Roman

Zweites Kapitel.

Zweites Kapitel.

Die Kunst der Schlußfolgerung

Unsere verabredete Besichtigung des Quartiers in der Bakerstraße Nr. 221b fand am nächsten Tage statt. Es gefiel mir außerordentlich; das große, luftige Wohnzimmer, welches sich an zwei behagliche Schlafstuben anschloß, war freundlich möbliert und sehr hell, da es sein Licht durch zwei große Fenster erhielt. Unter uns beide geteilt, erschien auch der Preis der Wohnung so gering, daß wir sie auf der Stelle mieteten und sogleich einzuziehen beschlossen. Noch am selben Abend ließ ich meine Besitztümer vom Hotel hinüberschaffen und Sherlock Holmes folgte bald darauf mit verschiedenen Koffern und Reisetaschen. In den ersten Tagen waren wir eifrig beschäftigt, auszupacken und unsere Sachen auf das vorteilhafteste unterzubringen. Als dann die Einrichtung fertig war, begannen wir uns in Ruhe an unsere neue Umgebung zu gewöhnen.

Holmes war ein Mensch, mit dem sich leicht leben ließ, von stillem Wesen und regelmäßig in seinen Gewohnheiten. Selten blieb er abends nach zehn Uhr auf, und wenn ich morgens zum Vorschein kam, hatte er immer schon gefrühstückt und war ausgegangen. Den Tag über war er meist im chemischen Laboratorium oder im Seziersaal, zuweilen machte er auch weite Ausflüge, welche ihn bis in die verrufensten Gegenden der Stadt zu führen schienen. Seine Thatkraft war unverwüstlich, so lange die Arbeitswut bei ihm dauerte; von Zeit zu Zeit trat jedoch ein Rückschlag ein, dann lag er den ganzen Tag im Wohnzimmer auf dem Sofa, fast ohne ein Glied zu rühren oder ein Wort zu reden. Dabei nahmen seine Augen einen so traumhaften, verschwommenen Ausdruck an, daß sicher der Verdacht in mir aufgestiegen wäre, er müsse irgend ein Betäubungsmittel gebrauchen, hätte nicht seine Mäßigkeit und Nüchternheit im gewöhnlichen Leben diese Annahme völlig ausgeschlossen.

Nach den ersten Wochen unseres Beisammenseins war mein Interesse für ihn und der Wunsch zu ergründen, welche Zwecke er eigentlich verfolgte, in hohem Maße gestiegen. Schon seine äußere Erscheinung fiel ungemein auf. Er war über sechs Fuß groß und sehr hager; sein scharfkantig vorstehendes Kinn drückte Festigkeit des Charakters aus, der Blick seiner Augen war lebhaft und durchdringend, außer in den schon erwähnten Zeiten völliger Erschlaffung, und eine spitze Habichtsnase gab seinem Gesicht etwas Aufgewecktes und Entschlossenes. Die Hände schonte er nicht, sie trugen fortwährend Spuren von Tinten und Chemikalien, auch hatte ich oft Gelegenheit, seine große Geschicklichkeit bei allen Handgriffen zu bewundern, wenn er mit seinen feinen physikalischen Instrumenten experimentierte.

Kein Wunder, daß meine Neugier in hohem Grade rege war und ich immer wieder versuchte, die strenge Zurückhaltung zu durchbrechen, die er in allem beobachtete, was ihn selbst betraf. Das Geheimnis, welches meinen Gefährten umgab, beschäftigte mich um so mehr, als mein eigenes Leben damals völlig zweck- und ziellos war und wenige Zerstreuungen bot. Mein Gesundheitszustand erlaubte mir nur bei besonders günstiger Witterung auszugehen, und Freunde, die mich hätten besuchen können, um etwas Abwechslung in mein einförmiges Dasein zu bringen, besaß ich nicht.

Daß Holmes nicht Medizin studiere, wußte ich aus seinem eigenen Munde. Auch schien er keinen bestimmten Kursus in irgend einer andern Wissenschaft durchgemacht zu haben, der ihm auf herkömmliche Weise die Eingangspforte in die Gelehrtenwelt geöffnet hätte. Trotzdem verfolgte er gewisse Studien mit wahrem Feuereifer und besaß innerhalb ihrer Grenzen ein so ausgedehntes und umfassendes Wissen, daß er mich oft höchlich dadurch überraschte. – War es denkbar, daß ein Mensch so angestrengt arbeitete, sich so genau zu unterrichten suchte, ohne einen bestimmten Zweck vor Augen zu haben? – Ein planloses Studium ist meist auch oberflächlich, und wer sich den Kopf mit hunderterlei Einzelheiten anfüllt, thut dies schwerlich ohne einen triftigen Grund.

Merkwürdigerweise war seine Unwissenheit auf manchen Gebieten ebenso erstaunlich, als seine Kenntnisse in anderen Fächern. Von Astronomie und Philosophie z. B. wußte er so viel wie gar nichts. Mußte es mir schon auffallen, als er sagte, er habe noch nie etwas von Thomas Carlyle gelesen, so erreichte meine Verwunderung doch den Gipfelpunkt, als sich zufällig herausstellte, daß er sich über unser Sonnensystem ganz falsche Vorstellungen machte. Wie in unserem neunzehnten Jahrhundert irgend ein zivilisiertes menschliches Wesen darüber im unklaren sein kann, daß die Erde sich um die Sonne dreht, war mir völlig unbegreiflich.

»Setzt Sie das in Erstaunen?« fragte er lächelnd. »Nun Sie es mir gesagt haben, werde ich suchen, es so schnell wie möglich wieder zu vergessen.«

»Es zu vergessen?!«

»Ja. – Sehen Sie, meiner Ansicht nach gleicht ein Menschenhirn ursprünglich einer leeren Dachkammer, die man nach eigener Wahl mit Möbeln und Geräten ausstatten kann. Nur ein Thor füllt sie mit allerlei Gerümpel an, wie es ihm gerade in den Weg kommt und versperrt sich damit den Raum, welchen er für die Dinge braucht, die ihm nützlich sind. Ein Verständiger giebt wohl acht, was er in seine Hirnkammer einschachtelt. Er beschränkt sich auf die Werkzeuge, deren er bei der Arbeit bedarf, aber von diesen schafft er sich eine große Auswahl an und hält sie in bester Ordnung. Es ist ein Irrtum, wenn man denkt, die kleine Kammer habe dehnbare Wände und könne sich nach Belieben ausweiten. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, da wir für alles Neuhinzugelernte etwas von dem vergessen, was wir früher gewußt haben. Daher ist es von höchster Wichtigkeit, daß unsere nützlichen Kenntnisse nicht durch unnützen Ballast verdrängt werden.«

»Aber das Sonnensystem –« warf ich ein.

»Was zum Kuckuck kümmert mich das?« unterbrach er mich ungeduldig. »Sie sagen, die Erde dreht sich um die Sonne. Wenn sie sich um den Mond drehte, so würde das für meine Zwecke nicht den geringsten Unterschied machen.«

Mir schwebte schon die Frage auf der Zunge, was denn eigentlich seine Zwecke wären, doch behielt ich sie für mich, um ihn nicht zu verdrießen. Unser Gespräch gab mir indessen viel zu denken, und ich begann meine Schlüsse daraus zu ziehen. Wenn er sich nur Kenntnisse aneignete, die ihm für seine Arbeit Nutzen brachten, so mußte man ja aus den Zweigen des Wissens, mit denen er am vertrautesten war, auf den Beruf schließen können, dem er sich gewidmet hatte. Ich zählte mir nun alles auf, was er mit besonderer Gründlichkeit studierte, ja, ich machte mir ein Verzeichnis von den einzelnen Fächern. Lächelnd überlas ich das Schriftstück noch einmal, es lautete:

Geistiger Horizont und Kenntnisse von Sherlock Holmes.

  1. Litteratur – Mit Unterschied.
  2. Philosophie – Null.
  3. Astronomie – Null.
  4. Politik – Schwach.
  5. Botanik – Mit Unterschied. Wohl bewandert in allen vegetabilischen Giften, Belladona, Opium u. drgl. Eigentliche Pflanzenkunde – Null.
  6. Geologie – Viel praktische Erfahrung, aber nur auf beschränktem Gebiet. Er unterscheidet sämtliche Erdarten auf den ersten Blick. Von Ausgängen zurückgekehrt, weiß er nach Stoff und Farbe der Schmutzflecke auf seinen bespritzten Beinkleidern die Stadtgegend von London anzugeben, aus welcher die Flecken stammen.
  7. Chemie – Sehr gründlich.
  8. Anatomie – Genau, aber unmethodisch.
  9. Kriminalstatistik – Erstaunlich umfassend. Er scheint alle Einzelheiten jeder Greuelthat, die in unserem Jahrhundert verübt worden ist, zu kennen.
  10. Ist ein guter Violinspieler.
  11. Ein gewandter Boxer und Fechter.
  12. Ein gründlicher Kenner der britischen Gesetze.

Weiter las ich nicht; ich zerriß meine Liste und warf sie ärgerlich ins Feuer, »Wie kann der Mensch behaupten, daß es einen Beruf giebt, in dem sich alle diese verschiedenartigen Kenntnisse verwerten und unter einen Hut bringen lassen,« rief ich. »Es ist vergebliche Mühe, dies Rätsel lösen zu wollen.«

Holmes‘ Fertigkeit auf der Violine war groß, aber ganz eigener Art, wie alles bei diesem ungewöhnlichen Menschen. Gelegentlich spielte er mir wohl des Abends von meinen Lieblingsstücken vor, was ich verlangte; war er aber sich selbst überlassen, so ließ er selten eine bekannte Melodie hören. Er lehnte sich dann in den Armstuhl zurück, schloß die Augen und fuhr mechanisch mit dem Bogen über das Instrument, welches auf seinen Knieen lag. Die Töne, die er dann den Saiten entlockte, waren stets der Ausdruck seiner augenblicklichen Empfindung, bald leise und klagend, bald heiter, bald schwärmerisch. Ob er dabei nur den wechselnden Launen seiner Einbildung folgte oder durch die Musik die Gedanken, welche ihn gerade beschäftigten, besser in Fluß bringen wollte, vermochte ich nicht zu sagen. Ich hätte sicherlich gegen seine herzzerreißenden Solovorträge Einspruch erhoben, allein, um mich einigermaßen für die Geduldsprobe zu entschädigen, die er mir auferlegte, endigte er gewöhnlich damit, daß er rasch hintereinander eine ganze Reihe meiner Lieblingsmelodien spielte und das versöhnte mich wieder.

In der ersten Woche bekamen wir keinen Besuch, und ich fing schon an zu glauben, mein Gefährte stehe ebenso allein in der Welt, wie ich selber. Bald stellte sich jedoch heraus, daß er viele Bekannte hatte und zwar in allen Schichten der Gesellschaft. Der kleine Mensch mit dem blaßgelben Gesicht, der einer Ratte ähnelte und mir als Herr Lestrade vorgestellt wurde, kam im Lauf von acht Tagen mindestens drei- oder viermal. Eines Morgens erschien ein elegant gekleidetes junges Mädchen, das über eine halbe Stunde dablieb. Am Nachmittag desselben Tages fand sich ein schäbiger Graubart ein, der wie ein jüdischer Hausierer aussah und hinter dem ein häßliches, altes Weib hereinschlürfte. Bei einer späteren Gelegenheit hatte ein ehrwürdiger Greis eine längere Unterredung mit Holmes und dann wieder ein Eisenbahnbeamter in Uniform. Jedesmal, wenn sich einer dieser merkwürdigen Besucher einstellte, bat mich Holmes, ihm das Wohnzimmer zu überlassen, und ich zog mich in meine Schlafstube zurück. Er entschuldigte sich vielmals, daß er mir diese Unbequemlichkeit auferlege. »Ich muß das Zimmer als Geschäftslokal benützen, die Leute sind meine Klienten.«

Auch diese Gelegenheit, mir Aufschluß über sein Thun zu verschaffen, ließ ich aus Zartgefühl ungenützt vorübergehen. Mir widerstand es, ein Vertrauen zu erzwingen, das er mir nicht von selbst entgegenbrachte, und schließlich bildete ich mir ein, er habe einen bestimmten Grund, mir sein Geschäft zu verheimlichen. Daß ich mich hierin getäuscht hatte, sollte ich indessen bald erfahren.

Am vierten März – der Tag ist mir im Gedächtnis geblieben – war ich früher als gewöhnlich aufgestanden und fand Sherlock Holmes beim Frühstück. Mein Kaffee war noch nicht fertig, und ärgerlich, daß ich warten mußte, nahm ich ein Journal vom Tisch, um mir die Zeit zu vertreiben, während mein Gefährte schweigend seine gerösteten Brotschnitten verzehrte.

Mein Blick fiel zuerst auf einen Artikel, der mit Blaustift angestrichen und ›Das Buch des Lebens‹ betitelt war. Der Verfasser versuchte darin auseinanderzusetzen, daß es für einen aufmerksamen Beobachter von Menschen und Dingen im alltäglichen Leben unendlich viel zu lernen gäbe, wenn er sich nur gewöhnen wollte, alles, was ihm in den Weg käme, genau und eingehend zu prüfen. Die Beweisführung war kurz und bündig, aber die Schlußfolgerungen schienen mir weit hergeholt und ungereimt, das Ganze eine Mischung von scharfsinnigen und abgeschmackten Behauptungen. Ein Mensch, der zu beobachten und zu analysieren verstand, mußte danach befähigt sein, die innersten Gedanken eines jeden zu lesen und zwar mit solcher Sicherheit, daß es dem Uneingeweihten förmlich wie Zauberei vorkam.

»Das Leben ist eine große, gegliederte Kette von Ursachen und Wirkungen,« hieß es weiter; »an einem einzigen Gliede läßt sich das Wesen des Ganzen erkennen. Wie jede andere Wissenschaft, so fordert auch das Studium der Deduktion und Analyse viel Ausdauer und Geduld; ein kurzes Menschendasein genügt nicht, um es darin zur höchsten Vollkommenheit zu bringen. Der Anfänger wird immer gut thun, ehe er sich an die Lösung hoher geistiger und sittlicher Probleme wagt, welche die größten Schwierigkeiten bieten, sich auf einfachere Aufgaben zu beschränken. Zur Hebung möge er zum Beispiel bei der flüchtigen Begegnung mit einem Unbekannten den Versuch machen, auf den ersten Blick die Lebensgeschichte und Berufsart des Menschen zu bestimmen. Das schärft die Beobachtungsgabe und man lernt dabei richtig sehen und unterscheiden. An den Fingernägeln, dem Rockärmel, den Manschetten, den Stiefeln, den Hosenknieen, der Hornhaut an Daumen und Zeigefinger, dem Gesichtsausdruck und vielem andern, läßt sich die tägliche Beschäftigung eines Menschen deutlich erkennen. Daß ein urteilsfähiger Forscher, der die verschiedenen Anzeichen zu vereinigen weiß, nicht zu einem richtigen Schluß gelangen sollte, ist einfach undenkbar.«

»Was für ein thörichtes Gewäsch,« rief ich, und warf das Journal auf den Tisch; »meiner Lebtag ist mir dergleichen nicht vorgekommen.«

Sherlock Holmes sah mich fragend an.

»Sie haben den Artikel angestrichen,« fuhr ich fort, »und müssen ihn also gelesen haben. Daß er geschickt abgefaßt ist, will ich nicht bestreiten. Mich ärgern aber solche widersinnige Theorien, die daheim im Lehnstuhl aufgestellt werden und dann an der Wirklichkeit elend scheitern. Der Herr Verfasser sollte nur einmal in einem Eisenbahnwagen dritter Klasse fahren und probieren, das Geschäft eines jeden seiner Mitreisenden an den Fingern herzuzählen. Ich wette tausend gegen eins, er wäre dazu nicht imstande.«

»Sie würden Ihr Geld verlieren,« erwiderte Holmes ruhig. »Was übrigens den Artikel betrifft, so ist er von mir.«

»Von Ihnen?«

»Ja; ich habe ein besonderes Talent zur Beobachtung und Schlußfolgerung. Die Theorien, welche ich hier auseinandersetze und die Ihnen so ungereimt erscheinen, finden in der Praxis ihre volle Bestätigung, ja, was noch mehr ist – ich verdiene mir damit mein tägliches Brot.«

»Wie ist das möglich?« fragte ich unwillkürlich.

»Mein Handwerk beruht darauf. Ich bin beratender Geheimpolizist – wenn Sie verstehen, was das heißt – vielleicht bin ich der einzige meiner Art. Es giebt hier in London Detektivs die Menge, welche teils im Dienst der Regierung stehen, teils von Privatpersonen gebraucht werden. Wenn diese Herren nicht mehr aus noch ein wissen, kommen sie zu mir, und ich helfe ihnen auf die richtige Fährte. Sie bringen mir das ganze Beweismaterial, und ich bin meist imstande, ihnen mit Hilfe meiner Kenntnis der Geschichte des Verbrechens den rechten Weg zu weisen. Die Missethaten der Menschen haben im allgemeinen eine starke Familienähnlichkeit unter einander und wenn man alle Einzelheiten von tausend Verbrechen im Kopfe hat, so müßte es wunderbar zugehen, vermöchte man das tausend und erste nicht zu enträtseln. Lestrade ist ein bekannter Detektiv. Er hat sich kürzlich mit einer Falschmünzergeschichte herumgequält und mich deshalb so häufig aufgesucht.«

»Und die andern Leute?«

»Sie kamen meist auf Veranlassung von Privatleuten. Jeder von ihnen hat irgend eine Sorge auf dem Herzen und holt sich Rat bei mir. Sie erzählen mir ihre Geschichte und hören auf meine erklärenden Bemerkungen und dann streiche ich mein Honorar ein.«

»Können Sie wirklich, während Sie ruhig auf Ihrem Zimmer bleiben, die verwickelten Knoten lösen, welche die andern nicht zu entwirren vermögen, selbst, wenn sie mit eigenen Augen gesehen haben, wo sich alles zugetragen hat?«

»Das habe ich oft gethan: es ist bei mir eine Art innerer Eingebung. Liegt ein besonders schwieriger Fall vor, so besehe ich mir den Schauplatz der That wohl auch einmal selbst. Ich habe so mancherlei Kenntnisse, die mir die Arbeit wesentlich erleichtern. Meine große Uebung in der Schlußfolgerung, wie sie jener Artikel darlegt, ist für mich zum Beispiel von hohem praktischem Wert. Mir ist die Beobachtung zur zweiten Natur geworden. Als ich Ihnen bei unserer ersten Begegnung sagte, Sie kämen aus Afghanistan, schienen Sie sich darüber zu verwundern.«

»Irgend jemand muß es Ihnen gesagt haben.«

»Bewahre; ich wußte es ganz von selbst. Da mein Gedankengang meist sehr schnell ist, kommen mir die Schlüsse in ihrer Reihenfolge kaum zum Bewußtsein. Und doch steht alles in logischem Zusammenhang. Ich folgerte etwa so: Der Herr sieht aus wie ein Mediziner und hat dabei eine soldatische Haltung. Er muß Militärarzt sein. Die dunkle Gesichtsfarbe hat er nicht von Natur, denn am Handgelenk ist seine Haut weiß, also kommt er geradeswegs aus den Tropen. Daß er allerlei Beschwerden durchgemacht hat, zeigen seine abgezehrten Wangen; sein linker Arm muß verwundet gewesen sein, er hält ihn unnatürlich steif. In welcher Gegend der Tropen kann ein englischer Militärarzt sich Wunden und Krankheit geholt haben? – Versteht sich in Afghanistan. – In weniger als einer Sekunde war ich zu dem Schluß gelangt, der Sie in Erstaunen setzte.«

»Wie Sie die Sache erklären, scheint sie sehr einfach. In Büchern liest man wohl von solchen Dingen, aber daß sie in Wirklichkeit vorkämen, hätte ich nicht gedacht.«

»Wenn es nur noch Verbrechen gäbe, zu deren Entdeckung man besonderen Scharfsinn braucht,« fuhr Holmes mißmutig fort. »Ich weiß, es fehlt mir nicht an Begabung, um meinen Namen berühmt zu machen. Kein Mensch auf Erden hat jemals so viel natürliche Anlage für mein Fach besessen oder ein so tiefes Studium darauf verwendet. Aber was nützt mir das alles? Die Missethäter sind sämtlich solche Stümper und ihre Zwecke so durchsichtig, daß der gewöhnliche Polizeibeamte sie mit Leichtigkeit zu ergründen vermag.«

Es verdroß mich, ihn mit solcher Selbstüberschätzung reden zu hören. Um der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, trat ich ans Fenster.

»Was mag wohl der Mann da drüben suchen?« fragte ich, auf einen einfach gekleideten, stämmigen Menschen deutend, welcher sämtliche Häusernummern auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu mustern schien. Er hielt einen großen, blauen Umschlag in der Hand und hatte offenbar eine Botschaft auszurichten.

»Sie meinen den verabschiedeten Marinesergeanten?« fragte Sherlock Holmes.

Ich machte große Augen. »Er hat gut mit seiner Weisheit prahlen,« dachte ich bei mir; »wer will ihm denn beweisen, daß er falsch geraten hat?«

In dem Augenblick hatte der Mann, den wir beobachteten, unsere Nummer erblickt, und kam rasch quer über die Straße gegangen. Gleich darauf klopfte es laut an der Haustüre unten, man vernahm eine tiefe Stimme und dann schwere Schritte auf der Treppe.

Der Mann trat ein.

»Für Herrn Sherlock Holmes,« sagte er, meinem Gefährten den Brief einhändigend.

Ich ergriff die günstige Gelegenheit, um Holmes von seiner Einbildung zu heilen. An die Möglichkeit hatte er wohl nicht gedacht, als er den raschen Schuß ins Blaue that. »Darf ich Sie wohl fragen, was Sie für ein Geschäft betreiben?« redete ich den Boten freundlich an.

»Dienstmann,« lautete die kurze Antwort. »Uniform gerade beim Schneider zum Ausbessern.«

»Und früher waren Sie –« fuhr ich mit einem schlauen Blick auf Holmes fort.

»Sergeant bei der leichten Infanterie der königlichen Marine. – Keine Rückantwort? – Sehr wohl. Zu Befehl.«

Er schlug die Fersen aneinander, erhob die Hand zum militärischen Gruß und fort war er.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Brixtonstraße Nummer drei

Dieses neue Beispiel von der praktischen Anwendbarkeit der Theorien meines Freundes überraschte mich höchlich und flößte mir großen Respekt vor seiner Beobachtungsgabe ein. Zwar wollte mich ein leiser Argwohn beschleichen, ob die Sache nicht doch am Ende ein zwischen den beiden abgekartetes Spiel sei, aber welchen möglichen Zweck hätte das haben können? – Als ich mich nach Holmes umwandte, hatte er eben den Brief durchgelesen und starrte mit ausdruckslosem Blick, wie geistesabwesend, vor sich hin.

»Wie in aller Welt haben Sie denn das wieder erraten?« fragte ich.

»Erraten – was?« rief er gereizt auffahrend.

»Nun, daß der Mann ein abgedankter Marinesergeant war.«

»Jetzt ist keine Zeit zu Spielereien,« stieß er in rauhem Ton hervor, fuhr aber gleich darauf lächelnd fort: »Entschuldigen Sie meine Grobheit, Sie haben meinen Gedankengang unterbrochen; doch das schadet vielleicht nichts. – Also Sie haben wirklich nicht sehen können, daß der Mann Sergeant in der Marine gewesen ist?«

»Wie sollte ich?«

»Es scheint mir doch sehr einfach. Freilich ist es nicht leicht zu erklären, wie ich zur Kenntnis solcher Thatsachen komme. Daß zweimal zwei vier ist, leuchtet jedem ein, forderte man Sie aber auf, es zu beweisen, so würden Sie es schwierig finden. Schon über die Straße hatte ich den blauen tätowierten Anker auf der Hand des Mannes gesehen und die See gewittert; zudem bemerkte ich seine militärische Haltung und das verriet mir den Marinesoldaten. Er trug den Kopf hoch und schwang seinen Stock mit Selbstbewußtsein und einer gewissen Befehlshabermiene; dabei trat er fest und würdevoll auf und war ein Mann in mittleren Jahren – natürlich mußte er Sergeant gewesen sein.«

»Wunderbar!« rief ich.

»Höchst alltäglich,« versetzte Holmes, doch sah ich ihm am Gesicht an, daß er sich geschmeichelt fühlte. »Eben noch behauptete ich,« fuhr er fort, »es gäbe keine geheimnisvollen Verbrechen mehr zu enträtseln. Das scheint ein Irrtum gewesen zu sein – hiernach zu urteilen.« Er schob mir den Brief hin, welchen der Dienstmann gebracht hatte.

»Wie schrecklich,« rief ich, ihn überfliegend.

»Es klingt allerdings etwas ungewöhnlich; wären Sie so gut, mir den Brief noch einmal vorzulesen?«

Der Brief lautete wie folgt:

»Lieber Herr Holmes!

Heute nacht hat sich in der Brixtonstraße Nummer 3 ein schlimmer Fall zugetragen. Unser Posten sah dort auf seinem Rundgang gegen zwei Uhr einen Lichtschimmer, und da das Haus unbewohnt ist, schöpfte er Verdacht. Er fand die Thür offen und in dem unmöblierten Vorderzimmer den Leichnam eines gutgekleideten Herrn am Boden liegen. Enoch J. Drebber, Cleveland, Ohio U.S.A. stand auf den Visitenkarten, die er in seiner Brusttasche trug, Eine Beraubung ist nicht erfolgt und die Todesursache noch unermittelt, denn es finden sich zwar Blutspuren im Zimmer, aber keine Wunde an dem Toten. Wir wissen nicht, wie er in das leere Haus gekommen sein kann, und die ganze Angelegenheit ist uns ein Rätsel.

Wären Sie geneigt, vor zwölf Uhr den Schauplatz zu besichtigen, so finden Sie mich dort. Ich lasse alles in statu quo bis zu Ihrer Ankunft. Sind Sie verhindert zu kommen, so werde ich Ihnen alle Einzelheiten berichten, und Sie thäten mir einen großen Gefallen, wenn Sie mir Ihre Ansicht mitteilen wollten.

Ihr ergebener Tobias Gregson.«

»Gregson ist der schlaueste Fuchs in der ganzen Polizeimannschaft,« bemerkte mein Freund. »Er und Lestrade sind rasch und tatkräftig, aber durch nichts aus dem einmal hergebrachten Geleise zu bringen; dabei sind sie einander fortwährend in den Haaren und sind eifersüchtig wie zwei gefeierte Ballschönheiten. Wenn sie etwa beide auf dieselbe Fährte kommen, giebt es einen Hauptspaß.«

Die behagliche Ruhe, mit der er sprach, schien mir unbegreiflich. »Es ist doch sicherlich kein Augenblick zu verlieren,« rief ich; »soll ich Ihnen eine Droschke holen?«

»Noch weiß ich gar nicht, ob ich hingehen werde. Ich habe gerade einen Anfall von Trägheit und dann bin ich der faulste Kerl unter der Sonne; ein andermal kann ich freilich flink genug bei der Hand sein.«

»Aber dies ist doch gerade ein Fall, wie Sie ihn sich gewünscht haben.«

»Jawohl; aber was kommt schließlich dabei heraus, liebster Freund? Gelänge es mir auch, den Knoten zu lösen, so würden doch Gregson, Lestrade und Co. sich alles auf ihr Konto schreiben. Das hat man davon, wenn man kein Angestellter ist.«

»Aber er bittet ja um Ihre Hilfe.«

»Ja, er weiß, daß ich mehr verstehe als er, und giebt das mir gegenüber auch zu; doch würde er sich lieber die Zunge abbeißen, als vor einem Dritten meine Ueberlegenheit anzuerkennen. Wir wollen uns die Sache indessen doch ansehen. Ich übernehme sie vielleicht auf eigene Faust. Dann kann ich die beiden wenigstens auslachen, wenn ich auch sonst nichts davon habe. Also vorwärts!«

Er fuhr rasch in seinen Ueberzieher und ging so geschäftig hin und her, daß ich wohl sah, die gleichgültige Stimmung war bei ihm vorüber und seine volle Tatkraft zurückgekehrt.

»Wo ist Ihr Hut?« fragte er.

»Wünschen Sie denn, daß ich mitkomme?«

»Ja, wenn Sie nichts Besseres vorhaben.«

Schon im nächsten Augenblick saßen wir in einer Droschke und fuhren mit Windeseile nach der Brixtonstraße.

Es war ein bewölkter, nebliger Morgen, alle Häuser lagen in einen Schleier gehüllt, von derselben grauen Schmutzfarbe wie die Straßen. Jetzt ließ die Laune meines Gefährten nichts mehr zu wünschen übrig; er sprach mit großer Zungengeläufigkeit über Cremoneser Geigen und den Unterschied zwischen einer Amati und einer Stradivarius. Ich verhielt mich ziemlich still; das trübe Wetter und das traurige Geschäft, welches wir vorhatten, drückten auf mein Gemüt.

»Es scheint, daß Sie sich in Ihren Gedanken gar nicht mit der Sache beschäftigen, um die es sich handelt,« unterbrach ich Holmes endlich in seinen musikalischen Auseinandersetzungen.

»Noch fehlen mir alle Einzelheiten,« erwiderte er; »es ist ein großer Irrtum, sich eine Theorie zu bilden, ehe man sämtliches Beweismaterial in Händen hat; das beeinflußt das Urteil.«

»Sie werden bald genug Gelegenheit bekommen, Ihre Beobachtungen anzustellen,« sagte ich; »hier sind wir schon in der Brixtonstraße und das dort muß das Haus sein, wenn ich nicht sehr irre.«

»Kein Zweifel. – Halt, Kutscher, halt! –« Wir waren noch eine ziemliche Strecke entfernt, doch bestand er darauf, daß wir ausstiegen und das letzte Ende zu Fuß zurücklegten.

Das Haus Nummer 3 machte einen düstern, unheimlichen Eindruck. Es gehörte zu einer Gruppe von vier Gebäuden, die etwas abseits von der Straße lagen; zwei waren bewohnt, zwei standen leer. An den trüben Fensterscheiben der letzteren fielen nur hier und da die angeklebten Zettel in die Augen, auf denen ›Zu vermieten‹ stand. Jedes der Häuser hatte ein kleines Vorgärtchen, mit wenigen kränklichen Pflanzen auf den Beeten; mitten hindurch führte ein schmaler mit Kies bestreuter Pfad von gelblichem Lehm, der durch die Regengüsse der vergangenen Nacht völlig aufgeweicht worden war. Eine drei Fuß hohe Backsteinmauer, die ein hölzernes Gitter trug, bildete die Einfassung des Gartens. Am Gitterthor lehnte ein handfester Polizist, von einer Schar Neugieriger umringt, die ihre Hälse reckten und sich vergeblich abmühten, zu sehen, was drinnen im Hause vorging.

Ich hatte erwartet, Sherlock Holmes würde sich sofort hineinbegeben, um seine Untersuchungen zu beginnen. Nichts schien ihm jedoch ferner zu liegen. Mit einer Gelassenheit, welche mir unter den obwaltenden Umständen unnatürlich erschien, schlenderte er vor dem Hause auf und ab, den Blick bald auf den Boden gerichtet, bald in die Luft, bald wieder nach dem Gitterzaun oder den gegenüberliegenden Häusern. Nach einer Weile betrat er den Kiesweg, das heißt, er ging auf dem Grasstreifen neben dem Pfad, die Augen forschend zur Erde gesenkt. Zweimal blieb er lächelnd stehen und ein Ausruf der Befriedigung entfuhr ihm. Es waren zwar viele Fußspuren in dem nassen Lehmboden eingedrückt, sie konnten jedoch von den Polizisten herrühren, die gekommen und wieder gegangen waren. Wie mein Gefährte hoffen konnte, da noch etwas Wesentliches zu entdecken, begriff ich nicht; allein nach den Proben seiner Beobachtungskunst, die ich schon von ihm erhalten hatte, mußte ich mir sagen, daß er ohne Zweifel vieles sah, was mir gänzlich verborgen blieb.

An der Hausthüre kam uns ein großer, blasser, flachshaariger Mann mit einem Notizbuch entgegen. Er eilte auf Holmes zu und schüttelte ihm mit großer Wärme die Hand. »Sehr freundlich von Ihnen, daß Sie kommen,« sagte er, »alles ist noch ganz unberührt geblieben.«

»Nur nicht der Fußweg,« erwiderte mein Freund. »Wäre eine Büffelherde drübergelaufen, sie hätte ihn kaum mehr zertrampeln können. Natürlich haben Sie erst genaue Beobachtungen angestellt, Gregson, bevor Sie das zuließen.«

»Ich hatte drinnen im Haus zu viel zu thun,« sagte der Detektiv ausweichend. »Mein Kollege Lestrade ist hier; ich dachte, er würde sich darum kümmern.«

Holmes zog die Augenbrauen spöttisch in die Höhe und sah mich an. »Wo zwei Männer wie Sie und Lestrade an Ort und Stelle sind, hat ein Dritter nicht mehr viel zu suchen,« bemerkte er.

Gregson schmunzelte selbstgefällig, und rieb sich die Hände. »Wir haben gethan, was wir konnten; aber es ist ein wunderlicher Fall – ich kenne ja Ihre Vorliebe für dergleichen.«

»Sind Sie in einer Droschke hergekommen?«

»Nein, ich nicht.«

»Aber Lestrade?«

»Der kam auch zu Fuß.«

»So? – Dann können wir wohl das Zimmer besehen.«

Wie das zusammenhing, war mir nicht recht ersichtlich, auch Gregson machte ein verwundertes Gesicht, während er Holmes in das Haus folgte.

Ein sehr staubiger, gedielter Korridor führte nach Küche und Speisekammer, rechts und links befanden sich noch zwei Thüren. Die eine mochte wohl wochenlang nicht geöffnet worden sein, die andere führte in das Zimmer, wo die geheimnisvolle Missethat verübt worden war. Holmes trat dort ein, und ich begleitete ihn, von unheimlichen Gefühlen ergriffen, wie sie die Gegenwart des Todes uns einzuflößen pflegt. Das große, viereckige Gemach sah noch geräumiger aus, weil keine Möbel darin standen. Die grelle Tapete an den Wänden war hie und da mit Schimmel überzogen, an einigen Stellen hing sie in Fetzen herunter, so daß der helle Kalkbewurf zum Vorschein kam. Der Thüre gegenüber befand sich ein großer, offener Kamin mit einem Gesims, an dessen einer Ecke ein rotes Wachslichtstümpchen klebte. Das einzige Fenster, welches den Raum erhellte, war mit einer Schmutzkruste überzogen, die nur ein mattes, ungewisses Licht hindurchließ. Die düstere, graue Beleuchtung paßte so recht zu der dicken Staubschicht, welche auf der Zimmerdiele lagerte.

Alle diese Einzelheiten fielen mir jedoch erst später auf. Anfangs richtete ich mein ganzes Augenmerk auf die leblose Gestalt, welche ausgestreckt am Boden lag, den stieren Blick nach der Decke gerichtet. Es war ein mittelgroßer Mann von etwa vierundvierzig Jahren, breitschulterig, mit krausem, schwarzem Haar und kurzem Stoppelbart. Sein Anzug bestand aus Rock und Weste von schwerem Doppeltuch, hellen Beinkleidern und tadellosem Weißzeug. Auch gehörte ihm wohl der glatt gebürstete, hohe Hut, den ich neben ihm sah. Er hatte die Arme weit von sich gestreckt, die Fäuste geballt und die Beine fest übereinander geschlagen, wahrscheinlich im Todeskampf. In seinen starren Zügen lag ein Ausdruck des Entsetzens und eines so grimmigen Hasses, wie ich ihn noch nie zuvor in einem Menschenantlitz erblickt zu haben glaubte. Dieser bösartige Zug, dazu die niedere Stirn, die breite Stumpfnase und das vorstehende Kinn, gaben dem Toten ein widerliches, tierisches Aussehen, das durch seine gekrümmte, unnatürliche Lage noch abschreckender wurde. Ich habe den Tod schon in mancher Gestalt gesehen, aber nie hat er mir einen so grauenvollen Eindruck gemacht, wie in jenem öden Hause der Londoner Vorstadt.

Der Geheimpolizist Lestrade hatte uns an der Stubenthüre empfangen. »Der Fall wird Aufsehen machen,« sagte er mit Nachdruck; »ich bin wahrhaftig kein Neuling mehr, aber etwas Aehnliches habe ich noch nie erlebt.«

»Wir suchen vergeblich nach einem Aufschluß,« fiel Gregson ein.

Sherlock Holmes war neben dem Leichnam niedergekniet, den er genau untersuchte.

»Eine Wunde haben Sie also nicht entdeckt?« fragte er, auf die zahlreichen Blutspuren am Fußboden deutend.

»Nein, es ist keine zu finden,« versicherten beide.

»So rührt das Blut also von einem andern Menschen her, von dem Mörder vermutlich, wenn nämlich ein Mord verübt worden ist. Der Fall erinnert mich an Van Jansens Tod in Utrecht im Jahre 1834. Haben Sie den im Gedächtnis, Gregson?«

»Nein, ich weiß nichts davon.«

»Sie sollten die Geschichte nachlesen. Es giebt nichts Neues unter der Sonne, alles ist schon dagewesen.«

Während er sprach, fuhren seine geschickten Finger bald hierhin, bald dorthin; er drückte, befühlte, betastete alle Glieder und zwar mit solcher Schnelligkeit, daß ich kaum begriff, wie er die einzelnen Ergebnisse seiner Untersuchung aufzufassen vermochte. Sein Blick trug dabei denselben geistesabwesenden Ausdruck, den ich schon öfter an ihm bemerkt hatte. Schließlich roch er an den Lippen des Toten und betrachtete die Sohlen seiner feinen Lederstiefel.

»Liegt er noch genau so, wie man ihn gefunden hat?« fragte er.

»Wir haben ihn untersucht, ohne ihn von der Stelle zu bewegen.«

»Gut, dann lassen Sie ihn jetzt nur ins Leichenhaus schaffen. Es ist nichts Thatsächliches mehr zu ermitteln.«

Eine Tragbahre stand schon in Bereitschaft, und auf Gregsons Ruf kamen vier seiner Leute herbei. Als sie die Leiche aufluden, um sie fortzutragen, fiel ein Ring zu Boden und rollte über die Diele. Lestrade fuhr wie ein Stoßvogel darauf zu, hob ihn auf und betrachtete ihn mit verblüffter Miene.

»Der Trauring einer Frau – wie kommt der hierher?« rief er.

Wir starrten alle nach dem goldenen Reif auf seiner flachen Hand; welche Braut mochte den am Finger getragen haben?

»Die ohnehin schon verwickelte Angelegenheit wird durch diesen Fund noch schwieriger,« bemerkte Gregson.

»Vielleicht vereinfacht er sie auch,« äußerte Holmes bedächtig. »Jedenfalls nützt es nichts, den Ring noch länger anzusehen; wir werden nicht klüger davon. Haben Sie nichts in den Taschen gefunden?«

»Im Flur liegt alles beisammen!« erwiderte Gregson, »kommen Sie!« Wir verließen das Zimmer. »Hier ist der ganze Inhalt,« fuhr er fort, auf einen Haufen verschiedener Gegenstände deutend. »Eine goldene Uhr No. 97 163 von Barrand in London, eine kurze Uhrkette von massivem Gold, ein goldener Ring mit dem Freimaurerzeichen; ein Hundekopf mit Rubinaugen als Vorstecknadel; ein Visitenkartentäschchen von russischem Leder, auf den Karten steht Enoch J. Drebber aus Cleveland, das stimmt mit den Zeichen der Wäsche überein. Kein Portemonnaie, aber loses Geld in der Westentasche im Betrag von sieben Pfund dreizehn Schilling. Eine Taschenausgabe von Boccaccios Decamerone, auf dem Titelblatt der Name Joseph Stangerson. Zwei Briefe, einer an E. J. Drebber, der andere an Joseph Stangerson.«

»Wohin adressiert?«

»An die amerikanische Wechselbank. Beide Briefe kommen von der Dampfschiffgesellschaft Guion und betreffen die Abfahrt ihres Dampfers von Liverpool. Offenbar stand der Unglückliche im Begriff, nach New York zurückzukehren.«

»Haben Sie über jenen Stangerson Erkundigungen eingezogen?«

»Versteht sich,« versetzte Gregson; »an sämtliche Zeitungen sind Anzeigen geschickt worden; auch ist einer meiner Leute nach der Wechselbank gegangen, ich erwarte ihn bald zurück.«

»Haben Sie in Cleveland angefragt?«

»Ja, die Depesche ist heute früh abgegangen.«

»Was war der Wortlaut?«

»Wir gaben einfach die Umstände an und baten um Mittheilung der einschlägigen Thatsachen.«

»Sie haben nicht etwa über einen Punkt, der Ihnen besonders wichtig schien, eingehendere Nachricht verlangt?«

»Ich habe nach Stangerson gefragt.«

»Weiter nichts? Liegt nicht eine Thatsache vor, um die sich der ganze Fall dreht? Wollen Sie nicht noch einmal telegraphieren?«

»Meine Depesche enthielt alles Erforderliche,« versetzte Gregson in beleidigtem Ton.

Sherlock Holmes lachte in sich hinein und wollte eben noch eine Bemerkung machen, als Lestrade, der inzwischen im Zimmer geblieben war, zu uns in den Flur kam.

»Soeben habe ich eine Entdeckung gemacht, Gregson,« sagte er, sich mit selbstgefälliger Miene die Hände reibend. »Hätte ich nicht die Stubenwände genau untersucht, wir wären schwerlich darauf aufmerksam geworden.«

Die Augen des kleinen Detektivs funkelten vor innerem Triumph, daß er seinem Kollegen den Rang abgelaufen hatte. »Kommen Sie,« sagte er, in das Zimmer zurückeilend, das uns weit weniger grausig erschien, seit die Leiche fortgeschafft war; »so, jetzt treten Sie dorthin.«

Er strich ein Schwefelholz an seiner Stiefelsohle an und hielt es gegen die Wand. In einer Ecke war die Tapete abgerissen und auf dem hellen Kalkbewurf, der darunter zum Vorschein kam, stand mit großen, blutroten Buchstaben das Wort

Rache

zu lesen.

»Das hat der Mörder mit seinem eigenen Blut geschrieben,« fuhr Lestrade fort, »hier auf der Diele sieht man noch, wo es hinuntergetropft ist. Einen besseren Beweis, daß kein Selbstmord vorliegt, könnten wir gar nicht haben. Sehen Sie das abgebrannte Licht auf dem Kaminsims? Beim Scheine desselben ist das Wort in dieser sonst so dunkeln Ecke geschrieben worden!«

»Ich habe noch keine Zeit gehabt, mich in dem Zimmer umzusehen,« sagte Holmes, ein Vergrößerungsglas und ein Zentimetermaß aus der Tasche ziehend. »Sie erlauben mir wohl, das jetzt nachzuholen.«

Geräuschlos ging er in dem Raume hin und her; bald stand er still, bald kauerte er am Boden, einmal legte er sich sogar mit dem Gesicht platt auf die Diele.

Er war so vertieft in seine Beobachtungen, daß er unsere Anwesenheit ganz vergessen zu haben schien; auch hielt er fortwährend leise Selbstgespräche, dazwischen stöhnte er laut oder pfiff wohlgefällig vor sich hin und feuerte sich durch ermutigende Ausrufe zu neuer Hoffnung an. Er kam mir vor wie ein edler Jagdhund, der rückwärts und vorwärts durch das Dickicht springt, vor Begierde heult und winselt und keine Ruhe findet, bis er die verlorene Fährte wieder aufgespürt hat. Wohl zwanzig Minuten lang setzte er seine Untersuchungen fort, maß mit der größten Genauigkeit die Entfernung zwischen verschiedenen Punkten am Boden, die für mein Auge ganz unsichtbar waren und dann die Höhe und Breite der Wände. Was er damit bezweckte, war mir unerklärlich. An einer Stelle las er behutsam ein Häufchen grauen Staubes von der Erde auf und verwahrte es sorgfältig in einem Briefumschlag. Zuletzt richtete er sein Vergrößerungsglas auf das rätselhafte Wort an der Wand und betrachtete jeden Buchstaben aufs genaueste. Das Ergebnis schien ihn zu befriedigen und er steckte das Glas wieder ein.

»Man sagt, das Genie sei nichts als unermüdliche Ausdauer,« bemerkte er lächelnd; »so falsch das an und für sich auch ist, auf die Arbeit des Geheimpolizisten laßt es sich doch anwenden!«

Gregson und Lestrade waren dem seltsamen Gebahren des eifrigen Dilettanten mit neugierigen, aber etwas verächtlichen Blicken gefolgt. Sie schienen sich nicht klar zu machen, was ich längst wußte, daß nämlich Sherlock Holmes, selbst bei seinen scheinbar unbedeutendsten Handlungen, stets ein bestimmtes Ziel fest im Auge behielt.

»Nun, was halten Sie von dem Fall?« fragten beide jetzt in einem Atem.

»Sie sind auf so gutem Wege, meine Herren,« erwiderte Holmes nicht ohne einen leisen Anflug von Spott, »da wäre es die größte Anmaßung von meiner Seite, wollte ich mich Ihnen zur Hilfe anbieten. Den Ruhm, der Ihren Verdiensten gebührt, sollen Sie auch allein ernten. Vielleicht kann ich Ihnen im weiteren Verlauf Ihrer Forschungen noch von Nutzen sein, dann stehe ich gern zu Diensten. Es wäre mir übrigens doch erwünscht, wenn ich den Schutzmann sprechen könnte, der die Leiche gefunden hat. Sagen Sie mir, bitte, wie er heißt und wo er wohnt.«

Lestrade schlug sein Notizbuch auf. »John Rance hat jetzt keinen Dienst; Sie werden ihn sicher in seiner Wohnung am Kennington Parkthor, Audley Court No. 46 finden.« Holmes notierte sich die Adresse.

»Kommen Sie mit, Doktor,« rief er mir zu, »wir suchen ihn auf.« Dann verabschiedete er sich von den beiden Geheimpolizisten. »Ich will Sie noch auf einiges aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht einige Mühe ersparen kann,« sagte er. »Hier ist ein Mord begangen worden; der Täter ist sechs Fuß groß, im besten Mannesalter, hat verhältnismäßig kleine Füße, trug Stiefel mit breiten Spitzen und rauchte eine Trichinopolly-Cigarre. Er kam mit seinem Opfer in einer Droschke angefahren; von den Hufeisen des Pferdes waren drei alt und das am linken Vorderfuß neu. Der Mörder hat eine rötliche Gesichtsfarbe und ungewöhnlich lange Fingernägel an der rechten Hand. – Das sind nur ganz unbedeutende Einzelheiten, aber sie könnten Ihnen doch einen Anhaltspunkt geben.«

Lestrade und Gregson sahen einander ungläubig lächelnd an.

»Wie ist denn der Mann umgebracht worden, wenn ein Mord vorliegt?« fragte ersterer.

»Vergiftet,« gab Holmes kurz zur Antwort. Nach diesem kategorischen Ausspruch entfernte er sich rasch, und seine beiden Nebenbuhler blickten ihm mit offenem Munde nach.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Was uns John Rance erzählte.

Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des Schutzmanns.

»Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand holen,« bemerkte er. »Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.«

»Aber Holmes,« rief ich in höchster Verwunderung, »Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.«

»Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,« entgegnete er. »Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.«

»Das klingt sehr einleuchtend,« sagte ich; »wie aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes schließen?«

»Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.«

»Aber sein Alter?«

»Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. – Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?«

»Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.«

»Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.«

»Aber die rötliche Gesichtsfarbe?«

»Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß ich recht habe.«

Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. »Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,« rief ich, »je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer – wenn es ihrer zwei waren – in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missetäter das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? – Daß jemand imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.«

Mein Gefährte lächelte beifällig.

»Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefaßt,« sagte er. »Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem Sozialisten ausgeführt worden. – So – nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.«

»Bewahre,« rief ich, das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.«

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.

»Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,« rief er; »die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt – Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu hören.«

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. »Da drüben ist Audley Court,« sagte er, auf eine Reihe räucheriger Backsteinhäuser deutend. »Ich will hier warten, bis Sie wieder herauskommen.«

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ›Rance‹ bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört hatte. »Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,« brummte er verdrießlich.

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern.

»Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen haben,« sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. »Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß,« beeilte sich Rance zu erwidern.

»Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.«

Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. »Ich will beim Anfang beginnen,« sagte er. »Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im ›Weißen Hirsch‹ aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur Magenstärkung wohl angebracht wäre – da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam – –«

»Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen – aus welchem Grunde?« fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte er. »Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.«

»War denn gar niemand auf der Straße?«

»Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war. Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht – es flammte hell auf und da sah ich – –«

»Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die Küchenthür zu öffnen und dann – –«

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. »Von wo aus haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.«

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. »Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen,« sagte er lachend. »Ich bin nicht der Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen werden. Aber, nur weiter – was thaten Sie zunächst?«

»Ich ging hinunter auf die Straße,« sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. »Auf das Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den Kameraden herbeigelaufen.«

»War die Straße noch immer leer?«

»Ja oder nein, wie man’s nimmt.«

»Was soll das heißen?«

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. »Na,« sagte er, »als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ›Kolumbias neuem Sternenbanner‹ oder dergleichen sang. Ich hab‘ in meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist mir noch nicht vorgekommen. Er hatte mir keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. »Es war eben ein sinnlos betrunkener Mensch,« sagte er, »den wir hätten auf die Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen.«

»Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,« rief Holmes ungeduldig.

»Natürlich – Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und –«

»Schon gut – was ist denn aus ihm geworden?«

»Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.«

»Wie war er denn angezogen?«

»Er trug einen braunen Ueberrock.«

»Hatte er eine Peitsche in der Hand?«

»Eine Peitsche – bewahre!«

»Die muß er zurückgelassen haben,« murmelte Holmes. »Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?«

»Nein.«

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. »Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,« sagte er; »aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten – es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.«

Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege.

»Der Hans Narr,« rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. »Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.«

»Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?« fragte ich. »Rances Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.«

»Der Ring, Freund, der Ring – den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hatten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. – Jetzt aber, erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra–la–lira–lira–la.«

Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Wir bekommen Besuch

Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.

Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig – erdrosselt war er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch – wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.

Es war schon spät, als er zurückkam – unmöglich konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und er nahm sogleich Platz.

»Ein herrlicher Genuß!« rief er. »Nichts übt doch solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. – Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?«

»Wahrhaftig, ja – mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.«

»Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,« meinte Holmes. »In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt wird.«

»Wieso?«

»Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie.«

Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ›Gefunden‹ las ich folgendes:

»Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ›Weißen Hirsch‹ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 b. zwischen 8 und 9 Uhr abends.«

»Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.«

»Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.«

»Dafür ist schon gesorgt,« sagte er, mir einen Ring einhändigend. »Er gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.«

»Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden – was glauben Sie?«

»Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock – unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Spießgesellen.«

»Sollte er nicht Gefahr wittern?«

»Bewahre. Und wenn auch – meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen Sachen umsieht – er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.«

»Und dann?«

»Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln – das ist meine Sache. – Sind Sie mit Waffen versehen?«

»Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.«

»Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.«

Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung – er kratzte auf der Geige.

»Das Netz zieht sich zusammen,« sagte er; »eben erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz richtig.«

»Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?« fragte ich eifrig.

Er schien es zu überhören. »Ich muß wirklich meine Violine mit neuen Saiten beziehen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn der Mensch kommt,« fuhr er gelassen fort, »so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.«

»Es ist schon acht vorbei,« sagte ich, meine Uhr herausziehend.

»In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr – jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.«

Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.

»Wohnt Doktor Watson hier?« fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.

»Herein!« rief ich.

Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen Augen anblinzelte.

Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere Anzeige.

»Deswegen komme ich, werte Herren,« sagte sie mit einem tiefen Knix, »der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause kommt – er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer – und sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit –«

»Ist das der verlorene Ring?« fragte ich.

»Unser Herrgott sei gepriesen,« rief die Alte. »Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.«

Ich griff nach einem Bleistift: »Wo wohnen Sie?«

»In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.«

»Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,« mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.

Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. »Der Herr hat mich nach meiner Adresse gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.«

»Und Sie heißen? –«

»Mein Name ist Sawyer, – sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken und –«

»Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,« unterbrach ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; »er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.«

Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. »Ich gehe ihr nach,« sagte er, »sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.«

Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. »Entweder ist seine ganze Theorie falsch,« dachte ich bei mir, »oder es wird ihm jetzt gelingen, das Rätsel zu lösen.«

Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte, nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte drunten der Schlüssel in der Hausthür.

Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.

»Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem Erlebnis Wind bekämen,« rief er, und sank auf einen Stuhl. »Ich habe sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.«

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

»Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hatte ich mir sparen können. ›Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‹, rief sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.«

»Sie wollen doch nicht behaupten,« rief ich starr vor Staunen, »daß das alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon gemerkt haben?«

»Zum Henker mit dem alten Weibe,« rief Holmes ärgerlich. »Die alten Weiber waren wir, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.«

Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal vorgesetzt hatte.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Erstes Kapitel

I. Aus Watsons Erinnerungen

Erstes Kapitel

Sherlock Holmes

Im Jahre 1878 hatte ich mein Doktorexamen an der Londoner Universität bestanden und in Nelley den für Militärärzte vorgeschriebenen medizinischen Kursus durchgemacht. Bald darauf ward ich dem fünften Füsilierregiment Northumberland zugeteilt, welches damals in Indien stand. Bevor ich jedoch an den Ort meiner Bestimmung gelangte, brach der zweite afghanische Krieg aus, und bei meiner Landung in Bombay erfuhr ich, mein Regiment sei bereits durch die Gebirgspässe marschiert und weit in Feindesland vorgedrungen. In Gesellschaft mehrerer Offiziere, die sich in gleicher Lage befanden, folgte ich meinem Corps, erreichte dasselbe glücklich in Kandahar und trat in meine neue Stellung ein.

Der Feldzug, in welchem andere Ehre und Auszeichnungen fanden, brachte mir indessen nur Unglück und Mißerfolg. Gleich in der ersten Schlacht zerschmetterte mir eine Kugel das Schulterblatt und ich wäre sicherlich den grausamen Ghazia in die Hände gefallen, hätte mich nicht Murray, mein treuer Bursche, rasch auf ein Packpferd geworfen und mit eigener Lebensgefahr mit sich geführt, bis wir die britische Schlachtlinie erreichten.

Lange lag ich krank, und erst nachdem ich mit einer großen Anzahl verwundeter Offiziere in das Hospital von Peshawur geschafft worden war, erholte ich mich allmählich von den ausgestandenen Leiden; ich war bereits wieder so weit, daß ich in den Krankensälen umhergehen und auf der Veranda frische Luft schöpfen durfte. Da befiel mich unglücklicherweise ein Entzündungsfieber und zwar mit solcher Heftigkeit, daß man monatelang an meinem Wiederaufkommen zweifelte. Als endlich die Macht der Krankheit gebrochen war und mein Bewußtsein zurückkehrte, befand ich mich in solchem Zustand der Kraftlosigkeit, daß die Aerzte beschlossen, mich ohne Zeitverlust wieder nach England zu schicken. Einen Monat später landete ich mit dem Truppenschiff ›Orontes‹ in Portsmouth; meine Gesundheit war völlig zerrüttet, doch erlaubte mir eine fürsorgliche Regierung, während der nächsten neun Monate den Versuch zu machen, sie wiederherzustellen.

Verwandte besaß ich in England nicht; ich beschloß daher, mich in einem Privathotel einzuquartieren. Mein tägliches Einkommen belief sich auf elf und einen halben Schilling und da ich zuerst nicht sehr haushälterisch damit umging, machten mir meine Finanzen bald große Sorge. Ich sah ein, daß ich entweder aufs Land ziehen oder meine Lebensweise in der Hauptstadt völlig ändern müsse.

Da ich letzteres vorzog, sah ich mich genötigt, das Hotel zu verlassen und mir eine anspruchslosere und weniger kostspielige Wohnung zu suchen.

Während ich noch hiermit beschäftigt war, begegnete ich eines Tages auf der Straße einem mir bekannten Gesicht, ein höchst erfreulicher Anblick für einen einsamen Menschen wie mich in der Riesenstadt London. Ich hatte mit dem jungen Stamford während meiner Studienzeit verkehrt, ohne daß wir einander besonders nahe getreten waren, jetzt aber begrüßte ich ihn mit Entzücken, und auch er schien sich über das Wiedersehen zu freuen. Bald saßen wir in einer nahen Restauration zusammen bei einem Glase Wein und tauschten unsere Erlebnisse aus.

»Was in aller Welt ist denn mit dir geschehen, Watson?« fragte Stamford verwundert, »du siehst braun aus wie eine Nuß und bist so dürr wie eine Bohnenstange.«

Ich gab ihm einen kurzen Abriß meiner Abenteuer und er hörte mir teilnehmend zu.

»Armer Kerl,« sagte er mitleidig, »und was gedenkst du jetzt zu thun?«

»Ich bin auf der Wohnungssuche,« versetzte ich; »es gilt die Aufgabe zu lösen, mir um billigen Preis ein behagliches Quartier zu verschaffen.«

»Wie sonderbar,« rief Stamford; »du bist der zweite Mensch, der heute gegen mich diese Aeußerung thut.«

»Und wer war der erste?«

»Ein Bekannter von mir, der in dem chemischen Laboratorium des Hospitals arbeitet. Er klagte mir diesen Morgen sein Leid, daß er niemand finden könne, um mit ihm gemeinsam ein sehr preiswürdiges, hübsches Quartier zu mieten, das für seinen Beutel allein zu kostspielig sei.«

»Meiner Treu,« rief ich, »wenn er Lust hat, die Kosten der Wohnung zu teilen, so bin ich sein Mann. Ich würde weit lieber mit einem Gefährten zusammenziehen, statt ganz allein zu hausen.«

Stamford sah mich über sein Weinglas hinweg mit bedeutsamen Blicken an. »Wer weiß, ob du Sherlock Holmes zum Stubengenossen wählen würdest, wenn du ihn kenntest,« sagte er.

»Ist denn irgend etwas an ihm auszusetzen?«

»Das will ich nicht behaupten. Er hat in mancher Hinsicht eigentümliche Anschauungen und schwärmt für die Wissenschaft. Im übrigen ist er ein höchst anständiger Mensch, soviel ich weiß.«

»Ein Mediziner vermutlich?«

»Nein – ich habe keine Ahnung, was er eigentlich treibt. In der Anatomie ist er gut bewandert und ein vorzüglicher Chemiker. Aber meines Wissens hat er nie regelrecht Medizin studiert. Er ist überhaupt ziemlich überspannt und unmethodisch in seinen Studien, doch besitzt er auf verschiedenen Gebieten eine Menge ungewöhnlicher Kenntnisse, um die ihn mancher Professor beneiden könnte.«

»Hast du ihn nie nach seinem Beruf gefragt?«

»Nein – er ist kein Mensch, der sich leicht ausfragen läßt; doch kann er zuweilen sehr mitteilsam sein, wenn ihm gerade danach zu Mute ist.«

»Ich möchte ihn doch kennen lernen,« sagte ich; »ein Mensch, der sich mit Vorliebe in seine Studien vertieft, wäre für mich der angenehmste Gefährte. Bei meinem schwachen Gesundheitszustand kann ich weder Lärm noch Aufregung vertragen. Ich habe beides in Afghanistan so reichlich genossen, daß ich für meine Lebenszeit genug daran habe. Bitte, sage mir, wo ich deinen Freund treffen kann.«

»Vermutlich ist er jetzt noch im Laboratorium. Manchmal läßt er sich dort wochenlang nicht sehen und zu anderen Zeiten bleibt er wieder von früh bis spät bei der Arbeit. Wenn es dir recht ist, suchen wir ihn zusammen auf.«

Ich willigte mit Freuden ein und wir machten uns sogleich auf den Weg nach dem Hospital.

»Du darfst mir aber keine Vorwürfe machen, wenn ihr nicht miteinander auskommt,« sagte Stamford, als wir in die Droschke stiegen; »ich möchte dir weder zu- noch abraten.«

»Wenn wir nicht zu einander passen, können wir uns ja leicht wieder trennen. Deine Vorsicht scheint mir fast übertrieben, es muß noch etwas anderes dahinter stecken. Heraus mit der Sprache, was hast du gegen den Menschen einzuwenden?«

»Nichts, gar nichts; er ist nur nach meinem Geschmack seiner Wissenschaft allzusehr ergeben. – Das grenzt schon an Gefühllosigkeit. Ich halte es nicht für undenkbar, daß er einem guten Freunde eine Priese des neuesten vegetabilischen Alkaloids eingeben würde – nicht etwa aus Bosheit, nein, aus Forschungstrieb – um die Wirkung genau zu beobachten. Ebenso gern würde er freilich die Probe an sich selber machen, die Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen. Ueberhaupt ist Klarheit und Genauigkeit des Wissens seine größte Leidenschaft; aber zu welchem Zweck er alle seine Studien betreibt, weiß der liebe Himmel.«

Vor dem Hospital angekommen, stiegen wir aus, gingen ein Gäßchen hinunter und traten durch eine Thür in den Nebenflügel des weitläufigen Gebäudes. Hier war mir alles wohl bekannt und ich brauchte keinen Führer mehr. Es ging die kahle Steintreppe hinauf, durch den langen, weißgetünchten Korridor, mit den Thüren auf beiden Seiten, an den sich der niedrige Bogengang anschloß, welcher nach dem chemischen Laboratorium führte.

In dem großen Saal, den wir betraten, waren sämtliche Tische mit Retorten, Reagensgläsern und kleinen Weingeistlampen besetzt, während rings an den Wänden und überhaupt, wohin man blickte, Flaschen von allen Größen und Formen umherstanden. Wir dachten zuerst, der Raum sei leer, bis wir an dem andern Ende einen jungen Mann gewahrten, der, in seine Beobachtungen versunken, über einen Tisch gebeugt dasaß. Beim Schall unserer Fußtritte blickte er von seinem Experiment aus und sprang mit einem Freudenruf in die Höhe. »Viktoria, Viktoria,« jubelte er, und kam uns, mit der Retorte in der Hand, entgegen. »Ich habe das Reagens gefunden, das sich mit Hämoglobin zu einem Niederschlag verbindet und sonst mit keinem Stoff.«

Er sah so glückstrahlend aus, als hätte er eine Goldmine entdeckt.

»Mein Freund, Doktor Watson – Herr Sherlock Holmes,« sagte Stamford uns einander vorstellend.

»Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen,« erwiderte Holmes in herzlichem Ton und mit kräftigem Händedruck. »Sie kommen aus Afghanistan, wie ich sehe.«

Ich blickte ihn verwundert an. »Wieso wissen Sie denn das?«

»O, das thut nichts zur Sache,« rief er, sich vergnügt die Hände reibend; »ich denke jetzt nur an Hämoglobin. Sicherlich werden Sie die Tragweite meiner Erfindung begreifen.«

»Es mag wohl als chemisches Experiment sehr interessant sein, aber für die Praxis –«

»Gerade in der Praxis ist es von größter Wichtigkeit für die Gerichtschemie, weil es dazu dient, das etwaige Vorhandensein von Blutflecken zu beweisen. – Bitte, kommen Sie doch einmal her.« In seinem Eifer ergriff er meinen Rockärmel und zog mich nach dem Tische hin, an welchem er experimentiert hatte. »Wir müssen etwas frisches Blut haben,« sagte er und stach sich mit einer großen Stopfnadel in den Finger, worauf er das herabtropfende Blut in einem Saugröhrchen auffing. »Jetzt mische ich diese kleine Blutmenge mit einem Liter Wasser – das Verhältnis ist etwa wie eins zu einer Million – und die Flüssigkeit sieht ganz aus wie reines Wasser. Trotzdem wird sich, denke ich, die gewünschte Reaktion herstellen lassen.« Er hatte, während er sprach, einige weiße Kristalle in das Gefäß geworfen und goß jetzt noch mehrere Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit hinzu. Sofort nahm das Wasser eine dunkle Färbung an und ein bräunlicher Niederschlag erschien auf dem Boden des Glases.

»Sehen Sie,« rief er und klatschte in die Hände, wie ein Kind vor Freude über ein neues Spielzeug. »Was sagen Sie dazu?«

»Es scheint mir ein sehr gelungenes Experiment.«

»Wundervoll, wundervoll! Die alte Methode, die Probe mit Guajacum anzustellen, war sehr umständlich und unsicher, die mikroskopische Untersuchung der Blutkügelchen aber ist wertlos, sobald die Flecken ein paar Stunden alt sind. Meine Erfindung wird sich dagegen ebenso gut bei altem wie bei frischem Blut bewähren. Wäre sie schon früher gemacht worden, so hätte man Hunderte von Verbrechern zur Rechenschaft ziehen können, die straflos davongekommen find.«

»Meinen Sie wirklich?«

»Ohne Frage. Bei der Kriminaljustiz dreht sich ja meist alles um diesen einen Punkt. Vielleicht Monate, nachdem die Missethat begangen ist, fällt der Verdacht auf einen Menschen, man untersucht seine Kleider und findet braune Flecke am Rock oder in der Wäsche. Das können Blutspuren sein, aber auch Rostflecke, Obstflecke oder Schmutzflecke. Mancher Sachverständige hat sich darüber schon den Kopf zerbrochen und zwar bloß, weil es an einer zuverlässigen Beweismethode fehlte. Nun man aber das Sherlock Holmessche Mittel besitzt, ist jede Schwierigkeit beseitigt.«

Seine Augen funkelten, während er sprach, er legte die Hand aufs Herz und machte eine feierliche Verbeugung, als sähe er sich im Geist einer Beifall klatschenden Menge gegenüber.

»Da kann man Ihnen ja Glück wünschen,« sagte ich, verwundert über seinen Feuereifer.

»Hätte man die Probe schon letztes Jahr anstellen können,« fuhr er fort, »es wäre dem Mason aus Bradford sicherlich an den Hals gegangen; auch der berüchtigte Müller, sowie Lefevre aus Montpellier und Samson aus New-Orleans wären überführt worden. Ich könnte Ihnen Dutzende von Fällen nennen, bei denen meine Erfindung den Ausschlag gegeben hätte.«

»Sie scheinen ja ein wandelnder Verbrecheralmanach zu sein,« meinte Stamford lachend; »schreiben Sie doch ein Buch über Kriminalstatistik.«

»Das möchte wohl des Lesens wert sein,« erwiderte Holmes, der sich eben ein Pflaster auf den verwundeten Finger klebte. »Ich muß sehr vorsichtig sein,« fügte er erklärend hinzu, »denn ich mache mir viel mit Giften zu schaffen.« Als er die Hand in die Höhe hielt, sah ich, daß sie an vielen Stellen bepflastert war und von scharfen Säuren gefärbt.

»Wir kommen in Geschäften,« sagte Stamford, und schob mir einen dreibeinigen Schemel zum Sitzen hin, während er ebenfalls Platz nahm. »Mein Freund hier sucht eine Wohnung, und da Sie gern mit jemand zusammenziehen möchten, dachte ich, es wäre Ihnen vielleicht beiden geholfen.«

Sherlock Holmes ging mit Freuden auf den Vorschlag ein. »Ich habe ein Auge des Wohlgefallens auf ein Quartier in der Baker-Straße geworfen, das vortrefflich für uns passen würde,« sagte er. »Sie haben doch nicht etwa eine Abneigung gegen Tabaksdampf?«

»O nein, ich bin selbst ein starker Raucher.«

»Das trifft sich gut. Ferner habe ich häufig Chemikalien bei mir herumstehen, die ich zu meinen Experimenten brauche. Würde Sie das belästigen?«

»Durchaus nicht.«

»Warten Sie – was habe ich sonst noch für Fehler? Manchmal bekomme ich Anfälle von Schwermut und thue dann tagelang den Mund nicht auf. Sie müssen mir das nicht übel nehmen. Kümmern Sie sich nur dann gar nicht um mich, und die Anwandlung wird bald vorüber sein. So – nun ist die Reihe an Ihnen, mir Bekenntnisse zu machen. Wenn zwei Menschen zusammen leben wollen, ist es gut, wenn sie im voraus wissen, was sie von einander zu erwarten haben.«

Ich mußte über diese Generalbeichte lachen. »Ich halte mir einen jungen Bullenbeißer,« gestand ich, »und kann keinen Lärm vertragen, weil meine Nerven angegriffen sind; auch schlafe ich oft in den Tag hinein und bin überhaupt sehr träge. In gesunden Zeiten fröhne ich noch Lastern anderer Art, aber für jetzt sind dies die hauptsächlichsten.«

»Würden Sie unter ›Lärm‹ auch das Spielen auf einer Violine verstehen?« fragte er besorgt.

»Das kommt auf den Musiker an. Gutes Violinspiel ist ein Genuß für Götter – aber schlechtes –«

»Freilich, freilich,« rief er vergnügt. »Nun, ich denke, die Sache ist abgemacht – das heißt, wenn Ihnen das Quartier gefällt.«

»Wann können wir es besichtigen?«

»Holen Sie mich morgen mittag hier ab, dann gehen wir zusammen hin und bringen gleich alles ins reine.«

»Sehr wohl, also Punkt zwölf Uhr,« sagte ich, ihm zum Abschied die Hand schüttelnd.

Wir ließen ihn dort bei seinen Chemikalien und gingen nach meinem Hotel zurück. »Erklären Sie mir nur,« wandte ich mich, plötzlich stehend bleibend, an Stamford, »was ihn auf die Idee gebracht haben kann, daß ich aus Afghanistan komme?«

Mein Gefährte lachte geheimnisvoll. »Schon mancher hat gern wissen wollen, wie Sherlock Holmes gewisse Dinge ausfindig macht. Er besitzt eben eine besondere Gabe.«

»Aha, es steckt ein Rätsel dahinter,« rief ich belustigt; »das ist ja höchst interessant. Ich bin dir sehr verbunden für die neue Bekanntschaft. Das beste Studium für den Menschen bleibt ja doch immer der Mensch.«

»Studiere ihn nur,« entgegnete Stamford. »Du wirst dabei manche Nuß zu knacken finden. Ich wette darauf, er kennt dich bald besser als du ihn.«

An der nächsten Straßenecke verabschiedeten wir uns und ich schlenderte allein nach Hause.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

Zehntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

John Ferrier spricht mit dem Propheten.

Drei Wochen waren vergangen, seit Jefferson Hope mit seinen Gefährten die Salzseestadt verlassen hatte. Bei dem Gedanken an seine Rückkunft und den Abschied von der geliebten Pflegetochter wollte John Ferrier das Herz wohl oft schwer werden; aber ein Blick in ihre glückstrahlenden Augen ließ ihn das eigene Leid vergessen. Er hatte von jeher fest bei sich beschlossen, daß ihn nichts in der Welt bewegen sollte, sein Kind einem Mormonen zur Frau zu geben, weil er eine solche Ehe als Schmach und Schande ansah. Was er auch sonst über die Lehren der Mormonen denken mochte, in diesem einen Punkt war er unbeugsam. Doch hütete er sich wohl, etwas von seiner abweichenden Ueberzeugung verlauten zu lassen, denn im Lande der Heiligen galt es damals für ein gefährliches Ding, andere, als die strenggläubigsten Meinungen zu hegen.

Selbst die Frömmsten wagten es nur mit der größten Vorsicht, über religiöse Angelegenheiten zu reden, aus Furcht, eins ihrer Worte möchte falsch ausgelegt werden und ein schnelles Strafgericht über sie heraufbeschwören. Die ehemaligen Opfer der Verfolgung waren jetzt selbst zu Verfolgern geworden und betrieben ihr Handwerk auf entsetzliche Art. Weder die spanischen Inquisitoren, noch die Vehmgerichte des Mittelalters oder die geheimen Gesellschaften Italiens, besaßen je eine so furchtbare Gewalt, wie sie hier in Utah herrschte und die Gemüter mit Angst und Grauen erfüllte.

Daß diese Herrschaft eine so unsichtbare und geheimnisvolle war, machte sie noch gefürchteter. Sie schien allwissend und allmächtig, und doch war nichts von ihr zu sehen und zu hören. Ein Gemeindeglied, das sich dem Willen der Kirche nicht fügte, verschwand spurlos, ohne daß irgend jemand erfuhr, was aus ihm geworden sei. Daheim warteten die Seinigen auf den Vater, aber er kehrte nicht zu Weib und Kind zurück, um zu erzählen, was das heimliche Gericht über ihn verhängt habe. Auf ein rasches Wort, eine vielleicht unbedachte That folgte oft Tod und Vernichtung, aber niemand wußte, wann das Verhängnis über ihm schwebte oder wessen Hand die Strafe vollzog.

Anfangs sahen sich nur die Abtrünnigen bedroht, welche den Glauben der Mormonen bekannt hatten, sich aber später von ihnen loszumachen strebten. Dies ward jedoch bald anders. Um die Vielweiberei aufrecht zu erhalten, bedurfte man einer zahlreichen weiblichen Bevölkerung und der Zuzug von Frauen begann abzunehmen. Es gingen seltsame Gerüchte um, daß Einwanderer auf dem Zuge ermordet worden seien und ihre Lagerplätze ausgeplündert, in Gegenden, wohin keine Indianer je den Fuß gesetzt hatten. Zur selben Zeit sah man in den Harems der Aeltesten fremde Frauen auftauchen, welche trostlos weinten und dahinsiechten, im Antlitz den Ausdruck untilgbaren Entsetzens.

Verspätete Wanderer im Gebirge erzählten von Banden bewaffneter und vermummter Gestalten, die geräuschlos und verstohlen im Dunkel an ihnen vorübergehuscht waren. Die zuerst unbestimmten Gerüchte traten bald in greifbarer Form und mit größerer Gewißheit auf; sie wurden von allen Seiten bestätigt und geglaubt. Bis auf den heutigen Tag spricht man in den abgelegenen Farmhäusern des Westens noch mit Grausen von den Danitischen Banden, die im Volksmunde auch ›Würgengel‹ genannt wurden.

Je mehr man von dem Walten dieser Schrecklichen erfuhr, um so größer ward das Entsetzen vor ihnen in den Gemütern. Man wußte nicht, wer zu der greuelvollen Gesellschaft gehörte; die Namen derer, welche unter dem Deckmantel der Religion ihre blutigen Gewaltthaten verübten, blieben in undurchdringliches Dunkel gehüllt. Dem besten Freunde selbst durfte man seine etwaigen Zweifel an der Sendung des Propheten nicht anvertrauen, denn leicht konnte er zu der Zahl der Rächer gehören, welche in nächtlichem Graus Vergeltung zu üben kamen. So mißtraute denn ein Nachbar dem andern und keiner wagte von den Dingen zu reden, die ihm vor allem am Herzen lagen. –

 

Eines Morgens wollte sich John Ferrier gerade zu einem Gang durch seine Weizenfelder rüsten, als er die Gitterthür gehen hörte und einen starken, blondhaarigen Mann mittleren Alters den Fußweg heraufkommen sah. Er erschrak heftig, denn es war niemand anderes als der große Brigham Young in eigener Person. Voll böser Ahnungen, denn er wußte wohl, daß ein solcher Besuch nichts Gutes für ihn zu bedeuten habe, eilte Ferrier dem Oberhaupt der Mormonen entgegen. Brigham Young nahm seine ehrerbietige Begrüßung mit Kälte auf und folgte ihm schweigend ins Wohnzimmer.

»Bruder Ferrier,« sagte er, mit strenger Miene Platz nehmend, und warf unter seinen hellfarbenen Augenbrauen hervor einen durchdringenden Blick auf den alten Farmer, »die wahren Gläubigen haben dir treue Freundschaft erwiesen. Als du nahe daran warst, in der Wüste zu verschmachten, nahmen wir dich auf in unsere Mitte, labten dich mit Trank und Speise und führten dich sicher in das Land der Verheißung; dort gaben wir dir ein schönes Ackerland und ließen dich reich werden in unserm Schutz. Ist es nicht, wie ich sage?«

»Ja, so ist es,« bestätigte Ferrier.

»Zum Dank für alle Wohlthaten stellten wir nur die eine Bedingung, daß du den wahren Glauben annehmen und dich unsern Sitten und Gebräuchen unterwerfen solltest. Du gelobtest dies zu thun; aber, wenn wir recht berichtet sind, hast du dein Versprechen nicht gehalten.«

»Worin habe ich denn gefehlt?« rief Ferrier. »Habe ich nicht in die gemeinsame Kasse gesteuert? Habe ich nicht die Versammlungen im Tempel besucht? Habe ich nicht –«

»Wo sind deine Frauen?« fragte Young, sich umblickend. »Rufe sie herbei, daß ich sie begrüßen kann.«

»Es ist wahr,« versetzte der Farmer, »ich habe nicht geheiratet. Aber es war nur eine geringe Anzahl Frauen vorhanden und andere Gemeindeglieder hatten bessere Ansprüche als ich. Auch lebte ich nicht einsam; meine Tochter sorgte für meine Notdurft.«

»Gerade deine Tochter ist es, von der ich mit dir reden möchte,« sagte der Führer der Mormonen. »Sie ist zur Blume von Utah erblüht und Männer, die in hohem Ansehen unter uns stehen, haben ein Auge des Wohlgefallens auf sie geworfen.«

John Ferrier gingen die Worte wie ein schneidendes Schwert durchs Herz.

»Man erzählt von ihr, was ich nur ungern wiederhole – daß sie sich einem Ungläubigen versiegelt hat. Es muß wohl ein Geschwätz müßiger Zungen sein, denn – wie lautet die dreizehnte Regel im Gesetz Josef Smiths, des Heiligen? – ›Eine Tochter, die sich zum wahren Glauben bekennt, darf nur mit einem der Auserwählten in die Ehe treten. Heiratet sie einen Ungläubigen, so macht sie sich einer schweren Sünde schuldig.‹ Es ist nicht möglich, daß du, als Anhänger unserer heiligen Lehre, deiner Tochter gestattet haben solltest, dies Gebot zu übertreten.«

John Ferrier gab keine Antwort, er atmete schwer.

»Im heiligen Rat der Vier ist beschlossen worden, daß dieser eine Punkt zum Prüfstein für deinen Glauben dienen soll,« fuhr der Prophet fort. »Das Mädchen ist jung, wir wollen sie nicht einem Graubart vermählen, und ihr sogar die Wahl lassen. Wir, die Aeltesten, sind bereits wohl versehen, aber wir müssen auch für unsere Kinder sorgen. Stangerson und Drebber haben Söhne und jeder von ihnen würde deine Tochter mit Freuden in seinem Hause willkommen heißen. Sie soll sich für einen von ihnen entscheiden. Beide sind jung, reich und bekennen sich zu dem wahren Glauben. Was hast du darauf zu erwidern?«

Ferrier zog die Stirn in düstere Falten und schwieg eine Weile.

»Ihr werdet uns Zeit lassen,« sagte er endlich. »Meine Tochter ist sehr jung – noch kaum in heiratsfähigem Alter.«

»Sie soll einen Monat Bedenkzeit haben,« sagte Young von seinem Sitz aufstehend. »Ist diese Frist zu Ende, so erwarten wir ihre Antwort.«

In der Thür wandte er sich noch einmal zurück; sein Gesicht war gerötet, seine Augen funkelten. »Wenn jetzt dein und ihr Gebein im Wüstenstaub bei der Sierra Bianca moderte,« rief er mit Donnerstimme, »es wäre weit besser für dich, John Ferrier, und für sie, als wenn ihr in eurer Ohnmacht wagen solltet, dem Befehl des heiligen Rats der Vier zu trotzen.«

Er erhob die Hand mit drohender Gebärde, dann verließ er das Haus und man hörte den Kies auf dem Fußweg unter seinen Tritten knirschen.

Ferrier saß noch in trübem Sinnen, den Kopf in die Hand gestützt, als er sich leise an der Schulter berührt fühlte. Er blickte auf und sah Lucy neben sich stehen. Ihr bleiches, verstörtes Gesicht ließ ihm keinen Zweifel, daß sie wußte, was geschehen war. »Ich konnte nicht anders,« flüsterte sie voll Bangigkeit, »ich habe alles gehört – seine Stimme schallte durch das ganze Haus. O Vater, Vater – was sollen wir thun?«

»Sei ohne Furcht,« sagte er, sie an sich ziehend, und ließ seine breite, rauhe Hand zärtlich über ihr braunes Haar gleiten. »Irgendwie wollen wir’s schon einrichten. Du hängst doch wohl nach wie vor an deinem Verlobten, nicht wahr?«

Sie schluchzte nur leise und drückte ihm die Hand.

»Ich hab‘ mir’s gleich gedacht; so ein hübscher Bursche und ein ordentlicher Christenmensch obendrein; denn das ist hier keiner von allen, trotz ihrer vielen Gebete und Predigten. – Morgen reist eine Gesellschaft nach Nevada ab, da werde ich zusehen, daß ich ihm eine Botschaft schicken kann, um ihn wissen zu lassen, in welcher Not wir stecken. Wenn er dann nicht hier ist, wie der Wind, müßte ich mich sehr in dem jungen Mann getäuscht haben.«

Lucy lächelte unter Thränen. »Wenn er kommt, wird er uns zu raten und zu helfen wissen,« sagte sie zuversichtlich. »Aber ich ängstige mich deinetwegen, Väterchen. Man hört so schreckliche Dinge erzählen, wie es denen ergeht, die sich dem Willen des Propheten widersetzt haben.«

»Aber wir haben das noch gar nicht gethan,« entgegnete der Alte, »und brauchen uns vorläufig nicht zu fürchten. Noch haben wir einen ganzen Monat vor uns und ehe der zu Ende geht, werden wir gut thun, Utah den Rücken zu kehren.«

»Was wird denn aber aus deinem Besitztum?«

»Wir machen zu Geld, was wir können, und lassen das Uebrige zurück. Ich will dir nur offen gestehen, Lucy, daß ich schon längst mit diesem Gedanken umgehe. Ich mag vor keinem Menschen zu Kreuze kriechen, wie die Leute hier vor ihrem verwünschten Propheten. Als freier Mann bin ich geboren und kann mich in diese Art nicht mehr finden – ich bin wohl zu alt dazu. Er soll sich hüten, mir noch einmal ins Gehege zu kommen, sonst hat er eine Ladung Schrot im Leibe, ehe er sich’s versieht.«

»Sie werden uns aber nicht fortlassen wollen,« warf Lucy ängstlich ein.

»Dafür laß mich nur sorgen, wenn Jefferson kommt. Beruhige dich jetzt, mein Herzchen, und weine dir nicht die Augen rot, sonst macht er mir Vorwürfe, wenn er dich sieht. Uns droht keinerlei Gefahr, und du brauchst nichts zu fürchten.«

John Ferrier sprach diese tröstlichen Worte mit großer Zuversicht, doch konnte Lucy nicht umhin, zu bemerken, wie vorsichtig er alle Thüren zur Nacht verschloß und verriegelte, nachdem er zuvor die alte, rostige Jagdflinte, welche für gewöhnlich an der Wand seines Schlafzimmers hing, aufs sorgfältigste gereinigt und geladen hatte.

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

5. Kapitel. Die Hauptpersonen des Dramas.

5. Kapitel. Die Hauptpersonen des Dramas.

»Haben Sie in der Bibliothek alles gesehen, was Sie sehen wollten?« fragte White Mason, als wir zum Haus zurückkehrten.

»Vorläufig«, sagte der Inspektor und Holmes nickte zustimmend.

»Dann wollen wir uns vielleicht jetzt anhören, was die Leute vom Hause zu sagen haben. Wir können in das Speisezimmer gehen, Ames. Am besten fangen wir gleich mit Ihnen an. Also kommen Sie und sagen Sie uns, was Sie wissen.«

zusammen nach vorne geeilt. Als er den Treppenaufgang erreicht habe, sei Mrs. Douglas eben die Treppen heruntergekommen. Nein, sie war keineswegs in Eile und schien nicht im geringsten erregt zu sein. Gerade als sie am Fuße der Treppe angelangt war, sei Mr. Barker aus der Bibliothek herausgestürzt. Dieser habe Mrs. Douglas angehalten und sie gebeten, wieder hinaufzugehen.

»Um Himmelswillen, gehen Sie auf Ihr Zimmer«, habe er gerufen. »Der arme Jack ist tot. Wir können nicht das geringste für ihn tun. Um Himmelswillen gehen Sie fort.«

Dies habe Mrs. Douglas auch nach einiger Überredung getan. Sie habe keinen Schrei ausgestoßen. Frau Allen, die Haushälterin, sei mit ihr hinaufgegangen und bei ihr im Zimmer geblieben. Er, Ames, und Mr. Barker seien dann in die Bibliothek gegangen, wo alles ganz genau so gelassen wurde, wie es die Polizei vorfand. Die Kerze brannte zu der Zeit nicht, wohl aber die Lampe. Sie beide hätten aus dem Fenster gesehen, aber die Nacht wäre so dunkel gewesen, daß man nichts wahrnehmen konnte. Danach seien sie wieder zurück zur Halle geeilt, und er habe die Zugbrücke heruntergelassen, worauf sich Mr. Barker daran gemacht habe, die Polizei zu verständigen.

Dies war im wesentlichen die Aussage des Dieners.

Die von Frau Allen, der Haushälterin, deckte sich im allgemeinen mit der ihres Kollegen. Ihr Zimmer liege etwas näher nach vorne als die Anrichte, in der Ames beschäftigt war. Sie sei eben daran gewesen, zu Bett zu gehen, als sie durch lautes Klingeln aufgeschreckt wurde. Sie sei etwas schwerhörig, und dies sei vielleicht der Grund, weshalb sie keinen Schuß gehört habe. Immerhin liege ihr Zimmer ziemlich weit abseits. Sie glaube sich jedoch an einen Knall erinnern zu können, dachte indessen nur an das Zuschlagen einer Tür. Dies sei auch eine ganze Weile früher gewesen, wenigstens eine halbe Stunde vor dem Glockenzeichen. Als Mr. Ames nach vorne lief, habe sie sich ihm angeschlossen. Sie habe gesehen, wie Mr. Barker, leichenblaß und in höchster Aufregung, aus der Bibliothek trat und Mrs. Douglas, die eben die Treppe herunterkam, anhielt. Er habe sie gebeten, zurückzugehen; die Antwort, die sie ihm gab, habe sie indessen nicht verstehen können.

»Führen Sie sie hinauf und bleiben Sie bei ihr!« habe er zu Frau Allen gesagt.

Sie sei daher mit ihrer Herrin in deren Schlafzimmer gegangen und habe versucht, sie zu beruhigen. Mrs. Douglas sei sehr erregt gewesen und habe am ganzen Körper gezittert, jedoch nicht wieder die Absicht geäußert, hinuntergehen zu wollen. Sie habe die ganze Zeit in ihrem Schlafrock am Kamin gesessen, den Kopf in die Hände gestützt. Frau Allen sei fast die ganze Nacht bei ihr gewesen. Die anderen Dienstboten seien alle zu Bett gewesen und hätten von dem schrecklichen Vorfall nichts gehört, bis die Polizei anlangte. Sie schliefen in einem Hinterflügel, wo sie selbst der stärkste Lärm, der vom Vorderhause ausging, nicht erreichen könne.

Dies war alles, was wir aus der Haushälterin herausbringen konnten. Ein eingehendes Kreuzverhör förderte nichts weiter zutage, als Klagen und Ausbrüche des Entsetzens.

Auf Frau Allen folgte Mr. Cecil Barker. Er hatte dem, was er der Polizei bereits gesagt hatte, wenig hinzuzufügen. Für seine Person war er überzeugt, daß der Mörder durch das Fenster entkommen sei. Die Blutspuren ließen nach seiner Ansicht über diesen Punkt keinen Zweifel zu. Außerdem habe der Mörder, da die Zugbrücke aufgezogen war, keinen anderen Rückzugsweg gehabt. Er habe keine Ahnung, was aus dem Mann geworden sei, und warum er sein Zweirad zurückgelassen habe, wenn es wirklich ihm gehörte. Ein Ertrinken im Festungsgraben sei ausgeschlossen, da er höchstens drei Fuß tief sei.

Er habe sich eine bestimmte Ansicht von dem Verbrechen gebildet. Douglas sei ein ziemlich verschlossener Mensch gewesen, und es habe Kapitel in seinem Leben gegeben, über die er niemals sprach. Douglas sei als junger Mensch von Irland nach Amerika ausgewandert, wo es ihm recht gut gegangen sei. Sie hätten sich in Kalifornien kennengelernt und seien Partner in einer ergiebigen Goldschürfung, die bei einem Ort namens Benito Canyon lag, geworden. Sie hätten beide sehr viel Geld verdient. Trotzdem habe Douglas seinen Anteil plötzlich verkauft und sei nach England abgereist. Douglas sei damals Witwer gewesen. Als später auch Barker seinen Besitz liquidierte, um sich in London niederzulassen, hätten sie beide ihre engen Beziehungen zueinander wieder aufgenommen. Er habe von Douglas den Eindruck empfangen, daß sich dieser bewußt war, in einer Gefahr zu schweben, und habe stets angenommen, daß dessen plötzliche Abreise aus Kalifornien, sowie der Umstand, daß er sich in einer derart abgeschiedenen Gegend niederließ, mit dieser Gefahr in Zusammenhang stehe. Er, Barker, vermute, daß irgend ein Geheimbund gefährlicher Art Douglas nachspürte, und ihn nicht zur Ruhe kommen ließ. Diese Vermutung gründe sich auf einige Bemerkungen, die Douglas gelegentlich fallen ließ, obwohl er sich niemals offen darüber ausgesprochen oder den Namen des Bundes und den Grund, warum er verfolgt werde, erwähnt habe. Er, Barker, könne nur annehmen, daß dies Zeichen auf der Karte Bezug auf den Geheimbund habe.

»Wie lange waren Sie mit Douglas zusammen in Kalifornien?« fragte Inspektor McDonald.

»Im ganzen fünf Jahre.«

»Er war damals Junggeselle, sagten Sie?«

»Nein, Witwer.«

»Haben Sie jemals gehört, woher seine erste Frau stammte?«

»Nein, ich erinnere mich nur, daß er sagte, sie sei schwedischer Herkunft. Auch habe ich ihr Bild gesehen. Sie war ungewöhnlich schön. Sie starb an Typhus, ein Jahr bevor ich ihn kennenlernte.«

»Können Sie seine Vergangenheit mit irgend einem bestimmten Teil Amerikas in Verbindung bringen?«

»Ich hörte ihn manchmal von Chikago sprechen, einer Stadt, die er sehr gut kannte, und wo er, wie er sagte, gearbeitet hatte. Dann erwähnte er öfter die Eisen- und Kohlengebiete. Er ist seinerzeit weit herumgekommen.«

»Beschäftigte er sich mit Politik, und war der Geheimbund vielleicht politischer Natur?«

»Nein, er hatte nicht das geringste Interesse für Politik.«

»Halten Sie dafür, daß es vielleicht eine Verbrecherbande war?«

»Das kann ich nicht glauben, denn einen ehrlicheren Menschen als ihn habe ich niemals kennengelernt.«

»Gab es irgend etwas in seiner Lebensweise in Kalifornien, das Sie zu Ihren Vermutungen anregte?«

»Er hielt sich meistens ganz für sich und blieb stets bei der Arbeit im Bergwerk. Die Gesellschaft anderer Leute mied er nach Möglichkeit. Das hat mich dazu geführt anzunehmen, daß er sich verfolgt wußte. Seine plötzliche Abreise nach Europa faßte ich als eine klare Bestätigung dieser Ansicht auf. Ich vermute, daß er von irgendeiner Seite gewarnt worden war. Er war noch keine Woche fort, als etwa ein halbes Dutzend Männer Nachforschungen nach ihm anstellte.«

»Welcher Art waren diese Leute?«

»Nun, ich möchte sagen, eine recht gefährlich aussehende Bande. Sie kamen zu unserer Schürfung und wollten wissen, wo er sei. Ich sagte ihnen, daß er nach Europa abgereist sei, und daß ich nichts Näheres über seinen Aufenthalt wisse. Sie wollten nichts Gutes von ihm, darüber kann kein Zweifel bestehen.«

»Waren diese Leute Amerikaner – Kalifornier?«

»Amerikaner waren sie sicher, ob Kalifornier, das weiß ich nicht. Jedenfalls waren es keine Goldgräber. Ich konnte mir kein Bild aus den Leuten machen und war froh, als sie mir den Rücken kehrten.«

»Das war vor sechs Jahren?«

»Eher schon sieben.«

»Da Sie also fünf Jahre mit ihm in Kalifornien waren, so müßte die Geschichte, um die es sich handelt, mindestens elf Jahre zurückliegen.«

»So ist es.«

»Das muß eine ernste Fehde sein, die so lange aufrecht erhalten wird. Um eine Kleinigkeit kann es sich hierbei nicht gehandelt haben.«

»Nach meiner Vermutung hat sie sein ganzes Leben verdüstert. Er war niemals völlig unbefangen.«

»Aber wenn ein Mensch weiß, daß er sich in Gefahr befindet und diese Gefahr kennt, würden Sie da nicht denken, daß er den Schutz der Behörden in Anspruch nehmen würde?«

»Vielleicht war es eine Art Gefahr, gegen die ihn auch die Behörden nicht schützen konnten. Etwas möchte ich Ihnen noch sagen: er war stets bewaffnet. Der Revolver verließ niemals seine Tasche. Das Unglück wollte es, daß er gerade im Schlafanzug war, als der Mord geschah. Offenbar hielt er sich für sicher, während die Zugbrücke aufgezogen war.«

»Ich möchte die Daten, die Sie uns gegeben haben, etwas genauer präzisiert wissen«, sagte McDonald. »Es ist nun mehr als sechs Jahre her, seit Douglas Kalifornien verließ. Sie folgten ihm das Jahr darauf, nicht wahr?«

»So war es.«

Holmes beteiligte sich nicht weiter an der Fragestellung, worauf Barker, der jeden von uns ostentativ mit einem Ausdruck ansah, in dem ich etwas wie Trotz zu lesen glaubte, sich umwandte und das Zimmer verließ.

Inspektor McDonald hatte Mrs. Douglas ein paar Zeilen geschickt, daß er sich erlauben würde, sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, aber sie hatte geantwortet, daß sie zu uns in das Speisezimmer herunterkommen werde. Als sie eintrat, gewahrte ich eine hochgewachsene, schöne Frau, von ungefähr dreißig Jahren, zurückhaltend und ungewöhnlich beherrscht, ganz etwas anderes als die tragische und niedergebrochene Erscheinung, die ich erwartet hatte. Ihr Gesicht war wohl blaß und trug den müden Ausdruck eines Menschen, der einen großen Schreck ausgestanden hat, aber sie gab sich gefaßt und ihre schön geformte Hand, die sie auf dem Rand des Tisches ruhen ließ, während sie mit uns sprach, war so ruhig wie meine eigene. Ihre traurigen, flehenden Augen wanderten von einem zum anderen mit einer stummen Frage, die ganz unvermittelt in Worte ausbrach.

»Haben Sie irgend etwas herausgefunden?« fragte sie.

War es nur Einbildung, daß ich aus dieser Frage eher einen Unterton von Furcht als von Hoffnung herauszuhören glaubte?

»Wir haben alles getan, was uns geboten schien, Mrs. Douglas,« sagte der Inspektor, »und Sie können überzeugt sein, daß nichts verabsäumt wird.«

»Sparen Sie nicht mit Geld,« sprach sie mit monotoner, dumpfer Stimme, »es ist mein Wunsch, daß jeder mögliche Versuch gemacht wird.«

»Vielleicht können Sie uns einiges erzählen, das etwas Licht auf die Sache wirft.«

»Ich fürchte, nein; aber was ich weiß, steht zu Ihrer Verfügung.«

»Wir hörten von Mr. Barker, daß Sie nicht gesehen haben, – daß Sie nicht in dem Zimmer waren, wo sich das Verbrechen ereignete.«

»Nein, er veranlaßte mich, auf der Treppe wieder umzukehren und in mein Zimmer zurückzugehen.«

»Das wissen wir. Sie haben also den Schuß gehört und sind darauf sogleich hinuntergegangen.«

»Jawohl, ich warf nur einen Schlafrock über und kam dann herunter.«

»Wie lange hat es gedauert, bis Sie Mr. Barker nach dem Schuß unten an der Treppe trafen?«

»Höchstens ein paar Minuten. Es ist schwer, in solchen Augenblicken eine Zeitspanne zu fixieren. Er bat mich, nicht weiter zu gehen und versicherte mir, daß ich nichts tun könne. Dann kam Frau Allen, die Haushälterin, und führte mich hinauf. All dies erschien mir wie ein entsetzlicher Traum.«

»Können Sie uns sagen, wie lange wohl Ihr Gatte unten war, bevor sie den Schuß hörten?«

»Nein, das kann ich nicht. Er war in seinem Ankleidezimmer, und ich hörte ihn nicht, als er dieses verließ. Er machte jede Nacht vor dem Schlafengehen eine Runde durch das Haus, denn er war wegen der Feuersgefahr besorgt. Das ist das Einzige, worüber ich ihn je besorgt gesehen habe.«

»Über diesen Punkt möchten wir gerade mit Ihnen sprechen. Sie haben Ihren Gatten in England kennen gelernt, nicht wahr?«

»Jawohl. Wir sind nun fünf Jahre verheiratet.«

»Haben Sie ihn jemals über etwas reden hören, das in Amerika geschehen ist und für ihn eine Gefahr bedeuten konnte?«

Mrs. Douglas dachte eine Weile lang angestrengt nach, bevor sie antwortete.

»Ja«, sagte sie endlich. »Ich habe immer vermutet, daß er sich in Gefahr befinde. Aber er wollte niemals mit mir darüber sprechen, nicht etwa aus Mangel an Vertrauen, denn zwischen uns bestanden die innigsten und vertrauensvollsten Beziehungen, aber offenbar, weil er mir Sorge ersparen wollte. Er wußte, daß ich darüber nachgrübeln würde und darum sagte er lieber gar nichts.«

»Was haben Sie denn für Anhaltspunkte dafür?«

Ihr Gesicht erhellte sich in einem blitzartigen Lächeln.

»Können Sie sich vorstellen, daß ein Ehemann, der ein Geheimnis mit sich herumträgt, dieses vor der Frau, die ihn liebt, gänzlich verbergen könne? Ich wußte davon aus vielen Dingen. So z. B. weil er sich stets weigerte, über bestimmte Episoden seines Lebens in Amerika zu sprechen. Ich wußte es aus verschiedenen Vorsichtsmaßregeln, die er ergriff, aus Bemerkungen, die er gelegentlich fallen ließ. Ich wußte es aus der Art und Weise, wie er unerwartete Fremde ansah. Ich war mir stets vollkommen klar darüber, daß er mächtige Feinde hatte, daß er sich vor deren Nachstellungen nicht sicher fühlte und vor ihnen stets auf der Hut war. Ich war dessen so sicher, daß ich mich während der ganzen Jahre immer in höchster Aufregung befand, wenn er einmal länger als gewöhnlich ausblieb.«

»Darf ich fragen, welche Worte es waren, die besonders Ihre Aufmerksamkeit erregten?«

»Das Tal des Grauens«, antwortete sie. »Das war der Ausdruck, den er gebrauchte, als ich ihn auszufragen begann. ›Ich war im Tal des Grauens und bin noch immer nicht heraus.‹ Werden wir jemals dem Tal des Grauens entrinnen können? fragte ich ihn manchmal, als ich ihn ernster als gewöhnlich sah. ›Ich glaube manchmal, daß es uns niemals gelingen wird‹, antwortete er.«

»Sie haben ihn doch sicher gefragt, was er mit dem Tal des Grauens meine?«

»Das habe ich, aber sein Gesicht wurde dabei düster, und er schüttelte nur den Kopf. ›Es ist schlimm genug, wenn einer von uns beiden in dessen Schatten leben muß‹, sagte er. ›Wolle Gott, daß er niemals auf dich fallen möge.‹ Es war ein wirkliches Tal, in dem er damals lebte und in dem sich irgend etwas Schreckliches zugetragen hatte, – das weiß ich, aber mehr kann ich Ihnen darüber nicht sagen.«

»Namen hat er wohl niemals genannt?«

»Doch. Nach seinem Sturz bei der Fuchsjagd, vor etwa drei Jahren, lag er einige Tage mit Fieber zu Bett. Ich erinnere mich noch deutlich, daß er in seinem Fieberwahn einen Namen ständig auf den Lippen führte, den er mit Zorn und in einer Art von Schrecken aussprach. McGinty war dieser Name, Logenmeister McGinty. Ich fragte ihn, nachdem er sich wieder erholt hatte, wer dieser Logenmeister McGinty sei, und von welcher Loge er Meister sei. ›Sei froh, daß er nicht mein Meister ist‹, antwortete er mit einem Lachen. Das war alles, was ich aus ihm herauszubringen vermochte. Zweifellos besteht ein Zusammenhang zwischen dem Logenmeister McGinty und dem Tal des Grauens.«

»Und noch eins«, sagte Inspektor McDonald. »Sie machten die Bekanntschaft von Mr. Douglas in einer Londoner Pension und haben sich auch dort mit ihm verlobt, nicht wahr? Lag in dieser Verbindung Romantik, etwas Geheimnisvolles und Ungewöhnliches?«

»Romantik wohl, Romantik liegt immer in einer Liebesheirat. Aber es gab nichts Geheimnisvolles und Ungewöhnliches.«

»Er hatte keine Nebenbuhler?«

»Nein, ich war vollkommen frei.«

»Sie haben ohne Zweifel gehört, daß man ihm den Ehering abgenommen hat. Gibt Ihnen dies irgendwie zu denken? Angenommen, daß ein alter Feind ihn aufgespürt und getötet hat, welchen Grund konnte der haben, ihm den Trauring wegzunehmen?«

Ich hätte schwören können, daß bei dieser Frage die kaum merkliche Spur eines Lächelns um ihre Lippen spielte.

»Das kann ich nicht sagen«, antwortete sie. »Sicherlich ist es eine höchst merkwürdige Sache.«

»Nun also, wir wollen Sie nicht länger bemühen. Es tut uns außerordentlich leid, daß wir Sie in Ihrer gegenwärtigen Lage belästigen mußten«, sagte der Inspektor. »Es mögen vielleicht noch verschiedene Fragen auftauchen, auf die wir zu geeigneter Zeit zurückkommen werden.«

Als sie sich erhob, glaubte ich aufs neue jenen blitzartig fragenden Blick zu sehen, den sie uns bei ihrem Eintritt ins Zimmer zugeworfen hatte, etwa wie: »Welchen Eindruck hat meine Aussage auf euch gemacht?« So deutlich war das, daß sie diese Frage ebenso gut hätte aussprechen können. Mit einer Neigung ihres Kopfes schwebte sie aus dem Zimmer.

»Eine schöne Frau – eine auffallend schöne Frau«, – sagte McDonald nachdenklich, nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. »Dieser Barker ist zweifellos sehr oft hier gewesen. Er ist ein Mensch, den viele Frauen sicherlich anziehend finden. Er gibt zu, daß der Tote auf ihn eifersüchtig war, und weiß wohl selbst am besten, warum. Dann diese Geschichte mit dem Ehering. Darüber kommen wir nicht hinweg. Der Mann, der einen Trauring von der Hand eines Toten reißt, – was sagen Sie dazu, Mr. Holmes?«

Mein Freund hatte, den Kopf in die Hände gestützt, tief in Gedanken versunken, dagesessen. Nun erhob er sich und drückte auf die Klingel.

»Ames,« sagte er, als der Diener erschien, »wo befindet sich jetzt Mr. Barker?«

»Ich werde nachsehen, Herr.«

In einigen Minuten war er wieder zurück und gab an, daß Mr. Barker im Garten sei.

»Können Sie sich erinnern, Ames, was Mr. Barker an den Füßen trug, als Sie ihn gestern abend in der Bibliothek trafen?«

»Jawohl, Mr. Holmes, ein Paar Pantoffeln. Ich brachte ihm seine Schuhe, bevor er zur Polizei ging.«

»Wo sind diese Pantoffel jetzt?«

»Unter einem Stuhl in der Halle.«

»Sehr schön, Ames. Wir müssen natürlich wissen, welche Fußspuren von Mr. Barker herrühren und welche von dem Fremden.«

»Jawohl, Herr. Ich möchte aber bemerken, daß alle Pantoffeln Blutspuren haben, auch die meinen.«

»Das ist erklärlich in Anbetracht des Zustandes im Zimmer. Also gut, Ames, wir werden nach Ihnen klingeln, wenn wir Sie brauchen.«

Einige Minuten später waren wir alle wieder in der Bibliothek. Holmes hatte die Pantoffeln aus der Halle mit hereingebracht. Wie Ames bemerkt hatte, war die Sohle an beiden blutgetränkt.

»Sonderbar«, murmelte Holmes, als er sie, beim Fenster stehend, eingehend betrachtete. »Sehr sonderbar!«

Indem er sich mit einer seiner charakteristischen, schnellen, fast katzenartigen Bewegungen bückte, legte er die Pantoffeln auf die Blutspur auf dem Fensterbrett. Die beiden deckten sich genau. Lächelnd blickte er seine Kollegen an.

Der Inspektor war vor Aufregung wie umgewandelt.

»Mensch,« rief er, »kein Zweifel, Barker hat die Blutspuren am Fenster selber gemacht. Sie sind viel breiter als die von den Schuhen. Sie sagten früher, daß es ein Plattfuß gewesen sein müsse, hier haben wir die Erklärung. Was steckt dahinter, Mr. Holmes, was steckt dahinter?«

»Jawohl, was steckt dahinter?« antwortete mein Freund nachdenklich.

White Mason gluckste fröhlich und rieb sich die fetten Hände in höchster beruflicher Befriedigung.

»Ich habe es ja immer gesagt, es ist eine Sensation,« rief er, »eine wirkliche und wahrhaftige Sensation.«

EPUB

Download als ePub

 

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

 

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

  • Viren- und Trojanergeprüft
  • ohne eMailadresse
  • ohne Anmeldung
  • ohne Wartezeit
  • Werbefreie Downloads

6. Kapitel. Die ersten Lichtstrahlen.

6. Kapitel. Die ersten Lichtstrahlen.

Die drei Detektive hatten noch verschiedene Einzelheiten zu erledigen, was mich veranlaßte, nach unserem bescheidenen Quartier im Dorfgasthaus zurückzukehren. Auf dem Wege dorthin schlenderte ich durch den altmodischen Garten, der das Herrenhaus umgab. Lange Reihen uralter Eibenbäume, zu wunderlichen Formen beschnitten, umgürteten ihn. Innerhalb des Gartens lag eine herrliche Rasenfläche, in deren Mitte sich eine alte Sonnenuhr befand. Der Gesamteindruck war der von Stille und Ruhe, ein Balsam für meine etwas aufgepeitschten Nerven. In dieser Umgebung des tiefsten Friedens konnte man die blutüberströmte Gestalt, die noch immer in der Bibliothek auf dem Boden ausgestreckt lag, vergessen oder an sie nur wie an ein grausiges Traumbild denken. Als ich indessen im Garten umherwandelte, um das Bild des Friedens in meine Seele aufzunehmen, ereignete sich etwas Sonderbares, das mir den traurigen Vorfall wieder lebhaft in Erinnerung brachte und einen äußerst peinlichen Eindruck in mir zurückließ.

Ich habe bereits erwähnt, daß der Gartenrand mit Eibenbäumen geschmückt war. An der am weitesten vom Haus entfernt liegenden Stelle verdichteten sich diese Bäume zu einer lebenden Mauer, auf deren abgekehrter Seite, dem Auge des vom Hause Kommenden verborgen, eine steinerne Bank stand. Als ich mich der Stelle näherte, hörte ich Stimmen; eine Bemerkung in der tiefen Stimme eines Mannes, gefolgt von einem girrenden Frauenlachen. Einige Minuten später bog ich um die Hecke und gewahrte Mrs. Douglas und Barker, bevor sie meiner ansichtig wurden. Ich war von der Szene, die sich meinen Blicken darbot, auf das Peinlichste überrascht. Im Speisezimmer war sie still und zurückhaltend gewesen. Diesen Anschein des Kummers hatte sie nun abgelegt. In ihren Augen funkelte Lebenslust, und in ihrem Gesicht zeigten sich noch die Spuren des heiteren Lachens, das eine Bemerkung ihres Gefährten hervorgerufen hatte. Er saß da, den Körper vorgeneigt, die Hände über dem einen Knie verschlungen, mit einem ermunternden Lächeln in seinem markanten, hübschen Gesicht. In demselben Augenblick, – aber den Bruchteil einer Sekunde zu spät, – bemerkten sie mich und nahmen die früher zur Schau getragene Haltung wieder an. Sie tauschten einige hastige Worte aus, dann erhob sich Barker und kam auf mich zu.

»Entschuldigen Sie, bitte,« sagte er, »habe ich das Vergnügen mit Dr. Watson zu sprechen?«

Ich machte eine zustimmende Verbeugung, in deren kalter Förmlichkeit sich der peinliche Eindruck, den ich empfangen hatte, deutlich widergespiegelt haben mußte.

»Wir dachten uns, daß Sie es wären, da uns Ihre Freundschaft mit Mr. Sherlock Holmes wohl bekannt ist. Würden Sie die Freundlichkeit haben, auf einige Minuten zu Mrs. Douglas herüberzukommen? Sie möchte mit Ihnen sprechen.«

Ich folgte ihm mit saurer Miene. Vor mein geistiges Auge trat das Bild des entstellten Körpers auf dem Fußboden der Bibliothek; und dann das seiner Frau und seines besten Freundes in seinem Garten, nur wenige Stunden nach dem Todesfall, hinter Büschen lachend und schäkernd. Ich begrüßte die Dame mit einer leichten Verbeugung. Ihr Kummer, den ich im Speisezimmer wahrzunehmen glaubte, hatte mir tiefes Mitleid eingeflößt. Jetzt erwiderte ich ihre bittenden Blicke mit kalter Reserve.

»Ich fürchte, Sie halten mich für gefühllos und hartherzig«, sagte sie.

»Es steht mir nicht zu, darüber eine Meinung zu haben«, sagte ich achselzuckend.

»Eines Tages werden Sie vielleicht sehen, daß Sie mir Unrecht tun. Wenn Sie erkennen werden, –«

»Dazu ist für Dr. Watson keinerlei Veranlassung«, warf Barker schnell ein. »Wie er selbst sagte, geht ihn die ganze Sache nichts an.«

»Sehr richtig,« sagte ich, »und darum möchte ich um die Erlaubnis bitten, meinen Spaziergang fortsetzen zu dürfen».«

»Einen Augenblick noch, Dr. Watson«, rief sie mit flehender Stimme. »Ich möchte eine Frage an Sie richten, die Sie mir besser beantworten können, als irgend jemand anderer in der Welt, und die für mich von größter Wichtigkeit ist. Sie kennen Mr. Holmes und seine Beziehungen zu der Polizei sicherlich auf das genaueste. Angenommen, daß man ihm eine vertrauliche Mitteilung machen würde, halten Sie es für unabwendbar, daß er diese an die Detektive weitergibt?«

»Jawohl, das ist’s, was wir wissen wollen«, rief Barker eifrig. »Arbeitet er für sich allein oder in engster Verbindung mit den Anderen?«

»Ich weiß wirklich nicht, ob ich ein Recht habe, darüber zu sprechen.«

»Ich bitte Sie, – ich flehe Sie an, Dr. Watson, – ich versichere Ihnen, daß es für uns, für mich eine Lebensfrage ist, daß Sie mir einen Fingerzeig geben.« In ihrer Stimme lag der Klang eines derart heftigen Angstgefühls, daß ich im Augenblick ihre Frivolität vergaß und geneigt war, ihren Wunsch zu erfüllen.

»Mr. Holmes ist ein völlig unabhängiger Forscher. Er ist sein eigener Herr und handelt stets nach seinem ureigensten Ermessen. Immerhin würde er in einem Falle, wo er mit der Polizei zusammenarbeitet, dieser gegenüber sich zu größter Loyalität verpflichtet fühlen und es ist kaum wahrscheinlich, daß er ihr etwas vorenthalten würde, was geeignet ist, einen Verbrecher vor den Richter zu bringen. Darüber hinaus möchte ich nichts sagen und würde Ihnen empfehlen, sofern Sie Genaueres wissen wollen, sich an Mr. Holmes selbst zu wenden.«

Damit zog ich meinen Hut und ging meines Weges, die beiden auf der Bank hinter der Hecke zurücklassend. Ich blickte über meine Schulter, als ich um das Ende dieser Hecke bog, und sah sie noch immer in ernstem Gespräch beisammen. Einige Blicke, die sie mir nachschickten, gaben mir zu erkennen, daß das eben geschilderte Zusammentreffen den Gegenstand ihrer Unterhaltung bildete.

»Ich wünsche keinerlei vertrauliche Mitteilungen von den Leuten,« sagte Holmes, nachdem ich ihm den Vorfall berichtet hatte. Er hatte den Nachmittag im Herrenhaus in engster Beratung mit seinen beiden Kollegen verbracht und war etwa um fünf Uhr mit einem gierigen Appetit zu dem ausgiebigen Tee zurückgekehrt, den ich für ihn bestellt hatte. »Keinerlei Vertraulichkeiten, lieber Watson, die sich als höchst unbequem erweisen könnten, wenn es zu einer Festnahme wegen Mord und Beihilfe kommen sollte.«

»Sie glauben also, daß es dazu kommen wird?«

Er war in heiterster und liebenswürdigster Laune.

»Mein lieber Watson, wenn ich dieses vierte Ei verschlungen haben werde, bin ich bereit, Sie mit der ganzen Sachlage vertraut zu machen. Ich will nicht sagen, daß wir der Sache auf den Grund gekommen sind, – wir sind noch weit davon entfernt, – aber wenn wir einmal die fehlende Hantel, –«

»Die was?«

»Du liebe Zeit, Watson, ist es möglich, daß Sie noch immer nicht herausgefunden haben, daß die ganze Sache an der einen fehlenden Hantel hängt? Aber, nehmen Sie sich dies nicht zu Herzen, denn, unter uns, ich bin überzeugt, daß weder unser Freund Mac, noch der famose provinzielle Meisterdetektiv die geradezu überwältigende Bedeutung dieses Punktes erkannt haben. Eine Hantel, Watson! Stellen Sie sich Leibesübungen mit einer Hantel vor, die einseitige Anstrengung des Körpers, – mit der Gefahr der Verkrümmung des Rückgrates. Nicht auszudenken, Watson, nicht auszudenken.«

Er saß da, den Mund vollgestopft mit Röstbrot, während seine spöttisch blinzelnden Augen sich an meiner Verlegenheit weideten. Schon der Umstand, daß er so glänzenden Appetit hatte, deutete darauf hin, daß er glaubte, den Erfolg bereits in der Tasche zu haben. Das war mir klar, als ich all der Tage und Nächte gedachte, die er, ohne auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen, zubrachte, wenn er mit der Lösung irgendeines schweren Rätsels rang, den Ausdruck völliger geistiger Insichgekehrtheit in seinem hageren, beweglichen Gesicht. Nachdem er sich schließlich seine Pfeife angezündet und sich damit in der behaglichen Sofaecke des Gastzimmers niedergelassen hatte, begann er langsam und zusammenhangslos über den Fall zu plaudern, mehr wie einer, der zu sich selbst spricht, als jemand, der einen Bericht darüber erstatten will.

»Eine Lüge, Watson, – eine grobe, faustdicke, knallige Lüge war es, mit der man uns an der Schwelle empfing. Hiervon müssen wir ausgehen. Die ganze Geschichte, die uns Barker erzählte, ist eine Lüge. Mrs. Douglas hat diese Geschichte bestätigt, und das heißt, daß auch sie gelogen hat. Sie lügen beide, gemeinschaftlich und auf Verabredung. Nun entsteht die große Frage, warum sie lügen und was sie damit verbergen wollen. Wir wollen einmal versuchen, Watson, Sie und ich, ob wir nicht dahinterkommen und die Wahrheit herausschälen können.

Woher ich weiß, daß sie lügen? Ganz einfach, weil das, was sie sagen, ein plumpes Machwerk ist und gar nicht wahr sein könnte. Bedenken Sie einmal! Nach der Darstellung, die man uns gab, hatte der Mörder nicht einmal eine Minute Zeit, nach vollbrachter Tat den Ring, der hinter einem anderen Ring steckte, dem Toten vom Finger zu ziehen, den ersten Ring wieder aufzustecken – etwas, das er sicherlich in seiner Eile nicht getan haben würde, – und diese eigenartige Karte neben die Leiche zu legen. Dies ist offenbar und augenscheinlich ganz unmöglich. Sie mögen es vielleicht bestreiten, lieber Watson, – aber ich habe zuviel Achtung vor Ihrer Urteilskraft, als daß ich dies annehmen könnte, – der Ring wurde schon abgezogen, bevor der Mann tot war. Der Umstand, daß die Kerze nur kurze Zeit brannte, deutet darauf hin, daß der ganze Vorfall nicht lange dauerte. War Douglas, von dessen furchtlosem Charakter wir so viel gehört haben, ein Mensch, der nur weil jemand es verlangt, seinen Ehering hergibt? War er ein Mann, der ihn überhaupt hergeben würde? Nein, nein, Watson, der Mörder war mit ihm eine ganze Weile beisammen, und die Lampe war dabei angezündet. Daran zweifle ich nicht einen Augenblick. Augenscheinlich war die Flinte das Mordwerkzeug. Sie muß also schon erheblich früher, als man uns angab, abgefeuert worden sein; über diesen Punkt ist ein Irrtum ausgeschlossen. Wir stehen daher einer klaren Verabredung zwischen zwei Leuten, die den Schuß gehört haben, gegenüber, nämlich Barker and Frau Douglas. Wenn ich dazu noch beweisen könnte, daß die Blutspur auf dem Fensterbrett absichtlich von Barker erzeugt wurde, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu lenken, werden Sie zugeben, daß die Sache für ihn sehr bedenklich aussieht.

Nun müssen wir uns fragen, zu welcher Zeit der Mord wirklich ausgeführt wurde. Bis halb elf Uhr waren die Bediensteten noch auf und im Hause verteilt. Daher kann es nicht vor dieser Zeit gewesen sein. Um dreiviertel elf waren sie bereits alle in ihren Zimmern, außer Ames, der noch in der Anrichte war. Am Nachmittag, nachdem Sie uns verlassen hatten, habe ich einige praktische Versuche gemacht und dabei herausgefunden, daß, wenn alle Zwischentüren geschlossen sind, selbst von dem mächtigen Lärm, den McDonald in der Bibliothek auf meinen Wunsch hervorrief, nicht eine Spur zu mir in die Anrichte drang. Anders ist es jedoch, was das Zimmer der Haushälterin betrifft. Dieses ist nicht so weit von der vorderen Halle entfernt, und dort kann man laute Stimmen von unten, allerdings ziemlich undeutlich, hören. Der Schuß eines Gewehres, das aus nächster Nähe abgefeuert wird, wie zweifellos in dem vorliegenden Fall geschehen ist, klingt immer etwas gedämpft. Er braucht nicht sehr laut gewesen zu sein, und doch hätte ihn Frau Allen in der Stille der Nacht hören müssen. Sie ist jedoch, wie sie uns sagte, etwas schwerhörig. Nun hat sie in ihrer Aussage erwähnt, daß sie tatsächlich etwas gehört hat, was wie das Zuschlagen einer Tür klang, etwa eine halbe Stunde, bevor sie heruntergerufen wurde. Ich zweifle nicht daran, daß das, was sie gehört hat, nichts anderes als der Schuß war, und es daher den wirklichen Zeitpunkt des Mordes bezeichnet. Wenn dem so ist, müssen wir herausfinden, was Mr. Barker und Frau Douglas, sofern sie nicht selbst die Mörder sind, zwischen dreiviertel elf, dem Zeitpunkt also, wo sie der Schuß aufgestört hat, und ein Viertel nach elf, als sie die Bediensteten durch das Klingelzeichen herbeiriefen, getan haben. Was war es, und warum haben sie nicht augenblicklich die Dienerschaft alarmiert? Das ist die Frage, der wir gegenüberstehen. Wenn es uns gelingt, sie zu beantworten, so werden wir nicht mehr sehr weit von der Lösung des Problems sein.«

»Darüber, daß zwischen den beiden ein Einvernehmen besteht, bin auch ich mir vollkommen klar«, sagte ich. »Sie muß eine herzlose Natur sein, wenn sie einige Stunden nach dem Morde ihres Mannes lachen und scherzen kann.«

»So ist es. Sie macht keine gute Figur als Ehegattin, selbst nicht nach ihrer eigenen Aussage. Sie wissen, lieber Watson, daß ich kein sonderlich eifriger Anbeter des weiblichen Geschlechts bin, aber in meinem ganzen Leben ist es mir doch nicht vorgekommen, daß sich eine Frau, die für ihren Mann irgend etwas übrig hat, durch einige Worte eines Dritten davon abhalten läßt, zu der Leiche ihres toten Gatten zu gehen. Wenn ich einmal heiraten sollte, Watson, so möchte ich wünschen, meiner Frau derartige Gefühle einflößen zu können, daß sie sich nicht von der Haushälterin fortführen läßt, wenn ich ein paar Schritte von ihr entfernt auf der Totenbahre liege. Die Sache war schlecht inszeniert, denn selbst dem unerfahrensten Detektiv würde das Fehlen jedweder weiblicher Gefühlsmomente aufgefallen sein. Von allem anderen abgesehen, würde dieser Umstand allein mich schon dazu geführt haben, an einen verabredeten Plan zu glauben.»

»Sie sind also der bestimmten Meinung, daß Barker und Mrs. Douglas sich des Mordes schuldig gemacht haben?«

»Ihre Fragen, lieber Watson, sind unangenehm gradlinig«, sagte Holmes, mit seiner Pfeife vor meinem Gesicht hin- und herwippend. »Wie aus der Pistole geschossen. Wenn Sie mich fragen würden, ob Mrs. Douglas und Barker die Wahrheit über den Mord wissen und sie auf Verabredung geheim halten wollen, dann könnte ich Ihnen eine vorbehaltlose Antwort geben. Dessen bin ich nämlich sicher. Aber von Ihrer blutrünstigen Auffassung bin ich nicht so fest überzeugt. Wir wollen uns die Schwierigkeiten, die uns hier begegnen, etwas näher besehen.

Angenommen, daß sich die beiden, die durch das Band einer schuldigen Liebe geeint sind, entschlossen haben, den Mann, der ihnen im Wege steht, beiseite zu schaffen. Diese Liebe ist eine etwas kühne Vermutung, denn eingehende und diskrete Nachforschungen bei den Bediensteten haben nichts ergeben, was darauf hindeutet. Im Gegenteil, es hat sich herausgestellt, daß die beiden Eheleute sehr aneinander hingen –«

»Das möchte ich aus das lebhafteste bezweifeln«, sagte ich, indem ich an ihr lachendes Gesicht im Garten dachte.

»Nun gut, jedenfalls haben sie aber diesen Eindruck erweckt. Wir müssen also annehmen, daß die beiden, Barker und Mrs. Douglas, ganz besonders verschlagene Menschen sind, die es verstanden haben, alle Leute über diesen Punkt zu täuschen, bevor sie planten, den Ehegatten gemeinsam zu ermorden. Es traf sich gut, daß der letztere in Gefahr schwebte.«

»Dafür haben wir keinen anderen Beweis als das, was uns die beiden selbst sagten.«

Holmes sah mich nachdenklich an.

»Ich sehe schon, Watson, Sie machen sich da eine Ansicht zurecht, nach der alles, was die beiden gesagt haben, von Anfang bis zu Ende erlogen ist. Nach Ihrer Ansicht gab es niemals eine geheime Bedrohung durch einen Geheimbund, ein Tal des Grauens, einen Logenmeister McGinty, oder sonst etwas. Schön, das ist eine gute und umfassende Verallgemeinerung. Wir wollen einmal sehen, wohin sie uns führt. Die beiden machen sich also einen Plan zurecht, um das Verbrechen zu maskieren. Wie von ungefähr lassen sie das Zweirad im Park als Beweis der Existenz einer Außenperson auffinden. Zu demselben Zweck erzeugen sie Fußspuren auf dem Fensterbrett. Die Karte, die sie neben der Leiche niederlegen, und die ebensogut jemand im Hause selbst geschrieben haben könnte, soll den Eindruck noch verstärken. Das alles paßt sehr gut in Ihre Hypothese, lieber Watson. Nun aber kommen wir zu einigen unangenehmen, scharfkantigen, unbeugsamen Widersprüchen, die absolut nicht hineinpassen. Warum diese ausgefallene, abgesägte Schrotflinte, und noch dazu eine amerikanischer Herkunft? Woher konnten die beiden wissen, daß der Schuß nicht die Leute im Hause aufstören und herbeiholen würde? Es ist schon ein reiner Zufall, daß Frau Allen, als sie das Zuschlagen einer Tür zu hören glaubte, nicht nachgesehen hat, was es war. Wenn die beiden das Verbrechen begangen haben, warum haben sie sich nicht besser vorgesehen, Watson?«

»Ich muß gestehen, ich habe keine Erklärung dafür.«

»Und dann noch etwas: wenn eine Frau und ihr Liebhaber gemeinsam den Ehegatten ermorden, warum sollten sie sich die Mühe nehmen, dies an die große Glocke zu hängen, indem sie ihm nach seinem Tode ostentativ den Ehering abziehen? Kommt Ihnen das wahrscheinlich vor, Watson?«

»Keineswegs.«

»Und schließlich, was hätte es für einen Zweck, draußen ein Zweirad zu verbergen, da doch selbst der dümmste aller Detektive dies unfehlbar für eine Finte halten dürfte, da ein Verbrecher, der sich davonmachen will, sein Zweirad unter keinen Umständen zurücklassen würde.«

»Auch das ist mir völlig unerklärlich.«

»Und doch gibt es kein Zusammentreffen von Umständen, für die der Geist des Menschen nicht eine Erklärung finden kann. Lediglich als eine Gedankenübung und ohne behaupten zu wollen, daß sich die Sache wirklich so verhalten hat, wollen wir uns eine mögliche Theorie bilden; sie beruht, wie ich zugeben muß, lediglich auf Eingebung, aber wie oft ist nicht Eingebung der Schlüssel zur Wahrheit.

Wir wollen annehmen, daß es wirklich einen dunklen Punkt im Leben von Douglas gab, ein schändliches Geheimnis, das er allen Anlaß hatte, für sich zu behalten. Dies führt zu einem Mord durch jemanden, den wir als einen Rächer ansehen wollen – jemanden von außen. Dieser Rächer bemächtigte sich aus irgend einem Grund, der mir völlig unerklärlich ist, des Eheringes. Möglicherweise datiert die Fehde aus der ersten Ehe des Mannes und vielleicht ist darin der Grund für den Raub des Ringes zu suchen. Nehmen wir ferner an, daß Barker und Frau Douglas das Zimmer betraten, bevor der Rächer entfliehen konnte.

Dieser hat nun den beiden zu verstehen gegeben, daß seine Verhaftung unweigerlich die Veröffentlichung eines scheußlichen Skandals aus dem Leben des Toten zur Folge haben würde. Die beiden haben dies eingesehen und darum den Mörder entfliehen lassen. Wahrscheinlich haben sie zu diesem Zweck die Zugbrücke herabgelassen und dann wieder aufgezogen, was sehr leicht und geräuschlos geschehen kann. Der Mörder machte sich davon und zwar zu Fuß, weil er aus irgend einem Grund glaubte, daß dies sicherer sei als auf dem Zweirad. Er ließ daher sein Rad zurück, derartig gut versteckt, daß er glauben konnte, es werde nicht gefunden werden, bevor er in Sicherheit war. So weit sind wir noch im Bereich der Möglichkeit, nicht wahr?«

»Das scheint mir auch so«, sagte ich mit einiger Zurückhaltung.

»Wir müssen uns bewußt bleiben, daß das, was immer auch geschehen ist, offenbar höchst ungewöhnlich war. Also, um auf unseren angenommenen Fall zurückzukommen, die beiden Leute, die nicht unbedingt schuldig zu sein brauchen, erkennen, nachdem der Mörder entflohen ist, daß sie sich in eine Lage gebracht haben, die es für sie äußerst schwierig macht, zu beweisen, daß sie nicht entweder selbst den Mord verübt, oder dazu Beihilfe geleistet haben. Sie entschließen sich, der Polizei eine Falle zu stellen, und tun dies rasch, aber in einer plumpen Weise. Mit seinem Pantoffel hat Barker die Fußspur auf dem Fenster erzeugt, um das Entrinnen des Flüchtigen auf diesem Wege anzudeuten. Da sie die beiden einzigen waren, die den Schuß gehört hatten, mußten sie natürlich die Dienerschaft alarmieren, aber sie taten dies erst, als sie mit ihren Vorbereitungen zu Ende waren, ungefähr eine halbe Stunde nach dem Ereignis.«

»Und wie wollen Sie all dies beweisen?«

»Vielleicht dadurch, daß, wenn es eine Außenperson gab, diese aufgespürt und festgenommen wird. Dies wäre wohl der wirksamste aller Beweise. Wenn nicht, – nun dann möchte ich sagen, daß wir noch keineswegs am Ende unserer Weisheit sind. Ich glaube, daß mir eine kurze Nachtwache in der Bibliothek eine ganze Menge enthüllen würde.«

»Eine Nachtwache, dort, allein?«

»Jawohl, ich werde mich sogleich dorthin begeben. Ich habe die Sache bereits mit dem ehrenwerten Ames besprochen, der sich hinsichtlich Barkers recht unbehaglich fühlt. Ich werde in jenem Raum sitzen und verlasse mich darauf, daß mir die Umgebung eine Inspiration bringt. Ich glaube an den Genius loci. Sie lachen darüber, Watson, aber wir werden sehen. Übrigens, Sie haben doch noch Ihren großen Regenschirm, nicht wahr?«

»Jawohl, er ist hier.«

»Kann ich ihn mir von Ihnen leihen?«

»Sicher, aber was wollen Sie damit? Wollen Sie ihn als Waffe benutzen? Wenn Sie in Gefahr sind, –«

»Nichts von Bedeutung, mein lieber Watson, sonst würde ich Sie schon um Ihren Beistand angegangen haben. Aber geben Sie mir wenigstens den Schirm. Ich warte nur noch auf die Rückkehr unserer Kollegen aus Tunbridge Wells. Die beiden sind hinübergefahren, um zu sehen, ob sie nicht den Besitzer des Zweirades ermitteln können.«

Die Dämmerung hatte sich bereits herniedergesenkt, als Inspektor McDonald und White Mason von ihrem Ausflug zurückkehrten, jubelnd und überfließend von der Wichtigkeit einer Entdeckung, die sie gemacht hatten.

»Mann, ich gebe zu, daß ich meine Zweifel wegen der Außenperson hatte,« sagte McDonald, »aber das ist jetzt anders geworden. Wir haben den Besitzer des Zweirades ermittelt und haben eine Personenbeschreibung unseres Mannes. Sie müssen zugeben, daß dies einen Schritt vorwärts bedeutet.«

»Es sieht wie der Anfang vom Ende aus«, sagte Holmes. »Ich beglückwünsche Sie beide aus vollem Herzen.«

»Nun, ich ging von der Tatsache aus, daß Mr. Douglas am Vortage seines Todes, nämlich nachdem er aus Tunbridge Wells zurückgekehrt war, äußerst beunruhigt schien. Es muß also in Tunbridge Wells gewesen sein, wo er Kenntnis von der Gefahr erhielt. Danach ist es klar, daß, wenn ein Mensch mit einem Zweirad hergekommen ist, dies nur von Tunbridge Wells aus geschehen sein konnte. Wir haben das Rad mit uns hinübergenommen und in den Hotels herumgezeigt. Der Geschäftsführer des Eagle Commercial Hotels hat es sofort als das eines gewissen Bargreave erkannt, der zwei Tage früher dort ein Zimmer genommen hatte. Das Rad und eine kleine Handtasche waren seine einzigen Effekten. Er hat sich als von London kommend eingetragen, aber keine Adresse angegeben. Die Handtasche und ihr Inhalt waren unzweifelhaft englischer Herkunft, aber der Mann selbst war ebenso unzweifelhaft Amerikaner.«

»So, so«, meinte Holmes, anscheinend belustigt. »Sie haben also praktische Arbeit geleistet, während ich hier mit meinem Freund saß und über alles Mögliche spintisierte. Es soll mir eine Lehre sein, Mr. Mac.«

»Gut, daß Sie es einsehen, Mr. Holmes«, erwiderte der Inspektor triumphierend.

»Aber das paßt doch ganz genau zu Ihren eigenen Ansichten«, bemerkte ich.

»Kann sein, aber vielleicht auch nicht. Nun wollen wir aber hören, was uns Mr. Mac noch zu erzählen hat. Haben Sie etwas gefunden, um Ihren Mann feststellen zu können?«

»So wenig, daß es klar ist, daß er sich die größte Mühe gegeben hat, seine Identität zu verbergen. Keine Papiere, keine Briefe und keine Adresse in seinen Effekten. Auf dem Tisch seines Schlafzimmers fanden wir lediglich eine ausgebreitete Landkarte dieser Gegend. Er hat das Hotel gestern Morgen nach dem Frühstück auf seinem Rad verlassen. Seit der Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört.«

»Das ist etwas, das mir nicht gefällt, Mr. Holmes«, warf White Mason ein. »Logischerweise müßte man annehmen, daß der Mann in sein Hotel zurückkehren und dort die Rolle des harmlosen Touristen weiterspielen würde, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er mußte doch wissen, daß ihn die Leute vom Hotel bei der Polizei als vermißt anzeigen würden, und er dadurch mit dem Mord in Verbindung gebracht werden könnte.«

»Das ist anzunehmen. Immerhin hat er bisher Recht behalten, wenigstens soweit, als man ihn noch nicht gefaßt hat. Aber wie steht es mit seiner Personalbeschreibung?«

McDonald zog ein Notizbuch hervor.

»Hier haben wir sie, soweit man sie uns geben konnte. Keiner dort scheint auf ihn besonders geachtet zu haben, aber in den folgenden Punkten sind sich der Portier, der Empfangschef und das Stubenmädchen einig. Er war ungefähr fünf Fuß neun Zoll groß, etwa fünfzig Jahre alt, mit leicht melierten Haaren, grauem Schnurrbart, hatte eine geschwungene Nase und ein Gesicht, das alle als finster und nichts Gutes verheißend bezeichneten.«

»Nun, mit Ausnahme des Gesichtsausdruckes könnte man dies fast für eine Beschreibung von Douglas selbst halten«, sagte Holmes. »Auch er ist etwa fünfzig Jahre alt gewesen, hatte meliertes Haar, grauen Schnurrbart und war ungefähr von derselben Größe. Sonst noch etwas?«

»Bekleidet war er mit einem dicken, grauen Anzug, zu dem er eine blaue Seglerjacke und einen kurzen, gelben Überrock trug. Als Kopfdeckung hatte er eine weiche Mütze.«

»Und das Gewehr?«

»Das war nur etwa 60 cm lang und konnte sehr gut in seiner Reisetasche verborgen gewesen sein. Auch hatte es unter seinem Rock bequem Platz.«

»Und wie stellt sich nun die Gesamtlage nach Ihrer Ansicht dar?«

»Nun, Mr. Holmes, wenn wir unseren Mann haben, was nicht allzu schwierig sein wird, – denn Sie können sicher sein, daß fünf Minuten, nachdem ich die Beschreibung hatte, alle Telegraphendrähte sie weitergaben, – dann werden wir darüber sprechen. Immerhin haben wir einen großen Schritt vorwärts gemacht. Wir wissen, daß ein Amerikaner, der sich Bargreave nannte, zwei Tage vor dem Mord mit Zweirad und Handtasche nach Tunbridge Wells kam. In der Tasche befand sich die abgesägte Schrotflinte, und er trug sich augenscheinlich mit der Absicht, das Verbrechen zu begehen. Gestern Morgen hat er sich auf seinem Rad nach hier auf den Weg gemacht, die Flinte war offenbar unter seinem Rock versteckt. Niemand sah ihn kommen, soweit wir gehört haben, aber um in den Park zu gelangen, ist es keineswegs notwendig, das Dorf zu durchqueren. Außerdem gibt es auf den Straßen immer eine ganze Menge Radfahrer. Wahrscheinlich hat er sofort sein Rad, und sicherlich auch sich selbst, in den Büschen verborgen, wo das Rad gefunden wurde. Von dort aus hat er das Haus beobachtet und gewartet, bis Mr. Douglas herauskommen würde. Diese Flinte war wohl kaum für das Innere des Hauses gedacht. Sie hat ihre bestimmten Vorzüge, man kann damit z. B. schwerlich sein Ziel verfehlen, – und in England auf dem Lande sind Schüsse so häufig, daß man sie gar nicht beachtet.«

»Das leuchtet mir ein«, sagte Holmes.

»Nun also, Mr. Douglas ist nicht herausgekommen. Was war nun für den Mörder zu tun? Er verließ sein Rad und näherte sich in der Dämmerung dem Hause. Er fand die Zugbrücke heruntergelassen, niemand war in Sicht. So ist er dann offenbar geradenwegs auf das Tor zugeschritten, mit der Absicht, falls er jemanden traf, eine Ausrede zu gebrauchen. Es hat ihn aber niemand gesehen. Er schlüpfte in das erstbeste Zimmer, das er finden konnte, und verbarg sich hinter dem Vorhang. Von seinem Schlupfwinkel aus konnte er sehen, wie die Zugbrücke geschlossen wurde und wurde sich bewußt, daß sein einziger Rückzugsweg durch den Festungsgraben führte. Er wartete dann bis ein Viertel nach elf Uhr, als Mr. Douglas auf seiner gewöhnlichen Runde durch das Haus in das Zimmer kam. Er schoß ihn nieder und entfloh in der Weise, wie er sich das vorher zurechtgelegt hatte. Das Zweirad würde, wie er sich wohl denken konnte, von den Hotelleuten beschrieben werden und daher als Anhaltspunkt gegen ihn dienen; deshalb ließ er es zurück, um auf andere Art nach London oder einem vorbereiteten Versteck zu gelangen. Wie wäre das als Erklärung, Mr. Holmes?«

»Nun, Mr. Mac, es klingt sehr gut und ist auch ganz klar und logisch bis auf Verschiedenes. Das ist also Ihre Ansicht von der Sache? Die meine ist, daß das Verbrechen eine halbe Stunde früher verübt wurde, als Barker und Mrs. Douglas behaupten; daß diese beiden auf Verabredung etwas zu verbergen suchen; daß sie dem Mörder bei der Flucht halfen, oder wenigstens, daß sie in das Zimmer gelangten, bevor er geflohen war, und daß sie den Anschein erwecken wollten, er sei durch das Fenster geflüchtet, während sie ihm wahrscheinlich das Entkommen dadurch erleichterten, daß sie die Zugbrücke herabließen. Das ist meine Ansicht über den ersten Teil der Geschichte.«

Die beiden Detektive schüttelten den Kopf.

»Wenn das wahr ist, Mr. Holmes, so stürzen wir aus einem Rätsel in das andere«, sagte der Londoner Inspektor.

»Und anscheinend in ein noch viel schwereres«, fügte White Mason hinzu. »Die Frau ist niemals in ihrem Leben in Amerika gewesen. Welcher mögliche Zusammenhang könnte zwischen ihr und einem amerikanischen Mordgesellen bestehen, so daß sie Anlaß hätte, ihn zu decken?«

»Ich gebe zu, die Sache ist noch recht schwierig«, sagte Holmes. »Ich habe vor, noch heute Nacht eine kleine Untersuchung anzustellen, und es kann immerhin sein, daß sie einige aufklärende Ergebnisse bringt.«

»Können wir Ihnen helfen, Mr. Holmes?«

»Nein, nein, alles, was ich brauche, ist Dunkelheit und Dr. Watsons Regenschirm. Wie Sie sehen, sind meine Bedürfnisse äußerst bescheiden. Und Ames – der getreue Ames – wird mir wahrscheinlich Vorschub leisten. Alle meine Gedanken führen mich immer wieder zu der einen grundlegenden Frage zurück: Warum soll ein sportlich gesinnter Mensch mit einem so untauglichen Werkzeug, wie es eine einzelne Hantel ist, Leibesübungen vornehmen wollen?«

Es war spät nachts geworden, als Holmes von seinem einsamen Ausflug zurückkehrte. Wir teilten uns in ein Doppelbett, die beste Unterkunft, die uns das Landgasthaus bieten konnte. Ich schlummerte bereits, wurde jedoch durch sein Eintreten halb aus dem Schlaf geweckt.

»Nun, Holmes«, murmelte ich, »haben Sie etwas ermittelt?«

Schweigend stand er am Bett mit der Kerze in der Hand. Dann beugte sich seine hohe schlanke Gestalt zu mir herunter.

»Sagen Sie, Watson,« flüsterte er, »fürchten Sie sich, mit einem Irrsinnigen in ein und demselben Zimmer zu schlafen? Mit einem Mann, der an Gehirnerweichung leidet? Einem Idioten, der nicht einmal mehr einen klaren Gedanken erfassen kann?«

»Nicht im mindesten«, antwortete ich erstaunt.

»Das ist Ihr Glück«, sagte er und das war alles, was ich in jener Nacht aus ihm herausbringen konnte.

7. Kapitel. Die Lösung.

7. Kapitel. Die Lösung.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fanden wir Inspektor McDonald und Mr. White Mason in dem kleinen Sprechzimmer des örtlichen Polizeilokals in engster Beratung. Auf dem Tisch vor ihnen lag ein Stoß Briefe und Telegramme aufgestapelt, die sie sorgfältig ordneten und registrierten. Drei davon lagen gesondert auf der anderen Seite.

»Noch immer auf der Spur des unfaßbaren Radfahrers?« fragte Holmes in heiterster Laune. »Was hört man von diesem Wüstling?«

McDonald wies wehmütig auf den Haufen Briefe.

»Nach den Berichten hier ist er in Leicester, Nottingham, Southampton, Derby, im östlichen London, Richmond und in vierzehn anderen Orten des Südens, Nordens, Ostens und Westens im Verlauf der letzten Stunden gesehen worden. In dreien dieser Orte, nämlich London, Leicester und Liverpool, hat man ihn tatsächlich agnosziert und festgenommen. Das ganze Land scheint voll von ihm zu sein.«

»Was Sie nicht sagen!« rief Holmes mitfühlend. »Nun, Mr. Mac, und auch Sie, lieber White Mason, ich möchte Ihnen einen ernsten, gutgemeinten Rat geben. Als ich mich zur Mitwirkung an der Sache entschloß, habe ich mir, wie Sie wissen, ausbedungen, daß ich Ihnen keine halbbewiesenen Tatsachen, unfertige Ergebnisse vorzulegen brauche; mit einem Wort, daß ich, was ich herausfinde, für mich behalten kann und Ihnen meine Ansichten erst dann mitzuteilen brauche, wenn ich die Überzeugung gewonnen habe, daß sie richtig sind. Dies ist der Grund, daß ich Ihnen im Augenblick noch nicht alles erzähle, was ich im Sinne habe. Andererseits versprach ich, offen und ehrlich zu Ihnen zu sein. Nach meinem Dafürhalten wäre es unvereinbar mit diesem Versprechen, wenn ich es zuließe, daß Sie auch nur einen Augenblick länger Ihre Zeit und Mühe an eine vollkommen zwecklose Aufgabe verschwenden. Deshalb kam ich hierher. Der Rat, den ich Ihnen geben möchte, läßt sich in die wenigen Worte zusammenfassen: lassen Sie die ganze Sache fallen.«

McDonald und White Mason starrten ihren gefeierten Kollegen verblüfft an.

»Sie halten sie also für hoffnungslos«, rief der Inspektor.

»Ich halte Ihre Sache für hoffnungslos. Ich halte es indessen nicht für hoffnungslos, der Wahrheit auf den Grund zu kommen.«

»Aber dieser Radfahrer? Er ist doch kein Geisterspuk? Wir haben seine Beschreibung, seine Reisetasche, sein Zweirad. Der Kerl muß doch irgendwo stecken? Warum sollten wir ihn denn nicht fassen können?«

»Natürlich, warum sollten Sie nicht? Er ist irgendwo, und wir werden ihn sicherlich fassen, aber ich möchte nicht, daß Sie ihre Zeit damit vergeuden, ihn im Osten Londons oder in Liverpool zu suchen. Ich bin sicher, daß wir auf einem kürzeren Wege zum Ziele kommen werden.«

»Sie enthalten uns irgend etwas vor. Das ist nicht nett von Ihnen, Mr. Holmes«, sagte der Inspektor verärgert.

»Sie kennen meine Arbeitsmethoden, Mr. Mac. Wenn ich Ihnen etwas vorenthalte, so ist es nur auf so lange, als dies dringend erforderlich ist. Ich möchte nur noch auf eine bestimmte Weise mein Material nachprüfen. Das wird sehr einfach sein, und wenn es geschehen ist, werde ich mich empfehlen, nach London zurückkehren, und es zu Ihrer Verfügung zurücklassen. Ich fühle mich Ihnen zu sehr verpflichtet, um anders handeln zu wollen, denn in meiner ganzen Praxis bin ich noch auf keinen eigenartigeren, interessanteren Fall gestoßen.«

»Das geht mir über die Hutschnur, Mr. Holmes. Als wir gestern von Tunbridge Wells zurückkehrten, schienen Sie im allgemeinen mit unseren Ansichten übereinzustimmen. Was ist seither vorgefallen, daß Sie anderen Sinnes geworden sind?«

»Nun, da Sie mich fragen: ich habe gestern Nacht einige Stunden im Herrenhaus verbracht.«

»Und was ist dort geschehen?«

»Darüber kann ich Ihnen augenblicklich nur eine sehr allgemein gehaltene Auskunft geben. Nebenbei bemerkt habe ich mir angelegen sein lassen, eine kurze, aber klare und interessante Beschreibung des alten Gebäudes zu lesen, die ich zu dem bescheidenen Preis von einem Penny in dem Tabakgeschäft des Dorfes erstanden habe.«

Bei diesen Worten zog Holmes eine kleine Broschüre, die vorne mit einem rohen Bild des altertümlichen Herrenhauses geschmückt war, aus seiner Westentasche.

»Man geht ganz anders an eine Untersuchung heran, mein lieber Mr. Mac, wenn man sich in einem bewußten geistigen Kontakt mit der geschichtlichen Atmosphäre seiner Umgebung befindet. Nicht so ungeduldig sein, meine Herren, denn ich kann Ihnen versichern, daß selbst eine so spärliche Beschreibung in einem das Bild der alten Zeit hervorzuzaubern vermag. Ich möchte Ihnen einiges daraus zitieren: Das im fünften Jahre der Regierung von James I. an der Stelle eines viel älteren Gebäudes errichtete Herrenhaus von Birlstone gilt als einer der schönsten der noch vorhandenen jakobinischen Herrensitze.«

»Sie wollen uns zum besten halten, Mr. Holmes.«

»Nichts für ungut, Mr. Mac, aber das ist das erste Zeichen eines launischen Wesens, das ich an Ihnen bemerke. Nun also, da Sie die Sache so auffassen, werde ich lieber nicht weiter zitieren, aber wenn ich Ihnen sage, daß wir den bestimmten Nachweis dafür haben, daß das Haus im Jahre sechzehnhundertvierundvierzig von einem Obersten des Parlamentsheeres in Besitz genommen wurde, daß sich König Karl darin einige Tage während des Bürgerkrieges verborgen hielt, und daß ihm auch Georg II. später einen Besuch abstattete, so werden Sie zugeben, daß dieses altertümliche Haus einige höchst interessante Ideenverbindungen wachruft.«

»Kein Zweifel, Mr. Holmes, aber das hat mit unserem Beruf nichts zu tun.«

»So, so. Ein weiter Gesichtskreis, mein lieber Mr. Mac, ist eines der wichtigsten Erfordernisse unseres Berufes. Das Hineinspielen solcher Gedanken in den Kreis der vorliegenden Tatsachen ist oftmals von ganz außerordentlicher Bedeutung. Sie werden diese Bemerkung einem nicht verübeln, der, obgleich nur ein Theoretiker Ihres Berufes, immerhin erheblich älter ist als Sie und mehr Erfahrungen besitzt.«

»Das gestehe ich Ihnen ohne weiteres zu«, erwiderte der Detektiv herzlich. »Sie erreichen gewöhnlich Ihr Ziel, das muß ich Ihnen lassen, aber Sie verfolgen dabei so verflixt krumme Wege.«

»Nun gut, so wollen wir das Gebiet der Geschichte verlassen und uns auf den Boden der gegebenen Tatsachen stellen. Wie ich Ihnen schon sagte, war ich gestern Nacht im Herrenhaus. Ich habe dort weder Mr. Barker noch Mrs. Douglas gesehen. Ich hatte keine Ursache, sie zu stören, war jedoch erfreut zu hören, daß die Dame sich nicht sonderlich grämt und beim Abendessen einen ausgezeichneten Appetit entwickelt hat. Mein Besuch galt hauptsächlich dem famosen Mr. Ames, mit dem ich eine höchst freundschaftliche Unterredung hatte, die damit abschloß, daß er mir gestattete, einige Zeit in der Bibliothek zu verbringen, ohne daß jemand etwas davon wußte.«

»Was? Mit dem –« rief ich aus.

»Nein, nein, es war schon wieder alles in Ordnung. Sie haben doch die Erlaubnis dazu gegeben, Mr. Mac, wie man mir sagte. Das Zimmer war wieder in seinem gewöhnlichen Zustand. Ich habe darin eine höchst lehrreiche Viertelstunde zugebracht.«

»Was haben Sie dort getan?«

»Nun, um nicht aus einer höchst einfachen Sache ein dunkles Geheimnis zu machen, will ich Ihnen sagen, daß ich nach der fehlenden Hantel gesucht habe. Dies endigte damit, daß ich sie fand!«

»Wo?«

»Aha! Hier kommen wir an die Grenze des Unbewiesenen. Geben Sie mir noch etwas Zeit, nur ein ganz klein wenig Zeit, und ich verspreche Ihnen, daß Sie bald alles wissen werden, was ich weiß.«

»Nun gut, wir müssen Sie wohl so nehmen, wie Sie sind«, sagte der Inspektor. »Aber was das betrifft mit dem ›Die-Sache-fallen-lassen‹, warum im Namen aller Helligen sollten wir die Sache fallen lassen«?

»Aus dem einfachen Grund, mein lieber Mr. Mac, weil Sie noch gar keine Ahnung von dem haben, was Sie suchen und untersuchen wollen.«

»Wir haben die Ermordung von Mr. John Douglas vom Birlstone Herrenhaus zu untersuchen.«

»Sehr richtig, das haben Sie. Aber geben Sie sich keine Mühe, den geheimnisvollen Fremden mit dem Zweirad aufzuspüren. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es zu nichts führt.«

»Also, was schlagen Sie uns dann vor?«

»Ich will Ihnen ganz genau sagen, was Sie tun sollen, vorausgesetzt, daß Sie es tun werden.«

»Nun gut, ich will Ihnen zugestehen, daß Sie gewöhnlich ernste Gründe für Ihre sonderbaren Handlungen haben. Darum werde ich Ihren Rat gern entgegennehmen.«

»Und Sie, Mr. White Mason?«

Der Provinzdetektiv blickte ratlos von einem zum andern. Er war mit Holmes‘ Eigenarten noch nicht vertraut.

»Ich meine, was dem Inspektor recht ist, kann auch mir recht sein«, antwortete er endlich.

»Famos«, rief Holmes. »Also dann rate ich Ihnen, einen hübschen kleinen, fröhlichen Spaziergang über Land zu machen. Ich hörte, daß man von dem Hügelkamm hinter dem Dorf eine wundervolle Fernsicht über den Forst haben soll. Für das Mittagessen wird sich sicherlich ein nettes Landwirtshaus finden. Meine Unkenntnis der hiesigen Gegend macht es mir indessen unmöglich, Ihnen einen bestimmten Vorschlag zu machen. Dann am Abend, wenn Sie müde, aber zufrieden heimgekehrt sind, –«

»Mann, das geht über den Spaß«, rief McDonald, indem er sich ärgerlich vom Stuhl erhob.

»Also gut, verbringt den Tag, wie Ihr wollt«, sagte Holmes, ihm fröhlich auf die Schulter klopfend. »Tut, wonach euch der Sinn steht, geht, wohin es euch gelüstet, und dann wollen wir uns, wenn es dämmert, hier wieder treffen; aber zuverlässig, Mr. Mac, – unbedingt zuverlässig.«

»Das klingt schon etwas mehr nach Vernunft.«

»Und trotzdem, mein Rat war vortrefflich, aber ich bestehe nicht darauf, wenn wir uns darüber einig sind, uns erst dann wieder zu treffen, wenn ich Sie brauche. Und nun möchte ich noch, bevor wir uns trennen, einen kurzen Brief an Mr. Barker schreiben.»

»Was?«

»Ich werde ihn Ihnen diktieren, wenn es Ihnen recht ist. Sind Sie bereit?« –

»Sehr geehrter Herr!

Wir halten es für unsere Pflicht, das Wasser aus dem Festungsgraben abzulassen, in der Annahme, daß wir darin –«

»Das ist unmöglich,« sagte der Inspektor. »Das habe ich bereits festgestellt.«

»Nur Ruhe, mein lieber Herr, schreiben Sie, bitte, was ich Ihnen sage.«

»Also gut, vorwärts.«

»vielleicht etwas finden, das für unsere Untersuchung von Wert ist. Ich habe bereits alle Vorkehrungen dazu getroffen und benachrichtige Sie hiermit, daß die Arbeiten morgen früh damit beginnen werden, das Bett des Grabens –«

»Unmöglich«, wiederholte McDonald.

» – zu verlegen. Ich hielt es für notwendig, Sie hiervon in Kenntnis zu setzen.« –

»Haben Sie das? Also gut, dann setzen Sie Ihre Unterschrift darunter und schicken Sie den Brief ungefähr um vier Uhr durch Boten. Zu dieser Zeit wollen wir uns in diesem Zimmer wieder zusammenfinden. Bis dahin wollen wir uns mit anderen Dingen beschäftigen, denn ich versichere Ihnen, daß in der Untersuchung eine Pause eintreten muß.«

– Der Abend senkte sich hernieder, als wir uns wieder versammelten. Holmes war in sehr ernster Stimmung. Ich war neugierig, während sich die beiden Detektive offensichtlich in einer kritischen, ärgerlichen Laune befanden.

»Meine Herren,« sagte mein Freund, »ich werde Sie nun bitten, einer abschließenden Nachprüfung meiner Beobachtungen beizuwohnen und Sie können sich dann selbst eine Meinung darüber bilden, ob die Schlußfolgerungen, zu denen ich gelangte, gerechtfertigt sind oder nicht. Es ist ein kühler Abend und da wir nicht wissen, wie lange unsere Expedition dauern wird, würde ich Ihnen raten, sich einen warmen Überrock mitzunehmen. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß wir an Ort und Stelle sind, bevor es dunkel wird, und darum wollen wir, wenn Sie gestatten, sogleich aufbrechen.«

Wir hielten uns entlang der äußeren Umrandung des Parkes, bis wir an einen Platz kamen, wo in der Umzäunung eine Öffnung war. Wir schlüpften durch diese und folgten dann Holmes in der hereinbrechenden Dämmerung bis zu einem Buschwerk, das nahezu gegenüber dem Haupteingangstor und der Zugbrücke lag. Die letztere war noch herabgelassen. Holmes kauerte sich hinter der dichten Wand von Lorbeerbüschen nieder und wir alle folgten seinem Beispiel.

»Was gibts nun für uns zu tun?« fragte der Inspektor in ziemlich ungehaltenem Tone.

»Unsere Seelen in Geduld zu fassen und so wenig Geräusch wie möglich zu machen«, antwortete Holmes.

»Wozu sind wir überhaupt hier? Ich glaube wirklich, Sie sollten etwas offener zu uns sein.«

Holmes lachte.

»Watson behauptet immer, daß ich Anlage zum Dramatiker habe«, sagte er. »Der Künstler in mir rührt sich und verlangt eindringlichst eine gut inszenierte Vorstellung. Sie müssen zugeben, Mr. Mac, daß unser Beruf eintönig und trübselig wäre, wenn wir nicht gelegentlich einmal einen Schlußeffekt zur Verherrlichung unserer Bemühungen aufbauen könnten. Die ungeschminkte Beschuldigung und das brutale Auf-die-Schulter-klopfen – was kann man schon daraus machen? Aber die blitzartige Kombination, die listige Falle, die kluge Voraussicht kommender Ereignisse, die triumphierende Rechtfertigung kühner Theorien, ist dies nicht der Stolz und die Bejahung einer Lebensaufgabe? Wir genießen jetzt die Spannung einer Situation, ähnlich der des Jägers vor der Falle. Wo wäre diese Spannung geblieben, wenn meine Worte so knapp und präzise wären, wie die Ausdrucksweise eines Kursbuches. Alles was ich von Ihnen verlange, Mr. Mac, ist etwas Geduld; bald wird Ihnen alles klar sein.«

»Ich will nur hoffen, daß der Stolz, die Bejahung und alles übrige sich einstellen wird, bevor wir einen Schnupfen weghaben«, sagte der Londoner Detektiv in komischer Ergebung.

Wir hatten alle Ursache, uns diesem Wunsche anzuschließen, denn unsere Wacht war lang und höchst ungemütlich. Langsam senkten sich die Schatten auf die ausgedehnte, düstere Fassade des alten Hauses. Unsere Körper waren erfroren bis auf die Knochen und die Zähne klapperten uns, in dem kalten, feuchten Dunst, der aus dem Festungsgraben emporstieg. Im Eingangstor sahen wir eine einzige Lampe brennen, die Bibliothek war hell erleuchtet. Alles andere war still und dunkel.

»Wie lange soll das noch dauern?« fragte der Inspektor plötzlich. »Und auf was warten wir überhaupt?«

»Wie lange das noch dauern wird, weiß ich ebensowenig wie Sie«, antwortete Holmes mit einer kleinen Schärfe im Ton. »Es wäre für uns sicherlich bequemer, wenn die Verbrecher sich ihre Handlungen ebenso programmäßig einrichten würden, wie die Eisenbahn ihre Züge. Und was wir erwarten? – Aha, seht, das ist es, was wir erwarten!«

Während er sprach, wurde der Lichtschein in der Bibliothek zeitweise durch eine Gestalt, die vor dem Licht auf- und abging, verdunkelt. Die Lorbeerbüsche, in denen wir lagen, befanden sich fast dem Fenster gegenüber und keine fünfzig Schritte davon entfernt. Unmittelbar darauf hörten wir das Knarren der Scharniere, als das Fenster geöffnet wurde, und sahen die dunklen Umrisse eines männlichen Oberkörpers im Fensterrahmen erscheinen. Der Mann blickte in die dunkle Nacht hinaus und hielt verstohlen und heimlich Umschau, um sich zu vergewissern, ob er unbeobachtet sei. Dann beugte er sich vor und wir hörten in der tiefsten Stille das sanfte Plätschern bewegten Wassers. Er schien im Festungsgraben mit einem Gegenstand, den er in der Hand hielt, herumzurühren; dann zog er plötzlich etwas empor, wie ein Fischer seine Beute, – ein großes rundes Paket, das den Lichtschein fast gänzlich verdeckte, als es durch das Fenster gezogen wurde.

»Jetzt,« rief Holmes, »kommen Sie.«

Wir sprangen alle auf und stolperten mit steifgefrorenen Beinen ihm nach, während er in einer jener flackernden Anwandlungen nervöser Energie, die ihn zuzeiten nicht allein zu einem der beweglichsten, sondern auch der stärksten Menschen machen konnte, die ich je kennen gelernt habe, blitzschnell über die Brücke rannte und heftig an der Klingel zog. Alsbald hörten wir von innen heraus das Knarren von Riegeln und der verblüffte Ames stand im Torweg. Holmes schob ihn wortlos beiseite und stürmte, von uns allen gefolgt, in das Zimmer, in dem sich noch der Mann befand, den wir beobachtet hatten.

Das Licht, das wir von außen sahen, rührte von einer Petroleumlampe her, die auf dem Tisch gestanden hatte. In diesem Moment war sie in der Hand Cecil Barkers, der sie uns entgegenhielt. Das Licht schien auf sein markantes, entschlossenes, glattrasiertes Gesicht und seine drohenden Augen.

»Was, zum Teufel, soll das heißen?« rief er. »Was wollt Ihr hier?«

Holmes‘ Augen überflogen blitzartig das Zimmer. Dann stürzte er sich auf das triefende Bündel, das, von einer Schnur zusammengehalten, unter dem Schreibtisch lag, wohin es geworfen worden war.

»Das wollen wir, Mr. Barker. Dieses Paket, beschwert mit einer Hantel, das Sie eben aus dem Festungsgraben gezogen haben.«

Barker starrte Holmes in höchster Verblüffung an.

»Und woher, in des Teufels Namen, wissen Sie etwas davon?«

»Ganz einfach, weil ich es selbst hineingelegt habe.«

»Sie haben es hineingelegt? Sie?«

»Ich sollte eigentlich sagen, wieder hineingelegt«, sagte Holmes. »Sie erinnern sich doch, Inspektor McDonald, daß mir das Fehlen einer Hantel aufgefallen war. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, aber Sie waren damals durch andere Gedanken so in Anspruch genommen, daß Sie kaum Zeit hatten, sich die Sache zu überlegen und Ihre Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Da der Wassergraben so nahe ist, ist es kaum eine bei den Haaren herbeigezogene Vermutung, daß irgend etwas mit der fehlenden Hantel in das Wasser versenkt worden war. Dieser Gedanke erschien mir einer Nachprüfung wert, deren Schlußergebnis war, daß ich gestern mit der Unterstützung von Ames, der mich ins Zimmer ließ, und der Krücke von Dr. Watsons Regenschirm das Paket herausfischen und untersuchen konnte. Danach war es für uns von größter Wichtigkeit, einwandfrei festzustellen, wer es hineingelegt hat. Dies erreichten wir durch das naheliegende Mittel, anzukündigen, daß der Festungsgraben morgen trockengelegt werden würde, wobei wir annehmen konnten, daß derjenige, der das Paket dort verborgen hat, es herausziehen werde, sobald ihm die Dunkelheit dies unbemerkt gestattete. Wir haben nicht weniger als vier Zeugen dafür, wer es war, der sich dieser Möglichkeit bediente, und daher, Mr. Barker, möchte ich Sie bitten, mir hierüber eine Erklärung zu geben.«

Sherlock Holmes legte das Paket auf den Tisch neben die Lampe und knüpfte die Schnur, mit der es zugebunden war, auf. Daraus zog er eine Hantel, die er zu der anderen in der Ecke stieß, ein Paar Stiefel – »amerikanisches Fabrikat, wie Sie sehen,« bemerkte er, indem er auf die Form der Kappe zeigte, – dann ein langes, gefährlich aussehendes, in einer Scheide steckendes Messer. Schließlich entnahm er dem Paket ein Bündel Kleider, bestehend aus Unterwäsche, Socken, einem grauen Tweedanzug und einem kurzen, gelben Überrock.

»Die Kleider sind ganz gewöhnlicher Art,« bemerkte Holmes, »außer dem Überrock, der verschiedene interessante Eigenarten hat.«

Zärtlich hielt er ihn gegen das Licht, während er ihn mit seinen langen, dünnen Fingern abtastete.

»Hier sehen Sie z. B. die innere Brusttasche, die innerhalb des Futters soweit vertieft ist, daß sie die abgeschnittene Schrotflinte aufnehmen konnte. Die Firma des Schneiders ist hier am Kragen angenäht – Neadel, Herrenausstattungen, Vermissa, USA. Ich habe den Vormittag in der Pfarrbibliothek nutzbringend verwendet, und meinem Wissen die Tatsache zugefügt, daß Vermissa eine aufstrebende kleine Stadt am Kopfe eines Tales ist, in dem sich eines der bekanntesten Eisen- und Kohlengebiete der Vereinigten Staaten befindet. Ich erinnere mich noch, Mr. Barker, daß Sie die erste Gattin von Mr. Douglas mit den Kohlengegenden in Verbindung gebracht haben, und es scheint mir daher keine allzu kühne Kombination zu sein, das V V auf der Karte bei der Leiche für die Abkürzung von Vermissa Valley zu halten; weiter, daß dieses Tal, das Mordgesellen ausschickt, kein anderes ist, als das Tal des Grauens, von dem wir schon gehört haben. Soweit scheint dies alles klar zu sein. Und nun, Mr. Barker, möchte ich Ihrer Erklärung nicht länger im Wege stehen.«

Das ausdrucksvolle Gesicht Cecil Barkers trug während der Ausführungen des großen Detektivs einen Ausdruck, den zu beobachten sich der Mühe lohnte.

Ärger, Verblüffung, Verlegenheit und Unentschlossenheit rangen darin um die Vorherrschaft. Schließlich suchte er sich hinter einer schneidenden Ironie zu verschanzen.

»Wenn Sie soviel wissen, Mr. Holmes, wird es vielleicht am besten sein, wenn Sie uns auch noch das übrige erzählen«, sagte er höhnisch.

»Zweifellos könnte ich Ihnen noch gar manches erzählen, Mr. Barker, aber es scheint mir passender, das weitere aus Ihrem Munde zu hören.«

»Glauben Sie? Dann möchte ich sagen, wenn hier irgendein Geheimnis vorliegt, so ist es nicht das meine, und ich bin nicht der Mann, es preiszugeben.«

»Nun, Mr. Barker, wenn Sie sich darauf versteifen,« sagte der Inspektor ruhig, »bleibt uns nichts weiter übrig, als Sie im Auge zu behalten, bis wir einen Haftbefehl gegen Sie haben.«

»Sie können tun, was Sie wollen«, antwortete Barker trotzig.

Soweit er in Betracht kam, waren wir zweifellos an einem toten Punkt angelangt, denn man brauchte nur einen Blick auf das wie aus Stein gemeißelte Gesicht zu werfen, um zu erkennen, daß keine Tortur dieser Welt ihn veranlassen könnte, einem einmal gefaßten Beschluß entgegenzuhandeln. Alsbald kam jedoch wieder Bewegung in die Lage durch das Hineinklingen einer Frauenstimme. Mrs. Douglas, die offenbar schon an der halbgeöffneten Tür gehorcht hatte, trat ins Zimmer.

»Sie haben schon genug für uns getan, Cecil«, sagte sie. »Was immer auch daraus werden mag, Sie haben genug getan.«

»Genug und mehr als das«, bemerkte Sherlock Holmes ernst. »Sie haben mein volles Mitgefühl, gnädige Frau, und ich würde Ihnen dringendst raten, etwas Vertrauen zu der Rechtspflege zu haben und sich der Polizei ruhig anzuvertrauen. Es mag sein, daß es ein schwerer Fehler von mir war, den Wink nicht zu beachten, den Sie mir durch meinen Freund Dr. Watson zukommen ließen, aber zu jener Zeit hatte ich allen Grund zu glauben, daß Sie unmittelbar an dem Verbrechen beteiligt seien. Jetzt bin ich vom Gegenteil überzeugt. Immerhin gibt es noch vieles, das der Erklärung bedarf, und ich würde Ihnen ernstlich raten, zu veranlassen, daß nun Mr. Douglas selbst das Wort ergreift

Ein Aufschrei des Erstaunens aus Mrs. Douglas‘ Mund folgte den Worten Holmes. Wir, die Detektive und ich, müssen wohl ein Echo dazu geliefert haben, als wir einen Mann gewahrten, der in jenem Moment direkt aus der Wand herauszukommen schien und der dann aus dem Dunkel der Ecke, in der er Einlaß ins Zimmer gefunden hatte, hervortrat. Mrs. Douglas wandte sich um und hielt ihn einen Augenblick später mit ihren Armen umschlungen. Barker hatte seine ausgestreckte Hand ergriffen.

»Es ist am besten so, Jack«, sagte seine Frau. »Ich bin überzeugt, es ist das beste.«

»Jawohl, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes, »auch ich bin davon überzeugt.«

Der Mann stand vor uns mit den blinzelnden Augen eines, der unvermittelt aus dem Dunkel in einen hellen Raum tritt. Es war ein Mann von bemerkenswertem Äußern; er hatte kühne graue Augen, einen dichten, kurzgeschnittenen, melierten Schnurrbart, ein eckiges, vorstehendes Kinn und einen humorvollen Mund. Er musterte uns alle eingehend und schritt dann zu meiner größten Überraschung auf mich zu und übergab mir ein Bündel Papiere.

»Ich habe von Ihnen gehört«, sagte er mit einem Akzent, der nicht ganz englisch und auch nicht ganz amerikanisch war, aber melodisch und angenehm klang. »Sie sind der Historiker in dieser Gesellschaft. Nun, Dr. Watson, ich glaube nicht, daß Sie jemals eine ähnliche Geschichte in Ihren Händen hatten. Darauf möchte ich meinen letzten Dollar wetten. Machen Sie daraus, was Sie wollen. Hier haben Sie nur die nackten Tatsachen, aber Sie können nicht fehlgehen, solange Sie sich an diese halten. Ich bin zwei Tage eingeschlossen gewesen und habe die Tagesstunden, soweit es das schwache Licht in dieser Mausefalle zuließ, dazu benutzt, die Geschichte niederzuschreiben. Sie können sie haben – Sie und ihre Leser. Es ist die Geschichte vom Tal des Grauens.«

»Das ist die Vergangenheit, Mr. Douglas,« sagte Sherlock Holmes ruhig. »Was wir jetzt haben wollen, ist die Geschichte der Gegenwart.«

»Sie sollen sie hören«, sagte Douglas. »Darf ich rauchen, während ich spreche? Schön, danke Ihnen, Mr. Holmes. Sie sind selbst Raucher, wenn ich mich nicht irre, und werden sich vorstellen können, was es heißt, zwei Tage mit Tabak in der Tasche dazusitzen und nicht rauchen zu dürfen, aus Furcht, durch den Geruch verraten zu werden.«

Er lehnte sich an den Kaminsims und saugte an der Zigarre, die ihm Holmes überreicht hatte.

»Ich habe von Ihnen schon gehört, Mr. Holmes, aber nicht gedacht, daß ich Ihnen jemals begegnen würde. Wenn Sie das gelesen haben,« sagte er, auf die Papiere deutend, »werden Sie erkennen, daß ich Ihnen etwas Neues gebracht habe.«

Inspektor McDonald, der bisher die neue Erscheinung in höchster Verblüffung angestarrt hatte, fand endlich Worte.

»Da hört sich aber alles auf«, rief er. »Wenn Sie Mr. John Douglas, Besitzer von Birlstone, sind, wessen Ermordung haben wir dann die letzten zwei Tage untersucht, und wo, um alles in der Welt, sind Sie eigentlich hergekommen? Sie kommen mir vor wie der Teufel aus der Kiste.«

»Ja, mein lieber Mr. Mac,« sagte Holmes mit vorwurfsvoll erhobenem Zeigefinger, »Sie wollten ja die ausgezeichnete Beschreibung des Versteckes von König Karl in der Broschüre nicht nachlesen. Zu den damaligen Zeiten haben sich die Leute nicht verborgen, ohne zuverlässige Verstecke zu haben, und es war immerhin möglich, daß ein solches später noch einmal benutzt werden konnte. Ich war überzeugt, daß wir Mr. Douglas unter diesem Dach finden würden.«

»Und wie lange haben Sie in dieser Weise mit uns bereits Katze und Maus gespielt, Mr. Holmes?« sagte der Inspektor ärgerlich. »Wie lange haben Sie zugelassen, daß wir unsere Zeit mit Nachforschungen vergeudeten, von denen Sie wußten, daß sie lächerlich waren?«

»Nicht sehr lange, mein lieber Mr. Mac. Erst gestern Abend habe ich mir meine endgültigen Ansichten über den Fall gebildet. Da ich sie erst heute erproben konnte, riet ich Ihnen und Ihrem Kollegen, sich den Tag über Erholung zu gönnen. Was hätte ich sonst tun können? Als ich die Kleider im Festungsgraben fand, war es mir klar, daß die Leiche, die wir gesehen haben, nicht die von Mr. Douglas sein konnte, sondern die des Radfahrers aus Tunbridge Wells. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Daher hatte ich festzustellen, wo Mr. John Douglas war. Die Wahrscheinlichkeit sprach dafür, daß er sich mit Wissen seiner Frau und seines Freundes verborgen hielt, und zwar hier im Hause, das für Flüchtlinge mancherlei geeignete Schlupfwinkel aufweist, und daß er nur wartete, bis sich die erste Aufregung gelegt hatte, um dann das Weite zu suchen.«

»Sie haben ganz recht damit gehabt«, sagte Douglas zustimmend. »Ich habe es für das beste gehalten, eurem britischen Gesetz aus dem Wege zu gehen, da ich mich darin nicht auskenne, und zu gleicher Zeit diese Hunde endgültig von meiner Fährte abzuschütteln. Ich kann Ihnen nur sagen, daß ich niemals etwas tat, worüber ich mich zu schämen brauche, und nichts, das ich nicht wieder tun würde, wenn es die Umstände erfordern sollten. Darüber können Sie jedoch selbst urteilen, wenn Sie meine Geschichte gelesen haben. Sie brauchen mir nicht die übliche Verwarnung zu geben, Inspektor, ich bin bereit, die volle Wahrheit zu sagen.«

»Ich will nicht mit dem Anfang beginnen, der ist hier,« er wies bei diesen Worten auf die Papiere in meinen Händen, »und ein merkwürdiger Anfang ist es, wie Sie finden werden. Die Sache ist die: es gibt Leute, die guten Grund haben, mich zu hassen, die ihren letzten Pfennig dafür ausgeben würden, zu hören, daß ich nicht mehr unter den Lebenden weile. Solange ich lebe und diese Leute leben, gibt es für mich in dieser Welt keine Sicherheit. Sie haben mir von Chicago nach Kalifornien nachgespürt; dann haben sie mich aus Amerika verjagt. Aber als ich schliesslich heiratete und mich in dieser stillen Gegend niederließ, habe ich gehofft, meine letzten Lebensjahre in Frieden beschließen zu können. Meiner Frau habe ich niemals erzählt, wie die Sachen stehen. Warum auch sollte ich sie hineinziehen? Sie hätte nie wieder einen ruhigen Augenblick gehabt und wäre in steter Sorge gewesen. Etwas wird sie schon geahnt haben, denn hie und da habe ich wohl ein Wort fallen lassen, aber gestern, nachdem sie von den Herren hier verhört worden ist, hat sie Einblick in die Sache gewonnen. Sie hat Ihnen alles gesagt, was sie wußte, genau so wie Barker, denn als die Sache hier passierte, war keine Zeit zu Erklärungen. Jetzt weiß sie alles. Es wäre vielleicht weiser gewesen, wenn ich sie schon früher ins Vertrauen gezogen hätte, aber es war eine schwere Wahl, Liebste,« – er ergriff ihre Hand, – »und ich glaubte zu deinem Besten zu handeln.«

»Nun, meine Herren, am Tage bevor diese Sache sich zutrug, war ich drüben in Tunbridge Wells, wo ich einen Mann auf der Straße erblickte. Ich sah ihn nur einen Moment, aber ich habe ein flinkes Auge und erkannte ihn sofort. Er war von allen meinen Feinden der Schlimmste. Die ganzen Jahre hindurch war er hinter mir her, wie der hungrige Wolf hinter dem Karibu. Ich wußte, was mir bevorstand, und zögerte nicht, nach Hause zurückgekehrt, mich darauf vorzubereiten. Es war meine Absicht, den Kampf allein aufzunehmen. Es gab eine Zeit, wo mein Glück in den ganzen Vereinigten Staaten sprichwörtlich war, ich verließ mich darauf, daß es mich auch diesmal nicht in Stich lassen würde. Den ganzen nächsten Tag über war ich ständig auf meiner Hut und ging nicht einmal in den Park hinaus. Das war zweifellos klug gehandelt, denn er würde mich jedenfalls vor seine Schrotflinte gekriegt haben, bevor ich Zeit hatte, meine eigene Waffe zu ziehen. Nachdem die Brücke aufgezogen war, habe ich getrachtet, die ganze Sache zu vergessen. Ich war immer etwas ruhiger, wenn die Zugbrücke abends geschlossen war. Daran, daß er sich in das Haus schleichen und hier auf mich lauern würde, habe ich nicht gedacht. Als ich meine gewöhnliche Runde durch das Haus machte und die Bibliothek betrat, fühlte ich eine nahe Gefahr. Wenn ein Mensch wie ich sich in vielerlei Gefahren befunden hat, – und ich habe in dieser Hinsicht mehr erlebt, als die meisten Leute, – so entwickelt er eine Art sechsten Sinn, der Warnungssignale gibt, ohne daß tatsächliche Anhaltspunkte für eine Gefahr vorhanden sind. Ich fühlte diese Warnungszeichen ganz deutlich, wußte jedoch nicht, warum. Im nächsten Augenblick hatte ich indessen einen Stiefel bemerkt, der unter dem Fenstervorhang hervorsah, und dann war mir alles klar.

Es brannte nur die Kerze, die ich in der Hand hielt, aber das Zimmer war von dem Lichtschein erhellt, der aus der Lampe in der Halle hereinfiel. Ich setzte die Kerze nieder und sprang nach dem Hammer, den ich auf dem Kaminsims gelassen hatte. In dem Moment stürzte er sich auf mich zu. Ich sah nur das Glitzern eines Messers, als ich mit dem Hammer auf ihn einschlug. Irgendwo muß ich ihn getroffen haben, denn das Messer fiel klirrend zu Boden. Dann schlüpfte er gewandt wie ein Aal um den Tisch herum und zog mit blitzartiger Geschwindigkeit sein Gewehr aus dem Rock hervor. Ich hörte noch, wie er den Hahn spannte, hatte ihn aber schon umklammert, bevor er abdrücken konnte. Ich hielt das Gewehr beim Lauf, als wir einige Minuten auf Leben und Tod rangen. Wer das Gewehr freigeben mußte, war ein toter Mann. Er ließ es zwar nicht los, aber einen Augenblick lang war die Mündung auf ihn gerichtet. Vielleicht war ich es, der den Drücker zog, vielleicht ist die Flinte in unserem Kampf von selbst losgegangen. Das Ergebnis war jedenfalls, daß er alle zwei Schüsse in das Gesicht bekam, und alsbald konnte ich auf das hinunterblicken, was von Ted Baldwin übriggeblieben war. Ich hatte ihn schon in der Stadt erkannt und gleich wieder, als er auf mich zusprang. Obwohl mir schwere Verwundungen nichts Neues sind, muß ich gestehen, daß mir bei seinem Anblick geradezu übel wurde. Ich lehnte noch gegen die Tischkante, als Barker eiligst hereintrat. Auch meine Frau hörte ich kommen, lief jedoch zur Tür, um sie anzuhalten. Es war kein Schauspiel für eine Frau. Ich versprach ihr, möglichst bald zu ihr zu kommen. Barker gab ich bloß einige erklärende Worte, die er rasch begriff, und dann warteten wir, bis die anderen kommen würden. Aber niemand kam, was uns klar machte, daß keiner der Leute etwas gehört hatte, und wir allein wußten, was geschehen war.

In diesem Augenblick kam mir eine Eingebung, deren Glanz mich geradezu verwirrte. Der Ärmel des Mannes war hinaufgerutscht und das Brandmal der Loge auf seinem Unterarm deutlich sichtbar. Sehen Sie her.«

Douglas zog Rockärmel und Manschette hoch, und wir sahen auf seinem Unterarm genau dasselbe Dreieck innerhalb eines Kreises, das wir an der Leiche bemerkt hatten.

»Meine Eingebung rührte von diesem Brandmal her. Sie durchzuckte mich wie ein Blitz. Wir waren von derselben Größe, hatten dieselbe Gestalt und dasselbe Haar. Sein Gesicht war völlig unkenntlich. Ich zog ihm die Kleider aus und in einer Viertelstunde hatten Barker und ich ihm meinen Schlafanzug und Schlafrock angezogen, genau so, wie Sie ihn hier fanden. Dann knüpften wir alle seine Sachen in ein Bündel, das wir mit dem einzigen Gewicht, das ich in der Eile finden konnte, beschwerten und so aus dem Fenster warfen. Die Karte, die er neben meiner Leiche niederlegen wollte, lag nun neben der seinen. Wir steckten ihm meine Ringe an die Finger, aber als wir an den Ehering kamen, –« er hielt seine muskulöse Hand hoch, – »da ging er nicht herunter, wie Sie selbst sehen. Er war nicht von meinem Finger gekommen, seit ich heiratete und wir hätten eine Feile nehmen müssen, um ihn abzukriegen. Ich glaube indessen nicht, daß ich ihn abgenommen hätte, selbst wenn es möglich gewesen wäre. Dann brachte ich ein Stück Pflaster herunter und klebte es ihm an dieselbe Stelle, wo ich selbst eines trug. Hierbei haben Sie etwas übersehen, Mr. Holmes, so klug Sie sonst sind, denn wenn Sie ihm das Pflaster abgezogen hätten, würden Sie bemerkt haben, daß keine Verletzung darunter war.«

»Das war also die Lage. Wenn es mir gelingen würde, eine Zeitlang versteckt zu bleiben und nachher irgendwohin zu fliehen, wo mich meine Frau wieder treffen konnte, hätten wir die Möglichkeit gehabt, unser Leben in Ruhe zu beschließen. Diese Teufel hätten mir niemals Ruhe gegeben, solange sie mich über dem Erdboden wußten, aber wenn sie zu dem Glauben gekommen wären, daß Baldwin sein Opfer gefunden hatte, wäre die Geschichte für sie erledigt gewesen. Es blieb mir nicht viel Zeit, all dies Barker und meiner Frau klarzumachen, aber sie verstanden genug, um mir zu helfen. Ich wußte von diesem Versteck, ebenso wie Ames, dem indessen niemals eingefallen war, es mit dieser Sache in Verbindung zu bringen. Ich zog mich dahin zurück und überließ Barker den Rest.

Über diesen Rest werden Sie wohl selbst schon genügend Bescheid wissen. Barker öffnete das Fenster und erzeugte die Fußspuren auf dem Fensterbrett, um damit den Weg des Mörders anzudeuten. Dies war wohl eine kühne Idee, aber da die Brücke aufgezogen war, gab es keinen anderen Rückzugsweg. Nachdem alles vorbereitet war, läutete er aus Leibeskräften. Was nachher geschah, wissen Sie bereits. Und nun, meine Herren, tun sie mit mir, was Sie für gut befinden. Ich habe die Wahrheit gesagt, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe! Was ich jetzt wissen möchte: wie stehe ich nach dem englischen Gesetz da?«

Auf diese Frage folgte Schweigen, das nach einer Weile von Sherlock Holmes unterbrochen wurde.

»Das englische Gesetz ist im großen und ganzen ein gerechtes. Es wird Sie genau so behandeln, wie Ihnen gebührt. Eines möchte ich Sie noch fragen: woher wußte der Mann, daß Sie hier wohnen, wie er in das Haus kommen, und wo er sich darin verstecken konnte?«

»Davon habe ich keine Ahnung.«

Holmes‘ Gesicht war blaß und todernst.

»Ich fürchte, die Sache ist für mich noch nicht zu Ende. Vielleicht drohen Ihnen größere Gefahren, als die der englischen Rechtsprechung oder selbst die seitens Ihrer Feinde in Amerika. Ich sehe Schlimmes für Sie voraus, Mr. Douglas, und wenn Sie meinem Rat folgen wollen, seien Sie auf Ihrer Hut.«

Und nun, meine allzu geduldigen Leser, möchte ich euch bitten, mir auf kurze Zeit an eine andere Stätte zu folgen, weit weg vom Herrenhaus in Birlstone, Sussex, und auch weit abliegend von dem Jahre des Herrn, in dem wir unsere ereignisreiche Fahrt dorthin antraten, die mit der ungewöhnlichen Geschichte des Mannes, der als John Douglas bekannt war, endigen sollte. Wir begeben uns in der Zeitrechnung um etwa zwanzig Jahre zurück, und müssen einen Raum von einigen tausend Meilen durchqueren, damit ich euch die ungeheuerliche und schreckliche Erzählung vortragen kann, die nun folgen wird. So ungeheuerlich und schrecklich ist sie, daß ihr sie kaum für möglich halten werdet. Glaubt nicht, daß ich eine neue Geschichte beginnen will, bevor die vorherige zu Ende ist. Während ihr im Lesen vorwärtsschreitet, werdet ihr euch davon überzeugen, daß dem nicht so ist. Und dann, nachdem ich euch mit den Ereignissen, die sich in der Ferne und in der Vergangenheit abgespielt haben, vertraut gemacht und euch das in sie verwobene Geheimnis enthüllt habe, wollen wir uns in unseren Räumen in Bakerstreet wiedertreffen, wo unsere Geschichte ihren Abschluß finden soll.

EPUB

Download als ePub

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

    Viren- und Trojanergeprüft
    ohne eMailadresse
    ohne Anmeldung
    ohne Wartezeit
    Werbefreie Downloads

1. Kapitel. Der Fremde.

II. Teil.
Die Rächer

1. Kapitel. Der Fremde.

Es war der 4. Februar des Jahres 18.., der Ausläufer eines außerordentlich harten Winters. Tiefer Schnee lag in den Klüften der Gilmerton-Berge. Die Geleise der Eisenbahn hatte man mit Schneepflügen freihalten müssen.

Der Abendzug der Eisenbahnlinie, die eine Reihe von Kohlenbergwerken und Eisenwerken verbindet, keuchte langsam die Steigung von Stagville, das unten in der Ebene liegt, nach Vermissa hinauf, dem am Kopfe des Vermissa-Tales gelegenen Hauptort des Industriebezirkes. Von dort senkt sich die Spur hinunter nach Bartons Crossing, Helmdale und der hauptsächlich ackerbautreibenden Grafschaft Merton. Lange Reihen von Güterwagen, hoch beladen mit Kohle und Eisenerz, die an jeder Ausweichstelle der eingeleisigen Bahn angehäuft waren, sprachen von dem im Schoße der Erde verborgenen Reichtum, der nach diesem abgeschiedenen Winkel der Vereinigten Staaten eine rauhe Bevölkerung und überschäumendes Leben gebracht hatte.

Es war ohne Zweifel ein öder und abgeschiedener Winkel. Derjenige, der zuerst seines Fuß dorthin setzte und das Tal durchwanderte, ahnte sicherlich nicht, daß die prächtigsten Steppen und saftigsten Weideländer im Vergleich zu diesem düsteren Land felsiger Klüfte und unwegsamer Wälder geradezu wertlos waren, über die dunklen, fast undurchdringlichen Wälder auf beiden Seiten blickten drohend die kahlen Gipfel der Berge, bedeckt mit Schnee und gekrönt von schartigen Felsspitzen. In der Mitte lag das lange, gewundene Tal. Talaufwärts nahm der kleine Zug stöhnend seinen Weg.

Man hatte soeben die Öllampen im vordersten Personenwagen angezündet, in dessen langem kahlen Innenraum sich etwa 20 bis 30 Leute befanden. Die Mehrzahl dieser Leute bestand aus Arbeitern auf der Heimreise von der Tagesarbeit in den tieferen Strichen des Tales. Wenigstens ein Dutzend bekundete sich durch die geschwärzten Gesichter und die Grubenlampen, die sie mit sich trugen, als Bergleute. Sie saßen rauchend in einer Gruppe vereint und sprachen mit gedämpften Stimmen, indem sie gelegentlich zu zwei Männern am entgegengesetzten Ende des Wagens hinüberblickten, deren Uniformen und Abzeichen sie als der Polizei zugehörig erkennen ließen. Der Rest der Wageninsassen bestand aus einigen Frauen der arbeitenden Klasse und ein oder zwei Reisenden, die sehr wohl kleine Kaufleute aus der Umgebung sein mochten, sowie einem jungen Mann, der in einer Ecke für sich allein saß. Wir wollen uns diesen genauer betrachten, denn er spielt in unserer Erzählung eine wichtige Rolle.

Er hatte eine frische Gesichtsfarbe und eine untersetzte Gestalt. Nach seinem Aussehen würde man ihn für nahe an die Dreißig halten. Große intelligente, humorvolle Augen hinter Augengläsern überflogen von Zeit zu Zeit die Reisegesellschaft. Wie man leicht sehen konnte, war er von anspruchslosem, freundlichen Wesen, anscheinend bestrebt, jedermanns Freund zu sein. Man brauchte kein Menschenkenner zu sein, um in ihm eine mitteilsame, gesellige Natur von heiterer Veranlagung zu erkennen. Wer ihn indessen eingehender betrachtete, konnte nicht verfehlen, eine ungewöhnliche Festigkeit der Kinnbildung und des Mundes zu bemerken, die auf größere Tiefen deutete und wohl den Gedanken aufkommen lassen konnte, daß dieser sympathische, braunhaarige junge Ire den Stempel seiner Persönlichkeit, ob im guten oder bösen Sinne bleibe dahingestellt, jeder Gesellschaft, in der er sich befand, aufdrücken würde.

Nachdem er an dem ihm zunächstsitzenden Bergmann einige einladende Bemerkungen gerichtet, jedoch darauf nur kurze, unfreundliche Antworten empfangen hatte, bewahrte er ein entsagenden Stillschweigen und starrte mißmutig aus dem Fenster in die dämmernde Landschaft hinaus. Es war kein erfreulicher Ausblick. Durch die sinkende Dunkelheit zuckte die rote Glut der Hochöfen beiderseits des Talhanges. Berge von Schlacke und anderem Abfall waren auf den Halden zu beiden Seiten der Bahn angehäuft, und darüber erhoben sich die turmartigen Aufbauten der Kohlenschächte. Längs der Bahnstrecke waren Gruppen schäbiger Holzhäuser verstreut, deren Fenster sich allmählich in dem Lichtschein von innen abzuzeichnen begannen. Die vielen Haltestellen waren von schmierigen, rußiges Einwohnern bevölkert. Die Eisen- und Kohlentäler des Vermissa-Gebietes waren kein Aufenthalt für die Müßigen und Kultivierten. Überall sah man finstere Spuren des rauhesten Existenzkampfes, der schweren Arbeit und der ungeschlachten Männer, die sie ausführten.

Als der junge Reisende das düstere Bild der Landschaft in sich aufnahm, konnte man in seinem Gesicht eine Mischung von Widerwillen und Interesse erkennen, die daraufhin deutete, daß es ihm neu war. Öfters zog er aus seiner Tasche einen umfangreichen Brief, in dem er nachlas, und auf dessen Rand er Anmerkungen kritzelte. Einmal holte er aus seiner Weste etwas hervor, das man kaum im Besitz eines anscheinend so gutmütigen Menschen vermutet hätte. Es war ein Armeerevolver größten Kalibers. Als er diesen schräg dem Lichte zukehrte, gewahrte man Messinghülsen in der Trommel, die zeigten, daß jeder Lauf geladen war. Schnell barg er ihn wieder in seiner geheimen Tasche, aber nicht ohne daß ein Arbeiter, der auf der benachbarten Bank saß, es bemerkte.

»Hallo, Kamerad,« sagte er, »Sie sind gut gerüstet.«

Der junge Mann lächelte mit allen Anzeichen der Verlegenheit.

»Jawohl,« antwortete er, »wir gebrauchen dergleichen manchmal in dem Ort, wo ich herkomme.«

»Und wo ist das?«

»Ich war zuletzt in Chicago.«

»Fremd hier?«

»Jawohl.«

»Sie werden ihn vielleicht auch hier gebrauchen«, sagte der Arbeiter.

»So, so«, antwortete der junge Mann anscheinend interessiert.

»Haben Sie denn nichts gehört, von dem, was sich hier begibt?«

»Nichts Besonderes.«

»So? Ich habe geglaubt, daß man überall davon redet. Sie werden es schnell genug erfahren. Was führt Sie hierher?«

»Ich habe gehört, daß es hier Arbeit für willige Leute geben soll.«

»Gehören Sie zu einer Gewerkschaft?«

»Selbstverständlich.«

»Dann werden Sie auch Arbeit kriegen. Haben Sie Freunde hier?«

»Noch nicht, aber ich hoffe mir welche zu machen.«

»Wieso das?«

»Ich bin bei der Loge der freien Männer. Wir haben Niederlassungen in jeder Stadt, und in jeder Niederlassung werde ich Freunde finden.«

Diese Bemerkung hatte auf den anderen eine eigenartige Wirkung. Er sah sich verstohlen nach seinen Mitreisenden um. Die Bergleute bildeten noch immer eine abgesonderte, flüsternde Gruppe. Die zwei Polizisten am entgegengesetzten Ende des Wagens dösten. Er kam herüber und setzte sich neben den jungen Mann, ihm die Hand entgegenstreckend.

»Schlagen Sie ein«, sagte er.

Der junge Fremde tat es mit einer eigenartigen Bewegung.

»Ich sehe, Sie sprechen die Wahrheit. Aber man muß heutzutage sicher gehen.«

Er hob seine rechte Hand an die rechte Augenbraue, der Fremdling die linke an das linke Auge.

»Dunkle Nächte sind bedrückend«, sagte der Arbeiter.

»Jawohl, für einsame Wanderer«, sagte der andere.

»Die Sache hat ihre Richtigkeit; ich bin Bruder Scanlan, Loge 341, Vermissa-Valley. Ich heiße Sie hier willkommen.«

»Danke. Ich bin Bruder John McMurdo, Loge 29, Chicago, Logenmeister J. H. Scott. Ich freue mich, so schnell einen Bruder zu finden.«

»Na, es sind genügend von uns da. Sie werden kaum irgendwo anders in den Staaten die Loge so zahlreich vertreten finden, wie gerade hier im Vermissa-Tal. Solche jungen Leute wie Sie können wir hier gut gebrauchen. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, daß ein gesunder, kräftiger Mensch und Gewerkschaftler in Chicago keine Arbeit finden kann.«

»Ich hätte genug finden können«, sagte McMurdo.

»Warum sind Sie dann fortgezogen?«

McMurdo nickte in der Richtung nach den beiden Polizeileuten und lächelte.

»Die zwei Leute würden sich freuen, das zu hören«, sagte er.

Scanlan seufzte mitfühlend.

»In Schwierigkeiten?« fragte er flüsternd.

»Brunnentief.«

»Eine Strafsache?«

»Und sonstiges.«

»Jemand dabei umgekommen?«

»Es ist noch etwas verfrüht, über solche Sachen zu sprechen«, sagte McMurdo in der Haltung eines Mannes, der sich verleiten ließ, mehr zu sagen, als er wollte. »Ich hatte meine guten Gründe, Chicago zu verlassen und das muß Ihnen für den Augenblick genügen. Wer sind Sie denn überhaupt, daß Sie mich über solche Dinge ausfragen wollen?«

Zorn und Ärger blitzten bei diesen Worten aus seinen grauen Augen hinter den Gläsern hervor.

»Na, na, Kamerad, nichts für ungut. Unsere Jungen werden nicht schlechter von Ihnen denken, wenn Sie etwas angestellt haben. Wo wollen Sie hin?«

»Nach Vermissa.«

»Das ist die dritte Station von hier. Wo werden Sie dort wohnen?«

McMurdo nahm ein Kuvert aus seiner Tasche und hielt es dicht an die trübe Öllampe.

»Hier habe ich die Adresse – Jakob Shaster, Sheridan Street. Das ist eine Pension, die mir von einem Bekannten in Chicago empfohlen wurde.«

»Mir unbekannt, aber in Vermissa bin ich nicht zu Hause. Ich wohne in Hobsons Patch, wo wir eben einfahren. Vor dem Aussteigen möchte ich Ihnen noch einen guten Rat geben. Wenn Sie in Vermissa in Schwierigkeiten geraten sollten, gehen Sie geradeswegs zum Union-Haus und suchen Meister McGinty auf. Er ist Logenmeister der Loge in Vermissa, und in dieser Gegend hier geschieht nichts, was dem schwarzen Jack McGinty nicht paßt. Auf Wiedersehen, Kamerad. Vielleicht treffen wir uns einmal abends bei einer Logensitzung. Denken Sie an das, was ich Ihnen gesagt habe; wenn Sie in Schwierigkeiten sind, gehen Sie zu Meister McGinty.«

Nachdem Scanlan ausgestiegen war, blieb McMurdo wieder allein mit seinen Gedanken zurück. Die Nacht hatte sich inzwischen herniedergesenkt. Die Flammen der vielen Öfen an beiden Seiten der Bahnstrecke loderten brausend zum Himmel empor. Sie bildeten den grellen Hintergrund dunkler Gestalten, die man in allen möglichen Stellungen sah, gebeugt, hochaufgerichtet, knieend, liegend, ziehend und schlagend. Dazu das Knirschen und Dröhnen der Krane und der Rhythmus dröhnender Hämmer und Maschinen.

»So ähnlich muß es in der Hölle aussehen, glaube ich«, hörte er eine Stimme neben sich.

Als sich McMurdo umwandte, sah er einen der beiden Polizisten, der seinen Platz gewechselt hatte und nun in die flammende Öde hinausstarrte.

»Ich glaube allerdings auch,« sagte der andere Polizist, »daß es in der Hölle nicht viel schlimmer sein kann. Wenn es dort noch größere Bösewichte gibt, als einige hier oben sind, die ich mit Namen nennen könnte, dann will ich mich hängen lassen. Sie sind wohl fremd in dieser Gegend hier, junger Mann?«

»Und wenn schon«, antwortete McMurdo barsch.

»Ich frage darum, mein Lieber, weil ich Ihnen raten möchte, vorsichtig in der Wahl Ihrer Freunde zu sein. Ich würde an Ihrer Stelle nicht mit Michel Scanlan oder einem seiner Bande den Anfang machen.«

»Zum Teufel, was geht denn das Sie an, wer meine Freunde sind?« brauste McMurdo auf, mit einer Stimme, die man im ganzen Wagen von einem bis zum anderen Ende hören konnte. »Habe ich Sie um Rat gebeten und halten Sie mich für so blöd, daß Sie annehmen, ich könne nicht ohne Ihre Ermahnungen fertig werden? Reden Sie, wenn Sie gefragt werden, und, weiß Gott, soweit es auf mich ankommt, können Sie darauf lange warten.«

Mit vorgestrecktem Kopf und gefletschten Zähnen, wie ein knurrender Hund, stierte er die beiden Polizisten an. Diese schwerfälligen, gutmütigen Menschen waren ganz verblüfft über den Ausbruch des Zornes, den ihre freundschaftlichen Bemerkungen hervorgerufen hatten.

»Nichts für ungut, Fremder«, sagte der eine. »Unser Rat war nur zu Ihrem Besten gemeint, da Sie doch hier unbekannt sind, wie Sie sagten.«

»Ich bin zwar hier unbekannt, kenne aber euch und euresgleichen«, schrie McMurdo in voller Wut. »Ihr seid überall die gleichen and drängt einem fortwährend Ratschläge auf, die niemand haben will.«

»Ich glaube, wir werden von Ihnen in nicht allzuferner Zeit noch hören«, sagte einer der beiden Polizeileute grinsend. »Sie scheinen ja ein ganz Ausgekochter zu sein, wenn ich mich nicht täusche.«

»Das kommt auch mir so vor«, bemerkte der andere. »Ich glaube, wir werden bald mit ihm zu tun bekommen.«

»Ich habe keine Angst vor euch, bildet euch das nicht ein«, rief McMurdo. »Ich heiße Jack McMurdo und wenn Ihr etwas von mir wollt, so könnt Ihr mich bei Jakob Shafter in Vermissa, Sheridan-Street, finden. Wie Ihr seht, brauche ich mich vor euch nicht zu verstecken. Ob Tag oder Nacht, ich habe keine Angst, euch in die Augen zu sehen. Das merkt euch.«

Ein beifälliges Murmeln und Äußerungen der Bewunderung über das furchtlose Auftreten des Fremden drangen von den Bergleuten herüber, während die beiden Polizisten sich achselzuckend beschieden, ihr Gespräch miteinander wieder aufzunehmen. Einige Minuten später fuhr der Zug in den trübbeleuchteten Bahnhof ein, und der Aufbruch wurde allgemein, da Vermissa weitaus die größte Station auf der Strecke war. McMurdo ergriff seine lederne Handtasche und war eben im Begriff, in die Dunkelheit hinauszuschreiten, als ihn einer der Bergleute ansprach.

»Zum Teufel, Kamerad, Sie wissen mit diesen Kerls umzugehen«, sagte er mit ehrfürchtiger Scheu in der Stimme. »Es war großartig, Ihnen zuzuhören. Lassen Sie mich Ihnen die Tasche tragen und den Weg zeigen. Ich muß an Shafter vorbei, meine Hütte liegt auf demselben Weg.«

Als sie an den anderen Bergleuten vorbeigingen, wurde ihnen allseitig ein freundliches »Gute Nacht« zugerufen. Bevor noch der ungestüme McMurdo seinen Fuß in Vermissa niedergesetzt hatte, war er schon ein Mann von Ruf geworden.

Wenn schon die Umgegend ein Ort des Grausens war, überbot die Stadt selbst noch das niederdrückende Gefühl, das man von jener empfing. Das Tal draußen entbehrte wenigstens nicht einer gewissen düsteren Größe, durch die mächtigen Feuergarben und Rauchwolken, die vielfachen Anzeichen von Betriebsamkeit und Kraft, denen der Mensch in den gehäuften Bergen von Schlacke passende Denkmäler errichtet hatte. Die Stadt selbst stellte indessen den Höhepunkt schäbiger Häßlichkeit, von Schmutz und Unflat dar. Der Wagenverkehr hatte die breite Straße zu einem bräunlichen, gefurchten Brei von Schmutz und Schnee aufgerührt; die zahlreichen Gaslampen ließen lediglich eine lange Reihe von Holzhäusern, jedes mit einer Veranda davor, alle verlottert und von Schmutz starrend, erkennen. Gegen den Mittelpunkt der Stadt zu wurde der Anblick freundlicher, durch eine Reihe wohlbeleuchteter Läden und eine Gruppe von Likörstuben und Spielklubs, in denen die Bergleute ihre sauer verdienten, aber reichlichen Löhne vergeudeten.

»Das hier ist das Union-Haus«, sagte der Führer, indem er auf ein Gasthaus, das sich fast bis zu der Würde eines Hotels erhob, wies. »Es gehört Jack McGinty.«

»Was für ein Mensch ist das?« fragte McMurdo.

»Was? Haben Sie niemals von ihm gehört?«

»Wie konnte ich. Es ist Ihnen doch bekannt, daß ich hier völlig fremd bin.«

»Nun, ich habe geglaubt, daß sein Name in den ganzen Staaten einen Klang hat. Oft genug war er in den Zeitungen.«

»Weswegen?«

»Nun,« antwortete der Bergmann mit gesenkter Stimme, »wegen dieser Sache.«

»Welcher Sache?«

»Du lieber Gott! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie sind ein komischer Kauz, wie man so sagt. Es gibt nur eine einzige Sache in dieser Gegend, von der man spricht, und das sind die Rächer.«

»Ich glaube, ich habe davon schon in Chicago gehört. Eine Mörderbande, nicht wahr?«

»Ruhig, um des Himmels willen,« rief der Bergmann, der vor Schreck stehen blieb und seinen Begleiter entsetzt anstarrte. »Mensch, Sie werden sich hier nicht lange des Lebens erfreuen, wenn Sie auf offener Straße derartige Redensarten gebrauchen. Gar mancher hat schon wegen weniger daran glauben müssen.«

»Nun, ich weiß von gar nichts und rede nur so, wie ich es gedruckt gesehen habe.«

»Und ich möchte sagen, daß Sie noch lange nicht alles gelesen haben.« Der Mann blickte sich verstohlen um, als er sprach, wie einer, der die Dunkelheit nach lauernden Gefahren durchdringen will. »Wenn jemanden umbringen, Mord ist, dann gibt es hier, weiß Gott, Morde genug. Aber sprechen Sie, um des Himmels willen, den Namen Jack McGinty niemals in Verbindung damit aus, denn, Fremder, so wahr ich hier stehe, jeder Atemzug wird ihm hinterbracht, und er ist nicht der Mann, der jemals ein Auge über etwas zudrückt. Das dort ist das Haus, wohin Sie wollen, jenes, das ein bißchen von der Straße abliegt. In dem alten Jakob Shafter, dem es gehört, werden Sie einen der anständigsten Menschen kennenlernen, die es hier in der Stadt gibt.«

»Besten Dank«, sagte McMurdo.

Nachdem McMurdo die Hand seines neuen Bekannten geschüttelt hatte, stapfte er, die Reisetasche in der Hand, den Pfad entlang, der zu dem Hause führte. Die Tür öffnete sich sofort auf sein kräftiges Pochen, und eine Erscheinung trat in die Türöffnung, die grundverschieden von dem war, was er erwartet hatte.

Es war ein weibliches Wesen, jung, auffallend schön, von skandinavischem Typ, heller Gesichtsfarbe und blondem Haar, zu dem ein Paar schöner dunkler Augen, mit denen sie den Fremden überrascht betrachtete, einen eigenartigen Gegensatz bildete. Eine Blutwelle der Verlegenheit übergoß ihr blasses Gesicht. Wie sie so im Rahmen der Tür stand, glaubte McMurdo, niemals ein reizenderes Bild gesehen zu haben. Die düstere, niederdrückende Umgebung machte es noch anziehender, als es schon an sich war. Ein liebliches Veilchen, auf den schwarzen Schlackenhalden gewachsen, konnte nicht überraschender wirken. Das Bild hielt ihn so im Banne, daß er sie wortlos anstarrte, bis sie endlich das Schweigen brach.

»Ich habe geglaubt, es wäre Vater«, sagte sie mit einem angenehmen, leichten Anflug von schwedischem Akzent. »Wollen Sie ihn sprechen? Er ist unten in der Stadt, aber er muß jede Minute zurück sein.«

McMurdo staunte sie noch immer in offener Bewunderung an, bis sie ihre Augen verwirrt vor dem gebieterisch aussehenden Fremden niederschlug.

»Nein, Fräulein«, sagte er endlich. »Ich habe es nicht eilig damit. Ihr Haus wurde mir empfohlen. Ich dachte mir schon, daß es mir gefallen würde, aber jetzt weiß ich es.«

»Sie wissen es etwas schnell«, sagte sie schelmisch.

»Das muß man, wenn man nicht blind ist«, gab er zurück.

Sie lächelte geschmeichelt über das Kompliment.

»Treten Sie, bitte, näher«, sagte sie. »Ich bin Ettie Shafter, Mr. Shafters Tochter. Meine Mutter ist tot, und ich führe hier die Wirtschaft. Sie können beim Ofen sitzen, hier im Vorderzimmer, bis Vater zurückkommt. Da ist er schon, nun können Sie gleich alles mit ihm besprechen.«

Ein schwerfälliger, älterer Mann kam langsam den Pfad herauf. Einige Augenblicke genügten McMurdo, sich einzuführen. Er habe die Adresse von einem Freund in Chicago, Namens Murphy, erhalten, der sie wieder von jemandem anderen hatte. Shafter hatte keine Einwendungen. Der Fremde war mit dem Preis einverstanden, stimmte allen Bedingungen zu und schien über genügend Geldmittel zu verfügen. Für zwölf Dollar wöchentlich, vorauszahlbar, konnte er Zimmer und Verpflegung haben. Auf diese Weise geschah es, daß McMurdo, der sich als einen Flüchtling vor dem Gesetz bezeichnet hatte, sein Heim unter dem Dach von Shafter aufschlug und damit den ersten Schritt zu einer langen Folge düsterer Ereignisse machte, die viel später in einem fernen Lande enden sollten.

EPUB

Download als ePub

Downloaden sie das eBook als EPUB. Geeignet für alle SmartPhones, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit EPUB zurechtkommen.

PDF

Download als PDF

Downloaden sie das eBook als PDF.
Geeignet für alle PC, Tablets und sonst. Lesegeräte, die mit PDF zurechtkommen.

Gratis + Sicher

    Viren- und Trojanergeprüft
    ohne eMailadresse
    ohne Anmeldung
    ohne Wartezeit
    Werbefreie Downloads