Sagen

Sechster Gesang

Sechster Gesang

Nausikaa, des Königs Alkinoos‘ Tochter, von Athene im Traum ermahnt, fährt ihre Gewande zu waschen an den Strom, und spielt darauf mit den Mägden. Odysseus, den das Geräusch weckte, naht flehend, erhält Pflege und Kleidung, und folgt der Beschützerin bis zum Pappelhain der Athene vor der Stadt.

Also schlummerte dort der herrliche Dulder Odysseus,
Überwältigt von Schlaf und Arbeit. Aber Athene
Ging hinein in das Land zur Stadt der phäakischen Männer.
Diese wohnten vordem in Hypereiens Gefilde,
5
Nahe bei den Kyklopen, den übermütigen Männern,
Welche sie immer beraubten, und mächtiger waren und stärker.
Aber sie führte von dannen Nausithoos, ähnlich den Göttern,
Brachte gen Scheria sie, fern von den erfindsamen Menschen,
Und umringte mit Mauren die Stadt, und richtete Häuser,
10
Baute Tempel der Götter, und teilte dem Volke die Äcker.
Dieser war jetzo schon tot und in der Schatten Behausung;
Und Alkinoos herrschte, begabt von den Göttern mit Weisheit.
Dessen Hause nahte sich jetzo Pallas Athene,
Auf die Heimkehr denkend des edelgesinnten Odysseus.
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Und sie eilte sofort in die prächtige Kammer der Jungfrau,
Wo Nausikaa schlief, des hohen Alkinoos Tochter,
Einer Unsterblichen gleich an Wuchs und reizender Bildung.
Und zwei Mädchen schliefen, geschmückt mit der Grazien Anmut,
Neben den Pfosten, und dicht war die glänzende Pforte verschlossen.
20
Aber sie schwebte, wie wehende Luft, zum Lager der Jungfrau,
Neigte sich über ihr Haupt, und sprach mit freundlicher Stimme,
Gleich an Gestalt der Tochter des segelkundigen Dymas,
Ihrer liebsten Gespielin, mit ihr von einerlei Alter;
Dieser gleich an Gestalt erschien die Göttin, und sagte:
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Liebes Kind, was bist du mir doch ein lässiges Mädchen!
Deine kostbaren Kleider, wie alles im Wuste herumliegt!
Und die Hochzeit steht dir bevor! Da muß doch was Schönes
Sein für dich selber, und die, so dich zum Bräutigam führen!
Denn durch schöne Kleider erlangt man ein gutes Gerüchte
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Bei den Leuten; auch freun sich dessen Vater und Mutter.
Laß uns denn eilen und waschen, sobald der Morgen sich rötet!
Ich will deine Gehilfin sein, damit du geschwinder
Fertig werdest; denn Mädchen, du bleibst nicht lange mehr Jungfrau.
Siehe, es werben ja schon die edelsten Jüngling‘ im Volke
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Aller Phäaken um dich; denn du stammst selber von Edlen.
Auf! erinnere noch vor der Morgenröte den Vater,
Daß er mit Mäulern dir den Wagen bespanne, worauf man
Lade die schönen Gewande, die Gürtel und prächtigen Decken.
Auch für dich ist es so bequemer, als wenn du zu Fuße
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Gehen wolltest; denn weit von der Stadt sind die Spülen entlegen.
Also redete Zeus‘ blauäugichte Tochter, und kehrte
Wieder zum hohen Olympos, der Götter ewigem Wohnsitz,
Nie von Orkanen erschüttert, vom Regen immer beflutet,
Nimmer bestöbert vom Schnee; die wolkenloseste Heitre
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Wallet ruhig umher, und deckt ihn mit schimmerndem Glanze:
Dort erfreut sich ewig die Schar der seligen Götter.
Dorthin kehrte die Göttin, nachdem sie das Mädchen ermahnet.
Und der goldene Morgen erschien, und weckte die Jungfrau
Mit den schönen Gewanden. Sie wunderte sich des Traumes.
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Schnell durcheilte sie jetzo die Wohnungen, daß sie den Eltern,
Vater und Mutter, ihn sagte; und fand sie beide zu Hause.
Diese saß an dem Herd‘, umringt von dienenden Weibern,
Drehend die zierliche Spindel mit purpurner Wolle; und jener
Kam an der Pfort‘ ihr entgegen: er ging zu der glänzenden Fürsten
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Ratsversammlung, wohin die edlen Phäaken ihn riefen.
Und Nausikaa trat zum lieben Vater, und sagte:
Lieber Papa, laß mir doch einen Wagen bespannen,
Hoch, mit hurtigen Rädern; damit ich die kostbare Kleidung,
Die mir im Schmutze liegt, an den Strom hinfahre zum Waschen.
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Denn dir selber geziemt es, mit reinen Gewanden bekleidet
In der Ratsversammlung der hohen Phäaken zu sitzen.
Und es wohnen im Haus auch fünf erwachsene Söhne,
Zween von ihnen vermählt, und drei noch blühende Knaben;
Diese wollen beständig mit reiner Wäsche sich schmücken,
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Wenn sie zum Reigen gehn; und es kommt doch alles auf mich an.
Also sprach sie, und schämte sich, von der lieblichen Hochzeit
Vor dem Vater zu reden; doch merkt‘ er alles, und sagte:
Weder die Mäuler, mein Kind, sei’n dir geweigert, noch sonst was.
Geh, es sollen die Knechte dir einen Wagen bespannen,
70
Hoch, mit hurtigen Rädern, und einem geflochtenen Korbe.
Also sprach er, und rief; und schnell gehorchten die Knechte,
Rüsteten außer der Halle den Wagen mit rollenden Rädern,
Führten die Mäuler hinzu, und spanneten sie an die Deichsel.
Und Nausikaa trug die köstlichen feinen Gewande
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Aus der Kammer, und legte sie auf den zierlichen Wagen.
Aber die Mutter legt‘ ihr allerlei süßes Gebacknes
Und Gemüs‘ in ein Körbchen, und gab ihr des edelsten Weines
Im geißledernen Schlauch; (und die Jungfrau stieg auf den Wagen;)
Gab ihr auch geschmeidiges Öl in goldener Flasche,
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Daß sie sich nach dem Bade mit ihren Gehilfinnen salbte.
Und Nausikaa nahm die Geißel und purpurnen Zügel;
Treibend schwang sie die Geißel: und hurtig mit lautem Gepolter
Trabten die Mäuler dahin, und zogen die Wäsch‘ und die Jungfrau,
Nicht sie allein, sie wurde von ihren Mägden begleitet.
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Als sie nun das Gestade des herrlichen Stromes erreichten,
Wo sich in rinnende Spülen die nimmerversiegende Fülle
Schöner Gewässer ergoß, die schmutzigsten Flecken zu säubern;
Spannten die Jungfraun schnell von des Wagens Deichsel die Mäuler,
Ließen sie an dem Gestade des silberwirbelnden Stromes
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Weiden im süßen Klee, und nahmen vom Wagen die Kleidung,
Trugen sie Stück für Stück in der Gruben dunkles Gewässer,
Stampften sie drein mit den Füßen, und eiferten untereinander.
Als sie ihr Zeug nun gewaschen und alle Flecken gereinigt,
Breiteten sie’s in Reihen am warmen Ufer des Meeres,
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Wo die Woge den Strand mit glatten Kieseln bespület.
Und nachdem sie gebadet und sich mit Öle gesalbet,
Setzten sie sich zum Mahl am grünen Gestade des Stromes,
Harrend, bis ihre Gewand‘ am Strahle der Sonne getrocknet.
Als sich Nausikaa jetzt und die Dirnen mit Speise gesättigt,
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Spieleten sie mit dem Ball, und nahmen die Schleier vom Haupte.
Unter den Fröhlichen hub die schöne Fürstin ein Lied an.
Wie die Göttin der Jagd durch Erymanthos‘ Gebüsche
Oder Taygetos‘ Höhn mit Köcher und Bogen einhergeht,
Und sich ergötzt, die Eber und schnellen Hirsche zu fällen;
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Um sie spielen die Nymphen, Bewohnerinnen der Felder,
Töchter des furchtbaren Zeus; und herzlich freuet sich Leto;
Denn vor allen erhebt sie ihr Haupt und herzliches Antlitz,
Und ist leicht zu erkennen im ganzen schönen Gefolge:
Also ragte vor allen die hohe blühende Jungfrau.
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Aber da sie nunmehr sich rüstete, wieder zur Heimfahrt
Anzuspannen die Mäuler, und ihre Gewande zu falten;
Da ratschlagete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene,
Wie Odysseus erwachte, und sähe die liebliche Jungfrau,
Daß sie den Weg ihn führte zur Stadt der phäakischen Männer.
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Und Nausikaa warf den Ball auf eine der Dirnen;
Dieser verfehlte die Dirn‘, und fiel in die wirbelnde Tiefe;
Und laut kreischten sie auf. Da erwachte der edle Odysseus,
Sitzend dacht‘ er umher im zweifelnden Herzen, und sagte:
Weh mir! zu welchem Volke bin ich nun wieder gekommen?
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Sind’s unmenschliche Räuber und sittenlose Barbaren;
Oder Diener der Götter, und Freunde des heiligen Gastrechts?
Eben umtönte mich ein Weibergekreisch, wie der Nymphen,
Welche die steilen Häupter der Felsengebirge bewohnen,
Und die Quellen der Flüsse und grasbewachsenen Täler!
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Bin ich hier etwa nahe bei redenden Menschenkindern?
Auf! ich selber will hin, und zusehn, was es bedeute!
Also sprach er, und kroch aus dem Dickicht, der edle Odysseus,
Brach mit der starken Faust sich aus dem dichten Gebüsche
Einen laubichten Zweig, des Mannes Blöße zu decken;
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Ging dann einher, wie ein Leu des Gebirgs, voll Kühnheit und Stärke,
Welcher durch Regen und Sturm hinwandelt; die Augen im Haupte
Brennen ihm; furchtbar geht er zu Rindern oder zu Schafen,
Oder zu flüchtigen Hirschen des Waldes; ihn spornet der Hunger
Selbst in verschlossene Höf‘, ein kleines Vieh zu erhaschen:
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Also ging der Held, in den Kreis schönlockiger Jungfraun
Sich zu mischen, so nackend er war; ihn spornte die Not an.
Furchtbar erschien er den Mädchen, vom Schlamm des Meeres besudelt;
Hiehin und dorthin entflohn sie, und bargen sich hinter die Hügel.
Nur Nausikaa blieb. Ihr hatte Pallas Athene
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Mut in die Seele gehaucht, und die Furcht den Gliedern entnommen.
Und sie stand, und erwartete ihn. Da zweifelt‘ Odysseus:
Ob er flehend umfaßte die Kniee der reizenden Jungfrau,
Oder, so wie er war, von ferne mit schmeichelnden Worten
Bäte, daß sie die Stadt ihm zeigt‘, und Kleider ihm schenkte.
145
Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste.
So wie er war, von ferne mit schmeichelnden Worten zu flehen;
Daß ihm das Mädchen nicht zürnte, wenn er die Kniee berührte.
Schmeichelnd begann er sogleich die schlau ersonnenen Worte:
Hohe, dir fleh ich; du seist eine Göttin, oder ein Mädchen!
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Bist du eine der Göttinnen, welche den Himmel beherrschen;
Siehe so scheinst du mir der Tochter des großen Kronions
Artemis gleich an Gestalt, an Größe und reizender Bildung!
Bist du eine der Sterblichen, welche die Erde bewohnen;
Dreimal selig dein Vater und deine treffliche Mutter,
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Dreimal selig die Brüder! Ihr Herz muß ja immer von hoher
Überschwenglicher Wonne bei deiner Schöne sich heben,
Wenn sie sehn, wie ein solches Gewächs zum Reigen einhergeht!
Aber keiner ermißt die Wonne des seligen Jünglings,
Der, nach großen Geschenken, als Braut zu Hause dich führet!
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Denn ich sahe noch nie solch einen sterblichen Menschen,
Weder Mann noch Weib! Mit Staunen erfüllt mich der Anblick!
Ehmals sah ich in Delos, am Altar Phöbos Apollons,
Einen Sprößling der Palme von so erhabenem Wuchse.
Denn auch dorthin kam ich, von vielem Volke begleitet,
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Jenes Weges, der mir so vielen Jammer gebracht hat!
Und ich stand auch also vor ihm, und betrachtet‘ ihn lange
Staunend; denn solch ein Stamm war nie dem Boden entwachsen.
Also bewundre ich dich, und staun‘, und zittre vor Ehrfurcht,
Deine Kniee zu rühren! Doch groß ist mein Elend, o Jungfrau!
170
Gestern am zwanzigsten Tag entfloh ich dem dunkeln Gewässer;
Denn so lange trieb mich die Flut und die wirbelnden Stürme
Von der ogygischen Insel. Nun warf ein Dämon mich hieher,
Daß ich auch hier noch dulde! Denn noch erwart‘ ich des Leidens
Ende nicht; mir ward viel mehr von den Göttern beschieden!
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Aber erbarme dich, Hohe! Denn nach unendlicher Trübsal
Fand ich am ersten dich, und kenne der übrigen Menschen
Keinen, welche die Stadt und diese Gefilde bewohnen.
Zeige mich hin zur Stadt, und gib mir ein Stück zur Bedeckung,
Etwa ein Wickeltuch, worin du die Wäsche gebracht hast!
180
Mögen die Götter dir schenken, so viel dein Herz nur begehret,
Einen Mann und ein Haus, und euch mit seliger Eintracht
Segnen! Denn nichts ist besser und wünschenswerter auf Erden,
Als wenn Mann und Weib, in herzlicher Liebe vereinigt,
Ruhig ihr Haus verwalten: den Feinden ein kränkender Anblick,
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Aber Wonne den Freunden; und mehr noch genießen sie selber!
Ihm antwortete drauf die lilienarmige Jungfrau:
Keinem geringen Manne noch törichten gleichst du, o Fremdling.
Aber der Gott des Olympos erteilet selber den Menschen,
Vornehm oder geringe, nach seinem Gefallen ihr Schicksal.
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Dieser beschied dir dein Los, und dir geziemt es zu dulden.
Jetzt, da du unserer Stadt und unsern Gefilden dich nahest,
Soll es weder an Kleidung, noch etwas anderm, dir mangeln,
Was unglücklichen Fremden, die Hilfe suchen, gebühret.
Zeigen will ich die Stadt, und des Volkes Namen dir sagen:
195
Wir Phäaken bewohnen die Stadt und diese Gefilde.
Aber ich selber bin des hohen Alkinoos‘ Tochter,
Dem des phäakischen Volkes Gewalt und Stärke vertraut ist.
Also sprach sie, und rief den schöngelockten Gespielen:
Dirnen, steht mir doch still! wo fliehet ihr hin vor dem Manne?
200
Meinet ihr etwa, er komme zu uns in feindlicher Absicht?
Wahrlich, der lebt noch nicht, und niemals wird er geboren,
Welcher käm‘ in das Land der phäakischen Männer, mit Feindschaft
Unsre Ruhe zu stören; denn sehr geliebt von den Göttern,
Wohnen wir abgesondert im wogenrauschenden Meere,
205
An dem Ende der Welt, und haben mit keinem Gemeinschaft.
Nein, er kommt zu uns, ein armer irrender Fremdling,
Dessen man pflegen muß. Denn Zeus gehören ja alle
Fremdling‘ und Darbende an; und kleine Gaben erfreun auch.
Kommt denn, ihr Dirnen, und gebt dem Manne zu essen und trinken;
210
Und dann badet ihn unten im Fluß, wo Schutz vor dem Wind ist.
Also sprach sie. Da standen sie still, und riefen einander,
Führten Odysseus hinab zum schattigen Ufer des Stromes,
Wie es Nausikaa hieß, des hohen Alkinoos‘ Tochter;
Legten ihm einen Mantel und Leibrock hin zur Bedeckung,
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Gaben ihm auch geschmeidiges Öl in goldener Flasche,
Und geboten ihm jetzt, in den Wellen des Flusses zu baden.
Und zu den Jungfraun sprach der göttergleiche Odysseus:
Tretet ein wenig beiseit‘, ihr Mädchen, daß ich mir selber
Von den Schultern das Salz abspül‘, und mich ringsum mit Öle
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Salbe; denn wahrlich schon lang entbehr‘ ich dieser Erfrischung!
Aber ich bade mich nimmer vor euch, ich würde mich schämen,
Nackend zu stehn, in Gegenwart schönlockiger Jungfraun.
Also sprach er, sie gingen beiseit‘, und sagten’s der Fürstin.
Und nun wusch in dem Strom der edle Dulder das Meersalz,
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Welches den Rücken ihm und die breiten Schultern bedeckte,
Rieb sich dann von dem Haupte den Schaum der wüsten Gewässer.
Und nachdem er gebadet, und sich mit Öle gesalbet;
Zog er die Kleider an, die Geschenke der blühenden Jungfrau.
Siehe da schuf ihn Athene, die Tochter des großen Kronions,
230
Höher und jugendlicher an Wuchs, und goß von der Scheitel
Ringelnde Locken herab, wie der Purpurlilien Blüte.
Also umgießt ein Mann mit feinem Golde das Silber,
Welchen Hephästos selbst und Pallas Athene die Weisheit
Vieler Künste gelehrt, und bildet reizende Werke:
235
Also umgoß die Göttin ihm Haupt und Schultern mit Anmut.
Und er ging ans Ufer des Meers, und setzte sich nieder,
Strahlend von Schönheit und Reiz. Mit Staunen sah ihn die Jungfrau
Leise begann sie, und sprach zu den schöngelockten Gespielen:
Höret mich an, weißarmige Mädchen, was ich euch sage!
240
Nicht von allen Göttern verfolgt, die den Himmel bewohnen,
Kam der Mann in das Land der göttergleichen Phäaken!
Anfangs schien er gering und unbedeutend von Ansehn;
Jetzo gleicht er den Göttern, des weiten Himmels Bewohnern.
Würde mir doch ein Gemahl von solcher Bildung bescheret,
245
Unter den Fürsten des Volks; und gefiel es ihm selber zu bleiben!
Aber, ihr Mädchen, gebt dem Manne zu essen und trinken.
Also sprach sie; ihr hörten die Mägde mit Fleiß, und gehorchten:
Nahmen des Tranks und der Speis‘, und brachten’s dem Fremdling am Ufer.
Und nun aß er und trank, der herrliche Dulder Odysseus,
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Voller Begier, denn er hatte schon lange nicht Speise gekostet.
Und ein Neues ersann die lilienarmige Jungfrau:
Lud auf den zierlichen Wagen die wohlgefalteten Kleider,
Spannte davor die Mäuler mit starken Hufen, bestieg ihn,
Und ermunterte dann Odysseus, rief ihm und sagte:
255
Fremdling, mache dich auf, in die Stadt zu gehen! Ich will dich
Führen zu meines Vaters, des weisen Helden, Palaste,
Wo du auch sehen wirst die edelsten aller Phäaken.
Tu nur, was ich dir sage; du scheinst mir nicht unverständig.
Siehe, so lange der Weg durch Felder und Saaten dahingeht,
260
Folge mit meinen Mägden dem mäulerbespanneten Wagen
Hurtig zu Fuße nach, wie ich im Wagen euch fahre.
Aber sobald wir die Stadt erreichen, welche die hohe
Mauer umringt: (An jeglicher Seit‘ ist ein trefflicher Hafen,
Und die Einfahrt schmal; denn gleichgezimmerte Schiffe
265
Engen den Weg, und ruhn, ein jedes auf seinem Gestelle.
Allda ist auch ein Markt um den schönen Tempel Poseidons,
Ringsumher mit großen gehauenen Steinen gepflastert;
Wo man alle Geräte der schwarzen Schiffe bereitet,
Segeltücher und Seile, und schöngeglättete Ruder.
270
Denn die Phäaken kümmern sich nicht um Köcher und Bogen;
Aber Masten und Ruder und gleichgezimmerte Schiffe,
Diese sind ihre Freude, womit sie die Meere durchfliegen.)
Siehe, da mied‘ ich gerne die bösen Geschwätze, daß niemand
Uns nachhöhnte; man ist sehr übermütig im Volke!
275
Denn es sagte vielleicht ein Niedriger, der uns begegnet:
Seht doch, was folgt Nausikaen dort für ein schöner und großer
Fremdling? Wo fand sie den? Der soll gewiß ihr Gemahl sein!
Holte sie diesen vielleicht aus seinem Schiffe, das fernher
Sturm und Woge verschlug? Denn nahe wohnet uns niemand.
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Oder kam gar ein Gott auf ihr inbrünstiges Flehen
Hoch vom Himmel herab, bei ihr zeitlebens zu bleiben?
Besser war’s, daß sie selber hinausging, sich aus der Fremde
Einen Gemahl zu suchen; denn unsre phäakischen Freier
Sind ihr wahrlich zu schlecht, die vielen Söhne der Edeln!
285
Also sagten die Leut‘, und es wär‘ auch wider den Wohlstand.
Denn ich tadelte selber an andern solches Verfahren,
Wenn man, der Eltern Liebe mit Ungehorsam belohnend,
Sich zu Männern gesellte vor öffentlicher Vermählung.
Aber vernimm, o Fremdling, was ich dir rate; wofern du
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Wünschest, daß bald mein Vater in deine Heimat dich sende.
Nah am Weg‘ ist ein Pappelgehölz, Athenen geheiligt.
Ihm entsprudelt ein Quell, und tränkt die grünende Wiese,
Wo mein Vater ein Haus mit fruchtbaren Gärten gebaut hat,
Nur so weit von der Stadt, wie die Stimme des Rufenden schallet.
295
Allda setze dich nieder im Schatten des Haines, und warte,
Bis wir kommen zur Stadt, und des Vaters Wohnung erreichen.
Aber sobald du meinst, daß wir die Wohnung erreichet;
Mache dich auf, und gehe zur Stadt der Phäaken, und frage
Dort nach meines Vaters, des hohen Alkinoos‘, Wohnung.
300
Leicht ist diese zu kennen, der kleinste Knab‘ auf der Gasse
Führet dich hin. Denn nicht auf gleiche Weise gebauet
Sind der Phäaken Paläste; des Helden Alkinoos‘ Wohnung
Strahlt vor allen. Und bist du im ringsumbaueten Vorhof,
Dann durcheile den Saal, und geh zur inneren Wohnung
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Meiner Mutter. Sie sitzt am glänzenden Feuer des Herdes,
Drehend die zierliche Spindel mit purpurfarbener Wolle,
An die Säule gelehnt; und hinter ihr sitzen die Jungfraun.
Neben ihr steht ein Thron für meinen Vater, den König,
Wo er, wie ein Unsterblicher, ruht, und mit Weine sich labet.
310
Diesen gehe vorbei, und umfasse mit flehenden Händen
Unserer Mutter Kniee; damit du den Tag der Zurückkunft
Freudig sehest und bald, du wohnest auch ferne von hinnen.
Denn ist diese dir nur in ihrem Herzen gewogen,
O dann hoffe getrost, die Freunde wiederzusehen,
315
Und dein prächtiges Haus, und deiner Väter Gefilde!
Also sprach die Fürstin, und zwang mit glänzender Geißel
Ihre Mäuler zum Lauf; sie enteilten dem Ufer des Stromes,
Trabten hurtig von dannen, und bogen behende die Schenkel.
Aber sie hielt sie im Zügel, damit ihr die Gehenden folgten,
320
Ihre Mägd‘ und Odysseus, und schwang die Geißel mit Klugheit.
Und die Sonne sank; und sie kamen zum schönen Gehölze,
Pallas‘ heiligem Hain. Hier setzt‘ Odysseus sich nieder.
Und er betete schnell zur Tochter des großen Kronions:
Höre mich, siegende Tochter des wetterleuchtenden Gottes!
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Höre mich endlich einmal, da du vormals nimmer mich hörtest,
Als der gestadumstürmende Gott mich zürnend umherwarf!
Laß mich vor diesem Volk Barmherzigkeit finden und Gnade!
Also sprach er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Aber noch erschien sie ihm nicht; sie scheute den Bruder
330
Ihres Vaters: er zürnte dem göttergleichen Odysseus
Unablässig, bevor er die Heimat wieder erreichte.

Fünfter Gesang

Fünfter Gesang

Zeus befiehlt durch Hermes der Kalypso, den Odysseus zu entlassen. Ungern gehorchend, versorgt sie den Odysseus mit Gerät, ein Floß zu bauen, und mit Reisekost. Am achtzehnten Tage der Fahrt sendet Poseidon ihm Sturm, der den Floß zertrümmert. Leukothea sichert ihn durch ihren Schleier. Am dritten Tage erreicht er der Phäaken Insel Scheria, rettet sich aus der Felsenbrandung in die Mündung des Stroms, und ersteigt einen
waldigen Hügel, wo er in abgefallenen Blättern schläft.

Und die rosige Frühe entstieg des edlen Tithonos
Lager, und brachte das Licht den Göttern und sterblichen Menschen.
Aber die Götter saßen zum Rate versammelt; mit ihnen
Saß der Donnerer Zeus, der alle Dinge beherrschet.
5
Und Athene gedachte der vielen Leiden Odysseus‘,
Welchen Kalypso hielt, und sprach zu der Götter Versammlung:
Vater Zeus, und ihr andern, unsterbliche selige Götter,
Künftig befleißige sich keiner der scepterführenden Herrscher,
Huldreich, mild und gnädig zu sein, und die Rechte zu schützen;
10
Sondern er wüte nur stets und frevle mit grausamer Seele!
Niemand erinnert sich ja des göttergleichen Odysseus
Von den Völkern, die er mit Vaterliebe beherrschte!
Sondern er liegt in der Insel, mit großem Kummer belastet,
In dem Hause der Nymphe Kalypso, die mit Gewalt ihn
15
Hält; und wünschet umsonst, die Heimat wiederzusehen:
Denn es gebricht ihm dort an Ruderschiffen und Männern,
Über den breiten Rücken des Meeres ihn zu geleiten.
Jetzo beschlossen sie gar des einzigen Sohnes Ermordung.
Wann er zur Heimat kehrt; er forscht nach Kunde vorn Vater
20
In der göttlichen Pylos und Lakedämon der großen.
Ihr antwortete drauf der Wolkenversammler Kronion:
Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen?
Hast du nicht selber den Rat in deinem Herzen ersonnen,
Daß heimkehrend jenen Odysseus Rache vergelte?
25
Aber Telemachos führe mit Sorgfalt, denn du vermagst es:
Daß er ohne Gefahr sein heimisches Ufer erreiche,
Und die Freier im Schiffe vergebens wieder zurückziehn.
Sprach’s, und redete drauf zu seinem Sohne Hermeias:
Hermes, meiner Gebote Verkündiger, melde der Nymphe
30
Mit schönwallenden Locken der Götter heiligen Ratschluß
Über den leidengeübten Odysseus! Er kehre von dannen
Ohne der Götter Geleit, und ohne der sterblichen Menschen!
Einsam, im vielgebundenen Floß, von Schrecken umstürmet,
Komm‘ er am zwanzigsten Tage zu Scherias fruchtbaren Auen,
35
In das glückliche Land der götternahen Phäaken!
Diese werden ihn hoch, wie einen Unsterblichen, ehren,
Und ihn senden im Schiffe zur lieben heimischen Insel,
Reichlich mit Erz und Golde beschenkt und prächtigen Kleidern,
Mehr als jemals der Held von Ilion hätte geführet,
40
Wär‘ er auch ohne Schaden mit seiner Beute gekommen!
Also gebeut ihm das Schicksal, die Freunde wiederzuschauen,
Und den hohen Palast und seiner Väter Gefilde!
Also sprach Kronion. Der rüstige Argosbesieger
Eilte sofort, und band sich unter die Füße die schönen
45
Goldnen ambrosischen Sohlen, womit er über die Wasser
Und das unendliche Land im Hauche des Windes einherschwebt.
Hierauf nahm er den Stab, womit er die Augen der Menschen
Zuschließt, welcher er will, und wieder vom Schlummer erwecket.
Diesen hielt er und flog, der tapfere Argosbesieger,
50
Stand auf Pieria still, und senkte sich schnell aus dem Äther
Nieder aufs Meer, und schwebte dann über die Flut, wie die Möwe,
Die um furchtbare Busen des ungebändigten Meeres
Fische fängt, und sich oft die flüchtigen Fittiche netzet:
Also beschwerte Hermeias die weithinwallende Fläche.
55
Als er die ferne Insel Ogygia jetzo erreichte,
Stieg er aus dem Gewässer des dunkeln Meeres ans Ufer,
Wandelte fort, bis er kam zur weiten Grotte der Nymphe
Mit schönwallenden Locken, und fand die Nymphe zu Hause.
Vor ihr brannt‘ auf dem Herd‘ ein großes Feuer, und fernhin
60
Wallte der liebliche Duft vom brennenden Holze der Ceder
Und des Citronenbaums. Sie sang mit melodischer Stimme,
Emsig, ein schönes Gewebe mit goldener Spule zu wirken.
Rings um die Grotte wuchs ein Hain voll grünender Bäume,
Pappelweiden und Erlen und düftereicher Cypressen.
65
Unter dem Laube wohnten die breitgefiederten Vögel,
Eulen und Habichte und breitzüngichte Wasserkrähen,
Welche die Küste des Meers mit gierigem Blicke bestreifen.
Um die gewölbete Grotte des Felsens breitet‘ ein Weinstock
Seine scharrenden Ranken, behängt mit purpurnen Trauben.
70
Und vier Quellen ergossen ihr silberblinkendes Wasser,
Eine nahe der andern, und schlängelten hierhin und dorthin.
Wiesen grünten umher, mit Klee bewachsen und Eppich.
Selbst ein unsterblicher Gott verweilete, wann er vorbeiging,
Voll Verwunderung dort, und freute sich herzlich des Anblicks.
75
Voll Verwunderung stand der rüstige Argosbesieger;
Und nachdem er alles in seinem Herzen bewundert,
Ging er eilend hinein in die schöngewölbete Grotte.
Ihn erkannte sogleich die hehre Göttin Kalypso:
Denn die unsterblichen Götter verkennen nimmer das Antlitz
80
Eines anderen Gottes, und wohnt‘ er auch ferne von dannen.
Aber nicht Odysseus den Herrlichen fand er zu Hause;
Weinend saß er am Ufer des Meers. Dort saß er gewöhnlich,
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern,
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.
85
Aber dem Kommenden setzte die hehre Göttin Kalypso
Einen prächtigen Thron von strahlender Arbeit, und fragte:
Warum kamst du zu mir, du Gott mit goldenem Stabe,
Hermes, Geehrter, Geliebter? Denn sonst besuchst du mich niemals.
Sage, was du verlangst; ich will es gerne gewähren,
90
Steht es in meiner Macht, und sind es mögliche Dinge.
Aber komm doch näher, daß ich dich gastlich bewirte.
Also sprach Kalypso, und setzte dem Gott die Tafel
Voll Ambrosia vor, und mischte rötlichen Nektar.
Und nun aß er und trank, der rüstige Argosbesieger.
95
Und nachdem er gegessen, und seine Seele gelabet;
Da begann er und sprach zur hehren Göttin Kalypso:
Fragst du, warum ich komme, du Göttin den Gott? Ich will dir
Dieses alles genau verkündigen, wie du befiehlest.
Zeus gebot mir hieher, ohn‘ meinen Willen, zu wandern!
100
Denn wer ginge wohl gern durch dieses salzigen Meeres
Unermeßliche Flut? Ringsum ist keine der Städte,
Wo man die Götter mit Opfern und Hekatomben begrüßet!
Aber kein Himmlischer mag dem wetterleuchtenden Gotte
Zeus entgegen sich stellen, noch seinen Willen vereiteln.
105
Dieser sagt, es weile der Unglückseligste aller
Männer bei dir, die Priamos‘ Stadt neun Jahre bekämpften,
Und am zehnten darauf mit Ilions Beute zur Heimat
Kehreten, aber Athene durch Missetaten erzürnten,
Daß sie die Göttin mit Sturm und hohen Fluten verfolgte.
110
Alle tapfern Gefährten versanken ihm dort in den Abgrund;
Aber er selbst kam hier, von Sturm und Woge geschleudert.
Jetzo gebeut dir der Gott, daß du ihn eilig entlassest.
Denn ihm ward nicht bestimmt, hier fern von den Seinen zu sterben;
Sondern sein Schicksal ist, die Freunde wiederzuschauen,
115
Und sein prächtiges Haus, und seiner Väter Gefilde.
Als er es sprach, da erschrak die hehre Göttin Kalypso.
Und sie redet‘ ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Grausam seid ihr vor allen und neidisches Herzens, o Götter!
Jeglicher Göttin verargt ihr die öffentliche Vermählung
120
Mit dem sterblichen Manne, den sie zum Gatten erkoren.
Als den schönen Orion die rosenarmige Eos
Raubte, da zürnetet ihr so lang‘, ihr seligen Götter,
Bis in Ortygia ihn die goldenthronende Jungfrau
Artemis plötzlich erregte mit ihrem sanften Geschosse.
125
Als in Jasions Arm die schöngelockte Demeter,
Ihrem Herzen gehorchend, auf dreimalgeackertem Saatfeld
Seliger Liebe genoß; wie bald erfuhr die Umarmung
Zeus, und erschlug ihn im Zorne mit seinem flammenden Donner!
Also verargt ihr auch mir des sterblichen Mannes Gemeinschaft,
130
Den ich vom Tode gewann, als er auf zertrümmertem Kiele
Einsam trieb; denn ihm hatte der Gott hochrollender Donner
Mitten im Meere sein Schiff mit dem dampfenden Strahle zerschmettert.
Alle tapfern Gefährten versanken ihm dort in den Abgrund;
Aber er selbst kam hier von Sturm und Woge geschleudert.
135
Freundlich nahm ich ihn auf, und reicht‘ ihm Nahrung, und sagte
Ihm Unsterblichkeit zu und nimmerverblühende Jugend.
Aber kein Himmlischer mag dem wetterleuchtenden Gotte
Zeus entgegen sich stellen, noch seinen Willen vereiteln.
Mög‘ er denn gehn, wo ihn des Herrschers Wille hinwegtreibt,
140
Über das wilde Meer! Doch senden werd‘ ich ihn nimmer;
Denn mir gebricht es hier an Ruderschiffen und Männern,
Über den weiten Rücken des Meeres ihn zu geleiten.
Aber ich will ihm mit Rat beistehn, und nichts ihm verhehlen;
Daß er ohne Gefahr die Heimat wieder erreiche.
145
Ihr antwortete drauf der rüstige Argosbesieger:
Send‘ ihn also von hinnen, und scheue den großen Kronion,
Daß dich der Zürnende nicht mit schrecklicher Rache verfolge!
Also sprach er und ging, der tapfere Argosbesieger.
Aber Kalypso eilte zum großgesinnten Odysseus,
150
Als die heilige Nymphe Kronions Willen vernommen,
Dieser saß am Gestade des Meers, und weinte beständig,
Ach! in Tränen verrann sein süßes Leben, voll Sehnsucht
Heimzukehren: denn lange nicht mehr gefiel ihm die Nymphe;
Sondern er ruhte des Nachts in ihrer gewölbeten Grotte
155
Ohne Liebe bei ihr, ihn zwang die liebende Göttin;
Aber des Tages saß er auf Felsen und sandigen Hügeln,
Und zerquälte sein Herz mit Weinen und Seufzen und Jammern
Und durchschaute mit Tränen die große Wüste des Meeres.
Jetzo nahte sich ihm und sprach die herrliche Göttin:
160
Armer, sei mir nicht immer so traurig, und härme dein Leben
Hier nicht ab; ich bin ja bereit, dich von mir zu lassen.
Haue zum breiten Floß dir hohe Bäume, verbinde
Dann die Balken mit Erz, und oben befestige Bretter;
Daß er über die Wogen des dunkeln Meeres dich trage.
165
Siehe dann will ich dir Brot und Wasser reichen, und roten
Herzerfreuenden Wein, damit dich der Hunger nicht töte;
Dich mit Kleidern umhüllen, und günstige Winde dir senden;
Daß du ohne Gefahr die Heimat wieder erreichest,
Wenn es die Götter gestatten, des weiten Himmels Bewohner,
170
Welche höher als ich an Weisheit sind und an Stärke.
Als sie es sprach, da erschrak der herrliche Dulder Odysseus.
Und er redet‘ sie an, und sprach die geflügelten Worte:
Wahrlich du denkst ein andres, als mich zu senden, o Göttin,
Die du mich heißeste im Floße des unermeßlichen Meeres
175
Furchtbare Flut zu durchfahren, die selbst kein künstlichgebautes
Rüstiges Schiff durchfährt, vom Winde Gottes erfreuet!
Nimmer besteig‘ ich den Floß ohn‘ deinen Willen, o Göttin,
Du willfahrest mir denn, mit hohem Schwur zu geloben,
Daß du bei dir nichts andres zu meinem Verderben beschließest!
180
Sprach’s, und lächelnd vernahm es die hehre Göttin Kalypso,
Streichelte ihn mit der Hand, und sprach die freundlichen Worte:
Wahrlich du bist doch ein Schalk, und unermüdet an Vorsicht:
So bedachtsam und schlau ist alles, was du geredet!
Nun mir zeuge die Erde, der weite Himmel dort oben,
185
Und die stygischen Wasser der Tiefe; welches der größte
Furchtbarste Eidschwur ist für alle unsterblichen Götter:
Daß ich bei mir nichts anders zu deinem Verderben beschließe!
Sondern ich denke so und rede, wie ich mir selber
Suchen würde zu raten, wär‘ ich in gleicher Bedrängnis!
190
Denn ich denke gewiß nicht ganz unbillig, und trage
Nicht im Busen ein Herz von Eisen, sondern voll Mitleid!
Also sprach sie, und ging, die hehre Göttin Kalypso,
Eilend voran, und er folgte den Schritten der wandelnden Göttin.
Und sie kamen zur Grotte, die Göttin und ihr Geliebter.
195
Allda setzte der Held auf den Thron sich nieder, auf welchem
Hermes hatte gesessen. Ihm reichte die heilige Nymphe
Allerlei Speis‘ und Trank, was sterbliche Männer genießen;
Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,
Und Ambrosia reichten ihr Dienerinnen und Nektar.
200
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Als sie jetzo ihr Herz mit Trank und Speise gesättigt;
Da begann das Gespräch die hehre Göttin Kalypso:
Edler Laertiad‘, erfindungsreicher Odysseus,
Also willst du mich nun so bald verlassen, und wieder
205
In dein geliebtes Vaterland gehn? Nun Glück auf die Reise!
Aber wüßte dein Herz, wie viele Leiden das Schicksal
Dir zu dulden bestimmt, bevor du zur Heimat gelangest;
Gerne würdest du bleiben, mit mir die Grotte bewohnen,
Und ein Unsterblicher sein: wie sehr du auch wünschest, die Gattin
210
Wiederzusehn, nach welcher du stets so herzlich dich sehnest!
Glauben darf ich doch wohl, daß ich nicht schlechter als sie bin,
Weder an Wuchs noch Bildung! Wie könnten sterbliche Weiber
Mit unsterblichen sich an Gestalt und Schönheit vergleichen?
Ihr antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
215
Zürne mir darum nicht, ehrwürdige Göttin! Ich weiß es
Selber zu gut, wie sehr der klugen Penelopeia
Reiz vor deiner Gestalt und erhabenen Größe verschwindet;
Denn sie ist nur sterblich, und dich schmückt ewige Jugend.
Aber ich wünsche dennoch und sehne mich täglich von Herzen,
220
Wieder nach Hause zu gehn, und zu schaun den Tag der Zurückkunft.
Und verfolgt mich ein Gott im dunkeln Meere, so will ich’s
Dulden; mein Herz im Busen ist längst zum Leiden gehärtet!
Denn ich habe schon vieles erlebt, schon vieles erduldet,
Schrecken des Meers und des Kriegs: so mag auch dieses geschehen!
225
Also sprach er, da sank die Sonne, und Dunkel erhob sich.
Beide gingen zur Kammer der schöngewölbeten Grotte,
Und genossen der Lieb‘, und ruheten nebeneinander.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Da bekleidete sich Odysseus mit Mantel und Leibrock.
230
Aber die Nymphe zog ihr silberfarbnes Gewand an,
Fein und zierlich gewebt; und schlang um die Hüfte den Gürtel,
Schön mit Golde gestickt; und schmückte das Haupt mit dem Schleier.
Eilend besorgte sie jetzo die Reise des edlen Odysseus:
Gab ihm die mächtige Axt, von gehärtetem Erze geschmiedet,
235
Unten und oben geschärft, und sicheres Schwunges, und drinnen
War ein zierlicher Stiel von Olivenholze befestigt;
Gab ihm auch ein geschliffenes Beil, und führet‘ ihn jetzo
An der Insel Gestade voll hoher schattender Bäume,
Pappelweiden und Erlen und wolkenberührender Tannen.
240
Viele waren von Alter verdorrt, und leichter zur Schiffahrt.
Als sie den Ort ihm gezeigt, voll hoher schattender Bäume;
Kehrte sie heim zur Grotte, die hehre Göttin Kalypso.
Und er fällte die Bäum‘, und vollendete hurtig die Arbeit.
Zwanzig stürzt‘ er in allem, umhaute mit eherner Axt sie,
245
Schlichtete sie mit dem Beil, und nach dem Maße der Richtschnur.
Jetzo brachte sie Bohrer, die hehre Göttin Kalypso.
Und er bohrte die Balken, und fügte sie wohl aneinander,
Und verband nun den Floß mit ehernen Nägeln und Klammern.
Von der Größe, wie etwa ein kluger Meister im Schiffbau
250
Zimmern würde den Boden des breiten geräumigen Lastschiffs,
Baute den breiten Floß der erfindungsreiche Odysseus.
Nun umstellt‘ er ihn dicht mit Pfählen, heftete Bohlen
Ringsherum, und schloß das Verdeck mit langen Brettern.
Drinnen erhob er den Mast, von der Segelstange durchkreuzet.
255
Endlich zimmert‘ er sich ein Steuer, die Fahrt zu lenken.
Beide Seiten des Floßes beschirmt‘ er mit weidenen Flechten
Gegen die rollende Flut; und füllte den Boden mit Ballast.
Jetzo brachte sie Tücher, die hehre Göttin Kalypso,
Segel davon zu schneiden; auch diese bereitet‘ er künstlich;
260
Band die Taue des Mastes und segelwendenden Seile;
Wälzte darauf mit Hebeln den Floß in die heilige Meersflut.
Jetzt war der vierte Tag, an dem ward alles vollendet.
Und am fünften entließ ihn die hehre Göttin Kalypso,
Frischgebadet, und angetan mit duftenden Kleidern.
265
Und sie legt‘ in den Floß zween Schläuche, voll schwärzliches Weines
Einen, und einen großen voll Wasser; und gab ihm zur Zehrung
Einen geflochtenen Korb voll herzerfreuender Speisen;
Ließ dann leise vor ihm ein laues Lüftchen einherwehn.
Freudig spannte der Held im Winde die schwellenden Segel.
270
Und nun setzt‘ er sich hin ans Ruder, und steuerte künstlich
Über die Flut. Ihm schloß kein Schlummer die wachsamen Augen,
Auf die Pleiaden gerichtet, und auf Bootes, der langsam
Untergeht, und den Bären, den andre den Wagen benennen,
Welcher im Kreise sich dreht, den Blick nach Orion gewendet,
275
Und allein von allen sich nimmer im Ocean badet.
Denn beim Scheiden befahl ihm die hehre Göttin Kalypso,
Daß er auf seiner Fahrt ihn immer zur Linken behielte.
Siebzehn Tage befuhr er die ungeheuren Gewässer.
Am achtzehnten erschienen die fernen schattigen Berge
280
Von dem phäakischen Lande, denn dieses lag ihm am nächsten;
Dunkel erschienen sie ihm, wie ein Schild, im Nebel des Meeres.
Jetzo kam aus dem Lande der Äthiopen Poseidon,
Und erblickte fern von der Solymer Bergen Odysseus,
Welcher die Wogen befuhr. Da ergrimmt‘ er noch stärker im Geiste,
285
Schüttelte zürnend sein Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
Himmel, es haben gewiß die Götter sich über Odysseus
Anders entschlossen, da ich die Äthiopen besuchte!
Siehe da naht er sich schon dem phäakischen Lande, dem großen
Heiligen Ziele der Leiden, die ihm das Schicksal bestimmt hat!
290
Aber ich meine, er soll mir noch Jammer die Fülle bestehen!
Also sprach er, versammelte Wolken, und regte das Meer auf,
Mit dem erhobenen Dreizack; rief itzt allen Orkanen
Aller Enden zu toben, verhüllt‘ in dicke Gewölke
Meer und Erde zugleich; und dem düstern Himmel entsank Nacht.
295
Unter sich stürmten der Ost und der Süd und der sausende Westwind,
Auch der hellfrierende Nord, und wälzte gewaltige Wogen.
Und dem edlen Odysseus erzitterten Herz und Kniee;
Tiefaufseufzend sprach er zu seiner erhabenen Seele:
Weh mir, ich elender Mann! Was werd‘ ich noch endlich erleben!
300
Ach ich fürchte, die Göttin hat lauter Wahrheit geweissagt,
Die mir im wilden Meere, bevor ich zur Heimat gelangte,
Leiden die Fülle verhieß! Da wird nun alles erfüllet!
Ha! wie fürchterlich Zeus den ganzen Himmel in Wolken
Hüllt, und das Meer aufregt! wie sausen die wütenden Stürme
305
Aller Enden daher! Nun ist mein Verderben entschieden!
Dreimal selige Griechen und viermal, die ihr in Trojas
Weitem Gefilde sankt, der Atreiden Ehre verfechtend!
Wär‘ ich doch auch gestorben, und hätte die traurige Laufbahn
An dem Tage vollendet, als mich, im Getümmel der Troer,
310
Eherne Lanzen umflogen, um unsern erschlagnen Achilleus!
Dann wär‘ ich rühmlich bestattet, dann sängen mein Lob die Achaier!
Aber nun ist mein Los, des schmählichen Todes zu sterben!
Also sprach er; da schlug die entsetzliche Woge von oben
Hochherdrohend herab, daß im Wirbel der Floß sich herumriß:
315
Weithin warf ihn der Schwung des erschütterten Floßes, und raubte
Ihm aus den Händen das Steu’r; und mit einmal stürzte der Mastbaum
Krachend hinab vor der Wut der fürchterlich sausenden Windsbraut.
Weithin flog in die Wogen die Stang‘ und das flatternde Segel.
Lange blieb er untergetaucht, und strebte vergebens,
320
Unter der ungestüm rollenden Flut sich empor zu schwingen;
Denn ihn beschwerten die Kleider, die ihm Kalypso geschenket.
Endlich strebt‘ er empor, und spie aus dem Munde das bittre
Wasser des Meers, das strömend von seiner Scheitel herabtroff.
Dennoch vergaß er des Floßes auch selbst in der schrecklichen Angst nicht,
325
Sondern schwung sich ihm nach durch reißende Fluten, ergriff ihn,
Setzte sich wieder hinein, und entfloh dem Todesverhängnis.
Hiehin und dorthin trieben den Floß die Ströme des Meeres.
Also treibt im Herbste der Nord die verdorreten Disteln
Durch die Gefilde dahin; sie entfliehn ineinander gekettet:
330
Also trieben durchs Meer ihn die Winde bald hiehin bald dorthin.
Jetzo stürmte der Süd ihn dem Nordsturm hin zum Verfolgen;
Jetzo sandte der Ost ihn dem brausenden Weste zum Spiele.
Aber Leukothea sah ihn, die schöne Tochter des Kadmos,
Ino, einst ein Mädchen mit heller melodischer Stimme,
335
Nun in den Fluten des Meers der göttlichen Ehre genießend.
Und sie erbarmete sich des umhergeschleuderten Mannes,
Kam wie ein Wasserhuhn empor aus der Tiefe geflogen,
Setzte sich ihm auf den Floß, und sprach mit menschlicher Stimme:
Armer, beleidigtest du den Erderschüttrer Poseidon,
340
Daß er so schrecklich zürnend dir Jammer auf Jammer bereitet?
Doch verderben soll er dich nicht, wie sehr er auch eifre!
Tu nur, was ich dir sage; du scheinst mir nicht unverständig.
Ziehe die Kleider aus, und lasse den Floß in dem Sturme
Treiben; spring in die Flut, und schwimme mit strebenden Händen
345
An der Phäaken Land, allwo dir Rettung bestimmt ist.
Da, umhülle die Brust mit diesem heiligen Schleier,
Und verachte getrost die drohenden Schrecken des Todes.
Aber sobald du das Ufer mit deinen Händen berührest,
Löse den Schleier ab, und wirf ihn ferne vom Ufer
350
In das finstere Meer, mit abgewendetem Antlitz.
Also sprach die Göttin, und gab ihm den heiligen Schleier;
Fuhr dann wieder hinab in die hochaufwallende Woge,
Ähnlich dem Wasserhuhn, und die schwarze Woge verschlang sie.
Und nun sann er umher, der herrliche Dulder Odysseus;
355
Tiefaufseufzend sprach er zu seiner erhabenen Seele:
Weh mir! ich fürchte, mich will der Unsterblichen einer von neuem
Hintergehn, der mir vom Floße zu steigen gebietet!
Aber noch will ich ihm nicht gehorchen; denn eben erblickt‘ ich
Ferne von hinnen das Land, wo jene mir Rettung gelobte.
360
Also will ich es machen, denn dieses scheint mir das Beste!
Weil die Balken noch fest in ihren Banden sich halten,
Bleib‘ ich hier, und erwarte mit duldender Seele mein Schicksal.
Aber wann mir den Floß die Gewalt des Meeres zertrümmert,
Dann will ich schwimmen; ich weiß mir ja doch nicht besser zu raten!
365
Als er solche Gedanken im zweifelnden Herzen bewegte,
Siehe da sandte Poseidon, der Erdumstürmer, ein hohes
Steiles schreckliches Wassergebirg‘; und es stürzt‘ auf ihn nieder.
Und wie der stürmende Wind in die trockene Spreu auf der Tenne
Ungestüm fährt, und im Wirbel sie hiehin und dorthin zerstreuet;
370
Also zerstreute die Flut ihm die Balken. Aber Odysseus
Schwung sich auf einen, und saß, wie auf dem Rosse der Reiter;
Warf die Kleider hinweg, die ihm Kalypso geschenket,
Und umhüllte die Brust mit Inos heiligem Schleier.
Vorwärts sprang er hinab in das Meer, die Hände verbreitet,
375
Und schwamm eilend dahin. Da sah ihn der starke Poseidon,
Schüttelte zürnend sein Haupt, und sprach in der Tiefe des Herzens:
So, durchirre mir jetzo, mit Jammer behäuft, die Gewässer,
Bis du die Menschen erreichst, die Zeus vor allen beseligt!
Aber ich hoffe, du sollst mir dein Leiden nimmer vergessen!
380
Also sprach er, und trieb die Rosse mit fliegender Mähne,
Bis er gern Ägä kam, zu seiner glänzenden Wohnung.
Aber ein Neues ersann Athene, die Tochter Kronions.
Eilend fesselte sie den Lauf der übrigen Winde,
Daß sie alle verstummten, und hin zur Ruhe sich legten;
385
Und ließ stürmen den Nord, und brach vor ihm die Gewässer:
Bis er zu den Phäaken, den ruderliebenden Männern,
Käme, der edle Odysseus, entflohn dem Todesverhängnis.
Schon zween Tage trieb er und zwo entsetzliche Nächte
In dem Getümmel der Wogen, und ahnete stets sein Verderben.
390
Als nun die Morgenröte des dritten Tages emporstieg,
Siehe da ruhte der Wind; von heiterer Bläue des Himmels
Glänzte die stille See. Und nahe sah er das Ufer,
Als er mit forschendem Blick von der steigenden Welle dahinsah.
So erfreulich den Kindern des lieben Vaters Genesung
395
Kommt, der lange schon an brennenden Schmerzen der Krankheit
Niederlag und verging, vom feindlichen Dämon gemartert;
Aber ihn heilen nun zu ihrer Freude die Götter:
So erfreulich war ihm der Anblick des Landes und Waldes.
Und er strebte mit Händen und Füßen, das Land zu erreichen.
400
Aber so weit entfernt, wie die Stimme des Rufenden schallet,
Hört‘ er ein dumpfes Getöse des Meers, das die Felsen bestürmte,
Graunvoll donnerte dort an dem schroffen Gestade die hohe
Fürchterlich strudelnde Brandung, und weithin spritzte der Meerschaum.
Keine Buchten empfingen, noch schirmende Reeden, die Schiffe;
405
Sondern trotzende Felsen und Klippen umstarrten das Ufer.
Und dem edlen Odysseus erzitterten Herz und Kniee;
Tiefaufseufzend sprach er zu seiner erhabenen Seele:
Weh mir! nachdem mich Zeus dies Land ohn‘ alles Vermuten
Sehen ließ, und ich jetzo die stürmenden Wasser durchkämpfet;
410
Öffnet sich nirgends ein Weg aus dem dunkelwogenden Meere!
Zackichte Klippen türmen sich hier, umtobt von der Brandung
Brausenden Strudeln, und dort das glatte Felsengestade!
Und das Meer darunter ist tief; man kann es unmöglich
Mit den Füßen ergründen, um watend ans Land sich zu retten!
415
Wagt‘ ich durchhin zu gehn, unwiderstehliches Schwunges
Schmetterte mich die rollende Flut an die zackichte Klippe!
Schwimm‘ ich aber noch weiter herum, abhängiges Ufer
Irgendwo auszuspähn und sichere Busen des Meeres;
Ach dann fürcht‘ ich, ergreift der Orkan mich von neuem, und schleudert
420
Mich Schwerseufzenden weit in das fischdurchwimmelte Weltmeer!
Oder ein Himmlischer reizt auch ein Ungeheuer des Abgrunds
Wider mich auf, aus den Scharen der furchtbaren Amphitrite!
Denn ich weiß es, mir zürnt der gewaltige Küstenerschüttrer!
Als er solche Gedanken im zweifelnden Herzen bewegte,
425
Warf ihn mit einmal die rollende Wog‘ an das schroffe Gestade.
Jetzo wär‘ ihm geschunden die Haut, die Gebeine zermalmet,
Hätte nicht Pallas Athene zu seiner Seele geredet.
Eilend umfaßte der Held mit beiden Händen die Klippe,
Schmiegte sich keuchend an, bis die rollende Woge vorbei war.
430
Also entging er ihr jetzt. Allein da die Woge zurückkam,
Raffte sie ihn mit Gewalt, und schleudert‘ ihn fern in das Weltmeer.
Also wird der Polyp dem festen Lager entrissen;
Kiesel hängen und Sand an seinen ästigen Gliedern:
Also blieb an dem Fels von den angeklammerten Händen
435
Abgeschunden die Haut; und die rollende Woge verschlang ihn.
Jetzo wäre der Dulder auch wider sein Schicksal gestorben,
Hätt‘ ihn nicht Pallas Athene mit schnellem Verstande gerüstet.
Aber er schwung sich empor aus dem Schwalle der schäumenden Brandung,
Schwamm herum, und sah nach dem Land‘, abhängiges Ufer
440
Irgendwo auszuspähn und sichere Busen des Meeres.
Jetzo hatt‘ er nun endlich die Mündung des herrlichen Stromes
Schwimmend erreicht. Hier fand er bequem zum Landen das Ufer,
Niedrig und felsenleer, und vor denn Winde gesichert.
Und er erkannte den strömenden Gott, und betet‘ im Herzen:
445
Höre mich, Herrscher, wer du auch seist, du Sehnlicherflehter!
Rette mich aus dem Meer vor denn schrecklichen Grimme Poseidons!
Heilig sind ja, ach selbst unsterblichen Göttern, die Menschen,
Welche von Leiden gedrängt um Hilfe flehen! Ich winde
Mich vor deinem Strome, vor deinen Knieen, in Jammer!
450
Herrscher, erbarme dich mein, der deiner Gnade vertrauet!
Also sprach er. Da hemmte der Gott die wallenden Fluten,
Und verbreitete Stille vor ihm, und rettet‘ ihn freundlich
An das seichte Gestade. Da ließ er die Kniee sinken
Und die nervichten Arme; ihn hatten die Wogen entkräftet:
455
Alles war ihm geschwollen, ihm floß das salzige Wasser
Häufig aus Nas‘ und Mund; der Stimme beraubt und des Atems,
Sank er in Ohnmacht hin, erstarrt von der schrecklichen Arbeit.
Als er zu atmen begann, und sein Geist dem Herzen zurückkam,
Löst‘ er ab von der Brust den heiligen Schleier der Göttin,
460
Warf ihn eilend zurück in die salzige Welle des Flusses;
Und ihn führte die Welle den Strom hinunter, und Ino
Nahm ihn mit ihren Händen. Nun stieg der Held aus dem Flusse,
Legte sich nieder auf Binsen, und küßte die fruchtbare Erde;
Tiefaufseufzend sprach er zu seiner erhabenen Seele:
465
Weh mir Armen, was leid‘ ich, was werd‘ ich noch endlich erleben!
Wenn ich die greuliche Nacht an diesem Strome verweilte,
Würde zugleich der starrende Frost und der tauende Nebel
Mich Entkräfteten, noch Ohnmächtigen, gänzlich vertilgen;
Denn kalt wehet der Wind aus dem Strome vor Sonnenaufgang!
470
Aber klimm‘ ich hinan zum waldbeschatteten Hügel,
Unter dem dichten Gesträuche zu schlafen, wenn Frost und Ermattung
Anders gestatten, daß mich der süße Schlummer befalle:
Ach dann werd‘ ich vielleicht den reißenden Tieren zur Beute!
Dieser Gedanke schien dem Zweifelnden endlich der beste,
475
Hinzugehn in den Wald, der den weitumschauenden Hügel
Nah am Wasser bewuchs. Hier grüneten, ihn zu umhüllen,
Zwei verschlungne Gebüsche, ein wilder und fruchtbarer Ölbaum.
Nimmer durchstürmte den Ort die Wut naßhauchender Winde,
Ihn erleuchtete nimmer mit warmen Strahlen die Sonne,
480
Selbst der gießende Regen durchdrang ihn nimmer: so dicht war
Sein Gezweige verwebt. Hier kroch der edle Odysseus
Unter, und bettete sich mit seinen Händen ein Lager,
Hoch und breit; denn es deckten so viele Blätter den Boden,
Daß zween Männer darunter und drei sich hätten geborgen
485
Gegen den Wintersturm, auch wann er am schrecklichsten tobte.
Freudig sahe das Lager der herrliche Dulder Odysseus,
Legte sich mitten hinein, und häufte die rasselnden Blätter.
Also verbirgt den Brand in grauer Asche der Landmann;
Auf entlegenem Felde, von keinem Nachbar umwohnet,
490
Hegt er den Samen des Feuers, um nicht in der Ferne zu zünden:
Also verbarg sich der Held in den Blättern. Aber Athene
Deckt‘ ihm die Augen mit Schlummer, damit sie der schrecklichen Arbeit
Qualen ihm schneller entnähme, die lieben Wimper verschließend.

Vierter Gesang

Vierter Gesang

Menelaos, der seine Kinder ausstattet, bewirtet die Fremdlinge, und äußert mit Helena teilnehmende Liebe für Odysseus. Telemachos wird erkannt. Aufheiterndes Mittel der Helena, und Erzählungen von Odysseus. Am Morgen fragt Telemachos nach dem Vater. Menelaos erzählt, was ihm der ägyptische Proteus von der Rückkehr der
Achaier, und dem Aufenthalt des Odysseus bei der Kalypso, geweissagt. Die Freier beschließen den heimkehrenden Telemachos zwischen Ithaka und Samos zu ermorden. Medon entdeckt’s der Penelopeia. Sie fleht zur Athene, und wird durch ein Traumbild getröstet.

Und sie erreichten im Tale die große Stadt Lakedämon,
Lenkten darauf zur Burg Menelaos‘ des Ehregekrönten.
Und Menelaos feirte mit vielen Freunden die Hochzeit
Seines Sohnes im Hause, und seiner lieblichen Tochter.
5
Diese sandt‘ er dem Sohne des Scharentrenners Achilleus.
Denn er gelobte sie ihm vordem im troischen Lande;
Und die himmlischen Götter vollendeten ihre Vermählung.
Jetzo sandt‘ er sie hin, mit Rossen und Wagen begleitet,
Zu der berühmten Stadt des Myrmidonenbeherrschers.
10
Aber dem Sohne gab er aus Sparta die Tochter Alektors,
Megapenthes dem Starken, den ihm in späterem Alter
Eine Sklavin gebar. Denn Helenen schenkten die Götter
Keine Frucht, nachdem sie die liebliche Tochter geboren,
Hermione, ein Bild der goldenen Aphrodite.
15
Also feierten dort im hochgewölbeten Saale
Alle Nachbarn und Freunde des herrlichen Menelaos
Fröhlich am Mahle das Fest. Es sang ein göttlicher Sänger
In die Harfe sein Lied. Und zween nachahmende Tänzer
Stimmten an den Gesang, und dreheten sich in der Mitte.
20
Aber die Rosse hielten am Tore des hohen Palastes,
Und Telemachos harrte mit Nestors glänzendem Sohne.
Siehe da kam Eteoneus hervor, und sahe die Fremden,
Dieser geschäftige Diener des herrlichen Menelaos.
Schnell durchlief er die Wohnung, und brachte dem Könige Botschaft,
25
Stellte sich nahe vor ihn, und sprach die geflügelten Worte:
Fremde Männer sind draußen, o göttlicher Held Menelaos,
Zween an der Zahl, von Gestalt wie Söhne des großen Kronions!
Sage mir, sollen wir gleich abspannen die hurtigen Rosse;
Oder sie weiter senden, damit sie ein andrer bewirte?
30
Voll Unwillens begann Menelaos der Bräunlichgelockte:
Ehmals warst du kein Tor, Boethos‘ Sohn Eteoneus;
Aber du plauderst jetzt, wie ein Knabe, so törichte Worte!
Wahrlich wir haben ja beid‘ in Häusern anderer Menschen
So viel Gutes genossen, bis wir heimkehrten! Uns wolle
35
Zeus auch künftig vor Not bewahren! Drum spanne die Rosse
Hurtig ab, und führe die Männer zu unserem Gastmahl!
Also sprach er; und schnell durcheilete jener die Wohnung,
Rief die geschäftigen Diener zusammen, daß sie ihm folgten.
Und nun spanneten sie vom Joche die schäumenden Rosse,
40
Führten sie dann in den Stall, und banden sie fest an die Krippen,
Schütteten Hafer hinein, mit gelblicher Gerste gemenget,
Stellten darauf den Wagen an eine der schimmernden Wände,
Führten endlich die Männer hinein in die göttliche Wohnung.
Staunend sahn sie die Burg des göttergesegneten Königs.
45
Gleich dem Strahle der Sonn‘, und gleich dem Schimmer des Mondes
Blinkte die hohe Burg Menelaos‘ des Ehregekrönten.
Und nachdem sie ihr Herz mit bewunderndem Blicke gesättigt,
Stiegen sie beide zum Bad‘ in schöngeglättete Wannen.
Als sie die Mägde gebadet, und drauf mit Öle gesalbet,
50
Und mit wollichtem Mantel und Leibrock hatten bekleidet;
Setzten sie sich auf Throne bei Atreus‘ Sohn Menelaos.
Eine Dienerin trug in der schönen goldenen Kanne
Über dem silbernen Becken das Wasser, beströmte zum Waschen
Ihnen die Händ‘, und stellte vor sie die geglättete Tafel.
55
Und die ehrbare Schaffnerin kam, und tischte das Brot auf,
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat.
Hierauf kam der Zerleger, und bracht‘ in erhobenen Schüsseln
Allerlei Fleisch, und setzte vor sie die goldenen Becher.
Beiden reichte die Hände der Held Menelaos, und sagte:
60
Langt nun zu, und eßt mit Wohlgefallen, ihr Freunde!
Habt ihr euch dann mit Speise gestärkt, dann wollen wir fragen,
Wer ihr seid. Denn wahrlich aus keinem versunknen Geschlechte
Stammt ihr, sondern ihr stammt von edlen sceptergeschmückten
Königen her; denn gewiß Unedle zeugen nicht solche!
65
Also sprach er, und reichte den fetten gebratenen Rückgrat
Von dem Rinde den Gästen, der ihm zur Ehre bestimmt war.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Neigte Telemachos sein Haupt zum Sohne des Nestor,
70
Und sprach leise zu ihm, damit es die andern nicht hörten:
Schaue doch, Nestoride, du meines Herzens Geliebter,
Schaue den Glanz des Erzes umher in der hallenden Wohnung,
Und des Goldes und Ambras und Elfenbeines und Silbers!
Also glänzt wohl von innen der Hof des olympischen Gottes!
75
Welch ein unendlicher Schatz! Mit Staunen erfüllt mich der Anblick!
Seine Rede vernahm Menelaos der Bräunlichgelockte,
Wandte sich gegen die Fremden, und sprach die geflügelten Worte:
Liebe Söhne, mit Zeus wetteifre der Sterblichen keiner;
Ewig besteht des Unendlichen Burg und alles, was sein ist!
80
Doch von den Menschen mag einer mit mir sich messen an Reichtum,
Oder auch nicht! Denn traun! nach vielen Leiden und Irren
Bracht‘ ich ihn in den Schiffen am achten Jahre zur Heimat;
Ward nach Kypros vorher, nach Phönike gestürmt und Ägyptos,
Sahe die Äthiopen, Sidonier dann und Erember,
85
Libya selbst, wo schon den Lämmern Hörner entkeimen.
Denn es gebären dreimal im Laufe des Jahres die Schafe.
Nimmer gebricht es dort dem Eigner, und nimmer dem Hirten,
Weder an Käse noch Fleisch noch süßer Milch von der Herde,
Welche das ganze Jahr mit vollen Eutern einhergeht.
90
Also durchirrt‘ ich die Länder, und sammelte großes Vermögen.
Aber indessen erschlug mir meinen Bruder ein andrer
Heimlich, mit Meuchelmord, durch die List des heillosen Weibes:
Daß ich gewiß nicht froh dies große Vermögen beherrsche!
Doch dies habt ihr ja wohl von euren Vätern gehöret,
95
Wer sie auch sein. Denn viel, sehr vieles hab‘ ich erlitten,
Und mein prächtiges Haus voll köstlicher Güter zerrüttet!
Könnt‘ ich nur jetzo darin mit dem dritten Teile der Güter
Wohnen, und lebten die Männer, die im Gefilde vor Troja
Hingesunken sind, fern von der rossenährenden Argos!
100
Aber dennoch, wie sehr ich sie alle klag‘ und beweine;
(Oftmal hab‘ ich hier so in meinem Hause gesessen,
Und mir jetzo mit Tränen das Herz erleichtert, und jetzo
Wieder geruht; denn bald ermüdet der starrende Kummer!)
Dennoch, wie sehr ich traure, bewein‘ ich alle nicht so sehr,
105
Als den einen, der mir den Schlaf und die Speise verleidet,
Denk‘ ich seiner! Denn das hat kein Achaier erduldet,
Was Odysseus erduldet‘ und trug! Ihm selber war Unglück
Von dem Schicksal bestimmt, und mir unendlicher Jammer,
Seinethalben des Langabwesenden, weil wir nicht wissen,
110
Ob er leb‘ oder tot sei. Vielleicht beweinen ihn jetzo
Schon Laertes der Greis, und die keusche Penelopeia,
Und Telemachos, den er als Kind im Hause zurückließ!
Also sprach er, und rührte Telemachos herzlich zu weinen.
Seinen Wimpern entstürzte die Träne, als er vorn Vater
115
Hörte; da hüllt‘ er sich schnell vor die Augen den purpurnen Mantel,
Fassend mit beiden Händen; und Menelaos erkannt‘ ihn.
Dieser dachte darauf umher in zweifelnder Seele:
Ob er ihn ruhig ließe an seinen Vater gedenken;
Oder ob er zuerst ihn fragt‘, und alles erforschte.
120
Als er solche Gedanken in zweifelnder Seele bewegte;
Wallte Helena her aus der hohen duftenden Kammer,
Artemis gleich an Gestalt, der Göttin mit goldener Spindel.
Dieser setzte sofort Adraste den zierlichen Sessel;
Und Alkippe brachte den weichen wollichten Teppich.
125
Phylo brachte den silbernen Korb, den ehmals Alkandre
Ihr verehrte, die Gattin des Polybos, welcher in Thebä
Wohnte, Ägyptos Stadt voll schätzereicher Paläste.
Dieser gab Menelaos zwo Badewannen von Silber,
Zween dreifüßige Kessel, und zehn Talente des Goldes.
130
Aber Helenen gab Alkandre schöne Geschenke,
Eine goldene Spindel im länglichgeründeten Korbe,
Der, aus Silber gebildet, mit goldenem Rande geschmückt war.
Diesen setzte vor sie die fleißige Dienerin Phylo,
Angefüllt mit geknäueltem Garn, und über dem Garne
135
Lag die goldene Spindel mit violettener Wolle.
Helena saß auf dem Sessel; ein Schemel stützte die Füße.
Und sie fragte sogleich den Gemahl nach allem, und sagte:
Wissen wir schon, Menelaos du Göttlicher, welches Geschlechtes
Diese Männer sich rühmen, die unsere Wohnung besuchen?
140
Irr‘ ich, oder ahnet mir wahr? Ich kann es nicht bergen!
Niemals erschien mir ein Mensch mit solcher ähnlichen Bildung,
Weder Mann, noch Weib; (mit Staunen erfüllt mich der Anblick!)
Als der Jüngling dort des edelgesinnten Odysseus‘
Sohne Telemachos gleicht, den er als Säugling daheimließ,
145
Jener Held, da ihr Griechen, mich Ehrvergeßne zu rächen,
Hin gen Ilion schifftet, mit Tod und Verderben gerüstet!
Ihr antwortete drauf Menelaos der Bräunlichgelockte:
Ebenso denke auch ich, o Frau, wie du jetzo vermutest.
Denn so waren die Händ‘, und so die Füße des Helden,
150
So die Blicke der Augen, das Haupt und die lockichten Haare.
Auch gedacht‘ ich jetzo des edelgesinnten Odysseus,
Und erzählte, wie jener für mich so mancherlei Elend
Duldete; siehe da drang aus seinen Augen die Träne,
Und er verhüllete schnell mit dem Purpurmantel sein Antlitz.
155
Und der Nestoride Peisistratos sagte dagegen:
Atreus‘ Sohn, Menelaos, du göttlicher Führer des Volkes,
Dieser ist wirklich der Sohn Odysseus‘, wie du vermutest.
Aber er ist bescheiden, und hält es für unanständig,
Gleich, nachdem er gekommen, so dreist entgegen zu schwatzt
160
Deiner Rede, die uns, wie eines Gottes, erfreuet.
Und mich sandte mein Vater, der Rossebändiger Nestor,
Diesen hieher zu geleiten, der dich zu sehen begehrte,
Daß du ihm Rat erteiltest zu Worten oder zu Taten.
Denn viel leidet ein Sohn des langabwesenden Vaters,
165
Wenn er, im Hause verlassen, von keinem Freunde beschützt wird:
Wie Telemachos jetzt! Sein Vater ist ferne, und niemand
Regt sich im ganzen Volke, von ihm die Plage zu wenden!
Ihm antwortete drauf Menelaos der Bräunlichgelockte:
Götter, so ist ja mein Gast der Sohn des geliebtesten Freundes,
170
Welcher um meinetwillen so viele Gefahren erduldet!
Und ich hoffte, dem Kommenden einst vor allen Argeiern
Wohlzutun, hätt‘ uns der Olympier Zeus Kronion
Glückliche Wiederkehr in den schnellen Schiffen gewähret!
Eine Stadt und ein Haus in Argos wollt‘ ich ihm schenken,
175
Und ihn aus Ithaka führen mit seinem ganzen Vermögen.
Seinem Sohn und dem Volk, und räumen eine der Städte,
Welche Sparta umgrenzen, und meinem Befehle gehorchen.
Oft besuchten wir dann als Nachbarn einer den andern,
Und nichts trennt‘ uns beid‘ in unserer seligen Eintracht,
180
Bis uns die schwarze Wolke des Todes endlich umhüllte!
Aber ein solches Glück mißgönnte mir einer der Götter,
Welcher jenem allein, dem Armen, raubte die Heimkehr!
Also sprach er, und rührte sie alle zu herzlichen Tränen.
Argos‘ Helena weinte, die Tochter des großen Kronions,
185
Und Telemachos weinte, und Atreus‘ Sohn Menelaos.
Auch Peisistratos konnte sich nicht der Tränen enthalten;
Denn ihm trat vor die Seele des edlen Antilochos‘ Bildnis,
Welchen der glänzende Sohn der Morgenröte getötet.
Dessen gedacht‘ er jetzo, und sprach die geflügelten Worte:
190
Atreus‘ Sohn Menelaos, vor allen Menschen verständig,
Rühmte dich Nestor der Greis, so oft wir deiner gedachten
In des Vaters Palast, und uns miteinander besprachen.
Darum, ist es dir möglich, gehorche mir jetzo. Ich finde
Kein Vergnügen an Tränen beim Abendessen; auch morgen
195
Dämmert ein Tag für uns. Ich tadele freilich mitnichten,
Daß man den Toten beweine, der sein Verhängnis erfüllt hat.
Ist doch dieses allein der armen Sterblichen Ehre,
Daß man schere sein Haar, und die Wange mit Tränen benetze.
Auch mein Bruder verlor sein Leben, nicht der geringste
200
Im argeiischen Heer! Du wirst ihn kennen; ich selber
Hab‘ ihn nimmer gesehen: doch rühmen Antilochos alle,
Daß er an Schnelle des Laufs und in Kriegsmut andre besieget.
Ihm antwortete drauf Menelaos der Bräunlichgelockte:
Lieber, du redest so, wie ein Mann von reifem Verstande
205
Reden und handeln muß, und wär‘ er auch höheres Alters.
Denn du redest als Sohn von einem verständigen Vater.
Leicht erkennt man den Samen des Mannes, welchen Kronion
schmückte mit himmlischem Segen bei seiner Geburt und Vermählung.
Also krönet er nun auch Nestors Tage mit Wohlfahrt;
210
Denn er freut sich im Hause des stillen behaglichen Alters,
Und verständiger Söhne, geübt die Lanze zu schwingen.
Laßt uns also des Grams und unserer Tränen vergessen,
Und von neuem das Mahl beginnen! Wohlauf, man begieße
Unsere Hände mit Wasser! Auch morgen wird Zeit zu Gesprächen
215
Mit Telemachos sein, uns beiden das Herz zu erleichtern!
Sprach’s, und eilend begoß Asphalion ihnen die Hände,
Dieser geschäftige Diener des herrlichen Menelaos.
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
Aber ein Neues ersann die liebliche Tochter Kronions:
220
Siehe sie warf in den Wein, wovon sie tranken, ein Mittel
Gegen Kummer und Groll und aller Leiden Gedächtnis.
Kostet einer des Weins, mit dieser Würze gemischet;
Dann benetzet den Tag ihm keine Träne die Wangen,
Wär‘ ihm auch sein Vater und seine Mutter gestorben,
225
Würde vor ihm sein Bruder, und sein geliebtester Sohn auch
Mit dem Schwerte getötet, daß seine Augen es sähen.
Siehe so heilsam war die künstlichbereitete Würze,
Welche Helenen einst die Gemahlin Thons Polydamna
In Ägyptos geschenkt. Dort bringt die fruchtbare Erde
230
Mancherlei Säfte hervor, zu guter und schädlicher Mischung;
Dort ist jeder ein Arzt, und übertrifft an Erfahrung
Alle Menschen; denn wahrlich sie sind vom Geschlechte Päeons.
Als sie die Würze vermischt, und einzuschenken befohlen,
Da begann sie von neuem, und sprach mit freundlicher Stimme:
235
Atreus‘ göttlicher Sohn Menelaos, und ihr geliebten
Söhne tapferer Männer; es sendet im ewigen Wechsel
Zeus bald Gutes bald Böses herab, denn er herrschet mit Allmacht.
Auf, genießet denn jetzo in unserem Hause des Mahles,
Euch mit Gesprächen erfreuend! Ich will euch was Frohes erzählen.
240
Alles kann ich euch zwar nicht nennen oder beschreiben,
Alle mutigen Taten des leidengeübten Odysseus;
Sondern nur eine Gefahr, die der tapfere Krieger bestanden
In dein troischen Lande, wo Not euch Achaier umdrängte.
Seht, er hatte sich selbst unwürdige Striemen gegeißelt,
245
Und nachdem er die Schultern mit schlechten Lumpen umhüllet,
Ging er in Sklavengestalt zur Stadt der feindlichen Männer.
Ganz ein anderer Mann, ein Bettler schien er von Ansehn,
So wie er wahrlich nicht im achaiischen Lager einherging.
Also kam er zur Stadt der Troer; und sie verkannten
250
Alle den Helden; nur ich entdeckt‘ ihn unter der Hülle,
Und befragt‘ ihn: doch er fand immer listige Ausflucht.
Aber als ich ihn jetzo gebadet, mit Öle gesalbet,
Und mit Kleidern geschmückt, und drauf bei den Göttern geschworen,
Daß ich Odysseus den Troern nicht eher wollte verraten,
255
Bis er die schnellen Schiff‘ und Zelte wieder erreichet;
Da verkündet‘ er mir den ganzen Entwurf der Achaier.
Als er nun viele der Troer mit langem Erze getötet,
Kehrt‘ er zu den Argeiern, mit großer Kunde bereichert.
Laut wehklageten jetzo die andern Weiber in Troja;
260
Aber mein Herz frohlockte; denn herzlich wünscht‘ ich die Heimkehr,
Und beweinte den Jammer, den Aphrodite gestiftet,
Als sie mich dorthin, fern vorn Vaterlande geführet,
Und von der Tochter getrennt, dem Eh’bett und dem Gemahle,
Dem kein Adel gebricht des Geistes oder der Bildung!
265
Ihr antwortete drauf Menelaos der Bräunlichgelockte:
Dieses alles ist wahr, o Helena, was du erzähltest.
Denn ich habe schon mancher Gesinnung und Tugend gelernet,
Hochberühmter Helden, und bin viel Länder durchwandert;
Aber ein solcher Mann kam mir noch nimmer vor Augen,
270
Gleich an erhabener Seele dem leidengeübten Odysseus!
Also bestand er auch jene Gefahr, mit Kühnheit und Gleichmut,
In dem gezimmerten Rosse, worin wir Fürsten der Griechen
Alle saßen, und Tod und Verderben gen Ilion brachten.
Dorthin kamest auch du, gewiß von einem der Götter
275
Hingeführt, der etwa die Troer zu ehren gedachte;
Und der göttergleiche Deiphobos war dein Begleiter.
Dreimal umwandeltest du das feindliche Männergehäuse,
Rings betastend, und riefst der tapfersten Helden Achaias
Namen, indem du die Stimme von aller Gemahlinnen annahmst.
280
Aber ich und Tydeus‘ Sohn und der edle Odysseus
Saßen dort in der Mitte, und höreten, wie du uns riefest.
Plötzlich fuhren wir auf, wir beiden andern, entschlossen,
Auszusteigen, oder von innen uns hören zu lassen.
Aber Odysseus hielt uns zurück von dem raschen Entschlusse.
285
Jetzo saßen wir still, und alle Söhne der Griechen.
Nur Antiklos wollte dir Antwort geben; doch eilend
Sprang Odysseus hinzu, und drückte mit nervichten Händen
Fest den Mund ihm zusammen, und rettete alle Achaier;
Eher ließ er ihn nicht, bis Athene von dannen dich führte.
290
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Atreus‘ Sohn Menelaos, du göttlicher Führer des Volkes,
Desto betrübter! Denn alles entriß ihn dem traurigen Tode
Nicht, und hätt‘ er im Busen ein Herz von Eisen getragen!
Aber lasset uns nun zu Bette gehen, damit uns
295
Jetzo auch die Ruhe des süßen Schlafes erquicke.
Als er dieses gesagt, rief Helena eilend den Mägden,
Unter die Halle ein Bett zu setzen, unten von Purpur
Prächtige Polster zu legen, und Teppiche drüber zu breiten,
Hierauf wenige Mäntel zur Oberdecke zu legen.
300
Und sie enteilten dem Saal, in den Händen die leuchtende Fackel,
Und bereiteten schnell das Lager. Aber ein Herold
Führte Telemachos hin, samt Nestors glänzendem Sohne.
Also ruhten sie dort in der Halle vor dem Palaste.
Und der Atreide schlief im Innern des hohen Palastes;
305
Helena ruhte bei ihm, die schönste unter den Weibern.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Sprang er vom Lager empor, der Rufer im Streit Menelaos,
Legte die Kleider an, und hing das Schwert um die Schulter,
Band die schönen Sohlen sich unter die zierlichen Füße,
310
Trat aus der Kammer hervor, geschmückt mit göttlicher Hoheit,
Ging und setzte sich neben Telemachos nieder, und sagte:
Welches Geschäft, o edler Telemachos, führte dich hieher,
Über das weite Meer, zur göttlichen Stadt Lakedämon?
Deines, oder des Volks? Verkünde mir lautere Wahrheit!
315
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Atreus‘ Sohn Menelaos, du göttlicher Führer des Volkes,
Darum kam ich zu dir, um Kunde vom Vater zu hören.
Ausgezehrt wird mein Haus, und Hof und Äcker verwüstet;
Denn feindselige Männer erfüllen die Wohnung und schlachten
320
Meine Ziegen und Schaf‘ und mein schwerwandelndes Hornvieh,
Freier meiner Mutter, voll übermütiges Trotzes.
Darum fleh ich dir jetzo, die Knie‘ umfassend, du wollest
Seinen traurigen Tod mir verkündigen; ob du ihn selber
Ansahst, oder vielleicht von einem irrenden Wandrer
325
Ihn erfuhrst: denn ach! zum Leiden gebar ihn die Mutter!
Aber schmeichle mir nicht, aus Schonung oder aus Mitleid;
Sondern erzähle mir treulich, was deine Augen gesehen.
Flehend beschwör‘ ich dich, hat je mein Vater Odysseus
Einen Wunsch dir gewährt mit Worten oder mit Taten,
330
In dem troischen Lande, wo Not euch Achaier umdrängte:
Daß du, dessen gedenkend, mir jetzo Wahrheit verkündest!
Voll Unwillens begann Menelaos der Bräunlichgelockte:
O ihr Götter, ins Lager des übergewaltigen Mannes
Wollten jene sich legen, die feigen verworfenen Menschen!
335
Aber wie wenn in den Dickicht des starken Löwen die Hirschkuh
Ihre saugenden Jungen, die neugeborenen, hinlegt,
Dann auf den Bergen umher und kräuterbewachsenen Tälern
Weide sucht; und jener darauf in sein Lager zurückkehrt,
Und den Zwillingen beiden ein schreckliches Ende bereitet:
340
So wird jenen Odysseus ein schreckliches Ende bereiten!
Wenn er, o Vater Zeus, Athene und Phöbos Apollon!
Doch in jener Gestalt, wie er einst in der fruchtbaren Lesbos
Sich mit Philomeleides zum Wetteringen emporhub,
Und auf den Boden ihn warf, daß alle Achaier sich freuten;
345
Wenn doch in jener Gestalt Odysseus den Freiern erschiene!
Bald wär‘ ihr Leben gekürzt, und ihnen die Heirat verbittert!
Aber warum du mich fragst und bittest, das will ich geradaus
Ohn‘ Umschweife dir sagen, und nicht durch Lügen dich täuschen;
Sondern was mir der wahrhafte Greis des Meeres geweissagt,
350
Davon will ich kein Wort dir bergen oder verhehlen.
Noch in Ägyptos hielten, wie sehr ich nach Hause verlangte,
Mich die Unsterblichen auf, denn ich versäumte die Opfer;
Und wir sollen nimmer der Götter Gebote vergessen.
Eine der Inseln liegt im wogenstürmenden Meere
355
Vor des Ägyptos Strome; die Menschen nennen sie Pharos:
Von dem Strome so weit, als wohlgerüstete Schiffe
Tages fahren, wenn rauschend der Wind die Segel erfüllet.
Dort ist ein sicherer Hafen, allwo die Schiffer gewöhnlich
Frisches Wasser sich schöpfen, und weiter die Wogen durchsegeln.
360
Allda hielten die Götter mich zwanzig Tage; denn niemals
Wehten günstige Wind‘ in die See hinüber, die Schiffe
Über den breiten Rücken des Meeres hinzugeleiten,
Und bald wäre die Speis‘ und der Mut der Männer geschwunden,
Hätte mich nicht erbarmend der Himmlischen eine gerettet.
365
Aber Eidothea, des grauen Wogenbeherrschers
Proteus‘ Tochter bemerkt‘ es, und fühlte herzliches Mitleid.
Diese begegnete mir, da ich fern von den Freunden umherging;
Denn sie streiften beständig, vom nagenden Hunger gefoltert,
Durch die Insel, um Fische mit krummer Angel zu fangen.
370
Und sie nahte sich mir, und sprach mit freundlicher Stimme:
Fremdling, bist du so gar einfältig, oder so träge?
Oder zauderst du gern, und findest Vergnügen am Elend:
Daß du so lang auf der Insel verweilst? Ist nirgends ein Ausweg
Aus dem Jammer zu sehn, da das Herz den Genossen entschwindet?
375
Also sprach sie; und ich antwortete wieder und sagte:
Ich verkündige dir, o Göttin, wie du auch heißest,
Daß ich mitnichten gerne verweile; sondern gesündigt
Hab‘ ich vielleicht an den Göttern, des weiten Himmels Bewohnern.
Aber sage mir doch, die Götter wissen ja alles!
380
Wer der Unsterblichen hält mich hier auf, und hindert die Reise?
Und wie gelang‘ ich heim auf dem fischdurchwimmelten Meere?
Also sprach ich; mir gab die hohe Göttin zur Antwort:
Gerne will ich, o Fremdling, dir lautere Wahrheit verkünden.
Hier am Gestade schaltet ein grauer Bewohner des Meeres,
385
Proteus, der wahrhafte Gott aus Ägyptos, welcher des Meeres
Dunkle Tiefen kennt, ein treuer Diener Poseidons.
Dieser ist, wie man sagt, mein Vater, der mich gezeuget.
Wüßtest du diesen nur durch heimliche List zu erhaschen;
Er weissagte dir wohl den Weg und die Mittel der Reise,
390
Und wie du heimgelangst auf dem fischdurchwimmelten Meere.
Auch verkündigt‘ er dir, Zeus‘ Liebling, wenn du es wolltest,
Was dir Böses und Gutes in deinem Hause geschehn sei,
Weil du ferne warst auf der weiten gefährlichen Reise.
Also sprach sie; und ich antwortete wieder, und sagte:
395
Nun verkünde mir selber, wie fang‘ ich den göttlichen Meergreis,
Daß er mir nicht entfliehe, mich sehend oder auch ahnend?
Wahrlich, schwer wird ein Gott vom sterblichen Manne bezwungen!
Also sprach ich; mir gab die hohe Göttin zur Antwort:
Gerne will ich, o Fremdling, dir lautere Wahrheit verkünden.
400
Wann die Mittagssonne den hohen Himmel besteiget,
Siehe dann kommt aus der Flut der graue untrügliche Meergott,
Unter dem Wehn des Westes, umhüllt vom schwarzen Gekräusel,
Legt sich hin zum Schlummer in überhangende Grotten,
Und floßfüßige Robben der lieblichen Halosydne
405
Ruhn in Scharen um ihn, dem grauen Gewässer entstiegen,
Und verbreiten umher des Meeres herbe Gerüche.
Dorthin will ich dich führen, sobald der Morgen sich rötet,
Und in die Reihe dich legen. Du aber wähle mit Vorsicht
Drei von den kühnsten Genossen der schöngebordeten Schiffe.
410
Alle furchtbaren Künste des Greises will ich dir nennen
Erstlich geht er umher, und zählt die liegenden Robben;
Und nachdem er sie alle bei Fünfen gezählt und betrachtet,
Legt er sich mitten hinein, wie ein Schäfer zwischen die Herde.
Aber sobald ihr seht, daß er zum Schlummer sich hinlegt;
415
Dann erhebet euch mutig, und übet Gewalt und Stärke,
Haltet den Sträubenden fest, wie sehr er auch ringt zu entfliehen!
Denn der Zauberer wird sich in alle Dinge verwandeln,
Was auf der Erde lebt, in Wasser und loderndes Feuer.
Aber greift unerschrocken ihn an, und haltet noch fester!
420
Wenn er nun endlich selbst euch anzureden beginnet,
In der Gestalt, worin ihr ihn saht zum Schlummer sich legen;
Dann laß ab von deiner Gewalt, und löse den Meergreis,
Edler Held, und frag‘ ihn, wer unter den Göttern dir zürne,
Und wie du heimgelangst auf dem fischdurchwimmelten Meere.
425
Also sprach sie, und sprang in die hochaufwallende Woge.
Aber ich ging zu den Schiffen, wo sie im Sande des Ufers
Standen; und viele Gedanken bewegten des Gehenden Seele.
Als ich jetzo mein Schiff und des Meeres Ufer erreichte,
Da bereiteten wir das Mahl. Die ambrosische Nacht kam;
430
Und wir lagerten uns am rauschenden Ufer des Meeres.
Als die heilige Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Ging ich längst dem Gestade des weithinflutenden Meeres
Fort, und betete viel zu den Himmlischen. Von den Genossen
Folgten mir drei, bewährt vor allen an Kühnheit und Stärke.
435
Aber indessen fuhr Eidothea tief in des Meeres
Weiten Busen, und trug vier Robbenfelle von dannen,
Welche sie frisch abzog; und entwarf die Täuschung des Vaters.
Jedem höhlete sie ein Lager im Sande des Meeres,
Saß und erwartete uns. Sobald wir die Göttin erreichten,
440
Legte sie uns nach der Reih‘, und hüllte jedem ein Fell um.
Wahrlich die Lauer bekam uns fürchterlich! Bis zum Ersticken
Quält‘ uns der tranichte Dunst der meergemästeten Robben!
Denn wer ruhte wohl gerne bei Ungeheuern des Meeres?
Aber die Göttin ersann zu unserer Rettung ein Labsal:
445
Denn sie strich uns allen Ambrosia unter die Nasen,
Dessen lieblicher Duft des Tranes Gerüche vertilgte.
Also lauerten wir den ganzen Morgen geduldig.
Scharweis kamen die Robben nun aus dem Wasser, und legten
Nach der Reihe sich hin am rauschenden Ufer des Meeres.
450
Aber am Mittag kam der göttliche Greis aus dem Wasser,
Ging bei den feisten Robben umher, und zählte sie alle.
Also zählt‘ er auch uns für Ungeheuer, und dachte
Gar an keinen Betrug; dann legt‘ er sich selber zu ihnen.
Plötzlich fuhren wir auf mit Geschrei, und schlangen die Hände
455
Schnell um den Greis; doch dieser vergaß der betrüglichen Kunst nicht.
Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne,
Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach‘, und ein zürnender Eber,
Floß dann als Wasser dahin, und rauscht‘ als Baum in den Wolken.
Aber wir hielten ihn fest mit unerschrockener Seele.
460
Als nun der zaubernde Greis ermüdete sich zu verwandeln,
Da begann er selber mich anzureden, und fragte:
Welcher unter den Göttern, Atreide, gab dir den Anschlag,
Daß du mit Hinterlist mich Fliehenden fängst? Was bedarfst du?
Also sprach er; und ich antwortete wieder, und sagte:
465
Alter, du weißt es, (warum verstellst du dich, dieses zu fragen?)
Daß ich so lang‘ auf dieser Insel verweil‘, und nirgends ein Ausweg
Aus dem Jammer sich zeigt, da das Herz den Genossen entschwindet!
Drum verkündige mir, die Götter wissen ja alles!
Wer der Unsterblichen hält mich hier auf, und hindert die Reise?
470
Und wie gelang ich heim auf dem fischdurchwimmelten Meere?
Also sprach ich; der Greis antwortete wieder, und sagte:
Aber du solltest auch Zeus und den andern unsterblichen Göttern
Opfern, als du die Schiffe bestiegst, damit du geschwinder
Deine Heimat erreichtest, die dunkle Woge durchsteuernd!
475
Denn dir verbeut das Schicksal, die Deinigen wieder zu sehen
Und dein prächtiges Haus und deiner Väter Gefilde,
Bis du wieder zurück zu des himmelernährten Ägyptos
Wassern segelst, und dort mit heiligen Hekatomben
Sühnst der Unsterblichen Zorn, die den weiten Himmel bewohnen:
480
Dann verleihn dir die Götter die Heimfahrt, welche du wünschest.
Also sagte der Greis. Mir brach das Herz vor Betrübnis,
Weil er mir wieder befahl, auf dem dunkelwogenden Meere
Nach dem Ägyptos zu schiffen, die weite gefährliche Reise.
Aber ich faßte mich doch, und gab ihm dieses zur Antwort:
485
Göttlicher Greis, ich will ausrichten, was du befiehlest,
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit:
Sind die Danaer all‘ unbeschädigt wiedergekehret,
Welche Nestor und ich beim Scheiden in Troja verließen?
Oder ward einer im Schiffe vom bittern Verderben ereilet,
490
Oder den Freunden im Arme, nachdem er den Krieg vollendet?
Also sprach ich; und drauf antwortete jener, und sagte:
Warum fragst du mich das, Sohn Atreus‘? Du mußt nicht alles
Wissen, noch meine Gedanken erforschen! Du möchtest nicht lange
Dich der Tränen enthalten, wenn du das alles erführest!
495
Siehe, gefallen sind viele davon, und viele noch übrig;
Aber nur zween Heerführer der erzgepanzerten Griechen
Raffte die Heimfahrt hin; in der Feldschlacht warest du selber.
Einer der Lebenden wird im weiten Meere gehalten.
Ajas versank in die See mit den langberuderten Schiffen.
500
Anfangs rettete zwar den Scheiternden Poseidaon
Aus den Fluten des Meers an die großen gyräischen Felsen.
Dort wär‘ Athenens Feind dem verderbenden Schicksal entronnen,
Hätte der Lästerer nicht voll Übermutes geprahlet,
Daß er den Göttern zum Trotz den stürmenden Wogen entflöhe.
505
Aber Poseidon vernahm die stolzen Worte des Prahlers,
Und ergriff mit der nervichten Faust den gewaltigen Dreizack,
Schlug den gyräischen Fels; und er spaltete schnell voneinander.
Eine der Trümmern blieb, die andre stürzt‘ in die Fluten,
Wo der Achaier saß, und die Gotteslästerung ausstieß;
510
Und er versank ins unendliche hochaufwogende Weltmeer.
So fand Ajas den Tod, ersäuft von der salzigen Welle.
Zwar dein Bruder entfloh der schrecklichen Rache der Göttin
Samt den gebogenen Schiffen; ihn schützte die mächtige Here.
Aber als er sich jetzo dem Vorgebirge Maleia
515
Näherte, rafft‘ ihn der wirbelnde Sturm und schleuderte plötzlich
Ihn, den Jammernden, weit in das fischdurchwimmelte Weltmeer,
An die äußerste Küste, allwo vor Zeiten Thyestes
Hatte gewohnt, und jetzo Thyestes‘ Sohn Ägisthos.
Aber ihm schien auch hier die Heimfahrt glücklich zu enden;
520
Denn die Götter wandten den Sturm, und trieben ihn heimwärts.
Freudig sprang er vom Schiff ans vaterländische Ufer,
Küßt‘ und umarmte sein Land, und heiße Tränen entstürzten
Seiner Wange, vor Freude, die Heimat wieder zu sehen.
Ihn erblickte der Wächter auf einer erhabenen Warte,
525
Von Ägisthos bestellt, der zwei Talente des Goldes
Ihm zum Lohne versprach. Ein Jahr lang hielt er schon Wache,
Daß er nicht heimlich käm‘, und stürmende Tapferkeit übte.
Eilend lief er zur Burg, und brachte dem Könige Botschaft;
Und Ägisthos gedachte sogleich des schlauen Betruges.
530
Zwanzig tapfere Männer erlas er im Volk, und verbarg sie;
Auf der anderen Seite gebot er, ein Mahl zu bereiten.
Jetzo ging er, und lud Agamemnon, den Hirten der Völker,
Prangend mit Rossen und Wagen, sein Herz voll arger Entwürfe;
Führte den nichts argwöhnenden Mann ins Haus, und erschlug ihn
535
Unter den Freuden des Mahls: so erschlägt man den Stier an der Krippe!
Keiner entrann dem Tode vom ganzen Gefolg‘ Agamemnons,
Und von Ägisthos keiner; sie stürzten im blutigen Saale.
Also sagte der Greis. Mir brach das Herz vor Betrübnis:
Weinend saß ich im Sande des Meers, und wünschte nicht länger
540
Unter den Lebenden hier das Licht der Sonne zu schauen.
Aber als ich mein Herz durch Weinen und Wälzen erleichtert,
Da erhub er die Stimme, der graue untrügliche Meergott:
Weine nicht immerdar, Sohn Atreus‘, hemme die Tränen;
Denn wir können damit nichts bessern! Aber versuche
545
Jetzt, aufs eiligste wieder dein Vaterland zu erreichen.
Jenen findest du noch lebendig, oder Orestes
Tötet ihn schon vor dir: dann kommst du vielleicht zum Begräbnis.
Also sprach er, und stärkte mein edles Herz in dem Busen,
So bekümmert ich war, durch seine frohe Verheißung.
550
Und ich redet‘ ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Dieser Schicksal weiß ich nunmehr. Doch nenne den Dritten,
Welchen man noch lebendig im weiten Meere zurückhält,
Oder auch tot. Verschweige mir nicht die traurige Botschaft!
Also sprach ich; und drauf antwortete jener, und sagte:
555
Das ist der Sohn Laertes, der Ithakas Fluren bewohnet.
Ihn sah ich auf der Insel die bittersten Tränen vergießen,
In dem Hause der Nymphe Kalypso, die mit Gewalt ihn
Hält; und er sehnt sich umsonst nach seiner heimischen Insel;
Denn es gebricht ihm dort an Ruderschiffen und Männern,
560
Über den weiten Rücken des Meeres ihn zu geleiten.
Aber dir bestimmt, o Geliebter von Zeus, Menelaos,
Nicht das Schicksal den Tod in der rossenährenden Argos;
Sondern die Götter führen dich einst an die Enden der Erde,
In die elysische Flur, wo der bräunliche Held Radamanthus
565
Wohnt, und ruhiges Leben die Menschen immer beseligt:
(Dort ist kein Schnee, kein Winterorkan, kein gießender Regen;
Ewig wehn die Gesäusel des leiseatmenden Westes,
Welche der Ocean sendet, die Menschen sanft zu kühlen:)
Weil du Helena hast, und Zeus als Eidam dich ehret.
570
Also sprach er, und sprang in des Meeres hochwallende Woge.
Aber ich ging zu den Schiffen mit meinen tapfern Genossen,
Schweigend, und viele Gedanken bewegten des Gehenden Seele.
Als wir jetzo das Schiff und des Meeres Ufer erreichten,
Da bereiteten wir das Mahl. Die ambrosische Nacht kam;
575
Und wir lagerten uns ans rauschenden Ufer des Meeres.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Zogen wir erst die Schiffe hinab in die heilige Meersflut,
Stellten die Masten empor, und spannten die schwellenden Segel,
Traten dann selber ins Schiff, und setzten uns hin auf die Bänke,
580
Saßen in Reihn, und schlugen die graue Woge mit Rudern.
Und ich fuhr zum Strome des himmelgenährten Ägyptos,
Landete dort, und brachte den Göttern heilige Opfer.
Und nachdem ich den Zorn der unsterblichen Götter gesühnet,
Häuft‘ ich ein Grabmal auf, Agamemnon zum ewigen Nachruhm.
585
Als ich dieses vollbracht, entschifften wir. Günstige Winde
Sandten mir jetzo die Götter, und führten mich schnell zu der Heimat.
Aber ich bitte dich, Lieber, verweil in meinem Palaste,
Bis der elfte der Tage vorbei ist, oder der zwölfte.
Alsdann send‘ ich dich heim, und schenke dir köstliche Gaben:
590
Drei der mutigsten Rosse, und einen prächtigen Wagen;
Auch ein schönes Gefäß, damit du den ewigen Göttern
Opfer gießest, und dich beständig meiner erinnerst.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Atreus‘ Sohn, berede mich nicht, hier länger zu bleiben.
595
Denn ich säße mit Freuden bei dir ein ganzes Jahr lang,
Ohne mich jemals heim nach meinen Eltern zu sehnen:
Siehe mit solchem Entzücken erfüllt mich deine Erzählung
Und dein Gespräch! Allein unwillig harren die Freunde
In der göttlichen Pylos; und du verweilst mich noch länger.
600
Hast du mir ein Geschenk bestimmt, so sei es ein Kleinod.
Rosse nützen mir nicht in Ithaka; darum behalte
Selber diese zur Pracht: du beherrschest flache Gefilde,
Überwachsen mit Klee und würzeduftendem Galgan,
Und mit Weizen und Spelt und weißer fruchtbarer Gerste.
605
Aber in Ithaka fehlt es an weiten Ebnen und Wiesen;
Ziegen nährt sie: doch lieb‘ ich sie nicht, als irgend ein Roßland.
Keine der Inseln im Meer‘ ist mutigen Rossen zur Laufbahn
Oder zur Weide bequem, und Ithaka minder als alle.
Lächelnd hörte den Jüngling der Rufer im Streit Menelaos,
610
Faßte Telemachos Hand, und sprach mit freundlicher Stimme:
Edles Geblütes bist du, mein Sohn; das zeuget die Rede!
Gerne will ich dir denn die Geschenke verändern; ich kann’s ja!
Von den Schätzen, soviel ich in meinem Hause bewahre,
Geb‘ ich dir zum Geschenk das schönste und köstlichste Kleinod:
615
Gebe dir einen Kelch von künstlicherhobener Arbeit,
Aus geläutertem Silber, gefaßt mit goldenem Rande;
Und ein Werk von Hephästos! Ihn gab der Sidonier König
Phädimos mir, der Held, der einst in seinem Palaste
Mich Heimkehrenden pflegte. Den will ich jetzo dir schenken.
620
Also besprachen diese sich jetzo untereinander.
Aber die Köche gingen ins Haus des göttlichen Königs,
Führeten Ziegen und Schaf‘, und trugen stärkende Weine.
Ihre Weiber, geschmückt mit Schleiern, brachten Gebacknes.
Also bereiteten sie im hohen Saale die Mahlzeit.
625
Aber vor dem Palast Odysseus‘ schwärmten die Freier,
Und belustigten sich, die Scheib‘ und die Lanze zu werfen,
Auf dem geebneten Platz, wo sie sonst Mutwillen verübten.
Nur Antinoos saß und Eurymachos, göttlich von Ansehn,
Beide Häupter der Freier, und ihre tapfersten Helden.
630
Aber Phronios‘ Sohn Noemon nahte sich ihnen,
Redet‘ Antinoos an, den Sohn Eupeithes, und fragte:
Ist es uns etwa bekannt, Antinoos, oder verborgen,
Ob Telemachos bald aus der sandigen Pylos zurückkehrt?
Mir gehöret das Schiff, und jetzo brauch‘ ich es selber,
635
Nach den Auen von Älis hinüber zu fahren. Es weiden
Dort zwölf Stuten für mich, mit jungen lastbaren Mäulern:
Davon möcht‘ ich mir eins abholen, und zähmen zur Arbeit.
Sprach’s; da erstaunten die Freier, daß er die Reise vollendet
Zur neleischen Pylos: sie glaubten, er wär‘ auf dem Lande,
640
Wo ihn die weidende Herd‘ erfreute, oder der Sauhirt.
Und Eupeithes‘ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
Sage mir ohne Falsch: Wann reist‘ er? Welche Genossen
Folgten aus Ithaka ihm; Freiwillige oder Gedungne,
Und leibeigene Knechte? Wie konnt‘ er doch dieses vollenden!
645
Dann erzähle mir auch aufrichtig, damit ich es wisse:
Brauchte der Jüngling Gewalt, dir das schwarze Schiff zu entreißen;
Oder gabst du es ihm gutwillig, als er dich ansprach?
Aber Phronios‘ Sohn Noemon sagte dagegen:
Selber gab ich es ihm! Wie würd‘ ein anderer handeln,
650
Wenn ihn ein solcher Mann, mit so bekümmertem Herzen,
Bäte? Es wäre ja schwer, ihm seine Bitte zu weigern!
Aber die Jünglinge waren die Tapfersten unseres Volkes,
Die ihm folgten; es ging mit diesen, als Führer des Schiffes,
Mentor, oder ein Gott, der jenem gleich an Gestalt war.
655
Aber das wundert mich: ich sah den trefflichen Mentor
Gestern Morgen noch hier, und damals fuhr er gen Pylos!
Also sprach Noemon, und ging zum Hause des Vaters.
Aber den beiden wühlte der Schmerz in der stolzen Seele.
Und die Freier verließen ihr Spiel, und setzten sich nieder.
660
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos sprach zur Versammlung,
Glühend vor Zorn; ihm schwoll von schwarzer strömender Galle
Hoch die Brust, und den Augen entfunkelte strahlendes Feuer:
Wahrlich ein großes Werk hat Telemachos kühnlich vollendet!
Diese Reise! Wir dachten, er würde sie nimmer vollenden;
665
Und trotz allen entwischt er, der junge Knabe, wie spielend,
Rüstet ein Schiff, und wählt sich die tapfersten Männer im Volke!
Der verspricht uns hinfort erst Unheil! Aber ihm tilge
Zeus die mutige Kraft, bevor er uns Schaden bereitet!
Auf! und gebt mir ein rüstiges Schiff und zwanzig Gefährten,
670
Daß ich dem Reisenden selbst auflaure, wann er zurückkehrt,
In dem Sunde, der Ithaka trennt und die bergichte Samos;
Daß die Fahrt nach dem Vater ein jämmerlich Ende gewinne!
Also sprach er; sie lobten ihn all‘, und reizten ihn stärker,
Standen dann auf, und gingen ins Haus des edlen Odysseus.
675
Penelopeia blieb nicht lang‘ unkundig des Rates,
Welchen die Freier jetzt in tückischer Seele beschlossen.
Denn ihr verkündete Medon, der Herold, welcher den Ratschluß
Außer dem Hause belauscht, als jene sich drinnen besprachen.
Schnell durcheilt‘ er die Burg, und brachte der Königin Botschaft.
680
Als er die Schwelle betrat, da fragt‘ ihn Penelopeia:
Herold, sage, warum dich die stolzen Freier gesendet!
Etwa daß du den Mägden des hohen Odysseus befehlest,
Von der Arbeit zu ruhn, und ihnen das Mahl zu bereiten?
Möchten die trotzigen Freier sich niemals wieder versammeln,
685
Sondern ihr letztes Mahl, ihr letztes! heute genießen!
Die ihr hier täglich in Scharen das große Vermögen hinabschlingt,
Alle Güter des klugen Telemachos! Habt ihr denn niemals,
Als ihr noch Kinder war’t, von euren Vätern gehöret,
Wie sich gegen sein Volk Odysseus immer betragen,
690
Wie er keinem sein Recht durch Taten oder durch Worte
Jemals gekränkt? da sonst der mächtigen Könige Brauch ist,
Daß sie einige Menschen verfolgen, und andre hervorziehn?
Aber nie hat Odysseus nach blindem Dünkel gerichtet;
Und ihr zeiget euch ganz in eurer bösen Gesinnung,
695
Da ihr mit Undank nun so viel Wohltaten vergeltet!
Ihr antwortete drauf der gute verständige Medon:
Königin, wäre doch dieses von allen das äußerste Übel!
Aber ein größeres noch und weit furchtbareres Unglück
Hegen die Freier im Sinne, das Zeus Kronion verhüte!
700
Deinen Telemachos trachten sie jetzt mit dem Schwerte zu töten,
Wenn er zur Heimat kehrt. Er forscht nach Kunde vom Vater
In der heiligen Pylos, und Lakedämon der großen.
Sprach’s; und Penelopeien erzitterten Herz und Kniee.
Lange vermochte sie nicht, ein Wort zu reden; die Augen
705
Wurden mit Tränen erfüllt, und atmend stockte die Stimme.
Endlich erholte sie sich, und gab ihm dieses zur Antwort:
Sage mir, Herold, warum mein Sohn denn reiset! Was zwingt ihn
Sich auf die hurtigen Schiffe zu setzen, auf welchen die Männer,
Wie mit Rossen des Meers, das große Wasser durcheilen?
710
Will er, daß auch sein Name vertilgt sei unter den Menschen?
Ihr antwortete drauf der gute verständige Medon:
Fürstin, ich weiß es nicht, ob ihn ein Himmlischer antrieb,
Oder sein eigenes Herz, nach Pylos zu schiffen, um Kundschaft
Von dem Vater zu suchen, der Heimkehr oder des Todes.
715
Als er dieses gesagt, durcheilt‘ er die Wohnung Odysseus.
Seelenangst umströmte die Königin: ach! sie vermochte
Nicht auf den Stühlen zu ruhn, so viel in der Kammer auch waren,
Sondern sank auf die Schwelle des schimmerreichen Gemaches
Lautwehklagend dahin; und um sie jammerten alle
720
Mägde, jung und alt, so viel im Hause nur waren.
Und mit heftigem Schluchzen begann itzt Penelopeia:
O Geliebte, mich wählten vor allen Weibern der Erde,
Welche mit mir erwachsen, die Götter zum Ziele des Jammers!
Erst verlor ich den tapfern Gemahl, den Löwenbeherzten,
725
Der mit jeglicher Tugend vor allen Achaiern geschmückt war,
Tapfer und weitberühmt von Hellas bis mitten in Argos!
Und nun raubten mir meinen geliebten Sohn die Orkane
Unberühmt aus dem Haus, und ich hörte nichts von der Abfahrt!
Unglückselige Mädchen, wie konntet ihr alle so hart sein,
730
Daß ihr nicht aus dem Bette mich wecktet, da ihr es wußtet,
Als er von hinnen fuhr im schwarzen gebogenen Schiffe!
Hätt‘ ich es nur gemerkt, daß er die Reise beschlossen;
Wahrlich er wäre geblieben, wie sehr auch sein Herz ihn dahintrieb.
Oder er hätte mich tot in diesem Hause verlassen!
735
Aber man rufe geschwinde mir meinen Diener, den alten
Dolios, welchen mein Vater mir mitgab, als ich hieherzog,
Und der jetzo die Bäume des Gartens hütet; damit er,
Hin zu Laertes eilend, ihm dieses alles verkünde!
Jener möchte vielleicht sich eines Rates besinnen,
740
Und wehklagend zum Volke hinausgehn, welches nun trachtet,
Sein und des göttlichen Helden Odysseus Geschlecht zu vertilgen!
Ihr antwortete drauf die Pflegerin Eurykleia:
Liebe Tochter, töte mich gleich mit dem grausamen Erze,
Oder laß mich im Haus; ich kann es nicht länger verschweigen!
745
Alles hab‘ ich gewußt! Ich gab ihm, was er verlangte,
Speise und süßen Wein. Doch mußt‘ ich ihm heilig geloben,
Dir nichts eher zu sagen, bevor zwölf Tage vergangen,
Oder du ihn vermißtest, und hörtest von seiner Entfernung:
Daß du nicht durch Tränen dein schönes Antlitz entstelltest.
750
Aber bade dich jetzo, und leg‘ ein reines Gewand an,
Geh hinauf in den Söller mit deinen Mägden, und flehe
Pallas Athenen, der Tochter des wetterleuchtenden Gottes.
Diese wird ihn gewiß, auch selbst aus dem Tode, erretten!
Aber den Greis, den betrübten, betrübe nicht mehr! Unmöglich
755
Ist den seligen Göttern der Same des Arkeisiaden
Ganz verhaßt; ihm bleibt noch jemand, welcher beherrsche
Diesen hohen Palast und rings die fetten Gefilde!
Also sprach sie, und stillte der Königin weinenden Jammer.
Und sie badete sich, und legt‘ ein reines Gewand an,
760
Ging hinauf in den Söller, von ihren Mägden begleitet,
Trug die heilige Gerst‘ im Korb‘, und flehte Athenen:
Unbezwungene Tochter des wetterleuchtenden Gottes,
Höre mein Flehn: wo dir im Palaste der weise Odysseus
Je von Rindern und Schafen die fetten Lenden verbrannt hat,
765
Daß du, dessen gedenkend, den lieben Sohn mir errettest,
Und zerstreuest die Freier voll übermütiger Bosheit!
Also flehte sie jammernd; ihr Flehn erhörte die Göttin.
Aber nun lärmten die Freier umher in dem schattichten Saale.
Unter dem Schwarme begann ein übermütiger Jüngling:
770
Sicher bereitet sich jetzo die schöne Fürstin zur Hochzeit,
Und denkt nicht an den Tod, der ihrem Sohne bevorsteht!
Also sprachen die Freier, und wußten nicht, was geschehn war.
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos sprach zur Versammlung:
Unglückselige, meidet die übermütigen Reden
775
Allzumal, damit uns im Hause keiner verrate!
Laßt uns jetzo vielmehr so still aufstehen, den Ratschluß
Auszuführen, den eben die ganze Versammlung gebilligt!
Also sprach er, und wählte sich zwanzig tapfere Männer.
Und sie eilten zum rüstigen Schiff am Strande des Meeres:
780
Zogen zuerst das Schiff hinab ins tiefe Gewässer,
Trugen den Mast hinein und die Segel des schwärzlichen Schiffes;
Hängten darauf die Ruder in ihre ledernen Wirbel,
Alles wie sich’s gebührt, und spannten die schimmernden Segel,
Ihre Rüstungen brachten die übermütigen Diener.
785
Und sie stellten das Schiff im hohen Wasser des Hafens,
Stiegen hinein, und nahmen das Mahl, und harrten der Dämmrung.
Aber Penelopeia im oberen Söller des Hauses
Legte sich hin, nicht Trank noch Speise kostend, bekümmert:
Ob ihr trefflicher Sohn entflöhe dem Todesverhängnis,
790
Oder ob ihn die Schar der trotzigen Freier besiegte.
Wie im Getümmel der Männer die zweifelnde Löwin umherblickt,
Voller Furcht, denn rings umgeben sie laurende Jäger:
Also sann sie voll Angst. Doch sanft umfing sie der Schlummer,
Und sie einschlief hinsinkend, es lösten sich alle Gelenke.
795
Aber ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
Siehe, ein Luftgebild erschuf sie in weiblicher Schönheit,
Gleich Iphthimen, des großgesinnten Ikarios‘ Tochter,
Deren Gemahl Eumelos die Flur um Pherä beherrschte.
Diese sandte die Göttin zum Hause des edlen Odysseus,
800
Daß sie Penelopeia, die Jammernde, Herzlichbetrübte,
Ruhen ließe vom Weinen, und ihrer zagenden Schwermut.
Und sie schwebt‘ in die Kammer hinein beim Riemen des Schlosses,
Neigte sich über das Haupt der ruhenden Fürstin, und sagte:
Schläfst du, Penelopeia, du arme Herzlichbetrübte?
805
Wahrlich sie wollen es nicht, die seligen Götter des Himmels,
Daß du weinst und traurest! Denn wiederkehren zur Heimat
Soll dein Sohn; er hat sich mit nichts an den Göttern versündigt.
Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia,
Aus der süßen Betäubung im stillen Tore der Träume:
810
Warum kamst du hieher, o Schwester? Du hast mich ja nimmer
Sonst besucht; denn fern ist deine Wohnung von hinnen!
Jetzo ermahnst du mich, zu ruhn von meiner Betrübnis,
Und von der schrecklichen Angst, die meine Seele belastet:
Mich, die den tapfern Gemahl verlor, den Löwenbeherzten,
815
Der mit jeglicher Tugend vor allen Achaiern geschmückt war,
Tapfer und weitberühmt von Hellas bis mitten in Argos!
Und nun ging mein Sohn, mein geliebter, im Schiffe von hinnen,
Noch unmündig, und ungeübt in Taten und Worten!
Diesen bejammre ich jetzt noch mehr, als meinen Odysseus!
820
Diesem erzittert mein Herz, und fürchtet, daß ihn ein Unfall
Treffe, unter dem Volk, wo er hinfährt, oder im Meere!
Denn es lauren auf ihn viel böse Menschen, und trachten
Ihn zu ermorden, bevor er in seine Heimat zurückkehrt!
Und die dunkle Gestalt der Schwester gab ihr zur Antwort:
825
Sei getrost, und entreiße dein Herz der bangen Verzweiflung!
Eine solche Gefährtin begleitet ihn, deren Gesellschaft
Andere Männer gewiß gern wünschten, die mächtige Göttin
Pallas Athene, die sich, o Traurende, deiner erbarmet!
Diese sendet mich jetzo, damit ich dir solches verkünde.
830
Ihr antwortete drauf die kluge Penelopeia:
Bist du der Göttinnen eine, und hörtest die Stimme der Göttin;
O so erzähle mir auch das Schicksal jenes Verfolgten!
Lebt er noch irgendwo, das Licht der Sonne noch schauend?
Oder ist er schon tot, und in der Schatten Behausung?
835
Und die dunkle Gestalt der Schwester gab ihr zur Antwort:
Dieses kann ich dir nicht genau verkünden, ob jener
Tot sei, oder noch lebe; und eitles Schwatzen ist unrecht.
Also sprach die Gestalt, und verschwand beim Schlosse der Pforte
In sanftwehende Luft. Da fuhr Ikarios‘ Tochter
840
Schnell aus dem Schlummer empor, und freute sich tief in der Seele,
Daß ihr ein deutender Traum in der Morgendämmrung erschienen.
Aber die Freier im Schiffe befuhren die flüssigen Pfade,
Um den grausamen Mord Telemachos‘ auszuführen.
Mitten im Meere liegt ein kleines felsichtes Eiland,
845
In dem Sunde, der Ithaka trennt und die bergichte Samos,
Asteris wird es genannt, wo ein sicherer Hafen die Schiffe
Mit zween Armen empfängt. Hier laurten auf ihn die Achaier.

Dritter Gesang

Dritter Gesang

Telemachos von Nestor, der am Gestade opfert, gastfrei empfangen, fragt nach des Vaters Rückkehr, Nestor erzählt, wie er selbst, und wer sonst, von Troja gekehrt sei, ermahnt den Telemachos zur Tapferkeit gegen die Freier, und rät ihm, bei Menelaos sich zu erkundigen. Der Athene, die als Adler verschwand, gelobt Nestor eine Kuh. Telemachos von Nestor geherbergt. Am Morgen, nach vollbrachtem Opfer, fährt er mit Nestors Sohne Peisistratos nach Sparta, wo sie den anderen Abend ankommen.

Jetzo erhub sich die Sonn‘ aus ihrem strahlenden Teiche
Auf zum ehernen Himmel, zu leuchten den ewigen Göttern
Und den sterblichen Menschen auf lebenschenkender Erde.
Und die Schiffenden kamen zur wohlgebaueten Pylos,
5
Neleus‘ Stadt. Dort brachten am Meergestade die Männer
Schwarze Stiere zum Opfer dem bläulichgelockten Poseidon
Neun war der Bänke Zahl, fünfhundert saßen auf jeder;
Jede von diesen gab neun Stiere. Sie kosteten jetzo
Alle der Eingeweide, und brannten dem Gotte die Lenden.
10
Jene steurten ans Land, und zogen die Segel herunter,
Banden das gleichgezimmerte Schiff, und stiegen ans Ufer.
Auch Telemachos stieg aus dem Schiffe, geführt von der Göttin.
Ihn erinnerte Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Jetzo, Telemachos, brauchst du dich keinesweges zu scheuen!
15
Darum bist du die Wogen durchschifft, nach dem Vater zu forschen,
Wo ihn die Erde verbirgt, und welches Schicksal ihn hinnahm.
Auf denn! und gehe gerade zum Rossebändiger Nestor;
Daß wir sehen, was etwa sein Herz für Rat dir bewahre.
Aber du mußt ihm flehn, daß er die Wahrheit verkünde.
20
Lügen wird er nicht reden: denn er ist viel zu verständig!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Mentor, wie geh ich doch, und wie begrüß‘ ich den König?
Unerfahren bin ich in wohlgeordneten Worten;
Und ich scheue mich auch, als Jüngling den Greis zu befragen!
25
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Einiges wird dein Herz dir selber sagen, o Jüngling;
Anderes wird dir ein Gott eingeben. Ich denke, du bist nicht
Ohne waltende Götter geboren oder erzogen.
Als sie die Worte geredet, da wandelte Pallas Athene
30
Eilend voran, und er folgte den Schritten der wandelnder Göttin.
Und sie erreichten die Sitze der pylischen Männer, wo Nestor
Saß mit seinen Söhnen, und rings die Freunde zur Mahlzeit
Eilten das Fleisch zu braten, und andres an Spieße zu stecken.
Als sie die Fremdlinge sahn, da kamen sie alle bei Haufen,
35
Reichten grüßend die Händ‘, und nötigten beide zum Sitze.
Nestors Sohn vor allen, Peisistratos, nahte sich ihnen,
Nahm sie beid‘ an der Hand, und hieß sie sitzen am Mahle,
Auf dickwollichten Fellen, im Kieselsande des Meeres,
Seinem Vater zur Seit‘ und Thrasymedes dem Bruder;
40
Legte vor jeden ein Teil der Eingeweide, und schenkte
Wein in den goldenen Becher, und reicht‘ ihn mit herzlichem Handschlag
Pallas Athenen, der Tochter des wetterleuchtenden Gottes:
Bete jetzt, o Fremdling, zum Meerbeherrscher Poseidon,
Denn ihr findet uns hier an seinem heiligen Mahle.
45
Hast du, der Sitte gemäß, dein Opfer gebracht und gebetet,
Dann gib diesem den Becher mit herzerfreuendem Weine
Zum Trankopfer. Er wird doch auch die Unsterblichen gerne
Anflehn; denn es bedürfen ja alle Menschen der Götter.
Aber er ist der Jüngste, mit mir von einerlei Alter;
50
Darum bring‘ ich dir zuerst den goldenen Becher.
Also sprach er, und reicht‘ ihr den Becher voll duftendes Weines.
Und Athene ward froh des gerechten verständigen Mannes,
Weil er ihr zuerst den goldenen Becher gereichet;
Und sie betete viel zum Meerbeherrscher Poseidon:
55
Höre mich, Poseidaon, du Erdumgürter! Verwirf nicht
Unser frommes Gebet; erfülle, was wir begehren!
Nestorn kröne vor allen und Nestors Söhne mit Ehre;
Und erfreue dann auch die andern Männer von Pylos
Für ihr herrliches Opfer mit reicher Wiedervergeltung!
60
Mich und Telemachos laß heimkehren als frohe Vollender
Dessen, warum wir hieher im schnellen Schiffe gekommen!
Also betete sie, und erfüllte selber die Bitte,
Reichte Telemachos drauf den schönen doppelten Becher.
Eben so betete jetzt der geliebte Sohn von Odysseus.
65
Als sie das Fleisch nun gebraten, und von den Spießen gezogen,
Teilten sie’s allen umher, und feirten das prächtige Gastmahl.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war;
Sprach der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor:
Jetzo ziemt es sich besser, die fremden Gäste zu fragen,
70
Wer sie sei’n, nachdem sie ihr Herz mit Speise gesättigt.
Fremdlinge, sagt, wer seid ihr? Von wannen trägt euch die Woge?
Habt ihr wo ein Gewerb‘, oder schweift ihr ohne Bestimmung
Hin und her auf der See: wie küstenumirrende Räuber,
Die ihr Leben verachten, um fremden Völkern zu schaden?
75
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen,
Ohne Furcht; denn ihm goß Athene Mut in die Seele,
Daß er nach Kundschaft forschte vom langabwesenden Vater,
Und sich selber ein gutes Gerücht bei den Menschen erwürbe:
Nestor, Neleus‘ Sohn, du großer Ruhm der Achaier
80
Fragst, von wannen wir sei’n; ich will dir alles erzählen.
Siehe von Ithaka her am Neïon sind wir gekommen,
Nicht in Geschäften des Volks, im eigenen; dieses vernimm jetzt:
Meines edlen Vaters verbreiteten Ruhm zu erforschen,
Reis‘ ich umher, Odysseus des Leidengeübten, der ehmals,
85
Sagt man, streitend mit dir, die Stadt der Troer zerstört hat.
Von den übrigen allen, die einst vor Ilion kämpften,
Hörten wir doch, wie jeder dem grausamen Tode dahinsank;
Aber von jenem verbarg sogar das Ende Kronion.
Niemand weiß uns den Ort zu nennen, wo er gestorben:
90
Ob er auf festem Lande von feindlichen Männern vertilgt sei,
Oder im stürmenden Meere von Amphitritens Gewässern.
Darum fleh ich dir jetzo, die Knie‘ umfassend, du wollest
Seinen traurigen Tod mir verkündigen; ob du ihn selber
Ansahst, oder vielleicht von einem irrenden Wandrer
95
Ihn erfuhrst: denn ach! zum Leiden gebar ihn die Mutter!
Aber schmeichle mir nicht, aus Schonung oder aus Mitleid;
Sondern erzähle mir treulich, was deine Augen gesehen.
Flehend beschwör‘ ich dich, hat je mein Vater Odysseus
Einen Wunsch dir gewährt mit Worten oder mit Taten,
100
In dem troischen Lande, wo Not euch Achaier umdrängte:
Daß du, dessen gedenkend, mir jetzo Wahrheit verkündest!
Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Lieber weil du mich doch an jene Trübsal erinnerst,
Die wir tapfern Achaier im troischen Lande geduldet;
105
Wann wir jetzt mit den Schiffen im dunkelwogenden Meere
Irrten nach Beute umher, wohin Achilleus uns führte;
Jetzt um die große Stadt des herrschenden Priamos kämpften:
Dort verloren ihr Leben die tapfersten aller Achaier!
Dort liegt Ajas, ein Held gleich Ares; dort auch Achilleus;
110
Dort sein Freund Patroklos, an Rat den Unsterblichen ähnlich;
Dort mein geliebter Sohn Antilochos, tapfer und edel,
Rüstig vor allen Achaiern im Lauf, und rüstig im Streite!
Und wir haben auch sonst noch viele Leiden erduldet!
Welcher sterbliche Mensch vermöchte sie alle zu nennen?
115
Bliebest du auch fünf Jahr‘ und sechs nacheinander, und forschtest
Alle Leiden von mir der edlen Achaier; du würdest
Überdrüssig vorher in deine Heimat zurückgehn.
Denn neun Jahre hindurch erschöpften wir, ihnen zu schaden,
Alle Listen des Kriegs; und kaum vollbracht‘ es Kronion!
120
Da war keiner im Heere, der sich mit jenem an Klugheit
Maß; allübersehend erfand der edle Odysseus
Alle Listen des Kriegs, dein Vater; woferne du wirklich
Seines Geschlechtes bist. – Mit Staunen erfüllt mich der Anblick!
Auch dein Reden gleichet ihm ganz; man sollte nicht glauben,
125
Daß ein jüngerer Mann so gut zu reden verstünde!
Damals sprachen wir nie, ich und der edle Odysseus,
Weder im Rat verschieden, noch in des Volkes Versammlung;
Sondern eines Sinns ratschlagten wir beide mit Klugheit
Und mit Bedacht, wie am besten das Wohl der Achaier gediehe.
130
Als wir die hohe Stadt des Priamos endlich zerstöret,
Gingen wir wieder zu Schiff, allein Gott trennte die Griechen.
Damals beschloß Kronion im Herzen die traurigste Heimfahrt
Für das argeiische Heer; denn sie waren nicht alle verständig,
Noch gerecht; drum traf so viele das Schreckenverhängnis.
135
Siehe des mächtigen Zeus‘ blauäugichte Tochter entzweite,
Zürnender Rache voll, die beiden Söhne von Atreus.
Diese beriefen das Heer zur allgemeinen Versammlung;
Aber verkehrt, nicht der Ordnung gemäß, da die Sonne sich neigte,
Und es kamen, vom Weine berauscht, die Söhne der Griechen.
140
Jetzo trugen sie vor, warum sie die Völker versammelt.
Menelaos ermahnte das ganze Heer der Achaier,
Über den weiten Rücken des Meers nach Hause zu schiffen,
Aber sein Rat mißfiel Agamemnon gänzlich: er wünschte,
Dort das Volk zu behalten, und Hekatomben zu opfern,
145
Daß er den schrecklichen Zorn der beleidigten Göttin versöhnte.
Tor! er wußte nicht, daß sein Beginnen umsonst war!
Denn nicht schnell ist der Zorn der ewigen Götter zu wandeln.
Also standen sie beid‘, und wechselten heftige Worte;
Und es erhuben sich die schöngeharnischten Griechen
150
Mit unendlichem Lärm, geteilt durch zwiefache Meinung.
Beide ruhten die Nacht, voll schadenbrütendes Grolles;
Denn es bereitete Zeus den Achaiern die Strafe des Unfugs.
Frühe zogen wir Hälfte die Schiff‘ in die heilige Meersflut,
Brachten die Güter hinein, und die schöngegürteten Weiber.
155
Aber die andere Hälfte der Heerschar blieb am Gestade
Dort, bei Atreus‘ Sohn Agamemnon, dem Hirten der Völker.
Wir indes in den Schiffen entruderten eilig von dannen,
Und ein Himmlischer bahnte das ungeheure Gewässer.
Als wir gen Tenedos kamen, da opferten alle den Göttern,
160
Heimverlangend; allein noch hinderte Zeus die Heimfahrt;
Denn der Zürnende sandte von neuem verderbliche Zwietracht.
Einige lenkten zurück die gleichberuderten Schiffe,
Angeführt von dem tapfern erfindungsreichen Odysseus,
Daß sie sich Atreus‘ Sohn‘ Agamemnon gefällig erwiesen.
165
Aber ich flohe voraus mit dem Schiffsheer, welches mir folgte;
Denn es ahnete mir, daß ein Himmlischer Böses verhängte.
Tydeus‘ kriegrischer Sohn floh auch, und trieb die Gefährten.
Endlich kam auch zu uns Menelaos der Bräunlichgelockte,
Als wir in Lesbos noch ratschlagten wegen der Laufbahn:
170
Ob wir oberhalb der bergichten Chios die Heimfahrt
Lenkten auf Psyria zu, und jene zur Linken behielten;
Oder unter Chios, am Fuße des stürmischen Mimas.
Und wir baten den Gott, uns ein Zeichen zu geben; und dieser
Deutete uns, und befahl, gerade durchs Meer nach Euböa
175
Hinzusteuern, damit wir nur schnell dem Verderben entflöhen.
Jetzo blies ein säuselnder Wind in die Segel der Schiffe;
Und sie durchließen in Eile die Pfade der Fische, und kamen
Nachts vor Geraistos an. Hier brannten wir Poseidaon
Viele Lenden der Stiere zum Dank für die glückliche Meerfahrt.
180
Jetzt war der vierte Tag, als in Argos mit seinen Genossen
Landete Tydeus‘ Sohn, Diomedes der Rossebezähmer.
Aber ich setzte den Lauf nach Pylos fort, und der Fahrwind
Hörte nicht auf zu wehn, den uns der Himmlische sandte.
Also kam ich, mein Sohn, ohn‘ alle Kundschaft, und weiß nicht,
185
Welche von den Achaiern gestorben sind, oder noch leben.
Aber so viel ich hier im Hause sitzend erkundet,
Will ich, wie sich’s gebührt, anzeigen, und nichts dir verhehlen.
Glücklich kamen, wie’s heißt, die streitbaren Myrmidonen,
Angeführt von dem trefflichen Sohne des großen Achilleus;
190
Glücklich auch Philoktetes, der glänzende Sohn des Pöas.
Auch Idomeneus brachte gen Kreta alle Genossen,
Welche dem Krieg‘ entflohn, und keinen raubte das Meer ihm.
Endlich von des Atreiden Zurückkunft habt ihr Entfernten
Selber gehört, wie Ägisthos den traurigsten Tod ihm bereitet.
195
Aber wahrlich er hat ihn mit schrecklicher Rache gebüßet!
O wie schön, wenn ein Sohn von einem erschlagenen Manne
Nachbleibt! Also hat jener am Meuchelmörder Ägisthos
Rache geübt, der ihm den herrlichen Vater ermordet!
Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn,
200
Halte dich wohl, daß einst die spätesten Enkel dich preisen!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Nestor, Neleus‘ Sohn, du großer Ruhm der Achaier,
Schreckliche Rache hat jener geübt, und weit in Achaia
Wird erschallen sein Ruhm, ein Gesang der spätesten Enkel.
205
O beschieden auch mir so viele Stärke die Götter,
Daß ich den Übermut der rasenden Freier bestrafte,
Welche mir immer zum Trotz die schändlichsten Greuel ersinnen!
Aber versagt ward mir ein solches Glück von den Göttern,
Meinem Vater und mir! Nun gilt nichts weiter, als dulden!
210
Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Lieber, weil du mich doch an jenes erinnerst; man sagt ja,
Daß um deine Mutter ein großer Haufe von Freiern,
Dir zum Trotz, im Palaste so viel Unarten beginge.
Sprich, erträgst du das Joch freiwillig, oder verabscheun
215
Dich die Völker des Landes, gewarnt durch göttlichen Ausspruch?
Aber wer weiß, ob jener nicht einst, ein Rächer des Aufruhrs,
Kommt, er selber allein, oder auch mit allen Achaiern.
Liebte sie dich so herzlich, die heilige Pallas Athene,
Wie sie einst für Odysseus den Hochberühmten besorgt war,
220
In dem troischen Lande, wo Not uns Achaier umdrängte;
(Niemals sah ich so klar die Zeichen göttlicher Obhut,
Als sich Pallas Athene für ihren Geliebten erklärte!)
Liebte sie dich so herzlich, und waltete deiner so sorgsam:
Mancher von jenen vergäße der hochzeitlichen Gedanken!
225
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Edler Greis, dies Wort wird schwerlich jemals vollendet;
Denn du sagtest zu viel! Erstaunen muß ich! O nimmer
Würde die Hoffnung erfüllt, wenn auch die Götter es wollten!
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
230
Welche Rede, o Jüngling, ist deinen Lippen entflohen?
Leicht bringt Gott, wenn er will, auch Fernverirrte zur Ruhe!
Und ich möchte doch lieber nach vielem Jammer und Elend
Spät zur Heimat kehren und schaun den Tag der Zurückkunft,
Als heimkehrend sterben am eigenen Herde, wie jener
235
Durch Ägisthos‘ Verrat und seines Weibes dahinsank.
Nur das gemeine Los des Todes können die Götter
Selbst nicht wenden, auch nicht von ihrem Geliebten, wenn jetzo
Ihn die finstere Stunde mit Todesschlummer umschattet.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
240
Mentor, rede nicht weiter davon, wie sehr wir auch trauren!
Jener wird nimmermehr heimkehren; sondern es weihten
Ihn die Unsterblichen längst dem schwarzen Todesverhängnis.
Jetzo will ich Nestorn um etwas anderes fragen,
Ihn, der vor allen Menschen Gerechtigkeit kennet und Weisheit.
245
Denn man saget, er hat drei Menschenalter beherrschet;
Darum scheinet er mir ein Bild der unsterblichen Götter.
Nestor, Neleus‘ Sohn, verkünde mir lautere Wahrheit!
Wie starb Atreus‘ Sohn, der große Held Agamemnon?
Wo war denn Menelaos? Und welchen listigen Anschlag
250
Fand der Meuchler Ägisthos, den stärkeren Mann zu ermorden?
War er etwa noch nicht im achaiischen Argos, und irrte
Unter den Menschen umher, daß der sich des Mordes erkühnte?
Ihm antwortete drauf der Rossebändiger Nestor:
Gerne will ich, mein Sohn, dir lautere Wahrheit verkünden.
255
Siehe, du kannst es dir leicht vorstellen, wie es geschehn ist.
Hätt‘ er Ägisthos noch lebendig im Hause gefunden,
Als er von Ilion kehrte, der Held Menelaos Atreides:
Niemand hätte den Toten mit lockerer Erde beschüttet;
Sondern ihn hätten die Hund‘ und die Vögel des Himmels gefressen,
260
Liegend fern von der Stadt auf wüstem Gefild‘, und es hätte
Keine Achaierin ihn, den Hochverräter! beweinet.
Während wir andern dort viel blutige Schlachten bestanden,
Saß er ruhig im Winkel der rossenährenden Argos,
Und liebkoste dem Weib‘ Agamemnons mit süßem Geschwätze.
265
Anfangs hörte sie zwar den argen Verführer mit Abscheu,
Klytämnestra die Edle; denn sie war gut und verständig.
Auch war ein Sänger bei ihr, dem Agamemnon besonders,
Als er gen Ilion fuhr, sein Weib zu bewahren vertraute.
Aber da sie die Götter in ihr Verderben bestrickten,
270
Führt‘ Ägisthos den Sänger auf eine verwilderte Insel,
Wo er ihn zur Beute dem Raubgevögel zurückließ;
Führte dann liebend das liebende Weib zu seinem Palaste;
Opferte Rinder und Schaf‘ auf der Götter geweihten Altären,
Und behängte die Tempel mit Gold und feinem Gewebe,
275
Weil er das große Werk, das unverhoffte, vollendet.
Jetzo segelten wir zugleich von Ilions Küste,
Menelaos und ich, vereint durch innige Freundschaft.
Aber am attischen Ufer, bei Sunions heiliger Spitze,
Siehe da ward der Pilot des menelaïschen Schiffes
280
Von den sanften Geschossen Apollons plötzlich getötet,
Haltend in seinen Händen das Steuer des laufenden Schiffes:
Phrontis, Onetors Sohn, der vor allen Erdebewohnern
Durch der Orkane Tumult ein Schiff zu lenken berühmt war.
Also ward Menelaos, wie sehr er auch eilte, verzögert,
285
Um den Freund zu begraben, und Totengeschenke zu opfern.
Aber da nun auch jener, die dunkeln Wogen durchsegelnd,
Seine gerüsteten Schiffe zum hohen Gebirge Maleia
Hatte geführt; da verhängte der Gott weithallender Donner
Ihm die traurigste Fahrt, sandt‘ ihm lautbrausende Stürme,
290
Und hoch wogten, wie Berge, die ungeheuren Gewässer.
Plötzlich zerstreut‘ er die Schiffe; die meisten verschlug er gen Kreta,
Wo der Kydonen Volk des Jardanos Ufer umwohnet.
An der gordynischen Grenz‘, im dunkelwogenden Meere,
Türmt sich ein glatter Fels den dringenden Fluten entgegen,
295
Die der gewaltige Süd an das linke Gebirge vor Phästos
Stürmt; und der kleine Fels hemmt große brandende Fluten.
Dorthin kamen die meisten; und kaum entflohn dem Verderben
Noch die Männer, die Schiffe zerschlug an den Klippen die Brandung.
Aber die übrigen fünfe der blaugeschnäbelten Schiffe
300
Wurden von Sturm und Woge zum Strom Ägyptos getrieben.
Allda fuhr Menelaos bei unverständlichen Völkern
Mit den Schiffen umher, viel Gold und Schätze gewinnend.
Unterdessen verübte zu Haus Ägisthos die Schandtat,
Bracht‘ Agamemnon um, und zwang das Volk zum Gehorsam.
305
Sieben Jahre beherrscht‘ er die schätzereiche Mykene.
Aber im achten kam zum Verderben der edle Orestes
Von Athenä zurück, und nahm von dem Meuchler Ägisthos
Blutige Rache, der ihm den herrlichen Vater ermordet;
Brachte dann mit dein Volk ein Opfer bei dem Begräbnis
310
Seiner abscheulichen Mutter und ihres feigen Ägisthos.
Eben den Tag kam auch der Rufer im Streit Menelaos,
Mit unendlichen Schätzen, so viel die Schiffe nur trugen.
Auch du, Lieber, irre nicht lange fern von der Heimat,
Da du alle dein Gut und so unbändige Männer
315
In dem Palaste verließest: damit sie nicht alles verschlingen,
Deine Güter sich teilend, und fruchtlos ende die Reise!
Aber ich rate dir doch, zu Atreus‘ Sohn Menelaos
Hinzugehn, der neulich aus fernen Landen zurückkam,
Von entlegenen Völkern, woher kein Sterblicher jemals
320
Hoffen dürfte zu kommen, den Sturm und Woge so weithin
Über das Meer verschlugen, woher auch selbst nicht die Vögel
Fliegen können im Jahre: so furchtbar und weit ist die Reise!
Eil‘ und gehe sogleich im Schiffe mit deinen Gefährten!
Oder willst du zu Lande, so fodere Wagen und Rosse,
325
Meine Söhne dazu: sie werden dich sicher gen Sparta
Führen, der prächtigen Stadt Menelaos‘ des Bräunlichgelockten.
Aber du mußt ihm flehn, daß er die Wahrheit verkünde.
Lügen wird er nicht reden; denn er ist viel zu verständig!
Also sprach er. Da sank die Sonn‘, und Dunkel erhob sich.
330
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Wahrlich, o Greis, du hast mit vieler Weisheit geredet.
Aber schneidet jetzo die Zungen, und mischet des Weines,
Daß wir Poseidaon und allen unsterblichen Göttern
Opfern, und schlafen gehn; die Stunde gebeut uns zu ruhen;
335
Denn schon sinket das Licht in Dämmerung. Länger geziemt sich’s
Nicht, am Mahle der Götter zu sitzen, sondern zu gehen.
Also die Tochter Zeus‘, und jene gehorchten der Rede.
Herolde gossen ihnen das Wasser über die Hände;
Jünglinge füllten die Kelche bis oben mit dem Getränke,
340
Teilten dann rechts herum die vollgegossenen Becher.
Und sie verbrannten die Zungen, und opferten stehend des Weines.
Als sie ihr Opfer vollbracht, und nach Verlangen getrunken,
Machte Athene sich auf und Telemachos, göttlich von Bildung,
Wieder von dannen zu gehn zu ihrem geräumigen Schiffe.
345
Aber Nestor verbot es mit diesen strafenden Worten:
Zeus verhüte doch dieses und alle unsterblichen Götter,
Daß ihr jetzo von mir zum schnellen Schiffe hinabgeht,
Gleich als wär‘ ich ein Mann in Lumpen, oder ein Bettler,
Der nicht viele Mäntel und weiche Decken besäße,
350
Für sich selber zum Lager, und für besuchende Freunde!
Aber ich habe genug der Mäntel und prächtigen Decken!
Wahrlich nimmer gestatt‘ ich des großen Mannes Odysseus‘
Sohne, auf dem Verdeck des Schiffes zu ruhen, so lang‘ ich
Lebe! Und dann auch werden noch Kinder bleiben im Hause,
355
Einen Gast zu bewirten, der meine Wohnung besuchet!
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Edler Greis, du hast sehr wohl geredet, und gerne
Wird Telemachos dir gehorchen, denn es gebührt sich!
Dieser gehe denn jetzo mit dir zu deinem Palaste,
360
Dort zu ruhn. Allein ich muß zum schwärzlichen Schiffe
Gehen, unsere Freunde zu stärken, und alles zu ordnen.
Denn von allen im Schiffe bin ich der einzige Alte;
Jünglinge sind die andern, die uns aus Liebe begleiten,
Allesamt von des edlen Telemachos blühendem Alter.
365
Allda will ich die Nacht am schwarzen gebogenen Schiffe
Ruhn, und morgen früh zu den großgesinnten Kaukonen
Gehen, daß ich die Schuld, die weder neu noch gering ist,
Mir einfodre. Doch diesen, den Gastfreund deines Palastes,
Send‘ im Wagen gen Sparta, vom Sohne begleitet, und gib ihm
370
Zum Gespanne die schnellsten und unermüdlichsten Rosse.
Also redete Zeus‘ blauäugichte Tochter, und schwebte,
Plötzlich ein Adler, empor; da erstaunte die ganze Versammlung.
Wundernd stand auch der Greis, da seine Augen es sahen,
Faßte Telemachos‘ Hand, und sprach mit freundlicher Stimme:
375
Lieber, ich hoffe, du wirst nicht feige werden noch kraftlos;
Denn es begleiten dich schon als Jüngling waltende Götter!
Siehe kein anderer war’s der himmelbewohnenden Götter,
Als des allmächtigen Zeus‘ siegprangende Tochter Athene,
Die auch deinen Vater vor allen Achaiern geehrt hat!
380
Herrscherin, sei uns gnädig, und krön‘ uns mit glänzendem Ruhme,
Mich und meine Kinder, und meine teure Genossin!
Dir will ich opfern ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,
Unbezwungen vom Stier, und nie zum Joche gebändigt:
Dieses will ich dir opfern, mit Gold die Hörner umzogen!
385
Also sprach er flehend; ihn hörete Pallas Athene.
Und der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor,
Führte die Eidam‘ und Söhne zu seinem schönen Palaste.
Als sie den hohen Palast des Königs jetzo erreichten,
Setzten sich alle in Reihn auf prächtige Thronen und Sessel.
390
Und den Kommenden mischte der Greis von neuem im Kelche
Süßen balsamischen Wein; im elften Jahre des Alters
Wählte die Schaffnerin ihn, und löste den spündenden Deckel.
Diesen mischte der Greis und flehete, opfernd des Trankes,
Viel zu der Tochter des Gottes mit wetterleuchtendem Schilde.
395
Als sie ihr Opfer vollbracht, und nach Verlangen getrunken,
Gingen sie alle heim, der süßen Ruhe zu pflegen.
Aber Telemachos hieß der Rossebändiger Nestor
Dort im Palaste ruhn, den Sohn des edlen Odysseus,
Unter der tönenden Hall‘, im schöngebildeten Bette.
400
Neben ihm ruhte der Held Peisistratos, welcher allein noch
Unvermählt von den Söhnen in Nestors Hause zurückblieb.
Aber er selber schlief im Innern des hohen Palastes,
Und die Königin schmückte das Eh’bett ihres Gemahles.
Als nun die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
405
Da erhub sich vom Lager der Rossebändiger Nestor,
Ging hinaus, und setzte sich auf gehauene Steine,
Vor der hohen Pforte des schöngebauten Palastes,
Weiß und glänzend wie Öl. Auf diesen pflegte vor alters
Neleus sich hinzusetzen, an Rat den Unsterblichen ähnlich.
410
Aber er war schon tot und in der Schatten Behausung.
Nun saß Nestor darauf, der gerenische Hüter der Griechen,
Seinen Stab in der Hand. Da sammelten sich um den Vater
Eilend aus den Gemächern, Echephron, Stratios, Perseus,
Und Aretos der Held, und der göttliche Thrasymedes.
415
Auch der sechste der Brüder Peisistratos eilte zu Nestor.
Und sie setzten den schönen Telemachos neben den Vater.
Unter ihnen begann der Rossebändiger Nestor:
Hurtig, geliebteste Kinder, erfüllt mir dieses Verlangen,
Daß ich vor allen Göttern Athenens Gnade gewinne,
420
Welche mir sichtbar erschien am festlichen Mahle Poseidons!
Gehe denn einer aufs Feld, damit in Eile zum Opfer
Komme die Kuh, geführt vom Hirten der weidenden Rinder.
Einer gehe hinab zu des edlen Telemachos‘ Schiffe,
Seine Gefährten zu rufen, und lasse nur zween zur Bewahrung.
425
Einer heiße hieher den Meister in Golde Laerkes
Kommen, daß er mit Gold des Rindes Hörner umziehe.
Aber ihr übrigen bleibt hier allesamt, und gebietet
Drinnen im hohen Palaste den Mägden, ein Mahl zu bereiten,
Und uns Sessel und Holz und frisches Wasser zu bringen.
430
Also sprach er, und emsig enteilten sie alle. Die Kuh kam
Aus dem Gefild‘; es kamen vom gleichgezimmerten Schiffe
Auch Telemachos‘ Freunde: es kam der Meister in Golde,
Alle Schmiedegeräte, der Kunst Vollender, in Händen,
Seinen Hammer und Amboß und seine gebogene Zange,
435
Auszubilden das Gold. Es kam auch Pallas Athene
Zu der heiligen Feier. Der Rossebändiger Nestor
Gab ihm Gold; und der Meister umzog die Hörner des Rindes
Künstlich, daß sich die Göttin am prangenden Opfer erfreute.
Stratios führte die Kuh am Horn und der edle Echephron.
440
Aber Aretos trug im blumigen Becken das Wasser
Aus der Kammer hervor, ein Körbchen voll heiliger Gerste
In der Linken. Es stand der kriegrische Thrasymedes,
Eine geschliffene Axt in der Hand, die Kuh zu erschlagen.
Perseus hielt ein Gefäß, das Blut zu empfangen. Der Vater
445
Wusch zuerst sich die Händ‘, und streute die heilige Gerste,
Flehte dann viel zu Athenen; und warf in die Flamme das Stirnhaar.
Als sie jetzo gefleht und die heilige Gerste gestreuet,
Trat der mutige Held Thrasymedes näher, und haute
Zu; es zerschnitt die Axt die Sehnen des Nackens, und kraftlos
450
Stürzte die Kuh in den Sand. Und jammernd beteten jetzo
Alle Töchter und Schnür‘ und die ehrenvolle Gemahlin
Nestors, Eurydike, die erste von Klymenos Töchtern.
Aber die Männer beugten das Haupt der Kuh von der Erde
Auf; da schlachtete sie Peisistratos, Führer der Menschen.
455
Schwarz entströmte das Blut, und der Geist verließ die Gebeine.
Jene zerhauten das Opfer, und schnitten, nach dem Gebrauche,
Eilig die Lenden aus, umwickelten diese mit Fette,
Und bedeckten sie drauf mit blutigen Stücken der Glieder,
Und sie verbrannte der Greis auf dem Scheitholz, sprengte darüber
460
Dunkeln Wein; und die Jüngling‘ umstanden ihn mit dem Fünfzack.
Als sie die Lenden verbrannt, und die Eingeweide gekostet,
Schnitten sie auch das übrige klein, und steckten’s an Spieße,
Drehten die spitzigen Spieß‘ in der Hand, und brieten’s mit Vorsicht.
Aber den blühenden Jüngling Telemachos badet‘ indessen
465
Polykaste die Schöne, die jüngste Tochter des Nestor.
Als sie ihn jetzo gebadet, und drauf mit Öle gesalbet,
Da umhüllte sie ihm den prächtigen Mantel und Leibrock.
Und er stieg aus dem Bad‘, an Gestalt den Unsterblichen ähnlich,
Ging und setzte sich hin bei Nestor, dem Hirten der Völker.
470
Als sie das Fleisch nun gebraten, und von den Spießen gezogen,
Setzten sie sich zum Mahle. Die edlen Jünglinge schöpften
Aus dem Kelche den Wein, und verteilten die goldenen Becher.
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Sprach der gerenische Greis, der Rossebändiger Nestor:
475
Eilt, geliebteste Kinder, und bringt schönmähnichte Rosse;
Spannt sie schnell vor den Wagen, Telemachos‘ Reise zu fördern!
Also sprach er; ihn hörten die Söhne mit Fleiß, und gehorchten.
Eilend spannten sie vor den Wagen die hurtigen Rosse.
Aber die Schaffnerin legt‘ in den Wagen die köstliche Zehrung,
480
Brot und feurigen Wein und göttlicher Könige Speisen.
Und Telemachos stieg auf den künstlichgebildeten Wagen.
Nestors mutiger Sohn Peisistratos, Führer der Menschen,
Setzte sich neben ihn, und hielt in den Händen die Zügel;
Treibend schwang er die Geißel, und willig enteilten die Rosse
485
In das Gefild‘, und verließen die hochgebauete Pylos.
Also schüttelten sie bis zum Abend das Joch an den Nacken.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.
Und sie kamen gen Pherä, zur Burg des edlen Diokles,
Welchen Alpheios‘ Sohn Orsilochos hatte gezeuget,
490
Ruhten bei ihm die Nacht, und wurden freundlich bewirtet.
Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Rüsteten sie ihr Gespann, und bestiegen den prächtigen Wagen,
Lenkten darauf aus dem Tore des Hofs und der tönenden Halle.
Treibend schwang er die Geißel, und willig enteilten die Rosse,
495
Und durchliefen behende die Weizenfelder, und jetzo
War die Reise vollbracht: so flogen die hurtigen Rosse.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.

Zweiter Gesang

Zweiter Gesang

Am Morgen beruft Telemachos das Volk, und verlangt, daß die Freier sei Haus verlassen. Antinoos verweigert’s. Ein Vogelzeichen von Eurymachos verhöhnt. Telemachos bittet um ein Schiff, nach dem Vater zu forschen; Mentor rügt den Kaltsinn des Volks; aber ein Freier trennt spottend die Versammlung. Athene in Mentors Gestalt verspricht dem Einsamen Schiff und Begleitung. Die Schaffnerin Eurykleia gibt Reisekost. Athene erhält von Noemon ein Schiff, und bemannt es. Am Abend wird die Reisekost eingebracht; und Telemachos, ohne Wissen der Mutter, fährt mit dem scheinbaren Mentor nach Pylos.

Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte,
Sprang er vom Lager empor der geliebte Sohn von Odysseus,
Legte die Kleider an, und hängte das Schwert um die Schulter,
Band die schönen Sohlen sich unter die zierlichen Füße,
5
Trat aus der Kammer hervor, geschmückt mit göttlicher Hoheit,
Und gebot den Herolden, schnell mit tönender Stimme
Zur Versammlung zu rufen die hauptumlockten Achaier.
Tönend riefen sie aus, und flugs war alles versammelt.
Als die Versammelten jetzt in geschlossener Reihe sich drängten,
10
Ging er unter das Volk, in der Hand die eherne Lanze,
Nicht allein, ihn begleiteten zween schnellfüßige Hunde.
Siehe mit himmlischer Anmut umstrahlt‘ ihn Pallas Athene,
Daß die Völker alle dem kommenden Jünglinge staunten.
Und er saß auf des Vaters Stuhl, ihm wichen die Greise.
15
Jetzo begann der Held Ägyptios vor der Versammlung,
Dieser gebückte Greis voll tausendfacher Erfahrung.
Dessen geliebter Sohn war samt dem edlen Odysseus
Gegen die Reisigen Trojas im hohlen Schiffe gesegelt,
Antiphos, tapfer und kühn; den hatte der arge Kyklope
20
In der Höhle zerfleischt, und zum letzten Schmause bereitet.
Noch drei andere hatt‘ er: der eine, Eurynomos, lebte
Unter den Freiern, und zween besorgten des Vaters Geschäfte;
Dennoch bejammert‘ er stets des verlorenen Sohnes Gedächtnis.
Tränend begann der Greis, und redete vor der Versammlung:
25
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Keine Versammlung ward und keine Sitzung gehalten,
Seit der edle Odysseus die Schiffe gen Troja geführt hat.
Wer hat uns denn heute versammelt? Welcher der Alten
Oder der Jünglinge hier? Und welche Sache bewog ihn?
30
Höret‘ er etwa Botschaft von einem nahenden Kriegsheer,
Daß er uns allen verkünde, was er am ersten vernommen?
Oder weiß er ein andres zum Wohl des Landes zu raten?
Bieder scheinet er mir und segenswürdig! Ihm lasse
Zeus das Gute gedeihn, so er im Herzen gedenket!
35
Sprach’s; und Telemachos, froh der heilweissagenden Worte,
Saß nicht länger; er trat, mit heißer Begierde zu reden,
In die Mitte des Volks. Den Scepter reichte Peisenor
Ihm in die Hand, der Herold, mit weisem Rate begabet.
Und er wandte zuerst sich gegen den Alten, und sagte:
40
Edler Greis, nicht fern ist der Mann, gleich sollst du ihn kennen:
Ich versammelte euch; mich drückt am meisten der Kummer!
Keine Botschaft hört‘ ich von einem nahenden Kriegsheer,
Daß ich euch allen verkünde, was ich am ersten vernommen;
Auch nichts anderes weiß ich zum Wohl des Landes zu raten:
45
Sondern ich rede von mir, von meines eigenen Hauses
Zwiefacher Not. Zuerst verlor ich den guten Vater,
Euren König, der euch mit Vaterliebe beherrschte.
Und nun leid‘ ich noch mehr: mein ganzes Haus ist vielleicht bald
Tief ins Verderben gestürzt, und all mein Vermögen zertrümmert!
50
Meine Mutter umdrängen mit ungestümer Bewerbung
Freier, geliebte Söhne der Edelsten unseres Volkes.
Diese scheuen sich nun, zu Ikarios‘ Hause zu wandeln,
Ihres Vaters, daß er mit reichem Schatze die Tochter
Gäbe, welchem er wollte, und wer ihm vor allen gefiele;
55
Sondern sie schalten von Tag zu Tag‘ in unserm Palaste,
Schlachten unsere Rinder und Schaf‘ und gemästeten Ziegen
Für den üppigen Schmaus, und schwelgen im funkelnden Weine
Ohne Scheu; und alles wird leer; denn es fehlt uns ein solcher
Mann, wie Odysseus war, die Plage vom Hause zu wenden!
60
Wir vermögen sie nicht zu wenden, und ach auf immer
Werden wir hilflos sein, und niemals Tapferkeit üben!
Wahrlich ich wendete sie, wenn ich nur Stärke besäße!
Ganz unerträglich begegnet man mir, ganz wider die Ordnung
Wird mir mein Haus zerrüttet! Erkennt doch selber das Unrecht,
65
Oder scheuet euch doch vor andern benachbarten Völkern,
Welche rings uns umwohnen, und bebt vor der Rache der Götter,
Daß sie euch nicht im Zorne die Übeltaten vergelten!
Freunde, ich fleh euch bei Zeus, dem Gott des Olympos und Themis,
Welche die Menschen zum Rat versammelt, und wieder zerstreuet:
70
Haltet ein, und begnügt euch, daß mich der traurigste Kummer
Quält! Hat etwa je mein guter Vater Odysseus
Euch vorsätzlich beleidigt, ihr schöngeharnischten Griechen,
Daß ihr mich zum Vergelt vorsätzlich wieder beleidigt;
Warum reizet ihr diese? Mir wäre besser geraten,
75
Wenn ihr selber mein Gut und meine Herden hinabschlängt!
Täter ihr’s, so wäre noch einst Erstattung zu hoffen!
Denn wir würden so lange die Stadt durchwandern, so flehend
Wiederfodern das Unsre, bis alles wäre vergütet!
Aber nun häuft ihr mir unheilbaren Schmerz auf die Seele!
80
Also sprach er im Zorn, und warf den Scepter zur Erde,
Tränen vergießend, und rührte die ganze Versammlung zum Mitleid.
Schweigend saßen sie all‘ umher, und keiner im Volke
Wagte Telemachos Rede mit Drohn entgegen zu wüten.
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
85
Jüngling von trotziger Red‘ und verwegenem Mute, was sprachst du
Da für Lästerung aus? Du machtest uns gerne zum Abscheu!
Aber es haben die Freier an dir des keines verschuldet;
Deine Mutter ist schuld, die Listigste unter den Weibern!
Denn drei Jahre sind schon verflossen, und bald auch das vierte,
90
Seit sie mit eitlem Wahne die edlen Achaier verspottet!
Allen verheißt sie Gunst, und sendet jedem besonders
Schmeichelnde Botschaft; allein im Herzen denket sie anders!
Unter anderen Listen ersann sie endlich auch diese:
Trüglich zettelte sie in ihrer Kammer ein feines
95
Übergroßes Geweb‘, und sprach zu unsrer Versammlung:
Jünglinge, die ihr mich liebt, nach dem Tode des edlen Odysseus,
Dringt auf meine Vermählung nicht eher, bis ich den Mantel
Fertig gewirkt (damit nicht umsonst das Garn mir verderbe!)
Welcher dem Helden Laertes zum Leichengewande bestimmt ist,
100
Wann ihn die finstre Stunde mit Todesschlummer umschattet:
Daß nicht irgend im Lande mich eine Achaierin tadle,
Läg‘ er uneingekleidet, der einst so vieles beherrschte!
Also sprach sie mit List, und bewegte die Herzen der Edlen.
Und nun webete sie des Tages am großen Gewebe:
105
Aber des Nachts, dann trennte sie’s auf, beim Scheine der Fackeln.
Also täuschte sie uns drei Jahr, und betrog die Achaier.
Als nun das vierte Jahr im Geleite der Horen herankam
Und mit dem wechselnden Mond viel Tage waren verschwunden;
Da verkündet‘ uns eine der Weiber das schlaue Geheimnis,
110
Und wir fanden sie selbst bei der Trennung des schönen Gewebes.
Also mußte sie’s nun, auch wider Willen, vollenden.
Siehe nun deuten die Freier dir an, damit du es selber
Wissest in deinem Herzen, und alle Achaier es wissen!
Sende die Mutter hinweg, und gebeut ihr, daß sie zum Manne
115
Nehme, wer ihr gefällt, und wen der Vater ihr wählet.
Aber denkt sie noch lange zu höhnen die edlen Achaier,
Und sich der Gaben zu freun, die ihr Athene verliehn hat,
Wundervolle Gewande mit klugem Geiste zu wirken,
Und der erfindsamen List, die selbst in Jahren der Vorwelt
120
Keine von Griechenlands schönlockigen Töchtern gekannt hat,
Tyro nicht, noch Alkmene, und nicht die schöne Mykene;
(Keine von allen war der erfindsamen Penelopeia
Gleich an Verstand!) so soll ihr doch diese Erfindung nicht glücken!
Denn wir schmausen so lange von deinen Herden und Gütern,
125
Als sie in diesem Sinne beharrt, den jetzo die Götter
Ihr in die Seele gegeben! Sich selber bringet sie freilich
Großen Ruhm, dir aber Verlust an großem Vermögen!
Eher weichen wir nicht zu den Unsrigen oder zu andern,
Ehe sie aus den Achaiern sich einen Bräutigam wählet!
130
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Ganz unmöglich ist mir’s, Antinoos, die zu verstoßen,
Die mich gebar und erzog; mein Vater leb‘ in der Fremde,
Oder sei tot! Schwer würde mir auch des Gutes Erstattung
An Ikarios sein, verstieß‘ ich selber die Mutter.
135
Denn hart würde gewiß ihr Vater mich drücken, und härter
Noch die göttliche Rache, wenn von uns scheidend die Mutter
Mich den grausen Erinnen verfluchte! dann wär‘ ich ein Abscheu
Aller Menschen! – O nein! ich kann ihr das nicht gebieten!
Haltet ihr euch dadurch in eurem Herzen beleidigt,
140
Nun so geht aus dem Haus, und sucht euch andere Mähler!
Zehret von eurem Gut, und laßt die Bewirtungen umgehn!
Aber wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet,
Eines Mannes Hab‘ ohn alle Vergeltung zu fressen;
Schlingt sie hinab! Ich werde die ewigen Götter anflehn,
145
Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle,
Daß ihr in unserem Haus auch ohne Vergeltung dahinstürzt!
Also sprach er, da sandte der Gott weithallender Donner
Ihm zween Adler herab vom hohen Gipfel des Berges.
Anfangs schwebten sie sanft einher im Hauche des Windes,
150
Einer nahe dem andern, mit ausgebreiteten Schwingen;
Jetzo über der Mitte der stimmenvollen Versammlung,
Flogen sie wirbelnd herum, und schlugen stark mit den Schwingen,
Schauten auf aller Scheitel herab, und drohten Verderben,
Und zerkratzten sich selbst mit den Klauen die Wangen und Hälse,
155
Und sie wandten sich rechts, und stürmten über die Stadt hin.
Alle staunten dem Zeichen, das ihre Augen gesehen,
Und erwogen im Herzen das vorbedeutete Schicksal.
Unter ihnen begann der graue Held Halitherses,
Mastors Sohn, berühmt vor allen Genossen des Alters,
160
Vögelflüge zu deuten, und künftige Dinge zu reden;
Dieser erhub im Volk die Stimme der Weisheit, und sagte:
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Aber vor allen gilt die Freier meine Verkündung!
Ihre Häupter umschwebt ein schreckenvolles Verhängnis!
165
Denn nicht lange mehr weilet Odysseus fern von den Seinen;
Sondern er nahet sich schon, und bereitet Tod und Verderben
Diesen allen; auch droht noch vielen andern das Unglück,
Uns Bewohnern der Hügel von Ithaka! Laßt uns denn jetzo
Überlegen, wie wir sie mäßigen; oder sie selber
170
Mäßigen sich, und gleich! zu ihrer eigenen Wohlfahrt!
Euch weissaget kein Neuling, ich red‘ aus alter Erfahrung!
Wahrlich das alles geht in Erfüllung, was ich ihm damals
Deutete, als die Argeier in hohlen Schiffen gen Troja
Fuhren, mit ihnen zugleich der erfindungsreiche Odysseus:
175
Nach unendlicher Trübsal, entblößt von allen Gefährten,
Allen Seinigen fremd, würd‘ er im zwanzigsten Jahre
Wieder zur Heimat kehren. Das wird nun alles erfüllet!
Aber Polybos‘ Sohn Eurymachos sagte dagegen:
Hurtig zu Hause mit dir, o Greis, und deute das Schicksal
180
Deinen Söhnen daheim, daß ihnen kein Übel begegne!
Dieses versteh ich selber, und besser als du, zu deuten!
Freilich schweben der Vögel genug in den Strahlen der Sonne,
Aber nicht alle verkünden ein Schicksal! Wahrlich Odysseus
Starb in der Fern‘! O wärest auch du mit ihm ins Verderben
185
Hingefahren! Dann schwatztest du hier nicht so viel von der Zukunft,
Suchtest nicht Telemachos Groll noch mehr zu erbittern,
Harrend, ob er vielleicht dein Haus mit Geschenken bereichre!
Aber ich sage dir an, und das wird wahrlich erfüllet!
Wo du den Jüngling dort, kraft deiner alten Erfahrung,
190
Durch dein schlaues Geschwätz aufwiegelst, sich wild zu gebärden;
Dann wird er selber zuerst noch tiefer sinken in Drangsal,
Und im geringsten nichts vor diesen Männern vermögen.
Und du sollst es, o Greis, mit schwerer kränkender Buße
Uns entgelten, damit du es tief in der Seele bereuest!
195
Aber Telemachos höre statt aller nun meinen Rat an:
Zwing‘ er die Mutter zum Hause des Vaters wiederzukehren!
Dort bereite man ihr die Hochzeit, und statte sie reichlich
Ihrem Bräutigam aus, wie lieben Töchtern gebühret!
Eher werden gewiß der Achaier Söhne nicht abstehn,
200
Penelopeia zu drängen; denn siehe! wir zittern vor niemand,
Selbst vor Telemachos nicht, und wär‘ er auch noch so gesprächig!
Achten auch der Deutungen nicht, die du eben, o Alter,
So in den Wind hinschwatzest! Du wirst uns nur immer verhaßter
Unser schwelgender Schmaus soll wieder beginnen, und niemals
205
Ordnung im Hause bestehn, bis jene sich den Achaiern
Wegen der Hochzeit erklärt; wir wollen in steter Erwartung,
Künftig wie vor, um den Preis wetteifern, und nimmer zu andern
Weibern gehn, um die jedwedem zu werben erlaubt ist!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
210
Hör, Eurymachos, hört ihr andern glänzenden Freier!
Hierum werd ich vor euch nicht weiter flehen noch reden;
Denn das wissen ja schon die Götter und alle Achaier.
Aber gebt mir ein rüstiges Schiff und zwanzig Gefährten,
Welche mit mir die Pfade des weiten Meeres durchsegeln.
215
Denn ich gehe gen Sparta und zu der sandigen Pylos,
Um nach Kunde zu forschen vom langabwesenden Vater;
Ob mir’s einer verkünde der Sterblichen, oder ich Ossa,
Zeus‘ Gesandte, vernehme, die viele Gerüchte verbreitet.
Hör‘ ich, er lebe noch, mein Vater, und kehre zur Heimat;
220
Dann, wie bedrängt ich auch sei, erduld‘ ich’s noch ein Jahr lang.
Hör‘ ich, er sei gestorben, und nicht mehr unter den Menschen;
Siehe, dann kehr‘ ich wieder zur lieben heimischen Insel,
Häufe dem Vater ein Mal, und opfere Totengeschenke
Reichlich, wie sich’s gebührt, und geb‘ einem Manne die Mutter.
225
Also sprach der Jüngling, und setzte sich. Jetzo erhub sich
Mentor, ein alter Freund des tadellosen Odysseus,
Dem er, von Ithaka schiffend, des Hauses Sorge vertrauet,
Daß er dem Greise gehorcht‘, und alles in Ordnung erhielte.
Dieser erhub im Volk die Stimme der Weisheit, und sagte:
230
Höret mich jetzt, ihr Männer von Ithaka, was ich euch sage!
Künftig befleiße sich keiner der scepterführenden Herrscher,
Huldreich, mild und gnädig zu sein, und die Rechte zu schützen;
Sondern er wüte nur stets, und frevle mit grausamer Seele!
Niemand erinnert sich ja des göttergleichen Odysseus
235
Von den Völkern, die er mit Vaterliebe beherrschte!
Aber ich eifre jetzt nicht gegen die trotzigen Freier,
Die so gewaltsame Taten mit tückischer Seele beginnen;
Denn sie weihen ihr Haupt dem Verderben, da sie Odysseus
Habe wie Räuber verprassen, und wähnen, er kehre nicht wieder.
240
Jetzo schelt‘ ich das übrige Volk, daß ihr alle so gänzlich
Stumm dasitzt, und auch nicht mit einem strafenden Worte
Diese Freier, die wenigen, zähmt, da euer so viel sind!
Aber Euenors Sohn Leiokritos sagte dagegen:
Mentor, du Schadenstifter von törichtem Herzen, was sprachst du
245
Da vor Lästerung aus, und befahlst, uns Freier zu zähmen?
Schwer, auch mehreren, ist der Kampf mit schmausenden Männern!
Wenn auch selbst Odysseus, der Held von Ithaka, käme,
Und die glänzenden Freier, die seine Güter verschmausen,
Aus dem Palaste zu treiben gedächte; so würde sich dennoch
250
Seine Gemahlin nicht, wie sehr sie auch schmachtet, der Ankunft
Freun! Ihn träfe gewiß auf der Stelle das Schreckenverhängnis,
Wenn er mit mehreren kämpfte! Du hast nicht klüglich geredet!
Aber wohlan! ihr Männer, zerstreut euch zu euren Geschäften!
Diesem beschleunigen wohl Halitherses und Mentor die Reise,
255
Welche von alters her Odysseus Freunde gewesen!
Aber ich hoffe, er sitzt noch lang‘, und spähet sich Botschaft
Hier in Ithaka aus; die Reise vollendet er niemals!
Also sprach der Freier, und trennte schnell die Versammlung.
Alle zerstreueten sich, ein jeder zu seinen Geschäften;
260
Aber die Freier gingen zum Hause des edlen Odysseus.
Und Telemachos ging beiseit ans Ufer des Meeres,
Wusch in der grauen Flut die Händ‘, und flehte Athenen:
Höre mich, Gott, der du gestern in unserm Hause erschienest,
Und mir befahlst, im Schiffe das dunkle Meer zu durchfahren,
265
Und nach Kunde zu forschen vom langabwesenden Vater:
Himmlischer, siehe! das alles verhindern nun die Achaier,
Aber am meisten die Freier voll übermütiger Bosheit!
Also sprach er flehend. Ihm nahte sich Pallas Athene,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme.
270
Und sie redet‘ ihn an, und sprach die geflügelten Worte:
Jüngling, du mußt dich hinfort nicht feige betragen noch töricht!
Hast du von deinem Vater die hohe Seele geerbet,
Bist du, wie jener einst, gewaltig in Taten und Worten;
Dann wird keiner die Reise dir hindern oder vereiteln.
275
Aber bist du nicht sein Samen und Penelopeiens;
Dann verzweifl‘ ich, du wirst niemals dein Beginnen vollenden.
Wenige Kinder nur sind gleich den Vätern an Tugend,
Schlechter als sie die meisten, und nur sehr wenige besser.
Wirst du dich aber hinfort nicht feige betragen noch töricht,
280
Und verließ dich nicht völlig der Geist des großen Odysseus;
Dann ist Hoffnung genug, du wirst das Werk noch vollenden.
Darum kümmre dich nicht das Sinnen und Trachten der Freier:
Toren sind sie, und kennen Gerechtigkeit weder noch Weisheit,
Ahnen auch nicht einmal den Tod und das schwarze Verhängnis,
285
Welches schon naht, um sie alle an einem Tage zu würgen.
Aber dich soll nichts mehr an deiner Reise verhindern.
Ich, der älteste Freund von deinem Vater Odysseus,
Will dir rüsten ein hurtiges Schiff, und dich selber begleiten,
Gehe nun wieder zu Haus, und bleib in der Freier Gesellschaft;
290
Dann bereite dir Zehrung, und hebe sie auf in Gefäßen:
Wein in irdenen Krügen, und Mehl, das Mark der Männer,
In dichtnähtigen Schläuchen. Ich will jetzt unter dem Volke
Dir Freiwillige sammeln zu Ruderern. Viel sind der Schiffe
An der umfluteten Küste von Ithaka, neue bei alten;
295
Hiervon will ich für dich der trefflichsten eines erlesen.
Hurtig rüsten wir dieses, und steuren ins offene Weltmeer.
Also sprach Athenaia, Kronions Tochter: und länger
Säumte Telemachos nicht; er gehorchte der Stimme der Göttin,
Und ging wieder zu Hause mit tiefbekümmertem Herzen.
300
Allda fand er die Schar der stolzen Freier: im Hofe
Streiften sie Ziegen ab, und sengten gemästete Schweine.
Und Antinoos kam ihm lachend entgegen gewandelt,
Faßte Telemachos Hand, und sprach mit freundlicher Stimme:
Jüngling von trotziger Red‘ und verwegenem Mute, sei ruhig,
305
Und bekümmre dich nicht um böse Taten und Worte!
Laß uns, künftig wie vor, in Wollust essen und trinken:
Dieses alles besorgen dir schon die Achaier, ein schnelles
Schiff und erlesne Gefährten; damit du die göttliche Pylos
Bald erreichst, und Kunde vom trefflichen Vater erforschest!
310
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
O wie ziemte mir das, Antinoos, unter euch Stolzen
Schweigend am Mahle zu sitzen, und ruhig im Taumel der Freude?
Ist es euch nicht genug, ihr Freier, daß ihr so lange
Meine köstlichen Güter verschwelgt habt, da ich ein Kind war?
315
Jetzt da ich größer bin, und tüchtig, anderer Reden
Nachzuforschen, und höher der Mut im Busen mir steiget,
Werd‘ ich streben, auf euch des Todes Rache zu bringen.
Ob ich gen Pylos geh, oder hier in Ithaka bleibe!
Reisen will ich, und nichts soll meinen Entschluß mir vereiteln,
320
Im gedungenen Schiffe! Denn weder Schiffe noch Rudrer
Hab‘ ich in meiner Gewalt: so schien es euch freilich am besten!
Also sprach er, und zog die Hand aus der Hand des Verräters
Leicht. Die Freier im Saale bereiteten emsig die Mahlzeit.
Und sie spotteten seiner, und redeten höhnende Worte.
325
Unter dem Schwarme begann ein übermütiger Jüngling:
Wahrlich, Telemachos sinnt recht ernstlich auf unsre Ermordung!
Gebt nur acht: er holet sich Hilf‘ aus der sandigen Pylos,
Oder sogar aus Sparta! Er treibt’s mit gewaltigem Eifer!
Oder er lenkt auch jetzo nach Ephyras fruchtbarem Lande
330
Seine Fahrt, und kauft sich tötende Gifte; die mischt er
Heimlich in unseren Wein, dann sind wir alle verloren.
Und von neuem begann ein übermütiger Jüngling:
Aber wer weiß, ob dieser nicht auch mit dem Leben die Schiffahrt,
Fern von den Seinen, bezahlt, umhergestürmt wie Odysseus?
335
Denkt, darin macht er uns hier noch sorgenvollere Arbeit!
Teilen müßten wir ja das ganze Vermögen, und räumen
Seiner Mutter das Haus, und ihrem jungen Gemahle!
Aber Telemachos stieg ins hohe weite Gewölbe
Seines Vaters hinab, wo Gold und Kupfer gehäuft lag,
340
Prächtige Kleider in Kasten, und Fässer voll duftendes Öles.
Allda stunden auch Tonnen mit altem balsamischen Weine,
Welche das lautre Getränk, das süße, das göttliche, faßten,
Nach der Reihe gelehnt an die Mauer, wenn jemals Odysseus
Wieder zur Heimat kehrte, nach seiner unendlichen Trübsal.
345
Fest verschloß das Gewölbe die wohleinfugende Türe,
Mit zween Riegeln verwahrt. Die Schaffnerin schaltete drinnen
Tag und Nacht, und bewachte die Güter mit sorgsamer Klugheit,
Eurykleia, die Tochter Ops, des Sohnes Peisenors.
Und Telemachos rief sie hinein ins Gewölb‘, und sagte:
350
Mütterchen, eil‘ und schöpfe mir Wein in irdene Krüge,
Mild und edel, den besten nach jenem, welchen du schonest
Für den duldenden König, den göttergleichen Odysseus,
Wenn er einmal heimkehret, dem Todesschicksal entronnen.
Hiermit fülle mir zwölf, und spünde sie alle mit Deckeln.
355
Ferner schütte mir Mehl in dichtgenähete Schläuche;
Zwanzig Maße gib mir des feingemahlenen Mehles.
Aber tu‘ es geheim, und lege mir alles zusammen.
Denn am Abende komm‘ ich und hol‘ es, wenn sich die Mutter
In ihr oberes Zimmer entfernt, und der Ruhe gedenket.
360
Denn ich gehe gen Sparta und zu der sandigen Pylos,
Um nach Kunde zu forschen von meines Vaters Zurückkunft.
Also sprach er. Da schluchzte die Pflegerin Eurykleia;
Laut wehklagend begann sie, und sprach die geflügelten Worte:
Liebes Söhnchen, wie kann in dein Herz ein solcher Gedanke
365
Kommen? Wo denkst du denn hin in die weite Welt zu gehen,
Einziger liebster Sohn? Ach ferne vom Vaterlande
Starb der edle Odysseus bei unbekannten Barbaren!
Und sie werden dir gleich, wenn du gehst, nachstellen, die Meuchler!
Daß sie dich töten mit List, und alles unter sich teilen!
370
Bleibe denn hier, und sitz‘ auf dem Deinigen! Lieber, was zwingt dich,
Auf der wütenden See in Not und Kummer zu irren?
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Mütterchen, sei getrost! Ich handle nicht ohne die Götter.
Aber schwöre mir jetzo, es nicht der Mutter zu sagen,
375
Ehe der elfte Tag vorbei ist oder der zwölfte,
Oder mich jene vermißt, und hört von meiner Entfernung:
Daß sie nicht durch Tränen ihr schönes Antlitz entstelle.
Also sprach er; da schwur sie bei allen unsterblichen Göttern.
Als sie es jetzo gelobt, und vollendet den heiligen Eidschwur;
380
Schöpfte sie ihm alsbald des Weines in irdene Krüge,
Schüttete ferner das Mehl in dichtgenähete Schläuche.
Und Telemachos ging in den Saal zu der Freier Gesellschaft.
Aber ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
In Telemachos‘ Bildung erscheinend, eilte sie ringsum
385
Durch die Stadt, und sprach mit jedem begegnenden Manne,
Und befahl, sich am Abend beim rüstigen Schiffe zu sammeln.
Hierauf bat sie Phronios‘ Sohn, den edlen Noemon,
Um ein rüstiges Schiff; und dieser versprach es ihr willig.
Und die Sonne sank, und Dunkel umhüllte die Pfade.
390
Siehe nun zog die Göttin das Schiff in die Wellen, und brachte
Alle Geräte hinein, die Rüstung segelnder Schiffe;
Stellt‘ es darauf am Ende der Bucht. Die tapfern Gefährten
Standen versammelt umher, und jeden ermahnte die Göttin.
Und ein Neues ersann die heilige Pallas Athene:
395
Eilend ging sie zum Hause des göttergleichen Odysseus,
Übertauete sanft mit süßem Schlafe die Freier,
Machte die Säufer berauscht, und den Händen entsanken die Becher.
Müde wankten sie heim durch die Stadt, und konnten nicht länger
Sitzen, da ihnen der Schlaf die Augenlider bedeckte.
400
Aber Telemachos rief die heilige Pallas Athene
Aus dem Saale hervor des schöngebauten Palastes,
Mentorn gleich in allem, sowohl an Gestalt wie an Stimme:
Jetzo, Telemachos, sitzen die schöngeharnischten Freunde
Alle am Ruder bereit, und harren nur deiner zur Abfahrt.
405
Laß uns zu Schiffe gehn, und die Reise nicht länger verschieben!
Als sie die Worte geredet, da wandelte Pallas Athene
Eilend voran; und er folgte den Schritten der wandelnden Göttin.
Und da sie jetzo das Schiff und des Meeres Ufer erreichten,
Fanden sie an dem Gestade die hauptumlockten Genossen.
410
Unter ihnen begann Telemachos‘ heilige Stärke:
Kommt, Geliebte, mit mir, die Zehrung zu holen. Sie liegt schon
Alle beisammen im Haus; und nichts argwöhnet die Mutter,
Noch die übrigen Mägde; nur eine weiß das Geheimnis.
Also sprach er, und eilte voran; sie folgten dem Führer,
415
Brachten alles, und legten’s im schöngebordeten Schiffe
Nieder, wie ihnen befahl der geliebte Sohn von Odysseus.
Und Telemachos trat in das Schiff, geführt von Athenen.
Diese setzte sich hinten am Steuer, nahe der Göttin
Setzte Telemachos sich. Die andern lösten die Seile,
420
Traten dann selber ins Schiff, und setzten sich hin auf die Bänke.
Einen günstigen Wind‘ sandt‘ ihnen Pallas Athene,
Leise streifte der West das rauschende dunkle Gewässer.
Aber Telemachos trieb und ermahnte die lieben Gefährten,
Schnell die Geräte zu ordnen. Sie folgeten seinem Befehle:
425
Stellten den fichtenen Mast in die mittlere Höhle des Bodens,
Richteten hoch ihn empor, und banden ihn fest mit den Seilen;
Spannten die weißen Segel mit starkgeflochtenen Riemen,
Hochauf wölbte der Wind das volle Segel, und donnernd
Wogte die purpurne Flut um den Kiel des gleitenden Schiffes;
430
Schnell durchlief es die Wogen in unaufhaltsamer Eile.
Als sie nun die Geräte des schwarzen Schiffes befestigt,
Stellten sie Kelche hin, bis oben mit Weine gefüllet.
Und sie gossen des Weins für alle unsterblichen Götter,
Aber am meisten für Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene,
435
Welche die ganze Nacht und den Morgen die Wasser beschiffte.

Erster Gesang

Erster Gesang

Ratschluß der Götter, daß Odysseus, welchen Poseidon verfolgt, von Kalypsos Insel Ogygia heimkehre. Athene, in Mentes Gestalt, den Telemachos besuchend, rät ihm in Pylos und Sparta nach dem Vater sich zu erkundigen, und die schwelgenden Freier aus dem Hause zu schaffen. Er redet das erste Mal mit Entschlossenheit zur Mutter und zu den Freier. Nacht.

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,
Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn, und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel‘ unnennbare Leiden erduldet,
5
Seine Seele zu retten, und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet‘ er nicht, wie eifrig er strebte,
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben:
Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers
Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der Zurückkunft,
10
Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.
Alle die andern, so viel dem verderbenden Schicksal entflohen,
Waren jetzo daheim, dem Krieg‘ entflohn und dem Meere:
Ihn allein, der so herzlich zur Heimat und Gattin sich sehnte,
Hielt die unsterbliche Nymphe, die hehre Göttin Kalypso,
15
In der gewölbeten Grotte, und wünschte sich ihn zum Gemahle.
Selbst da das Jahr nun kam im kreisenden Laufe der Zeiten,
Da ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wiederzukehren;
Hatte der Held noch nicht vollendet die müdende Laufbahn,
Auch bei den Seinigen nicht. Es jammerte seiner die Götter;
20
Nur Poseidon zürnte dem göttergleichen Odysseus
Unablässig, bevor er sein Vaterland wieder erreichte.
Dieser war jetzo fern zu den Äthiopen gegangen;
Äthiopen, die zwiefach geteilt sind, die äußersten Menschen,
Gegen den Untergang der Sonnen, und gegen den Aufgang:
25
Welche die Hekatombe der Stier‘ und Widder ihm brachten.
Allda saß er, des Mahls sich freuend. Die übrigen Götter
Waren alle in Zeus‘ des Olympiers Hause versammelt.
Unter ihnen begann der Vater der Menschen und Götter;
Denn er gedachte bei sich des tadellosen Ägisthos,
30
Den Agamemnons Sohn, der berühmte Orestes, getötet;
Dessen gedacht‘ er jetzo, und sprach zu der Götter Versammlung:
Welche Klagen erheben die Sterblichen wider die Götter!
Nur von uns, wie sie schrein, kommt alles Übel; und dennoch
Schaffen die Toren sich selbst, dem Schicksal entgegen, ihr Elend.
35
So nahm jetzo Ägisthos, dem Schicksal entgegen, die Gattin
Agamemnons zum Weib‘, und erschlug den kehrenden Sieger,
Kundig des schweren Gerichts! Wir hatten ihn lange gewarnet,
Da wir ihm Hermes sandten, den wachsamen Argosbesieger,
Weder jenen zu töten, noch um die Gattin zu werben.
40
Denn von Orestes wird einst das Blut Agamemnons gerochen,
Wann er, ein Jüngling nun, des Vaters Erbe verlanget.
So weissagte Hermeias; doch folgte dem heilsamen Rate
Nicht Ägisthos, und jetzt hat er alles auf einmal gebüßet.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugige Tochter Athene:
45
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher,
Seiner verschuldeten Strafe ist jener Verräter gefallen.
Möchte doch jeder so fallen, wer solche Taten beginnet!
Aber mich kränkt in der Seele des weisen Helden Odysseus
Elend, welcher so lang‘, entfernt von den Seinen, sich abhärmt,
50
Auf der umflossenen Insel, der Mitte des wogenden Meeres.
Eine Göttin bewohnt das waldumschattete Eiland,
Atlas‘ Tochter, des Allerforschenden, welcher des Meeres
Dunkle Tiefen kennt, und selbst die ragenden Säulen
Aufhebt, welche die Erde vom hohen Himmel sondern.
55
Dessen Tochter hält den ängstlich harrenden Dulder,
Immer schmeichelt sie ihm mit sanft liebkosenden Worten,
Daß er des Vaterlandes vergesse. Aber Odysseus
Sehnt sich, auch nur den Rauch von Ithakas heimischen Hügeln
Steigen zu sehn, und dann zu sterben! Ist denn bei dir auch
60
Kein Erbarmen für ihn, Olympier? Brachte Odysseus
Nicht bei den Schiffen der Griechen in Trojas weitem Gefilde
Sühnender Opfer genug? Warum denn zürnest du so, Zeus?
Ihr antwortete drauf der Wolkenversammler Kronion:
Welche Rede, mein Kind, ist deinen Lippen entflohen?
65
O wie könnte doch ich des edlen Odysseus vergessen?
Sein, des weisesten Mannes, und der die reichlichsten Opfer
Uns Unsterblichen brachte, des weiten Himmels Bewohnern?
Poseidaon verfolgt ihn, der Erdumgürter, mit heißer
Unaufhörlicher Rache; weil er den Kyklopen geblendet,
70
Polyphemos, den Riesen, der unter allen Kyklopen,
Stark wie ein Gott, sich erhebt. Ihn gebar die Nymphe Thoosa,
Phorkyns Tochter, des Herrschers im wüsten Reiche der Wasser,
Welche Poseidon einst in dämmernder Grotte bezwungen.
Darum trachtet den Helden der Erderschüttrer Poseidon,
75
Nicht zu töten, allein von der Heimat irre zu treiben.
Aber wir wollen uns alle zum Rat vereinen, die Heimkehr
Dieses Verfolgten zu fördern; und Poseidaon entsage
Seinem Zorn: denn nichts vermag er doch wider uns alle,
Uns unsterblichen Göttern allein entgegen zu kämpfen!
80
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Unser Vater Kronion, der herrschenden Könige Herrscher,
Ist denn dieses im Rate der seligen Götter beschlossen,
Daß in sein Vaterland heimkehre der weise Odysseus;
Auf! so laßt uns Hermeias, den rüstigen Argosbesieger,
85
Senden hinab zu der Insel Ogygia: daß er der Nymphe
Mit schönwallenden Locken verkünde den heiligen Ratschluß,
Von der Wiederkehr des leidengeübten Odysseus.
Aber ich will gern Ithaka gehn, den Sohn des Verfolgten
Mehr zu entflammen, und Mut in des Jünglings Seele zu gießen;
90
Daß er zu Rat berufe die hauptumlockten Achaier,
Und den Freiern verbiete, die stets mit üppiger Frechheit
Seine Schafe schlachten, und sein schwerwandelndes Hornvieh;
Will ihn dann senden gen Sparta, und zu der sandigen Pylos:
Daß er nach Kundschaft forsche von seines Vaters Zurückkunft,
95
Und ein edler Ruf ihn unter den Sterblichen preise.
Also sprach sie, und band sich unter die Füße die schönen
Goldnen ambrosischen Sohlen, womit sie über die Wasser
Und das unendliche Land im Hauche des Windes einherschwebt;
Faßte die mächtige Lanze mit scharfer eherner Spitze,
100
Schwer und groß und stark, womit sie die Scharen der Helden
Stürzt, wenn im Zorn sich erhebt die Tochter des schrecklichen Vaters.
Eilend fuhr sie hinab von den Gipfeln des hohen Olympos,
Stand nun in Ithakas Stadt, am Tore des Helden Odysseus,
Vor der Schwelle des Hofs, und hielt die eherne Lanze,
105
Gleich dem Freunde des Hauses, dem Fürsten der Taphier Mentes.
Aber die mutigen Freier erblickte sie an des Palastes
Pforte, wo sie ihr Herz mit Steineschieben ergötzten,
Hin auf Häuten der Rinder gestreckt, die sie selber geschlachtet.
Herold‘ eilten umher und fleißige Diener im Hause:
110
Jene mischten für sie den Wein in den Kelchen mit Wasser;
Diese säuberten wieder mit lockern Schwämmen die Tische,
Stellten in Reihen sie hin, und teilten die Menge des Fleisches.
Pallas erblickte zuerst Telemachos, ähnlich den Göttern.
Unter den Freiern saß er mit traurigem Herzen; denn immer
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Schwebte vor seinem Geiste das Bild des trefflichen Vaters:
Ob er nicht endlich käme, die Freier im Hause zerstreute,
Und, mit Ehre gekrönt, sein Eigentum wieder beherrschte.
Dem nachdenkend, saß er bei jenen, erblickte die Göttin,
Und ging schnell nach der Pforte des Hofs, unwillig im Herzen,
120
Daß ein Fremder so lang‘ an der Türe harrte; empfing sie,
Drückt‘ ihr die rechte Hand, und nahm die eherne Lanze,
Redete freundlich sie an, und sprach die geflügelten Worte:
Freue dich, fremder Mann! Sei uns willkommen; und hast du
Dich mit Speise gestärkt, dann sage, was du begehrest.
125
Also sprach er, und ging; ihm folgete Pallas Athene.
Als sie jetzt in den Saal des hohen Palastes gekommen;
Trug er die Lanz‘ in das schöngetäfelte Speerbehältnis,
An die hohe Säule sie lehnend, an welcher noch viele
Andere Lanzen stunden des leidengeübten Odysseus.
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Pallas führt‘ er zum Thron, und breitet‘ ein Polster ihr unter,
Schön und künstlich gewirkt; ein Schemel stützte die Füße,
Neben ihr setzt‘ er sich selbst auf einen prächtigen Sessel,
Von den Freiern entfernt: daß nicht dem Gaste die Mahlzeit
Durch das wüste Getümmel der Trotzigen würde verleidet;
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Und er um Kundschaft ihn von seinem Vater befragte.
Eine Dienerin trug in der schönen goldenen Kanne,
Über dem silbernen Becken, das Wasser, beströmte zum Waschen
Ihnen die Händ‘, und stellte vor sie die geglättete Tafel.
Und die ehrbare Schaffnerin kam, und tischte das Brot auf,
140
Und der Gerichte viel aus ihrem gesammelten Vorrat.
Hierauf kam der Zerleger, und bracht‘ in erhobenen Schüsseln
Allerlei Fleisch, und setzte vor sie die goldenen Becher.
Und ein geschäftiger Herold versorgte sie reichlich mit Weine.
Jetzo kamen auch die mutigen Freier, und saßen
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All‘ in langen Reihen auf prächtigen Thronen und Sesseln.
Herolde gossen ihnen das Wasser über die Hände.
Aber die Mägde setzten gehäufte Körbe mit Brot auf
Jünglinge füllten die Kelche bis oben mit dem Getränke,
Und sie erhoben die Hände zum leckerbereiteten Mahle.
150
Und nachdem die Begierde des Tranks und der Speise gestillt war,
Dachten die üppigen Freier auf neue Reize der Seelen,
Auf Gesang und Tanz, des Mahles liebliche Zierden.
Und ein Herold reichte die schöngebildete Harfe
Phemios hin, der an Kunst des Gesangs vor allen berühmt war,
155
Phemios, der bei den Freiern gezwungen wurde zu singen.
Prüfend durchrauscht‘ er die Saiten, und hub den schönen Gesang an.
Aber Telemachos neigte das Haupt zu Pallas Athene,
Und sprach leise zu ihr, damit es die andern nicht hörten:
Lieher Gastfreund, wirst du mir auch die Rede verargen?
160
Diese können sich wohl bei Saitenspiel‘ und Gesange
Freun, da sie ungestraft des Mannes Habe verschwelgen,
Dessen weißes Gebein vielleicht schon an fernem Gestade
Modert im Regen, vielleicht von den Meereswogen gewälzt wird.
Sähen sie jenen einmal zurück in Ithaka kommen;
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Alle wünschten gewiß sich lieber noch schnellere Füße,
Als noch größere Last an Gold‘ und prächtigen Kleidern.
Aber es war sein Verhängnis, so hinzusterben; und keine
Hoffnung erfreuet uns mehr, wenn auch zuweilen ein Fremdling
Sagt, er komme zurück. Der Tag ist auf immer verloren!
170
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
Wer, wes Volkes bist du? und wo ist deine Geburtstadt?
Und in welcherlei Schiff kamst du? wie brachten die Schiffer
Dich nach Ithaka her? was rühmen sich jene vor Leute?
Denn unmöglich bist du doch hier zu Fuße gekommen!
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Dann erzähle mir auch aufrichtig, damit ich es wisse:
Bist du in Ithaka noch ein Neuling, oder ein Gastfreund
Meines Vaters? Denn unser Haus besuchten von jeher
Viele Männer, und er mocht‘ auch mit Leuten wohl umgehn.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
180
Dieses will ich dir alles, und nach der Wahrheit, erzählen.
Mentes, Anchialos Sohn, des kriegserfahrenen Helden,
Rühm‘ ich mich, und beherrsche die ruderliebenden Taphos.
Jetzo schifft‘ ich hier an; denn ich steure mit meinen Genossen
Über das dunkle Meer zu unverständlichen Völkern,
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Mir in Temesa Kupfer für blinkendes Eisen zu tauschen.
Und mein Schiff liegt außer der Stadt am freien Gestade,
In der reithrischen Bucht, all des waldichten Neïon Fuße.
Lange preisen wir, schon von dein Zeiten unserer Väter,
Uns Gastfreunde. Du darfst nur zum alten Helden Laertes
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Gehn und fragen; der jetzt, wie man sagt, nicht mehr in die Stadt kommt,
Sondern in Einsamkeit auf dem Lande sein Leben vertrauret,
Bloß von der Alten bedient, die ihm sein Essen und Trinken
Vorsetzt, wann er einmal vom fruchtbaren Rebengefilde,
Wo er den Tag hinschleicht, mit müden Gliedern zurückwankt.
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Aber ich kam, weil es hieß, dein Vater wäre nun endlich
Heimgekehrt; doch ihm wehren vielleicht die Götter die Heimkehr.
Denn noch starb er nicht auf Erden der edle Odysseus;
Sondern er lebt noch wo in einem umflossenen Eiland
Auf dem Meere der Welt; ihn halten grausame Männer,
200
Wilde Barbaren, die dort mit Gewalt zu bleiben ihn zwingen.
Aber ich will dir anitzt weissagen, wie es die Götter
Mir in die Seele gelegt, und wie’s wahrscheinlich geschehn wird;
Denn kein Seher bin ich, noch Flüge zu deuten erleuchtet.
Nicht mehr lange bleibt er von seiner heimischen Insel
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Ferne, nicht lange mehr, und hielten ihn eiserne Bande;
Sinnen wird er auf Flucht, und reich ist sein Geist an Erfindung.
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
Bist du mit dieser Gestalt ein leiblicher Sohn von Odysseus?
Wundergleich bist du ihm, an Haupt und Glanze der Augen!
210
Denn oft haben wir so uns zu einander gesellet,
Eh‘ er gen Troja fuhr mit den übrigen Helden Achaias.
Seitdem hab‘ ich Odysseus, und jener mich nicht gesehen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Dieses will ich dir, Freund, und nach der Wahrheit, erzählen.
215
Meine Mutter die sagt es, er sei mein Vater; ich selber
Weiß es nicht: denn von selbst weiß niemand, wer ihn gezeuget.
Wär ich doch lieber der Sohn von einem glücklichen Manne,
Den bei seiner Habe das ruhige Alter beschliche!
Aber der Unglückseligste aller sterblichen Menschen
220
Ist, wie man sagt, mein Vater; weil du mich darum befragest.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
Nun so werden die Götter doch nicht den Namen des Hauses
Tilgen, da solchen Sohn ihm Penelopeia geboren.
Aber verkündige mir, und sage die lautere Wahrheit.
225
Was für ein Schmaus ist hier, und Gesellschaft? Gibst du ein Gastmahl,
Oder ein Hochzeitfest? Denn keinem Gelag‘ ist es ähnlich!
Dafür scheinen die Gäste mit zu unbändiger Frechheit
Mir in dem Saale zu schwärmen. Ereifern müßte die Seele
Jedes vernünftigen Manns, der solche Greuel mit ansäh!
230
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Fremdling, weil du mich fragst, und so genau dich erkundest;
Ehmals konnte dies Haus vielleicht begütert und glänzend
Heißen, da jener noch im Vaterlande verweilte:
Aber nun haben es anders die grausamen Götter entschieden,
235
Welche den herrlichen Mann vor allen Menschen verdunkelt!
Ach! ich trauerte selbst um den Tod des Vaters nicht so sehr,
Wär‘ er mit seinen Genossen im Lande der Troer gefallen,
Oder den Freunden im Arme, nachdem er den Krieg vollendet.
Denn ein Denkmal hätt‘ ihm das Volk der Achaier errichtet,
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Und so wäre zugleich sein Sohn bei den Enkeln verherrlicht.
Aber er ward unrühmlich ein Raub der wilden Harpyen;
Weder gesehn, noch gehört, verschwand er, und ließ mir zum Erbteil
Jammer und Weh! Doch jetzo bewein‘ ich nicht jenen allein mehr;
Ach! es bereiteten mir die Götter noch andere Leiden.
245
Alle Fürsten, so viel in diesen Inseln gebieten,
In Dulichion, Same, der waldbewachsnen Zakynthos,
Und so viele hier in der felsichten Ithaka herrschen:
Alle werben um meine Mutter, und zehren das Gut auf.
Aber die Mutter kann die aufgedrungne Vermählung
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Nicht ausschlagen, und nicht vollziehn. Nun verprassen die Schwelger
All mein Gut, und werden in kurzem mich selber zerreißen!
Und mit zürnendem Schmerz antwortete Pallas Athene:
Götter, wie sehr bedarfst du des langabwesenden Vaters,
Daß sein furchtbarer Arm die schamlosen Freier bestrafe!
255
Wenn er doch jetzo käm‘, und vorn in der Pforte des Saales
Stünde, mit Helm und Schild und zween Lanzen bewaffnet;
So an Gestalt, wie ich ihn zum erstenmale gesehen,
Da er aus Ephyra kehrend von Ilos, Mermeros‘ Sohne,
Sich in unserer Burg beim gastlichen Becher erquickte!
260
Denn dorthin war Odysseus im schnellen Schiffe gesegelt,
Menschentötende Säfte zu holen, damit er die Spitze
Seiner gefiederten Pfeile vergiftete. Aber sie gab ihm
Ilos nicht, denn er scheute den Zorn der unsterblichen Götter;
Aber mein Vater gab ihm das Gift, weil er herzlich ihn liebte:
265
Wenn doch in jener Gestalt Odysseus den Freiern erschiene!
Bald wär‘ ihr Leben gekürzt, und ihnen die Heirat verbittert!
Aber dieses ruhet im Schoße der seligen Götter,
Ob er zur Heimat kehrt, und einst in diesem Palaste
Rache vergilt, oder nicht. Dir aber gebiet‘ ich, zu trachten,
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Daß du der Freier Schar aus deinem Hause vertreibest.
Lieber, wohlan! merk‘ auf, und nimm die Rede zu Herzen.
Fodere morgen zu Rat die Edelsten aller Achaier,
Rede vor der Versammlung, und rufe die Götter zu Zeugen.
Allen Freiern gebeut, zu dem Ihrigen sich zu zerstreuen;
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Und der Mutter: verlangt ihr Herz die zwote Vermählung,
Kehre sie heim in das Haus des wohlbegüterten Vaters.
Dort bereite man ihr die Hochzeit, und statte sie reichlich
Ihrem Bräutigam aus, wie lieben Töchtern gebühret.
Für dich selbst ist dieses mein Rat, wofern du gehorchest.
280
Rüste das trefflichste Schiff mit zwanzig Gefährten, und eile,
Kundschaft dir zu erforschen vom langabwesenden Vater;
Ob dir’s einer verkünde der Sterblichen, oder du Ossa,
Zeus‘ Gesandte, vernehmest, die viele Gerüchte verbreitet.
Erstlich fahre gen Pylos, und frage den göttlichen Nestor,
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Dann gen Sparta, zur Burg Menelaos‘ des Bräunlichgelockten,
Welcher zuletzt heim kam von dein erzgepanzerten Griechen.
Hörst du, er lebe noch, dein Vater, und kehre zur Heimat;
Dann, wie bedrängt du auch seist, erduld‘ es noch ein Jahr lang.
Hörst du, er sei gestorben, und nicht mehr unter den Menschen;
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Siehe dann kehre wieder zur lieben heimischen Insel,
Häufe dem Vater ein Mal, und opfere Totengeschenke
Reichlich, wie sich’s gebührt, und gib einem Manne die Mutter.
Aber hast du dieses getan und alles vollendet,
Siehe dann denk‘ umher, und überlege mit Klugheit,
295
Wie du die üppige Schar der Freier in deinem Palaste
Tötest, mit heimlicher List, oder öffentlich! Fürder geziemen
Kinderwerke dir nicht, du bist dem Getändel entwachsen.
Hast du nimmer gehört, welch ein Ruhm den edlen Orestes
Unter den Sterblichen preist, seitdem er den Meuchler Ägisthos
300
Umgebracht, der ihm den herrlichen Vater ermordet?
Auch du, Lieber, denn groß und stattlich bist du von Ansehn,
Halte dich wohl, daß einst die spätesten Enkel dich loben!
Ich will jetzo wieder zum schnellen Schiffe hinabgehn,
Und den Gefährten, die mich, vielleicht unwillig, erwarten.
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Sorge nun selber für dich, und nimm die Rede zu Herzen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Freund, du redest gewiß mit voller herzlicher Liebe,
Wie ein Vater zum Sohn, und nimmer werd‘ ich’s vergessen.
Aber verweile bei uns noch ein wenig, wie sehr du auch eilest;
310
Lieber, bade zuvor, und gib dem Herzen Erfrischung:
Daß du mit froherem Mut heimkehrest, und zu dem Schiffe
Bringest ein Ehrengeschenk, ein schönes köstliches Kleinod
Zum Andenken von mir, wie Freunde Freunden verehren.
Drauf antwortete Zeus‘ blauäugichte Tochter Athene:
315
Halte nicht länger mich auf; denn dringend sind meine Geschäfte.
Dein Geschenk, das du mir im Herzen bestimmest, das gib mir,
Wann ich wiederkomme, damit ich zur Heimat es bringe;
Und empfange dagegen von mir ein würdiges Kleinod.
Also redete Zeus‘ blauäugichte Tochter, und eilend
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Flog wie ein Vogel sie durch den Kamin. Dem Jünglinge goß sie
Kraft und Mut in die Brust, und fachte des Vaters Gedächtnis
Heller noch an, wie zuvor. Er empfand es im innersten Herzen,
Und erstaunte darob; ihm ahnete, daß es ein Gott war.
Jetzo ging er zurück zu den Freiern, der göttliche Jüngling.
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Vor den Freiern sang der berühmte Sänger; und schweigend
Saßen sie all‘, und horchten. Er sang die traurige Heimfahrt,
Welche Pallas Athene den Griechen von Troja beschieden.
Und im oberen Stock vernahm die himmlischen Töne
Auch Ikarios Tochter, die kluge Penelopeia.
330
Eilend stieg sie hinab die hohen Stufen der Wohnung,
Nicht allein; sie wurde von zwo Jungfrauen begleitet.
Als das göttliche Weib die Freier jetzo erreichte,
Stand sie still an der Schwelle des schönen gewölbeten Saales;
Ihre Wangen umwallte der feine Schleier des Hauptes,
335
Und an jeglichem Arm stand eine der stattlichen Jungfraun.
Tränend wandte sie sich zum göttlichen Sänger, und sagte:
Phemios, du weißt ja noch sonst viel reizende Lieder,
Taten der Menschen und Götter, die unter den Sängern berühmt sind;
Singe denn davon eins vor diesen Männern, und schweigend
340
Trinke jeder den Wein. Allein mit jenem Gesange
Quäle mich nicht, der stets mein armes Herz mir durchbohret.
Denn mich traf ja vor allen der unaussprechlichste Jammer!
Ach den besten Gemahl bewein‘ ich, und denke beständig

Jenes Mannes, der weit durch Hellas und Argos berühmt ist!
345
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Meine Mutter, warum verargst du dem lieblichen Sänger,
Daß er mit Liedern uns reizt, wie sie dem Herzen entströmen?
Nicht die Sänger sind des zu beschuldigen, sondern allein Zeus,
Welcher die Meister der Kunst nach seinem Gefallen begeistert.
350
Zürne denn nicht, weil dieser die Leiden der Danaer singet;
Denn der neuste Gesang erhält vor allen Gesängen
Immer das lauteste Lob der aufmerksamen Versammlung:
Sondern stärke vielmehr auch deine Seele, zu hören.
Nicht Odysseus allein verlor den Tag der Zurückkunft
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Unter den Troern; es sanken mit ihm viel andere Männer.
Aber gehe nun heim, besorge deine Geschäfte,
Spindel und Webestuhl, und treib an beschiedener Arbeit
Deine Mägde zum Fleiß! Die Rede gebühret den Männern,
Und vor allen mir; denn mein ist die Herrschaft im Hause!
360
Staunend kehrte die Mutter zurück in ihre Gemächer,
Und erwog im Herzen die kluge Rede des Sohnes.
Als sie nun oben kam mit den Jungfraun, weinte sie wieder
Ihren trauten Gemahl Odysseus; bis ihr Athene
Sanft mit süßem Schlummer die Augenlider betaute.
365
Aber nun lärmten die Freier umher in dem schattichten Saale,
Denn sie wünschten sich alle, mit ihr das Bette zu teilen.
Und der verständige Jüngling Telemachos sprach zur Versammlung:
Freier meiner Mutter, voll übermütiges Trotzes,
Freut euch jetzo des Mahls, und erhebt kein wüstes Getümmel!
370
Denn es füllt ja mit Wonne das Herz, dem Gesange zu horchen,
Wann ein Sänger, wie dieser, die Töne der Himmlischen nachahmt!
Morgen wollen wir uns zu den Sitzen des Marktes versammeln;
Daß ich euch allen dort freimütig und öffentlich rate,
Mir aus dem Hause zu gehn! Sucht künftig andere Mähler;
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Zehret von euren Gütern, und laßt die Bewirtungen umgehn.
Aber wenn ihr es so bequemer und lieblicher findet,
Eines Mannes Hab‘, ohn‘ alle Vergeltung zu fressen;
Schlingt sie hinab! Ich werde die ewigen Götter anflehn,
Ob euch nicht endlich einmal Zeus eure Taten bezahle,
380
Daß ihr in unserm Haus‘ auch ohne Vergeltung dahinstürzt!
Also sprach er; da bissen sie ringsumher sich die Lippen,
Über den Jüngling erstaunt, der so entschlossen geredet.
Aber Eupeithes‘ Sohn Antinoos gab ihm zur Antwort:
Ei! dich lehren gewiß, Telemachos, selber die Götter,
385
Vor der Versammlung so hoch und so entschlossen zu reden!
Daß Kronion dir ja die Herrschaft unseres Eilands
Nicht vertraue, die dir von deinem Vater gebühret!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
O Antinoos, wirst du mir auch die Rede verargen?
390
Gerne nähm‘ ich sie an, wenn Zeus sie schenkte, die Herrschaft!
Oder meinst du, es sei das Schlechteste unter den Menschen?
Wahrlich, es ist nichts Schlechtes, zu herrschen; des Königes Haus wird
Schnell mit Schätzen erfüllt, er selber höher geachtet!
Aber es wohnen ja sonst genug achaiische Fürsten
395
In dem umfluteten Reiche von Ithaka, Jüngling‘ und Greise;
Nehm‘ es einer von diesen, wofern Odysseus gestorben!
Doch behalt‘ ich für mich die Herrschaft unseres Hauses,
Und der Knechte, die mir der edle Odysseus erbeutet!
Aber Polybos‘ Sohn Eurymachos sagte dagegen:
400
Dies, Telemachos, ruht im Schoße der seligen Götter,
Wer das umflutete Reich von Ithaka künftig beherrschet;
Aber die Herrschaft im Haus und dein Eigentum bleiben dir sicher!
Komme nur keiner, und raube dir je mit gewaltsamen Händen
Deine Habe, so lange noch Männer in Ithaka wohnen!
405
Aber ich möchte dich wohl um den Gast befragen, mein Bester.
Sage, woher ist der Mann? und welches Landes Bewohner
Rühmt er sich? Wo ist sein Geschlecht und väterlich Erbe?
Bracht‘ er dir etwa Botschaft von deines Vaters Zurückkunft?
Oder kam er hieher in seinen eignen Geschäften?
410
Warum eilt‘ er so plötzlich hinweg, und scheute so sichtbar
Unsre Bekanntschaft? Gewiß, unedel war seine Gestalt nicht!
Und der verständige Jüngling Telemachos sagte dagegen:
Hin, Eurymachos, ist auf immer des Vaters Zurückkunft!
Darum trau‘ ich nicht mehr Botschaften, woher sie auch kommen,
415
Kümmre mich nie um Deutungen mehr, wen auch immer die Mutter
Zu sich ins Haus berufe, um unser Verhängnis zu forschen!
Dies war ein taphischer Mann, mein angeborener Gastfreund.
Mentes, Anchialos‘ Sohn, des kriegserfahrenen Helden,
Rühmt er sich, und beherrscht die ruderliebende Taphos.
420
Also sprach er; im Herzen erkannt‘ er die heilige Göttin.
Und sie wandten sich wieder zum Tanz und frohen Gesange,
Und belustigten sich, bis ihnen der Abend herabsank.
Als den Lustigen nun der dunkle Abend herabsank;
Gingen sie alle heim, der süßen Ruhe zu pflegen.
425
Aber Telemachos ging zu seinem hohen Gemache.
Auf dem prächtigen Hof‘, in weitumschauender Gegend;
Dorthin ging er zur Ruh mit tiefbekümmerter Seele.
Vor ihm ging mit brennenden Fackeln die tüchtige alte
Eurykleia, die Tochter Ops, des Sohnes Peisenors,
430
Welche vordem Laertes mit seinem Gute gekaufet,
In jungfräulicher Blüte, für zwanzig Rinder: er ehrte
Sie im hohen Palast, gleich seiner edlen Gemahlin,
Aber berührte sie nie, aus Furcht vor dem Zorne der Gattin.
Diese begleitete ihn mit brennenden Fackeln; sie hatt‘ ihn
435
Unter den Mägden am liebsten, und pflegt‘ ihn, als er ein Kind war.
Und er öffnete jetzt die Türe des schönen Gemaches,
Setzte sich auf sein Lager, und zog das weiche Gewand aus,
Warf es dann in die Hände der wohlbedächtigen Alten.
Diese fügte den Rock geschickt in Falten, und hängt‘ ihn
440
An den hölzernen Nagel zur Seite des zierlichen Bettes,
Ging aus der Kammer, und zog mit dem silbernen Ringe die Türe
Hinter sich an, und schob den Riegel vor mit dem Riemen.
Also lag er die Nacht, mit feiner Wolle bedecket,
Und umdachte die Reise, die ihm Athene geraten.

Zweite Niederlage der Griechen



Zweite Niederlage der Griechen

Es war Morgen. Agamemnon befahl dem Volke, sich zu gürten, und legte selbst die Rüstung an, den herrlichen Harnisch, an dem zehn bläuliche Stahlstreifen mit zwölf aus funkelndem Gold und zwanzig aus Zinn wechselten; die Halsbrünne bildeten drei Drachen, glänzend wie Regenbogen; der Panzer war ein Geschenk des Kinyras, Fürsten von Cypern; dann warf er sich das Schwert, mit goldenen Buckeln am Griff, in silberner Scheide, am strahlenden Goldgehenke befestigt, um die Schulter; darauf hob er den kunstreich gewölbten Schild, um den zehn Erzkreise herliefen und zwanzig weiße zinnerne Buckeln blinkten; auf dem mittleren dunkelblauen Felde war das gräßliche Gorgonenhaupt abgebildet, das Schildgehenk hatte die Gestalt eines bläulichen Drachens mit drei gekrümmten Häuptern. Dann setzte er sich den viergipflichten, von Roßhaaren umwallten Helm, mit fürchterlich nickendem Helmbusch, aufs Haupt, ergriff zwei mächtige Lanzen mit strahlenden Erzspitzen und schritt in die Schlacht. Hera und Athene begrüßten vom Himmel herab den herrlich gerüsteten König der Völker mit einem freudigen Donner. Zuerst drangen die Fußgänger mit den ehernen Waffenrüstungen über den Graben, ihnen folgten die Reisigen auf den Streitwagen, und mit lautem Getümmel eilte das ganze Heer vorwärts.

Auf der andern Seite hielten die Trojaner einen Hügel des Feldes mit ihren Scharen besetzt; ihre Führer waren Hektor, Polydamas und Äneas; nächst ihnen Polybos, Agenor und Akamas, die drei tapfern Söhne Antenors. Wie ein Stern durch Nachtgewölk wandelte Hektor bald durch den vordersten, bald durch den äußersten Zug und ordnete die Schlachtreihen; in seiner Erzrüstung leuchtete er wie ein Blitzstrahl des Donnerers. Bald stürmten nun Trojaner und Danaer mordend gegeneinander, wie Schnitter mähend in die Schwaden fahren; alles drängte sich Haupt an Haupt zur Schlacht, in beiden Heeren tobten die Streiter wie Wölfe. Endlich durchbrachen die Griechen mit ihrer Kraft die Schlachtreihen der Feinde, und Agamemnon stieß, voranstürmend, den Fürsten Bianor und seinen Wagenlenker nieder. Dann warf er sich auf zwei Söhne des Königes Priamos, den Antiphos und seinen Wagenlenker, den Bastard Isos; jenem durchschoß er die Brust mit der Lanze, diesen stürzte er mit einem Schwerthiebe vom Wagen, und den Getöteten entzog er eilig die Rüstung. Jetzt begegnete er zwei Söhnen des Antimachos, des Trojanerfürsten, der einst, von Paris‘ Golde betört, die Helena auszuliefern verboten hatte. Vergebens flehten ihn die Knaben, in den Wagen hineingeschmiegt, um Schonung an. Ihres Vaters gedenkend, durchbohrte er den einen und hieb dem andern die Hände vom Leib und das Haupt von der Schulter. Immer tiefer drang die Verfolgung der Griechen ein, auf Fußvolk und auf Wagen, wie ein Feuerbrand unter Sturm durch unausgehauene Waldung sich verbreitet.

Aus den Blutströmen und dem Getümmel entzog den Fürsten Hektor Zeus selbst den Geschossen, daß er zum Denkmale des alten Königes Ilos, an den Feigenhügel vorüber, mitten durch das Gefilde, sehnsüchtig nach der Stadt hin floh; aber Agamemnon, seine Hände mit Trojanerblute besudelt, folgte ihm laut schreiend. Endlich an der Buche des Zeus, nicht fern vom Skäischen Tore, stand Hektor und zugleich die ganze Flucht der Seinigen, ihm nachgedrungen, stille. Da sandte Zeus die Götterbotin Iris und befahl ihm, solange Agamemnon im Vordergewühl tobte, selbst zurückzustehen und dem andern Volke die Feldschlacht zu überlassen, bis der Atride verwundet würde. Dann wollte der Göttervater ihn selbst wieder zum Siege führen. Hektor gehorchte. Von der Hinterhut aus mahnte er die Seinigen zu frischem Kampfe. Aufs neue begann das Gefecht; Agamemnon stürmte voraus und fing wieder an, in den Scharen der Trojaner und ihrer Bundesgenossen zu wüten. Ihm begegnete zuerst Antenors Sohn, Iphidamas, ein großer, gewaltiger Held, der in Thrakien bei seinem Ahn aufgewachsen war und neuvermählt zum Kampfe in die alte Heimat gezogen kam. Agamemnons Lanze fehlte; der Speer des Iphidamas verbog sich die Spitze am Leibgurt seines Feindes. Schleunig ergriff jetzt Agamemnon die Lanze des Gegners, riß sie ihm aus der Hand und durchhieb ihm den Nacken mit dem Schwert. So sank der Arme, von der Gattin getrennt, im Kampfe für die Seinigen, bemitleidenswert in den ehernen Todesschlummer. Agamemnon entwaffnete ihn und prahlte mit der herrlichen Rüstung durch die Reihen der Achiver. Als ihn so der ältere Sohn des Antenor, Koon, einer der gepriesensten trojanischen Kämpfer, einherschreiten sah, faßte ihn unaussprechlicher Gram um den gefallenen Bruder; doch raubte ihm der Schmerz die Besinnung nicht, sondern, unbemerkt vom Atriden, stach er diesem seitwärts mit seinem Speere mitten in den Arm, dicht unter dem Gelenk. Agamemnon fühlte sich von einem plötzlichen Schauer durchdrungen; dennoch gönnte er sich keine Rast vom Kampfe, und während Koon seinen Bruder am Fuß aus dein Gewühl zu ziehen bestrebt war, durchstach ihn der Schaft des Atriden unter dem Schilde, so daß er entseelt auf den Leichnam des Bruders hinsank.

Solange das Blut noch warm aus der offenen Wunde hervordrang, fuhr Agamemnon fort, mit Lanze, Schwert und Steinen in den Reihen der Trojaner zu morden; als aber das Blut in der Wunde zu erharschen anfing, da mahnte ihn ein scharfer zuckender Schmerz, das Gewühl der Schlacht zu verlassen. Schnell sprang er in den Sitz des Streitwagens, dem Rosselenker gebietend, nach den Schiffen umzukehren; und bald trug der Wagen, mit Staub umwölkt, den von der Wunde hart gequälten König dem Schiffslager zu.

Als Hektor sah, wie der Atride sich entfernte, gedachte er an den Befehl des Zeus, eilte in die Vorderschar der Trojaner und Lykier und rief laut aus: »Jetzt, ihr Freunde, seid Männer und sinnet auf Abwehr! Der tapferste Mann Griechenlands ist ferne, und Zeus verleiht mir Siegesruhm. Auf, mitten unter die Helden der Danaer hinein mit den Rossen, damit wir um so höheren Ruhm gewinnen!« So rief Hektor und stürzte sich wie ein Sturmwind zuerst in die Schlacht. Und in kurzer Zeit waren neun Fürsten der Griechen, dazu viel gemeines Volk unter seinen Händen erlegen. Schon war er nahe daran, das fliehende Heer der Griechen in die Schiffe zu drängen, da ermahnte Odysseus den Tydiden: »Ist es möglich, daß wir der Abwehr so ganz vergessen? Tritt doch näher, Freund, und stelle dich neben mich; laß uns die Schande nicht erleben, daß Hektor unser Schiffslager erobere!« Diomedes nickte ihm zu und durchschmetterte die Brust des Trojaners Thymbraios auf der linken Seite mit dem Wurfspieß, daß er vom Wagen auf die Erde herabfiel; sein Wagenlenker, Molion, sank unter Odysseus zu Boden. Weiter noch durchtobten sie, vorwärtsgewendet, den Feind, und die Griechen fingen an, wieder aufzuatmen. Zeus, der noch immer vom Ida herabschaute, ließ den Kampf im Gleichgewichte schweben. Endlich erkannte Hektor durch die Schlachtreihen hindurch die zwei rasenden Helden und stürmte mit seinen Heerscharen auf sie daher. Noch zur rechten Zeit sah sich Diomedes vor und schleuderte ihm die Lanze an die Helmkuppel. Zwar prallte sie ab, doch flog Hektor zurück in die Scharen aufs Knie; seine Rechte stemmte sich gegen die Erde, und vor seinen Blicken ward es Nacht. Bis jedoch der Tydide dem Schwung seines Speeres selbst nachgeeilt kam, hatte sich der Trojaner in den Wagensitz geschwungen und rettete sich vor dem Tod ins Gedränge der Seinigen. Unmutig wandte sich Diomedes einem andern Trojaner zu, den er niederstreckte und der Rüstung zu berauben sich anschickte.

Diesen Augenblick ersah Paris, schmiegte sich hinter die Denksäule des Ilos und schoß den knienden Helden in die Ferse, daß der Pfeil, durch die Sohle gedrungen, im Fleische festsaß. Dann sprang er lachend aus dem Hinterhalte und spottete jauchzend des Getroffenen. Diomedes schaute sich um, und als er den Schützen erblickte, rief er ihm zu: »Bist du es, Weiberheld? Du vermochtest mit offener Gewalt nichts gegen mich und prahlest jetzt, daß du mir den Fuß von hinten geritzt hast? Das macht mir so wenig, als hätte mich ein Mädchen oder ein Knabe getroffen!« Inzwischen war Odysseus herbeigeeilt und stellte sich vor den Verwundeten, der sich mit Schmerzen, doch in Sicherheit den Pfeil aus dem Fuße zog. Dann schwang er sich in den Wagensitz zu seinem Freunde Sthenelos und ließ sich heimgeleiten zu seinen Schiffen.

Nun blieb Odysseus allein zurück im tiefsten Gedränge der Feinde, und kein Argiver wagte sich in die Nähe. Der Held besprach sich mit seinem Herzen, ob er weichen sollte oder ausharren. Doch sah er wohl ein, daß es demjenigen, der in der Feldschlacht edel erscheinen will, durchaus not tut, standzuhalten, mag er nun treffen oder getroffen werden. Während er dies erwog, umschlossen ihn die Trojaner mit ihren Schlachtreihen, wie Jäger und Jagdhunde einen stürzenden Eber umringen, der den Zahn im zurückgebogenen Rüssel wetzt. Er aber empfing entschlossen die auf ihn Einstürmenden, und es dauerte wenig Augenblicke, so waren fünf Trojaner vor seinen Waffen in den Staub gesunken. Da kam ein sechster heran, Sokos, dem er eben den Bruder erstochen, und rief. »Odysseus, heute trägst du entweder den Ruhm davon, daß du beide Söhne des Hippasos, herrliche Männer, zu Boden gestreckt und ihre Waffen erbeutet hast, oder aber du verhauchst unter meiner Lanze das Leben!« Und nun durchschmetterte er ihm den Schild und riß ihm die Haut von den Rippen; tiefer ließ Athene den Stoß nicht eindringen. Odysseus, der sich nicht zum Tode getroffen fehlte, wich nur ein weniges zurück, stürzte dann auf den Gegner los, der sich zur Flucht wendete, und durchbohrte ihm den Rücken zwischen den Schultern, daß der Speer aus dem Busen vordrang und er in dumpfem Falle hinkrachte. Dann erst zog sich Odysseus die Lanze des Feindes aus der Wunde. Als nun die Trojaner sein Blut springen sahen, drängten sich erst recht alle auf ihn zu, daß er zurückwich und dreimal einen lauten Hilferuf ausstieß.

Menelaos vernahm das Geschrei zuerst und rief seinem Nebenmanne Ajax zu: »Laß uns durchdringen durch das Getümmel; ich habe den Schrei des Odysseus gehört!« Beide hatten in kurzem den duldenden Kämpfer erreicht und trafen ihn, gegen unzählige Feinde seine Lanze schwingend. Als aber der Schild des Ajax wie eine getürmte Mauer dem Streitenden vorgehalten ward, erzitterten die Trojaner. Da benützte Menelaos den Augenblick, ergriff den Sohn des Laërtes bei der Hand und half ihm auf seinen eigenen Streitwagen. Ajax aber sprang jetzt auf die Trojaner hinein und wälzte Leichen vor sich her wie ein Bergstrom im Herbst dorrende Kiefern und Eichen. Davon hatte Hektor keine Ahnung; er kämpfte auf der linken Seite des Treffens am Gestade des Skamander und richtete dort in den Reihen der Jünglinge, die den Helden Idomeneus umgaben, breite Verwüstung an. Dennoch wären die Helden nicht vor ihm gewichen, hätte nicht ein dreikantiger Pfeil des Paris dem großen Arzt des Danaerheeres, Machaon, die rechte Schulter verwundet. Da rief erschrocken Idomeneus: »Nestor! Hurtig dem Freund auf den Wagen geholfen! Ein Mann, der Pfeile ausschneidet und lindernden Balsam auflegt, ist hundert andere Helden wert!« Schnell schwang sich Nestor auf seinen Wagen, der verwundete Machaon mit ihm, und beide flogen den Schiffen zu.

Aber der Wagenlenker Hektors machte jetzt diesen auf die Verwirrung aufmerksam, in welcher sich der andere Flügel der Trojaner befand, wo Ajax das Gewühl der Feinde durchtobte. In einem Augenblicke waren sie mit ihrem Wagen dort, und Hektor fing an, unter den Reihen der Griechen zu rasen. Nur den Ajax vermied er; denn Zeus hatte ihn gewarnt, sich mit dem stärkeren Manne messen zu wollen. Zugleich aber sandte der Göttervater in die Seele des Ajax Furcht, daß dieser beim Anblicke Hektors den Schild auf die Schulter warf und, angstvoll um die Schiffe der Danaer besorgt, die Reihen der Trojaner, sich zur Flucht kehrend, verließ. Als die Feinde dies gewahr wurden, schleuderten sie ihm die Lanzen auf den vom Rücken herabhängenden Schild. Doch Ajax durfte sein Angesicht nur umwenden, so flohen sie wieder. Wo der Weg zu den Schiffen ging, stellte er sich jetzt auf, hielt den Schild vor und wehrte die vordringenden Trojaner ab, daß ihre Speere teils in seinem siebenhäutigen Stierschilde hafteten, teils ohne den Leib zu berühren in die Erde fuhren. Als der tapfere Held Eurypylos ihn so von Geschossen bedrängt sah, eilte er dem Telamonier zu Hilfe und durchbohrte dem Trojaner Apisaon die Brust. Doch während Eurypylos dem getöteten Feinde die Rüstung abzog, sandte ihm Paris einen Pfeil in den Schenkel, daß er sich schnell in das Gedräng der Freunde zurückzog, die ihn mit erhöhten Lanzen und vorgehaltenen Schilden deckten.

Inzwischen trugen seine Stuten den Nestor mit dem wunden Machaon aus der Schlacht, vorbei an dem grollenden Achill, der auf dem Hinterdecke seines Schiffes saß und geruhig zusah, wie seine Landsleute von den Trojanern verfolgt wurden. Da rief er dem Patroklos, ohne zu ahnen, daß er das Unglück seines Freundes selbst vorbereite, und sprach: »Geh doch, Patroklos, und erforsche mir von Nestor, welchen Verwundeten er dort aus der Schlacht zurückführt; denn ich weiß nicht, welch Mitleid für die Griechen sich in meiner Seele regt!« Patroklos gehorchte und lief zu den Schiffen. Er kam am Zelte Nestors an, als dieser eben aus dem Wagen stieg, seinem Diener Eurymedon die Rosse übergab und ins Zelt hineintrat, mit Machaon der erquickenden Mahlzeit zu genießen, die ihnen seine erbeutete Sklavin Hekamede vorsetzte. Als der Greis den Helden Patroklos an der Pforte gewahr ward, sprang er vom Sessel, ergriff ihn bei der Hand und wollte ihn freundlich zum Sitzen nötigen. Doch Patroklos sprach: »Es bedarf dessen nicht, ehrwürdiger Greis! Achill hat mich nur ausgesandt, zu schauen, welchen Verwundeten du zurückführest. Nun habe ich selbst in ihm den heilungskundigen Helden Machaon erkannt und eile, ihm dieses zu melden. Du kennst ja den heftigen Sinn meines Freundes, der auch Unschuldige selber leicht beschuldigt.« Aber Nestor antwortete ihm mit tiefer Gemütsbewegung: »Was kümmert sich doch das Herz des Achill so sehr um die Achiver, die bereits zum Tode wund sind? Alle Tapferen liegen bei den Schiffen umher: Diomedes ist pfeilwund; Odysseus und Agamemnon sind lanzenwund; und diesen unschätzbaren Mann entführte ich soeben, vom Geschoß des Bogens verwundet, aus der Feldschlacht. Aber Achill kennt kein Erbarmen! Will er vielleicht warten, bis unsre Schiffe am Gestad in Flammen lodern und wir Griechen einer um den andern der Reihe nach hinbluten? O wär ich noch kräftig wie in meiner Jugend und in meinen besten Mannsjahren, damals, wo ich als Sieger im Hause des Peleus einkehrte! Da sah ich auch deinen Vater Menötios und dich und den kleinen Achill. Diesen ermahnte der graue Held Peleus, stets der Erste zu sein und allen andern vorzustreben, dich aber dein Vater, des Peliden Lenker und Freund zu sein, weil er an Stärke zwar der Größere, am Alter aber hinter dir sei. Erzähle davon dem Achill; vielleicht rührt ihn auch jetzt deine Zurede.« So sprach der Alte und mischte liebliche Erinnerungen aus seiner eigenen Heldenjugend in die Rede, so daß dem Patroklos das Herz im Busen bewegt wurde.

Als er auf der Rückkehr an den Schiffen des Odysseus vorübereilte, fand er hier den Eurypylos, der, vom Pfeil in den Schenkel verwundet, mühsam aus der Schlacht einhergehinkt kam. Es erbarmte den Sohn des Menötios, wie der wunde Held ihn so kläglich anrief, seiner mit den Künsten Chirons des Zentauren, die er gewiß durch Achill gelernt habe, zu pflegen, so daß Patroklos endlich den Verwundeten unter der Brust faßte, ins Zelt führte, dort ihn auf eine Stierhaut legte und ihm mit dem Messer den scharfen Pfeil aus dem Schenkel schnitt; dann spülte er das schwarze Blut sogleich mit lauem Wasser ab, zerrieb eine bittere Heilwurzel zwischen den Fingern und streute sie auf die Wunde, bis das Blut ins Stocken geriet. So pflegte der gute Patroklos des wunden Helden.

Waffenstillstand



Waffenstillstand

Die Fürsten der Danaer versammelten sich jetzt in dem Gezelte ihres Oberfeldherrn Agamemnon, wohin sie auch den seines Sieges sich hocherfreuenden Ajax jubelnd geführt hatten. Hier wurde dem Zeus ein fünfjähriger fetter Stier geopfert und beim Schmause der Sieger mit dem besten Rückenstücke geehrt. Als sie sich an Speise und Trank gesättiget, eröffnete Nestor den Rat der Fürsten mit dem Vorschlage, am andern Morgen den Krieg ruhen zu lassen und nach Abschluß eines Waffenstillstandes die Leichname der gefallenen Danaer auf Wagen, mit Rindern und Maultieren bespannt, abzuholen und abseits von den Schiffen zu verbrennen, damit, wenn sie wieder zum Vaterlande heimzögen, ein jeder den Kindern seiner Verwandten den Staub der Ihrigen mitbringen könnte. Die Könige riefen ihm ringsumher Beifall.

Auf der andern Seite kamen auch die Trojaner auf ihrer Burg, vor dem Palaste des Königes, nicht ohne Schmerz und Verwirrung über den Ausgang des Zweikampfes, zur Versammlung, und hier stand der weise Antenor auf und sprach: »Höret mein Wort, ihr Trojaner und Bundesgenossen. Solange wir treulos gegen den heiligen Vertrag, den Pandaros gebrochen hat, kämpfen, kann unserm Volke keine Wohlfahrt blühen; deswegen berge ich meines Herzens Meinung und meinen Rat nicht, daß wir die Argiverin Helena mitsamt ihren Schätzen den Atriden ausliefern sollten.« Dagegen erhub sich Paris und erwiderte: »Wenn du im Ernste so geredet hast, Antenor, so haben dir wahrhaftig die Götter deinen Verstand geraubt; ich aber bekenne geradeheraus, daß ich das Weib nie wieder hergeben werde. Die Schätze, die ich aus Argos mitgeführt, mögen sie meinethalben wiederhaben; und ich will freiwillig von dem Meinigen noch hinzutun, was sie als Buße verlangen können!« Nach seinem Sohne sprach der greise König Priamos mit wohlmeinender Gesinnung: »Laßt uns heute nichts Weiteres mehr beginnen, ihr Freunde! Verteilet den Nachtimbiß unter das Heer, stellet die Wachen aus und überlasset euch, behutsam wie immer, dem Schlafe. Am nächsten Morgen aber soll Idaios, unser Herold, zu den Schiffen der Griechen gehen und denselben das friedsame Wort meines Sohnes Paris verkündigen, zugleich sie erforschen, ob sie geneigt seien, uns Waffenruhe zu gewähren, bis wir unsere Toten verbrannt haben. Können wir uns nicht vereinigen, so mag nachher die Feldschlacht wieder beginnen.«

So geschah es. Am andern Morgen erschien Idaios als Herold vor den Griechen und meldete das Anerbieten des Paris und den Vorschlag des Königes. Als die Helden der Danaer solches hörten, blieben alle lange stumm. Endlich begann Diomedes: »Laßt euch doch nicht einfallen, ihr Griechen, die Schätze anzunehmen; auch nicht, wenn ihr Helena dazubekämet. Der Einfältigste wird ja wohl hieraus erkennen, daß die Trojaner bereits mit dem Untergang bedroht sind!« Diesem Worte jauchzten die Fürsten alle Beifall zu, und Agamemnon sprach jetzt zu dem Herolde: »Du hast selbst den Bescheid der Griechen, was den Vorschlag des Paris betrifft, vernommen; die Verbrennung der Toten aber soll euch keineswegs verweigert sein; der Donnerer selbst soll diese unsere Zusage hören!« Mit diesen Worten hub er den Zepter gen Himmel. Idaios kehrte nach Troja zurück und traf den Rat der Trojaner wieder versammelt. Auf die willkommene Botschaft wurde es schnell in der Stadt lebendig; die einen holten die Leichname, die andern Holz aus der Waldung. Und ganz dasselbe geschah im Schiffslager der Griechen. Friedlich begegneten im Strahl der Morgensonne Feinde den Feinden und suchten ihre Toten, einer an der Seite des andern. Schwer war der Gegner vom Freunde zu erkennen, wie die Leichname blutig und der Rüstungen beraubt dalagen. Unter heißen Tränen wuschen die Trojaner den ihrigen, deren viel mehr waren, das Blut von den Gliedern, aber alle laute Wehklage verbot Priamos. So huben sie sie verstummt auf die Wagen und türmten unter großer Herzensbetrübnis die Scheiterhaufen auf. Dasselbe taten die Griechen, gleichfalls mit traurigem Herzen; und als die Glut ausgelodert, kehrten sie zu ihren Schiffen zurück. Der Tag war über dieser Arbeit zu Ende gegangen, und das Abendmahl begann. Gerade zur rechten Zeit waren aus Lemnos von Euneos, dem Sohne Iasons und Hypsipyles, Lastschiffe mit einer Ladung edlen Weines angekommen, den der Gastfreund den verwandten Griechen zum Geschenke sandte, viel tausend Krüge. Da ward ein lieblicher Festschmaus gerüstet, und als die Griechen ihre Beute bei den Schiffen untergebracht, setzten sie sich zum Mahle.

Auch die Trojaner wollten sich beim Schmause von der Schlacht erholen. Aber Zeus ließ ihnen keine Ruhe und schreckte sie die ganze Nacht hindurch mit Donnerschlägen, die sich von Zeit zu Zeit wiederholten und ihnen neues Unglück zu verkündigen schienen. Entsetzen faßte sie, und sie wagten den Becher nicht an den Mund zu führen, ohne dem zürnenden Göttervater ein Trankopfer auszugießen.

Weitere Abenteuer



Weitere Abenteuer

Unter mancherlei Schicksalen fuhren die Helden nun weiter. Auf der Fahrt erkrankte ihnen ihr treuer Steuermann Tiphys, starb und mußte am fremden Ufer begraben werden. An seine Stelle wählten sie denjenigen von den Helden, der des Steuers am kundigsten war. Er hieß Ankaios und weigerte sich lange, das schwierige Geschäft zu übernehmen, bis ihm Hera, die Göttin, Mut und Zuversicht ins Herz gab. Dann aber stellte er sich ans Ruder und lenkte das Schiff so gut, als wenn Tiphys selbst noch am Steuer säße. Unter seiner Führung gingen sie am zwölften Tage in See und kamen bald mit vollen Segeln an die Mündung des Flusses Kallichoros; hier sahen sie auf einem Hügel das Grabmal des Helden Sthenelos, der mit Herakles in den Amazonenkrieg gezogen und hier, von einem Pfeile getroffen, am Meeresufer verschieden war. Sie wollten eben weiterschiffen, als der klägliche Schatten dieses Helden, von Persephone aus der Unterwelt entlassen, sichtbar ward und sehnsüchtig nach den stammesverwandten Männern blickte. Er stand zuoberst auf seinem Grabhügel in der Gestalt, in welcher er in die Schlacht gegangen war: ein purpurner Busch mit vier schönen Federn wehte ihm vom Helme. Doch war er nur wenige Augenblicke zu schauen und tauchte bald wieder in die schwarze Tiefe hinunter. Erschrocken ließen die Helden die Ruder sinken. Nur Mopsos, der Wahrsager, verstand das Verlangen der abgeschiedenen Seele: er riet seinen Genossen, den Geist des Erschlagenen mit einem Trankopfer zu sühnen. Schnell zogen sie die Segel ein, banden das Schiff am Strande an, und indem sie sich um den Grabhügel stellten, benetzten sie ihn mit Trankopfern und verbrannten geschlachtete Schafe. Dann fuhren sie weiter und weiter und gelangten endlich zur Mündung des Flusses Thermodon. Diesem glich kein anderer Strom auf der Erde: aus einer einzigen Quelle tief in den Bergen entsprungen, teilte er sich bald in eine Menge kleinerer Arme und stürmte in so viel Ausflüssen ins Meer, daß nur viere zu einem Hundert fehlten. Sie wimmelten wie eine Menge Schlangen in die offene See. An dem breitesten Ausflusse wohnten die Amazonen. Dieses Weibervolk stammte vom Gotte Ares ab und liebte die Werke des Krieges. Hätten die Argonauten hier gelandet, so wären sie ohne Zweifel in einen blutigen Krieg mit den Frauen geraten, denn diese waren den tapfersten Helden im Kampfe gewachsen. Sie wohnten nicht in einer Stadt vereinigt, sondern auf dem Lande zerstreut und in einzelne Stämme getrennt. Ein günstiger Westwind hielt die Argonauten von diesem kriegerischen Weibervolke fern. Nach der Fahrt eines Tages und einer Nacht kamen sie, wie ihnen Phineus geweissagt hatte, an das Land der Chalyber. Diese pflügten nicht das Erdreich, pflanzten keine fruchttragenden Bäume, weideten keine Herden auf der tauigen Wiese; sie gruben nur Erz und Eisen aus dem rauhen Boden und tauschten gegen dieses ihre Lebensmittel ein. Keine Sonne ging ihnen ohne schwere Arbeit auf, in schwarzer Nacht und dichtem Rauche verbrachten sie arbeitend ihren Tag.

Noch an mancherlei Völkern kamen sie vorüber. Als sie einer Insel, mit Namen Aretia oder Aresinsel, gegenüber waren, flog ihnen ein Bewohner dieses Eilands, ein Vogel, mit kräftigem Flügelschlage entgegen. Als er über dem Schiffe schwebte, schüttelte er seine Schwingen und ließ eine spitze Feder fallen, die in der Schulter des Helden Oïleus steckenblieb. Verwundet ließ der Held das Ruder fahren; die Genossen staunten, als sie das geflügelte Geschoß erblickten, das ihm in der Schulter steckte. Der, der ihm zunächst saß, zog die Feder heraus und verband die Wunde. Bald erschien ein zweiter Vogel; den schoß Klytios, der den Bogen schon gespannt hielt, im Fluge, so daß der Getroffene mitten in das Schiff herabfiel. »Wohl ist die Insel in der Nähe«, sagte da Amphidamas, ein erfahrener Held, »aber trauet jenen Vögeln nicht. Gewiß sind ihrer so viele, daß, wenn wir landeten, wir nicht Pfeile genug hätten, sie zu erlegen. Lasset uns auf ein Mittel sinnen, die kriegslustigen Tiere zu vertreiben. Setzet alle eure Helme mit hohen nickenden Büschen auf; alsdann rudert abwechslungsweise zur Hälfte, zur andern schmücket das Schiff mit blinkenden Lanzen und Schilden aus. Dann erheben wir alle ein entsetzliches Geschrei; wenn das die Vögel hören, dazu die wallenden Helmbüsche, die starrenden Lanzen, die schimmernden Schilde sehen, so werden sie sich fürchten und davonflattern.« Der Vorschlag gefiel den Helden, und alles geschah, wie er ihnen geraten hatte. Kein Vogel ließ sich blicken, solange sie heranruderten; und als sie der Insel näher gekommen, mit den Schilden klirrten, flogen ihrer unzählige aufgeschreckt an der Küste auf und in stürmischer Flucht über das Schiff hin. Aber wie man die Fensterladen eines Hauses vor dem Hagel schließt, wenn man ihn kommen sieht, so hatten sich die Helden mit den Schilden gedeckt, daß die Stachelfedern herabfielen, ohne ihnen zu schaden; die Vögel selbst, die furchtbaren Stymphaliden, flogen weit übers Meer den jenseitigen Ufern zu. Die Argonauten landeten auf dieser Insel nach dem Rate des wahrsagenden Königes Phineus.

Sie sollten hier Freunde und Begleiter finden, die sie nicht erwartet. Kaum nämlich hatten sie die ersten Schritte am Ufer getan, als ihnen vier Jünglinge im armseligsten Aufzuge, von allem entblößt, begegneten. Einer von diesen eilte den nahenden Helden entgegen und redete sie an. »Wer ihr auch seid, gute Männer«, sprach er, »kommt armen Schiffbrüchigen zu Hilfe! Teilet uns Kleider mit, unsere Blöße zu bedecken, und Speisen, unsern Hunger zu stillen!« Iason versprach ihnen freundlich alle Hilfe und erkundigte sich nach ihrem Namen und Geschlecht. »Ihr habt wohl von Phrixos gehört, dem Sohne des Athamas«, erwiderte der Jüngling, »der das Goldne Vlies nach Kolchis gebracht hat? Der König Aietes hat ihm seine ältere Tochter zur Ehe gegeben, wir sind seine Söhne, und ich heiße Argos. Unser Vater Phrixos ist vor kurzem gestorben, und nach seinem Letzten Willen hatten wir uns zu Schiffe gesetzt, die Schätze, die er in der Stadt Orchomenos gelassen, abzuholen.« Die Helden waren hocherfreut, und Iason begrüßte sie als Vettern; denn die Großväter Athamas und Kretheus waren Brüder gewesen. Die Jünglinge erzählten weiter, wie ihr Schiff im wütenden Sturme zerbrochen sei und ein Brett sie an diese unwirtliche Insel getragen habe. Als ihnen aber die Helden ihr Vorhaben mitteilten und sie zur Teilnahme an dem Abenteuer aufforderten, da verbargen sie ihr Entsetzen nicht. »Unser Großvater Aietes ist ein grausamer Mann, er soll der Sohn des Sonnengottes und deswegen mit übermenschlicher Macht begabt sein; unzählige Kolcherstämme beherrscht er, und das Vlies hütet ein entsetzlicher Drache.« Manche der Helden wurden bei diesem Berichte bleich. Peleus jedoch, einer von ihnen, erhub sich und sprach: »Glaube nicht, daß wir dem Kolcherkönige unterliegen müssen; auch wir sind Göttersöhne! Gibt er uns das Vlies nicht in Güte, so werden wir es ihm seinen Kolchern zum Trotz entreißen!« So sprachen sie miteinander noch länger beim reichlichen Mahle. Am andern Morgen schifften sich die Söhne des Phrixos, gekleidet und gestärkt, mit ihnen ein, und die Fahrt ging vorwärts. Nachdem sie einen Tag und eine Nacht gerudert, sahen sie die Spitzen des Kaukasusgebirges über die Meeresfläche hervorragen. Als es schon dunkelte, hörten sie ein Geräusch über ihren Häuptern: es war der Adler des Prometheus, der seinem Fraß entgegen hoch über das Schiff dahinflog; und doch war sein Flügelschlag so mächtig, daß alle Segel von ihm wie im Winde sich bewegten. Denn es war ein Riesenvogel, und er schlug die Luft mit seinen Flügeln wie mit großen Segeln. Bald darauf hörten sie aus der Ferne das tiefe Stöhnen des Prometheus, in dessen Leber der Vogel schon wühlte. Nach einiger Zeit verhallten die Seufzer, und sie sahen den Adler wieder hoch über sich durch die Lüfte zurückrudern.

Noch in derselben Nacht gelangten sie ans Ziel und in die Mündung des Flusses Phasis. Freudig kletterten sie an den Segelstangen empor und takelten das Schiff ab; dann trieben sie es mit den Rudern in das breite Bett des Stromes, dessen Wellen vor der gewaltigen Masse des Fahrzeugs sich scheu zurückzuziehen schienen. Zur Linken hatten sie den hohen Kaukasus und Kytaia, die Hauptstadt des Kolcherlandes; zur Rechten breitete sich das Feld und der heilige Hain des Ares aus, wo der Drache das Goldne Vlies, das an den blätterreichen Ästen einer hohen Eiche hing, mit seinen scharfen Augen bewachte. Jetzt erhub sich Iason am Borde des Schiffes, er schwenkte hoch in der Hand einen goldenen Becher voll Weins und brachte dem Flusse, der Mutter Erde, den Göttern des Landes und den auf der Fahrt verstorbenen Heroen ein Trankopfer dar. Er bat sie alle, mit liebreicher Hilfe ihnen nahe zu sein und über den Tauen des Schiffes, das sie eben anbinden wollten, zu wachen. »So wären wir denn glücklich zum kolchischen Lande gelangt«, sprach der Steuermann Ankaios: »nun ist’s Zeit, daß wir uns ernstlich beraten, ob wir den König Aietes in Güte angehen oder auf irgendeine andere Weise unser Vorhaben ins Werk setzen wollen.« »Morgen«, riefen die müden Helden. Und so befahl denn Iason, das Schiff in einer schattigen Bucht des Flusses vor Anker gehen zu lassen. Alle legten sich zu süßem Schlummer nieder, der sie jedoch nur mit kurzer Rast erquickte, denn bald öffnete ihnen das Morgenrot die Augenlider.

Weitere Heimfahrt der Argonauten



Weitere Heimfahrt der Argonauten

Auf des Peleus Rat schifften die Helden aus der Mündung hervor und schleunig davon, ehe die zurückgelassenen Kolcher zur Besinnung kommen konnten. Diese, als sie innewurden, was geschehen war, gedachten anfangs die Feinde zu verfolgen, aber Hera schreckte sie mit warnenden Blitzen vom Himmel; und da sie zu Hause den Zorn des Königes fürchteten, wenn sie ihm Sohn und Tochter nicht zurückbrächten, so blieben sie auf den Artemisinseln in der Mündung des Ister zurück und siedelten sich hier an.

Die Argonauten aber schifften an mancherlei Gestaden und Inseln vorüber, auch an dem Eilande, wo die Königin Kalypso, die Tochter des Atlas, wohnte. Schon glaubten sie in der Ferne die höchsten Bergspitzen des heimischen Festlandes aufsteigen zu sehen, als Hera, welche die Pläne des erzürnten Zeus fürchtete, einen Sturm gegen sie erhob, der ihr Schiff mit Ungestüm an die unwirtliche Insel Elektris trieb. Jetzt begann auch das weissagende Holz, das Athene mitten in den Kiel eingefügt hatte, zu sprechen, und entsetzliche Furcht ergriff die Horchenden. »Ihr werdet dem Zorn des Zeus und den Irrfahrten des Meeres nicht entgehen«, tönte das hohle Brett, »bevor nicht die Zaubergöttin Kirke euch den grausamen Mord des Absyrtos abgewaschen hat. Kastor und Pollux sollen zu den Göttern beten, daß sie euch die Pfade des Meeres öffnen und ihr Kirke finden könnet, die Tochter des Sonnengottes und der Perse.« So sprach der hölzerne Mund des Schiffes Argo um die Abenddämmerung. Schauder und Furcht ergriff die Helden, als sie den seltsamen Propheten so Schreckliches verkünden hörten. Die Zwillinge Kastor und Pollux allein sprangen auf und hatten den Mut, zu den unsterblichen Göttern um Schutz zu beten; das Schiff aber schoß weiter bis in die innerste Bucht des Eridanos, da wo einst Phaëthon verbrannt vom Sonnenwagen in die Flut gefallen war. Noch jetzt schickt er aus der Tiefe Rauch und Glut aus seiner brennenden Wunde hervor. Kein Schiff kann mit leichten Segeln über dieses Gewässer hinfliegen, sondern es springt mitten in die Flamme hinein. Ringsumher am Ufer seufzen, in Pappeln verwandelt, Phaëthons Schwestern, die Heliaden, im Winde und träufeln lichte Tränen aus Bernstein auf den Boden, welche die Sonne trocknet und die Flut in den Eridanos hineinzieht. Den Argonauten half zwar ihr starkes Schiff aus dieser Gefahr, aber alle Lust nach Speise und Trank verging ihnen; denn bei Tage peinigte sie der unerträgliche Geruch, der aus den Fluten des Eridanos vom dampfenden Phaëthon aufstieg, und bei Nacht hörten sie ganz deutlich das Wehklagen der Heliaden und wie die Bernsteintränen gleich Öltropfen ins Meer rollten. An den Ufern des Eridanos hin kamen sie zu der Mündung des Rhodanos und wären hineingeschifft, von wannen sie nicht lebendig herauskommen sollten, wenn nicht Hera plötzlich auf einer Klippe erschienen wäre und mit furchtbarer Götterstimme sie abgemahnt hätte. Diese hüllte das Schiff schirmend in schwarze Nebel, und so fuhren sie an unzähligen Keltenvölkern viele Tage und Nächte vorbei, bis sie endlich das tyrrhenische Ufer erblickten und bald darauf glücklich in den Hafen der Insel Kirkes einliefen.

Hier fanden sie die Zaubergöttin, wie sie, am Meergestade stehend, ihr Haupt in den Wellen badete. Ihr hatte geträumt, das Gemach und das ganze Haus ströme über von Blut, und die Flamme fresse alle Zaubermittel, mit welchen sie sonst die Fremdlinge behext hatte; sie aber schöpfe mit hohler Hand das Blut und lösche das Feuer damit. Dieser entsetzliche Traum hatte sie mit der Morgenröte vom Lager aufgeschreckt und ans Meeresufer getrieben; hier wusch sie Kleidung und Haare, als ob sie blutbefleckt wären. Ungeheure Bestien, nicht andern Tieren ähnlich, sondern aus den verschiedensten Gliedern zusammengesetzt, folgten herdenweise, wie das Vieh dem Hirten aus dem Stalle. Die Helden ergriff entsetzliches Grausen, zumal da sie der Kirke nur ins Angesicht zu sehen brauchten, um sich zu überzeugen, daß sie die Schwester des grausamen Aietes sei. Die Göttin, als sie die nächtlichen Schrecken von sich entfernt hatte, kehrte schnell wieder um, lockte den Tieren und streichelte sie, wie man Hunde streichelt.

Iason hieß die ganze Mannschaft im Schiffe bleiben, er selbst sprang mit Medea ans Land und zog das widerstrebende Mädchen mit sich fort, Kirkes Palaste zu. Kirke wußte nicht, was die Fremden bei ihr suchten. Sie hieß sie auf schönen Sesseln Platz nehmen. Jene aber flüchteten still und traurig an den Herd und ließen sich dort nieder. Medea legte ihr Haupt in beide Hände, und Iason stieß das Schwert, mit welchem er den Absyrtos umgebracht hatte, in den Boden, legte die Hand auf dasselbe und stützte sein Kinn darauf, ohne die Augen aufzuschlagen. Da merkte Kirke, daß es Schutzflehende seien, und verstand sogleich, daß es sich um den Jammer der Verbannung und die Sühnung eines Mordes handle. Sie trug Scheu vor Zeus, dem Beschirmer der Flehenden, und brachte das verlangte Opfer dar, indem sie ein Ferkel einer noch lebenden Muttersau schlachtete und den reinigenden Zeus dazu anrief. Ihre Dienerinnen, die Najaden, mußten all die Sühnungsmittel aus dem Hause zusammentragen; sie selbst stellte sich an den Herd und verbrannte heilige Opferkuchen unter feierlichen Gebeten, um den Zorn der Erinnyen zu besänftigen und die Verzeihung des Göttervaters für die Mordbefleckten anzurufen. Als alles vorüber war, ließ sie die Fremden erst auf die glänzenden Stühle setzen und setzte sich ihnen gegenüber. Dann fragte sie dieselben über ihr Geschäft und ihre Schiffahrt, woher sie kämen, warum sie hier gelandet und wofür sie ihren Schutz begehrt hätten; denn ihr blutiger Traum war ihr wieder in den Sinn gekommen. Als die Jungfrau nun ihr Haupt aufrichtete und ihr ins Angesicht sah, fielen ihr die Augen des Mädchens auf; denn Medea stammte ja wie Kirke selbst vom Sonnengotte; und alle Abkömmlinge dieses Gottes haben strahlende Augen voll Goldglanz. Nun verlangte sie die Muttersprache der Landesflüchtigen zu hören, und die Jungfrau fing an, in kolchischer Mundart, alles, was mit Aietes, den Helden und ihr geschehen war, der Wahrheit nach zu erzählen; nur die Ermordung ihres Bruders Absyrtos wollte sie nicht gestehen. Aber der Zaubergöttin Kirke blieb nichts verborgen; doch jammerte sie ihrer Nichte und sie sprach: »Arme, du bist unehrlich geflohen und hast einen großen Frevel begangen. Gewiß wird dein Vater nach Griechenland kommen, den Mord seines Sohnes an dir zu rächen. Von mir jedoch sollst du kein weiteres Übel leiden, weil du eine Schutzflehende und dazu meine Verwandte bist. Nur verlang auch keine Hilfe von mir. Entferne dich mit dem fremden Manne, wer es auch sein mag. Ich kann weder deine Pläne noch deine schimpfliche Flucht billigen!« Ein unendlicher Schmerz ergriff die Jungfrau bei diesen Worten. Sie warf den Schleier über ihr Haupt und weinte bitterlich, bis der Held sie an der Hand ergriff und die Wankende mit sich aus Kirkes Palast hinausführte.

Doch Hera erbarmte sich ihrer Schützlinge. Sie sandte ihre Botin Iris auf dem bunten Regenbogenpfade zur Meeresgöttin Thetis hinab, ließ diese zu sich rufen und empfahl das Heldenschiff ihrem Schirm. Sogleich mit Iasons und Medeas Ankunft an Bord fingen nun sanfte Zephire zu wehen an; froheren Mutes lichteten die Helden die Anker und spannten die hohlen Segel aus. Mit leichtem Winde wogte das Schiff weiter, und bald stellte sich ihnen eine schöne blühende Insel dar, die der Sitz der trügerischen Sirenen war, welche die Vorüberschiffenden durch ihre Gesänge anzulocken und zu verderben pflegten. Halb Vögel, halb Jungfrauen, saßen sie immer auf ihrer Warte, und kein Fremder, der vorüberfuhr, entging ihnen. Auch jetzt sangen sie den Argonauten die schönsten Lieder zu, und schon waren diese im Begriffe, die Taue nach dem Ufer zu werfen und anzulegen, als der thrakische Sänger Orpheus sich von seinem Sitze erhob und seine göttliche Leier so mächtig zu schlagen begann, daß sie die Stimmen der Jungfrauen übertönte; zugleich blies ein tönender gottgesandter Zephir in den Rücken des Schiffes, so daß der Sirenengesang ganz in den Lüften verhallte. Nur einer der Genossen, Butes, der Sohn des Teleon, hatte der hellen Stimme der Sirenen nicht zu widerstehen vermocht, sprang von der Ruderbank ins Meer und schwamm dem verführerischen Hall entgegen. Er wäre verloren gewesen, wenn ihn nicht die Beherrscherin des Berges Eryx in Sizilien, Aphrodite, erblickt hätte. Sie riß ihn mitten aus den Wirbeln heraus und warf ihn auf ein Vorgebirge dieser Insel, wo er hinfort wohnen blieb. Die Argonauten betrauerten ihn für tot und schifften neuen Gefahren entgegen; denn sie kamen in eine Meerenge, wo auf der einen Seite der steile Fels der Skylla in die Fluten hinausragte und das Schiff zu zerbrechen, auf der andern Seite der Strudel der Charybdis die Wasser in die Tiefe riß und das Schiff zu verschlingen drohte. Dazwischen irrten unter der Flut vom Grunde losgerissene Felsen, wo sonst die glühende Werkstätte des Hephaistos ist; jetzt aber rauchte sie nur und erfüllte den Äther mit Finsternis. Hier begegneten ihnen von allen Seiten die Meernymphen, des Nereus Töchter; im Rücken des Schiffes faßte die Fürstin derselben, Thetis selbst, das Steuerruder. Alle miteinander umgaukelten das Schiff, und wenn es sich den schwimmenden Felsen nähern wollte, so stieß es eine Nymphe der andern zu, wie Jungfrauen, die Ball spielen. Bald stieg es mit den Wellen hoch empor zu den Wolken, bald flog es wieder in den Abgrund hinab. Auf dem Gipfel einer Klippe sah, den Hammer auf die Schulter gelehnt, Hephaistos dem Schauspiele zu und vom gestirnten Himmel herab des Zeus Gemahlin, Hera; diese aber ergriff Athenes Hand; denn sie konnte es ohne Schwindel nicht mit ansehen. Endlich waren sie den Gefahren glücklich entgangen und fuhren weiter auf der offenen See, bis sie zu einer Insel kamen, wo die guten Phäaken und ihr frommer König Alkinoos wohnten.