Romane

Siebenunddreißigstes Capitel.

Siebenunddreißigstes Capitel.

Beweis, daß Phileas Fogg durch seine Reise um die Erde nichts gewann, außer sein häusliches Glück.

Ja! Phileas Fogg persönlich.

Wir erinnern uns, daß Passepartout um acht Uhr fünf Minuten Abends, – fünfundzwanzig Stunden etwa nach Ankunft der Reisenden zu London, – von seinem Herrn den Auftrag erhalten hatte, Se. Ehrwürden, den Herrn Samuel Wilson, in Betreff einer gewissen Heirat, welche den folgenden Tag geschlossen werden sollte, zu ersuchen.

Passepartout war voll Freude raschen Schrittes in die Wohnung Sr. Ehrwürden gegangen, der noch nicht nach Hause gekommen war. Natürlich wartete Passepartout, und zwar zwanzig Minuten wenigstens.

Kurz, als er aus der Wohnung des geistlichen Herrn herauskam, war es acht Uhr fünfunddreißig Minuten. Und er lief über Hals und Kopf, wie man noch nie einen Mann laufen sah, warf wie eine Trombe auf den Trottoirs die Begegnenden zu Boden, und war in drei Minuten wieder im Hause der Saville-Row, wo er atemlos in Fogg’s Zimmer stürzte.

Reden konnte er nicht.

»Was giebt’s?« fragte Herr Fogg.

– Mein Herr … stotterte Passepartout … Heirat … unmöglich.

– Unmöglich?

– Unmöglich … für morgen.

– Weshalb?

– Weil morgen … Sonntag ist!

– Montag, erwiderte Herr Fogg.

– Nein … heute … Samstag.

– Samstag? Unmöglich!

– Ja, ja, ja! rief Passepartout. Sie haben sich um einen Tag geirrt! Wir sind vierundzwanzig Stunden früher angekommen, aber es ist nur noch zehn Minuten Zeit! …«

Passepartout faßte seinen Herrn beim Kragen, und riß ihn mit unwiderstehlicher Kraft fort!

Also verließ Herr Fogg, ohne Zeit zum Besinnen zu haben, sein Zimmer, sein Haus, sprang in einen Cab, versprach dem Kutscher hundert Pfund, und langte, nachdem er zwei Hunde todtgefahren und fünf Wagen aufgehalten, im Reformclub an.

Die Uhr stand auf acht Uhr fünfundvierzig Minuten, als er im großen Saal eintrat …

Phileas Fogg hatte die Reise um die Erde in achtzig Tagen vollendet und damit seine Wette von zwanzigtausend Pfund gewonnen!

Und jetzt, wie konnte es einem so pünktlichen, so methodischen Manne begegnen, daß er sich um einen Tag irrte? Wie war es möglich, daß er meinte, es sei Samstag, der 21. December, als er zu London ausstieg, da es doch erst Freitag, der 20. December, war, der neunundsiebenzigste Tag seit seiner Abfahrt?

Die Ursache ist sehr einfach.

Phileas Fogg hatte »ohne es zu ahnen«, einen Tag über sein Reisebüchlein hinaus gewonnen, – und zwar aus dem einzigen Grund, weil er die Reise um die Erde ostwärts gemacht hatte; und er würde ebenso, wäre er westwärts gereist, einen eingebüßt haben.

Die Thatsache ist, daß Phileas Fogg ostwärts der Sonne entgegen reiste, und folglich die Tage für ihn bei jedem Grad, welchen er in dieser Richtung vorwärts kam, um vier Minuten kürzer waren. Nun zählt man rings um die Erde dreihundertundsechzig Grade, welche Zahl mit vier Minuten multiplicirt gerade vierundzwanzig Stunden giebt, – so daß also unbewußt dieser Tag gewonnen war. Mit andern Worten, während Phileas Fogg bei seiner östlichen Richtung die Sonne achtzigmal über den Meridian gehen sah, war dies bei seinen Collegen, die zu London geblieben waren, nur neunundsiebenzigmal der Fall. Daher kam es, daß dieselben ihn an diesem Tage, welcher Samstag und nicht wie Herr Fogg meinte, Sonntag war, im Reformclubsaal auf ihn warteten.

Und dieses würde die famose Uhr Passepartouts – welcher sie immer bei der londoner Zeit gelassen hatte – nachgewiesen haben, wenn sie, wie die Stunden und Minuten, zugleich auch die Tage angegeben hätte.

Phileas Fogg hatte also die zwanzigtausend Pfund gewonnen. Aber da er unterwegs etwa neunzehntausend davon ausgegeben hatte, so war das Ergebniß an Geld unbeträchtlich. Doch hatte, sagte man, der excentrische Gentleman bei dieser Wette nur den Streit im Sinne, nicht das Vermögen. Und sogar die übriggebliebenen tausend Pfund theilte er zwischen dem wackeren Passepartout und dem unglückseligen Fix, dem er nicht zu grollen fähig war. Nur, und zwar der Regelmäßigkeit wegen, zog er seinem Diener den Preis des durch seine Schuld während der neunzehnhundertundzwanzig Stunden verbrauchten Gases ab.

Diesen nämlichen Abend sagte Herr Fogg, ebenso leidenschaftslos, ebenso phlegmatisch zu Mrs. Aouda:

»Sind Sie, Madame, mit der Heirat immer noch zufrieden?

– Herr Fogg, erwiderte Mrs. Aouda, diese Frage habe ich an Sie zu richten. Sie waren ruinirt, jetzt sind Sie reich …

– Entschuldigen Sie, Madame, dieses Vermögen gehört Ihnen. Hätten Sie nicht den Gedanken dieser Heirat vorgebracht, so wäre mein Diener nicht zu dem geistlichen Herrn gelaufen, und ich wäre meinen Irrthum nicht gewahr worden, und …

– Lieber Herr Fogg … sagte die junge Frau.

– Liebe Aouda …« erwiderte Phileas Fogg.

Es versteht sich, daß die Heirat nun achtundvierzig Stunden später stattfand, wobei Passepartout, stolz, glänzend, blendend, der jungen Frau Zeuge war. Gebührte nicht ihm, der sie auf seinen Schultern gerettet hatte, diese Ehre?

Nur klopfte am folgenden Morgen bei Tagesanbruch Passepartout laut an die Thüre seines Herrn.

Die Thüre öffnete sich, und der leidenschaftslose Gentleman erschien.

»Was gibt’s, Passepartout?

– Was es gibt, mein Herr! So eben habe ich gemerkt …

– Was denn?

– Daß wir die Reise um die Erde in nur achtundsiebenzig Tagen hätten fertig bringen können.

– Allerdings, erwiderte Herr Fogg, wenn wir nicht durch Indien gefahren wären. Aber hätten wir nicht diesen Weg genommen, so hätte ich nicht Mrs. Aouda retten können, und dann wäre sie nicht meine Frau, und …«

Und Herr Fogg schloß in aller Seelenruhe die Thüre. So hatte also Phileas Fogg seine Wette gewonnen, denn er hatte die Reise um die Erde in achtzig Tagen gemacht! Zu diesem Zweck hatte er alle Arten von Transportmitteln gebraucht, Packetboote, Eisenbahnen, Wagen, Yachte, Handelsfahrzeuge, Schlitten, Elephanten. Der excentrische Gentleman hatte dabei seine Kaltblütigkeit und Pünktlichkeit in erstaunlichem Grade aufgeboten. Dann aber, was hatte er dabei gewonnen? Was hatte ihm die Reise eingetragen?

Nichts, sagt man wohl? Nichts, ich gebe es zu, außer eine liebenswürdige, reizvolle Frau, die – so unwahrscheinlich dies vorkommen mag – ihn zum glücklichsten Menschen machte!

Wahrlich, würde man nicht die Reise um die Erde auch um ein geringeres Ziel vornehmen?

Viertes Capitel.

Viertes Capitel.

Phileas Fogg setzt seinen Diener Passepartout in Bestürzung.

Um sieben Uhr fünfundzwanzig Minuten nahm Phileas Fogg, nachdem er beim Whist zwanzig Guineen gewonnen, von seinen ehrenwerthen Collegen Abschied und verließ den Reformclub. Um sieben Uhr fünfzig öffnete er seine Hausthüre und trat in sein Haus.

Passepartout, welcher sein Programm gewissenhaft einstudiert hatte, war sehr überrascht, als er Herrn Fogg so ungenau sah, daß er zu dieser ungewöhnlichen Stunde erschien. Nach der Vorschrift sollte der Bewohner von Saville-Row erst zu Mitternacht heim kommen.

Phileas Fogg begab sich zuerst auf sein Zimmer, dann rief er:

»Passepartout!«

Passepartout gab keine Antwort. Dieses Anrufen konnte nicht ihm gelten. Es war ja nicht die Stunde.

»Passepartout«, rief Herr Fogg wiederholt, doch ohne Steigerung des Tones.

Passepartout stellte sich.

»Ich habe Sie zweimal rufen müssen, sagte Herr Fogg.

– Aber es ist noch nicht Mitternacht, erwiderte Passepartout, die Uhr in der Hand.

– Ich weiß es, versetzte Phileas Fogg, und mache Ihnen keinen Vorwurf. In zehn Minuten reisen wir nach Dover und Calais.«

Das runde Angesicht des Franzosen verzog sich unwillkürlich. Offenbar hatte er nicht recht verstanden.

»Der Herr will eine Reise machen? fragte er.

– Ja, erwiderte Phileas Fogg. Wir wollen eine Reise um die Erde vornehmen.«

Da staunte Passepartout über die Maßen. Er riß die Augen weit auf, spannte die Wimpern und Brauen, streckte die Hände aus – Symptome förmlicher Bestürzung.

»Reise um die Erde! brummte er.

– In achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg. Also, wir haben keinen Augenblick Zeit zu verlieren.

– Aber die Koffer? … sagte Passepartout mit unwillkürlichem Kopfschütteln.

– Keine Koffer. Nur eines Reisesackes bedarf’s, mit zwei wollenen Hemden darin, und drei Paar Strümpfen; ebensoviel für Sie. Weiteres kaufen wir unterwegs. Holen Sie meinen Makintosh und meine Reisedecke, und nehmen Sie gute Fußbekleidung. Uebrigens gehen wir wenig oder nicht zu Fuße. Jetzt, rasch!

Passepartout hätte gern geantwortet, konnte aber nicht. Er verließ Herrn Fogg’s Zimmer, begab sich auf das seinige, sank auf einen Stuhl nieder, und sagte mit einem in seiner Heimat üblichen Ausdruck:

»Ei! Das ist stark! Und ich wollte ruhig leben! …«

Er machte mechanisch seine Vorbereitungen zur Reise. Eine Reise um die Erde in achtzig Tagen! Hatte er’s mit einem Narren zu thun? Nein … War’s ein Scherz? Die Reise ging nach Dover, gut. Nach Calais, laß ich gelten. Uebrigens konnte das dem wackern Jungen nicht sehr zuwider sein, da er seit fünf Jahren den heimatlichen Boden nicht betreten hatte. Vielleicht auch ging die Reise bis Paris, und wahrhaftig, es hätte ihm Vergnügen gemacht, die große Hauptstadt wieder zu sehen. Aber sicherlich würde ein Gentleman, der keinen unnöthigen Schritt that, es dabei bewenden lassen … Ja, ganz gewiß, aber es war doch die volle Wahrheit, daß dieser Gentleman, sonst so ein Haushüter, auf Reisen ging!

Um acht Uhr hatte Passepartout den bescheidenen Sack mit seiner und seines Herrn Garderobe zurecht gemacht; darauf verließ er, noch ganz verstörten Geistes, sein Zimmer, verschloß sorgfältig die Thüre desselben, und begab sich wieder zu Herrn Fogg.

Herr Fogg war reisefertig. Unter’m Arm trug er »Bradshaw’s Continents-Eisenbahn- und Dampfboot-Reiseführer«, woraus er alle für seine Reise erforderlichen Notizen schöpfen konnte. Er nahm Passepartout den Reisesack aus der Hand, öffnete ihn und schob ein starkes Bündel von den schönen Banknoten hinein, welche in aller Welt Cours haben.

»Haben Sie nichts vergessen? fragte er.

– Nichts, mein Herr.

– Mein Makintosh und meine Decke?

– Hier.

– Gut, nehmen Sie den Sack.«

Herr Fogg stellte Passepartout den Sack wieder zu.

»Und haben Sie wohl Acht darauf, fügte er bei. Es sind zwanzigtausend Pfund drinnen.«

Beinahe wäre der Sack Passepartout aus den Händen gefallen, als wären die zwanzigtausend Pfund in schwerem Gold darinnen.

Herr und Diener stiegen darauf hinab, und die Hausthüre wurde doppelt verschlossen.

Am Ende der Straße Saville-Row fand sich eine Fuhrwerkstation. Phileas Fogg und sein Diener stiegen in ein Cab, welches rasch nach dem Bahnhof Charing-Croß zufuhr, wo ein Zweig der Süd-Ostbahn mündet.

Um acht Uhr zwanzig Minuten hielt das Cab vor dem Gitterthore des Bahnhofes. Passepartout sprang herab, sein Herr folgte nach und bezahlte den Kutscher.

In diesem Augenblicke trat eine arme Bettlerin mit einem Kinde an der Hand, barfuß im Koth, zerrissenem Hut mit jämmerlich herabhängender Feder, zerfetztem Shawl über dem Lumpenkleid, zu Herrn Fogg heran und bat um ein Almosen.

Herr Fogg zog die zwanzig Guineen, welche er beim Whist gewonnen hatte, aus der Tasche und überreichte sie der Bettlerin mit den Worten:

»Hier nehmen Sie, brave Frau, es ist mir lieb, daß ich Sie getroffen habe!«

Dann ging er weiter.

Passepartout fühlte sein Auge naß. Sein Herr hatte einen Schritt in sein Herz gethan.

Herr Fogg trat mit ihm sogleich in den großen Bahnhofsaal und gab ihm Auftrag, zwei Billets erster Klasse nach Paris zu nehmen. Als er sich hierauf umdrehte, sah er sich von seinen fünf Collegen des Reformclubs umgeben.

»Meine Herren, sprach er, jetzt reise ich ab, und die Visa’s auf meinem Paß werden Ihnen bei meiner Rückkehr den Nachweis meiner Reiseroute geben.

– O! Herr Fogg, erwiderte höflich Walther Ralph, das ist nicht nöthig. Wir verlassen uns auf Ihr Wort als Gentleman!

– So ist’s besser, sagte Herr Fogg.

– Sie vergessen nicht, daß Sie wieder hier sein müssen? … bemerkte Andrew Stuart …

– Binnen achtzig Tagen, erwiderte Herr Fogg, Samstags, den 21. December 1872, um acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends. Auf Wiedersehen, meine Herren.«

Um acht Uhr vierzig Minuten setzten sich Phileas Fogg und sein Diener in dieselbe Waggon-Abtheilung. Um acht Uhr fünfundvierzig hörte man pfeifen und der Zug ging ab.

Es war finstere Nacht, und ein feiner Regen fiel. Phileas Fogg drückte sich stille in eine Ecke. Passepartout, noch ganz verdutzt, drückte den Sack mit den Banknoten maschinenmäßig an sich.

Aber der Zug war noch nicht über Sydenham hinaus, als Passepartout in wahrer Verzweiflung aufschrie!

»Was fehlt Ihnen? fragte Herr Fogg.

– Ich habe … in der Eile … meiner Bestürzung … vergessen …

– Was?

– Den Gashahn in meinem Zimmer zuzudrehen!

– Nun, mein lieber Junge, erwiderte Herr Fogg kaltblütig, so brennt das Gas auf Ihre Kosten!«

Fünftes Capitel.

Fünftes Capitel.

Ein neues Werthpapier erscheint auf dem Platz London.

Phileas Fogg vermuthete wohl bei seiner Abreise von London nicht, welch‘ großes Aufsehen sein Vorhaben erregen würde. Die Neuigkeit von der Wette verbreitete sich zuerst im Reformclub und erregte unter den Mitgliedern dieser ehrenwerthen Gesellschaft eine arge Aufregung, welche sich durch die Berichterstatter von da in die Journale verbreitete und durch diese das Publicum von London und im ganzen Vereinigten Königreiche durchdrang.

Diese Frage der Reise um die Erde wurde mit ebensoviel Leidenschaft und Hitze erläutert, besprochen, zergliedert, als handle sich’s um eine neue Alabama-Frage. Die einen ergriffen Partei für Phileas Fogg, die anderen – und sie bildeten bald eine ansehnliche Majorität – sprachen sich gegen ihn aus. Diese Reise um die Erde, innerhalb der geringen Frist, mit den jetzt im Gebrauch befindlichen Verkehrsmitteln anders als in der Theorie und auf dem Papier fertig zu bringen, war nicht allein unmöglich, sondern unsinnig!

»Times«, »Standard«, »Evening-Star«, »Morning Chronicle« und zwanzig andere Journale ersten Ranges erklärten sich gegen Fogg. Nur »Daily Telegraph« unterstützte ihn einigermaßen. Im Allgemeinen behandelte man Phileas Fogg als Wahnsinnigen, als Narren; und seine Collegen vom Reformclub wurden getadelt, daß sie sich auf so eine Wette eingelassen, welche eine Geistesschwäche ihres Urhebers beurkunde.

Es erschienen äußerst leidenschaftliche, aber logisch scharfe Artikel über die Frage. Bekanntlich hat man in England viel Interesse an allem, was Geographie betrifft. Darum gab’s auch keinen einzigen Leser, zu welcher Klasse er auch gehörte, der nicht die Phileas Fogg gewidmeten Spalten verschlang.

Während der ersten Tage waren einige kühne Geister – besonders Frauen – auf seiner Seite, zumal als »Illustrated London News« sein Portrait nach seiner im Archiv des Reformclubs niedergelegten Photographie publicirte. Manche Gentlemen sagten dreist: »Ei! ei! Warum nicht gar? Man hat außerordentlichere Dinge gesehen!« Es waren besonders Leser des »Daily Telegraph«. Aber man merkte bald, daß dies Journal selbst anfing seine Zuversicht zu verlieren.

Wirklich erschien am 7. October im Bulletin der königlichen Geographischen Gesellschaft ein langer Artikel, welcher die Frage von allen Gesichtspunkten aus betrachtete und das Unsinnige des Unternehmens klar auseinander setzte. Nach diesem Artikel war Alles dem Reisenden entgegen, Hindernisse, die in der Person und in der Natur begründet waren. Sollte das Project gelingen, mußte ein wunderbares Zusammenstimmen der Ankunft- und Abfahrtsstunden stattfinden; aber dieses Zusammenstimmen existirte nicht, konnte nicht statthaben. Strenge genommen kann man in Europa, wo verhältnißmäßig kleine Bahnstrecken vorhanden sind, auf die Ankunft der Züge zu fest bestimmter Zeit rechnen; aber wenn sie in drei Tagen quer durch Indien zu fahren haben, sieben Tage durch die Vereinigten Staaten: konnte man wohl die Elemente eines solchen Problems auf ihre Genauigkeit gründen? Und sprachen nicht die Unfälle der Maschine, Entgleisungen, Zusammenstöße, üble Witterung, Schneeanhäufung – sprach nicht dies alles gegen Phileas Fogg? War er nicht auf den Packetbooten während der Winterzeit den Windstößen oder Nebeln preisgegeben? Ist’s denn so selten, daß die besten Segler der überseeischen Fahrtlinien um zwei bis drei Tage sich verspäten? Nun konnte schon eine Verspätung, eine einzige, hinreichen, um die Kette der Verbindungen unverbesserlich zu zerreißen. Wenn Phileas Fogg auch nur um einige Stunden für die Abfahrt eines Packetbootes zu spät kam, mußte er das nächstabgehende abwarten, und durch diesen einzigen Umstand gerieth seine Reise unwiderruflich in Gefahr.

Der Artikel erregte großes Aufsehen. Fast alle Journale druckten ihn ab, und die Actien Phileas Fogg’s sanken außerordentlich.

Während der ersten Tage nach der Abreise des Gentleman wurden über das Wagniß seines Unternehmens bedeutende Wetten veranstaltet. Bekanntlich spielen die Wetter in England eine bedeutende Rolle: Wetter sind gescheitere und angesehenere Leute als die Spieler. Wetten liegt den Engländern im Blute. So stellten auch nicht allein die verschiedenen Glieder des Reformclubs bedeutende Wetten für oder wider Phileas Fogg an, sondern auch die Masse des Publicums wurde von der Bewegung fortgerissen. Phileas Fogg wurde gleich einem Renner in eine Art studbook eingetragen. Man machte auch ein Börsenpapier daraus, und es ward sogleich auf den Platz London eingetragen. Man verlangte, man offerirte »Phileas Fogg«, fest oder auf Prämie, und es wurden enorme Geschäfte gemacht. Aber fünf Tage nach seiner Abreise, nach dem Artikel im Bulletin der Geographischen Gesellschaft, fingen die Angebote an häufiger zu werden. Phileas Fogg sank. Man bot Packetweise. Nahm man’s anfangs zu fünf, später zu zehn, so nahm man’s jetzt schon nur noch um zwanzig, um fünfzig, um hundert.

Ein einziger Anhänger blieb ihm treu, der alte, gichtbrüchige Lord Albermale. Der ehrenwerthe Gentleman, der an seinen Fauteuil gefesselt war, hätte sein Vermögen hingegeben, um die Reise um die Erde machen zu können, sei’s auch in zehn Jahren! und er wettete fünftausend Pfund zu Gunsten des Phileas Fogg. Und wenn man ihm, zugleich mit der Thorheit des Projects, dessen Unnützlichkeit nachwies, beschränkte er sich gewöhnlich auf die Antwort: »Ist die Sache ausführbar, so ist’s gut, daß ein Engländer sie zuerst unternommen hat!«

Nun war es dahin gekommen, daß die Anhänger des Phileas Fogg immer seltener wurden; Jedermann trat, und nicht ohne Grund, seinen Gegnern bei; man nahm das Papier nur noch um hundertundfünfzig, um zweihundert gegen eins, als sieben Tage nach seiner Abreise ein völlig unerwartetes Ereigniß zur Folge hatte, daß man’s gar nicht mehr nahm.

An diesem Tage, um neun Uhr Abends, erhielt der Polizeidirector der Hauptstadt folgende telegraphische Depesche:

»Suez nach London.«

»Rowan, Polizeidirector, Centralverwaltung, Schottlandplatz.«

Ich bin dem Bankdieb Phileas Fogg auf der Ferse. Schicken Sie unverzüglich Verhaftbefehl nach Bombay.

»Fix, geh. Agent.«

Diese Depesche wirkte unverzüglich. Der ehrenwerthe Gentleman trat von der Bühne, und an seine Stelle ein Bankdieb. Seine in dem Reformclub bewahrte Photographie wurde untersucht. Sie entsprach Zug für Zug dem gerichtlich aufgenommenen Signalement. Man brachte die geheimnißvolle Existenz des Phileas Fogg, sein abgesondertes Leben, seine plötzliche Abreise in Anschlag, und es schien offenbar, daß dieser Mann unter dem Vorwand einer Reise um die Erde und gestützt auf eine unsinnige Wette keinen andern Zweck verfolgte, als den Agenten der englischen Polizei zu entwischen.

Sechstes Capitel.

Sechstes Capitel.

Der Agent Fix zeigt eine Ungeduld, die nicht unbegründet war.

Jene Depesche in Betreff des Phileas Fogg wurde unter folgenden Umständen verbreitet:

Am Mittwoch, den 9. October, wurde zu Suez für elf Uhr Vormittags das Packetboot Mongolia erwartet, welches der Company peninsular and oriental gehörte, ein eiserner Schraubendampfer mit Verdeck, von zweitausendachthundert Tonnen Gehalt und fünfhundert Pferdekraft. Er machte regelmäßig die Fahrten von Brindisi nach Bombay durch den Suez-Canal, und war einer der schnellsten Segler der Compagnie, der die vorschriftsmäßige Schnelligkeit von zehn Meilen in der Stunde zwischen Brindisi und Suez, und von neun Meilen und dreiundfünfzig Hunderttheilen zwischen Suez und Bombay fast immer übertraf.

In Erwartung der Ankunft des Mongolia sah man am Quai ein Gedränge Einheimischer und Fremder, welche in dieser Stadt zusammenströmen, die kürzlich noch ein Flecken war, nun durch des Herrn von Lesseps großes Werk einer bedeutenden Zukunft sicher ist, – zwei Männer auf- und abgehen. Der Eine derselben war der zu Suez angestellte Consularagent des Vereinigten Königreiches, welcher – trotz der ungünstigen Vorausvermuthungen der britischen Regierung und der schlimmen Prophezeihungen des Ingenieurs Stephenson – nun täglich englische Schiffe diesen Canal passiren sah, welche so die bisherige Fahrt Englands nach Indien um’s Cap der guten Hoffnung zur Hälfte abkürzte.

Der Andere war ein kleiner, magerer Mann, mit ziemlich gescheitem Gesicht und reizbar, der in auffallender Weise beständig mit den Augenbrauen-Muskeln zuckte. Unter seinen langen Wimpern glänzte ein sehr lebhaftes Auge, dessen Feuer er jedoch nach Belieben zu löschen verstand. In diesem Augenblicke gab er Zeichen von Ungeduld zu erkennen, lief hin und her, konnte nicht ruhig an der Stelle bleiben.

Dieser Mann hieß Fix, und war einer jener »Detectives« oder geheimen Agenten, welche die englische Polizei nach dem Diebstahl auf der Bank in die verschiedenen Häfen abgeschickt hatte. Sein Auftrag war, mit größter Sorgfalt alle Reisenden, die über Suez kamen, zu überwachen, und wenn ihm einer verdächtig vorkomme, ihm in Erwartung eines Verhaftsbefehls im Stillen nachzureisen.

Eben, vor zwei Tagen, hatte Fix vom Director der Londoner Polizei das Signalement des vermuthlichen Diebes erhalten, nämlich das des vornehmen und wohl gekleideten Mannes, welchen man im Zahlungssaal beobachtet hatte.

Der Detective, offenbar durch die für einen glücklichen Fang ausgesetzte ansehnliche Prämie gespornt, wartete also mit leicht begreiflicher Ungeduld auf die Ankunft des Mongolia.

»Und Sie sagten, Herr Consul, fragte er zum zehnten Mal, das Dampfboot müsse bald ankommen?

– Ja wohl, mein Herr, erwiderte der Consul. Es ist gestern auf hoher See bei Port-Said signalisirt worden, und die hundertsechzig Kilometer des Canals kommen bei einem solchen Segler nicht in Anschlag. Ich sage Ihnen nochmals, daß der Mongolia stets die Prämie von fünfundzwanzig Pfund gewonnen hat, welche die Regierung für jeden Vorsprung um vierundzwanzig Stunden vor der reglementaren Zeit ausgesetzt hat.

– Dies Packetboot kommt geradeswegs von Brindisi? fragte Fix.

– Gerade von Brindisi, wo es die Indische Briefpost aufgenommen hat, und am Samstag um fünf Uhr Abends abgefahren ist. Also haben Sie Geduld, es muß bald anlangen. Aber ich weiß wirklich nicht, wie es Ihnen möglich ist, nach dem Signalement, welches man Ihnen zugestellt hat, Ihren Mann, wenn er an Bord des Mongolia ist, zu erkennen.

– Herr Consul, erwiderte Fix, solche Leute wittert man vielmehr, als daß man sie erkennt. Man muß Spürkraft besitzen, die ist gleichsam ein besonderer Sinn, bei welchem Gehör, Gesicht und Geruch zusammen wirken. Ich habe in meinem Leben mehr wie einen solchen Gentleman verhaftet, und wofern nur mein Bankdieb an Bord ist, stehe ich Ihnen dafür, er wird mir nicht aus den Händen gleiten.

– Ich wünsche es, Herr Fix, denn es handelt sich um einen bedeutenden Diebstahl.

– Ein prachtvoller Diebstahl, versetzte der Agent voll Begeisterung. Fünfundfünfzigtausend Pfund! So ein Fund kommt einem nicht oft in den Weg! Die Diebe werden knauserig! Die Race der Sheppard wird selten! Jetzt bringt man sich um einige Schilling an den Galgen!

– Herr Fix, versetzte der Consul, Sie sprachen in einer Weise, daß ich lebhaft wünsche, Sie mögen Glück haben; aber, sag‘ ich nochmals, in der Lage, worin Sie sich befinden, fürchte ich, es möge schwierig sein. Wissen Sie, nach dem Signalement, welches Sie empfingen, gleicht dieser Dieb durchaus einem ehrlichen Manne.

– Herr Consul, erwiderte dogmatisch der Polizei-Agent, die großen Diebe sehen immer honnetten Leuten gleich. Sie begreifen wohl, daß die, welche wie Schurken aussehen, keine andere Wahl haben, als rechtschaffen zu bleiben, sonst würden sie ihre Verhaftung veranlassen. Ehrliche Gesichter muß man vor allen Dingen in’s Auge fassen. Das ist, geb‘ ich zu, ein schwer Stück Arbeit, das nicht mehr eine Sache des Gewerbes ist, sondern der Kunst.«

Man sieht, es fehlte dem Fix nicht an einer gewissen Dosis Eigenliebe.

Inzwischen wurde der Quai allmälig belebter. Seeleute verschiedener Nationalitäten, Handelsleute, Makler, Packträger, Fellah’s strömten da zusammen. Die Ankunft des Packetbootes war offenbar nahe bevorstehend.

Es war ziemlich schönes Wetter, aber in Folge des Ostwindes kalte Luft. Ueber der Stadt erhoben sich im blassen Sonnenschein einige Minarets. Südwärts zog sich ein zwei Meilen langer Damm wie ein Arm vor der Rhede von Suez. Auf der Fläche des Rothen Meeres schaukelten einige Fischerbarken oder Küstenfahrzeuge, von denen manche in ihren Formen noch das elegante Muster der antiken Galeere bewahrt haben.

Mitten in diesem Volksgewühl bewegte sich Fix nach Gewohnheit seines Berufes, und faßte die Vorübergehenden mit raschem Blick in’s Auge.

Es war damals halb elf Uhr.

»Aber das Packetboot bleibt aus! rief er, als er die Hafenuhr schlagen hörte.

– Es kann nicht mehr ferne sein, erwiderte der Consul.

– Wie lange wird’s in Suez verweilen? fragte Fix.

– Vier Stunden; so lange als nöthig, um Kohlen einzunehmen. Von Suez nach Aden, am Ende des Rothen Meeres rechnet man dreizehnhundertundzehn Meilen, und es muß sich mit Brennmaterial versehen.

– Und von Suez fährt das Boot direct nach Bombay? fragte Fix.

– Direct, ohne umzuladen.

– Nun denn, sagte Fix, wenn der Dieb diesen Weg eingeschlagen ist, und auf diesem Boot sich befindet, muß es in seinem Plan liegen, zu Suez an’s Land zu gehen, und auf anderm Wege in die holländischen oder französischen Besitzungen in Asien zu gelangen. Er muß wohl wissen, daß er in Indien nicht sicher wäre, weil es englisches Gebiet ist.

– Sofern es nicht ein sehr starker Mann ist, erwiderte der Consul. Sie wissen, ein englischer Verbrecher ist stets in London leichter geborgen, als auswärts.«

Nach dieser Bemerkung, welche dem Agenten viel Bedenken erregte, begab sich der Consul wieder auf seine Bureaux, die nicht weit davon waren. Der Polizei-Agent blieb allein, voll nervöser Ungeduld und auffallendem Ahnungsgefühl, sein Dieb müsse sich an Bord des Mongolia befinden, – und in Wahrheit, wenn der Schurke in Absicht die Neue Welt aufzusuchen England verlassen hatte, so mußte er den Weg nach Indien vorziehen, da dieser weniger überwacht oder schwerer zu überwachen ist, als der über das Atlantische Meer.

Fix blieb nicht lange in seine Gedanken vertieft, als gellendes Pfeifen die Ankunft des Packetbootes meldete. Der ganze Schwarm der Packträger und Bauern stürzte auf den Quai mit einem Tumult, der für die Passagiere und ihre Kleider beunruhigend war. Zehn Nachen stießen vom Ufer ab und fuhren dem Mongolia entgegen.

Nicht lange, so sah man das riesenmäßige Schiff zwischen den Canalufern fahren, und Schlag elf Uhr warf der Dampfer auf der Rhede Anker, während sein Dampf mit großem Getöse durch die Rauchfänge entströmte.

Es waren sehr viele Passagiere an Bord. Manche blieben auf dem Verdeck, um das malerische Panorama der Stadt zu betrachten; aber die meisten begaben sich in den Nachen, welche herangekommen waren, an’s Land.

Fix beobachtete auf’s Genaueste Alle, welche an’s Land setzten.

In dem Augenblicke kam Einer, nachdem er die mit ihren Dienstanerbietungen zudringlichen Fellahs kräftig zurückgedrängt hatte, zu ihm heran und fragte ihn sehr höflich nach dem Bureau des englischen Consularagenten. Und zugleich hielt dieser Passagier einen Paß hin, worauf er ohne Zweifel das englische Visa einholen wollte.

Fix nahm den Paß instinctmäßig und überlief mit raschem Blick das Signalement.

Eine unwillkürliche Bewegung erfaßte ihn, das Blatt zitterte in seiner Hand. Das auf dem Paß befindliche Signalement war gleichlautend mit dem, welches er vom Polizeidirector der Hauptstadt erhalten hatte.

»Es ist nicht Ihr eigener Paß? sagte er zu dem Passagier.

– Nein, erwiderte dieser, er gehört meinem Herrn.

– Und Ihr Herr?

– Ist an Bord geblieben.

– Aber, versetzte der Agent, er muß sich persönlich auf dem Consularbureau einfinden, um seine Identität festzustellen.

– Wie? Das ist nöthig?

– Unerläßlich.

– Und wo sind diese Bureaux?

– Dort an der Ecke des Platzes, erwiderte der Polizei-Agent, und wies auf ein zweihundert Schritte entferntes Haus.

– Dann will ich meinen Herrn holen, dem es übrigens nicht angenehm sein wird, gestört zu werden!«

Darauf empfahl sich der Passagier und kehrte an Bord des Dampfers zurück.

Siebentes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Ein neuer Beweis, wie unnütz Pässe in Polizeisachen sind.

Der Polizei-Agent begab sich wieder auf den Quai und unverzüglich in’s Bureau des Consuls. Auf dringendes Verlangen erhielt er sogleich bei diesem Beamten Zutritt.

»Herr Consul, sagte er ohneweiters, ich habe starke Vermuthungsgründe zu glauben, daß unser Mann sich als Passagier an Bord des Mongolia befindet.«

Und Fix erzählte, was sich mit dem Bedienten in Beziehung auf den Paß begeben hatte.

»Gut, Herr Fix, erwiderte der Consul, es würde mir lieb sein, diesem Schurken in’s Gesicht zu sehen. Aber vielleicht wird er nicht auf mein Bureau kommen, wenn er ist, was Sie vermuthen. Ein Dieb läßt nicht leicht eine Spur von sich zurück, und übrigens ist Niemand mehr an die Formalität des Passes gebunden.

– Herr Consul, erwiderte der Agent, wenn’s ein starker Mann ist, wie man annehmen muß, wird er kommen!

– Um seinen Paß visiren zu lassen?

– Ja. Die Pässe dienen nur noch, die ehrlichen Leute zu geniren und den Schurken zur Flucht förderlich zu sein. Ich versichere Sie, dieser wird in der Ordnung sein, aber ich hoffe, Sie werden ihn nicht visiren …

– Und warum nicht? Wenn dieser Paß in Ordnung ist, hab‘ ich nicht das Recht, mein Visa zu verweigern.

– Doch, Herr Consul, muß ich wohl diesen Menschen hier zurückhalten, bis ich von London einen Verhaftsbefehl erhalten habe.

– Ei! Herr Fix, das ist Ihre Sache, erwiderte der Consul, aber ich kann nicht …«

Der Consul hatte noch nicht ausgeredet, als man anklopfte, und der Bureaudiener zwei Fremde hereinführte, wovon der eine derselbe Diener war, welcher sich mit dem Detective unterhalten hatte.

Es waren wirklich der Herr und sein Diener. Der erstere überreichte seinen Paß und bat mit kurzen Worten den Consul, sein Visa beizufügen.

Dieser nahm den Paß und las ihn achtsam, während Fix in einer Ecke des Zimmers den Fremden betrachtete, oder vielmehr mit den Augen verschlang.

Als der Consul den Paß durchgelesen hatte, fragte er: »Sie sind Phileas Fogg, Sq.?

– Ja, mein Herr, erwiderte der Gentleman.

– Und dieser Mensch ist Ihr Diener?

– Ja, ein Franzose, Passepartout mit Namen.

– Sie kommen aus London?

– Ja.

– Und gehen?

– Nach Bombay.

– Gut, mein Herr. Sie wissen, daß diese Förmlichkeit des Visa unnütz ist, und wir verlangen die Ueberreichung des Passes nicht mehr?

– Ich weiß es, mein Herr, erwiderte Phileas Fogg, aber ich wünsche durch Ihr Visa meine Anwesenheit in Suez zu erweisen.

– Meinetwegen, mein Herr.«

Und der Consul unterzeichnete den Paß, datirte ihn und fügte seinen Stempel bei. Herr Fogg bezahlte die Gebühren, grüßte kalt und ging mit seinem Diener hinaus.

– Nun? fragte der Polizei-Agent.

– Nun, erwiderte der Consul, er sieht wie ein ganz ehrlicher Mann aus!

– Möglich, erwiderte Fix, aber darum handelt sich’s nicht. Finden Sie, Herr Consul, daß dieser phlegmatische Gentleman Zug für Zug dem Diebe gleicht, dessen Signalement mir zugestellt worden ist?

– Ich geb’s zu, aber Sie wissen, alle Signalements …

– Ich werde die Sache heraus bekommen, erwiderte Fix. Der Diener scheint mir nicht so verschlossen, wie der Herr. Zudem ist’s ein Franzose, der das Reden nicht lassen kann. Auf baldiges Wiedersehen, Herr Consul.«

Nach diesen Worten ging der Agent fort und suchte Passepartout auf.

Inzwischen hatte sich Herr Fogg von dem Consulargebäude hinweg nach dem Quai begeben. Hier gab er seinem Diener einige Aufträge, fuhr dann in einem Nachen wieder an Bord des Mongolia, und begab sich in seine Cabine. Hierauf nahm er sein Notizbuch, worin er Folgendes eingetragen hatte:

»Abgefahren aus London, Mittwoch den 2. October, 8 Uhr 45 Min. Abends.

»Ankunft zu Paris, Donnerstag den 3. October, 7 Uhr 20 Min. Vorm.

»Abfahrt aus Paris, Donnerstag, 8 Uhr 40 Min. Vorm.

»Ankunft, durch den Mont-Cenis, zu Turin, Freitag den 4. October, 6 Uhr 35 Minuten Vorm.

»Abfahrt aus Turin, Freitag, 7 Uhr 20 Min. Vorm.

»Angekommen zu Brindisi, Samstag den 5. October, 4 Uhr Nachm.

»Eingeschifft auf dem Mongolia, Samstag, 5 Uhr Nachm.

»Angekommen zu Suez, Mittwoch den 9. October, 11 Uhr Vorm.

»Summa der Stunden: 158½, macht 6½ Tage.«

Herr Fogg schrieb diese Daten auf ein in Spalten eingetheiltes Reisenotizbüchlein, welches vom 2. October bis zum 21. December angegeben enthielt den Monat, Tag und Datum, die vorgeschriebene Ankunftszeit und die wirkliche Ankunft an jedem der Hauptorte: Paris, Brindisi, Suez, Bombay, Calcutta, Francisco, New-York, Liverpool, London, so daß man an jedem Orte, wohin man kam, den gewonnenen Vorsprung oder die Einbuße beziffern konnte.

Dieses methodische Büchlein gab also stets Rechenschaft, und Herr Fogg wußte immer, ob er einen Vorsprung hatte oder zurückgeblieben war.

Er trug also an diesem Tage, Mittwoch den 9. October, seine Ankunft zu Suez ein, welche mit der vorgeschriebenen Ankunftszeit verglichen weder einen Gewinn noch Verlust nachwies.

Darauf ließ er sich in seiner Cabine ein Frühstück auftragen. Die Stadt zu besehen, fiel ihm nicht ein, denn er gehörte zu der Sorte von Engländern, welche die Länder, durch welche sie reisen, von ihren Bedienten besehen lassen.

Achtundzwanzigstes Capitel.

Achtundzwanzigstes Capitel.

Passepartout vermochte nicht, der Stimme der Vernunft Gehör zu verschaffen.

Als der Zug die Salzseehauptstadt und die Station Ogden hinter sich hatte, lief er eine Stunde lang nordwärts bis zum Weberfluß, nachdem er von San Francisco aus etwa neunhundert Meilen zurückgelegt hatte. Von diesem Punkt an nahm er wieder östliche Richtung durch den unregelmäßigen Hauptstock des Wahsatchgebirges. An dieser Strecke zwischen diesen Bergen und dem eigentlichen Felsengebirge hatten die amerikanischen Ingenieure mit den ernstlichsten Schwierigkeiten zu kämpfen. Darum ist auch der Zuschuß, welchen die Staatsregierung für Herstellung der Bahn gewährte, an der ganzen Strecke auf achtundvierzigtausend Dollars per Meile angesetzt worden, während er auf der Ebene nur sechzehntausend Dollars beträgt; aber die Ingenieure haben, wie bereits gesagt, nicht der Natur Gewalt anthun wollen, vielmehr mit ihr wetteifernd die Schwierigkeiten zu umgehen gesucht, und um das große Thalbecken zu erreichen, ist auf der gesammten Bahnstrecke nur ein einziger Tunnel, in der Länge von vierzehntausend Fuß, angelegt worden.

Eben am Salzsee hatte bis dahin die Linie ihren höchsten Punkt erreicht. Von diesem aus beschrieb ihr Profil eine sehr lange Curve abwärts nach dem Thal des Bitter-Creek, um dann wieder aufzusteigen bis zur Wasserscheide zwischen dem Atlantischen und Stillen Ocean. In dieser Gebirgsgegend waren die Bergströme zahlreich; man mußte den Muddy, den Green und andere überbrücken. Passepartout wurde im Verhältnis, wie man dem Ziel näher kam, ungeduldiger; aber Fix wäre gern wieder aus dieser schwierigen Gegend herausgewesen, weil er Verspätungen besorgte, Unfälle befürchtete, und er hatte noch mehr als Phileas Fogg selbst Eile, auf englisches Gebiet zu kommen!

Um zehn Uhr Abends hielt der Zug bei der Station Fort-Bridger, verließ dieselbe wieder alsbald und kam zwanzig Meilen weiter in den Staat Wyoming, – das alte Dakota – längs dem ganzen Thalweg des Bitter-Creek, von wo aus ein Theil der Gewässer fließt, welche das hydrographische System des Colorado bilden.

Am folgenden Tage, den 7. December, wurde bei der Station Green-River eine Viertelstunde gehalten. Die Nacht über war reichlich Schnee gefallen, aber da er, mit Regen vermischt, schon halb geschmolzen war, konnte er die Fahrt nicht hemmen. Doch wurde Passepartout unruhig über dies schlimme Wetter, weil durch Häufung des Schnees eine Hemmung der Reise eintreten konnte.

»Was dachte denn auch mein Herr, sprach er bei sich, daß er die Reise im Winter vornahm! Hätte er nicht bei guter Jahreszeit weit bessere Aussichten auf Erfolg gehabt?«

Aber in diesem Augenblick, wo der brave Bursche sich nur über die Beschaffenheit der Witterung und der niedrigen Temperatur Gedanken machte, empfand Mrs. Aouda lebhafte Besorgnisse aus einem andern Grunde.

Es waren einige Reisende ausgestiegen und spazierten auf dem Quai des Bahnhofes von Green-River, bis der Zug wieder weiter ging. Da sah nun die junge Frau durch das Fenster und erkannte unter den Spazierenden den Oberst Stamp Proctor, jenen Amerikaner, welcher bei dem Meeting zu San Francisco sich so gröblich gegen Phileas Fogg benommen hatte. Mrs. Aouda zog sich, um nicht bemerkt zu werden, rasch vom Fenster zurück.

Dieser Umstand beunruhigte die junge Frau in hohem Grade. Sie hatte sich an den Mann angeschlossen, der, so kühl er auch war, ihr doch jeden Tag die vollständigste Hingebung zu erkennen gab. Ohne Zweifel war ihr die ganze Tiefe des Gefühls, welches ihr Retter ihr einflößte, noch nicht faßlich; sie nannte es nur noch Dankbarkeit, aber ohne daß sie’s wußte, umfaßte es bereits weit mehr als dies. Darum wurde ihr auch das Herz beklommen, als sie den ungeschliffenen Mann erkannte, mit welchem Herr Fogg früher oder später über sein Verhalten abrechnen wollte. Offenbar war der Oberst Proctor nur durch Zufall auf diesen Zug gekommen, aber er war nun einmal da, und man mußte um jeden Preis verhindern, daß Phileas Fogg seinen Gegner zu Gesicht bekam.

Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt, benutzte Mrs. Aouda einen Augenblick, wo Herr Fogg eingeschlafen war, um Fix und Passepartout in Kenntniß zu setzen.

»Dieser Proctor ist beim Zug! rief Fix. Nun, so beruhigen Sie sich, Madame, ehe er mit Herrn Fogg zu thun bekommt, wird er es mit mir zu thun haben! Es scheint mir, bei alledem, daß ich das schwerste Unrecht erlitten habe.

– Und dazu noch, fügte Passepartout hinzu, mache ich mir mit ihm zu schaffen, trotzdem daß er Oberst ist.

– Herr Fix, versetzte Mrs. Aouda, Herr Fogg wird es Niemand zukommen lassen, ihn zu rächen. Er ist, wie er gesagt hat, fähig, wieder nach Amerika zu kommen, um den Beleidiger aufzusuchen. Wenn er also den Oberst Proctor bemerkt, können wir nicht hindern, daß er mit ihm zu thun bekommt, was beklagenswerthe Folgen haben kann. Darum darf er ihn nicht sehen.

– Sie haben Recht, Madame, ein Zusammentreffen könnte alles verderben. Sieger oder besiegt, Herr Fogg würde dadurch aufgehalten, und …

– Und, setzte Passepartout hinzu, darum ist es den Gentlemen des Reformclubs zu thun. Binnen vier Tagen sind wir zu New-York! Wenn nun mein Herr während der vier Tage nicht aus seinem Waggon kommt, läßt sich hoffen, daß der Zufall ihn nicht mit diesem verdammten Amerikaner zusammen bringen wird. Aber wir werden ihn schon abzuhalten verstehen …«

Die Unterhaltung wurde abgebrochen. Herr Fogg war aufgewacht, und schaute durch das beschneite Fenster auf das Feld hinaus. Aber später, und ohne daß sein Herr Fogg oder Mrs. Aouda es hörte, sprach Passepartout zu dem Agenten:

»Würden Sie wirklich sich für ihn schlagen?

– Ich werde alles aufbieten, ihn lebend nach Europa zu bringen!« erwiderte einfach Fix, mit entschiedenem Ton.

Passepartout fühlte, daß ihn ein Schaudern überlief; aber seine Ueberzeugung in Beziehung auf seinen Herrn wankte nicht.

Und jetzt, gab es wohl ein Mittel, um Herrn Fogg in seiner Wagenabtheilung festzuhalten, damit er von jedem Zusammentreffen mit dem Oberst abgehalten würde? Es konnte nicht schwer fallen, da der Gentleman kein unruhiger Kopf und wenig neugierig war. Jedenfalls glaubte der Polizei-Agent das Mittel gefunden zu haben, denn nach einer kleinen Weile sprach er zu Phileas Fogg:

»Die Stunden hier auf der Eisenbahn sind doch recht lang und langweilig.

– In der That, erwiderte der Gentleman, aber sie gehen doch vorüber.

– An Bord der Packetboote, versetzte der Agent, pflegten Sie Ihr Spielchen Whist zu machen?

– Ja, erwiderte Phileas Fogg, aber hier wäre das schwierig. Ich habe weder Karten, noch Mitspieler.

– O! Karten werden wir schon zu kaufen bekommen. Auf den amerikanischen Waggons giebt es alles zu kaufen. Und was Mitspieler betrifft, wenn vielleicht, Madame …

– O gewiß, mein Herr, erwiderte lebhaft die junge Frau, ich verstehe Whist. Es gehört ja zur englischen Erziehung.

– Und ich, fuhr Fix fort, bilde mir sogar ein, gut zu spielen. Nun, also wir drei und ein Strohmann …

– Nach Ihrem Belieben, mein Herr«, erwiderte Phileas Fogg, der froh war, sein Lieblingsspiel selbst auf der Eisenbahn zu spielen.

Passepartout wurde abgeschickt, den Stewart aufzusuchen, und brachte bald zwei vollständige Kartenspiele, Marken und ein mit Tuch beschlagenes Tischchen. Es fehlte nichts, und das Spiel nahm gleich seinen Anfang. Mrs. Aouda verstand Whist zu Genüge, so daß ihr der strenge Phileas Fogg sogar darüber Komplimente machte. Der Polizei-Agent war besonders stark darin, und konnte dem Gentleman die Spitze bieten.

»Jetzt, sprach Passepartout zu sich selbst, haben wir ihn fest!«

Um elf Uhr Vormittags befand sich der Zug auf dem Höhepunkt der Wasserscheide zwischen den beiden Oceanen, zu Passe-Bridger, siebentausendfünfhundertvierundzwanzig Fuß über dem Meeresspiegel. Noch etwa zweihundert Meilen, dann befand man sich auf den weit ausgedehnten, bis zum Atlantischen Meere reichenden Ebenen, welche der Anlage von Eisenbahnen so günstig sind.

Bereits kamen die ersten Quellflüsse der Atlantischen Abdachung zum Vorschein, Neben- und Zuflüsse des obern Platte-River. Am ganzen nördlichen und östlichen Horizont ragte der ungeheure halbkreisförmige Mittelwall, welcher den nördlichen Theil des Felsengebirges bildet, der vom Pic Laramie beherrscht wird. Zwischen diesem krummen Höhenzug und der Eisenbahn breiteten sich ungeheure, reichlich von Gewässern durchströmte Ebenen aus. Rechts von dem Schienenweg stuften sich die ersten Abhänge des Hauptgebirgsstocks ab, welcher im Süden bis zu den Quellen des Arkansas, einem der großen Nebenflüsse des Missouri, reicht.

Um halb eins bekamen die Reisenden einen Augenblick das Fort Halleck zu sehen, welches diese Gegend beherrscht. In einigen Stunden konnte man über das Felsengebirge hinaus sein, und es stand zu hoffen, daß kein Unfall mehr auf dieser schwierigen Stelle vorkommen werde. Der Schneefall hatte aufgehört, und es trat trockene Kälte ein. Von der Locomotive aufgescheucht, entflohen weithin die Vögel; kein Rothwild, Bär oder Wolf, zeigte sich auf der Ebene, einer kahlen Einöde von ungeheurer Ausdehnung.

Nach einem erquicklichen, im Bahnwagen eingenommenen Frühstück hatten Herr Fogg und seine Spielgenossen eben ihr Whist, das kein Ende nehmen wollte, wieder begonnen, als man heftiges Pfeifen vernahm. Der Zug hielt an.

Passepartout steckte den Kopf zum Fenster hinaus, und sah nichts, was zu diesem Anhalt veranlaßt haben konnte. Keine Station war zu sehen.

Mrs. Aouda und Fix mochten eine Weile befürchten, Herr Fogg werde auf den Gedanken kommen, auszusteigen. Aber der Gentleman sagte nur zu seinem Diener:

»Sehen Sie doch, was es giebt.«

Passepartout sprang aus dem Waggon. Bei vierzig Reisende waren ebenfalls ausgestiegen, darunter der Oberst Stamp Proctor.

Der Zug hatte vor einem rothen Signalzeichen eingehalten, welches den Weg sperrte. Der Maschinist und der Conducteur waren ausgestiegen und disputirten lebhaft mit einem Bahnwärter, welchen der Bahnhofdirector der Station Medecine-Bow dem Zug entgegengeschickt hatte. Einzelne der Reisenden hatten sich dazugesellt und nahmen an dem Disput Theil, – unter andern der gedachte Oberst Proctor mit seinem lauten Ton und gebieterischen Geberden.

Passepartout hörte, als er zu der Gruppe kam, wie der Bahnwärter sprach:

»Nein! Es ist nicht möglich hinüberzukommen! Die Brücke von Medecine-Bow ist schadhaft und verträgt nicht mehr das Gewicht des Zugs.«

Die fragliche Brücke war eine Hängebrücke über einen reißenden Bergstrom, eine Meile von der Stelle entfernt, wo der Zug stehen geblieben war. Nach Aussage des Bahnwärters waren einige der Hängeketten zersprungen, und man durfte ein Darüberfahren nicht riskiren.

Es war das gar keine Übertreibung. Und zudem bei der gewöhnlichen Fahrlässigkeit der Amerikaner kann man annehmen, daß, wenn sie wirklich einmal vorsichtig sind, man wahnsinnig wäre, wollte man es nicht sein.

Da Passepartout nicht wagte, seinem Herrn davon Kenntniß zu geben, so hörte er mit grimmiger Miene zu, unbeweglich wie eine Statue.

»Ei was! schrie der Oberst Proctor, wir werden doch nicht, denk‘ ich, hier im Schnee einwurzeln!

– Oberst, versetzte der Conducteur, man hat nach der Station Omaha telegraphirt, um einen Extrazug von dort aus, aber es ist nicht wahrscheinlich, daß er vor sechs Uhr zu Medecine-Bow ankommt.

– Sechs Uhr! rief Passepartout.

– Allerdings, erwiderte der Conducteur. Uebrigens brauchen wir auch soviel Zeit, um zu Fuß bis zur Station zu kommen.

– Doch ist sie nur eine Meile von uns entfernt, sagte ein Passagier.

– Eine Meile wohl, aber von der andern Seite des Flusses aus.

– Und kann man denn nicht auf einem Fahrzeug über den Fluß kommen? fragte der Oberst.

– Unmöglich. Es ist ein reißender Bergstrom, dessen Wasser vom Regen angeschwollen ist, und um eine Furth zu finden, müßten wir einen Umweg von zehn Meilen nordwärts machen.«

Der Oberst schleuderte eine Kette von Flüchen über die Compagnie, den Conducteur, und Passepartout war zornig bereit, in seine Tonart einzustimmen. Hier war ein materielles Hinderniß, gegen welches alle Banknoten seines Herrn nichts halfen.

Uebrigens war die Verlegenheit und Unlust der Reisenden allgemein; denn außer dem Zeitverlust mußten sie fünfzehn Meilen zu Fuß über den schneebedeckten Boden machen. Daher gab es auch ein Durcheinander von Schreien und Rufen, das sicherlich Phileas Fogg aufmerksam gemacht hätte, wäre er nicht ganz in sein Spiel versunken gewesen.

Doch war Passepartout jetzt genöthigt, ihm Mittheilung zu machen, und er ging schon mit gesenktem Kopf auf den Waggon zu, als der Maschinist des Zugs – ein echter Yankee, Forster mit Namen – seine Stimme erhob, und sprach:

»Meine Herren, vielleicht giebt es ein Mittel hinüberzukommen.

– Ueber die Brücke? fragte ein Passagier.

– Ja wohl.

– Mit unserm Zug? fragte der Oberst.

– Mit unserm Zug.«

Passepartout war stehen geblieben, hörte mit gespitzten Ohren dem Maschinisten zu.

»Aber die Brücke droht einzustürzen! versetzte der Conducteur.

– Einerlei, erwiderte Forster. Ich meine, wenn man den Zug mit höchstmöglicher Schnelligkeit in Bewegung setzte, könnte man doch hinüber kommen.

– Teufel!« sagte Passepartout.

Aber eine Anzahl der Reisenden war gleich für den Vorschlag gewonnen; besonders der Oberst Proctor war damit zufrieden. Und schließlich stimmten alle Betheiligten demselben bei.

»Wir könnten fünfzig gegen hundert wetten, daß wir hinüber kommen, sagte der Eine.

– Sechzig, sagte der Andere.

– Achtzig! … Neunzig gegen hundert!«

Passepartout war ganz verdutzt, obwohl er Alles zu versuchen bereit war, um über den Medecinefluß zu kommen, aber das Vorhaben kam ihm doch allzu »amerikanisch« vor.

»Uebrigens, dachte er, was hier geschehen muß, ist eine sehr einfache Sache, und diese Leute denken nicht einmal daran! … Mein Herr, sagte er zu einem der Passagiere, das von dem Maschinisten vorgeschlagene Mittel scheint mir etwas gewagt, allein …

– Achtzig gegen hundert, erwiderte der Passagier, und kehrte ihm den Rücken zu.

– Ich weiß es wohl, erwiderte Passepartout, und wendete sich an einen andern Gentleman, aber eine einfache Erwägung …

– Keine Erwägung, das taugt nichts! versetzte der Amerikaner mit Achselzucken; denn der Maschinist versichert, daß man hinüber kommt!

– Allerdings, fuhr Passepartout fort, wird man hinüber kommen, aber es wäre vielleicht vorsichtiger …

– Was! vorsichtiger! rief der Oberst Proctor, den dies zufällig vernommene Wort außer sich brachte. Mit höchster Schnelligkeit! sagt man Euch! Verstehen Sie? Mit höchster Schnelligkeit!

– Ich weiß … ich verstehe … sagte Passepartout wiederholt, da man ihn nicht ausreden ließ; aber es wäre, wo nicht vorsichtiger, weil Sie diesen Ausdruck beanstanden, wenigstens viel natürlicher …

– Wer? was? wie? Was will denn der mit seinem natürlich?« … rief man von allen Seiten.

Der arme Junge wußte nicht mehr, bei wem er sich Gehör verschaffen könnte.

»Fürchten Sie sich? fragte ihn der Oberst Proctor.

– Ich, fürchten! rief Passepartout. Nun denn, meinetwegen! Ich will diesen Leuten zeigen, daß ein Franzose ebenso amerikanisch sein kann, wie sie!

– In die Wagen! in die Wagen! rief der Conducteur.

– Ja! in die Wagen, wiederholte Passepartout, in die Wagen! Und augenblicklich! Aber ich bleibe dabei, es wäre doch natürlicher, man ließe uns Passagiere zuerst zu Fuß über die Brücke gehen, und der Wagenzug folgte hinterdrein! …«

Aber kein Mensch gab der gescheiten Bemerkung Gehör, und kein Mensch hätte Lust gehabt, ihre Richtigkeit anzuerkennen.

Die Reisenden stiegen wieder ein, Passepartout setzte sich wieder an seinen Platz, ohne von dem, was vorgegangen war, ein Wort zu sagen. Die Spieler waren unablässig bei ihrem Whist.

Die Locomotive pfiff gewaltig. Der Maschinist ließ seinen Wagenzug erst eine Meile weit zurückgehen, – wie einer, der einen Sprung machen will, einen Anlauf nimmt.

Dann, auf ein zweites Pfeifen, fuhr man wieder vorwärts, mit stets wachsender Schnelligkeit, die bald erschrecklich wurde, man hörte nur noch ein fortwährendes Wiehern aus der Locomotive; die Stempel gingen zwanzigmal in der Secunde; die Achsen der Räder rauchten in den geschmierten Radbüchsen. Man fühlte, sozusagen, daß der gesammte Wagenzug, bei einer Schnelligkeit von hundert Meilen die Stunde, auf den Schienen kein Gewicht mehr hatte.

Und man kam hinüber! Blitzschnell! Von der Brücke sah man nichts. Die Wagen sprangen, kann man wohl sagen, von einem Ufer zum andern hinüber, und der Maschinist konnte seine vorwärts geschleuderte Maschine erst fünf Meilen über der Station hinaus zum Anhalten bringen.

Kaum aber war der Wagenzug über den Fluß hinaus, als die nun völlig ruinirte Brücke krachend in den Strudel des Medecine-Bow hinabstürzte.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Neunundzwanzigstes Capitel.

Einiges, was nur auf amerikanischen Eisenbahnen vorkommt.

An demselben Nachmittag fuhr der Zug ohne Hinderniß weiter, am Fort Sauders vorbei, durch die Enge von Chayenne, und kam noch bis zum Paß Evans. An dieser Stelle ist der höchste Punkt der Eisenbahn auf ihrer ganzen Länge, nämlich achttausendeinundneunzig Fuß oberhalb des Meeresspiegels. Von nun an ging es nur abwärts bis zum Atlantischen Meer auf den unbegrenzten, von der Natur nivellirten Ebenen.

Hier entsendet die Hauptbahn eine Abzweigung nach Denver-City, der Hauptstadt von Colorado. Dieses Gebiet ist reich an Gold- und Silberminen, und es haben sich bereits über fünfzigtausend Bewohner dort angesiedelt.

Jetzt hatte man von San Francisco aus dreizehnhundertzweiundachtzig Meilen in drei Tagen und drei Nächten zurückgelegt, und aller Vorausberechnung nach mußten vier Nächte und vier Tage für die Fahrt bis New-York ausreichen. Phileas Fogg hielt sich also innerhalb der vorgezeichneten Fristen.

Während der Nacht ließ man das Lager Walbah links. Der Lodge-pole-Creek floß parallel mit der Bahn längs der geradlinigen Grenze der Staaten Wyoming und Colorado. Um elf Uhr fuhr man in Nebraska, neben Sedgwich vorbei, und berührte Julesburgh am südlichen Arme des Platte-Flusses.

An dieser Stelle fand am 23. October 1867 die Einweihung der Pacific-Bahn statt, deren Oberingenieur der General I. M. Dodge war. Hier hielten die beiden gewaltigen Locomotiven mit den neun Waggons der Eingeladenen, worunter der Vice-Präsident M. Thomas C. Durant; hier erschallte das Beifallklatschen; hier gaben die Sioux und Pawnies das Schauspiel eines kleinen Indianerkriegs; hier sah man das Spiel der Kunstfeuerwerke; hier endlich wurde mittelst einer transportablen Druckerei die erste Nummer des Blattes »Railway- Pioneer« hergestellt. So wurde die Einweihung dieser Riesenbahn gefeiert, die ein Werkzeug des Fortschritts und der Bildung, quer durch die unbewohnten Gegenden zieht, mit der Bestimmung, Städte und Ortschaften, die noch nicht existirten, mit einander zu verbinden. Noch wirksamer als Amphion’s Leier, sollte die Pfeife der Locomotive sie bald aus dem amerikanischen Boden hervorwachsen lassen.

Um acht Uhr Vormittags hatte man das Fort Mac-Pherson hinter sich, welches dreihundertsiebenundfünfzig Meilen von Omaha entfernt liegt. Die Eisenbahn folgte den launischen Krümmungen des südlichen Armes des Platte-Flusses auf seiner linken Seite. Um neun Uhr kam man bei der bedeutenden Stadt North-Platte an, die zwischen den beiden Armen des großen Stromes liegt, welche sich hier vereinigen, um von da an nur eine einzige Pulsader zu bilden, – ein ansehnlicher Nebenfluß des Missouri, in welchen er ein wenig oberhalb Omaha einmündet.

Nun war man über den hundertsten Meridian hinaus. –

Herr Fogg und seine Spielgenossen hatten ihr Spiel fortgesetzt, und keiner beklagte sich über die Länge der Fahrt – nicht einmal der Strohmann. Fix hatte anfangs einige Guineen gewonnen, und war schon im Begriff, sie wieder zu verlieren, aber er zeigte sich doch als ebenso leidenschaftlicher Spieler, wie Herr Fogg. Diesem Gentleman lächelte während dieses Vormittags das Glück besonders; es regnete Trümpfe und Honneurs in seine Hand. Eben war er, nachdem er einen kühnen Coup ausgedacht, im Begriff, Pique auszuspielen, als sich hinter der Bank eine Stimme hören ließ:

»Ich würde Eckstein spielen …«

Herr Fogg, Mrs. Aouda und Fix hoben die Köpfe empor.

Der Oberst Proctor stand hinter ihnen.

Stamp Proctor und Phileas Fogg erkannten sich sogleich.

»O! Sie sind’s, Herr Engländer, rief der Oberst aus, Sie wollen Pique ausspielen!

– Und ich spiele es schon, versetzte Phileas Fogg kaltblütig, und warf eine Zehne dieser Farbe hin.

– Ich aber will haben, daß Eckstein gespielt werde«, versetzte der Oberst Proctor mit gereizter Stimme.

Und er machte eine Handbewegung, als wolle er die ausgespielte Karte wegnehmen, und sagte dabei:

»Sie verstehen nichts von diesem Spiel.

– Vielleicht verstehe ich ein anderes besser, sagte Phileas Fogg, indem er aufstand.

– Es kommt nur auf Sie an, es zu probiren, Sohn John Bull’s!« erwiderte der Grobian.

Mrs. Aouda ward blaß, alles Blut drang ihr zum Herzen. Sie faßte Phileas Fogg beim Arm, er schob sie sanft zurück. Passepartout war im Begriff, über den Amerikaner herzufallen, der mit höhnendem Blick seinen Gegner ansah. Aber Fix stand auf, trat zum Oberst Proctor und sagte:

»Sie vergessen, daß Sie’s mit mir zu thun haben, mein Herr; Sie haben mich nicht nur beleidigt, sondern geschlagen!

– Herr Fix, sagte Herr Fogg, ich bitte um Entschuldigung, dieses geht mich allein an. Da der Oberst behauptete, ich spielte nicht richtig, so hat er mich von Neuem beleidigt, und wird mir dafür Genugthuung geben.

– Wann Sie wollen, und wo Sie wollen, erwiderte der Amerikaner, und auf welche Waffe Ihnen beliebt!«

Mrs. Aouda suchte vergeblich Herrn Fogg zurückzuhalten. Der Polizei-Agent bemühte sich fruchtlos, die Sache auf sich zu nehmen. Passepartout wollte den Oberst zur Thür hinauswerfen, aber ein Wink seines Herrn hielt ihn zurück. Phileas Fogg ging aus dem Waggon, und der Amerikaner folgte ihm auf den Steg.

»Mein Herr, sagte Herr Fogg zu seinem Gegner, ich habe große Eile, nach Europa zurückzukehren, und jeder Verzug würde meine Interessen sehr benachtheiligen.

– Ah! was geht das mich an? erwiderte der Oberst Proctor.

– Mein Herr, fuhr Herr Fogg höflichst fort, bereits als wir zu San Francisco aufeinander trafen, war ich entschlossen, sobald ich meine Geschäfte in Europa beendet hätte, wieder nach Amerika zu kommen und Sie aufzusuchen.

– Wirklich!

– Wollen Sie mir in sechs Monaten ein Rendezvous geben?

– Warum nicht in sechs Jahren?

– Ich sage sechs Monate, erwiderte Herr Fogg, und werde pünktlich mich einfinden.

– Alles nur Ausflüchte! rief Stamp Proctor. Jetzt gleich oder nie.

– Meinetwegen, versetzte Herr Fogg. Sie gehen nach New-York?

– Nein.

– Nach Chicago?

– Nein.

– Nach Omaha?

– Das kann Ihnen einerlei sein. Ist Ihnen Plum-Creek bekannt?

– Nein, erwiderte Herr Fogg.

– Es ist die nächste Station, wo wir in einer Stunde eintreffen und zehn Minuten anhalten werden. Das ist Zeit genug, einige Revolverschüsse zu wechseln.

– Gut, erwiderte Herr Fogg. Halten wir zu Plum-Creek.

– Und ich meine sogar, Sie werden nicht mehr von da wegkommen! setzte der unverschämte Amerikaner hinzu.

– Wer weiß, mein Herr?« versetzte Herr Fogg, und kehrte so kaltblütig wie immer in seinen Waggon zurück.

Hier suchte der Gentleman Mrs. Aouda durch die Versicherung zu beruhigen, daß solche Prahlhänse niemals zu fürchten seien. Sodann bat er Fix, ihm bei der Begegnung, welche statthaben sollte, Zeuge zu sein. Fix konnte es nicht abschlagen, und Phileas Fogg setzte mit Seelenruhe sein unterbrochenes Spiel fort, indem er ungestört Pique spielte.

Um elf Uhr kündigte das Pfeifen der Locomotive an, daß man nächst der Station Plum-Creek sei. Herr Fogg stand auf und begab sich, von Fix begleitet, auf den Steg. Passepartout folgte mit einem Paar Revolver. Mrs. Aouda blieb leichenblaß im Waggon.

In dem Augenblick öffnete sich die Thür des andern Waggons, und der Oberst Proctor erschien gleichfalls auf dem Steg, begleitet von seinem Zeugen, der ein Yankee seiner Art war. Aber als eben die beiden Gegner im Begriff waren auszusteigen, kam der Conducteur in aller Eile und rief:

»Es wird nicht ausgestiegen, meine Herren.

– Und weshalb? fragte der Oberst.

– Wir find um zwanzig Minuten verspätet, und der Zug kann sich nicht aufhalten.

– Aber ich muß mich mit dem Herrn schlagen.

– Ich bedauere, erwiderte der Beamte, aber es geht unverzüglich weiter. Da hören Sie schon die Glocke!«

Wirklich läutete die Glocke, und der Zug ging weiter.

»Es thut mir herzlich leid, meine Herren, sagte darauf der Conducteur; sonst hätte ich Ihnen gefällig sein können. Aber, trotzdem, da Sie hier keine Zeit dafür bekamen, wer hindert Sie, sich während der Fahrt zu schlagen?

– Das steht vielleicht dem Herrn nicht an! sagte Proctor mit spöttischer Miene.

– Ich bin vollkommen damit einverstanden, erwiderte Phileas Fogg.

– Nun, dachte Passepartout, wir sind ganz gewiß in Amerika! und der Conducteur ist ein Gentleman bester Sorte!«

Mit diesen Worten folgte er seinem Herrn.

Die beiden Gegner und ihre Zeugen begaben sich, vom Conducteur geführt, durch alle Waggons der Reihe nach bis an’s Ende des Zuges. In dem hintersten Wagen befanden sich nur etwa zehn Reisende. Der Conducteur fragte sie, ob sie die Güte haben wollten, ihren Platz auf einige Augenblicke zwei Gentlemen zu überlassen, die eine Ehrensache mit einander abzumachen hätten.

Die Reisenden machten sich ein großes Vergnügen daraus, den beiden Gentlemen gefällig sein zu können, und zogen sich auf die Stege zurück.

Dieser fünfzig Fuß lange Waggon war für das Vorhaben ganz geeignet. Die Gegner konnten zwischen den Bänken auf einander los gehen, und nach Herzenslust auf einander schießen. Das Duell war sehr leicht zu regeln. Herr Fogg und der Oberst Proctor, jeder mit zwei sechsläufigen Revolvern versehen, gingen in den Wagen hinein, und wurden von ihren Zeugen, die außen blieben, eingeschlossen. Beim ersten Pfeifen der Locomotive sollte das Feuern beginnen … darauf, nach zwei Minuten wollte man aus dem Wagen holen, was von den beiden Gentlemen noch vorhanden wäre.

Wahrhaftig höchst einfach; so einfach sogar, daß dem Fix sowohl wie Passepartout das Herz zerspringen wollte.

So wartete man auf das verabredete Zeichen, als plötzlich wildes Geschrei erschallte. Es knallten Schüsse, aber sie kamen nicht aus dem Wagen der Duellanten; sie verbreiteten sich sogar über die ganze Zuglinie bis zum vordersten Wagen. Entsetzliches Geschrei vernahm man aus dem Innern der Wagen.

Der Oberst Proctor und Herr Fogg stürzten, die Revolver in der Hand, augenblicklich heraus und eilten nach vorn, wo die Schüsse und das Geschrei am ärgsten waren.

Es war klar, daß der Zug von einem Trupp Sioux überfallen war.

Diese kühnen Indianer machten aber nicht ihren ersten Versuch; sie hatten schon mehr als einmal die Züge angehalten. Nach ihrer Gewohnheit waren sie, ohne das Anhalten des Zugs abzuwarten, wohl hundert Mann stark auf die Einsteigtritte gestürzt und hatten die Wagen so flink erstiegen, wie ein Clown ein galopirendes Pferd.

Die Sioux waren mit Flinten bewaffnet, und ihre Schüsse wurden von den Reisenden, die fast alle bewaffnet waren, mit Revolvers erwidert. Gleich anfangs hatten die Indianer die Maschine überfallen und den Maschinisten, wie den Heizer halb todt geschlagen. Ein Anführer wollte den Zug zum Stehen bringen; da er aber den Handgriff des Regulators nicht zu drehen verstand, so hatte er, anstatt zu schließen, dem Einströmen des Dampfes weiten Raum geöffnet, und die Locomotive stürmte mit erschrecklicher Geschwindigkeit vorwärts.

Zu gleicher Zeit fielen die Sioux die Waggons an, erkletterten wie wüthende Affen die Decken derselben, stießen die Thüren ein und kämpften Mann für Mann mit den Reisenden. Aus dem Gepäckwagen, den sie aufschlugen und plünderten, flogen die Colli’s auf die Bahn. Ununterbrochenes Schreien und Schießen.

Indessen vertheidigten sich die Reisenden muthig. Einige Waggons waren verbarrikadirt, eine Belagerung auszuhalten, gleich beweglichen Forts, die mit einer Schnelligkeit von hundert Meilen die Stunde fortsausten.

Vom Anfang des Kampfes an benahm sich Mrs. Aouda muthig. Den Revolver in der Hand vertheidigte sie sich tapfer, indem sie, wenn ein Wilder ihr vorkam, durch die zerbrochenen Scheiben schoß. Wohl zwanzig zum Tod verwundete Sioux lagen auf dem Bahnweg, und die von den Stegen herab auf die Schienen rutschten, wurden wie Gewürm von den Rädern zermalmt.

Einige von Kugeln oder mit Todtschlägern schwer verwundete Passagiere lagen auf den Bänken.

Doch mußte der Kampf ein Ende haben, der bereits zehn Minuten dauerte und zum Vortheil der Sioux ausschlagen mußte, wenn der Zug nicht zum Stehen kam. Die Station des Forts Kearney, wo sich ein amerikanischer Truppenposten befand, war nur zwei Meilen weit entfernt; aber wenn sie an diesem Posten vorüber fuhren, konnten die Sioux die Oberhand bekommen.

Der Conducteur kämpfte an Fogg’s Seite, als eine Kugel ihn zu Boden streckte. Im Fallen rief er aus:

»Wir sind verloren, wenn der Zug nicht vor Ablauf von fünf Minuten zum Stehen kommt!

– Er wird zum Stehen gebracht, sagte Phileas Fogg, im Begriff, sich aus dem Wagen zu stürzen.

– Bleiben Sie, rief ihm Passepartout zu. Das geht mich an!«

Phileas Fogg hatte nicht Zeit, den muthigen Jungen zurückzuhalten. Er öffnete unbemerkt von den Indianern eine Thür, und es gelang ihm, unter den Wagen zu gleiten, wo er, während über seinem Kopf unablässig gekämpft und Schüsse gewechselt wurden, alle seine Behendigkeit, seine Gewandtheit als Clown zu Hilfe nahm und unter den Waggons geschmiegt an den Ketten und anderen Maschinentheilen angeklammert, mit wunderbarer Geschicklichkeit von einem Wagen zum andern klimmend, ohne gesehen zu werden, an den vordem Theil des Zuges kam.

Hier hielt er sich mit der einen Hand zwischen dem Gepäckwagen und dem Tender fest, und hakte mit der andern die Sicherheitsketten aus; die Kuppelstange loszuschrauben hätte er wohl auch nicht fertig gebracht, aber eine Erschütterung der Maschine zersprengte dieselbe, so daß nun, die Wagen allmälig zurückblieben, während die Locomotive mit erneuerter Schnelligkeit davoneilte.

Der Wagenzug rollte noch einige Minuten lang weiter, dann aber wirkten aus dem Innern derselben die Bremser, und endlich hielt der Zug hundert Schritt weit von der Station Kearney.

Hier kamen die Soldaten des Forts, welche durch die Schüsse bereits aufgeregt waren, in Eile herbei. Die Sioux warteten sie nicht ab, und ehe noch der Zug völlig zum Stehen kam, hatte sich die ganze Truppe entfernt.

Als aber die Reisenden auf dem Quai der Station sich überzählten, nahmen sie wahr, daß Einige fehlten, unter anderen der muthige Franzose, dessen Opferwilligkeit sie soeben gerettet hatte.

Drittes Capitel.

Drittes Capitel.

Eine Unterredung, welche Phileas Fogg theuer zu stehen kommen kann.

Phileas Fogg hatte um halb zwölf Uhr sein Haus in Saville-Row verlassen, und langte, nachdem er fünfhundertfünfundsiebenzigmal seinen rechten Fuß vor den linken, und fünfhundertsechsundsiebenzigmal seinen linken Fuß vor den rechten gesetzt hatte, im Reformclub an, einem ungeheuern Gebäude in Pall-Mall, welches nicht weniger als drei Millionen zu bauen gekostet hat.

Phileas Fogg begab sich sogleich in den Speisesaal, dessen neun Fenster die Aussicht auf einen Garten boten, mit Bäumen, die bereits im herbstlichen Goldschmuck prangten. Er setzte sich dort an die gewöhnliche Tafel, wo sein Gedeck auf ihn wartete. Sein Frühstück bestand aus einem Nebengericht, gesottenem Fisch in einer vorzüglichen »reading sauce« – einem scharlachrothen Rostbeaf mit »musheron« gewürzt, einem Kuchen mit Füllsel von Rhabarberstengeln und grünen Stachelbeeren, einem Stückchen Chester, – alles mit einigen Tassen von dem vortrefflichen Thee, welcher ganz besonders für die Küche des Reformclubs gesammelt wurde.

Um zwölf Uhr siebenundvierzig Minuten stand dieser Gentleman auf und begab sich in den großen Salon, der prachtvoll mit Gemälden in reichen Rahmen verziert war. Hier stellte ihm ein Diener die noch nicht aufgeschnittene »Times« zu, welche Phileas Fogg mit einer Sicherheit der Hand auseinander faltete, welche eine große Uebung in dieser schwierigen Operation bekundete. Mit dem Lesen dieses Journals war Phileas Fogg bis drei Uhr fünfundvierzig Minuten beschäftigt; sodann mit der Lectüre des »Standard« bis zum Diner. Diese Mahlzeit fand in gleicher Weise statt, wie das Frühstück, nur daß noch die »royal british sauce« hinzukam.

Um fünf Uhr vierzig Minuten erschien der Gentleman wieder in dem großen Salon und vertiefte sich in der Lectüre des »Morning Chronicle.«

Eine halbe Stunde später kamen verschiedene Mitglieder des Reformclubs herein und näherten sich dem Kamin, wo ein Kohlenfeuer brannte. Es waren die gewöhnlichen Spielgenossen des Herrn Phileas Fogg, gleich ihm leidenschaftliche Whistspieler: der Ingenieur Andrew Stuart, die Banquiers John Sullivan und Samuel Fallentin, der Brauer Thomas Flanagan, Walther Ralph, einer der Administratoren der Bank von England, – reiche und angesehene Männer, selbst in diesem Club, welcher die hervorragendsten Glieder der Industrie und Finanzwelt in seiner Mitte zählt.

»Nun Ralph, fragte Thomas Flanagan, wie steht’s mit dem Diebstahl?

– Nun, erwiderte Andrew Stuart, die Bank wird um ihr Geld kommen.

– Ich hoffe im Gegentheil, sagte Walther Ralph, daß wir den Dieb in die Hand bekommen werden. Es sind sehr geschickte Polizeileute nach Amerika und Europa in alle hauptsächlichen Landungs- und Einschiffungshäfen abgeschickt worden, denen wird jener Herr wohl schwerlich entrinnen.

– Man hat das Signalement des Diebes? fragte Andrew Stuart.

– Vor allem, es ist kein Dieb, erwiderte ernsthaft Walther Ralph.

– Wie, dieses Individuum, welches fünfundfünfzigtausend Pfund in Banknoten (2.100,000 Mark) entwendet hat, ist nicht ein Dieb zu nennen?

– Nein, versetzte Walther Ralph.

– Also ein Industrieller? sagte John Sullivan.

– Das »Morning Chronicle« versichert, es sei ein Gentleman.«

Der Mann, welcher diese Aeußerung machte, war Niemand anders, als Phileas Fogg, dessen Kopf damals aus der um ihn herum aufgethürmten Fluth von Papieren auftauchte. Zugleich grüßte Phileas Fogg seine Collegen, welche seinen Gruß erwiderten.

Der fragliche Vorfall, welchen die verschiedenen Journale des Vereinigten Königreichs eifrig besprachen, hatte sich drei Tage zuvor, am 29. September, begeben. Ein Packet Banknoten, hundertfünftausend Pfund enthaltend, war aus dem Fach des Hauptcassirers der Bank von England verschwunden.

Wunderte man sich, daß ein solcher Diebstahl so leicht vorfallen konnte, so antwortete der Unter-Gouverneur Walther Ralph nur, daß der Cassirer eben damit beschäftigt war, einen Einnahmeposten von drei Schilling sechs Pence einzutragen, und man könne nicht seine Augen überall zugleich haben.

Aber es ist hier zu bemerken – was die Thatsache erklärlicher macht – daß dieses staunenswerthe Institut der Bank von England äußerst besorgt für die Würde des Publicums ist. Keine Wachen, keine Invaliden, keine Gitter! Das Gold, Silber, die Noten liegen da ganz frei, so zu sagen dem Belieben des ersten Besten Preis gegeben. Es fällt Einem nicht ein, gegen die Ehrenhaftigkeit irgend eines Vorübergehenden Verdacht zu hegen. Einer der besten Beobachter englischer Gebräuche erzählt sogar Folgendes: In einem der Säle der Bank, wo er sich eines Tages befand, war er so neugierig, eine sieben bis acht Pfund schwere Goldbarre näher zu besehen; er nahm dieselbe, betrachtete sie, übergab sie seinem Nachbar, dieser einem anderen, und so wanderte die Barre von Hand zu Hand bis in einen dunkeln Gang hinein, und kam erst nach einer halben Stunde an ihren Platz zurück, ohne daß der Cassirer nur den Kopf darnach hob.

Aber am 29. September ging’s nicht ganz eben so. Der Pack Banknoten kam nicht wieder zurück, und als die prachtvolle Uhr, welche über dem Geschäftssaal angebracht war, um fünf Uhr den Schluß der Bureaux anläutete, blieb der Bank von England nichts übrig, als hundertundfünftausend Pfund auf das Verlustconto zu setzen.

Als der Diebstahl gehörig festgestellt war, wurden auserwählte Agenten, »Detectivs«, in die bedeutendsten Häfen zu Liverpool, Glasgow, Havre, Suez, Brindisi, New-York etc., abgeschickt, und eine Prämie von zweitausend Pfund nebst fünf Procent der wieder gefundenen Summe für die Entdeckung ausgesetzt. Während sie die Auskünfte abwarteten, welche die unverzüglich eingeleitete Untersuchung zu liefern versprach, hatten diese Agenten den Auftrag, sorgfältig alle ankommenden und abreisenden Passagiere zu beobachten.

Nun hatte man Grund, gerade wie das »Morning Chronicle« sich aussprach, anzunehmen, daß der Thäter keiner der organisirten Diebesgesellschaften Englands angehöre. Man hatte im Laufe des 29. September einen wohlgekleideten Gentleman von guten Manieren und vornehmer Miene in dem Zahlungssaale, wo der Diebstahl vorfiel, ab und zu gehen gesehen. Die Untersuchung hatte es möglich gemacht, ziemlich genau das Signalement dieses Gentleman herzustellen, welches dann augenblicklich an alle Detectivs des Vereinigten Königreiches und des Continentes abgeschickt wurde. Manche gute Köpfe, – worunter auch Walther Ralph – glaubten daher Grund zur Hoffnung zu haben; der Dieb werde nicht entrinnen.

Man kann sich denken, daß dieser Vorfall zu London und in ganz England das Tagesgespräch bildete. Man stritt leidenschaftlich für und wider die Wahrscheinlichkeit des Erfolges der Polizei in der Hauptstadt. Kein Wunder also, daß die Mitglieder des Reformclubs den nämlichen Gegenstand besprachen, um so mehr, als einer der Untergouverneure der Bank sich unter ihnen befand.

Der ehrenwerthe Walther Ralph wollte am Erfolg der Nachforschungen nicht zweifeln, indem er meinte, die ausgesetzte Prämie müsse den Eifer und die Spürkraft der Agenten ausnehmend schärfen. Aber sein College, Andrew Stuart, theilte bei weitem nicht diese Zuversicht. Der Wortstreit dauerte also unter den Gentlemen fort, die an einem Spieltische Platz genommen hatten, Stuart gegenüber Flanagan, Fallentin gegen Phileas Fogg. Während des Spieles schwiegen die Spieler, aber zwischen den Robbers wurde die unterbrochene Unterhaltung um so lebhafter fortgesetzt.

»Ich behaupte, sagte Andrew Stuart, daß der Dieb unfehlbar ein gewandter Mensch ist, welcher alle Aussicht hat, zu entkommen.

– Ei doch! erwiderte Ralph, es giebt ja nicht ein einziges Land mehr, wo er Zuflucht fände.

– Das wäre!

– Wo meinen Sie denn, daß er hingehen soll?

– Das weiß ich nicht, versetzte Andrew Stuart, aber trotz allem ist doch auf der Erde viel Raum.

– Das war ehedem der Fall …« sagte Phileas Fogg halblaut. Darauf: »Sie müssen abheben, mein Herr«, und reichte Thomas Flanagan die Karten.

Der Disput ruhte während der Robber. Aber bald fing er wieder an, als Andrew Stuart sagte:

»Wie so? ehedem! Ist die Erde etwa kleiner geworden?

– Allerdings, versetzte Walther Ralph. Ich bin der Meinung des Herrn Fogg. Die Erde hat an Umfang verloren, weil man jetzt zehnmal rascher wie vor hundert Jahren um sie herum reisen kann. Und deshalb werden auch in unserm gegebenen Falle die Nachforschungen weit rascher angestellt.

– Und auch die Flucht des Diebes wird dadurch leichter!

– An Ihnen ist die Reihe, Herr Stuart!« sagte Phileas Fogg.

Aber der ungläubige Stuart war nicht überzeugt, und als die Partie fertig war, versetzte er:

»Man muß gestehen, Herr Ralph, Sie haben da einen scherzhaften Einfall gehabt, indem Sie sagten, die Erde sei kleiner geworden! Also weil man jetzt in drei Monaten um dieselbe herum reist….

– In achtzig Tagen nur, sagte Phileas Fogg.

– Wirklich, meine Herren, setzte John Sullivan hinzu, achtzig Tage, seitdem auf der großen Indischen Eisenbahn die Strecke zwischen Rothel und Allahabad eröffnet worden ist, wie das »Morning Chronicle« die Route berechnet, nämlich:

Von London nach Suez über den Mont-Cenis und Brindisi, Eisenbahn und Packetboot 7 Tage
Von Suez nach Bombay, Packetboot 13 "
Von Bombay nach Calcutta, Eisenbahn 3 "
Von Calcutta nach Hongkong, Packetboot 13 "
Von Hongkong nach Yokohama in Japan, Packetboot 6 "
Von Yokohama n. San Francisco, Packetb. 22 "
Von San Francisco n. New-York, Eisenb. 7 "
V. New-York n. London, Packetb. u. Eisenb. 9 "
Sa. 80 Tage.

– Ja! achtzig Tage, rief Andrew Stuart, der aus Unachtsamkeit eine schlechte Karte abhob, aber die schlechte Witterung, widrige Winde, Schiffbruch, Entgleisungen etc. nicht gerechnet.

– Alles einbegriffen, erwiderte Phileas Fogg, und fuhr fort zu spielen; denn diesmal nahm das Gespräch keine Rücksicht auf das Spiel.

– Selbst auch, wenn die Hindus oder die Indianer die Schienen aufheben! rief Andrew Stuart, wenn sie die Züge aufhalten, um die Gepäckwagen zu plündern und die Passagiere zu scalpiren!

– Alles inbegriffen«, erwiderte Phileas Fogg, der sein Spiel hinwarf, mit den Worten: »Zwei Haupttrümpfe!«

Andrew Stuart, an welchem die Reihe war zu geben, nahm die Karten wieder zusammen und sprach:

»Theoretisch haben Sie Recht, Herr Fogg, aber in der Praxis …

– In der Praxis auch, Herr Stuart.

– Ich wünschte Sie dabei zu sehen.

– Das hängt nur von Ihnen ab. Machen wir die Reise mit einander.

– Der Himmel behüte mich! rief Stuart, aber ich würde schon um viertausend Pfund wetten, daß eine solche Reise, unter solchen Bedingungen, unmöglich ist.

– Sehr möglich, vielmehr, erwiderte Herr Fogg.

– Nun, so machen Sie die Reise!

– Die Reise um die Welt in achtzig Tagen?

– Ja.

– Ich bin’s zufrieden.

– Wann?

– Augenblicklich. Nur will ich Ihnen bemerken, auf Ihre Kosten will ich sie machen.

– ’s ist Narrheit! rief Andrew Stuart, dem das Drängen seines Spielgenossen lästig ward. Spielen wir lieber.

– So geben Sie die Karten nochmals, erwiderte Phileas Fogg, denn sie sind vergeben.«

Andrew Stuart nahm die Karten wieder in die zitternde Hand; dann legte er sie plötzlich wieder auf den Tisch und sprach:

– Nun ja! Herr Fogg, ja, ich wette um viertausend Pfund! …

– Lieber Stuart, sagte Fallentin, werden Sie ruhig. Das ist nicht ernstlich gemeint.

– Wenn ich sage: ich wette, versetzte Andrew Stuart, ist’s immer ernstlich gemeint.

– Ich schlage ein!« sagte Herr Fogg. Dann zu seinen Collegen gewendet:

– Ich habe zwanzigtausend Pfund bei Gebr. Baring stehen. Die setze ich gerne daran. …

– Zwanzigtausend Pfund! rief John Sullivan. Zwanzigtausend Pfund, die Sie durch eine unvorausgesehene Verspätung verlieren können!

– Es giebt nichts Unvorhergesehenes, erwiderte Phileas Fogg einfach.

– Aber, Herr Fogg, dieser Zeitraum von achtzig Tagen ist nur als ein mindestes Maß gemeint!

– Wenn man ein Mindestes gut verwendet, reicht’s immer hin.

– Aber um es nicht zn überschreiten, muß man mathematisch genau aus den Eisenbahnen in die Packetboote, und aus den Packetbooten in die Eisenbahnen springen!

– Ich will den Sprung mathematisch genau vornehmen.

– ’s ist nur Spaß!

– Ein guter Engländer macht nie Spaß, wenn sich’s um eine so ernste Sache, wie eine Wette handelt, erwiderte Phileas Fogg. Ich wette mit Jedem, der Lust dazu hat, um zwanzigtausend Pfund, daß ich die Reise um den Erdball in längstens achtzig Tagen machen werde, d.h. in neunzehnhundertundzwanzig Stunden, oder hundertfünfzehntausendzweihundert Minuten. Sind Sie es zufrieden?

– Wir nehmen die Wette an, erwiderten, nachdem sie sich unter einander verständigt, die Herren Stuart, Fallentin, Sullivan, Flanagan und Ralph.

– Gut, sagte Herr Fogg. Der Zug nach Dover geht um acht Uhr fünfundvierzig Minuten ab. Mit dem reise ich.

– Heute Abend? fragte Stuart.

– Heute Abend, versetzte Phileas Fogg. Also, fuhr er fort, indem er einen Kalender aus der Tasche zog und nachsah, weil heute Mittwoch, der 2. October, so muß ich Samstags, den 21. December um acht Uhr fünfundvierzig Minuten Abends wieder in London sein, hier in diesem Salon des Reformclubs, sonst sollen die zwanzigtausend Pfund, welche eben für mich bei den Gebr. Baring stehen, mit Recht und Fug Ihnen, meine Herren, angehören. – Hier ist eine Anweisung von gleichem Betrage.«

Es wurde ein Protokoll über die Wette aufgenommen und auf der Stelle von den sechs Betheiligten unterzeichnet. Phileas Fogg war kaltblütig geblieben. Er hatte die Wette sicherlich nicht gemacht, um zu gewinnen, und hatte diese zwanzigtausend Pfund – die Hälfte seines Vermögens – nur deshalb daran gesetzt, weil er voraus sah, er könne die andere Hälfte zu brauchen haben, um das schwierige, um nicht zu sagen unausführbare Project gut auszuführen. Dagegen schienen seine Gegner in Aufregung, nicht wegen des hohen Einsatzes, sondern weil sie sich einigermaßen ein Gewissen daraus machten, unter solchen Bedingungen eine Wette einzugehen.

Damals war es Schlag sieben. Man forderte Herrn Fogg auf, sein Spiel zu unterbrechen, um seine Reisevorbereitungen zu treffen.

»Ich bin stets reisefertig!« erwiderte dieser leidenschaftslose Gentleman, gab seine Karten und sprach:

»Ich schlage Eckstein um, Sie spielen aus, Herr Stuart.«

Zwanzigstes Capitel.

Zwanzigstes Capitel.

Fix tritt zu Phileas Fogg in unmittelbare Beziehung.

Während dieser Scene, die vielleicht so große Gefahr in nahem Gefolge hatte, ging Herr Fogg in Begleitung von Mrs. Aouda in den Straßen der englischen Stadt spazieren. Seit dieselbe sein Erbieten, sie bis nach Europa zu bringen, angenommen hatte, mußte er an verschiedene weitere Reisebedürfnisse denken. Daß ein Engländer seiner Art mit einem Reisesacke in der Hand eine Rundreise um die Erde herum mache, geht wohl an; aber eine Frau konnte es nicht ebenso. Herr Fogg entledigte sich dieser Aufgabe mit der ihm eignen Seelenruhe, und hatte auf alle Entschuldigungen oder Einwände der jungen Witwe, die durch so viele Gefälligkeiten sich beschämt fühlte, nur die einzige Erwiderung:

»Es ist zum Vortheil meiner Reise, es liegt in meinem Programm.«

Als die Einkäufe gemacht waren, kehrten Herr Fogg und die junge Frau in das Hotel zurück, und speisten an der table d’hôte die köstlichen Gerichte. Darauf begab sich Mrs. Aouda, die etwas müde war, in ihr Gemach, nachdem sie ihrem gemüthsruhigen Retter »auf englisch« die Hand gedrückt.

Den ganzen übrigen Theil des Abends war der ehrenwerthe Gentleman in die Lectüre der »Times« und der »Illustrated London News« vertieft.

Wäre er im Stande gewesen, über irgend etwas in Staunen zu gerathen, so mußte es der Umstand sein, daß er zur Zeit des Schlafengehens seinen Diener nicht erscheinen sah. Aber da er wußte, daß das Packetboot nach Yokohama nicht vor dem folgenden Morgen von Hongkong abging, machte es ihm weiter keine Gedanken. Als er am folgenden Morgen anläutete, ließ Passepartout sich nicht sehen.

Was der ehrenwerthe Gentleman dachte, als er erfuhr, daß sein Diener nicht in’s Hotel zurückgekehrt war, hätte Niemand sagen können. Herr Fogg nahm seinen Reisesack, ließ Mrs. Aouda benachrichtigen und schickte nach einem Palankin.

Es war damals acht Uhr, und die Höhe der Fluth, welche der Carnatic benutzen sollte, um aus dem Seegat herauszukommen, war auf halb zehn angesagt.

Als der Palankin an dem Thore des Hotels ankam, stiegen Herr Fogg und Mrs. Aouda in dies bequeme Beförderungsmittel ein, und das Gepäck fuhr auf einem Schubkarren hinterdrein.

Nach einer halben Stunde stiegen die Reisenden an dem Einschiffungsquai aus, und erfuhren hier, daß der Carnatic bereits am Abend zuvor abgefahren sei.

Herr Fogg, welcher darauf gerechnet hatte, das Packetboot und seinen Diener miteinander zu finden, mußte nun auf beide verzichten. Aber man sah kein Zeichen von Aergerlichkeit auf seinem Angesicht, und da Mrs. Aouda ihn mit Besorgniß ansah, sagte er nur:

»Es ist ein Zwischenfall, Madame, nichts weiter.«

In diesem Augenblicke trat ein Mann, der ihm mit Aufmerksamkeit zugesehen hatte, zu ihm heran. Es war der Polizei-Agent Fix. Derselbe grüßte ihn und sprach:

»Sind Sie nicht, mein Herr, einer der gestern hier angekommenen Passagiere des Rangoon.

– Ja, mein Herr, erwiderte Herr Fogg frostig, aber ich habe nicht die Ehre …

– Verzeihen Sie, ich glaubte Ihren Diener hier zu treffen.

– Wissen Sie, wo er ist, mein Herr, fragte hastig die junge Frau.

– Wie? versetzte Fix, der sich überrascht stellte, ist er nicht bei Ihnen?

– Nein, erwiderte Mrs. Aouda. Seit gestern ist er nicht wieder nach Hause gekommen. Sollte er ohne uns an Bord des Carnatic abgefahren sein?

– Ohne Sie, Madame? sagte der Agent. Aber, entschuldigen Sie meine Frage, Sie rechneten also darauf, mit diesem Boote zu reisen?

– Ja, mein Herr.

– Ich auch, Madame, und bin nun in großer Verlegenheit. Der Carnatic ist, als seine Reparaturen fertig waren, zwölf Stunden früher von Hongkong abgefahren, ohne Jemand davon Kenntniß zu geben, und jetzt muß man acht volle Tage warten, bis wieder ein Boot abfährt!«

Bei diesen Worten: »acht Tage«, jubelte Fix in seinem Herzen. Herr Fogg acht Tage in Hongkong aufgehalten!

Nun wäre Zeit genug für Eintreffen des Verhaftsbefehles. Kurz, es waren gute Aussichten für den Repräsentanten des Gesetzes.

Wie fühlte er sich da zu Boden geschmettert, als er Phileas Fogg mit gelassener Stimme sagen hörte:

»Es giebt ja, dünkt mir, noch andere Schiffe, außer dem Carnatic, im Hafen von Hongkong.«

Und Herr Fogg bot Mrs. Aouda seinen Arm, und begab sich mit ihr zu den Docks, um ein zum Abfahren gerüstetes Schiff zu suchen.

Fix folgte voll Bestürzung. Er war, schien’s, wie mit einem Faden an ihn gebunden.

Doch schien das Glück seinen Günstling, dem es bisher so dienstbar gewesen, wirklich im Stiche lassen zu wollen.

Drei Stunden lang lief Phileas Fogg in allen Richtungen den Hafen auf und ab, um nöthigenfalls ein Fahrzeug bis nach Yokohama auf eigne Kosten in Miethe zu nehmen; aber er sah nur im Auf- oder Abladen begriffene Schiffe, die folglich nicht reisefertig sein konnten. Da bekam Fix wieder Hoffnung.

Doch verlor Herr Fogg seine Fassung nicht, und war im Begriff, bis nach Macao hin weiter zu forschen, als ein Bootsmann zu ihm trat.

»Ew. Gnaden suchen ein Fahrzeug? fragte der Mann und zog den Hut ab.

– Haben Sie ein Boot reisefertig? fragte Herr Fogg.

– Ja, Ew. Gnaden, ein Lootsenboot Nr. 43, das beste von allen im Hafen.

– Fährt es rasch?

– Acht bis neun Meilen, beiläufig. Wollen Sie’s sehen?

– Ja.

– Ew. Gnaden werden zufrieden sein. Ist’s für eine Spazierfahrt im Meer?

– Nein, für eine Reise.

– Eine Reise?

– Können Sie’s übernehmen, mich nach Yokohama zu bringen?«

Bei diesen Worten ließ der Bootsmann die Arme sinken, riß die Augen weit auf.

»Ew. Gnaden belieben zu scherzen? sagte er.

– Nein! Ich habe die Abfahrt des Carnatic verfehlt, und ich muß am 14. spätestens zu Yokohama sein, um auf das Packetboot nach San-Francisco zu kommen.

– Es thut mir leid, erwiderte der Lootse, aber dies geht nicht an.

– Ich biete Ihnen hundert Pfund täglich, und eine Prämie von zweihundert Pfund, wenn ich zeitig anlange.

– Ist das ernst gemeint? fragte der Lootse.

– Ganz ernstlich«, erwiderte Herr Fogg.

Der Pilot ging bei Seite, schaute auf das Meer hin, offenbar im Kampf zwischen der Begierde, eine so enorme Summe zu verdienen, und der Besorgniß, sich zu weit zu wagen. Fix schwebte in Todesängsten.

Unterdessen wendete sich Herr Fogg wieder zu Mrs. Aouda.

»Werden Sie keine Angst haben? Madame, fragte er sie.

– In Ihrer Gesellschaft nicht, Herr Fogg«, versetzte die junge Frau.

Der Lootse kam wieder zu dem Gentleman, drehte seinen Hut in den Händen.

»Nun, Pilot? fragte Herr Fogg.

– Ei nun, Ew. Gnaden, erwiderte der Pilot, ich kann weder meine Leute, noch mich, noch Sie selbst durch eine so weite Fahrt auf einem Boot von kaum zwanzig Tonnen, und zu dieser Jahreszeit, der Gefahr aussetzen. Uebrigens würden wir nicht mehr zu rechter Zeit ankommen, denn von Hongkong bis Yokohama sind sechzehnhundertundfünfzig Meilen.

– Nur sechzehnhundert, sagte Herr Fogg.

– Das macht nichts aus.«

Fix athmete wieder auf.

»Aber, fuhr der Pilot fort, es gäbe vielleicht ein Mittel, es anders einzurichten.«

Dem Fix ging der Athem wieder aus.

– Wie denn? fragte Phileas Fogg.

– Wenn es nach Nangasaki ginge, an der Südspitze Japans, elfhundert Meilen, oder nach Schangai, achthundert Meilen von Hongkong. Dann würde man sich in der Nähe der chinesischen Küste halten, ein großer Vortheil, zumal da die Windströmung nordwärts treibt.

– Pilot, versetzte Phileas Fogg, zu Yokohoma muß ich auf das amerikanische Postschiff, und nicht zu Schangai oder Nangasaki.

– Warum nicht? versetzte der Lootse. Das Packetboot nach San Francisco fährt nicht von Yokohama, sondern von Schangai aus, und Yokohama, wie Nangasaki, sind nur Anhalteplätze.

– Sind Sie dessen gewiß?

– Ganz sicher.

– Und wann fährt das Packetboot von Schangai ab?

– Am 11. um sieben Uhr Abends. Also haben wir noch vier Tage Zeit dafür. Vier Tage machen sechsundneunzig Stunden, und haben wir tüchtige Mannschaft, Südostwind und ruhiges Meer, so können wir bei durchschnittlich acht Meilen die Stunde die achthundert Meilen bis Schangai schon fertig bringen.

– Und wann können Sie abfahren? …

– In einer Stunde. Soviel bedarf’s noch, um Lebensmittel zu kaufen und segelfertig zu machen.

– Abgemacht! Sind Sie der Schiffsherr?

– Ja, John Bunsby, Patron der Tankadère.

– Wollen Sie Draufgeld?

– Wenn’s Ew. Gnaden beliebt.

– Hier zweihundert Pfund abschläglich … Mein Herr, sprach sodann Phileas Fogg zu Fix, wenn Sie die Gelegenheit benutzen wollen …

– Mein Herr, versetzte Fix entschlossen, eben wollte ich mir diese Gunst ausbitten.

– Gut. In einer halben Stunde sind wir an Bord.

– Aber der arme Bursche … sagte Mrs. Aouda, welche über das Verschwinden Passepartout’s sehr besorgt war.

– Ich werde das Mögliche für ihn thun«, erwiderte Phileas Fogg.

Und während Fix in fieberhafter Nervenaufregung und wüthendem Zorn das Lootsenboot bestieg, begaben sich Beide auf das Polizeibureau zu Hongkong. Hier gab Phileas Fogg Passepartout’s Signalement auf, und legte eine hinreichende Summe nieder, um ihn wieder heim zu bringen. Dasselbe geschah bei dem französischen Consular-Agenten; der Palankin nahm sodann im Hotel das Gepäck auf und brachte die Reisenden an den Hafenrand, wo das Lootsenboot Nr. 43, Mannschaft und Lebensmittel an Bord, Schlag drei Uhr segelfertig lag.

Die Tankadère war eine reizende kleine Goelette von zwanzig Tonnen Gehalt, vorn wohl zugespitzt, sehr schlank geformt, und langgestreckt in ihrer Wasserlinie. Man konnte sie für eine Jacht zur Wettfahrt halten. Sie war mit glänzendem Kupfer gedeckt, ihr Eisenwerk galvanisirt, ihr Verdeck weiß wie Elfenbein; und man sah wohl, daß ihr Patron John Bunsby sich darauf verstand, sie in gutem Zustande zu erhalten. Ihre beiden Maste neigten sich ein wenig nach hinten. Sie war mit Brigantin-, Fock- und Vorstagsegel versehen, und man konnte für den Wind von hinten ein Hilfssegel anbringen.

Sie mußte erstaunlich schnell fahren, und hatte in der That schon einigemal Preise bei den Wettfahrten der Lootsenfahrzeuge gewonnen.

Die Bemannung der Tankadère bestand aus dem Patron John Bunsby und vier Mann. Es waren kühne Bootsleute, wie sie sich jederzeit beim Aufsuchen von Schiffen Gefahren aussetzen, und zum Verwundern in diesen Meeren bekannt.

John Bunsby, etwa fünfundvierzig Jahre alt, kräftig, dunkel gebräunt, mit lebhaftem Blick, energischen Gesichtszügen, sicher und rüstig, hätte auch dem Verzagtesten Vertrauen eingeflößt.

Phileas Fogg und Mrs. Aouda stiegen an Bord. Fix befand sich schon da. Durch die hintere Lucke kam man in ein viereckiges Zimmer, dessen Wände über einem runden Divan sich zu Lagerstätten erweiterten. In der Mitte ein Tisch mit einer Hängelampe. Alles war eng, aber reinlich.

»Ich bedauere, daß ich Ihnen nichts Besseres anbieten kann«, sagte Herr Fogg zu Fix, der sich still verneigte.

Der Polizei-Agent fühlte sich ein wenig gedemüthigt, daß er so die Gefälligkeit des Herrn Fogg benutzte.

»Sicherlich, dachte er, ist’s ein sehr höflicher Schurke, aber ein Schurke ist’s immer!«

Zehn Minuten nach drei Uhr wurden die Segel aufgehißt, die englische Flagge aufgepflanzt. Die Passagiere saßen auf dem Verdeck; Herr Fogg und Mrs. Aouda warfen einen letzten Blick auf den Quai, um zu schauen, ob nicht Passepartout sich sehen ließe.

Fix war einigermaßen in Angst, denn der Zufall hätte den unglückseligen Burschen, welchen er so unwürdig behandelt hatte, dahin führen können, und dann wäre eine Enthüllung erfolgt, welche dem Detectiv nicht zu Gunsten gewesen wäre. Aber der Franzose war nicht zu sehen; ohne Zweifel lag er noch im Rausche des narkotischen Giftes.

Endlich gewann der Patron Bunsby die hohe See, und die Tankadère flog mit vollen Segeln über die Fluthen.

Einundzwanzigstes Capitel.

Einundzwanzigstes Capitel.

Der Patron der Tankadere in Gefahr, eine Prämie von zweihundert Pfund zu verlieren.

Diese Fahrt von achthundert Meilen auf einem Fahrzeuge von zwanzig Tonnen, zumal zu dieser Jahreszeit, war ein gewagtes Unternehmen. Die Meere Chinas sind meistens schlimm, fürchterlichen Windstößen ausgesetzt, besonders zur Aequinoctialzeit, und es war noch Anfang Novembers.

Offenbar wäre es für den Pilot vortheilhafter gewesen, seine Passagiere bis Yokohama zu fahren, weil er tageweise bezahlt wurde. Aber es wäre auch sehr unvorsichtig gewesen, unter den gegebenen Verhältnissen eine solche Fahrt zu versuchen, und es war schon kühn, ja verwegen genug, bis Schangai zu fahren. Aber John Bunsby konnte sich auf seine Tankadère verlassen, die leicht wie eine Möve über die Wellen glitt.

Während der letzten Stunden dieses Tages fuhr die Tankadère in den bedenklichen Fahrwassern von Hongkong, und hielt sich bei allen Windungen, in nächster Nähe oder mit vollem Winde, vortrefflich.

»Ich brauche, Pilot, Ihnen nicht die möglichste Sorgfalt anzuempfehlen, sprach Phileas Fogg, als sie auf’s hohe Meer fuhr.

– Ew. Gnaden können sich auf mich verlassen, versetzte John Bunsby. Segel wenden wir soviel an, als der Wind gestattet. Unsere leichten Segel würden nichts weiter fördern und könnten nur dem Lauf des Schiffes hinderlich sein.

– Sie verstehen das besser, Pilot, und ich verlasse mich auf Sie.«

Phileas Fogg stand da, aufrecht mit gespreizten Beinen, sicher wie ein Seemann, und schaute unverrückt auf die hohle See. Hinten saß die junge Frau, nicht ohne Besorgnis im Hinblick auf den in der Dämmerung bereits düstern Ocean, welchem sie auf einem so leichten Fahrzeuge Trotz bot. Ueber ihrem Kopf flatterten die weißen Segel, welche es wie große Flügel in den weiten Raum hinaustrieben. Vom Winde gehoben schien die Goelette in der Luft zu fliegen.

Es ward Nacht, der Mond trat in sein erstes Viertel, und sein schwaches Licht sollte bald im Nebel des Horizonts verlöschen. Von Osten her zog Gewölk herauf und bedeckte schon einen Theil des Himmels.

Der Pilot hatte sein Leuchtfeuer aufgestellt, eine unerläßliche Vorsichtsmaßregel in diesen sehr befahrenen Meeren, nächst den Landungsplätzen. Zusammenstöße traten nicht selten ein, und bei det Schnelligkeit, womit die Goelette fuhr, konnte der geringste Stoß sie zertrümmern.

Fix stand in Gedanken verloren auf dem Vordertheil.

Da er Fogg’s schweigsame Natur kannte, so hielt er sich bei Seite. Zudem war es ihm zuwider, mit dem Manne zu reden, dessen Gefälligkeit er annahm. Er dachte auch an die Zukunft. Es schien ihm ausgemacht, daß Fogg sich nicht zu Yokohama aufhalten, vielmehr unverzüglich das Packetboot nach San Francisco besteigen würde, um nach Amerika zu kommen, auf dessen ungeheuern Räumen er Straflosigkeit und Sicherheit finden würde.

Das schien der einfachste Plan Phileas Fogg’s zu sein. Anstatt kurzer Hand in England wie ein gewöhnlicher Schurke nach den Vereinigten Staaten überzuschiffen, hatte dieser Fogg den weiten Umweg gewählt mit der Fahrt über drei Viertheil des Erdumkreises, um so mit mehr Sicherheit auf’s amerikanische Festland zu gelangen, und daselbst, nachdem er die Polizei an der Nase geführt, ruhig seine Banknoten zu genießen. Aber was sollte Fix auf amerikanischem Gebiet anfangen? Diesen Menschen loslassen? Nein, hundertmal nein! Bis er eine Auslieferungsacte erwirkt, wollte er ihm nicht von der Ferse weichen. Diese seine Schuldigkeit wollte er vollständig erfüllen. Jedenfalls hatte er einen glücklichen Umstand erzielt: Passepartout befand sich nicht mehr bei seinem Herrn, und zumal nachdem Fix gegen ihn vertraulich gewesen, war es von Wichtigkeit, daß Herr und Diener nie wieder zusammen kamen.

Phileas Fogg machte sich ebenfalls Gedanken um seinen so auffallend verschwundenen Diener. Alles in Betracht gezogen, schien es ihm nicht unmöglich, daß der arme Junge in Folge eines Mißverständnisses sich erst im Moment der Abfahrt auf dem Carnatic eingefunden hatte. Das meinte auch Mrs. Aouda, welche diesen braven Diener, dem sie so viel verdankte, herzlich bedauerte. Es war also nicht unmöglich, ihn zu Yokohama wieder zu finden, und wenn er mit dem Carnatic dahin abgefahren war, konnte man’s leicht erfahren.

Gegen zehn Uhr erhob sich ein frischer Wind. Vielleicht wäre es klug gewesen, ein Reff aufzunehmen, aber der Pilot ließ, nachdem er den Himmel sorgfältig beobachtet hatte, das Segelwerk in seinem bisherigen Zustande. Uebrigens hielt die Tankadère bei tiefem Wasser ihre Segel stattlich, und alles war fertig, im Fall eines Windstoßes sie einzuziehen.

Um Mitternacht begaben sich Phileas Fogg und Mrs. Aouda in die Cabine hinab. Fix war schon dahin vorausgegangen und hatte sich auf einen Divan gelagert. Der Pilot blieb mit seinen Bootsleuten die ganze Nacht auf dem Verdeck.

Am folgenden Morgen, den 8. November, bei Sonnenaufgang, hatte die Goelette bereits über hundert Meilen zurückgelegt. Das Log gab eine durchschnittliche Geschwindigkeit von acht bis neun Meilen an. Die Tankadère hatte halben Wind in ihren Segeln, die alle trieben, und so erlangte sie ihre größte Geschwindigkeit. Hielt sich der Wind dermaßen, so waren das gute Aussichten.

Die Tankadère entfernte sich während dieses ganzen Tages nicht merklich von der Küste, deren Windströmung ihr günstig war. Diese zog sich höchstens fünf Meilen entfernt linker Hand, und wurde, da sie unregelmäßig zugeschnitten war, mitunter durch lichte Stellen hindurch sichtbar. Da der Wind vom Lande herkam, so ging ebendeshalb das Meer weniger stark; ein günstiger Umstand für die Goelette, denn den Fahrzeugen von geringem Tonnengehalt gereicht besonders die hohle See zum Nachtheil, da sie ihre Schnelligkeit bricht.

Gegen Mittag wurde der Wind etwas milder und strich südöstlich. Der Pilot ließ die kleinen Segel aufziehen; aber nach Verlauf von zwei Stunden mußte man sie wieder einziehen, denn der Wind wehte wieder stärker.

Herr Fogg und die junge Frau, welche der Seekrankheit glücklich widerstanden, aßen mit Appetit Zwieback und Conserven, welche an Bord befindlich waren. Fix wurde eingeladen, theilzunehmen, und hätte es annehmen sollen, denn er wußte wohl, daß man den Magen ebensowohl wie die Schiffe mit Ballast versehen muß; aber es war ihm zuwider. Auf Kosten dieses Mannes die Reise zu machen, von seinem Brod zu essen, fand er doch etwas unehrenhaft. Er aß jedoch, – zwar nur ganz wenig, – doch aß er.

Als das Mahl beendigt war, glaubte er den Herrn Fogg bei Seite nehmen zu müssen, und sagte zu ihm:

»Mein Herr …«

Dies Wort kam ihm schwer über die Lippen, und es kostete ihn Ueberwindung, diesen Herrn nicht am Kragen zu fassen!

»Mein Herr, Sie haben die Gefälligkeit gehabt, mir einen Platz auf Ihrem Boot anzubieten. Aber, obwohl meine Mittel mir nicht so reichlich fließen, wie Ihnen, so will ich meinen Antheil bezahlen …

– Reden wir nicht davon, mein Herr, versetzte Herr Fogg.

– Aber doch, es ist mir …

– Nein, mein Herr, wiederholte Herr Fogg in einem Tone, der eine Erwiderung ausschloß. Es gehört das zu den Gesammtkosten!«

Fix verneigte sich, er hätte bersten mögen; er begab sich auf’s Vordertheil des Schiffes und sprach den ganzen Tag kein Wort weiter.

Indessen kam man rasch vorwärts, und John Bunsby machte sich gute Hoffnung. Er sagte einigemal zu Herrn Fogg, man werde noch zu rechter Zeit nach Schangai kommen, worauf Herr Fogg nur erwiderte, er rechne darauf.

Uebrigens ließ es die ganze Mannschaft an Eifer nicht fehlen; die Prämie spornte sie. Man hätte bei einem Wettschiffen des Royal-Yacht-Clubs nicht strenger manoeuvrirt.

Am Abend zeigte das Log, daß man von Hongkong aus zweihundertundzwanzig Meilen zurückgelegt hatte, und Phileas Fogg konnte sich Hoffnung machen, daß er bei seiner Ankunft in Yokohama keine Verspätung in sein Programm werde einzutragen haben. So sollte denn auch das erste ernstliche Hinderniß, worauf er seit seiner Abfahrt aus London gestoßen, ihm wahrscheinlich keinen Schaden bringen.

Während der Nacht, gegen Morgen, fuhr die Tankadère frisch in die Straße Fo-Kien hinein, welche die große Insel Formosa von der chinesischen Küste scheidet, und durchschnitt den Wendekreis des Krebses. In dieser Straße war das Meer sehr aufgeregt, voll Wirbel, welche die Gegenströmung veranlaßte. Die Goelette hatte viel mit den gebrochenen Wellen zu schaffen, welche ihren Lauf hemmten. Es hielt sehr schwer, sich auf dem Verdeck aufrecht zu halten.

Mit Tagesanbruch wurde der Wind noch stärker, und am Himmel ergaben sich Vorzeichen eines Windstoßes. Uebrigens kündigte der Barometer eine bevorstehende Luftveränderung an; er bewegte sich unregelmäßig, und das Quecksilber gerieth in launische Schwankungen. Man sah auch südöstlich das Meer in hochgehenden Wellen aufgeregt, was auf Sturm hindeutete. Am Abend zuvor war die Sonne in rothem Nebel untergegangen unter phosphorescirendem Funkeln des Oceans.

Der Pilot nahm lange dieses schlimme Aussehen des Himmels in Erwägung und brummte unverständliche Worte zwischen den Zähnen. Einmal, da er neben seinem Passagier stand, sprach er leise zu ihm:

»Man kann mit Ew. Gnaden offen reden?

– Ja wohl, erwiderte Phileas Fogg.

– Nun, wir werden einen Windstoß bekommen.

– Von Norden oder Süden her? fragte Herr Fogg.

– Von Süden. Sehen Sie, eine Trombe wird’s geben.

– Von Süden her mag der Windstoß immer kommen, er wird uns richtig vorwärts befördern, erwiderte Herr Fogg.

– Nehmen Sie’s so, versetzte der Pilot, so hab‘ ich nichts weiter zu sagen.«

Die Ahnungen John Bunsby’s täuschten nicht. Zu einer weniger vorgerückten Jahreszeit würde die Trombe, nach dem Ausspruch eines berühmten Meteorologen, wie eine mit elektrischen Flammen erleuchtete Cascade zerfließen, aber im Winter-Aequinoctium war zu befürchten, daß sie heftiger losbrach.

Der Pilot traf seine Vorkehrungen. Er ließ alle Segel der Goelette einziehen, und die Stangen aus dem Verdeck herabnehmen. Die Lucken wurden sorgfältig verwahrt, so daß kein Tropfen Wasser in’s Innere dringen konnte. Ein einziges dreieckiges Segel, ein Focksegel von starkem Zeug, wurde aufgehißt, um die Goelette beim Treiben des Windes zu halten. So wartete man ab.

John Bunsby hatte die Passagiere aufgefordert, sich in die Cabine hinab zu begeben; aber in dem engen Raum, fast ohne Luft und bei den Wellenstößen, hatte diese Einsperrung nichts Angenehmes. Weder Herr Fogg, noch Mrs. Aouda, selbst Fix mochten sich nicht dazu verstehen.

Gegen acht Uhr brach ein Unwetter mit Regen und Windstößen aus; so daß die Tankadère, hätte sie mehr Segel aufgespannt gehabt, wie eine Feder in die Lüfte gewirbelt worden wäre. Wollte man die Schnelligkeit eines solchen Windes mit der vierfachen einer Locomotive bei vollem Dampf vergleichen, so bliebe man noch hinter der Wahrheit zurück.

Während des ganzen Tages flog so das Boot nordwärts, von riesenhaften Wellen getragen, indem es glücklicherweise eine der ihrigen gleiche Schnelligkeit behielt. Zwanzigmal war es nahe daran, von so einem Wasserberg, der sich hinter ihm aufthürmte, überschüttet zu werden, wenn nicht mit geschicktem Griff der Steuerer die Katastrophe abgewendet hätte. Die Passagiere wurden mitunter ganz von dem Staubregen der zusammenstoßenden Wellen bespritzt, was sie sich philosophisch gefallen ließen. Fix fluchte allerdings, aber die unverzagte Aouda, den Blick auf ihren Begleiter mit seinem bewundernswerthen Gleichmuts gerichtet, zeigte sich seiner würdig und trotzte ebenfalls dem Sturm. Phileas Fogg hatte wohl, schien es, diese Trombe auf seinem Programm.

Bisher war die Tankadère stets nordwärts getrieben; aber gegen Abend, wie zu befürchten war, schlug der Wind um und trieb nordwestlich. Da nun die Tankadère dem Wellenschlag die Seite darbot, so wurde sie fürchterlich geschüttelt, und man konnte wohl bei solcher Gewalt der Stöße in Angst gerathen, es möchten nicht alle Theile des Schiffes fest genug zusammengefügt sein.

Mit Einbruch der Nacht ward der Sturm noch ärger. Als John Bunsby die Dunkelheit, und mit dem Dunkel die Sturmesgewalt sich steigern sah, ward er doch lebhaft unruhig, und berieth mit den Bootsleuten, ob es nicht gerathen sei, beizulegen.

Darauf trat er zu Herrn Fogg und sprach: »Ich glaube, Ew. Gnaden, es wäre wohl gethan, einen Hafen an der Küste zu suchen.

– Ich glaub’s auch, erwiderte Phileas Fogg.

– Ah! sagte der Pilot, aber welchen?

– Ich weiß nur einen, versetzte gelassen Herr Fogg.

– Der ist? …

– Schangai.«

Der Pilot wußte nicht gleich den Sinn der Antwort, die zähe Ausdauer, zu fassen. Darauf rief er:

»Nun ja! Ew. Gnaden hat Recht. Nach Schangai!«

Und die Richtung der Tankadère ward unveränderlich nordwärts festgehalten.

Es war eine wahrhaft erschreckliche Nacht, und ein Wunder, daß die kleine Goelette nicht umschlug. Zweimal war sie nahe daran, und es wäre alles von Bord weggefegt worden, hätten die Seile zur Befestigung nicht gehalten. Mrs. Aouda war ganz erschöpft, aber ließ keinen Klagelaut hören. Mehrmals mußte Herr Fogg sie gegen die Gewalt der Wellen schützen.

Es ward wieder Tag, und das Gewitter dauerte ununterbrochen mit entfesselter Wuth. Doch änderte sich der Wind in Südost; ein günstiger Umstand, und die Tankadère setzte ihren Weg auf dem tobenden Meere fort, dessen Wellen mit den von der neuen Windrichtung getriebenen zusammenstießen, ein Widerprallen, wobei ein minder fest gebautes Boot zertrümmert worden wäre.

Von Zeit zu Zeit konnte man durch den nun gebrochenen Nebel die Küste wahrnehmen, aber nirgends ein Schiff. Die Tankadère war das einzige, welches die See hielt.

Um Mittag ergaben sich einige Zeichen, daß der Sturm sich legte; und als sich die Sonne zum Horizont hinabsenkte, sprach sich dies noch entschiedener aus. Die kurze Dauer desselben hing mit seinem heftigen Auftreten zusammen. Nun konnten die erschöpften Passagiere etwas Speise zu sich nehmen und ein wenig ausruhen.

Die Nacht war verhältnißmäßig ruhig. Der Pilot ließ seine niederen Segel wieder aufziehen und das Schiff fuhr erstaunlich schnell. Am folgenden Morgen, den 11., bei Tagesanbruch, konnte John Bunsby versichern, daß keine hundert Meilen mehr zu machen seien.

Aber es war nur noch dieser einzige Tag Zeit; noch an demselben Abend mußte Herr Fogg zu Schangai anlangen, wenn er nicht für das Packetboot nach Yokohama zu spät eintreffen wollte. Wäre nicht der Sturm dazwischen gekommen, so hätte er jetzt nur noch dreißig Meilen zurückzulegen.

Der Wind legte sich merklich, aber zum Glück ward auch das Meer wieder ruhig, nun wurden alle Segel aufgehißt, die sämmtlich trugen, und das Meer schäumte unter’m Vordersteven.

Um zwölf Uhr war die Tankadère nur noch fünfundvierzig Meilen von Schangai, und sie hatte noch sechs Stunden, um rechtzeitig dort anzulangen.

Die Besorgnisse an Bord waren lebhaft, denn man wollte um jeden Preis die Zeit nicht verfehlen. Die kleine Goelette mußte durchschnittlich mindestens neun Meilen die Stunde machen, – und der Wind wurde stets schwächer.

Doch war das Fahrzeug so leicht, und seine hohen, dicht gewebten Segel packten die regellosen Winde so gut, daß mit Hilfe der Strömung John Bunsby um sechs Uhr nur noch zehn Meilen bis zum Flusse Schangai zählte, denn die Stadt selbst liegt mindestens zwölf Meilen über dessen Mündung hinaus.

Um sieben Uhr befand man sich noch drei Meilen von Schangai. Ein fürchterlicher Fluch entfuhr den Lippen des Piloten; denn er sah wie die Prämie von zweihundert Pfund ihm offenbar vor der Nase entging. Er sah Herrn Fogg in’s Angesicht. Der zeigte sich rührungslos, und doch handelte sich’s eben um sein ganzes Vermögen …

In diesem Augenblick zeigte sich eine lange, schwarze Rauchsäule auf der flachen See. Es war das zur regelmäßigen Zeit abfahrende Packetboot nach Amerika.

»Verdammt! schrie John Bunsby, und stieß verzweifelnd das Steuer zurück.

– Signale!« sagte lediglich Herr Fogg.

Auf dem Vordertheil der Tankadère befand sich eine kleine Kanone, die zur Zeit des Nebels zu Signalen gebraucht wurde.

Dieselbe wurde bis zur Mündung geladen, aber als eben der Pilot zünden wollte, sprach Herr Fogg:

»Die Nothflagge.«

Die Flagge wurde am halben Mast aufgepflanzt; dies war ein Zeichen der Noth, und es ließ sich hoffen, daß das amerikanische Boot, wenn es sie gewahrte, eine Weile seinen Lauf ändern werde, um mit dem Boot zusammen zu kommen.

»Feuer!« sagte Herr Fogg.

Und das kleine Geschütz donnerte in die Lüfte.