Roman

8. Nutzen der Fenster, die nach dem Flusse hinausgehen.

Claude Frollo (denn wir setzen voraus, daß der Leser, welcher verständiger als Phöbus ist, bei diesem ganzen Abenteuer keinen andern gespenstigen Mönch gesehen hat, als den Archidiaconus), Claude Frollo tastete einige Augenblicke in dem finstern Verstecke umher, in das ihn der Hauptmann eingeriegelt hatte. Es war einer von jenen Winkeln, wie solche manchmal die Baumeister am Einigungspunkte zwischen Dach und Stützmauer übrig behalten. Der senkrechte Durchschnitt dieses Loches, wie es Phöbus so treffend bezeichnet hatte, hätte ein Dreieck gegeben. Uebrigens war weder ein Fenster noch eine Luke vorhanden, und die Neigung des Daches verhinderte, daß man aufrecht darin stehen konnte. Claude kauerte sich also in den Staub und in den Gypsschutt, der unter ihm zerdrückt wurde, nieder; sein Kopf glühte, und während er rings um sich mit den Händen hin- und hertastete, fand er ein Stück zerbrochenes Glas am Boden, welches er an seine heiße Stirne drückte, und dessen Kühle ihm ein wenig Linderung gewährte.

Was ging in diesem Augenblicke in der düstern Seele des Archidiaconus vor? Er und Gott allein konnten das wissen. Nach welcher unseligen Reihenfolge ordnete er die Esmeralda, Phöbus, Jacob Charmolue, seinen jungen, so sehr geliebten und von ihm auf der Straße zurückgelassenen Bruder, sein Priestergewand als Archidiaconus, vielleicht seinen guten Namen, der im Hause der Falourdel zurückblieb, – kurz alle diese Bilder, alle diese Ereignisse in seinen Gedanken? Aber gewiß ist, daß diese Gedanken in seinem Geiste eine fürchterliche Verbindung bildeten.

Er wartete eine Viertelstunde lang; es kam ihm vor, als ob er ein Jahrhundert durchwacht hätte. Plötzlich hörte er die Stufen der hölzernen Treppe knacken; jemand stieg herauf. Die Fallthüre öffnete sich wieder; ein Licht kam zum Vorschein. In der wurmstichigen Thüre seines Gelasses befand sich eine ziemlich weite Spalte; er drückte sein Gesicht daran. Auf diese Weise konnte er alles sehen, was sich im benachbarten Zimmer zutrug. Die Alte mit dem Katzengesichte stieg, ihre Lampe in der Hand, zuerst aus der Fallthür heraus, dann Phöbus, der sich seinen Schnurrbart in die Höhe strich, und dann eine dritte Person: die Esmeralda, diese schöne und reizende Gestalt. Der Priester sah sie wie eine blendende Erscheinung aus dem Boden heraufsteigen. Claude zitterte, eine Wolke lagerte sich auf seine Augen, seine Pulsadern schlugen mit Macht, alles rauschte und drehte sich um ihn; er sah und hörte nichts mehr.

Als er wieder zu sich kam, waren Phöbus und die Esmeralda allein; sie saßen auf dem hölzernen Kasten neben der Lampe, welche diese jugendlichen Gestalten und ein elendes Bett im Hintergrunde der Dachkammer in die Augen des Archidiaconus springen ließ.

Neben dem Bette war ein Fenster, dessen zertrümmerte Butzenscheiben, die einem vom Regen zerrissenen Spinnennetze glichen, durch ihre zerbrochenen Rundungen ein Stück Himmel und den Mond erblicken ließen, der in der Ferne auf einem Daunenkissen von zarten Wolken ruhte.

Das junge Mädchen war schamroth, außer Fassung und zitterte. Ihre langen, gesenkten Wimpern beschatteten die Purpurwangen. Der Offizier, auf den sie ihre Augen nicht zu erheben wagte, strahlte vor Verlangen. Mechanisch und mit einer reizenden Geberde von Verlegenheit zeichnete sie mit der Spitze des Fingers unzusammenhängende Linien auf die Bank und blickte auf ihren Finger nieder. Ihren Fuß sah man nicht; die kleine Ziege hatte sich darauf gekauert. Der Hauptmann war sehr artig gekleidet: um den Hals und die Handgelenke trug er Puffen von Goldlitze, für die damalige Zeit eine große Zierde.

Nur mit Mühe vermochte Dom Claude zu hören, was sie sich sagten, so heftig rollte sein Blut, das ihm in den Schläfen kochte.

(Es ist ein ziemlich alltägliches Etwas um eine verliebte Plauderei. Sie ist ein beständiges »Ich liebe dich«, – eine wohlklingende Redensart, die sehr nackt und fade für diejenigen klingt, welche sie gleichgiltig anhören: es müßte denn sein, daß sie mit etwas »Schmuckwerk« verziert ist; aber Claude hörte nicht als Gleichgiltiger zu.)

»Ach!« sagte das junge Mädchen, ohne die Augen aufzuschlagen, »verachtet mich nicht, gnädiger Herr Phöbus. Ich fühle, daß das, was ich gethan habe, unrecht ist.«

»Euch verachten, schönes Kind!« entgegnete der Offizier mit einer Miene überlegener und vornehmer Galanterie, »Euch verachten, beim Haupte Gottes! und warum?«

»Daß ich Euch gefolgt bin.«

»In dieser Hinsicht, meine Schöne, verstehen wir uns nicht. Ich müßte Euch nicht verachten, sondern Euch hassen.«

Das junge Mädchen sah ihn erschrocken an: »Mich hassen! Was habe ich denn gethan?«

»Dafür, daß Ihr Euch so sehr habt bitten lassen.«

»Wehe!« sprach sie … »ich bin einem Gelübde untreu geworden. Ich kann meine Eltern nicht wieder sehen … das Amulet wird seine Kraft verlieren. Aber was thut das? Was bedarf ich jetzt eines Vaters und einer Mutter?«

Während sie so sprach, heftete sie ihre großen schwarzen, von Freude und Zärtlichkeit feuchten Augen auf den Hauptmann.

»Soll der Teufel mich holen, wenn ich Euch verstehe!« rief Phöbus.

Die Esmeralda schwieg einen Augenblick, dann rollte eine Thräne aus ihren Augen, ein Seufzer entrang sich ihren Lippen, und sie sprach: »Ach! gnädiger Herr, ich liebe Euch.« Um das junge Mädchen verbreitete sich ein solcher Duft von Reinheit, ein derartiger Zauber von Keuschheit, daß Phöbus sich in ihrer Nähe nicht ganz behaglich fühlte. Doch ermuthigte ihn dieses Wort. »Ihr liebt mich!« sagte er mit leidenschaftlicher Aufwallung und legte seinen Arm um den Leib der Zigeunerin. Er wartete nur auf diese Gelegenheit.

Der Priester sah es und prüfte mit der Fingerspitze die Spitze eines Dolches, welchen er in seinem Busen versteckt trug.

»Phöbus,« fuhr die Zigeunerin fort, während sie sanft die pressenden Hände des Hauptmanns von ihrem Gürtel losmachte, »Ihr seid gut, Ihr seid edelmüthig, Ihr seid schön; Ihr habt mich gerettet, mich, die ich nur ein armes, unter die Zigeuner gerathenes Kind bin. Lange Zeit träume ich von einem Offiziere, der mir das Leben rettet. Von Euch träumte ich, ehe ich Euch kannte, mein Phöbus; mein Traum zeigte mir eine schöne Uniform, wie Ihr sie habt, ein stolzes Aussehen, einen Degen; Ihr heißt Phöbus, das ist ein schöner Name; ich liebe Euern Namen, ich liebe Euern Degen. Ziehet doch Euern Degen, damit ich ihn sehe.«

»O Kind,« sagte der Hauptmann, und er zog lächelnd seinen Schläger aus der Scheide.

Die Zigeunerin betrachtete den Griff, die Klinge, prüfte mit reizender Neugierde den Namenszug am Stichblatte, und küßte den Degen, wobei sie zu ihm sprach: »Du bist der Degen eines Tapfern. Ich liebe meinen Hauptmann.«

Phöbus benutzte diese Gelegenheit wenigstens, um einen Kuß auf ihren schönen, niedergeneigten Nacken zu drücken, worüber das junge Mädchen, rothgeworden wie eine Kirsche, in die Höhe fuhr. Der Priester knirschte darüber die Zähne in seinem dunkeln Loche.

»Phöbus,« begann die Zigeunerin wieder, »erlaubt mir, daß ich zu Euch rede. Gehet doch ein wenig auf und ab, auf daß ich Euch, in Eurer ganzen Größe sehe, und daß ich Eure Sporen klirren höre. Wie schön Ihr seid!«

Der Hauptmann stand auf, um sich ihr gefällig zu erweisen, und murmelte ihr mit einem selbstgefälligen Lächeln zu: »Aber was seid Ihr für ein Kind! Doch da wir davon reden, Liebchen, habt Ihr mich denn im Paradewaffenrocke gesehen?«

»Leider nein!« antwortete sie.

»Der ist erst prächtig!«

Phöbus setzte sich wieder neben sie nieder, aber viel näher, als vorher.

»Hört mich an, meine Süße …«

Die Zigeunerin gab ihm mit ihrer niedlichen Hand ein paar leise Schläge auf den Mund, wobei ihre ganze Kindlichkeit voll Muthwillen, Anmuth und Frohsinn zu Tage trat.

»Nein, nein, ich will Euch nicht anhören. Liebt Ihr mich? Ich will, daß Ihr mir sagt, ob Ihr mich liebt.«

»Ob ich dich liebe, Engel meines Lebens!« rief der Hauptmann aus und sank halb vor ihr auf die Knie nieder. »Mein Leib, mein Blut, meine Seele – alles gehört dir, alles ist nur für dich. Ich liebe dich und habe niemanden, als dich allein geliebt.«

Der Hauptmann hatte diese Redensart in mancher ähnlichen Lage so viele Male wiederholt, daß er sie in einem Athemzuge, ohne einen einzigen Gedächtnisfehler zu machen, vortrug. Bei dieser leidenschaftlichen Liebeserklärung sandte die Zigeunerin zur schmutzigen Decke, die hier den Himmel vertrat, einen Blick voll himmlischen Glückes empor. »Ach!« flüsterte sie, »das ist der Augenblick, wo man sterben sollte!«

Phöbus fand »den Augenblick« für geeignet, um ihr einen neuen Kuß zu rauben, welcher den unglücklichen Archidiaconus in seinem Winkel von neuem marterte.

»Sterben!« rief der Hauptmann aus. »Was sagt Ihr da doch, schöner Engel? Jetzt ist die Gelegenheit, zu leben, oder Jupiter ist nur ein Possenreißer! Sterben beim Beginn einer so süßen Angelegenheit! Beim Horn des Stieres, welcher Scherz! … So ist’s nicht gemeint … Höret mich an, meine theure Similar … Esmenarda … Verzeihung! Aber Ihr habt einen so seltsamen sarazenischen Namen, daß ich mich nicht herausfinden kann. Er ist ein Gestrüpp, in dem ich stets hängen bleibe.«

»Mein Gott,« sagte das arme Mädchen, »ich, ich hielt diesen Namen wegen seiner Seltsamkeit für hübsch! Aber da er Euch mißfällt, möchte ich lieber Goton heißen.«

»Ach! härmen wir uns nicht wegen so Unbedeutenden, meine Süße; es ist ein Name, an den man sich gewöhnen muß, und damit genug. Wenn ich ihn einmal auswendig weiß, wird es schon von selbst gehen. Hört mich also, meine theure Similas: ich bete Euch bis zum Wahnsinne an. Ich liebe Euch wahrhaftig, daß es ein Wunder ist. Ich kenne eine Kleine, die darüber vor Wuth berstet …«

Das eifersüchtige Mädchen unterbrach ihn: »Wen denn?«

»Was, mein Gott, thut das uns?« sagte Phöbus; »liebt Ihr mich?«

»Ach! …« sagte sie.

»Nun gut! Das ist die Hauptsache. Ihr sollt sehen, wie auch ich Euch liebe. Mag mich der große Teufel Neptunus aufspießen, wenn ich Euch nicht zum glücklichsten Geschöpfe der Welt mache. Wir wollen irgendwo ein hübsches kleines Häuschen miethen. Ich will meine Bogenschützen unter Eurem Fenster paradiren lassen. Sie sind alle beritten und bieten denjenigen des Hauptmanns Mignon Trotz. Ich habe Hellebardiere, Armbrustschützen und Artilleristen mit Handfeldschlangen. Ich will Euch zu den großen Schaugeprängen der Pariser im Speicher von Rully führen. Achtzigtausend bewaffnete Leute, dreißigtausend blanke Harnische, Koller oder Panzerhemden, die siebenundsechzig Banner der Gewerke, die Standarten des Parlaments, der Rechnungskammer, der Generalschatzkammer, der Münzgehilfen, – mit einem Worte: ein verteufelter Prunk. Ich werde Euch auch die Löwen im königlichen Schlosse zeigen, welche Rothwild sind. Alle Frauenzimmer sehen so etwas gern.«

Seit einigen Minuten träumte das junge Mädchen, in liebliche Gedanken versunken, beim Klange seiner Stimme, ohne auf den Sinn seiner Worte zu achten.

»O! Ihr sollt glücklich sein!« fuhr der Hauptmann fort, und zu gleicher Zeit löste er leise den Gürtel der Zigeunerin.

»Was thut Ihr denn?« sagte sie erregt. Diese Gewalttätigkeit hatte sie aus ihrer Träumerei gerissen.

»Nichts,« antwortete Phöbus; »ich sagte nur, daß Ihr diesen närrischen und gassenmäßigen Anzug aufgeben müßtet, wenn Ihr bei mir bleiben wollt.«

»Wenn ich bei dir sein werde, mein Phöbus!« sagte das junge Mädchen zärtlich.

Sie wurde nachdenklich und schwieg.

Der Hauptmann, durch ihre Sanftmuth dreist gemacht, faßte sie um den Leib, ohne daß sie widerstand, begann dann ganz leise das Mieder des armen Mädchens aufzuschnüren und zog das Busentuch so tief herunter, daß der keuchende Priester die schöne nackte, runde und braune Schulter der Zigeunerin aus der Spitzenhülle hervortreten sah, wie den Mond, der im Nebel am Horizonte sich erhebt.

Das junge Mädchen ließ Phöbus gewähren. Sie schien es nicht zu merken. Das Auge des dreisten Hauptmanns funkelte. Plötzlich wandte sie sich nach ihm hin:

»Phöbus,« sagte sie mit einem Ausdrucke unendlicher Liebe, »unterweise mich in deiner Religion.«

»In meiner Religion?« rief der Hauptmann und brach in ein Gelächter aus. »Ich Euch in meiner Religion unterweisen? Donner und Wetter! Was wollt Ihr mit meiner Religion anfangen?«

»Um uns zu heirathen,« antwortete sie.

Das Gesicht des Hauptmanns nahm einen Ausdruck an, in dem sich Ueberraschung, Verachtung, Gleichgiltigkeit und zügellose Leidenschaft vermischten.

»Ach was!« sagte er, »heirathet man sich denn?«

Die Zigeunerin wurde blaß und ließ traurig ihr Haupt auf den Busen sinken.

»Schönes Liebchen,« fuhr Phöbus zärtlich fort, »was sollen diese Thorheiten bedeuten? Es ist etwas Wichtiges um eine Heirath! Hat man sich etwa nicht so innig lieb, wenn man nicht mit lateinischen Brocken in der Bude eines Priesters um sich geworfen hat?«

Während er das mit innigstem Tone sprach, drängte er sich ganz nahe an die Zigeunerin heran; seine liebkosenden Hände hatten sich wieder um diesen zarten und schmiegsamen Leib geschlungen; sein Auge glühte immer mehr und mehr, und alles kündete an, daß Herr Phöbus sich offenbar einem jener Augenblicke näherte, in welchem Jupiter selbst so viele Thorheiten begeht, daß der gute Homer sich genöthigt sieht, eine Wolke zu seiner Hilfe herbeizurufen.

Dom Claude jedoch sah alles. Die Thüre war aus ganz verfaulten Faßdauben gemacht, die seinem Raubvogelblicke zwischen ihren Fugen freien Durchblick gestatteten. Dieser dunkelfarbige, breitschultrige Priester, der bis dahin zur strengen Keuschheit des Klosters verdammt gewesen war, schauerte und kochte bei dieser nächtlichen Liebes- und Wollustscene. Das junge und schöne Mädchen, das in ihrem Seelenaufruhr diesem feurigen Jünglinge ergeben war, verwandelte das Blut seiner Adern in geschmolzenes Blei. In seinem Innern gingen die seltsamsten Bewegungen vor sich; sein Auge heftete sich mit wollüstiger Eifersucht an jede dieser losgenestelten Nadeln. Wer in diesem Augenblicke das Antlitz des Unglücklichen hätte sehen können, das an die wurmstichigen Thürpfosten gepreßt war, hätte geglaubt, ein Tigergesicht zu schauen, das aus der Tiefe eines Käfigs heraus einen Schakal erblickt, der eine Gazelle verschlingt. Sein Auge blitzte wie eine Flamme durch die Spalten der Thüre.

Auf einmal zog Phöbus mit heftiger Bewegung das Busentuch von den Schultern der Zigeunerin. Das arme Kind, welches bleich und nachdenkend geblieben war, erwachte wie aus einem Traume; sie entfernte sich hastig von dem unternehmenden Offiziere, warf einen Blick auf ihren Busen und die entblößten Schultern, und kreuzte roth, verwirrt und stumm vor Scham ihre beiden Arme über der Brust, um sie zu bedecken. Stumm und bewegungslos, wie sie war, und ohne die Röthe, welche auf ihren Wangen flammte, hätte man sie für eine Bildsäule der Schamhaftigkeit halten können. Ihre Augen blieben am Boden geheftet.

Die Zudringlichkeit des Hauptmanns hatte zugleich das geheimnisvolle Amulet entblößt, das sie um den Hals trug.

»Was ist das?« fragte er, diesen Vorwand ergreifend, um sich dem schönen Geschöpfe, das er soeben verscheucht hatte, wieder zu nähern.

»Rühret nicht daran!« entgegnete sie lebhaft, »es ist mein Beschützer. Es wird mich meine Familie wiederfinden lassen, wenn ich dessen würdig bleibe. Ach! laßt mich in Frieden, Herr Hauptmann! Meine Mutter! meine arme Mutter! Meine Mutter, wo bist du? Komm mir zu Hilfe! Gnade, Herr Phöbus! gebt mir mein Busentuch wieder!«

Phöbus trat zurück und sagte mit kaltem Tone:

»O, Jungfer! nun sehe ich wohl, daß Ihr mich nicht liebt!«

»Ich ihn nicht lieben!« rief das arme unglückliche Kind, und zu gleicher Zeit hing sie sich an den Hauptmann, welchen sie neben sich niederzog. »Ich dich nicht lieben, mein Phöbus! Was sprichst du da, böser Mann, um mir das Herz zu zerreißen? Ach! komm! nimm mich hin, nimm alles! Mache mit mir, was du willst, ich bin dein. Was mache ich mir aus dem Amulete? was aus meiner Mutter? Du bist meine Mutter, da ich dich ja liebe! Phöbus, mein heißgeliebter Phöbus, siehst du mich? Ich bin es, sieh mich an; es ist jene Kleine, welche du doch nicht von dir stoßen wirst; die da kommt, die selbst kommt, um dich zu suchen. Meine Seele, mein Leben, mein Leib, meine Person, – alles das ist ein Ding, das dir gehört, mein Hauptmann. Gut denn, nein! heirathen wir uns nicht; es ist dir zuwider; und dann, was bin ich denn, ich? Ein elendes Mädchen aus dem Rinnsteine, während daß du, mein Phöbus, ein Edelmann bist. Wahrhaftig, es wäre spaßhaft! eine Tänzerin einen Offizier heirathen! – Ich war thöricht. Nein, Phöbus, nein; ich will deine Geliebte sein, dein Zeitvertreib, dein Vergnügen, wann du es wünschest; ein Mädchen, das dir gehören will. Ich bin nur dazu geschaffen, beschimpft, verachtet, entehrt zu werden: aber was thut’s? wenn ich geliebt bin! Ich will die stolzeste und die glücklichste aller Frauen sein. Und wenn ich alt oder häßlich werde, Phöbus, wenn ich nicht mehr gut bin, deine Liebe zu genießen, gnädiger Herr: dann werdet Ihr mich noch um Euch dulden, um Euch zu dienen. Andere werden Euch dann Schärpen sticken; ich, die Magd, will dafür Sorge tragen. Ihr werdet mir erlauben, Eure Sporen zu putzen, Euren Waffenrock zu bürsten, Eure Reiterstiefeln vom Staube zu reinigen. Nicht wahr, mein Phöbus, Ihr werdet dieses Mitleid für mich haben? Bis dahin nimm mich hin! Siehst du, Phöbus, alles das gehört dir, liebe mich nur! Wir Zigeunerinnen, wir bedürfen nichts als dessen: Luft und Liebe.«

Bei diesen Worten schlang sie ihre Arme um den Hals des Offiziers; sie blickte ihn von oben bis unten an, flehend und mit einem süßen, ganz in Thränen erstickten Lächeln. Ihr zarter Busen drängte sich an das Tuchwamms und die scharfen Stickereien. Sie wand ihren schönen, halbnackten Leib auf seinen Knien. Der berauschte Hauptmann drückte seine glühenden Lippen auf diese schönen afrikanischen Schultern. Das junge Mädchen bebte, die Augen zur Decke erhoben, nach hinten übergesunken und am ganzen Leibe zitternd, unter seinem Kusse.

Auf einmal sah sie über Phöbus‘ Kopfe einen andern Kopf: ein fahles, gelbes, verzerrtes Gesicht mit dem Blicke eines Verdammten; bei diesem Gesichte zeigte sich eine Hand, welche einen Dolch hielt. Es war das Gesicht und die Hand des Priesters; er hatte die Thüre erbrochen und war da. Phöbus konnte ihn nicht sehen. Das junge Mädchen war regungslos, erstarrt, sprachlos bei der furchtbaren Erscheinung: wie eine Taube, welche den Kopf in dem Augenblicke erheben will, wo der Falke mit seinen starren Augen in ihr Nest schaut.

Sie konnte nicht einmal einen Schrei ausstoßen. Sie sah, wie der Dolch auf Phöbus niedersank und sich rauchend wieder hob.

»Verflucht!« stöhnte der Hauptmann und sank nieder.

Sie fiel in Ohnmacht.

In dem Augenblicke, wo ihre Augen sich schlossen, wo jede Empfindung in ihr hinschwand, glaubte sie zu empfinden, daß ein feuriger Druck, ein glühenderer Kuß, als das rothe Eisen des Henkers, sich auf ihre Lippen preßte.

Als sie ihre Besinnung wieder gewann, war sie von Soldaten der Wache umgeben; man trug den Hauptmann in seinem Blute schwimmend davon; der Priester war verschwunden; das Fenster im Hintergrunde des Zimmers, welches auf den Fluß hinausging, stand ganz weit offen; man hob einen Mantel auf, welcher, wie man vermuthete, dem Offizier gehörte, und sie vernahm die Worte um sich her:

»Das ist eine Hexe, die einen Hauptmann erdolcht hat.«

2. La creatura bella bianco vestita. 85 (Dante)

Als Quasimodo sah, daß die Zelle leer war, daß die Zigeunerin sich nicht mehr dort befand, daß, während er sie vertheidigte, man sie entführt hatte, fuhr er sich mit beiden Händen in die Haare, und rannte vor Ueberraschung und Schmerz hin und her; dann fing er an durch die ganze Kirche zu laufen, suchte seine Zigeunerin, stieß seltsame Schreie in allen Mauerwinkeln aus und streute seine rothen Haare auf dem Boden herum. Es war gerade der Augenblick, wo die Häscher des Königs siegreich in die Kirche eindrangen, welche ja ebenfalls die Zigeunerin suchten. Quasimodo half ihnen hierbei, ohne daß der arme Taube ihre unseligen Absichten ahnte; denn er glaubte, die Bettler wären die Feinde der Zigeunerin. Er führte selbst Tristan l’Hermite in alle nur denkbaren Schlupfwinkel, öffnete ihm die geheimen Thüren, die Doppelböden der Altäre, die Hintergemächer der Sakristeien. Wenn die Unglückliche sich noch dort befunden hätte, so wäre er es gewesen, der sie ausgeliefert hätte. Als Tristan, da er nichts fand, des Suchens müde geworden war, – er, der nicht leicht ermüdete – fuhr Quasimodo ganz allein fort, zu suchen. Er machte zwanzig Mal, hundert Mal den Weg durch die Kirche nach der Länge und Breite, von Oben nach Unten, stieg hinauf und herunter, lief, rief, schrie, witterte und spürte herum, suchte und steckte seinen Kopf in alle Löcher und leuchtete verzweifelt und wahnwitzig mit einer Fackel in alle Gewölbe. Ein männliches Thier, das sein Weibchen verloren hat, ist nicht verstörter und schreit nicht so sehr. Endlich, als er sicher, ganz sicher war, daß sie nicht mehr da, daß es mit ihr aus wäre, daß man sie ihm geraubt hatte, stieg er langsam die Treppe zu den Thürmen empor, – diese Treppe, welche er mit so viel Eifer und Siegesgewißheit an dem Tage hinaufgestürmt war, als er sie gerettet hatte. Er ging noch einmal durch dieselben Plätze, das Haupt gesenkt, stumm, ohne Thränen und fast ohne Athem. Die Kirche war von neuem öde und in ihre Stille zurückgesunken. Die Häscher hatten sie verlassen, um die Hetze auf die Hexe in der Altstadt anzustellen. Quasimodo, der allein in dieser weiten Notre-Damekirche zurückgeblieben war, die den Augenblick zuvor so bestürmt und lärmerfüllt gewesen, schlug den Weg zur Zelle ein, wo die Zigeunerin so viele Wochen unter seiner Obhut geschlafen hatte. Indem er sich ihr näherte, stellte er sich vor, daß er sie dort vielleicht finden könnte. Als er bei der Biegung der Galerie, welche über das Dach der Seitenschiffe führt, das enge Zimmerchen mit seinem Fensterchen und Thürchen bemerkte, das unter einem großen Schwibbogen wie ein Vogelnest unter einem Zweige versteckt war, sank dem armen Menschen der Muth, und er lehnte sich an einen Pfeiler, um nicht umzusinken. Er bildete sich ein, daß sie vielleicht dorthin zurückgekehrt wäre, daß ein guter Geist sie ohne Zweifel dahin zurückgeführt hätte; daß dieses Kämmerchen zu ruhig, zu sicher und zu reizend wäre, als daß sie nicht mehr dort sein könnte, und er wagte nicht einen Schritt weiter zu gehen, aus Furcht seine Täuschung zu zerstören. »Ja,« sprach er bei sich, »sie schläft vielleicht oder betet. Wir wollen sie nicht stören.« Zuletzt nahm er seinen Muth zusammen, ging auf den Fußspitzen heran, blickte hinein, trat ein. Leer! Die Zelle blieb immer leer. Der unglückliche Taube ging in langsamen Schritten darin herum, hob das Bett in die Höhe und blickte darunter, als ob sie zwischen der Diele und dem Polster versteckt sein könnte, dann schüttelte er den Kopf und stand stumpfsinnig da. Plötzlich zertrat er wüthend mit dem Fuße die Fackel, und ohne ein Wort zu sprechen, ohne einen Seufzer auszustoßen, stürzte er sich im vollen Laufe mit dem Kopfe gegen die Wand und sank ohnmächtig auf dem Boden zusammen.

Als er wieder zu sich kam, warf er sich auf das Bett, wälzte sich darauf herum und küßte wahnsinnig den noch warmen Platz, wo das junge Mädchen geschlafen hatte; er blieb hier einige Minuten bewegungslos liegen, als ob er da die Seele aushauchen wollte; dann erhob er sich in Schweiß gebadet, keuchend und sinnverwirrt wieder, und begann mit der schrecklichen Regelmäßigkeit des Klöppels seiner Glocken den Kopf gegen die Wände zu rennen, in der Entschlossenheit eines Menschen, der ihn daran zerschellen will. Schließlich fiel er zum zweiten Male erschöpft nieder; er schleppte sich auf den Knien aus der Zelle heraus, und kauerte der Thüre gegenüber in der Stellung dumpfen Staunens nieder. So verharrte er länger, als eine Stunde, ohne eine Bewegung zu machen, das Auge auf die verlassene Zelle gerichtet, düsterer und nachdenklicher, als eine Mutter, die zwischen einer leeren Wiege und einem vollen Sarge sitzt. Er brachte kein Wort vor, nur schüttelte ein Schluchzen in langen Zwischenräumen heftig seinen ganzen Körper, aber ein Schluchzen ohne Thränen, wie jene Blitze im Sommer, die keinen Donner verursachen.

Es ist offenbar, daß er jetzt, während er im Grunde seines trostlosen Herzens nachgrübelte, wer wohl der unvermuthete Räuber der Zigeunerin sein könnte, an den Archidiakonus dachte. Er erinnerte sich, daß Dom Claude allein einen Schlüssel zu der Treppe hatte, welche nach der Zelle führte; er dachte an dessen nächtliche Anschläge auf das junge Mädchen; an den ersten, bei welchem ihm Quasimodo behilflich gewesen war, an den zweiten, welchen er verhindert hatte. Er rief sich tausend einzelne Umstände zurück und zweifelte bald nicht mehr daran, daß der Archidiakonus ihm die Zigeunerin entrissen hätte. Jedoch war seine Ehrfurcht vor dem Priester so groß, die Erkenntlichkeit, die Ergebenheit, die Liebe zu diesem Manne hatten so tiefe Wurzeln in seinem Herzen, daß sie selbst in diesem Augenblicke den Krallen der Eifersucht und der Verzweiflung Widerstand leisteten.

Er dachte daran, daß der Archidiakonus das gethan hätte, und die Wuth nach Blut und Tod, die er gegen jeden andern empfunden haben würde, verwandelte sich von dem Augenblicke an, wo es sich um Claude Frollo handelte, bei dem armen Tauben in wachsenden Schmerz.

In dem Augenblicke, wo sein Gedanke sich so an den Archidiakonus klammerte, sah er, als das Morgengrauen die Strebepfeiler erhellte, im obern Stockwerke von Notre-Dame, an der Biegung, welche der Balustradenrand macht, der sich um den Chor dreht, eine Gestalt, welche dahinwandelte. Diese Gestalt kam auf ihn zu. Er erkannte sie. Es war der Archidiakonus. Claude ging langsamen und schweren Schrittes heran. Er sah im Gehen nicht vor sich herab – er wendete sich nach dem nördlichen Thurme zu – sondern sein Gesicht war zur Seite, nach dem rechten Ufer der Seine hin gekehrt, und er hielt das Haupt hoch, als ob er sich bemüht hätte, etwas über die Dächer hinweg zu sehen. Die Eule zeigt oft diese seitwärts gerichtete Haltung. Sie fliegt nach einem Punkte zu und sieht dabei nach einem andern hin. Der Priester ging also über Quasimodos Kopfe hin, ohne ihn zu sehen.

Der Taube, welchen diese plötzliche Erscheinung versteinert hatte, sah ihn unter dem Eingange der Treppe zum nördlichen Thurme verschwinden.

Der Leser weiß, daß dieser Thurm derjenige ist, von dem man das Stadthaus sieht. Quasimodo erhob sich und folgte dem Archidiakonus.

Quasimodo stieg die Treppe zum Thurme empor, um in Erfahrung zu bringen, weshalb der Priester da hinaufstieg. Uebrigens wußte, der arme Glöckner Quasimodo selbst nicht, was er thun, was er sagen sollte, was er wollte. Er war wutherfüllt und zugleich voll Furcht. Der Archidiakonus und die Zigeunerin traten in seinem Herzen einander gegenüber.

Als er auf der Spitze des Thurmes angelangt war, untersuchte er, ehe er aus dem Dunkel der Treppe hervor- und auf die Plattform hinaustrat, vorsichtig, wo der Priester sich befand. Der Archidiakonus kehrte ihm den Rücken zu. Hier befindet sich ein durchbrochenes Geländer, welches den Glockenthurm umgiebt. Der Priester, dessen Augen auf die Stadt herabblickten, hatte die Brust gegen diejenige der vier Geländerseiten gestemmt, welche nach der Notre-Damebrücke zu gerichtet ist.

Quasimodo, der leise wie ein Wolf hinter ihm herschlich, wollte sehen, was er so scharf beobachtete. Die Aufmerksamkeit des Priesters war derartig von andern Dingen in Anspruch genommen, daß er gar nicht hörte, daß der Taube neben ihm herging. Es ist ein großartiges und bezauberndes Schauspiel, welches Paris, und vornehmlich das Paris von damals, von der Höhe der Notre-Damethürme aus gesehen, dem Auge im glänzenden Schimmer eines Sommermorgens bietet. An jenem Tage mochte man sich im Monat Juli befinden. Der Himmel war vollkommen rein. Einige letzte Sterne erblichen an ihm an verschiednen Punkten, und unter ihnen stand ein sehr glänzender an der hellsten Stelle des östlichen Himmels. Die Sonne war im Begriffe, sich über den Horizont zu erheben. Paris begann sich zu regen. Ein sehr helles und reines Licht ließ alle Umrisse, welche die zahllosen Häuser der Stadt dem Auge bieten, lebhaft hervortreten. Der riesige Schatten der Thürme zog sich von Dach zu Dach, von einem Ende der großen Stadt zum andern. In einigen Stadtvierteln ertönte schon der Lärm und das Gewirr von menschlichen Stimmen durcheinander. Hier erklang ein Glockenschlag, dort ein Hammerschlag, da unten das verworrene Gerassel eines rollenden Wagens. Schon wogten hier und da einige Rauchwolken über jene ganze Dächerfläche wie durch die Risse eines ungeheuern Solfatara. Der Fluß, welcher sein Wasser unter den Bogen so vieler Brücken, an der Spitze so vieler Inseln hinwirbelte, war von Silberfurchen gekräuselt. Ringsum in der Stadt, außerhalb der Wälle verlor das Auge sich in einem großen Kranze flockiger Nebeldünste, durch welche man undeutlich die endlose Linie der Ebenen und die zierliche Erhebung der Hügelreihen erkannte. Allerlei Geräusch ergoß sich in Wogen über diese halberwachte Stadt. Nach Sonnenaufgang hin jagte der Morgenwind einige weiße Streifen über den Himmel, die von dem Nebelgewande der Hügel losgerissen waren.

Auf dem Vorhofe von Notre-Dame zeigten sich mehrere Mütterchen, die ihren Milchtopf in der Hand hatten, einander erstaunt die sonderbare Verunstaltung der großen Kirchenthüre, und zwei zwischen den Spalten der Sandsteine geronnene Bleiströme. Das war alles, was von dem nächtlichen Aufruhre übrig war. Der von Quasimodo angezündete Holzstoß zwischen den Thürmen war niedergebrannt. Tristan hatte den Platz bereits abräumen und die Todten in die Seine werfen lassen. Die Könige wie Ludwig der Elfte tragen Sorge, das Pflaster nach einer Metzelei schnell reinigen zu lassen.

Außerhalb der Balustrade des Thurmes, gerade unter dem Punkte, wo der Priester sich hingestellt hatte, befand sich eine jener steinernen, phantastisch geformten Dachrinnen, welche die gothischen Bauwerke zieren, und in einer Spalte dieser Rinne standen zwei hübsche, blühende Levkojen, welche vom Lufthauche bewegt und wie lebend erscheinend, sich schelmische Grüße zusandten. Ueber den Thürmen hoch oben, weit in der Tiefe des Himmels, hörte man das Zwitschern kleiner Vögel.

Aber der Priester hörte und sah nichts von alledem. Er war einer von den Menschen, für welche es keine Morgenröthen, keine Vögel, keine Blumen giebt. In diesem unendlichen Gesichtskreise, welcher so viele Anblicke rings um ihn gewährte, war seine Betrachtung nur auf einen einzigen Punkt hingezogen. Quasimodo brannte vor Verlangen ihn zu fragen, was er mit der Zigeunerin angefangen hätte; aber der Archidiakonus schien in diesem Augenblicke fern von der Welt zu sein. Er befand sich offenbar in einem dieser stürmischen Augenblicke des Lebens, wo man es nicht merken würde, wenn die Erde zusammenbräche. Die Augen unveränderlich auf eine bestimmte Stelle gerichtet, verharrte er unbeweglich und sprachlos; und dieses Schweigen und diese Regungslosigkeit hatten etwas so Furchtbares, daß der wilde Glöckner davor zurückschrak und nicht wagte, sich an ihn zu machen. Es gab noch eine Art, den Archidiakonus auszuforschen: er folgte nur der Richtung seines Augenstrahles, und auf diese Weise fiel der Blick des unglücklichen Tauben aus den Grèveplatz.

Er sah also das, wonach der Priester hinblickte. Die Leiter war nahe an dem stehenden Galgen aufgerichtet. Es befanden sich einige Leute und viele Soldaten auf dem Platze. Ein Mann schleppte über den Boden einen weißen Gegenstand fort, an den sich etwas Schwarzes angeklammert hatte. Dieser Mann hielt am Fuße des Galgens an. Nun ereignete sich etwas, das Quasimodo nicht sehen konnte. Nicht etwa, weil sein einziges Auge seine weite Sehkraft nicht bewährt hätte, sondern weil ein Haufe Soldaten in der Nähe war, der alles zu erkennen verhinderte. Überdieß ging in diesem Augenblicke die Sonne auf, und ein solcher Lichtstrom ergoß sich über den Horizont, daß man hätte glauben mögen, alle hervorragenden Spitzen von Paris: Thurmspitzen, Schornsteine, Giebel ständen auf einmal in Flammen.

Während dem schickte der Mann sich an, die Leiter zu besteigen. Jetzt erkannte ihn Quasimodo wieder deutlich. Er trug ein Weib auf seiner Schulter: ein junges in Weiß gekleidetes Mädchen; dieses junge Mädchen hatte eine Schlinge um den Hals. Quasimodo erkannte sie. Sie war es.

Der Mann kam so an der Spitze der Leiter an. Dort befestigte er die Schlinge. Jetzt warf sich der Priester, um besser sehen zu können, an dem Geländer auf die Knien nieder.

Plötzlich stieß der Mann die Leiter heftig mit der Ferse zurück, und Quasimodo, der seit einigen Augenblicken nicht mehr athmete, sah am Ende des Strickes, zwei Klafterlängen über dem Boden, das unglückliche Kind mit dem Manne schaukeln, der seine Füße auf dessen Schultern gesetzt hatte. Der Strick machte mehrere Drehungen um sich selbst, und Quasimodo sah die schrecklichen Zuckungen, die durch den Körper der Zigeunerin liefen. Der Priester seinerseits betrachtete mit vorgestrecktem Halse und aus dem Kopfe getretenen Augen die furchtbare Gruppe des Mannes und des jungen Mädchens: – der Spinne und der Fliege!

In dem Augenblicke, wo das Entsetzlichste sich zutrug, fuhr ein Satansgelächter, ein Gelächter, welches man nur haben kann, wenn man kein Mensch mehr ist, über das bleifarbige Gesicht des Priesters. Quasimodo hörte dieses Gelächter nicht, aber er sah es. Der Glöckner trat einige Schritte hinter den Archidiakonus; dann stürzte er sich plötzlich voll Wuth auf ihn und stieß ihn mit seinen mächtigen Händen rücklings in die Tiefe, über welche Dom Claude sich hinabgebogen hatte.

»Verflucht!« schrie der Priester, und stürzte hinab.

Die Dachrinne, über welcher er sich befand, hielt ihn in seinem Falle auf. Er klammerte sich mit verzweifelten Händen an sie fest; und im Augenblicke, wo er den Mund öffnete, um einen zweiten Schrei auszustoßen, sah er am Kranze des Geländers, über seinem Kopfe, das furchtbare Rächerantlitz Quasimodos erscheinen. Da versagte ihm das Wort.

Der Abgrund lag unter ihm. Eine Tiefe von mehr, als zweihundert Fuß, und das Straßenpflaster dazu. In dieser schrecklichen Lage sprach der Archidiakonus nicht ein Wort, stieß keine Klage aus. Nur wand er sich mit unerhörten Anstrengungen auf der Dachrinne, um wieder nach oben zu gelangen; aber seine Hände hatten an dem Granite keinen Halt, seine Füße streiften die geschwärzte Mauer, ohne sich in sie einbohren zu können. Leute, welche auf die Thürme von Notre-Dame gestiegen sind, wissen, daß unmittelbar unter der Balustrade eine steinerne Ausbauchung sich befindet. Gerade auf dieser einspringenden Ecke erschöpfte der elende Archidiakonus seine Kraft. Er hatte es nicht mit einer senkrechten Wand, sondern mit einer Mauer, die unter ihm zurückwich, zu thun.

Quasimodo hätte, um ihn vom Abgrunde zurückzuziehen, nur nöthig gehabt, ihm die Hand hinzureichen; aber er sah ihn gar nicht einmal an. Er blickte nach dem Grèveplatze, nach dem Galgen, nach der Zigeunerin hinab. Der Taube hatte sich an der Stelle, wo den Augenblick vorher der Archidiakonus gestanden hatte, auf die Balustrade gelehnt, und hier stand er bewegungslos und stumm, wie ein vom Blitz erschlagener Mann, wandte den Blick nicht von dem einzigen Gegenstande, der für ihn in diesem Augenblicke in der Welt vorhanden gewesen war, und ein langer Thränenstrom rollte schweigend aus diesem Auge, das bis jetzt nur erst eine einzige Thräne vergossen hatte. Inzwischen keuchte der Archidiakonus in seiner fürchterlichen Lage. Seine kahle Stirn troff von Schweiß, seine Nägel bluteten an dem Steine, und seine Kniee schunden sich an der Mauer. Er hörte, wie sein Priesterrock, mit dem er an der Dachrinne hängen geblieben war, mit jeder Erschütterung, die er verursachte, krachte und weiter aufriß. Um das Maß seines Unglückes voll zu machen, endigte diese Dachrinne in einem bleiernen Rohre, das sich unter der Last seines Körpers bog. Der Archidiakonus fühlte, wie dieses Rohr langsam nachgab. Der Unglückliche sagte sich, daß wenn seine Hände vor Anstrengung ermüdet, sein Gewand zerrissen, dieses Bleirohr niedergebogen sein würden, er fallen müßte; und das Entsetzen schüttelte ihn bis in die Eingeweide. Bisweilen betrachtete er mit verwirrtem Blicke eine Art schmaler Platte, die ohngefähr zehn Fuß tiefer von den Unebenheiten der Steinzierathen gebildet wurde, und er bat den Himmel im Grunde seines geängstigten Herzens, daß es ihm vergönnt sein möge, sein Leben auf diesem Raume von zwei Fuß im Gevierte beschließen zu dürfen: sollte es auch hundert Jahre dauern. Ein Mal blickte er unter sich aus den Platz, in den Abgrund; er wandte den Kopf zurück, schloß die Augen und alle Haare standen ihm zu Berge.

Es war etwas Furchtbares um das Schweigen dieser beiden Männer. Quasimodo weinte und blickte auf den Grèveplatz, während der Archidiakonus einige Fuß von ihm entfernt in dieser schrecklichen Weise mit dem Tode rang. Als der Archidiakonus sah, daß alle seine Anstrengungen nur dazu dienten, den zerbrechlichen Stützpunkt, der ihm blieb, zu erschüttern, hatte er den Entschluß gefaßt, sich nicht mehr zu bewegen. So schwebte er dort, hielt die Dachrinne umfaßt, athmete kaum, rührte sich nicht, und zeigte keine anderen Bewegungen, als das mechanische Zucken des Leibes, welches man erleidet, wenn man im Traume glaubt, sich fallen zu fühlen. Seine starren Augen waren in krankhafter und erschrockener Weise aufgerissen. Nach und nach indessen verlor er an Raum: seine Finger glitten an der Dachrinne hin; er fühlte immer mehr und mehr die Schwäche seiner Arme und die Schwere seines Körpers. Die Krümmung der Bleiröhre, die ihn stützte, neigte sich in jedem Augenblicke um einen Grad dem Abgrunde zu. Er sah unter sich – ein fürchterlicher Anblick – das Dach von Saint-Jean-le-Roud, so klein wie ein in zwei Hälften zusammengefaltetes Kartenblatt. Er betrachtete die gefühllosen Bildhauerarbeiten des Thurmes eine nach der andern, die wie er über dem Abgrunde schwebten, aber ohne Furcht für sich selbst und ohne Mitleiden für ihn. Alles um ihn war von Stein: vor seinen Augen die Ungeheuer mit offenem Rachen; unten, ganz in der Tiefe, auf dem Platze, das Straßenpflaster; über seinem Haupte: Quasimodo, der Thränen vergoß.

Auf dem Vorhofe standen einige Gruppen neugieriger Leute, die gleichmüthig zu errathen suchten, wer der Narr sein könnte, der sich auf eine so seltsame Weise die Zeit vertriebe. Der Priester hörte, wie sie zu einander sagten, denn ihre helle und grelle Stimme gelangte bis zu ihm: »Aber er wird sich den Hals brechen!«

Quasimodo weinte noch immer.

Der vor Wuth und Entsetzen schäumende Archidiakonus begriff endliche daß alles nutzlos war. Er sammelte dennoch alle Kraft, die ihm geblieben war, zu einer letzten Anstrengung. Er steifte sich auf die Dachrinne, stieß die Mauer mit den beiden Knien ab, klammerte sich mit beiden Händen in eine Spalte der Steine, und er hätte es vielleicht erreicht, mit einem Fuße wieder in die Höhe zu klettern: aber diese Bewegung brachte plötzlich die Mündung des Bleirohres, auf welches er sich stützte, zum Weichen. Im selben Augenblicke riß das Gewand auseinander. Jetzt, da er alles unter sich wanken fühlte, als er nur noch seine starren und kraftlos werdenden Hände hatte, die etwas festhielten, schloß der Unglückliche die Augen und ließ die Dachrinne los. Er fiel in die Tiefe. Quasimodo sah, wie er hinabstürzte. –

Ein Sturz von solcher Höhe geschieht selten in senkrechter Richtung. Der in die Tiefe stürzende Archidiakonus fiel erst mit dem Kopfe nach unten und beide Hände von sich gestreckt; dann beschrieb er mehrere Umdrehungen um sich selbst; der Luftzug trieb ihn auf das Dach eines Hauses, wo der Unglückliche die erste Zerschmetterung erlitt. Als er dort anlangte war er jedoch nicht todt. Der Glöckner sah, wie er noch versuchte, sich mit den Nägeln an die Zinne anzuklammern; aber die Fläche war zu steil, und er besaß keine Kraft mehr. Er glitt schnell über das Dach herab wie ein Ziegel, der sich loslöst, und schlug endlich auf das Pflaster auf. Da blieb er regungslos liegen.

Quasimodo hob nun sein Auge wieder auf die Zigeunerin; ihren am Galgen hängenden Körper sah er in der Ferne, unter ihrem weißen Gewande, in den letzten Schauern des Todeskampfes zucken; dann senkte er den Blick wieder auf den Archidiakonus, der ohne eine menschliche Form mehr, am Fuße des Thurmes ausgestreckt lag, und er sprach mit einem Schluchzen, das aus der Tiefe seiner Brust drang: »Ach! Alles, was ich geliebt habe!«

  1. Italienisch: Das schöne weiß gekleidete Geschöpf. Anm. d. Uebers.

3. Die Glocken.

Seit dem Morgen am Pranger hatten die Nachbarn von Notre-Dame zu bemerken geglaubt, daß die Läutewuth Quasimodo’s sich sehr abgekühlt hatte. Vordem gab es Geläute bei jedem Anlasse: lange Morgenständchen, die von den Primen 6 bis zu den Vesperschlüssen dauerten, Geläute mit allen Glocken zu einem Hochamte, reiche Tonleitergänge mit den kleinen Glocken bei einer Trauung, einer Taufe, so daß die Luft mit einer Tonreihe von allerlei lieblichen Klängen gleichsam erfüllt war. Die alte Kirche, die bis in die Grundfesten bebte und tönte, befand sich in einem immerwährenden Glockenjubel. Man fühlte hier beständig die Gegenwart eines lärmenden und eigensinnigen Geistes, welcher mit all den metallenen Zungen sang. Jetzt schien dieser Geist verschwunden, die Kathedrale schien traurig zu sein, und bewährte gern ihr Schweigen; die Feste und Beerdigungen erhielten ihr einfaches, trockenes und kahles Geläute, und wie es die Kirchenordnung verlangte, nichts weiter; von dem zwiefachen Lärme, den eine Kirche verursacht: die Orgel im Innern, die Glocke draußen, war nur die Orgel geblieben. Man hätte behaupten mögen, es wäre nichts Musikalisches mehr in den Thürmen. Dennoch befand sich Quasimodo immer noch in ihnen; was war also in ihm vorgegangen? Lebten vielleicht Scham und Verzweiflung vom Prangerstehen her noch im Innern seines Herzen fort? Sausten die Peitschenhiebe des Foltermeisters endlos in seiner Seele nach? Hatte die Trauer über eine solche Behandlung alles in ihm ausgetilgt, selbst seine Leidenschaft für die Glocken? Oder aber, hatte »Marie«, die große Glocke, eine Nebenbuhlerin im Herzen des Glöckners von Notre-Dame, und wurde sie und ihre vierzehn Schwestern über etwas Liebenswürdigerem und Schönerem vernachlässigt?

In diesem gnadenbringenden Jahre vierzehnhundertzweiundachtzig fiel das Fest der Verkündigung Mariä gerade auf den fünfundzwanzigsten März, einen Dienstag. An jenem Tage war die Luft so rein und mild, daß Quasimodo etwas Liebe zu seinen Glocken zurückkehren fühlte. Er stieg also auf den nördlichen Thurm, während unten der Kirchendiener ganz weit die Thüren der Kirche öffnete, die damals aus ungeheuern Flügeln von dickem, mit Leder überzogenem Holze bestanden, mit Nägeln aus vergoldetem Eisen beschlagen und von »sehr kunstvoll gearbeiteten« Schnitzereien umrahmt waren.

Als Quasimodo in der obern Glockenstube angekommen war, betrachtete er mit betrübtem Kopfschütteln die sechs Glocken, als ob er über etwas Fremdartiges jammerte, das sich in seinem Herzen zwischen sie und ihn gedrängt hätte. Aber als er sie in Schwingung versetzt hatte, als er diese Glockenreihe unter seiner Hand sich bewegen fühlte; als er sah – denn er hörte es ja nicht – wie der bebende Octavengang, einem von Zweig zu Zweig hüpfenden Vogel gleich, auf dieser Tonleiter auf- und ablief; als der Musikteufel, dieser Dämon, welcher eine blitzende Garbe von Fugen, Trillern und gebrochenen Accorden ausstreut, sich des armen Tauben bemächtigt hatte, – da wurde er wieder glücklich, er vergaß alles, und sein Herz, das sich weitete, ließ sein Antlitz aufleuchten.

Er eilte hin und her, er schlug in die Hände, lief von einem Seile zum andern, er feuerte die sechs Sänger mit Mund und Hand an, wie ein Kapellmeister, der verständige Musiker anspornt.

»Auf,« sagte er, »auf, Gabriele, schleudere deine ganze Tonkraft auf den Platz hinab, heute ist Festtag … Thibauld, keine Faulheit, du lässest nach; auf, auf denn! Bist du etwa eingerostet, Faulenzer? … Recht so! schnell! schnell! Man darf den Klöppel nicht sehen. Mache sie alle taub, wie mich … So ist’s recht, Thibauld, brav! … Wilhelm! Wilhelm! Du bist der größte und Pasquier ist der kleinste, aber Pasquier springt am besten. Wir wollen wetten, daß die, welche zuhören, ihn besser hören als dich … Gut! Hut! meine Gabriele, laut! immer lauter! He! was macht ihr denn alle beide da oben, ihr Spatzen? Ich sehe euch ja nicht den geringsten Lärm veranstalten… Was soll das mit den metallenen Mäulern da, die da aussehen, als ob sie gähnten, wo sie singen sollen? Auf! an die Arbeit! es ist Maria Verkündigung. Es ist schönes Wetter, da muß es auch ein schönes Geläute geben … Armer Wilhelm! ich sehe, du bist ganz außer Athem, mein dicker Bursche!«

Er war ganz und gar damit beschäftigt, seine Glocken anzuspornen, die alle sechs um die Wette tanzten und ihre glänzenden Rücken wie ein lärmender Zug spanischer Maulthiere schüttelten, welche durch die Zurufe des Treibers hier und da angefeuert werden. Plötzlich, als er seinen Blick zwischen den breiten Schieferschuppen hindurchfallen ließ, welche die senkrechte Mauer des Thurmes bis zu einer gewissen Höhe bedecken, sah er auf dem Platze ein junges, sonderbar herausgeputztes Mädchen, welches stehen blieb, auf dem Boden einen kleinen Teppich ausbreitete, auf welchem eine kleine Ziege sich niederlegte, und eine Gruppe Zuschauer, die sich im Kreise herum aufstellten. Dieser Anblick änderte plötzlich den Gang seiner Gedanken und kühlte seinen Musikenthusiasmus ab, wie ein Luftzug fließendes Harz erstarren läßt. Er hielt ein, wandte dem Glockenstuhle den Rücken zu, kauerte sich hinter dem Schieferwetterdache nieder und heftete jenen träumerischen, zärtlichen und milden Blick auf die Tänzerin, der schon einmal den Archidiaconus in Erstaunen versetzt hatte. Dabei verstummten die vergessenen Glocken alle auf einmal, zum Mißvergnügen der Liebhaber des Geläutes, welche die Glocken im guten Glauben von der Wechslerbrücke her angehört hatten und bestürzt davongingen, einem Hunde gleich, welchem man einen Knochen gewiesen hat und dem man einen Stein giebt.

  1. Prime: das erste Stundengebet in der katholischen Liturgie. Anm. d. Uebers.

3. Heirath des Phöbus.

Um die Abendzeit des nämlichen Tages, als die Gerichtsbeamten des Bisthums erschienen, um den zerrissenen Leichnam des Archidiakonus vom Pflaster des Vorhofes aufzuheben, war Quasimodo aus Notre-Dame verschwunden.

Ueber dieses Ereignis schwirrten viele Gerüchte durch Paris. Man zweifelte nicht daran, daß der Tag gekommen wäre, wo, zufolge ihres Vertrages, Quasimodo, d. h. der Teufel, den Claude Frollo, d. h. den Zauberer, holen mußte. Man nahm an, daß, als er sich der Seele bemächtigte, er den Körper zerschmettert hätte: wie die Affen, welche die Schale zerbrechen, um eine Nuß zu verspeisen. Deshalb wurde der Archidiakonus auch nicht in geweihter Erde bestattet.

Ludwig der Elfte starb das Jahr darauf, im Monat August 1483.

Was Peter Gringoire betrifft, so gelang es ihm, die Ziege zu retten, und er hatte Erfolge in der Trauerspieldichtung. Es scheint, daß, nachdem er den Versuch mit der Sterndeutern, der Philosophie, der Baukunst, der Alchymie, mit allen Thorheiten gemacht hatte, er von ihnen zum Trauerspieldichten zurückkehrte, was das Tollste von allen Tollheiten ist. Das nannte er nämlich »ein tragisches Ende genommen haben.« Folgendes sind die Worte, die man in Bezug auf seine Theatertriumphe seit 1483 in den Rechnungen des königlichen Haushaltes liest: »An Johann Marchand und Peter Gringoire, den Zimmermann und den Dichter, welche das Mysterium gefertigt und gedichtet haben, das im Châtelet zu Paris beim Einzuge des Herrn Legaten ausgeführt wurde, geordnet nach den Rollen, besagte gekleidet und vorgestellt, so wie es in dem genannten Mysterium gefordert wurde; und ingleichen die Bühnengerüste, die dazu nöthig, angefertigt zu haben; und für dessen Aufstellung: hundert Livres.«

Auch Phöbus von Châteaupers nahm ein tragisches Ende – er verheirathete sich.

4. Heirath des Quasimodo.

Wir haben soeben erzählt, daß Quasimodo am Todestage der Zigeunerin und des Archidiakonus aus Notre-Dame verschwunden war. Man sah ihn in der That nicht wieder, und man wußte nicht, was aus ihm geworden war.

In der Nacht, welche auf die Hinrichtung der Zigeunerin folgte, hatten die Henkersknechte ihren Leichnam vom Galgen abgenommen und ihn, dem Gebrauche gemäß, in die Gruft von Montfaucon gebracht.

Montfaucon war, wie Sauval sagt, »der älteste und prächtigste Galgen des Königreichs.« Zwischen den Vorstädten Le-Temple und Saint-Martin, ungefähr einhundertundsechzig Klafterlängen von den Mauern von Paris, einige Armbrustschüsse von La-Courtille, sah man aus dem Gipfel einer sanften, niedrigen Anhöhe, die hoch genug war, um einige Meilen in der Umgegend gesehen zu werden, ein Gebäude von seltsamer Gestalt, welches so ziemlich einem keltischen Druidentempel glich, und wo auch Menschenopfer dargebracht wurden.

Man denke sich auf dem Gipfel eines Kalkhügels ein großes Rechteck aus Mauerwerk, fünfzehn Fuß hoch, dreißig Fuß breit und vierzig Fuß lang, mit einer Thür, einer Rampe nach außen, und einer Plattform; auf dieser Plattform sechzehn ungeheuere, aufrecht stehende Säulen aus unbehauenem Steine von dreißig Fuß Höhe, die an drei der vier Seiten des Steinbaues, welcher sie trug, in Säulenordnung aufgestellt, und unter sich an ihrer Spitze durch starke Balken verbunden waren, an denen von Zwischenraum zu Zwischenraum Ketten herabhingen; an allen diesen Ketten Menschengerippe; in der Nähe in der Ebene ein steinernes Kreuz und zwei Galgen zweiten Ranges, die rings um das Hauptjoch Schößlinge zu treiben schienen; über dem allen, am Himmel, ein beständiges Geschwirr von Raben – und man kennt Montfaucon.

Am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts war der furchtbare Galgen, der vom Jahre 1328 herdatirte, schon sehr verfallen; die Balken waren wurmstichig, die Ketten verrostet, die Pfeiler mit Schimmel bedeckt; die Grundschichten aus behauenem Steine waren aus ihren Fugen gewichen, und das Gras wucherte auf der Plattform, wo kein menschlicher Fuß mehr wandelte. Es gab keinen schrecklichen Anblick in der Ferne, als denjenigen dieses Bauwerkes, vor allem des Nachts, wenn ein schwaches Mondlicht auf diese bleichen Schädel fiel, oder wenn der Nachtwind Ketten und Gerippe an einander schlug, und das alles sich im Dunkel bewegte. Die Gegenwart jenes Galgens reichte hin, um die ganze Umgegend in eine unheimliche Stätte zu verwandeln.

Die steinerne Mauermasse, welche dem verhaßten Bauwerke als Grundlage diente, war hohl. Man hatte dort eine weite Gruft angelegt, die mit einem alten, zerbrochenen Eisengitter verschlossen war, und wohinein man nicht allein die menschlichen Ueberreste warf, die von den Ketten von Montfaucon herabfielen, sondern auch die Körper der Unglücklichen, die an den übrigen stehenden Galgen von Paris hingerichtet worden waren. In dieses tiefe Beinhaus, wo so viel menschlicher Staub und so viele Verbrechen zusammen vermodert sind, sind nach und nach unzählige Unschuldige gekommen, um ihre Gebeine zur Ruhe zu bringen – von Enguerrand von Marigni an, der Montfaucon einweihete und ein Gerechter war, bis zum Admiral von Coligny, der den Schluß davon machte, und der auch ein Gerechter war.

Was nun das geheimnisvolle Verschwinden Quasimodos betrifft, so ist Folgendes alles, was wir haben entdecken können.

Ohngefähr zwei oder anderthalb Jahre nach den Begebenheiten, welche diese Erzählung beschließen, als man in der Gruft von Montfaueon den Leichnam Oliviers-le-Daim aufsuchen wollte, der zwei Tage zuvor gehangen worden war, und dem Karl der Achte die Gnade gewährte, zu Saint-Laurent in besserer Gesellschaft beerdigt zu werden, fand man unter all den scheußlichen Gerippen zwei Skelette, von denen das eine das andere in sonderbarer Weise umarmt hielt. Das eine dieser beiden Skelette, welches dasjenige einer Frau war, hatte noch einige Kleiderfetzen eines Stoffes an sich, der weiß gewesen war, und man sah um seinen Hals eine Kette von Adrezarachperlen mit einem kleinen Säckchen aus Seidenstoff, das mit grünen Glassteinen verziert, und das offen und leer war. Diese Gegenstände hatten so wenig Werth, daß der Henker zweifelsohne kein Verlangen danach getragen hatte. Das andere, welches dieses eng umarmt hielt, war ein männliches Skelett. Man machte die Bemerkung, daß seine Wirbelsäule gekrümmt war, der Kopf zwischen den Schulterblättern saß, und ein Bein kürzer als das andere war. Es zeigte überdies keinen Bruch der Wirbelsäule am Genick; und es lag zu Tage, daß er nicht gehangen worden war. Der Mann, welchem es angehört hatte, war also hierher gekommen, und er war hier gestorben. Als man es von dem Skelette, welches es umfaßt hielt, losmachen wollte, zerfiel es in Staub.

 

Ende des zweiten und letzten Bandes.

4. ΑΝΑΤΚΗ. 7

An einem schönen Morgen des nämlichen Monats März, ich glaube, es war am neunundzwanzigsten, einem Sonnabende, am Tage des heiligen Eustache, bemerkte unser junger Freund, der Student Johann Frollo du Moulin, als er sich eben ankleidete, daß die Taschen, die seine Börse enthielten, nicht den leisesten Metallklang von sich gaben. »Arme Börse,« sprach er, indem er sie aus der Hosentasche zog, »was! nicht der geringste Pariser Heller mehr drin! wie haben dich doch die Würfel, Bierkannen und Venus 8 grausamerweise ausgebeutelt! Wie bist du nun leer, runzlig und schlaff! Du gleichst dem Schlunde einer Furie! Ich bitte euch, Herr Cicero und Herr Seneca, deren ganz verschrumpfte Exemplare ich verstreut auf dem Boden liegen sehe, was nützt es mir, besser als ein Münzmeister oder ein Jude von der Wechslerbrücke zu wissen, daß ein goldener Kronthaler fünfunddreißig Unzen, jede zu fünfundzwanzig Sous acht Pariser Heller gilt, und daß ein Kreuzthaler sechsunddreißig Unzen, zu sechsundzwanzig Sous und sechs Heller Tours’sche Münze das Stück macht, wenn ich nicht einen erbärmlichen schwarzen Heller an eine Doppel-Sechse zu wagen habe! Ach! Consul Cicero! das ist doch keine Calamität, aus der man sich mit Umschreibungen, mit einem » quemadmodum« 9 oder »verum enim vero« 10 herauszieht!«

Er kleidete sich mürrisch an. Ein Gedanke war ihm gekommen, während er sich die Schuhe zuschnallte; aber er wies ihn anfangs von sich; jedoch kam er wieder; und er zog seine Weste verkehrt an, was offenbar das Zeichen eines heftigen, inneren Kampfes ist. Schließlich warf er seine Mütze zur Erde und rief: »Desto schlimmer! es mag kommen, wie es wolle. Ich will zu meinem Bruder gehen! Ich werde da zu einer Strafpredigt kommen, aber auch einen Thaler erwischen.«

Dann zog er schleunigst sein pelzverbrämtes Wamms an, raffte seine Mütze auf und ging verzweifelt davon.

Er ging die Rue-de-la-Harpe nach der Altstadt hinab. Als er an der Rue-de-la-Huchette vorbeikam, begann der Duft jener bewunderungswürdigen Bratspieße, die sich hier beständig drehen, sein Geruchsorgan zu kitzeln, und er warf einen verliebten Blick in die cyklopische Garküche hinein, die eines Tages dem Franziskaner Calatagironne jenen pathetischen Ausruf entlockte: » Veramente, queste rotisserie sono cosa stupenda11 Aber Johann besaß nichts, womit er frühstücken konnte, und er verschwand mit einem tiefen Seufzer unter dem Thore von Klein-Châtelet, diesem ungeheuern Doppel-Kleeblatte von massiven Thürmen, das den Zugang zur Altstadt hütete.

Er nahm sich nicht einmal die Zeit, im Vorbeigehen, wie es Sitte war, einen Stein nach dem Standbilde jenes elenden Périnet Leclerc zu werfen, welcher unter Karl dem Sechsten Paris an die Engländer verrathen hatte, ein Verbrechen, welches sein Bildnis, dessen Fläche von Steinwürfen zerschellt und mit Koth besudelt war, drei Jahrhunderte lang, wie an einem ewigen Pranger, an der Ecke der Rue-de-la-Harpe und der Rue-de-Buci hat büßen müssen.

Als Johann de Molendino die Kleine Brücke überschritten und die Rue Neuve-Sainte-Genevieve durchwandert hatte, befand er sich vor Notre-Dame. Nun packte ihn wieder die Unentschlossenheit, und er spazierte einige Augenblicke um die Bildsäule des Herrn Legris herum, wobei er sich beklommen die Worte wiederholte: »Die Strafpredigt ist dir gewiß, der Thaler ist zweifelhaft!«

Er hielt einen Kirchendiener an, der aus dem Kloster kam. »Wo ist der Herr Archidiaconus von Josas?«

»Ich glaube, daß er sich in seinem Thurmverstecke befindet,« sagte der Diener, »und ich rathe Euch nicht, ihn da zu stören, wenn Ihr nicht etwa von Seiten jemands, wie des Papstes oder unseres gnädigen Herrn, des Königs, kommt.«

Johann schlug die Hände zusammen. »Ei! der Teufel! das ist ja eine prächtige Gelegenheit, das berüchtigte kleine Zaubergemach kennen zu lernen!«

Von diesem Gedanken getrieben, verschwand er entschlossen in der kleinen, dunkeln Pforte, und begann die Wendeltreppe des heiligen Aegidius, welche nach den obern Stockwerken des Thurmes führt, hinaufzusteigen. »Ich will mich überzeugen!« sprach er unterwegs zu sich. »Bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau! es muß doch ein sonderbares Etwas mit dieser Zelle sein, die mein ehrwürdiger Bruder verbirgt wie seine Scham! Man behauptet, er heize hier riesige Herde und lasse den Stein der Weisen bei mächtigem Feuer sieden. Bei Gott! ich sorge mich um den Stein der Weisen so viel, wie um einen Kieselstein, und möchte auf seinem Herde lieber einen Ostereierkuchen mit Speck, als den größten Stein der Weisen von der Welt finden!«

Als er auf der Säulchengalerie angelangt war, verschnaufte er einen Augenblick, und fluchte zahllose Karren voll Teufel auf die endlose Treppe herab; dann setzte er seinen Aufgang durch die enge Thüre des nördlichen Thurmes fort, die jetzt dem Publikum verboten ist. Als er nach einigen Augenblicken an der Glockenstube vorübergekommen war, traf er auf einen kleinen Treppenabsatz, welcher in eine Seitenvertiefung führte; und unter der Wölbung auf eine niedrige Spitzbogenthüre, deren eine, gegenüber in die Zirkelmauer der Treppe gebrochene Schießscharte, ihm das ungeheure Schloß und den mächtigen Eisenbeschlag zu bemerken gestattete. Alle die Personen, die heute neugierig sein könnten, diese Thür zu besichtigen, vermögen sie an folgender Inschrift zu erkennen, die in hellen Buchstaben auf die dunkle Mauer eingegraben ist: »Ich bete Coralie an, 1823. Unterzeichnet: Ugène.« (»Unterzeichnet« steht im Wortlaute.)

»O!« sagte der Student, »hier ist es sicherlich.«

Der Schlüssel stak im Schlosse. Die Thüre war nur angelehnt; er machte sie sacht auf und steckte den Kopf durch die Oeffnung.

Der Leser wird gewiß schon das bewundernswürdige Werk Rembrandts, dieses Shakespeares der Malerei, durchgeblättert haben. Unter den vielen bewunderungswürdigen Stichen ist namentlich ein Blatt, das, wie man vermuthet, den Doctor Faust vorstellt, und das man ohne geblendet zu werden, nicht betrachten kann. Es stellt eine düstere Zelle vor; in der Mitte steht ein mit scheußlichen Gegenständen (Todtenköpfen, Planetengloben, Retorten, Compassen, hieroglyphenbeschriebenen Pergamenten) bedeckter Tisch. Der Doctor befindet sich vor diesem Tische, in seinen großen Ueberrock gehüllt, das Haupt bis zu den Brauen mit der Pelzmütze bedeckt. Man sieht von ihm nur die Hälfte des Leibes. Er hat sich, halb aus seinem ungeheuern Lehnstuhle erhoben; die runzeligen Hände stützen sich auf den Tisch, und er betrachtet mit Neugierde und Schrecken einen großen, leuchtenden, aus magischen Buchstaben geformten Kreis, der auf der Mauer im Hintergrunde wie das Sonnenspectrum in dem dunkeln Zimmer glänzt. Diese kabbalistische Sonne scheint vor dem Auge zu flimmern und erfüllt die matterleuchtete Zelle mit ihrem geheimnisvollen Scheine. Es ist schrecklich und schön zugleich.

Etwas der Zelle Fausts ziemlich Aehnliches bot sich dem Auge Johanns dar, als er seinen Kopf durch die halbgeöffnete Thür zu stecken gewagt hatte. Es war gleichfalls ein düsteres und kaum erleuchtetes Gemach. Auch hier befanden sich ein großer Lehnstuhl und ein großer Tisch, Compasse, Destillirkolben, an der Decke hängende Thierskelette, auf dem Boden ein rollender Himmelsglobus, Pferdeköpfe im bunten Gemisch mit Glasflaschen, in denen Blattgold flimmerte, Todtenköpfe, welche auf Pergamentblättern ruhten, die über und über mit Figuren und Schriftzeichen besäet waren, dicke Handschriften, welche ganz geöffnet und ohne Rücksicht auf die geknickten Pergamentecken, übereinander lagen, kurz – aller Kehricht der Wissenschaft, und überall auf diesem Wirrwarr Staub und Spinneweben; aber nirgends fand sich der Kreis aus leuchtenden Buchstaben, kein Doctor in Verzückung, der die flammende Erscheinung betrachtete, so wie der Adler nach seiner Sonne blickt …

Dennoch war die Zelle durchaus nicht einsam. Ein Mann saß in dem Lehnstuhle und auf den Tisch gebeugt. Johann, welchem er den Rücken zukehrte, konnte nur seine Schultern und das Hintertheil des Kopfes sehen; aber es war nicht schwer, diesen Kahlkopf zu erkennen, dem die Natur eine unvergängliche Tonsur gegeben hatte, als ob sie durch dieses äußerliche Sinnbild die unwiderlegliche kirchliche Bestimmung des Archidiaconus hätte andeuten wollen.

Johann erkannte nun seinen Bruder; aber die Thür hatte sich so leise geöffnet, daß nichts den Dom Claude von seiner Gegenwart benachrichtigt hatte. Der neugierige Student benutzte dies, um einige Augenblicke die Zelle mit Muße auszukundschaften. Ein breiter Kochofen, den er anfänglich nicht bemerkt hatte, befand sich links vom Stuhle unter dem Fenster. Der Lichtstrahl, der durch diese Oeffnung hereinfiel, drang durch das runde Gewebe einer Spinne, welche ihre seine Rosette geschmackvoll im Bogen des Dachfensters angebracht hatte, und in deren Mitte das webekundige Thier, als das Centrum dieses Spitzenrades, unbeweglich saß. Auf dem Ofen waren allerlei Arten von Gefäßen, Steingutkruken, Glasretorten, Destillirkolben mit Kohle bunt durcheinander aufgestellt. Seufzend bemerkte Johann, daß sich keine Bratpfanne darunter befand. »Es ist kalt – das Küchengeschirr!« dachte er.

Uebrigens war kein Feuer im Ofen, und es schien sogar, daß man seit langem keins darin angezündet hatte. Eine gläserne Maske, welche Johann unter den Geräthschaften für Alchymie beobachtete, und die ohne Zweifel dazu diente, das Gesicht des Archidiaconus, wenn er irgend eine fürchterliche Substanz zubereitete, zu schützen, lag mit Staub bedeckt und anscheinend vergessen in einer Ecke. Daneben lag ein ebenso staubiger Blasebalg, und seine obere Fläche trug folgende in kupfernen Buchstaben eingelegte Inschrift: »Spira, Spera.« 12

Andere Inschriften fanden sich, nach Sitte der Alchymisten, in großer Zahl an die Wände geschrieben; einige mit Tinte gezogen, andere mit einem metallenen Griffel eingegraben: übrigens gothische, hebräische, griechische und lateinische Schriftzüge in bunter Reihe durcheinander durch; die Inschriften aufs Gerathewohl hingeschrieben, diese über jene weg, so daß die neuesten die ältern unleserlich machten, und alle sich durcheinander wirrten, wie die Zweige eines Gestrüppes, oder wie die Lanzen bei einem Handgemenge. Es war in der That ein ziemlich wirres Gemisch aus allen philosophischen Systemen, von allerlei Einfällen, von allerlei Weisheitssprüchen der Menschheit. Hier und da stand ein solcher Ausspruch, der über alle andern, wie eine Fahne unter Lanzenspitzen hervorglänzte. Gewöhnlich war es ein kurzer lateinischer oder griechischer Denkspruch, wie solche das Mittelalter so trefflich ausdrückte: »Unde? inde? – Homo homini monstrum. – Astra, castra, nomen, numen. – Μέγα βιβλιον, μέγα χαχόν – Sapere aude. – Fiat ubi vult etc.; 13 manchmal ein Wort, das augenscheinlich jeden Sinnes entblößt war, wie: Αναγχοφαγια – was vielleicht eine bittere Anspielung auf die Klosterherrschaft enthielt; bisweilen endlich einen einfachen Lehrsatz aus der Kirchenzucht, der in einen regelrechten Hexameter gekleidet war, wie folgenden: »Coelestem dominum terrestrem dicito domnum.« 14 Hier und da fanden sich auch hebräische Stellen, von denen Johann, der schon ein schwacher Grieche war, nichts verstand; und das Ganze wurde in jedem Augenblicke von Sternen, Menschen- oder Thierfiguren, von sich schneidenden Dreiecken durchkreuzt, was alles nicht wenig dazu beitrug, die besudelte Zellenwand einem Blatte Papier ähnlich zu machen, auf welchem ein Affe eine tintengefüllte Feder hätte herumspazieren lassen. Das ganze Zellchen gewährte übrigens den Anblick vollständiger Vernachlässigung und gänzlichen Verfalles; und der schlechte Zustand der Gerätschaften ließ vermuthen, daß der Besitzer schon ziemlich lange durch andere Beschäftigungen von seinen Arbeiten abgehalten war. Dieser Besitzer nun, welcher über ein dickes, mit seltsamen Malereien geschmücktes Manuscript gebückt war, schien von einem Gedanken gequält zu werden, welcher sich unaufhörlich in seine Betrachtungen einzumischen bestrebte. So wenigstens urtheilte Johann, als er ihn, nach langen, sinnenden Pausen, wie einen Menschen, der im tiefen Traume laut spricht, ausrufen hörte:

»Ja, Menu 15 sagte es und Zoroaster 16 lehrte es! Die Sonne entsteht aus Feuer, der Mond aus der Sonne; das Feuer ist die Seele des großen Alls; seine Grundsubstanztheilchen ziehen und rieseln unaufhaltsam in endlosen Strömungen durch die Welt! An den Punkten wo diese Strömungen sich am Himmel schneiden, erzeugen sie das Licht; an ihrem Schneidepunkte auf der Erde bringen sie das Gold hervor … Licht, Gold – beide sind dasselbe! Feuer im festen Zustande … Der Unterschied zwischen Sichtbarem und Greifbarem, zwischen Flüssigem und Festem bei einer und derselben Substanz, zwischen Wasserdampf und Eis, nichts weiter … Das sind durchaus keine Träumereien … das ist das allgemeine Gesetz in der Natur … Aber wie fängt man es an, um das Geheimnis dieses Naturgesetzes in die Wissenschaft herüberzuziehen? Was! dieses Licht, welches über meine Hand flutet, ist Gold? Es handelt sich nur darum, diese nämlichen, nach einem bestimmten Gesetze verbreiteten Substanztheilchen nach einem bestimmten andern Gesetze zu verdichten… Wie das anfangen? – Einige haben ausgedacht, einen Sonnenstrahl zu vergraben, Averrhoes 17 … ja, Averrhoes ist’s … Averrhoes hat einen solchen unter dem ersten Pfeiler, links vom Hochaltare des Koran, in der großen Moschee zu Cordova vergraben; aber man darf die Höhle erst in achttausend Jahren öffnen, um zu sehen, ob das Unternehmen gelungen ist.«

»Zum Teufel,« sagte Johann für sich, »das ist eine lange Zeit, auf einen Thaler zu warten.«

»… Andere haben gedacht,« fuhr der Archidiaconus fort, »daß es besser wäre, mit einem Lichtstrahle des Sirius zu operiren. Aber es ist sehr schwer, diesen Strahl rein zu bekommen, wegen der gleichzeitigen Nähe anderer Sterne, deren Strahlen sich mit ihm zu vereinigen pflegen. Flamel ist der Meinung, daß es einfacher wäre mit dem Erdfeuer zu operiren … Flamel! welch ein Name voll Vorherbestimmung. Flamma! 18 … Ja, das Feuer! das ist alles … der Diamant ist in der Kohle enthalten, das Gold befindet sich im Feuer. Aber wie soll man es herausziehen? … Magistri behauptet, daß es gewisse Frauennamen von so süßem und geheimnisvollem Zauber gäbe, daß es schon hinreiche, sie während der Operation auszusprechen … Wir wollen lesen, was Menu darüber sagt; »Wo die Frauen geehrt werden, da sind die Gottheiten erfreut; wo sie verachtet werden, da ist es unnütz, zu Gott zu beten. – Der Mund eines Weibes ist immer rein; er ist ein fließendes Wasser, ist ein Sonnenstrahl. – Der Name einer Frau muß angenehm, lieblich sein, die Phantasie anregen; muß auf lange Vocale endigen und Segensworten gleichen.« … »Ja, der Weise hat recht; in der That: Maria, Sophia, die Esmeral– … Hölle und Verdammnis! immer derselbe Gedanke!«

Und er machte das Buch heftig zu. Er fuhr mit der Hand über die Stirn, als ob er einen Gedanken verjagen wollte, von dem er gequält wurde; dann nahm er vom Tische einen Nagel und einen kleinen Hammer, dessen Stiel sonderbar mit kabalistischen Zeichen bemalt war.

»Seit einiger Zeit,« sprach er mit bitterem Lächeln, »scheitere ich bei allen meinen Experimenten! Die fixe Idee beherrscht mich und ermattet mein Gehirn, wie ein feuriges Kleeblatt. Ich habe nicht einmal das Geheimnis des Cassiodorus 19 entdecken können, dessen Lampe ohne Docht und ohne Oel brannte. Und das ist doch eine so einfache Sache!«

»Daß dich die Pest –!« brummte Johann in den Bart.

»… So ist also,« fuhr der Priester fort, »ein einziger erbärmlicher Gedanke im Stande, einen Menschen schwach und albern zu machen! O! wie würde Claude Pernelle über mich lachen, sie, die den Nicolaus Flamel nicht einen Augenblick von der Fortsetzung seines großen Werkes abzuziehen vermocht hat! Was? Ich halte in meiner Hand den magischen Hammer des Zechieles! Bei jedem Schlage, den der furchtbare Rabbi aus der Tiefe seiner Zelle mit dem Hammer auf den Nagel that, versank derjenige seiner Feinde, den er verflucht hatte, und wäre er zweitausend Meilen weit entfernt gewesen, eine Elle tief in die Erde, die ihn verschlang. Der König von Frankreich selbst sank, als er unvorsichtigerweise an die Thüre des Wunderthäters klopfte, bis an die Knien in den Boden seiner Stadt Paris hinein … Das hat sich vor drei Jahrhunderten zugetragen … Nun gut! ich besitze den Hammer und den Nagel, und beides sind in meinen Händen keine fürchterlicheren Werkzeuge, als ein Hammer in den Händen eines Grobschmiedes. Und doch bedarf es blos das magische Wort wiederzufinden, welches Zechieles aussprach, wenn er auf seinen Nagel schlug.«

»Possen!« dachte Johann.

… Wollen sehen, wollen’s versuchen!« fuhr der Archidiaconus lebhaft fort. »Wenn es mir gelingt, so werde ich einen blauen Funken aus dem Nagelkopfe herausspringen sehen … Emen-Hetan! Emen-Hetan! … Das ist’s nicht… Sigeani! Sigeani! … Möge der Nagel das Grab unter demjenigen öffnen, der den Namen Phöbus trägt! … Verflucht! immer noch und ewig derselbe Gedanke!« Und zornig warf er den Hammer von sich. Dann ließ er sich so in den Lehnstuhl und über den Tisch gebeugt nieder, daß Johann ihn hinter dem ungeheuern Bücherhaufen ans dem Gesichte verlor. Einige Minuten lang sah er nichts mehr von ihm, als seine krampfhaft über dem Buche geballte Faust. Plötzlich stand Dom Claude auf, ergriff einen Zirkel und schnitt schweigend das griechische Wort:

ÁÍÁÔÊÇ

in großen Buchstaben in die Wand ein.

»Mein Bruder ist ein Narr,« sagte Johann für sich; »es wäre viel einfacher gewesen, »Fatum« 20 zu schreiben; nicht jeder ist verpflichtet, Griechisch zu verstehen.«

Der Archidiaconus setzte sich jetzt wieder in seinen Lehnstuhl, stützte den Kopf in beide Hände, wie ein Kranker zu thun pflegt, dessen Kopf schwer und glühend ist.

Der Student beobachtete seinen Bruder mit Erstaunen. Er freilich, der seinem Herzen freien Lauf ließ, der keinem Gesetze in der Welt, als dem wahren Naturgesetze, Folge leistete, er, der den Leidenschaften nach seinen Neigungen die Zügel schießen ließ, und bei dem der See großer Gemüthsbewegungen immer trocken war, weil er ihm jeden Morgen in freigebiger Weise neue Abzugsgräben öffnete – er begriff ihn nicht; er wußte nicht, mit welcher Raserei dieses Meer der menschlichen Leidenschaften wogt und schäumt, wenn man ihm jeden Abfluß versperrt, wie es anschwillt, wie es steigt, wie es über das Ufer tritt, wie es das Herz aushöhlt, wie es in innerem Schluchzen und dumpfen Zuckungen berstet, bis daß es seine Dämme zerrissen und sein Bett gesprengt hat. Die strenge und eisige Hülle Claude Frollo’s, diese kalte Außenseite schroffer und unnahbarer Tugend, hatte Johann immer getäuscht. Der fröhliche Student hatte niemals daran gedacht, daß kochende, rasende Lava tief unter dem schneeigen Gipfel des Aetna verborgen liegt.

Wir wissen nicht, ob er sich sofort von diesen Gedanken Rechenschaft gab; aber so leichtsinnig er auch war, so begriff er doch, daß er etwas gesehen hatte, was er nicht hätte sehen sollen; daß er die Seele seines ältern Bruders soeben in einer ihrer geheimsten Regungen überrascht hatte, und daß Claude dies nicht merken durfte. Wie er sah, daß der Archidiaconus in seine anfängliche Regungslosigkeit zurückgesunken war, zog er seinen Kopf ganz leise zurück und machte hinter der Thüre ein Geräusch von Tritten, wie jemand, der ankommt und seine Ankunft meldet.

»Herein!« rief der Archidiaconus aus dem Innern der Zelle; »ich erwartete Euch. Ich habe absichtlich den Schlüssel in der Thüre stecken lassen; tretet ein, Meister Jacob.«

Der Student trat dreist ein. Der Archidiaconus, den ein solcher Besuch an einem solchen Orte sehr in Verlegenheit setzte, erschrak in seinem Lehnstuhle. »Was!! Ihr seid es, Johann?«

»Es ist immerhin einer, dessen Namen mit J anfängt,« sagte der Student mit rothem, dreisten und fröhlichen Gesichte.

Das Antlitz Dom Claude’s hatte seinen strengen Ausdruck angenommen.

»Was habt Ihr hier zu schaffen?«

»Bruder,« antwortete der Student, der sich bemühte, eine sittsame, klägliche und bescheidene Miene anzunehmen, und seine Mütze mit einem Ausdrucke der Unschuld zwischen den Händen drehte, »ich wollte Euch bitten …«

»Um was?«

»Um ein wenig moralische Belehrung, die ich sehr nöthig habe.« Johann wagte nicht laut hinzuzusetzen: »Und um ein wenig Geld, das ich noch nöthiger habe.« Dieser letzte Theil seines Satzes blieb unausgesprochen.

»Junger Herr,« sagte der Archidiaconus mit kaltem Tone, »ich bin sehr unzufrieden mit Euch.«

»O weh!« seufzte der Student.

Dom Claude rückte mit seinem Lehnstuhle etwas herum und blickte Johann scharf an. »Es ist mir lieb, daß ich Euch sehe.«

Das war ein fürchterlicher Eingang. Johann machte sich auf einen heftigen Stoß gefaßt.

»Johann, es gehen mir täglich Beschwerden über Euch zu. Was ist das mit jener Schlägerei, bei der Ihr einen kleinen Vicomte Albert von Ramonchamp mit Stockhieben zugerichtet habt? …«

»O!« sagte Johann, »hat guten Grund! Ein erbärmlicher Page, der sich damit belustigte, die Studenten dadurch zu besudeln, daß er sein Pferd in den Koth traben ließ!«

»Was ist das dann,« fuhr der Archidiaconus fort, »mit Mahiet Fargel, dessen Rock Ihr zerrissen habt? Tunicam dechiraverunt, 21 besagt die Beschwerde.«

»Ach was! ein schäbiges Mützchen von Montaigu! Ist’s nicht so?«

»Die Beschwerde sagt » tunicam« und nicht » cappettam«. 22 Versteht Ihr Latein?«

Johann antwortete nicht.

»Ja,« fuhr der Priester fort und schüttelte den Kopf, »da haben wir’s, wie die Studien und die Wissenschaften jetzt beschaffen sind! Latein versteht man kaum noch, das Syrische ist unbekannt, das Griechische dermaßen verhaßt, daß es bei den ersten Gelehrten nicht für Unwissenheit gilt, ein griechisches Wort, ohne es zu lesen, zu überspringen, und daß man spricht: » Graecum est, non legitur23

Der Student schlug mit Entschlossenheit die Augen auf. »Herr Bruder, gestattet Ihr, daß ich Euch auf gut Französisch jenes griechische Wort erkläre, das da an die Mauer geschrieben ist?«

»Welches Wort?«

»ΑΝΑΤΚΗ«

Ein flüchtiges Roth überzog die faltigen Wangen des Archidiaconus gleich einem Rauchstoße, der äußerlich die inneren Erschütterungen eines Vulkanes ankündigt. Der Student bemerkte es kaum.

»Nun wohl, Johann!« stotterte der ältere Bruder mit Mühe, »was will dieses Wort sagen?«.

» Das Verhängnis

Dom Claude wurde bleich, und der Student fuhr in Sorglosigkeit fort: »Und jenes Wort, welches darunter steht, von der nämlichen Hand hineingekratzt: Αναγνεια bedeutet »Unlauterkeit«. Ihr sehet, daß man sein Griechisch versteht.«

Der Archidiaconus blieb stumm. Diese Lection im Griechischen hatte ihn nachdenklich gemacht. Der kleine Johann, der alle Kniffe eines nichtsnutzigen Burschen besaß, hielt den Augenblick für günstig, um sein Anliegen zu wagen. Er nahm daher einen äußerst sanften Ton an, und begann:

»Mein lieber Bruder, habt Ihr einen derartigen Haß auf mich, daß Ihr mir wegen ein Paar böser Ohrfeigen und Faustschlägen, die im offenen Kampfe an, Gott weiß, welche Buben und Fratzengesichter, quibusdam marmosetis, ausgetheilt wurden, ein böses Gesicht macht? Ihr seht, lieber Bruder Claude, daß man sein Latein versteht.«

Aber diese ganze schmeichelnde Gleißnerei machte auf den strengen großen Bruder durchaus nicht die gewohnte Wirkung. Cerberus 24 biß nicht in den Honigkuchen. Die Stirn des Archidiaconus entrunzelte sich nicht um eine Falte.

»Wo wollt Ihr damit hin?« sagte er im trockenen Tone.

»Nun gut, zur Sache! mein Anliegen ist das!« antwortete muthig Johann, »ich brauche Geld.«

Bei dieser dreisten Erklärung nahm die Physiognomie des Archidiaconus plötzlich einen schulmeisterlichen und väterlichen Ausdruck an.

»Ihr wißt, Herr Johann, daß unser Lehnsgut zu Tirechappe, wenn man den Grundzins und die Einkünfte von den einundzwanzig Häusern in Bausch und Bogen anschlägt, nur neununddreißig Livres, elf Sols und sechs Heller Pariser Geld einbringt. Das ist zwar um die Hälfte mehr, als zur Zeit der Gebrüder Paclet, aber es ist nicht viel.«

»Ich brauche Geld,« sagte Johann mit stoischer Ruhe.

»Ihr wißt, daß das geistliche Gericht entschieden hat, unsere einundzwanzig Häuser hängen als völliges Lehen vom Bisthume ab, und wir könnten den Lehnseid nur dadurch loskaufen, wenn wir dem ehrwürdigen Bischofe zwei Mark vergoldetes Silber im Werthe von sechs Livres Pariser Geld zahlen. Nun, diese zwei Mark habe ich noch nicht zusammenbringen können. Ihr wißt es.«

»Ich weiß, daß ich Geld brauche,« wiederholte Johann zum dritten Male.

»Und was wollt Ihr damit machen?«

Diese Frage ließ einen Hoffnungsschimmer in Johanns Augen erglänzen. Er nahm seine schmeichelnde und süßliche Miene wieder an.

»Glaubt mir, theurer Bruder Claude, ich werde mich in keiner schlechten Absicht an Euch wenden. Es handelt sich nicht darum, mir mit Euern Unzen in den Weinschenken einen schönen Tag zu machen, und in den Straßen von Paris mit meinem Lakeien, cum meo laquasio, auf goldbrokatener Pferdedecke spazieren zu reiten. Nein, Bruder, es handelt sich um ein gutes Werk.«

»Was für ein gutes Werk?« fragte Claude etwas überrascht.

»Da sind zwei meiner Freunde, welche für das Kind einer armen Witwe vom Kloster ein Wickelzeug kaufen wollen. Es ist ein Werk der Barmherzigkeit. Das wird drei Gulden kosten, und ich möchte das Meinige dazu beitragen.«

»Wie heißen Eure beiden Freunde?«

»Peter l’Assommeur und Baptist Croque-Oison.«

»Hm!« sagte der Archidiaconus; »das sind Namen, die zu einem guten Werke passen, wie eine Donnerbüchse auf einen Hochaltar.«

Sicherlich hatte Johann die zwei Freundesnamen sehr schlecht gewählt. Er fühlte das zu spät.

»Und dann,« fuhr der scharfsinnige Claude fort, »was ist das denn für ein Kinderzeug, welches drei Gulden kosten soll, und noch dazu für das Kind einer Klosterwitwe. Seit wann haben die Klosterwitwen Kinder im Wickelbette?«

Johann begann noch einmal im vertraulichen Tone:

»Nun gut, ja! ich brauche Geld, um heute Abend Isabeau-la-Thierrye im Val-d’Amour zu besuchen!«

»Elender Wüstling!« rief der Priester.

»Αναγνεια!« sagte Johann.

Dieses Citat, welches der Student vielleicht aus Bosheit der Wand der Zelle entlehnte, machte auf den Priester einen merkwürdigen Eindruck. Er biß sich in die Lippen, und sein Zorn erlosch in Schamröthe. »Verlaßt mich,« sagte er drauf zu Johann. »Ich erwarte jemanden.«

Der Student wagte noch eine Anstrengung.

»Bruder Claude, gebt mir wenigstens eine Kleinigkeit, um essen zu können.«

»Wie weit seid Ihr mit den Decretalien Gratians?« fragte Dom Claude.

»Ich habe meine Hefte verloren.«

»Wie weit seid Ihr mit den lateinischen Humanitätsstudien?«

»Man hat mir mein Exemplar des Horatius gestohlen.«

»Wo steht Ihr im Aristoteles?«

»Meiner Treu! Bruder, wer ist doch jener Kirchenvater, der da sagt, die Irrthümer der Ketzer hätten zu allen Zeiten das Buschwerk der Aristotelischen Metaphysik als Schlupfwinkel benutzt? Aristotelisches Heu! Ich will mir nicht meine Religion an seiner Metaphysik zerfetzen lassen.«

»Junger Mensch,« fuhr der Archidiaconus fort, »beim letzten Einzuge des Königs befand sich ein junger Edelmann, mit Namen Philipp von Comines, der auf der Schabracke seines Pferdes die gestickte Devise trug, die ich Eurem Nachdenken empfehle: »Qui non laborat, non manducet.« 25

Der Scholar schwieg einen Augenblick, den Finger am Ohre, das Auge an den Boden geheftet, und mit erzürnter Miene. Plötzlich kehrte er sich mit der lebhaften Geschwindigkeit einer Bachstelze nach Claude hin.

»Also, lieber Bruder, Ihr verweigert mir einen Pariser Sou, um mir ein Stück Brot bei einem Bäcker zu kaufen?«

»Qui non laborat, non manducet.«

Nach dieser Antwort des unbeugsamen Archidiaconus verbarg Johann das Gesicht in seinen Händen, wie ein schluchzendes Weib, und schrie mit dem Ausdrucke der Verzweiflung: »Οτοτοτοτοτοτοτο«

»Was soll das denn heißen, Bursche?« fragte Claude, von dieser Albernheit überrascht.

»Nun wohl, was!« sagte der Student, und er richtete auf Claude wieder die frechen Augen, in die er eben seine Fäuste gedrückt hatte, um ihnen die Röthung von Thränen zu geben.

»Das ist griechisch! Es ist ein Anapäst des Aeschylus, welcher auf das Vollkommenste den Schmerz ausdrückt.«

Und hierbei brach er in ein so närrisches und heftiges Lachen aus, daß er auch dem Archidiaconus ein Lächeln abnöthigte. Es war in der That Claude’s Schuld: warum hatte er diesen Buben so sehr verzogen?

»Ach! lieber Bruder Claude,« fuhr Johann, von diesem Lächeln ermuthigt, fort, »sehet einmal meine durchlöcherten Halbstiefeln an. Giebt es einen tragischern Cothurn in der Welt, als Stiefeln, deren Sohlen die Zunge herausstecken?«

Der Archidiaconus hatte plötzlich seinen ursprünglichen Ernst wieder gefunden.

»Ich werde Euch neue Stiefeln schicken, aber kein Geld.«

»Nur einen armen kleinen Sou, Bruder,« fuhr demüthig bittend Johann fort. »Ich werde den Gratian auswendig lernen; ich will gern an Gott glauben; ich will ein wahrer Pythagoras an Wissen und an Tugend sein. Aber einen kleinen Sou, wenn ich bitten darf! Wollt Ihr, daß mich der Hunger mit seinem Rachen verschlingt, der da klaffend vor mir steht, und schwärzer, stinkender und tiefer ist, als ein Tartarus, oder als die Nase eines Mönches?«

Dom Claude schüttelte sein runzliges Haupt.

»Qui non laborat …«

Johann ließ ihn nicht zu Ende kommen.

»Nun gut,« schrie er, »zum Teufel! Es lebe die Freude! Ich will mich in Schenken herumtreiben, mich prügeln, will Krüge zerschlagen und die Mädchen besuchen!«

Und dabei warf er seine Mütze gegen die Mauer und ließ seine Finger wie Castagnetten schnalzen.

Der Archidiaconus sah ihn mit finsterer Miene an.

»Johann, Ihr habt gar keine Seele.«

»In diesem Falle fehlt mir, nach Epikur, etwas, das aus einem namenlosen Etwas gemacht ist.«

»Johann, Ihr müßt ernstlich daran denken, Euch zu bessern.«

»Ach so!« rief der Student und sah bald seinen Bruder, bald die Retorten auf dem Herde an, »hier ist alles gehörnt, die Gedanken, wie die Flaschen!«

»Johann, Ihr seid an einem sehr schlüpfrigen Abhange. Wißt Ihr, wohin Ihr gehet?«

»In die Kneipe,« sagte Johann.

»Die Kneipe führt zum Pranger.«

»Das ist eine Laterne, wie alle andern; und mit dieser hätte vielleicht Diogenes seinen Menschen gefunden.«

»Vom Pranger führt der Weg zum Galgen.«

»Der Galgen ist eine Wage, an deren einem Ende ein Mensch, am andern die ganze Erde hängt. Es ist schön, der Mensch zu sein.«

»Der Galgen führt zur Hölle.«

»Das ist ein großes Feuer.«

»Johann, Johann, das Ende wird bös sein.«

»Dafür wird der Anfang gut gewesen sein.«

In diesem Augenblicke ließ sich das Geräusch von Schritten auf der Treppe hören.

»Still!« sagte der Archidiaconus und legte den Finger an den Mund, »das ist Meister Jacob. Höret, Johann,« fügte er mit leiser Stimme hinzu: »hütet Euch jemals von dem zu sprechen, was Ihr hier gesehen und gehört haben werdet. Verbergt Euch schnell unter diesem Ofen und rührt Euch nicht.«

Der Student duckte sich unter den Ofen; da fiel ihm ein fruchtbringender Gedanke ein. »Ganz recht, Bruder Claude, einen Gulden, damit ich still liegen kann.«

»Schweigt! ich verspreche ihn Euch.«

»Ihr müßt mir ihn geben.«

»So nimm denn!« sagte der Archidiaconus und warf ihm zornig seinen Geldbeutel zu. Johann kroch wieder unter den Ofen, und die Thüre öffnete sich.

  1. Griechisch: Verhängnis.
  2. Lateinisch: Die Göttin der (sinnlichen) Liebe.
  3. Lateinisch: Wie auch.
  4. Lateinisch: Doch, aber. Anm. d. Uebers.
  5. Italienisch: Wahrhaftig, diese Garküche ist eine staunenswerthe Sache! Anm. d. Uebers.
  6. Lateinisch: Blase, hoffe. Anm. d. Uebers.
  7. Lateinisch: Woher? daher? – Der Mensch ist für den Menschen ein Ungethüm. – Die Sterne, eine Festung; der Namen, eine Wundermacht. – Ein dickes Buch, ein großes Uebel (griechisch). – Wage weise zu sein. – Er weht, wo er will u. s. w.
  8. Lateinisch: Den himmlischen Herrn nenne deinen irdischen Gebieter. Anm. d. Uebers.
  9. Indischer Gesetzgeber.
  10. Reformator der Religion der Perser (im sechsten oder siebenten Jahrhunderte v. Chr. Geb.).
  11. Name eines arabischen Arztes und Philosophen († 1225). Anm. d. Uebers.
  12. Lateinisch: Die Flamme, das Feuer.
  13. Name eines lateinischen Geschichtsschreibers (um 570 nach Chr. Geb.). Anm. d. Uebers.
  14. Lateinisch: Verhängnis. Anm. d Uebers.
  15. Lateinisch: Das Gewand haben sie ihm zerrissen.
  16. Lateinisch: Kappe, Mütze.
  17. Lateinisch: Es ist griechisch, wird nicht gelesen. Anm. d. Uebers.
  18. Lateinisch: Der Höllenhund bei den Alten. Anm. d. Uebers.
  19. Lateinisch: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Anm. d. Uebers.

5. Die beiden schwarzgekleideten Männer.

Die Person, welche eintrat, trug ein schwarzes Gewand und zeigte eine finstre Miene. Was beim ersten Blicke unserem Freunde Johann auffiel (der, wie man wohl denken kann, sich in seinem Winkel so eingerichtet hatte, um alles nach Belieben sehen und hören zu können), war die tiefe Trauer, welche in der Kleidung und im Antlitze des neuen Ankömmlings sich zeigte. Und dennoch war eine gewisse Freundlichkeit über dieses Gesicht ausgegossen; aber es war die Freundlichkeit einer Katze oder eines Richters, – kurz eine süßliche Freundlichkeit. Er war ganz grau, runzlig, streifte an die sechziger Jahre, zwinkerte mit den Augen, hatte weiße Augenbrauen, eine hängende Unterlippe und große Hände. Als Johann sah, daß es nur eine solche Persönlichkeit war, d. h. zweifelsohne ein Arzt oder ein Gerichtsbeamter, und daß dieser Mensch eine vom Munde weit entfernt stehende Nase im Gesichte hatte – das Zeichen der Dummheit –, so zog er sich in den Winkel seines Loches mit dem hoffnungslosen Gefühle zurück, daß er eine unbegrenzte Zeit in so unbequemer Lage und in so schlechter Gesellschaft zuzubringen haben würde.

Der Archidiaconus indessen hatte sich wegen dieser Persönlichkeit nicht einmal vom Stuhle erhoben. Durch ein Zeichen hatte er ihm angedeutet, sich auf einem Fußschemel neben der Thüre niederzulassen, und nach einigen Augenblicken des Schweigens, das ein vorausgegangenes Nachsinnen zu verlängern schien, hatte er ihm mit einem gewissen Gönnertone gesagt: »Guten Tag, Meister Jacob.«

»Ich grüße Euch, Meister,« hatte der schwarze Mann geantwortet.

Es lag in der Art und Weise, mit der von der einen Seite das »Meister Jacob«, und vorzugsweise von der andern das »Meister« ausgesprochen wurde, ein Unterschied, wie zwischen »gnädiger Herr« und »Herr«, wie zwischen »domine« und »domne«. Es war augenscheinlich die Anrede zwischen Lehrer und Schüler.

»Nun!« fuhr der Archidiaconus nach einem neuen Schweigen fort, das Meister Jacob nicht zu unterbrechen wagte, »gelingt es Euch?«

»Ach, theurer Meister,« sagte der andere mit einem trüben Lächeln, »ich blase immer zu. Asche, soviel als ich will. Aber kein Funken Gold.«

Dom Claude machte eine Geberde der Ungeduld. »Ich rede nicht davon mit Euch, Meister Jacob Charmolue, sondern vom Processe Eures Zauberers. Nicht wahr, Ihr nanntet ihn Mark Cenaine? Den Schaffner am Rechnungshofe? Gesteht er seine Zauberei ein? Ist Euch die Untersuchung geglückt?«

»Leider, nein!« antwortete Meister Jacob immer mit seinem trüben Lächeln; »wir haben nicht diesen Trost. Dieser Mensch ist ein Kieselstein; wir können ihn auf dem Ferkelmarkte sieden lassen, ehe er etwas gesteht. Indessen sparen wir nichts, um hinter die Wahrheit zu kommen; er ist schon ganz von der Folter verrenkt; wir haben schon alle Mittel aufgeboten, wie der alte Komiker Plautus sagt:

»Advorsum stimulos, laminas, crucesque, compedesque.
Nervos, catenas, carceres, numellas, pedicas, boia.«
26

27

Nichts hilft hier; dieser Mensch ist schrecklich. Mein Latein ist an ihm zu Ende.«

»Ihr habt nichts Neues in seinem Hause gefunden?«

»O doch,« sagte Meister Jacob, während er seine Tasche am Gürtel durchsuchte, »dieses Pergament. Es befinden sich Worte darauf, die wir nicht verstehen. Der Herr Criminalanwalt Philipp Lheulier versteht doch ein bißchen Hebräisch, das er im Processe des Juden aus der Straße Kantersten in Brüssel gelernt hat.«

Bei diesen Worten entrollte Meister Jacob ein Pergament. »Gebt her,« sagte der Archidiaconus. Und während er die Augen auf das Blatt richtete, rief er aus: »Die reine Zauberei, Meister Jacob! »Emen-Hetan!« das ist der Ruf der Nachtgeister, wenn sie zum Hexensabbath kommen. »Per ipsum, et cum ipso, et in ipso!« 28 Das ist das Gebot, welches den Teufel wieder in der Hölle festmacht. »Hax, pax, max!« das stammt aus der Heilkunde. Eine Formel gegen den Biß toller Hunde. Meister Jacob! Ihr seid königlicher Procurator beim Kirchengerichtshofe: dieses Pergament ist abscheulich!«

»Wir wollen den Mann wieder auf die Folter legen. Hier ist auch,« fügte Meister Jacob hinzu, während er von neuem in seiner Gürteltasche suchte, »etwas, was wir bei Mark Cenaine gefunden haben.«

Es war ein Gefäß von der Familie derer, welche den Herd Dom Claude’s bedeckten. »Ah!« sagte der Archidiaconus, »ein alchymistischer Schmelztiegel.«

»Ich will Euch gestehen,« fuhr Meister Jacob mit seinem schüchternen und linkischen Lächeln fort, »daß ich ihn auf dem Ofen probirt habe, aber es ist mir nicht besser gegangen, als mit dem meinigen.«

Der Archidiaconus fing an, das Gefäß zu prüfen. »Was hat er auf seinem Tiegel eingegraben? »Och! och!« das Wort, das die Flöhe vertreibt. Dieser Mark Cenaine ist ein Dummkopf! Ich glaube es wohl, daß Ihr damit kein Gold machen werdet! Es taugt gerade nur, es im Sommer in Euern Alkoven zu stellen, und zu weiter nichts!«

»Da wir gerade bei den Irrthümern stehen,« sagte der königliche Procurator, »so habe ich eben, ehe ich heraufkam, das Portal unten genau untersucht. Ist Euer Hochwürden ganz sicher, daß der Anfang des Schaffens der Natur dort nach dem Hôtel Dieu hin abgebildet ist, und daß unter den sieben nackten Figuren, welche an den Sockeln von Notre-Dame sich befinden, diejenige, welche Flügel an den Fersen hat, Merkur ist?«

»Ja,« antwortete der Priester; »denn Augustin Nypho schreibt es: jener italienische Doctor, welcher einen bärtigen Dämon besaß, der ihm alles offenbarte. Uebrigens wollen wir hinuntersteigen, und ich will Euch das am Gegenstande erläutern.«

»Dank, lieber Meister,« sprach Charmolue und neigte sich bis zur Erde … »Doch halt, ich vergaß! Wann soll ich die kleine Zauberin festnehmen lassen?«

»Welche Zauberin?«

»Jene Zigeunerin, die Ihr doch kennt, und die alle Tage auf dem Vorhofe tanzt, trotz des Verbotes des Officials! Sie hat eine besessene Ziege, welche Teufelshörner trägt, welche liest, schreibt, welche Mathematik versteht wie Picatrix, was alles schon hinreichen würde, jede Zigeunerin an den Galgen zu bringen. Der Proceß ist ganz bestimmt, er wird bald gemacht sein, nur zu! Ein reizendes Geschöpf, diese Tänzerin, bei meiner Seele! Die schönsten schwarzen Augen! Zwei ägyptische Karfunkel! Wann machen wir den Anfang?«

Der Archidiaconus war todtenblaß geworden.

»Ich werde Euch das sagen,« stotterte er mit kaum vernehmbarer Stimme; dann fuhr er mit Mühe fort: »Macht Euch nur mit Mark Cenaine zu schaffen.«

»Seid ohne Sorge,« sagte Charmolue lächelnd, »nach meiner Rückkunft will ich ihn wieder auf das lederne Bett schnallen lassen. Er ist aber ein Teufel von Menschen: er ermüdet selbst Pierrat Torterue, der doch stärkere Fäuste hat, als ich. Wie der gute Plautus sagt:

29

Die Folterung auf der Haspel! Das ist das beste, was wir haben. Er soll darauf kommen.«

Dom Claude schien in eine düstere Zerstreutheit versunken zu sein. Er wandte sich nach Charmolue hin.

»Meister Pierrat … Meister Jacob, wollte ich sagen, macht Euch mit Mark Cenaine zu thun!«

»Ja, ja, Dom Claude. Der bedauernswerte Mensch! Es wird ihm ergangen sein, wie den Mummal. Welcher Gedanke aber auch, zu einer Walpurgisnacht zu gehen! Ein Schaffner des Rechnungshofes, der doch den Gesetzlaut Karls des Großen kennen sollte: »Stryga vel masca!« 30 … Was die Kleine betrifft … Esmeralda nennt man sie ja wohl … so werde ich Eure Befehle erwarten … Ach! wenn wir unter dem Portale durchgehen, möget Ihr mir auch erklären, was der Gärtner in Flachgrundmalerei bedeuten soll, den man beim Eintritte in die Kirche sieht. Ist es nicht der Säemann? … He! Meister, woran denkt Ihr denn?«

Dom Claude, der in sich versunken war, hörte nicht mehr auf ihn. Charmolue, welcher der Richtung seines Blickes folgte, sah, daß er unwillkürlich auf das große Spinnennetz gerichtet war, welches das Thurmfenster überzog. In diesem Augenblicke stürzte sich eine leichtsinnige Fliege, welche die Märzensonne aufsuchte, quer in das Gewebe und war gefangen. Bei der Erschütterung ihres Gewebes machte die ungeheure Spinne eine plötzliche Bewegung aus ihrem Sitze in der Mitte heraus, dann stürzte sie sich mit einem Sprunge auf die Fliege, welche sie mit ihren Vorderfühlern in zwei Hälften zusammenpreßte, während ihr scheußlicher Saugrüssel ihr den Kopf durchbohrte. »Arme Fliege!« sagte der königliche Procurator beim Kirchengerichtshofe, und er erhob die Hand, um sie zu retten. Der Archidiaconus, der plötzlich wie aus dem Schlafe ausfuhr, hielt ihm den Arm mit krampfhafter Heftigkeit fest.

»Meister Jacob,« schrie er, »lasset das Verhängnis walten!«

Der Procurator drehte sich bestürzt um; es schien ihm, als ob eine eiserne Zange ihn am Arme gepackt hielt. Das Auge des Priesters war starr, wild, flammend und haftete gebannt an der schrecklichen kleinen Gruppe aus Fliege und Spinne.

»Ach, ja!« fuhr der Priester mit einer Stimme fort, von der man sagen konnte, daß sie aus der Tiefe seiner Seele kam, »das ist das Sinnbild des Alls. Sie fliegt, sie ist fröhlich, sie ist eben zum Leben erwacht, sie sucht den Frühling, die freie Luft, die Freiheit: ach, ja! aber wenn sie sich in die gefährliche Gespinnstrosette stürzt, kommt die Spinne heraus, die schreckliche Spinne! Arme Tänzerin! arme, dem Untergange geweihte Fliege! Meister Jacob, lasset sie gewähren! Es ist das Verhängnis! … Wehe! Claude, du bist die Spinne. Claude, du bist auch die Fliege! … Du flogst zur Wissenschaft, zum Lichte, zur Sonne; du warst nur besorgt, an die freie Luft, zum hellen Lichte der ewigen Wahrheit zu gelangen; aber als du dich zur blendenden Lichtöffnung hinstürztest, die in eine andere Welt führt, in die Welt der Klarheit, der Erkenntnis und des Wissens, – blinde Fliege, unsinniger Doctor, da hast du nicht dieses feine Spinnengewebe gesehen, das vom Schicksale zwischen dem Lichte und dir ausgespannt war; du hast dich blindlings hineingestürzt, armseliger Thor, und jetzt zappelst du mit zerschmettertem Haupte und ausgerissenen Flügeln zwischen den eisernen Klauen des Verhängnisses! … Meister Jacob! Meister Jacob! lasset die Spinne gewähren!«

»Ich versichere Euch,« sagte Charmolue, der ihn ansah, ohne ihn zu verstehen, »daß ich sie nicht berühren werde. Aber laßt meinen Arm los, Meister, wenn ich bitten darf! Ihr habt eine Hand, wie eine Zange.«

Der Archidiaconus hörte ihn nicht an. »O Thörichter!« fuhr er fort, ohne das Thurmfenster aus den Augen zu lassen, »und wenn du es hättest zerreißen können, dieses furchtbare Gewebe, mit deinen Mückenflügeln, so glaubst du, du würdest zum Lichte haben gelangen können! Wehe! jenes Glas, das in weiterer Ferne ist, dieses durchsichtige Hindernis, diese krystallene Mauer, die härter als Erz, und die alle Erdenweisheit von der Wahrheit trennt, – wie hättest du durch sie dringen wollen? O Eitelkeit menschlichen Wissens! Wie viele Weise flattern aus weiten Fernen heran, um sich das Haupt an ihr zu zerschellen! Wie viele philosophische Lehrgebäude stoßen sich, bunt durcheinander summend, an diese durchsichtige, ewige Scheidewand!«

Er schwieg. Diese letzteren Gedanken, die ihn unmerklich von seiner Betrachtung zur Gewißheit zurückgeführt hatten, schienen ihn beruhigt zu haben. Jacob Charmolue ließ ihn völlig zum Bewußtsein der Wirklichkeit zurückkommen, als er die Frage an ihn richtete: »Nun denn, lieber Meister, wann wollt Ihr mir helfen, Gold zu machen? Ich sehne mich danach, zum Ziele zu kommen.«

Der Archidiaconus hob das Haupt mit einem bittern Lächeln. »Meister Jacob, lest des Michael Psellus »Dialogus de energia et operatione daemonum«. 31 Was wir treiben, ist nicht ganz unschuldig.«

»Sprecht leiser, Meister! Ich ahne es,« sagte Charmolue. »Aber man muß wohl ein wenig Alchymie treiben, wenn man nur königlicher Procurator mit dreißig Thalern Tours’sche Münze jährlich beim Kirchengerichtshofe ist. Laßt uns nur ja leise sprechen.«

In diesem Augenblicke traf das Schmatzen einer kauenden Kinnlade, welches vom Untertheile des Herdes herkam das furchtsame Ohr Charmolue’s.

»Was ist das?« fragte er.

Es war der Student, der in seinem Verstecke sehr beengt und gelangweilt, hier soeben eine alte Brotkruste und ein Stück verschimmelten Käse entdeckt, und sich ohne weiteres daran gemacht hatte, beides zum Troste als Frühstück zu verzehren. Weil er Heißhunger hatte und jeden Bissen schmatzend kaute, so entstand ein hörbares Geräusch, das den Procurator aufmerksam und erschrocken machte.

»Es ist eine meiner Katzen,« entgegnete schnell der Archidiaconus, »die da unten einige Mäuse verzehrt.«

Diese Erklärung beruhigte Charmolue.

»In Wahrheit, Meister,« erwiderte er mit ehrerbietigem Lächeln, »alle großen Philosophen haben ihr Lieblingsthier gehabt. Ihr wißt, was Servius sagt: »Nullus enim locus sine genio est.« 32

Mittlerweile erinnerte Dom Claude, der einen neuen Unfug von Johanns Seiten befürchtete, seinen würdigen Schüler daran, daß sie beide einige Figuren des Portales zu studiren hätten; und alle zwei verließen die Zelle unter lautem »Ach« des Studenten, der ernstlich zu befürchten anfing, daß sein Knie den Abdruck seines Kinnes annehmen möchte.

  1. Lateinisch:
  2. Die Peitsche, Glüheisen, Folter, Fußeisen auch.
    Und Stricke, Ketten, Kerker, Fesseln gegen ihn gebraucht.
  3. Lateinisch: Durch ihn, und mit ihm, und in ihm! Anm. d Uebers.
  4. Lateinisch: Nackt gefesselt wiegst du hundert Pfund, hängst du an den Füßen.
  5. Lateinisch: Eine Hexe oder Gespenst! Anm. d. Uebers.
  6. Lateinisch: Zwiegespräch über die Stärke und Thätigkeit der Geister. Anm. d. Uebers.
  7. Lateinisch: Es ist ja kein Ort ohne seinen Schutzgeist.

6. »Messer in der Tasche.«

Als Gringoire die Bastille verlassen hatte, eilte er die Straße Saint-Antoine mit der Schnelligkeit eines entsprungenen Pferdes hinab. An der Pforte Baudoyer angelangt, ging er gerade auf das steinerne Kreuz los, welches sich in der Mitte dieses Platzes erhob, als ob er in der Dunkelheit die Gestalt eines schwarz gekleideten und in eine Kapuze gehüllten Mannes hätte erkennen können, der auf den Stufen des Kreuzes saß.

»Seid Ihr es, Meister?« fragte Gringoire.

Die schwarze Gestalt erhob sich.

»Tod und Hölle! Ihr macht mich rasend, Gringoire. Der Wächter auf dem Thurme von Saint-Gervais hat soeben halb zwei Uhr Morgens abgerufen.«

»Oh!« versetzte Gringoire, »das ist nicht meine Schuld, sondern diejenige der Nachtwache und des Königs. Ich bin eben mit heiler Haut davongekommen! Es will mir immer nicht gelingen, gehangen zu werden. Das ist meine Vorherbestimmung.«

»Dir mißglückt alles,« sagte der andere. »Aber laß uns schnell gehen. Hast du das Paßwort?«

»Denkt Euch, Meister, daß ich den König gesehen habe. Ich komme von ihm her. Er trägt eine Hose von Barchent. Das ist ein Abenteuer.«

»Ach! ein Haufen Worte! Was geht mich dein Abenteuer an? Hast du das Paßwort der Bettler?«

»Seid ruhig. Ich habe es: »Messer in der Tasche«.

»Gut. Andernfalls würden wir nicht bis zur Kirche vordringen können. Die Bettler sperren die Straßen. Glücklicherweise scheint es, als ob sie Widerstand gefunden haben. Wir werden vielleicht noch zur rechten Zeit ankommen.«

»Ja, Meister. Aber wie wollen wir in Notre-Dame hineingelangen?«

»Ich habe den Schlüssel zu den Thürmen.«

»Und wie wollen wir wieder herauskommen?«

»Hinter dem Kloster ist eine kleine Thüre, welche nach dem Terrain, und von da nach dem Flusse führt. Ich habe den Schlüssel dazu mitgenommen und heute Morgen einen Kahn dort angebunden.«

»Es ist mir auf hübsche Weise gelungen, dem Galgen zu entgehen!« fuhr Gringoire fort.

»Schnell denn! Wir wollen gehen!« sagte der andere.

Alle Beiden eilten mit schnellen Schritten nach der Altstadt zu.

7. »Châteaupers zu Hülfe!«

Der Leser erinnert sich vielleicht der mißlichen Lage, in welcher wir Quasimodo verlassen haben. Der tapfere Taube hatte, von allen Seiten angegriffen, wenn auch nicht allen Muth, so doch wenigstens alle Hoffnung verloren, zwar nicht sich – denn er dachte nicht an sich –, aber die Zigeunerin retten zu können. Er lief außer sich vor Bestürzung auf der Galerie hin und her. Notre-Dame war der Gefahr ganz nahe, von den Bettlern mit Sturm genommen zu werden. Plötzlich ertönten die benachbarten Straßen von lautem Pferdegalopp, und mit einer langen Fackelreihe brauste eine dichte Reiterkolonne mit verhängtem Zügel und mit gesenkten Lanzen unter den wüthenden Rufen: »Frankreich! Frankreich! Hauet die Kerle zusammen! Châteaupers zu Hülfe! Profoß! Profoß!« wie ein Orkan über den Platz hin. Die bestürzten Bettler kehrten sich rasch um.

Quasimodo, der nichts hörte, sah die entblößten Schwerter, die Fackeln, die Lanzenspitzen, die ganze Reiterschaar, an deren Spitze er den Hauptmann Phöbus erkannte; er sah die Bestürzung der Gauner, den Schrecken bei den einen, die Unruhe bei den besten von ihnen, und er gewann durch diese unerwartete Hülfe wieder so viel Stärke, daß er die Ersten von den Angreifern, die schon die Galerie überstiegen, aus der Kirche zurückwarf. Es waren in der That die Truppen des Königs, welche unvermuthet auf dem Platze erschienen.

Die Bettler benahmen sich tapfer. Sie vertheidigten sich wie Verzweifelte. Von der Straße Saint-Pierre-aux-Boeufs in der Seite, und von der Straße, die zum Vorhofe der Kathedrale führt, von hinten angegriffen, an Notre-Dame gedrängt, die sie noch stürmten und die Quasimodo vertheidigte, zu gleicher Zeit Belagerer und Belagerte, waren sie in der merkwürdigen Lage, in welcher sich nachher, bei der berühmten Belagerung von Turin im Jahre 1640, zwischen dem Prinzen Thomas von Savoyen, welchen er belagerte und dem Marquis von Leganez, der ihn einschloß, der Graf Heinrich d’Harcourt wieder befand: Taurinum obsessor idem et obsessus, 82 wie seine Grabschrift besagt.

Das Handgemenge war entsetzlich. »In das Fleisch des Wolfes schlug der Zahn des Hundes,« wie P. Mathieu sagt. Die Reiter des Königs, in deren Mitte sich Phöbus von Châteaupers heldenmüthig hervorthat, gaben keinen Pardon, und die Schneide ereilte, was der Spitze des Schwertes entging. Die schlecht bewaffneten Bettler schäumten und wehrten sich mit den Zähnen. Männer, Weiber, Kinder stürzten sich auf die Rücken und Brustseiten der Pferde, und klammerten sich da wie Katzen mit den Zähnen und den Nägeln der vier Gliedmaßen fest. Andere trafen mit Fackelschlägen das Gesicht der Bogenschützen. Andere hieben mit eisernen Haken in den Hals der Reiter und rissen sie zu sich hin. Die, welche herabfielen, rissen sie in Stücke. Man bemerkte einen unter ihnen mit einer breiten, leuchtenden Sense, welcher lange Zeit den Pferden die Beine abmähete. Es war entsetzlich. Er sang dazu ein näselndes Lied, hieb unaufhörlich ein und riß seine Sense zurück. Mit jedem Hiebe zog er rings um sich einen großen Kreis abgehauener Glieder. So rückte er in den dichtesten Haufen der Reiterei mit der ruhigen Langsamkeit, dem Kopfwiegen, dem regelmäßigen Keuchen eines Schnitters vor, welcher ein Getreidefeld abmähet. Es war Clopin Trouillefou. Ein Büchsenschuß streckte ihn zu Boden. – Während dem hatten sich die Fenster wieder geöffnet. Die Nachbarn hatten sich, als sie das Kriegsgeschrei der Leute des Königs vernahmen, in das Gefecht gemengt, und aus allen Stockwerken regnete es Kugeln auf die Bettler herab. Der Vorhofplatz zur Kirche war mit einer dichten Rauchwolke angefüllt, aus welcher das Feuer der Musqueten hervorblitzte. Man erkannte hier kaum die Façade von Notre-Dame und das uralte Hôtel-Dieu mit einigen abgezehrten Kranken, welche von der Höhe seines, mit Fenstern besetzten Daches herabschauten.

Endlich wichen die Bettler. Die Ermattung, der Mangel an guten Waffen, der Schrecken dieses Ueberfalles, das Musquetenfeuer aus den Fenstern, der tapfere Vorstoß der Leute des Königs – alles das schlug sie nieder. Sie durchbrachen die Linie der Anstürmenden und begannen nach allen Richtungen hin zu entfliehen, wobei sie einen Berg von Todten zurückließen.

Was Quasimodo betrifft, der nicht einen Augenblick aufgehört hatte, zu kämpfen, so fiel er, als er diese wilde Flucht sah, auf beide Knien nieder und erhob die Hände zum Himmel; dann stürmte er vor Freude trunken davon, und stieg mit der Schnelligkeit eines Vogels zu jener Zelle empor, deren Zugänge er so unerschrocken vertheidigt hatte. Er hatte jetzt nur noch einen Gedanken: es war derjenige, sich vor der auf die Knien niederzuwerfen, die er eben zum zweiten Male gerettet hatte.

Als er in die Zelle eintrat – fand er sie leer.

  1. Lateinisch: Der Belagerer von Turin und darin zugleich Belagerter. Anm. d. Uebers.

1. Der kleine Schuh.

In dem Augenblicke, wo die Bettler auf die Kirche Sturm gelaufen waren, schlief die Esmeralda.

Bald aber hatten der um die Kirche immer mehr wachsende Lärm, und das unruhige Blöken ihrer Ziege, die vor ihr erwacht war, sie aus diesem Schlafe gestört. Sie hatte sich auf ihrem Lager erhoben, hatte gehorcht und sich umgeschaut; dann hatte sie sich, erschreckt von der Helligkeit und dem Geräusche, aus der Zelle gestürzt und war hin gegangen, um nachzusehen. Das Aussehen des Platzes, die Erscheinung, die dort hin- und herflutete, die Verwirrung dieses nächtlichen Sturmes, dieser scheußliche Haufen, der wie ein Schwarm Frösche herumhüpfte und in der Finsternis nur halb zu erkennen war, das Gekreisch dieser heisern Menge, diese einzelnen rothschimmernden Fackeln, welche durch die Nacht hin- und hereilten und sich wie Irrlichter kreuzten, die über die düstre Fläche der Sümpfe streichen – diese ganze Scene machte auf sie den Eindruck eines Kampfes, der zwischen den Gespenstern des Hexensabbaths und den steinernen Ungethümen der Kirche sich entspann. Von Kindheit an mit den abergläubischen Anschauungen des Zigeunerstammes genährt, war ihr erster Gedanke, daß sie die seltsamen, der Nacht angehörigen Wesen bei ihrem teuflischen Treiben überrascht hätte. Nun eilte sie entsetzt davon, um sich in ihre Zelle zu kauern und auf ihrem Lager einen weniger fürchterlichen Traum zu suchen.

Nach und nach waren die ersten Betäubungen des Schreckens verschwunden; an dem unaufhörlich wachsenden Lärme und aus andern Anzeichen der Wirklichkeit hatte sie gemerkt, daß sie nicht von Gespenstern, sondern von menschlichen Wesen umringt sei. Da hatte ihre Angst, ohne sich zu steigern, eine andere Form angenommen. Sie hatte an die Möglichkeit eines Volksaufstandes, um sie ihrer Freistatt zu entreißen, gedacht. Der Gedanke, noch einmal das Leben, die Hoffnung, Phöbus, welchen sie immer mit ihrer Zukunft verbunden sah, wieder zu verlieren; die unendliche Nichtigkeit ihrer Schwäche, die versperrte Aussicht auf Flucht, die Schutzlosigkeit, ihre gänzliche Verlassenheit, ihre Absonderung – diese Gedanken und tausend andere hatten sie zu Boden gedrückt. Sie war auf die Kniee gesunken; den Kopf auf ihr Bett gelehnt, die Hände über ihrem Kopfe gefaltet, hatte sie voll Angst und Schauder, und obgleich sie als Zigeunerin Heidin und Götzendienerin war, angefangen mit Schluchzen den lieben Gott der Christen um Gnade zu bitten und zu Unserer lieben Frau, ihrer Schutzherrin, zu beten. Denn, glaubt man auch an nichts, so giebt es doch Augenblicke im Leben, in welchen man es stets mit der Religion des Tempels hält, den man in seiner Nähe hat.

So lag sie sehr lange im Gebete da, während sie in Wahrheit mehr zitterte, als betete, vor dem Keuchen der sich immer mehr nähernden, wüthenden Menge erstarrte, ohne etwas von dem Ansturme zu begreifen; ohne zu wissen, was man anzettelte, was man that, was man beabsichtigte, aber im Vorgefühle eines schrecklichen Ausganges.

Da, mitten in dieser Todesangst, hört sie neben sich gehen. Sie wendet sich um. Zwei Männer, von denen einer eine Laterne trug, waren soeben in ihre Zelle eingetreten. Sie stieß einen schwachen Schrei aus.

»Fürchtet nichts,« sagte eine Stimme, die ihr nicht unbekannt war, »ich bin es.«

»Wer? Ihr?« fragte sie.

»Peter Gringoire.«

Dieser Name flößte ihr wieder Muth ein. Sie schlug die Augen auf und erkannte in der That den Dichter. Aber bei ihm befand sich eine schwarze und vom Kopfe bis zu den Füßen verhüllte Gestalt, die ihr Stillschweigen auferlegte.

»Ach!« fuhr Gringoire mit vorwurfsvollem Tone fort, »Djali hatte mich eher, als Ihr erkannt.«

Die kleine Ziege hatte in der That nicht gewartet, bis Gringoire sich zu erkennen gab. Kaum war er eingetreten, als sie sich zärtlich an seine Kniee gedrängt hatte, wobei sie den Dichter mit Liebkosungen und weißen Haaren bedeckte; denn sie befand sich in der Härung. Gringoire beschenkte sie wieder mit Liebkosungen.

»Wer ist da bei Euch?« sprach die Zigeunerin mit leiser Stimme.

»Seid ruhig,« antwortete Gringoire. »Es ist einer von meinen Freunden.«

Darauf setzte der Philosoph seine Laterne auf den Boden, kauerte sich auf der Diele nieder und rief, Djali in seine Arme schließend, mit Entzücken aus: »Oh! es ist ein anmuthiges Thier, zweifelsohne bedeutender wegen ihrer Sauberkeit, als wegen ihrer Größe, aber gewitzt, scharfsinnig und gelehrt wie ein Grammatiker. Wir wollen sehen, meine Djali, hast du nichts von deinen hübschen Kunststücken vergessen?« Wie macht’s Meister Jacob Charmolue? …«

Der schwarze Mann ließ ihn nicht zu Ende kommen. Er näherte sich Gringoire und stieß ihn barsch gegen die Schulter. Gringoire stand auf.

»Es ist wahr,« sagte er, »ich vergaß, daß wir es eilig haben … Dennoch ist kein Grund vorhanden, lieber Meister, die Leute auf diese Weise rasend zu machen … Mein liebes schönes Kind, Euer Leben ist in Gefahr und auch dasjenige Djalis. Man will Euch wieder gefangen nehmen. Wir sind Euere Freunde, und wir kommen, um Euch zu retten. Folgt uns.«

»Ist es wahr?« rief sie außer Fassung aus.

»Ja, sehr wahr. Kommt schnell!«

»Ich will gern,« stammelte sie. »Aber warum spricht Euer Freund nicht?«

»Ach!« sagte Gringoire, »das kommt daher, daß sein Vater und seine Mutter phantastische Leute waren, die ihm eine schweigsame Gemüthsverfassung gegeben haben.«

Mit dieser Erklärung mußte sie sich zufrieden geben. Gringoire nahm sie bei der Hand; sein Begleiter ergriff die Laterne und ging voraus. Die Furcht machte das junge Mädchen bestürzt. Sie ließ sich wegführen. Die Ziege folgte ihnen springend, und war so fröhlich, Gringoire wieder zu sehen, daß sie ihn alle Augenblicke zum Stolpern brachte, weil sie mit ihren Hörnern zwischen seine Beine gerieth.

»So ist das Leben,« sagte der Philosoph jedesmal, wenn er beinahe gefallen war; »es sind oft unsere besten Freunde, welche uns zu Falle bringen!«

Sie stiegen eiligst die Treppe der Thürme hinab, durchschritten die Kirche, die voll Finsternis und öde war und vom Lärme fürchterlich wiederhallte, was einen schrecklichen Gegensatz bildete, und traten durch die Rothe Pforte in den Hof des Klosters ein. Das Kloster war verlassen, die Stiftsherren waren nach dem bischöflichen Palaste entflohen, um da gemeinschaftlich zu beten; der Hof war leer, einige aufgescheuchte Klosterdiener duckten sich verstört in die dunkeln Ecken. Die drei richteten ihre Schritte nach der Thüre, welche von diesem Hofe auf das Terrain führte. Der schwarze Mann öffnete sie mit einem Schlüssel, den er bei sich hatte. Unsere Leser wissen, daß das Terrain eine lange, nach der Altstadt hin von Mauern eingeschlossene Landzunge war, die dem Domkapitel von Notre-Dame gehörte und die Insel im Osten, hinter der Kirche, abgrenzte. Sie fanden diesen eingeschlossenen Platz gänzlich verlassen. Hier war schon weniger von dem Tumulte in der Luft zu hören; der Lärm vom Sturme der Bettler schlug hier dumpfer und nicht so kreischend an ihr Ohr. Der frische Luftzug, welcher dem Laufe des Flusses folgte, schüttelte die Blätter des einzigen Baumes, der an der Spitze des Terrains stand, mit einem schon bemerklichen Rauschen. Indessen waren sie der Gefahr noch sehr nahe. Die ihnen am nächsten liegenden Gebäude waren die bischöfliche Residenz und die Kirche. Drinnen in der Wohnung des Bischofs herrschte ersichtlich eine große Verwirrung. Ihre dunkle Masse war ganz von Lichtern erhellt, die dort von Fenster zu Fenster huschten, ähnlich, wie wenn man Papier verbrannt hat, nun ein dunkler Aschenbau übrig bleibt, in dem die muntern Fünkchen tausend wunderbare Läufe machen. Daneben glichen die riesigen Thürme von Notre-Dame, wenn man sie so von hinten mit dem langen Schiffe sah, über welches sie sich erhoben, und wie sie über den rothen und weithinleuchtenden Schein, der den Vorhof füllte, in das Dunkel emporragten, zwei gigantischen Feuerböcken eines Cyklopenherdes.

Was man von Paris nach allen Seiten hin sah, erzitterte vor dem Auge, wie ein mit Licht gemischter Schatten. Rembrandt hat solchen Hintergrund in seinen Gemälden.

Der Mann mit der Laterne ging gerade auf die Spitze des Terrains los. Dort, am äußersten Rande des Wassers, befanden sich die morschen Trümmer eines Pfahlzaunes aus Lattengitterwerk, um die ein niedriger Weinstock einige dürre Zweige schlang, die wie die Finger einer geöffneten Hand vorgestreckt waren. Dahinter, im Schatten, den dieser Zaun verursachte, lag ein kleiner Kahn versteckt. Der Mann gab Gringoire und seiner Begleiterin ein Zeichen hineinzusteigen. Die Ziege folgte ihnen dahin. Der Mann stieg zuletzt auch hinein; dann schnitt er den Strick des Kahnes durch, stieß mit einem langen Hakenstocke vom Lande ab, ergriff die zwei Ruder und setzte sich an das Vordertheil des Kahnes, wo er mit Aufgebot aller seiner Kräfte nach der Mitte des Stromes zu ruderte. Die Seine ist an dieser Stelle sehr reißend, und es kostete ihm ziemliche Mühe, von der Spitze der Insel wegzukommen.

Gringoires erste Sorge, als er in den Kahn gestiegen, war, die Ziege auf seine Kniee zu legen. Er nahm am Hintertheile Platz, und das junge Mädchen, welcher der Unbekannte eine unbeschreibliche Unruhe einflößte, setzte sich gleichfalls nieder und drängte sich an den Dichter heran.

Als unser Philosoph den Kahn sich in Bewegung setzen fühlte, klatschte er in die Hände und küßte Djali zwischen die Hörner.

»Oh!« sagte er, »jetzt sind wir alle vier gerettet.« Er fügte mit der Miene eines tiefen Denkers hinzu: »Bisweilen ist man dem Glücke, bisweilen der List für den glücklichen Ausgang großer Unternehmungen Dank schuldig.« Der Jahn bewegte sich langsam nach dem rechten Ufer hin. Das junge Mädchen beobachtete mit einer geheimen Furcht den Unbekannten. Dieser hatte sorgfältig das Licht seiner Blendlaterne verhüllt. Man sah ihn in der Dunkelheit auf dem Vordertheile des Kahnes wie ein Gespenst. Die immer noch herabgelassene Kapuze wurde für ihn zu einer Art Maske; und jedesmal, wenn er beim Rudern seine Arme ausstreckte, an denen lange schwarze Aermel herabhingen, hätte man sie für zwei große Fledermausflügel halten mögen. Uebrigens hatte er noch nicht ein Wort gesprochen, keinen Laut von sich gegeben. In dem Kahne hörte man kein anderes Geräusch, als die Hin- und Herbewegung der Ruder, welches sich in das Geplätscher der tausend Wasserkräuselungen längs des Kahnes mischte.

»Bei meiner Seele!« rief Gringoire plötzlich, »wir sind ja munter und fröhlich wie Ohreulen! Wir beobachten ein Stillschweigen wie Pythagoräer oder wie Fische! Beim allmächtigen Gott! meine Freunde, ich wünschte wohl, daß jemand mit mir sich unterhielte … Die menschliche Stimme ist für das menschliche Ohr eine Musik. Ich bin es nicht, der das behauptet, sondern Didymus von Alexandria, und es sind berühmte Worte … Gewiß, Didymus von Alexandria ist kein mittelmäßiger Philosoph … Ein Wort, mein schönes Kind! sagt mir, ich bitte Euch, ein Wort … Dabei fällt mir ein – Ihr hattet sonst einen schnurrigen, sonderbaren kleinen Zug um den Mund, macht Ihr den immer noch? Wißt Ihr, mein Herzchen, daß das Parlament volle Rechtsgewalt über die Asylorte hat, und daß Ihr große Gefahr liefet in eurem Zellchen in Notre-Dame? Ach! der kleine Vogel Kolibri baut sein Nest in den Rachen des Krokodils … Meister, seht doch, wie der Mond wieder heraustritt … Wenn man uns nur nicht bemerkt! Wir thun ein löbliches Etwas, indem wir das Jüngferchen retten, und doch würde man uns im Namen des Königs hängen, wenn man uns erwischte. Leider! können die menschlichen Handlungen von zwei Seiten angegriffen werden. Man brandmarkt an mir, was man an jenem krönt. Mancher bewundert Cäsar, welcher Catilina tadelt. Ist es nicht so, lieber Meister? Was sagt Ihr zu dieser Philosophie? Ich, für meine Person, ich habe die Philosophie des Instinkts, der Natur, ut apes geometriam83 Wahrhaftig, niemand antwortet mir! Was habt ihr doch alle Beide für verdrießliche Launen! Ich muß ganz allein sprechen. Das nennen wir in der Tragödie einen Monolog … Beim allmächtigen Gotte! … Ich theile Euch mit, daß ich eben Ludwig den Elften gesehen, und daß ich seitdem diesen Schwur behalten habe … »Beim allmächtigen Gotte« also! In der Altstadt erheben sie immer noch ein fürchterliches Geheul … Das ist ein häßlicher, boshafter, alter König. Er ist ganz mit Pelzwerk bedeckt. Er schuldet mir immer noch das Geld für mein Hochzeitsgedicht, und allerhöchstens hat er mich heute Abend nicht hängen lassen, was mir sehr ungelegen gewesen sein würde … Er ist filzig gegen die Leute von Verdienst. Er sollte doch die vier Bücher Salvians von Cöln »Adversus avaritiam« 84 lesen. In der That! er ist ein engherziger König in seinen Beziehungen zu den Gelehrten, und begeht dabei höchst barbarische Grausamkeiten. Er ist ein auf dem Volke liegender Schwamm, der das Geld einsaugt. Seine Sparsamkeit ist die Milzsucht, welche aus der Abzehrung aller andern Gliedmaßen anschwillt. Daher werden die Klagen über die Schwere der Zeit zu Murren über den Fürsten. Unter diesem milden und frommen Herrn krachen die Galgen von Gehängten, die Henkerblöcke faulen vom Blute, die Gefängnisse bersten wie zu volle Bäuche. Dieser König hat eine Hand, mit der er nimmt, und eine, mit der er hängt. Er ist der Anwalt der Frau Salzsteuer und des Herrn Galgen. Die Vornehmen werden ihrer Würden beraubt und die Geringen unaufhörlich mit neuen Lasten überhäuft. Er ist ein ungeheuerer Fürst. Ich liebe diesen Monarchen nicht. Und Ihr, theuerer Meister?«

Der schwarze Mann ließ den geschwätzigen Dichter seine boshaften Bemerkungen machen. Er kämpfte unausgesetzt gegen die heftige und geschlossene Strömung, welche den Vordertheil der Stadt von dem Hintertheile der Insel Notre-Dame trennt, und die wir jetzt die Insel des Heiligen Ludwig benennen.

»Da fällt mir ein, Meister!« begann Gringoire plötzlich wieder, »hat Euere Hochwürden in dem Augenblicke, wo wir mitten durch die wüthenden Bettler auf den Vorhof gelangten, jenen armen kleinen Teufel bemerkt, dem Euer Tauber eben das Gehirn am Treppengeländer zur Königsgalerie zerschmetterte? Ich bin kurzsichtig und habe ihn nicht zu erkennen vermocht. Wißt Ihr, wer es sein kann?«

Der Unbekannte antwortete mit keinem Worte. Aber er hörte plötzlich mit Rudern auf, seine Arme fielen wie gebrochen am Leibe herunter, sein Kopf fiel auf die Brust, und die Esmeralda hörte ihn krampfhaft schluchzen. Sie zuckte jetzt zusammen; sie hatte schon Seufzer, wie diese da gehört.

Das sich selbst überlassene Fahrzeug folgte nun einige Augenblicke dem Strome. Aber der schwarze Mann raffte sich wieder zusammen, nahm die Ruder wieder, und begann dem Strome entgegen zu steuern. Er segelte zum zweiten Male an der Spitze der Notre-Dameinsel vorüber und lenkte nach dem Landungsplatze der Heukähne zu.

»Ach!« sagte Gringoire, »sehet da unten das Haus Barbeau … Haltet, Meister, betrachtet jene Gruppe schwarzer Dächer, welche so sonderbare Winkel bilden, da, unter dieser Menge tiefhängender, zerrissener, durcheinandergezogener und grauer Wolken, hinter denen der Mond ganz zerdrückt und hingezogen ist, wie die Dotter eines Eies, dessen Schale zerbrochen worden … Das ist ein schönes Haus. Drin befindet sich eine Kapelle, die mit einer kleinen Wölbung voll reich gemeißelter Ausschmückungen gekrönt ist. Darüber könnt Ihr auch den sehr zart durchbrochenen Thurm sehen. Es ist auch ein Lustgarten dabei, welcher einen Weiher, ein Vogelhaus, ein Echo, eine Mailspielbahn, einen Irrgarten, ein Haus für die wilden Thiere, und eine Menge buschiger Baumgänge enthält, die der Venus sehr angenehm sind. Auch kann man noch einen schelmischen Baum dort sehen, welchen man »den Buhler« nennt, weil er den Lüsten einer berüchtigten Prinzessin und eines galanten und schöngeistigen Konnetabel von Frankreich mit seinem Schatten gedient hat … Ach! wir armen Philosophen, wir sind in den Augen eines Konnetabel das, was ein Kohl- oder Radieschenbeet für den Garten des Louvre ist. Was thut’s indessen? Das menschliche Leben ist für die Großen wie für uns aus Gutem und Bösem gemischt. Der Schmerz steht immer neben der Freude, der Spondäus bei dem Daktylus … Lieber Meister, ich muß Euch diese Geschichte des Hauses Barbeau erzählen. Es endigt auf eine tragische Weise. Sie ereignete sich im Jahre 1319, unter der Regierung Heinrichs des Fünften, des längsten aller Könige von Frankreichs. Die Moral der Geschichte ist, daß die Versuchungen des Fleisches gefährlich und boshaft sind. Wir sollen unsern Blick nicht zu oft auf das Weib unseres Nachbars werfen, so geschmeichelt unsere Sinne auch bei ihrer Schönheit sein mögen. Die Unzucht ist ein sehr frecher Gedanke. Der Ehebruch ist eine Neugierde nach dem Liebesgenusse eines andern … Hört nur! wie sich der Lärm da unten verdoppelt!«

In der That wuchs der Tumult rings um Notre-Dame. Sie horchten. Man hörte ziemlich deutlich Siegesgeschrei. Plötzlich verbreiteten sich Hunderte von Fackeln, welche Helme bewaffneter Männer erglänzen ließen, über die Kirche in allen Stockwerken, über die Thürme, die Galerien, über die Strebebogen. Diese Fackeln schienen nach Etwas zu suchen; und bald gelangten die entfernten Schreie deutlich vernehmbar zu den Flüchtlingen: »Die Zigeunerin! die Hexe! zum Tode mit der Zigeunerin!«

Die Unglückliche ließ das Haupt auf ihre Hände sinken, und der Unbekannte begann mit wüthender Anstrengung nach dem Ufer hin zu rudern. Während dem überlegte unser Philosoph. Er preßte die Ziege in seine Arme und rückte ganz sacht von der Zigeunerin weg, die sich immer mehr an ihn drängte, als den einzigen Schutz und Schirm, der ihr noch blieb.

Sicherlich befand sich Gringoire in einer grausamen Verlegenheit. Er dachte daran, daß »nach dem bestehenden Gesetze« auch die Ziege, wenn sie wieder eingefangen würde, gehangen werden würde; daß es doch sehr Schade sein würde um die arme Djali! Daß er zu viel hätte an zwei Verurtheilten, die sich so an ihn geklammert hätten; daß schließlich sein Gefährte nichts lieber wünschte, als sich der Zigeunerin anzunehmen. Es entstand ein heftiger Kampf zwischen seinen Gedanken, in welchem er, wie Zeus in der Iliade, abwechselnd die Zigeunerin und die Ziege nach ihrem Werthe abwog; und er betrachtete sie eine nach der andern mit thränenfeuchten Augen, während er zwischen den Zähnen sprach: »Ich kann euch doch nicht alle Beide retten.«

Ein Stoß unterrichtete sie endlich, daß der Kahn jetzt ans Land stieß. Das schreckliche Getöse erfüllte noch immer die Altstadt. Der Unbekannte erhob sich, trat an die Zigeunerin heran und wollte sie am Arme ergreifen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Sie stieß ihn zurück und hing sich an Gringoires Aermel, der seinerseits, als mit der Ziege beschäftigt, sie fast von sich abwehrte. Nun sprang sie allein aus dem Kahne heraus ans Land. Sie war so verwirrt, daß sie nicht wußte, was sie that, noch wohin sie ging. So blieb sie einen Augenblick betäubt stehen und sah, wie das Wasser dahin floß. Als sie nach und nach wieder zu sich kam, war sie allein mit dem Unbekannten an der Landungsstelle. Es schien, daß Gringoire sich den Augenblick der Landung zu Nutze gemacht hatte, um mit der Ziege in dem Häuserviertel der Straße Grenier-sur-l’Eau zu verschwinden.

Die arme Zigeunerin schauderte, als sie sich mit diesem Manne allein sah. Sie wollte sprechen, schreien, Gringoire rufen; die Zunge in ihrem Munde war gelähmt, und kein Ton kam über ihre Lippen. Plötzlich fühlte sie die Hand des Unbekannten auf der ihrigen. Es war eine kalte und starke Hand. Ihre Zähne schlugen an einander, und sie wurde blasser, als der Strahl des Mondes, welcher sie beschien. Der Mann sprach kein Wort. Er begann mit starken Schritten nach dem Grèveplatze zu hinaufzugehen, indem er sie an der Hand festhielt. In diesem Augenblicke fühlte sie, daß das Schicksal eine unwiderstehliche Macht ist. Sie besaß keine Spannkraft mehr, sie ließ sich fortschleppen, lief, während daß der Unbekannte fortschritt. Der Flußdamm ging an dieser Stelle bergan; ihr schien es indessen, als ob sie einen Abhang hinabstieg.

Sie blickte sich nach allen Seiten um. Nicht ein lebendes Wesen war zu sehen. Der Flußdamm war völlig öde. Sie hörte kein Geräusch; sie merkte den Lärm von Menschen nur in der tobenden und feuergerötheten Altstadt, von der sie nur durch einen Arm der Seine getrennt war, und von woher ihr Name, untermischt mit Todesschreien, an ihr Ohr schlug. Das übrige Paris lag in großen, dunkeln Massen rings um sie ausgebreitet da.

Inzwischen zog sie der Unbekannte immer mit demselben Schweigen und derselben Eile mit sich fort. Sie fand in ihrem Gedächtnisse keinen der Orte wieder, durch die sie jetzt dahineilte. Als sie an einem erleuchteten Fenster vorbeikam, überwand sie sich, sträubte sie sich plötzlich und schrie: »Hilfe!«

Der Bürger, welchem das Fenster gehörte, öffnete es, erschien an demselben im Hemde mit seiner Lampe, sah mit stumpfsinniger Miene auf den Flußdamm hinaus, sprach einige Worte, welche sie nicht verstand und schloß den innern Fensterladen wieder. Das war der letzte Hoffnungsschimmer, welcher erlosch.

Der schwarze Mann ließ keine Silbe vernehmen; er hielt sie fest, und fing an, schneller zu gehen. Sie leistete keinen Widerstand mehr und folgte ihm erschöpft. Von Zeit zu Zeit sammelte sie wieder ein wenig Kraft und sprach mit einer, von den Stößen des holprigen Pflasters und von der Athemlosigkeit des Laufes oft unterbrochenen Stimme: »Wer seid Ihr? Wer seid Ihr?« Er antwortete gar nicht.

So gelangten sie, immer längs des Flußdammes hineilend, an einen ziemlich großen Platz. Der Mond beleuchtete ihn ein wenig. Es war der Grèveplatz. Man bemerkte in der Mitte eine Art schwarzen Kreuzes ragen: es war der Galgen. Sie erkannte das alles wieder, und sah nun, wo sie sich befand. Der Mann blieb stehen, wandte sich nach ihr um, und schlug seine Kaputze zurück. »Ach!« stammelte sie versteinert, »ich wußte wohl, daß er es abermals war!«

Es war der Priester. Er sah wie sein Schatten aus. Das war die Wirkung des Mondlichtes. Es scheint, daß man in solchem Lichte nur die Schreckbilder der Dinge sieht.

»Höre zu,« sagte er zu ihr, und sie schauderte bei dem Tone dieser furchtbaren Stimme, die sie seit langem nicht gehört hatte. Er fuhr fort. Er sprach in solchen kurzen, keuchenden Satzgefügen, welche in ihrem ruckweisen Hervorquellen tiefes inneres Leben verriethen. »Höre an. Wir sind jetzt hier. Ich will mit dir reden. Das ist der Grèveplatz. Hier ist ein entscheidender Augenblick. Das Verhängnis überliefert uns einander. Ich will über dein Leben, du sollst über meine Seele entscheiden. Hier ist ein Ort und eine Nacht, jenseits welcher man nichts sieht. Höre mich also an. Ich will dir sagen … Zuerst rede mir nicht von deinem Phöbus. (Während er das sagte, ging er hin und her, wie ein Mensch, der nicht an einer Stelle ausdauern kann, und zog sie hinter sich her.) Sprich mir nicht von ihm. Siehst du, wenn du diesen Namen aussprichst, weiß ich nicht, was ich thun werde; aber es wird etwas Gräßliches geschehen.«

Als er so gesprochen, stand er wieder bewegungslos da, wie ein Körper, der seinen Schwerpunkt wieder findet; aber seine Worte verriethen noch eben soviel Unruhe. Seine Stimme wurde immer dumpfer.

»Wende deinen Kopf nur nicht so ab. Höre mich an. Es ist eine ernsthafte Angelegenheit. Zunächst vernimm, was sich ereignet hat … Man soll über alles das nicht lachen, schwöre ich dir … Was sagte ich denn eigentlich? Erinnere mich daran! Ach, ja! … Es liegt ein Parlamentsbeschluß vor, welcher dich dem Blutgerüste überliefert. Ich habe dich eben aus ihren Händen entrissen. Aber da sind sie, die dich verfolgen. Sieh hin.«

Er streckte den Arm nach der Altstadt hin aus. Die Nachsuchungen schienen in der That da drüben fortzudauern. Das verworrene Getöse kam näher; der Thurm auf dem Hause des Wachoffizieres, das dem Grèveplatze gegenüber lag, war voll Lärm und Licht; und man sah auf dem gegenüberliegenden Flußdamme Soldaten mit Fackeln und unter den Rufen: »Die Zigeunerin! wo ist die Zigeunerin! zum Tode mit ihr! zum Tode!« vorbeilaufen.

»Du siehst wohl, daß sie dich verfolgen, und daß ich nichts Unwahres behaupte. Ich – ich liebe dich … Oeffne den Mund nicht; sprich lieber nicht mit mir, wenn du mir sagen willst, daß du mich hassest. Ich bin entschlossen, das nicht mehr zu hören … Ich habe dich soeben gerettet … Laß mich zuerst zu Ende kommen … Ich kann dich gänzlich retten. Ich habe alles vorbereitet. Es liegt an dir, es zu wollen. So wie du willst, werde ich es vermögen.«

Er unterbrach sich gewaltsam. »Nein, das – das sollst du nicht sagen.«

Und eilends, und während er sie miteilen ließ – denn er ließ sie nicht los – ging er gerade auf den Galgen zu, zeigte mit dem Finger auf ihn hin und sagte mit eisigem Tone: »Wähle zwischen uns beiden.« Sie riß sich aus seinen Händen los, fiel am Fuße des Galgens nieder und umarmte dieses Todesgerüst; dann wandte sie ihr schönes Haupt halb zurück und blickte über ihre Schulter nach dem Priester hin. Man hätte sie für eine Heilige Jungfrau am Fuße des Kreuzes halten können. Der Priester war ohne Bewegung stehen geblieben; den Finger immer noch nach dem Galgen hin erhoben, verharrte er in seiner Stellung, wie eine Bildsäule.

Endlich sagte die Zigeunerin zu ihm:

»Er flößt mir noch weniger Entsetzen ein, als du.«

Da ließ er langsam seinen Arm niedersinken und blickte mit tiefer, schmerzlicher Niedergeschlagenheit zu Boden.

»Wenn diese Steine reden könnten,« murmelte er, »ja, sie würden sprechen, daß hier ein sehr unglücklicher Mensch steht.«

Er nahm wieder das Wort. Das junge Mädchen, die von ihren langen Haaren umflossen, vor dem Galgen auf den Knien lag, ließ ihn sprechen, ohne ihn zu unterbrechen. Er hatte jetzt einen klagenden und sanften Ton angenommen, der einen schmerzlichen Gegensatz zu der stolzen Herbheit seiner Züge bildete.

»Ich, ja, ich liebe Euch. Ach! das ist doch gewißlich wahr. Es geht doch nichts über dieses Feuer, welches mir das Herz verbrennt! Wehe! junges Mädchen, Nacht und Tag, ja, Nacht und Tag; verdient das kein Mitleiden? Es ist eine Liebe für Nacht und Tag, sage ich Euch, es ist eine Folter … Oh! ich leide zu viel, mein armes Kind! … Das ist ein Umstand, der des Mitleidens werth ist. versichere ich Euch. Ihr sehet, daß ich sanft mit Euch spreche. Ich möchte doch, daß Ihr nicht mehr diesen Abscheu vor mir hättet … Zuletzt, wenn ein Mann ein Weib liebt, so ist das nicht seine Schuld! … Oh! mein Gott! … Wie! niemals werdet Ihr mir also verzeihen? Ihr wollt mich immer hassen? Es ist also entschieden! Das gerade macht mich schlecht, seht Ihr? und mir selbst entsetzlich! … Ihr seht mich nicht einmal an! Ihr denkt an etwas Anderes; vielleicht, während ich hier stehe und zitternd an der Schranke unserer beider Ewigkeit mit Euch rede! Vor allem – sprecht nicht mit mir von dem Offiziere! … Was! … ich sollte mich zu Euern Knien niederwerfen; wie! ich sollte Euere Füße nicht – das möchtet Ihr nicht – sondern die Erde küssen, welche unter Euern Füßen ist; was! ich sollte wie ein Kind schluchzen; ich sollte aus meiner Brust nicht Worte, sondern mein Herz und meine Eingeweide herausreißen, um Euch zu sagen, daß ich Euch liebe: – alles würde vergeblich sein, alles! … Und dennoch ist Euere Seele nur voll Empfindung und Güte. Ihr strahlt die herrlichste Sanftmuth aus; Ihr seid ganz und gar anmuthig, gut, mitleidig und entzückend. Leider! habt Ihr für mich allein nur Bosheit! Oh! welches Mißgeschick!«

Er verbarg sein Gesicht in seinen Händen. Das junge Mädchen hörte ihn weinen. Es war das erste Mal. Während er so von Schluchzen geschüttelt dastand, war er elender und erschien hilfeflehender, als wenn er auf die Knien gesunken wäre. So weinte er eine geraume Zeit.

»Genug!« fuhr er fort, als diese ersten Thränen vorüber waren, »ich finde keine Worte. Ich hatte doch so schön ausgedacht, was ich Euch sagen wollte. Jetzt zittere und bete ich, werde im entscheidenden Augenblicke schwach, ich empfinde etwas Allgewaltiges, das uns umgiebt, und ich stammele. Oh! ich werde zu Boden niedersinken, wenn Ihr kein Mitleid mit mir, keines mit Euch empfindet. Verdammet uns nicht alle Beide. Wenn Ihr wüßtet, wie sehr ich Euch liebe! Wo ist ein Herz wie das meinige! Ach! wie groß ist die Abtrünnigkeit von jeder Tugend! wie groß der verzweifelte Verrath an mir selbst! Als Gelehrter verhöhne ich die Wissenschaft, als Edelmann verunglimpfe ich meinen Namen; als Priester mache ich mein Meßbuch zu einem Kopfkissen der Wollust, speie in das Antlitz meines Gottes! Und das alles für dich, Zauberin! um deiner Hölle würdiger zu werden! Und du willst von dem Verdammten nichts wissen! Ach! könnte ich dir alles sagen! Noch mehr, etwas Schrecklicheres, ach! Schrecklicheres! …«

Während er diese letzen Worte sprach, wurde sein Gesichtsausdruck plötzlich ganz verwirrt. Er schwieg einen Augenblick; dann fuhr er, als ob er mit sich selbst spräche, mit starker Stimme fort:

»Kain, was hast du mit deinem Bruder angefangen?«

Wieder entstand eine Pause, und er fuhr dann fort:

»Was ich mit ihm angefangen habe, Herr des Himmels? Ich habe ihn aufgenommen, habe ihn erzogen, ihn ernährt, ihn geliebt, habe ihn abgöttisch geliebt, und habe ihn gemordet! Ja, Herr des Himmels, du weißt, daß man ihm eben vor meinen Augen das Haupt an dem Steine deines Hauses zerschmettert hat; und das meinetwegen, dieses Weibes wegen, ihretwegen …«

Sein Blick war irre. Seine Stimme erlosch nach und nach; er wiederholte noch mehrere Male mechanisch, in ziemlich langen Pausen, wie eine Glocke, die ihre letzte Schwingung verlängert: »Ihretwegen … ihretwegen …« Dann sprach seine Zunge keinen verständlichen Ton mehr, seine Lippen bewegten sich indessen noch immer. Plötzlich brach er in sich zusammen, wie ein einstürzender Gegenstand und blieb ohne Bewegung, das Haupt auf den Knien, am Boden liegen. Eine Streifung des jungen Mädchens, welche ihren Fuß unter ihm hervorzog, brachte ihn wieder zur Besinnung. Er fuhr langsam mit der Hand über seine eingefallenen Wangen und betrachtete einige Augenblicke betroffen seine Finger, welche feucht waren: »Was!« murmelte er, »ich habe geweint!«

Und er wandte sich plötzlich mit dem Ausdrucke unaussprechlicher Angst zur Zigeunerin hin:

»Wehe! Ihr habt mich weinen gesehen und seid kalt dabei geblieben? Kind, weißt du, daß diese Thränen Lavaströme sind? Ist es denn also wahr? An dem Menschen, welchen man haßt, rührt uns nichts? du könntest mich sterben sehen, und du würdest lachen. Ach! ich will dich nicht sterben sehen! Ein Wort! ein einziges Wort der Verzeihung! Sage mir nicht, daß du mich lieb hast, sage mir nur, daß du nichts dagegen hast; das soll genügen; ich werde dich retten. Wenn nicht … Ach! die Stunde eilt. Ich bitte dich inständig bei allem, was heilig ist, warte nicht, bis ich wieder zu Stein geworden bin, wie dieser Galgen, der dich auch beansprucht! Bedenke, daß ich unser Beider Schicksal in meiner Hand halte, daß ich unsinnig bin, es fürchterlich ist, daß ich alles hinstürzen lassen kann, und daß sich unter uns ein unergründlicher Abgrund befindet, Unglückliche, wohinein mein Sturz den deinigen die Ewigkeit hindurch nach sich ziehen wird! Ein gütiges Wort! sprich ein Wort! nur ein Wort!«

Sie öffnete den Mund, um ihm zu antworten. Er stürzte sich vor ihr auf die Kniee nieder, um mit Anbetung das vielleicht gerührte Wort zu vernehmen, welches über ihre Lippen kommen wollte. Sie sagte zu ihm:

»Ihr seid ein Mörder!«

Der Priester riß sie wüthend in seine Arme und begann in ein entsetzliches Gelächter auszubrechen.

»Gut denn, ja! Mörder!« sagte er, »und ich werde dich besitzen. Du willst mich nicht als Sklaven, du sollst mich zum Herrn haben. Ich will dich besitzen. Ich habe ein Versteck, wohin ich dich schleppen will. Du wirst mir folgen, du wirst mir wohl folgen müssen, oder ich überliefere dich dem Henker! du mußt sterben, meine Schöne, oder mir gehören! dem Priester gehören! dem Abtrünnigen, dem Mörder gehören! Von heute Nacht an, hörst du es? Wohlan denn! zur Lust! wohlan, küsse mich, Närrchen! Das Grab oder mein Bett!«

Sein Auge funkelte vor wollüstiger Gier und vor Wuth. Sein geiler Mund röthete den Hals des jungen Mädchens. Sie sträubte sich in seinen Armen. Er bedeckte sie mit schäumenden Küssen.

»Beiße mich nicht, Ungethüm!« schrie sie. »Ach! über den widerwärtigen, schändlichen Mönch! Laß mich los! Ich werde dir deine eklen, grauen Haare ausraufen und sie dir bündelweise ins Gesicht werfen!«

Er wurde roth und wieder blaß vor Zorn, dann ließ er sie los und betrachtete sie mit finsteren Blicken. Sie glaubte über den Priester gesiegt zu haben und fuhr fort:

»Ich sage dir, daß ich meinem Phöbus angehöre, daß Phöbus es ist, den ich liebe, daß Phöbus schön ist. Du, Priester, du bist alt, bist häßlich. Hebe dich weg!«

Er stieß einen heftigen Schrei aus, wie der Unglückliche, an den man ein glühendes Eisen legt. »Stirb denn!« sprach er mit Zähneknirschen. Sie sah seinen fürchterlichen Blick und wollte fliehen. Er packte sie wieder, schüttelte sie, warf sie zur Erde nieder und ging in eiligen Schritten auf die Ecke des Rolandsthurmes los, während er sie an ihren schönen Händen hinter sich her über den Boden schleifte. Hier angelangt, wandte er sich an sie:

»Zum letzten Male, willst du mein sein?«

Sie antwortete mit Nachdruck:

»Nein.«

Jetzt rief er mit lauter Stimme:

»Gudule! Gudule! Hier ist die Zigeunerin! räche dich!«

Das junge Mädchen fühlte, wie sie plötzlich am Ellbogen ergriffen wurde. Sie blickte auf. Es war ein fleischloser Arm, welcher aus einer Luke in der Mauer herauslangte und sie wie eine eiserne Hand festhielt.

»Halt fest!« rief der Priester; »es ist die entwischte Zigeunerin. Laß sie nicht los. Ich will die Gerichtsdiener holen. Du sollst sie hängen sehen.«

Ein dumpfes Lachen antwortete aus dem Innern der Mauer auf diese blutdürstigen Worte. »Ha! ha! ha!« Die Zigeunerin sah, wie sich der Priester eiligst in der Richtung der Notre-Damebrücke entfernte. Man hörte einen Reitertrupp auf dieser Seite.

Das junge Mädchen hatte die boshafte Klausnerin erkannt. Keuchend vor Entsetzen versuchte sie sich loszumachen. Sie wand sich, sie sprang vor Todesangst und Verzweiflung nach rechts und links, aber die Nonne hielt sie mit unerhörter Kraft fest. Die knochigen und magern Finger, die sie preßten, krampften sich um ihr Fleisch zusammen und schlossen sich fest herum. Man hätte glauben sollen, daß diese Hand an ihren Arm genietet sei. Es war mehr als eine Kette, mehr als eine Klammer oder eiserner Ring – es war eine geschickte und lebendige Zange, welche aus einer Mauer herausfuhr. Erschöpft sank sie an der Mauer nieder, und nun bemächtigte sich ihrer die Todesfurcht. Sie dachte an die Schönheit des Lebens, an die Jugend, an den Anblick des Himmels, an die Erscheinungen der Natur, an die Liebe, an Phöbus, an alles, was dahin floh und an alles, was ihr nahe trat, an den Priester, welcher sie angab, an den Henker, welcher kommen würde, an den Galgen, welcher dort stand. Da fühlte sie, wie ihr das Entsetzen bis in die Wurzeln der Haare stieg, und sie hörte das grausige Lachen der Klausnerin, die ganz leise zu ihr sprach: »Ha! ha! ha! du wirst gehangen werden!«

Sie wandte sich todesmatt nach der Luke hin und sah das fahle Gesicht der Büßerin durch die Gitterstäbe hindurch.

»Was habe ich Euch gethan?« sagte sie fast leblos.

Die Klausnerin antwortete nicht; sie begann in einem singenden, erregten und spöttischen Tone zu murmeln:

»Tochter Aegyptens! Tochter Aegyptens! Tochter Aegyptens!«

Die unglückliche Esmeralda ließ ihr Antlitz unter ihrem Haar verschwinden, und begriff, daß sie es nicht mit einem menschlichen Wesen zu thun hätte.

Plötzlich rief die Klausnerin, als ob diese Frage der Zigeunerin die ganze Zeit gebraucht hätte, um zu ihrem Bewußtsein zu gelangen:

»Was du mir zu Leide gethan? fragst du! Oh! was du mir angethan hast, Zigeunerin! – Gut denn! höre … Ich hatte ein Kind, ja ich! Siehst du? Ich hatte ein Kind! ein Kind, sage ich dir! … Ein reizendes kleines Mädchen! … Meine Agnes« fuhr sie verwirrt fort und küßte dabei etwas in der Dunkelheit … »Nun gut! siehst du, Tochter Aegyptens? Man hat mir mein Kind genommen, man hat mir mein Kind gestohlen; ja, man hat mir mein Kind gestohlen. Jetzt weißt du, was du mir Leids gethan hast.«

Das junge Mädchen antwortete wie das Lamm in der Fabel:

»Ach Gott! ich war damals vielleicht noch nicht geboren!«

»Oh! doch!« fuhr die Klausnerin fort, »du mußtest geboren sein. Du warst dabei. Sie würde in deinem Alter sein! Also! … Das sind nun fünfzehn Jahre her, daß ich hier bin; fünfzehn Jahre, daß ich dulde; fünfzehn Jahre, daß ich bete; fünfzehn Jahre, daß ich mit meinem Kopfe gegen die vier Mauern renne … Ich sage dir, es sind Zigeunerinnen, die mir es gestohlen haben, hörst du es? und die es mit ihren Zähnen gefressen haben … Hast du ein Herz? Denke dir, was ein Kind ist, das da spielt; ein Kind, welches an der Brust liegt; ein Kind, das schlummert. Es ist so unschuldig! … Nun also! das, das ist es, was man mir genommen, was man mir gemordet hat! Der liebe Gott weiß es ja! Heute ist die Reihe an mir; ich will Zigeunerfleisch essen … Oh! wie gern würde ich dich anbeißen, wenn mich die Gitterstäbe nicht verhinderten! Ich habe einen zu dicken Kopf! … Die arme Kleine! während daß sie schlief! Und wenn sie sie geweckt hätten, während sie sie raubten, sie würde vergeblich geschrien haben: – ich war nicht da! Ach! ihr Zigeunermütter, ihr habt meine Tochter gefressen! Kommt, und seht jetzt die eurige.«

Nun fing sie wieder an zu lachen oder mit den Zähnen zu knirschen – beides blieb sich in diesem wüthenden Gesichte gleich. Der Tag begann zu grauen. Ein Dämmerschein beleuchtete undeutlich diese Scene, und der Galgen wurde immer sichtbarer auf dem Platze. Von der andern Seite her, aus der Gegend der Notre-Damebrücke, glaubte die arme Verurtheilte den Lärm des Reitertrupps herankommen zu hören.

»Gute Frau!« rief sie mit gefalteten Händen, auf beide Knien gesunken, mit fliegendem Haar, entsetzt und vor Schrecken wahnsinnig, »gute Frau, habt Erbarmen. Sie kommen. Ich habe Euch nichts zu Leide gethan. Wollt Ihr mich auf diese schreckliche Art vor Euern Augen sterben sehen? Ihr seid mitleidig, ich bin dessen sicher. Es ist zu fürchterlich. Laßt mich Rettung suchen. Laßt mich los! Erbarmen! Ich will nicht so sterben!«

»Gieb mir mein Kind zurück!« sagte die Klausnerin.

»Gnade! Gnade!«

»Gieb mir mein Kind zurück!«

»Laßt mich los, im Namen des Himmels!«

»Gieb mir mein Kind zurück!«

Jetzt auf einmal sank das junge Mädchen erschöpft, gebrochen, schon mit dem gläsernen Blicke jemands, der im Grabe liegt, zu Boden.

»Ach Gott!« stammelte sie, »Ihr sucht Euer Kind, und ich, ich suche meine Eltern.«

»Gieb mir meine kleine Agnes zurück!« fuhr Gudule fort. »Du weißt nicht, wo sie ist? Dann stirb! … Ich will dir erzählen. Ich war ein Freudenmädchen, ich hatte ein Kind, man hat mir mein Kind genommen … Es sind die Zigeunerinnen gewesen. Du siehst wohl, daß du sterben mußt. Wenn deine Mutter, die Zigeunerin, kommen wird, um dich zurückzufordern, so will ich zu ihr sagen: »Mutter, blicke nach jenem Galgen! … Oder aber gieb mein Kind zurück … Weißt du, wo sie ist, meine kleine Tochter? Halt, daß ich dir etwas zeige. Da ist ihr Schuh – alles, was mir von ihr geblieben ist. Weißt du, wo der andere ist? Wenn du es weißt, sage es mir, und wenn er selbst am andern Ende der Welt sich befindet, auf den Knien hinrutschend will ich ihn holen.«

Bei diesen Worten hielt sie mit ihrem andern Arme, den sie aus der Luke herausgestreckt hatte, der Zigeunerin den kleinen gestickten Schuh hin. Es war schon ziemlich hell, um seine Form und Farben unterscheiden zu können.

»Zeigt mir diesen Schuh,« sprach die Zigeunerin zitternd. »Gott! Gott!« Und zu gleicher Zeit öffnete sie mit der Hand, welche sie frei hatte, leicht das kleine, mit grünen Glassteinen verzierte Säckchen, welches sie am Halse trug.

»Genug! genug!« murmelte Gudule, »durchsuche dein Teufelsamulet!« Plötzlich unterbrach sie sich, zitterte am ganzen Leibe und rief mit einer Stimme, die aus der tiefsten Tiefe des Herzens kam:

»Meine Tochter!«

Die Zigeunerin hatte eben einen kleinen Schuh aus dem Säckchen gezogen, der dem andern zum Verwechseln ähnlich sah. An diesem kleinen Schuhe war ein Pergamentstreifen befestigt, auf welchem folgender Knüttelreim geschrieben stand:

Wenn du mein Ebenbild entdeckt,
Der Mutterarm dir entgegen sich streckt.

In weniger Zeit, als ein Blitz dauert, hatte die Klausnerin die beiden Schuhe verglichen, die Aufschrift des Pergamentstreifens gelesen und ihr von einer himmlischen Regung strahlendes Gesicht an die Gitterstäbe der Luke gepreßt:

»Meine Tochter! meine Tochter!« rief sie.

»Meine Mutter!« antwortete die Zigeunerin.

Hier unterlassen wir, die Scene auszumalen.

Die Mauer und die eisernen Gitterstäbe befanden sich zwischen ihnen beiden.

»Ach! die Mauer!« rief die Klausnerin.

»Oh! sie zu sehen und nicht umarmen zu können! Deine Hand! Deine Hand!«

Das junge Mädchen streckte ihren Arm durch die Luke; die Klausnerin warf sich über diese Hand her, preßte ihre Lippen darauf, und blieb, in diesem Kusse versunken, darüber geneigt, ohne ein anderes Lebenszeichen mehr von sich zu geben, als ein Schluchzen, welches von Zeit zu Zeit ihren Leib durchzuckte. Während dem vergoß sie schweigend, in der Dunkelheit ihrer Zelle, Ströme von Thränen gleich einem nächtlichen Regengusse. Die arme Mutter leerte in Fluten über dieser angebeteten Hand den dunkeln und tiefen Thränenquell, der in ihr quoll, und aus dem ihr ganzer Schmerz seit fünfzehn Jahren tropfenweise hervorgequollen war.

Plötzlich richtete sie sich wieder in die Höhe, strich ihre langen, grauen Haare von der Stirn, und ohne ein Wort zu sagen, fing sie an, mit ihren beiden Händen an den Gitterstäben ihrer Zelle wüthender als eine Löwin zu rütteln. Die Stäbe hielten aus. Jetzt holte sie aus einem Winkel ihrer Zelle einen schweren Stein, der ihr als Kopfkissen diente, und schleuderte ihn mit solcher Macht gegen dieselben, daß einer von den Eisenstäben unter heftigem Funkensprühen zerbrach. Ein zweiter Schlag zertrümmerte vollständig das alte eiserne Kreuz, welches die Luke versperrte. Dann zerbrach und entfernte sie mit ihren beiden Händen völlig die verrosteten Stumpfe der Gitterstäbe. Es giebt Augenblicke, in denen die Hände eines Weibes übermenschliche Stärke besitzen.

Als die Bahn gebrochen war, und dazu bedurfte es weniger als einer Minute, faßte sie ihre Tochter um die Mitte des Leibes und zog sie in ihre Zelle hinein. »Komm! damit ich dich aus dem Abgrunde des Verderbens herauslange!« murmelte sie.

Als ihre Tochter sich in der Zelle befand, setzte sie sie sanft auf den Boden nieder, nahm sie dann wieder auf, trug sie in ihren Armen, als ob sie immer noch ihre kleine Agnes wäre, und ging in der engen Zelle berauscht, wie rasend sich geberdend, fröhlich, schreiend, singend und ihre Tochter küssend hin und her; sprach mit ihr, brach in Gelächter aus und vergoß Thränen – alles durch einander und in leidenschaftlichem Ausbruche.

»Meine Tochter! meine Tochter!« sprach sie. »Ich habe meine Tochter! Da ist sie! Der liebe Gott hat sie mir wiedergegeben. Nun ihr – kommt alle her! Ist jemand hier, der sehen will, daß ich meine Tochter habe? Herr Jesus, wie schön sie ist! Du hast mich fünfzehn Jahre warten lassen, mein lieber Gott, aber nur, um sie mir so schön zurückzugeben … Die Zigeunerinnen hatten sie also nicht gegessen! Wer hatte das behauptet! Meine kleine Tochter! meine kleine Tochter! küsse mich. O diese guten Zigeunerinnen! Ich liebe die Zigeunerinnen! – Du bist es wirklich. Das also ist der Grund, warum mir jedesmal das Herz hüpfte, wenn du vorbeigingst. Ich aber hielt es für Haß! Vergieb mir, meine Agnes, vergieb mir! Du hast mich für sehr boshaft gehalten, nicht wahr? Ich liebe dich … dein kleines Mal am Halse, hast du es immer noch? Laß sehen. Sie hat es immer noch. Oh! du bist schön. Ich bin es, der dir diese großen Augen da gegeben hat, Jungfer. Küsse mich. Ich liebe dich. Das ist mir nun sehr gleichgültig, daß andere Mütter Kinder haben; was schere ich mich jetzt um sie. Sie brauchen nur zu kommen. Hier ist meins. Seht da seinen Hals, seine Augen, sein Haar, seine Hand. Suchet mir etwas Schöneres, als das! Oh! ich stehe Euch dafür, daß sie Liebhaber finden wird, die da! Ich habe fünfzehn Jahre lang geweint. Meine ganze Schönheit ist vergangen, und sie hat sie geerbt. Küsse mich!«

Sie führte mit ihr zahllose andere närrische Unterhaltungen, deren Ausdruck die ganze Anmuth bildete, brachte die Kleider des armen Kindes so in Unordnung, daß diese darüber roth wurde, glättete ihr das Seidenhaar mit der Hand, küßte ihr den Fuß, die Kniee, die Stirn, die Augen, und gerieth über alles außer sich vor Entzücken. Das junge Mädchen ließ sie gewähren, während sie manchmal ganz leise und mit unendlicher Anmuth wiederholte: »Meine Mutter!«

»Siehst du, mein Töchterchen,« fuhr die Klausnerin fort, wobei sie alle ihre Worte mit Küssen unterbrach, »siehst du! ich will dich recht lieb haben. Wir wollen von hier weg gehen. Wir werden recht glücklich werden. In Reims, in unserer Heimat, habe ich etwas geerbt. Du weißt, Reims? Du, ach nein, du weißt das nicht; du warst zu klein! Wenn du wüßtest, wie hübsch du mit vier Monaten warst! Füßchen, die man der Seltenheit wegen zu sehen aus Epernay herkam, das sieben Stunden entfernt ist! Wir werden ein Feld und Haus besitzen. Ich will dich in mein Bett legen. Mein Gott! mein Gott! wer hätte das glauben sollen? Ich habe meine Tochter wieder!«

»O meine Mutter!« sagte das junge Mädchen, die endlich die Kraft fand, in ihrer Gemüthserregung zu sprechen, »die Zigeunerin hat es mir wohl gesagt. Es war eine gute Zigeunerin unter unsern Leuten, die im vergangenen Jahre gestorben ist, und die sich immer um mich wie eine Amme gekümmert hat. Die ist es, die mir das Säckchen um den Hals gehängt hat. Sie pflegte mir immer zu sagen: ›Kleine, bewahre ja dies Kleinod. Es ist ein Schatz. Es wird dich deine Mutter wiederfinden lassen. Du trägst deine Mutter an deinem Halse.‹ Sie hatte es vorhergesagt, die Zigeunerin!«

Die Nonne schloß ihre Tochter von neuem in ihre Arme.

»Komm, laß dich küssen! Du erzähltest das hübsch. Wenn wir in unserer Heimat sein werden, wollen wir einem Jesuskinde in der Kirche die kleinen Schuhe anziehen. Wir sind das wohl der guten heiligen Jungfrau schuldig. Mein Gott! was du für eine hübsche Stimme hast! Als du eben mit mir sprachst, war das eine Musik! Oh! mein Gott und Herr! ich habe mein Kind wieder gefunden! Aber ist diese Geschichte da wohl glaublich? Man stirbt an nichts, denn ich bin nicht vor Freude gestorben.«

Und dann fing sie wieder an in die Hände zu klatschen und zu lachen und zu rufen: »Wir wollen glücklich werden!«

In diesem Augenblicke hallte die Zelle von einem Waffengeklirre und Pferdegalopp wieder, die von der Notre-Damebrücke herzukommen und sich mehr und mehr auf dem Flußdamme zu nähern schienen. Die Zigeunerin warf sich voll Todesangst in die Arme der Büßerin.

»Rettet mich! rettet mich! meine Mutter! Das sind sie, die herankommen!«

Die Klausnerin wurde blaß. ^

»O Himmel! was sagst du da? Ich hatte vergessen! Man verfolgt dich! Was hast du denn gethan?«

»Ich weiß nicht,« antwortete das unglückliche Kind, »aber ich bin verurtheilt, zu sterben.«

»Sterben!« sagte Gudule wankend wie von einem Blitzstrahle getroffen. »Sterben!« wiederholte sie langsam und sah ihre Tochter mit einem starren Blicke an.

»Ja, meine Mutter,« versetzte das junge Mädchen entsetzt, »sie wollen mich tödten. Horch, wie man kommt, mich zu greifen. Jener Galgen ist für mich! Rettet mich! rettet mich! Sie kommen schon! Rettet mich!«

Die Klausnerin stand mehrere Augenblicke starr wie ein versteinertes Bildnis da; dann schüttelte sie zum Zeichen des Zweifels den Kopf, dann brach sie plötzlich in ein lautes Gelächter aus, aber in ihr fürchterliches Lachen, das ihr wieder gekommen war. »Ho! ho! nein! es ist ein Traum, den du mir da erzählst. Ah, ja! ich sollte sie verloren haben, das sollte fünfzehn Jahre gedauert haben! und dann sollte ich sie wiederfinden, und das sollte eine Minute dauern! Und man sollte sie mir wiedernehmen! und jetzt gerade, wo sie schön ist, wo sie groß ist, wo sie mit mir spricht, wo sie mich liebt; und jetzt gerade sollten sie kommen, mir sie aufzufressen, vor meinen eigenen Augen – ich, die ich die Mutter bin? Oh, nein! Das sind Dinge, die nicht möglich sind. Der liebe Gott giebt so etwas nicht zu!«

Hier schien der Reitertrupp Halt zu machen, und man hörte eine Stimme in der Ferne, welche rief: »Hierher, Herr Tristan! Der Priester sagte, daß wir sie im Rattenloche finden werden.« Das Pferdegetrappel fing von neuem an.

Die Klausnerin richtete sich mit einem verzweifelten Schrei hoch auf.

»Rette dich! rette dich! mein Kind! Es fällt mir alles wieder ein. Du hast Recht. Es ist dein Tod! Entsetzen! Flucht! Rette dich!«

Sie steckte den Kopf in die Luke und zog ihn schnell wieder zurück.

»Bleibe,« sagte sie mit leisem, kurzem und traurigem Tone, während sie krampfhaft die Hand der Zigeunerin umklammerte, die mehr todt als lebend war. »Bleibe! athme nicht! Ueberall sind Soldaten. Du kannst nicht hinauskommen. Es ist zu hell.«

Ihre Augen waren trocken und glühend. Sie verharrte einen Augenblick im tiefen Schweigen; sie ging nur in großen Schritten in der Zelle umher, und blieb zuweilen stehen, um sich ganze Büschel ihrer grauen Haare auszuraufen, die sie dann mit den Zähnen zernagte.

Plötzlich sagte sie:

»Sie kommen heran. Ich will mit ihnen sprechen. Verstecke dich in diesem Winkel. Sie werden dich nicht sehen. Ich will ihnen sagen, du seiest entwischt, ich hätte dich, meiner Treu! losgelassen.«

Sie setzte ihre Tochter, die sie immer noch trug, in einem Winkel der Zelle nieder, den man von draußen nicht sehen konnte. Sie drückte sie nieder, setzte sie sorgfältig zurecht, sodaß weder ihr Fuß noch ihre Hand aus der Dunkelheit hervorragten, band ihr die schwarzen Haare los; welche sie über ihr weißes Kleid ausbreitete, um es zu verdecken, stellte ihren Krug und ihren Stein, die einzigen Geräthschaften, welche sie besaß, vor sie hin, in der Meinung, daß dieser Krug und Stein sie verbergen würden. Und als das beendigt war, ließ sie sich, ruhiger geworden, auf die Kniee nieder und betete. Der Tag, welcher erst graute, ließ noch viel Finsternis im Rattenloche zurück.

In diesem Augenblicke erklang die Stimme des Priesters, diese höllische Stimme, ganz dicht bei der Zelle; er rief:

»Hierher, Hauptmann Phöbus von Châteaupers!«

Bei diesem Namen, dieser Stimme machte die Esmeralda, welche in ihrer Ecke kauerte, eine Bewegung.

»Rühre dich nicht,« sagte Gudule.

Sie endigte kaum, als ein Getümmel von Männern, Degen und Pferden sich rings um die Zelle verbreitete. Die Mutter erhob sich sehr schnell und stellte sich vor ihrer Luke auf, um sie zu versperren.

Sie sah einen großen Haufen bewaffneter Männer zu Fuß und zu Pferde, die auf dem Grèveplatz in Reih und Glied aufgestellt waren. Derjenige, welcher sie befehligte, setzte den Fuß auf die Erde und kam auf sie zu.

»Alte,« sagte dieser Mann, der einen grausamen Gesichtsausdruck hatte, »wir suchen eine Hexe, die wir hängen wollen; man hat uns gesagt, daß du sie bei dir hättest.«

Die arme Mutter nahm die gleichgültigste Miene an, die sie vermochte, und antwortete:

»Ich weiß nicht recht, was Ihr sagen wollt.«

Der andere versetzte:

»Bei Gottes Haupte! was schwatzte denn dieser tolle Narr von Archidiakonus? Wo ist er?«

»Gnädiger Herr,« sagte ein Soldat, »er ist verschwunden.«

»Wohlan, alte Närrin,« nahm der Befehlshaber wieder das Wort, »lüge mir nichts vor. Man hat dir eine Hexe zu bewachen gegeben. Was hast du mit ihr angefangen?«

Die Klausnerin wollte nicht alles läugnen, aus Furcht Argwohn zu erwecken, und antwortete in einem aufrichtigen und mürrischen Tone:

»Wenn Ihr von einem großen, jungen Mädchen sprecht, welches man mir vorhin in die Hände gegeben, so muß ich Euch sagen, daß sie mich gebissen hat, und daß ich sie losgelassen habe. Nun wißt Ihr es. Laßt mich in Ruhe.«

Der Befehlshaber machte ein enttäuschtes Gesicht.

»Lüge mir nur nichts vor, altes Gespenst,« versetzte er. »Ich heiße Tristan l’Hermite und bin des Königs Gevatter. Tristan l’Hermite, hörst du?« Er fügte hinzu, während er rings um sich einen Blick auf den Grèveplatz warf: »Das ist ein Name, der hier Widerhall findet.«

»Und wenn Ihr Satan l’Hermite wäret,« entgegnete Gudule, die wieder Hoffnung schöpfte, »so würde ich Euch nichts anderes zu sagen haben und keine Furcht vor Euch zeigen.«

»Beim Haupte Gottes!« sagte Tristan, »das nenne ich mir eine Gevatterin! Ah! die Hexendirne hat sich gerettet! Und wohin hat sie die Flucht ergriffen?«

Gudule antwortete in sorglosem Tone:

»Durch die Rue-du-Mouton, glaube ich.«

Tristan wandte den Kopf zurück und gab seinem Trupp ein Zeichen, sich zum Abmarsch bereit zu machen. Die Klausnerin athmete auf.

»Gnädiger Herr,« sagte plötzlich ein Bogenschütze, »fraget doch die alte Zauberin, warum die Gitterstäbe ihres Lukenfensters so herausgebrochen sind.«

Diese Frage ließ die Todesangst wieder in das Herz der unglückseligen Mutter zurückkehren. Dennoch verlor sie nicht alle Geistesgegenwart.

»Sie sind immer so gewesen,« stotterte sie.

»Ach was!« versetzte der Bogenschütze, »noch gestern bildeten sie ein schönes schwarzes Kreuz, das Andacht einflößte.«

Tristan warf einen Seitenblick auf die Klausnerin.

»Ich glaube die Gevatterin geräth in Verwirrung!«

Die Unglückliche fühlte, daß alles von ihrer Fassung abhinge, und, den Tod in der Seele, fing sie höhnisch zu lachen an. Alte Weiber haben eine Stärke darin.

»Unsinn!« sagte sie, »dieser Mensch ist betrunken. Es ist länger, als ein Jahr her, daß das Hintertheil eines mit Steinen beladenen Karrens in meine Luke gestoßen und das Gitter darin zerbrochen hat. Wie habe ich deswegen den Fuhrmann ausgescholten!«

»Es ist wahr,« sagte ein anderer Häscher, »ich war dabei.«

Ueberall finden sich stets Leute, welche alles gesehen haben. Diese unerhoffte Zeugenaussage des Häschers belebte die Klausnerin wieder, für welche dieses Verhör den Gang über einen Abgrund auf der Schneide eines Messers bedeutete.

Aber sie war zu einem fortwährenden Wechsel zwischen Hoffnung und Schrecken verurtheilt.

»Wenn das ein Karren gethan hat,« nahm der erste Soldat wieder das Wort, »so müßten die Stücke der Stäbe nach innen gestoßen worden sein, während sie nach außen zu herausgeschlagen sind.«

»Ei! ei!« sagte Tristan zu dem Soldaten, »du Nase wie ein Untersuchungsrichter im Châtelet. Antwortet auf das, was er sagt, Alte.«

»Mein Gott!« rief sie zum Aeußersten gebracht, und mit einer wider ihren Willen von Thränen erstickten Stimme, »ich schwöre Euch zu, gnädiger Herr, daß nur ein Wagen diese Gitterstäbe zerbrochen hat. Ihr höret, daß dieser Mann es gesehen hat. Und dann, was hat denn das mit Euerer Zigeunerin zu thun?«

»Hm!« brummte Tristan vor sich hin.

»Zum Teufel!« nahm der Soldat, von dem Lobe des Profoß geschmeichelt, wieder das Wort, »die Brüche des Eisens sind ganz frisch!«

Tristan schüttelte den Kopf. Sie erblaßte.

»Wie lange Zeit ist es her, sagt Ihr, mit diesem Karren?«

»Vier Wochen, vierzehn Tage vielleicht, gnädiger Herr, ich – ich weiß nicht mehr.«

»Sie hat zuerst gesagt, länger als ein Jahr,« bemerkte der Soldat.

»Wahrhaftig, das sind faule Fische!« sagte der Profoß.

»Gnädiger Herr,« rief sie immer an die Luke gelehnt und zitternd, daß der Argwohn jene antreiben könnte, den Kopf herein zu stecken und in die Zelle zu blicken, »gnädiger Herr, ich schwöre Euch, daß gewiß ein Wagen dieses Gitter zerbrochen hat. Ich schwöre es Euch bei den Engeln des Paradieses. Wenn es nicht ein Wagen gethan hat, so will ich ewig verdammt sein, und ich verläugne Gott!«

»Du legst sehr viel Feuer in diesen Schwur!« sagte Tristan mit seinem Glaubensrichterblicke.

Das arme Weib fühlte, wie ihre Zuversicht mehr und mehr hinschwand. Sie war nahe daran, Ungeschicklichkeiten zu begehen, und sie begriff mit Entsetzen, daß sie nicht das sagte, was sie hätte sagen müssen.

Jetzt kam ein anderer Soldat herbei und rief:

»Gnädiger Herr, die alte Zauberin lügt. Die Hexe hat sich nicht durch die Rue-du-Mouton gerettet. Die Kette der Straße ist die ganze Nacht gespannt gewesen, und der Kettenwächter hat niemanden hindurchgehen gesehen.«

Tristan, dessen Gesichtsausdruck von Minute zu Minute Unheil verkündender wurde, forderte sie zur Entgegnung auf:

»Was hast du hierauf zu erwiedern?«

Sie versuchte abermals, diesem neuen Einwurfe die Spitze zu bieten.

»Daß ich nicht weiß, gnädiger Herr; daß ich mich habe täuschen können. Ich glaube, sie ist in der That über das Wasser entkommen.«

»Das ist die entgegengesetzte Seite,« sagte der Profoß. »Doch hat es keine große Wahrscheinlichkeit, daß sie in die Altstadt hat zurückkehren wollen, wo man sie verfolgte. Du lügst, Alte!«

»Und dann,« fügte der erste Soldat hinzu, »ist weder auf dieser Seite des Wassers, noch auf der andern ein Kahn zu sehen.«

»Sie wird hindurchgeschwommen sein,« antwortete die Klausnerin, die das Terrain Schritt für Schritt vertheidigte.

»Schwimmen denn die Frauenzimmer?« sagte der Soldat.

»Beim Haupte Gottes! Alte, du lügst! du lügst!« versetzte Tristan zornig.

»Ich habe große Lust, jene Hexe da laufen zu lassen, und dich in Person mitzunehmen. Eine Viertelstunde Folter wird dir vielleicht die Wahrheit aus der Kehle holen. Wohlan! du kannst uns folgen.«

Sie nahm diese Worte mit Begierde auf.

»Wie Ihr wollt, gnädiger Herr. Greift zu! greift zu! Die Folter! Ich bin es zufrieden. Führt mich weg. Schnell! schnell! Wir wollen sofort davongehen …« »Während der Zeit da,« dachte sie, »kann meine Tochter sich retten.«

»Gottes Tod!« sprach der Profoß, »welche Begierde nach der Folterbank. Ich werde aus dieser Närrin nicht klug.«

Ein alter Sergeant von der Nachtwache, mit grauem Kopfe, trat aus den Gliedern heraus und wandte sich an den Profoß:

»Närrin in der That, gnädiger Herr. Wenn sie die Zigeunerin freigelassen hat, so ist das nicht ihre Schuld, denn sie hat die Zigeunerinnen nicht gern. Es sind nun fünfzehn Jahre, daß ich die Nachtrunde mache, und daß ich sie mit endlosen Verwünschungen die Zigeunerweiber verfluchen höre. Wenn diejenige, auf welche wir fahnden, wie ich glaube, die kleine Tänzerin mit der Ziege ist, so verabscheuet sie diese vor allen andern.«

Gudule machte eine Bewegung und sagte:

»Jene vornehmlich.«

Das einstimmige Zeugnis der Leute von der Nachtwache bestätigte in den Augen des Profoß die Worte des alten Sergeanten. Tristan l’Hermite, der die Hoffnung aufgab, etwas aus der Klausnerin herauszubringen, kehrte ihr den Rücken zu, und sie sah mit unaussprechlicher Angst, wie er langsam auf sein Pferd losschritt.

»Genug,« sagte er zwischen den Zähnen, »vorwärts! Wir wollen uns wieder auf die Suche machen! Ich will kein Auge zuthun, bevor die Zigeunerin nicht gehangen ist.«

Indessen zögerte er noch eine Zeitlang, ehe er sein Pferd bestieg. Gudule zuckte zwischen Leben und Tod, als sie ihn den Platz ringsherum mit jener unruhigen Miene eines Jagdhundes betrachten sah, welcher in seiner Nähe das Lager des Wildes spürt und Widerstreben zeigt, sich zu entfernen. Endlich schüttelte er den Kopf und sprang in den Sattel. Das so fürchterlich gepreßte Herz Gudules erweiterte sich, und sie sprach mit leiser Stimme, während sie einen Blick auf ihre Tochter warf, welche sie, solange jene da waren, nicht anzublicken gewagt hatte: »Gerettet!«

Das arme Kind war diese ganze Zeit hindurch ohne zu athmen, ohne sich zu rühren und mit dem Gedanken an. den vor ihr stehenden Tod, in ihrer Ecke geblieben. Sie hatte nichts von jener Scene zwischen Gudule und Tristan überhört, und jede der Todesqualen ihrer Mutter hatte in ihrem Herzen Nachhall gefunden. Sie hatte das ununterbrochene Knacken des Fadens vernommen, der sie über dem Abgrunde in der Schwebe hielt; zwanzig Mal hatte sie geglaubt, ihn reißen zu sehen, und jetzt endlich begann sie auszuathmen und den Fuß auf dem festen Boden zu fühlen. – In diesem Augenblicke hörte sie eine Stimme, welche zum Profoß sagte:

»Donner und Wetter! Herr Profoß, meine Sache als Kriegsmann ist es nicht, Hexen zu hängen. Das Volksgesindel ist niedergemacht. Ich überlasse Euch, das Uebrige ganz allein zu besorgen. Ihr werdet es billigen, daß ich zu meiner Compagnie zurückkehre, weil sie ohne Hauptmann ist.«

Diese Stimme war diejenige des Phöbus von Châteaupers. Was in ihr vorging ist unaussprechlich. Er war also hier, ihr Freund, ihr Beschützer, ihre Hilfe, ihre Zuflucht, ihr Phöbus! Sie erhob sich, und ehe ihre Mutter sie daran hatte verhindern können, hatte sie sich an die Luke geworfen und rief:

»Phöbus! zu mir, mein Phöbus!«

Phöbus war nicht mehr da. Er war soeben im Galopp um die Ecke der Rue-de-la-Coutellerie gesprengt. Aber Tristan war noch nicht abgezogen.

Die Klausnerin stürzte sich mit einem Wuthschrei auf ihre Tochter. Sie riß sie ungestüm nach hinten zurück, wobei sie ihr die Nägel in den Hals bohrte. Eine Mutter, die zur Tigerin wird, nimmt es dabei nicht so genau. Aber es war zu spät. Tristan hatte gesehen.

»Ih! ih!« rief er mit einem Lachen, das alle seine Zähne bloßlegte und sein Gesicht dem Rachen eines Wolfes ähnlich machte, »zwei Mäuse in der Mausefalle!«

»Ich vermuthete es,« sagte der Soldat.

Tristan schlug ihn auf die Schulter:

»Du bist eine gute Katze! … Frisch!« fügte er hinzu, »wo ist Henriet Cousin?«

Ein Mann, der weder die Kleidung noch den Gesichtsausdruck eines Soldaten hatte, trat aus ihren Reihen heraus. Er trug einen halb grauen, halb braunen Anzug, glatt anliegende Haare, lederne Aermel und ein Bündel Stricke in seiner plumpen Hand. Dieser Mensch begleitete immer Tristan, der wieder stets in Ludwigs des Elften Gesellschaft sich befand.

»Freund,« sagte Tristan l’Hermite, »ich vermuthe, daß die Hexe, die wir suchen, dort steckt. Du sollst mir sie hängen. Hast du deine Leiter?«

»Dort im Schuppen des Säulenhauses befindet sich eine« antwortete der Mann.

»Sollen wir die Sache an jenem Hochgerichte da abmachen?« fuhr er fort, indem er auf den steinernen Galgen zeigte.

»Ja.«

»Oh! he!« versetzte der Mensch mit einem lauten, noch bestialischeren Gelächter, als dasjenige des Profoß war, »da werden wir keinen weiten Weg zu machen haben.«

»Beeile dich!« sagte Tristan, »du kannst nachher lachen.«

Die Klausnerin indessen hatte, seitdem Tristan ihre Tochter gesehen und jede Hoffnung geschwunden war, noch nicht ein Wort gesprochen. Sie hatte die arme Zigeunerin halb todt in den Winkel der Höhle geworfen, und sich wieder an die Luke gestellt, nachdem sie ihre beiden Hände wie zwei Krallen in die Ecke des Gesimses gestützt. In dieser Stellung sah man sie, wie sie ihren Blick, der wieder wild und irrsinnig geworden war, über alle die Soldaten schweifen ließ. In dem Augenblicke, wo sich Henriet Cousin der Zelle näherte, zeigte sie ihm ein so wildes Gesicht, daß er zurückfuhr.

»Gnädiger Herr,« sagte er zum Profoß zurückkehrend, »welche soll ich festnehmen?«

»Die Junge.«

»Um so besser. Denn die Alte scheint unbequem.«

»Die arme kleine Tänzerin mit der Ziege!« sagte der alte Sergeant von der Wache.

Henriet Cousin näherte sich der Luke wieder. Der Blick der Mutter war so, daß er seine Augen niederschlug. Er sagte ziemlich furchtsam:

»Gute Frau …«

Sie unterbrach ihn mit sehr leiser, vor Wuth zitternder Stimme:

»Was wünschest du?«

»Von Euch nichts,« sagte er, »von der andern.«

»Welche andere?«

»Die Junge.«

Sie begann den Kopf zu schütteln und rief:

»Niemand ist hier! Niemand ist hier! Niemand ist hier!«

»Doch!« entgegnete der Henker, »Ihr wißt es wohl. Laßt mich die Junge ergreifen. Euch will ich nichts zu Leide thun, nicht Euch.«

Sie sagte mit einem sonderbaren Hohnlachen:

»Ah! mir willst du nichts zu Leide thun, mir nicht?«

»Ueberlaßt mir die andere, gute Frau; der Herr Profoß will es so.«

Sie wiederholte mit aberwitziger Miene:

»Hier ist niemand.«

»Und ich behaupte: Doch!« entgegnete der Henker; »wir haben alle gesehen, daß Ihr zwei waret.«

»Sieh lieber herein!« sagte die Klausnerin hohnlachend. »Stecke deinen Kopf durch die Luke.«

Der Henker betrachtete die Nägel der Mutter, und wagte es nicht.

»Beeile dich!« rief Tristan, der eben seinen Trupp um das Rattenloch aufgestellt hatte, und der zu Pferde neben dem Galgen hielt.

Henriet kam noch einmal und ganz verlegen zum Profoß zurück. Er hatte seinen Strick auf die Erde niedergelegt, und drehte mit linkischer Geberde seinen Hut in den Händen.

»Gnädiger Herr,« fragte er, »auf welchem Wege soll ich hineingelangen?

»Durch die Thüre.«

»Es ist keine da.«

»Durch das Fenster.«

»Das ist zu eng.«

»Mache es weiter,« sagte Tristan zornig. »Hast du keine Spitzhacken?«

Aus der Tiefe ihrer Höhle sah die Mutter, die immer noch in Erwartung war, zu. Sie hoffte nichts mehr, sie wußte nicht mehr, was sie wollte; aber sie wollte nicht zugeben, daß man ihr die Tochter nähme. Henriet Cousin holte den Kasten mit Henkerhandwerkszeug aus dem Schuppen des Säulenhauses. Er zog auch die Doppelleiter daraus hervor, welche er sogleich an den Galgen anlegte. Fünf oder sechs Leute des Profoß bewaffneten sich mit Hacken und Brecheisen, und Tristan schlug mit ihnen die Richtung nach dem Lukenfenster ein.

»Alte,« sagte der Profoß im strengen Tone, »liefere uns dieses Mädchen gutwillig aus.«

Sie sah ihn an, wie wenn man jemanden nicht versteht.

»Beim Haupte Gottes,« nahm Tristan wieder das Wort, »was hast du denn davon, diese Hexe zu hindern, sich hängen zu lassen, wie es dem Könige gefällt?«

Die Elende begann ihr wildes Lachen aufzuschlagen.

»Was ich davon habe? Es ist meine Tochter.«

Der Ton, mit dem sie dieses Wort sprach, ließ sogar Henriet Cousin selbst erschaudern.

»Das thut mir Leid,« versetzte der Profoß, »allein es ist des Königs Wille.«

Während sie ihr schreckliches Lachen verdoppelte, rief sie:

»Was in aller Welt geht mich dein König an? Ich sage dir, daß es meine Tochter ist!«

»Brecht die Mauer durch,« sagte Tristan.

Um eine hinlänglich große Oeffnung zu machen, genügte es, eine Lage Steine unterhalb der Luke loszubrechen. Als die Mutter hörte, wie die Hacken und Brechstangen ihre Festung untergruben, stieß sie einen fürchterlichen Schrei aus; dann begann sie mit erschreckender Schnelligkeit rings in ihrer Zelle herumzugehen, eine Gewohnheit wilder Thiere, welche der Käfig ihr gegeben hatte. Sie sprach nichts mehr, aber ihre Augen flammten. Die Soldaten waren in der Tiefe ihres Herzens erstarrt. Plötzlich griff sie nach ihrem Steine, lachte auf und warf ihn mit beiden Händen auf die Arbeiter. Der schlecht geworfene Stein (denn ihre Hände zitterten) traf niemanden, und rollte zwischen die Füße von Tristans Pferde. Sie knirrschte mit den Zähnen.

Während dem wurde es heller Tag, wiewohl die Sonne noch nicht aufgegangen war; ein schönes rosiges Roth glänzte an den alten, baufälligen Schornsteinen des Säulenhauses. Es war die Stunde, wo die im ersten Morgenroth schimmernden Fenster auf den Dächern der großen Stadt sich fröhlich öffneten. Einige Landleute, einige Obsthändler, welche auf ihren Eseln nach den Markthallen ritten, begannen über den Grèveplatz zu ziehen; sie machten einen Augenblick vor dieser Soldatengruppe, die rings um das Rattenloch aufgestellt war, Halt, betrachteten dieselben mit erstaunter Miene und zogen weiter.

Die Klausnerin hatte sich neben ihrer Tochter niedergesetzt, deckte sie mit ihrem Körper von vorn, und hörte mit starrem Blicke auf das arme Kind, welches sich nicht rührte und mit leiser Stimme nur das eine Wort: »Phöbus! Phöbus!« murmelte. In dem Maße, wie die Arbeit der Zerstörer fortzuschreiten schien, wich die Mutter unwillkürlich zurück und preßte das junge Mädchen mehr und mehr gegen die Mauer. Plötzlich sah die Klausnerin den Stein sich fortbewegen (denn sie paßte auf und ließ ihn nicht aus dem Auge), und sie hörte die Stimme Tristans, welcher die Arbeiter anfeuerte. Jetzt erwachte sie aus der Niedergeschlagenheit, in die sie seit einigen Augenblicken gesunken war, und sie schrie laut auf; und während die Worte ihrem Munde entflohen, zerriß ihre Stimme bald wie eine Säge das Ohr, bald stammelte sie, als ob alle Flüche sich auf ihren Lippen zusammengedrängt hätten, um auf einmal hervorzubrechen.

»Ho! ho! ho! Aber das ist schrecklich! Ihr seid Räuber! Kommt ihr wirklich, um mir meine Tochter zu entreißen? Ich sage euch ja, es ist meine Tochter! Oh! ihr Feiglinge! Oh! ihr Henkersknechte! ihr elenden Mordbuben! Hilfe! Hilfe! Feuer! Aber wollen sie mir wirklich mein Kind so entreißen? Wer ist denn der, den man den lieben Gott nennt?«

Darauf wandte sie sich wuthschäumend, mit verstörtem Blicke, wie ein Panther auf allen Vieren und mit zu Berge stehenden Haaren an Tristan:

»Komm einmal her, mir mein Kind zu nehmen! Verstehst du wirklich nicht, was ich, das Weib dir sagte, daß das meine Tochter ist? Weißt du, was das ist: ein Kind, das man besitzt? He! Luchs, hast du niemals bei deiner Wölfin gelegen? Hast du niemals ein Junges von ihr gehabt? Und wenn du Kleine hast, wenn sie heulen, hast du nichts im Leibe, was das bewegt?«

»Werft den Stein nieder,« sagte Tristan, »er hält nicht mehr.«

Die Brechstangen hoben den mächtigen Stein in die Höhe. Er war, wie wir schon gesagt haben, die letzte Schutzwehr der Mutter. Sie warf sich darüber her; sie wollte ihn festhalten; sie kratzte mit ihren Nägeln in den Stein, aber der schwere Block, der von sechs Männern in Bewegung gesetzt wurde, entschlüpfte ihrer Hand und glitt langsam an den eisernen Brechstangen entlang zur Erde herab.

Als die Mutter sah, daß der Zugang geöffnet war, stürzte sie quer vor der Oeffnung nieder, verbarrikadirte die Bresche mit ihrem Körper, rang die Arme, stieß den Kopf gegen den Fußboden, und schrie mit einer vor Ermattung so heiseren Stimme, daß man sie kaum hörte:

»Hilfe! Feuer! Feuer!«

»Ergreift jetzt das Mädchen,« sagte Tristan noch immer empfindungslos.

Die Mutter sah die Soldaten in einer so fürchterlichen Weise an, daß diese mehr Lust verspürten zurückzuweichen, als hineinzudringen.

»Ich dächte gar,« fuhr der Profoß fort. »Henriet Cousin, thue deine Pflicht!«

Niemand hob einen Fuß.

Der Profoß fluchte:

»Beim Haupte Christi! meine Krieger! Furcht vor einem Weibe!«

»Gnädiger Herr,« sagte Henriet, »Ihr nennt das ein Weib?«

»Sie hat eine Löwenmähne!« sagte ein anderer.

»Vorwärts,« wiederholte der Profoß, »das Loch ist breit genug. Dringt drei Mann hoch hinein, wie in die Bresche bei Pontoise. Wir wollen ein Ende machen, beim Tode Muhameds! Den Ersten, der weicht, haue ich in Stücke!«

Die Soldaten, die zwischen den Profoß und die Mutter gestellt, von beiden Seiten bedroht waren, schwankten einen Augenblick, dann gingen sie entschlossen auf das Rattenloch los.

Als die Klausnerin das sah, richtete sie sich plötzlich auf ihren Knien auf, strich sich die Haare aus dem Gesicht, und ließ darauf ihre magern und wundgeriebenen Hände auf ihre Schenkel niedersinken. Jetzt rollten dicke Thränen eine nach der andern aus ihren Augen; sie flossen in einer Falte über ihre Backen herab, wie ein Sturzbach in dem Bette, das er sich ausgehöhlt hat. Zugleich begann sie zu sprechen, aber mit einer so flehenden, so sanften, so demüthigen und eindringlichen Stimme, daß in Tristans Umgebung mehr als ein alter Haudegen, der Menschenfleisch verschlungen haben würde, sich die Augen trocknete.

»Gnädige Herren! meine Herren Häscher, ein Wort! Es ist etwas, was ich euch erzählen muß. Das ist meine Tochter, seht ihr? Meine theuere kleine Tochter, die ich verloren hatte! Höret mich an. Es ist eine Geschichte. Stellt euch vor, daß ich die Herren Häscher sehr gut kenne. Sie sind immer gütig gegen mich zu der Zeit gewesen, als die kleinen Knaben mit Steinen nach mir warfen, weil ich ein Liebesleben führte. Seht ihr? ihr werdet mir mein Kind lassen, wenn ihr das wißt! Ich bin ein armes Freudenmädchen. Die Zigeunerinnen haben sie mir gestohlen. Selbst ihren Schuh habe ich fünfzehn Jahre lang aufgehoben. Sehet, da ist er, solch einen Fuß hatte sie. In Reims, die Chantefleurie! In der Straße Folle-Peine! Ihr habt sie vielleicht gekannt. Das war ich. In euerer Jugend, damals war eine schöne Zeit, man verlebte schöne Augenblicke. Ihr werdet Mitleid mit mir haben, nicht wahr, gnädige Herren? Die Zigeunerinnen haben sie mir gestohlen; sie haben sie mir fünfzehn Jahre lang verheimlicht. Ich hielt sie für todt. Stellt euch vor, meine lieben Freunde, daß ich sie für todt hielt. Ich habe fünfzehn Jahre hier verlebt in diesem Keller, den Winter ohne Feuer. Es ist hart, das. Der arme liebe kleine Schuh! Ich habe so lange geschrien, bis der liebe Gott mich erhört hat. Heute Nacht hat er mir meine Tochter wiedergegeben. Es ist ein Wunder des lieben Gottes. Sie war nicht todt. Ihr werdet sie mir nicht nehmen, ich bin dessen sicher. Wenn ich es noch wäre, wollte ich nichts einwenden; aber sie, ein Kind von sechzehn Jahren! Lasset ihr Zeit, die Sonne zu sehen! … Was hat sie euch gethan? Gar nichts. Ich auch nicht. Wenn ihr wüßtet, daß ich nur sie habe, daß ich alt bin, daß es ein Segen ist, den mir die Heilige Jungfrau schickt! Und dann seid ihr alle ja so gut! Ihr wußtet nicht, daß es meine Tochter ist; jetzt wißt ihr es. Ach! ich habe sie lieb! Gewaltiger Herr Profoß, ich möchte lieber ein Loch in meinem Herzen haben, als eine Schramme an ihrem Finger sehen! Ihr habt das Aussehen eines gütigen Herrn! Was ich Euch da sage, erklärt Euch die Sache, nicht wahr? Oh! wenn Ihr eine Mutter gehabt habt, gnädiger Herr! Ihr seid der Hauptmann, laßt mir mein Kind! Bedenket, daß ich Euch auf den Knien bitte, wie man zu Jesu Christo betet! Ich verlange von niemandem etwas; ich bin von Reims, gnädige Herren; ich habe ein kleines Feld von meinem Onkel Mahiet Pradon. Ich bin keine Bettlerin, ich mag nichts, aber ich will mein Kind! Ach! ich will mein Kind behalten! Der liebe Gott, welcher der Herr über Alles ist, hat es mir nicht umsonst wiedergegeben! Der König! Ihr sagt, der König! Das wird ihm doch nicht viel Vergnügen machen, daß man meine kleine Tochter tödtet! Und dann ist der König gütig! Es ist meine Tochter! es ist meine Tochter, meine eigene! Sie gehört nicht dem Könige! sie gehört nicht euch! Ich will fort von hier! Wir wollen beide fort von hier! Mit einem Worte: zwei Frauen, welche fortziehen, von denen eine die Mutter, die andere die Tochter ist, die läßt man ziehen! Laßt uns ziehen! Wir sind von Reims. Ach! ihr seid sehr gütig! Meine Herren Häscher, ich habe euch alle lieb. Ihr könnt mir meine liebe Kleine nicht nehmen, das ist unmöglich! Nicht wahr, das ist durchaus unmöglich! Mein Kind! mein Kind!«

Wir wollen es nicht versuchen, eine Vorstellung zu geben von ihrer Geberde, von dem Ausdrucke ihrer Worte, von den Thränen, die sie beim Sprechen schluckte, von den gefalteten und gerungenen Händen, von dem herzzerreißenden Lachen, von den nassen Blicken, von dem Wimmern und den Seufzern, von dem kläglichen und ergreifenden Geschrei, das sie in ihre unmäßigen, wahnwitzigen und zusammenhangslosen Worte mengte. Als sie schwieg, runzelte Tristan l’Hermite die Stirn, um eine Thräne zu verbergen, die in sein Tigerauge trat. Er überwand jedoch diese Schwäche, und sagte in kurzem Tone:

»Der König will es.«

Dann neigte er sich zu Henriet Cousins Ohre und sagte ganz leise:

»Mach schnell ein Ende!« Der furchtbare Profoß fühlte vielleicht, daß es auch ihm schwach ums Herz wurde.

Der Henker und Häscher drangen in die Zelle ein. Die Mutter leistete gar keinen Widerstand; sie schleppte sich nur nach ihrer Tochter hin, und warf sich mit Ungestüm über sie her. Die Zigeunerin sah die Soldaten hereintreten. Das Entsetzen vor dem Tode belebte sie wieder:

»Meine Mutter!« rief sie mit einem Tone fürchterlicher Seelenangst, »meine Mutter! sie kommen! vertheidige mich!«

»Ja, meine Liebe, ich vertheidige dich!« antwortete die Mutter mit tonloser Stimme; und während sie sie fest in ihre Arme preßte, bedeckte sie sie mit Küssen. Alle beide, Mutter und Tochter, die so auf dem Boden lagen, boten einen erbarmungswürdigen Anblick.

Henriet Cousin faßte das junge Mädchen unter ihren schönen Schultern mitten um den Leib. Als sie diese Hand spürte, stieß sie ein »Wehe!« aus und fiel in Ohnmacht. Der Henker, welcher eine dicke Thräne nach der andern auf sie herabfließen ließ, wollte sie in seinen Armen wegtragen. Er versuchte die Mutter loszureißen, die ihre beiden Hände gleichsam um den Gürtel ihrer Tochter ineinandergeknotet hatte; aber sie hatte sich so außerordentlich an ihr Kind festgeklammert, daß es unmöglich war, sie davon zu trennen. Henriet Cousin zerrte das junge Mädchen nun aus der Zelle heraus und die Mutter hinter ihr her. Die Mutter hatte ihre Augen gleichfalls geschlossen.

In diesem Augenblicke hob sich die Sonne über den Horizont, und auf dem Platze war schon ein ziemlich zahlreicher Volkshaufen versammelt, der in der Entfernung mit ansah, was man so über den Boden weg nach dem Galgen hin schleppte. Denn das war die Art und Weise des Profoßes Tristan bei öffentlichen Hinrichtungen. Er hatte die fixe Idee, die neugierigen Gaffer fernzuhalten.

An den Fenstern war niemand zu erblicken. Man sah nur in der Ferne, an demjenigen auf der Höhe der Notre-Damethürme, welches die Aussicht auf den Grèveplatz eröffnet, zwei dunkel am lichten Morgenhimmel sich abhebende Männer, welche zuzusehen schienen.

Henriet Cousin hielt mit dem, was er hinter sich herzerrte, am Fuße der verhängnisvollen Leiter an, und fast athemlos – so sehr hatte der Vorgang ihn in Mitleid versetzt – schlang er den Strick um den entzückenden Hals des jungen Mädchens. Das unglückselige Kind empfand die fürchterliche Umschlingung des hanfenen Strickes. Sie schlug die Augenlider auf und sah den dürren Arm des steinernen Galgens über ihrem Kopfe ausgestreckt. Sie wurde da von einem Schauder geschüttelt und schrie mit lauter und herzzerreißender Stimme: »Nein! nein! ich will nicht!« Die Mutter, deren Kopf in den Kleidern ihrer Tochter vergraben und versteckt war, sprach kein Wort; man sah nur ihren ganzen Körper beben und hörte sie ihre Küsse an ihrem Kinde verdoppeln. Der Henker benutzte diesen Augenblick, um schnell die Arme loszumachen, mit denen sie die Verurtheilte umklammert hielt. War es Erschöpfung oder war es Verzweiflung, sie ließ ihn machen. Dann nahm er das junge Mädchen auf seine Schulter, von der das reizende Wesen gebrochen über seinen breiten Kopf zurücksank. Nun setzte er den Fuß auf die Leiter, um hinaufzusteigen.

In diesem Augenblicke öffnete die auf dem Boden hockende Mutter plötzlich die Augen. Ohne einen Schrei auszustoßen, richtete sie sich mit einem fürchterlichen Gesichtsausdrucke auf; dann stürzte sie sich, wie ein Thier auf seine Beute, auf die Hand des Henkers und biß hinein. Das war wie ein Blitzstrahl. Der Henker heulte vor Schmerz auf. Man eilte herbei und riß mit Mühe seine blutende Hand aus den Zähnen, der Mutter heraus. Sie beharrte in tiefem Schweigen. – Man stieß sie ziemlich heftig zurück, und beobachtete, wie ihr Kopf schwer auf den Boden niederschlug; man richtete sie wieder auf, sie ließ sich von neuem niedersinken. Sie war nämlich todt.

Der Henker, welcher das junge Mädchen nicht losgelassen hatte, begann die Leiter hinaufzusteigen.

  1. Lateinisch: Wie die Bienen die Geometrie. Anm. d. Uebers.
  2. Lateinisch: Gegen die Habsucht. Anm. d. Uebers.