Roman

Kapitel 31

 

31

 

Torringtons Wohnung im Ritz-Carlton wies bei näherer Betrachtung allerlei Eigentümlichkeiten auf, die Audrey erst bemerkte, als ihr neuer Chef nachmittags ausging und sie in seinen Zimmern allein ließ. Alle Türen waren zum Beispiel mit Riegeln versehen, und als sie ein Fenster öffnete, um einen Gardinenbrand in einem gegenüberliegenden Haus zu beobachten, erschrak sie heftig, denn plötzlich stürzten drei Männer im Laufschritt herein. Der eine war ein Agent von Stormer, den sie kannte, die beiden anderen waren ihr fremd.

 

»Tut mir leid, Sie erschreckt zu haben«, sagte der Agent. »Wir hätten Ihnen mitteilen sollen, daß Sie keine Fenster öffnen dürfen.« Er schickte seine Begleiter hinaus und schloß das Fenster sorgfältig. »Sie haben den Alarmapparat berührt. Sehen konnten Sie ihn nicht, weil er durch das Drehen des Griffs in Gang gesetzt wird. Es ist nicht nötig, hier die Fenster aufzumachen, denn die Zimmer werden durch eine besondere Vorrichtung ventiliert. Wenn Sie mitkommen wollen, werde ich Ihnen noch etwas zeigen.«

 

Er führte sie in Torringtons merkwürdig einfach eingerichtetes Schlafzimmer, in dem sonderbarerweise ein zweischläfriges Bett stand.

 

»Auf dieser Seite schläft er, und wenn er den Kopf einmal zufällig auf dieses Kissen legt –« er hob es behutsam auf, und sie sah den fadendünnen Draht, der unter dem Bett verschwand. »Der geringste Druck bringt sofort die Nachtwachleute herbei.«

 

»Aber ist Mr. Torrington denn wirklich in so großer Gefahr?«

 

»Man kann nie wissen«, wich der Mann aus. –

 

Im Lauf des Nachmittags fand Audrey Zeit, einige Zeilen an ihre Schwester zu schreiben:

 

 

Liebe Dora,

wir waren wohl beide etwas kindisch. Nenne mich meinetwegen ruhig Dorothy, oder wie Du sonst willst, und auch älter als Du will ich gern sein – als Oberhaupt der Familie fühle ich bereits ganz mütterliche Regungen Dir gegenüber! Auf Wiedersehen.

 

Dorothy.«

 

 

Dora gab den Brief an Martin weiter, nachdem sie ihn gelesen hatte.

 

»Die Sache läßt sich nicht durchführen. Ein Kabeltelegramm würde ja hinreichen, um Audreys Behauptung zu bestätigen.«

 

»Aber wir müssen es doch versuchen«, entgegnete er. »Die Bank drängt schon, weil ich mein Konto weit überzogen habe. Ich sitze fürchterlich in der Patsche. Audrey muß verschwinden – irgendwohin nach dem Kontinent.«

 

»Und Shannon?«

 

»Ach, Shannon! Wie ich mit Slick fertig werde, macht mir mehr Sorgen. Er weiß zuviel! Nicht nur in bezug auf Audrey. Erinnerst du dich noch an den Abend, an dem ich Marshalt erschießen wollte? Ich war gerade auf sein Dach geklettert, als unten der Spektakel losging. Am anderen Ende des Daches stand ein Detektiv. Er sah weder mich noch den Mann, der an dem Strick nach oben kam, das Oberlichtfenster bei Malpas öffnete und hineinstieg. Aber ich sah ihn, und ich machte, daß ich fortkam!«

 

»Dann hast du also den Mörder gesehen?« flüsterte sie atemlos.

 

»Ich sah noch mehr. Als er in die kleine Vorratskammer geklettert war, steckte er eine Kerze an und holte eine Perücke mit falscher Nase und falschem Kinn aus der Tasche und legte sie an. Seine eigene Mutter hätte ihn nicht von Malpas unterscheiden können, nachdem er das Ding befestigt hatte!«

 

»Malpas!« stieß sie entsetzt hervor. »Wer war es denn?«

 

»Slick Smith«, erwiderte Martin.

 

 

Shannon hatte beschlossen, das Götzenbild aus Portman Square Nr. 551 entfernen und nach Scotland Yard überführen zu lassen.

 

»Nehmen Sie einen Mann in Zivil mit und lassen Sie die Leute von der Transportgesellschaft ein«, sagte er zu Steel. »Wenn wir das Ding hier haben, kann ich es von erfahrenen Mechanikern eingehend untersuchen lassen. Übrigens habe ich heute mit einem der Dienstmädchen bei Marshalt gesprochen. Sie erzählte mir, daß sich Marshalt wirklich sehr vor seinem Nachbar gefürchtet hat. Einmal war sie gerade im Zimmer, als es dreimal an die Wand klopfte. Marshalt soll halbtot vor Angst gewesen sein.«

 

»Die Aussage kann uns wohl auch nicht viel helfen«, meinte sein Assistent.

 

»O doch! Ich kann mir jetzt denken, wer der Schurke mit den zwei Gesichtern gewesen ist. Also, machen Sie sich an die Arbeit.«

 

Steel beeilte sich, den Auftrag auszuführen, aber er und sein Begleiter warteten vergeblich auf die zum Abtransport bestellten Leute, und als er die Firma anrufen wollte, stellte sich heraus, daß der Fernsprecher nicht in Ordnung war. Er schickte den Mann, der bei ihm war, zur nächsten Telephonzelle und ging inzwischen vor der offenen Haustür auf dem Gehsteig auf und ab. Seine Hand lag auf dem Revolver, den er in der Tasche trug, und er entfernte sich nur wenige Schritte von der mit einem Holzklotz aufgekeilten Tür.

 

Als er wieder einmal umkehrte, sah er eine wachsgelbe Hand hinter der Tür hervorkommen, die nach dem Holzklotz griff. Sofort riß er den Revolver heraus und rannte die Stufen hinauf. Der Klotz wurde zurückgezogen, und die Tür begann sich zu schließen. Als sie nur noch einen Zollbreit offenstand, warf er sich dagegen, aber von innen verstärkte jemand den Druck der Angeln durch sein Gewicht, und sie schnappte ein.

 

Einen Moment später kam Steels Begleiter zurück und meldete, daß Shannon am Nachmittag seinen Auftrag selbst widerrufen hätte.

 

»Das dachte ich mir doch«, brummte Steel grimmig. »Wir wollen mal sehen, was der Captain dazu sagt.«

 

Glücklicherweise meldete sich Shannon selbst auf den Anruf und nahm den Bericht entgegen.

 

»Ich habe natürlich keinen Gegenbefehl erteilt«, sagte er dann. »Wir wollen die Sache bis morgen aufschieben. Gehen Sie jetzt einmal nach hinten und sehen Sie zu, was dort vorgeht.«

 

Die beiden kamen der Aufforderung nach und näherten sich bereits dem Hoftor, als ein elegant gekleideter Herr herauskam.

 

»Slick Smith!« stieß Steel fast tonlos hervor. »Und er trägt gelbe Handschuhe!«

 

Slick Smith wirbelte ahnungslos seinen Spazierstock in der Luft herum und schlenderte gelassen davon. Als er Maida Vale erreicht hatte, blieb er vor einem der imposanten, prunkvollen Grevilleschen Mietshäuser stehen und trat durch einen der beiden vornehmen Eingänge in die behagliche Portierloge.

 

»Ich möchte Mr. Hill sprechen«, erklärte er mit strahlender Miene.

 

»Mr. Hill ist verreist. Kommen Sie wegen einer Wohnung?«

 

»Ja. Lady Kilferns Wohnung interessiert mich. Sie soll ja möbliert vermietet werden. Hier, bitte!« Er zog einen blauen Bogen aus der Tasche, den der Portier aufmerksam prüfte.

 

»Schön, da Lady Kilfern die Besichtigung gestattet, werde ich Sie hinauffahren.«

 

Beim Anblick der verhängten Fenster und zugedeckten Möbel schüttelte Smith den Kopf.

 

»Ach, die Wohnung liegt nach vorne? Schade, bei dem Straßenlärm kann ich nicht schlafen.«

 

»Nach hinten ist leider nichts frei.«

 

»Wer wohnt denn da?«

 

Sie waren an die Treppe zurückgegangen, und Smith deutete auf eine Tür hinter dem Aufzug. Während der Portier erklärte, daß ein Rechtsanwalt hier sein Zimmer hatte, schlenderte Slick den Gang entlang und blickte durch ein großes, nach hinten gelegenes Fenster hinaus.

 

»Dies würde mir passen«, meinte er. »Aha, auch eine Rettungsleiter. Ich bin sehr ängstlich wegen Feuersgefahr.«

 

Er lehnte sich hinaus und schaute auf den Hof hinunter. Dabei bemerkte er auch, daß die Eingangstür Nr.9 mit Patentschlössern versehen war, und daß ein furchtloser Mann von der Rettungsleiter aus das Flurfenster von Nr.9 erreichen konnte.

 

»Ich möchte mir so gern eine von diesen nach hinten gelegenen Wohnungen ansehen, aber das geht wohl nicht?« fragte er bekümmert.

 

»Nein. Ich habe zwar einen Hauptschlüssel, aber den darf ich nur bei Feuer oder Unfällen benützen.«

 

»Einen Hauptschlüssel?« wiederholte Mr. Smith verwundert. »Was ist denn das?«

 

Mit sichtlicher Genugtuung griff der Mann in die Tasche.

 

»Hier sehen Sie einen«, sagte er stolz.

 

Slick nahm ihn in die Hand und betrachtete ihn interessiert.

 

»Wie merkwürdig!« rief er. »Sieht doch genau aus wie jeder andere Schlüssel? Wie funktioniert er denn?«

 

»Das kann ich Ihnen nicht erklären«, erwiderte der Portier ernst und steckte den Schlüssel wieder ein. Im selben Augenblick klingelte es am Aufzug.

 

»Entschuldigen Sie –« begann er, aber Slick hielt ihn am Arm fest.

 

»Können Sie nochmal zurückkommen?« fragte er drängend. »Ich möchte Ihre Ansicht über diese Wohnungen hören.«

 

»Ich bin gleich wieder hier.«

 

Als er zurückkehrte, stand Slick mit nachdenklicher Miene an derselben Stelle, wo er ihn verlassen hatte.

 

»Ja, wie ich Ihnen schon sagte, dieser Hauptschlüssel–« Er hielt plötzlich erschrocken inne. »Ich habe ihn verloren!« rief er. »Haben Sie nicht gesehen, daß ich ihn einsteckte?«

 

»Doch Sie haben ihn genommen… aber da liegt er ja!«

 

Slick deutete auf den Teppich.

 

»Gott sei Dank!« Der Portier atmete erleichtert auf. »Sie sollten mal oben aufs Dach gehen, da hat man eine wunderschöne Aussicht. Soll ich Sie hinauffahren?«

 

»Nein, ich gehe jetzt lieber«, meinte Slick Smith, als der Mann wieder durch die Fahrstuhlglocke nach unten gerufen wurde.

 

Sobald der Lift verschwunden war, eilte Slick auf die jetzt nur angelehnte Tür zu. Ein leiser Stoß genügte, um sie zu öffnen, denn während der kurzen Abwesenheit des Portiers hatte er sie aufgeschlossen, den Griff zurückgebunden und sie wieder zugezogen. Nun schob er den Sicherheitsriegel vor und eilte von einem Raum in den anderen. Im Schlafzimmer raffte er allerlei Gegenstände zusammen und ließ sie in seinen geräumigen Taschen verschwinden. Dann schlüpfte er in die Küche, untersuchte die Vorräte in der Speisekammer, roch an der Butter, prüfte den Inhalt einer Dose Kondensmilch und fühlte an das Brot, um festzustellen, wie alt es wäre. Nachdem er sich orientiert hatte, schlich er auf den Vorplatz zurück und lauschte. Eben ertönte wieder das Summen des Fahrstuhls. Slick bückte sich, hob den Deckel des Briefkastens und sah den Lift nach oben gleiten. Im nächsten Moment war er draußen und stand unten in der Halle, als der Portier wieder mit dem Fahrstuhl herunterkam.

 

»Vielleicht miete ich die Wohnung doch«, sagte er. »Aber zu diesem Zweck muß ich mich ja wohl an jemand anders wenden als an Sie?«

 

»Ja. Vielen Dank.« Der Mann steckte das fürstliche Trinkgeld ein, während Slick das Gebäude verließ und ein Mietauto heranwinkte.

 

Kapitel 32

 

32

 

Am Nachmittag desselben Tages hielt sich Martin Elton fast eine Stunde lang in seiner Bank auf, prüfte den Inhalt seines diebessicheren Safes, zerriß allerlei Papiere und steckte vier einzelne, dicht beschriebene Briefbogen in seine Brusttasche. Sobald er wieder nach Hause kam, rief er Stanford an und bat ihn, sofort zu ihm zu kommen.

 

Stanford erklärte sich erst nach längeren Ausflüchten und Einwendungen dazu bereit und war in übler Laune, als er kurz vor fünf in der Curzon Street erschien.

 

»Zum Teufel, was fällt dir denn ein, daß du mich herbeorderst, als ob ich ein Kuli wäre!« fuhr er Martin wütend an.

 

Elton lag auf einer Couch und blickte von seinem Buch auf.

 

»Mach die Tür zu und schrei nicht so!« erwiderte er gelassen. »Die Sache ist ernst, sonst hätte ich dich nicht herbestellt.« Er stand auf, nahm sich eine Zigarre und bot auch Stanford eine an, die dieser mißmutig nahm. »Audrey ist jetzt bei Stormer angestellt, und das Kind ist schlau.«

 

»Was geht mich das an! Wenn du mich nur deshalb-«

 

»Ich sage dir, daß sie schlau ist. Und daß sie uns nach jener Diamantengeschichte nicht gerade freundlich gesinnt ist, kannst du dir wohl denken. Nun weiß ich zufällig, daß Stormer für fast alle Botschaften in London arbeitet –«

 

Stanford lachte höhnisch.

 

»Meinetwegen kann sie Beweise sammeln, soviel sie will!« sagte er. »Mir soll’s recht sein. Ist das alles?«

 

»Nicht ganz. Besinnst du dich noch auf den kleinen Feldzugsplan für die Sache mit der Königin von Griechenland, den du wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten schriftlich ausgearbeitet hast?«

 

»Gewiß, aber der ist doch vernichtet.«

 

»Leider nicht«, fuhr Martin kaltblütig fort. »Es war eine so geniale Arbeit, daß ich sie dummerweise aufbewahrte. Audrey war vorgestern hier. Sie kam, während Dora und ich ausgegangen waren, und ging zu Doras Zimmer hinauf, um ihr Haar überzukämmen. Dora bewahrt die Schlüssel zu meinem Depositenfach in ihrem Schreibtisch auf.«

 

Stanford starrte ihn an.

 

»Nun – und?«

 

»Als ich heute nach der Bank ging, um Geld herauszunehmen, waren all meine Papiere verschwunden.«

 

Stanford wurde bleich.

 

»Du meinst, daß mein Plan auch verschwunden ist?«

 

»Ja, das meine ich.« Er hob abwehrend die Hand. »Geh bitte nicht gleich in die Luft. Ich gebe zu, daß es verrückt von mir war, ihn aufzuheben. Natürlich hätte ich ihn sofort vernichten müssen – besonders weil du darin sogar Namen genannt hattest, wenn ich mich recht erinnere. Für mich ist die Geschichte ebenso fatal wie für dich – vielleicht noch unangenehmer, da Dora und ich etwas bei ihr auf dem Kerbholz hatten, du dagegen nicht.«

 

»Du hast mich reingelegt, du Schweinehund! Wie kann man nur so wahnsinnig sein, so etwas aufzuheben?«

 

»Warum hast du Namen hineingeschrieben? Natürlich mache ich mir Vorwürfe, aber wenn die Sache vor Gericht kommt, so ist deine eigene Schlauheit daran schuld.«

 

Stanford zuckte die Schultern. Trotz seiner scheinbaren Stärke und Großmäuligkeit war er im Grund ein Schwächling, wie Martin sehr wohl wußte.

 

»Was soll ich denn jetzt tun?« fragte er verbissen.

 

Elton begann nun, Mittel und Wege mit ihm zu besprechen …

 

 

Torrington hatte Audrey für den Abend entlassen.

 

»Ich habe noch eine wichtige Besprechung«, sagte er. »Sie können also ins Theater gehen oder sich sonst nach Belieben die Zeit vertreiben.«

 

Audrey freute sich darüber, denn Dora hatte sie eingeladen, bei ihr zu essen.

 

»Ich gehe nachher noch aus und muß deshalb früh essen«, hatte Dora am Telephon geäußert. »Du brauchst dich also nicht schön zu machen.«

 

Sie öffnete ihrer Schwester selbst die Tür.

 

»Meine Köchin ist eben auf und davon gegangen«, erklärte sie und küßte Audrey. »Und mein Mädchen wollte so gern ihre kranke Mutter besuchen. Ich hatte nicht das Herz, ihr die Bitte abzuschlagen. Du mußt also Nachsicht haben. Martin ist zum Glück in den Klub gegangen. Er kommt erst nachher, um mich abzuholen.«

 

Der Tisch war sehr hübsch für zwei Personen gedeckt, und auch das Essen ließ nichts zu wünschen übrig, denn trotz all ihrer Fehler war Dora eine vorzügliche Hausfrau.

 

»Wir wollen eine kleine Flasche Sekt trinken, um unsere Versöhnung zu feiern«, sagte sie beim zweiten Gang, stand auf, nahm eine Flasche aus dem silbernen Kühler und entfernte geschickt den Draht über dem Korken.

 

Audrey lachte.

 

»Ich habe lange keinen getrunken«, sagte sie.

 

»Solchen Sekt hast du wohl noch nie bekommen«, plauderte Dora heiter. »Martin ist ein Kenner.«

 

Der Propfen knallte, und sie füllte ein Glas, so daß der rosige Schaum überlief.

 

»Auf unser nächstes vergnügtes Beisammensein!« sagte sie und hob ihr Glas.

 

Audrey lachte leise und nippte.

 

»Du mußt aber austrinken!« rief Dora.

 

Ihre Schwester leerte das Glas mit feierlicher Miene.

 

»Ach«, sagte sie dann etwas bestürzt, »das schmeckt ja ganz bitter – fast wie Chinin. Aber ich verstehe wohl nicht viel von Wein.«

 

Eine halbe Stunde später kam das Hausmädchen unerwartet zurück.

 

»Ich dachte, Sie wollten ins Theater gehen?« fragte Dora scharf.

 

»Ich habe solche Kopfschmerzen bekommen«, erwiderte die Angestellte. »Leider konnte ich die Eintrittskarte, die Sie mir schenkten, nicht benützen. Aber wenn ich vielleicht bei Tisch aufwarten soll…«

 

»Wir sind schon fertig mit dem Essen«, entgegnete Dora. »Miß Bedford ist eben gegangen.«

 

 

Torrington warf seinem Besucher einen scharfen, prüfenden Blick zu und deutete dann stumm auf einen Stuhl.

 

»Wenn ich nicht irre, haben wir uns schon gesehen, Mr. Torrington«, begann Martin.

 

»Ich weiß genau, daß wir uns nie gesehen haben, obwohl ich Sie vom Hörensagen kenne. Legen Sie Ihren Mantel ab, Mr. Elton. Sie baten um eine Unterredung unter vier Augen, und ich habe sie aus verschiedenen Gründen bewilligt. Ich glaube, Sie sind ein Schwager meiner Sekretärin.«

 

Martin neigte den Kopf.

 

»Ja, unglücklicherweise.«

 

»Unglücklicherweise?« Der alte Herr zog die Augenbrauen hoch. »Ach, Sie meinen wegen ihrer Vergangenheit? Das arme Mädchen war ja wohl in einen Juwelenraub verwickelt.«

 

»Sie hatte die Diamanten bei sich, als sie verhaftet wurde.«

 

»So? Das ist ja schlimm! Natürlich wußte ich das, als ich die junge Dame anstellte. Sie wollen mich wohl vor ihren Ränken warnen?«

 

»Nein, ich komme aus einem ganz anderen Grund her, erwiderte Martin, der trotz Torringtons ernster Miene das Gefühl hatte, der alte Mann triebe seinen Spott mit ihm. »Verzeihen Sie mir, wenn ich ein sehr peinliches Thema berühren muß. Sie wurden vor Jahren in Südafrika wegen unerlaubten Diamantenhandels verurteilt –«

 

»Ja, ich war das Opfer eines der größten Schurken im Diamantengebiet, eines gewissen Lacy Marshalts, der jetzt tot ist.«

 

»Sie hatten eine junge Frau«, fuhr Martin zögernd fort, »und ein Kind – ein kleines Mädchen, das Dorothy hieß.«

 

Torrington nickte stumm.

 

»Ihre Frau war außer sich über die Schande, verschwand aus Südafrika und ließ nie wieder von sich hören, nicht wahr?«

 

»Doch, einmal schrieb sie.« Die Worte klangen wie ein Peitschenhieb.

 

»Sie kam mit dem Baby und einer älteren Tochter nach England, nahm den Namen Bedford an und lebte hier von ihrem kleinen Einkommen.«

 

»Von einer Rente«, verbesserte Torrington. »Ich hatte sie vor meiner Verhaftung in eine Rentenbank eingekauft. Bitte, sprechen Sie weiter!«

 

Martin holte tief Atem.

 

»Aus irgendeinem Grund erzog die Frau Dorothy in dem Glauben, daß sie die Tochter ihres ersten Gatten sei, während sie das andere kleine Mädchen für älter ausgab. Aus welchem Grund –«

 

»Lassen wir das!« fiel ihm Torrington ins Wort. »All dies kann wahr oder unwahr sein.«

 

Martin wagte nun den entscheidenden Schritt.

 

»Sie sind der Meinung, daß Ihre Tochter Dorothy tot ist. Das stimmt aber nicht. Sie lebt, und zwar hier in England. Sie ist meine Frau.«

 

Daniel Torringtons Augen schienen den Mann zu durchbohren.

 

»Ist das die Geschichte, die Sie mir erzählen wollten?« fragte er. »Daß meine kleine Dorothy noch lebt und Ihre Frau ist?«

 

Eine lange, drückende Pause entstand.

 

Endlich brach Torrington das lastende Schweigen.

 

»Sind Ihnen eigentlich die näheren Umstände meiner Verhaftung bekannt? – Nein? Dann werde ich sie Ihnen einmal erzählen.

 

Ich saß auf der Vortreppe meines Hauses in Wynberg und hatte mein Baby auf dem Schoß, als ich Marshalt um das Gebüsch herumkommen sah. Ich war überrascht, daß er zu mir kam – bis ich zwei Detektive hinter ihm bemerkte. Er hatte Angst vor mir, Todesangst! Als ich aufstand und das Kind in die Wiege legte, zog er einen Revolver und schoß. Nachher sagte er, ich hätte zuerst gefeuert, aber das war eine Lüge. Ich hätte überhaupt nicht geschossen, aber seine Kugel traf die Wiege, und ich hörte das Kind schreien. Da erst legte ich auf ihn an, und er wäre ein toter Mann gewesen, wenn ich nicht des Kindes wegen in so große Aufregung geraten wäre. Ich fehlte, und sein zweiter Schuß zerschmetterte mir das Bein. Wußten Sie das?«

 

Martin schüttelte den Kopf.

 

»Ich dachte mir, daß es Ihnen neu sein würde. Das Kind war verwundet – die Kugel fuhr durch den kleinen Zeh des einen Fußes und zerbrach den Knochen – mich wundert nur, daß Ihre Frau Ihnen davon noch nichts gesagt hat –«

 

Martin schwieg.

 

»Meine kleine Dorothy ist nicht tot. Das weiß ich schon seit einiger Zeit, und nun habe ich sie auch mit Hilfe meines Freundes Stormer gefunden.«

 

»Und sie weiß – ?« fragte Martin totenbleich.

 

»Nein, sie weiß es nicht. Sie soll es erst erfahren, wenn meine Aufgabe erledigt ist.«

 

Seine kalten Augen durchdrangen unbarmherzig Martins Gesicht.

 

»Ihre Frau ist meine Tochter, wie? Sagen Sie ihr, sie möchte herkommen und mir ihren linken Fuß zeigen. Sie können Geburtsscheine fälschen, Elton – aha, das saß – aber kleine Fußzehen, die zerschossen wurden, können Sie nicht nachbilden!«

 

Er klingelte.

 

»Bringen Sie den Herrn hinaus«, sagte er, »und wenn Miß Bedford nach Hause kommt, möchte ich sie sofort sprechen…«

 

Eine Viertelstunde später standen sich Dora und Martin im Wohnzimmer gegenüber, und er berichtete ihr das Ergebnis seiner Unterredung mit Torrington.

 

»Vielleicht läßt sich alles noch zu unseren Gunsten verschieben. Er wird zahlen, um sie zurückzubekommen, wenn –«

 

»Wenn -?«

 

»Wenn sie noch lebt«, erwiderte Dora leise, »und wenn inzwischen nichts anderes passiert ist.«

 

Kapitel 33

33

Abends um elf erhielt Slick Smith den Besuch einer Dame. Der Hauswirt, der sehr auf guten Ruf hielt, erklärte unmutig, daß er das zu so später Stunde nicht dulden könnte. »Es handelt sich um eine äußerst wichtige Botschaft meines Freundes, Captain Shannon. Vielleicht würden Sie so freundlich sein, mir Ihr Wohnzimmer auf kurze Zeit zur Verfügung zu stellen?« erwiderte Slick. Dazu erklärte sich der Mann bereit. Nach einer Viertelstunde entfernte sich die Dame wieder, und Slick bedankte sich bei dem Wirt. Dann ging er in seine Wohnung hinauf, vertauschte den Frack mit einem Straßenanzug, schlüpfte in einen Flauschmantel und steckte allerhand rätselhafte Gegenstände ein. Die Dame, die ihn besucht hatte, wartete noch vor dem Haus auf ihn, und sie gingen zusammen bis zum Marble Arch. Slick bemerkte sehr wohl, daß der unvermeidliche Mann von Stormer ihm folgte, kümmerte sich aber nicht darum. Er verabschiedete sich von der Dame und fuhr in einer Droschke nach dem Greville-Gebäude, wo der Nachtportier ihn dienstbeflissen empfing und im Lift nach oben fuhr. Slick besaß zur Zeit eine elegante Wohnung im zweiten Stock des Hauses … Am selben Abend machte Sergeant Steel seine übliche Runde durch die zahllosen, außerordentlich verschiedenartigen Nachtklubs, die in London seit dem Krieg aus dem Boden geschossen waren. Gegen zwölf kehrte er heim und fühlte schon in der Tasche nach seinem Schlüssel, als ihm ein Mann mit einer Handtasche entgegenkam. Steel war todmüde, aber als er diese Tasche sah, nahm er die Verfolgung sofort auf. Sie war so schwer, daß der Mann sie bald in die eine, bald in die andere Hand nahm. Es war eine lange Jagd, denn der Mann merkte die Gefahr, beschleunigte seine Schritte, huschte bald um diese, bald um jene Ecke und begann schließlich zu laufen. Aber auch Steel hatte flinke Beine und ließ nicht von ihm ab, denn sein Instinkt sagte ihm, daß er diesen Mann stellen müßte. Der Flüchtling wurde immer nervöser, als die Verfolgung andauerte, und als er an einer Straßenecke einen Polizisten stehen sah und Steel dicht hinter sich wußte, zauderte er eine Sekunde, ließ dann die Tasche fallen und eilte blitzschnell davon. In diesem Augenblick erkannte ihn Steel: es war Slick Smith. »Folgen Sie dem Mann«, befahl er dem Polizisten und wandte seine Aufmerksamkeit der Handtasche zu … Dick Shannon war beim Auskleiden, als sein Assistent mit leuchtenden Augen ins Zimmer stürzte. »Sehen Sie her!« rief er und öffnete die Tasche mit einem Ruck. Wie versteinert schaute Dick hinein. »Die Diamanten!« flüsterte er. »Slick Smith hatte sie!« fuhr Steel atemlos fort. »Ich sah ihn von weitem und folgte ihm, ohne zu wissen, daß er es war. Er kniff aus, und als ich ihn erreichte, ließ er die Tasche fallen.« »Holen Sie ein Auto!« erwiderte Dick und zog sich schnell wieder an. Fünf Minuten später erschien Steel wieder, und diesmal hatte er die nötigen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Das Auto war von Polizisten umringt. Sie verteilten sich auf den Sitzen und brachten die Diamanten wohlbehalten nach Scotland Yard. Dick kehrte mit Steel dann zum Haymarket zurück. Vor seiner Haustür fand er einen kleinen, schmutzigen Jungen. William stand neben ihm. »Er sagt, er hätte einen Brief für Sie«, meldete der Diener. »Mir wollte er ihn nicht geben.« »Ich bin Captain Shannon«, sagte Dick, aber der kleine Mann schien immer noch abgeneigt, sich von seiner Botschaft zu trennen. »Bringen Sie ihn herein«, befahl Shannon. Im Wohnzimmer zog der Junge endlich einen unsauberen Fetzen Zeitungspapier aus der Tasche. Dick nahm ihn und sah, daß es ein Stück von einem Londoner Morgenblatt war. Die Botschaft war mit Bleistift auf den unbedruckten Rand gekritzelt:

»Um Himmels willen, retten Sie mich! Ich bin am Foulds Kai. Der Teufel will mich noch vor morgen früh umbringen. Lacy Marshalt.«

»Lacy Marshalt!« schrie Steel. »Großer Gott, das ist doch nicht möglich!« »Woher hast du das?« fragte Dick rasch. »Ein Junge gab es mir in der Spa Road. Er sagte, ein Herr hätte es dicht bei Dockhead durch ein Gitter gesteckt, und ich würde ein Pfund kriegen, wenn ich es Captain Shannon brächte.« »Warum kam er denn nicht selbst damit her?« Der Bursche grinste. »Weil er Sie kennt!« »Weißt du, wo Foulds Kai ist?« »Ja, ich hab‘ oft dort geangelt.« »Gut, dann kannst du uns den Weg zeigen. William, holen Sie den Wagen heraus. Setzen Sie den Bengel neben sich, und desinfizieren Sie ihn! Hier hast du dein Geld.« Sie fuhren bei Scotland Yard vor, um ein paar Beamte mitzunehmen, und hielten an der London Bridge an, wo sie einen Distriktssergeanten vorfanden, der am Fluß Bescheid wußte. Dann wurde der Junge entlassen. Kurz darauf sahen sie das glitzernde Wasser der Themse. »Nach rechts«, sagte der Sergeant. Sie betraten einen Pfahlrost, auf dem Dicks Schritte hohl und dumpf tönten, als er darauf entlangging und ins Wasser hinunterschaute. »Niemand zu sehen. Wir müssen ins Lagergebäude hinein.« »Hilfe!« Die Stimme klang schwach, aber Dick hörte sie und hob die Hand. Einen Augenblick standen alle reglos und lauschten, dann hörten sie das leise Wimmern wieder: »Hilfe! Um Himmels willen, Hilfe!« Dick beugte sich über das Wasser hinab. Die Flut stieg, und etwas weiter nach rechts lag ein Boot. Vorsichtig tastete er sich hin und sprang hinein. »Hilfe!« Jetzt klang die Stimme näher. »Wo sind Sie?« schrie Dick. »Hier!« Es war Marshalts Stimme! Da keine Ruder vorhanden waren, zog sich Dick, nachdem er das Boot losgemacht hatte, mit den Händen an den Planken entlang, bis er die Stelle erreichte, von der der Ruf gekommen war. Mit seiner Taschenlampe leuchtete er umher, und wenige Sekunden später fiel ihr Schein auf Marshalts Gesicht. Der Mann stand bis über die Schultern im Wasser, und seine über den Kopf emporgereckten Hände waren an einem Pfahl festgebunden. »Machen Sie das Licht aus – sonst faßt er Sie!« schrie er. Dick folgte der Aufforderung, und im selben Augenblick knallten zwei Schüsse. Sein Hut flog davon, und er fühlte einen brennenden Schmerz am linken Ohr. Rasch paddelte er das Boot mit den Händen zurück und holte Steel. »Holen Sie Ihren Revolver heraus und machen Sie Licht«, sagte er, während er das Boot wieder durch das Labyrinth der faulenden Pfähle steuerte. »Und schießen Sie, sobald Sie einen Kopf sehen!« Drei Minuten später war Marshalt aus seiner furchtbaren Lage befreit und sank keuchend auf dem Boden des Bootes nieder. So schnell als möglich brachten sie ihn zur nächsten Polizeiwache, wo er nach einem heißen Bad und in geborgten Kleidern etwas mehr zu sich kam. Er zitterte allerdings noch wie Espenlaub. Dick hatte inzwischen mit einigen Leuten das Lagerhaus durchsucht, ohne etwas anderes zu finden als eine der grünen Patronenschachteln, die er in Marshalts Vorratszimmer gesehen hatte. Marshalt selbst wußte nicht viel zu erzählen, als Dick erschien. »Es war dumm von mir, in die Falle zu gehen, als Tonger mir den Brief brachte«, begann er. »Den Brief einer Dame, die mir schrieb, daß ich sie dort treffen würde. Sie können Tonger fragen.« »Ich fürchte, er kann uns nichts mehr sagen«, warf Dick ein. »Wie? Er ist doch nicht –« »Eine Stunde, nachdem man Sie überfallen hatte, fand man ihn – erschossen auf.« »Großer Gott!« erwiderte Marshalt tonlos und schwieg eine Weile. »Ich weiß selbst nicht, wie ich dazu kam«, fuhr er dann mit einem Seufzer fort, »aber ehe ich hinüberging, zog ich eine kugelfeste Weste an – ein unbequemes Kleidungsstück, das ich während des Kriegs im Balkan getragen hatte, als ich dort in Geschäften herumreiste. Sie rettete mir tatsächlich das Leben. Ich ging ohne Mantel nach Nr. 551 hinüber und wurde auch gleich eingelassen, nachdem ich geklopft hatte. Als eine Stimme von oben mich aufforderte, hinzukommen, folgte ich der Einladung natürlich und stand plötzlich einem offenbar verkleideten Mann gegenüber. ›Nun hab ich dich!‹ rief er lachend und richtete den Revolver auf mich. Der Schuß war das Letzte, was ich hörte, bevor ich wieder zu mir kam. Auch was nachher mit mir geschah, weiß ich nicht recht. Ich muß wohl viel geschlafen haben, und ein paarmal kam der alte Mann und bohrte mir eine Nadel in den Arm …« Er lehnte sich matt zurück. »Und das Weitere wissen Sie ja bereits.« Dick nickte. »Nur eins, Marshalt! Gibt es einen Durchgang oder eine Tür, die das Malpas’sche Haus mit dem Ihrigen verbindet?« »Meines Wissens nicht.« »Und Sie behaupten, Malpas nicht wiedererkannt zu haben? Sie müssen doch irgendeinen Gedanken – oder wenigstens eine Ahnung über seine Persönlichkeit haben?« Marshalt zögerte einen Augenblick. »Sie werden es vielleicht phantastisch finden«, meinte er dann, »aber es kommt mir so vor, als ob – als ob Malpas eine Frau wäre.«

Kapitel 25

 

25

 

Audrey war den ganzen Tag unterwegs gewesen, um sich Arbeit zu verschaffen. Dick Shannon hatte sie nichts davon gesagt, denn sie hatte ihn so gern, daß sie davor zurückscheute, seine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Schließlich hatte sie sich an den Redakteur eines Blattes gewandt, für den sie früher ab und zu Artikel über Hühnerzucht geschrieben hatte, und dieser hatte sie auf ihre Anfrage hin kommen lassen und ihr eine Stellung in der Redaktion seines Fachblattes angeboten. Das Gehalt war nicht hoch, und Audrey verbrachte den letzten Teil des Tages damit, eine billige Wohnung zu suchen. Zu ihrer Freude fand sie in der Nähe der Redaktion ein behagliches Zimmer und teilte dem Portier bei ihrer Rückkehr mit, daß sie ausziehen würde.

 

Gegen Abend sprach Dick Shannon bei ihr vor, der durch einen seiner Leute von ihrem bevorstehenden Umzug benachrichtigt worden war. Sie war etwas betreten, als er ihr verriet, daß er über ihr Tun und Lassen genau unterrichtet sei.

 

»Es ist mir aber doch lieb, daß Sie gekommen sind«, meinte sie nach einer Weile. »Ich wollte Ihnen noch etwas zeigen.«

 

Sie öffnete ihre Handtasche, nahm den kleinen Kieselstein heraus und legte ihn in seine ausgestreckte Hand. Er starrte verwundert darauf, drehte ihn hin und her und prüfte das Siegel.

 

»Woher haben Sie das Ding nur?« fragte er sie bestürzt.

 

Sie erzählte ihm, wo sie es gefunden hatte.

 

»Was ist es denn?«

 

»Ein Diamant – noch ungeschliffen. Er wird ungefähr achthundert Pfund wert sein.«

 

»Ist das wirklich wahr?« fragte sie verblüfft.

 

»Ja, ganz gewiß. Das Siegel ist von der Minengesellschaft. Darf ich ihn behalten?«

 

»Ja, natürlich.«

 

»Weiß jemand etwas davon?«

 

»Nein«, erwiderte sie etwas zögernd. »Höchstens Mr. Malpas. Als ich mir neulich meinen Zimmerschlüssel ausbat, und er nicht da war, nahm ich alles, was ich in meiner Tasche hatte, heraus und legte es auf den Tisch, bis ich den Schlüssel in dem zerrissenen Futter fand.«

 

»Dabei wird er ihn gesehen haben – er oder einer seiner Agenten!« rief Dick erregt. »Und deshalb versuchte er wahrscheinlich gestern, Sie zu fassen.«

 

Audrey seufzte, als sie in ihr Zimmer zurückkehrte. Es fehlte nicht viel daran, daß sie sich nach ihrem Hühnerhof in Fontwell zurücksehnte. Aber es war immerhin ein Trost, daß sie neue und nicht unangenehme Arbeit gefunden hatte, und so schlief sie denn bald ein und erwachte erst nach langen Stunden, als etwas Kaltes, Klebriges ihr Gesicht berührte.

 

»Audrey Bedford, ich komme, um dich zu holen«, sagte eine dumpfe Stimme.

 

Mit einem Schrei fuhr sie empor. Es war ganz dunkel – nur …

 

Kaum eine Elle von ihrem Kopf entfernt schwebte scheinbar in der Luft ein matt und sonderbar beleuchtetes Gesicht …

 

Wie versteinert starrte sie in die schmerzverzerrten Züge Lacy Marshalts …

 

 

»Die junge Dame hat einen schweren Nervenzusammenbruch erlitten. Ich habe nach einem Arzt und einer Pflegerin telephoniert.«

 

»Wissen Sie, was ihr zugestoßen ist?« fragte Dick. Er stand im Schlafanzug neben seinem Bett und hielt den Hörer in der Hand.

 

»Nein, Captain. Der Nachtportier im ersten Stock hörte einen gellenden Schrei, und als er hinaufrannte, stand Miß Bedfords Tür auf. Er sah, daß sie ohnmächtig war, und ließ mich holen. Ich war unten in der Halle.«

 

»Keine Spur von Malpas?«

 

»Nicht die geringste. Jemand muß wohl versucht haben, sie zu überfallen, denn der Herr, der nebenan wohnt, wurde besinnungslos am anderen Ende des Ganges aufgefunden. Wahrscheinlich hat er mit einem Gummiknüppel einen Hieb über den Kopf erhalten. Er ist ins Krankenhaus gegangen, um sich verbinden zu lassen.«

 

Kurze Zeit später traf Dick im Hotel ein. Audrey hatte sich inzwischen ein wenig erholt. Sie saß in einem Morgenrock an dem Gasofen – sehr bleich, aber wie gewöhnlich ruhig und gefaßt.

 

»Ich kann weiter nichts erzählen, als daß ich Mr. Marshalt sah.«

 

»Sie auch!« Dick biß sich auf die Lippen. »Wir hatten gestern abend dieselbe Vision. Das bedeutet also, daß Marshalt noch lebt und in der Gewalt dieses Teufels ist. Gestern abend fanden wir eine Spritze in seinem Haus. Die Flüssigkeit wurde analysiert – es ist ein Gemisch von Hyoscin, Morphium und einem anderen noch nicht festgestellten Betäubungsmittel, mit dem man einen Menschen in vollkommene Bewußtlosigkeit versetzen kann. Heute erhielt ich auch einen Brief von Malpas.« Er nahm ein mit Maschine geschriebenes Blatt aus seiner Tasche. »Dies ist nur eine Abschrift. Das Original wird auf Fingerabdrücke geprüft.«

 

Audrey griff danach und las:

 

 

»Wenn Sie kein Dummkopf sind, müssen Sie gestern etwas entdeckt haben. Marshalt ist nicht tot, denn er trug eine kugelfeste Weste, wie Sie bemerkt haben würden, wenn Sie ihn untersucht hätten, statt sich nur um das Mädchen zu kümmern. Ich bin froh, daß er lebt – der Tod wäre zu gut für ihn gewesen. Er wird sterben, wenn ich die Zeit dazu für gekommen halte. Sollten Sie wünschen, daß er am Leben bleibt, so ziehen Sie Ihre Posten und Spione aus dem Haus zurück.«

 

 

»Alle Beobachtungen stimmen mit dieser Angabe überein«, sagte Dick. »Marshalt wird in andauernder Betäubung gehalten und überall hingeschleppt, wohin es Malpas beliebt.«

 

»Mir kam es aber nicht wie ein wirkliches Gesicht vor«, erwiderte Audrey mit einem leisen Schauder.

 

»Sie glauben, daß es eine Maske war? Ich weiß nicht recht. Jedenfalls ist es eine sehr merkwürdige Geschichte!«

 

Als Shannon das Hotel verließ, erkundigte er sich nach dem Herrn von Nr. 270, aber man wußte im Büro weiter nichts von ihm, als daß er sich als »Henry Johnson aus Südafrika« eingeschrieben hatte und noch nicht aus dem Krankenhaus zurückgekehrt war.

 

Am nächsten Morgen fiel ihm Stormers Bemerkung über den von den Anwälten eingesetzten Hausverwalter ein, und er machte sich sofort auf den Weg zu dem Marshaltschen Haus. Ein Mädchen, das er bereits kannte, öffnete ihm und führte ihn ins Wohnzimmer.

 

»Hier sind wohl große Veränderungen vorgegangen?« fragte Dick. »Wie ich höre, haben Sie jetzt einen Hausverwalter bekommen?«

 

»So kann man ihn wohl nicht nennen«, erwiderte sie zögernd. »Der Herr war ein Freund von Mr. Marshalt und heißt Stanford.«

 

»Was?! Doch nicht Bill Stanford?« rief Dick überrascht.

 

»Doch, Mr. William Stanford. Er ist oben im Arbeitszimmer.«

 

»Nun, dann werde ich einmal zu ihm hinaufgehen«, entgegnete Dick lachend. »Mr. Stanford und ich sind alte Bekannte.«

 

Bill saß mit einer riesigen Zigarre im Mund am Kamin und las in einer Sportzeitung.

 

»Guten Morgen«, sagte er gleichmütig. »Ich habe Sie schon erwartet, Captain. Sie glauben gar nicht, wie erstaunt ich war, als die Anwälte nach mir schickten!«

 

»Sie kannten ihn wohl von Südafrika her?«

 

»Ja. Aber hier bewegten wir uns doch in ganz verschiedenen Gesellschaftskreisen. Marshalt hat die Bestimmung aber selbst hinterlassen. ›Falls ich aus irgendeinem Grund verschwinden sollte‹, und so weiter, steht in dem Papier. Die Sache ist ja auch ganz einträglich, aber nicht sehr behaglich. Nachmittags darf ich ein paar Stunden ausgehen, aber nachts wird es hier derart ungemütlich, daß mir die Geschichte auf die Nerven geht. Und gestern abend war ja nebenan ein fürchterlicher Spektakel.«

 

Dick setzte sich.

 

»Ja, es ging allerlei drüben vor«, erwiderte er. »Hat sich die Tätigkeit der Gespenster auch bis hierher erstreckt?«

 

Stanford fröstelte leicht.

 

»Bitte, sprechen Sie nicht von Gespenstern, Captain! Ich sage Ihnen, gestern abend glaubte ich wahrhaftig, ich sähe – aber das ist zu albern!«

 

»Marshalt?«

 

»Nein, den anderen – Malpas.«

 

»Wo denn?«

 

»In der Tür der Vorratskammer. Nur eine Sekunde lang.«

 

»Und was taten Sie da?«

 

Bill lachte verlegen.

 

»Ich lief nach oben und schloß mich ein.«

 

Shannon stand auf.

 

»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich mir die Vorratskammer einmal ansehen.«

 

»Aber gern!« Stanford öffnete ein Schubfach und nahm einen großen Schlüsselbund heraus. »Der alte Tonger verwahrte die Gewehre und Patronen seines Herrn und sonst allerlei Gerümpel dort.«

 

Der Raum lag am Ende des von der Halle abzweigenden Ganges und hatte ein stark vergittertes, kleines Fenster und einen verdeckten Herd. Außer Waffen, Sätteln, alten Kisten, einer Bank mit einem Gaskocher, einem verrosteten Schraubstock, einigen Werkzeugen und Putzlappen war nichts zu sehen als –

 

»Was ist in diesen Kisten?«

 

»Ich weiß es nicht – habe noch nicht nachgesehen«, sagte Stanford.

 

Shannon zog einen Schiebedeckel auf.

 

»Revolvermunition«, murmelte er, »und ein Paket ist kürzlich erst herausgenommen worden, denn das darunterliegende ist frei von Staub. Stanford, warum glauben Sie, daß es Malpas gewesen sein könnte?«

 

»Ich weiß es nicht – nach den Beschreibungen nehme ich das an. Gesehen habe ich ihn ja nie.«

 

Dick ging noch einmal mit ihm nach oben und untersuchte die Tür, die zu Marshalts Privaträumen führte.

 

»Sie funktioniert doch noch?« fragte er.

 

»Ich weiß es nicht«, entgegnete Stanford mürrisch.

 

»Was machen denn Eltons?« erkundigte sich Dick, als er hinunterging, um das Haus zu verlassen.

 

»Keine Ahnung. Dicke Freunde sind wir nie gewesen.«

 

Stanford schloß die Haustür hinter ihm, kehrte dann ins Arbeitszimmer zurück, verschloß die Eingangstür und öffnete eine andere, die nach dem kleinen Eßzimmer führte.

 

»Du hast gute Ohren, Martin«, sagte er.

 

Elton ging aufs Fenster zu und folgte Shannon mit den Augen, bis er nicht mehr zu sehen war.

 

»Immer wieder kommt der mir in den Weg!« erwiderte er ohne Erregung. »Ja, ich erkannte seine Stimme sofort, als ich euch sprechen hörte. Wie lange bleibst du noch hier? Ich habe etwas vor –«

 

»Tut mir leid, Martin, aber ich muß jetzt hier ehrliches Spiel treiben. Ich war ein Freund Lacys.«

 

»Und Malpas – kennst du den auch?«

 

Stanfords Augen wurden klein.

 

»Ja, ich kenne ihn«, flüsterte er, »und wenn es zu mausen gibt, dann weiß ich, wo ich mausen werde!«

 

Kapitel 26

 

26

 

Willitt war höchst verwundert, als er morgens ins Büro kam und es heftig klingeln hörte. Er fand seinen Chef in jämmerlichem Zustand auf einem Sofa.

 

»Ich sterbe –« murmelte Stormer – »bringen Sie mir starken Kaffee und eine Kiste voll Phenacetin. O, mein Kopf! Ich habe eine Beule, so groß wie ein Hühnerei! Und bei Hühnern fällt mir ein: schaffen Sie mir die kleine Bedford her …«

 

»Ist Ihnen über Nacht etwas zugestoßen?«

 

»Sehen Sie mir das nicht an? Aber niemand außer Ihnen darf es wissen. Wenn jemand nach mir fragt, bin ich in Amerika …«

 

Willitt beeilte sich, alles Gewünschte herbeizuschaffen.

 

»Und nun telephonieren Sie nach einem Barbier, und holen Sie mir aus dem nächsten Laden einen Kragen!« Sein Gesicht verzog sich schmerzlich, als er sich aufrichtete und nach der Kaffeetasse griff.

 

»Sie brennen natürlich darauf, mich auszufragen«, fuhr er dann fort. »Nun, ich hatte einen Kampf mit einem Gespenst und zog den kürzeren.«

 

»Wer war es denn?«

 

»Das weiß ich nicht. Ich wachte von einem Schrei auf, ging hinaus, um zu sehen, was los wäre, und entdeckte zwei, drei oder auch sechs Leute, die den Flur entlangliefen. Von ebenso vielen wurde ich über den Kopf gehauen und kam erst wieder zu mir, als mir der Hoteldetektiv den Kragen aufmachte. Vergessen Sie ja nicht die kleine Bedford. Sie hat eine Anstellung bei dem Hühnerblatt, und ich glaube nicht, daß es ihr dort gefallen wird. Gehen Sie zu ihr und bieten Sie ihr einen guten Posten mit beliebig hohem Gehalt an. Verstehen Sie?«

 

»Jawohl.«

 

»Fassen Sie das Mädel ab, wenn sie zum Essen geht. Sie soll dann Torrington alias Brown beobachten. Und kommen Sie mir nicht unverrichteter Sache zurück, Willitt! Ich bin derartig kaputt, daß ich sehr grob werden würde.« –

 

Audrey begann ihre Arbeit in der Redaktion mit einer gewissen Befriedigung, die aber nicht lange vorhielt. Sie entzweite sich bald mit Mr. Hepps, als er darauf bestand, daß sie schriftlich ein Futtermittel für Hühner empfehlen sollte, das sie für absolut schädlich hielt. Und etwas später am Tag geriet er in Wut über einen von ihr verfaßten Artikel.

 

»Viel zu lang!« schrie er. »Und Ihre Handschrift mißfällt mir auch! Können Sie denn nicht mit Maschine schreiben? Sie werden sich ordentlich zusammennehmen müssen, wenn Sie hier – wo wollen Sie hin?« fragte er verblüfft, als sie aufstand und Hut und Mantel vom Haken nahm.

 

»Nach Hause, Mr. Hepps«, erwiderte sie gelassen. Die Grundsätze, die hier herrschen, gefallen mir nicht.«

 

»Dann scheren Sie sich zum Teufel!« brüllte er.

 

Gegen vier Uhr ging sie fort und trat ausgehungert in ein benachbartes, kleines Restaurant.

 

Gleich nach ihr kam ein Herr herein und nahm mit einer Verbeugung an demselben Marmortisch Platz. Als sie ihn flüchtig ansah, kam er ihr irgendwie bekannt vor; aber sie dachte nicht weiter darüber nach, sondern vertiefte sich in einen Zeitungsbericht über »Sonderbare Vorfälle im Palace-Hotel«.

 

»Verzeihen Sie, Miß Bedford!«

 

Bestürzt blickte sie auf.

 

»Mein Name ist Willitt. Vielleicht entsinnen Sie sich – ich kam einmal nach Fontwell, um Erkundigungen einzuziehen –«

 

»Ach ja – gerade als ich nach London abreiste.«

 

»Ganz recht. Ich bin ein Vertreter der Stormerschen Detektiv-Agentur –«

 

Audrey nickte. Von dieser bekannten Firma hatte sie schon öfter gelesen.

 

»Mr. Stormer hat mich beauftragt, mit – mit einem Vorschlag an Sie heranzutreten, Miß Bedford. Wir sind nämlich in Verlegenheit. Eine Dame, die für uns arbeitete, hat sich verheiratet, und wir haben bis jetzt noch keinen Ersatz für sie gefunden. Nun meinte Mr. Stormer, ich sollte einmal anfragen, ob Sie vielleicht Lust hätten, in unsere Agentur einzutreten?«

 

»Ich?! Sie meinen – als Detektivin?«

 

»Wir würden Ihnen keine unangenehme Arbeit übergeben. Sie kämen nur für Fälle aus der guten Gesellschaft in Frage.«

 

»Aber kennt Mr. Stormer denn – meine Vorgeschichte?«

 

»Sie meinen den Juwelenraub? Ach, darüber weiß er selbstverständlich Bescheid. Das macht ihm nichts aus. Er möchte Sie damit beauftragen, einen Herrn zu beobachten, einen gewissen Mr. Torrington.«

 

»Torrington? Wer ist das?«

 

»Ein steinreicher Südafrikaner. Interessieren Sie sich für Südafrika?«

 

Sie zuckte zusammen.

 

»Jawohl – wenn alle Geschichten, die ich gehört habe – wahr sind –« erwiderte sie langsam.

 

»Wir verlangen nicht, daß Sie hinter Torrington herlaufen«, fuhr Willitt fort. »Es wäre uns aber lieb, wenn Sie mit ihm bekannt würden.«

 

»Ist er – ein Verbrecher?«

 

»Gott behüte! Ein durchaus redlicher Mann. Wir möchten nur gern wissen, mit wem er verkehrt –«

 

»Kann ich Mr. Stormer vielleicht selbst sprechen?«

 

»Er ist schon wieder in Amerika«, flunkerte Willitt, »und vor seiner Abreise hat er mir ausdrücklich aufgetragen, Sie um jeden Preis als Mitarbeiterin zu gewinnen.«

 

Audrey lachte.

 

»Nun, versuchen kann ich es ja«, meinte sie vergnügt.

 

Willitt atmete erleichtert auf.

 

Als er ins Büro zurückkam, fand er John Stormer in milderer Stimmung und berichtete mit Genugtuung über den Erfolg seiner Sendung. Er hatte kaum das Zimmer verlassen, als Stormer sich ans Telephon begab.

 

»Hier Stormer. Sind Sie es selbst, Hepps? Besten Dank für Ihre Hilfe.«

 

»Es ging mir sehr gegen den Strich«, erwiderte der Redakteur in bedauerndem Ton. »Sie scheint ein nettes und begabtes Mädchen zu sein. Was wird sie nur von mir denken! Ich werde nicht so leicht wieder einem netten Mädel ins Gesicht sehen können – ich schäme mich wirklich!«

 

»Ach was, das ist vielleicht nur zu Ihrem Besten!« lachte Stormer und hängte an.

 

 

Torrington bewohnte eines der teuersten Appartements im Ritz-Carlton-Hotel. Er empfing nur sehr selten Besuch, und als ein schäbiger, kleiner Mann sich bei ihm melden lassen wollte und eine Verabredung vorschützte, dauerte es eine ganze Weile, bis er vorgelassen wurde.

 

»Mr. Brown« saß an seinem Schreibtisch und schob das Blatt, an dem er geschrieben hatte, zur Seite, um sich den Besucher genau anzusehen.

 

»Sie kommen aus Kimberley?« fragte er. »Ich erinnere mich nicht, Sie jemals gesehen zu haben. Sie wissen natürlich, welchen Namen ich damals führte?«

 

»Ich weiß«, erwiderte der kleine Mann, »aber ich werde ihn nicht aussprechen. Wenn ein Mann sich Brown nennt – so ist er für mich eben Mr. Brown. Offen gesagt – ich verbüßte zur selben Zeit wie Sie eine Strafe.«

 

Torrington fuhr mit der Hand in die Tasche.

 

»Ich besinne mich nicht auf Sie, aber ich habe mir auch große Mühe gegeben, alle Leute zu vergessen, mit denen ich am Wellenbrecher arbeitete.«

 

Auf dem Schreibtisch lag der Brief, den der alte Herr gerade beendigt hatte. Der Fremde sah die schwungvolle Unterschrift, aber der Bogen war zu weit entfernt, als daß er ihn hätte lesen können. Er suchte nach einem Vorwand, um hinter den Tisch zu kommen.

 

Torrington schob ihm eine Banknote zu.

 

»Ich hoffe, daß es Ihnen in Zukunft besser gehen wird.«

 

Der kleine Mann nahm den Geldschein, ballte ihn zusammen und schleuderte ihn zum Erstaunen seines Wohltäters an ihm vorüber in den leeren Kamin. Verwundert sah sich »Mr. Brown« um, und in dieser Sekunde wurde die Unterschrift gelesen.

 

»Behalten Sie Ihr Geld!« sagte der Fremde. »Denken Sie, daß ich deshalb hergekommen bin – Torrington?«

 

Daniel Torrington stand auf.

 

»Nehmen Sie das Geld, und machen Sie sich nicht lächerlich!«

 

Der Mann holte sich den zerknitterten Schein und ging. Torrington machte die Tür leise hinter ihm zu. Woher wußte dieser Mensch –?

 

Da fiel sein Blick auf den Brief, und er begriff.

 

Kapitel 27

 

27

 

Elton war nicht lange bei Stanford geblieben und hatte gerade begonnen, einen Brief zu schreiben, als seine Frau erschien. Er legte die Feder aus der Hand. »Dora, was hast du eigentlich getrieben, ehe wir uns kennenlernten?« fragte er unvermittelt.

 

»Ach, anfangs ging ich als Statistin mit Marsh und Bignall auf Reisen. Marsh machte Bankerott, und ich war dann in einer Schießbude und so weiter. Ich bin alles gewesen von der ersten Liebhaberin bis zur Garderobiere. – Von elektrischen Leitungen verstehe ich mehr als mancher Mechaniker. Aber warum fragst du danach?«

 

»Wo lerntest du Marshalt kennen?«

 

»Hier in London«, entgegnete sie nach kurzem Zögern. Ihre Hand, in der sie eine Zeitung hielt, zitterte leicht. »Ach, ich wollte, ich wäre vorher gestorben!«

 

»Dora – hast du ihn lieb?«

 

»Ich hasse ihn!« rief sie leidenschaftlich. »Ich habe ihn einmal geliebt – ja. Ich habe sogar an Scheidung gedacht. Aber ich war nicht schlecht genug. Ich fing an, ihn zu langweilen. In gewisser Weise bin ich vielleicht auch altmodisch.«

 

Er hatte sich in den Sessel zurückgelehnt und beobachtete sie unter gesenkten Lidern.

 

»Glaubst du, daß er tot ist?«

 

Sie machte eine ungeduldige Bewegung.

 

»Ich empfinde ihn nicht als tot – aber es ist mir gleichgültig.«

 

Sie sprach aufrichtig, davon war er überzeugt.

 

»Hat er jemals Malpas erwähnt?«

 

»Ja, oft! Und dabei wurde er immer nervös. Malpas haßte ihn. Der Polizei gegenüber behauptete Lacy, nichts von ihm zu wissen, aber er wußte sehr viel. Er sagte, Malpas und er wären früher Partner gewesen, und er wäre mit Malpas‘ Frau durchgegangen.«

 

Er stand auf und legte die Hände auf ihre Schultern.

 

»Ich danke dir – für alles, was du gesagt hast. Ich glaube, wir beide werden jetzt fest zusammenhalten. Wie stehst du denn jetzt zu Audrey?«

 

»Ich weiß es selbst nicht. Meine Abneigung gegen sie ist sehr groß. Ich wurde ja dazu erzogen, sie zu hassen.«

 

»Das tut mir leid.« Martin klopfte sie sanft auf die Schulter und ging.

 

Als er nachmittags nach Hause kam, traf er Dora in der Halle. Sie war zum Ausgehen angekleidet, aber er bat sie, ins Wohnzimmer hinaufzukommen.

 

»Als Audrey das letztemal hier war, sagtest du ihr, sie hieße gar nicht Bedford, und ihr Vater säße wegen Diamantendiebstahls in einer Strafanstalt in Südafrika«, sagte er hastig. »War das wahr?«

 

»Ja«, erwiderte sie verwundert. »Weshalb – ?«

 

»Abends sagtest du mir, er wäre lahm – hätte bei der Verhaftung einen Schuß ins Bein bekommen. Wie hieß Audreys Vater?«

 

»Daniel Torrington.«

 

Martin pfiff leise durch die Zähne.

 

»Ich habe – jemand getroffen, der behauptet, Torrington wäre hier in London. Man hat ihn begnadigt, und es scheint, daß er sich schon längere Zeit hier aufhält. Wußte Marshalt wohl davon?« »Nein, wenn er das gewußt hätte, wäre er wohl nicht so vergnügt gewesen. Ach!« Sie preßte die Hand einen Augenblick auf den Mund. »Malpas!« flüsterte sie.

 

Er starrte sie an, denn ihm war derselbe Gedanke gekommen.

 

»Marshalt muß es gewußt oder geahnt haben«, fuhr sie leise fort. »Er hat die ganze Zeit nebenan gewohnt! Bunny, Malpas ist Torrington!«

 

»Das glaube ich nicht.« Martin schüttelte den Kopf. »Es klingt zu romanhaft! So rachsüchtig ist kein Mensch. Und nun gar Torrington, der nach seiner Tochter sucht!«

 

»Er hält Audrey sicher für tot. Er hing sehr an dem Kind, und auf Marshalts Rat hin hat ihm Mutter geschrieben, daß Audrey an Scharlach gestorben wäre. Torrington hat ihr sogar unten bei Kapstadt einen Gedenkstein errichten lassen. Das weiß ich von Marshalt. Ist Torrington sehr reich?«

 

»Er soll zwei Millionen Pfund wert sein. Was er wohl – für die Wahrheit zahlen würde?«

 

»Nie im Leben soll er sie von uns erfahren! Mag er sie selbst herausbringen!«

 

»Wie ist sie getauft?« fragte er langsam und nachdenklich.

 

»Dorothy Audrey Torrington. Aber er weiß nicht, daß wir sie Audrey nannten. In seinem Brief schrieb er von Dorothy.«

 

»Schreibe an Audrey und lade sie zum Tee ein«, sagte Martin langsam. Sie schaute ihn empört an.

 

»Ja, schreibe ihr, es täte dir leid, daß du so unfreundlich zu ihr gewesen wärst und ihr allerlei vorgelogen hättest – über ihren Vater. Und wenn sie kommt, sagst du ihr, Torrington wäre dein Vater. Wo kann ich mir Audreys Geburtsschein verschaffen?«

 

»Ich habe oben noch allerlei Papiere von Mutter. Es kann sein, daß er darunter ist. Hole sie doch herunter, Bunny! Sie liegen in meinem Schrank – in einem Blechkasten.«

 

Er brachte ihn und öffnete ihn geschickt, als kein Schlüssel zu finden war. Auf dem Boden des Kastens lag ein blauer Briefumschlag mit zwei Geburtsscheinen. Martin breitete sie auf dem Tisch aus, und seine Augen glänzten.

 

»Dorothy Audrey Torrington«, las er, »und du heißt Nina Dorothy Bedford. Aus dem Namen Audrey läßt sich etwas anderes machen. Dora, du mußt Audrey schreiben und ihr – mit oder ohne Tränen – sagen, sie wäre deine ältere Schwester –«

 

Es klopfte.

 

»Mr. Smith aus Chicago«, meldete das Mädchen.

 

Martin zögerte einen Augenblick.

 

»Du kennst den Menschen ja wohl, Dora«, sagte er schließlich. »Ich lasse bitten.«

 

Slick Smith war wie immer tadellos gekleidet und legte seinen glänzenden Zylinder fast zärtlich auf einen Stuhl.

 

»Ich störe doch nicht?« begann er mit strahlender Miene. »Ich dachte, es würde Sie interessieren, daß 147 Ihre verehrte Schwägerin in den Polizeidienst eingetreten ist. Streng genommen kann man es vielleicht nicht als Polizeidienst bezeichnen, aber jedenfalls ist sie bei Stormers Agentur angestellt.«

 

»Soll das Scherz oder Ernst sein?« fragte Martin schroff.

 

»Voller Ernst. Ich sah zufällig, daß sie mit Willitt in einen Juwelierladen ging, wo er ihr das Stormersche Abzeichen kaufte: einen kleinen silbernen Stern mit Stormers Namen auf der Rückseite. Ich kenne es, und die junge Dame schien sich sehr darüber zu freuen. Und wissen Sie, was Willitt tat, nachdem er sich von ihr getrennt hatte?«

 

Martin zuckte ungeduldig die Schultern.

 

»Er ging zu dem nächsten Telephon und rief das Ritz-Carlton-Hotel an, um dort eine Zimmerflucht für die junge Dame zu bestellen.« Smith zog sein Taschentuch heraus, betupfte die Lippen und fuhr dann lächelnd fort: »Mr. Brown – oder Torrington – wohnt im Ritz-Carlton.«

 

Martin und Dora waren fassungslos.

 

»Ich dachte, ich müßte es Ihnen mitteilen«, meinte Smith. »Für Leute, die heute ein gewisser Wilfred auf die Spur von Torringtons Millionen gebracht hat, kann die Nachricht ja von Wert sein. – Ein reizendes Mädchen, Ihre jüngere Schwester, Mrs. Elton!«

 

Martin zuckte zusammen, aber Dora hatte ihre Fassung wiedergewonnen.

 

»Sie meinen Audrey?« erwiderte sie lachend. »Ich bin ein volles Jahr jünger als sie!«

 

Slick sah sie prüfend an.

 

»Man scheint sich allseitig sehr für Ihre Schwester zu interessieren«, bemerkte er nachdenklich. »Jetzt hat schon der dritte Mann versucht, sie im Palace-Hotel zu fangen, und auch diesem dritten ist es mißlungen. Ich habe eine Ahnung, als ob ich noch zur Beerdigung des vierten gehen würde!«

 

Kapitel 22

 

22

 

Die Zeitungen berichteten eingehend und wahrheitsgetreu über das Ereignis der vergangenen Nacht, und der ›Globe Herald‹ fügte hinzu:

 

 

»Die Polizei steht vor einem fast unlösbaren Rätsel oder vielmehr vor einer Reihe von Rätseln, die wir hier aufzählen wollen:

 

1. Wie gelangte Marshalt in das sorgsam behütete Haus dieses Sonderlings? Da er seinen Nachbar so sehr fürchtete, daß er Privatdetektive mit seinem Schutz betraut hatte, muß er starke Beweggründe gehabt haben, um sich zum Betreten des geheimnisvollen Hauses zu entschließen.

 

2. Auf welche Weise wurde Marshalts Leiche aus Nr. 551 entfernt?

 

3. Wer tötete den Bedienten Tonger, und warum wurde er überhaupt getötet?

 

4. Wo ist Malpas? Ist er etwa auch in die Hände der gespenstischen Verbrecher gefallen?«

 

 

Dick nickte anerkennend, als er diesen Artikel las. Daß bei aller Genauigkeit mehrere wichtige Punkte übersehen worden waren, konnte ihm nur lieb sein. Gleich morgens um zehn Uhr hatte er die Köchin Marshalts verhört. Die Frau wußte jedoch nur auszusagen, daß ihr Herr um halb acht abends das Haus verlassen hätte, und daß Tonger gut mit ihm gestanden hätte und ein nüchterner Mann gewesen wäre. Nur in der letzten Zeit hätte er angefangen zu trinken und zu seinen Mahlzeiten statt der Zitronenlimonade alkoholhaltige Getränke verlangt.

 

All dies sagte Dick nicht viel, und er beschloß, Audrey aufzusuchen, um zu sehen, ob sie vielleicht eine der Lücken ausfüllen könnte. Er fand sie in dem leeren Speisesaal, wo sie ein spätes Frühstück einnahm.

 

»Ich habe die Zeitungen schon gelesen«, sagte sie. »Sie sind recht gut unterrichtet.«

 

»Ja«, bestätigte er und holte den auf dem Schreibtisch gefundenen Bogen hervor. »Ist das vielleicht einer von den Briefen, die Sie für Mr. Malpas geschrieben haben?«

 

»Es ist meine Handschrift. Besinnen kann ich mich nicht darauf. Ich schrieb die Sachen immer ganz mechanisch ab, weil sie mir teils sinnlos, teils wunderlich vorkamen. Übrigens – was soll ich mit dem Geld machen, das er mir gegeben hat?«

 

»Heben Sie es für seine Erben auf«, erwiderte er finster.

 

»Er ist doch nicht etwa tot?«

 

»Genau sieben Wochen nach dem Tag, an dem ich ihn fasse, wird der alte Teufel tot sein!«

 

Er fragte sie noch einmal, wie Malpas aussähe, und notierte sich ihre Beschreibung. Es war der Mann, dessen Gesicht er durch das Oberlichtfenster gesehen hatte!

 

Als Dick gegangen war, legte sich Audrey wieder zu Bett, denn die Ereignisse des vergangenen Tages hatten sie sehr angegriffen und erschüttert. Sie mußte wohl eingeschlummert sein, denn plötzlich fuhr sie erschrocken in die Höhe.

 

Ihre Tür war nur angelehnt, und sie wußte genau, daß sie sie vorher geschlossen hatte. Wer hatte sie geöffnet? Sie trat auf den Korridor hinaus, aber es war niemand zu sehen. Sollte sie sich doch getäuscht haben?

 

Im nächsten Augenblick sah sie einen Brief am Boden liegen, bei dessen Anblick ihr fast der Atem verging. Er kam von Malpas. Mit zitternden Fingern riß sie den Umschlag auf und schaute auf das unordentliche Gekritzel:

 

 

»Lacy und sein Untergebener sind tot. Sie werden denselben Weg gehen, wenn Sie mich verraten. Erwarten Sie mich heute abend um neun am Eingang von St. Dunstan, Outer Circle. Wenn Sie zu Shannon darüber sprechen, soll es Ihnen schlecht bekommen.«

 

 

Sie durchflog die Zeilen noch einmal. St. Dunstan, das Heim für blinde Soldaten, lag weit draußen in einer einsamen Gegend. Sollte sie Dick zu Rate ziehen? Ihr erster Gedanke war, ihm von dieser Nachricht Mitteilung zu machen, aber ihr zweiter galt seiner Sicherheit. Sie durfte ihn nicht einweihen, denn er suchte nach Malpas, und dies konnte seinen sicheren Tod bedeuten.

 

Den ganzen Tag über beschäftigte sie sich mit dem Problem, und dabei hatte sie ständig das dunkle, quälende Gefühl, daß sie bewacht und beobachtet wurde. Wer war nur dieser rätselhafte Mann – dieser graue Schatten, der ungesehen kam und ging?

 

Sie hoffte immer noch, daß Dick nachmittags oder zu Tisch erscheinen würde, aber der Captain hatte keine Zeit. So zog sie sich denn nach dem Essen auf ihr Zimmer zurück, um einen Plan zu entwerfen.

 

Erstens wollte sie all ihr Geld im Safe des Hotels zurücklassen, zweitens einen recht kräftig aussehenden Chauffeur wählen und sich keinen Schritt von der Autodroschke entfernen. Sie hätte gern einen Revolver mitgenommen, aber sie besaß keinen und verstand auch kaum, damit umzugehen.

 

Sie mußte lange warten, bis endlich ein passender Chauffeur von der nötigen Größe und Stärke des Weges kam.

 

»Ich habe eine Verabredung mit einem Herrn im Outer Circle«, sagte sie hastig. »Und ich – ich möchte nicht mit ihm allein gelassen werden – verstehen Sie?«

 

Er verstand durchaus nicht. Sonst pflegten solche junge Damen ganz entgegengesetzte Wünsche zu haben.

 

Es schneite und stürmte, und die Straßen wurden leerer und dunkler. Es war eine lange Fahrt, aber endlich hielt das Auto am Bordstein.

 

»Hier sind wir bei St. Dunstan«, sagte der Chauffeur und blieb neben der Tür stehen. »Es ist aber niemand hier.«

 

Aber im nächsten Augenblick glitt ein langes Auto heran und hielt dicht hinter ihnen. Audrey sah, daß eine gebeugte Gestalt mühsam ausstieg, und wartete gespannt, was folgen sollte.

 

»Audrey!«

 

Die Stimme war unverkennbar.

 

»Bitte, kommen Sie hierher«, sagte sie.

 

Er kam langsam auf sie zu – sie erkannte das lange Kinn über dem weißen Schal und die große Nase.

 

»Kommen Sie her, und schicken Sie Ihre Droschke fort!« rief er ungeduldig.

 

»Nein, der Chauffeur bleibt hier«, erklärte sie fest. »Ich habe nicht viel Zeit. Wissen Sie, daß die Polizei nach Ihnen sucht?«

 

»Schicken Sie das Auto fort!« wiederholte er heftig. »Sie haben jemand drin – der Teufel soll Sie holen! Ich schrieb Ihnen doch –«

 

Sie sah glitzernden Stahl in seiner Hand und wich zurück.

 

»Ich schwöre Ihnen, daß niemand anders als der Chauffeur bei mir ist.«

 

»Kommen Sie her!« befahl er. »Steigen Sie in mein Auto.«

 

Sie wollte sich umdrehen, glitt aber in dem nassen Schnee aus. Rasch packte er sie an beiden Armen und stand nun hinter ihr.

 

»Nanu – was soll denn das?« brüllte der Chauffeur ihn an und näherte sich in drohender Haltung.

 

»Halt!« Eine Revolvermündung brachte ihn zum Stehen.

 

»Fahren Sie fort! Hier!«

 

Eine Handvoll Geld flog ihm vor die Füße, und als er sich bückte, es aufzuheben, sauste der Revolverkolben auf seinen Hinterkopf nieder. Er fiel um wie ein schwerer Klotz.

 

Das geschah, bevor sich Audrey der großen Gefahr bewußt wurde, in der sie schwebte. Sie fühlte, daß der Mann sie aufhob.

 

»Wenn Sie schreien, schneide ich Ihnen die Kehle durch!« zischte er ihr ins Ohr. »Sie sollen denselben Weg gehen wie Marshalt und Tonger – den Weg, den auch Shannon gehen wird, wenn Sie nicht tun, was ich will –«

 

Er preßte eine Hand auf ihren Mund und zerrte sie auf sein Auto zu. Aber dann ließ er sie plötzlich los, und sie stürzte halb ohnmächtig zu Boden. Bevor sie wieder ganz zu sich kam, schossen die Lampen von Malpas Auto an ihr vorüber. Sie sah drei Leute laufen, hörte Schüsse knallen und wurde auf die Füße gestellt. Der Arm, der sie umfaßt hielt, gab ihr ein sonderbar beruhigendes Gefühl, und sie schaute in Dick Shannons Gesicht.

 

»Sie unartiges Kind!« sagte er streng. »War das ein Schreck!«

 

»Haben Sie – haben Sie ihn gesehen?«

 

»Malpas? Nein, nur seine Scheinwerfer, aber es ist ja immerhin entfernt möglich, daß sie ihn an irgendeinem Tor anhalten. Mein Mann hatte Sie aus den Augen verloren, und es war ein reiner Glücksfall, daß er Sie bei Clarence Gate wiedersah. Er rief mich in Marylebone an – nun, wir wollen froh sein, daß alles so gut abgelaufen ist.« Er schauderte. »Hat der Kerl etwas von Belang gesagt?«

 

»Nein, er stieß nur eine Menge ungemütlicher Drohungen aus, die hoffentlich nicht in Erfüllung gehen. Dick, ich kehre zu meinen Hühnern zurück.«

 

Shannon lachte leise.

 

»Selbst das grimmigste Ihrer Hühner würde nicht imstande sein, Sie jetzt zu beschützen. Malpas hält es aus irgendeinem Grund für notwendig, Sie zu beseitigen. Übrigens habe ich Sie Tag und Nacht von zwei eifrigen Leuten bewachen lassen. Haben Sie das nicht bemerkt?«

 

Nachdem er sie ins Hotel zurückgebracht hatte, fuhr er nach Hause und stieß vor seiner Tür auf Mr. Brown.

 

»Warten Sie hier auf mich?« fragte er.

 

»Ja, seit einigen Minuten. Haben Sie ihn gefaßt?«

 

Dick fuhr herum.

 

»Wen?«

 

»Nun, natürlich Malpas! Sie vergessen, daß Ihre Kanonade die friedlichen Bewohner von Regent’s Park in fürchterliche Angst versetzt und lebhafte Reklame für Ihren Kampf mit dem Teufelskerl gemacht hat.«

 

»Teufelskerl? Kennen Sie Malpas?«

 

»Sehr genau, und Lacy Marshalt auch – noch besser als den verstorbenen Laker.«

 

»Kommen Sie mit mir hinauf«, erwiderte Dick, und Mr. Brown folgte ihm so lautlos, daß er sich umdrehte, um sich zu vergewissern, ob er auch hinter ihm wäre.

 

»Sie sprachen eben von Laker: wer ist das?«

 

»Ein Dieb und Trunkenbold. Obwohl er Malpas kannte, war er unvorsichtig genug, ihn in berauschtem Zustand zu besuchen – infolgedessen wurde seine Leiche kürzlich aus der Themse gefischt.«

 

»Meinen Sie den Mann, der am Embankment ins Wasser geworfen wurde?«

 

»Ja, das war Laker. Wundern Sie sich, daß es sogenannte Teufel in Menschengestalt gibt, die sich durch Mord einen Ausweg aus ihren Verlegenheiten suchen? Warum auch nicht? Begeht man einen Mord, ohne ihn zu bereuen, so sind alle weiteren nur eine natürliche Folge davon. Ich habe viele Mörder gekannt –«

 

»Gekannt!« wiederholte Dick bestürzt.

 

»Ja, ich habe lange Sträflingsjahre hinter mir. Mein eigentlicher Name ist Torrington, und ich war zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt, wurde aber begnadigt, als ich zwei Kindern das Leben rettete, und zwar den Kindern des höchsten Verwaltungsbeamten von Kapstadt. Aus diesem Grund hat man mir auch die Führung eines Passes unter falschem Namen gestattet.« Er lächelte flüchtig. »Ich gehöre sozusagen den privilegierten Klassen an. Und ich interessiere mich für Malpas, noch mehr allerdings für den verstorbenen Marshalt. Aber darüber brauche ich wohl keine weiteren Worte zu verlieren. Malpas ist gefährlich, Captain Shannon. Auf einen Mord mehr oder weniger kommt es ihm nicht an. An Ihrer Stelle würde ich ihn in Ruhe lassen.«

 

»Ein netter Ratschlag für einen Polizeibeamten!« meinte Dick lachend.

 

»Es ist ein guter Rat«, erwiderte Brown. »Wo mögen sie nur Marshalts Leiche hingebracht haben?« fragte er dann.

 

Dick zuckte die Schultern.

 

»Sie muß noch irgendwie im Haus versteckt sein«, entgegnete er ausweichend.

 

»Das glaube ich nicht. Ich habe einen Gedanken – aber ich habe schon zuviel gesagt. Kommen Sie mit und trinken Sie bei mir im Hotel noch einen Nachttrunk, Captain Shannon!«

 

Dick lehnte lächelnd ab.

 

»Aber dann bringen Sie mich doch wenigstens nach Hause?« fragte Brown. »Ich bin ein schwacher, alter Mann und bedarf des polizeilichen Schutzes.«

 

Dazu war Dick bereit. Unterwegs sah er, daß Mr. Torrington manchmal weniger hinkte. Es war, als ob er zuweilen vergäße, den Fuß nachzuschleppen. Schließlich machte Dick eine Bemerkung darüber.

 

»Ich glaube, das beruht auf Gewohnheit«, entgegnete Torrington unbefangen. »Ich hatte mir das Nachschleppen des Fußes so angewöhnt, daß es mir zur zweiten Natur geworden ist.«

 

Er spähte scharf um sich.

 

»Erwarten Sie, jemand zu sehen?« fragte Dick.

 

»Ja, ich sehe mich nach dem Schatten um. Er hat sich heute noch gar nicht blicken lassen.«

 

Shannon lächelte.

 

»Sie lieben es wohl nicht, beobachtet zu werden? Alle Achtung, daß Sie es bemerkt haben!«

 

Torrington schaute ihn groß an.

 

»Ach, Sie meinen den Polizisten, der mir folgt? Dort an der Ecke steht er. Nein, ich sprach von dem Mann, der auf Ihrer Spur ist.«

 

»Auf meiner Spur?«

 

»Wußten Sie das denn nicht? Du lieber Himmel, und ich dachte, Sie wüßten alles.«

 

Kapitel 23

 

23

 

Slick Smith wohnte in einem altertümlichen Haus in Bloomsbury. Er hatte dort das erste Stockwerk gemietet und nahm an der unmodernen Einrichtung keinen Anstoß. Im Gegenteil, die ewig gurgelnde Zisterne unter seinem Schlafzimmerfenster hatte etwas Beruhigendes und war eine bequeme Stufe für ihn, um über die Hofmauer zu gelangen. Auf diese Weise konnte er die Nebenstraße leichter erreichen, als wenn er die Treppe hinunter und durch die Haustür gegangen wäre. Welches Geschäft er eigentlich betrieb, wußte niemand im Haus. Nachts war er meistens außerhalb, und den größten Teil des Tages schlief er hinter verschlossenen Türen. Wenn ein Besucher kam, klingelte er nicht, sondern pfiff leise auf der Straße, worauf Slick selbst herunterkam und öffnete. Abends ging er im Frack aus und sprach in einer Bar oder einem eleganten Nachtklub vor, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nacht für Nacht verfolgten ihn erfahrene Leute von Scotland Yard, aber stets verloren sie ihn an derselben Stelle aus den Augen, und zwar an der Ecke von Piccadilly Circus und der Shaftesbury Avenue, dem am strahlendsten beleuchteten Platz Londons.

 

An dem Abend, an dem Audrey nach St. Dunstan fuhr, saß Slick Smith in einem Nachtklub. Er lauschte der Musik des Tanzorchesters, als sich ihm ein kleiner Mann näherte und zaghaft einen Stuhl heranzog.

 

»Slick, im Astoria ist eine Dame mit enorm viel Ware abgestiegen –«

 

»Sie heißt Levellier und trägt das Zeug auf dem Leib, und jeder Mensch in London weiß es«, fiel ihm Smith ins Wort. »Interessiert mich nicht.«

 

»Aber im Hotel Imperial wohnt ein steinreicher Mann, der heute eine Diamanten-Tiara –«

 

»Tiara – ja, für seine Frau. Zwölfhundert Pfund. Er heißt Mollins, trägt einen Revolver und hat eine Bulldogge, die am Fußende seines Bettes schläft.«

 

Der Zuträger seufzte.

 

»Das ist alles, was ich weiß. Aber in den nächsten Tagen kommt ein Kerl aus Südafrika mit einem großen Vermögen –«

 

»Erzählen Sie mir alles, was Sie über den Kunden wissen!« sagte Slick plötzlich in verändertem Ton, legte die Hand auf den Tisch und bewegte sie scheinbar zufällig zu dem Mann hin. Dieser nahm die Banknote, die darunter lag, dankbar an sich.

 

Bald darauf ging Slick fort. Überall, wohin er kam, wiederholte sich dasselbe Spiel. Als er sich schließlich den Bücken der Leute von Scotland Yard entzog, hatte er nicht viel erfahren. Erst später sollte er neue Nachrichten hören.

 

Um zwei Uhr nachts schlich sich ein Vagabund zu den Hintergebäuden des Portman Square, und eine halbe Stunde später wurde Dick Shannon durch die Telephonklingel aus dem Schlaf geweckt.

 

»Hier Steel, Captain … ich spreche von Nr. 551 aus, bitte, kommen Sie doch her. Hier ereignen sich die sonderbarsten Dinge.«

 

Eine Viertelstunde später stieg Dick vor Nr. 551 aus dem Auto. Steel und ein anderer Beamter erwarteten ihn in der offenen Haustür.

 

»Was ist denn geschehen?« fragte er, als sie in der Halle standen und die Tür geschlossen war.

 

»Um Mitternacht fing es an«, erwiderte Steel leise. »Es klang so, als ob jemand die Treppe hinaufginge. Wir saßen in Malpas‘ Zimmer und kamen heraus, konnten aber niemand entdecken. Beide können wir uns doch nicht getäuscht haben.«

 

»Sie haben es auch gehört?« fragte Dick den hünenhaften Polizisten.

 

»Ja – es lief mir ganz kalt über den Rücken –«

 

Er fuhr herum und starrte die Treppe hinauf. Auch Dick hörte es und schauderte leicht zusammen.

 

Es war ein Geräusch, als ob Pantoffeln über Steinfliesen schlürften. Gleich darauf ertönte unterdrücktes Gelächter.

 

Shannon schlich auf die Treppe zu. Oben brannte ein verdecktes Licht, und der Schatten eines ungeheuerlichen Kopfes glitt über die Wand hin. Im Nu stand Dick oben – aber es war nichts zu sehen!

 

»Sonderbar!« murmelte er. »Das würde Tante Gertrud bange machen.«

 

Steel fing die Worte »Tante Gertrud« auf. Das war das verabredete Stichwort. Vor dem Hause stand ein Polizist, der sofort herbeieilte, als er eine Taschenlampe aufblitzen sah.

 

»Telephonieren Sie, daß der Chef alle Abteilungsreserven braucht«, befahl Steel. »Und eine Schutzmannskette. Er wird es verstehen, wenn Sie ›Gertrud‹ sagen!« Als er zurückkehrte, fand er Shannon oben in Malpas‘ Zimmer, dessen Samtdraperien bis auf die Fenster und Alkovenvorhänge entfernt worden waren.

 

»Hier war jemand«, sagte er. »Ich spielte mit dem Polizisten Karten und wollte gerade geben, als wir Schritte hörten. Ich legte die Karten gehäufelt auf den Tisch – und jetzt liegen sie auf dem Boden …« Steel unterbrach sich, denn wieder ertönten die leise raschelnden Schritte, und diesmal wurden sie lauter, bis sie draußen auf dem Vorplatz anhielten. Die angelehnte Tür begann sich ganz langsam zu öffnen. Shannon griff in die Tasche und richtete den Revolver auf die Türritze. Aber es ereignete sich nichts weiter, und als er leise durch das Zimmer schlich und auf den Vorplatz hinaushuschte, war nichts zu sehen.

 

Der Polizist nahm den Helm ab und wischte sich die Stirne.

 

»Mit Menschen aus Fleisch und Blut nehme ich es jederzeit auf«, sagte er heiser, »aber das ist doch zu unheimlich!«

 

»Durchsuchen Sie die Zimmer da oben!« befahl Dick. »Und scheuen Sie sich nicht, Ihren Knüppel anzuwenden.«

 

Er hörte, wie der Mann langsam und schwerfällig die Treppe hinaufstieg, und als die Schritte verstummten, rief er nach oben, ob alles in Ordnung sei.

 

Ein dumpfes Geräusch war die Antwort, und im nächsten Augenblick rollte der Helm des Polizisten die Stufen herab und flog Dick vor die Füße. Shannon und Steel stürzten die Stufen hinauf und sahen den Schutzmann mit einer Schlinge um den Hals unter der Decke baumeln und mit den Armen und Beinen strampeln. Er war schon fast erstickt, als Steel den Strick durchschnitt und ihn mit Dicks Hilfe nach unten trug. In Malpas‘ Zimmer legten sie ihn auf dem Teppich nieder und gossen ihm etwas Kognak zwischen die krampfhaft zusammengebissenen Zähne.

 

»Da kommt der Inspektor!« rief Dick. »Stellen Sie die Türsperre ab und lassen Sie ihn herein.«

 

Steel tat, wie ihm geheißen war, zog aber die Hand mit einem Schrei zurück. Der lähmende Schlag von zweihundertfünfzig Volt war ihm durch und durch gegangen.

 

Unten wurde heftig an die Tür geklopft, und plötzlich erlosch das elektrische Licht.

 

»Stellen Sie sich an die Wand und hüten Sie sich, Ihre Lampe zu benützen«, sagte Shannon leise.

 

Aber Steel hatte sie schon angedreht. Sofort blitzte es neben ihm auf, und eine Kugel pfiff an seinem Kopf vorüber.

 

Dick warf sich zu Boden und riß seinen Untergebenen mit sich. Das donnernde Gehämmer gegen die Haustür dröhnte durch das ganze Gebäude. Shannon schob sich vorwärts, indem er in einer Hand seine Lampe, in der anderen den Revolver hielt. Steel folgte seinem Beispiel. Die Dunkelheit im Zimmer war undurchdringlich. Shannon hielt inne, um zu lauschen.

 

»Er ist in der Ecke neben dem Fenster«, flüsterte er.

 

»Ich glaube, er steht drüben an der Wand«, erwiderte Steel ebenso leise. »Großer Gott!« Ein unheimlich grüner Lichtkegel blitzte plötzlich auf der getäfelten Wand neben einem Büfett auf, und in diesem Schein sahen sie eine Gestalt liegen. Das Licht wurde immer greller, so daß jede schauerliche Einzelheit sichtbar wurde.

 

Es war ein Mann im Frackanzug mit einer pulvergeschwärzten Hemdbrust. Das Gesicht war wachsbleich, die Hände waren auf der Brust gekreuzt. Eine Sekunde lang packte selbst Shannon panische Furcht bei diesem grauenerregenden Anblick.

 

»Es ist ein Toter!« stöhnte Steel. »Großer Gott! Es ist Marshalt! Shannon – sehen Sie doch, Shannon – es ist Marshalts Leiche!«

 

Die Gestalt lag starr und steif, bis das grüne Licht trüber wurde und erlosch, während ein hohl rollendes Geräusch entstand.

 

Dick sprang auf und tastete an der Täfelung der Wand herum. Im gleichen Moment ertönten von unten hastige Rufe und Schritte wurden laut.

 

»Hier herauf! Lampen andrehen, das Licht ist aus!« schrie Dick.

 

Aber im selben Augenblick flammten wie auf Kommando die Glühbirnen wieder auf.

 

»Wer hat die Tür geöffnet?« fragte Shannon.

 

»Wir wissen es nicht. Mit einemmal ging sie auf.«

 

Shannon ließ sich eine Axt bringen und bearbeitete damit die Wandtäfelung. In wenigen Minuten hatte er sie an der Stelle zerschlagen, wo er Marshalts Leiche hatte liegen sehen. »Ein Speisenaufzug«, sagte er und atmete auf. »Das erklärt alles.«

 

Aber von der Leiche war nichts zu sehen. Shannon ging durch den Keller und durch die offenstehende Tür nach dem ebenfalls offenen Hoftor.

 

»Wo ist Ihre Schutzmannskette, Inspektor?« fragte er scharf, als er in die stille Hintergasse hinausblickte.

 

Die zweite Hälfte der Absperrungsmannschaften schien sich verspätet zu haben, denn sie erschien erst, als Shannon wieder oben in Malpas‘ Zimmer war. Er war der festen Überzeugung, daß es dort eine Treppe geben müsse, die zur Küche hinabführte, und nach längerem Suchen entdeckte er wirklich eine verborgene Drehtür an der Stelle, wo die große Treppe den Vorplatz erreichte.

 

»Hier ist der Kerl herumgeschlichen«, sagte er befriedigt und stieg ein paar Stufen hinunter, »und von oben hat er dann den Polizisten überfallen. Nun ist er natürlich über alle Berge. Verteufelt, daß die Leute nicht rechtzeitig da waren!«

 

Er stieg aufs Dach hinauf, wo er zu seiner Verwunderung noch einen von Willitts Posten fand. Erstaunt fragte er ihn, was er noch hier zu suchen hätte.

 

»Ich führe nur meinen Auftrag aus«, erwiderte der Mann.

 

»Haben Sie etwas gesehen?«

 

»Vor kurzem kam jemand auf den Hof heraus. Ich dachte, Sie wären es. Seit einer Stunde hielt auch ein großes Auto vor dem Tor. Der Mann schleppte etwas Schweres hinter sich her. Ich hörte ein Stöhnen, als er es ins Auto hob. Wer es war, konnte ich nicht sehen, nahm aber an, daß es einer von Ihren Leuten wäre.«

 

Als Shannon wieder nach unten kam, überreichte ihm Steel einen auf dem Hof gefundenen Gegenstand: eine flache Ledertasche mit einigen winzigen Phiolen, einer Spritze und zwei Nadeln. Die Spritze war offenbar rasch weggepackt worden, denn sie war noch bis zur Hälfte mit einer farblosen Flüssigkeit gefüllt, und das Samtfutter der Tasche war durchnäßt.

 

»Senden Sie den Inhalt der Spritze sofort zum Analysieren ein«, sagte Shannon ernst. »Ich fange allmählich an, klarzusehen.«

 

Kapitel 24

 

24

 

Eines Morgens stattete Mr. John Stormer seiner Detektiv-Agentur einen seiner nicht eben häufigen und stets überraschenden Besuche ab. Er warf sich in den Schreibtischsessel, klemmte einen Kneifer auf die breite Nase und fragte den ehrerbietig wartenden Willitt nach dem Stand des Geschäfts.

 

»Heute morgen kamen fünf neue Fälle: vier Ehegeschichten und eine Erpressungssache.«

 

»Und was gibt es Neues am Portman Square?«

 

Willitt berichtete eingehend, und nachdem Stormer ihn stumm bis zu Ende angehört hatte, erledigte er mit unglaublicher Geschwindigkeit alle laufenden Angelegenheiten, die aber so zahlreich waren, daß er erst gegen neun Uhr abends den letzten Brief unterschrieb. »Was den Fall Malpas betrifft«, sagte er dann, »so gelten die Anordnungen weiter, bis sie von Marshalts Anwälten aufgehoben werden. Das Haus wird weiter bewacht, ein Mann bleibt auf dem Dach, und einer von unseren besten Leuten bleibt immer – Slick Smith auf der Spur. Sie verstehen?«

 

»Jawohl.«

 

»Es ist fatal, daß wir ihm derart auf den Fersen bleiben müssen, aber ich muß sichergehen. Kabeln Sie sofort, wenn sich etwas ereignen sollte. – Was wollte übrigens Marshalt von diesem Mädchen – Bedford heißt sie wohl?«

 

»Ja. Bisher hat sie in Fontwell gewohnt.«

 

»Und Mrs. Elton – ist sie nicht auch eine geborene Bedford?«

 

»Ja, unter dem Namen hat sie geheiratet.«

 

»Hm – ob dieses Mädchen –? Sie wohnt jetzt im Palace-Hotel? Wir brauchten eigentlich notwendig einen weiblichen Detektiv, und sie war noch dazu Sekretärin von Malpas –«

 

»Ich glaube, Shannon ist in sie verliebt.«

 

»So?« erwiderte Stormer zerstreut. »Na, einem hübschen Mädchen macht jeder Mann den Hof. Das hat weiter nichts zu sagen. Aber Shannon möchte ich ganz gern mal sprechen.«

 

Er griff nach dem Telephonhörer.

 

Willitt schlug ein Notizbuch auf und nannte erst die Nummer von Dicks Privatwohnung. Stormer rief an und hatte Glück, denn Dick war eben nach Hause gekommen.

 

»Hören Sie, Shannon, ich habe Ihnen doch gelegentlich schon geholfen – wie Sie wissen, machte ich Sie auf Slick Smith aufmerksam, als der herüberkam.«

 

»Ganz recht, aber hier bei uns benimmt er sich geradezu musterhaft!« erklärte Dick lachend.

 

»Den Anschein gibt er sich gewöhnlich. Irgendwie muß er doch seinen Unterhalt erwerben. Aber ich habe Sie nicht seinetwegen angerufen. Es ist Ihnen doch bekannt, daß der verstorbene Marshalt uns mit der Bewachung seines Hauses beauftragt hatte. Wir setzen unsere Tätigkeit natürlich fort, bis seine Anwälte den Auftrag zurückziehen, und es wäre mir lieb, wenn Sie meine Leute inzwischen gewähren ließen. Ich habe ihnen befohlen, der Polizei nach Kräften beizustehen und ihr nichts in den Weg zu legen.«

 

»Sehr liebenswürdig. Ich begreife Ihre Verlegenheit.«

 

»Das bezweifle ich. Sagen Sie, haben Sie eigentlich den Herrn gesehen, den Marshalts Anwälte angestellt haben, um sein Haus zu bewachen?«

 

»Gesehen habe ich ihn.«

 

»Betrachten Sie ihn einmal genau!« Stormer lachte und hängte an.

 

Er kicherte noch vor sich hin, als er zu Tisch ging. An diesem Abend speiste er in Audreys Hotel, und nach dem Essen schlenderte er in die Halle hinaus.

 

»Haben Sie noch ein Zimmer frei?« erkundigte er sich bei dem Portier. »Ich sehe eben, daß ich heute nicht mehr nach Hause kommen kann.«

 

Der Angestellte schlug im Register nach.

 

»Sie können Nr. 461 haben.«

 

»Das ist mir zu hoch. Ich möchte ein Zimmer im zweiten Stock haben.«

 

Wieder blätterte der Portier in dem Heft.

 

»Nr. 250 und 270 sind frei.«

 

»Schön, dann geben Sie mir Nr. 270. Siebzig ist meine Glückszahl.«

 

Audrey wohnte in Nr. 269.

 

Kapitel 18

 

18

 

Martin Elton legte die Zeitung beiseite und schaute auf die Uhr. Dabei fiel sein Blick wohl zum zwanzigstenmal auf seine Frau, die reglos mit aufgestützten Ellbogen vor dem Kamin saß und düster ins Feuer starrte.

 

»Was hast du, Dora?«

 

»Ich fühle mich nicht wohl. Du wolltest doch noch ausgehen?«

 

»Ja, und ich komme spät zurück – erst gegen Mitternacht.«

 

»Stanford war hier – hat er das Geld gebracht?« fragte sie, ohne aufzusehen.

 

»Ja, drei Millionen Franken. Das Zeug ist gut gemacht und ungefährlich. Klein wird es absetzen.«

 

»Wo hast du es?«

 

»Unter der Matratze in meinem Bett. Mache dir deshalb keine Sorgen. Morgen lasse ich es fortschaffen. Gehst du noch aus?«

 

»Ich weiß noch nicht – es kann sein.«

 

Er nickte ihr zu und verließ das Zimmer. Sie hörte, wie er die Haustür zuschlug, und versank wieder in ihre Grübeleien. Martin war ihr unheimlich. Er beobachtete sie – er mißtraute ihr. Sie hatte Angst vor ihm, nicht für sich selbst, aber für den Mann, den sie liebte. Ja, allmählich hatte sie begonnen, Martin zu hassen! Sie vergaß, was er für sie getan hatte, aus welcher

 

Laufbahn er sie gerettet hatte, und wie gut und freigebig er stets gegen sie gewesen war.

 

Wenn Martin aus dem Weg wäre … sie mußte ihn abschütteln, sonst würde er Lacy noch umbringen! Es gab nur einen Ausweg, und seit vierundzwanzig Stunden bemühte sie sich, mit dem Gedanken an diese Schandtat sich auszusöhnen …

 

Eine halbe Stunde später plauderte der diensttuende Sergeant mit Inspektor Gavon auf der Polizeiwache in der Vine Street, als eine bleiche Frau hastig in das kahle Büro kam. Gavon kannte sie.

 

»Guten Abend, Mrs. Elton. Wollen Sie mich sprechen?«

 

Sie nickte. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, und ihre Zunge schien den Dienst versagen zu wollen.

 

»Ja«, brachte sie schließlich hervor, aber ihre Stimme klang schrill und gequält. »In Italien lebt ein Mann – der französische Banknoten fälscht – es sind schon viele in Umlauf –«

 

»Das ist richtig. Kennen Sie vielleicht jemand, der solches Geld hat?«

 

»In unserem Haus finden Sie eine Menge. Mein Mann brachte es hin. Er hat es unter der Matratze in seinem Bett versteckt – Sie werden es finden –«

 

Gavon verlor beinahe die Fassung.

 

»Ihr Mann?« fragte er ungläubig. »Gehört es ihm denn?«

 

»Ja!« Sie packte ihn am Arm. »Was steht darauf? Nicht wahr, sieben Jahre bekommt er mindestens?«

 

Angewidert entzog sich der Inspektor ihrem Griff. Angebereien waren ihm nichts Neues – aber Dora Elton!

 

»Sie wissen es ganz bestimmt? Warten Sie hier!«

 

»Nein, nein, ich muß fort – das Mädchen wird Sie einlassen …«

 

In der nächsten Sekunde floh sie die Straße entlang, aber ein anderer war noch schneller als sie, und als sie in eine Seitenstraße einbog, war er neben ihr.

 

»Martin!« schrie sie auf.

 

Er sah sie mit wütenden Blicken an, und sie hob abwehrend die Hände.

 

»Du warst in der Vine Street?« flüsterte er.

 

»Ich – ich mußte –« stammelte sie, bleich wie der Tod.

 

Er nickte.

 

»Ich sah dich. Ich war darauf gefaßt, wenn ich es auch kaum für möglich hielt. Du kannst der Polizei viel Mühe sparen, wenn du wieder hingehst und sagst, daß kein Geld da ist. Seit acht Tagen trägst du dich mit dem Gedanken, mich festnehmen zu lassen.«

 

»Martin!« stöhnte sie.

 

»Du dachtest, du könntest dich besser mit Marshalt amüsieren, wenn ich aus dem Weg wäre«, fuhr er unerbittlich fort. »Aber darin irrst du dich, mein Kind! Mit Lacy rechne ich heute abend noch ab. Geh nur wieder hin und erzähle das auch deinen Freunden bei der Polizei!«

 

»Wohin willst du?« Sie klammerte sich an ihn, aber er stieß sie beiseite und ging rasch davon.

 

Als sie halb von Sinnen zur nächsten Telephonzelle wankte und Marshalts Nummer anrief, erhielt sie keine Antwort.