Roman

Noirtier von Villefort.

 

Noirtier von Villefort.

 

Während der eben mitgeteilten Unterredung zwischen Valentine und Maximilian trug sich im Hause des Staatsanwalts folgendes zu. Herr von Villefort trat mit Frau von Villefort bei dem Vater des ersteren ein. Beide setzten sich an die Seite des Greises, nachdem sie ihn begrüßt und Barrois, einen alten Diener, der schon 25 Jahre in seinem Dienste stand, weggeschickt hatten.

 

Herr Noirtier saß in seinem großen Rollstuhle, auf den man ihn jeden Morgen setzte, einem Spiegel gegenüber, in dem das ganze Zimmer sichtbar war und der dem Greise, ohne daß er eine Bewegung machte, zeigte, wer in sein Zimmer eintrat, wer es verließ und was man um ihn her machte. Unbeweglich wie ein Leichnam, schaute Herr Noirtier mit gescheiten, lebhaften Augen seine Kinder an, deren umständliche Begrüßung ihm irgend einen feierlichen und unerwarteten Schritt verkündigte.

 

Das Gesicht und das Gehör waren noch die einzigen Sinne, die wie zwei Funken dieses bereits zu drei Vierteln dem Grabe angehörige menschliche Gebilde belebten; und von diesen zwei Sinnen vermochte nur einer nach außen das innere Leben des starren Körpers zu enthüllen, das Auge. Und dieses Auge, welches das innere Leben offenbarte, war einem von jenen fernen Lichtern ähnlich, die in finsterer Nacht dem in der Wüste verirrten Reisenden anzeigen, daß es noch ein Wesen gibt, welches in dieser Stille und in dieser Dunkelheit wacht.

 

In dem schwarzen Auge des alten Noirtier, das eine schwarze Braue überragte, während all sein Haar, das er lang und auf die Schultern herabhängend trug, weiß war, – in diesem Auge waren die ganze Tätigkeit, die ganze Gewandtheit, die ganze Kraft, der ganze Verstand, die einst in diesem Körper und in diesem Geiste weilten, nunmehr konzentriert. Fehlten auch die Bewegungen des Armes, die Gebärden des Antlitzes, der Ton der Stimme, die Haltung des Körpers, dieses mächtige Auge ersetzte alles; er befahl mit den Augen, er dankte mit den Augen; es war ein Leichnam mit lebendigen Augen, und nichts war ergreifender anzuschauen, als wenn sich zuweilen in diesem Marmorgesichte ein Zorn entzündete oder eine Freude glänzte. Nur drei Personen verstanden die Sprache des armen Gelähmten: Villefort, Valentine und der alte Diener. Da jedoch Villefort nur selten und eigentlich nur, wenn er es nicht umgehen konnte, seinen Vater sah, so beruhte das ganze Glück des Greises auf seiner Enkelin, und Valentine war durch Ergebenheit, Liebe und Geduld dahin gelangt, daß sie alle Gedanken Noirtiers von seinen Augen ablas. Auf seine stumme, für jeden andern unverständliche Sprache antwortete sie mit ihrer ganzen Stimme, mit ihrer ganzen Physiognomie, mit ihrer ganzen Seele, so daß sogar lebensvolle Gespräche zwischen dem Mädchen und dem Mann mit dem ungeheuren Wissen, dem unerhörten Scharfsinne und dem mächtigen Willen stattfinden konnten.

 

Valentine hatte also das seltsame Problem gelöst, die Gedanken des Greises zu verstehen und ihm ihre Gedanken verständlich zu machen; und infolgedessen kam es nur selten vor, daß sie bei den gewöhnlichen Vorkommnissen des Lebens nicht genau das Verlangen dieser lebendigen Seele oder das Bedürfnis dieses halb unempfindlichen Körpers erraten hätte. Der Diener Barrois kannte alle Gewohnheiten seines Herrn, und Noirtier brauchte nur ausnahmsweise etwas von ihm zu verlangen.

 

Villefort bedurfte keiner Unterstützung, um mit seinem Vater das seltsame Gespräch anzuknüpfen, das er mit ihm zu führen gedachte, denn auch er kannte, wie gesagt, vollkommen das Wörterbuch des Greises, und wenn er sich desselben nicht häufiger bediente, so geschah dies aus Überdruß oder Gleichgültigkeit. Er ließ also vorher Valentine in den Garten hinabgehen, entfernte Barrois, setzte sich rechts von seinem Vater, während Frau von Villefort ihren Platz zu seiner Linken nahm, und begann: Mein Herr, wundern Sie sich nicht, daß Valentine nicht mit uns heraufgekommen ist, und daß ich Barrois entfernte, denn die Unterredung, die wir untereinander haben werden, kann nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens oder eines Dieners stattfinden; Frau von Villefort und ich haben Ihnen eine Mitteilung zu machen.

 

Noirtiers Gesicht blieb unempfindlich, während Villeforts Auge bis in die tiefste Seele des Greises dringen zu wollen schien.

 

Diese Mitteilung, fuhr der Staatsanwalt mit dem eisigen Tone fort, der nie einen Widerspruch zuzulassen schien, diese Mitteilung, Frau von Villefort und ich sind fest davon überzeugt, wird Sie erfreuen.

 

Das Auge des Greises blieb teilnahmlos, er hörte nur.

 

Mein Herr, sagte Villefort, wir verheiraten Valentine.

 

Ein Gesicht von Wachs wäre bei dieser Kunde nicht kälter geblieben, als das Gesicht des Greises.

 

Die Heirat wird binnen drei Monaten stattfinden, fügte Villefort hinzu.

 

Das Auge des Greises blieb immer gleich leblos.

 

Frau von Villefort nahm ebenfalls das Wort und sagte hastig:

 

Wir dachten, diese Mitteilung hätte Interesse für Sie, mein Herr; überdies schien Valentine sich stets Ihrer Zuneigung zu erfreuen; wir haben Ihnen also nur noch den Namen des für sie bestimmten jungen Mannes zu sagen. Es ist eine von den ehrenvollsten Partien, auf die Valentine Anspruch machen kann. Der junge Mann besitzt Vermögen, einen schönen Namen, und sein Benehmen und sein Geschmack bieten die vollkommene Gewähr, daß sie glücklich sein wird. Sein Name kann Ihnen nicht unbekannt sein: es handelt sich um Franz von Quesnel, Baron d’Epinay.

 

Während der kurzen Rede seiner Frau heftete Villefort einen noch aufmerksameren Blick als zuvor auf den Greis. Sobald Frau von Villefort den Namen Franz aussprach, bebte Noirtiers Auge, das sein Sohn so gut kannte, und ließ einen Blitz hervorleuchten.

 

Der Staatsanwalt, der mit der früheren politischen Feindschaft, die zwischen seinem Vater und Franzens Vater bestanden hatte, vertraut war, begriff diesen Feuerblick und diese Aufregung; doch er ließ beides scheinbar unbemerkt vorübergehen und nahm die Rede da wieder auf, wo seine Frau abgebrochen hatte.

 

Mein Herr, sagte er, Sie begreifen, es ist von Wichtigkeit, daß Valentine, die nunmehr ihrem neunzehnten Jahre nahe steht, ihre häusliche Versorgung findet. Nichtsdestoweniger haben wir Sie bei unseren Konferenzen nicht vergessen, und wir haben uns zum voraus vergewissert, daß Valentines Gatte einwilligen würde, wenn nicht bei uns zu leben, was für ein junges Ehepaar vielleicht lästig wäre, wenigstens Sie, den Valentine ganz besonders liebt, und der die gleiche Zuneigung für sie zu besitzen scheint, bei sich aufzunehmen. Dann würden Sie keine von Ihren Gewohnheiten aufzugeben brauchen und statt eines zwei Kinder haben, die über Ihre alten Tage wachten.

 

Noirtiers Augenblitz wurde gleichsam blutig. Es ging offenbar etwas Furchtbares im Innern des Greises vor, sicherlich stieg ihm der Schrei des Schmerzes und der Wut in die Kehle und erstickte ihn beinahe, da er nicht ausbrechen konnte, denn sein Gesicht wurde purpurrot, und seine Lippen erbleichten.

 

Villefort öffnete ruhig ein Fenster und sagte: Es ist sehr warm hier, die Wärme bekommt Herrn Noirtier schlecht.

 

Dann kam er zurück, jedoch ohne sich zu setzen.

 

Die erwähnte Heirat, fügte Frau von Villefort hinzu, ist Herrn d’Epinay und seiner Familie sehr angenehm; übrigens besteht diese Familie nur aus einem Oheim und einer Tante. Seine Mutter starb in dem Augenblick, wo sie ihn zur Welt brachte, und da sein Vater 1815, das heißt, als das Kind kaum zwei Jahre alt war, ermordet wurde, so braucht er nur dem eigenen Willen zu folgen.

 

Ein geheimnisvoller Mord, dessen Urheber unbekannt geblieben sind, obgleich der Verdacht sich auf verschiedene lenkte, sagte Villefort.

 

Noirtier machte eine solche Anstrengung, daß seine Lippen sich wie zu einem Lächeln zusammenzogen.

 

Die wahren Schuldigen aber, fuhr Villefort fort, diejenigen, die da wissen, daß sie das Verbrechen begangen haben; diejenigen, welche die Gerechtigkeit der Menschen während ihres Lebens und die Gerechtigkeit Gottes nach ihrem Tode treffen kann, sollten glücklich sein, wenn sie sich an unserem Platze befänden und Herrn Franz d’Epinay eine Tochter bieten könnten, um auch den Schein des Verdachtes zu ersticken.

 

Noirtier hatte sich mit einer Gewalt beruhigt, die man bei dieser gebrochenen Organisation nicht hätte erwarten sollen.

 

Ja, ich begreife, antwortete er Villefort mit einem Blicke, der zugleich tiefe Verachtung und sittlichen Zorn ausdrückte.

 

Villefort erwiderte diesen Blick, dessen Inhalt er gelesen hatte, mit einem leichten Achselzucken. Dann bedeutete er seiner Frau durch ein Zeichen, sie möge aufstehen.

 

Mein Herr, genehmigen Sie nun den Ausdruck meiner Achtung, sagte Frau von Villefort. Erlauben Sie, daß Eduard Ihnen seine Ehrfurcht bezeugt?

 

 

Verabredetermaßen drückte der Greis durch ein Schließen der Augen seine Billigung, seine Weigerung durch ein wiederholtes Blinzeln, und irgend einen Wunsch dadurch aus, daß er seine Augen zum Himmel aufschlug. Verlangte er nach Valentine, so schloß er nur das rechte Auge, verlangte er nach Barrois, so schloß er das linke Auge.

 

Auf Frau von Villeforts Frage blinzelte er heftig.

 

Als Frau von Villefort den Vorschlag mit einer offenbaren Weigerung aufgenommen sah, kniff sie die Lippen zusammen.

 

Ich werde Ihnen also Valentine schicken? sagte sie.

 

Ja, antwortete der Greis, rasch die Augen schließend.

 

Herr und Frau von Villefort grüßten und entfernten sich mit dem Befehle, Valentine zu rufen, der indessen schon gesagt worden war, sie sollte sich im Verlaufe des Tages bei Herrn Noirtier einfinden.

 

Kaum hatten sich die Eltern entfernt, so trat Valentine, noch ganz rosig vor Aufregung, bei dem Greise ein. Ein Blick sagte ihr, wie sehr ihr Großvater litt, und wieviel er ihr zu sagen hatte.

 

Ah, guter Papa, rief sie, was ist denn geschehen? Nicht wahr, man hat dich geärgert, und du bist aufgebracht?

 

Ja, erwiderte er, die Augen schließend.

 

Gegen wen? Gegen meinen Vater? Nein. Gegen Frau von Villefort? Nein. Gegen mich?

 

Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.

 

Gegen mich! versetzte Valentine erstaunt.

 

Der Greis wiederholte das Zeichen.

 

Was habe ich dir denn getan, lieber, guter Papa? rief Valentine. – Keine Antwort; sie fuhr fort: Ich habe dich den ganzen Tag nicht gesehen, man hat dir irgend etwas über mich gesagt.

 

Ja, sagte mit Heftigkeit der Blick des Greises.

 

Vergebens suche ich zu erraten. Mein Gott! ich schwöre dir, guter Vater … Ah! nicht wahr, Herr und Frau Villefort gingen soeben von hier weg?

 

Ja.

 

Und sie sind es, welche dir Dinge gesagt haben, die dich ärgern? Was ist es denn? Mein Gott! Was konnten sie dir sagen? Und sie suchte, endlich sagte sie, die Stimme dämpfend und sich dem Greise nähernd. Oh! ich habe es, sie sprachen vielleicht von meiner Verheiratung?

 

Ja, antwortete der zornige Blick.

 

Ich begreife, du grollst mir wegen meines Stillschweigens. Oh! siehst du, sie hatten mir so oft eingeschärft, dir nichts davon zu sagen! Sie hätten mir selbst nichts davon gesagt, würde ich es nicht durch einen Zufall selbst erfahren haben; deshalb war ich so zurückhaltend gegen dich. Vergib mir, guter Papa Noirtier!

 

Wieder starr und ausdruckslos geworden, schien der Blick zu antworten: Es ist nicht allein dein Stillschweigen, was mich betrübt.

 

Was ist es denn? fragte das junge Mädchen; du glaubst vielleicht, ich würde dich verlassen, guter Vater, meine Heirat könnte mich vergeßlich machen?

 

Nein, erwiderte der Greis.

 

Warum bist du dann ärgerlich? Die Augen des Greises nahmen einen Ausdruck von unendlicher Sanftmut an.

 

Ja, ich begreife, sagte Valentine, weil du mich liebst.

 

Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.

 

Und du fürchtest, ich könnte unglücklich werden?

 

Ja.

 

Du liebst Herrn Franz nicht?

 

Seine Augen wiederholten drei- oder viermal: Nein.

 

Dann bist du wohl sehr bekümmert, lieber Vater?

 

Ja.

 

Wohl, so höre, sagte Valentine, vor Noirtier niederknieend und ihre Arme um seinen Hals schlingend. Ich bin auch sehr bekümmert, denn ich liebe Herrn Franz d’Epinay ebenfalls nicht.

 

Ein Blitz der Freude erleuchtete die Augen des Greises.

 

Als ich mich ins Kloster zurückziehen wollte, warst du so sehr aufgebracht gegen mich.

 

Eine Träne befeuchtete das trockene Augenlid Noirtiers.

 

Nun wohl, fuhr Valentine fort, ich dachte hieran, um dieser Heirat zu entgehen, die mich in Verzweiflung bringt.

 

Noirtiers Atem wurde keuchend.

 

Diese Heirat macht dir also großen Kummer, guter Vater? Oh, mein Gott! wenn du mir beistehen könntest, wenn wir beide diesen Plan zu vereiteln vermöchten! Aber du bist ohne Kraft gegen sie, du, dessen Geist doch so lebhaft, dessen Wille noch so fest ist; wenn es sich aber darum handelt, zu kämpfen, so bist du schwach und sogar noch schwächer als ich. Ach! du wärest in den Tagen deiner Kraft und deiner Gesundheit ein so mächtiger Beschützer für mich gewesen; aber heute vermagst du nur noch mich zu begreifen und dich mit mir zu freuen oder zu betrüben; es ist dies ein letztes Glück, das mir Gott mit den andern zu nehmen vergessen hat.

 

In Noirtiers Augen lag ein solcher Ausdruck von Kraft und Tiefe, daß das junge Mädchen darin die Worte zu lesen glaubte: Du täuschest dich, ich vermag noch viel für dich.

 

Du vermagst noch etwas für mich, lieber, guter Papa?

 

Ja.

 

Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf. Dies war das zwischen ihm und Valentine verabredete Zeichen, wenn er etwas wünschte.

 

Was willst du, lieber, guter Papa?

 

Valentine suchte einen Augenblick in ihrem Geiste, drückte laut ihre Gedanken aus, wie sie ihr hintereinander kamen, und als sie sah, daß der Greis auf alles, was sie sagen mochte, beständig: Nein! antwortete, rief sie: Wohl, wir müssen zu den großen Mitteln greifen, da ich so dumm bin.

 

Dann sagte sie hintereinander alle Buchstaben des Alphabets her vom A bis zum N, während ihr Lächeln das Auge des Gelähmten befragte; beim N machte Herr Noirtier ein bejahendes Zeichen.

 

Ah! sagte Valentine, die Sache, die du begehrst, fängt mit dem Buchstaben N an; laß einmal sehen, na, ne, ni, no …

 

Ja, ja, ja, machte der Greis.

 

Ah, es ist no.

 

Valentine holte ein Wörterbuch, das sie vor Noirtier legte; sie öffnete es, und während das Auge des Greises auf die Blätter geheftet war, lief ihr Finger rasch auf den Seiten herab.

 

Die Übung seit den sechs Jahren, da Noirtier in seinen betrübten Zustand verfallen, machten ihr die Proben so leicht, daß sie so rasch den Gedanken des Greises erriet, als hätte dieser selbst in dem Wörterbuch suchen können.

 

Bei dem Worte Notar gab ihr Noirtier ein Zeichen, einzuhalten.

 

Notar? sagte sie; du willst einen Notar, guter Papa?

 

Der Greis machte ein Zeichen, daß er wirklich einen Notar verlange.

 

Darf es mein Vater wissen?

 

Ja.

 

Dann wird man dir ihn sogleich holen!

 

Valentine lief nach der Glocke, rief einen Bedienten und bat ihn, Herrn oder Frau von Villefort zu dem Großvater zu bitten.

 

Bist du zufrieden? sagte Valentine und lächelte ihrem Großvater zu, wie eine Mutter ihrem Kinde.

 

Herr von Villefort trat, von Barrois gerufen, wieder ein.

 

Was wollen Sie, mein Herr? fragte er den Gelähmten.

 

Mein Großvater verlangt nach einem Notar, sagte Valentine.

 

Bei diesem seltsamen und so unerwarteten Verlangen wechselte Herr von Villefort einen Blick mit dem Gelähmten.

 

Ja, machte der letztere mit einer Festigkeit, die ausdrücken wollte, er sei mit Hilfe von Valentine und seinem alten Diener, der nun wußte, was er haben wollte, bereit, den Kampf aufzunehmen.

 

Warum? fragte Villefort.

 

Der Blick des Gelähmten blieb unbeweglich und folglich stumm, was besagen wollte: Ich beharre auf meinem Willen.

 

Um uns einen schlimmen Streich zu spielen? versetzte Villefort, lohnt sich das der Mühe?

 

Wenn der gnädige Herr einen Notar haben will, so bedarf er seiner offenbar, sagte Barrois mit der, alten Bedienten eigentümlichen Hartnäckigkeit. Also werde ich einen Notar holen.

 

Barrois erkannte keinen andern Herrn an, als Noirtier, und gab nie zu, daß seinem Willen in irgend einer Beziehung widersprochen wurde.

 

Ja, ich will einen Notar, machte der Greis und schloß die Augen mit einer Miene des Trotzes, und als wollte er sagen: Wir wollen doch sehen, ob man es wagt, mir zu verweigern, was ich verlange.

 

Es wird ein Notar kommen, da Sie es durchaus so haben wollen, mein Herr; doch ich werde mich und Sie bei ihm entschuldigen, denn die Szene wird sehr lächerlich sein.

 

In dem Augenblick, wo Barrois wegging, schaute Noirtier Valentine mit einer herausfordernden Teilnahme an, die mehr sagte als Worte. Das Mädchen begriff diesen Blick und Villefort ebenfalls, denn seine Stirn verdüsterte sich, und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Er nahm einen Stuhl, setzte sich in dem Zimmer des Gelähmten fest und wartete.

 

Noirtier ließ ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit gewähren, forderte aber mit einem kurzen Seitenblick Valentine auf, sich durchaus nicht zu beunruhigen und ebenfalls zu bleiben.

 

Drei Viertelstunden nachher kam der Diener mit dem Notar zurück.

 

Mein Herr, sagte Villefort nach den ersten Begrüßungen, Sie sind von Herrn Noirtier von Villefort hierher berufen worden; eine allgemeine Lähmung hat ihm den Gebrauch der Glieder und der Stimme geraubt, und uns allein gelingt es mit großer Mühe, einige Fetzen seiner Gedanken aufzufassen.

 

Noirtier ließ mit dem Auge eine so ernste und gebieterische Mahnung an Valentine ergehen, daß Sie auf der Stelle hinzufügte: Ich, mein Herr, verstehe alles, was mein Großvater sagen will.

 

Es ist wahr, bestätigte Barrois, alles, durchaus alles, wie ich dem Herrn unterwegs sagte.

 

Erlauben Sie mir, mein Herr, und Sie, mein Fräulein, sagte der Notar, sich an Villefort und Valentine wendend, es ist dies einer von den Fällen, wo der öffentliche Beamte nicht unbedachtsam zu Werke gehen darf, ohne eine gefährliche Verantwortlichkeit zu übernehmen. Wenn ein Akt gültig sein soll, so muß der Notar notwendigerweise vor allem davon überzeugt sein, daß er den Willen dessen, der ihm denselben diktiert, genau aufgefaßt und getreu ausgelegt hat. Ich kann aber unmöglich der Billigung oder der Mißbilligung eines Klienten, der nicht spricht, sicher sein, und da mir der Gegenstand seiner Wünsche oder seines Widerstrebens infolge seiner Stummheit nicht klar dargetan werden kann, so ist meine Tätigkeit hier mehr als unnütz und wäre sogar ungesetzlich ausgeübt.

 

Der Notar tat einen Schritt, um sich zu entfernen. Ein unmerkliches Lächeln des Triumphes zeigte sich auf den Lippen des Staatsanwaltes. Noirtier aber schaute Valentine mit einem so schmerzlichen Ausdrucke an, daß sie sich dem Notar in den Weg stellte.

 

Mein Herr, sagte sie, die Sprache, welche ich mit meinem Großvater spreche, läßt sich sehr leicht erlernen; und ich will sie Ihnen in wenigen Minuten begreiflich machen. Was brauchen Sie, mein Herr, um zur vollkommenen Beruhigung Ihres Gewissens zu gelangen?

 

Sie fragen, was zur Gültigkeit unserer Akte nötig sei? erwiderte der Notar; die Gewißheit der Billigung oder Mißbilligung. Wenn man testieren will, kann man zwar körperlich krank, aber geistig muß man gesund sein.

 

Wohl, mein Herr, mit zwei Zeichen werden Sie die Gewißheit erlangen, daß sich mein Großvater nie mehr, als jetzt, der Fülle seines Verstandes erfreut. Der Stimme und der Beweglichkeit der Gliedmaßen beraubt, schließt Herr Noirtier die Augen, wenn er ja sagen will, und blinzelt wiederholt, wenn er nein sagen will. Sie wissen nun genug, um mit Herrn Noirtier zu sprechen; versuchen Sie es!

 

Der Blick, den der Greis Valentine zuwarf, war so voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit, daß ihn selbst der Notar begriff.

 

Sie haben gehört und verstanden, mein Herr, was Ihre Enkelin soeben sagte? fragte der Notar.

 

Noirtier schloß sacht die Augen und öffnete sie dann bald wieder.

 

Und Sie billigen, was sie sagte, nämlich, daß die von ihr angegebenen Zeichen wirklich die sind, mit deren Hilfe Sie Ihre Gedanken begreiflich machen?

 

Ja, machte der Greis.

 

Sie ließen mich rufen, um Ihr Testament zu machen?

 

Ja.

 

Und ich soll mich nicht entfernen, ohne dieses Testament gemacht zu haben?

 

Der Gelähmte blinzelte lebhaft und wiederholt mit den Augen.

 

Begreifen Sie nun, fragte das Mädchen, und ist Ihr Gewissen beruhigt?

 

Doch ehe der Notar antworten konnte, zog ihn Villefort beiseite und sagte zu ihm: Mein Herr, glauben Sie, daß ein Mensch ungestraft einen so furchtbaren körperlichen Schlag, wie ihn Herr Noirtier von Villefort erfahren hat, ertragen könne, ohne daß sein Geist ebenfalls bedenklich angegriffen sein muß.

 

Das beunruhigt mich nicht so sehr, Herr von Villefort, antwortete der Notar, aber ich frage mich, wie wir dazu gelangen, die Gedanken zu erraten, um Antworten hervorzurufen.

 

Sie sehen also, daß es unmöglich ist, sagte Villefort.

 

Valentine und der Greis hörten diese Unterredung mit an. Noirtier heftete seinen Blick so starr und fest auf Valentine, daß er offenbar eine Erwiderung veranlassen wollte.

 

Mein Herr, sagte sie, lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen! So schwierig es auch ist oder vielmehr scheinen mag, die Gedanken meines Großvaters zu entdecken, so werde ich sie Ihnen doch in einer Weise offenbaren, die jeden Zweifel in dieser Hinsicht benehmen muß. Seit sechs Jahren bin ich bei Herrn von Noirtier, und er mag selbst sagen, ob im Verlauf dieser sechs Jahre einer von seinen Wünschen, weil er ihn mir nicht hätte verständlich machen können, in seinem Herzen begraben geblieben ist.

 

Nein, bezeichnete der Greis.

 

Versuchen wir es! sagte der Notar. Sie nehmen das Fräulein zu Ihrem Dolmetscher an?

 

Der Gelähmte machte ein bejahendes Zeichen.

 

Wohl; was wünschen Sie, mein Herr, und welcher Akt soll vorgenommen werden?

 

Valentins! nannte alle Buchstaben des Alphabets bis zum Buchstaben T.

 

Bei dem T hielt Noirtiers beredter Blick an.

 

Der Herr verlangt den Buchsraben T, sagte der Notar; das ist offenbar.

 

Valentine nahm nun das Wörterbuch und blätterte vor den Augen des aufmerksamen Notars. Testament bezeichnete bald ihr Finger, durch Noirtiers Blick festgehalten.

 

Testament! rief der Notar, die Sache ist klar, der Herr will testieren.

 

Ja, machte Noirtier wiederholt.

 

Mein Herr, das ist wunderbar, Sie müssen es selbst gestehen, sagte der Notar erstaunt zu Villefort.

 

In der Tat, versetzte dieser, und noch wunderbarer wäre das Testament; denn ich kann nicht denken, daß Sie die Bestimmungen Wort für Wort ohne die geistreiche Mithilfe meiner Tochter zu Papiere bringen wollen. Valentine ist aber etwas zu sehr bei diesem Testamente interessiert, um als eine entsprechende Dolmetscherin des dunkeln Willens des Herrn Noirtier von Villefort gelten zu können.

 

Nein, nein, nein! machte der Gelähmte.

 

Wie! entgegnete Herr von Villefort, Valentine ist nicht interessiert bei Ihrem Testament?

 

Nein, bezeichnete Noirtier.

 

Mein Herr, sagte der Notar, der, entzückt über ein solches Erlebnis, in der Gesellschaft die einzelnen Umstände dieser malerischen Episode wiederzuerzählen gedachte, – mein Herr, nichts scheint mir jetzt leichter als das, was ich soeben noch für etwas Unmögliches hielt, und dieses Testament wird ganz einfach ein sogenanntes mystisches Testament sein, das heißt von dem Gesetze vorhergesehen und als rechtsgültig anerkannt, vorausgesetzt, daß es in Gegenwart von sieben Zeugen vorgelesen, von dem Testator in ihrer Anwesenheit gebilligt und durch den Notar, ebenfalls in ihrer Anwesenheit, geschlossen wird. Was die Zeit betrifft, so wird es nicht länger dauern, als ein gewöhnliches Testament. Vor allem kommen die ehrwürdigen Formeln in Betracht, die sich immer gleich bleiben, und was die Einzelheiten betrifft, so werden diese sich zum größten Teil nach Lage der Sache und mit Ihrer Hilfe, der Sie die Geschäfte für den Erblasser besorgt haben, von selbst ergeben. Damit übrigens der Akt unangreifbar bleibt, werden wir ihm die vollständige Rechtsgültigkeit geben; einer von meinen Kollegen wird mir als Gehilfe dienen und gegen die Gewohnheit dem Diktieren beiwohnen. Sind Sie zufrieden, mein Herr? fügte der Notar, sich an den Greis wendend, hinzu.

 

Ja, erwiderte Noirtier, strahlend vor Freude, daß man ihn begriff.

 

Was hat er nur vor? fragte sich Villefort, dem seine hohe Stellung so viel Zurückhaltung aufnötigte, während er nicht zu erraten vermochte, worauf sein Vater abzielte.

 

Das Testament.

 

Das Testament.

 

Nach einer Viertelstunde war die ganze Familie im Zimmer des Gelähmten versammelt, und der zweite Notar hatte sich ebenfalls eingefunden.

 

Mit wenigen Worten verständigten sich die beiden Beamten. Man las Noirtier eine allgemeine herkömmliche Testamentsformel vor; dann sagte der erste Notar, sich nach dem Greise umwendend, um gleichsam die Untersuchung seines Verstandes zu beginnen: Wenn man sein Testament macht, mein Herr, so geschieht es zu Gunsten oder zum Nachteil irgend einer Person.

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Haben Sie einen Gedanken, wie hoch sich Ihr Vermögen belaufen mag?

 

Ja.

 

Ich will Ihnen, aufwärts gehend, verschiedene Zahlen nennen; Sie werden mich anhalten, wenn ich diejenige erreicht habe, welche Sie als die Ihrige betrachten.

 

Ja.

 

Es war ein eigentümlich feierliches und ergreifendes Schauspiel, bei dem der Kampf des Geistes gegen die Materie auf das packendste in Erscheinung trat.

 

Die Anwesenden schlossen einen Kreis um Noirtier; der zweite Notar saß an einem Tische, bereit zu schreiben; der erste stand vor ihm und fragte: Nicht wahr, Ihr Vermögen übersteigt 300 000 Franken?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

Besitzen Sie 400 000 Franken? fragte der Notar.

 

Noirtier blieb unbeweglich. 600 000? 700 000? 900 000?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

In unbeweglichen Gütern? fragte der Notar.

 

Noirtier machte ein verneinendes Zeichen.

 

In Renteneinschreibungen?

 

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

 

Diese Einschreibungen sind in Ihren Händen?

 

Auf einen Blick Noirtiers an Barrois ging der alte Diener hinaus und kehrte einen Augenblick nachher mit einer kleinen Kassette zurück.

 

Man öffnete die Kassette und fand für 900 000 Franken Einschreibungen.

 

Der erste Notar überreichte die Einschreibungen eine nach der andern seinem Kollegen; die Sache stimmte.

 

Es ist so, der Verstand des Erblassers erfreut sich offenbar noch seiner vollkommenen Kraft, sagte der Notar. Dann fuhr er, an den Gelähmten sich wendend, fort: Sie besitzen also in Kapitalien 900 000 Franken. Wem wollen Sie dieses Vermögen hinterlassen?

 

Oh! sagte Frau von Villefort, das ist nicht zweifelhaft. Herr Noirtier liebt einzig und allein seine Enkelin, Fräulein Valentine von Villefort; sie ist es, die ihn seit sechs Jahren pflegt und durch ihre beständige Fürsorge die Zuneigung ihres Großvaters, ich möchte beinahe sagen, seine Dankbarkeit zu fesseln wußte; es ist also gerecht und billig, daß sie den Preis ihrer Ergebenheit erntet.

 

Noirtiers Auge schleuderte einen Blitz, als würde er durch das falsche Ziel nicht betört, das Frau von Villefort seinen vermeintlichen Absichten setzte.

 

Wollen Sie Fräulein Valentine von Villefort diese 900 000 Franken vermachen? fragte der Notar, der diese Bestimmung nur noch eintragen zu müssen glaubte.

 

Valentine hatte einen Schritt rückwärts gemacht und weinte mit niedergeschlagenen Augen; der Greis schaute sie eine Sekunde lang mit dem Ausdrucke einer tiefen Zärtlichkeit an, dann wandte er sich gegen den Notar und blinzelte mit den Augen auf die bezeichnete Weise.

 

Nein? sagte der Notar; wie, Sie setzen Fräulein Valentine von Villefort nicht zur Universalerbin ein?

 

Noirtier machte ein verneinendes Zeichen.

 

Täuschen Sie sich nicht? rief der Notar ganz verwundert; Sie sagen nein?

 

Nein, wiederholte Noirtier, nein!

 

Valentine hob das Haupt wieder empor; sie war erstaunt, nicht über ihre Enterbung, sondern darüber, daß ihr Großvater ihr gegenüber das seinem Tun entsprechende Gefühl hegen sollte.

 

Doch Herr Noirtier schaute sie mit so tiefer Zärtlichkeit an, daß sie ausrief: Oh! mein guter Vater, ich sehe wohl, Sie entziehen mir nur Ihr Vermögen, lassen mir aber Ihr Herz?

 

Oh! ja, gewiß, sagten die Augen des Gelähmten mit einem Ausdruck, in dem sich Valentine nicht täuschen konnte.

 

Dank! Dank! murmelte das Mädchen.

 

Diese Weigerung hatte indessen in Frau von Villeforts Herzen eine unerwartete Hoffnung erzeugt; sie näherte sich dem Greise.

 

Sie hinterlassen also Ihr Vermögen Ihrem Enkel Eduard von Villefort, mein lieber Herr Noirtier? fragte die Mutter.

 

Das Blinzeln war furchtbar; es prägte beinahe Haß aus.

 

Nein, sagte der Notar; also Ihrem Sohne?

 

Nein! entgegnete der Greis.

 

Die zwei Notare schauten sich erstaunt an; Villefort und seine Frau fühlten, wie sie aus Scham und Verdruß rot wurden.

 

Aber was haben wir Ihnen denn getan, Vater, sagte Valentine; Sie lieben uns also nicht mehr?

 

Der Blick des Greises flog rasch über seinen Sohn und über seine Schwiegertochter hin und blieb mit einem Ausdruck inniger Zärtlichkeit an Valentine haften.

 

Nun, sagte sie, wenn du mich liebst, guter Vater, so suche diese Liebe mit dem, was du in diesem Augenblick tust, in Einklang zu bringen. Du kennst mich und weißt daher, daß ich nie an dein Vermögen gedacht habe. Überdies sagt man, ich sei von meiner Mutter Seite reich, zu reich; erkläre dich doch!

 

Noirtier heftete einen glühenden Blick aus Valentines Hand.

 

Meine Hand? sagte sie.

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Ihre Hand! wiederholten die Anwesenden.

 

Ah! meine Herren, Sie sehen wohl, daß alles vergeblich, und daß mein armer Vater ein Narr ist, sprach Villefort.

 

Oh! ich begreife! rief plötzlich Valentine; nicht wahr, meine Heirat, guter Vater?

 

Ja, ja, ja, wiederholte dreimal der Gelähmte und schleuderte dabei einen Blitz, so oft sich sein Augenlid hob.

 

Nicht wahr, du grollst uns wegen der Heirat?

 

Ja.

 

Das ist albern, sagte Villefort.

 

Verzeihen Sie, mein Herr, sagte der Notar, alles dies ist im Gegenteil sehr logisch und scheint mir durchaus wohlbegründet zu sein.

 

Du willst nicht, daß ich Herrn Franz d’Epinay heirate?

 

Nein, ich will nicht, drückte das Auge des Greises aus.

 

Und Sie enterben Ihre Enkelin, weil sie eine Heirat wider Ihren Willen macht? rief der Notar.

 

Ja, antwortete Noirtier.

 

Ohne diese Heirat wäre sie also Ihre Erbin?

 

Ja.

 

Es trat nun ein tiefes Stillschweigen um den Greis ein. Die beiden Notare berieten sich; Valentine schaute mit gefalteten Händen und einem dankbaren Lächeln ihren Großvater an: Villefort biß sich auf seine dünnen Lippen; Frau von Villefort war außer stande, ein freudiges Gefühl zurückzudrängen, das sich unwillkürlich über ihr Antlitz verbreitete.

 

Aber es scheint mir, sagte endlich Villefort, das Stillschweigen brechend, es scheint mir, daß ich allein befugt bin, über diese Angelegenheit zu urteilen und zu verfügen. Ich, als alleiniger Herr der Hand meiner Tochter, will, daß sie Herrn Franz d’Epinay heiratet, und sie wird ihn heiraten.

 

Valentine fiel weinend auf einen Stuhl.

 

Mein Herr, sagte der Notar, sich an den Greis wendend, was gedenken Sie mit Ihrem Vermögen zu tun, wenn Fräulein Valentine Herrn Franz d’Epinay heiratet? Sie gedenken doch darüber zu verfügen?

 

Ja, bezeichnete Noirtier.

 

Zu Gunsten irgend eines Mitgliedes Ihrer Familie?

 

Nein.

 

Also zu Gunsten der Armen?

 

Ja.

 

Sie wissen doch, daß das Gesetz dem widerstrebt, daß Sie Ihren Sohn völlig ausschließen?

 

Ja.

 

Sie werden also nur über den Teil verfügen, den Sie nach dem Gesetz das Recht haben ihm zu entziehen.

 

Noirtier blieb unbeweglich.

 

Sie wollen immer noch über das Ganze verfügen?

 

Ja.

 

Man wird das Testament nach Ihrem Tode angreifen.

 

Nein.

 

Mein Vater kennt mich, sagte Herr von Villefort, er weiß, daß sein Wille mir heilig sein wird; übrigens erkennt er recht gut, daß ich in meiner Stellung nicht gegen die Armen prozessieren kann.

 

Noirtiers Auge drückte einen Triumph aus.

 

Was bestimmen Sie, mein Herr? fragte der Notar Villefort.

 

Nichts, mein Herr, es ist ein im Herzen meines Vaters feststehender Entschluß, und ich weiß, daß er nie etwas an seinen Entschließungen ändert, sagte Villefort. Ich füge mich also. Diese 900 000 Franken werden der Familie verloren gehen, um Hospitäler zu bereichern; aber ich gebe der Laune eines Greises nicht nach und werde nach meinem Gewissen handeln.

 

Hiernach entfernte sich Villefort mit seiner Frau und überließ es seinem Vater, nach Gutdünken zu testieren.

 

Noch an demselben Tage wurde das Testament gemacht; man holte Zeugen, es wurde von dem Greise gebilligt, in Gegenwart der Zeugen geschlossen und bei Herrn Deschamps, dem Notar der Familie, niedergelegt.

 

Bertuccio.

 

Bertuccio.

 

Mittlerweile war der Graf in seiner Wohnung angelangt; er hatte sechs Minuten gebraucht, den Weg zurückzulegen. Diese sechs Minuten genügten, daß er von zwanzig jungen Leuten bemerkt wurde, die, bekannt mit dem Preise des Gespanns, das sie selbst nicht hatten kaufen können, ihre Rosse in Galopp setzten, um den glänzenden Herrn zu sehen, der sich Pferde im Werte von 20 000 Franken anschaffte.

 

Das von Ali gewählte Haus, das für Monte Christo als Pariser Residenz dienen sollte, lag rechts, wenn man die Champs-Elysées hinaufgeht, zwischen Hof und Garten. Eine üppige Baumgruppe, die sich mitten im Hofe erhob, verbarg einen Teil der Fassade. Das inmitten eines weiten Raumes vereinzelt stehende Haus hatte außer dem Haupteingang noch einen andern Eingang, der sich nach der Rue de Ponthieu öffnete.

 

Ehe der Kutscher den Pförtner angerufen hatte, drehte sich schon das massive Gittertor auf seinen Angeln; man hatte den Grafen kommen sehen, und er wurde in Paris, wie in Rom und überall, mit Blitzesschnelle bedient. Der Kutscher fuhr also hinein, beschrieb den Halbkreis, ohne den Gang seiner Pferde im geringsten zu hemmen, und die Räder krachten noch auf dem Sande der Allee, als bereits das Gitter wieder geschlossen war. Auf der linken Seite der Freitreppe hielt der Wagen an, zwei Männer erschienen am Schlage; der eine war Ali, der seinem Herrn mit unglaublich treuherziger Freude zulächelte und sich durch einen einzigen Blick von Monte Christo bezahlt fand. Der andere verbeugte sich in Demut und reichte dem Grafen den Arm, um ihm aussteigen zu helfen.

 

Ich danke, Herr Bertuccio, sagte der Graf, leicht herausspringend; wie ist’s mit dem Notar?

 

Er wartet im kleinen Salon, antwortete Bertuccio.

 

Und die Visitenkarten, die Sie meinem Befehle gemäß stechen lassen sollten, sobald Sie die Nummer des Hauses wüßten?

 

Sind besorgt, Herr Graf; ich war bei dem besten Graveur des Palais Royal und ließ ihn die Platte in meiner Gegenwart ausführen; die erste abgezogene Karte wurde, wie Sie befohlen, dem Baron Danglars, Deputierten, Rue de la Chaussee d’Antin Nr. 7, überbracht, die andern liegen auf dem Kamin des Schlafzimmers Eurer Exzellenz!

 

Gut. Wieviel Uhr ist es? – Vier Uhr.

 

Monte Christo gab seine Handschuhe, seinen Hut und Stock einem Bedienten und ging dann in den kleinen Salon, wo ihn der Notar, ein ehrliches Schreibergesicht mit der unzerstörbaren Würde eines Pariser Beamten, erwartete.

 

Ist dies der Notar, der den Auftrag hat, das Landhaus zu verkaufen, das ich mir erwerben will? fragte Monte Christo.

 

Ja, Herr Graf, antwortete der Notar; hier ist der Kaufvertrag!

 

Vortrefflich. Und wo liegt das Haus? fragte Monte Christo nachlässig, sich halb an Bertuccio, halb an den Notar wendend.

 

Der Intendant machte eine Gebärde, die wohl bedeuten sollte: Ich weiß es nicht.

 

Der Notar schaute Monte Christo an und rief: Wie, der Herr Graf weiß nicht, wo das Haus liegt, das er kaufen will?

 

Wie zum Teufel soll ich es wissen? Ich komme heute von Cadix, bin nie in Paris gewesen, ja es ist sogar das erste Mal, daß ich französischen Boden betrete.

 

Dann ist es etwas anderes; das Haus, das der Herr Graf kauft, liegt in Auteuil.

 

Bei diesen Worten erbleichte Bertuccio sichtbar.

 

Und wo liegt Auteuil? fragte Monte Christo.

 

Nur ein paar Schritte von hier, Herr Graf, erwiderte der Notar, etwas hinter Paffy, in einer reizenden Gegend.

 

So nahe! sagte Monte Christo, das ist kein Landhaus. Wie zum Teufel konnten Sie ein Haus vor den Toren der Stadt wählen, Herr Bertuccio?

 

Ich! rief der Intendant mit seltsamem Eifer; hat mich der Herr Graf nicht beauftragt, dieses Haus zu wählen? Der Herr Graf wolle die Gnade haben, sich zu besinnen.

 

Ah! es ist richtig, sagte Monte Christo, ich erinnere mich nun, ich habe die Anzeige in irgend einem Blatte gelesen und mich durch den lügnerischen Titel Landhaus verführen lassen.

 

Es ist noch Zeit, sagte Bertuccio lebhaft, und wenn mich Eure Exzellenz beauftragen will, anderswo zu suchen, so werde ich das Beste finden, was es gibt, mag es nun in Enghien, in Fontenay-aux-Roses oder in Bellevue sein.

 

Nein, erwiderte Monte Christo gleichgültig, da dies einmal ins Auge gefaßt ist, will ich’s auch behalten.

 

Und der gnädige Herr hat recht, sagte rasch der Notar, der seine Gebühr zu verlieren fürchtete, es ist ein reizendes Eigentum: fließendes Wasser, Gebüsch, ein, wenn auch seit geraumer Zeit verlassenes, doch äußerst behagliches Wohngebäude, abgesehen von dem Mobiliar, das, so alt es auch ist, doch seinen Wert hat, besonders heutzutage, wo man Altertümer liebt und sucht.

 

Zum Teufel, eine solche Gelegenheit wollen wir nicht versäumen, rief Monte Christo; den Vertrag, Herr Notar!

 

Und er unterzeichnete rasch, nachdem er einen Blick auf die Stelle geworfen hatte, wo die Lage des Hauses und die Namen der Eigentümer angegeben waren, dann befahl er, 55 000 Franken auszuzahlen. Der Intendant ging mit unsichern Schritten hinaus und kehrte mit einem Päckchen Banknoten zurück, die der Notar zählte.

 

Und nun ist allen Förmlichkeiten Genüge geleistet? fragte der Graf. Haben Sie die Schlüssel?

 

Sie sind in den Händen des Hausverwalters, der das Haus bewacht; doch hier ist der schriftliche Befehl, den ich an ihn ergehen lasse, den gnädigen Herrn in sein Eigentum einzuführen.

 

Sehr gut. Begleiten Sie diesen Herrn, sagte der Graf zu Bertuccio.

 

Der Intendant ging hinter dem Notar hinaus.

 

Kaum war der Graf allein, als er aus seiner Tasche ein Portefeuille mit einem Schlosse zog, das er mit einem Schlüsselchen öffnete, das er am Halse trug und nie von sich ließ. Nachdem er einen Augenblick gesucht hatte, nahm er ein Blättchen zur Hand, worauf einige Notizen standen, verglich diese mit dem auf dem Tische liegenden Verkaufsschein und sagte: Auteuil, Rue de la Fontaine Nr. 30, es stimmt. Soll ich nun durch religiösen Schrecken oder durch körperliche Angst ein Geständnis zu entreißen suchen? Jedenfalls werde ich in einer Stunde alles wissen.

 

Bertuccio! rief er, mit einem Hämmerchen auf ein Glöckchen schlagend, das einen scharfen, anhaltenden Ton von sich gab, und der Intendant erschien auf der Schwelle.

 

Herr Bertuccio, sagte der Graf, erzählten Sie mir nicht, Sie seien in Frankreich gereist?

 

Ja, Exzellenz, in einigen Teilen Frankreichs.

 

Sie kennen ohne Zweifel die Gegend von Paris?

 

Nein, Exzellenz, antwortete der Intendant mit einem Beben, das der Graf als Kenner einer heftigen Unruhe zuschrieb.

 

Es ist ärgerlich, daß Sie nie die Gegend von Paris besucht haben, sagte er, denn ich will noch heute abend mein neues Gut in Augenschein nehmen, und wenn Sie mich begleitet hätten, würden Sie mir ohne Zweifel nützliche Auskunft gegeben haben.

 

Nach Auteuil! rief Bertuccio, dessen kupferfarbiges Gesicht plötzlich leichenblaß wurde. Ich nach Auteuil gehen?

 

Aber was ist denn Erstaunliches daran, daß Sie nach Auteuil gehen sollen? Wenn ich in Auteuil wohnen werde, müssen Sie wohl dahin kommen, da Sie doch zum Haushalt gehören!

 

Bertuccio neigte das Haupt vor dem gebieterischen Blicke des Herrn und blieb unbeweglich und ohne zu antworten.

 

Was ist Ihnen denn? Sie lassen mich zum zweitenmale um den Wagen läuten? rief Monte Christo mit dem Tone, in dem Ludwig XIV. das bekannte: Ich habe warten müssen! aussprach.

 

Bertuccio sprang in das Vorzimmer und schrie mit heiserer Stimme: Die Pferde Seiner Exzellenz! Monte Christo schrieb ein paar Briefe; als er den letzten versiegelte, erschien der Intendant wieder und meldete den Wagen.

 

Wohl, nehmen Sie Ihren Hut, sagte Monte Christo.

 

Es gab kein Beispiel, daß man einem Befehle des Grafen widersprochen hätte; der Intendant folgte auch, ohne eine Einwendung zu machen, seinem Herrn und nahm seinen Platz ehrfurchtsvoll auf dem Vordersitz.

 

-Kapitelname unbekannt-

-Kapitelname unbekannt-


Der Graf von Monte Christo. Dritter Band.





Die Vorstellung.

 

Die Vorstellung.

 

Als Albert sich mit Monte Christo allein sah, sagte er: Herr Graf, erlauben Sie mir, Ihnen zunächst meine Junggesellenwohnung zu zeigen. An die italienischen Paläste gewöhnt, werden Sie sich freilich wundern, mit wie wenig Raum ein junger Mann hier in Paris auskommen kann.

 

Monte Christo kannte bereits das Speisezimmer und den Salon im Erdgeschoß. Albert führte ihn nun in sein bevorzugtes Zimmer, sein Atelier. Der Graf wußte alle die zahllosen Gegenstände darin zu würdigen, und Morcerf, der dem Gaste als Erklärer hatte dienen wollen, machte seinerseits unter Leitung seines Gastes einen Kursus in der Archäologie und Naturwissenschaft durch.

 

Man stieg dann in den ersten Stock hinauf, und Albert führte seinen Gast in den Salon, der mit Werken moderner Meister geschmückt war. Wenn er aber erwartet hatte, diesmal wenigstens dem fremden Reisenden etwas Neues zu zeigen, so hörte er zu seinem großen Erstaunen diesen sofort den Namen jedes Meisters nennen, obgleich die Werke häufig nur die Anfangsbuchstaben desselben trugen. Offenbar kannte er nicht nur alle diese Namen, sondern verstand auch jedes dieser Talente zu würdigen.

 

Vom Salon ging man ins Schlafzimmer; es war zugleich ein Muster von Eleganz und von strengem Geschmack; darin glänzte ein einziges künstlerisch ausgeführtes Porträt in mattgoldenem Rahmen. Dieses Bild zog sogleich die Blicke des Grafen an, denn er machte drei rasche Schritte darauf zu.

 

Es war das Porträt einer Frau von etwa fünfundzwanzig Jahren, von brauner Gesichtsfarbe, mit feurigem, von schön geformtem Augenlide verschleiertem Blicke, sie trug die malerische Kleidung der katalonischen Fischerinnen mit rot und schwarzem Mieder und goldenen, durch die Haare gesteckten Nadeln; sie schaute auf die See hinaus, und ihr hübsches Profil hob sich von dem doppelten Azur der Wellen und des Himmels ab.

 

Es war düster im Zimmer, sonst hätte Albert gesehen, welche Leichenblässe sich über die Wangen des Grafen verbreitete, er hätte das Beben seiner Schultern und seiner Brust bemerken müssen.

 

Nach kurzem Stillschweigen sagte der Graf von Monte Christo mit vollkommen ruhiger Stimme: Graf, Sie haben da eine schöne Geliebte, und dieses Ballkostüm steht ihr zum Entzücken.

 

Oh! erwiderte Albert, Sie irren. Das ist meine Mutter, die Sie ja noch nicht gesehen haben. Die Tracht ist, wie es scheint, ein Phantasiekostüm, und die Ähnlichkeit ist so groß, daß ich meine Mutter noch vor mir zu sehen wähne, wie sie im Jahre 1830 war, als sie dieses Porträt während einer Abwesenheit des Grafen malen ließ. Seltsamerweise mißfiel das Porträt meinem Vater, und der große Kunstwert des Gemäldes ließ ihn den Widerwillen nicht überwinden, den er dagegen gefaßt hatte. Allerdings ist Herr von Morcerf, unter uns gesagt, einer der eifrigsten Politiker, ein berühmter General, aber ein äußerst mäßiger Kunstkenner. Anders meine Mutter, die sehr gut malt, und da sie ein solches Werk zu sehr schätzt, um sich gänzlich davon trennen zu können, hat sie es mir gegeben, damit es Herrn von Morcerf, dessen Porträt ich Ihnen übrigens auch zeigen werde, seltener vor Augen komme. Meine Mutter jedoch kommt selten zu mir, ohne es zu betrachten, und noch seltener geschieht es, daß sie das Bild betrachtet, ohne zu weinen. Übrigens ist die Wolke, die durch dieses Gemälde in unser Haus kam, die einzige, die sich zwischen dem Grafen und der Gräfin erhoben hat, denn sie sind, obgleich seit mehr als zwanzig Jahren verheiratet, noch heute so sehr eins wie am ersten Tage.

 

Monte Christo warf einen raschen Blick auf Albert, als wollte er unter seinen Worten eine verborgene Absicht suchen, aber der junge Mann hatte sie offenbar völlig absichtslos ausgesprochen.

 

Nun haben Sie alle meine Reichtümer gesehen, fuhr Albert fort; erlauben Sie mir, Herr Graf, sie Ihnen anzubieten, so unwürdig sie auch sein mögen. Betrachten Sie sich als hier zu Hause, und um noch heimischer zu werden, haben Sie die Güte, mich zu Herrn von Morcerf zu begleiten, dem ich von Rom den Dienst, den Sie mir geleistet, mitgeteilt. und den Besuch, den Sie mir versprochen, angekündigt habe. Ich darf wohl sagen, der Graf und die Gräfin erwarten mit Ungeduld den Zeitpunkt, wo sie Ihnen danken können. Sie haben hierfür wenig Sinn; ich weiß das, Herr Graf, und Familienszenen üben keine große Wirkung auf Simbad den Seefahrer aus, der so viele andere Szenen gesehen hat. Nehmen Sie indessen, was ich Ihnen bieten kann, als Eingang in das Pariser Leben an, in ein Leben voll Höflichkeitsbesuche und Vorstellungen.

 

Monte Christo verbeugte sich, ohne zu antworten; er nahm den Vorschlag ohne Begeisterung und ohne Widerstreben an … wie eine Pflicht des Anstandes, der sich jeder unterwerfen muß. Albert rief seinen Kammerdiener und befahl ihm, Herrn und Frau von Morcerf den Grafen von Monte Christo zu melden; dann folgte er ihm mit dem Grafen.

 

Als man in das Vorzimmer des Grafen gelangte, sah man über der Tür des Salons ein Wappenschild; der Graf blieb vor dem Wappen stehen, schaute es aufmerksam an und fragte: Ohne Zweifel das Wappen Ihrer Familie, Vicomte? Ich bin sehr unwissend in der Wappenkunde.

 

Sie haben richtig erraten, es sind die Wappen meines Vaters und meiner Mutter, antwortete Morcerf mit dem einfachen Tone der Überzeugung. Von weiblicher Seite bin ich Spanier, doch das Haus Morcerf ist französisch und, wie ich sagen hörte, eines der ältesten im südlichen Frankreich.

 

Ja, sagte der Graf, das deuten die Amseln in den Wappen an. Fast alle Kreuzfahrer wählten als Wappen entweder Kreuze oder Wandervögel. Einer Ihrer väterlichen Ahnen wird einen Kreuzzug mitgemacht haben, und nehmen wir auch an, es sei einer der letzten Züge unter Ludwig dem Heiligen gewesen, so führt dies Ihren Adel schon in das dreizehnte Jahrhundert zurück, was immerhin ein hübsches Alter ist. Sie stammen also zugleich von der Provence und von Spanien her, wodurch sich, wenn das Porträt, das Sie mir gezeigt haben, ähnlich ist, die schöne braune Farbe erklärt, die ich so sehr auf dem Antlitz der edeln Katalonierin bewunderte.

 

Die Ironie, die in diesen Worten lag, die scheinbar das Gepräge der größten Höflichkeit an sich trugen, war schwer zu erraten; Morcerf dankte ihm auch mit einem Lächeln, ging voran und öffnete eine in den Salon führende Tür. An der am meisten in das Auge fallenden Stelle dieses Salons sah man ebenfalls ein Porträt; es war das eines Mannes von etwa sechsunddreißig Jahren in Generalsuniform mit dem Bande der Kommandeure der Ehrenlegion, dem Stern des Großoffiziers vom Erlöser-Orden und dem Großkreuz des Ordens Karls III.

 

Monte Christo beschäftigte sich eben damit, dieses Porträt mit derselben Sorgfalt zu zergliedern wie vorher das andere, als eine Seitentür geöffnet wurde und er sich dem Grafen von Morcerf selbst gegenüber fand.

 

Dieser war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren; sein schwarzer Schnurrbart und seine schwarzen Augenbrauen stachen seltsam von seinen weißen, nach militärischer Mode bürstenartig geschnittenen Haaren ab; er war bürgerlich gekleidet und trug am Knopfloch ein Ordensband. Der Graf von Morcerf trat mit ziemlich edlem Anstand und mit einem gewissen Eifer ein. Monte Christo ließ ihn auf sich zukommen, ohne einen Schritt zu tun; man hätte glauben sollen, seine Füße seien an den Boden genagelt, wie seine Augen an das Gesicht des Eintretenden.

 

Mein Vater, sagte der junge Mann, ich habe die Ehre, Ihnen den Grafen von Monte Christo, den edelmütigen Freund, vorzustellen, den ich so glücklich war unter den Ihnen bekannten, schwierigen Umständen zu treffen.

 

Der Herr ist willkommen in unserer Mitte, sagte der Graf von Morcerf, Monte Christo mit einem Lächeln begrüßend; er hat unserem Hause durch Erhaltung seines einzigen Erben einen Dienst geleistet, für den wir zu unauslöschlichem Danke verpflichtet sind.

 

Mit diesen Worten bot Morcerf seinem Gaste einen Lehnstuhl, während er sich selbst vor das Fenster setzte. Monte Christo nahm den gebotenen Platz an, richtete es aber so ein, daß er im Schatten der großen Samtvorhänge verborgen blieb, wo es ihm gestattet war, in den Zügen des Grafen, die auffallende Spuren sorgenvoller Ermattung zeigten, eine ganze Geschichte geheimer Leiden zu lesen, die aus den tiefen Furchen sprach, womit ein frühzeitiges Alter sein Gesicht durchzogen hatte.

 

Graf Morcerf sagte hierauf: Die Frau Gräfin war bei der Toilette, als sie der Herr Vicomte von dem Besuche benachrichtigen ließ, den sie zu empfangen die Ehre haben sollte; sie wird in zehn Minuten hier sein.

 

Es ist viel Ehre für mich, erwiderte Monte Christo, daß ich schon am Tage meiner Ankunft in Paris mit einem Manne in Berührung treten kann, dessen Verdienst seinem Rufe gleichkommt, und bei dem das gerechte Schicksal keinen Irrtum beging. Hatte es Ihnen aber nicht auf dem algerischen Kriegsschauplatze einen Marschallsstab anzubieten?

 

Ich habe den Dienst verlassen, sagte Morcerf, ein wenig errötend. Unter der Restauration zum Pair ernannt, nahm ich meinen Abschied, denn wenn man, wie ich, seine Epauletten auf dem Schlachtfelde gewonnen hat, so versteht man nicht auf dem schlüpfrigen Boden des Salons zu manövrieren. Ich habe den Degen niedergelegt und mich auf die Politik geworfen, widme mich der Industrie und studiere die nützlichen Künste. Während der zwanzig Jahre, die ich im Dienste geblieben, hatte ich wohl Lust hierzu, aber es gebrach mir an Zeit.

 

Auf diesen Ansichten beruht die Überlegenheit Ihrer Nation über die anderen Länder, Herr Graf, versetzte Monte Christo. Von vornehmer Herkunft und im Besitz eines schönen Vermögens, haben Sie es doch nicht verschmäht, als gemeiner Soldat von der Pike auf zu dienen, und das ist etwas Seltenes. Zum General, Pair von Frankreich, Kommandeur der Ehrenlegion erhoben, geben Sie sich zu einer zweiten Lehrzeit her, ohne andere Hoffnung und andere Belohnung, als die, eines Tages Ihresgleichen nützlich zu sein. Ah! mein Herr, das ist in der Tat schön, ich sage noch mehr, es ist erhaben!

 

Albert betrachtete und hörte Monte Christo mit Erstaunen; er war nicht gewohnt, ihn so enthusiastisch sich ausdrücken zu hören.

 

Ah! fuhr der Fremde fort, ohne Zweifel, um die unmerkliche Wolke zu verscheuchen, die bei seinen Worten über Morcerfs Stirn hinzog, ah! wir machen es in Italien nicht so, wir wachsen nach unserem Geschlecht und unserer Gattung, und wir behalten dasselbe Blätterwerk, dieselbe Gestalt und leider oft dieselbe Nutzlosigkeit unser ganzes Leben hindurch.

 

Aber, entgegnete der Graf von Morcerf, für einen Mann von Ihrem Verdienste ist Italien kein Vaterland; Frankreich reicht Ihnen seine Arme. Entsprechen Sie dem Rufe, den es an Sie ergehen läßt! Frankreich ist nicht immer undankbar; es behandelt manchmal seine Kinder schlecht, aber für die Fremden zeigt es sich gewöhnlich großherzig.

 

Ei! sagte Albert lächelnd, man sieht, daß Sie den Herrn Grafen von Monte Christo nicht kennen. Seine Befriedigung liegt außerhalb dieser Welt; er strebt nicht nach Auszeichnungen.

 

Sie sind Herr Ihrer Zukunft gewesen und haben den Blumenpfad gewählt, sagte der Graf von Morcerf mit einem Seufzer.

 

Allerdings, erwiderte Monte Christo mit einem Lächeln, das ein Maler schwerlich wiedergeben könnte.

 

Hätte ich nicht den Herrn Grafen zu ermüden befürchtet, sagte der General, offenbar entzückt über die Art seines Gastes, so würde ich ihn in die Kammer geführt haben, es ist heute eine interessante Sitzung.

 

Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, doch für heute hat man mir mit der Hoffnung, der Frau Gräfin vorgestellt zu werden, geschmeichelt, und ich will lieber hierauf warten.

 

Ah! da kommt meine Mutter, rief der Vicomte.

 

Rasch sich umwendend, erblickte Monte Christo wirklich Frau von Morcerf auf der Schwelle der gegenüberliegenden Tür; unbeweglich und bleich, stand sie hier seit einigen Sekunden und hatte die letzten Worte gehört.

 

Monte Christo erhob sich und machte eine tiefe Verbeugung vor der Gräfin, die sich stumm und zeremoniös verneigte.

 

Fehlt Ihnen etwas, teure Mutter? rief der junge Vicomte, Mercedes entgegeneilend.

 

Sie dankte mit einem Lächeln und sagte: Nein, ich fühle mich nur erschüttert beim ersten Anblick des Herrn Grafen, ohne dessen Eingreifen wir heute in Tränen und Trauer wären. Mein Herr, fügte die Gräfin, mit der Majestät einer Königin vorschreitend, hinzu, ich verdanke Ihnen das Leben meines Sohnes und segne Sie für diese Wohltat. Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, welches Vergnügen es mir bereitet, daß Sie mir Gelegenheit verschafften, Ihnen aus dem Grunde meines Herzens zu danken, wie ich Sie aus dem Grunde meines Herzens gesegnet habe.

 

Der Graf verbeugte sich abermals, jedoch noch tiefer als das erste Mal; er war bleicher als Mercedes.

 

Gnädige Frau, sagte er, der Herr Graf und Sie belohnen mich zu großmütig für eine ganz einfache Handlung. Einen Menschen retten, dem Vater eine Qual ersparen, das empfindliche Herz einer Frau schonen, heißt nicht ein gutes Werk, sondern ein Gebot der Menschlichkeit ausführen.

 

Auf diese mit außerordentlicher Weichheit und Artigkeit gesprochenen Worte erwiderte die Gräfin mit gefühlvoller Betonung: Mein Herr, mein Sohn ist glücklich, Sie seinen Freund nennen zu dürfen, und ich danke Gott, der die Dinge so gelenkt hat.

 

Mercedes schlug ihre Augen mit grenzenloser Dankbarkeit zum Himmel auf, und Monte Christo glaubte sogar Tränen darin zittern zu sehen.

 

Herr Graf, fuhr sie fort, werden Sie uns die Ehre erweisen, den Rest des Tages mit uns zuzubringen?

 

Glauben Sie mir, gnädige Frau, ich weiß Ihnen den größten Dank für Ihr Anerbieten, aber ich bin heute morgen vor Ihrer Tür aus meinem Reisewagen gestiegen. Ich weiß noch gar nicht, wie ich in Paris eingerichtet bin; ich weiß kaum, wo ich bleibe.

 

So versprechen Sie uns wenigstens, daß wir das Vergnügen ein andermal haben werden, sagte die Gräfin.

 

Monte Christo verbeugte sich, ohne zu antworten.

 

Dann halte ich Sie nicht zurück, sagte die Gräfin, denn meine Dankbarkeit soll keine Last für Sie sein.

 

Lieber Graf, sagte Albert, wenn Sie gestatten, stelle ich Ihnen meinen Wagen zur Verfügung, wie Sie es mir gegenüber in Rom getan haben, bis Sie Zeit gehabt haben, Ihre Equipagen in gehörigen Stand zu setzen.

 

Ich danke Ihnen tausendmal für Ihre Zuvorkommenheit, Vicomte, aber ich denke, Bertuccio wird die fünf Stunden, die ich ihm gelassen, gut angewendet haben, und ich werde vor der Tür einen Wagen finden.

 

Albert war an diese Art und Weise des Grafen gewöhnt, er wußte, daß für ihn etwas Unmögliches so wenig zu bestehen schien, wie für den Kaiser Nero; er wollte sich aber doch selbst überzeugen und begleitete daher den Grafen bis an die Tür des Hauses. Monte Christo hatte sich nicht getäuscht; er fand wirklich einen Wagen, der auf ihn wartete. Es war ein prachtvolles Coupé und ein Gespann, das, wie man in der Pariser Gesellschaft wußte, noch am Tage zuvor nicht für achtzehntausend Franken feil gewesen war.

 

Mein Herr, sagte der Graf zu Albert, ich mache Ihnen nicht den Vorschlag, mich nach Hause zu begleiten, ich könnte Ihnen nur ein improvisiertes Haus zeigen, und ich habe, wie Sie wissen, in Bezug auf Improvisationen einen Ruf zu wahren. Bewilligen Sie mir einen Tag und erlauben Sie mir dann, Sie einzuladen. Und er sprang in den Wagen, der sich hinter ihm schloß, und fuhr im Galopp von dem Hause weg, jedoch nicht so schnell, daß er nicht eine unmerkliche Bewegung wahrgenommen hätte, welche den Vorhang des Salons zittern machte, wo er die Gräfin zurückgelassen hatte.

 

Als Albert zu seiner Mutter zurückkehrte, bemerkte er, daß sie wie aufgelöst in einen samtenen Lehnstuhl zurückgesunken war; in dem halbdunklen Gemache konnte man aber nichts deutlich erblicken, so konnte er auch das Gesicht der Gräfin nicht sehen, doch kam es ihm vor, als bebte ihre Stimme; auch drang durch die Wohlgerüche von Rosen und Heliotropen der herbe, beißende Geruch von Essigäther, und seiner ängstlichen Aufmerksamkeit entging das Flacon der Gräfin nicht, das auf dem Kamin stand.

 

Sie sind doch nicht wohl, teure Mutter! rief er eintretend.

 

Nein, Albert; aber du begreifst, diese Rosen, diese Hyacinthen, diese Orangenblüten strömen während der ersten Wärme so starke Wohlgerüche aus …

 

Dann muß man sie in Ihr Vorzimmer bringen lassen, sagte Morcerf, mit der Hand nach der Glocke greifend. Sie sind in der Tat unpäßlich; schon vorhin, als Sie eintraten, waren Sie sehr bleich.

 

Ich war bleich, sagst du, Albert?

 

Sie waren von einer Blässe, die Ihnen sehr gut steht, meine Mutter, aber darum meinen Vater und mich nichtsdestoweniger erschreckt hat.

 

Sprach dein Vater mit dir darüber? fragte Mercedes rasch.

 

Nein, Mama, doch erinnern Sie sich, er hat Ihnen gegenüber selbst diese Bemerkung gemacht.

 

Ich erinnere mich dessen nicht, versetzte die Gräfin.

 

Ein Diener erschien und trug auf Alberts Geheiß die Blumen ins Vorzimmer.

 

Was für ein Name ist Monte Christo? fragte die Gräfin, nachdem sich der Diener entfernt hatte. Ist es ein Familienname oder nur ein Titel?

 

Ich glaube, es ist nur ein Titel. Der Graf hat eine Insel im toskanischen Archipel gekauft. Übrigens bildet er sich nichts auf den Adel ein und nennt sich einen Zufallsgrafen, obgleich in Rom allgemein die Ansicht herrscht, der Graf sei ein sehr vornehmer Herr.

 

Seine Haltung ist ausgezeichnet, sagte die Gräfin, wenigstens nach dem, was ich während der wenigen Augenblicke, die er hier war, beurteilen konnte.

 

Oh! sie ist ganz vollkommen, so vollkommen, daß sie bei weitem alles übersteigt, was ich Aristokratisches beim englischen, spanischen oder deutschen Adel gesehen habe.

 

Die Gräfin dachte einen Augenblick nach und fuhr dann nach diesem kurzen Zögern fort: Mein lieber Albert … du hast Herrn von Monte Christo in seinem Heim gesehen, du bist mit der Welt vertraut und besitzest mehr Takt, als man in deinem Alter zu haben pflegt, glaubst du, daß der Graf wirklich ist, was er zu sein scheint?

 

Und was scheint er zu sein?

 

Du sagtest es soeben, ein vornehmer Herr.

 

Ich sagte Ihnen, man halte ihn dafür.

 

Und was denkst du davon, Albert?

 

Ich muß gestehen, ich habe keine bestimmte, abgeschlossene Ansicht über ihn; ich habe so viele seltsame Dinge von ihm gehört, daß ich, wenn ich sagen soll, was ich von ihm denke, Ihnen antworte, ich möchte den Grafen für einen Menschen nach Lord Byrons Art halten, dem das Schicksal einen unseligen Stempel aufgedrückt hat, für den Sprossen irgend einer alten Familie, der, seines väterlichen Vermögens enterbt, ein neues durch die Kraft seines abenteuerlichen Geistes fand, der ihn über die Gesetze der Gesellschaft stellte.

 

Du sagst? …

 

Ich sage, Monte Christo ist eine Insel im Mittelländischen Meere, ohne Bewohner, ohne Garnison, ein Schlupfwinkel für Schmuggler und Piraten. Wer weiß, ob diese würdigen Gewerbsleute ihrem Herrn nicht eine Abgabe zahlen?

 

Es ist möglich, sagte die Gräfin, in Sinnen verloren.

 

Doch gleichviel, versetzte der junge Mann, Schmuggler oder nicht, Sie werden zugestehen, meine Mutter, da Sie es selbst gesehen haben, der Herr Graf von Monte Christo ist ein merkwürdiger Mann, und seine Erscheinung in den Salons von Paris wird von dem glänzendsten Erfolg begleitet sein. Schon heute hat er bei mir seinen Eintritt in die Welt damit begonnen, daß er sogar Chateau-Renaud in das höchste Erstaunen versetzte.

 

Wie alt kann der Graf sein? sagte Mercedes, sichtbar ein großes Gewicht auf diese Frage legend.

 

Fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahre, meine Mutter.

 

So jung! Das ist unmöglich, sagte Mercedes, zugleich auf Alberts Worte und ihre eigenen Gedanken erwidernd.

 

Es ist dennoch wahr, drei- oder viermal äußerte er, und gewiß ohne Vorbedacht: damals war ich fünf Jahre, damals zehn, zu jener Zeit zwölf Jahre alt. Meine Neugierde achtete auf diese Einzelheiten, ich stellte die Daten zusammen, und nie fand ich einen Widerspruch bei ihm. Das Alter dieses seltsamen Mannes, der eigentlich kein Alter hat, ist nach meiner festen Überzeugung fünfunddreißig Jahre. Erinnern Sie sich überdies, meine Mutter, wie lebhaft sein Auge ist, wie üppig und ungebleicht seine Haare, und wie runzelfrei seine edle Stirn; er besitzt nicht nur einen kräftigen, sondern auch noch einen jungen Körper.

 

Die Gräfin senkte das Haupt wie unter dem Druck schwerer, bitterer Gedanken.

 

Und dieser Mann hat ein Gefühl der Freundschaft für dich gefaßt, Albert? fragte sie in bebendem Tone, und du liebst ihn?

 

Er gefällt mir, Mutter, was auch Franz d’Epinay sagen mag, dem er als unheimliches, einer andern Welt entstammendes Wesen erscheint.

 

Die Gräfin machte eine Bewegung des Schreckens und sagte stotternd: Albert, stets war ich bemüht, dir Behutsamkeit gegen neue Bekanntschaften zu empfehlen. Nun bist du ein Mann und könntest mir Ratschläge geben, dennoch wiederhole ich dir, sei klug. Albert.

 

Liebe Mutter, wenn nur dieser Rat Nutzen bringen sollte, so müßte ich zum voraus wissen, wogegen sich mein Mißtrauen zu richten hätte. Der Graf spielt nie, der Graf trinkt nur durch einen Tropfen spanischen Wein vergoldetes Wasser, der Graf ist so reich, daß er, ohne sich ins Gesicht lachen zu lassen, kein Geld von mir entlehnen könnte; was soll ich also von ihm befürchten?

 

Du hast recht, meine Furcht ist töricht, besonders da sie einen Mann zum Gegenstand hat, der dir das Leben rettete. Doch sprich, hat ihn dein Vater gut ausgenommen? Es ist wünschenswert, daß wir auf recht gutem Fuße mit dem Grafen stehen. Herr von Morcerf ist zuweilen sehr beschäftigt, seine Angelegenheiten bereiten ihm Sorgen, und es könnte sein, daß er, ohne zu wollen …

 

Mein Vater war, wie man es nur immer wünschen konnte; ich sage noch mehr, er schien geschmeichelt durch ein paar sehr geschickte Komplimente, die der Graf sehr glücklich und passend einfließen ließ, als kennte er ihn seit dreißig Jahren. Jeder von diesen Lobpfeilen mußte meinen Vater kitzeln, fügte Albert lachend hinzu. Sie trennten sich als die besten Freunde der Welt, und Herr von Morcerf wollte ihn sogar in die Kammer mitnehmen, um ihn seine Rede hören zu lassen.

 

Die Gräfin antwortete nicht, sie war in so tiefe Träumerei versunken, daß sich ihre Augen allmählich geschlossen hatten. Vor ihr stehend, betrachtete sie der junge Mann mit jener Sohnesliebe, die besonders zärtlich und innig bei Kindern ist, deren Mütter noch schön und jung sind. Als er sah, wie sich ihre Augen schlossen, als er sie eine Minute lang in ihrer sanften Unbeweglichkeit atmen hörte und sie entschlummert glaubte, entfernte er sich auf den Fußspitzen.

 

Dieser Teufelskerl, murmelte er, den Kopf schüttelnd, ich prophezeite ihm dort schon, er würde in der Welt Aufsehen machen; ich ermesse die Wirkung seiner Person nach einem untrüglichen Thermometer; meiner Mutter ist er aufgefallen, folglich muß er sehr merkwürdig sein. Und er ging in seinen Stall hinab, nicht ohne leisen Ärger darüber, daß sich der Graf, ohne nur daran zu denken, ein Gespann erworben hatte, das seine Braunen bei Kennern in die zweite Reihe schob.

 

Die Familie Morel.

 

Die Familie Morel.

 

Der Graf gelangte in wenigen Minuten in die Rue Mesla Nr. 7. Das Haus war weiß, freundlich und davor ein Hof, in dem man zwei kleine Gartenstücke mit schönen Blumen erblickte.

 

In dem Hausmeister, der ihm die Tür öffnete, erkannte der Graf den alten Cocles, der jedoch den Grafen nicht wiedererkannte. Den ganzen zweiten Stock des freundlichen Hauses bewohnte Maximilian. Dieser überwachte soeben die Wartung seiner Pferde und rauchte eine Zigarre am Eingang des Gartens, als der Wagen des Grafen vor der Tür anhielt.

 

Cocles öffnete, wie gesagt; Baptistin sprang von seinem Bocke und fragte, ob Herr und Frau Herbault und Herr Maximilian Morel für den Grafen von Monte Christo zu sprechen seien.

 

Für den Grafen von Monte Christo! rief Morel, seine Zigarre wegwerfend und dem Besuche entgegeneilend, ich glaube wohl, ich glaube wohl! Ah! Dank, tausendmal Dank, Herr Graf, daß Sie Ihr Versprechen nicht vergessen haben. Und der junge Offizier drückte dem Grafen so innig die Hand, daß dieser sich über die Treuherzigkeit seiner Kundgebung nicht täuschen konnte und mit dem ersten Blicke sah, daß er mit Ungeduld erwartet worden war.

 

Kommen Sie, sagte Maximilian. Meine Schwester ist im Garten und bricht ihre verwelkten Rosen ab; mein Schwager liest seine Zeitungen bei ihr, denn wo Frau Herbault ist, pflegt auch Herr Emanuel zu sein.

 

Bei dem Geräusch der Tritte hob eine junge Frau von dreißig Jahren in einem seidenen Hauskleide den Kopf. Diese Frau, die sorgfältig von einem herrlichen Rosenstock die welken Blumen pflückte, war unsere kleine Julie, nunmehr, wie es der Vertreter des Hauses Thomson und French vorhergesagt hatte, Frau Emanuel Herbault. Sie stieß einen leichten Schrei aus, als sie einen Fremden erblickte, Maximilian aber sagte lachend: Laß dich nicht stören, Schwester; der Herr Graf befindet sich erst seit zwei bis drei Tagen in Paris, weiß aber bereits, was eine Rentière des Marais ist, und wenn er es nicht weiß, so wirst du es ihn lehren.

 

Ah! mein Herr, sagte Julie, Sie so hierher zu führen ist ein Verrat von meinem Bruder, der nicht die geringste Eitelkeit für seine arme Schwester besitzt … Penelon! … Penelon! …

 

Ein Greis, der eine Rabatte umgrub, steckte seinen Spaten in die Erde und näherte sich mit der Mütze in der Hand, während er so gut wie möglich den Kautabak verbarg, den er schleunigst in die Tiefen seiner Backen zurückgeschoben hatte. Einige weiße Büschel versilberten sein noch dichtes Haupthaar, indes seine bronzefarbige Gesichtshaut und sein kühnes, lebhaftes Auge den alten, unter der Sonne des Äquators gebräunten und vom Hauche der Stürme gestählten Seemann verrieten.

 

Ich glaube, Sie haben mich gerufen, Fräulein Julie, sagte er, hier bin ich.

 

Penelon hatte die Gewohnheit beibehalten, die Tochter seines Patrons Fräulein Julie zu nennen, und war nie imstande gewesen, sich daran zu gewöhnen, sie als Frau Herbault anzureden.

 

Penelon, sagte Julie, melde Herrn Emanuel den angenehmen Besuch, der uns zuteil wird, während Maximilian den Herrn Grafen in den Salon führt. Dann, sich an Monte Christo wendend, fuhr sie fort: Sie werden mir wohl erlauben, auf eine Minute zu entfliehen?

 

Und ohne die Einwilligung des Grafen abzuwarten, eilte sie hinter eine Baumgruppe und erreichte das Haus durch eine Seitenallee.

 

Ah! mein lieber Herr Morel, sagte Monte Christo, ich bemerke zu meinem Schmerze, daß ich einen Aufruhr in Ihrer Familie veranlasse.

 

Sehen Sie, erwiderte Maximilian lachend, sehen Sie dort unten den Mann, der ebenfalls sein Wams gegen einen Oberrock zu vertauschen im Begriffe ist? Oh! man kennt Sie, glauben Sie mir, Sie waren angekündigt.

 

Es scheint hier eine glückliche Familie zu wohnen, Herr Morel, sagte der Graf, seinen eigenen Gedanken beantwortend.

 

Oh ja! dafür stehe ich Ihnen, Herr Graf; es fehlt ihnen nichts zu ihrem Glücke, sie sind jung, sie sind heiter, sie lieben sich, und mit ihren 25 000 Franken Rente bilden sie sich ein, den Reichtum Rothschilds zu besitzen.

 

25 000 Franken Rente ist übrigens wenig, sagte Monte Christo mit einer Weichheit, welche in Maximilians Herz wie die Stimme eines zärtlichen Vaters drang; doch sie werden hierbei nicht stehen bleiben, unsere jungen Leute, sie werden ebenfalls Millionäre werden. Ihr Herr Schwager ist Advokat … Arzt? …

 

Er war Kaufmann, Herr Graf, und hatte das Haus meines armen Vaters übernommen. Herr Morel starb mit Hinterlassung eines Vermögens von 500 000 Franken; ich bekam die eine Hälfte und meine Schwester die andere, denn wir waren nur zwei Kinder. Ihr Gatte, der sie ohne ein anderes Erbgut, als seine Redlichkeit, seinen scharfen Verstand und seinen fleckenlosen Ruf geheiratet hatte, wollte ebensoviel besitzen wie seine Frau. Er arbeitete, bis er 250 000 Franken zusammengebracht hatte; hierzu genügten sechs Jahre. Eines Tages suchte Emanuel seine Frau auf und sagte zu ihr: Julie, Cocles hat mir soeben eine Rolle von hundert Franken zugestellt, welche die Summe von 250 000 Franken vollmacht. Wirst du mit dem wenigen, womit wir uns fortan begnügen müssen, zufrieden sein? Höre, das Haus macht jährlich Geschäfte für eine Million und kann einen Nutzen von 40 000 Franken abwerfen. Wir verkaufen, wenn wir wollen, die Kundschaft in einer Stunde für 300 000 Franken an Herrn Delaunay, der uns diese Summe anbietet. Was meinst du?

 

Mein Freund, erwiderte meine Schwester, das Haus Morel kann nur durch einen Morel gehalten werden. Ist es nicht 300 000 Franken wert, den Namen unseres Vaters für immer vor schlimmem Schicksalswechsel zu schützen?

 

Ich meinte dasselbe, erwiderte Emanuel, wollte jedoch deine Ansicht wissen.

 

Gut, mein Freund. Alle unsere Ausstände sind eingezogen, alle unsere Wechsel sind bezahlt; wir können einen Strich unter den letzten des Monats ziehen und unsere Kontore schließen; ziehen wir diesen Strich und schließen wir sie! – Und dies wurde auch auf der Stelle ausgeführt. Es war drei Uhr; um ein Viertel auf vier zeigte sich ein Kunde, der die Fahrt zweier Schiffe versichern lassen wollte. Dies brachte voraussichtlich einen Geschäftsgewinn von 15 000 Franken.

 

Mein Herr, sagte Emanuel, wollen Sie sich wegen dieser Versicherung an Herrn Delaunay wenden. Wir haben das Geschäft aufgegeben.

 

Seit wann? fragte der erstaunte Kunde.

 

Seit einer Viertelstunde.

 

Und auf diese Art haben meine Schwester und mein Schwager nur 25 000 Franken Rente, schloß Maximilian seine Rede lächelnd.

 

Kaum hatte er geendet, als Emanuel wieder erschien; er grüßte wie ein Mann, der den Wert des Gastes zu schätzen weiß, ließ den Grafen das kleine Anwesen sehen und führte ihn in das Hans.

 

Der Salon war bereits von Blumen durchduftet, die in einer ungeheuren japanischen Vase zusammengehalten wurden. Hübsch gekleidet und zierlich frisiert, trat Julie hervor, um den Grafen bei seinem Eintritt zu empfangen. Alles atmete hier Ruhe, vom Gesange des Vogels bis zum Lächeln der Bewohner. Der Graf hatte seit dem Eintritte in das Haus die ganze Fülle dieses ruhigen Familienglücks auf sich wirken lassen. Er blieb stumm und träumerisch und vergaß, daß man ihn anschaute und von ihm die Wiederaufnahme des nach den ersten Komplimenten unterbrochenen Gespräches zu erwarten schien.

 

Endlich bemerkte er das eingetretene Stillschweigen, entriß sich seiner Träumerei und sagte: Gnädige Frau, verzeihen Sie mir meine Gemütsbewegung, die Sie, da Sie an den Frieden und an das Glück gewöhnt sind, in Erstaunen setzen muß; doch für mich ist die Zufriedenheit auf einem menschlichen Antlitz etwas so Neues, daß ich nicht müde werden kann, Sie und Ihren Gatten anzuschauen.

 

Wir sind in der Tat sehr glücklich, versetzte Julie; aber wir hatten lange zu leiden, und wenige Menschen mußten ihr Glück so teuer erkaufen, wie wir.

 

Die Neugierde prägte sich in den Zügen des Grafen aus.

 

Oh! das ist eine ganze Familiengeschichte, wie Ihnen neulich Chateau-Renaud sagte, erklärte Maximilian; für Sie, Herr Graf, der Sie an großartigere und glänzendere Verhältnisse gewöhnt sind, dürfte dieses häusliche Gemälde wenig Interesse bieten. Jedenfalls haben wir, wie Ihnen Julie soeben sagte, heftige Schmerzen ausgestanden, wenn sie auch in diesen kleinen Rahmen eingeschlossen waren.

 

Und Gott hat Ihnen, wie er es bei allen tut, den Balsam des Trostes auf das Leiden gegossen? fragte Monte Christo.

 

Ja, Herr Graf, antwortete Julie; wir können dies wohl sagen, denn er hat für uns getan, was er nur für seine Auserwählten tut; er schickte uns einen von seinen Engeln.

 

Die Röte stieg dem Grafen in die Wangen; er stand auf und schritt, ohne etwas zu erwidern, langsam durch den Salon.

 

Sie lächeln über uns, Herr Graf, sagte Maximilian, der ihm mit dem Auge folgte.

 

 

Nein, nein, entgegnete Monte Christo, äußerst bleich und mit einer Hand die Schläge seines Herzens zurückdrängend, während er mit der andern auf eine kristallene Kugel deutete. unter der eine seidene Börse, kostbar gelagert auf einem Kissen von schwarzem Samt, ruhte. Ich fragte mich nur, wozu diese Börse diene, die, wie mir scheint, auf der einen Seite ein Papier und auf der andern einen ziemlich schönen Diamanten enthält.

 

Maximilian nahm eine ernste Miene an und erwiderte: Das, Herr Graf, ist unser köstlichster Familienschatz.

 

In der Tat, der Diamant ist ziemlich hübsch, wiederholte Monte Christo.

 

Oh! mein Bruder spricht nicht von dem Werte des Steines, obgleich er zu 100 000 Franken geschätzt wird, er will Ihnen nur sagen, daß die Gegenstände, die diese Börse enthält, Reliquien von dem Engel sind, von dem vorhin die Rede war.

 

Ich begreife das nicht und darf auch nicht fragen, gnädige Frau, erwiderte Monte Christo, sich verbeugend; verzeihen Sie mir, ich wollte nicht indiskret sein.

 

Indiskret, sagen Sie? Oh! wie glücklich machen Sie uns im Gegenteil, wenn Sie uns Gelegenheit geben, uns des weiteren über diesen Gegenstand auszusprechen. Wie gern möchten wir es der ganzen Welt mitteilen, damit wir dadurch etwas über unsern unbekannten Wohltäter erfahren.

 

Maximilian hob die Kristallkugel auf, zog den Brief aus der Börse und reichte ihn dem Grafen. Dieser Brief, sagte er, wurde an einem Tage geschrieben, wo mein Vater einen verzweiflungsvollen Entschluß gefaßt hatte, diesen Diamanten gab der edelmütige Unbekannte meiner Schwester als Mitgift.

 

Monte Christo nahm den Brief und las ihn mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke von Glück; es war das unsern Lesern bekannte, an Julie gerichtete und von Simbad dem Seefahrer unterzeichnete Schreiben.

 

Der Unbekannte, sagen Sie? Also ist der Mann, der Ihnen diesen Dienst geleistet hat, für Sie unbekannt geblieben?

 

Ja, nie haben wir das Glück gehabt, ihm die Hand zu drücken, obwohl wir Gott flehend um diese Gunst baten, sagte Maximilian. In dieser ganzen wunderbaren Begebenheit waltete eine geheimnisvolle Leitung, die wir noch nicht begreifen können.

 

Oh! rief Julie, ich habe noch nicht jede Hoffnung verloren, eines Tags die Hand unseres Wohltäters zu küssen. Vor vier Jahren war Penelon in Triest. Penelon, Herr Graf, ist der brave Seemann, den Sie mit dem Spaten gesehen haben; früher Hochbootsmann ist er nun Gärtner geworden. Penelon war also in Triest und sah auf dem Kai einen Engländer, der sich in einer Jacht einschiffte; sogleich erkannte er den, der am 5. Juni 1823 meinen Vater aufgesucht und mir am 5. September dieses Billett geschrieben hatte. Es war, wie er versichert, derselbe Mann; doch er wagte ihn nicht anzureden.

 

Ein Engländer? versetzte Monte Christo träumerisch und unruhig Julies Blicken folgend, ein Engländer sagen Sie?

 

Ja, erwiderte Maximilian, ein Engländer, der bei uns als Vertreter des Hauses Thomson und French in Rom erschien. Deshalb sahen Sie mich beben, als Sie neulich bei Herrn von Morcerf bemerkten, Thomson und French in Rom seien Ihre Bankiers. Dies ereignete sich im Jahre 1829, wie wir Ihnen sagten, und ich frage Sie im Namen des Himmels, haben Sie diesen Engländer gekannt?

 

Doch sagten Sie mir nicht, es sei von dem Hause Thomson und French beständig in Abrede gestellt worden, daß es Ihnen diesen Dienst geleistet? Sollte dieser Engländer vielleicht aus Dankbarkeit für irgend eine gute Handlung Ihres Vaters diesen Vorwand ergriffen haben, um ihm einen Dienst zu leisten?

 

Unter solchen Umständen ist alles zu vermuten, selbst ein Wunder.

 

Wie hieß er? fragte Monte Christo.

 

Er hat keinen andern Namen hinterlassen, sagte Julie, den Grafen mit großer Aufmerksamkeit betrachtend, als den, womit er das Billett unterzeichnete: Simbad der Seefahrer.

 

Was offenbar kein Name, sondern ein Pseudonym ist.

 

Und als ihn Julie immer aufmerksamer anschaute und die Töne seiner Stimme aufzufangen und zu sammeln schien, fuhr er fort: Sagen Sie, ist es nicht ein Mann etwa von meinem Wuchse, vielleicht etwas größer, etwas schlanker, in eine hohe Halsbinde eingezwängt, gegürtet und beständig einen Bleistift in der Hand haltend?

 

Oh! Sie kennen ihn also? rief Julie mit freudestrahlenden Augen.

 

Nein, ich habe nur eine Vermutung. Ich kannte einen Lord Wilmore, der edle Handlungen der Art auszuführen pflegte.

 

Ohne sich zu erkennen zu geben?

 

Es war ein wunderlicher Mensch, er glaubte nicht an Dankbarkeit.

 

Oh, mein Gott! rief Julie mit einem erhabenen Ausdruck die Hände faltend, woran glaubt denn der Unglückliche?

 

Er glaubte wenigstens nicht daran zur Zeit, wo ich ihn kannte, sagte Monte Christo, den diese aus der Tiefe der Seele kommende Stimme bis in die letzte Fiber erschüttert hatte; seit jener Zeit hat er jedoch vielleicht einen Beweis erhalten, daß es eine Dankbarkeit gibt.

 

Und Sie kennen diesen Mann? fragte Emanuel.

 

Oh! wenn Sie ihn kennen, rief Julie, sprechen Sie, vermögen Sie ihn zu uns zu führen, ihn uns zu zeigen, uns zu offenbaren, wo er ist? Wie, Maximilian, wie, Emanuel, wenn wir ihn je wieder finden würden, würde er nicht an dankbare Herzen glauben müssen?

 

Monte Christo fühlte, wie zwei Tränen in seine Augen traten; er machte noch ein paar Schritte im Salon.

 

Im Namen des Himmels, sagte Maximilian, wenn Sie etwas von diesem Manne wissen, so teilen Sie es uns mit.

 

Ach! erwiderte Monte Christo, die Erschütterung seiner Stimme bewältigend, ach! wenn Lord Wilmore Ihr Wohltäter ist, so befürchte ich, daß Sie ihn nie finden werden. Ich habe ihn vor zwei oder drei Jahren in Palermo verlassen; er reiste damals nach weit entfernten Ländern, und ich zweifle sehr an seiner Rückkehr.

 

Ah! mein Herr, Sie sind grausam, rief Julie voll Schrecken.

 

Und es entstürzten Tränen den Augen der jungen Frau.

 

Gnädige Frau, sagte mit ernstem Tone Monte Christo, während er mit seinen Blicken die beiden Tränenperlen verschlang, die über Julies Wangen herabrollten, wenn Lord Wilmore gesehen hätte, was ich hier sehe, so würde er das Leben noch lieben, denn die Tränen, die Sie vergießen, müßten ihn mit dem Menschengeschlechte aussöhnen. Und er reichte Julie die Hand, und diese gab ihm die ihre, hingezogen von Blick und Ton des Grafen.

 

Doch dieser Lord Wilmore, sagte sie, sich an eine letzte Hoffnung klammernd, hatte er kein Vaterland, Verwandte, Familie, war er bekannt? Könnten wir nicht …

 

Oh! suchen Sie nicht, Madame, bauen Sie keine leeren Hoffnungen auf das Wort, das mir entschlüpft ist! Nein, Lord Wilmore ist wahrscheinlich nicht der Mann, den Sie suchen, er war mein Freund, ich kannte seine Geheimnisse, er hätte mir auch dieses mitgeteilt.

 

Und er sagte Ihnen nichts davon? rief Julie.

 

Nichts.

 

Sie nannten ihn aber doch sogleich?

 

Sie wissen, in solchen Fällen ergeht man sich leicht in Mutmaßungen.

 

Meine Schwester, sagte Maximilian, Monte Christo zu Hilfe kommend, der Herr Graf hat recht. Erinnere dich dessen, was unser guter Vater uns so oft sagte: Der Mann, der unser Glück machte, war kein Engländer.

 

Monte Christo zitterte und sagte lebhaft: Ihr Vater sagte Ihnen dies, Herr Morel?

 

Mein Vater, Herr Graf, erblickte in dieser Handlung ein Wunder. Mein Vater glaubte an einen für uns aus dem Grabe erstandenen Wohltäter. Oh! welch ein rührender Aberglaube, mein Herr! … Während ich selbst ihm nicht beipflichtete, war ich doch weit entfernt, diesen Glauben in seinem Herzen zerstören zu wollen. Wie oft träumte er davon und sprach ganz leise den Namen eines geliebten Freundes, eines verlorenen Freundes aus, und als er nur noch einen Schritt vom Tode entfernt war und das Herannahen der Ewigkeit seinem Geiste etwas von der Erleuchtung des Grabes gegeben hatte, da wurde dieser Gedanke, der bis dahin eine dunkle Vermutung gewesen war, zur Überzeugung, und die letzten Worte, die er sterbend aussprach, lauteten: Maximilian, es war Edmond Dantes.

 

Die immer mehr zunehmende Blässe des Grafen wurde bei diesen Worten furchtbar. Er konnte kaum mehr sprechen, zog seine Uhr, als hätte er die Stunde vergessen, nahm seinen Hut, machte eine ungestüme, verlegene Verbeugung vor Frau Herbault, drückte Emanuel und Maximilian die Hand und stammelte: Gnädige Frau, erlauben Sie mir, Ihnen zuweilen meine Achtung zu bezeigen. Ich liebe Ihr Haus und bin Ihnen dankbar für Ihren Empfang, denn es ist das erste Mal seit Jahren, daß ich mich vergessen habe.

 

Und er entfernte sich mit großen Schritten.

 

Das ist ein seltsamer Mensch … dieser Graf von Monte Christo, sagte Emanuel.

 

Ja, erwiderte Maximilian, aber ich glaube, er hat ein vortreffliches Herz, und ich bin überzeugt, daß er uns liebt.

 

Und mir, sagte Julie, mir war es, als erinnerte sich mein Inneres seiner Stimme, und wiederholt kam es mir vor, als hörte ich sie nicht zum erstenmal.

 

Pyramos und Thisbe.

 

Pyramos und Thisbe.

 

Auf dem Faubourg Saint-Honoré hinter einem schönen Palast dehnte sich damals ein weiter Garten aus, dessen blätterreiche Kastanienbäume die ungeheuren, wallhohen Mauern überragten, und wenn der Frühling kam, ihre rosenfarbigen und weißen Blüten in zwei Vasen von gerieftem Stein fallen ließen, die auf zwei viereckigen Pfeilern einander gegenüberstanden, zwischen die ein eisernes Gitter aus der Zeit Ludwigs XIII gefügt war.

 

Dieser großartigste Eingang war trotz der herrlichen Geranien, die in den Vasen wuchsen, der Öde verfallen, seitdem sich die Eigentümer auf den Besitz des Hauses, des mit Bäumen bepflanzten und nach dem Faubourg gehenden Hofes und des Gartens beschränkten, den dieses Gitter schloß. Da aber der Dämon der Spekulation eine Straße am Ende dieses Küchengartens gezogen, so glaubte man dieses Stück als Bauplatz verkaufen zu können.

 

Jedoch die Spekulation schlug fehl, und der Käufer des Küchengartens verpachtete den Platz an einen Gemüsegärtner, der nur Luzernen darauf wachsen ließ. Eine kleine niedrige Tür, die sich nach der noch im Plane schlummernden Straße öffnete, gewährte Eingang in dieses von Mauern umschlossene Gebiet.

 

Nach dem vornehmen Hause oder, wie man in Paris sagt, nach dem Hotel zu bekränzten Kastanienbäume die Mauer. Auf einer Ecke, wo das Blätterwerk so dicht war, daß das Licht kaum durchzudringen vermochte, deuteten eine steinerne Bank und Gartensitze auf einen Lieblingswinkel für irgend einen Bewohner des hundert Schritte davon entlegenen Hotels, das wegen des grünen, umhüllenden Walles kaum wahrzunehmen war. Die Wahl dieses geheimnisvollen Asyls rechtfertigte sich durch die Abwesenheit der Sonne, durch die angenehme Frische, durch das Gezwitscher der Vögel und durch die Entfernung des Hauses und der Straße.

 

Gegen Abend an einem der heißesten Tage des Frühjahrs lagen auf dieser Steinbank ein Buch, ein Sonnenschirm, ein Arbeitskorb und ein Batisttaschentuch, dessen Stickerei angefangen war; und nicht weit von dieser Bank stand am Gitter vor den Brettern, das Auge an den durchsichtigen Verschlag haltend, eine junge Frau, deren Blick durch eine Spalte den noch öden Raum überlief.

 

Fast in demselben Augenblick schloß sich geräuschlos die Tür dieser kleinen Wüste, und ein junger Mann, groß, kräftig, in einer Bluse von roher Leinwand, eine Samtmütze auf dem Kopf, dessen schwarzer Bart und schwarze, sorgfältig gepflegte Haare jedoch ein wenig mit dieser Volkstracht im Widerspruch standen, trat, nachdem er einen raschen Blick umhergeworfen hatte, um sich zu versichern, daß ihn niemand beobachte, herein und wandte sich mit raschen Schritten nach dem Gitter.

 

Bei dem Anblicke dessen, den sie erwartete, aber wahrscheinlich nicht in dieser Tracht, erschrak das Mädchen und wich ein wenig zurück.

 

Aber der junge Mann hatte durch die Spalte der Tür mit jenem Blicke, der nur Liebenden eigen ist, das weiße Kleid und das lange blaue Gürtelband flattern sehen; er eilte nach dem Verschlage, legte seinen Mund an eine Öffnung und sagte mit halblauter Stimme: Fürchten Sie sich nicht, Valentine, ich bin es.

 

Die Genannte näherte sich und sagte: Oh, warum sind Sie heute so spät gekommen? Wissen Sie, daß wir bald zu Mittag essen, und daß es großer Täuschungskunst und Hurtigkeit bedurfte, um von meiner Stiefmutter, die mich belauert, meiner Kammerfrau, die mich bespäht, meinem Bruder, der mich quält, freizukommen und hier an dieser Stickerei zu arbeiten? Sobald Sie sich für Ihr Zögern entschuldigt haben, werden Sie mir sagen, was dieses neue Kostüm, in dem ich Sie beinahe nicht erkannt hätte, bedeuten soll.

 

Teure Valentine, erwiderte der junge Mann, meine Liebe zu Ihnen ist zu groß, als daß ich hiervon noch sprechen sollte, und dennoch fühle ich, so oft ich Sie sehe, das Bedürfnis, Ihnen zu sagen, daß ich Sie anbete, damit das Echo meiner eigenen Worte Ihr Herz liebkosen möge, wenn ich Sie nicht mehr sehe. Nun danke ich Ihnen für Ihr Schmälen; es ist ganz bezaubernd, denn es beweist mir, daß Sie mich erwarteten und an mich dachten. Sie wollen die Ursache meiner Zögerung und den Beweggrund meiner Verkleidung wissen, ich werde Ihnen beides sagen und hoffe, Sie entschuldigen mich: ich habe mir einen Stand erwählt.

 

Einen Stand? … Was wollen Sie damit sagen, Maximilian? Sind wir denn so glücklich, daß Sie über unsere Lage scherzen?

 

Oh! Gott soll mich bewahren, daß ich mit dem, was mein Leben ausmacht, Scherz treibe. Aber des Mauerkletterns überdrüssig und ernstlich erschrocken über den eines Abends von Ihnen ausgesprochenen Gedanken, Ihr Vater würde mich früher oder später als Dieb vor Gericht ziehen, was die Ehre der ganzen französischen Armee verletzen müßte, dazu erwägend, daß man sich wundern könnte, in dieser Gegend, wo es nicht die geringste Zitadelle zu belagern oder das kleinste Blockhaus zu verteidigen gibt, einen Kapitän der Spahis sich herumtreiben zu sehen, bin ich Gemüsegärtner geworden und habe natürlich die Tracht meines Gewerbes angenommen.

 

Welch eine Tollheit!

 

Im Gegenteil, es ist, wie ich glaube, das vernünftigste, was ich in meinem ganzen Leben getan habe, denn es verleiht uns vollkommene Sicherheit.

 

Erklären Sie sich deutlicher!

 

Wohl, ich habe den Eigentümer dieses Platzes aufgesucht; der Vertrag mit den ehemaligen Pächtern war abgelaufen, und ich pachtete den Garten für mich. Alle diese Luzernen gehören mir, Valentine, und nichts hindert mich, mir eine Hütte unter diesem Gebüsch bauen zu lassen und fortan zwanzig Schritte von Ihnen zu leben. Oh! diese Freude, dieses Glück, ich weiß mich nicht zu fassen! Scheint Ihnen, Valentine, dies nicht unbezahlbar? Und diese ganze Seligkeit, dieses ganze Glück, diese ganze Freude, wofür ich zehn Jahre meines Lebens gegeben hätte, kosten mich, erraten Sie wieviel? … Fünfhundert Franken jährlich, zahlbar in vierteljährlichen Raten. Sie sehen also, es ist in Zukunft nichts mehr zu befürchten. Ich befinde mich hier auf meinem eigenen Grund und Boden, kann Leitern an meine Mauer stellen und hinüberschauen und bin berechtigt, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebe, solange sich Ihr Stolz nicht verwundet fühlt, wenn er dieses Wort aus dem Munde eines armen Tagelöhners mit Bluse und Mütze vernimmt.

 

Valentine stieß einen leichten Schrei freudigen Erstaunens aus, erwiderte aber bald traurig, und als hätte eine eifersüchtige Wolke plötzlich den Sonnenstrahl verschleiert, der ihr Herz erleuchtete: Ach! Maximilian, wir sind nun frei; unser Herz wird uns Gott versuchen lassen; wir werden unsere Sicherheit mißbrauchen, und unsere Sicherheit wird uns zu Grunde richten.

 

Können Sie mir das sagen, liebe Freundin, mir, der ich Ihnen, seitdem ich Sie kenne, jeden Tag beweise, daß ich meine Gedanken und mein Leben Ihren Gedanken und Ihrem Leben untergeordnet habe? Wer hat Ihnen Zutrauen zu mir gegeben? Nicht wahr, meine Ehre. Als Sie mir sagten, ein unbestimmter Instinkt versichere Ihnen, Sie liefen irgend eine große Gefahr, stellte ich meine Ergebenheit zu Ihren Diensten, ohne eine andere Belohnung von Ihnen zu verlangen, als das Glück, Ihnen dienen zu dürfen. Habe ich Ihnen seitdem durch ein Wort, durch ein Zeichen Veranlassung gegeben, zu bereuen, daß Sie mich unter denen auszeichnen, die glücklich gewesen wären, für Sie zu sterben? Armes Kind, Sie sagten mir, Sie seien mit Herrn d’Epinay verlobt, Ihr Vater habe diese Verbindung geschlossen, das heißt, sie wäre gewiß, denn alles, was Herr von Villefort wolle, geschehe unfehlbar. Nun, ich bin im Schatten geblieben und habe alles, nicht von meinem Willen, nicht von dem Ihrigen, sondern von den Ereignissen, von der Vorsehung Gottes erwartet, und dennoch liebten Sie mich, hatten Sie Mitleid mit mir und sagten mir dies. Ich danke Ihnen für dieses süße Wort, das ich Sie von Zeit zu Zeit zu wiederholen bitte, denn es wird mich alles vergessen lassen.

 

Das ist es, was Sie kühn gemacht hat, Maximilian, das ist es, was mir ein sehr süßes und zugleich sehr unglückliches Leben bereitet, so daß ich mich oft frage, was für mich besser sei, der Kummer, den mir einst die Strenge meiner Stiefmutter und die blinde Bevorzugung ihres Kindes verursachten, oder das gefahrvolle Glück, das ich bei Ihrem Anblick genieße.

 

Gefahrvoll! rief Maximilian; können Sie ein so hartes und ungerechtes Wort aussprechen! Sie erlaubten mir zuweilen, ein Wort an Sie zu richten, Valentine, aber Sie verboten mir, Ihnen zu folgen; ich gehorchte. Habe ich, seitdem ich Gelegenheit fand, in dieses Gehege zu schlüpfen, durch diese Tür mit Ihnen zu plaudern, so nahe bei Ihnen zu sein, ohne Sie zu sehen, – sprechen Sie, habe ich je um Erlaubnis gebeten, den Saum Ihres Kleides durch dieses Gitter berühren zu dürfen? Habe ich je einen Schritt getan, um über diese Mauer – bei meiner Jugend und meiner Kraft ein lächerliches Hindernis – zu gelangen? Nie vernahmen Sie von mir einen Vorwurf über Ihre Strenge, nie einen lauten Wunsch; ich hielt blindlings fest an meinem Wort, wie ein Ritter in den alten Zeiten. Gestehen Sie dies wenigstens zu, damit ich Sie nicht für ungerecht halte.

 

 

Das ist wahr, sagte Valentine, ihm zwischen zwei Brettern hindurch die Spitze eines ihrer zarten Finger bietend, auf die Maximilian seine Lippen drückte; es ist wahr, Sie sind ein redlicher Freund. Aber Sie haben am Ende nur aus Berechnung so gehandelt, mein lieber Maximilian; Sie wußten, daß der Sklave von dem Tage an, wo er begehrlich würde, alles verlieren müßte. Sie haben mir die Freundschaft eines Bruders versprochen, mir, die keine Freunde besitzt, mir, die vom Vater vergessen, von der Stiefmutter verfolgt wird; mir, die als einzigen Trost nur den unbeweglichen, stummen, eisigen Greis hat, dessen Hand meine Hand nicht drücken kann, dessen Auge allein zu mir spricht und dessen Herz ohne Zweifel mit einem Überreste von Wärme für mich schlägt. Bitterer Hohn des Geschicks, das mich zur Feindin und zum Opfer aller derer macht, die stärker sind als ich, und mir einen Leichnam zur Stütze und zum Freunde gibt! Oh wahrlich, Maximilian, ich wiederhole Ihnen, ich bin sehr unglücklich, und Sie haben recht, wenn Sie mich um meiner selbst willen und nicht um Ihretwillen lieben.

 

Valentine, sagte der junge Mann, mit tiefer Rührung, ich sage nicht, daß ich Sie allein auf der Welt liebe, denn ich liebe auch meine Schwester und meinen Schwager, aber mit einer sanften, ruhigen Liebe, die in keiner Hinsicht dem Gefühle gleicht, das ich für Sie hege: Wenn ich an Sie denke, wallt mein Blut, schwillt meine Brust, strömt mein Herz über; doch diese Kraft, diese Glut, diese übermenschliche Macht, ich werde sie anwenden, um Sie bis zu dem Tage zu lieben, wo Sie mir sagen, ich solle sie in Ihrem Dienste verwenden. Herr Franz d’Epinay wird, wie ich höre, noch ein Jahr abwesend sein; wie viele günstige Wechselfälle können in einem Jahre zu unsern Gunsten eintreten! Wie viele Ereignisse können uns unterstützen! Hoffen wir also, es ist so schön und süß, zu hoffen! Doch mittlerweile, Valentine, was sind Sie, die Sie mir meine Selbstsucht zum Vorwurf machen, was sind Sie für mich gewesen? Die schöne und kalte Bildsäule der züchtigen Venus. Was haben Sie mir im Austausch für diese Ergebenheit, für diesen Gehorsam, für diese Zurückhaltung versprochen? Nichts; was haben Sie mir bewilligt? Sehr wenig. Sie erwähnen gegen mich des Herrn d’Epinay als Ihres Verlobten und seufzen bei dem Gedanken, eines Tages ihm zu gehören. Sprechen Sie, Valentine, ist das alles, was Sie im Gemüte tragen? Wie! ich verpfände Ihnen mein Leben, ich gebe Ihnen meine Seele, ich widme Ihnen auch den unbedeutendsten Schlag meines Herzens, und während ich Ihnen ganz gehöre, während ich mir ganz leise sage, daß ich sterben werde, wenn ich Sie verliere, erschrecken Sie nicht schon bei dein bloßen Gedanken, eines andern Gattin zu sein? Oh Valentine! Wenn ich wäre, was Sie sind, wenn ich mich geliebt fühlte, wie Sie sich zweifellos geliebt fühlen müssen, so hätte ich schon hundertmal meine Hand zwischen den Stangen dieses Gitters durchgestreckt, die Hand des armen Maximilian gedrückt und ihm gesagt: Dir allein, Maximilian, in dieser und in der andern Welt.

 

Valentine antwortete nicht, aber der junge Mann hörte sie seufzen und weinen.

 

Rasch trat bei ihm die Gegenwirkung ein.

 

Oh, Valentine, Valentine! rief er, vergessen Sie meine Worte, wenn darin etwas für Sie Beleidigendes liegt!

 

Nein, sagte sie, Sie haben recht; aber sehen Sie nicht, daß ich ein armes Geschöpf bin, das so gut wie in einem fremden Hause leben muß? Mein Vater ist mir wirklich fast fremd, und mein Wille wird seit zehn Jahren, Tag für Tag, Minute für Minute durch den eisernen Willen von Gebietern gebrochen, deren Hand unendlich schwer auf mir liegt. Niemand sieht, was ich leide, und ich habe es auch außer Ihnen niemand gesagt. Scheinbar und in den Augen der Welt ist alles gut, ist alles liebevoll gegen mich, in Wirklichkeit aber ist mir alles feindselig. Die Welt sagt: Herr von Villefort ist zu ernst und zu streng, um sehr zärtlich gegen seine Tochter zu sein; aber sie hat wenigstens das Glück, in Frau von Villefort eine zweite Mutter zu finden. Die Welt täuscht sich, mein Vater ist völlig gleichgültig gegen mich, meine Stiefmutter haßt mich mit um so größerer Erbitterung, als sie diese durch ein beständiges Lächeln glaubt verschleiern zu müssen.

 

Sie hassen? Sie, Valentine! Und wie kann man Sie hassen?

 

Ach! mein Freund, ich muß gestehen, daß dieser Haß gegen mich von einem an sich sehr natürlichen Gefühle herrührt. Sie betet ihren Sohn, meinen Bruder Eduard, an. – Nun?

 

Es kommt mir zwar sonderbar vor, daß ich eine Geldfrage in unser Gespräch mischen soll; aber ich glaube, mein Freund, daß ihr Haß davon herrührt. Da sie kein eigenes Vermögen hat, da ich bereits durch die Erbschaft meiner Mutter reich bin und sich dieses Vermögen noch durch das, welches mir eines Tages von Herrn und Frau von Saint-Meran zukommen muß, mehr als verdoppeln wird, so glaube ich, daß sie neidisch ist. Oh, mein Gott! wenn ich ihr die Hälfte dieses Vermögens geben und mich dann bei Herrn Villefort wie eine Tochter im Hause ihres Vaters befinden könnte, ich würde es auf der Stelle tun.

 

Arme Valentine!

 

Ja, ich fühle mich gekettet und fühle mich zugleich so schwach, daß es mir vorkommt, als stützten mich meine Fesseln, so daß ich mich davor fürchte, sie zu zerbrechen. Überdies ist mein Vater nicht der Mann, dessen Befehle man ungestraft übertreten dürfte; er ist mächtig gegen mich, er wäre mächtig gegen Sie, er wäre sogar mächtig gegen den König, beschützt durch eine vorwurfsfreie Vergangenheit und eine beinahe unangreifbare Stellung. Oh! Maximilian, ich schwöre Ihnen, ich kämpfe nicht, weil ich Sie nicht minder als mich in diesem Kampf zu Grunde zu richten befürchte.

 

Aber Valentine, versetzte Maximilian, warum auf diese Art verzweifeln, warum die Zukunft stets so düster sehen?

 

Ah! mein Freund, weil ich nach der Vergangenheit urteile.

 

Aber vergessen Sie nicht, daß ich auch Ihrem Vater kein unwillkommener Freier sein kann. Ich habe gute Aussichten in der Armee, ich besitze ein beschränktes, aber unabhängiges Vermögen; das Andenken an meinen Vater endlich wird bei uns als das eines der ehrlichsten Kaufleute, die je gelebt haben, verehrt. Ich sage, bei uns, Valentine, weil Sie halb und halb von Marseille sind.

 

Sprechen Sie mir nicht von Marseille, Maximilian, dieses einzige Wort erinnert mich an meine gute Mutter, an diesen guten, von der ganzen Welt beklagten Engel; an diese herrliche Frau, die, nachdem sie während ihres kurzen Aufenthaltes auf Erden über ihre Tochter gewacht, jetzt, so glaube ich sicher, im Himmel über sie wacht. Oh! wenn meine Mutter noch lebte, Maximilian, so hätte ich nichts mehr zu fürchten! Ich würde ihr sagen, daß ich Sie liebe, und sie würde uns beschützen.

 

Ach! Valentine, entgegnete Maximilian, wenn sie noch lebte, würde ich Sie ohne Zweifel nicht kennen; denn Sie wären dann, wie Sie sagen, glücklich, und die glückliche Valentine hätte mich von ihrer Größe herab verächtlich angeschaut.

 

Ah! mein Freund! rief Valentine. Sie sind ebenfalls ungerecht … Doch, sagen Sie mir …

 

Was soll ich Ihnen sagen? versetzte Maximilian, als er Valentine zögern sah.

 

Sagen Sie mir, fuhr das Mädchen fort, waltete in Marseille nicht ein Mißverständnis zwischen Ihrem Vater und dem meinigen ob?

 

Nicht, daß ich wüßte, erwiderte Maximilian, wenn nicht dadurch, daß Ihr Vater ein mehr als eifriger Parteigänger der Bourbonen und der meinige ein dem Kaiser ergebener Mann war; das ist, glaube ich, die einzige Uneinigkeit, die zwischen ihnen stattgefunden hat. Doch warum diese Frage, Valentine?

 

Ich will es Ihnen gestehen, versetzte das Mädchen, denn Sie müssen es wissen. Es war an dem Tage, an dem Ihre Ernennung zum Offizier der Ehrenlegion in der Zeitung bekannt gemacht wurde. Wir befanden uns alle bei meinem Großvater, Herrn Noirtier; außerdem war noch Herr Danglars zugegen, Sie wissen, der Bankier, dessen Pferde vorgestern meiner Mutter und meinem Bruder beinahe den Tod gebracht hätten. Ich las die Zeitung meinem Großvater laut vor, während die Herren von der wahrscheinlichen Verheiratung des Herrn von Morcerf mit Fräulein Danglars sprachen. Als ich zu der Sie betreffenden Mitteilung kam, die mir bereits bekannt war, denn Sie hatten mir am Tage vorher die frohe Kunde mitgeteilt, – war ich sehr glücklich, zitterte jedoch, daß ich Ihren Namen laut aussprechen sollte, und ich würde ihn gewiß übergangen haben, hätte ich nicht befürchtet, man könnte mein Stillschweigen übel auslegen; ich raffte also meinen ganzen Mut zusammen und las.

 

Teure Valentine!

 

Nun wohl, sobald Ihr Name erklang, drehte mein Vater seinen Kopf; ich war so überzeugt – sehen Sie, wie töricht ich bin! – alle Welt würde von diesem Namen wie vom Donner gerührt werden, daß ich meinen Vater und sogar Danglars, bei dem es sicher eine Täuschung war, beben zu sehen glaubte.

 

Morel, sagte mein Vater mit gerunzelter Stirn. Sollte es einer von den Morels aus Marseille sein, einer von den wütenden Bonapartisten, die uns im Jahre 1815 so übel mitgespielt haben?

 

Ja, erwiderte Herr Danglars, ich glaube sogar, daß es der Sohn des ehemaligen Reeders ist.

 

Wirklich? versetzte Maximilian; und was antwortete Ihr Vater, Valentine?

 

Oh! etwas Abscheuliches, das ich nicht wiederholen kann.

 

Sagen Sie es immerhin! sagte Maximilian lächelnd.

 

Ihr Kaiser wußte alle diese Fanatiker an ihren Platz zu stellen, fuhr er mit immer düstererer Stirn fort, er nannte sie Kanonenfutter, und das war der einzige Name, den sie verdienen; ich freue mich, daß die gegenwärtige Regierung dieses heilsame Prinzip wieder zur Ausübung bringt. Behielte sie Algerien auch nur aus diesem einzigen Grunde, so würde ich ihr Glück wünschen, obgleich es uns etwas viel kostet.

 

Das ist in der Tat eine ziemlich rohe Politik, sagte Maximilian; doch, meine teure Freundin, erröten Sie nicht über das, was Herr von Villefort gesagt hat. Mein braver Vater gab in Bezug auf diesen Punkt dem Ihrigen in keiner Beziehung nach, denn er wiederholte unablässig: Warum bildet der Kaiser, der so viel Schönes tut, nicht ein Regiment aus lauter Richtern und Advokaten und schickt sie immer ins erste Feuer? Sie sehen, die Parteien geben sich in der Wahl des Ausdrucks und der Feinheit des Gefühls nichts nach. Doch was sagte Herr Danglars zu diesem Ausfalle des Staatsanwaltes?

 

Oh! er brach in jenes ihm eigentümliche, widerwärtige Gelächter aus; einen Augenblick nachher standen sie auf und gingen weg. Mein Großvater war sehr ergriffen. Ich muß Ihnen sagen, Maximilian, daß ich allein die Bewegungen im Innern dieses armen Gelähmten errate, und ich vermute, daß das Gespräch einen sehr starken Eindruck auf ihn hervorgebracht hatte, da er ein fanatischer Anhänger des Kaisers gewesen zu sein scheint.

 

Er ist wirklich einer der bekanntesten bonapartistischen Parteigänger, sagte Maximilian; er ist Senator gewesen und hat, wie Sie wissen, oder wie Sie nicht wissen, Valentine, fast an allen Verschwörungen unter der Restauration teilgenommen.

 

Ja, ich höre zuweilen ganz leise von diesen Dingen sprechen, die mir seltsam vorkommen; der Großvater Bonapartist, der Vater Royalist … Kurz, ich wandte mich also zu ihm. Er deutete mit dem Blicke auf die Zeitung.

 

Was haben Sie, guter Papa? sagte ich. Sind Sie zufrieden? – Er machte mit dem Kopfe ein bejahendes Zeichen. – Mit dem, was mein Vater soeben gesagt hat? – Er machte ein verneinendes Zeichen. – Mit dem, was Herr Danglars gesagt hat? – Er machte abermals ein verneinendes Zeichen. – Damit also, daß Herr Morel zum Offizier der Ehrenlegion ernannt worden ist? – Er machte ein bejahendes Zeichen.

 

Sollten Sie es glauben, Maximilian? Er freute sich darüber, daß Sie zum Offizier der Ehrenlegion ernannt wurden, er, der Sie nicht kennt; es ist vielleicht etwas Narrheit bei ihm, denn er fängt an kindisch zu werden, wie man sagt; doch ich liebe ihn wegen dieser Bejahung.

 

Das ist seltsam, sagte Maximilian; Ihr Vater würde mich also hassen, während Ihr Großvater … Es ist doch etwas Sonderbares um die Liebe und den Haß der Parteien!

 

Still! rief plötzlich Valentine. Verbergen Sie sich, fliehen Sie, man kommt!

 

Maximilian eilte nach seinem Spaten und fing an, die Luzernen unbarmherzig umzugraben.

 

Mein Fräulein! mein Fräulein! rief eine Stimme hinter den Bäumen; Frau von Villefort ruft und sucht sie überall, es ist Besuch im Salon. Ein vornehmer Herr, ein Prinz, wie ich höre, der Graf von Monte Christo.

 

Ich komme, rief Valentine.

 

Sieh da! sagte Maximilian, nachdenkend auf seinen Spaten gestützt, zu sich selbst, woher kennt der Graf von Monte Christo Herrn von Villefort?

 

Giftkunde.

 

Giftkunde.

 

Es war wirklich der Graf von Monte Christo, der bei Frau von Villefort in der Absicht erschien, den Besuch des Staatsanwalts zu erwidern, und es wurde, wie sich leicht denken läßt, durch seinen Namen das ganze Haus in Bewegung gesetzt.

 

Frau von Villefort befand sich allein im Salon, als man den Grafen meldete, und sie ließ sogleich ihren Sohn kommen, damit das Kind seine Danksagung bei Monte Christo wiederhole. Eduard, der seit zwei Tagen unablässig von dieser hohen Person hatte sprechen hören, lief eilig herbei, nicht aus Gehorsam gegen die Mutter und ebensowenig, um dem Grafen zu danken, sondern aus Neugierde und um irgend eine Wahrnehmung zu machen, mit deren Hilfe er einen Streich ausführen könnte, der seine Mutter stets zu der Äußerung veranlaßte: Oh! das böse Kind; doch ich muß ihm verzeihen, es hat so viel Witz!

 

Nach dem ersten Austausche der gewöhnlichen Höflichkeiten erkundigte sich der Graf nach Herrn von Villefort.

 

Mein Gatte speist beim Herrn Kanzler, antwortete die junge Frau; er ist soeben weggefahren und wird gewiß sehr bedauern, nicht das Glück zu haben, Sie zu sehen. Wo ist denn deine Schwester Valentine! sagte Frau von Villefort zu Eduard; man benachrichtige sie, damit ich die Ehre haben kann, sie dem Herrn Grafen vorzustellen.

 

Sie haben eine Tochter, gnädige Frau? fragte der Graf; das muß noch ein Kind sein?

 

Es ist die Tochter des Herrn von Villefort, erwiderte die junge Frau; eine Tochter aus erster Ehe, eine hübsche, große Person.

 

Aber schwermütig, unterbrach sie Eduard.

 

Dieser junge Naseweis hat ziemlich recht und wiederholt nur, was er mich sehr oft mit Kummer hat sagen hören; denn Fräulein von Villefort ist, trotz allem, was wir zu ihrer Zerstreuung tun, von einem traurigen Charakter und von einer Schweigsamkeit, die häufig der Wirkung ihrer Schönheit Eintrag tut. In diesem Augenblick trat Valentine ein. Sie schien in der Tat traurig zu sein, und bei aufmerksamer Betrachtung hätte man in ihren Augen Spuren von Tränen wahrnehmen können.

 

Valentine war groß, schlank, achtzehn Jahre alt, hatte hell kastanienbraune Haare, dunkelblaue Augen und zeichnete sich durch den würdevollen Gang und durch die Haltung aus, die auch ihrer Mutter eigen gewesen war. Ihre weißen, zarten Hände, ihr Perlmutterhals, ihre rosig gefärbten Wangen verliehen ihr beim ersten Anblick das Aussehen einer von den schönen Engländerinnen, die man so poetisch mit Schwänen verglichen hat, welche sich auf der Fläche des Wassers spiegeln.

 

Sie trat also ein und grüßte, als sie bei ihrer Mutter den Fremden erblickte, von dem sie so viel hatte sprechen hören, ohne mädchenhafte Ziererei und ohne die Augen niederzuschlagen, mit einer Anmut, welche die Aufmerksamkeit des Grafen verdoppelte.

 

Fräulein von Villefort, meine Stieftochter, stellte Frau von Villefort vor.

 

Und der Herr Graf von Monte Christo, König von China, Kaiser von Cochinchina, rief der Knabe, seiner Schwester einen versteckten Blick zuwerfend.

 

Diesmal erbleichte Frau von Villefort und war nahe daran, auf diese häusliche Geißel wirklich ärgerlich zu werden. Doch der Graf lächelte im Gegenteil und schien das Kind mit Wohlgefallen zu betrachten, was die Freude und Begeisterung seiner Mutter auf den höchsten Grad steigerte.

 

Aber, gnädige Frau, sagte der Graf, das Gespräch wieder anknüpfend und abwechselnd Frau von Villefort und Valentine anschauend, habe ich nicht bereits die Ehre gehabt, Sie irgendwo zu sehen, Sie und das Fräulein? Ich dachte soeben daran, und als das Fräulein eintrat, warf sein Anblick einen neuen Schimmer auf eine verworrene Erinnerung … verzeihen Sie mir diesen Ausdruck.

 

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, Fräulein von Villefort liebt die Gesellschaft nur wenig, und wir gehen selten aus, sagte die junge Frau.

 

Auch habe ich das Fräulein, sowie Sie, gnädige Frau, und diesen reizenden Jungen nicht in der Gesellschaft gesehen. Die Pariser Gesellschaft ist mir übrigens völlig unbekannt, denn ich habe, wie ich glaube, bereits die Ehre gehabt, Ihnen zu bemerken, daß ich erst seit ein paar Tagen in Paris bin. Nein, wenn Sie mir erlauben, einen Augenblick nachzudenken … Warten Sie …

 

Der Graf legte seine Hand an seine Stirn, als wollte er seine Erinnerungen zusammendrängen: Nein, es ist außerhalb … es ist … ich weiß nicht … aber es scheint mir, diese Erinnerung ist unzertrennlich von einer schönen Sonne und einem religiösen Feste … Das Fräulein hielt Blumen in der Hand; das Kind lief im Garten einem prächtigen Pfau nach, und Sie, gnädige Frau, saßen unter einer Weinlaube. Helfen Sie mir doch, gnädige Frau! Erinnern Sie sich an nichts?

 

In der Tat, nein, erwiderte Frau von Villefort.

 

Der Herr Graf hat uns vielleicht in Italien gesehen, bemerkte Valentine schüchtern.

 

In der Tat, in Italien … das ist möglich, sagte Monte Christo. Sie haben Italien bereist, mein Fräulein?

 

Frau von Villefort und ich waren vor zwei Jahren dort. Die Ärzte fürchteten für meine Brust und empfahlen mir die Luft in Neapel. Wir reisten nach Bologna, Perugia und Rom.

 

Ah! so ist es, mein Fräulein, rief Monte Christo, als genüge diese einfache Andeutung, um seine Erinnerungen festzustellen. Es war in Perugia am Tage des Fronleichnamsfestes, im Garten des Gasthauses zur Post, wo der Zufall uns zusammenführte, und wo ich, wie ich mich nun entsinne, Sie zu sehen die Ehre gehabt habe.

 

Ich erinnere mich der Stadt Perugia vollkommen, mein Herr, und ebenso des Gasthauses zur Post und des Festes, von dem Sie sprechen, sagte Fran von Villefort; aber ich entsinne mich ganz und gar nicht, die Ehre gehabt zu haben, Sie dort zu sehen.

 

Ich will Ihnen helfen, versetzte der Graf. Der Tag war glühend heiß; Sie erwarteten Pferde, die wegen der Feierlichkeit nicht kamen. Das Fräulein ging in den Garten, und Ihr Sohn lief einem Vogel nach. Sie, gnädige Frau, verweilten unter der Weinlaube; erinnern Sie sich nicht, daß Sie, auf einer Steinbank sitzend, ziemlich lange mit jemand plauderten?

 

Ja, wahrhaftig ja, sagte die junge Frau errötend, ich entsinne mich dessen, mit einem Manne, der in einen langen wollenen Mantel gehüllt war … mit einem Arzte, glaube ich.

 

Ganz richtig, dieser Mann war ich; ich wohnte in dem Gasthofe und hatte meinen Kammerdiener vom Fieber geheilt, weshalb man mich für einen Arzt hielt. Wir plauderten lange von gleichgültigen Dingen, von Perugino, von Raphael, von Sitten und Gebräuchen, von jener berüchtigten Aqua Tofana, von der man Ihnen, glaube ich, gesagt hatte, daß noch einige Personen in Perugia das Geheimnis bewahrten.

 

Ah! es ist wahr, sagte Frau von Villefort mit einer gewissen Unruhe, ich erinnere mich dessen.

 

Ich kann mich auf die Einzelheiten unserer Unterhaltung nicht mehr besinnen, versetzte der Graf mit vollkommener Ruhe, doch weiß ich noch, daß Sie, den allgemeinen Irrtum über meine Person teilend, mich über die Gesundheit von Fräulein von Villefort um Rat fragten.

 

Aber Sie waren wirklich Arzt, da Sie Kranke heilten?

 

Molière oder Beaumarchais würden Ihnen antworten, gnädige Frau, daß ich, gerade weil ich es nicht war, meine Kranken zwar nicht geheilt habe, aber sie nicht gehindert habe zu genesen; ich begnüge mich, Ihnen zu bemerken, daß ich ziemlich gründlich die Chemie und die Naturwissenschaften studiert habe, aber nur als Liebhaber.

 

In diesem Augenblick schlug es sechs Uhr.

 

Es ist sechs Uhr, sagte Frau von Villefort sichtbar erregt; willst du nicht sehen, Valentine, ob dein Großvater zur Mahlzeit bereit ist?

 

Valentine stand auf, verbeugte sich vor dem Grafen und verließ das Zimmer, ohne ein Wort zu sprechen.

 

Oh! mein Gott, sollten Sie Fräulein von Villefort meinetwegen entfernt haben? sagte der Graf, als Valentine weggegangen war.

 

Durchaus nicht, erwiderte lebhaft die junge Frau; es ist die Stunde, wo wir Herrn Noirtier das traurige Mahl einnehmen lassen, das sein unglückliches Dasein fristet. Sie wissen, mein Herr, in welch einem beklagenswerten Zustande sich der Vater meines Gatten befindet?

 

Ja, gnädige Frau, Herr von Villefort hat mir davon gesagt; eine Lähmung, glaube ich.

 

Ach! ja, der arme Greis ist jeder Bewegung unfähig, die Seele allein wacht in dieser menschlichen Maschine, aber ebenfalls bleich und zitternd, und wie eine Lampe, die dem Erlöschen nahe ist. Doch verzeihen Sie, mein Herr, daß ich Sie mit unserem häuslichen Unglück unterhalte. Ich unterbrach Sie in dem Augenblick, wo Sie mir sagten, Sie seien ein geschickter Chemiker.

 

Oh! das sagte ich nicht, gnädige Frau, entgegnete lächelnd der Graf; im Gegenteil, ich studierte die Chemie, weil ich, entschlossen, im Orient zu leben, das Beispiel des Königs Mithridates befolgen wollte.

 

Mithridates, rex Ponticus, rief der junge Naseweis, während er Silhouetten aus einem herrlichen Album schnitt, derselbe, der jeden Morgen eine Tasse Gift mit Rahm frühstückte.

 

Eduard, abscheuliches Kind, laß uns allein! rief Frau von Villefort, das verstümmelte Buch den Händen des Knaben entreißend, und führte ihn zur Tür. Suche deine Schwester bei dem guten Papa Noirtier auf.

 

Der Graf folgte ihr mit den Augen und murmelte: Ich will doch sehen, ob sie die Tür hinter ihm schließt.

 

Frau von Villefort schloß die Tür mit der größten Behutsamkeit hinter ihrem Sohne, der Graf gab sich den Anschein, als bemerkte er es nicht. Dann schaute die junge Frau noch einmal aufmerksam umher und setzte sich wieder.

 

Erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, gnädige Frau, sagte der Graf mit gutmütigem Tone, erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie sehr streng gegen diesen reizenden Jungen sind.

 

Ich muß wohl, Herr Graf, erwiderte Frau von Villefort mit einem wahrhaft mütterlichen Ausdrucke.

 

Herr Eduard rezitierte seinen Cornelius Nepos, als er vom König Mithridates sprach, und Sie unterbrachen ihn bei Anführung einer Stelle, wodurch er bewies, daß sein Lehrer die Zeit nicht mit ihm verloren hat.

 

Es ist nicht zu leugnen, Herr Graf, sagte die Mutter geschmeichelt, daß er alles lernt, was er lernen will. Er hat nur den Fehler, daß er zu eigensinnig ist. Doch um auf das zu kommen, was er vorhin sagte, glauben Sie, Herr Graf, daß sich Mithridates dieser Vorsichtsmaßregeln bediente, und daß dieselben wirksam sind?

 

Ich glaube so sehr daran, gnädige Frau, daß ich selbst, der ich mit Ihnen spreche, in Neapel, in Palermo und in Smyrna, das heißt, bei drei Veranlassungen, wo ich ohne diese Vorsichtsmaßregeln mein Leben hätte lassen können, davon Gebrauch gemacht habe.

 

Ja, es ist wahr; ich erinnere mich, daß Sie mir bereits etwas Ähnliches in Perugia erzählten.

 

Wirklich? rief der Graf mit einem bewunderungswürdig gespielten Erstaunen; ich entsinne mich dessen nicht. Es ist wahr, ich habe Russen, ohne im geringsten dadurch belästigt zu werden, vegetabilische Substanzen verschlingen sehen, die unfehlbar einen Neapolitaner oder einen Araber umgebracht hätten.

 

Sie glauben also, der Erfolg sei bei uns noch sicherer, als im Orient, und in unserm nebeligen und regnerischen Klima gewöhne sich ein Mensch leichter an diese stufenweise Einsaugung des Giftes als in der heißen Zone?

 

Allerdings: doch wohl verstanden, man wird nur gegen das Gift geschützt sein, an das man sich gewöhnt hat?

 

Ich begreife; und wie würden Sie sich daran gewöhnen oder vielmehr, wie haben Sie sich daran gewöhnt?

 

Das ist ganz leicht. Nehmen Sie an, Sie wüßten zum voraus, welches Giftes man sich gegen Sie bedienen will, nehmen Sie an, dieses Gift sei … Brucin zum Beispiel.

 

Das Brucin zieht man, glaube ich, aus der falschen Angosturarinde, sagte Frau von Villefort.

 

Ganz richtig, gnädige Frau; aber ich sehe, ich brauche Sie nicht mehr viel zu lehren, und mache Ihnen mein Kompliment; solche Kenntnisse sind selten bei Frauen.

 

Oh! ich gestehe, erwiderte Frau von Villefort, ich habe die heftigste Leidenschaft für die verborgenen Wissenschaften, die wie Poesie zur Einbildungskraft sprechen und sich wie eine algebraische Gleichung in Ziffern auflösen; ich bitte Sie, fahren Sie fort! Was Sie mir sagen, interessiert mich im höchsten Grade.

 

Nun wohl, fuhr Monte Christo fort, nehmen Sie an, dieses Gift sei Brucin, und Sie nehmen am ersten Tage ein Milligramm, am zweiten zwei Milligramm, so haben Sie nach Verlauf von zehn Tagen ein Zentigramm, nach Verlauf von weiteren zwanzig Tagen drei Zentigramm, das heißt eine Dosis, die bereits für eine nicht ebenso vorbereitete Person sehr gefährlich wäre. Nach Verlauf eines Monats endlich werden Sie, wenn Sie Wasser aus derselben Flasche trinken, die Person töten, die zugleich mit Ihnen von diesem Wasser getrunken hat, ohne an etwas anderem als an einer leichten Unbehaglichkeit wahrzunehmen, daß irgend eine giftige Substanz mit dem Wasser vermischt gewesen ist.

 

Sie kennen kein anderes Gegengift?

 

Ich kenne keines.

 

Ich habe oft Mithridates‘ Geschichte gelesen, hielt sie aber stets für eine Fabel, sagte Frau von Villefort nachdenkend.

 

Nein, es ist ausnahmsweise eine Wahrheit; doch was Sie mich da fragen, gnädige Frau, ist nicht das Resultat einer bloßen Laune, denn Sie richteten bereits vor zwei Jahren ähnliche Fragen an mich, und Sie sagen mir soeben, seit langer Zeit beschäftige Sie Mithridates‘ Geschichte.

 

Es ist wahr, die Lieblingsstudien meiner Jugend waren Botanik und Mineralogie, und als ich später erfuhr, die Anwendung einfacher Heilmittel erkläre häufig die ganze Geschichte der Völker und das ganze Leben der Menschen des Orients, so bedauerte ich, daß ich kein Mann bin, um ein Fontana oder ein Cabanis zu werden.

 

Um so mehr, versetzte Monte Christo, als die Orientalen sich, nicht, wie Mithridates, damit begnügen, sich aus den Giften einen Panzer zu machen, sondern sich auch einen Dolch daraus bilden. Die Wissenschaft wird in ihren Händen nicht allein eine Verteidigungs-, sondern häufig auch eine Angriffswaffe, die eine dient gegen die physischen Leiden, die andere gegen ihre Feinde; mit dem Opium, mit der Belladonna, mit dem Haschisch verschaffen sie sich im Traume das Glück, das ihnen Gott in Wirklichkeit verweigert hat; mit dem Schlangenholz, mit dem Kirschlorbeer schläfern sie die ein, die sie gern stumm machen wollen.

 

Wirklich! rief Frau von Villefort, deren Augen bei diesem Gespräche von einem seltsamen Feuer erglänzten.

 

Ei, mein Gott! ja, gnädige Frau, fuhr Monte Christo fort, die geheimen Dramen des Orients entstehen und entwickeln sich so: von der Pflanze, die Liebe erregt, bis zur Pflanze, die den Tod bringt; von dem Tranke, der den Himmel öffnet, bis zu dem, der einen Menschen in die Hölle versenkt; und die Kunst dieser Chemiker versteht es bewundernswert, das Mittel und das Übel den Liebesbedürfnissen und dem Verlangen der Rache anzupassen.

 

Aber, mein Herr, die orientalische Gesellschaft, in deren Mitte Sie einen Teil Ihres Lebens zugebracht haben, ist also wirklich phantastisch wie die Märchen, die aus Ihrem schönen Lande zu uns kommen? Ein Mensch kann dort ungestraft aus dem Wege geschafft werden? Die Sultane sind in der Tat Harun al Raschids, die nicht nur einem Giftmischer vergeben, sondern ihn sogar zum ersten Minister machen, wenn das Verbrechen geistreich ist?

 

Nein, gnädige Frau, das Phantastische besteht nicht einmal mehr im Orient, es gibt auch dort, unter anderen Namen und unter anderen Kostümen Polizeikommissare, Untersuchungsrichter, Staatsanwälte und Sachverständige. Man hängt, man köpft, man spießt dort die Verbrecher nach Herzenslust; aber als gewandte Betrüger wußten diese Leute die menschliche Gerechtigkeit zu vereiteln und sich den Erfolg ihrer Unternehmungen durch geschickte Berechnungen zu sichern. Will bei uns der vom bösen Geist des Hasses oder der Habgier Besessene einen Feind vernichten oder einen Verwandten auf die Seite schaffen, so geht er zum Apotheker, gibt einen falschen Namen an, durch den er leichter entdeckt wird, als durch seinen wahren, und kauft, unter dem Vorwande, Ratten störten ihn im Schlafe, fünf bis sechs Gramm Arsenik. Ist er sehr geschickt, so geht er zu fünf bis sechs Apothekern und wird nun fünf- bis sechsmal leichter erkannt. Besitzt er dann sein spezifisches Mittel, so flößt er seinem Feinde, seinem Verwandten eine Dosis Arsenik ein, wovon ein Mammut umkommen würde, so daß das Opfer ohne alles weitere ein Gebrüll ausstößt, worüber die ganze Gegend in Aufruhr gerät. Dann kommt eine ganze Heerschar von Polizeiagenten und Gendarmen; man schickt nach einem Arzte, der den Toten öffnet und in seinen Eingeweiden das Arsenik mit Löffeln sammelt. Am andern Tag erzählen hundert Zeitungen die Begebenheit, samt dem Namen des Opfers und des Mörders. Schon an demselben Abend kommen die Apotheker und sagen: Ich habe das Arsenik an den Herrn verkauft; und dann wird der einfältige Verbrecher verhaftet, eingekerkert, verhört, konfrontiert, verurteilt und guillotiniert; ist es aber eine Frau von einiger Bedeutung, so wird sie auf Lebenszeit eingesperrt. So verstehen Ihre Nordländer die Chemie, gnädige Frau.

 

Was wollen Sie! rief lachend die junge Frau, man tut, was man kann. Nicht alle Welt besitzt das Geheimnis der Medici oder der Borgia.

 

Wie ist es aber im Orient, gnädige Frau? Kommen Sie nach Aleppo oder auch nur nach Neapel und Rom, und Sie sehen durch die Straßen aufrechte, frische Menschen schreiten, von denen ihnen der hinkende Teufel sagen könnte: Dieser Herr ist seit drei Wochen vergiftet und wird in einem Monat völlig tot sein.

 

Sie haben also das Geheimnis der berüchtigten Aqua Tofana wiedergefunden, von dem man mir in Perugia sagte, es sei verloren gegangen?

 

Ei, mein Gott! verliert sich etwas bei den Menschen, gnädige Frau? Die Künste rücken von der Stelle und wandern durch die Welt; die Dinge verändern nur ihren Namen, und der gemeine Haufe läßt sich dadurch täuschen; aber es ist immer dasselbe Resultat. Jedes Gift wirkt besonders auf dieses oder jenes Organ, das eine auf den Magen, das andere auf das Gehirn, und wieder ein anderes auf die Eingeweide. Gut, das Gift bewirkt einen Husten, dieser Husten eine Brustentzündung oder irgend eine andere Krankheit, die im Buche der Wissenschaft eingetragen ist, was sie aber nicht abhält, vollkommen tödlich zu sein. Wäre sie es nicht, so würde sie es durch die Mittel, welche die naiven Ärzte, gewöhnlich sehr schlechte Chemiker, anwenden; und so ist ein Mensch mit Kunst und nach allen Regeln getötet, wogegen die Justiz nichts einzuwenden hat, wie einer meiner Freunde, ein furchtbarer Chemiker, der ausgezeichnete Abbé Adelmonte von Taormina in Sizilien, sagte.

 

Das ist schrecklich, aber bewunderungswürdig, ich muß gestehen, ich hielt alle diese Geschichten für Erfindungen des Mittelalters. Es ist ein Glück, sagte Frau von Villefort, daß solche Substanzen nur von Chemikern bereitet werden können, denn, in der Tat, die eine Hälfte der Welt würde die andere vergiften.

 

Durch Chemiker oder durch Personen, die sich mit der Chemie beschäftigen, erwiderte mit gleichgültigem Tone Monte Christo.

 

Und dann, sagte Frau von Villefort, sich mit aller Gewalt ihren Gedanken entreißend, so geistreich es auch ausgeführt sein mag, so bleibt das Verbrechen doch immer Verbrechen, und wenn es der menschlichen Nachforschung entgeht, so entgeht es nicht dem Auge Gottes. Die Orientalen sind gewissenloser als wir; sie kennen keine Hölle. Bei uns aber bleibt immer das Gewissen noch übrig.

 

Ja, ja, erwiderte Monte Christo, zum Glück bleibt das Gewissen noch übrig, sonst wären wir sehr unglücklich. Nach jeder etwas kräftigen Handlung rettet uns das Gewissen, denn es liefert uns tausend gute Entschuldigungen, über die wir allein zu Gericht sitzen, und diese Gründe, so vortrefflich sie auch sein mögen, um uns den Schlaf zu gestatten, wären doch vielleicht nicht viel wert, wenn sie uns vor einem Tribunal das Leben retten sollten. So mußte Richard III. vortrefflich von seinem Gewissen bedient sein, nachdem er die Kinder Eduards IV. auf die Seite geschafft hatte. Er konnte sich in der Tat sagen: Diese Kinder eines grausamen und rachsüchtigen Königs hatten alle Laster ihres Vaters geerbt, was ich allein in ihren jugendlichen Neigungen zu erkennen imstande war, diese Kinder hinderten mich, das englische Volk glücklich zu machen, das sie unfehlbar unglücklich gemacht hätten. So wurde Lady Macbeth von ihrem Gewissen bedient, denn sie wollte, was auch Shakespeare gesagt hat, nicht ihrem Gemahle, sondern ihrem Sohne einen Thron geben. Ah! die mütterliche Liebe ist eine große Tugend, eine so mächtige Triebfeder, daß sie gar viele Dinge entschuldigt; Lady Macbeth wäre auch nach dem Tode Duncans ohne ihr Gewissen eine sehr unglückliche Frau gewesen.

 

Frau von Villefort nahm mit größter Gier diese furchtbaren Grundsätze, diese schauderhaften Behauptungen in sich auf, die der Graf mit der ihm eigentümlichen naiven Ironie aussprach.

 

Nach einem Augenblick des Stillschweigens sagte sie: Wissen Sie, Herr Graf, daß Sie ein furchtbarer Geist sind, und daß Sie die Welt unter einem etwas leichenfarbigen Lichte ansehen? Haben Sie dieses Urteil über die Menschheit gewonnen, indem Sie sie durch Destillierkolben und Retorten betrachteten? Denn Sie hatten recht, Sie sind ein großer Chemiker, und das Elixier, das Sie meinen Sohn nehmen ließen, rief ihn so schnell zum Leben zurück …

 

Oh! trauen Sie ihm nicht, sagte Monte Christo, ein Tropfen von diesem Elixier genügte, um den sterbenden Knaben ins Leben zurückzurufen; aber drei Tropfen hätten das Blut so nach seiner Lunge getrieben, daß sein Herz gar gewaltig geschlagen hätte; sechs hätten ihm den Atem versetzt und eine viel ernstere Ohnmacht verursacht, als die war, in der Sie ihn erblickten, und zehn würden ihn getötet haben. Sie wissen, gnädige Frau, wie rasch ich ihn von den Flaschen entfernte, die er unklugerweise berührte?

 

Es ist also ein furchtbares Gift?

 

Oh, mein Gott! nein! Räumen wir vor allem das Wort Gift beiseite, denn man bedient sich in der Medizin der stärksten Gifte, die durch die Art, wie man sie anwendet, sehr heilsame Arzneimittel werden.

 

Was war es denn?

 

Ein geistreiches Präparat von meinem Freunde, dem vortrefflichen Adelmonte, dessen Anwendung er mich gelehrt hat.

 

Das muß ein vortreffliches Mittel gegen Krämpfe sein!

 

Ausgezeichnet, gnädige Frau, ich mache häufig Gebrauch davon; versteht sich mit aller möglichen Vorsicht, fügte der Graf lachend hinzu.

 

Ich glaube es wohl, versetzte Frau von Villefort in demselben Tone. Ich meinesteils, die so sehr zu Ohnmächten geneigt ist, könnte wohl einen Doktor Adelmonte brauchen, der mir Mittel ersänne, daß ich frei atmen und mich über die Gefahr, eines Tags an Erstickung zu sterben, beruhigen könnte. Da jedoch die Sache in Frankreich schwer zu finden ist und Ihr Abbé mir zuliebe wohl nicht geneigt sein wird, die Reise nach Paris zu machen, so halte ich mich an die krampfstillenden Mittel des Herrn Blanche; auch Minze und Hoffmannsche Tropfen spielen eine große Rolle bei mir. Sehen Sie die Pastillen, die ich mir besonders machen lasse, sind von doppelter Dosis.

 

Monte Christo eröffnete die Schildpattbüchse, die ihm die junge Frau reichte, und zog den Geruch der Pastillen als ein würdiger Kenner dieses Präparates ein.

 

Sie sind ausgezeichnet, sagte er, aber sie müssen verschluckt werden, wozu die ohnmächtige Person oft nicht mehr imstande ist. Mein Spezifikum ist mir lieber.

 

Nach der Wirkung, die ich davon gesehen habe, würde ich es gewiß auch vorziehen, doch es ist ohne Zweifel ein Geheimnis, und ich bin nicht unbescheiden genug, Sie darum zu bitten.

 

Aber ich, gnädige Frau, sagte Monte Christo, gestatte mir, es Ihnen anzubieten.

 

Oh, mein Herr …

 

Nur erinnern Sie sich, daß eine kleine Dosis ein Heilmittel, eine große Gift ist. Ein Tropfen bringt wieder zum Leben, fünf oder sechs müßten unfehlbar töten, und zwar auf eine um so schrecklichere Weise, als sie in einem Glase Wein nicht im geringsten den Geschmack verändern. Doch ich schweige, gnädige Frau, denn es sieht bald so aus, als wollte ich Ihnen raten.

 

Es hatte halb sieben Uhr geschlagen; man meldete eine Freundin der Frau von Villefort, die mit ihr zu Mittag speisen sollte.

 

Wenn ich die Ehre hätte, Sie zum dritten oder vierten Male, statt zum zweiten Male zu sehen, Herr Graf, sagte Frau von Villefort, wenn ich die Ehre hätte, mich Ihre Freundin nennen zu dürfen, statt nur einfach das Glück zu haben, Ihnen verbunden zu sein, so würde ich darauf bestehen, Sie beim Mittagsessen zu behalten, und ließe mich nicht durch eine Weigerung abweisen.

 

Tausend Dank, gnädige Frau, erwiderte Monte Christo, ich habe selbst eine Verbindlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. Ich versprach einer mir befreundeten griechischen Fürstin, die noch nie die große Oper gesehen hat und in dieser Hinsicht auf mich zählt, sie ins Theater zu führen.

 

Gehen Sie, Herr Graf, aber vergessen Sie mein Rezept nicht!

 

Wie, gnädige Frau, dazu müßte ich die Stunde vergessen, die ich mit Ihnen im Gespräche zugebracht habe, und das ist völlig unmöglich. Der Graf von Monte Christo verbeugte sich und verließ den Salon.

 

Frau von Villefort blieb in Träume versunken.

 

Wahrlich, ein seltsamer Mann! sagte sie, er sieht mir ganz aus, als hieße er mit seinem wirklichen Namen Adelmonte.

 

Was Monte Christo betrifft, so hatte der Erfolg seine Erwartungen übertroffen.

 

Das ist ein guter Boden, sagte er im Weggehen zu sich selbst, ich bin überzeugt, daß das Korn, das man daraus fallen läßt, nicht unfruchtbar bleibt.

 

Und am andern Tage schickte er seinem Versprechen getreu das verlangte Elixier.

 

Robert der Teufel.

 

Robert der Teufel.

 

Der Vorwand des Opernbesuchs war um so näherliegend, als am Abend eine Feierlichkeit in der Akademie royale de Musique stattfinden sollte.

 

Morcerf hatte, wie die meisten reichen jungen Leute, seinen Orchestersperrsitz und konnte außerdem in zehn Logen von Personen seiner Bekanntschaft einen Platz haben. Chateau-Renaud hatte seinen Sperrsitz zunächst bei ihm. Beauchamp hatte als Journalist seinen Platz überall.

 

Lucien Debray war an diesem Tage die Loge des Ministers zur Verfügung gestellt, und er hatte sie dem Grafen von Morcerf angeboten, der auf Mercedes‘ Ablehnung zu Danglars schickte und ihm sagen ließ, er würde wahrscheinlich am Abend der Baronin und ihrer Tochter einen Besuch machen, wenn die Damen die Loge, die er ihnen antrage, annehmen wollten. Die Damen hüteten sich wohl, die Einladung auszuschlagen. Niemand ist so lüstern nach Logen, die nichts kosten, als ein Millionär. Was Danglars betrifft, so erklärte dieser, seine politischen Grundsätze und seine Eigenschaft als oppositioneller Abgeordneter erlaubten ihm nicht, in die Loge des Ministers zu gehen. Die Baronin schrieb sogleich Lucien, er möge sie abholen, da sie nicht allein mit Eugenie in die Oper fahren könnte.

 

In der Tat, wären die beiden Frauen allein gekommen, so hätte man das sicherlich sehr anstößig gefunden. Wenn aber Fräulein Danglars mit ihrer Mutter und deren Liebhaber erschien, so war dagegen nichts einzuwenden; man muß die Welt nehmen, wie sie ist.

 

Ah! ah! sagte Chateau-Renaud, dort sind Personen Ihrer Bekanntschaft, Vicomte. Was zum Teufel schauen Sie denn rechts! Man sieht Sie.

 

Albert wandte sich um, und seine Augen begegneten wirklich denen der Baronin Danglars, die ihn leicht mit dem Fächer begrüßte. Was Fräulein Eugenie betrifft, so senkten sich ihre großen, schwarzen Augen kaum bis zum Orchester.

 

In der Tat, mein Lieber, fuhr Chateau-Renaud fort, ich begreife nicht, was Sie, abgesehen von der Mesalliance, gegen Fräulein Danglars einzuwenden haben; es ist wirklich eine sehr hübsche Person.

 

Allerdings sehr hübsch, erwiderte Albert; doch ich muß Ihnen gestehen, daß ich in Beziehung auf Schönheit etwas Milderes, Zarteres, Weiblicheres vorziehen würde.

 

So sind die jungen Leute, versetzte Chateau-Renaud, der sich als ein Mann von dreißig Jahren Morcerf gegenüber ein väterliches Ansehen gab; Sie sind nie zufrieden. Wie, mein Lieber, man findet für Sie eine Braut, die nach dem Muster Dianas geschaffen scheint, und Sie fühlen sich dadurch nicht befriedigt!

 

Das ist es gerade, ich hätte mir lieber etwas in der Art der Venus von Milo gewünscht. Stets mitten unter ihren Nymphen, erschreckt mich diese Diana ein wenig; ich fürchte, sie könnte mich als Actäon behandeln.

 

In der Tat, ein Blick auf das Mädchen erklärte zum Teil Morcerfs Gefühl. Fräulein Danglars war schön, aber von einer etwas starren Schönheit. Ihre Haare waren sehr schwarz, doch in ihren natürlichen Wellen bemerkte man einen gewissen Widerstand gegen die Hand, die ihnen ihren Willen aufnötigen wollte; ihre Augen, schwarz wie die Haare, überwölbt von herrlichen Brauen, die nur den Fehler hatten, daß sie sich zuweilen zusammenzogen, waren besonders merkwürdig durch einen Ausdruck von Festigkeit, den man in dem Blicke eines Mädchens erstaunlich finden mußte. Ihr Mund war etwas groß, aber mit schönen Zähnen geschmückt, welche ihre Lippen noch bedeutend hervorhoben, deren zu lebhaftes Rot von der Blässe ihrer Gesichtsfarbe stark abstach. Ein schwarzes Mal endlich an der Ecke des Mundes verlieh vollends dieser Physiognomie den entschiedenen Charakter, der Morcerf ein wenig erschreckte. Alles übrige an ihr stand indessen im Einklang mit dem Kopf. Sie war, wie Chateau-Renaud sagte, die jagende Diana, nur mit etwas noch Festerem, noch Muskulöserem in ihrer Schönheit.

 

Ihre Erziehung schien, wie gewisse Züge ihrer Physiognomie, einen mehr männlichen Charakter zu tragen. Sie sprach mehrere Sprachen, zeichnete sehr leicht, machte Verse und komponierte; besonders leidenschaftlich war sie für die Musik eingenommen, die sie mit einer ihrer Freundinnen aus der Pension studierte, einer jungen Person ohne Vermögen, die jedoch alle Anlagen hatte, eine vortreffliche Sängerin zu werden. Ein großer Komponist hegte, wie man sagte, für sie eine mehr als väterliche Teilnahme, und hatte ihr die Hoffnung eingeflößt, sie würde eines Tags ein Kapital in ihrer Stimme finden.

 

Die Möglichkeit, daß Fräulein Lucie d’Armilly, so hieß die junge Künstlerin, später einmal auf der Bühne auftrat, veranlaßte Fräulein Danglars, wenn sie auch das junge Mädchen bei sich empfing, sich doch nie öffentlich in seiner Gesellschaft zu zeigen. Ohne indessen in dem Hause des Bankiers die unabhängige Stellung einer Freundin der Tochter des Hauses zu haben, nahm Lucie immerhin einen höheren Rang ein, als den einer gewöhnlichen Lehrerin.

 

Einige Sekunden nach dem Eintritt der Baronin Danglars sahen die jungen Leute, daß das Parterre sich erhoben hatte und aller Augen sich auf einen Punkt richteten; ihre Blicke folgten der allgemeinen Richtung und hafteten an der Loge des ehemaligen russischen Botschafters. Ein Mann in schwarzer Kleidung von etwa vierzig Jahren war mit einer Frau in orientalischem Kostüm eingetreten. Die Frau war von der höchsten Schönheit und das Kostüm auffallend reich.

 

Ah! rief Albert, es ist Monte Christo mit seiner Griechin.

 

Es waren wirklich der Graf und Haydee. Nach weniger als einer Minute war die junge Frau der Gegenstand der Aufmerksamkeit des ganzen Saales; die Frauen neigten sich aus ihren Logen heraus, um unter dem Feuer des Kronenleuchters diese Kaskade von Diamanten funkeln zu sehen.

 

Der zweite Akt ging unter dem dumpfen Geräusche vorüber, das bei versammelten Massen ein großes Ereignis andeutet. Niemand dachte daran, Stillschweigen zu fordern. Diese junge, schöne, blendende Frau war das seltsamste Schauspiel, das man sehen konnte.

 

Diesmal deutete ein Zeichen von Frau Danglars Albert unzweideutig an, daß er erwartet werde. Sobald der Akt beendigt war, eilte er auf die Vorbühne. Er begrüßte die beiden Frauen und reichte Debray die Hand.

 

Die Baronin empfing ihn mit reizendem Lächeln und Eugenie mit ihrer gewöhnlichen Kälte.

 

Meiner Treu, Freund, sagte Debray, Sie sehen in mir einen ganz erschöpften Menschen, der Sie um Hilfe ruft, um wieder zu Kräften zu kommen. Die Frau Baronin drückt mich zu Boden mit Fragen über den Grafen, und ich soll wissen, von wo er ist, woher er kommt und wohin er geht; ich bin, bei Gott, kein Cagliostro, und um mich aus der Klemme zu ziehen, sagte ich: Fragen Sie Morcerf, er kennt seinen Monte Christo an den Fingern auswendig. Hierauf machte man Ihnen ein Zeichen.

 

Ist es denn glaublich, sagte die Baronin, daß man, wenn man eine halbe Million geheime Fonds zur Verfügung hat, nicht besser unterrichtet ist?

 

Gnädige Frau, entgegnete Lucien, ich bitte Sie, zu glauben, daß ich, wenn ich eine halbe Million zu meiner Verfügung hätte, sie zu etwas anderem verwenden würde, als über Herrn Monte Christo Erkundigungen einzuziehen, denn in meinen Augen hat er kein anderes Verdienst, als daß er zweimal so reich ist, als ein Nabob. Ich habe meinem Freunde Morcerf das Wort abgetreten, besprechen Sie sich mit ihm … mich geht es nichts mehr an.

 

Ein Nabob hätte mir sicherlich nicht ein Paar Pferde von dreißigtausend Franken, nebst vier Diamanten an den Ohren, von denen jeder fünftausend Franken wert ist, zugeschickt!

 

Oh! was die Diamanten betrifft, erwiderte lachend Morcerf, das ist seine Manie. Ich glaube, daß er, wie Potemkin, stets Diamanten in seinen Taschen trägt und sie auf seinem Wege ausstreut, wie es der kleine Däumling mit seinen Kieselsteinen machte.

 

Er wird eine Mine gefunden haben, sagte Frau Danglars. Sie wissen, daß er einen unumschränkten Kredit auf das Haus des Barons hat.

 

Nein, das wußte ich nicht, aber es muß so sein, versetzte Albert.

 

Und daß er Herrn Danglars ankündigte, er gedenke, ein Jahr in Paris zu bleiben und hier sechs Millionen auszugeben!

 

Er ist der Schah von Persien, der inkognito reist.

 

Und diese Frau, Herr Lucien, fragte Eugenie, haben Sie bemerkt, wie schön sie ist?

 

In der Tat, mein Fräulein, ich kenne niemand, der den Personen Ihres Geschlechts so volle Gerechtigkeit widerfahren läßt, wie Sie.

 

Lucien hielt sein Lorgnon an das Auge und rief: Reizend, in der Tat, reizend!

 

Und weiß Herr von Morcerf, wer sie ist?

 

Mein Fräulein, sagte Albert, auf diese fast unmittelbare Aufforderung erwidernd; ich weiß es so ungefähr, wie alles, was die geheimnisvolle Person betrifft, mit der wir uns beschäftigen. Diese Frau ist eine Griechin.

 

Das sieht man leicht an ihrer Tracht, und Sie sagen mir nichts, was nicht bereits der ganze Saal so gut wüßte, wie wir.

 

Es tut mir leid, daß ich ein so unwissender Cicerone bin, entgegnete Morcerf; doch ich muß gestehen, daß sich meine Kenntnisse hierauf beschränken. Ich weiß überdies nur noch, daß sie vortrefflich musikalisch ist, denn als ich eines Tages bei dem Grafen frühstückte, hörte ich die Töne einer Guzla, die nur von ihr kommen konnten.

 

Ihr Graf empfängt also? fragte Frau Danglars.

 

Und zwar auf eine glänzende Weise, das schwöre ich Ihnen.

 

Ich muß Herrn Danglars bewegen, ihn zum Diner und zum Ball einzuladen, damit er uns ähnliches bietet.

 

Wie! Sie wollen ihn besuchen? sagte Debray lachend.

 

Warum nicht? Mit meinem Manne!

 

Aber der geheimnisvolle Graf ist Junggeselle.

 

Sie sehen, daß dies nicht der Fall ist, entgegnete die Baronin, ebenfalls lachend und auf die schöne Griechin deutend.

 

Diese Frau ist eine Sklavin, wie er uns, Sie erinnern sich, Morcerf, bei Ihrem Frühstück selbst gesagt hat?

 

Gestehen Sie, mein lieber Lucien, sagte die Baronin, daß sie vielmehr das Aussehen einer Prinzessin hat.

 

Aus Tausendundeiner Nacht.

 

Aus Tausendundeiner Nacht, das sage ich nicht; doch was macht eine Prinzessin aus, mein Lieber? Die Diamanten, und damit ist sie zur Genüge bedeckt.

 

Sie hat sogar zu viele Diamanten an sich, sagte Eugenie; sie wäre schöner ohnedies, denn man würde ihren Hals und ihre reizend geformten Handgelenke sehen. Oh, die Künstlerin! Sehen Sie, wie leidenschaftlich sie wird! sagte Frau Danglars.

 

Ich liebe alles, was schön ist, sagte Eugenie.

 

Aber was sagen Sie denn zu dem Grafen? fragte Debray, es scheint mir, er ist auch nicht übel.

 

Der Graf, entgegnete Eugenie, als wäre es ihr noch nicht eingefallen, ihn anzuschauen, der Graf ist sehr bleich.

 

Gerade in dieser Blässe liegt das Geheimnis, das wir suchen, sagte Morcerf. Die Ihnen bekannte Gräfin die dort in der Seitenloge sitzt, behauptet, wie Sie wissen, er sei ein Vampir.

 

Morcerf, Sie sollten Ihrem Grafen von Monte Christo einen Besuch machen und ihn zu uns bringen, sagte Frau Danglars.

 

Warum? fragte Eugenie.

 

Damit wir mit ihm sprechen könnten; bist du nicht begierig, ihn zu sehen?

 

Nicht im geringsten.

 

Seltsames Kind! murmelte die Baronin.

 

Oh! er wird wohl von selbst kommen, sagte Morcerf. Er hat Sie gesehen, gnädige Frau, und grüßt Sie soeben.

 

Die Baronin gab dem Grafen seinen Gruß mit einem reizenden Lächeln zurück.

 

Wohl, ich opfere mich, sagte Morcerf; ich verlasse Sie und will sehen, ob es nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen.

 

Das ist ganz einfach, gehen Sie in seine Loge.

 

Ich bin nicht vorgestellt.

 

Wem?

 

Der schönen Griechin.

 

Es ist eine Sklavin, sagen Sie.

 

Doch Sie behaupten, es sei eine Prinzessin … Nein! … ich hoffe, wenn er mich hinausgehen sieht, wird er auch hinausgehen.

 

Es ist möglich. Gehen Sie!

 

Ich gehe, sagte Morcerf und ging hinaus. In dem Augenblick, wo er an der Loge des Grafen vorüberkam, öffnete sich wirklich die Tür; der Graf sagte einige arabische Worte zu Ali, der im Flur stand, und nahm Morcerf am Arme.

 

Ali schloß die Tür wieder und stellte sich davor; es bildete sich im Gange eine ganze Versammlung um den Nubier.

 

In der Tat, sagte Monte Christo, Ihr Paris ist eine seltsame Stadt, und Ihre Pariser sind ein seltsames Volk. Schauen Sie, wie sie sich um Ali drängen, der nicht weiß, was das bedeuten soll.

 

Glauben Sie mir, daß sich Ali dieser Popularität nur erfreut, weil er Ihnen gehört und Sie in diesem Augenblick der Mann der Mode sind.

 

Wirklich? Und was erwirbt mir diese Gunst?

 

Bei Gott! Sie selbst. Sie verschenken Gespanne von tausend Louisd’or; Sie retten Staatsanwaltsfrauen das Leben; Sie lassen unter dem Namen Major Black Vollblutpferde mit Jockeys so groß wie Quistitis rennen.

 

Und wer zum Teufel hat Ihnen alle diese Tollheiten erzählt?

 

Zuerst, Frau Danglars, die vor Verlangen stirbt, Sie in Ihrer Loge zu sehen; sodann das Journal von Beauchamp und endlich meine eigene Einbildungskraft. Warum nennen Sie Ihr Rennpferd Vampa, wenn Sie das Inkognito behaupten wollen?

 

Ah! Sie haben recht, das war eine Unklugheit. Doch sagen Sie mir, kommt der Graf von Morcerf nicht auch zuweilen in die Oper? Ich habe ihn überall mit den Augen gesucht und nirgends bemerkt.

 

Ich glaube, er wird heute abend in die Loge der Baronin kommen.

 

Die reizende Person, welche bei ihr sitzt, ist ihre Tochter?

 

Ja.

 

Ich mache Ihnen mein Kompliment. Doch mein lieber Graf, wir sprechen später hiervon. Was sagen Sie aber zu der Musik? Morcerf lächelte und erwiderte: Zu welcher Musik?

 

Zu der, die Sie soeben gehört haben.

 

In diesem Augenblick ertönte das Glöckchen.

 

Sie werden mich entschuldigen, sagte der Graf, nach seiner Loge zurückkehrend.

 

Wie, Sie gehen?

 

Sagen Sie der Gräfin G …, wenn Sie sie sprechen, viel Schönes von ihrem Vampir.

 

Und der Baronin?

 

Ich werde die Ehre haben, wenn sie es mir erlaubt, ihr heute abend meine Aufwartung zu machen.

 

Während des dritten Aktes fand sich der Graf von Morcerf, wie er versprochen hatte, bei Frau Danglars ein. Der Graf war keiner von den Menschen, die in einem Saale einen Aufruhr hervorbringen; auch bemerkte niemand seine Ankunft außer den Personen in seiner Loge.

 

Monte Christo sah ihn indessen, und ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

 

Haydee sah nichts, solange der Vorhang ausgezogen war; wie jede Urnatur betete sie alles an, was zum Ohr und zum Gesicht spricht.

 

Nach dem dritten Akt verließ der Graf seine Loge und erschien einen Augenblick nachher in der der Baronin Danglars.

 

Die Baronin konnte sich nicht enthalten, einen Schrei freudigen Erstaunens auszustoßen.

 

Ah! Sie kommen, Herr Graf, rief sie; es drängte mich in der Tat, meinen mündlichen Dank dem schriftlichen hinzuzufügen, den ich bereits bei Ihnen abgestattet habe.

 

Oh! gnädige Frau! Sie erinnern sich noch dieser Kleinigkeit? Ich hatte sie bereits vergessen, sagte der Graf.

 

Ja; aber das vergißt man nicht, Herr Graf, daß Sie am andern Tage meine arme Freundin aus der Gefahr errettet haben, der sie durch eben diese Pferde preisgegeben war.

 

Auch diesmal, gnädige Frau, verdiene ich Ihren Dank nicht; es war Ali, mein Nubier, der das Glück hatte, Frau von Villefort diesen ausgezeichneten Dienst zu leisten.

 

War es auch Ali, der meinen Sohn den Händen der römischen Banditen entriß? sagte der Graf von Morcerf.

 

Nein, Herr Graf, sagte Monte Christo, die Hand drückend, die ihm der General reichte, nein, diesmal nehme ich den Dank für meine Rechnung an; aber Sie haben mir diesen Dank bereits abgestattet, und ich habe ihn angenommen, und es beschämt mich in der Tat, daß ich Sie noch erkenntlich finde. Ich bitte Sie, erweisen Sie mir die Ehre, Frau Baronin, mich Ihrer Fräulein Tochter vorzustellen.

 

Oh! Sie sind schon vorgestellt, wenigstens dem Namen nach, denn seit einigen Tagen sprechen wir nur von Ihnen. Eugenie, fuhr die Baronin, sich gegen ihre Tochter umwendend, fort, der Herr Graf von Monte Christo.

 

Der Graf verbeugte sich; Fräulein Danglars machte eine leichte Bewegung mit dem Kopfe.

 

Sie haben eine bewunderungswürdige Person bei sich, sagte Eugenie, ist es Ihre Tochter?

 

Nein, mein Fräulein, erwiderte Monte Christo, erstaunt über diese außerordentliche Offenherzigkeit oder diese merkwürdige Entschiedenheit, es ist eine arme Griechin, deren Vormund ich bin.

 

Und sie heißt?

 

Haydee, antwortete Monte Christo.

 

Eine Griechin! murmelte der Graf von Morcerf.

 

Ja, Graf, sagte Frau Danglars, sagen Sie mir, ob Sie je an dem Hofe von Ali Pascha Tependelini, dem Sie so glorreich dienten, eine so herrliche Tracht gesehen haben, wie die, welche wir hier vor Augen haben?

 

Ah! Sie haben in Janina gedient, Herr Graf?

 

Ich war Generalinstruktor der Truppen des Paschas, antwortete Morcerf, und ich mache kein Geheimnis daraus, daß mein geringes Vermögen von der Freigebigkeit dieses erhabenen albanesischen Heerführers herrührt.

 

Sehen Sie nur! sagte Frau Danglars.

 

Wo denn? stammelte Morcerf.

 

Dort! sagte Monte Christo.

 

Und den Grafen mit seinem Arme umfassend, neigte er sich mit ihm zur Loge hinaus.

 

In diesem Augenblicke gewahrte Haydee, die den Grafen mit den Augen suchte, seinen bleichen Kopf neben dem Morcerfs, den er umfaßt hielt.

 

Dieser Anblick brachte auf die Griechin die Wirkung eines Medusenhauptes hervor; sie machte eine Bewegung vorwärts, als wollte sie beide mit den Augen verschlingen; dann warf sie sich fast in derselben Sekunde wieder zurück und stieß einen schwachen Schrei aus, der jedoch von den Personen, die ihr zunächst waren, und von Ali gehört wurde, der sogleich die Tür öffnete.

 

Was ist denn Ihrem Mündel begegnet, Herr Graf? fragte Eugenie, man sollte glauben, sie sei unwohl.

 

In der Tat, es scheint so zu sein, sagte der Graf, doch erschrecken Sie nicht darüber. Haydee ist sehr nervös und daher sehr empfindlich gegen Gerüche; ein Geruch, der ihr zuwider ist, kann ihr eine Ohnmacht zuziehen; aber ich habe hier ein Gegenmittel, sagte der Graf, ein Fläschchen aus der Tasche ziehend.

 

Nachdem er die Baronin und ihre Tochter mit einer einzigen Verbeugung gegrüßt und einen letzten Händedruck mit dem Grafen und mit Debray ausgetauscht hatte, verließ er die Loge.

 

Als er in die seinige zurückkehrte, war Haydee noch sehr bleich; sobald er erschien, nahm sie ihn bei der Hand.

 

Monte Christo bemerkte, daß die Hände des Mädchens zugleich feucht und eisig kalt waren.

 

Mit wem sprachst du denn, Herr? fragte das Mädchen.

 

Mit dem Grafen von Morcerf, der im Dienste deines erhabenen Vaters stand und, wie er selbst bekennt, ihm sein Vermögen zu verdanken hat.

 

 

Ha, der Elende! rief Haydee, er ist es, der ihn an die Türken verkauft hat, und dieses Vermögen ist nur der Preis seines Verrates. Wußtest du das nicht, lieber Herr?

 

Ich habe wohl so etwas in Epirus gehört, sagte Monte Christo, aber ich kenne die einzelnen Umstände nicht. Komm, meine Tochter, du wirst sie mir erzählen, sie müssen sehr seltsamer Art sein.

 

Oh ja, komm, komm! Es ist mir, als müßte ich umkommen, wenn ich diesem Menschen länger gegenüber bleibe.

 

Und Haydee stand rasch auf, hüllte sich in ihren mit Perlen und Korallen geschmückten Burnus von weißem Kaschmir und verließ die Loge in dem Augenblick. wo der Vorhang aufgezogen wurde.

 

Sehen Sie, ob dieser Mensch auch nur irgend etwas tut, wie ein anderer! sagte die Gräfin zu Albert, der sich in ihre Loge begeben hatte. Er hört ganz andächtig den dritten Akt an und geht in der Minute, wo der vierte beginnen soll, fort.

 

Viertes Kapitel

Am Nugget-tsil.

Wir hatten das Ohr des Manitou verlassen und waren nach den Mugworthills unterwegs. Aus meinem Buch Winnetou Band III Seite 481 ist zu ersehen, daß diese Mugworthills dieselbe Berggruppe sind, welche von Winnetou und seinem Vater mit dem Namen Nugget-tsil bezeichnet worden waren. Die beiden Brüder Enters wollten auch dorthin. Ich hatte den Weg, der ihnen vorgeschrieben worden war, erlauscht; ich kannte ihn also. Es gab einen noch kürzeren, den ich ebenso kannte. Den schlugen wir ein. Und da wir besser, viel besser beritten waren als sie, so kamen wir ihnen voraus, obgleich wir die Devils pulpit viel später als sie verlassen hatten. Wir brauchten sie also nicht mühsam einzuholen, wie wir erst gewollt hatten, sondern wir konnten, wann und wo es uns beliebte, auf sie warten, um sie zu uns stoßen zu lassen. Der Augenblick hierzu war am günstigsten, als wir den Gualpafluß erreichten, und zwar an der Stelle, an welcher ich damals nach Winnetous Tod auf Gates, Clay und Summer gestoßen war. Es gab da Wasser zum Trinken, Gras für die Pferde und ein weit ausgedehntes, dichtes Gebüsch, in welches wir uns zurückziehen konnten, um von Jemand, der da kam, nicht eher gesehen zu werden, als bis wir gesehen sein wollten. Es lag inmitten dieses Gesträuches eine kleine lichte Stelle, an der früher einmal ein Lagerfeuer gebrannt hatte. Die hierdurch vernichtete Vegetation hatte sich noch nicht wieder erneuert. Hier wurde das Zelt aufgeschlagen.

Während wir dies taten, bereitete uns meine Frau das Mittagsmahl. Der Bär reichte noch für lange. Außerdem hatten wir unterwegs eine Turkeyhenne und mehrere Präriehühner geschossen. Wir hatten also nicht nötig, uns den Braten erst hier an Ort und Stelle mühsam zu erjagen. Nach dem Essen ruhten wir, obgleich wir nicht ermüdet waren. Aber wir befanden uns hier im Gebiete der Komantschen und Kiowas und mußten alles vermeiden, was geeignet war, unsere Anwesenheit zu verraten.

Es war gegen Abend, als wir da, woher wir die Enters erwarteten, zwei Reiter erscheinen sahen. Sie näherten sich langsam. Ihre Pferde waren ermüdet. Als sie das Gebüsch beinahe erreicht hatten, erkannten wir das Brüderpaar. Sie waren ganz in der Weise der früheren, gefährlichen Zeit mit Messer, Revolver und Büchse bewaffnet. Da wir nicht aus derselben Richtung gekommen waren, sahen sie unsere Spuren nicht. Sie stiegen draußen vor den Büschen ab, ließen ihre Pferde trinken und suchten dürres Holz zu einem Feuer zusammen. Dieses Feuer wurde nicht hinter dem deckenden Gesträuch, sondern auch draußen im Freien angebrannt, so daß es dann, wenn es Abend wurde, weithin leuchten mußte. Das unsere war schon längst wieder ausgegangen. Da nicht nur sie, sondern auch wir durch dieses ihr Feuer verraten werden konnten, stand ich auf, um mich ihnen zu zeigen und sie zu warnen. Da fragte Pappermann:

„Darf ich mit? Möchte gar zu gern die Gesichter sehen, die sie machen, wenn sie Euch erkennen!“

„So kommt!“

Wir gingen hin, doch ich nicht ganz, sondern ich blieb hinter einem dichten Geäst stehen, um zunächst Pappermann allein an sie zu lassen. Er trat von hinten an sie heran und grüßte:

Good day, Mesch’schurs! Darf ich euch vielleicht fragen, ob ihr sofort skalpiert werden wollt oder es vorzieht, erst morgen oder übermorgen am Marterpfahle zu sterben?“

Sie sprangen beide erschrocken auf.

„Skalpiert? Von wem? Warum?“ fragte Sebulon.

„Uns am Marterpfahl umbringen?“ fragte Hariman. „Wer? Weshalb?“

„Die Comantschen und die Kiowas, welche behaupten, daß ihnen diese Gegend gehöre,“ antwortete der alte Westmann. „Ihr brennt ja ein Feuer, als ob es ganz ausgerechnet eure Absicht sei, euch diese Halunken auf den Hals zu locken! Warum habt ihr euch nicht damit hinter die Büsche versteckt?“

„Weil wir weder die Kiowas noch die Comantschen zu fürchten haben,“ erteilte Sebulon die Auskunft.

„So seid ihr also befreundet mit ihnen?“

„Wir sind Freunde aller Menschen, die uns begegnen, aller Roten und aller Weißen!“

Well! So seid ihr also auch die meinigen! Ich habe die Angewohnheit, die Namen meiner Freunde wissen zu wollen. Darf ich bitten, mir die eurigen zu sagen?“ „Wir heißen Enters. Ich Sebulon Enters und mein Bruder Hariman Enters.“

„Danke! Aber weiter: Woher und wohin?“

„Wir kommen von Cansas City herüber und wollen nach dem Rio Grande del Norte. Wer aber seid Ihr?“

„Ich heiße Pappermann und komme aus Trinidad. Wohin ich will, weiß ich selbst noch nicht.“

Da machten Beide eine Bewegung der Überraschung, und Sebulon erkundigte sich schnell:

„Pappermann? Etwa Max Pappermann?“

„Ja. So habe ich stets geheißen, und so heiße ich leider noch.“

„Wie sich das trifft! Wir waren nämlich in Eurem Hotel. Wir hatten uns sogar da angemeldet.“

„Weiß nichts davon. Das Hotel ist nicht mehr mein.“

„Das hörten wir. Aber Ihr habt bis zu Eurer Abreise bei dem neuen Wirt gewohnt. Ein sehr einsilbiger und ungefälliger Mann! Wir wollten eine Auskunft haben, die er uns partout verweigerte. Wir mußten darum Andere fragen, die aber auch nichts wußten, wenigstens nichts Ausführliches. Vielleicht können wir von Euch erfahren, was wir wissen wollen.“

„Was ist das?“

„Es handelt sich um ein Ehepaar Burton, welches nach Trinidad ging, um in Euerm Hotel zu wohnen und dort auf uns Beide zu warten. Wir hörten bei unserer Ankunft, daß diese Personen zwar da gewesen seien, sich aber schon am nächsten Tage wieder entfernt hätten. Wohin, das konnte uns niemand sagen. Wißt Ihr vielleicht Etwas hierüber?“

„Hm! Ob ich Etwas weiß? Ihr seid mit dieser eurer Frage grad an den richtigen Mann gekommen.“

„Wirklich? Das ist uns lieb, sehr lieb! Also, wenn Ihr der richtige Mann seid, so sagt uns schnell, ob . . .“

Da unterbrach ihn Pappermann:

„Ich der richtige Mann? Das habe ich nicht gesagt.“

„Ihr nicht, wer denn sonst?“

„Dieser da!“

Er deutete auf mich, der ich jetzt hinter dem Gesträuch hervortrat, um diese Einleitung zu beenden, weil Pappermann in seiner Unbefangenheit leicht Etwas sagen konnte, was die Brüder nicht zu wissen brauchten. Meine Anwesenheit überraschte sie außerordentlich, doch nicht auf unangenehme Weise. Sie freuten sich, mich getroffen zu haben, mochten die Ursachen dieser Freude nun lautere sein oder nicht. Ich forderte sie auf, ihr Feuer augenblicklich auszulöschen und mit ihren Pferden zu uns ins Gebüsch zu kommen. Sie taten das. Meine Frau wurde von ihnen mit einer Höflichkeit begrüßt, welche von Hariman sehr wahrscheinlich eine wohlgemeinte war, von Sebulon aber nicht. Er gab sich zwar alle Mühe, einen guten Eindruck zu machen, aber sein Blick war dabei falsch, und sein Auge hatte, wenn er sich unbeobachtet wähnte, etwas Lauerndes, etwas zuwartend Drohendes, was mir und meiner Frau unmöglich entgehen konnte. Grad das Herzle besitzt für solche Dinge einen außerordentlich scharfen Sinn. Als wir gefragt wurden, warum wir nicht in Trinidad gewartet hätten, antwortete ich:

„Weil ich Veranlassung fand, auf eure Gesellschaft zu verzichten. Habe euch das wohl auch geschrieben. Ist der Brief in eure Hände gekommen?“

„Ja; der Wirt gab ihn uns, sobald wir kamen und unsere Namen nannten,“ erwiderte Sebulon. „Ihr nennt in diesem Brief den Corner und den Howe unsere Freunde. Wir weisen das ganz entschieden zurück. Wir haben als Pferdehändler geschäftlich mit ihnen zu tun gehabt, sie aber, als wir sie näher kennenlernten, sofort fallen lassen; sie sind nicht ehrlich. Aber wie kommt Ihr dazu, diese ihre Unehrlichkeit grad uns aufzuladen? Darf ich fragen, wohin Ihr Euch von Trinidad aus gewendet habt?“

Da fiel das Herzle schnell ein:

„Auf die Bärenjagd!“

Das war eine ebenso kurze wie vortreffliche Antwort, durch welche wir allen Fragen in Beziehung auf die Devils pulpit entgingen.

„Seid Ihr glücklich gewesen?“ erkundigte er sich.

„Ja,“ antwortete ich. „Es gibt bei uns nun Bärenschinken. Die Tatzen werden aber erst am Tavuntsit-Payah angeschnitten.“

„Am Tavuntsit-Payah?“ fragte er rasch, indem er seinem Bruder einen sehr befriedigten Blick zuwarf. „Kennt Ihr den?“

„Ja. Von früher her.“

„Wir wollen auch hin!“

„Auch ihr? Weshalb?“

„Auf Wunsch der Sioux- und Utahhäuptlinge.“

„Ah! So habt ihr sie getroffen?“

„Ja.“

„An der Devils pulpit?

„Ja. Schade, daß ihr fort waret! Wir hätten euch so gern mitgenommen!“

„Es ist nicht schade darum. Ich hätte mich doch nicht sehen lassen dürfen!“

„Aber es wäre Euch möglich gewesen, die Sache von fern mit anzusehen oder vielleicht gar einiges zu belauschen.“

„Wozu das? Ich hoffe, jetzt von Euch zu erfahren, was sich zugetragen hat und was da Alles besprochen worden ist.“

„Soll ich erzählen?“

„Ja. Ich bitte darum.“

Er begann seinen Bericht. Er nannte uns die Namen der beiden Oberhäuptlinge. Er machte aus den achtzig Indianern, die es gewesen waren, volle vierhundert. Er verwandelte die paar Stunden ihres Aufenthaltes in drei Tage. Er sprach von außerordentlich wichtigen Verhandlungen, denen er mit seinem Bruder beigewohnt habe. Und er stellte das Alles so dar, als ob sie Beide die Hauptpersonen gewesen und mit ganz besonderen Ehren überhäuft worden seien. Besonders ihren Abschied von den Roten schilderte er als einen sehr freundschaftlichen. Kiktahan Schonka und Tusahga Saritsch seien, als sie fortritten, zwei-, dreimal wieder umgekehrt, um ihnen noch einmal die Hand zu drücken.

„So sind die Roten also eher fort als ihr?“ fragte ich.

„Ja“, antwortete er.

„Wohin?“

„Das ist ein tiefes Geheimnis, welches wir um keinen Preis verraten sollen. Euch aber will ich es sagen, damit Ihr erkennt, wie gut und wie ehrlich wir es mit Euch meinen. Sie sind nach einem Ort, den sie Pa-wiconte nennen. Ist er Euch vielleicht bekannt?“

„Ja. Es ist ein Wasser. Oder nicht?“

„Doch. Man hat uns den Weg dorthin genau beschrieben. So sollt also auch ihr hin?“

„Allerdings. Wir sollen dort den ganzen Feldzugsplan gegen die Apatschen und ihre Verbündeten erfahren. Ihr seht, wie unendlich wichtig das für Euch ist. Wünscht Ihr, daß wir das, was wir dort erfahren, Euch mitteilen?“

„Selbstverständlich!“

„Wir sind bereit, es zu tun, und hoffen dabei auf Eure Dankbarkeit.“

„Ihr werdet ernten, was ihr säet.“

„Ist dieses Pa-wiconte, dieses Wasser des Todes, sehr weit entfernt von dem dunkeln Wasser, in dem unser Vater starb?“

„Wenn ich mich recht erinnere, liegen beide gar nicht weit auseinander. Sobald ich hinkomme, werde ich besser im Bilde sein als jetzt.“

Es wäre nicht klug gewesen, ihm zu sagen, daß unter den beiden verschiedenen Namen ein und derselbe See zu verstehen sei.

„Ah! Ihr habt also die Absicht, selbst auch mit hinzukommen?“ fragte er.

„Gewiß. Oder ist Euch das nicht recht?“

Der Blick, den er jetzt seinem Bruder zuwarf, war ein triumphierender. Er war entzückt darüber, daß ich seinen Plänen so ahnungslos entgegenkam, während er doch derjenige war, dem jede Ahnung fehlte.

„Uns nicht recht?“ rief er aus. „Welchen Grund hätten wir dazu? Wir sind Eure Freunde. Wir haben Euch liebgewonnen. Wir möchten uns am liebsten nie wieder von Euch trennen. Wir nehmen Euch unendlich gern mit nach dem Wasser des Todes. Doch setzen wir voraus, daß Ihr uns dafür den Nugget-tsil und das dunkle Wasser zeigt.“

„Das werde ich tun. Wie aber kommt es, daß Kiktahan Schonka euch nicht gleich mitgenommen hat? Warum schickt er euch nach dem Tavuntsit-Payah?“

„Um die Squaws der Sioux zu beobachten, die nach diesem Orte geritten sind, und ihm dann Bericht hierüber zu erstatten. Er hat uns den Weg genau beschrieben. Nach dieser Beschreibung können es von hier bis hin nur noch zwei Tage sein?“

„Das stimmt. Und nun bitte ich nur noch um eins; dann bin ich zufriedengestellt. Nämlich, es ist doch eigentlich sehr auffällig, daß Ihr Euch an mich gewendet habt, um zu erfahren, wo der Nugget-tsil und das dunkle Wasser liegen. Es erscheint als fast unglaublich, daß Ihr diese beiden Orte nicht schon längst gefunden habt. Ihr brauchtet Euch in Beziehung auf den Nugget-tsil nur bei den Kiowas zu erkundigen, bei ihrem Häuptling Tangua und seinem Sohn Pida. Und in Beziehung auf das dunkle Wasser war es doch wohl nicht unmöglich, einen der Apatschen zu finden, die damals mit mir dort gewesen sind.“

„Das klingt nur so leicht, ist es aber nicht“, entgegnete er. „Ich bin bei den Kiowas gewesen. Der alte Tangua war wohl bereit, mir Auskunft zu erteilen, aber Pida, sein Sohn, hinderte ihn daran; warum, das weiß ich nicht. Und unter all den Apatschen, die ich nach dem dunklen Wasser fragte, hat es keinen einzigen gegeben, der mich nicht sofort als Feind betrachtete und mit Mißtrauen von sich wies. Sie sind unendlich vorsichtig, diese Halunken!“

„Diese Halunken sind meine Freunde, Mr. Enters. Beliebt es Euch, nur noch ein einziges Mal ein solches Wort zu gebrauchen, so sind wir geschiedene Leute! Meine Frau mag jetzt das Abendessen bereiten. Ist das vorüber, legen wir uns schlafen. Und morgen früh bei Tagesanbruch verlassen wir diese Stelle, um nach dem Tavuntsit-Payah zu reiten. Ist euch das recht?“

„Ja. Doch werden wir unser Lager aber nicht hier, sondern ein wenig nach der Seite suchen. Wir sind arge Schnarcher, und es ist eine Lady hier, die wir nicht belästigen wollen.“

Das war eine sehr durchsichtige Ausrede. Sie wollten allein sein, um ungestört sprechen zu können. Sogleich kam mir der Gedanke, sie dabei zu belauschen; aber ich verzichtete darauf, ihn auszufahren. Was ich wissen wollte, konnte ich auf direktere und leichtere Weise erfahren, als durch das unbequeme Anschleichen und immerwährende Horchen und Lauschen nach allen Seiten, welches anstrengender ist, als man glaubt.

Die soeben berichtete Unterhaltung war nur zwischen mir und Sebulon Enters geführt worden. Sein Bruder Hariman hatte kein einziges Wort dazu beigetragen. Es schien, als ob die Beiden miteinander uneinig seien, und zwar in nicht gewöhnlichem Grad. Sie vermieden, einander anzusehen oder doch ihre Blicke einander begegnen zu lassen.

Ganz ebenso still hatte sich der „junge Adler“ verhalten. Er tat so, als ob die Brüder gar nicht anwesend seien. Das eröffnete keine allzu freundliche Perspektive auf unser Zusammensein mit ihnen. Sie sonderten sich so, wie Sebulon gesagt hatte, nach dem Abendessen von uns ab und kamen erst am frühen Morgen wieder, als der Duft des Kaffees ihnen verriet, daß auch wir schon munter seien. Als die Sonne erschien, war das Zelt abgebrochen, und der Weiterritt konnte beginnen. Hierbei fiel uns erst auf, daß jeder von ihnen einen sogenannten Stockspaten am Sattel hängen hatte. Als Pappermann sah daß meine Augen verwundert an diesen Werkzeugen hingen, fragte er die Brüder:

„Ihr habt euch mit Spaten versehen. Wollt ihr Schätze graben?“

„Vielleicht“, antwortete Sebulon mit einer Betonung, welche Pfiffigkeit bedeuten sollte.

„Aber was für welche?“

„Weiß ich noch nicht. Jedenfalls haben wir Werkzeuge zum Graben, wenn wir welche brauchen. Kiktahan Schonka hat uns kein Geld versprochen, sondern Beute, Waren, Pferde und ähnliche Dinge. Auch Metalle, also Silber, Kupfer oder gar Gold. Daß es sich da um Bonanzen oder Diggins handelt, die wir erst untersuchen müssen, versteht sich ganz von selbst! Darum haben wir die Spaten mit!“

Dieser Mann hatte, wie man sich vulgär auszudrücken pflegt, „große Rosinen im Kopf“. Und bei aller seiner Einbildung stand ihm der Gedanke fern, daß er nur ein Werkzeug war, welches später, wenn man es nicht mehr brauchte, weggeworfen werden sollte.

Wir ritten heut genau denselben Weg, den ich damals mit Gates, Clay und Summer geritten war. Und am Abend lagerten wir an derselben Stelle der offenen Prärie, wo wir damals geschlafen hatten. Wir machten kein Feuer. Am andern Morgen sagte ich den beiden Enters, daß wir gegen Mittag den Tavuntsit-Payah erreichen würden. Den Namen Mugworthill hütete ich mich sehr, auszusprechen. Er steht in meiner Schilderung, welche sie gelesen hatten. Sie kannten ihn also und hätten sofort gewußt, daß es sich um den Nugget-tsil handele. Das aber sollten sie, wenigstens jetzt, vorher noch nicht erfahren. Zu meiner Verwunderung wurde ich von Sebulon gefragt:

„Kennt Ihr diesen Berg nur von weitem, nur vom Hörensagen, Mr. Burton, oder seid Ihr selbst schon dort gewesen?“

„Schon wiederholt war ich dort“, antwortete ich.

„Es sollen einige Gräber dort sein. Drei oder vier. Ist das wahr?“

„Zwei habe ich gesehen, die andern nicht. Wer mag wohl da begraben sein?“

„Einige Häuptlinge der Kiowas.“

„Wirklich?“

„Ja. Das wurde mir von einem erzählt, der auch schon öfters dort gewesen ist.“

„Wir werden an den beiden Gräbern, die ich gesehen habe, lagern. Es ist das der beste Platz dazu.“

Während dieses Vormittages war meine Frau sehr nachdenklich. Wir nahten uns einem Ort, der für sie von einem nicht nur großen, sondern auch heiligen Interesse war. Sie hält das Andenken an die schöne Schwester Winnetous hoch, sehr hoch. Sie hatte wohl oft schon gesagt, daß sie herzlich wünsche, wenigstens das Grab der schönen, lieben Indianerin einmal zu sehen. Dabei war sie aber stets überzeugt gewesen, daß sie niemals nach Amerika kommen werde. Und nun war sie doch drüben, und die Erfüllung ihres Wunsches stand bevor.

Auch der „junge Adler“ schien sich mit ernsten Gedanken zu tragen. Bezogen sie sich etwa auf mich? Er sah mich zuweilen so eigentümlich prüfend an, senkte aber schnell den Blick, wenn der meinige ihn dabei überraschte.

Die beiden Enters kamen uns dreien nicht zu nahe. Sie hielten sich hinter uns zu Pappermann, der heut sehr genau wußte, was er ihnen sagen durfte und was nicht. Ich hatte ihn gestern abend vor dem Schlafengehen genau instruiert.

Es war noch nicht Mittag, als die Berge im Süden auftauchten. Sie wurden um so höher, je näher wir kamen. Auf ihrer höchsten, bewaldeten Kuppe stand noch immer jener Baum, der über alle andern emporragte. Auch dem Herzle fiel er auf.

„Wie das so stimmt!“ sagte sie. „Nicht wahr, da hinauf hatte Winnetou seinen Späher geschickt?“

„Ja“, nickte ich.

„Sag, wie ist es dir nur zumute? Ich möchte weinen. Du nicht auch?“

Ich antwortete nicht.

Wir umritten die dunklen Höhen auf ihrer westlichen Seite und bogen dann im Süden nach links ein, um an das tief hineinführende Tal zu kommen, welches meine Leser alle kennen. Diesem folgten wir bis an die betreffende Seitenschlucht, die uns weiter hinaufleitete und dann sich teilte. Da stiegen wir ab und kletterten, die Pferde an den Zügeln führend, zu der scharfkantigen Höhe empor, hinter welcher das Terrain sich wieder senkte. Dann ging es jenseits hinab und in gerader Richtung durch den Wald, bis wir unser Ziel erreichten. Da standen sie beide, das Grabmal, in welchem Intschu tschuna, der Vater meines Winnetou, hoch auf dem Rücken seines Pferdes saß, und die Steinpyramide, aus welcher der Baum zur Höhe stieg, an dessen Stamm Nscho-tschi zur Ruhe bestattet worden war. Ich hielt an. Es überkam mich ein Gefühl, als ob ich erst gestern zum letzten Mal hier gewesen sei. Die Bäume waren höher geworden und das Unterholz etwas dichter. Sonst aber schien es, als ob die tiefe, ergreifende Ruhe dieses Ortes Jahrzehnte lang von keinem Windeshauch gestört worden sei.

„Da liegen die Häuptlinge der Kiowas“, sagte Sebulon Enters. „Wir sind also an Ort und Stelle. Bleiben wir heute da?“

„Ja. Vielleicht auch morgen noch“, antwortete ich.

„Schaffe die Beiden wenigstens einstweilen fort!“ bat meine Frau leise. „Sie sollen mir diese erste Stunde nicht verderben!“

Schon wollte ich ihr diesen Wunsch erfüllen, da kam Sebulon mir zuvor:

„Soll ich vielleicht mit meinem Bruder gehen, um einen frischen Braten zu schießen? Oder gibt es gleich jetzt die versprochenen Bärentatzen?“

„Ja, geht und versucht, ob ihr irgend etwas vor das Rohr bekommt!“ fiel Klärchen schnell ein. „Ihr habt mehrere Stunden lang Zeit. Wir essen erst am Nachmittag.“

Sie entfernten sich. Ich schlug mit Pappermann das Zelt auf. Der brave Alte vermied dabei soviel wie möglich alles Geräusch. Er sah, .daß das Herzle am Grab der Schwester kniete und betete. Ich darf es wohl verraten: sie betet oft und gern. Dann kam sie zu dem Grab des Häuptlings. Am Fuß desselben, genau an der Westseite, gab es eine kleine, etwas eingesunkene Stelle, die aber auch, wie ihre Umgebung, mit moosigem Gras überwachsen war.

„Hier hast du wohl damals gegraben?“ fragte sie.

„Ja“, antwortete ich. „Ich habe das Loch zwar sehr sorgfältig wieder geschlossen, aber während des Grabens ist doch soviel Erde verlorengegangen, daß sie später fehlte, als die Füllung sich nach und nach setzte. Daher diese Vertiefung.“

„Die aber auch andere auf den Gedanken bringen kann, nachzugraben!“

„Mögen sie es tun! Sie würden wohl nichts finden.“

„Ich bitte dich, das nicht so sicher zu sagen. Ich habe nämlich einen Gedanken.“

„Ah! Wirklich?“

„Ja, wirklich! Und zwar nicht erst jetzt, sondern schon während des ganzen Vormittags.“

„Du schienst allerdings sehr nachdenklich zu sein. War es das?“

„Ja, nichts Anderes.“

„So bitte, laß es mich wissen!“

Ich bin nämlich gewohnt, die Gedanken und Gefühle meiner Frau in allen Stücken mit in Erwägung zu ziehen. Ihr angeborener Scharfsinn kommt mir oft zu Hilfe, während mein mühsam erworbener Scharfblick mich in die Irre führt. Ich gebe gern zu, daß die Frau dem Mann in Beziehung auf die feineren Instinkte überlegen ist. Darum freue ich mich immer, wenn die meinige mir sagt, daß sie einen „Gedanken“ oder eine „Ahnung“ habe, denn ich weiß, daß es mir zur Hilfe dient. So auch jetzt. Sie antwortete:

„Je näher wir heut diesen Bergen kamen, desto deutlicher und zusammenhängender trat Alles, was du von ihnen erzählt hast, vor mich hin. Und da kam mir ein Wort in den Sinn, welches nicht wieder weichen wollte. Winnetou hat es zu dir gesagt, und zwar wiederholt. Weißt du noch, wie er das Gold, die Nuggets, zu nennen pflegte?“

„Meinst du etwa deadly dust?

„Ja, deadly dust Noch ganz kurz vor seinem Tod, als er mit dir von seinem Testament sprach, hat er zu dir gesagt, daß du zu Besserem bestimmt seist, als nur um Gold zu besitzen. Und dennoch grubst du hier am Grab seines Vaters nur nach Gold, nach weiter nichts. War das nicht ein Fehler, lieber Mann?“

„Ich glaube nicht. Das Gold, welches hier vergraben lag, war nicht für mich, sondern sehr wahrscheinlich für wohltätige, edle Zwecke.“

„Sollte es wirklich nichts, gar nichts gegeben haben, was persönlich für dich, seinen besten Freund und Bruder, bestimmt war? Und sollte Winnetou, der Weitsehende und Hochdenkende, grad bei Abfassung seines Testamentes vergessen haben, daß man auch für wohltätiger edle Zwecke noch weit Besseres geben kann als nur Gold und immer wieder nur Gold? Bitte, überlege doch!“

„Hm! Weißt du, Herzle, was du da sagst, ist richtig, unzweifelhaft richtig. Ich habe zwar die Ausrede, daß ich damals nur unter Lebensgefahr und in größter Eile nachsuchen konnte, aber das ist doch nicht geeignet, mich zu entschuldigen. Ich hatte ja später jahrelang Zeit, die versäumte Umsicht nachzuholen. Daran habe ich aber gar nicht gedacht – niemals, niemals.“

„Ich auch nicht. Ich habe mir also ganz dieselbe Gedankenlosigkeit vorzuwerfen, wie du dir. Willst du mir einen Wunsch erfüllen?“

„Welchen?“

„Noch einmal nachzugraben? Aber besser, sorgfältiger und tiefer als damals?“

„Gern – sehr gern.“

„Ich glaube nämlich, wir finden noch Etwas, und zwar die Hauptsache. Die Goldanweisung lag nur zum Schutz des eigentlichen, wirklichen Schatzes oben darauf!“

„Wie du das sagst! Als ob du es ganz genau wüßtest!“

„Ich weiß es nicht, aber ich fühle es. Winnetou war abgeklärter und größer als damals du, lieber Mann. Sein eigentlicher, sein unschätzbarster Wert lag nicht im Umgang mit dir, lag überhaupt nicht in deiner Nähe. Wir haben doppelt nachzugraben, nämlich hier, an der Gruft seines Vaters, und sodann ebenso in deiner Erinnerung. Da werden wir gewiß keinen deadly dust finden, wohl aber Perlen und Edelsteine, die aus tiefen, seelischen Bonanzen stammen. Wollen wir nicht gleich beginnen? Es paßt so gut, weil die beiden Enters abwesend sind.“

„Dieser Grund ist nicht maßgebend, weil die Spuren nicht so schnell zu verwischen wären, daß die Brüder nicht bemerkten, was während ihrer Abwesenheit hier vorgenommen worden ist. Wo über dreißig Jahre vergangen sind, wird es wohl keinen bösen Schaden machen, wenn noch einige wenige Stunden vergehen. Wir dürfen nicht vergessen, daß ich von Tatellah-Satah an die mittelste der fünf großen Blaufichten gewiesen bin. Er schreibt: Ihre Stimme sei dir wie die Stimme Manitous, des großen, ewigen und allliebenden Geistes! Das ist also so wichtig und so eilig, daß es allem Anderen vorauszugehen hat.“

„Ganz gewiß, ganz gewiß! – Aber wo sind diese blauen Fichten? Wo stehen sie?“

„Gar nicht weit von hier. Komm!“

Ich führte sie nach einer Stelle des Waldes, wo aus dem Boden sich mehrere Felsen erhoben, an deren Fuß ein Wassertümpel lag. Da standen die fünf Silber-Blaufichten, welche Tatellah-Satah meinte. Sie waren bis ganz herunter auf den Boden beästet. Unter diesen Ästen gab es einige wenige dürre. Kaum war mein Blick auf den mittelsten dieser Bäume gefallen, so wußte ich, woran ich war. Das Herzle aber stand da, schaute die Bäume ratlos an, schlug die Hände zusammen und seufzte:

„Da sieht ja eine genau wie die andere aus, nur daß die mittlere ihre Schwestern um einige Ellen überragt! Und auch ein Ast genau wie der andere! So gedrungen, so reich und dicht benadelt! Und dieser Baum, diese Fichte, soll zu dir sprechen? Wie denn, wie? Weißt du es?“

„Ja.“

„Ich nicht!“

„Das glaube ich wohl!“

„Also wie? – Sag es mir!“

„Kannst du Fichte und Tanne unterscheiden?“

„Ich denke!“

„So betrachte die mittlere Fichte genauer! Es gibt da unten einige dürre Zweige, an denen sich nur noch wenige Nadeln befinden. Bitte, zähle sie! Von unten herauf! Und zeige dabei mit dem Finger hin!“

Sie tat es.

„Eins, zwei, drei“, zählte sie. „Vier, fünf, sechs …“

„Halt!“ unterbrach ich sie. „Betrachte diesen sechsten, dürren Zweig! Ist das auch Fichte?“

„Nein, sondern Tanne.“

„Merkst du nun, daß der Baum zu reden beginnt?“

„Ah! So ist das, so, so?“

„Ja, so! Kann dieser Tannenzweig an der Fichte gewachsen sein?“

„Gewiß nicht. Man hat den richtigen entfernt und diesen falschen an seine Stelle gebracht. Aber ist das nicht unvorsichtig oder gar gefährlich. Konnte das nicht ebensogut auch jeder Andere außer dir entdecken?“

„Nein. Wenn es grüne Zweige wären, dann ja. Da würde der Tannenzweig mit seiner ganz anderen Benadelung sofort auffallen. Da es aber vertrocknete Äste sind, an denen man nur wenige Nadeln sitzen ließ, konnte nur ich allein den Treffer machen, und zwar auch nur deshalb, weil ich vorher ganz besonders aufmerksam gemacht worden war. Bitte, entferne diesen Zweig!“

„Abbrechen?“

„Nein, sondern herausziehen.“

Sie tat es. Es war an der Stelle des ursprünglichen Astes ein Loch gebohrt und der Tannenzweig dann hineingesteckt worden. Dieses Loch war jetzt zu sehen; aber es hatte nur der Zweig darin gesteckt; es war leer. Nun untersuchte ich den Stamm in der Nähe des Bohrloches. Ganz richtig! Man hatte die Rinde in Form einer Klappe losgelöst und dann mit dem Ast wieder fest angesteckt. Als ich diese Klappe öffnete, fiel ein weißes Papier heraus. Das Herzle griff eiligst zu und rief freudig aus:

„Das ist die Stimme des Baumes! Das ist sie! Oder nicht?“

„Gewiß ist sie es.“

„Was so ein Indianer für ein scharfsinniger und gescheiter Mensch ist!“

„Ja“, lachte ich. „Und welch eine beispiellose Klugheit von einer weißen Squaw aus Radebeul, die das Alles sogleich entdeckt!“

Da lachte sie mit und sagte:

„Habe ich diese Entdeckung etwa nicht dadurch eingeleitet, daß ich den Unterschied zwischen Tanne und Fichte sehr wohl kannte? Laß uns lesen!“

Da sie daheim meine Sekretärin ist und fast meine ganze Korrespondenz besorgt, hielt sie sich für berechtigt, auch dieses Blatt zu öffnen und vorzulegen. Sie zog schon die Augenbrauen in die Höhe, um ein möglichst wichtiges Gesicht zu machen; aber diese Wichtigkeit fiel sofort wieder in sich zusammen, und in sehr enttäuschtem Ton erklang die Klage:

„Das kann ich aber nicht lesen – leider, leider!“

„Wohl indianische Bilderschrift?“

„Nein. Es sind englische Buchstaben; aber die Sprache ist fremd.“

„Zeig her!“

„Da! Hier! Aber setzen wir uns! im Stehen begreift man schwerer.“

Sie setzte sich nieder und klopfte mit der Hand neben sich auf den Boden. Man weiß wohl bereits, was ich da zu tun hatte: Ich setzte mich neben sie nieder und las die Zeilen vor. Sie waren im Apatsche von derselben kalligraphisch geübten Hand auf dasselbe sehr gute Papier geschrieben wie der Brief, den ich daheim von Tatellah-Satah erhalten hatte. Die Übersetzung lautete:

„Warum suchtest du nur nach deadly dust? Nach tödlichem, goldenem Staub?

Glaubtest du wirklich, Winnetou, der überschwänglich Reiche, könne der Menschheit nichts Besseres hinterlassen?

War Winnetou, den du doch kennen müßtest, so oberflächlich, daß du es verschmähen durftest, in größerer Tiefe zu suchen?

Nun weißt du, warum ich dir zürnte. Sei mir willkommen, wenn du verstehst, es mir zu sein!“

Das war der Brief des alten „Tausend Jahre“. Ich faltete das Papier zusammen und steckte es ein. Wir sahen einander an.

„Ist das nicht sonderbar?“ fragte das Herzle.

„Höchst sonderbar!“ nickte ich, „Er schreibt ganz dasselbe, was du gesagt hast. Ich bin beschämt, außerordentlich beschämt!“

„Nimm es dir nicht zu Herzen!“

„O doch! Ich habe da eine Sünde an Winnetou begangen, die ich mir unmöglich verzeihen kann. Und nicht nur an Winnetou allein, sondern an seiner ganzen Rasse! Jetzt bin auch ich überzeugt, daß wir noch mehr und noch viel Wichtigeres finden werden, als ich damals gefunden habe.“

„Weil der alte Tatellah-Satah es sagt?“

„Nicht nur deshalb, sondern noch viel mehr aus dem Grund, der in Winnetous Charakter liegt. Ich habe tief unter diesem hohen, edlen Charakter hinweggesehen und tief unter ihm hinweggehandelt. Das ist meine Sünde. Er würde gütig lächeln und mir verzeihen; ich aber lächle nicht. Bedenke, daß über dreißig Jahre unnütz vergangen sind! Ein volles Menschenleben! Komm, Herzle, wir müssen graben!“

„Ja, solange die Enters fort sind“, stimmte sie bei.

„Nicht das! Mir ist es jetzt gleich, ob sie da sind oder nicht. Horch! Ich höre ihre Stimmen. Sie sprechen mit Pappermann. Sie sind also schon zurück.“

Ja, sie waren wieder da, und zwar mit einem Prairiehasen, der sich in die Berge herein verlaufen hatte. Sebulon tat wunder, was das für eine Heldentat von ihnen sei; ich aber fiel ihm kurz entschlossen in die prunkende Rede:

„Legt das Häslein her! Vielleicht braten wir es, vielleicht auch nicht. Es gibt jetzt Wichtigeres zu tun.“

Ich hatte die Absicht gehabt, ihnen erst später, wenn wir von hier fort waren, zu sagen, daß wir dagewesen seien, denn ich fürchtete den Einfluß dieses Ortes und seiner Erinnerungen auf ihren Seelenzustand. Oder mit andern Worten, ich hatte psychiatrische Bedenken. Nun aber trieben mich ganz andere Gründe. Ich hatte höhere Rücksichten zu nehmen und fuhr darum fort:

„Ich habe euch eine Entdeckung zu machen, die ich für später aufheben wollte. Ihr befindet euch nämlich über den Ort, an dem wir heut und morgen lagern werden, im Irrtum. Hier liegen nicht Kiowahäuptlinge begraben, sondern der Vater und die Schwester meines Winnetou. Der Tavuntsit-Payah ist unser Nugget-tsil.“

Der Eindruck dieser meiner Worte war ein großer, ja ein sehr großer. Die Brüder standen still; sie bewegten sich nicht; sie sagten kein Wort.

„Habt ihr mich verstanden?“ fragte ich.

Da setzte Hariman sich, als ob er zu Boden falle, nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und begann laut und bitterlich zu weinen. Nun hob Sebulon seinen finstern und doch flackernden Blick zu mir empor und fragte:

„Ist das wahr, was Ihr sagt?“

„Was könnte ich für einen Grund haben, euch zu belügen?“

Well! Wir glauben Euch! Das sind also die Gräber von Intschu tschuna und Nscho-tschi?“

„Ja.“

„Deren Mörder unser Vater war?“

„Euer Vater, ja, kein Anderer.“

„Erlaubt, daß ich mir die Gräber betrachte.“

Er ging zunächst zum Grab des Häuptlings und dann zu dem seiner Tochter. Er nahm sie sehr eingehend in Augenschein. Er schien innerlich ruhig zu sein; aber ich sah, daß er, wenn er sich bewegte, wankte. Es war, als ob er auf einem hohen Turmseil gehe und sich heimlich bemühe, die Balance nicht zu verlieren. Dann ging er langsam wieder dahin zurück, wo der Hase lag. Er stieß ihn mit dem Fuß an und sagte in leise knirschendem Ton:

„Auch nur so ein armes Häschen! Wir! Grad wie damals Gates und Clay. Ihr seht, Mr. Burton, daß ich Alles gelesen und mir Alles gemerkt habe, sogar das mit dem Hasen und den alten Tauben, die niemand genießen konnte. Ich möchte Euch bitten, uns einen Dienst, einen Liebesdienst zu erweisen.“

„Welchen?“

„Uns zwei Bilder aus der Vergangenheit dieses Ortes zu zeigen, die zwei für uns wichtigsten Bilder. Versteht Ihr mich?“

„Ich verstehe. Ihr wünscht, daß wir uns jetzt auf die Pferde setzen und ich euch herumführe, um euch Alles zu zeigen, was damals geschehen ist, zum ersten Mal, als Intschu tschuna mit seiner Tochter erschossen wurde, und zum zweiten Mal, als euer Vater mir das Testament entriß?“

„Ja, das meine ich.“

„Das wollte ich tun, um Mrs. Burton die betreffenden Orte zu zeigen. Wollt ihr uns begleiten, so habe ich nichts dagegen. Ich denke aber, daß es besser für euch ist, darauf zu verzichten.“

„Warum?“

„Weil meiner Ansicht nach ein Sohn sehr starke Nerven haben muß, um einen Rundritt zu den Orten auszuhalten, an denen sein Vater solche Taten beging.“

„Wir sind gesund, und unsere Nerven sind es auch. Also ihr wollt?“

„Ja.“

„Wann?“

„Wann es euch beliebt.“

„Also sofort! Ich habe nämlich nicht den Vorzug, sehr geduldig zu sein.“

„Werdet es schon noch werden, wenn nicht jetzt, so doch später. Wir reiten also. Mr. Pappermann bleibt als Wache hier.“

„Sehr gern!“ nickte der Alte. „Habe nicht die geringste Lust, mich um derartige alte Stapfen zu bekümmern!“

Er hätte sich wohl gern noch kräftiger ausgedruckt, denn er konnte die Brüder nicht leiden, und besonders Sebulon war ihm direkt verhaßt, doch ließ er es bei dieser Andeutung bewenden. Wir Anderen konnten gleich wieder aufsteigen, denn die Pferde waren noch gar nicht abgesattelt. Wir ritten den Weg, den wir gekommen waren, wieder zurück und dann südwärts bis zu dem Spring, an dem ich damals mit Winnetou, Intschu tschuna, Nscho-tschi, Sam Hawkens, Dick Stone, Will Parker und den dreißig Apatschen gelagert hatte. Das ist in Winnetou Band I Seite 483 zu lesen. Von da aus verfolgten wir die Wege, die ich dann teils gegangen und teils geritten war, bis die Schüsse fielen, von denen Vater und Tochter getroffen wurden. Hierdurch gewannen meine Frau und die Brüder ein klares Bild von der Ermordung derer, die mir so lieb gewesen waren. Wir waren hierbei zu unserem Zelt zurückgekommen, wo ich dann gleich an Ort und Stelle erzählen und erklären konnte, wie es bei dem Raub des Testamentes zugegangen war. Hariman Enters hatte während dieses ganzen Rittes und dieser ganzen Instruktion kein einziges Wort gesprochen und mich kein einziges Mal angesehen. Er tat mir leid. Seine Wangen glühten zuweilen; oft wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Er fieberte. Ganz anders sein Bruder. Dieser schien ganz unberührt. Er zeigte eine Ruhe, die selbst ein guter Menschenkenner vielleicht für echt gehalten hätte. Aber seine Augen – seine Augen! Die hatte er nicht in der Gewalt! Die verrieten Alles, Alles! Er war wütend darüber, daß die Streiche seines Vaters nicht so geglückt waren, wie es in dessen Absicht gelegen hatte. Er haßte mich wahrscheinlich noch tiefer und noch glühender, als dieser mich gehaßt hatte. Er war eines jeden Verbrechens, sogar des Mordes, gegen mich fähig. Und doch brauchte ich ihn nicht zu fürchten, wenigstens jetzt noch nicht, weil er mich an Kiktahan Schonka abzuliefern hatte, und zwar, wie sich ganz von selbst verstand, lebendig und vollständig heil.

Auch er bemerkte jetzt die kleine Bodenvertiefung am Häuptlingsgrab. Er betrachtete sie, sann nach und fragte mich dann:

„Hier habt Ihr wohl gegraben, damals?“

„Ja“, nickte ich.

„Da lag das Testament?“

„Ja. Und nicht nur das Testament.“

„Was noch?“

„Das weiß ich nicht; ich werde es aber erfahren. Ich bitte euch, mir eure Spaten zu borgen.“

„Wozu?“

„Um zu graben.“

„Noch einmal? – Hier? – An dieser Stelle?“

„Gewiß, noch einmal! Und an derselben Stelle!“

„So glaubt Ihr wirklich, wirklich, daß damals nicht alles herausgenommen worden ist?“

„Das glaube ich, grad das!“

Da leuchteten seine Augen infolge einer inneren Flamme glühend auf, und seine Stimme klang vor Erregung heiser, als er rief:

„Und da soll ich Euch unsere Spaten borgen! Fällt mir gar nicht ein! Nicht im Traum! Wir graben selbst, wir selbst, mein Bruder und ich!“

Er rannte dorthin, wo die Spaten lagen, holte sie, hielt seinem Bruder einen hin und forderte ihn auf:

„Steh auf, und heule nicht, alte Memme! Du hörst es ja: Das Nest ist nicht ganz ausgenommen worden! Es gibt noch was zu holen! Wahrscheinlich viel, sehr viel! Steh auf; steh auf! Arbeiten heißt es jetzt, arbeiten!“

Hariman hatte sich wieder niedergesetzt und den Kopf gesenkt! Er stieß den ihm angebotenen Spaten von sich und sagte:

„Laß mich! Ich arbeite nicht! Ich rühre keine Hand! Verflucht sei all das Gold und deine Sucht, es Anderen zu entreißen! Du wirst an ihr zugrunde gehen, genau wie er – wie er!“

„So willst du nicht?“

„Nein! Gib dir keine Mühe! Ich habe genug!“

„Feigling! Verdammte Memme!“ zischte Sebulon ihn verächtlich an.

Da erhob sich Hariman mit einem schnellen Ruck, trat hart an ihn heran und fragte in zornigem Ton:

„Wer ist die Memme? Du oder ich? Ich habe den Mut, zu kämpfen; du aber hast ihn nicht! Ich will frei sein, frei von diesem Teufel, der uns besessen hat und auch heute noch besitzt. Er ist ohne Gnade und ohne Erbarmen. Er gebietet uns, ihm zu gehorchen oder zugrunde zu gehen. Er fordert von uns das Verbrechen oder den Sühnetod für den Väter. Dir fehlt der Mut, gegen ihn zu kämpfen; darum wählst du das Verbrechen; ich aber wähle … den Tod. Ich wiederhole also die Frage: Wer ist die Memme? Du oder ich?“

„Ich wähle nicht das Verbrechen, sondern ich wähle das Gold, das Gold! Und wenn du nicht hilfst, so nehme ich mir es allein!“

Er warf den einen Spaten hin und begann, mit dem anderen zu graben. Hariman setzte sich wieder nieder.

Da trat Pappermann herbei, griff nach dem am Boden liegenden Spaten und sagte:

„Ich helfe mit. Zwei fördern mehr als einer.“

Sebulon aber fuhr ihn schnell an:

„Fort mit Euch! Ihr habt hier nichts zu suchen! Ich dulde keinen Anderen!“

Well! Ganz wie Ihr wollt! Ich glaubte, Euch einen Gefallen zu tun!“

Er ließ den Spaten wieder fallen. Sebulon aber arbeitete in einer Weise, als ob er von Sinnen sei. Er tat Stich um Stich, und zwar mit einem Übermaß von Kraft und Eile, als ob keine Minute zu verlieren sei und es sich um Leben und Seligkeit handle. Das Loch wurde tiefer und tiefer. Er starrte nur immer hinein. Er sah weder nach rechts noch nach links. Der Schweiß lief ihm von der Stirn und über die Wangen herunter.

„Das ist Wahnsinn – der offenbare Wahnsinn!“ flüsterte meine Frau mir zu. „Er tut, als ob ihm Alles gehöre! Was soll daraus werden?“

„Nichts Gefährliches für uns“, antwortete ich ebenso leise.

„Aber wenn er etwas findet – was dann?“

„Wenn es kein Gold oder Geldeswert ist, wird er es verschmähen.“

„Und wenn es etwas ist, was er nicht verschmäht? Dann kommt es unbedingt zum Kampf zwischen dir und ihm!“

„Zum Kampf? Keinesfalls! Laß mich nur machen, und habe keine Sorge! Es handelt sich hier um unendlich wichtige psychologische Vorgänge, die ich in dieser Weise gewiß niemals wieder zu sehen bekomme.“

„Was hast du von all diesem psychologischen Interesse, wenn du es mit dem Leben bezahlen mußt!“

„Bitte doch, sei vernünftig; sei ruhig! Es geschieht mir nichts, wirklich nichts!“

„Ich möchte es wohl glauben. Aber gib mir trotzdem einen von deinen Revolvern! Ich schieße diesen wahnwitzigen Menschen augenblicklich nieder, wenn er es wagt, die Hand an dich zu legen!“

Das war ihr ernst. Sie hatte wirklich Angst. Die Gute, der es ganz unmöglich ist, einen Wurm oder Käfer unzart zu berühren, wollte aus Liebe zu mir einen Menschen niederschießen! Ich war gerührt, verbarg dies aber und antwortete lachend:

„Liebes Kind, wenn geschossen werden soll und muß, so tue ich es selbst. Ich ziele besser als du. Und nun sei gut und . . .“

„Horch!“ unterbrach sie mich. „Was ist es?“

Sebulon hatte nämlich einen Ruf ausgestoßen, einen Jubelruf, und verdoppelte seine Anstrengung. Die Erde flog nur so aus dem Loch heraus! Ich trat hin, um hinabzuschauen.

„Fort, fort!“ brüllte er mich an.

„Ich will nur einen Blick hinuntertun!“ entschuldigte ich mich.

„Auch das nicht! Fort, oder ich schlage zu!“

Er hob den Spaten hoch empor und sah mich mit drohenden Augen an. Sie waren wie mit Blut unterlaufen. Ich trat zurück und fuhr in beruhigendem Ton fort:

„Darf man denn nicht einmal fragen, warum Ihr jetzt gerufen habt?“

„Das will ich Euch wohl sagen: Ich bin auf Gold gestoßen.“

„Wirklich?“

„Ja – auf etwas Hartes, Breites. Das Loch ist zu schmal. Ich muß es größer machen. Aber ich allein, ich allein! Wer mir zu nahe kommt, den schlage ich nieder, sei er, wer er sei!“

Er arbeitete weiter; ich aber kehrte an meinen Platz zurück.

„Siehst du, daß ich Recht habe?“ begann das Herzle ihre Warnungen aufs neue. „Er wollte dich erschlagen!“

„Wird es aber nicht tun. Bitte, kompliziere mir die Situation nicht durch deine Angst! Du hast absolut keinen Grund, dich zu beunruhigen!“

Da beruhigte sie sich, obgleich der Eindruck, den Sebulon machte, keineswegs geeignet war, dieser Beruhigung Vorschub zu leisten. Bisher hatte er sich den Schweiß von Zeit zu Zeit abgewischt; nun tat er das nicht mehr. Die Nässe rann in großen, schweren Tropfen herunter. Das Gesicht erschien geschwollen; die Augen traten mehr und mehr hervor. Er ächzte und stöhnte, erst nur zuweilen, nun aber fast bei jedem Spatenstich. Er ermüdete. Er mußte dann und wann innehalten, um Atem zu holen. Seine Arme begannen zu zittern. Seine Bewegungen wurden ungewiß. Es war ein häßlicher, ein überaus häßlicher Anblick, den er bot. Er glich einem Dämon, einem bösen Geist, dessen Betrachtung für sterbliche Augen unerträglich ist.

Da endlich wieder ein Freudenruf! Und wieder einer und abermals einer!

„Vater, Vater, du bist hier! Du hilfst mir! Ich weiß es; ich fühle es! Ich danke dir; ich danke dir!“

Nachdem er dies im Ton des Entzückens ausgerufen hatte, wendete er sein verzerrtes Gesicht uns zu und drohte:

„Keiner darf heran, keiner! Wer es wagt, diese Schätze zu berühren, den schlage ich tot, sofort und augenblicklich tot! Merkt euch das!“

Das Loch war breit und tief geworden. Er stieg hinein. Es ging ihm bis an den Gürtel. Er bückte sich nach innen und hob Etwas empor. Er legte es auf den Rand. Es war ein tönernes Gefäß. Er brachte noch eines zum Vorschein und noch eines; dann ein viertes und fünftes. Hierauf grub er noch eine Weile tiefer, stieg sodann heraus, tat einen langen, schweren Atemzug und sagte:

„Fertig! Das ist Alles! Weiter gibt es nichts!“

Hariman hatte von ihm abgewendet gesessen. Jetzt drehte er sich um, sah die Gefäße, stand auf und näherte sich seinem Bruder.

„Ah, da kommst du doch!“ höhnte dieser. „Aber glaube ja nicht, daß du Etwas davon bekommst! Es ist mein, Alles mein, Alles mein!“

„Nichts ist dein!“ antwortete Hariman.

„Wem sonst?“

„Es gehört Mr. Burton, keinem Anderen. Winnetou hat es für ihn vergraben, für ihn allein.“

„Beweis, Beweis!“ lachte Sebulon. „Dieser Mr. Burton hat sich vor dreißig Jahren geholt, was ihm gehörte. Das Testament. Alles Andere ließ er liegen; es war nicht sein! Heut habe ich es gefunden. Ein Fund wie jeder andere Präriefund. Nach dem Gesetz des Westens gehört er dem Finder, also mir, nur mir!“

„Falsch, grundfalsch!“ widersprach Hariman. „Was wußtest du von diesem Schatz? Mr. Burton aber kannte ihn. Er wollte ihn holen, wollte graben. Er bat um unsere Spaten. Du hast ihm nicht nur deinen Spaten, sondern auch deine Arme, deine Arbeitskraft geliehen. Du grubst in seinem Namen; du grubst für ihn. So ist es; so steht es, und niemand kann es ändern.“

„So? So?“ zischte Sebulon. „Das sagst du, mein eigener Bruder! Woher weißt du, daß ich für ihn gegraben habe, nicht aber für mich, für mich? Hast du das etwa von mir gehört? Nein! Oder von ihm? Nein! Er hat ruhig zugesehen, als ich arbeitete, und nicht gesagt, daß es für ihn sein soll. Und als er an das Loch kam, um hinabzuschauen, und ich ihn fortwies, da hat er gehorcht; da hat er sich entfernt, ohne auch nur den allergeringsten Anspruch auf das zu erheben, was sich in dem Loch befand. Verstanden? Diese fünf Schatzgefäße sind also mein Eigentum. Und ich will den sehen, der den Mut besitzt, sie mir streitig machen zu wollen! jetzt hilf! Ich will sie öffnen!“

Das Herzle sah mich besorgt und fragend an. Ich antwortete leise: „Warten wir, was sich drin befindet. Auf keinen Fall ist es Gold.“ „Vielleicht doch.“

„Nein. Ich habe aufgepaßt. Für Gold war es nicht schwer genug. Nur Geduld!“

Die Tongefäße waren von quadratischer Gestalt, von blaubrauner Farbe und mit indianischen Figuren verziert. Man erkannte sie sofort und auch schon von weitem als gebrannte Töpferarbeiten aus einem Moqui- oder Zuni-Dorfe. Sie waren aus einem oberen und einem unteren Teil zusammengesetzt, der erstere auf den letzteren gestülpt, die Verbindungslinie mit einem Kitt überzogen, der keine Feuchtigkeit hindurchließ. Außerdem waren sie noch mit starken, geölten Bastschnüren umwickelt und verknotet. Ich vermutete auch aus diesem Grund, daß der Inhalt kein Metall, sondern irgendein Gegenstand sei, der vor allen Dingen vor Feuchtigkeit zu beschützen gewesen war.

„Also komm und hilf!“ forderte Sebulon seinen Bruder nochmals auf. „Aber nimm dich in acht, daß wir nichts zerbrechen!“

Sie setzten sich miteinander zu den Gefäßen nieder und begannen, zunächst die Umschnürung zu entfernen. Hariman tat dies in ruhiger und bedächtiger Weise, Sebulon aber hastig, nervös und ohne Geduld. Wie vorhin seine Arme gezittert hatten, so bebten jetzt seine Hände und Finger.

„Die verfluchten vielen Knoten!“ klagte er. „Es geht so langsam, so langsam! Und doch ist der Vater da, der Vater! Ich fühle es an der Aufregung, an der Leidenschaft, die mich zersprengen möchte. Mach schnell, mach schnell! Aber zerbrich nichts, ja nichts! Es darf kein einziger Bruch, kein Riß entstehen!“

Als die Schnüre von den ersten zwei Gefäßen entfernt waren, machten sich die Beiden daran, den Kitt mit den Messern zu entfernen. Das war eine zeitraubende Arbeit, weil er sich im Verlauf der Zeit in Stein verwandelt hatte. Dabei sprach Sebulon in Einem fort auf seinen Bruder ein, von Silber, von Gold, von Perlen, von alten, mexikanischen toltekischen, aztekischen oder gar altperuanischen Schmucksachen und Geschmeiden. Er bildete sich das Teuerste, das Köstlichste ein, was es gibt. Das artete nach und nach in hirnverbranntes, verrücktes Schwatzen aus, welches man eben nur des psychologischen oder vielmehr psychiatrischen Interesses wegen ertrug. Sie hielten gleichen Schritt in ihrer Arbeit. Als der Eine fertig war, war es auch der Andere. Jeder konnte sein Gefäß nun öffnen, tat es aber noch nicht. Die Spannung war zu groß. Man holte erst Atem.

„Rate! Was ist drin!“ rief Sebulon mit zuckenden Lippen und fast kreischender Stimme. „Gold? Diamanten . . .?“

„Ich rate nicht“, antwortete Hariman. „Machen wir auf!“

„Gut! Ich zähle! Eins . . . zwei … drrrrrrrei …!“

Die beiden Deckel flogen zu gleicher Zeit auf. Jeder schaute in sein Gefäß. Jeder griff hinein, um den Inhalt herauszunehmen, aber still, ganz still. Es ertönte kein Ruf der Überraschung, der Freude oder gar des Jubels. Sie betrachteten, was sie in den Händen hielten.

„Ein Lederpaket!“ sagte endlich Sebulon.

„Ja, ein Lederpaket“, stimmte Hariman bei.

„Etwa mit Gold?“

„Nein. Dazu ist es zu leicht.“

„Diamanten? Geschmeide?“

„Auch zu leicht.“

„Gar Banknoten?“

Seine Augen blitzten wieder auf. „Fünf solch Pakete mit Banknoten! Welch ein Vermögen!“

„Auf, auf! Schneiden wir auf! Schnell, schnell!“ rief er aus.

Die Riemen wurden zerschnitten und die Lederteile auseinander geschlagen.

„Bücher!“ sagte Hariman enttäuscht.

„Bücher! Tod und Teufel! Nur Bücher!“ brüllte Sebulon. „Weg mit ihnen, weg, weg!“

Er schleuderte sie fort.

„Aber was für Bücher?“ warnte Hariman. „Schau doch erst nach! Es kann ja Geld drin liegen!“

Sofort holte Sebulon das weggeworfene Volumen wieder her, um es zu prüfen, warf es aber sehr bald noch weiter von sich als vorher.

„Geschriebene Seiten, lauter geschriebene Seiten!“ zürnte er. „Mit nichtssagenden Überschriften und mit dem geliebten Namen Winnetou!“

„Bei mir hier auch“, erklärte Hariman, der sein Paket inzwischen auch einer Untersuchung unterworfen hatte.

„So weg damit, immer weg! Und dafür die andern drei her! Ich hoffe, daß sie Besseres enthalten!“

Man kann sich denken, daß ich den Verlauf dieser Szene nicht so gleichgültig verfolgte, wie ich mir den Anschein gab. Hier war mir jedes einzelne Blatt oder Blättchen, jedes Stückchen Leder- oder Bastschnur heilig. Ich ließ die Beiden nur deshalb gewähren, weil sie mir die Arbeit abnahmen. Aber verletzen oder gar verderben durften sie mir nichts; das verstand sich ganz von selbst. Jetzt nun, als sie die beiden nächsten Gefäße hernahmen, ging das Oeffnen derselben dem ungeduldigen Sebulon nicht schnell genug. Er schnitt und riß die Umschnürung in bebender Eile herunter und rief dabei aus:

„Das geht Alles zu langsam, viel zu langsam! Der Kitt wird nicht wieder aufgekratzt, denn das erfordert zu viel Zeit. Wir schlagen die Gefäße einfach entzwei. Da sehen wir sofort, was sie enthalten!“

Da ging ich schnell zu ihnen hin und sagte:

„Entzweigeschlagen wird hier nichts! Diese Gefäße enthalten das Vermächtnis eines großen, edlen Verstorbenen. Sie haben für mich einen größeren Wert als Gold und Edelsteine. Ich dulde nicht, daß man sie zerbricht!“

Er stellte das, was er in den Händen hatte, neben sich hin, griff zum Spaten, sah mich drohend an und fragte:

„Und wenn ich sie dennoch zerbreche, was dann?“

Pshaw! Ihr kommt ja gar nicht dazu!“

„Wieso?“

„Ich schlage Euch nieder, daß ihr zur Erde fliegt wie ein umgefallener Sack!“

„Ah, wirklich, wirklich? Versucht das doch einmal! Merkt aber vorher auf, was ich Euch sage: Ihr seht den Spaten in meiner Hand. Mit ihm zerschlage ich zunächst das Gefäß, und dann, wenn Ihr nur die geringste Bewegung gegen mich wagt, zerschmettere ich Euch mit ihm den Schädel! Nun tut, was Ihr wollt!“

Er hob den Spaten hoch, um seine Drohung auszufahren, und ich ballte schon die Faust zum angekündigten Hieb; da aber stand auch schon das Herzle neben mir und sagte:

„Nicht du, sondern ich!“

Sie schob mich zur Seite, trat hart an Sebulon heran und befahl:

„Nieder mit dem Spaten, nieder!“

Sie streckte dabei die Hand gebieterisch aus. Man sah ihr an, daß es ihr gar nicht einfiel, einen Widerstand zu erwarten. Er fuhr, fast möchte ich sagen, erschrocken zusammen und schaute ihr in die Augen. Ihre beiderseitigen Blicke hingen für kurze Zeit aneinander. Da senkte er den seinen, und er senkte auch den Spaten.

„Werft ihn weg!“ kommandierte sie.

Er ließ ihn fallen.

„Setzt Euch wieder nieder!“ forderte sie ihn in weniger strengem Ton auf.

Er tat auch das.

„So! Nun fahrt in Eurer Arbeit fort, aber vorsichtig und anständig! Es darf nicht der geringste Riß oder Sprung entstehn! Ich hoffe, Ihr tut mir das zu Liebe!“

„Zu Liebe, ihr zu Liebe!“ erklang es kleinlaut aus seinem Munde. „Was soll man von mir denken, daß ich gehorche! Diese Augen, diese Augen! Hariman, sag es ihr, sag es ihr, damit wenigstens er mich nicht für einen Feigling hält, der sich vor ihm fürchtet!“

„Was ist’s?“ fragte sie den Genannten.

Er antwortete:

„Mein Bruder kann Eure Augen nicht ertragen, Mrs. Burton. Gleich vom ersten Augenblick an. Er sagte es mir sofort, nachdem er Euch gesehen hatte, und er hat es mir bis jetzt schon zehnmal, schon zwanzigmal wiederholt.“

„So ist es!“ klagte Sebulon. „Diese Augen, diese niederträchtigen, unausstehlichen blauen Augen! Sie tun mir weh! Sie plagen und quälen mich! Schaut weg von mir, Mrs. Burton, schaut weg! Sonst tue ich Alles, Alles, was Ihr wollt!“

Da setzte sie sich neben ihn nieder, berührte mit ihrer Hand leise seinen Arm und antwortete:

„Wenn Ihr doch immer nur tätet, was ich will, so tätet Ihr stets das Richtige!“

Er zuckte den von ihr berührten Arm und stöhnte „Alle Teufel! Nun faßt sie mich sogar an!“

„Ich werde es nicht wieder tun. Es geschah ganz ohne Absicht“, entschuldigte sie sich. „Nun aber bitte, die Gefäße wieder zur Hand! Ich bleibe dabei und schaue zu.“

Er griff gehorsam nach dem seinen und sagte, zu Hariman gewendet:

„Also, entfernen wir den Kitt! Aber behutsam, sehr behutsam, damit ja nichts zerbricht! Verstanden?“

Er nahm, als ob gar nichts vorgefallen sei, die unterbrochene Arbeit von neuem auf. Und es tat sie so die sorgfältig und so bedächtig, daß ich mich im stillen schier verwundene. Das Herzle aber lächelte leise und glücklich. Sie fühlt sich immer so froh, wenn es ihr gelungen ist, etwas Böses in Gutes zu verwandeln. Zwar kehrte die frühere Hast bei Sebulon nach und nach zurück; aber er widerstrebte ihr; es gelang ihm, sich zu beherrschen, wenigstens bis zu dem Augenblick, an dem er so weit war, das Tongefäß öffnen zu können. Da holte er tief, tief Atem und rief dann aus:

„Verzeihung, Mrs. Burton! Wenn es wieder nur Bücher sind, so sollen sie Euer sein! Wenn es aber Gold oder dem Ähnliches ist, so gebe ich es nicht her! Um keinen Preis! Soll ich nachschauen?“

„Ja“, antwortete sie.

Er entfernte den Deckel und sah hinein.

„Ganz dasselbe Lederpaket!“ stöhnte er.

Er nahm es heraus, öffnete es und durchsuchte es.

„Wieder nur geschriebene Zeilen, weiter nichts, weiter nichts! Es ist ein Unglück, ein Jammer, eine Schande! Und du?“

Diese Frage war an seinen Bruder gerichtet, der sein Paket soeben auch geöffnet hatte. Er zeigte es her und antwortete:

„Auch nur Schreibereien, nichts Anderes!“

Da sprang Sebulon auf und jammerte:

„Ich muß Atem holen, Atem! Es packt mich die Wut! Mich rührt der Schlag!“

Er warf die Arme um sich und rannte auf und ab. Hariman aber griff still nach dem fünften, also letzten Gefäß und begann, zunächst die Schnuren zu entfernen. Das Herzle griff mit zu, um ihm zu helfen. Als Sebulon das sah, kam er schnell herbei, schob sich zwischen sie und seinen Bruder hinein und bat:

„Nicht Ihr, nicht Ihr, Mrs. Burton! Schont Eure Hände! Ich mache das für Euch!“

Das war nicht etwa bös, sondern gut gemeint. Wie sonderbar! Es dauerte nicht lange, so war auch dieser letzte Behälter geöffnet. Er hatte denselben Inhalt wie die andern vier. Da beugte sich Sebulon ganz so, wie sein Bruder es vorher, nur aus ganz anderem Grunde, gemacht hatte, tief nieder, legte sein Gesicht in beide Hände und begann zu weinen. Seine Brust arbeitete konvulsivisch. Wir Anderen verhielten uns still. Nach einer Weile stand er mit einem plötzlichen Rucke auf, sah sich um, als ob er aus einem Traum erwache und rief in zornigem Ton:

„Wie sagte ich? Wie habe ich gesagt? Er sei da, unser Vater, unser Vater? Verrückter Kerl, der ich bin! Von dem alten Lump ist längst keine Faser, kein Atom, kein Stäubchen mehr übrig! Nur die Schande hat er uns gelassen, die Schande! Und den Trieb zum Bösen hat er uns vererbt, den Drang zum Mord, zur Selbstvernichtung! Das ist Alles, was wir ihm zu verdanken haben, Alles, Alles! Und das will Vater gewesen sein und hat sich Vater genannt! Pfui!“

Er spuckte dreimal aus und wendete sich von uns, sich zu entfernen. Aber schon nach wenigen Schritten blieb er stehen, drehte sich nach uns um und sagte:

„Mrs. Burton, ich verzichte auf die Schreibereien. Ich mag sie nicht. Ich schenke sie Euch, hört Ihr es, Euch, nur Euch! Mit einem jeden Andern würde ich um sie kämpfen, sogar mit Old Shatterhand. Euch aber will ich sie überlassen, ohne daß ich Etwas dafür verlange. Sie sind also Euer Eigentum. Macht damit, was Euch beliebt!“

Hierauf wendete er sich wieder von uns ab und schritt davon, in den Wald hinein, hinter dessen Bäumen er verschwand.

„Törichter Mensch!“ sagte sein Bruder, der ihm, ebenso wie wir, nachgeschaut hatte. Weiter sagte er nichts.

Das Herzle hatte nun eigentlich jetzt das Essen zu bereiten; sie tat es aber nicht. Sie wollte zunächst wissen, was für ein Schatz es war, den wir da ausgegraben hatten. Ich bat vor allen Dingen Pappermann, noch einmal tiefer zu graben, der Ueberzeugung wegen, daß nicht etwa auch heut wieder Etwas liegengelassen werde. Hariman Enters erbot sich sofort, ihm dabei zu helfen. Sie gingen noch volle zwei Fuß tiefer, f anden aber nichts und schütteten dann die BodenOeffnung vollständig wieder zu. Inzwischen untersuchte ich mit meiner Frau den Inhalt sämtlicher fünf Gefäße.

Es waren lauter zusammengebundene Hefte, Manuskripte, geschrieben von Winnetous eigener, mir wohlbekannter Hand. Man kann sich wohl denken, welchen Eindruck diese kalligraphisch nicht schönen, aber auáerordentlich charakteristischen Schriftzüge auf mich machten. Die Buchstaben hatten peinlich genau dieselbe Lage und Länge. Die Schrift war klar und harmonisch, wie die Seele dessen, von dessen Hand sie stammte. Er hatte eigentlich nicht geschrieben, sondern gezeichnet und gemalt. Kein einziger Fleck, keine Spur irgendeiner Unsauberkeit war da zu sehen. So war er ja immer, und so war er in allem gewesen! Und das waren nicht etwa nur zwanzig, dreißig, fünfzig Seiten, sondern viele, viele hunderte! Wo hatte er sie geschrieben? Auf den Umschlägen einiger Hefte war es zu sehen. Da stand: „Geschrieben am Nugget-tsil“ – – „Geschrieben am Grabe meines Vaters“ – – „Geschrieben am Grabe Klekih-petra’s“ – „Geschrieben in Old Shatterhands Wohnung am Rio Pecos“ – „Geschrieben bei Tatellah-Satah“ – – „Geschrieben für meine roten Brüder“.– „Geschrieben für meine weißen Brüder“ –-„Geschrieben für alle Menschen, die es gibt“. Viele der Hefte aber waren ohne solch eine Überschrift. Die Sprache war englisch. Wo ihr der richtige, individuelle Ausdruck fehlte, traten die bezeichnenderen indianischen Worte an ihre Stelle. Er hatte von mir so manchen deutschen Ausdruck gehört und im Gedächtnis festgehalten. Nun war es so rührend, zu sehen, wie sehr und wie gern er sich in diesen Blättern befleißigt hatte, an hierzu geeigneten Orten diese Ausdrücke in Anwendung zu bringen.

Am Schluß des letzten Heftes fand ich ein vollständiges Inhaltsverzeichnis und einen an mich gerichteten Brief. Das Inhaltsverzeichnis werde ich später veröffentlichen. Der Brief lautete folgendermaßen:

„Mein lieber, lieber, guter Bruder!

Ich bete zum großen, allgütigen Manitou, daß Du kommst, um Dir diese Bücher zu holen. Und wenn Du sie beim ersten Male verfehlst, weil Du nicht tief genug gräbst, so ist es noch nicht an der Zeit, daß sie in Deine Hände kommen. Dann werde ich nicht eher aufhören im Gebete, bis Du endlich doch noch kommst und sie findest. Denn sie sind nur für Dich, für keinen Andern.

Ich habe dieses mein Vermächtnis nicht bei Tatellah-Satah niedergelegt, weil er Dich nicht liebt. Aber auch hier sind seine Gründe edel, wie immer. Und ich habe es auch keinem Andern anvertraut, weil mein Vertrauen zum allmächtigen und allweisen Vater der Welten größer ist als zu den Menschen. Ich grabe diese Bücher tief in die Erde, denn sie sind wichtig. Höher oben liegt ein zweites Testament, um dieses hier zu verbergen und zu beschützen. Ich werde Dir nur von diesem oberen sagen, damit das untere liegen bleibe, bis seine Zeit gekommen ist. Und ich habe Tatellah-Satah mitgeteilt, daß hier zwei Vermächtnisse für Dich liegen, damit sie, wenn Du ja nicht kommen solltest, trotzdem nicht verlorengehen.

Und nun öffne mir Dein Herz und Deinen Geist, und vernimm, was ich, der Verstorbene und doch Lebende, Dir sage!

Ich bin Dein Bruder. Ich will es sein und bleiben. Auch dann, wenn die Trauerkunde durch die Stämme der Apatschen geht: Winnetou, unser Häuptling, ist tot! Du hast mich gelehrt, daß der Tod die größte aller Erdenlügen sei. Ich möchte Dir beweisen, daß dieses köstliche Geschenk, welches du mir brachtest, die Wahrheit enthält. Ich will, wenn man von mir sagt, daß ich gestorben sei, die Hände ebenso über Dich breiten, wie ich sie über Dich breitete, als ich noch lebte. Ich will Dich schützen, mein Freund, mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder.

Der große, gute Manitou führte uns zusammen. Wir sind nicht Zwei, sondern Einer. Wir werden es bleiben. Es gibt keine Macht auf Erden, die stark genug ist, dies zu verhindern. Auch das Grab gähnt nicht zwischen uns. Ich werde seine Tiefe überspringen, indem ich in meinem Vermächtnis zu Dir komme und für immer bei Dir bleibe.

Du bist, seit ich Dich kenne, mein Schutzengel gewesen, und ich war in gleicher Weise der Deine. Du standest mir höher, als jeder Andere, den ich liebte. Ich eiferte Dir nach in allen Dingen. Du gabst mir viel. Du brachtest mir Schätze für Geist und Seele, und ich versuchte, sie festzuhalten und mir anzueignen. Ich bin Dein Schuldner; aber ich bin es gern, denn diese Schuld ist nicht drückend, sondern erhebend. Konnten die Bleichgesichter nicht alle so zu uns kommen, wie Du, der Einzelne, zu mir, dem Einzelnen, kamst? Ich sage Dir, alle, alle meine roten Brüder wären ebenso gern ihre Schuldner geworden, wie ich der Deine geworden bin! Der Dank der roten Rasse wäre ebenso groß und ebenso aufrichtig gewesen wie der Dank Deines Winnetou für Dich. Und wo Millionen danken, da wird die Erde zum Himmel.

Aber Du hast noch mehr getan, unendlich mehr als das! Du hast Dich nicht nur Deines roten Freundes, sondern auch seiner ganzen verachteten, verfolgten Rasse angenommen, obgleich Du ebenso wußtest und weißt wie ich, daß die Zeit kommen wird, in der man Dich dafür ebenso verachtet und verfolgt wie sie. Doch zage nicht, mein Freund; ich werde bei Dir sein! Was man Dir, dem Lebenden, nicht glaubt, das wird man mir, dem Verstorbenen, glauben müssen. Und wenn man das, was Du schreibst, nicht begreifen will, so gib ihnen das zu lesen, was ich geschrieben habe. Ich bin überzeugt, es war gewiß die kühnste, aber wohl auch die beste Tat Deines Winnetou, daß er in stillen, heiligen Stunden das Gewehr zur Seite legte, und für Dich zur Feder griff. Sie ist mir schwer geworden, diese Tat, sehr schwer, dieser Feder wegen, die sich sträubte, mir, der Rothaut, zu gehorchen. Und doch auch leicht, so leicht, des Herzens wegen, dessen Stimme aus jeder Zeile spricht, die ich dem Volk der Menschen hinterlasse.

So wird Dein Winnetou auch noch im Tod an Deiner Seite stehen, denn meine Liebe lebt. So wird er für Dich kämpfen, indem er für sich selbst und seine Rasse kämpft. So hab ich mich zu Deinem Schutz zu Dir emporgehoben und bitte Dich, vergönne mir den Platz! Dann wird auch ebenso mein Volk sich zu dem Deinigen erheben, und alle Leiden meiner Nation sind ausgelöscht, wenn nicht aus der Geschichte, so doch vor Manitou, der gütig richtet, wenn er kann und darf.

Du weißt, ich bin bei Dir, wenn Deine Augen diese Zeilen lesen, doch nicht als Geist, als irre Spiritistenseele, sondern als mein treuer, warmer Puls, der fortan mit dem Deinigen vereint in Deinem Herzen schlägt. Könnte dieser Puls der Puls der ganzen Menschheit sein!

Bin ich ein Tor, indem ich dieses schreibe? Ich grüße Dich! Was Du von mir noch alles hören möchtest, wirst Du in diesen Blättern finden. Ich brachte sie zum Nugget-tsil. Die Grube ist geöffnet, sie für Dich aufzunehmen. Bin ganz allein! Wie habe ich Dich geliebt! Wie liebe ich Dich noch! Du warst mir Geist und Seele, Herz und Wille. Was ich Dir bin, das wurde ich durch Dich. Es gibt so Viele, so ungezählte Viele, die ganz dasselbe werden möchten, für Euch – – für Euch – – – für Euch!

Dein Winnetou.“


Das Herzle saß eng neben mir. Ich hatte ihr mit halblauter Stimme vorgelesen. Als ich nun fertig war, sagte sie nichts. Sie schlang ihre Arme um mich, lehnte ihren Kopf an meine Schulter und weinte. Auch ich war still. So saáen wir lange Zeit. Dann packten wir die Manuskripthefte in die Tongefäße und trugen sie in das Zelt, um sie dort aufzubewahren. Den Brief aber behielt ich zurück.

„Wirst du ihn dem jungen Adler zeigen?“ fragte sie mich.

Ich hatte soeben denselben Gedanken gehabt. Wieder einer jener häufigen, alltäglichen Fälle, daß sie in ganz demselben Augenblick auch ganz dasselbe denkt wie ich.

„Ja, er soll ihn lesen, und zwar sogleich“, antwortete ich.

Wir gingen zu ihm hin. Es schien, als habe er sich gar nicht um uns bekümmert. Aber als ich ihm den Brief mit einigen erklärenden Worten zum Lesen überreichte, ging es wie heller Sonnenschein über sein Gesicht. Er sprang schnell auf, griff nach dem Brief und sagte:

„Ich danke Euch, Mr. Burton! Glaubt mir, ich weiß ganz genau, was es heißt, einen solchen Brief aus solcher Hand zu bekommen!“

„Ich zeige ihn Euch nicht ohne egoistische Absicht“, erwiderte ich. „Ich stelle dieses Vermächtnis meines Winnetou unter Euern besondern Schutz. Ich kann nicht stets in der Nähe des Zeltes sein und bitte um Eure Wachsamkeit, so oft ich gezwungen bin, mich zu entfernen. Zum Beispiel gleich jetzt. Ich gehe nämlich, um nach Sebulon Enters zu sehen.“

„Und ich habe inzwischen für des Leibes Nahrung zu sorgen“, erklärte das Herzle. „Ich mache wahr, was du ihm und seinem Bruder versprochen hast – – nämlich die Bärentatzen. Ich hoffe, daß mir das mit Pappermanns Hilfe gelingen wird.“

Der Gedanke, nach Sebulon auszuschauen, war mir nicht nur wegen meiner eigenen Sicherheit gekommen. Noch viel mehr als das drängte mich das Mitleid, ihn jetzt nicht für längere Zeit aus den Augen zu lassen. Es galt, auch ihn zu retten, nachdem sein Bruder so ziemlich als gerettet gelten konnte. Ich ging ihm nach, indem ich seinen Spuren folgte. Sie führten in die Tiefe des Waldes, nicht in gerader Linie, wie die Stapfen eines Menschen, welcher weiß, wohin er will, sondern bald nach rechts und bald nach links, bald vorwärts und bald wieder zurück, als ob er in der Irre sei und nicht wisse, wo aus oder ein. Zuweilen war er stehengeblieben, aber nicht an einer und derselben Stelle, sondern sich nach allen Seiten drehend und wendend, als ob er rundum von unsichtbaren Wesen bedroht worden sei, gegen die er sich hatte wehren müssen. Das waren seine Gedanken.

Durch diese Beobachtungen aufgehalten, kam ich nur langsam vorwärts. Endlich aber hörte ich ihn, noch ehe ich ihn erblickte. Er sprach laut, sehr laut. Ich folgte der Richtung, die mir der Schall verriet. Er stand unter einer hohen Buche, an ihren Stamm gelehnt. Es gab in der Nähe ein dichtes Unterholz, hinter dem ich Deckung fand. Er sprach, als ob er greifbare Gestalten vor sich habe. Er gestikulierte; er nickte ihnen zu. Ich hörte folgendes:

„Ihr Alle seid schon tot, ihr Alle! Nur wir zwei sind noch übrig! Müssen auch wir noch fort? Hariman will sterben; ich aber will leben. Ich will den Willen des Vaters tun, damit er nicht auch noch mich, den letzten, ermordet! Ich will ihm diesen Old Shatterhand an das Messer liefern, ich will, ich will! Ich will diesen seinen größten Feind vernichten und verderben, damit ich selbst am Leben bleibe. Aber kann ich – – kann ich – – – kann ich – – –?“

Er bewegte bei dieser dreimaligen Frage den Kopf so, als ob er einen Halbkreis von Zuhörern vor sich habe. Er lauschte, als ob ihm von dorther geantwortet werde. Dann fuhr er fort:

„Diese Frau, diese Frau ist schuld! Diese Frau mit den blauen Augen und mit der Herzensgüte im Gesicht! Die stellt sich mir in den Weg!“

Er legte die beiden hohlen Hände wie ein Schallrohr an den Mund und erklärte geheimnisvoll:

„Das sind die blauen Augen unserer Mutter. Diese lieben, guten, blauen Augen, die so unzählbar oft weinten, bis sie vor Herzeleid brachen und sich schlossen! Habt ihr diese Ähnlichkeit auch bemerkt? Und das ist das Wohlwollen und die Güte unserer Mutter, genau, genau! Wie das lächelt! Wie das bittet! Wie das verzeiht! – – – Sollen diese Augen sich in Tränen ergießen, meinetwegen? Soll soviel Güte vernichtet werden? In Haß, in Rache verwandelt? Kann ich das? Darf ich das? Eines Schurken wegen? Eines Schurken – Schurken Schurken?!“

Er neigte den Kopf zur Seite, als ob er auf etwas lausche, was ihm zugerufen wurde, machte dann eine Bewegung zornigen Widerspruches und antwortete:

„Nein! Er hat mich betrogen, der Alte! Betrogen, betrogen, betrogen! Es war kein Gold; es waren nur Blätter, nur Blätter! Will er mich mit Kiktahan Schonka etwa ähnlich betrügen? Er hat, als er lebte, alle Welt betrogen. Nun er tot ist, kann er nur uns noch betrügen. Aber betrogen muß sein, betrogen, betrogen! Soll ich mir das gefallen lassen? Wahrlich, ich habe große Lust, ihm das zurückzugeben, ihn so zu betrügen, wie er mich betrügt, ihn mit diesem Old Shatterhand zu betrügen! Vielleicht tue ich es, vielleicht! Sogar wahrscheinlich! Dieser blauen Augen wegen! Und dieses lieben, gütigen Gesichtes wegen! Ich will einmal – –“

Er hielt in seiner Rede inne. Er wurde unterbrochen. Sein Bruder erschien jenseits der Buche und rief, indem er sich ihm näherte:

„Still, still, Unvorsichtiger! Dein einsames Schreien und Brüllen wird uns noch beide verderben!“

„Sie waren alle da, alle!“ entschuldigte sich Hariman.

„Unsinn! Niemand ist da, Niemand! Aber Einer kann kommen, jeden Augenblick. Und wenn der hört, was du dann den Bäumen erzählst, ist Alles entdeckt, was du doch sonst so sorgsam verschweigst!“

„Wen meinst du?“

„Old Shatterhand. Er ging in den Wald, und zwar genau in der Richtung, in welcher du verschwandest. Ich kenne den Dämon, der dich zwingt, so laute Reden zu halten. Darum bin ich schnell hinter dir her, um dich zu warnen. Aber ich wußte nicht, wo du warst. Es dauerte lange, bis ich dich fand. Endlich hörte ich dich schreien.“

„So ist dieses Schreien doch zu Etwas gut gewesen. Du hättest mich sonst nicht gefunden!“

„Rede doch nicht so lächerlich, sondern komm! Man wird in kurzer Zeit zum Essen rufen.“

„Ah! Die Bärentatzen?“

„Ja. Bin neugierig, ob sie ihr gelingen. Sie hat noch niemals welche gebraten.“

„Oh, die bringt alles fertig, alles, sogar Bärentatzen! Und wenn sie ihr nicht gelängen, so äße man sie doch, und sie würden schmecken, sage ich dir, schmecken. Also komm!“

Sie gingen miteinander fort. Ich beeilte mich, ihnen unbemerkt vorauszukommen, und das gelang. Als sie den Lagerplatz erreichten, saß ich dort schon an der Seite des „jungen Adlers“, und es schien, als sei ich nicht erst vor wenigen Augenblicken, sondern schon vor längerer Zeit zurückgekehrt.

Für Leser, welche gern Alles wissen, auch so nebensächliche Dinge, erkläre ich hierdurch mit größter Feierlichkeit, daß die Zensur, die ich den Bärentatzen gab, auf II a lautete. Das Herzle ist zwar meine Frau, und ich wäre also wohl verpflichtet gewesen, ihr eine „I mit Stern“ zu verleihen; aber das wäre geschmeichelt und also unwahr gewesen, und hierzu gebe ich mich sogar in Küchenangelegenheiten nicht her. Hätte Klärchen die Tatzen trotz der lebhaften Mithilfe Pappermanns verdorben gehabt, so wäre es mir überhaupt nicht eingefallen, ihr eine Zensur zu erteilen, denn nach Paragraph 51 der „Strafprozeßordnung für das Deutsche Reich vom 1. Februar 1877“ habe ich in allen derartig heiklen Fällen als Ehemann das Recht, meine Aussage zu verweigern. Aber die Leistung war keine schlechte. Sie stand vielmehr, besonders was die beigefügten Wacholderbeeren, die Pilze und den Beifuß betrifft, so hoch über dem Niveau der Gewöhnlichkeit, daß ich unbedingt zu einer I oder gar einer Ia gegriffen hätte, wenn die Tatzen noch zwei bis drei Tage älter gewesen wären. Der Grund lag also nicht am Herzle, sondern die Tatzen selbst waren schuld. Wenn ich hierdurch zu einer IIa gezwungen wurde, so fühle ich mich stark verpflichtet, der Wahrheit gemäß hinzuzufügen, daß sich die II nur auf den Bär, das a aber nur auf meine Frau bezieht.

Nach dem Essen unternahmen wir beide, nämlich sie und ich, einen Ritt nach dem schon erwähnten Aussichtsbaum auf der Bergeshöhe. Es kam mir darauf an, eine weite Umschau zu halten. Die Squaws der Sioux hatten nach dem Nugget-tsil gewollt. Sie hätten schon lange vor uns hier eintreffen müssen, und doch war keine Spur von ihnen zu entdecken. Wir hatten überhaupt weder die Fährte noch den Stapfen eines einzigen Menschen zu sehen bekommen. Darum ritt ich jetzt nach der dominierenden Kuppe, um von dort aus Umschau zu halten.

Als wir da oben ankamen, gab es eine schöne, reine, klare, den Blick weithin tragende Luft. Ich stieg auf den Baum, so hoch mich seine Zweige trugen. Die Bergesgruppe des Nugget-tsil lag unter mir. Sie war bewaldet. Jenseits dieser Waldregion breitete sich die von mir schon früher geschilderte, spärlich bewachsene Prärie. Ich konnte sie sehen, und noch weit in sie hinein, rundum. Aber es war kein Mensch zu entdecken, auch kein Tier. Ich hatte mein Fernglas mitgenommen. Ich suchte mit ihm die ganze Gegend ab. Keine Spur eines lebenden Wesens. Wir konnten sicher sein, heut nicht gestört zu werden. Wir ritten also wieder nach unserem Lager hinab und kamen dort an, als es zu dunkeln begann.

Pappermann hatte für trockenes Feuermaterial gesorgt, welches für die ganze Nacht reichte. Er lag vor dem Zelteingang wie ein treuer. Hund, der sich verpflichtet fühlt, ihn zu bewachen. Der „junge Adler“ saß in seiner Nähe. Die beiden Enters hockten am Feuer und brieten ihren Hasen. Sie testen davon später auch an uns aus, und wir weigerten uns nicht, kameradschaftlich mitzuessen. Sie kamen uns verändert vor. Sie erschienen uns unbefangener als sonst. Sie nahmen an unserm Gespräch bescheiden, aber doch in einer Weise teil, als ob gar nichts zwischen uns und ihnen liege. Wie kam das? Hatten sie jetzt ein besseres Gewissen als früher? Oder richtiger, waren ihre Absichten jetzt Weniger feindlich als vorher? Wahrscheinlich! Sogar auch in Beziehung auf Sebulon, der sich so ruhig und vernünftig benahm, als ob die heutige Schatzgräberszene vollständig aus seinem Gedächtnis verschwunden sei.

Es lag im heutigen Milieu, daß wir ausschließlich von Winnetou und seinen Apatschen sprachen. Ich erzählte einige sehr bezeichnende Episoden, die ich mit ihm erlebt hatte; Pappermann berichtete über die Art und Weise, in welcher er ihn kennengelernt hatte, und der „junge Adler“ schilderte in verschiedenen Charakterzügen den tiefen Einfluß, den der Verstorbene auch noch nach seinem Tod auf die Indianer, besonders aber auf die Apatschen und die ihnen verwandten Völkerschaften äußerte. Die beiden Enters hörten nur zu. Sie sprachen nicht, kein Wort, aber man sah ihnen an, wie ganz und gar sie bei der Sache waren. Das freute mich. Sie hatten wahrscheinlich von seiten ihres Vaters und seiner Genossen soviel Feindseliges über mich und Winnetou gehört, daß es ihnen gar nichts schaden konnte, jetzt einmal etwas Besseres und Richtigeres zu erfahren. Der „junge Adler“ fühlte in seiner Feinsinnigkeit, welche stillen Absichten ich während dieses Gespräches mit dem Brüderpaar verfolgte, und er ging auf diese Absichten ein, indem er mich in dem Bestreben, ihren Haß in Achtung umzuwandeln, unterstützte.

Das Abendessen brachte hierin eine nur kurze Unterbrechung. Als es vorüber war, griff Pappermann nach einer der Zigarren, von denen er sich aus Trinidad einen Vorrat mitgenommen hatte. Die beiden Enters zogen, dies sehend, ihre kurzen Pfeifen und die Tabaksbeutel aus den Taschen. Sie schauten fragend zu dem Herzle herüber und bekamen die gewünschte Erlaubnis bereitwillig zugenickt. Der „junge Adler“ rauchte nicht. Er behauptete, nur bei Beratungen zu rauchen, und zwar nur aus dem Kalumet, sonst nicht. Was mich betrifft, so weiß man, daß ich sehr, sehr stark rauchte. Ich gestehe sogar ein, daß ich der stärkste von allen Rauchern war, die ich kennengelernt habe. Jetzt bin ich es nicht mehr. Es sind nun fünf Jahre her, da bat mich das Herzle, nicht mehr soviel zu rauchen. Sie meinte, ich habe meinen Lesern noch außerordentlich viel zu sagen und müsse also trachten, solange wie möglich zu leben. Da legte ich die Zigarre, die ich im Mund hatte, weg und sagte: „Das ist die letzte gewesen im Leben, ich rauche nie wieder!“ Warum hätte ich meiner Frau nicht gehorchen sollen? Sie hatte doch recht! So stand ich also nun auf demselben Punkt wie der „junge Adler“: Höchstens nur noch bei indianischen Beratungen zu rauchen, und zwar aus dem Kalumet, sonst nie! Trotzdem fällt es mir nicht ein, die anregende Wirkung einer guten, verständig genossenen Zigarre oder Pfeife zu leugnen, und ebensogut ist mir sehr wohl bekannt, daß unsere alltägliche Phantasie am liebsten und wohl auch am bequemsten auf Tabakswölkchen aus der Tiefe in die Höhe steigt. Das Gedächtnis scheint geöffnet und die Seele zur Mitteilung bereitwilliger zu werden. Das beobachtete ich jetzt auch am „Jungen Adler“. Er rauchte zwar nicht selbst, aber seine Hand spielte mit den Ringeln und Ringen, die der neben ihm sitzende Pappermann seinen Lippen entgleiten ließ. Er sog den Duft von dessen Zigarre mit Behagen ein und schien hierdurch eine ganz andere Gedankenrichtung und Ausdrucksweise zu bekommen. Es ist gewiß mehr als sonderbar, daß der freie Indianer niemals zum Gewohnheitsraucher wird und doch, oder vielleicht grad deshalb, den besseren und feineren Wirkungen des Nikotins zugänglich ist. Er raucht nur in besonders wichtigen und heiligen Augenblicken.

Der „junge Adler“ besaß ein reiches Innenleben; aber er war schweigsam. Heut trat er zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, ein wenig aus sich heraus, aber auch nur vorsichtig, und so nach und nach. Von sich selbst sprach er nicht, sondern ausschließlich nur von Winnetou, und ich hatte das Gefühl, daß es der Einfluß des narkotischen Duftes war, der ihm die Lippen öffnete. Das Herzle benutzte diese Gelegenheit zu einer Frage, deren Beantwortung ihr schon seit unserem kurzen Aufenthalt am Kanubisee auf dem Herzen lag. Der junge Apatsche hatte soeben von dieser unserer Begegnung mit der schönen Aschta gesprochen, da fragte meine Frau:

„Ich sah den Stern auf ihrem Gewand, und ich sehe ihn auch hier bei Euch. Was ist es mit diesem Stern? Und was ist es mit Winnetou und Winnetah? Oder dürft Ihr es nicht sagen? Ist es ein Geheimnis?“

Er schloß für kurze Zeit die Augen. Dann öffnete er sie wieder und antwortete:

„Es ist kein Geheimnis. Jedermann darf es hören. Ja, wir wünschen sogar, daß alle Welt es erfahre und dasselbe tue wie wir. Aber soll ich grad hier davon sprechen und grad jetzt?“

Während dieser Worte berührte sein Blick die beiden Enters. Ich verstand ihn und erwiderte:

„Warum nicht? Es gibt kein Hindernis.“

„So sei es!“

Er schloß die Augen wieder und dachte nach. Dann begann er:

„Ich wollte, ich dürfte in der Sprache der Apatschen zu euch reden; denn diese Sprache bildet das Gewand, in welchem das, wovon ich spreche, mir in das Herz gestiegen ist. Die Sprache der Bleichgesichter wirft häßliche Falten um diese Gestalten meines Innern.“

Er hatte die Augen noch geschlossen gehalten. Jetzt schlug er sie auf und fuhr fort:

„Es gibt in weiter, weiter Ferne von hier ein Land mit dem Namen Dschinnistan. Nur uns, den roten Männern, ist es bekannt, den Weißen aber nicht.“

Man kann sich meine Überraschung denken, als ich diesen Namen und diese Worte aus diesem Mund hörte. Dem Herzle ging es ebenso. Sie griff rasch nach meiner Hand, als ob sie eine Stiitze brauche, um nicht schnell mit der Mitteilung herauszuplatzen, daß er sich über unsere Unwissenheit in hohem Grad irre.

„Dschinnistan?“ fragte ich. „Ist dieses Wort aus der Sprache der Apatschen?“

„Nein, sondern aus einer hier vollständig unbekannten Sprache. Es sind viele, viele tausend Jahre her, da war Amerika noch mit Asien verbunden. Es gab im hohen Norden eine Brücke von dort nach hier herüber. Diese Brücke ist jetzt in einzelne Inseln zerrissen und zerfallen. Zu dieser Zeit, also vor Tausenden von Jahren, kamen große, herrliche Menschen, die körperlich und geistig wie Riesen gestaltet waren, über diese Brücke zu unsern Ahnen herüber und brachten Grüße von ihrer Herrscherin, der Königin Marimeh.“

Wieder drückte das Herzle mir heimlich die Hand. Sie fühlte ebenso wie ich, daß unsere Marah Durimeh gemeint sei. Der „junge Adler“ fuhr fort:

„Ihre Boten hatten köstliche Geschenke zu überreichen. Es war ihnen verboten, Gegengeschenke zu nehmen, denn eine Gabe, die erwidert werden muß, ist kein Geschenk, sondern eine Erpressung. Die Gesandten Marimehs erzählten von dem hochgelegenen Reich Dschinnistan. In diesem gibt es nur ein einziges Gesetz, welches das Gesetz der Schutzengel heißt. Darum wird Dschinnistan auch das Land der Schutzengel genannt. Nämlich ein jeder Untertan dort hat im Stillen der unbekannte Schutzengel eines andern Untertanen zu sein. Wer sich entschließt, der Schutzengel seines eigenen Feindes zu sein, der gilt als Held, denn er hat sich selbst überwunden. Das gefiel unseren Urvätern, denn sie waren ebenso edel wie die Bewohner des Erdteiles Asien. Sie baten die Gesandten der Königin Marimeh, ihnen zur Einführung dieses Gesetzes hier in Amerika behilflich zu sein. Diese waren gern bereit. Sie taten, um was man sie gebeten hatte, und zogen dann wieder heim.“

„Kamen sie wieder?“ fragte das Herzle.

„Dieselben nicht, aber andere. Nach jedem Menschenalter kam eine Gesandtschaft, um Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob das Gesetz auf dieser Seite der Erde noch gelte. So vergingen mehrere Jahrtausende. Der Himmel wohnte auf Erden. Das Paradies stand weit geöffnet. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen Engel und Mensch, weil jeder Mensch ein Engel war, nämlich der Schutzengel eines andern. Da plötzlich blieb die Gesandtschaft aus, die nächste, die übernächste auch. Man erkundigte sich, man schaute nach. Die Brücke von Asien nach Amerika war eingestürzt. Nur noch die Pfeiler standen, die von einer wilden See umtobten Inseln.“

„Wenn ich mich nicht irre, stehen sie heute noch“, fiel Pappermann ein. „Ich glaube, man nennt sie die Aleuten.“

„Das stimmt“, nickte das Herzle. „Ihr seid ein guter Geograph, Mr. Pappermann!“

„Oh, das will gar nichts sagen“, lachte er. „Als ich in die Schule ging, drüben in Deutschland, da kannten wir die Aleuten und die Behringstraße besser als unsere eigenen Städte und unsere eigenen Gassen!“

„Es vergingen viele, viele Menschenalter, ohne daß sich eine Gesandtschaft sehen ließ“, fuhr der „junge Adler“ fort. „Die Verbindung blieb unterbrochen.“

„Konnte man nicht versuchen, sie wieder anzuknüpfen?“ fragte meine Frau.

Der Gefragte lächelte trübsinnig.

„Von unserer Seite geschah nichts hierzu“, antwortete er. „Wir waren ja Rote! Wir waren Indianer! Wir wollten glücklich und selig sein, doch ohne Mühe und Anstrengung. Das hielten wir für unser gutes Recht. Ein erkämpftes Glück war uns zu teuer. Wir glaubten, es billiger haben zu können. Wir ahnten nicht, daß der große, allweise Manitou uns prüfte, daß das Ausbleiben der Gesandtschaft von ihm verordnet war, um uns aufzurütteln und zur eigenen Tätigkeit zu spornen. Unsere Ahnen aber regten sich nicht; sie blieben sitzen. Sie hatten keinen Dank für das Gesetz von Dschinnistan. Sie hatten keine entgegenkommende Tat für Manitou, für die Königin Marimeh, für die Erhaltung ihres Paradieses, ihrer Seligkeit, ihres Glückes. Das ist die große, die unverzeihliche Sünde unserer Ahnen, deren Folgen wir zu tragen haben bis auf den heutigen Tag!“

Da stöhnte Sebulon leise:

„Die Ahnen – die Ahnen – die Väter!“

„Schweig, und störe nicht!“ bat sein Bruder.

Der junge Apatsche fuhr fort:

„Dem Gesetz von Dschinnistan fehlte die bisher von Generation zu Generation bewirkte Erneuerung der Heimatkraft. Es wurde schwach; seine Wirkung ging verloren. Die Engel wurden wieder zu Menschen. Der Himmel verließ die Erde. Das Paradies verschwand. Die Liebe starb. Der Haß, der Neid, die Selbstsucht, der Hochmut begannen wieder, zu regieren. Das eine, große Reich mit dem einen, großen Gesetz fing an, zu wanken. Der einen großen Rasse, die sich an dem einen, großen Gesetz aufgerichtet und emporgebildet hatte, ging diese Stütze, dieser Pfeiler verloren. Sie fiel in sich zusammen, zwar langsam, langsam, Jahrhunderte hindurch, aber sicher. Die Herrscher wurden zu Despoten, die Patriarchen zu Tyrannen. Hatte es erst nur ein Gesetz der Liebe gegeben, so regierte nun nur noch ein Gesetz des Zwanges. Was vorher segnete, das fluchte; was vorher zusammenstrebte, das bestand jetzt darauf, sich zu meiden. Die einzig mögliche Rettung schien in der Hand der Macht, der schonungslosen Strenge zu liegen. Und sie kamen, die Bedrücker, die Zuchtmeister, die Gewaltherrscher. Sie regierten mit eisernen Fäusten, aber nur einige wenige Jahrhunderte lang. Jeder Druck, auch der Tyrannendruck, erzeugt Gegendruck, erzeugt Wärme, erzeugt innere Hitze, die nach außen und sich zu befreien strebt. Dieser Druck der nur durch Gewalt zusammengehaltenen Wasser wuchs, bis die Ufer nicht mehr widerstehen konnten. Das Gewicht der verflossenen Jahrtausende begann, zu wirken. Ich bediene mich eines geographischen Bildes zur Verdeutlichung dieser geschichtlichen Tatsache: Der obere See drängte auf den Michigansee, dieser auf den Huronensee und dieser auf den Eriesee. Von dieser ungeheuren Schwere mußten selbst Felsenufer brechen. Und sie brachen! Der Niagara bildete sich. Erst der Fluß, dann der Fall, der fürchterliche, der entsetzliche, der unaufhaltsame Fall, durch den die rote Rasse in Atome zerstäubte und noch weiter zerstäubt, wenn nicht aus der Tiefe dieses Sturzes sich ein großer, rettender Gedanke erhebt, in dem die Macht verborgen liegt, die Stäubchen, Tropfen, Wellen und Wasser zu sammeln und im zukünftigen Ontario zur Einheit zurückzubilden. Dieses Bild wird euch fremd und also nicht geläufig sein – – –“

„Es ist uns geläufig“, fiel das Herzle schnell ein. „Es hat sich auch in uns selbst, ohne Zutun Anderer, gebildet. Wir haben oft, sehr oft darüber gesprochen, daheim und auch hier im Land. Das letzte Mal am Niagara selbst, mit Athabaska und Algongka, den Häuptlingen der – – –“

„Mit Athabaska?“ fuhr der „junge Adler“ in froher Überraschung auf.

„Ja.“

„Und mit Algongka?“

„Auch mit ihm.“

„Zu gleicher Zeit?“

„Zur gleicher Zeit. Sie waren beisammen.“

Diese Nachricht ließ ihn von seinem Sitz aufspringen. Seine Freude war so groß, daß er gar nicht daran dachte, daß ein Indianer sich weder vom Schmerz noch von der Freude überwältigen lassen darf.

„Sie waren beisammen, beisammen!“ rief er aus. „Der Eine hat die mühselige, weite Reise zu dem Andern gemacht! Dann sind beide nach dem Niagara gekommen, dem großen, erschütternden Bild unserer Vergangenheit und Gegenwart. Und dann – – dann – –. Wißt Ihr, wohin sie von dort aus wollten?“

„Nach dem Mount Winnetou.“

„Ist das wahr? Wißt Ihr das gewiß und wirklich, Mrs. Burton?“

„Gewiß und wirklich!“ versicherte das Herzle, und ich bestätigte es.

Da legte er die Hände zusammen, hob den Blick empor, als ob er beten wolle, und sagte im Ton einer tief, tief innerlichen Freude:

„Nach dem Mount Winnetou! Gerettet – – gerettet – – gerettet!“

„Was ist gerettet, was?“ fragte meine wißbegierige Gattin, die Klara, nicht das Klärchen.

Er zögerte mit der Antwort, gab sie aber doch, indem er sich langsam wieder niedersetzte:

„Der große Gedanke, der aus der Tiefe des Niagara sich erheben soll, ist gerettet.“

„So ist er also schon da? Ist schon gefunden?“

„Er brauchte nicht gefunden zu werden. Er ist schon längst, schon seit Jahrtausenden da. Er wurde mit in das Verderben, in den Sturz, in den Strudel des Niagara gerissen. Aber er wurde nicht zerschmettert und nicht zermahlen und nicht zermalmt wie wir, sondern grad als ihn die Wasser für immer verschlungen zu haben schienen, tauchte er rein, klar und wie ein Wunder glänzend aus ihren Wirbeln auf, um von den Nachkommen Derer erfaßt und festgehalten zu werden, die es einst der Mühe nicht für wert erachteten, ihn, den Gast aus Dschinnistan, in bleibenden Schutz zu nehmen.“

Er hatte in schöner, lieber Begeisterung gesprochen. Man sah und hörte ihm an, daß er mit seinem ganzen Denken und Fühlen bei dieser Sache war. Auch die neugierige Klara wurde wieder zum Klärchen, ja, zum Herzle, indem sie, ebenso enthusiasmiert wie er, ausrief:

„Ich weiß, was Ihr meint! Ich kenne ihn, diesen großen, rettenden Gedanken!“

„Das ist fast unmöglich“, warf er ein.

„O nein, o nein! Wir kennen diesen Gedanken wahrscheinlich schon eher, viel eher als Ihr! Ihr meint doch das Gesetz von Dschinnistan, nichts anderes: Ein jeder Mensch soll der Engel eines andern Menschen sein! Habe ich recht?“

Ein tiefes, aber frohes Staunen ging über sein Gesicht. Er rief aus:

„Wirklich, wirklich, Ihr habt mich begriffen! Wie ist das möglich, Mrs. Burton?“

„Weil wir dieses Gesetz, wie ich Euch schon sagte, ebenso kennen wie Ihr“, antwortete sie. „Und weil – – paßt auf, was ich Euch sage – – – weil wir Dschinnistan kennen und auch die Königin Marimeh, obwohl Ihr behauptet, daß nur die Roten das wissen, die Weißen aber nicht.“

Er wußte zunächst nicht, was er hierauf sagen sollte. Er sah mich fragend an.

„Sie hat recht“, bestätigte ich. „Wir wissen sogar den richtigen Namen der Königin. Sie heißt nicht Marimeh, sondern Marah Durimeh. Diese fünf Silben wurden im Laufe der Zeit von euch in drei zusammengezogen.“

„Wenn Ihr es sagt, Ihr selbst, dann muß ich es glauben“, erwiderte er. „Wie froh ich darüber bin, wie froh! Ihr kennt die Königin; ihr kennt Dschinnistan, und ihr kennt auch das große, das wunderbar einfache und doch allumfassende Gesetz dieses Landes. Da seid Ihr uns ja eine viel, viel größere und eine viel, viel wirksamere Hilfe als Athabaska und Algongka, die Ihr auch schon kennenlerntet! Wissen sie, wer Ihr seid?“

„Nein. Ich verschwieg es ihnen. Wir waren Mrs. und Mr. Burton, weiter nichts.“

Da strahlte sein sonst so ernstes Gesicht vor Vergnügen förmlich auf.

„Wie mich auch das erfreut, auch das!“ sagte er. „Welch eine Überraschung, wenn man euch erkennt! Welch ein tiefer, schöner und beglückender Eindruck auf Tatellah-Satah, meinen geliebten Meister, wenn er erfährt, daß Old Shatterhand nichts Anderes will als er! Ihr wurdet gewünscht, aber doch gefürchtet, Mr. Burton!“

„Warum gefürchtet?“

„Weil Tatellah-Satah Euch äußerlicher ninmt, als Ihr seid. Weil er befürchtet, daß Ihr dem geplanten Denkmal, diesem Prunkwerk oberflächlicher und kurzsichtiger Denker, beistimmen werdet. Eure Stimme wiegt schwer; das weiß er, und das wissen wir alle. Fällt sie auf die Seite der Prahler, so erwartet uns anstatt der ersehnten Neugeburt die völlige Vernichtung. Die Seele unserer Nation, unserer Rasse ist erwacht. Sie streckt sich; sie bewegt sich. Sie beginnt zu denken. Sie will ihre Glieder als ein Einiges, als ein Zusammengehöriges, als ein großes Ganzes empfinden. Alle Einsichtigen streben nach diesem beseligenden, Stärke verheißenden Einheitsgefühl. Nun aber seht die Sioux, die Utahs, die Kiowas, die Komantschen! Sie greifen zu den Waffen, nicht gegen die Weißen, sondern gegen sich selbst, gegen ihre eigene Seele. Sie stehen bereit, diese Seele, die soeben erst im Erwachen ist, wieder niederzutreten, sie für immer zu vernichten. Warum?“

Er wollte diese seine Frage wohl selbst beantworten, aber das Herzle kam ihm schnell zuvor:

„Weil Old Surehand, Apanatschka, ihre Söhne und ihr Anhang das wahlberechtigte Nationalgefühl dieser Stämme verletzen, indem sie im Begriff stehen, dem Häuptling der Apatschen eine beispiellos überschwängliche Ehre zu erweisen, die ihm nicht gebührt.“

Da warf er einen erstaunten, ja fast erschrockenen Blick zunächst auf sie und dann auf mich. Es war, als ob er glaube, seinen Ohren nicht trauen zu dürfen.

„Wie sagte Mrs. Burton?“ fragte er. „Sie nennt diese Ehre eine beispiellos überschwängliche?“

„Ja, das tue ich!“ antwortete das Herzle.

„Und daß diese Ehre ihm nicht gebühre?“

„Auch das behaupte ich!“

„Und Ihr liebt unsern Winnetou, Mrs. Burton? Und Ihr achtet ihn?“

Er war sehr ernst geworden. Er hatte in diesem Augenblick das Aussehen, als ob sein Gesicht aus Marmor gehauen sei. Denselben Ernst zeigte auch meine Frau. Sie erwiderte:

„Ich liebe ihn, und ich achte ihn, wie außer meinem Mann keinen anderen Menschen!“

„Und doch sprecht Ihr von Ueberschwang und von Unverdienst?“

Er stand langsam wieder von seinem Sitze auf. Das Herzle tat ebenso. Das Gefühl, daß der gegenwärtige Augenblick ein hochwichtiger sei, ließ Beide nicht sitzen bleiben. Auch ich erhob mich von der Erde. Ich hatte nicht nur dieselbe Empfindung, sondern mir war sogar, als ob in diesem Augenblick eine Vorentscheidung getroffen werde, von welcher Vieles und Großes abhängig sei. Ich war dreimal älter als dieser junge Mann, aber es fiel mir trotzdem nicht ein, mich nun auch für dreimal klüger zu halten. Für mich personifizierte sich in ihm nicht nur die soeben beginnende Bewegung, die mit dem Wort „Jungindianer“ bezeichnet worden war, sondern das Schicksal und die Zukunft der ganzen indianischen Rasse. Er war vier Jahre lang bei den Weißen gewesen und hatte es da, wie es schien, zu ungewöhnlichen Erfolgen gebracht. Er kannte Athabaska und Algongka. Er korrespondierte mit Wakon, dem Berühmten. Er war der Schüler und, wie ich vermutete, der Liebling von Tatellah-Satah, also der Nachfolger meines Winnetou im Herzen und in der Seele des größten Medizinmannes aller roten Nationen. Da mußte ich wohl bescheiden sein. Da hatte ich mich zu hüten, mich zu überheben. Er stand trotz seiner Jugend vollständig geistig ebenbürtig vor mir. Darum entließ ich meine Frau aus dem Gespräch und antwortete an ihrer Stelle:

„Grad weil wir ihn in dieser Weise lieben und in dieser Weise achten, darf und kann ich nicht dulden, daß man ihn mir für die Nachwelt lächerlich macht. Man baue sein Monument noch so hoch, in Wahrheit steht er noch höher! Man zeichne sein Abbild noch so schön, er selbst war tausendmal schöner! Wer ihm ein sichtbares Denkmal setzt, der erhöht ihn also nicht, sondern der zwingt ihn, herabzusteigen. Er entehrt ihn, anstatt ihn zu ehren. Winnetou war weder Gelehrter noch Künstler, weder Schlachtensieger noch König. Er besaß kein einziges öffentliches Verdienst. Wofür also ein Monument? Und wozu ein so beispiellos seltsames und kostspieliges? Ein so beispiellos schreiendes? Womit hat unser unvergleichlich edler Freund eine solche Kränkung, eine solche Beleidigung verdient? Es ist wahrlich keine Herabsetzung, wenn ich von ihm behauptete, er sei nicht Gelehrter oder Künstler, nicht Schlachtensieger oder König gewesen, denn er wahr mehr als das Alles: Er war Mensch! Er war Edelmensch! Und er war der erste Indianer, in dem die Seele seiner Rasse aus dem Todesschlaf erwachte. In ihm wurde sie neu geboren. Darum war er nur Seele und wollte nur Seele sein! Und darum hat er nur Seele zu sein und Seele zu bleiben! Weg also mit allen Monumenten! Er hat in unserem Herzen gewohnt und soll diese Wohnung behalten! Wer da glaubt, ihn uns aus dem Herzen reißen und in Metall oder Stein begraben zu können, der bekommt es mit uns zu tun! Verstanden? Er soll leben und leben bleiben, in mir, in uns, in Euch, in seinem Volke, in – – – der Seele seines Volkes, die in ihm zu neuem Bewußtsein kam, und zwar zu dem Bewußtsein, daß für eine dem Untergang geweihte Nation das große Gesetz von Dschinnistan der einzige Weg ist, sich von diesem Untergang zu retten. Er hätte sich gar wohl als Held, als Feldherr aufspielen können. Er verzichtete darauf, denn er erkannte, daß dies das Ende nur beschleunigt hätte. Er riet zum Frieden, und wohin er nur kam, da brachte und gab er nur Frieden. Er war der Engel der Seinen! Er war der Engel eines jeden Menschen, der ihm begegnete, ob Freund, ob Feind, ganz gleich! Als die Seele seines Volkes in ihm erwachte, erwachte sie notwendigerweise zum Bewußtsein jenes Engelsgesetzes, in dessen letzten Tagen sie einst eingeschlafen und hingeschwunden war. Winnetou war also der seelisch direkte Nachfolger des letzten, großen, altindianischen Herrschers, zu dem die Gesandten der Königin Marimeh kamen, um dann nicht wieder zu erscheinen. Habt ihr das begriffen, ihr, seine roten Brüder? Habt ihr begriffen, daß es keinem Volk erlaubt ist, Kind zu bleiben? – Daß ihr einst Kinder waret und nur darum dem Untergange zugetrieben wurdet, weil ihr nicht aufhören wolltet, Kinder zu sein? Habt ihr begriffen, daß ihr als Kinder eingeschlafen seid, um nun nach schweren Niagaraträumen als Männer zu erwachen? Habt ihr begriffen, daß ihr nun, wenn ihr nicht Männer werdet, für immer verloren seid? Habt ihr begriffen, was es heißt, ein Mann zu werden? Eine Persönlichkeit, die aus eigener Energie zu tun und zu handeln beliebt, ohne mit sich handeln zu lassen? Eine Persönlichkeit, die ihre Ziele kennt und nach ihnen strebt, ohne nach irgendeiner Seite abzuweichen? Habt ihr begriffen, wie es gesühnt werden muß, wenn Hunderte von kleinen und immer kleineren Indianernationen und Indianernatiönchen sich tausend Jahre lang untereinander bekämpfen und vernichten? Daß es ein millionenfacher Selbstmord war, an dem ihr zugrunde gegangen seid? Daß der Blut- und Länderdurst der Bleichgesichter nur eine Zuchtrute in der Hand des großen, weisen Manitou war, deren Schläge euch aus dem Schlaf zu wecken hatten? Daß ihr nur durch Liebe sühnen könnt, was ihr durch Haß verschuldet? Daß der Himmel eurer Ahnen verlorenging, sobald ein jeder rote Mann zum Teufel seines Bruders wurde? Und daß dieser Himmel sich nur dann wieder zur Erde neigt, wenn jeder rote Mann sich bestrebt, der Engel seiner Brüder zu sein, wie es war zu jener Zeit, in welcher Marimeh, die Königin, noch nicht gezwungen war, euch aufzugeben?“

Das war ein langer, langer Satz, den ich gesprochen hatte, fast so, als ob eine ganze Menge von Zuhörern vorhanden sei, und doch waren ihrer so wenige. Aber es stand in Winnetous Brief, daß in meinem Herzen von heute an sein Puls mit dem meinigen schlagen werde, und so kamen mir Gedanken und Worte über die Lippen, die ich sonst vielleicht zurückgehalten hätte. Der „junge Adler“ stand vor mir, als ob sein Blick mir jedes einzelne Wort vom Mund nehmen wolle. Ich sah, daß er staunte und daß dieses Staunen wuchs. Kaum hatte ich das letzte Wort ausgesprochen, so erklang seine verwundene Frage:

„Sagt, Mr. Burton, waret Ihr wirklich noch nicht bei Tatellah-Satah?“

„Niemals“, antwortete ich.

„Was habt Ihr aus seiner großen Büchersammlung gelesen?“

„Nichts. Kein einziges Buch jemals gesehen, viel weniger gelesen.“

„Sonderbar, höchst sonderbar! Auch von Winnetou könnt Ihr das nicht haben!“

„Was?“

„Die Gedanken, die Ihr soeben in Worte kleidet.“

„Ein jeder Mensch hat seine eigene Gedankenwelt. Ich stehle nicht aus andern Welten. Auch die Fragen, die ich Euch vorlegte, gehören mir. Es steht Euch frei, sie zu beantworten oder nicht.“

„Ich antworte gern. Nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Tat. Ihr fragtet mich, ob wir begriffen haben. Vielleicht nicht Alles, aber doch wohl das meiste. Der Beweis liegt hier.“

Er deutete auf den zwölf strahligen Stern auf seiner Brust und fuhr f ort:

„Mrs. Burton wünscht zu wissen, was das zu bedeuten hat, und ich antworte: Daß wir bereit sind, die Vergangenheit zu sühnen. Daß wir nicht länger hassen, sondern lieben wollen. Daß wir aufgehört haben, die Teufel unserer Brüder zu sein, und uns bemühen, des verlorenen Paradieses würdig zu werden. Kurz, das Gesetz von Dschinnistan soll wieder bei uns gelten. Wir wollen innig verbunden sein, nicht länger auseinander streben. Wir wollen uns umschlingen, so eng, daß keine Macht dazwischen, treten, dazwischen greifen kann. Wir haben keinen Herrscher, der uns das befehlen könnte; wir befehlen es uns selbst. Von Tatellah-Satah, dem Meister, ging dieser Gedanke aus. Ich war der erste, den er zum Winnetou ernannte. Bald wurden es zehn, dann zwanzig, fünfzig, hundert; jetzt zählen sie schon auf tausende.“

„Warum gabt ihr euch grad Winnetous Namen?“ fragte das Herzle.

„Gab es irgendwo einen lieberen oder besseren? War Winnetou nicht ein Vorbild in der Erfüllung aller unserer Gebote und Verpflichtungen? Hatte er nicht alle diese Gebote erfüllt, ohne hierzu verpflichtet zu sein? Und vor allen Dingen die Hauptsache: Sind die Namen Winnetou und Old Shatterhand nicht bei der roten Nation zum Sprichwort geworden? Zum Symbol der Freundes- und der Menschenliebe, der Hilfsbereitschaft und der Aufopferung sogar bis in den Tod? Gab es jemals, so weit die Geschichte reicht, zwei aufrichtigere und treuere Freunde als diese Beiden? Wo ist das Wort, daß einer der Schutzengel des Anderen war, wohl richtiger als bei ihnen? Was wir getan haben, ist nichts Besonderes. Wir haben einen Clan, einen neuen Clan gegründet, wie es deren so viele gab und heut noch gibt bei den roten Männern. Ein jedes Mitglied verpflichtet sich, der Schutzengel eines andern Mitgliedes zu sein, das ganze Leben hindurch, bis in den Tod. Wir hätten diesen Clan also den Clan der Schutzengel heißen können, haben ihn aber den Clan Winnetou genannt, weil dies bescheidener und praktischer klang. Wir treffen damit das Richtige, und wir ehren dadurch zu gleicher Zeit das Andenken des besten und geliebtesten Häuptlings aller Zeit und aller Apatschenstämme. Aber wir wollen bei der Wahrheit bleiben. Wir wollen nicht übertreiben. Es soll dies das einzige Denkmal sein, welches ihm die rote Rasse setzt. Es gibt kein besseres und kein wahreres. Ein Denkmal von Gold oder Marmor, in Riesengröße, auf herrschender Bergeshöhe, weit über Land und Volk hinschauend, würde Lüge, würde Ueberhebung sein. Ueberhebung und Lüge von uns, nicht aber von Winnetou. Er log nie, und er war bescheiden. In dieser Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit haben wir ihm zu gleichen. Er soll unsere Seele werden, unsere Seele sein. Dann steht er höher als der höchste Punkt der Felsenberge! Und dann ist er größer, unzähligemal größer als die Kolossalstatue, die ihm kleine Menschen jetzt errichten wollen! Es macht mich glücklich, gehört zu haben, daß Old Shatterhand derselben Meinung ist. Ich wünsche, daß Tatellah-Satah dies so bald wie möglich erfährt. Erlaubt ihr mir, es ihm durch einen Boten sagen zu lassen?“

„Sehr gern. Aber wer soll dieser Bote sein?“ fragte ich.

„Keiner von uns. Ich rufe ihn.“

Er wendete sich vom Feuer ab, nach Süden, legte die Hände an den Mund und ließ die drei Silben „Win – – ne – – tou!“ erschallen, nicht überlaut, aber dennoch weit hinausgetragen.

„Win – – ne – – tou!“ klang es zurück.

„Ist das ein Echo?“ fragte das Herzle.

„Nein“, antwortete der „junge Adler“. „Es ist ein Winnetou.“

Es war Nacht. Die Sterne leuchteten. Bei ihrem Schein sahen wir nach kurzer Zeit eine Gestalt sich unserem Feuer nähern, langsam, mit sicherem Schritt und ohne Eile. Sie trug den gleichen Lederanzug wie einst mein Winnetou. Ihr Haar war oben in einen Schopf gewunden und hing dann weit auf den Rücken herab. Waffen trug sie nicht. Sie blieb still vor uns stehen. Nun traf der Schein des Feuers ihr Gesicht. Wir sahen, daß es ein Mann im Alter von vielleicht vierzig Jahren war.

„Du bist der Beschützer des Nugget-tsil?“ fragte der „junge Adler“.

„Ich bin es“, antwortete der Andere.

„Sende sofort einen Boten an Tatellah-Satah. Laß ihm sagen, daß der junge Adler zurückgekehrt ist und seine Aufgabe löste. Laß ihm ferner sagen, daß auch Old Shatterhand gekommen ist und Winnetous Nachlaß fand. Und laß ihm endlich sagen, daß er sich im Denkmalskampf auf Old Shatterhand verlassen kann wie auf sich selbst!“

Dies wurde selbstverständlich in der Sprache der Apatschen gesagt. Hierauf machte der „junge Adler“ eine Handbewegung des Grußes, worauf der Winnetou sich entfernte, ohne ein weiteres Wort zu sprechen.

„Wie seltsam!“ sagte das Herzle zu mir.

„Nicht seltsam, sondern im Gegenteil sehr leicht erklärlich“, entgegnete er. „Ihr werdet bei Tatellah-Satah, also am Mount Winnetou, die Organisation unseres Clan genau kennenlernen und an ihr keine Spur von Seltsamkeit entdecken.“

„Dürfen wir nicht schon jetzt Eingehendes erfahren?“ fragte sie.

„Ich bin ein Heimkehrender, also kein zuverlässiger Belehrer. Zwar stand ich auch in der Ferne mit dem Mount Winnetou im Verkehr, aber nur in Beziehung auf Hochwichtiges und Algemeines. Um Auskunft zu erteilen, bin ich jetzt selbst nicht unterrichtet genug.“

Die beiden Enters hatten sich bisher vollständig schweigsam verhalten. Es fiel uns also auf, daß Hariman sich grad in diesem Augenblick hören ließ, indem er sagte:

„Aber diese Sache ist doch unendlich interessant für mich! Darf man nicht wenigstens erfahren, ob auch Weiße Mitglieder dieses Clan Winnetou werden können?“

Der Gefragte antwortete:

„Er wurde ursprünglich nur für Indianer gegründet, doch würde es gegen seinen Grundgedanken sein, die Weißen auszuschließen. Wir wünschen, daß die Nächstenliebe, nach der wir streben, nicht nur uns, sondern die ganze Menschheit vereine.“

„Könnte man uns wohl verbieten, für uns einen besonderen Clan Winnetou zu gründen?“

„Kein Mensch besitzt das Recht zu diesem Verbote.“

„Kann ein jedes Mitglied sich das andere Mitglied wählen, welches es beschützen will?“

„Nein. Es hat seine Wünsche zu melden, und es wird ihnen, wenn es möglich ist, Rechnung getragen. Aber wenn einem Jeden die Wahl seines Schützlings freistünde, so würde es bald sehr viele Personen geben, welche zahlreiche Beschützer haben, und ebenso viele, die gar keinen Schutzengel besitzen. Jemand, den man liebt, zu beschützen, ist kein Verdienst. Aber der Engel eines Verhaßten oder gar Verachteten zu sein, das ist ein schwerer, steiler Weg zur edlen, wahren Menschlichkeit empor.“

„Und kennt man öffentlich den Beschützer und seinen Beschützer?“

„Nein. Das ist Geheimnis. Nicht einmal der Beschützte kennt seinen Beschützer.“

„Auch später nicht?“

„Doch! Nämlich nach dessen Tod. Beide werden eingeschrieben. Und jeder Beschützer trägt den Namen seines Schützlings auf der Innenseite des Sternes auf seiner Brust. Läst man nach seinem Tod diesen Stern vom Gewand los, so sieht man, wessen Engel er gewesen ist.“

Well! Das soll man auch bei mir sehen!“

„Bei dir?“ fragte sein Bruder erstaunt.

„Ja, bei mir!“ antwortete Hariman in sehr bestimmtem Ton.

Da lachte Sebulon auf und fragte:

„Bist du etwa auch ein Winnetou, nämlich ein verkappter?“

„Nein, aber ich will einer werden!“

„Laß dich nicht auslachen! Meinst du, daß man dich, grad dich, als ersten Weißen zulassen würde?“

„Nein. Das bilde ich mir nicht ein. Aber ich werde trotzdem und trotzdem ein Winnetou sein. Die Sache gefällt mir; sie gefällt mir sogar außerordentlich. Ich will sie zu der meinigen machen. Und da es mir unmöglich ist, ein roter Winnetou zu werden, so werde ich ein weißer!“

„Auf welche Weise?“

„Auf die einfachste Weise, die es gibt: Ich gründe einen Clan für weiße Winnetous.“

„Wann?“

„Heut, hier, jetzt, sogleich!“

„Verrückter Kerl.“

Er machte bei diesem Ausruf eine geringschätzige wegwerfende Handbewegung. Hariman aber ließ sich nicht irremachen. Er sagte:

„Lach, wie du willst! Und spotte darüber! Ich tue es doch! Ich muß, ich muß! Und du wirst wohl auch noch müssen!“

„Ich? Müssen? Fällt mir nicht ein!“

„Ob es dir einfällt oder nicht, ist Nebensache. Mir ist es auch nicht eingefallen. Es kommt, ohne daß man es will. Und wenn es da ist, hat man zu gehorchen. Also, ich gründe jetzt einen Clan Winnetou für Weiße. Ob ich das erste und einzige Mitglied dieses Clans bin und bleibe, darauf kommt in diesem Augenblick nichts an. Und ob ich mich damit lächerlich mache, ist mir gleichgültig. Ich wünsche aber, daß wenigstens noch Einer beitritt, und dieser Eine bist du, Sebulon!“

„Darauf rechne nicht, ja nicht!“ antwortete dieser.

„Ich rechne dennoch darauf, dennoch, und du wirst sehen, daß du mußt – daß du mußt! Mrs. Burton, Ihr seid eine Dame, und darum vermute ich, Ihr habt Nähzeug mit?“

„Allerdings“, antwortete das Herzle.

„Ich bitte um eine Nähnadel und um einen Faden guten, schwarzen Zwirn! Auch um eine Schere!“

„Das sollt Ihr haben“, sagte sie und ging nach dem Zelt, um das Gewünschte zu holen.

„Und Ihr, Mr. Burton, seid Schriftsteller“, wendete er sich an mich. „Ihr habt also wahrscheinlich Tinte und Feder, sogar hier, so tief im Westen?“

„Ein Reiseschreibzeug ist da“, erklärte ich.

„So bitte, gebt mir eine Feder und einige Tropfen Tinte! Papier habe ich selbst.“

„Meine Frau wird Beides mitbringen.“

„Was willst du mit Tinte und Feder?“ fragte Sebulon.

„Den Namen der Person aufschreiben, die ich beschützen will.“

„Wahnsinn, wirklich Wahnsinn! Darf ich nicht wenigstens wissen, wer diese Person ist?“

„Nein! Kein Mensch soll es wissen! Du am allerwenigsten!“

Nachdem das Herzle die gewünschten Gegenstände gebracht hatte, schnitt Hariman aus dem Fell des heut verzehrten Hasen einen kleinen, zwölfstrahligen Stern heraus, von dem er mit Hilfe seines scharfen Messers die Haare schabte. Dann schnitt er sich ein Stückchen Papier zurecht und schrieb, es auf sein Knie legend, in langsamen, sorgfältigen Zügen den betreffenden Namen darauf. Hierauf bezeichnete er die betreffende Stelle auf der Brust seines Rockes, zog ihn aus und schickte sich an, den Stern dort festzunähen. Sebulon folgte jeder dieser seiner Bewegungen mit mehr als gespannten Blicken. Auf seinem Gesicht wechselte der Ausdruck des Spottes mit dem eines tiefen, ängstlichen Interesses. Hariman hatte kein Geschick zum Nähen. Schon nach den ersten Stichen trennte er sie wieder auf. Das wiederholte sich. Er wurde ungeduldig.

„Es ist, als ob es nicht sein sollte; ich tue es aber doch!“ zürnte er.

Da fragte meine Frau:

„Wollt Ihr nicht mir erlauben, den Stern festzunähen? Ich bringe das wohl leichter und schneller fertig.“

„Wollt Ihr wirklich, Mrs. Burton? Wie lieb Ihr seid, wie lieb! Ja, da habt Ihr den Rock, den Stern, das zusammengeschlagene Papier, welches unter den Stern zu liegen kommt, die Schere, die Nadel und Alles! Aber bitte, schlagt das Papier ja nicht etwa auf, um es zu lesen!“

Sie legte das Papier an die bezeichnete Stelle des Rockes, den Stern darauf und begann, die Arbeit in sehr sorgfältiger Weise auszufahren. Zwölf Strahlen erforderten viele, viele Stiche.

„So große Mühe hätte ich mir nun freilich nicht gegeben!“ gestand Hariman. Und nach einer Weile fügte er, wie zu sich selbst sprechend, hinzu: „Es ist doch eigentümlich, ganz, ganz eigentümlich mit dieser Sache! Als ich den Namen schrieb, war es mir, als unterschriebe ich mein Todesurteil. Und doch war es mir so leicht und so wohl dabei!“

Auch Sebulon paßte auf. Er verwandte fast keinen Blick von meiner Frau. Aber seine Aufmerksamkeit hing mehr an ihrem Gesicht als an ihrer arbeitenden Hand. Zuweilen schloß er die Augen, als ob ihm etwas darin wehe tue. Und – – was war denn das? – – ich sah einen Tropfen von seiner Stirn rinnen, und noch einen und wieder einen! Schwitzte er? Seine Hände zuckten nach dem Hasenfelle. Er schien nicht zu wollen, ergriff es aber doch. Dann nahm er die Schere und schnitt, ganz wie vorhin sein Bruder, einen zwölfstrahligen Stern daraus. Das geschah so zögernd, so widerwillig, fast wie im Traum. Dann schabte er die Haare herunter, schob dem Herzle den Stern zagend hin und ersuchte sie:

„Bitte, Mrs. Burton, mir dann auch!“

„Annähen?“ fragte sie.

„Annähen“, nickte er.

„Mit einem Papier?“

„-ja, mit einem Papier und dem Namen. Den schreibe ich jetzt.“

„Also doch! Habe ich es nicht gesagt?“ rief Hariman aus.

„Schweig!“ fuhr sein Bruder ihn an. „Ich tue es nicht, weil du es wolltest, sondern weil ich es will! Ich kann auch beschützen! Verstanden?“

„Aber wen?“ fragte Hariman.

„Das ist mein Geheimnis! Hast du mir etwa den von dir geschriebenen Namen gesagt? So erfährst also auch du den nicht, den ich schreiben werde!“

Er griff zu Feder und Papier und schrieb. Es handelte sich nur um einen kurzen Namen, also um eine Arbeit von wenigen Silben; aber er brachte doch längere Zeit damit zu. Er unterbrach sich mehrere Male. Er holte tief, tief Atem. Endlich war er fertig, ließ die Schrift trocken werden, legte das Papierchen dann mehrfach zusammen und schob es dem Herzle hin.

Was die Brüder da taten, das war eigentlich ganz und gar nichts Außergewöhnliches. Wohl mancher an meiner Stelle hätte es als Kinderei, als Spielerei bezeichnet. Und doch wäre es mir vollständig unmöglich gewesen, darüber zu lächeln. Ich hatte das Gefühl, als ob dabei ein innerer Zwang vorhanden sei, dem weder der Eine noch der Anderere widerstehen konnte.

Als das Herzle mit der Arbeit fertig war, zogen die Brüder ihre Röcke wieder an. Sie betrachteten einander, erst ernst, fast feindselig, dann freundlicher und immer freundlicher. Endlich lachte Hariman; Sebulon aber lächelte nur.

„Weißt du nun, was du bist?“ fragte der Erstere.

„Ein Winnetou“, antwortete der Letztere.

„Ja. Aber weißt du auch, was das bedeutet?“

„Daß ich der Engel eines Andern bin, den ich zu beschützen habe.“

„O, nicht nur das! Das meine ich überhaupt gar nicht, denn das versteht sich ganz von selbst. Sondern du führst jetzt den Namen dessen, den wir gehaßt haben, wie man eigentlich keinen Menschen haßt, sondern nur Bestien und Teufel!“

„Du doch ebenso!“

„Freilich wohl! Aber hast du dir überlegt, daß es nun mit diesem Haß zu Ende ist? Zu Ende sein muß – muß?“

„Nichts, gar nichts habe ich mir überlegt!“ brauste Sebulon auf. „Ich tue das, was ich will! Das überlegen bringt nur fremden Willen. Ich bin ein Winnetou geworden, und – – –“

„Nein, Ihr seid keiner geworden“, fiel der „junge Adler“ ein. Es war das erste Mal, daß er freiwillig zu Sebulon sprach.

„Nicht?“ fragte dieser. „Fehlt etwa noch etwas daran?“

„Ja.“

„Was?“

„Der Schwur.“

„Der Schwur? Man hat zu schwören? Etwas zu beeiden? Was?“

„Daß man seiner Schutzengelpflicht getreu sein will bis in den Tod. Die roten Männer brauchen keinen Schwur. Bei ihnen genagt der Handschlag, denn er ist ihnen ebenso heilig wie der Eid.“

„Uns auch!“ rief Hariman.

„Ja, uns auch!“ rief Sebulon.

„So steht auf!“ gebot er ihnen.

Sie taten es. Auch er erhob sich von seinem Sitz. In diesem Augenblick warf Pappermann ein großes, harziges Holzstück in das Feuer. Die Flamme loderte auf. Sie züngelte nach allen Richtungen. Da schien sich der Wald mit geistergleichen Wesen zu beleben. Die nächtlichen Schatten der Bäume und Sträucher bewegten sich. Sie huschten hin und her. Sie sprangen empor und sanken zu Boden.

„Reicht euch die Hände!“ befahl der junge Indianer.

Sie gehorchten. Da trat er ganz zu ihnen heran, legte seine Hand auf die ihrigen und forderte sie auf:

„Sprecht mir die Worte nach: Unsern Schützlingen treu bis in den Tod!„,

„Unsern Schützlingen treu bis in den Tod!“ erklang es vereint aus ihrem Munde.

„Dieses Wort ist unser Schwur! Sprecht das nach!“

„Dieses Wort ist unser Schwur!“ fügten sie hinzu.

„So! Nun erst könnt ihr behaupten, Winnetou geworden zu sein. Denn nicht der Stern tut es, sondern der Wille. Und diesen Willen habt ihr kundgegeben. Des bin ich Zeuge. Gebt auch mir, dem Zeugen, eure Hände!“

„Hier ist die meine“, sagte Hariman, indem er sie ihm gab.

„Und hier die meine“, sprach Sebulon.

Der junge Apatsche ergriff beide, die eine mit seiner Rechten, die andere mit seiner Linken und fragte.

„Seid ihr euch der Wichtigkeit dieses Augenblicks bewußt?“

Keiner antwortete. Da fuhr er fort.

„Was ihr nicht wißt, weiß Manitou, und was ihr nicht könnt, kann er. Wer Andere beschützt, beschützt sich selbst. Indem ihr euch vorgenommen habt, die Engel eurer Schützlinge zu sein, sind in Wirklichkeit sie eure Engel geworden. Bleibt euch und ihnen treu! Das ist der einzige Dank, den sie von euch verlangen!“ – – –

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