Romane

Erstes Kapitel.

Erstes Kapitel.

O welche Lust im Wald, pfadlos, verschlungen!
O welch Entzücken am entleg’nen Strand!
Dort ist Gesellschaft, die nicht aufgedrungen,
Am Meer, in dessen Sturm Musik ich fand!
Den Menschen lieb‘ ich, doch noch mehr verstand
Ich die Natur; mit ihr, will ich nicht fragen
Was ich wohl könnte seyn, einst war! Verwandt
Durch sie dem All, fühl‘ ich, was auszusagen
Ich nicht vermag, noch ganz mit Schweigen kann ertragen.
Childe Harold

Ereignissehaben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit. So kann sich, wer weit gereist ist und Viel gesehen hat, leicht einbilden, lange gelebt zu haben, und diejenige Geschichte, welche am reichsten ist an wichtigen Begebenheiten, nimmt am frühesten den Charakter und Schein eines weit zurückreichenden Alters an. Auf keine andere Weise vermögen wir uns das Gepräge von Ehrwürdigkeit zu erklären, das schon den Annalen Amerikas anhaftet. Wenn der Geist zurückschaut in die frühesten Tage der Geschichte der Colonieen, so scheint jene Periode fern und dunkel, da die tausend Wechselfälle, welche an die Kettenglieder der Erinnerung sich herandrängen, den Ursprung der Nation in eine Ferne rückwärts schieben, die scheinbar im Nebel unvordenklicher Zeit liegt, und doch würden vier Menschenalter von gewöhnlicher Lebensdauer hinreichen, um von Mund zu Mund, in der Gestalt der Tradition, Alles zu überliefern, was civilisirte Menschen im Bereich der Republik geleistet haben. Obgleich Neu-York allein eine Bevölkerung besitzt, größer in Wahrheit, als die der vier kleinsten Königreiche Europa’s, oder auch als die der gesammten Schweizerischen Eidgenossenschaft, ist es doch erst Wenig mehr, als zwei Jahrhunderte her, seit die Holländer ihre Niederlassungen begannen und das Land aus dem wilden Zustand emporhoben. So wird, was durch die Häufung von wechselnden Ereignissen den ehrwürdigen Schein des Alters annimmt, zu vertrauterer Gewöhnlichkeit zurückgeführt, wenn wir es ernst und nüchtern nur in seinem Zeitverhältniß in’s Auge fassen.

Dieser Blick auf die Perspective der Vergangenheit wird den Leser vorbereiten, daß er die Gemälde, die wir zu entwerfen im Begriffe stehen, mit weniger Ueberraschung betrachtet, als er vielleicht sonst empfunden hätte, und einige weitere Erläuterungen führen vielleicht seine Einbildungskraft zurück zur genauern und deutlichern Anschauung desjenigen Gesellschaftszustandes, den wir zu schildern wünschen. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Niederlassungen an den östlichen Ufern des Hudson, wie Claverack, Kinderhook und selbst Poughkeepsie vor hundert Jahren als nicht sicher vor Einfällen der Indianer galten, und noch steht an den Uferhöhen des genannten Flusses, nur einen Musketenschuß weit von den Cajen von Albany, ein Schloß eines jüngern Zweiges der Van Rensselaers mit Schießscharten zur Vertheidigung gegen eben jenen schlauen Feind, obgleich es aus einer kaum so fernen Zeit stammt. Andere ähnliche Erinnerungen und Urkunden von der großen Jugend des Landes findet man hin und wieder selbst in den Gegenden, die als der eigentliche Mittelpunkt amerikanischer Civilisation betrachtet werden, – zum klarsten Beweise, daß alle unsere Sicherheit vor Einfällen und feindlicher Gewaltthat die Frucht einer nicht viel längern Zeit ist, als welche nicht selten Ein Menschenleben umfaßt.

Die Begebenheiten dieser Erzählung fallen zwischen die Jahre 1740 und 1745, wo die mit Niederlassungen besetzten Striche der Colonie Neu-York sich auf die vier Atlantischen Bezirke, einen schmalen Landgürtel auf jeder Seite des Hudsons, von dessen Mündung bis zu den Fällen in der Nähe seines Ursprungs, und auf einige wenige vorgeschobne »Nachbarschaften« am Mohawk und Schoharie beschränkten. Breite Gürtel der Urwildniß reichten nicht nur bis an die Ufer des ersten Stromes, sondern kreuzten ihn sogar, indem sie nach Neu-England hin sich fortsetzten und mit ihren Wäldern Schutz und Versteck boten dem geräuschlosen Moccasin des eingebornen Kriegers, wenn er auf dem verborgnen und blutigen Kriegspfad daherschlich. Ein Blick aus der Vogelperspektive auf die ganze Gegend östlich vom Mississippi mußte damals eine unermeßliche Ausdehnung von Wäldern zeigen, abwechselnd mit einem vergleichungsweise schmalen Saum angebauten Landes der See entlang, punktirt gleichsam durch die schimmernden Spiegel der Seen, und durchschnitten von den bewegten Linien der Ströme. In einem so ungeheuern Bilde feierlich ernster Einsamkeit verliert sich der Landstrich, dessen Schilderung wir beabsichtigen, fast in Unbedeutenheit, doch fühlen wir uns ermuthigt, zur Ausführung zu schreiten, durch die Ueberzeugung, daß, leichte und unwesentliche Unterschiede abgerechnet, derjenige, dem eine genaue Anschauung eines Theils dieser wilden Gegend zu verschaffen gelingt, nothwendig auch einen ziemlich richtigen Begriff vom Ganzen dem Leser geben muß.

Welche Veränderungen und Verwandlungen auch durch die Menschenhand mögen bewirkt worden seyn, der ewige Kreis der Jahreszeiten ist nicht zerrissen worden. Sommer und Winter, Saat- und Ernte-Zeit kehren mit erhabener Genauigkeit immer wieder in der ihnen gesetzten Ordnung, und bieten dem Menschen eine der alleredelsten und genußreichsten Gelegenheiten, die hohe Macht seines weitreichenden Geistes zu bestätigen, indem er die Gesetze erfaßt, welche ihre strenge Gleichförmigkeit beherrschen, und ihre nie endenden Umkreisungen berechnet. Hunderte von Sommersonnen hatten die Wipfel der edeln Eichen und Fichten erwärmt, und ihre Glut selbst bis in die zähen Wurzeln hinabgesendet, als man Stimmen einander rufen hörte in den Tiefen eines Waldes, dessen laubreiche Höhe in dem glänzenden Licht eines wolkenlosen Juniustages schwamm, während die Stämme der Bäume in dem Schatten unten in düstrer Größe sich erhoben. Die Anrufungen waren von verschiedenem Ton, und rührten unverkennbar von zwei Männern her, die den Weg verloren hatten, und jetzt in verschiedenen Richtungen den rechten Pfad wieder suchten. Endlich zeugte ein jauchzender Schrei von glücklichem Erfolg und im Augenblick darauf brach ein Mann hervor aus dem verworrenen Labyrinth eines kleinen Sumpfes und trat in eine Lichtung, welche theils durch die Verheerungen des Windes, theils durch die des Feuers entstanden zu seyn schien. Dieser kleine, offene Platz, der eine freie Ansicht des Himmels gestattete, obgleich er ziemlich angefüllt war mit gefallnen Bäumen, lag neben einem der hohen Hügel oder niedern Berge, aus welchen beinahe die ganze Oberfläche der benachbarten Gegend bestand.

»Hier ist ein Platz zum Athemschöpfen!« rief der befreite Waldmann, sobald er sich unter blauem Himmel befand, und schüttelte seinen gewaltigen Körper, wie ein Spürhund, der eben einer Schneewehe entronnen ist: »Hurrah! Wildtödter; hier ist wenigstens Tageslicht und dort der See!«

Diese Worte waren kaum gesprochen, als der zweite Waldmann bei dem Buschwerke des Sumpfes hervortauchte und auf dem freien Platze erschien. Nachdem er in der Eile seine Waffen und seine in Unordnung gekommene Kleidung wieder zurecht gemacht, kam er zu seinem Genossen heran, der schon Anstalten zu einem Aufenthalt machte.

»Kennt Ihr diese Stelle?« fragte der als ›Wildtödter‹ Angerufene; »oder habt ihr so gejauchzt bei dem Anblick der Sonne?«

»Beides, Junge, beides; ich kenne die Stelle und es thut mir nicht leid, einen so nützlichen Freund zu erblicken, als die Sonne ist. Jetzt haben wir doch wieder die Richtungen des Compasses im Kopf, und es ist jetzt unser eigner Fehler, wenn wir sie uns wieder durch irgend Etwas kunterbunt durcheinander werfen lassen, wie uns vorhin geschah. Mein Name ist nicht Hurry Harry, wenn dieß nicht der Platz ist, wo die Land-Jäger im letzten Sommer lagerten und eine Woche zubrachten. Seht, dort sind die abgestorbenen Büsche von ihrem Zelt, und hier ist die Quelle. So sehr ich die Sonne liebe, Junge, so brauche ich mir doch jetzt nicht von ihr sagen zu lassen, daß es Mittag ist; dieser mein Magen ist ein so guter Zeitmesser, als es nur immer in der Colonie gibt, und er weist schon auf halb ein Uhr. So öffnet denn den Quersack, damit wir uns wieder aufziehen, um weitere sechs Stunden zu gehen.«

Auf diesen Vorschlag machten sich Beide daran, die nöthigen Vorbereitungen zu ihrem gewöhnlichen frugalen, aber herzhaften Mahle zu machen. Wir wollen diese Unterbrechung des Gesprächs benützen, dem Leser einen Begriff von der äußern Erscheinung der Männer zu geben, welche beide bestimmt sind, eine nicht unbedeutende Rolle in unserer Erzählung zu spielen. Es wäre nicht leicht gewesen, ein edleres Bild kraftvoller Männlichkeit zu finden, als welches in der Person desjenigen sich darbot, der sich selbst Hurry Harry nannte. Sein wahrer Name war Henry March; aber die Grenzmänner haben von den Indianern die Sitte angenommen, sobriquets (Spitznamen) zu geben, und so wurde die Bezeichnung: »Hurry« weit öfter gebraucht, als sein eigentlicher Name und nicht selten wurde er Hurry Skurry genannt, ein Spitzname, den er wegen seines fahrigen, rücksichtslosen, kurzangebundenen Wesens bekommen hatte, und wegen einer physischen Rastlosigkeit, die ihn in so beständiger Bewegung erhielt, daß er auf der ganzen Linie der zwischen der Provinz und den Canada’s zerstreuten Wohnungen bekannt war. Die Statur Hurry Harry’s betrug über sechs Fuß einen Zoll, und da er ungemein wohl gebaut war, entsprach seine Stärke vollkommen den Begriffen, die sein riesenhafter Körper erweckte. Das Gesicht paßte gar nicht übel zu dem übrigen Manne, denn es war gutmüthig und hübsch. Sein Wesen war frei und offen, und obgleich sein Benehmen und seine Art nothwendig von der Rohheit des Grenzlerlebens Etwas annehmen mußten, verhütete doch die einer so edeln Natur angeborne Großartigkeit, daß er nie ganz gemein werden konnte.

Wildtödter, wie Hurry seinen Begleiter nannte, war seinem Aeußern wie seinem Charakter nach, ein ganz andrer Mensch. Was den Wuchs betrifft, so maß er wohl gegen sechs Fuß in seinen Moccasins, aber sein Körper war vergleichungsweise leicht und schlank, zeigte jedoch Muskeln, die, wo nicht ungewöhnliche Stärke, doch ungewöhnliche Gewandtheit verriethen. Sein Antlitz hätte wenig Empfehlendes gehabt, außer der Jugendlichkeit, wäre nicht darin ein Ausdruck gewesen, der selten seines gewinnenden Eindrucks bei Allen verfehlte, die Gelegenheit hatten, es genauer zu prüfen, und dem Gefühle des Vertrauens, das es einflößte, sich zu überlassen. Dieser Ausdruck war einfach der: argloser Wahrhaftigkeit, gepaart mit einem Ernst des Willens und einer Lauterkeit des Gefühls, die man sonst nicht leicht sah. Zu Zeiten erschien dieß Gepräge von aufrichtiger Redlichkeit in solcher Einfalt, daß es auf den Verdacht bringen konnte, es fehle ihm an der Fähigkeit, zwischen Trug und Wahrheit zu unterscheiden; aber Wenige kamen in nähere, innigere Berührung mit dem Manne, ohne dieß Mißtrauen gegen seine Einsichten und Beweggründe zu verlieren.

Beide Grenzmänner waren noch jung, denn Hurry Harry hatte erst das sechs- oder achtundzwanzigste Jahr erreicht, und Wildtödter zählte noch einige Jahre weniger. Ihr Anzug bedarf keiner genauen Beschreibung, nur so viel mag erwähnt werden, daß er zu einem nicht kleinen Theile aus zugerichteten Hirschhäuten bestand, und die gewöhnlichen Spuren an sich trug, welche verriethen, daß er Männern gehörte, die ihr Leben auf der Grenze zwischen der civilisirten Gesellschaft und den endlosen Wäldern zubrachten. Dennoch bemerkte man einige Aufmerksamkeit und ein Bestreben, sich proper und malerisch zu zeigen in Wildtödters Anzug, und ganz besonders im Punkt seiner Waffen und seines Jagdzeuges. Seine Büchse war im vollkommensten Stand, der Handgriff seines Waidmessers war zierlich geschnitzt, sein Pulverhorn mit passenden Sinnbildern, leicht eingeschnitten in den Stoff, woraus es bestand, verziert, und seine Jagdtasche mit Wampum geschmückt. Dagegen trug Hurry Harry, sey es nun aus natürlicher Gleichgültigkeit, oder im geheimen Bewußtseyn, wie wenig seine äußere Erscheinung einer künstlichen Nachhülfe bedurfte, Alles in nachläßiger, liederlicher Weise an sich, als fühle er eine edle Verachtung gegen die ärmlichen Nebendinge, wie Kleidung und Schmuck. Vielleicht wurde der eigenthümliche Eindruck, den sein hoher Wuchs und seine schöne Gestalt machten, durch diese unstudirte, hochmüthige Gleichgültigkeit in seiner äußeren Erscheinung, eher verstärkt als vermindert.

»Kommt, Wildtödter, haut ein, und beweist, daß Ihr einen Delawaren-Magen habt, wie Ihr nach Eurer Behauptung eine Delawaren-Erziehung gehabt!« rief Hurry, der mit gutem Beispiel voranging, und den Mund aufriß, um ein Stück kalten Wildprets aufzunehmen, das für einen europäischen Bauern eine ganze Mahlzeit gewesen wäre; »haut ein, Bursche, und zeigt Eure Mannhaftigkeit an diesem armen Teufel von Damthier mit Euern Zähnen, wie Ihr es schon gethan mit Eurer Büchse.« »Nein, nein, Hurry, daran ist nicht viel Mannhaftigkeit, ein armes Thier zu tödten, und dazu noch außer der rechten Zeit, wohl aber mag es eine seyn, eine Unze oder einen Panther zu fällen,« versetzte der Andere, sich anschickend, der Aufforderung zu folgen. »Die Delawaren haben mir meinen Namen gegeben nicht so wohl in Betracht eines kühnen Herzens, als vielmehr eines scharfen Auges und eines flinken Fußes. Es mag nichts Feiges daran seyn, ein Thier zu fällen, aber gewiß ist es keine große Tapferkeit.«

»Die Delawaren selbst sind keine Helden,« murmelte Hurry zwischen den Zähnen, da er den Mund zu voll hatte, um ihn ganz aufthun zu können, »sonst hätten sie sich nimmermehr von den lumpigen Vagabunden, den Mingo’s, zu Weibern machen lassen.«

»Die Sache ist nicht recht bekannt – ist nie recht erklärt worden,« versetzte Wildtödter ernst, denn er war ein eben so eifriger Freund, wie sein Begleiter als Feind gefährlich war; »die Mingo’s füllen die Wälder mit ihren Lügen, und mißdeuten Worte und Verträge. Ich lebe jetzt zehn Jahre unter den Delawaren, und kenne sie als so mannhaft wie jede andre Nation, wenn die rechte Zeit zum Schlagen kommt.«

»Hört, Meister Wildtödter, weil wir einmal bei dem Gegenstand sind, können wir wohl unser Herz gegen einander öffnen, wie es sich unter Männern ziemt; antwortet mir auf Eine Frage: Ihr habt so viel Glück gehabt mit dem Wild, daß Ihr davon einen Ehrentitel führt, wie es scheint, aber habt Ihr je eine menschliche oder vernünftige Creatur getroffen? – habt Ihr je abgedrückt auf einen Feind, der im Stande war, auch auf Euch abzudrücken?«

Diese Frage erzeugte in der Brust des Jünglings eine eigenthümliche Collision zwischen Kränkung und richtigem Gefühl, die sich leicht im Mienenspiel seines redlichen Gesichts lesen ließ. Der Kampf war jedoch kurz; die Aufrichtigkeit des Herzens gewann bald die Oberhand über falschen Stolz und die Prahlsucht des Grenzmanns.

»Die Wahrheit zu gestehen, niemals,« antwortete Wildtödter, »aus dem Grunde, weil sich nie eine geeignete Gelegenheit zeigte. Die Delawaren sind friedlich gewesen die ganze Zeit meines Aufenthaltes unter ihnen, und ich halte es für unrecht, einem Menschen das Leben zu nehmen anders als in offenem, ehrlichem Kriege.«

»Was! habt Ihr nie einen Kerl betroffen, der diebisch unter Euren Fallen und Häuten herumschlich, und habt an ihm mit eigner Hand das Gesetz exequirt, um den Behörden die Mühe zu ersparen in den Ansiedlungen, und dem Burschen selbst die Kosten des Prozesses?«

»Ich bin kein Fallenjäger, Hurry,« erwiederte der junge Mann stolz: »ich lebe von der Büchse, einer Waffe, in deren Handhabung ich keinem Manne von meinen Jahren nachstehen will zwischen dem Hudson und dem St. Lawrence. Ich biete nie eine Haut zum Verkauf, die nicht ein Loch am Kopf hat neben denen, welche die Natur dort gemacht hat zum Sehen und zum Athmen.«

»Ja, ja, das ist Alles recht gut mit den Thieren, aber es macht doch eine armselige Figur neben Skalpen und Hinterhalten. Einen Indianer aus einem Hinterhalt niederschießen, heißt nur nach seinen eignen Grundsätzen handeln, und jetzt, da wir einen rechtmäßigen Krieg haben, wie Ihr es nennt, wird, je eher Ihr diese Schmach von Eurem Gewissen wischt, um so gesünder Euer Schlaf seyn, wenn auch nur dadurch, daß Ihr wißt, es schleicht und heult Ein Feind weniger in den Wäldern. Ich werde nicht lange Eure Gesellschaft suchen und hegen, Freund Natty, wenn Ihr den Sinn nicht höher tragt, als Eure Büchse gegen vierfüßige Creaturen zu gebrauchen.«

»Unsre Reise ist beinahe zu Ende, wie Ihr sagt, Meister March, und wir können heute Nacht uns trennen, wenn es Euch gelegen scheint. Ich habe einen Freund, der auf mich wartet, und der es für keine Schande halten wird, mit einem Mitmenschen umzugehen, der noch keinen seiner Gattung erschlagen hat.«

»Ich möchte wohl wissen, was den schleichenden Delawaren in diese Gegend des Landes geführt hat, so früh in der Jahreszeit,« murmelte Hurry vor sich hin in einer Weise, die ebenso sehr Mißtrauen zeigte, als auch Gleichgültigkeit dagegen, ob er es verrathe. »Wo sagt Ihr, daß der junge Häuptling Euch zu treffen verabredet habe?«

»Auf einem kleinen, runden Felsen, unten am See, wo, wie »man mir sagt, die Stämme ihre Verträge zu machen und ihre Streitäxte zu begraben pflegen. Diesen Felsen habe ich oft von den Delawaren nennen hören, obgleich See und Fels mir gleich unbekannt sind. Der Landstrich wird von den Mingo’s und von den Mohikans in Anspruch genommen, und ist in Friedenszeit eine Art von gemeinsamem Grund und Boden zum Fischen und Jagen; was es aber in Kriegszeiten werden mag, weiß der Himmel allein!«

»Gemeinsamer Grund und Boden!« rief Hurry, laut lachend. »Ich möchte wohl wissen, was Floating Tom Hutter dazu sagen würde. Er spricht den See als sein Eigenthum an, in Kraft fünfzehnjährigen Besitzes, und wird ihn schwerlich weder den Mingo’s noch den Delawaren abtreten, ohne darum zu kämpfen.«

»Und was wird die Kolonie sagen zu einem solchen Streit? diese ganze Gegend muß einen Eigenthümer haben, da die Herrenleute ihre Begehrlichkeit selbst bis in die Wildniß ausdehnen, auch da wo sie nicht das Herz haben, in eigner Person sich darin umzusehen.«

»Das mag in andern Theilen der Kolonie angehen, Wildtödter, aber hier nicht. Kein menschliches Wesen, den Herrn ausgenommen, hat einen Fußbreit Boden in dieser Gegend des Landes als sein anzusprechen. Nie ward eine Feder eingetaucht, Etwas zu Papier zu bringen in Betreff des Hügels oder des Thales hier herum, wie ich den alten Tom oft und viel habe sagen hören, und so hat er den besten Anspruch darauf unter allen Menschen die athmen; und was Tom anspricht, das wird er wohl auch behaupten.«

»Nach dem, was ich von Euch gehört habe, Hurry, muß dieser Floating Tom ein außergewöhnlicher Sterblicher seyn; weder Mingo, noch Delaware, noch Bleichgesicht. Auch sein Besitz wäre, nach Eurem Sagen, schon alt, und weit älter als die Grenzansiedlungen. Was ist des Mannes Geschichte und Wesen?«

»Ha, was des alten Tom’s menschliche Natur anlangt, so gleicht die wenig anderer Leute menschlicher Natur, sondern mehr der menschlichen Natur einer Bisamratze, angesehen daß er mehr die Art dieses Thieres, als die Art anderer Mitgeschöpfe hat. Einige glauben, er sey in seiner Jugend Freibeuter auf dem Salzwasser gewesen, und der Genosse eines gewissen Kidd, der wegen Seeräuberei gehängt wurde, lang ehe Ihr und ich geboren oder bekannt wurden, und er sey in diese Gegend gekommen in der Hoffnung, des Königs Kreuzer würden nie über die Berge herüber kommen, und er könne sich in den Wäldern im Frieden des Raubes erfreuen.«

»Dann war er im Irrthum, Hurry, sehr im Irrthum. Des Raubes kann sich ein Mensch nirgends im Frieden erfreuen.«

»Das ist, je nachdem er eine Gemüthsart hat. Ich habe Solche gekannt, die sich dessen gar nicht anders erfreuen konnten, als in wilder Lustbarkeit, und wieder Andre, die ihn am besten genossen in einem einsamen Winkel. Manche Menschen haben keinen Frieden und Ruhe, wenn sie keinen Raub finden, und Andre nicht, wenn es ihnen gelingt. Die menschliche Natur ist kurios in diesen Dingen. Der alte Tom scheint zu keiner von beiden Arten zu gehören, denn er genießt seinen Raub, wenn er das Seinige wirklich so erworben, sehr ruhig und behaglich mit seinen Töchtern, und wünscht nicht mehr.«

»Ja, er hat auch zwei Töchter; ich habe die Delawaren, die in der Gegend herum jagten, ihre Geschichten von diesen jungen Weibern erzählen hören. Ist keine Mutter da, Hurry?«

»Es war eine da, wie natürlich, aber sie ist jetzt gute zwei Jahre todt und versenkt.«

»Ha, wie!« sagte Wildtödter, seinen Begleiter mit einigem Erstaunen anschauend.

»Todt und versenkt, sag‘ ich, und ich denke, das ist gut und klar gesagt. Der alte Kerl versenkte sein Weib in den See, als er von ihr scheiden mußte, wie ich als Augenzeuge der Ceremonie versichern kann; aber ob Tom dieß gethan, um sich das Graben zu ersparen, was kein Spaß ist unter Wurzeln, oder in der Einbildung, daß Wasser die Sünde eher abwasche als Erde, ist mehr als ich sagen kann.« »War das arme Weib eine ungewöhnliche Sünderin, daß sich ihr Gatte so viel Mühe mit ihrem Leichnam gab?«

»Keine außerordentliche, obgleich sie wohl ihre Fehler hatte. Ich denke, daß Judith Hutter ein so christliches und eines guten Endes so würdiges Weib war, als nur irgend Eine, die so lang außer dem Bereich des Läutens von Kirchenglocken lebte; und ich meine, der alte Tom versenkte sie wohl fast eher, um sich Mühe zu ersparen, als daß er sich welche gemacht hätte. Es war freilich ein wenig Stahl in ihrem Temperament, und da der alte Hutter ein ziemlicher Flintenstein ist, so gab es wohl hin und wieder Funken zwischen ihnen, aber im Ganzen konnte man sagen, daß sie sich freundschaftlich vertrugen. Wenn sie Feuer fingen, so wurden den Zuhörern solche Blicke in ihr früheres Leben zu Theil, wie man sie etwa in den dunkleren Theilen der Wälder bekommt, wenn ein verirrter Sonnenstrahl, bis herab zu den Wurzeln der Bäume dringt. Aber ich werde Judith immer werth schätzen, da es immer Lob und Empfehlung genug für ein Weib ist, die Mutter eines solchen Geschöpfs, wie ihre Tochter, Judith Hutter, zu seyn.«

»Ja, Judith war der Name, den die Delawaren nannten, obgleich sie ihn auf ihre Weise aussprachen. Nach ihren Gesprächen sollte ich nicht meinen, daß das Mädchen sehr nach meinem Geschmack wäre.«

»Nach deinem Geschmack!« rief March, ebenso über der Gleichgültigkeit als über der Anmaßung seines Genossen Feuer fangend; »was Teufels habt Ihr da von Eurem Geschmack zu schwatzen, und dazu noch, wenn es ein Weib, wie Judith, betrifft? Ihr seyd nur erst ein Knabe – ein Schößling, der kaum Wurzeln geschlagen. Judith hat Männer unter ihren Anbetern gezählt, seit sie ihr fünfzehntes Jahr zurückgelegt hat, was jetzt beinahe fünf Jahre her ist, und wird nicht Lust haben, auch nur einen Blick auf ein halbgewachsenes Bürschchen zu werfen, wie Ihr seyd.« «Es ist Junius, und kein Wölkchen zwischen uns und der Sonne, Hurry, und somit braucht es all diese Hitze nicht,« versetzte der Andere, im mindesten nicht aus der Fassung gebracht; »und Jeder darf seinen Geschmack haben, und ein Eichhörnchen hat das Recht, sich sein Urtheil über einen Panther zu bilden.«

»Ja, aber es möchte nicht immer klug seyn, es den Panther wissen zu lassen,« brummte March. »Aber Ihr seyd jung und gedankenlos, und ich will Eure Unwissenheit übersehen. Kommt, Wildtödter,« fuhr er mit gutmüthigem Lachen fort, nachdem er eine Weile nachdenklich geschwiegen, »kommt, Wildtödter, wir sind geschworene Freunde, und wollen nicht hadern um ein leichtsinniges, gefallsüchtiges Weibsbild, weil es zufällig schön ist, – zumal da Ihr sie noch gar nie gesehen. Judith ist nur für einen Mann, der vollkommen abgezahnt hat, und es ist thöricht, einen Knaben zu fürchten. Was haben denn die Delawaren von der Hexe gesagt? denn ein Indianer hat am Ende doch auch seine Begriffe vom Weibsvolk, so gut als ein weißer Mann.«

»Sie sagten, sie sey schön anzusehen, und gefällig im Gespräch; aber zu sehr Bewunderern sich hingebend und leichtsinnig.«

»Das sind eingefleischte Teufel! Welcher Schulmeister und Gelehrte ist am Ende einem Indianer gewachsen, was den Blick in die Natur betrifft? Manche Leute meinen, sie seyen nur gut auf der Fährte des Wildes oder auf dem Kriegspfad, aber ich sage: es sind Philosophen, und sie verstehen sich auf einen Mann so gut wie auf einen Biber, und auf ein Weib so gut wie auf beide. Nun, das ist wirklich Judith’s Charakter auf ein Tüpfelchen! Euch die Wahrheit zu gestehen, Wildtödter, ich hätte das Mädchen schon vor zwei Jahren geheirathet, wären nicht zwei ganz besondere Umstände, – und der eine ist eben ihr Leichtsinn.«

»Und was mag der andere seyn?« fragte der Jäger, der fort aß, wie Einer, der sich eben nicht sehr für den Gegenstand interessirte.

»Der andre Umstand war die Ungewißheit, ob sie mich nähme. Das Mädel ist schön, und das weiß sie. Knabe, kein Baum, der auf diesen Hügeln wächst, ist gerader, oder schwankt mit leichterer Beugung im Winde, und nie habt Ihr das hüpfende Reh in natürlicherer Beweglichkeit gesehen. Wenn das Alles wäre, würde jede Zunge ihr Lob verkündigen; aber sie hat solche Mängel, daß ich es schwierig finde, sie zu übersehen, und manchmal schwöre ich, nie wieder den See zu besuchen.«

»Und was ist der Grund, daß Ihr immer wieder kommt? Nichts wurde je dadurch sicherer, daß man darüber schwur.«

»Ach, Wildtödter, Ihr seyd in diesen Angelegenheiten ein Neuling; Ihr klebt so an Eurer frühern Erziehung, als hättet Ihr nie die Ansiedlungen verlassen. Bei mir ist es ein andrer Fall, und nie empfinde ich das Bedürfnis, eine Idee festzuhalten, daß ich nicht auch Lust fühle, darüber zu schwören. Wenn Ihr in Betreff Judith’s alles wüßtet, was ich weiß, würdet Ihr ein wenig Verfluchen wohl gerechtfertigt finden. Nun, die Offiziere streifen manchmal hinüber an den See, von den Forts am Mohawk, um zu fischen und zu jagen, und dann scheint die Kreatur ganz außer sich! Ihr könnt das sehen an der Art, wie sie ihre Schmucksachen trägt, und dem vornehmen Wesen, das sie bei den galanten Herrn annimmt.«

»Das ist unpassend bei eines armen Manns Tochter,« versetzte Wildtödter ernst; »die Offiziere sind alle vornehme Leute, und können ein Mädchen wie Judith nur mit bösen Absichten ansehen.«

»Das ist die Ungewißheit und der Dämpfer! Ich habe meine Besorgnisse wegen eines gewissen Kapitains, und Judith hat nur ihre eigne Thorheit anzuklagen, wenn ich Unrecht habe. Ueberhaupt wünschte ich, sie als sittsam und anständig ansehen zu dürfen, und doch sind die Wolken, die an diesen Bergen herumtreiben, nicht unsichrer und unzuverlässiger. Nicht ein Dutzend Weiße haben seit ihrer Kindheit sie mit Augen angesehen, und doch das Benehmen, das sie gegen zwei oder drei dieser Offiziere zeigt, löscht meine Flammen!« »Ich würde nicht mehr an ein solches Weib denken, sondern meinen Sinn ganz dem Walde zuwenden; der wird Euch nie täuschen, beherrscht und bemeistert von einer Hand, die nie bebt.«

»Wenn Ihr Judith kenntet, würdet Ihr sehen, wie viel leichter dieß zu sagen als zu thun ist. Könnte ich mein Gemüth beruhigen wegen der Offiziere, so würde ich das Mädchen mit Gewalt an den Mohawk entführen, sie zwingen mich zu heirathen, trotz ihrem flatterhaften Geiste, und den alten Tom der Sorge Hetty’s, seiner andern Tochter, überlassen, die, wenn nicht so schön, noch von so schnellem Witz wie ihre Schwester, doch bei weitem die pflichtgetreuere ist.«

»Ist denn noch ein Vogel in demselben Nest?« fragte Wildtödter, sein Auge mit einer Art halberwachter Neugier emporhebend, – »die Delawaren sprachen mir nur von Einer!«

»Das ist ganz natürlich, wenn es sich von Judith Hutter und Hetty Hutter handelt. Hetty ist nur hübsch, während ihre Schwester, das sag‘ ich dir, Knabe, ein Geschöpf ist, wie man es nicht mehr findet zwischen hier und der See; Judith ist so voll Witz, Beredsamkeit und Schlauheit, wie ein alter indianischer Redner, während die arme Hetty im besten Fall nur einen guten Willen, aber einen schwachen Verstand hat; sie steht, möchte ich sagen, auf der Grenzscheide der Unwissenheit und manchmal taumelt sie auf die eine, manchmal auf die andre Seite hinüber.«

»Das sind Geschöpfe, die Gott in seine besondere Obhut, nimmt,« sagte Wildtödter feierlich; denn er sieht mit Sorgfalt auf Alle herab, die um ihr bescheiden Theil Vernunft zu kurz kommen. Die Rothhäute ehren und achten die so beschränkt Begabten, weil sie wissen, daß der schlimme Geist es mehr liebt, in einem schlauen Wesen zu wohnen, als in einem, das keinen tiefen Verstand hat, auf den er wirken kann.«

»Dann will ich dafür bürgen, daß er nicht lange hausen wird bei der armen Hetty, denn das Kind ist, wie gesagt, gar einfältigen Geistes. Der alte Tom hat ein Gefühl für das Mädchen, und so auch Judith, so prächtig und raschen Witzes sie auch selbst ist; sonst möchte ich nicht dafür stehen, daß sie ganz sicher wäre unter der Art von Männern, wie manchmal an das Ufer des See’s kommen.«

»Ich dachte, das Wasser sey ein unbekannter und wenig besuchter Platz,« bemerkte der Wildtödter, dem es sichtlich unbehaglich ward beim Gedanken, der Welt zu nahe zu seyn.

»So ist es auch ganz, mein Junge; nicht die Augen von zwanzig weißen Männern haben ihn erblickt; aber doch können zwanzig Grenzmänner von ächtem Schrot und Korn, – Jäger und Fallensteller und Kundschafter und dergleichen – genug Unheil anrichten, wenn sie den Versuch machen. Es wäre mir etwas Entsetzliches, Wildtödter, wenn ich nach einer Abwesenheit von sechs Monaten Judith verheirathet fände!«

»Habt Ihr des Mädchens Wort und Zusage, die Euch zu besserer Hoffnung berechtigen?«

»Ganz und gar nicht. Ich weiß nicht, was es ist. Ich sehe gut genug aus, Junge! so viel kann ich in jeder Quelle sehen, worauf die Sonne scheint, – und doch konnte ich die kleine Hexe nie zu einer Zusage oder auch nur zu einem herzlichgemeinten Lächeln bringen, obgleich sie oft Stunden lang lacht. Wenn sie gewagt hat, in meiner Abwesenheit zu heirathen, wird sie wohl die Süßigkeit des Wittwenstandes zu kosten bekommen, noch ehe sie zwanzig Jahre alt ist!«

»Ihr würdet doch dem Mann, den sie gewählt, Nichts zu Leid thun, Hurry, blos darum, weil sie ihn mehr nach ihrem Geschmack gefunden, als Euch?«

»Warum nicht? Wenn ein Feind meinen Weg durchkreuzt, sollte ich ihn nicht hinausschlagen? Seht mich an – bin ich ein Mann, dem es gleich sieht, daß er von irgend einem kriechenden, schleichenden Hautkrämer sich den Rang ablaufen ließe in einer Sache, die mich so nahe angeht als die Zärtlichkeit der Judith Hutter? Zudem, wenn wir außer dem Bereich des Gesetzes leben, müssen wir uns selbst Richter und Vollstrecker seyn. Und wenn auch ein Mann in den Wäldern todt gefunden würde: Wer sollte auftreten und sagen, Wer ihn erschlagen, selbst den Fall gesetzt, daß die Colonie die Sache aufnähme und Lärm darüber schlüge?«

»Wenn der Mann der Judith Hutter Gatte seyn sollte, so könnte ich, nach dem was vorgegangen, wenigstens genug sagen, um die Colonie auf die Spur zu leiten.«

»Ihr! – ein halbgewachsener Wildbretschütz und junger Laffe! Ihr wagt es, daran zu denken, als Ankläger aufzutreten gegen Hurry Harry, und wenn es auch nur eine Waldtaube beträfe oder einen Iltiß?«

»Ich würde wagen die Wahrheit zu reden, Hurry, beträfe es Euch oder irgend einen Sterblichen.«

March starrte einen Augenblick seinen Begleiter in stummem Staunen an; dann faßte er ihn mit beiden Händen an der Kehle und schüttelte den vergleichungsweise Zartgebauten mit einer Heftigkeit, die einige Knochen zu verrenken drohte. Auch geschah dieß nicht im Scherz, denn Zorn flammte aus den Augen des Riesen, und gewisse Zeichen schienen weit mehr Ernst anzukündigen, als der vorliegende Fall dem Anschein nach erheischte oder rechtfertigte. Was immer March’s eigentliche Absicht seyn mochte – und wahrscheinlich hatte er selbst keine bestimmte und klarbewußte – gewiß ist, daß er ungewöhnlich aufgebracht war; und wohl die Meisten, die sich von einem solchen Giganten, in solcher Gemüthsaufregung und in einer so tiefen, hülflosen Einsamkeit so gewürgt gesehen hätten, würden eingeschüchtert und versucht worden seyn, selbst in gerechter Sache nachzugeben. Nicht so Wildtödter. Sein Gesicht blieb unbewegt; seine Hand zitterte nicht, und er gab seine Antwort in einem Tone, der nicht einmal zu dem künstlichen Mittel einer erhöhten, lautern Stimme griff, um wenigstens die Entschlossenheit der Seele kund zu geben.

»Ihr könnt mich schütteln, Hurry, bis Ihr den Berg einfallen macht,« sagte er ruhig, »aber Nichts als die Wahrheit werdet Ihr aus mir heraus schütteln. Wahrscheinlich hat Judith Hutter keinen Gatten zum Erschlagen, und Ihr keinen Anlaß, einem aufzupassen, sonst würde ich ihm von Eurer Drohung sagen in der ersten Unterredung, die ich mit dem Mädchen habe.«

March ließ seine Hände los, und saß da, den Andern mit schweigendem Staunen betrachtend.

»Ich dachte, wir seyen Freunde,« sagte er endlich, »aber Ihr habt das letzte Geheimniß von mir gehört, das in Euer Ohr kommen soll.«

»Ich verlange auch keine mehr, wenn sie diesem gleichen sollten. Ich weiß, wir leben in den Wäldern, Hurry, und man nimmt an, daß wir außer dem Bereich menschlicher Gesetze seyen – und vielleicht sind wir es wirklich der That nach, wenn es auch dem Rechte nach anders sich verhält – aber es gibt ein Gesetz und einen Gesetzgeber, die über den ganzen Continent walten und herrschen. Wer jenes oder diesen in’s Angesicht schlägt, darf mich nicht seinen Freund nennen.«

»Ich will verdammt seyn, Wildtödter, wenn ich nicht glaube, daß Ihr im Herzen ein Mährischer Bruder seyd, und kein wohlgesinnter, treuherziger Jäger, wie Ihr zu seyn vorgegeben.«

»Wohlgesinnt oder nicht, Hurry, Ihr werdet mich so treuherzig und gerade in Werken finden, wie in Worten. Aber dieß Auflodern in plötzlichem Zorne ist thöricht, und zeigt, wie wenig Ihr mit den rothen Männern gelebt. Judith Hutter ist ohne Zweifel noch ledig, und Ihr schwatztet nur wie die Zunge lief, nicht wie das Herz empfand. Hier ist meine Hand, und wir wollen nicht mehr davon sprechen noch daran denken.« Hurry schien noch verblüffter als je zuvor; dann brach er in ein lautes, gutmüthiges Lachen aus, das ihm die Thränen in die Augen trieb. Darauf ergriff er die dargebotene Hand und die Freunde versöhnten sich.

»Es wäre närrisch gewesen, um eine bloße Idee zu hadern,« rief March, indem er wieder zu essen anfing, »und ziemte eher den Rechtsmännern in den Städten, als vernünftigen Menschen in den Wäldern. Man sagt mir, Wildtödter, viel böses Blut komme von Vorstellungen und Ideen unter den Leuten in den untern Bezirken, und sie erhitzen sich darüber manchmal bis zum Aeußersten.«

»Das thun sie – das thun sie; und über andere Dinge, die man besser sich selbst überließe. Ich habe von den Mährischen Brüdern sagen hören, es gebe Länder, wo die Menschen sogar über ihre Religion hadern; und wenn sie sich über einen solchen Gegenstand erhitzen können, Hurry, so habe der Herr Erbarmen mit ihnen! Wir jedoch haben keinen Anlaß, ihrem Beispiel zu folgen, zumal nicht über einen Gatten, den diese Judith Hutter vielleicht nie sieht oder zu sehen wünscht. Ich meines Theils fühle mehr Neugierde hinsichtlich der schwachsinnigen Schwester, als Eurer gepriesenen Schönheit. Es ist Etwas, das die Gefühle eines Mannes anspricht und rührt, wenn er einem Mitgeschöpf begegnet, das ganz das äußere Wesen eines zurechnungsfähigen Sterblichen hat, und das doch nicht ist, was es scheint, nur wegen eines Mangels an Vernunft. Das ist schlimm genug bei einem Manne, aber wenn es einem Weibe geschieht, und es ist ein junges und vielleicht einnehmendes Geschöpf, so regt es alle Gefühle von Barmherzigkeit und Mitleid auf, die in seiner Natur liegen. Gott weiß, Hurry, solche arme Wesen sind schutzlos genug mit samt all ihrem Witz; aber ein grausames Geschick ist es, wenn dieser große Beschützer und Führer ihnen fehlt.«

»Hört, Wildtödter – Ihr wißt, was die Jäger und Fallensteller und Pelzwerkleute überhaupt für Menschen sind; und ihre besten Freunde werden nicht läugnen, daß es hitzige und eigenwillige Menschen sind, die nicht viel nach Andrer Rechten und Gefühlen fragen – und doch, glaub‘ ich, fände sich in dieser ganzen Gegend kein Mann, der Hetty Hutter ein Leid thäte, wenn er auch könnte; nein, nicht einmal eine Rothhaut!«

»Hierin, Freund Hurry, laßt Ihr den Delawaren wenigstens und all den ihnen verbündeten Stämmen nur Gerechtigkeit widerfahren, denn eine Rothhaut sieht ein so von Gottes Macht heimgesuchtes Wesen als Gegenstand seiner besondern Obhut an. Ich freue mich indessen zu hören, was Ihr sagt, ich freue mich, es zu hören, aber da die Sonne jetzt gegen den Nachmittagshimmel hin sich wendet, thäten wir nicht besser, die Fährte wieder zu verfolgen und weiter zu ziehen, damit wir Gelegenheit bekommen, diese wunderbaren Schwestern zu sehen?«

Hurry March gab freudig seine Zustimmung; die Ueberbleibsel der Mahlzeit waren bald gesammelt; dann schulterten die Wanderer ihre Taschen, nahmen ihre Waffen auf, verließen die kleine Lichtung, und begruben sich wieder in den tiefen Schatten des Waldes.

Eilftes Kapitel.

Eilftes Kapitel.

Der große König aller Könige
Gebot in seiner Tafel der Gesetze:
Daß du nicht tödten sollst und Mord begehn.
Gib Acht! denn in der Hand hat er die Rache,
Deß Haupt zu treffen, der bricht sein Gesetz.
Shakspeare

Daß die Truppe, der Hist im Augenblick wider ihren Willen angehörte, keine solche war, die einen regelmäßigen Kriegszug unternommen, erhellte deutlich aus der Anwesenheit von Weibern. Es war ein kleiner Theil eines Stammes, der innerhalb der englischen Grenzen gejagt und gefischt hatte, wo er von dem Anfang der Feindseligkeiten überrascht wurde; und nachdem er den Winter und Frühling über von dem gelebt, was streng genommen das Eigenthum seiner Feinde war, beschloß er, vor dem Rückzug noch einen feindlichen Streich zu führen. Es lag auch tiefer amerikanischer Scharfblick und Schlauheit in dem Manöver, das sie so weit in das Territorium ihrer Feinde hineingeführt. Als der Eilbote ankam, der den Ausbruch von Feindseligkeiten zwischen den Engländern und Franzosen meldete – ein Kampf, in den unfehlbar alle unter dem Einfluß der kriegführenden Parteien stehenden Stämme verwickelt werden mußten – war gerade diese Truppe der Irokesen an den Küsten des Oneida postirt, eines See’s, der ihrer eignen Grenze etwa fünfzig Meilen näher liegt als derjenige, welcher den Schauplatz unsrer Erzählung bildet. In gerader Linie nach Canada fliehen – dieß würde sie den Gefahren einer unmittelbaren Verfolgung ausgesetzt haben; und die Häuptlinge hatten beschlossen, die Kriegslist zu brauchen, tiefer in eine Gegend einzudringen, die jetzt gefährlich geworden war, in der Hoffnung, im Stande zu seyn, sich im Rücken ihrer Feinde zurückzuziehen, statt sie auf der Ferse zu haben. Die Anwesenheit der Weiber hatte veranlaßt, diese List zu versuchen, da die Kraft dieser schwächern Glieder der Truppe den Anstrengungen einer Flucht vor verfolgenden Kriegern nicht gewachsen war. Wenn der Leser die ungeheure Ausdehnung der amerikanischen Wildniß in jenen frühen Zeiten bedenkt, wird er einsehen, daß es selbst für einen Stamm möglich war, Monate lang unentdeckt in einzelnen Theilen derselben zu bleiben; auch war, bei Beobachtung der üblichen Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr auf einen Feind zu stoßen, in den Wäldern nicht so groß, als sie es ist auf der See zur Zeit eines lebhaft geführten Krieges.

Da das Lager nur für einige Zeit dienen sollte, bot es dem Auge Nichts weiter, als den rohen Schutz eines Bivouac’s, einigermaßen noch unterstützt durch die sinnreichen Auskunftsmittel, welche sich dem Scharfsinn von Solchen aufdrängten, die ihr Leben unter derlei Scenen hinbrachten. Ein Feuer, das an den Wurzeln einer frischgrünenden Eiche angezündet war, genügte für die ganze Truppe, da das Wetter so mild war, daß man seiner zu Nichts als zum Kochen bedurfte. Um diesen Mittelpunkt der Anziehung herum zerstreut lagen etwa fünfzehn bis zwanzig niedrige Hütten – vielleicht glichen sie mehr Hundelöchern – in welche die verschiednen Eigner bei Nacht krochen, und die auch bei Gewittern den nöthigen Schutz und Schirm gewähren sollten. Diese kleinen Hütten waren gemacht aus Baumzweigen, auf sinnreiche Art zusammengesetzt und geflochten, und sie waren gleichförmig bedeckt mit Rinde, die von gefallenen Bäumen geschält war; denn von solchen besitzt jeder jungfräuliche Wald Hunderte in allen Stadien des Zerfalls und Verwitterns. Meubles hatten sie so gut wie keine. Küchengeräthschaften der einfachsten Art lagen in der Nähe des Feuers; wenige Kleidungsstücke waren in den Hütten oder darum her zu sehen; Büchsen, Hörner und Taschen lehnten an den Bäumen oder hingen an den niedrigsten Zweigen; und die Leichname von zwei oder drei Hirschen lagen ausgestreckt auf ebenso kunstlosen Fleischbänken.

Da das Lager mitten in einem dichten Wald sich befand, konnte das Auge auf Einen Blick es nicht ganz übersehen, sondern Hütte um Hütte trat aus dem düstern Gemälde hervor, so wie man sich um Gegenstände umsah. Es war da kein Mittelpunkt, wenn man nicht das Feuer dafür ansprechen wollte, kein freier Platz, wo die Besitzer dieses rohen Dorfes sich versammeln konnten; sondern Alles war dunkel, versteckt und voll schlauer Heimlichkeit, wie die Eigner selbst. Einige wenige Kinder strichen von Hütte zu Hütte, und gaben dem Platz einigen Anstrich von häuslichem Leben; und das gedämpfte Lachen und die leisen Stimmen der Weiber unterbrachen zu Zeiten die tiefe Stille des düstern Forstes, Die Männer aßen entweder, oder schliefen oder prüften ihre Waffen. Sie besprachen sich nur wenig, und dann gewöhnlich bei Seite, oder in Gruppen, von den Weibern gesondert; und ein Anstrich unermüdeter, angeborner Lauersamkeit und Gefahrsahnung schien selbst ihrem Schlummer nicht zu fehlen.

Als die zwei Mädchen sich dem Lager näherten, stieß Hetty einen leisen Schrei aus, sobald sie ihres Vaters ansichtig ward. Er saß auf der Erde, den Rücken an einen Baum gelehnt, und Hurry stand neben ihm, in gedankenloser Muße an einem Zweig schnitzelnd. Dem Anschein nach waren sie so frei, wie jeder Andre im Lager oder darum her, und Wer nicht mit indianischem Brauch bekannt gewesen, hätte sie wohl fälschlich für Gäste, statt für Gefangene, angesehen. Wah-ta!-Wah führte ihre neue Freundin ganz nahe zu ihnen hin, und zog sich dann bescheiden zurück, damit ihre Gegenwart den Gefühlen Jener keinen Zwang auferlege. Aber Hetty war nicht so vertraut mit Liebkosungen oder äußern Kundgebungen der Zärtlichkeit, daß sie sich irgend einem Ausbruch ihres Gefühls hätte hingeben sollen. Sie näherte sich nur und trat neben ihren Vater hin, ohne zu sprechen, einer stummen Statue töchterlicher Liebe ähnlich. Der alte Mann legte weder Unruhe noch Staunen über ihr plötzliches Erscheinen an den Tag. In diesen Punkten hatte er den Stoicismus der Indianer angenommen, wohl wissend, daß er durch Nichts sichrer ihre Achtung sich erwerben könne, als durch Nachahmung ihrer Selbstbeherrschung. Auch verriethen die Wilden selbst nicht durch das geringste Zeichen eine Aufregung über dieß plötzliche Erscheinen einer Fremden unter ihnen. Mit Einem Wort, die Ankunft Hetty’s verursachte, obgleich sie unter so eigenthümlichen Umständen erfolgte, weit weniger sichtbares Aufsehen, als der Fall seyn würde in einem Dorf von viel höhern Ansprüchen auf Gesittung, wenn ein gewöhnlicher Fremder vor die Thüre des Hauptgasthofs anführe. Doch sammelten sich einige wenige Krieger, und aus der Art, wie sie während ihrer Unterredung auf Hetty blickten, erhellte deutlich, daß sie der Gegenstand ihres Gesprächs war, und vermuthlich die Ursachen ihres unerwarteten Erscheinens von ihnen erörtert wurden. Dieß phlegmatische Wesen ist charakteristisch bei dem nordamerikanischen Indianer – Manche behaupten auch bei seinem weißen Nachfolger – aber in diesem Falle mußte Viel auf Rechnung der eigenthümlichen Lage geschrieben werden, worin die Truppe sich befand. Die Streitmacht auf der Arche, ausgenommen die Anwesenheit Chingachgook’s, war wohl bekannt; kein Stamm, keine Truppenabtheilung war, wie man glaubte, in der Nähe, und wachsame Augen waren rings um den ganzen See aufgestellt, welche Tag und Nacht die leiseste Bewegung der Belagerten – denn so darf man sie jetzt ohne Übertreibung nennen – beobachteten.

Hutter war innerlich sehr bewegt über Hetty’s Thun, so viel Gleichgültigkeit er äußerlich erheuchelte. Er erinnerte sich ihrer sanften Warnung an ihn, ehe er die Arche verließ, und das Unglück machte gewichtig, was im Triumph eines glücklichen Ausgangs wohl vergessen worden wäre. Dann kannte er die einfältige, rücksichtslose Treue dieses Kindes, und verstand, warum sie gekommen, und die gänzliche Selbstvergessenheit, die in allem ihrem Thun waltete.

»Das ist nicht wohlgethan, Hetty,« sagte er, mehr die Folgen für das Mädchen selbst als irgend ein andres Unheil besorgend. »Das sind trotzige Irokesen, und so wenig geneigt, eine erfahrene Unbild als eine Gunst zu vergessen,«

»Sagt mir, Vater,« erwiederte das Mädchen, sich verstohlen umschauend, als fürchtete sie belauscht zu werden, »hat Euch Gott das grausame Vorhaben zugelassen, dessen wegen Ihr hieher kamet? Ich muß dieß durchaus wissen, damit ich mit den Indianern frei sprechen kann, wenn er es nicht gethan.«

»Du hättest nicht hieher kommen sollen, Hetty; diese Bestien werden Dein Wesen und Deine Absichten nicht verstehen.«

»Wie war es, Vater? weder Ihr noch Hurry scheint Etwas zu haben, das wie Skalpe aussieht?«

»Wenn Dich das beruhigen kann, Kind, so kann ich Dir antworten: Nein! Ich hatte die junge Creatur gefaßt, die mit Dir hieher kam, aber ihr Gekreisch zog mir alsbald einen Schwarm jener wilden Katzen auf den Hals, dem zu widerstehen für einen einzelnen Christenmenschen zu Viel war. Wenn Dir das Etwas helfen kann, so wisse, wir sind so unschuldig in der Beziehung, dieß Mal einen Skalp erbeutet zu haben, als, wie ich nicht zweifle, unsre Hand rein bleiben wird von dem Preisgeld,«

»Dank Euch für dieß, Vater! Jetzt kann ich kühnlich mit den Irokesen sprechen, und mit leichtem Gewissen. Ich hoffe, auch Harry ist nicht im Stande gewesen, Jemand von den Indianern ein Leid zu thun?«

»Nun, was das betrifft, Hetty,« versetzte das fragliche Individuum, »Ihr habt die Sache gar trefflich mit dem rechten Namen genannt, Hurry war nicht im Stande, und das ist das Ende vom Liede. Ich habe manchen Sturm und Strudel erlebt, alter Gesell, zu Land und zu Wasser, aber nie sah ich einen so gewaltsamen und unwirschen, wie der war, der in der vorletzten Nacht in Gestalt indianischer Hurrahbuben uns überfiel. Ha! Hetty, Ihr seyd nicht viel nutz für ein Argument oder eine Idee, die etwas tiefer liegen als der gemeine Verstand; aber Ihr seyd menschlich, und habt einige menschliche Begriffe; – nun will ich Euch nur bitten, diese Umstände Euch recht zu besehen. Da war der alte Tom, Euer Vater, und ich in einem rechtmäßigen Unternehmen begriffen, wie aus den Worten des Gesetzes und der Proklamation zu ersehen, an nichts Arges denkend, als wir überfallen wurden von Creaturen, die mehr hungrigen Wölfen als selbst sterblichen Wilden glichen, und da hatten sie uns wie zwei Schaafe gebunden in weniger Zeit als ich brauchte, Euch die Geschichte zu erzählen.«

»Ihr seyd jetzt frei, Hurry,« versetzte Hetty mit schüchternem Blick auf die stattlichen, ungefesselten Glieder des jungen Riesen. »Eure Arme und Beine werden von keinen Stricken oder Weiden gepeinigt.«

»Nein, Hetty. Natur ist Natur, und Freiheit ist auch Natur. Meine Glieder sehen aus wie frei, aber das ist auch so ziemlich Alles, denn ich kann sie nicht gebrauchen in der Art wie ich möchte. Selbst diese Bäume haben Augen: ja und auch Zungen; denn wollte der alte Mann hier oder ich nur eine Ruthe weit über unsere Kerkergrenzen hinausschreiten, so würde man von uns Bürgschaft verlangen, ehe wir unsre Lenden gürten könnten zu einem Wettrennen; und zehn gegen eins, würden vier oder fünf Büchsenkugeln uns nachreisen, als eben so viele Einladungen, unsre Ungeduld zu zügeln. Es ist kein Gefängniß in der Kolonie so fest, als das, worin wir jetzt sind: denn ich habe die Tugend von zwei oder drei davon erprobt, und kenne das Material, woraus sie gemacht sind, so gut, wie die Männer, die sie gemacht haben, selbst; da Abbrechen der nächste Schritt ist zum Erlernen des Aufbauens bei allen solchen Gebäuden.«

Damit der Leser nicht eine übertriebene Vorstellung von Hurry’s schlimmen Streichen aus dieser prahlerischen und unklugen Offenbarung sich bilde, ist zu sagen, daß seine Frevel sich auf thätliche Injurien und Schlägereien beschränkten, deren einige ihm Gefangenschaft zugezogen, wo er denn, wie er eben gesagt, mehrmals entkam und die Gebrechlichkeit der Bauten, in welchen er in Gewahrsam gebracht worden, dadurch zeigte, daß er sich selbst Thüren öffnete an Stellen, wo die Baumeister solche anzubringen außer Acht gelassen hatten. Aber Hetty wußte gar nichts von Gefängnissen und Wenig von dem Wesen des Verbrechens, außer was ihre unverfälschten, beinahe instinktmäßigen Begriffe von Recht und Unrecht ihr sagten, und der Witz des rohen Menschen, der so zu ihr gesprochen, war daher für sie verloren. Sie verstand jedoch in der Hauptsache seine Meinung, und nur darauf antwortete sie ihm.

»Es ist am besten so, Hurry,« sagte sie. »Es ist das Beste, wenn Vater und Ihr ruhig und im Frieden verharret, bis ich mit den Irokesen geredet, wo dann Alles gut und glücklich ablaufen wird. Ich wünsche nicht, daß mir Einer von Euch folgt, sondern daß Ihr mich allein gehen laßt. Sobald Alles in’s Reine gebracht ist, und Ihr Freiheit habt, in das Castell zurückzukehren, werde ich kommen und es Euch zu wissen thun.«

Hetty sprach mit so unbefangenem Ernst, schien ihres Erfolgs so sicher, und hatte in ihrem Wesen so sehr das Gepräge des sittlichen Gefühls und der Wahrheit, daß die beiden, die sie gehört, sich geneigter fühlten ihrer Vermittlung einiges Gewicht beizulegen, als sonst wohl der Fall gewesen wäre. Als sie daher die Absicht zeigte, sie zu verlassen, legten sie ihr Nichts in den Weg, obgleich sie sie im Begriff sahen, sich der Gruppe von Häuptlingen zu nähern, welche sich bei Seite, und wie es schien, über die Art und den Beweggrund ihres plötzlichen Erscheinens besprachen.

Als Hist – denn so wollen wir sie nennen – ihre Begleiterin allein gelassen, schlenderte sie in die Nähe von ein paar älteren Kriegern, die ihr während ihrer Gefangenschaft am meisten Wohlwollen bezeigt, und von welchen der Angesehenere ihr sogar angeboten, sie an Kindesstatt anzunehmen, falls sie einwilligte, eine Huronin zu werden. Diese Richtung schlug das schlaue Mädchen ausdrücklich in der Absicht ein, zu Fragen herauszufordern. Sie war mit den Gewohnheiten ihres Volkes zu gut bekannt, als daß sie mit den Ansichten und Meinungen ihres Geschlechts und ihrer Jahre sich Männern und Kriegern aufzudrängen hätte versuchen mögen; aber die Natur hatte sie mit einem Takt und einer Einsicht begabt, welche sie in Stand setzte, die gewünschte Aufmerksamkeit rege zu machen, ohne den Stolz derer zu verletzen, welchen Unterwürfigkeit und Ehrfurcht zu bezeigen ihre Pflicht war. Selbst die von ihr angenommene Gleichgültigkeit spornte die Neugier und Hetty war kaum an der Seite ihres Vaters angelangt, als das Delawarische Mädchen durch eine geheime aber bedeutsame Geberde in den Kreis der Krieger gerufen ward. Hier ward sie befragt über die Anwesenheit ihrer Begleiterin, und die Beweggründe, die sie in das Lager geführt. Das war es eben, was Hist wünschte. Sie erzählte die Art und Weise, wie sie die Geistesschwäche Hetty’s entdeckt, wobei sie die Mangelhaftigkeit ihres Verstandes eher übertrieb als verkleinerte; und dann berichtete sie in allgemeinen Ausdrücken die Absicht des Mädchens, warum sie unter ihre Feinde sich gewagt. Die Wirkung war ganz die, welche die Erzählerin erwartete; ihre Nachrichten verliehen der Person und dem Charakter des Gastes eine Art ehrfurchtgebietender Weihe, die, wie sie wohl wußte, ihr als Schutz dienen mußte. Sobald dieser ihr Zweck erreicht war, zog sich Hist in eine Entfernung zurück, wo sie mit weiblicher Aufmerksamkeit und schwesterlicher Zärtlichkeit sich daran machte, ein Mahl zu bereiten, welches ihrer neuen Freundin geboten werden sollte, sobald es ihr gestattet wäre, daran Theil zu nehmen. Während dieser Beschäftigung jedoch ließ das verständige Mädchen in ihrer Wachsamkeit nicht nach; sie bemerkte sich jeden Wechsel in den Gesichtern der Häuptlinge, jede Bewegung Hetty’s und alle die kleinen Vorfälle, welche möglicherweise auf ihre oder ihrer neuen Freundin Interessen Einfluß haben konnten.

Als Hetty sich den Häuptlingen näherte, öffneten sie ihren kleinen Kreis mit einer entgegenkommenden Achtung, welche Männern von mehr höfischer Herkunft Ehre gemacht hätte. Ein gefallener Baum lag in der Nähe, und der älteste der Krieger bedeutete dem Mädchen mit einem stummen Zeichen, sich darauf zu sehen, und setzte sich selbst neben sie mit der Milde und Freundlichkeit eines Vaters. Die Andern gruppirten sich mit ernster Würde um die Beiden her; und dann begann das Mädchen, das genug Beobachtungsgabe besaß, um zu merken, daß man dieß von ihr erwarte, den Zweck ihres Besuchs kund zu thun. Im Augenblick jedoch, wo sie den Mund zum Sprechen öffnete, gab ihr der alte Häuptling einen leisen Wink, sich noch zu gedulden, sagte einem jüngeren Krieger einige Worte, und wartete dann in schweigender Geduld, bis dieser Hist zu der Versammlung gefordert hatte. Diese Unterbrechung rührte daher, daß der Häuptling bemerkt hatte, man bedürfe durchaus eines Dolmetschers; denn Wenige von den anwesenden Huronen und auch sie nur mangelhaft, verstanden Englisch.

Wah-ta!-Wah war es nicht leid, auch zu der Besprechung gerufen zu werden, zumal in der Eigenschaft, in der man sie jetzt verlangte. Sie wußte wohl, welche Gefahren sie lief, wenn sie einen oder zwei von der Gesellschaft zu täuschen suchte; aber war nichts desto weniger entschlossen, aller ihr zu Gebote stehender Mittel sich zu bedienen, und alle Listen in Anwendung zu bringen, welche eine indianische Erziehung ihr an die Hand gab, um sowohl die Nähe ihres Verlobten, als auch das Vorhaben, dessen halben er gekommen, zu verhehlen. Wer nicht bekannt gewesen mit den Hülfsmitteln und Ansichten des Lebens der Wilden, hätte schwerlich die Raschheit der Erfindung, die Schlauheit im Handeln, die hohe Entschlossenheit, die edeln Gefühle, die tiefe Selbstaufopferung und die weibliche Selbstvergessenheit da, wo die Liebe ins Spiel kam, geahnt, welche verborgen lagen unter der sanftmüthigen Miene, dem milden Auge und dem sonnigen Lächeln dieser jungen indianischen Schönheit, Als sie sich näherte, betrachtete sie der grimmig aussehende alte Krieger mit Wohlgefallen; denn sie fühlten einen geheimen Stolz bei der Hoffnung, einen so herrlichen Schößling dem Stamm ihres Volkes aufzupfropfen; denn die Adoption ward so regelmäßig in Anwendung gebracht und so ausdrücklich anerkannt unter den Stämmen Amerika’s, als nur je unter den Nationen, welche dem Scepter des Civilgesetzes huldigen.

Sobald Hist neben Hetty saß, hieß sie der alte Häuptling »das schöne junge Bleichgesicht« fragen, was sie unter die Irokesen geführt, und was sie ihr zu Gefallen thun könnten.

»Sagt ihnen, Hist, Wer ich bin – Thomas Hutter’s jüngste Tochter; Thomas Hutter’s, des Aelteren von ihren zwei Gefangnen; dessen, dem das Castell und die Arche gehört, und der das beste Recht hat, als Eigenthümer dieser Berge und dieses See’s zu gelten, dieweil er so lange Zeit da gewohnt, und Fallen gestellt und gefischt hat. Sie werden wissen, Wen Ihr unter Thomas Hutter versteht, wenn Ihr ihnen das sagt. Und dann sagt ihnen, ich sey hieher gekommen, sie zu bereden, daß sie Vater und Hurry kein Leid thun, sondern sie im Frieden ziehen lassen, und sie eher als Brüder denn als Feinde behandeln. Jetzt sagt ihnen das Alles geradezu, Hist, und fürchtet Nichts für Euch oder für mich; Gott wird uns schützen.«

Wah-ta!-Wah that wie die Andere verlangte, und bestrebte sich, die Worte ihrer Freundin so buchstäblich als möglich in’s Irokesische zu übersetzen, eine Sprache, die sie beinahe mit gleicher Geläufigkeit wie ihre eigne sprach. Die Häuptlinge hörten diese eröffnende Mittheilung mit ernstem Anstand an; die Zwei, welche ein wenig Englisch verstanden, deuteten ihre Zufriedenheit mit der Dollmetscherin durch heimliches aber ausdrucksvolles Winken mit den Augen an. »Und jetzt, Hist,« fuhr Hetty fort, sobald man ihr andeutete dieß zu thun, »und jetzt, Hist, wünsche ich, daß Ihr diesen rothen Männern Wort für Wort dollmetscht, was ich sagen will. Sagt ihnen zuerst, daß Vater und Hurry hieher kamen mit der Absicht, so viele Skalpe als möglich zu erbeuten; denn der sündhafte Gouverneur und die Provinz haben Geld für Skalpe geboten von Kriegern oder Weibern, von Männern oder Kindern; und die Liebe zum Gold war ihrem Herzen zu stark, um zu widerstehen. Sagt ihnen dieß, liebe Hist, gerade so wie Ihr es von mir gehört, Wort für Wort.«

Wah-ta!-Wah zauderte, diese Rede so buchstäblich, wie Jene verlangt, wiederzugeben; aber da sie das Verständniß derer, die etwas Englisch wußten, bemerkt hatte, und selbst eine genauere Kenntniß dieser Sprache, als sie wirklich besaßen, bei ihnen als möglich voraussetzte, sah sie sich genöthigt zu gehorchen. Im Widerspruch mit dem, was ein Civilisirter als Folge hievon hätte erwarten mögen, brachte das Zugeständniß der Beweggründe und des Vorhabens der Gefangnen keinen sichtbaren Eindruck auf die Mienen noch auch auf die Gefühle der Zuhörer hervor. Vermuthlich sahen sie die That als einträglich an, und was Keiner von ihnen selbst auszuüben irgend Anstand genommen hätte, das war er auch nicht gemeint an einem Andern zu tadeln,

»Und jetzt, Hist,« begann Hetty von neuem, sobald sie bemerkte, daß ihre bisherigen Reden von den Häuptlingen begriffen worden; »könnt Ihr ihnen Mehr sagen. Sie wissen, daß Vater und Hurrry nicht glücklich waren; und daher können sie ihnen nicht grollen wegen eines ihnen widerfahrenen Leides. Wenn sie ihre Weiber und Kinder erschlagen hätten, so würde das an der Sache Nichts ändern; und ich weiß nicht, ob das, was ich ihnen zu sagen im Begriff stehe, nicht noch mehr Gewicht hätte, wenn das Unheil wirklich geschehen wäre. Aber fragt sie zuerst, Hist, ob sie wissen, daß ein Gott ist, der über die ganze Erde regiert und Herr und Häuptling Aller ist, die da leben, seyn sie roth oder weiß, oder von welcher Farbe sie wollen?«

Wah-ta!-Wah schien etwas erstaunt über diese Frage; denn der Begriff des großen Geistes bleibt selten dem Gemüth eines indianischen Mädchens lange fremd. Sie stellte jedoch die Frage, so buchstäblich als möglich übersetzt, und erhielt eine ernste, bejahende Antwort.

»Das ist recht,« fuhr Hetty fort, »und meine Pflicht wird jetzt leicht zu erfüllen seyn. Dieser große Geist, wie Ihr unsern Gott nennt, hat ein Buch schreiben lassen, das wir die Bibel nennen; und in diesem Buch sind alle seine Gebote aufgezeichnet, und sein heiliger Wille und Wohlgefallen, und die Vorschriften, nach welchen alle Menschen leben sollen, und Anweisungen, wie man selbst die Gedanken beherrschen soll und die Wünsche und den Willen. Hier, dieß ist eines von jenen heiligen Büchern, und Ihr müßt den Häuptlingen erklären, was ich ihnen aus seinen heiligen Blättern lesen will.«

Nachdem Hetty dieß gesprochen, zog sie eine kleine englische Bibel aus einem Futteral von grobem Caliko, und handhabte das Buch mit jener Art von äußerlicher Ehrfurchtsbezeugung, die etwa ein Römischkatholischer einer Reliquie erweisen könnte. Während sie langsam in ihrem Beginnen fortfuhr, beobachteten die grimmig aussehenden Krieger jede ihrer Bewegungen mit unverwandten Augen; und als sie das kleine Buch erscheinen sahen, entschlüpfte Einem oder Zweien von ihnen ein leiser Ausruf des Erstaunens. Aber Hetty hielt es ihnen im Triumph entgegen, als erwartete sie, daß schon der Anblick ein sichtbares Wunder thun solle; und dann, ohne Ueberraschung oder Kränkung bei dem Stoicismus der Indianer blicken zu lassen, wandte sie sich lebhaft zu ihrer neuen Freundin, um ihre Rede fortzusetzen.

»Dieß ist das heilige Buch, Hist,« sagte sie, »und diese Worte, und Zeilen, und Verse und Kapitel kommen alle von Gott!« »Warum der Große Geist nicht auch den Indianern Buch schicken?« fragte Hist mit der Unbefangenheit eines gänzlich unverfälschten Gemüthes.

»Warum nicht?« erwiederte Hetty, ein wenig betroffen über diese so unerwartete Frage. »Warum nicht? Ha! Ihr wißt ja, die Indianer können nicht lesen.«

Wenn auch Hist mit dieser Erklärung nicht ganz befriedigt war, hielt sie doch den Gegenstand nicht für erheblich genug, ihn weiter zu verfolgen. Sie neigte nur ihren Leib einfach vor, bescheiden und sanft die Wahrheit des Vernommenen gelten lassend, und saß da, geduldig die weitern Argumente der Bleichgesichtschwärmerin erwartend.

»Ihr könnt diesen Häuptlingen sagen, daß überall in diesem Buche den Menschen geboten ist, ihren Feinden zu verzeihen, sie wie Brüder zu behandeln, und nie ihren Mitmenschen ein Leid zuzufügen, namentlich auch nicht aus Rachsucht oder sonst einer bösen Leidenschaft. Meint Ihr ihnen dieß so sagen zu können, daß sie es wohl verstehen werden, Hist?«

»Es ihnen sagen können wohl, aber sie es nicht leicht verstehen werden.«

Dann erklärte Hist die Ideen Hetty’s, so gut und deutlich sie nur immer konnte, den aufmerksamen Indianern, welche ihre Worte ungefähr mit dem Erstaunen vernahmen, wie es etwa ein Amerikaner unsrer Zeiten an den Tag legen würde bei der Behauptung, daß die große aber schwankende Beherrscherin der menschlichen Dinge der modernen Zeit, die öffentliche Meinung, Unrecht haben könnte. Ein Paar von ihnen jedoch, die schon mit Missionären zusammengetroffen, sagten einige erläuternde Worte, und jetzt widmete die Gruppe alle Aufmerksamkeit den Mittheilungen, die nun folgen sollten. Ehe Hetty wieder begann, erkundigte sie sich ernstlich bei Hist, ob die Häuptlinge sie verstanden, und war mit einer ausweichenden Antwort leicht zu befriedigen. »Jetzt will ich den Kriegern einige von den Versen lesen, welche kennen zu lernen ihnen gut ist,« fuhr das Mädchen fort, dessen Benehmen im weitern Verlauf immer ernster und feierlicher wurde; »und sie werden bedenken, daß es die eignen Worte des großen Geistes sind. Für’s erste denn wird Euch geboten: › liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹ Erklärt ihnen das, liebe Hist.«

»Nächster für Indianer kein Bleichgesicht,« antwortete das Delawarische Mädchen mit größerer Bestimmtheit, als sie bisher zu zeigen für gut befunden. »Nächster heißt Irokese für Irokesen, Mohikan für Mohikan, Bleichgesicht für Bleichgesicht. Häuptlinge sonst Nichts nöthig zu sagen.«

»Ihr vergeßt, Hist, das sind die Worte des großen Geistes, und die Häuptlinge müssen ihnen gehorchen so gut als Andere. Hier ist ein andres Gebot: › So dich Jemand schlägt auf den rechten Backen, dem biete den andern auch dar.‹«

»Was das bedeuten?« fragte Hist mit Blitzesschnelle.

Hetty erklärte, daß es ein Gebot sey, Beleidigungen nicht zu rächen, sondern lieber der Erduldung neuer Unbilden von dem Beleidiger sich auszusetzen.

»Und höre auch dieß, Hist,« fuhr sie fort: »Liebet Eure Feinde, segnet die Euch fluchen, thut Wohl denen die Euch hassen, und betet für die, so Euch verachten und verfolgen

Jetzt war Hetty ganz aufgeregt worden; ihre Augen leuchteten vermöge der Lebhaftigkeit ihrer Gefühle, ihre Wangen flammten, und ihre Stimme, gewöhnlich so leise und zitternd, wurde stärker und nachdrücklicher. Mit der Bibel war sie frühe schon durch ihre Mutter bekannt gemacht worden; und sie ging jetzt von Stelle zu Stelle über mit überraschender Schnelligkeit, und las sorgfältig solche Verse heraus, welche die erhabnen Lehren christlicher Liebe und Versöhnlichkeit predigen. Auch nur die Hälfte dessen, was sie in ihrem frommen Ernst vorbrachte, zu übersetzen, würde Wah-ta!-Wah unmöglich gefunden haben, hätte sie auch den Versuch gemacht; aber Staunen hielt ihre Zunge gebunden, wie die der Häuptlinge; und die junge, treuherzige Schwärmerin war durch ihre Anstrengung ganz erschöpft worden, ehe die Andre nur den Mund öffnete, um eine Sylbe vorzubringen. Und dann gab wirklich das Delawarische Mädchen eine kurze Uebersetzung von dem Wesentlichen des Gesprochenen und Gelesenen, beschränkte sich aber auf ein paar der ergreifendsten von den Versen, diejenigen, die ihrer Einbildungskraft als die paradoxesten aufgefallen waren, und die auf den Fall freilich am anwendbarsten gewesen wären, hätten die ungebildeten Gemüther der Zuhörer die großen moralischen Wahrheiten fassen können, die sie enthielten.

Es wird kaum nöthig seyn, unsern Lesern die Wirkung zu schildern, die eine solche neue Pflichtenlehre aller Wahrscheinlichkeit nach unter einer Gruppe indianischer Krieger hervorbringen mußte, bei denen es eine Art von religiösem Grundsatz war, nie eine Wohlthat zu vergessen und nie ein Unrecht zu verzeihen. Zum Glück hatten die vorangegangnen Erklärungen Hist’s die Gemüther der Huronen auf etwas Absonderliches vorbereitet; und das Meiste von dem, was ihnen unvernünftig und paradox erschien, ward durch den Umstand erklärt, daß die Sprecherin einen von den meisten andern Sterblichen ganz abweichend organisirten Geist besitze. Doch waren ein Paar alte Männer da, welche ähnliche Lehren schon von den Missionären gehört hatten, und sie fühlten ein Verlangen, einen müssigen Augenblick mit weiterer Verfolgung eines Gegenstandes, den sie so merkwürdig fanden, auszufüllen.

»Das ist das Gute Buch der Bleichgesichter,« bemerkte Einer von diesen Häuptlingen, das Buch aus der Hand der keinen Widerstand leistenden Hetty nehmend, welche ihm ängstlichgespannt ins Gesicht starrte, während er die Blätter umwandte, als erwartete sie von dieser Thatsache sichtbare Ergebnisse. »Das ist das Gesetz, wornach meine weißen Brüder zu leben behaupten?« Hist, an welche diese Frage gerichtet war, wenn man überhaupt sagen kann, daß sie an eine bestimmte Person gerichtet gewesen, antwortete einfach bejahend, und fügte bei, daß sowohl die Franzosen der Canada’s, als die Dengeese der britischen Provinzen sein Ansehen gleichermaßen anerkennten, und seine Grundsätze zu ehren behaupteten.

»Erklärt meiner jungen Schwester,« sagte der Hurone, Hist scharf anblickend, »daß ich meinen Mund öffnen, und einige wenige Worte sprechen will.«

»Der Irokesenhäuptling sprechen wollen – meine Bleichgesichtfreundin zuhören,« dollmetschte Hist.

»Ich freue mich, das zu hören!« rief Hetty. »Gott hat sein Herz gerührt, und er wird jetzt Vater und Hurry ziehen lassen!«

»Das ist des Bleichgesichts Gesetz,« begann der Häuptling. »Es gebietet ihm Gutes zu thun dem, der ihn verletzt; und wenn sein Bruder von ihm seine Büchse verlangt, ihm das Pulverhorn dazu zu geben. Das ist das Bleichgesichtsgesetz?«

»Nicht so – nicht so,« antwortete Hetty ernst, nachdem diese Worte waren gedollmetscht worden. »Es steht kein Wort von Büchsen in dem ganzen Buch; und Pulver und Kugeln sind dem heiligen Geist ein Aergerniß.«

»Nun dann, warum gebraucht sie denn das Bleichgesicht? Wenn ihm geboten ist, dem doppelt zu geben, der nur Eines verlangt, warum nimmt er doppelt den armen Indianern, die Nichts verlangen? Er kommt vom Lande der aufgehenden Sonne mit seinem Buch in der Hand, und lehrt den Rothmann es lesen; aber warum vergißt er selbst Alles, was es sagt? Wenn der Indianer gibt, ist er nie zufrieden; und jetzt bietet er Gold für die Skalpe unsrer Weiber und Kinder, obgleich er uns Bestien nennt, wenn wir den Skalp eines Kriegers nehmen, der im offenen Krieg getödtet worden. Mein Name ist Rivenoak.« Als Hetty diese furchtbare Frage ihrer Seele in der Uebersetzung recht veranschaulicht hatte – und Hist that bei dieser Gelegenheit ihre Pflicht mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit – war sie, wie kaum zu sagen nöthig, in bittrer Verlegenheit. Gescheutere Köpfe als der dieses armen Mädchens sind häufig durch Fragen von ähnlicher Richtung in Verwirrung gebracht worden; und es kann nicht befremden, daß sie mit all ihrem Ernst und ihrer Aufrichtigkeit nicht wußte, welche Antwort geben.

»Was soll ich ihnen sagen, Hist?« fragte sie flehentlich; »ich weiß, daß Alles, was ich aus dem Buche gelesen, wahr ist; und doch könnte es als nicht wahr erscheinen nach der Handlungsweise derer, denen dieß Buch gegeben ist, oder nicht?«

»Gebt ihnen Bleichgesichtsgründe,« versetzte Hist ironisch; »die immer gut für Eine Seite, obgleich schlecht für die andere.«

»Nein, nein, Hist, es gibt keine zwei Seiten für die Wahrheit – und doch erscheint es so seltsam! Gewiß habe ich die Verse recht gelesen, und Niemand würde so ruchlos seyn, das Wort Gottes falsch zu drucken. Das kann nie seyn, Hist.«

»Nun, armem indianischem Mädchen scheinen, es kann Alles seyn bei Bleichgesichtern,« versetzte die Andere kühl, »Ein Mal sagen sie weiß, und das andre Mal schwarz. Warum denn es nie seyn kann?«

Hetty wurde immer verwirrter, bis sie endlich, überwältigt von der Angst, sie habe ihren Zweck verfehlt, und das Leben ihres Vaters und Hurry’s werde durch einen Mißgriff von ihrer Seite aufgeopfert werden, in Thränen ausbrach. Von diesem Augenblick an verschwand im Benehmen Hist’s alle Ironie und kühle Gleichgültigkeit, und sie wurde wieder die zärtliche, liebkosende Freundin. Ihre Arme um das betrübte Mädchen schlingend, suchte sie ihren Kummer zu beschwichtigen durch das kaum je seine Wirkung verfehlende Mittel weiblichen Mitgefühls.

»Aufhören weinen – nicht weinen!« sagte sie, die Thränen aus Hetty’s Angesicht wischend, wie sie denselben Dienst einem Kinde würde geleistet haben, und beugte sich herab, um sie gelegentlich mit der Zärtlichkeit einer Schwester an ihr warmes Herz zu drücken; »warum Euch so beunruhigen? Ihr nicht das Buch machen, wenn es falsch seyn, und Ihr nicht Bleichgesicht machen, wenn er ruchlos. Es böse rothe Männer geben und böse weiße Männer – keine Farbe ganz gut – keine Farbe ganz böse, Häuptlinge das gut genug wissen.«

Hetty erholte sich bald von diesem plötzlichen Ausbruch des Jammers, und dann wendete sich ihr Gemüth wieder mit all seinem treuherzigen Ernst zu dem Zweck ihres Besuchs. Sie bemerkte, daß die grimmig aussehenden Häuptlinge noch in ernster Aufmerksamkeit um sie her standen, und hoffte, ein neuer Versuch, sie vom Rechten zu überzeugen, werde besser gelingen.

»Hört, Hist,« sagte sie, ringend ihr Schluchzen zu unterdrücken und vernehmlich zu sprechen; »sagt den Häuptlingen, es frage sich nicht, was die Ruchlosen thun – Recht ist Recht – die Worte des Großen Geistes sind die Worte des Großen Geistes – und Niemand kann ungestraft eine böse That thun, weil ein Andrer vor ihm sie gethan hat! Vergeltet Böses mit Gutem! sagt dieß Buch; und das ist das Gesetz für die rothen Männer wie für die Weißen.«

»Nie hören von solchem Gesetz unter Delawaren oder Irokesen,« antwortete Hist begütigend. »Nicht gut, den Häuptlingen von solchem Gesetz sagen. Sagt ihnen Etwas, das sie glauben.«

Hist wollte demungeachtet in ihrem Dollmetschen fortfahren, als eine Berührung von dem Finger des ältesten Häuptlings auf ihrer Schulter sie aufschauen machte, da bemerkte sie, daß Einer von den Kriegern die Gruppe verlassen hatte, und schon mit Hutter und Hurry wieder zurückkam. Begreifend, daß die beiden Letztern auch in die Untersuchung hineingezogen werden sollten, verstummte sie, mit dem nie zögernden Gehorsam eines indianischen Weibes. Nach wenigen Sekunden standen die Gefangenen den Vornehmsten der sie gefangen haltenden Truppe Angesicht gegen Angesicht gegenüber.

»Tochter,« sagte der älteste Häuptling zu der jungen Delawarin, »fragt diesen Graubart, warum er in unser Lager gekommen?«

Die Frage ward von Hist in ihrem unvollkommnen Englisch gestellt, aber in einer Art, die nicht schwer zu verstehen war. Hutter war von Natur zu trotzig und verstockt, um vor den Folgen irgend einer seiner Handlungen zurückzubeben, und er war auch zu genau vertraut mit Ansichten der Wilden, um nicht einzusehen, daß Nichts zu gewinnen stehe durch Zweideutigkeiten oder eine unmännliche Scheue vor ihrem Zorn. Ohne Bedenken gestand er daher die Absicht, in welcher er gelandet, und rechtfertigte sie nur mit dem Umstand, daß die Regierung der Provinz hohe Preise für Skalpe geboten. Dieß offene Geständniß ward von den Irokesen mit sichtlicher Zufriedenheit aufgenommen, nicht sowohl jedoch in Betracht des Vortheils, den es ihnen, vom moralischen Gesichtspunkt angesehen, gewährte, als so fern es ein Beweis war, daß sie einen Mann gefangen, werth, ihre Gedanken zu beschäftigen und Gegenstand ihrer Rache zu werden. Hurry, befragt, gestand ebenfalls die Wahrheit, obwohl er zur Verheimlichung geneigter, als sein trotziger Genosse gewesen wäre, hätten die Umstände diese Handlungsweise besser begünstigt. Aber er besaß Takt genug, um einzusehen, daß Zweizüngelei in diesem Augenblick nutzlos seyn würde, und er machte aus der Noth eine Tugend, indem er eine Freimüthigkeit nachahmte, die bei Hutter das Ergebniß einer ihm zur andern Natur gewordnen Gleichgültigkeit war, indem er nur einer jederzeit rauhen, schroffen und um Folgen für seine Person unbekümmerten Gemüthsart folgte.

Sobald die Häuptlinge die Antworten auf ihre Fragen erhalten, schritten sie schweigend weg, wie Männer, die die Sache als abgethan betrachteten, und alle Dogmen Hetty’s waren weggeworfen bei Wesen, die von der Kindheit bis zum Mannesalter in der Schule der Gewaltthat herangewachsen waren. Hetty und Hist blieben jetzt allein mit Hutter und Hurry, und den Schritten und Bewegungen von Keinem schien irgend ein Zwang auferlegt, obwohl in der That alle Vier unablässig und aufmerksam bewacht wurden. Was die Männer betrifft, so ward sorgfältig darauf geachtet, sie zu verhindern, von einer der Büchsen Besitz zu ergreifen, welche ringsum zerstreut lagen, ihre eigenen mit eingeschlossen; aber hierauf war alle offenkundige Bewachung beschränkt. Aber sie, die so erfahren waren in indianischen Bräuchen und Listen, wußten zu gut, wie groß der Abstand war zwischen Schein und Wirklichkeit, um sich durch diese anscheinende Sorglosigkeit täuschen zu lassen. Obgleich beide unaufhörlich auf Mittel zur Flucht dachten, und zwar ohne Verabredung, erkannte doch jeder die Fruchtlosigkeit, einen Plan der Art zu versuchen, der nicht tief angelegt und rasch ausgeführt würde. Sie waren lang genug in dem Lager, und hinlänglich scharfe Beobachter, um sich vergewissert zu haben, daß auch Hist eine Art Gefangene war; und auf diesen Umstand bauend sprach Hutter in ihrer Gegenwart offener, als er vielleicht sonst räthlich gefunden hätte, und veranlaßte durch sein Beispiel Hurry zu gleicher Sorglosigkeit.

»Ich will dich nicht tadeln, Hetty, daß du mit diesem Vorhaben hieher kamst, das gut gemeint, wenn auch nicht sehr klug angelegt war,« begann der Vater, indem er sich neben seine Tochter setzte und ihre Hand ergriff; ein Zeichen der Zärtlichkeit, das dieser rauhe Mann gerade diesem Kind zu geben pflegte – »aber Predigen und die Bibel sind nicht die Mittel, einen Indianer von seinem Wege abzubringen. Hat Wildtödter eine Botschaft geschickt; oder hat er einen Anschlag, durch den er uns in Freiheit zu setzen denkt?«

»Ja, das ist die Hauptsache vom Ganzen,« fiel Hurry ein; «wenn Ihr uns zu einer halben Meile Freiheit verhelfen könnt, Mädchen, oder auch nur zu einem guten Vorsprung von einer Viertelmeile, so will ich für das Uebrige stehen. Vielleicht der alte Mann bedarf etwas Mehr, aber für Einen von meiner Größe und meinen Jahren würde das alle Anstände beseitigen.«

Hetty sah bekümmert aus und wandte ihre Augen von Einem zum Andern; aber sie hatte keine Antwort zu geben auf die Frage des brutalen Hurry.

»Vater,« sagte sie, »weder Wildtödter noch Judith wußten von meinem Plan zu gehen, bis ich die Arche verlassen hatte. Sie fürchten, die Irokesen möchten einen Floß machen und versuchen, sich der Hütte zu bemächtigen, und denken mehr daran, die zu vertheidigen, als Euch zu Hülfe zu kommen.«

»Nein – nein – nein,« sagte Hist hastig, obwohl mit leiser Stimme und das Angesicht zu Boden gesenkt, um diejenigen, von denen sie sich wohl bewacht wußte, gar nicht sehen zu lassen, daß sie überhaupt sprach. »Nein, nein, nein, Wildtödter ganz andrer Mann. Er nicht daran denken, sich selbst zu vertheidigen, wenn ein Freund in Gefahr. Einer dem Andern helfen, und Alle zur Hütte gelangen.«

»Das klingt gut, alter Tom,« sagte Hurry winkend und lachend, – obgleich auch er die Vorsicht gebrauchte, leise zu sprechen. »Gebt mir nur eine Indianerin von schnellem Witz zur Freundin, und ich will, denke ich, den Teufel zu Schanden machen. Wenn auch nicht gerade einen Irokesen.«

»Sprecht nicht laut,« sagte Hist; »einige Irokesen die Yengeese Sprache gelernt und alle Yengeese Ohr haben.« –

»Haben wir eine Freundin an Euch, junges Weib?« fragte Hutter mit steigendem Interesse an der Unterredung. »Wenn dieß, so könnt Ihr auf eine tüchtige Belohnung rechnen, und nichts wird leichter seyn, als Euch zu Eurem eignen Stamme zu senden, wenn wir Euch nur einmal mit uns sicher in’s Castell gebracht haben. Gebt uns die Arche und die Canoes, so beherrschen wir den See, trotz allen Wilden in den Canada’s. Nur Artillerie könnte uns aus dem Castell vertreiben, wären wir nur einmal wieder darin.«

»Gesetzt sie ans Land kommen, Skalpe zu holen?« versetzte Hist mit kühler Ironie, worin das Mädchen erfahrener schien, als bei ihrem Geschlecht gewöhnlich ist.

»Ja, ja – das war ein Mißgriff; aber Wehklagen helfen wenig, und noch weniger, junges Weib, Stichelreden!«

»Vater,« sagte Hetty, »Judith denkt daran, den großen Schrank aufzubrechen, in der Hoffnung, darin etwas zu finden, womit sie Eure Freiheit von den Wilden erkaufen könnte.«

Eine finstre Wolke überzog Hutter’s Gesicht bei der Nachricht von diesem Umstand, und er murmelte seine Mißbilligung so laut, daß alle Anwesenden es hörten.

»Warum nicht aufbrechen großen Schrank?« warf Hist ein. »Leben lieber als alter Schrank. Skalp lieber als alter Schrank. Wenn nicht Tochter erlauben ihn aufzubrechen, Wah-ta!-Wah ihm nicht helfen davonzulaufen!«

»Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt – Ihr seyd einfältige Mädchen, und das Klügste für Euch beide ist, zu sprechen, von was Ihr versteht, und sonst von Nichts. Diese kalte Vernachlässigung der Wilden gefällt mir nicht sehr, Hurry, es ist ein Beweis, daß sie an etwas Ernstes denken, und wenn wir etwas thun wollen, müssen wir es bald thun. Können wir auf dieß junge Weib zählen, meint Ihr?«

»Hört,« sagte Hist rasch und mit einem Ernst, der bewies, wie lebhaft ihr Gefühl betheiligt war – »Wah-ta!-Wah keine Irokesin – ganz und gar Delawarin – Delawarenherz – Delawarengefühl haben. Sie auch Gefangene. Ein Gefangner andern Gefangnen helfen. Nicht gut jetzt Mehr schwatzen. Tochter bei Vater bleiben – Wah-ta!-Wah kommen und Freund sehen – Alles gut aussehen – dann sagen, was thun.«

Dies ward mit leiser Stimme, aber deutlich gesprochen, und in einer Art, um Eindruck zu machen. Sobald sie sich so geäußert, stand das Mädchen auf und verließ die Gruppe, langsam nach der Hütte zurückkehrend, die sie bewohnte, als nähme sie kein weiteres Interesse an dem, was zwischen den drei Bleichgesichtern verhandelt werden mochte.

Zwölftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Sie spricht von ihrem Vater; sagt, sie höre,
Die Welt sey schlimm, und ächzt und schlägt die Brust;
Ein Strohhalm ärgert sie, sie spricht verworren;
Mit halbem Sinn nur; ihre Red‘ ist nichts,
Doch leitet ihre ungestalte Art
Die Hörenden auf Schlüsse; –
Shakspeare.

Wir verließen die Inhaber des Castells und der Arche in Schlaf versunken. Ein paarmal zwar im Laufe der Nacht stand Wildtödter oder der Delaware auf, um auf den ruhigen See hinauszuschauen, und kehrten, wenn sie Alles sicher fanden, zu ihren Lagerstätten zurück und schliefen wie Leute, die sich ihre natürliche Ruhe nicht leicht nehmen oder stören lassen. Bei dem ersten Anzeichen der Morgendämmerung jedoch stand der Erstere auf, und traf die ihn selbst zunächst angehenden Vorkehrungen für den Tag, sein Genosse aber, der in den letzten Zeiten keine ruhige oder ungestörte Nächte gehabt hatte, blieb auf seiner Pritsche liegen, bis die Sonne ganz aufgegangen war. Auch Judith war an diesem Morgen später als gewöhnlich, denn die frühern Stunden der Nacht hatten ihr wenig Erquickung oder Schlaf gebracht. Aber ehe die Sonne sich über den östlichen Hügeln gezeigt, waren doch auch sie auf und auf den Beinen; denn in jener Gegend bleiben selbst die Faulen selten nach dem Erscheinen des großen Himmelslichts noch auf ihren Polstern liegen.

Chingachgook war eben mit seiner Waldtoilette beschäftigt, als Wildtödter in die Cajüte der Arche trat, und ihm ein Paar grobe aber leichte Sommerkleidungsstücke hinwarf, welche Hutter gehörten.

»Judith hat mir das für Euch gegeben, Häuptling,« sagte der Letztere, indem er die Jacke und Beinkleider zu den Füßen des Indianers hinwarf; »denn es ist gegen alle Klugheit und Vorsicht, daß Ihr Euch in Eurer Kriegstracht und Bemalung blicken lasset. Wascht all die feurigen Streifen Von Eurer Wange ab, legt diese Kleider an, und hier ist ein Hut, so wie er nun eben ist, der Euch einen schauerlich uncivilisirten Anstrich von Civilisation, wie die Missionäre sagen, geben wird. Vergeßt nicht, daß Hist in der Nähe ist, und was wir für das Mädchen thun, geschehen muß, indem wir für Andere handeln. Ich weiß, es ist gegen Eure Gaben und Natur, Kleider zu tragen, wenn sie nicht nach eines rothen Mannes Schnitt und Tracht sind, aber macht jetzt aus der Noth eine Tugend, und legt diese sofort an, wenn sie Euch auch etwas wider den Magen sind.«

Chingachgook, oder die Schlange, betrachtete die Kleider mit starkem Mißfallen; aber er erkannte den Nutzen der Vermummung, wenn auch nicht ihre absolute Notwendigkeit. Entdeckten die Irokesen einen rothen Mann in dem oder um das Castell, so konnte sie dieß gar leicht behutsamer machen, und ihrem Argwohn die Richtung auf ihre Gefangne geben. Alles war besser als ein Fehlschlagen seiner Absicht, seine Verlobte betreffend, und nachdem er die verschiednen Kleidungsstücke nach allen Seiten gedreht, sie mit einer Art ernster Ironie geprüft, sie in einer Weise anzuziehen versucht, die sich von selbst verbot, und auch sonst den Widerwillen eines jungen Wilden an den Tag gelegt hatte, seine Glieder in die herkömmlichen Fesseln und Bande des civilisirten Lebens zu schnüren, unterwarf sich der Häuptling den Anweisungen seines Freundes, und stand am Ende als ein rother Mann nur noch der Farbe nach, da – so weit nämlich das Auge darüber urtheilen konnte. Von dieser ihm einzig noch gebliebenen Eigenschaft jedoch war Wenig zu befürchten, da die Entfernung von der Küste und der Mangel von Ferngläsern jede genauere Prüfung abschnitt, und Wildtödter selbst, obgleich von einem hellern und frischern Teint, hatte doch ein Gesicht, dem die Sonne eine Farbe aufgebrannt, kaum minder roth als die seines Mohikanischen Genossen. Das linkische, verlegene Wesen des Delawaren in seiner neuen Tracht machte an diesem Tage seinen Freund mehr als einmal lächeln, aber er enthielt sich geflissentlich aller jener Scherze, die bei einer solchen Gelegenheit unter Weißen aufs Tapet gekommen wären; da die Lebensgewohnheiten eines Häuptlings, die Würde eines Kriegers auf seinem ersten Kriegspfad, und der Ernst der Umstände, worin sie sich befanden, zusammen genommen, eine solche Leichtfertigkeit gleich unzeitgemäß erscheinen ließen.

Die Begegnung der drei Insulaner, wenn wir diesen Ausdruck gebrauchen dürfen, beim Morgenimbiß war stumm, ernst und nachdenklich. Judith’s Aussehen zeigte, daß sie eine unruhige Nacht gehabt, während den beiden Männern die Zukunft, mit ihren unsichtbaren und unbekannten Ereignissen, vor der Seele stand. Wenige Worte der Höflichkeit wurden zwischen Wildtödter und dem Mädchen im Verlauf des Frühstücks gewechselt, aber ihre Lage mit keiner Sylbe besprochen. Endlich brachte Judith, deren Herz voll war, und deren neue Gefühle sie zu ungewöhnlich weichen und sanften Empfindungen stimmten, diesen Gegenstand auf die Bahn, und das in einer Art, welche zeigte, wie sehr er im Lauf der letzten schlaflosen Nacht ihre Gedanken mußte beschäftigt haben.

»Es wäre schrecklich, Wildtödter,« rief das Mädchen plötzlich aus, »wenn meinem Vater und Hetty etwas Ernsthaftes zustieße! Wir dürfen hier nicht ruhig sitzen, und sie in den Händen der Irokesen lassen, ohne auf Mittel zu denken, ihnen zu dienen.«

»Ich bin bereit, Judith, ihnen zu dienen, und allen Andern, die in Nöthen sind, könnte man mir nur die Art und Weise zeigen, es zu thun. Es ist keine Kleinigkeit, in die Hände von Rothhäuten zu fallen, wenn Leute auf ein Vorhaben ausziehen, wie das war, welches Hutter und Hurry ans Land lockte; das weiß ich so gut wie ein Andrer; und ich wünschte meinem schlimmsten Feind nicht, daß er in eine solche Klemme käme, viel weniger Solchen, mit denen ich gereist bin, gegessen und geschlafen habe. Habt Ihr irgend einen Plan, dessen Ausführung Ihr von der Schlange und mir versucht wünschtet?«

«Ich kenne kein anderes Mittel, die Gefangnen frei zu machen, als Bestechung der Irokesen. Sie sind Geschenken nicht unzugänglich; und wir könnten ihnen vielleicht Genug bieten, um sie auf den Gedanken zu bringen, es sey besser, reiche Gaben, nach ihrer Schätzung, mit fort zu nehmen, als arme Gefangene; – wenn sie sie wirklich überhaupt wegführen sollten!«

»Das ist ganz gut, Judith; ja, es ist ganz gut, wenn der Feind sich erkaufen läßt, und wir Artikel finden können, um damit den Kauf zu zahlen. Euer Vater hat eine bequeme Wohnung, und sie ist sehr schlau gewählt und angelegt, aber sie scheint nicht übermäßig versehen mit Reichthümern, welche seine Freilassung erkaufen dürften. Da das Gewehr, das er Killdeer nennt, möchte Etwas gelten, und ich höre, es sey ein Pulverfäßchen da, welches allerdings in die Wagschale fiele; aber zwei tüchtige Männer sind doch nicht mit einer Kleinigkeit loszukaufen – zudem –«

»Zudem was?« fragte Judith ungeduldig, da sie bemerkte, daß der Andere zauderte fortzufahren, vermuthlich weil er sich scheute, sie zu beunruhigen.

»Ha, Judith, die Franzmänner bieten Preise, ebenso wie unsre Partei; und der Preis für zwei Skalpe würde hinreichen ein Pulverfäßchen und eine Büchse zu kaufen; obwohl ich nicht sagen will, daß eine solche Büchse ganz so gut seyn würde wie Wildtödter hier, den Euer Vater als ungemein und unerreichbar rühmt. Aber gutes Pulver, und eine recht sichre Büchse; und dann sind die rothen Männer nicht die Erfahrensten in Feuerwaffen, und wissen nicht immer den Unterschied zwischen dem zu erkennen, was wirklich und was Schein ist,«

»Das ist gräßlich,« murmelte das Mädchen, betroffen durch die unbefangene Art, in welcher ihr Genosse seine Thatsachen vorzutragen pflegte. »Aber Ihr vergeßt meine Kleider, Wildtödter; und die, glaube ich, könnten bei den Weibern der Irokesen Viel ausrichten.«

»Ohne Zweifel könnten sie, ohne Zweifel könnten sie das, Judith,« versetzte der Andere, sie scharf anblickend, als wollte er sich vergewissern, ob sie wirklich ein solches Opfer zu bringen im Stande seyn würde. »Aber wißt Ihr gewiß, Mädchen, daß Ihr es über’s Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen einem solchen Zweck zulieb zu trennen? Mancher Mann hat sich muthig geglaubt, bis die Gefahr ihm entgegenstarrte: ich habe auch Solche gekannt, die sich einbildeten gutmüthig zu seyn, und bereit, Alles was sie hatten den Armen zu schenken, wenn sie von andrer Leute Hartherzigkeit hörten, aber deren Hände sich so fest und zäh zusammenballten, wie die gespaltene Hagenbuche, wenn es darauf und dran kam, von ihrem Eignen wirkliche Opfer zu bringen. Zudem, Judith, Ihr seyd schön – außerordentlich, dürfte man sagen, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten – und die, so Schönheit besitzen, hängen auch an dem, was sie zu schmücken dient. Seyd Ihr gewiß, daß Ihr’s über’s Herz bringen könntet, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen?«

Die begütigende Anspielung auf die persönlichen Reize des Mädchens war wohl angebracht als Gegengewicht gegen die Wirkung des Mißtrauens, das der junge Mann gegen Judith’s Eifer in Erfüllung ihrer kindlichen Pflichten blicken ließ. Hätte ein Anderer dasselbe gesagt, was Wildtödter, – das Compliment wäre vermuthlich ganz übersehen worden in der durch jene Zweifel hervorgerufenen Entrüstung; aber eben die ungeschliffene Aufrichtigkeit, die so oft diesen einfachen Jäger seine innersten Gedanken enthüllen ließ, hatte einen Reiz für das Mädchen; und obgleich sie erröthete, und einen Augenblick ihre Augen Flammen sprühten, konnte sie es doch nicht über’s Herz bringen, einem Menschen wirklich zu zürnen, dessen Seele ganz Wahrheit und männliches Wohlwollen schien. Ihre Mienen sprachen allerdings Vorwürfe aus; aber sie unterdrückte die Lust, auch in Worten sie ihn fühlen zu lassen, und sie zwang sich glücklich, mild und freundlich zu antworten.

»Ihr müßt alle Eure günstigen Ansichten für die Delawarischen Mädchen aufsparen, Wildtödter, wenn Ihr im Ernst so von denen Eurer eignen Farbe denkt,« sagte sie, sich zum Lachen zwingend. »Aber stellt mich auf die Probe! wenn Ihr findet, daß es mir um Band oder Feder, um Seide oder Mousseline Leid thut, dann mögt Ihr von meinem Herzen denken was Ihr wollt, und sagen was Ihr denkt!«

»Das ist gerecht! das Seltenste auf Erden zu finden ist ein wahrhaft gerechter Mensch. So sagt Tamenund, der weiseste Prophet der Delawaren; und so müssen Alle denken, die Gelegenheit haben, die Menschen zu sehen, mit ihnen zu sprechen und unter ihnen zu handeln. Ich liebe einen gerechten Mann, Schlange: seine Augen sind nie mit Dunkel bedeckt gegen seine Feinde, während sie ganz Sonnenschein und Glanz sind gegen seine Freunde. Er gebraucht die Vernunft, die ihm Gott gegeben, und er gebraucht sie mit dem Gefühl, daß er dazu bestimmt und verpflichtet ist, die Dinge so anzusehen und zu erwägen, wie sie sind, und nicht wie er sie haben möchte. Es ist leicht genug, Menschen zu finden, die sich selbst gerecht nennen; aber es ist außerordentlich selten, Solche zu finden, die es in der That und Wahrheit sind. Wie oft habe ich Indianer gesehen, Mädchen, die da glaubten, sie hätten Etwas ganz dem Willen des Großen Geistes Angenehmes im Auge, wenn sie in Wahrheit nur beflissen waren, nach ihrem eignen Willen und Vergnügen zu handeln, und das gar oft bei einer Versuchung zum Fehltritt, die sie selbst so wenig sehen konnten, als wir durch den Berg dort hindurch den Fluß im nächsten Thal sehen können, obgleich ein von Oben Herabschauender es so gut hätte sehen können, wie wir die Bärse, die um diese Hütte herum schwimmen.«

»Sehr wahr, Wildtödter,« versetzte Judith, bei der jede Spur von Mißfallen sich in einem strahlenden Lächeln verlor, »sehr wahr; und ich hoffe Euch dieser Liebe zur Gerechtigkeit gemäß handeln zu sehen in allen Dingen, wobei ich betheiligt bin. Vor Allem hoffe ich: Ihr werdet selbst urtheilen, und nicht jede arge Geschichte glauben, die ein geschwätziger Müssiggänger, wie Hurry Harry, erzählen mag, der darauf ausgeht, den Namen jedes jungen Weibes anzutasten, die vielleicht nicht dieselbe Meinung von seinem Gesicht und seiner Person haben mag, wie der eigenliebige Prahler selbst.«

»Hurry Harry’s Ideen gelten bei mir nicht für ein Evangelium, Judith, aber auch Schlimmere, als er, haben Augen und Ohren,« erwiederte der Andere ernst.

»Genug hievon!« rief Judith mit flammendem Auge, und die Röthe stieg ihr bis zu den Schläfen; »und jetzt von meinem Vater und seiner Lösung. Es ist, wie Ihr sagt, Wildtödter: die Indianer werden schwerlich ihre Gefangenen herausgeben ohne ein gewichtigeres Lösegeld als meine Kleider, und Vaters Büchse und Pulver betragen. Da ist der Schrank,« –

»Ja, da ist der Schrank, wie Ihr sagt, Judith; und wenn es sich handelt um ein Geheimniß und einen Skalp, so würden, glaube ich, die meisten Menschen lieber den letztern für sich behalten. Hat Euch je Euer Vater ein bestimmtes Gebot diesen Schrank betreffend gegeben?«

»Nie. Er schien immer der Ansicht, seine Schlösser und seine stählernen Bänder und seine Stärke seyen sein bester Schutz.«

»Es ist ein rarer Schrank und von ganz merkwürdiger Arbeit,« versetzte Wildtödter, aufstehend und dem fraglichen Gegenstande näher tretend, auf den er sich setzte, um ihn mit größerer Bequemlichkeit zu besichtigen. »Chingachgook, das ist kein Holz aus irgend einem Walde, den Ihr oder ich je durchstreift! Es ist nicht vom schwarzen Wallnußbaum, und doch ist es ganz so hübsch, wo nicht noch hübscher, wäre es nicht von Rauch und schlechter Behandlung entstellt.«

Der Delaware trat näher, befühlte das Holz, prüfte seine Textur, suchte die Oberfläche mit einem Nagel zu ritzen, und fuhr neugierig mit der Hand über die stählernen Schlösser und die andern ihm neuen Eigenthümlichkeiten des seltsamen Meuble’s.

»Nein – Nichts wie dieses wächst in diesen Gegenden,« fuhr Wildtödter fort; »ich habe alle Eichen gesehen, beide Ahornarten, die Ulmen, die Linden, alle Wallnußbäume, die Butternußbäume und jeden Baum, der Holz und Farbe hat, in einer oder der andern Gestalt verarbeitet; aber nie früher habe ich ein Holz wie dieses gesehen, Judith, der Schrank selbst würde Eures Vaters Freiheit erkaufen; oder die Neugier der Irokesen ist nicht so groß, wie die der Rothhäute überhaupt, namentlich in Holzsachen.«

»Der Handel ließe sich vielleicht wohlfeiler schließen, Wildtödter. Der Schrank ist voll und es wäre doch besser, nur die Hälfte, als Alles hinzugeben. Zudem, Vater – ich weiß nicht warum – aber Vater schätzt den Schrank sehr hoch.«

»Es scheint fast, er schätzt den Inhalt höher, als den Schrank selbst, nach der Art zu urtheilen, wie er das Aeußere behandelt und das Innere verwahrt. Es sind drei Schlösser, Judith; ist kein Schlüssel da?«

»Ich habe nie einen gesehen; und doch müssen Schlüssel da seyn, da Hetty uns gesagt hat, sie habe den Schrank oft geöffnet gesehen.«

»Schlüssel liegen so wenig in der Luft oder schwimmen im Wasser, als Menschen, Mädchen; wenn ein Schlüssel da ist, so muß auch ein Platz seyn, wo er aufbewahrt ist.« »Das ist wahr; und es würde nicht schwer halten, ihn zu finden, wenn wir suchen dürften.«

»Das ist Eure Sache, Judith; das ist ganz Eure Sache. Der Schrank ist Euer, oder Eures Vaters; und Hutter ist Euer Vater, nicht der meine. Neugier ist der Weiber, nicht der Männer Schwäche; und hier habt Ihr alle Gründe vor Euch. Wenn der Schrank Artikel enthält, welche zum Lösegeld sich eignen, so würden sie, scheint mir, klüglich dazu verwendet, ihres Besitzers Leben zu erkaufen, oder auch seinen Skalp zu retten; aber das zu beurtheilen ist Eure, nicht meine Sache. Wenn der rechtmäßige Eigenthümer einer Falle oder eines Hirsches, oder eines Canoe’s nicht anwesend ist, so wird, wer ihm am nächsten steht, sein Stellvertreter, nach allen Gesetzen der Wälder. Daher überlassen wir Euch die Entscheidung, ob der Schrank geöffnet werden soll, oder nicht.«

»Ihr glaubt doch hoffentlich nicht, ich könnte mich bedenken, wenn meines Vaters Leben in Gefahr schwebt, Wildtödter?«

»Nun, es läßt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit ein tüchtiges Schelten gegen Thränen und Trauern setzen. Es ist nicht ohne Grund zu vermuthen, daß der alte Tom unzufrieden seyn werde mit dem, was Ihr gethan, wenn er sich wieder selbst in seiner Hütte hier sieht; aber es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Menschen mit dem nicht einverstanden sind, was zu ihrem eignen Besten geschehen ist; ich glaube fast, der Mond selbst würde sich ganz anders ausnehmen als jetzt, wenn wir ihn von der andern Seite sehen könnten.« »Wildtödter, wenn ich den Schlüssel finden kann, will ich Euch ermächtigen, den Schrank zu öffnen und herauszunehmen, was Ihr zu Vaters Loskaufung dienlich glaubt.«

»Sucht zuerst den Schlüssel, Mädchen, von dem Uebrigen wollen wir nachher reden. Schlange, Ihr habt Augen wie eine Fliege und ein Urtheil, das selten irrt; könnt Ihr uns ersinnen helfen, wo der alte Tom wohl den Schlüssel zu einem Schranke verwahrt halten dürfte, mit dem er so geheim thut?«

Der Delaware hatte an dem Gespräche keinen Antheil genommen, bis er so geradezu aufgefordert wurde; jetzt trat er von dem Schranke weg, welcher fortwährend seine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, und sah sich um nach dem Orte, wo unter den vorliegenden Verhältnissen denkbarer Weise der Schlüssel verwahrt seyn dürfte. Judith und Wildtödter waren inzwischen auch nicht müssig, und so waren bald alle Drei mit lebhaftem und ängstlichem Suchen beschäftigt, da es gewiß war, daß der gewünschte Schlüssel nicht in einer der gewöhnlichen Schubladen oder Fächer, deren mehrere in dem Gebäude waren, sich finden würde, sah in diesen Niemand nach, sondern Alle wandten sich solchen Orten zu, die ihnen als sinnreiche Versteckplätze auffielen, deren man sich zu solchem Behufe leicht bedienen könnte. So ward das äußere Gemach sorgfältig aber fruchtlos durchsucht, worauf sie sich in Hutter’s Schlafzimmer begaben. Dieser Theil des rohen Gebäudes war besser eingerichtet als das Uebrige; er enthielt manche Artikel, welche besonders zum Gebrauch der verstorbenen Frau des Besitzers gedient hatten; aber da Judith alle übrigen Schlüssel hatte, war es auch bald durchstöbert, ohne daß der gewünschte Schlüssel an’s Licht gekommen wäre.

Jetzt traten sie in das Schlafgemach der Töchter. Dem Chingachgook fiel sogleich der Contrast zwischen den Artikeln und der Anordnung auf der Seite des Gemaches, die man die Judiths nennen konnte, und auf der Hetty angehörigen auf. Ein leiser Ausruf entschlüpfte ihm, und nach den verschiednen Richtungen hin deutend, machte er mit leiser Stimme auf diesen Umstand aufmerksam, zu seinem Freunde in der Delawarensprache redend.

»Wie Ihr denkt, Schlange,« antwortete Wildtödter, von dessen, in Delawarensprache geäußerten Bemerkungen wir so viel als möglich die eigenthümliche Ausdrucksweise des Mannes beizubehalten suchen. »Es ist richtig so, wie Jeder sehen kann; und das ist Alles in der Natur gegründet. Eine Schwester liebt schöne Sachen – übermäßig, wie Manche behaupten; während die Andere so sanft und demüthig ist, wie Gott nur je die Güte und Wahrheit selbst erschuf. Doch glaube ich am Ende, daß auch Judith ihre Tugenden und Hetty ihre Fehler hat.«

»Und die ›Geistschwache‹ hat den Schrank offen gesehen?« erkundigte sich Chingachgook, forschende Neugier in seinen Blicken.

»Gewiß; das hab‘ ich aus ihrem eignen Munde gehört, und Ihr auch. Es scheint, ihr Vater mißtraut ihrer Verschwiegenheit nicht, obschon vielleicht der seiner ältern Tochter.«

»Dann ist wohl der Schlüssel nur vor der Wilden Rose versteckt?« Denn so hatte der galante Chingachgook Judith in seinen Gesprächen mit seinem Freund allein zu nennen angefangen.

»Das ist’s. Das ist’s gerade! Der Einen traut er, und der Andern nicht. Da ist weiß und roth, Schlange; alle Stämme und Nationen kommen darin überein, daß sie Manchen trauen, und Manchen ihr Vertrauen versagen. Es kommt auf Charakter und Urtheil an.«

»Wo könnte ein Schlüssel versteckt werden, daß die Wilde Rose ihn gewiß nicht fände, wo eher als unter groben Kleidern?«

Wildtödter stutzte, wandte sich gegen seinen Freund, Bewunderung in jedem Zuge seines Gesichts sich malend, und lachte recht in seiner stillen aber herzlichen Weise über das Sinnreiche und Rasche dieser Vermuthung.

»Euer Name ist wohl angelegt, Schlange – ja, er ist wohl angelegt! Ganz gewiß! wo sollte eine Liebhaberin von schönen Putzsachen so wenig nachsuchen, als unter so groben und unscheinbaren Kleidern, wie die der armen Hetty sind? Ich glaube, Judiths zarte Finger haben nie ein Fleckchen so grobes und unschönes Tuch angerührt, wie das an diesem Unterrock, seit sie zuerst mit den Officieren Bekanntschaft machte! Ja, wer weiß? der Schlüssel dürfte ebenso gut gerade an diesem Pflock zu finden seyn, als sonst an einem Platze. Nehmt das Kleidungsstück weg, Delaware, und laßt uns sehen, ob Ihr wirklich ein Prophet seyd.« Chingachgook that, wie er geheißen ward, aber kein Schlüssel fand sich. Eine plumpe, dem Anschein nach leere Tasche hing an dem nächsten Pflocke und ward sofort untersucht. Mittlerweile war auch Judiths Aufmerksamkeit nach dieser Richtung gezogen worden, und sie ließ sich mit Hast vernehmen, als wünschte sie unnöthige Mühe zu ersparen.

»Das sind nur die Kleider Hetty’s, des guten, einfältigen Mädchens!« sagte sie. »Was wir suchen, ist wohl schwerlich hier zu finden!«

Kaum waren diese Worte über den schönen Mund der Sprecherin gekommen, als Chingachgook den gewünschten Schlüssel aus der Tasche zog. Judith besaß einen zu schnellen Verstand, um nicht sogleich den Grund zu errathen, warum ein so einfacher und leicht zu findender Versteck war gewählt worden. Das Blut schoß ihr ins Gesicht, vielleicht ebenso sehr aus Verdruß, als aus Schaam, und sie biß sich in die Lippe, blieb aber stumm. Wildtödter und sein Freund bewährten jetzt das Zartgefühl von Männern von natürlich feinem Sinn, indem sie weder lächelten, noch auch nur durch einen Blick verriethen, wie gut sie die Beweggründe und das Schlaue dieser sinnreichen List verstanden. Der Erstere, der dem Indianer den Schlüssel abgenommen, trat jetzt in das anstoßende Gemach, versuchte ihn an einem Schloß, und versicherte sich, daß wirklich das rechte Instrument gefunden sey. Es waren drei Vorlegeschlösser, die aber alle drei leicht mit dem einen Schlüssel geöffnet wurden. Wildtödter nahm sie alle ab, machte die Haspen los, hob den Deckel ein Wenig auf, um sich zu versichern, daß der Schrank aufgehe, und trat dann einige Schritte davon zurück, seinem Freunde winkend, ihm zu folgen.

»Das ist ein Familienschrank, Judith,« sagte er, »und enthält vermuthlich Familiengeheimnisse. Die Schlange und ich wollen in die Arche gehen, und nach den Canoe’s, den Rudern und Schaufeln sehen, während Ihr sie allein untersucht, und zuseht, ob unter den Artikeln darin sich Etwas findet, was bei einem Lösegeld von Gewicht seyn kann, oder nicht. Wenn Ihr fertig seyd, ruft uns, und dann wollen wir in einem Rath zusammensitzen über den Werth der Artikel.«

»Halt, Wildtödter!« rief das Mädchen, als er im Begriffe war, sich zu entfernen; »nicht Einen Gegenstand rühre ich an – nicht einmal den Deckel hebe ich auf – wenn Ihr nicht dabei gegenwärtig seyd. Vater und Hetty haben für gut befunden, aus dem Inhalt dieses Schrankes mir ein Geheimnis zu machen, und ich bin viel zu stolz, ihre geheimen Schätze erspähen und durchsuchen zu wollen, wenn es nicht um ihres eignen Besten willen wäre. Aber in keinem Falle will ich den Schrank allein öffnen. So bleibt denn bei mir; ich will Zeugen haben bei dem, was ich thue.«

»Ich denke fast, Schlange, das Mädchen hat Recht. Vertrauen und guter Glaube erzeugen Sicherheit, aber Argwohn macht uns leicht Alle tückisch. Judith hat das Recht, unsre Gegenwart zu verlangen; und sollte der Schrank Geheimnisse von Meister Hutter enthalten, so kommen die in den Besitz von zwei jungen Männern von so verschlossenem Munde, als nur in der Welt zu finden sind. Wir wollen bei Euch bleiben, Judith; aber zuerst laßt uns einen Blick auf den See und die Küste werfen, denn dieser Schrank ist wohl nicht in einer Minute geleert!«

Die beiden Männer begaben sich jetzt auf die Plattform, und Wildtödter durchmusterte die Küste mit dem Fernglas, während der Indianer sein Auge ernst auf den Wassern und Wäldern umherschweifen ließ, um ein Zeichen zu suchen, das ihm die Anschläge ihrer Feinde verriethe. Nichts war zu sehen; und beruhigt für den Augenblick wegen ihrer Sicherheit, versammelten sich die Drei wieder um den Schrank mit der erklärten Absicht, ihn zu öffnen. Judith hatte, so weit sie zurückdenken konnte, vor diesem Schrank und seinem Inhalt eine Art Ehrfurcht gehabt. Weder ihr Vater noch ihre Mutter redeten je in ihrer Anwesenheit davon; und es schien eine Art stillschweigender Verabredung zu seyn, daß bei Bezeichnung der verschiednen Gegenstände, die gelegentlich in seiner Nähe standen, oder selbst auf seinem Deckel lagen, jede Nennung des Schrankes selbst sorgfältig vermieden werde. Durch Gewohnheit war dieß so leicht und so geläufig und natürlich geworden, daß erst in ganz neuester Zeit das Mädchen über diesen seltsamen Umstand nachzudenken angefangen hatte. Aber es hatte nie zwischen Hutter und seiner ältern Tochter ein so inniges Verhältniß bestanden, daß dadurch Vertrauen wäre geweckt worden. Zu Zeiten war er freundlich, aber in der Regel, gegen sie besonders, finster und mürrisch. Am allerwenigsten hatte er seine Autorität in solcher Art geübt, daß sein Kind hätte den Muth gehabt, die Freiheit, zu der sie jetzt entschlossen war, sich herauszunehmen ohne große Besorgniß wegen der Folgen, obgleich sie den kecken Entschluß nur faßte in Kraft des Wunsches, ihm zu dienen. Und dann war Judith auch nicht frei von einem kleinen Aberglauben in Betreff dieses Schrankes, der von Kindheit an bis auf diese Stunde als eine Art Reliquie vor ihren Augen gestanden. Dennoch war die Zeit gekommen, wo, so schien es, dieß Mysterium sich aufklären sollte, und das unter Umständen, die ihr in der Sache sehr wenig Wahl ließen.

Da Judith sah, daß ihre beiden Genossen ihre Bewegungen in ernstem Schweigen beobachteten, legte sie die Hand an den Deckel und suchte ihn aufzuheben. Ihre Kraft reichte jedoch nicht zu, und es dünkte das Mädchen, das wohl wußte, daß alle Schlösser und Bande weg waren, als widersetzte sich ihr eine übernatürliche Macht bei einem unheiligen Beginnen.

»Ich kann den Deckel nicht aufheben, Wildtödter,« sagte sie. »Thäten wir nicht besser, den Versuch aufzugeben und auf andre Mittel zur Befreiung der Gefangnen zu denken?« »Nicht so, Judith; nicht so, Mädchen. Kein Mittel ist so sicher und leicht, als eine gute Bestechung,« versetzte der Andere. »Was den Deckel betrifft, so wird der von Nichts gehalten, als von seiner eignen Schwere, die wunderbar ist für ein so kleines, zwar mit Eisen so stark beschlagenes Stück Holz.«

Mit diesen Worten versuchte Wildtödter auch seine Kraft an der Aufgabe, und es gelang ihm, den Deckel gegen das Gebälke des Hauses aufzuheben, wo er ihn mittelst einer hinlänglichen Stütze sorgfältig befestigte. Judith zitterte ordentlich, als sie den ersten Blick auf das Innere warf; und sie empfand für den Augenblick einige Beruhigung, als sie sah, daß ein am Rande sorgfältig hineingestepptes Stück Leinwand Alles was darunter war gänzlich verbarg. Der Schrank war indessen allem Anschein nach wohl angefüllt, denn die Leinwand war kaum einen Zoll vom Deckel entfernt.

»Hier ist eine volle Ladung,« sagte Wildtödter, den wohlgepackten Schrank betrachtend, »und wir thun wohl, gemächlich und ordentlich zu Werke zu gehen. Schlange, bringt einige Stühle, während ich dieß Tuch auf den Boden breite, und dann wollen wir das Werk ordentlich und behaglich angreifen.«

Der Delaware gehorchte; Wildtödter stellte höflich Judith einen Stuhl hin, nahm selbst einen, und fing an, die verhüllende Leinwand zu entfernen. Er that dieß mit gutem Bedacht und mit solcher Vorsicht, als ob man Gegenstände von zerbrechlichster Art und feinster Arbeit darunter verborgen geglaubt hätte. Als die Leinwand weggenommen war, waren die ersten Gegenstände, die sich zeigten, einige männliche Kleidungsstücke. Diese waren von feinen Stoffen, und nach der Mode jener Zeiten von lebhaften Farben und mit reichen Verzierungen. Ein Rock insbesondere war von Scharlach, und hatte mit Goldfaden genähte Knopflöcher. Doch war er nicht militärisch, sondern gehörte zum Anzug eines höhern Civilisten in einer Periode, wo der Rang in der Gesellschaft noch streng auch in der Kleidung beachtet wurde. Chingachgook konnte einen Ausruf des Wohlgefallens nicht unterdrücken, als Wildtödter diesen Rock auseinanderlegte und ihn zum Anschauen emporhob; denn trotz seiner anerzogenen Selbstbeherrschung war doch der Glanz dieses Kleidungsstückes zu Viel für die Philosophie eines Indianers. Wildtödter wandte sich rasch um, und sah seinen Freund mit einem vorübergehenden Mißfallen an, als dieser Ausbruch von Schwäche ihm entschlüpfte; dann sprach er vor sich hin, wie seine Gewohnheit war, so oft ein lebhaftes Gefühl sich seiner plötzlich bemächtigte.

»Es ist seine Gabe so! – ja, es ist die Gabe einer Rothhaut, schöne Putzsachen zu lieben, und er ist darum nicht zu tadeln. Es ist auch ein außerordentliches Kleidungsstück, und außerordentliche Sachen erzeugen außerordentliche Gefühle. Ich denke, das wird’s thun, Judith, denn das indianische Herz ist schwerlich zu finden in ganz Amerika, das Farben wie diese, und einem Schimmer wie dieser, widersteht. Wenn dieser Rock je für Euren Vater gemacht wurde, so habt Ihr Euren Geschmack an schönen Putzsachen redlich und ehrlich überkommen – ja das habt Ihr!«

Dieser Rock ist nie für Vater gemacht worden,« antwortete das Mädchen rasch; »er ist viel zu lang, denn mein Vater ist klein und vierschrötig.«

»Tuch war genug da, wenn es so war, und Flitterstaat wohlfeil,« antwortete Wildtödter mit seinem stillen, fröhlichen Lachen. »Schlange, dieß Kleid ward gemacht für einen Mann von Eurem Wuchs, und ich möchte es Wohl auf Euren Schultern sehen.«

Chingachgook nicht faul, willigte in die Probe; er warf die grobe, fadenscheinige Jacke Hutter’s weg, um seine Person mit einem Rock zu schmücken, der ursprünglich für einen Gentleman bestimmt war. Die Verwandlung war komisch; aber wie den Menschen selten Lächerlichkeiten in ihrer eignen äußern Erscheinung auffallen, so wenig als in ihrer Handlungsweise, beschaute der Delaware diese seine Metamorphose in einem gemeinen Spiegel, vor welchem Hutter sich zu rasiren pflegte, mit ernstem Interesse. In diesem Augenblick dachte er an Hist, und wir sind der Wahrheit schuldig, zu gestehen, obgleich es ein Wenig mit dem strengen Charakter des Kriegers streiten mag, daß er wünschte, von ihr in seiner jetzigen, so vortheilhaften Gestalt gesehen werden zu können.

»Herunter damit, Schlange – herunter damit,« begann jetzt der unbeugsame Wildtödter; »solche Kleider stehen Euch so wenig an, als sie mir anstehen würden; Eure Gaben sind für Bemalung und Falkenfedern, und wollene Decken und Wampums, und die meinigen sind für Wämser von Häuten, zähe Beinkleider und tüchtige Mokkasins. Ich sage Mokkasins, Judith; denn obgleich weiß, muß ich doch, in den Wäldern lebend, wie ich pflege, nothwendig um der Bequemlichkeit und Wohlfeilheit willen einige Gebräuche der Wälder annehmen,«

»Ich sehe keinen Grund, Wildtödter, warum ein Mann nicht so gut einen Scharlachrock tragen sollte, als der Andere,« versetzte das Mädchen. »Ich wollte, ich könnte Euch in diesem schönen Kleid sehen!«

»Mich in einem Rock sehen, der für einen Lord recht wäre! Nun, Judith, wenn Ihr diesen Tag abwarten wollt, so müßt Ihr warten, bis Ihr mich des Verstands und des Gedächtnisses ledig seht. Nein – nein – Mädchen, meine Gaben sind meine Gaben, und ich will bei ihnen leben und sterben, sollte ich auch nie wieder ein Wild fällen oder einen Salmen spießen. Was habe ich gethan, daß Ihr wünscht mich in einem so flunkernden Rock zu sehen, Judith?«

»Ich meine eben, Wildtödter, die falschzüngigen und falschherzigen jungen galanten Herren von der Garnison sollten nicht allein in schönen Federn stolziren; sondern Wahrheit und Redlichkeit hätten auch ihre Ansprüche auf Ehre und Auszeichnung.«

»Und welche Auszeichnung würde es für mich seyn, Judith, geschniegelt und bescharlacht zu werden, wie ein Mingohäuptling, der eben seine Präsente von Quebeck erhalten hat? Nein – nein – ich bin wohl wie ich bin; und wenn nicht, so kann ich nicht besser werden. Legt den Rock auf die Decke, Schlange, und laßt uns weiter im Schranke nachsehen.«

Das verlockende Kleidungsstück – das sicherlich nie für Hutter gefertigt ward – wurde bei Seite gelegt und die Untersuchung fortgesetzt. Der männliche Anzug, dessen einzelne Bestandtheile sämmtlich in ihrer Beschaffenheit dem Rocke entsprachen, war bald erschöpft, und dann folgten weibliche. Ein schöner Anzug von Brokat, der durch nachlässige Behandlung etwas gelitten, folgte; und dießmal entschlüpften offene Ausrufe des Entzückens Judiths Munde. So sehr das Mädchen auf schönen Anzug hielt, und so günstige Gelegenheit sie gehabt hatte, manche kleine Ansprüche auf diesem Felde zu sehen bei den Frauen der verschiedenen Commandanten und andern Damen der Forts, so hatte sie doch noch nie zuvor ein Gewebe oder Farben geschaut, welche sich mit dem messen konnten, was jetzt so unerwartet ihrem Auge sich darbot. Ihr Entzücken war beinahe kindisch; auch wollte sie die Untersuchung nicht fortsetzen lassen, ehe sie sich mit einem Gewande bekleidet hätte, das so wenig mit ihren Lebensgewohnheiten und ihrem Aufenthaltsort zusammenstimmte. Zu diesem Behufe begab sie sich in ihr eignes Gemach, wo sie mit ihren in solchem Geschäft geübten Händen bald ihren saubern Linnenrock ablegte und in den buntern und prächtigen Farben des Brokats dastand. Der Anzug paßte zufällig für die schöne, volle Person Judiths, und gewiß hatte er nie ein Wesen geschmückt, das durch natürliche Gaben mehr geeignet gewesen wäre, seinen wahrhaft prächtigen Farben und der schönen Weberei Ehre zu machen. Als sie zurückkam, standen Wildtödter und Chingachgook, welche die kurze Zeit ihrer Abwesenheit benutzt hatten, die männlichen Kleidungsstücke nochmals zu beschauen, mit Erstaunen auf, und beide machten ihrer Bewunderung und ihrem Wohlgefallen in Ausrufungen von so unzweideutiger Art Luft, daß dadurch die Augen Judiths neuen Glanz gewannen, indem ihre Wangen von der Glut des Triumphs flammten. Sich jedoch die Miene gebend, den Eindruck, den sie gemacht, nicht zu bemerken, setzte sich das Mädchen mit dem stattlichen Anstand einer Königin nieder, und verlangte, daß man den Inhalt des Schrankes weiter untersuche.

»Ich weiß kein besseres Mittel, mit den Mingo’s zu unterhandeln, Mädchen,« rief Wildtödter, »als Euch, wie Ihr seyd, an’s Land zu schicken und ihnen zu sagen, eine Königin sey unter ihnen angekommen! Bei einem solchen Schauspiel werden sie den alten Hutter, und Hurry und Hetty dazu ausliefern!«

»Ich glaubte Eure Zunge zu ehrlich zum Schmeicheln, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, der diese Bewunderung größere Freude machte, als sie hätte gestehen mögen. »Einer der Hauptgründe meiner Achtung für Euch war Eure Liebe zur Wahrheit?«

»Und es ist Wahrheit, und ernste Wahrheit, Judith und nichts Anderes. Nie schauten meine Augen ein so prächtig aussehendes Geschöpf, als Ihr in diesem Augenblick seyd! Ich habe zu meiner Zeit auch Schönheiten gesehen, beides, weiße und rothe, und sie waren besprochen und gepriesen nah und fern; aber nie habe ich eine gesehen, die irgend den Vergleich aushalten konnte mit dem, was Ihr in diesem gesegneten Augenblick seyd, Judith; nie!«

Der Blick des Entzückens, den das Mädchen dem freimüthigen Jäger zuwarf, verminderte in keiner Weise den Eindruck ihrer Reize; und da die feuchten Augen dazu noch einen Ausdruck von Rührbarkeit und Gefühl gesellten, erschien vielleicht Judith nie wahrhaft liebenswürdiger, als in diesem »gesegneten Augenblicke,« wie der junge Mann sich ausgedrückt hatte. Er schüttelte den Kopf, hielt ihn einen Augenblick über den offenen Schrank hingebeugt, wie Einer, der im Zweifel ist, und fuhr dann mit der Untersuchung fort.

Einige kleinere Bestandtheile des weiblichen Anzuges kamen jetzt, alle von einer Beschaffenheit, die dem Kleide entsprach. Diese wurden stillschweigend Judith zu Füßen gelegt, als hätte sie ein natürliches Recht auf ihren Besitz. Ein paar davon, wie Handschuhe, oder Spitzen, nahm das Mädchen auf, und fügte sie ihrem schon so prächtigen Anzug bei, anscheinend nur wie zum Spiel, in der That aber in der Absicht, ihre Person so herauszuputzen, wie nur immer die Umstände erlaubten. Nachdem diese beiden auffallenden Anzüge, »ein Männlein und ein Fräulein« so zu sagen, weggenommen waren, trennte wieder eine Leinwanddecke die übrigen Artikel von dem Theil des Schrankes, den jene eingenommen. Sobald Wildtödter diese Einrichtung bemerkte, hielt er inne, zweifelnd, ob es angemessen sey, weiter fortzufahren.

»Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, glaube ich,« sagte er; »und alle Menschen haben ein Recht, sich des ihrigen zu erfreuen; wir sind weit genug in diesem Schrank hinabgekommen, um meiner Ansicht nach, unsern Wünschen und Bedürfnissen Genüge zu leisten: und es scheint mir, wir thäten gut, nicht weiter zu gehen, und dem Meister Hutter allein und seinen Gefühlen, Alles unter dieser Decke zu überlassen.«

»Ihr meint also, Wildtödter, man solle den Irokesen diese Kleider anbieten, als Lösegeld?« fragte Judith rasch.

»Gewiß, warum sonst durchstöbern wir eines Andern Schrank, als um dem Eigenthümer die besten Dienste nach unsern Kräften zu leisten? Dieser Rock allein würde ganz geeignet seyn, den Häuptling der Gewürme zu gewinnen! und wenn zufällig sein Weib oder seine Tochter mit ihm ausgezogen seyn sollte, würde dieß Kleid das Herz jedes Weibes zwischen Albany und Montreal erweichen. Ich sehe nicht, wozu wir eines weitern Handelsvorraths bedürften als diese zwei Artikel.«

»Euch mag es so erscheinen, Wildtödter,« erwiederte das betroffene Mädchen; »aber von welchem Nutzen wäre ein Anzug wie dieser für eine Indianerin? Sie könnte ihn nicht tragen unter den Zweigen der Bäume; der Schmutz und Rauch des Wigwam würde ihn bald verderben; und wie würde sich ein paar rother Arme ausnehmen, durch diese kurzen, spitzenbesetzten Ermel geschoben!«

»Alles ganz wahr, Mädchen; und Ihr könntet fortfahren und sagen, er sey ganz außer Zeit und Ort und Clima in dieser Gegend überhaupt. Was geht es uns an, wie mit den schönen Sachen umgegangen wird, wenn sie nur unsern Wünschen zur Erfüllung verhelfen? Ich sehe nicht ein, welchen Gebrauch Euer Vater von solchen Kleidern machen will; und es ist ein Glück, daß er Sachen hat, die für ihn werthlos, für Andre einen hohen Preis haben. Wir können keinen bessern Handel für ihn schließen, als diesen Tand für seine Freiheit zu bieten. Wir werfen das leichte Flitterzeug dazu, und bekommen dann Hurry in Kauf.«

»So denkt Ihr also nicht, Wildtödter, daß Thomas Hutter Jemand in seiner Familie habe – ein Kind – eine Tochter, der dieser Anzug nach billigem Ermessen wohl ansteht, und die darin dann und wann, wäre es auch nur nach langen Zwischenzeiten und nur zum Scherz zu sehen, Ihr selbst wünschen könntet?«

»Ich verstehe Euch, Judith – ja, jetzt verstehe ich Eure Meinung, und ich glaube, ich darf auch sagen: Eure Wünsche. Daß Ihr in diesem Anzug so prächtig seyd, wie die auf- oder untergehende Sonne an einem Oktobertag, gebe ich gerne zu; und daß Ihr ihm herrlich ansteht, ist um ein gut Theil gewisser, als daß er Euch an- und zusteht. Es sind Gaben in den Kleidern wie in andern Dingen. Nun glaube ich nicht, daß ein Krieger auf seinem ersten Kriegspfad dieselben entsetzlichen Bemalungen annehmen darf, wie ein Häuptling, dessen Tugend erprobt ist, und der aus Erfahrung weiß, daß er seinen Ansprüchen keine Schande machen wird. So ist es mit uns Allen, Rothen oder Weißen. Ihr seyd Thomas Hutter’s Tochter und dieß Weiberkleid ward gemacht für das Kind irgend eines Gouverneurs, oder für eine Dame von hohem Stand; und es sollte getragen werden in Häusern mit schöner Einrichtung und in vornehmer Gesellschaft. In meinen Augen, Judith, steht einem sittsamen Mädchen Nichts besser, als wenn sie anständig gekleidet ist, und Nichts ist passend, was dem ganzen Wesen und Charakter widerspricht. Zudem, Mädchen, wenn ein Geschöpf in der Colonie ist, das ganz der schönen Sachen entbehren und auf sein gutes Aussehen und holdes Gesicht vertrauen kann, so seyd Ihr es.«

«Ich will den Plunder im Augenblick ausziehen, Wildtödter,« rief das Mädchen und sprang auf, um das Zimmer zu verlassen, »und nie wünsche ich ihn wieder an einem menschlichen Wesen zu sehen.«

»So ist es bei ihnen Allen, Schlange,« sagte der Andere, sich zu seinem Freunde kehrend und lachend, sobald die Schöne verschwunden war. »Sie haben eine Freude an Putzsachen, aber an ihren angebornen Reizen die größte. Ich bin jedoch froh, daß das Mädchen eingewilligt, ihren Staat wieder abzulegen, denn es ist gegen die Vernunft für eine von ihrer Classe, ihn zu tragen; und dann ist sie hübsch genug, wie ich es nenne, um so herumzulaufen. Hist würde sich auch ganz absonderlich ausnehmen in einem solchen Weiberrock, Delaware!«

»Wah-ta!-Wah ist ein Rothhautmädchen, Wildtödter,« versetzte der Indianer; »wie die Jungen der Taube, erkennt man sie an ihren eignen Federn. Ich würde an ihr, ohne sie zu kennen, vorbeigehen, wäre sie in eine solche Haut gekleidet. Es ist immer das Weiseste, so gekleidet zu seyn, daß unsre Freunde uns nicht nach unserm Namen zu fragen brauchen. Die wilde Rose ist sehr stattlich, aber sie ist nicht holdseliger mit diesen vielen Farben.«

»Das ist’s! Das ist Natur, und die wahre Grundlage für Liebe und Schutz. Wenn ein Mann anhält, um eine wilde Stachelbeere zu pflücken, so erwartet er nicht eine Melone zu finden, und wenn er eine Melone brechen möchte, so verdrießt es ihn, wenn es ein Kürbis ist, obwohl Kürbisse oft für das Auge herrlicher sind, als Melonen. Das ist es, und es bedeutet: bleibt bei Euren Gaben und Eure Gaben werden bei Euch bleiben!«

Die beiden Männer hatten jetzt eine kleine Erörterung mit einander, ob es geeignet sey, noch tiefer in den Schrank Hutter’s einzudringen, als Judith, ihres Prachtgewandes entkleidet, in ihrem einfachen Linnenkleide wieder erschien.

»Dank Euch, Judith,« sagte Wildtödter, sie freundlich bei der Hand fassend; »denn ich weiß, es ging ein wenig gegen die natürlichen Wünsche des Weibes, so viel schöne Sachen gleichsam wie einen Haufen Plunder wegzuwerfen. Aber Ihr seyd dem Auge lieblicher, wie Ihr da steht, ja gewiß, als wenn Ihr eine Krone auf dem Haupt und Juwelen ums Haar bammeln hättet. Die Frage ist jetzt, ob man diese Decke aufheben soll, um zu sehen, was in der That der beste Handel wäre, den wir für Meister Hutter machen könnten: denn wir müssen so handeln, wie wir denken, daß er handeln würde, stände er an unsrer Stelle.«

Judith sah sehr vergnügt aus. Gewohnt an Schmeichelei, wie sie war, hatte ihr die bescheidene Huldigung Wildtödters mehr wahre Genugthuung und Freude gewährt, als sie noch je bei den Worten aus dem Munde eines Mannes empfunden hatte. Es waren nicht die Ausdrücke, worein die Bewunderung gekleidet war, denn diese waren einfach genug – was einen so lebhaften Eindruck machte; auch nicht ihre Neuheit oder Wärme, noch sonst eine der Eigenthümlichkeiten, welche einer Lobpreisung gewöhnlich Werth verleihen, sondern die ungeirrte Wahrhaftigkeit des Redenden, die seine Worte so unmittelbar ans Herz der Hörenden dringen machte. Dieß ist einer der großen Vortheile der Geradheit und Freimüthigkeit. Der schlaue, gewohnheitsmäßige Schmeichler mag seine Absichten so lange erreichen, bis seine Künste gegen ihn selbst zurückspringen, und wie andre Süßigkeiten, die von ihm gebotene Nahrung durch Uebermaß anekelt; aber Wer ehrlich und offen handelt, wenn er auch oft anstößt, besitzt eine Macht zu loben, die keine andre Eigenschaft als die Aufrichtigkeit gewährt, weil seine Worte geradezu ans Herz dringen, und ihre Unterstützung im Verstande finden. So war es bei Wildtödter und Judith; so bald und so tief erfüllte dieser einfache Jäger Alle, die ihn kannten, mit der Ueberzeugung von seiner unbeugsamen Redlichkeit, daß Alles, was er lobend äußerte, ebenso gewiß Freude machte, als Alles, was er tadelnd und als Vorwurf äußerte, gewiß da tief einschneiden und Feindschaft erwecken mußte, wo sein Charakter nicht schon Achtung und Neigung ihm gewonnen hatte, die seinen Tadel in anderem Sinne schmerzhaft und empfindlich machten. Im spätern Leben, als die Laufbahn dieses ungebildeten und unverkünstelten Menschen ihn in Berührung brachte mit Officieren von hohem Rang, und Andern, die mit der Sorge für die Interessen des Staats betraut waren, übte er denselben Einfluß auf einem weiteren Feld; selbst Generale hörten seine Lobsprüche mit einem Anflug von hoher Freude, welche in ihnen hervorzurufen nicht immer in der Macht ihrer officiellen Obern stand. Vielleicht war Judith das erste Individuum von seiner Farbe, das sich diesen natürlichen Folgen der Wahrheitsliebe und Geradheit von Seiten Wildtödters entschieden unterwarf. Sie hatte wirklich nach seinem Lobe geschmachtet, und jetzt hatte sie es geerntet, und das in der Form, wie es ihrer Schwäche und ihrer Denkungsart am angenehmsten war. Das Ergebnis davon wird sich im Laufe dieser Erzählung zeigen.

»Wenn wir wüßten, was Alles dieser Schrank enthält, Wildtödter,« versetzte das Mädchen, als sie sich ein Wenig erholt hatte von der augenblicklichen Wirkung seiner Lobsprüche auf ihre persönliche Erscheinung, »könnten wir besser entscheiden, welches Verfahren wir einschlagen sollen.«

»Das ist nicht ohne Grund, Mädchen, obgleich es mehr eine Bleichgesichts- als eine Rothhauts-Gabe ist, andrer Leute Geheimnisse zu durchspähen.«

»Neugier ist natürlich, und es läßt sich erwarten, daß alle menschliche Wesen menschliche Fehler haben. So oft ich bei den Garnisonen gewesen bin, habe ich gefunden, daß die Meisten dort und rings herum Verlangen trugen, ihres Nächsten Geheimnisse zu erspähen.«

»Ja, und manchmal sie zu errathen oder zu erdichten, wenn sie sich nicht entdecken konnten. Das ist der Unterschied zwischen einem indianischen und einem weißen Gentleman. Die Schlange hier würde den Kopf auf die Seite wenden, wenn er bemerkte, daß er unabsichtlich in eines andern Häuptlings Wigwams hineinsehe; während in den Ansiedlungen, wo Alle vornehme Leute seyn wollen, die Meisten beweisen, daß sie besser als Andre seyen, durch die Art, wie sie über diese und ihre Angelegenheiten schwatzen. Ich stehe dafür, Judith, Ihr brächtet die Schlange hier nicht dazu, zu gestehen, es sey ein Andrer in seinem Stamme um so Viel größer als er, daß er der Gegenstand seiner Gedanken würde, und er seine Zunge gebrauchte zu Gesprächen über sein Thun und Treiben, sein Gehen und Stehen, sein Essen und Trinken, und all die andern kleinen Sachen, die einen Menschen beschäftigen, wenn er nicht mit seinen größeren Pflichten zu thun hat. Wer das thut, ist nicht viel besser als ein ausgemachter Spitzbube, und Wer Einen dazu aufmuntert, ist so ziemlich von derselben Gattung, trage er so schöne Röcke als er will, und von Farben, wie sie ihm gefallen.«

»Aber das ist keines andern Mannes Wigwam; es gehört meinem Vater; es sind seine Sachen, die man zu seinem Besten verwendet und bedarf.«

»Das ist wahr, Mädchen, das ist wahr, und es ist nicht ohne Gewicht. Nun gut, wenn Alles vor uns liegt, können wir in der That am besten entscheiden, was wir als Lösegeld anbieten, was zurückbehalten sollen.«

Judith war in ihren Gefühlen nicht ganz so uneigennützig, als sie sich die Miene gab. Sie erinnerte sich, daß die Neugierde Hetty’s in Bezug auf diesen Schrank war befriedigt worden, während die ihrige unberücksichtigt blieb; und es war ihr nicht leid, eine Gelegenheit zu bekommen, in diesem Einen Punkt sich ihrer minder begabten Schwester gleich zu stellen. Da es schien, als seyen Alle darüber einverstanden, die Untersuchung des Inhalts des Schrankes solle weiter fortgesetzt werden, machte sich Wildtödter daran, die zweite Leinwanddecke zu entfernen.

Die zu oberst liegenden Artikel, nachdem wieder der Vorhang von den Geheimnissen des Schrankes weggezogen war, waren ein Paar Pistolen, sehr schön mit Silber eingelegt. Ihr Werth würde in einer der Städte ansehnlich gewesen seyn, obgleich sie für die Wälder eine Art selten gebrauchter Waffen waren; ja, nie wurden sie eigentlich gebraucht, außer etwa von einem Officier aus Europa, der die Colonien besuchte, wie damals Manche zu thun pflegten, und der so erfüllt war von der Vortrefflichkeit der Sitten und Gebräuche von London, daß er meinte, er dürfe sie auch auf der Grenze Amerika’s nicht bei Seite legen. Was bei der Auffindung dieser Waffen sich zutrug, wird im nächsten Kapitel kund werden.

Dreizehntes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Ein Eichenlehnstuhl, zerbrochen gar,
Ein Leuchter, seiner Handhabe baar;
Ein eschenes Bett aus der Rumpelkammer;
Ein Koffer ohne Schloß und Klammer;
Eine Beißzange, die nicht mehr packt;
Ein Degen, die Spitze abgehackt;
Eine Schüssel, Wohl lecker gefüllt, als noch ganz;
Ein Ovid, sammt alter Conkordanz.
Swift’s Inventar.

Sobald Wildtödter die Pistolen aufgehoben, wandte er sich gegen den Delawaren und hielt sie ihm hin, sie zu bewundern.

»Kind’s Gewehr,« sagte die Schlange lächelnd, indem er eine der Waffen wie ein Spielzeug handhabte. »Nicht so, Schlange, nicht so. Es ist für einen Mann gemacht, und würde einen Riesen zufrieden stellen, recht gebraucht. Aber halt; weiße Männer zeichnen sich aus durch die Sorglosigkeit, womit sie Feuerwaffen in Schränken und Winkeln auf die Seite legen. Laßt mich sehen, ob diese Waffen sorglich behandelt worden sind.«

Mit diesen Worten nahm Wildtödter die Waffe seinem Freund aus der Hand und öffnete die Pfanne. Diese war mit Pulver gefüllt, das durch Zeit, Feuchtigkeit und Druck wie in ein Stückchen Kohle zusammengebacken war. Ein Versuch mit dem Ladstock zeigte, daß beide Pistolen geladen waren, obwohl Judith bezeugen konnte, daß sie vielleicht Jahre lang in dem Schranke gelegen. Es wäre schwer, das Erstaunen des Indianers bei dieser Entdeckung zu schildern, denn er war gewohnt, das Pulver auf seiner Pfanne täglich zu erneuen, und in andern kurzen Zwischenzeiten nach der Ladung seines Gewehrs zu sehen.

»Das ist weiße Nachlässigkeit,« sagte Wildtödter, den Kopf schüttelnd, »und kaum eine Jagdjahrszeit geht vorüber, ohne daß Jemand in den Ansiedlungen dadurch zu Schaden kommt. Es ist auch außerordentlich, Judith – ja, es ist geradezu außerordentlich, daß der Eigenthümer sein Gewehr auf einen Hirsch, oder ein andres Wild, oder vielleicht auf einen Feind abfeuern, und dann zweimal unter dreien fehlen soll; aber es stoße ihm ein Unfall zu mit einer solchen vergessenen Ladung – und sie bringt sichern Tod einem Kind, einem Bruder oder Freund! Nun, wir werden dem Eigenthümer einen Dienst erweisen, wenn wir an seiner Statt diese Pistolen abfeuern; und da sie für Euch und für mich etwas Neues sind, wollen wir unsre stete Hand an einem Ziele versuchen. Erneuert dieß Pulver auf der Pfanne, und ich will es bei dieser thun, dann wollen wir sehen, wer der beste Schütze ist mit einer Pistole; was die Büchse betrifft, so ist das längst unter uns ausgemacht!«

Wildtödter lachte herzlich über seinen eignen Einfall, und nach ein paar Minuten standen sie Beide auf der Plattform, sich einen Gegenstand in der Arche zur Zielscheibe zu wählen. Judith führte die Neugier auch herbei.

»Tretet zurück, Mädchen, tretet ein Wenig zurück; diese Waffen sind schon lange geladen,« sagte Wildtödter, »und es könnte bei dem Abfeuern ein Unfall sich ereignen.«

»Dann sollt Ihr sie nicht abfeuern! Gebt sie beide dem Delawaren; oder es wäre besser, die Ladung herauszuziehen, statt sie abzufeuern,«

»Das ist gegen den Gebrauch – und manche Leute meinen: gegen die Mannhaftigkeit, obgleich ich solche einfältige Lehren nicht annehme. Wir müssen sie abfeuern, Judith, ja, wir müssen sie abfeuern: obgleich ich voraussehe, daß Keiner Ursache haben wird, sich seiner Geschicklichkeit groß zu rühmen.«

Judith war im Ganzen ein Mädchen von vielem persönlichen Muth, und ihre Lebensweise machte, daß sie Nichts von der Angst fühlte, welche beim Knall von Feuerwaffen leicht ihr Geschlecht überfällt. Sie hatte manche Büchse abgefeuert, und man wußte sogar, daß sie unter Umständen, die den Erfolg begünstigten, ein Wild erlegt hatte. Sie ergab sich daher, trat ein Wenig zurück, neben Wildtödter, und überließ dem Indianer die Fronte der Plattform allein. Chingachgook erhob die Waffe mehrere Male, suchte sie mit Anwendung beider Hände in eine stete Lage zu bringen, wechselte seine Stellung, die ihm unbequem schien und nahm eine noch unbequemere an, und endlich drückte er ab, mit einer Art verzweifelter Gleichgültigkeit, ohne in der That irgend ein Ziel fest in’s Auge gefaßt zu haben. Die Folge war, daß er statt den Knoten zu treffen, der zur Zielscheibe bestimmt worden war, die Arche ganz und gar fehlte, und die Kugel auf dem Wasser dahintanzte, wie ein mit der Hand geworfner Stein.

»Gut gemacht, Schlange – gut gemacht!« rief Wildtödter, und lachte in seiner geräuschlosen Munterkeit; »Ihr habt den See getroffen, und das ist eine Großthat für manche Männer. Ich wußte es, und sagte es auch der Judith hier; denn diese kurzen Waffen eignen sich nicht für Rothhautsgaben. Ihr habt den See getroffen, und das ist besser, als nur die Luft treffen! Jetzt tretet zurück und laßt uns sehen, was weiße Gaben vermögen mit einer weißen Waffe. Eine Pistole ist keine Büchse; aber Farbe ist Farbe.«

Wildtödter zielte ebenso rasch als stet, und der Knall erfolgte beinah in dem Augenblick, wo er die Waffe erhob. Aber die Pistole zersprang und Bruchstücke davon flogen nach allen Richtungen; einige fielen auf das Dach des Castells, andere in die Arche, und noch andre in’s Wasser. Judith kreischte laut auf, und als die beiden Männer sich ängstlich zu dem Mädchen wandten, war sie bleich wie der Tod und zitterte an allen Gliedern.

»Sie ist verwundet – ja, das arme Mädchen ist verwundet, Schlange, obgleich man es nicht hätte vermuthen sollen, da wo sie stand. Wir wollen sie auf einen Sitz führen und müssen alles Mögliche für sie thun, soweit unsre Einsicht und Geschicklichkeit reicht.«

Judith ließ sich zu dem Sitz hinführen, schluckte einen Mundvoll von dem Wasser, das ihr der Delaware in einer Lederflasche bot, und nach einem heftigen Anfall von Zittern, das ihre schöne Gestalt bis zur Auflösung schien schütteln zu wollen, brach sie in Thränen ans.

»Der Schmerz muß ertragen seyn, arme Judith – ja er muß ertragen seyn,« sagte Wildtödter ihr zusprechend; »obwohl ich weit entfernt bin, zu verlangen, daß Ihr nicht weinen sollt; denn Weinen erleichtert oft mädchenhafte Gefühle. Wo kann sie denn verletzt seyn, Schlange? Ich sehe keine Spuren von Blut, auch keine Risse in Haut oder Kleidern.«

»Ich bin nicht beschädigt, Wildtödter,« stammelte das Mädchen unter ihren Thränen. »Es ist Schrecken – Nichts weiter, ich versichere Euch; und Gott sey gepriesen, ich sehe, Niemand ist durch den Zufall beschädigt.«

»Das ist außerordentlich!« rief der arglose und treuherzige Jäger. »Ich dachte, Judith, Ihr wäret hinaus über die Schwächen der Leute in den Ansiedlungen, und nicht ein Mädchen, das sich durch den Knall einer zerspringenden Waffe in Schrecken setzen ließe. Nein, ich hätte Euch nicht für so schüchtern gehalten! Hetty hätte wohl darüber in Angst gerathen dürfen; aber Ihr habt zu viel Vernunft und Einsicht, um zu erschrecken, nachdem die ganze Gefahr vorüber! Sie sind dem Auge wohlgefällig, Häuptling, und abwechselnd, aber sehr unzuverlässig in ihren Gefühlen.«

Schaam hielt Judiths Mund verschlossen. Es war keine Schauspielkunst in ihrer Aufregung, sondern Alles war die natürliche Folge plötzlicher, unüberwindlicher Besorgniß und Angst, die ihr selbst beinah ebenso unerklärlich vorkam, wie sie es ihren Genossen war. Sie wischte sich jedoch die Spuren der Thränen ab, lächelte wieder, und war bald im Stand, in das Lachen über ihre eigne Thorheit einzustimmen.

»Und Ihr, Wildtödter,« dieß brachte sie am Ende über die Lippen, »seyd Ihr wirklich ganz unverletzt? Es erscheint beinahe wie ein Wunder, daß eine Pistole Euch in der Hand zerspringen mußte, und Ihr ohne den Verlust eines Glieds, wo nicht gar des Lebens davonkamet!«

»Solche Wunder sind gar nicht ungewöhnlich bei alten, verbrauchten Waffen. Die erste Büchse, die sie mir gaben, spielte mir denselben Streich, und doch kam ich lebend davon, obwohl nicht so ohne Schaden wie dieß Mal. Thomas Hutter besitzt jetzt eine Pistole weniger, als er diesen Morgen besaß, aber da der Zufall sich ereignete bei einem Versuch ihm zu dienen, hat er keinen Grund sich zu beklagen. Jetzt kommt herbei, und laßt uns weiter nach dem Inhalt des Schrankes sehen.«

Judith war mittlerweile ihrer Bewegung so weit Meister geworden, daß sie ihren Sitz wieder einnehmen konnte, und die Untersuchung nahm ihren Fortgang. Der nächste Artikel, der sich fand, war in Tuch eingewickelt und als man dieß öffnete, zeigte sich, daß es eines der mathematischen Instrumente war, wie sie damals die Seeleute hatten, mit den gewöhnlichen Zierrathen und Bändern von Metall. Wildtödter und Chingachgook legten ihre Bewunderung und Ueberraschung bei Auffindung des ihnen unbekannten Instruments an den Tag, welches glänzte und glitzerte, und allem Anschein nach sorglich behandelt war.

»Das geht über die Feldmesser hinaus, Judith,« rief Wildtödter, nachdem er das Instrument mehrmals in seinen Händen herumgedreht; »ich habe alle ihre Werkzeuge oft gesehen, und ruchlos und herzlos genug sind sie, denn sie kommen nie in den Wald, als nur um der Verwüstung und Zerstörung Bahn zu machen; aber keines von ihnen hat ein so kluges Aussehen wie dieses! Ich fürchte am Ende doch, Thomas Hutter hat sich in die Wildniß begeben, nicht mit den besten Absichten gegen ihr Glück. Habt Ihr je schon das Thun und Treiben eines Feldmessers an Eurem Vater gesehen, Mädchen?«

»Er ist kein Feldmesser, Wildtödter, kennt auch nicht den Gebrauch dieses Instruments, obgleich er dessen Besitzer zu seyn scheint. Meint Ihr, Thomas Hutter habe je diesen Rock getragen? Er ist eben so viel zu groß für ihn, als dieß Instrument über seine Kenntnisse ist.«

»Das ist’s – das muß seyn, Schlange; und der alte Camerad ist, auf irgend eine unbekannte Weise, der Erbe von eines Andern Habe geworden! Sie sagen, er sey ein Seemann gewesen, und ohne Zweifel – dieser Schrank und Alles was er enthält – Ha! was kommt da! das geht noch weit über das Metall und das schwarze Holz des Instruments!«

Wildtödter hatte einen kleinen Sack geöffnet, aus dem er nacheinander die Figuren eines Schachspiels herausholte. Sie waren von Elfenbein, weit größer als gewöhnlich, und köstlich gearbeitet. Jedes Stück stellte den Charakter oder die Sache dar, wornach es genannt ist; die Ritter (Springer) waren zu Pferde, die Thürme standen auf Elephanten, und selbst die Bauern hatten Köpfe und Büsten von Männern. Das Spiel war nicht vollständig, und einige Beschädigungen zeugten von unsorgfältiger Behandlung; aber Alles was noch übrig, war sorgfältig zurückgelegt und aufbewahrt. Selbst Judith drückte ihre Verwunderung aus, als man ihr diese neuen Gegenstände vorwies, und Chingachgook vergaß in seinem bewundernden Entzücken gänzlich seine indianische Würde. Er hob jedes Stück auf, prüfte es genau mit nimmer ermüdender Zufriedenheit, und machte das Mädchen auf die sinnreichsten und auffallendsten Theile der Arbeit aufmerksam. Die Elephanten aber machten ihm das größte Vergnügen. Die »Hughs!« die er hören ließ, als er mit den Fingern über ihre Rüssel und Ohren und Schwänze fuhr, waren sehr vernehmlich; auch entgingen seiner Aufmerksamkeit die als Bogenschützen bewaffneten Bauern nicht. Dieß Auskramen dauerte einige Minuten, während welcher Zeit Judith und der Indianer sich miteinander ganz in ihr Entzücken vertieften. Wildtödter saß schweigend, nachdenklich, und sogar düster da, obgleich seine Augen jede Bewegung der zwei Personen verfolgten, die hier die Hauptrolle spielten, und jede neue Eigenthümlichkeit an den einzelnen Stücken, so wie sie aufgehoben und vorgezeigt wurden, sich merkten. Kein Ausruf des Wohlgefallens, kein Wort des Beifalls kam über seine Lippen. Endlich bemerkten seine Genossen sein Schweigen, und jetzt zum erstenmal, seit der Auffindung der Schachfiguren, sprach er.

»Judith,« fragte er ernst, aber mit einer Theilnahme, die beinahe an Weichheit und Zärtlichkeit grenzte, »sprachen Eure Eltern je mit Euch von Religion?«

Das Mädchen erröthete, und die Purpurflammen, die über ihr schönes Angesicht liefen, glichen den seltsamen Tinten eines neapolitanischen Himmels im November. Wildtödter hatte ihr jedoch ein solches Wohlgefallen an der Wahrheit beigebracht, daß sie in ihrer Antwort nicht schwankte, sondern einfach und aufrichtig erwiederte:

»Meine Mutter, ja oft,« sagte sie, »mein Vater nie. Es kam mir vor, es mache meine Mutter bekümmert, von unsern Gebeten und Pflichten zu sprechen; aber mein Vater hat nie den Mund über solche Dinge aufgethan vor oder seit ihrem Tode.«

»Das kann ich glauben – das kann ich glauben. Er hat keinen Gott – keinen solchen Gott, wie es einem Menschen von weißer Haut zu verehren geziemt, oder auch einer Rothhaut. Die Dinge da sind Götzen!«

Judith fuhr auf, und einen Augenblick schien sie ernstlich gekränkt. Dann besann sie sich, und am Ende lachte sie.

»Und Ihr meint also, Wildtödter, diese elfenbeinernen Spielsachen seyen meines Vaters Götter? Ich habe schon von Götzen gehört, und weiß was sie sind.«

»Es sind Götzen!« wiederholte der Andere mit Bestimmtheit. »Warum sollte sie Euer Vater aufbewahren, wenn er sie nicht anbetet?«

»Würde er seine Götter in einem Sack haben, und in einem Schrank eingeschlossen? Nein, nein, Wildtödter, mein armer Vater hat seinen Gott bei sich, wohin er geht, und das ist seine eigene Sache. Diese Dinge da mögen wirklich Götzen seyn – ich glaube selbst, das sind sie, nach dem was ich von Götzendienerei gehört und gelesen habe, aber sie kommen aus einem fernen Lande, wie alle die andern Gegenstände und sind in Thomas Hutter’s Hände gekommen, als er Matrose war.«

»Das freut mich – das freut mich wahrhaft zu hören, Judith, denn ich glaube, ich hätte den Entschluß nicht aufgebracht, einem weißen Götzendiener aus seiner Noth zu helfen! Der alte Mann ist von meiner Farbe und Nation, und ich wünschte ihm zu dienen, aber verläugnete er alle seine Gaben im Punkte der Religion, so würde mich’s hart ankommen, das zu thun. Das Thier da scheint Euch große Freude zu machen, Schlange, obgleich es im besten Fall ein abgöttisches Haupt ist.«

»Es ist ein Elephant,« unterbrach ihn Judith. »Ich habe oft Abbildungen von solchen Thieren in der Garnison gesehen; und Mutter hatte ein Buch, worin Nachrichten von dem Geschöpfe gedruckt sind. Vater verbrannte das, sammt allen andern Büchern, denn er sagte, Mutter lese zu gern. Das war nicht lange, ehe die Mutter starb, und ich habe manchmal gedacht, der Verlust habe ihr Ende beschleunigt.«

Sie sagte dieß ebenso einerseits ohne Leichtsinn, als andrerseits ohne tieferes Gefühl. Ohne Leichtsinn, denn Judith war trüb gestimmt durch ihre Erinnerungen, und doch war sie zu sehr gewohnt gewesen, für sich allein und für die Befriedigung ihrer eiteln Neigungen zu leben, um ihrer Mutter Leiden sehr tief zu fühlen. Es bedurfte außerordentlicher Umstände, um ein geeignetes Bewußtseyn ihrer Lage zu erwecken, und die bessern Gefühle dieses schönen, aber mißleiteten Mädchens anzuspornen; und diese Umstände waren in ihrem kurzen Daseyn noch nicht eingetreten.

»Elephant oder nicht Elephant, es ist ein Götzenbild,« versetzte der Jäger, »und nicht geeignet, in christlichen Händen zu bleiben.«

»Gut für Irokesen!« sagte Chingachgook, mit Widerstreben sich von einem der Thürme trennend, als sein Freund ihn ihm abnahm, um ihn wieder in den Sack zu schieben, »Elephon einen ganzen Stamm erkaufen – beinahe Delawaren erkaufen!«

»Ja, das würde er, wie Jeder wissen muß, der die Natur der Rothhäute kennt,« versetzte Wildtödter; »aber der Mann, der falsches Geld in Umlauf setzt, Schlange, ist so schlimm, als der, der es münzt. Habt Ihr je von einem rechten Indianer gehört, der es nicht verschmähen würde, einen Iltiß für einen ächten Marder zu verkaufen, oder ein Stinkthier für einen Biber auszugeben? Ich weiß, daß wenige von diesen Götzenbildern, vielleicht Einer von diesen Elephanten Viel ausrichten würde, dem armen Thomas Hutter die Freiheit zu erkaufen, aber es läuft gegen das Gewissen, solches falsche Geld in Umlauf zu bringen. Vielleicht kein indianischer Stamm hier herum ist eigentlich götzendienerisch; aber einige kommen dem so nahe, daß weiße Gaben sich wohl hüten müssen, sie in ihrem Irrthum zu ermuthigen.«

»Wenn Götzendienerei eine Gabe ist, Wildtödter, und Gaben das sind, wofür Ihr sie zu halten scheint, so kann Götzendienerei bei solchen Leuten schwerlich Sünde seyn,« sagte Judith mit mehr Keckheit als Unterscheidungskraft.

»Gott verleiht Keinen von seinen Geschöpfen solche Gaben,« versetzte der Jäger ernsthaft. »Er muß angebetet werden, unter einem oder dem andern Namen, und nicht Kreaturen von Metall oder Elfenbein. Es ist gleichgültig, ob der Vater von Allen Gott genannt wird, oder Manitou, Gottheit oder Großer Geist, er ist nichtsdestoweniger unser gemeinsamer Herr und Schöpfer; auch trägt es nicht Viel aus, ob die Seelen der Gerechten in’s Paradies kommen, oder in die glücklichen Jagdreviere, da Er ja Jeden seinen Weg schicken kann, wie es seiner Gnade und Weisheit beliebt; aber es empört mein Blut, wenn ich menschliche Sterbliche so in Finsterniß und Wahn befangen sehe, daß sie Erde oder Holz, oder Knochen – Dinge von ihren eignen Händen geformt – zu bewegungslosen, sinnlosen Bildern gestalten, und dann vor ihnen niederfallen, und sie wie eine Gottheit anbeten!«

»Am Ende, Wildtödter, sind alle diese elfenbeinernen Figuren gar keine Götzenbilder. Ich erinnere mich jetzt einen der Officiere der Garnison gesehen zu haben mit einem Spiel: Fuchs und Gänse, in ähnlicher Weise verfertigt wie diese; und da ist etwas Hartes in Tuch eingewickelt, das vielleicht zu den Götzenbildern gehört.«

Wildtödter nahm das Päckchen, das ihm das Mädchen reichte, machte es auf, und fand darin das Schachbrett. Wie die Figuren war es groß, prächtig, und mit Ebenholz und Elfenbein eingelegt. Nachdem dieß Alles in Verbindung gebracht wurde, trat der Jäger, obwohl nicht ohne viele Bedenklichkeiten, allmälig Judiths Ansicht bei, und gab am Ende zu, die vermeintlichen Götzenbilder müßten wohl nur die seltsam geschnitzten Figuren eines unbekannten Spieles seyn. Judith besaß so viel Takt, ihren Sieg mit großer Mäßigung zu benutzen; auch spielte sie nie auch nur aufs entfernteste auf den komischen Irrthum ihres Freundes an.

Diese Entdeckung der Bestimmung der so seltsam aussehenden kleinen Figuren brachte die Angelegenheit des zu bietenden Lösegeldes in’s Reine. Es ward allgemein anerkannt – und alle waren mit dem Geschmack und den Schwächen der Indianer vertraut – daß Nichts ohne Zweifel die Habsucht der Irokesen mehr reizen würde, als namentlich die Elephanten. Zum Glück waren alle vier Thürme unter den vorhandenen Stücken, und es ward endlich beschlossen, diese vier thürmetragenden Thiere sollten das anzubietende Lösegeld ausmachen. Die übrigen Figuren, so wie auch alle andern Artikel in dem Schranke sollten versteckt gehalten, und nur im äußersten Nothfall zu Hülfe genommen werden. Sobald diese Präliminarien in’s Reine gebracht waren, wurde Alles, außer den zum Lösegeld bestimmten Artikeln sorgfältig wieder in den Schrank gepackt, und alle Bedeckungen wurden wieder hineingesteppt, wie man sie gefunden; und es war ganz wohl möglich, daß, wenn Hutter wieder in den Besitz des Castells gesetzt werden konnte, er darin den übrigen Rest seiner Tage verlebte, ohne auch nur den Eingriff zu argwohnen, den man sich an dem Geheimniß des Schranks erlaubt hatte. Die zersprungene Pistole hätte am ehesten das Geheimniß verrathen können, aber diese ward neben die ihr entsprechende hingelegt, und Alles ward zusammengedrückt, wie es zuvor gewesen; ein halb Dutzend Päcke unten auf dem Boden des Schranks waren gar nicht geöffnet worden. Nachdem dieß geschehen, wurde der Deckel herabgesenkt, die Schlösser wieder vorgelegt, und der Schlüssel umgedreht. Dieser wurde dann wieder in die Tasche gesteckt, aus der man ihn herausgenommen. Mehr als eine Stunde verging, bis man sich über das nun einzuschlagende Verfahren vereinigt und Alles wieder an seinen Ort gebracht hatte. Die Pausen, während deren man sich besprach, waren häufig; und Judith, die ein lebhaftes Wohlgefallen an der offenen, unverhehlten Bewunderung hatte, womit Wildtödters ehrliches Auge in ihr schönes Antlitz schaute, fand mit einer Gewandtheit, die der weiblichen Koketterie angeboren scheint, Mittel, die Unterhaltung zu verlängern. Wildtödter schien in der That der Erste zu seyn, dem es einfiel, wie viel Zeit man so vergeude, und der die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf die Nothwendigkeit hinlenkte, Etwas zu thun, um den Auslösungsplan in Ausführung zu bringen. Chingachgook war in Hutter’s Schlafzimmer geblieben, wohin man die Elephanten gebracht hatte, um sein Auge an den Bildern so wunderbarer und so neuer Thiere zu weiden. Vielleicht sagte ihm ein instinktmaßiges Gefühl, seine Gegenwart würde seinen Genossen nicht so erwünscht seyn, als wenn er sich entfernt halte; denn Judith beobachtete nicht viel Zurückhaltung in der Kundgebung ihrer Vorliebe, und der Delaware hatte es nicht bis zur Verlobung gebracht, ohne sich auch einige Kenntnisse der Symptome der ›großen Leidenschaft‹ zu erwerben.

»Nun, Judith,« sagte Wildtödter aufstehend, nachdem die Besprechung weit länger gedauert hatte, als er selbst ahnte; »es ist angenehm, mit Euch zu plaudern und alle diese Dinge ins Reine zu bringen, aber die Pflicht ruft uns anders wohin. Diese ganze Zeit her sind Hurry und Euer Vater, Nichts zu sagen von Hetty –«

Dieß Wort ward dem Redenden im Mund abgeschnitten, denn in diesem entscheidenden Augenblick hörte man einen leichten Schritt auf der Plattform oder dem Thorhof, eine menschliche Gestalt beschattete die Thüre – und die zuletzt genannte Person stand vor ihm. Der leise Ausruf, welcher Wildtödtern entschlüpfte, und Judiths schwaches Kreischen waren kaum über ihre Lippen, als ein indianischer Jüngling, zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, neben ihr stand. Das Eintreten dieser Beiden war, da sie Mokkassins an den Füßen hatten, fast ohne alles Geräusch erfolgt; aber so unerwartet und verstohlen sie sich jetzt näherten, vermochten sie doch Wildtödters Selbstbeherrschung nicht zu erschüttern. Sein Erstes war, daß er schnell auf delawarisch zu seinem Freunde sprach und ihn warnte, sich versteckt zu halten und auf der Hut zu seyn; das Nächste, daß er an die Thür trat, um sich von dem Umfang der Gefahr zu vergewissern. Niemand sonst jedoch war gekommen; und ein einfaches Fahrzeug, in Gestalt eines Floßes, das neben der Arche schwamm, erklärte sofort, auf welche Art Hetty herangekommen. Zwei gefallene und trockne, und daher schwimmende Tannenstämme waren zusammengebunden mit Pflöcken und Weiden, und eine kleine Plattform von Flußkastanienholz war kunstlos darauf angebracht. Hier hatte Hetty auf einem Holzscheit gesessen, während der junge Irokese das rohe und schwerbewegliche, aber vollkommen sichere Fahrzeug von der Küste hieher ruderte. Sobald Wildtödter diesen Floß genau ins Auge gefaßt und sich versichert hatte, daß sonst Nichts in der Nähe war, schüttelte er den Kopf und murmelte in seiner Art, mit sich selbst zu reden:

»Das kommt dabei heraus, wenn man in andrer Leute Schränken wühlt! Wären wir aufmerksam und wachsam gewesen, so hätte nie eine solche Überraschung stattfinden können: und daß uns diesen Streich ein Knabe spielt, zeigt uns, was wir zu erwarten haben, wenn die alten Krieger selbst sich recht daran machen, ihre Tücken auszuführen. Indeß, es bahnt uns den Weg zu einer Unterhandlung über das Lösegeld, und ich will hören, was Hetty zu sagen hat.«

Judith zeigte, sobald ihre Ueberraschung und ihr Schrecken ein wenig sich gelegt hatten, eine geziemende, zärtliche Freude über die Rückkunft ihrer Schwester. Sie drückte sie an ihre Brust und küßte sie, wie ihre Gewohnheit gewesen in den Tagen ihrer Kindheit und Unschuld. Hetty selbst war weniger ergriffen; denn für sie gab es keine Ueberraschung, und ihre Nerven waren gestählt durch die Reinheit und Heiligkeit ihres Bestrebens. Auf ihrer Schwester Bitte setzte sie sich, und begann eine Erzählung ihrer Abenteuer, seit sie sich getrennt hatten. Ihre Erzählung fing gerade an, als Wildtödter zurückkehrte, und auch er wurde ein aufmerksamer Zuhörer, während der junge Irokese nahe an der Thüre stand, anscheinend so gleichgültig gegen Alles was vorging, wie einer ihrer Pfosten.

Die Erzählung des Mädchens war klar genug, bis sie zu dem Zeitpunkt gelangte, wo wir sie in dem Lager verließen, nach der Besprechung mit den Häuptlingen und bis zu dem Augenblick, wo Hist sie so plötzlich verließ, wie oben angegeben. Die weitere Geschichte mag in ihren eignen Worten folgen:

»Als ich den Häuptlingen die Texte las, Judith, da hättest Du wohl nicht bemerkt, daß sie irgend eine Veränderung in ihren Gemüthern hervorbrachten,« sagte sie; »aber wenn der Samen ausgestreut ist, so wird er auch wachsen. Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt –«

»Ja, das hat er, das hat er,« murmelte Wildtödter, »und ein schöner Ertrag ist gefolgt.«

»Gott hat den Samen aller Bäume gepflanzt,« fuhr Hetty nach einer augenblicklichen Pause fort, »und Ihr seht, zu welcher Höhe, zu welchem Schatten sie emporgewachsen sind! So ist es mit der Bibel. Ihr könnt dieß Jahr einen Vers lesen, und ihn vergessen, und ein Jahr später kommt er Euch wieder in den Sinn, wenn Ihr am wenigsten daran denkt, Euch seiner wieder zu erinnern.«

»Und hast Du etwas der Art unter den Wilden gefunden, arme Hetty?«

»Ja, Judith, und eher und reichlicher als ich je gehofft hätte. Ich blieb nicht lange bei Vater und Hurry, sondern ging, mit Hist mein Frühstück einzunehmen. Sobald wir damit fertig waren, kamen die Häuptlinge zu uns, und da erkannten wir die Früchte des ausgestreuten Samens. Sie sagten, was ich aus dem guten Buche gelesen, sey recht – es müsse recht seyn – es laute recht wie ein holder Vogel, der ihnen ins Ohr singe; und sie hießen mich zurückkehren, und dieß dem großen Krieger sagen, der Einen ihrer Tapfern getödtet, und es Dir erzählen, und auch sagen, wie glücklich sie sich schätzen würden, hier im Castell zur Kirche zu kommen, oder auch draußen in der Sonne, und mich Mehr lesen zu hören aus dem heiligen Buche – und hießen mich Euch sagen, sie wünschten, daß Ihr ihnen einige Canoe’s leihet, damit sie Vater und Hurry, und auch ihre Weiber zu dem Castell herüberführen könnten, daß wir Alle dort auf der Plattform säßen, und horchten dem Gesange des Manitou der Bleichgesichter. Nun, Judith, hast Du je Etwas gehört, was so offenkundig die Macht der Bibel zeigt, wie dieß?«

»Wenn es wahr wäre, so wäre es allerdings ein Wunder, Hetty. Aber dieß Alles ist Nichts als indianische Schlauheit und Verrätherei, die uns durch List zu überwinden suchen, wenn sie finden, daß es mit Gewalt nicht geht.«

»Zweifelst Du an der Bibel, Schwester, daß Du die Wilden so hart beurtheilst?«

»Ich zweifle nicht an der Bibel, arme Hetty, aber ich zweifle sehr an einem Indianer und einem Irokesen. Was sagt Ihr zu diesem Besuch, Wildtödter?«

»Erst laßt mich ein Wenig mit Hetty sprechen,« versetzte der Befragte; »ward dieser Floß gefertigt, nachdem Ihr Euer Frühstück eingenommen, Mädchen? und begabet Ihr Euch von dem Lager nach der uns gegenüberliegenden Küste hier?«

»Oh! nein, Wildtödter. Der Floß war bereit und im Wasser – konnte das durch ein Wunder geschehen seyn, Judith?«

»Ja – ja – ein indianisches Wunder,« versetzte der Jäger. »Sie sind erfahren genug in dieser Art von Wundern. Und Ihr fandet den Floß ganz bereit vor Euch, und im Wasser, und Eurer wartend, als seiner Ladung?«

»Alles so wie Ihr sagt. Der Floß war nahe beim Lager, und die Indianer setzten mich darauf, und hatten Schiffstaue, und zogen mich an den Platz gegenüber dem Castell, und dann hießen sie diesen jungen Mann mich herüber rudern.«

»Und die Wälder sind voll von den Vagabunden, die nur warten, um zu erfahren, was das Ende von dem Mirakel seyn werde. Wir begreifen jetzt diesen Handel, Judith, und ich will nur erst diesen jungen canadischen Blutsauger abfertigen, dann wollen wir über unser Verfahren uns besprechen. Laßt Ihr und Hetty uns allein mit einander, zuvor aber bringt mir die Elephanten, welche Schlange bewundert; denn es wird nicht gut thun, diesen lauernden Burschen nur eine Minute allein zu lassen, oder er entlehnt ein Canoe, ohne zu fragen.«

Judith that nach seinem Verlangen, brachte zuerst die Figuren und entfernte sich dann mit ihrer Schwester in ihr Gemach. Wildtödter hatte sich einige Bekanntschaft mit den meisten indianischen Dialekten der Gegend erworben, und verstand Irokesisch genug, um ein Gespräch in dieser Sprache zu führen. Er winkte daher dem Burschen und hieß ihn auf den Schrank sitzen, worauf er plötzlich zwei von den Thürmen vor ihn hinstellte. Bis zu diesem Augenblick hatte der junge Wilde durch keine Miene eine innere Bewegung oder ein Wohlgefallen verrathen. Es waren viele Sachen in dem Gemach und draußen, die ihm neu seyn mußten, aber er hatte seine Selbstbeherrschung mit stoischer Fassung behauptet. Zwar hatte Wildtödter bemerkt, wie sein dunkles Auge die Vertheidigungsanstalten und Waffen musterte, aber diese Musterung war mit so unschuldiger Miene in einer so kindischen, faulen, gaffenden Art angestellt worden, daß Niemand als ein Mann, der selbst eine ähnliche Schule durchlaufen, seine Absicht auch nur von ferne hätte argwohnen können. In dem Augenblick aber, wo das Auge des Wilden auf das schöngearbeitete Elfenbein und auf die Figuren der wunderbaren unbekannten Thiere fiel, überwältigten ihn Ueberraschung und Bewunderung. Das Benehmen der Bewohner der Südseeinseln, als sie zuerst die Spielereien des civilisirten Lebens erblickten, ist oft geschildert worden; aber der Leser darf dieß nicht verwechseln mit dem Benehmen eines amerikanischen Indianers unter denselben Verhältnissen. Im vorliegenden Falle entfuhr dem jungen Irokesen oder Huronen ein Ausruf des Entzückens; dann aber nahm er sich sogleich zusammen, wie Einer, der sich einer Verletzung der Schicklichkeit schuldig gemacht. Dann hörten seine Augen auf, umher zu schweifen, und hefteten sich auf die Elephanten, von denen er nach kurzem Bedenken einen sogar mit der Hand zu betasten wagte. Wildtödter störte ihn volle zehn Minuten lang gar nicht, wohl wissend, daß der Junge die Merkwürdigkeiten sich so genau merken würde, daß er bei seiner Rückkehr den ältern Indianern die genaueste und ins Einzelnste gehende Beschreibung davon würde machen können. Nachdem der Jäger dachte, er habe ihm jetzt Zeit genug gelassen, sich Alles so genau einzuprägen, berührte er mit dem Finger das nackte Knie des Jünglings und nahm selbst dessen Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Hört mich,« sagte er; »ich möchte mit meinem jungen Freund aus den Canadas sprechen. Vergesse er seiner Verwunderung für eine Minute.«

»Wo ist der andere weiße Bruder?« fragte der Junge aufschauend und unwillkührlich entschlüpfte so seinem Munde der Gedanke, der am meisten seine Seele beschäftigt hatte vor der Vorzeigung der Schlachtfiguren.

»Er schläft – oder wenn er nicht eigentlich schläft, so ist er doch in dem Gemach, wo die Männer schlafen,« antwortete Wildtödter. »Woher weiß mein junger Freund, daß noch Einer da ist?«

»Ihn gesehen von der Küste aus, Irokesen lange Augen haben – über die Wolken hinaus sehen – den Grund der großen Quelle sehen!« »Gut, die Irokesen sind willkommen. Zwei Bleichgesichter sind Gefangene im Lager Eurer Väter, Knabe.«

Der Bursche nickte, und behandelte den Umstand anscheinend mit großer Gleichgültigkeit; obwohl er einen Augenblick darauf lachte, wie frohlockend über die überlegene Gewandtheit seines Stammes.

»Könnt Ihr mir sagen, Knabe, was Eure Häuptlinge mit diesen Gefangenen zu thun beabsichtigen; oder sind sie deßhalb noch nicht entschlossen?«

Der Bursche schaute einen Augenblick den Jäger mit einiger Ueberraschung an, dann setzte er kaltblütig die Spitze seines Zeigefingers an seinen Kopf, gerade über dem linken Ohr, und fuhr damit rund um den Schädel, mit einer Sicherheit und Genauigkeit, welche zeigte, wie gut er in der eigenthümlichen Kunst seines Volkes eingeschult seyn müsse.

»Wann?« fragte Wildtödter, dessen Galle schwoll, bei dieser kaltblütig zur Schau gestellten Gleichgültigkeit gegen Menschenleben. »Und warum nicht sie in Eure Wigwams mitnehmen?«

»Weg zu weit, und voll von Bleichgesichtern. Wigwam voll und Skalpe theuer zu verkaufen, kleiner Skalp, viel Gold.«

»Gut, das erklärt es – ja, das erklärt es. Es ist nicht nöthig deutlicher zu sprechen. Nun wißt Ihr, Bursche, daß der Aeltere von Euren Gefangenen der Vater von diesen zwei jungen Mädchen ist, und der Andere ist der Liebhaber der Einen. Die Mädchen wünschen natürlich, die Skalpe von so nahen Freunden zu retten, und sie wollen ihnen zwei elfenbeinerne Creaturen als Lösegeld geben, eine für jeden Skalp. Geht zurück und sagt das Euern Häuptlingen, und bringt mir die Antwort, ehe die Sonne untergeht.«

Der Knabe ging mit Eifer in diesen Vorschlag ein, und mit einer Aufrichtigkeit, die keinen Zweifel übrig ließ, daß er seinen Auftrag mit Einsicht und rasch ausführen werde. Einen Augenblick vergaß er seine Ehrliebe und alle seine Stammesfeindseligkeit gegen die Britten und ihre Indianer, in seinem Wunsche, einen solchen Schatz im Besitz seines Volkes zu wissen, und Wildtödter war mit dem Eindruck, den die Sache auf den Knaben gemacht, zufrieden. Zwar schlug der Junge vor, er wolle einen der Elephanten mit sich nehmen als Probe vom Andern, aber darein zu willigen, war sein Bruder Unterhändler zu scharfblickend, da er wohl wußte, daß derselbe, solchen Händen anvertraut, nie an den Ort seiner Bestimmung gelangen würde. Diese kleine Schwierigkeit war bald ausgeglichen, und dann schickte sich der Knabe zur Abfahrt an. Als er auf der Plattform stand, bereit auf den Floß zu steigen, besann er sich und kehrte sich plötzlich um, mit dem Vorschlag, man möchte ihm ein Canoe leihen, als ein Mittel, die Unterhandlung voraussichtlich bedeutend abzukürzen. Wildtödter schlug das Verlangen ruhig ab, und nach einigem weitern Zögern ruderte der Knabe langsam von dem Castell weg, seine Richtung nach einem Dickicht an der Küste zu nehmend, das weniger als eine halbe Meile entfernt war. Wildtödter setzte sich auf einen Stuhl und beobachtete die Fahrt des Botschafters; manchmal genau die ganze Linie der Küste, so weit das Auge reichte, musternd und dann einen Ellbogen auf ein Knie stemmend, das Kinn auf die Hand gestützt, blieb er so lange Zeit sitzen.

Während der Unterredung zwischen Wildtödter und dem Jungen, fiel im anstoßenden Gemach eine Scene andrer Art vor. Hetty hatte nach dem Delawaren gefragt, und als sie erfahren, warum und wo er sich verborgen halte, begab sie sich zu ihm. Der Empfang, welchen dieser Besuch bei Chingachgook fand, war freundlich und achtungsvoll. Er verstand ihren Charakter und ihr Wesen, und ohne Zweifel ward seine Geneigtheit, einem solchen Geschöpf freundlich zu begegnen, noch gesteigert durch die Hoffnung, Nachrichten von seiner Verlobten zu erhalten. Sobald das Mädchen eingetreten war, nahm sie einen Sitz und lud den Indianer ein, sich neben sie zu setzen, blieb aber dann stumm, als hielte sie für schicklich, daß er sie befrage, ehe sie sich entschlöße von dem Gegenstande zu sprechen, den sie auf dem Herzen hatte. Aber da Chingachgook dieß Gefühl nicht verstand, erwartete er in achtungsvoller Aufmerksamkeit und schweigend, was sie ihm mitzutheilen belieben möchte.

»Ihr seyd Chingachgook, die Große Schlange der Delawaren, nicht so?« begann endlich das Mädchen in ihrer einfachen Weise, ihre Selbstbeherrschung verlierend über dem Verlangen, weiter zu kommen, aber ängstlich bedacht, sich doch zuvor der Person recht zu versichern.

»Chingachgook,« versetzte der Delaware mit ernster Würde, »Das bedeuten Große Schlange in Wildtödters Sprache.«

»Gut, das ist meine Sprache. Wildtödter, und Vater, und Judith, und ich und der arme Hurry Harry – kennt Ihr Henry March, Große Schlange? – Doch ich weiß, Ihr kennt ihn nicht, sonst hätte auch er schon von Euch gesprochen.«

»Hat eine Zunge Chingachgook genannt, schmachtende Lilie?« denn so hatte der Häuptling die arme Hetty benannt. »Ward sein Name gesungen von einem kleinen Vogel unter den Irokesen?«

Hetty antwortete zuerst nicht; aber mit jenem nicht zu beschreibenden Gefühl, welches Sympathie und Verständniß erweckt unter den Jugendlichen und in der Welt Unerfahrenen ihres Geschlechts, ließ sie ihr Haupt hängen, und das Blut schoß ihr in die Wangen, ehe sie die Sprache wieder fand. Es würde über ihren Antheil von Verstand hinausgegangen seyn, diese Verlegenheit zu erklären; aber obwohl die arme Hetty nicht bei jedem vorkommenden Fall geordnet denken konnte, konnte sie doch immer fühlen. Die Röthe trat allmälig wieder aus ihren Wangen zurück, und das Mädchen schaute den Indianer schelmisch an, lächelnd mit der Unschuld eines Kindes, worein sich denn doch das Interesse des Weibes mischte. »Meine Schwester, die schmachtende Lilie, solchen Vogel hören!« fuhr Chingachgook fort, und das mit einer milden Freundlichkeit in Ton und Benehmen, die Solche würde in Erstaunen gesetzt haben, welche manchmal die unharmonischen, oft aus derselben Kehle kommenden schreienden Töne gehört hätten; aber solche Uebergänge von dem rauhen und Gurgel-Ton, zum sanften und melodischen sind nicht selten auch bei gewöhnlichen Gesprächen von Indianern: »Meiner Schwester Ohr offen gewesen – hat sie ihre Zunge verloren?«

»Ihr seyd Chingachgook– Ihr müßt es seyn; denn es ist kein andrer rother Mann da, und sie erwartete, daß Chingachgook kommen würde.«

»Chin–gach–gook,« so sprach er den Namen langsam aus und verweilte bei jeder Sylbe. »Große Schlange, Yengeese Sprache.«

»Chin–gach–gook,« wiederholte Hetty ebenso langsam und bedächtlich. »Ja, so nannte ihn Hist, und Ihr müßt der Häuptling seyn.«

»Wah-ta!-Wah,« rief der Delaware.

»Wah-ta!-Wah, oder Hist-oh!-Hist! Mir klingt Hist hübscher als Wah, und so nenne ich sie Hist.«

»Wah! sehr süß in Delawaren Ohren!«

»Ihr sprecht es aus, daß es anders klingt als bei mir. Aber einerlei; ich habe den Vogel singen hören, von dem Ihr sprecht, Große Schlange!«

»Will meine Schwester sagen Worte des Gesangs? – Was sie am meisten singen? – wie aussehen – sie oft lachen?«

»Sie sang Chin–gach–gook öfter als irgend sonst Etwas; und sie lachte herzlich, als ich ihr erzählte, wie die Irokesen uns im Wasser nachwateten, und uns nicht erreichen konnten. Ich hoffe, diese Stämme haben keine Ohren, Schlange!«

»Fürchtet die Stämme nicht; fürchtet Schwester nächstes Gemach. Nicht fürchten Irokesen; Wildtödter ihm Augen und Ohren stopfen mit seltsamem Gethier.« »Ich verstehe Euch, Schlange, und ich verstand Hist. Manchmal meine ich, ich sey nicht halb so schwachsinnig, als sie sagen, daß ich bin. Jetzt schaut hinauf zur Decke, so will ich Euch Alles sagen. Aber Ihr macht mir bange, Ihr schaut mich so wild an, wenn ich von Hist spreche.«

Der Indianer suchte seinen Mienen und Blicken einen sanftern Ausdruck zu geben, um des Mädchens treuherzigem Verlangen zu genügen.

»Hist trug mir auf, in sehr leisem Tone Euch zu sagen, Ihr dürfet den Irokesen in Nichts trauen. Sie sind tückischer als alle Indianer, die sie kennt. Dann sagt sie, es sey ein großer, glänzender Stern, der über den Hügel hervortritt etwa eine Stunde nach Anbruch des Dunkels – (Hist hatte den Planeten Venus bezeichnet, ohne es zu wissen,) – und genau, wann dieser Stern sichtbar wird, will sie auf dem Landvorsprung seyn, wo ich gestern Nacht gelandet habe, und Ihr sollet sie in einem Canoe abholen.«

»Gut – Chingachgook jetzt gut genug Verstehen; aber er versteht noch besser, wenn meine Schwester ihm noch einmal singt.«

Hetty wiederholte ihre Worte, erklärte noch umständlicher, welcher Stern gemeint sey, und bezeichnete den Punkt des Vorsprungs, wo er ans Land kommen sollte. Jetzt erzählte sie weiter in ihrer ungekünstelten, arglosen Art ihre Begegnung mit dem indianischen Mädchen, und wiederholte mehrere ihrer Ausdrücke und Meinungen, welche das Herz ihres Verlobten sehr entzückten. Besonders schärfte sie wiederholt ihre Warnungen ein, vor Verrätherei auf der Hut zu seyn; Warnungen, die jedoch kaum nöthig waren bei Männern, die so schlau wie die, welchen sie galten. Auch setzte sie mit genügender Klarheit – denn bei allen solchen Gegenständen versagte dem Mädchen ihr Verstand selten – die gegenwärtige Stellung des Feindes, und seine Bewegungen seit dem Morgen auseinander. Hist war mit ihr auf dem Fluß gewesen, bis es von der Küste abstieß; sie befand sich jetzt irgendwo in den Wäldern gegenüber dem Castell, und gedachte nicht in das Lager zurückzukehren, als bis gegen die Nacht; dann hoffte sie im Stande zu seyn, sich von ihren Genossinnen wegzustehlen, während sie der Küste entlang heimzögen, und sich auf dem Landvorsprung zu verbergen. Niemand schien die Anwesenheit Chingachgooks zu ahnen, obgleich man nothwendig wußte, daß in der vorigen Nacht ein Indianer in die Arche war aufgenommen worden, und man Verdacht hegte, er habe sich seither in und außer der Arche in der Tracht eines Bleichgesichts gezeigt. Doch herrschte in Betreff des letztern Punktes noch einiger Zweifel; denn da dieß die Jahrszeit war, wo man die Ankunft weißer Männer erwarten konnte, herrschte einige Besorgniß, die Besatzung des Castells möchte sich auf diesem ordentlichen Wege verstärken. All dieß hatte Hist der Hetty mitgetheilt, während die Indianer sie an der Küste hinzogen und die über sechs Meilen betragende Entfernung hatte dazu Zeit genug vergönnt.

»Hist weiß selbst nicht, ob sie gegen sie Verdacht haben oder nicht, oder ob sie gegen Euch Verdacht haben; aber sie hofft, daß keines von beiden der Fall ist. Und jetzt, Schlange, nachdem ich Euch so Viel von Eurer Verlobten gesagt,« fuhr Hetty fort, halb unbewußt eine Hand des Indianers ergreifend, und mit den Fingern spielend, wie oft ein Kind bei seinen Eltern thut; »müßt Ihr Euch Etwas von mir selbst sagen lassen. Wenn Ihr Hist heirathet. müßt Ihr gütig und freundlich gegen sie seyn, und gegen sie lächeln, wie Ihr jetzt gegen mich thut; und nicht sauer und finster sehen, wie einige Häuptlinge mit ihren Weibern thun. Wollt Ihr mir das versprechen?«

»Immer gut mit Wah! – zu zart, um hart zu zwirnen – sonst sie brechen.« »Ja, und auch lächeln; Ihr wißt nicht, wie sehr ein Mädchen nach Lächeln schmachtet von denen, die sie lieb hat. Vater lächelte mir kaum Einmal zu, wie ich dort bei ihm war – und Hurry – ja – Hurry schwatzte laut und lachte; aber ich glaube, er lächelte nicht Einmal, Ihr kennt den Unterschied zwischen Lächeln und Lachen?«

»Lachen das Beste! Hört Wah! lachen; denkt, Vogel singe.«

»Ich weiß das; ihr Lachen ist lieblich; aber Ihr müßt lächeln. Und dann, Schlange, müßt Ihr sie nicht Lasten schleppen und schwer auf dem Feld mit der Hacke arbeiten lassen, wie so viele Indianer thun, sondern sie mehr so wie die Bleichgesichter ihre Weiber behandeln.«

»Wah-ta!-Wah nicht Bleichgesicht – hat rothe Haut, rothes Herz, rothe Gefühle. Alles roth; kein Bleichgesicht. Muß kleine Schreier tragen.«

»Jedes Weib trägt gern ihr Kind,« sagte Hetty lächelnd, »und das ist nichts Arges. Aber Ihr müßt Hist lieben, und sanft und gut gegen sie seyn; denn sie ist selbst sanft und gut.«

Chingachgook neigte sich ernst, und dann schien er der Meinung, dieser Gegenstand könnte nunmehr verlassen werden. Ehe Hetty Zeit hatte, ihre Mittheilungen noch einmal zusammenzufassen, hörte man im äußern Gemach Wildtödters Stimme, der seinem Freunde rief. Der Indianer stand auf, dieser Aufforderung Folge zu leisten, und Hetty begab sich zu ihrer Schwester.

Vierzehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

»Solch seltsam Thier,« der Eine schrie –
»Lebte noch unter der Sonne nie;
Eidechsenleib, so schmal und lang,
Fischkopf, die Zunge von der Schlang‘,
Der Fuß mit drei gespaltnen Klau’n,
Und welch‘ ein Schwanz ist hinten zu schau’n!»
Merrick.

Das Erste, was der Delaware that, als er bei seinem Freund angekommen, war, daß er sich ganz ernsthaft daran machte, seines civilisirten Anzugs sich zu entledigen, um wieder als indianischer Krieger dazustehen. Auf die Vorstellungen Wildtödters dagegen theilte er ihm den Umstand mit, daß die Anwesenheit eines Indianers in der Hütte den Irokesen bekannt sey, und daß seine Beibehaltung der Vermummung wohl eher Verdacht in Bezug auf seine wirkliche Absicht erwecken würde, als wenn er offen als Glied eines feindlichen Stammes auftrete. Als Wildtödter den Sachverhalt erfuhr und vernahm, er habe sich getäuscht in der Voraussetzung, daß der Häuptling wirklich ganz unbemerkt in die Arche sey aufgenommen worden, willigte er mit Freuden in die Umwandlung, da weitere Versuche, die Sache zu verheimlichen, fruchtlos waren. Ein andrer Beweggrund jedoch, als er vorgab, ein gemüthlicher, hatte den Wunsch des Indianers veranlaßt, sich als Sohn des Waldes zu zeigen. Er hatte gehört, daß Hist auf der gegenüber liegenden Küste weile; und die Natur triumphirte so weit über alle Unterschiede der Sitten, des Stammes und Volkes, daß sie diesem jungen Krieger ganz dasselbe Gefühl einflößte, das man unter ähnlichen Verhältnissen bei dem verfeinerten Stadtbewohner würde gefunden haben. Er fand eine milde Genugthuung in dem Bewußtseyn, daß die Geliebte ihn sehen könne; und wie er auf die Plattform hinausschritt in seiner ärmlichen Landestracht, ein Apollo der Wildniß, da erfüllten hundert jener zärtlichen Phantasien, welche Liebenden durch den Kopf gehen, seine Einbildungskraft und stimmten sein Herz weich.

Alles dieß war an Wildtödter verloren, der kein großer Adept in den Mysterien Cupido’s war, und dessen Seele weit mehr sich beschäftigte mit den Sorgen, die sich seiner Beachtung aufdrangen, als mit eiteln, müßigen Liebesphantasien. Er rief daher seinen Genossen bald zur Erwägung ihrer dermaligen Lage zurück, indem er ihn zu einer Art von Kriegsrath lud, worin sie ihr künftiges Verfahren festsetzen wollten. In der nun folgenden Unterredung theilten Beide einander mit, was Jeder bei seiner Besprechung erfahren hatte, Chingachgook erfuhr die Geschichte der Unterhandlung über das Lösegeld, und Wildtödter vernahm alle Eröffnungen Hetty’s. Der Letztere hörte mit großmüthiger Theilnahme von seines Freundes Hoffnungen und versprach mit Freuden, ihm nach Kräften seinen Beistand zu leihen.

»Es ist unser Hauptvorhaben, Schlange, wie Ihr wißt; diese Schlägerei um das Castell und des alten Hutter’s Töchter ist nur so zufällig dazwischen gekommen. Ja – ja – ich will mich thätig zeigen, der kleinen Hist zu helfen, die nicht nur eines der besten und schönsten Mädchen des Stammes ist, sondern wirklich das allerbeste und schönste. Ich habe Euch immer ermuthigt, Häuptling, bei dieser Neigung; und es ist auch geziemend, daß ein großer und alter Stamm wie der Eurige nicht aussterbe. Wenn ein Mädchen von rother Haut und rothen Gaben mir so nahe kommen könnte, daß ich sie mir zum Weib wünschte, so würde ich mir eben eine Solche suchen: aber das kann nie seyn – nein, das kann nie seyn. Ich bin jedoch froh, daß Hetty auf Hist gestoßen ist, denn wenn die Erstere etwas zu Wenig Witz und Verstand besitzt, so hat die Letztere genug für Beide. Ja, Schlange,« und er lachte herzlich, »nehmt sie zusammen, und zwei flottere Mädchen sind nicht zu finden in der ganzen Colonie York.«

»Ich will ins Lager der Irokesen gehen,« versetzte der Delaware ernst. »Niemand kennt Chingachgook, außer Wah! und ein Vertrag um Leben und Skalpe sollte von einem Häuptling abgeschlossen werden. Gebt mir die fremden Bestien und laßt mich ein Canoe nehmen.«

Wildtödter senkte den Kopf und spielte mit dem Ende einer Fischstange im Wasser, während er da saß und seine Füße über den Rand der Plattform hinaus bammeln ließ, wie Einer, der durch eine plötzlich gekommene neue Idee in Gedanken versunken ist. Statt geradezu auf den Vorschlag seines Freundes zu antworten, begann er mit sich selbst zu sprechen; wodurch jedoch seine Worte in keiner Weise an Wahrheit gewinnen konnten, da er sich dadurch auszeichnete, daß er immer sagte, was er dachte, mochte er nun seine Rede an sich selbst oder an einen Andern richten.

»Ja – ja,« sagte er, »das »muß seyn, was man Liebe nennt! Ich habe manchmal gehört, daß sie die Vernunft ganz umwirft und einen jungen Mann, was Berechnung und Vorsicht anlangt, so hülflos macht, wie ein sinnloses Thier. Denken müssen, daß Schlange so ganz Vernunft, Schlauheit und Weisheit verloren! Sicherlich müssen wir es zu Stande bringen, daß Hist frei wird, und sie verheirathen, sobald wir zu dem Stamme zurück sind, sonst wird dieser Krieg dem Häuptling so Wenig nützen, als eine etwas ungewöhnliche und außerordentliche Jagd, Ja – ja – er wird nie wieder der Mann seyn, der er war, bis er diese Sache aus dem Kopfe hat, und er wieder zu seinen Sinnen kommt, wie alle übrigen Menschenkinder. Schlange, es kann Euch nicht Ernst seyn, und daher will ich nur Wenig auf Euer Anerbieten sagen. Aber Ihr seyd ein Häuptling, und werdet bald auf den Kriegspfad gesendet werden an der Spitze von Truppen, und ich will Euch nur die Frage vorlegen, ob Ihr gesonnen seyd, Eure Mannschaft dem Feind in die Hände zu liefern, ehe die Schlacht gekämpft ist?«

»Wah!« rief der Indianer hastig.

»Ja – Wah ! ich weiß ganz gut, es ist Wah! und ganz und gar Wah! In der That, Schlange, ich bin um Euch besorgt und betrübt! Ich hörte nie einen so schwachen Gedanken aus dem Mund eines Häuptlings und dazu Eines, der schon einen Namen wegen seiner Weisheit hat, so jung und unerfahren er ist. Ein Canoe bekommt Ihr nicht, so lange die Stimme der Freundschaft und Warnung noch Etwas gilt.«

»Mein Bleichgesichtfreund hat Recht. Eine Wolke kam über Chingachgooks Angesicht und Schwäche schlich sich in seine Seele, während sein Auge trüb war. Mein Bruder hat ein gutes Gedächtniß für gute Thaten, und ein schlechtes für schlechte. Er wird vergessen.« »Ja, das ist leicht gethan. Sagt Nichts weiter davon, Häuptling; aber wenn wieder eine von diesen Wolken Euch nahe kommen will, thut Euer Möglichstes, ihr aus dem Wege zu gehen. Wolken sind schlimm genug bei der Witterung; aber wenn sie über die Vernunft herziehen, dann wird die Sache ernsthaft. Jetzt setzt Euch zu mir her, und laßt uns ein Wenig unser Verfahren überlegen, denn wir müssen bald einen Waffenstillstand oder Frieden haben, sonst kommt es zu einem wirklichen, blutigen Krieg. Ihr seht, die Vagabunden wissen Baumstämme zu benutzen, so gut wie die besten Flößer auf den Flüssen: und es wäre für sie ein Kleines, uns mit hellen Haufen anzugreifen. Ich denke nach, ob es klug gethan wäre, alle Habe des alten Tom in die Arche zu bringen, das Castell zu verschließen und zu verrammeln, und uns ganz auf die Arche zu begeben. Die ist beweglich, und wenn wir das Segel aufsetzten und den Platz wechselten, könnten wir uns viele Nächte hindurch halten, ohne daß die Wölfe aus den Kanadas den Weg in unsere Hürde fänden.«

Chingachgook hörte diesen Plan mit Beifall an. Schlug die Unterhandlung fehl, so war jetzt wenig Hoffnung, daß die Nacht ohne einen Angriff vorübergehen würde; und der Feind besaß Scharfblick genug, um einzusehen, daß wenn er das Castell einnähme, er ohne Zweifel Herr alles dessen werden würde, was es enthielt, das angebotene Lösegeld mit eingeschlossen, und dazu noch im Besitz der schon gewonnenen Vortheile bleiben. Eine Vorsichtsmaßregel der Art schien durchaus nothwendig; denn jetzt, nachdem man die große Anzahl der Irokesen kannte, durfte man kaum hoffen, einem nächtlichen Angriff mit Erfolg zu widerstehen. Es erschien als unmöglich, den Feind zu hindern, sich der Canoe’s und der Arche zu bemächtigen, und die letztere selbst gab dann schon den Angreifern einen Anhalt, wo sie gegen Kugeln so gut geschützt waren, wie die im Gebäude befindlichen Personen. Einige Minuten dachten beide Männer daran, die Arche in dem seichten Wasser zu versenken, oder die Canoe’s in das Haus zu bringen, und sich ganz auf den Schuß, den das Castell biete, zu verlassen. Aber nähere Erwägung überzeugte sie, daß am Ende dieß Auskunftsmitttel fehlschlagen würde. Es war so leicht, auf dem Lande Baumstämme zu sammeln, und einen Floß von beinahe jeder beliebigen Größe zu bauen, daß es als gewiß erschien, die Irokesen, nachdem sie einmal an solche Mittel gedacht, würden mit allem Ernste sich darauf legen, so lange sie die sichre Aussicht hatten, durch Beharrlichkeit ihren Zweck zu erreichen. Nach reiflicher Ueberlegung und Erwägung aller Rücksichten vereinigten sich die zwei jungen Anfänger in der Kriegskunst der Wälder in der Ansicht, daß die Arche das einzige brauchbare Mittel zur Rettung darbiete. Sobald diese Entscheidung gefaßt war, wurde sie Judith mitgetheilt. Das Mädchen hatte keine ernstliche Einwendung dagegen zu machen, und dann beeilten sich alle Vier, die zur Ausführung des Planes nöthigen Maßregeln zu ergreifen.

Der Leser wird leicht ermessen, daß Floating Toms weltliche Güter von keinem großen Werth waren. Ein paar Betten, einige Kleidungsstücke, die Waffen und Munition, einige Küchengeräthe, nebst dem geheimnißvollen, nur erst halb untersuchten Schranke, – das machte die wichtigsten Artikel aus. Dieß Alles ward bald ausgeräumt, nachdem man die Arche an die östliche Seite des Hauses gezogen, so daß man den Transport bewerkstelligen konnte, ohne von der Küste aus gesehen zu werden. Man erachtete es für unnöthig, die schwereren und gröberen Stücke des Haushaltes zu verrücken, da man ihrer auf der Arche nicht bedurfte, und sie an sich wenig Werth hatten. Da große Vorsicht erforderlich war bei der Hinüberschaffung der verschiednen Gegenstände, von denen die meisten durch ein Fenster den Weg nehmen mußten, weil man dieß Vornehmen geheim halten wollte, brauchte es zwei oder drei Stunden, bis Alles in’s Werk gesetzt war. Nach Ablauf dieser Zeit erschien auch wieder der Floß, wie er von der Küste abstieß. Wildtödter griff augenblicklich nach dem Fernglas, mittelst dessen er wahrnahm, daß zwei Krieger, die jedoch unbewaffnet schienen, sich darauf befanden. Die Bewegung des Floßes war langsam, und hierin lag einer der großen Vortheile für die Inhaber der Arche bei einem etwaigen künftigen Zusammenstoß, denn die Bewegungen von dieser waren vergleichungsweise leicht und schnell. Da man Zeit hatte, die Vorkehrungen zu treffen zum Empfang der zwei gefährlichen Gäste, wurde Alles dazu in Bereitschaft gesetzt, lang ehe sie nahe genug herankamen, um angerufen zu werden. Schlange und die Mädchen zogen sich in das Gebäude zurück, wo sich Jener in die Nähe der Thüre, wohl mit Büchsen versehen, aufstellte, während Judith durch eine Scharte den weitern Verlauf beobachtete. Wildtödter aber hatte einen Stuhl an den Rand der Plattform gestellt, auf dem Punkt gegen welchen der Floß zu steuerte, und hatte sich darauf gesetzt, die Büchse nachläßig zwischen die Beine gelehnt.

Als der Floß näher kam, wurden alle der Gesellschaft im Castell zur Verfügung stehenden Mittel aufgeboten, um sich zu vergewissern, ob die nahenden Gäste Feuerwaffen hätten. Weder Wildtödter noch Chingachgook konnten solche entdecken: Judith aber, die dem bloßen Auge nicht trauen wollte, schob das Fernglas durch die Scharte und richtete es gegen die Schierlingstannenzweige, die zwischen den zwei Baumstämmen des Floßes lagen, eine Art Fußboden, so wie einen Sitz für die Ruderer bildend. Als der schwerfällige Floß auf fünfzig Fuß sich genähert, rief Wildtödter die Huronen an, hieß sie das Rudern einstellen, da er nicht gesonnen sey, sie landen zu lassen. Natürlich mußten sie sich darein ergeben, und die beiden grimmig aussehenden Krieger verließen ihre Sitze, obgleich der Floß noch immer weiter rückte, bis er der Plattform noch viel näher gekommen war.

»Seyd Ihr Häuptlinge?« fragte Wildtödter mit Würde. »Seyd Ihr Häuptlinge? Oder haben mir die Mingo’s Krieger ohne Namen geschickt bei einer solchen Sendung? Wenn dieß ist, denn je eher Ihr umkehrt, desto eher kann ein Solcher kommen, mit dem ein Krieger unterhandeln kann.«

»Hugh!« rief der Aeltere von den beiden Männern auf dem Floße, und ließ seine glühenden Augen über die verschiednen Gegenstände hinrollen, die man im Castell und rings umher sah, mit einer Lebhaftigkeit, welche bewies, wie Wenig ihm entging. »Mein Bruder ist sehr stolz, aber Rivenoak (gespaltene Eiche) ist ein Name, der einen Delawaren erblassen macht.«

»Das ist wahr, oder es ist eine Lüge, Rivenoak, wie es sich trifft; aber ich werde schwerlich bleich werden, sintemal ich bleich geboren bin. Was ist Eure Sendung, und warum kommt Ihr unter leichte Rinden-Canoe’s auf Stämmen, die nicht einmal ausgehöhlt sind?«

»Die Irokesen sind keine Enten, daß sie auf dem Wasser schreiten könnten. Mögen die Bleichgesichter ihnen ein Canoe geben, dann werden sie in einem Canoe kommen.«

»Das ist wohl vernünftig, wird aber schwerlich geschehen. Wir haben nur vier Canoe’s, und da wir unsrer Vier sind, kommt auf Jeden nur eines. Wir danken Euch indessen für den Antrag obschon wir so frei sind, ihn nicht anzunehmen. Ihr seyd willkommen, Irokese, auf Euren Baumstämmen.«

»Danke Euch – mein junger Bleichgesichtkrieger – er hat schon einen Namen gewonnen – wie nennen ihn die Häuptlinge?«

Wildtödter besann sich einen Augenblick, und ein Anflug von Stolz und menschlicher Schwäche zuckte durch seine Seele. Er lächelte, murmelte zwischen den Zähnen, schaute dann stolz auf, und sagte:

»Mingo, wie Alle, die jung und tüchtig sind, bin ich zu verschiednen Zeiten unter verschiednen Namen bekannt gewesen. Einer Eurer Krieger, dessen Geist aufflog zu den glücklichen Jagdrevieren Eures Volkes erst gestern Morgen, meinte, ich verdiente unter dem Namen Falkenauge bekannt zu werden, und das, weil mein Gesicht zufällig rascher war als das seinige, als es Leben und Tod zwischen uns galt.«

Chingachgook, der auf Alles was vorging, aufmerksam lauschte, hörte und verstand diesen Beweis einer vorübergehenden Schwäche seines Freundes, und bei einer spätern Gelegenheit fragte er ihn genauer aus über den ganzen Hergang auf der Küste, wo Wildtödter zuerst einem Menschen das Leben genommen. Nachdem er die ganze Wahrheit herausbekommen, ermangelte er nicht, Alles dem Stamme mitzutheilen, und von dieser Zeit an war der junge Jäger allgemein bekannt bei den Delawaren unter einem so ehrenvoll erworbenen Namen. Da jedoch dieß später fällt, als alle Begebenheiten dieser Erzählung, werden wir den jungen Jäger fortwährend mit dem Namen bezeichnen, unter welchem wir ihn zuerst dem Leser vorgeführt haben. Der Irokese war nicht weniger betroffen über die prahlende Aussage des weißen Mannes. Er wußte von dem Tod seines Kameraden und verstand die Anspielung ohne Schwierigkeit: denn die Begegnung des Siegers und seines Opfers bei dieser Gelegenheit war von mehreren Wilden auf der Küste des See’s gesehen worden, welche an verschiednen Punkten dicht am Saum der Gebüsche waren ausgestellt gewesen, um die auf dem See treibenden Canoe’s zu beobachten, aber nicht Zeit gehabt hatten, die Scene des Kampfes zu erreichen, ehe der Sieger sich zurückgezogen. Die Wirkung war bei diesem rohen Wesen des Waldes ein Ausruf der Ueberraschung; dann folgte ein Lächeln der Höflichkeit und ein Winken mit der Hand, wie es asiatischer Diplomatie würde Ehre gemacht haben. Die beiden Irokesen besprachen sich miteinander in leisem Tone, und beide traten auf das der Plattform nächstgelegene Ende des Floßes.

»Mein Bruder Falkenauge hat eine Botschaft zu den Huronen gesandt,« begann wieder Rivenoak, »und sie hat ihre Herzen sehr froh gemacht. Sie hören, er hat Bilder von Thieren mit zwei Schwänzen! Will er sie seinen Freunden zeigen?« »Feinden, wäre wahrer,« versetzte Wildtödter, »aber das Wort ist nicht die Sache, und schadet Wenig. Hier ist eines von den Bildern; ich werfe es Euch hinunter auf Treu und Glauben des Vertrags. Wird es nicht zurückgegeben, so wird die Büchse die Sache zwischen uns in’s Reine bringen,«

Die Irokesen schienen mit den Bedingungen zufrieden, und Wildtödter stand auf, und schickte sich an, einen der Elephanten auf den Floß zu werfen, wobei beide Theile alle erforderliche Vorsicht anwandten, um dessen Verlust zu verhüten. Da Uebung die Menschen in solchen Dingen geschickt macht, war die kleine Figur von Elfenbein bald aus einer Hand in die andere glücklich überliefert; und dann folgte auf dem Floß eine Scene, wo Erstaunen und Entzücken die Oberhand gewann über indianischen Stoicismus. Die beiden grimmigen alten Krieger zeigten sogar bei Besichtigung der seltsam gearbeiteten Schachfigur noch größere Aufregung, als der Knabe verrathen halte, denn bei dem letzteren wirkte noch der frische Einfluß der durchgemachten Schule und Zucht, während die Männer, wie Alle, die sich auf ihren begründeten Ruf verlassen, sich nicht schämten, ihre Empfindungen zum Theil kund zu geben. Einige Minuten lang hatten sie dem Anschein nach das ganze Bewußtseyn ihrer Lage verloren über der genauen und lebhaften Prüfung, mit der sie bei einem so kostbaren Material, einer so schönen Arbeit und einem so außerordentlichen Thiere verweilten. Das Maul des Elennthiers hat vielleicht noch am meisten Aehnlichkeit mit dem Rüssel des Elephanten unter den Thieren der amerikanischen Wälder; aber diese Aehnlichkeit war weit nicht auffallend genug, um die ihnen neue Creatur in den Kreis ihrer Vorstellungen und des ihnen Gewohnten hineinzuziehen, und je länger sie daran studirten, um so größer ward ihr Staunen. Auch nahmen diese Kinder des Waldes keineswegs das Gebäude auf dem Rücken des Elephanten irrigerweise für einen Theil des Thieres selbst. Sie waren mit Pferden und Ochsen bekannt, hatten in den Canada’s Thürme gesehen, und fanden nichts Befremdendes an Lastthieren. Doch aber meinten sie, vermöge einer sehr naheliegenden Vorstellung, das Schnitzwerk bedeute so Viel, daß das Thier, welches sie sahen, Stärke genug besitze, um auf seinem Rücken ein Fort zu tragen, – ein Umstand, der ihre Verwunderung durchaus nicht verminderte.

»Hat mein Bleichgesichtbruder noch mehr solche Thiere?« fragte endlich der Aeltere der Irokesen in halb bittendem Tone.

»Es sind da, woher sie kommen, noch mehrere, Mingo,« war die Antwort; »aber Eines ist genug, um fünfzig Skalpe abzukaufen.«

»Einer meiner Gefangnen ist ein großer Krieger – hoch wie eine Tanne – stark wie das Elennthier – schnell wie der Hirsch – trotzig wie der Panther! Er wird einmal ein großer Häuptling werden und das Heer des Königs George anführen.«

»Still! still! Mingo; Harry Hurry ist Harry Hurry, und Ihr werdet nie mehr als einen Corpora! aus ihm machen und das kaum. Allerdings ist er hoch; aber das nützt Nichts, denn er stößt da nur seinen Kopf an die Zweige, wenn er durch den Wald geht. Auch ist er stark; aber ein starker Leib ist nicht ein starker Kopf, und die Generale des Königs werden nicht nach ihren Sehnen gewählt. Er ist schnell, wenn Ihr wollt, aber eine Büchsenkugel ist schneller; und was den Trotz betrifft, so ist das keine große Empfehlung für einen Soldaten; Solche, die da sich am mannhaftesten dünken, werden oft in einer Klemme sogleich verzagt. Nein – nein – Ihr werdet nie Hurry’s Skalp für Mehr ausgeben können, als für einen guten Kopf voll krauser Haare mit einer klappernden Hirnschale darunter!«

»Mein alter Gefangner sehr weise – König des See’s – großer Krieger, Weiser Rathgeber!«

»Nun, es gibt Leute, die dem Allen widersprechen könnten, Mingo. Ein sehr weiser Mann würde sich nicht da so närrischer Weise fangen, lassen, wie dieß Meister Hutter begegnete; und wenn er guten Rath gibt, muß er doch auf schlechten gehorcht haben in dieser ganzen Sache. Es gibt nur Einen König dieses See’s, und der ist weit weg, und wird ihn schwerlich je sehen. Floating Tom ist ungefähr so ein König dieser Gegend, wie der Wolf, der durch die Wälder streift, König des Forstes ist. Ein Thier mit zwei Schwänzen ist wohl solche zwei Skalpe werth.«

»Aber mein Bruder hat noch ein Thier? – Er wird zwei geben,« und er hielt zwei Finger in die Höhe, »für alten Vater?«

»Floating Tom ist nicht mein Vater, aber darum soll er nicht schlimmer fahren. Zwei Thiere für seinen Skalp zu geben, und jedes Thier mit zwei Schwänzen, ist ganz über alles Maaß und Vernunft. Ihr habt von Gewinn zu sagen, Mingo, wenn Ihr einen viel schlechtern Handel macht.«

Mittlerweile hatte die Selbstbeherrschung Rivenoak’s die Oberhand über seine Verwunderung gewonnen, und er begann, wieder auf seine gewohnte List und Schlauheit zu verfallen, um den möglichst vortheilhaften Handel zu schließen. Es wäre überflüssig. Mehr als den wesentlichen Inhalt des nun folgenden, rasch abspringenden Gesprächs zu erzählen, worin der Indianer nicht wenig Verschlagenheit zeigte bei seinem Bestreben, den unter dem Einfluß der Ueberraschung verlornen Boden wieder zu gewinnen. Er gab sich sogar die Miene zu zweifeln, ob das Original von dem Bilde des Thiers existire, und versicherte, der älteste Indianer habe nie eine Sage von einem solchen Thiere gehört. Schwerlich dachte Einer von Beiden damals daran, daß lange vor Ablauf eines Jahrhunderts der Fortschritt der Civilisation noch viel außerordentlichere und seltenere Thiere in diese Gegend bringen würde, als Merkwürdigkeiten zum Begaffen für die Neugier, und daß namentlich das Thier, über welches die Parteien stritten, in eben dem See, wo sie sich getroffen, zu sehen seyn würde, wie es darin seine Seiten wüsche und herumschwämme. Wie es nicht selten geschieht in solchen Fällen, eine der Parteien wurde im Verlauf der Erörterung etwas warm; denn Wildtödter begegnete allen Gründen und Vorspiegelungen seines schlauen und gewandten Gegners mit der ihm eignen kaltblütigen Geradheit und unerschütterlichen Wahrheitsliebe. Was ein Elephant war, wußte er wenig besser als der Wilde: aber er wußte vollkommen gut, daß die geschnitzten Figuren von Elfenbein in den Augen eines Irokesen einen Werth haben müßten, wie ein Sack voll Gold oder ein Haufen Biberfelle in denen eines Kaufmanns. Unter solchen Umständen fand er es daher klug, anfänglich nicht zu Viel zuzugestehen, da ein beinahe unüberwindliches Hinderniß in der Bewerkstelligung des Austausches vorlag, selbst nachdem die unterhandelnden Parteien über die Bedingungen einig geworden wären. Diese Schwierigkeit im Auge, behielt er die übrigen Schachfiguren in Reserve, als Mittel um im Augenblick der Noth alle Schwierigkeiten zu beseitigen.

Endlich behauptete der Wilde, weitere Unterhandlung sey fruchtlos, da er gegen seinen Stamm nicht so ungerecht seyn könne, die Ehre und den Gewinn von zwei trefflichen, ausgewachsenen, männlichen Skalpen hinzugeben für einen so ärmlichen Werth wie die zwei gesehenen Spielzeuge – und schickte sich zum Aufbruch an. Beiden Theilen war jetzt zu Muth wie gewöhnlich Leuten, wenn ein Handel, den zu schließen Jeder den lebhaften Wunsch hat, auf dem Punkt steht, abgebrochen zu werden in Folge zu großer Hartnäckigkeit bei der Unterhandlung. Die Wirkung der getäuschten Hoffnung jedoch war bei den beiden Individuen sehr verschieden. Wildtödter war betroffen und von schmerzlichem Bedauern erfüllt; denn er hatte nicht blos mit den Gefangenen, sondern auch mit den beiden Mädchen tiefes Mitleid. Das Abbrechen der Unterhandlung erfüllte ihn daher mit Trauer und Leidwesen. Bei dem Wilden erweckte seine Niederlage wilde Rachsucht. In einem Augenblick der Aufregung hatte er laut seinen Entschluß ausgesprochen, Nichts weiter zu sagen; und er war gleich wüthend über sich, wie über seinen kaltblütigen Gegner, daß er einem Bleichgesicht in der Kundgebung von Gleichgültigkeit und Selbstbeherrschung den Sieg über einen indianischen Häuptling überlassen hatte. Als er anfing, seinen Floß von der Plattform wegzurudern, wurde sein Gesicht finster und seine Augen glühten, während er dennoch ein freundliches Lächeln und eine Geberde der Höflichkeit zum Abschied erzwang.

Es bedurfte eine kleine Weile, die vis inertiae der Baumstämme zu überwinden, und während dieß der Indianer zu Stande brachte, der eine stumme Rolle gespielt, schritt Rivenoak über die Tannenzweige, welche zwischen den Stämmen lagen, in schweigendem Ingrimm hin, und betrachtete mit scharfem Auge während dem das Castell, die Plattform und die Person seines unterhandelnden Gegners. Einmal sprach er in leisem Tone, aber rasch mit seinem Begleiter, und er scharrte mit den Füßen in den Zweigen, wie ein ungeduldiges, stätiges Thier. In diesem Augenblick war die Wachsamkeit Wildtödters etwas erlahmt, denn er saß da, nachsinnend über die Art und Weise, die Unterhandlung wieder zu erneuen, ohne der andern Partei zu viel Vortheil einzuräumen. Vielleicht war es ein Glück für ihn, daß das lebhafte und glänzende Auge Judiths so wachsam war wie immer. In dem Augenblick, wo der junge Mann am wenigsten auf seiner Hut, und sein Feind am wachsamsten und lauerndsten war, rief sie Jenem mit warnender Stimme, sehr zur rechten Zeit Lärm machend, zu:

»Seyd auf Eurer Hut, Wildtödter. Ich sehe durch das Fernglas Büchsen über den Tannenzweigen, und der Irokese macht sie mit dem Fuße los!« Es schien fast, als hätte der Feind seine List so weit getrieben, sich eines Unterhändlers zu bedienen, der Englisch verstand. Die bisherige Besprechung hatte in seiner Sprache stattgefunden, aber aus der Art, wie seine Füße plötzlich in ihrer verrätherischen Beschäftigung inne hielten, während zugleich auf dem Gesicht Rivenoaks der trotzige Grimm in ein Lächeln der Höflichkeit sich verwandelte, erhellte deutlich, daß er den Zuruf des Mädchens verstanden hatte. Er winkte seinem Begleiter, der die Stämme in Bewegung zu bringen sich bestrebte, in seinen Bemühungen inne zu halten, trat an das Ende des Floßes zunächst der Plattform und begann zu sprechen.

»Warum sollten Rivenoak und sein Bruder eine Wolke zwischen sich lassen?« sagte er. »Sie sind Beide weise, Beide tapfer und Beide großmüthig; sie sollten als Freunde scheiden. Ein Thier soll der Preis für je Einen Gefangnen sey».«

»Und Mingo,« versetzte der Andere, hocherfreut die Unterhandlungen erneut zu sehen, auf beinah jede Bedingung hin, und entschlossen, den Handel wo möglich durch eine kleine Extra-Freigebigkeit zu befestigen – »Ihr sollt sehen, daß ein Bleichgesicht wohl den vollen Preis zu bezahlen weiß, wenn er mit einer offnen Hand und einem offnen Herzen zu thun hat. Behaltet das Thier, das Ihr mir zurückzugeben vergessen, als Ihr im Begriff waret abzustoßen, und das ich vergaß zurückzufordern, aus Kummer darüber, daß wir im Zorn scheiden sollten. Zeigt es Euren Häuptlingen. Wenn Ihr uns unsre Freunde zurückbringt, sollen zwei weitere dazukommen – und –« er zauderte einen Augenblick, im Zweifel an der Rathsamkeit eines so großen Zugeständnisses, für das er sich jedoch am Ende entschied – »und wenn wir sie hier sehen, ehe die Sonne untergeht, so findet sich vielleicht auch das vierte, um die Zahl gerade zu machen.«

Dieß brachte die Sache ins Reine. Jeder Schatten von Mißvergnügen verschwand aus dem dunkeln Angesicht des Irokesen, und er lächelte so huldvoll, wenn auch nicht so holdselig, wie Judith Hutter selbst. Die schon in seinem Besitz befindliche Figur ward von neuem besichtigt, und ein Ausruf der Freude zeigte, wie sehr er mit diesem unerwarteten Ausgang der Sache zufrieden war. In der That hatten er und Wildtödter für den Augenblick in der Wärme ihres Affekts vergessen, was aus dem Gegenstand ihres Streites selbst geworden; dies war jedoch nicht der Fall bei Rivenoaks Begleiter. Dieser hielt die Figur in Händen und war fest entschlossen, wenn sie unter solchen Umständen zurückverlangt würde, welche die Zurückgabe nothwendig machten, sie in den See fallen zu lassen, wo er sie künftig einmal wieder zu finden zuversichtlich hoffte. Dieß verzweifelte Auskunftsmittel jedoch war jetzt nicht mehr nöthig, und nachdem die Bedingungen der Uebereinkunft wiederholt worden waren, und die Indianer versichert hatten, daß sie sie wohl gefaßt, brachen sie endlich auf und ruderten langsam der Küste zu.

»Kann man irgend auf solche Elende Vertrauen setzen?« fragte Judith, als sie mit Hetty auf die Plattform herausgetreten war und neben Wildtödter stand, die schwerfällige Bewegung des Flosses beobachtend; »werden sie nicht am Ende das Spielzeug, das sie haben, behalten, und uns irgend ein blutiges Zeichen schicken, prahlend, daß sie uns überlistet? Ich habe wohl schon von so schlimmen Thaten gehört!«

»Ohne Zweifel, Judith; gar kein Zweifel, wäre nicht die indianische Natur. Aber ich verstehe mich nicht auf die Rothhäute, wenn diese zweischwänzige Bestie nicht den ganzen Stamm in eine Aufregung bringt, wie etwa ein Stecken einen Bienenkorb! Nun, da ist Schlange, ein Mann mit Nerven wie Flintenstein, und von nicht mehr Neugier in alltäglichen Dingen, als mit der Klugheit sich verträgt. Nun, und der war so überwältigt von dem Anblick der Creatur, wie sie aus Bein geschnitzt ist, daß ich mich selbst für ihn schämte. Aber das sind eben gerade ihre Gaben, und man kann nicht wohl mit Einem streiten und zanken wegen seiner Gaben, wenn sie rechtmäßig sind. Chingachgook wird bald seine Schwäche überwinden und bedenken, daß er ein Häuptling ist, und daß er von einem großen Geschlecht abstammt, und einen berühmten Namen aufrecht und in Ehren zu halten hat; aber was jene Schufte betrifft, unter denen wird kein Friede seyn, bis sie glauben im Besitz von Allem von der Gattung dieser Figur aus geschnitztem Bein zu seyn, was sich unter Thomas Hutter’s Habe findet.« »Sie wissen nur von den Elephanten und können auf das Andere keine Hoffnung haben.«

»Das ist wahr, Judith; aber Habsucht ist ein nagendes, begehrliches Gefühl. Sie werden sagen: wenn die Bleichgesichter diese seltsamen Bestien mit zwei Schwänzen haben. Wer weiß, ob sie nicht auch solche mit drei, oder dann auch wohl gar mit vier haben! Das ist, was die Schulmeister natürliche Arithmetik nennen, und gewiß wird das den Wilden in den Sinn kommen. Sie werden sich nicht beruhigen, bis die Wahrheit bekannt ist.«

»Meint Ihr, Wildtödter,« fragte Hetty in ihrer einfachen und unschuldigen Art, »daß die Irokesen Vater und Hurry nicht werden gehen lassen? – Ich las ihnen einige der allerbesten Verse aus der Bibel vor, und Ihr seht, was sie schon gethan haben.«

Der Jäger hörte, wie er immer that, freundlich und sogar liebevoll Hetty’s Worte an; dann sann er einen Augenblick stillschweigend nach. Es war Etwas wie eine Röthe auf seiner Wange, als er, nach Verfluß einer vollen Minute, antwortete.

»Ich weiß nicht, üb ein weißer Mann sich schämen soll oder nicht, zu gestehen, daß er nicht lesen kann; aber bei mir ist das der Fall, Judith. Ihr seyd geschickt, finde ich, in allen solchen Dingen, während ich nur die Hand Gottes studirt habe, so wie man sie sieht in Hügeln und Thälern, Bergspitzen, Strömen, in Wäldern und Quellen. Viel kann man auf diese Art lernen, so gut wie aus Büchern; und doch denke ich manchmal, es gehöre zu einen weißen Mannes Gaben, zu lesen! Wenn ich aus dem Munde der Mährischen Brüder die Worte höre, von welchen Hetty spricht, so erwecken sie ein Verlangen in meinem Gemüth, und ich denke, ich wolle selbst auch sie lesen lernen; aber das Wild im Sommer, und die Ueberlieferungen, und der Unterricht im Krieg, und andre Sachen haben mich noch immer daran Verhindert.«

»Soll ich’s Euch lehren, Wildtödter?« fragte Hetty ernst. »Ich bin schwachsinnig, so sagen sie, aber lesen kann ich so gut wie Judith. Es kann Euch das Leben retten, wenn Ihr den Wilden die Bibel vorzulesen versteht, und gewiß wird es Eure Seele retten, denn das hat mir Mutter gar oft gesagt.«

»Dank Euch, Hetty, Dank Euch von ganzem Herzen. Jetzt werden wohl zu unruhige Zeiten kommen, um viel Muße zu haben; aber wenn’s Friede ist, und ich wieder an diesen See komme, Euch zu besuchen, dann will ich mich dazu hergeben, und es wird mir eine Lust und ein Gewinn zugleich seyn. Vielleicht sollte ich mich schämen, Judith, daß es so ist; aber Wahrheit ist Wahrheit. Was diese Irokesen belangt, so ist nicht sehr wahrscheinlich, daß sie eine Bestie mit zwei Schwänzen vergessen über einem oder zwei Versen aus der Bibel. Ich vermuthe eher, sie werden die Gefangnen ausliefern, und auf die eine oder andre List und Tücke sich verlassen, sie wieder in ihre Gewalt zu bekommen, und uns und Alle im Castell, sammt der Arche in den Kauf. Indeß, wir müssen die Vagabunden bei guter Laune erhalten, erstlich, um Euern Vater und Hurry aus ihren Händen los zu bekommen, und dann um den Frieden zwischen uns zu erhalten, bis zu der Zeit, wo Schlange es dahin bringen kann, seine Verlobte frei zu machen. Wenn es plötzlich zu einem Ausbruch von Zorn und Wildheit kommt, werden die Indianer alle ihre Weiber und Kinder sofort in’s Lager schicken; während wir, wenn wir sie ruhig und zutrauensvoll erhalten, es so werden richten können, daß wir Hist an dem von ihr bezeichneten Ort treffen. Ehe ich jetzt den Handel abbräche, würde ich wohl noch ein Halbdutzend von jenen Bogenundpfeilmännerfiguren drein geben, deren wir genug in dem Schranke haben.«

Judith stimmte mit Freuden bei, denn sie hätte selbst den geblümten Brokat aufgeopfert, um nur ihren Vater zu befreien und Wildtödter zu Gefallen.

Die Aussichten auf einen glücklichen Erfolg waren jetzt so ermuthigend, daß Alle im Castell sich erleichtert fühlten, obwohl man die gebührende wachsame Beobachtung aller Bewegungen des Feindes nicht vernachläßigte. Stunde jedoch um Stunde verstrich, und die Sonne hatte schon angefangen, sich wieder zu den westlichen Hügeln herab zu senken, und noch sah man keine Spur von einem zurückkehrenden Floße. Endlich entdeckte Wildtödter, der die Küste mit dem Fernglas genau musterte, einen Platz in den dunkeln dichten Wäldern, wo die Irokesen, wie er unzweifelhaft dafür hielt, in ansehnlicher Zahl versammelt waren. Er war in der Nähe des Dickichts, von wo der Floß abgegangen war, und ein kleiner Nach, der in den See rieselte, verkündete die Nähe einer Quelle. Hier also hielten vermuthlich die Wilden ihre Berathung und sollte der Beschluß gefaßt werden, der die Frage über Leben und Tod der Gefangenen entschied. Ein Grund zur Hoffnung jedoch war vorhanden, trotz der Verzögerung, den Wildtödter nicht ermangelte, seinen ängstlich harrenden Freunden mitzutheilen. Es war weit wahrscheinlicher, daß die Indianer ihre Gefangenen im Lager gelassen, als daß sie sich mit ihnen belastet hatten, indem sie sie hätten einer Truppe durch die Wälder folgen lassen, die nur auf einen zeitweiligen Streifzug aus war. Verhielt sich dieß so, dann bedurfte es einer ziemlichen Zeit, um einen Boten nach jenem entferntern Ort zu schicken und die zwei weißen Männer an den Platz zu bringen, wo sie sich einschiffen sollten. Ermuthigt durch diese Gedanken sammelten sie einen neuen Vorrath von Geduld, und das Hinabgleiten der Sonne ward mit weniger Unruhe betrachtet. Der Erfolg rechtfertigte Wildtödters Vermuthung. Nicht lang, ehe die Sonne ganz verschwand, sah man die zwei Stämme aus dem Dickicht wieder hervorkommen, und als der Floß näher kam, verkündigte Judith, ihr Vater und Hurry, beide gebunden, lägen auf den Büschen in der Mitte. Wie zuvor ruderten die Indianer. Die Letztern schienen zu fühlen, daß die späte Tageszeit ungewöhnliche Kraftanstrengung erfordere, und ganz entgegen der Gewohnheit ihres Volks, das immer die Mühe scheut, arbeiteten sie rüstig an den Surrogaten der Ruder. In Folge dieses Eifers nahm der Floß seine frühere Stellung ein schon in etwa der Hälfte der Zeit, die sie bei den frühern Fahrten gebraucht hatten.

Selbst nachdem die Bedingungen so deutlich festgesetzt und die Sachen so weit gediehen waren, blieb die wirkliche Uebergabe der Gefangenen eine nicht ohne Schwierigkeit zu erfüllende Obliegenheit. Die Irokesen sahen sich genöthigt, großes Vertrauen in den guten Glauben und Willen ihrer Feinde zu setzen, obgleich sie es mit Widerstreben, und mehr in Folge der Nothwendigkeit, als mit freiem Willen und mit Zuversicht thaten. Sobald Hutter und Hurry freigelassen waren, zählte die Truppe im Castell, denen auf dem Floß gegenüber, Zwei gegen Einen, und von Flucht konnte keine Rede seyn, da Jene drei Canoe’s besaßen, Nichts zu sagen von den Vertheidigungsanstalten des Hauses und der Arche. Alles dieß ward von beiden Partheien wohl begriffen und vermuthlich wäre die Uebereinkunft nie ganz in’s Reine gebracht worden, hätte nicht Wildtödters ehrliches Gesicht und Wesen seine gewöhnliche Wirkung auch bei Rivenoak gethan.

»Mein Bruder weiß, ich setzte Vertrauen in ihn,« sagte der Letztere, indem er mit Hutter näher trat, dessen Beine losgebunden waren, damit der alte Mann die Plattform hinansteigen konnte, »Ein Skalp – Ein Thier mehr!«

»Ha, Mingo,« unterbrach ihn der Jäger, »behaltet Euern Gefangenen noch einen Augenblick. Ich muß gehen und die Mittel der Zahlung suchen.«

Diese Entschuldigung jedoch, obwohl zum Theil wahr, war doch hauptsächlich eine List. Wildtödter verließ die Plattform, trat in das Haus und wies Judith an, alle Waffen zusammenzutragen und in ihrem Gemache verbergen. Dann sprach er ernstlich mit dem Delawaren, der wie früher nahe am Eingang des Gebäudes Wache hielt, steckte die drei Thürme in die Tasche und kehrte zurück.

»Seyd willkommen, zurück in Euerer alten Wohnung, Meister Hutter,« sagte Wildtödter, indem er ihm auf die Plattform heraufhalf, zu gleicher Zeit schlau wieder einen Thurm in die Hand Rivenoaks schiebend. »Ihr findet Eure Töchter hoch erfreut Euch wieder zu sehen, und da kommt Hetty selbst, um Euch dieß von sich zu versichern.«

Hier hielt der Jäger von selbst im Reden inne, und brach in sein eigenthümliches, stilles aber herzliches Lachen aus. Hurry’s Beine waren eben losgebunden und er auf die Füße gestellt worden. So eng hatte man die Bande angezogen, daß die Gebundenen nicht sogleich wieder den Gebrauch ihrer Glieder erlangten, und der junge Riese machte in allem Ernst eine sehr hülflose und einigermaßen komische Figur. Es war dieß ungewohnte Schauspiel, besonders das verdutzte Gesicht, was Wildtödters Fröhlichkeit erregte.

»Ihr seht aus wie eine geringelte Tanne auf einer Lichtung, Harry Hurry, die sich in einem Sturme wiegt,« sagte Wildtödter, seine unzeitgemäße Lustigkeit zügelnd, mehr aus Zartgefühl gegen die Andern, als aus Achtung vor dem befreiten Gefangenen. »Es freut mich jedoch zu sehen, daß Euch nicht Euer Haar von einem der Irokesischen Barbiere bei Eurem letzten Besuch in ihrem Lager ist frisirt worden.«

»Hört, Wildtödter,« versetzte der Andere etwas trotzig; »es wäre klug von Euch, bei dieser Gelegenheit weniger der Lustigkeit zu pflegen, und mehr der Freundschaft. Handelt einmal wie ein Christ, und nicht wie ein lachsüchtiges Mädchen in einer Landschule, wenn der Lehrer den Rücken kehrt, und sagt mir nur, ob da am Ende von meinen Beinen Füße sind oder nicht? Ich glaube sie doch zu sehen, aber was das Fühlen betrifft, so könnten sie ebenso gut drunten an den Ufern des Mohawks seyn, als wo sie mir zu seyn scheinen.«

»Ihr seyd ganz davongekommen, Hurry, und das will Viel sagen,« versetzte der Andere, heimlich dem Indianer den Rest des bedungenen Lösegeldes zusteckend, und zugleich gab er ihm einen ernsten Wink, seinen Rückzug anzutreten. »Ihr seyd ganz davongekommen, mit Füßen und Allem, und seyd jetzt nur ein wenig starr, in Folge des scharfen Anziehens der Weiden. Die Natur wird schon das Blut in Bewegung setzen, und dann könnt Ihr anfangen zu tanzen, um Eure, wie ich sagen möchte, höchst wundervolle und unerwartete Befreiung aus der Höhle der Wölfe zu feiern.«

Wildtödter löste die Arme seiner Freunde von den Banden, so wie Beide heraufstiegen, und sie stampften und hinkten jetzt auf der Plattform herum, brummend und Verwünschungen ausstoßend, indem sie dem wiederkehrenden Blutumlauf nachzuhelfen suchten. Sie waren jedoch zu lange gebunden gewesen, um in einem Augenblick wieder den Gebrauch ihrer Glieder zu erlangen; und da die Indianer auf dem Rückweg ebenso fleißig arbeiteten, als auf dem Herweg, war der Floß volle hundert Schritte von dem Castell entfernt, als Hurry, zufällig nach jener Richtung gewandt, entdeckte, wie schnell derselbe dem Bereich seiner Rache sich entziehe. Er konnte sich jetzt mit erträglicher Leichtigkeit bewegen, obwohl noch starr und steif. Ohne jedoch seinen Zustand zu erwägen, ergriff er die Büchse, die an Wildtödters Schulter gelehnt war, und suchte sie zu spannen und anzulegen, der junge Jäger war ihm aber zu schnell. Er faßte das Gewehr und entrang es den Händen des Riesen, doch nicht ohne daß es in dem Kampfe losging, als gerade die Mündung nach oben gerichtet war. Wahrscheinlich hätte Wildtödter in diesem Ringen wegen des Zustands von Hurry’s Gliedmaßen siegen können; aber im Augenblick, wo das Gewehr losging, ließ es der Letztere fahren, und trollte dem Hause zu, die Beine bei jedem Schritt einen vollen Fuß über den Boden erhebend, weil er gar nicht recht spürte, wie er die Füße setzte. Aber Judith war ihm zuvorgekommen. Der ganze Vorrath von Hutter’s Waffen, der in dem Gebäude verwahrt war, als ein Hülfsmittel für den Fall eines plötzlichen Ausbruchs von Feindseligkeiten, war nach Wildtödters Anweisungen entfernt und versteckt worden. In Folge dieser Vorsichtsmaßregel fehlten March alle Mittel zur Ausführung seiner Rachepläne. Getäuscht in seinem rachgierigen Bestreben, setzte sich Hurry nieder, und wie Hutter, war er eine halbe Stunde lang zu sehr damit beschäftigt, den Blutumlauf wieder herzustellen und im freien Gebrauch seiner Glieder sich wieder zu üben, um andern Gedanken nachzuhängen. Nach Verfluß dieser Zeit war der Fluß verschwunden, und die Nacht begann ihre Schatten wieder über die ganze Waldscene zu werfen. Ehe die Dunkelheit völlig eingebrochen war, und während die Mädchen die Abendmahlzeit bereiteten, berichtete Wildtödter in skizzirtem Umriß die Ereignisse, welche stattgehabt, und erzählte ihm, welche Mittel er zur Sicherung seiner Kinder und seines Eigenthums ergriffen habe.

Fünfzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

»So lange Edward herrscht im Land,
Hier nie der Kriegsgott ruht.
Es fallen Söhn‘ und Gatten Euch,
Und Eure Ström‘ füllt Blut.«
»O, Ihr verließt den rechten Herrn,
Als er im Mißgeschick; –
Sterbt für die gute Sach‘, gleich mir,
O kehrt zu ihm zurück!«
Chatterton

Die Ruhe des Abends stand wieder in eigenthümlichem Contrast mit den Leidenschaften der Menschen, während sein düster anwachsendes Dunkel in ebenso eigenthümlichem Einklang damit stand. Die Sonne war unter, und die Strahlen des geschiedenen Gestirns hatten aufgehört, die Ränder der wenigen Wolken zu vergolden, welche hinlängliche Risse hatten, um sein erbleichendes Licht durchzulassen. Der Wolkenbaldachin oben am Himmel war schwer und dicht, und verhieß wieder eine dunkle Nacht, aber die Fläche des See’s war kaum von einem Wellchen gekräuselt. Es wehte ein kleiner Luftzug – Wind konnte man es eigentlich nicht nennen. Doch hatte er, da er schwül und feucht war, eine gewisse Kraft. Die Gesellschaft im Castell war so trüb und schweigsam wie die Scene. Die beiden ausgelösten Gefangenen fühlten sich gedemüthigt und entehrt, aber ihre Beschämung hatte Etwas von der Erbitterung und Tücke der Rachsucht. Sie waren weit mehr geneigt, der Unwürdigkeit zu gedenken, mit der sie während der letzten paar Stunden ihrer Gefangenschaft behandelt worden waren, als Dankbarkeit zu fühlen für die vorhergegangene Milde. Und dann stachelte sie der scharfäugige Mahner, das Gewissen, indem er ihnen Alles, was sie erduldet, als verhängt von einer vergeltenden Gerechtigkeit darstellte, dennoch vielmehr ihren Grimm ihre Feinde entgelten zu lassen, als sich selbst anzuklagen. Die Uebrigen waren nachdenklich, halb aus Leid, halb aus Freude. Wildtödter und Judith hatten mehr die erstgenannte Empfindung, während Hetty für den Augenblick vollkommen glücklich war. Dem Delawaren gewährte ebenfalls die Aussicht, sobald seine Verlobte wieder zu gewinnen, lachende Bilder des Glückes. Unter solchen Umständen, und in solcher Stimmung, nahmen Alle das Abendbrod ein.

»Alter Tom!« rief Hurry in ein krampfhaftes, lärmendes Gelächter ausbrechend, »Ihr saht zum Erstaunen einem gebundenen Bären gleich, wie Ihr auf den Tannenzweigen ausgestreckt da laget, und ich wundre mich nur, daß Ihr nicht ärger brummtet. Nun, es ist vorüber und Seufzen und Wehklagen bessern die Sache nicht mehr! Da ist der Spitzbube Rivenoak, der uns hieherbrachte, der hat einen außerordentlichen Skalp, für den ich selbst so Viel gebe wie die Colonie. Ja, es ist mir jetzt, als wäre ich so reich wie der Gouverneur, was diese Sachen betrifft, und ich will Doublone gegen Doublone setzen. Judith, Schätzchen, habt Ihr recht um mich getrauert, als ich in den Händen dieser Philipsteiner war?«

Dieser Name bezeichnete eine Familie von deutscher Abkunft am Mohawk, gegen welche Hurry einen großen Widerwillen hegte, und die er mit den Feinden Judäas vermengt hatte.

»Unsre Thränen haben den See anschwellen machen, Harry March, wie Ihr an der Küste hättet sehen können«, versetzte Judith mit angenommenem Leichtsinn, von dem ihr Inneres weit entfernt war. »Daß Hetty und ich uns um den Vater grämten, war zu erwarten; aber um Euch ließen wir förmlich Thränen regnen.«

»Wir waren in Sorgen und Leid um den armen Hurry, wie um den Vater, Judith,« fiel ihre unschuldige und arglose Schwester ein.

»Wahr, Mädchen, wahr; aber wir fühlen Sorge und Leid, um Jeden der in Noth ist, weißt du,« erwiederte die Andere rasch, in zurechtweisendem aber leisem Tone, »dennoch aber, es freut uns, Euch zu sehen, Meister March, und das dazu erlöst aus den Händen der Philipsteiner.«

»Ja, es ist eine böse Rotte, und so ist auch die andre Brut, abwärts den Strom. Es ist mir zum Verwundern, wie Ihr uns los bekamet, Wildtödter; und ich verzeihe Euch Eure Einmischung, welche mich hinderte, an diesem Vagabunden Gerechtigkeit zu üben, in Betracht dieses kleinen Dienstes. Weiht uns in das Geheimniß ein, damit wir Euch im Fall der Noth denselben Dienst leisten können. Habt Ihr es mit Lügen oder mit Schmeicheln ausgerichtet?«

»Durch keines von beiden, Hurry, sondern durch Kaufen. Wir zahlten ein Lösegeld für Euch Beide, und das dazu ein so hohes, daß Ihr wohl thun würdet, auf Eurer Hut zu seyn, und Euch nicht noch einmal fangen zu lassen, weil sonst unser Vorrath an Gütern nicht ausreichen würde.«

»Ein Lösegeld! – Nun dann hat der alte Tom den Spielmann bezahlt, denn all‘ mein‘ Sach‘ hätte nicht das Haar, viel weniger die Haut losgekauft. Ich hätte nicht geglaubt, eine so wilde Rotte wie jene Vagabunden, würden einen Burschen so leicht wieder auf und loslassen, wenn sie ihn einmal fest gepackt und am Boden hätten. Aber Geld ist Geld, und es ist immer unnatürlich schwer, ihm zu widerstehen. Indianer oder Weißer, es ist so ziemlich das Gleiche. Man muß gestehen, Judith, es ist doch eigentlich ein gut Theil menschliche Natur in den Leuten überhaupt!«

Hutter stand jetzt auf, winkte Wildtödter, und führte ihn in ein inneres Gemach, wo er auf seine Frage zuerst den Preis erfuhr, der für seine Freilassung war bezahlt worden. Der alte Mann drückte weder Unwillen noch Ueberraschung aus über den Eingriff in seinen Schrank, den man sich erlaubt hatte, obwohl er einige Neugier an den Tag legte, zu erfahren, wie weit die Untersuchung von dessen Inhalt gegangen sey. Auch erkundigte er sich, wo man den Schlüssel gefunden habe. Wildtödters gewohnte Offenherzigkeit hinderte jede Täuschung, und die Besprechung endigte sich bald mit der Rückkehr Beider in das äußere Gemach, welches dem doppelten Behufe des Wohnzimmers und der Küche diente.

»Es soll mich wundern, ob Friede ist oder Krieg zwischen uns und den Wilden,« rief Hurry, gerade als Wildtödter, der einen Augenblick geschwiegen hatte, aufmerksam horchte und ohne sich aufzuhalten durch die äußere Thüre schritt. »Diese Zurückgabe von uns Gefangenen hat ein freundschaftliches Ansehen, und wenn Männer mit einander verkehrt und gehandelt haben auf einen ehrlichen und ehrenhaften Fuß, so sollten sie für das Mal wenigstens als gute Freunde scheiden. Kommt zurück, Wildtödter, und gebt uns Eure Meinung, denn ich fange an, Mehr von Euch zu halten, seit Eurem neuesten Benehmen, als ich früher that.«

»Hier ist eine Antwort auf Eure Frage, Hurry, wenn Ihr ja solchen Drang und Eile habt, wieder zum Schlagen zu kommen!«

Mit diesen Worten warf Wildtödter auf den Tisch, auf den sich der Andere mit dem einen Ellbogen stemmte, eine Art von Miniatur-Holzbündel, bestehend aus einem Dutzend Stecken, die mit einem Riemen von Wildleder eng zusammengebunden waren. March ergriff es begierig, hielt es ganz nahe an ein flammendes Tannenholzscheit, das auf dem Heerde lag, und von dem alles Licht im Zimmer ausging, und überzeugte sich, daß die Enden der sämmtlichen Stecken in Blut getaucht waren.

»Wenn das nicht gut Englisch ist,« sagte der trotzige Grenzmann, »so ist es doch gut Indianisch! Da haben wir was sie drunten in York eine Kriegserklärung nennen, Judith. Wie kamt Ihr zu diesem Zeichen der Herausforderung, Wildtödter?«

»Einfach genug. Es lag vor noch nicht einer Minute auf Floating Tom’s Thorhof, wie ihr es nennt.«

»Wie kam es dahin? Es fiel doch nicht aus den Wolken, Judith, wie manchmal kleine Kröten, und dann regnet es auch nicht. Ihr müßt darthun, woher es kommt, Wildtödter, sonst argwohnen wir einen Anschlag, Leuten Angst einzujagen, die längst ihren Verstand verloren hätten, wenn Furcht ihn verscheuchen könnte.«

Wildtödter hatte sich einem Fenster genähert und warf einen Blick hinaus auf den dunkel daliegenden See. Zufrieden scheinend mit dem, was er geschaut, trat er zu Hurry, nahm den Bündel Stecken in seine Hand, und besichtigte sie genau.

»Ja, es ist eine indianische Kriegserklärung, ganz gewiß,« sagte er, »und es ist ein Beweis, wie wenig Ihr gewöhnt seyd an den Weg, den sie gemacht hat, Hurry March, daß sie hieher kommen konnte, ohne daß Ihr die Art und Weise begreift. Die Wilden mögen Euch den Skalp auf dem Kopf gelassen, aber sie müssen Euch die Ohren abgeschnitten haben; sonst hättet Ihr das Rauschen des Wassers gehört, das der Junge verursachte, als er wieder auf seinen zwei Baumstämmen herfuhr. Sein Auftrag war, diese Stecken vor unsre Thüre zu werfen, was so viel sagen will: wir haben seit dem Handel in den Kriegspfahl gehauen, und unser Nächstes wird seyn, auf Euch einzuhauen.«

»Die herumstreichenden Wölfe! Aber reicht mir die Büchse, Judith, so will ich den Vagabunden durch ihren Boten eine Antwort schicken.«

»Nicht, solang ich dabei bin, Meister March,« entgegnete kaltblütig Wildtödter, und winkte dem Mädchen, es zu unterlassen. »Wort ist Wort, sey es einer Rothhaut oder einem Christen gegeben. Der Junge zündete ein Scheit an, und fuhr bei dessen Licht offen herüber, uns diese Warnung zu überbringen, und kein Mensch hier darf ihm ein Leid thun, während er eine solche Sendung ausführt. Worte nützen Nichts, denn der Knabe ist zu schlau, um den Spahn fortbrennen zu lassen, nachdem sein Gewerbe bestellt ist, und auch die Nacht ist zu dunkel, um mit einer Büchse irgend sicher zielen zu können.«

»Das mag wahr genug seyn von einem Gewehr, aber noch ist ein Canoe zu Etwas zu brauchen,« antwortete Hurry, mit ungeheuren Schritten, eine Büchse in der Hand, auf die Thüre zugehend. »Der Mensch lebt nicht, der mich hindern soll zu folgen, und des Wurmes Skalp zurückzubringen. Je Mehrere von ihnen Ihr im Ei zerdrückt, desto Weniger werden Euch in den Wäldern anfallen!«

Judith zitterte wie eine Espe, sie wußte selbst kaum warum, obwohl alle Aussicht auf eine Scene der Gewaltthat vorhanden war; denn wenn Hurry trotzig und übermüthig war im Bewußtseyn seiner Stärke, so besaß Wildtödter die ruhige Festigkeit, welche größere Beharrlichkeit verspricht, und eine Entschlossenheit, die mehr Aussicht hat ihren Zweck zu erreichen. Es war mehr das finstere, entschlossene Auge des Letztern, als die aufbrausende Heftigkeit des Erstern, was ihre Besorgniß rege machte. Hurry erreichte bald den Ort, wo das Canoe befestigt war, aber schon hatte auch Wildtödter mit dem Delawaren in raschem, ernstem Tone in seiner Sprache gesprochen. Dieser war in der That der Erste gewesen, der den Laut der Ruder vernommen hatte, und war in eifersüchtiger Wachsamkeit auf die Plattform getreten. Das Licht überzeugte ihn, daß eine Botschaft komme, und als ihm der Junge das Bündel Stecken vor die Füße warf, so erregte dieß weder seinen Zorn, noch überraschte es ihn. Er blieb nur auf seinem Wachtposten, die Büchse in der Hand, um sich zu versichern, daß keine Verrätherei hinter der Herausforderung laure. Da ihm jetzt Wildtödter rief, trat er in das Canoe, und entfernte schnell wie ein Gedanke die Ruder. Hurry war wüthend, als er sich der Mittel zur Ausführung seines Vorsatzes beraubt sah. Zuerst näherte er sich dem Indianer mit lauten Drohungen, und selbst Wildtödter war in tödtlicher Angst wegen der möglichen Folgen. March schüttelte seine hammerartigen Fäuste und schwang die Arme, als er auf den Indianer zutrat, und Alle erwarteten, er werde den Delawaren zu Boden zu werfen versuchen; Einer von ihnen wenigstens wußte wohl, daß Blutvergießen die unmittelbare Folge eines solchen Versuchs seyn müßte. Aber selbst Hurry ward etwas unheimlich zu Muth bei der finstern Fassung und Haltung des Häuptlings, und auch er wußte, daß ein solcher Mann sich nicht ungestraft mißhandeln ließ; daher wandte er sich, um seine Wuth an Wildtödter auszulassen, wo er keine so schreckliche Folgen voraussah. Was das Ergebniß dieser zweiten Demonstration gewesen wäre, wenn es zur Thätlichkeit gekommen wäre, läßt sich nicht sagen, aber es kam nicht so weit.

»Hurry!« sagte eine sanfte, begütigende Stimme dicht an seiner Seite, »es ist sündhaft, so grimmig zu seyn, und Gott wird es nicht übersehen. Die Irokesen haben Euch gut behandelt, und Euch den Skalp nicht genommen, obgleich Ihr und Vater ihnen die ihrigen nehmen wolltet.«

Die Macht der Milde und Sanftmuth über die Leidenschaft ist bekannt. Auch hatte Hetty sich eine Art Schätzung erworben, die man ihr früher nie zugestanden hatte, durch die Aufopferung und Entschlossenheit ihrer jüngsten Handlungsweise. Vielleicht steigerte ihre anerkannte Geistesschwäche, die jeden Verdacht beseitigte, als wolle sie sich eine Herrschaft anmaßen, ihren Einfluß. Wie nun aber die Ursache erklärt und gedeutet werden mochte, die Wirkung war gewiß genug. Statt seinen alten Reisegenossen zu würgen, kehrte sich Hurry gegen das Mädchen, und ergoß einen Theil seines Mißmuthes, wenn auch nicht seines Zorns, in ihr aufmerksames Ohr.

»Es ist zu schlimm, Hetty!« rief er aus; »so schlimm als ein Grafschaftsgefängniß, oder ein Biberfehljahr, eine Creatur in die Falle bekommen, und sie dann wieder los und ledig lassen! So viel als sechs Häute erster Qualität ist an Werth fortgerudert auf den plumpen Baumstämmen, während zwanzig Schläge einer wohlgeführten Ruderschaufel sie einholen würden. Ich sage an Werth, denn was den Jungen nach der Natur betrifft, so ist er eben ein Knabe, und nicht Mehr noch Weniger werth, als jeder Andere. Wildtödter, Ihr seyd untreu gewesen gegen Eure Freunde, daß Ihr einen solchen Vortheil meinen und auch Euren Händen entschlüpfen ließet.«

Die Antwort darauf ward mit Ruhe gegeben, aber in einem so festen Tone, wie nur immer eine furchtlose Natur und das Bewußtseyn der Rechtlichkeit ihn machen konnten. »Ich wäre dem, was recht ist, untreu geworden, hätte ich anders gehandelt,« erwiederte Wildtödter mit Fassung, »und weder Ihr noch sonst Jemand hat die Befugniß, das von mir zu verlangen. Der Junge kam in einem rechtmäßigen Auftrag, und die elendeste Rothhaut, die sich in den Wäldern umtreibt, hätte sich geschämt, seine Sendung nicht zu respektiren. Aber er ist jetzt außer dem Bereich Eures Zornes, Meister March, und es hilft Wenig, wie ein Paar Weiber von dem zu schwatzen, was nicht mehr zu ändern ist.«

Mit diesen Worten wandte sich Wildtödter weg, wie entschlossen, keine Worte weiter über der Sache zu verschwenden, während Hutter Hurry am Ermel zupfte und ihn in die Arche zog. Hier saßen sie lang in heimlicher Besprechung. Mittlerweile hatten auch der Indianer und sein Freund ihre geheime Berathung; denn obgleich es noch drei oder vier Stunden waren bis zum Aufgang des Sterns, konnte sich doch Jener nicht enthalten, seinen Plan vorzubereiten, und sein Herz gegen den Andern zu öffnen. Auch Judith gab sich ihren sanftern Gefühlen hin und hörte Hetty’s ganze kunstlose Erzählung von Allem, was sich begeben, nachdem sie an’s Land getreten, an. Die Wälder hatten wenig Schrecknisse für diese beiden Mädchen, so wie sie erzogen und gewohnt waren, täglich ihre weite, üppige Ausbreitung zu schauen, oder unter ihren dunkeln Schatten zu wandeln; aber das fühlte die ältere Schwester, daß sie sich bedacht haben würde, sich so allein in das Lager der Irokesen zu wagen. Im Betreff Hist’s war Hetty nicht sehr mittheilsam. Sie sprach von ihrer Güte und Sanftmuth und von ihrer Begegnung im Walde; aber das Geheimniß Chingachgook’s bewahrte sie mit einer Schlauheit und Treue, welche manches Mädchen von schärferem Verstande schwerlich bewährt haben dürfte.

Endlich wurde den verschiednen Besprechungen ein Ende gemacht durch Hutter’s Wiedererscheinen auf der Plattform. Hier versammelte er die ganze Gesellschaft, und theilte ihr von seinen Absichten mit, so Viel ihm passend dünkte. Den von Wildtödter gemachten Plan, das Castell während der Nacht zu verlassen und sich auf die Arche zu flüchten, billigte er ganz. Es leuchtete ihm ebenso wie früher den Andern ein, als das einzige wirksame Mittel, dem Verderben zu entgehen. Jetzt, nachdem die Wilden ihr Augenmerk auf Erbauung von Flößen gerichtet, konnte kein Zweifel darüber obwalten, daß sie wenigstens einen Versuch machen würden, das Gebäude zu nehmen, und die Sendung der blutigen Stecken bewies hinlänglich ihr Vertrauen auf einen glücklichen Erfolg. Kurz, der alte Mann sah die Nacht als entscheidend an, und forderte Alle auf, sich so bald als möglich bereit zu machen, die Wohnung wenigstens für einige Zeit, wo nicht für immer zu verlassen.

Nachdem diese Mitteilungen gemacht waren, wurde Alles rasch und mit Einsicht betrieben: das Castell ward in der schon angegebenen Weise geschlossen, die Canoe’s unter dem Dock weggenommen und mit dem andern an der Arche befestigt; die wenigen Bedürfnisse, die man noch im Hause gelassen, wurden in die Cajüte geschafft, das Feuer ausgelöscht und Alle schifften sich ein.

Die Nähe der Hügel mit ihrer Tannenbekleidung hatte die Wirkung, daß finstere Nächte auf dem See noch dunkler als gewöhnlich waren. Wie immer jedoch, zog sich ein vergleichungsweise lichter Streifen mitten durch den Wasserspiegel, während die Finsterniß im Bereich der Schatten der Berge am schwersten auf dem Gewässer lastete. Die Insel, oder das Castell, stand innerhalb dieses Streifens, der verhältnißmäßig licht war, aber dennoch war die Nacht so dunkel, daß sie die Abfahrt der Arche dem Auge verbarg. Auf die Entfernung eines Beobachters von der Küste aus konnten ihre Bewegungen gar nicht gesehen werden, zumal da ein Hintergrund von dunkeln Bergen die Perspektive von jedem Gesichtspunkt begrenzte, den man schräg oder in gerader Linie über das Wasser hin nahm. Der vorherrschende Wind auf den Seeen dieser Gegend ist der Westwind, aber wegen der durch die Berge gebildeten Thaleinschnitte ist es häufig unmöglich, die eigentliche Richtung der Luftströmungen anzugeben, da sie oft in kleinen Entfernungen und Zeiträumen wechseln. Dieß gilt mehr von leichten, schwankenden Luftstößen, als von steten Lüftchen, obschon man in allen gebirgigen Gegenden und schmalen Gewässern recht gut weiß, daß auch die Stöße von den letztern unsicher und täuschend sind. Im gegenwärtigen Falle war Hutter selbst, als er die Arche von ihrem Ankerplatz neben der Plattform wegdrängte, in Verlegenheit zu sagen, welcher Wind wehe. In der Regel wurde diese Schwierigkeit gelöst durch die Wolken, die, hoch über den Bergspitzen schwebend, natürlich den eigentlichen Luftströmungen folgten; aber jetzt schien das ganze Himmelsgewölbe eine massive, finstre Mauer. Keine Oeffnung irgend einer Art war sichtbar, und Chingachgook zitterte schon, das Nichtaufgehen des Sterns möchte seine Verlobte abhalten, ihrem Versprechen pünktlich nachzukommen. Unter diesen Umständen zog Hutter sein Segel wie es schien nur in der Absicht auf, von dem Castell wegzukommen, da es gefährlich seyn mochte, viel länger in dessen Nähe zu verweilen. Der Wind schwellte bald das Tuch, und als das Fahrzeug in Bewegung kam, und das Segel gehörig aufgezogen war, zeigte sich’s, daß die Richtung südlich, mit einer Abweichung nach der östlichen Küste, war. Da sich für die Absichten der Gesellschaft keine bessere Richtung fand, ließ man das eigenthümliche Fahrzeug in dieser Richtung über eine Stunde auf der Wasserfläche hintreiben, als ein Wechsel in der Luftströmung sie hinüber dem Lager zu trieb.

Wildtödter beobachtete alle Bewegungen Hutter’s und Harry’s mit eifersüchtiger Wachsamkeit. Anfänglich wußte er nicht, ob er die Richtung, die sie hielten, dem Zufall oder einer Absicht zuschreiben sollte; aber jetzt begann er letzteres zu argwöhnen. So vertraut mit dem See, wie Hutter war, mußte es ihm eine leichte Sache seyn, Einen zu täuschen, der wenig Uebung auf dem Wasser hatte; und was immer seine Absichten seyn mochten, so Viel war, ehe zwei Stunden verstrichen, klar, daß die Arche so viel Wegs zurückgelegt, daß sie sich nur hundert Ruthen von der Küste entfernt und gerade in Einer Linie mit der bekannten Lage des indianischen Lagers befand. Eine ziemliche Zeit, ehe man diesen Punkt erreicht, hatte Hurry, der einige Kenntniß der Algonquinsprache besaß, eine heimliche Unterredung mit dem Indianer gehabt, und das Ergebniß ward jetzt von diesem dem Wildtödter mitgetheilt, der ein kalter, um nicht zu sagen mißtrauischer Beobachter alles Bisherigen gewesen.

»Mein alter Vater und mein junger Bruder, die Große Tanne,« – denn diesen Namen hatte der Delaware March gegeben – »möchten Huronenskalpe an ihren Gürteln sehen,« sagte Chingachgook zu seinem Freunde. »Es ist Raum für einige an dem Gürtel der Schlange, und sein Volk wird nach solchen sehen, wenn er zurückkommt in sein Dorf. Ihre Augen dürfen nicht lange in einem Nebel bleiben, sondern sie müssen sehen, was sie suchen und erwarten. Ich weiß, daß mein Bruder eine weiße Hand hat; er mag nicht einmal die Todten beschädigen. Er wird auf uns warten; wenn wir zurückkommen, wird er sein Angesicht nicht verbergen aus Schaam für seinen Freund. Die Große Schlange der Mohikans muß werth seyn, auf dem Kriegspfad zu schreiten mit Falkenauge.«

»Ja, ja, Schlange, ich sehe wie es ist; der Name soll mir bleiben, und bald werde ich unter ihm, statt unter dem Wildtödters bekannt seyn; nun gut, wenn solche Ehren kommen, so muß sie sich der Bescheidenste von uns gern gefallen lassen. Daß Ihr Euch nach Skalpen umseht, das gehört zu Euern Gaben, und ich sehe nichts Arges daran. Aber seyd barmherzig, Schlange; seyd barmherzig, darum bitte ich Euch. Es kann sicherlich der Ehre einer Rothhaut nicht schaden, etwas Barmherzigkeit zu zeigen. Was den alten Mann betrifft, den Vater der zwei Mädchen, die bessere Gefühle in seiner Brust zur Reife bringen sollten, und Harry March da, der, so eine hohe Tanne er ist, wohl besser die Früchte eines mehr christlichen Baumes tragen dürfte, was die Zwei betrifft, so stelle ich sie den Händen des Gottes der Weißen anheim. Wären nicht die blutigen Stecken, so sollte kein Mensch heute Nacht gegen die Mingo’s ausziehen, sintemal es unsre Treue und unsern Ruf entehren würde; aber die da Blut begehren, können sich nicht beklagen, wenn Blut vergossen wird auf ihre Aufforderung. Aber dennoch, Schlange, könnt Ihr barmherzig seyn. Beginnt Eure Laufbahn nicht unter dem Wehklagen von Weibern und dem Geheule von Kindern. Benehmt Euch so, daß Hist lächeln wird und nicht weinen, wenn sie Euch wieder sieht. Geht denn jetzt, und der Manitou schütze Euch!«

»Mein Bruder wird hier mit dem Fahrzeug warten. Wah! wird bald wartend an der Küste stehen, und Chingachgook muß eilen.«

Dann begab sich der Indianer zu seinen zwei Mitabenteurern, und nachdem sie zuerst das Segel herabgelassen, traten sie alle Drei in ein Canoe und stießen von der Arche ab. Weder Hutter noch March sprachen mit Wildtödter von ihrem Vorhaben, oder von der muthmaßlichen Dauer ihrer Abwesenheit, Alles dieß war dem Indianer anvertraut worden, der sich seines Auftrags mit charakteristischer Kürze entledigt hatte. Sobald man das Canoe aus dem Gesicht verloren – und das war der Fall, ehe die Ruder zwölf Schläge gethan hatten, traf Wildtödter die besten Vorkehrungen, die in seiner Macht standen, um die Arche so viel als möglich auf demselben Punkte beharren zu machen, und dann setzte er sich auf dem Ende der Fähre nieder, um an seinen bittern Gedanken zu kauen. Es stand jedoch nicht lang an, bis Judith sich zu ihm gesellte, die jede Gelegenheit aufsuchte, in seiner Nähe zu seyn, und ihre Angriffe auf seine Neigung mit der Geschicklichkeit ausführte, welche ihr angeborene Coketterie an die Hand gab, unterstützt von einer nicht kleinen Uebung, die aber ihre gefährliche Macht hauptsächlich von dem Anflug von Gefühl erhielt, die ihr Benehmen, Stimme, Ton, Gedanken und Handlungen mit dem unbeschreiblichen Zauber natürlicher Zärtlichkeit und Weichheit umkleidete. Wir verlassen den jungen Jäger, diesen gefährlichen Angreifern preisgegeben, und erfüllen die dringendere Pflicht, der Gesellschaft in dem Canoe an die Küste zu folgen.

Das gewaltige Motiv, das Hutter und Hurry zur Wiederholung ihres Versuchs gegen das feindliche Lager trieb, war genau dasselbe, das ihre erste Unternehmung veranlaßt hatte, etwas verstärkt vielleicht durch Rachgier. Aber Keiner von diesen zwei rauhen Wesen, so gefühllos in Allem, was die Rechte und Interessen der rothen Menschen betraf, obwohl in andern Dingen nicht ohne Regungen menschlicher Empfindung, war in bedeutendem Maße durch andere Beweggründe geleitet, als von herzloser Gewinnsucht. Hurry hatte zwar gleich Anfangs nach seiner Befreiung Zorn über seine durchgemachten Leiden gefühlt, aber dieser Affekt war bald verschwunden über der ihm zur andern Natur gewordenen Sucht nach Gold, nach dem er mehr mit der gewissenlosen Gier eines bedürftigen Verschwenders, als mit dem unablässigen Verlangen eines Geizigen trachtete. Kurz, das Motiv, das sie trieb, so bald wieder gegen die Huronen auszuziehen, war eine zur Gewohnheit gewordene Verachtung ihrer Feinde, welche zugleich die rastlose Habsucht, die der Verschwendung Mittel liefern mußte, in Bewegung setzte. Bei der Entwerfung des zweiten Planes jedoch nahmen auch die verstärkten Aussichten auf Erfolg ihre Stelle ein. Man wußte, daß ein großer Theil der Krieger, vielleicht alle, für die Nacht gerade gegenüber dem Castell sich gelagert hatten, und man hoffte, die Skalpe hülfloser Opfer würden die Folgen hiervon seyn. Die Wahrheit zu gestehen: Hutter besonders – er, der so eben zwei Töchter verlassen hatte – hoffte in dem Lager Wenige sonst außer Weibern und Kindern zu treffen. Auf diesen Umstand hatte er in seinen Besprechungen mit Hurry nur leise hingedeutet, und gegen Chingachgool hatte man ihn ganz aus dem Auge gelassen. Wenn der Indianer überhaupt daran dachte, so war das Niemand bekannt als ihm.

Hutter steuerte das Canoe; Hurry hatte mannhaft seinen Posten vorn eingenommen, und Chingachgook stand in der Mitte. Wir sagen stand; denn alle drei waren so geschickt in der Handhabung dieser Art von gebrechlichen Barken, daß sie im Stande waren, mitten in der Dunkelheit aufgerichtet darin zu stehen. Die Annäherung an die Küste geschah mit großer Vorsicht, und die Landung erfolgte ungefährdet. Jetzt setzten die Drei ihre Waffen in Bereitschaft, und begannen wie Tiger sich dem Lager zu nähern. Der Indianer war der Vorderste, und seine Begleiter traten in seine Fußtapfen mit einer verstohlenen Vorsicht, die ihre Schritte beinahe in buchstäblichem Sinne geräuschlos machte. Manchmal knackte ein dürrer Zweig unter der schweren Wucht des gigantischen Hurry, oder der ungeschickten Plumpheit des alten Mannes; aber wäre der Indianer auf der Luft dahingewandelt, sein Schritt hätte nicht leichter seyn können. Die Hauptaufgabe war, zuerst die Stellung des Feuers zu entdecken, das, wie man wußte, den Mittelpunkt des Lagers bildete. Endlich wurde das scharfe Auge Chingachgook’s dieses wichtigen Wegweisers ansichtig. Es glimmte in einiger Entfernung zwischen den Baumstämmen; es war seine Flamme, sondern nur ein verglühender Brand, wie es der Stunde gemäß war; denn die Wilden begeben sich gewöhnlich zur Ruhe und stehen auf mit dem Unter- und Aufgang der Sonne.

Sobald man dieses Feuersignals ansichtig geworden, schritten die Abenteurer rascher und sicherer vorwärts. In wenigen Minuten gelangten sie an den Rand des Kreises von kleinen Hütten. Hier machten sie Halt, um das Terrain in’s Auge zu fassen, und ihre Bewegungen zu verabreden. Die Finsterniß war so dicht, daß es schwer war, irgend Etwas zu unterscheiden außer dem glühenden Brand, den Stämmen der nächsten Bäume und dem endlosen Blätterdach, das den umwölkten Himmel verschleierte. Es wurde jedoch ausgemittelt, daß eine Hütte ganz in der Nähe war, und Chingachgook machte den Versuch, das Innere derselben auszukundschaften. Die Art, wie sich der Indianer dem Orte näherte, wo man Feinde vermuthete, glich dem tückischen Heranschleichen der Katze auf den Vogel. Als er nahe herankam, ließ er sich auf Hände und Kniee nieder, denn der Eingang war so nieder, daß er diese Stellung, als noch die bequemste, fast nothwendig gebot. Ehe er jedoch den Kopf hineinstreckte, horchte er lange, um Athemzüge von Schlafenden zu erlauschen. Kein Ton war zu hören, und diese menschliche Schlange schob den Kopf zur Thüre oder zu der Oeffnung hinein, wie eine eigentliche Schlange in das Nest würde hineingekrochen seyn. Kein Lohn vergalt das gefahrvolle Wagestück; denn als er vorsichtig mit der Hand umhertastete, fand er die Hütte leer.

In derselben behutsamen Weise kroch der Delaware noch in ein Paar Von den Hütten, fand aber alle in gleichem Zustand. Dann kehrte er zu seinen Genossen zurück, und benachrichtigte sie, daß die Huronen ihr Lager verlassen hätten. Einige weitere Nachforschung bestätigte dieß, und es blieb Nichts übrig, als in das Canoe zurückzukehren. Die verschiedene Art, wie die Abenteurer diese Täuschung ihrer Hoffnungen ertrugen, verdient eine flüchtige Bemerkung. Der Häuptling, der nur an’s Land gestiegen war, in der Hoffnung, Ruhm zu ernten, stand, an einen Baum gelehnt, unbeweglich da, die Ansicht und den Willen seiner Begleiter abwartend. Er war zwar gekränkt und etwas überrascht; aber er ertrug Alles mit Würde, und tröstete sich wegen des Unfalls mit den süßern Erwartungen, die ihm für diesen Abend noch vorbehalten blieben. Zwar konnte er jetzt nicht hoffen, seiner Geliebten entgegenzutreten, geschmückt mit den Zeichen seiner Kühnheit und Geschicklichkeit, aber er durfte doch noch hoffen, sie zu sehen; und der Krieger, der sich so eifrig in der Aufsuchung zeigte, durfte immer noch hoffen geehrt zu werden. Hutter und Hurry dagegen, die hauptsächlich durch das gemeinste aller Motive menschlichen Handelns, durch Gewinnsucht, waren angelockt worden, konnten ihre Affekte kaum zügeln. Sie streiften wüthend zwischen den Hütten herum, als hofften sie noch ein verlassenes Kind oder einen sorglosen Schläfer irgendwo zu treffen; und zu wiederholten Malen ließen sie ihren Grimm an den empfindungslosen Hütten aus, von denen einige wirklich in Stücke gerissen und auf dem Platz umhergestreut wurden. Ja, sie haderten auch unter einander, und heftige Vorwürfe wurden zwischen ihnen gewechselt. Es ist möglich, daß ernstere Folgen eingetreten wären, hätte sich nicht der Delaware in’s Mittel gelegt und sie an die Gefahr erinnert, sich so unvorsichtig zu benehmen, und an die Nothwendigkeit, zur Arche zurückzukehren. Dieß erstickte den Streit, und nach wenigen Minuten ruderten sie rasch zurück nach der Stelle, wo sie das Fahrzeug zu finden hofften.

Es wurde schon erzählt, daß bald nach der Abfahrt der Abenteurer Judith sich neben Wildtödter setzte. Eine kleine Weile blieb das Mädchen schweigsam, und der Jäger wußte nicht, welche von den Schwestern sich ihm genähert hatte; aber bald erkannte er die metallreiche, lebhafte Stimme der älteren, als sie ihren Gefühlen in Worten Luft mochte.

»Das ist ein schreckliches Leben für Frauen, Wildtödter!« rief sie aus. »Wollte Gott, ich sähe ein Ende davon ab!«

»Das Leben ist gut genug, Judith,« war die Antwort, »es ist eben so ziemlich, je nachdem man es gebraucht oder mißbraucht. Was wünschtet Ihr Euch denn dafür?«

»Ich würde tausendmal glücklicher feyn, wenn ich näher bei civilisirten Menschen lebte, – wo Pachthöfe und Häuser und will’s Gott von Christenhänden gebaute Häuser sind; und wo mein Schlaf bei Nacht süß und ruhig wäre! Eine Wohnung in der Nähe der Forts wäre weit besser, als der traurige Ort, wo wir leben!«

»Nein, Judith, ich kann nicht allzuleicht die Wahrheit von all diesem zugeben. Wenn Forts gut sind, Feinde abzuhalten, so enthalten sie dafür oft selbst Feinde. Ich glaube nicht, daß es zu Eurem oder Hetty’s Besten wäre, in der Nähe von einem zu wohnen; und wenn ich sagen soll, was ich denke, so fürchte ich, Ihr seyd so schon zu nahe dabei.« Wildtödter fuhr fort in der ihm eigenen gefaßten, ernsten, gleichmüthigen Weise, denn die Dunkelheit verbarg ihm die Gluten, welche die Wangen des Mädchens mit glänzendem Purpur überzogen hatten, während ihre eigene heftige Anstrengung die Töne des gewaltsamen Athmens, das sie fast ersticken wollte, unterdrückte. »Was Pachthöfe betrifft, die haben ihren Nutzen, und es gibt Leute, die gern ihr Leben darauf zubringen; aber welches Behagen kann ein Mensch von einer Lichtung hoffen, das er nicht in doppeltem Maß im Walde finden kann? Wenn es mit Luft, und Raum, und Licht etwas knapp zugeht, so liefern das die Windfluchten und die Ströme, oder da sind ja die Seen für Solche, die in dieser Hinsicht stärkere Wünsche haben; aber wo findet Ihr Eure Schatten, und lachenden Quellen, und hüpfenden Bäche, und ehrwürdigen, tausendjährigen Bäume auf einer Lichtung? Ihr findet sie nicht, sondern Ihr findet nur ihre verstümmelten Stämme, als Landmarken, wie Grabsteine auf einem Kirchhof. Mir scheint es, daß die Leute, die an solchen Orten leben, immer an ihr eignes Ende und an allgemeinen Verfall denken müssen, und zwar nicht an den Verfall, den Zeit und Natur herbeiführen, sondern an den Verfall, der auf Verheerung und Gewaltthat folgt. Dann was Kirchen betrifft, die sind gut, glaube ich, sonst würden nicht gute Leute sie erbauen und erhalten. Aber sie sind nicht durchaus nothwendig. Sie nennen sie Tempel des Herrn; aber Judith, die ganze Erde ist ein Tempel des Herrn für Solche, welche das rechte Gemüth dafür haben. Weder Forts noch Kirchen an sich machen die Menschen glücklicher. Indem ist in den Ansiedlungen Alles Widerspruch, während in den Wäldern Alles Einklang ist. Forts und Kirchen sind fast immer bei einander, und doch sind sie gerade Gegensätze; Kirchen sind ja für den Frieden, und Forts für den Krieg. Nein, nein – ich lobe mir die festen Plätze der Wildniß, nemlich die Bäume, und auch die Kirchen, nemlich die Hallen, die die Hand der Natur aufgeführt.«

»Das Weib ist nicht gemacht für Scenen, wie diese, Wildtödter; Scenen, von denen kein Ende abzusehen ist, so lange dieser Krieg währt.«

»Wenn Ihr Weiber von weißer Farbe meint, so glaube ich fast, Ihr seyd nicht weit vom Wahren entfernt, Mädchen; was aber die Weiber der rothen Männer betrifft, so sind solche Auftritte ganz nach ihrem Charakter. Nichts würde Hist zum Beispiel, die Verlobte Braut dieses Delawaren, glücklicher machen, als wenn sie wüßte, daß er in diesem Augenblick unter seinen natürlichen Feinden herumstreift und nach einem Skalpe trachtet.«

»Wahrhaftig, Wildtödter, wahrhaftig, sie kann doch kein Weib seyn, ohne Sorge zu fühlen, wenn sie denkt, der Mann, den sie liebt, sey in Gefahr!« »Sie denkt nicht an die Gefahr, Judith, sondern an die Ehre; und wenn das Herz auf’s Aeußerste auf solche Gefühle versessen ist, ha, dann bleibt wenig Raum übrig, daß sich die Furcht einschleichen könnte. Hist ist eine gutmüthige, sanfte, lachende, angenehme Creatur, aber sie liebt die Ehre so sehr als irgend ein Delawarisches Mädchen meiner Bekanntschaft. Sie soll Schlange binnen einer Stunde treffen auf dem Vorsprung, wo Hetty landete; und ohne Zweifel hat sie auch ihre Aengste darüber, wie jedes andre Weib; aber sie wäre nur um so glücklicher, wüßte sie, daß ihr Geliebter in diesem Augenblick einem Mingo, seines Skalpes wegen, aufpaßt.

»Wenn Ihr das wirklich glaubt, Wildtödter, kein Wunder dann, daß Ihr ein so großes Gewicht auf die Gaben legt. Ich weiß gewiß, kein weißes Mädchen könnte sich anders als elend fühlen, so lang sie ihren Geliebten in Lebensgefahr wüßte! Auch glaube ich, selbst Ihr, so unerschütterlich und ruhig Ihr immer scheint, könntet schwerlich Ruhe haben, wenn Ihr Eure Hist in Gefahr glaubtet.«

»Das ist ein andres Ding – das ist ein ganz andres Ding, Judith. Das Weib ist zu schwach und zart, um für solche Gefahren bestimmt zu seyn, und der Mann muß für sie fühlen. Ja, ich glaube fast, das ist ebenso rothe Natur wie weiße. Aber ich habe keine Hist, und werde schwerlich eine bekommen; denn ich halte es nicht für Recht, irgend wie die Farben zu mischen, außer in Freundschaft und Dienstleistungen.«

»Darin seyd und fühlt Ihr, wie es einem weißen Manne ziemt! Was den Hurry Harry betrifft, so glaube ich, ihm wäre Alles gleich, ob sein Weib eine Indianerin oder eine Gouverneurs-Tochter wäre, vorausgesetzt nur, sie wäre ein wenig hübsch, und könnte ihm dazu helfen, seinen gierigen Magen immer zu füllen,«

»Ihr thut March Unrecht, Judith, ja das thut Ihr! Der arme Kerl ist vernarrt in Euch, und wenn ein Mann sich wirklich eine solche Kreatur in den Kopf gesetzt hat, so wird ihm schwerlich ein Mingo- oder selbst ein Delawaren-Mädchen mehr den Kopf verrücken. Ihr mögt lachen über solche Männer, wie Harry und ich sind, denn wir sind rauh und ungelehrt in Büchern und andern Kenntnissen, aber wir haben unsre guten Seiten, wie unsre schlechten. Ein redliches Herz ist nicht zu verachten, Mädchen, wenn es auch nicht bewandert ist in all den Zierlichkeiten, die einem weiblichen Geschmack gefallen.«

»Ihr, Wildtödter! Und meint Ihr – könnt Ihr einen Augenblick glauben, ich stelle Euch Harry March an die Seite? Nein, nein. So weit bin ich nicht in der Thorheit und Blindheit gekommen. Niemand – Mann oder Weib – könnte daran lenken, Euer redliches Herz, Euer mannhaftes Wesen und Eure einfache Wahrheitsliebe zusammen mit der lärmenden Selbstsucht, der schmutzigen Habsucht und der übermüthigen Wildheit Henry March’s zu nennen. Das Beste noch, was von ihm gesagt werden kann, ist in seinem Namen Hurry Skurry zu finden, der, wenn nicht viel Schlimmes, auch eben nicht viel Gutes besagt. Sogar mein Vater, mit dem Andern der Befriedigung seiner Neigungen und Gefühle nachgehend, wie eben im jetzigen Augenblick, erkennt doch wohl den Unterschied zwischen Euch. Das weiß ich, denn das hat er mir selbst offen erklärt.«

Judith war ein Mädchen von schnellen Empfindungen und von ungestümen Gefühlen; und da sie wenig von dem Zwang wußte, welcher die Offenbarung der Gemüthsbewegungen junger, weiblicher Seelen bei Solchen beschränkt und hemmt, die in den Sitten und Gewohnheiten des civilisirten Lebens aufwachsen, verrieth sie die ihrigen mit einer Offenheit, die so rein natürlich war, daß sie weit über den Künsten der Koketterie stand, ebenso wie über ihrer Herzlosigkeit. Sie hatte sogar jetzt eine der harten Hände des Jägers ergriffen und sie mit ihren beiden Händen gedrückt, mit einer Wärme und einem Ernst, die zeigten, wie aufrichtig ihre Sprache war. Es war vielleicht ein Glück, daß sie gerade durch das Uebermaß ihrer Gefühle zum Schweigen genöthigt wurde, denn dieselbe Gewalt hätte sie dahin bringen können, Alles zu gestehen, was ihr Vater gesagt, – denn der Alte hatte sich nicht mit einer für Wildtödter vortheilhaften Vergleichung zwischen Hurry und dem Jäger begnügt, sondern auch in seiner derben, plumpen Weise seine Tochter kurz und gut angewiesen, den Erstern gänzlich fahren zu lassen, und sich darauf gefaßt zu machen, des Letztern Weib zu werden. Judith würde das nicht gern einem andern Manne gesagt haben, aber die arglose Treuherzigkeit Wildtödters erweckte so viel Vertrauen, daß ein Wesen von ihrem Naturell in beständiger Versuchung sich fühlen mußte, die Grenzen der Gewohnheit zu überspringen. Sie ging jedoch nicht weiter, ließ augenblicklich seine Hand wieder los, und nahm wieder die Zurückhaltung an, die ihrem Geschlecht und in der That auch ihrer natürlichen Sittsamkeit gemäßer war.

»Dank Euch, Judith, dank Euch von ganzem Herzen,« versetzte der Jäger, dem seine Bescheidenheit verbot, von dem Benehmen oder von der Sprache des Mädchens eine schmeichelhafte Auslegung zu machen, »Dank Euch, so herzlich, als wenn Alles wahr wäre. Harry fällt in’s Auge, ja er fällt in’s Auge wie die größte Tanne dieser Berge, und Schlange hat ihn dem entsprechend benamst; aber Manche finden Geschmack an gutem Aussehen, und Manche nur an guter Handlungsweise. Hurry hat Einen Vortheil und es kommt auf ihn an, ob er auch den andern haben soll, oder – horcht! Das ist Eures Vaters Stimme, und er spricht wie Einer, der über etwas ergrimmt ist.«

»Gott bewahre uns vor weitern solchen entsetzlichen Scenen!« rief Judith, ihr Gesicht zu den Knieen herunterbeugend und bestrebt, indem sie sich mit den Händen die Ohren zuhielt, die widerlichen Töne von sich fern zu halten. »Ich wünschte manchmal, ich hätte keinen Vater!« Sie sagte dieß mit Bitterkeit, und die quälenden Erinnerungen, die ihr diese Worte auspreßten, wurden bitter von ihr gefühlt. Es ist unmöglich zu sagen, was sie noch weiter hätte äußern mögen, hätte nicht eine sanfte, leise Stimme dicht an ihrer Seite gesprochen.

»Judith, ich hätte Vater und Hurry ein Kapitel lesen sollen!« sagte die unschuldige aber geängstigte Sprecherin, »das würde sie abgehalten haben, auf ein solches Unternehmen auszuziehen. Ruft Ihr ihnen, Wildtödter, und sagt ihnen, ich verlange nach ihnen, und es werde für sie Beide gut seyn, wenn sie umkehren und meinen Worten horchen.«

»Ach Gott! – arme Hetty, Ihr wißt wenig von der Gier nach Geld und Rache, wenn Ihr glaubt, sie lasse sich so leicht von ihrem Bestreben abziehen! Aber das ist ein ganz seltsamer Handel, in mehr als einer Weise, Judith! Ich höre Euren Vater und Hurry brüllen wie Bären, und doch kommt kein Laut aus dem Munde des jungen Häuptlings. Das Geheimthun hat sein Ziel gefunden, und doch schweigt sein Kriegsruf, der nach der Regel unter solchen Umständen an den Bergen widerhallen sollte!«

»Die Gerechtigkeit hat ihn vielleicht ereilt, und sein Tod hat das Leben von Unschuldigen gerettet!«

»Nicht so – nicht so – die Schlange ist es nicht, der es entgelten müßte, wenn das das Gesetz seyn sollte. Gewiß hat kein Angriff stattgefunden, und es ist höchst wahrscheinlich, daß die Männer das Lager verlassen gefunden haben und mit getäuschter Hoffnung zurück kommen. Das erklärt das Gebrülle Hurry’s und das Schweigen der Schlange.«

Gerade in diesem Augenblicke hörte man im Canoe einen Ruderschlag fallen, denn der Verdruß hatte March ganz rücksichtslos gemacht, und Wildtödter war jetzt von der Richtigkeit seiner Vermuthung überzeugt. Da das Segel herabgelassen, war die Arche nicht weit geschwommen, und nach wenigen Minuten hörte er Chingachgook in leisem, ruhigem Tone Huttern Anweisung geben, wie er steuern sollte, um sie zu erreichen. In kürzerer Zeit als die Erzählung erfordert, erreichte das Canoe die Fähre, und die Abenteurer stiegen auf diese herüber. Weder Hutter noch Hurry sprachen von dem Vorgefallenen; der Delaware aber sprach, als er an seinem Freunde vorbeikam, nur die Worte: »das Feuer ist aus!« Die, wenn nicht buchstäblich wahr, doch dem Andern die Wahrheit zur Genüge erklärten.

Jetzt entstand die Frage, in welcher Richtung steuern. Eine kurze, mürrische Berathung wurde gehalten, wo Hutter entschied: das Klügste würde seyn, in beständiger Bewegung zu bleiben – als das sicherste Mittel, jeden Versuch einer Ueberraschung zu vereiteln; und zugleich kündigte er seine und March’s Absicht an, sich für den Verlust des Schlafs während ihrer Gefangenschaft schadlos zu halten, und sich niederzulegen. Da der Wind noch immer umschlug und leicht wehte, wurde am Ende beschlossen, vor ihm her zu segeln, komme er von welcher Richtung er wolle, so lange er nur die Arche nicht an den Strand treibe. Nachdem dieser Punkt festgesetzt war, halfen die befreiten Gefangenen die Segel aufziehen, und warfen sich dann auf zwei Pritschen, Wildtödter und seinem Freund überlassend, nach den Bewegungen der Arche zu sehen, da Keiner von den Letztern zu schlafen gesonnen war. Wegen der Verabredung mit Hist war diese Auftheilung der Rollen allen Theilen recht und daß Judith und Hetty auch aufblieben, verminderte in keiner Weise die Annehmlichkeiten der den Wachehaltenden zugetheilten Rolle.

Eine Zeit lang trieb die Fähre mehr an der westlichen Küste hin, als daß sie segelte, einer leisen südlichen Luftströmung folgend. Die Bewegung war langsam, nicht über ein paar Meilen in der Stunde, aber die zwei Männer bemerkten, daß sie sie nicht blos dem Punkte zu führte, den sie zu erreichen wünschten, sondern auch in einem Verhältniß der Schnelligkeit, wie es gerade die noch übrige Zeit erforderte. Aber Wenig ward in dieser Zeit gesprochen, selbst von den Mädchen, und dieß Wenige bezog sich mehr auf die Befreiung Hist’s, als auf andere Gegenstände. Der Indianer war dem äußern Anschein nach ruhig; aber wie Minute um Minute verstrich, wurden seine Gefühle immer aufgeregter, bis sie einen Stand erreichten, der die Ansprüche selbst der begehrlichsten Geliebten würde befriedigt haben. Wildtödter steuerte das Fahrzeug so viel in den Buchten hin, als die Vorsicht erlaubte, mit dem gedoppelten Zweck, unter dem Schatten der Wälder zu segeln, und Zeichen von einem Lager auf der Küste zu entdecken, an dem sie etwa vorbeikämen. In dieser Weise hatten sie einen tiefgelegenen Vorsprung umsegelt, und befanden sich schon in der Bai, welche zur nördlichen Grenze das Ziel hatte, auf welches sie los gingen. Das letztere war noch eine Viertelmeile entfernt, als Chingachgook schweigend zu seinem Freunde trat, und auf einen Punkt hindeutete, gerade vor ihnen. Ein kleines Feuer brannte gerade am Saum der Büsche, welche die Küste auf der Südseite des Absprungs einfaßten – und ließ keinen Zweifel daran übrig, daß die Indianer ihr Lager eben an den Platz, oder wenigstens auf den Landvorsprung verlegt hatten, wohin Hist sie beschieden!

Vorrede.

Vorrede.

Dieses Buch wurde nicht ohne manche Besorgnisse wegen seiner muthmaßlichen Aufnahme geschrieben. Einen und denselben Charakter durch fünf verschiedene Werke hindurchführen, konnte als allzukecke Zumuthung an die Gutmüthigkeit des Publikums erscheinen, und Manche möchten mit Grund dieß als ein Unterfangen ansehen, das an sich schon zur Mißbilligung herausfordere. Auf diesen sehr natürlichen Vorwurf kann der Verfasser nur erwiedern, daß, wenn er in diesem Falle einen schweren Fehler begangen, seine Leser selbst einigermaßen die Verantwortung dafür auf sich haben. Die günstige Aufnahme, welche den späteren Schicksalen und dem Tode Lederstrumpfs zu Theil wurde, hat der Seele des Verfassers wenigstens es zu einer Art von Nothwendigkeit gemacht, auch von seinen jüngeren Jahren Nachricht zu geben. Kurz, die Gemälde seines Lebens, wie sie nun einmal sind, waren schon so vollständig, daß sie wohl einiges Verlangen erwecken konnten, die Gesammtzeichnung zu sehen, nach welcher sie alle gemalt wurden. Die »Lederstrumpferzählungen« bilden jetzt eine Art von fünfaktigem Drama, vollständig, was den Inhalt und den Plan betrifft, wenn auch vermuthlich sehr mangelhaft in der Ausführung. So wie sie sind, hat sie die Lesewelt vor sich. Der Verfasser hofft, sie werde, entschiede sie auch dahin, daß der hier vorliegende Akt, der letzte in der Ausführung, obwohl der erste in der natürlichen Ordnung der Lektüre, nicht der beste der ganzen Reihefolge sey, doch das Urtheil fällen, daß er auch nicht eben der schlechteste sey. Mehr als einmal hat er sich versucht gefühlt, sein Manuskript zu verbrennen und sich zu einem andern Gegenstand zu wenden, obwohl er im Verlaufe seiner Arbeit eine Aufmunterung von so eigenthümlicher Art erhielt, daß es sich verlohnt, sie zu erwähnen. Ein anonymer Brief aus England, von der Hand einer Dame, wie ihn däucht, kam ihm zu, worin er dringend aufgefordert wurde, ungefähr eben das zu thun, was er schon mehr als halb ausgeführt hatte, – ein Wunsch, den er sehr gerne als ein Zeichen deutet, daß sein Versuch theilweise werde verziehen, wo nicht entschieden gebilligt werden.

Wenig braucht er über die Charaktere und die Scenerie dieser Erzählung zu sagen. Jene sind natürlich Werk der Dichtung; diese aber ist der Natur so treu, als nur immer die vertraute Bekanntschaft mit dem jetzigen Aussehen der geschilderten Gegend, und Vermuthungen über ihren früheren Charakter, so wahrscheinlich als die Einbildungskraft sie an die Hand gab, den Verfasser in Stand setzten, sie zu schildern. See, Berge, Thal und Wald sind insgesammt, wie er glaubt, genau genug dargestellt, während Fluß, Fels und Küste treue Abzeichnungen der Natur sind. Selbst die einzelnen vorspringenden Punkte existiren, etwas verändert durch die Civilisation, aber doch so entsprechend den Schilderungen, daß Jeder, der mit der Scenerie der fraglichen Gegend vertraut ist, sie leicht erkennt.

Was die historische Treue bei den Ereignissen dieser Erzählung im Ganzen und im Einzelnen betrifft, so ist der Verfasser gesonnen, hier auf seinem Recht zu bestehen, und darüber nicht mehr zu sagen, als was er für nothwendig erachtet. Bei dem großen Streit um Wahrheit, der zwischen Geschichte und Fiktion waltet, ist der Vortheil so oft auf der Seite der letzteren, daß er sehr geneigt ist, den Leser auf seine eigenen Forschungen zu verweisen, um über diesen Punkt in’s Reine zu kommen. Sollte es sich bei genauer Untersuchung zeigen, daß ein anerkannter Historiker, daß öffentliche Urkunden oder auch Lokaltraditionen den Angaben dieses Buchs widersprechen, so ist der Verfasser bereit, zuzugestehen, daß der Umstand seiner Aufmerksamkeit gänzlich entging, und seine Unwissenheit zu bekennen. Andererseits, sollte sich’s finden, daß die Annalen Amerika’s nicht eine Sylbe enthalten, die dem, was hier der Welt vorgelegt wird, widerspräche, – wie er denn fest glaubt, daß die Forschung dieß ausweisen werde – so wird er für seine Erzählung genau so viel Glaubwürdigkeit in Anspruch nehmen, als sie verdient. Es gibt eine ansehnliche Classe von Romanlesern – ansehnlich ebenso wegen ihrer Zahl als in jedem andern Betracht, – die man oft mit dem Mann verglichen hat, der »singt, wenn er liest, und liest, wenn er singt«. Diese Leute sind über die Maßen phantasiereich in allem Thatsächlichen, und so buchstäblich pedantisch, wie die Uebersetzung eines Schulknaben, in Allem, was zur Poesie gehört. Zum Nutz und Frommen aller solcher Leute wird hiemit ausdrücklich erklärt, daß Judith Hutter eben Judith Hutter ist, und keine andere Judith; und überhaupt, daß, wenn irgendwo bei einem Taufnamen oder bei der Farbe des Haares eine Aehnlichkeit, ein Zusammentreffen sich findet, nichts weiter gemeint ist, als was für den Unbefangenen in der Gleichheit des Taufnamens oder der Haarfarbe liegt. Lange Erfahrung hat den Verfasser belehrt, daß dieser Theil seiner Leser der bei weitem am schwersten zu befriedigende ist, und er möchte ihnen, zum Besten beider Parteien, den ehrerbietigen Rath geben, den Versuch zu machen und Werke der Einbildungskraft so zu lesen, als wären es Erzählungen positiver Thatsachen. Ein solches Verfahren könnte sie vielleicht in Stand setzen, an die Möglichkeit der Dichtung zu glauben Der Wildtödter.

Neuntes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Verschwenderisch bist mit Lächeln du,
Darob dein Zürnen man vergißt.
Dir jubeln tausend Inseln zu.
Wenn wieder du gekommen bist;
Die Herrlichkeit, von dir entsandt.
Badet in Wonne See und Land.
Der Himmel.

Es hilft vielleicht dem Leser zum bessern Verständniß der jetzt zu erzählenden Vorfälle, wenn er ein rasch skizzirtes Bild der Scene auf einmal seinem Auge dargelegt sieht. Man erinnert sich, daß der See ein unregelmäßig geformtes Becken bildete, dessen Umriß, im Ganzen betrachtet, oval war, aber mit Buchten und vorspringenden Punkten, welche die Gleichförmigkeit unterbrachen und seine Ufer zierten. Die Oberfläche dieses schönen Wasserspiegels glänzte jetzt wie ein Edelstein in den letzten Strahlen der Abendsonne, und die Einfassung des Ganzen – Hügel, mit dem üppigsten Waldgrün bekleidet – war von einer Art strahlendem Lächeln verklärt, wie es in den schönen Zeilen, die wir diesem Kapitel vorangestellt, am besten geschildert ist. Da die Ufer, mit wenigen Ausnahmen, dicht am Wasser steil hinanstiegen, auch wo der Berg nicht unmittelbar die Aussicht begrenzte, überhing den friedlichen See ein fast ununterbrochner Saum von Laub; denn die Bäume rangen sich von den steilen Anhöhen empor, neigten sich dem Licht zu, bis sie in manchen Fällen ihre langen Glieder und ihre geraden Stämme vierzig oder fünfzig Fuß weit von der perpendikularen Linie abweichend ausstreckten. Dieß galt freilich nur von den Riesen des Forstes, von Tannen, die hundert bis hundert und fünfzig Fuß hoch waren, denn von den kleinern Bäumen neigten sich sehr viele so sehr, daß sie die untern Zweige ins Wasser tauchten.

In der Stellung, welche die Arche jetzt einnahm, war das Castell durch einen vorspringenden Punkt dem Auge entzogen, so wie überhaupt das ganze nördliche Ende des See’s selbst. Ein ansehnlicher Berg mit Wald bekleidet, und rund wie alle übrigen, begrenzte in dieser Richtung die Aussicht, und dehnte sich unmittelbar über die ganze schöne Scene aus, mit Ausnahme einer tiefen Bai, die an seinem westlichen Ende sich hinzog, das Becken um mehr als eine Meile verlängernd. Die Art und Weise, wie das Wasser aus dem See abfloß, unter den belaubten Bögen der Bäume, welche die beiden Seiten des Flusses einfaßten, ist schon geschildert und es ist auch gesagt worden, daß der Fels, der in der ganzen Gegend ein Lieblingsplatz zur Verabredung von Zusammenkünften war und wo Wildtödter jetzt seinen Freund zu treffen erwartete, dieser Ausströmung nahe, und nicht sehr entfernt von der Küste stand. Es war ein großer, einzelner Stein, der auf dem Grund des Sees ruhte, dem Anschein nach zurückgeblieben, als die Wasser die Erde um ihn her wegrissen, um sich einen Durchgang durch das Flußbett zu erzwingen; und seine eigenthümliche Gestalt hatte er wohl durch den Einfluß der Elemente während des langen Verlaufs von Jahrhunderten bekommen. Die Höhe dieses Felsen konnte kaum sechs Fuß betragen, und wie schon gesagt, seine Gestalt war nicht unähnlich der gewöhnlichen Form von Bienenstöcken, oder einem Heuhaufen. Die letztere Vergleichung gibt in der That die beste Anschauung nicht nur von seiner Form, sondern auch von seinen Dimensionen. Er stand – und steht noch, denn wir schildern wirklich vorhandene Scenen – fünfzig Fuß vom Ufer entfernt und im Wasser, wo es nur zwei Fuß tief war, obwohl es auch Zeiten gab, wo sein abgerundeter Gipfel, wenn man diesen Ausdruck auf ihn anwenden darf, vom See ganz bedeckt war. Viele von den Bäumen dehnten sich so weit heraus, daß sie beinahe den Felsen mit der Küste vereinigten, wenn man beide in einiger Entfernung sah; und eine große Tanne insbesondere hing so darüber her, daß sie ein stolzes und passendes Dach bildete über einen Sitz, der manchen Häuptling des Waldes, während der langen Reihe unbekannter Jahrhunderte, wo Amerika mit Allem, was es enthielt, abgeschlossen in geheimnißvoller Einsamkeit als eine Welt für sich bestanden hatte, ebenso ohne eine bekannte Geschichte, wie einen, für die menschlichen Annalen erreichbaren Ursprung – mochte beherbergt haben.

Vom Ufer noch zwei bis dreihundert Fuß entfernt, zog Wildtödter sein Segel ein und warf seinen Anker aus, sobald er fand, daß die Arche in einer Linie hintrieb, die gerade auf den Felsen zustrebte. Die Bewegung des Fahrzeugs ward dann gestellt, worauf es durch die Wirkung des Lüftchens mit dem Vordertheil dem Winde zugekehrt wurde. Sobald dieß geschehen, gab Wildtödter Tau zu und ließ das Fahrzeug dem Felsen zutreiben, so rasch es der leise Luftzug vor sich her drängen mochte. Da es sehr wenig tief ging, war dieß bald geschehen, und der junge Mann hemmte seine Bewegung, als er sah, daß das Hintertheil der Fähre auf fünfzehn oder achtzehn Fuß dem beabsichtigten Platze nahe gekommen war.

Bei Ausführung dieses Manöuvers hatte sich Wildtödter sehr beeilt; denn während er nicht im Mindesten daran zweifelte, daß er von dem Feinde beobachtet und verfolgt werde, glaubte er, ihn in seinen Bewegungen, durch die anscheinende Unsicherheit seiner eigenen, irre gemacht zu haben; und er wußte, daß sie keine Mittel hatten zu erfahren, daß sein Absehen auf den Felsen gerichtet war, wenn nicht etwa Einer der Gefangnen ihn verrathen hatte, – ein an sich so unwahrscheinlicher Fall, daß er sich darüber keine unruhigen Gedanken machte. Trotz der Raschheit und Entschiedenheit seiner Bewegungen jedoch wagte er sich nicht der Küste so nahe, ohne die gehörigen Vorsichtsmaßregeln zum Behuf eines Rückzugs zu treffen, falls dieser nothwendig würde. Er selbst hielt das Tau in der Hand, und Judith war an einem Guckloch auf der dem Land zugekehrten Seite der Kajüte aufgestellt, wo sie die Küste und die Felsen beobachten, und zeitig Nachricht geben konnte von dem Nahen eines Freundes oder Feindes. Hetty war auch auf einen Wachposten gestellt, aber sie sollte nur auf die Bäume über ihnen Acht haben, damit nicht ein Feind einen besteige, und durch vollständige Beherrschung des Innern des Fahrzeugs die Vertheidigung des Häuschens oder der Cajüte vereitle.

Die Sonne hatte sich vom See und Thal zurückgezogen, als Wildtödter die Arche in der genannten Weise stille stehen machte. Doch fehlten noch einige Minuten bis zum eigentlichen Sonnenuntergang, und er kannte die indianische Pünktlichkeit zu gut, um eine unmännliche Hast bei seinem Freunde vorauszusetzen. Die große Frage war, ob er, umgeben von Feinden, wie man dieß wußte, ihren Netzen zu entgehen vermocht habe. Die Vorfälle der letzten vierundzwanzig Stunden mußten ihm ein Geheimniß seyn, und wie Wildtödter war auch Chingachgook noch jung auf dem Kriegspfade. Zwar kam er allerdings gefaßt darauf, der Truppe zu begegnen, welche seine verlobte Braut festhielt, aber er hatte keine Mittel, sich über den Umfang der Gefahr, die er lief, zu vergewissern, noch auch über die eigentliche Stellung, welche Freunde und Feinde inne hatten. Mit Einem Wort, der geübte und ausgebildete Scharfblick und die unermüdliche Vorsicht eines Indianers waren Alles, worauf er unter den bedenklichen Gefahren, denen er sich unvermeidlich aussetzte, angewiesen war.

»Ist der Fels leer, Judith?« fragte Wildtödter, sobald er die Bewegung der Arche gehemmt hatte, da er für unklug hielt, ohne Noth sich der Küste nahe zu wagen. »Ist Nichts zu sehen von dem Delawarischen Häuptling?«

»Nichts, Wildtödter. Weder Fels, Küste, Baum noch See scheinen je eine menschliche Gestalt gekannt zu haben.«

»Nehmt Euch in Acht, Judith, – nehmt Euch in Acht, Hetty – eine Büchse hat ein spähendes Auge, einen raschen Fuß, und eine verzweifelt unheilvolle Zunge. Nehmt Euch denn in Acht, aber gebt auch recht Acht, und seyd flink und rüstig! Es thäte mir herzlich leid, wenn Einer von Euch ein Leid zustieße!«

»Und Euch, Wildtödter!« rief Judith, ihr schönes Gesicht von dem Guckloch wegwendend, um dem jungen Mann einen huldvollen und dankbaren Blick zuzuwerfen; »Nehmt Ihr Euch in Acht, und sorgt, daß die Wilden nicht Eurer ansichtig werden! Eine Kugel könnte Euch ebenso unheilvoll werden, als Einer von uns; und der Schlag, der Euch träfe, würde von Allen empfunden.«

»Seyd ohne Furcht um mich, Judith – seyd ohne Furcht um mich, mein gutes Mädchen. Seht nicht hierher, obgleich Euer Blick recht freundlich und lieblich ist, sondern richtet Euer Auge auf den Felsen, und die Küste, und den –«

Wildtödter ward unterbrochen durch einen leisen Ausruf des Mädchens, das, seinen dringenden und hastigen Geberden ebenso wie seinen Worten gehorsam, sogleich wieder ihr Auge nach der entgegengesetzten Richtung gewendet hatte.

»Was ist’s? – Was ist’s, Judith?« fragte er hastig; »Ist Etwas zu sehen?«

»Dort ist ein Mann, auf dem Felsen! – ein indianischer Krieger, in seiner Bemalung, und bewaffnet!«

»Wo trägt er seine Falkenfeder?« fragte wieder Wildtödter lebhaft, und ließ das Tau nach, um sich dem Ort der Zusammenkunft zu nähern. »Ist sie dicht an der Kriegslocke, oder trägt er sie über dem linken Ohr?«

»Wie Ihr sagt, über dem linken Ohr; er lächelt auch, und flüstert das Wort: Mohikan.«

»Gott sey gelobt, es ist die Schlange, endlich!« rief der junge Mann, und ließ das Tau durch seine Hände gleiten, bis er am andern Ende des Fahrzeugs einen leichten Sprung hörte; worauf er augenblicklich mit dem Nachgeben des Seils inne hielt, und wieder anfing, es einzuziehen, versichert, daß sein Zweck erfüllt war.

In diesem Augenblick ward die Thüre der Cajüte hastig geöffnet, und ein Krieger, durch das kleine Gemach eilend, stand neben Wildtödter, und ließ nur den einfachen Ausruf: »Hugh« hören. Im nächsten Augenblick kreischten Judith und Hetty auf, und die Luft ward erfüllt von dem gellenden Geschrei von zwanzig Wilden, welche durch die Zweige zum Ufer herab sprangen, und von denen Einige in ihrer Hast der Länge nach ins Wasser stürzten.

»Zieht, Wildtödter,« schrie Judith, hastig die Thüre schließend, um ein Eindringen durch die Oeffnung zu verhindern, welche so eben den Delawaren eingelassen hatte, »zieht, auf Leben und Tod – der See ist voll von Wilden, die uns nach waten!«

Die jungen Männer – denn Chingachgook eilte sofort seinem Freunde beizustehen – erwarteten keine zweite Aufforderung, sondern sie erfüllten von selbst ihre Aufgabe mit einem Eifer, welcher zeigte, wie dringend ihnen die Gefahr erschien. Die große Schwierigkeit war, so plötzlich die vis inertiae einer so großen Masse zu überwinden; denn war die Fähre einmal in Bewegung, so war es leicht, sie das Wasser mit aller wünschenswerthen Schnelligkeit durchschneiden zu machen.

»Zieht, Wildtödter, ums Himmels willen!« schrie Judith wieder an ihrem Guckloch; »diese Elenden stürzen ins Wasser wie Hunde, die ihre Beute verfolgen! Ah! die Fähre bewegt sich! und jetzt wird das Wasser tiefer, und geht dem Vordersten schon bis unter die Schulter – und doch eilen sie vorwärts und wollen die Arche packen!«

Ein leichtes Kreischen und dann ein fröhliches Gelächter des Mädchens folgte nun; die Ursache von jenem war ein verzweifelter Versuch ihrer Verfolger, und von diesem dessen Mißlingen; die Fähre, welche jetzt tüchtig in Bewegung gesetzt war, glitt bald auf tieferem Wasser, das Vordertheil voran, mit einer Geschwindigkeit hin, welche die Anschläge der Feinde vereitelte. Da die beiden Männer durch die dazwischenliegende Cajüte verhindert waren zu sehen, was hinten vorging, mußten sie die Mädchen nach dem Stand der Jagd fragen. »Was jetzt, Judith? Was dann? Verfolgen uns die Mingo’s noch, oder sind wir ihrer für den Augenblick entledigt?« fragte Wildtödter, wie er das Tau schlaff werden fühlte, als eilte nunmehr die Fähre rasch von selbst weiter, und das Kreischen und Lachen des Mädchens beinahe in Einem Athem vernahm.

»Sie sind verschwunden! – Einer, der letzte, versteckt sich gerade in den Büschen des Ufers – dort ist er verschwunden in den Schatten der Bäume. Ihr habt nun Euren Freund, und wir sind Alle sicher!«

Die beiden Männer machten jetzt wieder eine große Anstrengung, zogen die Arche schnell bis zu dem Anker hinauf, lichteten diesen, und als die Fähre noch eine Strecke Wegs zurückgelegt und ihre Bahn verloren hatte, warfen sie wieder den Anker aus; und jetzt zum erstenmal seit ihrem Wiedersehen hielten sie in ihrer schweren Arbeit inne. Nachdem das schwimmende Haus einige hundert Fuß von der Küste entfernt lag, und vollkommnen Schutz gegen Kugeln bot, war weiter keine Gefahr, und kein Grund zur Anstrengung ihrer Kräfte im Augenblick vorhanden.

Die Art, wie die beiden Freunde jetzt einander begrüßten, war höchst charakteristisch. Chingachgook, ein edler, großer, schöner und athletischer junger indianischer Krieger besichtigte zuerst sorgfältig seine Büchse, öffnete die Pfanne, um sich zu versichern, daß das Pulver darauf nicht naß geworden; warf, nachdem er sich dieses wichtigen Umstandes vergewissert, verstohlene aber beobachtende Blicke um sich auf die seltsame Behausung und die beiden Mädchen; noch immer aber sprach er nicht, und besonders vermied er durch Fragen irgend eine weibische Neugierde an den Tag zu legen.

»Judith und Hetty,« sagte Wildtödter mit unangelernter, natürlicher Höflichkeit, »dieß ist der Mohikanische Häuptling, von welchem ich Euch gesprochen, Chingachgook, wie er genannt ist, was »große Schlange« bedeutet; so genannt wegen seiner Weisheit und Klugheit und List, und mein erster und letzter Freund. Ich wußte, daß er es seyn müsse, durch die Falkenfeder über dem linken Ohr, denn die meisten andern Krieger tragen sie an der Kriegslocke.«

Nachdem Wildtödter so gesprochen, lachte er herzlich, mehr aufgeregt vielleicht durch die Freude, seinen Freund unter so drohenden Umständen nun doch wohlbehalten an seine Seite bekommen zu haben, als durch irgend einen Einfall, der etwa zufällig ihm durch den Sinn fuhr: und dieser Ausbruch seiner Empfindungen war etwas auffallend dadurch, daß er von gar keinem Geräusch begleitet war. Obgleich Chingachgook das Englische verstand und sprach, mochte er doch seine Gedanken nicht in dieser Sprache mittheilen, wie die meisten Indianer; und nachdem er Judiths herzliches Händeschütteln und Hetty’s sanftere Begrüßung in der höflichen Weise aufgenommen, wie es einem Häuptling geziemte, wandte er sich weg, offenbar um den Augenblick zu erwarten, wo es seinem Freund belieben möchte, ihm seine weitern Absichten auseinander zu setzen, und ihm zu erzählen, was seit ihrer Trennung sich begeben hatte. Der Andere verstand seinen Wunsch, und offenbarte seine Denk- und Schlußweise in der Sache durch seine Anrede an die Mädchen.

»Dieser Wind wird bald sich ganz legen, nachdem die Sonne unter ist,« sagte er, »und es ist nicht nöthig dagegen zu rudern. In etwa einer halben Stunde wird völlige Windstille seyn, oder der Wind wird von der Südküste her wehen, wo wir dann unsern Rückweg zum Castell antreten wollen; mittlerweile wollen der Delaware und ich über allerlei Sachen uns besprechen, und Jeder nach den Begriffen des Andern seine Ansicht berichtigen über das Verfahren, das wir einzuschlagen haben.«

Niemand widersprach diesem Vorschlag, und die Mädchen entfernten sich in die Cajüte, um die Abendmahlzeit zu beschicken, während die beiden jungen Männer sich auf dem Vordertheil des Fahrzeugs setzten und ein Gespräch begannen. Die Unterredung ward in der Sprache der Delawaren geführt. Da jedoch dieser Dialekt selbst von Gelehrten wenig gekannt ist, wollen wir bei dieser wie bei allen künftigen Gelegenheiten solche Gespräche, die wir genauer mitzutheilen für nöthig erachten, in unsre Sprache übertragen und die Idiome und Eigenthümlichkeiten der Redenden in sofern zu wahren suchen, daß wir die von ihnen gebrauchten Bilder und Redefiguren dem Geiste der Leser in der treuesten und anschaulichsten Weise nahe bringen.

Es ist unnöthig auf die Einzelnheiten einzugehen, welche Wildtödter zuerst berichtete, indem er eine kurze Erzählung der unsern Lesern schon bekannten Thatsachen gab. Erwähnt muß jedoch werden, daß der Erzähler hier nur die Umrisse berührte, und namentlich sich enthielt, Etwas von seinem Kampf mit dem Irokesen und seinem Siege, so wie auch von seinen Bemühungen zu Gunsten der verlassenen Mädchen zu sagen. Als Wildtödter zu Ende war, begann auch der Delaware seine Erzählung und sprach in häufigen Sentenzen, mit viel Ernst und Würde. Sein Bericht war klar und kurz, auch mit keinen Vorfällen ausgeschmückt, die nicht geradezu die Geschichte seiner Reise von den Ortschaften seines Volkes und seine Ankunft im Thal des Susquehannah betroffen hätten. Als er letzteres erreichte, und zwar an einem Punkt, der nur eine halbe Meile südlich von der Ausströmung lag, hatte er bald eine Spur aufgefunden, die ihm die zu vermuthende Nähe von Feinden verrieth. Da er auf ein solches Begebnis vorbereitet war, und ihn ja der Zweck seines Zuges unmittelbar in die Nähe der Truppe von Irokesen rief, von welcher man wußte, daß sie umherstreife, betrachtete er die Entdeckung eher als ein Glück, denn als das Gegentheil, und traf die gewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln, um daraus Nutzen zu ziehen. Zuerst folgte er dem Fluß bis zu seinem Ursprung, merkte sich die Lage des Felsens genauer, fand dann wieder eine Spur, und war wirklich schon Stunden lang um die Feinde von verschiedenen Seiten herumgestreift, gleicherweise eine Gelegenheit abwartend, seine Geliebte zu treffen, und einen Skalp zu erbeuten; und es mag die Frage seyn, was er am sehnlichsten wünschte. Er hielt sich in der Nähe des See’s und wagte sich gelegentlich an diesen oder jenen Ort, wo er übersehen konnte, was auf seinem Spiegel vorging. Die Arche war gesehen und beobachtet worden von dem Augenblick an, wo sie in den Bereich des Gesichts kam, obwohl der junge Häuptling natürlich nicht wußte, daß sie das Mittel werden sollte, seine gewünschte Vereinigung mit dem Freunde zu bewirken. Die Unsicherheit ihrer Bewegungen, und der Umstand, daß sie unstreitig von Weißen gelenkt wurde, führte ihn jedoch auf die Vermuthung der Wahrheit, und er hielt sich gefaßt, an Bord derselben zu gehen, sobald sich eine geeignete Gelegenheit darböte. Als die Sonne sich zum Horizont herabsenkte, begab er sich auf den Felsen, wo er, als er aus dem Wald hervortauchte, zu seiner Freude die Arche liegen sah, offenbar bereit, ihn aufzunehmen. Die Art und Weise seines Erscheinens und seines Eintritts in das Fahrzeug ist schon bekannt.

Obgleich Chingachgook seine Feinde Stunden lang genau beobachtet hatte, war doch ihre plötzliche und scharfe Verfolgung, als er die Fähre erreichte, ihm ebenso überraschend, wie seinem Freunde. Er konnte sie sich nur erklären durch den Umstand, daß sie zahlreicher waren, als er zuerst geglaubt, und daß sie Truppe ausgestellt hatten, von deren Vorhandenseyn er Nichts gewußt. Ihr regelmäßiges und bleibendes Lager, wenn das Wort bleibend gebraucht werden darf von dem Aufenthaltsort einer Bande, die aller Wahrscheinlichkeit nur ein paar Wochen aus zu seyn beabsichtigte, war nicht fern von der Stelle, wo Hutter und Hurry in ihre Hände gefallen waren, und natürlich in der Nähe einer Quelle.

»Nun, Schlange,« fragte Wildtödter, als der Andre seine kurze aber lebendige Erzählung beendigt hatte, und zwar in der Delawarensprache, die wir nur zur Bequemlichkeit des Lesers nicht beibehalten haben – »nun Schlange, da Ihr um diese Mingo’s herum spionirt habt: könnt Ihr uns Etwas berichten von ihren Gefangenen; dem Vater dieser Mädchen, und noch Einem, der, wie ich vermuthe, der Liebhaber der Einen von ihnen ist?«

»Chingachgook hat sie gesehen. Ein alter Mann und ein junger Krieger – die fallende Schierlingstanne und die hohe Tanne.«

»Ihr habt’s nicht übel getroffen, Delaware, Ihr habt’s nicht übel getroffen. Der alte Hutter ist wirklich halb zerfallen, obgleich manche tüchtige Klötze noch aus seinem Stamm gehauen werden könnten; und was Hurry Harry anlangt, nach Höhe, Stärke und hübschem Aussehen könnte er wohl der Stolz des menschlichen Waldes genannt werden. Waren die Männer gebunden, oder erlitten sie in irgend einer Weise Martern? Ich frage wegen der jungen Weiber, die, glaub‘ ich, sehr verlangend sind, Etwas zu erfahren.«

»Nicht so, Wildtödter. Die Mingo’s sind so Viele, daß sie ihr Wild nicht in einen Käfig zu sperren brauchen. Einige wachen. Einige schlafen, Einige lauern, Andere jagen. – Die Bleichgesichter werden heute wie Brüder behandelt; morgen werden sie ihre Skalpe verlieren.«

»Ja, das ist rothe Natur, und darein muß man sich schicken! Judith und Hetty, da ist tröstliche Botschaft für Euch! Der Delaware erzählt mir, daß weder Euer Vater noch Hurry Harry Martern zu leiden haben; daß sie, abgerechnet den Verlust der Freiheit, sich so wohl befinden wie wir. Natürlich werden sie im Lager gehalten; im Uebrigen thun sie, was ihnen beliebt.«

»Das freut mich zu hören, Wildtödter,« versetzte Judith, »und jetzt, nachdem Euer Freund bei uns ist, zweifle ich nicht im Mindesten daran, daß wir Gelegenheit finden werden, die Gefangenen auszulösen. Wenn Weiber im Lager sind, so habe ich schon Kleidungsstücke, die ihr Auge blenden sollen; und wenn es zum Schlimmsten käme, könnten wir den guten Schrank öffnen, der, so glaube ich, Sachen in seinem Innern enthalten und offenbaren dürfte, welche die Häuptlinge wohl locken werden.« »Judith,« sagte der junge Mann, sie anblickend mit einem Lächeln und einem Ausdruck ernster Neugier, der trotz der wachsenden Dunkelheit dem beobachtenden Blicke des Mädchens nicht entging, »könnt Ihr es übers Herz bringen, Euch von Euren schönen Sachen zu trennen, um Gefangne zu befreien, von denen freilich der Eine Euer eigner Vater, der Andre Euer geschworner Liebhaber und Freier ist?«

Die Röthe, die sich über das Antlitz des Mädchens ergoß, hatte ihren Grund theils in Verdruß und Unmuth, vielleicht aber noch mehr in einem edlern, neuen Gefühle, das, in Verbindung mit dem launenhaften Eigensinn ihres Geschmacks, sie binnen kurzer Zeit empfindlicher für die gute Meinung des ihr jene Frage vorlegenden Jünglings gemacht hatte, als sie gegen das Urtheil jedes Andern war. Mit instinktartiger Raschheit die Anwandlung von Aerger unterdrückend, antwortete sie mit einer Geradheit und Wahrheit, welche ihre Schwester herbeizogen, um auch zuzuhören, obgleich der stumpfe Geist Hetty’s keineswegs die Bewegungen eines Herzens zu verstehen vermochte, das so verrätherisch, so unzuverlässig und so ungestüm in seinen Gefühlen war, wie das der verwöhnten und vielgeschmeichelten Schönen.

»Wildtödter,« antwortete Judith nach einer augenblicklichen Pause, »ich will ehrlich seyn gegen Euch, Ich gestehe, es war eine Zeit, wo das, was Ihr schöne Sachen nennt, mir das Liebste auf Erden war; aber ich fange an, andres zu denken und zu fühlen. Obgleich Hurry Harry mir Nichts ist, Nichts werden kann, würde ich doch Alles, was ich besitze, hingeben, ihn frei zu machen. Wenn ich dieß thäte für den tobenden, tollen, geschwätzigen Hurry, der nichts Empfehlendes hat als sein gutes Aussehen, könnt Ihr darnach schließen, was ich für meinen Vater thäte.«

»Das klingt gut, und ist gemäß eines Weibes Gaben. Ach ja freilich! dasselbe Gefühl findet sich auch wohl bei den jungen Weibern der Delawaren. Ich habe sie oft und viel ihre Eitelkeit ihrem Herzen opfern sehen. Es ist wie es seyn soll – es ist wie es sich nach meiner Ansicht gebührt für beide Farben. Das Weib ward geschaffen zum Gefühl und wird meist auch beherrscht vom Gefühl.«

»Würden die Wilden Vater gehen lassen, wenn Judith und ich ihnen alle unsre besten Sachen gäben?« fragte Hetty in ihrer unschuldigen sanften Weise.

»Ihre Weiber würden sich drein legen, gute Hetty; ja ihre Weiber würden sich wohl drein legen, wenn sie so Etwas in Aussicht hätten. Aber sagt mir, Schlange, wie ist es mit Weibern unter den Schurken; haben sie viele von ihren eignen Frauen im Lager?«

Der Delaware hörte und verstand Alles, was vorging; obgleich er mit indianischem Ernst und Feinheit, abgekehrten Gesichts, dagesessen hatte, anscheinend nicht achtend auf ein Gespräch, das ihn nicht unmittelbar anging. Jetzt aber, wo er angeredet und befragt wurde, antwortete er seinem Freund in seiner gewöhnlichen kurzen und sentenziösen Weise.

»Sechs!« sagte er, alle Finger der einen Hand und den Daumen der andern emporhaltend, »außer dieser!« die diese bedeutete seine Verlobte; und mit der Poesie und Wahrheit der Natur bezeichnete er sie dadurch, daß er seine Hand auf’s Herz legte.

»Habt Ihr sie gesehen, Häuptling – seyd Ihr ihres lieblichen Antlitzes ansichtig geworden, oder ihrem Ohr nahe genug gekommen, um darein das Lied zu singen, das sie so liebt?«

»Nein, Wildtödter – die Bäume waren zu viele, und Laub bedeckte ihre Aeste, wie Wolken den Himmel bei Gewittern. Aber,« und der junge Krieger wandte sein dunkles Angesicht gegen seinen Freund mit einem Lächeln darauf, das seine trotzig aussehende Bemalung und seine von Natur finstre Züge mit einem lichten Strahl menschlichen Gefühles verklärte, »Chingachgook hat das Lachen von Wah-ta!-Wah gehört; er unterschied es von dem Lachen der Weiber der Irokesen. Es klang in sein Ohr wie das Zwitschern des Zaunkönigs.«

»Ja, darin kann man sich auf eines Liebhabers Ohr verlassen, und auf das eines Delawaren in Betreff aller Töne, die man je in den Wäldern hört. Ich weiß nicht, wie es kommt, Judith, aber wenn junge Männer – und ich glaube fast, es ist ganz ebenso auch bei jungen Weibern – nun, wenn sie zärtliche Gefühle gegen einander bekommen, so ist es wunderbar, wie lieblich das Lachen oder das Sprechen des Einen dem Andern zu tönen anfängt. Ich habe grimmige Krieger dem Plaudern und Lachen junger Mädchen lauschen sehen, als wäre es Kirchenmusik, – so wie man hört in der alten holländischen Kirche, die in der großen Straße von Albany steht, wo ich mehr als einmal mit Pelzwerk und Wildpret gewesen bin.«

»Und Ihr, Wildtödter,« sagte Judith rasch, und mit mehr Empfindung als man sonst in ihrem gewöhnlich so leichten und gleichgültigen Wesen bemerkte, »habt Ihr nie empfunden, wie angenehm es ist, dem Lachen eines geliebten Mädchens zu lauschen?«

»Gott tröste Euch, Mädchen! – ha, ich habe nie lang genug unter meiner eignen Farbe gelebt, um in diese Gattung von Gefühlen zu verfallen – nein, nie! Ich glaube wohl, sie sind natürlich und recht; aber für mich ist keine Musik so schön, als das Pfeifen des Windes in den Gipfeln der Bäume, und das Rauschen eines Baches aus seiner vollen, blitzenden, heimathlichen Quelle reinen frischen Wassers; außer etwa,« fuhr er fort und senkte einen Augenblick nachdenklich den Kopf, »außer etwa ja, der offene Rachen eines zuverlässigen Hundes, wenn ich einem fetten Bock auf der Fährte bin. Was unzuverlässige Hunde sind, nach deren Gebell frage ich wenig, in Betracht, daß sie ebenso oft anfangen zu bellen, wenn das Wild nicht zu sehen, als wenn dieß der Fall ist.«

Judith schritt langsam und nachdenklich weg, auch lag Nichts von ihrer gewöhnlichen berechnenden Koketterie in dem leisen, bebenden Seufzer, der, ihr selbst unbewußt, ihrem Munde entschwebte. Anderntheils horchte Hetty mit argloser Aufmerksamkeit, obgleich es ihrem einfachen Geist als sonderbar auffiel, daß der junge Mann die Melodie der Wälder den Gesängen von Mädchen oder gar dem Lachen der Unschuld und Freude vorziehen sollte. Gewohnt jedoch, in den meisten Dingen sich nach ihrer Schwester zu bequemen, folgte sie bald Judith in die Cajüte, wo sie einen Sitz nahm und längere Zeit tief brütete über einen Vorfall oder Einen Entschluß, oder eine Meinung, wovon außer ihr kein Mensch wußte. Wildtödter und sein Freund, jetzt allein, setzten nun ihr Gespräch fort.

»Ist der junge Bleichgesicht-Jäger schon lange an diesem See?« fragte der Delaware, nachdem er höflich abgewartet, ob nicht der Andere zuerst sprechen werde.

»Erst seit gestern Mittag, Schlange; und doch war dieß lang genug, um Viel zu erleben und zu thun.« Der Blick, den der Indianer auf seinen Genossen heftete, war so scharf, daß er der wachsenden Dunkelheit der Nacht zu spotten schien. Als der Andere verstohlen seinen Blick erwiederte, sah er die zwei scharfen Augen sich anblitzen, wie die Augäpfel des Panthers oder des hungrigen Wolfs. Er verstand den Sinn dieser glühenden Augen, und antwortete ausweichend, wie es nach seiner Meinung sich am besten schickte für die Bescheidenheit eines Mannes mit weißen Gaben.

»Es ist wie Ihr vermuthet, Schlange; ja, es ist Etwas der Art. Ich bin auf einen Feind gestoßen; und ich denke, man kann auch sagen, ich habe mit ihm gekämpft.«

Ein Ausruf der Freude und des Jubels entfuhr dem Indianer; und dann mit der Hand lebhaft den Arm seines Freundes fassend, fragte er ihn, »ob auch Skalpe erbeutet worden seyen.«

»Das ist, will ich gegen den ganzen Stamm der Delawaren, gegen den alten Tamenund und Euern Vater, den großen Uncas, wie gegen alle Uebrigen keck behaupten, das ist gegen die Gaben eines Weißen! Mein Skalp ist auf meinem Kopf, wie Ihr seht, Schlange, und das war der einzige Skalp, der in Gefahr war, da die eine Partei ganz christlich und weiß war.«

»Fiel kein Krieger? – Wildtödter bekam seinen Namen nicht dadurch, daß er von schläfrigem Auge oder ungeschickt mit der Büchse war!«

»In diesem Punkt, Häuptling, sprecht Ihr vernünftiger und kommt daher der Wahrheit näher. Ich darf sagen, ein Mingo ist gefallen.«

»Ein Häuptling?« fragte der Andere mit ungestümer Heftigkeit.

»Nein, das ist Mehr als ich weiß oder sagen kann. Er war schlau, und verrätherisch, und herzhaft, und mag wohl Beifall genug unter seinem Volke sich erworben haben, um zu dieser Würde erhoben zu werden. Der Mann kämpfte gut, obgleich sein Auge nicht schnell genug war für einen Mann, der seine Schule in Eurer Gesellschaft gemacht, Delaware!«

»Mein Bruder und Freund schlug den Mann doch nieder?«

»Ich brauchte das nicht, sintemal der Mingo in meinen Armen starb. Ich kann wohl die Wahrheit gerade heraus sagen; er kämpfte wie ein Mann mit rothen Gaben, und ich wie ein Mann mit Gaben von meiner Farbe. Gott gab mir den Sieg, ich konnte nicht seine Vorsehung ins Angesicht schlagen, indem ich meine Geburt und Natur vergessen hätte. Weiß schuf er mich, und weiß will ich leben und sterben.«

»Gut! Wildtödter ist ein Bleichgesicht und hat Hände eines Bleichgesichts. Ein Delaware wird nach dem Skalp sehen, und ihn auf einen Pfahl hängen, und ein Lied zu seiner Ehre singen, wenn wir zurückgehen zu unserm Volke. Die Ehre gehört dem Stamme; sie darf nicht verloren gehen.«

»Das ist leicht gesagt, aber nicht so leicht gethan. Des Mingo’s Leichnam ist in den Händen seiner Freunde, und ohne Zweifel in einer Höhle verborgen, wo Delawarenlist dem Skalp nie beikommen wird.« Der junge Mann gab dann seinem Freunde einen kurzen aber klaren Bericht von dem Ereigniß des Morgens, Nichts von irgend einigem Belang verhehlend, und doch Alles bescheiden, und mit sorgfältiger Aufmerksamkeit, die indianische Prahlerei zu vermeiden, berührend. Chingachgook drückte wieder seine Freude aus über die von seinem Freunde gewonnene Ehre, und dann standen Beide auf, da die Stunde gekommen war, wo die Klugheit rieth, die Arche weiter vom Land zu entfernen.

Es war jetzt ganz dunkel; der Himmel umwölkt und die Sterne verdeckt. Der Nordwind hatte aufgehört, wie gewöhnlich bei Sonnenuntergang, und ein leiser Luftzug erhob sich von Süden. Da dieß Umschlagen die Absichten Wildtödters begünstigte, lichtete er seinen Anker, und das Fahrzeug fing sogleich und ganz merklich an, weiter in den See hinein zu treiben. Das Segel ward aufgezogen, wodurch die Bewegung des Fahrzeugs zu einer Schnelligkeit von nicht viel weniger als zwei Meilen in der Stunde stieg. Da dieß das Rudern entbehrlich machte – eine Arbeit, nach welcher ein Indianer selten lüstern war – setzten sich Wildtödter, Chingachgook und Judith auf das Hintertheil der Fähre, wo der Erstere mit dem Steuerruder ihre Bewegungen lenkte. Hier besprachen sie sich über ihre künftigen Maßregeln, und über die Mittel, deren man sich bedienen müsse, um die Befreiung ihrer Freunde zu bewirken.

Zu diesem Gespräch trug Judith das Wesentlichste bei; der Delaware verstand ohne Mühe Alles, was sie sagte, seine Antworten und Bemerkungen aber, welche beide selten und kurz waren, wurden gelegentlich von seinem Freund ins Englische übertragen. Judith stieg in der nächsten halben Stunde bedeutend in der Achtung ihres Genossen. Rasch im Entschluß und fest in ihren Absichten, zeugten ihre Vorschläge und Auskunftsmittel von ihrem Muth und ihrem Scharfblick, und beide waren von der Art, daß sie wohl bei Grenzmännern Gunst finden mochten. Die seit ihrer Bekanntschaft vorgefallenen Ereignisse, so wie ihre vereinzelte und abhängige Lage flößten dem Mädchen ein Gefühl gegen Wildtödter ein, als wäre es eine jahrelange Freundschaft, und nicht die Bekanntschaft eines Tags, was sie verband; und so gänzlich war sie gewonnen durch die arglose Wahrhaftigkeit seines Charakters und Gemüths – für sie, so weit ihre Erfahrung reichte, völlige Neuigkeiten an unsrem Geschlecht – daß seine Eigenthümlichkeiten ihre Neugierde rege gemacht, und ein Zutrauen in ihr erweckt hatten, das sie noch nie gegen einen andern Mann empfunden hatte. Bisher hatte sie sich genöthigt gesehen, bei ihrem Verkehr mit Männern sich vertheidigungsweise zu verhalten – mit welchem Erfolg, wußte sie selbst am besten; aber jetzt sah sie sich plötzlich in die Gesellschaft und unter den Schutz eines Jünglings versetzt, der offenbar so wenig Arges gegen sie im Sinne hatte, als wäre er ihr Bruder gewesen. Die Frische seiner Unschuld und Rechtlichkeit, die Poesie und Wahrheit seiner Gefühle, und selbst die Eigenheit seiner Redeweise – Alles äußerte einen Einfluß auf sie, und trug dazu bei, ein Interesse in ihr zu erwecken, das, wie sie fand, ebenso rein als plötzlich und tief war. Hurry’s hübsches Gesicht und männliche Gestalt hatten ihr nie sein lärmendes und gemeines Wesen vergütet; und ihr Verkehr mit den Officieren hatte sie Vergleichungen anstellen gelehrt, bei welchen selbst seine großen natürlichen Vorzüge zu kurz kamen. Aber eben dieser Verkehr mit den Officieren, welche gelegentlich an den See kamen, um zu fischen und zu jagen, wirkte auch mit auf ihre jetzigen Gesinnungen und Empfindungen gegenüber dem jungen Fremden. Die Bekanntschaft mit ihnen hatte sie, während ihre Eitelkeit dadurch geschmeichelt und ihre Eigenliebe geweckt worden war, vielen Grund, tief zu bereuen – wenn nicht gar, in geheimem Kummer darüber zu trauern – denn es hatte ihr bei ihrem lebhaften, raschen Verstand die Beobachtung unmöglich entgehen können, wie hohl der Umgang und Verkehr zwischen Höhern und Geringern sey, und daß sie selbst von den bestgesinnten und am wenigsten berechnenden und listigen unter ihren scharlachröckigen Bewunderern mehr als das kurzweilige Spielzeug einer müssigen Stunde, denn als Gleichgestellte und Freundin betrachtet wurde. Wildtödter dagegen hatte ein Fenster vor seiner Brust, durch welches das Licht seiner Ehrlichkeit immer leuchtete; und selbst seine Gleichgültigkeit gegen Reize, die so selten verfehlten einen lebhaften Eindruck zu machen, spannte den Stolz des Mädchens und verlieh ihm in ihren Augen ein Interesse, das ein Anderer, anscheinend mehr von der Natur begünstigt, nicht leicht erregt hätte.

In dieser Weise verstrich eine halbe Stunde, während welcher die Arche langsam über das Wasser hinglitt, indeß das Dunkel umher immer dichter wurde; obgleich man noch wohl bemerkte, daß der schwarze Wald am südlichen Ende des See’s ferner rückte, während die Berge, welche die Seiten des schönen Beckens einfaßten, ihn beinahe von einer Seite zur andern überschatteten. Doch war noch ein schmaler Streif Wasser in der Mitte des See’s, wo das dämmernde Licht, das noch vom Himmel sich ergoß, auf seinen Spiegel in einer nördlich und südlich sich ausdehnenden Linie fiel; und entlang diesem schwachen Streifen, – eine Art umgekehrter Milchstraße, wo die Dunkelheit nicht so dicht war als an andern Stellen – verfolgte die Fähre ihren Lauf, da ihr Steuermann wohl wußte, daß dieß die gewünschte Richtung sey. Der Leser darf jedoch nicht glauben, es habe irgend eine Schwierigkeit, die einzuhaltende Richtung betreffend, gewaltet. Diese wäre bestimmt worden durch die Strömung des Windes, hätte man auch nicht mehr die Berge unterscheiden können, so wie auch durch die dämmernde Lichtung nach Süden zu, welche die Lage des Thals nach dieser Seite, auf der Ebene von großen Bäumen durch eine etwas verminderte Dunkelheit bezeichnete; – der Unterschied zwischen dem Dunkel des Waldes und dem Dunkel der nur als Luft gesehenen Nacht. Diese Eigenthümlichkeiten nahmen endlich die Aufmerksamkeit Judiths und Wildtödters in Anspruch, und das Gespräch hörte auf, wodurch Jedes Muße erhielt, die feierliche Stille und tiefe Ruhe der Natur zu betrachten.

»Es ist eine finstre Nacht,« bemerkte das Mädchen nach einer Pause von einigen Minuten. »Ich hoffe, wir werden doch das Castell finden können.«

»Daß wir das verfehlen, ist wenig zu besorgen, wenn wir nur diese Richtung in der Mitte des See’s behalten,« versetzte der junge Mann. »Die Natur hat uns hier eine Bahn gemacht, und so finster es ist, wird es doch wenig Schwierigkeit haben, sie zu verfolgen.«

»Hört Ihr nichts, Wildtödter? Es war, als ob das Wasser ganz in unsrer Nähe rauschte.«

»Gewiß hat Etwas das Wasser in Bewegung gebracht, auf eine ungewöhnliche Art; es muß ein Fisch gewesen seyn. Diese Creaturen machen auf einander Jagd, wie Menschen und Thiere auf dem Land; Einer ist in die Luft gesprungen, und ist schwerfällig wieder heruntergesunken in sein Element. Es nützt sie wenig, Judith, aus ihrem Element herauszustreben, da es einmal ihre Natur ist, darin zu bleiben, und die Natur muß ihren Willen haben, Ha! das tönt wie ein Ruder, das mit ungewöhnlicher Vorsicht gehandhabt wird!«

In diesem Augenblick beugte sich der Delaware vor und wies bedeutsam nach dem finstern Horizont, als ob plötzlich seinem Auge etwas aufgestoßen. Wildtödter und Judith folgten der Richtung seiner Geberde und Beide wurden in demselben Augenblick eines Canoe’s ansichtig. Die Wahrnehmung dieses beunruhigenden Nachbars war dämmernd und trüb, und ein minder geübtes Auge hätte darüber in Ungewißheit seyn können; aber die auf der Arche Befindlichen erkannten deutlich ein Canoe mit einer Person darin, welche aufrecht stand und ruderte. Wie Viele im untern Raume versteckt lagen, konnte man natürlich nicht wissen. Einer von starken und geübten Händen gelenkten Barke mittelst Ruderns entfliehen, war ganz unthunlich, und beide Männer ergriffen, eines Kampfes gewärtig, ihre Büchsen.

»Ich kann den Rudrer leicht zu Boden fällen,« flüsterte Wildtödter, »aber wir wollen ihn zuerst anrufen und um sein Vorhaben fragen.« Dann erhob er seine Stimme und rief ernst und feierlich: »Halt! Wenn Ihr näher kommt, muß ich feuern, so wenig ich es wünsche; und dann ist sicherer Tod die Folge. Stellt das Rudern ein und antwortet.«

»Feuert und tödtet ein armes, wehrloses Mädchen,« erwiederte eine sanfte, zitternde weibliche Stimme, »aber Gott wird Euch das nie vergeben! Geht Eures Weges, Wildtödter, und laßt mich den meinigen gehen!«

»Hetty!« riefen der junge Mann und Judith in Einem Athem; und der Erstere sprang sogleich nach der Stelle, wo er das am Tau mitgeführte Canoe gelassen hatte. Es war weg, und nun verstand er die ganze Sache. Die Entflohene, erschrocken über die Drohung, hörte zu rudern auf, und blieb nur dämmernd sichtbar, einem gespenstischen Umriß einer menschlichen Gestalt ähnlich, über dem Wasser stehen. Im nächsten Augenblick ward das Segel herabgelassen, damit die Arche nicht an der Stelle, wo das Canoe sich befand, vorübergleitete. Diese letzte Maaßregel jedoch ward nicht mehr zu rechter Zeit getroffen, denn das Gewicht eines so schweren Fahrzeugs und der Anstoß des zwar schwachen Windes trieben es bald daran vorüber, und bewirkten, daß Hetty gerade hinter dem Winde sich befand, obwohl noch sichtbar, da der Wechsel in der Stellung der beiden Fahrzeuge sie in jene obenerwähnte Art von Milchstraße brachte.

»Was kann dieß bedeuten, Judith?« fragte Wildtödter. »Warum hat Eure Schwester das Canoe genommen und uns verlassen?«

»Ihr wißt, sie ist schwachsinnig, das arme Mädchen! und sie hat ihre eignen Ideen darüber, was zu thun sey. Sie liebt ihren Vater mehr, als die meisten Kinder ihre Eltern lieben – und dann –« »Dann was, Mädchen? Dieß ist ein bedenklicher Augenblick, und wo man die Wahrheit reden muß.«

Judith empfand eine edelmüthige und weibliche Scheu, ihre Schwester zu verrathen, und sie zögerte, ehe sie fortfuhr. Aber noch einmal von Wildtödter dringend aufgefordert, und selbst erkennend die Gefahren alle, welchen die Gesellschaft durch Hetty’s Unklugheit ausgesetzt wurde, konnte sie nicht länger an sich halten.

»Dann fürchte ich auch, die arme schwachsinnige Hetty hat nicht recht die Eitelkeit, die Narrheit und die Tollheit zu sehen vermocht, die hinter dem schönen Gesicht und der stattlichen Gestalt Hurry Harry’s liegen. Sie spricht im Schlaf von ihm, und verräth manchmal ihre Neigung auch in ihren wachen Augenblicken.«

»Ihr meint, Judith, Eure Schwester gehe jetzt mit irgend einem tollen Plan um, ihrem Vater und Hurry zu dienen, der, aller Wahrscheinlichkeit nach, die Gewürme, die Mingo’s in den Besitz eines Canoe setzen wird!«

»So wird es sich, fürchte ich, verhalten, Wildtödter. Die arme Hetty hat schwerlich Schlauheit genug, einen Wilden zu überlisten.«

Die ganze Zeit her war das Canoe, Hetty in aufrechter Stellung am einen Ende desselben stehend, dämmernd sichtbar gewesen, obgleich es bei der raschen Bewegung der Arche mit jedem Augenblicke weniger deutlich wurde. Es war offenbar keine Zeit zu verlieren, wenn es nicht ganz verschwinden sollte. Die Büchsen wurden jetzt als überflüssig bei Seite gelegt; und dann ergriffen die beiden Männer die Ruder und fingen an, das Vordertheil der Fähre gegen das Canoe hin umzuwenden. Judith, an den Dienst gewöhnt, eilte nach dem andern Ende der Arche und stellte sich an den Helm – wenn man so sagen konnte. Hetty erschrack bei diesen Vorkehrungen, die nicht ohne Geräusch getroffen werden konnten, und fuhr auf wie ein Vogel, der plötzlich durch das Herannahen einer nicht erwarteten Gefahr gescheucht wird. Da Wildtödter und sein Genosse mit der Anstrengung von Männern ruderten, welche die Notwendigkeit fühlten, jeden Nerv anzuspannen, und Hetty’s Kräfte geschwächt wurden durch ein ängstliches, krampfhaftes Bestreben zu entfliehen, würde sich die Jagd bald mit der Einholung der Flüchtigen geendigt haben, hätte nicht das Mädchen einige rasche und unvorhergesehene Abweichungen von der geraden Bahn gemacht. Diese Wendungen gewannen ihr Zeit, und sie hatten auch die Wirkung das Canoe und die Arche allmälig in das dichtere Dunkel hineinzuführen, das die Schatten von den Bergen erzeugten. Auch vergrößerten sie allmälig den Abstand zwischen der Fliehenden und ihren Verfolgern, bis Judith ihren Genossen zurief, sie sollten zu rudern aufhören, weil sie das Canoe gänzlich aus dem Gesicht verloren.

Als diese leidige Benachrichtigung erfolgte, war Hetty in der That so nahe, daß sie jede Sylbe verstand, die ihre Schwester sprach; obgleich Letztere die Vorsicht gebraucht hatte, so leise zu sprechen, als nur immer die Umstände gestatteten, falls sie gehört werden wollte. Hetty hörte in demselben Augenblick zu rudern auf, und wartete das weitere Ergebniß ab mit einer Ungeduld, die ebenso sehr in Folge ihrer bisherigen Anstrengungen, wie ihres Wunsches, ans Land zu kommen, eine wahrhaft athemlose zu nennen war. Eine Todtenstille senkte sich inzwischen auf den See, während welcher die drei in der Arche ihre Sinne aufs mannigfachste anstrengten, um die Stellung des Canoe’s zu entdecken. Judith beugte sich vor, um zu horchen, in der Hoffnung, einen Ton zu erlauschen, der verriethe, in welcher Richtung ihre Schwester sich davonstehle; während ihre beiden Genossen die Augen so nahe als möglich hinab ans Wasser hielten, um jeden Gegenstand zu entdecken, der etwa auf seiner Oberfläche schwimme. Alles jedoch war umsonst, denn weder ein erlauschter Ton noch das Sichtbarwerden eines Gegenstandes belohnte ihre Anstrengungen. Diese ganze Zeit über stand Hetty, welche nicht so viel Schlauheit besaß, sich im Boot niederzulegen, aufgerichtet da, einen Finger auf ihren Mund gedrückt, in der Richtung hinausstarrend, von welcher her sie die Stimmen gehört hatte, einer Bildsäule schweigender und scheuer Erwartung ähnlich. Ihre List war nur so weit gegangen, daß sie in der erzählten Weise ohne Geräusch des Canoe’s sich zu bemächtigen und die Arche zu verlassen im Stande gewesen war; dann schien sie für den Augenblick gänzlich erschöpft. Selbst die Abweichungen des Canoe’s waren ebenso sehr die Folgen einer unsichern Hand und einer Nervenaufregung, als einer schlauen Berechnung gewesen.

Diese Pause währte einige Minuten, während welcher Wildtödter und der Delaware in der Sprache des Letztern sich beriethen. Dann tauchten die Ruder wieder ins Wasser, und die Arche bewegte sich, aber mit so wenig Geräusch als nur möglich. Sie steuerte westlich, etwas südlich, oder in der Richtung auf das Lager des Feindes zu. Nachdem sie einen vorliegenden Punkt, nicht weit von der Küste entfernt, erreicht hatte, wo wegen der Nähe des Landes die Finsterniß sehr dicht war, blieb sie hier beinahe eine Stunde liegen, das gehoffte Herankommen Hetty’s zu erwarten, die, so dachte man, diesem Punkt nach Kräften zueilen würde, sobald sie sich der Gefahr der Verfolgung entledigt glauben würde. Aber diese kleine Blokade wurde von keinem Erfolg gekrönt; weder der Gesichtssinn noch der Gehörsinn konnten das Vorbeifahren eines Canoe’s entdecken. Verdrüßlich über dieß Mißlingen, und erkennend wie wichtig es sey, von dem Castell Besitz zu ergreifen, ehe der Feind sich seiner bemächtige, schlug jetzt Wildtödter die Bahn dahin ein mit der Befürchtung, daß alle seine Vorsicht, als er die Canoe’s in Sicherheit gebracht, vereitelt seyn werde durch diesen unbewachten und beunruhigenden Schritt von Seiten der schwachsinnigen Hetty.

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

    »Aber Wer in diesem wilden Wald
Mag Glauben schenken seinem Aug‘ und Ohr,
Wo von dem Felsabhang, aus hohler Schlucht
Ein wirr und bunt Getön von dürrem Laub,
Von Zweigeknistern und Nachtvögelkrächzen
Antwort zu geben scheint!«
Johanna Baillie.

Furcht ebenso sehr als Berechnung hatte Hetty veranlaßt, das Rudern einzustellen, als sie entdeckte, daß ihre Verfolger nicht wüßten, in welcher Richtung sie weiter steuern sollten. Sie blieb ruhig, bis die Arche in die Nähe des Lagers sich gewendet hatte, wie im vorigen Kapitel erzählt worden; da ergriff sie wieder das Ruder, und mit vorsichtigen Schlägen strebte sie der westlichen Küste zu. Um jedoch ihren Verfolgern auszuweichen, die, wie sie richtig vermuthete, bald auch diese Küste entlang rudern würden, richtete sie das Vordertheil ihres Canoe’s so weit nördlich, daß sie ans Land kam an einem vorspringenden Punkt, welcher etwa eine Stunde von der Ausströmung entfernt, in dem See auslief. Auch war dieß nicht ganz nur das Ergebniß ihres Wunsches, zu entkommen; denn Hetty Hutter, so schwachsinnig sie war, besaß doch nicht Wenig von jener instinktartigen Vorsicht, welche oft die von Gott so Heimgesuchten vor Unheil bewahrt. Sie erkannte vollkommen, wie wichtig es sey, die Canoe’s nicht in die Hände der Irokesen fallen zu lassen; und lange, vertraute Bekanntschaft mit dem See hatte ihr eines der einfachsten Auskunftsmittel an die Hand gegeben, wodurch dieser wichtige Augenmerk mit ihrem eignen Plane in Einklang gebracht wurde.

Der fragliche Punkt war der erste Landvorsprung auf dieser Seite des See’s, wo ein Canoe, wenn man es bei Südwind forttreiben ließ, vom Lande wegschwimmen mußte, und sogar, wie man ohne große Verletzung der Wahrscheinlichkeit annehmen durfte, das Castell erreichen konnte, denn dieses lag über ihm, beinahe in gerader Linie mit dem Wind. Dieß war denn Hetty’s Absicht; und sie landete auf der äußersten Spitze des sandigen, vorspringenden Punktes, unter einer überhangenden Eiche, mit dem ausdrücklichen Vorhaben, das Canoe von der Küste wegzustoßen, damit es ihres Vaters insularischer Behausung zuschwimme. Auch wußte sie von den Stämmen her, die gelegentlich auf dem See herumschwammen, daß, wenn es auch das Castell und Zugehör verfehlte, der Wind wahrscheinlich umschlagen würde, ehe es das nördliche Ende des See’s erreichte, und hoffte, Wildtödter würde wohl Gelegenheit haben, es am Morgen wieder aufzufangen, wenn er, wie kaum zu bezweifeln, die Oberfläche des Wassers und seine gesammten umwaldeten Küsten mit dem Fernglas ernstlich durchmustern würde. Auch in diesem Allen ward Hetty weniger von einer eigentlichen Schlußkette, als von ihrem gewohnheitsmäßigen dunkeln Bewußtseyn geleitet; und dieß letztere ersetzt oft bei menschlichen Wesen die Schwächen des Geistes, wie es ja auch, oder ein Analogon davon, bei Thieren der niedern Gattungen denselben Dienst leistet.

Das Mädchen brauchte eine volle Stunde, bis sie zu dem Landvorsprung gelangte, denn die Entfernung und die Dunkelheit hielten sie lange auf; sobald sie aber den Kiesstrand erreicht hatte, schickte sie sich auch an, das Canoe in der angegebnen Weise dem Spiel des Wassers anzuvertrauen. Während sie es zurückdrängte, hörte sie leise Stimmen, die von den Bäumen hinter ihr her zu kommen schienen. Erschrocken über diese unerwartete Gefahr stand Hetty schon auf dem Punkt, wieder in das Canoe zu springen, um ihr Heil in der Flucht zu suchen, als sie die Töne von Judiths melodischer Stimme zu erkennen glaubte. Sie beugte sich vor, um die Töne unmittelbar aufzufassen, und erkannte deutlich, daß sie vom Wasser her kamen: jetzt begriff sie, daß die Arche sich von Süden her nähere, und zwar so nahe an der westlichen Küste, daß sie nothwendig an dem Landvorsprung auf zwanzig Schritte von dem Ort, wo sie stand, vorbeikommen mußte. Hier hatte sie denn Alles, was sie wünschen konnte; sie schob das Canoe zurück in den See, und die bisherige Fergin blieb allein auf dem schmalen Strand zurück.

Nach Vollbringung dieser Handlung der Selbstaufopferung zog sich Hetty nicht zurück. Das Laub der überhängenden Bäume und Gebüsche würde sie beinahe ganz versteckt haben, wenn es auch licht gewesen wäre; aber in dieser Finsterniß war es ganz unmöglich, einen so beschatteten Gegenstand auch nur auf einige Schritte zu entdecken. Auch die Flucht war ganz leicht, da sie mit zwanzig Schritten sich im Schooß des Waldes begraben konnte. Sie blieb daher, mit heftiger Spannung das Ergebnis ihrer Maßregel abwartend, mit dem Vorsatz, die Aufmerksamkeit der Andern durch Rufen auf das Canoe zu lenken, sollte es den Anschein haben, als führen sie ohne es zu beachten vorüber. Die Arche näherte sich wieder unter Segel; Wildtödter stand auf dem Bug, Judith neben ihm, und der Delaware am Helm. Es schien beinahe, als habe die Arche in der Bai unten sich zu nahe an die Küste gewagt, in der immer noch nicht aufgegebenen Hoffnung, Hetty abzuschneiden, denn wie sie näher kam, hörte die Letztere deutlich, wie der junge Mann vorn seinem Genossen Weisungen gab, um an dem Landvorsprung vorbeizukommen.

»Lenkt die Spitze mehr ab von der Küste, Delaware,« sagte Wildtödter zum dritten Male auf Englisch, damit seine schöne Genossin seine Worte verstehe; »lenkt die Spitze recht ab von der Küste. Wir sind hier zu weit hereingekommen, und müssen mit dem Mast aus den Bäumen heraus. Judith, hier ist ein Canoe!«

Die letzten Worte wurden mit großem Ernst gesprochen, und Wildtödters Hand hatte seine Büchse gefaßt, ehe sie ganz über seine Lippen waren. Aber die Wahrheit ging sogleich wie ein Licht dem raschen Geiste des Mädchens auf, und sie sagte sogleich ihrem Begleiter, das Boot müsse dasjenige seyn, worin ihre Schwester entflohen.

»Lenkt die Fähre geradaus, Delaware! steuert so schnurgerade zu, wie Eure Kugel fliegt, wenn einem Bock in das Herz geschickt; – so, ich habe es!«

Das Canoe ward ergriffen und sogleich wieder an der Seite der Arche befestigt; im nächsten Augenblick ward das Segel eingezogen, und die Bewegung der Arche mittelst der Ruder gehemmt.

»Hetty!« rief Judith, und Theilnahme, selbst Zärtlichkeit sprach sich in ihrem Tone aus; »wenn du mich hörst, Schwester, um Gottes willen, antworte und laß mich wieder den Ton deiner Stimme hören! Hetty! – liebe Hetty!«

»Ich bin hier, Judith, hier, auf der Küste, wo es vergeblich wäre, mich zu verfolgen; denn ich will mich in den Wäldern verstecken.«

»Oh, Hetty! was machst Du! Bedenke es ist bald Mitternacht, und die Wälder sind voll von Wilden und von wilden Thieren!«

»Beide werden einem armen, nur halb klugen Mädchen kein Leid thun, Judith. Gott ist hier so gut bei mir, als er in der Arche oder in der Hütte es seyn würde. Ich bin im Begriff, meinem Vater und dem armen Hurry Harry zu Hülfe zu eilen, welche werden gemartert werden; wenn nicht Jemand sich ihrer annimmt.«

»Wir Alle nehmen uns ihrer an, und beabsichtigen, ihnen morgen eine Friedensfahne zu schicken, um ihre Loslassung zu erkaufen. Komm daher zurück, Schwester, vertraue uns, die wir stärkere Köpfe haben als du, und Alles, was wir können, für Vater thun werden.«

»Ich weiß, dein Kopf ist stärker als der meinige, Judith, denn der meinige ist freilich sehr schwach; aber ich muß zu Vater und zu dem armen Hurry. Behauptet Ihr, Du und Wildtödter das Castell; mich laßt in der Hand Gottes!«

»Gott ist bei uns Allen, Hetty – im Castell oder auf der Küste – beim Vater so gut wie bei uns; und es ist Sünde, nicht auf seine Güte vertrauen. Du kannst Nichts thun in der Finsterniß, wirst dich im Walde verirren und durch Mangel an Nahrung umkommen,«

»Gott wird das nicht einem armen Mädchen geschehen lassen, das geht, seinem Vater zu dienen, Schwester. Ich muß es versuchen und die Wilden aufsuchen.«

»Komm zurück, nur für diese Nacht: am morgen wollen wir dich an’s Land setzen und dich handeln lassen nach deinem Gutdünken.«

»Du sagst so, und denkst so, aber du würdest es nicht thun. Dein Herz würde weich werden, und du würdest Tomahawks und Skalpiermesser in der Luft sehen. Zudem habe ich mir vorgenommen, dem indianischen Häuptling Etwas zu sagen, was allen unsern Wünschen entsprechen wird; und ich fürchte, es zu vergessen, wenn ich es ihm nicht sofort sage. Ihr werdet sehen, er läßt den Vater frei, sobald er es hört.«

»Arme Hetty! Was kannst du einem trotzigen Wilden sagen, wodurch irgend seine blutdürstigen Anschläge sollten umgewandelt werden?«

»Etwas, das ihn erschrecken und ihn bewegen wird, Vater gehen zu lassen,« versetzte das einfältige Mädchen in bestimmtem Tone. »Du wirst es sehen, Schwester, wie bald es ihn dazu bringen wird, wie ein folgsames Kind!«

»Wollt Ihr mir sagen, was Ihr ihm zu sagen beabsichtigt?« fragte Wildtöter. »Ich kenne die Wilden gut, und kann mit einiger Wahrscheinlichkeit berechnen, in wie weit gute Worte auf ihre blutdürstigen Gemüther wirken werden oder nicht. Wenn es nicht den Gaben einer Rothhaut gemäß ist, so wird es nichts helfen; denn Vernunft geht nach Gaben, wie die Handlungsweise.«

»Gut denn,« antwortete Hetty, ihre Stimme zu leisem, vertraulichem Tone sinken lassend; denn die Stille der Nacht und die Nähe der Arche gestatteten ihr dieß zu thun und doch gehört zu werden. »Gut denn, Wildtödter, da Ihr ein guter und redlicher junger Mann scheint, will ich es Euch sagen. Ich habe im Sinne, keinem der Wilden ein Wort zu sagen, bis ich Angesicht gegen Angesicht ihrem obersten Häuptling gegenüber stehe, mögen sie mich plagen mit so vielen Fragen als sie wollen; nein – ich will ihnen keine beantworten als daß ich ihnen sage, sie sollen mich zu ihrem weisesten Manne führen. Dann, Wildtödter, will ich ihm sagen, daß Gott Mord und Raub nicht verzeihen wird, und daß, wenn Vater und Hurry auf die Skalpe der Irokesen ausgingen, er Böses mit Gutem vergelten müsse, denn so gebeut die Bibel, sonst werde er eingehen zur ewigen Strafe. Wenn er das hört, und fühlt, daß es wahr ist – wie er das muß; wie lange wird es dann anstehen, bis er Vater und Hurry und mich an die Küste schickt, gegenüber dem Castell, und uns alle drei unsers Weges im Frieden gehen heißt?«

Die letzte Frage sprach sie in triumphirendem Tone; und dann lachte das einfältige Mädchen über den Eindruck, den, wie sie keinen Augenblick zweifelte, ihr Plan auf ihre Zuhörer gemacht. Wildtödter war stumm vor Erstaunen über diesen Beweis von argloser Geistesschwäche; Judith aber hatte sich rasch auf ein Mittel besonnen, diesem unsinnigen Anschlag entgegenzuwirken, dadurch, daß sie eben auf die Gefühle zu wirken suchte, aus welchen er entsprungen war, ohne daher die letzte Frage oder das Lachen zu beachten, rief sie hastig ihre Schwester beim Namen, wie wenn sie plötzlich ergriffen würde vom Bewußtseyn der Wichtigkeit dessen, was sie zu sagen hatte. Aber keine Antwort erfolgte auf den Ruf.

Aus dem Krachen von Zweigen und Rauschen von Blättern erhellte deutlich, daß Hetty die Küste verlassen hatte, und sich schon in dem Dickicht des Waldes begrub. Ihr folgen wäre zwecklos gewesen, da die Dunkelheit so wie auch der Schutz und das Versteck, das die Wälder überall boten, es so gut als unmöglich machten, sich ihrer wieder zu bemächtigen; und dann war auch die nie aufhörende Gefahr, ihren Feinden in die Hände zu fallen. Nach einer kurzen und traurigen Berathung ward daher das Segel wieder aufgezogen, und die Arche verfolgte ihren Lauf ihrem gewöhnlichen Ankerplatz zu, während Wildtödter sich schweigend Glück wünschte zur Wiedererlangung des Canoes, und über seinen Plan für den nächsten Tag brütete. Der Wind erhob sich, als die Gesellschaft den Vorsprung verließ, und in weniger als einer Stunde erreichten sie das Castell. Hier fand man Alles wie man es verlassen; und man hatte nun die Maßregeln und Ceremonien, die man vorgenommen, als man das Gebäude verlassen hatte, in umgekehrter Ordnung durchzumachen, da man wieder zurückkam. Judith nahm in dieser Nacht ein einsames Bett ein, dessen Kissen sie mit ihren Thränen befeuchtete, wenn sie an das unschuldige, bisher vernachlässigte Geschöpf dachte, das von Kindheit an ihre Genossin gewesen; und bittre Gefühle der Trauer und Reue, aus mehr als Einer Quelle entspringend, kamen über ihr Gemüth, wie die Stunden träg dahinschlichen und es wurde beinahe Morgen, ehe sich ihr Bewußtseyn im Schlaf verlor. Wildtödter und der Delaware legten sich in der Arche zur Ruhe, wo wir sie dem süßen, tiefen Schlaf der Redlichkeit, der Gesundheit und Furchtlosigkeit überlassen und zu dem Mädchen zurückkehren wollen, das wir zuletzt im Dickicht des Waldes gesehen.

Als Hetty die Küste verließ, schlug sie ohne Bedenken den Weg in die Wälder ein, in fast krampfhafter Angst, verfolgt zu werden. Zum Glück war dieser Weg der beste, den sie einschlagen konnte, zur Erreichung ihres Vorhabens, denn es war der einzige, der sie von dem Landvorsprung nach Innen führte. Die Nacht war so stockdunkel unter den Zweigen der Bäume, daß sie nur sehr langsam weiter kommen konnte, und nach den ersten paar Schritten die Richtung, die sie wählte, ganz Sache des Zufalls war. Die Formation des Bodens jedoch erlaubte ihr nicht, bedeutend von der Linie abzuweichen, in welcher sie sich zu halten wünschte. Auf der einen Seite war er bald begrenzt durch den steil ansteigenden Hügel, während auf der andern der See als Führer diente. Zwei Stunden lang arbeitete sich dieß auf sich allein gewiesene, blöde Mädchen durch die Irrpfade des Forstes; manchmal fand sie sich auf dem Rand der an den See grenzenden Uferhöhe, und dann wieder rang sie sich eine Erhöhung hinan, die sie warnte in dieser Richtung nicht weiter zu gehen, da sie nothwendig in einem rechten Winkel die Bahn durchschneiden mußte, auf der sie vorwärts wollte. Oft glitten ihre Füße aus, und manchen Fall that sie, wiewohl keinen, wobei sie sich beschädigte; aber nach Ablauf der genannten Zeit war sie so müde geworden, daß ihr die Kräfte fehlten, weiter zu wandern. Ruhe war ihr unentbehrlich; und sie machte sich daran, sich ein Lager zu bereiten, mit der Unbedenklichkeit und Kaltblütigkeit eines Gemüths, das die Wildniß mit keinen unnöthigen Aengsten erfüllte. Sie wußte, daß wilde Thiere in dem ganzen benachbarten Wald herumstreiften, aber solche Bestien, die den Menschen nachstellen, selten – und gefährliche Schlangen im buchstäblichen Sinne keine da waren. Diese Umstände waren ihr von ihrem Vater bekannt; und was einmal ihr schwacher Geist aufnahm, das nahm er so vertrauend auf, daß ihr gar keine Unbehaglichkeit verursachende Zweifel und Bedenklichkeiten übrig blieben. Ihr war die Erhabenheit der Einsamkeit, in die sie sich versetzt sah, eher tröstlich als entsetzlich; und sie raffte sich ein Bett von Laub zusammen mit solcher Gleichgültigkeit gegen die Umstände, welche aus der Seele der Meisten ihres Geschlechts jeden Gedanken an Schlaf würden verscheucht haben, als rüstete sie sich ihre allnächtliche Schlafstätte unter dem väterlichen Dache zu.

Sobald Hetty eine hinlängliche Menge trocknen Laubs gesammelt hatte, um sich gegen die feuchte Ausdünstung des Bodens zu schützen, kniete sie neben dem niedern Haufen, faltete ihre erhobenen Hände in einer Stellung inniger Frömmigkeit, und sagte mit sanfter leiser, aber vernehmlicher Stimme das Gebet des Herrn her. Darauf folgten jene einfachen und frommen Verse, den Kindern so bekannt, worin sie ihre Seele Gott empfahl, falls sie vor der Wiederkehr des Morgens in ein andres Daseyn sollte abgerufen werden. Nach Erfüllung dieser Pflicht legte sie sich nieder und schickte sich zum Schlummer an. Die Kleidung des Mädchens, obwohl der Jahrszeit entsprechend, war für alle gewöhnliche Vorkommnisse warm genug; aber der Wald ist immer kühl und die Nächte in diesem höher gelegenen Landstrich waren immer von einer Frische, welche die Kleidung nothwendiger machte, als gewöhnlich der Fall ist in dem Sommer eines tiefen Breitegrades. Dieß war von Hetty vorausgesehen worden und sie hatte einen groben, schweren Mantel mitgenommen, der, auf den Körper gebreitet, alle nützlichen Dienste eines Teppichs leistete. So geschützt sank sie in wenigen Minuten in einen Schlaf, so ruhig, als würde sie bewacht von dem sorglichen Schutzgeist der Mutter, die erst so kurz auf immer von ihr genommen worden war, und es war in diesem Punkt ein höchst ergreifender Contrast zwischen ihrem armen Lager und dem von Schlummer geflohenen Kissen ihrer Schwester.

Stunde auf Stunde verstrich da in so ungestörter Ruhe, und so süßem Schlaf, als ob eigens damit beauftragte Engel um das Lager der Hetty Hutter wachten. Nicht einmal öffneten sich ihre sanften Augen, bis die grauende Dämmerung kämpfend durch die Wipfel der Bäume brach, auf ihre Augenlieder fiel, und vereint mit der Kühle eines Sommermorgens, die gewöhnliche Anmahnung zum Erwachen gab. In der Regel war Hetty auf, ehe die Strahlen der Sonne die Gipfel der Berge berührten; aber dießmal war ihre Erschöpfung so groß, und ihr Schlaf so tief gewesen, daß die gewohnten Anforderungen und Zeichen ihre Wirkung nicht thaten. Das Mädchen murmelte in ihrem Schlaf, streckte einen Arm aus, lächelte so sanft wie ein Kind in der Wiege, schlummerte aber fort. Bei dieser unbewußten Bewegung fiel ihre Hand auf einen warmen Gegenstand, und in dem halbbewußten Zustand, worin sie sich befand, brachte sie diesen Umstand mit ihrem gewohnten Leben in Verbindung. Im nächsten Augenblick ward sie derb von der Seite angegriffen und gestoßen, wie wenn ein wühlendes Thier seine Schnauze unter ihr einschöbe, um sie aus ihrer Stellung zu verdrängen; und jetzt wachte sie auf mit dem Ruf: »Judith!« Als das aufgeschreckte Mädchen sich in eine sitzende Stellung erhob, bemerkte sie, daß etwas Dunkles von ihr wegspringe, das in seiner Hast das Laub zerstreute, und die gefallnen Zweige knickte. Die Augen öffnend, und von der ersten Verwirrung und Bestürzung über ihre Lage sich erholend, bemerkte Hetty einen jungen Bären, von der gemeinen amerikanischen braunen Gattung, der sich auf seinen Hinterpfoten wiegte, und sich noch nach ihr umschaute, als zweifelte er, ob es sicher wäre, sich ihrer Person wieder zu nähern. Der erste Gedanke Hetty’s, die schon mehrere solche junge Bären besessen hatte, war, hinzulaufen und das kleine Geschöpf als ihre Beute in Besitz zu nehmen, aber ein lautes Gebrumme warnte sie vor der Gefahr eines solchen Beginnens. Einige Schritte zurücktretend, sah sich das Mädchen hastig um, und ward jetzt der Bärenmutter gewahr, die in nicht großer Entfernung ihre Bewegungen mit feurigen Augen beobachtete. Ein hohler Baum, früher die Behausung von Bienen, war kürzlich gefallen, und die Mutter mit zwei weitern Jungen erlabte sich an der leckern Speise, welche der Zufall ihnen geboten, wobei die erstere jedoch mit eifersüchtigem Auge das Thun und Treiben ihres sorglosen, davonlaufenden Kindes beobachtete.

Er überschritte alle Mittel menschlicher Erkenntniß, wollte man sich anmaßen, die Einflüsse zu erklären, welche das Thun der niedern Thiere beherrschen. In dem vorliegenden Falle legte die Bärin, obgleich ihre Wildheit in dem Falle, wo sie ihre Jungen gefährdet glaubt, sprichwörtlich geworden ist, keine Absicht an den Tag, das Mädchen anzugreifen. Sie verließ den Honig und begab sich an eine Stelle, zwanzig Fuß von ihr entfernt, wo sie sich auch auf ihren Hinterpfoten erhob und ihren Körper mit einer Art zornigen und brummenden Mißbehagens hin und herwiegte, aber nicht näher kam. Zum Glück floh Hetty nicht. Im Gegentheil obgleich nicht frei von Angst, kniete sie, das Angesicht gegen das Thier gekehrt, nieder, und mit gefalteten Händen und himmelwärts gerichtetem Auge sagte sie wieder das Gebet der vorigen Nacht her. Diese fromme Handlung war nicht die Wirkung der Furcht, sondern es war eine Pflicht, deren Erfüllung sie nie versäumte vor dem Einschlafen und wenn die Rückkehr des Bewußtseyns sie zu der Arbeit des Tages weckte. Wie das Mädchen vom Knieen sich erhob, ließ sich die Bärin wieder auf ihre Füße nieder, sammelte ihre Jungen um sich her, und ließ sie ihre natürliche Nahrung saugen. Hetty freute sich über diesen Beweis von Zärtlichkeit bei einem Thier, das in Betreff der edleren Gefühle nur einen sehr zweideutigen Ruf hat; und als ein Junges seine Mutter zu verlassen beliebte und muthwillig sich umwälzte und sprang empfand sie wieder ein lebhaftes Verlangen, es in ihre Arme zu nehmen und damit zu spielen. Aber durch das Brummen gewarnt, besaß sie Selbstbeherrschung genug, diesen gefährlichen Vorsatz nicht in Ausführung zu bringen; und ihres Vorhabens sich erinnernd, das ihrer in den Bergen wartete, riß sie sich von der Gruppe los und setzte ihre Wanderung fort am Saum des See’s, dessen sie jetzt wieder durch die Bäume ansichtig wurde. Zu ihrer Verwunderung, die jedoch frei war von Unruhe, erhob sich die Bärenfamilie und folgte ihren Schritten, in kleiner Entfernung von ihr sich haltend; dem Anschein nach jede ihrer Bewegungen beobachtend, als ob sie ein lebhaftes Interesse hätten an Allem, was sie that.

In dieser Weise, begleitet von der Bärin und den Jungen, wandelte das Mädchen beinah eine Meile weit, dreimal die Entfernung, die sie in der Dunkelheit während derselben Zeit hatte zurücklegen können. Dann gelangte sie an einen Bach, der sich selbst ein Bett in die Erde gewühlt hatte, und sprudelnd zwischen steilen und hohen Abhängen, mit Bäumen bedeckt, in den See eilte. Hier verrichtete Hetty ihre Waschungen; dann trank sie von dem reinen Bergwasser, und setzte ihren Weg fort, erfrischt und leichtern Herzens, immer noch gefolgt von ihren seltsamen Begleitern. Ihr Weg führte sie jetzt eine breite und beinah ebene Terrasse entlang, die sich von dem Gipfel der das Wasser begrenzenden Uferhöhe zu einem sanften Abhang erstreckte, welche oben zu einer zweiten, unregelmäßigen Plattform anstieg. Dieß war in einem Theile des Thals, wo die Berge quer hinliefen, den Anfang einer Ebene bildend, welche zwischen den Hügeln sich ausbreitete, südlich von dem Wasserspiegel. Hetty erkannte aus diesem Umstande, daß sie sich dem Lager näherte, und wäre dieß nicht gewesen, so hätten sie die Bären von der Nähe menschlicher Wesen in Kenntniß gesetzt. In die Luft hinaus schnüffelnd, bezeigte die Bärin keine Lust, ihr weiter zu folgen, obgleich das Mädchen sich umsah, und sie mit kindischen Zeichen und selbst mit förmlichen Aufforderungen in dem ihr eignen süßen Tone herbei lockte. Während sie so langsam durch Buschwerk weiter schritt, das Angesicht abgewendet und die Augen auf die unbeweglichen Thiere geheftet, fühlte das Mädchen ihre Schritte plötzlich gehemmt durch eine menschliche Hand, die sie leicht an der Schulter faßte.

»Wohin gehen?« sagte eine sanfte weibliche Stimme, hastig und theilnehmend sprechend; »Indianer – Rothmann – Wilder – arger Krieger – dorthinzu!«

Dieser unerwartete Gruß erschreckte das Mädchen so wenig als die Erscheinung der wilden Bewohner des Waldes. Zwar überraschte er sie ein wenig; aber sie war gewissermaßen gefaßt auf solche Begegnungen und das Wesen, das sie anhielt, war so wenig gemacht, Schrecken einzuflößen, als irgend eines, das je in indianischer Gestalt erschien. Es war ein Mädchen, nicht viel älter als sie selbst, deren Lächeln so sonnig war wie das Judiths in ihren glänzendsten Augenblicken, deren Stimme Wohllaut war, und deren Worte und Benehmen all die schüchterne Sanftheit besaßen, die das andere Geschlecht charakterisirt unter einem Volke, das seine Weiber wie Dienerinnen und Sklavinnen der Krieger behandelt. Schönheit ist bei den Frauen der amerikanischen Urbewohner, ehe sie die Mühsale von Weibern und Müttern durchzumachen haben, keineswegs ungewöhnlich. In diesem Punkt waren die ursprünglichen Inhaber des Landes ihren civilisirteren Nachfolgern nicht unähnlich; die Natur schien ihnen die Zartheit der Züge und Umrisse verliehen zu haben, welche einen so großen Reiz des jugendlichen Weibes ausmacht, aber deren sie so frühe verlustig werden, und zwar ebenso sehr in Folge der Einrichtungen und Verhältnisse des häuslichen Lebens, als aus andern Ursachen. Das Mädchen, welches Hetty so plötzlich angehalten hatte, war bekleidet mit einem Calico-Mantel, welcher den ganzen obern Theil ihres Körpers recht gut schützte, während ein kurzer Unterrock von blauem Tuch mit goldnen Borten gesäumt, der nur bis an’s Knie reichte, gleiche Beinkleider und Moccasins von Hirschleder ihren Anzug vollendeten. Ihr Haar fiel in langen dunkeln Flechten über Schultern und Rücken und war über einer niedern, glatten Stirne gescheitelt in einer Art, daß dadurch der Ausdruck von Augen voll Schlauheit und natürlichem Gefühl gemildert wurde. Ihr Gesicht war oval, von feinen Zügen; die Zähne waren gleich und weiß, während der Mund eine schwermüthige Weichheit aussprach, als trüge er diesen eigenthümlichen Ausdruck vermöge instinktmäßigen Bewußtseyns des Schicksals eines Geschöpfs, das von der Geburt an dazu verurtheilt war, die Mühsale des Weibes, erhöht noch durch die Gefühle und Zärtlichkeit ihres Geschlechts zu erdulden. Ihre Stimme, wie schon angedeutet, war sanft, wie das Seufzen der Nachtluft, eine bezeichnende Eigenthümlichkeit der Weiber ihrer Race, an ihr selbst aber so auffallend, daß sie daher den Namen Wah-ta!-Wah bekommen hatte, – Europäisch etwa mit Hist-oh!-Hist auszudrücken. Mit einem Wort, es war dieß die Verlobte Chingachgooks, der man, nachdem es ihr gelungen war, jeden Verdacht einzuschläfern, erlaubt hatte, um das Lager derer, die sie gefangen hielten, herumzustreifen. Diese Nachsicht war im Einklang mit der allgemeinen Politik der rothen Männer, die zudem wohl wußten, daß man im Falle der Flucht ihre Spur verfolgen könnte. Man wird auch nicht außer Acht lassen, daß die Irokesen oder Huronen, wie man sie vielleicht besser nennen würde, durchaus nichts von der Nähe ihres Liebhabers wußten, ein Umstand, der ihr freilich selbst auch unbekannt war.

Es wäre nicht leicht zu sagen, Welche von beiden bei dieser unerwarteten Begegnung am meisten Selbstbeherrschung zeigte, das weiße oder das rothe Mädchen. Aber Wah-ta!-Wah, obgleich ein wenig überrascht, war die zum Sprechen Aufgelegtere, und bei weitem rascheren Geistes, Folgen vorauszusehen, so wie Mittel zu ersinnen, um jenen zu begegnen. Ihr Vater war während ihrer Kindheit vielfach von den Behörden der Colonie als Krieger verwendet und benützt worden, und bei einem mehrjährigen Aufenthalt in der Nähe der Forts hatte sie einige Bekanntschaft mit dem Englischen sich erworben, das sie in der gewöhnlichen abkürzenden Weise der Indianer, aber geläufig und ohne den gewöhnlichen Widerwillen ihres Volkes sprach.

»Wohin gehen?« fragte wieder Wah-ta!-Wah, das Lächeln Hetty’s in der ihr eignen anmuthigen Weise erwiedernd, »schlimmer Krieger, dort – guter Krieger – fern weg!«

»Was ist Euer Name?« fragte Hetty mit der Einfalt eines Kindes.

»Wah-ta!-Wah. Ich keine Mingo – gute Delawarin – Yengeese’s Freundin. Mingo sehr grausam und Skalpe lieben um des Bluts willen – Delawaren sie lieben der Ehre willen. Kommt hieher wo keine Augen.«

Wah-ta!-Wah führte jetzt ihre Genossin dem See zu, die Anhöhe so weit hinabsteigend, daß deren überhangende Bäume und Gebüsche zwischen ihnen und etwaigen Lauschern standen; und sie machte nicht eher Halt, als bis sie nebeneinander auf einem gefallenen Baumstamm saßen, dessen eines Ende wirklich im Wasser lag.

»Warum kommt Ihr?« fragte die junge Indianerin lebhaft; »woher kommt Ihr?«

Hetty erzählte ihre Geschichte in ihrer einfachen, treuherzigen Weise. Sie erklärte das Unglück ihres Vaters, und sprach ihren Wunsch aus, ihm zu dienen, und wo möglich seine Befreiung zu bewirken.

»Warum Euer Vater zu Mingo Lager kommen bei Nacht?« fragte das indianische Mädchen mit einer Geradheit, die, wenn nicht von der andern entlehnt, Viel von ihrer Offenherzigkeit hatte. »Er wissen, daß Krieg ist – und er kein Knabe mehr – er wohl einen Bart haben – ihm nicht zu sagen nöthig, daß Irokesen Tomahawk und Messer und Büchse führen. Warum er kommen zur Nachtzeit, mich beim Haare packen und delawarisches Mädchen skalpiren wollen?«

»Euch!« sagte Hetty, vor Entsetzen fast umsinkend, »Euch hat er gepackt – Euch wollte er skalpiren?« »Warum nicht? Delawaren-Skalpe so Viel gelten als Mingo-Skalpe. Gouverneur keinen Unterschied machen. Ruchlos für Bleichgesicht, skalpiren. Nicht seine Gaben, wie der gute Wildtödter mir immer sagen.«

»Und Ihr kennt den Wildtödter?« fragte Hetty, erröthend vor Freude und Ueberraschung, unter dem Einfluß dieses neuen Gefühls für den Augenblick ihren Jammer vergessend. »Ich kenn‘ ihn auch. Er ist jetzt auf der Arche mit Judith und einem Delawaren, der die große Schlange heißt. Ein kühner und schöner Krieger ist er auch, die Schlange!«

Trotz der reichen, tiefdunkeln Farbe, welche die Natur der indianischen Schönheit zugetheilt, stieg ihr doch das beredte und verrätherische Blut noch lebhafter ins Gesicht, so daß die Röthe ihren kohlschwarzen Augen noch mehr Leben und Feuer des Geistes verlieh. Einen Finger aufhebend wie mit warnender Geberde, ließ sie ihre schon so sanfte und süße Stimme zu einem Flüstern herabsinken, als sie das Gespräch fortsetzte.

»Chingachgook!« versetzte das Delawarische Mädchen, den harten Namen in so sanften Gutturaltönen seufzend oder hauchend, daß er das Ohr ganz melodisch berührte. »Sein Vater, Unkas – großer Häuptling der Mohikani – der Nächste nach altem Tamenund! Mehr als Krieger, nicht so viel graues Haar, und weniger beim Rathsfeuer. Ihr Schlange kennen?«

»Er stieß gestern Abend zu uns, und war in der Arche mit mir zwei oder drei Stunden lang, ehe ich sie verließ. Ich fürchte, Hist –« Hetty konnte den indianischen Namen ihrer neuen Freundin nicht aussprechen, aber da sie von Wildtödter diese vertrauliche Benennung gehört hatte, bediente sie sich derselben ohne irgend eine der Bedenklichkeiten des civilisirten Lebens – »ich fürchte, Hist, er ist auf Skalpe ausgegangen, ebenso wie mein armer Vater und Hurry Harry!«

»Warum er denn nicht sollen, he? Chingachgook rother Krieger, sehr roth – Skalpe seine Ehre seyn – er gewiß gemacht!«

»Dann,« versetzte Hetty ernst, »wird es von ihm so ruchlos seyn wie bei einem Andern. Gott wird einem rothen Mann nicht verzeihen, was er einem Weißen nicht verzeiht.«

»Nicht wahr!« versetzte das Delawarische Mädchen mit einer Wärme, die beinahe an Leidenschaftlichkeit grenzte. »Nicht wahr! sag‘ ich Euch! Der Manitou lächeln und Wohlgefallen haben, wenn er sieht jungen Krieger heimkehren vom Kriegspfad mit zwei, zehn, hundert Skalpen auf einem Pfahle! Chingachgook’s Vater Skalpe erbeutet – Großvater Skalpe erbeutet – alle alten Häuptlinge Skalpe nehmen: und Chingachgook selbst so viele Skalpe nehmen, als er tragen kann!« »Dann, Hist, muß sein Schlaf bei Nacht entsetzlich seyn, wenn er daran denkt. Niemand kann grausam seyn und auf Vergebung hoffen!«

»Nicht grausam – Vergebung genug,« erwiederte Wah-ta!-Wah, mit ihrem kleinen Fuß auf den steinigten Strand stampfend, und den Kopf schüttelnd in einer Weise, welche zeigte, wie gänzlich weibliches Gefühl in einer seiner Gestaltungen das weibliche Gefühl in einer andern überwältigt hatte. »Ich sagen Euch, Schlange tapfer; er heim kommen mit vier, ja, zwei Skalpen.«

»Und ist das sein Vorhaben hier? Ist er in der That so weit hergekommen, über Berg und Thal, Flüsse und Ströme, seine Mitgeschöpfe zu martern und etwas so Ruchloses zu thun?«

Diese Frage beschwichtigte auf einmal den anwachsenden Zorn der halbbeleidigten indianischen Schönheit. Sie besiegte gänzlich die Vorurteile der Erziehung, und leitete alle ihre Gedanken in ein sanfteres und mehr weibliches Bette. Zuerst schaute sie sich argwöhnisch um, als scheute sie Lauscher, dann starrte sie ihrer aufmerksamen Gesellschafterin nachdenklich ins Gesicht; und dann endete dieß Stückchen von mädchenhafter Coketterie und weiblichem Gefühl damit, daß sie sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckte und in einer Art lachte, daß man dieß wohl die Melodie der Wälder nennen konnte. Die Furcht vor Entdeckung jedoch machte bald dieser naiven Kundgebung ihrer Empfindungen ein Ende, und ihre Hände wegziehend starrte dieß, ganz vom augenblicklichen Impuls beherrschte Geschöpf wieder ihrer Genossin nachdenklich ins Gesicht, gleichsam forschend, wie weit sie einer Fremden ihr Geheimniß anvertrauen könne. Obgleich Hetty nicht Anspruch machen konnte auf die außerordentliche Schönheit ihrer Schwester, hielten doch Manche ihr Gesicht für das einnehmendere. Es sprach all die tückelose Aufrichtigkeit ihres Charakters aus, und es war gänzlich frei von allen den störenden, begleitenden und verrathenden physischen Zeichen, die so oft im Gefolge der Geistesschwäche sind. Zwar ein ungewöhnlich scharfer Beobachter hätte die Anzeichen ihrer Geistesschwäche in der Sprache ihrer manchmal leeren und irren Augen entdecken können; aber es waren Zeichen, welche eher das Mitgefühl anzogen durch ihre gänzliche Arglosigkeit und Treuherzigkeit, als irgend eine andre Empfindung erweckten. Der Eindruck, den sie auf Hist machte – um uns dieser Dollmetschung des Namens zu bedienen – war günstig; und einer Aufwallung von Zärtlichkeit folgend, schlang sie ihre Arme um Hetty, und drückte sie an sich mit einer gewaltsamen Rührung, die so natürlich als warm war.

»Du gut,« flüsterte die junge Indianerin; »Du gut, ich wissen; es so lang, daß Wah-ta!-Wah keine Freundin gehabt – keine Schwester – Niemand, ihr Herz auszusprechen; Du Hist’s Freundin; ich nicht Wahrheit sagen?«

»Ich habe nie eine Freundin gehabt,« antwortete Hetty, die warme Umarmung mit ungeheucheltem Ernst erwiedernd. »Ich habe eine Schwester, aber keine Freundin. Judith liebt mich, und ich liebe Judith; aber das ist natürlich, und wie es uns die Bibel lehrt; aber ich hätte gern eine Freundin! Ich will Eure Freundin seyn von ganzem Herzen; denn ich liebe Eure Stimme und Euer Lächeln, und Eure Denkweise in allen Dingen, ausgenommen was die Skalpe –«

»Nicht mehr daran denken – Nichts mehr von Skalpen sagen,« unterbrach sie begütigend Hist; »Ihr Bleichgesicht, ich Rothhaut; wir nach verschiedener Art erzogen. Wildtödter und Chingachgook große Freunde, und nicht von derselben Farbe; Hist und – was Euer Name, hübsches Bleichgesicht?«

»Ich bin Hetty genannt, obwohl, wenn sie den Namen in der Bibel buchstabiren, so sprechen sie ihn immer Esther.«

»Was das machen? – Nichts nützen und nichts schaden. Gar nicht nöthig, Namen zu buchstabiren. Mährischer Bruder versucht, Wah-ta!-Wah buchstabiren zu lehren, aber es nicht zugelassen. Nicht gut für Delawarisches Mädchen, zu viel zu wissen – Mehr wissen als Krieger manchmal – das große Schande. Mein Name Wah-ta!-Wah – das heißt Hist in Eurer Sprache; Ihr ihn aussprechen Hist, ich sagen Hetty.«

Nachdem diese Präliminarien zu beiderseitiger Zufriedenheit ins Reine gebracht waren, begannen die Mädchen von ihren beiderseitigen Hoffnungen und Planen sich zu unterhalten. Hetty machte ihre neue Freundin noch genauer bekannt mit ihren Absichten in Betreff ihres Vaters; und Hist würde einer Freundin, die nur im Mindesten geneigt und fähig gewesen, die Angelegenheiten Andrer mit forschendem Blicke zu durchschauen, ihre Gefühle und Hoffnungen, die sich an den jungen Krieger von ihrem Stamme knüpften, genugsam verrathen haben. Genug ward indessen von beiden Seiten geoffenbart, um beiden Theilen eine ziemliche Einsicht in die Plane des Andern zu verschaffen, obwohl noch genug zurückbehalten und verschwiegen wurde, um zu folgenden Fragen und Antworten Gelegenheit zu geben, womit diese Unterredung schloß. Als die schärfer blickende, begann Hist zuerst ihre Fragen. Einen Arm um Hetty’s Leib schlingend, beugte sie sich mit dem Kopfe vor, so daß sie der Andern munter ins Gesicht schaute; und lachend, als ob ihre Meinung ihr aus den Mienen solle gelesen werden, sprach sie dann offener:

»Hetty einen Bruder haben und einen Vater?« sagte sie, »warum nicht auch vom Bruder sprechen, so wie vom Vater?«

»Ich habe keinen Bruder, Hist. Ich hatte einmal einen, sagt man mir; aber er ist todt seit vielen Jahren und liegt im See versenkt neben der Mutter.«

»Keinen Bruder haben – einen jungen Krieger haben; ihn lieben, beinahe so sehr als Vater, he? Recht schön und tapfer aussehend; tüchtig zum Häuptling, wenn so gut seyn, als scheinen

»Es ist sündhaft, einen Mann so zu lieben, wie ich meinen Vater liebe; und so bestrebe ich mich, es nicht zu thun, Hist,« erwiederte die gewissenhafte Hetty, die nicht wußte, wie eine innere Bewegung verhehlen durch eine so verzeihliche Annäherung an Unwahrheit, als eine ausweichende Antwort ist, obwohl durch weibliche Schaam mächtig zu diesem Fehltritt versucht: »obwohl ich manchmal denke, die Sünde werde mich am Ende beilegen, wenn Hurry so oft an den See kommt. Ich muß Euch die Wahrheit sagen, liebe Hist, weil Ihr mich fragt: aber ich würde zu Boden fallen und sterben in den Wäldern, wenn er es wüßte!«

»Warum er nicht selbst Euch fragen? Tapfer aussehen – warum nicht keck sprechen? Junger Krieger fragen müssen junges Mädchen; Niemand junges Mädchen zuerst reden machen. Mingo-Mädchen selbst sich dessen schämen,«

Sie sprach dieß mit Entrüstung und mit der edlen Wärme, die ein junges Weib von lebhaftem Geist empfinden mag, wenn sie das theuerste Vorrecht ihres Geschlechts bedroht und gefährdet glaubt. Dieß Gefühl hatte aber wenig Einfluß auf die blöde, aber doch rechtlichgesinnte Hetty, die, obwohl wesentlich weiblich in allen ihren Empfindungen doch weit mehr auf die Bewegungen ihres eignen Herzens achtete, als daß sie sich um die Gebräuche bekümmert hätte, womit das Herkommen das Zartgefühl ihres Geschlechts geschützt hat,

»Mich fragen? was?« fragte das erschrockene Mädchen mit einer Hast, welche zeigte, wie sehr ihre Furcht rege geworden war. »Mich fragen, ob ich ihn so gern habe, als meinen Vater! Oh! Ich hoffe, er wird nie eine solche Frage an mich richten, denn ich müßte antworten, und das würde mich tödten.«

»Nein – nein – nicht tödten, nur beinahe,« versetzte die Andere, unwillkührlich lächelnd. »Erröthen kommen machen – Schaam auch kommen machen; aber es nicht so gar lange bleiben; dann sich glücklicher fühlen als je. Junger Krieger muß jungem Mädchen sagen, er sie zum Weibe machen wollen, sonst nie kann wohnen in seinem Wigwam.«

»Hurry will mich nicht heirathen – Niemand wird mich je heirathen wollen, Hist.« »Wie Ihr das wissen können? Vielleicht Jedermann Euch heirathen wollen, und bei Gelegenheit Zunge sagen, was Herz fühlen. Warum Niemand Euch heirathen wollen?«

»Ich bin nicht ganz klug, sagen sie. Vater sagt mir das oft; und auch Judith manchmal, wenn sie ärgerlich ist; aber ich würde auf sie nicht so viel geben, als auf Mutter. Sie hat es auch einmal gesagt; und dann weinte und schluchzte sie, als ob ihr das Herz brechen wollte; und so weiß ich, ich bin nicht ganz klug.«

Hist starrte das sanfte, einfältige Mädchen eine volle Minute an, ohne zu sprechen; und dann schien die ganze Wahrheit auf einmal dem Geiste der jungen Indianerin hell aufzugehen. Mitleid, Ehrfurcht und Zärtlichkeit schienen in ihrer Brust zu kämpfen; dann plötzlich aufstehend, bezeugte sie gegen ihre Genossin den Wunsch, sie möchte sie in das nicht entfernt liegende Lager begleiten. Dieser unerwartete Uebergang von der Vorsicht, welche Hist zuvor anzuwenden sich beflissen gezeigt hatte, um nicht gesehen zu werden, zu dem Entschluß, ihre Freundin ganz offen zu den Indianern zu führen, entsprang aus der sichern Ueberzeugung, daß kein Indianer ein Geschöpf kränken und beschädigen würde, das der große Geist entwaffnet, indem er es des stärksten Vertheidigungsmittels, der Vernunft beraubte. In dieser Hinsicht gleichen sich alle Nationen von unverdorbnem Gefühl; sie scheinen solchen Geschöpfen freiwillig, in Folge eines der menschlichen Natur Ehre machenden Gefühls, durch ihre Nachsicht den Schutz angedeihen zu lassen, welcher durch die unerforschliche Weisheit der Vorsehung ihnen versagt ist. Wah-ta!-Wah wußte in der That, daß bei manchen Stämmen die Geistesschwachen und die Verrückten eine Art religiöser Verehrung genossen; daß sie von den ungebildeten Bewohnern des Waldes Achtung und Ehren empfingen statt der Schmach und Vernachlässigung, die unter den anmaßenderen und verdorbeneren Nationen ihr Loos und Theil ist! Hetty folgte ihrer neuen Freundin ohne Furcht und Widerstreben. Es war ihr Wunsch, das Lager zu erreichen; und gestärkt durch ihre Beweggründe hegte sie so wenig Unruhe wegen der Folgen, als ihre Begleiterin selbst, nachdem diese einmal wußte, welchen schützenden Talisman das Bleichgesichtmädchen mit sich führte. Noch immer, während sie langsam fortschritten einer Küste entlang, die von überhangenden Gebüschen bedeckt war, setzte Hetty das Gespräch fort, und jetzt übernahm sie die Rolle des Fragens, welche die Andere sogleich fallen gelassen, sobald sie erfahren, an was für ein Gemüth sie ihre Fragen gerichtet hatte.

»Aber Ihr seyd ja nicht eben halb klug,« sagte Hetty, »und es ist kein Grund da, warum die Schlange Euch nicht heirathen sollte.«

«Hist Gefangene, und Mingo’s große Ohren haben. Nicht von Chingachgook reden, wenn sie dabei. Versprecht das Hist, gute Hetty.«

»Ich weiß, – ich weiß,« erwiederte Hetty; halb flüsternd, in ihrer Begierde der Andern zu zeigen, daß sie die Nothwendigkeit der Vorsicht begreife. »Ich weiß – Wildtödter und die Schlange gedenken Euch aus der Hand der Irokesen zu befreien; und Ihr wünscht, daß ich das Geheimniß nicht verrathe.«

»Wie Ihr wissen das?« fragte Hist hastig, in diesem Augenblick ärgerlich, daß die Andere nicht noch blödsinniger, als wirklich der Fall war. – »Wie Ihr das wissen? Besser von Niemand sprechen als von Vater und Hurry – Mingo’s das verstehen; das Andere nicht. Versprecht mir, von Nichts zu sprechen, was Ihr nicht versteht.«

»Aber ich verstehe das, Hist; und so darf und muß ich davon sprechen. Wildtödter hat in meiner Anwesenheit dem Vater Alles so gut als erzählt; und da mir Niemand verbot zuzuhören, habe ich Alles gehört, wie auch Hurry’s und Vaters Unterredung von den Skalpen.«

»Sehr schlimm von Bleichgesichtern, von Skalpen sprechen, und sehr schlimm von jungen Mädchen zu horchen! Nun Ihr Hist lieben, ich weiß, Hetty; und so unter Indianern, wenn am besten lieben, am wenigsten schwatzen!«

»Das ist nicht die Art bei den weißen Leuten, die am meisten von Solchen reden, die sie am besten lieben. Ich glaube, weil ich nur halb klug bin, sehe ich den Grund nicht ein, warum es so verschieden seyn soll bei den rothen Leuten.«

»Das seyn, was Wildtödter ihre Gaben nennt. Die Einen die Gabe zu sprechen, die Andern die Gabe den Mund zu halten. Den Mund zu halten – Eure Gabe unter Mingo’s. Wenn Schlange Hist sehen möchte, so Hetty verlangen, Hurry zu sehen. Ein gutes Mädchen nie Geheimnisse verrathen von Freunden.«

Hetty verstand diese Aufforderung; und sie versprach dem delawarischen Mädchen Nichts von der Anwesenheit Chingachgook’s oder von dem Beweggrund seines Besuches am See zu erwähnen.

»Vielleicht er Hurry und Vater ebenso los kriegen, wie Hist, wenn man ihn machen lassen,« flüsterte Wah-ta!-Wah ihrer Begleiterin in vertraulichem, schmeichelndem Tone zu, als sie eben dem Lager nahe genug kamen, um die Stimmen von Einigen ihres Geschlechts zu hören, welche dem Anschein nach mit den gewöhnlichen Arbeiten der Weiber ihrer Classe beschäftigt waren, »Bedenkt das, Hetty, und legt zwei, zwanzig Finger auf den Mund. Niemand Freunde frei machen, wenn nicht Schlange es thun.«

Ein besseres Mittel konnte sie nicht ersinnen, um sich Hetty’s Verschwiegenheit und Vorsicht zu versichern, als dasjenige, das sich hierin ihrem Geist darbot. Da die Befreiung ihres Vaters und des jungen Grenzers der große Zweck ihres Abenteuers war, so empfand sie klar den Zusammenhang desselben mit den Diensten, die ihr die Delawarin leisten konnte; mit einem unschuldigen Lachen nickte sie Zustimmung und in derselben stummen Weise versprach sie, die Wünsche ihrer Freundin gebührend zu achten. So ihrer Sache sicher, zögerte Hist nicht länger, sondern trat sofort unverhohlen mit ihrer Freundin in das Lager der sie gefangen haltenden Mingo’s.

Achtes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Eben stieg die Sonne aus den Wassergefilden hervor, in denen die blauen Inseln von Massachusetts schwimmen, als die Einwohner von Newport anfingen, ihre Türen und Fenster zu öffnen und sich mit der Frische und Lebendigkeit an ihr Tagewerk zu machen, die einem Volke eigen ist, das seine Zeit weislich in zwei Hälften teilt, deren eine es der Ruhe, die andere den Geschäften und Erholungen widmet. Die Morgengrüße der Nachbarn erfolgten freundlich, sowie jeder seine Fensterläden und Türen aufschloß; die gewöhnlichen Fragen ergingen und wurden beantwortet, man erkundigte sich nach dem Fieber einer Tochter, nach der Gicht einer alten Großmutter.

Der Wirt zum »Unklaren Anker«, dem so sehr daran lag, den Ruf seines Hauses durch frühe Beurlaubung seiner Abendgäste zu erhalten, war einer der ersten, der des Morgens auf den Beinen war und vor seiner Tür stand, um etwa im Vorübergehen einen Kunden zu haschen, der das Bedürfnis fühlte, die bösen Dünste der Nacht wegzuwaschen und seinem Magen eine kleine Stärkung zukommen zu lassen. Eine solche Herzstärkung wurde in den britischen Provinzen allgemein, jedoch unter verschiedenen Namen, zu sich genommen. Je nachdem die Provinzen selbst voneinander abwichen, wichen auch die Namen ab und hießen: »Ein Gläschen Bitters«, »wider den bösen Nebel«, »eine Juleppe«, »ein Morgenschnaps«, »stärkende Tropfen« usw. Die Gewohnheit ist zwar etwas in Abnahme gekommen, behält aber noch viel von dem ehrwürdigen Charakter bei, den das Altertum mit sich führt. Es darf uns nicht wundernehmen, daß dieser an und für sich edle, löbliche Gebrauch, die Unreinigkeiten des physischen Menschensystems wegzuwaschen, seit einiger Zeit, wo es ihm überall an einem moralischen Fürsprecher fehlt, und er allen Begriffen und Übeln ausgesetzt ist, die das Erbteil des Fleisches sind, die Amerikaner den Witzeleien ihrer europäischen Brüder preisgegeben hat. Wir sind gewiß nicht die letzten, die den überseeischen Philanthropen dankbar sind für den warmen Anteil, den sie in dem Maße an unserm Wohl nehmen, daß sie eine republikanische Schwäche selten an uns bemerken, ohne ihr, wie sie es verdient, die kaustische Verdammnis ihrer Federn einzubrennen. Unsere Dankbarkeit ist vielleicht um so größer, da wir sie mit einer Gegenbemerkung erwidern können. Wir glauben nämlich bemerkt zu haben, daß sie den Eifer für unsere unmündige Staaten – denn obschon ziemlich robust und ein wenig widerbellerisch, sind sie doch noch als Kinder zu betrachten – soweit treiben, und sich in der Reform unserer cisatlantischen Sünden ihrem Feuer so sehr überlassen, daß sie über den Splitter in unserem Auge den Balken in dem ihrigen übersehen. Die Anzahl der Missionäre, die das Mutterland zu diesem frommen, wohlwollenden Bekehrungsgeschäft zu uns herübergeschickt hat, ist Legion; nur müssen wir bedauern, daß ihre Bemühungen so wenig mit Erfolg gekrönt worden sind.

Der Wirt zum »Unklaren Anker« war also früh auf den Beinen, und um so flinker dahinter her, weil sein Nachbar erst vor kurzem auf den Einfall gekommen war, um neue Kunden anzulocken, das rote Gesicht eines Mannes im Scharlachrock als Schild auszuhängen, und das geklexte Bild »Zum Kopfe Georg des Zweiten« zu benennen. Und wirklich blieb die Tätigkeit des früh muntergewordenen Wirts nicht unbelohnt, denn die Kundenflut strömte in der ersten halben Stunde dem Hafen seines einladenden Schenktisches so mächtig zu, daß er nicht ohne Hoffnung blieb, die eindringende Flut werde dieses Mal die gewöhnliche Zeitgrenze übersteigen, selbst als es schon wieder Ebbe zu werden anfing. Jedoch nahm letztere immer mehr zu; die Trinker begaben sich, einer nach dem andern, zur gewohnten Tagesverrichtung, so daß er es ratsam fand, seinen Standort hinter den Flaschen zu verlassen und sich vor die Türe hinauszumachen, sich mit beiden Händen in beiden Taschen hinstellend, und Vergnügen daran findend, mit den neuen runden Einquartierten zu klimpern. Ein Fremder, der nicht mit den übrigen in die Schenkstube gekommen war, und demnach auch nicht an ihren Libationen teilgenommen hatte, stand einige Schritte vor der Tür, die Hand in der Weste und den Kopf in Gedanken vertieft. Die Gestalt entging dem umschauenden Auge des Wirtes nicht; er wußte aus langer Erfahrung, daß wer schon so frühe auf seinem Gesicht die Spur der Tagessorgen trage, noch keinen Morgentrunk zu sich genommen habe. – Er zog hieraus den strengen logischen Schluß: bei jenem Fremden sei etwas zu verdienen, nur müsse man es beim rechten Ende anzufangen wissen. Somit leitete er das Gespräch ein.

»Eine reine Luft,« sagte er, »eine frische Luft, guter Freund, die Nebel und Dünste der Nacht zu vertreiben.« Und zugleich schnupfte er den herrlichen, stärkenden Duft eines heitern Oktobermorgens ein. »Diesen Vorzug haben wir auf unsrer Insel; sie ist die allergesündeste aus Gottes Erdboden, sowie sie die allerschönste ist. Eine reine Luft! … Der Herr ist wahrscheinlich hier fremd?«

»Gestern abend spät angekommen«, war die Antwort.

»Ein Seefahrer, nach der Tracht zu urteilen? Wie es scheint, eine Anstellung suchend?« setzte der Wirt kichernd hinzu und sich auf seinen Scharfsinn etwas einbildend. »Wir haben hier oft dergleichen, die sich melden. Newport ist zwar ein blühender Ort; gleichwohl darf man nicht denken, daß immer Stellen offen sind. Hat der Herr schon in dem Hauptorte von Massachusettsbai sein Heil versucht?«

»Ich verließ Boston erst vorgestern.«

»Wie? das eingebildete Stadtvolk konnte kein Schiff für Euch finden? Ja ja, sprechen können sie wie gedruckt, und es ist wahr, sie stellen ihr Licht nicht untern Scheffel, und ich muß sagen, es gibt unter ihnen Leute, die ich für aufgeklärte Köpfe halte, und die der Meinung sind, Narragansettbai sei auf gutem Wege, bald ebensoviel Segel zu zählen, als Massachusetts … Seht mal dort hin, Freund; da liegt eine stattliche Brigg segelfertig; sie geht noch diese Woche ab, um Pferde in Rum und Zucker umzusetzen; und hier ist ein Schiff, das schon gestern abend in den Strom angeholt worden. Ein schönes, prächtiges Fahrzeug, und hat Kajüten, wie sie kein Prinz besser wünschen kann! Es sticht mit dem ersten günstigen Winde in die See, und ich bin der Meinung, wer sich zu einem Dienste meldete, würde nicht mit leerer Hand abgewiesen werden. Dann ist noch im Außenhafen, am Fort vorüber, der Sklavenhändler, wenn Euch eine Anstellung belieben sollte, wo Ihr statt Geld ein paar Wollköpfe in Zahlung bekämet.«

»Und ist es gewiß, daß das Schiff im innern Hafen mit dem ersten Winde segelt?« fragte der Fremde.

»So gewiß als irgend sonst was. Meine Frau ist Geschwisterkind mit des Einnehmers Schreibers Frau; ich habe die Papiere mit Augen gesehen, alles ist fertig und expediert, es fehlt bloß am Winde. Ich treibe, wie Ihr denken könnt, einigen Verkehr mit den Blaujacken, denn bei den jetzigen schweren Zeiten darf ein ehrlicher Mann, wenn er durchkommen will, nichts von der Hand weisen … Nu ja, da liegt es, das Schiff, ein sehr bekanntes Schiff, die ›Royal Carolina‹; sie macht regelmäßig einmal des Jahres die Reise zwischen den Provinzen und Bristol, legt auf dem Hin- und Herwege hier an, bringt uns Vorräte und Bedürfnisse, nimmt Holz und Wasser ein, und geht von hier nach England oder nach den Karolinas, wie es die Umstände mit sich bringen.«

»Bitte, Sir, ist die Carolina gut bewaffnet?« fuhr der Fremde fort, der hier anfing, sein nachdenkendes Wesen zu verlieren und an der Rede des andern einen lebhaften Anteil zu nehmen.

»Ja, ja! Sie ist nicht ohne ein halbes Dutzend Bullenbeißer, für sie zu bellen, wenn es daraufs ankäme, ihr Recht zu verfechten, oder auch ein Wort für die Ehre Sr. Majestät des Königs mitzusprechen, den Gott erhalte … Judith! Judith!« rief er überlaut einem Negermädchen zu, das auf dem Schiffbauerdamm Späne sammelte, »spring‘ zu Nachbar Homespuns hin, klappre mit den Fensterläden seiner Schlafkammer, der Mann hat die Zeit verschlafen, ’s muß ganz was Neues mit ihm vor sein: die Glocke hat sieben geschlagen, und die durstige Kehle hat ihr Bitteres noch nicht runter!«

Die Episode brachte eine kurze Pause im Gespräch hervor, und das Mädchen tat, was ihr der Herr befohlen hatte. Aber das Geklapper hatte weiter nichts zur Folge als ein schrilles »Wer da?« von seiten der Dame Desideria, deren gellende Stimme durch die dünne Wand hervordrang, wie durch ein durchlöchertes Sieb.

Einen Augenblick darauf öffnete sich das Fenster, und die verehrliche Dame schob ihr verstörtes Antlitz in die frische Morgenluft hinaus.

»Na! Und dann? Na! Und dann!« fragte die aufgebrachte und ihrer Meinung nach vernachlässigte Haus- und Ehefrau; denn sie zweifelte keinen Augenblick, daß es nicht ihr Herumläufer, ihr Nachtschwärmer sei, der so spät zu seiner häuslichen Lehnspflicht zurückkehrte, und sich unterstehe, sie im Schlafe zu stören. »Seid Ihr nicht zufrieden, die ganze lange Nacht aus Bett und Haus geblieben zu sein? Müßt Ihr Euch noch unterstehen, die unschuldige Ruhe einer Familie von sieben lieben Kindern und ihrer Mutter zu unterbrechen. O Hektor! Hektor! Was für ein Beispiel gebt Ihr der jungen, leichtsinnigen Brut? Was für Kummer macht Ihr der armen Mutter?«

»Bring‘ mir mein schwarzes Notandumbuch«, sagte der Wirt zu seiner Frau, die das Wehklagen der Schneiderin ans Fenster gelockt hatte. »Mich dünkt, die Frau murmelte so was von einem Abstecher ihres Mannes; ist er eines solchen Streiches fähig, der Philosoph, so muß ein Ehrenmann wie ich nach seinen Buchschulden sehen. Sieh‘ da, so wahr ich lebe, Ketzija, du hast dem hinkenden Bettler siebzehn und sechs Pence Kredit gegeben, und das für lauter Morgenschnäpse und Nachttränke!«

»Na, na! Guter Freund, nicht so hitzig, ohne allen Grund! Hat er unserm Jack nicht ein Kleidchen zur Schule gemacht? Du wirst finden …«

»Still, gutes Weib«, erwiderte der Wirt, das Buch zuschlagend, es der Frau zurückgebend, und ihr winkend, sich zu entfernen. »Wie ich sage, alles findet sich zu seiner Zeit, und je weniger Lärmen wir über die Seitensprünge unserer Nachbarn machen, desto weniger wird man uns selbst Böses nachsagen. Der Mann«, setzte er hinzu, sich an den Fremden wendend, »ist ein guter, fleißiger Arbeiter, aber einer, dem die Sonne niemals hat in die Fenster scheinen wollen, obschon, weiß der Himmel, das Glas nicht so dick ist, daß ihre Strahlen nicht durchkönnten.«

»Wie könnt Ihr aber auch nur, bei so schwachen Vermutungen und Beweisen glauben, daß sich ein solcher Mann wirklich davongemacht habe?«

»Ei,« entgegnete der Wirt, mit gefalteten Fingern beide Hände über die Brust legend, und sich ein wichtiges Ansehen gebend, »dergleichen Unglück ist wohl schon besseren Leuten begegnet! Wir Gastwirte sind so ziemlich im Besitz aller Stadtgeheimnisse, weil ein lustiger Trunk die Zunge zu lösen pflegt; wir müssen folglich wohl wissen, wie es bei unserm nächsten Nachbar zugeht. Könnte der gute Nachbar Homespun den Geist seiner Ehehälfte so zügeln und bügeln, wie eine Naht, so würde manches nicht geschehen, – aber … Wollt Ihr nicht eins trinken, Sir?«

»Ein Gläschen von Euerm Besten.«

»Nu, was wollt‘ ich sagen?« fuhr der andere fort, indem er den neuen Gast bediente. »Ja, das war’s: wenn eine Gans von Schneider ebenso die Falten aus dem krausen Sinn seiner Frau plätten könnte, wie aus ihrem Rocke, ja dann ginge alles gut: oder wenn ein Mann, dem seine Frau alles mögliche Herzeleid auftischt, es runteressen könnte, wie z. B. die Gans, die hier an der Wand hängt … Wollt Ihr bei mir zu Mittag speisen, Sir?«

»Ich sage nicht nein, aber auch nicht ja«, erwiderte der Fremde, indem er für das Glas, woraus er nur genippt hatte, bezahlte. »Es wird vom Erfolg der Versuche abhängen, die ich bei den Schiffern im Hafen machen werde.«

»Alsdann würde ich Euch, Sir, bei meiner Euch bekannten Uneigennützigkeit raten und empfehlen, in diesem Hause Quartier zu nehmen, solange Ihr in Newport verweilet. Bei mir gehen die meisten Seefahrer ein und aus, und ich darf, ohne mich zu rühmen, den Wirt zum ›Unklaren Anker‹ als einen Mann aufstellen, der Euch mehr und besser als irgendein anderer alles sagen kann, was Ihr zu wissen wünscht und nötig habt.«

»Ihr habt mir schon den Rat gegeben, mich an den Kommandeur jenes Schiffes im Strome zur Anstellung zu melden; wird es gewiß so bald abgehen, wie Ihr sagt?«

»Mit erstem Winde. Ich bin mit der ganzen Geschichte des Schiffs bekannt, von dem Tage an, wo man die Blöcke zu seinem Kiel gelegt, bis zu der Minute, wo es auf der Stelle, wo Ihr es seht, die Anker fallen ließ. Die reiche Erbin von Süden, General Graysons schöne Tochter, ist eine der Passagiere: sie und ihre Erzieherin, ihre Gouvernante, wie man sie nennt, eine gewisse Frau Wyllys, warten nur auf das Zeichen der Abfahrt, hier ganz in der Nähe, im Hause der Frau von Lacey. Die Dame ist die Witwe des Konteradmirals dieses Namens, und eine leibliche Schwester des Generals, folglich die Tante der jungen Lady, wenn mich ihr Stammbaum nicht trügt. Man ist allgemein der Meinung, daß das Vermögen beider Köpfe auf sie übergehen wird, und in diesem Falle würde der Mann, dem Miß Getty Grayson ihre Hand gäbe, nicht bloß ein glücklicher, sondern auch ein reicher Gatte sein.«

Der Fremde, der bis zum Schluß dieses genealogischen Vortrags einen ziemlich gleichgültigen Zuhörer abgegeben hatte, fing nun an, einen Anteil daran zu nehmen, der mit den darin erwähnten Personen in näherer Verbindung stand, und benutzte die erste Pause, die der Wirt, um Atem zu schöpfen, machen mußte, ihm in die Rede zu fallen und schnell zu fragen:

»Ihr sagt also, das Haus in der Nähe, auf der Anhöhe, sei die Wohnung der Frau von Lacey.«

»Hab‘ ich das gesagt, so weiß ich nicht, was ich gesagt habe. In der Nähe soll heißen: über ein paar tausend Schritte von hier. Dort liegt nämlich ein Haus, wo eine Dame von ihrem Range wohnen darf, und nicht in einer von den Hütten hier herum, wo man sich nicht umdrehen kann, ohne sich an den Ellbogen zu stoßen. O, Ihr würdet das Haus schon allein an den schönen grünen Blenden, und an den hohen grünen Bäumen erkennen. Ich will behaupten, daß es in ganz Europa keinen so kühlen Schatten gibt, als vor der Haustüre der Frau von Lacey.«

»Sehr wahrscheinlich«, murmelte der Fremde, der, kein so großer Enthusiast seiner Provinz wie der Wirt, schon wieder in sein Nachsinnen verfallen war. Anstatt den Gegenstand des Gesprächs fortzusetzen, brach er es plötzlich nach einigen Gemeinplätzen ab; dann wiederholte er, daß er wahrscheinlich zum Essen zurückkommen werde, und nahm seinen Abmarsch, schnurgerade in der angegebenen Richtung des Hauses der Frau von Lacey. Dem schlauen, beobachtenden Wirte würde dieser abgebrochene Schluß der Unterredung und der ebenso plötzliche Abzug des Fremden nicht entgangen sein, und zu mancher Überlegung Anlaß gegeben haben, wäre nicht eben in diesem Augenblick Frau Desideria aus ihrer Wohnung herausgestürmt, und hatte durch die pikante Art und Weise, womit sie ihren armen Sünder von Mann abschilderte, die ganze Nachbarschaft, folglich auch den Wirt, aufmerksam gemacht.

Unsere Leser haben gewiß schon längst vermutet, daß die Person, die sich mit dem Wirt als Fremder unterhielt, kein Fremder für sie, mit einem Worte kein anderer als Wilder ist. Nachdem er, einem geheimen Zuge folgend, den wortreichen Mitredner hatte stehen lassen, war er schnell die Höhe hinangestiegen, an die sich die Stadt lehnt, und hatte schon die Vorstadt erreicht.

Es fiel ihm nicht schwer, selbst von weitem, unter einem Dutzend ähnlicher Landwohnungen das gesuchte Haus herauszufinden, da es sich durch seine Schatten, wie sich der Wirt in einem gewohnten Provinzialismus ausdrückte, von den anderen unterschied. Tiefe Schatten bestanden in einigen hohen Ulmen, die den kleinen Vorhof überdeckten. Seine Vermutung ging bald in Gewißheit über: Vorübergehende, die er befragte, bestätigten sie, und nun eilte er sinnend der Wohnung zu.

Es war voller Morgen geworden, ein schöner Morgen, der Vorbote eines schönen, milden Herbsttages, wie sie in dortiger Gegend so gewöhnlich, so wohltuend sind. Ein Lüftchen, das aus Süden wehte, fächelte wie ein Kühlwind im Juni das Gesicht des jungen Mannes an, wenn er bisweilen im Steigen stillstand, um die Schisse im Hasen zu überschauen. Mit einem Worte, es war ein Wetter, wie es der Spaziergänger sich nur wünschen kann, wie es aber der Schiffer unter die verlorenen Tage rechnet.

Wilder ging immer weiter. Als er eine niedrige Mauer entlang kam, weckten ihn aus seinen Betrachtungen Stimmen, die ihm ganz nahe zu sein schienen. Unter anderen war eine, die seine Pulse in Bewegung setzte, und aus eine ihm unerklärliche Weise jede Saite seines Nervensystems anschlug. Der Ort war ihm günstig; es fand sich in einem Einbug der Mauer eine Bank. Auf diese stieg er, und war nun, selbst ungesehen, den Redenden ganz nahe.

Die Mauer lief um den Garten und das Mittelbeet der Besitzung, die er nicht mehr verkennen konnte. Ein ländlicher Pavillon, zu seiner Zeit in Laub und Blumen begraben, stand auf einer kleinen Anhöhe nahe an der Straße. Lage und Aussicht waren unvergleichlich. Man übersah die Stadt, den Hafen, nach Osten zu die Inseln der Massachusettsbai, nach Westen die Pflanzungen von Providence, nach Süden den unermeßlichen Ozean. Die Laubdecke war ziemlich dünn geworden, man konnte durch die freistehenden Pfeiler, die den Dom des Lusthäuschens trugen, bis tief hinein sehen. Hier war es, wo Wilder eben die Personen entdeckte, deren Unterredung er tags vorher, als er mit dem Rover in der Ruine verborgen war, zugehorcht hatte. Die Admiralswitwe und Frau Wyllys standen im Vordergrunde, im Gespräch mit einem Manne begriffen, der, wie er schloß, außerhalb der Mauer am Wege stand, aber Wilders scharfes Auge entdeckte bald die reizenden Umrisse der blühenden Gertraud im Hintergrund des Pavillons. Doch wendete er ebenso bald den Blick von ihr ab, um die Stimme aufzusuchen, die soeben der alten Dame Antwort gab. Er traf bald die Richtung, und bemerkte nun einen alten Mann, der, aus einem Steine sitzend und seine müden Glieder ruhend, sich mit den Damen in der Sommerlaube unterhielt. Sein Haar war grau; der lange Stab, der ihm zur Stütze dienen sollte, zitterte ab und zu in seiner Hand, dabei war in seinem Wesen, seiner Haltung, seiner Stimme etwas, woraus sich augenscheinlich schließen ließ, er sei früherhin ein Seemann gewesen.

»Lieber Gott,« sagte er mit zitternder Stimme, worin sich jedoch die unverkennbaren charakteristischen Töne seines Gewerbes hören ließen, »Euer Gnaden müssen wissen, daß wir alten Seehunde niemals in den Kalender gucken, wenn wir in See stechen, um zu erfahren, was es am morgenden Tage für Wetter sein wird. Uns genügt es, daß der Befehl zum Absegeln am Bord ist, und der Kapitän von seiner Lady Abschied genommen hat.«

»Die nämlichen Worte meines armen beweinten Admirals!« rief die alte Dame aus, mit inniger Freude über die Gelegenheit, von ihrem Steckenpferde herab mit einem alten Seeinvaliden weiter sprechen zu können, »also seid Ihr der Meinung, mein ehrlicher Freund, daß wenn ein Schiff segelfertig ist, es in See geben muß, sei das Wetter wie es wolle?«

»Hier kommt ein zweiter Seekundiger wie gerufen!« unterbrach Gertraud, die soeben ihrerseits den jungen Wilder bemerkt hatte. Sie sprach die Worte mir einigem Ungestüm, denn ihr war daran gelegen, ihre Tante zu verhindern, im Streite über Wind und Wetter, der sich vorhin zwischen ihr und Frau Wyllys angesponnen hatte und mir der Abreise in Verbindung stand, mit Beistand des alten Mannes einen entscheidenden dogmatischen Ausspruch zu tun. Darum setzte sie hinzu: »Lassen Sie jenen Schiedsmann sein.«

»Gertraud hat recht«, sagte Frau Wyllys. »Bitte, Sir, was halten Sie vom Wetter? Ist es ratsam, heute abzufahren oder nicht?«

Ungern wendete der junge Seefahrer den Blick von der errötenden Gertraud, die schnell näher gerückt war, als sie ihn zuerst gewahrte, nm sich zu überzeugen, ob’s auch ein Seemann sei, jetzt sich verschämt in die Mitte des Sommerhäuschens zurückzog, wie eine, die sich ihre Dreistigkeit vorwirft. Er richtete nun seine Augen auf die Fragende, und heftete sie dabei so lange und so unverwandt auf sie, daß Frau Wyllys, in der Meinung, was sie gesagt, sei nicht deutlich genug gewesen oder nicht recht verstanden worden, die Frage wiederholte.

»Dem Wetter ist nicht zu trauen, Madame«, war die spät erfolgende Antwort. »Man müßte nur wenig Kenntnis von der Seefahrt haben, um daran zu zweifeln.«

In Wilders Stimme lag etwas so Sanftes, Wohlerzogenes, und doch zu gleicher Zeit Männliches, daß sich die Damen, wie durch einen gemeinschaftlichen Impuls zu ihm hingezogen fühlten. – Dabei war sein Anzug, obschon ganz der eines Matrosen, so nett, so schmuck und glatt, so gentlemanartig, daß man leicht auf die Vermutung kommen konnte, er gehöre zu einer höheren Klasse der Gesellschaft, als die, in deren Tracht er auftrat. Dies alles erhöhte den Eindruck, den er machte. – In der Ungewißheit, wen sie vor sich habe, und mit dieser Ungewißheit die Absicht verbindend, gegen den Unbekannten höflich zu sein, machte ihm Frau von Lacey eine tiefere Verbeugung, als sie getan haben würde, wenn sie nicht geglaubt hätte, im zweifelhaften Falle etwas weitergehen zu müssen, und fuhr fort:

»Diese beiden Ladys sind im Begriff, sich jenes Schiffes zu bedienen, um nach Karolina zu segeln, und wir waren eben beschäftigt, uns zu befragen, von welcher Seite der Wind heute kommen werde. Doch bei einem solchen Schiffe, Sir, ist wohl nichts zu befürchten, er mag günstig sein oder nicht?«

»Im Gegenteil«, war die Antwort. »Mir scheint das Schiff so beschaffen, daß es nicht viel leisten werde, wie auch der Wind sei.«

»Es steht im Rufe ein guter Segler zu sein. Was sage ich: im Rufe! Wir haben davon die volle Überzeugung, da es in der kurzen Zeit von sieben Wochen von England in die Kolonien gekommen ist. Aber Seeleute haben, glaub‘ ich, wie wir arme Sterbliche zu Lande, ihre Vorliebe und ihre Vorurteile. Entschuldigen Sie mich daher, Sir, wenn ich diesen ehrlichen Veteran über seine Meinung in dieser Sache weiter befrage … Lieber Freund, was haltet Ihr von jenem Schiffe? Ist es ein guter Segler? Ich meine das Schiff dort mit den überhohen Vorbrambäumen und den vorragenden runden Marsen.«

Wilders Lippe zuckte, er mußte ein unfreiwilliges Lächeln zurückhalten; aber er verbiß es und schwieg. Der alte Seemann hingegen stand auf, schaute aus nach der Gegend des Schiffes, schien es sorgfältig zu untersuchen, und die etwas untechnische Kunstsprache der Admiralswitwe vollkommen zu verstehen. Jetzt erst, nach vollendeter Prüfung, wandte er sich wieder zur Lady und sagte:

»Das Schiff da im innern Hafen, das Ew. Gnaden meinen, ist gerade solch ein Schiff, wie es der Seemann liebt und gern betrachtet. Es ist ein braves, sicheres, oder wie wir zu sagen pflegen, ein heiles Schiff, darauf will ich schwören: und was das Segeln anbelangt, so ist’s zwar kein Zauberer, kein Luftsegler, aber kunst- und kraftvoll eingerichtet, und vollkommen gut beschaffen, oder ich will nichts vom blauen Wasser oder von solchen verstehen, die darauf leben.«

»Hier sind also zwei verschiedene Meinungen«, sagte Frau von Lacey. »Es ist mir lieb, daß Ihr das Schiff ein heiles nennt: denn wenn schon Seefahrer ein schnelles Schiff lieben, so möchten diese Damen hier doch lieber ein sicheres … Ich hoffe, Sir, Sie werden dem Schiffe nicht abdisputieren, daß es ein heiles sei?«

»Eben diese Eigenschaft ist es,« war Wilders lakonische Antwort, »die ich ihm streitig mache.«

»Seltsam! Höchst seltsam! Hier steht ein alter Seemann, der ganz verschiedener Meinung ist.«

»Er mag zu seiner Zeit gute Augen gehabt haben und bessere als ich, Madame, aber ich zweifle, ob sie jetzt noch so gut sind als vordem. Wir find etwas zu weit vom Schiffe, um von hier aus die Eigenschaften und Mängel beurteilen zu können: ich bin ihm näher gewesen.«

»Also sind Sie wirklich der Meinung, Sir, daß Gefahr ist?« fragte Gertrauds sanfte Stimme, deren Furcht über das Mißtrauen die Oberhand gewann.

»Ja, gewiß. Hätte ich Mutter oder Schwester« – hier, bei dem Worte Schwester rückte er am Hute, verbeugte sich vor der schönen Zitternden, und sprach das Wort mit Nachdruck aus – »würde ich Bedenken tragen, sie sich einschiffen zu lassen. Auf meine Ehre, Myladys, ich halte das Schiff da für gefährlicher als irgendeines, das diesen Herbst aus einem der Häfen der Provinz ausgelaufen ist oder noch auslaufen wird.«

»Mir unbegreiflich!« bemerkte Frau Wyllys. »Dies ist ganz und gar nicht die Beschreibung, die man uns von dem Schiffe gemacht hat; und ist diese Beschreibung nicht übertrieben, so kann man sich ihm als einem sichern, bequemen anvertrauen. Dürft‘ ich bitten, Sir, auf welche Umstände Sie Ihre Meinung gründen?«

»Sie springen in die Augen. Es ist zu scharf in der Rundung vom Bug bis zu den Vorsteven; es ist zu voll in der Billing des Spiegels zum Steuer. Dann stehen die Seiten gerade wie Kirchenmauern, und haben keine Einweichung, und das Schiff staut zu hoch über der Wasserlinie. – Überdies hat es kein Vorsegel, und wird überhaupt nach hinten gepreßt, dadurch in den Wind geklemmt, und mehr als sein sollte, back gedrängt. Es kommt gewiß mit ihm dahin, daß das Vorderste sich zu hinterst kehrt.«

Die weiblichen Zuhörer hörten diesem Vortrage, den Wilder entschieden und im Orakeltone hielt, mit der Aufmerksamkeit, dem blinden Glauben und der demütigen Folgsamkeit zu, die der Ununterrichtete gewohnt ist, dem Manne vom Fache zu zollen, wenn dieser die Geheimnisse seiner Kunst oder Wissenschaft vorträgt. Keine von beiden hatte freilich einen deutlichen Begriff von seiner Auseinandersetzung; so viel aber fanden sie in seinen Worten: es sei augenscheinliche Gefahr und selbst Lebensgefahr vorhanden. Frau von Lacey suchte jedoch wie immer, so auch bei dieser Gelegenheit, zu zeigen, wie sehr sie in der Schiffskunst bewandert sei. Sie versicherte, die angegebenen Fehler vollkommen einzusehen, nannte sie große, ernsthafte, wesentliche Fehler, konnte es nicht begreifen, wie es möglich sei, daß sie ihr Agent nicht darauf aufmerksam gemacht habe, und schloß mit der Frage, ob es noch sonst etwas gebe, was dem Auge des jungen Tadlers in dieser Ferne nicht entgangen sei und die Gefahr noch vermehren könne?

»O ja, sehr viel. Sie sehen, Madame, daß die Bramstengen nach hinten zu mir Splitzhörnern versehen sind: daß keines der obersten Segel flattert, und dann noch, Madame, daß sich das Bugspriet, dieser wesentliche Teil, auf das Wasserstag und die Wuhlingen verläßt.«

»Nur zu wahr! Nur zu wahr!« sagte Frau von Lacey mit innerem Schauder. »Dies alles war mir entgangen, aber jetzt, da ich darauf aufmerksam gemacht werde, sehe ich es deutlich. Eine solche Fahrlässigkeit ist höchst strafbar: und sich vor allem aus Wuhlingen und Wasserstag zu verlassen, wenn der Bugspriet fest sein soll! Gewiß und wahrhastig, Mistreß Wyllys, ich kann’s nun und nimmer zugeben, daß sich meine Nichte solch einem Schiffe anvertraue.«

Während Wilder sprach, weilte das ruhende Auge der Frau Wyllys auf seinen Zügen, und als er zu Ende war, wandte sie sich mit ungetrübter Heiterkeit an die Admiralswitwe. »Vielleicht mag aber die Gefahr etwas vergrößert werden«, bemerkte sie. »Sollten wir nicht den andern Seefahrer über die verschiedenen Punkte befragen und anhören? … Hört, lieber Freund, seid auch Ihr der Meinung, daß es so gefährlich mit dem Schiffe aussieht, und daß wir unrecht täten, uns in dieser Jahreszeit nach Karolina einzuschiffen und jenes Schiff zu besteigen?«

»Ei, du lieber Gott, Madame!« sagte der alte Seefahrer, sich vor Lachen ausschüttend, »der junge Mann da hat dem Schiffe ganz neumodische Fehler und Mängel abgesehen, wenn es überhaupt wirklich Fehler und Mängel sind. Zu meiner Zeit wurde dergleichen nie erwähnt, und ich muß meine Unwissenheit gestehen, und daß ich nicht die Hälfte von dem, was er Ihnen vorgesagt, verstanden habe.«

»Es mag wohl eine gute Zeit seit Eurer letzten Fahrt verflossen sein, guter Alter«, sagte Wilder.

»Fünf bis sechs Jahre seit der letzten; fünfzig seit der ersten«, war die Antwort.

»Also seht Ihr keinen Grund zur Besorgnis?« fragte Frau Wyllys wieder.

»So alt und abgenutzt ich bin, Madame, würde ich eine Anstellung auf dem Schiffe als eine Vergünstigung ansehen und annehmen.«

»Not sucht sich zu helfen«, bemerkte Frau von Lacey mit leiser Stimme und bedeutendem Blick, der für die Beweggründe des alten Mannes nicht sonderlich schmeichelhaft war. »Ich halte es mit dem jungen Schiffer, der seine Meinung mit substantiellen, wissenschaftlichen Gründen unterstützt.«

Frau Wyllys hielt mit Fragen ein, solange sie glaubte, der Dame hierin aus Gefälligkeit willfahren zu müssen. Nach dieser Pause wendete sie sich zu Wilder und setzte die Unterredung fort.

»Wie erklären Sie sich aber, Sir, die Verschiedenheit der Meinungen zwischen zwei Männern vom Fach, deren jedem man ein kompetentes Urteil zuschreiben kann?«

»Ich sollte denken,« versetzte der junge Mann lächelnd, »wir haben ein Sprichwort, das sich hier anwenden ließe. Sollte aber auch nichts darauf gegeben werden, daß sich der Schiffbau vervollkommnet hat? Sollte nicht Rücksicht darauf genommen werden, auf welcher Gattung von Schiffen jeder von uns gedient hat?«

»Beides sehr wahr«, sagte Frau Wyllys. »Aber mich dünkt, in einem so alten Gewerbe kann ein halbes Dutzend Jahre keinen Unterschied machen.«

»Ich bitte sehr um Verzeihung, Madame. Für Schifffahrer ist eine beständige Übung durchaus notwendig. Und ich möchte wohl behaupten, daß jene würdige alte Teerjacke nicht mit der Weise bekannt ist, wie ein Schiff mit vollen Segeln die Wellen mit seinem Hackebord zerteilt.«

»Unmöglich!« rief hier die Admiralswitwe. »Der jüngste, gemeinste Seefahrer müßte ja von dem Anblick eines so herrlichen, einzigen Schauspiels entzückt sein!«

»Ja, ja!« fiel der alte Mann ein, dem anzusehen war, daß er sich beleidigt fühlte, und der sich, wäre ihm auch irgendein Zweig seiner Kunst verborgen geblieben, wohl gehütet haben würde, es einzugestehen, »o wie oft hab‘ ich dieses Schauspiel genossen; wie manches stolze Schiff bestiegen, das durch die Wellen flog! Ja, ja, wie die Lady sagt: Es ist ein großes, herrliches, einziges Schauspiel!«

Wilder schien beschämt und vernichtet. Er biß sich in die Lippen, wie jemand, den entweder die Unwissenheit oder die Verschmitztheit eines andern zuschanden gemacht hat; aber die Selbstliebe der Frau von Lacey) sparte ihm die Verlegenheit der Antwort und ließ ihm Zeit zur Besinnung.

»Es würde freilich ein ganz eigener, außerordentlicher Fall gewesen sein,« sagte sie, »wenn ein Mann, dessen Haar auf der See grau geworden, niemals hätte Gelegenheit haben sollen, von einem so nobeln Anblick entzückt zu werden. Gleichwohl, mein würdiger Alter, kommt es mir vor, daß Ihr das Schiff nicht gehörig untersucht habt, weil Euch die Fehler entgangen sind, die der junge … Gentleman doch so umständlich und namentlich angeführt hat.«

»Erlauben, Ew. Gnaden, es sind keine Fehler. Geradeso pflegte mein verstorbener, braver, trefflicher Kommandeur sein Schiff zu takeln: und ich bin stolz, versichern zu können,

daß nie ein besserer Seemann und ein edlerer Mann auf der Flotte Sr. Majestät ein Kommando geführt.«

»Also habt Ihr dem Könige gedient? Wie hieß Euer lieber Kommandeur?«

»Wie hieß er? … Wir anderen, die unter ihm dienten und ihn von innen und außen kannten, hießen ihn nie anders als den Kommandeur Fairweather, denn unter seinen Befehlen gab’s immer schön Wetter und gute Zeit; doch zu Lande war er unter dem Namen des tapfern, siegreichen … Konteradmirals de Lacey bekannt.«

»Und ließ mein hochverehrter und erfahrener Gemahl wirklich seine Schiffe auf diese Weise auftakeln?« fiel die Witwe mit einer bebenden Stimme ein, die das deutlichste Zeugnis ablegte, wie groß und innig ihre angenehme Bestürzung und ihr geschmeichelter Stolz war.

Der alte Mann trat langsam und ehrfurchtsvoll näher, verneigte sich tief vor der Dame und sagte:

»Hab‘ ich wirklich die Ehre und das Glück, die Lady meines Admirals zu sehen, so ist dies ein Trost und eine Freude für meine alten Tage, die sich nicht beschreiben läßt. Sechzehn Jahre hab‘ ich auf seinem Schiffe gedient und zwanzig in seinem Geschwader. Ich sollte fast denken, Ew. Gnaden müßten vom Aufseher seines großen Mars gehört haben, von Bob-Bunt, von Robert Bunt.«

»Ja, mir scheint, mir scheint! Der Admiral sprach gern, sehr gern von seinen treuen Dienern.«

»Gott hab‘ ihn selig und schenke ihm einen glorreichen Nachruhm! Er war ein guter Herr, ein unvergleichlicher Offizier, der keines Freundes vergaß, gleichviel, ob auf der Rahe oder in der Kajüte. Ja, er war des Seemanns Freund, der edle, brave Admiral!«

»Wie dankbar der Mann ist,« sagte Frau von Lacey, sich die Augen trocknend, »und dabei ein kompetenter Richter in seinem Fach. Seid Ihr auch ganz gewiß, lieber Freund, daß mein Gemahl, der selige Admiral, alle seine Schiffe ebenso einrichten ließ, wie jenes da, von dem wir sprechen?«

»So gewiß als ich hier vor Ihnen stehe, Madame: mir diesen meinen eigenen Händen hab‘ ich sie vor seinen Augen so getakelt.«

»Auch den Wasserstag?«

»Und die Wuhlingen, Mylady, Wäre der Admiral noch am Leben und hier, er würde das Schiff ein heiles, gesundes, gut ausgerüstetes nennen: daraus will ich schwören.«

Frau von Lacey drehte sich jetzt mir Majestät, Würde und Entschlossenheit zu Wilder und fuhr fort:

»Mein Gedächtnis hat mich einen Augenblick verlassen: und das ist kein Wunder, da ich solange der Belehrung und des Beistandes eines Gatten habe entbehren müssen, der mich leiten könnte. Wir sind Ihnen, Sir, recht sehr für Ihre Meinung verbunden, können uns aber nicht enthalten, zu denken, daß Sie die Gefahr ein wenig übertrieben haben.«

»Auf Ehre, Madame,« unterbrach Wilder, die Hand aufs Herz legend und mit besonderem Nachdruck die Worte sprechend, »auf meine Ehre, ich bin aufrichtig, wenn ich sage, daß ich der Meinung bin, es sei große Gefahr vorhanden, wenn man mit jenem Schiffe abreist: und ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich, indem ich so spreche, nicht im geringsten die boshafte Absicht habe, dem Kommandeur, den Eignern des Schiffs, oder irgend jemanden, der mit Ihnen in Verbindung steht, nahe zu treten.«

»Wir zweifeln nicht im mindesten an Ihrer Aufrichtigkeit, Sir: wir glauben nur, daß Sie sich vielleicht in Ihrem Urteil irren«, erwiderte die Witwe mir einem mitleidigen, oder, Wofür sie selbst es hielt, mir einem herablassenden Lächeln. »Wir danken Ihnen nochmals recht für Ihre gute Absicht … Kommt, ehrlicher Veteran, wir müssen näher bekannt werden. Ihr dürft nur an die Haustür klopfen: ich habe noch mehr mit Euch über die Sache zu sprechen.«

Sie verneigte sich nochmals kalt gegen Wilder und ging von der Mauer tiefer in den Garten zurück, begleitet von den beiden andern. Sie schritt mehr einher, als sie ging, und stolzierte wie jemand, der sich aller seiner Vorteile bewußt ist, während Frau Wyllys ihr still, langsam und nachdenkend folgte. Gertraud schloß sich den letztern an, mit gesenktem Haupt und das Gesicht unter den Strohhut verbergend. Wilder schien zu bemerken, daß sie einen verstohlenen, ängstlichen Blick auf ihn zurückwarf; doch, da er von den Gefahren der Fahrt gesprochen hatte, konnte er nicht wissen, ob dies ein Blick der Teilnahme, des Gefühls, oder nur der Besorgnis und Furcht war. Er sah ihr nach, bis sich die Gruppe unter das Gesträuch verloren hatte. Als er aber seinen Bruder Seefahrer aufsuchen wollte, um seinen ganzen Unwillen an ihm auszulassen, fand er, daß der alte Seemann seine Beine und seine Zeit gut angewendet hatte und schon im Hause war, um den Lohn seiner Schmeichelei einzuernten.