Romane

Fünfzehntes Capitel.

Fünfzehntes Capitel.

Der Banknoten-Sack wird abermals um einige tausend Pfund leichter.

Der Zug hielt im Bahnhofe an. Passepartout verließ zuerst den Wagen, dann folgte Herr Fogg, welcher seiner jungen Gefährtin aussteigen half. Phileas Fogg hatte vor, sich direct zum Packetboot nach Hongkong zu begeben, um Mrs. Aouda darin bequem einzurichten; denn er wollte, so lange sie in dem für sie so gefährlichen Lande weilte, ihr nicht von der Seite gehen.

Im Moment, als Herr Fogg aus dem Bahnhofe zu gehen im Begriff war, trat ein Polizeimann zu ihm und sprach:

»Herr Phileas Fogg?

– Der bin ich.

– Dieser Mensch ist Ihr Diener? fügte der Polizeimann bei, auf Passepartout deutend.

– Ja.

– Belieben Sie beide, mich zu begleiten.«

Herr Fogg ließ in keiner Bewegung irgend eine Ueberraschung merken. Dieser Agent war ein Repräsentant des Gesetzes, und jedem Engländer ist das Gesetz heilig. Passepartout mit seinen französischen Gewohnheiten wollte räsonniren, aber der Polizeimann berührte ihn mit seinem Stabe, und Phileas Fogg bedeutete ihn, zu gehorchen.

»Kann diese junge Dame uns begleiten? fragte Herr Fogg.

– Ja«, erwiderte der Polizist.

Der Polizeimann führte die drei Personen zu einem Palkighari, einer Art vierräderigen, zweispännigen Wagen zu vier Plätzen, und man fuhr ab. Während der etwa zwanzig Minuten dauernden Fahrt sprach Niemand ein Wort.

Der Wagen fuhr zuerst durch die »schwarze Stadt«, mit engen Straßen und Hütten, worin schmutziges, zerlumptes Volk aus allen Nationen wimmelte, nachher durch die europäische Stadt, die freundlich ist, mit Häusern von Ziegelstein, von Kokosbäumen beschattet, voll Masten und Stangen, worin bereits am frühen Morgen elegante Kavaliere mit prächtigem Gespann fuhren.

Der Palkighari hielt vor einem Hause von einfachem Aeußern, das aber zu Privatgebrauch nicht verwendet werden durfte. Der Polizeimann ließ seine Verhafteten aussteigen, führte sie in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern und sprach:

»Um halb neun haben Sie vor dem Richter Obadiah zu erscheinen.«

Darauf zog er sich zurück und verschloß die Thüre.

»Nun! Da sind wir im Kerker!« rief Passepartout, indem er auf einen Stuhl sank.

Mrs. Aouda wandte sich sogleich an Herrn Fogg, und sprach mit Rührung, die sie nicht verbergen konnte:

»Mein Herr, Sie müssen mich preisgeben! Um meinetwillen verfolgt man Sie! Weil Sie mich gerettet haben!«

Phileas Fogg erwiderte nur, das sei nicht möglich. Wegen dieser Entführung der Witwe verfolgt, – das war nicht anzunehmen. Die Kläger würden nicht aufzutreten wagen. Es mußte da ein Mißverständniß obwalten. Herr Fogg setzte hinzu, jedenfalls werde er die junge Frau nicht im Stiche lassen, und werde sie nach Hongkong führen.

»Aber das Boot fährt schon um zwölf Uhr ab! bemerkte Passepartout.

– Ehe es zwölf Uhr ist, werden wir an Bord sein«, erwiderte ruhig der Gentleman.

Dies sprach er mit solcher Bestimmtheit, daß Passepartout nicht umhin konnte, sich selbst zu sagen:

»Der Tausend! Das heißt doch sicher! Vor zwölf Uhr werden wir an Bord sein!« Aber beruhigt war er durchaus nicht.

Um halb neun öffnete sich die Thüre, der Polizeimann trat herein und führte die Gefangenen in den daneben befindlichen Saal. Es war ein Verhörsaal, worin ein zahlreiches Publicum von Europäern und Eingeborenen bereits den Raum füllte.

Herr Fogg, Mrs. Aouda und Passepartout nahmen Platz auf einer Bank vor den Stühlen des Richters und Gerichtsschreibers.

Der Richter Obadiah kam alsbald in Begleitung des Gerichtsschreibers. Es war ein dicker, wohlbeleibter Mann. Er holte eine Perrücke, die an einem Nagel hing, und setzte sie rasch auf.

»Die erste Sache«, sprach er.

Dann aber, die Hand am Kopfe:

»Nun! Das ist ja nicht meine Perrücke!

– Wirklich, Herr Obadiah, es ist die meinige, erwiderte der Gerichtsschreiber.

– Lieber Oysterpuff, wie kann ein Richter ein richtiges Urtheil fällen unter des Gerichtsschreibers Perrücke!«

Die Perrücken wurden getauscht. Während dieser Präliminarien saß Passepartout wie auf glühenden Kohlen, denn der Zeiger auf dem Zifferblatte der großen Uhr des Gerichtssaales schien ihm fürchterlich schnell vorzurücken.

»Die erste Sache, wiederholte der Richter Obadiah.

– Phileas Fogg? sagte der Gerichtsschreiber Oysterpuff.

– Hier bin ich, erwiderte Herr Fogg.

– Passepartout?

– Hier!

– Gut! sagte der Richter. Seit zwei Tagen erwartete man Euch bei jedem Zuge, der von Bombay kam.

– Aber weshalb sind wir verklagt? rief Passepartout voll Ungeduld.

– Das werden Sie gleich hören, versetzte der Richter.

– Mein Herr, sagte darauf Herr Fogg, ich bin englischer Bürger, und ich bin berechtigt …

– Hat man’s an Achtung fehlen lassen? fragte Obadiah.

– Durchaus nicht.

– Gut! Die Kläger sollen eintreten.«

Auf des Richters Befehl öffnete sich eine Thüre, und ein Gerichtsdiener führte drei Hindupriester herein.

»Ja wohl! brummte Passepartout, diese Kerle haben unsere junge Dame verbrennen wollen!«

Die Priester standen vor dem Richter, und der Gerichtsschreiber verlas laut eine Klage auf Tempelschändung gegen Phileas Fogg und seinen Diener, weil sie einen durch die brahmanische Religion geheiligten Ort entweiht hätten.

»Sie haben’s gehört? fragte der Richter Phileas Fogg.

– Ja, mein Herr, versetzte Herr Fogg, und ich gebe es zu.

–Ah! Sie geben es zu …

– Ich gebe es zu und erwarte, daß diese Priester ihrerseits gestehen, was sie in der Pagode zu Pillaji thun wollten.«

Die Priester sahen sich an. Sie schienen die Worte des Angeklagten nicht zu verstehen.

»Allerdings! rief Passepartout ungestüm, in der Pagode zu Pillaji, vor welcher sie ihr Opfer verbrennen wollten!«

Die Priester staunten abermals, der Richter Obadiah fragte verwundert:

»Was für ein Opfer? Verbrennen! Mitten in Bombay?

– Bombay? rief Passepartout.

– Allerdings. Von Pillaji ist keine Rede, sondern von der Pagode Malebar-Hill zu Bombay.

– Und zur Ueberführung, fügte der Gerichtsdiener bei, sind hier die Schuhe der Entweiher, und legte ein Paar Schuhe auf seinen Schreibtisch.

– Meine Schuhe!« rief voll Ueberraschung Passepartout, der die unwillkürliche Aeußerung nicht zurückhalten konnte.

Man denke sich die Verwirrung im Geiste des Herrn und Dieners. Sie hatten den Zwischenfall in der Pagode zu Bombay ganz vergessen, und wurden doch deshalb vor den Richter zu Calcutta geführt.

Wirklich hatte der Agent Fix darauf gesonnen, diesen leidigen Vorfall zu nützen. Er war noch zwölf Stunden zu Bombay geblieben und hatte da mit den Priestern von Malebar-Hill berathen; er hatte ihnen bedeutende Entschädigung zugesagt, denn er wußte, daß die englische Regierung solche Vergehen streng bestrafte; nachher hatte er sie mit dem nächsten Zuge zur Verfolgung des Tempelschänders abgeschickt. Aber in Folge des Zeitverlustes, welchen die Befreiung der Witwe verursachte, kam Fix mit seinen Hindu zu Calcutta eher an als Phileas Fogg und sein Diener, welche von der, durch eine Depesche unterrichteten Behörde beim Aussteigen verhaftet werden sollten. Wie war Fix in Verlegenheit, als er vernahm, Phileas Fogg sei noch gar nicht zu Calcutta angekommen! Er meinte, sein Dieb sei von einer Station aus in die nördlichen Provinzen geflüchtet. Vierundzwanzig Stunden lang hatte Fix in peinlichster Unruhe am Bahnhofe auf ihn gelauert. Und wie freute er sich, als er ihn endlich diesen Morgen aussteigen sah, zwar in Gesellschaft einer Frau, deren Anwesenheit er sich nicht erklären konnte. Er schickte ihm sogleich den Polizeimann auf den Hals, der, wie wir sahen, die drei Angekommenen vor den Richter Obadiah führte.

Wäre Passepartout nicht allzusehr mit der Sache beschäftigt gewesen, so hätte er den Detectiv in einer Ecke des Gerichtssaales gesehen, wie er mit großem Interesse der Verhandlung zuhörte, – denn zu Calcutta war, wie zu Bombay und Suez, der Verhaftsbefehl noch nicht angekommen!

Unterdessen hatte der Richter Obadiah das Passepartout entschlüpfte Eingeständniß protokollirt.

»Die Thatsache ist eingestanden? sagte der Richter.

– Ja, eingestanden, erwiderte Herr Fogg kalt.

– In Anbetracht, fuhr der Richter fort, in Anbetracht, daß das englische Gesetz allen Religionen der indischen Bevölkerung gleichmäßig strengen Schutz verleiht, und da Herr Passepartout sein Vergehen eingestanden hat, und überführt ist, am 20. October mit ungeweihten Füßen den Boden der Pagode Malebar-Hill zu Bombay betreten zu haben: so wird gedachter Passepartout zu vierzehn Tagen Gefängniß und einer Buße von dreihundert Pfund verurtheilt.

– Dreihundert Pfund? rief Passepartout aus.

– Still! rief der Gerichtsdiener mit kreischender Stimme.

– Und, fuhr der Richter, fort, in Betracht daß es nicht materiell bewiesen ist, daß zwischen dem Herrn und dem Diener nicht ein Einverständniß stattgefunden, daß jedenfalls der Herr für die Handlungen und Bewegungen eines von ihm besoldeten Dieners verantwortlich sein muß, wird gedachter Phileas Fogg festgehalten und zu acht Tagen Gefängniß und hundertfünfzig Pfund Buße verurtheilt. – Gerichtsdiener, holen Sie eine andere Partie!«

Fix vernahm in seiner Ecke mit unbeschreiblicher Befriedigung, wie Phileas Fogg acht Tage zu Calcutta aufgehalten werden sollte; mehr bedurfte er nicht, um seinen Verhaftsbefehl zu erhalten.

Passepartout war ganz verstört. Dieser Spruch ruinirte seinen Herrn. Eine Wette von zwanzigtausend Pfund verloren, und zwar, weil er als echter Tölpel in die verwünschte Pagode gegangen!

Phileas Fogg war so ruhig geblieben, als ginge ihn der Spruch nichts an. Aber im Moment, als eine andere Partei berufen wurde, stand er auf und sagte:

»Ich biete Caution an.

– Das steht Ihnen zu«, versetzte der Richter.

Fix erschrak, daß es ihn kalt überlief, doch erholte er sich wieder, als er vernahm, wie der Richter, »in Betracht, daß Phileas Fogg und sein Diener Ausländer« sein, die Caution für jeden von beiden auf tausend Pfund ansetzte.

Also zweitausend Pfund sollte Herr Fogg einbüßen, wenn er sich nicht rechtfertigte.

»Ich zahle«, sagte der Gentleman.

Und er holte aus dem Sacke, welchen Passepartout trug, einen Pack Banknoten, und legte sie auf das Bureau des Gerichtsschreibers.

»Diese Summe wird Ihnen wieder zugestellt werden, sowie Sie aus dem Gefängniß, kommen, sagte der Richter. Inzwischen sind Sie frei gegen die Caution.

– Kommen Sie, sagte Phileas Fogg zu seinem Diener.

– Aber meine Schuhe müssen Sie wenigstens herausgeben!« rief Passepartout mit Entrüstung.

Man gab ihm seine Schuhe zurück.

»Die kommen theuer zu stehen! brummte er. Ueber tausend Pfund einer!«

Passepartout folgte mit kläglicher Miene Herrn Fogg, welcher der jungen Frau seinen Arm bot. Fix hoffte noch, sein Dieb werde sich nicht entschließen können, die zweitausend Pfund im Stiche zu lassen, und folgte ihm auf Schritt und Tritt.

Herr Fogg nahm einen Wagen, und stieg mit Mrs. Aouda und Passepartout unverzüglich ein. Fix lief hinter dem Wagen her, der bald an einem Quai hielt.

Eine halbe Meile entfernt lag der Rangoon auf der Rhede vor Anker, die Abfahrtsflagge schon aufgepflanzt. Es schlug elf, und Herr Fogg hatte noch eine Stunde Zeit. Er verließ also den Wagen und bestieg mit Mrs. Aouda und Passepartout einen Nachen. Der Detectiv stampfte mit dem Fuße.

»Der Lumpenkerl! rief er aus. Er reist ab, läßt zweitausend Pfund im Stich! So verschwenderisch ist nur ein Dieb! Ah! Ich bleibe ihm auf der Ferse bis an’s Ende der Welt, wenn’s Noth thut; aber auf die Art wird das gestohlene Geld bald durchgebracht sein!«

Nicht ohne Grund sprach so der Polizei-Agent. Phileas Fogg hatte wirklich seit seiner Abfahrt aus London an Reisegeld und Prämien, für den Elephanten, Caution und Bußen bereits über fünftausend Pfund auf der Reise verzettelt, und die Procente der wieder beigebrachten Summe, welche den Detectiven zukommen, verminderten sich fortwährend.

Sechzehntes Capitel.

Sechzehntes Capitel.

Fix stellt sich, als wisse er nichts davon, was ihm erzählt ward.

Der Rangoon, ein Packetboot der Ostindischen Peninsular-Compagnie für den Dienst in den chinesischen und japanischen Meeren, war ein eiserner Schraubendampfer von siebenzehnhundertundsiebenzig Tonnen brutto und vierhundert Pferdekraft. Er fuhr ebenso schnell wie der Mongolia, war aber nicht so bequem eingerichtet. Darum war auch für Mrs. Aouda nicht so gut gesorgt, als Phileas Fogg gewünscht hätte. Zudem handelte sich’s nur um eine Fahrt von dreitausendfünfhundert Meilen, elf bis zwölf Tage, und die junge Frau war kein peinlicher Passagier.

Während der ersten Tage dieser Fahrt lernte Mrs. Aouda den Herrn Phileas Fogg näher kennen. Bei jeder Gelegenheit gab sie ihm die innigste Dankbarkeit zu erkennen. Der phlegmatische Gentleman hörte sie, dem Anschein nach, äußerst kühl an, ohne durch eine Betonung, eine Handbewegung die geringste Gemüthsbewegung zu verrathen. Er wachte darüber, daß es der jungen Frau an nichts mangelte; kam regelmäßig zu gewissen Zeiten, wo nicht zum Plaudern, doch um ihr zuzuhören. Er erfüllte gegen sie auf’s Strengste die Pflichten der Höflichkeit, aber mit der Grazie und Unmittelbarkeit eines Automaten mit eigens dafür eingerichteten Bewegungen. Mrs. Aouda wußte nicht recht, was sie von ihm halten sollte, aber Passepartout gab ihr in Kürze Auskunft über das sonderbare Wesen seines Herrn. Sie lächelte ein wenig; aber sie verdankte ihm ihr Leben, und ihr Retter konnte dadurch nichts verlieren, daß sie ihn mit dankbarem Auge ansah.

Mrs. Aouda bestätigte die rührende Geschichte, welche der Hinduführer von ihr erzählt hatte. Sie gehörte allerdings der Race an, welche unter den Eingeborenen den ersten Rang behauptet. Manche parsische Kaufleute haben durch Baumwollenhandel in Indien großes Vermögen erworben. Ein solcher, Sir James Jejeebhoy, war von der englischen Regierung in den Adelstand erhoben worden, und Mrs. Aouda war eine Verwandte dieses reichen Mannes, welcher zu Bombay wohnte. Und eben einen Vetter des Sir Jejeebhoy, den ehrenwerthen Jejee, wünschte sie zu Hongkong aufzusuchen. Ob sie Zuflucht und Beistand bei ihm finden würde, konnte sie nicht behaupten. Herr Fogg antwortete hierauf, sie möge nur ganz ruhig sein, es werde sich Alles mathematisch genau regeln! So pflegte er sich auszudrücken.

Ob die junge Frau diesen horribeln Ausdruck verstand, muß dahingestellt bleiben. Doch ruhten ihre großen Augen auf denen des Herrn Fogg, ihre großen Augen, die so klar waren, wie die heiligen Seen des Himalaya! Aber der spröde Herr Fogg, so zugeknöpft wie jemals, schien nicht ein Mann zu sein, der fähig wäre, sich in diesen See zu stürzen.

Dieser erste Theil der Fahrt des Rangoon verlief unter vortrefflichen Umständen. Das Wetter war leidlich. Diese ganze Partie des unermeßlichen Bengalischen Busens war der raschen Fahrt günstig. Der Rangoon bekam bald Groß-Andaman in Sicht, die Hauptinsel der Gruppe, welche durch das malerische, zweitausendvierhundert Fuß hohe Gebirge Saddle-Peack den Seefahrern weithin kenntlich ist.

Man fuhr längs der Küste ziemlich nahe vorbei. Die wilden Papua’s der Insel ließen sich nicht sehen. Es sind zwar Geschöpfe, die auf der untersten Stufe menschlicher Bildung stehen, aber Menschenfresser sind sie doch nicht.

Die Inseln bildeten ein prachtvolles Panorama. Im Vordergrunde war es mit ungeheurer Waldung, Pisang, Areka, Bambus, Muskat, Thekbäumen, riesenhaften Mimosen, baumartigen Farrenkräutern bedeckt, und den Hintergrund bildeten elegante Gebirgssilhouetten. Die Küsten wimmelten von Tausenden köstlicher Salanganen, deren eßbare Nester im himmlischen Reich ein beliebtes Gericht bilden. Aber dieses bunte Schauspiel, welches die Andamanengruppe den Blicken darbot, flog schnell vorüber, und der Rangoon fuhr rasch der Straße von Malacca zu, um durch dieselbe in’s Chinesische Meer zu gelangen.

Was trieb während dieser Fahrt der Agent Fix, den sein Unstern in diese Rundfahrt fortgerissen hatte?

Nachdem er zu Calcutta Auftrag gegeben, daß ihm der Verhaftsbefehl, wenn er endlich ankomme, nach Hongkong nachgeschickt würde, war es ihm gelungen, sich, ohne von Passepartout bemerkt zu werden, an Bord des Rangoon einzuschiffen, und er hoffte wohl seine Anwesenheit auf demselben bis zur Ankunft des Packetbootes geheim zu halten. Es wäre ihm in der That auch schwer gewesen, über den Grund seiner Anwesenheit an Bord sich auszusprechen, ohne bei Passepartout, der glauben mußte, er sei zu Bombay geblieben, Verdacht zu erregen. Aber die Logik der Umstände brachte ihn doch dazu, die Bekanntschaft mit dem braven Jungen wieder anzuknüpfen. Wie das kam, wird sich gleich zeigen.

Alle Hoffnungen, alle Wünsche des Polizei- Agenten waren jetzt auf einen einzigen Punkt concentrirt, Hongkong; denn das Packetboot hielt zu kurze Zeit bei Singapore an, um in dieser Stadt etwas vornehmen zu können. Es mußte also zu Hongkong die Verhaftung erfolgen, oder der Dieb entwischte ihm ohne Möglichkeit seiner habhaft zu werden.

Hongkong war in der That noch der einzige Fleck englischen Landes auf der ganzen Reise. Weiter hinaus boten China, Japan, Amerika dem Herrn Fogg eine sichere Zuflucht. Zu Hongkong aber, wenn er endlich den ihm nachgesendeten Verhaftsbefehl bekäme, wollte Fix die Verhaftung Fogg’s vornehmen, und ihn der Localpolizei überliefern. Damit hatte es keine Schwierigkeit. Aber über Hongkong hinaus reichte ein bloßer Verhaftsbefehl nicht hin. Es mußte eine förmliche Auslieferung stattfinden, welche Zögerungen und Hindernisse aller Art mit sich führte, die der Schurke benutzen konnte, ihm definitiv zu entrinnen. Konnte die Verhaftung zu Hongkong nicht stattfinden, so würde es, wo nicht unmöglich, doch höchst schwierig sein, sie mit irgend einer Aussicht auf Erfolg noch vorzunehmen.

»Also, sagte sich Fix wiederholt, während ihm in seiner Cabine die Zeit lang ward, also, entweder der Verhaftsbefehl wird zu Hongkong sein, und ich fasse meinen Mann ab, oder er ist noch nicht da, und dann muß ich um jeden Preis seine Abreise verhindern! Ich bin mit meinem Plane zu Bombay durchgefallen, und zu Calcutta! Wenn ich zu Hongkong meinen Zweck verfehle, so ist mein Ruf dahin! Koste es, was es wolle, jetzt muß ich zum Ziel. Aber was kann ich machen, um nöthigenfalls die Weiterreise dieses verfluchten Fogg zu hindern?«

Wenn alles sonst fehlschlüge, war Fix entschlossen, dem Passepartout alles zu offenbaren, ihn seinen Herrn, dessen Schuld er sicherlich nicht theilte, kennen zu lehren. Wäre Passepartout über den Sachverhalt aufgeklärt, so müsse er, aus Besorgniß für mitschuldig angesehen zu werden, ohne Zweifel mit ihm, Fix, gemeine Sache machen. Doch war dies immer ein gewagtes Mittel, das nur in Ermangelung jedes andern angewendet werden dürfe. Passepartout könnte ja durch ein einziges Wort bei seinem Herrn den Handel gänzlich verderben.

Der Polizei-Agent war demnach in äußerster Verlegenheit, als die Anwesenheit der Mrs. Aouda an Bord des Rangoon in Gesellschaft Phileas Fogg’s ihm eine neue Perspective eröffnete. Wer war diese Frau? Welches Zusammenwirken von Umständen hatte sie zur Begleiterin Fogg’s gemacht? Offenbar waren sie zwischen Bombay und Calcutta mit einander in Verbindung gekommen. Aber auf welchem Punkte der Halbinsel? Sollte der Zufall das jugendliche Weib an Phileas Fogg’s Seite geführt haben? Im Gegentheil, war es nicht Zweck dieser Reise durch Indien, mit dieser reizenden Person zusammen zu kommen? denn reizend war sie doch gewiß! Fix hatte sie im Verhörsaal zu Calcutta wohl bemerkt.

Man begreift, wie sehr der Agent von Neugierde gestachelt sein mußte. Er fragte sich, ob nicht eine verbrecherische Entführung dabei im Spiele gewesen. Ja! Das mußte wohl der Fall sein! Dieser Gedanke setzte sich im Gehirn unseres Fix fest, und er sah wohl ein, welchen Vortheil er aus diesem Umstande ziehen konnte. Mochte diese junge Frau verheiratet sein, oder nicht, eine Entführung fand statt, und es war möglich, dem Entführer zu Hongkong Verlegenheiten der Art zu bereiten, daß er sich nicht durch sein Geld aus denselben herausziehen konnte.

Aber man durfte nicht die Ankunft des Rangoon zu Hongkong abwarten. Dieser Fogg hatte die abscheuliche Gewohnheit, aus einem Dampfboot in das andere gleichsam hinüber zu springen, und bevor noch die Sache angefaßt worden, konnte er schon in weiter Ferne sein.

Es war also von Wichtigkeit, die englischen Behörden zum Voraus in Kenntniß zu setzen, und die Ankunft des Rangoon zu signalisiren, bevor er aussteigen konnte. Nun war dies ganz leicht, weil das Packetboot zu Singapore Erfrischungen einnahm, und Singapore durch einen Telegraphen mit der chinesischen Küste in Verbindung stand.

Doch beschloß Fix, bevor er handelte, um sicherer zu gehen, Passepartout zu befragen. Er wußte, daß es nicht sehr schwer war, diesen Jungen zum Plaudern zu bringen, und entschloß sich, sein bisheriges Incognito aufzugeben. Aber es war keine Zeit zu verlieren. Es war der 31. October, und am folgenden Tage sollte der Rangoon bei Singapore anlegen.

Also begab sich Fix an diesem Tage aus seiner Cabine auf’s Verdeck, in der Absicht, Passepartout zuerst anzureden, und zwar mit Aeußerung der größten Ueberraschung. Passepartout spazierte eben auf dem Vordertheile, als der Agent auf ihn zustürzte und rief:

»Sie, auf dem Rangoon!

– Herr Fix an Bord! erwiderte Passepartout, höchlich erstaunt, als er seinen Reisegefährten auf dem Mongolia erkannte. Wie? ich verlasse Sie zu Bombay, und finde Sie wieder auf dem Wege nach Hongkong! Aber, Sie reisen ja ebenfalls um die Erde?

– Nein, nein, erwiderte Fix, und ich denke mich zu Hongkong aufzuhalten, – einige Tage wenigstens.

– So! sagte Passepartout, dem Anschein nach etwas erstaunt. Aber wie kommt’s, daß ich Sie nicht seit unserer Abfahrt aus Calcutta an Bord gesehen habe?

– Wahrhaftig, ein Unwohlsein … ein wenig Seekrankheit … Ich blieb zu Bette in meiner Cabine … Ich vertrage den Golf von Bengalen nicht ebenso gut, wie das Indische Meer. Und Ihr Herr Phileas Fogg?

– Vollkommen wohl, und so pünktlich, wie sein Reisebüchlein! Um keinen Tag zu spät! Ei! Herr Fix, Sie wissen’s wohl nicht, daß wir auch eine junge Dame in unserer Gesellschaft haben.

– Eine junge Dame?« fragte der Agent, der sich stellte, als verstehe er nicht, was sein Begleiter sagen wollte.

Doch setzte ihn Passepartout bald in Kenntniß davon, was vorgegangen war. Er erzählte den Vorfall in der Pagode zu Bombay, den Ankauf des Elephanten für zweitausend Pfund, wie’s bei der Verbrennung herging, wie sie Aouda befreiten, wie das Tribunal zu Calcutta sie verurteilte und gegen Caution wieder frei gab. Fix, dem die letzteren Vorfälle bekannt waren, stellte sich, als wisse er’s nicht, und Passepartout konnte nicht dem Reiz widerstehen, einem Zuhörer, der soviel Interesse dafür zeigte, seine Abenteuer herzuerzählen.

»Aber, schließlich, fragte Fix, hat denn Ihr Herr die Absicht, die junge Frau nach Europa mit zu nehmen?

– Nein, Herr Fix! Wir wollen Sie nur der Obhut eines Verwandten übergeben, der ein reicher Kaufmann zu Hongkong ist.

– Nichts zu machen! sagte sich der Detectiv, indem er seinen Aerger verbiß. Ein Gläschen Gin, Herr Passepartout?

– Recht gern, Herr Fix. Zum Mindesten wollen wir eins auf unsere Begegnung an Bord des Rangoon trinken!«

Siebenzehntes Capitel.

Siebenzehntes Capitel.

Von Singapore nach Hongkong.

Seit diesem Tage begegneten sich Passepartout und der Polizei-Agent häufig, aber derselbe beobachtete seinem Gefährten gegenüber die äußerste Rückhaltung, und machte keinen Versuch, ihn zum Plaudern zu bringen. Nur ein- oder zweimal bekam er Herrn Fogg flüchtig zu sehen, der gern im großen Salon des Rangoon blieb, sei’s um Mrs. Aouda Gesellschaft zu leisten oder nach seiner unabänderlichen Gewohnheit Whist zu spielen.

Passepartout war darauf gekommen, sich über sonderbaren Zufall, daß Fix sich abermals auf dem gleichen Wege mit seinem Herrn finden ließ, ernstliche Gedanken zu machen. Und in der That war es mindestens zum Erstaunen. Dieser sehr liebenswürdige, gewiß recht gefällige Gentleman, mit welchem man zuerst zu Suez zusammentrifft, geht auf dem Mongolia mit zu Schiffe, steigt zu Bombay, wo er bleiben zu müssen vorgiebt, aus, und läßt sich zur Reise nach Hongkong wieder auf dem Rangoon finden, kurz, Schritt für Schritt nach des Herrn Fogg’s Reisevorschrift: das mußte nachdenklich machen. Es war wenigstens ein sonderbares Zusammentreffen. Worauf hatte Fix es abgesehen? Passepartout war bereit, seine Pantoffeln – die er als etwas Kostbares aufhob – zu verwetten, daß Fix zugleich mit ihnen Hongkong verlassen würde, vermutlich auf dem nämlichen Packetboot.

Er wäre nie auf den Gedanken gekommen, daß man dem Herrn Phileas Fogg als wie einem Dieb, um den ganzen Erdball herum auf der Ferse folge. Aber da es in der menschlichen Natur liegt, sich über alles eine Erklärung zu geben, so deutete sich Passepartout, dem plötzlich ein Licht aufging, die fortdauernde Anwesenheit des Fix auf folgende, wirklich glaubhafte Weise. In Wirklichkeit, dachte er sich, war Fix – anders war’s nicht möglich – nur ein Agent, welchen des Herrn Fogg’s Collegen im Reformclub ihm nachgesendet hatten, um zu constatiren, daß die Reise regelmäßig um die Erde herum, der Reisevorschrift gemäß, ausgeführt würde.

»Ganz offenbar! wiederholte sich der brave Junge, der auf seinen Scharfsinn ganz stolz war. Es ist ein von jenen Gentlemen uns nachgeschickter Spion. Das ist doch unwürdig! Der rechtschaffene, so ehrenhafte Herr Fogg! Durch einen Agenten ausspüren zu lassen! Ah! Meine Herren vom Reformclub, das soll Ihnen theuer zu stehen kommen!« Passepartout, der sich höchlich seiner Entdeckung freute, entschloß sich jedoch, seinem Herrn nichts davon zu sagen, aus Besorgniß, solches Mißtrauen von Seiten seiner Gegner möge ihn beleidigen. Aber er nahm sich vor, den Fix dafür bei Gelegenheit, mit verdeckten Worten und ohne sich Blößen zu geben, etwas zum Besten zu haben.

Am Mittwoch den 30. October Nachmittags lief der Rangoon in die Straße von Malacca ein, welche die Halbinsel dieses Namens von Sumatra scheidet. Die große Insel war den Passagieren durch kleine, sehr steile, sehr malerische Inselchen verdeckt.

Am folgenden Tage, um vier Uhr früh, hielt der Rangoon, nachdem er einen halben Tag von der regelmäßigen Fahrt gewonnen, zu Singapore an, um sich mit Kohlen zu versehen.

Phileas Fogg trug diesen Vorsprung auf die Gewinnspalte ein, und begab sich diesmal an’s Land, um Mrs. Aouda zu begleiten, welche gewünscht hatte, einige Stunden eine Spazierfahrt zu machen.

Fix, dem jeder Schritt Fogg’s verdächtig schien, folgte ihm nach, ohne sich bemerkbar zu machen. Passepartout, der im Stillen über dies Benehmen des Fix lachte, machte wie gewöhnlich Einkäufe.

Die Insel Singapore ist weder groß, noch von imponirendem Aussehen. Es fehlt ihr an Gebirg, d. h. an Bergprofilen. Doch ist sie trotz dieses Mangels reizend; sie ist ein von schönen Wegen durchschnittener Park. Mrs. Aouda und Phileas Fogg fuhren in einer hübschen Equipage mit einem Gespann eleganter, aus Neu-Holland eingeführter Pferde unter dichten Palmbäumen mit glänzenden Blättern, und Gewürznägeleinbäume, Gebüsche von Pfeffergesträuch standen da wie Dornhecken auf europäischen Feldern; Sagobäume und hohe Farrenträuter mit prächtigem Gezweig machten den Anblick dieser Tropengegend bunt; Muskatbäume mit lackirtem Laub tränkten die Luft mit Wohlgerüchen. Muntere, possenhafte Affen belebten das Gehölz, und vielleicht hausten auch Tiger im Schilf. Wer sich darüber wundern möchte, daß auf dieser verhältnißmäßig so kleinen Insel diese reißenden Thiere nicht gänzlich ausgerottet sind, dem diene zur Antwort, daß sie die Meerenge durchschwimmend von der Halbinsel herüberkommen.

Nachdem Mrs. Aouda und ihr Gefährte, der zwar schaute, aber nichts sah, zwei Stunden lang auf der Ebene herumgefahren, kehrten sie zur Stadt zurück, die aus einem ungeheuern Haufen plumper und platter Häuser besteht, umgeben von reizenden Gärten mit Mangusten, Ananas und allen besten Früchten der Welt.

Um zehn Uhr kamen sie wieder zum Packetboot, stets unvermerkt von dem Agenten begleitet, der ebenfalls sich hatte mit einer Equipage in Kosten stecken müssen.

Passepartout erwartete sie auf dem Verdeck des Rangoon. Der wackere Bursche hatte einige Dutzend Manguste gekauft, von der Größe mittlerer Aepfel, außen dunkelbraun, innen grell roth mit einer weißen Frucht, die zwischen den Lippen schmelzend die echtesten Feinschmecker erquickt. Passepartout schätzte sich glücklich, sie der Mrs. Aouda anbieten zu können, und sie dankte ihm mit vieler Grazie.

Um elf Uhr hatte der Rangoon seine Kohlenladung eingenommen, lichtete die Anker, und nach einigen Stunden schwanden den Passagieren die hohen Berge von Malacca aus dem Gesicht, in deren Wäldern die schönsten Tiger der Welt hausen.

Singapore ist noch ungefähr dreizehnhundert Meilen von der Insel Hongkong entfernt, einem kleinen Fleck englischen Landes, der von der chinesischen Küste getrennt ist. Phileas Fogg hatte nöthig, diese Strecke in höchstens sechs Tagen zurückzulegen, um zu Hongkong das Dampfboot benutzen zu können, welches am 6. November nach Yokohama, einem der bedeutendsten Häfen Japans, abging.

Der Rangoon war stark beladen. Es waren zu Singapore zahlreiche Passagiere eingestiegen, Hindu, Ceylonesen, Chinesen, Malayen, Portugiesen, welche zum größten Theil auf dem zweiten Platz fuhren.

Die bisher ziemlich gute Witterung änderte sich mit dem letzten Mondviertel. Die See ging hoch und der Wind wehte manchmal stark, aber glücklicher Weise aus Südosten, wodurch die Fahrt gefördert wurde. Wenn es thunlich war, ließ der Kapitän die Segel aufspannen. Der Rangoon, als Brigg getakelt, fuhr oft mit seinen beiden Mastsegeln und dem Focksegel, und seine Schnelligkeit wurde durch die doppelte Wirkung des Dampfes und des Windes verstärkt. Auf diese Weise fuhr man, auf gebrochenen Wellen, bisweilen mit Anstrengung längs den Küsten von Annam und Cochinchina.

Aber der Fehler lag weit mehr am Rangoon, als am Meer, und dem Packetboot hatten die Passagiere, welche meist krank wurden, die Schuld dieser Beschwerden zuzuschreiben.

In der That leiden die Schiffe der Peninsular-Compagnie, welche die Meere Chinas befahren, an einem ernstlichen Fehler im Bau. Das Verhältniß ihrer Wassertracht bei Beladung zu ihrem Hohl war nicht richtig berechnet, und daher bieten sie dem Meere nur schwachen Widerstand. Ihr geschlossener, dem Wasser nicht zugänglicher Raum ist unzureichend. Sie gehen zu tief im Wasser, und in Folge dieser Beschaffenheit reichen schon einige Wurf Meerwasser hin, um ihren Lauf zu ändern.

Daher mußte man, der üblen Witterung wegen, große Vorsicht anwenden. Manchmal mußte man beilegen, bei geringem Dampf; ein Zeitverlust, welcher auf Phileas Fogg gar keinen Eindruck zu machen schien, während Passepartout dadurch äußerst aufgeregt wurde. Dann machte er dem Kapitän, dem Maschinisten, der Compagnie Vorwürfe.

»Aber Sie haben doch gar zu sehr Eile, nach Hongkong zu kommen? fragte ihn einst der Detectiv Fix.

– Ja wohl! erwiderte Passepartout.

– Meinen Sie, daß Herr Fogg zu eilen hat, um auf das Packetboot nach Yokohama zu kommen?

– Erschrecklich zu eilen.

– Sie glauben also jetzt an die seltsame Reise um die Erde?

– Durchaus. Und Sie, Herr Fix?

– Ich? Ich glaube nicht daran.

– Possenreißer!« versetzte Passepartout und blinzelte mit den Augen.

Dieses Wort machte dem Agenten Gedanken. Diese Bezeichnung beunruhigte ihn, ohne daß er recht wußte, weshalb. Hatte der Franzose ihn durchschaut? Er wußte nicht, was er davon zu halten hatte. Aber wie hätte Passepartout seine Eigenschaft als Detectiv, wovon Niemand sonst etwas wußte, entdecken können? Und doch mußte Passepartout, indem er sich so ausdrückte, sicherlich einen Hintergedanken haben.

Es traf sich sogar, daß der wackere Junge ein andermal noch weiter ging; aber es überwältigte ihn, er konnte seine Zunge nicht bemeistern.

»Sehen Sie, Herr Fix, fragte er ihn mit schelmischem Tone, werden wir, wenn wir zu Hongkong sind, so unglücklich sein, Ihre Begleitung zu verlieren?

– Nun, erwiderte Fix in Verlegenheit, ich weiß nicht! … Vielleicht, daß…

– Ah! sagte Passepartout, wenn Sie in unserer Gesellschaft blieben, das wäre für mich ein Glück! Sehen Sie, ein Agent der Peninsular-Compagnie könnte sich unterwegs nicht aufhalten! Sie wollten nur nach Bombay, und nun sind wir bald in China! Von da nach Amerika ist nicht weit, und aus Amerika nach Europa ist jetzt nur ein Schritt!«

Fix sah seinen Genossen scharf an, und dieser zeigte ihm das liebenswürdigste Gesicht von der Welt, und er lachte mit ihm. Dieser aber, in guter Laune, fragte ihn, »ob ihm dieses Geschäft viel eintrage?«

»Ja und nein, erwiderte Fix, ohne eine Miene zu verziehen. Es giebt gute und schlechte Geschäfte. Aber Sie begreifen wohl, ich reise nicht auf eigne Kosten!

– O! in der Hinsicht, das glaub‘ ich wohl!« rief Passepartout, und lachte noch heller.

Als diese Unterhaltung zu Ende war, begab sich Fix in seine Cabine und sann über die Sache nach. Offenbar war er durchschaut. Auf irgend eine Weise hatte der Franzose seine Eigenschaft als Detektiv erkannt. Aber hatte er dies seinem Herrn mitgetheilt? Welche Rolle spielte er bei alledem? War er mitschuldig oder nicht? War die Sache ausgewittert, und folglich verfehlt? Der Agent verbrachte so einige peinliche Stunden, indem er bald alles für verloren hielt, bald hoffte, Fogg wisse nichts davon, schließlich ohne zu wissen, was er thun solle.

Inzwischen wurde sein Gehirn wieder ruhig, und er entschloß sich, offen mit Passepartout zu reden. Fände er sich in der gewünschten Lage, um Herrn Fogg zu Hongkong verhaften zu können, und schickte sich Herr Fogg an, nun gänzlich das englische Gebiet zu verlassen, so wollte er, Fix, Alles dem Passepartout heraussagen. Entweder der Diener war Mitschuldiger seines Herrn, – und dieser wußte alles, und dann war alles gänzlich verdorben – oder der Diener war bei dem Diebstahl nicht betheiligt, dann läge es in seinem Interesse, sich von dem Diebe loszusagen.

So standen also diese beiden Männer zu einander, und über ihnen schwebte Phileas Fogg in majestätischem Gleichmuth. Er vollendete vernunftgemäß seine Kreisbahn um die Erde, ohne sich um die Asteroiden, die um ihn gravitirten, zu kümmern.

Und doch befand sich in der Nähe – um einen astronomischen Ausdruck zu gebrauchen, – ein störendes Gestirn, welches auf das Herz dieses Gentleman einigermaßen hätte beunruhigend wirken müssen. Aber nein! Zu großem Befremden Passepartouts wirkten Mrs. Aouda’s Reize gar nicht, und wenn Störungen stattfanden, so wären sie schwerer zu berechnen gewesen, als die des Uranus, welche die Entdeckung des Neptun veranlaßten.

Ja! Passepartout staunte täglich von Neuem, wenn er in den Augen der jungen Frau soviel dankbare Hingebung gegen seinen Herrn las! Ganz gewiß hatte Phileas Fogg nur so viel Herz, als erforderlich war, um sich heroisch zu benehmen; aber für Liebesgefühle nicht! Von Besorgnissen, welche die Wechselfälle dieser Reise in ihm hervorrufen konnten, keine Spur. Aber Passepartout selbst lebte in steten Aengsten. Einmal sah er bei einer heftigen Stampfbewegung Dampf aus den Klappen herausdringen, da rief er zornig: »Die Klappen sind nicht gehörig beschwert! Man kommt nicht vorwärts! Seht da die Engländer! Auf einem amerikanischen Schiffe flöge man vielleicht in die Luft, aber man führe auch rascher!«

Erstes Capitel.

Erstes Capitel.

Phileas Fogg und Passepartout nehmen sich einander als Herr und Diener an.

Im Jahre 1872 wohnte in dem Hause Nummer 7, Saville-Row, Burlington Gardens, – worin Sheridan im Jahre 1814 starb, – Phileas Fogg, Sq., eines der ausgezeichnetsten und hervorragendsten Mitglieder des Reformclubs zu London, der jedoch dem Anschein nach beflissen war nichts zu thun, was Aufsehen erregen konnte.

Dieser Phileas Fogg, also Nachfolger eines der größten Redner, welche Englands Zierde sind, war ein rätselhafter Mann, von dem man nichts weiter wußte, als daß er ein recht braver Mann und einer der schönsten Gentlemen der vornehmen Gesellschaft sei.

Man sagte, er gleiche Byron – sein Kopf, denn seine Füße waren tadellos, – aber ein Byron mit Schnurr- und Backenbart, ein Byron mit leidenschaftslosen Zügen, der tausend Jahre alt werden konnte, ohne zu altern.

Ein echter Engländer unstreitig, war Phileas Fogg vielleicht kein Londoner. Man sah ihn nie auf der Börse, noch auf der Bank, noch auf irgend einem Comtoir der City. Nie sah man in den Bassins und Doggs zu London ein Schiff, dessen Eigner Phileas Fogg gewesen wäre. In keinem Comité der Verwaltung hatte dieser Gentleman einen Platz; nie hörte man seinen Namen in einem Advocaten-Colleg, oder im Temple, in Lincoln’s-Inn oder Gray’s-Inn. Er plaidirte niemals, weder beim Obergerichtshof noch bei der Kingsbench, beim Schatzkammergericht oder einem geistlichen Hof. Er war weder ein Industrieller, noch ein Großhändler, noch Kaufmann oder Landbauer. Er gehörte weder dem Königlichen Institut, noch dem Institut von London, noch sonst irgend einer Anstalt der Kunst, Wissenschaft oder Gewerbe an; noch endlich einer der zahlreichen Gesellschaften, wovon die Hauptstadt Englands wimmelt, von der Harmonie bis zur entomologischen Gesellschaft, welche hauptsächlich den Zweck verfolgt, die schädlichen Insecten zu vertilgen.

Phileas Fogg war Mitglied des Reformclubs, nichts weiter.

Wundert man sich, daß ein so mysteriöser Gentleman unter den Gliedern dieser ehrenwerthen Gesellschaft zählte, so dient zur Antwort, daß er auf Empfehlung des Hauses Gebr. Baring, wo er sein Geld angelegt hatte, Aufnahme fand. Daher ein gewisses Ansehen, welches er dem Umstand verdankte, daß von dem Soll seines Conto-Corrents seine Wechsel bei Sicht pünktlich gezahlt wurden.

War dieser Phileas Fogg reich? Unstreitig. Aber wie er sich dies Vermögen gemacht, konnten die Bestunterrichteten nicht sagen, und Herr Fogg war der Letzte, an den man sich wenden durfte, um es zu erfahren. Jedenfalls war er nicht verschwenderisch, aber auch nicht geizig; denn überall, wo es für eine edle, nützliche oder großmüthige Sache an einem Betrag mangelte, schoß er ihn im Stillen bei, und selbst anonym.

Im Allgemeinen war dieser Gentleman sehr wenig mittheilsam. Er sprach so wenig wie möglich, und schien um so geheimnisvoller, als er schweigsam war. Doch lag seine Lebensweise Jedem vor Augen, aber was er that, war so mathematisch stets eins und dasselbe, daß die unbefriedigte Einbildungskraft weiter hinaus forschte.

Hatte er Reisen gemacht? Vermutlich, denn kein Mensch war besser wie er in aller Welt auf der Karte bekannt. Auch von dem entlegensten Ort schien er genaue Kenntniß zu haben. Manchmal wußte er, doch in wenigen, kurzen und klaren Worten, die tausend Aeußerungen, welche im Club über verlorene oder verirrte Reisende circulirten, zu berichtigen, und seine Worte schienen oft wie von einem zweiten Gesicht eingegeben, denn jedes Ereignis rechtfertigte sie schließlich. Es war ein Mann, der überall hin – im Geiste wenigstens, gereist sein mußte.

Zuverlässig jedoch war Phileas Fogg seit vielen Jahren nicht aus London hinaus gekommen. Wer ihn etwas näher zu kennen die Ehre hatte, bezeugte, daß kein Mensch ihn je wo anders gesehen, als auf dem geraden Wege von seinem Hause zum Club, den er tagtäglich machte. Sein einziger Zeitvertreib bestand im Lesen der Journale und im Whistspiel. Bei diesem schweigsamen Spiel, welches so sehr seiner Natur angemessen war, gewann er oft, aber seine Gewinnste flossen nie in seine eigene Börse, sondern bildeten einen erheblichen Posten auf seinem Barmherzigkeits-Conto. Uebrigens ist wohl zu merken Herr Fogg spielte offenbar um des Spieles willen, nicht um zu gewinnen. Das Spiel war ihm ein Ringen mit einer Schwierigkeit, das jedoch keine Bewegung, keine Platzveränderung, keine Ermüdung kostete, und das paßte zu seinem Charakter.

Man wußte bei Phileas Fogg nichts von Weib oder Kind – was den honnettesten Menschen passiren kann – noch von Verwandten oder Freunden, was allerdings seltener ist. Phileas Fogg war der einzige Bewohner seines Hauses Saville-Row, und kein Mensch sonst kam in dasselbe hinein, einen einzigen Diener ausgenommen, der ihm genügte. Was im Innern desselben vorging, davon war niemals die Rede. Er frühstückte und speiste zu Mittag im Club, zu chronometrisch bestimmten Stunden, in demselben Saal, an demselben Tische, tractirte niemals einen Collegen, lud nie einen auswärts ein, und kehrte nur zum Schlafen, Punkt zwölf Uhr Nachts, nach Hause, ohne jemals von den wohnlichen Gemächern Gebrauch zu machen, welche der Reformclub für seine Mitglieder zur Verfügung hält. Von vierundzwanzig Stunden brachte er zehn in seiner Wohnung zu, theils zum Schlafen, theils zur Beschäftigung mit seiner Toilette. Spazieren ging er unabänderlich, mit gleich gemessenem Schritt in dem mit eingelegter Arbeit parquettirten Eingangssaal oder auf dem Rundgang, über welchem ein blaues Glasgewölbe auf zwanzig jonischen Säulen von rothem Porphyr ruhte. Bei der Mahlzeit oder dem Frühstück lieferten die Küche und Speisekammer, die Conditorei, der Fischbehälter und die Milchstube ihre besten Gerichte; die Clubdiener, gesetzte Leute in schwarzer Kleidung und mit Multonschuhen, bedienten ihn auf besonderem Porcellan und Tafelweißzeug von kostbarer sächsischer Leinwand; seinen Sherry oder Porto, seinen mit feinstem Zimmt und Frauenhaar gemischten Claret trank er aus dem seltensten Krystall des Clubs; und das Eis, welches der Club mit schweren Kosten aus den Seeen Amerika’s bezog, erhielt seinen Trunk in erquicklicher Frische.

Wenn man ein Leben in solchen Verhältnissen excentrisch nennt, so muß man zugeben, daß Excentricität etwas Gutes enthält!

Das nicht eben prachtvolle Haus in Saville-Row empfahl sich durch größte Bequemlichkeit. Uebrigens beschränkte sich, bei den unabänderlichen Gewohnheiten des Miethers, seine Bedienung auf geringe Anforderungen. Doch verlangte Phileas Fogg von seinem einzigen Diener eine außerordentliche Pünktlichkeit und Regelmäßigkeit. An diesem Tage, 2. October, hatte Phileas Fogg seinen Burschen James Forster entlassen, weil er ihm zum Rasiren Wasser gebracht hatte, das vierundachtzig anstatt sechsundachtzig Grad Fahrenheit heiß war, und er erwartete den Nachfolger desselben, welcher sich zwischen elf und halb zwölf Uhr ihm vorstellen sollte.

Phileas Fogg saß breit in seinem Fauteuil, beide Füße bei einander, wie ein Soldat auf der Parade, die Hände auf die Kniee gestützt, den Leib gerade, den Kopf aufrecht, und sah auf die Pendeluhr, welche Stunden, Minuten, Secunden, Tag und Datum anzeigte. Nach seiner Gewohnheit sollte Herr Fogg Schlag halb zwölf Uhr sich aus dem Hause auf den Reformclub begeben.

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thüre des kleinen Salons, worin sich Phileas Fogg aufhielt.

Der verabschiedete Diener trat ein.

»Der neue Diener«, sagte er.

Ein Bursche von etwa dreißig Jahren trat ein und grüßte.

»Sie sind Franzose und heißen John?« fragte Phileas Fogg.

– Jean, belieben mein Herr, erwiderte der neue Diener, Jean Passepartout, ein Beiname, der mein natürliches Geschick, mich aus Verlegenheiten zu ziehen, bezeichnet. Ich glaube ein braver Bursche zu sein, mein Herr, doch, offen gesagt, ich habe schon mehrere Geschäfte getrieben. Ich war Bänkelsänger, Bereiter in einem Circus, voltigirte wie Leotard, und tanzte auf dem Seile gleich Blondin; darauf bin ich Lehrer der Gymnastik geworden, um meine Talente nützlicher zu machen, und zuletzt Sergeant bei den Pompiers zu Paris. Ich habe merkwürdige Brände auf meiner Liste. Nun aber habe ich bereits seit fünf Jahren Frankreich verlassen, und bin, um das Familienleben zu genießen, Kammerdiener in England. Da ich jetzt ohne Stelle bin, und vernommen habe, Herr Phileas Fogg sei der pünktlichste und eingezogenste Mann im Vereinigten Königreiche, so habe ich mich dem Herrn vorgestellt, in Hoffnung, bei demselben ruhig zu leben, und selbst den Namen Passepartout zu vergessen …

– Passepartout ist ganz passend für mich, erwiderte der Gentleman. Sie sind mir empfohlen. Man hat mir gute Auskunft über Sie gegeben. Sie wissen meine Bedingungen?

– Ja, mein Herr.

– Gut. Wieviel Uhr haben Sie?

– Elf Uhr zweiundzwanzig Minuten, erwiderte Passepartout, indem er eine große silberne Uhr aus seiner Hosentasche hervorzog.

– Sie sind in der Zeit zurück, sagte Herr Fogg.

– Verzeihen Sie, mein Herr, aber es ist nicht möglich.

– Um vier Minuten sind Sie zurück. Gleichviel. Merken wir uns nur die Abweichung. Also, von diesem Augenblicke an, elf Uhr neunundzwanzig Minuten Vormittags, Mittwochs, 2. October 1872, sind Sie in meinem Dienst.«

Hierauf stand Phileas Fogg auf, nahm seinen Hut in die Linke, setzte ihn mit einer automatischen Bewegung auf und verschwand ohne ein Wort weiter.

Passepartout hörte wie die Hausthüre einmal sich schloß: sein neuer Herr ging hinaus; dann zum zweiten Mal: sein Vorgänger, James Forster, ging ebenfalls fort.

Passepartout befand sich allein im Hause der Saville-Row.

Zehntes Capitel.

Zehntes Capitel.

Passepartout kann sich glücklich schätzen, daß er mit dem Verluste seiner Fußbekleidung durchkommt.

Es ist allgemein bekannt, daß Indien, – das große umgekehrte Dreieck, dessen Grundlinie im Norden, die Spitze im Süden liegt – einen Flächeninhalt von vierzehnhunderttausend Quadratmeilen enthält, auf welchem eine Bevölkerung von hundertundachtzig Millionen Bewohnern ungleichmäßig verbreitet ist. Die britische Regierung übt über einen Theil dieses unermeßlichen Landes eine wirkliche Herrschaft aus, hält einen Generalgouverneur zu Calcutta, Gouverneure zu Madras, Bombay, in Bengalen, und einen Stellvertreter desselben zu Agra.

Aber das eigentlich englische Indien umfaßt nur einen Flächeninhalt von siebenhunderttausend Quadratmeilen und eine Bevölkerung von hundert bis hundertundzehn Millionen Einwohnern. Ein ansehnlicher Theil des Landes ist noch frei von der Oberherrschaft der Königin; und in der That ist bei einigen wilden und furchtbaren Rajahs des Innern eine noch unbeschränkte Unabhängigkeit vorhanden.

Von 1756 an – seit welcher Zeit die erste englische Einrichtung an der Stelle, wo jetzt die Stadt Madras steht, datirt – bis zu diesem Jahre, wo der große Aufstand der Sepoys ausbrach, war die berühmte Indische Compagnie allmächtig. Sie annectirte sich nach und nach die verschiedenen Provinzen, welche sie den Rajahs um den Preis von Renten abkaufte, die sie wenig oder gar nicht entrichtete; sie ernannte ihren Generalgouverneur, und alle von ihm verwendeten Civil- und Militärpersonen; aber jetzt besteht sie nicht mehr, und die englischen Besitzungen in Indien stehen direct unter der Krone.

Daher sind auch das Aussehen, die Sitten und ethnographischen Eintheilungen der Halbinsel in einer steten Umbildung begriffen. Sonst machte man dort mit allen uralten Transportmitteln seine Reise, zu Fuß und zu Roß, im Karren, im Schubwagen, auf den Schultern eines Mannes, im Tragsessel, in der Kutsche &c. Jetzt fahren Dampfboote mit größter Schnelligkeit auf dem Indus und Ganges, und eine Eisenbahn, welche Indien der ganzen Breite nach durchzieht und seitwärts verzweigt, setzt Bombay binnen drei Tagen nur in Verbindung mit Calcutta.

Diese Eisenbahn zieht nicht in gerader Linie durch Indien. Die directe Entfernung beträgt nur tausend bis elfhundert Meilen, und die Züge würden bei einer mittlern Geschwindigkeit nur drei Tage brauchen, sie zu durchmessen; aber diese Entfernung wird mindestens um ein Drittheil durch die Krümmung vermehrt, welche die Bahn durch eine Abschweifung bis Allahabad im Norden der Halbinsel beschreibt.

Die große vorderindische Eisenbahn nimmt in ihren Hauptpunkten folgende Richtung. Nach der Insel Bombay läuft sie über Salsette, setzt vor Tannah auf den Continent über, durchschneidet die Kette der West-Gates, zieht dann nordöstlich bis Burhampur, und von da durch das fast unabhängige Gebiet des Bundelkund, steigt dann aufwärts bis Allahabad, biegt sich östlich, stößt bei Benares auf den Ganges, entfernt sich ein wenig von demselben und läuft dann wieder südostwärts über Burdivan und die französische Stadt Chandernagor bis nach Calcutta, wo die Linie endigt.

Um halb fünf Uhr Abends waren die Passagiere des Mongolia zu Bombay gelandet, und der Bahnzug ging präcis acht Uhr nach Calcutta ab.

Herr Fogg verabschiedete sich also von seinen Spielgenossen, verließ das Dampfboot, gab seinem Diener Auftrag einige Ankäufe zu machen, empfahl ihm ausdrücklich, sich vor acht Uhr am Bahnhof einzufinden, und ging dann seinen regelmäßigen Schritt, der gleich dem Pendel einer astronomischen Uhr die Sekunde schlug, geradeswegs auf’s Paßbureau.

Also von den Merkwürdigkeiten Bombays etwas zu sehen, fiel ihm nicht ein, wie das Stadthaus, die prachtvolle Bibliothek, die Festungswerke, die Docks, den Baumwollenmarkt, die Bazars, die Moscheen, die Synagogen, die armenischen Kirchen, die prachtvolle Pagode von Malebar-Hill mit ihren zwei vielseitigen Thürmen. Er fühlte keinen Trieb, die Meisterwerke Elephantas zu sehen, seine geheimnißvollen unterirdischen Todtengewölbe, welche südöstlich von der Rhede verdeckt sind, die Grotten Kanherie auf der Insel Salsette, diese staunenswerthen Reste der buddhistischen Architektur!

Kein Gedanke daran! Als Phileas Fogg wieder aus dem Paßbureau kam, begab er sich ruhig zum Bahnhof und ließ ein Diner auftragen. Der Wirth glaubte ihm unter anderen Gerichten ein Fricassée von Lapin empfehlen zu sollen, und rühmte es außerordentlich.

Phileas Fogg ließ es auftragen, kostete es sorgfältig, fand es aber trotz seiner pikanten Sauce abscheulich.

Er läutete dem Gastwirth.

»Mein Herr, sagte er, und sah ihm scharf in’s Gesicht, das ist Lapin?

– Ja, Mylord, erwiderte keck der Schelm, Lapin von den Schilfwiesen.

– Und dieser Lapin hat nicht gemiaut, als man ihn todt schlug?

– Gemiaut! O, Mylord! Ein Lapin! Ich schwöre ….

– Herr Wirth, versetzte kalt Herr Fogg, schwören Sie nicht, und erinnern Sie sich, was ich Ihnen sage: Vor Zeiten hat man in Indien die Katzen als heilige Thiere angesehen. Das war eine bessere Zeit.

– Für die Katzen, Mylord?

– Und vielleicht auch für die Reisenden!«

Nach dieser Bemerkung fuhr er ruhig fort zu speisen. Einige Minuten nach Herrn Fogg war der Agent Fix ebenfalls ausgestiegen und zu dem Polizeidirector von Bombay geeilt. Er gab seine Eigenschaft als Detectiv zu erkennen, den ihm ertheilten Auftrag, seine Lage gegenüber dem vermuthlichen Verüber des Diebstahls. Hatte man von London einen Verhaftsbefehl erhalten? … Es war nichts angekommen. Und es konnte auch ein Verhaftsbefehl, der später als Fogg abging, noch nicht eingetroffen sein.

Nun war Fix in großer Verlegenheit. Er wünschte vom Director dennoch einen Verhaftsbefehl wider Herrn Fogg zu erhalten. Derselbe schlug’s ab. Die Sache gehörte vor die Verwaltung der Hauptstadt, und diese konnte allein gesetzlich einen Verhaftsbefehl ausstellen. Diese Strenge der Principien, diese Strenge in Beobachtung gesetzlicher Form ist durch die englischen Sitten völlig begreiflich, welche in Hinsicht der persönlichen Freiheit durchaus keine Willkür gestatten.

Fix bestand nicht weiter darauf, und begriff, daß er sich darein ergeben müsse, seinen Befehl abzuwarten. Aber er beschloß, seinen unausforschlichen Schurken während der ganzen Zeit seines Aufenthaltes zu Bombay nicht aus dem Auge zu lassen. Er zweifelte nicht, daß Phileas Fogg dort verweilen werde – und wir wissen, daß auch Passepartout der Meinung war – so daß mittlerweile der Verhaftsbefehl anlangen könnte.

Aber seit den letzten Aufträgen, welche Passepartout beim Verlassen des Mongolia von seinem Herrn erhalten hatte, war diesem wohl begreiflich geworden, daß es zu Bombay ebenso wie zu Suez und Paris gehen, daß die Reise hier nicht ein Ende haben, und wenigstens bis Calcutta fortgesetzt werde, und vielleicht noch weiter. Und er fing an, sich die Frage zu stellen, ob diese Wette des Herrn Fogg nicht ganz ernsthaft gemeint sei, und ob nicht sein Verhängniß ihn, während er in Ruhe leben wollte, dazu fortriß, in achtzig Tagen eine Reise um die Erde herum zu machen!

Unterdessen, nachdem er einige Hemden und Strümpfe gekauft, ging er in den Straßen von Bombay spazieren. Es strömte da viel Volk zusammen, mitten unter Europäern aller Nationalitäten, Perser mit spitzen Mützen, Bunhyas mit runden Turbanen, Indier mit viereckiger Kopfbedeckung, Armenier in langer Kleidung, Parsi mit schwarzer Mitra. Es wurde da gerade ein Fest von den Parsi oder Gebern gefeiert, directen Abkömmlingen der Anhänger Zoroasters, welche die gewerbfleißigsten, civilisirtesten, intelligentesten Hindus von strengster Lebensweise ausmachen, wozu gegenwärtig die reichen eingeborenen Kaufleute Bombays gehören. Das Fest, welches sie an diesem Tage feierten, war eine Art religiösen Carnevals mit Processionen und öffentlichen Lustbarkeiten, wobei Bajaderen in rosenfarbener, mit Gold und Silber durchwirkter Gazebekleidung figurirten, welche, von Violen und lärmenden Tam-Tams begleitet, wunderhübsche Tänze, übrigens mit allem Anstand, aufführten.

Daß Passepartout diesen merkwürdigen Festgebräuchen zuschaute, daß er dabei Augen und Ohren über die Maßen aufriß, daß er dabei aussah und eine Miene hatte, als wie der unerfahrenste Bauerntölpel, den man sich denken kann, brauche ich nicht besonders hervorzuheben.

Zum Unglück für ihn und seinen Herrn, dessen Reisezwecke er dadurch in Gefahr brachte, ließ er sich durch seine Neugierde weiter fortreißen, als zuträglich war.

Passepartout war, nachdem er diesem persischen Carneval zugesehen, auf dem Wege nach dem Bahnhofe begriffen, als er im Vorübergehen vor der bewundernswerthen Pagode Malebar-Hill auf den unglückseligen Gedanken kam, ihr Inneres zu besehen.

Er wußte nicht, erstens, daß den Christen der Eintritt in manche Pagoden der Hindu förmlich untersagt ist; zweitens, daß selbst die Gläubigen nicht eintreten dürfen, ohne ihre Fußbekleidung vor der Thüre zu lassen. Ich muß hier bemerken, daß die englische Regierung aus Gründen richtiger Politik die Religionsübungen des Landes nicht nur selbst in den geringsten Details respectirt, sondern auch ihnen Respect verschafft, daher jede Verletzung ihrer Gebräuche mit strengen Strafen ahndet.

Passepartout trat, ohne etwas Schlimmes zu ahnen, wie ein bloßer Tourist hinein, bewunderte im Innern von Malebar-Hill das blendende Flitterwerk der brahmanischen Verzierungen, als er plötzlich auf den Boden des Heiligthums niedergeworfen wurde. Drei Priester fielen mit wüthenden Blicken über ihn her, rissen ihm Schuhe und Strümpfe ab, und fingen an, mit wildem Geschrei ihn durchzuprügeln.

Der kräftige und gewandte Franzose sprang rasch wieder auf, warf mit Faustschlag und Fußtritt zwei seiner Gegner, die in ihre langen Gewänder verwickelt waren, nieder, stürzte, so rasch ihn seine Beine trugen, aus der Pagode hinaus und entrann bald dem dritten Hindu, welcher, das Volk aufhetzend, ihm nachgeeilt war.

So kam Passepartout fünf Minuten vor acht Uhr, einige Minuten vor der Abfahrt des Zuges barfuß und barhaupt, und ohne den Pack mit seinen Einkäufen, welchen er im Getümmel verloren hatte, auf dem Bahnhofe an.

Fix befand sich daselbst beim Einsteigen. Er hatte gemerkt, daß der Herr Fogg, dem er auf den Bahnhof nachgefolgt war, Bombay verlassen würde, und war sogleich entschlossen, ihn bis Calcutta, und nöthigenfalls noch weiter, zu begleiten. Passepartout gewahrte Fix nicht, der sich im Dunkeln hielt; aber dieser hörte die Erzählung seiner Abenteuer, welche er seinem Herrn in aller Kürze machte.

»Ich hoffe, das wird Ihnen nicht mehr passieren«, erwiderte einfach Phileas Fogg, indem er in einem Waggon Platz nahm.

Der arme Junge, barfuß und ganz verblüfft, folgte ihm nach, ohne ein Wort hören zu lassen.

Fix wollte eben in einen besondern Wagen einsteigen, als ein Gedanke ihn zurückhielt, und plötzlich sein Vorhaben mitzufahren änderte.

»Nein, ich bleibe, sprach er bei sich. Ein auf indischem Gebiet verübtes Vergehen … Jetzt hab‘ ich meinen Mann.«

In dem Augenblicke vernahm man das Pfeifen der Locomotive, und der Zug verschwand in der Nacht.

Elftes Capitel.

Elftes Capitel.

Phileas Fogg kauft um fabelhaften Preis ein Reitthier.

Der Zug ging zur regelmäßigen Zeit ab. Es befanden sich auf demselben eine Anzahl Passagiere, einige Officiere, Civilbeamte und Kaufleute, die durch Handel mit Opium und Indigo in den Norden der Halbinsel zu reisen veranlaßt waren.

Passepartout befand sich mit seinem Herrn in derselben Waggonabtheilung. In der Ecke gegenüber saß ein dritter Passagier.

Es war der Brigadegeneral Sir Francis Cromarty, einer der Spielgenossen des Herrn Fogg während der Fahrt von Suez nach Bombay. Er war auf dem Wege zu seinen Truppen, die in der Nähe von Benares cantonnirten.

Sir Francis Cromarty, ein großer, blonder Fünfziger, der sich während der neulichen Empörung der Sepoys sehr ausgezeichnet hatte, konnte in Wahrheit für einen Eingeborenen gelten. Seit seinen Jugendjahren in Indien wohnhaft, war er nur selten in seinem Heimatlande gewesen.

Es war ein Mann von Kenntnissen, der gerne über die Gewohnheiten, Geschichte, Organisation des Hindulandes Auskunft gegeben hätte, wenn Phileas Fogg sie nur hätte begehren mögen. Aber dieser Gentleman hatte kein Verlangen darnach. Er machte nicht eine Reise, sondern eine Umfangslinie. Es war ein schwerer Körper, welcher nach den Gesetzen der rationellen Mechanik einen Kreis um den Erdball beschrieb. In diesem Augenblicke stellte er eine wiederholte Berechnung der seit seiner Abreise aus London verbrauchten Stunden an; und wäre es nicht seiner Natur zuwider gewesen, eine unnütze Bewegung zu machen, so würde er sich die Hände gerieben haben.

Sir Francis Cromarty hatte wohl die Originalität seines Reisegefährten begriffen, obwohl er ihn nur die Karten in der Hand und zwischen zwei Robbers hatte studieren können. Er hatte daher Grund sich zu fragen, ob unter dieser kalten Hülle ein menschliches Herz schlage, ob Phileas Fogg’s Seele für Naturschönheiten, für sittliche Eindrücke empfänglich sei. Diese Aufgabe stellte er sich. Von allen Originalen, welchen der Brigadegeneral begegnet war, ließ sich keins mit diesem Product der exacten Wissenschaften vergleichen.

Phileas Fogg hatte dem Sir Francis Cromarty sein Vorhaben einer Reise um die Erde, und die Bedingungen, unter welchen er sie vornahm, nicht verhehlt. Der Brigadegeneral sah in dieser Wette nur eine Excentricität ohne nützlichen Zweck, welcher notwendig der Sinn für Wohlthun abging, von dem jeder vernünftige Mensch sich muß leiten lassen. Bei einer solchen Art zu reisen würde der bizarre Gentleman offenbar weder sich selbst, noch anderen etwas zu Gute thun.

Eine Stunde nach der Abfahrt aus Bombay setzte der Zug über Viaducte von der Insel Salsette auf das Festland über. Bei der Station Callyan ließ er rechts eine Zweigbahn, welche über Kandallah und Punah nach dem südöstlichen Indien läuft, und fuhr in der Richtung von Pauwell. Von diesem Punkte aus durchzieht die Bahn das sehr verzweigte Gebirge der West-Gates, Ketten mit einer Basis von Trapp und Basalt, und Gipfeln, die bis zur Spitze dicht bewaldet sind.

Von Zeit zu Zeit tauschten Sir Francis Cromarty und Phileas Fogg einige Worte, und eben jetzt knüpfte der Brigadegeneral eine Unterhaltung an, welche öfters abbrach:

»Vor einigen Jahren noch, Herr Fogg, sprach er, würden Sie an dieser Stelle eine Verzögerung erlitten haben, welche vermuthlich Ihren Reiseplan in Gefahr gebracht hätte.

– Weshalb, Sir Francis?

– Weil die Eisenbahn am Fuße dieses Gebirges aufhörte, und man mußte bis zu der auf der entgegengesetzten Bergseite gelegenen Station Kandallah den Weg im Palankin oder auf einem Klepper machen.

– Diese Verzögerung würde die Ausführung meines Programms nicht gehindert haben, versetzte Herr Fogg. Ich hatte den möglichen Fall einiger Hindernisse schon vorgesehen.

– Inzwischen, Herr Fogg, fuhr der Brigadegeneral fort, liefen Sie Gefahr, durch das Abenteuer dieses Burschen eine recht schlimme Geschichte über den Hals zu bekommen.«

Passepartout war, die Füße in seine Reisedecke gehüllt, in tiefen Schlaf gesunken, und ahnte nicht, daß man von ihm sprach.

»Die englische Regierung ist, und mit Recht, gegen diese Art von Vergehen äußerst strenge, fuhr Sir Francis Cromarty fort. Es ist ihr über alles daran gelegen, daß man die religiösen Gebräuche der Hindu respectirt; und wäre Ihr Diener ergriffen worden …

– Ei nun, Sir Francis, wäre er ergriffen worden, erwiderte Herr Fogg, so wäre er verurtheilt worden; er hätte seine Strafe bekommen, und wäre dann ruhig nach Europa zurückgekehrt. Ich sehe nicht, wie durch diese Geschichte sein Herr wäre aufgehalten worden!«

Darüber brach die Unterhaltung ab. Während der Nacht fuhr der Zug über die Gates, verweilte zu Nassik, und eilte am folgenden Tage, dem 21. October, über ein verhältnißmäßig flaches Land, das Gebiet von Khandeisch. Das wohlbebaute Feld war mit Flecken bedeckt, über welchen, wie der christliche Kirchthurm in Europa, das Minaret einer Pagode emporragte. Zahlreiche kleine Gewässer, meist Nebenflüsse des Godavery oder Zuflüsse zu demselben, bewässerten diese fruchtbare Gegend.

Als Passepartout aufwachte, schaute er sich um, und konnte nicht glauben, daß er auf der »großen Halbinsel-Bahn« durch das Hinduland fuhr. Es schien ihm dies unwahrscheinlich; und doch war es wirklich so, wie irgend etwas auf der Welt. Die Locomotive, durch den Arm eines englischen Maschinisten geleitet, und mit englischer Kohle geheizt, trieb ihren Rauch über Pflanzungen von Baumwolle, Kaffee, Muscat, Gewürznelken, rothem Pfeffer. Der Dampf wirbelte in Spiralwindungen um Gruppen von Palmbäumen, zwischen welchen malerische Wohnhäuser sich zeigten, einige Viharis, eine Art verlassener Klöster und merkwürdige Tempel, reich an unerschöpflichem Schmuck indischer Architektur. Hierauf breiteten sich unermeßliche Strecken Landes, soweit die Blicke reichten, Schilfwiesen mit Schlangen und Tigern, die durch das Geräusch des Bahnzuges aufgeschreckt wurden; endlich führte die Bahn durch Waldungen, worin Elephanten hausten, die mit denkendem Blick dem vorübereilenden Zuge zuschauten.

Während dieses Morgens fuhren unsere Reisenden, jenseits der Station Malligaum, über den unheimlichen Landstrich, der so oft von den Anhängern der Göttin Kali mit Blut befleckt wurde. Nicht weit entfernt ragte Ellora mit seinen staunenswerthen Pagoden, nicht weit Aurungabad, die berühmte Hauptstadt des grimmigen Aureng-Zeb, nun einfacher Hauptort einer der vom Reiche des Nizam abgetrennten Provinzen. Ueber diese Gegend übte einst das Haupt der Thugs, Feringhea, König der Würger, seine Gewaltherrschaft. Diese Banditen, in einem unfaßbaren geheimen Bund geeinigt, erwürgten zur Ehre der Todesgöttin Opfer jedes Alters, ohne jemals Blut zu vergießen, und es gab eine Zeit, wo man an keiner Stelle dieser Gegend den Boden aufgraben konnte, ohne auf einen Leichnam zu stoßen, Die englische Regierung hat zwar dieses Morden in erheblichem Grade zu hemmen vermocht, aber der entsetzliche Geheimbund besteht und wirkt noch fortwährend.

Um halb ein Uhr hielt der Zug auf der Station Burhampur an, und Passepartout konnte sich um hohen Preis ein Paar mit falschen Perlen verzierte Pantoffeln kaufen, die er mit unverkennbarer Eitelkeit anzog.

Die Reisenden nahmen rasch ihr Frühstück ein, und dann ging’s weiter nach der Station Assurghur, nachdem sie eine Strecke längs dem Tapty gefahren, einem Flüßchen, das in der Nähe von Surate in den Golf von Cambaye fließt.

Hier müssen wir Kenntniß nehmen, welche Gedanken damals Passepartouts Geist beschäftigten. Bis zu seiner Ankunft zu Bombay hatte er gemeint, und konnte auch meinen, es werde hierbei sein Bewenden haben. Jetzt aber, seitdem er mit voller Dampfkraft durch Indien fuhr, war ein Umschwung in seinem Geiste vorgegangen. Sein natürlicher Charakter stellte sich im Galop wieder ein. Es kamen ihm die phantastischen Ideen seiner Jugend wieder, er hielt jetzt die Projecte seines Herrn für ernstlich gemeint, er glaubte jetzt an das wirkliche Bestehen der Wette, folglich auch dieser Reise um die Erde, und an das höchste Zeitmaß, welches nicht überschritten werden durfte. Bereits ward er unruhig über mögliche Verzögerungen, unglückliche Zufälle, die unterwegs sich begeben konnten. Er theilte nun das Interesse an dieser Wette, und zitterte bei dem Gedanken, daß er am Abend zuvor durch seine unverzeihliche Tölpelei sie hätte gefährden können. So war er denn auch, weil er nicht so phlegmatisch war, wie Herr Fogg, weit unruhiger als dieser. Er zählte und zählte abermals die verflossenen Tage, fluchte, wann der Zug Halt machte, warf dem Herrn Fogg Langsamkeit vor, und tadelte ihn in petto, daß er nicht dem Maschinisten eine Prämie versprochen habe. Der wackere Junge wußte nicht, daß, was auf einem Packetboot möglich war, auf einer Eisenbahn, deren Geschwindigkeit eine vorschriftsmäßige ist, nicht mehr angeht.

Gegen Abend kam man in die Gebirgsengen von Sutpour, welche das Gebiet von Khandeisch von dem des Bundelkund trennen.

Als am folgenden Morgen, den 22. October, Passepartout nach seiner Uhr sah, antwortete er auf eine Frage Sir Francis Cromarty’s, es sei drei Uhr früh. Und in der That mußte die fortwährend nach dem Meridian von Greenwich gestellte Uhr nachgehen, da derselbe bei siebenundsechzig Grad weiter westlich sich befand; und sie ging wirklich um vier Stunden nach.

Sir Francis berichtigte also die von Passepartout angegebene Zeit, und machte demselben die nämliche Bemerkung, welche ihm schon von Fix gemacht worden war. Er suchte ihm begreiflich zu machen, daß er sich nach jedem folgenden Meridian richten müsse, und daß, weil er stets nach Osten zu fuhr, d. h. der Sonne entgegen, die Tage ebenso vielmal um vier Minuten kürzer seien, als er Grade durchlaufen habe. Aber es fruchtete nicht. Mochte der eigensinnige Junge die Bemerkung des Brigadegenerals begriffen haben oder nicht, er weigerte sich hartnäckig, seine Uhr anders zu stellen, und ließ sie unverändert bei der londoner Stundenangabe. Eine Harmlosigkeit übrigens, die Niemand schaden konnte.

Um acht Uhr früh, und fünfzehn Meilen vorwärts der Station Rothal, hielt der Zug mitten auf einer großen Lichtung an, die von einigen Wohnhäusern und Arbeiterhütten umgeben war. Der Conducteur ging an der Wagenreihe vorüber und sprach:

»Die Reisenden haben hier auszusteigen.«

Phileas Fogg sah Sir Francis an, dem ein Aufenthalt mitten in einem Wald von Tamarinden und Khajours unbegreiflich vorkam.

Passepartout, der nicht weniger betroffen heraussprang und den Bahnweg ansah, kam alsbald wieder und rief:

»Hier hört die Bahn auf, mein Herr!

– Was meinen Sie? fragte Sir Francis Cromarty.

– Ich meine, der Zug geht nicht weiter!«

Der Brigadegeneral stieg ebenfalls aus. Phileas Fogg folgte gemächlich nach. Beide wendeten sich an den Conducteur:

»Wo befinden wir uns? fragte Sir Francis Cromarty.

– Beim Weiler Kholby, erwiderte der Conducteur.

– Halten wir hier an?

– Allerdings. Die Bahn ist noch nicht vollendet …

– Wie! nicht vollendet?

– Nein! es ist noch eine Strecke von fünfzig Meilen zwischen hier und Allahabad, wo die Bahn wieder anfängt, fertig zu machen.

– Die Journale haben doch die vollständige Eröffnung der Bahn angezeigt!

– Was meinen Sie, Herr Officier, es war ein Irrthum der Journale.

– Und Sie ertheilen Billete von Bombay nach Calcutta! fuhr Sir Francis Cromarty fort, der seinen Gleichmuth verlor.

– Allerdings, erwiderte der Conducteur, aber die Reisenden wissen wohl, daß sie sich müssen von Kholby bis Allahabad weiter befördern lassen.«

Sir Francis wurde wüthend. Passepartout hätte gern den Conducteur umgebracht, welcher doch nichts dazu konnte. Er wagte seinen Herrn nicht anzusehen.

»Sir Francis, sagte Herr Fogg, wenn es Ihnen gefällig ist, so wollen wir auf Mittel bedacht sein, daß wir nach Allahabad kommen.

– Herr Fogg, es handelt sich hier um eine Verspätung, welche Ihren Interessen durchaus hinderlich ist?

– Nein, Sir Francis, es war vorgesorgt.

– Wie? Sie wußten, daß die Bahn …

– Durchaus nicht, aber ich dachte mir, daß früher oder später meine Reise irgend eine Hemmung erleiden werde. Nun ist noch nichts verdorben. Ich habe zwei Tage Vorsprung, die kann ich opfern. Am 25. zu Mittag wird ein Dampfboot von Calcutta nach Hongkong abgehen. Jetzt haben wir erst den 22., und werden noch zeitig zu Calcutta eintreffen.«

Gegen eine mit solcher Sicherheit ausgesprochene Antwort war nichts zu sagen.

Es war nur allzuwahr, daß die Eisenbahn hier unterbrochen war. Die Journale gleichen den Uhren, die gerne vorausgehen; und so hatten sie auch die Vollendung der Linie zu früh angezeigt.

Den meisten der Passagiere war diese Unterbrechung der Bahn bekannt, und sie hatten beim Aussteigen aus dem Zuge alle Arten von Fuhrwerken, welche sich im Bereich des Fleckens fanden, vierrädrige Palkigkharis, von Buckelochsen gezogene Karren, Reisewagen, die wandelnden Pagoden glichen, Palankins, Ponys etc., in Besitz genommen. Daher konnten auch Herr Fogg und Sir Francis Cromarty trotz aller Bemühung im ganzen Flecken keins auftreiben.

»Ich gehe zu Fuß«, sagte Phileas Fogg.

Passepartout kam dazu und machte ein saueres Gesicht, als er seine prächtigen Pantoffeln ansah, welche für eine Fußpartie nicht genügten. Zu gutem Glück hatte auch er sich darnach umgesehen, und sprach mit einigem Stocken:

»Mein Herr, ich glaube, ich hab‘ ein Transportmittel aufgefunden.

– Was für eins?

– Einen Elephanten! Er gehört einem Hindu, der hundert Schritte von hier wohnt.

– So gehen wir hin, den Elephanten zu sehen«, versetzte Herr Fogg.

Nach fünf Minuten standen Phileas Fogg, Sir Francis Cromarty und Passepartout vor einer Hütte neben einem mit hohen Palissaden umzäunten Raume. In der Hütte befand sich ein Indier, in der Umzäunung ein Elephant. Auf ihre Bitte führte der Indier Herrn Fogg und seine beiden Gefährten in das Gehäge hinein.

Hier fanden sie ein halb gezähmtes Thier, welches von seinem Besitzer nicht zum Saumthier aufgezogen, sondern zum Kampf abgerichtet wurde. Zu diesem Zwecke hatte er angefangen, den von Natur sanften Charakter des Thieres umzubilden, indem er ihn allmälig zu dem Paroxismus von Wuth, welcher in der Hindusprache »mutsch« genannt wird, hinzuleiten bemüht war, und zwar dadurch, daß er ihn drei Monate lang mit Zucker und Butter nährte. Dieses Verfahren mag vielleicht ungeeignet erscheinen, um ein solches Resultat zu erzielen, aber es wird doch von den Züchtern mit Erfolg angewendet. Zu gutem Glück für Herrn Fogg war dieser Elephant erst seit Kurzem in diese Zucht genommen worden, und vom »Mutsch« hatte sich noch nichts gezeigt.

Kiuni – so hieß das Thier – konnte, wie alle seine Stammesgenossen, lange Zeit rasch vorwärts bringen, und in Ermangelung eines andern Reitthieres beschloß Phileas Fogg sich desselben zu bedienen.

Aber die Elephanten sind in Indien, wo sie schon selten zu werden anfangen, theuer. Die männlichen, welche zu den Kämpfen im Circus allein taugen, sind äußerst gesucht. Diese Thiere pflanzen sich im gezähmten Zustande selten fort, so daß man sie also nur durch die Jagd sich verschaffen kann. Daher widmet man ihnen auch äußerste Sorgfalt, und als Herr Fogg den Indier fragte, ob er ihm seinen Elephanten leihen wollte, schlug er’s rund ab.

Fogg drang in ihn, und bot für das Thier den enormen Preis von zehn Pfund die Stunde. Er weigerte sich. Zwanzig Pfund? Abermalige Weigerung. Vierzig Pfund? Ebenso. Passepartout kam bei jeder Steigerung außer sich. Aber der Indier ließ sich nicht dazu bestimmen.

Doch war’s eine hübsche Summe. Nahm man an, der Elephant brauche fünfzehn Stunden für den Weg bis Allahabad, so betrug das sechshundert Pfund, welche er seinem Besitzer einbrachte.

Phileas Fogg, ohne im Mindesten aus seiner ruhigen Fassung zu kommen, machte darauf dem Indier den Vorschlag, ihm sein Thier abzukaufen, und bot ihm dafür erst tausend Pfund.

Der Indier wollte ihn nicht abgeben!

Sir Francis Cromarty nahm Herrn Fogg bei Seite und forderte ihn auf, wohl zu überlegen, ehe er noch weiter gehe. Phileas Fogg erwiderte seinem Gefährten, er sei nicht gewohnt ohne Ueberlegung zu handeln, es handle sich schließlich um eine Wette von zwanzigtausend Pfund; dieser Elephant sei ihm dafür nöthig und er müsse ihn haben, sollte er auch zwanzigmal mehr für ihn zahlen müssen, als er werth sei.

Herr Fogg ging wieder hin zu dem Indier, aus dessen kleinen, lüsternen Augen man wohl abnehmen konnte, daß es bei ihm nur auf den Preis ankam, und bot ihm nach einander erst zwölfhundert Pfund, dann fünfzehnhundert, dann achtzehnhundert, endlich zweitausend Pfund. Passepartout erblaßte vor Entrüstung.

Für zweitausend Pfund ließ ihn der Indier ab.

»Bei meinen Pantoffeln, rief Passepartout, der macht den Preis des Elephantenfleisches hübsch theuer!«

Als der Handel geschlossen war, handelte sich’s nur noch um einen Führer. Dieser war leichter zu finden. Ein junger Parse mit gescheitem Angesicht bot seine Dienste an. Herr Fogg ging darauf ein und versprach ihm eine tüchtige Belohnung, welche seinen Verstand noch zu steigern geeignet war.

Unverzüglich wurde der Elephant vorgeführt und reisefertig gemacht. Der Parse verstand sich trefflich auf das Geschäft eines »Mahut« oder Elephantenführers. Er warf dem Thier eine Schabracke über den Rücken und brachte auf seinen beiden Seiten zwei ziemlich unbequeme Tragkörbe an.

Phileas Fogg bezahlte den Indier mit Banknoten aus dem famosen Sack. Passepartout stellte sich an, als würden sie ihm aus dem eigenen Leibe gezogen. Darauf bot er dem Sir Francis Cromarty einen Platz bis zu der Station Allahabad an, und der Brigadegeneral nahm es an. Ein Passagier mehr machte dem Riesenthiere nichts aus.

Zu Kholby kaufte man Lebensmittel ein. In dem einen der beiden Körbe nahm Sir Francis Cromarty Platz, in dem andern Phileas Fogg. Passepartout setzte sich rittlings auf die Schabracke zwischen seinen Herrn und den Brigadegeneral. Der Parse saß auf dem Halse des Thieres auf, und um neun Uhr verließ es den Flecken und drang auf kürzestem Wege in’s Dickicht des Latanenwaldes.

Zwölftes Capitel.

Zwölftes Capitel.

Phileas Fogg und seine Gefährten machen einen abenteuerlichen Ritt durch indische Waldung.

Der Führer ließ, um den Weg abzukürzen, die im Bau begriffene Linie der Eisenbahn rechts; denn dieselbe konnte, durch launenhafte Windungen des Vindhiagebirges gehemmt, nicht den kürzesten Weg laufen, welchen Phileas Fogg einzuschlagen genöthigt war. Der Parse, welcher Wege und Stege des Landes genau kannte, behauptete, man könne quer durch den Wald etwa zwanzig Meilen zustrecken, und man verließ sich auf ihn.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty, welche bis an den Hals in ihren Körben staken, wurden durch den scharfen Trab des Elephanten, den sein Mahut antrieb, arg geschüttelt. Aber sie ertrugen ihre schlimme Lage mit echt englischem Phlegma, sprachen dabei übrigens wenig und sahen sich einander kaum.

Passepartout, der auf dem Rücken des Thieres den Stößen und Gegenstößen direct ausgesetzt war, nahm sich, wie sein Herr ihm anempfohlen hatte, wohl in Acht, daß ihm nicht die Zunge zwischen die Zähne kam, denn er hätte sie sonst entzwei gebissen. Der brave Junge, welcher bald auf den Hals des Elephanten geschleudert, bald wieder zum Kreuz zurückgeworfen wurde, machte Sprünge, wie ein Clown auf dem Sprungbrett. Aber er scherzte und lachte bei allen seinen Karpfensprüngen, und holte von Zeit zu Zeit ein Stück Zucker aus seinem Sacke, welches der gescheite Kiuni mit der Spitze seines Rüssels faßte, ohne einen Augenblick seinen regelmäßigen Trab zu unterbrechen.

Nachdem sie zwei Stunden geritten waren, hielt der Führer an und machte eine Stunde Rast. Das Thier verschlang Gezweig und Gebüsche, und stillte seinen Durst aus einer nahen Lache. Sir Francis Cromarty war ganz zufrieden mit diesem Halt, denn er fühlte sich wie gerädert. Herr Fogg schien ebenso wohl aufgelegt, als wäre er aus dem Bette aufgestanden.

»Der ist ja von Eisen! sagte der Brigadegeneral, indem er ihn mit Verwunderung betrachtete.

– Aus geschmiedetem Eisen«, versetzte Passepartout, der eilig ein Frühstück zu bereiten beflissen war.

Um die Mittagsstunde gab der Führer das Zeichen zum Aufbruch. Das Land zeigte bald ein sehr wildes Aussehen. Auf die hohe Waldung folgten niedere Schläge Tamarinden und Zwergpalmen, nachher ausgedehnte dürre Ebenen, die mit magerem Gesträuch und großen Syenitblöcken bedeckt waren. Dieser ganze Theil des obern Bundelkund, wohin Reisende selten kamen, ist von einer fanatischen, in den fürchterlichsten Uebungen der Hindu-Religion verhärteten Bevölkerung bewohnt. Die Herrschaft der Engländer hat auf einem dem Einfluß der Rajahs unterliegenden Gebiete noch nicht regelmäßig festen Bestand gewinnen können, da es schwer gehalten haben würde, in ihren unzugänglichen Schlupfwinkeln des Vindhiagebirges ihnen beizukommen.

Manchmal gewahrte man Schaaren wilder Indier, welche zornige Geberden machten, als sie das rasche Thier vorübertraben sahen. Uebrigens wich ihnen der Parse möglichst aus, weil er sie für Leute hielt, mit denen man nicht gerne zu thun hat. Man sah diesen Tag über wenig Thiere, kaum einige Affen, welche mit allerlei Grimassen, die dem Passepartout viel Spaß machten, das Weite suchten.

Diesen Burschen plagte unter vielen anderen auch der Gedanke, was denn wohl Herr Fogg nach seiner Ankunft zu Allahabad mit dem Elephanten machen würde. Unmöglich würde er ihn mitnehmen; durch den Transportpreis würde das ohnehin schon über die Maßen theure Thier zum Ruin führen. Würde man ihn verkaufen? oder in Freiheit setzen? Das schätzbare Thier verdiente wohl eine solche Rücksicht. Sollte es Herrn Fogg einfallen, ihm, Passepartout, ein Geschenk mit demselben zu machen, so würde ihn dies nur in große Verlegenheit setzen. Solche Gedanken ließen ihm keine Ruhe.

Um acht Uhr Abends war man über die Hauptkette der Vindhia hinaus, und die Reisenden machten am Fuße des Nordabhanges in einem verfallenen Hause halt.

Man hatte an diesem Tage ungefähr fünfundzwanzig Meilen zurückgelegt, und ebensoviel waren noch bis zur Station Allahabad zu machen.

Die Nacht war kalt. Der Parse zündete in dem Hause aus dürrem Gezweig ein Feuer an, das recht behaglich wärmte. Für das Abendessen hatte man sich zu Kholby vorgesehen, und die Reisenden sprachen zu wie abgemattete, zerschlagene Leute. Die mit abgebrochenen Sätzen angefangene Unterhaltung ging bald in lautes Schnarchen über. Der Führer wachte neben Kiuni, der, an einen dicken Baumstamm gelehnt, stehend einschlief.

Kein Unfall störte diese Nacht. Die Stille wurde mitunter durch Gebrüll von Löwen, Tigern und Panthern, dazwischen von hellem Hohngelächter der Affen unterbrochen. Aber das reißende Gewild ließ es beim Schreien bewenden, und verschonte die Gäste des Hauses mit Feindseligkeiten. Sir Francis Cromarty, als ein wackerer, von Strapazen ermüdeter Krieger, schlief schwer wie ein Sack. Passepartout träumte in unruhigem Schlaf von den bestandenen Purzelsprüngen. Herr Fogg dagegen lag in tiefster Ruhe, als befinde er sich in seinem stillen Hause der Saville-Row.

Um sechs Uhr früh machte man sich wieder auf den Weg. Der Führer hoffte noch an demselben Abend zu Allahabad anzukommen, so daß Herr Fogg nur einen Theil der seit Anfang der Reise gesparten achtundvierzig Stunden eingebüßt haben würde.

Es ging den letzten Abhang der Vindhia hinab, und Kiuni war wieder in seinem raschen Trabe. Gegen Mittag bog der Führer um den Flecken Kallenger herum, am Cani, einem der Nebenzuflüsse des Ganges; denn er wich stets den bewohnten Orten aus, weil er sich in den menschenleeren Ebenen, welche die ersten Niederungen des großen Flußbeckens bildeten, sicherer wußte. Die Station Allahabad befand sich nur noch zwölf Meilen nordöstlich. Man machte unter einem Wäldchen von Pisang halt, deren Früchte, so gesund wie Brod, so »saftig wie Crême«, sehr köstlich waren.

Um zwei Uhr drang der Führer in das Dickicht eines Waldes, unter welchem wir einige Meilen weit hindurch mußten; denn er wählte gerne für die Reisenden ein solches Obdach. Jedenfalls war ihm bis jetzt noch nichts Widriges begegnet, und die Reise schien ohne Unfall vollendet zu werden, als der Elephant mit einigen Zeichen von Unruhe plötzlich stehen blieb.

Es war eben vier Uhr.

»Was giebt’s? fragte Sir Francis Cromarty, indem er den Kopf aus seinem Korbe heraussteckte.

– Ich weiß nicht, Herr Officier«, erwiderte der Parse, und lauschte einem wirren Gemurmel, welches man durch das dichte Gezweig hindurch vernahm.

Nach einigen Augenblicken war das Getöse schon besser zu unterscheiden. Man konnte meinen, es sei ein noch weit entferntes Concert von Menschenstimmen und kupfernen Instrumenten.

Passepartout war ganz Auge, ganz Ohr. Herr Fogg wartete in Geduld, ohne ein Wort zu sprechen.

Der Parse sprang auf den Boden, band den Elephanten an einen Baum und drang mehr in’s Dickicht des Gehölzes. Nach einigen Minuten kam er zurück und sprach:

»Eine Brahmanen-Procession, welche dieses Weges zieht. Wo möglich wollen wir vermeiden, daß man uns bemerke.«

Der Führer band den Elephanten los, führte ihn in ein dichtes Gebüsch, und empfahl den Reisenden, nicht abzusteigen. Er selbst hielt sich bereit rasch aufzusitzen, wenn es nothwendig werden sollte zu entfliehen. Doch dachte er, der Schwarm der Gläubigen werde, ohne ihn zu bemerken, vorüberziehen, denn das dichte Laubwerk verhüllte ihn ganz.

Das widrige Getön von Stimmen und Instrumenten kam näher, eintönige Gesänge, vermischt mit Trommelschlag und Cimbelnklang. Bald zeigte sich die Spitze der Procession unter den Bäumen, fünfzig Schritte von der Stelle, wo Herr Fogg mit seinen Gefährten sich befand. Sie konnten leicht durch das Gezweig hindurch das merkwürdige Personal dieser religiösen Ceremonie unterscheiden.

In vorderster Reihe schritten Priester mit spitzen Mützen und langen, verbrämten Gewändern. Sie waren von einer Truppe Männer, Frauen und Kinder umgeben, die eine Art Leichenpsalmen anstimmten, unterbrochen von Tam-Tamschlägen und Cimbelnklängen. Hinter ihnen, auf einem Wagen mit breiten Rädern, deren Speichen und Felgen ein Schlangengewinde darstellten, sah man eine häßliche Statue, die von zwei Paar mit reichen Schabracken gezierten Bisons gefahren wurde. Dieses Standbild hatte vier Arme, dunkelroth gefärbten Körper, große Augen, zerzauste Haare, heraushängende Zunge, und mit Betel und Henné gefärbte Lippen. Ein Halsband von Todtenköpfen und ein Gürtel von abgehauenen Händen war sein Schmuck. Es stand auf einem niedergeworfenen Riesen ohne Kopf.

Sir Francis Cromarty erkannte diese Statue.

»Die Göttin Kali, sagte er halblaut, die Göttin der Liebe und des Todes.

– Des Todes, das geb‘ ich zu, aber der Liebe, niemals! sagte Passepartout. Das häßliche Weibsbild!«

Der Parse bedeutete sie, sich still zu halten.

Um die Statue herum wimmelte, zappelte in Verzückungen ein Trupp alter Fakir, streifig mit ockerfarbenen Bändern, mit kreuzförmigen Einschnitten bedeckt, aus welchen Blut träufelte, stupide Besessene, die bei den großen Ceremonien der Hindu sich sogar unter die Räder des Wagens von Jaggernaut werfen.

Hinter ihnen sah man einige Brahmanen in vollem Schmuck ihrer reichen orientalischen Prachtkleidung eine Frau schleppen, die sich kaum aufrecht zu halten vermochte.

Es war eine junge Frau, weiß wie eine Europäerin. Kopf, Hals, Schultern, Ohren, Arme, Hände, Zehen waren mit Geschmeide übermäßig behängt, mit Hals- und Armbändern, Ohr- und Fingerringen. Eine golddurchwirkte, mit leichtem Mousselin umhüllte Tunica zeigte die Formen ihrer Taille.

Hinter dieser jungen Frau, in grellem Contrast, trugen Leibgarden mit entblößten Säbeln und damascirten Pistolen am Gürtel, auf einem Palankin einen Leichnam.

Es war der Körper eines Greises in reichem Rajahgewande, wie bei Lebzeiten mit perlengesticktem Turban, in Gold und Seide gewirktem Kleide, einem Gürtel von Cachemir mit Diamantenschmuck und dem prachtvollen Wappen eines indischen Fürsten.

Den Zug schloß eine Musikbande und ein Trupp Fanatiker, die mit betäubendem Geschrei mitunter den Lärm der Instrumente überboten.

Sir Francis Cromarty sah diesem Aufzug mit besonders trauriger Miene zu, und sprach zu dem Führer:

»Ein sutty!«

Der Parse bejahte mit einem Zeichen, und hielt einen Finger auf seine Lippen. Die lange Procession zog sich langsam unter die Bäume, und bald verschwanden ihre hintersten Reihen im Waldesgrunde.

Nach und nach wurden die Gesänge nicht mehr vernehmlich. Man hörte nur noch das laute Aufschreien aus der Ferne, und endlich folgte tiefe Stille auf den Lärm.

Phileas Fogg hatte das Wort, welches Sir Francis Cromarty gesprochen, vernommen, und fragte, sobald die Procession vorüber war: »Was ist ein sutty?

– Ein sutty, Herr Fogg, erwiderte der Brigadegeneral, ist ein Menschenopfer, aber ein freiwilliges. Diese Frau, welche Sie so eben gesehen haben, wird morgen in aller Frühe verbrannt werden.

– Ei! die Lumpenkerle! rief Passepartout, der seine Entrüstung zu äußern sich nicht enthalten konnte.

– Und dieser Leichnam? fragte Herr Fogg.

– Eines Fürsten, der ihr Gemahl war, erwiderte der Führer, ein unabhängiger Rajah des Bundelkund.

– Wie, fuhr Phileas Fogg fort, ohne daß seine Stimme die geringste Gemüthsbewegung verrieth, diese barbarischen Gebräuche existiren noch in Indien, und die Engländer haben sie noch nicht abschaffen können?

– Im größten Theile Indiens, erwiderte Sir Francis Cromarty, werden diese Opfer nicht mehr vollzogen, aber wir haben auf diese wilden Gegenden, und besonders das Gebiet des Bundelkund, keinen Einfluß. Der ganze nördliche Abhang der Vindhia ist der Schauplatz unaufhörlichen Mordens und Plünderns.

– Die Arme! brummte Passepartout, lebendig verbrannt!

– Ja, fuhr der Brigadegeneral fort, verbrannt; und würde sie’s nicht, Sie können nicht glauben, in welch jämmerliche Lage sie sich dann von ihren nächsten Verwandten versetzt sähe. Man würde ihr die Haare abscheeren, ihr kaum eine Handvoll Reis zur Nahrung reichen, sie von sich stoßen; sie würde wie eine unreine Person angesehen, und in irgend einem Winkel wie ein räudiger Hund hinsterben. Daher treibt diese Aussicht auf so ein erschreckliches Dasein diese unglücklichen Personen oft weit mehr zur Opferung, als Liebe oder religiöser Fanatismus. Manchmal jedoch ist das Opfer ein wirklich freiwilliges, und es ist ein energisches Dazwischentreten von Seiten der Regierung nöthig, um es zu hindern. So sah ich vor einigen Jahren, als ich zu Bombay wohnte, eine junge Witwe, die sich vom Gouverneur die Erlaubnis ausbat, sich mit dem Leichnam ihres Mannes zu verbrennen. Sie können sich denken, daß der Gouverneur es abschlug. Da zog die Witwe aus der Stadt weg und flüchtete zu einem unabhängigen Rajah, wo sie ihre Opferung vollzog.«

Während der Erzählung des Brigadegenerals schüttelte der Führer den Kopf, und als derselbe ausgeredet hatte, sprach er:

»Das Opfer, welches morgen bei Tagesanbruch statthaben soll, ist kein freiwilliges.

– Woher wissen Sie das?

– Es ist eine Geschichte, die im Bundelkund allgemein bekannt ist, erwiderte der Führer.

– Die Unglückliche schien aber doch gar keinen Widerstand zu leisten, bemerkte Sir Francis Cromarty.

– Das kommt daher, weil man sie mit Hanfrauch und Opium berauscht hat.

– Aber wo führt man sie hin?

– In die Pagode zu Pillaji, zwei Meilen von hier. Dort wird sie die Nacht zubringen bis zur Zeit der Opferung.

– Und dieses Opfer wird statthaben? …

– Morgen bei Tagesanbruch.«

Nach dieser Antwort führte er den Elephanten aus dem Dickicht und schwang sich auf seinen Hals. Aber im Moment, als er im Begriff war, ihn durch ein eigenthümliches Pfeifen anzutreiben, hielt Herr Fogg ihn ab und sprach zu Sir Francis Cromarty:

»Ob wir diese Frau retten könnten?

– Diese Frau retten, Herr Fogg! … rief der Brigadegeneral.

– Ich habe noch zwölf Stunden voraus. Ich kann sie dem widmen.

– Nun! Sie sind ja ein Mann von Gemüth! sagte Sir Francis Cromarty.

– Bisweilen, erwiderte einfach Phileas Fogg, wenn ich dazu Zeit habe.«

Dreizehntes Capitel.

Dreizehntes Capitel.

Ein abermaliger Beweis, daß das Glück dem Kühnen hold ist.

Das Vorhaben war kühn, voll Schwierigkeiten, vielleicht unausführbar. Herr Fogg setzte sein Leben in Gefahr, oder doch seine Freiheit, und damit den Erfolg seiner Unternehmung; aber er besann sich keinen Augenblick. Uebrigens fand er in Sir Francis Cromarty einen entschlossenen Gehilfen.

Passepartout war gerne zur Verfügung. Die Idee seines Herrn begeisterte ihn. Er empfand, daß unter dieser Hülle von Eis ein Herz schlug, eine Seele lebte. Nun fühlte er sich gedrungen, Phileas Fogg zu lieben.

Wie würde nun aber der Führer sich dabei verhalten? Sollte er wohl zu den Hindu halten? In Ermangelung seiner Mitwirkung mußte man wenigstens seiner Neutralität sicher sein.

Sir Francis Cromarty legte ihm offen die Frage vor.

»Herr Officier, erwiderte der Führer, ich bin Parse und diese Frau ist Parsin. Ich stehe zu Diensten.

– Wohl, wackerer Mann, erwiderte Herr Fogg.

– Jedoch, merken Sie wohl, fuhr der Parse fort, wir setzen nicht allein unser Leben ein, sondern haben auch, wenn wir gefangen werden, eine schauderhafte Hinrichtung zu gewärtigen. Also, sehen Sie wohl zu.

– Das ist schon geschehen, erwiderte Herr Fogg. Ich denke, wir müssen zum Handeln die Nacht abwarten.

– Das ist auch meine Meinung«, versetzte der Führer.

Der wackere Hindu erzählte darauf einiges Nähere über das Opfer. Es war eine Indierin von ausgezeichneter Schönheit parsischer Abstammung, die Tochter reicher Kaufleute zu Bombay. Sie hatte in dieser Stadt eine ganz englische Erziehung erhalten, und ihrem Benehmen, ihrer Bildung nach hätte man sie für eine Europäerin angesehen. Sie hieß Aouda.

Als Waise wurde sie wider Willen mit diesem alten Rajah des Bundelkund verheiratet, und nach drei Monaten schon ward sie Witwe. Da sie wußte, welches Loos ihr bevorstand, suchte sie zu entrinnen, wurde sogleich wieder aufgegriffen, und die Verwandten des Rajah, in deren Interesse ihr Tod lag, bestimmten sie zu dieser Todesart, und sie schien derselben nicht mehr entgehen zu können.

Diese Erzählung konnte Herrn Fogg und seine Gefährten nur in ihrem edlen Entschluß bestärken. Man beschloß, der Führer solle den Elephanten nach der Pagode Pillaji leiten, und dieser so nahe wie möglich bringen.

Eine halbe Stunde nachher machte man unter einem Buschwerk, fünfhundert Schritte von der Pagode, halt. Diese konnte man zwar nicht sehen, aber das Geheul der Fanatiker ließ sich deutlich vernehmen.

Nun berieth man über die Mittel, um zu dem Opfer zu gelangen. Dem Führer war die Pagode zu Pillaji bekannt, worin, wie er behauptete, die junge Frau gefangen war. Sollte es möglich sein, während die ganze Schaar im Schlafe der Trunkenheit versunken lag, durch eine der Thüren hinein zu gelangen, oder mußte man ein Loch in die Mauer brechen? Darüber konnte man doch erst zur Zeit der Ausführung und an Ort und Stelle urtheilen. Aber unzweifelhaft war, daß die Entwendung während dieser Nacht vorgenommen werden mußte, und nicht, wenn bei Tagesanbruch das Opfer zum Tode geführt wurde. Dann wäre es keiner menschlichen Macht mehr möglich, sie zu retten.

Herr Fogg wartete mit seinen Genossen die Nacht ab.

Sobald es dunkel ward, gegen sechs Uhr Abends, entschlossen sie sich, eine Recognoscirung um die Pagode herum anzustellen. Das letzte Geschrei der Fakirs verstummte damals. Nach ihrer Gewohnheit mußten diese Indier in tiefer Berauschung mit »Hang«, – flüssigem Opium mit einem Hanfaufguß gemischt – liegen, und es würde vielleicht möglich sein, sich zwischen ihnen durch bis zum Tempel zu schleichen.

Geräuschlos drangen die kühnen Leute durch den Wald. Nachdem sie zehn Minuten unter dem Gezweig gekrochen, langten sie am Ufer eines Flüßchens an, und gewahrten da beim Scheine von Fackeln einen Haufen aufgeschichteten Holzes. Es war der aus kostbarem Sandelholz errichtete Scheiterhaufen, der bereits mit parfümirtem Oel getränkt war. Oben darauf lag der einbalsamirte Leichnam des Rajah, welcher zugleich mit seiner Witwe verbrannt werden sollte. Hundert Schritte von diesem Scheiterhaufen stand die Pagode, deren Minarets über die Gipfel der Bäume ragten.

»Kommen Sie!« sagte der Führer leise.

Und mit verdoppelter Vorsicht schlich er seinen Gefährten voran stille durch das hohe Gras.

Nur das Säuseln des Windes unterbrach noch die Stille. Nicht lange, so hielt der Führer am Rande einer Lichtung, die von einigen Fackeln erleuchtet war. Haufenweise lagen da, wie auf einer Wahlstatt, die Schläfer in tiefem Rausch, Männer, Weiber, Kinder, alle durcheinander; einiges Röcheln vernahm man hier und da.

Im Hintergrunde, zwischen dem Gebüsche, erhob sich undeutlich der Tempel von Pillaji. Aber zu großer Enttäuschung des Führers waren die Garden der Rajahs im Scheine rußiger Fackeln wachsam an den Eingängen, und wandelten mit gezogenem Säbel auf und ab. Es ließ sich voraussetzen, daß die Priester innen ebenso wachsam waren.

Der Parse wagte nicht weiter vorzugehen. Da er die Unmöglichkeit sah, gewaltsam in den Tempel zu gelangen, führte er seine Gefährten rückwärts.

Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty begriffen wie er, daß man von dieser Seite her nichts wagen konnte.

Sie standen stille und sprachen leise mit einander.

»Warten wir, sagte der Brigadegeneral, es ist erst acht Uhr, und es ist möglich, daß auch diese Wächter in Schlaf verfallen.

– Das ist wohl möglich«, erwiderte der Parse.

Phileas Fogg und seine Gefährten lagerten sich daher am Fuß eines Baumes und warteten.

Wie wurde ihnen die Zeit lang! Von Zeit zu Zeit entfernte sich der Führer, um den Rand des Gehölzes zu beobachten. Die Leibwächter des Rajah wachten unablässig bei Fackelschein, und ein dämmerndes Licht drang durch die Fenster der Pagode.

So wartete man bis Mitternacht; aber die Lage änderte sich nicht. Die Bewachung außen blieb unverändert; offenbar konnte man nicht darauf rechnen, daß die Wächter in Schlaf versanken. Vermuthlich hatte man ihnen die Berauschung mit »Hang« unmöglich gemacht. Man mußte also anders verfahren, und durch eine in die Mauer der Pagode gebrochene Oeffnung einzudringen versuchen. Dann blieb noch die Frage, ob die Priester bei ihrem Opfer ebenso sorgsam wachten, wie die Soldaten am Eingang des Tempels.

Nach einer letzten Beredung machte sich der Führer auf den Weg, gefolgt von Herrn Fogg, Sir Francis und Passepartout. Sie machten einen ziemlichen Umweg, um der Pagode von hinten beizukommen.

Etwa um halb eins kamen sie, ohne Jemand zu begegnen, am Fuß der Mauer an. Auf dieser Seite waren keine Wachen aufgestellt, aber es waren da auch weder Thür noch Fenster.

Es war dunkle Nacht. Der Mond, damals im letzten Viertel, stieg eben, von dichtem Gewölk umgeben, am Horizont auf. Die hohen Baume vermehrten noch die Dunkelheit.

Aber daß man sich am Fuße der Mauer befand, reichte nicht hin, man mußte auch eine Oeffnung hineinbrechen. Dafür waren Phileas Fogg und seine Genossen mit gar keinem Werkzeuge versehen, als ihren Taschenmessern. Zum Glück waren die Mauern des Tempels nur aus Ziegelstein, in Verbindung mit Holz gebaut, so daß es nicht schwer war, ein Loch einzubohren. War einmal ein Ziegelstein herausgenommen, so ging’s mit den anderen noch leichter.

Man machte sich so still wie möglich an’s Werk. Auf der einen Seite der Parse, auf der andern Passepartout, entkitteten die Ziegelsteine dergestalt, daß sie ein zwei Fuß breites Loch bekamen.

Die Arbeit schritt vor, als ein Geschrei im Innern des Tempels sich vernehmen ließ, das von außen sogleich erwidert wurde.

Die beiden Arbeiter hielten inne. Hatte man sie entdeckt? Machte man Lärm? Die gewöhnlichste Klugheit rieth, sich zu entfernen, und sie thaten’s mit Phileas Fogg und Sir Francis Cromarty. Sie duckten sich abermals unter’s Gehölz, in Erwartung, daß der Lärm sich wieder legen würde, um dann von Neuem an’s Werk zu gehen. Aber zu allem Unglück wurden an jener Stelle der Pagode Wachen aufgestellt, die jede Annäherung unmöglich machten.

Unbeschreiblich war die Verlegenheit der vier Männer, als sie sich bei ihrem Werk gehemmt sahen. Wie konnten sie das Opfer retten, da sie nicht zu ihm gelangen konnten? Sir Francis Cromarty benagte sich die Finger. Passepartout war außer sich, und der Führer konnte ihn kaum beschwichtigen. Phlegmatisch wartete Herr Fogg ab ohne seine Gefühle kund zu geben.

»Es bleibt uns nichts, als abzuziehen? fragte leise der Brigadegeneral.

– Warten Sie, sagte Fogg. Ich brauche erst morgen vor zwölf Uhr in Allahabad zu sein.

– Aber worauf hoffen Sie? erwiderte Sir Francis Cromarty. In einigen Stunden wird’s Tag sein, und …

– Die günstige Gelegenheit kann sich noch im letzten Augenblicke ergeben.«

Der Brigadegeneral hätte gewünscht in Phileas Fogg’s Augen lesen zu können.

Worauf rechnete der kaltblütige Engländer? Wollte er im Moment des Todes sich auf die junge Frau losstürzen und sie ihren Henkern offen entreißen?

Das wäre Wahnsinn gewesen; und war wohl anzunehmen, daß dieser Mann zu solchem Wahnsinn gediehen sei? Dennoch willigte Sir Francis Cromarty ein, bis zur Entwicklung dieser schrecklichen Szene zu warten. Doch ließ der Führer seine Gefährten nicht an dem Orte, wohin sie sich geflüchtet hatten, und führte sie an die vordere Seite der Lichtung. Hier konnten sie von einem Gebüsche verdeckt die eingeschlafenen Gruppen beobachten.

Inzwischen trug sich Passepartout, der hoch auf den Zweigen eines Baumes saß, mit einem Gedanken, der erst wie ein Blitz seinen Geist durchzuckte und endlich in seinem Kopfe sich festsetzte.

Anfangs hatte er zu sich gesagt: »Wie toll!« und jetzt sagte er wiederholt: »Warum nicht, allem Anschein nach? Ein möglicher Weg, vielleicht der einzige, und bei so viehdummem Volke! …«

Jedenfalls gab Passepartout damals seinen Gedanken keine andere Form, aber er glitt flink wie eine Schlange unverweilt auf die unteren Zweige des Baumes, deren Enden sich bis zum Boden hinabbogen.

Die Stunden verflossen, und bald verkündigte Dämmerungsschein den Anbruch des Tages. Doch war’s noch völlig finster. Dies war der bestimmte Zeitpunkt. Gleich einer Auferstehung erhoben sich die Massen aus dem Schlafe, die Gruppen belebten sich; Tam-Tamschläge, lautes Geschrei und Gesang ertönten. Es war die Todesstunde der Unglücklichen gekommen.

In der That, die Pforten der Pagode öffneten sich, und es strahlte ein helleres Licht aus dem Innern heraus. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty konnten in heller Beleuchtung wahrnehmen, wie zwei Priester das Opfer herausschleppten. Es kam ihnen sogar vor, als bemühe sich die Unglückliche, im äußersten Drange der Selbsterhaltung die Betäubung abschüttelnd, ihren Henkern zu entrinnen. Sir Francis Cromarty, dem das Herz zerspringen wollte, faßte mit krampfhafter Bewegung Phileas Fogg’s Hand, und fühlte, daß diese Hand ein Messer gezückt hielt.

In dem Augenblicke setzte sich die Masse in Bewegung. Die junge Frau war in die durch Hanfrauch erzeugte Erstarrung zurückgesunken. Sie schritt mitten durch die Fakir, welche sie mit frommem Geschrei umgaben.

Phileas Fogg und seine Genossen schlossen sich im Gedränge den hintersten Reihen der Masse an.

Nach zwei Minuten gelangten sie an den Rand des Baches, und hielten keine fünfzig Schritte von dem Scheiterhaufen an, worauf der Leichnam des Rajah lag. Im Halbdunkel sahen sie das Opfer regungslos neben der Leiche ihres Gemahls liegen.

Darauf wurde mit einer Fackel das ölgetränkte Holz angezündet, das sogleich in heller Flamme loderte.

In dem Moment wollte Phileas Fogg, von edelmüthigem Wahnsinn getrieben, auf den Scheiterhaufen zustürzen, doch Francis Cromarty und der Führer hielten ihn zurück …

Phileas Fogg stieß sie von sich – da änderte sich plötzlich die Scene. Ein Schrei des Entsetzens ward vernommen, und die gesammte Menge warf sich in Bestürzung zu Boden.

Der alte Rajah war also nicht todt? Man sah ihn plötzlich wie ein Gespenst sich aufrichten und die junge Frau in den Armen vom Scheiterhaufen herab, einer Geistererscheinung vergleichbar, mitten durch die Dampfwolken schreiten. Die Fakir, die Leibwächter, die Priester hatten sich, von plötzlichem Schrecken befallen, zu Boden geworfen, wagten nicht ihr Angesicht aufzurichten, um ein solches Wunder zu schauen!

Leblos lag das Opfer in den kräftigen Armen, die es trugen. Herr Fogg und Sir Francis Cromarty waren stehen geblieben, der Parse hatte den Kopf gesenkt, und Passepartout war ohne Zweifel nicht minder erstaunt!

Der Wiederauferstandene kam so in die Nähe der Stelle, wo Herr Fogg und Sir Francis Cromarty sich befanden, und hier sprach er mit leiser Stimme:

»Nun eilen wir wohl! …«

Passepartout selbst war’s, der mitten durch den dichten Qualm zum Scheiterhaufen gedrungen war! Passepartout hatte unter’m Schutz des noch herrschenden Dunkels die junge Frau vom Tode errettet! Passepartout, der seine Rolle mit dem Glücke des Kühnen spielte, schritt mitten durch die vom Schrecken gelähmte Menge.

In einem Augenblicke waren sie alle vier im Gehölz verschwunden, und der Elephant trabte mit ihnen rasch von dannen. Aber Geschrei und Geheul, und selbst eine Kugel, die durch Phileas Fogg’s Hut drang, gaben zu erkennen, daß man den listigen Streich entdeckt hatte.

Wirklich, als der Scheiterhaufen in hellen Flammen stand, sah man darin den Leichnam des alten Rajah.

Die Priester erholten sich von ihrem Schrecken und merkten nun, daß eine Entwendung stattgefunden hatte.

Sie stürzten über Hals und Kopf in den Wald, gefolgt von den Leibwächtern. Dieselben schossen ihre Gewehre ab, aber die Räuber waren bereits auf rascher Flucht, und befanden sich bald weit voraus, daß weder Kugeln noch Pfeile sie erreichen konnten.

IV.

IV.

In dem der Verfasser infolge einer Bemerkung des Dieners Frycollin den Mond wieder zu Ehren zu bringen versucht.

Sicherlich schon mehr als einmal hatten die Mitglieder des Weldon-Instituts, wenn sie nach stürmischen Verhandlungen aus den Sitzungen kamen, Walnut-Street und die Nachbarstraßen noch streitend und lärmend durchzogen. Wiederholt waren von den Bewohnern dieses Stadttheiles Klagen eingegangen über die geräuschvollen Ausläufer solcher Verhandlungen, welche bis in ihre Wohnungen eindrangen, und mehr als einmal hatten Polizisten einschreiten müssen, um wenigstens Verkehrsstörungen zu beseitigen, da doch die meisten Leute sehr wenig oder gar kein Interesse an solchen, die Luftschifffahrt betreffenden Fragen nehmen. Doch vor diesem heutigen Abend hatte der Tumult noch nie so große Verhältnisse angenommen, niemals wären jene Klagen mehr begründet und niemals die Einmischung der Policemen nothwendiger gewesen.

Immerhin konnte man den Mitgliedern des Weldon-Instituts mildernde Umbände zubilligen, da sie sich eines Ueberfalles in den eigenen vier Pfählen, wie sie eben erlitten, gewiß nicht versehen hatten. Den übereifrigen Verfechtern des Grundgesetzes »leichter, als die Luft« hatte ein nicht minder energischer Vertreter des »schwerer, als die Luft« höchst unangenehme Dinge in’s Gesicht gesagt; und als ihm dafür die Behandlung zu Theil werden sollte, die er verdiente, war der Mann spurlos verschwunden.

Das schrie nach Rache! Um derartige Beleidigungen ungestraft zu lassen, hätten sie nicht amerikanisches Blut in ihren Adern haben müssen. Die Nachkommen Amerigo’s als solche eines Cabot zu behandeln! War das nicht eine Beschimpfung, die um so unverzeihlicher schien, weil sie eigentlich richtig, wenigstens historisch berechtigt war?

Die Mitglieder des Clubs stürzen sich also truppweise erst in die Walnut-Street, hierauf in die Nachbarstraßen und dann in das ganze Quartier, wo alle Bewohner aufgescheucht werden.

Sie zwingen dieselben, eine Durchsuchung ihrer Häuser vornehmen zu lassen, um sich später wegen des gewaltthätigen Angriffs in das Privatleben ihrer Mitbürger zu entschuldigen, was gerade bei den Völkern von angelsächsischem Stamme sonst ganz besonders respectirt wird. Vergebliches Aufgebot von Belästigungen und Nachforschungen. Robur wurde nirgends gefunden; er hatte nicht die leiseste Spur hinterlassen. Und wenn er mit dem »Go a head«, dem Ballon des Weldon-Instituts, davongefahren wäre, hätte er nicht mehr unauffindlich gewesen sein können. Nach einstündigen Haussuchungen mußten sie darauf verzichten, und die Collegen trennten sich, aber nicht ohne die eidliche Zusicherung, ihre Nachforschungen über das ganze Gebiet Nord- und Südamerikas, das die Neue Welt bildet, auszudehnen.

Gegen elf Uhr war die Ruhe in dem Quartier nahezu wieder hergestellt. Philadelphia konnte sich wieder in sanften Schlummer versenken, wozu die Städte, welche weniger Industrie haben, das beneidenswerthe Privilegium besitzen. Die verschiedenen Mitglieder des Clubs dachten jetzt an nichts Anderes, als an die Heimkehr an den eigenen häuslichen Herd. Um nur einige der hervorragendsten zu nennen, so begab sich William T. Forbes eiligst nach dem Tische, auf dem Miß Doll und Miß Mat ihm den Abendthee zubereitet und mit der selbstzubereiteten Glucose versüßt hatten; Truk Milnor schlug den Weg nach seiner Fabrik ein, deren Ventilator die ganze Nacht hindurch in einer der entfernteren Vorstädte sauste. Der Schatzmeister Jem Cip, dem öffentlich nachgesagt worden war, einen um einen Fuß längeren Darmcanal zu haben, als der Mensch ihn sonst mit sich herumträgt, begab sich nach seinem Eßzimmer, wo ihn ein vegetabilisches Abendbrot erwartete.

Zwei der bedeutendsten Ballonisten – aber nur zwei – schienen nicht daran zu denken, ihr Heim sogleich aufzusuchen. Sie hatten die Gelegenheit wahrgenommen, in hitzigster Weise weiter zu plaudern. Es waren das die beiden Unversöhnlichen, Onkel Prudent und Phil Evans, der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts.

An der Thür des Clubhauses erwartete Frycollin, der Diener des Onkel Prudent, wie gewöhnlich seinen Herrn.

Er folgte diesem auf Schritt und Tritt nach, ohne sich um den Gegenstand des Gesprächs zu kümmern, der die beiden Collegen schon in die Hitze gebracht hatte.

Wir gebrauchten auch nur euphemistisch das Zeitwort »plaudern« für die Thätigkeit, welcher der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs sich mit gleichem Eifer hingaben. In der That stritten und zankten sie sich mit einer Energie, deren Ursprung in ihrer alten Rivalität zu suchen war.

»Nein, und dreimal nein! wiederholte Phil Evans, hätte ich die Ehre gehabt, dem Weldon-Institut bei der heutigen Sitzung zu präsidiren, es wäre niemals zu einem solchen Scandal gekommen!

– Und was würden Sie gethan haben, wenn Sie diese Ehre gehabt hätten? fragte Onkel Prudent.

– Ich hätte jenem öffentlichen Beleidiger das Wort abgeschnitten, noch ehe er den Mund öffnete.

– Mir scheint, um Jemand das Wort abzuschneiden, müsse man ihm ein solches wenigstens erst aussprechen lassen.

– Nicht in Amerika, mein Herr, nicht in Amerika!«

Und während sie sich so mehr bittere als angenehme Redensarten in’s Gesicht warfen, schlenderten die beiden Männer mehrere Straßen dahin, die sie immer weiter von ihren Wohnungen entfernten; sie durchschritten Quartiere, deren Lage sie später zu großen Umwegen zwingen mußte.

Frycollin folgte noch immer nach, fühlte sich aber doch etwas beunruhigt, seinen Herrn sich nach so menschenleeren Oertlichkeiten hin verirren zu sehen. Er liebte diese Gegenden nicht, vorzüglich nicht so kurz vor Mitternacht. Dazu herrschte tiefe Dunkelheit, denn der zunehmende Mond war eben nur dabei, »seine achtundzwanzigtägige Rundreise« zu beginnen.

Frycollin sah sich scheu nach rechts und links um, ob sie nicht von verdächtigen Schatten belauscht würden, und wirklich, er glaubte fünf oder sechs große Teufel zu erkennen, die sie nicht aus den Augen zu verlieren schienen.

Instinctiv näherte sich Frycollin seinem Herrn, um Alles in der Welt hätte er jedoch nicht gewagt, ihn inmitten eines Gesprächs zu unterbrechen, von dem er zuweilen einzelne Brocken aufschnappte.

Der Zufall fügte es, daß der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts sich, ohne darauf zu achten, bis nach dem Fairmont-Park verirrten. Hier überschritten sie, in lebhaftem Wortwechsel begriffen, den Schuylkill-Strom auf der berühmten Eisenbrücke; sie begegneten nur sehr wenig Leuten und befanden sich endlich mitten in jenen weiten Terrains, die sich auf der einen Seite als ungeheure Wiesen ausdehnen, auf der anderen von herrlichem Baumbestand beschattet sind und in ihrer Gesammtheit eine vielleicht in der ganzen Welt einzig dastehende Anlage bilden.

Hier nahm der Schreck des Dieners Frycollin plötzlich noch mehr zu, und das mit um so größerer Berechtigung, da fünf bis sechs jener Schatten ihnen auch über die Strombrücke nachgefolgt waren. Die Pupille seiner Augen hatte sich dabei so erweitert, daß sie bis an den Rand der Iris reichte. Und gleichzeitig schrumpfte sein ganzer Körper zusammen und zog sich zurück, als besäße er jene eigenthümliche Zusammenziehbarkeit, welche den Mollusken und auch gewissen Wirbelthieren eigen ist.

Der Diener Frycollin war nämlich ein vollständiger Hasenfuß.

Ein richtiger Neger und Südcaroliner, mit vierschrötigem Kopfe auf einem mageren Rumpfe. Er zählte jetzt gerade 21 Jahre, war also nicht einmal mehr zur Zeit seiner Geburt Sclave gewesen, taugte deshalb aber nicht viel mehr, als ein solcher. Ein Grimassenschneider, Leckermaul und Faulpelz, aber vor Allem ein Prahlhans sondergleichen, stand er seit drei Jahren bei Onkel Prudent im Dienste. Hundert Mal war er schon nahe daran gewesen, vor die Thüre gesetzt zu werden, doch hatte man ihn behalten – um nicht aus dem Regen in die Traufe zu kommen. Und doch lief er hier bei einem Herrn, der jeden Augenblick zu den tollkühnsten Unternehmungen bereit war, so oft Gefahr, in Lagen zu kommen, in denen sein Hasenherz auf die härtesten Proben gestellt werden mußte. Dafür fand er auch gewisse Entschuldigungen. Niemand machte ihm besondere Vorwürfe wegen seiner Leckerhaftigkeit und noch weniger wegen seiner Trägheit. Ach, armer Frycollin, hättest Du in der Zukunft lesen können!

Warum war Frycollin auch nicht in Boston im Dienste einer gewissen Familie Sneffel geblieben, die im Begriffe, eine Reise nach der Schweiz anzutreten, darauf verzichtet hatte, weil daselbst Schneelawinen vorkamen? War für Frycollin nicht dieses Haus das geeignete, aber nicht das des Onkel Prudent, wo das kühne Wagen in Permanenz erklärt war?

Nun, er befand sich einmal hier und sein Herr hatte sich mit der Zeit an seine Fehler gewöhnt, übrigens besaß er doch eine gute Eigenschaft. Obwohl Neger von Abstammung, sprach er doch nicht, wie diese gewöhnlich – und das hat einigen Werth, denn nichts ist so widerlich, als der abscheuliche Jargon, in dem die Anwendung des besitzanzeigenden Fürwortes und des Infinitivs bis zum Mißbrauch getrieben wird.

Es steht also fest, daß der Diener Frycollin ein feiger Prahlhans war, und zwar nannte man ihn einen »Prahlhans gleich dem Monde«.

Es erscheint übrigens nur gerecht, gegen diesen für die blonde Phöbe beleidigenden Vergleich Einspruch zu erheben; warum sollte man die sanfte Selene, die keusche Schwester des strahlenden Apollo, der Prahlerei zeihen, das Gestirn, welches, so lange die Welt steht, stets der Erde gerade in’s Gesicht geblickt hat, ohne ihr jemals den Rücken zuzuwenden?

Doch wie dem auch sei, zu dieser Stunde – es war jetzt bald Mitternacht – begann die »blasse, verdächtige Scheibe« schon im Westen hinter den hohen Baumkronen des Parks zu verschwinden. Ihre durch das Gezweige hereindringenden Strahlen erhellten nur noch da und dort den Erdboden, so daß es unter den Bäumen noch etwas finsterer war.

Das gestattete Frycollin, einen forschenden Blick umherschweifen zu lassen.

»Brr, machte er, die Schurken sind wahrlich noch da! Offenbar kommen sie näher heran.«

Da hielt es ihn nicht mehr und er schritt auf seinen Herrn zu.

»Master Onkel!« redete er ihn an.

So nannte er ihn gewöhnlich und so wollte der Vorsitzende des Weldon-Instituts auch genannt sein.

Eben jetzt war der Streit der beiden Rivalen auf das Hitzigste entbrannt; und da sie einander spazieren führten, wurde Frycollin sehr grob angewiesen, diesen Spaziergang mitzumachen, wie es seine Pflicht und Schuldigkeit sei.

Und während die Beiden ohne Unterbrechung weiterstritten, gerieth Onkel Prudent immer weiter hinaus nach den verödeten Grasgründen des Fairmont-Parkes und entfernte sich immer mehr vom Schuylkill und der Brücke, die sie zur Rückkehr nach der Stadt unbedingt überschreiten mußten.

Alle Drei befanden sich jetzt inmitten einer Gruppe hoher Bäume, in deren Gipfeln noch das letzte Licht des Mondes spielte. An den Saum derselben schloß sich eine größere Lichtung an, ein weiter, ovaler Wiesenplan, wie geschaffen für Wettrennen. Hier hätte nicht die kleinste Unebenheit des Bodens den Galopp eines Pferdes gestört und kein Busch oder Baum die Blicke der Zuschauer bei der Verfolgung der mehrere englische Meilen langen Bahnlinie gehindert.

Und doch, wären Onkel Prudent und Phil Evans in ihre Streitigkeiten nicht gar so sehr vertieft gewesen, hätten sie sich nur einigermaßen aufmerksam umgesehen, so hätte ihnen nicht entgehen können, daß der weite freie Platz heute einen ganz anderen Anblick darbot. War das ein Zauberspuk, der hier seit gestern entstanden war? Wahrlich, man hätte das Ganze mit seinen vielen Windmühlen für ein Zauberwerk erklären können, wenn man die Mühlenflügel sah, die, jetzt unbeweglich, im Halbdunkel Grimassen zu machen schienen.

Doch weder der Präsident, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts bemerkte diese auffällige Veränderung der Ansicht des Fairmont-Parks; Frycollin sah sie ebenso wenig. Es schien ihm, als ob die unheimlichen Gestalten sich näherten und zusammenduckten, als rüsteten sie sich zu einem räuberischen Ueberfalle. Er zitterte aus Angst an allen Gliedern und war doch gleichzeitig wie gelähmt, so hatte ihn die Furcht vor den nächsten Minuten ergriffen.

Obwohl ihm die Kniee förmlich schlotterten, gewann er doch noch die Kraft, einmal zu rufen:

»Master Onkel! … Master Onkel!

– Nun, was giebt es denn?« antwortete Onkel Prudent.

Vielleicht wären er und Phil Evans nicht böse darüber gewesen, ihren Zorn dadurch abzukühlen, daß sie dem unglücklichen Diener eine tüchtige Tracht Prügel ertheilten; dazu fanden sie aber ebenso wenig Zeit, wie letzterer, ihnen eine weitere Antwort zu geben.

Unter den Bäumen gellte plötzlich ein lauter Pfiff. Gleichzeitig flammte inmitten der Lichtung ein heller elektrischer Stern auf.

Das war zweifelsohne ein Signal und im vorliegenden Falle die Mahnung, daß der Augenblick zu irgend einer Gewaltthätigkeit gekommen sei.

Schneller, als man es ausdenken kann, stürzten sich schon sechs Männer durch das Unterholz, zwei auf Onkel Prudent, zwei auf Phil Evans und zwei auf den Diener Frycollin. Die beiden Letzten ganz überflüssiger Weise, denn der Neger wäre ganz unfähig gewesen, sich zu wehren.

Obgleich überrascht durch diesen Ueberfall, wollten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts doch versuchen, Widerstand zu leisten, hatten dazu aber weder Zeit, noch Kraft. Binnen wenigen Secunden waren sie schon stumm gemacht durch einen Knebel im Munde, blind durch eine Binde über die Augen, und wurden, überwältigt und gefesselt, schnell durch die Waldlichtung hin fortgeschleppt. Was konnten sie anders annehmen, als daß sie einer Rotte jener gewissenlosen Herumlungerer in die Hände gefallen seien, welche Jeden ausrauben, den sie noch zu später Stunde im Walde antrafen? Und doch täuschten sie sich. Man durchsuchte nicht einmal ihre Taschen, obwohl Onkel Prudent stets, seiner Gewohnheit nach und also auch heute, mehrere Tausend Dollars Papiergeld bei sich führte.

Kurz, eine Minute nach diesem Ueberfalle fühlten Onkel Prudent, Phil Evans und der Diener Frycollin, daß sie, ohne daß ein Wort zwischen den Angreifern gewechselt worden wäre, nicht auf den Rasen der Waldblöße, sondern auf eine Art Fußboden niedergelegt wurden, der unter ihrem Gewichte knarrte. Hier lehnte man sie dann Einen an den Anderen. Darauf hörte man das Klirren eines Riegels in seiner Klappe und dies belehrte die drei Männer, daß sie gefangen seien.

Nachher entstand ein seltsames, anhaltendes Geräusch, wie ein Schnarren, ein frrr, dessen rrr sich ohne Ende fortsetzten, ohne daß in der so ruhigen Nacht etwas Anderes hörbar geworden wäre.

*

Welche Unruhe herrschte am folgenden Tage in Philadelphia. Schon in den Morgenstunden erfuhr die ganze Stadt, was sich in der letzten Sitzung des Weldon-Instituts zugetragen: Die Erscheinung jenes räthselhaften Fremdlings, eines Ingenieurs, Namens Robur – Robur der Sieger! – die Streitigkeiten, welche er offenbar absichtlich unter den Ballonisten erregt, und endlich sein unerklärliches Verschwinden.

Es machte aber doch einen noch ganz anderen Eindruck, als man später davon hörte, daß auch der Vorsitzende und der Schriftführer des Clubs in der Nacht vom 12. zum 13. Juni verschwunden seien.

Welche Nachsuchungen wurden da nicht in der Stadt und deren Umgebungen angestellt! Vergeblich – alle vergeblich. Die Zeitungen von Philadelphia, nach ihnen die Journale von Pennsylvanien und endlich die von ganz Amerika bemächtigten sich eifrig dieses Vorfalls und erklärten ihn auf hunderterlei Weise, von denen keine die richtige war. Durch Annoncen und Maueranschläge wurden beträchtliche Preise ausgesetzt – nicht allein für Den, der die ehrenwerthen Verschwundenen wieder finden würde, sondern auch für Jeden, der nur auf eine Fährte hinweisen könnte, auf der man ihren Spuren folgen konnte. Nichts hatte Erfolg. Und hätte sich die Erde aufgethan gehabt, um sie zu verschlingen, so konnten der Vorsitzende und der Schriftführer des Weldon-Instituts nicht vollständiger von der Oberfläche der Erdkugel verschwunden sein.

Die Regierungsblätter traten bei dieser Gelegenheit mit dem Verlangen hervor, das Personal der Polizei in beträchtlichem Maßstabe zu vermehren, weil ähnliche Attentate gegen die besten Bürger der Vereinigten Staaten sich wiederholen könnten – und sie hatten damit Recht.

Freilich verlangten die Blätter der Opposition, daß das Personal vollständig, und zwar als unnütz verabschiedet werde, da derartige Raubanfälle sich doch wiederholen könnten, ohne daß es möglich würde, die Urheber derselben zu entdecken – und vielleicht hatten sie damit nicht Unrecht.

Alles in Allem, die Polizei blieb, was sie war und immer sein wird in der besten der Welten, die nicht vollkommen ist und es niemals werden wird.

V.

V.

In dem die Einstellung der Feindseligkeiten zwischen dem Vorsitzenden und dem Schriftführer des Weldon-Instituts beschlossen wird.

Eine Binde über den Augen zu tragen, einen Knebel im Munde, einen Strick um die Handgelenke und einen solchen um die Knöchel zu haben, d. h. also jeder Möglichkeit zu sehen, zu sprechen und sich zu bewegen, beraubt zu sein, das war für den Onkel Prudent keine Lage, in der er sich hätte wohl fühlen können, und ebenso wenig für Phil Evans und den Diener Frycollin. Obendrein nicht einmal zu wissen, wer die Urheber dieser Entführung waren, nicht zu wissen, wo man sich befand und welches Loos man zu erwarten habe – das mußte gewiß auch das allergeduldigste Lamm in Wuth bringen, und bekanntlich gehörten die Mitglieder des Weldon-Instituts, was ihre Geduld betraf, nicht im geringsten zur Familie der Lämmer. Berücksichtigt man die natürliche Heftigkeit seines Charakters, so kann man sich leicht vorstellen, in welcher Gemüthsverfassung Onkel Prudent sich jetzt befinden mochte.

Jedenfalls mußten Phil Evans und er langsam einsehen, daß es für sie Schwierigkeiten haben werde, am nächsten Abend ihre Plätze im Bureau des Clubs einzunehmen.

Frycollin war es mit den verbundenen Augen und dem geschlossenen Munde überhaupt unmöglich, irgend etwas zu denken; er war schon mehr todt, als lebendig.

Während einer Stunde trat in der Lage der Gefangenen keine Aenderung ein. Kein Mensch ließ sich erblicken, sie zu besuchen oder ihnen wenigstens die Freiheit der Bewegung und der Sprache wieder zu geben, nach der sie doch so sehr verlangten. Jetzt sahen sie sich auf erstickte Seufzer, auf ein dumpfes, »Ach!« angewiesen, das sich kaum durch ihre Knebel preßte, und beschränkt auf schwache Bewegungen, wie sie etwa ein seinem natürlichen Element entrissener absterbender Karpfen ausführt, und man begreift leicht, welchen stummen Zorn, welch‘ verhaltene oder vielmehr eingeschnürte Wuth das in ihnen erzeugen mußte. Nach wiederholten vergeblichen Befreiungsversuchen verhielten sie sich eine Zeit lang ganz still. Da ihnen der Gesichtssinn augenblicklich abging, bemühten sie sich, vielleicht durch den Gehörsinn einige Aufklärung über diesen beunruhigenden Zustand der Dinge zu erlangen. Vergeblich aber strengten sie sich an, ein anderes Geräusch zu hören, als das ununterbrochene und unerklärliche »frrr«, das hier den ganzen Umkreis zu beherrschen schien.

Inzwischen gelang es Phil Evans, der hier mit mehr Ruhe ans Werk ging, den Strick locker zu machen, der um seine Handgelenke lag. Dann löste sich allmählig der fesselnde Knoten, er schmiegte die Finger dicht aneinander, und endlich erlangten seine Hände wieder die gewohnte Bewegungsfreiheit.

Durch kräftiges Reiben stellte er den in ihnen halb unterbrochenen Blutumlauf wieder her, und in der nächsten Minute schon hatte Phil Evans die Binde abgerissen, die ihm die Augen bedeckte, den Knebel aus seinem Munde gelöst und alle Stücke mit der feinen Klinge seines »Bowie-Messers« zerschnitten. Ein Amerikaner, der nicht stets sein Bowie-Messer in der Tasche hätte, wäre eben kein Amerikaner mehr.

Wenn Phil Evans aber hieraus die Möglichkeit, sich zu bewegen und zu sprechen, wieder erlangte, so war das doch eben Alles. Seine Augen fanden keine Gelegenheit zu nützlicher Thätigkeit – wenigstens jetzt nicht, denn in der Zelle, die sie einschloß, herrschte vollständige Finsterniß. Ein ganz schwacher Lichtschein drang nur durch eine Art Schießscharte herein, die in sechs bis sieben Fuß Höhe in der Wand angebracht war.

Es versteht sich von selbst, daß Phil Evans keinen Augenblick zögerte, auch seinen Rivalen zu befreien. Einige Züge mit dem Bowie-Messer genügten zur Durchschneidung der Stricke, welche dessen Füße und Hände fesselten. In heller Wuth riß sich Onkel Prudent, als er sich kaum auf den Füßen aufrichten konnte, die Binde herunter und den Knebel heraus und stammelte mit erstickter Stimme:

»Ich danke Ihnen!

– Nein! … Hier ist nichts zu danken, antwortete der Andere.

– Phil Evans?

– Onkel Prudent?

– Hier giebt es keinen Vorsitzenden und keinen Schriftführer des Weldon-Instituts, ich denke, auch keine Gegner mehr.

– Sie haben Recht, bestätigte Phil Evans. Hier sind wir nur zwei Männer, die sich zu rächen haben an einem Dritten, dessen Gewaltstreich die strengste Wiedervergeltung herausfordert.

– Und dieser Dritte …

– Ist jener Robur! …

– Ja, jener Robur!«

Hier fand sich also einmal ein Punkt, bezüglich dessen die beiden Ex-Concurrenten völlig übereinstimmten, ein Streit über diesen Gegenstand schien demnach ganz ausgeschlossen.

»Und Ihr Diener? bemerkte da Phil Evans mit einem Fingerzeig auf Frycollin, der wie ein Seehund schnaufte, wir müssen auch ihn befreien.

– Noch nicht, erwiderte Onkel Prudent, er würde uns mit seinen Klageliedern den Kopf warm machen, und wir haben jetzt Anderes zu thun, als auf sein Jammern zu achten.

– Und was denn, Onkel Prudent?

– Uns zu retten, wenn es möglich ist.

– Und selbst wenn es unmöglich ist!«

Ein Zweifel daran, daß diese Entführung jenem Fremdling, dem Robur, zuzuschreiben sei, konnte dem Präsidenten und seinem Collegen gar nicht in den Sinn kommen. In der That hätten ja einfache, ehrsame Räuber sie unzweifelhaft ihrer Uhren, Edelsteine, Brieftaschen und Portemonnaies entledigt und sie dann mit einem Schnitt durch den Hals in den Schuylkill-Strom geworfen, statt sie einschließen in … Ja, in was? – Das war eine ernste Frage, welche die schleunigste Lösung verdiente, ehe sie mit einiger Aussicht auf Erfolg an irgend welche Vorbereitungen zu ihrer Flucht denken konnten.

»Phil Evans, nahm Onkel Prudent wieder das Wort, wir hätten wahrlich besser daran gethan, wenn wir beim Weggehen aus der Sitzung, statt Liebenswürdigkeiten, auf welche wir hier nicht zurückkommen wollen, auszutauschen, lieber etwas weniger zerstreut gewesen wären. Verließen wir die Straßen von Philadelphia nicht, so wäre das Alles nicht geschehen. Offenbar hatte jener Robur schon eine Ahnung davon, was sein Auftreten im Club bewirken würde, er muthmaßte die Wuthausbrüche, welche seine Herausforderungen entfesseln mußten, und hatte vor der Thüre sicherlich einige seiner Banditen, ihm im schlimmsten Falle beizuspringen. Als wir dann die Walnut-Straße verließen, spürten uns seine Schergen auf, folgten unseren Spuren und als sie sahen, daß wir uns unkluger Weise in die Alleen des Fairmont-Parkes verirrten, da hatten sie ja leichtes Spiel.

– Einverstanden, antwortete Phil Evans. Ja, wir haben sehr Unrecht gethan, nicht unmittelbar unsere Wohnungen aufzusuchen.

– Man hat immer Unrecht, nicht Recht zu haben,« versetzte Onkel Prudent.

Da ertönte ein langgezogener Seufzer aus dem finsteren Winkel der Zelle.

»Was war das? fragte Phil Evans.

– O nichts … Frycollin träumt nur.«

Und Onkel Prudent fuhr ungestört fort:

»Zwischen dem Zeitpunkte, wo wir wenige Schritte vom Anfang der Lichtung ergriffen wurden, und dem, wo man uns in diesen Winkel warf, sind kaum zwei Minuten verflossen. Es liegt also auf der Hand, daß jene Leute uns nicht über den Fairmont-Park hinaus verschleppt haben.

– Denn wenn das geschehen wäre, hätten wir doch von der Fortschaffung etwas verspüren müssen.

– Einverstanden, erklärte Onkel Prudent. Es unterliegt also keinem Zweifel, daß wir in einer Abtheilung irgend eines Wagens eingesperrt sind, vielleicht in einem jener langen Prairie-Reisewagen oder in dem Gefährte von Seiltänzern.

– Ohne Zweifel. Befänden wir uns auf einem auf dem Schuylkill-Strom vertäuten Schiffe, so müßte sich das durch ein leichtes Schwanken von Bord zu Bord, veranlaßt durch die Strömung, zu erkennen geben.

– Einverstanden, völlig einverstanden, wiederholte Onkel Prudent, und ich meine, es ist, wo wir uns noch in der Parklichtung befinden, jetzt oder nie der geeignete Moment zur Flucht, um später jenen Robur wieder aufzuspüren …

– Und ihn diesen Angriff auf die Freiheit zweier Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika theuer bezahlen zu lassen!

– Theuer … sehr theuer!

– Doch, wer ist dieser Mann? … Woher kommt er? … Ist es ein Engländer, ein Deutscher, ein Franzose …

– Jedenfalls ein elender Wicht, das genügt, antwortete Onkel Prudent. Und nun an’s Werk!«

Mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern tasteten Beide an der Wand des kleinen Raumes umher, um einen Riß oder eine Spalte zu entdecken. Vergeblich. Es fand sich hier ebenso wenig davon, wie an der Thür. Diese erwies sich fast hermetisch geschlossen, und es wäre unmöglich gewesen, das Schloß derselben zu sprengen. Man mußte also ein Loch herzustellen suchen, um durch dasselbe zu entkommen. Dabei trat nun die Frage hervor, ob die Bowie-Messer die Wand anzugreifen im Stande seien, ob ihre Klingen sich nicht verbiegen oder bei dem Vorhaben gar zerbrechen würden.

»Doch woher stammt jenes Zittern, das gar nicht aufhört? fragte Phil Evans, der sich über das immer fortdauernde frrr nicht beruhigen konnte.

– Es ist ohne Zweifel der Wind, meinte Onkel Prudent.

– Der Wind? … Bis Mitternacht schien mir, als ob die Luft ganz ruhig gewesen wäre …

– Gewiß, Phil Evans, doch, wenn es der Wind nicht sein soll, was halten Sie denn für die Ursache?«

Phil Evans versuchte, nachdem er die beste Klinge seines Messers aufgeklappt, in die Wand nahe der Thür einzuschneiden. Vielleicht genügte es hier, eine Oeffnung zu machen, um diese von außen zu öffnen. wenn sie nur durch einen Riegel versperrt oder der Schlüssel im Schlosse stecken geblieben war.

Wenige Minuten Arbeit reichten hin, die Klinge des Bowie-Messers zu verderben, die Spitze desselben abzubrechen und es in eine tausendzähnige Säge zu verwandeln.

»Es greift wohl nicht, Phil Evans?

– Nein.

– Sollten wir uns in einer Zelle aus Stahl befinden?

– Das nicht, Onkel Prudent; diese Wände geben angeschlagen keinen metallischen Ton.

– Also vielleicht aus Eisenholz?

– Nein, weder aus Eisen, noch aus Holz.

– Aus was bestände sie denn dann?

– Das ist unmöglich zu entscheiden; unbedingt aber ist es eine Substanz, welche der Stahl nicht angreift.«

Onkel Prudent loderte in hellem Zorn auf, er fluchte, stampfte den widerhallenden Boden mit den Füßen und seine Hände suchten einen eingebildeten Robur zu erwürgen.

»Ruhig, Onkel Prudent, ermahnte ihn Phil Evans, ruhig. Versuchen Sie einmal Ihr Glück.«

Onkel Prudent versuchte es, das Bowie-Messer konnte aber nicht in eine Wand einschneiden, die selbst dessen beste Klingen nicht zu ritzen vermochten, als ob diese aus Krystall wäre.

Eine Flucht erschien also ganz unausführbar, denn ohne Oeffnung der Thür war an eine solche doch gar nicht zu denken.

Es galt demnach, für jetzt darauf zu verzichten, was dem Yankee-Temperament nicht eben leicht zu werden pflegt, und Alles vom Zufall zu erwarten, was hervorragenden praktischen Geistern allemal zuwider ist. Natürlich geschah das nicht ohne Verwünschungen, furchtbare Drohungen und an die Adresse Robur’s gerichtete schwere persönliche Beleidigungen, während er doch gar nicht der Mann dazu schien, sich deshalb ein graues Haar wachsen zu lassen, wenn anders er sich im Privatleben ebenso zeigte, wie bei seinem Auftreten im Weldon-Institute.

Inzwischen gab Frycollin einige unzweifelhafte Zeichen seiner unbehaglichen Lage von sich. Ob er nun krampfhaftes Krümmen im Magen empfand oder die Einschnürung ihm einen Krampf der Glieder zugezogen hatte, jedenfalls begann er jämmerlich zu lamentiren.

Onkel Prudent glaubte seinen Qualen ein Ende machen zu müssen, indem er die Stricke, welche den Neger fesselten, durchschnitt.

Fast hätte er Ursache gehabt, diese Regung von Mitleid zu bedauern. Sofort begann Jener nämlich eine endlose Litanei, in der Ausbrüche des Entsetzens und – Klagen über Hunger die Hauptrolle spielten. Frycollin litt ebenso sehr im Kopfe, wie im Magen, so, es wäre schwierig gewesen, zu entscheiden, welchem dieser beiden Organe am meisten Schuld an dem Jammern des Negers beizumessen war.

»Frycollin!« rief Onkel Prudent.

»Master Onkel! Master Onkel!« antwortete der Neger mit kläglichem Geschrei.

»Es ist möglich, daß wir verdammt sind, in diesem Gefängnisse Hungers zu sterben. Wir sind aber entschlossen, Alles, was irgend verzehrbar erscheint, zu versuchen, um unser Leben zu verlängern.

– Und mich aufzuzehren? jammerte Frycollin.

– Wie man es unter solchen Umständen mit einem Neger stets macht! Sorge also, Frycollin, daß Du Dich uns nicht zu sehr bemerkbar machst …

– Oder Du wirst fri–cas–sirt!« setzte Phil Evans hinzu.

Frycollin bekam wirklich Angst, daß sein Leichnam in Anspruch genommen werden könnte, das Leben zweier Männer zu verlängern, das jedenfalls werthvoller war, als das seinige. Er begnügte sich also, nur noch im Stillen zu seufzen.

Inzwischen verstrich die Zeit und alle Versuche, die Thür oder die Wand gewaltsam zu öffnen, waren erfolglos geblieben. Woraus diese Wand bestand, ließ sich unmöglich feststellen. Metall war das nicht, Holz war es nicht und Stein war es auch nicht. Der Fußboden der Zelle schien übrigens aus demselben Material hergestellt zu sein. Stieß man mit dem Fuße auf denselben, so gab das einen ganz seltsamen Ton, den unter die bekannten Geräusche zu classificiren, Onkel Prudent gewiß viele Mühe gemacht hätte.

Dabei bemerkte man noch, daß der Fußboden entschieden hohl klang, so, als ob er nicht direct auf dem Boden der Lichtung ruhte; ja, er schien bei dem unerklärlichen frrr selbst leise zu erzittern. Alles das war nicht gerade beruhigender Natur.

»Onkel Prudent, begann Phil Evans.

– Phil Evans? antwortete der Gefragte.

– Meinen Sie, daß unsere Zelle ihre Lage verändert hat?

– Keineswegs.

– Und doch, als wir kaum eingesperrt waren, konnte ich deutlich den frischen Geruch des Grases und den harzigen Duft der Bäume des Parkes wahrnehmen. Jetzt kann ich Luft einfangen, so viel ich will, es erscheint mir, als ob davon nichts zu riechen wäre.

– Das ist freilich wahr.

– Doch, wie soll man das erklären?

– Erklären wir es auf ganz beliebige Weise, Phil Evans, nur nicht durch die Hypothese, daß unser Gefängniß eine Ortsveränderung erlitten habe. Ich wiederhole, daß wir es unbedingt hätten fühlen müssen, wenn wir uns auf einem in Gang befindlichen Wagen oder auf einem dahingleitenden Schiffe befänden.«

Frycollin ließ einen langgedehnten Seufzer hören, den man hätte für seinen letzten halten können, wenn ihm nicht mehrere andere nachgefolgt wären.

»Ich gab mich der Hoffnung hin, daß Robur uns bald veranlassen werde, vor ihn zu treten, fuhr Phil Evans fort.

– Ich nicht minder, rief Onkel Prudent, aber ich werde ihm in’s Gesicht sagen …

– Was?

– Daß er erst wie ein Unverschämter in unsere Verhandlungen eingegriffen hat, um schließlich gleich einem Schurken zu handeln!«

Eben jetzt bemerkte Phil Evans, daß der Tag zu grauen begann. Ein noch schwacher Lichtschein drang durch die enge, am oberen Theile der der Thür gegenüberliegenden Wand angebrachte Schießscharte herein. Es mochte also gegen vier Uhr Morgens sein, denn im Juni und unter dieser Breite färbt sich der Horizont von Philadelphia zu dieser Stunde mit den ersten Morgenstrahlen.

Und doch, als Onkel Prudent seine Repetiruhr schlagen ließ, ein Meisterwerk, das aus der Anstalt eines Collegen hervorgegangen war – meldete diese, daß es erst dreivierteldrei Uhr war, obwohl die Uhr inzwischen bestimmt nicht gestanden hatte.

»Seltsam! sagte Phil Evans. Um dreivierteldrei Uhr sollte es noch Nacht sein.

– Meine Uhr müßte dann bedeutend nachgeblieben sein, bemerkte Onkel Prudent.

– Eine Uhr der Waldon Watch Compagnie!« rief Phil Evans beleidigt.

Auf jeden Fall begann es jetzt Tag zu werden. Nach und nach hob sich die Schießscharte weiß von der tiefen Dunkelheit der Zelle ab. Und doch, wenn das Morgengrauen frühzeitiger auftrat, als es entsprechend dem 40. Breitengrade, unter dem Philadelphia liegt, zu erwarten war, so erschien es doch nicht mit der bekannten Schnelligkeit, wie in den niedrigen Breiten.

Onkel Prudent machte diese neue Beobachtung und erwähnte der fast unerklärlichen Erscheinung.

»Wir könnten vielleicht bis nach der Schießscharte hinaufklimmen«, bemerkte Phil Evans, um von da aus Rundschau zu halten, wo wir überhaupt sind.

– Das können wir,« stimmte Onkel Prudent zu.

Dann wandte er sich an Frycollin:

»Nun munter, Fry, auf die Füße!«

Der Neger erhob sich.

»Lehne Dich mit dem Rücken gegen diese Wand, fuhr Onkel Prudent fort, und Sie, Phil Evans, steigen gefälligst auf die Schultern dieses Burschen, während ich Sie von rückwärts halte.

– Recht gern,« antwortete Phil Evans.

Einen Augenblick später kletterte er schon auf Frycollin’s Schultern, so daß er zu der Schießscharte hinaussehen konnte.

Dieselbe war verschlossen, aber nicht durch ein Linsenglas, wie die Lichtpforte eines Schiffes, sondern durch eine gewöhnliche Planscheibe. Obwohl sie nicht sehr stark war, verhinderte sie doch den freien Ausblick Phil Evans‘, dessen Gesichtskreis dadurch ziemlich beschränkt wurde.

»So zerbrechen Sie doch die Scheibe, sagte Onkel Prudent, vielleicht können Sie dann besser sehen.«

Phil Evans führte einen heftigen Schlag mit dem Heft seines Bowie-Messers gegen die Scheibe, welche einen fast silbernen Ton gab, aber nicht zerbrach.

Ein zweiter, noch kräftigerer Schlag hatte nur dasselbe Resultat.

»Schön, rief Phil Evans, unzerbrechliches Glas!«

Wirklich mußte diese Scheibe aus dem nach der Methode des Erfinders Siemens gehärteten Glase bestehen, da sie trotz der wiederholten Schläge ganz blieb.

Uebrigens war es jetzt draußen hell genug, um ziemlich weit sehen zu können, wenigstens innerhalb des Gesichtsfeldes, das die Einfassung der Schießscharte frei ließ.

»Was sehen Sie? fragte Onkel Prudent.

– Nichts.

– Wie? Keinen Wald?

– Nein.

– Nicht einmal die Gipfel der Bäume?

– Auch diese nicht.

– Wir befinden uns also nicht mehr inmitten der Lichtung?

– Weder in der Lichtung, noch überhaupt im Park.

– Erkennen Sie denn auch nicht die Dächer der Häuser, die Spitzen der Denkmäler? sagte Onkel Prudent, dessen Enttäuschung schon in einem Grade zunahm, daß sie nahe an Wuth grenzte.

– Weder Dächer, noch Spitzen.

– Was? Auch nicht einen Mast mit Flagge, nicht einen einzigen Kirchthurm, nicht einmal einen Fabriksschornstein?

– Nichts – nichts als die leere Luft.«

Eben jetzt öffnete sich die Thür der Zelle, in der ein Mann sichtbar wurde. Das war Robur.

»Ehrenwerthe Ballonisten, sagte eine ernste Stimme. Sie sind nun frei, nach Belieben zu gehen, wohin Sie wollen …

– Frei! rief Onkel Prudent.

– Ja … das heißt innerhalb der Grenzen des »Albatros«!

Onkel Prudent und Phil Evans stürzten aus der Zelle.

Und was sahen sie da?

Zwölf- bis dreizehnhundert Meter unter ihnen die Oberfläche eines Landes, das sie vergeblich zu erkennen sich bemühten.