beschloß, hierher zurückzukehren und den Boden zu bearbeiten, sobald er die Tasche

gefunden hatte. Aber der steigende Goldgehalt der Pfannen begann ihn zu ärgern. Spät am

Nachmittag war der Goldinhalt der Pfannen auf drei bis vier Dollar gestiegen. Der Mann kratzte

sich bedenklich den Kopf und ließ seinen Blick über die Felswand nach dem Manzanitastrauch

schweifen, der ungefähr angab, wo die Spitze des umgekehrten V war. Er nickte und sagte in

tiefsinnigem Orakelton: »Es gibt zwei Möglichkeiten, Bill. Zwei Möglichkeiten. Entweder hat

die Tasche sich selbst über den ganzen Bergeshang verstreut, oder sie ist so verdammt reich,

daß du vielleicht nicht imstande bist, sie auf einmal mit nach Haus zu nehmen. Und das wäre

doch eine verfluchte Geschichte, nicht wahr?« Er lachte und belustigte sich bei dem Gedanken,

möglicherweise vor einem so angenehmen Dilemma zu stehen.

Als die Dunkelheit hereinbrach, saß er am Ufer des Baches und starrte sich bei der schnell

zunehmenden Dämmerung fast die Augen aus dem Kopfe bei dem Versuch, eine Probepfanne

auszuwaschen, die für fünf Dollar Gold enthielt.

»Wenn ich nur elektrisches Licht hätte, um weiterarbeiten zu können«, sagte er.

In dieser Nacht wurde es ihm schwer, zu schlafen. Immer wieder veränderte er seine Lage und

schloß die Augen, um einzuschlafen, aber sein Blut klopfte wild und fieberhaft, und immer

wieder öffnete er seine Augen und murmelte müde: »Wenn die Sonne doch bald aufginge!«

Schließlich schlief er doch ein, als aber die ersten Sterne zu erblassen begannen, schlug er

die Augen auf, und als die graue Morgendämmerung eintrat, hatte er schon gefrühstückt und war

im Begriff, den Bergeshang zu erklimmen, um das Versteck der Tasche zu finden.

In der ersten Querreihe, die der Mann grub, war nur Raum für drei Löcher, so schmal war das

goldhaltige Gebiet geworden und so nahe war er der Quelle des goldenen Stromes gekommen, die

er seit vier Tagen suchte.

»Ruhig, Bill, nur ruhig«, ermahnte er sich, als er das letzte Loch dort grub, wo die Seiten

des umgekehrten V schließlich in ihrem Schnittpunkt zusammenliefen.

»Jetzt hab’ ich dich zu fassen gekriegt, Tasche, und du entkommst mir nicht«, sagte er immer

wieder, während er tiefer und tiefer grub.

Vier, fünf, sechs Fuß grub er in den Boden. Das Graben wurde immer schwieriger. Zuletzt

klirrte seine Hacke auf den reinen Felsgrund. Er untersuchte den Felsen. »Verrotteter Quarz«,

erklärte er, während er mit der Schaufel den Boden des Loches von losem Kies reinigte. Er

bearbeitete den zermürbten Quarz mit der Hacke und schlug mit jedem Schlage etwas von dem

verwitterten Felsgrund ab. Er setzte die Schaufel in die lose Masse. Seine Augen sahen einen

goldenen Schimmer. Plötzlich warf er die Schaufel fort und hockte sich nieder. Und wie ein

Bauer vor ausgegrabenen Kartoffeln, begann er von einem verwitterten Quarzstück, das er in

beiden Händen hielt, die Erde zu reiben.

»Heiliger Himmel!« rief er. »Hier sind ja ganze Klumpen. Wahrhaftig, ganze Klumpen!«

Nur die Hälfte dessen, was er in der Hand hielt war Quarz. Das andere war reines Gold. Er ließ

es in die Pfanne fallen und untersuchte ein anderes Stück. Von außen schien es nur wenig gelb,

aber mit seinen starken Fingern zerrieb er den verwitterten Quarz, bis seine beiden Hände voll

von schimmerndem Golde waren. Ein Stück nach dem anderen rieb er von Erde rein und warf es in

die Goldpfanne. Das Loch war die reine Schatzkammer. Der Quarz war so verwittert, daß es

weniger Quarz als Gold war. Hin und wieder fand er ein Stück, das ganz frei von Quarz – ein

Stück, das durch und durch Gold war. Ein großer Klumpen, den die Hacke zerbrochen hatte,

leuchtete wie eine Handvoll gelber Edelsteine. Mit schiefem Kopf betrachtete er ihn und drehte

ihn langsam, um das strahlende Spiel des Lichtes darin zu beobachten.

»Die Leute reden so oft von reichen Goldfunden«, sagte er höhnisch. »Hiermit verglichen sind

die meisten derartigen Funde nur armselige Dreißig-Cent-Funde. Dies hier ist ja durch und

durch Gold. Daher taufe ich denn auch auf der Stelle und in diesem heiligen Augenblick diese

Schlucht auf den Namen ›Goldschlucht‹, weiß Gott, das tue ich!«

Immer noch hockend, untersuchte er weiter die Quarzstücke und warf sie in die Pfanne.

Plötzlich hatte er das Gefühl, daß ihm irgendeine Gefahr drohte. Es war, als fiele ein

Schatten auf ihn. Aber es war kein Schatten. Es war, als hätte er einen Klumpen in den Hals

bekommen und sollte ersticken. Im nächsten Augenblick gefror ihm das Blut in den Adern, und er

fühlte, wie sein verschwitztes Hemd ihm kalt auf dem Körper klebte. Er sprang nicht auf und

sah sich auch nicht um. Er rührte sich nicht. Er überlegte, was für eine Warnung es wohl sein

mochte, die er empfangen hatte, versuchte herauszufinden, von wo die mystische Kraft, die ihn

gewarnt, ausgegangen, und bemühte sich, die Anwesenheit des unsichtbaren Wesens, das ihn

bedrohte, zu spüren. Feindliche Mächte strahlen eine Aura aus, die sich in so ätherischer Form

offenbart, daß die gewöhnlichen Sinne sie nicht zu unterscheiden vermögen; er hatte das

Gefühl, daß eine solche Aura sich in seiner Nähe befand, war sich aber nicht klar darüber, auf

welche Weise er sie eigentlich fühlte und spürte. Er hatte ein Gefühl, wie man es etwa

bekommt, wenn eine Wolke die Sonne verdunkelt. Es war von derselben verstimmenden und

drohenden Art; es war, als ob etwas Finsteres sich zwischen ihn und das Dasein geschoben

hätte, das Leben mit seinem Würgegriff bedrohte und den Tod – seinen Tod – verkündete. Jede

Fiber, jeder Nerv in ihm war gespannt und bereit für den Fall, daß er sich entschloß,

aufzuspringen und Angesicht zu Angesicht der unsichtbaren Gefahr zu begegnen; aber seine

Seelenstärke bezwang den panischen Schrecken, und er blieb, einen Goldklumpen in den Händen,

sitzen. Er wagte nicht sich umzusehen, aber er wußte jetzt, daß etwas hinter und über ihm war.

Er tat, als wäre er ganz von dem Golde in seiner Hand in Anspruch genommen. Er untersuchte es

kritisch, wendete und drehte es und reinigte es von der Erde. Aber die ganze Zeit fühlte er,

daß ein Wesen hinter ihm stand, ihm über die Schulter blickte und das Gold betrachtete.

Er lauschte angespannt und tat dabei weiter, als wäre er ganz mit dem Golde in seiner Hand

beschäftigt, und jetzt hörte er ein Wesen hinter sich atmen. Sein Blick glitt suchend über den

Boden vor ihm, um eine Waffe zu entdecken, aber er sah nur das ausgegrabene Gold, das in

seiner jetzigen Lage wertlos für ihn war. Er hatte allerdings seine Hacke, die bei gewissen

Gelegenheiten eine ganz brauchbare Waffe gewesen wäre, nicht aber jetzt. Der Mann erkannte

plötzlich, wie gefährlich seine Lage war. Er befand sich in einem engen, sieben Fuß tiefen

Loch. Mit seinem Kopf reichte er nicht bis zur Erdoberfläche. Er saß in einer Falle.

Er blieb sitzen. Er war ganz ruhig und gefaßt; aber sein Verstand, der alle Möglichkeiten

überdachte, sagte ihm, daß seine Lage hoffnungslos war. Er rieb weiter die Erde von den

Quarzstücken und warf das Gold in die Pfanne. Es war nichts anderes zu tun. Und doch wußte er,

daß er früher oder später gezwungen war, sich zu erheben und Angesicht zu Angesicht der Gefahr

zu begegnen, die ihm hinter seinem Rücken drohte. Die Minuten vergingen, und er wußte, daß er

sich mit jeder Minute, die schwand, mehr dem Zeitpunkt näherte, da er sich erheben mußte, wenn

er nicht – sein nasses Hemd klebte bei dem Gedanken an seinem Körper – den Tod, über seinen

Schatz gebeugt, hinnehmen wollte. Immer noch saß er da, rieb die Erde vom Golde und überlegte

gleichzeitig, wie er es machen sollte, um sich zu erheben. Er konnte es plötzlich tun, aus dem

Loch springen und dem, was ihm drohte, auf gleichem Fuße draußen begegnen. Oder er konnte sich

langsam aufrichten und tun, als entdeckte er zufällig das Wesen, das hinter seinem Rücken

atmete. Sein Instinkt und jede kampflustige Fiber in seinem Körper sagten ihm, daß er die

erste, desperate Lösung wählen und sich mit Händen und Füßen so schnell wie möglich aus dem

Loch herausarbeiten sollte. Sein Verstand hingegen riet ihm, sich langsam und vorsichtig dem

Wesen zu nähern, das ihn bedrohte und das er nicht sehen konnte. Während er aber alles das

überdachte, ertönte plötzlich ein lauter Knall an seinem Ohr. Im selben Augenblick erhielt er

einen lähmenden Schlag auf die linke Seite des Rückens, und von der Stelle, wo er getroffen

war, verbreitete sich ein brennender Schmerz durch seinen Körper. Er sprang hoch, brach aber

zusammen, ehe er halb auf den Füßen war. Sein Körper krümmte sich wie ein Blatt, das in

plötzlicher heftiger Hitze welkt. Er fiel mit der Brust gegen die Pfanne und bohrte das

Gesicht in Kies und Quarzstücke, während sich seine Beine wegen des beschränkten Raumes auf

dem Boden des Loches verrenkten. Seine Glieder zitterten mehrmals krampfhaft, seinen Körper

durchfuhr es wie ein heftiger Kälteschauer. Die Lungen weiteten sich langsam, und man hörte

einen tiefen Seufzer. Dann ließ er langsam, ganz langsam wieder die Luft ausströmen, und

ebenso langsam fiel sein Körper schlaff zusammen.

Von oben guckte ein Mann, der einen Revolver in der Hand hielt, über den Rand des Loches

hinweg. Er starrte lange auf den bäuchlings ausgestreckten, unbeweglichen Körper unter ihm.

Nach einer Weile setzte der Fremde sich auf den Rand des Loches, so daß er hinabsehen konnte,

und legte gleichzeitig den Revolver auf seine Knie. Er steckte die Hand in die Tasche und zog

einen Streifen braunes Papier heraus. Er streute ein bißchen Tabak auf das Papier, und das

Ergebnis wurde eine braune kurze Zigarette mit eingeschlagenen Enden. Unaufhörlich starrte er

dabei den ausgestreckten Körper auf dem Boden des Loches an. Er zündete sich die Zigarette an

und sog in stillem Genuß den Rauch in die Lungen. Er rauchte langsam. Einmal ging die

Zigarette aus, aber er zündete sie wieder an. Und die ganze Zeit saß er da und starrte auf den

unbeweglichen Körper drunten.

Zuletzt warf er den Zigarettenstummel fort und erhob sich. Er trat an den Rand des Loches. Die

Hände auf den Rand gestützt, den Revolver noch in der Rechten, spannte er seinen Körper und

arbeitete sich in das Loch hinunter. Als seine Füße noch einen halben Meter vom Boden entfernt

waren, ließ er sich hinabfallen.

Im selben Augenblick, als seine Füße den Boden berührten, sah er den Arm des Goldgräbers

hervorschießen und fühlte einen festen Griff an seinem Bein; dann wurde er umgerissen. Die

Hand, in der er den Revolver hielt, befand sich infolge der Stellung, die er beim

Herabspringen eingenommen hatte, über seinem Kopfe. Aber er senkte sie blitzschnell, sobald er

den Griff an seinem Bein fühlte. Er hatte den Boden noch nicht erreicht, als er auch schon

schoß. Der Knall ertönte ohrenbetäubend in dem engen Loch, und der Rauch füllte es, so daß man

nichts sehen konnte. Er fiel rücklings auf den Boden des Loches, und wie eine Katze sprang der

Goldgräber über ihn. Der Fremde beugte den rechten Arm, um zu schießen, aber in derselben

Sekunde stieß der Goldgräber mit einem schnellen Ellbogenstoß sein Handgelenk beiseite. Der

Revolver fuhr hoch, und die Kugel schlug klatschend in die Erdwand des Loches.

Im selben Augenblick fühlte der Fremde, wie die Hand des Goldgräbers sein Handgelenk packte.

Jetzt galt der Kampf dem Revolver. Jeder wollte ihn gegen den andern benutzen. Der Rauch im

Loche begann sich zu verziehen, und der Fremde, der auf dem Rücken lag, konnte allmählich

wieder etwas sehen. Plötzlich aber wurde er von einer Handvoll Erde geblendet, die sein Gegner

ihm kaltblütig in die Augen warf. Bei dem Schreck darüber löste sich sein Griff um den

Revolver. Im nächsten Augenblick spürte er, daß eine überwältigende Finsternis sein Hirn

verschleierte, und mitten in der Finsternis hörte die Finsternis selbst auf.

Aber der Goldgräber feuerte immer wieder, bis der Revolver leer war. Dann schleuderte er ihn

fort und setzte sich atemlos auf die Beine des Toten.

Der Goldgräber stöhnte und schnappte nach Luft. »Elender Schuft!« keuchte er. »Schleicht mir

nach, läßt mich die Arbeit tun und schießt mich dann in den Rücken.«

Er weinte fast vor Wut und Erschöpfung. Er starrte forschend dem Toten ins Gesicht. Das war

halb von Erde und Kies bedeckt, und er konnte die Züge nur schwer erkennen.

»Hab’ ihn noch nie gesehen«, sagte der Goldgräber, als er ihn ein wenig angesehen hatte, »ein

ganz gewöhnlicher Dieb, der Teufel soll ihn holen! Mich in den Rücken zu schießen! In den

Rücken!«

Er öffnete sein Hemd und befühlte seine linke Seite vorn und hinten.

»Ist glatt hindurchgegangen, hat aber nichts getan!« rief er triumphierend. »Ich möchte

wetten, daß er gut zielte, hat nur beim Abdrücken den Revolver bewegt – der elende Bursche!

Aber ich hab’s ihm gegeben!«

Er befühlte das Loch, das die Kugel ihm in der linken Seite geschlagen hatte, und ein Schatten

von Kummer glitt über sein Gesicht. »Das wird mich verdammt steif machen«, sagte er. »Und es

ist wohl am besten, daß ich einen Verband kriege und sehe, von hier fortzukommen.«

Er kroch aus dem Loch hinaus und ging den Hang hinab zu seinem Lagerplatz. Eine halbe Stunde

später kam er mit seinem Packpferd zurück. Unter seinem offenen Hemd sah man den primitiven

Verband, den er sich gemacht hatte. Die Bewegungen seiner linken Hand waren langsam und

unbeholfen, aber das hinderte ihn nicht, den Arm zu gebrauchen. Mit Hilfe eines Stricks, den

er dem Toten unter den Armen hindurchzog, glückte es ihm, die Leiche aus dem Loch zu ziehen.

Dann machte er sich daran, sein Gold aufzusammeln. Er arbeitete mehrere Stunden, mußte aber

oft innehalten, um seine steife Schulter ausruhen zu lassen, wobei er murmelte: »Mich in den

Rücken zu schießen, der elende Kerl! Mich in den Rücken zu schießen!«

Als er seinen ganzen Schatz in seine Decken und eine Menge Bündel gepackt hatte, überschlug

er, wieviel er wohl wert sein mochte. »Vierhundert Pfund – oder ich will mich hängen lassen«,

erklärte er. »Sagen wir, daß zweihundert Pfund Quarz und Erde sind – dann bleiben mir noch

zweihundert Pfund Gold übrig. Bill, wach auf! Zweihundert Pfund Gold! Vierzigtausend Dollar!

Und das ist dein – alles dein!«

Er kratzte sich vergnügt den Kopf, und seine Finger gerieten plötzlich in eine Furche, die er

nicht kannte. Untersuchend befühlte er sie mehrere Zoll weit. Es war eine Furche, die die

zweite Kugel in seine Kopfhaut gepflügt hatte.

Ärgerlich trat er zu dem Toten.

»Du hättest mich gern um die Ecke gebracht, was?« sagte er triumphierend. »Das hättest du gern

getan, nicht wahr? Aber ich hab’ dir dein Teil gegeben, und obendrein sollst du ein hübsches

Begräbnis haben. Das ist mehr, als du für mich getan hättest.« Er schleppte die Leiche an den

Rand des Loches und ließ sie hinunterfallen. Mit einem dumpfen Krach schlug sie unten auf und

fiel auf die Seite, so daß sie das Gesicht zum Licht wandte. Der Goldgräber guckte hinunter.

»Mich in den Rücken zu schießen!« sagte er vorwurfsvoll.

Mit Hacke und Schaufel füllte er das Loch. Dann belud er sein Pferd mit dem Golde. Die Last

war zu schwer für das Tier, und als er sein Lager erreichte, lud er einen Teil davon auf sein

Reitpferd. Aber selbst dann noch war er gezwungen, einen Teil seiner Ausrüstung, Hacke,

Schaufel und Pfanne, seine eiserne Ration, Kochgeschirre und verschiedene Kleinigkeiten

zurückzulassen. Die Sonne stand im Zenit, als der Mann die Pferde durch den Ranken- und

Schlingpflanzenvorhang trieb. Um über die großen Felsblöcke und Steine zu klettern, mußten die

Tiere sich auf die Hinterbeine stellen und sich ihren Weg blind durch das Gewirr von Pflanzen

bahnen. Einmal stürzte das Reitpferd schwer zu Boden, und der Mann mußte es von seiner Last

befreien, um es wieder auf die Füße zu bringen. Als es sich wieder in Gang setzte, steckte der

Mann den Kopf durch das Laub und blickte nach dem Bergeshang zurück.

»Der elende Kerl!« sagte er und verschwand.

Man hörte ein Brechen und Reißen in den Ranken und Schlingpflanzen. Die Bewegungen der Tiere

ließen die Bäume hin und her schwanken. Die eisenbeschlagenen Hufe klangen auf dem Felsboden,

und hin und wieder hörte man einen Fluch oder einen scharfen, kommandierenden Ruf. Zuletzt

erhob der Mann seine Stimme und sang:

»Lasse deine Augen sehen

Lieblich waldbedeckte Höhen

(Achte nicht der Sünde Macht).

Schau dich um die Kreuz und Quere,

Deinen Sündensack entleere

(Triffst du doch den Herrn bei Nacht).«

Der Gesang wurde immer schwächer, und der Geist der Stätte schlich sich durch die Stille

zurück. Der Bach flüsterte wieder schläfrig. Das einschläfernde Summen der Bergbienen ertönte

wieder, und die schneeweißen Daunen der Pappeln sanken durch die duftende Luft herab. Die

Schmetterlinge glitten zwischen den Bäumen ein und aus, und über dem Ganzen flammte der ruhige

Sonnenschein. Nur die Spuren von den Pferdehufen auf der Wiese und der aufgewühlte Bergeshang

erinnerten noch daran, daß heftige Wogen des Lebens den Frieden der Stätte gebrochen hatten

und jetzt anderswohin wanderten.

ENDE

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Jack London – Alaska Kid

admin am Jan 25th 2012

JACK LONDON

Alaska-Kid

V3

* * *

Über das Buch

San Francisco, O’Hara und seine Zeitschrift, für die er Erzählungen in wöchentlichen Fortsetzungen schrieb, die Redaktion, die Klubs, in denen er verkehrte, all die Nichtigkeiten jener tatenlosen Tage scheinen einer unbeschreiblich fernen Vergangenheit anzugehören. Nur mit Schaudern denkt Kid Bellew daran, wie er einst Zeit und Kraft in dem Bohèmeleben der großen Stadt vergeudet hat, ohne zu wissen, was Nahrung, Schlaf und Gesundheit in Wirklichkeit bedeuten. Aus einer Laune heraus hat er sich Goldgräbern auf dem Wege nach Alaska angeschlossen, hat ungeheure körperliche Strapazen auf sich genommen und schließlich Gefallen am harten Leben in den endlosen Wäldern, den unnahbaren, zerklüfteten Gebirgen und den wild schäumenden Wassern gefunden. Gemeinsam mit Jack Kurz, einem prächtigen Kameraden, schlägt er sich quer durch Alaska, zu Fuß, im Boot, auf Schneeschuhen und mit dem Hundeschlitten. Aus dem ehemaligen Chechaquo, dem Grünschnabel, wird der erfahrene Waldläufer, Hundeführer und Goldsucher Alaska-Kid.

* * *

Über den Autor

Jack London (eig. John Griffith, später J. G. London nach seinem Stiefvater) wurde am 12.01.1876 in San Francisco geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er schlägt sich als Fabrikarbeiter, Austernpirat, Landstreicher und Seemann durch, holt das Abitur nach, beginnt zu studieren, geht dann als Goldsucher nach Alaska, lebt monatelang im Elendsviertel von London, gerät als Korrespondent im russisch-japanischen Krieg in Gefangenschaft und bereist die ganze Welt. Am 22.11.1916 setzt der berühmte Schriftsteller auf seiner Farm in Kalifornien seinem zuletzt von Alkohol, Erfolg und Extravaganz geprägten Leben ein Ende.

* * *

1

Ursprünglich hieß er Christoffer Bellew. Als er die Universität besuchte, wurde er zu Chris Bellew. Später bekam er in den Kreisen der San Franziskoer Bohème den Namen Kid Bellew. Und schließlich kannte man ihn nur noch unter »Alaska-Kid«. Und die Geschichte, wie sich sein Name entwickelte, ist zugleich die Geschichte seiner eigenen Entwicklung. Es wäre aber nie so geworden, hätte er nicht eine nachgiebige, schwache Mutter und einen eisenharten Onkel gehabt und wäre kein Brief von Gillet Bellamy gekommen.

»Ich lese soeben eine Nummer der Woge«, schrieb Gillet aus Paris. »Selbstverständlich wird O’Hara sich damit durchsetzen. Er macht aber, scheint’s mir, einige Schnitzer.« (Hier folgte eine genaue Aufstellung aller Verbesserungen, die ihm für die neue mondäne Zeitschrift notwendig erschienen.) »Besuch ihn doch mal. Laß ihn aber in dem seligen Glauben, daß es Deine Anregungen seien – er darf um Gottes willen nicht ahnen, daß sie von mir stammen! Sonst macht er mich zu seinem Pariser Korrespondenten, und das kann ich mir nicht leisten, weil die großen Magazine mir ja menschenwürdige Honorare für meine Aufsätze zahlen. Vor allem darfst Du nicht vergessen, ihm zu sagen, daß er den langweiligen Affen, der die Musik- und Kunstkritiken schreibt, hinausschmeißen soll. Und noch eins: San Franzisko hatte früher immer seine eigene Literatur von besonderem Charakter. Das ist augenblicklich nicht der Fall. Sage ihm, daß er irgendeinen gutmütigen Trottel ausfindig machen muß, der eine lange, lebendige Erzählung schreiben soll, in die er den ganzen romantischen Zauber und die schillernde Farbenpracht San Franziskos hineindichten kann.«

Seinen Instruktionen getreu, wanderte Kid brav und bieder zum Redaktionsbüro der Woge. O’Hara lauschte mit Interesse auf seine Ausführungen und erklärte sich mit ihnen einverstanden. Er entließ auch sofort den langweiligen Affen, der die Kritiken schrieb. Aber O’Hara hatte außerdem seine ganz besondere Art, die Gillet selbst in Paris, so weit vom Schuß, fürchtete. Wenn O’Hara sich nämlich etwas in den Kopf setzte, war keiner seiner Freunde imstande, es ihm auszureden. Er war so liebenswürdig und gleichzeitig so eindringlich, daß man ihm einfach nicht widerstehen konnte. Noch ehe Kid Bellew die Redaktion verließ, war er Mitredakteur geworden, hatte versprochen, einige Kritiken zu schreiben, bis man eine brauchbare Feder gefunden hätte, und hatte sich endlich verpflichtet, eine lange, spannende San Franziskoer Erzählung in wöchentlichen Fortsetzungen von je tausend Zeilen zu schreiben… alles, ohne einen Heller dafür zu erhalten. Die Woge könne noch nichts zahlen, erklärte O’Hara. Und ebenso überzeugend legte er dar, daß nur ein einziger in ganz San Franzisko imstande sei, diese Erzählung zu schreiben… und daß dieser einzige zufällig Kid Bellew sei…

»Du mein Gott, ich bin also selbst der gutmütige Trottel gewesen«, seufzte Kid vor sich hin, als er die schmale Treppe hinabstieg.

Und damit begann seine Sklaverei für O’Hara und für die unersättlichen Spalten der Woge. Woche für Woche saß er auf seinem Stuhl in der Redaktion, hielt dem Blatt mühselig die Gläubiger vom Leibe, schlug sich mit den Druckereien herum und schüttelte jede Woche zweitausendfünfhundert Zeilen verschiedensten Inhalts aus dem Ärmel. Und seine Arbeit wurde durchaus nicht leichter mit der Zeit. Die Woge war nämlich ein ehrgeiziges Blatt. Sie verlegte sich auf Bebilderung. Leider aber waren die Reproduktionsverfahren recht kostspielig. Folglich hatte das Blatt nie Geld, um Kid Bellew zu bezahlen, und aus eben demselben Grunde konnte es sich auch keine Erweiterung des Redaktionsstabes leisten.

»So geht es, wenn man ein guter Kerl ist«, brummte Kid Bellew eines Tages.

»Gott sei Dank, daß es gute Kerle gibt!« rief O’Hara und drückte Kid Bellew mit Tränen in den Augen die Hand. »Du allein, wirklich nur du allein, Kid, hast mich gerettet. Wärest du nicht gewesen, so wäre ich schon längst pleite gegangen. Jetzt gilt es nur noch ein bißchen durchzuhalten, lieber Junge, dann wird alles schon leichter werden.«

»Nie«, klagte Kid. »Ich kann mein Schicksal schon voraussehen. Ich werde mein Leben lang hierbleiben müssen.«

Kurz darauf glaubte er einen Weg gefunden zu haben, auf dem er entschlüpfen konnte.

Er benutzte einen Augenblick, da O’Hara zugegen war, um über einen Stuhl zu stolpern. Einige Minuten später stieß er gegen eine Ecke des Schreibtisches und griff mit unsicher suchenden Händen nach dem Kleistertopf. »Spät nach Haus gekommen?« fragte O’Hara.

Kid rieb sich die Augen und starrte ihn ängstlich an, ehe er antwortete.

»Nee, das ist es leider nicht… es ist etwas mit den Augen… sie sind, scheint’s, nicht mehr so gut wie früher. Das ist alles.«

Mehrere Tage stolperte er herum und stieß gegen die gesamte Einrichtung im Büro. Aber O’Haras Herz ließ sich nicht erweichen.

»Ich will dir mal was sagen, Kid«, meinte er eines Tages. »Du mußt sehen, daß du zu einem Augenarzt kommst. Geh zu Dr. Hassdapple – das ist ein verdammt tüchtiger Bursche. Und es braucht dich nichts zu kosten – wir werden ihm ein paar Inserate dafür geben. Ich werde selbst mit ihm sprechen.«

Und seinem Versprechen getreu, schickte er Kid zu dem Doktor.

»Ihre Augen sind ja ganz in Ordnung«, lautete das Urteil des Arztes, nachdem er ihn eingehend untersucht hatte. »Ihre Augen sind tatsächlich ganz hervorragend… nicht ein Paar unter einer Million sind so wie die Ihrigen.«

»Bitte, erzählen Sie das nicht O’Hara«, bat Kid. »Und verschreiben Sie mir eine Brille.«

Die Folge war nur, daß O’Hara sehr liebenswürdig wurde und mit glühender Begeisterung von dem Tage sprach, an dem die Woge imstande sein würde, auf eigenen Beinen zu stehen.

Glücklicherweise besaß Kid Bellew eigenes Vermögen. Wenn es auch nur klein war – im Vergleich mit vielen andern -, so war es doch jedenfalls groß genug, um ihm zu ermöglichen, Mitglied verschiedener Klubs zu sein und sich ein eigenes Atelier im Künstlerviertel zu leisten. Seit er Mitredakteur der Woge geworden war, hatten sich seine Ausgaben zweifellos bedeutend verringert. Er hatte nämlich einfach keine Zeit mehr, Geld auszugeben. Er besuchte nie mehr sein Atelier und lud nie mehr die Künstler des Viertels zu seinen berühmten und sehr lustigen Abendessen ein. Und dennoch war er jetzt völlig auf den Hund gekommen, denn die Woge, die immer am Rand der Pleite stand, zog nicht nur Vorteil aus seinem Gehirn, sondern auch aus seiner Brieftasche. Da waren die Zeichner, die in bösartiger Stimmung ablehnten, weiterzuzeichnen, die Buchdrucker, die es ebenfalls hin und wieder ablehnten zu drucken, und endlich der Bürojunge, der sehr häufig erklärte, die Arbeit niederlegen zu wollen. Bei all diesen Gelegenheiten verließ sich O’Hara auf Kid, und Kid tat, was von ihm erwartet wurde.

Als der Dampfer »Exzelsior« aus Alaska kam und die ersten Nachrichten von den Goldfunden in Klondike brachte, die das ganze Land verrückt machten, unterbreitete Kid O’Hara einen durchaus nicht ernst gemeinten Vorschlag.

»Sieh mal, O’Hara«, sagte er. »Jetzt wird es ganz toll werden mit der Jagd nach dem Golde – genau wie in der guten alten Zeit von 49. Was meinst du dazu, wenn ich für die Woge mitmache? Ich würde es natürlich auf eigene Kosten tun.«

O’Hara schüttelte den Kopf.

»Unmöglich… ich kann dich nicht in der Schriftleitung entbehren, Kid. Wir brauchen ja auch die Erzählung. Außerdem habe ich vor kaum einer Stunde Jackson gesehen. Er fährt morgen nach Klondike und hat sich bereit erklärt, uns jede Woche Briefe und Fotos zu senden. Ich ließ nicht locker, bis er es mir fest versprochen hatte. Und das beste ist, daß es uns nicht einen Heller kostet.«

Als Kid am selben Nachmittag in den Klub kam, hörte er wieder Neuigkeiten aus Klondike. In der Bibliothek traf er seinen Onkel.

»Tag, lieber Onkel«, grüßte Kid, ließ sich in einen Ledersessel fallen und streckte die Beine aus. »Trinkst du ein Glas mit?«

Er bestellte sich einen Cocktail, während der Onkel sich mit dem dünnen einheimischen Landwein begnügte, den er stets trank.

Er betrachtete mit erbosten und mißbilligenden Blicken erst den Cocktail und dann das Gesicht des Neffen. Kid merkte, daß sich ein Gewitter vorbereitete.

»Ich habe leider nur wenige Minuten Zeit«, sagte er schnell. »Ich muß noch etwas besorgen und mir auch die Keith-Ausstellung bei Ellery angucken und eine halbe Spalte darüber schreiben.«

»Was ist eigentlich mit dir los?« fragte der andere. »Du bist ja ganz blaß. Das reine Wrack.«

Kid antwortete nur mit einem Seufzer.

»Ich werde noch das Vergnügen haben, dich zu begraben, sehe ich schon.«

Kid schüttelte traurig den Kopf. »Ich will nichts mit den Würmern zu tun haben. Für mich Verbrennung!«

John Bellew gehörte zu der eisernen, abgehärteten Generation, die in den Fünfzigern mit ihrem Ochsengespann über die Prärie gezogen war. Er besaß noch die Härte dieser Männer, und eine strenge Kindheit, während der Eroberung des neuen Landes, hatte ihn noch härter gemacht.

»Du führst auch kein vernünftiges Leben, Christoffer«, sagte er. »Ich schäme mich deiner.«

»Weil ich den Blumenpfad des Lasters schreite, meinst du?« kicherte Kid.

Der alte Mann zuckte die Achseln.

»Schüttle nicht deine blutbesudelten Locken, lieber Onkel. Ich möchte, ich schritte den Blumenpfad. Aber das ist alles schon vorbei. Ich habe einfach keine Zeit mehr.«

»Was ist es denn?«

»Überanstrengung.«

John Bellew lachte barsch und ungläubig.

»Wahrhaftig.«

Wieder lachte er.

»Wir Menschen sind das Resultat unserer Umgebung«, erklärte Kid feierlich und wies auf das Glas des anderen. »Deine Heiterkeit ist dünn und herb wie dein Getränk.«

»Überanstrengung!« höhnte der Onkel. »Du hast ja noch nie in deinem Leben einen Heller durch Arbeit verdient.«

»Du kannst schwören, daß ich es getan habe… ich bekomme nur das Geld nie. Augenblicklich verdiene ich sogar fünfhundert Dollar die Woche und leiste die Arbeit von vier Männern.«

»Bilder, die du nicht verkaufen kannst? Oder… oder… hm… sonst etwas Verrücktes? Kannst du schwimmen?«

»Ich habe es jedenfalls gekonnt.«

»Auf einem Pferderücken sitzen?«

»Hab’ ich mehrmals ausprobiert…«

John Bellew rümpfte mißbilligend die Nase.

»Es freut mich, daß dein Vater nicht erlebt hat, dich im Glanz deiner Verderbtheit zu sehen«, sagte er. »Dein Vater war ein Mann, jeder Zoll ein Mann! Verstehst du, was das heißt? Ein Mann… Ich glaube, er hätte den ganzen künstlerischen und musikalischen Blödsinn aus dir herausgepeitscht.«

»Ach ja, unsere verderbte, heruntergekommene Zeit«, seufzte Kid.

»Ich könnte es noch verstehen und dulden«, fuhr der andere grimmig fort, »wenn du wenigstens Erfolg damit erzieltest. Aber du hast noch nie in deinem Leben einen Heller verdient und nicht ein Lot anständiger Männerarbeit geleistet.«

»Radierungen, Gemälde und Fächer«, bemerkte Kid in einer Weise, die nicht gerade besänftigend wirkte.

»Du bist ein Pfuscher und ein mißratenes Subjekt. Was für Bilder hast du denn gemalt? Verrückte Aquarelle und Plakate, die die reinen bösen Träume sind. Du hast noch nie ein Bild ausgestellt – nicht ein einziges Mal hier in San Franzisko.«

»Oh, du vergißt ganz, daß ein Bild von mir sogar in den Festräumen dieses Klubs hängt.«

»Eine ganz plumpe Zeichnung. Und Musik? Deine liebe närrische Mutter hat dir Hunderte von Stunden geben lassen. Du bist nur ein Pfuscher und ein Taugenichts geworden. Du hast nie auch nur einen Fünfdollarschein durch Begleiten in einem Konzert verdienen können. Deine Lieder? Mist, der nie gedruckt worden ist und den nur das verdrehte Künstlergesindel singt und spielt.«

»Ich habe auch ein Buch veröffentlicht… die Sonette, du weißt doch«, unterbrach ihn Kid sehr bescheiden.

»Und was hast du dafür bezahlen müssen?«

»Nur ein paar hundert.«

»Und welche Taten hast du sonst vollbracht?«

»Man hat ein Stück von mir auf der Freilichtbühne aufgeführt.«

»Und was hast du damit verdient?«

»Ruhm.«

»Und du hast früher schon mal geschwommen und versucht, auf einem Pferderücken zu sitzen?« John Bellew stellte sein Glas mit ungewohnter Heftigkeit auf den Tisch. »Was bist du denn für ein Kerl? Du hast eine ausgezeichnete Erziehung genossen, aber selbst auf der Universität hast du nicht Fußball gespielt! Du hast nicht rudern gelernt… du hast nicht…«

»Ich habe boxen und auch fechten gelernt, doch immerhin etwas.«

»Wann hast du das letztemal geboxt?«

»Seit damals nicht… aber man hat mir immer gesagt, daß ich Zeit und Abstand gut zu schätzen verstände… nur fand man, daß… ich…«

»Nur weiter.«

»Nur, daß ich ein bißchen… launisch war…«

»Faul – meinst du wohl. Mein Vater, dein Großvater also, junger Mann, Isaac Bellew, tötete einen Mann mit einem Hieb seiner bloßen Faust, als er schon neunundsechzig Jahre alt war.«

Der andere fragte: »Wer? Der Mann?«

»Nein, dein Großvater, du gottverlassener Lump… aber du wirst nicht einmal mehr eine Mücke töten können, wenn du neunundsechzig bist.«

»Die Zeiten haben sich eben geändert, lieber Onkel. Heute steckt man einen Mann ins Zuchthaus, wenn er jemanden tötet.«

Er lächelte überlegen.

»Dein Vater hat einen Ritt von hundertfünfundachtzig Meilen gemacht, ohne zu schlafen, und hat dabei drei Pferde zuschanden geritten.«

»Hätte er heute noch gelebt, so wäre er im Pullman gefahren und hätte über der Kursliste geschnarcht.«

Der alte Herr platzte fast vor Wut, aber er schluckte seinen Zorn hinunter, und es gelang ihm, zu fragen: »Wie alt bist du eigentlich?«

»Ich habe Grund zu glauben, daß ich…«

»Weiß schon. Siebenundzwanzig. Mit Zweiundzwanzig warst du mit der Universität fertig. Fünf Jahre hast du gepfuscht und Kinkerlitzchen und Dummheiten gemacht. Und was bist du heute wert? Als ich in deinem Alter war, hatte ich nur eine Garnitur Unterwäsche. Ich ritt mit dem Vieh in Colusa. Ich war hart wie Stahl und konnte auf dem bloßen Felsen schlafen. Ich lebte von Dörrfleisch und Bärenschinken. Ich bin in körperlicher Beziehung heute noch ein besserer Mann als du. Du wiegst über hundertfünfundsechzig Pfund. Ich kann dich noch heute zu Boden schlagen, dich mit meinen bloßen Fäusten verprügeln.«

»Man braucht eben kein Wunderkind an Körperkraft zu sein, um einen Cocktail oder eine Tasse Tee zu trinken«, murmelte Kid zu seiner Entschuldigung. »Siehst du denn nicht ein, lieber Onkel, daß die Zeiten sich geändert haben? Außerdem bin ich vielleicht auch nicht in der richtigen Weise erzogen. Meine liebe närrische Mutter…«

John Bellew sah ihn zornig an.

»… war, wie du ja soeben sagtest, zu gut zu mir. Sie packte mich in Watte ein. Na, und wenn ich damals, als ich noch ein Jüngling war, an diesen besonders männlichen Ferienausflügen, für die du dich einsetzt, teilgenommen hätte… ja, ich frage mich, warum in aller Welt hast du mich denn nie dazu eingeladen? Du hast Hal und Robbie über die Sierras und nach Mexiko mitgenommen.«

»Ich glaubte, du fühltest dich zu sehr als der junge Lord Fauntleroy.«

»Das ist dein Fehler, lieber Onkel… und der Fehler meiner lieben… hm… lieben Mutter. Wie sollte ich wissen, was es hieß, hart zu sein? Ich war immer nur das verwöhnte Mutterkind. Was blieb mir übrig, als Radierungen und ähnliches zu machen? Ist es mein Fehler, daß ich nie schwitzen gelernt habe?«

Der Ältere betrachtete seinen Neffen mit unverhohlenem Unwillen. Er war nicht imstande, diese leichtfertige Sprache eines Schwächlings mit Nachsicht anzuhören.

»Nun, ich bin jetzt eben im Begriff, einen von diesen besonders männlichen Ferienausflügen – wie du sie nennst – zu unternehmen«, sagte er. »Was würdest du sagen, wenn ich dich einlüde mitzukommen?«

»Du kommst leider zu spät. Wohin geht es denn?«

»Hal und Robert wollen nach Klondike gehen, ich fahre mit, um zu sehen, wie sie über den Paß nach den Seen hinunterkommen, und kehre dann zurück…«

Er kam nicht weiter, denn der junge Mann war aufgesprungen und hatte seine Hand ergriffen.

»Mein Retter!«

John Bellew wurde sofort mißtrauisch. Er hatte sich keinen Augenblick träumen lassen, daß seine Einladung angenommen würde.

»Es ist ja gar nicht dein Ernst«, sagte er.

»Wann fahren wir ab?«

»Es wird eine schwere Reise werden. Du wirst uns nur im Wege sein.«

»Nein, das werde ich nicht. Ich will auch arbeiten. Seit ich bei der Woge bin, weiß ich, was arbeiten heißt.«

»Jeder muß Lebensmittel für ein ganzes Jahr tragen. Der Zustrom wird so groß werden, daß die indianischen Träger nicht imstande sein werden, die Arbeit zu bewältigen. Hal und Robert werden ihre Ausrüstung selbst schleppen müssen. Das ist auch der Grund, warum ich mitgehe: um ihnen behilflich zu sein, das Gepäck zu tragen. Wenn du mitkommst, mußt du es also ebenso machen!«

»Zerbrich dir nicht den Kopf!«

»Du kannst ja nichts schleppen.«

»Wann fahren wir ab?«

»Morgen.«

»Du brauchst dir nicht einzubilden, daß deine Predigt schuld daran ist«, sagte Kid, als er Abschied nahm. »Ich mußte sowieso fort von O’Hara… irgendwie und irgendwohin.«

»Wer ist O’Hara? Ein Japaner?«

»Nein – ein Irländer und ein richtiger Sklaventreiber und dazu mein bester Freund. Er ist Schriftleiter, Besitzer und in jeder Beziehung der große Tyrann der Woge. Was er sagt, geschieht. Selbst Gespenster tanzen nach seiner Pfeife.«

Am selben Abend schrieb Kid Bellew einen Zettel an O’Hara.

»Es handelt sich nur um einen Urlaub von einigen Wochen«, erklärte er. »Du mußt sehen, irgendeinen gutmütigen Esel zu finden, der ein paar Fortsetzungen unserer Erzählungen fertigbringen kann. Du tust mir ja leid, alter Freund, aber meine Gesundheit macht die Sache notwendig. Wenn ich wieder da bin, kann ich sicher doppelt so kräftig schuften.«

Eine tolle Verwirrung herrschte am Strande von Dyea, wo Kid Bellew an Land ging. Ausrüstungen, die mehr als tausend Männern gehörten, lagen hier im Gewicht von vielen Tonnen aufgestapelt. Diese ungeheuren Mengen von Gepäck und Nahrungsmitteln, die von den Dampfern haufenweise an Land geworfen wurden, begannen jetzt langsam durch das Dyea-Tal und über den Chilcoot weiterzuwandern. Es waren nicht weniger als zwanzig Meilen, die man die Waren transportieren mußte – und es war nur auf Männerrücken möglich. Obgleich die indianischen Träger den Frachtpreis bereits von fünf auf vierzig Cent per Pfund getrieben hatten, konnten sie die Arbeit doch nicht bewältigen. Und man war sich schon darüber klar, daß der Winter den größten Teil dieser Ausrüstungen noch diesseits der Grenzpässe einholen würde.

Der grünste von allen Grünschnäbeln war Kid. Wie so viele hundert andere trug auch er einen schweren Revolver, der an einem Patronengürtel hing. Sein Onkel, der mit Erinnerungen an die alten gesetzlosen Tage erfüllt war, tat freilich dasselbe. Aber Kid Bellew war ein romantischer Träumer. Es war von dem Rauschen und Glitzern des Goldstroms verzaubert und sah das ganze Leben und Tosen mit den Augen des Künstlers. Er nahm es gar nicht ernst. Wie er auf dem Dampfer gesagt hatte, wollte er ja nicht sein ganzes Leben dort verbringen – es handelte sich nur um einen Ferienaufenthalt, und er hatte lediglich die Absicht, einen kurzen Blick über die Pässe zu werfen, um »einen Eindruck zu erhalten« und dann wieder umzukehren.

Er verließ seine Begleiter, die im Sand liegenblieben, wo sie warten wollten, bis ihr Gepäck an Land gebracht wurde, und schlenderte den Strand entlang bis zu der alten Handelsstation. Er ging nicht prahlerisch und breitspurig, obgleich er sah, daß viele von den mit Revolvern bewehrten Männern es taten. Ein gewaltiger, zwei Meter langer Indianer, der eine ungewöhnlich große Last auf dem Buckel trug, überholte ihn. Kid folgte ihm. Er betrachtete voller Bewunderung die kräftigen Waden des Indianers und die Anmut und Leichtfüßigkeit, womit er sich trotz der schweren Bürde bewegte. Der Indianer ließ seine Last auf die Treppenstufen vor dem Stationsgebäude gleiten, und Kid schloß sich der Gruppe von Goldsuchern an, die den Indianer bewundernd umringten. Das Bündel hatte ein Gewicht von hundertzwanzig Pfund, und diese Tatsache wurde von allen Seiten in ehrfurchtsvollem Ton besprochen. Das ist allerhand, dachte Kid, und er fragte sich, ob er überhaupt ein solches Gewicht heben, gar nicht davon zu reden, ob er es tragen könne.

»Gehen Sie damit zum Linderman-See, alter Freund?« fragte er.

Der Indianer, der vor Stolz ganz aufgeblasen war, grunzte bestätigend.

»Wieviel nehmen Sie für so ein Bündel?«

»Fünfzig Dollar.«

Aber jetzt erregte etwas anderes die Aufmerksamkeit Kids. Er bemerkte nämlich eine junge Frau, die in der Tür des Stationsgebäudes stand. Im Gegensatz zu den meisten Frauen, die von den Dampfern an Land gesetzt wurden, trug sie weder kurze Röcke noch Hosen. Sie war gekleidet, wie jede andere Frau sich auf Reisen kleiden würde. Was ihn überraschte, war das Gefühl, wie selbstverständlich ihm ihre Anwesenheit hier vorkam. Sie schien ihm irgendwie hierher zu gehören. Außerdem war sie jung und hübsch. Die strahlende, helle Schönheit ihres ovalen Gesichts fesselte ihn, und er starrte sie länger an, als die Höflichkeit eigentlich erlaubte, starrte sie so lange an, bis sie es unwillig bemerkte und ihn mit ihren dunklen, sich hinter langen Wimpern bergenden Augen kühl und kritisch betrachtete. Von seinem Gesicht glitt ihr Blick dann, sichtlich erheitert, zu dem schweren Revolver an seiner Hüfte. Wieder kehrte ihr Blick zu seinen Augen zurück, und Kid las darin spöttische Geringschätzung. Er hatte die Empfindung, als ob sie ihn geschlagen hätte. Sie wandte sich indessen ruhig zu einem Mann, der neben ihr stand, und machte ihn auf Kid aufmerksam. Der Mann betrachtete ihn mit demselben heiteren Spott.

»Chechaquo«, sagte das Mädchen.

Der Mann, der in seinen billigen Überziehhosen und der mitgenommenen Jacke wie ein Vagabund aussah, grinste trocken, und Kid fühlte sich ganz vernichtet, obgleich er nicht wußte, warum. Aber sie war auf jeden Fall ein hübsches Mädchen, wie er feststellte, als die beiden sich entfernten. Ihm fiel ihr Gang auf, und er fällte das endgültige Urteil, daß er sie selbst nach tausend Jahren wiedererkennen würde.

»Sehen Sie den Mann mit dem jungen Mädchen drüben?« fragte ganz aufgeregt der Kid am nächsten Stehende. »Wissen Sie, wer das ist?«

Kid schüttelte den Kopf.

»Das ist Charibo Charley. Er wurde mir eben gezeigt. Er hat Dusel gehabt in Klondike. Gehört zu den Alten hier. War schon zwölf Jahre am Yukon. Jetzt ist er eben angekommen.«

»Was bedeutet Chechaquo?« fragte Kid.

»Sie sind einer, und ich auch«, lautete die Antwort.

»Mag sein, aber deshalb weiß ich ja nicht, was es ist. Also was bedeutet es?«

»Grünschnabel.«

Auf dem Rückwege zum Strand dachte Kid immer wieder darüber nach. Es wurmte ihn, von einem solchen Mädelchen »Grünschnabel« genannt zu werden.

Den Kopf noch ganz voll von dem Bilde des Indianers, der das riesige Bündel getragen hatte, trat Kid an die Ecke eines Güterhaufens, um einen Versuch zu machen, seine eigene Kraft zu erproben. Er wählte einen Mehlsack, von dem er wußte, daß er genau hundert Pfund wog. Er stellte sich breitbeinig über den Sack, bückte sich und versuchte ihn auf die Schulter zu heben. Sein erster Gedanke war, daß hundert Pfund immerhin ein ansehnliches Gewicht, der nächste, daß sein Rücken nicht sehr kräftig sei. Dann schloß er seine Gedankenreihe mit einem Fluch, nachdem er sich fünf Minuten vergeblich bemüht hatte, und schließlich fiel er auf den Sack hin.

Er wischte sich die Stirn, als er John Bellew bemerkte, der ihn über einen Haufen Proviantsäcke hinweg mit kaltem Spott anblickte.

»Gott im Himmel«, rief der Apostel der Abhärtung. »Aus unsern Lenden ist ein Geschlecht von Weichlingen geboren. Als ich sechzehn Jahre alt war, spielte ich mit solchen Dingern.«

»Du vergißt, lieber Onkel«, antwortete Kid, »daß ich nicht mit Bärenfleisch aufgefüttert worden bin.«

»Und ich werde noch mit den Dingern spielen, wenn ich sechzig bin.«

»Es wäre nett, wenn du mir zeigen würdest, wie man es macht.«

John Bellew tat es. Er war achtundvierzig, aber er bückte sich über den Sack, packte ihn, änderte seinen Griff, so daß er das Gleichgewicht fand, und warf sich mit einem schnellen Schwung den Sack über die Schulter. Dann stand er aufrecht da.

»Ein Dreh, mein Junge, nur ein Dreh… und dazu ein kräftiges Rückgrat!«

Kid nahm ehrfürchtig den Hut ab.

»Du bist das reinste Wunder, Onkel, ein weithin leuchtendes Wunder. Glaubst du, daß ich den Dreh auch herauskriege?«

John Bellew zuckte die Achseln. »Du? Du wirst nach Hause trotten, ehe wir überhaupt losgehen.«

»Keine Angst, lieber Onkel«, seufzte Kid. »Zu Hause wartet O’Hara wie ein brüllender Löwe auf mich! Ich kehre erst um, wenn ich muß.«

Kids erster Gang als Träger wurde ein Erfolg. Es war ihnen gelungen, Indianer zu dingen, um die ganze Ausrüstung von zweitausendvierhundert Pfund bis zu Finnegans’ Kreuzweg zu schleppen. Von dort aus mußten sie das Gepäck selbst auf den Buckel nehmen. Sie hatten gedacht, eine Meile täglich zu machen… Auf dem Papier sah die ganze Sache auch leicht genug aus. Da John Bellew im Lager bleiben und das Essen kochen sollte, konnte er nur hin und wieder beim Tragen behilflich sein – die jungen Männer mußten also täglich je achthundert Pfund eine Meile weit schleppen. Wenn sie das Gepäck auf Bündel von fünfzig Pfund verteilten, hieß das, daß sie täglich sechzehn Meilen voll beladen und fünfzehn Meilen ohne Last laufen mußten, »denn das letztemal brauchen wir ja nicht wieder zurückzugehen«, sagte Kid, als er diese angenehme Entdeckung machte. Wenn sie die Bündel achtzig Pfund schwer machten, brauchten sie nur neunzehn Meilen und mit Bündeln von je hundert Pfund sogar nur fünfzehn Meilen täglich zu laufen.

»Ich liebe das viele Laufen nicht«, sagte Kid. »Ich werde also jedesmal hundert Pfund tragen.« Er bemerkte ein ungläubiges Grinsen auf dem Gesicht des Onkels und fügte deshalb schnell hinzu: »Selbstverständlich werde ich es erst allmählich dahin bringen. Ein junger Bursche muß erst all die verschiedenen Drehs und Kniffe kennenlernen. Ich werde mit fünfzig anfangen.«

Er tat, wie er es gesagt hatte, und machte sich heiter auf den Weg. Er warf den Sack auf dem nächsten Lagerplatz ab und spazierte zurück. Die Sache war leichter, als er es sich gedacht hatte. Aber die zwei Meilen hatten immerhin die dünne Schicht von Ausdauer abgeschält und die Weichlichkeit, die darunterlag, bloßgelegt. Sein nächstes Bündel wog bereits fünfundsechzig Pfund. Es fiel ihm schon bedeutend schwerer, und er spazierte nicht mehr so flott daher. Er tat wie alle anderen, die ihr Gepäck trugen, und setzte sich hin und wieder auf den Boden, um sein Bündel gegen einen großen Stein oder einen Baumstumpf zu stützen. Als er das dritte Bündel nehmen sollte, war er schon ganz übermütig geworden. Er legte die Traggurte um einen Bohnensack von fünfundneunzig Pfund und marschierte los damit. Er war kaum hundert Schritt weit gekommen, als er schon fühlte, daß er am Zusammenbrechen war. Er setzte sich deshalb und wischte sich den Schweiß vom Gesicht.

»Kurzes Schleppen und kurze Pausen«, murmelte er vor sich hin. »Darin besteht der ganze Dreh.«

Zuweilen gelang es ihm kaum, hundert Schritt zu laufen, und jedesmal, wenn er mit unendlicher Mühe wieder auf die Füße gekommen war, um ein kleines Stück weiter zu schleppen, war das Bündel unleugbar schwerer geworden. Er schnappte nach Luft, und der Schweiß rann ihm in Strömen über den ganzen Körper. Er hatte noch keine Viertelmeile zurückgelegt, als er sich schon die wollene Jacke auszog und sie an einen Baum hängte. Bald darauf trennte er sich von seinem Hut. Als er die halbe Meile hinter sich hatte, war er sich darüber klar, daß er erledigt war.

Noch nie in seinem Leben hatte er in dieser Weise geschuftet, und er verschwieg sich durchaus nicht, daß er überhaupt nicht weiterkonnte. Wie er keuchend dasaß, fiel sein Blick zufällig auf den großen Revolver und den schweren Patronengürtel.

»Zehn Pfund überflüssigen Krams«, knurrte er und schnallte ihn ab.

Er gab sich nicht einmal die Mühe, die Sachen an einen Baum zu hängen, sondern schleuderte sie ins Gebüsch. Und als er die Gepäckträger beobachtete, die in einem stetigen Strom auf ihrem Wege hin und zurück an ihm vorüberglitten, stellte er fest, daß die andern Grünschnäbel ebenfalls begannen, ihre Schießeisen wegzuwerfen.

Seine kurzen Wege wurden indessen immer noch kürzer. Zuweilen konnte er nicht mehr als hundert Fuß bewältigen – dann zwangen ihn das verhängnisvolle Herzklopfen, das er schmerzhaft in den Ohren vernahm, und die widerliche Schwäche in seinen Knien zu einer neuen Ruhepause. Und diese Pausen wurden länger und länger. Seine Gedanken arbeiteten indessen unermüdlich weiter. Es handelte sich alles in allem um einen Transport von achtundzwanzig Meilen, was also eine Arbeit von ebenso vielen Tagen bedeutete. Dazu kam, daß dieser Abschnitt – nach dem, was alle sagten – unbedingt der leichteste des ganzen Weges war.

»Warten Sie nur, bis Sie zum Chilcoot kommen«, erzählten einige, die neben ihm saßen und sich mit ihm unterhielten, »dort werden Sie auf allen vieren kriechen müssen.«

»Es wird überhaupt keinen Chilcoot geben«, lautete seine Antwort. »Jedenfalls nicht für mich. Ehe wir soweit sind, werde ich längst in aller Ruhe in meinem kleinen Bett unter dem Rasen liegen.«

Ein Straucheln – und die ungeheure Anstrengung, die er machen mußte, um wieder auf die Beine zu kommen, erfüllten ihn mit Angst. Er hatte die Empfindung, als ob sein ganzes Innere in Fetzen zerrissen war.

»Wenn ich mit diesem Bündel auf dem Buckel stürze, bin ich ein für allemal erledigt«, sagte er zu einem anderen, der auch ein Bündel schleppte.

»Das ist noch gar nichts«, lautete die Antwort. »Warte nur, bis du zum Cañon kommst. Da wirst du einen reißenden Strom auf einem sechzig Fuß langen Fichtenstamm überqueren müssen. Da gibt’s kein Geländer, gar nichts, und in der Mitte, wo der Stamm sich biegt, reicht dir das Wasser bis zu den Knien. Wenn du mit deinem Bündel auf dem Buckel da ‘runterfällst, kommst du nicht mehr aus den Traggurten heraus. Du bleibst drin und versäufst.«

»Schöne Aussichten«, erwiderte er. Und aus dem Abgrund einer völligen Erschöpfung heraus meinte er es beinahe buchstäblich.

»Da versaufen täglich drei oder vier Mann«, versicherte der andere. »Neulich war ich selbst mit dabei. Wir fischten einen Schweden heraus. Er hatte viertausend Dollar in schönen Scheinen bei sich.«

»Wirklich sehr ermutigend«, meinte Kid, während er sich mühsam aufraffte und weiterwankte.

Er und sein Bohnensack wurden allmählich zu einer wandernden Tragödie. Unwillkürlich erinnerte er sich des Märchens von dem alten Mann auf dem Rücken Sindbad des Seefahrers. – Das ist also so ein besonders männliches Ferienvergnügen, dachte er. Im Vergleich mit dieser Schufterei war selbst die Sklavenarbeit bei O’Hara süß und angenehm. Immer wieder wollte er der Versuchung nachgeben, den verfluchten Sack im Gebüsch liegenzulassen, in das Lager zu schlüpfen und in aller Stille mit einem Dampfer in zivilisiertere Gegenden zurückzukehren.

Aber er tat es nicht. Irgendwo in ihm erklang eine harte Saite, und ein Mal über das andere wiederholte er sich, daß, was andere Männer konnten, auch er können müßte. Der Transport gestaltete sich für ihn zu einem wahren Alpdruck, und er klagte jedem, der ihn unterwegs überholte, sein Leid. In anderen Augenblicken beobachtete er, wenn er sich ausruhte, die stumpfsinnigen Indianer, die unter ihren viel schwereren Lasten so leicht und sicher wie die Maultiere dahintrotteten, und er beneidete sie. Sie schienen nie zu ruhen, sondern gingen hin und zurück mit einer Ausdauer und einer Regelmäßigkeit, die ihn verblüfften.

Er saß da und fluchte – solange er schleppte, hatte er nicht Luft genug, um es zu können -, während er einen verzweifelten Kampf mit der Versuchung ausfocht, sich nach Franzisko zurückzuschleichen. Bevor er seine Meile mit dem Bündel gewandert war, hatte er indessen schon aufgehört zu fluchen und begann statt dessen zu heulen. Die Tränen, die ihm über die Wangen liefen, waren Tränen der Erschöpfung und der Selbstverachtung. Wenn je ein Mann ein Wrack war, so war er es. Als das Ziel des Transports in Sicht kam, nahm er sich mit der Kraft der Verzweiflung zusammen, erreichte den Lagerplatz und schlug, so lang er war, mit dem Bündel auf dem Rücken hin. Er starb nicht, aber er blieb immerhin eine Viertelstunde liegen, ehe er so viel Energie zusammengerafft hatte, daß er sich von den Traggurten befreien konnte. Dann wurde ihm tödlich übel, und in diesem Zustand fand ihn Robbie, dem es genauso ging wie ihm. Eigentlich war es Robbies jämmerlicher Zustand, der ihn bewog, sich zusammenzunehmen.

»Was andere Männer können, können wir auch«, sagte Kid zu ihm. In seinem Innersten wußte er freilich nicht recht, ob er dabei aufschnitt oder nicht.

»Und ich bin erst siebenundzwanzig Jahre alt und ein Mann«, wiederholte er sich immer und immer wieder in den folgenden Tagen. Er hatte es aber auch wirklich nötig. Denn am Ende der Woche war es ihm zwar gelungen, seine achthundert Pfund täglich um eine Meile weiterzuschleppen, aber dabei hatte er von seinem eigenen Gewicht fünfzehn Pfund verloren. Sein Gesicht war mager und ausgemergelt geworden. Alle Spannkraft war aus seinem Körper und seiner Seele verschwunden. Er spazierte nicht länger, er schleppte sich mühevoll dahin. Und wenn er ohne Last zum Lager zurückging, zog er die Füße schlurfend nach, ganz, als wenn er seine Last trüge.

Er war ein richtiges Arbeitstier geworden. Beim Essen nickte er ein, und sein Schlaf war tief und tierisch mit Ausnahme der Augenblicke, da Krämpfe in den Beinen ihn wach hielten und er vor Schmerz laut aufschrie. Sein ganzer Körper war wund und schmerzte. Er hatte Blasen, die nicht verschwinden wollten, und doch war selbst das noch leichter zu ertragen als die furchtbaren Quetschungen, die er sich an den Füßen holte, als er über die vom Wasser scharfgeschliffenen Klippen der Dyea-Watten wandern mußte, durch die der Weg zwei Meilen weit führte. Diese beiden Meilen entsprachen in Wirklichkeit achtunddreißig Meilen gewöhnlichen Wanderns auf glattem Wege. Er wusch sich jetzt nur einmal täglich das Gesicht. Seine Nägel waren zerrissen, abgebrochen und voller Niednägel, und er reinigte sie überhaupt nicht mehr. Seine Schultern und seine Brust, deren Haut von den Traggurten abgescheuert wurde, ließen ihn zum erstenmal in seinem Leben mit Ehrfurcht und Verständnis an die Pferde denken, die er so oft gleichgültig in den Straßen der Städte gesehen hatte.

Eine Prüfung, die ihn zuerst fast ganz vernichtet hätte, bedeutete das Essen. Die ungewohnte Schufterei, die ihm hier auferlegt wurde, erforderte natürlich auch eine außergewöhnliche Heizung unter dem Kessel, aber sein Magen war nicht an die großen Mengen von Speck und die groben, sehr schwer verdaulichen braunen Bohnen gewöhnt. Die Folge war, daß er sich dagegen auflehnte und daß Kid vor Schmerzen und Ärger und auch vor Hunger nahe daran war zusammenzubrechen. Bis endlich der glückliche Tag kam, an dem er wie ein ausgehungertes Tier aß und sogar mit gierigen Wolfsaugen immer mehr verlangte.

Als sie die Ausrüstung über die schmale Brücke am Eingang des Cañons geschafft hatten, änderten sie ihre Pläne. Von jenseits des Passes kam das Gerücht, daß man die letzten Bäume am Linderman-See fällte, um Boote daraus zu verfertigen. Die beiden Vettern gingen mit Werkzeug, Bandsägen, Decken und Lebensmitteln auf dem Buckel los und überließen es Kid und seinem Onkel, sich mit dem gesamten Gepäck abzuquälen. John Bellew teilte sich jetzt mit Kid in das Kochen, so daß sie beide Schulter an Schulter schleppen konnten. Die Zeit verging schnell, und in den Bergen begann schon der erste Schnee zu fallen. Der Ältere nahm hundert Pfund auf seinen eisernen Rücken. Kid bekam einen Schrecken, aber er biß die Zähne zusammen und legte seine Traggurte ebenfalls um ein zentnerschweres Bündel. Angenehm war es nicht, aber er hatte den Dreh schon heraus, und außerdem war sein Körper jetzt von aller Weichlichkeit und vom überflüssigen Fett befreit und abgehärtet, und die Muskeln wurden eckig und hart. Er verstand auch zu beobachten und nachzudenken. Er hatte die Kopfriemen der Indianer gesehen und verfertigte sich jetzt selbst einen, den er in Verbindung mit den gewöhnlichen Schultergurten gebrauchen wollte. Das erleichterte die Arbeit wesentlich, so daß er allmählich begann, einige nicht zu schwere, sonst lästige Gegenstände oben auf das Bündel zu legen. Dadurch wurde es ihm bald möglich, nicht nur die hundert Pfund in den Traggurten zu schleppen, sondern noch weitere fünfzehn oder zwanzig Pfund, die er dicht am Halse lose auf das Bündel legte. Und zu alledem trug er noch eine Axt oder ein paar Riemen in der einen und einige ineinandergestülpte Kochtöpfe in der andern Hand.

Aber so fleißig sie auch schufteten – die Arbeit wurde immer schwieriger. Der Weg wurde schlechter und schlechter, die Lasten schwerer und schwerer, und mit jedem Tage rückte die Schneegrenze um ein kleines Stückchen weiter bergab. Gleichzeitig schnellten die Frachtpreise bis sechzig Cent empor. Von den Vettern auf der anderen Seite hörten sie kein Wort; die waren sicher schon an der Arbeit, Bäume zu fällen und sie zu Bootsplanken zu zersägen. Allmählich wurde John Bellew jedoch ängstlich. Als ein Haufen Indianer vom Linderman-See zurückkehrte, hielt er sie an, und es gelang ihm, sie zu überreden, die Ausrüstung weiterzutransportieren. Sie forderten nicht weniger als dreißig Cent, um das Gepäck bis auf die Paßhöhe des Chilcoot zu bringen, was John Bellew an den Rand der Pleite brachte.

Aber selbst da blieben noch gut vierhundert Pfund – Säcke mit Kleidern und Zeltbahnen – übrig, die sie nicht mitnehmen konnten. Der Alte blieb deshalb selbst zurück, um diese Sachen weiterzuschaffen, während er Kid mit den Indianern vorausschickte.

Auf der Paßhöhe sollte Kid dann allein bleiben und seine zwanzig Zentner Gepäck langsam weiterschieben, bis er von den vierhundert Pfund, die sein Onkel zu transportieren versprach, eingeholt wurde.

Mühselig schleppte sich Kid mit den Indianern weiter. Da es sich um einen sehr weiten Weg handelte, nämlich ganz bis zur Paßhöhe des Chilcoot, hatte er sich vernünftigerweise nur mit achtzig Pfund beladen. Die Indianer gingen ebenfalls mühsam mit den schweren Lasten auf dem Rücken, aber ihr Gang war schneller als der, welchen er gewohnt war. Dennoch befürchtete er nichts, denn er war allmählich soweit gekommen, daß er sich als ebenso tüchtig wie die Indianer betrachtete.

Als die erste Viertelmeile zurückgelegt war, hoffte er, daß sie eine Ruhepause machen würden. Aber die Indianer gingen weiter. Er blieb deshalb bei ihnen und hielt sich auf seinem Platz in der Reihe. Als sie eine halbe Meile gegangen waren, war er überzeugt, daß er keinen Schritt weitergehen konnte, aber er biß die Zähne zusammen und hielt sich immer noch auf seinem Platz. Als aber eine ganze Meile hinter ihm lag, wunderte er sich, daß er noch am Leben war. Dann trat der eigentümliche Zustand ein, den man als »zweites Stadium« bezeichnen könnte: die nächste Meile war viel leichter als die erste. Aber die dritte tötete ihn fast. Obgleich er jedoch beinahe verrückt vor Schmerz und Müdigkeit war, ließ er keinen Klagelaut hören. Und als er schließlich feststellte, daß er jetzt bald vollkommen versagen mußte, kam die Rast. Aber statt die Gurte umzubehalten, wie die weißen Träger es taten, nahmen die Indianer Schulter- und Kopfriemen ab und machten es sich bequem, schwatzten und rauchten.

Es dauerte eine halbe Stunde, bevor sie weitergingen, und zu Kids größtem Befremden fühlte er sich völlig frisch und erholt. Sein neuester Leitspruch war deshalb von jetzt an: langes Schleppen und langes Rasten. Die Paßhöhe des Chilcoot entsprach genau den Schilderungen, die man ihm gemacht hatte. Es gab mehrere Stellen, wo er tatsächlich auf allen vieren klettern und kriechen mußte. Als er aber in einem stiebenden Schneesturm die Höhe erreichte, hielt er sich trotz allem immer noch auf seinem Platz unter den Indianern. In der Tiefe seines Herzens war er auch sehr stolz darauf, daß er ihnen die Stange gehalten und sich weder beklagt noch schlappgemacht hatte. Fast ebenso gut wie ein Indianer zu sein – das war jetzt das Ziel seines Ehrgeizes geworden.

Als er die Indianer entlohnt hatte und sie weggehen sah, wurde es dunkel. Der Sturm wehte noch immer, und er war ganz allein hier oben, tausend Fuß über der Baumgrenze, auf der Höhe des Bergrückens.

Sein ganzer Oberkörper war durchnäßt, er war hungrig und erschöpft, und er hätte die Einnahmen eines ganzen Jahres für ein Feuer und eine Tasse heißen Kaffees gegeben. Statt dessen mußte er sich mit einigen kalten Eierkuchen begnügen; dann kroch er in die Falten einer zusammengelegten Zeltbahn hinein. Bevor er einnickte, hatte er nur noch Zeit, John Bellew einen flüchtigen Gedanken zu opfern, und er lachte schadenfroh vor sich hin, als er sich ausmalte, wie der die folgenden Tage zu tun haben mußte, um die vierhundert Pfund auf seinem männlichen Buckel bis zur Paßhöhe des Chilcoot zu schleppen. Er selbst hatte freilich zweitausend Pfund zu schleppen, aber sein Weg ging doch bergab.

Am nächsten Morgen war er noch ganz steif vor Müdigkeit und halb erstarrt vor Kälte, als er aus den Falten der Zeltbahn kroch. Dann aß er etliche Pfund kalten Speck, legte seine Traggurte um einen Zentner Gepäck und marschierte den steinigen Weg bergab. Ein paar hundert Schritte weiter hin führte der Weg über einen schmalen Gletscher zum Krater-See hinab. Mehrere Männer waren gerade dabei, ihr Gepäck über den Gletscher zu tragen.

Den ganzen Tag über legte Kid alles, was er herbeischleppte, am oberen Rande des Gletschers nieder, und da der Weg, den er zu gehen hatte, nur kurz war, lud er sich jedesmal hundertundfünfzig Pfund auf.

Sein Erstaunen, daß er hierzu imstande war, hielt sich unverändert auf derselben Höhe. Für zwei Dollar kaufte er einem Indianer drei steinharte Schiffszwiebacke ab, und hieraus sowie aus einer ansehnlichen Menge rohen Specks bereitete er sich verschiedene Mahlzeiten. Ungewaschen, durchfroren und in Kleidern, die von seinem Schweiß ganz feucht waren, verbrachte er auch die zweite Nacht in den Falten seiner Zeltbahn.

Früh am nächsten Morgen breitete er eine Persenning auf dem Eis aus, lud einfach sein ganzes Gepäck darauf und begann sie zu ziehen. Als der Gletscherhang steiler wurde, begann seine Ladung schneller zu gleiten und überholte ihn sogar bald, so daß er sich auf das mächtige Bündel setzen mußte, das mit ihm weiter hinuntersauste.

Mehr als hundert Männer, die ihre Ausrüstung mühsam schleppten, blieben stehen, um ihm nachzusehen. Er stieß wilde Warnungsschreie aus, und alle, die ihm im Wege standen, sprangen erschrocken beiseite, um ihm schnell Platz zu machen.

Unten, wo der Gletscher aufhörte, stand ein kleines Zelt, und es sah aus, als ob es ihm entgegenliefe, so schnell rutschte er den Berg hinab. Er schwenkte von dem festgetretenen Wege ab, dem die Gepäckträger folgten und der nach links führte, und sauste durch den frisch gefallenen Schnee, der ihn wie eine eisige Wolke umstob, ihn aber gleichzeitig bremste.

Plötzlich sah er das Zelt wieder vor sich auftauchen, aber erst im selben Augenblick, als er dagegenflog. Er saß noch immer auf dem mächtigen Haufen von Lebensmitteln auf der Persenning, als er die Eckpflöcke umwarf und die vor dem Eingang hängende Zeltbahn beiseite riß. Er kam erst wieder zu sich, als er sich schon im Zelt befand, das wie ein Betrunkener hin und her schwankte. In dem eiskalten Dampf fand er sich plötzlich Angesicht zu Angesicht mit einer ziemlich verblüfften jungen Dame, die aufrecht in ihrem Bett saß und ihn anstarrte… und es war ausgerechnet dieselbe Dame, die ihn in Dyea einen Grünschnabel genannt hatte!

»Haben Sie gesehen, wie ich gesaust bin… wie der Sturm?« fragte er vergnügt.

Sie sah ihn mißbilligend an.

»Das hier ist was anderes als der Wunderteppich im Märchen«, erklärte er.

»Würden Sie vielleicht den Sack da von meinen Füßen wegnehmen?« fragte sie sehr kühl.

Er sah sie an und stand schnell auf. »Es war gar kein Sack – es war mein Ellenbogen. Verzeihen Sie bitte.«

Diese Berichtigung störte sie nicht im geringsten, und der kühle Empfang wirkte wie eine Herausforderung.

»Noch ein Glück, daß Sie nicht den Ofen umgeworfen haben«, sagte sie.

Er folgte ihrem Blick und bemerkte einen eisernen Ofen und darauf eine Kaffeekanne, die eine junge Indianerin überwachte.

Er sog den Kaffeegeruch ein und wandte sich wieder zu dem Mädchen.

»Ich bin ein Chechaquo«, sagte er.

Ihr gelangweilter Blick zeigte ihm, daß es offenbar überflüssig gewesen war, das in Worten festzustellen. Er war indessen nicht kleinzukriegen.

»Ich habe mein Schießeisen schon weggeworfen«, fügte er hinzu.

Jetzt erst erkannte sie ihn wieder, und ihre Augen wurden etwas lebhafter.

»Ich hätte nie gedacht, daß Sie so weit kommen würden«, teilte sie ihm freundlich mit.

Er sog wieder den Kaffeeduft ein, diesmal mit sichtbarer Gier.

»So wahr ich lebe… Kaffee!« Er drehte sich um und redete sie direkt an. »Ich gebe Ihnen meinen kleinen Finger, ich haue ihn mir auf der Stelle ab, ich tue, was Sie wollen, ich werde Ihr Sklave für ein Jahr und einen Tag sein oder für jeden anderen blöden Zeitraum, wenn Sie mir eine einzige winzige Tasse aus dem Pott da geben wollen.«

Und als sie beim Kaffee saßen, nannte er ihr seinen Namen und erfuhr den ihren. Joy Gastell hieß sie. Er erfuhr auch, daß sie zu den »Alten« im Lande gehörte. Sie war in einer alten Handelsstation am Großen Sklavensee zur Welt gekommen und als Kind mit ihrem Vater über die Rocky Mountains nach dem Yukon gegangen.

Jetzt war sie unterwegs ins Innere des Landes – mit ihrem Vater, der von Geschäften in Seattle aufgehalten, dann mit der unseligen »Chanter« verunglückt und von dem Dampfer, der ihnen zu Hilfe kam, wieder nach Puget Sund zurückgebracht worden war.

Da sie noch immer im Bett lag, zog er die Unterhaltung nicht in die Länge. Er lehnte heldenmütig eine zweite Tasse Kaffee ab und entfernte sich und seine dreiviertel Tonne Proviant aus dem Zelt.

Außerdem nahm er noch verschiedene Erkenntnisse von dort mit, zunächst die, daß sie einen bezaubernden Namen und ein Paar noch bezauberndere Augen hatte. Auch, daß sie höchstens zwanzig oder ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt sein konnte. Ferner, daß ihr Vater offenbar Franzose war und daß sie selbst einen energischen Willen und ein bemerkenswertes Temperament besaß. Und schließlich, daß sie ihre Erziehung jedenfalls nicht im Grenzland genossen hatte.

Der Weg führte über vom Eis glattgescheuerte Felsen oberhalb der Baumgrenze um den Krater-See herum bis zu dem Bergpaß, über den man Glückslager und die ersten verkrüppelten Fichtenbäume erreichte. Wenn Kid sein schweres Gepäck um den ganzen See herum schleppen mußte, bedeutete das mehrere Tage unbeschreiblich harten Schuftens.

Auf dem See lag freilich ein Boot aus Segelleinen, das als Fähre benutzt wurde. Zwei Fahrten damit, nur zwei Stunden im ganzen – und er war mit seinem Gepäck von zwanzig Zentnern Gewicht drüben. Aber er war vollkommen abgebrannt, und der Fährmann forderte vierzig Dollar für jede Tonne!

»Sie haben ja eine Goldmine in dem mistigen Boot, lieber Freund«, sagte er zu dem Fährmann. »Aber haben Sie nicht Lust auf noch eine Goldmine?«

»Zeigen Sie sie mir«, lautete die Antwort.

»Ich will sie Ihnen verkaufen, wenn Sie meine Ausrüstung übersetzen. Es ist freilich nur eine Idee, und ich habe kein Patent darauf, aber Sie können ja abspringen, wenn sie Ihnen nicht zusagt. Einverstanden?«

Der Fährmann nickte, und Kid fand sein Gesicht hinreichend vertrauenerweckend.

»Also hören Sie: Sie sehen die Gletscher da? Nehmen Sie jetzt eine Axt und gehen Sie damit hin. An einem Tage können Sie eine ganz ordentliche Rinne vom Gipfel bis zur Sohle machen. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill? Die Vereinigten Rutschbahnen von Chilcoot und Krater-See, Aktiengesellschaft! Sie können fünfzig Cent je hundert Pfund verlangen und hundert Tonnen täglich schaffen… und Sie haben nichts anderes zu tun, als die Pinke in die Tasche zu stecken.«

Zwei Stunden später stand Kid schon mit seinem Gepäck auf der anderen Seite des Sees und war seinen Berechnungen um drei Tage voraus. Und als John Bellew ihn endlich einholte, war er schon ein gutes Stück nach dem »Tiefen See« unterwegs, der gleichfalls von einem mit Eiswasser gefüllten vulkanischen Krater gebildet wurde.

Das letzte Stück Weges, das sie den Proviant noch tragen mußten, nämlich vom »Langen See« bis zum Linderman-See, betrug nur drei Meilen. Aber der Weg (wenn man ihn überhaupt so nennen konnte) kletterte erst über einen tausend Fuß hohen Bergkamm, schlängelte sich dann durch ein Gewirr von glatten Felsen in die Tiefe hinab und überquerte schließlich einen ausgedehnten Sumpf. John Bellew protestierte, als er sah, wie Kid mit hundert Pfund in den Traggurten aufstand und dann noch einen Mehlsack von fünfzig Pfund oben auf das große Bündel legte.

»Nur los, du Apostel der Abhärtung!« antwortete Kid. »Jetzt kannst du zeigen, was du leisten kannst… du mit deinem Bärenfutter und deiner einen Garnitur Unterwäsche.«

Aber John Bellew schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte, ich werde doch alt, Christoffer.«

»Du bist erst achtundvierzig. Vergiß nicht, daß mein Großvater, also dein Vater, der alte Isaac Bellew, noch mit neunundsechzig einen Mann mit der Faust zu Boden schlug.«

John Bellew grinste und schluckte heldenmütig die bittere Pille.

»Lieber Onkel, ich will dir mal was Wichtiges sagen: Ich bin erzogen wie der kleine Lord Fauntleroy, aber ich kann mehr tragen als du, besser gehen als du, ich kann dich sogar werfen oder dich mit meinen bloßen Fäusten vertrimmen.«

John Bellew streckte die Hand aus und sagte feierlich: »Ich glaube tatsächlich, daß du recht hast, Christoffer, mein Junge. Ich glaube sogar, daß du es mit der Last da auf dem Buckel schaffen kannst. Du hast dich gut entwickelt, mein Junge, obgleich ich es nie von dir erwartet hätte.«

Auf dieser letzten Strecke machte Kid den Weg viermal am Tag hin und zurück – das heißt, daß er täglich vierundzwanzig Meilen im Gebirge herumkletterte, davon zwölf Meilen unter einer Last von hundertfünfzig Pfund. Er war stolz und müde, aber glänzend in Form. Er aß und schlief, wie er noch nie in seinem Leben gegessen und geschlafen hatte. Und als das Endziel ihrer Reise in Sicht kam, war er ganz traurig darüber.

Ein Problem quälte ihn immer noch. Er hatte schon die Erfahrung gemacht, daß er mit hundert Pfund auf dem Rücken hinfallen konnte, ohne sich das Genick zu brechen. Aber er war davon überzeugt, daß er es sich bräche, wenn er mit dem Extrabündel von fünfzig Pfund obendrauf stürzen würde. In alle Wege, die durch den Sumpf führten, wurden von den Tausenden von Gepäckträgern sehr schnell tiefe Löcher getreten, und man mußte deshalb immer neue Wege ausfindig machen. Bei der Suche nach einem solchen neuen Weg hatte Kid Gelegenheit, das Problem mit der Extralast von fünfzig Pfund persönlich zu lösen.

Der weiche, nasse Boden unter ihm gab nach, so daß er strauchelte und kopfüber hinfiel. Die fünfzig Pfund drückten sein Gesicht in den Schlamm, glitten aber vom Hals weg, ohne ihm das Genick zu brechen. Mit den übrigen hundert Pfund auf dem Rücken gelang es ihm, auf Hände und Knie zu kommen – weiter aber nicht. Der eine Arm sank bis zur Schulter ein, so daß seine Backe tief in den Schlamm gedrückt wurde. Als er den Arm mit großer Mühe wieder herauszog, versank der andere bis zur Schulter. In dieser Lage war es ihm unmöglich, die Traggurte zu lösen, andererseits aber konnte er nicht daran denken, aufzustehen, solange er die hundert Pfund auf dem Rücken hatte. Er machte einen Versuch, auf Händen und Knien zu der Stelle zu kriechen, wo der Mehlsack lag, aber bald versank der eine, bald der andere Arm im Schlamm. Er erschöpfte seine Kräfte, ohne vorwärts zu kommen. Und bei seinen heftigen Bewegungen zerschlug und zerriß er die mit Gras bewachsene Oberfläche des Sumpfes derart, daß sich allmählich unmittelbar vor seinem Mund und seiner Nase eine Pfütze von schlammigem Wasser zu bilden begann, die ihm sehr gefährlich zu werden drohte.

Er versuchte, sich auf den Rücken zu werfen, so daß das Bündel unten läge, aber der einzige Erfolg war, daß beide Arme gleichzeitig im Sumpf versanken und er einen kleinen Vorgeschmack des Ertrinkens bekam.

Mit unsäglicher Geduld zog er langsam erst den einen, dann den anderen Arm aus dem Schlamm und streckte sie dann gerade über dem Boden aus, so daß er sein Kinn stützen konnte. Jetzt begann er um Hilfe zu rufen. Bald darauf hörte er Schritte im tiefen Schlamm schlabbern, und jemand näherte sich ihm von hinten.

»Reich mir eine Hand, Kamerad«, sagte er. »Oder wirf mir eine Leine zu oder sonst etwas.«

Eine Frauenstimme antwortete ihm, und er erkannte sie sofort wieder.

»Wenn Sie nur die Riemen aufschnallen wollen, kann ich aufstehen«, sagte er.

Die hundert Pfund rollten mit einem nassen Klatschen in den Schlamm, und es gelang ihm, langsam auf die Beine zu kommen.

»Eine nette Patsche«, lachte Fräulein Gastell als sie sein schlammbedecktes Gesicht sah.

»Durchaus nicht«, antwortete er überlegen. »Es ist meine beliebteste Turnübung. Sie müssen es mal versuchen. Es ist besonders gut für die Brustmuskeln und das Rückgrat.«

Er wischte sich das Gesicht ab und schleuderte dann den Schlamm mit einer raschen Bewegung von der Hand.

»Großer Gott!« rief sie, als sie ihn erkannte. »Das ist… das ist ja Herr… Herr Alaska-Kid!«

»Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre rechtzeitige Hilfe und für diesen Namen«, antwortete er. »Jetzt bin ich zum zweiten Male getauft – künftig werde ich darauf bestehen, daß man mich stets Alaska-Kid nennt. Das ist ein klangvoller Name und nicht ohne Vorbedeutung.«

Er machte eine Pause. Dann wurden sein Gesicht und seine Stimme plötzlich grimmig: »Wissen Sie, was ich jetzt muß?« fragte er. »Nach den Staaten zurückkehren. Ich soll heiraten. Ich werde eine große Kinderschar erziehen. Und abends werde ich dann die Kinder um mich versammeln und ihnen von den Leiden und Entbehrungen erzählen, die ich auf dem Wege nach dem Chilcoot durchgemacht habe. Und wenn sie dann nicht dabei heulen… ich wiederhole es: wenn sie nicht dabei heulen, dann werde ich sie gehörig verdreschen.«

Jetzt näherte sich der arktische Winter mit schnellen Schritten. Der Schnee, der den ganzen Winter über liegenbleiben sollte, lag schon sechs Zoll hoch, und auf geschützt liegenden Gewässern bildete sich trotz der heftigen Stürme schon Eis. Es war spät am Abend, als John Bellew und Kid eine kurze Pause während eines solchen Sturmes benutzten, um den beiden Vettern beim Verstauen des Gepäcks im Boot behilflich zu sein. Dann blieben sie am Strande stehen und sahen sie im Schneegestöber auf dem See verschwinden.

»Und jetzt werden wir die Nacht durchschlafen und morgen ganz früh abfahren«, sagte John Bellew. »Wenn uns der Sturm nicht auf der Paßhöhe festhält, können wir schon morgen abend Dyea erreichen. Und haben wir dann das Glück, gleich den Dampfer zu bekommen, so können wir schon in einer Woche in San Franzisko sein.« – »Warst du zufrieden mit deinen Ferien?« fragte Kid geistesabwesend.

Ihr Lager am Linderman-See bot diese letzte Nacht einen traurigen Anblick dar. Die beiden Vettern hatten alles mitgenommen, was irgendwie brauchbar war, selbst das Zelt. Eine zerfetzte Persenning, die sie ausgebreitet hatten, schützte sie nur zum Teil gegen das Schneegestöber. Ihr Abendbrot kochten sie in ein paar zerbeulten und zerschlagenen Töpfen über dem offenen Feuer. Sonst waren ihnen nur ein paar Decken und Proviant für wenige Mahlzeiten geblieben.

Von dem Augenblick an, da das Boot abgefahren war, schien Kid seltsam unruhig und geistesabwesend geworden zu sein. Sein Onkel hatte seinen Zustand bemerkt, dachte aber, es käme nur daher, daß es jetzt mit der Schufterei vorbei war.

Einige Minuten später entfernte sich Kid in der Richtung des Zeltdorfes, wo die Goldgräber, die noch im Begriff waren, ihre Boote zu bauen oder zu beladen, Schutz gegen den Sturm suchten. Er blieb mehrere Stunden fort. Als er wiederkam und sich in seine Decken hüllte, war John Bellew schon eingeschlafen.

Es war ein dunkler, stürmischer Morgen, als Kid aus seinen Decken kroch und, nur in Strümpfen, ein Feuer zu machen begann, bei dem er zunächst seine gefrorenen Stiefel auftaute. Dann kochte er Kaffee und briet Speck. Es war dennoch eine kalte und ungemütliche Mahlzeit. Sobald sie vorbei war, legten die beiden ihre Decken zusammen.

Als John Bellew sich dann anschickte, den Rückweg über den Chilcoot anzutreten, reichte Kid ihm die Hand und sagte: »Auf Wiedersehen, lieber Onkel.«

John Bellew sah ihn an und fluchte vor lauter Überraschung.

»Aber was in aller Welt hast du vor?«

Kid zeigte unbestimmt mit der Hand nach dem Norden über den sturmgepeitschten See hinaus.

»Was für einen Sinn hat es umzukehren, wenn ich schon so weit gekommen bin?« fragte er. »Außerdem habe ich Geschmack an Bärenfleisch gefunden. Ich esse es sehr gern. Deshalb gehe ich los.«

»Aber du bist ja ganz abgebrannt«, entgegnete ihm John Bellew, »und hast keine Ausrüstung.«

»Ich habe eine Stellung gefunden. Guck dir mal deinen Neffen Christoffer Bellew an! Er hat jetzt eine Stellung! Er ist Angestellter bei einem feinen Herrn! Er hat eine Stellung mit hundertfünfzig Dollar monatlich und freier Beköstigung. Er geht nach Dawson mit zwei Trotteln und einem anderen Angestellten dieses feinen Herrn – als Lagerkoch, Bootsführer und Mädchen für alles. Und O’Hara und die Woge können zum Teufel gehen! Auf Wiedersehen.«

John Bellew war immer noch ganz aus dem Häuschen und konnte nur stottern: »Aber ich verstehe nicht…«

»Man sagt, daß es eine Menge von Grizzlybären im Yukon-Tal gibt«, erklärte Kid. »Na – und ich habe nur eine Garnitur Unterwäsche und Lust auf Bärenfleisch, das ist alles.«

* * *

2

Fast ununterbrochen stürmte es, während Kid mühselig gegen den Wind nach dem Strande ankämpfte. In der grauen Morgendämmerung sah er einige Männer im Begriff, ein halbes Dutzend Boote mit den kostbaren Ausrüstungen, die über den Chilcoot getragen worden waren, zu beladen. Es waren nur schwerfällige, selbstgebaute Boote, von Männern zusammengezimmert, die keine Schiffsbauer waren und rohe Planken verwendet hatten, welche sie selbst mit eigenen Händen aus frischen, geschälten Baumstämmen gesägt hatten. Ein fertig beladenes Boot war schon zur Abfahrt bereit, und Kid blieb stehen, um sich die Sache anzusehen.

Der Wind, der auf dem See günstig war, wehte hier gerade gegen das Ufer und peitschte das Wasser der seichten Pfützen zu schmutzigen Spritzern. Die Männer, die zu dem abfahrenden Boot gehörten, schoben es, in hohen Gummistiefeln watend, in das tiefere Wasser. Zweimal taten sie das. Dann kletterten sie schwerfällig hinein. Da sie aber nicht mit den Riemen umzugehen verstanden, wurde das Boot wieder an den Strand getrieben und stieß auf. Kid bemerkte, daß die Schaumspritzer an den Seiten des Bootes fast sofort zu Eis wurden. Der dritte Versuch führte immerhin zu einem Teilerfolg. Die beiden Männer, die zuletzt ins Boot kletterten, waren bis zum Leib durchnäßt, aber das Boot war jetzt jedenfalls flott. Sie arbeiteten ungeschickt mit den schweren Riemen, und langsam gelang es ihnen, von der Küste abzukommen.

Dann setzten sie ein Segel, das aus Bettdecken zusammengenäht war; aber ein einziger Windstoß zerriß es, und sie wurden zum drittenmal an die Küste getrieben.

Kid lachte vor sich hin und ging weiter. Alles das würde ihm vielleicht selbst bald passieren, denn auch er sollte – in seiner neuen Rolle als Angestellter eines feinen Herrn – in den nächsten Stunden in einem ähnlichen Boot von derselben Küste abfahren.

Rings wurde mit der Kraft der Verzweiflung gearbeitet, denn der Winter mit seinem Eis stand vor der Tür. Es war deshalb das reine Hasardspiel, ob es ihnen gelingen würde, die große Kette von Seen zu durchqueren, bevor alles zufror. Als Kid das Zelt der Herren Sprague und Stine oben erreichte, war hier dennoch kein Anzeichen von Eifer und Arbeit zu bemerken.

Am Feuer, im Schutz einer Persenning, saß ein kleiner vierschrötiger Mann und rauchte behaglich eine Zigarette aus Packpapier.

»Hallo«, sagte er, »Sie sind wohl der neue Mann von Herrn Sprague?«

Kid nickte zur Bestätigung, hatte aber gleichzeitig das Gefühl, daß der andere absichtlich die Worte »Herr« und »Mann« besonders betont hatte. Er war auch überzeugt, eine Andeutung von Blinzeln in den Augen des andern bemerkt zu haben.

»Na, und ich bin der Mann von Doktor Stine«, fuhr der Fremde fort. »Ich bin nur fünf Fuß und zwei Zoll lang, und ich heiße Kurz, Abkürzung von Jack Kurz, und manchmal heiße ich auch “Hansdampf in allen Gassen”.«

Kid reichte ihm die Hand.

»Bist du mit Bärenfleisch aufgezogen worden?« fragte er.

»Todsicher«, antwortete der andere, »wenn mein erstes Frühstück, soweit ich mich entsinne, auch aus Büffelmilch bestand. Setz dich her und steck dir was ins Gesicht. Die Chefs pennen noch.«

Obgleich Kid schon einmal gefrühstückt hatte, setzte er sich doch hinter die Persenning und verzehrte sein zweites Frühstück mit dreifachem Appetit. Die schwere Arbeit, die seinen ganzen Körper gereinigt hatte, hatte ihm auch den Magen und den Hunger eines Wolfs geschenkt. Er konnte essen, was und soviel es sein sollte, und fand dabei gar keine Gelegenheit zu merken, daß er eine sogenannte Verdauung besaß. Er stellte fest, daß Kurz eine ebenso beredte wie pessimistische Persönlichkeit war, und er erhielt von ihm nicht nur etliche ziemlich überraschende Auskünfte über ihre beiden Chefs, sondern auch einige düstere Prophezeiungen in bezug auf ihr Unternehmen. Thomas Stanley Sprague war angehender Mineningenieur und Sohn eines Millionärs. Doktor Adolphe Stine war ebenfalls der Sohn eines wohlhabenden Vaters. Mit Hilfe der beiden Väter war es ihnen gelungen, eine Gesellschaft zu gründen, die ihr Klondike-Abenteuer finanzierte.

»Sie sind einfach aus lauter Moneten gemacht«, erklärte Kurz. »Als sie in Dyea landeten, betrug der Frachtpreis schon siebzig Cent, doch es gab keine Indianer. Es gab aber eine Gesellschaft aus Oregon, richtiggehende Minenarbeiter – die hatten das Schwein gehabt, ein Gespann von Indianern für siebzig Cent zusammenzubringen. Die Indianer hatten schon die Traggurte angelegt – die Ausrüstung wog alles in allem dreitausend Pfund -, als Sprague und Stine ankamen. Die boten den Indianern achtzig und neunzig Cent, und als sie auf einen Dollar gekommen waren, sprangen die Indianer von ihrem Vertrag ab und ließen die dreitausend Pfund der Minenarbeiter liegen. Sprague und Stine sind also durchgekommen, mußten aber den Spaß mit dreitausend Dollar bezahlen. Und die Leute aus Oregon liegen noch heute am Strand. Sie werden erst nächstes Jahr weiterkommen.

O ja, es sind ein paar richtige Biester, dein Chef und meiner auch. Wenn es heißt, mit Geld um sich zu schmeißen oder andern Leuten auf die Zehen zu treten, dann sind sie tüchtig. Was haben sie zum Beispiel gemacht, als sie an den Linderman kamen? Die Zimmerleute waren eben dabei, ein Boot zu bauen, das sie vertraglich verpflichtet waren, einer Gesellschaft aus San Franzisko für sechshundert Dollar zu liefern. Sprague und Stine boten ihnen einen runden Tausender, und auch die sprangen dann aus ihrem Vertrag. Das Boot sieht ganz gut aus, aber die andere Gesellschaft ging dadurch kaputt. Jetzt hat sie ihre Ausrüstung hier liegen, aber kein Boot, um sie weiterzuschaffen. Und sie muß die Weiterfahrt nun auch aufs nächste Jahr verschieben.

Na, nimm noch ‘n Pott Kaffee und laß mich dir sagen, daß ich nichts mit den Biestern zu tun haben möchte, wenn ich nicht um jeden Preis nach Klondike wollte. Sie haben das Herz nicht auf dem rechten Fleck. Sie würden den Trauerflor vom Sarg wegnehmen, wenn es ihrem Geschäft nützen täte. Hast du ‘n Vertrag unterschrieben?«

»Sie haben versprochen…«, begann Kid.

»Mündlich, jawohl«, unterbrach Kurz ihn. »Da steht also nur dein Wort gegen das ihrige, das ist alles. Na, in Gottes Namen! Wie heißt du übrigens, Kamerad?«

»Kannst mich Kid nennen, Alaska-Kid.«

»Schön, also Kid – du wirst schon deinen Ärger kriegen mit deinem mündlichen Vertrag. Jetzt sollst du mal ein Beispiel hören, was du von ihnen zu erwarten hast. Mit dem Geld können sie um sich schmeißen, aber arbeiten können sie nicht. Auch nicht morgens aus der Falle kriechen. Wir hätten schon vor einer Stunde laden und abfahren sollen. Du und ich, wir müssen die ganze verfluchte Schufterei allein besorgen. Jetzt wirst du sie bald nach Kaffee brüllen hören – vom Bett aus natürlich, weißt du, und dabei sind sie doch erwachsene Männer. Was verstehst du übrigens vom Segeln auf dem Wasser? Ich bin ein alter Viehzüchter und Goldsucher, aber auf dem Wasser bin ich der reine Grünschnabel, und die beiden da haben auch keinen Schimmer. Was weißt du denn?«

»Einen Dreck weiß ich«, antwortete Kid und schmiegte sich enger an die Persenning, als ein starker Windstoß den Schnee aufwirbelte. »Seit meiner Kindheit bin ich in keinem Boot gewesen. Aber ich denke, wir werden es schon lernen.«

Ein Zipfel der Zeltbahn riß sich los, und Kid bekam eine tüchtige Portion Schnee in den Kragen.

»Ja, lernen können wir es schon«, knurrte er mürrisch.

»Natürlich können wir es lernen. Lernen kann jedes Wickelkind. Aber ich halte Dollars gegen Pfeffernüsse, daß wir heute nicht von hier wegkommen.«

Es war schon acht Uhr geworden, als eine Stimme aus dem Zelt nach Kaffee rief, und es wurde neun, ehe die beiden Unternehmer auftauchten.

»Hören Sie«, sagte Sprague, ein gutgenährter, rotwangiger junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, »es ist Zeit, daß wir abfahren, Kurz. Sie und…«, bei diesen Worten schaute er Kid fragend an, »… ich habe Ihren Namen gestern abend nicht recht verstanden.«

»Kid.«

»Gut, Kurz, Sie und Herr Kid machen sich jetzt wohl daran, das Boot zu beladen.«

»Nur Kid – lassen Sie das “Herr” ruhig fort«, schlug Kid vor.

Sprague nickte kurz und verschwand zwischen den Zelten. Doktor Stine, ein hagerer, bleicher junger Mann, folgte ihm.

Kurz sah seinen Kameraden vielsagend an.

»Mehr als anderthalb Tonnen, und die rühren keine Hand dabei.«

»Vermutlich werden wir bezahlt, um die Arbeit zu tun«, antwortete Kid gut gelaunt. »Und wir können ebensogut gleich damit anfangen.«

Es ist durchaus kein Spaß, dreitausend Pfund hundert Schritt weit auf den Schultern schleppen zu müssen. Da es außerdem stürmte und die beiden in schweren Gummistiefeln durch den Schnee waten mußten, wurden sie ganz erschöpft. Dann mußten sie auch noch das Zelt abbrechen und das Lagergerät verpacken. Hierauf blieb noch das Verstauen der ganzen Ausrüstung im Boot übrig. Und da es dabei immer tiefer sackte, mußten sie es immer weiter in das Wasser hinausschieben und auch eine immer weitere Strecke waten. Gegen zwei Uhr war die Arbeit vollbracht, und Kid war völlig zermürbt vom Hunger, obgleich er zweimal gefrühstückt hatte. Die Knie zitterten ihm. Kurz, der sich in einem ähnlichen Zustand befand, wühlte in den Töpfen und Pfannen, bis er eine große Büchse fand, in der kalte gekochte Bohnen mit großen Happen Räucherspeck aufbewahrt waren. Sie hatten nur einen einzigen Löffel mit einem langen Stiel, und den tauchten sie jetzt abwechselnd in die Büchse.

Kid war vollkommen überzeugt, noch nie in seinem Leben etwas gegessen zu haben, das ihm so herrlich geschmeckt hatte.

»Großer Gott«, murmelte er zwischen zwei Bissen, »ich habe noch nie so einen Appetit gehabt wie auf dieser Reise.«

Während sie sich noch dieser angenehmen Tätigkeit hingaben, erschienen Sprague und Stine.

»Worauf warten wir denn?« murrte Sprague. »Sollen wir denn nie von hier fort?«

Kurz war gerade an der Reihe; er tauchte den Löffel in die Büchse und gab ihn dann Kid zurück. Und keiner von ihnen sagte ein Wort, ehe sie die Büchse ausgekratzt hatten.

»Natürlich haben wir gar nichts getan«, sagte Kurz, während er seinen Mund mit dem Handrücken abwischte. »Wir haben nicht das geringste getan. Und Sie haben natürlich auch nichts zu essen gekriegt. Es war wirklich sehr nachlässig von mir.«

»Ja doch«, sagte Stine schnell. »Wir aßen in einem andern Zelt – bei einigen Freunden.«

»Hab’ ich mir gedacht«, grunzte Kurz.

»Aber jetzt sind Sie ja fertig, da können wir vielleicht abfahren«, schlug Sprague vor.

»Da ist das Boot«, sagte Kurz. »Beladen ist es schon. Aber wie haben Sie sich eigentlich gedacht, daß wir damit wegkommen sollen?«

»Wir klettern hinein und stoßen ab. Kommen Sie.« Sie wateten alle ins Wasser, und die Chefs kletterten an Bord, während Kid und Kurz das Boot vom Ufer abschoben. Als die Wellen den oberen Rand ihrer hohen Stiefel erreichten, kletterten auch sie ins Boot. Aber die beiden andern hatten natürlich ihre Riemen nicht bereit, und deshalb wurde das Boot zurückgetrieben und saß gleich wieder fest. Mit einer ungeheuren Kraftverschwendung wiederholten sie das Manöver ein dutzendmal.

Kurz setzte sich verzweifelt auf den Dollbord, nahm einen soliden Priem und rief das Weltall zum Zeugen ihres Elends an, während Kid das Wasser aus dem Boot schöpfte und die beiden Chefs unfreundliche Bemerkungen untereinander austauschten.

»Wenn ihr meinen Befehlen gehorchen wollt, werde ich das Boot schon klarmachen«, sagte Sprague schließlich.

Der Versuch war gut gemeint, ehe es ihm aber gelang, ins Boot zu klettern, war er bis zum Gürtel durchnäßt.

»Wir werden ins Lager zurückkehren und Feuer machen«, sagte er, als das Boot wieder festsaß. »Mich friert.«

»Sei doch nicht wasserscheu«, schalt Stine. »Andere Leute sind heute auch schon abgefahren und waren nasser als du. Jetzt will ich es euch zeigen.«

Diesmal war er es, der naß wurde und mit klappernden Zähnen erklärte, daß er ein Feuer nötig hätte.

»Ein paar Spritzer wie da haben nichts zu sagen«, rief Sprague höhnisch. Auch ihm klapperten freilich die Zähne im Munde. »Wir wollen weiter.«

»Kurz, sehen Sie nach, wo mein Kleidersack steckt, und machen Sie dann ein Feuer«, befahl der andere.

»Sie wagen es nicht!« rief Sprague.

Kurz sah von einem zum andern und spuckte aus, rührte sich aber nicht.

»Er ist mein Angestellter, und ich denke, daß er meinen Befehlen gehorchen wird«, antwortete Stine. »Kurz, schaffen Sie meinen Sack an Land.«

Kurz gehorchte, während Sprague zitternd vor Kälte im Boot blieb. Da Kid keinen Befehl erhalten hatte, blieb er ruhig sitzen. Er war zufrieden, daß er sich einen Augenblick ausruhen konnte.

»Ein Boot, das auseinanderfällt, kann nicht schwimmen«, murmelte er vor sich hin.

»Was wollen Sie damit sagen?« schnauzte Sprague ihn an.

»Ich hielt Selbstgespräche, eine liebe alte Gewohnheit«, antwortete Kid.

Sein Unternehmer beehrte ihn mit einem barschen Blick und schmollte weiter. Nach einigen Minuten gab er jedoch nach.

»Suchen Sie meinen Sack heraus, Kid«, befahl er, »und helfen Sie beim Feuermachen. Wir fahren erst morgen früh ab.«

Am nächsten Tage stürmte es immer noch. Der Linderman-See war eigentlich nur eine enge, mit Wasser gefüllte Schlucht. Der Wind, der von den Bergen herab in diesen Trichter wehte, war sehr unregelmäßig. Bald kam er in heftigen und stürmischen Stößen, bald besänftigte er sich und wurde zu einer leichten Brise.

»Wenn Sie die Sache mir überlassen, glaube ich, daß ich es schaffe«, sagte Kid, als wieder alles zur Abfahrt bereit war.

»Was verstehen Sie denn davon?« kläffte Stine ihn an.

»Nichts verstehe ich«, antwortete Kid und setzte sich wieder.

Es war das erste Mal, daß er für Lohn arbeitete, aber er war schon auf dem besten Wege, die notwendige Unterordnung zu lernen. Gehorsam und liebenswürdig hatte er sich an den vergeblichen Versuchen, vom Ufer abzukommen, beteiligt.

»Wie würden Sie es denn machen?« fragte Sprague schließlich, halb seufzend, halb klagend.

»Ich würde mich ruhig hinsetzen und warten, bis der Sturm für eine Weile nachläßt, und dann aus allen Kräften losschieben.«

So einfach war seine Idee, aber er war doch der erste, der darauf kam. Und gleich das erste Mal, als sie seine Methode versuchten, hatten sie Erfolg. Dann hißten sie eine Decke als Segel und glitten auf den See hinaus. Stine und Sprague gerieten gleich in eine bessere Stimmung. Kurz war trotz seines Pessimismus sowieso immer gut aufgelegt, und Kid interessierte sich zu sehr für die ganze Sache, um schlechter Laune sein zu können. Sprague quälte sich eine Viertelstunde mit der Ruderpinne ab, dann sah er Kid ermunternd an, bis er ihn ablöste.

»Meine Arme sind wie zerbrochen, so schwer ist es«, murmelte Sprague, wie um sich zu entschuldigen.

»Sie haben wohl nie Bärenfleisch gegessen?« fragte Kid liebenswürdig.

»Was, zum Teufel, meinen Sie damit?«

»Gar nichts – ich fragte nur.«

Aber hinter dem Rücken der beiden Chefs erwischte Kid ein verständnisvolles Grinsen von Kurz, der den tieferen Sinn des Gleichnisses verstanden hatte.

Kid steuerte das Boot durch den ganzen Linderman-See und erwies sich dabei als so tüchtig, daß die beiden jungen Männer, die ebensoviel Geld wie Unlust zur Arbeit hatten, ihn einstimmig zum Steuermann ernannten. Kurz war nicht weniger zufrieden damit und überließ die Bootsarbeit gern dem andern, während er selbst freiwillig das Kochen übernahm. Zwischen dem Linderman- und dem Bennet-See kam eine Strecke, wo die Ausrüstung wieder getragen werden mußte. Nachdem sie den größten Teil gelöscht hatten, wurde das Boot den engen, aber reißenden Strom hinabgelotst, und bei dieser Gelegenheit erweiterte Kid sein Wissen von Wasser und Booten um ein Bedeutendes. Als sie aber die Ausrüstung tragen sollten, verschwanden Sprague und Stine spurlos, und die beiden Männer schufteten zwei Tage lang wie nie zuvor, um das ganze Gepäck zur neuen Ladestelle zu schaffen. Und dasselbe wiederholte sich ein Mal über das andere. Kid und Kurz arbeiteten bis zur völligen Erschöpfung, während ihre Herren und Meister sich regelmäßig drückten und auch noch Bedienung von ihnen verlangten.

Aber der unerbittliche arktische Winter rückte immer näher, und immer wieder wurden sie von allen möglichen Verzögerungen, die sehr gut zu vermeiden gewesen wären, zurückgehalten. Als sie am »Windigen Arm« waren, nahm Stine eigenmächtig Kid die Ruderpinne aus der Hand, und es dauerte keine Stunde, so war es ihm schon gelungen, das Boot gegen das sturmgepeitschte Felsufer zu fahren, so daß es schwere Schäden erlitt.

Die Reparatur kostete sie zwei Tage. Als sie dann wieder am Morgen abfahren sollten und an den Strand hinunterkamen, sahen sie, daß am Bug und Heck des Bootes mit Holzkohle in großen Buchstaben ein böses Wort geschrieben war: Chechaquo.

Kid amüsierte sich über den boshaften Bootsnamen, der hier so außerordentlich passend erschien.

»Aber hören Sie mal!« sagte Kurz, als Stine ihn beschuldigte, das verbrecherische Wort geschrieben zu haben. »Lesen kann ich freilich und auch zur Not buchstabieren, und ich weiß sogar, daß Chechaquo “Grünschnabel” bedeutet, aber meine Erziehung ist doch noch nicht so weit gediehen, daß ich so ein verfluchtes schweres Wort schreiben könnte.«

Beide Unternehmer sandten Kid durchbohrende Blicke, denn die Beleidigung saß. Und Kid hielt es nicht für nötig, zu erwähnen, daß Kurz ihn letzte Nacht gefragt hatte, wie eben dieses Wort buchstabiert würde.

»Das ist wenigstens ebenso schlimm wie deine Frage nach dem Bärenfleisch«, vertraute Kurz ihm später am Tage an.

Kid lachte. Während er immer wieder neue Fähigkeiten an sich selbst feststellte, gefielen ihm gleichzeitig die beiden Chefs immer weniger. Es war eigentlich nicht so sehr Ärger – den hatte er anfangs empfunden – wie Widerwillen. Er hatte selbst Bärenfleisch gekostet, und es schmeckte ihm herrlich, die beiden aber zeigten ihm, wie man es nie essen durfte. In seinem Herzen dankte er Gott, daß er nicht so geschaffen war wie sie. Er faßte einen Widerwillen gegen sie, der fast an Haß grenzte. Ihre Faulheit reizte ihn aber weniger als ihre hoffnungslose Unfähigkeit. Irgendwo tief in ihm wollte sich die Art des alten Isaac Bellew und all der andern abgehärteten Bellews durchsetzen.

»Du, Kurz«, sagte er eines Tages, als sie wieder wie gewöhnlich die Abfahrt verschoben hatten. »Weißt du, die beiden sind keine Liebhaber von Bärenfleisch. Ich möchte ihnen am liebsten eins mit dem Riemen über den Kopf versetzen und sie in den Fluß schmeißen.«

»Geht mir genauso«, stimmte Kurz ihm bei. »Sie sind keine Fleischesser. Richtige Fischfresser sind sie. Und es ist gar kein Zweifel, daß sie stinken.«

Endlich erreichten sie die Stromschnellen. Zuerst den »Büchsen-Cañon« und dann, einige Meilen weiter abwärts, das »Weiße Roß«. Der Büchsen-Cañon entsprach völlig seinem Namen. Er war eine Büchse, in der man fast steckenblieb, wenn man erst einmal hineingekommen war – eine richtige Falle. Wollte man wieder heraus, so mußte man durch den Boden hindurch. Zu beiden Seiten standen senkrechte Felswände. Der Fluß schrumpfte zu einem Bruchteil seiner bisherigen Breite ein und stürzte brüllend und mit einer so wahnsinnigen Schnelligkeit durch diesen dunklen Schacht, daß das Wasser in der Mitte zu einem Kamm schwoll, der gut acht Fuß höher war als das Wasser an den Felswänden. Und dieser Kamm war wieder von steifen, aufrechten Wellen gekrönt, die sich über ihm kräuselten, aber unveränderlich an ihrem Platze blieben. Dieser Cañon war sehr gefürchtet, denn er hatte seinen Todeszoll von den durchfahrenden Goldsuchern erhoben.

Kid und seine Begleiter legten am oberen Ufer bei, wo sie bereits eine Menge anderer Boote trafen, die dort in Ängsten warteten. Zu Fuß begaben sie sich dann weiter, um die Verhältnisse an Ort und Stelle nachzuprüfen. Sie krochen bis an den Rand des Cañons und blickten in das wirbelnde Wasser hinunter. Sprague zog sich schaudernd zurück.

»Mein Gott!« rief er. »Ein Schwimmer hätte nicht die geringste Chance dort unten.«

Kurz gab Kid einen leisen Stoß mit dem Ellbogen und flüsterte ihm zu: »Er hat schon kalte Füße. Ich halte Dollars gegen Pfeffernüsse, daß sie nicht mitfahren.«

Kid hörte kaum, was er sagte. Von Anfang der Reise an hatte er sich bemüht, die Hartnäckigkeit und unfaßbare Böswilligkeit der Elemente zu erforschen, und der flüchtige Eindruck, den er jetzt gewann, als er dort hinabblickte, erschien ihm als eine Herausforderung.

»Wir müssen auf dem Kamm reiten«, sagte er. »Wenn wir nicht auf ihm hängenbleiben, schleudert die Flut uns gegen die Wände.«

»Und wir werden nie erfahren, was mit uns geschah«, lautete Kurz’ Urteil.

»Kannst du schwimmen, Kid?«

»Wenn es uns dort unten schiefgeht, möchte ich es lieber nicht können.«

»Dasselbe sag’ ich«, erklärte schwermütig ein Fremder, der neben ihnen stand und in den Cañon hinunterstarrte. »Und ich wünschte, ich wäre schon durch.«

»Ich würde meine Chance, durchzukommen, nicht verkaufen«, antwortete Kid.

Er meinte es aufrichtig, sagte es aber eigentlich nur, um dem Mann Mut zu machen. Er schickte sich an, nach dem Boot zurückzukehren.

»Wollen Sie es versuchen?« fragte der Mann.

Kid nickte.

»Ich möchte, ich hätte auch den Mut«, gestand der andere. »Ich bin schon seit einigen Stunden hier. Je länger ich hinuntergucke, um so mehr Angst bekomme ich. Ich habe nie etwas mit Booten zu tun gehabt, und außerdem habe ich nur meinen Neffen, der ein junger Bursche ist, und meine Frau mit. Wenn Sie heil durchgekommen sind, wollen Sie dann auch mein Boot durch den Cañon lotsen?«

Kid sah Kurz an, der mit der Antwort zögerte.

»Er hat seine Frau mit«, sagte Kid, um Eindruck zu machen. Er hatte sich auch nicht in seinem Kameraden geirrt.

»Selbstverständlich«, sagte Kurz. »Ich zögerte eben, weil ich daran dachte. Ich wußte, daß es einen Grund gab, weshalb wir es tun müssen.«

Wieder schickten sie sich an weiterzugehen, aber Sprague und Stine rührten sich nicht vom Fleck.

»Glückliche Fahrt!« rief Sprague Kid nach. »Ich werde… werde…«, er zögerte einen Augenblick, »ich werde hier stehenbleiben und zusehen, wie es Ihnen geht.«

»Wir brauchen drei Mann im Boot, zwei an den Riemen und einen im Ruder«, sagte Kid ruhig.

Sprague warf Stine einen Blick zu.

»Fällt mir nicht im Traum ein«, erklärte dieser Herr. »Wenn Herr Sprague sich nicht fürchtet, hier stehenzubleiben und zuzugucken, tue ich es auch nicht.«

»Wer fürchtet sich?« fragte Sprague erregt.

Stine antwortete ihm im selben Ton, und als ihre Leute sie verließen, zankten sich die beiden Chefs aus Leibeskräften.

»Wir kommen schon ohne sie durch«, sagte Kid zu Kurz. »Du setzt dich vorn mit einem Riemen hin, und ich nehme das Ruder. Alles, was du tun kannst, ist, das Boot geradeaus zu halten. Wenn wir erst losgehen, wirst du nicht mehr hören können, was ich dir sage. Aber du sollst immer nur das Boot gerade voraus halten.«

Sie machten das Boot flott und arbeiteten sich in die Mitte des reißenden Stromes hinaus. Aus dem Cañon ertönte ein Brüllen, das immer stärker wurde. Der Fluß war so glatt wie geschmolzenes Glas, bevor er in die Mündung des Cañons hineingezogen wurde, und Kurz benutzte die Gelegenheit, um einen Priem zu nehmen. Dann steckte er seinen Riemen ins Wasser. Das Boot sprang sofort in die gekräuselten Wellen auf dem Kamm. Der Lärm, der donnernd von den engen hohen Felswänden widerhallte, war so stark, daß sie nichts anderes mehr hören konnten. Sie erstickten fast, so heftig schlugen die fliegenden Schaumspritzer ihnen ins Gesicht. Es gab Augenblicke, da Kid seinen Kameraden vorn im Bug kaum sehen konnte. Die ganze Geschichte dauerte zwar nur zwei Minuten, aber in dieser kurzen Zeit durchsausten sie auf dem Rücken des Wellenkammes eine Strecke von dreiviertel Meilen. Als sie heil hindurchgeschlüpft waren, legten sie das Boot im stillen Wasser hinter dem Cañon bei.

Kurz, der während der Fahrt vergessen hatte zu spucken, entleerte jetzt seinen Mund vom Priemsaft und spie kräftig aus.

»Das nenne ich Bärenfleisch!« rief er begeistert. »Richtiges Bärenfleisch! Weißt du, da fehlte aber nicht viel, nicht wahr, Kid? Im Vertrauen kann ich dir ja ganz ruhig erzählen, daß ich, ehe wir losfuhren, die allerjämmerlichste, lausigste Memme diesseits der Rocky-Mountains war. Aber jetzt hab’ ich Bärenfleisch gegessen. Und jetzt los, jetzt wollen wir das andere Boot durchbringen.«

Auf dem Rückwege zu Fuß trafen sie ihre beiden Unternehmer, die ihre wilde Fahrt von oben beobachtet hatten.

»Da kommen die Fischfresser«, sagte Kurz. »Wollen wir uns nicht lieber in Lee halten?«

Als sie das Boot des Fremden, der Breck hieß, durch den Cañon gelotst hatten, lernten sie auch seine Frau kennen. Es war eine schlanke, mädchenhafte Frau, deren blaue Augen mit Tränen der Dankbarkeit gefüllt waren. Breck selbst versuchte, Kid fünfzig Dollar in die Hand zu stecken, und als es mißlang, wiederholte er den Versuch bei Kurz.

»Fremder«, sagte der, als er das Geld ablehnte, »ich kam hierher, um Gold aus dem Boden zu kratzen, nicht um es meinen Kollegen aus der Tasche zu ziehen.«

Breck suchte in seinem Boot und holte eine Flasche mit Whisky hervor. Kurz streckte schon die Hand aus, um sie zu nehmen, zog sie aber plötzlich wieder zurück. Dabei schüttelte er den Kopf und sagte: »Wir haben noch dieses verdammte “Weiße Roß” vor uns, und man sagt, daß es noch schlimmer ist als die “Büchse”. Ich glaube, es ist besser, wenn ich mir jetzt keinen Affen anschaffe.«

Einige Meilen weiter abwärts liefen sie wieder an den Strand und legten bei. Dann gingen sie alle vier weiter, um sich das gefährliche Gewässer anzusehen. Der Fluß, der hier lauter Stromschnellen bildete, wurde durch ein Felsriff nach rechts gezwungen. Die ganze Wassermasse wurde in einem scharfen Bogen in den engen Durchgang gedrückt, so daß die Strömung furchtbar gesteigert und der Fluß zu mächtigen Wogen gepeitscht wurde, die grimmig ihre weißen Schaumspritzer gegen den Himmel schleuderten. Das war die gefürchtete “Mähne” des “Weißen Rosses”, und hier gab es noch eine reichere Todesernte. Auf der einen Seite der “Mähne” war der Strom fast wie ein Korkenzieher, der teils emporschleuderte, teils hinabzog, auf der andern Seite der “Mähne” befand sich ein großer Wirbel. Um durchzukommen, mußte man folglich auf der “Mähne” selbst bleiben.

»Gegen dieses Aas ist der “Büchsen-Cañon” ja die reine Sonntagsschule«, sagte Kurz schließlich.

Als sie noch dastanden und das Gewässer betrachteten, fuhr ein Boot in die erste Stromschnelle hinein. Es war ein großes Boot, gut dreißig Faden lang, mit mehreren Tonnen Ausrüstung und sechs Mann an Bord. Bevor es die “Mähne” erreichte, tauchte es in die Wellen hinab und wurde dann wieder in die Luft geschleudert. Hin und wieder hüllten Schaum und Spritzer es vollständig ein, so daß es gar nicht mehr zu sehen war.

Kurz warf Kid einen langen Seitenblick zu und sagte: »Es saust tüchtig und hat dabei noch nicht mal die schlimmste Stelle erreicht. Jetzt holen sie die Riemen ein. Und jetzt sind sie mittendrin… Gott im Himmel… das Boot ist ja ganz weg! Nein, da ist es wieder…«

Trotz seiner Größe verschwand das Boot doch zuweilen ganz hinter dem Schaumwirbel der Wellenköpfe. Im nächsten Augenblick war es aber auf der “Mähne”, wurde von einem Wellenkamm hochgeschleudert und dadurch wieder sichtbar.

Zu seiner größten Verwunderung sah Kid den ganzen langen Boden des Bootes mit dem Kiel sich deutlich vom Hintergrund abzeichnen.

Einen Augenblick – den Bruchteil einer Sekunde nur – schwebte das Boot in der Luft, die Männer saßen untätig auf ihren Plätzen, nur der Mann achtern hielt die Ruderpinne umklammert. Dann stürzte es ins Wellental hinab und entschwand für eine Sekunde den Blicken der Zuschauer. Dreimal sprang das Boot in die Höhe, und dreimal vergrub es sich wieder in den Wogen, dann sah man am Ufer, wie es aus der “Mähne” hinausglitt und der Bug in die Wirbel hineingezogen wurde. Der Mann am Steuer versuchte vergebens, es zu verhindern; er warf sein ganzes Gewicht gegen die Ruderpinne, überließ sich dann aber völlig dem Stromwirbel und suchte nur das Boot im Kreis zu halten.

Dreimal lief es im Wirbel herum, jedesmal so nahe an den Felsen, wo Kid und Kurz standen, daß sie ohne Mühe hätten an Bord springen können. Der Rudergast, ein Mann mit einem roten Bart, den er offenbar erst seit kurzem stehen ließ, winkte ihnen mit der Hand zu. Das Boot konnte nur aus dem Wirbel herauskommen, wenn es wieder in die “Mähne” hineingeriet. Bei der letzten Runde geriet es auch wirklich in die “Mähne” hinein, unglücklicherweise aber quer zum oberen Ende. Offenbar aus Angst vor dem furchtbaren Sog des Stromwirbels versäumte es der Steuermann, das Boot wieder auf den richtigen Kurs zu bringen, und als er es endlich versuchte, war es zu spät. Bald oben in der Luft, bald tief in den Wellen begraben, durchquerte das große Boot die “Mähne”, um in den Schlund des Korkenziehers auf der anderen Seite des Kammes eingesogen zu werden. Einige hundert Fuß weiter abwärts begannen Kisten, Schachteln und Warenballen an die Oberfläche zu kommen. Dann tauchten der Kiel des Bootes und die Köpfe der Männer auf. Zweien von ihnen gelang es, im stillen Wasser unten das Ufer zu erreichen. Die anderen wurden hinabgezogen, das ganze Wrackgut wurde von der starken Strömung fortgetragen und entschwand bald den Blicken.

Eine lange Minute schwiegen sie alle. Dann ergriff Kurz als erster das Wort: »Los«, sagte er. »Wir können ebensogut gleich losgehen. Wenn ich noch länger hier stehenbleibe, kriege ich bloß kalte Füße.«

»Das wird eine stürmische Fahrt werden«, grinste Kid.

»Es ist ja nicht deine erste«, lautete die Antwort. Hierauf wandte sich Kurz an die Chefs. »Kommen Sie mit?« fragte er.

Vielleicht war das dumpfe Brüllen des Flusses schuld daran, daß die Einladung überhört wurde.

Kurz und Kid wanderten jetzt durch den fußhohen Schnee zu ihrem Boote zurück, das dort lag, wo die Stromschnellen begannen. Dann stießen sie ab. Zwei Erwägungen schossen Kid dabei durch den Kopf, erstens, daß sein Kamerad ein prachtvoller Kerl war – und natürlich wirkte dieser Umstand auch anspornend auf ihn -, zweitens – und das wirkte ebenfalls als Anreiz -, daß der alte Isaac Bellew und alle andern Bellews ähnliches vollbracht hatten, als sie nach dem Westen wanderten. – Was sie getan haben, kann ich auch tun! Es war das Bärenfleisch, das starke Bärenfleisch, das sie kräftig und hart gemacht hatte, aber er wußte auch – und besser als je -, daß nur Männer, die schon stark waren, Fleisch dieser Art essen konnten.

»Du hältst dich natürlich oben auf der “Mähne”«, rief Kurz ihm zu. Er nahm sich einen Priem, als das Boot in dem stärker werdenden Strom schneller zu gleiten begann und bereits in die erste Schnelle hineinsauste. Kid nickte, warf versuchsweise sein ganzes Gewicht mit voller Kraft gegen die Ruderpinne und hielt das Boot zum Sprung auf die “Mähne” bereit.

Einige Minuten später lagen sie, halb im Wasser begraben, im stillen Wasser unterhalb des »Weißen Rosses« am Ufer. Kurz spie einen Mundvoll Tabaksoße aus und drückte Kid die Hand.

»Bärenfleisch! Bärenfleisch!« sang er dabei. »Wir essen es roh! Wir essen es lebendig!«

Oben trafen sie Breck – seine Frau blieb in einiger Entfernung von ihnen stehen. Kid drückte ihm die Hand.

»Ich fürchte, daß Ihr Boot nicht durchhält«, sagte er. »Es ist kleiner als unseres und kentert leichter.«

Der Mann zog ein Bündel Geldscheine aus der Tasche. »Ich gebe jedem von Ihnen hundert Dollar, wenn Sie es durchs “Roß” bringen.«

Kid warf einen Blick auf die schäumende “Mähne des Weißen Rosses”. Die graue Dämmerung, die hier im Norden lange dauerte, brach schon herein. Es begann kälter zu werden, und die ganze Landschaft bekam allmählich ein wildes und trostloses Aussehen.

»Darum handelt es sich nicht«, sagte Kurz. »Wir wollen Ihr Geld gar nicht. Wollen es nicht anrühren. Aber mein Kamerad weiß mit Booten Bescheid, und wenn er sagt, daß Ihr Boot nicht sicher ist, dann weiß er, was er sagt.«

Kid nickte bestätigend, aber im selben Augenblick fiel sein Blick auf Frau Breck. Ihre Augen waren auf ihn gerichtet, und er fühlte, wenn er je die Augen einer Frau hatte flehen sehen, so jetzt. Kurz folgte seinem Blick und sah dasselbe wie er. Die beiden sahen sich unsicher an, sagten aber kein Wort. Dann nickten sie sich, beide von demselben Gedanken ergriffen, zu und schlugen den Weg ein, der zu den Stromschnellen führte. Sie waren kaum hundert Schritt weit gegangen, als sie Stine und Sprague trafen, die ihnen entgegenkamen.

»Wo gehen Sie hin?« fragte Sprague.

»Wir wollen das andere Boot durch das “Roß” lotsen«, antwortete Kurz.

»Nein, das dürfen Sie nicht! Es fängt an, dunkel zu werden, und Sie müssen das Lager in Ordnung bringen.«

So stark war der Widerwille Kids, daß er kein Wort herausbringen konnte.

»Er hat seine Frau mit«, sagte Kurz.

»Das ist seine Sache«, bemerkte Stine.

»Und ebensosehr Kids und meine«, gab Kurz zurück.

»Ich verbiete es euch«, erklärte Sprague barsch. »Kid, wenn Sie einen Schritt weitergehen, entlasse ich Sie.«

»Und ich Sie, Kurz«, fügte Stine hinzu.

»Da werdet ihr euch was Schönes einbrocken, wenn ihr uns entlaßt«, antwortete Kurz. »Wie, zum Teufel, wollt ihr denn euer Dreckboot nach Dawson bringen? Wer soll euch den Kaffee im Bett servieren und euch die Nägel maniküren? Los, Kid! Sie werden uns nicht entlassen. Außerdem haben wir ja unsere Verträge. Wenn Sie uns entlassen, müssen Sie uns so viel Proviant geben, daß wir durch den Winter kommen.«

Kaum hatten sie das Boot Brecks hinausgeschoben und das erste grobe Wasser erreicht, als die Wellen auch schon die Reling überspülten. Es waren zunächst nur kleine Wellen, aber sie zeigten ernst genug, was kommen würde. Kurz warf einen launigen Blick zurück, während er seinen unvermeidlichen Priem nahm, und Kid fühlte, wie ein warmer Strom durch sein Herz lief, als er diesen Mann betrachtete, der nicht schwimmen konnte und, wenn sie kenterten, keine Chance hatte, sich zu retten.

Die Stromschnellen wurden immer wilder, und der Schaum begann sie zu bespritzen. In der zunehmenden Dämmerung sah Kid die schimmernde “Mähne” und den gewundenen Weg des reißenden Stromes. Er steuerte hinein und empfand eine brennende Befriedigung, als das Boot gerade auf die Mitte der “Mähne” geriet. Dann aber folgten die schäumenden Spritzer, das Boot wurde hoch empor und wieder in die Tiefe geschleudert und vom Wasser begraben, aber von alledem hatte er keinen klaren Eindruck. Er wußte nur, daß er sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Ruderpinne warf und daß er wünschte, sein Onkel wäre dabei und könnte ihn sehen. Dann tauchten sie wieder auf, atemlos, bis auf die Haut durchnäßt, das Boot bis zum Dollbord mit Wasser gefüllt. Die leichteren Gepäckstücke schwammen frei im Boot herum. Kurz holte ein paarmal weit mit dem Riemen aus, und das Boot glitt durch das stille Wasser, bis es unversehrt das Ufer anlief. Auf dem Hang stand Frau Breck – ihr Gebet war erhört, und die Tränen strömten ihr über das Gesicht.

»Es ist einfach eure Pflicht, das Geld zu nehmen!« rief Breck ihnen zu.

Kurz stand auf, stolperte und setzte sich mitten ins Wasser, während das Boot den einen Dollbord in die See tauchte, sich aber gleich wieder aufrichtete.

»Zum Teufel mit dem Geld!« rief er. »Aber geben Sie uns den Whisky. Jetzt fange ich an, kalte Füße zu kriegen, und ich fürchte schon, daß es ein richtiger Schnupfen wird.«

Am nächsten Morgen waren sie, wie gewöhnlich, unter den letzten, die ihr Boot zur Abfahrt brachten. Selbst Breck, der nichts vom Segeln verstand, und nur seine Frau und seinen jungen Neffen zur Hilfe hatte, brach schon beim ersten Tagesgrauen sein Zelt ab, belud sein Boot und segelte ab. Aber Stine und Sprague hatten keine Eile. Sie schienen gar nicht zu erfassen, daß die Seen jeden Augenblick zufrieren konnten. Sie drückten sich, wo sie konnten, standen überall im Wege, verzögerten alles und bekrittelten die Arbeit von Kid und Kurz.

»Ich werde bald meine Achtung vorm lieben Gott verlieren, wenn ich daran denke, daß er diesen beiden Mißverständnissen menschliche Gestalt gegeben hat.« Mit diesen lästerlichen Worten drückte Kurz seine Verachtung aus.

»Nun, dann gehörst du jedenfalls zur richtigen Sorte«, antwortete Kid grinsend. »Um so mehr muß ich Gott achten, wenn ich dich angucke.«

»Na ja, verschiedenes ist ihm schon gelungen«, gab Kurz zurück, um seine Verlegenheit über die Schmeichelei zu verbergen.

Der Wasserweg nach Dawson führte auch durch den Le-Barge-See. Hier war kaum eine reißende Strömung, aber die ganze Strecke von vierzig Meilen mußte man rudern, wenn nicht zufällig ein günstiger Wind wehte. Die Zeit dieser günstigen Winde war jedoch schon vorbei, und eine eisige Kühle aus dem Norden blies ihnen ins Gesicht und schuf eine grobe See, gegen die anzurudern fast unmöglich war. Das Schneegestöber vermehrte noch ihre Schwierigkeiten um ein Beträchtliches. Dazu kam, daß das Wasser auf den Ruderblättern sofort gefror, so daß ein Mann die ganze Zeit reichlich zu tun hatte, um das Eis mit einer Axt loszuschlagen. Wenn Sprague und Stine gezwungen wurden, beim Rudern zu helfen, versuchten sie ganz offensichtlich, sich zu drücken. Kid hatte gelernt, sein Gewicht beim Rudern richtig auszunutzen, aber er bemerkte, daß die Chefs nur so taten, als gebrauchten sie ihre vollen Kräfte, in Wirklichkeit aber die Riemen flach durchs Wasser strichen.

Als drei Stunden vergangen waren, zog Sprague seinen Riemen ein und erklärte, daß sie umkehren müßten, um in der Mündung des Flusses Schutz zu suchen. Stine stellte sich auf seine Seite, und damit war die harte Arbeit, die sie mehrere Meilen vorwärts gebracht hatte, wieder vergebens gewesen. Am zweiten und dritten Tage wurden ähnliche vergebliche Versuche gemacht. In der Mündung des Flusses bildeten die vielen, beständig vom »Weißen Roß« herkommenden Boote eine Flottille von über zweihundert Stück. Mit jedem Tage kamen vierzig oder fünfzig neue an, und nur zwei oder drei erreichten das Nordwestufer des Sees und kehrten nicht wieder zurück.

Das stille Wasser vereiste, und es bildeten sich dünne Eisbänder um die Landzungen herum. Jeden Augenblick konnte man gewärtig sein, daß der See ganz zufror. »Wir könnten es noch schaffen, wenn sie ein bißchen vernünftiger wären«, sagte Kid zu Kurz, als sie ihre Mokassins am Abend des dritten Tages am Feuer trockneten. »Wir würden es sogar heute geschafft haben, wenn sie nicht verlangt hätten, daß wir umkehrten. Nur noch eine Stunde, und wir hätten das andere Ufer erreicht. Sie sind ein paar richtige Wickelkinder.«

»Ja, wahrhaftig«, stimmte Kurz ihm bei.

Er hielt seine Mokassins ans Feuer und überlegte einen Augenblick.

»Hör mal, Kid. Es sind noch mehr als hundert Meilen bis Dawson. Wenn wir hier nicht einfrieren wollen, müssen wir irgend etwas tun. Was meinst du?«

Kid sah ihn an und wartete, daß er fortfahren sollte. »Wir haben allmählich die beiden Wickelkinder gehörig an die Strippe gekriegt«, erklärte Kurz. »Sie können nur Befehle geben und Geld hinausschmeißen, sonst aber sind sie, wie du richtig sagst, die reinen Wickelkinder. Wenn wir wirklich nach Dawson wollen, müssen wir das Kommando hier im Laden übernehmen.«

Sie sahen sich an.

»Gemacht«, sagte Kid und reichte Kurz die Hand, um das Übereinkommen feierlich zu bestätigen.

Früh am nächsten Morgen ließ Kurz, lange ehe es hell geworden war, seine Stimme hören.

»Raus«, brüllte er, »’raus aus dem Bett! Hier ist der Kaffee, ihr Langschläfer! Los! Wir fahren gleich ab.«

Knurrend und murrend krochen Stine und Sprague aus dem Zelt und mußten es sich gefallen lassen, daß sie zwei Stunden früher als je zuvor aufbrachen. Der Wind war noch steifer geworden, und es dauerte nicht lange, so waren alle Gesichter von einer Eiskruste bedeckt, während das Eis die Riemen noch schwerer machte als sonst. Drei Stunden lang kämpften sie sich vorwärts und noch eine vierte dazu. Ein Mann saß am Ruder, ein anderer schlug das Eis von den Riemen, die beiden übrigen lösten einander regelmäßig ab. Die Nordwestküste kam immer näher. Aber der Wind wurde auch immer steifer, und schließlich warf Sprague seinen Riemen in das Boot zum Zeichen, daß er den Kampf aufgab. Kurz griff zu, obgleich er soeben erst abgelöst war.

»Dann hauen Sie wenigstens das Eis ab«, sagte er und reichte Sprague die Axt.

»Aber wozu denn?« wimmerte der andere. »Wir schaffen es ja doch nicht. Wir wollen wieder umkehren.«

»Wir fahren weiter«, sagte Kurz. »Hauen Sie das Eis von den Riemen. Und wenn Sie sich erholt haben, können Sie mich wieder ablösen.«

Es war eine herzzerbrechende Quälerei, aber sie erreichten die Küste – freilich nur, um festzustellen, daß überall Klippen und Felsen waren, so daß sie nirgends landen konnten.

»Das hab’ ich euch ja gesagt«, jammerte Sprague.

»Sie haben das Ufer ja nie gesehen«, antwortete Kurz.

»Wir kehren um.«

Keiner sprach. Kid steuerte das Boot gegen die Wellen, als sie an dem ungastlichen Ufer entlangsegelten. Zuweilen schafften sie mit einem Riemenzug einen Fuß, aber es gab auch Augenblicke, in denen drei oder vier Riemenzüge kaum genügten, das Boot auf derselben Stelle zu halten. Kid tat sein Bestes, um den beiden Schwächlingen Mut einzuflößen. Er erinnerte sie daran, daß die Boote, die erst einmal die Küste erreicht hatten, nie wieder zurückgekehrt waren – also, erklärte er ihnen, hatten sie irgendwo einen Hafen gefunden. Und sie arbeiteten noch eine Stunde und eine zweite.

»Wenn ihr beide nur ein bißchen von dem vielen Kaffee, den ihr in euren Betten getrunken habt, in die Riemen hineinschwitzen würdet, dann schafften wir es schon«, sagte Kurz, um sie anzutreiben. »Aber ihr macht nur die Bewegungen und rudert nicht für einen Heller.«

Einige Minuten später warf Sprague die Riemen hin.

»Ich bin fertig«, sagte er, und ein Schluchzen war in seiner Stimme.

»Das sind wir alle«, antwortete Kid, der selbst schon so erschöpft war, daß er jeden Augenblick hätte weinen oder einen Mord begehen können. »Aber wir arbeiten trotzdem weiter.«

»Wir wollen zurück. Wenden Sie gleich.«

»Kurz, wenn er nicht mehr rudern will, dann nimmst du seinen Riemen«, kommandierte Kid.

»Selbstverständlich«, lautete die Antwort. »Er kann Eis hauen.«

Aber Sprague lehnte es ab, den Riemen abzugeben. Stine hatte aufgehört zu rudern, und das Boot begann schon zurückzutreiben.

»Wendet das Boot!« befahl Sprague.

Und Kid, der noch nie in seinem Leben einen Mann verflucht hatte, wunderte sich über sich selber.

»Zuerst sollst du zur Hölle gehen«, antwortete er. »Nimm den Riemen und rudere los!«

Es gibt Augenblicke, in denen Männer so erschöpft sind, daß sie alle Hemmungen, die die Kultur sie gelehrt hat, abstreifen.

Ein solcher Augenblick war jetzt gekommen.

Alle ohne Ausnahme waren sie jetzt auf dem Punkt angelangt, wo es biegen oder brechen hieß. Sprague zog seinen Fäustling aus, zog den Revolver aus der Tasche und zielte auf den Mann am Steuer.

Das war ein neues Erlebnis für Kid – er hatte noch nie ein Schießeisen auf sich gerichtet gesehen. Und jetzt schien es ihm, zu seinem großen Erstaunen, eine ganz belanglose Angelegenheit. Er fand, daß es etwas ganz Selbstverständliches war.

»Wenn du das Schießeisen nicht sofort weglegst«, sagte er, »nehme ich es dir weg und haue dir damit über die Finger.«

»Wenn Sie das Boot nicht wenden, schieße ich«, drohte Sprague.

Da mischte Kurz sich hinein. Er hörte auf, das Eis abzuschlagen, und stellte sich hinter Sprague.

»Jetzt schieß nur ruhig los«, sagte Kurz und schwang die Axt. »Ich sehne mich direkt nach einer Gelegenheit, dir den Schädel einzuschlagen. Nur los, laß das Festessen sofort beginnen.«

»Das ist ja die reine Meuterei«, begann Stine. »Sie sind angestellt, um unseren Befehlen zu gehorchen.«

Kurz wandte sich zu ihm.

»Na, Sie kriegen auch Ihr Teil, wenn ich erst mit Ihrem Kompagnon fertig bin, Sie kleiner schweineprügelnder Schleicher.«

»Sprague«, sagte Kid, »ich gebe Ihnen genau dreißig Sekunden, um das Schießeisen wegzustecken und den Riemen wieder aufzunehmen.«

Sprague zögerte einen Augenblick, lachte hysterisch auf, steckte den Revolver in die Tasche und begann wieder zu rudern.

Dann erkämpften sie sich abermals zwei Stunden lang, Zoll für Zoll, ihren Weg an den schaumgepeitschten Klippen entlang, bis Kid allmählich zu fürchten begann, daß er eine Dummheit gemacht hatte. Und da, als er schon an die Umkehr dachte, sahen sie unmittelbar vor sich eine enge Öffnung, die kaum zwanzig Fuß breit war und in einen kleinen Hafen führte, wo selbst die stärksten Windstöße kaum die Oberfläche des Wassers kräuselten. Das war der Hafen, den die Boote, die früher abgefahren waren, ohne zurückzukehren, ebenfalls erreicht hatten. Sie landeten an einem allmählich ansteigenden Ufer. Die beiden Chefs blieben ganz erschöpft im Boot liegen, während Kid und Kurz das Zelt aufschlugen, Feuer machten und zu kochen begannen.

»Du, Kurz, was meinst du eigentlich mit dem Ausdruck “schweineprügelnder Schleicher”?« fragte Kid.

»Der Deibel soll mich holen, wenn ich eine Ahnung habe, was es bedeutet«, lautete die Antwort, »aber das ist ja auch ganz schnuppe.«

Der Wind, der schnell wieder abgeflaut war, legte sich bei Anbruch der Nacht völlig, und das Wetter wurde klar und kalt. Eine Tasse Kaffee, die zum Abkühlen beiseite gestellt und vergessen war, fanden sie wenige Sekunden später mit einer Eiskruste überzogen. Als Sprague und Stine sich gegen acht Uhr schon in ihre Decken gewickelt hatten und den Schlaf völliger Erschöpfung schliefen, kam Kid von einem Besuch beim Boot zurück.

»Es friert jetzt, Kurz«, sagte er. »Es liegt schon eine Eisschicht über dem ganzen See.«

»Was willst du tun?«

»Es ist nur eins zu tun. Der See friert natürlich zuerst zu. Die reißende Strömung wird den Fluß jedenfalls noch einige Tage offenhalten. Von heute an muß jedes Boot, das noch im Le-Barge-See ist, bis nächstes Jahr dableiben.«

»Du meinst also, daß wir schon heute nacht abfahren müssen?«

Kid nickte.

»Raus, ihr Langschläfer!« lautete Kurz’ Antwort, die er mit gewaltiger Stimme brüllte, während er schon begann, das Zelt abzubrechen.

Die beiden andern erwachten. Sie stöhnten, teils weil ihre überanstrengten Muskeln schmerzten, teils weil sie so brutal aus dem Schlaf der Erschöpfung herausgerissen wurden.

»Wie spät ist es denn?« fragte Stine.

»Halb neun.«

»Aber es ist ja noch ganz dunkel«, wandte er ein.

Kurz löste die Zeltschnüre, so daß das Zelt zusammenzufallen begann.

»Es ist gar nicht Morgen«, sagte er. »Es ist immer noch Abend. Aber der See friert zu. Wir müssen durch.« – Stine erhob sich. Sein Gesicht zeigte Zorn und Empörung.

»Laß ihn zufrieren. Wir rühren uns nicht vom Fleck.«

»Schön«, erklärte Kurz. »Dann fahren wir eben allein mit dem Boot weiter.«

»Sie sind angestellt…«

»… um Sie nach Dawson zu bringen«, unterbrach ihn Kurz. »Und wir bringen Sie ja auch hin, nicht wahr?«

Er verlieh seiner Frage einen besonderen Nachdruck, indem er das Zelt über ihren Köpfen zusammenstürzen ließ.

Sie bahnten sich den Weg durch das dünne Eis des kleinen Hafens und gelangten in den See hinaus, wo das Wasser, das schon breiig und glasig wurde, am Riemen gefror. Es vereiste immer mehr, so daß die Bewegungen der Riemen behindert wurden, und wenn das Wasser von ihnen herabträufelte, bildeten sich lange Eiszapfen. Dann begann das Eis eine feste Decke zu bilden, und das Boot kam immer langsamer vorwärts.

Später dachte Kid oft an diese Nacht, aber es gelang ihm nie, sich etwas anderes ins Gedächtnis zurückzurufen, als daß sie wie ein Nachtmahr gewesen war. Und er fragte sich unwillkürlich, welch furchtbare Leiden Stine und Sprague bei dieser Gelegenheit hatten durchmachen müssen. Als eines eigenen Erlebnisses erinnerte er sich, wie er sich durch die schneidende Kälte und durch schier unerträgliche Entbehrungen von solchem Ausmaß hindurchgekämpft hatte, daß ihm schien, sie hätten tausend Jahre oder noch länger gedauert.

Als der Morgen kam, saßen sie schon fest. Stine klagte, daß seine Finger erfroren wären, und Sprague tat die Nase weh, während die Schmerzen in Kids Wangen und Nase ihm zeigten, daß es auch ihn getroffen hatte.

Als das Tageslicht allmählich stärker wurde, erweiterte sich ihr Ausblick, und so weit sie überhaupt sehen konnten, war die ganze Oberfläche des Sees zu Eis geworden.

Das offene Wasser war verschwunden. Hundert Meter entfernt lag das Nordufer. Kurz behauptete, daß die Mündung des Flusses dort sein müßte und daß er offenes Wasser sehen könnte. Nur er und Kid waren noch imstande zu arbeiten. Mit ihren Riemen zerschlugen sie das Eis und schoben das Boot durch die so geschaffene schmale Rinne. Mit einer letzten Anspannung aller Kräfte gelang es ihnen, die Mündung des schnell strömenden Flusses zu erreichen.

Als sie sich umblickten, sahen sie mehrere Boote, die sich während der ganzen Nacht weitergekämpft hatten, jetzt aber hilflos und hoffnungslos festsaßen. Dann schwenkten sie um eine Landspitze und wurden von der Strömung erfaßt, die sie mit einer Schnelligkeit von sechs Meilen in der Stunde weitertrug.

Tag für Tag trieben sie den schnell strömenden Fluß hinab, und Tag für Tag rückte das Eisfeld von der Küste her näher. Wenn sie abends lagern wollten, mußten sie zuerst ein großes Loch in das Eis schlagen, in dem sie das Boot die Nacht über liegenlassen konnten, und dann das gesamte Lagergerät mehrere hundert Fuß weit über die Eisfläche bis zum Ufer tragen. Und morgens mußten sie wieder das Eis, das sich inzwischen um das Boot gebildet hatte, zerschlagen, bevor sie die eisfreie Strömung in der Mitte des Flusses erreichen konnten. Kurz stellte den kleinen Blechofen im Boot auf, und Sprague und Stine lungerten dann die endlosen Stunden, die sie den Fluß hinabtrieben, um ihn herum. Die beiden hatten sich völlig in ihr Schicksal ergeben. Sie erteilten keine Befehle mehr, und ihr ganzes Trachten ging nur darauf aus, Dawson zu erreichen. Kurz, pessimistisch und unermüdlich wie immer, grölte heiter mit kurzen Zwischenräumen drei Verszeilen von der ersten Strophe eines alten Liedes, von dem er sich sonst an nichts mehr erinnerte. Je kälter es wurde, um so eifriger und häufiger sang er:

»Wie den alten Argonauten

Kann uns keiner heut verwehren

Auszuziehen, tum – tum – tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Als sie die Mündung der Hootalinqua und des Großen und des Kleinen Lachsflusses passierten, entdeckten sie, daß sich große Mengen Packeis in den Hauptarm des Yukon hineinschoben. Dieses Packeis staute sich um das Boot zusammen und hielt es fest, so daß sie jetzt sogar gezwungen wurden, es jeden Abend aus der vereisten Strömung herauszuschlagen. Auch morgens mußten sie sich dann wieder einen Weg durch das Eis bahnen, um das Boot in die Strömung zu bringen.

Die letzte Nacht am Ufer verbrachten sie zwischen den Mündungen des Weißen Flusses und des Stewarts. Gegen Morgen sahen sie, daß der Yukon in seiner ganzen Breite von fast einer halben Meile wie ein weißes Band zwischen den vereisten Ufern lag. Da verfluchte Kurz das gesamte Weltall mit weniger überströmender Laune als sonst. Dann warf er Kid einen verzweifelten Blick zu.

»Wir werden das letzte Boot sein, das dieses Jahr Dawson erreicht«, sagte Kid.

»Aber es ist ja überhaupt kein Wasser mehr da, Kid.«

»Dann müssen wir eben das Eis zerschlagen und Wasser schaffen. Nur los.«

Sprague und Stine protestierten vergeblich – sie wurden ohne weiteres im Boot verstaut, während Kid und Kurz eine halbe Stunde lang mit den Äxten arbeiteten, um die schnell fließende, aber vereiste Strömung zu erreichen. Als es ihnen gelungen war, das Boot vom Küsteneis frei zu machen, wurde es vom Treibeis der Strömung einige hundert Meter weiter am Rand des Eisfeldes entlanggetrieben. Bei dieser Gelegenheit wurde der eine Dollbord abgerissen und das Boot selbst schwer beschädigt.

Erst unterhalb der Landspitze, auf der sie die Nacht verbracht hatten und die sich weit in den Fluß hinausschob, gelangten sie richtig in die Strömung hinein. Jetzt arbeiteten sie sich immer tiefer in sie hinein. Aber es war schwerer als je, denn die Eissplitter hatten großen Schollen Platz gemacht, und das Treibeis, das es noch dazwischen gab, verwandelte sich schnell in eine feste Fläche.

Mit den Riemen schoben sie die Schollen beiseite, hin und wieder sprangen sie auf das Eis, um das Boot weiterschieben zu können, und als sie in dieser Weise eine Stunde gearbeitet hatten, erreichten sie die Mitte des Flusses. Fünf Minuten, nachdem sie ihre Arbeit beendet hatten, war das Boot eingefroren. Der ganze Fluß wurde im Weiterströmen zu Eis. Die Schollen wurden allmählich zu einer festen Fläche, bis das Boot schließlich mitten in einem Eisblock steckte, der fünfundsiebzig Fuß im Durchmesser maß. Zuweilen trieben sie seitwärts, zuweilen wieder geradeaus; das Boot zerriß durch sein Gewicht die unsichtbaren Fesseln, mit denen die Eismasse, die sich in stetiger Bewegung befand, es festzuhalten suchte, wurde aber immer wieder von noch stärkeren Kräften gebunden. In dieser Weise verlief Stunde auf Stunde, während Kurz den Ofen heizte, die Mahlzeiten zubereitete und seinen Kriegsgesang hinausschmetterte.

Es wurde Nacht. Und nach vielen vergeblichen Bemühungen gaben sie den Versuch auf, das Boot an die Küste zu bringen. Hilflos trieben sie weiter durch die eisige Dunkelheit.

»Und was geschieht, wenn wir an Dawson vorbeitreiben?« fragte Kurz.

»Dann müssen wir eben zu Fuß zurückgehen«, antwortete Kid, »wenn wir nicht vorher das Pech haben, im Packeis zerquetscht zu werden.«

Der Himmel war klar, und beim kalten Schein der Sterne sahen sie hin und wieder flüchtig die Silhouetten der Berge, die zu beiden Seiten in weiter Ferne emporragten. Gegen elf Uhr hörten sie unter sich ein dumpfes Knarren und Brüllen. Ihre Fahrt begann sich zu verlangsamen. Eisschollen stellten sich ihnen in den Weg, schoben sich übereinander, türmten sich auf und rutschten auf sie herab. Das Packeis drohte sie zu zerquetschen; eine Scholle, die nach oben geschoben wurde, zerriß die eine Seite des Bootes. Es versank zwar nicht, denn es wurde von dem Floß getragen, in dem es feststeckte, aber eine Sekunde lang sahen sie das schwarze Wasser kaum einen Fußbreit von der zerschlagenen Seite des Bootes auftauchen. Dann hörte jede Bewegung auf. Nach einer halben Stunde begann die ganze Eisdecke des Flusses sich zu bewegen, und fast eine Stunde lang glitt das Boot dann mit der ganzen Eisfläche weiter den Fluß hinab, bis neues Packeis eine Stockung verursachte. Wieder kam das Boot dann ins Treiben, und diesmal lief die Strömung schnell und wild; man hörte immerfort das Scheuern und Knarren der Schollen und Flöße. Bald darauf entdeckten sie Lichter an Land, und gerade als sie schon daran vorbeilaufen wollten, gaben das Gesetz der Schwere und der Yukon das Spiel auf, und der Fluß legte sich für sechs Monate zur Ruhe. Einige Neugierige, die bei Dawson am Ufer standen, um zu sehen, wie der Fluß zufror, hörten durch die Dunkelheit Kurz’ Schlachtlied:

»Wie den alten Argonauten

Kann uns keiner heut verwehren

Auszuziehen, tum – tum – tum,

Um das Goldne Vlies zu scheren.«

Drei Tage schufteten Kid und Kurz dann wieder, um die anderthalb Tonnen Gepäck von der Mitte des Flusses zu dem Bretterverschlag zu schaffen, den Stine und Sprague auf dem Hügel gemietet hatten, von dem aus man ganz Dawson überblicken konnte. Als die Arbeit beendet war und alle in der warmen Hütte saßen, rief Sprague Kid zu sich. Draußen zeigte das Thermometer fünfundsechzig Grad Fahrenheit unter Null.

»Ihr Monat ist freilich noch nicht ganz um«, sagte Sprague. »Aber hier haben Sie Ihren vollen Monatslohn. Und ich wünsche Ihnen guten Erfolg.«

»Aber wie steht es denn mit unserem Vertrag?« fragte Kid. »Sie wissen ja, daß hier Hungersnot herrscht. Man kann nicht einmal, wenn man seinen eigenen Proviant hat, in den Minen Arbeit bekommen. Sie haben sich ja einverstanden…«

»Ich weiß nichts von einem Vertrag«, unterbrach ihn Sprague. »Du doch auch nicht, Stine?«

»Wir haben Sie für einen Monat engagiert, und hier haben Sie Ihr Geld. Wollen Sie die Quittung unterschreiben oder nicht?«

Kid ballte die Fäuste, und ihm wurde einen Augenblick rot vor Augen. Die beiden wichen erschrocken zurück. Noch nie hatte Kid einen Mann im Zorn geschlagen, aber er fühlte sich so sicher, Sprague niederschlagen zu können, daß es ihm einfach widerstrebte, es zu tun.

Kurz, der die schwierige Lage Kids erkannte, legte sich ins Mittel.

»Schau mal her, Kid, ich arbeite sowieso nicht weiter bei dem schäbigen Gesindel. Jetzt hab’ ich auch mehr als genug und mach’ mich dünne. Du und ich, wir halten zusammen, nicht? Nimm deine Decken und marschier geradewegs in den “Elch”. Ich begleiche nur noch die Rechnung hier. Nehme mir, was mir zusteht, und gebe ihnen, was ihnen gebührt. Auf dem Wasser tauge ich ja nicht viel, aber hier, mit festem Boden unter den Füßen, fühle ich mich eher zu Hause. Jetzt werde ich mal Sturm blasen…«

Eine halbe Stunde später erschien Kurz im “Elch”. Nach seinen blutigen Knöcheln und einer Hautabschürfung auf der rechten Wange zu schließen, hatte er den Herren Sprague und Stine offenbar gegeben, was ihnen gebührte.

»Du hättest nur die Hütte sehen sollen«, grinste er, als sie zusammen an der Bar standen. »Eine Rumpelkammer ist ein Staatssalon dagegen. Ich halte Menschendollars gegen Pfeffernüsse, daß keiner von ihnen sich die nächste Woche auf der Straße zeigen wird. Und jetzt wollen wir mal sehen, wie es für uns beide steht. Lebensmittel kosten anderthalb Dollar das Pfund. Arbeit kriegt man nicht, wenn man sich nicht selbst beköstigen kann. Elchfleisch verkaufen sie für zwei Dollar das Pfund – wenn sie es haben, aber sie haben nichts. Wir haben Geld genug, um uns Munition und Proviant für einen Monat zu kaufen, und dann marschieren wir den Klondike hinauf nach dem Hinterland. Wenn wir da keine Elche finden, bleiben wir einfach bei den Indianern. Aber wenn wir nicht binnen sechs Wochen mindestens fünftausend Pfund Elchfleisch gekriegt haben, dann…ja, dann kehre ich reumütig zu unsern verflossenen Chefs zurück und bitte um gutes Wetter. Einverstanden?«

Kid gab dem Kameraden die Hand. Dann aber kamen ihm Bedenken.

»Ich habe ja keine Ahnung von der Jagd«, sagte er. Kurz hob sein Glas.

»Du bist ein Fleischesser – und ich werde dein Lehrmeister sein.«

* * *

3

Zwei Monate nachdem Alaska-Kid und Kurz auf die Elchjagd gegangen waren, um sich Proviant zu verschaffen, saßen sie wieder in der Kneipe “Zum Elch” in Dawson.

Die Jagd war glücklich beendet, das Fleisch hergeschafft und für zwei und einen halben Dollar das Pfund verkauft worden.

Gemeinsam verfügten sie jetzt über dreitausend Dollar in Goldstaub und über ein gutes Hundegespann. Sie hatten entschieden Glück gehabt. Obgleich der Zustrom von Goldsuchern das Wild hundert Meilen oder mehr in die Berge hineingetrieben hatte, war es ihnen doch schon, als sie die halbe Entfernung zurückgelegt hatten, gelungen, in einer engen Schlucht vier Elche zu erlegen.

Das Geheimnis, wie diese Tiere sich gerade dorthin verirrt hatten, war jedenfalls nicht größer als das Glück, das die beiden Jäger verfolgte. Denn noch ehe der erfolgreiche Tag zu Ende gegangen war, stießen sie auf ein Lager mit einigen ausgehungerten Indianerfamilien, die ihnen berichteten, daß sie seit drei Tagen kein Wild gesehen hätten. Kid und Kurz gaben ihnen Fleisch im Tausch gegen einige halbverhungerte Hunde. Nachdem sie die Tiere dann eine Woche lang tüchtig aufgefüttert hatten, spannten sie sie vor den Schlitten und fuhren das Fleisch auf den sehr aufnahmefähigen Dawsoner Markt.

Jetzt handelte es sich für die beiden Männer darum, ihren Goldstaub in Lebensmittel zu verwandeln.

Der augenblickliche Preis für Mehl und Bohnen betrug anderthalb Dollar das Pfund, aber die Schwierigkeit bestand darin, daß niemand verkaufen wollte. Dawson lag eben in den ersten Wehen einer Hungersnot.

Hunderte von Männern, die Geld, aber keine Lebensmittel besaßen, hatten das Land verlassen müssen. Viele von ihnen waren, solange das Wasser noch offen war, den Fluß hinabgezogen, und noch mehr waren die sechshundert Meilen über das Eis nach Dyea gewandert, obgleich sie kaum Lebensmittel genug für die Wanderung bei sich hatten.

Kid und Kurz trafen sich in der warmen Kneipe. Kid bemerkte gleich, daß sein Kamerad blendender Laune war.

»Das Leben ist wahrhaftig kein Festessen, wenn man nicht wenigstens Whisky und etwas Süßes dazu hat«, lautete Kurz’ Gruß, während er ganze Eisklumpen aus seinem Schnurrbart zog, der langsam aufzutauen begann. Man hörte die Eisklumpen auf den Boden prasseln, wenn er sie wegschleuderte.

»Ich habe eben in diesem heiligen Augenblick achtzehn Pfund Zucker gekauft! Der Esel verlangte nur drei Dollar das Pfund. Und wie ist es dir ergangen?«

»Ich war auch nicht faul«, antwortete Kid stolz. »Ich habe fünfzig Pfund Mehl bekommen. Und am Adamsbach wohnt ein Mann, der hat mir versprochen, mir morgen noch fünfzig Pfund zu geben.«

»Großartig! Wir werden schon durchhalten, bis die Flüsse wieder eisfrei werden. Sag mal, Kid, die Hunde, die wir da gekriegt haben, sind nicht ohne, weißt du! Ein Hundehändler hat mir schon zweihundert Dollar das Stück geboten – er wollte fünf haben. Aber ich habe flott abgelehnt. Sie haben sich ja auch fein herausgemacht, als wir sie mit dem Elchfleisch fütterten. Es ist freilich schon eine tolle Sache, Hunde mit Lebensmitteln zu füttern, die zweieinhalb Dollar das Pfund kosten. Komm, nimm noch ein Glas! Wir müssen wirklich unsere achtzehn Pfund Zucker feiern und einen heben!«

Als er einige Minuten später Goldstaub für die Getränke abwog, fiel ihm etwas ein.

»Donnerwetter, da hatte ich fast vergessen, daß ich noch einen Mann im “Tivoli” treffen soll. Er hat etwas verdorbenen Speck, den er uns für anderthalb Dollar das Pfund ablassen will. Den können wir den Hunden zu fressen geben und damit einen ganzen Dollar pro Tag und Stück sparen.«

»Auf Wiedersehen also«, sagte Kid. »Ich geh’ nach Haus und leg’ mich schlafen.«

Kaum hatte Kurz das Zimmer verlassen, als ein pelzbekleideter Mann durch die doppelte Tür und den Windschutz hereinschlüpfte. Sein Gesicht erhellte sich sichtlich, als er Kid sah. Der erkannte sofort Breck, den Mann, dessen Boot er und Kurz durch den »Büchsen-Cañon« und das »Weiße Roß« gefahren hatten.

»Ich hab’ gehört, daß Sie in der Stadt sind«, sagte Breck hastig, während sie sich die Hände schüttelten. »Ich suche Sie schon eine halbe Stunde. Kommen Sie mit hinaus. Ich möchte gern mit Ihnen sprechen.«

Kid warf dem summenden, rotglühenden Ofen einen sehnsüchtigen Blick zu.

»Geht’s nicht hier?«

»Unmöglich. Ist viel zu wichtig. Kommen Sie mit hinaus.«

Draußen zog Kid sich einen Handschuh aus, zündete ein Streichholz an und sah nach dem Thermometer, das neben der Tür hing. Die Hand schmerzte in der schneidenden Kälte, und er zog den Handschuh schnell wieder an. Über ihren Häuptern stand der flammende Bogen des Nordlichts. Ganz Dawson hallte wider von dem melancholischen Geheul der vielen Tausende von Wolfshunden.

»Wie stand es?« fragte Breck.

»Unter sechzig.« Kid spie versuchsweise aus, und der Speichel knisterte in der eisigen Luft. »Und ich glaube, es wird noch mehr fallen, es fällt ja unaufhörlich. Vor einer Stunde stand es erst auf zweiundfünfzig. Jetzt dürfen Sie mir aber nichts von einem neuen Goldfund erzählen.«

»Aber das ist es ja eben«, flüsterte Breck vorsichtig. Er warf ängstliche Blicke nach allen Seiten, aus Furcht, daß jemand in der Nähe war und lauschte. »Sie kennen doch den Squawbach, nicht wahr? Er mündet drüben in den Yukon, dreißig Meilen weiter aufwärts.«

»Da ist nichts zu machen«, sagte Kid. »Den hat man schon vor vielen Jahren untersucht.«

»Das hat man auch mit all den andern reichen Bächen gemacht. Hören Sie jetzt mal her! Es ist eine Menge Gold da. Und es sind nur zweiundzwanzig Fuß bis zum Felsgrund. Es wird kein Claim geben, das nicht mindestens eine halbe Million wert ist. Es ist noch ein großes Geheimnis. Zwei oder drei von meinen intimsten Freunden haben mich eingeweiht. Ich sagte gleich zu meiner Frau, daß ich Sie aufsuchen wollte, bevor ich losging. Also, bis auf dahin! – Mein Gepäck liegt am Ufer versteckt. Die es mir erzählt haben, nahmen mir das Versprechen ab, erst gegen Abend loszugehen, wenn ganz Dawson schläft. Sie wissen ja selbst, was es heißt, wenn man Sie mit der ganzen Goldgräberausrüstung unterwegs sieht. Holen Sie jetzt Ihren Kameraden und kommen Sie mir nach! Sie werden sicher das vierte oder fünfte Claim neben dem des Finders kriegen können. Vergessen Sie nicht: am Squawbach! Es ist das dritte, wenn Sie am Schwedenbach vorbei sind.«

Als Kid die kleine Hütte auf der Anhöhe hinter Dawson betrat, hörte er das vertraute Schnarchen seines Kameraden.

»Ach, geh zu Bett«, murmelte Kurz, als Kid ihn an der Schulter rüttelte.

»Ich habe keine Nachtwache heute«, knurrte er weiter, als die Hand ihn immer kräftiger schüttelte. »Vertrau deine Sorgen dem Barmixer an.«

»Zieh dich schnell an«, sagte Kid, »wir müssen ein paar Claims abstecken.«

Kurz setzte sich im Bett auf und wollte einige energische Ausdrücke vom Stapel lassen, als ihm Kid die Hand vor den Mund hielt.

»Pst!« warnte Kid. »Es ist eine ganz große Sache. Weck nicht die Nachbarschaft. Dawson schläft noch.«

»Nanu, das wirst du mir erst beweisen müssen. Selbstverständlich erzählt keiner einem was von einem großen Goldfund! Oh, sie machen immer alle ein furchtbares Geheimnis daraus, aber eben deshalb ist es verblüffend, daß sie alle hinlaufen.«

»Es handelt sich um den Squawbach«, flüsterte Kid. »Es ist alles in Ordnung: Breck hat mir den Tip gegeben. Der Bach ist ganz seicht. Von den Graswurzeln abwärts ist alles Gold. Komm jetzt. Wir machen uns ein paar ganz leichte Pakete und türmen dann sofort.«

Kurz schloß wieder die Augen und legte sich ruhig ins Bett zurück. Im nächsten Augenblick hatte Kid ihm die Decken weggerissen.

»Wenn du das Gold nicht haben willst, dann will ich es«, erklärte Kid entrüstet.

Kurz stand auf und begann sich anzuziehen.

»Wollen wir die Hunde mitnehmen?« fragte er.

»Nein, am Bach gibt es sicher keinen festgetretenen Weg, und wir kommen deshalb schneller ohne sie hin.«

»Dann will ich ihnen was zu fressen geben, damit sie nicht hungern, während wir weg sind. Vergiß nicht, etwas Birkenrinde und ein Licht mitzunehmen.«

Kurz öffnete die Tür, spürte die beißende Kälte und zog sich schnell wieder zurück, um die Ohrenklappen festzubinden und die Fäustlinge anzuziehen.

Fünf Minuten später kam er wieder. Er rieb sich mit großer Energie die Nase.

»Du, Kid, ich bin sehr gegen dieses Wettrennen. Es ist kälter heute als die Türangeln der Hölle vor tausend Jahren, ehe das erste Feuer angezündet wurde. Außerdem ist heute Freitag, der Dreizehnte, und wir werden nur Pech haben, so sicher, wie Funken nach oben fliegen.«

Mit kleinen Goldgräberbündeln auf dem Rücken schlossen sie die Tür hinter sich und rutschten den Hügel hinab. Die strahlende Pracht des Nordlichts war schon erloschen – nur die Sterne zitterten in der eisigen Kälte am Himmel, und ihr unsicherer Schein stellte den Füßen der Wanderer Fallen.

Bei einer Wegbiegung strauchelte Kurz in dem tiefen Schnee, und das gab ihm Anlaß, seine Stimme zu erheben und den Tag samt Woche, Monat und Jahr in gutgewählten Worten zu segnen.

»Kannst du denn nicht den Mund halten?« zischelte Kid. »Laß doch den Kalender in Ruhe. Du weckst ja ganz Dawson, so daß sie alle hinter uns herkommen.«

»So, das meinst du? Siehst du das Licht in der Hütte dort? Und in der andern da drüben? Und hörst du die Tür dort knallen? Oh, ganz Dawson schläft, da ist gar kein Zweifel möglich! Die Lichter da? Alles natürlich nur Leute, die ihre toten Tanten begraben! Nichts liegt ihnen ferner, als auf die Goldsuche zu gehen. Ich wette mein Leben, daß sie gar nicht daran denken.«

Als sie den Fuß des Hügels erreichten und mitten in Dawson waren, blitzte Licht in allen Hütten auf, Türen wurden zugeworfen, und hinter sich hörten sie das schlurfende Geräusch vieler Mokassins auf dem hartgetretenen Schnee.

Kurz gab gleich seine Meinung zum besten.

»Aber der Teufel mag wissen, wo plötzlich all die trauernden Verwandten herkommen!«

Sie gingen an einem Mann vorbei, der am Wege stand und mit leiser Stimme vorsichtig rief: »Charley, Charley, mach ein bißchen dalli.«

»Siehst du das Bündel auf seinem Rücken, Kid? Der Friedhof muß verflucht weit weg liegen, daß die Trauernden ihre Bettdecke mitschleppen müssen.«

Als sie die Hauptstraße erreichten, waren mindestens hundert Mann in einer langen Reihe hinter ihnen her, und als sie in dem trügerischen Sternenlicht den Weg zum Fluß hinab suchten, hörten sie, daß noch mehr Leute sich hinten anschlossen. Kurz glitt aus und rutschte den dreißig Fuß hohen Abhang durch den tiefen Schnee hinunter.

Kid folgte ihm freiwillig und warf ihn um, als er gerade wieder aufstand.

»Ich habe den Weg zuerst gefunden«, fauchte Kurz und zog die Handschuhe aus, um den Schnee aus den Stulpen zu schütteln.

Im nächsten Augenblick mußten sie wie die Wilden durch den Schnee kriechen, um nicht mit den vielen, die ihnen folgten, zusammenzustoßen.

Als der Fluß seinerzeit zugefroren war, hatte sich hier Packeis angesammelt, und überall lagen in wilder Verwirrung Eisschollen, die der frische Schnee verbarg.

Als beide mehrmals gestürzt waren und sich tüchtig geschlagen hatten, zog Kid sein Licht hervor und zündete es an. Die Leute hinter ihnen gaben ihren Beifall durch laute Zurufe kund. In der windstillen Luft brannte die Kerze ganz klar, und es war jetzt tatsächlich leichter, den Weg zu finden.

»Es ist wahrhaftig das reine Wettrennen«, stellte Kurz fest. »Oder meinst du vielleicht, daß es lauter Schlafwandler sind?«

»Wir befinden uns jedenfalls an der Spitze der ganzen Kolonne«, antwortete Kid.

»Da bin ich nun nicht ganz so sicher. Vielleicht ist es nur eine Feuerfliege da vorn. Vielleicht sind es lauter Feuerfliegen, die da – und die dort. Guck sie dir nur an! Glaub mir, es ist eine ganze Reihe da vorn.«

Der Weg nach der andern Seite des Yukon führte eine ganze Meile weit über das Packeis, und überall auf dieser ganzen weiten gewundenen Strecke flammten Kerzen auf. Und hinter ihnen flammten noch mehr Lichter den Fluß entlang bis zu den Uferhängen.

»Weißt du, Kid, das ist schon kein Wettrennen mehr, das ist ja wie der Auszug aus Ägypten. Es müssen mindestens tausend vor uns und tausend hinter uns sein. Jetzt solltest du auch mal den guten Rat deines alten Onkels hören! Meine Medizin ist gut. Wenn ich eine Vorahnung bekomme, dann stimmt sie immer. Und meine Vorahnung sagt mir, daß wir bei diesem Wettrennen Pech haben werden. Laß uns ruhig umkehren und weiterpennen.«

»Spar dir lieber deine Puste, wenn du durchhalten willst«, knurrte Kid mürrisch.

»Uha, uha! Meine Beine sind freilich etwas kurz geraten, aber ich schleiche so besonnen mit schlappen Knien, ohne meine Muskeln zu überanstrengen, und ich bin todsicher, daß ich noch jeden Schnelläufer hier überholen kann.«

Und Kid wußte, daß Kurz recht hatte, denn er hatte schon längst die einzig dastehenden Fähigkeiten seines Kameraden im Marschieren kennengelernt.

»Ich habe mich ja auch nur zurückgehalten, um dir eine Chance zu geben«, neckte ihn Kid.

»Und ich laufe hier und trete dir auf die Hacken. Wenn du es nicht besser kannst, muß du mich lieber vorangehen und das Tempo angeben lassen.«

Kid erhöhte die Schnelligkeit und hatte bald den nächsten Haufen der Wettläufer eingeholt.

»Mach jetzt ein bißchen schnell, Kid«, drängte sein Kamerad. »Laß die Toten liegen. Es ist ja kein Leichenbegängnis. Hau die Füße tüchtig in den Schnee, als wären es Pflastersteine.«

Kid zählte acht Männer und zwei Frauen in dieser Gruppe, aber noch ehe sie das Packeis hinter sich hatten, überholten sie schon die zweite Gruppe, die aus zwanzig Männern bestand. Wenige Fuß von dem Westufer schwenkte der Weg nach Süden ab, und das Packeis wurde durch ein glattes Eisfeld ersetzt, das jedoch von frischem, mehrere Fuß hohem Schnee bedeckt war. Durch diesen Schnee lief die Schlittenbahn, ein schmales Band, knapp zwei Fuß breit, wo der Schnee von den vielen Füßen festgestampft war. Zu beiden Seiten dieses Pfades sank man bis zu den Knien oder noch tiefer ein.

Die Wettläufer, die von ihnen überholt wurden, waren nicht sehr geneigt, ihnen Platz zu machen, und Kid und Kurz mußten deshalb stets in den tiefen Schnee hinauswaten und konnten nur unter ungeheuren Anstrengungen vorbeigelangen.

Kurz war ebenso unüberwindlich wie pessimistisch. Wenn die Goldsucher schimpften, weil sie überholt wurden, antwortete er ihnen in derselben Tonart.

»Warum habt ihr es denn so eilig?« fragte einer.

»Warum ihr?« gab er zurück. »Gestern nachmittag ist eine ganze Bande von Goldsuchern vom Indianerfluß gekommen und hat euch den Rahm abgeschöpft. Es gibt keine Claims mehr.«

»Wenn das wahr ist, dann möchte ich wissen, warum ihr es so eilig habt?«

»Wer, wir? Ich suche gar kein Gold. Ich stehe im Dienst der Regierung. Ich bin in amtlichem Auftrag hier. Ich soll am Squawfluß eine Volkszählung abhalten.«

Und als ein anderer ihn mit den Worten begrüßte: »Wo willst du denn hin, Kleiner? Glaubst du wirklich, daß noch Platz für dich im Wagen ist?«, antwortete er: »Für mich? Ich bin doch der Entdecker der Goldminen am Squawbach. Ich habe eben in Dawson meine Mutung eintragen lassen, damit mir kein Chechaquo die Claims wegnimmt.«

Die durchschnittliche Schnelligkeit, die die Wettläufer auf dem glatten Boden erreichten, betrug drei und eine halbe Meile stündlich. Kurz und Kid machten vier und eine halbe, aber sie liefen auch hin und wieder eine kurze Strecke und kamen dann noch schneller vorwärts.

»Ich werde dir schon die Beine ablaufen!« rief Kid herausfordernd.

»Hoho, ich laufe auf den Stummeln weiter und trete dir die Hacken von den Mokassins. Übrigens ist es gar nicht nötig! Ich habe die Sache im Kopf nachgerechnet. Die Claims am Bach messen je fünfhundert Fuß – es kommen also, sagen wir, zehn Stück auf die Meile. Und es sind noch tausend Wettläufer vor uns, und der ganze Bach ist keine hundert Meilen lang. Irgend jemand muß also verlieren, und ich habe eine Ahnung, als ob wir das wären.«

Bevor Kid antwortete, machte er eine große Kraftanstrengung und ließ Kurz ein halbes Dutzend Fuß zurück.

»Wenn du dir deine Puste ein bißchen sparen würdest, könnten wir schon ein paar von den Tausend einholen!« schimpfte er.

»Wer? Ich? Wenn du ein bißchen aus dem Wege gehst, werde ich dir zeigen, was Schnelligkeit heißt.«

Kid lachte und legte sich wieder ins Geschirr. Die ganze Geschichte hatte natürlich ein anderes Aussehen bekommen. Durch den Kopf schoß ihm ein Ausdruck des sonderbaren deutschen Philosophen: »Die Umwertung der Werte…« Eigentlich machte es ihm viel weniger Spaß, ein Vermögen zu gewinnen, als Kurz zu besiegen. Und alles in allem, überlegte er, kam es ja gar nicht auf den Gewinn an, sondern auf das Spiel selbst. Wille und Muskeln, Seele und Säfte mußten in diesem Wettstreit mit Kurz bis zum äußersten angespannt werden, obgleich Kurz ein Mann war, der nie ein Buch geöffnet hatte und eine große Oper nicht von einer Tanzmelodie, ein Epos nicht von einer Frostbeule unterscheiden konnte.

»Kurz, ich werde dir schon geben, was du brauchst! Ich habe seit dem Tage, an dem ich in Dyea ankam, jede einzelne Zelle in meinem Körper neu aufgebaut. Meine Muskeln sind jetzt so zäh wie Peitschenschnüre und so bitter und böse wie der Biß einer Klapperschlange. Vor einigen Monaten hätte ich mich selbst angejauchzt, wenn ich etwas hätte schreiben können, aber damals konnte ich es einfach nicht. Ich mußte es erst erlebt haben, und jetzt, da ich es erlebe, habe ich gar keine Lust, es niederzuschreiben. Ich bin wirklich in jeder Beziehung hart und erprobt. Kein dreckiger Wicht von Gebirgler kann mir etwas bieten, ohne es hundertfach bezahlen zu müssen. Jetzt kannst du ja in Führung gehen, und wenn du genug hast, übernehme ich sie und werde dir eine halbe Stunde lang mehr als genug zu schaffen machen.«

»Donnerwetter!« grinste Kurz lustig. »Und dabei ist er noch nicht einmal trocken hinter den Ohren. Geh mir jetzt aus dem Wege und laß Papa seinem kleinen Jungen zeigen, wie man’s macht.«

Dann lösten sie sich jede halbe Stunde in der Führung ab.

Sie sprachen nicht mehr viel. Die Anstrengung hielt sie warm, obgleich der Atem auf ihren Gesichtern von den Lippen bis zum Kinn zu Eis wurde. So stark war die Kälte, daß sie unaufhörlich ihre Nasen und Wangen mit den Handschuhen reiben mußten. Sobald sie nur für kurze Zeit damit aufhörten, wurde das Fleisch sofort unempfindlich und mußte in der allerenergischsten Weise gerieben werden, damit sie wieder das brennende Prickeln empfanden, das die Rückkehr des normalen Blutumlaufes kennzeichnete.

Oft glaubten sie bereits die Spitze der Prozession erreicht zu haben, aber immer wieder überholten sie neue Goldsucher, die vor ihnen aufgebrochen waren.

Hin und wieder versuchten Gruppen von Männern, sich hinter ihnen zu halten. Sie verloren aber immer wieder den Mut, wenn sie eine oder zwei Meilen gefolgt waren, und verschwanden in der Dunkelheit hinter den beiden.

»Wir sind ja den ganzen Winter unterwegs gewesen«, erklärte Kürz, »und da bilden all diese Esel, die von dem ewigen Herumlungern in ihren Hütten ganz schlapp geworden sind, sich ein, es mit uns aufnehmen zu können. Na, wenn sie von dem richtigen guten alten Sauerteig wären, würde die Sache schon anders aussehen. Denn wenn einer vom alten Sauerteig etwas kann und versteht, dann ist es das Laufen.«

Einmal strich Kid ein Zündholz an und sah nach, wie spät es war. Aber er wiederholte den Versuch nicht, denn der Frost biß seine Hände so niederträchtig, daß es eine halbe Stunde dauerte, bis sie wieder brauchbar waren.

»Es ist jetzt vier Uhr«, sagte er, als er sich den Handschuh wieder anzog, »und wir haben schon an dreihundert überholt.«

»Dreihundertachtunddreißig«, verbesserte Kurz. »Ich habe sie genau gezählt. Geh aus dem Weg, Fremder. Laß Leute an die Spitze, die laufen können.«

Diese Aufforderung richtete er an einen Mann, der nur noch dahintaumelte und ihnen deshalb den Weg versperrte. Dieser und noch einer waren die einzigen völlig ausgepumpten Männer, die sie trafen. Jetzt waren sie fast an der Spitze des Zuges. Sie hörten übrigens erst später von all den Greueln, die sich in dieser Nacht abgespielt hatten. Erschöpfte Männer hatten sich am Rande des Weges zur Ruhe gesetzt, um nie wieder aufzustehen. Sieben starben vor Kälte, während unzählige von den Überlebenden dieses Wettrennens sich nachher in den Hospitälern von Dawson Zehen, Füße und Finger abschneiden lassen mußten. Zufällig war die Nacht, in der das Wettrennen stattfand, die kälteste des ganzen Jahres. Vor Tagesanbruch zeigten die Alkoholthermometer in Dawson eine Temperatur von siebzig Grad Fahrenheit unter Null. Und die Männer, die an dem Rennen teilnahmen, waren mit wenigen Ausnahmen Leute, die erst kürzlich ins Land gekommen waren und deshalb gar nicht wußten, wie man sich in solcher Kälte verhalten sollte.

Den nächsten, der das Rennen aufgegeben hatte, fanden sie einige Minuten später, als ein Streifen des Nordlichts vom Horizont bis zum Zenit wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers aufblitzte. Der Mann saß auf einem Eisblock am Wege.

»Nur immer los, Schwester Mary«, begrüßte Kurz ihn heiter. »Lauf weiter. Wenn du da sitzen bleibst, bist du bald steif wie ein Kirchturm.«

Der Mann gab keine Antwort, und sie blieben stehen, um ihn zu untersuchen.

»Steif wie ein Schürhaken«, lautete Kurz’ Urteil. »Wenn du ihn umstülpst, bricht er mittendurch.«

»Sieh mal nach, ob er noch atmet«, sagte Kid, während er mit entblößten Händen durch den Pelz und die wollene Jacke das Herz suchte.

Kurz schob seine rechte Ohrklappe hoch und legte das Ohr an die vereisten Lippen.

»Keine Spur«, berichtete er.

»Das Herz schlägt auch nicht mehr«, sagte Kid.

Er zog sich wieder die Handschuhe an und schlug die Hand einige Minuten mit der anderen energisch, ehe er sie wieder der Kälte aussetzte, um ein Streichholz anzuzünden. Es war ein alter Mann, und es bestand kein Zweifel, daß er schon tot war. In der Minute, in der ihn das Licht des Zündholzes beleuchtete, sahen sie einen langen grauen, bis zur Nase von Eis überkrusteten Bart. Die Wangen waren weiß wie der Schnee, und die Augen, deren Wimpern voller Eisklumpen hingen, waren zugefroren. Dann erlosch das Streichholz.

»Komm«, sagte Kurz und rieb sich das Ohr. »Wir können dem alten Esel ja doch nicht mehr helfen. Und ich bin überzeugt, daß mein Ohr erfroren ist. Jetzt wird sich die verfluchte Haut abschälen, und es wird eine ganze Woche weh tun.«

Als einige Minuten später wieder ein Lichtstreifen sein zitterndes Feuer über den Himmel warf, erblickten sie zwei Gestalten vielleicht eine Viertelmeile vor sich auf dem Eis.

Sonst war auf eine Meile im Umkreis nichts zu sehen, das sich regte.

»Das sind die Anführer der ganzen Kolonne«, sagte Kid, als es wieder dunkel wurde. »Los, daß wir sie kriegen!«

Als sie noch eine halbe Stunde gegangen waren, ohne sie einzuholen, begann Kurz zu laufen.

»Wenn wir sie auch erreichen, werden wir sie doch nie überholen«, erklärte er. »Donnerwetter, was für ein Tempo! Ich halte Dollars gegen Pfeffernüsse, daß das keine Chechaquos sind. Die sind vom richtigen alten Sauerteig, darauf kannst du dich in die Nase beißen.«

Als sie endlich die beiden erreichten, hatte Kid die Führung, und er freute sich aufrichtig, als er etwas langsamer gehen konnte, um Schritt mit ihnen zu halten. Er hatte gleich den Eindruck, daß die Person, die ihm am nächsten schritt, eine Frau war. Wie er zu dieser Überzeugung kam, konnte er freilich nicht sagen. Eingehüllt in Kopftuch und Pelzwerk, sah die Gestalt aus wie jede andere, aber es war etwas an ihr, das ihm bekannt vorkam, und er konnte dieses Gefühl nicht abschütteln. Er wartete den nächsten Lichtstreifen des Nordlichts ab, und bei diesem Schein sah er, wie klein die Füße waren. Aber er sah noch mehr – nämlich den Gang. Und er war sich gleich darüber klar, daß es der unverkennbare Gang war, von dem er einst festgestellt hatte, daß er ihn nie vergessen würde.

»Die marschiert aber gut«, vertraute Kurz ihm mit heiserem Flüstern an. »Ich wette, sie ist eine Indianerin.«

»Wie geht es Ihnen, Fräulein Gastell?« begrüßte Kid sie.

»Danke, und Ihnen?« antwortete sie und wandte schnell den Kopf, um ihn zu sehen. »Es ist leider noch zu dunkel, um richtig sehen zu können. Wer sind Sie?«

»Alaska-Kid.«

Sie lachte in die kalte Luft hinaus, und ihm schien, daß er noch nie in seinem Leben ein so herrliches Lachen gehört hätte.

»Und sind Sie schon verheiratet und haben all die Kinder bekommen, von denen Sie mir so Interessantes erzählten?« Bevor er antworten konnte, fuhr sie fort: »Wie viele Chechaquos sind noch hinter Ihnen her?«

»Einige Tausend, glaube ich. Wir haben über dreihundert überholt. Und sie verlieren keine Zeit unterwegs.«

»Es ist die alte Geschichte«, sagte sie bitter. »Die Neuankömmlinge belegen die reichen Claims an den Bächen, und die Alten, die gedarbt und gelitten und das ganze Land zu dem gemacht haben, was es ist, bekommen nichts. Die Alten sind es, die diese Goldlager am Squawbach gefunden haben; es ist mir unbegreiflich, wie es durchgesickert ist, und sie hatten den alten Leuten am Löwensee Bescheid gegeben. Aber der liegt zehn Meilen hinter Dawson, und wenn sie kommen, werden sie entdecken, daß der Bach bis zu den Wolken voller Pfähle ist – und alles von diesen Chechaquos. Es ist nicht recht, und es ist nicht schön, daß das Glück so verrückt handelt.«

»Es ist sehr traurig«, sagte Kid, »aber ich will mich hängen lassen, wenn ich ausrechnen kann, was dagegen zu machen ist. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.«

»Ich möchte gern etwas dagegen machen«, rief sie mit flammenden Augen. »Ich sähe am liebsten, wenn sie alle unterwegs erfrören oder ihnen sonst etwas Schreckliches geschähe, jedenfalls bis die Leute vom Löwensee da sind.«

»Sie meinen es offenbar sehr gut mit uns«, lachte Kid.

»So ist es nicht gemeint«, sagte sie schnell. »Aber von den Leuten vom Löwensee kenne ich jeden einzelnen, und ich weiß, daß es Männer sind. Sie haben in den guten alten Tagen in diesem Lande gehungert und haben wie die Titanen geschuftet, um etwas daraus zu machen. Ich habe selbst damals die schweren Tage mit ihnen am Koyokuk erlebt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Und habe mit ihnen die Hungersnot am Birkenbach durchgemacht und die andere Hungersnot bei den “Vierzig Meilen”. Sie sind Helden, die eine Belohnung verdienen, und doch kommen Tausende von Grünschnäbeln hierher, die gar nicht das Recht auf die Felder haben, und sind den Alten um viele Meilen voraus. Und jetzt müssen Sie mir meine lange Tirade verzeihen. Ich will lieber meine Lunge schonen, denn ich weiß ja nicht, ob nicht Sie oder die andern versuchen wollen, Papa und mich zu überholen.«

Für eine Stunde wurden keine Worte mehr zwischen Joy und Kid gewechselt, aber er bemerkte, daß sie und ihr Vater eine Zeitlang leise miteinander sprachen.

»Ich weiß jetzt, wer das ist«, erzählte Kurz Kid. »Es ist der alte Louis Gastell, einer von den Besten unter den “Alten”. Das Mädel muß sein Fohlen sein. Es ist so lange her, daß er ins Land kam, daß keiner sich mehr erinnert, und er brachte das Töchterchen als Wickelkind mit. Er und Beetles sind Kompagnons gewesen; sie hatten den ersten lausig kleinen Dampfer, der bis zum Koyokuk fuhr.«

»Wir wollen doch lieber nicht versuchen, sie zu überholen«, sagte Kid. »Wir sind ja doch an der Spitze der ganzen Prozession; es sind nur noch vier vor uns.«

Kurz erklärte sich einverstanden, und es folgte wieder eine Stunde tiefen Schweigens, während sie unermüdlich weiterliefen.

Gegen sieben wurde die Dunkelheit von einem letzten Aufflackern des Nordlichts erhellt, und sie sahen im Westen eine breite Öffnung in den schneebedeckten Bergen.

»Der Squawbach!« rief Joy aus.

»Wir sind auch tüchtig gelaufen«, antwortete Kurz begeistert. »Meiner Berechnung nach hätten wir erst in einer halben Stunde dasein sollen. Ich muß meine Beine gründlich gebraucht haben.«

An dieser Stelle bog der Weg von Dyea, der an vielen Stellen vom Packeis versperrt wurde, scharf über den Yukon nach dem östlichen Ufer ab. Und hier mußten sie den festgetretenen, allgemein benutzten Weg verlassen, über das Packeis klettern und einer schmalen Fährte folgen, die nur wenig gebraucht war und nach dem Westufer hinüberführte.

Louis Gastell, der an der Spitze ging, strauchelte im Dunkel auf dem glatten Eis. Er setzte sich und hielt seinen Fuß mit beiden Händen. Dann gelang es ihm, wieder auf die Beine zu kommen, aber er blieb zurück, und man sah deutlich, daß er hinkte. Nach einigen Minuten blieb er stehen.

»Es hat keinen Zweck«, sagte er zu seiner Tochter. »Ich habe mir den Fuß verstaucht. Du mußt vorausgehen und für mich und dich je ein Claim abstecken.«

»Können wir nichts dabei machen?« fragte Kid.

Louis Gasteil schüttelte den Kopf.

»Sie kann ebensogut zwei Claims abstecken wie einen. Ich werde langsam ans Ufer kriechen, mir dort ein Feuer machen und einen Verband um den Fuß legen. Es wird schon wieder in Ordnung kommen. Nur los, Joy, nimm für uns die Claims oberhalb des Finderclaims. Es wird reicher nach oben.«

»Hier ist etwas Birkenrinde«, sagte Kid und teilte seinen Vorrat. »Wir werden uns Ihrer Tochter annehmen.«

Louis Gastell lachte barsch.

»Schönen Dank«, sagte er. »Aber sie kann selbst für sich sorgen. Folgen Sie ihr nur und achten Sie darauf, was sie tut…«

»Haben Sie etwas dagegen, daß ich die Führung übernehme?« fragte sie und begab sich an die Spitze. »Ich kenne dieses Land besser als Sie.«

»Übernehmen Sie nur die Führung«, antwortete Kid galant. »Ich bin auch ganz mit Ihnen einig. Es ist eine Schande, daß wir Chechaquos den Alten vom Löwensee zuvorkommen sollen.«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wir können unsere Fährte nicht verlöschen. Sie werden uns nachlaufen wie die Schafe.«

Eine Viertelstunde später bog sie in einem scharfen Winkel nach Westen ab. Kid bemerkte, daß sie jetzt über Schnee liefen, den bisher keiner betreten hatte; aber weder er noch Kurz bemerkten, daß die undeutliche Fährte, der sie bisher gefolgt waren, weiter nach Süden führte. Wenn sie gesehen hätten, was Louis Gastell tat, nachdem sie ihn verlassen hatten, würde sich die Geschichte Klondikes anders gestaltet haben. Denn dann hätten sie festgestellt, daß dieser erfahrene Mann der alten Tage nicht länger sitzen blieb, sondern ihnen, wie ein Spürhund mit der Nase auf der Fährte, nachging. Dann hätten sie auch gesehen, wie er den Weg, der sie nach Westen geführt hatte, deutlicher und breiter stampfte. Und endlich hätten sie auch bemerkt, daß er die alte undeutliche Fährte, die nach Süden ging, verwischte.

Eine Fährte führte den Bach hinauf, aber sie war so undeutlich, daß sie sie in der Dunkelheit immer wieder aus ihrer Sicht verloren. Nach einer Viertelstunde überließ Joy den Männern abwechselnd die Führung und das Bahnen des Weges durch den Schnee. Da sie aber nur langsam vorwärts kommen konnten, gelang es der ganzen Prozession von Läufern, sie einzuholen, und als es gegen neun Uhr hell wurde, sahen sie, so weit ihr Auge reichte, eine ununterbrochene Reihe von Männern. Joys dunkle Augen leuchteten bei diesem Anblick.

»Wie lange ist es her, seit wir den Bach hinaufzugehen begannen?« fragte sie.

»Zwei Stunden«, antwortete Kid.

»Und zwei Stunden zurück machen vier Stunden«, lachte sie. »Die Alten vom Löwensee sind gerettet.«

Ein leiser Verdacht schoß Kid durch den Kopf. Er blieb stehen und blickte sie an.

»Ich verstehe nicht«, sagte er.

»Natürlich nicht. Aber ich will es Ihnen erklären. Hier ist der Norwegenbach. Der Squawbach ist der nächste südlich von ihm.«

Kid war einen Augenblick sprachlos.

»Das haben Sie absichtlich getan?« fragte Kurz.

»Ich tat es, um den Alten eine Chance zu geben.« Sie lachte spöttisch.

Die beiden Männer grinsten sich zu und stimmten ihr schließlich bei.

»Ich würde Sie über mein Knie legen und Ihnen anständige Dresche geben, wenn die Frauen hierzulande nicht so selten wären«, versicherte Kurz.

»Ihr Vater hat sich also nicht den Fuß verstaucht, sondern nur gewartet, bis wir weg waren, um allein weiterzugehen?« fragte Kid. Sie nickte.

»Und Sie waren sein Lockvogel?«

Wieder nickte sie. Und diesmal klang Kids Lachen frei und echt. Es war das unwillkürliche Lachen eines Mannes, der seine Niederlage freimütig einräumt.

»Warum sind Sie uns nicht böse?« fragte sie reumütig. »Oder warum verdreschen Sie mich nicht?«

»Weißt du, Kid, wir können ja ebensogut umkehren«, schlug Kurz vor. »Ich fange an, kalte Füße zu bekommen.«

Kid schüttelte den Kopf.

»Das würde eine Verspätung von vier Stunden bedeuten. Wir sind jetzt, glaube ich, den Bach acht Meilen hinaufgegangen, und soviel ich sehen kann, macht der Norwegenbach einen weiten Bogen nach Süden. Wir wollen ihm ein Stück folgen, dann irgendwo hinuntergehen und den Squawbach oberhalb des Finderclaims erreichen.« Er sah Joy an. »Wollen Sie mit uns kommen? Ich sagte Ihrem Vater ja, daß wir uns um Sie kümmern würden.«

»Ich…«, sie zögerte. »Ich glaube, ich werde es tun, wenn Sie nichts dagegen haben.« Sie sah ihn fest und gerade an, und ihr Gesicht war weder herausfordernd noch spöttisch. »Sie sind schuld daran, Herr Kid, daß ich wirklich bereue, was ich getan habe. Aber einer mußte die Alten retten.«

»Ich habe den Eindruck, daß ein Wettrennen nach dem Golde seinen Hauptwert als sportliche Leistung hat.«

»Und ich habe den Eindruck, daß Sie beide sich glänzend damit abfinden«, fuhr sie fort. Dann fügte sie, mit einer Andeutung von einem Seufzer, hinzu: »Wie schade, daß Sie nicht zu den Alten gehören.«

Sie blieben noch zwei Stunden auf dem gefrorenen Flußbett des Norwegenbaches. Dann bogen sie auf einen schmalen, unebenen Nebenfluß ein, der nach Süden führte. Gegen Mittag überschritten sie die Wasserscheide. Wenn sie zurückblickten, sahen sie die lange Reihe der Wettläufer sich allmählich auflösen.

Hier und da zeigten Rauchsäulen, daß man im Begriff war, ein Lager aufzuschlagen.

Sie selbst hatten noch Schweres durchzumachen. Sie wateten bis zum Leib durch den Schnee und mußten immer wieder nach wenigen Metern haltmachen, um sich auszuruhen. Kurz war der erste, der eine Rast vorschlug.

»Wir sind jetzt über zwölf Stunden unterwegs«, sagte er. »Weißt du, Kid, ich gestehe ohne weiteres, daß ich müde bin. Und das bist du auch, mein Freund. Ich bin so frei zu behaupten, daß ich so zähe an der Fährte hänge wie ein hungriger Indianer, wenn ein großes Stück Bärenfleisch winkt. Aber das arme Mädchen hier kann sich nicht länger auf den Beinen halten, wenn es nichts in den Magen kriegt. Hier ist eben die richtige Stelle, um ein Feuer zu machen. Was meint ihr dazu?«

Sie schlugen das einfache Lager so schnell, geschickt und methodisch auf, das Joy, die sie mit eifersüchtigen Augen betrachtete, sich gestehen mußte, daß selbst die Alten es nicht besser hätten machen können.

Fichtenzweige, die sie auf dem Schnee ausbreiteten und auf die sie eine Decke legten, bildeten eine vorzügliche Unterlage, auf der sie sich ausruhen und ihre Tätigkeit als Köche ausüben konnten. Aber sie hielten sich vorsichtig vom Feuer fern, bis sie sich Nase und Kinn kräftig gerieben hatten.

Kid spie in die Luft, und das Knistern kam so prompt und kräftig, daß er den Kopf schüttelte.

»Ich gebe es auf«, sagte er. »Ich habe noch nie eine solche Kälte erlebt.«

»Einen Winter hatten wir am Koyokuk sechsundachtzig Grad Fahrenheit«, antwortete Joy. »Und jetzt sind es mindestens siebzig oder fünfundsiebzig, und ich weiß, daß ich mir leider die Backen erfroren habe. Sie brennen wie Feuer.«

Auf dem steilen Abhang der Wasserscheide lag kein Eis. Sie nahmen deshalb Schnee, der so fein, hart und kristallinisch wie Puderzucker war, und legten einige Handvoll davon in die Goldpfanne, bis sie Wasser genug hatten, um Kaffee zu kochen. Kid briet Speck und taute die Kekse auf. Kurz nahm sich der Heizung an und sorgte für das Feuer und Joy für das bescheidene Geschirr, das aus zwei Tellern, zwei Tassen, zwei Löffeln, einer Büchse mit gemischtem Pfeffer und Salz und einer andern mit Zucker bestand. Als sie dann aßen, benutzten Joy und Kid denselben Löffel. Sie aßen von demselben Teller und tranken aus derselben Tasse.

Es war schon fast zwei Uhr nachmittags, als sie den Rücken der Wasserscheide hinter sich hatten und einen Nebenfluß des Squawbaches hinabzugehen begannen. Früher im Winter hatte ein Elchjäger eine Fährte durch den Cañon hinterlassen – das heißt, er war beim Hin- und Zurückgehen immer wieder in seine eigenen Fußspuren getreten. Die Folge war, daß man mitten im Schnee eine Reihe von unregelmäßigen Klumpen sah, die durch später gefallenen Schnee halbwegs verdeckt waren. Wenn der Fuß nicht genau den festen Klumpen traf, sank er tief in den weichen losen Schnee, und man konnte das nur schwerlich vermeiden, um so mehr, als der Elchjäger ein ziemlich langbeiniger Herr gewesen zu sein schien. Joy, die jetzt sehr eifrig war, daß die beiden Männer ein paar Claims erhalten sollten, fürchtete, daß sie mit Rücksicht auf sie langsamer gehen würden. Sie verlangte deshalb, die Führung zu behalten. Die Schnelligkeit und die ganze Art, wie sie die schwierige Wanderung durchführte, fand Kurz’ vorbehaltlosen Beifall.

»Guck sie dir mal an«, rief er. »Piekfein ist sie! Das richtige rote Bärenfleisch! Sieh dir mal an, wie die Mokassins sausen. Da gibt’s nichts mit hohen Absätzen, sie gebraucht die Beinchen, wie sie der liebe Herrgott geschaffen hat. Sie ist das richtige Frauchen für einen Bärenfänger.«

Sie warf ihm über die Schulter ein anerkennendes Lächeln zu, das auch Kid umfaßte. Und Kid fühlte zwar die offene Kameradschaft dieses Lächelns, hatte aber dabei doch die bittere Empfindung, daß es nicht nur eine Schicksalsgenossin, sondern auch ein Weib war, das ihm einen Teil dieses Lächelns schenkte.

Als sie das Ufer des Squawbaches erreichten und zurückblickten, sahen sie, wie der Zug der Wettläufer sich in unordentliche Reihen aufgelöst hatte, die im Begriff waren, sich über die Wasserscheide zu arbeiten.

Dann glitten sie den Hang hinab in das Flußbett. Der Bach, der bis zum Grunde gefroren war, hatte eine Breite von zwanzig bis dreißig Fuß und lief zwischen sechs bis acht Fuß hohen Wällen aus angeschwemmtem Lehm. Kein Fußtritt hatte je den Schnee, der auf dem Eis lag, beschmutzt, und sie wußten deshalb, daß sie jetzt oberhalb des Finderclaims und der letzten Pfähle der Leute vom Löwensee waren.

Die Quellen, die den meisten Flüssen Klondikes eigentümlich sind, gefrieren nicht einmal bei der niedrigsten Temperatur. Das Wasser kommt aus den Uferabhängen und bleibt in Pfützen stehen, die durch das Oberflächeneis und durch Schneefälle gegen die schlimmste Kälte geschützt werden. Es kommt deshalb vor, daß ein Mann, der durch tiefen Schnee watet, plötzlich durch eine Eisdecke von einem halben Zoll bricht und bis zu den Knien im Wasser steht. Und wenn er sich dann nicht gleich trockene Strümpfe anziehen kann, muß er binnen fünf Minuten seine Unbesonnenheit mit dem Verlust der Füße büßen.

Obgleich es erst gegen drei Uhr nachmittags war, hatte die graue Dämmerung der Arktis schon eingesetzt. Sie sahen sich nach dem Pfahl um, der ihnen das letzte abgezeichnete Claim kenntlich machen sollte. Joy, eifrig und impulsiv, wie sie war, entdeckte ihn zuerst. Sie eilte zu Kid und rief: »Hier ist jemand gewesen! Sehen Sie nur den Schnee! Schauen Sie schnell nach dem Zeichen… hier ist es. Sehen Sie die Fichte dort!«

Auf einmal versank sie bis zum Gürtel im Schnee. »O Gott, jetzt sitze ich drin«, sagte sie traurig. Dann nahm sie sich zusammen und rief schnell: »Kommen Sie mir nicht nahe, ich werde hier durchwaten.« Schritt für Schritt kämpfte sie sich vorwärts, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, aber es war schwer gewesen, denn immer wieder brach sie durch die dünne Eisdecke, die unter dem trockenen Schnee lag.

Kid wartete es aber nicht ab. Er sprang ans Ufer und holte welke, eingetrocknete Zweige und Reisig, die bei den Frühlingsüberschwemmungen im Busch aufgesammelt worden und hierhergetrieben waren, wo sie jetzt nur auf das Streichholz warteten. Als sie zu ihm kam, stoben schon die ersten Funken und Flammen aus dem brennenden Reisighaufen.

»Setzen Sie sich«, befahl er.

Sie setzte sich gehorsam in den Schnee. Er nahm seinen Rucksack ab und breitete eine Decke vor ihren Füßen aus.

Von oben hörten sie die Stimmen der Wettläufer, die ihnen gefolgt waren.

»Lassen Sie Kurz abstecken«, schlug sie vor.

»Geh, Kurz«, sagte Kid, als er ihre Mokassins, die schon ganz steif waren, in Angriff nahm. »Steck tausend Fuß ab und setz zwei Pfähle hinein. Die Eckpfähle können wir ja später stecken.«

Kid schnitt die Schnürsenkel und das Leder der Mokassins durch. Sie waren schon so steif geworden, daß sie krachend barsten, als er sie zerhackte und zerschnitt. Die Siwashsocken und die dicken wollenen Strümpfe waren feste Hülsen aus Eis. Es war, als ob ihre Füße und Fesseln in Behältern aus Wellblech steckten.

»Wie steht es mit Ihren Füßen?« fragte er.

»Ziemlich unempfindlich. Ich kann die Zehen weder fühlen noch bewegen. Aber es wird schon wieder werden. Das Feuer brennt ja herrlich. Passen Sie auf, daß Ihre eigenen Hände nicht dabei erfrieren. Sie müssen schon unempfindlich geworden sein, danach zu urteilen, wie Sie jetzt herumfummeln.«

Er zog sich die Handschuhe wieder an, und fast eine Minute lang schlug er aus aller Kraft die Hände gegen seine Seiten. Als er das Blut prickeln spürte, zog er die Handschuhe wieder aus und zerrte und riß, schnitt und sägte mit dem Messer an den gefrorenen Bekleidungsgegenständen Joys herum. Endlich kam die weiße Haut des einen Fußes zum Vorschein, dann die des andern, um der eisigen Kälte von siebzig Grad Fahrenheit unter Null ausgesetzt zu werden.

Dann wurden beide Füße mit Schnee gerieben, und zwar mit rücksichtsloser Kraft, bis Joy sich schließlich krümmte und wand und ihre Zehen bewegte, während sie glücklich klagte, daß es wieder weh tat. Halb zog er sie, halb schob sie selbst sich näher an das Feuer heran. Dann legte er ihre Füße auf eine Decke, ganz nahe an die heilbringenden Flammen. »Sie müssen noch eine Weile gut achtgeben«, sagte er.

Jetzt konnte sie auch ohne Gefahr ihre Fäustlinge ausziehen und sich selbst die Füße reiben, und das tat sie mit der Klugheit der Erfahrung, indem sie Sorge trug, daß die Hitze des Feuers nur langsam wirken konnte. Während sie das tat, nahm Kid seine eigenen Hände in Arbeit. Der Schnee schmolz weder, noch wurde er weich. Die feinen Kristalle waren wie ebenso viele Sandkörner.

Nur langsam begann das Stechen und Klopfen des Blutumlaufs in das erfrorene Fleisch zurückzukehren. Dann schürte Kid das Feuer, nahm Joy das leichte Bündel vom Rücken und holte eine ganz neue Garnitur Fußbekleidung heraus.

Kurz kehrte jetzt das Flußbett entlang zurück und kletterte den Uferhang herauf.

»Ich glaube sicher, daß ich gut tausend Fuß abgesteckt habe«, berichtete er. »Nummer siebenundzwanzig und achtundzwanzig, obgleich ich bei Nummer siebenundzwanzig nur den oberen Pfahl eingesteckt hatte, als ich schon den ersten von der ganzen Bande hinter uns traf. Er sagte mir direkt, daß ich Nummer achtundzwanzig nicht abstecken dürfe. Und ich erzählte ihm…«

»Ach ja, was sagten Sie ihm?« rief Joy eifrig.

»Ich erzählte ihm direkt, daß ich, wenn er nicht schleunigst fünfhundert Meter weiter hinaufginge, seine erfrorene Nase so lange bearbeiten würde, bis sie zu Vanilleeis mit Schokoladensoße geworden wäre. Da riß er aus, und ich habe zwei Claims von genau je fünfhundert Fuß abgezeichnet. Er steckte das nächste Claim ab, und ich denke, daß die übrige Rasselbande den ganzen Bach bis zu den Quellen und weiter auf der andern Seite abgesteckt hat. Unsere Claims sind jedenfalls gesichert. Es ist jetzt so dunkel, daß man nichts sehen kann, aber wir können die Eckpflöcke morgen stecken.«

Als sie am nächsten Morgen aufwachten, stellten sie fest, daß das Wetter während der Nacht völlig umgeschlagen war. Es war jetzt so milde, daß Kurz und Kid, während sie noch in ihren gemeinsamen Decken lagen, die Temperatur auf nur zwanzig Grad unter Null einschätzten. Die schlimmste Kälte schien überstanden. Auf ihren Decken lagen die glitzernden Eiskristalle sechs Zoll hoch.

»Guten Morgen! Wie geht es mit Ihren Füßen?« begrüßte Kid Joy Gastell über das Feuer hinweg, als sie den Schnee abschüttelte und sich in ihrem Schlafsack aufrichtete.

Kurz machte ein neues Feuer an und holte Eis vom Bach. Kid bereitete das Frühstück. Als sie die Mahlzeit beendet hatten, war es hell geworden.

»Jetzt kannst du gehen und die Eckpflöcke stecken«, sagte Kurz. »Dort, wo ich vorhin Eis zum Kaffee holte, hab’ ich Kies gesehen, und jetzt werde ich mal – nur so zum Spaß – etwas Wasser machen und eine Pfanne von dem Kies auswaschen.«

Kid entfernte sich mit der Axt in der Hand, um die Pfähle zu stecken. Er begann seinen Rundgang von dem Pfahl von Nummer siebenundzwanzig unterhalb des Flusses und ging dann im rechten Winkel durch das kleine Tal bis zu dessen Rand. Er tat es methodisch, fast automatisch, denn sein Gehirn beschäftigte sich mit Erinnerungen an den vorhergehenden Abend. Er hatte irgendwie das Gefühl, die Herrschaft über die feinen Linien und festen Muskeln dieser Füße und Fesseln errungen zu haben, die er mit Schnee gerieben hatte, und ihm schien, daß diese Herrschaft sich auf die ganze Frau erstreckte. Unklar und doch heftig quälte ihn das Gefühl, daß ihm dies alles gehörte. Es kam ihm vor, als brauchte er nur zu Joy Gastell zu gehen, ihre Hände zu nehmen und ihr zu sagen: »Komm.«

Als er in diesem Zustand herumging, machte er eine Entdeckung, die ihn die Herrschaft über die weißen Füße einer Frau gründlich vergessen ließ. Am Rande des Tales steckte er keinen Eckpfahl ab. Er kam überhaupt gar nicht bis zum Rand des Tales, sondern sah sich statt dessen einem andern Bach gegenüber. Er merkte sich dort eine Wiese, die schon abgesteckt war, und eine große, leicht zu erkennende Fichte. Dann ging er zu der Stelle am Bach zurück, wo die Pfähle standen. Er folgte dem Bachbett, umging die Ebene in einem hufeisenförmigen Bogen und stellte dabei fest, daß es sich nur um einen einzigen Bach, nicht um zwei Wasserläufe handelte. Dann watete er zweimal von einem Ende des Tales bis zum andern durch den tiefen Schnee – das erste Mal ging er von dem unteren Pfahl im Claim siebenundzwanzig aus, das zweite Mal vom oberen Pfahl in Nummer achtundzwanzig und entdeckte dabei, daß der obere Pfahl dieses Claims unterhalb des unteren im ersten Claim stand. In der grauen Dämmerung des gestrigen Abends, als es schon fast dunkel gewesen war, hatte Kurz beide Claims innerhalb des Hufeisens abgezeichnet.

Kid trottete zu dem kleinen Lager zurück. Kurz hatte soeben das Waschen des Kieses in seiner Pfanne beendet und konnte sich nicht länger halten, als er ihn sah:

»Jetzt haben wir’s geschafft!« brüllte er und hielt die Pfanne hoch. »Schau nur her! Eine saubere Portion Gold! Zweihundert Dollar auf den Tisch des Hauses, wenn ich mich nicht irre. Gold hat der Bach also genug schon im Waschkies. Ich habe viele Goldminen in meinem Leben gesehen, aber solche Butter, wie die hier, hatte ich noch nie in der Pfanne.«

Kid warf einen gleichgültigen Blick auf das rohe Gold, goß sich dann eine Tasse Kaffee ein und setzte sich. Joy merkte, daß irgend etwas nicht stimmte, und sah ihn mit fragenden und besorgten Augen an.

Kurz war dagegen tief entrüstet, daß sein Kamerad so gleichgültig schien.

»Warum guckst du nicht her und kommst ganz aus dem Häuschen vor Freude?« fragte er empört. »Wir haben hier ein hübsches kleines Vermögen, wenn du nicht deine edle Nase über Pfannen mit zweihundert Dollar rümpfst.«

Kid nahm einen Schluck Kaffee, bevor er antwortete. »Sag mal, Kurz, warum haben unsere beiden Felder solche Ähnlichkeit mit dem Panamakanal?«

»Was meinst du damit?«

»Nun, die östliche Einfahrt zum Kanal liegt westlich von der westlichen – das ist alles.«

»Red schon weiter«, sagte Kurz. »Ich verstehe den Witz nicht.«

»Um es kurz zu sagen, du hast unsere beiden Felder in einem großen hufeisenförmigen Bogen abgezeichnet…«

Kurz setzte die Pfanne mit dem Gold in den Schnee und stand auf. »Weiter…«, wiederholte er.

»Der obere Pfahl von achtundzwanzig steht zehn Fuß unterhalb dem von siebenundzwanzig.«

»Du meinst, daß wir nichts gekriegt haben, Kid?«

»Schlimmer noch: wir haben zehn Fuß weniger als gar nichts bekommen.«

Kurz lief wie der Blitz zum Ufer hinab. Fünf Minuten später war er schon wieder da. Auf Joys fragenden Blick hin nickte er. Ohne ein Wort zu sagen, ging er zu einem Baumstamm und setzte sich. Dann starrte er in den Schnee vor sich hin.

»Wir können ebensogut das Lager abbrechen und nach Dawson zurückwandern«, sagte Kid und begann die Decken zusammenzulegen.

»Es tut mir leid, Kid«, sagte Joy. »Ich bin ja an allem schuld.«

»Es ist alles gut«, sagte er. »So etwas kann alle Tage passieren, wissen Sie.«

»Es ist meine Schuld, nur meine Schuld«, wiederholte sie hartnäckig. »Aber Papa hat für mich ein Claim beim Finderclaim abgesteckt, wie Sie ja wissen. Ich überlasse Ihnen meinen.«

Er schüttelte den Kopf.

»Kurz?« bat sie.

Kurz schüttelte den Kopf und begann zu lachen. Es war ein ungeheures Gelächter. Das Kichern und Prusten wurde allmählich zu einem Gebrüll, das aus übervollem Herzen kam. »Ich bin nicht etwa hysterisch geworden«, sagte er. »Zuweilen finde ich die ganze Welt so verdammt komisch, und jetzt eben geht es mir so.«

Sein Blick fiel zufällig auf die Pfanne mit dem Gold. Er ging hinüber und gab ihr feierlich einen Fußtritt, daß das ganze Gold in den Schnee flog.

»Es gehört ja nicht uns«, sagte er. »Es gehört dem Idioten, den ich heut nacht fünfhundert Fuß weiter hinaufjagte. Mich ärgert dabei nur, daß es genau vierhundertneunzig Fuß zuviel waren – zu seinen Gunsten! Komm jetzt, Kid! Wir gehen nach Dawson zurück. Und wenn du Lust hast, mich totzuschlagen, kannst du es tun – ich werde keine Hand rühren.«

* * *

4

»Komisch, daß du gar nicht spielst«, sagte Kurz eines Abends im “Elch” zu Kid. »Liegt es dir denn gar nicht im Blut?«

»Natürlich«, antwortete Kid. »Aber ich habe auch die Zahlen im Kopf. Ich will was Reelles für mein Geld haben.«

Der ganze große Schankraum um sie her hallte wider von dem Knattern und Rasseln und Rumpeln der zwölf Roulette, an denen pelzgekleidete Männer in Mokassins ihr Glück versuchten. Kid machte eine Handbewegung, die all diese Leute umfaßte.

»Schau sie dir an«, sagte er. »Die nüchternen Zahlen erzählen mir, daß sie heute nacht mehr verlieren als gewinnen werden und daß die meisten von ihnen in diesem Augenblick im Verlust sitzen.«

»Du bist sicher ein guter Rechner«, murmelte Kurz bewundernd. »Und meistens hast du ja auch recht. Aber es gibt auch so etwas wie Tatsachen! Und es ist eine Tatsache, daß es ganze Glückssträhnen geben kann. Es gibt Augenblicke, in denen jeder Idiot, der nur spielt, gewinnen muß. Das weiß ich, denn ich habe selbst Spiele genug mitgemacht und mehr als einmal erlebt, daß die Bank gesprengt wurde. Die einzige Methode, zu gewinnen, ist, ruhig abzuwarten, bis man eine Vorahnung bekommt, daß jetzt die Glückssträhne angesaust kommt, und sie dann bis zum letzten auszunutzen.«

»Das klingt ja sehr einfach«, sagte Kid kritisch, »so einfach, daß ich gar nicht begreifen kann, wie man überhaupt verlieren kann.«

»Der Fehler ist ja eben«, gab Kurz zu, »daß die meisten Leute ihre Vorahnungen mißverstehen. Es ist natürlich hin und wieder auch geschehen, daß ich mich in meinen Vorahnungen geirrt habe. Man muß eben versuchen, es herauszukriegen.«

Kid schüttelte den Kopf.

»Das ist auch nur eine Art Berechnung, Kurz. Die meisten Männer irren sich aber in ihren Ahnungen.«

»Aber hast du denn nie so ein todsicheres Gefühl gehabt, daß du nur dein Geld hinzulegen brauchtest, um den Gewinn in die Tasche zu stecken?«

Kid lachte.

»Ich bin zu ängstlich, wenn ich an die vielen Prozent Chancen denke, die ich gegen mich habe. Aber ich will dir was sagen, Kurz: Ich werde jetzt einen Dollar auf die “Hohe Karte” setzen und sehen, ob ich so viel gewinne, daß wir einen dafür trinken können.«

Kid wollte sich den Weg zum Pharaotisch bahnen, aber Kurz hielt ihn am Arm zurück.

»Laß mal, du. Ich habe eben eine von meinen Ahnungen. Setz lieber deinen Dollar an dem Roulett.«

Sie gingen zum Roulettisch neben der Bar.

»Warte, bis ich es dir sage«, riet Kurz.

»Welche Nummer?« – »Das mußt du selbst bestimmen. Aber warte, bis ich es dir sage.«

»Du willst doch nicht behaupten, daß ich gerade an diesem Tisch eine besondere Chance hätte?« wandte Kid ein.

»Eine ebenso gute wie am nächsten.«

»Aber jedenfalls keine so gute wie die Bank.«

»Wart ab und sieh«, erklärte Kurz eindringlich. »Jetzt – jetzt los!«

Der Bankhalter hatte soeben die kleine elfenbeinerne Kugel auf ihre wirbelnde Fahrt über den glatten Rand des rollenden Rades mit den vielen Löchern hinausfliegen lassen.

Kid, der am unteren Tischende stand, lehnte sich über einen der Spieler und warf seinen Dollar achtlos auf den Tisch. Er rollte über das glatte grüne Tuch und blieb dann säuberlich in der Mitte von “34” liegen.

Die Kugel hielt an, und der Bankhalter rief: »Vierunddreißig gewinnt.« Er strich das Geld vom Tisch und legte fünfunddreißig Dollar vor Kid hin. Als Kid das Geld in die Tasche steckte, klopfte Kurz ihm auf die Schulter.

»Na, da siehst du, was eine Ahnung bedeutet, Kid! Wie ich es wissen konnte? Das kann ich dir nicht erklären. Ich wußte einfach, daß du gewinnen würdest. Denn, siehst du, wenn dein Dollar auf eine andere Zahl gefallen wäre, dann hätte die gewonnen. Wenn die Ahnung richtig ist, mußt du einfach gewinnen.«

»Aber wenn nun Doppelzero herausgekommen wäre, was dann?« fragte Kid, während sie sich zur Bar begaben.

»Dann wäre dein Dollar auf zwei Nullen liegengeblieben«, antwortete Kurz. »Das ist einfach unvermeidlich. Ahnung ist und bleibt Ahnung. Da kannst du sagen, was du willst – nichts zu machen. Aber komm jetzt wieder an den Tisch. Ich habe eine neue Ahnung bekommen, daß ich jetzt, nachdem ich dir gewinnen half, selbst ein paar Treffer kriege.«

»Spielst du denn nach einem bestimmten System?« fragte Kid zehn Minuten später, als sein Kamerad schon hundert Dollar verloren hatte.

Kurz schüttelte empört den Kopf, während er seine Spielmarken auf “3” und auf “17” legte. Außerdem legte er eine Marke, die er noch übrig hatte, auf Grün.

»Die Hölle ist vollgepfropft mit Idioten, die nach Systemen gespielt haben«, bemerkte er noch, als der Bankhalter das Geld an sich raffte.

Kid, der zuerst nur zugesehen hatte, wurde allmählich ganz bezaubert. Er verfolgte mit dem größten Interesse jede Einzelheit des Spieles von der wirbelnden Kugel bis zur Ein- und Auszahlung der Einsätze. Er selbst spielte nicht mit, sondern begnügte sich mit dem Zusehen. Aber es interessierte ihn so, daß Kurz, der erklärte, jetzt genug vom Spiel bekommen zu haben, ihn kaum vom Tisch wegziehen konnte.

Der Bankhalter gab Kurz den Goldsack wieder, den er als Sicherheit hinterlegt hatte, um mitspielen zu dürfen, und gleichzeitig bekam er einen Schein, worauf stand: Verloren 350 Dollar.

Kurz ging mit dem Sack und dem Schein quer durch den Raum, um beides dem Mann zu geben, der dort hinter einer großen Goldwaage saß. Er wog für dreihundertfünfzig Dollar Goldstaub ab und tat sie in den Goldbehälter des Hauses.

»Diese Ahnung war wohl auch eine von deinen Berechnungen«, spottete Kid.

»Ich mußte doch zu Ende spielen, nicht wahr? Nur um zu sehen, wie es zusammenhing«, gab Kurz zurück. »Und ich denke, ich mußte es auch durchführen, um zu beweisen, daß es so was wie Ahnungen gibt.«

»Macht nichts, Kurz«, lachte Kid. »Ich habe selbst eben so etwas wie eine Ahnung bekommen.«

Kurz’ Augen strahlten, und er rief eifrig: »Was denn, Kid? Dann nur gleich hinein und spiel!«

»Es ist nichts dergleichen, Kurz. Meine Ahnung sagt mir nur, daß ich eines schönen Tages ein System ausarbeiten werde, das den ganzen Tisch da drinnen sprengen wird.«

»System…«, seufzte Kurz. Dann betrachtete er seinen Partner mit tiefem Mitleid. »Kid, höre auf den guten Rat deines Stallbruders und laß alle Systeme schießen. Systeme gehen todsicher zum Teufel. Bei Systemen gibt es keine Ahnungen.«

»Deshalb liebe ich sie ja gerade«, antwortete Kid. »Ein System hat eine ordentliche Basis. Wenn du das richtige System findest, kannst du nie verlieren, und darin liegt der Unterschied zwischen Systemen und Ahnungen. Du weißt nie, wann die richtige Ahnung zum Teufel geht.«

»Aber ich weiß von unzähligen Systemen, die zum Teufel gegangen sind, und ich habe noch nie eins gesehen, das zum Gewinn geführt hat.«

Kurz schwieg einen Augenblick und seufzte tief. »Weißt du, Kid, wenn du anfängst, dich in Systeme zu verlieben, dann ist hier nicht der rechte Platz für dich. Dann ist es wirklich Zeit, daß wir wieder auf die Reise gehen.«

In den folgenden Wochen schienen die beiden Partner entgegengesetzte Ziele zu verfolgen. Kid wollte noch immer die meiste Zeit im “Elch” verbringen, wo er dem Roulettspiel zusah, während Kurz ebenso eifrig verlangte, daß sie auf die Reise gehen sollten. Als Kurz schließlich vorschlug, daß sie zweihundert Meilen weit den Yukon hinab auf die Goldsuche gehen wollten, setzte Kid sich auf die Hinterbeine.

»Siehst du, Kurz«, sagte er. »Ich will nicht gehen. Die Fahrt würde mindestens zehn Tage in Anspruch nehmen, und ich hoffe mein System schon vorher in die Tat umzusetzen. Ich könnte beinahe schon jetzt damit anfangen und gewinnen. Aber warum in aller Welt willst du mich überhaupt in dieser Weise durch das Land schleppen?«

»Kid, ich muß mich ja ein bißchen deiner annehmen«, erwiderte Kurz. »Bei dir geht eine kleine Schraube los. Ich würde dich bis nach Jericho oder nach dem Nordpol schleppen, wenn ich dich nur von dem verdammten Tisch losreißen könnte.«

»Das mag ja alles ganz gut sein, Kurz, aber schließlich bin ich ja verhältnismäßig erwachsen und noch dazu ein guter Fleischesser. Das einzige, was du schleppen sollst, ist das Gold, das ich durch mein System gewinnen werde, und ich glaube, daß du ein Hundegespann brauchen wirst.«

Kurz antwortete nur mit einem Stöhnen.

»Und ich möchte auch nicht, daß du auf eigene Faust spielst«, fuhr Kid fort. »Wir werden den Gewinn teilen, aber ich brauche all unser Geld, um es durchzuführen. Das System ist ja noch nicht ausprobiert, und es ist sehr gut möglich, daß ich einige Verluste haben werde, ehe ich es richtig in Gang kriege.«

Nachdem Kid lange Stunden und Tage mit ständiger Beobachtung des Tisches verbracht hatte, kam schließlich der Abend, an dem er erklärte, daß er bereit sei. Düster und pessimistisch begleitete Kurz seinen Kompagnon in den “Elch”, mit einer Miene, als ginge er zu seinem eigenen Begräbnis. Kid kaufte einen Haufen Spielmarken und setzte sich neben den Bankhalter am Ende des Tisches. Immer wieder machte der Ball seinen sausenden Kreislauf durch das Rad, und die andern Spieler gewannen und verloren, aber Kid wagte noch keine einzige Marke zu setzen. Kurz wurde immer ungeduldiger. »Nur los, Kamerad, nur immer los«, drängte er. »Mach bald Schluß mit dem Begräbnis. Was hast du denn? Kalte Füße gekriegt?«

Kid schüttelte den Kopf und wartete. Ein Dutzend Spiele wurden beendet, dann warf er plötzlich zehn Ein-Dollar-Marken auf “26”. Die Zahl gewann, und der Bankhalter zahlte Kid dreihundertfünfzig Dollar aus. Wieder ging ein Dutzend Spiele vorüber, als Kid endlich zum zweitenmal zehn Dollar, jetzt aber auf “32” setzte. Und wiederum erhielt er dreihundertfünfzig Dollar.

»Das nenne ich eine Ahnung«, flüsterte ihm Kurz laut und aufgeregt ins Ohr. »Nur festhalten, festhalten!«

»Keine Spur von Ahnung«, flüsterte Kid zurück. »Es gehört zum System. Ist es nicht prachtvoll?«

»Das kannst du mir nicht weismachen«, behauptete Kurz. »Ahnungen kommen einem oft auf die merkwürdigsten Arten. Vielleicht glaubst du, daß es ein System ist, aber das ist es nicht. Systeme taugen nie etwas. Das gibt es gar nicht! Es ist todsicher eine Ahnung, daß du so spielst…«

Kid änderte jetzt sein Spiel.

Er setzte etwas öfter, aber stets nur einzelne Marken, warf sie hierhin und dorthin und verlor mehr, als er gewann.

»Hör jetzt lieber auf«, riet ihm Kurz. »Steck ein, was du hast. Du hast dreimal ins Schwarze getroffen und immerhin einen Tausender gewonnen. Du kannst jetzt ruhig aufhören.«

In demselben Augenblick surrte die Kugel wieder durch das Rad, und Kid warf zehn Dollar auf “26”. Die Kugel fiel in das Loch der “26”, und der Bankhalter zahlte Kid dreihundertfünfzig Dollar aus.

»Wenn du also sowieso ganz hirnverbrannt bist und auch noch den großen Treffer deines Lebens bekommen hast, dann setz den Höchstbetrag«, sagte Kurz. »Schmeiß nächstes Mal fünfundzwanzig drauf!«

Eine Viertelstunde verging, in dem Kid teils gewann, teils verlor, aber immer nur kleine Beträge auf verschiedene Zahlen. Da setzte er, mit der Plötzlichkeit, die sein ganzes Spiel kennzeichnete, fünfundzwanzig Dollar auf Doppelzero, und der Bankhalter zahlte ihm achthundertfünfundsiebzig Dollar aus.

»Weck mich doch, Kid, ich träume ja!« stöhnte Kurz.

Kid lächelte, schlug in seinem Notizbuch nach und vertiefte sich in Berechnungen. Immer wieder zog er sein Notizbuch aus der Tasche, und hin und wieder schrieb er Zahlen auf.

Es hatte sich eine ganze Menge von Leuten um den Tisch gesammelt, während die Spieler selbst versuchten, dieselben Zahlen zu belegen wie er. Da änderte er mit einem Schlage wieder seine Taktik. Zehnmal nacheinander setzte er zehn Dollar auf »18« und verlor. Jetzt hätte selbst der Kühnste ihn im Stich gelassen. Da wechselte er wieder die Nummer und gewann zum fünften Male dreihundertfünfzig Dollar. Im selben Augenblick kehrten die anderen Spieler reumütig zu seinen Zahlen zurück, ließen ihn aber wieder allein, als er aufs neue eine Reihe von Verlusten zu verbuchen hatte.

»Laß das Ding jetzt, Kid, laß es«, warnte Kurz. »Selbst die beste Strähne von Ahnungen hat nur eine bestimmte Länge, und deine ist jetzt fertig. Du machst keinen Treffer mehr.«

»Ich werde nur noch einmal ins Schwarze treffen, ehe ich meinen Gewinn zusammenraffe«, antwortete Kid.

Einige Minuten warf er noch Spielmarken mit wechselndem Glück auf verschiedene Zahlen, dann setzte er plötzlich fünfundzwanzig Dollar auf Doppelzero. »Jetzt werde ich Schluß machen«, sagte er zu dem Bankhalter, nachdem er gewonnen hatte.

»Oh, du brauchst es mir nicht zu zeigen«, sagte Kurz, als sie zusammen zur Waage gingen. »Ich habe selbst nachgerechnet. Du mußt so etwa dreitausendsechshundert gewonnen haben. Stimmt es?«

»Dreitausendsechshundertdreißig«, antwortete Kid.

»Und jetzt mußt du den Goldstaub nach Hause tragen. So haben wir es abgemacht.«

»Fordere das Glück nicht heraus«, flehte Kurz am nächsten Abend in der Hütte, als er bemerkte, daß Kid Vorbereitungen traf, wieder in den “Elch” zu gehen. »Du hast gestern eine gewaltig lange Strähne von Ahnungen gehabt, aber du hast sie auch bis zum letzten Tropfen ausgepreßt. Wenn du wieder anfängst, wirst du deinen ganzen Gewinn zusetzen.«

»Aber ich sage dir ja, daß es keine Ahnungen sind, Kurz. Es ist Berechnung. Ein System. Man kann überhaupt nicht verlieren.«

»Zur Hölle mit allen Systemen. So etwas wie ein System kann es gar nicht geben. Ich habe mal siebzehn solche Strähnen in “Schwarz und Rot” gehabt. War es System? Quatsch! Es war blödes, blindes Schwein; aber ich hatte kalte Füße bekommen und wagte nicht, zu Ende zu spielen. Wenn ich durchgehalten und mich nicht nach der dritten Runde zurückgezogen hätte, würde ich mit dem ursprünglichen Einsatz von einem viertel Dollar dreißigtausend Dollar gewonnen haben.«

»Das ist ja auch schnuppe, Kurz. Hier handelt es sich um ein richtiges System.«

»Na, das mußt du mir erst beweisen.«

»Werd’ ich schon. Komm jetzt mit, ich zeig’ es dir heute wieder.«

Als sie den Schankraum des “Elch” betraten, richteten sich alle Augen auf Kid, und die Spieler am Tisch machten ihm Platz, als er sich wie am vorhergehenden Tage neben den Bankhalter setzte. Sein Spiel war indessen heute ganz anders. Im Laufe von anderthalb Stunden setzte er im ganzen nur viermal, aber jedesmal fünfundzwanzig Dollar, und gewann stets. Er steckte dreitausendfünfhundert Dollar ein. Und Kurz trug wieder den Goldstaub nach Hause.

»Jetzt ist es aber Zeit, Schluß mit dem Spaß zu machen«, riet Kurz, als er auf dem Bettrand saß und sich die Mokassins auszog.

»Du hast siebentausend Dollar gewonnen. Der Mann muß verrückt sein, der sein Schicksal noch weiter herausfordert.«

»Lieber Kurz, ein Mann würde ganz und himmelschreiend hirnverbrannt sein, wenn er nicht ein solches System, wie meines ist, ausnützt.«

»Hör mal, Kid. Du bist ein verdammt gescheiter Kerl. Du hast die Universität besucht. Du kannst in einer Minute mehr begreifen als ich in vierzigtausend Jahren. Aber trotzdem bist du mehr als verrückt, wenn du behauptest, daß dein Glück ein System sei. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, und ich kann dir geradeheraus und vertraulich und mit absoluter Sicherheit erklären, daß es kein System gibt, das eine Bank sprengen kann.«

»Aber ich werde es dir beweisen. Es ist einfach eine Schatzkammer.«

»Nein, das ist es nicht, Kid. Es ist nur der Traum von einer Schatzkammer. Ich schlafe einfach. Plötzlich wache ich wieder auf und mache Feuer und Frühstück.«

»Gut, mein ungläubiger Freund, hier ist der Goldstaub. Greif zu!«

Und Kid warf seinem Partner den schweren Beutel mit dem Goldstaub aufs Knie. Er wog fünfunddreißig Pfund, und Kurz mußte zugeben, daß er es spürte, als der Beutel sein Bein traf.

»Hm, ich habe freilich einige verdammt lebendige Träume in meinem Leben gehabt. Im Traum ist alles möglich. Im wirklichen Leben sind Systeme nicht möglich. Nun, ich bin ja nie auf der Universität gewesen, aber trotzdem habe ich vollkommen recht, wenn ich diese Spielorgie als einen Traum betrachte.«

»Hamiltons Gesetz der Kargheit«, lachte Kid.

»Ich habe nie was von dem Herrn gehört, aber sein Mittel wird schon das richtige sein. Ich träume, Kid, und du schleichst in meinem Traum herum und quälst mich mit Systemen. Wenn du mich, gern hast, wenn du mich wirklich im Ernst gern hast, dann brüllst du jetzt: Wach auf, Kurz… und dann werde ich wach werden und das Frühstück machen.«

Als Kid am dritten Spielabend seinen Einsatz auf den Tisch legte, schob der Bankhalter ihm fünfzehn Dollar zurück.

»Mehr als zehn dürfen Sie nicht mehr setzen«, sagte er. »Die Höchstgrenze ist herabgesetzt worden.«

»Wollt ihr nur Kleingeld haben?« spottete Kurz.

»Wir zwingen niemand, an diesem Tisch zu spielen, wenn er keine Lust hat«, antwortete der Bankhalter. »Und ich sage Ihnen offen und ehrlich, daß es uns lieber wäre, Ihr Partner würde nicht an unserm Tisch spielen.«

»Furcht vor seinem System, was?« neckte Kurz den Bankhalter, als er Kid dreihundertfünfzig Dollar auszahlte.

»Ich will nicht sagen, daß ich an Systeme glaube, das tue ich nicht. Es hat noch kein System gegeben, das die Bank eines Rouletts oder eines Spiels von der Art gesprengt hätte. Aber ich habe auch manchmal seltsame Glückssträhnen gesehen. Und ich will diese Bank nicht sprengen lassen, solange ich es verhindern kann.«

»Kalte Füße?«

»Bankhalten ist ein Geschäft genau wie jedes andere, mein Freund. Wir sind keine Philanthropen.«

Abend für Abend gewann Kid. Seine Spieltaktik wechselte beständig.

Die Sachverständigen drängten sich um den Tisch, und einer nach dem andern notierte sich seine Einsätze und Nummern und versuchte vergebens, hinter sein System zu kommen. Sie mußten gestehen, daß sie nicht imstande waren, den Schlüssel zu dem Geheimnis zu finden. Sie schworen, daß es nur Glück wäre… wenn auch freilich das ungeheuerlichste Glück, das sie je gesehen hätten.

Es war der Wechsel in Kids Methoden, der sie verwirrte. Zuweilen schlug er in seinem Notizbuch nach oder vertiefte sich in lange Berechnungen, und dann konnte eine ganze Stunde vergehen, ohne daß er einen einzigen Einsatz wagte. Dann wieder konnte er drei Spiele mit Höchsteinsätzen nacheinander gewinnen und im Laufe von fünf oder zehn Minuten tausend Dollar oder mehr einstecken. Und hin und wieder geschah es auch, daß seine Taktik einfach darin bestand, einzelne Spielmarken in verblüffender Verschwendung über den Tisch auszustreuen. Das konnte dann zehn Minuten bis eine halbe Stunde anhalten – und dann warf er plötzlich, wenn die Kugel nur noch wenige Runden übrig hatte, den Höchsteinsatz auf Reihe, Farbe und Zahl und gewann alle drei. Einmal geschah es sogar, daß er vierzig Spiele nacheinander zum Höchsteinsatz verlor, so daß er eine allgemeine Verwirrung in den Köpfen all derer anrichtete, die sich bemühten, sein System zu durchschauen.

Aber so scheinbar regellos er auch spielte, trug Kurz doch jeden Abend dreitausendfünfhundert Dollar nach Hause.

»Es ist kein System«, erklärte Kurz bei einer ihrer Diskussionen während des Ausziehens. »Ich passe auf wie ein Schießhund; aber es ist mir nicht möglich, die Sache herauszufinden. Du spielst nie dasselbe Spiel zweimal. Du steckst nur den Gewinn ein, wenn du Lust dazu hast. Und wenn du nicht willst, tust du es absichtlich nicht.«

»Vielleicht bist du jetzt der Lösung näher, als du denkst, Kurz. Manchmal muß ich eben auf Nummern setzen, die verlieren. Es gehört mit zum System.«

»System – geh zur Hölle damit! Ich habe mich mit jedem erfahrenen Spieler in der ganzen Stadt unterhalten. Und sie sind sich alle wie ein Mann einig, daß es so was wie ein System nicht gibt.«

»Und dabei tue ich doch nichts anderes, als es ihnen zeigen.«

»Schau mal her, Kid.« Kurz beugte sich über die Kerze, um sie auszublasen, zögerte aber einen Augenblick. »Ich bin wirklich ärgerlich. Vielleicht denkst du, das hier sei eine Kerze… aber das ist es nicht. Und ich bin auch nicht ich. Ich wandere irgendwo herum, liege, in meine Decken gehüllt, auf dem Rücken und träume mit offenem Munde alles, was hier geschieht. Du bist es gar nicht, der zu mir spricht, sowenig wie die Kerze hier eine richtige Kerze ist.«

»Das ist aber doch komisch, daß ich genau dasselbe träume wie du«, behauptete Kid.

»Gar nichts ist komisch. Du bist ja ein Teil von meinem Traum, das ist die ganze Geschichte. Ich habe viele Männer im Schlaf reden hören. Und ich möchte dir etwas sagen, Kid: Ich beginne blöd und verrückt zu werden. Wenn dieser Traum noch lange andauert, werde ich mir zum Schluß die Adern aufbeißen und laut heulen.«

Am sechsten Spielabend wurde der Höchsteinsatz im “Elch” auf fünf Dollar herabgesetzt.

»Meinetwegen!« versicherte Kid dem Bankhalter. »Ich will heute abend wie immer dreitausendfünfhundert Dollar gewinnen, und Sie zwingen mich nur, etwas länger zu spielen. Ich muß nur auf doppelt so viele Gewinnummern halten wie sonst – das ist alles.«

»Warum können Sie nicht ebensogut einen andern Tisch unsicher machen?« fragte der Bankhalter ärgerlich.

»Weil mir dieser besonders sympathisch ist!« Kid warf einen Blick auf den prasselnden Ofen, der nur einige Schritte von ihm entfernt stand. »Außerdem zieht es hier nicht. Es ist so schön warm und behaglich hier.«

Als Kurz am neunten Abend den Goldstaub nach Hause getragen hatte, bekam er einen Anfall.

»Ich bin fertig, Kid, durch und durch fertig«, begann er. »Ich weiß, wann ich genug bekommen habe. Ich träume tatsächlich nicht! Ich laufe vollständig wach und mit weit offenen Augen herum. Es gibt kein System, und doch hast du eins. Die ganze Rechenkunst kann sich zu Bett legen. Der Kalender kann sich begraben lassen, mit oder ohne Predigt. Die ganze Welt ist verrückt geworden. Es gibt nichts mehr, das Regel und Einheitlichkeit heißt. Das große Einmaleins kann dahin gehen, wo der Pfeffer wächst. Zwei ist acht, und acht ist elf, und zweimal zwei ist achthundertsechsundvierzig, und… noch eineinhalb dazu. – Eins ist das andere, und nichts ist alles, und zweimal alles ist Hautcreme, Milchfieber und ausgestopfte Kattunpferde. Du hast ein System gefunden! Mit deinen Zahlen schlägst du alle andern Zahlen. Was nicht ist, ist doch, und wenn es nicht ist, muß es sein. Die Sonne geht im Westen auf, der Mond ist eine Goldader, die Sterne sind aus Rindfleisch gemacht. Skorbut ist ein Segen Gottes, wer stirbt, spukt; die Berge schwimmen, Wasser ist Gas, und ich bin nicht ich, und du bist irgend jemand anders als du, und vielleicht sind wir überhaupt Zwillinge, wenn wir nicht Bratkartoffeln in spinatgrüner Soße sind! – Weck mich auf, lieber Freund, weck mich, wer will! Wenn ich nur wach werde!«

Am nächsten Morgen kam Besuch in die Hütte. Kid kannte den Herrn – es war Harvey Moran, der Inhaber aller Spieltische im “Tivoli”. Es lag etwas wie eine Bitte in seiner tiefen, barschen Stimme, als er auf das Geschäftliche zu sprechen kam.

»Die Sache ist die, Kid«, begann er. »Sie haben uns alle aus dem Häuschen gebracht. Ich vertrete neun andere Spieltischbesitzer, also alle Konzessionsinhaber hier in der Stadt. Wir begreifen es einfach nicht. Wir wissen alle, daß es nie ein System gegeben hat, das etwas gegen das Roulett ausrichten konnte. Alle mathematischen Sachverständigen an den Universitäten haben dasselbe gesagt. Sie sagten, daß das Roulett an sich ein System sei, das einzige System, das es von dieser Art gibt, und deshalb könne es von keinem andern System geschlagen werden, denn das würde bedeuten, daß die Algebra zum Teufel gegangen wäre.«

Kurz nickte energisch mit dem Kopf.

»Wenn ein System ein anderes System schlagen könnte, dann gäbe es gar nicht so was wie ein System«, fuhr der Roulettbesitzer fort. »Dann wäre alles möglich… eine Sache könnte gleichzeitig an zwei Stellen sein, oder zwei Sachen könnten an einer Stelle sein, die eigentlich nur für eine Platz hat.«

»Nun gut…«, antwortete Kid überlegen. »Sie haben ja mein Spiel gesehen, und wenn Sie denken, daß es nur eine Glückssträhne ist, dann verstehe ich nicht, warum Sie sich den Kopf darüber zerbrechen.«

»Das ist ja eben das Verfluchte. Wir können nicht anders, als über die Sache nachdenken. Es ist offenbar ein System, das Sie gefunden haben, und doch wissen wir, daß es kein System gibt. Jetzt habe ich Sie fünf Abende lange beobachtet, und alles, was ich herausgekriegt habe, ist, daß Sie einige Nummern vorziehen und daß Sie immer gewinnen. Jetzt haben wir zehn Inhaber uns zusammengetan und wollen Ihnen in aller Freundschaft einen Vorschlag machen. Wir wollen ein Roulett in dem Hinterraum des “Elch” aufstellen, und dann halten wir die Bank gegen Sie, und Sie sprengen unsere Bank. Es wird ganz privatim und vertraulich sein. Nur Sie, Kurz und wir. Was sagen Sie dazu?«

»Ich finde das reichlich umständlich«, antwortete Kid. »Sie können kommen und sehen, wie ich es mache. Ich werde heute abend im Schankraum des “Elch” spielen. Sie können ja dort ebensogut beobachten wie anderswo.«

Als Kid am Abend seinen Platz am Tisch einnahm, hörte der Bankhalter auf zu spielen. »Das Spiel ist geschlossen«, sagte er. »Auftrag des Chefs.«

Die versammelten Spieltischbesitzer ließen sich aber nicht so abweisen. Im Laufe weniger Minuten hatten sie eine Bank auf die Beine gestellt. Jeder schoß tausend Dollar ein, und dann übernahmen sie den Tisch.

»Jetzt versuchen Sie mal die Bank zu sprengen«, sagte Harvey Moran herausfordernd, als der Bankhalter die Kugel auf ihre erste Rundfahrt sandte.

»Räumen Sie mir einen Höchsteinsatz von fünfundzwanzig Dollar ein!« schlug Kid vor.

»Selbstverständlich – nur los!«

Kid setzte sofort fünfundzwanzig Dollar auf Doppelzero und gewann.

Moran wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Immer herein in die gute Stube«, sagte er. »Wir haben zehntausend in die Bank gesteckt.«

Nach anderthalb Stunden gehörten die zehntausend Dollar Kid.

»Die Bank ist gesprengt«, teilte der Bankhalter mit.

»Haben Sie jetzt genug davon?« fragte Kid.

Die Spieltischbesitzer sahen sich an. Sie hatten tatsächlich Respekt bekommen; sie, die wohlgenährten Schützlinge der Gesetze des Zufalls, waren endlich einmal klein geworden. Sie hatten einen Gegner gefunden, der entweder mit diesen Gesetzen in besserer Verbindung stand als sie oder höhere und bisher unbekannte Gesetze angerufen hatte.

»Wir geben es auf!« sagte Moran. »Bist du einverstanden, Burke?«

Der dicke Burke, dem die Spieltische in der Kneipe von M. u. G. gehörten, nickte.

»Das Unmögliche ist Tatsache geworden«, sagte er. »Dieser Kid hat ein richtiges System erfunden. Wenn wir ihn weitermachen lassen, plündert er uns alle aus. Wenn wir überhaupt unsere Tische in Betrieb halten wollen, sehe ich keinen anderen Ausweg, als daß wir die Höchstgrenze der Einsätze auf einen Dollar oder auf zehn Cent oder gar auf einen Cent herabsetzen. Bei den Sätzen kann er an einem Abend nicht viel gewinnen.«

Alle sahen Kid erwartungsvoll an. Er zuckte die Achseln.

»In diesem Falle würde ich eine ganze Bande von Leuten anstellen, um an Ihren Tischen zu spielen. Ich kann ihnen zehn Dollar für vier Stunden zahlen und noch gut dabei verdienen.«

»Dann müssen wir einfach unsere Läden zumachen«, antwortete der dicke Burke. »Wenn Sie nicht…«, er zögerte und ließ seine Augen über die Gesichter seiner Kollegen schweifen, um festzustellen, ob sie mit ihm einig wären, »wenn Sie nicht bereit sein sollten, die Sache von einem rein geschäftlichen Standpunkt aus zu betrachten. Zu welchem Preis wollen Sie Ihr System verkaufen?«

»Für dreißigtausend«, antwortete Kid. »Das macht nur dreitausend Dollar für jeden.«

Sie besprachen seinen Vorschlag miteinander und nickten dann zustimmend.

»Und Sie werden uns Ihr System verraten?«

»Selbstverständlich.«

»Und Sie werden uns versprechen, in Dawson nicht mehr Roulett zu spielen?«

»Fällt mir gar nicht ein«, erklärte Kid bestimmt. »Aber ich will versprechen, nicht mehr nach diesem System zu spielen.«

»Gott bewahre«, rief Moran entsetzt. »Sie haben also noch andere Systeme erfunden?«

»Einen Augenblick«, rief Kurz. »Ich muß mit meinem Partner sprechen. Komm mal, Kid… gehen wir ein bißchen abseits.«

Kid folgte ihm in eine ruhige Ecke der Schankstube, während Hunderte von neugierigen Blicken ihn und Kurz betrachteten.

»Hör mal, Kid…«, flüsterte Kurz mit seiner heiseren Stimme, »vielleicht ist es doch kein Traum. Und in dem Falle würdest du wahnsinnig sein, es so billig zu verkaufen. Du hast die Kerle jetzt da, wo du sie haben wolltest. Es stecken Millionen in dieser Sache. Aber quetsch’ sie bis aufs Blut, bis aufs Blut, Kid!«

»Aber wenn es doch nur ein Traum wäre?« fragte Kid freundlich.

»Dann mußt du um des Traumes und des heiligen Michaels willen eine tüchtige Menge Pinke aus den verfluchten Spieltischbesitzern herausquetschen. Was, zum Deibel, hilft dir alles Träumen, wenn du dich nicht zu dem richtigen, wirklichen, todsicheren, endgültigen Schluß durchträumen kannst?«

»Gott sei Dank ist es kein Traum, Kurz.«

»Dann verzeih ich’s dir nie, wenn du die Sache für dreißigtausend abgibst.«

»Wenn ich sie für dreißigtausend verkaufen kann, wirst du mir um den Hals fallen, wach werden und feststellen, daß du gar nicht geträumt hast. Es ist nämlich kein Traum, Kurz. In einigen Minuten wirst du entdecken, daß du die ganze Zeit wach gewesen bist. Ich will dir was sägen: Wenn ich es jetzt für dreißigtausend verkaufe, dann tue ich es, weil ich muß.«

Als Kid an den Tisch zurückgekehrt war, teilte er den Spielbesitzern mit, daß er an seinem Angebot festhalte. Sie wollten ihm Anweisungen über je dreitausend Dollar geben.

»Verlange gleich Goldstaub«, riet ihm Kurz.

»Ich möchte bemerken, daß ich den Betrag nur in Goldstaub nehme«, sagte Kid.

Der Besitzer des “Elch”, bekam die Anweisungen, und Kid nahm den Goldstaub in Empfang.

»Jetzt will ich gar nicht mehr aufwachen«, kicherte er, als er das Gewicht der einzelnen Beutel nachprüfte. »Alles in allem macht es ungefähr siebzigtausend Dollar. Es ist ein teurer Spaß geworden, jetzt die Augen aufzumachen, aus den Decken zu kriechen und das Frühstück zuzubereiten.«

»Worin besteht nun Ihr System?« fragte der dicke Burke. »Wir haben jetzt bezahlt, und wir wollen es auch haben.«

Kid führte sie an den Tisch zurück.

»Jetzt, meine Herren, müssen Sie ein bißchen Geduld haben. Es ist kein gewöhnliches System. Es kann vielleicht kaum ein gesetzmäßiges System genannt werden, aber sein großer Vorteil liegt darin, daß es Erfolg bringt. Ich hege freilich gewisse Zweifel, aber darauf kommt es ja nicht an. Sie werden selbst sehen. Herr Bankhalter, wollen Sie sich bereit halten! Warten Sie, bitte, ich werde “26” nehmen. Denken Sie, daß ich darauf setze! Halten Sie sich bereit… jetzt!«

Die Kugel wirbelte über das Rad.

»Sie haben wohl bemerkt, daß “9” gerade gegenüberliegt.«

Die Kugel blieb auf “26” liegen.

Der dicke Burke fluchte kräftig in den Bart hinein.

Alle warteten gespannt.

»Wenn Doppelzero gewinnen soll, muß “11” gegenüberliegen. Versuchen Sie es bitte selbst…«

»Aber das System?« fragte Moran ungeduldig. »Wir wissen schon, daß Sie die Nummern finden können, die gewinnen, und wir wissen selbst, was die Nummern bedeuten… aber wie machen Sie das?«

»Indem ich mir die Reihenfolge gemerkt habe. Durch einen Zufall bemerkte ich zweimal, wie die Kugel lief, wenn “9” gegenüberstand… beide Male gewann “26”. Dann sah ich, daß es sich wiederholte. Weiter beobachtete ich andere Reihenfolgen und stellte sie allmählich fest. Wenn Doppelzero gegenüberliegt, gibt es “32”, und “11” gibt Doppelzero. Es gelingt nicht immer, aber meistens. Sie werden bemerkt haben, daß ich meistens sage. Wie ich vorhin schon sagte, hege ich einen gewissen Verdacht, aber ich will ja nichts behaupten…«

Plötzlich schien dem dicken Burke ein Licht aufzugehen, und er beugte sich über den Tisch, brachte das Rad zum Stillstand und untersuchte es eingehend. Die Köpfe der neun anderen Spieltischbesitzer beugten sich ebenfalls vor, und alle beteiligten sich eifrig an der Untersuchung. Dann richtete sich der dicke Burke wieder auf und warf einen schnellen Blick auf den Ofen, der ganz in der Nähe stand.

»Tod und Teufel!« sagte er. »Es war überhaupt kein System. Der Tisch steht nur zu nahe am Feuer, und das verfluchte Rad ist infolge der Wärme verbogen. Und wir sind gründlich hereingefallen! Kein Wunder, daß er immer diesen Tisch nahm! An den anderen Tischen wäre es ihm schwergeworden, die Bank zu sprengen!«

Harvey Moran atmete erleichtert auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Na, Gott sei Dank!« sagte er. »Und eigentlich ist es nicht teuer bezahlt, wenn festgestellt ist, daß es kein System war.« Sein Gesicht begann zu zucken, und dann brach er in ein schallendes Gelächter aus. Er schlug Kid freundlich auf die Schulter und sagte: »Kid, Donnerwetter, Sie haben uns einen Schrecken eingejagt! Und dabei haben wir uns schon beglückwünscht, daß Sie unsere Tische in Ruhe ließen! Hören Sie, ich habe einige Flaschen richtigen Schum gekriegt, denen werde ich den Hals abschlagen, wenn ihr mit mir ins “Tivoli” gehen wollt.«

Als sie später zu ihrer Hütte zurückgekehrt waren, zählte Kurz die gesamten Beutel mit Goldstaub nach und prüfte ihr Gewicht. Dann stellte er sie in Reih und Glied auf den Tisch, setzte sich auf den Bettrand und begann sich die Mokassins auszuziehen. »Siebzigtausend«, rechnete er nach. »Und sie wiegen dreihundertfünfzig Pfund. Und alles nur dank einem verbogenen Rad und einem scharfen Blick! Kid, du frißt sie roh, du frißt sie bei lebendigem Leibe, du schwimmst unter Wasser! Du hast mir’s nach allen Regeln der Kunst gegeben; aber doch weiß ich, daß es ein Traum ist. Es ist nur ein Traum, daß das Gute in Erfüllung geht. Ich hab’ verdammt wenig Lust, wieder aufzuwachen. Ich hoffe sogar, daß ich nie aufgeweckt werde.«

»Nur Mut!« antwortete Kid. »Du wachst nicht auf. Es gibt eine ganze Menge Philosophen, die der Ansicht sind, daß wir Menschen alle Schlafwandler sind. Du befindest dich also in der besten Gesellschaft.«

Kurz stand auf, trat an den Tisch, wählte sich den schwersten Beutel aus und wiegte ihn in seinen Armen, als wäre er ein Wickelkind.

»Mag sein, daß ich ein Schlafwandler bin«, sagte er, »aber jedenfalls befinde ich mich – wie du sagst – in verflucht guter Gesellschaft.«

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5

Kid hatte noch nicht die lächerliche Grundstücksgesellschaft Tra Li gegründet und weder das historische Geschäft in Eiern gemacht, das den Swiftewater-Bill beinahe an den Bettelstab brachte, noch das Hundewettrennen den Yukon hinab um einen Preis von einer runden Million gewonnen, als er und Kurz sich eines Tages am oberen Klondike voneinander verabschiedeten. Kurz sollte den Klondike hinabfahren, um in Dawson einige Mutungen auf Goldclaims anzumelden, die sie abgesteckt hatten. Kid fuhr mit seinem Hundegespann südwärts. Er wollte den Überraschungssee und die mystischen “Zwei Hütten” finden. Er hatte die Absicht, an den Quellen des Indianerflusses vorbei, durch eine bisher unbekannte Gegend und über die Berge nach dem Stewart zu gehen. Das Gerücht erzählte, daß irgendwo dort herum in einem Rahmen von zackigen Bergen und Gletschern der Überraschungssee läge, dessen Grund, wie berichtet wurde, ganz mit Gold gepflastert war. Vor langer Zeit sollten Jäger – Männer, deren Namen in den Wäldern längst in Vergessenheit geraten waren – in die eisigen Gewässer des Sees hineingesprungen und mit Goldklumpen in den Händen wiederaufgetaucht sein. Zu verschiedenen Zeiten hatten kleine Scharen von den alten Pionieren den Versuch gemacht, die unwirtliche, undurchdringliche Gegend zu durchqueren und den goldenen Grund des Sees zu untersuchen. Allen war das Wasser jedoch gefährlich kalt erschienen. Einzelne hatten zwar den kühnen Versuch gemacht zu tauchen, sie waren aber im Wasser vom Tod ereilt und leblos an Land gezogen worden. Andere waren der Erschöpfung erlegen. Und einer, der ebenfalls getaucht war, kam überhaupt nie wieder zum Vorschein. Die Überlebenden hatten sich alle entschlossen, wieder zurückzukehren, um den See trockenzulegen, aber keinem von ihnen war es gelungen. Stets waren ihnen tödliche Unfälle zugestoßen. Ein Mann war in ein Luftloch unterhalb Forty Miles gefallen. Ein zweiter wurde von seinen Hunden getötet und gefressen. Ein dritter von einem stürzenden Baum erschlagen. Solche Gerüchte umwoben den Überraschungssee mit einem sagenhaften Schein von Zauber und Spuk. Keiner wußte jetzt genau, wo er überhaupt lag. Und das Gold blieb in seiner Tiefe liegen, da keiner sich getraute, ihn trockenzulegen.

Die Lage der ebenfalls von Legenden umworbenen “Zwei Hütten” ließ sich leichter feststellen. Wenn man vom Stewart fünf Tage lang den MacQuestion hinaufreiste, kam man zu zwei alten Hütten. So alt waren sie, daß sie schon vor der Ankunft der ersten bekannten Goldjäger im Yukon-Land erbaut sein mußten. Umherstreifende Elchjäger, die auch Kid getroffen und gesprochen hatte, behaupteten, daß sie die beiden Hütten schon vor vielen Jahren gefunden, aber vergebens die Minen gesucht hätten, die diese Abenteurer einer vergangenen Zeit doch bearbeitet haben mußten.

»Mir wäre es am liebsten, wenn du mit mir gehen würdest«, klagte Kurz, als sie Abschied nahmen. »Weil sich dir der Indianerfluß aufs Gehirn geschlagen hat, brauchst du dich doch nicht gleich solchen Gefahren auszusetzen. Es steht nun mal fest, daß es eine verfluchte Gegend ist, wo du hinwillst. Es ist kein Zweifel, daß es da vom Morgen bis zum Abend spukt, jedenfalls nach allem, was wir beide gehört haben.«

»Schon gut, Kurz. Ich will nun mal die Fahrt machen, und in sechs Wochen bin ich wieder in Dawson. Die Fährte am Yukon ist getreten, und die ersten hundert Meilen etwa den Stewart hinauf wohl auch. Alte Leute vom Henderson haben mir erzählt, daß einige Trupps mit Ausrüstungen letzten Herbst hinaufgereist sind, nachdem der Fluß zugefroren war. Wenn ich ihre Spur treffe, werde ich ihnen mit einer Schnelligkeit von dreißig bis vierzig Meilen täglich folgen können. Ich denke, daß ich in einem Monat zurück sein kann, wenn ich erst mal so weit bin.«

»Ja, wenn du erst so weit bist, aber die Frage, ob du so weit kommst, ist es ja eben, die mir so viel Sorge macht. Nun, es hilft ja nichts! Also auf Wiedersehen, Kid! Halt deine Augen gut offen und nimm dich in acht vor diesem Spuk. Und schäme dich nicht umzukehren, auch wenn du nichts mitbringst.«

Eine Woche darauf befand sich Kid zwischen den unregelmäßigen Gebirgsketten südlich des Indianerflusses. Auf der Wasserscheide des Klondike ließ er den Schlitten zurück und belud die Wolfshunde mit dem Proviant. Jedes der sechs großen Tiere trug fünfzig Pfund, und er selbst hatte ein ähnliches Bündel auf dem Rücken. Dann nahm er seinen Weg durch den weichen Schnee, den er mit seinen Schneeschuhen festtrat, und in einer langen Reihe folgten ihm die Hunde mit ihren schweren Lasten.

Er liebte dieses einsame Leben, liebte den kalten arktischen Winter, die schweigsame Wildnis, die unendlichen Schneefelder, die keines Menschen Fuß je betreten hatte. Um ihn erhoben sich die eisbekleideten Bergesgipfel, die keine Namen trugen und auf keiner Karte verzeichnet waren. Nirgends sah er den Lagerrauch eines Jägers in der stillen Luft der Täler in den klaren Himmel steigen. Nur er allein bewegte sich durch die unendliche Stille, die über der weiten, sonst von keinem Menschenfuß betretenen Einöde brütete. Aber diese Einsamkeit bedrückte ihn nicht. Er liebte alles hier. Liebte die Arbeit des Tages, das Kläffen der Wolfshunde, das Lagern im langen Zwielicht, die zitternden Sterne am Himmel und die flammende Pracht des Nordlichts.

Besonders liebte er sein Lager, wenn der Tag zu Ende ging. Es bot ihm dann ein Bild, das er sich stets zu malen sehnte und von dem er wußte, daß er es nie in seinem Leben vergessen würde: die festgetretene Stelle im Schnee, wo das Feuer brannte, sein Schlafplatz, der aus einigen über frisch abgeschlagene Fichtenzweige ausgebreiteten Hasenfellen bestand, der von einer Persenning gebildete Windschutz, die in der Weise ausgespannt war, daß sie die Hitze des Feuers auffing und zurückwarf, die von Ruß geschwärzte Kaffeekanne und der an einer langen Stange befestigte Kochtopf, die Mokassins, die auf kleinen Stöcken aufgehängt wurden, um am Feuer zu trocknen, die Schneeschuhe, die aufrecht in den Schnee gesteckt waren. Und um das Feuer herum lagen die Wolfshunde, die sich so nahe wie möglich an die Wärme drängten, sehnsüchtig und eifrig, die zottigen Pelze vom Reif bedeckt, die buschigen Ruten um die Füße gelegt, um sie gegen die Kälte zu schützen. Und rings um das Ganze, nur um ein kleines Stück vom Lichtschein zurückgedrängt, die Mauer der Dunkelheit, die ihn umgab.

In solchen Augenblicken erschienen ihm San Franzisko, die Woge und O’Hara unendlich fern, in eine unbeschreiblich ferne Vergangenheit gebannt – nur Schatten von Träumen, die nie Wirklichkeit wurden. Es wurde ihm schwer zu glauben, daß er je ein anderes Leben als dieses wilde, freie geführt hatte, und noch schwerer fiel es ihm, sich mit der Tatsache auszusöhnen, daß er einst seine Zeit und Kraft in dem Bohèmeleben einer großen Stadt verschwendet hatte. Jetzt, da er allein war und niemanden hatte, mit dem er sprechen konnte, dachte er über vieles nach, dachte tief und einfach. Er erschrak bei dem Gedanken an die Kräftevergeudung, die seine Jahre in der Stadt gekennzeichnet hatte, die billige Oberflächlichkeit aller philosophischen Schulen und Bücher, die zynische Gescheitheit der Ateliers und Redaktionen, die Heuchelei der Kaufleute in den Klubs. Sie alle wußten nicht, was Nahrung, Schlaf und Gesundheit in Wirklichkeit bedeuteten. Sie hatten keine Ahnung, was Hunger war, kannten nicht den gesunden Schmerz körperlicher Müdigkeit, nicht das Rauschen des starken, wilden Blutes, das wie Wein den Körper durchglüht, wenn die schwere Arbeit des Tages vollbracht ist.

Und als er noch in der Stadt lebte, lag dieses schöne weiße Land des herben Nordens immer schon da, ohne daß er etwas davon ahnte. Was ihm aber am rätselhaftesten erschien, war doch, daß er, der in so ungewöhnlichem Maße für dieses Leben befähigt war, damals nicht den leisesten Ruf gehört hatte, nicht von selbst fortgezogen war, um dieses Land aufzusuchen. Doch auch dieses Rätsel sollte er lösen, wenn die Zeit kam.

»Schau her, Gelbgesicht, jetzt hab’ ich es!«

Der Hund, den er angerufen hatte, hob zuerst die eine, dann die andere Vorderpfote mit einer raschen und doch beherrschten Bewegung, rollte dann wieder seine buschige Rute über die Beine zusammen und grinste ihn über das Feuer an.

»Herbert Spencer war fast vierzig Jahre alt, bevor er erkannte, was seine größte Fähigkeit und seine tiefste Sehnsucht war. Ich bin nicht so langsam gewesen. Ich brauchte nicht zu warten, bis ich dreißig wurde, um soweit zu kommen. Denn hier liegt das Gebiet, wo ich mein Höchstes leisten kann und wo meine tiefste Sehnsucht gestillt wird. Und fast wünsche ich, liebes Gelbgesicht, daß ich als ein Wolfsjunges geboren und all meine Tage ein Bruder von dir und den Deinen gewesen wäre.«

Tag für Tag wanderte er durch ein Chaos von Cañons und Wasserscheiden, die kein klares topographisches Bild boten. Es sah aus, als hätte ein weltenschaffender Spaßmacher sie hier in übermütiger Laune hingeschleudert. Vergebens suchte er einen Bach oder Nebenfluß, der südwärts nach dem MacQuestion oder dem Stewart führte. Dann kam ein Gebirgssturm, der den Schnee durch diese wirre Anhäufung von hohen und niedrigen Wasserscheiden stieben ließ. Oberhalb der Baumgrenze kämpfte er zwei Tage, ohne Feuer und ohne sehen zu können, in vergeblichem Suchen nach tieferen Regionen. Am zweiten Tage gelangte er an den Rand eines mächtigen schroffen Abhangs.

Das Schneegestöber war indessen so dicht, daß er nicht sehen konnte, wie tief der Hang abfiel, und deshalb wagte er nicht hinabzuklettern. Er wickelte sich in seine Pelzdecke und sammelte die Hunde mitten in einer großen Schneewehe dicht um sich, gönnte sich aber keinen Schlaf.

Gegen Morgen flaute der Sturm ab, und er kroch aus den Decken, um sich zu orientieren. Eine Viertelmeile weiter abwärts lag unzweifelhaft ein eis- und schneebedeckter See, der von zackigen Bergen umgeben war. Ohne es zu wissen, hatte er den Überraschungssee gefunden.

»Der Name ist wirklich sehr zutreffend«, sagte er, als er eine Stunde später am Rande des Sees stand. Eine Gruppe alter Fichten bildete den einzigen Pflanzenwuchs. Auf dem Wege dorthin stolperte er über drei Gräber. Sie waren vom Schnee bedeckt, aber durch Pfähle kenntlich, die jemand mit der Hand zugehauen und mit unleserlichen Inschriften versehen hatte. Am Rande des kleinen Haines lag eine winzige verfallene Hütte. Er öffnete die Tür und trat ein. In einer Ecke lag etwas, das einst eine Schlafstelle aus Fichtenzweigen gewesen, ein Skelett… es war noch in Pelzwerk eingehüllt, von dem nur halbvermoderte Reste übrig waren. – Das ist offenbar der letzte Besucher des Überraschungssees gewesen, dachte Kid, als er einen Goldklumpen vom Boden aufhob, der doppelt so groß wie seine geballte Faust war. Neben dem Goldklumpen stand eine Blechbüchse, die mit rohen Goldklumpen von Walnußgröße gefüllt war – es war leicht zu sehen, daß sie noch nicht ausgewaschen waren.

Jetzt erschien ihm alles wahr, was er gehört hatte, und er hegte keinen Zweifel, daß das Gold aus der Tiefe des Sees stammte. Da die Eisdecke so dick war, daß das Wasser nicht ohne besondere Vorkehrungen zu erreichen war, konnte er nichts weiter tun. Gegen Mittag warf er deshalb vom Rande des Abhangs einen letzten Blick auf den geheimnisvollen See, den er gefunden hatte.

»Alles sehr schön, mein lieber See«, sagte er. »Du hast ganz recht, wenn du dich hier verbirgst. Aber ich werde wiederkommen und dich trockenlegen – wenn die Gespenster mich nicht erwischen! Ich weiß freilich nicht, wie ich mich hierhergefunden habe, aber meine Fährte wird mir schon zeigen, wie ich dich wiederfinden soll.«

Als er vier Tage später ein kleines Tal erreicht hatte, machte er neben dem eisbedeckten Fluß und im Schutz einiger wohlmeinender Fichten Feuer. Irgendwo in der weißen Einöde, die er hinter sich gelassen, lag also der Überraschungssee – irgendwo, aber wo, das wußte er nicht mehr. Mehr als hundert Stunden hatte er sich herumgetrieben und sich durch dichtes Schneegestöber hindurchgekämpft, und nun konnte er seine Fährte nicht wiederfinden. Er hatte deshalb keine Ahnung, in welcher Richtung der See hinter ihm lag. Er konnte auch nicht mit Sicherheit sagen, ob Tage oder Wochen vergangen waren. Er hatte mit den Hunden zusammen geschlafen, sich über eine schon vergessene Zahl von kleineren Wasserscheiden gekämpft, war durch unheimliche, gewundene Cañons gezogen, die blind endeten, und hatte zweimal vergebens versucht, ein Feuer zu machen und gefrorenes Elchfleisch aufzutauen. Und jetzt war er also hier, hatte gut gegessen und sich ein angenehmes Lager bereitet. Der Sturm war vorbei. Es war klar und kalt geworden. Die Landschaft hatte wieder ihr normales Gepräge angenommen. Der Bach, an dem er lagerte, sah natürlich aus und lief auch, wie er sollte, nach Süden. Der Überraschungssee war ihm aber ebenso verlorengegangen wie allen andern, die er in vergangenen Tagen gesucht hatte. Als er den Bach einen halben Tag weiter hinabgezogen war, gelangte er in das Tal eines größeren Flusses, der seiner Ansicht nach der MacQuestion sein mußte. Hier erlegte er einen Elch, und jetzt mußten die Wolfshunde wieder Packen mit Lebensmitteln im Gewicht von je fünfzig Pfund tragen. Als er den MacQuestion hinabzog, fand er eine Schlittenfährte. Das letzte Schneegestöber hatte sie verdeckt, aber darunter war sie von denen, die hier gegangen waren, festgetreten. Er zog daraus den Schluß, daß zwei Lager hier am Fluß zu finden sein mußten und daß diese Schlittenspur den Verbindungsweg zwischen ihnen darstellte. Es war klar, daß jemand die “Zwei Hütten” gefunden hatte, und zwar waren es Leute vom unteren Lager. Er ging deshalb weiter in der Richtung des Flusses. Als er in dieser Nacht lagerte, waren es vierzig Grad Fahrenheit unter Null. Bevor er einschlief, überlegte er sich, was es wohl für Männer sein könnten, die die “Zwei Hütten” wiederentdeckt hatten, und ob er sie am nächsten Tage ausfindig machen würde. Beim ersten Tagesgrauen war er deshalb wieder auf den Beinen, und ohne Schwierigkeit folgte er der halb verwischten Fährte. Mit den großen Schneeschuhen trat er den losen Schnee fest, so daß die Hunde nicht nötig hatten, hindurchzuwaten.

Und dann stürzte sich – an einer Biegung des Flusses – das Unerwartete auf ihn. Ihm schien, als ob er es gleichzeitig hörte und empfand. Der Knall des Stutzens kam von rechts, und die Kugel, die die Schulter seines Drillichüberzuges und seine wollene Jacke durchschlug, versetzte ihm einen so kräftigen Stoß, daß er sich um seine Achse drehte. Er schwankte, da seine Schneeschuhe sich ineinander verwirrt hatten, fand aber das Gleichgewicht wieder. Da hörte er einen zweiten Knall. Diesmal ging die Kugel indessen vorbei. Er wartete keinen weiteren Schuß ab, sondern lief, so schnell er konnte, durch den Schnee den schirmenden Bäumen zu, die hundert Fuß entfernt am Hange standen. Immer und immer wieder knallte die Büchse, und mit Unbehagen stellte er fest, daß ihm etwas Warmes und Feuchtes über den Rücken lief.

Er kletterte den Hang hinauf – die Hunde aufgeregt hinter ihm her – und schlüpfte zwischen Bäume und Büsche. Dann band er die Schneeschuhe los, warf sich der Länge nach hin und spähte vorsichtig hinaus. Es war nichts zu sehen. Wer es auch gewesen sein mochte, der ihn angeschossen hatte, jedenfalls lag der Betreffende in Deckung hinter den Bäumen am anderen Ufer.

»Wenn nicht bald irgend etwas geschieht, muß ich mich fortschleichen oder ein Feuer machen, sonst erfrieren mir die Füße«, murmelte er vor sich hin, als eine halbe Stunde vergangen war. »Gelbgesicht, was würdest du tun, wenn du hier in der Kälte lägest und merktest, daß der Blutumlauf immer schwächer würde, während ein Mann versuchte, dich niederzuknallen?«

Er kroch einige Meter zurück, trat den Schnee fest und führte einen Indianertanz auf, bis er merkte, daß das Blut in seine Füße zurückkehrte, und auf diese Weise hielt er es noch eine halbe Stunde aus. Da hörte er unten vom Fluß das unverkennbare Schellengeläut eines Hundegespannes. Als er hinaus spähte, sah er einen Schlitten um die Flußbiegung schwenken. Nur ein Mann stand darin, der die Steuerstange führte und gleichzeitig die Hunde antrieb. Das plötzliche Erscheinen eines Menschen machte einen tiefen Eindruck auf Kid, der so lange niemanden gesehen hatte. Sein nächster Gedanke galt aber dem vermutlichen Mörder, der sich irgendwo auf dem andern Ufer versteckt hielt.

Ohne sich selbst auszusetzen, stieß er einen warnenden Pfiff aus. Der Mann hörte nichts und kam mit rasender Schnelligkeit näher. Wieder pfiff Kid, und diesmal lauter. Der Mann rief seinen Hunden etwas zu und machte halt. Er drehte sich nach der Richtung, wo Kid stand, aber im selben Augenblick knallte ein Schuß. Fast in derselben Sekunde schoß Kid in den Wald hinein, woher der Knall kam. Der Mann am Fluß war indessen schon vom ersten Schuß getroffen worden. Der Schlag der Kugel hatte ihn ins Wanken gebracht. Er taumelte mühselig zum Schlitten. Obgleich nahe am Zusammenbrechen, gelang es ihm, ein Gewehr aus dem Schlitten zu nehmen, wo es unter der Last verborgen lag. Als er sich aber bemühte, es an die Schulter zu bringen, vermochte er sich nicht mehr lange aufrecht zu halten und setzte sich langsam auf den Schlitten. Er konnte nicht mehr genau zielen, und der Schuß ging deshalb in die Luft. Plötzlich fiel er rücklings über das Gepäck am Schlitten nieder, so daß Kid nur die Beine und den Unterkörper sah. Von unten her hörte Kid jetzt das Geläut von mehreren Hundeschellen. Der Mann rührte sich indessen nicht. Drei Schlitten schwenkten um die Biegung des Flusses, von einem halben Dutzend Männern gefolgt. Kid rief ihnen eine Warnung zu, aber sie hatten schon gemerkt, was mit dem ersten Schlitten geschehen war, und eilten deshalb zu ihm hin. Es fiel kein Schuß mehr vom andern Ufer, und Kid befahl deshalb seinen Hunden, ihm zu folgen, und trat aus dem Versteck hervor.

Er hörte laute Rufe von den Männern, und zwei von ihnen rissen sich die Fäustlinge von den Händen und warfen ihre Gewehre an die Schulter.

»Komm nur her, du blutbefleckter Mörder!« rief einer von ihnen, ein Mann mit einem schwarzen Bart. »Schmeiß deinen Schießprügel in den Schnee.«

Kid zögerte einen Augenblick, dann warf er sein Gewehr fort und ging zu ihnen hin.

»Untersuch ihn mal, Louis und nimm ihm die Waffen weg!« befahl der Schwarzbärtige.

Louis, nach Kids Auffassung ein französisch-kanadischer Schlittenfahrer, gehorchte.

Seine Untersuchung brachte lediglich Kids Jagdmesser zum Vorschein, das der Schwarzbärtige zu sich steckte.

»Na, was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, Fremder, bevor ich dich totschieße?« fragte er.

»Daß du dich irrst, wenn du glaubst, daß ich den Mann getötet habe«, antwortete Kid.

Einer der Schlittenfahrer stieß plötzlich einen lauten Ruf aus. Er war die Fährte entlanggegangen und hatte Kids Fußspuren gefunden, wo dieser die Fährte verlassen hatte, um auf dem Hang Deckung zu suchen.

»Warum hast du Joe Kinade getötet?« fragte der Schwarzbärtige.

»Ich sage dir ja, daß ich es nicht getan habe«, begann Kid.

»Was soll dieses Gerede? Wir haben dich auf frischer Tat ertappt. Da drüben ist die Stelle, wo du die Fährte verließest, als du ihn kommen hörtest. Du lagst oben im Busch und hast ihn ermordet, dein Schuß fiel aus ganz kurzer Entfernung. Du konntest überhaupt nicht vorbeischießen, hol mal den Schießprügel her, den er fortgeworfen hat.«

»Laßt mich doch erzählen, wie es zuging«, wandte Kid ein.

»Halt das Maul!« schnauzte ihn der Mann an. »Ich denke, dein Gewehr wird die Geschichte schon verraten.«

Sie untersuchten Kids Gewehr, nahmen die Patronen heraus und zählten sie. Dann untersuchten sie die Mündung und den Verschluß.

»Nur ein Schuß«, entschied der Schwarzbärtige.

Pierre roch an dem Verschluß, während seine Nasenflügel wie bei einem Hirsch zitterten und sich blähten.

»Erst ganz vor kurzem geschossen«, erklärte er.

»Die Kugel ging am Rücken hinein«, sagte Kid. »Er wandte mir das Gesicht zu, als er erschossen wurde. Ihr seht also, daß der Schuß vom andern Ufer gekommen ist.«

Der Schwarzbart überdachte einen Augenblick diesen Einwand. Dann schüttelte er den Kopf.

»Unsinn, damit kommst du nicht durch. Dreh ihn mal mit dem Gesicht gegen das andere Ufer. Siehst du, so hat er gestanden, als du ihn erschossen hast. Einige von euch könnten ja die Fährte untersuchen, ob ihr einige Spuren nach dem andern Ufer finden könnt.«

Sie berichteten gleich darauf, daß der Schnee auf dieser Seite noch völlig unbetreten war. Nicht einmal ein Polarhase hatte sie durchquert. Der Schwarzbärtige beugte sich über den Toten, und als er sich wieder aufrichtete, hielt er einen kleinen rauhen wollenen Lappen in der Hand. Er untersuchte ihn und fand darin versteckt die Kugel, die durch den Körper gegangen war. Ihre Spitze war flachgedrückt und hatte die Größe eines Halbdollarstückes. Das stumpfe Ende, das in einer stählernen Hülse steckte, war unbeschädigt. Er verglich sie mit einer Patrone aus Kids Gürtel.

»Der Beweis hier genügt, um selbst einen Blinden zu überzeugen, Fremder. Die Kugel hat eine weiche Spitze und eine stählerne Hülse – und deine Kugeln sind von derselben Art. Die Kugel hier ist dreißig, dreißig – deine auch. Die hier stammt von der J.-u.-T.-Waffenfabrik – genau wie deine. Aber jetzt kommst du mit, dann werden wir den Hang hinaufklettern und an Ort und Stelle sehen, wie es vor sich ging.«

»Ich wurde ja selbst aus dem Hinterhalt getroffen«, sagte Kid. »Hier können Sie das Loch in meiner Parka sehen.«

Während der Schwarzbärtige es untersuchte, öffnete einer der Schlittenfahrer das Gewehr des Toten. Allen war klar, daß er nur den Schuß abgegeben hatte. Die leere Patronenhülse steckte noch in der Kammer.

»Ein Jammer, daß der arme Joe dir nicht den Garaus gemacht hat«, erklärte der Schwarzbärtige bitter. »Aber es war immerhin ein ganz feiner Schuß, wenn man das Loch in Betracht zieht, das er selbst bekommen hatte. Also komm mit, du…«

»Untersucht doch erst das andere Ufer«, schlug Kid vor.

»Jetzt hältst du deine Schnauze und kommst mit. Dann mögen die Tatsachen selbst reden.«

Sie verließen die Fährte an der Stelle, wo Kid sie verlassen hatte, und folgten seinen Spuren den Hang hinauf und unter die Bäume.

»Hier er tanzen, um Füße warm halten«, zeigte Louis. »Hier er auf Bauche kriechen. Hier Ellbogen stützen beim Schießen.«

»Und, bei Gott im Himmel, da liegt sogar die leere Hülse, die er gebraucht hat«, stellte der Schwarzbärtige fest. »Jungens, hier ist nur eins zu tun.«

»Erst müßt ihr mich doch fragen, warum ich geschossen habe«, unterbrach ihn Kid.

»Und ich haue dir eins in die Visage, daß dir die Zähne zum Hintern hinausfliegen, wenn du die Fresse nicht hältst. Du hast nur die Fragen zu beantworten, die wir stellen. Also, Jungens, wir sind anständige Leute und gehorchen dem Gesetz, und wir werden diese Sache korrekt behandeln. Wie weit, denkst du, sind wir heute gefahren, Pierre?«

»Zwanzig Meilen, denke ich.«

»Gut, dann errichten wir hier ein Depot von den Ausrüstungen, die wir mitgebracht haben, und schaffen den Kerl da und den armen Joe nach den “Zwei Hütten” zurück. Ich glaube, wir haben genug gesehen, um zu beweisen, daß er aufgehängt zu werden verdient.«

Drei Stunden nach Eintritt der Dunkelheit erreichten der Tote, Kid und seine Wächter die “Zwei Hütten”. Bei dem unsicheren Schein der Sterne konnte Kid ein Dutzend neugebauter Hütten erkennen, die sich um eine größere, ältere Hütte auf einer Ebene am Flußufer scharten. Er wurde in die alte Hütte geworfen und sah, daß sie von einem riesigen jungen Mann, dessen Frau und einem blinden Greis bewohnt war. Die Frau, die der Mann Luzy nannte, war selbst groß und stark; war von dem üblichen Typ, den man in den Grenzbezirken trifft. Der Alte war – wie Kid später erfuhr – in seinen jungen Jahren Trapper am Stewart gewesen und erst im vergangenen Winter völlig erblindet. Er erfuhr ferner, daß das Lager bei den “Zwei Hütten” von einem halben Dutzend Männern errichtet worden war, die letzten Herbst in ebenso vielen, mit Proviant belasteten Wrickbooten angekommen waren. Sie hatten den blinden Trapper hier vorgefunden und ihre Hütten um die seine herumgebaut. Später Eingetroffene, die mit Hundegespannen über das Eis gezogen waren, hatten die Bevölkerung verdreifacht. Es gab große Vorräte von Fleisch im Lager, und sie hatten Kies gefunden, den sie jetzt auswuschen, wenn er auch freilich nicht viel Gold enthielt.

Im Laufe von fünf Minuten hatten sich sämtliche Männer der “Zwei Hütten” im Raum versammelt. Kid, der an Händen und Füßen mit Riemen aus Elchhaut gebunden war, lag in einer Ecke, wo ihn keiner beachtete, und sah zu. Er zählte im ganzen achtunddreißig Mann, eine wilde, ungehobelte Bande, Leute von der Grenze der Staaten oder Schlittenfahrer aus dem oberen Kanada. Die Leute, die ihn gefangengenommen hatten, gaben immer wieder die Geschichte zum besten, und jeder von ihnen bildete dabei den Mittelpunkt einer aufgeregten, empörten Gruppe.

Man hörte murmeln, daß man ihn einfach lynchen sollte… warum, zum Teufel, warten? Und einmal wurde ein großer aufgeregter Irländer nur mit Gewalt daran gehindert, sich auf den wehrlosen Gefangenen zu stürzen, um ihn zu prügeln.

Während Kid die Leute zählte, bemerkte er plötzlich ein ihm bekanntes Gesicht. Es war Breck, der Mann, dessen Boot Kid durch die Wasserfälle geführt hatte. Er wunderte sich, daß Breck nicht zu ihm kam und ihn ansprach, ließ sich selbst aber nichts anmerken, daß er ihn erkannt hatte. Als Breck sich dann später umdrehte und ihm heimlich ein Zeichen gab, verstand Kid sein Benehmen.

Der Schwarzbärtige, den die anderen Eli Harding nannten, beendete den Streit, ob man Kid sofort lynchen sollte oder nicht.

»Hört jetzt auf mit dem Unsinn!« brüllte Harding. »Macht keinen Quatsch! Der Mann gehört mir. Ich habe ihn gefangen und hierhergebracht. Glaubt ihr denn, daß ich ihn den langen Weg nur geschleppt habe, um ihn lynchen zu lassen? Keine Rede davon. Das hätten wir ja auch dort machen können. Ich habe ihn mitgebracht, damit wir ein unparteiisches Urteil fällen, und – bei Gott im Himmel – er soll es auch haben. Er ist gut gebunden, so daß er sich nicht dünnemachen kann. Schmeißt ihn bis morgen früh auf ein Bett, dann werden wir Gericht über ihn halten, wie es sich gehört.«

Kid wachte auf, wie er mit gegen die Wand gekehrtem Gesicht auf seinem Bett lag. Ein eisiger Zugwind bohrte sich scharf wie ein Messer von vorn in seine Schulter. Als er hier angebunden wurde, hatte er den Zug nicht gespürt. Da die Luft aber jetzt von draußen mit einem Druck von dreißig Grad Fahrenheit unter Null in die heiße Atmosphäre der Hütte wehte, wurde ihm klar, daß irgend jemand von außen das Moos zwischen den Brettern der Wand ausgezupft hatte. Er schob sich so nahe, wie seine Fesseln es ihm erlaubten, heran und reckte dann den Hals so weit, daß seine Lippen genau die Stelle erreichten, wo der Riß sein mußte. »Wer ist da?« flüsterte er.

»Breck«, lautete die Antwort. »Passen Sie auf, daß man Sie nicht hört. Ich werde Ihnen ein Messer hineinstecken.«

»Hilft mir nichts«, sagte Kid. »Ich könnte es doch nicht gebrauchen. Die Hände sind mir auf dem Rücken gefesselt und dazu noch an das Bettgestell festgebunden. Außerdem könnten Sie das Messer gar nicht durch das Loch schieben. Aber es muß etwas geschehen. Die Kerle hier haben zweifellos die Absicht, mich aufzuhängen, und ich habe den Mann, wie Sie sich denken können, gar nicht getötet.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu sagen, Kid. Und wenn Sie es getan hätten, würden Sie Ihre Gründe gehabt haben. Aber darum handelt es sich ja gar nicht. Sie sind eine verfluchte Rasselbande, die Bengels hier! Sie haben sie ja selbst gesehen. Sie sind ganz von der übrigen Welt abgeschnitten und schustern sich ihre eigenen Gesetze zurecht – nach Art von Goldgräbern, verstehen Sie. Sie haben neulich zwei Männer erwischt, Proviantdiebe. Den einen jagten sie zum Lager hinaus, ohne ihm eine Unze Lebensmittel oder nur ein einziges Streichholz mitzugeben. Er kam ungefähr vierzig Meilen weit, dann lebte er noch ein paar Tage, ehe er erfror. Vor zwei Wochen haben sie den zweiten Mann hinausgeworfen. Sie ließen ihm die Wahl: keine Lebensmittel oder zehn Peitschenhiebe für jede Tagesration. Er hielt vierzig Hiebe aus, ehe er ohnmächtig wurde. Und jetzt haben diese Leute Sie gefangen, und alle ohne Ausnahme sind überzeugt, daß Sie Kinade ermordet haben.«

»Der Mann, der Kinade tötete, hat auch auf mich geschossen. Seine Kugel machte mir eine Fleischwunde an der einen Schulter.

Sorgen Sie nur dafür, daß das Gericht verschoben wird, bis einer dort oben gewesen ist und das Ufer, wo der Mörder sich versteckt hatte, untersucht hat.«

»Hilft nichts. Sie stützen sich auf die Aussage Hardings und der fünf Franzosen, die mit ihm waren. Außerdem haben sie noch keinen aufgehängt, und den Spaß möchten sie doch auch erleben. Sie sehen also, daß die Geschichte verdammt dreckig steht. Sie haben keine ordentlichen Goldfunde gemacht und haben es schon satt, nach dem Überraschungssee zu suchen. Die erste Hälfte des Winters gingen sie noch auf die Goldsuche; aber jetzt haben sie schon Schluß damit gemacht. Der Skorbut meldet sich auch schon bei ihnen. Sie brauchen also irgendeine Sensation, um sich aufzupulvern.«

»Und da soll ich ihnen das Vergnügen machen«, fügte Kid hinzu. »Sagen Sie mal, Breck, wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, mit so einer gottverlassenen Bande Gold zu suchen?«

»Als ich meine Claims am Squawbach richtig in Schuß gebracht und einige Leute dort zum Arbeiten eingestellt hatte, kam ich, auf der Suche nach den “Zwei Hütten”, den Stewart hinauf. Die Leute waren mir indessen zuvorgekommen, und deshalb ging ich den Fluß weiter hinauf. Gestern kam ich zurück, weil ich keinen Proviant mehr hatte.«

»Haben Sie etwas gefunden?«

»Nicht viel. Aber ich denke, daß ich die Geschichte mit einer hydraulischen Einrichtung machen kann, die ich aufbauen werde, wenn das Land erst zugänglich gemacht ist. Oder ich werde einen. Goldkratzer aufstellen.«

»Hören Sie«, unterbrach ihn Kid. »Warten Sie noch einen Augenblick. Ich muß nur etwas überlegen.«

Er lauschte sorgfältig auf das Schnarchen der schlafenden Männer, während er den Gedanken erwog, der ihm durch den Kopf geschossen war.

»Sagen Sie mal, Breck, haben die Leute hier schon meine Bündel mit Lebensmitteln geöffnet, die die Hunde trugen?«

»Nur ein paar davon. Ich war die ganze Zeit dabei. Sie haben sie in Hardings Depot gelegt.«

»Haben Sie etwas gefunden?«

»Ja, Fleisch!«

»Gut. Sie müssen sehen, daß Sie den braunen Leinensack finden, der mit Elchfell geflickt ist. Da werden Sie einige Pfunde Rohgold finden. Sie haben hierzulande noch nie solches Gold gesehen – und auch kein anderer. Und nun hören Sie, was Sie weiter zu tun haben.«

Eine Viertelstunde später entfernte sich Breck, nachdem er genau instruiert worden war. Er klagte auch schon, daß seine Füße zu erfrieren begännen. Kids Nase und eine Wange begannen auch zu erfrieren, weil er sie so nahe an die Ritze gehalten hatte; er mußte sie eine halbe Stunde gegen die Decke reiben, bevor das Gefühl, daß das Blut zurückkehrte, ihm die Sicherheit gab, daß seine Haut wieder einmal gerettet war.

»Natürlich bin ich ganz sicher, daß es so ist. Es ist gar kein Zweifel, daß er Kinade getötet hat. Wir haben ja die ganze Geschichte gestern abend gehört! Wozu alles jetzt wiederholen? Ich stimme für schuldig!«

So begann die Gerichtsverhandlung gegen Kid. Der gesprochen hatte, war ein schlottriger, harter Mann aus Colorado. Er war offenbar ärgerlich und unwillig, als Harding seinen Vorschlag ablehnte, weil er seinerseits wünschte, daß die Verhandlung in ordentlicher und anständiger Weise vor sich gehen sollte. Harding ernannte darauf einen von ihnen, Shunk Wilson, zum Richter und Leiter der Verhandlung.

Die übrige Bevölkerung der “Zwei Hütten” bildete die Geschworenen. Jedoch wurde, nachdem man über die Sache hin und her geredet hatte, entschieden, daß die Frau, Luzy, nicht berechtigt sein sollte, in der Frage über Kids Schuld oder Unschuld zu stimmen.

Während dies vor sich ging, hörte Kid, der auf seinem Lager in der einen Ecke lag, einer Unterredung zu, die Breck flüsternd mit einem Goldgräber führte.

»Können Sie mir nicht fünfzig Pfund Mehl verkaufen?«

»Sie haben nicht Gold genug, um den Preis zu zahlen, den ich von Ihnen verlange«, lautete die Antwort.

»Ich zahle zweihundert.«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Dreihundert… dreihundertfünfzig…«

Als sie bei vierhundert angelangt waren, nickte der Mann und sagte: »Kommen Sie mit in meine Hütte! Dort können Sie den Goldstaub abwiegen.«

Die beiden schlichen sich zur Tür und glitten leise hinaus. Einige Minuten darauf kam Breck allein wieder.

Harding wollte gerade seine Aussage machen, als Kid sah, daß die Tür sich vorzeitig öffnete und in der schmalen Spalte das Gesicht des Mannes erschien, der das Mehl an Breck verkauft hatte. Er schnitt Gesichter und gab einem im Raum, der nahe am Ofen saß, allerlei merkwürdige Zeichen. Dann stand dieser auf und schob sich zur Tür hin.

»Wo gehst du hin, Sam?« fragte Shunk Wilson.

»Ich bin gleich wieder da«, erklärte Sam. »Ich muß nur für einen Augenblick hinaus.«

Kid bekam Erlaubnis, die Zeugen auszufragen, und er befand sich gerade mitten in einem Kreuzverhör Hardings, als man von draußen das Heulen von Schlittenhunden und das Knirschen von Kufen hörte. Einer, der an der Tür saß, sah hinaus.

»Es sind Sam und sein Partner, die mit ihrem Hundegespann nach dem Stewart fahren, was das Zeug nur halten kann«, berichtete der Mann.

Eine halbe Minute lang sprach keiner, aber die Männer sahen sich verständnisinnig an. Sie begannen alle nervös und unruhig zu werden. Kid benutzte die Gelegenheit, um einen Blick auf Breck zu werfen, der sich flüsternd mit Luzy und ihrem Mann unterhielt.

»Mach weiter, du«, sagte Shunk Wilson kurz zu Kid. »Und so schnell wie möglich. Wir wissen schon, was du beweisen willst: daß das andere Ufer nicht untersucht wurde. Der Zeuge gibt das auch zu, und wir auch. Aber es war auch nicht nötig. Es führten keine Fußspuren zu dem Hang dort. Der Schnee war ganz unberührt.«

»Und es war doch ein Mann auf der andern Seite«, behauptete Kid unerschütterlich.

»An dem Strohhalm kannst du nicht lange hängenbleiben, junger Freund. Wir sind nicht so viele hier am MacQuestion, und wir wissen Bescheid, wo jeder von uns sich aufhält.«

»Wer war denn der Mann, den ihr vor zwei Wochen aus dem Lager gejagt habt?« fragte Kid.

»Alonzo Miramar. Ein Mexikaner. Aber was hat der verfluchte Dieb damit zu tun?«

»Nichts, außer daß Sie ihn nicht in Betracht gezogen haben, Herr Richter.«

»Er ging den Fluß hinab, nicht hinauf…«

»Wie könnt ihr wissen, wo er hinging?«

»Ich sah ihn verschwinden.«

»Und das ist alles, was ihr von ihm wißt?«

»Nein, das ist es nicht, junger Mann. Ich weiß, wir alle wissen, daß er nur für vier Tage Nahrungsmittel und kein Gewehr hatte, um sich Fleisch zu verschaffen. Wenn er nicht die Kolonie am Yukon erreicht hat, muß er längst vorher verreckt sein.«

»Ich vermute, daß Sie alle Gewehre, die es in dieser Gegend gibt, kennen«, erklärte Kid mit Nachdruck.

Jetzt wurde Shunk Wilson ärgerlich.

»Nach deinen Fragen zu urteilen, scheinst du dir einzubilden, daß ich der Gefangene bin und nicht du. Laßt jetzt den nächsten Zeugen hervortreten. Wo ist Franzosen-Louis?«

Während Franzosen-Louis nach vorne ging, öffnete Luzy die Tür.

»Wohin gehst du?« rief Shunk Wilson ihr zu.

»Ich brauche hier wohl nicht sitzen zu bleiben«, antwortete sie höhnisch. »Am allerwenigsten, wenn ich doch kein Stimmrecht habe.«

Einige Minuten später ging ihr Mann ihr nach. Der Richter bemerkte es erst, als er die Tür hinter sich zuwarf. »Wer war denn das?« unterbrach er Pierre, der mitten in seiner Aussage war.

»Bill Peabody«, antwortete einer. »Er sagte, er wollte seine Frau was fragen und dann gleich wiederkommen.«

Aber statt Bills kam Luzy wieder herein. Sie zog ihren Pelz aus und setzte sich wieder wie vorher an den Ofen.

»Ich glaube nicht, daß wir noch nötig haben, die übrigen Zeugen zu vernehmen«, sagte Shunk Wilson, als Pierre seine Aussage beendet hatte. »Wir wissen ja, daß sie nur die Tatsachen bestätigen können, die wir bereits gehört haben. Du, Sörensen, geh mal und hol den Peabody wieder herein! Wir werden jetzt abstimmen, ob der Kerl schuldig ist oder nicht. Und dann kannst du, Fremder, ja inzwischen aufstehen und erzählen, wie es deiner Meinung nach zugegangen ist. Um keine Zeit zu verlieren, werden wir dann die beiden Gewehre, die Munition und die zwei Kugeln, mit denen geschossen wurde, herumgehen lassen.«

Mitten in seiner Darstellung, wie er nach diesem Teile des Landes gekommen sei, und als er eben beschreiben wollte, wie er plötzlich angeschossen wurde und den Hang hinauffloh, wurde Kid von dem entrüsteten Shunk Wilson unterbrochen.

»Junger Mann, was, zum Teufel, erzählst du uns da für Räubergeschichten? Wir verschwenden damit ja bloß die kostbare Zeit. Natürlich hast du das Recht, uns etwas vorzuschwindeln, um deinen Hals zu retten, aber wir haben keine Lust, uns solchen Quatsch vorbeten zu lassen. Das Gewehr, die Munition und die Kugeln, die Joe Kinade getötet haben – alles spricht gegen dich. Na, was ist denn nu wieder los? Mach mal einer die Tür auf!«

Die eisige Luft wehte herein und verdichtete sich in dem heißen Raum. Und durch die offene Tür hörte man gleichzeitig das Heulen von Hundegespannen, das immer schwächer wurde, je weiter sie sich entfernten.

»Es sind Sörensen und Peabody«, rief einer. »Sie hauen mit den Peitschen auf die Hunde los und fahren den Fluß hinab.«

»Da soll doch der leibhaftige Satan…« Shunk Wilson schwieg mit offenem Munde und starrte Luzy an.

»Vielleicht können Sie uns eine Erklärung geben, Frau Peabody?«

Sie schüttelte den Kopf und preßte die Lippen zusammen. Shunks zorniger und mißtrauischer Blick schweifte weiter und blieb auf Breck haften.

»Und ich denke mir, daß der Fremde da, mit dem Sie so lange geflüstert haben, die Sache erklären könnte, wenn er Lust hätte.«

Breck merkte mit Unbehagen, daß alle Blicke sich auf ihn richteten.

»Sam hat auch lange mit ihm gequatscht, ehe er vorhin abhaute«, sagte einer.

»Sehen Sie mal, Herr Breck«, fuhr Shunk Wilson fort. »Sie haben die Verhandlung hier unterbrochen, und Sie müssen uns erklären, warum Sie das getan haben. Was haben Sie da vorhin geflüstert?«

Breck räusperte sich ängstlich und antwortete: »Ich wollte etwas Proviant von ihm kaufen.«

»Und womit wollten Sie bezahlen?«

»Mit Goldstaub natürlich.«

»Wo haben Sie den denn her?«

Breck antwortete nicht.

»Er ist immer um den Stewart herumgeschlichen und hat geschnüffelt«, gab einer ungefragt zum besten. »Ich stieß vor einer Woche, als ich auf der Jagd war, auf sein Lager. Und ich kann euch sagen, daß er verdammt geheimnisvoll tat.«

»Der Staub stammt ja gar nicht dorther«, sagte Breck. »Ich habe es mit einer einfachen Hydraulik geschafft.«

»Bringen Sie mal Ihren Beutel und lassen Sie sehen, wie er aussieht, Ihr Goldstaub«, befahl Wilson.

»Ich sage Ihnen ja, daß er gar nicht von dort ist…«

»Wir wollen ihn trotzdem sehen, verstehen Sie?«

Breck tat, als hätte er sich am liebsten geweigert, aber er sah überall nur drohende Gesichter.

Widerstrebend begann er in seiner Tasche zu suchen. Als er eine Büchse herausholen wollte, stieß sie gegen etwas in der Tasche, das ein harter Gegenstand zu sein schien.

»Nehmen Sie alles heraus«, donnerte Wilson.

Und da kam der große Goldklumpen zum Vorschein, ein erstklassiges Ding, gelb wie kein anderes Gold, das die Zuschauer je gesehen hatten. Wilson schnappte nach Luft.

Ein halbes Dutzend, das einen schnellen Blick darauf geworfen hatte, stürzte zur Tür. Sie erreichten sie gleichzeitig, und fluchend und keifend schoben und stießen sie einander durch. Der Richter entleerte den Inhalt der Büchse auf den Tisch, aber bei dem Anblick des ungewaschenen Goldklumpens stürzte wieder ein halbes Dutzend zur Tür.

»Wo wollt ihr hin?« fragte Harding, als selbst der Richter Shunk Wilson sich anschickte, den andern zu folgen.

»Mir meine Hunde holen natürlich.«

»Wollt ihr ihn denn nicht aufhängen?«

»Das würde jetzt zuviel Zeit nehmen. Er bleibt ja, bis wir wiederkommen. Ich gehe davon aus, daß die Verhandlung für heute geschlossen ist. Jetzt haben wir keine Zeit, hier sitzen zu bleiben.«

Harding zögerte noch einen Augenblick. Er warf Kid einen grimmigen Blick zu, sah, wie Pierre Louis von der Tür aus Zeichen machte. Dann warf er noch einen letzten Blick auf den Goldklumpen und faßte einen raschen Entschluß.

»Versuch nicht wegzulaufen!« rief er Kid über die Schulter zu. »Außerdem werde ich mir gestatten, mir deine Hunde zu leihen.«

»Was ist denn los? Wieder so ein verdammter Wettlauf nach dem Golde?« fragte der blinde Trapper in einem komisch keifenden Falsett, als das Gebrüll der Männer und das Geheule der Hunde vor den Schlitten durch die Stille des Raumes hallten.

»Ja, natürlich«, antwortete Luzy. »Ich habe auch nie solch Gold gesehen. Fühl es mal an, Alter!«

Sie legten ihm den Goldklumpen in die Hand. Er interessierte sich aber nur wenig dafür.

»Das war hier einst ein schönes Pelzland«, klagte er, »bevor diese verflixten Goldsucher kamen und das Wild vertrieben.«

Die Tür öffnete sich, und Breck trat ein.

»Schön«, sagte er. »Jetzt sind wir vier allein im ganzen Lager. Es sind vierzig Meilen bis zum Stewart, wenn man den Richtweg einschlägt, wie ich es getan habe. Selbst der schnellste Fahrer braucht mindestens fünf oder sechs Tage. Jetzt wird es aber Zeit, daß Sie wegkommen, Kid.«

Breck zerschnitt mit seinem Jagdmesser die ledernen Fesseln des andern und warf der Frau einen vielsagenden Blick zu.

»Ich hoffe, daß Sie uns keine Schwierigkeiten machen werden«, sagte er mit eindringlicher Höflichkeit.

»Wenn ihr schießen wollt«, rief der Alte, »dann, bitte, bringen Sie mich zuerst aus der Hütte.«

»Nur los – nehmt keine Rücksicht auf mich«, antwortete Luzy. »Wenn ich nicht gut genug bin, um einen Mann an den Galgen zu bringen, bin ich auch nicht gut genug, ihn festzuhalten.«

Kid stand auf und rieb sich die Gelenke, deren Blutumlauf die Fesseln unterbunden hatten.

»Ich habe ein Bündel für Sie fertiggemacht«, sagte Breck. »Für zehn Tage Proviant, Decken, Streichhölzer, Tabak, eine Axt und einen Stutzen.«

»Nehmen Sie«, ermunterte Luzy Kid. »Bringen Sie sich in Sicherheit, Fremder. Und machen Sie es so schnell, wie es Ihnen der liebe Herrgott erlaubt.«

»Ich möchte aber immerhin erst was Ordentliches zu essen haben, ehe ich verdufte«, sagte Kid. »Und wenn ich dann abhaue, werde ich den MacQuestion hinauf- und hinabgehen. Ich möchte, daß Sie mit mir kommen, Breck. Wir wollen das andere Ufer nach dem Kerl untersuchen, der sich dort verborgen hält.«

»Wenn Sie auf meinen Rat hören wollen, Kid, so gehen Sie den Stewart und den Yukon hinab«, wandte Breck ein. »Wenn diese Rasselbande von meiner sogenannten Hydraulik zurückkommt, werden sie alle wütend sein.«

Kid lachte und schüttelte den Kopf.

»Ich will mich nicht aus dem Lande drücken. Ich habe hier jetzt Interessen wahrzunehmen. Ich will hierbleiben und mich rechtfertigen, Breck. Mir kann es ja schnuppe sein, ob Sie mir glauben oder nicht, aber ich habe tatsächlich den Überraschungssee gefunden. Von dort stammt auch das Gold. Außerdem haben die Burschen ja auch meine Hunde genommen, und ich werde hier warten, bis ich sie zurückbekomme. Außerdem weiß ich, was ich will. Es lag ein Mann am andern Ufer verborgen. Er hat fast sein ganzes Magazin auf mich verschossen.«

Als Kid eine halbe Stunde später mit einer großen Schüssel Elchbraten vor sich am Tisch saß und gerade eine mächtige Tasse Kaffee an die Lippen führte, sprang er plötzlich auf.

Er war der erste, der das Geräusch hörte. Luzy öffnete schnell die Tür.

»Tag, Spike, Tag, Methody«, begrüßte sie zwei Männer, die sich, mit Reif bedeckt, um ein schweres Bündel bemühten, das auf ihrem Schlitten lag.

»Wir kommen eben vom oberen Lager«, sagte der eine, als sie in die Hütte getreten waren. Sie behandelten das Bündel, das sie mit in den Raum trugen, mit größter Sorgfalt und Vorsicht.

»Und das hier haben wir unterwegs gefunden. Ich denke, es ist schon aus mit ihm.«

»Legt ihn auf das Bett dort«, sagte Luzy.

Sie beugte sich über das Bündel, entfernte das Pelzwerk und enthüllte das Gesicht, das hauptsächlich aus großen, starrenden Augen und aus Haut bestand, die durch die Kälte schwarz und wund geworden war und sich straff über die Knochen spannte.

»Das ist ja Alonzo!« rief sie. »Du armer, verhungerter Teufel!«

»Das ist der Mann vom anderen Ufer!« sagte Kid leise zu Breck.

»Wir fanden ihn, als er gerade ein Depot plündern wollte, das Harding wohl angelegt hat«, erklärte der eine von den beiden Männern. »Er saß da und fraß rohes Mehl und gefrorenen Speck, und als wir ihn erwischten, schrie er und heulte wie ein Habicht. Schaut ihn euch nur an: Er ist ganz verhungert und größtenteils erfroren dazu. Er kann jede Minute verrecken!«

Eine halbe Stunde später legten sie das Pelzwerk über das Gesicht der erstarrten Gestalt im Bett. Dann wandte Kid sich an Luzy und sagte: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Frau Peabody, möchte ich gern noch so ein Beefsteak haben. Aber, bitte, schneiden Sie es nicht zu dünn und braten Sie es vor allem nicht zu sehr durch.«

* * *

6

Der Weg stieg schroff auf durch tiefen, lockeren Schnee, in dem bisher weder Schlittenspuren noch Mokassinfährten zu sehen waren. Kid, der den Zug führte, zertrat die zarten glitzernden Kristalle unter seinen breiten, kurzen Schneeschuhen. Es gehörten gute Muskeln und Lungen dazu, um den Schnee festzutreten, aber Kid stürzte sich mit aller Kraft in diese Arbeit. Auf dem Wege, den er auf diese Weise schuf, folgten ihm die sechs Hunde in einer langen Reihe. Ihr Atem, der wie Dampfstrahlen aus den Nüstern quoll, zeigte, wie schwer sie arbeiteten und wie eisig die Luft war. Zwischen dem Deichselhund und dem Schlitten schuftete Kurz, der seine Kräfte teils zum Steuern, teils zum Ziehen verwandte, denn ziehen mußte er so gut wie einer seiner Hunde. Jede halbe Stunde lösten Kid und er sich ab, denn das Feststampfen des Schnees war doch noch schwerer als die Arbeit an der Lenkstange.

Alle – Männer und Hunde – waren gut ausgeruht und glänzend in Form. Das Ganze war ja auch nichts als ein schweres Stück Alltagsarbeit, die eben gemacht werden mußte – diese Fahrt über eine Wasserscheide mitten im Winter. Auf dieser schweren Strecke waren zehn Meilen eine sehr anständige Leistung. Sie blieben dabei in Übung, waren aber doch abends, wenn sie in ihre Schlafpelze krochen, sehr müde. Es war schon sechs Tage her, daß sie das lustige Lager von Mucluc am Ufer des Yukon verlassen hatten. Sie hatten nur zwei Tage gebraucht, um mit ihren hochbepackten Schlitten den bereits festgetretenen Weg von fünfzig Meilen den Moosebach hinauf zurückzulegen. Dann hatte der Kampf mit dem vier Fuß dicken, jungfräulichen Schnee begonnen, der in Wirklichkeit gar kein Schnee war, sondern aus Eiskristallen bestand. Dieser Schnee war so locker, daß er, wenn man ihn mit den Füßen berührte, wie Kristallzucker hochspritzte. In drei Tagen hatten sie mit unendlicher Mühe die dreißig Meilen den Minnowfluß hinauf geschafft und eine Reihe von niedrigen Wasserscheiden, all die verschiedenen kleinen Flüsse, die südwärts in den Siwash fließen, überschritten. Jetzt hatten sie die großen Wasserscheiden hinter den “Bald Buttes” vor sich, von wo aus der Weg den Porcupinebach hinab nach dem mittleren Lauf des Milchflusses führte. Wenn man dem Milchfluß weiter aufwärts folgte, sollte man, einem allgemein verbreiteten Gerücht zufolge, Kupferablagerungen finden. Und diesem Ziele strebten sie zu – einem Hügel aus reinem Kupfer, der eine halbe Meile rechts ab lag, und dann von der Stelle aus, wo der Milchfluß in einer tiefen Schlucht entsprang, durch einen ausgedehnten, starkbewaldeten Talgrund, den ersten Bach hinauf. Sie würden den Hügel schon erkennen, wenn sie ihn nur fanden. Der einäugige McCarthy hatte ihn bis in die kleinsten Einzelheiten beschrieben. Es war unmöglich, sich zu irren, vorausgesetzt, daß McCarthy nicht gelogen hatte.

Kid ging an der Spitze. Die vereinzelten kleinen Fichten begannen noch seltener und kleiner zu werden, als er einen abgestorbenen und eingetrockneten Baum sah, der mitten auf dem Wege stand. Sie brauchten sich kein Wort zuzurufen. Der Blick, den Kid Kurz zuwarf, wurde mit einem laut gebrüllten »Brrr…« beantwortet. Die Hunde blieben im Geschirr stehen, bis sie sahen, daß Kurz sie losband und Kid den abgestorbenen Baumstamm mit der Axt umzuschlagen begann. Dann warfen sich die Tiere in den tiefen Schnee, rollten sich wie Kugeln zusammen und legten den buschigen Schwanz über die wulstigen Füße und die reifbedeckte Schnauze.

Die Männer arbeiteten mit der Schnelligkeit, die nur lange Übung verleiht. In Goldpfanne, Kaffeetopf und Kochtöpfen schmolzen die Schneehaufen schnell zu Wasser. Kid holte eine Portion Bohnen vom Schlitten, die im voraus mit einer verschwenderischen Menge in Würfel geschnittenen, teils geräucherten, teils grüngesalzenen Specks zusammengekocht waren. Sie wurden in gefrorenem Zustand transportiert, so daß sie leicht zu verstauen und sofort gebrauchsfertig waren. Er schlug große Brocken mit der Axt ab, als ob es Brennholz wäre, und tat sie zum Auftauen in den Kochtopf.

Kuchen aus gefrorenem Sauerteig wurden in derselben Weise aufgetaut.

Zwanzig Minuten, nachdem sie haltgemacht hatten, war die Mahlzeit fertig.

»Ungefähr vierzig Grad Fahrenheit unter Null«, murmelte Kurz zwischen zwei mächtigen Happen Bohnen. »Ich hoffe, daß es nicht kälter wird… und auch nicht wärmer. Es ist gerade richtig so für eine Schlittenfahrt.«

Kid antwortete nicht.

Während er, den Mund voller Bohnen, dasaß und mit aller Kraft kaute, hatte er zufällig einen Blick auf den Leithund geworfen, der etwa sechs Fuß von ihm entfernt lag.

Dieser graue reifbedeckte Wolf starrte ihn mit der unbeschreiblichen Trauer und dem Ernst an, die man so oft in den Augen der Nordlandhunde glimmen und glühen sieht.

Kid kannte diesen Ausdruck so gut wie nur einer, aber immer wieder mußte er über die unfaßbaren Rätsel in diesen Augen staunen. Als wollte er ihren merkwürdig suggestiven Einfluß abschütteln, setzte er seinen Teller und seine Kaffeetasse hin und machte sich daran, den Sack mit den getrockneten Fischen zu öffnen.

»Aber Kid«, protestierte Kurz, »was tust du denn?«

»Ich will einmal gegen alle Gesetze, Erfahrungen und Gewohnheiten des Schlittenlebens verstoßen«, antwortete Kid. »Ich will die Hunde mitten am Tage füttern… nur dieses eine Mal. Sie haben furchtbar geschuftet, und es ist noch die letzte Strecke bis zum Kamm der Wasserscheide zu bewältigen. Außerdem hat der gute Bright mir mit seinen Augen etwas erzählt – Dinge, die Worte nie ausdrücken können.«

Kurz lachte ironisch. »Na, dann verwöhne sie nur ruhig. Es wird wohl nicht lange dauern, und du manikürst ihnen die Nägel. Ich möchte dir Coldcreme und elektrische Massage empfehlen, hat sich glänzend bewährt für Schlittenhunde. Ein türkisches Bad ab und zu ist auch ganz gesund für sie.«

»Ich hab’ es noch nie getan«, verteidigte sich Kid. »Und ich werde es auch nie wieder tun. Aber dieses eine Mal muß ich. Es ist so etwas wie eine Eingebung.«

»Ach so… na, wenn es eine Vorahnung ist, dann kannst du es ruhig tun.« Sein Ton zeigte, wie schnell er besänftigt war. »Man muß Rücksicht auf Vorahnungen seines Kameraden nehmen.«

»Es ist keine Vorahnung mit im Spiel, Kurz. Der gute Bright hat meine Phantasie nur ein bißchen angeregt. Er erzählte mir mit seinen Augen in einer einzigen Minute mehr, als ich in tausend Jahren in allen Büchern lesen könnte. Seine Blicke waren voll vom Geheimnis allen Lebens! Es war, als ob sie sich in Schmerzen krümmten und wanden. Das schlimmste ist, daß ich sie beinahe ergründet hätte und es dann doch nicht tat. Ich bin also nicht weiser geworden, als ich es war, aber es fehlt nicht viel. Ich kann es dir nicht erzählen, aber die Augen des Hundes strömten buchstäblich von Andeutungen über, was das Leben eigentlich ist… Entwicklung und Sternenstaub… und sie erzählten vom Saft des Weltalls und allem andern… kurz, von allem Möglichen und Unmöglichen.«

»Und wenn man das alles in die Alltagssprache übersetzt, bedeutet es, daß du abergläubisch bist«, behauptete Kurz.

Kid warf jedem Hund einen getrockneten Lachs vor, dann schüttelte er den Kopf.

»Aber ich sage, Kid«, erklärte Kurz, »es ist todsicher eine Vorahnung. Irgend etwas wird uns zustoßen, ehe der Tag zu Ende ist. Du wirst schon sehen. Es steckt etwas hinter dieser Geschichte mit den getrockneten Lachsen.«

»Das mußt du mir erst beweisen«, sagte Kid.

»Brauche ich nicht. Der heutige Tag wird schon selbst die Sache in die Hand nehmen und es dir beweisen. Aber hör mal, was ich dir sagen will: Ich habe jetzt das Gefühl, daß etwas hinter deiner Ahnung steckt. Ich setze elf Unzen gegen drei Zahnstocher, daß ich recht habe. Und wenn ich so ein Gefühl habe, schäme ich mich auch nicht, es einzugestehen.«

»Du kannst die Zahnstocher setzen, dann setze ich die elf Unzen«, gab Kid zurück.

»Keine Rede davon. Das wäre der reine Raub. Ich gewinne. Ich weiß schon, wenn ich eine Ahnung kriege, wird, ehe der Tag zu Ende ist, etwas geschehen. Dann werden wir wissen, was hinter den Lachsen steckte.«

»Verdammter Quatsch!« sagte Kid, um die Diskussion abzuschließen.

»Verdammt wird es schon werden«, antwortete Kurz. »Und ich halte drei weitere Zahnstocher gegen dich, daß es ganz niederträchtig verdammt sein wird.«

»Gemacht«, sagte Kid.

»Ich gewinne«, jauchzte Kurz, »aber es müssen Zahnstocher aus Kükenfedern sein.«

Eine Stunde später hatten sie die Wasserscheide überschritten, tauchten hinter den “Bald Buttes” in einen scharfwinkligen Cañon und schlugen dann den Weg über den schroffen, kahlen Hang ein, der zum Porcupine hinabführte. Kurz, der an der Spitze war, blieb plötzlich stehen, und Kid ließ die Hunde sich hinlegen. Unterhalb der Stelle, wo sie sich befanden, sahen sie eine Reihe menschlicher Wesen den Hang heraufziehen, eine Reihe, die, wenn auch mit großen Zwischenräumen, fast eine Viertelmeile lang war.

»Die bewegen sich ja wie ein Leichenbegängnis«, bemerkte Kurz.

»Sie haben keine Hunde«, sagte Kid.

»Nein, die Schlitten werden von Männern gezogen.«

»Hast du gesehen, wie der Mann umfiel? Da ist etwas los, Kurz, es müssen mindestens zweihundert sein.«

»Schau mal, wie sie taumeln, wie besoffen… da ist schon wieder einer gefallen.«

»Es ist ein ganzer Stamm. Kinder sind ja auch dabei.«

»Kid, ich gewinne«, verkündete Kurz. »Ahnung ist Ahnung, und es ist nichts dagegen zu machen. Da kommen sie! Schau sie dir an! Sie kommen an wie eine Kompanie Leichen.«

Die Indianer, die jetzt die beiden Männer gesichtet hatten, brachen in ein Jubelgeschrei aus und beschleunigten ihren Gang.

»Sie sind ziemlich wacklig auf den Beinen«, meinte Kurz. »Sie fallen haufen- und rudelweise um.«

»Sieh dir mal das Gesicht des Vordersten an«, sagte Kid. »Es ist Hunger… das ist es, was mit ihnen los ist. Sie haben ihre Hunde aufgegessen.«

»Was wollen wir tun? Weglaufen?«

»Und Schlitten und Hunde zurücklassen?« fragte Kid vorwurfsvoll.

»Sie werden uns auffressen, wenn wir es nicht tun. Sie sehen hungrig genug aus. Hallo, alter Freund. Was ist mit dir los? Schau den Hund nicht so an! Den kriegst du doch nicht in deinen Kochtopf, verstehst du?«

Die ersten waren schon angelangt und scharten sich jetzt um die beiden, während sie klagten und wimmerten, aber in einer Sprache, die weder Kid noch Kurz verstand.

Kid fand diesen Auftritt ebenso lächerlich wie schreckenerregend.

Es war kein Zweifel, daß sie Hunger litten. Ihre Gesichter mit den eingefallenen Wangen und der Haut, die sich straff über die Knochen spannte, schienen Totenköpfen anzugehören. Immer mehr kamen heran und umdrängten Kid und Kurz, bis sie von der wahnsinnigen Schar völlig umzingelt waren.

»Geht weg da – weg, zum Teufel!« schrie Kurz jetzt wieder auf englisch, nachdem er vergebliche Versuche mit seinen indianischen Brocken gemacht hatte.

Männer, Frauen und Kinder wankten und taumelten auf ihren zitternden Beinen, und sie wurden immer aufdringlicher. Ihre Augen füllten sich mit Tränen der Schwäche und brannten von dem Feuer der Gier. Stöhnend wankte eine Frau an Kurz vorbei und fiel mit ausgebreiteten Armen über den Schlitten. Ein alter Mann folgte ihrem Beispiel und begann mit zitternden Händen, stöhnend und ächzend die Riemen zu lösen, um an die Proviantsäcke heranzukommen. Ein junger Mann, mit einem gezückten Messer in der Hand, versuchte sich heranzudrängen, wurde aber von Kid zurückgeworfen. Jetzt aber drang die ganze Bande auf sie ein, und der Kampf begann.

Anfangs stießen, schoben und schleuderten Kid und Kurz die Angreifer nur zurück. Dann aber waren sie genötigt, Peitschenstiele und die bloßen Fäuste gegen die ausgehungerte Schar zu gebrauchen. Und den Hintergrund dazu bildete der Kreis wimmernder und jammernder Frauen und Kinder. Hier und da gelang es den Angreifern, die Gepäckriemen zu durchschneiden. Männer krochen auf dem Bauch heran, ohne sich um den Regen von Schlägen und Hieben zu kümmern, die auf ihre Rücken herniederprasselten, verblendet von der Hoffnung, die Lebensmittel zu erreichen. Kid und Kurz mußten sie buchstäblich am Kragen packen und gewaltsam zurückschleudern. Und so groß war die Schwäche dieser Armen, daß sie beim leichtesten Stoß umfielen. Sie machten auch keinen Versuch, den beiden Männern, die ihre Schlitten verteidigten, etwas Böses anzutun.

Ausschließlich die Schwäche der Indianer war schuld daran, daß Kurz und Kid nicht überrannt wurden. Im Laufe von fünf Minuten war die Mauer aufrecht stehender, kämpfender Indianer in einen Haufen Gefallener verwandelt, die wimmernd und ächzend im Schnee lagen, während sie schrien und greinten und mit tränenden Augen den Proviant anstarrten, der für sie das Leben bedeutete und den sie so leidenschaftlich begehrten, daß der Geifer vor ihrem Munde stand. Und hinter diesem Haufen erhob sich das klagende Geschrei der Frauen und Kinder.

»Haltet doch den Mund! Hört doch auf!« brüllte Kurz, der sich vergebens die Finger in die Ohren steckte, während er vor Anstrengung laut stöhnte. »Ah, das wolltest du… so, das wolltest du…!« rief er, sprang vorwärts und schlug einem Mann, der auf dem Bauch durch den Schnee gekrochen war und den Versuch machte, dem Leithund die Kehle durchzuschneiden, mit einem Fußtritt das Messer aus der Hand.

»Furchtbar«, murmelte Kid.

»Mir ist auch ganz heiß geworden«, antwortete Kurz, als er zurückkam, nachdem er Bright das Leben gerettet hatte. »Was wollen wir nun mit diesem ganzen Lazarett hier anstellen?«

Kid schüttelte den Kopf, aber im selben Augenblick wurde das Problem gelöst. Ein Indianer kam herangekrochen. Sein eines Auge war auf Kid und nicht auf den Schlitten gerichtet, und Kid konnte in ihm lesen, wie der gesunde Verstand um die Herrschaft kämpfte. Kurz erinnerte sich, daß er dem Mann einen Faustschlag auf das andere Auge gegeben hatte, das auch schon geschwollen und vorläufig geschlossen war. Der Indianer erhob sich auf den Ellbogen und sprach.

»Mich Carluk! Mich gut Siwash. Mich kennen weißen Mann serr gutt. Mich serr hungrig. Alle Leute hier serr hungrig. Aber Leute nich kennen weißen Mann. Mich kennen. Mich essen Proviant. Alle Leute essen Proviant. Wir kaufen Proviant. Wir villes Gold. Sommer kein Lachs Milchfluß. Winter kein Elch kommen. Kein Proviant. Mich sprechen alle Leute. Mich sagen ville weiße Leute aus Yukon kommen. Weißen Mann villen Proviant. Weißen Mann lieben Gold. Lieben serr. Wir bringen ihm Gold, gehen Yukon, weißen Mann geben Proviant. Serr villes Gold. Mich wissen, weißen Mann lieben Gold.«

Mit seinen abgezehrten Fingern tastete er an einer Tasche, die er am Gürtel trug, herum.

»Ihr machen zuviel Lärm«, unterbrach Kurz ihn ärgerlich. »Du sagen Squaws, sie sagen Papusse, sie halten jetzt Mund.«

Carluk drehte sich um und sprach auf die klagenden Weiber ein. Andere Männer, die auf seine Worte gelauscht hatten, erhoben ihre Stimmen gebieterisch, und allmählich verstummten die Frauen und brachten auch die Kinder zum Schweigen. Carluk löste die Schnur seines Tabaksbeutels und hielt die Finger mehrmals in die Höhe.

»So ville sein Volk tot«, sagte er.

Und Kid, der nachgezählt hatte, stellte fest, daß fünfundsiebzig Mitglieder des Stammes verhungert waren.

»Mich kaufen Proviant«, sagte Carluk, als er endlich den Beutel geöffnet hatte, und zog einen großen Klumpen schweren Metalls hervor. Andere folgten seinem Beispiel, und auf allen Seiten tauchten ähnliche Klumpen auf. Kurz starrte sie an.

»Herrgott!« rief er. »Kupfer! Rohes rotes Kupfer! Und sie glauben, es sei Gold.«

»Ihn Gold sein«, versicherte Carluk vertrauensvoll. Mit seiner schnellen Auffassungsgabe hatte er sofort den Sinn des Ausrufes verstanden.

»Und die armen Teufel haben ihr ganzes Vertrauen darauf gesetzt«, murmelte Kid. »Schau es dir an. Der Klumpen da wiegt mindestens vierzig Pfund. Sie haben viele hundert Pfund davon, und sie haben es hierher geschleppt, obgleich sie kaum Kraft genug hatten, sich selbst zu schleppen. Sieh mal, Kurz, wir müssen ihnen etwas zu essen geben.«

»So so, das klingt ja verflucht einfach! Aber wie steht es mit deinen geliebten Zahlen? Wir haben zusammen Proviant für einen Monat, also dreißig mal sechs Mahlzeiten, im ganzen hundertachtzig Mahlzeiten. Hier sind zweihundert Indianer, die alle einen erstklassigen ausgewachsenen Appetit haben. Wir können ihnen also nicht einmal eine einzige Mahlzeit geben.«

»Dann haben wir das Hundefutter!« antwortete Kid. »Einige hundert Pfund getrockneter Lachs werden schon ein bißchen helfen. Wir müssen es jedenfalls tun. Sie haben ihre ganze Hoffnung auf den weißen Mann gesetzt, weißt du.«

»Selbstverständlich können wir sie nicht im Stich lassen«, stimmte Kurz ihm bei, »und daher haben wir jetzt zwei verdammt eklige Dinge zu tun, eines genauso eklig wie das andere. Einer von uns muß ein Wettrennen nach Mucluc machen und dort versuchen, eine Hilfsexpedition auf die Beine zu bringen. Der andere muß hierbleiben, das Lazarett in Betrieb bringen und sich höchstwahrscheinlich auch noch fressen lassen. Aber vergiß allergütigst nicht, daß wir sechs Tage gebraucht haben, um hierherzugelangen, und wenn man auch ohne großes Gepäck reist und dazu noch besonderes Glück hat, so kann man doch den Rückweg bestenfalls in drei Tagen machen.«

Einen Augenblick ließ Kid sich die vielen Meilen, die sie zurückgelegt hatten, durch den Kopf gehen, indem er sie an seinen Kräften maß, um auszurechnen, wie lange er wohl dazu brauchen würde. Dann sagte er: »Ich kann morgen abend dort sein.«

»Schön!« bestätigte Kurz zufrieden. »Dann werde ich hierbleiben und mich auffressen lassen.«

»Aber ich muß einen Fisch für jeden Hund mitnehmen«, erklärte Kid. »Und eine Mahlzeit für mich selbst.«

»Die wirst du auch dringend brauchen, wenn du morgen abend in Mucluc sein willst.«

Durch Vermittlung Carluks legte Kid jetzt das Programm fest.

»Machen Feuer, lange Feuer, viele Feuer…«, schloß er seine Ansprache. »Sehr viele weiße Mann leben Mucluc. Weiße Mann sehr gut. Weiße Mann sehr viel Futter. Fünf Tage mich zurückkommen, viel Proviant. Dieser Mann Kurz sehr gut Freund von mir. Er bleiben hier. Ein großer Häuptling, verstanden?«

Carluk nickte und übersetzte.

»Aller Proviant hierbleiben. Kurz euch Proviant geben. Er Häuptling, verstanden?«

Wieder übersetzte Carluk. Durch Nicken und rauhe Gaumenlaute gaben die andern Indianer ihre Zustimmung zu erkennen.

Kid blieb noch und half, bis alle Vorbereitungen in Schwung gekommen waren. Diejenigen, welche noch imstande waren, sich zu bewegen, krochen oder wankten herum, um Brennholz zu sammeln. Lange Feuer wurden nach Indianerart gemacht, daß alle an ihnen Platz fanden. Kurz hatte sich ein Dutzend Leute zu Hilfe genommen, die alle mit einem kurzen Knüppel bewaffnet waren, womit sie allzu hungrige Finger am Stehlen hinderten. Er stürzte sich mit Feuereifer auf seine Tätigkeit als Koch. Die Frauen übernahmen es, in allen verfügbaren Töpfen Schnee zu tauen. Zunächst wurde ein kleines Stück Räucherspeck unter sämtliche Indianer verteilt, und dann bekamen sie je einen Teelöffel Zucker, um den allerschlimmsten Hunger zu stillen. Bald kochten viele Töpfe mit Bohnen über einem kreisförmigen Feuer, in dessen Mitte Kurz sich befand. Mit entrüsteten Blicken achtete er darauf, daß keiner mogelte – wie er sagte -, während er die dünnsten Eierkuchen buk, die er je in seinem Leben zubereitet hatte. »Mich jetzt großer Kochmeister«, sagte er zum Abschied zu Kid. »Und du machst, daß du die Beine rührst. Lauf den ganzen Weg hin und komm im Galopp zurück. Ich rechne, daß du heute und morgen brauchst, um hinzukommen, und mindestens drei Tage für den Rückweg. Morgen werden sie den letzten Fisch verschlingen, und dann gibt’s keinen Krümel, bevor du in drei Tagen zurück bist. Du mußt die Beine rühren, Kid, sie ganz verdammt schnell rühren.«

Der Schlitten war leicht, da er ja nur mit den sechs Lachsen, einigen Pfunden gefrorener Bohnen und Speck und einem Schlafsack beladen war. Aber dennoch konnte Kid keine große Schnelligkeit erzielen. Statt auf dem Schlitten zu liegen und die Hunde anzutreiben, mußte er neben der Lenkstange durch den Schnee trotten. Außerdem hatten sie alle schon eine ganze Tagesarbeit hinter sich, und sowohl er wie die Hunde waren müde. Die lange arktische Dämmerung war bereits angebrochen, als er die Wasserscheide überschritt und die “Bald Buttes” hinter sich ließ.

Den Hang hinab ging es schneller, und er konnte öfter, jedenfalls für kurze Zeit, auf den Schlitten springen und die Hunde zu einer Schnelligkeit von sechs Meilen antreiben. Aber die Dunkelheit brach herein, und er verirrte sich in dem weiten Tal eines unbekannten Baches. Hier lief der Strom in mächtigen hufeisenförmigen Kurven über den Felsgrund, und um keine Zeit zu verlieren, durchquerte Kid das Gelände, statt sich an den Bach zu halten. Als es ganz dunkel wurde, mußte er an den Bach zurückkehren, um die Fährte zu suchen. Nachdem er eine ganze Stunde mit vergeblichem Suchen verloren hatte, hielt er es für klüger, jetzt nicht weiterzusuchen, und machte Feuer, gab jedem Hund einen halben Fisch und verzehrte selbst die Hälfte seiner Ration. Als er in seinen Schlafsack gekrochen war, gelang es ihm, vor dem Einschlafen das Problem zu lösen. Die letzte Niederung, die er durchquert hatte, lag dort, wo der Bach sich in mehrere Arme teilte. Er hatte sich folglich um eine Meile von der Fährte entfernt. Er befand sich jetzt am Hauptstrom unterhalb der Stelle, wo seine und Kurz’ Fährte das Tal durchquerte, um sich über ein kleines Bächlein und die niedrige Wasserscheide auf der andern Seite zu schlängeln.

Beim ersten leisen Morgendämmern machte er sich, ohne gefrühstückt zu haben, wieder auf den Weg und watete den Bach eine Meile aufwärts, um die verlassene Fährte wiederzufinden. Ohne daß er oder die Hunde etwas zu essen bekamen, fuhr er dann wieder los. Es wurde kein Halt unterwegs gemacht – acht Stunden lang überquerten er und seine Tiere die ganze Reihe von kleinen Bächen und niedrigen Wasserscheiden und setzten unverdrossen den Weg am Minnowbach entlang fort. Es war gegen vier Uhr nachmittags geworden, und fast undurchdringliche Finsternis umgab ihn schon, als er den hartgetretenen Weg zum Moosebach erreichte. Fünfzig Meilen mußte er diesem noch folgen, ehe die Tagesarbeit beendet war. Er hielt die Tiere an, machte Feuer, gab den Hunden den Rest der Fische, taute seine letzten Bohnen auf und verzehrte sie. Dann sprang er auf den Schlitten, schrie sein »Hü«, und die Hunde warfen sich energisch in die Sielen.

»Hü… schnell, schnell, meine Hunde!« rief er. »Hü… hott… schnell, dann bekommt ihr zu fressen! In Mucluc ist Futter genug für euch! Los, ihr Wölfe! Los… hü…!«

Im Wirtshaus “Annie Mine” zeigte die Uhr schon dreiviertel eins. Im Schankraum waren noch viele Gäste. In dem großen Saal glühten die dickbäuchigen Öfen, und da die Ventilation viel zu wünschen übrigließ, herrschte eine ungesunde Hitze. Das harte Klappern des Spielgeldes und das Lärmen der Spieler am Würfeltisch schufen einen eintönigen Hintergrund zu dem ebenso eintönigen Gemurmel der vielen Männer, die rings in dem großen Raum saßen oder standen und sich in größeren oder kleineren Gruppen unterhielten. Die Männer an den Goldwaagen hatten vollauf zu tun, denn Goldstaub war das übliche Zahlungsmittel, und jedes Getränk an der Bar mußte den Männern an den Waagen in Staub bezahlt werden.

Die Wände des Schankraums bestanden aus Balken, die noch die Rinde trugen, und die Zwischenräume waren mit arktischem Moos ausgefüllt, das deutlich zu sehen war. Zu der offenen Tür des Tanzsaals klangen die heiteren Töne eines Klaviers und einer Geige heraus. Das chinesische Lottospiel war gerade zu Ende, und der glückliche Gewinner, dem der Gewinn schon an der Waage ausgezahlt war, wollte ihn mit einigen Zechgenossen vertrinken. An den Pharao- und Roulettischen war jeder Platz besetzt, und hier herrschte eifriges Schweigen. Ebenso war es an den Tischen, wo die Kartenspieler saßen, um die sich eine Schar von Kiebitzen gesammelt hatte. An einem Tisch wurde mit großem Ernst und viel Feierlichkeit Sechsundsechzig gespielt. Nur von dem Tisch, wo gewürfelt wurde, hörte man Lärm und Rufen, wenn der Spieler die Würfel mit flottem Schwung auf das grüne Tuch warf, wo sie ihrem sehnsüchtig begehrten, aber immer unerreichten Ziel entgegenstrebten. Dabei rief er unaufhörlich mit lauter Stimme: »Oh, Freundchen… gib doch vier… gib mir einen ordentlichen Treffer! Donnerwetter: Sechs, bring mir noch ‘nen richtigen Treffer, mein kleines Freundchen!«

Cultus George, ein großer, kräftiger Indianer aus Circle City, hielt sich abseits und lehnte sich mürrisch an die Balkenwand. Er war ein zivilisierter Indianer, falls man einen Indianer zivilisiert nennen kann, weil er wie die weißen Männer lebte. Er fühlte sich sichtlich beleidigt, obgleich dies Beleidigtsein sich über lange Zeit erstreckte. Jahrelang hatte er ja dieselbe Arbeit geleistet wie die Weißen und hatte sie auch an der Seite der Weißen getan, oft genug besser als die Weißen. Er trug auch die gleichen Hosen wie sie, die gleichen schweren Wollhemden. Er besaß eine Uhr wie sie, trug das Haar gescheitelt wie sie und aß dasselbe wie sie – Räucherspeck, Bohnen und Mehl -, und doch war ihm der Zutritt zu ihren Hauptvergnügungen, ihrer begehrtesten Belohnung nach der Arbeit, verboten: er durfte keinen Whisky trinken. Cultus George verdiente viel Geld. Er hatte Goldfelder gefunden und Goldfelder gekauft und verkauft. Im Augenblick war er Fuhrherr und besorgte mit seinen Hundegespannen weite Frachttransporte. Er erhielt zwei Shilling das Pfund für eine Winterfahrt von den “Sechzig Meilen” bis Mucluc, für den Transport von Räucherspeck sogar drei Shilling, wie es Sitte war. Seine Tasche strotzte von Goldstaub – und doch hätte kein Mann an der Bar ihm etwas zu trinken gegeben. Der Whisky, dieses herrlichste Geschenk der Zivilisation, das die schnellste und gründlichste Befriedigung schuf, existierte für ihn nicht. Nur auf geheimnisvollen, verborgenen und sehr kostspieligen Wegen konnte er sich hin und wieder ein Glas verschaffen. Und er empfand diesen Unterschied immer noch ebenso tief wie am ersten Tage. Heut abend war er ganz besonders durstig, und deshalb haßte er die weißen Männer, mit denen er sonst so emsig wetteiferte, noch bitterer als sonst. Der weiße Mann erlaubte ihm allergnädigst, sein Geld am Spieltisch zu verlieren, aber weder für Geld noch für Freundschaft konnte er einen Trunk an ihrer Bar erlangen. Deshalb war er sehr schüchtern und dachte sehr logisch, und seine Logik war besonders bissig.

Der Tanz in dem anliegenden Raum schloß mit einem wilden Finale, das jedoch die drei Säufer, die unter dem Klavier lagen und schnarchten, nicht störte.

»Alle an die Bar!« rief der Vortänzer, als die Musik eine Pause machte. Und dann marschierten sämtliche Paare durch die Türöffnung in den Schankraum – die Männer in Mokassins und Pelzen, die Damen in weichen, zarten Kleidern, in seidenen Strümpfen und Tanzschuhen. Eben in diesem Augenblick wurde die doppelte Haustür aufgerissen, und Alaska-Kid wankte erschöpft herein.

»Was ist denn los, Kid?« fragte Matson, der Inhaber der “Annie Mine”.

Nur mit Mühe gelang es Kid, seinen Mund von den Eisklumpen zu befreien, die in seinem Barte hingen. »Ich habe meine Hunde draußen… sie sind zum Sterben erschöpft«, sagte er heiser. »Einer von euch muß hinausgehen und sich ihrer annehmen… dann erzähle ich euch, was los ist.«

In abgebrochenen Sätzen berichtete er, was geschehen war.

Selbst der Würfelspieler hatte sein Geld auf dem Tisch liegengelassen und war – obgleich er noch immer nicht seinen großen Treffer gemacht hatte – zu Kid getreten.

Er war der erste, der jetzt sprach: »Da müssen wir was tun! Das ist klar… aber was? Du hast Zeit gehabt, dir die Sache zu überlegen. Was meinst du?«

»Ja«, sagte Kid. »Jetzt sollt ihr hören, was ich mir ausgedacht habe. Wir müssen so bald wie möglich einige leichte Schlitten abgehen lassen, sagen wir hundert Pfund Proviant auf jedem. Die Ausrüstung des Führers und das Hundefutter erhöhen das Gewicht um weitere fünfzig Pfund. Aber sie werden eine gehörige Schnelligkeit erzielen können. Sagen wir, daß wir fünf solcher Schlitten abschicken, aber sofort, die schnellsten Gespanne, die besten Hundefahrer und Fährtensucher. Auf der weichen Bahn können die Schlitten spielend vorwärts kommen. Sie müssen aber gleich abfahren. Bestenfalls vergehen doch drei Tage, bis die Schlitten hingelangen, und so lange haben die Indianer nichts zu essen. Und sobald die leichteren Schlitten abgeschickt sind, werden wir mit schwerbeladenen nachkommen. Ihr könnt es ja selbst ausrechnen. Zwei Pfund für den Tag ist das allerwenigste, womit wir die Indianer halbwegs anständig auf den Beinen halten können. Das macht vierhundert Pfund täglich, und da sie Kinder und alte Leute mitführen, brauchen wir mindestens fünf Tage, um sie nach Mucluc zu bringen. Was wollt ihr also machen?«

»Eine Sammlung veranstalten, um den Proviant zu kaufen«, sagte der Würfelspieler.

»Den Proviant nehme ich auf mich«, sagte Kid ungeduldig.

»Gibt’s hier nicht!« unterbrach ihn der andere. »Du hast hier nichts auszugeben. Wir machen alle mit. Einer von uns holt eine Waschschüssel. Die ganze Geschichte wird nur ein paar Minuten dauern. Und hier ist der Anfang.«

Er zog einen schweren Goldbeutel aus der Tasche, öffnete ihn und ließ einen Strom von grobem Goldstaub und Klumpen in die Waschschüssel rinnen, die inzwischen herbeigeschafft worden war. Ein Mann neben ihm riß seine Hand mit einem kräftigen Ruck beiseite und fluchte mächtig, während er die Öffnung des Sackes nach oben drehte, um den Goldstrom zurückzuhalten. Sechs oder sieben Unzen waren jedoch loser Schätzung nach in die Schüssel gefallein.

»Sei nicht solch ein Protz!« schrie der zweite. »Du bist nicht der einzige, der hier Gold hat. Ich bin auch noch da.«

»Nanu«, knurrte der Würfelspieler. »Du glaubst wohl, daß es ein Wettrennen ist, so verdammt eifrig bist du.«

Die Männer drängten und stießen sich, um ihren Anteil geben zu können, und als sie alle ihr Vergnügen gehabt hatten, hob Kid die gefüllte Schüssel hoch und lachte zufrieden.

»Das genügt, um den ganzen Stamm für den ganzen Winter durchzufüttern«, sagte er. »Und wie steht es jetzt mit den Hunden? Zunächst fünf leichte Gespanne, die den Teufel im Leibe haben.«

Ein ganzes Dutzend Gespanne wurde zur Verfügung gestellt, und das gesamte Lager, das sich zu einem Komitee aufgeworfen hatte, debattierte und diskutierte, nahm an und verwarf.

Sobald ein Gespann gewählt war, eilte der Besitzer, von fünf bis sechs Gehilfen begleitet, hinaus, um sofort anzuschirren und sich bereit zu machen.

Ein Gespann wurde zurückgewiesen, weil es erst am selben Nachmittag müde heimgekommen war. Ein Hundebesitzer stellte sein Gespann zur Verfügung, zeigte aber einen verbundenen Fuß, der es ihm unmöglich machte, es selbst zu lenken. Dieses Gespann übernahm Kid, ohne sich um die Einwände der andern zu kümmern, die behaupteten, daß er zu erschöpft sei.

Der lange Bill Haskell erklärte, daß der Dicke Olsen nicht in Frage käme, obgleich sein Gespann glänzend wäre, denn er hätte das Gewicht eines ausgewachsenen Elefanten. Der Dicke Olsen empfand seine zweihundertvierzig Pfund als eine tiefe Beleidigung. Tränen des Zorns füllten seine Augen, und seinen unendlichen Wortschwall konnte man erst beschwichtigen, als man versprach, ihm einen Platz in der schweren Division zu geben. Der Würfelspieler ergriff eifrig die Gelegenheit, um das Gespann des Dicken Olsen zu übernehmen.

Endlich waren fünf Gespanne gewählt und wurden angeschirrt, während man die Schlitten belud. Das Komitee hatte indessen nur vier Hundefahrer als tüchtig genug für die fliegende Division angesehen.

»Da haben wir ja Cultus George«, rief einer. »Er ist der richtige Meilenfresser, außerdem ganz ausgeruht und glänzend in Form.«

Aller Augen richteten sich auf den Indianer, dessen Gesicht aber unbeweglich blieb. Er sprach auch kein Wort.

»Willst du ein Gespann übernehmen?« fragte Kid.

Der große Indianer gab noch immer keine Antwort. Wie ein elektrischer Schlag durchfuhr alle das Gefühl, daß jetzt irgend etwas Unerwartetes geschehen würde. Alle verließen schnell ihre Plätze und bildeten einen Kreis um Kid und Cultus George, die Angesicht zu Angesicht dastanden. Kid fühlte, daß er einstimmig zum Vertreter seiner Kameraden gewählt worden und ihrer Zustimmung sicher war, was jetzt auch geschehen würde. Er war zudem tief empört. Er begriff überhaupt nicht, daß ein anständiger Mensch, der noch dazu den Eifer der Freiwilligen gesehen hatte, sich in einem solchen Falle zurückhalten konnte. Im übrigen hatte Kid auch, während sich das Folgende abspielte, gar keine Ahnung von dem tatsächlichen Standpunkt Cultus Georges. Es fiel ihm nicht ein, daß der Indianer andere Gründe als rein geschäftliche und selbstische für seine Zurückhaltung haben könnte.

»Selbstverständlich werden Sie ein Gespann übernehmen«, sagte Kid.

»Für wieviel?« fragte Cultus George.

Unwillkürlich entrang sich allen Kehlen ein drohendes Knurren. Alle Lippen schürzten sich verächtlich. »Wartet einen Augenblick, Kameraden«, rief Kid. »Vielleicht hat er uns nicht richtig verstanden. Laßt mich ihm die Sache erklären. Hör mal, George, siehst du nicht, daß hier niemand etwas bekommt? Sie tragen alle ihr Scherflein bei, um zweihundert Indianer vorm Hungertod zu retten.«

»Wieviel?« wiederholte Cultus George.

»Wartet, Kameraden, hör, George. Wir wollen nicht, daß du einen Fehler machst. Die Leute, die jetzt verhungern, gehören deinem eigenen Volke an. Es ist freilich ein anderer Stamm, aber es sind doch Indianer. Nun hast du gesehen, was die weißen Männer hier alle ohne Ausnahme tun: sie geben ihren Goldstaub, sie geben ihre Hunde, ihre Schlitten, streiten sich sogar, wer die Fahrt mitmachen soll. Nur der beste Fahrer kann die Führung übernehmen. Sieh dir mal den Dicken Olsen da an! Er war bereit, sich zu schlagen, nur weil sie ihn nicht gehen lassen wollten. Du müßtest mächtig stolz sein, daß die Männer dich für den besten Hundetreiber halten. Es geht hier nicht um wieviel, sondern um wie schnell.« – »Wieviel?« wiederholte Cultus George.

»Schlagt ihn tot!« – »Haut ihm den Schädel ein!« – »Teert und federt ihn!« lauteten einige von den Rufen, die man aus dem jetzt entstehenden wilden Getümmel zu hören bekam. Der Geist der Menschenliebe und der guten Kameradschaft war mit einem Schlage einer brutalen Roheit gewichen.

Im Zentrum des Sturms stand Cultus George vollständig unberührt und ruhig, während Kid die Zudringlichsten zurückschob und rief:

»Seid doch ruhig! Wer von uns soll die Sache hier machen?« Der Lärm verstummte. »Bringt mir ein Seil«, fügte er dann ruhig hinzu.

Cultus George zuckte die Achseln. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem ungläubigen und mürrischen Grinsen. Er kannte die weißen Männer. Er hatte zu oft schwere Fahrten mit ihnen gemacht und Mehl und Speck und Bohnen mit ihnen gegessen, um sie nicht gründlich zu kennen. Er wußte, daß es eine Rasse war, die dem Gesetz gehorchte. Er wußte das voll und ganz. Sie bestraften stets den Mann, der sich gegen das Gesetz verging. Er aber hatte kein einziges Gesetz übertreten. Er kannte die Gesetze der Weißen. Er hatte selbst nach diesen Gesetzen gelebt. Er hatte weder gemordet noch gestohlen noch falsches Zeugnis abgelegt. Es gab keine Bestimmung in den Gesetzen des weißen Mannes, die ihm verbot, Bezahlung zu nehmen oder den Preis so hoch zu schrauben, wie es ihm beliebte. Sie verlangten alle ihren Preis und schraubten ihn so hoch, wie sie Lust hatten. Er tat auch jetzt nichts anderes als nur das, was sie ihn selbst gelehrt hatten. Außerdem – wenn er nicht gut genug war, um mit ihnen zu trinken, so war er auch nicht gut genug, um den Philanthropen mit ihnen zu spielen oder sich sonst irgendwie an ihren verrückten Unternehmungen zu beteiligen.

Als das Seil herbeigeschafft war, legten der lange Bill Haskell, der Dicke Olsen und der Würfelspieler sehr ungeschickt, aber mit dem Eifer der Entrüstung eine Schlinge um den Hals des Indianers und warfen das Ende des Seils über einen Dachbalken.

Cultus George leistete keinen Widerstand. Er wußte, was es war nur Bluff. Die Weißen waren überhaupt tüchtig im Bluffen. War nicht Poker ihr Lieblingsspiel? Betrieben sie nicht all ihre Geschäfte, kauften und verkauften und machten Preistreibereien mit Bluff und Schwindel? Ein halbes Dutzend Männer ergriff das Seil und hielt sich bereit, den Indianer in die Höhe zu ziehen. »Wartet noch!« befahl Kid. »Bindet ihm die Hände. Wir wollen nicht, daß er da oben herumklettert.«

Noch mehr Theater, dachte Cultus George und ließ sich die Hände ohne Widerstand auf den Rücken binden.

»Jetzt geb’ ich dir die letzte Chance, George«, sagte Kid. »Willst du eines von den Gespannen übernehmen?«

»Wieviel?« fragte Cultus George.

Kid gab den Kameraden das Zeichen – befremdet von seinem eigenen Tun und gleichzeitig empört über die unglaubliche Selbstsucht des Indianers. Und Cultus George war nicht weniger erstaunt, als er fühlte, wie die Schlinge sich mit einem Ruck um seinen Hals zusammenzog und er selber plötzlich vom Boden gehoben wurde. Im selben Augenblick brach sein Eigensinn zusammen. Auf seinem Gesicht malten sich in schneller Folge Überraschung, Angst und Schmerz.

Kid wartete unruhig, was geschehen würde. Da er selbst noch nie aufgehängt worden war, fühlte er sich auf diesem Gebiete als Neuling. Der Körper des Indianers zuckte krampfhaft, die gefesselten Hände bemühten sich, die Bande zu sprengen, und aus der Kehle kam ein unheimliches Röcheln. Kid hob die Hand.

Die Männer waren ärgerlich, daß die Strafe nur so kurz dauerte, ließen aber den Indianer wieder herunter. Seine Augen quollen aus ihren Höhlen, er konnte kaum auf den Beinen stehen, schwankte hin und her, während er mit den gefesselten Händen in die Luft griff.

Kid erriet, was er wollte. Rücksichtsvoll steckte er die Finger zwischen das Seil und den Hals und lockerte die Schlinge mit einem harten Ruck. Jetzt erst konnte Cultus George, tief aufatmend, seine Lungen mit Luft füllen.

»Du übernimmst also ein Gespann?« fragte Kid.

Cultus George antwortete nicht gleich. Im Augenblick dachte er nur daran, Luft zu schöpfen.

»O ja, du hast ganz recht«, erklärte Kid, um die Pause auszufüllen. Ihm war selbst die Rolle, die er hier spielen mußte, zuwider. »Wir Weißen sind richtige Bestien. Wir würden unsere Seele für Gold verkaufen und so weiter, aber es kann geschehen, daß wir das mal vergessen, uns davon losreißen und etwas tun, ohne nur einen Augenblick daran zu denken, wieviel wir damit verdienen können. Und wenn wir das tun, Cultus George, dann mußt du aufpassen. Was wir jetzt wollen, ist: Willst du ein Gespann übernehmen?«

Cultus George überlegte hin und her. Er war kein Feigling. Vielleicht würden sie ihren Bluff nicht weitertreiben, und dann war er ein Esel, wenn er jetzt nachgab. Und während er überlegte, litt Kid alle Höllenqualen der Angst, daß dieser starrköpfige Indianer darauf bestehen würde, gehängt zu werden.

»Wieviel?« wiederholte Cultus George.

Kid wollte schon ein Zeichen geben, ihn wieder hochzuziehen.

»Mich lieber gehen!« sagte Cultus George sehr schnell, bevor das Seil wieder angezogen wurde.

»Und als die Hilfsexpedition ankam«, erzählte Kurz in der “Annie Mine”, »war dieses Indianerbiest von Cultus George der erste; er hatte sogar Kid um drei Stunden geschlagen, und ihr dürft nicht vergessen, daß Kid immerhin der zweite war. Na, es war aber auch Zeit, als ich Cultus George seine Hunde oben vom Kamm der Wasserscheide antreiben hörte, denn diese verfluchten Siwashs hatten schon meine Mokassins, meine Handschuhe, die Lederriemen und meine Messerscheide aufgefressen, und einige von ihnen begannen hungrige Blicke auf meine Person zu werfen – ich war ja besser gefüttert als sie, versteht ihr.

Und Kid? Er war mehr als halb tot. Er fummelte ein bißchen herum und half, das Essen für die zweihundert hungrigen Siwashs zu bereiten, aber dann schlief er ein, als er gerade auf dem Hintern saß und sich einbildete, daß er einen Eimer mit Schnee füllte, um ihn aufzutauen. Ich schleppte ihn dann auf mein Bett, und der Teufel soll mich holen, wenn ich ihn nicht hineinlegen mußte, so hin war er.

Ja, selbstverständlich habe ich meine Zahnstocher gewonnen. Die Hunde hatten wahrhaftig die sechs Lachse nötig, die Kid ihnen mitten am Tage gab.«

* * *

7

»He! Jetzt schnell in die herrlichen Lumpen!« Kurz betrachtete seinen Partner mit gespieltem Neid. Kid, der sich vergebens bemühte, die Druckfalten aus den Hosen, die er soeben angezogen hatte, zu entfernen, wurde ärgerlich.

»Für einen getragenen Anzug sitzt er gar nicht so schlecht!« fuhr Kurz fort. »Wieviel hat er eigentlich gekostet?«

»Hundertfünfzig – der ganze Anzug«, antwortete Kid. »Der Mann hatte fast genau meine Größe. Ich fand, daß es ein sehr vernünftiger Preis war. Warum meckerst du denn eigentlich?«

»Wer? Ich? Ach, gar nichts! Mir fiel nur ein, daß es wirklich einen großen Fortschritt für einen Bärenfleischliebhaber bedeutet, der im Packeis nach Dawson kam und damals nur eine Garnitur Unterzeug, ein Paar Mokassins und ein Paar Überziehhosen sein eigen nannte, die ebenso durchlöchert waren wie das Wrack der “Hesperus”, und der nichts zu fressen hatte. Siehst ja verflucht vornehm aus, Kompagnon! Verdammt vornehm! Sag mal…«

»Was willst du denn?« fragte Kid mürrisch.

»Wie heißt sie denn eigentlich?«

»Sie? Was heißt hier “sie”? Es gibt gar keine “sie”. Ich bin zum Mittagessen bei Oberst Bowie eingeladen, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich will dir sagen, was mit dir los ist, Kurz: Du bist einfach neidisch, weil ich in so vornehmer Gesellschaft verkehre und du nicht auch eingeladen bist.«

»Kommst du nicht ein bißchen spät?«

»Wie meinst du das?«

»Zum Mittagessen, meine ich. Sie werden die Suppe schon gegessen haben, ehe du kommst.«

Kid wollte gerade mit raffiniertem Sarkasmus berichten, wie es auf vornehmen Gesellschaften zugeht, als er merkte, daß der andere ihn zum besten hielt. Er vollendete daher seine Toilette so schnell wie möglich. Mit Fingern, die ihre frühere Gewandtheit verloren hatten, band er seine Krawatte zu einer großen Schleife unter den weichen Kragen.

»Schade, daß ich all meine steifen Kragen zur Wäsche gegeben habe«, murmelte Kurz mit aufrichtigem Mitgefühl. »Ich hätte dir sonst gern einen gepumpt.«

Kid bemühte sich gerade, ein Paar richtige Schuhe anzuziehen. Die plumpen wollenen Socken waren indessen zu dick, so daß sie nicht in die Schuhe hineingingen. Er warf Kurz einen flehenden Blick zu. Der aber schüttelte den Kopf.

»Nichts zu machen! Selbst wenn ich ein Paar dünne hätte, würde ich sie dir doch nicht pumpen. Kehre lieber reumütig zu deinen Mokassins zurück, Kompagnon! Deine Zehen werden in so einem Paar enger Hinterflossenüberzüge todsicher erfrieren.«

»Ich habe fünfzehn Dollar dafür gegeben, getragen natürlich«, klagte Kid.

»Ich glaube, daß kein einziger dasein wird, der nicht Mokassins trägt.«

»Aber es kommen ja auch Damen, Kurz. Ich muß mit richtigen Damen bei Tisch sitzen… mit Frau Bowie und mehreren anderen, wie mir der Oberst erzählte.«

»Na – und? Mokassins werden ihnen den Appetit nicht verderben«, erklärte Kurz. »Ich möchte wissen, was der Oberst mit dir vorhat.«

»Ich habe keine Ahnung… wenn er nicht vielleicht gehört hat, daß ich den Überraschungssee gefunden habe. Es wird ja ein Vermögen kosten, ihn trockenzulegen, und die Guggenheims wollen gern Geld anlegen.«

»So was wird es vermutlich sein. Na, aber halte du dich nur ruhig an die Mokassins! Du gütiger Himmel, der Rock ist da reichlich zerknittert, und zu eng ist er auch noch dazu. Darfst eben nicht zuviel futtern, Kamerad. Wenn du es tust, wirst du einfach platzen! Und wenn die Frauenzimmer ihre Taschentücher auf den Boden fallen lassen, müssen sie hübsch liegenbleiben, heb sie um Gottes willen nicht auf! Was du auch sonst tust, das darfst du auf keinen Fall!«

Wie es sich für einen hochbezahlten Sachverständigen und den Vertreter der angesehenen Firma Guggenheim gehört, bewohnte Oberst Bowie eines der vornehmsten Häuser Dawsons.

Es war freilich, wie alle die andern, aus vierkantigen, grob behauenen Balken erbaut, hatte aber zwei Stockwerke und war von so extravaganter Größe, daß es mit einem großen Wohnzimmer prahlen konnte, das tatsächlich nur als Wohnzimmer diente. Große Bärenfelle lagen auf dem rauhen Bretterboden, und an den Wänden hingen Geweihe von Elchen und Rentieren. Hier gab es sogar einen offenen Kamin und einen mächtigen Ofen, in dem ein herrliches Feuer prasselte. Hier traf Kid die gesellschaftliche Auslese Dawsons – Männer wie Warburton Jones, Forschungsreisender und Schriftsteller, Hauptmann Consadine von der berittenen Polizei, Haskell, Goldkommissar des Nordwest-Territoriums, und Baron von Schroeder, der ein Günstling des deutschen Kaisers war und einen internationalen Ruf als Duellant genoß.

Und hier traf Kid auch Joy Gastell, die ihn in einem richtigen Gesellschaftskleid bezauberte – bisher hatte er sie ja nur unterwegs in Pelz und Mokassins gesehen.

Beim Essen war sie seine Tischdame.

»Ich fühle mich wie ein Fisch, der aus seinem Element herausgezogen ist«, gestand er. »Die Gäste hier sind alle wirklich bedeutende Persönlichkeiten, nicht wahr? Außerdem hätte ich mir nie träumen lassen, daß es eine solche orientalische Üppigkeit in Klondike gäbe. Sehen Sie sich mal Herrn von Schroeder an! Er hat tatsächlich einen richtigen Frack an, und Consadine trägt sogar ein gestärktes Hemd. Ich habe indessen festgestellt, daß er auch Mokassins trägt. Was sagen Sie zu meiner Ausstattung?«

Um Joys Beifall zu erlangen, bewegte er die Schultern hin und her wie ein Vogel, der sich die Federn putzt.

»Es sieht aus, als seien Sie dicker geworden, seit Sie hierhergekommen sind«, lachte sie.

»Stimmt nicht! Raten Sie noch einmal…«

»Dann gehört der Anzug einem anderen.«

»Diesmal haben Sie es getroffen! Ich habe den Anzug zu einem sehr anständigen Preis von einem Angestellten der A.-C.-Gesellschaft gekauft.«

»Es ist wirklich schade, daß Kontoristen immer so schmale Schultern haben«, sagte sie mitfühlend. »Aber Sie haben gar nicht gesagt, wie Ihnen meine Ausstattung gefällt.«

»Das kann ich einfach nicht«, erklärte er. »Ich habe die Sprache verloren. Ich lebe schon zu lange auf den ewigen Fahrten! So etwas wie das hier wirkt völlig betäubend auf mich. Ich hatte tatsächlich vergessen, daß Frauen überhaupt Arme und Schultern haben. Morgen früh werde ich wach werden und, genau wie mein Freund Kurz, glauben, daß alles nur ein Traum gewesen ist. Letztes Mal, als ich Sie am Squawbach sah…«

»Da benahm ich mich ganz wie eine indianische Squaw«, unterbrach sie ihn.

»Das wollte ich nicht sagen. Ich erinnerte mich nur, daß ich am Squawbach die Entdeckung machte, daß Sie Füße besitzen.«

»Und ich werde Ihnen nie vergessen, daß Sie sie gerettet haben«, sagte sie. »Ich habe seither immer gewünscht, Sie wiederzusehen, um Ihnen meinen Dank abzustatten.« Er zuckte abwehrend die Achseln. »Und deshalb sind Sie heute auch hier eingeladen.«

»Sie haben also den Oberst veranlaßt, mich einzuladen?«

»Nein, aber seine Frau. Und ich habe sie auch gebeten, Sie mir als Tischherrn zu geben. Und jetzt habe ich also endlich die Gelegenheit, Ihnen etwas anzuvertrauen. Jetzt ist die Unterhaltung ja schon allgemein, so daß man nicht hört, was ich Ihnen sage. Passen Sie gut auf und unterbrechen Sie mich nicht. Sie kennen ja den Monobach?«

»Natürlich.«

»Es hat sich gezeigt, daß er sehr viel Gold führt… unerhört reich ist. Man berechnet, daß jedes Claim eine Million oder mehr wert ist. Er ist erst ganz vor kurzem entdeckt.«

»Ich erinnere mich, wie wild die Leute damals waren.«

»Das ganze Gebiet wurde auch bis zum Horizont abgesteckt und abgepfählt und die Nebenflüsse ebenfalls. Aber eben in diesen Tagen ist ein Claim frei geworden, nämlich Nummer drei am Hauptstrom unterhalb des Finderclaims. Die Entfernung bis zum Monobach ist so groß, daß der Kommissar sechzig Tage nach der Markierung als Frist für Eintragung der Mutungen festgesetzt hat. Jetzt sind auch alle Mutungen eingetragen, mit Ausnahme von Claim drei. Es war Cyrus Johnson, der es abgesteckt hatte. Und das war auch alles, was er getan hat. Seitdem ist er nämlich spurlos verschwunden. Kein Mensch hier weiß, ob er gestorben oder ob er den Fluß hinauf- oder hinabgegangen ist. Jedenfalls wird in sechs Tagen die letzte Frist zum Einregistrieren verstrichen sein. Dann wird es bekommen, wer es abgesteckt und als erster Dawson erreicht hat und es dort einregistrieren läßt.«

»Eine Million Dollar«, murmelte Kid.

»Gilchrist, der das zweite Claim oberhalb des Finderclaims bekommen hat, hat mit einer einzigen Pfanne aus dem Flußbett sechshundert Dollar erzielt. Er hat ein Loch in den Boden gebrannt. Und das Feld unterhalb soll noch reicher sein. Das weiß ich.«

»Aber warum weiß das sonst keiner?« fragte Kid skeptisch.

»Sie fangen auch schon an, davon zu reden. Lange wurde es geheimgehalten, und erst jetzt ist es durchgesickert. In den nächsten vierundzwanzig Stunden werden gute Hundegespanne zu erschwingen sein. Jetzt müssen Sie so diskret wie möglich verschwinden, sobald wir vom Tisch aufstehen. Ich habe schon alles vorbereitet.

Ein Indianer kommt mit einem Brief für Sie, den Sie lesen, und dann tun Sie, als ob es etwas furchtbar Wichtiges wäre, entschuldigen sich und gehen.«

»Ich verstehe nicht ganz…«

»Dummkopf«, sagte sie leise. »Sie werden heute nacht schon unterwegs sein, um sich ein paar Hundegespanne zu verschaffen. Ich weiß zwei, die zu haben sind. Da ist Hansons Gespann: sieben große Hunde von der Hudsonbucht; er verlangt vierhundert Dollar für das Stück. Das ist heute der höchste Preis, morgen wird er aber schon höher sein. Und Sitka Charley hat acht Malemutes, für die er dreitausendfünfhundert Dollar verlangt. Morgen wird er jeden auslachen, der ihm fünftausend bietet. Und dann haben Sie Ihr eigenes Gespann und müssen sich noch einige dazu verschaffen. Es wird Ihre Sache sein, sie noch heute nacht zu bekommen. Nehmen Sie nur die besten! Es sind ebensosehr die Hunde wie die Männer, die das Rennen gewinnen werden. Es sind hundertundzehn Meilen, und Sie müssen so oft wie überhaupt möglich die Hunde wechseln.«

»Ich sehe ja, Sie möchten gern, daß ich einen Versuch mache«, sagte Kid langsam.

»Wenn Sie nicht Geld genug für die Hunde haben, werde…«

»Ich kann die Hunde schon kaufen, aber glauben Sie nicht, daß das Spiel ein bißchen zu hoch für mich ist?«

»Nach dem, was Sie an dem Roulett im “Elch” geleistet haben«, erwiderte sie, »glaube ich nicht, daß Sie das zu fürchten brauchen. Es ist natürlich eine rein sportliche Leistung, auf die es ankommt, wenn Sie es so nehmen. Ein Wettlauf um eine Million und mit einigen von den besten Hundefahrern und Läufern in diesem Lande als Gegner. Sie sind freilich in diesem Augenblick noch nicht darauf vorbereitet, aber morgen um diese Zeit werden Sie es schon sein. Dann werden die Hunde so teuer sein, daß nur die reichsten Männer sich den Preis leisten können. Der Große Olaf ist in der Stadt… er kam vorigen Monat aus Circle hierher. Er ist einer der gewieftesten Hundefahrer im ganzen Land, und wenn er mitgeht, wird er der gefährlichste Gegner für Sie sein.

Arizona-Bill wird auch ein schlimmer Konkurrent sein. Er ist jahrelang professioneller Schlittenfahrer und Postführer gewesen. Wenn er auch mitgeht, wird das Hauptinteresse sich auf ihn und den Großen Olaf richten.«

»Und da wollen Sie, daß ich sozusagen als Außenseiter mitlaufe?«

»Vollkommen richtig! Und das wird auch seine Vorteile haben. Von Ihnen wird man nicht erwarten, daß Sie das Rennen gewinnen. Sie wissen ja selbst, daß Sie noch immer als Chechaquo betrachtet werden! Sie sind noch keine vier Jahre hier. Niemand wird Notiz von Ihnen nehmen, ehe Sie die Führung der letzten Strecke auf dem Heimweg übernommen haben.«

»Und auf dieser letzten Strecke soll der Außenseiter also zeigen, daß er in guter Form ist.«

Sie nickte und sprach dann ernst weiter: »Vergessen Sie nicht, daß ich mir nie verzeihen kann, Sie am Squawbach hinters Licht geführt zu haben, und daß ich erst wieder ein gutes Gewissen habe, wenn Sie das Claim am Monobach gewinnen. Und wenn es jemand gibt, der das Rennen gegen die alten Leute gewinnen kann, dann sind Sie es.«

Es war die Art, wie sie es sagte… er fühlte einen warmen Strom seinen Körper durchfluten und ihm Kopf und Herz heiß machen. Dann warf er einen schnellen, prüfenden Blick auf ihr Gesicht – ohne es zu wollen und doch voller Ernst. Und im selben Augenblick, in dem er ihren Augen begegnete, die ihn fest ansahen, ehe sie sich wieder senkten, glaubte er etwas in ihnen zu lesen, das ihm viel wertvoller war als das Claim, das Cyrus Johnson zu registrieren vergessen hatte.

»Ich werde es tun«, sagte er. »Und ich werde gewinnen.«

Das frohe Aufleuchten ihrer Augen schien ihm einen köstlicheren Preis zu versprechen als alles Gold des Monobaches. Er bemerkte eine Bewegung ihrer Hand, die ihm am nächsten lag. Vom Tischtuch verborgen, streckte er ihr unwillkürlich die seine entgegen und empfand selig den leisen und warmen Druck von den Fingern einer Frau. Und wieder durchspülte eine Woge von Wärme seinen Körper.

Was wird Kurz sagen? war der nächste Gedanke, der heiter und neckisch durch sein Gehirn blitzte, als er seine Hand vorsichtig wieder zurückzog. Fast eifersüchtig sah er die Gesichter von Schroeders und Jones’ an und sann erstaunt darüber nach, ob sie denn nicht entdeckt hatten, welch herrliche, seltene Frau hier neben ihm saß.

Ihre Stimme riß ihn aus seinen Träumen, und er mußte feststellen, daß sie schon einige Minuten sprach, ohne daß er zugehört hatte.

»Sie sehen also, Arizona-Bill ist ein weißer Indianer«, erzählte sie. »Und der Große Olaf ist… nun, er ist ein Mann, der mit einem Bären ringen kann, ein König der Schneefelder, ein mächtiger Herrscher der wilden Einöden. Er kann laufen und durchhalten, wie nur die Indianer es können, und er hat nie ein anderes Leben kennengelernt als das im Eis und in der Wildnis.«

»Von wem sprechen Sie?« fragte Hauptmann Consadine über den Tisch hinweg.

»Vom Großen Olaf«, antwortete sie. »Ich erzählte Herrn Bellew eben, daß er ein so glänzender Läufer ist.«

»Da haben Sie wirklich recht«, bestätigte Hauptmann Consadine mit seiner mächtigen Stimme. »Der Große Olaf ist der beste Läufer in ganz Yukon. Ich würde gegen den Teufel selbst auf ihn setzen, wenn es sich um Fahrten durch Eis und Schnee handelte. Er war es ja, der 1895 die Regierungsdepeschen herbrachte, nachdem zwei Kuriere am Chilcoot erfroren und der dritte im offenen Wagen bei den “Dreißig Meilen” ertrunken war.«

Auf der Fahrt an den Monobach hatte Kid sich nicht übereilt, weil er fürchtete, seine Hunde abzuhetzen, bevor das entscheidende Rennen begann. Er hatte außerdem die Gelegenheit benutzt, jede Meile des Weges kennenzulernen und die Stellen auszuwählen, wo er die Hunde wechseln wollte. So viele Männer wollten an dem Rennen teilnehmen, daß die ganze Strecke von hundertundzehn Meilen fast wie ein einziges zusammenhängendes Dorf aussah. Überall am Wege waren Relaisstationen eingerichtet. Herr von Schroeder, der sich nur des Spaßes halber an dem Rennen beteiligte, hatte nicht weniger als elf Hundegespanne – also ein Gespann auf je zehn Meilen. Arizona-Bill mußte sich mit acht Gespannen begnügen, der Große Olaf mit sieben und Kid mit ebensovielen. Außer ihnen waren mehr als drei Dutzend Männer beteiligt. Selbst hier im goldenen Norden betrug der Preis eines Hundewettrennens nicht jeden Tag eine ganze Million. Das Land war völlig reingefegt von Hunden. Kein Tier von irgendwie vernünftiger Schnelligkeit und Ausdauer war dem feinzähnigen Kamm entgangen, der die Bäche und Goldlager gestriegelt hatte. Die Preise für Gespanne waren auf das Doppelte und Vierfache gestiegen, solange diese wahnsinnige Spekulation anhielt.

Das dritte Claim unterhalb des Finderclaims lag zehn Meilen von der Mündung flußaufwärts. Die übrigen hundert Meilen mußte man auf dem zugefrorenen Yukon zurücklegen.

Auf Claim drei waren nicht weniger als fünfzig Zelte und dreihundert Hunde untergebracht. Die alten Pfähle, die Cyrus Johnson vor sechzig Tagen eingerammt hatte, standen noch, und alle Teilnehmer hatten einmal über das andere die Grenzen des Claims überschritten, denn dem Rennen der Hunde ging ein Wettlauf der Männer selbst voraus. Jeder Interessent mußte selbst das Claim für sich abzeichnen, und das bedeutete, daß er zwei Mittelpfähle und vier Eckpflöcke einrammen und den Bach zweimal überqueren mußte, ehe er mit seinen Hunden nach Dawson fahren konnte.

Außerdem war es so geregelt, daß keiner dem andern zuvorkommen konnte. Erst wenn es Freitag nacht zwölf schlug, wurde das Claim für den Neuerwerb geöffnet, es war also erst nach Mitternacht erlaubt, Pfähle einzurammen.

So hatte der Goldkommissar von Dawson die Sache organisiert, und Hauptmann Consadine hatte eine Schwadron der berittenen Polizei hinaus geschickt, um dafür zu sorgen, daß man sich nach dieser Bestimmung richtete.

Es hatten auch eifrige Diskussionen stattgefunden, ob man sich nach der Zeitangabe der Polizei oder nach der Sonnenzeit zu richten hätte, aber Hauptmann Consadine hatte die Entscheidung getroffen, daß die polizeilichen Zeitangaben maßgebend seien, und um jedem Streit vorzubeugen, hatte er ferner angeordnet, daß man sich nach der Uhr des Leutnants Pollock zu richten hätte.

Der Weg führte durch das ebene Flußbett, und da dieses nur zwei Fuß breit war, glich es einer engen Rinne, die auf beiden Seiten von dem Schnee dreier Monate wie von einer hohen Wand eingerahmt wurde. Kein Wunder, daß alle sich mit dem Problem beschäftigten, wie mindestens vierzig Schlitten und dreihundert Hunde auf einer so engen Bahn starten sollten.

»Pfui Deibel!« sagte Kurz. »Das wird das saumäßigste Holterdiepolter, das es je gegeben hat. Ich sehe keinen andern Ausweg, Kid, als brutale Kraft anzuwenden und sich mit Fäusten und Ellbogen durchzuschlagen. Selbst wenn der ganze Bach schneefrei wäre, böte er doch kaum Platz für zwölf Gespanne. Mein Riecher sagt mir, daß es eine mordsmäßige Keilerei geben wird, ehe das Rennen losgeht. Und wenn es dazu kommt, mußt du es mir überlassen, die Keile auszuteilen.«

Kid zuckte die Achseln und lachte vielsagend.

»Um Gottes willen, halt die Finger davon!« rief sein Partner erschrocken. »Was auch geschieht, du darfst dich nicht hineinmischen. Du kannst die Hunde nicht hundert Meilen mit zerschundenen Knöcheln fahren – und das wird es bedeuten, wenn du dich an der Keilerei beteiligst.«

Kid nickte. »Du hast recht, Kurz. Ich will unsere Chance nicht dadurch verderben.«

»Und vergiß nicht«, fügte Kurz hinzu, »daß ich die ersten zehn Meilen schaffen muß, während du es dir so bequem wie nur möglich machst. Ich werde dich schon bis zum Yukon durchschleppen. Dann mußt du mit den Hunden den Rest schaffen. Sag mal, was glaubst du, hat der Schroeder vor? Er hat sein erstes Gespann eine Viertelmeile flußabwärts aufgestellt und will es an einer grünen Laterne erkennen. Aber wir werden ihm die Kunst schon nachmachen! Wir werden uns ein rotes Licht anschaffen.«

Der Tag war klar und kalt gewesen, aber gegen Abend hatte eine Decke von Wolken den Himmel verhüllt. Als die Nacht kam, wurde es warm und dunkel, und eine Andeutung von Schnee lag in der Luft. Das Thermometer zeigte fünfzehn Grad unter Null – und in Klondike betrachtet man eine Wintertemperatur von nur fünfzehn Grad Kälte als mild.

Wenige Minuten vor Mitternacht verließ Kid Kurz, der mit den Hunden etwa fünfhundert Meter flußabwärts stehenblieb, und schloß sich den vielen Bewerbern um Claim drei an. Es waren im ganzen fünfundvierzig, die an dem Wettrennen um die Million teil nehmen wollten, welche Cyrus Johnson hinterlassen hatte, als er sich in sein eisiges Grab legte. Alle hatten sechs Pflöcke und einen schweren hölzernen Hammer bei sich und trugen eine kittelartige Parka aus schwerem Drillich.

Leutnant Pollock stand in seinem dicken Bärenpelz da und sah beim Schein einer Laterne auf die Uhr. Es fehlte noch eine Minute an zwölf.

»Achtung!« rief er und hob den Revolver in seiner Rechten, während er den Sekundenzeiger der Uhr beobachtete, der seine letzte Runde vor Mitternacht machte.

Die fünfundvierzig Kapuzen der Parkas wurden zurückgeschlagen. Fünfundvierzig Händepaare zogen die Fäustlinge aus. Fünfundvierzig Fußpaare drückten sich fest und energisch in den hartgetretenen Schnee. Und fünfundvierzig Pflöcke wurden in den Schnee gesteckt, während ebenso viele Hämmer sich hoben.

Der Schuß knallte. Die Hammerschläge erdröhnten – Cyrus Johnsons Anrecht auf die Million war erloschen. Um völlige Verwirrung zu vermeiden, hatte Leutnant Pollock bestimmt, daß zuerst der untere Mittelpflock, dann der südöstliche und in derselben Reihenfolge die andern, der obere Mittelpflock aber unterwegs gerammt werden sollte.

Kid schlug seinen ersten Pflock ein und lief als einer der ersten weiter. An den Ecken brannten Feuer, und an jedem Feuer stand ein Polizist, der die Namen der Läufer in eine Liste eintrug, die er in der Hand hielt. Jeder mußte ihm seinen Namen nennen und sein Gesicht zeigen. Es sollte nach Möglichkeit verhindert werden, daß jemand einen andern an seiner Statt die Pfähle einrammen ließ, während er selbst schon nach der Stadt unterwegs war.

An der ersten Ecke schlug von Schroeder seinen Pflock neben den Kids ein. Sie gebrauchten gleichzeitig ihre Hämmer. Während sie noch hämmerten, kamen andre hinzu, und zwar so ungestüm, daß einer dem andern im Wege stand und ein verworrenes Hin- und Hergestoße veranlaßte. Während Kid sich den Weg durch die Menge bahnte, um dem Polizisten seinen Namen zu nennen, sah er, wie der Baron mit einigen von den andern Läufern zusammenstieß, den Halt verlor und in den Schnee fiel. Kid wartete indessen nicht ab, daß er wieder auf die Beine kam. Andere waren ihm schon zuvorgekommen. Im Schein des erlöschenden Lichtes sah er den mächtigen Rücken des Großen Olaf, und an der südwestlichen Ecke rammte er seinen Pflock neben dem Olafs ein.

Es war durchaus keine leichte Aufgabe, dieses Hindernisrennen. Die Grenzen des Claims hatten eine Gesamtlänge von fast einer Meile, und der größte Teil des Rennens ging über eine unebene, verschneite Fläche, die voll von großen Knorren war. Um Kid herum stolperten und strauchelten die Männer, und mehrmals fiel er selbst kopfüber hin und kroch auf allen vieren herum. Einmal stürzte der Große Olaf unmittelbar vor ihm und riß ihn im Fall mit, so daß sie aufeinander zu liegen kamen.

Der oberste Mittelpfahl wurde unmittelbar am Rande des Uferhanges eingerammt, und dann wälzten sich die Läufer den Hang hinab, über das gefrorene Flußbett und das andere Ufer hinauf. Als Kid hier herumkroch, packte ihn eine Hand am Fußgelenk und zog ihn zurück. Im flackernden Schein des fernen Feuers konnte er das Gesicht des Mannes nicht sehen, der ihm diesen Streich gespielt hatte. Aber Arizona-Bill, dem dasselbe geschehen war, stand auf und versetzte dem Angreifer einen Faustschlag ins Gesicht. Kid sah und hörte das, während er sich noch bemühte, auf die Beine zu kommen, aber im selben Augenblick bekam er selbst einen Faustschlag, so daß er halb bewußtlos in den Schnee taumelte. Er kam jedoch wieder hoch und merkte sich den Mann, der es getan hatte.

Er hob schon die Faust, um ihm eins auszuwischen, als er sich der Warnung Kurz’ erinnerte und sich beherrschte.

Im nächsten Augenblick wurde er aber unterhalb des Knies von einem Körper getroffen, der gegen ihn fiel, und stürzte wieder zu Boden.

Das gab ihm einen Vorgeschmack von dem, was geschehen sollte, wenn die Männer ihre Schlitten erreichten. Immer wieder strömten Leute vom andern Ufer herbei und stürzten sich ins Getümmel. Haufenweise kletterten sie den Hang herauf, und haufenweise wurden sie von ihren ungeduldigen Nebenbuhlern zurückgezerrt. Es fielen viele Schläge, unzählige Flüche entstiegen dem Klumpen keuchender Männer, die noch so viel Luft hatten, daß sie etwas entbehren konnten, während Kid, der seltsamerweise das Gefühl hatte, als schwebte Joys Gesicht immer vor seinen Augen, von ganzem Herzen hoffte, daß die Hämmer nicht als Kampfwaffen benutzt werden würden. Ein Mal über das andere wurde er umgestoßen, mit Füßen getreten, oft mußte er im tiefen Schnee nach den Pflöcken suchen, aber schließlich gelang es ihm, aus dem Knäuel herauszukommen, so daß er den Hang etwas weiter abwärts erklettern konnte. Freilich taten viele dasselbe, und es war ihm nicht möglich zu verhindern, daß ihn viele bei dem Rennen um die nordwestliche Ecke überholten.

Als er die Hälfte des Weges nach der vierten Ecke hinter sich hatte, stellte ihm jemand ein Bein, er flog weit hin und verlor seinen letzten Pflock. Mindestens fünf Minuten suchte er im Dunkeln, bis er ihn wiedergefunden hatte, und während dieser ganzen Zeit hasteten die keuchenden Männer an ihm vorbei. Aber von der letzten Ecke bis zum Bach begann er mehrere zu überholen, denen das Rennen über eine Meile doch zuviel gewesen war. Unten auf dem Bach selbst herrschte das wildeste Tohuwabohu. Ein Dutzend Schlitten waren ineinandergefahren und umgekippt, und fast hundert Hunde befanden sich in einer wilden Keilerei. Dazwischen bemühten sich Männer, die ineinander verstrickten Tiere wieder aus dem verworrenen Haufen zu ziehen, und schlugen mit ihren Hämmern auf sie los. Kid sah es nur flüchtig, im Vorbeilaufen, aber er fragte sich, ob Dore je ein Bild von einer ähnlichen grotesken Unheimlichkeit gezeichnet hätte.

Er sprang von der überfüllten Straße den Abhang ein Stück hinunter und erreichte die festgetretene Schlittenbahn, wo er schneller laufen konnte. Hier war der Schnee neben dem Wege an zahlreichen Stellen festgestampft, und auf den Lagerplätzen standen Schlitten und Männer und warteten auf die Wettläufer, die noch nicht abgefahren waren. Hinter sich hörte Kid das Heulen und Stampfen laufender Hunde und hatte eben noch Zeit, in den tiefen Schnee neben dem Wege zu springen, als der Schlitten schon vorbeihuschte; er konnte den Mann sehen, der, auf den Knien liegend, die Hunde wie ein Rasender anfeuerte. Aber kaum war der Schlitten vorbei, als er mitten in einem wilden Kampfgetümmel steckenblieb. Die aufgeregten Hunde eines anderen Schlittens, die neben dem Wege warteten und eifersüchtig auf die Tiere waren, die vorbeiliefen, hatten sich losgerissen und waren auf sie losgesprungen.

Kid bog um sie herum und schlüpfte glücklich vorbei. Er konnte die grüne Laterne von Schroeder und daneben das rote Licht sehen, das sein eigenes Gespann kenntlich machte. Zwei Männer überwachten das Gespann von Schroeder und streckten große Knüppel abwehrend vor sich aus.

»Hierher, Kid, hierher!« hörte er Kurz ängstlich rufen.

»Ich komme schon«, keuchte er zurück.

Bei dem roten Schein sah er, daß der Schnee aufgewühlt und voller Fußstapfen war, und aus der Art, wie sein Freund keuchte, konnte er schließen, daß es einen schweren Kampf gegeben hatte.

Er taumelte zum Schlitten, und im selben Augenblick, da er sich hinwarf, knallte Kurz mit der Peitsche und rief: »Hü, ihr Deubel, hü!«

Die Hunde sprangen in die Sielen, und mit einem Ruck glitt der Schlitten fort. Es waren große Tiere – Hansons Preisgespann von der Hudson Bay -, und Kid hatte sie für die erste Strecke, die zehn Meilen des Monobachs, dann den sehr ungangbaren Richtweg über die Ebene an der Mündung und endlich die ersten zehn Meilen am Yukon gewählt.

»Wie viele sind uns voraus?« fragte er.

»Schnauze halten und Puste sparen«, antwortete Kurz. »Hü, ihr Bestien, hü, zum Teufel, hü!«

Er lief hinter dem Schlitten her, durch ein kurzes Seil daran festgebunden. Kid konnte weder ihn noch den Schlitten, auf dem er lag, sehen. Die Feuer verschwanden schon weit hinter ihnen, und sie sausten, so schnell die Hunde laufen konnten, durch eine Mauer von schwarzer Dunkelheit dahin. Diese Finsternis war fast klebrig; sie war zu einer festen Materie geworden.

In einer scharfen Kurve merkte Kid, wie der Schlitten nach der Seite kippte und nur auf einer Kufe lief; von vorne hörte er das Fauchen von Tieren und die Flüche streitender Männer. Später wurde diese Episode die »Barnes-Slocum-Kollision« genannt. Es waren nämlich die Gespanne dieser beiden, die zuerst ineinanderfuhren, und in sie sausten dann Kids sieben große Kampfhunde in voller Fahrt hinein. Sie waren kaum etwas anderes als halbgezähmte Wölfe, und die Aufregung der Nacht am Klondike hatte schon in allen Tieren die Kampflust erweckt. Die Klondike-Hunde werden ohne Zügel gefahren, können also nur durch Zurufe angehalten werden. Es war daher ganz unmöglich, dem wilden Kampfgetümmel in der Enge des Bachbetts ein Ende zu machen. Hinter ihnen kamen Schlitten auf Schlitten und sausten in das Chaos hinein. Männer, die ihre Gespanne schon aus dem Knäuel befreit hatten, wurden von neuen Lawinen ankommender Schlitten überrannt. Und dabei waren all diese Hunde wohlgenährt, gut ausgeruht und kampflustig.

»Hier gibt es nur eins: losschlagen, sich hinaushauen und durchstoßen«, heulte Kurz seinem Kameraden ins Ohr. »Und paß gut auf deine Hände auf! Das Dreschen überlaß mir.«

Kid wußte später nie genau, was eigentlich in der nächsten halben Stunde geschah. Aber schließlich tauchte er doch aus dem Knäuel auf, völlig erschöpft und nach Luft schnappend. Das Kinn schmerzte von einem Fausthieb, die eine Schulter war von einem Hammerschlag zerquetscht, das Blut lief in einem warmen Strom über sein Bein, das von den Fängen eines Hundes verwundet worden war. Beide Ärmel seiner Parka waren zerfetzt. Wie im Traume half er Kurz die Hunde wieder anzuschirren, während die Schlacht hinter ihnen weitertobte. Einen sterbenden Hund schnitten sie aus den Strängen und bemühten sich eifrig in der Dunkelheit, das zerrissene Geschirr wieder instand zu setzen.

»Jetzt legst du dich hin und sorgst dafür, daß du wieder Luft kriegst«, befahl Kurz.

Und dann sausten die Hunde wieder durch die dunkle Nacht. Ihre Kräfte waren noch frisch und unverbraucht, und so liefen sie schnell den Monobach hinab und schlugen die Richtung nach dem Yukon ein. Hier, wo sie wieder die ausgefahrene Schlittenbahn erreichten, hatte irgend jemand ein Feuer angezündet, und hier verabschiedete sich auch Kurz von Kid. Und hier, beim Schein des flackernden Feuers, hatte Kid wieder ein unvergeßliches Bild aus dem Lande des Nordens, als der Schlitten hinter den weiterstürmenden Hunden dahinglitt. Es war das Bild seines Kameraden, der wankend dastand, bis er in den Schnee sank.

Und selbst als er erschöpft im Schnee lag, ein Auge geschwollen und von gewaltigen Faustschlägen geschlossen, die Knöchel blutig und zerschlagen, einen Arm von den Fängen der kampfwilden Hunde zerrissen, so daß ein Strom von Blut sich über ihn ergoß – selbst da noch spornte er seinen Freund durch Zurufe an.

»Wie viele sind noch vor mir?« fragte Kid, als er auf der ersten Station die ermüdeten Hudson-Bay-Hunde sich hinlegen ließ und auf den wartenden Schlitten sprang.

»Ich habe elf gezählt!« rief der Mann ihm nach, denn Kid war mit seinen eilenden Hunden schon weit weg. Sie sollten ihn fünfzig Meilen weit über die nächste Wegstrecke bringen, bis er die Mündung des Weißen Flusses erreichte. Es waren nicht weniger als neun Hunde, aber es war trotzdem sein schlechtestes Gespann. Die fünfundzwanzig Meilen vom Weißen Fluß bis zu den “Sechzig Meilen” hatte er in zwei Strecken eingeteilt, weil dort viel Packeis lag. Für diese Strecken hatte er seine beiden kräftigsten Gespanne bereitgestellt.

Er lag ausgestreckt, das Gesicht nach unten, auf dem Schlitten und hielt sich mit beiden Händen fest. Sobald die Hunde in der höchsten Schnelligkeit nachließen, erhob er sich auf die Knie, wobei er sich vorsichtig mit der einen Hand festhielt, und trieb sie mit Worten und Peitschenschlägen an. Obgleich es ein minderwertiges Gespann war, hatte er doch, bevor er den Weißen Fluß erreichte, zwei Schlitten überholt.

Hier hatte bei dem Zufrieren des Flusses das Packeis eine Schranke gebildet, so daß das Wasser auf einer Strecke von mehr als einer halben Meile unterhalb der Barriere zu einer ganz glatten Fläche hatte gefrieren können. Das ermöglichte den Wettfahrern, die Schlitten im Fahren zu wechseln, und auf dem Wege unterhalb des Packeises stand deshalb ein Ersatzschlitten neben dem andern.

Als Kid über das Packeis auf die glatte Eisebene hinausfuhr, rief er immer wieder laut: »Billy! Billy!«

Billy hörte seinen Ruf und gab Antwort. Im Schein der vielen Feuer, die auf dem Eise brannten, sah Kid einen Schlitten von der Seite her gerade auf sich zukommen. Die Hunde waren ausgeruht und überholten ihn. Als die beiden Schlitten nebeneinander liefen, sprang er auf den neuen hinüber, während Billy sich sofort fallen ließ.

»Wo ist der Große Olaf?« rief Kid.

»An der Spitze«, gab Billys Stimme zur Antwort. Und schon lagen die vielen Feuer hinter ihm, und Kid sauste weiter durch die schwere Dunkelheit.

Im Packeis dieser Strecke, als der Weg ihn durch ein Chaos von hochkant stehenden Eisschollen führte, ließ sich Kid vom Schlitten gleiten, spannte sich selbst vor und lief neben den Hunden her. Dennoch überholte er drei Schlitten. Sie hatten Unfälle gehabt. Er hörte die Männer laut fluchen, während sie die Hunde aus dem Geschirr schnitten, um es reparieren zu können.

Als er über das Packeis der nächsten Strecke zu den “Sechzig Meilen” fuhr, überholte er wieder zwei Schlitten. Aber es sollte ihm selber auch nicht besser ergehen, denn einer seiner Hunde verrenkte sich die Schulter, so daß Kid nicht weiterfahren konnte und das Gespann anhielt. Die andern Hunde waren erbost und griffen ihren Genossen mit den Fängen an, so daß Kid genötigt war, sie mit dem dicken Ende seiner Peitsche zurückzutreiben.

Als er das verletzte Tier vom Strang schnitt, hörte er das Heulen andrer Hunde hinter sich und die Stimme eines Mannes, die ihm bekannt vorkam. Es war Herr von Schroeder. Kid stieß einen warnenden Ruf aus, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Der Baron rief seinen Hunden etwas zu, legte die Steuerstange um, und es gelang ihm, in einem Abstand von wenigen Fuß vorbeizuschlüpfen. Aber so undurchdringlich war die Dunkelheit, daß Kid ihn wohl vorbeifahren hörte, aber nicht sah.

Auf der ebenen Eisfläche bei der Handelsstation von “Sechzig Meilen” überholte Kid noch zwei Schlitten. Alle drei hatten hier die Gespanne gewechselt, und fünf Minuten lang fuhren sie Seite an Seite, die Männer auf den Knien liegend, während sie die Hunde durch Rufe und Peitschenhiebe antrieben. Kid hatte sich diese Strecke besonders genau eingeprägt und bemerkte jetzt den hohen Fichtenbaum, der in dem schwachen Schein der vielen Feuer nur undeutlich zu erkennen war.

Hinter dem Baum, wo es wieder ganz dunkel wurde, hörte die glatte Fläche plötzlich auf. Kid wußte auch, daß der Weg sich dort verengte, so daß nur für einen Schlitten Platz war. Er beugte sich vor, ergriff den Strang und zog den Schlitten an den letzten Hund heran.

Er ergriff das Tier an dem einen Hinterbein und warf es um.

Unter wütendem Bellen versuchte es ihn zu beißen, aber die andern Hunde zogen es weiter. Es hatte doch mit Erfolg als Bremse gewirkt, und die beiden andern Schlitten, die noch immer nebeneinander liefen, sausten vor ihm in die schmale Passage hinein. Kid hörte das Krachen und das Getümmel, als sie zusammenstießen. Schnell gab er den Deichselhund wieder frei, sprang an die Steuerstange und ließ das Gespann rechts in den weichen Schnee einschwenken, wo die Hunde bis an den Hals versanken. Es war eine anstrengende Arbeit, aber er kam an den festgefahrenen Schlitten vorbei und erreichte weiter vorne wieder den festgetretenen Weg.

Von den “Sechzig Meilen” ab hatte Kid sein zweitschlechtestes Gespann. Obgleich es sonst an sich eine gute Strecke war, hatte er sich doch entschlossen, es nur fünfzehn Meilen weit zu benutzen. Zwei weitere Gespanne sollten ihn dann nach Dawson und dem Büro des Goldkommissars bringen, und für diese Strecke hatte Kid die beiden besten Gespanne bestimmt. Sitka Charley selbst wartete auf ihn mit seinen acht Malemutes, die Kid die nächsten zwanzig Meilen fahren sollten. Das Schlußrennen wollte er dann mit seinen eigenen Hunden machen, die ihn fünfzehn Meilen fahren mußten. Es war dasselbe Gespann, das er den ganzen Winter gebraucht hatte und das mit ihm auf der Suche nach dem Überraschungssee gewesen war. Die beiden Männer, die er bei den “Sechzig Meilen” nach dem Zusammenstoß hinter sich ließ, überholten ihn nicht wieder, anderseits aber gelang es auch seinem Gespann nicht, einen der drei Schlitten einzuholen, die noch immer an der Spitze waren. Wenn es seinen Tieren auch an Kraft und Schnelligkeit fehlte, so waren sie doch willig, und er brauchte sie nicht anzutreiben, damit sie ihr Bestes hergaben. Kid hatte nichts zu tun, als ruhig, das Gesicht nach unten, auf dem Schlitten zu liegen und sich mit beiden Händen anzuklammern. Ein Mal über das andere tauchte er aus der Dunkelheit im Lichtkreis eines flackernden Feuers auf, sah im Vorbeifahren pelzgekleidete Männer, die bei wartenden Hundegespannen standen, und tauchte dann wieder in der Finsternis unter. Meile auf Meile sauste er dahin, ohne etwas anderes zu hören als das Knirschen und Kreischen der Kufen über dem Schnee. Fast automatisch hielt er sich fest, während der Schlitten vorwärts sauste, in die Luft geschleudert wurde oder bei den Wegbiegungen halb umkippte. Immer wieder tauchten unterwegs drei Gesichter in seinem Bewußtsein auf: das Joy Gastells, lachend und kühn, das seines Freundes Kurz, zerschlagen und blutig nach der Schlacht am Monobach, und das John Bellews, gefurcht und abgehärtet, wie in Eisen gegossen, unerbittlich in seiner Strenge. Und hin und wieder fühlte Kid das Bedürfnis, in laute Rufe auszubrechen, eine wilde Jubelhymne anzustimmen, wenn er sich der Redaktion der Woge erinnerte oder an die lange Erzählung aus San Franzisko, die er nie zu Ende gebracht hatte, oder wenn er an all die andern Nichtigkeiten jener tatenlosen Tage dachte.

Als er seine erschöpften Hunde gegen die acht Malemutes auswechselte, brach der graue Morgen an. Sie waren leichter als die Hudson-Bay-Hunde und waren auch entsprechend schneller. Sie besaßen die geschmeidige Unermüdlichkeit echter Wölfe. Sitka Charley rief ihm die Reihenfolge nach, in der die Schlitten vor ihm fuhren. Der Große Olaf führte, Arizona-Bill war der zweite, Baron von Schroeder der dritte. Sie waren die drei besten Schlittenfahrer im Lande. Tatsächlich hatten die Leute schon, ehe Kid Dawson verließ, in derselben Reihenfolge auf die drei gesetzt. Während sie selbst ihr Rennen um eine Million machten, betrug der Einsatz, den andre auf sie setzten, schon fast ein halbe Million.

Kein einziger hatte auf Kid gesetzt, wurde er doch trotz seiner verschiedenen Fahrten, die ihm einen gewissen Ruf verschafft hatten, noch immer als ein Chechaquo betrachtet, der noch viel zu lernen hatte.

Als es heller wurde, sah Kid vor sich einen Schlitten, und nach einer halben Stunde war sein Führerhund schon unmittelbar dahinter. Erst als der Mann den Kopf wandte, um ihm einen Gruß zuzurufen, sah Kid, daß es Arizona-Bill war. Herr von Schroeder hatte ihn offenbar überholt. Der festgetretene Pfad durch den weichen Schnee war zu schmal, und eine zweite halbe Stunde war Kid deshalb genötigt, hinter ihm zu bleiben. Dann fuhren sie über Packeis und schwenkten auf eine glatte Ebene ein, wo mehrere Relaisstationen errichtet waren und man den Schnee überall in weitem Umkreis festgetreten hatte. Kid trieb seine Tiere an; er lag auf den Knien und knallte unter lauten Zurufen mit der Peitsche. Er bemerkte, daß der rechte Arm Arizona-Bills unbeweglich herabhing und daß er gezwungen war, die Peitsche mit der Linken zu schwingen. So unbequem es auch war, konnte er sich nicht am Schlitten festhalten und mußte deshalb hin und wieder die Peitsche hinlegen und sich mit der linken Hand festhalten, um nicht vom Schlitten zu fallen. Kid erinnerte sich des Kampfes beim Claim drei und verstand, was los war. Der Rat, den Kurz ihm gegeben hatte, war wirklich sehr klug gewesen.

»Was ist geschehen?« fragte er, als er den andern einholte.

»Weiß nicht!« antwortete Arizona-Bill. »Ich glaube, ich habe mir bei einer Keilerei die Schulter verrenkt.«

Nur mit großer Mühe gelang es Kid, ihn zu überholen, als aber die letzte Relaisstation in Sicht kam, war Arizona-Bill immerhin um eine halbe Meile hinter ihm. Vor sich konnte Kid den Großen Olaf und Herrn von Schroeder nebeneinander sehen. Wieder hob Kid sich auf die Knie und hetzte seine erschöpften Hunde zu einer letzten verzweifelten Anstrengung, wie es nur einem Manne möglich ist, der mit dem sicheren Instinkt, des Hundefahrers geboren ist. Er kam unmittelbar an den Schlitten von Schroeder heran, und in dieser Reihenfolge sausten die drei Schlitten über die glatte Fläche unterhalb einer Ansammlung von Packeis, wo viele Männer mit wartenden Gespannen standen. Die Entfernung bis Dawson betrug jetzt nur noch fünfzehn Meilen.

Herr von Schroeder, der jede zehnte Meile das Gespann wechselte, hatte das auch fünf Meilen vorher getan und sollte erst nach weiteren fünf Meilen ein neues Gespann übernehmen. Er fuhr also mit voller Geschwindigkeit weiter. Der Große Olaf und Kid wechselten im Fahren die Schlitten, und ihre frischen Gespanne holten gleich wieder den Vorsprung, den der Baron inzwischen erobert hatte, auf.

Es gelang dem Großen Olaf, vorbeizukommen, und Kid folgte ihm auf der engen Bahn.

Gut, aber nicht gut genug, zitierte Kid in Gedanken Herbert Spencer.

Herrn von Schroeder, der jetzt hinter ihm war, brauchte er nicht mehr zu fürchten, aber vor sich hatte er den besten Hundefahrer des ganzen Landes. Ihn zu überholen schien fast unmöglich. Immer und immer wieder, ein Mal über das andere, brachte Kid seinen Leithund direkt an den Schlitten des anderen heran, aber jedesmal machte auch der Große Olaf eine letzte Kraftanstrengung, und es gelang ihm immer wieder, den Abstand zu vergrößern. Kid mußte sich darauf beschränken, sich dicht hinter ihm zu halten, und er tat es mit grimmiger Energie.

Das Rennen war nicht verloren, solange keiner gewonnen hatte, und auf einer Strecke von fünfzehn Meilen konnte noch allerlei geschehen.

Drei Meilen vor Dawson geschah auch wirklich etwas Unerwartetes. Zu Kids größter Überraschung hob der Große Olaf sich auf die Knie und begann mit Flüchen und Peitschenhieben die letzte Unze Kraft aus seinen Hunden herauszupressen. Es war eine Anspannung, die eigentlich den letzten hundert Metern und nicht dem Beginn des Drei-Meilen-Schlußrennens hätte vorbehalten bleiben müssen. Obgleich es der reine Hundemord war, mußte Kid doch seinem Beispiel folgen. Sein eigenes Gespann war prachtvoll. Keine Hunde am Yukon hatten je schwerere Arbeit geleistet, aber keine waren auch besser in Form. Außerdem hatte Kid viel mit ihnen zusammen erlebt, hatte mit ihnen gegessen und geschlafen und kannte jeden einzelnen durch und durch, kannte ihre Eigenarten und wußte, wie man die Intelligenz der Tiere aufpeitschen und den äußersten Grad von Willigkeit aus ihnen herausholen konnte.

Wieder krochen sie über Packeis, und wieder kamen sie auf die glatte Ebene. Der Große Olaf war nur um fünfzig Fuß voraus.

Da schoß ein Schlitten heran und sauste ihnen entgegen, und mit einem Schlage verstand Kid die furchtbare Anspannung des Großen Olaf. Er hatte nur versucht, einen Vorsprung zu gewinnen, um das Gespann wechseln zu können.

Dieses frische Gespann, das hier wartete, um ihn die letzte Strecke des Heimweges zu fahren, war eine besondere Überraschung, die er sich vorbehalten hatte. Selbst die Männer, die ihr Geld auf ihn gesetzt, hatten nichts davon gewußt.

Kid kämpfte wie ein Verzweifelter, um vorbeizukommen, ehe der andere den Schlitten gewechselt hatte. Er hetzte seine Hunde vorwärts, bis er die fünfzig Meter, die zwischen den beiden lagen, überwunden hatte. Durch Zurufe und Peitschenhiebe gelang es ihm, den andern einzuholen, so daß sein Leithund Seite an Seite mit dem letzten Hund des Großen Olaf lief. Auf der anderen Seite lief der Relaisschlitten. So schnell fuhren sie alle drei, daß der Große Olaf den Sprung auf den Relaisschlitten nicht wagen durfte. Wenn er zu kurz sprang und stürzte, übernahm Kid die Führung, und das Rennen war verloren.

Der Große Olaf versuchte, einen Vorsprung zu erreichen, er trieb die Hunde prachtvoll an, aber Kids Leithund hielt sich noch immer neben dem Deichselhund des anderen. Eine halbe Meile liefen die drei Schlitten Seite an Seite. Sie näherten sich dem Ende der glatten und dem Anfang einer ganz schmalen Strecke, als der Große Olaf es wagte. Während die Schlitten noch nebeneinander herrasten, sprang er, und im selben Augenblick hatte er sich schon auf die Knie geworfen und trieb das frische Gespann mit Peitsche und Stimme an.

Der glatte Weg verengte sich und wurde zu einem schmalen Pfad, aber er hetzte die Hunde vorwärts und erreichte den Pfad mit einem Vorsprung von einem knappen Meter.

Aber ein Mann ist erst besiegt, wenn er ganz vernichtet ist, sagte sich Kid und trieb seine Tiere an, sosehr ihn auch der andere – wenn auch vergeblich – abzuhängen versuchte. Keins von den andern Gespannen, die Kid heute gefahren, hätte eine so tödliche Hetze ertragen, kein anderes sich mit frischen Hunden auf der Höhe halten können, kein einziges außer diesem! Aber das Rennen galt jetzt Tod und Leben, und als sie um den Hügel bei Klondike City schwenkten, spürte Kid, daß seine Tiere nachzulassen begannen. Es war freilich fast unmerkbar, daß sie zurückblieben, und nur Fuß um Fuß gelang es dem Großen Olaf, die Führung zu erlangen, bis er sich schließlich einen Vorsprung von einigen Metern erobert hatte.

Die ganze Bevölkerung von Klondike City, die sich auf dem Eise versammelt hatte, brach in begeisterte Hochrufe aus. Hier fließt der Klondike in den Yukon, und eine halbe Meile weiter, am Nordufer, lag Dawson. Die Menge brach in einen wahnsinnigen Sturm von Hochrufen aus, und Kid sah einen Schlitten, der zu ihm heransauste.

Er erkannte sofort die prachtvollen Tiere, die den Schlitten zogen. Es war Joy Gastells Gespann, und sie führte es selbst.

Sie hatte die Kapuze ihrer Parka aus Eichhörnchenpelz zurückgeschlagen, so daß man das kameenhafte Oval ihres Gesichtes sehen konnte, das sich von dem Hintergrund des schweren dunklen Haares abhob. Die Handschuhe hatte sie ausgezogen und klammerte sich mit den bloßen Händen an Peitsche und Schlitten.

»Spring!« rief sie, als ihr Leithund Kids Gespann anknurrte.

Kid sprang auf den Schlitten hinter sie. Der schwankte gewaltig unter dem Gewicht seines Körpers, aber Joy hielt sich auf den Knien und schwang die Peitsche.

»Hü… hü… vorwärts! Hü…!« schrie sie, und die Hunde heulten und bellten vor Eifer und Anstrengung, den Schlitten des Großen Olaf einzuholen.

Und als dann der Leithund wirklich den Schlitten Olafs erreichte und sich Fuß um Fuß vorwärts arbeitete, bis die Gespanne Seite an Seite liefen, wurde die Bevölkerung von Dawson wahnsinnig vor Begeisterung.

Es war wirklich eine ungeheure Menge von Zuschauern, denn die Männer von allen Bächen und allen Minen hatten ihr Gerät liegenlassen, um hierherzukommen und selbst den Ausgang des Rennens zu sehen. Und ein totes Rennen über eine Strecke von hundertundzehn Meilen war Grund genug, um vor Begeisterung verrückt zu werden.

»Sobald wir die Führung haben, springe ich ab«, schrie Joy Kid über die Schulter zu.

Kid versuchte zu protestieren.

»Und achten Sie gut auf die scharfe Kurve halbwegs auf dem Hange«, warnte sie ihn.

In einem Abstand von sechs Fuß liefen die beiden Schlitten jetzt nebeneinander her, aber nur eine knappe Minute hielt der Große Olaf durch Peitsche und Stimme die Stellung, dann begannen ihn die Hunde Joys Zoll um Zoll zu überholen.

»Halten Sie sich bereit!« rief Joy Kid zu. »In einer Minute springe ich ab! Nehmen Sie die Peitsche!«

Als er die Hand frei machte, um die Peitsche zu ergreifen, hörten sie einen warnenden Ruf vom Großen Olaf, aber es war schon zu spät. Der Leithund Olafs hatte sich empört, weil er überholt wurde, und war zum Angriff übergegangen. Seine Fänge bohrten sich Joys Leithund in die Seite. Die beiden rivalisierenden Gespanne stürzten aufeinander. Die Schlitten liefen in den Knäuel der kämpfenden Tiere hinein und überschlugen sich. Kid kämpfte sich auf die Beine und versuchte Joy beim Aufstehen zu helfen. Aber sie schob ihn fort und rief ihm zu: »Gehen Sie doch!«

Der Große Olaf, der noch immer entschlossen war, das Rennen zu gewinnen, hatte schon zu Fuß einen Vorsprung von fünfzehn Meter gewonnen. Kid gehorchte Joy, und als die beiden Männer den Fuß des Hanges bei Dawson erreichten, war er dem anderen schon auf den Fersen.

Aber auf dem Wege den Hang hinauf raffte Olaf sich mächtig zusammen, schob seinen riesigen Körper vorwärts und gewann einen neuen Vorsprung von fast vier Meter.

Das Büro des Goldkommissars lag in der Hauptstraße fünf Häuserblocks weiter. Die Straße war so voll von Menschen wie bei einer Parade. Es fiel Kid diesmal nicht so leicht, seinen großen Gegner zu erreichen, und als es ihm endlich gelang, konnte er nicht an ihm vorbeikommen. Seite an Seite liefen sie durch die schmale Rinne zwischen den festen Mauern pelzgekleideter Männer, die “Hoch” schrien. Bald gewann der eine, bald der andere durch übermenschliche Anstrengung einen Vorsprung von vielleicht einem Zoll, aber nur, um ihn sofort wieder zu verlieren.

Hatte das Rennen die Hunde fast das Leben gekostet, so wurde es den beiden selbst nicht leichter. Aber sie liefen um den Preis einer Million und um großen Ruhm im ganzen Yukon-Land. Der einzige Eindruck von außen, dessen Kid sich von dieser letzten wahnsinnigen Strecke erinnerte, war das Erstaunen, daß es so viele Menschen in Klondike gab. Er hatte sie ja noch nie alle an einem Ort beisammen gesehen.

Er merkte, daß er gegen seinen Willen zurückblieb, und der Große Olaf kam tatsächlich fast um einen ganzen Schritt vor. Kid hatte das Gefühl, daß sein Herz bersten wollte, während er jede Empfindung in den Beinen verlor. Er wußte wohl, daß sie sich unter ihm bewegten, aber er ahnte nicht, wie er sie dazu brachte, sich zu bewegen, oder wie es ihm gelang, seinen Willen stärker auf sie wirken zu lassen, oder wie er sie zwang, ihn bis an die Seite des riesigen Nebenbuhlers zu bringen. Vor ihnen tauchte die offene Tür des Kommissariatsbüros auf.

Beide machten eine letzte vergebliche Anstrengung, aber keinem gelang es, sich von dem anderen zu lösen, und Seite an Seite erreichten sie die Tür, stießen mit großer Gewalt gegeneinander und fielen dann beide kopfüber in das Büro hinein.

Sie setzten sich beide auf, wo sie hingefallen waren, beide zu müde, um aufzustehen. Der Schweiß strömte dem Großen Olaf über das Gesicht, er atmete schwer, rang röchelnd nach Atem, griff in die Luft und versuchte zu sprechen. Dann streckte er in unverkennbarer Absicht die Hand aus, und Kid reichte ihm die seine. Sie schüttelten sie sich kräftig.

»Es war ein totes Rennen«, hörte Kid den Kommissar sagen, aber es war wie im Traum, und die Stimme erschien ihm unwirklich und aus weiter Ferne zu kommen. »Ich kann nur sagen, daß Sie beide gewonnen haben. Sie müssen das Claim miteinander teilen. Sie sind Kompagnons.«

Die beiden Männer hoben die Arme und ließen sie wieder sinken, um ihr Einverständnis kundzugeben. Der Große Olaf nickte nachdrücklich mit dem Kopf und gab allerlei seltsame Laute von sich, aber schließlich gelang es ihm, herauszustoßen, was er sagen wollte.

»Sie verfluchter Chechaquo«, sagte er, aber in seinem Tonfall lag Bewunderung. »Ich weiß nicht, wie Sie es geschafft haben, aber geschafft haben Sie’s.«

Vor dem Büro lärmte und brüllte die dichtgedrängte Menge, und der Raum selbst war von begeisterten Männern überfüllt. Kid und Olaf versuchten aufzustehen und halfen einander, auf die Beine zu kommen. Kid merkte, daß seine Beine ganz kraftlos waren und daß er dastand und hin und her schwankte. Dann taumelte Olaf zu ihm hin und sagte: »Es tut mir leid, daß meine Hunde Ihre überfielen.«

»Es war nichts dabei zu machen«, gab Kid stöhnend zurück. »Ich hörte, wie Sie uns warnten…«

»Aber wissen Sie«, sagte Olaf mit leuchtenden Augen. »Das Mädel da – das war ein verdammt feines Mädel!«

»Ein ganz verdammt feines Mädel«, stimmte Kid ihm zu.

ENDE

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