Roman

Kapitel 12

Zwölftes Buch

Ein Justizirrtum

1. Der verhängnisvolle Tag

Einen Tag nach diesen Ereignissen wurde um zehn Uhr vormittags die Sitzung unseres Bezirksgerichts eröffnet, und es begann die Verhandlung über Dmitri Karamasow.

Ich sage im voraus, und zwar mit allem Nachdruck: Ich bin, wie ich glaube, bei weitem nicht imstande, alles, was vor Gericht vorging, in der gebührenden Vollständigkeit und in der richtigen Reihenfolge wiederzugeben. Wenn alles vorgetragen und gehörig erläutert werden sollte, würde dazu meines Erachtens ein ganzes Buch, und sogar ein recht umfängliches, erforderlich sein. Darum möge niemand ungehalten sein, wenn ich nur das wiedergebe, was auf mich persönlich einen starken Eindruck gemacht hat und in meinem Gedächtnis besonders haftengeblieben ist. Möglich, daß ich zweitrangige Dinge für wichtig gehalten und gerade das Markanteste, Unentbehrlichste weggelassen habe … Allerdings sehe ich ein, daß es das beste ist, wenn ich mich gar nicht erst entschuldige. Ich werde es machen, so gut ich kann, und die Leser werden selbst erkennen, daß ich es nur so gut gemacht habe, wie ich konnte.

Bevor wir den Gerichtssaal betreten, möchte ich etwas erwähnen, was mich an diesem Tag ganz besonders erstaunt hat, übrigens nicht nur mich. Alle wußten zwar, daß dieser Prozeß viele Leute interessierte, daß alle vor Ungeduld brannten, wann denn endlich die Verhandlung stattfinden werde, und daß man in unserer Gesellschaft diese zwei Monate hindurch viel geredet, eine Menge von Vermutungen aufgestellt und sich in übertriebenen Ausrufen und seltsamen Phantasien ergangen hatte; alle wußten auch, daß dieser Prozeß in ganz Rußland eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte – und doch hatte niemand eine Ahnung davon, bis zu welchem Grad er die Gemüter erhitzt, aufgeregt, erschüttert hat, und dies nicht nur in unserer Stadt, sondern überall, wie sich am Tag der Gerichtsverhandlung erwies. Zu diesem Tag hatten sich nicht nur aus der Hauptstadt unseres Gouvernements, sondern auch aus mehreren anderen Städten Rußlands, ja sogar aus Moskau und Petersburg Gäste bei uns eingefunden. Es waren Juristen gekommen, es waren sogar einige vornehme Persönlichkeiten eingetroffen, und nicht minder auch Damen. Alle Eintrittskarten waren vergriffen. Für besonders angesehene Persönlichkeiten unter den männlichen Besuchern waren sogar ganz ungewöhnliche Plätze hinter dem Tisch eingerichtet worden, an welchem die Richter saßen; man sah dort eine Reihe von Lehnstühlen mit verschiedenen Personen, was bei uns früher nie zugelassen worden war. Besonders zahlreich waren die Damen erschienen, einheimische wie auswärtige; ich glaube, sie bildeten nicht weniger als die Hälfte des gesamten Publikums. Schon allein die Zahl der zugereisten Juristen war so groß, daß man nicht wußte, wo man sie plazieren sollte, da alle Eintrittskarten längst anderweitig vergeben waren. Ich habe selbst gesehen, wie am Ende des Saales, hinten auf der Estrade, in aller Eile ein provisorischer Verschlag errichtet wurde, in dem man alle diese fremden Juristen unterbrachte; und sie schätzten sich sogar glücklich, daß sie dort wenigstens stehen konnten, da die Stühle, um Raum zu gewinnen, aus diesem Verschlag entfernt worden waren; die dort versammelte Menge stand während der ganzen Verhandlung dicht gedrängt Schulter an Schulter. Einige Damen, vor allem auswärtige, waren auf den Galerien des Saales überaus geputzt erschienen; doch die Mehrzahl der Damen hatte vor Aufregung nicht einmal daran gedacht, besondere Toilette zu machen. Von ihren Gesichtern konnte man gespannte, hochgradige, fast krankhafte Neugier ablesen. Eine der charakteristischsten Besonderheiten dieser im Saal versammelten Gesellschaft, eine Besonderheit, die unbedingt hervorgehoben werden muß, bestand darin, daß fast alle Damen, zumindest eine große Mehrheit von ihnen, auf Mitjas Seite standen und seinen Freispruch wünschten – vielleicht hauptsächlich deswegen, weil sie sich über ihn die Meinung gebildet hatten, er sei ein Bezwinger weiblicher Herzen. Sie wußten, daß zwei Rivalinnen auftreten würden. Die eine von ihnen, Katerina Iwanowna, erregte besonders das Interesse der Damen. Über sie wurde sehr viel Ungewöhnliches erzählt; über die Leidenschaft, die sie angeblich trotz seines Verbrechens für Mitja empfand, waren erstaunliche Anekdoten im Umlauf. Besonders sprach man von ihrem Stolz – sie hatte fast bei niemandem in unserer Stadt einen Besuch gemacht – und von ihren »aristokratischen Verbindungen«. Es hieß, sie wolle die Regierung bitten, den Verbrecher zur Zwangsarbeit begleiten und sich mit ihm irgendwo in den Bergwerken unter der Erde trauen lassen zu dürfen. Mit nicht geringerer Aufregung erwarteten die Damen das Erscheinen von Katerina Iwanownas Nebenbuhlerin Gruschenka. Mit einer geradezu peinlichen Neugier sahen sie dem Zusammentreffen der beiden Nebenbuhlerinnen vor Gericht entgegen: des stolzen aristokratischen Mädchens und der »Hetäre«. Gruschenka war unseren Damen übrigens besser bekannt als Katerina Iwanowna. Sie, »die Verderberin Fjodor Pawlowitschs und seines unglücklichen Sohnes«, hatten unsere Damen auch früher schon gesehen, und alle, fast ohne Ausnahme, hatten sich darüber gewundert, wie sich Vater und Sohn in so eine »höchst gewöhnliche, überhaupt nicht einmal schöne Russin« dermaßen hatten verlieben können. Kurz, es gab viel Gerede. Es ist mir zuverlässig bekannt, daß es in unserer Stadt speziell um Mitja in mehreren Familien sogar zu ernstlichen Konflikten kam. Viele Damen stritten mit ihren Männern über diesen schrecklichen Prozeß, und es war unter diesen Umständen nur natürlich, daß die Männer dieser Damen den Gerichtssaal in einer Stimmung betraten, die dem Angeklagten kaum wohlgeneigt, sondern geradezu feindlich war. Und überhaupt konnte man mit aller Entschiedenheit feststellen, daß im Gegensatz zu den Damen das ganze männliche Element gegen den Angeklagten eingenommen war. Man sah strenge, finstere Gesichter; andere, und zwar weitaus die meisten, waren geradezu zornig. Allerdings hatte es Mitja während seines Aufenthalts hier auch verstanden, viele von den Männern persönlich zu beleidigen. Natürlich waren auch manche Besucher in beinahe fröhlicher Stimmung; sie standen dem Schicksal Mitjas teilnahmslos gegenüber, interessierten sich jedoch lebhaft für die vorliegende Prozeßsache. Alle beschäftigten sich mit dem mutmaßlichen Ausgang des Prozesses, und die Mehrzahl der Männer wünschte eine Bestrafung des Verbrechers, ausgenommen höchstens die Juristen, die ihr Interesse nicht der moralischen, sondern der formaljuristischen Seite des Prozesses zuwandten. Die Ankunft des berühmten Fetjukowitsch rief gewaltige Aufregung hervor. Sein Talent war überall bekannt, und es war nicht das erstemal, daß er in der Provinz als Verteidiger in aufsehenerregenden Kriminalprozessen auftrat. Nach seiner Verteidigung wurden solche Prozesse stets in ganz Rußland berühmt und blieben lange im Gedächtnis. Auch über unseren Staatsanwalt und den Gerichtspräsidenten waren Anekdoten im Umlauf. Es wurde erzählt, unser Staatsanwalt zittere vor der Konfrontation mit Fetjukowitsch; sie seien schon von Petersburg her alte Feinde, seit dem Beginn ihrer Karriere; unser ehrgeiziger Ippolit Kirillowitsch, der sich schon seit seiner Petersburger Zeit ständig dadurch beleidigt fühle, daß seine Talente nicht gebührend geschätzt würden, habe bei dem Karamasow-Prozeß von neuem Mut gefaßt und hoffe sogar, durch diesen Prozeß seine ins Stocken gekommene Karriere wieder in Gang zu bringen, doch da habe ihm Fetjukowitschs Eingreifen einen Schreck eingejagt. Allerdings waren diese Urteile nicht ganz gerecht. Unser Staatsanwalt gehörte nicht zu denjenigen Charakteren, die angesichts einer Gefahr mutlos werden, sondern im Gegenteil zu denen, deren Ehrgeiz wächst und sozusagen Schwingen bekommt, je größer die Gefahr wird. Überhaupt muß man wissen, daß unser Staatsanwalt ein sehr hitziges Temperament hatte und krankhaft empfindlich war. In manchen Prozeß legte er seine ganze Seele hinein und führte ihn so, als ob von dessen Ausgang sein Schicksal und sein Vermögen abhinge. In der juristischen Welt wurde viel darüber gelacht; denn unser Staatsanwalt hatte durch diese seine Eigenschaft einen gewissen Ruf erlangt, der erheblich größer war, als man in Anbetracht seiner bescheidenen Stellung an unserem Gericht annehmen konnte. Besonders lachte man über seine Leidenschaft für die Psychologie. Meiner Ansicht nach befanden sie sich alle im Irrtum. Ich meine, unser Staatsanwalt verdiente, als Mensch und als Charakter weit ernster genommen zu werden, als viele glaubten. Doch dieser kränkliche Mensch hatte es schon zu Beginn seiner Laufbahn nicht verstanden, sich eine Stellung zu schaffen, und es auch in seinem ganzen späteren Leben nicht gelernt.

Was schließlich den Präsidenten unseres Gerichts betrifft, so kann man von ihm nur sagen, daß er ein gebildeter, humaner Mensch war, der in seinem Fach solide praktische Kenntnisse besaß und Verständnis für die modernsten Ideen hatte. Er war ziemlich ehrgeizig, machte sich aber um seine Karriere nicht viel Sorgen. Das Hauptziel seines Lebens bestand darin, ein Vorkämpfer des Fortschritts zu sein. Außerdem hatte er Beziehungen und Vermögen. Dem Karamasow-Prozeß brachte er, wie sich nachher herausstellte, warmes Interesse entgegen, dies aber nur im allgemeinen Sinn. Was ihn interessierte, war die Möglichkeit einer solchen Tat; es machte ihm Freude, sie zu klassifizieren, zu untersuchen, inwiefern sie ein Produkt unserer sozialen Zustände und für Rußland charakteristisch war und so weiter und so weiter. Zu der persönlichen Seite der Sache, der ihr innewohnenden Tragödie und zu den Charakteren der Beteiligten verhielt er sich ziemlich gleichgültig; er betrachtete alles von einem abstrakten Standpunkt aus, was übrigens vielleicht auch ganz in der Ordnung war.

Schon lange vor dem Erscheinen des Gerichts war der Saal gedrängt voll. Dieser Gerichtssaal war der beste Saal in unserer Stadt, geräumig, hoch und mit guter Akustik. Rechts von den Mitgliedern des Gerichtshofs, die ihre Plätze auf einer Erhöhung hatten, waren ein Tisch und zwei Reihen Stühle für die Geschworenen bereitgestellt. Links war der Platz des Angeklagten und seines Verteidigers. In der Mitte des Saales, nicht weit von den Plätzen des Gerichtshofs, stand ein Tisch mit den »sachlichen Beweisstücken«. Auf ihm lagen Fjodor Pawlowitschs blutiger weißseidener Schlafrock, der Messingstößel, mit dem der Annahme nach der Mord ausgeführt worden war, Mitjas Hemd mit dem blutbefleckten Ärmel, sein Rock mit dem großen Blutflecken hinten an der Tasche, in die er damals sein von Blut durchnäßtes Taschentuch gesteckt hatte, ferner das Taschentuch selbst, das von dem Blut hart und steif und bereits ganz gelb geworden war, die Pistole, die Mitja bei Perchotin für den Selbstmord geladen und die ihm Trifon Borissowitsch in Mokroje heimlich weggenommen hatte, das Kuvert mit der Aufschrift, in dem sich die dreitausend Rubel für Gruschenka befunden hatten, das schmale rosa Bändchen, mit dem es umbunden gewesen war, und noch viele andere Gegenstände, die ich nicht mehr im Gedächtnis habe. Weiter hinten, in der Tiefe des Saales, begannen die Plätze für das Publikum; noch vor der Balustrade standen einige Lehnstühle für diejenigen Zeugen, die man nach ihren Aussagen noch im Saal behalten wollte. Um zehn Uhr erschien der Gerichtshof, bestehend aus dem Präsidenten, einem Beisitzer und einem Ehrenfriedensrichter; selbstverständlich erschien auch der Staatsanwalt sofort. Der Präsident war ein stämmiger, breitschultriger, knapp mittelgroßer Mann mit hämorrhoidalem Gesicht, ungefähr fünfzig Jahre alt, mit dunklem, graumeliertem, kurzgeschorenem Haar und mit dem roten Band irgendeines Ordens. Der Staatsanwalt hingegen kam mir – und nicht nur mit – sehr bleich vor, ja beinahe grün im Gesicht; er schien plötzlich magerer geworden zu sein, vielleicht in einer einzigen Nacht, denn als ich ihm zwei Tage vorher begegnet war, hatte er noch unverändert ausgesehen. Der Präsident begann mit der Frage an den Gerichtsinspektor, ob die Geschworenen sämtlich erschienen seien … Ich sehe jedoch, daß ich so nicht fortfahren kann, schon deswegen nicht, weil ich vieles nicht deutlich gehört, anderes nicht immer richtig verstanden, wieder anderes vergessen habe, hauptsächlich aber weil ich weder Zeit noch Raum genug habe, um alles, was gesagt wurde und was vorging, lückenlos anführen zu können. Ich weiß nur, daß von der einen und von der anderen Partei, das heißt vom Verteidiger und vom Staatsanwalt, nicht sehr viele Geschworene abgelehnt wurden. Die Zusammensetzung der Geschworenenbank habe ich im Gedächtnis behalten: vier von unseren Beamten, zwei Kaufleute und sechs Bauern und Kleinbürger aus unserer Stadt. Ich erinnere mich, schon lange vor der Gerichtsverhandlung hatten bei uns viele Leute und besonders die Damen mit einiger Verwunderung gefragt: »Wird in so einer subtilen, komplizierten, psychologisch schwierigen Sache die verhängnisvolle Entscheidung wirklich irgendwelchen Beamten und Bauern überlassen? Was versteht denn ein Beamter oder gar ein Bauer davon?« Tatsächlich waren diese vier Beamten, die da unter die Geschworenen geraten waren, sämtlich kleine Leute von niedrigem Rang. Sie waren schon grauhaarig, nur einer von ihnen war etwas jünger; in unserer Stadt kannte man sie nur wenig: Sie vegetierten bei geringem Gehalt so dahin und hatten gewiß alte Frauen, die sie nirgends präsentieren konnten, und dazu einen Haufen barfüßiger Kinder. In ihrer Freizeit vergnügten sie sich wohl höchstens irgendwo beim Kartenspiel und lasen natürlich niemals ein Buch. Die beiden Kaufleute machten zwar einen soliden Eindruck, waren jedoch eigenartig schweigsam und regungslos; der eine von ihnen hatte ein glattrasiertes Gesicht und trug einen Anzug nach deutscher Fasson; der andere, mit leicht ergrautem Bärtchen, hatte am Hals irgendeine Medaille an einem roten Band hängen. Über die Kleinbürger und die Bauern ist überhaupt nichts zu sagen. Die Kleinbürger in unserem Skotoprigonewsk sind ja beinahe selber Bauern, sie pflügen sogar. Zwei von ihnen trugen ebenfalls deutsche Tracht und sahen infolgedessen womöglich schmutziger und unansehnlicher aus als die übrigen vier. So konnte einem wirklich der Gedanke kommen, der zum Beispiel mir bei ihrem Anblick sofort kam: Was können diese Menschen von einer solchen Sache verstehen? Trotzdem zeigten ihre Gesichter einen eigentümlich gespannten, beinahe drohenden Ausdruck; sie sahen streng und finster aus.

Endlich kündigte der Präsident an, nunmehr komme zur Verhandlung die Sache betreffend die Ermordung des Titularrates a. D. Fjodor Pawlowitsch Karamasow – ich erinnere mich nicht genau, wie er sich damals ausdrückte. Der Gerichtsinspektor erhielt den Befehl, den Angeklagten hereinzuführen. Mitja erschien. Im Saal wurde es ganz still, man hätte eine Fliege hören können. Ich weiß nicht, wie es den anderen ging; aber auf mich machte Mitjas Äußeres einen höchst unangenehmen Eindruck. Die Hauptsache war, daß er wie ein Geck auftrat, in einem nagelneuen Rock. Ich erfuhr später, daß er sich den Rock extra für diesen Tag in Moskau hatte machen lassen bei seinem früheren Schneider, der noch seine Maße hatte. Er trug neue schwarze Glacéhandschuhe und elegante Wäsche. Er kam mit seinen langen Schritten herein, gerade und starr vor sich hin blickend, und setzte sich mit furchtloser Miene auf seinen Platz. Dann erschien sogleich auch der Verteidiger, der berühmte Fetjukowitsch, und ein unterdrücktes Murmeln schien durch den Saal zu gehen. Er war ein langer, hagerer Mensch, mit langen, dünnen Beinen und außerordentlich langen, blassen, schlanken Fingern, mit glattrasiertem Gesicht, schlicht gekämmtem, ziemlich kurzem Haar und schmalen Lippen, die sich bisweilen spöttisch lächelnd verzogen. Dem Äußeren nach zu urteilen, mochte er etwa vierzig Jahre alt sein. Sein Gesicht wäre ganz angenehm gewesen, wenn nicht die ziemlich kleinen, ausdruckslosen Augen auffällig nahe beieinander gestanden hätten, nur durch das schmale Knöchelchen der länglichen Nase getrennt. Kurz, seine Physiognomie hatte eine geradezu frappierende Ähnlichkeit mit einem Vogelkopf. Er trug einen Frack und eine weiße Halsbinde. Ich erinnere mich an die erste Frage, die der Präsident an Mitja richtete, nämlich nach Namen, Stand und so weiter. Mitja antwortete kurz und bündig, aber mit unerwartet lauter Stimme, so daß der Präsident den Kopf schüttelte und ihn verwundert ansah. Darauf wurde das Verzeichnis der Personen verlesen, die zur Verhandlung als Zeugen und Sachverständige vorgeladen waren. Das Verzeichnis war lang; vier von den Zeugen waren nicht erschienen: Miussow, der sich zur Zeit in Paris befand, seine Aussage aber schon bei der Voruntersuchung gemacht hatte, Frau Chochlakowa und der Gutsbesitzer Maximow wegen Krankheit und Smerdjakow wegen plötzlichen Todes, worüber eine polizeiliche Bescheinigung vorlag. Die Mitteilung über Smerdjakow rief im Saal starke Bewegung und erregtes Geflüster hervor. Natürlich hatten im Publikum viele von diesem plötzlichen Selbstmord noch nichts gewußt. Ganz besonders überraschte jedoch das Benehmen Mitjas: Kaum war die Meldung über Smerdjakow gemacht worden, als er plötzlich von seinem Platz aus durch den ganzen Saal schrie: »Dem Hund gebührt ein Hundetod!«

Ich erinnere mich, wie sein Verteidiger zu ihm hinstürzte und der Präsident sich mit der Drohung an ihn wandte, er werde strenge Maßregeln ergreifen, wenn sich etwas Ähnliches wiederholen sollte. Mitja sagte abgehackt und kopfnickend, doch offenbar ohne irgendwelches Bedauern, mehrere Male halblaut zu seinem Verteidiger: »Ich werde es nicht wieder tun, ich werde es nicht wieder tun! Es ist mir so entfahren! Ich werde es nicht wieder tun!«

Natürlich beeinflußte dieser Zwischenfall die Meinung der Geschworenen und des Publikums nicht zu seinen Gunsten. Sein Charakter war mit einem Schlag zutage getreten. Unter diesem Eindruck wurde nun vom Gerichtssekretär die Anklageschrift verlesen.

Sie war ziemlich kurz, aber inhaltsreich. Es wurden nur die Hauptgründe dargelegt, warum der Soundso beschuldigt worden sei und vor Gericht gestellt werden müsse – und so weiter. Dennoch machte sie auf mich einen starken Eindruck. Der Sekretär las klar und deutlich und mit volltönender Stimme. Die ganze Tragödie erschien jetzt gewissermaßen auf neue Weise vor aller Augen: plastischer, in konzentrierter Fassung, beleuchtet von einem verhängnisvollen, unerbittlichen Licht. Ich erinnere mich, wie der Präsident unmittelbar nach der Verlesung laut und nachdrücklich die Frage an Mitja richtete: »Angeklagter, bekennen Sie sich schuldig?«

Mitja erhob sich schnell von seinem Platz.

»Ich bekenne mich schuldig der Trunksucht und Ausschweifung, des Müßigganges und der Völlerei!«, rief er wieder unerwartet laut und etwas unbeherrscht. »Ich wollte gerade in dem Augenblick auf Lebenszeit ein ehrenhafter Mensch werden, als das Schicksal mich beim Schopf packte! Doch am Tod des alten Mannes, meines Feindes und Vaters, bin ich unschuldig! Auch an dem Raub bin ich unschuldig! Dmitri Karamasow ist ein Schuft, aber kein Dieb!«

Nachdem er das laut gesagt hatte, setzte er sich wieder auf seinen Platz; er schien am ganzen Körper zu zittern. Der Präsident wandte sich an ihn mit der kurzen, doch nachdrücklichen Ermahnung, nur auf Fragen zu antworten, sich aber nicht zu leidenschaftlichen, mit den Fragen nicht zusammenhängenden Ausrufen hinreißen zu lassen. Darauf ordnete er an, zur gerichtlichen Verhandlung zu schreiten. Alle Zeugen wurden zur Vereidigung hereingeführt, und ich sah zum erstenmal alle zusammen. Die Brüder des Angeklagten wurden jedoch zur Aussage ohne Vereidigung zugelassen. Nach einer Ermahnung von seiten des Geistlichen und des Präsidenten wurden die Zeugen wieder hinausgeführt und dort nach Möglichkeit getrennt voneinander gehalten. Darauf begann man sie einzeln wieder hereinzurufen.

2. Gefährliche Zeugen

Ich weiß nicht, ob der Präsident die Zeugen des Staatsanwalts und der Verteidigung irgendwie in Gruppen eingeteilt hatte und in welcher Reihenfolge er sie eigentlich aufzurufen wünschte. Wahrscheinlich war das alles genau geregelt. Ich weiß nur, daß zuerst die Zeugen des Staatsanwalts aufgerufen wurden. Ich wiederhole, es liegt nicht in meiner Absicht, alle Vernehmungen Schritt für Schritt zu schildern. Außerdem würde sich meine Schilderung zum Teil als überflüssig herausstellen, da in den Plädoyers des Staatsanwalts und des Verteidigers Gang und Sinn aller abgegebenen Aussagen gleichsam unter einem Gesichtspunkt zusammengefaßt und neu beleuchtet wurden; ich habe wenigstens einzelne Partien dieser beachtenswerten Reden vollständig nachgeschrieben und werde sie zu gegebener Zeit wiedergeben – ebenso einen ungewöhnlichen und ganz unerwarteten Zwischenfall, der sich noch vor den Plädoyers abspielte und unzweifelhaft zu dem furchtbaren, verhängnisvollen Ausgang des Prozesses beitrug. Ich vermerke nur, daß gleich von den ersten Momenten der Verhandlung an eine charakteristische Eigenschaft dieses Prozesses deutlich hervortrat, nämlich die außerordentliche Wucht der Anklage im Vergleich zu den Mitteln, über die die Verteidigung verfügte. Das begriffen alle im ersten Augenblick, als man in diesem Gerichtssaal anfing, die Tatsachen zusammenzustellen und zu gruppieren, und diese ganze schreckliche Bluttat allmählich deutlicher hervortrat. Vielleicht kamen alle schon in den ersten Stadien der Verhandlung zu der Überzeugung, daß hier überhaupt kein Streit möglich war, daß die Sache keinem Zweifel unterlag und gar keine Plädoyers nötig waren, daß sie nur der Form halber gehalten werden mußten: daß der Angeklagte mit Sicherheit schuldig war. Ich glaube sogar, daß auch alle Damen ausnahmslos von seiner Schuld überzeugt waren, obwohl sie so leidenschaftlich die Freisprechung des interessanten Angeklagten wünschten. Ja noch mehr: Mir scheint, sie wären sogar betrübt gewesen, wenn sich seine Schuld nicht bestätigt hätte, weil dann sein Freispruch keine so effektvolle Lösung des Knotens gewesen wäre. Daß er jedoch freigesprochen werden würde, dessen waren sich merkwürdigerweise alle Damen fast bis zum letzten Augenblick sicher. »Er ist schuldig«, meinten sie, »aber man wird ihn freisprechen aus Humanität, auf Grund der neuen Ideen, die jetzt aufgekommen sind« – und so weiter und so fort. Eben deshalb waren sie ja mit solchem Eifer zur Verhandlung gelaufen. Die Männer dagegen interessierten sich besonders für den Kampf zwischen dem Staatsanwalt und dem berühmten Fetjukowitsch. Alle fragten sich verwundert: Was kann selbst ein Talent wie Fetjukowitsch aus so einer verlorenen Sache, aus so einem ausgegessenen Ei machen? Und darum verfolgten sie sein Vorgehen Schritt für Schritt mit gespannter Aufmerksamkeit. Fetjukowitsch aber blieb bis zuletzt, bis zu seiner Rede, für alle ein Rätsel. Erfahrene Leute vermuteten, daß er eine bestimmte Methode befolgte, daß er sich schon einen Plan zurechtgelegt hatte und auf ein Ziel zusteuerte – doch was das für ein Ziel war, blieb dunkel. Seine Zuversichtlichkeit aber und sein Selbstvertrauen fielen jedem auf. Außerdem nahmen alle mit Vergnügen wahr, daß er während seines kurzen, etwa dreitägigen Aufenthalts bei uns auf erstaunliche Weise bis in die feinsten Feinheiten der Prozeßsache eingedrungen war. Mit Genuß erzählte man zum Beispiel später, wie er es verstanden hatte, alle Zeugen des Staatsanwalts zur rechten Zeit »hineinzulegen«, sie nach Möglichkeit zu verwirren, vor allem aber ihren moralischen Ruf zu beflecken und dadurch auch den Wert ihrer Aussage herabzumindern. Man nahm übrigens an, daß er das in der Hauptsache nur so zum Spiel tat, sozusagen um des juristischen Glanzes willen, damit nichts von den üblichen Advokatenkniffen vergessen wurde; denn alle waren davon überzeugt, daß er einen entscheidenden Nutzen durch alle diese »Befleckungen« nicht erzielen konnte und daß er das wahrscheinlich selbst am allerbesten einsah, daß er aber eine eigene Idee in Reserve hatte, irgendeine vorläufig noch verborgene Verteidigungswaffe, die er zum rechten Zeitpunkt plötzlich hervorholen würde. Einstweilen schien er jedoch im Bewußtsein seiner Kraft zu spielen und Mutwillen zu treiben. Als zum Beispiel Fjodor Pawlowitschs ehemaliger Diener Grigori Wassiljewitsch vernommen wurde, der die besonders belastende Aussage über die offene Tür machte, da krallte sich der Verteidiger geradezu an ihm fest, als er mit seinen Fragen an die Reihe kam. Grigori Wassiljewitsch war mit ruhiger und beinahe stolzer Miene in den Saal getreten, ohne sich im geringsten verwirren zu lassen, weder durch die Feierlichkeit des Gerichts noch durch die Anwesenheit des gewaltigen zuhörenden Publikums. Er machte seine Aussagen in so sicherem Ton, als ob er unter vier Augen mit seiner Marfa Ignatjewna spräche, nur sprach er respektvoller. Ihn verwirren zu wollen war ein Ding der Unmöglichkeit. Zuerst befragte ihn der Staatsanwalt lange über alle möglichen Einzelheiten, die sich auf die Familie Karamasow bezogen. Das Bild dieses Familienlebens wurde sehr deutlich sichtbar, und man hörte und sah, daß der Zeuge aufrichtig und unparteiisch war. Bei allem tiefen Respekt vor dem Andenken seines ehemaligen Herrn erklärte er zum Beispiel doch, dieser sei zu Mitja ungerecht gewesen und habe »für das Aufwachsen seiner Kinder nicht so gesorgt, wie es sich gehörte«. – »Als der noch ein kleiner Junge war, hätten ihn ohne mich die Läuse aufgefressen«, fügte er, über Mitjas Kinderjahre berichtend, hinzu. »Auch gehörte es sich nicht, wie der Vater den Sohn übers Ohr haute, was das Gut betraf, das dieser von seiner Mutter geerbt hatte.« Auf die Frage des Staatsanwalts, worauf er sich bei der Behauptung stütze, daß Fjodor Pawlowitsch hinsichtlich des Erbteils seinen Sohn benachteiligt habe, brachte er zur allgemeinen Verwunderung keinerlei begründende Tatsachen vor, sondern blieb nur dabei, die Abrechnung mit dem Sohn über das Erbteil sei »ungerecht« gewesen: Ihm hätten noch einige tausend Rubel ausgezahlt werden müssen. Ich vermerke bei dieser Gelegenheit, daß der Staatsanwalt die Frage, ob Fjodor Pawlowitsch seinem Sohn Mitja noch etwas schuldete, mit besonderer Hartnäckigkeit später auch allen anderen Zeugen vorlegte, Aljoscha und Iwan Fjodorowitsch nicht ausgenommen. Allerdings erhielt er von keinem Zeugen eine genaue Auskunft; alle behaupteten die Tatsache, ohne daß einer von ihnen einen Beweis hätte anführen können. Als Grigori die Szene bei Tisch beschrieb, da Dmitri Fjodorowitsch hereingestürmt war, seinen Vater geschlagen und gedroht hatte, er werde wiederkommen und ihn totschlagen, machte das im Saal einen tiefen Eindruck, zumal der alte Diener ruhig und ohne überflüssige Worte in seiner eigenartigen Sprache erzählte, was stärker wirkte als die größte Redekunst. Zu der Mißhandlung, die ihm Mitja zugefügt hatte, indem er ihn ins Gesicht schlug und zu Boden warf, bemerkte er, er trage ihm das nicht nach und habe es ihm längst verziehen. Über den verstorbenen Smerdjakow äußerte er, der Bursche habe gute Fähigkeiten besessen, sei aber dumm und durch seine Krankheit beeinträchtigt gewesen, vor allem aber gottlos: Die Gottlosigkeit hätten ihn Fjodor Pawlowitsch und dessen Sohn Iwan gelehrt. Doch für Smerdjakows Ehrlichkeit trat er mit großer Wärme ein; er erzählte sogleich, wie Smerdjakow einmal eine Summe Geldes gefunden, sie aber nicht etwa heimlich behalten, sondern dem Herrn gebracht habe. Dieser habe ihm dafür ein Goldstück als Belohnung gegeben und ihm seitdem das größte Vertrauen geschenkt. Daß die Tür zum Garten offengestanden habe, versicherte er hartnäckig und beharrlich. Übrigens wurden ihm so viele Fragen vorgelegt, daß ich nicht alle habe behalten können. Endlich kam die Reihe an den Verteidiger. Er erkundigte sich zunächst nach dem Kuvert, in dem Fjodor Pawlowitsch »angeblich« dreitausend Rubel für »eine gewisse Person« versteckt hatte. »Haben Sie es selbst gesehen, Sie, der Sie Ihrem Herrn so viele Jahre nahegestanden haben?« Grigori antwortete, er habe es nicht gesehen und habe überhaupt von niemandem etwas über dieses Geld gehört »bis auf diese letzte Zeit, wo alle davon reden«. Die Frage nach dem Kuvert legte Fetjukowitsch seinerseits ebenfalls allen Zeugen mit derselben Hartnäckigkeit vor wie vorher der Staatsanwalt seine Frage nach der Erbschaft; er bekam von allen ebenfalls nur die eine Antwort, daß niemand das Kuvert gesehen habe, obgleich viele davon gehört hatten. Die Hartnäckigkeit, mit der der Verteidiger diese Frage wiederholte, fiel gleich am Anfang auf.

»Darf ich mich jetzt, wenn Sie erlauben, an Sie mit der Frage wenden«, fragte Fetjukowitsch plötzlich und ganz unerwartet, »woraus der Balsam oder, besser, der Aufguß bestand, mit dem Sie, wie aus der Voruntersuchung bekannt ist, an jenem Abend vor dem Schlafengehen Ihr schmerzendes Kreuz einrieben, in der Hoffnung, sich dadurch zu kurieren?«

Grigori blickte den Verteidiger verständnislos an und murmelte nach kurzem Stillschweigen. »Da war Salbei drin.«

»Nur Salbei? Erinnern Sie sich nicht an noch etwas?«

»Wegerich war auch drin.«

»Vielleicht auch Pfeffer?« erkundigte sich Fetjukowitsch interessiert.

»Ja, auch Pfeffer.«

»Und so weiter. Und das alles in Branntwein?«

»In Spiritus.«

Im Saal wurde ein klein wenig gelacht.

»Sehen Sie mal, sogar in Spiritus. Und nachdem Sie sich den Rücken eingerieben hatten, haben Sie zu einem gewissen frommen Gebet, das nur Ihrer Gattin bekannt ist, den Rest ausgetrunken, – nicht wahr?«

»Ja.«

»War es noch viel? Wieviel ungefähr? Ein Schnapsgläschen oder zwei?«

»Es mag etwa ein Wasserglas voll gewesen sein.«

»Sogar ein Wasserglas voll! Vielleicht auch anderthalb Wassergläser?«

Grigori schwieg; er schien etwas zu ahnen.

»Anderthalb Wassergläser reiner Spiritus – das ist nicht übel, meinen Sie nicht auch? Da kann man sogar die Pforten des Paradieses offen sehen – nicht nur eine Tür zum Garten.«

Grigori schwieg immer noch. Wieder ertönte leises Lachen im Saal; der Präsident wurde etwas unruhig.

»Wissen Sie genau«, setzte ihm Fetjukowitsch weiter zu, »ob Sie in dem Augenblick, als Sie die Tür zum Garten offenstehen sahen, schliefen oder nicht?«

»Ich stand ja doch auf meinen Füßen.«

»Das ist noch kein Beweis dafür, daß Sie nicht schliefen.« Wieder leises Lachen im Saal. »Hätten Sie zum Beispiel in dem Moment antworten können, wenn jemand Sie etwas gefragt hätte – zum Beispiel, welches Jahr wir jetzt haben?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was haben wir denn jetzt für ein Jahr unserer Zeitrechnung, nach Christi Geburt? Wissen Sie das nicht?«

Grigori stand fassungslos da und starrte den Verteidiger an. Merkwürdigerweise machte es den Eindruck, als wüßte er wirklich nicht, was wir für ein Jahr haben.

»Vielleicht wissen Sie aber, wieviel Finger Sie an den Händen haben?«

»Ich bin ein unfreier Mensch«, sagte Grigori plötzlich laut und deutlich. »Wenn es der Obrigkeit beliebt, sich über mich lustig zu machen, muß ich das ertragen.«

Fetjukowitsch schien diese Antwort ein wenig stutzig zu machen; doch auch der Präsident griff ein und machte den Verteidiger belehrend darauf aufmerksam, er möchte mehr Fragen zur Sache stellen. Fetjukowitsch hörte das an, verbeugte sich mit Würde und erklärte, daß er mit seinen Fragen fertig sei. Natürlich konnte beim Publikum wie auch bei den Geschworenen ein kleines Würmchen des Zweifels an der Aussage eines Menschen zurückgeblieben sein, der in einem allbekannten Zustand seiner Kur die Möglichkeit gehabt hatte, »die Pforten des Paradieses zu sehen«, und der außerdem nicht einmal wußte, welches Jahr nach Christi Geburt wir jetzt haben. Bevor Grigori abtrat, gab es noch einen Zwischenfall. An den Angeklagten gewandt, fragte der Präsident, ob er zu den Aussagen etwas zu bemerken habe.

»Bis auf das mit der Tür hat er in allem die Wahrheit gesagt«, rief Mitja laut. »Daß er mir die Läuse ausgekämmt hat, dafür danke ich ihm. Daß er mir die Mißhandlung verziehen hat, dafür danke ich ihm. Der alte Mann war sein Leben lang ehrenhaft und meinem Vater treu wie siebenhundert Pudel.«

»Angeklagter, wählen Sie Ihre Worte besser!« sagte der Präsident streng.

»Ich bin kein Pudel«, brummte auch Grigori.

»Na, dann will ich der Pudel sein, ich selber!« rief Mitja. »Wenn das beleidigend ist, so beziehe ich es auf mich und bitte ihn um Verzeihung. Ich war eine Bestie und habe ihn roh behandelt! Auch den alten Satyr habe ich roh behandelt.«

»Welchen alten Satyr?« fragte der Präsident wieder.

»Na, den Clown … Meinen Vater, Fjodor Pawlowitsch.«

Der Präsident schärfte Mitja wieder und wieder aufs nachdrücklichste und strengste ein, seine Ausdrücke doch vorsichtiger zu wählen.

»Sie schaden sich selbst in der Meinung Ihrer Richter.«

Ebenso geschickt verfuhr der Verteidiger auch bei der Vernehmung des Zeugen Rakitin. Rakitin war einer der wichtigsten Zeugen, und der Staatsanwalt legte auf ihn zweifellos hohen Wert. Es stellte sich heraus, daß er alles wußte, erstaunlich viel wußte, überall dabeigewesen war, alles gesehen und mit allen gesprochen hatte und auf das genaueste die Biographie Fjodor Pawlowitschs und überhaupt aller Karamasows kannte. Über das Kuvert mit den dreitausend Rubeln hatte allerdings auch er nur von Mitja etwas gehört. Dafür schilderte er eingehend Mitjas Streiche in dem Restaurant »Zur Residenz«, alle Worte und Gebärden, mit denen dieser sich kompromittiert hatte, und erzählte auch die Geschichte von dem »Bastwisch«, dem Bärtchen es Stabskapitäns Snegirjow. Über den wichtigen Punkt, ob Fjodor Pawlowitsch bei der Abrechnung über das Gut seinem Sohn Mitja etwas schuldig geblieben war, konnte aber selbst Rakitin nichts aussagen und behalf sich mit geringschätzigen Redensarten allgemeiner Art. »Welcher Mensch«, sagte er, »hätte herausfinden können, wer von ihnen die Schuld trug, und nachrechnen, wer wem etwas schuldig geblieben war bei der sinnlosen Karamasowerei dort, wo keiner eine Spur von Selbsterkenntnis hatte.« Die ganze Tragödie des Verbrechens stellte er dar als ein Produkt der veralteten Sitten des Leibeigenschaftssystems und als eine Folge der Unordnung und des Mangels an zweckentsprechenden Einrichtungen, worunter Rußland so leide. Kurz, er durfte sich frei aussprechen. Herr Rakitin trat bei diesem Prozeß zum erstenmal in der Öffentlichkeit auf und begann sofort die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen; der Staatsanwalt wußte, daß der Zeuge einen Aufsatz über das vorliegende Verbrechen für ein Journal in Arbeit hatte, und zitierte später in seiner Rede, wie wir sehen werden, einige Gedanken aus diesem ihm also bereits bekannten Aufsatz. Das Bild, das der Zeuge entwarf, war düster und unterstützte die Anklage stark. Darüber hinaus aber fesselten Rakitins Darlegungen das Publikum durch die Selbständigkeit der Gedanken und die außerordentliche Vornehmheit der Gesinnung. Zwei- oder dreimal ließ sich sogar spontaner Applaus vernehmen, besonders an den Stellen, wo Rakitin von der Leibeigenschaft und von dem unter der Unordnung leidenden Rußland sprach. Dennoch beging Rakitin – ein junger Mensch – einen kleinen Fehler, den der Verteidiger sogleich vorzüglich ausnutzte. Als er nämlich auf gewisse Fragen über Gruschenka antwortete, ließ er sich von seinem Erfolg, dessen er sich natürlich schon bewußt war, und von der Höhe der Vornehmheit, zu der er sich emporgeschwungen hatte, hinreißen und erlaubte sich, von Agrafena Alexandrowna etwas verächtlich als von der »Mätresse des Kaufmanns Samsonow« zu sprechen. Er hätte später viel darum gegeben, dieses Wort ungesprochen zu machen; denn, wegen dieses Wortes packte ihn Fetjukowitsch sogleich beim Kragen. Und alles nur, weil Rakitin nicht damit gerechnet hatte, daß sich jener in so kurzer Zeit mit der Prozeßsache bis in die intimen Einzelheiten hatte vertraut machen können.

»Gestatten Sie eine Frage«, begann der Verteidiger mit höchst liebenswürdigem und sogar respektvollem Lächeln, als die Reihe, Fragen zu stellen, an ihn kam. »Sie sind gewiß eben jener Herr Rakitin, dessen von der bischöflichen Behörde herausgegebene Broschüre ›Das Leben des in Gott entschlafenen Starez Sossima‹ ein Büchlein voll tiefer religiöser Gedanken mitsamt der ausgezeichneten frommen Widmung an Seine Eminenz, ich unlängst mit solchem Genuß gelesen habe?«

»Ich hatte es nicht für den Druck geschrieben … Es ist dann nachher gedruckt worden«, murmelte Rakitin; er schien auf einmal etwas verblüfft zu sein und sich beinahe zu schämen.

»Oh, das ist ja schön! Ein Denker wie Sie kann und muß zu jeder Erscheinung des sozialen Lebens vorurteilsfrei Stellung nehmen. Durch die Protektion Seiner Eminenz hat Ihre höchst nützliche Broschüre starken Absatz gehabt und entsprechenden Nutzen gebracht … Aber was ich fragen wollte: Sie sagten soeben, Sie seien mit Fräulein Swetlowa sehr nahe bekannt?« Nebenbei: ich erfuhr an diesem Tag während der Verhandlung zum erstenmal, daß Gruschenkas Familienname Swetlowa war.

»Ich kann nicht für alle meine Bekanntschaften eine Verantwortung übernehmen … Ich bin ein junger Mann… Und wer kann schon für alle Leute einstehen, mit denen er in Berührung kommt?« erwiderte Rakitin einigermaßen aufgebracht.

»Ich verstehe, verstehe vollkommen!« rief Fetjukowitsch, als wäre er selbst verlegen und beeile sich, eine Entschuldigung vorzubringen. »Sie durften wie jeder andere durchaus ein eigenes Interesse daran haben, mit einer jungen schönen Frau bekannt zu werden, die gern die Blüte der hiesigen Jugend bei sich empfing, aber … Ich wollte nur fragen: Es ist uns bekannt, daß Fräulein Swetlowa vor zwei Monaten dringend mit dem jüngsten Karamasow, Alexej Fjodorowitsch, bekannt zu werden wünschte und Ihnen nur dafür, daß Sie ihn zu ihr brachten, und zwar in seinem damaligen Mönchsgewand, fünfundzwanzig Rubel versprach, wenn Ihnen das wirklich gelingen sollte. Das kam, wie ebenfalls bekannt ist, am Abend jenes tragischen Tages zustande, der den Anlaß des jetzigen Prozesses bildet. Sie brachten Alexej Karamasow zu Fräulein Swetlowa – bekamen Sie nun diese fünfundzwanzig Rubel Belohnung von Fräulein Swetlowa? Das ist es, was ich gern von Ihnen hören möchte.«

»Das war ein Scherz … Ich sehe nicht ein, wieso Sie das interessieren kann. Ich habe sie aus Spaß genommen … Um sie später zurückzugeben …«

»Also Sie haben sie genommen. Und bis jetzt haben Sie sie ja wohl nicht zurückgegeben … Oder haben Sie es doch getan?«

»Das ist doch ganz belanglos …«, murmelte Rakitin. »Ich kann auf solche Fragen nicht antworten … Ich werde sie natürlich zurückgeben …«

Der Präsident schritt ein, doch der Verteidiger erklärte, er sei mit Herrn Rakitins Befragung fertig. Rakitin trat etwas begossen von der Bühne ab. Der Eindruck der hohen Vornehmheit seiner Rede war verdorben, und Fetjukowitsch begleitete ihn mit den Augen, auf diese Weise das Publikum auf ihn hinweisend: Da seht ihr, von welcher Sorte eure vornehmen Belastungszeugen sind!‹ Ich erinnere mich, daß es auch dabei nicht ohne Zwischenfall von seiten Mitjas abging. Wütend über den Ton, in dem Rakitin über Gruschenka sprach, schrie er plötzlich von seinem Platz aus: »Bernard!« Und als sich der Präsident nach Beendigung der Vernehmung Rakitins mit der Frage an den Angeklagten wandte, ob er seinerseits etwas bemerken wolle, schrie Mitja mit schallender Stimme: »Er hat sich von mir Geld gepumpt, als ich schon unter Anklage stand! Er ist ein verächtlicher Bernard und Streber und glaubt nicht an Gott, und den Bischof hat er hinters Licht geführt!«

Mitja wurde wegen seiner maßlosen Ausdrücke natürlich wieder zur Ordnung gerufen, Herr Rakitin aber war abgetan. Auch die Vernehmung des Stabskapitäns Snegirjow ging nicht ganz nach Wunsch vonstatten, aber aus einem völlig anderen Grunde. Er trat ganz abgerissen auf, in schmutziger Kleidung und mit schmutzigen Stiefeln; außerdem stellte es sich heraus, daß er trotz aller Vorsichtsmaßregeln und einer vorhergehenden Untersuchung seines Zustandes durch Sachverständige total betrunken war. Auf die Fragen nach der ihm von Mitja zugefügten Beleidigung weigerte er sich zu antworten.

»Gott verzeihe ihm! Iljuschetschka hat es mir verboten. Gott wird es mir vergelten!«

»Wer hat Ihnen verboten auszusagen? Von wem reden Sie da?«

»Iljuschetschka, mein Söhnchen, hat gesagt: ›Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!‹ Bei dem Stein hat er es gesagt. Jetzt liegt er im Sterben …‹«

Der Stabskapitän fing auf einmal an zu schluchzen und warf sich mit einem Schwung dem Präsidenten zu Füßen. Er wurde unter dem Gelächter des Publikums schleunigst hinausgeführt. Der vom Staatsanwalt beabsichtigte Effekt kam nicht zustande.

Der Verteidiger aber fuhr fort, alle möglichen Mittel anzuwenden, und beeindruckte mehr und mehr durch seine bis in die geringsten Einzelheiten reichende Kenntnis der Prozeßsache. So erzielte zum Beispiel die Aussage Trifon Borissowitschs schon ihre erste starke Wirkung, und sie war natürlich für Mitja äußerst ungünstig. Er rechnete nämlich fast an den Fingern aus, daß Mitja bei seinem ersten Besuch in Mokroje, etwa einen Monat vor der Katastrophe, nicht weniger als dreitausend Rubel ausgegeben haben müßte oder »höchstens eine ganze Kleinigkeit weniger … Allein schon für diese Zigeunerinnen, wieviel Geld hat er da rausgeschmissen! Und unseren Bauern, unseren verlausten Bauern hat er nicht etwa jedem einen halben Rubel hingeworfen, sondern jedem mindestens einen Fünfundzwanzigrubelschein, weniger hat er keinem gegeben. Und wieviel ist ihm damals einfach gestohlen worden! Wer stahl, der ließ ja seine Hand nicht da, wie sollte man da so einen Dieb fassen, wenn der Herr selbst das Geld achtlos umherstreute! Die Bauern sind ja die reinste Räuberbande und scheuen sich vor keiner Sünde! Und die Mädchen, unsere Dorfmädchen, was haben die nicht alles gekriegt! Die Leute bei uns sind seitdem reich, so ist es, und früher war da nur Armut …« Kurz, er zählte jede einzelne Ausgabe auf und rechnete alles zusammen wie an der Rechenmaschine. Die Annahme, daß Mitja nur fünfzehnhundert Rubel ausgegeben, die anderen fünfzehnhundert aber in dem Säckchen aufgehoben hätte, wurde auf diese Weise undenkbar. »Ich habe die dreitausend Rubel selber gesehen, in seinen Händen habe ich sie gesehen! So deutlich wie ein Kopekenstück habe ich sie mit meinen Augen betrachtet, wie sollte denn unsereiner nicht verstehen, Geld zu beurteilen!« rief Trifon Borissowitsch aus, mit aller Gewalt bemüht, es »der Obrigkeit« recht zu machen. Als nun das Fragenstellen auf den Verteidiger überging, machte dieser fast gar keinen Versuch, die Aussage zu widerlegen, sondern brachte auf einmal die Rede darauf, daß der Kutscher Timofej und der Bauer Akim bei dem ersten Gelage in Mokroje auf dem Flur hundert Rubel, die Mitja in betrunkenem Zustand verloren hatte, vom Fußboden aufgehoben und Trifon Borissowitsch gegeben hatten, wofür dieser jedem von ihnen einen Rubel geschenkt hatte. »Nun, haben Sie damals diese hundert Rubel Herrn Karamasow zurückgegeben oder nicht?« Wie sehr sich Trifon Borissowitsch auch drehte und wendete, nach der Vernehmung des Kutschers und des Bauern mußte er sich doch zu dem gefundenen Hundertrubelschein bekennen, wobei er nur hinzufügte, er habe Herrn Karamasow sofort alles gewissenhaft und mit der größten Ehrlichkeit zurückgegeben; dieser werde sich allerdings kaum daran erinnern können, da er zu jener Zeit ganz betrunken gewesen sei. Da er jedoch den Fund der hundert Rubel geleugnet hatte, bevor Timofej und Akim als Zeugen aufgerufen worden waren, rief auch seine Aussage über die Rückgabe dieser Summe an Mitja naturgemäß starke Zweifel hervor. Auf diese Weise mußte wieder einer der gefährlichsten Zeugen der Staatsanwaltschaft verdächtigt und mit beflecktem Ruf abtreten. Dasselbe widerfuhr den Polen. Sie traten sehr stolz und selbstbewußt auf und bezeugten laut, daß sie erstens beide »dem Staat gedient« hätten und daß zweitens »Pan Mitja« ihnen dreitausend Rubel angeboten habe, um ihnen dafür ihre Ehre abzukaufen, und daß sie drittens große Geldsummen in seinen Händen gesehen hätten. Pan Mussialowicz spickte seine Sätze mit vielen polnischen Wörtern, und da er sah, daß dies sein Ansehen in den Augen des Präsidenten und des Staatsanwalts erhöhte, wurde er schließlich so keck, daß er nur noch polnisch sprach. Doch Fetjukowitsch fing auch diese beiden in seinen Netzen. Trotz aller Winkelzüge, die der zum zweitenmal aufgerufene Trifon Borissowitsch machte, mußte er doch einräumen, daß Pan Wroblewski die von ihm, Trifon, gebrachten Spielkarten mit seinen eigenen vertauscht und daß Pan Mussialowicz als Bankhalter betrogen hatte. Das bestätigte auch Kalganow, als er mit seinen Aussagen an die Reihe kam; und die beiden Polen entfernten sich, mit einiger Schande bedeckt und sogar unter dem Gelächter des Publikums.

Darauf erging es fast allen gefährlichen Zeugen ebenso. Jedem von ihnen konnte Fetjukowitsch einen moralischen Schmutzfleck anhängen, und den Betreffenden ein bißchen blamiert entlassen. Die Juristen und sonstigen Liebhaber von Kriminalprozessen verfolgten das mit Vergnügen, begriffen nur nicht, zu welchem großen entscheidenden Schlag das alles dienen sollte. Denn alle fühlten die Unwiderlegbarkeit der immer mehr und immer tragischer sich steigernden Beschuldigung. Aber sie sahen an dem Selbstvertrauen des »großen Magiers«, daß er ganz ruhig war. So warteten sie ab – ein solcher Mann konnte doch nicht umsonst aus Petersburg hierhergekommen sein: Er war doch wohl nicht der Mann, der unverrichteter Sache zurückkehren würde.

3. Die medizinischen Gutachten und ein Pfund Nüsse

Die Gutachten der ärztlichen Sachverständigen hatten ebenfalls nicht die Auswirkung, die Sache des Angeklagten günstig zu gestalten. Auch Fetjukowitsch schien, wie sich später herausstellte, auf diese Gutachten nicht sehr gebaut zu haben. Daß sie abgegeben wurden, geschah im Grunde nur auf Katerina Iwanownas Drängen, die speziell jenen berühmten Arzt aus Moskau hatte kommen lassen. Die Verteidigung konnte dadurch natürlich nichts verlieren, günstigenfalls wohl eher etwas gewinnen. Übrigens gestaltete sich die Sache wegen der Meinungsverschiedenheit der Ärzte zum Teil ein wenig komisch. Als Sachverständige waren erschienen: der berühmte Arzt aus Moskau, dann unser Doktor Herzenstube und endlich der junge Arzt Warwinski. Die beiden letzteren figurierten auch einfach als vom Staatsanwalt vorgeladene Zeugen. Als erster wurde in seiner Eigenschaft als Sachverständiger Doktor Herzenstube befragt. Er war ein alter Mann von siebzig Jahren, grauhaarig und kahlköpfig, von mittlerer Größe und kräftigem Körperbau. Bei uns in der Stadt schätzte und achtete man ihn sehr. Er war ein gewissenhafter Arzt und ein prächtiger, gottesfürchtiger Mensch, so etwas wie ein Herrnhuter oder Mährischer Bruder – genau weiß ich das nicht mehr. Er lebte schon sehr lange bei uns und führte einen anständigen Lebenswandel. Er war gut und menschenfreundlich, behandelte die armen Patienten und die Bauern umsonst, ging selbst in ihre elenden Kämmerchen und Hütten und ließ ihnen Geld für Arznei zurück; dabei war er jedoch eigensinnig wie ein Maultier. Ihn von einer Idee abzubringen, wenn sie sich einmal in seinem Kopf festgesetzt hatte, war ein Ding der Unmöglichkeit. Übrigens war es schon weithin in der Stadt bekannt geworden, daß sich der zugereiste berühmte Arzt in den zwei, drei Tagen seines Aufenthalts bei uns mehrere höchst beleidigende Äußerungen über die Befähigung von Doktor Herzenstube erlaubt hatte. Die Sache war die: Der Moskauer Arzt nahm zwar für einen Besuch nicht weniger als fünfundzwanzig Rubel, dennoch freuten sich manche Leute in unserer Stadt über den Zufall, der ihn zu uns geführt hatte, ließen sich das Geld nicht leid tun und bestürmten ihn mit Bitten um seinen Rat. Alle diese Kranken hatte vor ihm natürlich Doktor Herzenstube behandelt, und nun kritisierte der berühmte Arzt überall dessen Heilmethode mit großer Schärfe. Zuletzt fragte er sogar, sobald er zu einem Kranken kam, geradezu: »Nun, wer hat denn an Ihnen herumgepfuscht? Herzenstube? Hehe!« Natürlich erfuhr Doktor Herzenstube das alles wieder. Und nun erschienen also alle drei Ärzte, um einer nach dem anderen vernommen zu werden. Doktor Herzenstube erklärte unumwunden, »die Abnormität der geistigen Fähigkeiten« des Angeklagten liege »auf der Hand«. Nachdem er seine Erwägungen vorgetragen hatte, die ich hier weglasse, fügte er hinzu, diese Abnormität äußere sich nicht nur in vielen früheren Handlungen des Angeklagten, sondern auch jetzt, sogar in diesem Augenblick; und als man ihn ersuchte zu erklären, worin sie sich jetzt, in diesem Augenblick äußere, verwies der alte Arzt mit seiner ganzen Geradheit und Offenherzigkeit auf das ungewöhnliche und in Anbetracht der Umstände verwunderliche Benehmen des Angeklagten, als er in den Saal getreten war. »Er schritt vorwärts wie ein Soldat und starrte vor sich hin, während es doch für ihn natürlicher gewesen wäre, nach links zu sehen, wo die Damen sitzen, denn er ist ein großer Liebhaber des schönen Geschlechts gewesen und mußte sehr viel daran denken, was wohl jetzt die Damen von ihm sagen möchten«, schloß der Alte in seiner eigentümlichen Redeweise. Ich muß hinzufügen, daß er viel und gern russisch sprach; doch jeder Satz kam bei ihm auf deutsche Manier heraus, was ihn übrigens nie verlegen machte. Er hatte sein Leben lang die Schwäche, sein Russisch für musterhaft zu halten, »sogar für besser, als es die Russen selber sprechen«, und er zitierte sogar sehr gern russische Sprichwörter, wobei er jedesmal versicherte, die russischen Sprichwörter seien die besten und treffendsten der Welt. Ich erwähne noch, daß er im Gespräch infolge einer gewissen Zerstreutheit oft die gewöhnlichsten Wörter vergaß, die er gut kannte, die ihm aber plötzlich aus irgendeinem Grund entfallen waren. Dasselbe passierte ihm übrigens auch, wenn er deutsch sprach; dabei fuhr er immer mit der Hand vor seinem Gesicht herum, als versuchte er das verlorene Wort zu erhaschen, und niemand hätte ihn dazu bringen können, mit dem Satz fortzufahren, bevor er das ihm entfallene Wort gefunden hatte. Seine Bemerkung, daß der Angeklagte beim Eintritt nach den Damen hätte sehen müssen, rief beim Publikum ein heiteres Geflüster hervor. Der alte Herr war bei unseren Damen sehr beliebt; sie wußten auch, daß er, der nie verheiratet gewesen war und ein frommes, keusches Leben führte, die Frauen als höhere, ideale Wesen betrachtete. Daher kam seine unerwartete Bemerkung allen sehr seltsam vor.

Der Moskauer Arzt erklärte, als er an die Reihe kam, in scharfem, entschiedenem Ton, daß er den geistigen Zustand des Angeklagten für abnorm erachte, »sogar im höchsten Grade«. Er sprach viel und klug über »Affekt« und »Manie« und kam zu dem Schluß, daß sich der Angeklagte nach allen bekannt gewordenen Tatsachen schon einige Tage vor seiner Festnahme zweifellos in einem krankhaften Affekt befand und, sofern er das Verbrechen überhaupt begangen haben sollte, dies zwar mit Bewußtsein, doch eher unfreiwillig tat, indem er schlechterdings nicht die Kraft hatte, gegen den krankhaften seelischen Drang, der ihn überkam, anzukämpfen. Außer dem Affekt hatte der Doktor auch noch Manie wahrgenommen, was nach seinen Worten geradezu auf eine sich herausbildende totale geistige Störung hindeutete. Wohlgemerkt, ich gebe das mit meinen eigenen Worten wieder; der Doktor drückte sich sehr gelehrt und fachmännisch aus. »Alle seine Handlungen stehen im Widerspruch zur gesunden Vernunft und zur Logik«, fuhr er fort. »Ich will nicht von dem reden, was ich nicht gesehen habe, das heißt von dem eigentlichen Verbrechen und von dieser ganzen Katastrophe. Doch selbst vorgestern hatte er im Gespräch mit mir einen unerklärlich starren Blick. Er lachte plötzlich los, wozu nicht der geringste Anlaß bestand. Er legte dauernd eine unverständliche Gereiztheit an den Tag und gebrauchte sonderbare Worte, ›Bernard‹ ›Ethik‹ und andere, die gar nicht in das Gespräch hineinpaßten.« Als Manie wertete der Doktor besonders den Umstand, daß der Angeklagte von den dreitausend Rubeln, um die er sich betrogen glaubte, nicht reden könne, ohne gereizt zu sein, während er von allen anderen Mißgeschicken und Kränkungen ziemlich unbeeindruckt spreche. Nach seinen Erkundigungen sei er auch früher jedesmal, wenn diese dreitausend Rubel erwähnt wurden, in eine Art von Raserei verfallen, während er doch im allgemeinen als uneigennützig und selbstlos galt. »Was nun die Meinung meines gelehrten Kollegen betrifft«, fügte der Moskauer Arzt am Schluß seiner Rede ironisch hinzu, »daß der Angeklagte beim Eintritt in den Saal zu den Damen hätte schauen müssen und nicht geradeaus, so kann ich nur sagen: Ganz abgesehen von der Anstößigkeit einer derartigen Schlußfolgerung ist diese Meinung vollkommen irrig. Wenn ich auch zugebe, daß der Angeklagte beim Eintritt in den Gerichtssaal, in dem sein Schicksal entschieden wird, nicht derart starr hätte vor sich hin blicken sollen und daß dies tatsächlich als ein Symptom seines abnormen Geisteszustandes in dem betreffenden Augenblick betrachtet werden kann, so behaupte ich doch gleichzeitig, daß er nicht nach links zu den Damen, sondern nach rechts hätte blicken und mit den Augen seinen Verteidiger suchen müssen, auf dessen Hilfe seine ganze Hoffnung beruht und von dessen Verteidigung jetzt sein ganzes Schicksal abhängt.« Diese seine Meinung sprach der Doktor sehr entschieden und nachdrücklich aus. Eine besondere Komik erhielt die Meinungsverschiedenheit der beiden gelehrten Sachverständigen durch die unerwartete Schlußfolgerung des Arztes Warwinski, der als dritter befragt wurde. Nach seiner Ansicht befand sich der Angeklagte jetzt wie auch früher in völlig normalem Zustand; und wenn er vor seiner Festnahme tatsächlich sehr nervös und aufgeregt gewesen sei, so könne das von vielen sehr einleuchtenden Ursachen herrühren: Eifersucht, Zorn, Trunkenheit und so weiter. Aber dieser nervöse Zustand habe keinerlei besonderen »Affekt« auslösen können, wie das soeben gesagt worden sei. Was schließlich die Frage beträfe, ob der Angeklagte beim Eintritt in den Saal nach links oder nach rechts hätte sehen müssen, so habe er »nach seiner bescheidenen Meinung« vielmehr gerade vor sich hin blicken müssen, wie er es in Wirklichkeit auch getan hatte, denn vor ihm saßen der Präsident und die Mitglieder des Gerichts, von denen jetzt sein ganzes Schicksal abhing. »Somit hat er, eben indem er vor sich hin sah, seinen vollkommen normalen Geisteszustand in dem betreffenden Moment bewiesen«, schloß der junge Arzt mit einer gewissen Wärme.

»Bravo, Arzt!« rief Mitja von seinem Platz aus. »Genauso ist es!«

Mitja wurde natürlich zur Ordnung gerufen, aber die Meinung des jungen Arztes übte eine entscheidende Wirkung auf Gericht und Publikum aus; wie sich später herausstellte, waren alle mit ihm einverstanden. Als Doktor Herzenstube noch einmal, nunmehr in seiner Eigenschaft als Zeuge, vernommen wurde, machte er eine Aussage, die dem Angeklagten zum Vorteil gereichte. Als alter Einwohner der Stadt, der die Familie Karamasow schon lange kannte, lieferte er zunächst einiges für die »Anklage« sehr interessante Material und fügte dann wie nach einigem Nachdenken überraschend hinzu: »Und doch hätte der arme junge Mensch ein unvergleichlich besseres Schicksal haben können, denn er hatte immer ein gutes Herz, das weiß ich. Aber ein russisches Sprichwort sagt: ›Wenn jemand einen Verstand hat, so ist das gut. Doch wenn noch ein kluger Mensch zu ihm zu Besuch kommt, ist es noch besser. Dann sind zwei Verstande, und nicht bloß einer …«

»Ein Verstand ist gut, zwei sind besser«, korrigierte der Staatsanwalt ungeduldig, der die Gewohnheit des Alten kannte, langsam und weitschweifig zu sprechen, unbekümmert darum, welchen Eindruck das auf die Zuhörer machte und wie lange andere warten mußten, bis er fertig war; er selbst hielt seinen steifen, immer fröhlich-selbstzufriedenen deutschen Humor für etwas sehr Schönes.

»O ja, das sage ich ja auch«, redete er hartnäckig weiter. »Ein Verstand ist etwas Gutes, doch zwei sind weit besser. Aber zu ihm kam kein anderer, der Verstand gehabt hätte, und da ließ er denn seinen eigenen … Wie heißt das doch, was ließ er ihn gehen? Dieses Wort, was er seinen Verstand gehen ließ, das habe ich vergessen, im Deutschen nennen wir es ›spazierengehen‹.«

»Im Russischen drückt man sich so ähnlich aus.«

»Nun ja, spazierengehen, das sage ich ja. Da ging also nun sein Verstand spazieren und geriet an eine tiefe Stelle, in der er dann umkam. Dabei war er ein empfänglicher, dankbarer junger Mensch. Oh, ich erinnere mich noch, wie er ein ganz kleiner Junge war. Sein Vater hatte ihn auf den Hof verbannt, und da lief er ohne Schuhchen umher und mit Höschen, die nur an einem Knopf hingen …«

In der Stimme des alten Mannes lag ein warmes Mitgefühl und eine gewisse Rührung. Fetjukowitsch zuckte zusammen, als ob er etwas ahnte, und horchte mit größter Spannung.

»O ja, ich selbst war damals noch ein junger Mensch … Ich war damals fünfundvierzig [fünfundzwanzig?] Jahre alt, war eben erst hierhergekommen. Das Jüngelchen tat mir damals so leid, und ich fragte mich: Warum soll ich ihm nicht etwas kaufen? Das beste ist, ich kaufe ihm ein Pfund … Nun ja, ein Pfund was? Ich habe vergessen, wie man das nennt … Ein Pfund von dem, was die Kinder so gern essen, wie heißt das nur … Na, wie heißt das nur … Es wächst auf dem Baum, man sammelt es und schenkt es allen Leuten …«

»Apfel?«

»O nein! Ein Pfund, ein Pfund! Äpfel werden nach Stück verkauft, nicht pfundweise … Nein, es sind viele, und sie sind ganz klein. Man steckt sie in den Mund, und kr-r-rach …«

»Nüsse?«

»Na ja, Nüsse das sage ich doch!« stimmte der Doktor in der ruhigsten Art und Weise zu, als hätte er kein bißchen nach dem Wort gesucht. »Ich brachte ihm also ein Pfund Nüsse, denn dem Knaben hatte noch nie jemand ein Pfund Nüsse gebracht. Ich hob meinen Finger und sagte zu ihm: ›Junge, paß mal auf!‹ Und dann auf deutsch: ›Gott der Vater.‹ Er lachte wieder und stammelte: ›Gott der Sohn.‹ – ›Gott der Heilige Geist.‹ Dann ging ich weg. Zwei Tage später kam ich wieder vorbei, und er schrie mir von selbst zu: ›Onkel! Gott der Vater, Gott der Sohn!‹ Nur ›Gott der Heilige Geist‹ hatte er vergessen. Ich erinnerte ihn daran, und er tat mir wieder leid. Dann wurde er von hier fortgebracht, und ich bekam ihn nicht mehr zu sehen. Und nun waren dreiundzwanzig Jahre vergangen, und ich sitze eines Morgens in meinem Zimmer, schon mit weißem Kopf, da kommt auf einmal, ein blühender junger Mensch herein, den ich gar nicht kenne, hebt den Finger und sagt lachend: ›Gott der Vater, Gott der Sohn, Gott der Heilige Geist. Ich bin eben angekommen und eile zu Ihnen, um mich für das Pfund Nüsse zu bedanken! Mir hatte damals noch nie jemand ein Pfund Nüsse gekauft. Sie sind der einzige Mensch gewesen, der mir ein Pfund Nüsse gekauft hat!‹ Da erinnerte ich mich an meine glückliche Jugend und an den armen Knaben ohne Schuhchen auf dem Hof, und das Herz drehte sich mir um, und ich sagte: ›Du bist ein dankbarer junger Mensch! Dein ganzes Leben hindurch hast du an das Pfund Nüsse gedacht, das ich dir in deiner Kindheit geschenkt habe?‹ Und ich umarmte ihn und segnete ihn und mußte weinen. Er lachte, weinte aber auch … Denn der Russe lacht sehr oft gerade dann, wenn er weinen muß. Aber er weinte auch, das sah ich. Und jetzt, o weh, o weh!«

»Auch jetzt weine ich, Deutscher, auch jetzt weine ich!« rief Mitja von seinem Platz aus.

Dieses Geschichtchen machte auf das Publikum jedenfalls einen angenehmen Eindruck. Die größte Wirkung zu Mitjas Gunsten aber hatte Katerina Iwanownas Aussage, von der ich gleich sprechen werde. Und überhaupt, als die vom Verteidiger geladenen Zeugen begannen, da schien das Glück dem Angeklagten auf einmal wirklich zu lächeln, und was das merkwürdigste war, das kam sogar für den Verteidiger überraschend. Doch noch vor Katerina Iwanowna wurde Aljoscha vernommen; er erinnerte sich einer Tatsache, die wie ein eindeutiges Zeugnis gegen einen wichtigen Punkt der Anklage aussah.

4. Das Glück lächelt Mitja

Aljoscha wurde unvereidigt aufgerufen, und ich erinnere mich, daß ihn beide Parteien von den ersten Worten des Verhörs an außerordentlich sanft und freundlich behandelten. Man sah, daß ihm ein guter Ruf voranging. Aljoscha machte seine Aussagen in bescheidener, ruhiger Weise; trotzdem brach dabei seine warme Teilnahme für den unglücklichen Bruder durch. Er zeichnete den Charakter seines Bruders als den eines Menschen, der vielleicht zum Jähzorn neige und sich von seinen Leidenschaften hinreißen lasse, doch zugleich edel, stolz, hochherzig und sogar zu Opfern bereit sei, wenn solche von ihm gefordert würden. Er gab zu, daß sich sein Bruder in den letzten Tagen infolge seiner Leidenschaft für Gruschenka und der Rivalität mit seinem Vater in einer unerträglichen Lage befunden hatte. Aber mit Entrüstung wies er auch nur die Vermutung zurück, daß sein Bruder zu einem Raubmord fähig wäre, wenn er auch einräumte, daß diese dreitausend Rubel in Mitjas Geist beinah zu einer Art Manie geworden seien, daß er sie für sein Erbteil erachtet habe, das ihm von seinem Vater betrügerisch vorenthalten wurde, und daß er, obgleich durchaus nicht eigennützig, doch von diesen dreitausend Rubeln nicht habe reden können, ohne in Wut und Raserei zu geraten. Auf eine Frage über die Nebenbuhlerschaft der beiden »Personen«, wie sich der Staatsanwalt ausdrückte, das heißt Gruschenkas und Katjas, antwortete er ausweichend; auf eine oder zwei Fragen lehnte er die Antwort sogar ab.

»Hat Ihnen Ihr Bruder wenigstens gesagt, daß er seinen Vater töten wollte?« fragte der Staatsanwalt. »Sie können die Antwort verweigern, wenn Sie das für nötig halten«, fügte er hinzu.

»Direkt hat er es nicht gesagt«, antwortete Aljoscha.

»Wie denn? Indirekt?«

»Er hat mir gegenüber einmal von seinem persönlichen Haß auf den Vater gesprochen und gesagt, er fürchte, in einem besonders schlimmen Augenblick, in einem Augenblick des Ekels wäre er vielleicht imstande, ihn zu töten.«

»Und als Sie das hörten, haben Sie es geglaubt?«

»Ich muß zu meinem Schmerz sagen, daß ich es glaubte. Aber ich bin stets davon überzeugt gewesen, ein höheres Gefühl würde ihn in einem solchen verhängnisvollen Augenblick retten, wie es ihn ja auch tatsächlich gerettet hat – denn nicht er hat meinen Vater ermordet«, schloß Aljoscha mit fester, durch den ganzen Saal vernehmlicher Stimme.

Der Staatsanwalt zuckte zusammen wie ein Schlachtpferd, das ein Trompetensignal hört.

»Seien Sie versichert, daß ich durchaus an die Aufrichtigkeit Ihrer Überzeugung glaube und daß ich diese Ihre Überzeugung keineswegs nur als ein Produkt oder einen Ausfluß Ihrer Liebe zu ihrem unglücklichen Bruder betrachte. Ihre eigenartige Auffassung von dem ganzen tragischen Vorgang, der sich in Ihrer Familie abgespielt hat, ist uns schon aus der Voruntersuchung bekannt. Ich verhehle Ihnen nicht, daß diese Anschauung vereinzelt dasteht und allen übrigen Angaben, die der Staatsanwaltschaft gemacht worden sind, widerspricht. Und darum halte ich es für notwendig, Sie nunmehr mit allem Nachdruck zu fragen, durch welche Tatsachen Sie zu der endgültigen Überzeugung von der Unschuld Ihres Bruders und der Schuld einer anderen Person kamen, auf die Sie bei der Voruntersuchung hingewiesen haben.«

»Bei der Voruntersuchung habe ich nur auf die mir vorgelegten Fragen geantwortet«, sagte Aljoscha leise und ruhig. »Aber ich habe nicht selbst eine Beschuldigung gegen Smerdjakow ausgesprochen.«

»Aber Sie haben doch auf ihn hingewiesen?«

»Ich wies auf ihn hin auf Grund der Worte meines Bruders Dmitri. Es war mir schon vor meiner Vernehmung erzählt worden, was bei seiner Verhaftung geschehen war und wie er damals selbst auf Smerdjakow hingewiesen hatte. Ich glaube mit aller Bestimmtheit, daß mein Bruder unschuldig ist. Und wenn nicht er den Mord begangen hat … »

»So muß es Smerdjakow getan haben? Warum denn gerade Smerdjakow? Und warum sind Sie so fest von der Unschuld Ihres Bruders überzeugt?«

»Ich mußte meinem Bruder aus innerer Notwendigkeit glauben. Ich weiß, daß er mich nicht belügt. Ich habe an seinem Gesicht gesehen, daß er mich nicht belog.«

»Nur am Gesicht? Darin bestehen Ihre ganzen Beweise?«

»Andere Beweise habe ich nicht.«

»Und hinsichtlich der Schuld Smerdjakows stützen Sie sich ebenfalls auf keinen anderen Beweis als auf die Worte Ihres Bruders und den Ausdruck seines Gesichts?«

»Einen anderen Beweis habe ich in der Tat nicht.«

Damit brach der Staatsanwalt die Befragung ab. Aljoschas Antworten hatten beim Publikum große Enttäuschung hervorgerufen. Über Smerdjakow war bei uns schon vor der Gerichtsverhandlung viel geredet worden; irgend jemand hatte irgend etwas gehört, irgend jemand wies auf irgend etwas hin; von Aljoscha hieß es, er habe überaus starke Beweise zugunsten seines Bruders und für die Schuld des Dieners vorzulegen – und da brachte er nun rein gar nichts vor, keinerlei Beweise außer moralischen Überzeugungen, die bei ihm als dem Bruder des Angeklagten nur allzu natürlich waren.

Doch nun schaltete sich auch Fetjukowitsch ein. Bei der Antwort auf die Frage, wann der Angeklagte mit ihm, Aljoscha, über seinen Haß auf den Vater gesprochen und angedeutet habe, daß er ihn vielleicht einmal totschlagen würde, und was er von ihm bei ihrem letzten Zusammensein vor der Katastrophe gehört habe, fuhr Aljoscha plötzlich zusammen, als ob er sich erst jetzt an etwas erinnerte.

»Ich erinnere mich jetzt an einen Umstand, den ich beinahe ganz vergessen hatte; damals war er mir ganz unverständlich, doch jetzt …«

Und Aljoscha erzählte mit größtem Eifer, an dem man sah, daß er wirklich eben erst auf diesen Gedanken gekommen war, wie sich Mitja bei ihrem letzten Zusammensein am Abend, auf dem Weg zum Kloster, an die Brust, »an den oberen Teil der Brust«, geschlagen und mehrmals wiederholt habe, er besitze ein Mittel, um seine Ehre wiederherzustellen; dieses Mittel befinde sich hier, hier auf seiner Brust … »Ich dachte damals, er spräche von seinem Herzen«, fuhr Aljoscha fort. »Daß er in seinem Herzen die Kraft finden könnte, einer schrecklichen Schmach zu entgehen, die er nicht einmal mir zu bekennen wagte. Ich muß gestehen, ich dachte damals, er rede vom Vater und zittere wie vor einer Schmach bei dem Gedanken, zu ihm zu gehen und ihm Gewalt anzutun; und doch schien er damals auf etwas auf seiner Brust hinzuweisen, so daß mir, wie ich mich erinnere, gleich der Gedanke durch den Kopf ging, daß ja das Herz gar nicht an jener Stelle der Brust sitzt, sondern niedriger, während er sich viel höher, hier, gleich unter dem Hals an die Brust schlug und immer auf diesen Fleck deutete. Mein Gedanke kam mir damals dumm vor – aber er hat vielleicht gerade auf das Säckchen gezeigt, in dem diese fünfzehnhundert Rubel eingenäht waren?«

»Ganz richtig!« rief Mitja auf einmal. »So war es, Aljoscha! So war es! Ich schlug damals mit der Faust an das Säckchen.«

Fetjukowitsch stürzte eilig zu ihm hin, flehte ihn an, sich zu beruhigen, und krallte sich im Nu mit seinen Fragen an Aljoscha fest. Aljoscha, durch seine Erinnerung selbst ganz hingerissen, sprach mit Feuereifer seine Vermutung aus, die Schmach habe höchstwahrscheinlich darin bestanden, daß er, obgleich er die fünfzehnhundert Rubel bei sich trug und sie Katerina Iwanowna hätte zurückgeben können, sich dennoch entschlossen hatte, ihr diese Hälfte nicht zurückzugeben, sondern zu einem anderen Zweck zu verwenden, das heißt zur Entführung Gruschenkas, wenn diese damit einverstanden war …

»So war es, genauso war es!« rief Aljoscha in lebhafter Erregung. »Genau das rief mir mein Bruder damals zu! Er könne die Hälfte, die Hälfte der Schmach, er wiederholte mehrmals: die Hälfte, sofort loswerden, sei aber durch die Schwäche seines Charakters so unglücklich, daß er es nicht tun werde … Er wisse im voraus, daß er es nicht könne und nicht die Kraft habe, es zu tun!«

»Und Sie erinnern sich bestimmt, daß er sich gerade auf diese Stelle der Brust schlug?« fragte Fetjukowitsch eifrig.

»Ja, daran erinnere ich mich bestimmt. Gerade weil mir damals der Gedanke kam: Warum schlägt er denn so hoch, das Herz sitzt doch tiefer! Und weil mir dieser Gedanke damals dumm erschien … Ich erinnere mich genau, daß er mir dumm erschien … Das ist auch der Grund, weshalb ich mich erst jetzt eben daran erinnert habe! Wie habe ich das nur bisher vergessen können! Eben auf dieses Säckchen wies er hin, als wollte er sagen, er besitze zwar die Mittel, werde die fünfzehnhundert Rubel jedoch nicht zurückgeben! Und ich weiß auch, es ist mir berichtet worden: Auch bei seiner Verhaftung in Mokroje hat er ausgerufen, er halte es für die schmählichste Tat seines Lebens, daß er, obgleich er die Mittel gehabt habe, die Hälfte seiner Schuld – jawohl, die Hälfte! – an Katerina Iwanowna zurückzugeben und nicht mehr als Dieb vor ihr dazustehen, sich trotzdem nicht zur Rückgabe entschlossen und in ihren Augen lieber habe ein Dieb bleiben wollen, als sich von dem Geld trennen! Aber wie hat er sich gequält, wie hat er sich gequält wegen dieser Schuld!« rief Aljoscha am Schluß seiner Aussage.

Selbstverständlich mischte sich auch der Staatsanwalt ein. Er ersuchte Aljoscha, noch einmal zu schildern, wie sich das alles zugetragen hatte, und fragte dann mehrmals beharrlich, ob es ihm wirklich so vorgekommen sei, als ob der Angeklagte auf etwas hinwies. Vielleicht habe er sich einfach mit der Faust an die Brust geschlagen?

»Er schlug gar nicht mit der Faust«, rief Aljoscha. »Er zeigte mit den Fingern, und zwar sehr weit oben … Wie konnte ich das nur bis jetzt so völlig vergessen!«

Der Präsident wandte sich an Mitja mit der Frage, was er zu der soeben abgegebenen Aussage zu bemerken habe. Mitja bestätigte, daß alles genauso gewesen sei: Er habe wirklich auf seine fünfzehnhundert Rubel hingewiesen, die er auf der Brust getragen habe, gleich unter dem Hals. Das sei allerdings eine Schmach gewesen. »Eine Schmach, die ich nicht ableugne! Die schmählichste Handlung meines ganzen Lebens!« rief Mitja aus. »Ich hatte die Wahl, es zurückzugeben oder nicht. Ich zog es vor, in ihren Augen ein Dieb zu bleiben, und gab es nicht zurück. Die größte Schmach aber bestand darin, daß ich vorher wußte, ich würde es nicht zurückgeben! Aljoscha hat recht! Ich danke dir, Aljoscha!«

Damit war Aljoschas Vernehmung beendet. Wichtig war der Umstand, daß sich wenigstens eine Tatsache gefunden hatte, die – wenn auch nur als ganz schwacher Beweis, fast nur als Andeutung eines Beweises – doch immerhin ein wenig bezeugte, daß dieses Säckchen mit den fünfzehnhundert Rubeln darin tatsächlich existiert und daß der Angeklagte bei der Voruntersuchung in Mokroje nicht gelogen hatte. Aljoscha war froh; vor Erregung ganz rot im Gesicht, setzte er sich auf den ihm angewiesenen Platz. Noch lange sagte er sich immer wieder im stillen: ›Daß ich das vergessen hatte! Wie habe ich das nur vergessen können? Und daß es mir so plötzlich erst jetzt eingefallen ist!‹

Es begann die Vernehmung Katerina Iwanownas. Bei ihrem Erscheinen ging im Saal etwas Ungewöhnliches vor. Die Damen griffen zu ihren Lorgnetten und Operngläsern; die Männer gerieten in Bewegung, und manche standen von ihren Plätzen auf, um besser sehen zu können. Alle versicherten später, Mitja sei, als sie eintrat, auf einmal »bleich wie Leinwand« geworden. Ganz in Schwarz gekleidet, ging sie bescheiden und beinahe schüchtern zu dem ihr angewiesenen Platz. Ihrer Miene war nicht anzusehen, daß sie erregt war; doch in ihrem dunklen, finsteren Blick lag eine feste Entschlossenheit. Es muß vermerkt werden, daß später viele versicherten, sie sei in diesem Augenblick wunderschön gewesen. Sie sprach leise, aber dennoch so deutlich, daß man sie im ganzen Saal verstehen konnte. Sie drückte sich außerordentlich ruhig aus oder bemühte sich wenigstens, ruhig zu sein. Der Präsident stellte seine Fragen vorsichtig und außerordentlich respektvoll, als scheute er sich, »gewisse Saiten« zu berühren. Doch Katerina Iwanowna erklärte gleich auf eine der ersten ihr vorgelegten Fragen selbst mit aller Entschiedenheit, sie sei die verlobte Braut des Angeklagten gewesen, »so lange, bis er selbst mich verlassen hat …«. Nach den dreitausend Rubeln befragt, die sie Mitja zur Übersendung an ihre Verwandten anvertraut hatte, antwortete sie mit fester Stimme: »Ich habe sie ihm nicht direkt für die Post gegeben. Ich ahnte damals, daß er dringend Geld brauchte … Ich gab ihm diese dreitausend Rubel, damit er sie, wenn er wollte, etwa innerhalb eines Monats absandte … Ohne Grund hat er sich später wegen dieses Geldes so gequält.«

Ich werde nicht alle Fragen und Antworten genau wiedergeben, sondern nur den wesentlichen Sinn ihrer Aussagen.

»Ich war fest davon überzeugt, daß er immer noch Zeit finden würde, die dreitausend Rubel abzusenden«, fuhr sie auf die ihr vorgelegten Fragen fort, »sobald er von seinem Vater Geld erhalten hätte. Ich war immer von seiner Uneigennützigkeit und Ehrenhaftigkeit überzeugt … Er war sich dessen sicher, daß er von seinem Vater dreitausend Rubel erhalten würde; er hat mir gegenüber mehrmals davon gesprochen. Ich wußte, daß er mit seinem Vater Streit hatte, und glaubte und glaube auch heute noch, daß er von seinem Vater übervorteilt worden war. Ich erinnere mich nicht an irgendwelche Drohungen gegen seinen Vater. In meiner Gegenwart wenigstens hat er niemals solche Drohungen ausgestoßen. Wäre er damals zu mir gekommen, hätte ich seine Unruhe wegen dieser unseligen dreitausend Rubel sofort beschwichtigt, aber er kam nicht mehr zu mir … Ich selbst aber … Ich war in so eine Lage gekommen, daß es mir nicht möglich war, ihn zu mir zu bitten … Und ich hatte auch gar kein Recht, die Rückzahlung dieser Schuld ungeduldig von ihm zu verlangen!« fügte sie plötzlich hinzu, und ihrer Stimme war eine feste Entschlossenheit anzuhören. »Denn er hat mir selbst einmal eine weit höhere finanzielle Gefälligkeit erwiesen, und ich habe sie angenommen, obwohl ich damals noch nicht absehen konnte, ob ich jemals imstande sein würde, ihm meine Schuld zurückzuzahlen …«

Im Tonfall ihrer Stimme schien etwas Herausforderndes zu liegen. In diesem Augenblick ging die Aufgabe, Fragen zu stellen, an Fetjukowitsch über.

»Das war wohl schon zu Beginn Ihrer Bekanntschaft, noch ehe Sie hierherzogen?« nahm Fetjukowitsch vorsichtig tastend das Wort; er ahnte sofort etwas Günstiges. Ich muß an dieser Stelle eine Zwischenbemerkung einfügen. Obgleich er von Katerina Iwanowna selbst aus Petersburg hergebeten worden war, wußte er dennoch nichts von dem Vorgang mit den fünftausend Rubeln, die Mitja ihr einst gegeben hatte – also auch nichts von der tiefen Verbeugung. Sie hatte es vor ihm geheimgehalten; das war erstaunlich. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß sie selbst bis zum letzten Augenblick nicht gewußt hatte, ob sie davon vor Gericht erzählen würde oder nicht.

Ich werde diese Augenblicke niemals vergessen! Sie erzählte alles, diesen ganzen Vorgang, den Mitja seinem Bruder Aljoscha berichtet hatte, auch von der tiefen Verbeugung, auch von den Ursachen, auch von der Notlage ihres Vaters, auch von ihrem Besuch bei Mitja – doch mit keinem Wort, mit keiner Andeutung erwähnte sie, daß Mitja durch ihre Schwester selbst den Vorschlag gemacht hatte, sie möchten Katerina Iwanowna zu ihm schicken, um das Geld abzuholen. Das verheimlichte sie großmütig, und sie schämte sich nicht, es so darzustellen, als sei sie damals aus eigenem Antrieb zu dem jungen Offizier gegangen, um ihn in der Hoffnung auf Hilfe um Geld zu bitten. Diese Erzählung hatte etwas Erschütterndes. Ein kaltes Zittern überlief mich beim Zuhören; der Saal war totenstill und fing jedes Wort auf. Was man da hörte, war ohne Beispiel. Selbst von einem selbstbewußten und hochmütig-stolzen Mädchen wie ihr hatte man so eine erstaunliche offenherzige Aussage, ein solches Opfer, eine solche Selbstvernichtung unmöglich erwarten können. Und wozu? Für wen? Um den zu retten, der ihr treulos geworden war und sie tief gekränkt hatte, um wenigstens eine Kleinigkeit zu seiner Rettung beizutragen, indem sie eine Tat von ihm erzählte, die einen guten Eindruck machte! Und wirklich: das Bild eines Offiziers, der alles, was ihm im Leben geblieben ist, seine letzten fünftausend Rubel, hingibt und sich ehrerbietig vor einem unschuldigen Mädchen verneigt, dieses Bild wirkte sehr sympathisch und anziehend, aber … Mein Herz zog sich schmerzlich zusammen. Ich hatte das Gefühl, daß daraus später eine arge Verleumdung entstehen würde – und die ist dann auch entstanden. Mit boshaftem Lachen erzählte man später in der ganzen Stadt, die Erzählung sei vielleicht nicht ganz genau, nämlich an der Stelle, wo der Offizier das junge Mädchen angeblich nur mit einer respektvollen Verbeugung entlassen habe. Man deutete an, hier sei womöglich etwas ausgelassen. »Doch auch wenn nichts ausgelassen wäre, wenn sich alles wirklich so zugetragen hätte«, sagten sogar unsere geachtetsten Damen, »bliebe dahingestellt, ob das für ein junges Mädchen eine anständige Handlungsweise war, selbst wenn es sich um die Rettung des Vaters handelte.« Hatte Katerina Iwanowna bei ihrem Verstand, bei ihrem ungewöhnlichen Scharfblick etwa wirklich nicht vorhergesehen, daß die Leute so reden würden? Unzweifelhaft hatte sie es vorhergesehen und sich trotzdem entschlossen, alles zu sagen … Selbstverständlich tauchten alle diese unsauberen Zweifel an der Wahrheit ihrer Erzählung erst später auf; im ersten Augenblick waren alle erschüttert. Die Mitglieder des Gerichtes hörten Katerina Iwanowna mit ehrerbietigem, ja fast verschämtem Schweigen zu. Der Staatsanwalt erlaubte sich keine einzige weitere Frage über diesen Gegenstand. Fetjukowitsch machte ihr eine tiefe Verbeugung. Oh, er triumphierte beinahe. Viel war gewonnen: Ein Mensch, der in einem edlen Gefühl seine letzten fünftausend Rubel hingibt und dann derselbe Mensch, der seinen Vater bei Nacht ermordet, um ihm dreitausend Rubel zu rauben: das war denn doch unvereinbar. Wenigstens die Anklage wegen Raubes konnte Fetjukowitsch jetzt als erledigt betrachten. Ein ganz neues Licht hatte sich auf einmal über den »Fall« ergossen; eine gewisse Sympathie für Mitja regte sich. Er jedoch … Von ihm erzählte man, er sei während Katerina Iwanownas Aussage ein- oder zweimal von seinem Platz aufgesprungen, habe sich dann wieder auf die Bank zurücksinken lassen und das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Als sie geendet hatte, rief er plötzlich, die Arme nach ihr ausstreckend: »Katja, warum hast du mich zugrunde gerichtet?«

Er schluchzte so laut, daß es durch den ganzen Saal zu hören war. Allerdings gewann er sehr schnell die Herrschaft über sich zurück und rief wieder: »Jetzt bin ich verurteilt!«

Dann aber biß er die Zähne zusammen, kreuzte die Arme über der Brust und schien in dieser Stellung auf seinem Platz zu erstarren. Katerina Iwanowna blieb im Saal und setzte sich auf den ihr angewiesenen Stuhl; sie war blaß und saß mit gesenktem Kopf da. Diejenigen, die sich in ihrer Nähe befanden, erzählten später, sie habe noch lange Zeit wie im Fieber gezittert.

Nach ihr erschien Gruschenka, um vernommen zu werden.

Ich nähere mich jetzt der Katastrophe, die plötzlich hereinbrach und Mitja vielleicht tatsächlich zugrunde richtete. Denn ich bin überzeugt, und das sagten nachher auch alle anderen, auch alle Juristen. Wäre dieser Vorfall nicht eingetreten, hätte man dem Verbrecher mindestens mildernde Umstände zugebilligt. Aber davon gleich; zuvor nur noch einige Worte über Gruschenka. Sie erschien im Saal ebenfalls ganz in Schwarz, mit ihrem schönen schwarzen Schal um die Schultern. Mit ihrem leichten, unhörbaren Gang, sich ein wenig hin und her wiegend, wie etwas volle Frauen manchmal gehen, näherte sie sich der Balustrade, wobei sie unverwandt zum Präsidenten und nicht einen Moment nach rechts oder links schaute. Meiner Ansicht nach war sie in diesem Augenblick sehr schön und durchaus nicht blaß, wie später die Damen behaupteten. Sie behaupteten auch, sie habe ein verschlossenes, böses Gesicht gemacht. Ich glaube nur, daß sie in gereizter Stimmung war und die auf sie gerichteten verächtlichen, neugierigen Blicke unseres skandalsüchtigen Publikums als peinlich empfand. Sie war ein stolzer Charakter, der keine Verachtung ertrug und sogleich in Zorn und Rachsucht verfiel, sobald er nur von irgendeiner Seite Verachtung argwöhnte. Mit diesen Gefühlen vereinigte sich allerdings auch Schüchternheit und eine innere Scham über diese Schüchternheit, so daß es nicht zu verwundern war, wenn sich ihre Redeweise verschieden ausnahm: Bald war sie zornig, bald verächtlich und absichtlich grob, bald schwang wieder ein aufrichtiger, herzlicher Ton der Selbstanklage mit. Manchmal redete sie so, als ob sie sich in

einen Abgrund stürzte und dabei dachte: ›Einerlei, mag kommen, was da will – ich werde es trotzdem sagen!‹ Über ihre Bekanntschaft mit Fjodor Pawlowitsch bemerkte sie in scharfem Ton: »Das ist alles nur dummes Zeug! Was kann ich denn dafür, daß er sich in mich vernarrt hatte!« Doch einen Augenblick darauf fügte sie hinzu: »Ich bin an allem schuld. Ich habe mich über sie beide lustig gemacht, über den Alten und über den da, und habe sie beide ins Unglück gebracht. Um meinetwillen ist alles geschehen.« Irgendwie kam die Rede auch auf Samsonow. »Wen geht das etwas an?« sagte sie sogleich bissig und herausfordernd. »Er war mein Wohltäter, er hat sich meiner angenommen, als meine Angehörigen mich ohne Strümpfe und Schuhe aus dem Haus trieben!« Der Präsident machte sie, übrigens in sehr höflicher Form, darauf aufmerksam, sie möchte nur auf die Fragen antworten, ohne sich in überflüssigen Einzelheiten zu ergehen. Gruschenka errötete, und ihre Augen funkelten.

Das Kuvert mit dem Geld hatte sie nicht gesehen; sie hatte nur von dem »Missetäter« gehört, daß bei Fjodor Pawlowitsch ein Kuvert mit dreitausend Rubeln bereitliege. »Aber das sind alles Dummheiten. Ich habe darüber gelacht und wäre um keinen Preis hingegangen.«

»Wen meinten Sie eben, als Sie von dem ›Missetäter‹ sprachen?« erkundigte sich der Staatsanwalt.

»Den Diener. Diesen Smerdjakow, der seinen Herrn ermordet und sich gestern aufgehängt hat.«

Natürlich fragte man sie sofort, welche Gründe sie für eine so entschiedene Beschuldigung habe; es stellte sich jedoch heraus, daß auch sie keine anzuführen wußte.

»Das hat mir Dmitri Fjodorowitsch gesagt, und ihm können Sie glauben. Eine Person, die es darauf anlegte, Zwietracht zu stiften, hat ihn zugrunde gerichtet. So steht die Sache … Sie allein ist an allem schuld!« fügte sie, am ganzen Körper vor Haß zitternd, hinzu, und ihre Stimme hatte einen boshaften Klang.

Man erkundigte sich, wer nun wieder damit gemeint sei.

»Das Fräulein da, diese Katerina Iwanowna! Sie lud mich damals zu sich ein, setzte mir Schokolade vor und wollte mich durch Liebenswürdigkeit gewinnen. Sie besitzt kein wahres Schamgefühl, so steht die Sache …«

Hier unterbrach sie der Präsident, und zwar nunmehr in strengem Ton, und ersuchte sie, sich in ihren Ausdrücken zu mäßigen. Aber ihr eifersüchtiges Herz stand schon in Flammen; sie war bereit, sich in den Abgrund zu stürzen.

»Bei der Verhaftung in dem Dorf Mokroje«, erinnerte sie der Staatsanwalt, um dann eine Frage daran anzuknüpfen, »haben alle gesehen und gehört, wie Sie aus dem anderen Zimmer hereinkamen und riefen: ›Ich bin an allem schuld, ich will mit zur Zwangsarbeit gehen!‹ Also waren auch Sie bereits in jenem Augenblick überzeugt, daß er der Mörder seines Vaters war?«

»Ich erinnere mich nicht an meine damaligen Gefühle«, antwortete Gruschenka. »Alle schrien damals, er habe seinen Vater totgeschlagen, und da sagte ich mir, daß ich schuld sei und er ihn um meinetwillen totgeschlagen habe. Doch als er erklärte, daß er unschuldig sei, habe ich es ihm sofort geglaubt. Und ich glaube es auch jetzt und werde es immer glauben! Lügen widerspricht seinem ganzen Wesen.«

Nun war Fetjukowitsch an der Reihe, sie zu fragen. Er fragte sie, wie ich mich erinnere, unter anderem nach Rakitin und den fünfundzwanzig Rubeln Belohnung, falls er Alexej Fjodorowitsch Karamasow zu ihr brachte.

»Was ist denn erstaunlich daran, daß er das Geld nahm?« antwortete Gruschenka mit einem verächtlichen, boshaften Lächeln. »Er ist ja ständig zu mir gekommen und hat um Geld gebettelt. Manchen Monat hat er dreißig Rubel ergattert, die er meist für unnütze Dinge ausgab. Zu essen und zu trinken hatte er auch ohne meine Beihilfe.«

»Aus welchem Grund waren Sie denn so freigebig gegen Herrn Rakitin?« fragte Fetjukowitsch weiter, obwohl sich der Präsident auf seinem Sitz unruhig hin und her bewegte.

»Er ist doch mein Vetter. Meine Mutter und seine Mutter sind Schwestern. Er hat mich nur immer dringend gebeten, niemandem etwas davon zu sagen. Er schämte sich meiner wohl zu sehr.«

Diese neue Tatsache war für alle eine Überraschung; bis dahin hatte in der ganzen Stadt, selbst im Kloster, niemand etwas davon gewußt, nicht einmal Mitja. Es wurde erzählt, Rakitin sei auf seinem Stuhl dunkelrot geworden. Gruschenka hatte noch vor ihrem Eintritt in den Saal irgendwie erfahren, daß er gegen Mitja ausgesagt hatte, und war daher wütend auf ihn geworden. Rakitins vorangegangene Rede mit all ihrer edlen Gesinnung und all ihren Tiraden über die Leibeigenschaft und die soziale Unordnung Rußlands war in der allgemeinen Meinung vorerst endgültig abgetan und erledigt. Fetjukowitsch war zufrieden; wieder hatte ihm Gott eine unerwartete Gabe gesandt. Gruschenka wurde nicht sehr lange vernommen; allerdings konnte sie auch nichts besonders Neues mitteilen. Im Publikum hinterließ sie einen sehr ungünstigen Eindruck. Hunderte von verächtlichen Blicken richteten sich auf sie, als sie nach ihrer Aussage ziemlich weit von Katerina Iwanowna entfernt im Saal Platz nahm. Die ganze Zeit, während sie befragt wurde, hatte Mitja stumm und wie versteinert dagesessen und auf den Boden gestarrt.

Nun erschien als Zeuge Iwan Fjodorowitsch.

5. Die plötzliche Katastrophe

Er sollte eigentlich schon vor Aljoscha aufgerufen werden. Aber der Gerichtsinspektor hatte dem Präsidenten gemeldet, der Zeuge könne infolge eines plötzlichen Anfalls von Unwohlsein im Augenblick nicht erscheinen; sobald er sich erholt habe, werde er seine Aussagen machen, wann es dem Gericht beliebe. Das hatte merkwürdigerweise niemand gehört, und man erfuhr es erst später. Sein Erscheinen wurde im ersten Moment kaum bemerkt; die Hauptzeugen, besonders die beiden Nebenbuhlerinnen, waren schon vernommen worden, und die Neugier war vorläufig befriedigt. Beim Publikum machte sich sogar eine gewisse Ermüdung bemerkbar. Es waren noch einige Zeugen anzuhören, die in Anbetracht dessen, was bereits bekannt war, wahrscheinlich nichts Besonderes mehr mitteilen konnten, und die Zeit war schon stark vorgerückt. Iwan Fjodorowitsch trat mit einer seltsamen Langsamkeit näher, ohne jemanden anzusehen; er hielt sogar den Kopf gesenkt, als sei er in finsterem Nachdenken über etwas begriffen. Gekleidet war er tadellos, doch sein Gesicht machte einen kranken Eindruck, wenigstens auf mich; es war, als ob ihm schon der Tod sein Zeichen aufgedrückt hätte: Es erinnerte an das Gesicht eines Sterbenden. Seine Augen waren trübe; als er sie aufhob und langsam durch den Saal wandern ließ, sprang Aljoscha plötzlich laut stöhnend von seinem Stuhl auf. Auch dies bemerkte so gut wie niemand, aber ich erinnere mich daran.

Der Präsident begann mit dem Hinweis darauf, daß er ein unvereidigter Zeuge sei. Er könne also aussagen oder schweigen, doch müsse er in allem, was er aussage, natürlich gewissenhaft bei der Wahrheit bleiben, und so weiter und so fort. Iwan Fjodorowitsch hörte zu und sah ihn mit trübem Blick an. Auf einmal verzog sich sein Gesicht langsam zu einem Lächeln, und kaum hatte der Präsident aufgehört zu reden, als er plötzlich loslachte.

»Nun, und was noch?« fragte er laut.

Alles im Saal wurde still, man schien etwas zu ahnen. Der Präsident wurde unruhig.

»Sie … Sie sind vielleicht noch nicht ganz gesund?« sagte er und suchte mit den Augen nach dem Gerichtsinspektor.

»Beunruhigen Sie sich nicht, Exzellenz. Ich bin hinreichend gesund und kann Ihnen etwas Interessantes erzählen«, antwortete Iwan Fjodorowitsch auf einmal ganz ruhig und respektvoll.

»Haben Sie uns irgendeine besondere Mitteilung zu machen?« fuhr der Präsident, noch immer mißtrauisch, fort.

Iwan ließ den Kopf sinken, zögerte einige Sekunden und antwortete dann, indem er den Kopf wieder hob, stockend und stotternd: »Nein, das nicht … Ich habe nichts Besonderes.«

Man legte ihm Fragen vor. Er antwortete offensichtlich ungern, absichtlich kurz, mit einem gewissen Widerwillen, der mehr und mehr wuchs, obwohl seine Antworten doch vernünftig klangen. Auf viele Fragen erwiderte er, er wisse nichts davon. Von den Abrechnungen des Vaters mit Dmitri Fjodorowitsch wußte er nichts. »Ich habe mich darum nicht gekümmert«, sagte er. Drohungen, den Vater totzuschlagen, hatte er von dem Angeklagten gehört. Von dem Geld in dem Kuvert hatte er durch Smerdjakow erfahren …

»Immer ein und dasselbe«, unterbrach er sich plötzlich mit müde aussehender Miene. »Ich kann dem Gericht nichts Besonderes mitteilen.«

»Ich sehe, daß Sie sich nicht wohl fühlen, und verstehe ihre Gefühle …«, sagte der Präsident und wandte sich dann mit der Aufforderung an den Staatsanwalt und den Verteidiger, dem Zeugen Fragen vorzulegen, wenn sie es für nötig hielten. Plötzlich bat Iwan Fjodorowitsch mit ganz erschöpfter Stimme: »Entlassen Sie mich, Exzellenz. Ich fühle mich sehr unwohl.«

Nach diesen Worten drehte er sich um, ohne eine Erlaubnis abzuwarten, und schickte sich an, den Saal zu verlassen. Doch als er vier Schritte gegangen war, blieb er stehen, als hätte er sich plötzlich etwas überlegt, lächelte leise und kehrte wieder auf seinen Platz zurück.

»Exzellenz, ich bin wie das bewußte Bauernmädchen … Sie kennen wohl die Geschichte … Man hält ihr das Brautkleid hin, damit sie es anzieht und zur Trauung fährt, sie aber sagt: ›Wenn ich will, ziehe ich es nicht an.‹ Das ist wohl ein besonderer Zug unseres Volkscharakters …«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Präsident streng.

»Sehen Sie«, sagte Iwan Fjodorowitsch und zog ein Päckchen Banknoten hervor. »Hier ist das Geld … Dasselbe Geld, das in jenem Kuvert da steckte …« Er deutete mit dem Kopf nach dem Tisch mit den Beweisstücken. »Das Geld, dessentwegen mein Vater ermordet worden ist. Wohin soll ich es legen? Herr Gerichtsinspektor, übergeben Sie es!«

Der Gerichtsinspektor nahm das Päckchen in Empfang und übergab es dem Präsidenten.

»Auf welche Weise ist dieses Geld in Ihre Hände gelangt – wenn es wirklich dasselbe Geld ist?« fragte der Präsident erstaunt.

»Ich habe es von Smerdjakow erhalten, von dem Mörder, gestern … Ich war bei ihm, bevor er sich erhängte. Er ist es gewesen, der meinen Vater ermordet hat, nicht mein Bruder. Er hat ihn ermordet, und ich habe ihn zu dem Mord angestiftet … Wer wünscht nicht den Tod seines Vaters? …«

»Sind Sie bei Verstand oder nicht?« entfuhr es dem Präsidenten unwillkürlich.

»Das ist es ja eben, daß ich bei Verstand bin … und zwar bei hundsgemeinem Verstand, genauso einem, wie Sie ihn haben und alle diese Menschen mit den ekligen Fratzen!« Bei den letzten Worten wandte er sich auf einmal ans Publikum. »Da haben sie nun ihren Vater getötet, stellen sich aber, als ob sie darüber entsetzt wären«, rief er mit zorniger Verachtung. »Sie spielen voreinander Komödie. Die Lügner! Alle wünschen den Tod ihres Vaters. Ein Reptil frißt das andere auf … Wenn es keinen Vatermord gäbe, würden sie alle in Zorn geraten und ärgerlich auseinandergehen … Ist das ein Schauspiel! ›Brot und Spiele!‹ Übrigens bin ich ja auch ein netter Kerl! Wenn Sie hier Wasser haben, geben Sie mir um Christi willen etwas zu trinken!« Er faßte sich an den Kopf.

Der Gerichtsinspektor trat sofort zu ihm. Aljoscha sprang plötzlich auf und rief: »Er ist krank, glauben Sie ihm nicht! Er hat Nervenfieber!« Katerina Iwanowna hatte sich hastig von ihrem Stuhl erhoben und blickte Iwan Fjodorowitsch starr vor Schreck an. Auch Mitja war aufgestanden, sah seinen Bruder mit einem verzerrten Lächeln an und hörte gespannt zu, was er sagte.

»Beruhigen Sie sich. Ich bin nicht verrückt, ich bin nur ein Mörder!« begann Iwan von neuem. »Von einem Mörder kann man keine kunstvolle Ausdrucksweise verlangen …«, fügte er hinzu und lächelte mit schiefem Mund.

Der Staatsanwalt beugte sich sichtlich erregt zu dem Präsidenten hinüber. Die Mitglieder des Gerichtes flüsterten geschäftig untereinander. Fetjukowitsch hatte die Ohren gespitzt und horchte auf jedes Wort des Zeugen. Im Saal herrschte erwartungsvolle Totenstille. Der Präsident schien seine Fassung auf einmal wiedergewonnen zu haben.

»Zeuge, Ihre Worte sind unverständlich und in dieser Form nicht statthaft. Beruhigen Sie sich, wenn Sie es können, und erzählen Sie, sofern Sie wirklich etwas mitzuteilen haben. Wodurch können Sie dieses Geständnis glaubhaft machen … Wenn Sie nicht überhaupt im Fieber reden?«

»Das ist es ja eben, daß ich keine Zeugen habe. Der Hund Smerdjakow wird Ihnen aus dem Jenseits kaum eine Aussage schicken – in einem Kuvert. Sie wollen immer Kuverts haben, aber eins reicht ja wohl … Ich habe keine Zeugen … Außer … Höchstens einen«, fügte er nachdenklich lächelnd hinzu.

»Wer ist dieser Zeuge?«

»Er hat einen Schwanz, Exzellenz. Sein Äußeres ist nicht sehr salonfähig! Le diable n’existe point! Beachten Sie ihn nicht weiter, er ist ein jämmerlicher, unbedeutender Teufel«, fügte er gewissermaßen vertraulich hinzu und hörte auf zu lachen. »Er ist sicher hier irgendwie anwesend, vielleicht da unter dem Tisch mit den Beweisstücken, wo anders sollte er denn auch sitzen? Sehen Sie, ich habe zu ihm gesagt: ›Ich will nicht schweigen!‹ Aber er redet von der geologischen Umwälzung … Dummheiten! Na, dann lassen Sie den Unmenschen frei … Er hat eine Hymne angestimmt, das hat er deswegen getan, weil ihm leicht ums Herz ist! Es ist ganz egal, daß die betrunkene Kanaille grölt: ›Ach, mein Wanka ging nach Piter …‹ Ich würde für zwei Sekunden Freude eine Quadrillion Quadrillionen hingeben … Sie kennen mich nicht! Oh, wie dumm das alles bei Ihnen ist! Na, nehmen Sie mich doch fest an seiner Stelle! Ich muß doch zu irgendeinem Zweck hier hergekommen sein … Warum ist bloß alles, was es gibt, so dumm?«

Er sah sich wieder langsam und offenbar nachdenklich im Saal um. Alles war in Aufregung geraten. Aljoscha wollte zu ihm stürzen, doch der Gerichtsinspektor hatte Iwan Fjodorowitsch schon am Arm gefaßt.

»Was soll denn das wieder bedeuten?« schrie dieser, packte ihn plötzlich bei den Schultern und schlug ihn wütend zu Boden.

Schon eilte die Wache herbei und ergriff ihn; er stieß ein wütendes Gebrüll aus. Und die ganze Zeit, während er hinausgetragen wurde, brüllte und schrie er unzusammenhängende Worte.

Ein wildes Durcheinander trat ein. Ich erinnere mich nicht an alles der Reihe nach; ich war selbst aufgeregt und nicht imstande, alle Vorgänge zu verfolgen. Ich weiß nur, daß der Gerichtsinspektor später, als sich schon alles beruhigt hatte und alle wußten, worum es sich handelte, einen Verweis erhielt, obgleich er seinem Vorgesetzten mit triftiger Begründung seine Schuldlosigkeit darlegte: Der Zeuge sei die ganze Zeit gesund gewesen, der Arzt habe zwar seinen leichten Schwindelanfall vor einer Stunde gesehen, doch habe er bis zum Eintritt in den Saal ganz vernünftig gesprochen, so daß nichts Ungehöriges vorherzusehen war – im Gegenteil, er selbst habe unter allen Umständen seine Aussage machen wollen und darauf bestanden. Bevor man sich auch nur einigermaßen beruhigt hatte, spielte sich gleich nach dieser Szene noch eine andere ab: Katerina Iwanowna bekam einen hysterischen Anfall. Sie kreischte und schluchzte laut, wollte aber nicht hinausgehen, sie riß sich von allen los, die sich um sie bemühten, und schrie auf einmal dem Präsidenten zu: »Ich muß noch eine Mitteilung machen, sofort! Hier ist ein Schriftstück, ein Brief … Nehmen Sie ihn, lesen Sie ihn, schnell! Es ist ein Brief von diesem Unmenschen hier!« Sie zeigte auf Mitja. »Er, er hat seinen Vater ermordet, Sie werden es gleich sehen! Er schreibt mir, wie er seinen Vater ermorden will … Der andere ist krank, er hat Nervenfieber! Ich habe schon seit drei Tagen gesehen, daß er Nervenfieber hat!«

So schrie sie ganz außer sich. Der Gerichtsinspektor nahm das Schriftstück, das sie dem Präsidenten hinhielt. Sie sank auf ihren Stuhl, bedeckte das Gesicht mit den Händen und begann krampfhaft und lautlos zu schluchzen; ihr ganzer Körper wurde erschüttert, sie unterdrückte jedoch auch das leiseste Stöhnen aus Furcht, daß man sie aus dem Saal entfernen könnte. Das Schriftstück, das sie übergeben hatte, war Mitjas Brief aus dem Restaurant »Zur Residenz«, den Iwan Fjodorowitsch ein Dokument von mathematischer Beweiskraft genannt hatte. Leider erkannte man ihm diese mathematische Beweiskraft dann auch zu; hätte es diesen Brief nicht gegeben, wäre Mitja vielleicht nicht zugrunde gegangen – oder wenigstens nicht auf so furchtbare Weise! Ich wiederhole, es war schwer, die Einzelheiten zu verfolgen. Auch jetzt in der Erinnerung erscheint mir alles als ein schrecklicher Wirrwarr. Höchstwahrscheinlich gab der Präsident das neue Beweisstück sogleich dem Gerichtshof, dem Staatsanwalt, dem Verteidiger und den Geschworenen zur Kenntnis.

Ich erinnere mich nur, wie man die Zeugin zu befragen begann. Auf die in mildem Ton gestellte Frage des Präsidenten, ob sie sich beruhigt habe, antwortete Katerina Iwanowna eifrig: »Ich bin bereit, ich bin bereit! Ich bin vollständig imstande, Ihnen zu antworten«, fügte sie hinzu; sie fürchtete offenbar noch immer, man würde sie aus irgendwelchen Gründen nicht anhören.

Man ersuchte sie, eingehender zu erläutern, was das für ein Brief sei und unter welchen Umständen sie ihn empfangen habe.

»Ich erhielt ihn einen Tag vor dem Verbrechen. Im Restaurant hat er ihn aber noch einen Tag früher geschrieben, also zwei Tage vor dem Verbrechen – sehen Sie, hier, auf einer Rechnung!« rief sie, mühsam atmend. »Er haßte mich damals, weil er selbst gemein handelte und dieser Kreatur nachlief … Und dann auch noch, weil er mir diese dreitausend Rubel schuldete … Oh, diese dreitausend Rubel waren ihm peinlich, weil sich damit der Gedanke an sein unwürdiges Benehmen verband. Mit diesen dreitausend Rubeln verhielt es sich so – ich bitte Sie, ich flehe Sie an, mich anzuhören! Vier Wochen, bevor er seinen Vater ermordete, kam er eines Morgens zu mir. Ich wußte, daß er Geld brauchte, und wußte auch, wozu – nämlich um diese Kreatur zu gewinnen und sie mit sich zu nehmen. Ich wußte damals schon, daß er mir untreu geworden war und sich von mir losmachen wollte, und ich selbst bot ihm damals dieses Geld an, angeblich, damit er es meiner Schwester nach Moskau schickte – ich sah ihm ins Gesicht und sagte, er könne es abschicken, wann er wolle, meinetwegen erst in einem Monat. Nun, wie hätte er nicht begreifen sollen, daß ich ihm damit geradezu ins Gesicht sagte: ›Du brauchst Geld, um mich mit deiner Kreatur zu betrügen – bitte, da hast du Geld! Ich selbst gebe es dir. Nimm es, wenn du so ehrlos bist, das fertigzubringen!‹ Ich wollte ihn überführen, und was geschah? Er nahm das Geld, nahm es mit und vergeudete es mit dieser Kreatur in einer einzigen Nacht … Aber er hatte gemerkt, daß ich alles durchschaute. Ich versichere Sie, er hatte auch gemerkt, daß ich ihn durch die Überreichung des Geldes nur auf die Probe stellen wollte, ob er so ehrlos sein würde, es von mir anzunehmen oder nicht. Ich hatte ihm in die Augen gesehen und er mir, und er hatte alles begriffen – und er nahm mein Geld trotzdem!«

»Das ist die Wahrheit, Katja!« rief Mitja plötzlich. »Ich sah dir in die Augen, begriff, daß du mich entehrst, und nahm dein Geld dennoch! Verachtet mich Schuft, verachtet mich alle, ich habe es verdient!«

»Angeklagter!« rief der Präsident. »Noch ein Wort, und ich lasse Sie hinausbringen.«

»Dieses Geld quälte ihn«, fuhr Katja in krampfhafter Eile fort, »er wollte es mir zurückgeben, das ist wahr. Aber er brauchte eben auch Geld für diese Kreatur. Und daher hat er seinen Vater ermordet. Das Geld hat er mir aber trotzdem nicht zurückgegeben, sondern ist mit ihr in jenes Dorf gefahren, wo er festgenommen wurde. Da hat er das Geld wieder verjubelt, das er seinem Vater gestohlen hatte. Und zwei Tage bevor er seinen Vater ermordete, schrieb er mir diesen Brief. Er schrieb ihn in der Trunkenheit, das sah ich gleich, er schrieb ihn aus Wut, und er wußte bestimmt, daß ich diesen Brief niemandem zeigen würde, selbst wenn er den Mord beging. Sonst hätte er ihn nicht geschrieben! Er wußte, daß ich nicht den Wunsch hatte, mich an ihm zu rächen und ihn zugrunde zu richten … Lesen Sie den Brief, lesen Sie ihn aufmerksam, bitte, und Sie werden sehen, daß er alles im voraus beschrieben hat: wie er den Vater ermorden wollte und wo dieser das Geld liegen hatte. Sehen Sie bitte, da ist ein Satz: ›Ich werde ihn totschlagen, sobald Iwan abgereist ist.‹ Also hatte er schon im voraus überlegt, wie er den Mord begehen würde«, sagte Katerina Iwanowna schadenfroh und boshaft, um dem Gericht das Verständnis zu erleichtern. Oh, es war klar, daß sie sich bis in alle Einzelheiten in diesen verhängnisvollen Brief hineingelesen und jeden kleinen Zug in ihm studiert hatte. »Wäre er nicht betrunken gewesen, hätte er mir den Brief nicht geschrieben. Sehen Sie nur, da ist alles im voraus geschildert, ganz genau, so wie er den Mord nachher ausgeführt hat, das ganze Programm!«

So rief sie ganz außer sich; offenbar kümmerte es sie jetzt gar nicht mehr, welche Folgen das für sie haben konnte, obgleich sie diese wohl schon vor einem Monat vorhergesehen hatte, denn schon damals hatte sie überlegt, ob sie den Brief vor Gericht vorlesen solle. Ich erinnere mich, daß der Brief sofort vom Sekretär laut verlesen wurde und einen erschütternden Eindruck machte. Man wandte sich an Mitja mit der Frage, ob er diesen Brief anerkenne.

»Ja, er stammt von mit, er stammt von mir!« rief Mitja. »Wäre ich nicht betrunken gewesen, hätte ich ihn nicht geschrieben … Wir haben uns aus vielen Gründen gehaßt, Katja, doch das eine schwöre ich dir: Ich habe dich geliebt, auch wenn ich dich haßte – aber du mich nicht!«

Er fiel auf seinen Platz zurück und rang verzweifelt die Hände. Der Staatsanwalt und der Verteidiger veranstalteten mit Katerina Iwanowna ein Kreuzverhör, besonders in dieser Richtung: »Was hat Sie vorhin veranlaßt, dieses Beweisstück zu verheimlichen und in ganz anderem Sinn auszusagen?«

»Ja, ich habe vorhin gelogen, gegen Ehre und Gewissen, aber ich wollte ihn retten, weil er mich so haßte und so verachtete!« rief Katja wie außer sich. »Oh, er hat mich immer verachtet, wissen Sie, von dem Augenblick an, als ich ihm seinerzeit zum Dank für dieses Geld zu Füßen fiel. Ich habe das eingesehen … Ich fühlte es damals gleich, doch lange Zeit wollte ich mir selbst nicht glauben. Wie oft habe ich in seinen Augen gelesen: ›Du bist doch damals selbst zu mir gekommen!‹ Oh, er begriff ganz und gar nicht, warum ich zu ihm gelaufen war, er sucht hinter allem nur Gemeinheiten! Er mißt alles nach sich selbst, er denkt, alle Menschen sind von derselben Art wie er! Und heiraten wollte er mich nur deshalb, weil ich eine Erbschaft gemacht hatte. Ich habe immer den Verdacht gehabt, daß er es nur deshalb wollte! Oh, dieses Tier! Er war überzeugt, daß ich mein Leben lang vor ihm zittern würde, aus Scham darüber, daß ich damals zu ihm gekommen war. Und er meinte, er könnte mich deswegen für immer verachten und beherrschen – das ist der Grund, weswegen er mich heiraten wollte! So ist das alles! Ich versuchte, ihn durch meine Liebe zu besiegen, durch meine grenzenlose Liebe, sogar seine Untreue wollte ich ertragen, aber er begriff das gar nicht. Und kann er denn überhaupt etwas begreifen? Er ist ja ein Unmensch! Diesen Brief erhielt ich erst am anderen Tag abends, er wurde mir aus dem Restaurant gebracht – und noch am Morgen dieses Tages hatte ich ihm alles verzeihen wollen, alles, sogar seine Untreue!«

Natürlich versuchten der Präsident und der Staatsanwalt sie zu beruhigen. Ich bin überzeugt, daß sie sich vielleicht selber schämten, die maßlose Aufregung der Zeugin auszunutzen und solche Bekenntnisse anzuhören. Ich erinnere mich gehört zu haben, wie sie zu ihr sagten: »Wir verstehen, wie peinlich Ihnen das ist. Glauben Sie, wir sind imstande das nachzufühlen«, und so weiter und so fort. Trotzdem holten sie aus dieser Frau, die in ihrem hysterischen Anfall wie von Sinnen war, noch weitere Aussagen heraus. Mit außerordentlicher Klarheit, die, wenn auch nur für kurze Zeit, in Momenten solcher hochgradigen geistigen Anspannung häufig auftritt, schilderte sie, wie Iwan Fjodorowitsch in diesen zwei Monaten vor lauter Nachdenken, auf welche Weise er seinen Bruder, »diesen Unmenschen und Mörder«, retten könnte, fast den Verstand verloren habe.

»Er quälte sich!« rief sie. »Immer wollte er die Schuld seines Bruders geringer erscheinen lassen; indem er mir gestand, daß auch er seinen Vater nicht geliebt und vielleicht sogar dessen Tod gewünscht habe. Oh, er hat ein empfindsames Gewissen! Er quälte sich mit seinem Gewissen! Er hat mir alles gestanden, alles! Er kam alle Tage zu mir und sprach mit mir wie mit seinem einzigen Freund. Ich habe die Ehre, sein einziger Freund zu sein!« rief sie plötzlich herausfordernd, und ihre Augen blitzten. »Er ist zweimal zu Smerdjakow gegangen. Das eine Mal kam er danach zu mir und sagte: ›Wenn nicht mein Bruder, sondern Smerdjakow den Mord begangen hat, dann bin ich vielleicht auch schuldig, weil Smerdjakow wußte, daß ich meinen Vater nicht liebte, und möglicherweise glaubte, daß ich seinen Tod wünschte.‹ Damals zeigte ich ihm diesen Brief, und er kam vollständig zu der Überzeugung, daß sein Bruder den Mord begangen hatte – und das warf ihn ganz zu Boden. Er konnte nicht ertragen, daß sein Bruder ein Vatermörder war! Schon nach einer Woche sah ich, daß ihn das krank gemacht hatte. In den letzten Tagen redete er irre, wenn er bei mir saß. Ich sah, daß sich eine Geistesstörung herausbildete. Er phantasierte im Gehen; in diesem Zustand haben ihn viele auf der Straße gesehen. Der auswärtige Arzt untersuchte ihn vorgestern auf meine Bitte und sagte mir, er stehe dicht vor dem Ausbruch eines Nervenfiebers – und an allem ist der da schuld, dieser Unmensch! Gestern erfuhr Iwan nun, daß Smerdjakow tot ist, und das hat ihn so erschüttert, daß er den Verstand verloren hat … Und an allem ist dieser Unmensch schuld! Alles ist so gekommen, weil er diesen Unmenschen retten wollte!«

Oh, so reden und solche Geständnisse machen, das kann man wohl nur ein einziges Mal im Leben, etwa in der Todesstunde, wenn man das Schafott besteigt. Für Katja war ein solcher Augenblick gekommen, und sie handelte ihrem Charakter gemäß. Das war dieselbe ungestüme Katja, die damals zu dem jungen Lebemann geeilt war, um ihren Vater zu retten; dieselbe Katja, die sich kurz vorher vor diesem Publikum stolz und keusch geopfert hatte, indem sie von »Mitjas edler Tat« erzählte, um das Schicksal, das ihn erwartete, wenigstens etwas zu mildern. Und jetzt brachte sie sich ebenso zum Opfer, nunmehr für einen anderen – und vielleicht hatte sie erst in diesem Augenblick zum erstenmal mit vollem Bewußtsein empfunden, wie teuer ihr dieser andere Mensch war! In Angst um ihn opferte sie sich auf, da sie plötzlich glaubte, er habe sich durch seine Aussage, er und nicht sein Bruder habe den Mord begangen, zugrunde gerichtet; sie opferte sich auf, um ihn, seine geachtete Stellung, seinen guten Ruf zu retten! Und dennoch ging ihr ein furchtbarer Gedanke durch den Kopf: Hatte sie auch nicht etwas Unwahres über Mitja gesagt, als sie ihre früheren Beziehungen zu ihm geschildert hatte – das war die Frage. Nein, nein, sie hatte ihn nicht absichtlich verleumdet, wenn sie geäußert hatte, Mitja habe sie wegen ihrer tiefen Verbeugung verachtet! Sie hielt das selbst für wahr; sie war vielleicht schon seit jeher fest davon überzeugt, daß Mitja, dieser offenherzige Mensch, der sie damals noch vergötterte, sich über sie lustig machte und sie verachtete. Und nur aus verletztem Stolz hatte sie sich damals mit ihrer krampfhaft überspannten Liebe an ihn gehängt, und diese Liebe hatte mehr Ähnlichkeit mit Rachsucht gehabt als mit Liebe. Oh, vielleicht hätte sich diese überspannte Liebe in wahre Liebe verwandelt, vielleicht wünschte Katja weiter nichts als dies; doch Mitja kränkte sie durch seine Untreue in tiefster Seele, und ihre Seele verzieh ihm das nicht. Der Augenblick der Rache kam ihr ganz unerwartet, und alles, was sich so lange und schmerzhaft in der Brust der gekränkten Frau angesammelt hatte, brach sich nun mit einemmal und wiederum unerwartet nach außen Bahn. Sie beging einen Verrat an Mitja, zugleich aber auch an sich selbst! Und kaum hatte sie sich ausgesprochen, löste sich die krampfhafte Spannung, und die Scham überwältigte sie. Es folgte wieder ein hysterischer Anfall; sie fiel schluchzend und kreischend hin. Man trug sie hinaus. In dem Moment, als sie hinausgetragen wurde, stürzte Gruschenka von ihrem Platz so schnell zu Mitja, daß man sie nicht mehr zurückhalten konnte.

»Mitja!« schrie sie. »Sie hat dich zugrunde gerichtet, deine Schlange! Jetzt hat sie Ihnen ihre wahre Natur gezeigt!« rief sie zornbebend dem Gerichtshof zu.

Auf einen Wink des Präsidenten wurde sie ergriffen; man versuchte, sie aus dem Saal zu bringen. Aber sie sträubte sich, schlug um sich und wollte sich losreißen, um zu Mitja zurückzukehren.

Mitja schrie auf und wollte ebenfalls zu ihr stürzen. Er wurde überwältigt …

Ja, ich glaube, unsere schaulustigen Damen konnten befriedigt sein: Es war ein reichhaltiges Schauspiel. Dann erschien, wenn ich mich recht erinnere, der Arzt aus Moskau. Der Präsident hatte wohl schon vorher den Gerichtsinspektor beauftragt, dafür zu sorgen, daß Iwan Fjodorowitsch ärztliche Hilfe zuteil wurde. Der Arzt berichtete dem Gerichtshof, daß der Kranke einen höchst gefährlichen Anfall von Nervenfieber erlitten habe und unverzüglich fortgeschafft werden müsse. Auf die Fragen des Staatsanwalts und des Verteidigers bestätigte er, daß der Patient vor zwei Tagen selbst zu ihm gekommen war und er ihm schon damals den baldigen Ausbruch eines solchen Fiebers vorhergesagt habe; allerdings habe sich der Patient nicht in ärztliche Behandlung geben wollen. »Er war keinesfalls in gesunder Geistesverfassung. Er gestand mir, daß er in wachem Zustand Visionen habe, auf der Straße allerlei toten Personen begegne und daß ihn allabendlich der Satan besuche!« schloß der berühmte Arzt und entfernte sich. Der Brief, den Katerina Iwanowna vorgelegt hatte, wurde den Beweisstücken hinzugefügt. Nach einer Beratung beschloß der Gerichtshof, in der Verhandlung fortzufahren, und die beiden unerwarteten Aussagen, das heißt die Angaben Katerina Iwanownas und Iwan Fjodorowitschs, zu Protokoll zu nehmen.

Ich werde die weitere Gerichtsverhandlung nun nicht mehr schildern. Waren doch die Aussagen der übrigen Zeugen nur eine Wiederholung und Bestätigung der früheren, obgleich jede von ihnen ihre charakteristischen Besonderheiten hatte. In der Rede des Staatsanwalts, zu der ich jetzt übergehe, wird ohnehin nochmals alles unter einem einheitlichen Gesichtspunkt zusammengefaßt. Alle waren in Erregung, alle waren durch die letzten Ereignisse wie elektrisiert und warteten mit brennender Ungeduld auf eine baldige Lösung, das heißt auf die Reden der Parteien und das Urteil. Fetjukowitsch war über Katerina Iwanownas Aussagen offenbar sehr betroffen, während der Staatsanwalt triumphierte. Als die gerichtliche Untersuchung beendet war, wurde die Sitzung unterbrochen; die Pause dauerte fast eine Stunde. Endlich verkündete der Präsident den Beginn der PIädoyers. Ich glaube, es war genau acht Uhr abends, als unser Staatsanwalt Ippolit Kirillowitsch seine Anklagerede begann.

6. Die Rede des Staatsanwalts: Personencharakteristik

Ippolit Kirillowitsch begann seine Anklagerede in mißlichem physischem Zustand: Seine Glieder wurden von einem nervösen Zittern geschüttelt, ein kalter, krankhafter Schweiß bedeckte seine Stirn und seine Schläfen, und er fühlte, wie ihm Frostschauer und Hitze abwechselnd über den Körper liefen. Das hat er selber später erzählt. Er hielt diese Rede für sein chef d’Œuvre, für das chef d’Œuvre seines ganzen Lebens, und er hätte sie auch für sein Schwanenlied halten können. Denn wirklich starb er neun Monate danach an schwerer Schwindsucht, so daß er tatsächlich das Recht gehabt hätte, sich mit einem Schwan zu vergleichen, der sein letztes Lied singt – wenn er sein Ende vorausgeahnt hätte. In diese Rede legte er sein ganzes Herz und alles, was er an Verstand besaß, und er bewies ganz unerwartet, daß in ihm auch soziales Empfinden und Interesse für die »verdammten« modernen Fragen steckte, soweit unser armer Ippolit Kirillowitsch sie zu fassen vermochte. Vor allem wirkte seine Rede durch ihre Aufrichtigkeit. Er glaubte aufrichtig an die Schuld des Angeklagten und klagte ihn nicht im Auftrag, nicht allein in Erfüllung seiner Amtspflicht an. Und wenn er zur »Sühne des Verbrechens« aufrief, so glühte er wirklich von dem heißen Verlangen, »die Gesellschaft zu retten«. Sogar unser Damenpublikum, das dem guten Ippolit Kirillowitsch eigentlich feindselig gesinnt war, gab zu, von der Rede ganz außerordentlich beeindruckt gewesen zu sein. Er begann mit unsicherer, häufig stockender Stimme, dann gewann seine Stimme jedoch sehr bald Kraft und tönte durch den ganzen Saal, und so blieb es bis zum Ende der Rede. Aber als er sie dann beendet hatte, wäre er fast in Ohnmacht gefallen.

»Meine Herren Geschworenen«, begann der Ankläger, »von dem hier anliegenden Prozeß ist ein Donnergrollen durch ganz Rußland ausgegangen. Aber man möchte fragen: Was haben wir für Anlaß zu staunen, was haben wir für Anlaß, so besonders entsetzt zu sein? Gerade wir, wir besonders? Sind wir doch schon so gewöhnt an alles! Gerade das ist das Entsetzliche, daß solche schrecklichen Taten beinahe aufgehört haben, für uns entsetzlich zu sein! Das ist es, worüber wir entsetzt sein müssen: Über unsere Gewöhnung, und nicht über eine einzelne Missetat des einen oder anderen Individuums. Wo aber liegen die Ursachen unserer Gleichgültigkeit, unseres lauen Verhaltens gegenüber solchen Taten, gegenüber solchen Zeichen der Zeit, die uns eine nicht beneidenswerte Zukunft prophezeien? In unserem Zynismus, in der frühzeitigen Erschöpfung des Verstandes und der Phantasie unserer noch jungen, aber vorzeitig hinfällig gewordenen Gesellschaft? In der Erschütterung der Fundamente unserer sittlichen Grundsätze oder gar darin, daß wir solche sittlichen Grundsätze vielleicht überhaupt nicht haben? Ich will diese Fragen nicht beantworten; aber trotzdem sind sie qualvoll, und jeder Bürger muß sie sich mit Schmerz stellen, ja, er ist dazu sogar verpflichtet! Unsere in den Anfängen steckende, noch schüchterne Presse hat dennoch der Gesellschaft schon anerkennenswerte Dienste geleistet; denn ohne sie hätten wir niemals einigermaßen vollständige Kenntnis von jenen entsetzlichen Taten eines zügellosen Willens und einer moralischen Verkommenheit erlangt, die sie ununterbrochen in ihren Spalten allen mitteilt, nicht nur denjenigen, die die Säle des neuen öffentlichen Gerichtswesens besuchen, das uns von der jetzigen kaiserlichen Regierung geschenkt worden ist. Und was lesen wir fast täglich? Oh, fortwährend lesen wir von solchen Dingen, vor denen sogar der uns beschäftigende Fall verblaßt und beinahe als etwas Gewöhnliches erscheint. Aber das allerwichtigste ist, daß eine Menge unserer russischen Kriminalfälle eben von einem allgemeinen Zustand zeugt, von einem gemeinsamen Übel, das bei uns heimisch geworden und wegen seiner weiten Verbreitung nur schwer zu bekämpfen ist. Da ist ein junger, glänzender Offizier, der den höchsten Gesellschaftskreisen angehört und sein Leben und seine Laufbahn eben erst beginnt: Auf gemeine Weise ermordet er heimlich ohne alle Gewissensbisse einen kleinen Beamten, der in gewisser Hinsicht sein Wohltäter gewesen ist, sowie dessen Dienstmagd, um seinen Schuldschein und zugleich auch das übrige bißchen Geld des Beamten zu stehlen! Das werde ich für meine Vergnügungen als Lebemann und für meine künftige Karriere gut gebrauchen können, sagt er sich. Nachdem er die beiden ermordet und den Leichen Kissen unter die Köpfe gelegt hat, geht er davon … Da bringt ein junger Held, der mit Orden für bewiesene Tapferkeit dekoriert worden ist, in Räubermanier auf der Landstraße die Mutter seines Vorgesetzten und Wohltäters um und versichert zuvor, als er seine Kameraden zur Teilnahme an dem Verbrechen auffordert, sie liebe ihn wie ihren Sohn und befolge daher alle seine Ratschläge und werde keine Vorsichtsmaßregeln treffen. Mag man ihn einen Unmenschen nennen, aber ich wage jetzt, in unserer Zeit, nicht mehr zu sagen, daß er der einzige Unmensch ist. Ein anderer begeht zwar keinen Mord, denkt und fühlt aber genauso wie jener und ist innerlich genauso ehrlos wie er. Im stillen, wenn er mit seinem Gewissen allein ist, fragt er sich vielleicht: Was ist denn eigentlich Ehre? Ist die Scheu vor Blutvergießen nicht eine veraltete Anschauung? Vielleicht wird man mir widersprechen und sagen, ich sei ein kränklicher, hysterischer Mensch, ich brächte ungeheuerliche Verleumdungen vor, ich phantasierte und übertriebe. Wenn dem so wäre, o Gott, ich wäre der erste, der sich darüber freute! Oh, glauben Sie mir nicht, halten Sie mich für krank, aber vergessen Sie trotzdem nicht meine Worte! Wenn auch nur ein Zehntel, nur ein Zwanzigstel von meinen Worten Wahrheit ist, so ist ja auch das schon entsetzlich! Sehen Sie nur, meine Herren, wie sich bei uns die jungen Leute erschießen! Oh, ohne im geringsten mit Hamlet zu fragen: ›Was wird dort sein?‹ Ohne eine Spur einer solchen Frage, als wäre dieses ganze Kapitel über unsere Seele und über alles, was uns jenseits des Grabes erwartet, längst in ihrem Kopf gestrichen, begraben und mit Sand zugeschüttet … Und werfen Sie schließlich einen Blick auf unsere Unsittlichkeit, auf unsere Wüstlinge! Fjodor Pawlowitsch, das unglückliche Opfer des vorliegenden Prozesses, ist im Vergleich mit manchen von ihnen beinahe ein unschuldiges Kind; aber wir haben ihn ja alle gekannt, er lebte unter uns … Ja, mit der Psychologie des russischen Verbrechens werden sich vielleicht einmal die hervorragendsten Geister hier und in Westeuropa beschäftigen, denn der Gegenstand verdient das. Doch dieses Studium wird erst später erfolgen können, wenn Muße dazu vorhanden und uns die ganze tragische Absurdität des gegenwärtigen Augenblicks ferner gerückt ist, so daß man sie verständnisvoller und leidenschaftsloser wird betrachten können, als zum Beispiel Leute wie ich das vermögen. Jetzt aber entsetzen wir uns oder tun so, als ob wir uns entsetzen, während wir in Wirklichkeit als Liebhaber starker, exzentrischer Empfindungen, die uns aus unserem zynisch-trägen Müßiggang aufrütteln, das sich uns darbietende Schauspiel mit Genuß auskosten. Oder aber wir wehren wie kleine Kinder die furchtbaren Gespenster mit den Händen von uns ab und stecken den Kopf unter das Kissen, bis die schreckliche Erscheinung vorübergegangen ist, um sie dann sogleich in Heiterkeit und Spielen zu vergessen. Doch irgendwann müssen auch wir unser Leben mit nüchterner Überlegung beginnen, müssen auch wir einen Blick auf uns selbst als auf Mitglieder der Gesellschaft werfen, müssen auch wir wenigstens etwas von unserem gesellschaftlichen Leben begreifen oder wenigstens zu begreifen beginnen. Unser großer Schriftsteller Gogol personifiziert im Finale seines größten Werkes ganz Rußland in dem Bild einer mutigen russischen Troika, die einem unbekannten Ziel zujagt, und ruft aus: ›O du Troika, du beflügelte Troika, wer hat dich erfunden?‹ Und in stolzem Entzücken fügt er hinzu, daß vor dem dahinsausenden Dreigespann alle Völker respektvoll zur Seite treten. Nun gut, meine Herren, mögen sie zur Seite treten, respektvoll oder nicht; aber nach meiner bescheidenen Ansicht hat der geniale Autor diesen Schluß entweder in einem Anfall von kindlich harmlosem Optimismus geschrieben oder einfach aus Furcht vor der damaligen Zensur. Denn wenn man an seinen Wagen nur seine eigenen Helden spannte, Leute wie Sobakewitsch, Nosdrjow und Tschitschikow, so könnte man als Kutscher daraufsetzen, wen man wollte, man würde mit solchen Pferden doch nichts Vernünftiges leisten! Und das waren noch Pferde der früheren Art, die sich von den jetzigen sehr unterschieden – bei uns steht es noch weit schlimmer …«

Hier wurde Ippolit Kirillowitschs Rede von Beifallklatschen unterbrochen. Das fortschrittliche Bild von dem russischen Dreigespann hatte gefallen. Allerdings erscholl nur ein zwei- oder dreimaliges Zusammenschlagen der Hände, so daß es der Präsident nicht einmal für nötig hielt, sich mit der Drohung, den Saal räumen zu lassen, an das Publikum zu wenden, und nur streng zu den Klatschenden hinblickte. Ippolit Kirillowitsch fühlte sich dadurch jedoch ermutigt; ihm war bisher noch niemals applaudiert worden! Da hatte man ihn so viele Jahre nicht anhören wollen, und plötzlich hatte er die Möglichkeit, zu ganz Rußland zu sprechen!

»In der Tat«, fuhr er fort, »wie ist diese Familie Karamasow beschaffen, die auf einmal so eine traurige Berühmtheit in ganz Rußland erlangt hat? Vielleicht übertreibe ich stark, aber mir scheint, in dem Bild dieser kleinen Familie sind gewisse allgemeine Grundelemente unserer modernen intelligenten Gesellschaft feststellbar – oh, nicht alle Elemente, und auch nur in mikroskopischer Gestalt wie die Sonne in einem Wassertröpfchen; trotzdem spiegelt sich da etwas wider, und es kommt da etwas zum Ausdruck. Betrachten Sie diesen unglücklichen, zügellosen, liederlichen alten Mann, diesen ›Familienvater,‹ der sein Dasein in so trauriger Weise beendet hat. Von Geburt Adliger, beginnt er seine Laufbahn als ein armseliger Schmarotzer. Durch eine zufällige, unverhoffte Heirat bekommt er als Mitgift seiner Frau ein kleines Kapital in die Hände. Er zeigt sich zunächst als Betrüger im kleinen und als schmeichlerischer Possenreißer mit einem Keim geistiger, übrigens nicht gerade schwacher Fähigkeiten; vor allem betätigt er sich als Wucherer. Mit den Jahren, das heißt mit dem Anwachsen seines Kapitals, wird er mutiger. Seine Selbsterniedrigung und Gunstbuhlerei verschwinden, und übrig bleibt der spöttische, boshafte Zyniker und Wüstling. Die geistige Seite ist vollständig getilgt; dagegen erfüllt ihn eine gewaltige Gier, das Leben zu genießen. Es läuft darauf hinaus, daß nur die sinnlichen Genüsse einen Wert für ihn haben: Das lehrt er auch seine Kinder. Von irgendwelchen geistigen Vaterpflichten weiß er nichts. Er lacht über sie, läßt seine kleinen Kinder auf dem Hof hinter dem Haus aufwachsen und ist froh, daß jemand sie ihm abnimmt. Er vergißt sie sogar. Die ganze Moral des alten Mannes besteht in dem Satz: Après moi le déluge! Er ist das reine Gegenteil dessen, was man unter einem Staatsbürger versteht, und sondert sich von der Gesellschaft völlig, ja sogar in feindlicher Weise ab: Mag die ganze Welt abbrennen, wenn es mir nur gut geht! Und es geht ihm gut, er ist vollkommen zufrieden, er möchte in dieser Art noch zwanzig, dreißig Jahre weiterleben. Er übervorteilt seinen leiblichen Sohn, und zwar um dessen eigenes Geld, die Hinterlassenschaft seiner Mutter, indem er ihm dieses Geld nicht herausgeben will. Er sucht ihm, seinem Sohn, die Geliebte abspenstig zu machen. O nein, ich will die Verteidigung des Angeklagten nicht ganz dem hochbegabten Verteidiger überlassen, der aus Petersburg hergekommen ist. Ich werde auch meinerseits die Wahrheit sagen; auch ich habe Verständnis dafür, welche Entrüstung über den Vater sich in dem Herzen des Sohnes angesammelt haben mußte. Doch genug von diesem unglücklichen alten Mann: Er hat seinen Lohn empfangen! Erinnern wir uns aber daran, daß das ein moderner Vater war. Tue ich der Gesellschaft Unrecht, wenn ich sage, daß er einer von vielen modernen Vätern war? Ach, die meisten Väter reden heutzutage nur nicht so zynisch wie dieser, weil sie besser erzogen und besser gebildet sind, während sie im Grunde fast dieselbe Philosophie haben wie er. Mag man mich einen Pessimisten nennen, meinetwegen! Wir sind schon übereingekommen, daß Sie mir verzeihen werden. Treffen wir im voraus folgende Verabredung: Sie brauchen mir nicht zu glauben! Ich werde reden, und Sie brauchen mir nicht zu glauben. Aber gestatten Sie dennoch, daß ich mich ausspreche; behalten Sie dennoch einiges von meinen Worten im Gedächtnis … Da haben wir nun die Söhne dieses alten Mannes, dieses Familienvaters: Einer sitzt vor uns auf der Anklagebank; von ihm werde ich in meiner ganzen Rede zu sprechen haben; von den anderen will ich nur im Vorübergehen ein Wort sagen. Von diesen anderen ist der ältere ein moderner junger Mann mit glänzender Bildung und starkem Verstand. Aber er glaubt an nichts mehr: Vieles, sehr vieles im Leben hat er negiert und von sich gewiesen, fast wie sein Vater. Wir alle haben ihn reden hören, denn er hatte in unserer Gesellschaft freundliche Aufnahme gefunden. Er machte aus seinen Anschauungen kein Hehl, ganz im Gegenteil – und das gibt mir den Mut jetzt über ihn etwas offenherziger zu reden, natürlich nicht über ihn als Privatperson, sondern über ihn als Mitglied der Familie Karamasow. Hier, am äußersten Rand der Stadt, starb gestern durch Selbstmord ein kränklicher Idiot, der zu dem vorliegenden Prozeß in naher Beziehung stand: der frühere Diener Fjodor Pawlowitschs und vielleicht sein unehelicher Sohn, Smerdjakow. Er hat mir bei der Voruntersuchung unter Tränen erzählt, wie ihn dieser junge Karamasow, Iwan Fjodorowitsch, durch die Negierung aller moralischen Schranken entsetzt hatte. ›Alles auf der Welt,‹ sagte Smerdjakow, ›ist nach seiner Meinung erlaubt, und in Zukunft darf nichts mehr verboten sein, das hat er mich immer gelehrt.‹ Wie es scheint, hat der Idiot über dieser These, die ihm vorgetragen wurde, völlig den Verstand verloren, obwohl natürlich auch seine Epilepsie und die ganze furchtbare Katastrophe, die über dieses Haus hereingebrochen ist, zu seiner Geisteszerrüttung beigetragen haben dürften. Doch in den Reden dieses Idioten kam nebenbei eine sehr interessante Bemerkung vor, die sogar einem klügeren Beobachter als ihm Ehre gemacht hätte – und das ist eigentlich der Grund, warum ich von ihm spreche. ›Wenn einer der Söhne‹, sagte er zu mir, ›seinem Vater Fjodor Pawlowitsch im Charakter besonders ähnlich ist, so ist er es, Iwan Fjodorowitsch.‹ Mit dieser Bemerkung breche ich die begonnene Charakteristik ab, da ich es nicht für schicklich halte, sie weiter fortzusetzen. Oh, ich will keine weiteren Schlüsse ziehen und will nicht wie ein krächzender Unglücksrabe dem jungen Mann nur Verderben prophezeien. Wir haben ja heute hier in diesem Saal gesehen, daß die natürliche Kraft der Wahrheit noch in seinem jungen Herzen lebt, daß das Gefühl der Familienzusammengehörigkeit bei ihm nicht erstickt ist durch Unglauben und sittlichen Zynismus, wozu er mehr durch Vererbung als durch die Qual des Gedankens gelangt ist … Dann der andere Sohn. Oh, das ist noch ein Jüngling, gottesfürchtig und bescheiden: im Gegensatz zu der finsteren, zersetzenden Weltanschauung seines Bruders sucht er sich sozusagen an die ›Volkselemente‹ zu halten oder an das, was man bei uns in manchen theoretischen Winkeln unserer denkenden Intelligenz mit diesem rätselhaften Wörtchen bezeichnet. Sehen Sie, er hatte sich einem Kloster angeschlossen und wäre beinahe selbst Mönch geworden. Bei ihm ist, wie mir scheint, gewissermaßen unbewußt und schon früh jene schüchterne Verzweiflung zum Ausdruck gekommen, an der jetzt so viele in unserer armen Gesellschaft leiden. Da sie den Zynismus und die Lasterhaftigkeit der Gesellschaft fürchten und irrtümlich alles Übel auf die westeuropäische Aufklärung zurückführen, so werfen sie sich, wie sie sich ausdrücken, ›auf den heimischen Boden‹, in die Mutterarme der heimischen Erde wie Kinder, die sich vor Gespenstern fürchten; sie möchten an der vertrockneten Brust der geschwächten Mutter nur ruhig einschlafen und sogar ihr ganzes Leben verschlafen, wenn sie nur nicht diese Schrecknisse zu sehen brauchen. Persönlich wünsche ich dem braven und begabten Jüngling alles Gute. Ich wünsche ihm, daß sich seine jugendliche Schwärmerei und sein Streben nach den ›Volkselementen‹ später nicht wie so oft auf der moralischen Seite in finsteren Mystizismus und auf der sozialen Seite in stumpfen Chauvinismus verwandeln mögen – zwei Richtungen, die der Nation vielleicht noch größeres Unheil androhen als selbst die frühe Verderbnis durch die falsch verstandene, ohne eigene Anstrengung erlangte westeuropäische Aufklärung, an der sein älterer Bruder leidet.«

Wegen der Bemerkung über den Chauvinismus und den Mystizismus klatschten wieder zwei oder drei Zuhörer Beifall. Ippolit Kirillowitsch hatte sich allerdings hinreißen lassen: All das hatte nur wenig mit der anliegenden Prozeßsache zu tun, ganz zu schweigen davon, daß es ziemlich unklar herauskam; aber gar zu sehr verlangte den schwindsüchtigen, verbitterten Menschen, sich wenigstens einmal in seinem Leben auszusprechen! Bei uns hieß es später, er habe sich bei der Schilderung von Iwan Fjodorowitschs Charakter sogar von einem unfeinen Gefühl leiten lassen, denn dieser habe ihn ein- oder zweimal öffentlich bei Debatten auf den Sand gesetzt, und der nachtragende Ippolit Kirillowitsch habe sich jetzt rächen wollen. Doch ich weiß nicht, ob man so schlußfolgern durfte. Jedenfalls war das alles nur die Einleitung; die Rede ging im folgenden mehr geradeaus und blieb näher bei der Sache.

»Aber nun ist da der dritte Sohn des modernen Familienvaters«, fuhr Ippolit Kirillowitsch fort. »Er sitzt vor uns auf der Anklagebank. Vor uns liegen auch seine Taten, sein Leben und seine Werke; der Augenblick ist gekommen, wo sich alles enthüllt hat und zutage gekommen ist. Im Gegensatz zu der ›europäischen Bildung‹ und den ›Volkselementen‹ seiner Brüder repräsentiert er in seiner Person gewissermaßen das ungebrochene Rußland – oh, nicht das ganze, nicht das ganze! Gott behüte uns davor, daß es das ganze wäre! Und doch ist da unser Rußland, unser Mütterchen, man riecht und schmeckt es geradezu. Oh, wir sind ungebrochen, wir sind böse und gut in wunderlichster Mischung; wir lieben die Aufklärung und Schiller, und gleichzeitig randalieren wir in den Wirtshäusern und reißen unseren betrunkenen Zechgenossen die Bärte aus. Oh, wir sind auch manchmal gut und edel, aber nur dann, wenn es uns selbst gut geht. Wir begeistern uns sogar für die edelsten Ideale, aber nur unter der Bedingung, daß sie sich von selbst erreichen lassen, uns vom Himmel auf den Tisch fallen, und vor allen Dingen umsonst, umsonst, so daß wir ja nichts für sie zu bezahlen brauchen. Das Bezahlen lieben wir ganz und gar nicht! Dagegen lieben wir das Bekommen, und zwar auf allen Gebieten. Oh, man gebe uns alle denkbaren Güter des Lebens – es müssen unbedingt alle denkbaren sein, mit weniger geben wir uns nicht zufrieden –, und vor allem bereite man unserer Individualität keinerlei Hindernisse: Dann werden auch wir beweisen, daß wir gut und edel sein können. Wir sind nicht habgierig, nein; aber man gebe uns dennoch Geld, mehr, immer mehr, soviel wie möglich, und man wird sehen, wie großmütig, mit welcher Geringschätzung des verächtlichen Metalls wir es in einer einzigen Nacht bei einem ausschweifenden Gelage ausgeben. Gibt man uns jedoch kein Geld, dann werden wir zeigen, daß wir uns welches zu verschaffen verstehen, wenn uns ein großes Verlangen danach ankommt. Aber davon später, wir wollen die richtige Reihenfolge einhalten. Ganz zuerst sehen wir einen armen, verlassenen Knaben vor uns, ›auf dem Hof hinter dem Haus ohne Schuhchen‹, wie sich vorhin unser verehrter Mitbürger ausdrückte, der leider ausländischer Herkunft ist! Ich wiederhole noch einmal: Ich trete niemandem die Verteidigung des Angeklagten ab! Ich bin Ankläger, aber ich bin auch Verteidiger. Ja, auch wir sind Menschen, die ein Herz haben, auch wir verstehen abzuwägen, wie die ersten Eindrücke der Kindheit und des Vaterhauses auf den Charakter einwirken können. Da ist aus dem Knaben schon ein Jüngling geworden, ein junger Mann, ein Offizier; zur Strafe für tolle Streiche und für eine Herausforderung zum Duell wird er in eines der entlegensten Grenzstädtchen unseres gesegneten russischen Vaterlandes versetzt. Dort tut er seinen Dienst, dort führt er ein flottes Leben – natürlich: Ein großes Schiff braucht ein großes Fahrwasser. Wir brauchen die Mittel, vor allen Dingen die Mittel, und da kommt nach langen Streitigkeiten zwischen ihm und seinem Vater eine Einigung über eine letzte Zahlung von sechstausend Rubeln zustande, und diese Summe wird ihm übersandt. Beachten Sie bitte – er hat eine Quittung darüber ausgestellt, und es existiert ein Brief von ihm, in dem er auf alles übrige sozusagen verzichtet und erklärt, daß durch diese sechstausend Rubel sein Erbschaftsstreit mit dem Vater beendet sei. Nun erfolgt seine Begegnung mit einem jungen Mädchen von edler Gesinnung und hoher Bildung. Oh, ich wage nicht, die Einzelheiten zu wiederholen. Sie haben sie soeben gehört; da handelt es sich um Ehre, um Selbstaufopferung, und ich verstumme. Das Bild des jungen Mannes, der sich bei all seinem Leichtsinn und all seiner Lasterhaftigkeit doch vor wahrem Edelmut, vor der höchsten Idee beugt, ist vor unsere Augen getreten und hat uns einen höchst sympathischen Eindruck gemacht. Doch wenig später mußten wir in diesem selben Gerichtssaal ganz unerwartet auch die Kehrseite der Medaille erblicken. Wiederum wage ich nicht, mich auf Vermutungen einzulassen, und enthalte mich einer psychologischen Untersuchung über die Gründe dieses Vorgangs. Diese selbe Person erklärt uns unter den Tränen einer lange verheimlichten Entrüstung, daß er, er als erster, sie wegen ihres unvorsichtigen und vielleicht übereilten, aber doch edlen, hochherzigen Schrittes verachtet habe. Ausgerechnet bei ihm, dem Bräutigam dieses jungen Mädchens, ist früher als bei allen anderen jenes spöttische Lächeln aufgetaucht, das sie nur von ihm nicht ertragen konnte. Obgleich sie weiß, daß er ihr bereits untreu geworden ist (er war ihr untreu geworden in der Überzeugung, daß sie künftig alles von ihm ertragen müßte, sogar seine Untreue), obgleich sie das weiß, bietet sie ihm absichtlich dreitausend Rubel an und gibt ihm dabei deutlich, sehr deutlich zu verstehen, daß sie ihm das Geld anbietet, damit er treulos an ihr handeln kann. ›Wie ist es, wirst du es nehmen oder nicht, wirst du so zynisch sein?‹ sagt sie gleichsam zu ihm, wobei sie ihn schweigend mit forschendem, prüfendem Blick ansieht. Er sieht sie an, er versteht ihre Gedanken vollkommen – er hat ja selbst hier vor Ihren Ohren eingestanden, daß er alles begriffen hat –, eignet sich ohne Widerspruch diese dreitausend Rubel an und verjubelt sie in zwei Tagen mit seiner neuen Geliebten! Woran soll man da glauben? An die erste Erzählung von der impulsiven Tat eines hohen Edelmuts, der die letzten Mittel zum Leben dahingibt und sich vor der Tugend verbeugt, oder an die abstoßende Kehrseite der Medaille? Gewöhnlich liegt es im Leben so, daß man bei zwei einander widersprechenden Auffassungen die Wahrheit in der Mitte suchen muß; im vorliegenden Fall trifft das jedoch nicht buchstäblich zu. Das wahrscheinlichste ist, daß er bei der ersten Handlung in aller Aufrichtigkeit edelmütig und bei der zweiten ebenso in aller Aufrichtigkeit gemein war. Warum? Nun, eben darum, weil wir eine weitherzige Natur sind, eine Karamasowsche Natur, die imstande ist, alle möglichen Widersprüche zu vereinigen und zugleich beide Unendlichkeiten zu schauen, die Unendlichkeit über uns, die erhabene Region der höchsten Ideale, und die Unendlichkeit unter uns, den Abgrund der gemeinsten, schändlichsten Verderbtheit. Erinnern Sie sich an den glänzenden Gedanken, den vorhin Herr Rakitin aussprach, ein junger Beobachter, der die ganze Familie Karamasow aus nächster Nähe gründlich kennengelernt hat: ›Die Empfindung ihrer tiefen Verderbtheit ist diesen zügellosen, ungestümen Naturen ebenso ein Bedürfnis wie die Empfindung des höchsten Edelmutes!‹ Und das ist die Wahrheit: Sie bedürfen dieser unnatürlichen Mischung ständig und ununterbrochen. Zwei Unendlichkeiten, meine Herren, in ein und demselben Augenblick – ohne das fühlen wir uns unglücklich und unbefriedigt, und unser Dasein ist nicht erfüllt. Wir haben ein weites Herz, ein weites Herz, weit wie unser Mütterchen Rußland; darin können wir alles unterbringen, und wir vertragen uns mit allem! Beiläufig, meine Herren Geschworenen, wir berührten soeben diese dreitausend Rubel, und ich erlaube mir, ein wenig vorzugreifen. Bitte, stellen Sie sich vor, daß er, ein Mensch mit diesem Charakter, nachdem er dieses Geld empfangen hatte, und noch dazu in der beschämendsten, schmählichsten, unwürdigsten Weise – stellen Sie sich bitte vor, daß er es nach seiner eigenen Angabe gleich am selben Tag fertigbrachte, die Hälfte davon abzuzählen und in ein Säckchen zu nähen, und dann die Energie besaß, es einen ganzen Monat lang am Hals zu tragen, trotz aller Verlockungen und trotz seiner Geldnot! Nicht wenn er in den Wirtshäusern zechte, nicht als er eilig aus der Stadt wegfahren mußte, um bei Gott weiß wem Geld aufzutreiben, das er dringend benötigte, um seine Geliebte wegzuschaffen und so vor der Verlockung durch den Nebenbuhler, seinen Vater, zu bewahren – selbst da hat er nicht gewagt, dieses Säckchen anzurühren. Schon um seine Geliebte nicht länger den Versuchungen von seiten des alten Mannes auszusetzen, auf den er so eifersüchtig war, hätte er sein Säckchen öffnen und als beharrlicher Wächter seiner Geliebten zu Hause bleiben müssen, in Erwartung des Augenblicks, in dem sie endlich zu ihm sagen würde: ›Ich bin die deine‹, um sich dann schleunigst mit ihr davonzumachen, irgendwohin, möglichst weit weg von der jetzigen gefährlichen Umgebung. Aber nein, er rührt seinen Talisman nicht an, und aus welchem Grund? Der ursprüngliche Grund war, wie wir ausgeführt haben: Wenn sie zu ihm sagen würde: ›Ich bin die deine, führe mich, wohin du willst!‹, da wollte er die Mittel haben, sie fortzubringen. Aber dieser erste Grund verblaßte nach den eigenen Worten des Angeklagten vor einem zweiten. ›Solange ich dieses Geld bei mir trage‹, sagte er sich, ›bin ich zwar ein Schuft, aber kein Dieb, denn ich kann jederzeit zu meiner von mir beleidigten Braut gehen, diese Hälfte der von mir unterschlagenen Summe vor sie hinlegen und zu ihr sagen: ›Siehst du, ich habe die Hälfte deines Geldes verpraßt und dadurch gezeigt, daß ich ein schwacher, sittenloser Mensch und, wenn du willst, ein Schuft bin!‹ Ich drücke mich in der eigenen Sprache des Angeklagten aus. Aber obwohl ich ein Schuft bin, bin ich dennoch kein Dieb, denn wenn ich ein Dieb wäre, würde ich dir diese Hälfte des Geldes nicht zurückbringen, sondern mir auch sie aneignen wie die erste Hälfte!‹ Eine erstaunliche Erklärung der Tatsache! Dieser rasende, aber schwache Mensch, der der Versuchung nicht hatte widerstehen können, die dreitausend Rubel unter so schmählichen Umständen anzunehmen, dieser selbe Mensch fühlt plötzlich in sich eine so stoische Festigkeit und trägt Tausende von Rubeln an seinem Hals, ohne daß er sie zu berühren wagt! Stimmt das auch nur einigermaßen mit dem von uns geschilderten Charakter überein? Nein, und ich möchte mir erlauben, Ihnen zu erzählen, wie sich in einem solchen Fall der wahre Dmitri Karamasow benommen hätte, wenn er sich tatsächlich irgendwann einmal dazu entschlossen hätte, sein Geld in ein Säckchen zu nähen. Gleich bei der ersten Versuchung, zum Beispiel, um der neuen Geliebten, mit der er schon die erste Hälfte dieses Geldes verpraßt hatte, wieder irgendein Amüsement zu bereiten, hätte er sein Säckchen aufgetrennt und von dem Inhalt, nun sagen wir einmal, das erstemal nur hundert Rubel genommen; denn was hatte es für einen Zweck, genau die Hälfte zurückzugeben, das heißt fünfzehnhundert Rubel; es genügten ja auch vierzehnhundert, das Resultat war ja immer das gleiche. ›Ich bin ein Schuft‹, konnte er sich sagen, ›aber kein Dieb, denn ich habe doch wenigstens vierzehnhundert Rubel zurückgebracht, ein Dieb dagegen würde alles behalten und nichts zurückbringen!‹ Darauf hätte er nach einiger Zeit das Säckchen von neuem aufgetrennt und ein zweites Hundert herausgenommen, dann ein drittes, dann ein viertes, und ehe noch der Monat zu Ende gewesen wäre, hätte er schließlich das vorletzte Hundert herausgenommen, in der Erwägung: ›Wenn ich auch nur einhundert Rubel zurückbringe, kommt es ja doch auf dasselbe hinaus: Ich bin ein Schuft, aber kein Dieb. Zweitausendneunhundert Rubel habe ich verjubelt, trotzdem jedoch einhundert zurückgegeben – ein Dieb hätte auch die nicht zurückgegeben!‹ Und endlich, nachdem auch dieses vorletzte Hundert durchgebracht war, hätte er das letzte Hundert angesehen und sich gesagt: ›Ach was, es ist nicht der Mühe wert, das eine Hundert zurückzugeben! Ich will auch das noch verjubeln!‹ Sehen Sie, so hätte der wahre Dmitri Karamasow, der, den wir kennen, gehandelt! Die Erzählung von dem Säckchen steht in einem solchen Widerspruch zur Wirklichkeit, wie man ihn sich gar nicht größer vorstellen kann. Alles kann man annehmen, aber das nicht. Doch wir werden darauf noch zurückkommen.«

Hierauf führte Ippolit Kirillowitsch geordnet und exakt alles an, was bei der Voruntersuchung über die Vermögensstreitigkeiten und das Familienverhältnis zwischen Vater und Sohn bekannt geworden war, und gelangte wieder zu dem Schluß, daß nach den zur Kenntnis gelangten Tatsachen nicht die geringste Möglichkeit bestehe, in der Frage über die Erbteilung festzustellen, wer von beiden mehr oder weniger erhalten habe, als ihm zukam. Und ausgehend von den dreitausend Rubeln, die bei Mitja zu einer fixen Idee geworden seien, kam er auf das Urteil der Sachverständigen zu sprechen.

7. Historischer Überblick

»Die medizinischen Sachverständigen haben sich bemüht, uns zu beweisen, daß der Angeklagte nicht voll bei Verstand ist und an einer Manie leidet. Ich behaupte, daß er durchaus voll bei Verstand ist und daß dies gerade das allerschlimmste ist: Wäre er nicht voll bei Verstand, hätte er sich vielleicht weit klüger gezeigt! Was nun die angebliche Manie betrifft, so würde ich damit einverstanden sein, aber nur in dem einen Punkt, auf den auch die Ärzte hingewiesen haben: Ich meine die Ansicht des Angeklagten über die dreitausend Rubel, die ihm sein Vater noch schuldig sei. Trotzdem läßt sich vielleicht ein unvergleichlich viel näherliegender Anhaltspunkt als seine Neigung zur Geistesgestörtheit finden, um die ständige Raserei des Angeklagten wegen dieses Geldes zu erklären. Ich schließe mich völlig der Meinung des jungen Arztes an, daß der Angeklagte über volle und normale geistige Fähigkeiten verfügt und verfügt hat und nur reizbar und erbittert ist. Und eben das ist der Kernpunkt: Nicht die dreitausend Rubel, nicht diese Summe bildete den eigentlichen Grund der ständigen rasenden Erbitterung des Angeklagten, sondern es gab einen besonderen Grund: die Eifersucht.«

Hier zeichnete Ippolit Kirillowitsch in aller Ausführlichkeit das Bild der verhängnisvollen Leidenschaft des Angeklagten für Gruschenka. Er begann mit dem Augenblick, als der Angeklagte sich zu der »jungen Person« begab, um »sie zu verprügeln«. »Ich drücke mich mit seinen eigenen Worten aus«, fügte Ippolit Kirillowitsch zur Erklärung hinzu und fuhr dann fort: »Aber statt sie zu verprügeln, blieb er zu ihren Füßen, liegen – das war der Beginn dieser Liebe. Gleichzeitig warf auch der alte Mann, der Vater des Angeklagten, seine Augen auf diese Person! Ein sonderbares, verhängnisvolles Zusammentreffen, denn die Herzen beider entbrannten plötzlich gleichzeitig, obwohl der eine wie der andere die Person schon vorher gekannt hatte und mit ihr zusammengetroffen war; sie entbrannten mit unbändiger echt Karamasowscher Leidenschaft. Hier das Bekenntnis dieser jungen Person: ›Ich habe mich über den einen und den anderen lustig gemacht!‹ Ja, es wandelte sie auf einmal die Laune an, sich über den einen und den anderen lustig zu machen; vorher hatte sie einen solchen Wunsch nicht gehabt, nun auf einmal kam sie dieses Verlangen an – und es endete damit, daß beide besiegt vor ihr niederfielen. Der Alte, der das Geld wie einen Gott anbetete, legte dreitausend Rubel zurecht, die sie bekommen sollte, wenn sie ihn in seinem Haus besuchte. Doch bald kam er so weit, daß er es für ein Glück gehalten hätte, ihr seinen Namen und sein ganzes Vermögen zu Füßen zu legen, wenn sie nur einwilligte, seine rechtmäßige Gattin zu werden. Dafür haben wir zuverlässige Zeugnisse. Was den Angeklagten betrifft, so steht uns eine Tragödie klar vor Augen. Aber das war nun eben das ›Spiel‹, das die junge Person trieb. Dem unglücklichen jungen Mann machte die Verführerin damals nicht einmal Hoffnung; Hoffnung, wirkliche Hoffnung wurde ihm erst im allerletzten Augenblick gegeben, als er, vor ihr auf den Knien liegend, ihr seine vom Blut des Vaters und Nebenbuhlers geröteten Hände entgegenstreckte – da wurde er allerdings auch schon verhaftet. ›Schickt mich mit ihm zusammen zur Zwangsarbeit nach Sibirien! Ich habe ihn soweit gebracht! Ich bin die Schuldige!‹ rief sie in jenem Moment, von aufrichtiger Reue erfüllt. Der talentierte junge Mann, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den vorliegenden Prozeß zu schildern, derselbe Herr Rakitin, den ich früher bereits erwähnt habe, skizziert in einigen knappen charakteristischen Sätzen den Charakter dieser Heldin so: ›Frühe Enttäuschung durch erlittenen Betrug, früher Fall, Untreue des Verführers, der sie im Stich läßt; dann Armut, der Fluch der ehrenhaften Familie und endlich die Gönnerschaft eines reichen alten Mannes, den sie auch jetzt noch für ihren Wohltäter hält. In dem jungen Herzen, das viel Gutes in sich haben mag, sammelte sich seit früher Zeit ein geheimer Zorn. Ein berechnender, auf Anhäufung von Kapital bedachter Charakter bildete sich heraus. Es entwickelten sich Spottlust und Rachsucht gegen die Gesellschaft.‹ Nach dieser Charakteristik ist es verständlich, daß sie sich über den einen und den anderen lustig machen konnte und mit ihnen nur ihr boshaftes Spiel trieb. Und in diesem Monat der hoffnungslosen Liebe, der moralischen Vergehen, der Untreue gegen seine Braut, der Aneignung fremden Geldes, das ihm anvertraut war – in diesem Monat wird der Angeklagte außerdem noch durch die stete Eifersucht in Raserei und Wut versetzt, und zwar Eifersucht auf wen? Auf seinen Vater! Und was die Hauptsache ist: Der alte Mann sucht das Objekt der Leidenschaft seines Sohnes durch dieselben dreitausend Rubel zu gewinnen, die der Sohn für sein Eigentum hält, für das ihm von seiner Mutter zugefallene und angeblich durch seinen Vater vorenthaltene Erbteil! Ja, ich gebe zu, daß das schwer zu ertragen war! Da konnte auch eine Manie entstehen. Nicht um das Geld handelte es sich, sondern darum, daß mittels dieses Geldes sein Glück auf so ekelhaft zynische Weise zerstört wurde!«

Dann kam Ippolit Kirillowitsch darauf zu sprechen, wie in dem Angeklagten der Gedanke des Vatermordes allmählich herangereift war, und verfolgte dies an Hand der Tatsachen.

»Anfänglich schreien wir nur in den Wirtshäusern; den ganzen Monat über schreien wir. Oh, wir leben gern unter Menschen und teilen diesen Menschen gern sogleich alle unsere Gedanken mit, selbst die teuflischsten und gefährlichsten; wir lassen die Menschen an allem, was uns bewegt, teilnehmen und fordern noch dazu, daß diese Menschen unsere Offenherzigkeit mit Sympathie erwidern, auf alle unsere Sorgen und Bekümmernisse eingehen, uns zustimmen und unseren Wünschen keine Hindernisse bereiten. Sonst werden wir wütend und bringen das ganze Restaurant in Aufruhr.« (Es folgte die Geschichte von dem Stabskapitän Snegirjow.) »Diejenigen, die den Angeklagten in diesem Monat sahen und hörten, hatten schließlich das Gefühl, daß diese Drohungen gegen den Vater möglicherweise nicht mehr leeres Geschrei waren, sondern am Ende zur Tat werden würden.« (An dieser Stelle beschrieb der Staatsanwalt die Familienzusammenkunft im Kloster, die Gespräche mit Aljoscha und die Mißhandlungsszene im Haus des Vaters, als der Angeklagte nach dem Mittagessen bei ihm eingedrungen war.) »Ich denke nicht daran, eigensinnig zu behaupten«, fuhr Ippolit Kirillowitsch fort, »daß der Angeklagte schon vor dieser Szene mit Vorbedacht den Plan gefaßt hatte, seine Streitigkeiten mit dem Vater durch dessen Ermordung zu beenden. Trotzdem war dieser Gedanke schon einige Male vor ihm aufgetaucht, und er hatte ihn überlegt von allen Seiten betrachtet, dafür haben wir Tatsachen, Zeugen und sein eigenes Geständnis. Ich bekenne, meine Herren Geschworenen, ich habe sogar bis heute geschwankt, ob ich dem Angeklagten bei dem sich ihm aufdrängenden Verbrechen einen bewußten Vorbedacht unterstellen sollte. Ich war fest überzeugt, daß seine Seele schon mehrmals im voraus an den verhängnisvollen Augenblick gedacht, jedoch eben nur an ihn gedacht, ihn sich als Möglichkeit vorgestellt, aber noch nicht den Zeitpunkt der Ausführung und die näheren Umstände festgelegt hatte. Doch ich habe nur bis heute geschwankt, bis zu diesem verhängnisvollen Schriftstück, das Fräulein Werchowzewa heute dem Gericht vorgelegt hat. Sie haben selbst ihren Ausruf gehört, meine Herren! ›Das ist ein vollständiger Plan, ein Programm des Mordes!‹ So hat sie den unglücklichen Brief des unglücklichen Angeklagten genannt. Und in der Tat, dieser Brief hat durchaus die Bedeutung eines Programms und ist der Beweis für einen Vorbedacht. Er wurde zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben, und durch ihn ist uns jetzt mit Sicherheit bekannt, daß der Angeklagte zwei Tage vor der Ausführung seines furchtbaren Plans geschworen hat, wenn er sich am nächsten Tage kein Geld beschaffen könne, werde er seinen Vater ermorden, um ihm das Geld wegzunehmen, das bei ihm unter dem Kopfkissen lag, ›in dem Kuvert mit dem roten Bändchen, sobald Iwan abgereist ist‹. Hören Sie: ›sobald Iwan abgereist ist‹. Hier ist also schon alles bedacht, die Umstände sind erwogen – später hat er dann alles so ausgeführt, wie er es geschrieben hatte! Vorbedacht und Überlegung stehen außer Zweifel; das Verbrechen sollte zum Zweck des Raubes ausgeführt werden: Das hat er unumwunden erklärt, niedergeschrieben und unterschrieben. Der Angeklagte leugnet seine Unterschrift nicht ab. Man wird sagen: Er hat das in der Trunkenheit geschrieben. Aber dadurch wird die Beweiskraft nicht abgeschwächt, sondern das Schriftstück wird nur um so bedeutungsvoller. Er hat in betrunkenem Zustand niedergeschrieben, was er nüchtern überlegt hatte. Hätte er das nicht in nüchternem Zustand überlegt, hätte er es nicht in betrunkenem niedergeschrieben. Man wird vielleicht fragen: Warum hat er denn in den Wirtshäusern so ein Geschrei von seiner Absicht gemacht? Wer sich zu einer solchen Tat mit Vorbedacht entschließt, der schweigt darüber und hält es geheim. Das ist richtig; aber Geschrei machte er nur, solange er noch keine Pläne und keine vorbedachte Absicht hatte, solange bloß der Wunsch vorhanden war und das Verlangen heranreifte, später schon viel weniger. An jenem Abend, als er sich im Restaurant ›Zur Residenz‹ betrank und diesen Brief schrieb, war er gegen seine Gewohnheit schweigsam, spielte nicht Billard, saß abseits, redete nicht und zwang nur einen Gehilfen, von seinem Platz aufzustehen; doch das tat er beinahe unbewußt, in seiner Gewohnheit, Streit zu suchen: Wenn er nämlich in ein Wirtshaus kam, konnte er gar nicht mehr anders, als Streit anfangen. Zwar mußte dem Angeklagten gleichzeitig mit dem endgültigen Entschluß auch der Gedanke kommen, daß die Sache gefährlich war, da er in der Stadt zu viel Geschrei davon gemacht hatte und das sehr leicht den Verdacht auf ihn lenken und ihn überführen könnte, wenn er nun seine Absicht ausführte. Aber geredet hatte er nun einmal davon, das ließ sich nicht ungeschehen machen; und schließlich war er bisher immer mit heiler Haut davongekommen, es würde also auch jetzt glücken. Wir hofften auf unseren Stern, meine Herren! Ich muß außerdem einräumen, daß er viel tat, um ohne die verhängnisvolle Tat auszukommen, daß er alle möglichen Anstrengungen machte, um einen blutigen Ausgang zu vermeiden: ›Morgen werde ich alle möglichen Leute um dreitausend Rubel bitten‹, wie er in der ihm eigenen Sprache schreibt. ›Wenn sie mir jedoch nichts geben, wird Blut fließen.‹ Das hat er wiederum in betrunkenem Zustand niedergeschrieben und wiederum nüchtern so ausgeführt, wie er es geschrieben hatte!«

Jetzt widmete sich Ippolit Kirillowitsch einer eingehenden Schilderung aller Bemühungen Mitjas, sich Geld zu beschaffen, um das Verbrechen zu vermeiden. Er beschrieb seine Gänge zu Samsonow, seine Reise zu Ljagawy, alles an Hand der Akten. »Erschöpft, verspottet, hungrig, seiner Uhr verlustig, die er verkauft hatte, um reisen zu können, obwohl er angeblich doch fünfzehnhundert Rubel bei sich trug, von Eifersucht gequält, weil er die Geliebte in der Stadt zurückgelassen hatte und fürchtete, sie könnte in seiner Abwesenheit zu Fjodor Pawlowitsch gehen – so kehrt er schließlich in die Stadt zurück. Gott sei Dank, sie ist nicht bei Fjodor Pawlowitsch gewesen! Er selbst begleitet sie zu ihrem Gönner Samsonow; merkwürdig: auf Samsonow sind wir nicht eifersüchtig, und das ist eine sehr charakteristische Besonderheit im vorliegenden Fall! Dann eilt er auf seinen Beobachterposten in der Hintergasse, und dort erfährt er, daß Smerdjakow einen epileptischen Anfall hat und der andere Diener krank ist. Also ist die Luft rein, die Signale sind ihm bekannt – welche Versuchung! Trotzdem kämpft er noch dagegen an; er geht zu der von uns allen hochverehrten Frau Chochlakowa. Diese Dame, die schon lange mit ihm Mitleid fühlte, gibt ihm den vernünftigsten Rat, den man sich denken kann: dieser ganzen Zecherei, dieser sinnlosen Liebschaft, diesem Herumtreiben in den Wirtshäusern, dieser nutzlosen Verschwendung seiner jungen Kräfte ein Ende zu machen und sich in die sibirischen Goldbergwerke zu begeben. ›Dort‹, sagt sie, ›finden Sie ein geeignetes Arbeitsfeld für ihre Kräfte und für Ihren romantischen, nach Abenteuern dürstenden Charakter.‹«

Ippolit Kirillowitsch beschrieb dann den Ausgang des Gesprächs und jenen Augenblick, als der Angeklagte auf einmal erfuhr, daß Gruschenka nur ganz kurze Zeit bei Samsonow gewesen war. – Er beschrieb ferner den Zorn, der den unglücklichen, nervlich überreizten, eifersüchtigen Menschen sofort bei dem Gedanken gepackt hatte, daß sie ihn betrogen hatte und jetzt bei seinem Nebenbuhler Fjodor Pawlowitsch war; er schloß damit, daß er die Aufmerksamkeit auf die verhängnisvolle Macht des Zufalls lenkte: »Hätte ihm die Magd gesagt, daß sich seine Geliebte mit ihrem ›Früheren‹ in Mokroje befand, so wäre nichts geschehen. Aber sie war vor Angst ganz benommen und schwor hoch und heilig, sie wisse nichts. Und wenn der Angeklagte sie damals nicht gleich totschlug, so nur deshalb nicht, weil er Hals über Kopf der nachstürzte, die ihn betrogen hatte. Aber beachten Sie bitte: Obwohl er so außer sich war, griff er sich doch den Messingstößel und nahm ihn mit. Warum gerade den Stößel, warum nicht irgendeinen anderen Gegenstand, der als Waffe dienen konnte? Wenn wir uns dieses Bild schon einen Monat lang ausgemalt und uns darin eingelebt haben und uns dann auf einmal irgendein waffenähnliches Ding vor Augen kommt, so ergreifen wir es, um es als Waffe zu benutzen. Daß aber irgendein derartiger Gegenstand als Waffe dienen kann, das haben wir uns schon einen ganzen Monat überlegt. Eben deshalb haben wir ihn denn auch sofort und ohne zu zweifeln als brauchbare Waffe erachtet! Und daher kann man das Ergreifen dieses Stößels nicht als unbewußte Handlung bezeichnen. Und nun ist er in dem väterlichen Garten: Die Luft ist rein, Zeugen gibt es nicht, es gibt nur tiefe Nacht und Finsternis und Eifersucht! Der Verdacht, daß sie dort ist, bei seinem Nebenbuhler, in seinen Armen, und vielleicht in diesem Augenblick über ihn lacht – dieser Verdacht verschlägt ihm den Atem. Und es ist kein bloßer Verdacht mehr – wie kann man da noch von Verdacht reden? Der Betrug ist offensichtlich: Sie ist da in diesem Zimmer, aus dem das Licht kommt, sie ist bei ihm dort hinter dem Wandschirm – und da schleicht der Unglückliche zum Fenster, blickt respektvoll hinein, fügt sich wohlgesittet, geht vernünftig davon und entfernt sich so schnell wie möglich von der Sünde, damit ja nichts Unrechtes und Gefährliches geschehe? Das will man uns einreden, uns, die wir den Charakter des Angeklagten kennen, die wir verstehen, in welchem Gemütszustand er sich befinden mußte, einem Gemütszustand, der uns aus den Tatsachen bekannt ist? Und vor allem: so soll er sich benommen haben, obgleich er die Signale kannte, mit deren Hilfe er sofort in das Haus eindringen konnte!« Bei der Erwähnung der Signale unterbrach Ippolit Kirillowitsch die Anklagerede für einige Zeit und hielt für nötig, sich über Smerdjakow zu verbreiten, um den sich episodenhaft aufdrängenden Verdacht, Smerdjakow könnte den Mord begangen haben, gründlich zu behandeln und ein für allemal zu erledigen. Er tat das sehr umständlich, und alle begriffen, daß er trotz aller Geringschätzigkeit, die er gegen diese Annahme an den Tag legte, sie dennoch für wichtig hielt.

8. Der Traktat über Smerdjakow

»Zunächst: Wie hat ein solcher Verdacht überhaupt entstehen können?« Mit dieser Frage begann Ippolit Kirillowitsch. »Der erste, welcher rief, Smerdjakow habe den Mord begangen, war der Angeklagte selbst, und zwar im Augenblick seiner Verhaftung; dennoch hat er bis jetzt nicht eine einzige Tatsache als Beweis für seine Anschuldigung vorgebracht, ja nicht einmal eine halbwegs vernünftige Andeutung einer Tatsache. Außerdem haben nur noch drei Personen diese Beschuldigung erhoben – die beiden Brüder des Angeklagten und Fräulein Swetlowa. Aber der ältere der beiden Brüder hat seinen Verdacht erst heute im Nervenfieber, in einem Anfall eindeutiger Geistesstörung ausgesprochen, während er früher, wie uns positiv bekannt ist, die Überzeugung von der Schuld seines Bruders vollständig geteilt und nichts gegen diesen Gedanken einzuwenden versucht hat. Doch damit werden wir uns später noch besonders beschäftigen. Ferner hat uns der jüngste Bruder des Angeklagten vorhin selbst erklärt, daß er zur Unterstützung seiner Ansicht von der Schuld Smerdjakows keine Tatsachen anführen könne, nicht die geringsten; er schließe das nur aus den Worten des Angeklagten selbst und ›aus dessen Gesichtsausdruck‹ – und diesen kolossalen Beweis brachte er sogar zweimal vor. Fräulein Swetlowa drückte sich vielleicht sogar noch kolossaler aus: ›Was der Angeklagte Ihnen sagt, das können Sie glauben! Lügen widerspricht seinem ganzen Wesen.‹ Das sind alle faktischen Beweise gegen Smerdjakow, vorgebracht von drei Personen, die am Schicksal des Angeklagten ein großes Interesse haben. Und trotzdem ist die mögliche Schuld Smerdjakows ins Gespräch gekommen; diese Ansicht hat sich gehalten und hält sich noch – sollte man das glauben, kann man sich das überhaupt vorstellen?«

Hier hielt es Ippolit Kirillowitsch für angebracht, den Charakter des verstorbenen Smerdjakow zu skizzieren, »der seinem Leben in einem Anfall krankhafter Geisteszerrüttung ein Ende gemacht hat«. Er stellte ihn dar als einen schwachbegabten Menschen mit einem gewissen Anflug von unklarer Bildung, verwirrt durch philosophische Ideen, denen sein Verstand nicht gewachsen war, entsetzt über gewisse moderne Lehren von der »Pflicht« des Menschen, die ihm von zwei Seiten entgegentraten: praktisch durch das aller Verantwortung spottende Leben seines verstorbenen Herrn und möglichen Vaters Fjodor Pawlowitsch und theoretisch durch etliche seltsame philosophische Gespräche mit dem zweiten Sohn des Herrn, Iwan Fjodorowitsch, der sich gern dieses Vergnügen gegönnt haben soll, wahrscheinlich aus Langeweile oder weil er keine bessere Gelegenheit zur Befriedigung seiner Spottsucht fand. »Er hat mir selbst von seinem Seelenzustand in den letzten Tagen seines Aufenthalts im Hause seines Herrn erzählt«, bemerkte Ippolit Kirillowitsch. »Aber auch andere bezeugen dies: der Angeklagte selbst, sein Bruder und sogar der Diener Grigori, das heißt alle, die ihn näher kennen mußten. Außerdem war Smerdjakow, den seine epileptische Krankheit sehr bedrückte, ›feige wie ein Huhn. Er fiel mir zu Füßen und küßte meine Stiefel‹, teilte uns der Angeklagte selbst mit, als er in so einer Mitteilung noch keinen Nachteil für sich erkannte. ›Er ist ein Huhn, das von Epilepsie befallen ist!‹, so drückte er sich in seiner charakteristischen Sprache aus. Und eben diesen Menschen wählt sich der Angeklagte, wie er selbst bezeugt, zu seinem Vertrauten, und schüchtert ihn dermaßen ein, daß dieser schließlich einwilligt, ihm als Spion und Zuträger zu dienen. In dieser Eigenschaft verrät er seinen Herrn und informiert den Angeklagten über die Existenz des Kuverts mit dem Geld und die Signale, mit deren Hilfe man bei dem Herrn eindringen kann – wie hätte er es auch fertigbringen sollen, können, ihm diese Mitteilungen vorzuenthalten! ›Er wollte mich totschlagen! Ich sah deutlich, daß er mich totschlagen wollte!‹ sagte er bei der Voruntersuchung, und er zitterte, während er vor uns stand, obwohl jener, der ihn in Angst versetzt hatte, damals schon selbst in Haft war und ihn nicht mehr strafen konnte. ›Er hegte ständig Mißtrauen gegen mich und da habe ich ihm aus Angst schleunigst das Geheimnis mitgeteilt, damit er daraus meine Schuldlosigkeit ihm gegenüber ersah und mich am Leben ließ.‹ Das sind seine eigenen Worte, ich habe sie aufgeschrieben und im Gedächtnis behalten. ›Wenn er mich manchmal so anschrie, fiel ich gleich vor ihm auf die Knie.‹ Da er von Natur ein grundehrlicher junger Mensch war und dadurch das Vertrauen seines Herrn gewonnen hatte – zum Beispiel hatte er ihm einmal Geld zurückgegeben, das ihm verlorengegangen war –, quälte den unglücklichen Smerdjakow, wie man sich leicht denken kann, die Reue über den Verrat an seinem Herrn, den er als seinen Wohltäter liebte. Menschen, die an starker Epilepsie leiden, neigen nach dem Urteil der bedeutendsten Psychiater stets zu natürlich krankhaften Selbstbeschuldigungen. Sie quälen sich mit ihrer ›Schuld‹ an irgend etwas und irgend jemandem gegenüber; sie quälen sich mit Gewissensbissen, oft sogar ohne jeden Grund; sie übertreiben und bilden sich sogar allerlei Verbrechen ein, die sie begangen zu haben glauben. Und nun, infolge der Einschüchterungen, wird ein solches Subjekt aus Furcht tatsächlich schuldig. Außerdem hatte er eine starke Vorahnung, daß sich aus den Umständen, die er vor Augen hatte, etwas Schlimmes ergeben könnte. Als Fjodor Pawlowitschs zweiter Sohn Iwan Fjodorowitsch unmittelbar vor der Katastrophe nach Moskau fuhr, flehte ihn Smerdjakow an zu bleiben, wagte jedoch in seiner Feigheit nicht, alle seine Befürchtungen klar und bestimmt auszusprechen. Er begnügte sich mit Andeutungen, diese wurden jedoch nicht verstanden. Es muß berücksichtigt werden, daß er in Iwan Fjodorowitsch gewissermaßen seinen Schutz sah, gewissermaßen eine Bürgschaft dafür, daß sich kein Unglück ereignen würde, solange dieser im Haus war. Erinnern Sie sich an eine Wendung in dem Brief Dmitri Karamasows: ›Ich werde den Alten totschlagen, sobald Iwan abgereist ist.‹ Die Anwesenheit Iwan Fjodorowitschs erschien demnach allen als eine Garantie für Ruhe und Ordnung im Hause. Da reist er nun plötzlich ab – und Smerdjakow bekommt auch prompt, etwa eine Stunde nach der Abreise, seinen epileptischen Anfall. Das ist vollkommen begreiflich. Es sei hier erwähnt, daß Smerdjakow, bedrückt von seinen Befürchtungen und von einer eigenartigen Verzweiflung, in den letzten Tagen besonders stark das Gefühl hatte, daß möglicherweise ein epileptischer Anfall bevorstand, ein Gefühl, das bei ihm auch früher in Momenten moralischer Anspannung und Erschütterung aufgetreten war. Tag und Stunde dieser Anfälle vorherzuwissen ist zwar unmöglich, doch ob eine Disposition zu einem Anfall vorhanden ist, kann jeder Epileptiker an seinem Befinden spüren. So sagt die medizinische Wissenschaft. Und was geschieht? Kaum hat Iwan Fjodorowitsch das Haus verlassen, geht Smerdjakow, noch ganz unter dem Eindruck seiner, nun sagen wir, Verwaistheit und Schutzlosigkeit, im Rahmen seines Dienstes in den Keller, steigt die Treppe hinunter und denkt: ›Werde ich einen Anfall bekommen oder nicht? Und was, wenn er sich gleich einstellt?‹ Und eben infolge dieser Stimmung, infolge dieser Befürchtung, infolge dieser Fragen packt ihn wirklich der Kehlkrampf, der einem epileptischen Anfall immer vorausgeht, und er stürzt kopfüber bewußtlos auf den Boden des Kellers. Und in diesem höchst natürlichen Zufall sehen nun besonders schlaue Menschen etwas Verdächtiges, eine Art Fingerzeig, einen Hinweis darauf, daß er sich absichtlich krank gestellt hat! Und wenn er es absichtlich tat, so erhebt sich sogleich die Frage: Zu welchem Zweck? Mit welcher Absicht? Ich will nicht einmal von der medizinischen Wissenschaft reden: Die Wissenschaft lügt, könnte man sagen; die Wissenschaft irrt sich; die Ärzte können nicht die Wahrheit von der Simulation unterscheiden – nun gut, aber antworten Sie mir doch auf die eine Frage: Welchen Zweck hatte es für ihn, zu simulieren? Wollte er etwa, wenn er den Mord plante, durch den Anfall schon im voraus die Aufmerksamkeit im Hause auf sich lenken? Sehen Sie, meine Herren Geschworenen, in Fjodor Pawlowitschs Haus befanden sich in der Nacht, in der das Verbrechen stattfand, insgesamt fünf Menschen. Erstens Fjodor Pawlowitsch selbst: er hat sich nicht selbst ermordet, das ist wohl klar. Zweitens sein Diener Grigori: der ist selbst beinahe ermordet worden. Drittens Grigoris Frau, die Dienerin Marfa Ignatjewna: wer sie für die Mörderin ihres Herrn ausgeben wollte, müßte sich einfach schämen. Es bleiben also nur zwei Personen übrig: der Angeklagte und Smerdjakow. Da der Angeklagte versichert, er habe den Mord nicht begangen, muß es also Smerdjakow gewesen sein, eine andere Möglichkeit gibt es nicht; denn ein anderer Mörder ist nicht aufzutreiben. Daher also stammt diese schlaue, kolossale Beschuldigung des unglücklichen Idioten, der gestern seinem Leben ein Ende gemacht hat! Man beschuldigt ihn nur deswegen, weil man keinen anderen finden kann! Fiele auch nur ein Schatten von Verdacht auf jemand anders, auf irgendeine sechste Person, so bin ich überzeugt, daß sogar der Angeklagte sich schämen würde, auf Smerdjakow hinzuweisen; er würde vielmehr auf diese sechste Person verweisen! Smerdjakow dieses Mordes zu beschuldigen ist ein vollständiger Nonsens. Meine Herren, lassen wir die Psychologie, lassen wir die medizinische Wissenschaft, ja, lassen wir sogar die Logik, und wenden wir uns nur den Tatsachen zu, einzig und allein den Tatsachen, und sehen wir, was sie uns sagen … Also Smerdjakow hat den Mord begangen. Aber wie? Allein oder gemeinsam mit dem Angeklagten? Untersuchen wir zuerst die Möglichkeit, daß Smerdjakow den Mord allein begangen hat. Natürlich muß er, wenn er den Mord beging, doch irgendeinen Zweck verfolgt, irgendeinen Vorteil gesucht haben. Da bei ihm auch nicht ein Schatten von solchen Motiven wie bei dem Angeklagten vorhanden war, Haß, Eifersucht und so weiter und so fort, konnte Smerdjakow den Mord zweifellos nur um des Geldes willen begehen, um sich die bewußten dreitausend Rubel anzueignen, die er selbst gesehen hatte, als sein Herr sie in das Kuvert steckte. Und siehe da: Nachdem er sich zu dem Mord entschlossen hat, teilt er einer anderen Person (und noch dazu einer Person, die an dem ganzen Vorgang höchstes Interesse hatte, nämlich dem Angeklagten) alle Einzelheiten über das Geld und die Signale vorher mit: wo das Kuvert liegt, wie seine Aufschrift lautet, womit es umwickelt ist. Vor allen Dingen aber verrät er ihm die Signale, mit deren Hilfe man zu dem Herrn gelangen kann. Wie ist das zu erklären? Tut er das, um sich zu verraten? Oder um sich einen Konkurrenten zu schaffen, der vielleicht selbst Lust bekommt, hineinzugehen und sich das Kuvert anzueignen? Ja, wird man einwenden, er hat ihm das aus Furcht mitgeteilt. Aber wie steht es damit? Ein Mensch, der furchtlos und ohne mit der Wimper zu zucken so eine bestialische Tat geplant und dann auch wirklich ausgeführt hat, der teilt einem anderen Dinge mit, die nur er weiß und von denen nie jemand etwas erraten, wenn er geschwiegen hätte? Nein, mochte der Mensch auch noch so feige sein – wenn er so eine Tat beabsichtigte, hätte er um keinen Preis jemandem etwas gesagt zumindest nichts von dem Kuvert und den Signalen, denn damit hätte er sich selbst im voraus verraten. Eher hätte er irgend etwas erfunden, wenn man durchaus Mitteilungen verlangte – darüber jedenfalls hätte er geschwiegen! Im Gegenteil, ich wiederhole es: Wenn er von dem Geld geschwiegen, dann aber den Mord begangen und sich dieses Geld angeeignet hätte, so hätte ihn wenigstens niemand des Raubmordes beschuldigen können; dieses Geld hatte ja außer ihm niemand gesehen, und niemand wußte, daß es im Hause vorhanden war. Und selbst wenn man ihn des Mordes beschuldigt hätte, so hätte man sicherlich gemeint, er habe den Mord aus irgendeinem anderen Motiv begangen. Da aber solche Motive niemand vorher an ihm bemerkt hatte, sondern im Gegenteil alle gesehen hatten, daß der Herr ihn liebte und mit seinem Vertrauen beehrte, so wäre er natürlich der letzte gewesen, den man verdächtigte. Man hätte zuerst einen Menschen verdächtigt, der solche Motive hatte, der selber ausposaunte, daß er solche Motive habe, der sie nicht verheimlichte, sondern vor aller Ohren kundtat – mit einem Wort, man hätte den Sohn des Ermordeten, Dmitri Fjodorowitsch, verdächtigt. Smerdjakow hätte den Mord und den Raub begangen, und den Sohn hätte man beschuldigt – für Smerdjakow wäre das doch sehr vorteilhaft gewesen. Nun, und da erzählt Smerdjakow, während er den Mord plant, ausgerechnet diesem Sohn Dmitri vorher von dem Geld, dem Kuvert und den Signalen – wie logisch, wie klar ist das! Der Tag des von Smerdjakow geplanten Mordes naht, und da stürzt er, einen epileptischen Anfall ›simulierend‹. Wozu? Natürlich erstens, damit der Diener Grigori, der eigentlich eine Kur vornehmen wollte, vielleicht seine Kur aufschöbe und aufbliebe, um Wache zu halten, wenn er sähe, daß niemand da war, das Haus zu bewachen. Zweitens natürlich, damit der Herr selbst, wenn er sah, daß ihn niemand bewachte, in seiner schrecklichen Angst vor dem Kommen seines Sohnes das Mißtrauen und die Vorsicht verdoppelte. Endlich aber, und das war der Hauptzweck, damit man ihn, Smerdjakow, wegen seines epileptischen Anfalls sogleich aus der Küche, wo er sonst immer von allen abgesondert schlief und seinen besonderen Eingang und Ausgang hatte, umquartierte, in das andere Ende des Seitengebäudes, in Grigoris Zimmer, zu ihnen beiden hinter den Bretterverschlag, drei Schritt von dem Bett des Ehepaares entfernt, wie das Marfa Ignatjewna auf Anordnung des Herrn und aus eigenem Mitleid immer tat, sobald ihm ein Anfall zustieß. Dort hinter dem Bretterverschlag liegend, wollte er dann, höchstwahrscheinlich, um recht glaubhaft den Kranken zu spielen, natürlich zu stöhnen anfangen, das heißt, er wollte die beiden aufwecken, wie es nach der Aussage Grigoris und seiner Frau auch wirklich geschehen ist – und das alles, um ungestört plötzlich aufstehen und dann den Herrn ermorden zu können! Aber, wird man vielleicht sagen, er hat ja eben deswegen simuliert, damit man ihn als einen Kranken nicht verdächtigen konnte. Und er hat dem Angeklagten von dem Geld und den Signalen eben deshalb berichtet, damit dieser sich verführen ließ, selbst den Mord auszuführen. Und wenn der dann nach dem Mord weggehen und das Geld mitnehmen und dabei vielleicht Geräusch und Lärm machen und Zeugen aufwecken würde, dann wollte auch Smerdjakow aufstehen und hingehen – nun, zu welchem Zweck wollte er dann hingehen? Doch wohl, um den Herrn zum zweitenmal totzuschlagen und das bereits weggenommene Geld zum zweitenmal wegzunehmen. Meine Herren, Sie lachen? Ich schäme mich selbst, solche Vermutungen aufzustellen; doch ist es gerade dies, was der Angeklagte behauptet: ›Nach mir‹, sagt er, ›als ich Grigori niedergeschlagen und Alarm verursacht und das Grundstück verlassen hatte, ist er aufgestanden und hingegangen und hat den Mord und den Raub verübt!‹ Ich will nicht einmal davon reden, wie Smerdjakow das alles hätte vorherwissen und gleichsam alles im voraus an den Fingern berechnen sollen: daß nämlich der gereizte, unberechenbare Sohn einzig und allein zu dem Zweck kommen würde, um respektvoll durchs Fenster zu sehen, sich trotz der Kenntnis der Signale zurückzuziehen und ihm, Smerdjakow, seine Beute zu überlassen! Meine Herren, ich stelle allen Ernstes die Frage: Wo ist der Augenblick, da Smerdjakow sein Verbrechen begangen hat? Zeigen Sie mir diesen Augenblick; ohne dies fällt die Beschuldigung in sich zusammen. Doch vielleicht war der epileptische Anfall echt? Der Kranke kam plötzlich zu sich, hörte einen Schrei, ging hinaus – nun, und was weiter? Er sah sich um und sagte sich: ›So, jetzt werde ich hingehen und den Herrn totschlagen!‹ Aber woher wußte er, was sich da ereignet hatte, er hatte ja bis dahin bewußtlos dagelegen? Indessen, meine Herren, auch das Phantasieren hat seine Grenze. ›Gut‹, werden scharfsinnige Leute sagen, ›aber wenn sie nun beide zusammen den Mord begingen und das Geld teilten? Was dann?‹ Ja, das ist tatsächlich ein schwerwiegender Verdacht – uns fallen sofort bedeutsame Indizien auf, die ihn bestätigen: Der eine mordet und nimmt alle Mühen auf sich, der andere Helfershelfer aber liegt ruhig im Bett und heuchelt einen epileptischen Anfall, um im voraus bei allen Verdacht zu erwecken und den Herrn und Grigori in Unruhe zu versetzen. Es wäre interessant zu erfahren, aus welchen Motiven sich die beiden so einen verrückten Plan hätten ausdenken können. Doch vielleicht gab es überhaupt keine aktive Beteiligung von seiten Smerdjakows, sondern sozusagen eine passive? Vielleicht hatte der eingeschüchterte Smerdjakow nur eingewilligt, sich dem Mord nicht zu widersetzen, und sich in der Voraussicht, daß man ihn beschuldigen würde, die Ermordung des Herrn zugelassen und sich nicht widersetzt zu haben, von Dmitri Karamasow die Erlaubnis ausbedungen, zu der betreffenden Zeit anscheinend in einem epileptischen Anfall dazuliegen: ›Morde du dann nach Belieben – was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!‹ Aber selbst wenn es sich so verhielte, hätte Dmitri Karamasow auf keinen Fall auf eine solche Bedingung eingehen können, da dieser epileptische Anfall im Hause Unruhe hervorrufen mußte. Ich will jedoch einräumen: Mag er darauf eingegangen sein; dann wäre es allerdings darauf hinausgelaufen, daß Dmitri Karamasow der Mörder und Anstifter war, Smerdjakow dagegen nur ein passiver Teilnehmer, ja eigentlich nicht einmal ein Teilnehmer: Seine Schuld bestände nur darin, aus Furcht und wider seinen Willen das Verbrechen zugelassen zu haben – das Gericht hätte das sicherlich unterscheiden können. Aber was sehen wir? Kaum ist der Angeklagte verhaftet, als er sofort alles auf Smerdjakow abwälzt und diesen allein beschuldigt. Er beschuldigt ihn nicht, gemeinsam mit ihm das Verbrechen begangen zu haben, sondern allein. ›Allein‹, sagt er, ›hat er es getan! Er hat den Mord und den Raub begangen, das ist sein Werk!‹ Nun, was sind das für Spießgesellen, die sich sofort gegenseitig beschuldigen, das gibt es doch gar nicht! Und beachten Sie noch dies: Was wäre das für ein Risiko für Karamasow gewesen! Er wäre der Hauptmörder gewesen, während der andere die Tat nur zugelassen und hinter dem Bretterverschlag gelegen hätte; und dennoch würde er die Schuld auf den anderen schieben. Da könnte doch derjenige, der nur dagelegen hat, ärgerlich werden und nur um der Selbsterhaltung willen schleunigst die reine Wahrheit sagen: ›Wir haben es beide gemeinsam getan! Nur habe ich nicht gemordet, sondern lediglich aus Furcht die Tat geduldet und zugelassen!‹ Smerdjakow hätte ja begreifen können, daß das Gericht sofort den Gradunterschied der Schuld erkennen würde, und hätte darauf rechnen können, daß seine Strafe unvergleichlich viel milder ausfallen würde als die des Hauptmörders, der alles auf ihn abzuwälzen suchte. Also hätte er unwillkürlich ein Geständnis abgelegt. Wir haben aber nicht erlebt, daß das geschehen wäre. Smerdjakow hat kein Wort von einer gemeinsamen Täterschaft gesagt, obwohl der Mörder ihn eindeutig beschuldigt und die ganze Zeit ihn als den einzigen Mörder hingestellt hat. Und noch mehr: Smerdjakow hat vor der Untersuchungsbehörde ausgesagt, daß er selbst dem Angeklagten von dem Kuvert mit dem Geld und von den Signalen erzählt hat und daß dieser ohne ihn nichts davon erfahren hätte. Wäre er nun wirklich ein Mittäter und Mitschuldiger gewesen, hätte er dann so ohne weiteres der Untersuchungsbehörde gesagt, daß er selbst dem Angeklagten alles mitgeteilt hat? Vielmehr hätte er geleugnet und die Tatsachen zu entstellen und abzuschwächen versucht. Aber er hat nichts entstellt und abgeschwächt. So kann nur ein Unschuldiger handeln, der nicht fürchtet, daß er der Mittäterschaft bezichtigt wird. Und nun hat er sich gestern in einem Anfall krankhafter Schwermut infolge seiner Epilepsie und dieser ganzen plötzlich hereingebrochenen Katastrophe erhängt und nur einen Zettel hinterlassen, auf den er in eigenartiger Ausdrucksweise geschrieben hat: ›Ich vernichte mein Leben nach meinem eigenen Willen, um niemanden zu beschuldigen.‹ Was hätte es ihm ausgemacht, auf dem Zettel hinzuzufügen: ›Der Mörder bin ich und nicht Karamasow?‹ Er hat das jedoch nicht hinzugefügt – hat sein Gewissen zu dem einen Schritt ausgereicht, zu dem anderen aber nicht? Und wie steht es mit folgendem: Vorhin hat uns ein Zeuge hier in die Gerichtsverhandlung Geld gebracht, dreitausend Rubel. ›Das Geld aus dem Kuvert‹, sagt er, ›das da auf dem Tisch mit den Beweisstücken liegt. Ich habe es gestern von Smerdjakow erhalten.‹ Aber bitte, meine Herren Geschworenen, erinnern Sie sich selbst an das traurige Bild von vorhin! Ich will Ihnen die Einzelheiten nicht nochmals vorführen, sondern möchte mir nur erlauben, zwei oder drei Erwägungen anzustellen, wobei ich die unbedeutendsten auswähle, gerade weil sie unbedeutend sind und somit nicht jedem in den Sinn kommen und leicht übersehen werden können. Erstens: also aus Gewissensbissen hat Smerdjakow gestern das Geld zurückgegeben und sich selbst erhängt; denn ohne Gewissensbisse hätte er das Geld nicht zurückgegeben. Und natürlich hat er erst gestern abend zum erstenmal Iwan Karamasow sein Verbrechen gestanden, wie das Iwan Karamasow selbst gesagt hat; denn warum hätte dieser sonst bis jetzt geschwiegen? Er hat also gestanden, doch warum hat er, frage ich wieder, auf dem Zettel, den er vor seinem Tod geschrieben hat, uns nicht die volle Wahrheit mitgeteilt, obwohl er doch wußte, daß schon am nächsten Tag die Gerichtsverhandlung gegen den unschuldigen Angeklagten stattfinden würde? Das Geld allein ist ja noch kein Beweis. So ist zum Beispiel mir und noch zwei in diesem Saal anwesenden Personen schon vor einer Woche ganz zufällig bekannt geworden, daß Iwan Fjodorowitsch Karamasow zwei fünfprozentige Staatsschuldscheine zu je fünftausend Rubeln, also im Gesamtbetrag von zehntausend Rubeln, zum Einwechseln in die Gouvernementsstadt geschickt hat. Ich sage das nur, um darauf hinzuweisen, daß alle Leute zu einer bestimmten Zeit im Besitz von Geld sein können und daß, wenn jemand dreitausend Rubel bringt, dadurch noch nicht unbedingt bewiesen ist, daß dieses Geld aus einem bestimmten Schubfach oder Kuvert stammt. Ferner: nachdem Iwan Karamasow gestern eine so wichtige Mitteilung von dem wirklichen Mörder erhalten, hat, verhält er sich vollkommen ruhig. Warum hat er nicht sofort Anzeige erstattet? Warum hat er alles bis zum anderen Morgen verschoben? Ich glaube, daß ich berechtigt bin, eine Vermutung über den Grund auszusprechen. Schon seit einer Woche war seine Gesundheit schwer erschüttert; er selbst hatte dem Arzt und denen, die ihm nahestanden, bekannt, daß er an Visionen litt, daß er Leuten, die schon verstorben waren, begegnete; er stand vor einem Nervenfieber, das heute auch wirklich zum Ausbruch gekommen ist. In diesem Zustand erfuhr er plötzlich von Smerdjakows Ende und stellte bei sich folgende Erwägung an: Der Mensch ist tot, da kann ich gegen ihn aussagen und meinen Bruder retten. Geld habe ich, ich werde ein Päckchen nehmen und sagen, Smerdjakow habe es mir vor seinem Tod gegeben … Sie werden sagen, das sei unehrenhaft, auch einem Toten gegenüber; doch ist es auch dann unehrenhaft, die Unwahrheit zu sagen, wenn es zur Rettung des Bruders geschieht? Nun, soll es unehrenhaft sein; aber wie, wenn er unbewußt die Unwahrheit gesagt hat? Wenn er sich selbst einbildete, daß es so war, weil seine Denkkraft durch die Nachricht von diesem plötzlichen Tod des Dieners endgültig in Unordnung geraten war? Sie haben ja die Szene von vorhin gesehen, Sie haben gesehen, in welchem Zustand sich dieser Mensch befand. Er stand auf seinen Beinen und redete – aber wo war sein Verstand? Auf diese Aussage des Fieberkranken von vorhin folgte ein Schriftstück, ein Brief des Angeklagten an Fräulein Werchowzewa, den er zwei Tage vor dem Verbrechen geschrieben hat und worin er im voraus ein Programm des Verbrechens mit allen Einzelheiten entwirft. Nun, warum suchen wir da noch ein anderes Programm und andere Verfasser eines solchen? Ganz genau nach diesem Programm ist das Verbrechen begangen worden! Begangen von keinem anderen als dem Verfasser des Programms! Ja meine Herren Geschworenen, es ist so ausgeführt worden, wie es geschrieben stand! Und wir sind überhaupt nicht respektvoll und ängstlich vom Fenster des Vaters fortgelaufen, trotz der festen Überzeugung, daß in jenem Augenblick unsere Geliebte bei ihm war. Nein, das ist absurd und unglaublich. Er ist hineingegangen und hat die Sache zu Ende gebracht. Wahrscheinlich hat er den Totschlag in der Erregung begangen, vor Wut glühend, sobald er seinen Feind und Nebenbuhler erblickte; doch nachdem er ihn totgeschlagen hatte – was er vielleicht mit einem einzigen Schlag, mit einem einzigen Ausholen seines mit dem Messingstößel bewaffneten Arms vollbrachte – und nachdem er sich dann durch eingehende Untersuchung überzeugt hatte, daß sie nicht da war, da hat er allerdings nicht vergessen, die Hand unter das Kopfkissen zu schieben und das Kuvert mit den Banknoten hervorzuholen, das jetzt hier zerrissen auf dem Tisch mit den Beweisstücken liegt. Ich sage das, damit Sie auf einen meiner Ansicht nach sehr charakteristischen Umstand achten. Wäre es ein routinierter Mörder gewesen und besonders ein Mörder, mit der Absicht zu rauben, hätte er dann wohl das zerrissene Kuvert auf dem Fußboden liegenlassen, so wie wir es neben der Leiche gefunden haben? Wäre es zum Beispiel Smerdjakow gewesen, der den Mord um des Raubes willen begangen hätte, so hätte er doch einfach das Kuvert mitgenommen, ohne sich die Mühe zu machen, es neben der Leiche zu öffnen, da er genau wußte, daß in dem Kuvert Geld war: Es war ja vor seinen eigenen Augen hineingetan und versiegelt worden. Hätte er jedoch das Kuvert ganz mitgenommen, so hätte kein Mensch gewußt, ob ein Raub stattgefunden hatte. Ich frage Sie, meine Herren Geschworenen, wäre Smerdjakow wohl so verfahren? Hätte er das Kuvert auf dem Fußboden liegenlassen? Nein, so mußte ein Mörder verfahren, der außer sich war und nicht richtig zu überlegen vermochte, ein Mörder, der kein Dieb war und bisher noch nie etwas gestohlen hatte und auch jetzt nicht wie ein Dieb das Geld unter dem Kopfkissen hervorholte, sondern so, als nähme er sein Eigentum dem Dieb, der es ihm gestohlen hat, wieder weg. Gerade das war ja Dmitri Karamasows Auffassung von diesen dreitausend Rubeln, eine Auffassung, die bei ihm zur Manie geworden war. Und nachdem er sich des Kuverts bemächtigt hat, das er vorher nie gesehen hatte, reißt er es auf, um sich zu überzeugen, ob auch das Geld darin ist; dann läuft er mit dem Geld in der Tasche davon, ohne auch nur daran zu denken, daß er mit dem zerrissenen Kuvert ein außerordentlich starkes Beweisstück gegen sich auf dem Fußboden zurückläßt. Alles deswegen, weil es eben Karamasow war und nicht Smerdjakow, weil er nicht überlegte – und wie hätte er das auch gekonnt! Er läuft davon, er hört das Geschrei des Dieners, der Diener faßt ihn, hält ihn fest und stürzt, von dem Stößel getroffen, zu Boden. Der Angeklagte springt aus Mitleid zu ihm hinunter. Stellen Sie sich das vor: Er versichert uns auf einmal, er sei damals aus Bedauern, aus Mitleid hinuntergesprungen, um zu sehen, ob er ihm nicht irgendwie helfen konnte. Nun, war dieser Augenblick etwa dazu angetan, ein derartiges Mitleid zum Ausdruck zu bringen? Nein, er sprang vielmehr hinunter, um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seiner Untat noch am Leben war. Jedes andere Gefühl, jedes andere Motiv wäre unnatürlich gewesen! Beachten Sie auch dies: Er müht sich um Grigori ab, wischt ihm mit dem Taschentuch das Blut vom Kopf, und als er sicher zu sein glaubt, daß der andere tot ist, läuft er wie ein Unsinniger ganz blutbeschmiert wieder in das Haus seiner Geliebten – wie konnte er nicht daran denken, daß er ganz voll Blut war und ihn das sofort verraten mußte? Doch der Angeklagte versichert uns selbst, er habe gar nicht darauf geachtet, daß er voll Blut war. Das kann man ihm glauben, das ist sehr wohl möglich, das ist in solchen Momenten bei Verbrechern oft der Fall. Einerseits sind sie fähig zu einer teuflisch schlauen Berechnung, andererseits jedoch reicht ihre Denkkraft nicht aus. Aber er dachte in diesem Augenblick nur daran, wo sie war. Er wollte so schnell wie möglich erfahren, wo sie war, und so eilte er in ihre Wohnung und hörte die unerwartete, schreckliche Nachricht, daß sie mit ihrem ›Früheren‹ nach Mokroje gefahren sei.«

9. Psychologie auf Hochtouren. Die dahinjagende Troika. Schluß der Rede des Staatsanwalts

Als Ippolit Kirillowitsch bis zu diesem Punkt seiner Rede gelangt war (er hatte offenbar eine streng historische Methode der Darstellung gewählt, eine Methode, zu welcher alle nervösen Redner mit besonderer Vorliebe Zuflucht nehmen, indem sie absichtlich einen strengen Rahmen suchen, um ihren eigenen ungeduldigen Eifer zu hemmen), da verbreitete er sich besonders über den ›Früheren‹ und trug zu diesem Thema einige in ihrer Art interessante Gedanken vor. Karamasow, bisher auf alle eifersüchtig bis zur Raserei, falle auf einmal gleichsam zusammen und verschwinde vor dem ›Früheren‹. Und dies sei um so seltsamer, da er früher diese neue Gefahr in der Person des unerwarteten Nebenbuhlers fast gar nicht beachtet habe. Aber er habe wohl immer die Vorstellung gehabt, das sei noch in weiter Ferne; ein Karamasow lebe jedoch immer nur im gegenwärtigen Augenblick. Wahrscheinlich habe er den anderen sogar für eine Fiktion gehalten. Doch nachdem er dann urplötzlich begriffen habe, daß diese Frau ihm den neuen Nebenbuhler vielleicht gerade darum verheimlichte, weil er für sie ganz und gar keine Phantasie und Fiktion, sondern ihre ganze Lebenshoffnung bildete – nachdem er das begriffen habe, habe er sich dreingefunden. »Nun, meine Herren Geschworenen, ich kann diesen in der Seele des Angeklagten plötzlich hervorgetretenen Zug nicht mit Stillschweigen übergehen. Es könnte scheinen, der Angeklagte sei zu einem solchen Verhalten schlechterdings nicht fähig gewesen; aber es zeigte sich bei ihm auf einmal ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Gerechtigkeit, ein Drang, dieses weibliche Wesen zu achten, die Rechte ihres Herzens zu respektieren, und zwar gerade in dem Augenblick, als er sich um ihretwillen die Hände mit dem Blut seines Vaters befleckt hatte! Allerdings schrie auch das vergossene Blut schon zu diesem Zeitpunkt nach Rache; denn nachdem er seine Seele und sein ganzes irdisches Schicksal zerstört hatte, mußte er das in jenem Augenblick unwillkürlich fühlen und sich fragen, was er jetzt noch für sie bedeuten konnte, für dieses Wesen, das er mehr als seine Seele liebte – er neben diesem ›Früheren‹, der reuig zu der einst von ihm zugrunde gerichteten Frau mit neuer Liebe, mit ehrenhaften Anträgen und mit dem Gelöbnis eines neuen, glücklichen Lebens zurückkehrte. Was konnte er, der Unglückliche, ihr jetzt geben, was konnte er ihr bieten? Karamasow begriff das alles; er begriff, daß ihm sein Verbrechen alle Wege verschloß, daß er nur ein zum Tod verurteilter Verbrecher war – kein Mensch, dem weiterzuleben vergönnt war! Dieser Gedanke drückte ihn nieder und vernichtete ihn. Und so faßte er augenblicklich einen verzweifelten Plan, der ihm bei seinem Charakter als der einzige, vom Schicksal gewiesene Ausweg aus seiner furchtbaren Lage erscheinen mußte. Dieser Ausweg war der Selbstmord. Er läuft seine Pistole holen, die er bei dem Beamten Perchotin versetzt hat; er nimmt unterwegs im Laufen aus der Tasche das Geld, um dessentwillen er soeben seine Hände mit dem Blut seines Vaters befleckt hat. Oh, Geld braucht er jetzt ganz besonders nötig: Karamasow wird sterben, Karamasow wird sich erschießen – doch an die Art, wie er das getan hat, wird man lange denken! Nicht umsonst sind wir ein Dichter, nicht umsonst haben wir unser Leben aufgebraucht wie eine an beiden Enden angezündete Kerze. ›Zu ihr, zu ihr! Dort werde ich ein Gelage für die ganze Welt veranstalten, ein Gelage, wie es noch nicht dagewesen ist, damit die Menschen sich lange daran erinnern und davon erzählen. Inmitten des Geschreis, der wilden Lieder und Tänze der Zigeuner werde ich den Becher erheben, der vergötterten Frau zu ihrem neuen Glück gratulieren und mir dann gleich dort zu ihren Füßen und vor ihren Augen den Schädel zerschmettern!‹ Sie wird sich später manchmal an Mitja Karamasow erinnern, wird verstehen, wie heiß Mitja sie geliebt hat, und sie wird Mitja bedauern! Ja, hier ist viel Hang zur großartigen Pose mit im Spiel, viel romantische Schwärmerei, viel echt Karamasowsche Zügellosigkeit und Sentimentalität – nun, und noch etwas anderes, meine Herren Geschworenen, etwas, das da unermüdlich in der Seele schreit, im Verstand pocht und das Herz vergiftet. Dieses Etwas ist das Gewissen, meine Herren Geschworenen, das Gewissen, das ihn unerbittlich richtet und entsetzlich quält. Aber die Pistole wird alles zur Ruhe bringen, die Pistole ist die einzige Rettung, eine andere gibt es nicht. Dort im Jenseits jedoch … Ich weiß nicht, ob Karamasow in jenem Augenblick daran gedacht hat, was im Jenseits sein wird, ob Karamasow überhaupt imstande ist, daran zu denken, wie es Hamlet tut. Nein, meine Herren Geschworenen, woanders gibt es Hamlets, doch bei uns vorläufig nur Karamasows!«

Nun entrollte Ippolit Kirillowitsch ein Bild von Mitjas Vorbereitungen mit allen Einzelheiten: die Szenen bei Perchotin, im Laden, mit dem Kutscher. Er führte eine Menge von Worten, Aussprüchen und Gesten an, die sämtlich durch Zeugen bestätigt waren – und das Bild übte eine gewaltige Wirkung auf die Zuhörer aus. Vor allem beeindruckte dabei das Zusammentreffen der Tatsachen. Die Schuld dieses bis zum Wahnsinn erregten und sich nicht mehr beherrschenden Menschen trat unwiderleglich zutage.

»Es lag ihm nichts mehr daran, sich in acht zu nehmen«, sagte Ippolit Kirillowitsch. »Zwei- oder dreimal war er schon nahe daran, ein volles Geständnis abzulegen; er machte Andeutungen und sprach nur nicht ganz zu Ende …« Hier folgten die Aussagen von Zeugen. »Selbst dem Kutscher rief er unterwegs zu: ›Weißt du, daß du einen Mörder fährst?‹ Aber zu Ende zu sprechen war ihm doch nicht möglich: Er mußte erst noch in das Dorf Mokroje gelangen und dort eine poetische Szene veranstalten. Doch was erwartete ihn dort? Die Sache war nämlich die, daß er in Mokroje gleich von Anfang an begriff, daß sein ›privilegierter‹ Nebenbuhler offenbar überhaupt nicht mehr so privilegiert war und daß seine Geliebte von ihm gar keine Gratulation zu dem neuen Glück wünschte. Aber Sie kennen die Tatsachen schon aus der gerichtlichen Untersuchung, meine Herren Geschworenen. Karamasows Triumph über den Nebenbuhler war unbestritten, und nun – oh, nun begann in seiner Seele schon eine neue Phase, sogar die schrecklichste Phase, die diese Seele jemals erlebt hatte und noch erleben wird! Man kann es mit aller Bestimmtheit aussprechen, meine Herren Geschworenen, daß sich die beschimpfte Natur und das verbrecherische Herz stärker gerächt haben, als es jedes irdische Gericht vermocht hätte! Ja noch mehr: Das Gericht und die irdische Strafe erleichtern sogar die von der Natur vollzogene Strafe; sie sind der Seele des Verbrechers in diesen Augenblicken geradezu unentbehrlich, weil sie sie vor der Verzweiflung retten. Ich bin nicht imstande, mir das Entsetzen und die seelischen Leiden Karamasows vorzustellen, als er erfuhr, daß sie ihn liebt, daß sie um seinetwillen ihren ›Früheren‹ zurückweist, daß sie mit ihm, Mitja, ein neues Leben führen will und das, als für ihn schon alles zu Ende ist. Bei dieser Gelegenheit möchte ich eine für uns sehr wichtige Bemerkung machen, um die damalige Lage des Angeklagten ins rechte Licht zu rücken: Diese Frau, die er bis zum letzten Augenblick, bis zu dem Moment seiner Verhaftung liebte, war für ihn ein unerreichbares Wesen, ein leidenschaftlich begehrtes, aber unerreichbares Wesen. Doch warum erschoß er sich nicht gleich damals, warum nahm er von dem bereits gefaßten Entschluß Abstand und vergaß sogar, wo seine Pistole lag? Die leidenschaftliche Gier nach Liebe und die Hoffnung, sie gleich dort zu stillen, waren es, die ihn zurückhielten. In dem wüsten Treiben des Gelages hing er an seiner Geliebten, die mit ihm zusammen das Fest genoß und für ihn reizender und verführerischer war als je zuvor; er weicht nicht von ihrer Seite, er kann sich an ihr nicht satt sehen, er vergeht vor Entzücken über sie. Diese leidenschaftliche Gier konnte für einen Moment sogar die Furcht vor der Verhaftung und auch die Gewissensbisse übertäuben! Für einen Moment, oh, nur für einen Moment! Ich stelle mir vor, daß sich die Seele des Verbrechers damals in einer eindeutigen sklavischen Abhängigkeit von drei Elementen befand. Da war, erstens die Trunkenheit, der Dunst und der Lärm, das Gestampfe des Tanzes, das Gekreisch der Lieder – und sie, vom Wein erhitzt, singend und tanzend und ihn anlächelnd! Zweitens die Ermutigung durch den Gedanken, daß die verhängnisvolle Lösung noch fern oder doch wenigstens nicht nahe war, daß man frühestens am Morgen des folgenden Tages kommen und ihn festnehmen würde. Folglich hatte er noch mehrere Stunden vor sich: das ist viel, sehr viel! Man kann sich vieles ausdenken, wenn man mehrere Stunden zur Verfügung hat. Ich stelle mir vor, daß er ähnlich empfand wie ein Verbrecher, der zum Galgen gefahren wird: Es muß noch eine lange, lange Straße durchfahren werden; und noch dazu im Schritt, an einer tausendköpfigen Volksmenge vorbei, dann wird der Zug in eine andere Straße einbiegen, und erst am Ende dieser anderen Straße liegt der furchtbare Platz! Ich glaube, zu Beginn der Fahrt muß der Verurteilte das Gefühl haben, noch liege ein endloses Leben vor ihm. Aber siehe da, die Häuser weichen zurück, der Wagen bewegt sich immer weiter vorwärts – oh, das tut nichts, bis zum Einbiegen in die zweite Straße ist es noch so weit, also blickt er immer noch mutig nach rechts und links und in diese tausendköpfige Menge teilnahmslos neugieriger Menschen, die ihre Blicke auf ihn heften, und immer noch will ihm scheinen, er sei kein anderer Mensch als sie. Aber da ist schon die Ecke, die Stelle, wo in die nächste Straße eingebogen wird – oh, das tut auch nichts, es ist ja noch eine ganze Straße! Und wie viele Häuser auch hinter ihm zurückweichen, er wird immer denken: Es sind noch viele Häuser übrig! Und so bis zum Ende, bis zum Platz selbst. So, stelle ich mir vor, war es damals auch mit Karamasow. ›Sie haben noch nicht genug Zeit gehabt, die Verfolgung einzuleiten!‹ denkt er. Ich kann mir noch irgend etwas einfallen lassen. Ich habe noch Zeit, einen Verteidigungsplan zu entwerfen, mir eine Abwehr zurechtzulegen. Und jetzt … Ach, sie ist so reizend!‹ Trüb sieht es in seiner Seele aus, aber er bringt es doch fertig, von seinem Geld die Hälfte abzuteilen und irgendwo zu verstecken – sonst kann ich mir nicht erklären, wo die eine Hälfte der dreitausend Rubel, die er kurz vorher bei seinem Vater unter dem Kopfkissen hervorgeholt hatte, geblieben sein könnte. Er war nicht zum erstenmal in Mokroje; er hatte dort schon früher einmal zwei Tage lang geschlemmt. Das große alte Holzhaus war ihm mit all seinen Vorratsräumen und Galerien bekannt. Ich nehme an, daß er einen Teil des Geldes kurz vor seiner Festnahme dort versteckt hat, jawohl, in diesem Haus, in irgendeiner Ritze, unter einer Diele, irgendwo in einem Winkel, unter dem Dach. Wozu? Diese Frage ist leicht zu beantworten. Die Katastrophe kann im nächsten Augenblick hereinbrechen; zwar haben wir noch nicht überlegt, wie wir ihr entgegentreten können, und wir haben auch noch keine Zeit dazu gehabt, und es hämmert uns im Kopf, und es zieht uns zu ihr, doch das Geld – Geld ist in jeder Lebenslage unentbehrlich! Ein Mensch, der Geld hat, ist überall ein Mensch. Vielleicht scheint Ihnen eine solche Fähigkeit zum Überlegen in so einem Moment unnatürlich? Aber er versichert uns ja selbst, er habe schon einen Monat vorher in einem gleichfalls sehr aufregenden, verhängnisvollen Augenblick die eine Hälfte von dreitausend Rubeln abgeteilt und in ein Säckchen eingenäht. Und wenn das auch unwahr ist, wie wir sogleich zeigen werden, so war ihm doch dieser Gedanke offenbar nicht fremd: Er hatte ihn schon erwogen. Ja noch mehr. Als er später dem Untersuchungsrichter versicherte, er habe fünfzehnhundert Rubel in ein Säckchen getan, welches nie existiert hat, da hat er sich dieses Säckchen vielleicht gerade deshalb ausgedacht, weil er zwei Stunden vorher in einer jähen Eingebung die Hälfte des Geldes abgeteilt und in Mokroje für jeden Fall bis zum Morgen versteckt hatte, um sie nicht an seinem Körper aufzubewahren. Zwei Unendlichkeiten gibt es, die eine hoch oben, die andere tief unten: Sie erinnern sich, meine Herren Geschworenen, daß Karamasow beide Unendlichkeiten zu schauen vermag, und beide zugleich! Wir haben in diesem Haus gesucht, aber nichts gefunden. Vielleicht ist das Geld auch jetzt noch dort; vielleicht ist es aber auch am nächsten Tag verschwunden und jetzt im Besitz des Angeklagten. Jedenfalls wurde er neben ihr verhaftet, vor ihr knieend. Sie lag auf dem Bett; er streckte die Arme nach ihr aus und hatte alles völlig vergessen, daß er niemanden kommen hörte, nicht einmal jene, die ihn verhaften kamen. Er hatte noch keine Zeit gehabt, eine Antwort in seinem Kopf vorzubereiten. Er und sein Verstand waren überrumpelt worden … Und da sitzt er nun vor seinen Richtern, die über sein Schicksal zu entscheiden haben. Meine Herren Geschworenen, es gibt Augenblicke, wo selbst wir bei der Erfüllung unserer Amtspflicht von Grauen und Mitleid mit dem Verbrecher gepackt werden! Das geschieht angesichts des tierischen Entsetzens, wenn der Verbrecher bereits merkt, daß alles verloren ist, aber trotzdem noch mit uns zu kämpfen beabsichtigt. Das geschieht, wenn sich bei ihm alle Instinkte der Selbsterhaltung zugleich regen und er, um seine Rettung besorgt, uns mit durchdringendem Blick fragend und leidvoll ansieht, wenn er uns und unser Gesicht belauert und unsere Gedanken zu erraten sucht, wenn er wartet, von welcher Seite wir den Schlag gegen ihn führen werden, und in seinem schwer erschütterten Geist sofort tausend Pläne entwirft und dennoch Angst hat zu reden, weil er fürchtet, unversehens ein Wort zuviel zu sagen! Das sind erniedrigende Augenblicke für eine Menschenseele, das ist ihr Leidensweg, das ist das tierische Verlangen, sich zu retten – diese Augenblicke sind entsetzlich und rufen bisweilen sogar bei den Beamten, die die Untersuchung führen, ein aufrichtiges Mitleid mit dem Verbrecher hervor. Und alles das haben wir damals mitangesehen. Anfangs war er wie betäubt, und vor Schrecken entfuhren ihm einige Worte, die ihn stark kompromittierten: ›Blut! Ich habe es verdient!‹ Aber er gewann bald die Herrschaft über sich zurück. Was er sagen und antworten sollte, hatte er vorläufig noch nicht parat; parat hatte er nur ein glattes Leugnen: ›Am Tode meines Vaters bin ich unschuldig!‹ Er dachte wohl: ›Das ist vorläufig mein Zaun; und hinter dem Zaun werde ich vielleicht noch etwas aufrichten, irgendeine Barrikade …‹ Er beeilt sich, unseren Fragen zuvorkommend, seine ersten kompromittierenden Ausrufe so zu deuten, als meinte er nur, an der Tötung des Dieners Grigori schuld zu sein: ›An diesem Blut trage ich die Schuld. Aber wer hat meinen Vater ermordet, meine Herren, wer hat ihn ermordet? Wer anders konnte ihn ermorden als ich?‹ Beachten Sie das: Er fragt uns, uns, die wir mit dieser Frage zu ihm gekommen sind! Beachten Sie diese vorauseilenden Worte: ›Wer anders als ich?‹ Diese tierische Schlauheit, diese Naivität und Karamasowsche Ungeduld! ›Nicht ich habe den Mord begangen! Untersteht euch nicht zu denken, daß ich es war!‹ sagt er gewissermaßen. ›Ich wollte ihn töten, meine Herren, ich wollte ihn töten‹, bekennt er schleunigst. ›Trotzdem bin ich unschuldig, ich habe ihn nicht getötet!‹ Er gibt zu, daß er ihn hatte töten wollen – das soll heißen: ›Seht, wie aufrichtig ich bin! Da müßt ihr doch um so eher glauben, daß ich ihn nicht getötet habe?‹ Oh, in solchen Fällen wird ein Verbrecher manchmal unglaublich leichtsinnig. Und da stellte ihm einer der verhörenden Beamten, wohl ganz zufällig, auf einmal die höchst harmlose Frage: ›Hat vielleicht Smerdjakow den Mord begangen?‹ Und es geschah, was wir erwartet hatten: Er wurde furchtbar wütend, daß wir ihm zuvorgekommen waren und ihn überrascht hatten, bevor er sich hatte vorbereiten und den richtigen Augenblick herausfinden können, wo es am natürlichsten gewirkt hätte, Smerdjakow ins Spiel zu bringen. Seinem Charakter gemäß stürzte er sich sofort ins entgegengesetzte Extrem und suchte uns von sich aus nach Kräften zu überzeugen, daß Smerdjakow den Mord nicht begangen haben konnte und nicht fähig war, einen Mord zu begehen. Doch wir trauten ihm nicht, sondern sagten uns, das ist nur Schlauheit von seiner Seite; er verzichtet durchaus noch nicht darauf, Smerdjakow ins Spiel zu bringen, im Gegenteil, er wird ihn schon noch hervorholen: Wen sollte er sonst als den Schuldigen hinstellen? Er wird es zu einem anderen Zeitpunkt tun, denn jetzt ist diese Sache einstweilen verdorben. Er wird ihn vielleicht erst morgen hervorholen oder gar erst nach einigen Tagen, wenn er einen geeigneten Moment gefunden hat, um uns zuzurufen: ›Sehen Sie, ich selber bestritt Smerdjakows Schuld mehr als Sie, sicher werden Sie sich daran erinnern? Jetzt aber bin ich zu der Überzeugung gelangt: Er hat den Mord begangen – anders ist es nicht möglich!‹ Einstweilen aber verlegte er sich uns gegenüber auf ein finsteres, gereiztes Leugnen; seine Ungeduld und sein Zorn ließen ihn jedoch die ungeschickteste und unwahrscheinlichste Erklärung vorbringen, daß er bei seinem Vater ins Fenster hineingesehen habe und respektvoll vom Fenster weggegangen sei. Die Hauptsache war, er kannte die näheren Umstände noch nicht und wußte nicht, wie belastend für ihn die Aussagen des wieder zur Besinnung gelangten Grigori waren. Wir schritten zur Leibesvisitation. Die Visitation brachte ihn furchtbar auf, ermutigte ihn aber auch wieder: Es wurden nicht die ganzen dreitausend Rubel gefunden, sondern nur die Hälfte. Und nun, erst in diesem Stadium des zornigen Schweigens und Leugnens, schoß ihm zum erstenmal der Gedanke von dem Säckchen durch den Kopf. Ohne Zweifel fühlte er selbst die ganze Unglaubhaftigkeit dieser Erfindung und quälte sich furchtbar in dem Bestreben, sie glaubhafter zu machen, sie so zurechtzubasteln, daß ein wahrscheinlich klingender Roman herauskam. In solchen Fällen ist es die erste Pflicht und die wichtigste Aufgabe des Verhörenden, dem Verbrecher keine Zeit zur Vorbereitung zu lassen, ihn unerwartet zu überfallen, damit er seine geheimen Verteidigungspläne in aller verräterischen Offenherzigkeit mit all ihren Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen ausspricht. Zum Sprechen kann man einen Verbrecher aber nur dadurch bringen, daß man ihm plötzlich und wie zufällig irgendeine neue Tatsache mitteilt, irgendeinen bedeutsamen Umstand, den er bisher nicht geahnt hat und in keiner Weise hat wissen können. Eine solche Tatsache hatten wir schon lange in Bereitschaft. Es war die Aussage des Dieners Grigori über die offenstehende Tür, aus der der Angeklagte herausgelaufen war. Diese Tür hatte er ganz vergessen, und der Gedanke, daß Grigori sie gesehen haben könnte, war ihm überhaupt nicht gekommen. Die Wirkung war kolossal. Er sprang auf und schrie: ›Dann hat Smerdjakow den Mord begangen! Smerdjakow ist es gewesen!‹ Und so verriet er seinen wichtigsten geheimen Verteidigungsplan in der unglaubhaftesten Form: Smerdjakow konnte den Mord nämlich erst begangen haben, nachdem der Angeklagte den Diener Grigori niedergeschlagen hatte und davongelaufen war. Als wir ihm nun mitteilten, daß Grigori die Tür schon vor dem Schlag offen gesehen und beim Verlassen seines Schlafzimmers gehört hatte, wie Smerdjakow hinter dem Bretterverschlag stöhnte, da war Karamasow wahrhaft niedergeschmettert. Mein Kollege, unser verehrter scharfsinniger Nikolai Parfjonowitsch, hat mir hinterher gesagt, der Angeklagte habe ihm in diesem Moment so leid getan, daß er hätte weinen mögen … In diesem Augenblick faßte er, um seine Sache wieder zu verbessern, schnell den Entschluß, uns von diesem hochberühmten Säckchen zu erzählen. ›Sei es drum!‹ sagt er gewissermaßen. Hören Sie also dieses Geschichtchen! Meine Herren Geschworenen, ich habe Ihnen bereits meine Gedanken darüber dargelegt, warum ich die Geschichte von dem Geld, das einen Monat vorher in ein Säckchen eingenäht worden sein soll, nicht nur für eine Torheit, sondern auch für die unwahrscheinlichste Erfindung halte, auf die man unter den vorliegenden Umständen nur verfallen konnte. Ja, wenn es sich bei einer Wette darum handeln würde, das Unwahrscheinlichste zu finden, was sich hier sagen und vorbringen ließe, würde man sich nichts Tolleres ausdenken können. In so einem Fall kann man den triumphierenden Erfinder vor allem durch Einzelheiten konfus machen, durch jene Einzelheiten, an denen die Wirklichkeit so reich ist, die jedoch von diesen unglücklichen, unfreiwilligen Autoren stets vernachlässigt werden, als wären es ganz unbedeutende, nutzlose Kleinigkeiten. Oh, darum ist ihnen in dem Augenblick nicht zu tun, ihr Geist schafft nur ein großartiges Ganzes – und da wagt man, ihnen mit solchen Kleinigkeiten zu kommen! Aber gerade, dadurch werden sie gefangen! Dem Angeklagten wurde die Frage vorgelegt: ›Nun, wo haben Sie denn das Material für Ihr Säckchen her, und wer hat es Ihnen genäht?‹ – ›Ich habe es selbst genäht.‹ – ›Wo haben Sie die Leinwand hergenommen?‹ Der Angeklagte fühlte sich dadurch schon beleidigt; er hielt das für beleidigende Kleinigkeitskrämerei, und er meinte das wirklich so, wirklich! Doch so machen sie es alle … ›Ich habe einen Fetzen von einem meiner Hemden abgerissen.‹ – ›Sehr wohl, dann werden wir morgen in Ihrer Wäsche dieses beschädigte Hemd ausfindig machen.‹ Und sagen Sie selbst, meine Herren Geschworenen: Wenn wir dieses Hemd wirklich gefunden hätten – und wie hätten wir es nicht in seinem Koffer oder in seiner Kommode finden sollen, wenn ein solches Hemd tatsächlich existiert hätte? –, so wäre das doch wenigstens eine greifbare Tatsache zu seinem Gunsten gewesen! Doch das vermochte er nicht zu überlegen. ›Ich erinnere mich nicht. Vielleicht war es auch nicht von einem Hemd? Ja, ich habe das Geld in eine Haube meiner Wirtin eingenäht.‹ – ›In was für eine Haube?‹ – ›Ich nahm sie ihr weg, sie lag bei ihr herum, es war ein altes, wertloses Ding aus Kaliko.‹ – ›Und Sie erinnern sich daran mit Bestimmtheit?‹ – ›Nein, mit Bestimmtheit nicht …‹ Er wurde böse, ernstlich böse; aber bedenken Sie bitte: Wie hätte er sich daran nicht erinnern sollen? In den furchtbarsten Augenblicken des Lebens, zum Beispiel wenn jemand zur Hinrichtung gefahren wird, bleiben gerade die Kleinigkeiten im Gedächtnis haften. Er wird alles vergessen, aber an ein grünes Dach, das ihm unterwegs aufgefallen ist, oder an eine Dohle auf einem Kreuz – daran wird er sich erinnern … Er hat sich, als er sein Säckchen nähte, vor seinen Hausleuten versteckt: Also mußte er sich erinnern, wie demütigend er mit der Nadel in der Hand unter der Furcht litt, es könnte jemand hereinkommen und ihn überraschen, wie er beim ersten Klopfen aufsprang und hinter den Bretterverschlag lief! Aber, meine Herren Geschworenen, wozu teile ich Ihnen das alles, alle diese Einzelheiten und Kleinigkeiten, mit? Weil der Angeklagte bis zu diesem Augenblick hartnäckig bei dieser Torheit bleibt! In diesen ganzen zwei Monaten seit jener verhängnisvollen Nacht hat er nichts erklärt und keinen einzigen erklärenden realen Umstand zu seinen früheren phantastischen Aussagen hinzugefügt. ›Das sind alles Kleinigkeiten, aber glauben Sie mir auf mein Ehrenwort!‹ sagt er. Oh, wir glauben mit Freuden, wir dürsten danach zu glauben, und sei es sogar auf sein Ehrenwort! Sind wir etwa Schakale, die nach Menschenblut dürsten? Bitte, man zeige uns auch nur eine einzige Tatsache zugunsten des Angeklagten, und wir werden uns freuen! Aber es muß eine greifbare, reale Tatsache sein – und kein Schluß, den der Bruder des Angeklagten aus dessen Gesichtsausdruck zieht, oder der vage Hinweis, er habe wohl sicher auf das Säckchen gedeutet, als er sich an die Brust schlug, und das noch dazu in der Dunkelheit! Wir werden uns über eine neue Tatsache freuen, wir werden als erste auf unsere Beschuldigung verzichten, wir werden uns beeilen, sie fallenzulassen. Jetzt aber schreit die Gerechtigkeit, und wir bestehen auf unserer Anklage – es ist uns nicht möglich, etwas zurückzunehmen!« Ippolit Kirillowitsch kam nun zum Schluß seiner Rede. Er war wie im Fieber; er schrie nach Sühne des Vaterblutes, das der Sohn »mit der niedrigen Absicht zu rauben« vergossen habe. Er wies mit allem Nachdruck auf das tragische, zum Himmel schreiende Zusammentreffen der Tatsache hin. »Und was Sie auch von dem durch sein Talent berühmten Verteidiger des Angeklagten hören mögen«, konnte sich Ippolit Kirillowitsch nicht enthalten zu bemerken, »was auch für beredte, rührende, an Ihr empfindsames Gemüt appellierende Worte ertönen mögen – denken Sie immer daran, daß Sie sich in diesem Augenblick im Heiligtum unserer Rechtsprechung befinden! Denken Sie daran, daß Sie die Verteidiger unserer Gerechtigkeit sind, die Verteidiger unseres heiligen Rußlands, seiner Grundlagen, seiner Familie und alles Heiligen in ihm! Ja, Sie sind jetzt die Repräsentanten Rußlands, und Ihr Urteilsspruch wird nicht nur in diesem Saal erschallen, sondern in ganz Rußland! Und ganz Rußland wird auf Sie als auf seine Verteidiger und Richter hören und wird durch Ihren Spruch ermutigt oder niedergedrückt werden. Bereiten Sie dem erwartungsvoll gespannten Rußland keine schmerzliche Enttäuschung. Unsere verhängnisvolle Troika jagt Hals über Kopf dahin, vielleicht ins Verderben. Und schon lange strecken die Einsichtigen in ganz Rußland die Arme aus und rufen, man möge mit diesem rasenden, unerbittlichen Dahinjagen aufhören. Und wenn die anderen Völker vor der wild dahinstürmenden Troika bis jetzt noch zur Seite treten, so vielleicht gar nicht aus Achtung vor ihr, wie der Dichter meinte, sondern einfach aus Entsetzen, möglicherweise auch aus Abscheu. Aber es ist ja noch gut, daß sie überhaupt zur Seite treten; vielleicht werden sie sich einmal wie eine feste Wand dem einherstürmenden Gespenst entgegenstellen und selbst unserem unsinnigen, zügellosen Dahinjagen Halt gebieten, um sich und ihre Bildung und ihre Zivilisation zu retten! Solche Alarmrufe aus Westeuropa haben wir bereits gehört. Sie ertönen schon. Reizen Sie die anderen Völker nicht! Steigern Sie nicht ihren wachsenden Haß durch einen Urteilsspruch, der die Ermordung eines Vaters durch den eigenen Sohn rechtfertigt!«

Kurz, wenn sich Ippolit Kirillowitsch auch hatte hinreißen lassen, so schloß er doch pathetisch, und der Eindruck, den er

hervorbrachte, war tatsächlich außerordentlich groß. Er selbst ging nach seiner Rede eilig hinaus und fiel in einem anderen Zimmer beinahe in Ohnmacht. Der Saal applaudierte nicht, doch die Ernsteren unter den Zuhörern waren zufrieden. Nicht so zufrieden waren die Damen, allerdings hatte auch ihnen seine schöne Beredsamkeit gefallen, zumal sie sich um die Folgen keinerlei Sorgen machten und alles von Fetjukowitsch erwarteten: »Nun wird der endlich das Wort ergreifen und natürlich über alle den Sieg davontragen!« Alle blickten Mitja an; während der ganzen Rede des Staatsanwaltes hatte er schweigend dagesessen, mit zusammengedrückten Händen, aufeinandergepreßten Zähnen und gesenktem Kopf. Nur manchmal hatte er den Kopf gehoben und zugehört, besonders als der Redner auf Gruschenka zu sprechen kam. Als Rakitins Ansicht über Gruschenka vorgetragen wurde, zeigte sich auf Mitjas Gesicht ein verächtliches, wütendes Lächeln, und er sagte ziemlich laut: »Diese Bernards!« Als dann Ippolit Kirillowitsch erzählte, wie er ihn in Mokroje verhört und gepeinigt hatte; hob Mitja den Kopf und hörte mit großem Interesse zu. An einer Stelle der Rede schien es, als wollte er sogar aufspringen und etwas rufen, doch er beherrschte sich und zuckte nur geringschätzig die Achseln. Über den letzten Teil der Rede, nämlich über das angeblich so kluge Verfahren des Staatsanwalts bei dem Verhör in Mokroje, wurde später bei uns viel geredet, und man machte sich über Ippolit Kirillowitsch lustig. »Dieser Mensch konnte es doch nicht unterlassen«, sagte man, »seine Fähigkeiten zu rühmen.« Die Sitzung wurde unterbrochen, aber nur für kurze Zeit, für eine Viertelstunde oder höchstens zwanzig Minuten. Im Publikum wurden Gespräche und Ausrufe laut. Einiges davon habe ich im Gedächtnis behalten.

»Eine bedeutende Rede!« bemerkte in einer Gruppe ein Herr mit gerunzelter Stirn.

»Ein bißchen viel Psychologie hat er verzapft«, sagte eine andere Stimme.

»Aber es war doch alles richtig, unwiderleglich wahr!«

»Ja, darin ist er Meister.«

»Er hat die Bilanz gezogen.«

»Auch über uns, auch über uns hat er Bilanz gezogen«, mischte sich ein dritter ein. »Erinnern Sie sich, wie er am Anfang seiner Rede sagte, wir seien alle solche Menschen wie Fjodor Pawlowitsch?«

»Und am Schluß ebenfalls. Aber da sagt er die Unwahrheit.«

»Es gab auch einige Unklarheiten.«

»Er ließ sich ein bißchen hinreißen.«

»Das war ungerecht, das war ungerecht.«

»Na, nein, geschickt war es doch. Der Mann hat lange warten müssen. Nun hat er sich endlich einmal ausreden können, hehe!«

»Was wird der Verteidiger sagen?«

In einer anderen Gruppe:

»Seine Stichelei gegen den Petersburger zum Schluß hätte er unterlassen können. ›An Ihr empfindsames Gemüt appellierende Worte‹, Sie erinnern sich?«

»Ja, das war ungeschickt.«

»Er hatte es ein bißchen zu eilig.«

»Ein nervöser Mensch.«

»Wir lachen hier, aber wie mag dem Angeklagten zumute sein?«

»Ja. Wie mag diesem Mitenka wohl zumute sein?«

»Was wird der Verteidiger sagen?«

In einer dritten Gruppe:

»Was ist das da für eine Dame, die mit der Lorgnette, die dicke ganz am Rande?«

»Das ist die Frau von einem General. Geschieden. Ich kenne sie.«

»So so, darum diese Lorgnette.«

»Ein abgetakeltes Frauenzimmer.«

»Aber doch ganz pikant.«

»Nicht weit von ihr, zwei Plätze weiter sitzt eine kleine Blondine, die macht einen besseren Eindruck.«

»Auf geschickte Weise haben sie ihn damals in Mokroje überrumpelt, was?«

»Ja, das muß man sagen. Darum hat es der Staatsanwalt ja auch noch mal erzählt. Er hat darüber schon in jedem Haus wer weiß wieviel Gerede gemacht.«

»Auch jetzt hat er es sich nicht verkneifen können. Die liebe Eitelkeit!«

»Er ist ein zurückgesetzter Beamter, hehe!«

»Und empfindlich! Viel Rhetorik hat er aufgewandt, lange Phrasen gedrechselt.«

»Und er möchte einem Angst machen, merken Sie? Immer möchte er einem Angst machen. Erinnern Sie sich, was er von der Troika gesagt hat? Und dann: ›Woanders gibt es Hamlets, doch bei uns vorläufig nur Karamasows.‹ Das war geschickt gesagt.«

»Das war eine Verbeugung vor dem Liberalismus. Er fürchtet sich.«

»Auch vor dem Rechtsanwalt hat er Angst.«

»Ja, was wird nun wohl Herr Fetjukowitsch sagen?«

»Na, mag er sagen, was er will – unsere Bauern wird er nicht herumkriegen.«

»Meinen Sie?«

In einer vierten Gruppe:

»Aber was er da von der Troika sagte, war doch schön, ich meine, wo er von den anderen Völkern sprach.«

»Und das war die Wahrheit! Du entsinnst dich gewiß, wie er sagte, daß die anderen Völker nicht warten würden?«

»Wieso?«

»Im englischen Parlament hat sich erst vorige Woche wegen unserer Nihilisten ein Mitglied erhoben und gefragt, ob es nicht an der Zeit sei, bei so einer barbarischen Nation wie uns einzugreifen und uns Bildung beizubringen. Den hat Ippolit mit seinen Worten gemeint! Ich weiß, daß er den gemeint hat. Er hat in der vorigen Woche davon gesprochen.«

»Du machst umsonst die Pferde scheu!«

»Wieso umsonst? Warum?«

»Wir sperren ihnen den Hafen von Kronstadt und geben ihnen kein Getreide mehr. Wo sollen sie es dann hernehmen?«

»Nun, aus Amerika. Heutzutage kommt alles aus Amerika.«

»Unsinn!«

Doch da läutete die Glocke, und alle stürzten zu ihren Plätzen. Fetjukowitsch trat ans Rednerpult.

10. Die Rede des Verteidigers. Der Stab mit zwei Enden

Alles wurde still, als die ersten Worte des berühmten Redners ertönten. Die Blicke aller Anwesenden hingen seitdem unverwandt an ihm. Er begann ohne weitere Vorrede, außerordentlich schlicht und in sehr überzeugtem Ton, doch ohne eine Spur von Anmaßung. Er machte nicht den geringsten Versuch, formvollendet zu sprechen, pathetische Töne anzuschlagen, durch gefühlvoll klingende Wendungen zu wirken. Er war einfach ein Mensch, der in einem intimen Kreis von Gesinnungsgenossen sprach. Er hatte eine schöne, laute, sympathische Stimme, und schon aus dieser Stimme glaubte man seine Aufrichtigkeit und Treuherzigkeit herauszuhören. Aber allen wurde sofort klar, daß der Redner imstande war, sich plötzlich zu wahrhaft pathetischer Diktion zu erheben und »mit unerhörter Kraft an die Herzen zu schlagen«. Er sprach vielleicht weniger regelgerecht als Ippolit Kirillowitsch, doch dafür ohne lange Sätze und klarer. Eines jedoch mißfiel unseren Damen etwas – er krümmte immerzu eigentümlich den Rücken, besonders am Anfang seiner Rede, nicht als ob er sich verbeugen wollte, sondern als ob es ihn zu seinen Zuhörern hinzog und er sich anschickte, zu ihnen zu fliegen; dabei schien er sich mit der Hälfte seines langen Rückens nach vorn zu beugen, als hätte er in der Mitte desselben ein Scharnier, als ließe sich der Rücken gewissermaßen in einem rechten Winkel knicken. Zu Beginn seiner Rede sprach er scheinbar unzusammenhängend, als griffe er ohne Methode hier und da einzelne Tatsachen heraus; schließlich ergab das aber doch ein abgeschlossenes Ganzes. Man konnte seine Rede in zwei Teile teilen. Der erste Teil enthielt die Kritik: eine zuweilen boshafte und sarkastische Widerlegung der Anklage. Im zweiten Teil änderte er auf einmal seinen Ton, ja sogar sein ganzes Wesen und schwang sich plötzlich zu Pathos auf. Die Zuhörer schienen das erwartet zu haben und zitterten nur so vor Entzücken. Er kam sogleich zur Sache und begann damit, sein Arbeitsfeld sei zwar eigentlich Petersburg, doch habe er schon wiederholt auch andere Städte Rußlands aufgesucht, um Angeklagte zu verteidigen – aber nur solche, deren Unschuld er entweder mit Sicherheit erkannt hatte oder doch vorausfühlte. »Ebenso erging es mir in vorliegendem Fall«, fuhr er fort. »Schon aus den ersten Zeitungsnachrichten schimmerte mir etwas entgegen, was mich außerordentlich zugunsten des Angeklagten beeindruckte. Kurz, mich interessierte vor allem eine gewisse juristische Tatsache, die sich in der Gerichtspraxis zwar häufig wiederholt, aber, wie mir scheint, nicht leicht in solcher Vollkommenheit und mit so charakteristischen Besonderheiten wie in dem vorliegenden Prozeß. Diese Tatsache müßte ich eigentlich erst am Schluß meiner Rede formulieren; dennoch werde ich meinen Gedanken jetzt gleich am Anfang aussprechen. Es ist eine Schwäche von mir, sofort zur Sache zu kommen, ohne mir die Effekte aufzusparen und ohne mit den beabsichtigten Eindrücken ökonomisch zu verfahren. Damit erweise ich mich vielleicht als schlechter Redner, dafür jedoch als offenherziger Mensch … Mein Gedanke ist, in knapper Form, folgender: Es besteht ein erdrückendes Zusammentreffen von Tatsachen zuungunsten des Angeklagten – und gleichzeitig existiert keine einzige Tatsache, die einer Kritik standhält, wenn man sie allein für sich betrachtet! Während ich die Sache an Hand von Gerüchten und Zeitungsberichten weiterverfolgte, wurde ich in meiner Ansicht mehr und mehr bestärkt, und dann auf einmal wurde ich von den Angehörigen des Angeklagten gebeten, ihn zu verteidigen. Ich eilte sogleich hierher, und hier wurde meine Überzeugung endgültig. Und um dieses furchtbare Zusammentreffen von Tatsachen zu entkräften und den Nachweis zu liefern, daß jede scheinbar belastende Tatsache – einzeln genommen – unbewiesen und phantastisch ist, deshalb habe ich die Verteidigung in diesem Prozeß übernommen.«

So begann der Verteidiger und rief dann plötzlich aus:

»Meine Herren Geschworenen, ich bin hier ein Fremder. Alle Eindrücke habe ich ohne Voreingenommenheit in mich aufgenommen. Der Angeklagte, ein Mensch, von ungestümem, zügellosem Charakter, hat mich vorher nicht beleidigt, wie er vielleicht Dutzende von Personen in dieser Stadt beleidigt hat, weswegen auch viele im voraus gegen ihn eingenommen sein mögen. Allerdings muß auch ich zugeben, daß sich das sittliche Empfinden der hiesigen Gesellschaft zu Recht empört hat. Der Angeklagte ist wirklich ungestüm und zügellos. Dennoch hat er in der hiesigen Gesellschaft Aufnahme gefunden; selbst in der Familie des hochbegabten Anklägers war er ein willkommener Gast …« Bei diesen Worten hörte man zwei oder drei der Anwesenden lachen; sie unterdrückten ihr Lachen zwar schnell, aber es war von allen bemerkt worden. Jedermann bei uns wußte, daß der Staatsanwalt Mitjas Besuche in seinem Haus nur ungern gestattet hatte, einzig und allein, weil ihn die Frau Staatsanwalt interessant fand, eine tugendhafte, ehrenwerte Dame, die jedoch über ziemlich viel Phantasie und Eigensinn verfügte und manchmal, besonders bei Kleinigkeiten, gern gegen ihren Mann opponierte. Im übrigen hatte Mitja das Haus dieses Ehepaares nur recht selten besucht. »Dennoch wage ich die Vermutung«, fuhr der Verteidiger fort, »daß sich sogar bei einem Mann von so selbständig denkendem Verstand und so gerechtem Charakter, wie mein Opponent es ist, eine gewisse irrige Voreingenommenheit gegenüber meinem Klienten herausbilden konnte. Oh, das ist durchaus natürlich: Der Unglückliche hat es nur zu sehr verdient, daß man ihm mit Voreingenommenheit entgegentritt. Das beleidigte sittliche Gefühl ist bisweilen unerbittlich, und in noch höherem Maß gilt das für das beleidigte ästhetische Gefühl. Zwar haben wir alle in der von hohem Talent zeugenden Anklagerede eine strenge Analyse des Charakters und der Handlungen des Angeklagten gehört, ein streng kritisches Verhältnis zur Sache beobachten können, und um uns über den Kern der Sache aufzuklären, stieg die Untersuchung in solche psychologischen Tiefen hinab, daß das Eindringen in diese Tiefen bei absichtlicher und böswilliger Voreingenommenheit gegen die Person des Angeklagten unmöglich gewesen wäre. Aber es gibt ja Dinge, die in solchen Fällen noch schlimmer und verderblicher sind als die böswilligste, vorurteilsvollste Stellungnahme zur Sache. So zum Beispiel, wenn wir künstlerische Neigungen besitzen, wenn wir das Bedürfnis fühlen, etwas Künstlerisches zu schaffen, sozusagen einen Roman zu verfassen, besonders wenn uns Gott mit reichen psychologischen Gaben ausgestattet hat. Schon in Petersburg, schon als ich mich anschickte, hierherzufahren, machte man mich darauf aufmerksam – und ich wußte es auch selbst, ohne jeden Hinweis von anderer Seite –, daß ich hier als Opponenten einen tiefen, überaus feinen Psychologen vorfinden würde, der sich durch diese seine Eigenschaft schon längst eine gewisse Berühmtheit in unserer noch jungen juristischen Welt erworben hat. Aber, meine Herren, die Psychologie ist zwar eine tiefsinnige Sache, gleicht jedoch einem Stab mit zwei Enden.« Lachen im Publikum. »Oh, Sie werden mir gewiß meinen trivialen Vergleich verzeihen, ich beherrsche nicht die Kunst der schönen Rede. Hier ein Beispiel, ich nehme das erste beste, was mir aus der Rede des Anklägers einfällt. Der Angeklagte klettert nachts im Garten auf der Flucht über einen Zaun und schlägt den Diener, der sich an sein Bein klammert, mit einem Messingstößel nieder. Darauf springt er sofort wieder in den Garten hinunter und beschäftigt sich ganze fünf Minuten lang mit dem Opfer, wobei er sich darüber klarzuwerden versucht, ob er ihn totgeschlagen hat oder nicht. Und der Ankläger will nun um keinen Preis an die Wahrheit der Aussage des Angeklagten glauben, daß er aus Mitleid zu dem alten Grigori hinabgesprungen sei. ›Nein‹, sagt er, ›ist in einem solchen Augenblick etwa so eine Empfindsamkeit möglich? Das ist unnatürlich! Er ist hinabgesprungen, um sich zu überzeugen, ob der einzige Zeuge seiner Freveltat am Leben war oder nicht; folglich hat er damit auch bezeugt, daß er diese Freveltat begangen hat, da er aus keinem anderen Grund, keinem anderen Drang oder Gefühl in den Garten springen konnte.‹ Das ist reine Psychologie! Nehmen wir aber einmal diese selbe Psychologie und legen wir sie an die Sache an, nur vom anderen Ende her, und es wird etwas herauskommen, was keineswegs weniger wahrscheinlich ist. Der Mörder springt also aus Vorsicht hinunter, um sich zu überzeugen, ob der Zeuge lebt oder nicht, dabei hat er soeben im Zimmer des von ihm ermordeten Vaters nach dem Zeugnis des Anklägers ein höchst wichtiges Indiz gegen sich zurückgelassen: das zerrissene Kuvert, auf dem geschrieben stand, es enthalte dreitausend Rubel. ›Hätte er dieses Kuvert mitgenommen, so hätte niemand erfahren, daß ein Kuvert mit Geld vorhanden war, und folglich hätte auch niemand erfahren, daß der Angeklagte das Geld geraubt hatte.‹ Das ist ein Ausspruch des Anklägers selbst. Nun, zu dem einen hat seine Vorsicht also nicht ausgereicht; er hatte den Kopf verloren, es mit der Angst bekommen und war weggelaufen, wobei er ein Indiz gegen sich auf dem Fußboden zurückließ. Doch als er ungefähr zwei Minuten später einen anderen Menschen niedergeschlagen hat, da erscheint sogleich die herzloseste, berechnendste Vorsicht zu unseren Diensten. Aber mag es auch so gewesen sein: Die Feinheit der Psychologie besteht ja eben darin, daß ich unter solchen Umständen jetzt blutrünstig und scharfsinnig bin wie ein kaukasischer Adler und im nächsten Augenblick blind und ängstlich wie ein kläglicher Maulwurf. Doch wenn ich nun schon so blutdürstig und grausam berechnend bin, daß ich nach dem Mord nur zu dem Zweck hinunterspringe, um zu sehen, ob der gefährliche Zeuge lebt oder nicht – wozu gebe ich mich dann ganze fünf Minuten lang mit diesem neuen Opfer ab, auf die Gefahr hin, mir womöglich neue Zeugen auf den Hals zu laden? Wozu mache ich mein Taschentuch blutig, indem ich ihm das Blut vom Kopf wische, obwohl doch dieses Tuch später als Indiz gegen mich dienen kann? Nein, wenn wir schon so berechnend und hartherzig sind, wäre es dann nicht besser gewesen, dem Diener mit demselben Stößel einfach noch einen Schlag oder ein paar Schläge auf den Kopf zu versetzen, um ihn ganz zu töten und durch Vernichtung dieses Zeugen das Herz von jeder Sorge zu befreien? Und weiter. Ich springe hinab, um festzustellen, ob der Zeuge meiner Tat noch lebt oder nicht, und lasse ebendort auf dem Weg einen anderen Zeugen zurück, jenen Stößel, den ich mir bei zwei Frauen angeeignet habe, die beide jederzeit diesen Stößel als den ihrigen rekognoszieren und bezeugen können, daß ich ihn bei ihnen weggenommen habe. Und nicht etwa, daß ich ihn im Garten vergessen, ihn aus Zerstreutheit und Fassungslosigkeit hätte fallen lassen – nein, wir haben unsere Waffe geradezu weggeworfen; denn sie ist ungefähr fünfzehn Schritte entfernt von der Stelle, wo Grigori zu Boden geschlagen wurde, gefunden worden. Es entsteht also die Frage, warum wir so gehandelt haben. Und die Antwort wird lauten: Eben deshalb, weil es uns bitter leid tat, einen Menschen, einen alten Diener totgeschlagen zu haben; und dann haben wir im Ärger den Stößel als die Mordwaffe mit einem Fluch fortgeschleudert. Anders kann es nicht gewesen sein, was wäre sonst für ein Grund gewesen, sie mit solchem Schwung wegzuwerfen? Wenn wir aber imstande waren, Schmerz und Bedauern darüber zu empfinden, daß wir einen Menschen getötet hatten, so war das natürlich deshalb der Fall, weil wir den Vater nicht getötet hatten. Hätten wir den Vater getötet, wären wir nicht aus Mitleid zu einem anderen hinabgesprungen, den wir nur zu Boden geschlagen hatten! Dann wäre bei uns schon ein anderes Gefühl vorhanden gewesen, dann hätten wir nicht an Mitleid gedacht, sondern an unsere eigene Rettung! So wäre das sicherlich gewesen. Wir hätten ihm vielmehr, ich wiederhole es, den Schädel gänzlich eingeschlagen und uns nicht fünf Minuten mit ihm abgegeben. Für das gute Gefühl des Mitleids fand sich in unserem Herzen deswegen Raum, weil unser Gewissen vorher rein war. Da haben Sie eine andere Psychologie! Absichtlich, meine Herren Geschworenen, habe ich selber jetzt meine Zuflucht zur Psychologie genommen, um anschaulich zu zeigen, daß man aus ihr jeden Schluß ziehen kann, der einem beliebt. Es kommt nur darauf an, wer sie handhabt. Die Psychologie verführt sogar die solidesten Männer zum Verfassen von Romanen, und zwar, ohne daß sie es wollen. Ich rede von der unangebrachten Psychologie, meine Herren Geschworenen, von einem gewissen Mißbrauch, der mit ihr getrieben wird.«

Hier hörte man abermals im Publikum beifälliges Lachen, das wieder auf Kosten des Staatsanwalts ging. Ich werde nicht die ganze Rede des Verteidigers mit allen Einzelheiten wiedergeben; ich wähle nur einige Stellen aus ihr aus, einige besonders wichtige Punkte.

11. Kein Geld – also auch kein Raub

Es gab in der Rede des Verteidigers einen Punkt, der alle überraschte – nämlich, daß er die Existenz dieser verhängnisvollen dreitausend Rubel und somit auch die Möglichkeit ihres Raubes vollkommen bestritt.

»Meine Herren Geschworenen!« begann der Verteidiger. »In dem vorliegenden Prozeß frappiert jeden, der als Fremder an ihn herantritt und von Voreingenommenheit frei ist, eine charakteristische Besonderheit: nämlich die Anklage wegen Raubes und gleichzeitig die völlige Unmöglichkeit, faktisch nachzuweisen, was denn nun eigentlich geraubt worden ist. ›Es wurde Geld geraubt‹, heißt es. ›Und zwar dreitausend Rubel.‹ Ob aber dieses Geld tatsächlich existiert hat, das weiß kein Mensch. Überlegen Sie bitte: Erstens, wie haben wir erfahren, daß dreitausend Rubel da waren? Und zweitens, wer hat sie gesehen? Der Diener Smerdjakow war der einzige, der sie gesehen und angegeben hat, sie hätten in einem mit einer Aufschrift versehenen Kuvert gesteckt. Er war es denn auch, der schon vor der Katastrophe davon berichtete, und zwar dem Angeklagten und seinem Bruder Iwan Fjodorowitsch. Auch Fräulein Swetlowa wurde davon in Kenntnis gesetzt. Dennoch haben diese drei Personen das Geld nicht selbst gesehen; gesehen hat es wieder nur Smerdjakow – und da erhebt sich ganz von selbst die Frage: Wenn es auch wahr ist, daß Geld da war und daß Smerdjakow es gesehen hat, wann hat er es zum letztenmal gesehen? Wie, wenn der Herr das Geld aus dem Bett geholt und wieder in die Schatulle gelegt hat, ohne es ihm zu sagen? Beachten Sie, daß nach Smerdjakows Angabe das Geld im Bett unter der Matratze lag. Der Angeklagte mußte es also unter der Matratze hervorziehen – und doch war das Bett in keiner Weise in Unordnung gebracht, wie das im Protokoll ausdrücklich vermerkt worden ist. Wie hat es der Angeklagte fertiggebracht, das Bett gar nicht in Unordnung zu bringen und überdies mit seinen blutigen Händen die ganze frische, feine Bettwäsche nicht zu beflecken, mit der das Bett extra für diesmal versehen worden war? Man wird einwenden: Aber das Kuvert auf dem Fußboden? Über dieses Kuvert lohnt es sich in der Tat etwas zu sagen. Ich bin vorhin einigermaßen erstaunt gewesen: Als der hochbegabte Ankläger auf dieses Kuvert zu sprechen kam, äußerte er selbst, hören Sie, meine Herren, er selbst, und zwar an der Stelle, wo er auf das Törichte der Annahme hinwies, Smerdjakow könnte den Mord begangen haben. ›Wäre dieses Kuvert nicht vorhanden gewesen, wäre es nicht als Indiz auf dem Fußboden liegengeblieben, hätte es der Dieb mitgenommen, so würde es überhaupt niemand wissen, daß ein Kuvert dagewesen war, daß Geld darin gesteckt hatte und daß es somit von dem Angeklagten geraubt worden ist.‹ Also hat nach dem eigenen Bekenntnis des Anklägers einzig und allein dieser zerrissene Fetzen Papier mit der Aufschrift dazu geführt, daß der Angeklagte des Raubes beschuldigt wird: ›Sonst hätte niemand erfahren, daß ein Raub stattgefunden hat, vielleicht auch nicht, daß Geld dagewesen ist.‹ Aber ist etwa allein der Umstand, daß dieser Fetzen Papier am Boden lag, wirklich ein Beweis dafür, daß Geld darin gewesen war und daß dieses Geld geraubt wurde? ›Aber‹, antwortete man mir, ›Smerdjakow hat ja das Geld in dem Kuvert gesehen!‹ Doch wann, wann hat er es zum letztenmal gesehen? Das ist es, wonach ich frage. Ich habe mit Smerdjakow gesprochen, und er hat mir gesagt, er habe es zwei Tage vor der Katastrophe gesehen. Warum jedoch darf ich nicht zum Beispiel annehmen, daß der alte Fjodor Pawlowitsch, der sich in seinem Haus eingeschlossen hatte und in krampfhafter Ungeduld seine Geliebte erwartete, auf einmal in müßiger Weile auf den Einfall kam, das Kuvert hervorzuholen und aufzumachen? ›Wozu das Kuvert?‹ mochte er denken. ›Sie wird mir am Ende gar nicht glauben? Aber wenn ich ihr die dreißig regenbogenfarbenen Scheine als ein offenes Päckchen zeige, wird das stärker wirken und ihr den Mund wäßrig machen!‹ Und so reißt er das Kuvert auf, nimmt das Geld heraus und wirft das Kuvert mit der Ungeniertheit des Hausherrn – und natürlich ohne ein Indiz zu fürchten – auf den Fußboden. Hören Sie, meine Herren Geschworenen, gibt es etwas, was leichter möglich wäre als ein solcher Hergang, wie ich ihn soeben skizziert habe? Warum soll das unmöglich sein? Wenn etwas Derartiges aber auch nur im Bereich des Möglichen liegt, wird die Anklage wegen Raubes ganz von selbst gegenstandslos: Es war kein Geld da – also hat auch kein Raub stattgefunden. Wenn das Kuvert auf dem Fußboden ein Indiz dafür sein soll, daß sich Geld in ihm befunden hatte, warum kann ich dann nicht das Gegenteil behaupten, nämlich daß das Kuvert eben deswegen auf dem Fußboden lag, weil der Hausherr selbst vorher das Geld herausgenommen hatte und somit nun keines mehr darin war? ›Ja, aber wo ist das Geld geblieben, wenn es Fjodor Pawlowitsch selbst aus dem Kuvert herausgenommen hat? In seinem Haus ist es bei der Haussuchung nicht gefunden worden‹ Erstens hat man in seiner Schatulle einen Teil des Geldes gefunden; und zweitens kann er es schon am Vormittag, sogar am Vortag herausgenommen, darüber anders verfügt, es ausgegeben, weggeschickt, seine Absicht völlig geändert haben, ohne daß er es für nötig hielt, Smerdjakow davon in Kenntnis zu setzen. Wenn aber auch nur eine Möglichkeit für so eine Annahme vorhanden ist, wie kann man dann mit solcher Hartnäckigkeit und Bestimmtheit den Angeklagten beschuldigen, er habe zum Zweck eines Raubes gemordet und der Raub habe tatsächlich stattgefunden? Auf diese Weise betreten wir ja das Gebiet des Romans. Wenn man behauptet, die und die Sache sei geraubt worden, so muß man diese Sache im Besitz des Diebes nachweisen oder zumindest unwiderlegbar beweisen, daß sie vorhanden gewesen ist. Doch hier hat sie überhaupt niemand gesehen. Unlängst betrat in Petersburg ein junger Mensch, er war erst achtzehn Jahre alt, ein gewöhnlicher Hausierer, am hellichten Tag mit einem Beil eine Wechselstube, erschlug mit besonderer Dreistigkeit den Ladeninhaber und nahm fünfzehnhundert Rubel mit. Fünf Stunden darauf wurde er verhaftet; bis auf die fünfzehn Rubel, die er schon ausgegeben hatte, wurden bei ihm die ganzen fünfzehnhundert Rubel vorgefunden. Außerdem teilte der Ladengehilfe, der nach dem Mord in den Laden zurückgekehrt war, der Polizei nicht nur die Höhe der gestohlenen Summe mit, sondern er gab auch an, aus was für Geld sie bestanden hatte, das heißt, wieviel Hundertrubelscheine dabei waren, wieviel Zehnrubelscheine, wieviel Fünfrubelscheine, wieviel Goldstücke und was für welche – und siehe da, bei dem verhafteten Mörder wurden genau solche Scheine und Münzen gefunden. Und zu alledem legte der Mörder noch ein vollständiges, offenes Geständnis ab. Das, meine Herren Geschworenen, das nenne ich einen Beweis! Denn da kenne ich das geraubte Geld, ich sehe es, ich befühle es und kann nicht sagen, es sei nicht da oder nicht dagewesen. Steht es so im vorliegenden Fall? Und dabei geht es hier um Leben und Tod, um das ganze Schicksal eines Menschen. ›Ja‹, wird man sagen, ›aber er hat doch in jener Nacht gepraßt und mit dem Geld nur so um sich geworfen! Es wurde festgestellt, daß er fünfzehnhundert Rubel gehabt haben muß – wo hatte er die denn her?‹ Gerade dadurch, daß im ganzen nur fünfzehnhundert Rubel festgestellt wurden und die andere Hälfte der Summe schlechterdings nicht aufzufinden und nachzuweisen war, gerade dadurch wird ja bewiesen, daß dieses Geld wohl ganz anderes Geld war und überhaupt nie in einem Kuvert gesteckt hat. Durch Berechnung der Zeit, und zwar durch die allergenaueste, ist in der Voruntersuchung ermittelt und bewiesen worden, daß der Angeklagte, als er von den Dienerinnen zu dem Beamten Perchotin lief, nicht in seiner Wohnung und überhaupt nirgends vorbeigegangen ist; und danach ist er die ganze Zeit mit Menschen zusammen gewesen: Er konnte also gar nicht von den dreitausend Rubeln die Hälfte abteilen und irgendwo in der Stadt verstecken. Dieser Schluß bildet auch den Grund für die Vermutung des Anklägers, daß der Angeklagte das Geld irgendwo im Dorf Mokroje in einer Ritze versteckt habe. Vielleicht in den Kellern des Udolfschen Schlosses, meine Herren? Nun, ist diese Vermutung etwa nicht phantastisch und romanhaft? Und wenn auch nur diese eine Vermutung widerlegt wird, daß nämlich das Geld in Mokroje versteckt wurde, so verflüchtigt sich damit die ganze Beschuldigung wegen Raubes: Denn wo, wo sind dann diese fünfzehnhundert Rubel geblieben? Durch welches Wunder konnten sie verschwinden, wo doch bewiesen ist, daß der Angeklagte nirgends vorbeigegangen ist? Und wir sollen es über uns bringen, mit solchen Romanen ein Menschenleben zugrunde zu richten! Man wird einwenden: ›Aber er hat doch nicht erklären können, wo er diese fünfzehnhundert Rubel hergenommen hat, die bei ihm gefunden wurden! Außerdem wußten alle Leute, daß er bis zu jener Nacht kein Geld besaß.‹ Wer hat das gewußt? Der Angeklagte aber hat eine klare, bestimmte Aussage darüber gemacht, wo er das Geld herhatte, und mit Ihrer Erlaubnis, meine Herren Geschworenen: Nie konnte etwas glaubhafter und zugleich dem Charakter und der seelischen Beschaffenheit des Angeklagten gemäßer sein als diese Aussage! Die Anklage aber hat sich nun einmal in ihren eigenen Roman verliebt: Wenn ein willensschwacher Mensch sich entschlossen habe, dreitausend Rubel anzunehmen, die ihm von seiner Braut in so schmachvoller Weise angeboten wurden, dann sei er nicht imstande gewesen, die Hälfte davon abzuteilen und sie in ein Säckchen einzunähen; vielmehr hätte er, selbst wenn er sie eingenäht hätte, das Säckchen alle zwei Tage wieder aufgetrennt und jedesmal einen Hunderter herausgenommen und so die ganze Summe in einem Monat aufgebraucht. Erinnern Sie sich: Das alles wurde in einem Ton vorgebracht, der keinen Widerspruch duldete. Wie nun, wenn die Sache ganz anders zuging und der Ankläger eben nur einen Roman verfaßt hat, in dem er eine ganz andere Person auftreten läßt? Das ist es eben, daß er eine andere Person geschaffen hat! Vielleicht wendet man ein: ›Es sind Zeugen dafür vorhanden, daß er im Dorf Mokroje die ganzen dreitausend Rubel, die er von Fräulein Werchowzewa einen Monat vor der Katastrophe erhalten hatte, mit einemmal verpraßt hat – also kann er nicht die Hälfte davon abgeteilt haben.‹ Aber wer sind diese Zeugen? Der Grad der Glaubwürdigkeit dieser Zeugen ist während der Gerichtsverhandlung hinreichend klargeworden. Außerdem sieht eine Schnitte Brot in fremder Hand immer größer aus. Und endlich hat keiner dieser Zeugen dieses Geld selbst gezählt, jeder hat nur nach dem Augenmaß geurteilt. Der Zeuge Maximow hat sogar ausgesagt, der Angeklagte habe zwanzigtausend Rubel in der Hand gehabt! Sehen Sie, meine Herren Geschworenen, da die Psychologie ein Stab mit zwei Enden ist, müssen Sie mir schon erlauben, mich des anderen Endes zu bedienen! Wollen wir sehen, was dabei herauskommt … Einen Monat vor der Katastrophe wurden dem Angeklagten von Fräulein Werchowzewa dreitausend Rubel zur Absendung durch die Post anvertraut; fraglich ist aber, ob sie ihm in so schmählicher, demütigender Weise anvertraut wurden, wie das vorhin laut verkündet worden ist. Als Fräulein Werchowzewa ihre erste Aussage machte, kam das anders heraus, ganz anders; bei der zweiten Aussage jedoch hörten wir nur den Aufschrei der Erbitterung und Rachsucht, den Aufschrei eines lange verborgen gehaltenen Hasses. Schon allein der Umstand, daß die Zeugin einmal, bei ihrer ersten Aussage, unrichtig ausgesagt hat, berechtigt uns zu dem Schluß, daß auch die zweite Aussage unrichtig sein kann. Der Ankläger ›erlaubt sich nicht, wagt nicht‹, dieses Liebesverhältnis zu berühren. Nun gut, ich werde es ebenfalls nicht berühren; dennoch möchte ich mir eine Bemerkung erlauben. Wenn sich eine sittlich hochstehende Person wie das hochverehrte Fräulein Werchowzewa plötzlich vor Gericht erlaubt, ihre erste Aussage zu widerrufen, und zwar in der offenkundigen Absicht, den Angeklagten zugrunde zu richten, so ist eindeutig klar, daß sie ihre zweite Aussage nicht leidenschaftslos, nicht kaltblütig gemacht hat. Will man uns das Recht nehmen zu glauben, daß eine Frau, die sich rächen will, vieles übertreiben kann? Ja, vor allem mag sie die Schande übertrieben haben, unter der sie ihm das Geld anbot. Das Geld wird ihm vielmehr gerade so angeboten worden sein, daß es eben noch möglich war, es anzunehmen, besonders für so einen leichtsinnigen Menschen wie unseren Angeklagten. Die Hauptsache war: Er hoffte damals, in Kürze von seinem Vater die dreitausend Rubel zu erhalten, die dieser ihm auf Grund der Abrechnung noch schuldete. Das war leichtsinnig; doch gerade infolge seines Leichtsinns war er fest davon überzeugt, daß er sie bekommen und somit jederzeit imstande sein würde, das ihm von Fräulein Werchowzewa anvertraute Geld abzuschicken und seine Schuld zu begleichen. Aber der Ankläger will um keinen Preis glauben, daß er am gleichen Tag die Hälfte von dem erhaltenen Geld abteilen und in ein Säckchen einnähen konnte. ›Das entspricht nicht seinem Charakter‹, sagt er. ›Solche Gefühle konnte er nicht haben.‹ Doch Sie haben ja selbst ausgerufen, Karamasow habe ein weites Herz. Sie haben selbst von den beiden Unendlichkeiten gesprochen, die Karamasow schauen könne. Karamasow ist eben so eine Natur mit zwei Seiten, mit zwei Unendlichkeiten, daß er trotz des unbändigen Verlangens nach Zechgelagen dennoch standzuhalten vermag, wenn überraschend von anderer Seite etwas auf ihn einwirkt. Diese andere Seite war die Liebe, diese neue, wie Schießpulver aufflammende Liebe! Für diese Liebe nur brauchte er Geld, und zwar viel nötiger als zu einem Gelage mit dieser Geliebten. Wenn sie zu ihm sagen würde: ›Ich bin dein, ich will Fjodor Pawlowitsch nicht!‹ und wenn er sie nehmen und fortbringen wollte, so brauchte er Geld, um sie fortzubringen. Das war wichtiger als ein Gelage. Sollte Karamasow das nicht begriffen haben? Gerade das war es ja, was ihn krank machte, diese Sorge: Was ist daran unglaublich, daß er dieses Geld abteilte und für jeden Fall aufhob? Aber die Zeit vergeht, und Fjodor Pawlowitsch zahlt dem Angeklagten die dreitausend Rubel nicht aus; es verlautet vielmehr, daß er sie ausgerechnet dafür bestimmt hat, ihm seine Geliebte abspenstig zu machen. ›Wenn mir Fjodor Pawlowitsch das Geld nicht gibt‹, denkt er, ›werde ich vor Katerina Iwanowna als Dieb dastehen!‹ Und so reift in ihm der Plan, zu Fräulein Werchowzewa zu gehen, diese fünfzehnhundert Rubel, die er noch immer in diesem Säckchen herumträgt, vor sie hinzulegen und zu ihr zu sagen: ›Ich bin ein Schuft, aber kein Dieb!‹ Und damit hatte er bereits einen doppelten Grund, diese fünfzehnhundert Rubel wie seinen Augapfel zu hüten, das Säckchen unter keinen Umständen aufzutrennen und nacheinander die Hundertrubelscheine herauszunehmen. Warum sprechen Sie dem Angeklagten Ehrgefühl ab? Nein, Ehrgefühl besitzt er: kein normales, zugegeben, eines, das ihn oft irreführt – aber lebendig ist es in ihm bis zur Leidenschaft, das hat er bewiesen. Doch nun kompliziert sich die Sache; die Eifersucht erreicht den Höhepunkt, und mehr und mehr quälen ihn die beiden früheren Fragen, die sein erhitztes Hirn immer bohrender stellt: ›Soll ich Katerina Iwanowna das Geld zurückgeben? Wo nehme ich dann die Mittel her, um Gruschenka fortzubringen?‹ Wenn er sich diesen ganzen Monat so unvernünftig benahm, sich betrank und in den Wirtshäusern randalierte, so vielleicht gerade, weil ihm selbst schrecklich zumute war und er diesen Zustand nicht ertragen konnte. Diese beiden Fragen spitzten sich schließlich dermaßen zu, daß sie ihn zuletzt zur Verzweiflung trieben. Er wollte seinen jüngeren Bruder zum Vater schicken und ihn ein letztes Mal um diese dreitausend Rubel bitten lassen; doch ohne eine Antwort abzuwarten, drang er selbst bei ihm ein, und die Sache endete damit, daß er den alten Mann in Gegenwart von Zeugen schlug. Nach diesem Vorfall konnte er von ihm natürlich kein Geld erwarten; daß der geprügelte Vater ihm welches geben würde, war ausgeschlossen. Am Abend desselben Tages schlägt er sich an die Brust, an den oberen Teil der Brust, wo sich dieses Säckchen befindet, und schwört seinem Bruder, er besitze ein Mittel, kein Schuft zu sein, aber er werde dennoch ein Schuft bleiben, denn er sehe voraus, daß er das Mittel nicht anwenden werde; seine seelische Stärke, seine Charakterfestigkeit reiche dazu nicht aus. Warum, ja warum schenkt die Anklage der Aussage Alexej Karamasows keinen Glauben, einer Aussage, die aus so reinem Herzen kam und mit solcher Aufrichtigkeit und ohne jede Vorbereitung gemacht wurde und so viel innere Wahrscheinlichkeit besitzt? Warum will mich die Anklage vielmehr zwingen zu glauben, daß das Geld in irgendeiner Ritze steckt oder in den Kellern des Udolfschen Schlosses liegt? Am selben Abend, nach dem Gespräch mit seinem Bruder, schreibt der Angeklagte diesen verhängnisvollen Brief, und der ist das wichtigste, am schwersten wiegende Indiz dafür, daß der Angeklagte einen Raub begangen hat! ›Ich werde mir bei allen möglichen Leuten das Geld zu beschaffen versuchen; falls sie mir jedoch nichts geben, werde ich meinen Vater totschlagen und ihm das Geld unter der Matratze fortnehmen, sobald Iwan abgereist ist!‹ Ein vollständiges Programm für den Mord – wie sollte er da nicht der Täter sein? ›Es ist so ausgeführt worden, wie es geschrieben stand!‹ sagt die Anklage. Aber erstens ist dieser Brief in der Trunkenheit und in furchtbarer Erregung geschrieben worden; zweitens schreibt er von dem Kuvert wieder nur auf Grund der Mitteilungen Smerdjakows, da er selbst das Kuvert nicht gesehen hat; drittens wurde das zwar so niedergeschrieben; ob es aber auch so ausgeführt wurde – wodurch will man das beweisen? Hat der Angeklagte das Geld unter dem Kopfkissen hervorgeholt? Hat er das Geld gefunden? Existierte das Geld überhaupt? Und war der Angeklagte etwa des Geldes wegen hingelaufen? Erinnern Sie sich bitte: Er lief Hals über Kopf hin, aber nur um zu erfahren, wo sie war, diese Frau, die auch ihn zugrunde gerichtet hatte! Also nicht nach einem Programm, nicht in Übereinstimmung mit dem, was er geschrieben hatte, nicht zum Zweck eines vorbedachten Raubes, sondern plötzlich, ohne Überlegung, in eifersüchtiger Raserei! ›Ja‹, wird man sagen, ›trotzdem hat er sich auch des Geldes bemächtigt, nachdem er den Mord begangen hatte!‹ Aber hat er den Mord überhaupt begangen oder nicht? Die Beschuldigung des Raubes weise ich mit Entrüstung zurück – man kann niemanden eines Raubes beschuldigen, wenn man nicht genau angeben kann, was eigentlich geraubt worden ist – das ist ein feststehender Grundsatz! Aber hat er nun gemordet, hat er gemordet, ohne zu rauben? Ist das bewiesen? Ist nicht auch das am Ende ein Roman?«

12. Und auch kein Mord

»Erlauben Sie, meine Herren Geschworenen, es handelt sich hier um ein Menschenleben, da muß man sehr vorsichtig sein. Wir haben gehört, wie der Ankläger selbst bezeugte, daß er bis heute, bis zum Tag der Gerichtsverhandlung, geschwankt hat, ob er den Angeklagten des vorbedachten Mordes beschuldigen solle, daß er geschwankt hat bis zu diesem verhängnisvollen Brief, der heute dem Gericht vorgelegt worden ist. ›Es ist ausgeführt worden, wie es geschrieben stand!‹ Aber ich wiederhole noch einmal: Er lief zu ihr, einzig und allein ihretwegen, um zu erfahren, wo sie war. Das ist eine feststehende Tatsache. Hätte er sie zu Hause angetroffen, wäre er weiter nirgends hingelaufen, sondern er wäre bei ihr geblieben und hätte nicht gehalten, was er in dem Brief versprochen hatte. Er lief plötzlich und ohne Überlegung hin und dachte dabei vielleicht überhaupt nicht an seinen Brief. ›Er griff sich einen Stößel‹, heißt es – und erinnern Sie sich bitte, wie an diesen Stößel eine ganze Reihe von psychologischen Erörterungen angeknüpft wurde: warum er diesen Stößel als Waffe ansehen und als Waffe ergreifen mußte und so weiter. Hier kommt mir ein ganz einfacher Gedanke in den Kopf: Wenn nun dieser Stößel nicht sichtbar auf dem Küchenbrett gelegen hätte, wo ihn der Angeklagte wegnahm, sondern ordentlich in den Schrank geräumt worden wäre, dann wäre er dem Angeklagten nicht vor Augen gekommen, und er wäre mit leeren Händen, ohne Waffe davongelaufen und hätte vielleicht niemand totgeschlagen. Inwiefern kann ich den Stößel als Beweis dafür anführen, daß er sich absichtlich bewaffnet und mit Vorbedacht gemordet hat? ›Ja, aber er hat doch in den Wirtshäusern ein großes Geschrei vollführt, er werde seinen Vater totschlagen! An jenem Abend jedoch, da er seinen Brief schrieb, war er still und zankte sich im Wirtshaus nur mit einem Gehilfen, weil es ganz ohne Streit bei einem Karamasow nun einmal nicht abgeht.‹ Aber darauf antworte ich: Wenn er einen solchen Mord beabsichtigte, und noch dazu nach einem schriftlich abgefaßten Plan, hätte er sich wohl auch nicht mit einem Gehilfen gestritten; er wäre vielleicht überhaupt nicht ins Wirtshaus gegangen, weil eine Seele, die eine solche Tat vorhat, Stille und Verborgenheit sucht und am liebsten ganz verschwinden möchte, damit niemand sie sieht und hört – und zwar handelt sie so nicht mit Berechnung, sondern instinktiv! Meine Herren Geschworenen, die Psychologie ist ein Stab mit zwei Enden, und wir verstehen uns ebenfalls auf diese Wissenschaft. Was nun das Geschrei betrifft, das er während dieses Monats in den Wirtshäusern veranstaltet hat, so möchte ich bemerken: Wie oft schreien betrunkene Zechbrüder, die aus den Schenken kommen, oder Kinder, die sich miteinander zanken: ›Ich schlage dich tot!‹ Aber sie schlagen keinen tot. Und auch dieser verhängnisvolle Brief – nun, ist der nicht ebenfalls der Ausfluß der gereizten Stimmung eines Betrunkenen? Steht er nicht auf gleicher Stufe mit dem Geschrei eines Menschen, der aus der Schenke herauskommt: ›Ich schlage euch alle tot!‹ Warum muß er anders aufgefaßt werden? Warum konnte es nicht so sein? Warum ist dieser Brief verhängnisvoll und nicht vielmehr lächerlich? Der Grund ist der, daß die Leiche des ermordeten Vaters gefunden worden ist und daß ein Zeuge den Angeklagten mit einer Waffe im Garten auf der Flucht gesehen hat und selbst von ihm zu Boden geschlagen wurde; also ist alles so ausgeführt worden, wie es geschrieben stand, und darum ist auch der Brief nicht lächerlich, sondern verhängnisvoll. Gott sei Dank, wir sind an den Kernpunkt gelangt: ›Wenn er im Garten war so bedeutet das, er hat auch den Mord begangen.‹ In diesen beiden Sätzchen erschöpft sich alles, die ganze Anklage: ›Er war, also bedeutet das zweifellos…‹ Doch wenn das nun nichts ›bedeutet‹, obgleich er ›war‹? Oh, ich gebe zu, daß dieses Zusammentreffen der Tatsachen wirklich eine gewisse Überzeugungskraft hat. Aber betrachten Sie doch alle diese Tatsachen einzeln, ohne sich durch ihr Zusammentreffen einschüchtern zu lassen: Warum will die Anklage zum Beispiel um keinen Preis die Wahrheit der Aussage des Angeklagten anerkennen, daß er vom Fenster seines Vaters weggelaufen ist? Erinnern Sie sich bitte, in welchen Sarkasmen sich die Anklage sogar über die respektvollen und ›frommen‹ Gefühle ergeht, die den Mörder auf einmal überkommen hätten. Wie, wenn es dort in der Tat etwas Ähnliches gab, das heißt zwar nicht gerade respektvolle, aber doch fromme Gefühle? ›Meine Mutter muß wohl in diesem Augenblick für mich gebetet haben‹, sagte der Angeklagte bei der Voruntersuchung. Und er lief davon, sowie er sich davon überzeugt hatte, daß Fräulein Swetlowa nicht im Hause seines Vaters war. ›Aber davon konnte er sich nicht durchs Fenster überzeugen‹, erwidert uns die Anklage. Warum soll er das nicht gekonnt haben? Das Fenster war ja auf das Klopfsignal des Angeklagten hin geöffnet worden. Fjodor Pawlowitsch konnte irgendein Wort sagen, ihm konnte irgendein Ausruf entfahren – und der Angeklagte konnte dadurch plötzlich zu der Sicherheit gelangen, daß Fräulein Swetlowa nicht dort war. Warum muß man denn unbedingt annehmen, daß es sich genauso abgespielt hat, wie wir es uns vorstellen, wie wir nun einmal beschlossen haben, es uns vorzustellen? In Wirklichkeit können tausend Dinge mitspielen, die der Kombination des scharfsinnigsten Romanschriftstellers entgehen. ›Ja, aber Grigori hat die Tür offen gesehen. Somit ist der Angeklagte mit Sicherheit im Haus gewesen; folglich hat er auch den Mord begangen.‹ Also diese Tür, meine Herren Geschworenen … Sehen Sie, daß diese Tür offenstand, bezeugt nur eine einzige Person, die sich zu jener Zeit jedoch in einem Zustand befand, daß … Aber meinetwegen, mag die Tür meinetwegen offengestanden haben, mag es der Angeklagte in dem Bestreben, sich zu verteidigen, geleugnet haben, was in seiner Lage so verständlich ist; mag er meinetwegen in das Haus eingedrungen sein,– na und, was weiter? Warum muß er, wenn er drinnen war, notwendigerweise auch den Mord begangen haben? Er konnte eindringen, durch die Zimmer laufen, den Vater beiseite stoßen, ihn sogar schlagen; doch nachdem er festgestellt hatte, daß Fräulein Swetlowa nicht bei ihm war, konnte er davongelaufen sein, erfreut darüber, daß sie nicht da war. Und vielleicht sprang er auch eine Minute später deshalb zu Grigori hinunter, den er im Jähzorn zu Boden geschlagen hatte, weil er jetzt eines reinen Gefühls fähig war, des Gefühls der Teilnahme und des Mitleids, weil er der Versuchung, seinen Vater totzuschlagen, entflohen war, weil er in sich ein reines Herz fühlte und sich freute, daß er den Vater nicht totgeschlagen hatte. Mit einer geradezu Entsetzen erregenden Beredsamkeit beschreibt uns der Ankläger den furchtbaren Zustand des Angeklagten im Dorf Mokroje, als die Liebe sich ihm von neuem erschloß und ihn zu einem neuen Leben rief, während es ihm bereits unmöglich war zu lieben, da hinter ihm der blutige Leichnam seines Vaters lag und sich hinter diesem drohend die Strafe erhob. Und doch gab der Ankläger die Möglichkeit der Liebe zu; freilich erklärte er sie seiner Psychologie gemäß so: ›Es war ein Zustand der Trunkenheit. Ein Verbrecher wird zur Richtstätte gefahren, es scheint ihm noch weit zu sein‹ … und so weiter und so fort. Aber ich frage wieder, haben Sie da nicht eine ganz andere Person geschaffen, Herr Ankläger? Ist der Angeklagte wirklich so roh und herzlos, daß er in jenem Augenblick noch an Liebe und an Ausflüchte vor Gericht denken konnte, wenn tatsächlich das Blut seines Vaters an seinen Händen geklebt hätte? Nein, nein und nochmals nein! Sowie ihm klargeworden war, daß sie ihn liebte, ihn zu sich rief, ihm ein neues Glück verhieß – oh, ich schwöre es, da hätte er zweifach, dreifach das Bedürfnis empfinden müssen sich zu töten! Und hätte sich auch unweigerlich getötet wenn der Leichnam seines Vaters hinter ihm gelegen hätte! O nein, er hätte nicht vergessen, wo seine Pistolen lagen! Ich kenne den Angeklagten: Die wilde, stumpfe Herzlosigkeit, die der Ankläger ihm zuschreibt, ist mit seinem Charakter unvereinbar. Er hätte sich getötet, das ist sicher! Und er tötete sich eben deshalb nicht, ›weil seine Mutter für ihn gebetet hatte‹ und sein Herz am Blut seines Vaters unschuldig war. Er quälte sich in jener Nacht in Mokroje nur um den alten Grigori, den er zu Boden geschlagen hatte, und betete zu Gott, der alte Mann möge wieder zu sich kommen und aufstehen, der Schlag, den er ihm versetzt hatte, möge nicht tödlich sein, und diese Prüfung möge an ihm vorübergehen. Warum sollte man eine solche Deutung der Ereignisse nicht akzeptieren? Welchen sicheren Beweis haben wir dafür, daß der Angeklagte uns belügt? ›Aber da ist der Leichnam des Vaters!‹, wendet man sofort wieder ein. ›Wenn er davongelaufen ist, ohne den Mord begangen zu haben – wer hat denn dann den alten Mann ermordet?‹ Ich wiederhole, die ganze Logik der Anklage ist folgende: ›Wer hat den Mord begangen, wenn nicht er? Es ist niemand vorhanden, den man an seine Stelle setzen könnte!‹ Meine Herren Geschworenen, ist dem wirklich so? Kann man tatsächlich niemand an seine Stelle setzen? Wir haben gehört, wie die Anklage uns an den Fingern alle Personen vorzählte, die in jener Nacht in diesem Haus gewesen sind. Es kamen fünf Personen heraus. Drei von ihnen, da stimme, ich zu, dürften kaum für die Tat in Betracht kommen: nämlich der Ermordete selbst, der alte Grigori und seine Frau. Es bleiben somit der Angeklagte und Smerdjakow, und da erklärt nun der Ankläger voller Pathos, der Angeklagte verweise deswegen auf Smerdjakow, weil er auf sonst niemand verweisen könne; wäre noch irgendein sechster da oder auch nur der Schatten eines sechsten, so würde der Angeklagte aus Scham sofort von selbst aufhören, Smerdjakow zu beschuldigen, und auf diesen sechsten verweisen. Meine Herren Geschworenen, warum sollte ich nicht völlig entgegengesetzt schließen können? Es stehen zwei Menschen vor uns: der Angeklagte und Smerdjakow – warum sollte ich nicht sagen können, daß Sie meinen Klienten nur deswegen beschuldigen, weil Sie keinen anderen haben, den Sie beschuldigen könnten? Und Sie haben nur deswegen keinen anderen, weil Sie Smerdjakow in totaler Voreingenommenheit von vornherein von jeder Beschuldigung ausgeschlossen haben. Ja, es ist wahr, auf Smerdjakow verweisen mit Bestimmtheit nur der Angeklagte, seine beiden Brüder und Fräulein Swetlowa, weiter niemand. Dabei gibt es auch sonst noch diesen und jenen, der auf ihn verweist. Es herrscht in der Gesellschaft eine gewisse, wenn auch unklare Gärung; man wirft eine Frage auf, man äußert einen Verdacht, man hört ein undeutliches Gerücht, man spürt, daß eine bestimmte Erwartung in der Luft liegt. Schließlich legt auch ein gewisses Zusammentreffen von Tatsachen ein Zeugnis ab, das sehr charakteristisch, obgleich, wie ich gestehe, ziemlich unbestimmt ist. Erstens dieser epileptische Anfall ausgerechnet am Tag der Katastrophe, den der Ankläger aus irgendwelchen Gründen so eifrig in Schutz zu nehmen und zu verteidigen für nötig hielt. Dann dieser plötzliche Selbstmord Smerdjakows einen Tag vor der Gerichtsverhandlung. Dann die nicht minder überraschende Aussage des älteren Bruders des Angeklagten heute vor Gericht, der bisher an die Schuld seines Bruders geglaubt hat, auf einmal Geld ausliefert und ebenfalls Smerdjakow namentlich als den Mörder angibt. Oh, ich bin mit dem Gerichtshof und der Staatsanwaltschaft völlig darin einig, daß Iwan Karamasow krank ist, daß er ein Nervenfieber hat und daß seine Aussage vielleicht wirklich nur ein verzweifelter, noch dazu vom Fieber diktierter Versuch ist, den Bruder durch Abwälzung der Schuld auf einen Toten zu retten. Dennoch ist wieder der Name Smerdjakow gefallen, hört man wieder etwas Rätselhaftes. Es ist, als wäre hier noch nicht alles ausgesprochen, meine Herren Geschworenen, als wäre die Sache noch nicht beendet. Und vielleicht wird das Fehlende noch ausgesprochen werden. Aber lassen wir das vorläufig – die Zukunft wird wohl Licht in die Angelegenheit bringen. Das Gericht hat vorhin beschlossen, die Sitzung fortzusetzen; einstweilen jedoch, während wir auf neue Aufklärung warten, könnte ich die eine oder andere Bemerkung machen, zum Beispiel zu der Charakteristik des verstorbenen Smerdjakow, die uns der Ankläger in so feiner, talentvoller Weise vorgetragen hat. Doch bei aller Bewunderung seines Talents kann ich mich mit dem Inhalt dieser Charakteristik nicht völlig einverstanden erklären. Ich bin bei Smerdjakow gewesen, ich habe ihn gesehen und mit ihm gesprochen; er hat auf mich einen ganz anderen Eindruck gemacht. Gesundheitlich stand es schlecht mit ihm, das ist richtig; was aber seinen Charakter und sein Herz betraf – o nein, da war er durchaus kein so schwacher Mensch, wie die Anklage angenommen hat. Vor allem fand ich bei ihm keineswegs jene Schüchternheit vor, die uns der Ankläger in so markanter Weise beschrieben hat. Auch Offenherzigkeit war bei ihm nicht vorhanden, im Gegenteil, ich stieß auf ein furchtbares Mißtrauen, das sich hinter Naivität versteckte, und auf einen Verstand, der sehr vieles zu begreifen vermochte. Oh, wenn die Anklage ihn für schwachsinnig erachtet, so verfährt sie allzu harmlos. Auf mich machte er folgenden Eindruck: Ich verließ ihn mit der Überzeugung, daß er ein durch und durch boshaftes, maßlos ehrgeiziges, rachsüchtiges und neidisches Geschöpf ist. Ich habe, soweit ich konnte, Erkundungen über ihn eingezogen. Er haßte seine Herkunft, schämte sich ihrer und erinnerte sich nur zähneknirschend daran, daß er von der Stinkenden abstammte. Dem Diener Grigori und dessen Frau, den Wohltätern seiner Kindheit, gegenüber benahm er sich respektlos. Rußland verfluchte er und spottete über dieses sein Vaterland. Das Ziel seiner Sehnsucht war, nach Frankreich zu gehen, um dort ein Franzose zu werden. Er hat schon früher viel und oft darüber gesprochen, daß es ihm dafür an den nötigen Mitteln fehlte. Ich glaube, er hat niemand geliebt außer sich selbst, und sich selbst hat er in verblüffendem Maß geschätzt. Bildung bestand für ihn in guter Kleidung, sauberen Vorhemdchen und blankgeputzten Stiefeln. Da er sich für einen unehelichen Sohn von Fjodor Pawlowitsch hielt – und daß er das tat, dafür gibt es Beweise –, konnte er seine Lage mit Hinblick auf die der legitimen Kinder seines Herrn durchaus hassen: Ihnen gehörte alles und ihm nichts, mochte er denken; sie hatten alle Rechte, ihnen fiel die Erbschaft zu, er aber war nur Koch. Er teilte mir mit, er selbst habe zusammen mit Fjodor Pawlowitsch das Geld in das Kuvert getan. Die Bestimmung dieser Summe, die ihm seine beabsichtigte Karriere hätte ermöglichen können, war ihm natürlich verhaßt. Außerdem sah er die dreitausend Rubel in reinlichen regenbogenfarbenen Banknoten; ich habe ihn danach ausdrücklich gefragt. Oh, zeigen Sie nie einem neidischen, selbstsüchtigen Menschen eine große Geldsumme auf einmal! Er erblickte damals zum erstenmal eine solche Summe in einer Hand. Der Anblick des regenbogenfarbenen Päckchens konnte in krankhafter Weise auf seine Einbildungskraft wirken, zunächst noch ohne weitere Folgen. Der hochbegabte Ankläger hat uns mit außerordentlichem Scharfsinn alle Gründe vorgetragen, die für und gegen die Möglichkeit sprechen, Smerdjakow des Mordes zu beschuldigen, und er hat besonders gefragt: ›Welchen Zweck hatte es für ihn, einen epileptischen Anfall zu simulieren?‹ Ja, aber vielleicht simulierte er gar nicht? Der Anfall konnte sich auf ganz natürliche Weise einstellen, konnte jedoch auch auf ganz natürliche Weise wieder vorübergehen, und der Kranke konnte das Bewußtsein wiedererlangen. Eine völlige Genesung war zwar so schnell nicht möglich, wohl aber konnte er einmal wieder zu sich kommen und das Bewußtsein erlangen, wie das bei der Epilepsie vorkommt. Die Anklage fragt: ›Wo ist der Augenblick, da Smerdjakow den Mord begangen haben könnte?‹ Einen solchen Augenblick nachzuweisen ist außerordentlich leicht. Er konnte das Bewußtsein wiedererlangen und aus tiefem Schlaf erwachen – denn er schlief doch nur, nach einem epileptischen Anfall versinkt der Betreffende immer in einen tiefen Schlaf – genau in dem Augenblick, als der alte Grigori den flüchtenden Angeklagten am Bein packte und weithin vernehmbar ›Vatermörder!‹ schrie. Dieser ungewöhnliche Schrei in der Stille und Dunkelheit konnte Smerdjakow aufwecken, dessen Schlaf vielleicht nicht mehr sehr fest war: Er konnte auf ganz natürliche Weise schon seit einer Stunde langsam erwacht sein. Nachdem er sich vom Bett erhoben hat, begibt er sich noch fast bewußtlos hinaus ohne besondere Absicht, nur um wegen des Schreis zu sehen, was denn los sei. In seinem Kopf herrscht eine krankhafte Benommenheit, seine Denkkraft schlummert noch; doch nun ist er im Garten, tritt an die erleuchteten Fenster und hört von seinem Herrn, der natürlich über sein Kommen erfreut ist, die schreckliche Nachricht. Die Denkkraft in seinem Kopf erwacht urplötzlich wieder. Von dem erschrockenen Herrn erfährt er alle Einzelheiten. Und da entsteht in seinem zerrütteten kranken Gehirn allmählich ein furchtbarer, aber verführerischer und unwiderleglich logischer Gedanke: seinen Herrn totzuschlagen, die dreitausend Rubel zu nehmen und dann alle Schuld auf den Sohn des Herrn zu schieben – auf wen anders würde jetzt Verdacht fallen als auf ihn? Auf ihn treffen alle Anzeichen zu, er ist dagewesen! Eine schreckliche Gier nach Geld, nach Beute im Verein mit der Vorstellung, daß ihn keine Strafe treffen würde, nimmt ihm fast den Atem. Oh, ein derartiger plötzlicher, unwiderstehlicher Drang stellt sich ja so häufig bei sich bietender Gelegenheit ein und überfällt plötzlich gerade solche Mörder, die noch eine Minute vorher nicht gewußt haben, daß sie einen Mord begehen wollen! Und so konnte denn Smerdjakow zu seinem Herrn hineingehen und seinen Plan ausführen. Womit, mit was für einer Waffe? Nun, mit dem ersten besten Stein, den er im Garten aufgehoben hatte. Und wozu? Zu welchem Zweck? Nun, mit dreitausend Rubeln konnte er sich schon weiterhelfen. Oh, ich widerspreche mir nicht: es ist auch möglich, daß das Geld gar nicht vorhanden war. Vielleicht war auch Smerdjakow der einzige, der wußte, wo es zu finden war, wo der Herr es in Wirklichkeit liegen hatte. Nun, und das zerrissene Kuvert auf dem Fußboden? Als vorhin der Ankläger von diesem Kuvert sprach und uns eine außerordentlich feine Erörterung darüber vortrug, daß es eigentlich nur ein ungeübter Dieb wie Karamasow auf dem Fußboden liegenlassen konnte, bestimmt nicht Smerdjakow, der auf keinen Fall ein solches Indiz gegen sich zurückgelassen hätte – als ich das hörte, meine Herren Geschworenen, hatte ich auf einmal die Empfindung, längst Bekanntes zu hören. Und stellen Sie sich vor: Diese selbe Überlegung, wie Karamasow mit dem Kuvert habe verfahren können, hatte ich schon zwei Tage zuvor von Smerdjakow selbst gehört! Und etwas hat mich dabei sehr frappiert. Es schien mir nämlich, als fingiere er Naivität, als käme er mir absichtlich entgegen, als souffliere er mir diesen Gedanken, damit ich selbst diese Schlußfolgerung zöge. Hat er ihn vielleicht auch der Untersuchungsbehörde souffliert? Hat er ihn vielleicht auch dem hochbegabten Ankläger aufgedrängt? Man wird sagen: Aber die alte Frau Grigoris? Sie hat doch gehört, wie der Kranke neben ihr die ganze Nacht stöhnte. Richtig, sie hat es gehört; so eine Wahrnehmung ist jedoch außerordentlich unzuverlässig. Ich kannte eine Dame, die sich bitter darüber beklagte, daß ein kleiner Hund auf dem Hof sie die ganze Nacht nicht habe schlafen lassen. Und dabei hatte das arme Hündchen, wie festgestellt wurde, überhaupt nur zwei- oder dreimal in der ganzen Nacht gebellt. Und das ist ganz natürlich: Jemand schläft und hört auf einmal ein Stöhnen; er wacht ärgerlich auf, schläft aber augenblicklich wieder ein. Nach zwei Stunden wieder Stöhnen, er wacht wieder auf und schläft wieder ein; endlich nochmals Stöhnen, und zwar wieder nach zwei Stunden, im ganzen dreimal in der Nacht. Am Morgen steht der Schläfer auf und beklagt sich, daß jemand die ganze Nacht gestöhnt und ihn fortwährend geweckt habe. Und es muß ihm auch so vorkommen: In den Zwischenzeiten hat er geschlafen, jedesmal zwei Stunden lang, und er erinnert sich ihrer nicht; er erinnert sich nur an die Minuten seines Wachens, und da scheint es ihm, als sei er die ganze Nacht über geweckt worden. ›Aber warum‹, ruft die Anklage, ›hat Smerdjakow auf dem hinterlassenen Zettel kein Geständnis abgelegt? Zu dem einen reichte sein Gewissen aus, aber zu dem anderen nicht.‹ Bitte erlauben Sie: Gewissen, das ist schon Reue. Und Reue fühlte dieser Selbstmörder wohl gar nicht, sondern nur Verzweiflung. Verzweiflung und Reue, das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die Verzweiflung kann boshaft und unversöhnlich sein, und der Selbstmörder konnte in dem Augenblick, als er Hand an sich legte, doppelt diejenigen hassen, die er sein Leben lang beneidet hatte. Meine Herren Geschworenen, hüten Sie sich vor einem Justizirrtum! Inwiefern ist alles das, was ich Ihnen soeben dargelegt habe, unwahrscheinlich? Finden Sie in meiner Auseinandersetzung einen Fehler, eine Unmöglichkeit, eine Sinnlosigkeit? Falls aber an meinen Annahmen auch nur ein Schatten von Möglichkeit, auch nur ein Schatten von Wahrscheinlichkeit ist, so sollten Sie sich einer Verurteilung enthalten. Und ist hier etwa nur ein Schatten vorhanden? Ich schwöre bei allem, was heilig ist: Ich glaube vollkommen an meine Auffassung des Mordes, die ich Ihnen soeben vorgetragen habe. Was mich jedoch ganz besonders aufregt und aus der Fassung bringt, ist immer ein und derselbe Gedanke: daß es in der ganzen Masse von Tatsachen, die die Anklage auf den Angeklagten gehäuft hat, auch nicht eine einzige gibt, die irgendwie zwingend und unwiderleglich wäre, sondern daß der Unglückliche lediglich durch das Zusammentreffen dieser Tatsachen zugrunde geht! Ja, dieses Zusammentreffen ist furchtbar: das von den Fingern herabfließende Blut, die blutige Wäsche, die dunkle, von dem Schrei ›Vatermörder!‹ durchhallte Nacht und der Schreiende, der mit eingeschlagenem Schädel niederstürzt, dann diese Masse von Äußerungen, Aussagen, Gebärden, Ausrufen – oh, das übt eine so gewaltige Wirkung aus und kann so leicht die Überzeugung bestechen. Aber sollte es etwa auch Ihre Überzeugung bestechen können, meine Herren Geschworenen? Denken Sie daran, daß Ihnen eine unbegrenzte Macht zu binden und zu lösen gegeben ist. Und je größer diese Macht ist, desto furchtbarer ist ihr Gebrauch! Ich nehme nicht ein Jota von dem zurück, was ich soeben gesagt habe; aber sei es drum, meinetwegen, ich will mich für einen Augenblick auf den Standpunkt der Anklage stellen und annehmen, daß mein unglücklicher Klient seine Hände mit dem Blut seines Vaters befleckt hat. Das ist nur eine Annahme, ich wiederhole es! Ich zweifle keinen Augenblick an seiner Unschuld; aber mag es sein, ich will annehmen, daß mein Angeklagter des Vatermordes schuldig ist. Selbst wenn ich eine solche Annahme für zulässig hielte, hören Sie bitte dennoch, was ich Ihnen sagen möchte. Es ist mir ein Herzensbedürfnis, Ihnen noch etwas zu sagen; denn ich sehe voraus, daß auch ein jeder von Ihnen in seinem Herzen und seinem Geist einen großen Kampf auszufechten haben wird … Verzeihen Sie mir dieses Wort von Ihrem Herzen und Ihrem Geist, meine Herren Geschworenen! Aber ich will wahrhaft und aufrichtig sein bis zum Schluß. Lassen Sie uns bitte alle aufrichtig sein!

An dieser Stelle unterbrach den Verteidiger ein ziemlich lautes Beifallklatschen. In der Tat hatte er seine letzten Worte mit dem Unterton einer solchen Aufrichtigkeit gesprochen, daß alle das Gefühl hatten, er habe vielleicht wirklich etwas Besonderes zu sagen, und zwar das Wichtigste. Als jedoch der Präsident das Beifallklatschen hörte, drohte er laut, den Gerichtssaal »räumen« zu lassen, falls sich »etwas Derartiges« wiederholen sollte. Alles wurde still, und Fetjukowitsch sprach ganz anders weiter, als er bisher gesprochen hatte: mit einer neuen Stimme, der man die Ergriffenheit anmerkte.

13. Und selbst wenn …

»Nicht nur das Zusammentreffen der Tatsachen richtet meinen Klienten zugrunde, meine Herren Geschworenen!« rief er aus. »Nein, was meinen Klienten zugrunde richtet, ist in Wirklichkeit nur eine einzige Tatsache: nämlich der Leichnam seines alten Vaters! Handelte es sich um einen gewöhnlichen Mord, so würden auch Sie bei der Nichtigkeit, der Zweifelhaftigkeit und dem phantastischen Charakter jeder einzelnen Tatsache die Beschuldigung zurückweisen oder wenigstens Bedenken haben, das Schicksal eines Menschen lediglich auf Grund eines gegen ihn bestehenden Vorurteils zu zerstören, das er leider verdient hat! Aber es handelt sich hier nicht um gewöhnlichen Mord, sondern um Vatermord! Das macht Eindruck, und zwar in einem solchen Grad, daß sogar die Nichtigkeit und Unbewiesenheit der von der Anklage vorgebrachten Tatsachen nicht mehr so nichtig und unbewiesen erscheint – und das gilt selbst für den vorurteilsfreiesten Geist. Wie soll man einen solchen Angeklagten freisprechen? Wenn er nun den Mord wirklich begangen hat und straflos davonkommt? Das ist es, was jeder unwillkürlich und instinktiv in seinem Herzen fühlt. Ja, es ist etwas Furchtbares, das Blut des Vaters zu vergießen – das Blut dessen, der mich erzeugt, mich geliebt, sein Leben für mich nicht geschont hat, der seit meinen Kinderjahren meine Krankheiten wie die eigenen empfunden, sich die ganze Zeit um mein Glück gemüht und nur von meinen Freuden, von meinen Erfolgen gelebt hat! Oh, einen solchen Vater zu töten – unmöglich, das auch nur auszudenken! Meine Herren Geschworenen, was ist ein Vater, ein wirklicher Vater? Was ist das für ein großes Wort, welche gewaltige Idee liegt in dieser Bezeichnung? Wir haben soeben andeutungsweise gesagt, was und wie ein wahrer Vater sein muß. In dem vorliegenden Prozeß aber, der unser aller Interesse in Anspruch nimmt und unsere Seelen mit Schmerz erfüllt – in dem vorliegenden Prozeß hatte der Vater, der verstorbene Fjodor Pawlowitsch Karamasow, nicht die geringste Ähnlichkeit mit jener Vorstellung, die sich unser Herz von einem Vater macht. Das ist ein Unglück. In der Tat, mancher Vater hat Ähnlichkeit mit einem Unglück. Doch lassen Sie uns dieses Unglück näher betrachten – wir dürfen uns im Hinblick auf die Wichtigkeit der bevorstehenden Entscheidung vor nichts fürchten, meine Herren Geschworenen. Gerade jetzt dürfen wir uns nicht fürchten und gewisse Gedanken sozusagen mit den Händen abwehren, wie es nach dem glücklichen Ausdruck des hochbegabten Anklägers Kinder oder ängstliche Frauen tun. Aber in seiner feurigen Rede hat mein verehrter Gegner – und mein Gegner war er, bevor ich mein erstes Wort gesprochen hatte – mehrmals ausgerufen: ›Nein, ich überlasse es niemandem, den Angeklagten zu verteidigen! Ich trete seine Verteidigung dem Verteidiger aus Petersburg nicht ab – ich bin Ankläger, aber auch Verteidiger!‹ Das hat er mehrmals ausgerufen, und doch hat er eines vergessen zu erwähnen: Wenn der Angeklagte ganze dreiundzwanzig Jahre lang für ein einziges Pfund Nüsse dankbar war, das er von dem einzigen Menschen bekommen hatte, der ihm als kleinem Kind im Vaterhause eine Freundlichkeit erwies, dann mußte umgekehrt ein solcher Mensch es auch dreiundzwanzig Jahre im Gedächtnis behalten, wie er bei seinem Vater barfuß ›auf dem Hof hinter dem Haus herumlief, ohne Schuhchen und mit Höschen, die nur an einem Knopf hingen‹, wie sich der menschenfreundliche Doktor Herzenstube ausdrückte. Oh, meine Herren Geschworenen, wozu sollen wir dieses Unglück noch näher betrachten und wiederholen, was alle bereits wissen? Was fand mein Klient vor, als er hier bei seinem Vater ankam? Und warum stellt man sich meinen Klienten gefühllos, egoistisch, unmenschlich vor? Er ist ungestüm, wild und gewalttätig, daher müssen wir jetzt über ihn Gericht halten; doch wer ist schuld am Schicksal dieses Menschen, wer ist schuld daran, daß er bei guten Charakteranlagen und einem dankbaren Herzen so eine verkehrte Erziehung empfing? Hat ihn jemand etwas Vernünftiges gelehrt, ihn in den Wissenschaften unterwiesen? Hat ihn jemand in seiner Kindheit auch nur ein klein wenig geliebt? Mein Klient ist unter Gottes Schutz aufgewachsen, das heißt wie ein wildes Tier. Er hat sich vielleicht danach gesehnt, seinen Vater nach der langjährigen Trennung wiederzusehen; er hat vorher, wenn er sich wie durch einen Schleier an seine Kindheit erinnerte, vielleicht schon tausendmal die häßlichen Gespenster verjagt, von denen er in seiner Kindheit geträumt hatte; vielleicht wünschte er von ganzer Seele, seinen Vater gerechtfertigt zu finden und in seine Arme zu schließen! Und was geschieht? Dieser Vater empfängt ihn nur mit zynischen Spottreden, mit Mißtrauen und mit Winkelzügen wegen des strittigen Geldes; er hört täglich ›beim Kognak‹ nur Gespräche und Grundsätze, bei denen sich ihm das Herz im Leib umkehrt; und zuletzt sieht er, wie der Vater ihm, dem Sohn, mit dem Geld, das ihm, dem Sohn, gehört, die Geliebte abspenstig machen will – o meine Herren Geschworenen, das ist ekelhaft und entsetzlich! Und dieser selbe alte Mann beklagt sich noch bei allen über die Respektlosigkeit und Roheit seines Sohnes, macht ihn in der Gesellschaft schlecht, schadet ihm, verleumdet ihn und kauft seine Schuldscheine auf, um ihn ins Gefängnis setzen zu lassen! Meine Herren Geschworenen, diese Seelen, scheinbar harte, gewalttätige, zügellose Menschen wie mein Klient haben oft ein sehr zartfühlendes Herz, nur bringen sie das nicht zum Ausdruck. Lachen Sie nicht, lachen Sie nicht über meinen Gedanken! Der talentvolle Ankläger machte sich vorhin über meinen Klienten erbarmungslos lustig, indem er bemerkte, dieser liebe den Dichter Schiller und ›das Schöne und Hohe‹. Ich hätte mich an seiner Stelle, an Stelle des Anklägers, darüber nicht lustig gemacht! Oh, lassen Sie mich diese Herzen verteidigen, die so selten richtig verstanden und so oft ungerecht beurteilt werden. Diese Herzen dürsten oft nach dem Zarten, Schönen, Gerechten, und zwar, wie es scheint, in schroffem Gegensatz zu sich selbst und ihrer eigenen Gewalttätigkeit und Wildheit; sie dürsten unbewußt danach, aber sie dürsten tatsächlich. Äußerlich leidenschaftlich und wild, sind sie doch fähig, bis zur Qual zu lieben, zum Beispiel eine Frau, und zwar mit einer Liebe von höchster seelischer Art. Ich bitte Sie wiederum, mich nicht auszulachen: Das kommt gerade bei solchen Naturen sehr häufig vor. Sie sind nur nicht imstande, ihre mitunter sehr urwüchsige Leidenschaft zu verbergen – und das ist es, was auffällt und bemerkt wird, während das Innere des Menschen keiner sieht. Alle ihre Leidenschaften beruhigen sich schnell, doch an der Seite eines edlen, schönen Wesens sucht dieser scheinbar rohe, harte Mensch die Erneuerung seiner selbst, er sucht die Möglichkeit, sich zu bessern, edel und ehrenhaft zu werden, ›hoch und schön‹ – sosehr auch über diese Worte gespottet worden ist! Ich habe vorhin gesagt, ich würde mir nicht erlauben, das Liebesverhältnis zwischen meinem Klienten und Fräulein Werchowzewa zu berühren. Ein halbes Wörtchen darf ich aber doch wohl darüber sagen. Wir haben vorhin keine Aussage gehört, sondern lediglich den Aufschrei einer wütenden, rachsüchtigen Frau. Doch nicht ihr steht es zu, den Vorwurf der Untreue zu erheben, denn sie hat selbst die Treue gebrochen. Hätte sie sich auch nur ein wenig Zeit zum Überlegen genommen, so hätte sie ein solches Zeugnis nicht abgelegt! Oh, glauben Sie ihr nicht! Nein, mein Klient ist kein ›Unmensch‹, wie sie ihn nannte! Als der gekreuzigte Menschenfreund sich schon zu seinem Leidensweg anschickte, sagte er: ›Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte aber läßt sein Leben für die Schafe, und es wird keines verlorengehen.‹ So wollen auch wir nicht eine Menschenseele zugrunde richten! Ich fragte vorhin, was ein Vater ist, und rief aus, das sei ein hohes Wort, eine kostbare Bezeichnung. Aber mit einem Namen, meine Herren Geschworenen, muß man ehrlich umgehen, und ich nehme mir das Recht, eine Sache mit ihrem eigenen Namen, mit ihrer eigenen Benennung zu bezeichnen. Ein solcher Vater wie der verstorbene alte Karamasow kann nicht Vater genannt werden, er ist dessen nicht würdig. Liebe zu einem Vater, die der Vater nicht verdient hat, ist etwas Sinnloses, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Man kann nicht Liebe aus nichts schaffen; aus nichts schafft nur Gott. ›Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn!‹ schreibt der Apostel aus seinem in Liebe glühenden Herzen. Nicht um meines Klienten willen führe ich diese heiligen Worte an – ich erwähne sie für alle Väter. Wer hat mir die Befugnis gegeben, die Väter zu belehren? Niemand. Aber als Mensch und Bürger rufe ich alle Väter auf – vivos voco! Wir sind nicht lange auf der Erde, wir tun viele üble Taten und reden viele üble Worte. Aber gerade darum sollten wir einen geeigneten Augenblick, da wir zusammen sind, nutzen, um einander ein gutes Wort zu sagen. So will auch ich es tun! Solange ich an diesem Platz stehe, will ich den mir zur Verfügung stehenden Augenblick nutzen. Nicht ohne Absicht ist uns diese Tribüne durch den höchsten Willen verliehen worden – von ihr hört uns ganz Rußland. Ich rede nicht nur zu den hiesigen Vätern, ich rufe allen Vätern zu: ›Ihr Väter, reizet eure Kinder nicht zum Zorn!‹ Ja, laßt uns zuerst selbst das Gebot Christi erfüllen und erst dann dasselbe auch von unseren Kindern verlangen! Sonst sind wir nicht Väter, sondern Feinde unserer Kinder, und sie sind nicht unsere Kinder, sondern unsere Feinde, und wir selbst haben sie zu unseren Feinden gemacht! ›Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden!‹ Das sage nicht ich, das schreibt das Evangelium vor. Wir sollen mit dem Maß messen, mit dem auch uns gemessen wird. Wie kann man den Kindern einen Vorwurf machen, wenn sie uns mit unserem Maß messen? Vor kurzem kam in Finnland ein Mädchen, eine Dienstmagd, in den Verdacht, heimlich ein Kind geboren zu haben. Man ging der Sache nach und fand auf dem Dachboden in einer Ecke unter den Ziegeln ihren Koffer, von dem niemand etwas gewußt hatte; man öffnete ihn und zog den Leichnam eines neugeborenen Kindes heraus, das sie getötet hatte. In demselben Koffer fand man auch die Skelette zweier anderer Kinder, die sie schon früher geboren und ebenfalls gleich bei der Geburt getötet hatte, was sie auch gestand. Meine Herren Geschworenen, war das eine Mutter ihrer Kinder? Ja, sie hat sie geboren – aber ist sie auch ihre Mutter? Wagt jemand von uns, auf sie den heiligen Namen Mutter anzuwenden? Lassen Sie uns mutig sein, meine Herren Geschworenen, lassen Sie uns sogar dreist sein; es ist unsere Pflicht, uns im gegenwärtigen Augenblick nicht vor gewissen Worten und Gedanken zu fürchten, wie bei unserem großen Dramatiker Ostrowski, jene Moskauer Kaufmannsfrauen, die sich vor den Worten ›Metall‹ und ›Schwefel‹ fürchten. Nein, beweisen wir vielmehr, daß der Fortschritt der letzten Jahre auch auf unsere geistige Entwicklung fördernd eingewirkt hat, und sagen wir es geradeheraus: Wer ein Kind gezeugt hat, ist noch nicht dessen Vater! Vater ist, wer ein Kind gezeugt hat und sich darum verdient gemacht hat! Oh, es gibt freilich auch eine andere Bedeutung, eine andere Erklärung des Wortes Vater, die verlangt, daß mein Vater, auch wenn er ein Unmensch ist und seinen Kindern Böses angetan hat, dennoch mein Vater bleibt – nur deswegen, weil er mich gezeugt hat. Doch diese Bedeutung ist sozusagen schon mystisch; ich begreife sie nicht mit dem Verstand, sondern nehme sie nur durch den Glauben hin, oder richtiger gesagt, auf Treu und Glauben, so wie vieles andere, was ich zwar nicht begreife, was mir aber dennoch die Religion zu glauben befiehlt. Doch das mag dann außerhalb des praktischen Lebensbereichs bleiben. Innerhalb des praktischen Lebensbereichs dagegen, der nicht nur seine Rechte hat, sondern uns auch große Verpflichtungen auferlegt, innerhalb dieses Bereichs ist es, sofern wir humane Menschen und Christen sein wollen, unsere Pflicht und Schuldigkeit, nur solchen Anschauungen zu huldigen, die durch Vernunft und Erfahrung bestätigt und durch den Schmelzofen der Kritik hindurchgegangen sind – kurz, vernünftig wie im Schlaf oder im Fieberwahn, damit wir keinem Mitmenschen Schaden zufügen und keinen Mitmenschen quälen und zugrunde richten. Sehen Sie, dann wird das auch eine echt christliche Handlungsweise sein, keine mystische, sondern eine vernünftige und wahrhaft menschenfreundliche Handlungsweise …«

An dieser Stelle wollte aus vielen Enden des Saales Beifall losbrechen, doch Fetjukowitsch machte eine abwehrende Handbewegung, als wollte er inständig bitten, ihn nicht zu unterbrechen, sondern ihn zu Ende reden zu lassen. Alle verstummten sogleich. Der Redner fuhr fort:

»Glauben Sie etwa, meine Herren Geschworenen, daß solche Fragen unseren Kindern fremd bleiben können, sagen wir, im Jünglingsalter, wenn sie nachzudenken beginnen? Nein, das ist ausgeschlossen, und wir wollen keine unmögliche Zurückhaltung von ihnen verlangen! Der Anblick eines unwürdigen Vaters, besonders im Vergleich mit den würdigen Vätern anderer, gleichaltriger Kinder, drängt einem jungen Menschen unwillkürlich peinliche Fragen auf. Man antwortet ihm herkömmlich auf diese Fragen: ›Er hat dich gezeugt, und du bist sein Blut. Darum mußt du ihn lieben.‹ Der Sohn wird unwillkürlich nachdenklich. ›Aber hat er mich etwa geliebt, als er mich zeugte?‹ fragt er in immer größerer Verwunderung. ›Hat er mich etwa um meinetwillen gezeugt? Er kannte ja weder mich noch mein Geschlecht in jenem Augenblick einer vielleicht durch Weingenuß entzündeten Leidenschaft, und er hat höchstens die Neigung zum Trinken auf mich vererbt – das sind alle seine Wohltaten. Warum soll ich ihn nur dafür lieben, daß er mich gezeugt, während des ganzen weiteren Lebens jedoch nicht geliebt hat?‹ Oh, Ihnen erscheinen diese Fragen vielleicht grob und roh; verlangen Sie aber von einem jugendlichen Geist keine unmögliche Zurückhaltung! ›Wenn man die Natur zur Tür hinausjagt, wird sie durchs Fenster wieder hereinfliegen.‹ Und vor allen Dingen wollen wir uns nicht vor dem ›Metall‹ und dem ›Schwefel‹ fürchten und wollen die Frage so entscheiden, wie es Vernunft und Menschenliebe, nicht wie es mystische Begriffe vorschreiben. Wie sollen wir sie denn nun entscheiden? Das will ich Ihnen sagen: Mag der Sohn vor seinen Vater hintreten und ihn ruhig und bedachtsam fragen: ›Vater, sag mir, warum bin ich verpflichtet, dich zu lieben? Vater, beweise mir, daß ich verpflichtet bin, dich zu lieben!‹ Und wenn dann dieser Vater imstande ist, ihm zu antworten und es ihm zu beweisen, so ist das eine richtige, normale Familie, die sich nicht auf eine veraltete mystische Anschauung stützt, sondern auf vernünftigen, bewußten, streng humanen Grundlagen ruht. Im entgegengesetzten Fall, wenn der Vater es nicht beweisen kann, ist es mit dieser Familie zu Ende! Er ist nicht der Vater des Sohnes, und der Sohn erhält die Freiheit und das Recht, seinen Vater in Zukunft für einen ihm fremden Menschen, ja für seinen Feind zu halten! Unsere Tribüne, meine Herren Geschworenen, muß eine Schule der Wahrheit und der gesunden Vernunft sein!«

Hier wurde der Redner durch unbändiges, beinahe frenetisches Beifallklatschen unterbrochen. Natürlich applaudierte nicht der ganze Saal, aber doch etwa die Hälfte. Die Väter und die Mütter applaudierten. Von oben, wo die Damen saßen, hörte man helle Beifallsrufe. Taschentücher wurden geschwenkt. Der Präsident schwang aus Leibeskräften seine Glocke. Er war sichtlich gereizt durch das Benehmen des Publikums; doch den Saal räumen zu lassen, wie er kurz zuvor angedroht hatte, das wagte er nicht. Zu denen, die dem Redner applaudierten und Taschentücher schwenkten, gehörten nämlich auch vornehme Persönlichkeiten, die hinten auf gesonderten Stühlen saßen, alte Herren mit Ordenssternen auf dem Frack. Also begnügte sich der Präsident, als sich der Lärm gelegt hatte, mit einer abermaligen strengen Drohung, den Saal räumen zu lassen. Und Fetjukowitsch, triumphierend und erregt, setzte seine Rede fort.

»Meine Herren Geschworenen, Sie erinnern sich an jene furchtbare Nacht, von der heute so viel gesprochen worden ist: als der Sohn den Zaun überstiegen hatte, in das Haus seines Vaters eingedrungen war und nun endlich Auge in Auge dem gegenüberstand, der sein Feind war und ihm Unrecht zugefügt hatte, ihm, seinem Erzeuger. Mit allem Nachdruck bleibe ich bei der Behauptung, daß er nicht des Geldes wegen gekommen war; die Anschuldigung wegen Raubes ist eine Torheit, wie ich schon vorhin dargelegt habe. Auch nicht um zu morden, war er bei ihm eingedrungen, o nein! Hätte er das vorsätzlich geplant gehabt, so hätte er sich zumindest vorher eine Waffe besorgt; den Messingstößel hatte er sich nur instinktiv gegriffen, ohne selber zu wissen wozu. Mag er den Vater durch das Signal getäuscht haben, mag er bei ihm eingedrungen sein – ich sagte schon, daß ich keine Sekunde an diese Fabel glaube –, aber mag es meinetwegen so gewesen sein, nehmen wir das für einen Augenblick als wahr an! Meine Herren Geschworenen, ich schwöre Ihnen bei allem, was heilig ist: Wäre das nicht sein Vater gewesen, sondern ein fremder Beleidiger, so wäre er, nachdem er durch die Zimmer gelaufen war und festgestellt hatte, daß diese Frau nicht da war, Hals über Kopf wieder weggelaufen, ohne seinem Nebenbuhler Schaden zugefügt zu haben; er hätte ihm vielleicht einen Schlag oder einen Stoß versetzt, weiter aber auch nichts, denn darauf war sein Sinn nicht gerichtet, dazu hatte er keine Zeit: Er mußte in Erfahrung bringen, wo sie war. Doch der Vater – oh, alles bewirkte nur der Anblick des Vaters, der ihn von seiner Kindheit an gehaßt, sich als sein Feind erwiesen, ihn benachteiligt hatte und jetzt sein gräßlicher Nebenbuhler war! Ein Gefühl des Hasses ergriff ihn unwillkürlich und unwiderstehlich, zum Überlegen war keine Zeit: alles wurde augenblicklich in ihm lebendig! Das war ein Affekt von Irrsinn und Geistesstörung, aber auch ein Affekt der Natur, welche die Verletzung ihrer ewigen Rechte stets unaufhaltbar und unbewußt zu rächen pflegt. Doch der Mörder hat auch da nicht gemordet – das behaupte ich mit lauter Stimme! Nein, er hat nur voller Ekel und Empörung eine ausholende Bewegung mit dem Stößel gemacht, ohne die Absicht, einen Mord zu begehen, und ohne zu wissen, daß er einen Mord beging. Hätte er diesen verhängnisvollen Stößel nicht in der Hand gehabt, so hätte er den Vater zwar vielleicht geprügelt, aber nicht erschlagen. Als er weglief, wußte er nicht, ob der alte Mann, den er zu Boden geschlagen hatte, tot war. Ein solcher Mord ist auch kein Vatermord. Nein, die Ermordung eines solchen Vaters kann man nicht Vatermord nennen. Ein solcher Mord kann nur auf Grund einer veralteten Ansicht als Vatermord gelten. Aber hat denn mein Klient diesen Mord überhaupt begangen? Das frage ich Sie immer wieder aus tiefster Seele. Meine Herren Geschworenen, wenn wir ihn jetzt verurteilen, so wird er sagen: ›Diese Menschen haben für mein Schicksal, für meine Erziehung, für meine Bildung nichts getan. Nichts, um mich zu bessern, um mich zu einem Menschen zu machen. Diese Menschen haben mich nicht gespeist und mich nicht getränkt und mich, den Nackten, im Gefängnis nicht, besucht. Statt dessen haben sie mich zur Zwangsarbeit geschickt. Ich bin mit ihnen quitt, bin ihnen nichts mehr schuldig, bin überhaupt bis in alle Ewigkeit niemand mehr etwas schuldig. Sie sind böse, und ich werde auch böse sein! Sie sind grausam, und ich werde auch grausam sein!‹ Das ist es, was er sagen wird, meine Herren Geschworenen! Und ich schwöre Ihnen, durch Ihren Schuldspruch werden Sie ihm seine Last nur erleichtern! Sie werden ihm sein Gewissen erleichtern; er wird das von ihm vergossene Blut verfluchen, aber er wird nicht bedauern, es vergossen zu haben! Und gleichzeitig werden Sie in ihm den noch potentiell vorhandenen Menschen vernichten, denn er wird böse und blind bleiben sein Leben lang. Wollen Sie ihn jedoch schwer und hart bestrafen, mit der schrecklichsten Strafe, die man sich denken kann, aber so, daß Sie seine Seele retten und für alle Zeit erneuern? Wenn Sie das wollen, dann erdrücken Sie ihn durch Ihr Mitleid! Sie werden sehen, Sie werden hören, wie seine Seele zusammenfahren und erschrecken wird. ›Daß mir diese Gnade erwiesen wird, daß mir so viel Liebe zuteil wird! Bin ich denn dessen würdig?‹ wird er ausrufen. Oh, ich kenne dieses Herz, dieses wilde, aber edle Herz, meine Herren Geschworenen! Es wird sich dankbar vor Ihrer schönen Tat neigen, es wird nach einer großen Tat der Liebe dürsten, es wird entbrennen und wiederauferstehen für immer. Es gibt Seelen, die in ihrer Beschränktheit die ganze Welt beschuldigen. Aber erdrücken Sie diese Seele durch Ihr Mitleid, erweisen Sie ihr Liebe, und sie wird ihre Tat verfluchen, denn es sind viele gute Keime in ihr. Die Seele wird sich weiten und erkennen, wie barmherzig Gott ist und wie gut und gerecht die Menschen sind. Die Reue und die unermeßliche Dankesschuld, die von nun an auf ihm lastet, wird ihn erschrecken und niederdrücken. Und er wird dann nicht sagen können: ›Ich bin quitt mit ihnen‹, sondern: ›Ich bin vor allen Menschen schuldig und aller Menschen unwürdig!‹ Unter Tränen der Reue und brennender qualvoller Rührung wird er ausrufen: ›Die Menschen sind besser als ich! Sie wollen mich nicht zugrunde richten, sondern retten!‹ Oh, es ist für Sie so leicht, diese Handlung der Barmherzigkeit auszuüben, denn angesichts des Fehlens aller auch nur einigermaßen triftigen Beweise wird es Ihnen sehr schwerfallen zu verkünden: ›Jawohl – schuldig!‹ Es ist besser, zehn Schuldige ungestraft zu lassen, als einen Unschuldigen zu bestrafen – hören Sie nicht diese erhabene Stimme aus dem vorigen Jahrhundert unserer ruhmvollen Geschichte? Mir unbedeutendem Menschen steht es nicht zu, Sie daran zu erinnern, daß sich die russische Justiz nicht darauf beschränkt zu strafen, sondern auch den verlorenen Menschen zu retten sucht! Mögen bei anderen Völkern Paragraphen und Strafen herrschen – bei uns herrsche Geist und Sinn, und das Ziel sei die Rettung und Wiedergeburt der Verlorenen! Und wenn dem so ist, wenn Rußland und seine Justiz wirklich so beschaffen sind, dann steht Rußland an der Spitze, und keiner schrecke uns mit jener rasenden Troika, vor der alle Völker voll Abscheu zur Seite treten! Nicht wie eine rasende Troika, sondern wie ein majestätischer Triumphwagen wird Rußland feierlich und ruhig ans Ziel gelangen! In Ihren Händen liegt das Schicksal meines Klienten – in Ihren Händen liegt aber auch das Schicksal unserer russischen Gerechtigkeit. Sie werden sie retten. Sie werden sie verteidigen, Sie werden beweisen, daß es Männer gibt, sie zu behüten, und daß sie in guten Händen liegt!«

14. Die Bauern haben ihren Kopf für sich

So schloß Fetjukowitsch, und die Begeisterung der Zuhörer war diesmal unaufhaltsam wie ein Sturm. Die Frauen weinten, es weinten auch viele Männer, selbst zwei der vornehmen Würdenträger vergossen Tränen. Der Präsident fügte sich und zögerte sogar, seine Glocke zu schwingen. »Gegen einen solchen Enthusiasmus einzuschreiten, das wäre gleichbedeutend gewesen mit Frevel gegen ein Heiligtum!« So drückten sich später unsere Damen aus. Auch der Redner selbst war aufrichtig gerührt. Und in diesem Augenblick erhob sich noch einmal unser Ippolit Kirillowitsch, um »Entgegnungen zu machen«. Haßerfüllte Blicke richteten sich auf ihn. »Wie? Was soll das heißen? Er wagt es, danach noch etwas zu entgegnen?« flüsterten die Damen. Doch sogar wenn die Damen der ganzen Welt geflüstert hätten und an ihrer Spitze Ippolit Kirillowitschs Gattin, die Frau Staatsanwalt persönlich, auch dann wäre es nicht möglich gewesen, ihn in diesem Moment zurückzuhalten. Er war blaß und zitterte vor Erregung; die ersten Worte, die ersten Sätze, die er sprach, waren geradezu unverständlich. Er atmete nur mühsam, versprach und verwirrte sich. Allerdings hatte er sich bald wieder in der Gewalt. Aus dieser zweiten Rede des Staatsanwalts werde ich nur einige Sätze anführen.

»Uns wird der Vorwurf gemacht, wir hätten Romane erdichtet. Aber was der Verteidiger vorgebracht hat, ist das nicht die reinste Dichtung? Es fehlten nur noch die Verse. Fjodor Pawlowitsch, der auf seine Geliebte wartet, zerreißt das Kuvert und wirft es auf den Fußboden. Es wird sogar angeführt, was er bei diesem seltsamen Tun geredet hat. Ist das etwa keine Dichtung? Wo ist ein Beweis dafür, daß er das Geld herausgenommen hat? Und wer hat gehört, was er dabei sagte? Der schwachsinnige Idiot Smerdjakow verwandelt sich in einen Byronschen Helden, der sich wegen seiner illegitimen Geburt an der Gesellschaft rächt – ist das etwa keine Dichtung im Stile eines Byron? Und dann der Sohn, der zu seinem Vater eingedrungen ist und ihn ermordet hat, gleichzeitig aber auch nicht ermordet hat – das ist nun schon kein Roman und keine Dichtung mehr, das ist eine Sphinx, die Rätsel aufgibt, Rätsel freilich, die sie selbst natürlich auch nicht löst. Wenn er gemordet hat, so hat er gemordet. Doch was heißt das: Wenn er auch gemordet hat, so hat er auch wieder nicht gemordet? Wer soll das verstehen? Ferner wird uns verkündet, unsere Tribüne sei eine Tribüne der Wahrheit und der gesunden Vernunft, und plötzlich ertönt von dieser ›Tribüne der gesunden Vernunft‹, von einem Schwur begleitet, der Grundsatz, es sei eine veraltete Anschauung, die Ermordung eines Vaters Vatermord zu nennen! Wenn der Vatermord eine veraltete Anschauung ist und wenn jedes Kind seinen Vater fragen soll: ›Vater, warum bin ich verpflichtet, dich zu lieben?‹, was soll dann aus uns werden, was aus den Grundlagen der Gesellschaft, aus der Familie? Vatermord, sehen Sie, das ist also nur so etwas wie der ›Schwefel‹ jener Ostrowskischen Kaufmannsfrau. Die teuersten, heiligsten Satzungen für die Bestimmung und die zukünftige Entwicklung der russischen Justiz werden in leichtfertig entstellter Art vorgeführt, nur um das Ziel zu erreichen, nämlich eine Rechtfertigung dessen, was sich nicht rechtfertigen läßt. ›Oh, erdrücken Sie ihn mit Ihrem Mitleid!‹ ruft der Verteidiger aus. Weiter will ja der Verbrecher auch gar nichts! Gleich morgen würde man sehen können, wie erdrückt er ist! Ist der Verteidiger auch nicht zu bescheiden, wenn er nur den Freispruch des Angeklagten verlangt? Warum verlangt er nicht die Stiftung eines Stipendiums auf den Namen des Vatermörders, damit seine Tat für die Nachwelt und die junge Generation verewigt wird? Das Evangelium und die Religion werden korrigiert; das ist alles Mystik, heißt es. Nur bei uns, da ist das echte Christentum, das bereits von der gesunden Vernunft und Denkkraft kritisch überprüft wurde. Und dann führt man uns ein Trugbild Christi vor Augen! ›Mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen weiden‹, ruft der Verteidiger und behauptet im selben Augenblick, Christus habe befohlen, wir sollten mit dem Maß messen, mit welchem uns gemessen wird – und das behauptet er von der Tribüne der Wahrheit und der gesunden Vernunft! Wir werfen rasch einen Tag vor unseren Reden einen Blick in das Evangelium, um durch unsere Kenntnis dieses immerhin recht originellen Schriftwerkes zu glänzen, das je nach Bedarf zur Erzielung eines bestimmten Effektes taugen und dienen kann, immer je nach Bedarf! Doch Christus befiehlt ja gerade, wir sollen es nicht so machen, wir sollen uns hüten, es so zu machen, weil die böse Welt es so macht! Wir dagegen sollen verzeihen und unsere Backe darbieten, aber nicht mit demselben Maß messen, mit dem uns unsere Beleidiger messen. Das ist es, was uns unser Gott gelehrt hat, und nicht, daß es veraltet ist, wenn man den Kindern verbietet, ihre Väter zu ermorden. Wir werden es jedenfalls nicht unternehmen, von der Tribüne der Wahrheit und der gesunden Vernunft herab das Evangelium unseres Gottes zu korrigieren, den der Verteidiger nur der Bezeichnung ›gekreuzigter Menschenfreund‹ würdigt – im Gegensatz zum ganzen rechtgläubigen Rußland, das Ihm zuruft: ›Denn du bist unser Gott!‹«

Da griff der Präsident ein und unterbrach den allzu hitzig gewordenen Redner, indem er ihn ersuchte, nicht zu übertreiben, innerhalb der gebührenden Grenzen zu bleiben, und so weiter und so fort, wie Präsidenten in solchen Fällen gewöhnlich sprechen. Auch der Saal war unruhig geworden; das Publikum war in Bewegung geraten und ließ sogar Ausrufe des Unwillens vernehmen. Fetjukowitsch ließ sich auf eine eigentliche Erwiderung gar nicht ein; er bestieg nur die Tribüne, um, die Hand auf dem Herzen, mit gekränkter Stimme einige würdevolle Worte zu sagen. Nur nebenbei und in spöttischem Ton berührte er noch einmal die »Dichtungen« und die »Psychologie« und schob an einer Stelle geschickt die Wendung ein: »Jupiter, du bist zornig, also hast du unrecht!« Dadurch rief er beifälliges Gelächter beim Publikum hervor, denn Ippolit Kirillowitsch hatte mit Jupiter nun gar keine Ähnlichkeit. Auf die Beschuldigung schließlich, er erlaube der jungen Generation, ihre Väter totzuschlagen, bemerkte Fetjukowitsch mit zutiefst verletzter Würde, darauf wolle er nichts erwidern. Zu dem »Trugbild Christi« und der Behauptung, er würdige Christus nicht der Bezeichnung »Gott«, sondern nur »gekreuzigter Menschenfreund«, was »im Widerspruch zur Rechtgläubigkeit« stehe und von der »Tribüne der Wahrheit und der gesunden Vernunft nicht proklamiert« werden dürfe, beschränkte sich Fetjukowitsch auf die kurze Bemerkung, das sei eine »Insinuation«; als er hierhergereist sei, habe er wenigstens damit gerechnet, daß die hiesige Tribüne gegen Anschuldigungen geschützt wäre, »die meiner Persönlichkeit als Bürger und loyalem Untertan gefährlich werden könnten …« Doch bei diesen Worten unterbrach der Präsident auch ihn, und Fetjukowitsch schloß seine Antwort mit einer Verbeugung, worauf ein allgemeines Gemurmel des Beifalls im Saal eintrat. Ippolit Kirillowitsch aber war nach der Meinung unserer Damen »für alle Zeit erledigt«.

Danach wurde das Wort dem Angeklagten selbst erteilt. Mitja erhob sich, sagte aber nur wenig. Er war furchtbar ermüdet, körperlich wie geistig. Das selbstbewußte, kraftvolle Aussehen vom Morgen hatte ihn fast ganz verlassen. Es war, als habe er an diesem Tag etwas erlebt, wodurch ihm sehr wichtige und bislang nicht begriffene Dinge für sein ganzes Leben klar und begreiflich geworden waren. Seine Stimme wirkte schwächer; er schrie nicht mehr wie vorher. Seine Worte hatten einen neuartigen Klang, so als ob er sich unterworfen habe, sich für besiegt erkläre und sich beuge.

»Was soll ich sagen, meine Herren Geschworenen? Mein Gericht ist gekommen, ich fühle die Hand Gottes über mir. Für mich wüsten Menschen ist das Ende da! Aber als ob ich vor Gott beichtete, sage ich Ihnen: Am Blut meines Vaters – nein, daran bin ich unschuldig! Zum letztenmal wiederhole ich, es: Nicht ich habe den Mord begangen! Ich habe ein wüstes Leben geführt, aber ich habe das Gute geliebt. Jeden Augenblick bin ich bemüht gewesen, mich zu bessern, aber ich habe gelebt wie ein wildes Tier. Ich danke dem Staatsanwalt: Er hat vieles über mich gesagt, was ich nicht wußte. Aber es ist nicht wahr, daß ich meinen Vater getötet habe – darin hat sich der Staatsanwalt geirrt! Ich danke auch dem Verteidiger. Ich habe geweint, während ich ihm zuhörte. Aber es ist nicht wahr, daß ich meinen Vater getötet habe – diese Annahme war völlig überflüssig! Den Ärzten glauben Sie bitte nicht: Ich bin bei vollem Verstand, mir ist nur schwer ums Herz. Wenn Sie mit mir Mitleid haben, wenn Sie mich freisprechen, werde ich für Sie beten. Ich werde mich bessern, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, vor Gott gebe ich Ihnen darauf mein Wort. Wenn Sie mich jedoch verurteilen, werde ich meinen Degen mit eigener Hand über meinem Kopf zerbrechen und die zerbrochenen Stücke küssen! Aber haben Sie Mitleid mit mir, nehmen Sie mir nicht meinen Gott! Ich kenne mich: Ich werde gegen ihn murren! Mir ist so schwer ums Herz, meine Herren … Haben Sie Mitleid!«

Er fiel fast auf seinen Platz zurück, die Stimme versagte ihm, den letzten Satz hatte er kaum noch herausbringen können. Anschließend schritt das Gericht zur Formulierung der Fragen und befragte die beiden Parteien nach ihren Schlußmeinungen; aber ich will hier nicht alle Einzelheiten wiedergeben. Endlich standen die Geschworenen auf, um sich zur Beratung zurückzuziehen. Der Präsident war sehr erschöpft und gab ihnen daher nur ein sehr schwaches Geleitwort mit: »Seien Sie unparteiisch, lassen Sie sich nicht durch die beredten Worte der Verteidigung beeinflussen, sondern wägen Sie selbst alles ab! Und vergessen Sie nicht, daß eine große Verantwortung auf Ihnen ruht«, und so weiter und so fort. Die Geschworenen entfernten sich, und es trat eine Unterbrechung der Sitzung ein. Man konnte aufstehen, umhergehen, die Eindrücke, die sich angesammelt hatten, miteinander austauschen und am Büfett etwas essen. Es war sehr spät, schon gegen ein Uhr nachts, doch niemand ging weg. Alle waren so erregt und gespannt, daß sie an Ruhe gar nicht dachten; alle warteten mit Herzklopfen auf den Ausgang der Sache, obwohl übrigens nicht alle Herzklopfen hatten. Die Damen waren nur krankhaft ungeduldig, fühlten sich aber im Innersten beruhigt: »Der Freispruch ist sicher!« Sie bereiteten sich alle auf den effektvollen Augenblick des allgemeinen Enthusiasmus vor. Ich muß gestehen, daß auch vom männlichen Teil des Publikums viele von dem sicheren Freispruch überzeugt waren. Manche freuten sich, andere sahen verdrießlich aus, wieder andere ließen geradezu die Köpfe hängen: Sie wünschten keinen Freispruch! Fetjukowitsch selbst war von seinem Erfolg fest überzeugt. Er wurde umringt, nahm Glückwünsche und Komplimente entgegen.

»Es gibt«, sagte er in einer Gruppe, wie später wiedererzählt wurde, »unsichtbare Fäden, die den Verteidiger mit den Geschworenen verbinden. Schon während des Plädoyers knüpfen sie sich und werden spürbar. Ich habe sie gefühlt, sie sind vorhanden. Der Sieg ist unser, seien Sie ganz beruhigt!«

»Was werden bloß unsere Bauern jetzt sagen?« bemerkte ein düster blickender, dicker, pockennarbiger Herr, ein Gutsbesitzer aus der Umgegend, während er sich einer Gruppe von Herren anschloß, die sich über den Fall unterhielten.

»Aber es sind ja nicht nur Bauern. Vier Beamte gehören auch dazu.«

»Ja gewiß, auch Beamte«, sagte ein Mitglied der Kreisverwaltung und trat näher.

»Kennen Sie Prochor Iwanowitsch Nasarjew, diesen Kaufmann mit der Medaille? Er ist einer von den Geschworenen.«

»Was ist mit dem?«

»Ein kluges Haus.«

»Der schweigt doch immer.«

»Schweigen tut er freilich, aber das ist ja um so besser. Der wird sich von dem Petersburger nicht belehren lassen, der könnte selbst ganz Petersburg belehren. Kinder hat er zwölf Stück, denken Sie mal an!«

»Aber ich bitte Sie, sie werden ihn doch nicht verurteilen?« rief in einer anderen Gruppe einer unserer jungen Beamten.

»Sie werden ihn sicherlich freisprechen«, erwiderte eine entschiedene Stimme.

»Es wäre eine Schmach und Schande, wenn sie ihn nicht frei sprechen würden!« rief der Beamte. »Meinetwegen mag er ihn totgeschlagen haben – aber Vater und Vater, das ist doch ein großer Unterschied. Und dann, er war ja doch ganz außer sich … Vielleicht hat er wirklich nur so eine Bewegung mit dem Stößel gemacht, und da ist der andere umgefallen. Schlecht war von dem Verteidiger nur, daß er den Diener mit hineingezogen hat. Das war einfach eine lächerliche Episode. Ich an seiner Stelle hätte geradeheraus gesagt: Er hat ihn totgeschlagen, aber er ist nicht schuldig, hol‘ euch der Teufel!«

»So hat er es ja auch gemacht, nur daß er nicht gesagt hat: Hol‘ euch der Teufel!«

»Nein, Michail Semjonowitsch, ein bißchen hat er es doch gesagt«, fiel ein dritter ein.

»Ich bitte Sie, meine Herren, in den Großen Fasten wurde doch bei uns eine Schauspielerin freigesprochen, die der Ehefrau ihres Liebhabers den Hals durchgeschnitten hatte.«

»Aber sie hatte ihn ihr nicht ganz durchgeschnitten.«

»Einerlei, sie hatte angefangen.«

»Aber wie er von den Kindern sprach! Großartig!«

»Jawohl, großartig!«

»Na, und dann von der Mystik, von der Mystik, he?«

»Ach, hören Sie doch mit der Mystik auf!« rief noch jemand. »Versetzen Sie sich mal in die Lage des guten Ippolit, wie es dem von nun an ergehen wird. Morgen wird ihm die Frau Staatsanwalt wegen seiner Angriffe auf Mitenka die Augen auskratzen.«

»Ist sie etwa hier?«

»Wie kann sie denn hier sein? Wenn sie hier wäre, hätte sie ihm die Augen gleich hier ausgekratzt. Sie sitzt zu Hause und hat Zahnschmerzen. Hehehe!«

»Hehehe!«

In einer dritten Gruppe:

»Am Ende werden sie diesen Mitenka noch freisprechen.«

»Dann wird er morgen womöglich das ganze Restaurant ›Zur Residenz‹ in Aufruhr bringen und zehn Tage lang betrunken sein.«

»Ja, weiß der Teufel.«

»Ja, der Teufel ist schon im Spiel, ohne den geht es nicht ab. Wo sollte er auch sein, wenn nicht hier?«

»Meine Herren, es war zwar wirklich eine kunstvolle Rede, aber daß die Kinder ihren Vätern mit schweren Metallstücken die Köpfe einschlagen, das ist wohl doch nicht zulässig. Wo kämen wir sonst hin?«

»Der Triumphwagen, der Triumphwagen, erinnern Sie sich?«

»Ja, aus einem Bauernwagen hat er einen Triumphwagen gemacht.«

»Und morgen wird er aus einem Triumphwagen einen Bauernwagen machen. Je nach Bedarf, immer nach Bedarf.«

»Ja, geschickte Menschen gibt es jetzt. Herrscht bei uns in Rußland noch Gerechtigkeit, meine Herren, oder ist es damit ganz und gar vorbei?«

Doch da ertönte die Glocke. Die Geschworenen hatten genau eine Stunde lang beraten, nicht mehr und nicht weniger. Tiefes Schweigen herrschte, als das Publikum wieder Platz genommen hatte. Ich erinnere mich, wie die Geschworenen in den Saal traten. Endlich! Ich werde die Fragen nicht Punkt für Punkt anführen; ich habe sie auch vergessen. Ich erinnere mich nur – wenn auch nicht im Wortlaut – an die erste und wichtigste Frage des Präsidenten, nämlich: »Hat er vorsätzlich gemordet, mit der Absicht zu rauben?« Alles war stumm. Der Obmann der Geschworenen, jener jüngste Beamte von allen, verkündete in die Stille des Saales laut und deutlich: »Jawohl, er ist schuldig!«

Und dann folgte zu allen Punkten immer dieselbe Antwort: »Schuldig«, und »Schuldig« – und zwar ohne alle mildernden Umstände! Das hatte niemand erwartet; daß zumindest mildernde Umstände zugebilligt würden, davon waren fast alle überzeugt gewesen. Die Totenstille im Saal hielt längere Zeit an; alle schienen buchstäblich zu Stein erstarrt: diejenigen, die eine Verurteilung, ebenso wie diejenigen, die einen Freispruch gewünscht hatten. Dann entstand ein furchtbares Durcheinander. Vom männlichen Publikum zeigten sich viele sehr zufrieden. Manche rieben sich sogar die Hände, ohne ihre Freude zu verbergen. Die Unzufriedenen waren wie niedergeschmettert, zuckten die Achseln, flüsterten untereinander, schienen sich noch immer nicht dreinfinden zu können. Aber mein Gott, was wurde aus unseren Damen! Ich dachte schon, sie würden eine Revolution veranstalten. Zuerst wollten sie ihren Ohren nicht trauen. Und auf einmal hörte man laute Ausrufe durch den ganzen Saal schallen: »Was soll denn das heißen? Was soll das heißen?« Sie sprangen von ihren Plätzen auf; vielleicht bildeten sie sich ein, das alles könnte sofort wiederaufgehoben und abgeändert werden. Plötzlich erhob sich Mitja und schrie herzzerreißend, wobei er die Hände ausstreckte. »Ich schwöre bei Gott und seinem Jüngsten Gericht, an dem Blut meines Vaters bin ich unschuldig! Katja, ich verzeihe dir! Brüder, Freunde, nehmt euch der anderen an!«

Er sprach nicht zu Ende, sondern brach in so lautes Schluchzen aus, daß man es im ganzen Saal hörte; seine Stimme hatte einen eigentümlich fremden, neuen, unerwarteten Klang – Gott weiß woher. Oben auf der Galerie, im hintersten Winkel, ertönte der durchdringende Schrei einer Frau: Es war Gruschenka. Sie hatte durch ihre flehentlichen Bitten jemand erweichen können und war noch vor dem Beginn der Plädoyers wieder in den Saal gelassen worden. Mitja wurde abgeführt. Die Urteilsverkündung wurde auf den nächsten Tag verschoben, das Publikum erhob sich in wildem Chaos. Ich wartete jedoch nicht länger und hörte auch nicht mehr zu. Ich habe nur einige Äußerungen behalten, die ich schon auf den Stufen vor dem Ausgang vernahm.

»Zwanzig Jahre Bergwerk dürften ihm sicher sein.«

»Mindestens.«

»Ja, unsere Bauern haben ihren Kopf für sich.«

»Und haben unseren Mitenka erledigt.«

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Kapitel 13

Epilog

1. Pläne zu Mitjas Rettung

»Am fünften Tag nach der Gerichtsverhandlung, morgens, noch vor neun Uhr, kam Aljoscha zu Katerina Iwanowna, um mit ihr endgültig eine für sie beide wichtige Angelegenheit zu besprechen; außerdem hatte er noch einen Auftrag an sie. Sie saß und sprach mit ihm in demselben Zimmer, wo sie einstmals Gruschenka empfangen hatte; nebenan, in einem anderen Zimmer, lag Iwan Fjodorowitsch krank an Nervenfieber und besinnungslos. Daß Iwan Fjodorowitsch, der das Bewußtsein verloren hatte, zu ihr nach Hause gebracht werden sollte, hatte Katerina Iwanowna gleich nach der Szene vor Gericht angeordnet, ohne sich um das mit Sicherheit zu erwartende abfällige Gerede der Gesellschaft zu kümmern. Eine der beiden Verwandten, die bei ihr wohnten, war gleich nach der Szene vor Gericht nach Moskau gefahren; die andere war dageblieben. Aber auch wenn sie beide weggefahren wären, hätte Katerina Iwanowna ihren Entschluß nicht geändert und nicht aufgehört, den Kranken zu pflegen und Tag und Nacht bei ihm zu sitzen. Warwinski und Herzenstube behandelten ihn; der Moskauer Arzt war zurückgefahren, nachdem er abgelehnt hatte, eine Prognose über den möglichen Ausgang der Krankheit zu stellen. Die beiden Ärzte versuchten zwar, Katerina Iwanowna und Aljoscha Mut zu machen, doch es war klar, daß sie ihnen noch keine bestimmte Hoffnung geben konnten. Aljoscha besuchte seinen kranken Bruder zweimal am Tag. Diesmal aber hatte er eine besondere, unangenehme Sache vorzubringen, und er spürte im voraus, wie peinlich es ihm sein würde, davon zu reden. Außerdem war er sehr in Eile, denn er hatte diesen Morgen noch eine andere unaufschiebbare Sache an anderer Stelle vor sich. Sie hatten schon ungefähr eine Viertelstunde miteinander gesprochen. Katerina Iwanowna war blaß und sehr ermüdet, befand sich gleichzeitig jedoch in einer ungewöhnlichen, krankhaften Erregung; sie ahnte, warum Aljoscha, von allem übrigen abgesehen, jetzt zu ihr gekommen war.

»Daß er sich dazu entschließen wird, darüber brauchen Sie sich keine Sorge zu machen«, sagte sie in festem, energischem Ton zu Aljoscha. »So oder so, er wird doch zu diesem Hilfsmittel greifen müssen! Er muß fliehen! Dieser Unglückliche, dieser Held der Ehre und des Gewissens, nicht Dmitri Fjodorowitsch, sondern der hinter dieser Tür, der sich für seinen Bruder aufgeopfert hat, hat mir diesen ganzen Fluchtplan schon längst mitgeteilt. Wissen Sie, er hat sogar schon die erforderlichen Verbindungen angeknüpft … Ich habe Ihnen bereits einiges darüber gesagt … Sehen Sie, es wird aller Wahrscheinlichkeit nach auf der dritten Etappe von hier vor sich gehen, wenn der betreffende Sträflingstrupp nach Sibirien geführt wird. Oh, bis dahin wird noch viel Zeit vergehen. Iwan Fjodorowitsch ist schon bei dem Kommandanten der dritten Etappe gewesen. Wir wissen nur noch nicht, welcher Offizier den Trupp führen wird, und es ist auch nicht möglich, das im voraus zu erfahren. Morgen werde ich Ihnen vielleicht den ganzen Plan mit allen Einzelheiten zeigen, den mir Iwan Fjodorowitsch einen Tag vor der Gerichtsverhandlung für alle Fälle hiergelassen hat. Es war damals, als Sie uns am Abend im Streit antrafen. Er stieg schon die Treppe hinab, und als ich Sie sah, veranlaßte ich ihn, wieder umzukehren, erinnern Sie sich? Wissen Sie, weswegen wir uns damals gestritten haben?«

»Nein, ich weiß es nicht,« erwiderte Aljoscha.

»Er hat es vor Ihnen natürlich geheimgehalten. Es ging um eben diesen Fluchtplan. Er hatte ihn mir schon drei Tage vorher in den Hauptzügen enthüllt – und gleich da begannen wir uns zu streiten, und wir stritten uns dann die ganzen drei Tage. Die Ursache unseres Streites war folgende: Als er mir eröffnete, daß im Falle einer Verurteilung Dmitri Fjodorowitsch mit jener Kreatur zusammen ins Ausland fliehen sollte, da wurde ich plötzlich zornig – ich kann Ihnen nicht sagen, warum, ich weiß es selbst nicht … Oh, natürlich wurde ich ihretwegen so zornig, und weil sie mit Dmitri Fjodorowitsch zusammen ins Ausland fliehen sollte!« rief Katerina Iwanowna plötzlich, und ihre Lippen zitterten vor Wut. »Als Iwan Fjodorowitsch sah, daß ich ihretwegen so zornig wurde, dachte er sofort, ich wäre auf sie eifersüchtig, weil ich Dmitri noch immer liebte. Daraus entstand damals unser erster Streit. Erklärungen mochte ich ihm nicht geben, ihn um Verzeihung bitten konnte ich nicht; es tat mir zu weh, daß ein Mann wie er den Verdacht haben konnte, meine frühere Liebe zu dem anderen wäre noch nicht erloschen. Und daß er das noch glauben konnte, obwohl ich ihm schon längst selber gesagt hatte, meine Liebe gehöre nicht Dmitri, sondern einzig und allein ihm! Drei Tage danach, an jenem Abend, als Sie kamen, brachte er mir ein versiegeltes Kuvert, das ich öffnen sollte, falls ihm etwas zustieße. Oh, er ahnte seine Krankheit voraus! Er sagte mir, das Kuvert enthalte die näheren Einzelheiten über die Flucht; falls er stürbe oder gefährlich erkrankte, sollte ich allein Mitja retten. Gleichzeitig ließ er mir Geld hier, fast zehntausend Rubel – dieselbe Summe, die der Staatsanwalt in seiner Rede erwähnte, als er sagte, er hätte erfahren, daß Iwan Fjodorowitsch Wertpapiere zum Umwechseln weggeschickt hat. Es machte auf mich einen gewaltigen Eindruck, daß Iwan Fjodorowitsch den Gedanken, seinen Bruder zu retten, nicht aufgab und mir, mir selbst dieses Rettungswerk anvertraute, obwohl er noch immer meinetwegen eifersüchtig und davon überzeugt war, daß ich Mitja liebte! Oh, das war ein Opfer! Nein, Sie werden diese Selbstverleugnung in ihrem ganzen Umfang gar nicht verstehen, Alexej Fjodorowitsch! Ich wollte ihm schon zu Füßen fallen; doch da fiel mir auf einmal ein, er könnte ein solches Benehmen nur für den Ausdruck meiner Freude über die beabsichtigte Rettung Mitjas halten, und die Möglichkeit einer so ungerechten Deutung von seiner Seite brachte mich dermaßen auf, daß ich wieder ganz zornig wurde und ihm, statt ihm die Füße zu küssen, wieder eine Szene machte! Oh, ich bin zu unglücklich! Mein Charakter ist nun einmal so – es ist ein furchtbarer, unglücklicher Charakter! Sie werden es erleben: Ich bringe es noch dahin, daß auch er sich von mir abwendet um einer anderen willen, mit der sich leichter leben läßt, so wie Dmitri, aber dann … Nein, das werde ich dann nicht ertragen, dann werde ich mir das Leben nehmen! Als Sie damals hier erschienen und ich ihn aufforderte zurückzukommen und er dann mit Ihnen eintrat, da packte mich ein solcher Zorn über den haßerfüllten, verächtlichen Blick, mit dem er mich plötzlich ansah, daß ich Ihnen zurief, er, er allein habe mich zu der Überzeugung gebracht, daß sein Bruder Dmitri der Mörder sei! Ich log absichtlich, um ihn noch einmal zu verletzen; denn niemals, niemals hat er mich zu überzeugen gesucht, daß sein Bruder der Mörder sei – vielmehr habe ich selbst ihn davon überzeugt! Oh, an allem ist meine Tollheit schuld! Ich, ich habe diese entsetzliche Szene vor Gericht veranstaltet! Er wollte mir beweisen, daß er edel dachte, daß er trotz meiner Liebe zu seinem Bruder ihn nicht aus Rachsucht und Eifersucht zugrunde richten wollte. Deshalb trat er vor Gericht auf … Ich bin an allem schuld, ich allein bin schuld!«

Noch niemals hatte Katja Aljoscha solche Geständnisse gemacht, und er fühlte, daß sie sich jetzt auf jener Stufe unerträglichen Leidens befand, wo auch das stolzeste Herz schmerzerfüllt seinen Stolz fahrenläßt und von Kummer überwältigt zu Boden sinkt. Aljoscha kannte noch eine furchtbare Ursache ihrer jetzigen Qualen, sosehr sie diese vor ihm auch seit Mitjas Verurteilung verborgen hatte. Es wäre ihm jedoch zu schmerzlich gewesen, wenn sie sich entschlossen hätte, so tief zu sinken, daß sie zu ihm auch von dieser Ursache selbst sprach. Sie litt wegen ihres »Verrats« vor Gericht, und Aljoscha fühlte, daß ihr Gewissen sie trieb, sich gerade vor ihm, Aljoscha, anzuklagen, weinend, krampfhaft kreischend, auf dem Boden liegend und um sich schlagend. Aber er fürchtete sich vor diesem Augenblick und wünschte die Leidende zu schonen. Um so schwieriger wurde der Auftrag, mit dem er gekommen war. Er begann wieder von Mitja zu reden.

»Das hat nichts zu sagen, seien Sie seinetwegen ganz unbesorgt!« begann Katja wieder hartnäckig und in scharfem Ton. »Das dauert bei ihm alles immer nur einen Augenblick, ich kenne ihn, ich kenne dieses Herz nur zu gut. Seien Sie überzeugt, daß er einwilligen wird, zu fliehen. Und die Hauptsache ist, daß es nicht in allernächster Zukunft geschehen soll; er wird noch genug Zeit haben, seinen Entschluß zu fassen. Iwan Fjodorowitsch wird dann wieder gesund sein und alles selber leiten, so daß ich dabei nichts zu tun haben werde. Seien Sie unbesorgt, er wird einwilligen. Und er ist auch jetzt schon damit einverstanden: Kann er sich etwa von dieser Kreatur trennen? An seinen Strafort wird man sie nicht lassen – wie sollte er also unter diesen Umständen nicht fliehen wollen? Die Hauptsache ist nur, er hat Angst vor Ihnen. Er fürchtet, Sie könnten vom moralischen Standpunkt aus die Flucht nicht billigen. Aber Sie müssen sie ihm großmütig erlauben, wenn Ihr Ja nun einmal unumgänglich ist«, fügte Katja giftig hinzu.

Sie schwieg ein Weilchen und lächelte.

»Er redet da von irgendwelchen Hymnen, von einem Kreuz, das er tragen muß, von einer Schuld. Ich erinnere mich, daß mir Iwan Fjodorowitsch seinerzeit viel davon erzählt hat – wenn Sie wüßten, wie er das erzählte!« rief Katja plötzlich in einem unaufhaltsamen Gefühlsausbruch. »Wenn Sie wüßten, wie er diesen Unglücklichen liebte, als er mir das von ihm erzählte, und wie er ihn vielleicht im gleichen Moment haßte! Ich aber, ich lächelte damals stolz, als ich seine Erzählung hörte und seine Tränen sah! Oh, so eine Kreatur! Die Kreatur bin ich! Ich bin daran schuld, daß er Nervenfieber bekommen hat! Und der andere, der Verurteilte, ist der etwa bereit zu leiden?« schloß Katja gereizt. »Kann so ein Mensch denn überhaupt leiden? Solche Menschen wie er leiden niemals!«

Ein Gefühl wie Haß, Verachtung, ja Ekel war aus dem Klang dieser Worte herauszuhören. Und dabei war sie es doch gewesen, die ihn verraten hatte. ›Vielleicht haßt sie ihn in manchen Augenblicken gerade deshalb, weil sie sich ihm gegenüber schuldig fühlt?‹ dachte Aljoscha im stillen. Er wünschte sehr, daß das nur »in manchen Augenblicken« der Fall sein möchte. Aus Katjas letzten Worten hörte er eine Herausforderung heraus, doch er nahm sie nicht an.

»Ich habe Sie heute zu mir bitten lassen, damit Sie mir versprechen, ihn selbst zu überreden. Oder wäre es Ihrer Ansicht nach unehrenhaft zu fliehen, nicht heldenmütig – oder wie drückt man sich da aus? Nicht christlich, wie?« fügte Katja noch herausfordernder hinzu.

»Nein, das ist nicht der Fall. Ich werde ihm alles sagen …«, murmelte Aljoscha. »Er läßt Sie bitten, heute zu ihm zu kommen«, fügte er plötzlich unvermittelt hinzu, wobei er ihr fest in die Augen sah. Sie zuckte zusammen und wich auf dem Sofa jäh vor ihm zurück.

»Mich … Ist denn das möglich?« stammelte sie und wurde blaß.

»Das ist möglich, und das ist Ihre Pflicht!« sagte Aljoscha energisch und plötzlich ganz lebhaft. »Er braucht Sie sehr, gerade jetzt. Ich würde nicht davon anfangen und Sie nicht vor der Zeit quälen, wenn es nicht notwendig wäre. Er ist krank, er ist wie geistesgestört, er verlangt immerzu nach Ihnen. Er bittet Sie nicht zur Versöhnung zu sich. Es genügt, wenn Sie nur hinkommen und sich auf der Schwelle zeigen. Mit ihm ist seit jenem Tag vieles vorgegangen. Er sieht ein, wie sehr er sich gegen Sie vergangen hat. Nicht Ihre Verzeihung ist das, was er möchte. ›Mir kann nicht verziehen werden‹, sagt er selbst. Er bittet Sie nur, sich auf der Schwelle zu zeigen.

»Sie haben mich so plötzlich …«, stammelte Katja. »Ich habe alle diese Tage geahnt, daß Sie mit diesem Wunsch kommen würden … Ich habe es geradezu gewußt, daß er mich würde rufen lassen! Doch es ist unmöglich!«

»Mag es unmöglich sein – aber tun Sie es! Bedenken Sie, daß er sich zum erstenmal tief ergriffen fühlt durch die Erkenntnis, wie sehr er Sie gekränkt hat, zum erstenmal in seinem Leben! Früher hat er das nie in diesem Umfang gesehen. Er sagt: ›Wenn sie sich weigert zu kommen, werde ich mein Leben lang unglücklich sein!‹ Hören Sie, einer, der zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt ist, möchte noch glücklich sein – ist das nicht bemitleidenswert? Bedenken Sie, Sie werden einen unschuldig Leidenden besuchen!« sagte Aljoscha heftig und herausfordernd. »Seine Hände sind rein, es klebt kein Blut daran! Besuchen Sie ihn um seines unermeßlichen künftigen Leidens willen! Kommen Sie zu ihm, geben Sie ihm das Geleit in die Finsternis, treten Sie auf die Schwelle, weiter nichts … Es ist Ihre Pflicht, Ihre Pflicht, das zu tun!« schloß Aljoscha, das Wort »Pflicht« besonders stark betonend.

»Meine Pflicht schon … Aber … Ich kann nicht«, stöhnte Katja. »Er wird mich ansehen … Ich kann nicht.«

»Ihre Augen müssen seinen begegnen. Wie wollen Sie Ihr ganzes Leben über leben, wenn Sie sich jetzt nicht dazu entschließen?«

»Lieber will ich mein Leben lang leiden.«

»Es ist Ihre Pflicht hinzugehen!« wiederholte Aljoscha mit unerbittlichem Nachdruck.

»Aber warum heute, warum jetzt gleich … Ich kann doch den Kranken nicht allein lassen …«

»Für einen Moment können Sie es, und es handelt sich ja nur um einen Moment. Wenn Sie nicht kommen, wird sich bei ihm heftiges Fieber zur Nacht einstellen. Ich sage doch nicht die Unwahrheit. Haben Sie Mitleid!«

»Haben Sie mit mir Mitleid!« erwiderte Katja mit bitterem Vorwurf und fing an zu weinen.

»Also Sie werden kommen!« sagte Aljoscha in festem Ton, als er ihre Tränen sah. »Ich werde hingehen und ihm sagen, daß Sie gleich kommen werden.«

»Nein, sagen Sie ihm das um keinen Preis!« rief Katja erschrocken. »Ich werde kommen, aber sagen Sie es ihm nicht vorher! Ich werde kommen, vielleicht aber nicht hineingehen … Ich weiß es noch nicht …«

Die Stimme versagte ihr, sie atmete nur mit Mühe. Aljoscha stand auf, um zu gehen.

»Und wenn ich dort jemandem begegne?« sagte sie auf einmal leise; sie war wieder ganz blaß geworden.

»Eben deshalb müssen Sie jetzt gleich gehen, damit Sie dort niemandem begegnen. Es wird niemand dasein, das sage ich Ihnen zuverlässig. Wir werden Sie erwarten« schloß er nachdrücklich und verließ das Zimmer.

2. Für einen Augenblick wird die Lüge zur Wahrheit

Er eilte in das Krankenhaus, wo Mitja jetzt lag. Am zweiten Tag nach der Verurteilung war er an einem Nervenfieber erkrankt, und man hatte ihn in die Gefangenenabteilung unseres städtischen Krankenhauses gebracht. Der Arzt Warwinski hatte dem kranken Mitja auf Bitten Aljoschas und vieler anderer (Frau Chochlakowa, Lisa u. a.) seinen Platz nicht bei den Gefangenen, sondern gesondert angewiesen, in demselben Kämmerchen, wo einstmals Smerdjakow gelegen hatte. Allerdings stand am Ende des Korridors eine Wache, und das Fenster war vergittert; Warwinski konnte also wegen seiner nicht ganz gesetzlichen Nachsicht beruhigt sein. Er war ein guter, mitfühlender junger Mann, der Verständnis dafür hatte, wie peinlich es einem Menschen wie Mitja sein mußte, so unvermittelt in die Gesellschaft von Mördern und Gaunern zu kommen; er sah ein, daß man sich daran erst allmählich gewöhnen mußte. Besuche von Verwandten und Bekannten waren erlaubt worden, sowohl vom Arzt als auch vom Gefängnisinspektor, sogar vom Bezirkshauptmann – alles natürlich unterderhand. Aber in diesen Tagen hatten Mitja immer nur Aljoscha und Gruschenka besucht. Zweimal hatte auch Rakitin den Versuch gemacht, doch Mitja hatte den Arzt Warwinski dringend gebeten, ihn nicht hereinzulassen.

Aljoscha fand ihn auf dem Bett sitzend, im Krankenschlafrock; er fieberte ein wenig und hatte um den Kopf ein Handtuch, das mit verdünntem Essig angefeuchtet war. Er sah Aljoscha mit einem unbestimmten Blick an; dennoch schien in diesem Blick ein leiser Schimmer von Angst zu liegen.

Überhaupt war er seit der Gerichtsverhandlung sehr nachdenklich geworden. Manchmal saß er stundenlang da, schien angestrengt über etwas nachzudenken und anwesende Besucher ganz zu vergessen. Wenn er aber aus seiner Versonnenheit erwachte und zu reden begann, so immer ganz plötzlich, und zwar stets von etwas anderem, als zu erwarten gewesen wäre. Manchmal sah er seinen Bruder mit einem Ausdruck tiefen Schmerzes an. Bei Gruschenkas Besuchen schien ihm leichter ums Herz zu sein. Zwar redete er mit ihr fast gar nicht; doch sowie sie eintrat, strahlte sein ganzes Gesicht vor Freude. Aljoscha setzte sich schweigend neben ihn aufs Bett. Diesmal hatte Mitja ihn voller Unruhe erwartet, wagte aber nicht, ihn nach etwas zu fragen. Er hielt es für undenkbar, daß Katja einwilligen würde, zu ihm

zu kommen, und fühlte gleichzeitig, daß etwas Besonderes, Schreckliches geschehen würde, falls sie nicht käme. Aljoscha verstand seine Gefühle.

»Trifon Borissowitsch«, begann Mitja hastig, »hat sein ganzes Gasthaus ruiniert, heißt es. Dielen und Bretter soll er herausgerissen und die ganze Galerie in kleine Späne zerschlagen haben. Er sucht immerzu nach einem Schatz, nach dem Geld, den fünfzehnhundert Rubeln, von denen der Staatsanwalt sagte, ich hätte sie dort versteckt. Sowie er nach Hause gekommen ist, soll er gleich damit begonnen haben. Das geschieht dem Gauner ganz recht! Der Wächter hat es mir gestern erzählt, er stammt von dort.«

»Hör mal«, sagte Aljoscha, »sie wird kommen! Aber ich weiß nicht wann. Vielleicht heute, vielleicht in den nächsten Tagen, das weiß ich nicht. Aber sie wird kommen, das ist sicher.«

Mitja fuhr zusammen; er schien etwas sagen zu wollen, schwieg jedoch. Diese Nachricht hatte auf ihn eine furchtbare Wirkung. Es war ihm anzusehen, daß er dringend Näheres über Aljoschas Gespräch mit Katja zu erfahren wünschte, daß er sich gleichzeitig aber fürchtete, sofort danach zu fragen: Von irgendeiner hartherzigen oder verächtlichen Äußerung Katjas zu hören, das wäre für ihn in diesem Augenblick wie ein Messerstich gewesen.

»Unter anderem sagte sie, ich soll dein Gewissen wegen der Flucht beruhigen. Sollte Iwan bis zu der Zeit nicht wieder gesund sein, wird sie die Sache selber in die Hand nehmen.«

»Das hast du mir schon gesagt«, bemerkte Mitja nachdenklich.

»Und du hast es sicher Gruscha wiedererzählt«, erwiderte Aljoscha.

»Ja«, gestand Mitja. »Sie wird heute vormittag nicht kommen«, fuhr er fort, seinen Bruder schüchtern anblickend. »Sie wird erst am Abend kommen. Als ich ihr gestern sagte, Katja würde sich der Sache annehmen, da schwieg sie und zog ihre Lippen schief. Sie flüsterte nur: ›Meinetwegen!‹ Sie begriff, daß es wichtig ist. Ich wagte nicht, weiter nach ihren Gefühlen zu forschen. Sie scheint ja jetzt einzusehen, daß jene nicht mich, sondern Iwan liebt.«

»Wirklich?« rief Aljoscha unwillkürlich.

»Vielleicht auch nicht. Jedenfalls wird sie jetzt am Vormittag nicht herkommen«, beeilte sich Mitja noch einmal mitzuteilen. »Ich habe ihr einen Auftrag gegeben … Hör mal, Bruder, Iwan ist uns allen überlegen. Ihm ist beschieden zu leben, uns nicht. Er wird wieder gesund.«

»Stell dir vor, Katja zittert zwar um ihn, zweifelt aber eigentlich gar nicht daran, daß er wieder gesund wird«, sagte Aljoscha.

»Das heißt, sie ist davon überzeugt, daß er stirbt. Nur aus Angst versucht sie sich einzureden, daß er gesund wird.«

»Der Bruder hat eine kräftige Konstitution. Auch ich hoffe ganz bestimmt, daß er wieder gesund wird«, bemerkte Aljoscha beunruhigt.

»Ja, er wird wieder gesund. Aber Katja glaubt, daß er stirbt. Sie hat viel Kummer …«

Es trat Stillschweigen ein. Mitja quälte sich mit etwas sehr Wichtigem.

»Aljoscha, ich liebe Gruscha furchtbar«, sagte er auf einmal mit zitternder Stimme, der die verhaltenen Tränen anzuhören waren.

»Man wird sie nicht zu dir lassen, ›dorthin‹«, fiel Aljoscha sogleich ein.

»Und da ist noch etwas, was ich dir sagen wollte«, fuhr Mitja fort, und seine Stimme klang auf einmal wieder kräftig. »Wenn mich jemand unterwegs oder dort schlagen sollte, werde ich mir das nicht gefallen lassen, sondern ihn totschlagen, und man wird mich erschießen. Und das zwanzig Jahre lang! Hier fängt man schon an, mich zu duzen. Die Wächter duzen mich. Ich habe heute die ganze Nacht wach gelegen und mich geprüft: Ich bin nicht bereit! Ich bin nicht imstande, es auf mich zu nehmen! Ich wollte eine Hymne anstimmen … Aber von den Wächtern geduzt zu werden, darüber komme ich nicht hinweg. Für Gruscha würde ich alles ertragen, alles … Nur keine Schläge … Aber man wird sie ›dorthin‹ nicht lassen.« Aljoscha lächelte leise.

»Hör zu, Bruder, ein für allemal«, sagte er. »Ich will dir meine Gedanken über dieses Thema sagen. Und du weißt, daß ich dich nicht belüge. Also hör zu. Du bist nicht bereit, und ein solches Kreuz taugt nicht für dich. Ja noch mehr, ein solches Märtyrerkreuz ist für dich, der du nicht dazu bereit bist, auch gar nicht nötig. Wenn du den Vater getötet hättest, würde ich es bedauern, daß du dein Kreuz ablehnst. Aber du bist unschuldig, und ein solches Kreuz ist zuviel für dich. Du wolltest durch die Qual einen anderen Menschen in dir entstehen lassen. Meiner Ansicht nach solltest du nur dein Leben lang, wohin du auch fliehen magst, immer an diesen anderen, neuen Menschen denken – auch das wird genug für dich sein. Der Umstand, daß du die große Kreuzesqual nicht auf dich genommen hast, wird nur dazu dienen, daß du in dir eine noch größere Verpflichtung empfindest und durch dieses stete Gefühl künftig deine Wiedergeburt beförderst – vielleicht mehr, als wenn du ›dorthin‹ gehen würdest. Denn dort wirst du das Leben nicht ertragen können und wirst murren und vielleicht schließlich geradeheraus sagen: ›Ich bin mit allem quitt.‹ Hierin hat der Rechtsanwalt die Wahrheit gesagt. Solche Lasten sind nicht für alle Menschen, für manche sind sie zu schwer … Das sind meine Gedanken – falls du sie brauchen kannst. Wenn für deine Flucht andere zur Verantwortung gezogen würden, Offiziere oder Soldaten, so würde ich dir ›nicht erlauben‹ zu fliehen«, sagte Aljoscha lächelnd. »Aber es wird gesagt und versichert, und dieser Etappenkommandant hat es selbst zu Iwan gesagt, daß die Sache wohl ohne schärfere Strafe abgehen wird und die Betreffenden mit einem leichten Verweis davonkommen, sofern man es geschickt anstellt. Zwar ist es unehrenhaft, jemand zu bestechen, sogar in diesem Fall; aber mir steht es nicht zu, dies zu verurteilen. Denn sollten mich zum Beispiel Iwan und Katja beauftragen, in dieser Angelegenheit für dich tätig zu sein, so würde ich es selbst ohne weiteres mit Bestechung versuchen – das muß ich dir wahrheitsgemäß sagen. Und deshalb kann ich nicht Richter über deine eigene Handlungsweise sein. Du sollst jedoch wissen, daß ich dich niemals verurteilen werde. Es wäre ja auch seltsam: Wie könnte ich in dieser Sache dein Richter sein? Nun, jetzt habe ich alles dargelegt, glaube ich.«

»Aber dafür verurteile ich mich selbst!« rief Mitja aus. »Ich werde fliehen – dazu war ich auch schon ohne deinen Rat entschlossen! Kann ein Mitja Karamasow etwa anders handeln? Aber dafür verurteile ich mich selbst und werde lebenslänglich Gott bitten, mir meine Sünde zu vergeben! So reden ja wohl die Juristen, nicht wahr? So wie du und ich jetzt, ja?«

»So ist es«, erwiderte Aljoscha, leise lächelnd.

»Ich liebe dich, weil du immer die volle Wahrheit sagst und nichts verheimlichst!« rief Mitja, fröhlich lachend. »Also da habe ich meinen Aljoscha als Jesuiten ertappt! Abküssen müßte man dich dafür, abküssen! Na, dann höre jetzt auch das übrige, ich will auch die andere Hälfte meiner Seele vor dir aufdecken. Was ich mir ausgedacht und beschlossen habe, ist dies: Wenn ich nun fliehe, sogar mit Geld und mit einem Paß, und sogar nach Amerika, so ermutigt mich dazu noch der Gedanke, daß ich nicht in ein frohes, glückliches Leben fliehe, sondern in Wirklichkeit zu einer anderen Strafe, die vielleicht nicht geringer ist als die vorgesehene! Nicht geringer, Alexej, ich rede im Ernst, nicht geringer! Ich hasse dieses Amerika schon jetzt, hol’s der Teufel! Und wenn auch Gruscha bei mir ist – schau sie doch an: Na, ist sie etwa eine Amerikanerin? Sie ist eine Russin, Russin mit Leib und Seele! Sie wird sich nach der heimatlichen Erde zurücksehnen, und ich werde in jeder Stunde sehen, daß sie meinetwegen leidet, meinetwegen dieses Kreuz auf sich genommen hat, denn sie selbst trägt ja keine Schuld. Und ich, werde ich die Kerle dort ertragen können, wenn sie auch vielleicht alle besser sind als ich? Ich hasse dieses Amerika schon jetzt! Und mögen sie da auch vorzügliche Techniker oder sonst etwas sein – hol‘ sie der Teufel, sie sind keine Menschen von meiner Art, sie haben andere Seelen! Ich liebe Rußland, Alexej, ich liebe den russischen Gott, wenn ich auch selbst ein Schuft bin! Ich werde da krepieren!« rief er, und seine Augen funkelten und seine Stimme zitterte von unterdrückten Tränen.

»Also dann höre, was ich beschlossen habe, Alexej!« begann er von neuem, nachdem er seiner Erregung Herr geworden war. »Sobald ich mit Gruscha dort angekommen bin, fangen wir gleich an zu pflügen und zu arbeiten, bei den wilden Bären, in der Einsamkeit, irgendwo ganz weit weg. Es wird sich ja auch dort ein ganz entlegener Ort finden lassen! Dort gibt es, wie man sagt, noch Rothäute, irgendwo am Rand des Horizonts. Na, also an diesen Rand werden wir ziehen, zu den letzten Mohikanern. Na, und dann machen wir uns sofort an die Grammatik, ich und Gruscha. Arbeit und Grammatik, und das drei Jahre lang! In diesen drei Jahren lernen wir die englische Sprache so, daß wir sie ebensogut können wie jeder beliebige Engländer. Und sobald wir sie gelernt haben – Schluß mit Amerika! Wir kommen schleunigst wieder hierher nach Rußland – aber als amerikanische Bürger. Sei unbesorgt, hier in diesem Städtchen werden wir uns nicht blicken lassen. Wir werden uns irgendwo weit weg von hier verbergen, im Norden oder im Süden. Ich werde mich bis dahin äußerlich verändert haben und sie ebenfalls. Dort in Amerika wird mir ein Arzt eine falsche Warze machen, auf so etwas müssen sie sich als Mechaniker ja verstehen. Oder ich steche mit ein Auge aus und lasse mir den Bart eine Elle lang wachsen, er wird ganz grau aussehen, denn vor Sehnsucht nach Rußland werde ich ergrauen – und dann wird mich wohl niemand erkennen. Wenn sie mich aber doch erkennen, dann sollen sie mich nach Sibirien schicken, ganz egal, dann ist das eben mein Schicksal! Hier werden wir ebenfalls irgendwo in einer abgelegenen Gegend die Erde pflügen, und ich werde mein ganzes Leben lang als Amerikaner auftreten. So werden wir wenigstens auf heimischer Erde sterben. Das ist mein Plan, und der ist unabänderlich. Billigst du ihn?«

»Ja, ich billige ihn«, antwortete Aljoscha, der ihm nicht widersprechen wollte.

Mitja schwieg einen Augenblick und sagte dann plötzlich: »Aber wie kunstvoll sie das alles bei der Gerichtsverhandlung arrangiert hatten ! Ganz erstaunlich!«

»Auch wenn sie das nicht getan hätten, wärst du doch verurteilt worden«, sagte Aljoscha mit einem Seufzer.

»Ja, ich war dem hiesigen Publikum zuwider geworden! Gott verzeihe es ihnen – aber es ist schwer zu ertragen«, sagte Mitja gequält.

Sie schwiegen wieder eine Weile.

»Aljoscha, töte mich lieber gleich!« rief Mitja plötzlich. »Wird sie kommen oder nicht? Sprich! Was hat sie gesagt? Wie hat sie es gesagt?«

»Sie sagte, sie würde kommen. Ich weiß aber nicht, ob heute. Es fällt ihr schwer!« antwortete Aljoscha und blickte den Bruder schüchtern an.

»Na, wie sollte es ihr auch nicht schwerfallen! Aljoscha, ich werde darüber den Verstand verlieren … Gruscha sieht mich immer so an. Sie begreift etwas. Du mein Gott und Herr, gib mir Ruhe! Wonach verlangt es mich? Nach Katja verlangt es mich! Verstehe ich auch, wonach mich verlangt? Das ist das verfluchte Karamasowsche Ungestüm! Nein, zum Leiden bin ich nicht fähig! Ein Schuft bin ich: Damit ist alles gesagt!«

»Da ist sie!« rief Aljoscha.

Katja war auf der Schwelle erschienen. Einen Augenblick blieb sie stehen und sah Mitja fassungslos an. Mitja sprang eilig auf, sein Gesicht drückte Schrecken aus, er wurde blaß. Doch sogleich trat ein schüchternes, flehendes Lächeln auf seine Lippen, und er streckte plötzlich Katja beide Hände entgegen. Als Katja das sah, stürzte sie schnell zu ihm. Sie ergriff seine Hände, zwang ihn fast, sich auf das Bett zu setzen, setzte sich selbst neben ihn und drückte ihm fest und krampfhaft die Hände, die sie noch immer festhielt. Mehrere Male versuchten beide, etwas zu sagen, aber jedesmal hielten sie inne und blickten sich wieder schweigend und regungslos mit einem seltsamen Lächeln an. So vergingen mehrere Minuten.

»Hast du mir verziehen?« stammelte Mitja endlich, wandte sich im gleichen Moment an Aljoscha und rief ihm mit vor Freude ganz entstelltem Gesicht zu: »Hörst du, was ich frage? Hörst du?«

»Deswegen habe ich dich ja auch geliebt, weil du ein großmütiges Herz hast!« sagte Katja; diese Worte entfuhren ihr offenbar unwillkürlich. »Du brauchst aber nicht meine Verzeihung, sondern ich deine. Magst du mir nun verzeihen oder nicht – du wirst für das ganze Leben eine schmerzende Wunde in meiner Seele bleiben und ich in deiner. Anders kann es nicht sein …«

Sie schwieg, um Atem zu schöpfen.

»Wozu bin ich hergekommen?« begann sie von neuem, jetzt hastig und hingerissen. »Um deine Füße zu umarmen, um dir die Hände zu drücken, siehst du, so, bis es weh tut, erinnerst du dich, wie ich sie dir in Moskau gedrückt habe? Um dir wieder zu sagen, daß du mein Gott bist, meine Freude, um dir zu sagen, daß ich dich sinnlos liebe!« stöhnte sie qualvoll und preßte auf einmal leidenschaftlich ihre Lippen auf seine Hand. Tränen traten ihr in die Augen.

Aljoscha stand schweigend und verwirrt da; was er jetzt sah, hatte er in keiner Weise erwartet.

»Die Liebe ist vergangen, Mitja«, begann Katja wieder. »Aber teuer, schmerzlich teuer ist mir das Vergangene! Das sollst du wissen fürs ganze Leben! Aber jetzt, für einen kurzen Augenblick, mag das sein, was hätte sein können«, stammelte sie mit schmerzerfülltem Lächeln und sah ihm wieder froh in die Augen. »Du liebst jetzt eine andere, und ich liebe einen anderen. Trotzdem werde ich dich mein Leben lang lieben – und du mich, hast du das gewußt? Hörst du, liebe mich, liebe mich dein ganzes Leben lang!« rief sie, und ihre Stimme zitterte dabei fast drohend.

»Ich werde dich lieben und … Weißt du, Katja«, sagte Mitja, mußte jedoch nach jedem Wort Atem holen. »Weißt du, ich habe dich auch vor fünf Tagen, an jenem Abend geliebt … Als du hingefallen warst und hinausgetragen wurdest … Mein ganzes Leben lang ! Und so wird es bleiben, so wird es immer bleiben …«

Sie stammelten einander Worte zu, fast sinnlose, verzückte Worte, die vielleicht nicht einmal wahr waren. In diesem Augenblick aber war alles Wahrheit, und jeder von ihnen glaubte fest an die Wahrheit dessen, was er sagte.

»Katja«, rief Mitja plötzlich, »glaubst du, daß ich den Mord begangen habe? Ich weiß, daß du es jetzt nicht glaubst, aber damals, als du deine Aussage machtest … Hast du es wirklich, wirklich geglaubt?«

»Auch damals habe ich es nicht geglaubt! Niemals habe ich es geglaubt! Ich haßte dich und redete es mir ein, nur für den einen Augenblick … Als ich die Aussage machte, da redete ich es mir ein und glaubte es … Doch als ich mit der Aussage fertig war, hörte ich sogleich wieder auf, es zu glauben. Das sollst du alles wissen. Ich vergaß, daß ich hingekommen war, um mich selbst zu demütigen!« sagte sie plötzlich in völlig verändertem Ton, der mit dem vorhergehenden Liebesgestammel keinerlei Ähnlichkeit hatte.

»Du hast schwer zu leiden, Katja!« sagte Mitja. Die Worte kamen ihm von selbst auf die Lippen, ohne daß er sie hätte zurückhalten können.

»Laß mich jetzt gehen!« flüsterte sie. »Ich werde noch einmal wiederkommen, aber jetzt ist mir zu schwer ums Herz …«

Sie erhob sich von ihrem Platz, doch auf einmal schrie sie laut auf und taumelte zurück. Gruschenka war ganz leise ins Zimmer getreten. Niemand hatte sie erwartet. Katja schritt hastig zur Tür; als sie sich Gruschenka genähert hatte, blieb sie plötzlich stehen, wurde kreideweiß und flüsterte ihr leise, fast stöhnend, zu: »Verzeihen Sie mir!«

Gruschenka starrte ihr ins Gesicht und antwortete, nachdem sie eine Weile gewartet hatte, boshaft und giftig: »Wir sind beide schlecht, du und ich! Wir sind beide schlecht! Wie könnten wir verzeihen? Du kannst es nicht, und ich kann es nicht. Aber rette ihn, und ich werde mein Leben lang für dich beten.«

»Aber verzeihen willst du ihr nicht!« rief Mitja ihr mit zornigem Vorwurf zu.

»Du kannst beruhigt sein, ich werde ihn dir retten!« flüsterte Katja schnell und verließ eilig das Zimmer.

»Und du konntest ihr deine Verzeihung verweigern, nachdem sie selbst zu dir gesagt hatte: ›Verzeih‹?« rief Mitja wieder in bitterem Ton.

»Mitja, wag es nicht, ihr einen Vorwurf zu machen! Dazu hast du kein Recht!« rief Aljoscha seinem Bruder heftig zu.

»Ihre stolzen Lippen haben es gesagt, nicht ihr Herz«, sagte Gruschenka beinahe angeekelt. »Wenn sie dich rettet, will ich ihr alles verzeihen …«

Sie brach ab, als ob sie etwas in ihrem Herzen unterdrückte. Sie konnte noch immer ihre Fassung nicht wiedergewinnen. Gekommen war sie, wie sich nachher herausstellte, ganz zufällig, ohne etwas zu argwöhnen.

»Aljoscha, lauf ihr nach!« wandte sich Mitja hastig an seinen Bruder. »Sag ihr … Ich weiß nicht was … Laß sie nicht so weggehen!«

»Ich werde noch vor Abend wieder zu dir kommen!« rief Aljoscha und lief Katja nach.

Er holte sie erst außerhalb der Krankenhausmauer ein. Sie ging schnell und hastig, und als Aljoscha sie eingeholt hatte, sagte sie zu ihm: »Nein, vor ihr kann ich mich nicht demütigen! Ich habe zu ihr gesagt: ›Verzeih mir!‹, weil ich in der Selbstdemütigung bis an die äußerste Grenze gehen wollte. Sie hat mir nicht verziehen … Ich liebe sie dafür !« fügte Katja mit unnatürlich klingender Stimme hinzu, und ihre Augen funkelten vor Zorn.

»Mein Bruder hatte sie überhaupt nicht erwartet«, murmelte Aljoscha. »Er glaubte bestimmt, daß sie nicht kommen würde …«

»Ohne Zweifel. Lassen wir das!« erwiderte sie kurz. »Hören Sie, ich kann jetzt nicht mit zu dem Begräbnis kommen. Ich habe ihnen Blumen für den kleinen Sarg geschickt. Geld haben sie wohl noch. Wenn sie welches brauchen, sagen Sie ihnen bitte, daß ich sie auch in Zukunft nicht verlassen werde … Jetzt aber verlassen Sie mich, bitte, verlassen Sie mich! Sie werden ohnehin zu spät kommen, es wird schon zur Spätmesse geläutet … Verlassen Sie mich, bitte!«

3. Iljuschetschkas Begräbnis und die Rede am Stein

Er kam in der Tat zu spät. Man hatte auf ihn gewartet und sich bereits entschlossen, auch ohne seine Anwesenheit den hübschen, mit Blumen geschmückten kleinen Sarg in die Kirche zu tragen. Es war der Sarg des armen Iljuschetschka. Er war zwei Tage nach Mitjas Verurteilung gestorben. Aljoscha wurde schon am Tor des Hauses von Iljuschas Kameraden mit lauten Rufen empfangen. Sie hatten ungeduldig auf ihn gewartet und freuten sich, daß er endlich gekommen war. Es hatten sich im ganzen zwölf Jungen versammelt; alle waren mit ihren Ranzen auf dem Rücken und mit ihren Büchertaschen über der Schulter gekommen. »Papa wird weinen, kommt her und tröstet ihn!« hatte Iljuscha sie auf dem Sterbebett gebeten, und die Jungen hatten diesen Wunsch befolgt. An ihrer Spitze befand sich Kolja Krassotkin.

»Wie freue ich mich, daß Sie gekommen sind, Karamasow!« rief er und streckte Aljoscha die Hand entgegen. »Hier ist es schrecklich. Wirklich, es wird einem schwer, das mitanzusehen. Snegirjow ist nicht betrunken, wir wissen bestimmt, daß er heute noch nichts getrunken hat, aber er ist wie betrunken … Ich bin sonst ziemlich hart, doch das hier ist schrecklich … Karamasow, wenn ich Sie nicht aufhalte, darf ich Sie noch etwas fragen, bevor Sie hineingehen?«

»Was ist es denn, Kolja?« erwiderte Aljoscha und blieb stehen.

»Ist Ihr Bruder unschuldig oder schuldig? Hat er seinen Vater ermordet, oder hat es der Diener getan? Was Sie sagen, ist für mich Tatsache. Ich habe vier Nächte wegen dieser Frage nicht geschlafen.«

»Der Diener hat den Mord begangen. Mein Bruder ist unschuldig«, antwortete Aljoscha.

»Das sage ich auch!« schrie plötzlich der kleine Smurow.

»Dann geht er also als unschuldiges Opfer für die Wahrheit zugrunde?« rief Kolja. »Aber wenn er auch zugrunde geht, er ist doch glücklich! Ich könnte ihn beneiden!«

»Was reden Sie da? Wie ist das möglich und warum?« rief Aljoscha verwundert.

»Oh, wenn ich mich doch auch einmal für die Wahrheit opfern könnte!« sagte Kolja enthusiastisch.

»Aber nicht in so einer Sache, nicht mit solcher Schande, nicht in so entsetzlicher Weise!« entgegnete Aljoscha.

»Gewiß … Ich möchte gern für die ganze Menschheit sterben! Und was die Schande betrifft, so ist das einerlei – mögen unsere Namen untergehen! Ich habe alle Hochachtung vor Ihrem Bruder!«

»Ich auch!« rief ganz unerwartet aus dem Haufen jener andere Junge, der früher einmal erklärt hatte, er wisse, wer Troja gegründet hat. Nachdem er das gerufen hatte, errötete er wie damals über das ganze Gesicht bis an die Ohren.

Aljoscha ging hinein. In einem himmelblauen, mit einer weißen Rüsche geschmückten Sarg lag mit zusammengelegten Händen und geschlossenen Augen Iljuscha. Die Züge seines abgemagerten Gesichts hatten sich kaum verändert, und seltsam, es ging von der Leiche fast gar kein Geruch aus. Der Ausdruck des Gesichts war ernst und gleichsam nachdenklich. Besonders schön waren die über der Brust verschränkten Hände, die wie aus Marmor gemeißelt aussahen. Man hatte ihm Blumen in die Hände gesteckt, und auch der Sarg war bereits außen und innen mit Blumen geschmückt, die Lisa Chochlakowa schon bei Tagesanbruch geschickt hatte. Es waren aber auch noch Blumen von Katerina Iwanowna gekommen, und als Aljoscha die Tür öffnete, hatte der Stabskapitän eine Menge Blumen in seinen zitternden Händen und bestreute mit ihnen erneut seinen lieben Jungen. Er blickte den eintretenden Aljoscha kaum an und mochte überhaupt niemanden ansehen, nicht einmal seine weinende Frau, sein »Mamachen«, die fortwährend Versuche machte, sich auf ihren kranken Beinen zu erheben, um ihren toten Sohn aus größerer Nähe betrachten zu können. Ninotschka hatten die Jungen mit ihrem Stuhl ganz dicht an den Sarg herangerückt. Sie saß da, den Kopf an den Sarg gedrückt, und weinte ebenfalls still vor sich hin. Snegirjows Gesicht hatte einen lebhaften, doch gewissermaßen verstörten und zugleich verbitterten Ausdruck. Seine Gebärden und die Worte, die ihm entfuhren, machten den Eindruck, als sei er nur halb bei Verstand. »Väterchen, liebes Väterchen!« rief er alle Augenblicke, indem er Iljuscha ansah. Er hatte, schon als Iljuscha noch lebte, die Gewohnheit gehabt, zu ihm liebkosend »Väterchen, liebes Väterchen!« zu sagen.

»Papachen, gib auch mir ein Blümchen! Nimm es ihm aus der Hand, dieses weiße da, und gib es mir!« bat das »Mamachen« schluchzend. Ob ihr nun die kleine weiße Rose, die Iljuscha in der Hand hielt, so gefiel oder ob sie gern eine Blume aus seinen Händen zur Erinnerung haben wollte, jedenfalls geriet sie mit dem ganzen Körper in unruhige Bewegung und streckte die Hände nach der Blume aus.

»Ich werde sie niemandem geben! Niemandem werde ich etwas geben!« rief Snegirjow schroff. »Es sind seine Blumen, und nicht deine. Alles gehört ihm, nichts gehört dir!«

»Papa, geben Sie doch Mama die Blume!« bat Ninotschka, die auf einmal ihr tränennasses Gesicht hob.

»Niemandem werde ich etwas geben, und ihr am wenigsten! Sie hat ihn nicht geliebt. Sie hat ihm damals die kleine Kanone weggenommen, und er hat sie ihr geschenkt!« rief der Stabskapitän und schluchzte plötzlich laut auf in Erinnerung daran, wie Iljuscha damals seine kleine Kanone der Mama überlassen hatte. Die arme Frau bedeckte das Gesicht mit den Händen und weinte stille Tränen.

Da die Jungen sahen, daß der Vater den Sarg nicht freigab, und es inzwischen Zeit geworden war, ihn hinauszutragen, umringten sie endlich in einem dichten Haufen den Sarg und wollten ihn hochheben.

»Ich will ihn nicht auf dem Kirchhof begraben!« schrie Snegirjow. »Er soll an dem Stein begraben werden, an unserem lieben Stein! So hat es Iljuscha gewollt. Ich lasse ihn nicht auf den Kirchhof tragen!«

Er hatte auch früher, die ganzen drei Tage, immerzu davon geredet, daß der Tote an dem Stein begraben werden sollte, doch hatten viele dagegen Einspruch erhoben: Aljoscha, Krassotkin, die Hauswirtin, deren Schwester und alle Kameraden.

»Was ist das für ein Einfall! An dem ungeweihten Stein soll er begraben werden wie ein Selbstmörder!« hatte die alte Wirtin in strengem Ton gescholten. »Dort auf dem Kirchhof ist die Erde geweiht. Dort wird man für ihn beten. Der Gesang aus der Kirche wird bis zu seinem Grab zu hören sein, und der Diakon liest so laut und deutlich, daß es immer bis zu dem Jungen dringen wird, als ob die Gebete über seinem Grabhügel gelesen würden.«

Der Stabskapitän machte schließlich eine resignierte Handbewegung, welche etwa besagte. ›Tragt ihn, wohin ihr wollt!‹ Die Jungen hoben den Sarg hoch. Als sie ihn an der Mutter vorbeitrugen, machten sie einen Augenblick halt und stellten ihn hin, damit sie von Iljuscha Abschied nehmen konnte. Als sie jedoch nun das teure Gesichtchen in der Nähe erblickte, das sie die ganzen drei Tage lang nur aus einer gewissen Entfernung hatte sehen können, ging eine Erschütterung durch ihren ganzen Körper, und sie begann ihren grauen Kopf krampfhaft über dem Sarg hin und her zu bewegen, nach vorn und nach hinten.

»Mama, segne ihn, küsse ihn!« rief ihr Ninotschka zu. Die Mama aber zuckte wie ein Automat immer nur mit dem Kopf und schlug sich plötzlich, ohne ein Wort zu sagen, mit schmerzverzerrtem Gesicht mit der Faust gegen die Brust. Der Sarg wurde weitergetragen. Ninotschka berührte den Mund des toten Bruders zum letztenmal mit ihren Lippen, als er bei ihr vorbeigetragen wurde. Aljoscha wandte sich, als er das Haus verließ, mit der Bitte an die Hauswirtin, sie möchte nach den Zurückbleibenden sehen; sie ließ ihn jedoch nicht ausreden: »Selbstverständlich! Ich werde bei ihnen bleiben, wir sind ja doch auch Christen.« Bei diesen Worten fing die alte Frau an zu weinen. Die Träger des Sarges hatten es bis zur Kirche nicht weit, kaum mehr als dreihundert Schritte. Es war ein klarer, windstiller Tag; es fror, aber nur wenig. Die Glocke läutete immer noch. Snegirjow in seinem alten, kurzen Sommerüberzieher, mit bloßem Kopf, in der Hand seinen alten breitkrempigen, weichen Hut, lief geschäftig und fassungslos hinter dem Sarg her. Er war in ständiger Sorge: Bald streckte er die Hand aus, um das Kopfende des Sarges zu stützen, und störte dadurch nur die Träger, bald lief er nebenher und suchte eine Möglichkeit, wie er behilflich sein könnte. Wenn eine Blume in den Schnee fiel, stürzte er sofort hin, um sie aufzuheben, als ob vom Verlust dieser Blume Gott weiß was abhing.

»Die Brotrinde! Die Brotrinde haben wir vergessen!« rief er auf einmal erschrocken. Doch die Knaben erinnerten ihn sogleich, daß er schon vorhin eine Brotrinde in die Hand genommen hatte und daß sie in seiner Tasche steckte. Er holte sie heraus, und erst nachdem er sich von ihrem Vorhandensein überzeugt hatte, beruhigte er sich.

»Iljuschetschka hat es so befohlen!« sagte er erklärend zu Aljoscha. »Er lag einmal in der Nacht da, und ich saß neben ihm, da sagte er auf einmal: ›Papachen, wenn mein Grabhügel aufgeschüttet ist, dann zerkrümele bitte auf ihm eine Brotrinde, damit die Spatzen herbeifliegen. Ich werde hören, wie sie geflogen kommen, und es wird mir eine Freude sein, daß ich nicht so allein daliege.‹«

»Das ist sehr hübsch«, sagte Aljoscha. »Da muß man öfter Brot hinbringen.«

»Alle Tage, alle Tage!« erwiderte der Stabskapitän eifrig; dieser Gedanke schien ihn richtig zu beleben.

Endlich waren sie in der Kirche angelangt, und der Sarg wurde in der Mitte niedergesetzt. Alle Jungen stellten sich um ihn herum und blieben so während des ganzen Gottesdienstes artig stehen. Es war eine alte, ziemlich arme Kirche, viele der Heiligenbilder hatten gar keine Einfassungen; aber gerade in solchen Kirchen betet es sich am besten. Während der Messe schien Snegirjow etwas stiller zu werden, obgleich von Zeit zu Zeit immer wieder die unbewußte und zwecklose Geschäftigkeit bei ihm durchbrach: Bald trat er an den Sarg, um die Leichendecke zurechtzuziehen oder das Stirnband des Toten in Ordnung zu bringen; wenn eine Kerze aus dem Leuchter gefallen war, stürzte er hin, um sie wieder aufzustellen, und machte sich damit sehr lange zu schaffen. Darauf beruhigte er sich wieder und stand demütig mit sorgenvollem und fast verständnislosem Gesicht am Kopfende des Sarges. Nach der Verlesung der Epistel flüstere er dem neben ihm stehenden Aljoscha zu, die Epistel sei nicht richtig vorgelesen worden, ohne allerdings zu erklären, was er eigentlich meinte. Bei dem Cherubimlied fing er an mitzusingen, aber nicht bis zu Ende; er ließ sich vielmehr auf die Knie nieder, drückte die Stirn auf den steinernen Fußboden der Kirche und lag so ziemlich lange. Endlich kam das Totenamt an die Reihe, und die Kerzen wurden verteilt. Der kaum noch zurechnungsfähige Vater wollte schon wieder in seine sinnlose Geschäftigkeit verfallen, doch das ergreifende Totenlied erweckte und erschütterte seine Seele. Er krümmte sich auf einmal mit dem ganzen Körper zusammen und begann in häufigen, kurzen Stößen zu schluchzen; anfangs suchte er dabei seine Stimme zu unterdrücken, zuletzt aber heulte er laut. Als dann die Teilnehmer der Beerdigung von dem Toten Abschied nehmen und der Sarg geschlossen werden sollte, umfaßte er diesen mit den Armen, als wollte er den Deckel nicht auf Iljuschetschka legen lassen, und bedeckte die Lippen seines toten Kindes mit heißen Küssen, er konnte sich nicht losreißen. Endlich ließ er sich überreden aufzuhören. Er wurde schon die Stufe hinabgeführt, wo der Sarg stand, als er plötzlich hastig die Hände ausstreckte und ein paar Blumen nahm, die im Sarg lagen. Er sah sie an, und eine neue Idee schien in ihm zu reifen, so daß er die Hauptsache offenbar für einen Moment vergaß. Allmählich versank er in Gedanken und widersetzte sich nicht mehr, als der Sarg hochgehoben und zur Grabstelle getragen wurde. Diese war nicht weit; sie lag innerhalb der Einfriedung, dicht an der Kirche. Sie war teuer, Katerina Iwanowna hatte sie bezahlt. Nach der üblichen Zeremonie ließen die Totengräber den Sarg in die Gruft hinab. Snegirjow beugte sich mit seinen Blumen in der Hand so weit über das offene Grab, daß die Jungen ihn erschrocken am Überzieher packten und zurückzuziehen versuchten. Er schien jedoch nicht mehr recht zu verstehen, was vorging. Als man den Hügel aufzuschütten begann, wies er mit sorgenvoller Miene auf die aufgeworfene Erde, sagte auch etwas, doch niemand konnte es verstehen, und er verstummte sofort wieder. Da erinnerte man ihn daran, die Brotrinde zu zerkrümeln. Er geriet in furchtbare Aufregung, holte die Rinde hervor, zerbrach sie und streute die Krümchen auf den Grabhügel. »Nun kommt herbeigeflogen, ihr Vögelchen, kommt herbei, ihr kleinen Spatzen!« murmelte er eifrig. Einer der Jungen machte ihn darauf aufmerksam, daß es ihm sicher recht unbequem sei, mit den Blumen in der Hand das Brot zu zerbrechen; er möchte sie doch solange jemand zum Halten geben. Aber er tat das nicht und wurde sogar ängstlich, als ob man ihm seine Blumen wegnehmen wollte. Nachdem er das Grab lange betrachtet und sich davon überzeugt hatte, daß nun alles getan und die Brotkrümel gestreut waren, drehte er sich auf einmal unerwartet und ganz ruhig um und machte sich auf den Weg nach Hause. Sein Schritt wurde immer schneller und eiliger; er lief beinahe. Aber die Jungen und Aljoscha wichen nicht von seiner Seite.

»Ich will Mamachen die Blumen bringen! Ich will Mamachen die Blumen bringen! Mamachen hat sich gekränkt gefühlt«, sagte er auf einmal. Jemand rief ihm zu, er möchte doch den Hut aufsetzen, da es jetzt kalt sei. Als er das hörte, schleuderte er seinen Hut wie im Zorn in den Schnee und sagte: »Ich will keinen Hut, ich will keinen Hut!« Der kleine Smurow hob den Hut auf und trug ihn ihm nach. Alle Jungen ohne Ausnahme weinten, am meisten Kolja und der, der Troja entdeckt hatte. Obgleich Smurow, den Hut des Stabskapitäns in der Hand, ebenfalls schrecklich weinte, fand er doch noch Zeit, nahezu im Laufen ein Stück Ziegelstein, das auf dem Weg im Schnee lag, aufzuheben und damit nach einem vorüberfliegenden Schwarm Spatzen zu werfen. Er traf allerdings keinen und lief weiter und weinte weiter. Auf halbem Weg machte Snegirjow plötzlich halt, blieb etwa eine halbe Minute lang stehen, als ob ihm etwas eingefallen wäre, drehte sich dann zur Kirche um und lief zu dem Grab zurück. Doch rasch hatten ihn die Jungen eingeholt und hängten sich von allen Seiten an ihn. Da ließ er sich kraftlos, wie vom Leid niedergedrückt, in den Schnee sinken und begann, um sich schlagend, weinend und schluchzend zu schreien: »Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen!« Aljoscha und Kolja hoben ihn auf und versuchten, ihn durch Bitten und Zureden zu beruhigen.

»Hören Sie auf, Kapitän! Ein Mann hat die Pflicht, auch das zu ertragen«, murmelte Kolja.

»Sie zerdrücken ja die Blumen«, fügte Aljoscha hinzu. »Mamachen wartet darauf, sie sitzt da und weint, weil Sie ihr vorhin keine Blumen von Iljuschetschka gegeben haben. Da steht auch noch Iljuschas Bettchen …«

»Ja, schnell zu Mamachen!« sagte Snegirjow, sich plötzlich wieder erinnernd. »Sie werden sonst das Bettchen wegräumen!« fügte er hinzu, als fürchte er wirklich, man könnte es wegräumen, sprang auf und lief wieder seiner Wohnung zu.

Es war nicht mehr weit, und alle kamen gleichzeitig dort an. Snegirjow machte hastig die Tür auf und rief seiner Frau, zu der er kurz vorher so grob gewesen war, laut zu: »Mamachen, liebes Mamachen, Iljuschetschka schickt dir Blumen, deine Füße sind doch krank!« Er hielt ihr seine Handvoll Blumen hin, die unter der Kälte gelitten hatten und arg zerdrückt worden waren, als er sich soeben im Schnee gewälzt hatte.

Doch im selben Augenblick erblickte er vor Iljuschas Bett in der Ecke Iljuschas Stiefelchen, die beide nebeneinanderstanden; die Hauswirtin hatte sie eben erst beim Aufräumen dorthin gestellt. Es waren alte, steif gewordene Stiefelchen mit zahlreichen Flicken. Bei ihrem Anblick warf er die Arme in die Höhe, stürzte in dieser Haltung auf sie zu, warf sich auf die Knie, nahm das eine Stiefelchen, preßte seine Lippen darauf, küßte es leidenschaftlich und rief – »Väterchen, Iljuschetschka, liebes Väterchen, wo sind deine Füßchen?«

»Wo hast du ihn hingetragen? Wo hast du ihn hingetragen?« heulte das »Mamachen« mit herzzerreißender Stimme; dann schluchzte auch Ninotschka los. Kolja lief aus dem Zimmer, ihm folgten die anderen Jungen und schließlich auch Aljoscha.

»Sollen sie sich ausweinen!« sagte er zu Kolja. »Trösten kann man da natürlich nicht. Wir wollen ein Weilchen weggehen und dann wiederkommen.«

»Ja, trösten kann man da nicht, das ist furchtbar«, stimmte ihm Kolja zu. »Wissen Sie, Karamasow …«, fügte er plötzlich leiser hinzu, damit es niemand hörte. »Mir ist sehr traurig zumute, und ich würde alles in der Welt darum geben, wenn man ihn wieder ins Leben zurückrufen könnte.«

»Oh, ich auch!« erwiderte Aljoscha.

»Wie denken Sie darüber, Karamasow: Sollen wir heute abend hingehen? Er wird sich betrinken.«

»Das wird er vielleicht tun. Wir beide wollen allein hingehen und ein Stündchen bei ihnen sitzen, bei der Mutter und Ninotschka, das genügt. Wenn wir alle zusammen hingehen, rufen wir ihnen alles wieder ins Gedächtnis zurück«, riet Aljoscha.

»Die Hauswirtin deckt jetzt den Tisch bei ihnen, es wird wohl ein Totenmahl geben, und der Pope wird kommen. Sollen wir gleich wieder umkehren, Karamasow?«

»Unbedingt«, antwortete Aljoscha.

»Sonderbar ist das alles, Karamasow! So ein Leid – und dann auf einmal Pfannkuchen! Wie unnatürlich ist das alles in unserer Religion!«

»Es wird auch Lachs geben«, bemerkte laut der Junge, der Troja entdeckt hatte.

»Ich möchte Sie ernstlich ersuchen, Kartaschow, sich nicht mehr mit Ihren Dummheiten einzumischen! Besonders wenn man gar nicht mit Ihnen spricht und überhaupt nicht wissen will, ob Sie auf der Welt sind«, erwiderte ihm Kolja schroff und gereizt.

Der Junge wurde dunkelrot, wagte jedoch nichts zu entgegnen. Inzwischen hatten sie alle leise den uns schon bekannten Fußweg eingeschlagen, da rief Smurow plötzlich: »Dort ist Iljuschas Stein, unter dem er begraben werden sollte!«

Alle blieben schweigend an dem großen Stein stehen. Aljoscha betrachtete ihn, und alles, was ihm Snegirjow über Iljuschetschka erzählt hatte, wie dieser, weinend und den Vater umarmend, gerufen hatte: »Papachen, Papachen, wie hat er dich erniedrigt!« dieses ganze Bild wurde in ihm auf einmal wieder lebendig, und es war ihm, als ob in seinem Innern eine heftige Erschütterung vorginge. Mit ernster, nachdenklicher Miene ließ er seine Blicke über die lieben, hellen Gesichter dieser Jungen, der Schulkameraden des verstorbenen Iljuscha, wandern, dann sagte er plötzlich zu ihnen: »Meine Herren, ich möchte an dieser Stelle gern ein Wort zu Ihnen sagen.«

Die Jungen umringten ihn und richteten ihre erwartungsvollen und gespannten Blicke auf ihn.

»Meine Freunde, wir werden uns bald trennen. Ich werde jetzt noch eine Zeitlang bei meinen beiden Brüdern bleiben, von denen der eine nach Sibirien verbannt wird und der andere auf den Tod krank liegt. Doch bald werde ich diese Stadt verlassen, vielleicht für sehr lange Zeit. Wir werden uns also trennen müssen, meine Freunde. Lassen Sie uns aber hier an Iljuschas Stein verabreden, daß wir zweierlei niemals vergessen wollen: erstens Iljuschetschka und zweitens uns nicht! Was uns auch später im Leben begegnen mag, und sollten wir uns auch zwanzig Jahre nicht wiedersehen – wir wollen doch für immer im Gedächtnis behalten, wie wir den armen Jungen begraben haben, den wir früher mit Steinen beworfen hatten – erinnern Sie sich, dort an der kleinen Brücke? – und den wir dann alle so liebgewannen. Er war ein prächtiger Kerl, ein lieber, tapferer Junge. Er hatte Gefühl für die Ehre seines Vaters und für dessen bittere Kränkung, gegen die er sich empörte. Und deshalb wollen wir erstens seiner gedenken, meine Herren, unser ganzes Leben lang. Und zweitens: Mögen wir auch mit den wichtigsten Dingen beschäftigt sein, mögen wir hohe Ehren erreicht haben oder in ein großes Unglück geraten sein – gleichviel, vergessen Sie niemals, wie wohl wir uns hier alle zusammen einmal gefühlt haben, vereint durch eine gute, edle Empfindung, die uns für die Zeit unserer Liebe zu dem armen Jungen vielleicht besser gemacht hat, als wir in Wirklichkeit sind. Meine Tauben – gestatten Sie, daß ich Sie Tauben nenne, denn Sie haben große Ähnlichkeit mit diesen hübschen, graublauen Tierchen, gerade jetzt in diesem Augenblick, wo ich Ihre guten, lieben Gesichter ansehe –, meine lieben Kinder, vielleicht verstehen Sie nicht, was ich Ihnen sage, denn ich rede oft sehr unverständlich; aber Sie werden es doch im Gedächtnis behalten und später einmal meinen Worten zustimmen. Wissen Sie also, daß es nichts gibt, was höher, stärker, gesünder und für das bevorstehende Leben nützlicher wäre als irgendeine gute Erinnerung, und besonders eine, die noch aus der Kindheit, aus dem Elternhaus herrührt. Man erzählt Ihnen viel von Ihrer Erziehung, aber eine schöne, heilige Erinnerung, die man sich aus der Kindheit bewahrt hat, ist vielleicht die allerbeste Erziehung. Wer viele solche Erinnerungen mit ins Leben nimmt, ist fürs ganze Leben gerettet. Und selbst wenn sich nur eine einzige gute Erinnerung in unserem Herzen erhält, so kann auch die uns einmal zur Rettung dienen. Leicht möglich, daß wir später einmal schlecht werden, daß wir nicht imstande sind, der Verlockung zu einer bösen Tat zu widerstehen, daß wir uns über Menschentränen boshaft lustig machen und über Menschen, die so denken, wie es Kolja vorhin ausdrückte: ›Ich möchte für alle Menschen leiden!‹ Doch wie schlecht wir auch vielleicht werden, was Gott verhüten möge – wir werden uns doch daran erinnern, wie wir Iljuscha begruben und wie wir ihn in den letzten Tagen liebten und wie wir jetzt an diesem Stein so freundschaftlich miteinander gesprochen haben, und bei dieser Erinnerung wird selbst der Hartherzigste und Spottlustigste von uns, falls wir solche Menschen werden sollten, nicht wagen, sich innerlich darüber lustig zu machen, wie edel und gut er in diesem Augenblick gewesen ist! Ja noch mehr: Vielleicht wird ihn gerade diese eine Erinnerung von einer großen Übeltat zurückhalten, und er wird anderen Sinnes werden und sich sagen: ›Ich war doch damals gut und mutig und ehrenhaft!‹ Mag er auch vor sich hin lächeln, das schadet nichts. Der Mensch lacht häufig über das Schöne und Gute, das geschieht nur aus Leichtsinn; aber ich versichere Ihnen, meine Freunde, sobald er lächelt, wird er sich sogleich in seinem Inneren sagen: ›Nein, es war unrecht von mir zu lächeln, darüber darf man sich nicht lustig machen!‹«

»So wird es ganz bestimmt sein, Karamasow! Ich verstehe Sie, Karamasow!« rief Kolja mit blitzenden Augen.

Die anderen waren in starker Erregung und wollten ebenfalls etwas sagen, beherrschten sich jedoch und sahen Aljoscha nur unverwandt und gerührt an.

»Das sage ich für den möglichen schlimmen Fall, daß wir schlechte Menschen werden«, fuhr Aljoscha fort. »Aber warum sollen wir denn schlechte Menschen werden, nicht wahr, meine Freunde? Wir werden erstens und vor allen Dingen gute Menschen sein, zweitens ehrenhafte Menschen, und drittens werden wir einander niemals vergessen. Das wiederhole ich immer wieder. Ich meinerseits gebe Ihnen mein Wort darauf, meine Freunde, daß ich keinen von Ihnen vergessen werde! An jedes Gesicht, das mich in diesem Moment ansieht, werde ich mich erinnern, selbst nach dreißig Jahren noch. Vorhin hat Kolja zu Kartaschow gesagt, uns liege nichts daran zu wissen, ob er auf der Welt sei oder nicht. Aber könnte ich etwa vergessen, daß Kartaschow auf der Welt ist, daß er auch jetzt noch so rot wird wie damals, als er Troja entdeckte, und daß er mich mit seinen prächtigen, guten, heiteren Augen ansieht? Meine Herren, meine lieben Freunde, lassen Sie uns alle hochherzig und mutig werden wie Iljuschetschka, klug, mutig und hochherzig wie Kolja, der mit zunehmendem Alter jedoch noch weit klüger werden wird, und ebenso verschämt, aber vernünftig und liebenswürdig wie Kartaschow. Doch weshalb rede ich nur von diesen beiden? Sie alle, meine Freunde, sind mir von nun an lieb, Sie alle schließe ich in mein Herz! Und ich bitte Sie, mich ebenfalls in Ihr Herz zu schließen! Wer aber hat uns in diesem guten, schönen Gefühl vereinigt, an das wir uns jetzt unser Leben lang erinnern wollen und erinnern werden? Wer anders als Iljuschetschka, dieser gute, liebe junge, der uns für alle Zeit teuer ist! Wir werden ihn nie vergessen, sondern ihm ein gutes, ein ewiges Andenken in unseren Herzen bewahren, von nun an bis in Ewigkeit!«

»Ja, ja, ein ewiges Andenken, ein ewiges Andenken!« riefen alle Jungen mit ihren hellen Stimmen, und man sah ihren Gesichtern die Rührung an.

»Wir wollen uns auch an sein Gesicht erinnern und an seinen Anzug und an seine ärmlichen Stiefelchen und an seinen kleinen Sarg und an seinen unglücklichen, sündigen Vater und daran, wie er gegen die ganze Klasse mutig für ihn eintrat!«

»Ja, daran wollen wir uns erinnern!« riefen die Jungen wieder. »Er war mutig und gut!«

»Ich habe ihn liebgehabt!« rief Kolja.

»Kinderchen, meine lieben Freunde, fürchten Sie sich nicht vor dem Leben! Wie schön ist das Leben, wenn man etwas Gutes und Gerechtes tut!«

»Ja, ja!« stimmten die anderen begeistert zu.

»Karamasow, wir lieben Sie!« rief spontan eine Stimme, offenbar die von Kartaschow.

»Wir lieben Sie, wir lieben Sie!« fielen die anderen ein. Vielen standen Tränen in den Augen.

»Ein Hurra für Karamasow!« rief Kolja begeistert.

»Und ewiges Andenken dem toten Iljuscha!« fügte wieder Aljoscha mit Wärme hinzu.

»Ewiges Andenken!« fielen erneut die Jungen ein.

»Karamasow!« rief Kolja. »Ist es wirklich wahr, was die Religion lehrt, daß wir alle von den Toten auferstehen und einander wiedersehen werden, auch unseren Iljuschetschka?«

»Sicherlich werden wir auferstehen, sicherlich werden wir uns wiedersehen und uns froh und heiter alles erzählen, was uns im Leben begegnet ist«, antwortete Aljoscha, halb lachend, halb begeistert.

»Ach, das wird schön!«rief Kolja unwillkürlich.

»So, und jetzt wollen wir unsere Reden beenden und zu seinem Totenmahl gehen. Lassen Sie sich nicht dadurch beirren, daß es Pfannkuchen zu essen gibt. Das ist ein althergebrachter Brauch, der auch sein Gutes hat«, sagte Aljoscha lachend. »Nun, dann kommen Sie! Wir wollen jetzt Arm in Arm gehen!«

»Ja, und das immer, das ganze Leben hindurch. Arm in Arm! Ein Hurra für Karamasow!« schrie Kolja noch einmal begeistert, und noch einmal stimmten alle Jungen in seinen Ruf ein.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn, in die Erde gefallen nicht erstirbt, so bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, trägt es viel Frucht.

Johannes 12,24

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Kapitel 8

I

So lag er sehr lange. Mitunter wurde er halb wach und bemerkte in solchen Augenblicken, daß es schon längst Nacht sei; aufzustehen kam ihm gar nicht in den Sinn. Endlich nahm er wahr, daß die Morgendämmerung bereits angebrochen war. Er lag rücklings auf dem Sofa, noch ganz starr von der bisherigen Bewußtlosigkeit. Ein schreckliches, wildes Geheul schlug von der Straße her schrill an sein Ohr; dieses Geheul hörte er übrigens jede Nacht zwischen zwei und drei Uhr unter seinem Fenster, und es war auch jetzt die Ursache seines Erwachens gewesen. ›Aha! Da kommen auch schon die Betrunkenen aus den Kneipen‹, dachte er. ›Es ist zwei durch.‹ Plötzlich fuhr er auf, als ob ihn jemand vom Sofa in die Höhe gerissen hätte. ›Wie? Schon zwei durch!‹ Er setzte sich auf – und nun fiel ihm alles ein! In einer Sekunde erinnerte er sich wieder an alles.

Im ersten Augenblicke glaubte er, er würde wahnsinnig werden. Ein furchtbarer Frost überfiel ihn; aber dieser Frost kam von dem Fieber her, das sich schon längst während des Schlafes in seinem Körper entwickelt hatte. Jetzt packte ihn ein solcher Kälteschauer, daß ihm die Zähne klapperten und ihm alle Glieder steif wurden. Er öffnete die Tür und horchte; im Hause schlief alles fest. Erschrocken besah er sich selbst und alles ringsherum im Zimmer und begriff gar nicht, wie es nur möglich gewesen war, daß er gestern beim Nachhausekommen die Tür nicht zugeschlossen und sich in den Kleidern, ja sogar mit dem Hut auf dem Kopfe auf das Sofa geworfen hatte. Der Hut war heruntergerollt und lag auf dem Fußboden neben dem Kissen. ›Wenn nun jemand hereingekommen wäre, was hätte sich der gedacht? Gewiß, daß ich betrunken wäre, aber …‹ Er stürzte zum Fenster hin. Es war schon hell genug, und er musterte sich schleunigst, vom Kopfe bis zu den Füßen, vollständig, seine ganze Kleidung, ob auch nicht Blutspuren daran seien. Aber das ließ sich so auf dem Körper nicht gut ausführen; zitternd vor Frost, zog er alle Kleidungsstücke aus und untersuchte jedes von allen Seiten. Er wendete alles, bis auf den letzten Faden und Fetzen, hin und her, und da er sich selbst nicht traute, wiederholte er die Besichtigung dreimal. Aber es schienen keine Spuren vorhanden zu sein; nur da, wo die Hosen unten zerfasert waren und die Fransen herunterhingen, saßen an diesen Fransen dicke Klümpchen geronnenen Blutes. Er nahm sein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab. Weiter schien nichts da zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die Pfandstücke, die er bei der Alten aus der Truhe herausgenommen hatte, immer noch sämtlich in seinen Taschen steckten! Er hatte bis jetzt noch gar nicht daran gedacht, sie herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt hatte er sich daran erinnert, als er seinen Anzug revidierte. Wie war es nur möglich! Sofort zog er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles hervorgeholt und sogar die Taschen umgewendet hatte, um sich zu vergewissern, daß auch wirklich nichts darin geblieben sei, trug er den ganzen Haufen in eine Ecke. Dort hatte unten im innersten Winkel an einer Stelle die Tapete, die sich von der Wand abgelöst hatte, einen Riß; sofort stopfte er alles in dieses Loch unter die Tapete. ›Es ist hineingegangen; es ist nichts mehr zu sehen, auch der Beutel nicht!‹ dachte er erfreut, indem er langsam aufstand und stumpfsinnig nach der Ecke und dem Risse hinstarrte, der nun noch breiter klaffte. Da fuhr er wieder erschrocken zusammen: ›Mein Gott‹, flüsterte er verzweifelt, ›was ist nur mit mir? Heißt denn das verstecken? Versteckt man denn etwas so?‹

Er hatte ja allerdings nicht auf Wertgegenstände gerechnet; er hatte geglaubt, er würde nur Geld erbeuten, und darum nicht im voraus Verstecke zurechtgemacht. ›Aber worüber habe ich mich denn jetzt eben gefreut?‹ dachte er. ›Versteckt man denn etwas so? Wahrhaftig, aller Verstand läßt mich ja im Stiche!‹ Ganz matt setzte er sich auf das Sofa, und sogleich schüttelte ihn wieder ein unerträglicher Frostschauder. Neben ihm auf dem Stuhle lag der warme, aber jetzt schon ganz zerlumpte Winterüberzieher, den er als Student getragen hatte; den zog er mechanisch zu sich heran und deckte sich damit zu; sofort verfiel er wieder in Schlaf und Fieberphantasien. Er war bewußtlos.

Aber schon nach fünf Minuten sprang er wieder auf und fiel von neuem wie rasend über seine Kleider her. ›Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo doch noch nichts getan ist! Ich habe ja wahrhaftig die Schlinge unter der Achsel noch nicht abgemacht! Ich habe es vergessen! So etwas Wichtiges habe ich vergessen! Ein solches Beweisstück!‹ Er riß die Schlinge ab, riß sie schnell in Stücke und stopfte diese unter das Kissen zwischen die Wäsche. ›Stücke von zerrissener Leinwand werden ja doch wohl in keinem Falle Verdacht erregen, möchte ich meinen!‹ flüsterte er, mitten im Zimmer stehend, vor sich hin; und indem er seine Aufmerksamkeit so anstrengte, daß es ihn physisch schmerzte, begann er wieder ringsumher, auf dem Fußboden und überall, Umschau zu halten, ob er nicht doch noch etwas vergessen habe. Das Gefühl, daß alles, sogar das Gedächtnis, sogar die einfache Denkkraft ihn im Stiche lasse, quälte ihn in unerträglicher Weise. ›Wie? Fängt es wirklich jetzt schon an? Kommt wirklich jetzt schon die Strafe? Wahrhaftig?‹ In der Tat lagen die Fransen, die er von den Hosen abgeschnitten hatte, offen auf dem Fußboden, mitten im Zimmer, so daß sie der erste, der eintrat, sehen mußte. »Was ist denn nur mit mir!« rief er wieder ganz fassungslos.

Da kam ihm ein sonderbarer Gedanke in den Sinn: vielleicht war auch sein ganzer Anzug blutig, vielleicht war eine ganze Menge Flecken daran; aber er sah sie nur nicht, bemerkte sie nicht, weil seine Denkkraft geschwächt und vermindert, sein Verstand verdunkelt war. Auf einmal fiel ihm ein, daß auch an dem Beutel Blut gewesen war. ›Ha, also muß in der Tasche auch Blut sein, da ja der Beutel damals, als ich ihn in die Tasche steckte, noch feucht war.‹ Eilig drehte er die Tasche um, und wahrhaftig! an dem Taschenfutter befanden sich Flecke, Blutspuren! ›Also versagen meine geistigen Fähigkeiten doch noch nicht ganz; also besitze ich doch noch Denkkraft und Gedächtnis, da ich dies überlegt und kombiniert habe!‹ dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und froh auf. ›Es war einfach eine vom Fieber herrührende Schwäche, eine momentane Geistesverwirrung!‹ sagte er sich und riß das ganze Futter aus der linken Hosentasche heraus. In diesem Augenblicke fiel ein heller Sonnenstrahl auf seinen linken Stiefel: an dem Strumpfe, der aus dem Stiefel hervorsah, schienen Blutspuren zu sein! Er zog den Stiefel aus: ›Wahrhaftig, es sind Blutspuren! Die ganze Strumpfspitze ist mit Blut getränkt!‹ Jedenfalls war er damals unachtsamerweise in die Blutlache hineingetreten. ›Aber was soll ich nun damit anfangen? Wo soll ich den Strumpf und die Fransen und die Tasche lassen?‹

Er raffte alles mit beiden Händen zusammen und stand mitten im Zimmer da. ›In den Ofen? Aber im Ofen werden sie zu allererst herumstöbern. Verbrennen? Aber womit? Ich habe ja nicht einmal Streichhölzer. Nein, das beste ist schon, ich gehe draußen irgendwohin und werfe alles weg. Ja, das beste ist, alles wegzuwerfen!‹ sagte er sich und setzte sich wieder auf das Sofa. ›Und zwar sofort, diesen Augenblick, unverzüglich …‹ Aber statt daß er dies tat, sank sein Kopf wieder auf das Kissen; wieder packte ihn jener unerträgliche eisige Schauder; wieder zog er den Winterpaletot auf seinen Körper. Längere Zeit noch, mehrere Stunden lang, flackerte in seinem Kopfe von Zeit zu Zeit der Gedanke auf: ›Sofort, ohne zu zaudern, muß ich irgendwohin gehen und alles wegwerfen, damit nichts mehr davon zu sehen ist; schnell, ganz schnell!‹ Mehrere Male richtete er sich auf dem Sofa auf und versuchte aufzustehen; aber er hatte nicht mehr die Kraft dazu. Schließlich machte ihn ein starkes Klopfen an der Tür wach.

»Mach doch auf! Lebst du noch oder nicht? Immer schläft er und schläft!« schrie Nastasja und schlug mit der Faust gegen die Tür. »Den ganzen lieben, langen Tag schläft er wie ein Faultier. Und er ist auch ein Faultier. Mach auf, sag ich. Es geht schon auf elf!«

»Vielleicht ist er gar nicht zu Hause«, sagte eine Männerstimme.

›Ha, das ist die Stimme des Hausknechts … Was will denn der?‹

Er sprang auf und setzte sich auf dem Sofa aufrecht hin. Das Herz klopfte ihm so stark, daß es ihm weh tat.

»Wer hat denn den Riegel vorgelegt?« erwiderte Nastasja. »Nun sieh mal einer, er hat angefangen, die Tür zuzuriegeln! Es könnte ihn ja einer wegstehlen! Mach auf, Mensch du, und werde endlich wach!«

›Was wollen die? Warum ist der Hausknecht da? Gewiß ist alles entdeckt. Soll ich Widerstand leisten oder aufmachen? Mag das Unheil seinen Gang nehmen …‹

Er erhob sich ein wenig, beugte sich vornüber und nahm den Riegel ab.

Sein ganzes Zimmer war von so geringen Dimensionen, daß man den Riegel abnehmen konnte, ohne vom Bette aufzustehen.

Richtig: an der Tür standen der Hausknecht und Nastasja.

Nastasja betrachtete ihn mit eigentümlich forschenden Blicken. Er selbst blickte mit verzweifelter und zugleich herausfordernder Miene den Hausknecht an. Der hielt ihm, ohne ein Wort zu sagen, ein graues, zweimal zusammengefaltetes Stück Papier hin, das mit gewöhnlichem Flaschenlack versiegelt war.

»Eine Vorladung, aus dem Bureau«, bemerkte er, als er ihm das Papier übergab.

»Aus was für einem Bureau?«

»Zur Polizei sollen Sie kommen, aufs Polizeibureau. Natürlich aufs Polizeibureau!«

»Aufs Polizeibureau? … Warum?«

»Weiß ich’s? Sie werden vorgeladen, also gehen Sie nur hin!«

Er musterte ihn aufmerksam, sah sich um und machte kehrt, um wieder fortzugehen.

»Du bist wohl ganz krank geworden?« sagte Nastasja, ihn unverwandt ansehend. Auch der Hausknecht wendete für einen Augenblick den Kopf. »Er fiebert schon seit gestern«, fügte sie hinzu.

Raskolnikow entgegnete nichts und hielt das Schriftstück in der Hand, ohne es zu öffnen.

»Steh nur lieber nicht auf«, fuhr Nastasja fort; er tat ihr leid, als sie sah, daß er die Beine vom Sofa herunternahm. »Wenn du krank bist, so geh nicht hin. So eilig wird’s ja nicht sein. Was hast du denn da in der Hand?«

Er blickte hin: in der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen, den Strumpf und die Fetzen der herausgerissenen Tasche. So hatte er damit geschlafen. Als er später darüber nachsann, erinnerte er sich, daß er jedesmal, wenn er in der Fieberhitze halb wach geworden war, all diese Dinge von neuem fest in der Hand zusammengepreßt hatte und so wieder eingeschlafen war.

»Na, so was! Hat sich ein paar Lumpen zusammengesucht und schläft damit, wie wenn er einen Schatz hütete …«

Und Nastasja brach in ihr lautloses, krampfhaftes Gelächter aus.

Schleunigst schob er alles unter den Paletot und heftete einen starren, prüfenden Blick auf sie. Obwohl er zu vernünftigen Überlegungen in diesem Augenblicke nur sehr wenig fähig war, so sagte er sich doch, daß man mit einem Menschen, den man verhaften wolle, wohl anders verfahre. – ›Aber trotzdem …, die Polizei?‹

»Du solltest ein bißchen Tee trinken! Willst du welchen? Ich bringe dir welchen; es ist noch übrig …«

»Nein, … ich will hingehen, ich will gleich hingehen«, murmelte er und stellte sich auf die Füße.

»Du kommst ja wohl gar nicht die Treppe hinunter!«

»Ich will hingehen.«

»Na, wie du willst.«

Sie folgte dem vorangegangenen Hausknechte und ging weg. Sofort stürzte er ans Licht, um sich den Strumpf und die Fransen zu besehen. ›Flecken sind da, aber nicht sehr bemerkbar; es ist alles von Schmutz verdeckt, und die Farbe ist schon sehr matt geworden. Wer es nicht schon vorher weiß, sieht nichts. Nastasja hat gewiß von weitem nichts bemerken können; Gott sei Dank!‹ Dann erbrach er mit zitternder Hand die Vorladung und begann zu lesen. Er mußte lange lesen, bis er endlich den Sinn begriff. Es war eine gewöhnliche Vorladung aus dem Polizeirevier, er solle am heutigen Tage um halb zehn im Bureau des Revieraufsehers erscheinen.

›Das ist ja noch nie dagewesen! Ich habe doch mit der Polizei nichts zu schaffen! Und warum gerade heute?‹ fragte er sich in qualvoller Ungewißheit. ›O Gott, wenn es nur schnell zu Ende wäre!‹ Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber selbst, nicht über das Gebet, sondern über sich. Er zog sich eilig an. ›Wenn ich ins Unglück renne, mir ganz gleich! Ob ich den Strumpf anziehe?‹ überlegte er. ›Er wird dann im Staube noch schmutziger, und die Spuren verschwinden.‹ Aber kaum hatte er ihn angezogen, da riß er ihn auch schon wieder voll Ekel und Angst herunter. Nachdem er indessen überlegt hatte, daß er keinen anderen habe, zog er ihn doch wieder an – und lachte wieder auf. ›All solche Empfindungen sind rein konventionell, nur relativ, bloße Äußerlichkeiten‹, dachte er nur ganz flüchtig, wobei er aber am ganzen Leibe zitterte; ›nun habe ich ihn ja doch angezogen! Schließlich habe ich ihn ja doch angezogen!‹ Aber das Lachen ging sofort in Verzweiflung über ›Nein, das geht über meine Kraft …‹, dachte er. Die Beine zitterten ihm. ›Vor Angst‹, murmelte er vor sich hin. Der Kopf war ihm schwindlig und tat ihm weh von der Fieberhitze. ›Das ist eine List! Sie wollen mich durch diese List hinlocken und mich dann plötzlich überrumpeln‹, redete er zu sich weiter, als er auf die Treppe hinaustrat. ›Recht verdrießlich ist, daß ich fast im Fieber rede; wie leicht kann ich da irgendeine Dummheit sagen!‹

Auf der Treppe fiel ihm ein, daß er all die Wertsachen so mangelhaft verwahrt in der Höhlung hinter der Tapete zurückgelassen hatte. ›Und vielleicht benutzen sie gerade meine Abwesenheit zu einer Haussuchung‹, überlegte er und blieb stehen. Aber eine solche Verzweiflung, ja, man möchte sagen, eine solche herausfordernde Dreistigkeit seinem eigenen Verderben gegenüber hatte in seiner Seele Platz gegriffen, daß er mit der Hand eine Gebärde machte, als sei dies ja alles völlig gleichgültig, und weiterging.

›Nur schnell, so schnell wie möglich!‹

Auf der Straße herrschte wieder eine unerträgliche Hitze; diese ganzen Tage her war kein Tropfen Regen gefallen. Wieder Staub, Ziegel, Kalkdunst; wieder der üble Geruch aus den Kramläden und Kneipen, wieder auf Schritt und Tritt Betrunkene, finnische Hausierer und invalide Droschken. Die Sonne schien ihm blendend in die Augen, so daß ihm das Sehen Schmerz machte und der Kopf ihm ganz benommen war – die gewöhnliche Empfindung eines Fieberkranken, der plötzlich auf die Straße in den hellen Sonnenschein hinaustritt.

Als er an die Ecke kam, wo die »gestrige« Straße einmündete, warf er in qualvoller Unruhe einen Blick hinein, nach »jenem« Hause; … aber er wendete sofort die Augen wieder weg.

›Wenn sie mich danach fragen sollten, sage ich vielleicht einfach alles‹, dachte er, als er sich dem Polizeibureau näherte.

Das Bureau war von seiner Wohnung nur etwa fünf Minuten entfernt. Es hatte eben erst neue Räume bezogen, die im dritten Stock eines neuen Hauses lagen. In den alten Diensträumen war er einmal auf einen Augenblick gewesen; aber das war schon sehr lange her. Als er in den Torweg trat, sah er rechts eine Treppe, auf der ein ärmlich gekleideter Mann mit einem Büchelchen in der Hand herunterkam. ›Ein Hausknecht‹, sagte sich Raskolnikow, ›also ist hier das Polizeibureau.‹ Er ging aufs Geratewohl die Treppe hinauf. Sich bei jemand zu erkundigen, dazu hatte er keine Neigung.

›Ich werde hineingehen, mich auf die Knie werfen und alles erzählen‹, dachte er, als er zum dritten Stockwerk gelangte.

Die Treppe war schmal, steil und ganz mit Spülicht begossen. Alle Küchen aller Wohnungen in allen vier Geschossen gingen auf diese Treppe hinaus und standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine gräßliche Luft. Herauf und herunter kamen und gingen Polizisten, Hausknechte mit Büchern unter dem Arm und allerlei andre Leute beiderlei Geschlechts, die auf dem Bureau etwas zu erledigen hatten. Die Tür zu dem Bureau selbst stand gleichfalls sperrangelweit offen. Er ging hinein und blieb im Vorzimmer stehen, wo eine Menge einfacher Leute stand und wartete. Auch hier war eine furchtbar stickige Luft, und außerdem verbreitete der frische, noch nicht ordentlich trockene Anstrich der Zimmer mit unreinem Firnis einen Geruch, von dem einem übel werden konnte. Nachdem er ein Weilchen gewartet hatte, entschloß er sich, noch weiter, ins nächste Zimmer, zu gehen. Es waren lauter kleine, niedrige Räume. Eine schreckliche Ungeduld trieb ihn immer weiter. Niemand beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saßen, mit Schreiben beschäftigt, einige Schreiber, dem Äußeren nach eine sonderbare Gesellschaft, obwohl sie ein wenig besser gekleidet waren als er. Er wendete sich an einen von ihnen.

»Was willst du?«

Er zeigte die Vorladung, die ihm vom Bureau zugegangen war.

»Sie sind Student?« fragte der Schreiber nach einem Blick in die Vorladung.

»Ja, gewesener Student.«

Der Schreiber musterte ihn, jedoch ohne alle Neugier. Es war ein Mensch mit auffällig unordentlichem Haar und mit einem eigentümlich starren Blick.

›Von dem wird nichts zu erfahren sein; dem ist ja alles gleichgültig!‹ dachte Raskolnikow.

»Gehen Sie dorthin, zum Sekretär!« sagte der Schreiber und wies mit dem ausgestreckten Finger nach dem letzten Zimmer.

Er ging in dieses Zimmer hinein, das vierte in der Reihe; es war nur klein und gedrängt voll von Menschen; das Publikum war hier etwas besser gekleidet als in den andern Zimmern. Darunter befanden sich auch zwei Damen. Die eine, in ärmlicher Trauerkleidung, saß an einem Tische dem Sekretär gegenüber und schrieb etwas, was ihr dieser diktierte. Die andre Dame, eine sehr volle, stattliche Figur, im Gesichte purpurrot mit noch dunkleren Flecken, luxuriös gekleidet, am Halse eine Brosche in der Größe einer Untertasse, stand etwas abseits und wartete. Raskolnikow schob dem Sekretär seine Vorladung hin. Dieser sah sie flüchtig an und sagte: »Warten Sie ein wenig!« Dann fuhr er fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschäftigen.

Raskolnikow atmete nun freier und leichter. ›Es ist sicher etwas anderes!‹ Er faßte allmählich Mut; mit aller Macht ermahnte er sich selbst, Mut zu haben und nicht den Kopf zu verlieren.

›Irgendeine Dummheit, irgendeine noch so geringe Unvorsichtigkeit, und ich kann mich ganz und gar verraten!

Hm! … Schlimm, daß hier keine frische Luft ist‹, dachte er weiter. ›Eine schreckliche Atmosphäre … Der Kopf schwindelt mir noch mehr davon … und der Verstand auch …‹

Er fühlte, daß bei ihm Körper und Geist in arger Unordnung waren, und fürchtete, er werde sich nicht in der Gewalt haben. Er gab sich alle Mühe, sich mit seinen Gedanken an irgend etwas anzuklammern, an etwas ganz Nebensächliches zu denken; aber das wollte ihm schlechterdings nicht gelingen.

Doch den Sekretär betrachtete er sehr angelegentlich; gern hätte er aus seiner Miene Schlüsse gezogen, seine Absichten erraten. Es war ein noch sehr junger Mann von etwa zweiundzwanzig Jahren, mit einem gebräunten, lebhaften Gesichte, das ihn älter erscheinen ließ, als er wirklich war; gekleidet war er modisch und stutzerhaft; dazu war er sorgsam frisiert, mit Nackenscheitel, und pomadisiert; an den weißen Fingern mit den sauber gebürsteten Nägeln trug er eine Menge von Ringen, auf der Weste eine goldene Uhrkette. Mit einem anwesenden Ausländer sprach er sogar ein paar Worte Französisch, und zwar nicht schlecht.

»Setzen Sie sich doch, Luisa Iwanowna«, sagte er lässig zu der geputzten Dame mit dem roten Gesichte, die immer noch stand, als wage sie sich nicht hinzusetzen, obgleich ein Stuhl neben ihr stand.

»Ich danke«, sagte sie auf deutsch und ließ sich sachte mit leisem Seidengeknister auf dem Stuhle nieder. Ihr hellblaues, mit weißen Spitzen besetztes Kleid umgab den Stuhl wie ein Luftballon und nahm fast das halbe Zimmer ein. Eine Wolke von Parfümduft verbreitete sich. Aber die Dame genierte sich offenbar, weil sie so viel Platz einnahm und so stark duftete; sie lächelte zwar in einer zugleich ängstlichen und unverschämten Art; jedoch ihre Unruhe war unverkennbar.

Die Dame in Trauer war endlich fertig und stand auf. Da trat geräuschvoll, mit sehr forschem Wesen und jeden Schritt mit eigentümlichen Schulterdrehungen begleitend, ein Polizeioffizier ein, warf seine kokardengeschmückte Uniformmütze auf den Tisch und setzte sich in einen Lehnstuhl. Als die geputzte Dame ihn erblickte, sprang sie hurtig von ihrem Platze auf und machte ihm mit besonderer Liebenswürdigkeit eine Anzahl von Knicksen; aber der Polizeioffizier schenkte ihr nicht die geringste Beachtung, und sie getraute sich nun nicht mehr, in seiner Anwesenheit wieder Platz zu nehmen. Es war der Stellvertreter des Revieraufsehers; sein rötlicher Schnurrbart war horizontal nach beiden Seiten lang ausgezogen; sein auffällig kleines Gesicht drückte außer einer gewissen Frechheit nichts Besonderes aus. Er sah Raskolnikow von der Seite einigermaßen mißbilligend an: der Anzug dieses Menschen war doch gar zu schäbig, und sein Benehmen schien mit diesem armseligen Äußern nicht recht im Einklang zu stehen. Raskolnikow hatte nämlich die Unvorsichtigkeit begangen, ihn zu lange und zu scharf anzustarren, so daß der so Fixierte ordentlich ärgerlich wurde. »Was willst du?« schrie er; er mochte wohl erstaunt darüber sein, daß ein solcher Lumpenkerl überhaupt nicht daran dachte, unter seinen blitzenden Blicken in sich zusammenzukriechen.

»Ich bin hierher bestellt … durch Vorladung …«, antwortete Raskolnikow nachlässig.

»Die Vorladung ist in einer Schuldklage erfolgt«, warf der Sekretär eilig dazwischen, indem er von dem Schriftstücke, mit dem er beschäftigt war, aufblickte. »Er ist Student, und es soll von ihm Geld beigetrieben werden.« Er wandte sich an Raskolnikow: »Hier, lesen Sie das durch!« sagte er, indem er ihm in einem Aktenhefte eine Stelle zeigte und es ihm dann herüberwarf.

›Geld? Was für Geld?‹ dachte Raskolnikow. ›Also ist es jedenfalls nicht die andre Sache!‹ Er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm auf einmal unsagbar leicht ums Herz; er fühlte sich von einer schweren Last befreit.

»Und auf welche Stunde sind Sie vorgeladen, mein Herr?« schrie der Polizeileutnant, der ohne eigentlichen Grund immer mehr in seinen Ärger hineingeriet. »Sie sind auf neun Uhr herbestellt, und jetzt ist es schon weit nach elf Uhr!«

»Die Vorladung ist mir erst vor einer Viertelstunde gebracht worden«, entgegnete Raskolnikow laut und über die Achsel weg. Auch er fing nun an, ärgerlich zu werden, und fand sogar ein gewisses Vergnügen darin. »Es ist schon viel von mir, daß ich überhaupt gekommen bin; denn ich bin fieberkrank.«

»Schreien Sie nicht so!«

»Ich schreie nicht, ich rede ganz ruhig; aber Sie schreien mich an. Ich bin Student und lasse mich nicht so anschreien.«

Der Polizeileutnant wurde so wütend, daß er im ersten Augenblicke überhaupt kein Wort herausbringen konnte, sondern nur ein paar zischende Töne hervorsprudelte. Er sprang von seinem Platze auf.

»Schweigen Sie! Sie befinden sich hier in Amtsräumen! Ich verbitte mir Ihre Grobheiten, Herr!«

»Sie befinden sich doch auch in Amtsräumen«, rief Raskolnikow. »Aber trotzdem schreien Sie nicht nur, sondern Sie rauchen sogar eine Zigarette; eine Rücksichtslosigkeit gegen uns alle.«

Es war ihm ein wahrer Genuß, dem Polizeileutnant dies zu sagen.

Der Sekretär sah die beiden lächelnd an. Der hitzige Polizeileutnant war offenbar ganz verblüfft.

»Das geht Sie gar nichts an!« schrie er endlich überlaut. »Geben Sie lieber die Auskunft, die von Ihnen verlangt wird! Zeigen Sie ihm doch einmal die Sache, Alexander Grigorjewitsch! Es ist eine Klage gegen Sie eingegangen. Sie bezahlen Ihre Schulden nicht. Sie scheinen ja ein nobler Patron zu sein!«

Aber Raskolnikow hörte nicht mehr auf ihn, sondern griff begierig nach dem Schriftstück, um möglichst bald ins klare zu kommen. Er las es einmal, zweimal durch, ohne es zu verstehen.

»Was steht denn eigentlich darin?« fragte er den Sekretär.

»Man verlangt von Ihnen Zahlung auf Grund eines Schuldscheines. Sie müssen entweder den Betrag einschließlich aller Gebühren, Strafgelder usw. entrichten oder eine schriftliche Erklärung darüber abgeben, wann Sie voraussichtlich imstande sein werden zu zahlen, und sich zugleich verpflichten, vor Zahlung sich nicht aus der Stadt zu entfernen und von Ihrer Habe nichts zu verkaufen oder zu verbergen. Der Gläubiger aber ist bei Nichtzahlung berechtigt, Ihre Habe zu verkaufen und mit Ihnen nach Maßgabe der Gesetze zu verfahren.«

»Aber … aber ich bin niemandem etwas schuldig.«

»Das ist nicht unsre Sache. Uns ist hier ein verfallener und in gesetzlicher Form protestierter Schuldschein über einhundertundfünfzehn Rubel zur Beitreibung zugegangen, den Sie der verwitweten Frau Kollegienassessor Sarnizyna vor neun Monaten ausgestellt haben und der von der verwitweten Frau Sarnizyna durch Kauf an den Hofrat Tschebarow übergegangen ist; wir fordern Sie deshalb auf, sich darüber zu erklären.«

»Aber das ist ja meine Wirtin!«

»Nun, was tut das zur Sache, daß sie Ihre Wirtin ist?«

Der Sekretär sah ihn mit einem herablassenden Lächeln an, in welchem einerseits Mitleid und Bedauern, andrerseits aber auch ein gewisses Gefühl des Triumphes zum Ausdruck kam, wie über einen Neuling, der zum ersten Male in die Lehre genommen wird. ›Nun‹, sagte sein Lächeln, ›wie ist dir jetzt zumute?‹

Aber was machte Raskolnikow sich jetzt aus einem Schuldscheine und aus der Beitreibung einer Forderung! Um so etwas brauchte er sich jetzt nicht zu beunruhigen; das verdiente überhaupt keine Beachtung. Er stand da, las, hörte, antwortete, stellte sogar selbst Fragen, aber alles rein mechanisch. Das Gefühl des Triumphes darüber, daß er vor dem Untergange bewahrt blieb, die Freude über seine Rettung aus der Gefahr, die ihn bedroht hatte, das erfüllte in diesem Augenblicke sein ganzes Wesen. Alles andre hatte den Platz räumen müssen: die Vorausberechnung der Zukunft, die Zergliederung der eigenen Empfindungen, das Aufgeben und Lösen von Rätseln, die quälenden Zweifel und die immer aufs neue auftauchenden Fragen. Dies war ein Augenblick ganz unmittelbar wirkender, rein animalischer Freude. Aber in ebendiesem Augenblicke spielte sich im Bureau eine Art von Gewitter mit Blitz und Donner ab. Der Polizeileutnant, der über Raskolnikows respektloses Benehmen immer noch sehr erregt und aufgebracht war und offenbar seine erschütterte Autorität wieder zu festigen wünschte, schüttete seinen ganzen Grimm über die unglückliche geputzte Dame aus, die ihn seit seinem Eintritte unausgesetzt mit einem außerordentlich dummen Lächeln angeblickt hatte.

»Ach du, du Person du, na ja, du bist die Richtige!« schrie er plötzlich aus vollem Halse (die Dame in Trauer war bereits weggegangen). »Was ist da bei dir in der vorigen Nacht passiert? Die Schweinerei und Liederlichkeit war ja wieder mal auf der ganzen Straße zu hören! Wieder mal Prügelei und Besoffenheit! Du spekulierst wohl aufs Arbeitshaus? Ich habe es dir ja doch gesagt, zehnmal habe ich es dir ja schon angekündigt, daß ich dich beim elften Male nicht wieder durchlassen werde! Aber du – immer und immer wieder! Du abscheuliches Frauenzimmer, du nichtsnutzige Person du!«

Raskolnikow ließ erstaunt das Schriftstück aus den Händen fallen und blickte ganz entsetzt die geputzte Dame an, mit der so wenig Umstände gemacht wurden. Aber bald begriff er, worum es sich handelte, und sofort fing diese ganze Geschichte an, ihm viel Spaß zu machen. Er hörte mit Vergnügen zu, so daß er sogar Lust bekam zu lachen, einmal über das andre Mal zu lachen … Es kitzelte ihn an allen Nerven.

»Aber Ilja Petrowitsch!« begann der Sekretär in beschwichtigendem Tone, hielt dann aber inne, um den richtigen Augenblick abzuwarten; denn wenn der Polizeileutnant einmal in Wut geraten war, konnte man ihn nur zurückhalten, wenn man ihn fest an den Händen packte; das wußte der Sekretär aus eigener Erfahrung.

Was die geputzte Dame anlangt, so zitterte und bebte sie anfangs bei dem gewaltigen Unwetter, das über sie herniederging; aber merkwürdig! je zahlreicher und kräftiger die Schimpfwörter wurden, um so liebenswürdiger wurde ihre Miene, um so bezaubernder ihr Lächeln dem grimmigen Polizeileutnant gegenüber. Sie trippelte an derselben Stelle umher, knickste ohne Unterlaß und wartete ungeduldig darauf, daß ihr endlich erlaubt würde, selbst ein Wort dazwischen zu reden. Und dieser Zeitpunkt kam.

»Lärm und Schlägerei haben bei mir ganz und gar nicht stattgefunden, Herr Hauptmann«, schwadronierte sie auf einmal los, so daß es klang, als ob Erbsen ausgeschüttet würden. Sie sprach das Russische zwar mit stark deutschem Akzent, aber doch fließend. »Gar kein Skandal ist bei mir gewesen, aber auch gar keiner, und sie waren schon betrunken, als sie zu mir kamen, und ich will alles erzählen, wie es war, Herr Hauptmann, und ich habe gar keine Schuld … Mein Haus ist ein durchaus anständiges, Herr Hauptmann, und es herrscht ein anständiger Ton darin, Herr Hauptmann, und ich bin immer, immer bemüht gewesen, daß kein Skandal entstände. Sie kamen aber schon ganz betrunken an und ließen sich dann noch drei Flaschen geben, und dann hob einer die Beine in die Höhe und fing an, mit den Füßen Klavier zu spielen, und das ist doch ganz und gar nicht schön in einem anständigen Hause, und er hat das ganze Klavier entzwei gemacht, und das ist doch ganz und gar keine Manier, und das habe ich ihm auch gesagt. Aber er ergriff eine Flasche und fing an, alle von hinten mit der Flasche zu stoßen. Und da habe ich schnell den Hausknecht gerufen, und Karl kam, und da hat er Karl ins Auge geschlagen, und Henriette hat er auch ins Auge geschlagen, und mich hat er fünfmal auf die Backe geschlagen. Und das ist doch kein taktvolles Benehmen in einem anständigen Hause, Herr Hauptmann, und ich habe geschrien. Und er hat ein Fenster nach dem Kanal zu aufgemacht und hat aus dem Fenster hinaus wie ein kleines Schwein gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man nur aus dem Fenster nach der Straße zu wie ein kleines Schwein quieken! O pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn von hinten am Frack vom Fenster weggezogen, und da, das ist wahr, Herr Hauptmann, da hat er ihm seinen Frack zerrissen. Und da fing er an zu schreien, wir müßten ihm fünfzehn Rubel Schadenersatz bezahlen. Und ich habe ihm fünf Rubel für seinen Frack bezahlt, Herr Hauptmann. Und das war ein unfeiner Gast, Herr Hauptmann, und er hat den ganzen Skandal angerichtet! Und dann hat er gesagt: ›Ich werde über Sie eine große Satire drucken lassen; denn ich kann in allen Zeitungen alles mögliche über Sie veröffentlichen.‹«

»Also war es ein Schriftsteller?«

»Jawohl, Herr Hauptmann, und was ist das für ein unfeiner Gast, Herr Hauptmann, wenn er in einem anständigen Hause …«

»Na, na! Aber nun genug! Ich habe dir doch schon gesagt und immer wieder gesagt …«

»Ilja Petrowitsch!« sagte der Sekretär noch einmal bedeutsam.

Der Polizeileutnant warf ihm einen schnellen Blick zu; der Sekretär nickte leicht mit dem Kopfe.

»Also, hochverehrte Lawisa Iwanowna«, fuhr der Polizeileutnant fort, »das ist nun mein letztes Wort, und ich sage es dir zum letzten Male. Wenn bei dir in deinem anständigen Hause auch nur noch ein einziges Mal Skandal vorkommt, so soll dich der Teufel frikassieren, um mich eines gewählten Ausdrucks zu bedienen. Hast du’s gehört? Also ein Literat, ein Schriftsteller hat sich in einem ›anständigen Hause‹ fünf Rubel für einen Frackschoß bezahlen lassen? Ja, so sind sie, diese Schriftsteller!« Dabei warf er einen verächtlichen Blick auf Raskolnikow. »Vorgestern war in einem Restaurant auch so ein Vorfall: einer hat zu Mittag gegessen und will nicht bezahlen. ›Ich werde eine Satire über Sie schreiben‹, sagt der Mensch. Wieder ein andrer hat vorige Woche auf einem Dampfschiffe die ehrenwerte Familie eines Staatsrates, Frau und Tochter, mit den gemeinsten Schimpfworten belegt. Aus einer Konditorei wurde neulich einer mit Schlägen hinausgeworfen. Ja, solche Sorte ist das, diese Schriftsteller, Literaten, Studenten, Maulreißer, … pfui! Aber du, mach, daß du wegkommst. Ich werde mal selbst bei dir nachschauen, … dann nimm dich in acht! Hast du’s gehört?«

Luisa Iwanowna knickste eilig und liebenswürdig nach allen Seiten und zog sich knicksend zur Tür zurück; aber in der Tür stieß sie, rückwärts gehend, gegen einen stattlichen Polizeioffizier mit offenem, frischem Gesichte und prächtigem, dichtem, blondem Backenbarte. Es war der Revieraufseher Nikodim Fomitsch selbst. Luisa Iwanowna machte schnell einen ganz tiefen Knicks fast bis zur Erde; dann hüpfte und flatterte sie mit eiligen, kleinen Schritten aus dem Bureau hinaus.

»Na, haben Sie wieder mal Gepolter gemacht, Blitz und Donner, Wirbelwind und Orkan?« Mit diesen Worten wandte sich Nikodim Fomitsch liebenswürdig und freundschaftlich an Ilja Petrowitsch. »Haben die Leute Sie wieder geärgert? Sind Sie wieder mal hitzig geworden? Ich habe es schon auf der Treppe gehört.«

»Ach was!« erwiderte Ilja Petrowitsch vornehm lässig und ging mit ein paar Schriftstücken an einen andern Tisch hinüber; bei jedem Schritte zog er elegant die betreffende Schulter nach. »Da, sehen Sie nur: dieser Herr Schriftsteller, Student wollte ich sagen, d.h. gewesener Student, hat Schuldscheine ausgestellt, bezahlt aber nicht, räumt seine Wohnung nicht, fortwährend laufen Klagen gegen ihn ein – und dabei begehrte er auf, weil ich mir in seiner hohen Gegenwart eine Zigarette angesteckt hatte! Und er selbst läßt sich eine ganz gemeine Handlungsweise zuschulden kommen! Sehen Sie ihn nur an: da steht er in seiner ganzen verlockenden Pracht!«

»Armut ist keine Schande, liebster Freund! Aber ich weiß schon, wie’s zusammenhängt. Sie sind ja bekanntlich das reine Schießpulver und sind mal gleich wieder bei einem scharfen Worte aufgeflammt.« Hier wendete sich Nikodim Fomitsch in liebenswürdigstem Tone zu Raskolnikow: »Sie haben ihm wahrscheinlich etwas übelgenommen und sich dann selbst nicht beherrschen können. Aber zum Übelnehmen hatten Sie keinen Anlaß; denn ich kann Ihnen sagen, er ist der netteste, anständigste Mensch der Welt, aber freilich Schießpulver, das reine Schießpulver! Gleich gerät er in Wut, braust auf, wird hitzig – aber dann ist’s auch wieder zu Ende, alles wieder vorbei! Die Hauptsache aber bleibt doch immer sein goldenes Herz! Auch beim Regimente nannten sie ihn ›Leutnant Schießpulver‹ …«

»Und was war das für ein feines Regiment!« rief Ilja Petrowitsch, höchst befriedigt, daß man ihn so angenehm gekitzelt hatte, aber immer noch ein bißchen schmollend.

Es wandelte Raskolnikow die Lust an, ihnen allen etwas besonders Angenehmes zu sagen.

»Aber ich bitte Sie, Herr Hauptmann«, begann er, zu Nikodim Fomitsch gewendet, in sehr ungezwungenem Tone, »versetzen Sie sich einmal in meine Lage. Ich bin gern bereit, den Herrn um Entschuldigung zu bitten, wenn ich meinerseits einen Verstoß begangen haben sollte. Ich bin ein armer, kranker Student; die Armut drückt mich ganz zu Boden. Ich mußte die Universität verlassen, weil ich jetzt die Ausgaben nicht bestreiten kann; aber ich werde wieder Geld erhalten. Ich habe eine Mutter und eine Schwester im Gouvernement R…, diese werden mir Geld schicken, und ich werde bezahlen. Meine Wirtin ist eine brave Frau; aber weil ich meine Privatstunden verloren und ihr nun schon seit mehr als drei Monaten nichts bezahlt habe, ist sie so böse geworden, daß sie mir sogar kein Mittagessen mehr schickt. Und ich begreife gar nicht, was sie mit diesem Schuldschein will. Jetzt verlangt sie von mir Zahlung auf Grund dieses Schuldscheins; aber wie kann ich denn zahlen, sagen Sie selbst!«

»Aber das geht uns nichts an …«, warf der Sekretär wieder dazwischen.

»Gestatten Sie gütigst, gestatten Sie gütigst, ich bin ja darin ganz Ihrer Meinung, aber gestatten Sie mir gütigst, Ihnen darzulegen«, unterbrach ihn Raskolnikow wieder; er wendete sich aber dabei nicht an den Sekretär, sondern immer an Nikodim Fomitsch und bemühte sich, soviel er nur vermochte, seine Worte auch an Ilja Petrowitsch zu richten, obgleich sich dieser hartnäckig so stellte, als krame er in den Akten herum und beachte ihn in geringschätziger Weise gar nicht, »gestatten Sie auch mir gütigst, Ihnen meinerseits darzulegen, daß ich schon ungefähr drei Jahre bei ihr wohne, gleich von meiner Ankunft aus der Provinz an, und daß ich früher … früher … nun, warum soll ich es nicht eingestehen? Ich habe gleich am Anfange das Versprechen gegeben, ihre Tochter zu heiraten, ein mündliches, vollkommen freiwilliges Versprechen; … sie war ein junges Mädchen, … übrigens, sie gefiel mir sogar ganz gut, … wiewohl ich nicht eigentlich verliebt war, … mit einem Worte: die Jugend, die Jugend! Ich wollte also sagen, daß meine Wirtin mir damals viel Kredit gab und daß ich … nun ja, daß ich etwas leichtsinnig lebte…«

»Solche intimen Mitteilungen verlangen wir von Ihnen gar nicht, mein Herr, und wir haben auch keine Zeit, dergleichen anzuhören!« unterbrach ihn Ilja Petrowitsch grob und triumphierend; aber Raskolnikow in seinem Eifer ließ sich nicht hemmen, obwohl ihm jetzt auf einmal das Reden außerordentlich schwerfiel.

»Gestatten Sie mir bitte, Ihnen alles zu erzählen, … wie alles zusammenhing, und … der Reihe nach … Allerdings ist es eigentlich unnötig, das hier zu erzählen; darin bin ich ganz Ihrer Meinung … Aber vor einem Jahre starb dieses junge Mädchen am Typhus, und ich blieb wohnen, wie vorher, und als die Wirtin in ihre jetzige Wohnung zog, da sagte sie mir, und zwar freundschaftlich, sie schenke mir volles Vertrauen usw. …, aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein über einhundertundfünfzehn Rubel ausstellen wolle; so hoch berechnete sie meine Schuld. Bitte zu beachten: sie sagte ausdrücklich, wenn ich ihr einen solchen Schein ausstellte, so werde sie mir wieder so viel Kredit gewähren, wie ich nur irgend wünschte, und niemals, niemals – das waren ihre eigenen Worte – werde sie von diesem Papiere Gebrauch machen, bis ich von selbst zahlen würde … Und jetzt, wo ich meine Privatstunden verloren und nichts zu essen habe, beantragt sie die Beitreibung. Was soll man dazu sagen?«

»Alle diese gefühlvollen Einzelheiten berühren uns hier gar nicht, mein Herr!« Damit schnitt ihm Ilja Petrowitsch in brutalem Tone das Wort ab. »Sie müssen eine Erklärung abgeben und eine Verpflichtung übernehmen; ob Sie aber verliebt waren, und überhaupt all diese pathetischen Erörterungen, das geht uns gar nichts an.«

»Na, seien Sie nur nicht zu hart«, murmelte Nikodim Fomitsch, setzte sich an einen Tisch und begann Schriftstücke zu unterschreiben. Er schien sich wegen der Schroffheit des andern zu schämen.

»Nun, dann schreiben Sie!« sagte der Sekretär zu Raskolnikow.

»Was soll ich schreiben?« fragte dieser recht grob.

»Ich werde es Ihnen diktieren.«

Raskolnikow hatte den Eindruck, als ob jetzt, nach seiner Beichte, der Sekretär ihn nachlässiger und geringschätziger um sich hätte, er sich nicht zu ihnen aussprechen dürfte, nie, wie auch immer sich das weitere Leben gestalten mochte; er hatte bis zu diesem Augenblicke noch nie eine derartige seltsame und fürchterliche Empfindung durchgemacht. Und was das Qualvollste dabei war: es war mehr Empfindung als Bewußtsein oder Erkenntnis; es war eine ganz unmittelbare Empfindung, peinvoller als alle, die ihm das Leben bisher gebracht hatte.

Der Sekretär begann, ihm das Schema der in solchem Falle üblichen Erklärung folgenden Inhalts zu diktieren: Ich kann nicht zahlen; ich verspreche, es dann und dann zu tun; ich werde die Stadt nicht verlassen, meine Habe weder verkaufen noch verschenken usw.

»Aber Sie sind ja gar nicht imstande zu schreiben; die Feder fällt Ihnen ja aus der Hand«, bemerkte der Sekretär und blickte Raskolnikow verwundert an. »Sind Sie krank?«

»Ja, … mir ist schwindlig … Diktieren Sie weiter!«

»Es ist zu Ende. Unterschreiben Sie.«

Der Sekretär nahm das Schriftstück hin und beschäftigte sich wieder mit seinen andern Papieren.

Raskolnikow legte die Feder hin; aber statt aufzustehen und wegzugehen, setzte er beide Ellbogen auf den Tisch und preßte die Hände um seinen Kopf. Es war ihm, als würde ihm ein Nagel in den Scheitel geschlagen. Es kam ihm ein wunderlicher Einfall: sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch hinzutreten und ihm das ganze gestrige Ereignis zu erzählen, alles, bis auf die geringsten Einzelheiten, und ihn dann in sein Kämmerchen zu führen und ihm in der Ecke in der Höhlung die Wertsachen zu zeigen. Der Drang, dies zu tun, war so stark, daß er schon aufstand, um es auszuführen. ›Ob ich nicht gut täte, es wenigstens noch einen Augenblick zu überlegen?‹ ging es ihm durch den Kopf. ›Nein, ich tue es lieber ohne jedes Besinnen; dann bin ich die Last los.‹ Aber plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch redete eifrig zu Ilja Petrowitsch, und er hörte folgende Worte:

»Es geht nicht; sie müssen beide freigelassen werden. Erstens spricht alles gegen ihre Schuld; urteilen Sie selbst: Welchen Anlaß hatten sie, den Hausknecht zu holen, wenn sie die Tat begangen hatten? Um sich selbst zu denunzieren? Oder aus Schlauheit? Nein, das wäre nun doch schon überschlau! Und dann: den Studenten Pestrjakow haben die beiden Hausknechte und eine Bürgerfrau dicht am Torwege gesehen, gerade in dem Augenblicke, als er hineinging; er kam mit drei Freunden und trennte sich von ihnen unmittelbar beim Torwege, und dann erkundigte er sich bei den Hausknechten nach der Wohnung, während seine Freunde noch dabeistanden. Na, wie wird sich denn einer nach der Wohnung erkundigen, wenn er mit solcher Absicht kommt! Und Koch, der hat, bevor er zu der Alten ging, eine halbe Stunde unten bei dem Goldschmied gesessen und ist genau um dreiviertel acht von ihm zu der Alten hinaufgegangen. Nun halten Sie das einmal zusammen …«

»Aber erlauben Sie, wie erklärt sich denn der Widerspruch in ihren Angaben: sie sagen selbst, sie hätten geklopft, und die Tür sei von innen zugesperrt gewesen und als sie drei Minuten nachher mit dem Hausknecht hinaufkamen, stellte es sich heraus, daß die Tür offen war!«

»Das ist ja eben der Witz! Der Mörder saß jedenfalls drinnen und hatte den Riegel vorgelegt; und er wäre sicher dort abgefaßt worden, wenn Koch nicht die Dummheit begangen hätte, auch noch hinunterzugehen, um den Hausknecht zu holen. Und gerade diese Zwischenzeit hat der Mörder benutzt, um die Treppe hinunterzugehen, und er hat es auf irgendeine Weise fertiggebracht, an ihnen vorbeizuschlüpfen. Koch bekreuzigt sich mit beiden Händen und sagt: ›Wenn ich dageblieben wäre, dann wäre er herausgesprungen und hätte mich mit dem Beile totgeschlagen.‹ Er will ein Dankgebet für seine Rettung abhalten lassen, ha-ha-ha! …«

»Und den Morder hat niemand gesehen?«

»Wie soll man da einen sehen? Das Haus ist die reine Arche Noah«, bemerkte der Sekretär, der von seinem Platze aus zugehört hatte.

»Die Sache ist ganz klar, ganz klar!« rief Nikodim Fomitsch eifrig.

»Nein, die Sache ist sehr unklar!« entgegnete der hartnäckige Ilja Petrowitsch.

Raskolnikow ergriff seinen Hut und ging nach der Tür zu, aber er erreichte sie nicht …

Als er wieder zu sich kam, sah er, daß er auf einem Stuhle saß, daß ihn von rechts jemand stützte und auf der linken Seite ein andrer mit einem gelblichen Glase voll gelblichen Wassers stand und daß Nikodim Fomitsch vor ihm stand und ihn aufmerksam anblickte. Er stand vom Stuhle auf.

»Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie krank?« fragte Nikodim Fomitsch in ziemlich scharfem Tone.

»Schon als er vorhin nachschrieb, konnte er kaum die Feder halten«, bemerkte der Sekretär, indem er sich wieder an seinen Platz setzte und sich von neuem an seine Papiere machte.

»Sind Sie schon lange krank?« rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze aus, wo er nun gleichfalls in seinen Papieren kramte.

Auch er hatte natürlich den Kranken betrachtet, während dieser in Ohnmacht lag, war aber sofort wieder zurückgetreten, als er zu sich kam.

»Seit gestern«, murmelte Raskolnikow.

»Sind Sie gestern aus dem Hause gegangen?«

»Ja.«

»Krank?«

»Ja.«

»Zu welcher Zeit?«

»Zwischen sieben und acht Uhr abends.«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

»Auf die Straße.«

»Nun, Sie antworten ja sehr kurz und klar.«

Raskolnikow hatte seine Antworten in scharfem Tone hervorgestoßen; er war leichenblaß, schlug aber seine schwarzen, entzündeten Augen vor Ilja Petrowitschs Blick nicht nieder.

»Er kann sich kaum auf den Beinen halten, und Sie …« wollte Nikodim Fomitsch einwenden.

»Das tut nichts!« erwiderte Ilja Petrowitsch mit auffälliger Betonung.

Nikodim Fomitsch beabsichtigte, noch etwas hinzuzufügen; aber als er den Sekretär ansah, der gleichfalls seinen Blick unverwandt auf ihn richtete, schwieg er. Auf einmal schwiegen alle. Das machte einen seltsamen Eindruck.

»Nun gut«, schloß Ilja Petrowitsch. »Wir wollen Sie nicht länger aufhalten.«

Raskolnikow ging hinaus. Er konnte noch hören, wie nach seinem Fortgehen sofort ein lebhaftes Gespräch begann, aus welchem Nikodim Fomitschs fragende Stimme am lautesten heraustönte …. Sobald er auf der Straße war, kam er wieder völlig zu sich. ›Eine Haussuchung, eine Haussuchung; sie werden sofort eine Haussuchung vornehmen!‹ sprach er vor sich hin und beeilte sich, nach Hause zu kommen. ›Die Kanaillen haben Verdacht auf mich!‹ Wieder packte ihn die Angst und schüttelte ihn vom Kopf bis zu den Füßen.

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Kapitel 9

II

›Aber wenn nun die Haussuchung schon stattgefunden hat? Wenn ich sie gerade in meiner Kammer antreffe?‹

Indes, da war er ja schon in seiner Kammer. Nichts war vorgefallen; niemand war da; niemand hatte einen Blick hineingeworfen. Auch Nastasja hatte nichts angerührt. Aber, o Gott! Wie hatte er nur vorhin alle diese Wertsachen in dieser Höhlung liegen lassen können!

Er stürzte nach der Ecke hin, steckte die Hand unter die Tapete, holte die einzelnen Gegenstände heraus und stopfte sie sich in die Taschen. Es waren zusammen acht Stück: zwei kleine Schachteln mit Ohrgehängen oder etwas Ähnlichem (genau sah er es nicht an), ferner vier kleine Etuis aus Saffian. Ein Kettchen war einfach in Zeitungspapier gewickelt. Und dann noch etwas in Zeitungspapier, anscheinend ein Orden.

Er brachte alles in den verschiedenen Taschen unter, in den Paletottaschen und in der heil gebliebenen rechten Hosentasche, und achtete darauf, daß es nicht auffällig aussähe. Auch den Beutel nahm er, mit den Wertsachen zusammen, mit. Dann ging er aus dem Zimmer; diesmal ließ er die Tür absichtlich weit offen stehen.

Er ging schnellen, festen Schrittes, und obgleich er sich ganz erschöpft fühlte, so war doch sein Denken klar. Er fürchtete Verfolgung, fürchtete, daß vielleicht schon in einer halben, in einer Viertelstunde Befehl erteilt werden würde, ihn zu beobachten, also mußte er unter allen Umständen vorher noch alle Spuren vertilgen. Er mußte das erledigen, solange ihm noch ein Rest von Kraft und von Überlegung zur Verfügung stand … Wohin sollte er nun gehen?

Das stand bei ihm schon längst fest: ›Ich werfe alles in den Kanal; dann kräht kein Hahn mehr danach, und die Sache ist zu Ende.‹ Dazu hatte er sich bereits in der Nacht, als er im Fieber lag, entschlossen, in den Momenten, wo er (das war ihm erinnerlich) ein paarmal hatte aufspringen und weggehen wollen: ›Nur schnell, nur schnell, und alles wegwerfen!‹ Aber es zeigte sich jetzt, daß das Wegwerfen nicht so leicht war.

Er ging schon eine halbe Stunde, vielleicht auch länger, am Ufer des Katharinenkanals entlang und blickte prüfend nach den zum Kanal hinabführenden Treppen, an denen er vorbeikam. Aber an eine Ausführung seiner Absicht war gar nicht zu denken: entweder lagen unmittelbar am Fuße der Treppen Flöße, auf denen Waschfrauen ihre Wäsche wuschen, oder es hatten dort Kähne angelegt, und überall wimmelte es nur so von Menschen. Von den Ufern aus konnte man von überall, von allen Seiten, zu ihm hinsehen: wenn da ein Mensch ohne verständlichen Anlaß hinunterging, sich hinstellte und etwas ins Wasser warf, so mußte das ja Verdacht erwecken. Und wie, wenn die Etuis nicht untergingen, sondern obenauf schwammen? Und das hielt er für sehr wahrscheinlich. Dann sah es jeder. Ohnedies sahen ihn alle Begegnenden schon so an und betrachteten ihn, als ob sie sich um weiter nichts als um ihn zu kümmern hätten. ›Woher das nur kommt?‹ dachte er. ›Oder ob es mir nur so scheint?‹

Schließlich fiel ihm ein, ob es nicht das beste wäre, irgendwohin an die Newa zu gehen. Dort seien weniger Menschen, und man werde nicht so beobachtet, und es sei in jedem Falle bequemer und vor allen Dingen von dem Stadtteil, in dem er wohnte, weiter entfernt. Er wunderte sich, wie er eine halbe Stunde voll Angst und Unruhe in dieser gefährlichen Gegend hatte herumwandern können und ihm dieser Gedanke nicht früher gekommen war. Und nur deshalb hatte er schon eine halbe Stunde nutzlos vergeudet, weil er sich das nun einmal im Halbschlaf, in seinem Fieberzustande so zurechtgelegt hatte. Er war sehr zerstreut und vergeßlich geworden und war sich dessen bewußt! Eile war unbedingt nötig!

Er ging den Wosnessenskij-Prospekt entlang nach der Newa zu. Aber unterwegs stellte er doch noch wieder eine andre Überlegung an. ›Warum muß ich denn gerade nach der Newa gehen und es ins Wasser werfen? Ist es nicht besser, irgendwohin ganz weit wegzugehen, etwa nach den »Inseln«, und dort irgendwo an einer einsamen Stelle im Walde, unter einem Strauche oder Baume, alles zu vergraben und sich den Platz zu merken?‹ Und obwohl er fühlte, daß er in diesem Augenblicke nicht imstande war, alles klar und vernünftig zu erwägen, so erschien ihm dieser Gedanke doch als ein sehr glücklicher.

Aber auch nach den »Inseln« zu gelangen war ihm nicht beschieden, sondern es ereignete sich etwas anderes. Als er vom Wosnessenskij-Prospekt auf einen freien Platz heraustrat, sah er links den Eingang zu einem Hofe, der von ganz fensterlosen Mauern umgeben war. Rechts, gleich vom Tore an, zog sich die fensterlose, ungestrichene Seitenwand des vierstöckigen Nachbarhauses weit in den Hof hinein. Links, parallel mit der fensterlosen Hauswand und gleichfalls gleich vom Tore an, erstreckte sich ein Bretterzaun etwa zwanzig Schritte weit in den Hof und machte dann einen Knick nach links. Der Hof war ein nur durch dieses Tor zugänglicher umzäunter Raum, auf dem allerlei Baumaterialien lagerten. Weiter hinten im Hofe blickte hinter dem Zaune eine Ecke eines niedrigen, verräucherten, gemauerten Gebäudes hervor, wahrscheinlich einer Werkstatt. Es mochte hier wohl ein Wagenbauer oder ein Schlosser oder ein anderer derartiger Handwerker hausen; denn überall, fast vom Torweg an, war alles schwarz von Kohlenstaub. ›Hier könnte man es heimlich hinwerfen und dann davongehen!‹ dachte er plötzlich. Da er niemand auf dem Hofe bemerkte, schlüpfte er durch das Tor hindurch. Gleich dicht am Tore erblickte er eine an den Zaun angenagelte Rinne (wie sie oft in solchen Häusern angebracht werden, wo es viele Arbeiter, Gesellen, Kutscher usw. gibt), und über der Rinne war am Zaune der an solchen Orten überall zu findende Witz mit Kreide angeschrieben: »Hir ist es ferbohten stehen zu bleiben.« Auch das traf sich also gut: es konnte keinen Verdacht erregen, daß er hier hereingegangen und stehengeblieben war. ›Hier will ich schnell alles zusammen irgendwo hinwerfen und weggehen‹, sagte er sich.

Er blickte sich noch einmal um und steckte bereits die Hand in die Tasche, da bemerkte er an der Außenmauer, zwischen dem offenstehenden Torflügel und der Rinne, wo der Abstand nur etwa zwei Fuß betrug, einen großen, unbehauenen Stein, der wohl einen halben Zentner schwer sein mochte und sich unmittelbar gegen diese nach der Straße zu gelegene Mauer lehnte. Auf der andern Seite dieser Mauer war die Straße, das Trottoir; man konnte die Schritte der hier immer recht zahlreichen Passanten hören; aber hinter dem Tore konnte ihn niemand sehen, wenn nicht etwa jemand von der Straße hereinkam. Da dies sich indes sehr leicht ereignen konnte, mußte er sich beeilen.

Er bückte sich zu dem Steine nieder, faßte ihn mit beiden Händen fest am oberen Ende, nahm alle seine Kraft zusammen und kippte den Stein um. Unter dem Steine hatte sich eine kleine Vertiefung gebildet; schleunigst warf er den ganzen Inhalt seiner Taschen dort hinein. Der Beutel kam obenauf zu liegen; es blieb aber doch noch Platz in der Vertiefung. Dann packte er den Stein von neuem und kippte ihn mit einem Ruck wieder nach der Mauer zu, so daß er genau wieder auf seine frühere Stelle zu liegen kam, nur daß er ein klein wenig höher schien. Aber er scharrte Erde zusammen und trat sie an den Rändern des Steines mit dem Fuße fest. Es war nichts mehr zu bemerken.

Dann ging er hinaus und wandte sich dem Platze zu. Wieder bemächtigte sich seiner für einen Augenblick ein starkes, kaum zu ertragendes Gefühl der Freude, gerade wie vorher auf dem Polizeibureau. ›Nun ist alles beseitigt! Wem in aller Welt kann es in den Sinn kommen, unter diesem Steine nachzusuchen? Er liegt da vielleicht schon seit der Erbauung des Hauses und wird vielleicht noch ebensolange daliegen. Und selbst wenn es gefunden wird, wer kann auf mich verfallen? Alles ist erledigt. Es sind keine Beweise vorhanden.‹ Er lachte auf. Ja, er erinnerte sich später deutlich an dieses nervöse, unhörbar leise, lange Lachen, und daß er die ganze Zeit über gelacht hatte, während er über den Platz ging. Aber als er auf den K…-Boulevard gelangte, wo er vor zwei Tagen das junge Mädchen getroffen hatte, brach sein Lachen plötzlich ab. Andre Gedanken kamen ihm in den Sinn. Er hatte die Empfindung, daß es ihm jetzt gräßlich zuwider sein würde, an jener Bank vorbeizugehen, auf der er damals, nachdem das junge Mädchen weggegangen war, gesessen und nachgedacht hatte, und daß er sich auch sehr darüber ärgern würde, jenem schnurrbärtigen Schutzmann wieder zu begegnen, dem er damals die zwanzig Kopeken gegeben hatte. ›Hol ihn der Teufel!‹

Er ging und blickte zerstreut und verdrießlich um sich. Alle seine Gedanken drehten sich jetzt um den einen Hauptpunkt, und er fühlte selbst, daß dies der Hauptpunkt war und daß er jetzt, gerade jetzt, gleichsam Auge in Auge diesem Hauptpunkte gegenüberstand, und daß dies sogar das erstemal in diesen zwei Monaten war.

›Ach was, hol der Teufel die ganze Geschichte!‹ dachte er plötzlich in einem Anfalle maßloser Wut. ›Na, da es nun einmal angefangen hat, ist nichts weiter zu machen; hol der Teufel das neue Leben! O Gott! wie dumm das alles ist! Und wieviel habe ich heute schon gelogen, und wie unwürdig habe ich mich benommen! In wie gemeiner Weise habe ich vorhin vor diesem garstigen Ilja Petrowitsch geliebedienert und zu ihm freundlich getan! Übrigens ist auch das eine Dummheit, daß ich mich darüber ärgere. Ganz egal sollten sie mir alle sein, und ganz egal sollte es mir auch sein, daß ich geliebedienert und freundlich getan habe. Es handelt sich um anderes, um ganz anderes.‹

Plötzlich blieb er stehen; eine ganz unerwartet auftauchende, überaus einfache Frage versetzte ihn in Verwirrung und peinliches Staunen:

›Wenn du wirklich diese ganze Tat als denkender Mensch und nicht als Narr ausgeführt hast, wenn du wirklich ein bestimmtes, festes Ziel hattest, warum hast du denn dann bis jetzt nicht einmal in den Beutel hineingeblickt und weißt gar nicht, was dir in die Hände gefallen ist und weswegen du alle diese Qualen auf dich genommen und dich auf eine so gemeine, garstige, niedrige Tat mit vollem Bewußtsein eingelassen hast? Du wolltest ihn ja noch soeben ins Wasser werfen, diesen Beutel, mitsamt all den andern Sachen, die du auch noch nicht angesehen hattest. Wie geht denn das zu?‹

Ja, das war richtig, ganz richtig. Übrigens war er sich dieses Widerspruchs schon früher bewußt geworden, und diese Frage war für ihn keineswegs neu. Dieser Gedanke war ihm schon in der Nacht gekommen, als er sich ohne alles Schwanken und Widerstreben dafür entschieden hatte, sich der Sachen zu entäußern, wie wenn das so sein müßte und gar nicht anders sein könnte. Ja, er wußte das alles und erinnerte sich daran; ja, er hatte sich beinahe gestern schon dafür entschieden, in dem Augenblicke, wo er neben der Truhe saß und die Etuis hervorholte … Jawohl, so war es! …

›Das kommt alles nur daher, weil ich sehr krank bin‹, sagte er sich schließlich ingrimmig; ›ich habe mich selbst gepeinigt und gemartert und weiß gar nicht mehr, was ich tue. Auch gestern und vorgestern und diese ganze Zeit her habe ich mich gepeinigt … Ich werde wieder gesund werden, und dann werde ich mit dieser Selbstquälerei aufhören … Aber wenn ich nun gar nicht wieder gesund werde? O Gott, wie mir das alles zum Ekel geworden ist! …‹ Er ging weiter, ohne nur einmal stehenzubleiben. Er hätte sich sehr gern irgendeine Zerstreuung verschafft; aber er wußte nicht, was er zu diesem Zwecke tun und beginnen sollte. Eine neue, unbezwingbare Empfindung gewann in ihm mit jedem Augenblick immer mehr die Herrschaft: es war ein grenzenloser, beinahe physischer Ekel gegen alles, was ihm entgegentrat und ihn umgab, ein heftiger, mit Grimm und Haß gepaarter Ekel. Widerwärtig waren ihm alle Begegnenden, ihre Gesichter, ihr Gang, ihre Bewegungen. Hätte ihn jemand angeredet, er hätte ihn geradezu angespien, wohl gar gebissen.

Er blieb stehen, als er zu der Uferstraße an der Kleinen Newa, auf der Wassilij-Insel nahe bei der Brücke, gelangt war. ›Hier wohnt er ja, hier, in diesem Hause‹, dachte er. ›Wie kommt das, ich bin doch nicht mit Absicht zu Rasumichin gegangen! Wieder dieselbe Geschichte wie damals … Es wäre mir doch interessant, zu wissen: bin ich mit Absicht hergegangen, oder bin ich nur einfach so gegangen und hierher geraten? Aber das ist schließlich gleichgültig; ich habe mir vorgestern vorgenommen, am Tage nach der betreffenden Sache zu ihm hinzugehen. Nun gut, da gehe ich eben zu ihm hin! Warum sollte ich ihn jetzt nicht besuchen können?‹

Er stieg zu Rasumichin nach dem vierten Stockwerke hinauf.

Dieser war zu Hause, in seinem Kämmerchen, er hatte gerade eine Arbeit vor: er schrieb. Die Tür öffnete er ihm selbst. Seit etwa vier Monaten hatten sie einander nicht gesehen. Rasumichin trug einen völlig zerlumpten Schlafrock, hatte Pantoffeln an den bloßen Füßen und war ungekämmt, unrasiert und ungewaschen. Auf seinem Gesichte malte sich das lebhafteste Erstaunen.

»Was ist denn mit dir los?« rief er und betrachtete den eintretenden Kommilitonen vom Kopf bis zu den Füßen. Dann schwieg er und pfiff leise vor sich hin.

»Geht es dir wirklich schon so schlecht, Bruder? Du hast wahrhaftig sogar unsereinen übertrumpft«, fügte er mit einem Blick auf Raskolnikows Lumpen hinzu. »Aber setze dich, du wirst wohl müde sein.«

Als dieser sich auf das mit Wachstuch bezogene Schlafsofa fallenließ, das noch schlechter war als sein eigenes, merkte Rasumichin auf einmal, daß sein Gast krank war.

»Aber du bist ja ernstlich krank; weißt du das?«

Er wollte ihm den Puls fühlen, aber Raskolnikow riß ihm seine Hand weg.

»Wozu das?« sagte er. »Ich bin gekommen … der Grund ist der: ich habe keine Privatstunden … ich würde gern … übrigens, ich brauche gar keine Stunden …«

»Weißt du was? Du redest ja im Fieber!« bemerkte Rasumichin, der ihn aufmerksam beobachtete.

»Nein, ich rede nicht im Fieber …«

Raskolnikow stand vom Sofa auf. Als er zu Rasumichin hinaufgestiegen war, hatte er nicht daran gedacht, daß er ihm werde Auge in Auge gegenübertreten müssen. Erst jetzt beim Versuche wurde er sich sofort darüber klar, daß er in diesem Augenblicke schlechterdings nicht fähig sei, irgend jemandem in der ganzen Welt so gegenüberzutreten. Die Galle stieg ihm auf. Er erstickte fast vor Ärger über sich selbst, darüber, daß er überhaupt Rasumichins Schwelle überschritten hatte.

»Leb wohl!« sagte er ganz unvermittelt und ging zur Tür.

»Aber so warte doch, warte, du schnurriger Kerl!«

»Wozu?« antwortete dieser wie vorhin und riß wieder seine Hand los, die jener ergriffen hatte.

»Zum Kuckuck, warum bist du denn dann gekommen? Du bist wohl verrückt geworden, was? Das nehme ich dir aber übel. Ich lasse dich so nicht weg.«

»Nun, dann höre: ich bin zu dir gekommen, weil ich außer dir niemand kenne, der mir helfen könnte … einen neuen Anfang zu machen; denn du bist besser, ich meine klüger, als die andern alle und kannst beurteilen … Aber jetzt sehe ich, daß ich gar nichts nötig habe, hörst du, absolut nichts, niemandes Gefälligkeiten und niemandes Teilnahme. Ich kann selbst … ganz allein … Na, damit genug! Laßt mich alle in Ruhe!«

»So warte doch noch einen Augenblick, du Schornsteinfeger! Ganz verrückt ist der Mensch! Meinetwegen kannst du ja tun, was du willst. Siehst du, Stunden habe auch ich keine, und das ist mir auch ganz egal. Aber auf dem Trödelmarkt wohnt ein Buchhändler Cheruwimow, von dem kann man ebensogut leben wie von einer Privatstunde. Ich möchte ihn jetzt nicht für fünf fette Privatstunden in Kaufmannsfamilien hingeben. Der hat so einen kleinen Verlag und läßt naturwissenschaftliche Büchelchen erscheinen; die werden horrende gekauft. Schon allein die Titel dann möchte ich noch bemerken: betrachte das nicht als eine Art Gefälligkeit von meiner Seite. Im Gegenteil, gleich als du eintratest, spekulierte ich darauf, daß du mir hierin von Nutzen sein könntest. Erstens bin ich in der Orthographie schlecht beschlagen, und zweitens bin ich im Deutschen sehr schwach, so daß ich das meiste selbst erfinde und mich nur damit tröste, daß das Buch dadurch eher besser als schlechter wird. Na freilich, wer weiß, vielleicht wird es dadurch auch nicht besser, sondern schlechter. Willst du meinen Vorschlag akzeptieren?«

Raskolnikow nahm schweigend den deutschen Druckbogen hin, desgleichen auch die drei Rubel, und ging, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Erstaunt sah ihm Rasumichin nach. Aber als Raskolnikow schon bis auf die Straße gekommen war, kehrte er plötzlich um, stieg wieder die Treppen zu Rasumichin hinauf, legte den Druckbogen und die drei Rubel auf den Tisch und entfernte sich wieder, ohne ein Wort zu sprechen.

»Hast du denn das Delirium?« schrie Rasumichin, der nun schließlich doch wütend wurde. »Warum führst du hier so eine Komödie auf? Hast mich ordentlich wütend gemacht … Warum bist du denn dann eigentlich hergekommen, Mensch?«

»Ich brauche keine Übersetzungen«, murmelte Raskolnikow, während er schon die Treppe hinabstieg.

»Zum Kuckuck, was brauchst du denn?« rief Rasumichin von oben.

Jener stieg schweigend weiter hinunter.

»Hör mal, du, wo wohnst du denn?«

Es erfolgte keine Antwort.

»Na, dann hol dich der Teufel!«

Aber Raskolnikow war schon auf der Straße. Auf der Nikolaus-Brücke gab es einen für ihn sehr unangenehmen Vorfall, der ihn wieder völlig zur Besinnung brachte. Der Kutscher einer Equipage verabreichte ihm einen gehörigen Schlag mit der Peitsche über den Rücken, weil er beinahe unter die Pferde geraten wäre, obwohl der Kutscher ihn drei- oder viermal angerufen hatte. Dieser Peitschenhieb versetzte ihn in eine solche Wut, daß er nach der Seite bis an das Geländer sprang (es war unverständlich, warum er ganz in der Mitte der Brücke gegangen war, auf dem für Wagen und nicht für Fußgänger bestimmten Raume) und ingrimmig mit den Zähnen knirschte. Die Passanten ringsherum lachten natürlich.

»Das war ihm ganz recht!«

»Gewiß eine abgefeimte Kanaille!«

»Natürlich, stellt sich betrunken, richtet es absichtlich so ein, daß er unter die Räder kommt, und unsereiner muß dann dafür aufkommen.«

»Das ist denen ihr Gewerbe, mein Lieber, das ist denen ihr Gewerbe.«

Aber in dem Augenblicke, als er am Geländer stand, sich den Rücken rieb und immer noch in sinnloser Wut der davonrollenden Equipage nachschaute, fühlte er auf einmal, daß ihm jemand Geld in die Hand drückte. Er blickte auf: es war eine schon ältere Kaufmannsfrau mit einem Kopftuche und ziegenledernen Schuhen, und neben ihr stand ein junges Mädchen mit einem Hute und einem grünen Sonnenschirm, wahrscheinlich die Tochter. »Nimm, Väterchen, um Christi willen.« Er nahm das Geld, und sie gingen weiter. Es war ein Zwanzigkopekenstück. Nach seinem Anzuge und seiner ganzen äußern Erscheinung hatten sie ihn wohl für einen richtigen Straßenbettler halten können, und daß sie ihm ein ganzes Zwanzigkopekenstück gegeben hatten, das hatte er jedenfalls dem Peitschenhiebe zu verdanken, der ihr Mitleid wachgerufen hatte.

Das Geldstück fest in der Hand haltend, ging er etwa zehn Schritt weiter und wandte sich mit dem Gesichte nach der Newa hin, in der Richtung nach dem Palaste. Am Himmel war auch nicht das kleinste Wölkchen zu sehen, und das Wasser hatte eine fast blaue Farbe, was bei der kaum absehbaren Tiefe, lagen jetzt für ihn sein ganzes früheres Leben und seine früheren Interessen, Aufgaben, Probleme und Eindrücke und dieses ganze Panorama und er selbst und alles, alles … Es schien ihm, als fliege er aufwärts in eine ungewisse Ferne und als entschwinde alles seinen Augen. Bei einer unwillkürlichen Bewegung mit der Hand fühlte er plötzlich in seiner Faust das Zwanzigkopekenstück, das er krampfhaft festhielt. Er öffnete die Hand, starrte die Münze an, holte aus und schleuderte sie ins Wasser; dann wandte er sich um und ging nach Hause. Es war ihm, als hätte er in diesem Augenblicke wie mit einer Schere sich selbst von allen und von allem losgeschnitten.

Als er nach Hause kam, war es schon Abend; er mußte also im ganzen gegen sechs Stunden umhergewandert sein. Auf welchem Wege und wie er heimgegangen war, dafür hatte er keine Erinnerung. Er zog die Kleider aus und legte sich, am ganzen Leibe zitternd wie ein abgehetztes Pferd, auf das Sofa, deckte sich mit seinem Mantel zu und versank sofort in Bewußtlosigkeit.

Tief in der Nacht kam er von einem fürchterlichen Geschrei wieder zu sich. O Gott, was war das für ein Geschrei! Solche unnatürlichen Töne, ein solches Geheul, Gewinsel, Zähneknirschen, solche Tränen, Schläge und Schimpfwörter hatte er noch nie gehört und gesehen. Eine solche Bestialität und Raserei hatte er überhaupt nie für menschenmöglich gehalten. Erschreckt richtete er sich auf und setzte sich in seinem Bette; das Herz drohte ihm jeden Augenblick vor Qual auszusetzen. Das Prügeln, Wimmern und Schimpfen wurde immer ärger. Da unterschied er auf einmal zu seinem höchsten Erstaunen die Stimme seiner Wirtin. Sie heulte, winselte und jammerte, wobei sie die Worte so eilig und hastig hervorstieß, daß sie nicht zu verstehen waren; sie flehte um etwas, doch wohl, daß man aufhören möchte, sie zu schlagen; denn sie wurde ganz unbarmherzig auf der Treppe geprügelt. Die Stimme des Schlagenden Ausrufe, sie stritten sich, riefen einander zu; bald steigerten sie ihre Wechselrede bis zum Geschrei, bald ließen sie sie zum Geflüster herabsinken. Es mußten wohl sehr viele Leute dagewesen sein; gewiß war beinahe das ganze Haus zusammengelaufen. ›Aber mein Gott, ist denn das alles möglich? Und warum, warum war er hierhergekommen?‹

Raskolnikow fiel kraftlos auf das Sofa zurück; aber er konnte die Augen nicht mehr schließen; etwa eine halbe Stunde lang lag er so da, in einem so qualvollen Zustande und in einem so unerträglichen Gefühle grenzenloser Angst, wie er das noch niemals durchgemacht hatte. Auf einmal erhellte ein greller Lichtschein sein Zimmer: Nastasja kam mit einem Lichte und mit einem Teller Suppe herein. Sie blickte ihn aufmerksam an, und als sie sah, daß er nicht schlief, stellte sie das Licht auf den Tisch und ordnete daneben, was sie mitgebracht hatte: Brot, Salz, einen Teller und einen Löffel.

»Du hast gewiß seit gestern nichts gegessen. Treibst dich den ganzen Tag herum, wo du doch Fieber hast!«

»Nastasja, warum hat die Wirtin Schläge bekommen?«

Sie sah ihn mit einem prüfenden Blicke an.

»Wer hat denn die Wirtin geschlagen?«

»Jetzt eben, … vor einer halben Stunde, hat es Ilja Petrowitsch getan, der Stellvertreter des Revieraufsehers, auf der Treppe … Warum hat er sie so geschlagen, und warum ist er überhaupt hergekommen?«

Nastasja betrachtete ihn schweigend und mit gerunzelter Stirn; so sah sie ihn lange an. Ihm wurde ihr forschender Blick unangenehm, ja geradezu beängstigend.

»Nastasja, warum antwortest du nicht?« fragte er zuletzt schüchtern und mit schwacher Stimme.

»Das kommt vom Blute«, erwiderte sie endlich leise, wie wenn sie zu sich selbst spräche.

»Blut? … Was für Blut?« murmelte er. Er wurde ganz blaß und rückte an die Wand.

Nastasja blickte ihn immer noch schweigend an.

»Niemand hat die Wirtin geschlagen«, antwortete sie dann in scharfem, entschiedenem Tone.

Er sah sie an und konnte kaum Atem holen.

»Ich habe es doch mit eigenen Ohren gehört, … ich habe nicht geschlafen, … ich habe aufrecht gesessen«, entgegnete er noch schüchterner. »Ich habe es lange mit angehört. Der Stellvertreter des Revieraufsehers war gekommen. Es war ein großer Auflauf auf der Treppe, die Leute aus allen Wohnungen …«

»Kein Mensch ist hergekommen. Das ist das Blut, das in dir herumtobt. Wenn das keinen Ausweg hat und zu Klumpen gerinnt, davon kommt dann solch unsinniges Gerede … Willst du nicht etwas essen?«

Er antwortete nicht. Nastasja stand noch immer neben ihm, blickte ihn unverwandt an und ging nicht weg.

»Gib mir zu trinken, liebe Nastasjuschka!«

Sie ging nach unten und kam nach zwei Minuten mit Wasser in einem weißen Tonkruge zurück; aber was weiter vorging, daran konnte er sich später nicht mehr erinnern. Er erinnerte sich nur, wie er einen Schluck kaltes Wasser aus dem Kruge geschlürft und sich dabei die Brust begossen hatte. Dann hatte er die Besinnung verloren.

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Nachwort

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Dostojewskijs Roman »Raskolnikow« ist ein Werk, das an aufwühlender und erschütternder Kraft kaum seinesgleichen kennt. Es bildet einen der Gipfel der Weltliteratur, einen jener Gipfel, von denen sich weite Übersicht in viele Bereiche menschlich-gesellschaftlicher Erscheinungen eröffnet. Niemals zuvor wurde mit einer solchen Wucht wie in diesem Roman die Abgründigkeit, Tragik und der Wahnsinn eines Verbrechens beschrieben. Erst seit Dostojewskij gibt es diese Verbindung packender Kriminalistik und eindringender psychologischer Betrachtung, dieses erbarmungslose Hineinleuchten in das düstere Doppeldasein eines Mörders, dieses Ergründen auch der letzten Ursachen und Motive der Bluttat, diese Beschreibung des ganzen Infernos von Gewissensqualen. Thomas Mann nannte den »Raskolnikow« den »größten Kriminalroman aller Zeiten«.

Dostojewskij hat das Werk 1866 in der Moskauer Zeitschrift »Russkij Westnik« veröffentlicht. Sieben Jahre vorher war er aus der politischen Verbannung zurückgekehrt. Seine Anschauungen hatten sich gegenüber der Frühperiode seines Schaffens, als er mit der russischen Befreiungsbewegung sympathisierte, gewandelt. Erschüttert durch die furchtbaren Eindrücke im Zuchthaus und deprimiert durch die schleichende Nervenkrankheit, die sich zusehends verschlimmerte, neigte er zu Zweifeln und Pessimismus. Die freiheitlichen und sozialistischen Bestrebungen der russischen revolutionären Demokraten fanden bei ihm kein Verständnis und keine Unterstützung mehr. Er glaubte nicht, daß Rußland durch den Sturz der Leibeigenschaftsordnung und des Zarismus einer besseren Zukunft entgegengeführt werden könnte. Seine publizistische Polemik gegen die Demokraten war scharf und bitter. Sie entsprang der Vorstellung, daß Kraft und Zukunft des Landes in der demütigen Ruhe und gottergebenen Gelassenheit des einfachen russischen Menschen lägen, einer Vorstellung, die in diesen Jahrzehnten, als Tausende und aber Tausende russischer Bauern revoltierten und Friedrich Engels das russische Volk als »instinktiven Revolutionär« bezeichnen konnte, durchaus fehl am Platze war.

Dostojewskijs politische Anschauungen begannen den Charakter jenes militanten Slawophilentums anzunehmen, das seine spätere Schaffensperiode kennzeichnet. Er verneinte die aufklärerische Vernunft, lehnte den Kampf für sozialen Fortschritt ab und idealisierte die Lehren der orthodoxen Kirche.

Aber weder das reaktionäre politische Programm Dostojewskijs noch die seit dieser Zeit in seine künstlerischen Werke hineingetragene Polemik gegen Demokraten und Sozialisten bilden den ideellen Kern des grandiosen Romans. Dessen überzeugende Kraft stammt vielmehr aus der unversiegbaren Tiefe eines echten humanen Gefühls, der Sympathie für die Erniedrigten und Beleidigten und der schonungslosen Aufdeckung gesellschaftlicher Krebsschäden.

Dostojewskij gehörte zu den Künstlern, denen die Wirklichkeit ihrer Zeit rätselvoll und problematisch erschien. »Man sagt immer«, schrieb er in sein Tagebuch, »die Wirklichkeit sei langweilig, eintönig: um sich zu unterhalten, müsse man Zuflucht nehmen zur Kunst, zur Phantasie, Bücher lesen. Mir geht es umgekehrt: was gibt es Phantastischeres, Überraschenderes als die Wirklichkeit? Ist sie nicht manchmal am allerunwahrscheinlichsten?«

Das Leben in Rußland bot damals eine Fülle »allerunwahrscheinlichster« Probleme. Der Siegeszug des Kapitalismus bei gleichzeitig nur langsam fortschreitendem Zerfall des Leibeigenschaftssystems und weitgehender Aufrechterhaltung der verknöcherten absolutistischen Herrschaftsformen, machte alle Widersprüche verworrener, steigerte die Not der unteren Volksschichten ins Ungemessene und löste gesellschaftliche Erschütterungen aus, die zeitweise den Bestand der alten Ordnung in Frage stellten. Dostojewskij mußten die mit diesem Geschehen auftretenden Erscheinungen chaotisch, ungeheuerlich und in ihrer Entwicklungstendenz zunächst unfaßbar vorkommen. Aber er schreckte als Künstler nicht vor ihnen zurück. »Wenn in diesem Chaos, in dem sich das gesellschaftliche Leben schon lange und jetzt vor allem befindet«, schrieb er später, »es vielleicht selbst einem Künstler vom Range Shakespeares noch nicht möglich ist, das normale Gesetz und den leitenden Faden zu finden, wird dann nicht wenigstens irgend jemand einen Teil dieses Chaos aufhellen, auch wenn er nicht an den leitenden Faden denkt?«

Die Handlung des Romans »Raskolnikow« spielt während dieser Periode kapitalistischer Frühentwicklung in Petersburg, einer Stadt, die damals allmählich das Gesicht einer modernen kapitalistischen Metropole bekam. Mit der Entwicklung des Geschäftslebens, des Unternehmertums, des privatkapitalistischen Besitzes kamen auch alle anderen Begleiterscheinungen der Kapitalisierung nach Petersburg: der brutale Kampf um den Platz an der Sonne, die völlige Verarmung derer, die in diesem Kampf unterlagen, die Schutzlosigkeit der Besitzlosen, die moralische Degeneration, die Verbreitung von Trunksucht, Prostitution, Verbrechen. Nur in dieser hektischen Atmosphäre konnte ein Verbrechen wie das Raskolnikows ausgebrütet werden.

Dostojewskij verstand nicht, daß die kapitalistische Periode auch für Rußland unvermeidlich war, aber er ahnte, was seinem Lande, in dem viele Erscheinungen der bürgerlichen Ordnung schon offen zutage lagen, drohte. Vier Jahre, bevor er den »Raskolnikow« veröffentlichte, hatte er London, die damalige Hochburg der Bourgeoisie in Europa, gesehen und in einem ergreifenden Kapitel der »Winterlichen Erinnerungen an Sommereindrücke« seine Impressionen beschrieben. Dort liest man: »Wer London besucht, wird mindestens einmal eine Nacht zum Haymarket gehen. Es ist das Stadtviertel, in dem sich nachts in einigen Straßen Tausende von Prostituierten drängen … Am Haymarket bemerkte ich Mütter, die ihre minderjährigen Töchter zu diesem Gewerbe hinführten. Kleine Mädchen von etwa zwölf Jahren fassen den Passanten bei der Hand und bitten ihn mitzukommen. Ich entsinne mich, daß ich einmal auf der Straße in einem Haufen Volk ein Mädchen sah, nicht älter als sechs Jahre, ganz in Lumpen, schmutzig, barfuß, abgemagert und zerschunden: der durch die Lumpen hindurchblickende Körper war übersät mit blauen Flecken. Sie ging ziellos hin und her, als wäre sie nicht bei Bewußtsein; weiß Gott, warum sie sich in dieser Menge herumtrieb; vielleicht hatte sie Hunger. Niemand beachtete sie. Am meisten jedoch berührte mich, daß sie mit einem Ausdruck von solchem Gram, solcher ausweglosen Verzweiflung im Gesicht umherging, daß es sogar unnatürlich und schrecklich schmerzhaft war, dieses kleine Geschöpf anzusehen, das schon so viel Fluch und Verzweiflung ertragen hatte.«

Sicher hat Dostojewskij diese Eindrücke mit vor Augen gehabt, als er im »Raskolnikow« das Schicksal der Armen von Petersburg beschrieb, das Los Sonjas vor allem: den Opfergang und das Martyrium jener Frauen, die noch halbe Kinder waren und schon keine andere Wahl mehr hatten, als sich auf der Straße zu verkaufen.

Das makabre Treiben in den Londoner Elendsvierteln hatte Dostojewskij mit den Worten charakterisiert: »Die vom Festmahl der Menschheit verjagten Millionen drängen und stoßen einander in der unterirdischen Finsternis, in die sie durch ihre höhergestellten Brüder gestürzt sind; tastend pochen sie an irgendwelche Tore, einen Ausweg suchend, um nicht im finsteren Keller zu ersticken.« Man könnte die gleichen Worte dem Roman »Raskolnikow« voranstellen, in dem das Thema der sozialen Ausweglosigkeit die ganze Handlung beherrscht.

Hier, im Elend und in der Hoffnungslosigkeit, liegt der Ansatzpunkt zu Raskolnikows Verbrechen. Hier beginnt sein Plan sich zu kristallisieren. Er will es nicht wahrhaben, daß die Sonjas den Swidrigailows ausgeliefert sind, daß seine eigene Schwester Dunja um seinetwillen einen ähnlichen Leidensweg an der Seite des seelenlosen und niederträchtigen Karrieristen Lushin gehen soll: »Sonjetschka, Sonjetschka Marmeladowa, die ewige Sonjetschka, solange die Welt steht! Habt ihr beide aber auch die Größe dieses Opfers in vollem Umfange ermessen?« Er will nicht wahrhaben, daß Katerina Iwanowna, die Mutter von mehreren kleinen Kindern, schließlich doch am Hunger physisch zugrunde gehen muß. Er will den Tod des ewig betrunkenen Marmeladow nicht wahrhaben und nicht den Selbstmord jener unbekannten Frau, die sich vor seinen Augen in die Newa stürzt.

Angesichts der ihn von allen Seiten umgebenden Ausweglosigkeit und Verzweiflung dämmert der furchtbare Plan herauf. Selbst schon an den Rand des Abgrunds gedrängt und vom Verderben gezeichnet, versucht Raskolnikow dem mörderischen Gesellschaftszustand die Stirn zu bieten. Das »Experiment«, das Dostojewskij mit seinem Helden anstellt, geht um die Frage, ob nicht eine andere, bessere Lösung möglich sei als Leiden und Unterwerfung. Aber das Experiment muß scheitern, da Raskolnikows Verbrechen ein einsamer Protest ist, der wahnwitzige Versuch, durch gewaltsames Durchbrechen aller moralischen und gesetzlichen Schranken mit einem Sprung von der untersten Stufe der Gesellschaft auf die höchste zu gelangen. Die gesellschaftlichen Mißverhältnisse selbst werden durch seine Untat ebensowenig angetastet wie das aus diesen Verhältnissen geborene Prinzip, sich mit allen Mitteln auf die Sonnenseite des Lebens durchzukämpfen.

In den »Winterlichen Bemerkungen über Sommereindrücke« findet sich folgende Formulierung Dostojewskijs über die bürgerliche Freiheit: »Was heißt liberté? Freiheit. Was für eine Freiheit? Die gleiche Freiheit für alle, in den Grenzen der Gesetze alles Beliebige zu tun. Wie kann man alles Beliebige tun? Wenn man eine Million besitzt. Wann besitzt man eine Million? Gibt die Freiheit jedem eine Million? Nein. Was ist ein Mensch ohne eine Million? Ein Mensch ohne eine Million ist nicht der, der alles Beliebige tut, sondern mit dem alles Beliebige getan wird.«

Mit diesem scharfsinnigen Aphorismus umschreibt Dostojewskij auch den Bereich, in dem für den Individualisten Raskolnikow eine Lösung möglich scheint: Geld! reich werden, koste es, was es wolle, so lautet die idée fixe, die sich in Raskolnikows Kopf festgesetzt hat. Eine ganze Philosophie hat er sich in schlaflosen Nächten zurechtgelegt, eine Theorie, wie sie ähnlich später Nietzsche vertreten hat: von der Einteilung der Menschen in Herrscher und Beherrschte, von denen die ersteren Freiheit zu allen, auch den ungesetzlichsten Handlungen hätten, während den letzteren ein ewiges Sklavendasein beschieden sei.

Es ist gelegentlich behauptet worden, Dostojewskij habe mit den Betrachtungen Raskolnikows direkt den antihumanen Theorien Nietzsches vorgearbeitet. Aber hier gibt es einen entscheidenden Unterschied: Dostojewski steht keineswegs auf der Seite seines Helden; er verurteilt das in diesem verkörperte individualistische Prinzip. Der Roman beweist es deutlich genug. Raskolnikow, der davon träumt, ein Übermensch, ein Riese, ein Napoleon zu werden, hat sich einer Selbsttäuschung hingegeben. Das begangene Verbrechen erweist sich als gänzlich nutzlos; es gibt nicht einmal das Gefühl der Macht, sondern umgekehrt nur ein immer stärker werdendes Gefühl der Machtlosigkeit und Schwäche. Der „Übermensch“ Raskolnikow dreht sich jämmerlich im Kreise, Opfer seiner eigenen Fiktion.

Und überhaupt nur vorübergehend gestattet Dostojewskij seinem Helden, aus dem Bereich des Humanen auszubrechen, nur vorübergehend versetzt er ihn in die fatale Grenzsituation: Er muß zurück, mag er sich noch so sehr dagegen auflehnen. Am Ende stürzt das ganze Kartenhaus antihumaner Sophistik in sich zusammen.

Nicht verfochten also, sondern angegriffen und verurteilt hat Dostojewskij den bürgerlich-individualistischen Protest gegen das Elend der bürgerlichen Gesellschaft. Der Dichter läßt Raskolnikow einen Ausweg aus den Gewissensqualen finden, indem dieser das Geständnis ablegt und sich wie Sonja demütig in sein Schicksal ergibt. Der Abtrünnige – so lautet übrigens die wörtliche Übersetzung von „raskolnik“ – kehrt zurück, indem er nicht nur die Sühne des Verbrechens, sondern fortan auch alles Leiden und alle Not freiwillig auf sich nimmt.

Eine tiefere, echtere Lösung des Humanitätsproblems als die des Verzichts auf jeglichen Machtanspruch, selbst auf den Machtanspruch des Guten, hat Dostojewskij nicht gefunden. Er sah nur zwei Möglichkeiten menschlichen Verhaltens: entweder Stolz, Empörung und damit maßlose Entfremdung vom Menschlichen oder christliche Demut, Liebe und bedingungslose Unterwerfung. Die Grundfrage, die der Roman objektiv mit aufwirft: Wie soll man die Gesellschaftsordnung, die einen Raskolnikow zum Raubmord und eine Sonja zur Prostitution treibt, umgestalten und vermenschlichen, bleibt hier unbeantwortet.

Aber auf die von Dostojewskij angegebene Lösung, die wiederum zu seinen reaktionären politischen Idealen hinführt, kommt es nicht an. Schon der demokratische Kritiker Pissarew, ein Zeitgenosse Dostojewskijs, der 1867 einen ausführlichen und klugen Essay über den Roman veröffentlichte, hat darin bemerkt: »Meine Aufmerksamkeit richte ich nur auf die in seinem Roman dargestellten Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens; sind diese Erscheinungen richtig erfaßt, entsprechen die Tatsachen, die den Grundzusammenhang des Romans ausmachen.

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Kapitel 7

VII

Die Tür wurde wie das vorige Mal nur bis zu einem schmalen Spalt geöffnet, und wieder hefteten sich zwei scharfe, mißtrauische Augen aus der Dunkelheit auf ihn. In diesem Momente verlor Raskolnikow die ruhige Überlegung und beging einen großen Fehler.

Da er befürchtete, die Alte könnte sich ängstigen, weil sie beide allein wären, und da er nicht zu hoffen wagte, sein Äußeres werde sie von seiner Harmlosigkeit überzeugen, so griff er nach der Tür und zog sie an sich heran, damit die Alte sich nicht etwa beifallen ließe, sie wieder zuzumachen. Als sie dies wahrnahm, riß sie zwar die Tür nicht wieder zu sich heran, ließ aber auch nicht den Türgriff los, so daß Raskolnikow sie beinahe mit der Tür auf die Treppe herauszog. Da er aber sah, daß sie quer vor der Tür stand und ihm den Eintritt versperrte, trat er gerade auf sie zu. Die Alte sprang erschrocken zurück und wollte etwas sagen; aber sie konnte kein Wort hervorbringen und blickte ihn nur mit weit geöffneten Augen an.

»Guten Tag, Aljona Iwanowna«, begann er in möglichst ungezwungenem Tone; aber die Stimme gehorchte ihm nicht, sondern bebte und versagte. »Ich bringe Ihnen hier … einen Wertgegenstand … Aber kommen Sie doch lieber dorthin … ans Licht.«

Er ließ sie stehen und ging geradezu, ohne dazu aufgefordert zu sein, ins Zimmer. Die Alte eilte ihm nach; jetzt hatte sie endlich die Sprache wiedergefunden.

»Herr Gott, was wollen Sie denn? Wer sind Sie? Was wünschen Sie?«

»Aber ich bitte Sie, Aljona Iwanowna, Sie kennen mich doch von früher, … Raskolnikow … Hier bringe ich Ihnen das Pfandstück, von dem ich neulich schon gesprochen habe …«

Er hielt ihr das Pfandstück hin. Die Alte sah einen Augenblick nach dem Pfandstück, starrte dann aber sogleich wieder dem zudringlichen Besucher in die Augen. Sie betrachtete ihn aufmerksam, ergrimmt und mißtrauisch. So verging etwa eine Minute; er glaubte sogar in ihren Augen etwas wie Spott zu erkennen, als ob sie alles schon erraten hätte. Er fühlte, daß er die ruhige Überlegung verlor und beinahe Furcht bekam, solche Furcht, daß es ihm schien, wenn sie ihn so, ohne ein Wort zu sagen, noch eine halbe Minute lang ansähe, so würde er davonlaufen.

»Warum sehen Sie mich denn so an, als ob Sie mich nicht wiedererkennten?« sagte er auf einmal gleichfalls ärgerlich. »Wenn Sie wollen, dann nehmen Sie es; wenn nicht, dann gehe ich zu jemand anders; viel Zeit habe ich nicht.«

Er hatte so etwas eigentlich gar nicht sagen wollen; aber es fuhr ihm so von selbst heraus.

Die Alte gewann ihre Fassung wieder, und der entschiedene Ton des Besuchers beruhigte sie offenbar.

»Aber Väterchen, wie können Sie nur gleich so … Was ist es denn?« fragte sie mit einem Blick auf das Pfandstück.

»Ein silbernes Zigarettenetui; ich habe ja schon das vorige Mal davon gesprochen.«

Sie streckte die Hand danach aus.

»Aber woher sind Sie denn nur so blaß? Ihnen zittern ja auch die Hände so! Sie haben wohl gebadet, Väterchen?«

»Ich habe Fieber«, antwortete er kurz. »Da kann man schon blaß werden, … wenn man nichts zu essen hat«, fügte er murmelnd hinzu. Die Kraft verließ ihn wieder. Aber seine Antwort hatte den Eindruck der Wahrheit gemacht; die Alte nahm das Pfandstück.

»Was ist das für ein Ding?« fragte sie, indem sie Raskolnikow noch einmal scharf anblickte und das Pfandstück in der Hand wog.

»Ein Wertstück, … ein Zigarettenetui … aus Silber. Sehen Sie es sich nur an.«

»Na, Silber wird es wohl kaum sein … Aber haben Sie das fest verschnürt!«

Während sie sich damit abmühte, den Bindfaden aufzuknüpfen, und sich nach dem Fenster zum Lichte wendete (alle Fenster waren in ihrer Wohnung trotz der Schwüle geschlossen), ließ sie ihn einige Sekunden ganz außer acht und drehte ihm den Rücken zu. Er knöpfte seinen Paletot auf und zog das Beil aus der Schlinge heraus, holte es aber noch nicht ganz hervor, sondern hielt es mit der rechten Hand unter dem Paletot. Seine Arme waren entsetzlich schwach; er hatte selbst die Empfindung, daß sie mit jedem Augenblicke tauber und starrer würden. Er fürchtete, er würde das Beil nicht mehr halten können und fallen lassen; … es wurde ihm auf einmal ganz schwindlig.

»Aber wie haben Sie das verknotet!« rief die Alte ärgerlich und machte eine Bewegung nach ihm zu.

Nun war keine Sekunde mehr zu verlieren. Er zog das Beil ganz hervor, hob es, fast ohne Besinnung, mit beiden Händen in die Höhe und ließ, beinahe ohne eigene Anstrengung, beinahe rein mechanisch, den Beilrücken auf den Kopf der Alten niederfallen. Er hatte in diesem Augenblicke eigentlich gar keine Kraft in sich gehabt. Aber sobald er einmal das Beil hatte fallen lassen, stellte sich auch die Kraft wieder ein.

Die Alte war wie immer im bloßen Kopf. Ihr hellblondes, zum Teil schon ergrautes, dünnes Haar, wie gewöhnlich stark geölt, war in ein Zöpfchen geflochten, das große Ähnlichkeit mit einem Rattenschwanze hatte, und mit einem zerbrochenen Hornkamm hochgesteckt, der auf ihrem Hinterkopfe abstand. Der Schlag hatte sie, da sie von kleiner Statur war, gerade auf den Scheitel getroffen. Sie schrie auf, aber nur sehr schwach, und sank sofort in sitzender Stellung auf den Boden, hob aber noch schnell beide Hände zum Kopfe. In der einen Hand hielt sie immer noch das Pfandstück. Da schlug er aus voller Kraft noch einmal und noch einmal zu, immer mit dem Rücken des Beiles und immer auf den Scheitel. Das Blut strömte heraus wie aus einem umgestoßenen Glase, und der Körper sank hintenüber gegen Raskolnikows Beine. Raskolnikow trat zurück, ließ ihn vollends hinfallen und bückte sich sogleich zu ihrem Gesichte; sie war bereits tot. Die Augen waren weit aufgerissen, als ob sie herausspringen wollten, die Stirn und das ganze Gesicht in Falten gezogen und krampfhaft verzerrt.

Er legte das Beil auf den Fußboden neben die Tote und griff ihr sogleich in die Tasche, in eben die rechte Tasche, aus der sie das vorige Mal die Schlüssel herausgeholt hatte; dabei nahm er sich in acht, sich nicht mit dem hervorquellenden Blute zu besudeln. Er war bei vollem Verstande; Trübung der geistigen Fähigkeiten und Schwindelgefühl waren nicht mehr vorhanden; aber die Hände zitterten ihm immer noch. Er erinnerte sich später, daß er sogar sehr achtsam und vorsichtig gewesen war und sich die größte Mühe gegeben hatte, sich nicht blutig zu machen … Die Schlüssel fand er sofort und zog sie heraus; sie bildeten alle, wie damals, ein Bund und hingen an einem stählernen Ringe. Schnell lief er mit ihnen in das Schlafzimmer. Dies war ein sehr kleines Zimmer mit einem gewaltigen Schrein voll von Heiligenbildern. An einer andern Wand stand ein großes Bett, sehr sauber, mit einer aus lauter kleinen Seidenstückchen zusammengesetzten Steppdecke. An der dritten Wand stand eine Kommode. Aber seltsam! Sowie er die Schlüssel in die Kommode hineinzupassen begann und ihr Klappern hörte, lief ihm ein krampfhafter Schauder über den Leib. Wieder wandelte steckte ihn unbesehen in die Tasche; die Kreuze warf er der Alten auf die Brust. Dann eilte er wieder in das Schlafzimmer; diesmal nahm er auch das Beil mit.

Er beeilte sich aufs äußerste, griff nach den Schlüsseln und mühte sich von neuem mit ihnen ab. Aber es wollte ihm nicht gelingen; sie paßten nicht in die Schlösser. Nicht daß seine Hände so stark gezittert hätten; aber er irrte sich fortwährend: er sah z.B., daß ein Schlüssel nicht der richtige war, nicht paßte; aber er steckte ihn immer wieder von neuem hinein. Endlich besann er sich und überlegte, daß dieser große Schlüssel mit dem gezähnten Barte, der mit den kleinen zusammen an dem Ringe hing, jedenfalls gar nicht von der Kommode war (wie er sich das schon bei seinem vorigen Besuche gesagt hatte), sondern von einer Truhe, und daß in dieser Truhe vielleicht alles Wertvolle verwahrt wurde. Er ließ daher die Kommode stehen und bückte sich sofort unter das Bett, da er wußte, daß die Truhen bei alten Weibern unter den Betten zu stehen pflegen. So war es denn auch: es stand dort eine ansehnliche Truhe, mehr als zwei Fuß lang, mit gewölbtem Deckel, mit rotem Leder überzogen und mit stählernen Nägeln beschlagen. Der gezähnte Schlüssel erwies sich sofort als genau passend und schloß die Truhe auf. Obenauf lag unter einem weißen Laken ein Pelz von Hasenfell, mit rotem Seidenstoff bezogen; darunter ein seidenes Kleid; dann ein Schal; weiter nach unten hin schienen nur noch lauter Lumpen zu liegen. Vor allen Dingen wischte er sich die blutbefleckten Hände an dem roten Seidenstoff ab. ›Das Zeug ist rot; da wird auf dem Roten das Blut nicht so leicht zu merken sein‹, überlegte er, wurde sich aber plötzlich der Torheit dieser Überlegung bewußt. ›Mein Gott! Werde ich denn verrückt?‹ dachte er erschrocken.

Sowie er aber unter den Lumpen zu kramen begann, glitt auf einmal unter dem Pelze eine goldene Uhr heraus. Nun machte er sich daran, alles umzuwühlen. Wirklich, zwischen den Lumpen lagen Goldsachen versteckt, wahrscheinlich lauter Pfandstücke, verfallene und noch nicht verfallene: Armbänder, Ketten, Ohrringe, Busennadeln und dergleichen. Manche dieser Gegenstände befanden sich in Futteralen; andere waren einfach in Zeitungspapier gewickelt, aber sorgsam und ordentlich, in doppelte Bogen, und mit Band verschnürt. Ohne zu zaudern, stopfte er sie sich in die Hosentaschen und Paletottaschen; die Päckchen und Futterale zu öffnen und zu untersuchen, darauf ließ er sich nicht ein.

Aber er hatte noch nicht viel eingesteckt, da hörte er plötzlich in dem Zimmer, wo die Alte lag, Schritte. Er hielt inne und horchte, still wie ein Toter. Aber es war alles ruhig; also war es doch wohl nur Einbildung gewesen. Da vernahm er ganz deutlich einen leichten Aufschrei, oder vielmehr: es war, wie wenn jemand ein leises, kurzes Stöhnen ausstieß und dann verstummte. Darauf herrschte wieder Totenstille, eine oder zwei Minuten lang. Er kauerte bei der Truhe und wartete, kaum atmend; aber dann sprang er hastig auf, ergriff das Beil und lief aus dem Schlafzimmer.

Mitten im Zimmer stand Lisaweta, ein großes Bündel in der Hand, und blickte, starr vor Entsetzen, auf die ermordete Schwester hin. Sie war weiß wie Linnen und hatte, wie es schien, nicht die Kraft zu schreien. Als sie ihn hereinstürmen sah, zitterte sie, leise bebend, wie Espenlaub, und über ihr ganzes Gesicht lief ein krampfhaftes Zucken. Sie hob die eine Hand, öffnete den Mund ein wenig, schrie aber trotzdem nicht und begann langsam nach rückwärts vor ihm in eine Ecke zurückzuweichen. Dabei sah sie ihn starr und unverwandt an, schrie aber immer noch nicht, als wenn ihr dazu die Luft fehlte. Er stürzte mit dem Beile auf sie zu. Sie verzog die Lippen so kläglich, wie man es bei ganz kleinen Kindern sieht, wenn sie vor etwas erschrecken, den furchterregenden Gegenstand anstarren und eben losschreien wollen. Und diese unglückliche Lisaweta war nun einmal dermaßen einfältig, verprügelt und eingeschüchtert, daß sie selbst jetzt nicht die Hände aufhob, um ihr Gesicht zu schützen, was doch die natürlichste und notwendigste Bewegung in diesem Augenblicke gewesen wäre, da das Beil über ihrem Kopfe schwebte. Sie hob nur die freie linke Hand ein wenig in die Höhe, aber lange nicht bis zum Gesichte, und streckte sie langsam nach vorn gegen ihn aus, als wenn sie ihn von sich abhalten wollte. Der Schlag traf sie mitten auf den Schädel, mit der Schneide, und hieb mit einem Male den ganzen oberen Teil der Stirn fast bis zum Scheitel durch. Sie stürzte sofort zu Boden. Raskolnikow wußte einen Augenblick gar nicht recht, was er tat: er ergriff ihr Bündel und warf es wieder von sich; dann lief er ins Vorzimmer.

Die Angst in ihm wuchs immer mehr, namentlich nach diesem zweiten, so völlig unerwarteten Morde. So schnell wie möglich wollte er von hier weg. Und wenn er in diesem Augenblicke fähig gewesen wäre, alles richtig zu sehen und zu beurteilen, wenn er sich auch nur von der ganzen Schwierigkeit seiner Lage, von ihrer Hoffnungslosigkeit, ihrer Gräßlichkeit und Absurdität hätte eine Vorstellung machen können, wenn er imstande gewesen wäre, zu begreifen, wie viele Hindernisse er noch werde überwinden, ja, wie viele Verbrechen er vielleicht noch werde begehen müssen, um von hier wegzukommen und nach Hause zu gelangen: so hätte er vielleicht alles stehen- und liegenlassen und wäre sofort hingegangen, um sich selbst anzuzeigen, und zwar nicht einmal aus Angst um sich selbst, sondern lediglich aus Entsetzen und Ekel über das, was er getan hatte. Namentlich der Ekel wurde in ihm von einem Augenblicke zum andern immer größer und heftiger. Um keinen Preis wäre er jetzt zu der Truhe oder auch nur in das Zimmer zurückgegangen.

Aber allmählich überkam ihn eine gewisse Zerstreutheit, eine Art von Versonnenheit. Minutenlang vergaß er anscheinend sich und alles andre, oder richtiger gesagt: er vergaß die Hauptsache und haftete mit seinen Gedanken an Kleinigkeiten. Als er indessen zufällig einen Blick in die Küche warf und auf einer Bank einen halb mit Wasser gefüllten Eimer erblickte, fiel ihm ein, seine Hände und das Beil zu waschen. Seine Hände waren blutig und klebrig. Das Beil steckte er mit dem Eisen einfach ins Wasser; dann ergriff er ein Stückchen Seife, das auf dem Fensterbrett in einer zerbrochenen Untertasse lag, und wusch sich im Eimer die Hände. Als er damit fertig war, zog er auch das Beil heraus, spülte das Eisen ab und wusch lange, wohl drei Minuten lang, das Holz, wo es blutig geworden war; er versuchte sogar, die Blutflecke mit Seife zu entfernen. Dann trocknete er alles mit einigen Wäschestücken ab, die in der Küche an einer quer herübergezogenen Leine zum Trocknen aufgehängt waren, und besah lange und mit größter Aufmerksamkeit das Beil am Fenster. Blutspuren waren keine mehr vorhanden; nur war der Stiel noch feucht. Sorgfältig schob er dann das Beil in die Schlinge unter dem Paletot. Darauf besah er, soweit es bei dem schwachen Lichte in der halbdunklen Küche möglich war, den Paletot, die Hosen und die Stiefel. Äußerlich war auf den ersten Blick so gut wie nichts sichtbar; nur die Stiefel wiesen einige Flecke auf. Er befeuchtete einen Lappen und wischte die Stiefel ab. Er war sich übrigens bewußt, daß er bei der Untersuchung nicht gut hatte sehen können und daß ihm vielleicht irgend etwas in die Augen Fallendes doch entgangen war. Tief in Gedanken versunken, stand er mitten in der Küche. Ein quälender, finsterer Gedanke stieg in ihm auf: der Gedanke, er verliere den Verstand und könne in diesem Augenblicke weder überlegen noch sich schützen; er ergreife vielleicht ganz unzweckmäßige Maßregeln … ›Mein Gott! Ich muß fort, ich muß fort!‹ murmelte er und eilte in das Vorzimmer. Aber hier stand ihm ein Schreck bevor, wie er ihn gewiß in seinem Leben noch nicht durchgemacht hatte.

Er stand da, blickte hin und wollte seinen Augen nicht trauen: die Tür, die Außentür vom Vorzimmer nach der Treppe, eben die, an der er vorhin geschellt hatte und durch die er hereingekommen war, stand offen, sogar eine ganze Hand breit offen; weder das Schloß war zugeschlossen noch der Riegel vorgelegt; und so war das die ganze Zeit über gewesen! Die Alte hatte hinter ihm nicht zugemacht, vielleicht aus Vorsicht. Aber, o Gott! er hatte doch nachher Lisaweta gesehen! Wie war es nur möglich gewesen, daß er sich nicht darüber gewundert hatte, wie sie überhaupt hereingekommen war! Sie konnte doch nicht quer durch die Wand gegangen sein!

Er stürzte zur Tür und legte den Riegel vor.

›Aber nein, wieder falsch! Ich muß weg, weg!‹

Er nahm den Riegel wieder ab, öffnete die Tür und horchte nach der Treppe hin.

Er horchte lange. Irgendwo, weit weg, unten, wahrscheinlich im Torweg, schrien und kreischten laut zwei Stimmen, stritten sich und schimpften. ›Was mögen die haben?‹ Er wartete geduldig. Endlich, mit einem Male wurde alles still; der Lärm war wie abgeschnitten; die beiden waren auseinandergegangen. Schon wollte er hinaustreten, da wurde plötzlich in dem darunterliegenden Stockwerk eine nach der Treppe führende Tür geräuschvoll geöffnet, und es begann jemand, eine Melodie vor sich hin singend, die Treppe hinabzusteigen. ›Was nur die Menschen da immer für Lärm machen!‹ dachte er flüchtig. Er zog wieder die Tür ein wenig heran und wartete weiter. Endlich war alles Geräusch verstummt und nichts zu hören. Er wollte schon den Fuß auf die Treppe setzen, als plötzlich wieder neue Schritte erschollen.

Diese Schritte erschollen in weiter Entfernung, noch ganz am untern Ende der Treppe; aber er erinnerte sich später ganz genau und deutlich, daß er damals gleich beim ersten Ton aus einem nicht recht verständlichen Grunde auf den Gedanken gekommen war, es komme da jemand sicher »hierher«, nach dem dritten Stockwerke, zu der Alten. Warum? War der Ton so eigentümlich, so bedeutsam? Es waren schwere, gleichmäßige Schritte, ohne Eile. Da, jetzt war »er« schon fast zum ersten Stock gelangt; da, er stieg noch weiter; es war immer deutlicher zu hören. Nun wurde das schwere Atmen des Heraufkommenden vernehmbar. Da, jetzt begann er schon die dritte Treppe. ›Er kommt hierher!‹ sagte sich Raskolnikow. Und plötzlich hatte er die Empfindung, als ob er versteinert wäre, als wäre dies ein Traum, wo einem träumt, daß man verfolgt wird, und die Verfolger sind schon ganz nahe und wollen einen töten, und man selbst ist am Fleck wie angewachsen und kann keine Hand rühren.

Endlich, als der Ankömmling bereits zum dritten Stockwerk hinaufzusteigen begann, da erst fuhr Raskolnikow plötzlich zusammen und fand gerade noch Zeit, hurtig und behend vom Flur in die Wohnung zurückzuschlüpfen und die Tür hinter sich zuzumachen. Dann erfaßte er den Riegel und legte ihn leise, unhörbar vor. Der Instinkt hatte ihm geholfen. Als er dies erledigt hatte, verbarg er sich unmittelbar hinter der Tür und vermied jedes Geräusch beim Atmen. Der unbekannte Besucher war gleichfalls bereits an der Tür. Sie standen jetzt einander ebenso gegenüber wie vor kurzem er und die Alte, als nur die Tür sie voneinander getrennt und er an ihr gelauscht hatte.

Der Besucher atmete einige Male tief und schwer auf. ›Es ist wohl ein dicker, großer Mann‹, dachte Raskolnikow und umklammerte fest das Beil. Es kam ihm tatsächlich alles wie ein Traum vor. Der Besucher griff nach dem Klingelzuge und schellte kräftig.

Als die Klingel ihr blechernes Klappern hören ließ, bildete sich Raskolnikow ein, es rege sich jemand im Zimmer. Er lauschte sogar einige Sekunden lang allen Ernstes danach. Der Unbekannte schellte noch einmal, wartete wieder ein Weilchen und begann dann ungeduldig mit aller Kraft an der Türklinke zu rütteln. Voll Schrecken sah Raskolnikow, wie der Riegel hin und her sprang, und erwartete mit dumpfer Angst in jedem Augenblick, daß er herabfallen werde. Möglich schien das in der Tat; so heftig wurde gerüttelt. Er dachte schon daran, den Riegel festzuhalten; aber das hätte der andere merken können. Es wurde ihm wieder schwindlig. ›Gleich werde ich umfallen!‹ fuhr es ihm durch den Kopf; aber da begann der Unbekannte zu reden, und er kam sogleich wieder zur Besinnung.

»Was soll denn das heißen? Schlafen die beiden Frauenzimmer wie die Murmeltiere, oder hat sie einer abgemurkst? Verrrfluchte Bande!« schrie er mit kräftiger, voller Stimme. »He, Aljona Iwanowna, alte Hexe! Lisaweta Iwanowna, du holde Schöne! Macht auf! Ach, die nichtswürdige Bande! Ob sie wirklich schlafen?«

Und von neuem riß er wütend wohl zehnmal hintereinander aus voller Kraft an der Klingel. Er war gewiß ein Mann, der etwas darstellte und mit der Alten gut bekannt war.

In diesem Augenblicke wurden leichte, eilige Schritte unweit auf der Treppe vernehmbar; es kam noch jemand. Raskolnikow hatte ihn zuerst gar nicht gehört.

»Ist denn niemand zu Hause?« rief der Hinzugekommene mit wohltönender, fröhlicher Stimme dem ersten Besucher zu, der immer noch an der Klingel riß. »Guten Abend, Koch!«

›Nach der Stimme zu urteilen, muß es ein sehr junger Mann sein‹, sagte sich Raskolnikow.

»Weiß der Teufel! Ich habe schon beinahe das Schloß abgerissen!« antwortete Koch. »Aber woher kennen Sie mich denn?«

»Na, so was! Ich habe Ihnen doch vorgestern im Gambrinus drei Partien Billard hintereinander abgenommen!«

»Ach so-o!«

»Also sie sind nicht zu Hause? Sonderbar! Übrigens recht dumm! Wo kann die Alte bloß hingegangen sein? Ich habe mit ihr geschäftlich zu tun.«

»Ich auch, Väterchen!«

»Na, was ist zu machen? Also müssen wir wieder abziehen! So ein Pech! Ich hatte gedacht, ich würde hier Geld kriegen!« rief der junge Mann.

»Natürlich müssen wir wieder abziehen. Aber warum hat sie mich denn herbestellt? Die alte Hexe hat mir diese Zeit selbst angegeben. Ich habe einen weiten Umweg deswegen gemacht. Und ich begreife gar nicht, wo sie sich herumtreibt, zum Teufel! Das ganze Jahr sitzt sie zu Hause, die Hexe, hockt auf einem Fleck, klagt, daß ihr die Beine weh tun, und nun auf einmal geht sie spazieren!«

»Ob wir mal den Hausknecht fragen?«

»Wonach?«

»Wo sie hingegangen ist und wann sie wiederkommt.«

»Hm! … Hol’s der Teufel! … Können ja mal fragen … Aber sie geht doch sonst nirgends hin …«, und er riß noch einmal an der Türklinke. »Zum Teufel, nichts zu machen! Gehen wir wieder!«

»Warten Sie mal!« rief der junge Mann plötzlich. »Sehen Sie nur einmal her! Sehen Sie wohl, wie die Tür ein bißchen aufgeht, wenn man zieht?«

»Na, und?«

»Also ist sie nicht zugeschlossen, sondern es ist innen der Riegel vorgelegt! Hören Sie wohl, wie der Riegel klappert?«

»Na, und?«

»Begreifen Sie denn nicht? Also ist jemand von ihnen zu Hause. Wenn beide ausgegangen wären, so wäre von außen zugeschlossen und nicht von innen der Riegel vorgelegt. Aber hier – hören Sie wohl, wie der Riegel klappert? Um von innen den Riegel vorzulegen, muß man doch zu Hause sein; ist Ihnen das klar? Also sitzen sie zu Hause und machen nicht auf.«

»Donnerwetter, das ist wahr!« rief Koch erstaunt. »Aber was machen die denn da nur?«

Er rüttelte wütend an der Tür.

»Warten Sie mal!« rief wieder der junge Mann. »Reißen Sie nicht an der Tür! Hier ist etwas nicht in Ordnung … Sie haben ja schon geklingelt und an der Tür gerüttelt, und es ist nicht geöffnet worden; also sind die beiden entweder ohnmächtig oder …«

»Oder was?«

»Wissen Sie was? Wir wollen den Hausknecht holen; mag der sie selbst aufwecken.«

»Gut, tun wir das!«

Sie schickten sich beide an, hinunterzugehen.

»Warten Sie einmal! Bleiben Sie lieber hier, und ich will hinunterlaufen und den Hausknecht holen.«

»Warum soll ich hierbleiben?«

»Man kann nicht wissen …«

»Meinetwegen.«

»Ich studiere ja Jura und will einmal Untersuchungsrichter werden. Hier ist offenbar, of-fen-bar etwas nicht in Ordnung!« sagte der junge Mann, vor Eifer brennend, und lief schnell die Treppe hinunter.

Koch blieb zurück und zog noch einmal ganz sachte an der Klingel; diese schlug nur mit einem einzigen Ton an. Dann begann er leise, als wenn er überlegte und untersuchte, die Türklinke zu bewegen, indem er damit die Tür zu sich heranzog und wieder zurückfahren ließ, um sich nochmals zu vergewissern, daß nur der Riegel vorgelegt sei. Dann bückte er sich keuchend und blickte durch das Schlüsselloch; aber in diesem steckte von innen der Schlüssel, und es war somit nichts zu sehen.

Raskolnikow stand da und preßte die Hand um den Beilstiel; es war ihm, als hätte er Fieber. Er bereitete sich sogar auf einen Kampf mit ihnen vor, wenn sie hereinkämen. Während sie an der Tür gerüttelt und sich miteinander besprochen hatten, war ihm einige Male der Gedanke gekommen, der ganzen Geschichte schnell ein Ende zu machen und sie durch die Tür anzurufen. Dann wieder hatte es ihn gelüstet, sie so lange auszuschimpfen und zu höhnen, bis sie die Tür würden aufbekommen haben. ›Wenn es nur bald soweit wäre!‹ dachte er einen Augenblick.

»Zum Teufel! Der kommt ja aber auch gar nicht wieder!«

Die Zeit verging, eine Minute nach der andern; niemand kam. Koch bewegte sich unruhig hin und her.

»Hol’s der Teufel!« rief er endlich ungeduldig, verließ seinen Posten und ging gleichfalls nach unten. Eilig polterten seine Stiefel auf der Treppe; dann verhallten seine Schritte.

›Mein Gott, was soll ich tun?‹

Raskolnikow löste den Riegel und öffnete die Tür ein wenig; es war nichts zu hören. Ohne etwas dabei zu denken, trat er hinaus, drückte die Tür hinter sich möglichst fest heran und stieg die Treppe hinunter.

Er war bereits auf der Treppe vom zweiten zum ersten Stockwerk, als plötzlich unten ein gewaltiger Lärm entstand. Wo sollte er nun bleiben? Verstecken konnte er sich nirgends; er wollte schon wieder zurück, in die Wohnung der Alten.

»Warte, du Kanaille, du Schuft! Halt ihn auf!«

Mit diesem Geschrei stürzte jemand weiter unten aus einer Wohnung heraus und lief, oder richtiger: fiel die Treppe hinunter, wobei er fortwährend aus vollem Halse schrie:

»Mitjka, Mitjka, Mitjka, Mitjka, Mitjka! Der Teufel soll dich holen!«

Das Geschrei endete mit einem wilden Gekreische; die letzten Töne kamen schon vom Hofe her; dann war alles still. Aber in demselben Augenblicke begannen mehrere Menschen, die laut und eifrig miteinander sprachen, geräuschvoll die Treppe heraufzusteigen; es mochten ihrer drei oder vier sein. Raskolnikow unterschied die wohlklingende Stimme des jungen Mannes. ›Das sind sie!‹

In heller Verzweiflung ging er ihnen geradezu entgegen: mochte werden, was da wollte! Wenn sie ihn anhielten, so war alles verloren, ließen sie ihn vorbei, so war auch alles verloren, da zu erwarten war, daß sie ihn später wiedererkennen würden. Sie waren einander bereits ziemlich nahegekommen; zwischen ihnen war nur noch eine Treppe – da auf einmal zeigte sich die Möglichkeit einer Rettung. Nur wenige Stufen von ihm entfernt auf der rechten Seite, stand die Tür zu einer leerstehenden Wohnung weit offen, zu eben der Wohnung im ersten Stockwerk, in der die Maler gearbeitet hatten und die sie durch ein seltsames Zusammentreffen der Umstände gerade jetzt verlassen hatten. Das waren offenbar die Leute gewesen, die soeben mit solchem Geschrei davongerannt waren. Die Dielen waren frisch gestrichen; mitten im Zimmer stand ein kleiner Eimer und ein Schälchen mit Farbe und einem Pinsel. In einem Nu schlüpfte er durch die offene Tür hinein und verbarg sich hinter der Wand; es war die höchste Zeit gewesen: sie standen schon auf dem Treppenabsatz. Dann wandten sie sich nach der weiter hinaufführenden Treppe und gingen in lautem Gespräche vorüber, nach dem dritten Stockwerke hinauf. Er wartete das ab, ging auf den Zehen hinaus und lief die Treppe hinunter.

Auf der Treppe war niemand; auch im Torwege nicht. Schnell ging er hindurch und bog links in die Straße ein. Er wußte sehr wohl, daß sie in diesem Augenblicke bereits in der Wohnung waren, daß sie sich höchlichst wunderten, sie offen zu finden, während sie doch eben noch zugesperrt gewesen war, daß sie schon die Leichen betrachteten und daß sie in weniger als einer Minute erraten und kombiniert haben würden, daß der Mörder noch soeben dagewesen sei und eine Möglichkeit gefunden habe, sich irgendwo zu verstecken, an ihnen vorbeizuschlüpfen und zu entfliehen; sie mochten auch vielleicht erraten, daß er in der leerstehenden Wohnung gesteckt hatte, während sie daran vorbei hinaufgingen. Aber trotzdem durfte er unter keiner Bedingung wagen, sein Tempo stark zu beschleunigen, obgleich er bis zur nächsten Straßenecke noch gegen hundert Schritte hatte. ›Ob ich wohl in einen Torweg hineinschlüpfe und auf einer fremden Treppe warte? Nein, das ist zu gefährlich! Ob ich das Beil von mir werfe? Ob ich eine Droschke nehme? Zu gefährlich, zu gefährlich!‹

Endlich kam die Querstraße; er bog in sie ein, mehr tot als lebendig. Hier war er schon zur Hälfte gerettet, und er war sich dessen bewußt. Hier war der Verdacht geringer, und außerdem herrschte hier ein starker Verkehr, und er verschwand darin wie ein Sandkorn. Aber alle diese Qualen hatten seine Kraft derart erschöpft, daß er sich kaum mehr rühren konnte. Der Schweiß rann ihm in dicken Tropfen herunter; der Hals war ihm davon ganz feucht. »Na, du hast dich aber gehörig vollgesoffen!« rief ihm einer zu, als er an den Kanal gelangte.

Er konnte seine Gedanken kaum noch zusammenhalten; je weiter er ging, um so schlimmer wurde es. Er erinnerte sich aber später, daß er einen großen Schreck bekommen hatte, als er zum Kanal kam, weil hier weniger Menschen waren und er somit leichter auffallen konnte, und daß er nahe daran gewesen war, wieder in die Querstraße zurückzukehren. Obwohl er vor Erschöpfung beinahe umfiel, machte er dennoch einen Umweg und kam von der ganz entgegengesetzten Seite nach Hause.

Auch den Torweg seines Hauses passierte er in halber Bewußtlosigkeit; wenigstens war er schon auf der Treppe, als ihm das Beil einfiel. Und dabei stand ihm doch noch eine sehr wichtige Aufgabe bevor: es wieder an seinen Platz zu legen, und zwar möglichst unbemerkt. Er war natürlich nicht mehr fähig, zu überlegen, ob es nicht vielleicht weit besser wäre, das Beil überhaupt nicht wieder an den früheren Platz zu bringen, sondern es, wenn auch erst später, auf irgendeinen fremden Hof zu werfen.

Aber es lief alles gut ab. Die Tür zu der Kammer des Hausknechtes war nur angelehnt, nicht zugeschlossen; also war der Hausknecht aller Wahrscheinlichkeit nach zu Hause. Doch Raskolnikow hatte die Fähigkeit, etwas zu überlegen, bereits in dem Grade eingebüßt, daß er einfach auf die Tür zuging und sie öffnete. Hätte ihn der Hausknecht gefragt: »Was wünschen Sie?« so hätte er ihm vielleicht ebenso gedankenlos das Beil hingereicht. Aber der Hausknecht war wieder nicht da, und er konnte unbehindert das Beil auf seinen früheren Platz unter die Bank legen, ja, es sogar wieder, wie es gewesen war, mit einem Holzscheite bedecken. Niemandem, keiner Menschenseele begegnete er dann auf dem Wege bis zu seinem Zimmer; die Tür seiner Wirtin war geschlossen. Als er in sein Zimmer gekommen war, warf er sich, wie er ging und stand, auf das Sofa. Er schlief nicht, befand sich aber in einem Zustande der Geistesabwesenheit. Wäre jetzt jemand zu ihm hereingekommen, so wäre er sofort aufgesprungen und hätte aufgeschrien. Fetzen und Bruchstücke von allerlei Gedanken wimmelten in seinem Kopfe herum; aber trotz aller Anstrengung vermochte er keinen einzigen Gedanken zu Ende zu bilden und festzuhalten.

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Kapitel 40

I

Sibirien. Am Ufer eines breiten, öden Stromes liegt eine Stadt, der Sitz höherer Verwaltungsbehörden. In der Stadt befindet sich eine Festung, in der Festung ein Gefängnis. In diesem Gefängnis sitzt schon seit neun Monaten der Sträfling zweiter Klasse Rodion Raskolnikow. Seit der Begehung des Verbrechens sind fast anderthalb Jahre vergangen.

Das Gerichtsverfahren gegen ihn hatte sich ohne besondere Schwierigkeiten abgespielt. Der Verbrecher, in seinen Angaben fest, genau und klar, hielt seine Selbstbezichtigung aufrecht, ohne die Begleitumstände zu verwirren, ohne sie zu seinem Vorteil abzuschwächen, ohne die Tatsachen zu verdrehen und ohne die geringste Einzelheit zu verschweigen. Er erzählte den ganzen Hergang beim Morde auf das allergenaueste, erklärte das Geheimnis des wunderlichen Pfandobjektes (des Holzbrettchens mit der Metallplatte), das die ermordete alte Frau bei ihrer Auffindung in den Händen hatte, erzählte eingehend, wie er der Ermordeten die Schlüssel abgenommen habe, beschrieb diese Schlüssel, beschrieb die Truhe und womit sie angefüllt gewesen sei, zählte sogar einige von den Gegenständen auf, die darin gelegen hätten, erklärte das Rätsel von Lisawetas Ermordung, erzählte, wie Koch gekommen sei und geklopft habe und nach ihm der Student, berichtete alles, was sie untereinander gesprochen hätten, wie er, der Verbrecher, dann die Treppe hinuntergelaufen sei und Nikolais und Dmitrijs Geschrei gehört habe, wie er sich in der leeren Wohnung nämlich von dem Arzte Sossimow, seinen früheren Kommilitonen, seiner Wirtin und ihrem Dienstmädchen, auf das bestimmteste bekundet. Alles dies diente als starke Stütze für die Schlußfolgerung, daß Raskolnikow mit einem gewöhnlichen Mörder, Räuber und Diebe nicht auf eine Stufe gestellt werden könne, sondern daß hier denn doch etwas anderes vorliege. Zum größten Verdrusse derjenigen, die diese Ansicht vertraten, machte der Verbrecher selbst so gut wie gar keinen Versuch, sich zu verteidigen; auf die ausdrückliche Frage, was ihn denn eigentlich zu dem Morde und dem Raube veranlaßt habe, antwortete er mit größter Klarheit und überraschender Offenheit, die Ursache seiner ganzen Handlungsweise sei seine üble Lage gewesen, seine völlige Armut und Hilflosigkeit und der Wunsch, sich die ersten Schritte auf seiner Laufbahn mit Hilfe von wenigstens dreitausend Rubel zu ermöglichen, die er bei der Getöteten zu finden gehofft habe. Den Entschluß zum Morde habe er infolge seines leichtsinnigen, kleinmütigen Charakters gefaßt; überdies habe er sich auch noch infolge von Entbehrungen und Mißerfolgen in gereizter Stimmung befunden. Und auf die Frage, was ihn denn zu der Selbstanzeige bewogen habe, erwiderte er offen, daß dies eine Wirkung aufrichtiger Reue gewesen sei. Das alles machte schon beinahe den Eindruck allzu großer Derbheit.

Das Urteil fiel milder aus, als nach der Schwere des verübten Verbrechens eigentlich zu erwarten gewesen war, und zwar vielleicht gerade deswegen, weil der Verbrecher nicht nur jeden Versuch, sich zu rechtfertigen, verschmäht, sondern sogar gewissermaßen ein Bestreben an den Tag gelegt hatte, sich selbst noch mehr zu belasten. All die seltsamen und eigenartigen Umstände, unter denen die Tat begangen war, wurden bei der Strafabmessung berücksichtigt. Der krankhafte Zustand und die schreckliche Armut des Verbrechers vor Begehung der Tat konnten nicht dem geringsten Zweifel unterliegen. Daß er das geraubte Gut nicht zu seinem Nutzen verwandt hatte, wurde teils als Wirkung der erwachenden Reue, teils als Folge seiner nicht normalen geistigen Verfassung bei Ausübung des Verbrechens angesehen. Die Art, wie es zu der von vornherein nicht in Aussicht genommenen Ermordung Lisawetas gekommen war, diente sogar als Beweis, um die letztere Annahme zu erhärten: ein Mensch begeht zwei Morde und denkt dabei nicht daran, daß die Tür offensteht! Ins Gewicht fiel schließlich auch noch, daß das Geständnis gerade zu einer Zeit erfolgt war, wo die Sache durch die unwahre Selbstbezichtigung eines Fanatikers der Demut (Nikolai) ein überaus verworrenes Aussehen angenommen hatte und wo außerdem gegen den wirklichen Verbrecher nicht nur keine klaren Indizien, sondern sogar fast kein Verdacht vorgelegen hatte. (Porfirij Petrowitsch hatte durchaus Wort gehalten.) Alles dies wirkte zusammen, um das Schicksal des Angeklagten milder zu gestalten.

Überdies wurden ganz unerwartet auch noch andere Umstände bekannt, die sehr zugunsten des Angeklagten sprachen. Der frühere Student Rasumichin hatte irgendwo die Nachricht aufgetrieben, für die er dann auch die Beweise beibrachte: daß der Verbrecher Raskolnikow zur Zeit seiner Zugehörigkeit zur Universität mit seinen letzten Geldmitteln einen bedürftigen, schwindsüchtigen Kommilitonen unterstützt und fast ein halbes Jahr lang allein unterhalten hatte. Nachdem dieser gestorben war, hatte er die Sorge für dessen alten, gelähmten Vater auf sich genommen (diesen hatte der Sohn fast von seinem dreizehnten Lebensjahre an durch seine eigene Arbeit vollständig erhalten), den alten Mann schließlich in einem Krankenhause untergebracht und ihn, als dann auch er gestorben war, beerdigen lassen. All diese Mitteilungen übten eine günstige Wirkung auf die Entscheidung von Raskolnikows Schicksal aus. Auch seine bisherige Wirtin, die Mutter seiner verstorbenen Braut, die verwitwete Frau Sarnizyna, bezeugte, daß, als sie noch in einem anderen Hause, bei den Fünf-Ecken, gewohnt hätten, Raskolnikow bei einer nächtlichen Feuersbrunst aus einer bereits brennenden Wohnung zwei kleine Kinder herausgeholt und dabei selbst Brandwunden davongetragen habe. Diese Angabe wurde sorgsam nachgeprüft und von vielen Zeugen durchaus glaubwürdig bestätigt. Kurz, das Resultat war, daß der Verbrecher in Anbetracht seiner Selbstanzeige und mancher mildernden Umstände nur zu acht Jahren Zwangsarbeit zweiter Klasse verurteilt wurde.

Gleich bei Beginn des Prozesses war Raskolnikows Mutter erkrankt. Dunja und Rasumichin machten es möglich, sie für die ganze Dauer der Gerichtsverhandlungen aus Petersburg fortzuschaffen. Rasumichin wählte dazu eine nicht weit von Petersburg an der Eisenbahn gelegene Stadt aus, um den Prozeß in seinem ganzen Gange regelmäßig verfolgen und gleichzeitig möglichst oft mit Dunja zusammenkommen zu können. Pulcheria Alexandrowna litt an einer eigenartigen Nervenkrankheit, verbunden mit einer wenn auch nicht totalen, so doch mindestens partiellen geistigen Störung. Als Dunja von der letzten Zusammenkunft mit ihrem Bruder zurückgekehrt war, hatte sie ihre Mutter schon ganz krank, fiebernd und phantasierend, vorgefunden. Noch an demselben Abend hatte sie sich mit Rasumichin verabredet, was sie der Mutter auf ihre Fragen nach dem Sohne antworten wollten, und hatte sogar im Verein mit ihm für die Mutter eine ganze Geschichte ausgesonnen: Raskolnikow sei nach einem fernen Orte an der Grenze Rußlands gereist, infolge eines privaten Auftrages, der ihm endlich Geld und Berühmtheit eintragen werde. Aber es war ihnen verwunderlich, daß Pulcheria Alexandrowna weder damals noch später eine Frage nach dem Ergehen ihres Sohnes stellte. Man konnte vielmehr merken, daß sie selbst eine ganze Geschichte über eine plötzliche Abreise ihres Sohnes im Kopfe hatte; sie erzählte unter Tränen, wie er zu ihr gekommen sei, um Abschied zu nehmen, machte dabei Andeutungen, daß viele sehr wichtige, geheimnisvolle Umstände nur ihr allein bekannt seien und daß Rodja viele sehr mächtige Feinde habe, vor denen er sich verbergen müsse. Was seine künftige Laufbahn anlangte, so glaubte sie, daß sie zweifellos eine glänzende sein werde, sobald gewisse hinderliche Umstände beseitigt sein würden; sie versicherte Rasumichin, ihr Sohn werde mit der Zeit sogar ein großer Staatsmann werden; das bewiesen sein Aufsatz und seine glänzende schriftstellerische Begabung. Diesen Aufsatz las sie fortwährend, mitunter sogar laut, und trennte sich selbst in der Zeit des Schlafes selten von ihm; trotzdem aber fragte sie fast nie, wo sich Rodja jetzt eigentlich befinde, obgleich Dunja und Rasumichin es augenscheinlich vermieden, mit ihr darüber zu sprechen – was schon allein ihren Argwohn hätte erregen können. Schließlich wurde ihnen dieses sonderbare Schweigen der Mutter über gewisse Punkte unheimlich. Sie beklagte sich zum Beispiel gar nicht darüber, daß keine Briefe von Rodja kamen, während sie früher, als sie noch in ihrem Städtchen wohnte, nur von der Hoffnung und der Erwartung gelebt hatte, recht bald einen Brief von ihrem geliebten Sohne zu erhalten. Dieser letztere Umstand war ganz unerklärlich und versetzte Dunja in starke Unruhe; es kam ihr der Gedanke, daß die Mutter vielleicht etwas Schreckliches über das Geschick ihres Sohnes ahne und sich fürchte zu fragen, um nicht etwas noch Schrecklicheres zu erfahren. Jedenfalls aber sah Dunja klar, daß Pulcheria Alexandrowna nicht bei gesundem Verstande war.

Ein paarmal war es vorgekommen, daß die Mutter selbst das Gespräch so leitete, daß bei Beantwortung ihrer Fragen eine Erwähnung von Rodjas jetzigem Aufenthaltsorte schwer zu umgehen war; da nun die Antworten notgedrungen unbefriedigend und verdächtig ausfielen, wurde sie plötzlich überaus traurig, düster und schweigsam und verharrte in diesem Zustande sehr lange. Dunja sah schließlich ein, daß es auf die Dauer doch zu schwer war, etwas zu erdichten und der Mutter vorzulügen, und nahm sich nun ein für allemal vor, über gewisse Punkte lieber vollständig zu schweigen; aber es wurde immer klarer und augenscheinlicher, daß die arme Mutter etwas Furchtbares ahnte. Dunja erinnerte sich unter anderem an die Mitteilung ihres Bruders, daß die Mutter die wirren Reden mitgehört habe, die sie in der Nacht vor jenem verhängnisvollen Tage, nach ihrem Zusammensein mit Swidrigailow, im Schlafe geführt hatte; ob sie vielleicht damals etwas von dem wahren Sachverhalte verstanden hatte? Häufig, und zwar manchmal nach mehreren Tagen und sogar Wochen finsteren, brütenden Schweigens und stummer Tränen, geriet die Kranke in eine Art von hysterischer Lebhaftigkeit und begann auf einmal laut und fast ohne Unterbrechung von ihrem Sohne, von ihren Hoffnungen und von der Zukunft zu sprechen … Ihre Phantasien waren mitunter recht seltsam. Die beiden jungen Leute trösteten sie und redeten ihr nach dem Munde – sie durchschaute das vielleicht selbst, daß sie ihr nur nach dem Munde reden und sie trösten wollten; aber dennoch redete und redete sie immer weiter …

Fünf Monate nach der Selbstanzeige des Verbrechers wurde das Urteil über ihn gefällt. Rasumichin besuchte ihn im Gefängnis, so oft es nur irgend möglich war. Ebenso Sonja. Endlich kam die Trennungsstunde. Dunja schwur ihrem Bruder, dies solle keine Trennung fürs Leben sein; desgleichen Rasumichin. In Rasumichins jugendlichem, feurigem Kopfe war ein Plan entstanden und zum festen Entschlusse geworden: in den nächsten drei, vier Jahren nach Möglichkeit wenigstens den Grund zu einem künftigen Vermögen zu legen, wenigstens eine gewisse Summe Geldes zusammenzusparen und dann nach Sibirien überzusiedeln, wo der Boden in jeder Beziehung reich sei, während es an Arbeitern, Menschen und Kapital mangelte; dort wollte er sich dann in derselben Stadt, wo Rodja sein würde, niederlassen, … und da sollte für alle ein neues Leben beginnen. Beim Abschied weinten alle. Raskolnikow war in den letzten Tagen sehr schwermütig gewesen, hatte sich viel nach der Mutter erkundigt und sich fortwährend um sie beunruhigt. Sein Gram und Kummer um sie war so heftig gewesen, daß Dunja sich darüber aufregte. Als er die Einzelheiten über den Krankheitszustand der Mutter erfahren hatte, war er sehr finster geworden. Sonja gegenüber war er die ganze Zeit besonders wortkarg gewesen. Sie hatte sich mit Hilfe des Geldes, das ihr Swidrigailow vor seinem Tode eingehändigt, schon längst reisefertig gemacht und war bereit, der Sträflingsabteilung zu folgen, in der auch er transportiert werden sollte. Hierüber war zwischen ihr und Raskolnikow niemals auch nur ein Wort gesprochen worden; aber beide wußten, daß es so sein werde.

Beim letzten Abschiednehmen lächelte er seltsam, als Dunja und Rasumichin sich in eifrigen Versicherungen ergingen, ein wie glückliches Leben ihnen allen bevorstände, sobald er die Zwangsarbeit hinter sich haben würde, und sagte vorher, daß die Krankheit der Mutter bald einen schlimmen Ausgang nehmen werde. Endlich brachen er und Sonja auf.

Zwei Monate darauf heirateten sich Dunja und Rasumichin. Es war eine traurige, stille Hochzeit. Unter den eingeladenen Gästen befanden sich übrigens auch Porfirij Petrowitsch und Sossimow. Während der ganzen letzten Zeit hatte Rasumichin das Aussehen eines Mannes von festem Willen und ernster Entschlossenheit gezeigt. Dunja glaubte bestimmt, daß er alle seine Pläne durchführen werde; und sie hatte auch allen Grund, das zu glauben, denn in diesem Menschen steckte ein eiserner Wille. Unter anderem hatte er wieder angefangen, Vorlesungen auf der Universität zu hören, um seine Studien zu absolvieren. Beide entwarfen fortwährend Pläne für die Zukunft; beide rechneten fest darauf, in fünf Jahren bestimmt nach Sibirien überzusiedeln. Bis dahin verließen sie sich auf Sonjas dortige Wirksamkeit.

einzurichten, die Möbel darin zu säubern, den Fußboden zu scheuern, neue Gardinen aufzuhängen usw. Dunja ängstigte sich darüber, schwieg aber und war ihr sogar behilflich, das Zimmer für den Empfang des Bruders instand zu setzen. Nach einem unruhevollen, in beständigen phantastischen Einbildungen, in frohen Hoffnungen und in Tränen verbrachten Tage erkrankte die Mutter in der Nacht; am Morgen lag sie bereits in starkem Fieber und redete irre. Das Fieber nahm an Heftigkeit zu, und zwei Wochen darauf starb sie. Bei ihrem Irrereden waren ihr Worte entschlüpft, denen man entnehmen konnte, daß sie von dem schrecklichen Schicksale ihres Sohnes weit mehr ahnte, als man geglaubt hatte.

Raskolnikow erfuhr lange nichts vom Tode seiner Mutter, obgleich ein Briefwechsel mit Petersburg gleich vom Anfange seines Aufenthaltes in Sibirien an begonnen hatte. Dieser Briefwechsel fand durch Sonjas Vermittlung statt; sie schrieb regelmäßig jeden Monat nach Petersburg an Rasumichins Adresse und empfing pünktlich jeden Monat aus Petersburg eine Antwort. Sonjas Briefe erschienen Dunja und Rasumichin anfangs etwas trocken und unbefriedigend; aber schließlich fanden sie beide, daß dies die beste überhaupt mögliche Art zu schreiben war, da sie aus diesen Briefen als Schlußergebnis doch eine sehr vollständige und genaue Vorstellung von dem Lose des unglücklichen Bruders und Freundes gewannen. Sonjas Briefe waren mit Nachrichten über materielle Dinge der alltäglichsten Art und mit schlichten, klaren Schilderungen der Äußerlichkeiten in Raskolnikows Sträflingsleben angefüllt, enthielten dagegen weder Darlegungen ihrer eigenen Hoffnungen noch Vermutungen über die Gestaltung der Zukunft, noch Schilderungen ihrer eigenen Gefühle. Seinen Seelenzustand und überhaupt sein ganzes Innenleben darzustellen, das versuchte sie gar nicht; statt dessen standen da nur Tatsachen, das heißt seine eigenen Worte, ausführliche Mitteilungen über seinen Gesundheitszustand, welche Wünsche er dann und wann bei ihren Besuchen ausgesprochen, worum er sie gebeten, was er ihr aufgetragen hatte usw. Bei all diesen Mitteilungen ging sie auf die kleinsten Einzelheiten ein. Auf diese Weise trat schließlich das Bild des unglücklichen Sträflings dem Lesenden ganz von selbst in genauer und deutlicher Zeichnung vor Augen; Irrtümer waren unmöglich, weil alles Vorliegende aus zuverlässigen Tatsachen bestand.

Aber es war wenig Tröstliches, was Dunja und ihr Mann diesen Mitteilungen entnehmen konnten, namentlich in der ersten Zeit. Sonja berichtete stets, er sei beständig finster und schweigsam und interessiere sich kaum für die Nachrichten, die sie ihm jedesmal aus den ihr zugehenden Briefen mitteile. Manchmal frage er nach der Mutter; sie habe ihm, da sie gemerkt hätte, daß er die Wahrheit bereits ahne, schließlich deren Tod mitgeteilt; aber zu ihrem Erstaunen habe nicht einmal diese Todesnachricht auf ihn einen sonderlich starken Eindruck gemacht; wenigstens sei es ihr nach seinem äußeren Benehmen so vorgekommen. Unter anderem schrieb sie auch, obgleich er sich ganz in sich zurückziehe und sich von allen abschließe, habe er sich doch in sein neues Leben einfach und schlicht gefunden; er begreife klar seine Lage, erwarte in näherer Zukunft keine Besserung, gebe sich nicht leichtfertigen Hoffnungen hin, was doch in solcher Lage eine so häufige Erscheinung sei, und wundere sich fast über nichts inmitten der neuen ihn umgebenden Verhältnisse, obwohl sie von der früheren Form seines Daseins so stark verschieden seien. Weiter teilte Sonja mit, sein Gesundheitszustand sei befriedigend. Er gehe an seine Arbeit, ohne daß er sich ihr zu entziehen suche und ohne besonderen Eifer an den Tag zu legen. Hinsichtlich der Kost zeige er große Gleichgültigkeit; aber diese Kost sei, von Sonn- und Festtagen abgesehen, so schlecht, daß er schließlich gern von ihr, Sonja, etwas Geld angenommen habe, um sich zum täglichen Gebrauche Tee kaufen zu können. Was alles übrige anlange, so habe er herausgespürt), er halte sich von allem Verkehr fern; die anderen Sträflinge könnten ihn nicht leiden; er schweige ganze Tage lang und bekomme eine ganz blasse Gesichtsfarbe. Plötzlich, in ihrem letzten Briefe, schrieb Sonja, daß er sehr ernst erkrankt sei und im Gefangenensaale des Krankenhauses liege.

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Kapitel 41

II

Er war schon lange krank gewesen; aber nicht die Schrecken des Sträflingslebens, nicht die Zwangsarbeit, nicht die Nahrung, nicht das Abrasieren des Kopfhaares, nicht die schlechte Kleidung hatten ihn zugrunde gerichtet; oh, was machten ihm alle diese Qualen und Martern aus! Im Gegenteil, er freute sich sogar über die Arbeit; wenn er körperlich durch die Arbeit abgemattet war, so erlangte er dadurch wenigstens ein paar Stunden ruhigen Schlafes. Und was machte ihm die Kost aus, diese Kohlsuppe ohne Fleisch, mit Schaben darin? In früheren Jahren, als Student, hatte er oft nicht einmal das gehabt. Seine Kleidung hielt warm und paßte zu seiner Lebensweise. Die Ketten fühlte er gar nicht am Leibe. Sollte er sich seines geschorenen Kopfes und der zweifarbigen Jacke schämen? Aber vor wem? Vor Sonja? Sonja fürchtete sich vor ihm, und vor der sollte er sich schämen?

Und doch schämte er sich vor Sonja und ließ sie das dadurch entgelten, daß er sie durch sein verächtliches grobes Benehmen peinigte. Aber er schämte sich nicht des geschorenen Kopfes und der Ketten: sein Stolz war schwer verwundet, und diese Verwundung seines Stolzes war auch die Ursache seiner Krankheit. Oh, wie glücklich wäre er gewesen, wenn er sich selbst hätte eine Schuld beimessen können! Dann hätte er alles gern ertragen, auch Schande und Schmach. Aber so streng er auch mit sich ins Gericht ging, so fand sein verstocktes Gewissen doch in seiner Vergangenheit keine so besonders schreckliche Schuld, außer etwa einem einfachen »Fehlschlag«, wie er einem jeden vorkommen konnte. Er schämte sich namentlich darüber, daß er, Raskolnikow, so blind, taub, unvorsichtig und dumm, gleichsam gemäß dem Spruche eines blinden Fatums, sich zugrunde gerichtet hatte und sich nun einem »absurden« richterlichen Urteil beugen und unterwerfen mußte, wenn er nur einigermaßen innerlich zur Ruhe kommen wollte.

Eine zweck- und ziellose Unruhe in der Gegenwart und in der Zukunft eine stete Selbstaufopferung, durch die nichts erreicht wurde: das war’s, was ihm auf der Welt noch bevorstand. Und was hatte er davon, daß er nach acht Jahren erst zweiunddreißig alt war und noch einmal zu leben beginnen konnte? Wozu sollte er dann noch leben? Was sollte er sich für Ziele setzen? Wonach streben? Sollte er leben, nur um zu existieren? Aber er war ja auch früher tausendmal bereit gewesen, seine Existenz für eine Idee, für eine Hoffnung, ja, sogar für eine Phantasterei hinzugeben. Die bloße Existenz war ihm immer zu wenig gewesen; er hatte stets etwas Größeres erstrebt. Vielleicht war diese Lebhaftigkeit seiner Wünsche das einzige Moment gewesen, auf Grund dessen er sich damals für einen Menschen gehalten hatte, dem mehr gestattet sei als anderen.

Hätte doch das Schicksal ihm wenigstens Reue eingegeben, eine brennende Reue, die das Herz verzehrt und den Schlaf verscheucht, jene Reue, deren schreckliche Qualen einem den Selbstmord durch den Strick oder im Wasser verlockend erscheinen lassen. Oh, er hätte sich über eine solche Reue gefreut! Qualen und Tränen, das ist doch wenigstens Leben. Aber er bereute sein Verbrechen nicht.

Oder wenn er sich wenigstens über seine Dummheit hätte ärgern können, wie er sich früher über seine törichten, dummen Handlungen geärgert hatte, durch die er ins Gefängnis gekommen war. Aber wenn er jetzt, wo er bereits im Gefängnis war, »in aller Ruhe« von neuem alle seine früheren Handlungen überdachte und prüfte, so fand er sie ganz und gar nicht so dumm und töricht, wie sie ihm vorher, in jener verhängnisvollen Zeit, erschienen waren.

›Inwiefern‹, dachte er, ›sollte meine Idee dümmer sein als andere Ideen und Theorien, die in der Welt, seit diese Welt besteht, umherschwirren und aufeinanderprallen? Man betrachte nur die Sache unparteiisch, vorurteilsfrei, und ohne sich von Erwägungen alltäglicher Art beeinflussen zu lassen: dann erscheint meine Idee sicherlich gar nicht so … sonderbar. O ihr schwächlichen Umstürzler, ihr dürftigen Denker, warum bleibt ihr immer auf halbem Wege stehen?‹

›Warum erscheint denn meine Tat den Menschen so ungeheuerlich?‹ fragte er sich. ›Deshalb, weil es eine böse Tat ist? Was bedeutet denn das: eine böse Tat? Mein Gewissen ist ruhig. Gewiß, ich habe ein Kriminalverbrechen begangen; gewiß, ich habe den Buchstaben des Gesetzes verletzt und Blut vergossen; nun wohl, nehmt für den Buchstaben des Gesetzes meinen Kopf … und die Sache ist erledigt! Allerdings hätten dann auch viele Wohltäter der Menschheit, die ihre Macht nicht ererbt, sondern selbst an sich gebracht haben, gleich bei ihren ersten Schritten hingerichtet werden müssen. Aber jene Männer führten ihre Schritte mit Kraft und Ausdauer durch, und darum waren sie im Rechte; ich aber wurde dabei schwach, und folglich hatte ich kein Recht, mir diesen Schritt zu erlauben.‹

Nur in diesem einen Punkte erkannte er sein Verbrechen an: nur darin, daß er es nicht zu ertragen vermocht und sich selbst angezeigt hatte.

Er litt auch unter dem Gedanken, warum er sich damals nicht das Leben genommen habe. Warum hatte er damals, als er am Flusse stand, doch die Selbstanzeige vorgezogen? Ob denn wirklich in dem Verlangen zu leben eine solche Kraft steckte und es gar so schwer war, dieses Verlangen zu überwinden? Swidrigailow hatte es doch überwunden, obwohl er sich vor dem Tode fürchtete!

Mit dieser Frage marterte er sich ab, ohne zu wissen, daß er vielleicht schon damals, als er am Flusse stand, den tiefen Irrtum in seinem ganzen Wesen und in seinen Anschauungen geahnt hatte. Er wußte nicht, daß dieses Vorgefühl möglicherweise der Vorbote einer künftigen Krisis in seinem Leben, der Vorbote seiner künftigen Wiedergeburt und seiner künftigen neuen Lebensanschauung war.

Er neigte mehr dazu, das Unterlassen des Selbstmordes auf die unbewußte Wirksamkeit des Instinktes zurückzuführen, über welche obzusiegen und hinwegzuschreiten er wieder einmal nicht die Kraft gehabt habe – er sei eben ein Schwächling und ein unbedeutender Mensch! Er betrachtete seine Mitsträflinge und war erstaunt darüber, wie sehr auch sie alle das Leben liebten und wie teuer es ihnen war. Ja, er hatte den Eindruck, als ob man im Gefängnisse das Leben noch mehr liebe und schätze und wert halte als in der Freiheit. Welche entsetzlichen Leiden und Qualen hatte das Leben manchen von ihnen gebracht, zum Beispiel den Landstreichern; und doch hingen sie so am Dasein! War ihnen denn wirklich ein Sonnenstrahl so viel wert oder ein dichter Wald oder eine kühle, tief in der Wildnis versteckte Quelle? Da hatte nun vielleicht so ein armer Kerl sich eine solche Quelle vor zwei, drei Jahren gemerkt, und nun malte er sich ein Wiedersehen in seiner Phantasie aus wie ein Wiedersehen mit einer Geliebten und träumte von seiner Quelle und von dem grünen Grase ringsumher und von den Vögelchen, die in den Büschen sangen! Bei längerer Betrachtung fand er noch erstaunlichere Beispiele für diese Liebe zum Leben.

Vieles freilich von seiner gesamten Umgebung im Gefängnisleben bemerkte er nicht, und er wollte es eben auch gar nicht bemerken; er lebte gleichsam, ohne aufzublicken; es war ihm widerwärtig und unerträglich, um sich zu schauen. Aber schließlich fiel ihm trotzdem manches auf, und er bemerkte nun unwillkürlich dies und jenes, was er früher nicht einmal geahnt hatte. Am meisten erstaunt war er über die gewaltige, unüberschreitbare Kluft, die zwischen ihm und all diesen Menschen lag. Es war geradezu, als ob er und sie verschiedenen Nationen angehörten. Er und sie betrachteten einander mißtrauisch und feindselig. Er kannte und verstand die Ursachen dieser wechselseitigen Abneigung sehr wohl, hätte aber früher nie geglaubt, daß sie tatsächlich so tief wurzelten und so kräftig wären. Im Gefängnisse befanden sich auch einige verbannte Polen, politische Sträflinge; diese blickten auf die Leute geringeren Standes sehr von oben herab und verachteten sie als ungebildeten Pöbel. Raskolnikow jedoch konnte diese Anschauung nicht teilen; er sah deutlich, daß diese Ungebildeten in vielen Stücken weit verständiger waren als die besagten Polen. Es waren auch Russen da, die gleichfalls dieses gemeine Volk tief verachteten: ein ehemaliger Offizier und zwei Zöglinge geistlicher Seminare. Auch deren Irrtum erkannte Raskolnikow mit voller Deutlichkeit.

Ihn selbst aber konnten alle nicht leiden, und alle mieden ihn. Diese Abneigung steigerte sich schließlich zu wirklichem Hasse. Warum? Das wußte er nicht. Sie verachteten ihn und machten sich über ihn lustig; es machten sich über sein Verbrechen Leute lustig, die weit schlimmere Verbrecher waren als er.

»Du bist ein Herr!« sagten sie zu ihm. »Paßte sich das für dich, mit einem Beil auf die Menschen loszugehen? Das ist nichts für einen Herrn!«

In der zweiten Woche der großen Fasten war er mit seiner Baracke an der Reihe, mehrmals die Kirche zu besuchen als Vorbereitung zum Abendmahle. Er ging mit den anderen zusammen in die Kirche und betete mit ihnen. Dabei kam es einmal zu Streit; er wußte selbst nicht, warum. Alle stürzten mit einem Male ergrimmt auf ihn los.

»Du bist ein Gottesleugner! Du glaubst nicht an Gott!« schrien sie ihm zu. »Totschlagen müßte man dich!«

Niemals hatte er mit ihnen über Gott und über Glaubenssachen gesprochen, und doch wollten sie ihn als einen Gottesleugner totschlagen; er schwieg und widersprach ihnen nicht. Einer von den Sträflingen wollte schon in heller Wut über ihn herfallen; Raskolnikow erwartete ihn ruhig und schweigend, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Miene zu verziehen. Der Wachsoldat konnte gerade noch rechtzeitig zwischen ihn und den mordlustigen Angreifer treten, sonst wäre es zu Blutvergießen gekommen.

Noch eine Frage war da, auf die er keine Antwort finden konnte: Warum hatten sie alle Sonja so lieb? Sie hatte sich niemals um die Gunst der Sträflinge bemüht; diese bekamen Sonja überhaupt nur selten zu sehen, nur ab und zu an den Arbeitsstätten, wenn sie auf einen kurzen Augenblick kam, um ihn zu besuchen. Aber trotzdem war sie bald allen bekannt, alle wußten auch, daß sie ihm gefolgt sei, wußten, wie sie lebte und wo sie wohnte. Geld gab sie ihnen nicht; auch erwies sie ihnen keine besonderen Dienste. Nur einmal, zu Weihnachten, brachte sie für das ganze Gefängnis eine Gabe mit: Pirog und anderes Gebäck. Aber ganz allmählich bildeten sich zwischen ihnen und Sonja mancherlei nähere Beziehungen: sie schrieb für sie Briefe an ihre Angehörigen und gab sie auf die Post. Angehörige, die nach der Stadt gereist kamen, übergaben Sachen, die sie für die Sträflinge bestimmt hatten, und sogar Geld auf deren Wunsch an Sonja zur Weiterbeförderung. Die Frauen und Geliebten der Sträflinge kannten und besuchten sie. Und sobald sie, um Raskolnikow zu besuchen, zu einem Arbeitsplatze kam oder einem Trupp Sträflinge begegnete, der zur Arbeit ging, so nahmen sie alle die Mützen ab und begrüßten sie. »Mütterchen Sofja Semjonowna, du unsere Mutter, du liebe, mitleidende!« sagten diese rohen, gebrandmarkten Sträflinge zu dem kleinen, mageren Wesen. Sie lächelte und erwiderte den Gruß freundlich, und alle freuten sich, wenn sie ihnen zulächelte. Sie liebten sogar ihren Gang, wendeten sich um, um ihr nachzusehen, wie sie ging, und lobten sie; sie lobten sie sogar dafür, daß sie so klein war; sie wußten gar nicht mehr, was sie alles an ihr loben sollten. Sogar medizinische Ratschläge ließen sie sich von ihr geben.

zuammengerufen; wer jedoch eigentlich zusammenrief und warum, das wußte niemand; aber alle waren in großer Aufregung. Die gewöhnlichen Handwerke wurden nicht mehr betrieben; denn jeder trug seine Ideen, seine Reformvorschläge vor, aber es kam zu keiner Einigung; die Bodenbestellung hörte auf. Hier und da sammelten sich die Menschen zu einzelnen Haufen; sie einigten sich über dies und das, schwuren, einander nicht zu verlassen; aber gleich darauf begannen sie etwas ganz anderes zu tun als das, was sie soeben selbst angeregt hatten, beschuldigten sich gegenseitig, prügelten und mordeten sich. Feuersbrünste wüteten; es brach Hungersnot aus. Alle Menschen, alle Habe ging zugrunde. Die Seuche wuchs und verbreitete sich immer weiter. Es entgingen dem Verderben in der ganzen Welt nur sehr wenige Menschen; dies waren die Reinen und Auserwählten, die dazu bestimmt waren, ein neues Menschengeschlecht und ein neues Leben zu begründen und die Erde zu erneuern und zu reinigen; aber diese Menschen hatte niemand erkannt, niemand hatte ihre Worte und ihre Stimme beachtet.

Es war für Raskolnikow eine Qual, daß dieser sinnlose Traum so fest in seinem Gedächtnis haftete und daß der Eindruck dieser Fieberphantasien so lange nicht schwinden wollte. Schon war die zweite Woche nach Ostern herangekommen; es waren warme, heitere Frühlingstage; im Gefangenensaale des Krankenhauses waren die Fenster geöffnet (sie waren vergittert und davor ging eine Schildwache auf und ab). Sonja hatte ihn während seiner ganzen Krankheit nur zweimal im Krankenhause besuchen können. Es war dazu jedesmal erst die Einholung einer besonderen Erlaubnis erforderlich, und das machte Schwierigkeiten. Aber sie war oft auf den Hof des Krankenhauses gekommen, vor die Fenster, namentlich um die Abendzeit, manchmal nur, um einen Augenblick auf dem Hofe zu stehen und wenigstens von weitem nach den Fenstern des Saales, wo er lag, zu blicken. Eines Tages gegen Abend hatte Raskolnikow, der nun schon fast ganz wiederhergestellt war, ein wenig geschlummert; als er erwachte, trat er zufällig an das Fenster und erblickte plötzlich in einiger Entfernung am Tore des Krankenhauses Sonja. Sie stand da, wie wenn sie auf etwas wartete. In diesem Augenblicke hatte er eine Empfindung, als ob ihm jemand das Herz mit einem Schwerte durchbohre; er fuhr zusammen und trat schnell vom Fenster zurück. Am nächsten Tage kam Sonja nicht, auch nicht an dem dann folgenden; er wurde sich bewußt, daß er mit Unruhe auf sie wartete. Endlich wurde er als genesen aus dem Krankenhause entlassen. Als er in das Gefängnis kam, erfuhr er von den Sträflingen, daß Sofja Semjonowna krank geworden sei, zu Hause das Bett hüten müsse und nicht ausgehen könne.

Er beunruhigte sich darüber sehr und schickte hin, um zu erfahren, wie es ihr gehe. Bald erhielt er Nachricht, daß ihre Krankheit nicht gefährlich sei. Als Sonja ihrerseits hörte, daß er sich so nach ihr sehne und sich um sie so viel Sorge mache, schickte sie ihm einen mit Bleistift geschriebenen Zettel und teilte ihm mit, es gehe ihr schon viel besser; sie habe nur eine leichte Erkältung und werde ihn bald, sehr bald an seiner Arbeitsstätte besuchen. Als er diesen Zettel las, schlug ihm das Herz so heftig, daß es ihn schmerzte.

Es war wieder ein heiterer, warmer Tag. Frühmorgens, um sechs Uhr, ging er zu seiner Arbeit an das Ufer des Flusses, wo in einem Schuppen ein Ofen zum Gipsbrennen eingerichtet war und der Gips auch gestampft wurde. Es hatten sich nur drei Arbeiter dorthin zu begeben. Einer von ihnen war mit dem Wachsoldaten noch einmal nach der Festung zurückgegangen, um ein Werkzeug zu holen; der andere machte Holz zurecht und legte es in den Ofen. Raskolnikow ging aus dem Schuppen hinaus bis dicht ans Ufer, setzte sich auf die dort aufgestapelten Baumstämme und blickte über den breiten, öden Fluß hin. Von dem hohen Ufer aus übersah man weithin die Gegend. Kaum vernehmbar klang von dem fernen jenseitigen Ufer ein Lied herüber. Dort in der unabsehbaren, vom Sonnenlicht überfluteten Steppe hoben sich als kaum wahrnehmbare schwarze Pünktchen die Zelte von Nomaden ab. Dort war das Land der Freiheit; dort wohnten andere Menschen, ganz unähnlich denen auf dem diesseitigen Ufer; dort war gleichsam die Zeit selbst stehengeblieben, als wäre das Zeitalter Abrahams und seiner Herden noch nicht vorüber. Raskolnikow saß da und sah in die Ferne, ohne sich zu rühren und ohne sich von dem Anblicke losreißen zu können. Sein Denken wurde zum Träumen, zum bloßen Schauen; er dachte an nichts mehr; aber eine Art von Sehnsucht beunruhigte und quälte ihn.

Auf einmal stand Sonja neben ihm. Sie war fast unhörbar herangekommen und setzte sich nun zu ihm hin. Es war noch sehr früh am Tage; die Morgenkälte war noch nicht milder geworden. Sie trug ihre alte, ärmliche Pelerine und das grüne Tuch. Ihr Gesicht zeigte noch die Spuren der überstandenen Krankheit; es war recht mager, blaß und kümmerlich geworden. Sie lächelte ihm mit freundlicher, froher Miene zu; aber die Hand streckte sie ihm wie gewöhnlich nur schüchtern hin.

Dies tat sie immer nur schüchtern und mitunter gar nicht, als fürchte sie eine Zurückweisung. Denn er nahm ihre Hand immer wie mit innerem Widerstreben, zeigte sich bei solchen Begegnungen stets verdrossen und schwieg manchmal hartnäckig während der ganzen Zeit, die Sonja bei ihm war. Es kam vor, daß sie vor ihm geradezu zitterte und tiefbetrübt fortging. Jetzt aber trennten sich die Hände beider nicht; er warf ihr einen schnellen, hastigen Blick zu, sprach kein Wort und richtete seine Augen auf die Erde. Sie waren allein; niemand sah sie. Der inzwischen zurückgekehrte Wachsoldat hatte sich gerade umgewandt.

Wie es zuging, wußte er selbst nicht; aber plötzlich war es ihm, als ob ihn eine unwiderstehliche Kraft packte und zu ihren Füßen niederwürfe. Er weinte und umschlang ihre Knie. Im ersten Augenblick erschrak sie heftig, und ihr ganzes Gesicht wurde totenblaß. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Aber sofort, im gleichen Augenblicke, war ihr alles klar. In ihren Augen leuchtete eine grenzenlose Glückseligkeit auf; sie hatte ihn verstanden, und es gab nun für sie keinen Zweifel mehr, daß er sie liebe, sie grenzenlos liebe und daß der langersehnte Augenblick endlich gekommen sei.

Sie wollten sprechen, aber sie konnten es nicht. Die Tränen standen ihnen beiden in den Augen. Beide waren sie blaß und mager; aber auf diesen blassen, kranken Gesichtern strahlte schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, einer völligen Wiedergeburt zu neuem Leben. Die Liebe war es, die diese Wiedergeburt bewirkt hatte; dem Herzen des einen entsprudelten unerschöpfliche Quellen des Lebens für das Herz des anderen.

Sie beschlossen, zu warten und zu dulden. Sieben Jahre hatten sie noch vor sich und innerhalb dieser Zeit wieviel bittere Qual und wieviel unendliches Glück! Aber er war wiedergeboren, und er wußte das, fühlte es im tiefsten Innern seines erneuerten Wesens, und sie, sie lebte ja nur sein eigenes Leben mit!

Am Abend ebendieses Tages, als die Baracken bereits geschlossen waren, lag Raskolnikow auf der Pritsche und dachte an sie. An diesem Tage hatte er sogar die Empfindung, als ob alle Sträflinge, seine bisherigen Feinde, ihn nunmehr anders ansähen. Er knüpfte selbst mit ihnen ein Gespräch an, und sie antworteten ihm freundlich. Diese Wandlung fiel ihm auf; aber es mußte ja wohl so sein; mußte sich jetzt nicht alles, alles ändern?

Er dachte an sie. Er erinnerte sich, wie er sie beständig gepeinigt und ihr das Herz zerrissen hatte; er erinnerte sich ihres blassen, mageren Gesichtchens; aber diese Erinnerungen hatten jetzt für ihn fast nichts Quälendes: er wußte, mit wie grenzenloser Liebe er ihr jetzt alle ihre Leiden vergelten werde.

Und was wollten auch alle, alle diese Qualen der Vergangenheit besagen! Alles, selbst sein Verbrechen, selbst die Verurteilung und die Verschickung zur Zwangsarbeit erschien ihm jetzt in der ersten Glut der Empfindung nur wie ein äußerliches, seltsames Ereignis, ja wie etwas, was gar nicht ihm selbst zugestoßen sei. Indessen war er an diesem Abende nicht imstande, lange und dauernd an etwas zu denken und seine Gedanken auf einen bestimmten Gegenstand zu konzentrieren; auch hätte er jetzt keine Denkaufgabe lösen können; er konnte nur fühlen. An die Stelle des theoretischen Denkens war das wirkliche Leben getreten, und ganz neue Triebe begannen sich in seiner Seele zu regen.

Unter seinem Kopfkissen lag ein Neues Testament. Mechanisch griff er danach. Dieses Buch gehörte ihr; es war das nämliche, aus dem sie ihm über die Auferweckung des Lazarus vorgelesen hatte. Zu Beginn seines Sträflingslebens hatte er gedacht, sie würde ihn beständig mit der Religion quälen, immer vom Evangelium zu reden anfangen und ihm Bücher aufdrängen. Aber zu seinem größten Erstaunen hatte sie auch nicht ein einziges Mal davon gesprochen und ihm auch niemals das Neue Testament angeboten. Er selbst hatte kurz vor seiner Krankheit sie um dieses Buch gebeten, und sie hatte es ihm gebracht und schweigend gegeben. Bisher hatte er es überhaupt noch nicht aufgeschlagen.

Auch jetzt schlug er es nicht auf; aber es kam ihm plötzlich der Gedanke: »Müssen ihre Überzeugungen jetzt nicht auch die meinigen sein? Wenigstens ihre Empfindungen, ihre Bestrebungen …«

Auch sie befand sich diesen ganzen Tag über in großer Aufregung; in der Nacht wurde sie sogar wieder krank. Aber sie war so glücklich, und sie war es so wider alles Erwarten geworden, daß sie über ihr Glück ganz erschrocken war. Sieben Jahre noch, nur noch sieben Jahre! In der ersten Zeit ihres Glückes dachten sie beide in manchen Augenblicken an diese sieben Jahre nur so, als ob es sieben Tage wären. Er überlegte nicht einmal, daß das neue Leben ihm doch nicht ganz umsonst zuteil werde, daß er vielmehr einen hohen Preis dafür entrichten, es mit einer großen zukünftigen Tat werde bezahlen müssen …

Aber hier beginnt bereits eine neue Geschichte, die Geschichte der allmählichen Erneuerung eines Menschen, die Geschichte seiner allmählichen Sinneswandlung, des allmählichen Überganges aus einer Welt in eine andere, des Bekanntwerdens mit einer neuen, ihm bis dahin völlig unbekannten Wirklichkeit. Das könnte den Stoff zu einer neuen Erzählung liefern; aber unsere jetzige Erzählung ist zu Ende.

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Kapitel 5

V

›In der Tat, vor kurzer Zeit hatte ich wirklich noch vor, Rasumichin um Arbeit zu bitten. Er sollte mir Privatstunden oder sonst etwas verschaffen‹, überlegte Raskolnikow; ›aber womit kann er mir jetzt helfen? Angenommen, er verschafft mir Stunden, angenommen sogar, er teilt mit mir seine letzte Kopeke, wenn er noch eine hat, so daß ich sogar imstande bin, mir Stiefel zu kaufen und meinen Anzug ausbessern zu lassen, um zu den Privatstunden gehen zu können,… hm. Aber was dann weiter? Was kann ich mit so ein paar Groschen anfangen? Entspricht das etwa meinem jetzigen Bedürfnisse? Es ist rein lächerlich, daß ich jetzt zu Rasumichin gehen wollte.‹

Die Frage, warum er jetzt zu Rasumichin gehen wollte, regte ihn in Wirklichkeit mehr auf, als er selbst glaubte; voll Unruhe suchte er irgendwelchen für ihn unheilverkündenden tieferen Sinn in diesem anscheinend ganz gewöhnlichen Vorhaben.

›Wollte ich denn die ganze Angelegenheit einzig und allein durch Rasumichins Beihilfe in Ordnung bringen, und glaubte ich, bei Rasumichin Rettung aus aller Not zu finden?‹ fragte er sich verwundert.

Er sann nach und rieb sich die Stirn, und – seltsam! – ganz unvermutet, plötzlich und fast von selbst kam ihm nach langer Überlegung ein sonderbarer Gedanke.

›Hm… zu Rasumichin‹, sagte er im Tone einer endgültigen Entscheidung vor sich hin und fühlte sich auf einmal völlig ruhig, ›zu Rasumichin werde ich gehen, bestimmt, … aber nicht jetzt gleich. Ich will zu ihm hingehen am Tage nach der betreffenden Sache, wenn die bereits erledigt ist und mein ganzes Leben einen neuen Anfang nimmt.‹

Und auf einmal kam er zur Besinnung.

»Nach der betreffenden Sache!« rief er und sprang von der Bank auf. »Aber wird die denn stattfinden? Wird sie wirklich stattfinden?«

Er verließ die Bank und ging weiter, er lief beinahe. Er war schon im Begriff, umzukehren und nach Hause zu gehen; aber hiergegen stieg ihm ein furchtbarer Ekel auf: dort, in jenem gräßlichen, schrankartigen Kämmerchen, war schon seit mehr als einem Monat dieser ganze Plan in seinem Gehirne herangereift – und er ging immer geradeaus weiter.

Sein nervöses Zittern ging in ein fieberhaftes über; er empfand sogar ein Frösteln; bei dieser Hitze fror ihn! Mit großer Anstrengung begann er, fast ohne sich dessen bewußt zu sein, einem inneren Zwange gehorchend, alle Gegenstände, an denen er vorbeikam, zu betrachten, als suche er sich gewaltsam zu zerstreuen; aber das gelang ihm nur schlecht, und er geriet alle Augenblicke von neuem in seine Grübeleien. Wenn er aber dann wieder zusammenfuhr, den Kopf hob und um sich blickte, so hatte er sofort vergessen, woran er eben gedacht hatte, und sogar, wo er ging. Auf diese Weise durchquerte er die ganze seitwärts ab, ging in ein Gebüsch, ließ sich auf das Gras sinken und schlief in demselben Augenblicke ein.

Bei krankhaften Zuständen zeichnen sich die Träume oft durch ungemeine Lebhaftigkeit, Klarheit und außerordentliche Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit aus. Der eigentliche Gegenstand des Traumes ist dabei manchmal ganz ungeheuerlich, die näheren Umstände aber und die ganze Art, wie sich der Hergang abspielt, so wahrscheinlich und mit so feinen, überraschenden, aber künstlerisch zu dem Gesamtbilde durchaus passenden Einzelheiten ausgestattet, daß der Träumende im wachen Zustande, und wenn er ein Dichter wie Puschkin oder Turgenjew wäre, sie nicht ersinnen könnte. Solche krankhaften Träume haften immer lange im Gedächtnis und wirken stark auf den gestörten und schon erregten Organismus des Menschen.

Raskolnikow hatte einen furchtbaren Traum. Er träumte von seiner Kindheit, wo er noch in seinem Heimatstädtchen lebte. Er ist sieben Jahre alt und geht an einem Feiertage gegen Abend mit seinem Vater vor der Stadt spazieren. Es ist trübes Wetter, ein schwüler Tag; die Örtlichkeit ist genau dieselbe, wie sie sich in seinem Gedächtnisse erhalten hat; sie ist sogar in seinem Gedächtnisse lange nicht so scharf umrissen, wie sie ihm jetzt im Traume erscheint. Das Städtchen steht deutlich vor ihm da, zum Greifen nahe; ringsum auch nicht ein Weidenbaum; irgendwo, in sehr weiter Ferne, ganz am Horizonte, sieht man die dunkle Silhouette eines Wäldchens. Einige Schritte von dem letzten zur Stadt gehörigen Gemüsegarten entfernt steht eine Schenke, eine große Schenke, die auf ihn stets einen unangenehmen Eindruck gemacht, ja, ihm sogar Furcht eingeflößt hatte, wenn er mit seinem Vater auf dem Spaziergange daran vorbeigekommen war. Dort war immer ein großer Haufen von Menschen, die so entsetzlich schrien, lachten, schimpften, so unanständig und heiser sangen und sich so oft prügelten; in der Umgebung dieser Kneipe Umstand fesselt seine Aufmerksamkeit: heute scheint hier ein Volksvergnügen stattzufinden; da drängt sich ein dichter Menschenhaufe, aus geputzten Bürger- und Bauersfrauen, ihren Männern und allerlei Gesindel bestehend. Alle sind betrunken, alle singen Lieder, und vor der Tür der Schenke steht ein Wagen, aber ein seltsamer Wagen. Es ist einer jener großen Wagen, vor die man große Lastpferde spannt und auf denen man Waren und Branntweinfässer transportiert. Er hatte immer gern diese riesigen Lastpferde betrachtet, mit den langen Mähnen und den dicken Beinen, wie sie ruhig und gemessen einherschritten und einen ganzen Berg hinter sich herzogen, ohne besondere Anstrengung, ja, als wäre es ihnen mit der beladenen Fuhre leichter zu gehen als ohne diese. Aber jetzt ist wunderlicherweise an einen solchen großen Frachtwagen eine kleine, magere, falbe Bauernkracke gespannt, von der Art, wie sie sich (er hatte das oft gesehen) vielfach mit einer hochgepackten Fuhre Holz oder Heu abquälen, namentlich wenn der Wagen im Schmutze oder in tiefen Geleisen stecken bleibt; und dabei hauen dann die Bauern immer so roh, so roh mit der Peitsche auf sie los, manchmal gerade auf das Maul und in die Augen. Und es hatte ihm immer so leid, so leid getan, das mitanzusehen, daß er beinahe geweint hatte; die Mama hatte ihn dann immer vom Fenster weggeführt. Aber plötzlich erhebt sich ein großer Lärm: aus der Schenke kommen unter Schreien und Singen, mit Balalaiken in den Händen, stierartig betrunkene Bauern heraus, große Kerle in roten und blauen Hemden, die Röcke nur lose übergeworfen.

»Setzt euch rauf, setzt euch alle rauf!« schreit einer, ein junger Kerl mit dickem Halse und fleischigem, rotem Gesichte. »Ich fahre euch alle, setzt euch nur rauf!«

Gelächter antwortet auf diese Aufforderung, und es wird geschrien:

»So eine Kracke! Die wird uns auch gerade ziehen können!«

»Du bist wohl nicht gescheit, Mikolka? So eine kleine Stute vor so einen Wagen zu spannen!«

»Die kleine Falbe ist gewiß schon ihre zwanzig Jahre alt, Brüder!«

»Setzt euch nur rauf; ich fahre euch alle!« schreit Mikolka wieder, springt als erster auf den Wagen, faßt die Zügel und stellt sich in seiner ganzen Größe auf das Vorderteil. »Der Braune ist schon lange mit Matwej davon«, schreit er vom Wagen herunter. »Aber diese Stute tut weiter nichts als mich ärgern, Brüder; ich möchte sie am liebsten totschlagen; sie frißt ihr Futter umsonst! Hört ihr wohl: setzt euch rauf! Ich will sie Galopp laufen lassen! Galopp soll sie laufen!«

Er nimmt die Peitsche in die Hand und bereitet sich mit einer wahren Wonne darauf vor, das Pferd zu schlagen.

»Na, setzt euch doch rauf! Immer zu!« wird unter Lachen in der Menge gerufen. »Hört ihr wohl? Sie soll Galopp laufen!«

»Die ist wohl schon seit zehn Jahren nicht mehr Galopp gelaufen.«

»Das wird ein schöner Galopp werden!«

»Nur keine Schonung, Brüder! Jeder muß eine Peitsche nehmen; macht euch fertig!«

»Jawohl, jawohl! Die soll’s kriegen!«

Alle klettern unter Gelächter und Witzworten auf Mikolkas Wagen. Sechs Mann sind hinaufgestiegen, und es können noch mehr sitzen. Sie nehmen noch ein dickes Weib mit gesunder, roter Gesichtsfarbe mit hinauf. Sie trägt ein rotes baumwollnes Kleid, einen Kopfputz aus Glasperlen, an den Füßen plumpe Schuhe; sie knackt Nüsse und lacht. Ringsum in der Menge wird gleichfalls gelacht; und wirklich: warum sollten sie auch nicht lachen? So eine jämmerliche Mähre, und soll eine solche Last im Galopp ziehen! Zwei Burschen auf dem Wagen nehmen sofort jeder eine Peitsche, um Mikolka zu helfen. »Hüh!« ruft dieser, und die Mähre zieht aus Leibeskräften, kann aber nicht einmal im Schritt damit zurechtkommen, geschweige denn im Galopp; sie trippelt nur mit den Beinen herum, ächzt und knickt ein unter den Hieben der drei Peitschen, die hageldicht auf sie niedersausen. Das Gelächter auf dem Wagen und in der Menge verdoppelt sich; aber Mikolka wird ärgerlich und peitscht in seiner Wut immer wieder auf die Stute los, als ob er wirklich dächte, sie würde noch galoppieren.

»Laßt mich auch mitmachen, Brüder!« schreit ein Bursche aus der Menge, der gleichfalls Lust bekommen hat.

»Steig nur rauf! Steigt nur alle rauf!« ruft Mikolka. »Sie muß alle ziehen. Ich peitsche sie zu Tode!«

Und er peitscht und peitscht und blickt sich um, womit er sie wohl sonst noch in seiner Raserei schlagen könnte.

»Papa, Papa!« ruft das Kind seinem Vater zu. »Papa, was tun sie da? Papa, sie schlagen das arme Pferd!«

»Komm weg, komm weg!« antwortet der Vater. »Es sind Betrunkene; sie treiben Tollheiten, die Narren. Komm weg; sieh nicht hin.« Und er will ihn wegführen; doch das Kind reißt sich von seiner Hand los und läuft, seiner selbst nicht mächtig, zu dem Pferde. Aber mit dem armen Tiere steht es schon schlecht. Es verliert den Atem, bleibt stehen, zieht wieder an und fällt beinahe hin.

»Peitscht sie tot!« schreit Mikolka. »Jetzt geht’s los! Ich peitsche sie zu Tode!«

»Bist du denn kein Christenmensch, du Satan?“ ruft ein alter Mann aus dem Haufen.

»Hat man denn so etwas schon gesehen, daß so eine Kracke so eine Fuhre ziehen soll!« fügt ein andrer hinzu.

»Du wirst sie noch zu Tode quälen!« ruft ein Dritter.

»Das geht dich nichts an! Sie ist mein Eigentum. Ich kann mit ihr tun, was ich will. Steigt auch ihr noch rauf! Steigt alle noch rauf! Sie muß noch Galopp laufen!«

Plötzlich bricht ein allgemeines Gelächter los und übertönt alles: die Stute hat die unaufhörlichen Hiebe nicht mehr aushalten können und in ihrer Not angefangen auszuschlagen. Selbst der alte Mann kann sich des Lächelns nicht erwehren; wahrhaftig komisch: so ein jämmerliches Tier, und schlägt noch aus!

Zwei Burschen aus der Menge holen sich jeder eine Peitsche und laufen zu der Stute hin, um sie von den Seiten zu hauen. Jeder haut von seiner Seite.

»Aufs Maul! Haut sie in die Augen, in die Augen!« schreit Mikolka.

»Ein Lied, Brüder!« ruft einer auf dem Wagen, und alle, die darauf sind, fallen mit ein. Ein Gassenhauer ertönt; ein Tambourin rasselt; im Refrain wird gepfiffen. Das Weib knackt Nüsse und lacht.

Der Knabe läuft von hinten an das Pferd heran, läuft nach vorn; er sieht, wie es in die Augen geschlagen wird, gerade in die Augen! Er weint; das Herz will ihm brechen; die Tränen laufen ihm über die Wangen. Ein Peitschenhieb streift ihm das Gesicht, er fühlt es nicht; er ringt die Hände, er schreit, er stürzt zu dem grauköpfigen, graubärtigen Manne hin, der den Kopf schüttelt und dieses ganze Treiben mißbilligt. Eine Frau faßt ihn an der Hand und will ihn fortführen; aber er reißt sich los und läuft wieder zu dem Pferde hin. Das Tier ist schon beinahe mit seiner Kraft zu Ende; aber es beginnt noch einmal auszuschlagen.

»Hol dich der Satan!« schreit Mikolka wütend. Er wirft die Peitsche hin, bückt sich und zieht vom Boden des Wagens eine lange, dicke Deichselstange hervor, faßt sie mit beiden Händen am einen Ende und holt mit starker Anstrengung über der Falben aus.

»Er macht sie kaputt!« schreien die Umstehenden.

»Er schlägt sie tot!«

»Sie ist mein Eigentum!« schreit Mikolka und läßt mit aller Wucht die Deichselstange niederschmettern. Man hört einen schweren, dumpfen Schlag.

»Haut sie doch mit der Peitsche, haut sie! Was steht ihr!« rufen Stimmen aus dem Haufen.

Mikolka aber holt zum zweiten Male aus, und ein zweiter Schlag fällt mit aller Wucht auf den Rücken der unglücklichen Mähre. Sie knickt mit dem ganzen Hinterteil ein, springt aber auf und zieht und zieht mit dem Aufgebot der letzten Kräfte nach dieser und jener Seite, um den Wagen in Bewegung zu bringen; aber von allen Seiten schlagen sechs Peitschen auf sie ein, und die Deichselstange erhebt sich von neuem und fällt zum dritten und vierten Male im Takt wuchtig nieder. Mikolka ist ganz rasend, daß er die Stute nicht mit einem Schlage tot bekommt.

»Die ist zählebig!« rufen die Umstehenden.

»Jetzt wird sie bestimmt gleich fallen, Brüder; dann ist’s mit ihr aus!« ruft aus dem Haufen ein interessierter Zuschauer.

»Du solltest ein Beil nehmen und ihr flink den Garaus machen!« ruft ein Dritter.

»Ach was, hol dich der Kuckuck! Macht mal Platz da!« schreit Mikolka grimmig, wirft die Deichselstange von sich, bückt sich noch einmal zum Wagen hinunter und zieht eine eiserne Brechstange hervor. »Vorgesehen!« ruft er und holt mit aller Kraft nach seinem armen Pferdchen aus. Der Schlag schmettert nieder; die Stute schwankt, sinkt zusammen, macht einen Versuch anzuziehen; aber die Brechstange trifft sie von neuem mit voller Wucht in den Rücken, und das Tier fällt auf die Erde, als wären ihm alle vier Beine mit einem Male abgehauen.

»Nun gebt ihr den Rest!« schreit Mikolka und springt wie ein Besessener vom Wagen herunter. Einige Burschen, gleichfalls betrunken und mit geröteten Gesichtern, ergreifen, was ihnen in die Hände kommt, Peitschen, Stöcke, die Deichselstange, und laufen zu der verendenden Stute hin. Mikolka stellt sich auf der einen Seite neben das Tier und fängt an, es mit der Brechstange auf den Rücken zu schlagen, wohin er gerade trifft. Die Mähre streckt das Maul vor, holt noch einmal schwer Atem und stirbt.

»Na, nun hast du ihr das Lebenslicht ausgeblasen!« ruft jemand in dein Haufen.

»Warum wollte sie auch nicht Galopp laufen!«

»Sie ist mein Eigentum!« schreit Mikolka, die Brechstange in den Händen, mit blutunterlaufenen Augen. Er steht da, als bedauerte er, daß nichts mehr da ist, was er schlagen könnte.

»Aber du bist wirklich ein rechter Unchrist!“ rufen jetzt viele Stimmen aus der Menge.

Der arme Knabe ist ganz fassungslos. Laut aufschreiend drängt er sich durch den Schwarm hindurch zu der Falben hin, umfaßt ihren toten, blutigen Kopf und küßt ihn; er küßt sie auf die Augen, auf die Lefzen. Dann springt er plötzlich auf und stürzt in heller Wut, die kleinen Fäuste ballend, auf Mikolka los. In diesem Augenblicke bekommt der Vater, der schon lange hinter ihm her ist, ihn endlich zu fassen und trägt ihn aus dem Gedränge hinaus.

»Komm weg, komm weg!« sagt er zu ihm. »Wir wollen nach Hause gehen!«

»Papa! Warum haben sie… das arme Pferd… totgeschlagen?“ schluchzt er; aber er bekommt keine Luft, und die Worte ringen sich wie einzelne Schreie aus der gepreßten Brust.

»Sie sind betrunken,… sie treiben Unfug,… es geht uns nichts an,… komm weg!« sagt der Vater. Der Knabe schlingt beide Arme um den Vater; aber die Brust ist ihm so beengt, so furchtbar beengt. Er möchte Luft holen, aufschreien, und – er erwacht.

Er erwachte, ganz in Schweiß gebadet, mit feuchtem Haar, keuchend, und stand angstvoll auf.

»Gott sei Dank«, sagte er, »es war nur ein Traum.« Er setzte sich unter einen Baum und holte tief Atem. »Aber wie kommt das? Kündigt sich ein hitziges Fieber bei mir an? So ein grauenhafter Traum!«

Am ganzen Körper fühlte er sich wie zerschlagen; trüb und dunkel war es in seiner Seele. Er setzte die Ellbogen auf die Knie und stützte den Kopf in beide Hände. »Mein Gott!« rief er aus. »Werde ich denn wirklich, wirklich ein Beil nehmen, sie auf den Kopf schlagen, ihr den Schädel zerschmettern,… werde ich in das glitschige, warme Blut treten, das Schloß erbrechen, stehlen und zittern, mich verstecken, ganz mit Blut befleckt,… mit dem Beile… Mein Gott, kann das wirklich geschehen?«

Er zitterte, während er das sagte, wie Espenlaub.

»Aber was ist denn mit dir!« fuhr er, sich wieder aufrichtend, in tiefem Staunen fort. »Ich habe ja doch gewußt, daß ich es nicht würde ertragen können; also warum habe ich mich denn bis jetzt mit diesem Plane gequält? Erst gestern noch, als ich hinging, um diese Probe anzustellen, erst gestern noch wurde es mir vollständig klar, daß ich es nicht aushalten kann… Was will ich denn nun jetzt noch? Warum zweifle ich denn noch immer? Gestern, als ich die Treppe hinunterging, habe ich ja selbst gesagt, daß es gemein, häßlich, niedrig, ja niedrig ist; der bloße Gedanke hat ja ausgereicht, mir Übelkeit hervorzurufen und mich in Schrecken zu versetzen…

Nein, ich werde es nicht aushalten, ich werde es nicht aushalten! Und wenn auch in all diesen Berechnungen kein einziger zweifelhafter Punkt ist; und wenn auch alles, was ich mir in diesem Monate zurechtgelegt habe, klar wie der Tag und richtig wie das Einmaleins ist. O Gott! Ich werde mich ja doch nicht dazu entschließen! Ich werde es nicht aushalten können, nein!… Warum… warum habe ich nur bis jetzt…«

Er stand auf, blickte erstaunt um sich, wie in Verwunderung darüber, daß er hierhergeraten war, und ging nach der T… brücke. Er war blaß, die Augen brannten ihm, alle seine Glieder waren matt und kraftlos; aber auf einmal hatte er die Empfindung, daß er wieder freier atmen könne. Er fühlte, daß er diese schreckliche Last, die ihn so lange bedrückt hatte, nunmehr abgeworfen habe, und es wurde ihm auf einmal leicht und friedlich ums Herz. ›O Gott‹ betete er, ›zeige mir meinen Weg, und ich entsage diesem unseligen Plane!‹

Als er über die Brücke ging, betrachtete er still und ruhig die Newa und die leuchtend rot untergehende Sonne. Trotz seiner Schwäche verspürte er eigentlich keine Müdigkeit. Es war, als ob an seinem Herzen plötzlich ein Geschwür aufgegangen wäre, das sich einen ganzen Monat lang entwickelt hatte. Freiheit! Freiheit! Jetzt war er frei von dieser Bezauberung, dieser Behexung, diesem Taumel, dieser Verlockung!

Sooft er sich später an diese Zeit und an all das erinnerte, was sich mit ihm in diesen Tagen von einer Minute zur ändern, Punkt für Punkt zugetragen hatte, fiel ihm immer ein bestimmter einzelner Umstand auf, so daß er ihn beinahe abergläubisch machte; dieser Umstand war zwar in Wirklichkeit eigentlich nicht besonders ungewöhnlich, erschien ihm aber später stets wie eine Art Vorherbestimmung seines Schicksals.

Nämlich: er konnte es gar nicht begreifen und sich er- klären, warum er, statt auf dem kürzesten und geradesten Wege nach Hause zurückzukehren, was bei seiner Schwäche und Erschöpfung das Zweckmäßigste gewesen wäre, über den Heumarkt nach Hause ging, den zu passieren er nicht den geringsten Anlaß hatte. Der Umweg war ja kein großer, aber es war eben doch ein Umweg und völlig über- flüssig. Gewiß, es war bei ihm schon wer weiß wie oft vorgekommen, daß er nach Hause zurückkam, ohne sich erinnern zu können, durch welche Straßen er gegangen war. Aber warum – so fragte er sich später immer – warum ereignete sich eine so wichtige, für ihn so entscheidende und zugleich so höchst zufällige Begegnung auf dem Heumarkte (über den er gar nicht zu gehen brauchte) gerade jetzt zu dieser Stunde, in diesem Augenblicke seines Lebens, gerade bei einer solchen Stimmung seiner Seele und gerade unter solchen Umständen, die allein es ermöglichten, daß diese Begegnung eine entscheidende, endgültige Einwirkung auf sein ganzes Schicksal ausübte? Als ob sie hier absichtlich auf ihn gewartet hätte!

Es war gegen neun Uhr, als er über den Heumarkt ging. Alle Verkäufer, die auf Tischen, in Mulden, in Läden und Buden ihre Waren feilgehalten hatten, schlossen ihre Geschäfte oder nahmen ihren Kram weg und verwahrten ihn und begaben sich, ebenso wie ihre Käufer, nach Hause. Bei den Speisewirtschaften, die sich in den Kellergeschossen und auf den schmutzigen, übelriechenden Höfen der Häuser des Heumarktes befanden, und besonders bei den Schenken drängten sich Haufen von allerlei kleinen Gewerbsleuten und Gesindel. Raskolnikow hatte für diese Gegend sowie für die umliegenden Gassen eine besondere Vorliebe, wenn er so ohne bestimmtes Ziel ausging. Hier erregte seine zerlumpte Kleidung bei keinem Menschen eine naserümpfende Aufmerksamkeit; hier konnte man aussehen, wie man wollte, ohne bei jemand Anstoß zu erregen. Gleich an der Ecke der K…gasse hielten ein Kleinbürger und ein altes Weib, seine Frau, auf zwei Tischen ihre Ware feil: Zwirn, Band, baumwollne Tücher und dergleichen. Sie waren gleichfalls schon im Begriff, sich nach Hause zu begeben, wurden aber durch das Gespräch mit einer herangetretenen Bekannten noch aufgehalten. Diese Bekannte war Lisaweta Iwanowna oder schlechthin, wie sie von allen Leuten genannt wurde, Lisaweta, die jüngere Schwester eben jener alten Aljona Iwanowna, der verwitweten Kollegienregistratorin und Wucherin, bei der Raskolnikow gestern gewesen war, um seine Uhr zu versetzen und eine Probe vorzunehmen … Über diese Lisaweta war er schon lange vollständig unterrichtet, und auch sie kannte ihn einigermaßen. Sie war ein großes, plumpes, schüchternes und bescheidenes Mädchen, fast schwachsinnig, fünfunddreißig Jahre alt; sie lebte bei ihrer Schwester in richtiger Sklaverei, arbeitete für sie Tag und Nacht, zitterte vor ihr und ließ es sich sogar gefallen, daß diese sie schlug. Sie stand überlegend mit einem Bündel in der Hand vor dem Händler und seiner Frau und hörte ihnen aufmerksam zu. Die beiden setzten ihr etwas mit besonderem Eifer auseinander. Als Raskolnikow auf einmal Lisaweta erblickte, überkam ihn ein seltsames Gefühl, eine Art tiefen Staunens, obgleich an dieser Begegnung eigentlich nichts Erstaunliches war.

»Sie sollten mit den Leuten selber mal reden und sich danach entscheiden, Lisaweta Iwanowna«, sagte der Händler laut. »Kommen Sie morgen zu uns, so gegen sieben Uhr. Die andern werden auch herkommen.«

»Morgen?« antwortete Lisaweta gedehnt und zögernd, als ob sie sich nicht entschließen könne.

»Sie haben viel zuviel Angst vor Aljona Iwanowna!« schwadronierte die Frau des Händlers, ein resolutes Weib. »Wenn man Sie so ansieht – ganz wie ein kleines Kind. Und dabei ist sie nicht einmal Ihre richtige Schwester, sondern nur Ihre Stiefschwester, und was hat sie sich für eine Herrschaft über Sie angemaßt!«

»Ich möchte Ihnen raten«, unterbrach sie der Mann, »sagen Sie Ihrer Schwester diesmal doch nichts davon; sondern kommen Sie zu uns, ohne sie erst zu fragen. Es ist ein vorteilhaftes Geschäft. Nachher wird es Ihre Schwester selbst finden.«

»Dann soll ich also herkommen?«

»Morgen um sieben; und von denen werden auch welche hier sein. Dann können Sie persönlich die Sache ins reine bringen.«

»Tee wollen wir auch machen«, fügte die Frau hinzu.

»Nun gut, ich werde kommen«, erwiderte Lisaweta, immer noch überlegend, und schickte sich langsam an fortzugehen.

Raskolnikow war nun schon an ihnen vorbei und hörte nichts mehr. Er war sachte und unauffällig vorbeigegangen, bemüht, kein Wort von dem Gespräche sich entgehen zu lassen. Sein anfängliches Staunen ging allmählich in Schrecken über, und Kälte lief ihm über den Rücken. Er hatte erfahren, plötzlich und ganz unerwartet erfahren, daß morgen, genau um sieben Uhr abends, Lisaweta, die Schwester der Alten und deren einzige Wohnungsgenossin, nicht zu Hause sein werde und daß also die Alte genau um sieben Uhr abends allein zu Hause war.

Bis zu seiner Wohnung hatte er nur noch wenige Schritte zu gehen. Er kam nach Hause wie ein zum Tode Verurteilter. Er überlegte nichts und war auch völlig außerstande, etwas zu überlegen; aber in seinem ganzen innersten Wesen fühlte er plötzlich, daß er jetzt keine Freiheit der Überlegung, keinen eigenen Willen mehr besitze und daß auf einmal alles endgültig entschieden sei.

Gewiß: wenn er auch jahrelang auf einen günstigen Zufall hätte warten wollen, so wäre doch nicht mit Sicherheit auf eine bessere Chance für das Gelingen seines Planes zu rechnen gewesen, als diese war, die sich ihm soeben auf einmal darbot. Jedenfalls würde es schwer sein, einen Tag vorher zuverlässig, mit größter Genauigkeit und geringstem Risiko, ohne gefährliche Befragungen und Nachforschungen, in Erfahrung zu bringen, daß am andern Tage um soundso viel Uhr das und das alte Weib, auf das man einen Anschlag plant, mutterseelenallein zu Hause sein wird.

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Kapitel 6

VI

In späterer Zeit erfuhr Raskolnikow zufällig, weshalb der Händler und seine Frau eigentlich Lisaweta zu sich eingeladen hatten. Der Anlaß war ein ganz gewöhnlicher gewesen, der nicht das geringste Absonderliche an sich hatte. Eine von außen zugezogene verarmte Familie wollte ihre Sachen verkaufen, Kleidungsstücke und dergleichen, lauter Frauensachen. Da es unvorteilhaft war, diesen Verkauf auf dem Markte zu bewerkstelligen, so suchten sie eine Zwischenhändlerin. Lisaweta aber gab sich mit dergleichen Geschäften ab: sie übernahm Kommissionen, machte Gänge in Geschäftsangelegenheiten und hatte eine recht bedeutende Praxis, weil sie sehr ehrlich war und immer gleich den äußersten Preis bot; wenn sie einen Preis genannt hatte, dann blieb es auch dabei. Sie redete überhaupt nur wenig und war, wie bereits gesagt, schüchtern und schreckhaft.

Aber Raskolnikow war in der letzten Zeit abergläubisch geworden. Spuren dieses Aberglaubens blieben bei ihm in der Folgezeit noch lange haften und schienen fast unvertilgbar. Er neigte später immer dazu, in dieser ganzen Angelegenheit etwas Mystisches, Geheimnisvolles, das Walten besonderer Einwirkungen und zusammentreffender Zufälle zu sehen. Es war noch Winter gewesen, da hatte ihm ein Bekannter, der Student Pokorew, vor seiner Abreise nach Charkow gelegentlich im Gespräche die Adresse der alten Aljona Iwanowna mitgeteilt, für den Fall, daß er in die Lage käme, etwas zu versetzen. Lange brauchte er nicht von dieser Adresse Gebrauch zu machen, weil er Privatstunden hatte und sich auf diese Art so leidlich durchschlug. Vor anderthalb Monaten hatte er sich der Adresse erinnert; er besaß zwei Gegenstände, die sich zum Versetzen eigneten: eine alte silberne Uhr, die noch von seinem Vater stammte, und einen kleinen goldenen Ring mit drei roten Steinchen, den ihm seine Schwester beim Abschiede als Andenken geschenkt hatte. Er entschied sich dafür, den Ring hinzutragen; als er die Alte gefunden hatte, empfand er gleich beim ersten Blick, noch ehe er etwas Näheres von ihr wußte, einen unbezwingbaren Widerwillen gegen sie, nahm die zwei »Scheinehen«, die sie ihm gab, und kehrte auf dem Heimwege in ein geringes Restaurant ein. Da bestellte er sich Tee, setzte sich hin und überließ sich einem angestrengten Nachdenken. Ein seltsamer Gedanke arbeitete sich in seinem Kopfe hervor, wie ein Küchlein sich aus der Eierschale herauspickt, und beschäftigte ihn ganz außerordentlich lebhaft.

An einem andern Tischchen in seiner nächsten Nähe saßen ein Student, den er nicht kannte und den er sich nicht erinnerte jemals gesehen zu haben, sowie ein junger Offizier. Sie hatten Billard gespielt und tranken jetzt Tee. Auf einmal hörte Raskolnikow, daß der Student mit dem Offizier über eine Pfandleiherin Aljona Iwanowna, die Witwe eines Kollegienregistrators, sprach und ihm ihre Adresse mitteilte. Dies allein schon kam dem zuhörenden Raskolnikow merkwürdig vor: eben erst kam er von dort her, und nun wurde hier gerade von ihr geredet. Er sagte sich natürlich selbst, daß es ein zufälliges Zusammentreffen sei, konnte aber trotzdem eine ganz eigenartige Empfindung nicht loswerden. Und nun war’s, als ob es jemand ausdrücklich darauf anlegte, ihm eine Gefälligkeit zu erweisen: der Student begann seinem Bekannten allerlei Einzelheiten von dieser Aljona Iwanowna zu erzählen.

»Famoses Frauenzimmer«, sagte er. »Von der kriegt man immer Geld. Sie ist reich wie ein Jude; sie kann auf einen Schlag fünftausend Rubel auszahlen, verschmäht aber auch ein Pfand nicht, wenn es nur einen Rubel wert ist. Von uns Studenten sind schon viele bei ihr gewesen. Aber sie ist ein nichtswürdiges Luder …«

Und nun erzählte er, wie boshaft und schikanös sie sei, und daß das Pfand verfallen sei, wenn man sich mit der Einlösung auch nur um einen einzigen Tag verspäte. Sie gebe nur den vierten Teil des wahren Wertes, nehme fünf, ja sieben Prozent monatlich usw. Der Student kam dabei ins Reden und teilte noch weiter mit, die Alte habe eine Schwester, namens Lisaweta, die sich von ihr, dieser winzigen, garstigen Person, fortwährend schlagen lasse und von ihr in völliger Dienstbarkeit, wie ein kleines Kind, gehalten werde, obwohl Lisaweta von recht stattlicher Größe sei.

»Ja, die ist auch ein ganz sonderbarer Vogel!« rief der Student lachend.

Nun fingen sie an, von Lisaweta zu sprechen. Der Student erzählte von ihr mit ganz besonderem Behagen und lachte dabei fortwährend; der Offizier hörte mit großem Interesse zu und bat den Studenten, er möchte diese Lisaweta doch einmal zu ihm schicken; sie solle ihm die Wäsche ausbessern. Raskolnikow ließ sich kein Wort entgehen und erfuhr so mit einem Male alles mögliche: Lisaweta war die jüngere von beiden, eine Stiefschwester der Alten (von andrer Mutter), bereits fünfunddreißig Jahre alt. Sie arbeitete für die Schwester Tag und Nacht, diente im Haushalte als Köchin und Waschfrau, nähte außerdem für Geld, scheuerte in andern Häusern für Lohn und lieferte alles, was sie einnahm, der Schwester ab. Keinen einzigen Auftrag und keine Arbeit wagte sie ohne Erlaubnis der Alten anzunehmen. Die Alte hatte schon ihr Testament gemacht, und Lisaweta kannte es. Dieser fiel nach dem Testamente kein Groschen Geld zu, nur das Mobiliarvermögen, die Stühle und dergleichen; das gesamte Geld war einem Kloster im Gouvernement N… vermacht, mit der Verpflichtung, ewig Seelenmessen für die Verstorbene lesen zu lassen. Lisaweta war eine Kleinbürgerin und gehörte nicht, wie ihre Schwester, dem Beamtenstande an; sie war ledig, schrecklich plump von Gestalt, außerordentlich hoch gewachsen, hatte lange, stark nach auswärts stehende Füße, trug immer schiefgetretene Schuhe aus Ziegenleder und hielt auf Reinlichkeit des Körpers und der Kleidung. Das Interessanteste aber war (und auch dem Studenten erschien das besonders wunderbar, und er lachte darüber herzlich), daß Lisaweta sich fast immer in andern Umständen befand.

»Aber du sagst doch, daß sie so häßlich ist«, bemerkte der Offizier.

»Sie hat so eine braune Gesichtsfarbe, wie wenn sich ein Soldat Frauenkleider angezogen hätte; aber, weißt du, sehr häßlich ist sie keineswegs. Sie hat ein gutmütiges Gesicht und einen guten Ausdruck in den Augen, einen sehr guten Ausdruck. Es ist ganz erklärlich, daß sie vielen gefällt. Sie ist so still, sanft, unverdrossen, willig, zu allem willig. Und ihr Lächeln nimmt sich sogar sehr hübsch aus.«

»Na, sie gefällt dir wohl auch?« lachte der Offizier.

»Nun ja, der Kuriosität halber. Aber ich will dir mal etwas sagen: Diese verfluchte Alte möchte ich totschlagen und berauben, und«, fügte er eifrig hinzu, »ich versichere dir, daß ich es ohne alle Gewissensbisse tun würde.«

Der Offizier lachte wieder laut auf; Raskolnikow aber fuhr zusammen. Wie seltsam, daß er all das hier zu hören bekam!

»Erlaube mal, ich möchte dir eine ganz ernsthafte Frage vorlegen«, fuhr der Student, hitzig werdend, fort. »Ich habe jetzt eben natürlich nur im Scherz gesprochen; aber überlege mal: auf der einen Seite steht ein dummes, verdrehtes, wertloses, boshaftes, krankes, altes Weib, das niemandem nützt, sondern im Gegenteil allen Leuten nur schadet, das selbst nicht weiß, wozu es eigentlich lebt, und nächster Tage ganz von selbst sterben wird. Verstehst du wohl? Verstehst du wohl?«

»Nun ja, das verstehe ich schon«, erwiderte der Offizier und blickte seinen Bekannten, der stark in Eifer geriet, unverwandt und aufmerksam an.

»Höre weiter! Auf der andern Seite stehen junge, frische Kräfte, die, ohne der Welt nützen zu können, zugrunde gehen, weil sie keine Unterstützung finden, und zwar zu Tausenden, allüberall. Hundert, tausend gute Taten und Unternehmungen könnte man für das Geld der Alten, das sie einem Kloster zugedacht hat, ausführen oder fördern. Hunderte, vielleicht Tausende von Existenzen könnten in die richtige Bahn geleitet, Dutzende von Familien vor größter Armut, vor dem Verfall, vor dem gänzlichen Ruin, vor Unsittlichkeit und Geschlechtskrankheiten bewahrt werden – und alles das vermittels ihres Geldes. Wenn man sie ermordet und ihr Geld nimmt, um dann mit dessen Hilfe sich dem Dienste der ganzen Menschheit und der Sache der Allgemeinheit zu widmen: was meinst du, wird dann nicht ein einziges kleines Verbrechen durch Tausende von guten Taten aufgewogen? Für ein Leben Tausende von Leben, die von Fäulnis und Ruin gerettet sind? Ein einziger Tod, und dafür hundert Leben – das ist doch ein einfaches Rechenexempel! Ja, und was bedeutet auf der großen Weltwaage das Leben dieses schwindsüchtigen, dummen, boshaften alten Weibes? Nicht mehr als das Leben einer Laus, einer Schabe, sogar noch weniger, weil die Alte geradezu schädlich ist. Sie verkümmert anderen das Leben: neulich hat sie ihre Schwester Lisaweta vor Wut in den Finger gebissen, so daß er beinahe amputiert werden mußte.«

»Gewiß, sie verdient nicht, daß sie lebt«, entgegnete der Offizier. »Aber die Natur hat es nun doch einmal so eingerichtet.«

»Ach was, Bruder, die Natur kann man doch korrigieren und lenken, sonst müßten wir ja in unsern beschränkten, engherzigen Anschauungen geradezu versinken. Sonst gäbe es keine großen Männer. Es heißt immer: ›Pflicht, Gewissen‹; nun, ich will ja gegen Pflicht und Gewissen nichts sagen; aber was versteht man eigentlich darunter? Warte mal, ich will dir noch eine Frage vorlegen. Hör mal!«

»Nein, nun warte du mal; jetzt werde ich dich etwas fragen. Paß mal auf!«

»Nun?«

»Du hältst da jetzt großartige Reden; aber sage doch mal: würdest du selbst die Alte totschlagen, ja oder nein?«

»Selbstverständlich nein! Ich will ja auch nur sagen, was gerecht und billig wäre. Um mich handelt es sich dabei nicht.«

»Wenn du selbst dich dazu nicht entschließen kannst, so kann meiner Ansicht nach von Gerechtigkeit und Billigkeit dabei nicht die Rede sein. Komm, wir wollen noch eine Partie spielen!«

Raskolnikow befand sich in großer Aufregung. Gewiß, das waren ja ganz gewöhnliche, häufige, jugendlich unreife Gespräche und Gedanken, wie er sie schon oft, nur in andrer Form und über andre Gegenstände, mit angehört hatte. Aber warum mußte er gerade ein solches Gespräch und solche Gedanken gerade jetzt, mit anhören, wo soeben in seinem eigenen Kopfe ganz ebensolche Gedanken rege geworden waren? Und warum mußte er, gerade unmittelbar nachdem er von seinem Besuche bei der Alten den Keim zu seinem Gedanken mitgebracht hatte, auf ein Gespräch über die Alte stoßen? Dieses Zusammentreffen erschien ihm auch später immer seltsam. Dieses unbedeutende Wirtshausgespräch übte hinsichtlich der weiteren Entwicklung der Sache einen ganz außerordentlichen Einfluß auf ihn aus, als ob da wirklich eine Art von Prädestination, von Fingerzeig vorgelegen hätte …

Als er vom Heumarkte nach Hause zurückgekehrt war, warf er sich auf das Sofa und blieb eine ganze Stunde dort sitzen, ohne sich zu rühren. Unterdes war es dunkel geworden; eine Kerze besaß er nicht; auch kam ihm gar nicht der Gedanke, daß es Zeit wäre, Licht anzuzünden. Er konnte sich später niemals erinnern, ob er damals überhaupt an etwas gedacht hatte. Endlich spürte er wieder das Fiebern und Frösteln von vorhin, und mit einem Wonnegefühl kam ihm wie eine Erleuchtung der Gedanke, daß man auf einem Sofa auch liegen könne. Sofort überfiel ihn ein fester, bleierner Schlaf, der wie ein Alp auf ihm lastete.

Er schlief sehr lange und traumlos. Nastasja, die am andern Morgen um zehn Uhr zu ihm hereinkam, rüttelte ihn nur mit Mühe wach. Sie brachte ihm Tee und Brot. Der Tee war wieder ein zweiter Aufguß und wieder in ihrer eigenen Teekanne.

»Er schläft noch!« rief sie empört. »Immer schläft und schläft er!«

Mühsam richtete er sich auf. Der Kopf tat ihm weh; er war im Begriff, sich auf die Füße zu stellen, da blickte er sich in seinem Kämmerchen um und sank wieder auf das Sofa zurück.

»Willst du denn noch mehr schlafen?« rief Nastasja. »Du bist wohl gar krank?«

Er antwortete nicht.

»Willst du Tee?«

»Nachher«, brachte er mit Anstrengung hervor, machte die Augen zu und drehte sich nach der Wand.

Nastasja blieb ein Weilchen neben ihm stehen.

»Vielleicht ist er wirklich krank«, sagte sie dann, drehte sich um und ging weg.

Um zwei Uhr kam sie wieder herein mit einer Suppe. Er lag immer noch wie vorher da. Der Tee stand unangerührt. Nastasja fühlte sich ordentlich gekränkt und stieß ihn ärgerlich an.

»So ein Langschläfer!« rief sie ganz empört.

Er setzte sich auf, erwiderte ihr aber nichts und blickte auf den Fußboden.

»Bist du krank oder nicht?« fragte Nastasja und erhielt wieder keine Antwort. »Geh doch wenigstens auf die Straße«, sagte sie nach einer kleinen Weile, »und laß dich ein bißchen vom Winde anblasen. Willst du nicht etwas essen?«

»Nachher«, antwortete er mit matter Stimme. »Geh jetzt fort.«

Er winkte ab, als wollte er von nichts mehr wissen.

Sie blieb noch einen Augenblick stehen, sah ihn mitleidig an und ging dann hinaus.

Einige Minuten darauf blickte er auf und sah lange nach dem Tee und der Suppe hin. Darauf nahm er das Brot, ergriff den Löffel und begann zu essen.

Er aß nur wenig, ohne Appetit, nur drei oder vier Löffel Suppe, ganz mechanisch. Der Kopfschmerz hatte sich etwas gelegt. Nachdem er gegessen hatte, streckte er sich wieder auf das Sofa; aber er konnte nicht einschlafen, sondern lag da, ohne sich zu rühren, mit dem Rücken nach oben, das Gesicht in das Kissen gedrückt. Dabei träumte er fortwährend im Wachen, und es waren immer zusammen, so daß er doppelt war, zog seinen weiten, starken, aus dickem Baumwollstoff gemachten Sommerpaletot (das einzige, was er außer dem Hemde auf dem Oberkörper trug) aus und nähte die beiden Enden des Streifens innen unter der linken Achsel an. Die Hände zitterten ihm beim Nähen; aber er überwand sich. Als er den Paletot wieder anzog, war von außen nichts zu sehen. Nadel und Faden hatte er sich schon vor längerer Zeit beschafft; sie hatten seitdem in ein Stückchen Papier gewickelt auf dem kleinen Tische gelegen. Was die Schlinge anlangt, so war das eine sehr geschickte eigene Erfindung von ihm. Die Schlinge war für das Beil bestimmt. Er konnte doch nicht auf der Straße ein Beil in der Hand tragen. Und wollte er es unter dem Paletot verbergen, so mußte er es mit einer Hand festhalten, und dies hätte auffallen können. Jetzt aber, wo er sich die Schlinge eingenäht hatte, brauchte er nur das Eisen des Beiles in diese hineinzustecken; dann hing das Beil auf dem ganzen Wege ruhig unter der Achselhöhle. Steckte er dann noch die Hand in die Seitentasche des Paletots, so konnte er auch das untere Ende des Beilstieles festhalten, damit es nicht hin und her schlenkerte; und da der Paletot sehr weit war, ein richtiger Sack, so konnte man auch von außen nicht bemerken, daß er etwas mit der Hand durch die Tasche hindurch festhalte. Diese Schlinge hatte er sich schon vor zwei Wochen ausgedacht.

Als er damit fertig war, steckte er die Finger in den schmalen Zwischenraum zwischen seinem »türkischen« Schlafsofa und dem Fußboden, tastete in der linken Ecke umher und zog das Pfandobjekt heraus, das er schon lange zurechtgemacht und dort versteckt hatte. Ein wirkliches Pfandobjekt war es nicht, sondern einfach ein glattgehobeltes Holzbrettchen in der ungefähren Größe und Dicke eines silbernen Zigarettenetuis. Dieses Brettchen hatte er zufällig bei einem seiner Spaziergänge auf einem Hofe gefunden, wo sich im Hinterhause eine Tischlerei befand. Nachher hatte er dem Brettchen noch ein glattes, dünnes Eisenstreifchen beigesellt, das wahrscheinlich irgendwovon abgebrochen war und das er gleichfalls einmal auf der Straße gefunden hatte. Diese beiden Stücke, von denen das Eisenplättchen etwas kleiner war als das Holzbrettchen, hatte er aneinandergelegt und mit einem Faden über Kreuz fest zusammengebunden; dann hatte er sie sorgsam und hübsch in reines weißes Papier gewickelt und dieses Päckchen so zugebunden, daß es schwierig aufzumachen war. Dies hatte den Zweck, für ein Weilchen die Aufmerksamkeit der Alten abzulenken, wenn sie sich mit dem Knoten abmühen würde, und dabei den richtigen Augenblick abzupassen. Das Eisenstreifchen hatte er zur Erhöhung des Gewichtes hinzugetan, damit die Alte nicht gleich im ersten Augenblick erriete, daß das »Pfandobjekt« aus Holz war. Alles dies hatte bis zur geeigneten Zeit unter dem Sofa verwahrt gelegen. Eben hatte er das Pfandobjekt hervorgeholt, als er plötzlich jemanden auf dem Hofe rufen hörte:

»Es geht schon stark auf sieben!«

»Schon stark auf sieben! Mein Gott!«

Er lief zur Tür, horchte hinaus, nahm seinen Hut und stieg vorsichtig und geräuschlos wie eine Katze seine dreizehn Stufen hinab. Nun hatte er das wichtigste Stück seiner Aufgabe vor sich: aus der Küche das Beil zu stehlen. Daß die Tat gerade mit einem Beile ausgeführt werden sollte, hatte er schon längst fest beschlossen. Er besaß zwar noch ein Gartenmesser zum Zusammenklappen; aber auf das Messer und namentlich auf seine Kräfte mochte er sich nicht verlassen; darum war es endgültig bei dem Beile geblieben. Wir merken beiläufig hinsichtlich aller endgültigen Entschlüsse, die er in dieser Angelegenheit bereits gefaßt hatte, eine Besonderheit an. Sie hatten eine seltsame Eigenschaft: je endgültiger sie wurden, um so ungeheuerlicher und ungereimter erschienen sie in seinen Augen. Trotz all seiner qualvollen inneren Kämpfe hatte er diese ganze Zeit über auch nicht einen Augenblick lang an die Ausführbarkeit seiner Pläne glauben können.

Ja, selbst wenn es jemals dahin gekommen wäre, daß er bereits alles bis auf das letzte Pünktchen zurechtgelegt und endgültig entschieden gehabt hätte und keinerlei Zweifel mehr zurückgeblieben wären, so hätte er sogar dann wahrscheinlich den ganzen Plan als etwas Ungeheuerliches, Absurdes und Unmögliches fallenlassen. Aber jetzt gab es noch eine wahre Unmenge von Punkten, über die er sich noch nicht schlüssig war, und von bedenklichen Zweifeln. Was die Frage anlangte, woher er sich ein Beil beschaffen könne, so beunruhigte ihn diese Kleinigkeit ganz und gar nicht; denn nichts war leichter als das. Die Sache war die, daß Nastasja, namentlich abends, häufig das Haus verließ; entweder lief sie zu den Nachbarn herüber oder in einen Laden; die Küchentür ließ sie aber immer weit offen stehen. Die Wirtin zankte mit ihr darüber fortwährend. Also brauchte er im rechten Augenblick nur leise in die Küche zu gehen und das Beil zu nehmen und dann eine Stunde darauf, wenn alles erledigt war, wiederzukommen und es wieder hinzulegen. Aber es fehlte doch auch nicht an Bedenken. Gesetzt, er kam nach einer Stunde zurück, und Nastasja war dann bereits heimgekehrt. Dann mußte er natürlich vorbeigehen und warten, bis sie wieder fortging. Wenn sie nun aber inzwischen das Beil vermißte, danach suchte und ein großes Geschrei erhob – dann war der Verdacht da, oder wenigstens die Möglichkeit eines Verdachtes.

Aber da waren noch viele andre Kleinigkeiten, die er bisher weder überlegt noch zu überlegen Zeit gehabt hatte. Er hatte immer nur an die Hauptsache gedacht und die Kleinigkeiten bis zu dem Zeitpunkte verschoben, wo er »mit sich selbst über alles im klaren sein werde«. Aber daß dieser Zeitpunkt jemals kommen werde, war als ganz unmöglich erschienen. Wenigstens ihm selbst war es so erschienen. Er hatte es sich z.B. gar nicht vorstellen können, daß er jemals seinen Überlegungen ein Ende machen, aufstehen und einfach dorthin gehen werde … Selbst seine neuliche Probe, d.h. der Besuch mit der Absicht einer letzten Besichtigung der Örtlichkeit, war ganz und gar nicht etwas ernst Gemeintes gewesen, sondern nur so aus dem Gedanken hervorgegangen: ›Na, wir können ja mal hingehen und probieren; wozu immer bloß daran denken!‹ Und bei dieser Probe hatte seine Energie sich sofort als unzulänglich erwiesen; die Sache war ihm zuwider geworden, und er war, wütend über sich selbst, davongerannt. Und doch, sollte man meinen, hatte er die gesamte moralische Prüfung und Entscheidung der Frage vorher schon erledigt; seine Kasuistik, die so scharf geschliffen war wie ein Rasiermesser, hatte alle Einwendungen gegen die Tat widerlegt, und er hatte in seinem Innern keine weiteren Einwendungen mehr vorgefunden, die ihm zum klaren Bewußtsein gekommen wären. Aber bei diesem Resultate traute er einfach sich selbst nicht und tastete hartnäckig rechts und links nach neuen Einwendungen umher, als ob ihn jemand wie einen Sklaven dazu zwänge und anhielte. Der letzte Tag aber, der Tag, der so unerwarteterweise der letzte geworden war und alles mit einem Male zur Entscheidung gebracht hatte, hatte auf ihn fast völlig mechanisch gewirkt: wie wenn ihn jemand bei der Hand ergriffe und hinter sich herzöge, unwiderstehlich, blindlings, mit übernatürlicher Kraft, ohne Widerrede. Er war gleichsam mit einem Zipfel seiner Kleidung an einem Maschinenrade hängengeblieben, und dieses begann ihn in das Triebwerk hineinzuziehen.

Anfänglich (das war übrigens schon lange her) hatte ihn eine bestimmte Frage viel beschäftigt: nämlich, warum doch fast alle Verbrechen so leicht entdeckt und herausgebracht werden, und warum die Spuren fast aller Verbrecher so deutlich zu erkennen sind. Er gelangte allmählich zu mancherlei interessanten Schlußfolgerungen, und nach seiner Ansicht lag die Hauptursache nicht sowohl in der materiellen Unmöglichkeit, ein Verbrechen zu verbergen, als vielmehr in dem Verbrecher selbst; der Verbrecher selbst, und zwar fast jeder, unterliege im Augenblicke des Verbrechens einer gewissen Verringerung der Willens- und Urteilskraft, an deren Stelle im Gegenteil ein hochgradiger, kindlicher Leichtsinn trete, und das gerade in dem Augenblicke, wo Urteilskraft und Vorsicht am allernötigsten wären. Nach seiner Überzeugung war der Hergang dieser: die Verdunkelung der Urteilskraft und die Herabminderung des Willens überfallen den Menschen wie eine Krankheit, entwickeln sich stufenweise und erreichen kurz vor der Ausführung des Verbrechens ihren Höhepunkt; sie verbleiben auf demselben im Augenblicke des Verbrechens selbst und noch einige Zeit nachher, je nach der Individualität des Betreffenden; dann verschwinden sie ganz genauso wie jede andere Krankheit. Die Frage aber, ob das Verbrechen selbst durch eine Krankheit hervorgerufen oder ob es irgendwie, vermöge seiner Eigenart, immer von krankheitsartigen Erscheinungen begleitet werde, diese Frage zu entscheiden, fühlte er sich noch nicht imstande.

Indem er zu solchen Resultaten gelangte, sagte er sich, daß mit ihm persönlich bei seiner Tat derartige krankhafte Veränderungen nicht stattfinden könnten, sondern daß seine Urteils- und Willenskraft während der ganzen Dauer der Ausführung seines Vorhabens ungeschwächt bleiben werde, einfach deswegen, weil sein Vorhaben »kein Verbrechen« sei. Wir lassen den ganzen Denkprozeß beiseite, durch den er zu diesem letzten Urteile gelangt war (wir sind ohnedies in diesen Erörterungen schon zu weit gegangen), und fügen nur noch hinzu, daß die äußeren, rein materiellen Schwierigkeiten der Tat bei seinen Überlegungen überhaupt nur eine ganz untergeordnete Rolle spielten. ›Man muß sich diesen Schwierigkeiten gegenüber nur die ganze Willens- und Urteilskraft bewahren, und sie werden sich zu gegebener Zeit alle überwinden lassen, sobald es erforderlich wird, sich mit allen Einzelheiten des Unternehmens bis zur geringsten Kleinigkeit vertraut zu machen …‹ Aber er nahm eben das Unternehmen nicht in Angriff. An die endgültigen Entscheidungen, die er getroffen hatte, glaubte er im Laufe der Zeit immer weniger, und als die Stunde schlug, kam alles ganz anders, gewissermaßen zufällig, ja fast unerwartet.

Ein unbedeutender Umstand kam ihm in die Quere, noch bevor er die Treppe hinuntergestiegen war. Als er zur Küche gelangte, deren Tür wie immer weit offenstand, schielte er vorsichtig hinein, um sich vorher zu vergewissern, ob auch nicht in Nastasjas Abwesenheit die Wirtin selbst darin sei, und verneinendenfalls, ob auch die nach ihrem Zimmer führende Tür ordentlich geschlossen sei, damit sie es nicht von dort aus sehen könnte, wenn er in die Küche träte, um das Beil zu holen. Aber welchen Schreck bekam er, als er wahrnahm, daß sich Nastasja diesmal nicht nur zu Hause, in ihrer Küche befand, sondern sogar mit einer Arbeit beschäftigt war: sie nahm Wäsche aus einem Korbe und hängte sie auf die Leine! Als sie ihn sah, hörte sie mit dem Aufhängen auf und blickte ihn die ganze Zeit, während er vorbeiging, an. Er wandte die Augen ab und ging vorbei, als hätte er nichts bemerkt. Aber das Unternehmen war damit zu Ende: er hatte kein Beil! Er war höchst bestürzt.

›Wie bin ich nur darauf gekommen‹, dachte er, während er nach dem Tore zu ging, ›wie bin ich nur darauf gekommen, zu glauben, sie würde gerade in dem betreffenden Augenblicke bestimmt nicht zu Hause sein? Warum, warum, ja warum war ich so fest davon überzeugt?‹ Er war ganz niedergeschmettert und fühlte sich beinahe gedemütigt; in seinem Ärger hätte er über sich selbst laut lachen mögen. Eine stumpfsinnige, tierische Wut kochte in ihm.

Nachdenkend blieb er unter dem Torwege stehen. Auf die Straße zu gehen und zwecklos, nur so zum Schein, einen Spaziergang zu machen, das widerstand ihm; nach Hause zurückzukehren widerstand ihm noch mehr. ›Was für eine günstige Gelegenheit habe ich für immer verloren!‹ murmelte er, während er unentschlossen unter dem Tore stand, gerade vor der dunklen Kammer des Hausknechts, die gleichfalls offenstand. Plötzlich zuckte er zusammen. In der Kammer des Hausknechts, von der er nur zwei Schritte entfernt war, sah er unter einer Bank rechts etwas blinken … Er blickte sich um – es war niemand zu sehen. Auf den Zehen ging er zu der Kammer hin, stieg zwei Stufen hinunter und rief mit gedämpfter Stimme nach dem Hausknechte. ›Es ist richtig, er ist nicht zu Hause. Er wird wohl irgendwo in der Nähe, vielleicht auf dem Hofe sein, da die Tür weit offensteht.‹ Hastig stürzte er nach dem Beil (denn ein solches war es) hin, zog es unter der Bank, wo es zwischen zwei Holzscheiten lag, hervor, befestigte es gleich dort, noch ehe er wieder hinaustrat, in der Schlinge, steckte beide Hände in die Taschen und verließ die Kammer; niemand hatte ihn bemerkt. ›Wo der Verstand nicht hilft, hilft der Teufel!‹ dachte er mit einem eigentümlichen Lächeln. Dieser Zufall ermutigte ihn außerordentlich.

Er ging auf der Straße ruhig und gemächlich, ohne sich zu beeilen, um keinerlei Verdacht zu erregen. Nach den Vorübergehenden blickte er wenig hin; er gab sich sogar Mühe, ihnen gar nicht ins Gesicht zu sehen und selbst möglichst wenig beachtet zu werden. Da erinnerte er sich seines Hutes. ›Mein Gott! Und vorgestern hatte ich doch Geld und hätte mir statt seiner eine Mütze anschaffen können!‹ Er fluchte ingrimmig.

Als er zufällig in einen Laden hineinschielte, sah er, daß es an einer dort hängenden Wanduhr schon zehn Minuten über sieben war. Er mußte sich beeilen, da er auch noch einen Umweg zu machen hatte; denn er wollte sich dem Hause von der andern Seite her nähern.

Früher, wenn er sich all dies in Gedanken im voraus ausgemalt hatte, hatte er manchmal gemeint, er werde dabei große Furcht haben. Aber er fürchtete sich jetzt nicht sonderlich, ja eigentlich überhaupt nicht. Es beschäftigten ihn in diesem Augenblicke sogar mancherlei ganz fremdartige Gedanken, wiewohl immer nur kurze Zeit. Als er an dem Jussupow-Garten vorbeikam, begann er mit großem Interesse einen Plan zur Anlegung hoher Springbrunnen zu entwerfen, die auf allen freien Plätzen die Luft schön frisch machen würden. Diesen Gedanken weiter verfolgend, kam er allmählich zu der ihm sehr einleuchtenden Idee, man müsse den Sommergarten über das ganze Marsfeld ausdehnen und dann noch mit dem Michailowskij -Garten vereinigen; das würde für die Stadt einen schönen Schmuck und einen großen Nutzen bedeuten. Dann interessierte ihn auf einmal eine andre Frage: warum eigentlich in allen großen Städten die Menschen (von Gründen äußerer Notwendigkeit ganz abgesehen) eine ganz besondere Neigung dazu haben, gerade in solchen Stadtteilen sich niederzulassen und zu wohnen, wo keine Gärten und Springbrunnen, sondern Schmutz, übler Geruch und allerlei andre häßliche Dinge zu finden sind. Dabei kamen ihm seine eigenen Spaziergänge auf dem Heumarkte in den Sinn, und er wurde aus seinen Phantasien wieder für einen Augenblick in die Wirklichkeit versetzt. ›An was für dummes Zeug denke ich da!‹ sagte er sich. ›Nein, besser ist’s schon, an gar nichts zu denken!‹

›Wahrscheinlich klammern sich Menschen, die zur Hinrichtung geführt werden, in derselben Weise mit ihren Gedanken an allerlei Gegenstände an, die ihnen unterwegs in die Augen fallen‹, dachte er flüchtig; aber dieser Gedanke huschte ihm nur momentan, wie ein Blitz, durch den Kopf; er selbst verscheuchte ihn wieder so schnell wie möglich … Aber nun war er schon nahe; da war das Haus; da war der Torweg. Irgendwo tönte von einer Uhr ein einzelner Schlag. ›Wie? Ist es wirklich schon halb acht? Das ist nicht möglich; die Uhr geht gewiß vor.‹

Zu seinem Glücke ging im Torweg auch diesmal wieder alles nach Wunsch. Wie gerufen, fuhr gerade in diesem Augenblicke dicht vor ihm eine gewaltige Fuhre Heu in den Torweg hinein, die ihn die ganze Zeit über, während er durch den Torweg hindurchging, verdeckte, und sowie der Wagen aus dem Torweg in den Hof einfuhr, schlüpfte er in einem Nu nach rechts. Er hörte, wie auf der andern Seite des Wagens ein paar Stimmen schrien und zankten; aber niemand hatte ihn bemerkt, und niemand kam ihm entgegen. Viele Fenster, die auf diesen riesigen, quadratischen Hof hinausgingen, standen in diesem Augenblick offen; aber er hob den Kopf nicht in die Höhe; er fand in sich nicht die Kraft dazu. Die Treppe, die zu der Wohnung der Alten hinaufführte, befand sich ganz in der Nähe, gleich rechts vom Torweg. Schon war er an der Treppe …

Er holte Atem, drückte die Hand gegen das stark klopfende Herz, tastete dabei zugleich nach dem Beile und schob es noch einmal zurecht; dann begann er vorsichtig und leise, alle Augenblicke horchend, die Treppe hinaufzusteigen. Aber auch die Treppe war um diese Zeit völlig leer; alle Türen waren geschlossen; er begegnete keinem Menschen. Im ersten Stock allerdings stand die Tür zu einer leerstehenden Wohnung weit offen, und drinnen waren Maler bei der Arbeit; aber auch diese sahen nicht nach ihm hin. Er blieb einen Augenblick stehen, überlegte und ging dann weiter. ›Gewiß, besser wäre es, wenn die nicht hier wären; aber … es liegen ja noch zwei Stockwerke über ihnen.‹

Aber nun war er im dritten Stock; da war die Tür der Alten, und da gegenüber noch eine andre Wohnung; diese stand leer. Im zweiten Stock war die Wohnung, die gerade unter der Wohnung der Alten lag, allem Anschein nach gleichfalls unbewohnt: die Visitenkarte, die mit Reißstiften an die Tür genagelt gewesen war, war abgenommen – also waren die Leute ausgezogen! … Er konnte kaum Atem holen. Einen Augenblick ging ihm der Gedanke durch den Kopf: ›0b ich nicht lieber wieder fortgehe?‹ Aber er gab sich keine Antwort und horchte nach der Wohnung der Alten hin: es herrschte dort Totenstille. Dann horchte er noch einmal nach der Treppe hinunter, lange und aufmerksam … Hierauf sah er sich zum letzten Male um, nahm seinen Mut zusammen, rückte seinen Anzug zurecht und fühlte noch einmal nach dem Beil in der Schlinge. ›Ob ich auch nicht allzu blaß aussehe?‹ dachte er. ›Bin ich auch nicht in übermäßiger Erregung? Sie ist mißtrauisch. Ob ich lieber noch einen Augenblick warte, bis das Herz in Ordnung kommt?‹

Aber das Herz kam nicht in Ordnung. Im Gegenteil, es schlug, wie ihm zum Tort, nur immer heftiger. Er konnte es nicht ertragen, noch länger zu warten, streckte langsam die Hand nach der Klingel aus und schellte. Nach einer halben Minute schellte er noch einmal, etwas stärker.

Nichts rührte sich. So einfach weiter zu klingeln hatte keinen Zweck und paßte ihm nicht in seinen Plan. Er sagte sich, daß die Alte sich selbstverständlich in der Wohnung befinde, aber allein zu Hause und darum besonders argwöhnisch sei. Er kannte schon teilweise ihre Gewohnheiten und legte darum noch einmal sein Ohr dicht an die Tür. Ob nun seine Sinne so scharf waren (was sich allerdings schwer annehmen läßt), oder ob es wirklich nicht schwer zu hören war, genug, er vernahm ein vorsichtiges Herumtasten einer Hand an der Türklinke und das Rascheln eines Kleides an der Tür. Es stand jemand heimlich dicht am Türschloß und horchte, ganz ebenso wie er hier von außen, so seinerseits versteckt von innen, und hatte anscheinend gleichfalls das Ohr an die Tür gedrückt …

Er machte absichtlich ein paar Bewegungen und brummte ziemlich laut etwas vor sich hin, um nicht den Anschein zu erwecken, als ob er sich verstecken wolle; dann schellte er zum dritten Male, aber sacht, maßvoll und ohne jedes Zeichen von Ungeduld. Sooft er sich in späterer Zeit hieran erinnerte, und zwar in voller Klarheit und Deutlichkeit (denn dieser Augenblick hatte sich seinem Gedächtnisse für das ganze Leben eingeprägt), so war es ihm stets unbegreiflich, wo er nur so viel Schlauheit hergenommen hatte, um so mehr, da sein Verstand sich in einzelnen Augenblicken geradezu verdunkelte und er seinen Körper fast gar nicht fühlte … Einen Augenblick darauf hörte er, wie der Riegel gelöst wurde.

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