Roman

Amerika Kapitel 14

Karl war ihnen dankbar, daß sie auf dem Weitermarsch keine Bemerkungen über das Geld machten, und er dachte sogar eine Zeitlang daran, ihnen sein ganzes Vermögen einzugestehen, unterließ das aber doch, da sich keine rechte Gelegenheit fand. Gegen Abend kamen sie in eine mehr ländliche, fruchtbare Gegend. Ringsherum sah man ungeteilte Felder, die sich in ihrem ersten Grün über sanfte Hügel legten, reiche Landsitze umgrenzten die Straße, und stundenlang ging man zwischen den vergoldeten Gittern der Gärten, mehrmals kreuzten sie den gleichen langsam fließenden Strom und vielemal hörten sie über sich die Eisenbahnzüge auf den hoch sich schwingenden Viadukten donnern.

Eben ging die Sonne an dem geraden Rande ferner Wälder nieder, als sie sich auf einer Anhöhe inmitten einer kleinen Baumgruppe ins Gras hinwerfen, um sich von den Strapazen auszuruhen. Delamarche und Robinson lagen da und streckten sich nach Kräften. Karl saß aufrecht und sah auf die ein paar Meter tiefer führende Straße, auf der immer wieder Automobile, wie schon während des ganzen Tages, leicht aneinander vorübereilten, als würden sie in genauer Anzahl immer wieder von der Ferne abgeschickt und in der gleichen Anzahl in der anderen Ferne erwartet. Während des ganzen Tages seit dem frühesten Morgen hatte Karl kein Automobil halten, keinen Passagier aussteigen gesehen.

Robinson machte den Vorschlag, die Nacht hier zu verbringen, da sie alle genügend müde wären, da sie dann desto früher ausmarschieren könnten und da sie schließlich kaum ein billigeres und besser gelegenes Nachtlager vor Einbruch völliger Dunkelheit finden könnten. Delamarche war einverstanden, und nur Karl glaubte zu der Bemerkung verpflichtet zu sein, daß er Geld genug habe, um das Nachtlager für alle auch in einem Hotel zu bezahlen. Delamarche sagte, sie würden das Geld noch brauchen, er solle es nur gut aufheben. Delamarche verbarg nicht im geringsten, daß man mit Karls Geld schon rechnete. Da sein erster Vorschlag angenommen war, erklärte nun Robinson weiter, nun müßten sie aber vor dem Schlafen, um sich für morgen zu kräftigen, etwas Tüchtiges essen, und einer solle das Essen für alle aus dem Hotel holen, das in nächster Nähe an der Landstraße mit der Aufschrift »Hotel Occidental« leuchtete. Als der Jüngste, und da sich auch sonst niemand meldete, zögerte Karl nicht, sich für diese Besorgung anzubieten, und ging, nachdem er eine Bestellung auf Speck, Brot und Bier erhalten hatte, ins Hotel hinüber.

Es mußte eine große Stadt in der Nähe sein, denn gleich der erste Saal des Hotels, den Karl betrat, war von einer lauten Menge erfüllt, und an dem Büfett, das sich an einer Längswand und an den zwei Seitenwänden hinzog, liefen unaufhörlich viele Kellner mit weißen Schürzen vor der Brust und konnten doch die ungeduldigen Gäste nicht zufriedenstellen, denn immer wieder hörte man an den verschiedensten Stellen Flüche und Fäuste, die auf den Tisch schlugen. Karl wurde von niemandem beachtet; es gab auch im Saale selbst keine Bedienung, die Gäste, die an winzigen, bereits zwischen drei Tischnachbarn verschwindenden Tischen saßen, holten alles, was sie wünschten, beim Büfett. Auf allen Tischchen stand eine große Flasche mit Öl, Essig oder dergleichen, und alle Speisen, die vom Büfett geholt wurden, wurden vor dem Essen aus dieser Flasche übergossen. Wollte Karl überhaupt erst zum Büfett kommen, wo ja dann wahrscheinlich, besonders bei seiner großen Bestellung, die Schwierigkeiten erst beginnen würden, mußte er sich zwischen vielen Tischen durchdrängen, was natürlich bei aller Vorsicht nicht ohne grobe Belästigung der Gäste durchzuführen war, die jedoch alles wie gefühllos hinnahmen, selbst als Karl einmal, allerdings gleichfalls von einem Gast, gegen ein Tischchen gestoßen wurde, das er fast umgeworfen hätte. Er entschuldigte sich zwar, wurde aber offenbar nicht verstanden, verstand übrigens auch nicht das geringste von dem, was man ihm zurief.

Beim Büfett fand er mit Mühe ein kleines freies Plätzchen, auf dem ihm eine lange Weile die Aussicht durch die aufgestützten Ellbogen seiner Nachbarn genommen war. Es schien hier überhaupt eine Sitte, die Ellbogen aufzustützen und die Faust an die Schläfe zu drücken; Karl mußte daran denken, wie der Lateinprofessor Dr. Krumpal gerade diese Haltung gehaßt hatte und wie er immer heimlich und unversehens herangekommen war und mittels eines plötzlich erscheinenden Lineals mit scherzhaftem Ruck die Ellbogen von den Tischen gestreift hatte.

Karl stand eng ans Büfett gedrängt, denn kaum hatte er sich angestellt, war hinter ihm ein Tisch aufgestellt worden, und der eine der dort sich niederlassenden Gäste streifte schwer, wenn er sich nur ein wenig beim Reden zurückbog, mit seinem großen Hut Karls Rücken. Und dabei war so wenig Hoffnung, vom Kellner etwas zu bekommen, selbst als die beiden plumpen Nachbarn befriedigt weggegangen waren. Einigemal hatte Karl einen Kellner über den Tisch hin bei der Schürze gefaßt, aber immer hatte sich der mit verzerrtem Gesicht losgerissen. Keiner war zu halten, sie liefen nur und liefen nur. Wenn wenigstens in der Nähe Karls etwas Passendes zum Essen und Trinken gewesen wäre, er hätte es genommen, sich nach dem Preis erkundigt, das Geld hingelegt und wäre mit Freude weggegangen. Aber gerade vor ihm lagen nur Schüsseln mit heringartigen Fischen, deren schwarze Schuppen am Rande goldig glänzten. Die konnten sehr teuer sein und würden wahrscheinlich niemanden sättigen. Außerdem waren kleine Fäßchen mit Rum erreichbar, aber Rum wollte er seinen Kameraden nicht bringen, sie schienen schon sowieso bei jeder Gelegenheit nur auf den konzentriertesten Alkohol auszugehen und darin wollte er sie nicht noch unterstützen.

Es blieb also Karl nichts übrig, als einen anderen Platz zu suchen und mit seinen Bemühungen von vorne anzufangen. Nun aber war auch schon die Zeit sehr vorgerückt. Die Uhr am anderen Ende des Saales, deren Zeiger man bei scharfem Hinsehen durch den Rauch gerade noch erkennen konnte, zeigte schon neun vorüber. Anderswo am Büfett war aber das Gedränge noch größer als an dem früheren, ein wenig abgelegenen Platz. Außerdem füllte sich der Saal desto mehr, je später es wurde. Immer wieder zogen durch die Haupttüre mit großem Hallo neue Gäste ein. An manchen Stellen räumten Gäste selbstherrlich das Büfett ab und setzten sich aufs Pult und tranken einander zu, es waren die besten Plätze, man übersah den ganzen Saal.

Karl drängte sich zwar noch weiter durch, aber eine eigentliche Hoffnung, etwas zu erreichen, hatte er nicht mehr. Er machte sich Vorwürfe darüber, daß er, der die hiesigen Verhältnisse nicht kannte, sich zu dieser Besorgung angeboten hatte. Seine Kameraden würden ihn mit vollem Rechte auszanken und gar noch denken, daß er, nur um Geld zu sparen, nichts mitgebracht hatte. Nun stand er gar in einer Gegend, wo ringsherum an den Tischen warme Fleischspeisen mit schönen, gelben Kartoffeln gegessen wurden; es war ihm unbegreiflich, wie sich die Leute das verschafft hatten.

Da sah er ein paar Schritte vor sich eine ältere, offenbar zum Hotelpersonal gehörige Frau, die lachend mit einem Gaste redete. Dabei arbeitete sie fortwährend mit einer Haarnadel in ihrer Frisur herum. Sofort war Karl entschlossen, seine Bestellung bei dieser Frau vorzubringen, schon weil sie ihm als die einzige Frau im Saal eine Ausnahme vom allgemeinen Lärm und Jagen bedeutete und dann auch aus dem einfachen Grunde, weil sie die einzige Hotelangestellte war, die man erreichen konnte, vorausgesetzt allerdings, daß sie nicht beim ersten Wort, das er an sie richten würde, in Geschäften fortlief. Aber ganz das Gegenteil trat ein. Karl hatte sie noch gar nicht angeredet, sondern nur ein wenig belauert, als sie, wie man eben manchmal mitten im Gespräch beiseiteschaut, zu Karl hinsah und ihn, ihre Rede unterbrechend, freundlich und in einem Englisch, klar wie die Grammatik, fragte, ob er etwas suche.

»Allerdings«, sagte Karl, »Ich kann hier gar nichts bekommen.«

»Dann kommen Sie mit mir, Kleiner«, sagte sie, verabschiedete sich von ihrem Bekannten, der seinen Hut abnahm, was hier wie unglaubliche Höflichkeit erschien, faßte Karl bei der Hand, ging zum Büfett, schob einen Gast beiseite, öffnete eine Klapptüre im Pult, durchquerte den Gang hinter dem Pult, wo man sich vor den unermüdlich laufenden Kellnern in acht nehmen mußte, öffnete eine zweite Tapetentüre, und schon befanden sie sich in großen, kühlen Vorratskammern. ›Man muß eben den Mechanismus kennen‹, sagte sich Karl.

»Also, was wollen Sie denn?« fragte sie und beugte sich dienstbereit zu ihm herab. Sie war sehr dick, ihr Leib schaukelte sich, aber ihr Gesicht hatte eine, natürlich im Verhältnis, fast zarte Bildung. Karl war fast versucht, im Anblick der vielen Eßwaren, die hier sorgfältig in Regalen und auf Tischen aufgerichtet lagen, für seine Bestellung rasch ein feineres Nachtessen auszudenken, besonders da er erwarten konnte, von dieser einflußreichen Frau billiger bedient zu werden, schließlich aber nannte er doch wieder, da ihm nichts Passendes einfiel, nur Speck, Brot und Bier.

»Nichts weiter?« fragte die Frau.

»Nein danke«, sagte Karl, »aber für drei Personen.«

Auf die Frage der Frau nach den beiden anderen erzählte Karl in ein paar kurzen Worten von seinen Kameraden, es machte ihm Freude, ein wenig ausgefragt zu werden.

»Aber das ist ja ein Essen für Sträflinge«, sagte die Frau und erwartete nun offenbar weitere Wünsche Karls. Dieser aber fürchtete nun, sie werde ihn beschenken und kein Geld annehmen wollen, und schwieg deshalb. »Das werden wir gleich zusammengestellt haben«, sagte die Frau, ging mit einer bei ihrer Dicke bewunderungswerten Beweglichkeit zu einem Tisch hin, schnitt mit einem langen, dünnen, sägeblattartigen Messer ein großes Stück mit viel Fleisch durchwachsenen Specks ab, nahm aus einem Regal einen Laib Brot, hob vom Boden drei Flaschen Bier auf und legte alles in einen leichten Strohkorb, den sie Karl reichte. Zwischendurch erklärte sie Karl, sie habe ihn deshalb hierhergeführt, weil die Eßwaren draußen auf dem Büfett im Rauch und in den vielen Ausdünstungen trotz dem schnellen Verbrauch immer die Frische verlieren. Für die Leute draußen sei aber alles gut genug. Karl sagte nun gar nichts mehr, denn er wußte nicht, wodurch er diese auszeichnende Behandlung verdiene. Er dachte an seine Kameraden, die vielleicht, so gute Kenner Amerikas sie auch waren, doch nicht bis in diese Vorratskammer gedrungen wären und sich mit den verdorbenen Eßwaren auf dem Büfett hätten begnügen müssen. Man hörte hier keinen Laut aus dem Saal, die Mauern mußten sehr dick sein, um diese Gewölbe genügend kühl zu erhalten. Karl hatte schon den Strohkorb ein Weilchen lang in der Hand, dachte aber nicht ans Zahlen und rührte sich auch nicht. Nur als die Frau noch nachträglich eine Flasche, ähnlich denen, die draußen auf den Tischen standen, in den Korb legen wollte, dankte er schaudernd.

»Haben Sie noch einen weiten Marsch?« fragte die Frau.

»Bis nach Butterford«, antwortete Karl.

«Das ist noch sehr weit«, sagte die Frau.

»Noch eine Tagereise«, sagte Karl.

»Nicht weiter?« fragte die Frau.

»O nein«, sagte Karl.

Die Frau rückte einige Sachen auf den Tischen zurecht, ein Kellner kam herein, schaute suchend herum, wurde dann von der Frau auf eine große Schüssel, in der ein breiter, mit ein wenig Petersilie bestreuten Haufen von Sardinen lag, hingewiesen und trug dann diese Schüssel in den erhobenen Händen in den Saal hinaus.

»Warum wollen Sie denn eigentlich im Freien übernachten?« fragte die Frau. »Wir haben hier Platz genug. Schlafen Sie bei uns im Hotel.«

Das war für Karl sehr verlockend, besonders da er die vorige Nacht so schlecht verbracht hatte.

»Ich habe mein Gepäck draußen«, sagte er zögernd und nicht ganz ohne Eitelkeit.

»Das bringen Sie nur her«, sagte die Frau, »das ist kein Hindernis.«

»Aber meine Kameraden!« sagte Karl und merkte sofort, daß die allerdings ein Hindernis waren.

»Die dürfen natürlich auch hier übernachten«, sagte die Frau.

»Kommen Sie nur! Lassen Sie sich nicht so bitten.«

»Meine Kameraden sind im übrigen brave Leute,« sagte Karl, »aber sie sind nicht rein.«

»Haben Sie den Schmutz im Saal nicht gesehen?« fragte die Frau und verzog das Gesicht. »Zu uns kann wirklich der Ärgste kommen. Ich werde also gleich drei Betten vorbereiten lassen. Allerdings nur auf dem Dachboden, denn das Hotel ist vollbesetzt, ich bin auch auf den Dachboden übersiedelt, aber besser als im Freien ist es jedenfalls.«

»Ich kann meine Kameraden nicht mitbringen,« sagte Karl. Er stellte sich vor, welchen Lärm die beiden auf den Gängen dieses feinen Hotels machen würden; Robinson würde alles verunreinigen und Delamarche unfehlbar selbst diese Frau belästigen.

»Ich weiß nicht, warum das unmöglich sein soll,« sagte die Frau, »aber wenn Sie es so wollen, dann lassen Sie eben Ihre Kameraden draußen und kommen allein zu uns.«

»Das geht nicht, das geht nicht«, sagte Karl, »es sind meine Kameraden und ich muß bei ihnen bleiben.«

»Sie sind starrköpfig«, sagte die Frau und sah von ihm weg, »man meint es gut mit Ihnen, möchte Ihnen gern behilflich sein, und Sie wehren sich mit allen Kräften.«

Karl sah das alles ein, aber er wußte keinen Ausweg, so sagte er nur noch: »Meinen besten Dank für Ihre Freundlichkeit.«

Dann erinnerte er sich daran, daß er noch nicht gezahlt hatte, und fragte nach dem schuldigen Betrag.

»Zahlen Sie das erst, wenn Sie mir den Strohkorb zurückbringen«, sagte die Frau. »Spätestens morgen früh muß ich ihn haben.«

»Bitte«, sagte Karl. Sie öffnete eine Türe, die geradewegs ins Freie führte, und sagte noch, während er mit einer Verbeugung hinaustrat: » Gute Nacht, Sie handeln aber nicht recht.« Er war schon ein paar Schritte weit, da rief sie ihm noch nach: »Auf Wiedersehen morgen!«

Kaum war er draußen, hörte er auch schon wieder aus dem Saal den ungeschwächten Lärm, in den sich jetzt auch Klänge eines Blasorchesters mischten. Er war froh, daß er nicht durch den Saal hatte hinausgehen müssen. Das Hotel war jetzt in allen seinen fünf Stockwerken beleuchtet und machte die Straße davor in ihrer ganzen Breite hell. Noch immer fuhren draußen, wenn auch schon in unterbrochener Folge, Automobile, rascher aus der Ferne her anwachsend als bei Tage, tasteten mit den weißen Strahlen ihrer Laternen den Boden der Straße ab, kreuzten mit erblassenden Lichtern die Lichtzone des Hotels und eilten aufleuchtend in das weitere Dunkel.

Amerika Kapitel 15

Die Kameraden fand Karl schon in tiefem Schlaf, er war aber auch zu lange ausgeblieben. Gerade wollte er das Mitgebrachte appetitlich auf Papiere ausbreiten, die er im Korb vorfand, um erst, wenn alles fertig wäre, die Kameraden zu wecken, als er zu seinem Schrecken seinen Koffer, den er abgesperrt zurückgelassen hatte und dessen Schlüssel er in der Tasche trug, vollständig geöffnet sah, während der halbe Inhalt ringsherum im Gras verstreut war.

»Steht auf!« rief er. »Ihr schlaft, und inzwischen waren Diebe da.«

»Fehlt denn etwas?« fragte Delamarche. Robinson war noch nicht ganz wach und griff schon nach dem Bier.

»Ich weiß nicht«, rief Karl, »aber der Koffer ist offen. Das ist doch eine Unvorsichtigkeit, sich schlafen zu legen und den Koffer hier frei stehen zu lassen.«

Delamarche und Robinson lachten, und der erstere sagte: »Sie dürfen eben nächstens nicht so lange fortbleiben. Das Hotel ist zehn Schritte entfernt, und Sie brauchen zum Hin- und Herweg drei Stunden. Wir haben Hunger gehabt, haben gedacht, daß Sie in Ihrem Koffer etwas zum Essen haben könnten, und haben das Schloß so lange gekitzelt, bis es sich aufgemacht hat. Im übrigen war ja gar nichts darin, und Sie können alles wieder ruhig einpacken.«

»So«, sagte Karl, starrte in den rasch sich leerenden Korb und horchte auf das eigentümliche Geräusch, das Robinson beim Trinken hervorbrachte, da ihm die Flüssigkeit zuerst weit in die Gurgel eindrang, dann aber mit einer Art Pfeifen wieder zurückschnellte, um erst dann in großem Erguß in die Tiefe zu rollen.

»Haben Sie schon zu Ende gegessen?« fragte er, als sich die beiden einen Augenblick verschnauften.

»Haben Sie denn nicht schon im Hotel gegessen?« fragte Delamarche, der glaubte, Karl beanspruche seinen Anteil.

»Wenn Sie noch essen wollen, dann beeilen Sie sich«, sagte Karl und ging zu seinem Koffer.

»Der scheint Launen zu haben«, sagte Delamarche zu Robinson.

»Ich habe keine Launen«, sagte Karl, »aber ist das vielleicht recht, in meiner Abwesenheit meinen Koffer aufzubrechen und meine Sachen herauszuwerfen? Ich weiß, man muß unter Kameraden manches dulden, und ich habe mich auch darauf vorbereitet, aber das ist zu viel. Ich werde im Hotel übernachten und gehe nicht nach Butterford. Essen Sie rasch auf, ich muß den Korb zurückgeben.«

»Siehst du, Robinson, so spricht man«, sagte Delamarche, »das ist die feine Redeweise. Er ist eben ein Deutscher. Du hast mich früh vor ihm gewarnt, aber ich bin ein guter Narr gewesen und habe ihn doch mitgenommen. Wir haben ihm unser Vertrauen geschenkt, haben ihn einen ganzen Tag mit uns geschleppt, haben dadurch zumindest einen halben Tag verloren und jetzt – weil ihn dort im Hotel irgend jemand gelockt hat – verabschiedet er sich, verabschiedet sich einfach. Aber weil er ein falscher Deutscher ist, tut er dies nicht offen, sondern sucht sich den Vorwand mit dem Koffer, und weil er ein grober Deutscher ist, kann er nicht weggehen, ohne uns in unserer Ehre zu beleidigen und uns Diebe zu nennen, weil wir mit seinem Koffer einen kleinen Scherz gemacht haben.«

Karl, der seine Sachen packte, ohne sich umzuwenden: »Reden Sie nur so weiter und erleichtern Sie mir das Weggehen. Ich weiß ganz gut, was Kameradschaft ist. Ich habe in Europa auch Freunde gehabt, und keiner kann mir vorwerfen, daß ich mich falsch oder gemein gegen ihn benommen hätte. Wir sind jetzt natürlich außer Verbindung, aber wenn ich noch einmal nach Europa zurückkommen sollte, werden mich alle gut aufnehmen und mich sofort als ihren Freund anerkennen. Und Sie, Delamarche, und Sie, Robinson, Sie hätte ich verraten sollen, da Sie doch, was ich niemals vertuschen werde, so freundlich waren, sich meiner anzunehmen und mir eine Lehrlingsstelle in Butterford in Aussicht zu stellen? Aber es ist etwas anderes. Sie haben nichts, und das erniedrigt Sie in meinen Augen nicht im geringsten, aber Sie mißgönnen mir meinen kleinen Besitz und suchen mich deshalb zu demütigen, das kann ich nicht aushalten. Und nun, nachdem Sie meinen Koffer aufgebrochen haben, entschuldigen Sie sich mit keinem Wort, sondern beschimpfen mich noch und beschimpfen weiter mein Volk – damit nehmen Sie mir aber auch jede Möglichkeit, bei Ihnen zu bleiben. Übrigens gilt das alles nicht eigentlich von Ihnen, Robinson. Gegen Ihren Charakter habe ich nur einzuwenden, daß Sie von Delamarche zu sehr abhängig sind.«

»Da sehen wir ja«, sagte Delamarche, indem er zu Karl trat und ihm einen leichten Stoß gab, wie um ihn aufmerksam zu machen, »da sehen wir ja, wie Sie sich entpuppen. Den ganzen Tag sind Sie hinter mir gegangen, haben sich an meinem Rock gehalten, haben mir jede Bewegung nachgemacht und waren sonst still wie ein Mäuschen. Jetzt aber, da Sie im Hotel irgendeinen Rückhalt spüren, fangen Sie große Reden zu halten an. Sie sind ein kleiner Schlaumeier, und ich weiß noch gar nicht, ob wir das so ruhig hinnehmen werden. Ob wir nicht das Lehrgeld für das verlangen werden, was Sie uns während des Tages abgeschaut haben. Du, Robinson, wir beneiden ihn – meint er – um seinen Besitz. Ein Tag Arbeit in Butterford – von Kalifornien gar nicht zu reden –, und wir haben zehnmal mehr, als Sie uns gezeigt haben und als Sie in Ihrem Rockfutter noch versteckt haben mögen. Also, nur immer Achtung aufs Maul!«

Karl hatte sich vom Koffer erhoben und sah nun auch den verschlafenen, aber vom Bier ein wenig belebten Robinson herankommen. »Wenn ich noch lange hierbleibe«, sagte er, »könnte ich vielleicht noch weitere Überraschungen erleben. Sie scheinen Lust zu haben, mich durchzuprügeln.«

»Alle Geduld hat ein Ende«, sagte Robinson.

»Sie schweigen besser, Robinson«, sagte Karl, ohne Delamarche aus den Augen zu lassen, »im Innern geben Sie mir ja doch recht, aber nach außen müssen Sie es mit Delamarche halten!«

»Wollen Sie ihn vielleicht bestechen?« fragte Delamarche.

»Fällt mir nicht ein«, sagte Karl. »Ich bin froh, daß ich fortgehe, und ich will mit keinem von Ihnen mehr etwas zu tun haben. Nur eines will ich noch sagen, Sie haben mir den Vorwurf gemacht, daß ich Geld besitze und es vor Ihnen versteckt habe. Angenommen, daß es wahr ist, war es nicht sehr richtig Leuten gegenüber gehandelt, die ich erst ein paar Stunden kannte, und bestätigen Sie nicht noch durch Ihr jetziges Benehmen die Richtigkeit einer derartigen Handlungsweise?«

»Bleib ruhig«, sagte Delamarche zu Robinson, obwohl sich dieser nicht rührte. Dann fragte er Karl. »Da Sie so unverschämt aufrichtig sind, so treiben Sie doch, da wir ja so gemütlich beisammenstehen, diese Aufrichtigkeit noch weiter und gestehen Sie ein, warum Sie eigentlich ins Hotel wollen.« Karl mußte einen Schritt über den Koffer hinweg machen, so nahe war Delamarche an ihn herangetreten. Aber Delamarche ließ sich dadurch nicht beirren, schob den Koffer beiseite, machte einen Schritt vorwärts, wobei er den Fuß auf ein weißes Vorhemd setzte, das im Gras liegengeblieben war, und wiederholte seine Frage.

Wie zur Antwort stieg von der Straße her ein Mann mit einer stark leuchtenden Taschenlampe zu der Gruppe herauf. Es war ein Kellner aus dem Hotel. Kaum hatte er Karl erblickt, sagte er: »Ich suche Sie schon fast eine halbe Stunde. Alle Böschungen auf beiden Straßenseiten habe ich schon abgesucht. Die Frau Oberköchin läßt Ihnen nämlich sagen, daß sie den Strohkorb, den sie Ihnen geborgt hat, dringend braucht.«

»Hier ist er«, sagte Karl mit einer vor Aufregung unsicheren Stimme. Delamarche und Robinson waren in scheinbarer Bescheidenheit beiseitegetreten, wie sie es vor fremden gutgestellten Leuten immer machten. Der Kellner nahm den Korb an sich und sagte: »Dann läßt Sie die Frau Oberköchin fragen, ob Sie es sich nicht überlegt haben und doch vielleicht im Hotel übernachten wollten. Auch die beiden anderen Herren wären willkommen, wenn Sie sie mitnehmen wollen. Die Betten sind schon vorbereitet. Die Nacht ist ja heute warm, aber hier, auf der Lehne, ist es durchaus nicht ungefährlich zu schlafen, man findet öfters Schlangen.«

»Da die Frau Oberköchin so freundlich ist, werde ich ihre Einladung doch annehmen«, sagte Karl und wartete auf eine Äußerung seiner Kameraden. Aber Robinson stand stumpf da, und Delamarche hatte die Hände in den Hosentaschen und schaute zu den Sternen hinauf. Beide bauten offenbar darauf, daß Karl sie ohne weiteres mitnehmen werde.

»Für diesen Fall«, sagte der Kellner, »habe ich den Auftrag, Sie ins Hotel zu führen und Ihr Gepäck zu tragen.«

»Dann warten Sie, bitte, noch einen Augenblick«, sagte Karl und bückte sich, um die paar Sachen, die noch herumlagen, in den Koffer zu legen.

Plötzlich richtete er sich auf. Die Photographie fehlte, sie war ganz oben im Koffer gelegen und war nirgends zu finden. Alles war vollständig, nur die Photographie fehlte. »Ich kann die Photographie nicht finden«, sagte er bittend zu Delamarche.

»Welche Photographie?« fragte dieser.

»Die Photographie meiner Eltern«, sagte Karl.

»Wir haben keine Photographie gesehen«, sagte Delamarche.

»Es war keine Photographie darin, Herr Roßmann,« bestätigte auch Robinson von seiner Seite.

»Aber das ist doch unmöglich«, sagte Karl, und seine hilfesuchenden Blicke zogen den Kellner näher. »Sie lag obenauf und jetzt ist sie weg. Wenn Sie doch lieber den Spaß mit dem Koffer nicht gemacht hätten!«

»Jeder Irrtum ist ausgeschlossen«, sagte Delamarche, »in dem Koffer war keine Photographie.«

»Sie war mir wichtiger als alles, was ich sonst im Koffer habe«, sagte Karl zum Kellner, der herumging und im Grase suchte. »Sie ist nämlich unersetzlich, ich bekomme keine zweite.« Und als der Kellner von dem aussichtslosen Suchen abließ, sagte er noch: »Es war das einzige Bild, das ich von meinen Eltern besaß.«

Daraufhin sagte der Kellner laut, ohne jede Beschönigung: »Vielleicht könnten wir noch die Taschen der Herren untersuchen.«

»Ja«, sagte Karl sofort, »ich muß die Photographie finden. Aber ehe ich die Taschen durchsuche, sage ich noch, daß, wer mir die Photographie freiwillig gibt, den ganzen gefüllten Koffer bekommt.« Nach einem Augenblick allgemeiner Stille sagte Karl zum Kellner: »Meine Kameraden wollen also offenbar die Taschendurchsuchung. Aber selbst jetzt verspreche ich sogar demjenigen, in dessen Tasche die Photographie gefunden wird, den ganzen Koffer. Mehr kann ich nicht tun.«

Sofort machte sich der Kellner daran, Delamarche zu untersuchen, der ihm schwieriger zu behandeln schien als Robinson, den er Karl überließ. Er machte Karl darauf aufmerksam, daß beide gleichzeitig untersucht werden müßten, da sonst einer unbeobachtet die Photographie beiseiteschaffen könnte. Gleich beim ersten Griff fand Karl in Robinsons Tasche eine ihm gehörige Krawatte, aber er nahm sie nicht an sich und rief dem Kellner zu: »Was Sie bei Delamarche auch finden mögen, lassen Sie ihm, bitte, alles. Ich will nichts als die Photographie, nur die Photographie.«

Beim Durchsuchen der Brusttaschen gelangte Karl mit der Hand an die heiße, fettige Brust Robinsons, und es kam ihm zu Bewußtsein, daß er an seinen Kameraden vielleicht ein großes Unrecht begehe. Er beeilte sich nun nach Möglichkeit. Im übrigen war alles umsonst, weder bei Robinson noch bei Delamarche fand sich die Photographie vor.

»Es hilft nichts«, sagte der Kellner.

»Sie haben wahrscheinlich die Photographie zerrissen und die Stücke weggeworfen«, sagte Karl. »Ich dachte, sie wären Freunde, aber im geheimen wollten sie mir nur schaden. Nicht eigentlich Robinson, der wäre gar nicht auf den Einfall gekommen, daß die Photographie solchen Wert für mich hat, aber desto mehr Delamarche.« Karl sah nur den Kellner vor sich, dessen Laterne einen kleinen Kreis beleuchtete, während alles sonst, auch Delamarche und Robinson, in tiefem Dunkel war.

Es war natürlich gar nicht mehr die Rede davon, daß die beiden in das Hotel mitgenommen werden könnten. Der Kellner schwang den Koffer auf die Achsel, Karl nahm den Strohkorb, und sie gingen. Karl war schon auf der Straße, als er, im Nachdenken sich unterbrechend, stehenblieb und in das Dunkel hinaufrief: »Hören Sie einmal, sollte doch einer von Ihnen die Photographie noch haben und mir ins Hotel bringen wollen – er bekommt den Koffer noch immer und wird, ich schwöre es, nicht angezeigt.« Es kam keine eigentliche Antwort herunter, nur ein abgerissenes Wort war zu hören, der Beginn eines Zurufs Robinsons, dem aber offenbar Delamarche sofort den Mund stopfte. Noch eine lange Weile wartete Karl, ob man sich oben nicht doch noch anders entscheiden würde. Zweimal rief er in Abständen: »Ich bin noch immer da!« Aber kein Laut antwortete, nur einmal rollte ein Stein den Abhang herab, vielleicht durch Zufall, vielleicht in einem verfehlten Wurf.

Amerika Kapitel 1


Der Heizer

Als der sechzehnjährige Karl Roßmann, der von seinen armen Eltern nach Amerika geschickt worden war, weil ihn ein Dienstmädchen verführt und ein Kind von ihm bekommen hatte, in dem schon langsam gewordenen Schiff in den Hafen von New York einfuhr, erblickte er die schon längst beobachtete Statue der Freiheitsgöttin wie in einem plötzlich stärker gewordenen Sonnenlicht. Ihr Arm mit dem Schwert ragte wie neuerdings empor, und um ihre Gestalt wehten die freien Lüfte.

›So hoch!‹ sagte er sich und wurde, wie er so gar nicht an das Weggehen dachte, von der immer mehr anschwellenden Menge der Gepäckträger, die an ihm vorüberzogen, allmählich bis an das Bordgeländer geschoben.

Ein junger Mann, mit dem er während der Fahrt flüchtig bekannt geworden war, sagte im Vorübergehen: »Ja, haben Sie denn noch keine Lust, auszusteigen?« »Ich bin doch fertig«, sagte Karl, ihn anlachend, und hob aus Übermut, und weil er ein starker Junge war, seinen Koffer auf die Achsel. Aber wie er über seinen Bekannten hinsah, der ein wenig seinen Stock schwenkend sich schon mit den andern entfernte, merkte er bestürzt, daß er seinen eigenen Regenschirm unten im Schiff vergessen hatte. Er bat schnell den Bekannten, der nicht sehr beglückt schien, um die Freundlichkeit, bei seinem Koffer einen Augenblick zu warten, überblickte noch die Situation, um sich bei der Rückkehr zurechtzufinden, und eilte davon. Unten fand er zu seinem Bedauern einen Gang, der seinen Weg sehr verkürzt hätte, zum erstenmal versperrt, was wahrscheinlich mit der Ausschiffung sämtlicher Passagiere zusammenhing, und mußte Treppen, die einander immer wieder folgten, durch fortwährend abbiegende Korridore, durch ein leeres Zimmer mit einem verlassenen Schreibtisch mühselig suchen, bis er sich tatsächlich, da er diesen Weg nur ein- oder zweimal und immer in größerer Gesellschaft gegangen war, ganz und gar verirrt hatte. In seiner Ratlosigkeit und da er keinen Menschen traf und nur immerfort über sich das Scharren der tausend Menschenfüße hörte und von der Ferne, wie einen Hauch, das letzte Arbeiten der schon eingestellten Maschinen merkte, fing er, ohne zu überlegen, an eine beliebige kleine Tür zu schlagen an, bei der er in seinem Herumirren stockte.

»Es ist ja offen«, rief es von innen, und Karl öffnete mit ehrlichem Aufatmen die Tür. »Warum schlagen Sie so verrückt auf die Tür?« fragte ein riesiger Mann, kaum daß er nach Karl hinsah. Durch irgendeine Oberlichtluke fiel ein trübes, oben im Schiff längst abgebrauchtes Licht in die klägliche Kabine, in welcher ein Bett, ein Schrank, ein Sessel und der Mann knapp nebeneinander, wie eingelagert, standen. »Ich habe mich verirrt«, sagte Karl, »Ich habe es während der Fahrt gar nicht so bemerkt, aber es ist ein schrecklich großes Schiff.« »Ja, da haben Sie recht«, sagte der Mann mit einigem Stolz und hörte nicht auf, an dem Schloß eines kleinen Koffers zu hantieren, den er mit beiden Händen immer wieder zudrückte, um das Einschnappen des Riegels zu behorchen. »Aber kommen Sie doch herein!« sagte der Mann weiter, »Sie werden doch nicht draußen stehn!« »Störe ich nicht?« fragte Karl. »Ach, wie werden Sie denn stören!« »Sind Sie ein Deutscher?« suchte sich Karl noch zu versichern, da er viel von den Gefahren gehört hatte, welche besonders von Irländern den Neuankömmlingen in Amerika drohen. »Bin ich, bin ich«, sagte der Mann. Karl zögerte noch. Da faßte unversehens der Mann die Türklinke und schob mit der Türe, die er rasch schloß, Karl zu sich herein. »Ich kann es nicht leiden, wenn man mir vom Gang hereinschaut«, sagte der Mann, der wieder an seinem Koffer arbeitete, »da läuft jeder vorbei und schaut herein, das soll der Zehnte aushalten!« »Aber der Gang ist doch ganz leer«, sagte Karl, der unbehaglich an den Bettpfosten gequetscht dastand. »Ja, jetzt«, sagte der Mann. ›Es handelt sich doch um jetzt‹, dachte Karl, ›mit dem Mann ist schwer zu reden.‹ »Legen Sie sich doch aufs Bett, da haben Sie mehr Platz«, sagte der Mann. Karl kroch, so gut es ging, hinein und lachte dabei laut über den ersten vergeblichen Versuch, sich hinüberzuschwingen. Kaum war er aber im Bett, rief er: »Gotteswillen, ich habe ja ganz meinen Koffer vergessen!« »Wo ist er denn?« »Oben auf dem Deck, ein Bekannter gibt acht auf ihn. Wie heißt er nur?« Und er zog aus seiner Geheimtasche, die ihm seine Mutter für die Reise im Rockfutter angelegt hatte, eine Visitkarte. »Butterbaum, Franz Butterbaum.« »Haben Sie den Koffer sehr nötig?« »Natürlich.« »Ja, warum haben Sie ihn dann einem fremden Menschen gegeben?« »Ich habe meinen Regenschirm unten vergessen und bin gelaufen, um ihn zu holen, wollte aber den Koffer nicht mitschleppen. Dann habe ich mich auch hier noch verirrt.« »Sie sind allein? Ohne Begleitung?« »Ja, allein.« ›Ich sollte mich vielleicht an diesen Mann halten‹, ging es Karl durch den Kopf, ›wo finde ich gleich einen besseren Freund.‹ »Und jetzt haben Sie auch noch den Koffer verloren. Vom Regenschirm rede ich gar nicht.« Und der Mann setzte sich auf den Sessel, als habe Karls Sache jetzt einiges Interesse für ihn gewonnen. »Ich glaube aber, der Koffer ist noch nicht verloren.« »Glauben macht selig«, sagte der Mann und kratzte sich kräftig in seinem dunklen, kurzen, dichten Haar, »auf dem Schiff wechseln mit den Hafenplätzen auch die Sitten. In Hamburg hätte Ihr Butterbaum den Koffer vielleicht bewacht, hier ist höchstwahrscheinlich von beiden keine Spur mehr.« »Da muß ich aber doch gleich hinaufschauen«, sagte Karl und sah sich um, wie er hinauskommen könnte. »Bleiben Sie nur«, sagte der Mann und stieß ihn mit einer Hand gegen die Brust, geradezu rauh, ins Bett zurück. »Warum denn?« fragte Karl ärgerlich. »Weil es keinen Sinn hat«, sagte der Mann, »in einem kleinen Weilchen gehe ich auch, dann gehen wir zusammen. Entweder ist der Koffer gestohlen, dann ist keine Hilfe, oder der Mann hat ihn stehengelassen, dann werden wir ihn, bis das Schiff ganz entleert ist, desto besser finden. Ebenso auch Ihren Regenschirm.« »Kennen Sie sich auf dem Schiff aus?« fragte Karl mißtrauisch, und es schien ihm, als hätte der sonst überzeugende Gedanke, daß auf dem leeren Schiff seine Sachen am besten zu finden sein würden, einen verborgenen Haken. »Ich bin doch Schiffsheizer«, sagte der Mann. »Sie sind Schiffsheizer!« rief Karl freudig, als überstiege das alle Erwartungen, und sah, den Ellbogen aufgestützt, den Mann näher an. »Gerade vor der Kammer, wo ich mit dem Slowaken geschlafen habe, war eine Luke angebracht, durch die man in den Maschinenraum sehen konnte.« »Ja, dort habe ich gearbeitet,« sagte der Heizer. »Ich habe mich immer so für Technik interessiert«, sagte Karl, der in einem bestimmten Gedankengang blieb, »und ich wäre sicher später Ingenieur geworden, wenn ich nicht nach Amerika hätte fahren müssen.« »Warum haben Sie denn fahren müssen?« »Ach was!« sagte Karl und warf die ganze Geschichte mit der Hand weg. Dabei sah er lächelnd den Heizer an, als bitte er ihn selbst für das Nichteingestandene um seine Nachsicht. »Es wird schon einen Grund haben«, sagte der Heizer, und man wußte nicht recht, ob er damit die Erzählung dieses Grundes fordern oder abwehren wollte. »Jetzt könnte ich auch Heizer werden«, sagte Karl, »meinen Eltern ist es jetzt ganz gleichgültig, was ich werde.« »Meine Stelle wird frei«, sagte der Heizer, gab im Vollbewußtsein dessen die Hände in die Hosentaschen und warf die Beine, die in faltigen, lederartigen, eisengrauen Hosen staken, aufs Bett hin, um sie zu strecken. Karl mußte mehr an die Wand rücken. »Sie verlassen das Schiff?« »Jawohl, wir marschieren heute ab.« »Warum denn? Gefällt es Ihnen nicht?« »Ja, das sind die Verhältnisse, es entscheidet nicht immer, ob es einem gefällt oder nicht. Übrigens haben Sie recht, es gefällt mir auch nicht. Sie denken wahrscheinlich nicht ernstlich daran, Heizer zu werden, aber gerade dann kann man es am leichtesten werden. Ich also rate Ihnen entschieden ab. Wenn Sie in Europa studieren wollten, warum wollen Sie es denn hier nicht? Die amerikanischen Universitäten sind ja unvergleichbar besser als die europäischen.« »Es ist ja möglich«, sagte Karl, »aber ich habe ja fast kein Geld zum Studieren. Ich habe zwar von irgend jemandem gelesen, der bei Tag in einem Geschäft gearbeitet und in der Nacht studiert hat, bis er Doktor und ich glaube Bürgermeister wurde, aber dazu gehört doch eine große Ausdauer, nicht? Ich fürchte, die fehlt mir. Außerdem war ich kein besonders guter Schüler, der Abschied von der Schule ist mir wirklich nicht schwer geworden. Und die Schulen hier sind vielleicht noch strenger. Englisch kann ich fast gar nicht. Überhaupt ist man hier gegen Fremde so eingenommen, glaube ich.« »Haben Sie das auch schon erfahren? Na, dann ist’s gut. Dann sind Sie mein Mann. Sehen Sie, wir sind doch auf einem deutschen Schiff, es gehört der Hamburg-Amerika-Linie, warum sind wir nicht lauter Deutsche hier? Warum ist der Obermaschinist ein Rumäne? Er heißt Schubal. Das ist doch nicht zu glauben. Und dieser Lumpenhund schindet uns Deutsche auf einem deutschen Schiff! Glauben Sie nicht« – ihm ging die Luft aus, er fackelte mit der Hand –, »daß ich klage, um zu klagen. Ich weiß, daß Sie keinen Einfluß haben und selbst ein armes Bürschchen sind. Aber es ist zu arg!« Und er schlug auf den Tisch mehrmals mit der Faust und ließ kein Auge von ihr, während er schlug. »Ich habe doch schon auf so vielen Schiffen gedient« – und er nannte zwanzig Namen hintereinander, als sei es ein Wort, Karl wurde ganz wirr – »und habe mich ausgezeichnet, bin belobt worden, war ein Arbeiter nach dem Geschmack meiner Kapitäne, sogar auf dem gleichen Handelssegler war ich einige Jahre« – er erhob sich, als sei das der Höchstpunkt seines Lebens – »und hier auf diesem Kasten, wo alles nach der Schnur eingerichtet ist, wo kein Witz gefordert wird, hier taug ich nichts, hier stehe ich dem Schubal immer im Wege, bin ein Faulpelz, verdiene hinausgeworfen zu werden und bekomme meinen Lohn aus Gnade. Verstehen Sie das? Ich nicht.« »Das dürfen Sie sich nicht gefallen lassen«, sagte Karl aufgeregt. Er hatte fast das Gefühl davon verloren, daß er auf dem unsicheren Boden eines Schiffes, an der Küste eines unbekannten Erdteils war, so heimisch war ihm hier auf dem Bett des Heizers zumute. »Waren Sie schon beim Kapitän? Haben Sie schon bei ihm Ihr Recht gesucht?« »Ach gehen Sie, gehen Sie lieber weg. Ich will Sie nicht hier haben. Sie hören nicht zu, was ich sage, und geben mir Ratschläge. Wie soll ich denn zum Kapitän gehen!« Und müde setzte sich der Heizer wieder und legte das Gesicht in beide Hände.

›Einen besseren Rat kann ich ihm nicht geben‹, sagte sich Karl. Und er fand überhaupt, daß er lieber seinen Koffer hätte holen sollen, statt hier Ratschläge zu geben, die doch nur für dumm gehalten wurden. Als ihm der Vater den Koffer für immer übergeben hatte, hatte er im Scherz gefragt: »Wie lange wirst du ihn haben?« und jetzt war dieser treue Koffer vielleicht schon im Ernst verloren. Der einzige Trost war noch, daß der Vater von seiner jetzigen Lage kaum erfahren konnte, selbst wenn er nachforschen sollte. Nur daß er bis New York mitgekommen war, konnte die Schiffsgesellschaft gerade noch sagen. Leid tat es aber Karl, daß er die Sachen im Koffer noch kaum verwendet hatte, trotzdem er es beispielsweise längst nötig gehabt hätte, das Hemd zu wechseln. Da hatte er also am unrichtigen Ort gespart; jetzt, wo er es gerade am Beginn seiner Laufbahn nötig haben würde, rein gekleidet aufzutreten, würde er im schmutzigen Hemd erscheinen müssen. Sonst wäre der Verlust des Koffers nicht gar so arg gewesen, denn der Anzug, den er anhatte, war sogar besser als jener im Koffer, der eigentlich nur ein Notanzug war, den die Mutter noch knapp vor der Abreise hatte flicken müssen. Jetzt erinnerte er sich auch, daß im Koffer noch ein Stück Veroneser Salami war, die ihm die Mutter als Extragabe eingepackt hatte, von der er jedoch nur den kleinsten Teil hatte aufessen können, da er während der Fahrt ganz ohne Appetit gewesen war und die Suppe, die im Zwischendeck zur Verteilung kam, ihm reichlich genügt hatte. Jetzt hätte er aber die Wurst gern bei der Hand gehabt, um sie dem Heizer zu verehren. Denn solche Leute sind leicht gewonnen, wenn man ihnen irgendeine Kleinigkeit zusteckt, das wußte Karl von seinem Vater her, welcher durch Zigarrenverteilung alle die niedrigen Angestellten gewann, mit denen er geschäftlich zu tun hatte. Jetzt besaß Karl an Verschenkbarem nur noch sein Geld, und das wollte er, wenn er schon vielleicht den Koffer verloren haben sollte, vorläufig nicht anrühren. Wieder kehrten seine Gedanken zum Koffer zurück, und er konnte jetzt wirklich nicht einsehen, warum er den Koffer während der Fahrt so aufmerksam bewacht hatte, daß ihm die Wache fast den Schlaf gekostet hatte, wenn er jetzt diesen gleichen Koffer so leicht sich hatte wegnehmen lassen. Er erinnerte sich an die fünf Nächte, während derer er einen kleinen Slowaken, der zwei Schlafstellen links von ihm gelegen war, unausgesetzt im Verdacht gehabt hatte, daß er es auf seinen Koffer abgesehen habe. Dieser Slowake hatte nur darauf gelauert, daß Karl endlich, von Schwäche befallen, für einen Augenblick einnickte, damit er den Koffer mit einer langen Stange, mit der er immer während des Tages spielte oder übte, zu sich hinüberziehen könne. Bei Tage sah dieser Slowake unschuldig genug aus, aber kaum war die Nacht gekommen, erhob er sich von Zeit zu Zeit von seinem Lager und sah traurig zu Karls Koffer hinüber. Karl konnte dies ganz deutlich erkennen, denn immer hatte hie und da jemand mit der Unruhe des Auswanderers ein Lichtchen angezündet, trotzdem dies nach der Schiffsordnung verboten war, und versuchte, unverständliche Prospekte der Auswanderungsagenturen zu entziffern. War ein solches Licht in der Nähe, dann konnte Karl ein wenig eindämmern, war es aber in der Ferne oder war dunkel, dann mußte er die Augen offenhalten. Diese Anstrengung hatte ihn recht erschöpft, und nun war sie vielleicht ganz nutzlos gewesen. Dieser Butterbaum, wenn er ihn einmal irgendwo treffen sollte!

In diesem Augenblick ertönten draußen in weiter Ferne in die bisherige vollkommene Ruhe hinein kleine kurze Schläge, wie von Kinderfüßen, sie kamen näher mit verstärktem Klang, und nun war es ein ruhiger Marsch von Männern. Sie gingen offenbar, wie es in dem schmalen Gang natürlich war, in einer Reihe, man hörte Klirren wie von Waffen. Karl, der schon nahe daran gewesen war, sich im Bett zu einem von allen Sorgen um Koffer und Slowaken befreiten Schlafe auszustrecken, schreckte auf und stieß den Heizer an, um ihn endlich aufmerksam zu machen, denn der Zug schien mit seiner Spitze die Tür gerade erreicht zu haben. »Das ist die Schiffskapelle,« sagte der Heizer, »die haben oben gespielt und gehen jetzt einpacken. Jetzt ist alles fertig und wir können gehen. Kommen Sie!« Er faßte Karl bei der Hand, nahm noch im letzten Augenblick ein eingerahmtes Muttergottesbild von der Wand über dem Bett, stopfte es in seine Brusttasche, ergriff seinen Koffer und verließ mit Karl eilig die Kabine.

»Jetzt gehe ich ins Büro und werde den Herren meine Meinung sagen. Es ist kein Passagier mehr da, man muß keine Rücksicht nehmen.« Dieses wiederholte der Heizer verschiedenartig und wollte im Gehen mit Seitwärtsstoßen des Fußes eine den Weg kreuzende Ratte niedertreten, stieß sie aber bloß schneller in das Loch hinein, das sie noch rechtzeitig erreicht hatte. Er war überhaupt langsam in seinen Bewegungen, denn wenn er auch lange Beine hatte, so waren sie doch zu schwer.

Sie kamen durch eine Abteilung der Küche, wo einige Mädchen in schmutzigen Schürzen – sie begossen sie absichtlich – Geschirr in großen Bottichen reinigten. Der Heizer rief eine gewisse Line zu sich, legte den Arm um ihre Hüfte und führte sie, die sich immerzu kokett gegen seinen Arm drückte, ein Stückchen mit. »Es gibt jetzt Auszahlung, willst du mitkommen?« fragte er. »Warum soll ich mich bemühn, bring mir das Geld lieber her«, antwortete sie, schlüpfte unter seinem Arm durch und lief davon. »Wo hast du denn den schönen Knaben aufgegabelt?« rief sie noch, wollte aber keine Antwort mehr. Man hörte das Lachen aller Mädchen, die ihre Arbeit unterbrochen hatten.

Sie aber gingen weiter und kamen an eine Tür, die oben einen kleinen Vorgiebel hatte, der von kleinen, vergoldeten Karyatiden getragen war. Für eine Schiffseinrichtung sah das recht verschwenderisch aus. Karl war, wie er merkte, niemals in diese Gegend gekommen, die wahrscheinlich während der Fahrt den Passagieren der ersten und zweiten Klasse vorbehalten gewesen war, während man jetzt vor der großen Schiffsreinigung die Trennungstüren ausgehoben hatte. Sie waren auch tatsächlich schon einigen Männern begegnet, die Besen an der Schulter trugen und den Heizer gegrüßt hatten. Karl staunte über den großen Betrieb, in seinem Zwischendeck hatte er davon freilich wenig erfahren. Längs der Gänge zogen sich auch Drähte elektrischer Leitungen, und eine kleine Glocke hörte man immerfort.

Achtes Kapitel.

II. Im Lande der Heiligen

Achtes Kapitel.

Auf der großen Alkali-Ebene

Im Innern des Festlandes von Nordamerika liegt eine dürre, unwirtliche Wüstengegend, die sich Jahrhunderte lang als ein unübersteigliches Hemmnis für jeden Fortschritt der Zivilisation erwiesen hat. Diese große Einöde, welche der Yellowstonefluß im Norden, der Colorado im Süden begrenzt, dehnt sich von der Sierra Nevada bis Nebraska in schauerlichem Todesschweigen aus. Es herrscht zwar auch hier keine Einförmigkeit in der Natur – hohe Schneeberge wechseln mit düstern Thalgründen, reißende Ströme stürzen durch zerklüftete Bergschluchten, die endlosen Ebenen, die der Winter in ungeheure Schneefelder verwandelt, sind im Sommer unter einer grauen Decke von salzigem Alkalistaub begraben – doch eine schrecklichere, trostlosere Gegend findet sich nirgends.

Dies Land des Grauens ist menschenleer. Einzelne Scharen von Pawnees oder Schwarzfuß-Indianern durchstreifen es wohl, um andere Jagdgründe aufzusuchen, aber selbst die tapfersten Rothäute frohlocken, wenn die gefürchteten Salzebenen hinter ihnen liegen und sie wieder über ihre geliebte Steppe schweifen. Hier lauert nur der Coyote im Gestrüpp, der Bussard fliegt schwerfällig durch die Luft und der täppische graue Bär sucht in den dunkeln Schluchten der Felsengebirge seine kärgliche Nahrung. Dies sind die einzigen Bewohner der schauerlichen Wüste.

Eine trübseligere Aussicht findet man auf Erden nicht, als den Blick von den nördlichen Höhen der Sierra Bianca. Soweit das Auge reicht, nichts als die endlose, flache Ebene, hier und da ein verkrüppeltes Chapparal-Gebüsch und Haufen von Alkalistaub, der die ganze Gegend bedeckt. Am fernsten Horizont zieht sich eine Gebirgskette hin, deren zerklüftete Gipfel mit Schnee bedeckt sind. Meist ist kein lebendiges Wesen zu erblicken, kein Laut unterbricht die fürchterliche Stille, starres, totes Schweigen herrscht rings umher.

Mitten in der Wüste aber gewahrt man, in der weiten Ferne sich verlierend, eine Karawanenstraße. Manches Fuhrwerk hat dort tiefe Räderspuren im Boden zurückgelassen, viele Glücksjäger haben mit wanderndem Fuß das Erdreich festgetreten. Hier und da glänzt etwas Weißes in der Sonne und hebt sich grell von der grauen Alkalischicht ab. Wir betrachten es näher und erkennen, daß es Gebeine sind – die derberen sind Knochen von Zugstieren, die feineren von Menschen. Fünfzehnhundert Meilen lang läßt sich diese Totenstraße an den irdischen Ueberresten derjenigen verfolgen, die hier am Wege niedergesunken sind.

Dies war der Ausblick, der sich am vierten Mai des Jahres 1847 einem einsamen Wanderer darbot, welcher von einer kleinen Anhöhe ins Thal hinabsah. Ob der Mann ein Vierziger oder Sechziger war, ließ sich schwer entscheiden. Sein eingefallenes, abgezehrtes Gesicht, die vorstehenden Backenknochen, die braune runzlige Haut, das lange, wie mit weißen Fäden durchzogene Haupt- und Barthaar, gaben ihm das Ansehen eines hinfälligen Greises. Seine Augen, die mit unnatürlichem Glanz funkelten, lagen tief in den Höhlen, die Hand, welche die Flinte hielt, war dürr und abgemagert wie bei einem Gerippe, seine Kleider schlotterten ihm am Leibe. Und doch, wie er so dastand, auf die Waffe gelehnt, ließ seine hohe, starkknochige Gestalt auf eine zähe, urkräftige Natur schließen. Das hagere Gesicht, die zusammengeschrumpften Glieder, verrieten nur zu deutlich den Grund seines verfallenen Aussehens. Der Mann war dem Tode nahe – er kam langsam um vor Hunger und Durst.

Mühselig hatte er sich in die Schlucht hinuntergeschleppt und den Hügel hinauf, in der vergeblichen Hoffnung, irgend ein Anzeichen zu entdecken, daß Wasser in der Nähe sei. Jetzt lag die große Salzwüste vor ihm, von der fernen Bergkette eingerahmt, rings umher weder Baum noch Kraut, keine Spur einer Feuchtigkeit. Er schaute nach Norden, nach Osten und Westen mit gierigen Blicken, aber wie weit sich das Land auch dehnte, nirgends war für ihn ein Schimmer von Hoffnung. Nun sah er ein, daß seine Wanderung ihr Ende erreicht habe, und er hier auf der öden Klippe seine Todesstunde erwarten müsse. »Ob jetzt auf hartem Stein, oder zwanzig Jahre später im weichen Bett – es macht wenig Unterschied,« murmelte er, sich an die Felswand lehnend.

Ehe er sich niedersetzte, hatte er zuvor seine Flinte auf den Boden gelegt und daneben ein großes Bündel, das er in einem grauen Shawl eingeknüpft über der rechten Schulter getragen. Das Bündel schien zu schwer für seine geschwächten Kräfte und fiel etwas unsanft zur Erde, als er es abnahm. Da ließ sich ein leiser Schmerzensschrei vernehmen und aus der grauen Umhüllung kam ein erschrecktes Gesichtchen mit hellen, braunen Augen zum Vorschein und zwei niedliche, kleine Fäustchen.

»Du hast mir wehgethan,« klagte eine Kinderstimme in vorwurfsvollem Ton.

»Wirklich?« erwiderte der Mann bedauernd, »das thut mir leid.« Dabei knüpfte er das Bündel auf, und heraus sprang ein etwa fünfjähriges Mädchen, dessen zierliche Schuhe, rosa Röckchen und weißleinenes Schürzchen auf mütterliche Sorgfalt deuteten. Die Kleine war bleich und mager, doch ließen die rundlichen Aermchen und Beinchen erkennen, daß sie weniger Mangel gelitten hatte, als ihr Gefährte.

»Ist’s denn noch nicht wieder gut?« fragte er ängstlich, als sie sich noch immer das goldgelbe Lockenhaar auf dem Hinterkopf rieb.

»Gieb mir einen Kuß drauf, dann wird es heil,« versetzte sie ernsthaft, auf die schmerzende Stelle zeigend. »So macht es meine Mutter immer. Wo ist denn Mama?«

»Fortgegangen. Aber du wirst sie bald wiedersehen, glaube ich.«

»Fort – sagst du?« rief die Kleine. »Na, so was – sonst ging sie nie zur Tante ‚rüber, ohne erst ›B’hüt Gott‹ zu sagen – und jetzt ist sie schon drei Tage weg. – Mir ist so trocken im Munde. Hast du kein Wasser oder etwas zu essen?«

»Nein, Herzchen, es ist nichts da. Hab nur noch ein Weilchen Geduld, dann wird alles gut. Leg dein Köpfchen auf meine Schulter, so, nun ist’s schon besser. Mir klebt die Zunge am Gaumen, daß ich kaum sprechen kann, aber ich muß dir doch sagen, wie die Sachen stehen. Was hast du denn da in der Hand?«

»So was Hübsches, das glänzt und funkelt,« rief die Kleine, entzückt zwei Stückchen Glimmerschiefer emporhaltend. »Wenn wir heimkommen, bring ich sie Bruder Bertel mit.«

»Du wirst bald schöneres Spielzeug kriegen,« sagte der Mann zuversichtlich, »wart‘ nur noch ein wenig. Aber, was ich dir sagen wollte – weißt du noch, wie wir vom Fluß fortzogen?«

»Freilich.«

»Siehst du, wir glaubten, es käme bald ein anderer Fluß – aber er kam nicht. Ich weiß nicht, waren die Karten falsch oder der Kompaß, oder woran lag es. Das Wasser ging uns aus; nur für dich war noch ein Tröpfchen da – und –«

»Du konntest dich gar nicht waschen,« sagte sie, ihm ernsthaft in das dunkle Gesicht blickend.

»Nein, und auch nicht trinken. Herr Bender sank zuerst um, und dann der Indianerpeter, dann Frau Gregor, dann Johanny Hones, und dann, Herzchen, auch deine Mutter.«

»Ist Mutter auch tot?« Die Kleine verbarg ihr Gesichtchen in der Schürze und schluchzte bitterlich.

»Ja, alle außer uns beiden. Ich hoffte, in dieser Richtung würde Wasser zu finden sein, so lud ich dich denn auf die Schulter und wanderte fort mit dir. Aber es hat nichts genützt und jetzt weiß ich keine Hilfe mehr.«

Das Kind hörte plötzlich auf zu weinen.

»Du meinst, wir werden auch sterben?« fragte es, die nassen Augen zu ihm aufschlagend.

»Dazu wird’s wohl kommen.«

»Warum hast du denn das nicht gleich gesagt?« rief die Kleine, und lachte hell auf. »Du hast mich so erschreckt. Natürlich kommen wir wieder zur Mutter, wenn wir sterben.«

»Du gewiß, Herzchen.«

»Und du auch. Ich will ihr sagen, wie schrecklich gut du gewesen bist. Sie kommt uns gewiß am Himmelsthor entgegen mit einem großen Krug Wasser und frisch gebackenen Buchweizenkuchen, heiß und knusperig, wie sie Bertel und ich gern haben. Wie lange müssen wir noch warten?«

»Ich weiß nicht – nur kurze Zeit.« Der Blick des Mannes war nach dem nördlichen Horizont zugewendet, wo in der blauen Luft drei dunkle Punkte schwebten, die jeden Augenblick an Umfang zunahmen. Jetzt erkannte man, daß es drei große Vögel mit braunem Gefieder waren, die über den Häuptern der Wanderer kreisten und sich dann auf den nächsten Felsspitzen niederließen. Es waren Bussarde, die Geier des Westens und Vorboten des Todes.

Die Kleine klatschte in die Hände. »Die können aber schön fliegen,« rief sie fröhlich. »Sag mal, hat denn der liebe Gott dies Land gemacht?«

»Versteht sich,« erwiderte ihr Gefährte, verwundert über die Frage.

»Er hat Illinois gemacht und Missouri, das weiß ich,« fuhr das Kind fort. »Aber diese Gegend ist lange nicht so hübsch, die hat gewiß jemand anders geschaffen und dabei das Wasser und die Bäume vergessen.«

»Willst du nicht jetzt dein Gebet sagen?« – Die Stimme des Mannes zitterte.

»Soll ich? – Es ist ja noch nicht Abend.«

»Das thut nichts. Wenn’s auch nicht die richtige Zeit ist, glaub‘ nur, Gott hört dich doch. Sag‘ dein Nachtgebet her, wie jeden Abend im Wagen, als wir über die Prairie fuhren.«

»Warum betest du denn nicht selbst?« fragte die Kleine verwundert zu ihm aufschauend.

»Ich weiß nicht mehr wie – es ist so lange her, seit ich’s gethan, ich hab‘ die Worte vergessen. Sag‘ du sie mir vor und ich bete mit – noch ist’s nicht zu spät.«

»Dann mußt du niederknieen und ich auch,« sagte sie, und breitete den Shawl auf die Erde. »Du mußt auch die Hände falten – so – du wirst sehen, wie gut das thut.«

Neben einander knieten sie am Boden, das kleine plaudernde Kind und der wetterharte Wanderer. Ihr Unschuldsblick und sein abgezehrtes Antlitz waren nach oben gerichtet, zu dem wolkenlosen Himmel. Vor Gottes Angesicht flehten sie um Gnade und Vergebung. Der Ton seiner tiefen, rauhen Stimme mischte sich in den hellen Klang der ihrigen. Nachdem das Gebet gesprochen war, nahmen sie wieder Platz im Schatten der Felswand und bald schlummerte die Kleine sanft ein, an die breite Brust ihres Beschützers geschmiegt. Seit drei Tagen und Nächten hatte er sich weder Ruhe noch Rast gegönnt, auch jetzt wollte er bei ihr wachen, aber die Natur forderte ihr Recht. Langsam fielen ihm die müden Augen zu, das Haupt sank ihm auf die Brust, sein grauer Bart mischte sich mit den blonden Locken des Kindes und beide lagen zusammen in tiefem, traumlosem Schlummer da.

Wäre der Wanderer noch eine halbe Stunde länger wach geblieben, er hätte ein seltsames Schauspiel erblickt. An dem äußersten Rande der großen Alkaliwüste stieg eine Staubwolke auf, die sich zuerst kaum von dem Dunst der Ferne unterschied, bis sie allmählich höher und breiter wurde und eine dichte, knarrten die Räder und die Rosse wieherten. Aber die beiden müden Wanderer oben am Felsenabhang weckte der Lärm nicht auf.

An der Spitze der Kolonne ritten etwa zwanzig ernste Männer mit eisenharten Zügen. Sie waren mit Flinten bewaffnet und in grobe Stoffe gekleidet. Am Fuß der Felswand machten sie Halt und versammelten sich zu einem Kriegsrat.

»Die Quellen liegen zur Rechten, meine Brüder,« sagte ein Mann mit glattem Gesicht und kurz geschorenem, grauem Haupthaar.

»Ja, rechts von der Sierra Bianca – das ist auch der Weg nach dem Rio Grande,« versetzte ein anderer.

»Fürchtet keinen Mangel!« rief ein Dritter, »Der Herr ließ einst Wasser aus dem Felsen fließen; er wird seine Auserwählten auch jetzt nicht verlassen.«

»Amen, Amen!« fiel die ganze Schar ein. Eben wollten sie die Wanderung fortsetzen, als einer der Jüngsten einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und nach einer Felsklippe deutete, auf welcher sein scharfes Auge etwas Rotes flattern sah, das sich grell von dem dunkeln Gestein abhob. Wie auf Kommando faßten alle die Zügel ihrer Rosse fester und nahmen die Gewehre von der Schulter. Auch galoppierten von hinten neue Reiterscharen herbei, um den Vortrab zu verstärken. »Die Rothäute!« schallte es aus aller Munde.

»Es können keine Indianer hier in der Nähe sein,« sagte der ältere Mann, welcher den Oberbefehl zu haben schien. »An den Pawnees sind wir schon vorbeigekommen und andere Stämme giebt es hier nicht, bis wir jenseits der hohen Berge sind.«

»Ich will hinaufsteigen, Bruder Stangerson,« schlug einer aus der Schar vor, »und nachsehen, was es bedeutet.«

»Ich auch – ich auch,« riefen mehrere Stimmen.

»Laßt eure Pferde unten, wir wollen hier auf euch warten,« gebot der Alte. Schnell stiegen die jungen Männer ab, banden ihre Pferde fest und kletterten die steile Anhöhe hinauf, rasch und geräuschlos, mit der Sicherheit und Geschicklichkeit geübter Kundschafter. Die Leute in der Ebene sahen ihre Gestalten, die sich klar gegen den Himmel abhoben, von Fels zu Fels aufwärts steigen. Jetzt hatten sie die Stelle erreicht. Es mußte wohl ein seltsamer Anblick sein, der sich ihnen bot – sie hoben ihre Arme in die Höhe und gaben auch sonst durch allerlei Zeichen die höchste Verwunderung zu erkennen.

Auf der Platte, die den Gipfel des kahlen Hügels krönte, erhob sich ein einziger Felskegel; an diesem lehnte ein Mann mit langem Bart und verwittertem Gesicht; seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge zeigten, daß er in festem Schlafe lag. Neben ihm aber, die Aermchen um seinen braunen, sehnigen Hals geschlungen, den goldenen Lockenkopf an seine Brust gebettet, ruhte ein schlummerndes Kind. Die rosigen Lippen der Kleinen waren halb geöffnet, und um ihre lieblichen Züge spielte ein friedliches Lächeln.

Drei Raubvögel, die auf der Felsenspitze über ihnen gesessen hatten, flogen erschreckt auf, als sie der neuen Ankömmlinge ansichtig wurden. Ihr heiseres Geschrei weckte die Schläfer, die verwirrt um sich blickten. Der Mann richtete sich schlaftrunken auf und starrte in die Ebene hinunter, die noch vor kurzem so verödet gewesen war und auf der es jetzt wimmelte von Menschen und Tieren. »Ein Fieberwahn,« murmelte er, die Hand an die Stirn legend. Das Kind stand neben ihm, hielt sich an seinem Rock fest und sah mit großen, verwunderten Augen umher.

Den Rettern gelang es schnell, die beiden Wanderer zu überzeugen, daß, was sie sahen, keine Täuschung ihrer Sinne, sondern Wirklichkeit sei. Einer der jungen Leute hob das kleine Mädchen auf seine Schulter, während zwei andere ihrem hageren Gefährten stützend unter die Arme griffen.

»Mein Name ist John Ferrier,« sagte der Gerettete; »ich und die Kleine hier, wir sind die einzig Ueberlebenden von einundzwanzig Personen. Alle übrigen sind auf dem Wege vom Süden her vor Hunger und Durst verschmachtet.«

»Ist es Ihr Kind?« fragten die, welche ihn führten.

»Ja, mir gehört es,« rief er mit entschlossener Miene, »ich habe es gerettet. Von heute an heißt die Kleine Lucy Ferrier und niemand, außer mir, hat ein Recht an sie. – Wer seid denn aber ihr?« fuhr er fort, seine mannhaften, sonnverbrannten Retter neugierig betrachtend, »das sind ja ganz endlose Schwärme, die da herangezogen kommen.«

»Fast zehntausend,« versetzte einer der jungen Leute. »Wir sind die verfolgten Kinder Gottes, die Auserwählten des Engels Merona.«

»Von dem habe ich noch nie gehört,« meinte der Wanderer. »Eine schöne Masse Menschen hat er auserwählt.«

»Scherze nicht über heilige Dinge,« sagte der andere streng. »Du siehst vor dir das Volk, welches an die geoffenbarten Schriften glaubt, die auf goldenen Tafeln dem heiligen Josef Smith in Palmyra übergeben wurden. Im Staate Illinois in Nauvoo hatten wir unsern Tempel gegründet. Jetzt sind wir ausgezogen, um vor den gottlosen und gewaltthätigen Menschen eine neue Zufluchtsstätte zu suchen, und wenn es auch mitten in der Wüste wäre.«

Die Erwähnung von Nauvoo schien bei John Ferrier eine Erinnerung zu wecken. »O, jetzt verstehe ich,« rief er, »seid ihr nicht die Mormonen?«

»Jawohl, die Mormonen sind wir,« riefen alle einstimmig.

»Und wohin geht ihr?«

»Das wissen wir nicht. Die Hand Gottes führt uns durch unsern Propheten. Wir bringen euch zu ihm; er muß entscheiden, was mit euch geschehen soll.«

Sie hatten inzwischen den Fuß des Hügels erreicht, wo die Pilger sie umdrängten – bleiche Frauen mit demütiger Miene, muntere, kräftige Kinder und ernste Männer. Die große Jugend des Mädchens und die völlige Erschöpfung ihres Begleiters entlockte der Menge Ausrufe der Verwunderung und des Mitleids. Von neugierigen Scharen geleitet, schritten die Führer der Geretteten unverweilt vorwärts, bis sie einen Wagen erreichten, der sich durch besondere Größe und prächtige Zierate vor allen andern auszeichnete. Auch war er mit sechs Pferden bespannt, während die andern nur zwei oder höchstens vier hatten. Auf dem Wagen saß ein Mann von etwa dreißig Jahren, mit gewaltigem Haupt und entschlossenem Blick – der Führer des Volkes. Er las in einem Buch mit braunem Einband, das er bei dem Herannahen der Menge beiseite legte, um dem Bericht über das Ereignis ein aufmerksames Ohr zu leihen. Dann wandte er sich in feierlichem Ton an die beiden Wanderer.

»Wenn wir euch mit uns nehmen sollen,« sagte er, »so müßt ihr auch unsern Glauben bekennen. Wir dulden keine Wölfe in unserer Hürde. Weit besser, eure Gebeine bleichen hier in der Wüste, als daß ihr wie räudige Schafe die Ansteckung in die ganze Herde traget. Wollt ihr unter dieser Bedingung mit uns ziehen?«

»Ich ziehe mit, unter jeder Bedingung, die ihr stellt,« rief Ferrier mit solchem Eifer, daß die Aeltesten ein Lächeln nicht unterdrücken konnten. Der Anführer allein bewahrte sein ernstes, feierliches Wesen.

»Nimm ihn mit, Bruder Stangerson,« befahl er, »gieb ihm Speise und Trank, dem Kinde auch. Es soll deine Aufgabe sein, ihn in unserer heiligen Lehre zu unterweisen. – Doch jetzt haben wir lange genug gezögert. Vorwärts. Auf nach Zion!«

»Auf, nach Zion!« riefen die Mormonen im Chor, und der Ruf pflanzte sich in der langen Karawane von Mund zu Mund fort, bis nur noch ein dumpfes Gemurmel aus der Ferne herüberklang. Die Peitschen knallten, die Räder der großen Fuhrwerke setzten sich in Bewegung und bald zog die ungeheure Schar wieder ihres Weges dahin. Der Aelteste, der die Sorge für die beiden Verirrten übernommen hatte, führte sie zu seinem Wagen, wo ihrer schon eine Mahlzeit wartete.

»Ihr dürft hier bleiben,« sagte er. »In wenigen Tagen werdet ihr euch von euren Anstrengungen erholt haben. Vergeßt aber nicht, daß ihr euch von jetzt an zu den Bekennern unseres Glaubens zählt. Brigham Young hat es gesagt und aus ihm hat die Stimme Josef Smiths geredet, welche die Stimme Gottes ist.«

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Neuntes Kapitel

Neuntes Kapitel

Die Blume von Utah.

Dies ist nicht der Ort, um die Drangsale und Beschwerden zu schildern, welche die ausgewanderten Mormonen zu erdulden hatten, bevor sie ihren neuen Zufluchtshafen erreichten. Von den Ufern des Mississippi waren sie nach den westlichen Abhängen des Felsengebirges gezogen, und hatten dabei eine Ausdauer und Zähigkeit bewiesen, die einzig in der Geschichte dasteht. Gegen reißende Tiere und feindliche Wilde, gegen allerlei Mühsal, Krankheit, Hunger, Durst und jedes Hindernis, das die Elemente ihnen in den Weg legten, hatten sie siegreich gestritten, obwohl unter den Schrecknissen der langen Wanderung auch dem Mutigsten bange ums Herz geworden sein mochte. Als endlich das weite Thal von Utah im Sonnenschein zu ihren Füßen ausgebreitet lag, und sie aus dem Munde des Führers vernahmen, daß es das Land der Verheißung sei, der jungfräuliche Boden, welcher ihnen auf ewige Zeiten zu eigen gehören solle, da gab es wohl keinen unter der großen Schar, der nicht freudig auf die Knie gesunken wäre, um ein Dankgebet für seine Rettung emporzusenden.

Brigham Young zeigte bald in der Verwaltung der Ländereien ebensoviel Geschick, als er bei der Führung des Volkes bewiesen. Er ließ Vermessungen vornehmen und Pläne entwerfen, auf welchen die künftige Stadt verzeichnet war. Ringsumher wurde Ackerland abgesteckt und jedem, ohne Rücksicht auf Rang und Stand, zugeteilt. Der Arbeiter erhielt Beschäftigung in seinem Handwerk, der Handelsmann in seinem Gewerbe. In der Stadt entstanden wie durch Zauberschlag Straßen und Plätze; auf dem Lande wurden Bäume gefällt, Wiesen entwässert, eingezäunt und bepflanzt, so daß schon im nächsten Sommer der goldene Weizen auf den Feldern wogte. Alles gedieh in der wunderbaren Ansiedlung. Mitten in der Stadt wurde der große Tempel erbaut, welcher einen immer erstaunlicheren Umfang annahm. Vom ersten Morgengrauen bis zur sinkenden Dämmerung waren dort Hammer und Säge unermüdlich beschäftigt, denn es galt ja, ein Denkmal zu errichten zu Ehren dessen, der sie durch alle Gefahren sicher geleitet hatte.

John Ferrier und seine kleine Schicksalsgefährtin, die er an Kindesstatt angenommen, hatten die Mormonen bis ans Ende ihrer Pilgerfahrt begleitet. Die kleine Lucy war unterwegs keinen allzugroßen Fährlichkeiten ausgesetzt gewesen. Sie durfte den Zug in dem Wagen des Aeltesten Stangerson mitmachen, in welchem sich außer ihr noch die drei Frauen des Mormonen befanden und sein Sohn, ein eigenwilliges, zwölfjähriges Bürschchen. Mit leichtem Kindersinn hatte sie sich schnell von dem Kummer erholt, den ihr der Mutter Tod bereitet. Sie wurde der Liebling der Frauen und gewöhnte sich bald an das neue Leben unter dem beweglichen Leinwandzelt. Auch Ferrier erholte sich nach kurzer Zeit von den ausgestandenen Beschwerden; er wußte sich als erfahrener Führer und unermüdlicher Jäger seinen neuen Gefährten nützlich zu machen und ihre Achtung zu erwerben. Als man das Ziel der Wanderung endlich erreicht hatte, wurde ihm ein ebenso großes und fruchtbares Ackerland zugewiesen wie allen übrigen Ansiedlern. Außer Brigham Young selbst erhielten nur die vier Hauptältesten Stangerson, Kemball, Johnston und Drebber ansehnlichere Besitztümer.

Auf dem ihm zugefallenen Strich Landes baute sich John Ferrier ein festes Blockhaus, das er im Laufe der Jahre vergrößerte, bis es ein geräumiger Landsitz wurde. Er war eine durchaus praktische Natur, geschickt zu jedem Handgriff, klug und besonnen in allem, was er unternahm. Eine eiserne Gesundheit setzte ihn in den Stand, von früh bis spät thätig zu sein beim Anbau seines Grund und Bodens. Dieser angestrengte Fleiß brachte ihm reichliche Früchte, und sein Hab und Gut mehrte sich zusehends.

Nach Ablauf von drei Jahren besaß er mehr als seine Nachbarn, nach sechs Jahren war er wohlhabend, nach neun Jahren reich, und als zwölf Jahre um waren, gab es in der ganzen Stadt am Salzsee kaum ein Dutzend Leute, die sich mit ihm vergleichen konnten. Von dem großen Binnensee bis zu dem Wahsatch-Gebirge kannte und schätzte man John Ferriers Namen allgemein.

Einen Punkt gab es jedoch, in welchem er den Anforderungen seiner Glaubensbrüder nicht genügte. Kein Drängen und keine Ueberredungskunst konnte ihn bewegen, sich einen weiblichen Hausstand nach Art seiner Gefährten einzurichten. Er gab für seine hartnäckige Weigerung keine Gründe an, sondern begnügte sich damit, unerschütterlich bei seinem Entschluß zu verharren. Manche beschuldigten ihn deshalb der Lauheit gegen die Religionsgemeinschaft, der er beigetreten war, andere meinten, er handle aus Habgier und wünsche die Kosten zu sparen. Wieder andere sprachen von einer früheren Liebesgeschichte, und sagten, er habe im Osten ein blondes Mädchen zurückgelassen, das er nicht vergessen könne. Eins nur war sicher – Ferrier blieb ein für allemal unvermählt. In jeder andern Hinsicht unterwarf er sich aber den herrschenden Gebräuchen und galt für ein strenggläubiges Mitglied der jungen Ansiedlung.

Lucy Ferrier wuchs in dem Blockhaus auf und half ihrem Pflegevater bei allen seinen Unternehmungen. Das Kind gedieh in der scharfen Bergluft und den balsamischen Fichtenwäldern besser, als wenn es die Pflege der besorgtesten Mutter und Wärterin genossen hätte. Wie die Jahre flohen, wurde ihre Gestalt schlanker und kräftiger, ihre Wangen röteten sich, ihr Schritt gewann an Elastizität; allmählich und unmerklich hatte sich die Knospe zur Blume entfaltet. Mancher Wanderer, den sein Weg auf der Landstraße an Ferriers Besitztum vorbeiführte, sah dem anmutigen Mädchen mit Wohlgefallen nach, wenn sie durch die Weizenfelder schritt oder auf ihres Vaters Mustang einhergeritten kam, den sie leicht und sicher zu regieren verstand, wie ein echtes Kind des Westens.

Zur Zeit, als John Ferrier für den reichsten Farmer an den westlichen Abhängen des Felsengebirges galt, war Lucy zur Jungfrau erblüht; unversehens hatte sie die Schwelle der Kindheit überschritten, und nun kam auch für sie der Tag, an dem sie das Erwachen eines neuen, schöneren Lebens in ihrem Innern mit Stolz und Freude empfand. Ein Ereignis trat ein, das nicht nur für Lucys Zukunft von den wichtigsten Folgen war, sondern auch auf das Schicksal vieler anderer einen entscheidenden Einfluß übte.

An einem warmen Junimorgen waren die ›Heiligen des Jüngsten Tages‹ nach ihrer Gewohnheit geschäftig wie die Bienen, die sie sich zum Vorbild erwählt haben. Ueberall auf den Feldern und in den Werkstätten vernahm man das Gewirr und Gesumme menschlicher Thätigkeit. Auch auf den staubigen Landstraßen herrschte ein buntes Leben; dort trabten lange Züge schwerbeladener Maultiere einher, die alle nach dem Westen zogen, denn das Goldfieber war in Kalifornien ausgebrochen und wer zu Lande dorthin wollte, den führte sein Weg an der Stadt ›der Auserwählten‹ vorbei. Zugleich mit den Scharen dieser Einwanderer, die sich mit ihren ermatteten Tieren mühsam weiter schleppten auf der endlosen Fahrt, begegnete man großen Herden von Schafen und Jungvieh, welche die ferner gelegenen Weideplätze verlassen hatten.

Auf der Straße war ein dichtes Gedränge von Menschen und Tieren entstanden, aber mitten durch das Gewühl hindurch galoppierte Lucy Ferrier, sich als geschickte Reiterin einen Weg bahnend; ihre Wangen waren gerötet von der raschen Bewegung, ihre kastanienbraunen Locken flogen im Winde. Der Vater hatte sie mit einem Auftrag nach der Stadt geschickt, und sie jagte in jugendlichem Mute, wie sie schon so oft gethan, furchtlos dahin, um ihn auszurichten. Mehr als einer der wegemüden Abenteurer blickte dem kühnen Mädchen bewundernd nach; ja, selbst der stoische Indianer, der mit seinem erbeuteten Pelzwerk beladen heimkehrte, ward von Staunen ergriffen über die Schönheit des lieblichen Bleichgesichts.

Schon hatte Lucy die ersten Häuser der Stadt erreicht, als eine große Rinderherde, die in der Hut ihrer wildblickenden Treiber von der Steppe daherzog, ihr plötzlich den Weg versperrte. Ungeduldig über dies Hindernis, sprengte sie in die erste beste Lücke hinein, die sich zu öffnen schien. Kaum aber hatte sie das gethan, als die gehörnten Scharen hinter ihr nachdrängten und sie sich mit ihrem Pferde fest eingekeilt sah in dem unaufhaltsam vorwärts flutenden Strome. Ohne über ihre Lage zu erschrecken, benutzte sie geschickt jeden Vorteil, der sich ihr bot, um weiter zu kommen, und trieb ihr Pferd an, in der Hoffnung, sich einen Weg durch die Herde zu bahnen.

Dabei geriet jedoch ein junger, feuriger Stier in allzu nahe Berührung mit dem Mustang und stieß seine Hörner in dessen Weichen. Das Pferd ward wild, stieg auf die Hinterbeine, schnaubte und schüttelte sich mit solcher Heftigkeit, daß Lucy ihre ganze Kunst anwenden mußte, um sich im Sattel zu halten. Die Gefahr, in der sie schwebte, war groß, bei jedem Sprunge stieß das Pferd wieder gegen die spitzigen Hörner und wurde zu neuer Wut gereizt. Wenn es seine Reiterin abwarf, wäre diese ohne Erbarmen von den Hufen der ungefügen, erschreckten Stiere zu Tode getreten worden. Der aufgewirbelte Staub drohte sie zu ersticken, ein Schwindel ergriff sie, und schon begann ihre Hand, die den Zügel hielt, zu erlahmen. Die Kraft würde ihr versagt haben, wenn nicht in diesem Augenblick ein herzhafter Zuruf dicht neben ihr sie mit neuem Mut erfüllt hätte. Eine braune, sehnige Faust ergriff den Mustang beim Zaume und machte ihm Bahn mitten durch die Herde, bis er wieder freien Spielraum vor sich sah und sich ungehindert bewegen konnte.

»Ich hoffe, Sie haben keinen Schaden genommen, Fräulein,« sagte Lucys Retter in ehrfurchtsvollem Ton.

Sie sah ihm beherzt in das dunkle, kühne Antlitz und erwiderte unbefangen: »Einen furchtbaren Schrecken habe ich gehabt, wer hätte auch denken können, Poncho würde sich von einer Herde Ochsen ins Bockshorn jagen lassen.«

»Gottlob, daß Sie sich fest im Sattel hielten,« sagte der andere ernst. Er war ein junger Bursche von kräftigem Gliederbau und etwas verwildertem Aeußern, trug ein grobes Jägerwams, eine lange Büchse über der Schulter und ritt auf einem mächtigen Braunfuchs.

»Sie sind wohl John Ferriers Tochter,« fuhr er fort, »ich sah Sie unten von seinem Hause wegreiten. Fragen Sie ihn doch einmal, ob er sich noch an Jefferson Hope aus St. Louis erinnert. Wenn er der Ferrier ist, den ich meine, müssen mein Vater und er gute Freunde gewesen sein.«

»Wollen Sie nicht lieber kommen und ihn selbst danach fragen?« entgegnete sie mit freundlicher Miene.

Dem jungen Manne schien der Vorschlag zu behagen, seine dunklen Augen glänzten vor Vergnügen. »Das will ich thun,« sagte er; »ich bin zwar jetzt mit meinen Kameraden zwei Monate im Gebirge gewesen, da sehen wir nicht gerade besuchsmäßig aus, vielleicht nimmt Herr Ferrier aber mit uns fürlieb wie wir sind.«

»Mein Vater ist Ihnen großen Dank schuldig,« erwiderte sie, »und ich gleichfalls. Er hat mich sehr lieb, und wenn mich die Tiere zu Boden getreten hätten, wäre er nie wieder froh geworden.«

»Ich auch nicht,« versicherte der Jäger.

»Sie? – Ja, was sollten Sie sich denn groß darum kümmern? Sie gehören ja nicht einmal zu unsern Freunden.«

Die Miene des jungen Mannes verfinsterte sich so sichtlich, als Lucy Ferrier diese Aeußerung that, daß sie hell auflachte.

»Nein, so meine ich das nicht; natürlich sind Sie jetzt ein Freund unseres Hauses. Kommen Sie nur recht bald uns zu besuchen. Doch ich muß weiter, sonst läßt mich Vater nie wieder ein Geschäft für ihn besorgen. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen,« sagte er, sich über ihre kleine Hand beugend, und nahm seinen breiten Sombrero ab. Sie ließ ihren Mustang eine kühne Schwenkung machen, versetzte ihm einen leichten Schlag mit der Peitsche und flog davon, die Landstraße hinunter, eine hohe Staubwolke hinter sich aufwirbelnd.

Der junge Jefferson Hope ritt mit seinen Gefährten langsam und schweigend weiter. Sie waren im Gebirge von Nevada gewesen, um nach Silber zu suchen, und kamen jetzt in die Salzseestadt zurück, mit der Hoffnung, dort ein Kapital zusammenzubringen, um die Erzgänge ausbeuten zu können, welche sie entdeckt hatten. Er war voll Eifer für das Unternehmen gewesen, bis das heutige Erlebnis seinen Gedanken eine andere Richtung gab. Der Anblick des schönen jungen Mädchens, das so frisch und frei war wie die Luft im Gebirge, hatte sein ungestümes, leidenschaftliches Herz bis in die innersten Tiefen erregt. Als sie ihm aus den Blicken entschwunden war, wußte er, daß ein Wendepunkt in seinem Leben eingetreten sei, und daß weder die Silbermine noch sonst etwas auf der Welt für ihn von Bedeutung war, neben dem neuen, ihn ganz beherrschenden Gefühl. Die Liebe, die in seinem Innern erwachte, glich nicht der plötzlichen und veränderlichen Laune eines Knaben, es war die wilde, unbezwingbare Leidenschaft eines Mannes von stolzem Sinn und starkem Willen. Alles was er bisher unternommen hatte, war von Erfolg gekrönt gewesen. In seinem Herzen gelobte er sich, auch dies höchste Gut zu erringen, wenn es für sein feuriges Streben irgend erreichbar war.

Noch am selben Abend besuchte er John Ferrier und ward seitdem ein häufig gesehener Gast in seinem Hause. Der alte Farmer war in den letzten zwölf Jahren ausschließlich mit seiner Arbeit beschäftigt gewesen und hatte sich wenig um die Außenwelt gekümmert. Durch Jefferson Hope erhielt er nun Kunde von dem, was sich draußen zugetragen, und alles, was dieser erzählte, zog Lucy ebenso sehr an, wie ihren Vater. Der junge Mann war als Pionier nach Kalifornien gegangen und wußte seltsame Dinge davon zu berichten, wie Reichtümer gewonnen und wieder verloren wurden in jenen Tagen wilder Begierde. Auch Pfadfinder war er gewesen und Pelzjäger, Silbergräber und Landwirt. Wo es galt, kühne Abenteuer zu bestehen, war Jefferson Hope überall als einer der ersten zu finden. Der alte John Ferrier, dem er bald lieb und wert wurde, ergriff jede Gelegenheit, um Gutes von ihm zu reden und ihm Lob zu spenden. Lucy schwieg dann meist still, aber ihre glühenden Wangen und hellen, glückstrahlenden Augen verrieten nur zu deutlich, daß die Liebe in ihrem Herzen Einzug gehalten hatte. Ihr wackerer Vater gewahrte vielleicht nichts von solchen Anzeichen, aber dem Manne, welcher das holde Mädchen für sich zu gewinnen trachtete, blieben sie nicht verborgen.

An einem Sommerabend stand Lucy auf der Schwelle des Hauses und sah Jefferson die Straße herabreiten und am Gitterthor halten. Als sie die Stufen hinunter eilte, um ihn zu begrüßen, band er rasch sein Pferd an den Zaun, und kam ihr auf dem Fußsteig entgegen.

»Ich muß fort, Lucy,« sagte er, ihre Hand ergreifend und ihr zärtlich ins Auge blickend. »Ich will dich nicht bitten, mir schon jetzt zu folgen, wirst du aber bereit sein, mit mir zu ziehen, wenn ich zurückkehre?«

»Und wann wird das sein?« fragte sie mit freudigem Erröten.

»In einigen Monaten. Dann komme ich, Geliebte, und bitte um deine Hand.«

»Was wird aber der Vater sagen?«

»Er hat seine Einwilligung gegeben, wenn es uns mit den Silberminen glückt. Davor ist mir nicht bange.«

»Nun, wenn ihr darüber eines Sinnes seid, der Vater und du, so darf ich keinen Einspruch erheben,« flüsterte sie und barg ihre glühenden Wangen an seiner starken Brust.

»Gottlob!« rief er beglückt, und drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen, »soweit ist alles gut. Lebe wohl, mein Herz, ich darf nicht länger bleiben, sonst wird mir das Scheiden zu schwer. Die Kameraden warten auf mich in der Bergschlucht. In zwei Monaten sehen wir uns wieder. Lebe wohl!«

Er riß sich aus ihrer Umarmung, sprang in den Sattel und trabte mit Windeseile davon. Nicht einen Blick warf er noch zurück, als fürchte er, die Kraft möchte ihm versagen, wenn er sich noch einmal umschaute nach dem Glück, welches er verließ. Sie blieb am Gitterthor stehen und sah ihm nach, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann kehrte sie ins Haus zurück. Ein glückseligeres Mädchen als Lucy Ferrier gab es in jenem Abend in ganz Utah nicht.

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Viertes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Was uns John Rance erzählte.

Es war ein Uhr, als wir das Haus in der Brixtonstraße verließen, um uns sofort auf das nächste Telegraphenbureau zu begeben. Holmes schickte eine lange Depesche ab, dann fuhren wir zusammen nach der Wohnung des Schutzmanns.

»Man muß sich die Zeugenaussagen womöglich immer aus erster Hand holen,« bemerkte er. »Wenn mir der Fall auch im allgemeinen ganz klar ist, so halte ich es doch für richtig, mich auch von allem übrigen so viel als thunlich zu unterrichten.«

»Aber Holmes,« rief ich in höchster Verwunderung, »Sie können doch unmöglich über alle jene Einzelheiten zu so unumstößlicher Gewißheit gelangt sein, wie Sie uns glauben machen wollen.«

»Jawohl, jeder Zweifel ist ausgeschlossen,« entgegnete er. »Als wir ankamen, war das Erste, was mir auffiel, die doppelte Räderspur einer Droschke, die bis an das Gitterthor führte. Seit einer Woche hatte es vergangene Nacht zum erstenmal geregnet, und die tiefen Wagengeleise konnten erst entstanden sein, nachdem das Erdreich gehörig aufgeweicht war. Auch die Spuren der Pferdehufe waren erkennbar, drei nur undeutlich, die vierte klar ausgeprägt, folglich war das Eisen neu. War die Droschke erst nach dem Regen am Hause vorgefahren und am Morgen nicht mehr da, wie Gregson versichert, so hatte sie also die beiden Leute während der Nacht dahin befördert.«

»Das klingt sehr einleuchtend,« sagte ich; »wie aber konnten Sie auf das Aeußere des Mannes schließen?«

»Die Größe eines Menschen läßt sich in den allermeisten Fällen nach seinem Schritt bestimmen. Die Berechnung ist schnell gemacht, aber ich will Sie nicht mit Zahlen plagen. Ich fand die Schrittweite des Mannes sowohl draußen im weichen Erdreich als auf der staubigen Stubendiele. Außerdem konnte ich noch die Probe anstellen: Wer auf eine Wand schreibt, thut dies unwillkürlich in der Höhe seiner Augen. Die Schrift aber ist gerade sechs Fuß hoch über dem Boden. Sie sehen, es war kinderleicht.«

»Aber sein Alter?«

»Nun, wenn ein Mann ohne Mühe fünftehalb Fuß weit ausschreiten kann, ist er schwerlich schon sehr altersschwach. So breit war nämlich die Pfütze auf dem Gartenweg, über die er weggeschritten ist. Die feinen Lederstiefel waren am Rande hingegangen, die grobe Fußbekleidung mit den breiten Spitzen aber darüber weggeschritten. Ein Geheimnis ist gar nicht dabei; alles beruht auf den Grundsätzen der Beobachtung und Schlußfolgerung, die ich in meiner Abhandlung auseinandergesetzt habe. – Macht Ihnen sonst noch etwas Kopfzerbrechen?«

»Die Fingernägel und die Trichinopolly-Cigarre.«

»Der Mann hatte den langen Nagel seines Zeigefingers in Blut getaucht und damit an die Wand geschrieben. Die Buchstaben waren wie eingekratzt in den Kalkbewurf. Auf der Diele fand ich etwas verstreute Asche, die dunkel und flockig aussah und nur von einer Trichinopolly-Cigarre herrühren konnte. Ueber Cigarrenasche habe ich ganz besondere Studien gemacht, ja sogar einen Aufsatz geschrieben; ich schmeichle mir, jede Sorte Cigarren- oder Tabaksasche auf den ersten Blick zu erkennen. Gerade in solcher speziellen Kenntnis zeigt sich der Unterschied zwischen dem wahrhaft gebildeten Detektiv und der Sorte, zu welcher die Gregson und Lestrade gehören.«

»Aber die rötliche Gesichtsfarbe?«

»Das war eine etwas kühne Folgerung, über die ich bei dem jetzigen Stand der Dinge noch keinen Aufschluß geben kann, obgleich ich überzeugt bin, daß ich recht habe.«

Ich faßte mir unwillkürlich mit der Hand an die Stirn. »Es schwirrt mir förmlich im Kopfe,« rief ich, »je mehr ich über die Angelegenheit nachdenke, um so rätselhafter erscheint sie mir. Wie kamen die beiden Männer – wenn es ihrer zwei waren – in das leere Haus? Was ist aus dem Kutscher geworden, der sie gefahren hat? Wie konnte der eine den andern zwingen, Gift zu nehmen? Woher stammen die Blutspuren? Was bewog den Mörder zu seiner That, da er keinen Raub beabsichtigte? Welcher Frau hat der Trauring gehört? Warum schrieb der Missetäter das Wort Rache an die Wand, bevor er die Flucht ergriff? – Daß jemand imstande sein sollte, alle die Thatsachen in Einklang zu bringen, geht wahrhaftig weit über mein Verständnis.«

Mein Gefährte lächelte beifällig.

»Sie haben sämtliche Schwierigkeiten unserer Lage kurz und bündig zusammengefaßt,« sagte er. »Ueber die Hauptsache bin ich zwar im reinen, aber manches ist noch unaufgeklärt. Die Schrift, auf deren Entdeckung Lestrade so stolz war, ist meiner Meinung nach nur eine Kriegslist, um die Polizei auf falsche Fährte zu locken, als sei die That im Auftrag einer geheimen Gesellschaft von irgend einem Sozialisten ausgeführt worden. – So – nun wissen Sie aber genug über den Fall, Watson, ich werde mich hüten, Ihnen noch mehr zu verraten. Mit dem Ansehen eines Taschenspielers ist es aus, sobald er sein Kunststück einmal erklärt hat, und wenn ich Ihnen mein Verfahren allzu genau beschreibe, werden Sie mich in kürzester Frist für einen höchst alltäglichen Menschen halten.«

»Bewahre,« rief ich, das wird nie geschehen. Sie haben die polizeiliche Forschung auf die Höhe der Wissenschaft erhoben und bis zu einer Vollkommenheit gebracht, wie sie bisher unerreicht war.«

Mein Gefährte wurde rot vor Freude über mein Urteil, das ich im Tone aufrichtigster Ueberzeugung aussprach. Schon früher hatte ich bemerkt, daß er für jedes Lob, welches man seiner Kunst zollte, empfänglich war, wie eine jugendliche Schönheit, deren Reize man bewundert.

»Etwas will ich Ihnen doch noch sagen,« rief er; »die feinen Lederstiefel kamen mit dem groben Schuhwerk in derselben Droschke angefahren und schritten zusammen höchst freundschaftlich den Gartenweg hinunter, wahrscheinlich sogar Arm in Arm. Im Hause gingen sie im Zimmer hin und her, oder richtiger gesagt: die feinen Lederstiefel standen still und das grobe Schuhwerk ging auf und ab und geriet dabei mehr und mehr in Leidenschaft. Das war in dem Staub, der auf der Diele lag, an den immer länger werdenden Schritten deutlich zu erkennen. Dabei sprach der Mann unaufhörlich, sein Zorn steigerte sich zur Wut und dann beging er die Unthat. Mehr weiß ich jetzt selbst noch nicht; das übrige beruht größtenteils auf bloßer Vermutung; doch ist immerhin ein guter Grund gelegt, auf dem sich sicher weiter bauen läßt – Ich darf mich übrigens jetzt nicht lange aufhalten, denn ich will heute nachmittag noch in Halles Konzert gehen, um die Neruda spielen zu hören.«

Die Droschke war während unseres Gesprächs durch zahllose düstere Gäßchen und enge Straßen gefahren; in der allerschmutzigsten und trübseligsten Stadtgegend hielt der Kutscher plötzlich still. »Da drüben ist Audley Court,« sagte er, auf eine Reihe räucheriger Backsteinhäuser deutend. »Ich will hier warten, bis Sie wieder herauskommen.«

Audley Court bot wenig Anziehendes. Eine schmale Gasse führte auf einen großen, gepflasterten Hof, der rings von ärmlichen Wohnhäusern umgeben war. Nach No. 46 suchend, gingen wir an Scharen schmutziger Kinder vorbei und krochen unter aufgehängter, mißfarbener Wäsche durch, bis wir auf einem kleinen Messingschild den Namen ›Rance‹ bemerkten.

Der Schutzmann hatte sich nach dem Nachtdienst zu Bette gelegt und wir wurden gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer ein wenig zu warten. Bald darauf kam Rance zum Vorschein, mißmutig, daß man ihn im Schlaf gestört hatte. »Ich habe doch schon auf dem Bureau Bericht erstattet,« brummte er verdrießlich.

Holmes zog ein Goldstück aus der Tasche und drehte es nachlässig zwischen den Fingern.

»Wir wünschten den Sachverhalt aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wenn Sie nichts dagegen haben,« sagte er verbindlich.

Der goldene Talisman verfehlte seine Wirkung nicht. »Ich werde Ihnen mit Vergnügen sagen, was ich weiß,« beeilte sich Rance zu erwidern.

»Gut, dann erzählen Sie mir bitte, wie sich alles zugetragen hat.«

Der Schutzmann nahm auf dem alten Roßhaarsofa Platz und legte die Stirn in bedächtige Falten. »Ich will beim Anfang beginnen,« sagte er. »Meine Dienstzeit ist von zehn Uhr abends bis sechs Uhr morgens. Um elf Uhr war eine Schlägerei im ›Weißen Hirsch‹ aber sonst fiel zuerst nichts Besonderes vor während meiner Runde. Gegen ein Uhr fing es an zu regnen, und etwas nach zwei Uhr kam ich die Brixtonstraße hinunter, um zu sehen, ob dort alles ruhig wäre. Keine Seele traf ich unterwegs, die Gegend war wie ausgestorben, nur ein paar Droschken kamen an mir vorbeigerasselt. Eben dachte ich daran, daß ein Schluck heißer Grog zur Magenstärkung wohl angebracht wäre – da sah ich einen Lichtschimmer in dem gewissen Hause. Nun wußte ich genau, daß da niemand wohnt, denn der Besitzer läßt die Abzugsröhren nicht nachsehen, obgleich der letzte Mieter am Typhus gestorben ist. Na, wie ich das Licht sehe, denke ich gleich, daß etwas nicht geheuer sein muß. Als ich an die Thüre kam – –«

»Sie sind stehen geblieben und nach dem Gartenthor zurückgegangen – aus welchem Grunde?« fragte Holmes.

Rance fuhr zusammen und riß die Augen weit auf.

»Woher wissen Sie denn das?« stammelte er. »Freilich that ich es, denn, sehen Sie, als ich an die Hausthür kam und alles so still und unheimlich war, fiel mir ein, daß wir doch eigentlich unser zwei sein sollten, und so ging ich zurück, um zu sehen, ob nicht vielleicht ein Kamerad mit seiner Laterne des Weges käme. Furcht kenne ich wahrhaftig nicht, aber wenn es etwa der verstorbene Mieter war, der dort umging, so hätte ich gern Gesellschaft gehabt.«

»War denn gar niemand auf der Straße?«

»Kein Mensch, Herr; nicht einmal ein verlaufener Hund. Ich nahm mich zusammen, ging wieder an die Thür und stieß sie auf. Drinnen war alles still; ich trat in das Zimmer, aus dem der Lichtschein gekommen war. Auf dem Kaminsims stand ein rotes Wachslicht – es flammte hell auf und da sah ich – –«

»Ich weiß schon, was Sie gesehen haben. Sie sind mehrmals rings um das Zimmer gegangen, dann bei dem Leichnam hingekniet, haben versucht, die Küchenthür zu öffnen und dann – –«

Rance schnellte wie besessen von seinem Sitz in die Höhe. »Von wo aus haben Sie mich belauscht? Sie müssen doch irgendwo versteckt gewesen sein, sonst könnten Sie das nicht alles wissen.«

Mein Gefährte zog seine Visitenkarte heraus und reichte sie dem Schutzmann. »Denken Sie nur nicht, daß ich der Mörder bin und Sie mich festnehmen müssen,« sagte er lachend. »Ich bin nicht der Wolf, sondern nur einer von den Spürhunden, wie Ihnen die Herren Gregson und Lestrade bestätigen werden. Aber, nur weiter – was thaten Sie zunächst?«

»Ich ging hinunter auf die Straße,« sagte Rance, der wieder Platz genommen hatte, aber noch immer verwundert dreinschaute. »Auf das Alarmzeichen, das ich mit meiner Pfeife gab, kamen drei von den Kameraden herbeigelaufen.«

»War die Straße noch immer leer?«

»Ja oder nein, wie man’s nimmt.«

»Was soll das heißen?«

Der Schutzmann verzog das Gesicht zu einem gutmütigen Grinsen. »Na,« sagte er, »als ich aus dem Gartenthor trat, lehnte ein Mensch am Gitter, der aus vollem Halse etwas von ›Kolumbias neuem Sternenbanner‹ oder dergleichen sang. Ich hab‘ in meinem Leben schon manchen gesehen, der zu schwer geladen hatte, aber ein Betrunkener, wie der Kerl, ist mir noch nicht vorgekommen. Er hatte mir keine Hilfe leisten können, hielt er sich doch kaum selber auf den Füßen.«

»Wie sah denn der Mann aus?« fiel ihm Holmes ins Wort.

Den Schutzmann schien die unnütze Frage zu verdrießen. »Es war eben ein sinnlos betrunkener Mensch,« sagte er, »den wir hätten auf die Polizeiwache bringen müssen, wären wir nicht anderweitig beschäftigt gewesen.«

»Aber Sie werden doch sein Gesicht, seinen Anzug gesehen haben,« rief Holmes ungeduldig.

»Natürlich – Murcher und ich mußten ihm ja unter die Arme greifen, um ihn aufzurichten. Ein langer Kerl mit rotem Gesicht, um das Kinn ein Tuch gewickelt und –«

»Schon gut – was ist denn aus ihm geworden?«

»Was weiß ich! wir hatten ohnehin genug zu thun. Er wird schon den Weg nach Hause gefunden haben, da können Sie ganz ruhig sein.«

»Wie war er denn angezogen?«

»Er trug einen braunen Ueberrock.«

»Hatte er eine Peitsche in der Hand?«

»Eine Peitsche – bewahre!«

»Die muß er zurückgelassen haben,« murmelte Holmes. »Kam nicht gleich darauf eine Droschke gefahren?«

»Nein.«

Mein Gefährte nahm seinen Hut zur Hand. »Hier, das Goldstück ist für Sie, Rance,« sagte er; »aber ein andermal seien Sie nicht ganz so kopflos. Ich fürchte, Sie bringen es sonst Ihr Lebtag zu nichts Rechtem und Sie hätten sich doch letzte Nacht mit Leichtigkeit Ihre Beförderung zum Sergeanten verdienen können. Statt dessen haben Sie den Mann entwischen lassen, nach welchem wir suchen und der den Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis in Händen hält. Wozu noch lange hin und her streiten – es verhält sich so, wie ich Ihnen sage, verlassen Sie sich darauf. Kommen Sie, Watson, wir wollen gehen.«

Der Schutzmann machte zwar ein ungläubiges Gesicht, aber man sah, die Sache war ihm nicht ganz geheuer. Wir ließen ihn verblüfft stehen und gingen unserer Wege.

»Der Hans Narr,« rief Holmes ärgerlich, als wir wieder in der Droschke saßen, um nach Hause zu fahren. »Ein Glück sondergleichen fällt ihm ungesucht in den Schoß und er versteht nicht, es festzuhalten.«

»Sind Sie Ihrer Sache aber auch ganz gewiß?« fragte ich. »Rances Beschreibung des Betrunkenen paßt zwar im allgemeinen zu Ihrer Vorstellung von dem zweiten Menschen, der in das Geheimnis verwickelt ist, aber was sollte ihn wieder nach dem Hause zurückgeführt haben? Das sieht nicht aus, als wäre er der Verbrecher.«

»Der Ring, Freund, der Ring – den wollte er holen. Wenn wir kein anderes Mittel finden, ihn zu fangen, müssen wir den Ring als Köder brauchen. Ich sage Ihnen, Doktor, er geht mir ins Netz, ich habe ihn sicher. Und Ihnen verdanke ich das alles. Hatten Sie mir nicht zugeredet, ich wäre um die schönste Gelegenheit gekommen, meine Kriminalstudien zu vervollständigen. – Jetzt aber, erst zum Lunch und dann ins Konzert. Die Neruda hat einen famosen Ansatz und spielt köstlich. Wie geht doch das kleine Ding von Chopin, das ich von ihr gehört habe? Tra–la–lira–lira–la.«

Er lehnte sich in die Wagenkissen zurück und trillerte wie eine Lerche, während ich über die Vielseitigkeit dieses Menschen nachdachte, der von der Natur zum Detektiv bestimmt schien und seine Forschungen mit dem Eifer eines Kunstliebhabers betrieb.

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Fünftes Kapitel

Fünftes Kapitel

Wir bekommen Besuch

Die Anstrengungen des Morgens waren zu groß gewesen für meine schwache Gesundheit. Ich fühlte mich sehr angegriffen, und sobald Holmes ins Konzert gegangen war, legte ich mich auf das Sofa, um mich durch einige Stunden Schlafs zu stärken. An Ruhe war jedoch nicht zu denken, denn wirre Vorstellungen und Bilder drängten sich unablässig in meinem aufgeregten Gehirn. Sobald ich die Augen schloß, sah ich vor mir die verzerrten, pavianähnlichen Gesichtszüge des Ermordeten. Der Eindruck war so abstoßend, daß ich mich kaum eines Dankgefühls gegen denjenigen erwehren konnte, der den Unhold aus der Welt geschafft hatte. Mir war noch nie ein Mensch vorgekommen, dessen Gesicht ein so deutliches Gepräge von Laster und Bosheit trug. Doch sah ich wohl ein, daß man der Gerechtigkeit ihren Lauf lassen müsse. Mochte dieser Enoch J. Drebber noch so verworfen gewesen sein, das rechtfertigte die Missethat, deren Opfer er war, nicht in den Augen des Gesetzes.

Je mehr ich über die Behauptung meines Freundes nachdachte, daß der Mann vergiftet worden sei, um so sonderbarer erschien sie mir. Holmes mußte auf den Gedanken gekommen sein, als er an den Lippen des Toten roch. Freilich blieb kaum eine andere Annahme übrig – erdrosselt war er nicht, eine Wunde ließ sich auch nicht entdecken. Und doch – wo kam das Blut her, das auf dem Fußboden verspritzt war? Es schien kein Kampf stattgefunden zu haben, wenigstens war keine Waffe da, mit welcher Drebber seinen Angreifer verwundet haben konnte. Holmes hatte sich wohl schon eine bestimmte Theorie über den ganzen Vorgang gebildet, das glaubte ich an seinem ruhigen, zuversichtlichen Benehmen zu erkennen. Auf welche Weise er sich aber die verschiedenen Thatsachen erklärte, die mir so rätselhaft schienen, ahnte ich auch nicht von ferne.

Es war schon spät, als er zurückkam – unmöglich konnte er die ganze Zeit über im Konzert gewesen sein. Das Essen stand bereits auf dem Tisch, und er nahm sogleich Platz.

»Ein herrlicher Genuß!« rief er. »Nichts übt doch solchen Zauber auf den Menschen aus, wie die Tonkunst. – Aber, was ist unterdessen mit Ihnen geschehen, Watson? Sie sehen schrecklich angegriffen aus. Hat die Geschichte in der Brixtonstraße Sie aus dem Gleichgewicht gebracht?«

»Wahrhaftig, ja – mehr als ich für möglich gehalten hätte. Seit meinen Erlebnissen in Afghanistan, wo ich meine Kameraden in Stücke hauen sah, glaubte ich weniger schwach besaitet zu sein.«

»Derartige rätselhafte Vorgänge erhitzen die Einbildungskraft und erzeugen ein leicht erklärliches Grauen,« meinte Holmes. »In der Abendzeitung steht ein ziemlich ausführlicher Bericht über die Begebenheit, doch freut mich, daß der gefundene Trauring nicht erwähnt wird.«

»Wieso?«

»Wegen der Anzeige, die ich heute abend in sämtliche Zeitungen habe einrücken lassen. Hier, lesen Sie.«

Er reichte mir das Blatt und unter der Rubrik ›Gefunden‹ las ich folgendes:

»Ein einfacher, goldener Trauring ist heute früh auf der Brixtonstraße zwischen dem Gasthaus zum ›Weißen Hirsch‹ und dem Holland-Hain gefunden worden. Zu erfragen bei Dr. Watson, Bakerstraße 221 b. zwischen 8 und 9 Uhr abends.«

»Sie entschuldigen wohl, daß ich auf Ihren Namen verwiesen habe! Hätte ich meinen eigenen genannt, ich wäre vor der Einmischung des einen oder andern unserer professionellen Dummköpfe nicht sicher gewesen.«

»Wie aber, wenn der Eigentümer sich meldet? Ich habe keinen Ring, den ich ihm geben könnte.«

»Dafür ist schon gesorgt,« sagte er, mir einen Ring einhändigend. »Er gleicht dem andern auf ein Haar und wird dieselben Dienste thun.«

»Wer wird sich denn auf die Anzeige hin melden – was glauben Sie?«

»Natürlich der Mann mit dem braunen Ueberrock – unser Freund mit dem roten Gesicht und dem groben Schuhwerk. Kommt er nicht selbst, so schickt er einen Spießgesellen.«

»Sollte er nicht Gefahr wittern?«

»Bewahre. Und wenn auch – meiner Ansicht nach würde er jeder Gefahr trotzen, um den Ring wieder zu bekommen. Ich denke mir, er hat ihn verloren, während er sich über Drebbers Leichnam beugte, und es nicht gleich bemerkt. Erst als er draußen war, entdeckte er seinen Verlust, und eilte zurück. Da er aber die Thorheit begangen hatte, das Licht brennen zu lassen, fand er die Polizei bereits an Ort und Stelle. Um keinen Argwohn zu erregen, verfiel er auf den Ausweg, sich betrunken zu stellen. Nun versetzen Sie sich einmal in seine Lage. Er überlegt sich die Sache und hält es nicht für unmöglich, daß er den Ring erst verloren hat, nachdem er wieder auf der Straße angelangt war. Was ist natürlicher, als daß er sich in den Abendblättern nach den gefundenen Sachen umsieht – er liest unsere Anzeige und ist überglücklich. Warum sollte er fürchten, in eine Falle zu geraten? Er hat nicht den geringsten Grund, anzunehmen, daß der Verlust des Rings in Beziehung zu dem Mord gebracht werden könnte, und wird sein Eigentum abholen wollen. Noch vor Ablauf einer Stunde kann er hier sein.«

»Und dann?«

»Dann lassen Sie mich nur mit ihm verhandeln – das ist meine Sache. – Sind Sie mit Waffen versehen?«

»Ich habe noch einen alten Revolver und einige Patronen.«

»Putzen und laden Sie ihn auf alle Fälle; wir haben es mit einem verzweifelten Menschen zu thun. Zwar hoffe ich, ihn zu überrumpeln, aber es ist immer besser, vorbereitet zu sein.«

Ich ging in mein Schlafzimmer und folgte seinem Rat. Als ich mit der Pistole in der Hand wieder eintrat, fand ich Holmes bei seiner Lieblingsbeschäftigung – er kratzte auf der Geige.

»Das Netz zieht sich zusammen,« sagte er; »eben erhalte ich aus Amerika eine Antwort auf mein Telegramm. Meine Ansicht über den Fall war ganz richtig.«

»Ja, was denken Sie denn eigentlich darüber?« fragte ich eifrig.

Er schien es zu überhören. »Ich muß wirklich meine Violine mit neuen Saiten beziehen,« murmelte er vor sich hin. »Wenn der Mensch kommt,« fuhr er gelassen fort, »so sprechen Sie mit ihm in Ihrem ganz gewöhnlichen Ton; sehen Sie ihn auch nicht forschend an, damit er keinen Verdacht schöpft.«

»Es ist schon acht vorbei,« sagte ich, meine Uhr herausziehend.

»In wenigen Minuten wird er wohl hier sein. Oeffnen Sie die Thür ein wenig und stecken Sie den Schlüssel inwendig ins Schlüsselloch. Danke sehr – jetzt kann er kommen. Ich glaube gar, da ist er schon.«

Draußen wurde stark an der Klingel gezogen, Sherlock Holmes stand geräuschlos auf und schob seinen Stuhl näher nach der Thüre hin. Wir hörten die Dienerin durch den Vorsaal gehen und die Hausthür öffnen.

»Wohnt Doktor Watson hier?« fragte eine laute, etwas scharfe Stimme; dann ward die Thür geschlossen, und es kam jemand mit schlürfendem Gang die Treppe herauf. Verwundert horchte mein Gefährte auf den langsamen, unsichern Schritt im Korridor; nun wurde leise angeklopft.

»Herein!« rief ich.

Die Thüre ging auf und statt des gewaltthätigen Menschen, den wir erwarteten, hinkte ein runzliges, altes Mütterchen ins Zimmer, das, wie von dem plötzlichen Lichtschein geblendet, uns mit matten, glanzlosen Augen anblinzelte.

Während die Alte stumm vor uns stand, und mit den zitternden Fingern ängstlich in ihrer Tasche nach etwas zu suchen schien, nahm das Gesicht meines Gefährten einen so trostlosen Ausdruck an, daß ich Mühe hatte, meine Fassung zu bewahren. Jetzt zog sie ein Zeitungsblatt heraus und deutete auf unsere Anzeige.

»Deswegen komme ich, werte Herren,« sagte sie mit einem tiefen Knix, »der goldene Trauring in der Brixtonstraße gehört meiner Tochter Sally; erst seit elf Monaten ist sie verheiratet und wenn ihr Mann nach Hause kommt – er ist nämlich Proviantmeister auf einem Uniondampfer – und sie hat ihren Ring nicht mehr, da giebt’s ein Donnerwetter. Schon an guten Tagen ist er sehr kurz angebunden, besonders wenn er getrunken hat. Das kam nämlich so: gestern abend war sie im Zirkus mit –«

»Ist das der verlorene Ring?« fragte ich.

»Unser Herrgott sei gepriesen,« rief die Alte. »Wie wird sich Sally freuen. Ja, das ist ihr Ring.«

Ich griff nach einem Bleistift: »Wo wohnen Sie?«

»In Houndsditch, Dunkanstraße 13. Ein weiter Weg von hier.«

»Wenn man von Houndsditch in den Zirkus will, kommt man nicht durch die Brixtonstraße,« mischte sich hier Sherlock Holmes in das Gespräch.

Die Alte warf ihm einen scharfen Blick aus ihren kleinen, rotgeränderten Augen zu. »Der Herr hat mich nach meiner Adresse gefragt. Sally wohnt in Peckham auf dem Mayfield-Platz Nummer 3.«

»Und Sie heißen? –«

»Mein Name ist Sawyer, – sie heißt Dennis weil sie Tom Dennis geheiratet hat. Ein wackerer, sauberer Bursche, solange er auf See ist; kein Proviantmeister gilt mehr bei den Herren von der Dampfschiffsgesellschaft. Aber, kommt er ans Land, so thun’s ihm die Weiber an und die Branntweinschenken und –«

»Hier ist Ihr Ring, Frau Sawyer,« unterbrach ich sie auf ein Zeichen meines Freundes; »er gehört ohne Zweifel Ihrer Tochter, und ich freue mich, ihn der rechtmäßigen Eigentümerin zustellen zu können.«

Allerlei Dankesworte und Segenswünsche murmelnd, versenkte die Alte den Ring in ihre Tasche und schlürfte wieder zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Kaum war sie fort, so sprang Sherlock Holmes vom Stuhle auf und verschwand in sein Schlafzimmer. Eine Minute später erschien er wieder mit Hut und Ueberrock. »Ich gehe ihr nach,« sagte er, »sie muß mit ihm unter einer Decke stecken und wird mir auf meine Spur verhelfen. Bitte, bleiben Sie auf, bis ich wieder da bin.«

Als Holmes die Treppe hinunter ging, hatte sich die Hausthür eben hinter der Alten geschlossen. Vom Fenster aus konnte ich sehen, wie sie sich langsamen, schlürfenden Schrittes entfernte, während ihr Verfolger auf der andern Straßenseite hinterdrein schlich. »Entweder ist seine ganze Theorie falsch,« dachte ich bei mir, »oder es wird ihm jetzt gelingen, das Rätsel zu lösen.«

Es hätte der Aufforderung, daß ich seine Rückkunft abwarten möchte, nicht bedurft, denn von Schlaf konnte bei mir keine Rede sein, bis ich wußte, wie sein Unternehmen abgelaufen wäre. Als er sich auf den Weg machte, war es fast neun Uhr; ich steckte mir eine Pfeife an und blätterte in einem französischen Roman. Es schlug zehn, und ich hörte wie das Dienstmädchen zu Bett ging; um elf Uhr kam die Wirtin durch den Korridor, um sich zurückzuziehen; erst kurz vor Mitternacht knarrte drunten der Schlüssel in der Hausthür.

Als Holmes bei mir eintrat, sah ich es ihm gleich an, daß er kein Glück gehabt hatte. Verdruß und heitere Laune stritten in seinen Gesichtszügen um die Herrschaft, bis schließlich letztere die Oberhand behielt und er in ein herzliches Gelächter ausbrach.

»Um nichts in der Welt möchte ich, daß die Geheimpolizisten von meinem Erlebnis Wind bekämen,« rief er, und sank auf einen Stuhl. »Ich habe sie so oft gehänselt, daß sie froh wären, sich einmal schadlos halten zu können. Da ich aber weiß, daß ich ihnen am Ende aller Enden doch den Rang ablaufe, lache ich trotz alledem.«

»Was ist denn geschehen?« fragte ich.

»Sie sollen die ganze Geschichte hören, wie wenig sie mir auch zum Ruhm gereicht: Die Person war erst eine kleine Strecke weit gegangen, da fing sie an zu hinken und konnte allem Anschein nach nicht mehr vom Fleck. Sie blieb stehen und winkte eine vorüberfahrende Droschke herbei. Um die Adresse zu hören, lief ich näher herzu, doch das hatte ich mir sparen können. ›Nach Houndsditch, Dunkanstraße 13‹, rief sie, daß es weithin schallte. Kaum war sie eingestiegen, so sprang ich hinten auf; das ist eine Kunst, in der jeder Detektiv gründlich bewandert sein sollte. Fort rasselte die Droschke in gleichmäßiger Geschwindigkeit. Schon ehe sie das Ende der Fahrt erreichte, war ich abgesprungen und schlenderte gemächlich die Straße hinunter. Jetzt hielt der Kutscher, er stieg vom Bock, öffnete die Wagenthür und wartete. Aber es kam niemand heraus. Als ich näher trat, sah ich ihn wie wild in der leeren Droschke herumfahren, wobei er die kräftigsten Verwünschungen hören ließ, die mir je zu Ohren gekommen sind. Von der Insassin war keine Spur mehr zu sehen, und ich fürchte, er wird lange auf sein Fahrgeld warten müssen. Das Haus Nummer 13 gehört, wie ich erfuhr, einem ehrsamen Tapezierer Namens Keswig, von einer Frau Sawyer oder Frau Dennis aber wußte kein Mensch dort etwas.«

»Sie wollen doch nicht behaupten,« rief ich starr vor Staunen, »daß das alte, gebrechliche Weib aus dem Wagen gesprungen ist, während er in voller Bewegung war, und daß weder der Kutscher noch Sie etwas davon gemerkt haben?«

»Zum Henker mit dem alten Weibe,« rief Holmes ärgerlich. »Die alten Weiber waren wir, daß wir uns so anführen ließen. Es muß ein junger, noch dazu ein sehr gelenkiger Mensch gewesen sein und ein vollendeter Schauspieler. Die Verkleidung war ganz vorzüglich! Ohne Zweifel hatte er den Verfolger bemerkt und war auf dies Mittel verfallen, mir zu entwischen. Es ist ein Beweis, daß der Mann, den wir suchen, nicht so allein steht, wie ich glaubte, sondern Freunde hat, die sich im Notfall nicht scheuen, um seinetwillen ein Wagnis zu unternehmen. Nun gehen Sie aber schnell zu Bett, Doktor, Sie sehen ganz abgemattet aus.«

Ich war in der That todmüde und folgte seinem Rat. Holmes blieb bei dem glimmenden Feuer sitzen, und noch bis tief in die Nacht hinein hörte ich die schwermütigen Klänge seiner Geige und wußte, daß er fort und fort das seltsame Problem in seinem Haupte wälzte, dessen Lösung er sich nun einmal vorgesetzt hatte.

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Sechstes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Tobias Gregson thut große Thaten.

Tags darauf waren alle Zeitungen voll von dem ›Brixton-Geheimnis‹, wie sie es nannten. Viele brachten außer einem langen Bericht noch Leitartikel darüber. Sie erzählten mancherlei, was mir neu war, und ich bewahre in meiner Brieftasche eine ganze Sammlung von Ausschnitten und Auszügen über den Fall. Das Wesentlichste lasse ich hier folgen:

Der ›Daily Telegraph‹ behauptete, daß die Verbrecherchronik nur wenige Tragödien aufzuweisen habe, die von so seltsamen Umständen begleitet seien. Der deutsche Name des Opfers, der Mangel jedes Beweggrunds, die furchtbare Schrift an der Wand, ließen deutlich erkennen, daß die That im Auftrag der Revolutionspartei begangen worden. Die Sozialisten besäßen weitverzweigte Verbindungen in Amerika, wahrscheinlich habe der Ermordete eines ihrer ungeschriebenen Gesetze übertreten und sei dafür zum Tode verurteilt worden. Der Artikel schloß damit, die Regierung zu ermahnen, sie möge ein wachsames Auge auf die Ausländer haben, die nach England kämen.

Geheimpolizisten bald gelingen wird, die rätselhafte Angelegenheit aufzuklären.«

›Daily News‹ versicherte, es läge ohne allen Zweifel ein politisches Verbrechen vor. Dies werde sich bald genug herausstellen, wenn der Aufenthaltsort des Sekretärs Stangerson ermittelt sei und man Genaueres über die Lebensgewohnheiten des Ermordeten erfahren habe. Von wesentlicher Bedeutung sei es, daß man bereits wisse, in welcher Pension er sich aufgehalten, eine Kunde, die man einzig und allein dem Scharfsinn und der Thatkraft des Geheimpolizisten Gregson verdanke.

Diese und ähnliche Artikel, welche ich mit Sherlock Holmes zusammen beim Frühstück las, schienen ihn sehr zu belustigen.

»Sagte ich Ihnen nicht, daß Lestrade und Gregson unter allen Umständen Kapital aus der Sache herausschlagen würden?«

»Das kommt doch noch sehr auf den Ausgang an,« meinte ich.

»Bewahre, der ist dabei höchst gleichgültig. Wird der Mann gefangen, so geschieht es infolge ihrer Bemühungen, gelingt es ihm zu entkommen, so thut er es trotz ihrer Bemühungen. Die Anerkennung fehlt ihnen nie, sie mögen anstellen, was sie wollen.«

»Was geht denn da vor, was soll der Lärm bedeuten? Hören Sie nur,« rief ich, als sich in diesem Augenblick im Hausflur und auf der Treppe das Stampfen vieler Füße vernehmen ließ und dazwischen die unwillige Stimme unserer Wirtin.

»Das ist die kleine Detektivmannschaft aus der Bakerstraße,« sagte mein Gefährte mit lächelnder Miene, und ehe ich mich’s versah, kam ein halbes Dutzend der schmutzigsten und zerlumptesten Gassenjungen hereingepoltert, die ich je im Leben zu Gesicht bekommen habe.

»Achtung!« rief Holmes im Kommandoton, und die sechs schmutzigen Bengel standen in Reih und Glied wie wohldressierte Soldaten. »Künftig schickt ihr Wiggins allein herauf, um Bericht zu erstatten; ihr andern wartet unten auf der Straße! – Habt ihr sie gefunden, Wiggins?«

»Nee,« lautete die Antwort, »gefunden haben wir se nich.«

»Das dachte ich mir wohl. Sucht nur weiter, bis ihr sie findet; hier ist euer Geld.« Er händigte jedem der Buben einen Schilling ein. »Jetzt fort mit euch, und bringt mir das nächstemal bessern Bescheid.«

Auf seinen Wink machten sie rechtsumkehrt, und polterten wieder die Treppe hinunter. Gleich darauf hörte man sie schon unten auf der Straße durcheinander gröhlen und schreien.

»Jeder einzige von den kleinen Halunken bringt mehr vor sich als ein Dutzend Polizisten,« bemerkte Holmes. »Die Leute haben gleich ein Schloß vor dem Mund, sobald sich nur ein Beamter von fern blicken läßt. Diese Schlingel kommen aber überall hin und hören alles. Sie sind glatt wie Aale und schlau wie Füchse, es fehlt ihnen nur die Disziplin.«

»Betrifft denn der Auftrag, den Sie ihnen gegeben haben, den Brixton-Fall?«

»Ja, es handelt sich um einen Punkt, über den ich Gewißheit haben muß. Die werden sie mir verschaffen – es ist nur eine Frage der Zeit. – Aber, holla! jetzt werden wir Neuigkeiten zu hören bekommen. Eben steuert Gregson mit vollen Segeln die Straße herunter. Er strahlt förmlich vor Glückseligkeit. Richtig, er will zu uns – da ist er schon.«

Es ward heftig an der Hausglocke gezogen, und gleich darauf kam der blonde Detektiv die Treppe heraufgesprungen, immer drei Stufen auf einmal, und platzte in unser Wohnzimmer.

»Wünschen Sie mir Glück, werter Freund,« rief er, Holmes eifrig die Hand schüttelnd; »ich habe jetzt Licht in die Sache gebracht – alles liegt klar zu Tage.«

Ein düsterer Schatten glitt über die ausdrucksvollen Züge meines Gefährten. »Glauben Sie die rechte Spur gefunden zu haben?« fragte er.

»Die rechte Spur? Was denken Sie – ich habe den Verbrecher schon hinter Schloß und Riegel.«

»Wer ist es denn?«

Gregson warf sich stolz in die Brust. »Arthur Charpentier, Unterleutnant bei der königlichen Marine,« rief er, sich die fleischigen Hände reibend.

Sherlock Holmes atmete sichtlich erleichtert auf.

»Setzen Sie sich, und hier ist eine Cigarre. Wir sind sehr gespannt zu hören, wie Sie es angefangen haben. Ist Ihnen vielleicht ein Glas Grog gefällig?«

»Habe nichts dagegen,« versetzte der Detektiv; »wer solche Anstrengungen durchgemacht hat, wie ich in den letzten Tagen, bedarf wohl einer Erfrischung. Besonders die geistige Ermüdung war übergroß. Sie werden das verstehen, Herr Holmes, denn auch Sie arbeiten mit dem Kopfe.«

Gregson hatte im Lehnstuhl Platz genommen, und begann mit Wohlgefallen seine Cigarre zu rauchen. Plötzlich schlug er sich mit der Hand auf das Knie und brach in ein schallendes Gelächter aus.

»Es ist wirklich zu komisch,« rief er, »daß Lestrade, der Narr, der für so ungeheuer klug gilt, sich ganz und gar auf dem Holzweg befindet. Er hat es auf den Sekretär Stangerson abgesehen, der doch so unschuldig an dem Verbrechen ist, wie ein neugeborenes Kind. Sicherlich hat er ihn jetzt schon dingfest gemacht.« Und wieder wollte er sich vor Lachen ausschütten.

»Wie haben Sie denn aber die richtige Spur gefunden?« fragte Holmes.

»Ich will Ihnen alles erzählen. Es bleibt natürlich ganz unter uns, Doktor Watson. Die erste Schwierigkeit, die es zu überwinden galt, war, Kenntnis von Drebbers Vorleben in Amerika zu erlangen. Mancher würde gewartet haben, bis Antwort auf seine Anzeige kam, oder irgend jemand ihm von selbst Mitteilungen machte. Aber das ist nicht Tobias Gregsons Art und Weise. Erinnern Sie sich an den Hut, der neben dem Toten auf dem Boden lag?«

»Gewiß; aus dem Geschäft von John Underwood & Söhne, Camberwell-Straße 129.«

Gregson machte ein höchst verblüfftes Gesicht. »Haben Sie das wirklich auch bemerkt? Sind Sie da gewesen?«

»Nein!«

»Das wundert mich. Mein Grundsatz ist, keine Gelegenheit unbenutzt vorbeigehen zu lassen, wie geringfügig sie auch erscheint.«

»Für einen großen Geist ist selbst das Kleinste von Bedeutung,« bemerkte Holmes salbungsvoll.

»Ich ging also zu Underwood,« fuhr Gregfon fort, »und fragte ihn, ob er kürzlich einen Hut, wie ich ihn beschrieb, verkauft habe Er schlug in seinen Büchern nach und fand sogleich, was ich wollte. Der Hut war an einen Herrn Drebber nach Madame Charpentiers Pension in Torquay Terrace geschickt worden. So bekam ich seine Adresse.«

»Schlau, sehr schlau,« murmelte Sherlock Holmes.

»Nun suchte ich Madame Charpentier auf, die ich sehr blaß und angegriffen fand. Auch ihre Tochter, ein ungewöhnlich hübsches Mädchen, war zugegen; sie hatte rotgeweinte Augen, und als ich sie anredete, bebten ihre Lippen. Das entging mir nicht, und ich witterte gleich Unrat. Sie kennen das Gefühl, Holmes, wenn man plötzlich auf die richtige Spur gerät, es fährt einem durch alle Glieder.

»›Haben Sie schon etwas von dem rätselhaften Tode des Herrn Drebber aus Cleveland gehört, der bei Ihnen gewohnt hat?‹ fragte ich.

»Die Mutter nickte bloß, sie schien außer stande, einen Laut hervorzubringen, die Tochter aber brach in Thränen aus. Kein Zweifel, die beiden wußten Näheres über die Sache.

»›Um welche Zeit verließ Herr Drebber Ihr Haus, um sich auf die Eisenbahn zu begeben?‹ fuhr ich in meinem Verhör fort.

»›Um acht Uhr,‹ erwiderte sie, ihre Aufregung mühsam bezwingend. ›Herr Stangerson, sein Sekretär, sagte, es gäbe zwei Züge, einen um 9,15 und einen um 11 Uhr. Er wollte mit dem ersten abreisen.‹

»›Und haben Sie ihn seitdem nicht mehr gesehen?‹

»Bei dieser Frage wurde die Frau leichenblaß, und es dauerte mehrere Sekunden, bevor sie das einzige Wort: ›Nein!‹ hervorstieß. Ihre Stimme klang leise und unnatürlich.

»›Mutter,‹ sagte die Tochter nach einem Augenblick tiefster Stille, ›laß uns dem Herrn gegenüber aufrichtig sein. Aus einer Unwahrheit kann nie etwas Gutes kommen: Ja, wir haben Herrn Drebber noch einmal wiedergesehen.‹

»›Verzeih dir Gott,‹ rief Frau Charpentier, und sank händeringend auf einen Stuhl. ›Du hast deinen Bruder ums Leben gebracht.‹

»›Arthur würde selbst wollen, daß wir die Wahrheit sagten,‹ entgegnete sie mit Festigkeit.

»›Sprechen Sie frei heraus,‹ ermahnte ich, ›ein halbes Vertrauen ist schlimmer als gar keines. Auch weiß die Polizei vielleicht schon mehr, als Sie ahnen.‹

»›Mein Sohn ist völlig unschuldig,‹ beteuerte sie. ›Wenn ich seinetwegen besorgt bin, so ist das nur, weil ich fürchte, daß er in Ihren Augen und vielleicht in denen anderer Leute, verdächtig erscheinen könnte. Aber das ist ja undenkbar. Sein vortrefflicher Ruf, sein Stand, sein ganzes früheres Leben, bürgen dafür, daß er an dieser gräßlichen That keinen Anteil hat.‹

»›Sagen Sie mir nur alles, was Sie wissen,‹ bedeutete ich sie; ›wenn Ihr Sohn unschuldig ist, hat er nichts zu fürchten.‹

»›Laß uns allein, Mary,‹ gebot Madame Charpentier. Die Tochter verließ das Zimmer und die Mutter berichtete nun in heftiger Erregung: ›Herr Drebber hat drei Wochen lang bei uns im Hause gewohnt. Vorher war er mit seinem Sekretär Stangerson auf Reisen; nach den Zetteln an ihren Koffern zu schließen, kamen sie zuletzt aus Kopenhagen. Stangerson zeigte sich schweigsam und zurückhaltend, Drebber aber benahm sich höchst anstößig. Er war ein gemeiner Mensch von rohen Sitten. Gleich am Abend seiner Ankunft hat er sich sinnlos betrunken und nach zwölf Uhr mittags sah man ihn selten nüchtern. Im Verkehr mit den Zimmermädchen war er widerlich frech und vertraulich, ja sogar meiner Tochter Mary gegenüber erlaubte er sich ein ähnliches Betragen und sprach mehrmals in einer Weise mit ihr, die sie in ihrer Unschuld zum Glück nicht verstand. Einmal war er sogar unverschämt genug, sie in meinem Beisein zu umarmen und zu küssen, so daß sein eigener Sekretär sich ins Mittel legte und ihm seine Frechheit verwies.‹

»›Aber warum ließen Sie sich das alles gefallen? Sie hätten doch den lästigen Menschen los werden können, sobald Sie wollten.‹

»›Ich weiß wohl,‹ sagte Madame Charpentier errötend; ›hätte ich ihn nur gleich am ersten Tage aus dem Hause gewiesen. Allein die Versuchung war groß. Sie bezahlten mir zusammen vierzehn Pfund die Woche, und ich hielt es für meine Pflicht, in diesen schlechten Zeiten mir eine solche Einnahme nicht entgehen zu lassen. Ich bin Witwe und mein Sohn in der Marine hat viel Geld gekostet. Nach dem letzten Auftritt zögerte ich aber nicht länger, ihm zu kündigen, das war der Grund seiner Abreise.‹

»›Nun, und wie wurde es weiter?‹

»›Mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich ihn wird uns voraussichtlich nicht mehr belästigen,‹ sagte er; ›ich will mich nur noch überzeugen, was aus ihm geworden ist.‹ Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinunter. Am nächsten Morgen brachte man uns die Nachricht von Drebbers geheimnisvollem Tode.‹

»›Um wieviel Uhr ist Ihr Sohn nach Hause gekommen?‹ fragte ich, als Madame Charpentier mit ihrem Bericht zu Ende war. ›Das weiß ich nicht,‹ stammelte sie; ›er hat sich selbst mit dem Hausschlüssel hereingelassen.‹

»›Nachdem Sie zu Bett waren?‹

»›Ja.‹

»›Wann begaben Sie sich zur Ruhe?‹

»›Gegen elf Uhr.‹

»›So blieb Ihr Sohn also wenigstens noch zwei Stunden fort?‹

»›Ja.‹

»›Möglicherweise auch vier oder fünf?‹

»›Ja.‹

»›Wo war er inzwischen?‹

»›Ich weiß nicht,‹ flüsterte sie mit bleichen Lippen.

»Unter diesen Umständen war ich natürlich nicht länger im Zweifel, was zu thun sei. Ich nahm zwei Polizisten mit, suchte Leutnant Charpentier auf und ließ ihn festnehmen. Als ich seine Schulter berührte und ihn ermahnte, uns ohne Widerstand zu folgen, richtete er sich stolz in die Höhe. ›Man hegt vermutlich Verdacht, ich sei an der Ermordung des schurkischen Drebber beteiligt,‹ waren seine ersten Worte. Sie werden mir zugeben, daß das höchst verdächtig aussah.«

»Versteht sich,« pflichtete Holmes bei.

»Er hielt den Stock in der Hand, von dem seine Mutter gesprochen hatte, einen schweren eichenen Knittel.«

»Wie denken Sie sich denn den Verlauf der Sache?«

»Nun, er ist Drebber bis zur Brixtonstraße gefolgt. Dort hat sich ein neuer Streit zwischen ihnen entsponnen, Drebber hat mit dem Stock einen Schlag erhalten, wahrscheinlich in die Magenhöhle, der seinen Tod verursachte, ohne eine Spur zu hinterlassen. In der regnerischen Nacht war kein Mensch unterwegs, Charpentier konnte daher die Leiche ungesehen nach dem leeren Hause schaffen. Was aber das Licht betrifft, das vergossene Blut, die Schrift an der Wand und den Ring, so sind das wahrscheinlich alles nur Finten, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken.«

»Vortrefflich,« rief Holmes beifällig. »Sie machen wirklich Fortschritte, Gregson; es kann noch etwas aus Ihnen werden.«

»Ich schmeichle mir, daß ich alles ganz glatt abgewickelt habe,« sagte der Polizist voll Selbstgefühl. »Der junge Mann behauptete zwar steif und fest, er sei Drebber nur eine kurze Strecke weit nachgegangen, dann habe dieser ihn entdeckt und sei in eine Droschke gestiegen, um ihm zu entkommen. Auf dem Heimweg wollte er dann einem früheren Kameraden vom Schiff begegnet sein und einen langen Spaziergang mit ihm gemacht haben. Als ich aber nach der Wohnung dieses Bekannten fragte, wußte er sie nicht anzugeben. Wie gesagt, der Fall ist mir ganz klar; es macht mir nur Spaß, daß Lestrade eine so falsche Spur verfolgt, die zu nichts führen kann. – Aber, wahrhaftig, ich glaube, da ist er selbst.«

Lestrade war wirklich während unseres Gesprächs die Treppe heraufgekommen und trat jetzt ins Zimmer. Sein für gewöhnlich so selbstbewußtes Wesen war kaum wieder zu erkennen; seine Mienen waren verstört, sein sonst so peinlich sauberer Anzug in Unordnung. Er wollte sich offenbar bei Holmes guten Rat holen; seinen Kollegen da zu finden, hatte er nicht erwartet. Unschlüssig blieb er mitten im Zimmer stehen und drehte seinen Hut krampfhaft

in den Händen. »Ein höchst verwickelter, unverständlicher Fall,« sagte er endlich.

»Meinen Sie, Lestrade?« rief Gregson triumphierend, »das habe ich mir wohl gedacht. Ist es Ihnen denn gelungen, den Aufenthalt des Sekretärs Josef Stangerson zu entdecken?«

»Den Sekretär Stangerson,« erwiderte Lestrade mit tiefem Ernst, »hat man in Hallidays Privathotel heute früh gegen acht Uhr in seinem Schlafzimmer ermordet gefunden.«

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Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Es kommt Licht in das Dunkel

Lestrades furchtbare Mitteilung kam uns so unerwartet, daß wir einige Zeit brauchten, um uns von dem ersten Schrecken zu erholen. Gregson war von seinem Sitz in die Höhe geschnellt, und ich starrte schweigend auf Sherlock Holmes, der mit düster zusammengezogenen Brauen und fest geschlossenen Lippen dasaß.

»Stangerson gleichfalls,« murmelte er endlich – »der Fall wird verwickelter.«

»Und war schon verwickelt genug,« sagte Lestrade und nahm mißmutig am Tische Platz. »Hier wurde wohl Kriegsrat gehalten?«

»Ist denn – was Sie sagen – aber auch ganz gewiß wahr?« stammelte Gregson.

»Eben komme ich vom Schauplatz der That,« lautete seines Kollegen Antwort. »Ich war der Erste, welcher entdeckte, was sich zugetragen hatte.«

Holmes sah ihn erwartungsvoll an. »Wir haben soeben Gregsons Ansicht über den Fall gehört,« äußerte er, »vielleicht wären Sie geneigt, uns nun auch Ihre Erlebnisse und Thaten zu berichten?«

»Warum nicht?« versetzte Lestrade; »ich gestehe offen, daß ich der Meinung war, Stangerson müsse bei Drebbers Ermordung die Hand im Spiele gehabt haben – ein Irrtum, von dem ich durch das jüngste Ereignis gründlich zurückgekommen bin. Vor allem wollte ich ermitteln, was aus dem Sekretär geworden sei. Man hatte die beiden noch abends um halb neun zusammen auf dem Eustoner Bahnhof gesehen. Um zwei Uhr morgens war Drebbers Leiche in der Brixtonstraße aufgefunden worden. Wo hatte sich Stangerson in der Zeit zwischen 8 Uhr 30 und der Stunde des Verbrechens aufgehalten? – das war die Frage. Ich telegraphierte eine Personalbeschreibung des Mannes nach Liverpool, damit er sich nicht heimlich auf einem amerikanischen Dampfer einschiffen könne. Dann erkundigte ich mich nach ihm in allen Hotels und Privatpensionen in der Nähe des Bahnhofs. Es schien mir wahrscheinlich, daß, wenn die Reisegefährten sich aus irgend einem Grunde getrennt hätten, Stangerson zur Nacht im nächsten Hotel einkehren und am andern Morgen Drebber sicherlich wieder am Bahnhof erwarten würde.«

»Sie werden wohl vorher verabredet haben, an welchem Orte sie sich treffen wollten,« warf Holmes ein.

»Wohl möglich,« meinte Lestrade. »Nun also, den ganzen gestrigen Abend brachte ich mit fruchtlosen Erkundigungen zu. Heute früh setzte ich meine Nachforschungen beizeiten fort und kam gegen acht Uhr nach Hallidays Privathotel in der kleinen Georgstraße. Auf meine Frage, ob ein Herr Stangerson dort abgestiegen sei, erhielt ich sofort eine bejahende Antwort. ›Vermutlich sind Sie der Herr, auf den er schon seit zwei Tagen wartet,‹ meinte der Portier.

»›Wo ist er jetzt?‹ fragte ich.

»›Oben in seinem Schlafzimmer; er wollte um neun Uhr geweckt sein.‹

»›Ich möchte ihn sofort aufsuchen.‹

»Mit der Absicht, ihn ganz unvermutet zu überraschen, ließ ich mir von dem Hausknecht das Zimmer zeigen. Es lag im zweiten Stock am Ende eines engen Korridors. Nun stellen Sie sich aber mein Entsetzen vor, als ich bei der Thür angekommen, bemerkte, daß ein dünner, roter Strom über die Schwelle rieselte und auf der andern Seite des Ganges eine kleine Blutlache gebildet hatte. Der Hausknecht, der schon an der Treppe war, kam auf meinen Schreckensruf zurückgestürzt, er wäre bei dem Anblick fast umgesunken. Die Thür war von innen verschlossen, doch gelang es unsern vereinten Kräften, sie aufzusprengen. Drinnen stand ein Fenster offen, und dicht daneben lag zusammengesunken ein Mann im Nachtgewande. Er mußte schon seit mehreren Stunden tot sein, denn seine Glieder waren steif und kalt. Ein Dolchstich war ihm mitten durchs Herz gedrungen. Nun hören Sie aber noch das Seltsamste von der ganzen Begebenheit: An der Wand neben der Leiche stand geschrieben – was glauben Sie wohl?« –

»Das Wort ›Rache‹ in Blutbuchstaben,« sagte Sherlock Holmes, ohne sich zu besinnen. Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Entsetzen.

»Das war es,« flüsterte Lestrade, und seine Stimme bebte. Eine Weile sprach keiner von uns ein Wort. Die methodische, und doch völlig unbegreifliche Weise, auf die der unbekannte Mörder bei seinen Missethaten verfuhr, erhöhte noch ihren schauerlichen Eindruck. Unter den Greueln des Schlachtfeldes war ich kaltblütig geblieben, jetzt zuckte mir jeder Nerv vor Erregung.

»Der Verbrecher ist nicht unbemerkt entkommen,« fuhr Lestrade fort. »Ein Milchjunge, der vom Kuhstall nach der Hotelküche ging, sah, daß an einem offenen Fenster des zweiten Stocks eine Leiter lehnte. Als er sich verwundert noch einmal umblickte, kam gerade ein Mann die Leiter herabgestiegen und zwar so ruhig und ohne jede verdächtige Hast, daß der Junge glaubte, es müsse ein Arbeiter sein, der im Hotel etwas auszubessern habe. Nach seiner Beschreibung war der Mann groß, rot im Gesicht und mit einem langen Rock von bräunlicher Farbe bekleidet. Er hat das Zimmer nicht unmittelbar nach der That verlassen, sondern sich erst noch im Becken das Blut von den Händen gewaschen und sein Dolchmesser sorgfältig an den Betttüchern abgewischt.«

Das Aeußere des Mannes war genau so, wie Holmes es früher beschrieben hatte, doch war keine Spur von Triumph oder Genugthuung in den Zügen meines Gefährten zu entdecken. »Haben Sie in dem Zimmer nichts gefunden, was auf die Spur des Verbrechers leiten könnte?« fragte er begierig.

»Nicht das geringste. Stangerson trug Drebbers Börse in der Tasche, doch war das nicht auffällig, da er die Reiseausgaben zu bezahlen pflegte. Sie enthielt etwa achtzig Pfund, die unberührt geblieben waren. Auf eine Beraubung hatte man es offenbar nicht abgesehen. In den Taschen des Ermordeten fanden sich weder Papiere noch Notizen, nur ein Telegramm, das vor etwa einem Monat in Cleveland aufgegeben worden war und lautete: ›J. H. ist in Europa‹. Der Name des Absenders stand nicht dabei.«

»Und das war alles?«

»Alles Wichtige. Ein Roman, mit dem sich der Mann in den Schlaf gelesen, lag auf dem Bett und seine Tabakspfeife daneben auf dem Stuhl. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser und auf dem Fensterbrett ein hölzernes Salbenschächtelchen, das mehrere Pillen enthielt.«

Mit einem Ausruf des Entzückens sprang Sherlock Holmes in die Höhe.

»Das fehlende Glied,« rief er. »Nun ist der letzte Zweifel gelöst.«

Die beiden Polizisten sahen einander sprachlos vor Erstaunen an.

»Ich halte nunmehr alle scheinbar noch so verwirrten Fäden in meinen Händen,« sagte mein Gefährte zuversichtlich. Einzelheiten sind natürlich noch unerledigt, aber über die Hauptsache bin ich völlig im klaren. Von der Zeit an, als Drebber sich von Stangerson trennte, bis zum Augenblick, da des letzteren Leiche entdeckt wurde, weiß ich alles, als hätte ich es mit eigenen Augen gesehen. Sie sollen sogleich einen Beweis davon haben. Könnten Sie wohl die fraglichen Pillen herbeischaffen?«

»Ich habe sie hier,« versetzte Lestrade, ein Schächtelchen hervorziehend, »ich nahm sie an mich, zugleich mit der Börse und dem Telegramm, um sie der Polizei zu übergeben. Daß ich die Pillen nicht stehen ließ, war der reinste Zufall, denn ich muß sagen, ich legte ihnen keine Wichtigkeit bei.«

»Wissen Sie, Doktor,« wandte sich Holmes zu mir, »ob das gewöhnliche Pillen sind?«

Sie waren von perlgrauer Farbe, klein, rund und fast durchsichtig, wenn man sie gegen das Licht hielt. »Nach ihrer Beschaffenheit sollte ich meinen, daß sie sich in Wasser auflösen würden,« bemerkte ich.

»Das glaube ich auch,« sagte Holmes erfreut. »Bitte,« fuhr er fort, »schaffen Sie doch einmal den kleinen kranken Dachshund herbei, der schon lange in einem so traurigen Zustand ist, daß die Wirtin Sie noch gestern bat, ihn von seinen Qualen zu erlösen.«

Ich brachte das altersschwache Tier in meinen Armen herauf und legte es auf ein Fußkissen nieder, es atmete schwer und schien bereits in den letzten Zügen.

»Jetzt schneide ich eine dieser Pillen entzwei,« sagte Holmes, sein Taschenmesser herausziehend; »eine Hälfte bleibt zu späterer Verwendung in der Schachtel, die andere thue ich mit einem Theelöffel voll Wasser in dieses Weinglas. Sie sehen, der Doktor hat recht, sie löst sich schon auf.«

»Das mag sehr interessant sein,« ließ sich Lestrade in spöttischem Ton vernehmen, »nur begreife ich nicht, was es mit Stangersons Tode zu thun haben soll.«

»Geduld, mein Freund, Geduld; Sie werden es bald erfahren. Jetzt gieße ich noch etwas Milch dazu, um es schmackhaft zu machen.«

Er hatte den Inhalt des Weinglases in einen Napf ausgeleert und der Hund leckte die Flüssigkeit bereitwillig auf. Wir saßen schweigend im Kreise und erwarteten eine überraschende Wirkung, welche, nach Holmes wichtiger Miene zu urteilen, bald eintreten sollte. Aber es geschah nichts dergleichen. Der Hund lag auf dem Kissen ausgestreckt, sein Zustand war unverändert.

Mein Freund hatte die Uhr herausgezogen, und wie eine Minute nach der andern erfolglos verstrich, nahm sein Gesicht einen immer kummervolleren Ausdruck an. Er preßte die Lippen zusammen, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und verriet auf jede Weise die größte Ungeduld. Seine Gemütsbewegung war so unverkennbar, daß er mir aufrichtig leid that, während die beiden Polizisten schadenfroh lächelten und ihm den offenbaren Mißerfolg von Herzen zu gönnen schienen.

»Es kann kein zufälliges Zusammentreffen sein,« rief er endlich, vom Stuhl aufspringend; »das ist unmöglich, völlig unmöglich. Die nämlichen Pillen, deren Anwendung ich in Drebbers Fall vermutete, werden nach Stangersons Tode wirklich gefunden – und doch haben sie keine Wirkung. Wie läßt sich das erklären? – Daß meine ganze Schlußfolgerung falsch gewesen sein soll, ist undenkbar. Aber der elenden Kreatur dort merkt man gar nichts an.«

Er ging aufgeregt im Zimmer hin und her; plötzlich stieß er einen Jubelruf aus: »Ich hab’s, ich hab’s!« Er griff nach der Schachtel, schnitt die andere Pille entzwei, löste sie auf, goß Milch dazu und ließ sie von dem Hunde auflecken. Kaum hatte das arme Geschöpf sie mit der Zunge berührt, als ein krampfhaftes Zucken durch seine Glieder ging, dann lag es starr und leblos da, wie vom Blitz getroffen.

Sherlock Holmes atmete tief auf und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. »Es war unrecht, daß ich mich so leicht irre machen ließ,« sagte er. »Wenn eine Thatsache durchaus nicht zu meinen Folgerungen passen will, hat sich noch regelmäßig herausgestellt, daß es damit eine besondere Bewandtnis hat. Eine der beiden Pillen enthielt das tödliche Gift, die andere war völlig unschädlich. Das hätte ich wissen müssen, bevor mir noch die Schachtel zu Gesicht kam.«

Wie seltsam mir auch seine letzte Behauptung klang, so lag doch der tote Hund als bester Beweis für ihre Richtigkeit vor uns. Ganz allmählich begannen sich die Nebel zu zerstreuen, die mir das Verständnis verhüllten, und es dämmerte in mir eine Ahnung von dem Zusammenhang der Dinge.

»Das alles erscheint Ihnen nur deshalb so sonderbar,« fuhr Holmes fort, »weil Sie gleich zu Anfang die einzig richtige Spur, welche deutlich vorlag, nicht erkannt haben. Ich hatte das Glück, von vornherein darauf zu verfallen und alle späteren Ereignisse haben nur dazu gedient, mich in meiner ursprünglichen Vermutung zu bestärken, sie waren die logische Folge derselben. So kam es, daß alles, was den Fall in Ihren Augen verdunkelte, mir neues Licht brachte und meine Annahmen bestätigte. Außergewöhnliche Umstände bieten keineswegs immer die schwierigsten Rätsel; vielmehr sind die scheinbar alltäglichsten Verbrechen oft am geheimnisvollsten, weil wir ohne besondere Anhaltspunkte zu keinen neuen Schlüssen gelangen können. Die Lösung unseres Falles würde sehr fraglich sein, wenn man den Leichnam einfach auf der Straße gefunden hätte. Die merkwürdigen Nebenumstände erschweren die Nachforschung nicht, im Gegenteil, sie erleichtern dieselbe.«

Gregson hatte der langen Auseinandersetzung mit wachsender Ungeduld zugehört; endlich bezwang er sich nicht länger.

»Wir geben ja gern zu, Herr Holmes,« sagte er, »daß Sie ein ungewöhnlich schlauer Mensch sind und Ihr ganz besonderes Verfahren haben. Aber mit Theorien kommt man hier nicht weit. Es handelt sich darum, den Mörder festzunehmen. Was ich in dieser Sache gethan habe, scheint sich als Mißgriff herauszustellen, denn den zweiten Mord kann der junge Charpentier nicht begangen haben. Lestrade seinerseits glaubte jenem Stangerson nachspüren zu müssen und auch er war augenscheinlich auf falscher Fährte. Nach Ihren Winken und Andeutungen scheinen Sie mehr von der Sache zu wissen als wir. So gehen Sie doch einmal heraus mit der Sprache, und sagen Sie uns, wer das Verbrechen begangen hat.«

»Gregson hat ganz recht,« nahm Lestrade das Wort. »Wir haben uns bis jetzt beide vergeblich bemüht, dahinter zu kommen, und wenn Sie wirklich, wie Sie behaupten, alle Beweise in Händen haben, so hoffe ich, Sie werden nicht länger zögern, uns reinen Wein einzuschenken.«

»Das Wichtigste scheint mir doch, den Mörder unschädlich zu machen,« fiel ich ein, »damit er nicht noch mehr Unthaten begehen kann.«

So von allen Seiten gedrängt, schien Holmes unentschlossen, was er thun solle. Mit gerunzelten Brauen, den Kopf auf die Brust gesenkt, schritt er im Zimmer auf und ab, wie seine Gewohnheit war, wenn es eine große Entscheidung galt. Plötzlich blieb er uns gegenüber stehen.

»Es wird kein Mord mehr verübt werden, darüber können Sie außer Sorge sein,« sagte er mit Bestimmtheit. »Sie fragen mich nach dem Namen des Verbrechers – den kenne ich. Ja, was noch mehr ist, ich hoffe, in kürzester Frist ihn selbst in die Hände zu bekommen. Alle meine Vorkehrungen zu dem Zweck sind getroffen, aber die Ausführung erfordert große Umsicht, denn wir haben es mit einem kühnen Menschen zu thun, der zum Aeußersten entschlossen ist. Auch fehlt es ihm nicht an einem Gehilfen, der ebenso verschlagen ist wie er selbst – davon habe ich Beweise. Solange der Mann nicht ahnt, daß man ihn beobachtet, ist es möglich, seiner habhaft zu werden. Schöpfte er aber auch nur den geringsten Argwohn, so würde er einen andern Namen annehmen und unter den vier Millionen Einwohnern dieser großen Stadt spurlos verschwinden. Ich möchte Sie beide nicht kränken, doch scheint mir, daß die Polizei jenem Manne gegenüber machtlos ist. Ich habe Sie deshalb auch nicht um Ihre Hilfe angegangen, und will lieber Tadel und Verantwortlichkeit allein tragen, wenn die Sache mißlingt. Jedenfalls verspreche ich, Ihnen Weiteres mitzuteilen, sobald ich überzeugt bin, daß meine Pläne nicht mehr gefährdet werden können.«

Die beiden Polizisten schienen durch diese Versicherung nicht sehr befriedigt und überhaupt wenig erbaut von dem abfälligen Urteil meines Gefährten. Gregson wurde rot bis zu den Schläfen und Lestrades Augen funkelten vor Aerger und Neugier. Sie fanden jedoch keine Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen, denn in diesem Augenblick klopfte es an der Thür, und der Häuptling der zerlumpten Freiwilligenschar, der junge Wiggins, erschien in höchsteigener, unansehnlicher Person.

»Ich wollte nur melden, Herr,« sagte er, eine stramme Haltung annehmend, »daß ich die Droschke gebracht habe; sie hält unten.«

»Bravo,« rief Holmes beifällig. Er holte ein Paar stählerne Handschellen aus der Kommodenschublade. »Sehen Sie nur, wie die Feder zuschnappt, in einem Augenblick sitzen sie fest. Warum führt man eigentlich diese Sorte nicht bei der Polizei ein?«

»Das alte Muster erfüllt seine Zwecke gut genug,« versetzte Lestrade; »die Hauptsache bleibt immer, den Mann zu haben, dem man sie anlegen soll.«

»Freilich, freilich,« bestätigte Holmes lächelnd. »Höre Wiggins, bitte doch einmal den Droschkenkutscher heraufzukommen, er soll mir bei dem Gepäck behilflich sein.«

Es überraschte mich, daß mein Gefährte im Begriff schien, eine Reise anzutreten, denn er hatte davon nichts gegen mich erwähnt. Im Zimmer stand ein kleiner Handkoffer, den er jetzt hervorzog und zuzuschließen begann. Er war noch damit beschäftigt und kniete am Boden, als der Droschkenkutscher eintrat. »Können Sie mir vielleicht hier den Riemen fester schnallen, Kutscher,« sagte er, ohne den Kopf umzuwenden.

Der Mensch trat verdrossen hinzu und streckte die Hände nach dem Riemen aus. Man vernahm einen scharfen, metallenen Klang und im nächsten Augenblick sprang Sherlock Holmes rasch in die Höhe.

»Meine Herren,« rief er mit blitzenden Augen, »hier stelle ich Ihnen Jefferson Hope vor, den Mörder von Enoch Drebber und Joseph Stangerson.«

Alles war mit solcher Schnelligkeit vor sich gegangen, daß uns kaum Zeit zur Besinnung blieb, doch erinnere ich mich deutlich an den triumphierenden Ausdruck in Holmes‘ Blick und Ton und an des Kutschers verdutzte, ingrimmige Miene, mit der er die Handschellen betrachtete, welche ihn wie durch Zauberkunst gefesselt hielten.

Wir standen starr wie Bildsäulen, aber nur einen Augenblick, denn plötzlich stieß der Gefangene einen Schrei wilder Wut aus, riß sich mit gewaltiger Kraft von Holmes los und rannte nach dem Fenster; Glas und Holzwerk brachen in tausend Splitter bei seinem mächtigen Anprall. Noch ehe er sich jedoch hinausstürzen konnte, sprangen Lestrade, Gregson und Holmes auf ihn, wie Jagdhunde auf ihre Beute; er ward ins Zimmer zurückgezogen und nun entspann sich ein furchtbarer Kampf. Wieder und immer wieder gelang es ihm, uns alle vier abzuschütteln; mit der Riesenstärke eines Wahnsinnigen wehrte er sich gegen seine Angreifer. Die zertrümmerten Fensterscheiben hatten ihm Gesicht und Hände schrecklich verletzt, aber der Blutverlust schwächte seine Widerstandskraft nicht. Erst als es Lestrade gelang, ihm von hinten die Hand in den Halskragen zu stecken und ihn fast zu erwürgen, sah er ein, daß jeder weitere Versuch, uns zu entrinnen, vergeblich sein würde. Der Sicherheit halber banden wir ihn noch an den Füßen und konnten nun erst wieder zu Atem kommen.

»Seine Droschke steht noch unten, wir wollen sie gleich benützen, um ihn auf die Polizei zu bringen,« sagte Sherlock Holmes. »Und nun, meine Herren,« fuhr er fort, »bin ich bereit, alle Ihre Fragen zu beantworten. Mein kleines Geheimnis ist enthüllt, und Sie brauchen nicht zu fürchten, daß ich Ihnen die gewünschte Auskunft verweigere.«

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Elftes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Eine Flucht auf Leben und Tod.

Am Morgen nach seiner Unterredung mit dem Propheten begab sich John Ferrier nach der Salzseestadt, suchte dort seinen Bekannten auf, welcher im Begriff stand, ins Gebirge von Nevada zu reisen, und vertraute ihm die Botschaft für Jefferson Hope an. Er hatte dem jungen Manne geschrieben, von welcher furchtbaren Gefahr sie bedroht seien und ihn aufgefordert, unverzüglich zurückzukehren. Nachdem dies geschehen war, ging er erleichterten Herzens heim.

Als er sich seinem Hause näherte, sah er mit Verwunderung, daß an jedem der Thürpfosten ein Pferd angebunden stand. Im Wohnzimmer aber traf er zwei junge Männer, die sich höchst behaglich zu fühlen schienen. Der eine, mit hageren, blassen Zügen, lag im Armstuhl ausgestreckt, die Füße auf dem niedrigen Ofen. Der andere, ein Mensch mit aufgedunsenem, gemeinem Gesicht und einem Stiernacken, stand, die Hände in den Taschen, am Fenster und pfiff eine Melodie. Beide nickten Ferrier vertraulich zu, und der junge Mensch im Armstuhl begann das Gespräch.

»Sie kennen uns vielleicht nicht,« sagte er. »Dies hier ist der Sohn des Aeltesten Drebber und ich bin Josef Stangerson, der mit im Zuge war, als der Herr in der Wüste seine Hand ausstreckte, um Sie mit der Herde der Gläubigen zu vereinen.«

»Wie er alle Völker versammeln wird zu seiner Zeit!« fiel der andere mit schnarrender Stimme ein. »Seine Mühlen mahlen langsam, aber sicher.«

John Ferrier verbeugte sich kühl; er hatte sich schon denken können, wer die Besucher waren.

»Wir kommen auf den Rat unserer Väter,« fuhr Stangerson fort, »und werben um die Hand Ihrer Tochter für denjenigen von uns beiden, welcher Ihnen und ihr am meisten zusagt. Da ich nur vier Frauen habe und Bruder Drebber hier deren sieben besitzt, so scheint mir, daß ich den nächsten Anspruch habe.«

»Bewahre, Bruder Stangerson,« rief der andere; »es handelt sich nicht darum, wie viele Frauen man hat, sondern wie viele man ernähren kann. Mein Vater hat mir jetzt die Fabriken übergeben, und ich bin reicher als du.«

»Aber ich habe bessere Aussichten,« erwiderte jener eifrig. »Wenn der Herr meinen Vater zu sich nimmt, bekomme ich die Lohgerberei und die Lederfabrik. Auch bin ich älter als du und mein Ansehen in der Kirche ist größer.«

»Das Mädchen soll zwischen uns entscheiden,« entgegnete der junge Drebber, sich wohlgefällig im Spiegel betrachtend; »wir wollen es ihr ganz überlassen.«

Während dieses Zwiegesprächs stand John Ferrier schäumend vor Wut an der Thür. Es zuckte ihm in allen Fingern, seine Reitpeitsche auf den Rücken der beiden Bewerber niedersausen zu lassen.

»Hört einmal,« sagte er endlich, auf sie zuschreitend, »wenn meine Tochter euch rufen läßt, mögt ihr kommen; bis dahin bitte ich mir aus, daß ihr mir den Anblick eurer Gesichter erspart!«

Die jungen Mormonen starrten ihn in maßlosem Erstaunen an. In ihren Augen war dieser Wettbewerb um die Hand des Mädchens die höchste Ehre, welche sie Vater und Tochter erweisen konnten.

»Es giebt zwei verschiedene Ausgänge aus diesem Zimmer,« fuhr Ferrier zornglühend fort, »einen durch die Thür, den anderen durch das Fenster. Ihr habt die Wahl.«

Seine Miene war so drohend und seine hagern Hände schienen so eisenstark, daß die beiden unwillkommenen Besucher eilig aufsprangen und den Rückzug antraten. Der alte Mann folgte ihnen bis zur Thür.

»Sobald ihr untereinander ausgemacht habt, wer es sein soll, laßt mich’s wissen,« rief er ihnen höhnisch nach.

»Dafür sollt Ihr büßen,« schrie Stangerson bleich vor Erregung. »Ihr habt dem Propheten getrotzt und dem hohen Rat der Vier – das sollt Ihr bereuen bis an Euer Lebensende.«

»Die Hand des Herrn werdet Ihr fühlen,« stimmte der junge Drebber ein. »Er wird wider Euch aufstehen und Euch schlagen.«

»Mit dem Schlagen kann es gleich seinen Anfang nehmen,« rief Ferrier zornbebend. Er wollte die Flinte von der Wand reißen, aber Lucy war herzugeeilt und fiel ihm in den Arm. Bevor er sich noch von ihr losmachen konnte, tönte schallender Aufschlag und die Flüchtlinge waren außer seinem Bereich.

»Die jungen heuchlerischen Schurken,« murmelte er voll Ingrimm; »weit lieber möchte ich dich im Grabe sehen, mein Herzenskind, als daß dich einer von ihnen als sein Weib heimführte.«

»Ja Vater, – lieber sterben!« erwiderte sie entschlossen. »Doch bald wird Jefferson hier sein.«

»Freilich – und je früher er kommt, desto besser ist es. Wer kann wissen, was jene gegen uns im Schilde führen.«

Es war in der That hohe Zeit, daß ein kluger Ratgeber und Helfer dem wackern alten Ferrier und seiner Tochter in ihrer Not beistand. Seit der Gründung der Niederlassung war ein solches Beispiel von Ungehorsam und Widersetzlichkeit gegen die Befehle der Aeltesten noch niemals vorgekommen. Wenn schon kleine Vergehen mit unnachsichtiger Strenge bestraft wurden, welches Schicksal erwartete dann diesen Erzrebellen? Ferrier wußte, daß weder sein Reichtum noch seine Stellung ihn schützen würde. Leute, die über ebenso große Mittel verfügten und in nicht geringerem Ansehen standen wie er, waren schon spurlos verschwunden und ihre Güter der Kirche anheimgefallen. Der tapfere Mann hätte sich jeder offenen Gefahr kühn entgegengestellt, aber das düstere unheimliche Verhängnis, das über ihm schwebte, erschütterte seine starke Seele und flößte ihm Grauen ein. Zwar verbarg er seine Furcht vor der Tochter und that, als lege er der ganzen Sache nicht viel Wert bei, allein, mit dem scharfen Auge der Liebe erkannte Lucy nur zu deutlich die Unruhe in seinem Gemüt.

Nach dem, was vorgefallen war, mußte er sich darauf gefaßt machen, von Young wegen seines Benehmens eine Rüge oder Warnung zu erhalten. Die Botschaft traf auch wirklich ein, aber sie kam auf eine ihm völlig unerwartete Weise. Als er am nächsten Morgen erwachte, fand er auf der Bettdecke gerade über seiner Brust einen kleinen viereckigen Zettel angesteckt, auf welchem mit großen deutlichen Buchstaben die Worte standen: »Neunundzwanzig Tage sind dir zur Sühne gewährt, und dann – –«

Jede Drohung wäre weniger furchtbar gewesen als der beängstigende Gedankenstrich. John Ferrier zerbrach sich vergebens den Kopf, wie der Zettel in sein Zimmer gekommen sein könne, denn das Gesinde schlief in einem Nebenbau und er hatte mit eigener Hand alle Fenster und Thüren wohl verwahrt und verschlossen. Er vernichtete das Papier und sagte seiner Tochter nichts von dem Vorfall, aber ihn schauderte doch, wenn er daran dachte. Die neunundzwanzig Tage waren offenbar der Rest des Monats, den Brigham Young ihm zugesagt hatte. Was vermochten aller Mut und alle Kraft gegen einen Feind auszurichten, der so geheimnisvolle Hilfsmittel besaß? Die Hand, welche jenen Zettel befestigte, hätte ihn ebenso gut ins Herz treffen können und kein Mensch würde jemals erfahren haben, wer ihn erschlagen.

Am folgenden Morgen wurde er noch heftiger erschüttert. Sie saßen zusammen beim Frühstück, als Lucy plötzlich einen Schrei der Ueberraschung ausstieß und nach oben blickte. Mitten auf der Zimmerdecke stand in schwarzer Schrift die Zahl 28. Seine Tochter wußte nicht, was das zu bedeuten habe und er klärte sie nicht auf. Die folgende Nacht hindurch saß Ferrier mit der geladenen Flinte da und hielt Wache. Alles blieb still, er vernahm keinen Laut, aber am nächsten Morgen fand er die Zahl 27 auf seiner Hausthür angeschrieben.

So verging ein Tag nach dem andern und jeder neue Morgen brachte ihm Kunde, daß seine unsichtbaren Feinde ihre Rechnung weiter führten. An irgend einer Stelle, die ihm ins Auge fallen mußte, hatten sie die Anzahl der Tage verzeichnet, die ihm noch von der Gnadenfrist übrig blieb. Bald tauchten die verhängnisvollen Nummern an den Wänden auf, bald auf dem Fußboden, manchmal standen sie auf kleinen Anschlagzetteln, die an dem Gartenthor oder den Gitterstäben befestigt waren. Trotz aller Wachsamkeit konnte Ferrier nicht entdecken, woher diese täglichen Mahnzeichen kamen und er empfand ein fast abergläubisches Grauen, so oft er eine neue Zahl gewahrte. Er kam sich vor wie ein gehetztes Wild, eine verzehrende Unruhe ergriff ihn und wer in seinem Auge zu lesen verstand, konnte sehen, welche Qualen er litt. Nur der Gedanke, daß der junge Jäger jetzt bald aus Nevada eintreffen müsse, hielt ihn noch aufrecht.

Aus 29 war 15, aus 15 war 10 geworden, aber noch traf keine Nachricht von dem fernen Freunde ein. Immer kleiner ward die Zahl der noch übrigen Tage und Jefferson ließ sich nicht blicken. Vernahm man einen Hufschlag oder kam ein Fuhrmann des Weges gefahren, so eilte der alte Farmer an das Thor, weil er glaubte, daß die ersehnte Hilfe da sei. Erst als auf die 5 die 4 folgte und aus dieser eine 3 wurde, sank ihm der Mut, und er gab jede Hoffnung verloren.

Wenig vertraut mit Weg und Steg in den Gebirgen, welche die Ansiedlung umgaben, konnte er, auf sich allein angewiesen, die Rettung nicht ins Werk setzen; alle bekannten Pfade wurden aufs strengste bewacht, und jeder Wanderer, der sich darauf betreten ließ, mußte einen Passierschein des Hohen Rats vorweisen können. Wohin sich also Ferrier wenden mochte, nirgends bot sich ihm die Möglichkeit, dem Verhängnis zu entfliehen, das ihn bedrohte; dennoch schwankte der alte Mann keinen Augenblick in seinem Entschluß, lieber das Leben zu verlieren, als seine Tochter jener Verbindung preiszugeben.

Er war in schweren Sorgen abends allein aufgeblieben und sann vergebens nach, ob denn kein Entrinnen mehr möglich sei. Am Morgen war die Zahl 2 auf der Hauswand erschienen und mit dem nächsten Tage ging die festgesetzte Frist zu Ende. Was würde dann geschehen? – Seine Einbildungskraft war geschäftig, sich alle erdenklichen Schrecken auszumalen. Und was sollte aus seiner Tochter werden, wenn er ihr nicht mehr zur Seite stand? – Er sah sich rings von einem unsichtbaren Netz umgeben, das sich immer dichter zusammenzog. Von dem Gefühl seiner Ohnmacht überwältigt, brach er in schmerzliches Schluchzen aus und das Haupt sank ihm auf die Brust.

Aber was war das? – Durch die Stille der Nacht kam plötzlich ein leiser, schnarrender Ton deutlich zu ihm herüber. Er schien von der Hausthür zu kommen. Ferrier schlich geräuschlos durch den Gang und horchte scharf hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann ließ sich der seltsame, schwache Laut wieder vernehmen. Es klopfte jemand mit großer Behutsamkeit an der Thür. War es ein nächtlicher Abgesandter des heimlichen Gerichts, der gekommen war, um dessen Mordbefehl auszuführen, oder sollte ihm noch besonders angekündigt werden, daß der letzte Tag herannahe? Die furchtbare Ungewißheit schüttelte ihn wie im Fieber und nahm ihm jede Widerstandskraft. Länger vermochte er die Qual nicht mehr zu ertragen, mit der verglichen der Tod eine Erlösung schien. Rasch entschlossen zog er den Riegel zurück und öffnete die Thür.

Draußen war alles still. Die Sterne flimmerten am klaren Nachthimmel und weder in dem kleinen Vorgarten, den der Zaun umschloß, noch auf der Straße jenseits des Gitterthors, war ein menschliches Wesen zu erblicken. Ferrier sah nach rechts und nach links und atmete erleichtert auf. Als er aber zufällig gerade vor sich auf den Boden schaute, sah er mit Entsetzen zu seinen Füßen einen Mann platt auf der Erde liegen, Arme und Beine weit von sich gestreckt.

Der Anblick erschütterte ihn so sehr, daß er gegen die Wand taumelte und Mühe hatte, den wilden Schrei zu ersticken, der sich ihm auf die Lippen drängte. Sein erster Gedanke war, daß es ein Verwundeter oder Sterbender sein müsse; allein plötzlich kam Leben in die Gestalt, sie wand sich wie eine Schlange behende und geräuschlos am Boden entlang und erreichte die Hausflur. Sobald der Mann über die Schwelle gekommen war, sprang er rasch in die Höhe, schloß die Thür und vor dem überraschten Farmer stand Jefferson Hope mit ingrimmiger, entschlossener Miene.

»Großer Gott – du bist es –,« keuchte John Ferrier; »weshalb kommst du so geschlichen? Du hast mich furchtbar erschreckt.«

»Gieb mir zu essen,« rief jener mit heiserer Stimme, »seit achtundvierzig Stunden habe ich weder Trank noch Speise zu mir genommen.« Er griff gierig nach Brot und Fleisch, das noch von Ferriers Abendmahlzeit auf dem Tische stand. »Hält sich Lucy tapfer?« war seine erste Frage, sobald er seinen Heißhunger gestillt hatte.

»Ja, doch kennt sie die Größe der Gefahr nicht.«

»Das ist gut. Das Haus wird von allen Seiten bewacht; ich konnte mich nur kriechend nähern, um nicht bemerkt zu werden. Sie passen scharf auf, doch sind sie nicht schlau genug, um einen Washoe-Jäger zu fangen.«

John Ferrier war wie umgewandelt, nun er auf den Beistand eines getreuen Verbündeten zählen durfte. »Du bist ein Mann unter Tausenden,« rief er, Jeffersons Hand herzlich schüttelnd; »nicht jeder wäre gekommen, um Gefahr und Not mit uns zu teilen.«

»Wärst du allein in der Bedrängnis, Vater, wahrlich – ich hätte es mir wohl zweimal überlegt, bevor ich mich in dieses Wespennest wagte,« erwiderte der junge Hope freimütig. »Um Lucys willen bin ich hier und ehe ich zugebe, daß ihr ein Leid geschieht, müssen sie mir das Leben nehmen.«

»Was soll denn aber nun werden? Laß uns rasch handeln!«

»Morgen ist euer letzter Tag; wenn wir nicht diese Nacht entfliehen, seid ihr verloren. In der Adlerschlucht stehen zwei Pferde und ein Maultier bereit. Wieviel Geld hast du?«

»Zweitausend Dollars in Gold und fünftausend in Banknoten.«

»Das genügt; ich kann etwa die gleiche Summe hinzulegen. Wir müssen übers Gebirge nach Carson City. Lucy soll sich sogleich fertig machen. Gut, daß die Dienstboten nicht im Hause schlafen.«

Während Ferrier ging, seine Tochter zu wecken, traf Jefferson Hope die nötigen Vorkehrungen zur Flucht. Was sich von Eßwaren vorfand, packte er in ein kleines Bündel und füllte einen Steinkrug mit Wasser, da er wußte, daß sie in den Bergen nur auf wenige Quellen stoßen würden. Jetzt kehrte auch Ferrier mit Lucy zurück; beide waren zum Aufbruch bereit. Die Liebenden begrüßten einander mit wenigen herzlichen Worten, jeder Augenblick war kostbar und es gab noch viel zu überlegen.

»Wir müssen auf der Stelle fort,« sagte Jefferson mit leiser, aber fester Stimme. »Es gilt der Gefahr mutig zu trotzen. Beide Eingänge, der vordere sowohl, als der hintere, werden bewacht, aber bei gehöriger Vorsicht können wir durch das Seitenfenster entfliehen, das auf die Felder geht. Haben wir erst die Straße erreicht, so sind wir nur eine kurze halbe Stunde von der Schlucht entfernt, wo die Pferde warten. Bei Tagesanbruch müssen wir schon tief im Gebirge sein.«

»Aber, wenn wir angehalten werden?« fragte Ferrier.

Hope deutete auf die Mündung des Revolvers, den er in seinem Wamse trug. »Wenn ihrer zu viele sind, müssen zwei oder drei ins Gras beißen,« sagte er mit grimmigem Lächeln.

Alles Licht im Hause war ausgelöscht und Ferrier warf durch das dunkle Fenster noch einen Blick auf seine Wiesen und Felder hinaus, welche er für immer verlassen sollte. Schon längst war er jedoch auf dies Opfer vorbereitet und der Gedanke an seiner Tochter Glück und Ehre verscheuchte allen Kummer über den Verlust seines Eigentums. Die Gegend lag so still und friedlich da, die Bäume rauschten und das Korn wogte im Winde; es war schwer zu glauben, daß da draußen allerwärts der Mord auf sie lauere. Die bleiche, entschlossene Miene des jungen Jägers verriet aber nur allzu deutlich, daß er auf dem Wege nach dem Hause genug gesehen hatte, um darüber keinerlei Zweifel zu hegen.

Ferrier trug einen Sack mit dem Gold und den Banknoten, Jefferson die Vorräte an Eßwaren und den Wasserkrug; Lucy hatte ihre liebsten Besitztümer in ein Bündel geschnürt. Langsam und vorsichtig öffneten sie das Fenster und warteten, bis eine dunkle Wolke, die herangezogen kam, die Gegend in Finsternis hüllte, dann kletterten sie geräuschlos in den Vorgarten hinab. Mit verhaltenem Atem, halb schleichend, halb kriechend, erreichten sie glücklich den Heckenzaun, in dessen Schutze sie vorwärts eilten, bis sie an eine Lücke kamen, durch welche man in die Felder hinaus gelangte. Sie befanden sich gerade an dieser Stelle, als Jefferson sich plötzlich zu Boden warf, und Vater und Tochter mit sich zog. Das geübte Ohr des Steppenjägers hatte ein Geräusch vernommen. Kaum kauerten sie in ihrem Versteck, als wenige Schritte von ihnen der trübselige Ruf einer Bergeule ertönte, dem ein anderer Eulenruf aus einiger Entfernung antwortete. Gleich darauf sahen sie den Schatten eines Mannes an der Zaunlücke vorbeigleiten und eine zweite Gestalt tauchte aus dem Dunkel auf.

»Morgen um Mitternacht, wenn das Käuzchen dreimal ruft,« sagte der erste im Ton des Befehls.

»Wohl,« versetzte der zweite; »soll ich Bruder Drebber benachrichtigen?«

»Sage ihm die Weisung, er soll sie weiter geben. Neun und sieben

»Sieben und fünf!« entgegnete der andere, und die beiden entfernten sich nach verschiedenen Richtungen. Ihre letzten Worte sollten offenbar eine Art Losung sein. Kaum waren ihre Tritte verhallt, als Jefferson aufsprang und mit seinen Gefährten, so rasch sie ihre Füße trugen, quer durch die Felder lief.

»Vorwärts, vorwärts,« keuchte er von Zeit zu Zeit; »wir sind schon an den Wachtposten vorbei, nur die größte Eile kann uns retten.«

Wenn Lucys Kräfte zu versagen drohten, half er ihr und stützte sie mit starkem Arm. Auf der Landstraße angelangt, kamen sie rasch weiter, und kurz vor der Stadt bog ihr Führer in einen schmalen, steilen Pfad ab, der zu den Bergen aufstieg. Zwei dunkle, zerklüftete Felsspitzen ragten vor ihnen empor in der Finsternis; zwischen diesen öffnete sich die Adlerschlucht, wo die Pferde warteten. Von sicherm Instinkt geleitet, fand Jefferson den Weg zwischen Felsblöcken und in dem trockenen Bett eines Waldbachs, bis sie den versteckten Schlupfwinkel erreichten, wo er die treuen Tiere festgebunden hatte. Das Mädchen bestieg das Maultier und Ferrier mit dem Geldsack eines der Pferde, während Jefferson Hope das andere auf dem gefährlichen Pfade am Zügel führte.

Rechter Hand ragte eine wohl tausend Fuß hohe Felswand und zur Linken lagen Steinblöcke und Trümmer wild durcheinander geworfen. Der Fußsteig, der in regelmäßigem Zickzack mitten durch diese Wildnis führt, war an manchen Stellen so schmal, daß sie ihn hintereinander einzeln verfolgen mußten, und so rauh, daß nur die geübtesten Reiter ihn ohne Unfall passieren konnten.

Trotz aller Mühsal und Beschwerde war den Flüchtlingen dennoch fröhlich zu Mut, weil jeder Schritt, den sie vorwärts thaten, sie weiter aus dem Bereich des Tyrannen brachte, dem sie entrinnen wollten.

Bald jedoch erhielten sie den Beweis, daß sie noch immer nicht dem Bann der ›Heiligen‹ entflohen waren. Sie hatten eben die ödeste und wildeste Stelle des Gebirgspasses erreicht, als Lucy mit einem Ausruf des Schreckens nach oben deutete. Auf einem Felsvorsprung, der den Pfad beherrschte und sich klar gegen den Himmel abhob, stand ein einsamer Wachtposten. Er hatte die Reiter gleichfalls bemerkt und seine Frage: »Wer geht da?« klang herausfordernd durch die stille Schlucht.

»Reisende nach Nevada,« rief Jefferson Hope, die Hand an der Flinte, welche am Sattel hing.

»Mit wessen Erlaubnis?« schallte es von oben herunter.

»Der heiligen Vier,« gab Jefferson zur Antwort. Er wußte von seinem Aufenthalt bei den Mormonen, daß dies die höchste Obergewalt sei.

»Neun und sieben!« rief die Schildwache.

»Sieben und fünf!« entgegnete Jefferson rasch, sich der Losung erinnernd, die er im Garten gehört hatte.

»Passiert – der Herr sei mit euch!« ertönte es von der Felsspitze.

Bald darauf war der Weg breiter und die Pferde konnten sich in Trab setzen. Noch einmal sahen sie zurück nach dem einsamen Wächter, der, sein Gewehr im Arm, an dem Felsen lehnte. Sie wußten, daß sie den letzten Posten der Mormonen hinter sich hatten und die Freiheit vor ihnen lag.

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