Roman

Kapitel 18

 

18

 

Miß Revelstoke teilte Nora die schreckliche Neuigkeit mit, und das junge Mädchen war starr vor Schrecken.

 

»Aber das ist doch nicht möglich! Hat er denn –«

 

»Ich weiß es nicht, und der Doktor nimmt an, daß es Selbstmord ist. Aber warum der arme Monkford so etwas tun sollte, kann ich mir wahrhaftig nicht denken.« Sie war ungewöhnlich erregt und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Schon seit einiger Zeit wurde er mit dem Tode bedroht, wie mir Crayley erzählte, aber ich habe das natürlich nicht geglaubt. Deswegen scheint auch der Detektiv im Hotel anwesend zu sein – Ihr Mr. Long. Wirklich ein guter Detektiv, das muß ich sagen!«

 

»Sie meinten doch vorhin, daß es Selbstmord wäre, Miß Revelstoke –«

 

»Nein, es war nicht Selbstmord. Simpkins sagt, daß man keine Waffe gefunden hat.«

 

»Aber wer soll ihn denn erschossen haben?«

 

»Fragen Sie doch nicht so einfältig, mein Kind«, erwiderte die alte Dame unwillig. »Er ist tot, und das genügt. Hoffentlich hat es nichts mit seiner Bank zu tun. Das wäre entsetzlich. Was ich Ihnen noch von Mr. Long sagen wollte – er scheint gerade keinen guten Ruf in Scotland Yard zu besitzen, soviel ich von Henry gehört habe, und diese Geschichte bricht ihm wahrscheinlich das Genick.«

 

Ihre Stimme klang haßerfüllt, und Nora sah die Frau betroffen an.

 

»Können Sie ihn nicht leiden?«

 

»Natürlich wird er der Bande des Schreckens wieder die Schuld geben. Diese Geschichte hat er doch nur erfunden, um seine vielen Fehlschläge zu decken. Ich wüßte nicht, warum ich ihn gern haben sollte. Nora, jede Frau hat irgendeinen Punkt in ihrer Vergangenheit, den sie totgeschwiegen wissen will. Durch einen Zufall hat Ihr Mr. Long eine alte Torheit von mir herausgebracht. Ich glaubte, die Sache wäre längst vergessen und begraben. Um was es sich handelt, möchte ich Ihnen nicht sagen. Sie würden sich dabei wahrscheinlich nur langweilen und mich für verrückt halten. Die Geschichte passierte in Kopenhagen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war –« Sie atmete schwer. »Damit will ich es bewenden lassen. Nein, Mr. Long besitzt meine Sympathie keineswegs.«

 

Das Mädchen schwieg. Unter diesen Umständen wäre es töricht gewesen, einen Mann zu verteidigen, der ihrer Meinung nach nur seine Pflicht getan hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Arnold Long sich etwas hätte zuschulden kommen lassen können.

 

»Ich habe gehört, daß in Ihrem Zimmer eine Explosion gewesen ist?« fragte Miß Revelstoke plötzlich.

 

Nora berichtete kurz, was sich ereignet hatte.

 

»Ich wußte von nichts, bis ich sah, daß Mr. Long meine Tür öffnen wollte. Eins der Mädchen sagte mir, sie hätte gehört, daß drei oder vier Schüsse gefallen wären. Als wir in das Zimmer kamen, fanden wir etwas Rauchendes vor dem Kamin. Es muß ein Stück Papier gewesen sein.«

 

»Was ist daraus geworden?«

 

Nora erzählte es ihr. Die Sache schien aber die ältere Dame kaum aufzuregen, denn sie erwähnte die Geschichte nicht weiter.

 

»Cravel ist wahrscheinlich ruiniert. Wenigstens ist diese Saison vollkommen verdorben. Nur die versessensten Golfspieler werden bleiben. Der Rest der Gäste reist wohl morgen ab. Einige sind schon fort. Übrigens sah ich Mr. Long eben in der Halle. Er fragte mich, ob er heraufkommen könnte, um mit Ihnen zu sprechen. Haben Sie etwas dagegen?«

 

Nora schüttelte den Kopf.

 

»Ich kann mir nicht denken, was Sie ihm sagen könnten«, erklärte Miß Revelstoke. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie mit ihm allein lasse? Ich kann seine Gegenwart nicht vertragen.«

 

Kurz darauf erschien der Wetter. Er sah sehr müde und abgespannt aus, und Nora hatte großes Mitleid mit ihm.

 

Miß Revelstoke blieb im Gegensatz zu ihren eben geäußerten Worten ruhig im Zimmer.

 

»Mr. Long, haben Sie irgendeine Entdeckung gemacht?« fragte sie ihn verbindlich.

 

»Nein. Ich weiß nur, daß Monkford ermordet worden ist.«

 

»Aber wie ist denn das möglich? Der Hoteldirektor erklärte mir, daß sich niemand in dem Zimmer befand, als Sie hineingingen. Sie waren doch allein in der Nähe, als Monkford erschossen wurde. Stimmt das nicht?«

 

Der Wetter warf ihr einen schnellen Blick zu. »So? Mir ist das noch nicht aufgefallen«, erwiderte er ironisch.

 

»Aber andere werden es sicher bemerken. Mr. Cravel sagte mir, daß er im ersten Stock war, als er den Schuß hörte. Er eilte sofort hinauf und fand Sie an der Tür. Offenbar machten Sie den Versuch, in das Zimmer zu kommen. Ich möchte nur wissen, warum die Tür verschlossen war.«

 

»Ich habe mich auch darüber gewundert. Aber es bleibt eben eine Tatsache, daß sie verschlossen war.«

 

Miß Revelstoke zuckte die Schultern und lächelte sarkastisch.

 

»Offenbar war kein Schlüssel da. Mr. Cravel meinte, daß die Tür nicht von innen verschlossen sein konnte, sonst hätte er sie doch nicht mit seinem Paßschlüssel öffnen können. Aber vielleicht haben Sie den Schlüssel abgezogen?«

 

»Die Möglichkeit würde allerdings bestehen«, entgegnete der Detektiv eisig. »Aber dem widerspricht die Tatsache, daß der Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden wurde.«

 

Miß Revelstoke runzelte die Stirne.

 

»Cravel hat mir aber doch gesagt, daß der Schlüssel unten im Empfangsbüro hing, und daß er auch jetzt noch dort hängt! Wenn Sie einen Schlüssel in Monkfords Tasche gefunden haben, so war das ein Duplikat, von dem Cravel nichts wußte.«

 

Wetter Long blickte rasch auf, und ein Lächeln spielte plötzlich um seinen Mund.

 

»Ach, so ist es!«

 

Sein Gesichtsausdruck hatte sich vollkommen verändert, und seine Augen glänzten.

 

»Also so verhielt sich die Sache! Natürlich! Daß ich das nicht vorher eingesehen habe!«

 

Sein verwandeltes Wesen machte Eindruck auf Miß Revelstoke. Ihr Gesicht wurde lang und länger, und ihre Züge verdüsterten sich.

 

»Was meinen Sie denn?« fragte sie schließlich.

 

»Sie haben mir zu einer teilweisen Lösung dieses Geheimnisses verholfen. Ich will Ihnen ein Geständnis machen. Ich log absichtlich, als ich Ihnen vorhin sagte, daß ich den Schlüssel in der Tasche des Toten gefunden hätte. Das war keineswegs der Fall. Aber solche Lügen sind für uns Kriegslisten, und sie reizen gewisse Leute auf, unsere Behauptungen zu widerlegen.«

 

Miß Revelstoke sagte nichts darauf, und er wandte sich an Nora.

 

»Ich wollte noch viele Fragen an Sie richten wegen der Explosion in Ihrem Zimmer. Aber das ist jetzt nicht mehr nötig, weil ich die Zusammenhänge einigermaßen durchschaue. Nur eins muß ich noch herausbringen, und zwar, wie der Täter nach dem Mord das Zimmer verlassen konnte.«

 

»Das scheint mir allerdings die wichtigste Frage zu sein«, entgegnete Miß Revelstoke mit einem bissigen Lächeln.

 

»Ja und nein. Vor allem möchte ich auch noch klären, warum Mr. Henry, dieser kluge Rechtsanwalt, um Viertel vor neun bei der Polizeistation in Staines vorgesprochen und den Verlust einer Armbanduhr gemeldet hat, die er in seinem Zimmer liegen ließ.«

 

Miß Revelstoke sah ihn mit großen Augen an, und sie lächelte nicht mehr.

 

»Sie sprechen direkt geheimnisvoll, Mr. Long –«

 

»Und noch geheimnisvoller ist es, daß Henry gerade in dem Augenblick auf die Polizeistation kam, in dem Monkford erschossen wurde. Ich habe noch niemals von einem besseren Alibi gehört.«

 

Kapitel 19

 

19

 

Miß Revelstoke hatte nicht übertrieben, als sie behauptete, daß die meisten Gäste abreisen würden. Arnold Long, der von einem kurzen Besuch der Hauptstadt nach Heartsease zurückkehrte, fand nur noch ein halb Dutzend Leute in dem großen Speisesaal.

 

Auf Cravels dringende Vorstellungen hin waren bereits drei Zimmerleute damit beschäftigt, das Paneel von den Wänden des Zimmers zu reißen, in dem das Verbrechen begangen worden war. Sergeant Rouch beaufsichtigte die Leute.

 

Der Wetter ging nach oben, um sich von dem Fortschritt der Arbeit zu überzeugen. Die Wände waren schon bis auf das Mauerwerk bloßgelegt, und ein Teil des Fußbodens war aufgerissen. Long brauchte kein Bausachverständiger zu sein, um zu sehen, daß sich niemand in dem Zimmer hatte verbergen können.

 

Sergeant Rouch war ein untersetzter Mann von mittleren Jahren mit blonden Haaren und blauen Augen, der sich durch großen Optimismus auszeichnete. Er glaubte mit Bestimmtheit daran, daß sich auch die kompliziertesten Fälle von selbst lösen müßten.

 

Der Wetter nahm ein beschmutztes und verbranntes Papier aus der Tasche, das er in Noras Zimmer aufgelesen hatte.

 

»Was ist das?« fragte Rouch neugierig.

 

»Die Überbleibsel eines Crackers – Sie können ein ganzes Paket für einen Schilling kaufen.«

 

»Was – Feuerwerk?« fragte der Sergeant überrascht.

 

»Ja. Es wurde durch ein offenes Fenster in Miß Sanders‘ Zimmer geworfen und hatte natürlich nur den Zweck, mich im geeigneten Augenblick aus Monkfords Zimmer zu entfernen. Ich ließ mich tatsächlich hinters Licht führen, und in meiner Abwesenheit geschah etwas Entscheidendes an dem Tatort.«

 

»Ja, der Mörder ist entkommen«, meinte Rouch selbstzufrieden.

 

»Der Mörder brauchte gar nicht zu entkommen, weil er überhaupt nicht zugegen war!«

 

»Aber wie wurde der Mann denn getötet?« fragte Rouch triumphierend. »Ein Mann wurde in einem vollständig abgeschlossenen Zimmer ermordet. Nur Sie waren in der Nähe –«

 

»So, haben Sie sich diese Theorie auch schon zu eigen gemacht?« fragte der Wetter lachend. »Setzen Sie sich einmal hin, Rouch. Wer hat Ihnen denn die Geschichte beigebracht, daß nur ich in der Nähe war?«

 

»Ich –« Sergeant Rouch fühlte sich gerade nicht sehr wohl. Er wischte sich den Schweiß von der Stirne und zuckte die Schultern. »Ich wollte nur sagen –« begann er.

 

»Wo haben Sie diesen Unsinn her? Ihnen selbst ist doch niemals ein solcher Gedanke gekommen? Also, wer hat Ihnen das erzählt?«

 

»Mr. Cravel denkt es. Er sagte, es war doch merkwürdig, daß Sie der einzige in der Nähe waren, als der Schuß fiel.«

 

»Bringen Sie Mr. Cravel her. Ich muß einmal ein ernstes Wort mit ihm reden.«

 

Gleich darauf erschien der Sergeant mit dem Hotelbesitzer. Der Mann hatte sich anscheinend schon mit dem unvermeidlichen Verlust abgefunden, der ihm durch die Tragödie entstanden war. Ja, er lächelte sogar, als er sich in dem Zimmer umsah.

 

»Nun, Mr. Long, haben Sie geheime Falltüren oder Hohlräume entdeckt?«

 

Der Wetter antwortete darauf nicht.

 

»Sie entsinnen sich, Mr. Cravel, daß ich an der Tür stand und versuchte, sie zu öffnen, als Sie nach oben kamen?«

 

»Sie nehmen doch nicht etwa ernst, was ich zu Rouch gesagt habe? Ich machte nur eine Bemerkung, daß Sie, soweit wir wissen, allein in der Nähe waren, als Monkford ermordet wurde. Sie glauben doch nicht, daß ich behaupten wollte –«

 

»Es kommt gar nicht darauf an, was Sie behaupten wollten. Sie sollen nur meine Fragen klar und deutlich beantworten. Erinnern Sie sich daran, daß ich mich sofort an Sie wandte und Sie nach dem Schlüssel für die Tür fragte?«

 

Cravel nickte.

 

»Und Sie besinnen sich auch darauf, daß Sie nach unten gingen und mit dem Paßschlüssel zurückkehrten?«

 

»Ja.«

 

»Wer hat Ihnen den gegeben?«

 

»Der Flurkellner.«

 

»Holen Sie den Mann«, sagte der Wetter zu Rouch und schwieg, bis der Auftrag ausgeführt war.

 

»Haben Sie einen Paßschlüssel für diesen Stock?« fragte Long.

 

Der Mann warf einen schnellen Blick auf Mr. Cravel.

 

»Ja.«

 

»Zeigen Sie ihn.«

 

Widerwillig zog der Kellner den Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn dem Detektiv, der ihn in das Schloß steckte und umzudrehen versuchte.

 

»Das ist nicht der Paßschlüssel zu diesem Stockwerk.«

 

Der Mann antwortete nichts, sondern sah wieder verstohlen zu seinem Chef hinüber. Long bemerkte es.

 

»Wer hat den richtigen Paßschlüssel?«

 

Der Kellner bewegte sich unruhig.

 

»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich das Zimmermädchen.«

 

»Rufen Sie sie«, wandte sich der Wetter wieder an Rouch und entließ den Kellner mit einem Kopfnicken.

 

»Worauf wollen Sie denn hinaus?« fragte Cravel, als die beiden allein waren.

 

»Ich will es Ihnen im Vertrauen mitteilen«, entgegnete Long ruhig. »Als Monkford in sein Zimmer ging, nachdem er mich vorher aufgefordert hatte, ihm zu folgen, hat er sich doch selbstverständlich nicht eingeschlossen. Warum hätte er das denn tun sollen? Außerdem konnte er es ja auch nicht, da er keinen Schlüssel hatte. Es ist also eine logische Schlußfolgerung, daß jemand anders von draußen oder drinnen abgeschlossen haben muß. Ich hörte selbst, daß Mr. Monkford die Telephonzentrale anrief, und ich bin davon überzeugt, daß er sich erkundigen wollte, wer ihn eingeschlossen hätte. Ich hörte deutlich die Worte: ›Wer hat‹, dann fiel der Schuß. Er wollte natürlich sagen: ›Wer hat meine Tür verschlossen?‹«

 

Cravel war kreidebleich geworden.

 

»Ich bin der Ansicht, daß Sie die Tür zugeschlossen haben, und daß Sie den Paßschlüssel dieses Stockwerks in der Tasche hatten. Sie sind nur nach unten geeilt, um diese Tatsache vor mir zu verbergen.«

 

In diesem Augenblick kam Rouch zurück und meldete, daß das Zimmermädchen, das an dem Mordtage im zweiten Stock Dienst tat, auf Urlaub sei.

 

»Das habe ich mir gleich gedacht«, sagte der Wetter langsam.

 

»Zum Teufel, worauf wollen Sie denn hinaus?« Mr. Cravel war wütend, aber er fürchtete sich auch. »Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß ich in Ihrer Anwesenheit die Tür aufgeschlossen und Monkford erschossen habe?«

 

»Nein, ich bin der Ansicht, daß Sie die Tür verschlossen haben, bevor er tot war. Sie wußten nämlich, was passieren würde. Was haben Sie dazu zu sagen, Cravel?«

 

»Das ist eine verdammte Lüge«, brauste der Direktor auf. »Ich bin überhaupt nicht in die Nähe der Tür gekommen. Warum sollte ich sie denn verschließen? Sie können den Fall nicht lösen, Long, und deshalb erfinden Sie die unglaublichsten Theorien, um Ihre Niederlage zu bemänteln.«

 

Der Wetter trat ganz dicht an ihn heran.

 

»Ich weiß genug, um Sie an den Galgen zu bringen, Cravel! Auf jeden Fall könnte ich Sie sofort wegen des Mordes an Monkford verhaften. Aber ich lasse Ihnen noch eine Galgenfrist. Früher oder später werden Sie sich selbst bloßstellen. Wenn Sie nicht selbst Joshua Monkford erschossen haben, so gehören Sie doch zu den Leuten, die seinen Tod planten und vorbereiteten. Wenn sich alle meine Vermutungen bewahrheiten, kommen Sie ebenso an den Galgen wie Shelton.«

 

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Cravels Augen blitzten in tödlichem Haß auf, und er konnte vor Erregung kaum sprechen.

 

»Eine unerhörte Frechheit!« stieß er wild hervor.

 

Der Wetter sprang zur Seite und entging dem Faustschlag, den der Mann gegen ihn richtete. Blitzschnell packte er dann Cravel am Genick und riß ihm den Kopf zurück. Der Direktor verlor das Gleichgewicht und fiel dröhnend zu Boden.

 

»Habe ich Sie endlich?« sagte der Wetter und lachte triumphierend. »Das ist wohl der wunde Punkt, den man nicht berühren darf? Ihr Wutanfall hat mich ein ganzes Stück weitergebracht!«

 

Cravel erhob sich langsam. Er zitterte am ganzen Körper. Seine Augen schienen tiefer in den Höhlen zu liegen, aber er hatte sich wieder in der Gewalt.

 

»Es tut mir leid, daß ich Sie angegriffen habe. Sie haben mich aber auch zu sehr gereizt. Kein Mensch kann vertragen, daß man ihn einen Mörder nennt. Ich werde die Sache Scotland Yard melden.«

 

»Schön, gehen Sie nur zu meinem Vorgesetzten. Er wird sich freuen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Wie alt sind Sie eigentlich, Cravel?«

 

Der Direktor antwortete nicht, drehte sich um und verließ das Zimmer.

 

»Donnerwetter«,sagte Rouch und sah seinen Chef mit unverhohlener Bewunderung an. »Das wird aber einen bösen Spektakel geben, wenn der die Sache meldet.«

 

»Der meldet nichts – wetten, daß?«

 

Kapitel 2

 

2

 

An einem schönen Frühlingsmorgen ging Mr. Shelton die Lombard Street entlang, in der ausschließlich große Bankhäuser liegen. Er schwang seinen sorgfältig zusammengerollten Schirm und dachte an die Zeiten, als hier noch Pfandleiher und Geldwechsler ihre Geschäfte hatten.

 

Vor einem Gebäude mit einer blendenden Granitfassade hielt er an und betrachtete die monumentale Architektur, als ob er ein Tourist wäre, der sich zum erstenmal London anschaute.

 

»Was ist das für ein Gebäude?«

 

Der Polizist, den er fragte, stand gerade in der Nähe des Gehsteigs.

 

»Die City & Southern Bank.«

 

»Donnerwetter«, sagte Shelton bewundernd. »Wirklich stattlich!«

 

Ein Auto hielt vor dem Gebäude. Der Chauffeur sprang heraus und riß den Wagenschlag auf. Zuerst stieg ein schönes junges Mädchen aus, dann eine ältere Dame mit ernstem Gesicht und schließlich ein hübscher junger Mann mit schwarzem Schnurrbart und Monokel.

 

Die drei gingen in die Bank, und der Polizist trat zu dem Chauffeur.

 

»Wie lange haben sie wohl in der Bank zu tun?«

 

»Vielleicht fünf Minuten«, erwiderte der Mann und streckte sich behaglich auf seinem Sitz aus.

 

»Wenn es aber länger dauern sollte, müssen Sie drüben auf der anderen Seite parken…«

 

Der Polizist gab ihm noch einige Anweisungen und kehrte dann wieder zu dem »Touristen« zurück.

 

»Sie sind wohl fremd in London?«

 

»Ja. Ich bin erst vor kurzem aus Südamerika zurückgekommen. Dreiundzwanzig Jahre war ich dort. Liegt nicht auch das Gebäude der Argentinischen Bank hier in der Nähe?«

 

Der Polizist gab ihm Auskunft, aber Mr. Shelton machte keine Anstalten, dorthin zu gehen.

 

»Es ist schwer, zu glauben, daß in dieser Straße Millionen und aber Millionen von Goldreserven im Depot liegen.«

 

»Ich habe sie auch noch nicht zu sehen bekommen«, meinte der Beamte und lächelte ironisch. »Aber zweifellos – «

 

Plötzlich hob er die Hand halb zum Gruß. Eine Autodroschke war vorgefahren, und ein junger Mann war ausgestiegen. Er sah den Polizisten vorwurfsvoll an und betrachtete Mr. Shelton mit einem prüfenden Blick. Dann verschwand er auch in der Bank.

 

»War das ein Polizeibeamter?« Shelton hatte den unterbrochenen Gruß wohl bemerkt.

 

»Nein, ein Herr aus der City, den ich kenne«, entgegnete der Polizist und ging zu dem Chauffeur der Droschke, um auch ihm Instruktionen zu geben.

 

Als Wetter Long in die Bank kam, sah er das hübsche Gesicht des jungen Mädchens am Schalter und blieb einige Augenblicke stehen, bevor er in das Privatbüro des Direktors trat. Der kleine, untersetzte Herr mit dem kahlen Kopf erhob sich sofort bei seinem Eintritt und schüttelte ihm herzlich die Hand.

 

»Entschuldigen Sie mich, bitte, noch ein paar Minuten – ich muß eben eine Kundin begrüßen.«

 

Mit diesen Worten verschwand er aus dem Büro, kam aber nach kurzer Zeit wieder. Er lächelte und rieb sich die Hände.

 

»Das ist eine charaktervolle Frau«, sagte er. »Haben Sie die Dame gesehen?«

 

»Ja, sie ist wirklich ungewöhnlich hübsch.«

 

»Ach, Sie meinen die Sekretärin. Ich spreche aber von der älteren Dame – Miß Revelstoke. Sie ist schon fast dreißig Jahre meine Kundin. Die sollten Sie eigentlich kennenlernen. Der junge Mann, der sie begleitet, ist ihr Rechtsanwalt. Etwas eitel und stutzerhaft, aber er wird sicher Karriere machen.«

 

Durch ein kleines, viereckiges Fenster konnte man von dem Privatbüro aus die lange Reihe der Schalter beobachten. Die ältere Dame zählte gerade ein Bündel Banknoten, das ihr der Kassierer ausgehändigt hatte. Ihre Sekretärin schien sich zu langweilen, denn sie betrachtete die schöngeschnitzte Decke des prachtvollen Raums. Ihr anziehendes Gesicht verriet Lebhaftigkeit und Intelligenz. Den freundlich lächelnden jungen Mann neben Miß Revelstoke beachtete er kaum. Plötzlich sah die junge Dame zu dem Fenster hinüber und begegnete Longs Blick. Eine Sekunde schauten sie einander wie gebannt an, dann wandte sich der Wetter schnell ab. Erst jetzt kam ihm zum Bewußtsein, daß der Bankdirektor dauernd zu ihm gesprochen hatte.

 

»… ich bin ja nicht der Ansicht, daß es Ihnen gelingt, den Mann zu fassen. Dazu ist wahrscheinlich niemand imstande. Der Mensch ist glatt wie ein Aal und wahrscheinlich der Führer einer sehr gerissenen Bande –«

 

»Ich wünschte von Herzen, es wäre so«, entgegnete Long lächelnd. »Aber den Gedanken können Sie aufgeben, Mr. Monkford. Unter Verbrechern und Dieben gibt es keine Ehrlichkeit, höchstens unter den ganz Großen. Dieser Shelton arbeitet ganz auf eigene Faust, und darin besteht seine größte Stärke.«

 

Der Bankdirektor nahm eine dicke Mappe aus seinem Schreibtisch und legte sie auf die Platte.

 

»Hier finden Sie alle Tatsachen, nicht nur von der City & Southern Bank, sondern auch von allen anderen Banken, die von Shelton betrogen wurden. Alle Originalunterschriften sind in Photographie vorhanden. Aber ich glaube nicht, daß es Ihnen viel helfen wird.«

 

Long brachte eine halbe Stunde damit zu, den Inhalt der Mappe zu prüfen, aber am Ende war er auch nicht klüger als vorher.

 

Als er wieder auf die Straße trat, sah er sich nach links und nach rechts um, als ob er nicht entschlossen wäre, nach welcher Richtung er gehen sollte. Schließlich wandte er sich nach der Grace Church Street. An der Ecke dieser Straße und der Lombard Street sah er einen schlanken, älteren Herrn stehen, der offenbar den lebhaften Verkehr beobachtete. Er schaute ihn an, als er an ihm vorüberging, und die Blicke der beiden trafen sich. Die argwöhnisch forschenden Augen des Fremden verrieten Long sofort, daß der Mann den Detektiv in ihm erkannt hatte.

 

Ein eigentümliches Gefühl überkam den Wetter, ohne daß er sich über die Ursache klar werden konnte. Er überquerte die Straße, ging auf einen Zeitungsjungen zu und kaufte ihm ein Blatt ab. Der Fremde stand immer noch an seinem Platz. Er war elegant gekleidet und sah wie ein Oberst in Zivil aus. Absichtlich gab der Wetter dem Zeitungsjungen einen Schilling, um den Mann noch während des Wechselns beobachten zu können. Es mußte irgendein Schwindler aus der City sein, einer der vielen, die hier ihre dunklen Geschäfte trieben. Der mißtrauische Blick hatte Long genug verraten. Es schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, umzukehren und den Fremden unter irgendeinem Vorwand anzusprechen. Aber er gehörte zu Scotland Yard und befand sich in der City. Und die City hatte ihre eigenen Detektive, die eifersüchtig darüber wachten, daß nicht andere Beamte in ihre Rechte eingriffen.

 

Während er sich noch überlegte, was er tun sollte, rief der Mann ein Auto an, das die Straße herunterkam, und fuhr davon. Kaum war er außer Sicht, als der Wetter einem plötzlichen Impuls folgte und sich ebenfalls einen Wagen nahm.

 

»Fahren Sie die Lombard Street entlang«, sagte er schnell, »und sehen Sie zu, daß Sie den gelben Wagen einholen.«

 

Bald darauf sah er das Auto wieder. Er hielt die Zeitung schützend vor das Gesicht und beobachtete über den Rand des Blattes hinweg, daß der Fremde durch das hintere Fenster nach rückwärts schaute.

 

Als Colonel Macfarlane an diesem Abend das Büro verlassen wollte, hielt ihn Inspektor Long freudestrahlend an.

 

»Sie können mir gratulieren – ich habe Shelton ausfindig gemacht!«

 

»Das ist doch nicht möglich!«

 

»Wetten, daß?« entgegnete Mr. Long prompt.

 

Kapitel 20

 

20

 

Die schön ausgestatteten Büroräume des Rechtsanwalts Francis Henry lagen in Lincoln’s Inn Fields, und zwar im Erdgeschoß des Hauses Nr. 642.

 

Der Rechtsanwalt stand am Fenster und schaute auf die schönen Gärten hinaus, als ein Schreiber ihm die Ankunft des Inspektors Long meldete. Mr. Henry sah lächelnd auf die Karte.

 

»Bitten Sie ihn, näherzutreten.«

 

Er ging dem Detektiv entgegen, um ihn zu begrüßen.

 

»Sie kommen natürlich wegen Monkfords. Ich schrieb Ihnen gestern abend noch, aber ich telephonierte dann Heartsease an und hörte, daß Sie schon fortgefahren seien.«

 

Er schob seinem Besucher einen Stuhl hin und nahm selbst an seinem Schreibtisch Platz.

 

»Also, Mr. Long, was wünschen Sie zu wissen?«

 

Der Wetter hatte ein solches Entgegenkommen nicht erwartet und war durch die Freundlichkeit des Mannes ein wenig verblüfft.

 

»Ich will ganz offen mit Ihnen sein, Mr. Henry«, erwiderte er. »Ein paar Stunden vor seinem Tode unterhielt sich Monkford mit Jackson Crayley und mit Ihnen. Sie gingen auf dem Rasen unter meinem Fenster auf und ab. Als ich dann kurz darauf Monkford selbst sah, war seine Haltung gegen mich entschieden verändert und in gewisser Weise feindlich. Ich möchte nun von Ihnen erfahren, worüber Sie mit Monkford gesprochen haben.«

 

»Das kann ich Ihnen sagen. Ich habe Mr. Monkford mitgeteilt, daß Sie Miß Nora Sanders verehren und ihr einen kostbaren Ring geschenkt haben.«

 

Long war im ersten Augenblick betroffen. Er hatte unter keinen Umständen erwartet, daß dieses kleine Betrugsmanöver Monkford derartig gegen ihn aufbringen könnte.

 

»Ich verstehe aber nicht, daß diese Mitteilung solchen Eindruck auf Mr. Monkford machen konnte. Selbst wenn ich wirklich Nora Sanders verehrte und ihr ein Geschenk machte – warum hätte er sich denn darüber ärgern sollen?«

 

Henry sah ihn merkwürdig lächelnd an.

 

»Weil er selbst Miß Nora Sanders liebte.« Henry war äußerst zufrieden mit dem Eindruck, den seine Worte machten.

 

»Hat er die junge Dame tatsächlich verehrt?« fragte der Wetter ungläubig.

 

»Ja. Seine Liebe zu ihr ging sogar so weit, daß er am Nachmittag vor seinem Tode ein Testament zu ihren Gunsten machte und ihr sein ganzes Vermögen hinterließ.«

 

Long erhob sich.

 

»Donnerwetter, das ist ja kaum zu glauben!« sagte er langsam.

 

Der Rechtsanwalt zuckte die Schultern, um anzuzeigen, daß ihn die Schrullen des verstorbenen Monkford nicht interessierten.

 

»Das Testament ist in meinem Besitz. Es wurde auf Monkfords dringendes Verlangen aufgesetzt und von mir und Crayley als Zeugen unterschrieben.«

 

»Wer sind denn die Testamentsvollstrecker?« fragte der Wetter nach einer kurzen Überlegung.

 

»Miß Sanders selbst. Ich riet ihm natürlich davon ab, ein solches Testament zu machen, und schlug ihm vor, seinem eigenen Rechtsanwalt die Sache zu übergeben. Ich war vor allem sehr dagegen, daß Miß Sanders ihre eigene Testamentsvollstreckerin sein sollte. Aber er ließ sich in diesem Punkt nichts dreinreden. Er erwähnte auch, daß er nach dem Abendessen mit Ihnen sprechen und Ihnen alles erklären wollte. Er muß seinen Tod vorausgeahnt haben, da er so sehr darauf bestand, das Testament sofort aufzustellen. Ich war entschieden dagegen.«

 

»Das haben Sie schon vorher gesagt«, entgegnete der Wetter kühl. Seine ganze Haltung drückte aus, daß er an den Worten des Rechtsanwalts zweifelte, aber Mr. Henry war nicht allzu empfindlich.

 

Longs Gedanken arbeiteten fieberhaft. Er rekapitulierte kurz alle Tatsachen von der Verhaftung Clay Sheltons bis zu dem gegenwärtigen Augenblick.

 

»Ich muß sehr schnell arbeiten«, sagte er langsam. »Schneller als alle anderen. Und es wird mir gelingen. Wetten, daß?«

 

Kapitel 1

 

1

 

Ulanen-Harry kam zur Polizeistation in der Burton Street, um seine Papiere vorzuzeigen. Düster und verbissen trat er näher und reichte dem diensttuenden Sergeanten seinen Entlassungsschein.

 

»Henry Beneford, auf Bewährung entlassen – ich soll mich hier melden.«

 

Dann sah er sich um und bemerkte Detektivinspektor Long, den man auch den »Wetter« nannte. Seine Augen blitzten unheimlich auf.

 

»Morgen, Inspektor – leben Sie auch noch?«

 

»Wie Sie sehen, bin ich immer noch im Amt«, entgegnete Long vergnügt.

 

Ulanen-Harry grinste häßlich.

 

»Wunder mich nur, daß Sie bei Ihrem verdammt schlechten Gewissen noch schlafen können. Die letzten fünf Jahre hab ich durch Ihre Lügen auf den Buckel gekriegt!«

 

»Hoffentlich gelingt es mir bald, Ihnen weitere fünf Jahre aufzupacken«, erwiderte der Wetter in guter Laune. »Wenn es nach mir ginge, würde ich Sie an den Galgen bringen, dann gäbe es einen schlechten Menschen weniger auf der Welt.«

 

Harry hatte tatsächlich früher eineinhalb Jahre lang bei den Ulanen gedient, war aber dann mit drei Jahren Festung bestraft worden, weil er seinen Unteroffizier mißhandelt hatte. Er war ein vielfach vorbestrafter, brutaler, gefährlicher Mensch. Aber auch der Wetter war auf seine Art gefährlich.

 

»Hören Sie zu, Inspektor. Ich will Ihnen nicht drohen. Sie sollen keine Gelegenheit haben, mich wieder ins Kittchen zu stecken. Aber eins sage ich Ihnen: Nehmen Sie sich in acht!«

 

»Sie reden zuviel«, meinte der Wetter gutmütig. »Am Ende kommen Sie noch ins Parlament.«

 

Harry kochte vor Zorn und konnte vor Aufregung nicht sprechen. Er wandte sich kurz zu dem Sergeanten um und legte mit zitternder Hand seine Papiere auf das Pult.

 

»Gerissen sind Sie … wirklich gerissen«, stieß er schließlich wütend hervor. »Leute wie mich können Sie ja leicht fangen – aber warum machen Sie sich denn nicht hinter Shelton? Warum fangen Sie den nicht? Das kriegt kein Polizist in England fertig! Nicht einmal die Amateure!«

 

Der Wetter antwortete nicht darauf. Er interessierte sich im Augenblick nicht für Clay Shelton. Die Bemerkung über Amateurdetektive war natürlich auf ihn gemünzt, aber er kümmerte sich nicht weiter darum.

 

Aber als er nach Scotland Yard zurückkehrte, erfuhr er, daß er sich in Zukunft doch eingehend mit Mr. Shelton befassen mußte.

 

Einen Mann wie Shelton gab es auf der ganzen Welt nicht wieder. Fünfzehn Jahre lang war es ihm bisher gelungen, unter den verschiedensten Namen Kreditbriefe, Schecks, Tratten und andere Wertpapiere zu fälschen. Und fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit.

 

Inspektor Vansitter saß niedergeschlagen und mit düsterem Gesichtsausdruck im Büro seines Vorgesetzten.

 

»Es tut mir außerordentlich leid, Vansitter, aber es geht Ihnen ebenso wie allen anderen Beamten«, sagte Colonel Macfarlane. »Es ist noch das Beste, was Ihnen passieren kann, daß ich Ihnen die Bearbeitung des Falles nehme und sie einem anderen übertrage. Wirklich ein Glück für Sie, daß alle Leute, die sich bisher mit Sheltons Fälschungen befaßt haben, auch nur Mißerfolg hatten.«

 

»Wir können ihn nicht fangen, weil wir seine Person ja gar nicht kennen«, entgegnete Vansitter, »und vor allem, weil er vollkommen allein arbeitet. Nur ein glücklicher Zufall könnte uns helfen. Wenn eine Frau in die Sache verwickelt, wenn er verheiratet wäre oder sonstige Helfershelfer hätte, wäre er nicht fünfzehn Jahre lang unentdeckt geblieben. Ich glaube kaum, daß es jemandem gelingen wird, Shelton zu fassen, wenn er nicht einen groben Schnitzer machen sollte. Höchstens –«

 

Der Inspektor wollte nicht weitersprechen, bevor er nicht von seinem Vorgesetzten dazu ermutigt wurde. Colonel Macfarlane wußte sehr wohl, wen er meinte, sagte aber nichts, da er die Verantwortung nicht allein tragen wollte.

 

»Der Wetter«, sagte Vansitter schließlich.

 

Der Colonel runzelte die Stirne.

 

»Der Wetter!« Er schüttelte mißbilligend den Kopf.

 

»Wetter« Long hatte studiert und war Polizeibeamter, obwohl er sich den Sohn eines Millionärs nennen konnte. Er wandte sich diesem Beruf zu, weil er von Cambridge relegiert wurde. Mit Schimpf und Schande schickte man ihn nach Hause zurück, weil er einen Universitätspedell verprügelt hatte. Sein Vater war sehr böse darüber und sagte seinem Sohn Arnold, daß er in die weite Welt gehen und sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen sollte. Der Wetter tat das auch und erschien einen Monat später wieder im Hause seines Vaters, und zwar in der Uniform eines Polizisten. Und alle Bitten und Drohungen Sir Godleys konnten ihn nicht dazu bewegen, von seinem Entschluß abzulassen.

 

Wegen Arnolds einflußreicher Beziehungen hätten es seine Vorgesetzten gern gesehen, daß er nicht so schnell avancierte. Sie fürchteten den Vorwurf der Bevorzugung. Sicher würden im Parlament Anfragen kommen, wenn man ihn außer der Reihe beförderte. Trotzdem war er aber nach zwei Jahren Sergeant, denn es gelang seinem klugen Vorgehen, einige berüchtigte Verbrecher zu fassen.

 

»Reines Glück«, sagten seine Kollegen und Vorgesetzten von Scotland Yard. Und als er sich weiter auszeichnete, konnte man nicht umhin, ihm die Stelle eines Polizeiinspektors zu geben, weil ihn der Minister des Innern selbst zu dieser Beförderung vorschlug. Den »Wetter« nannten sie ihn, weil er gern herausfordernd sagte: »Wetten, daß?«

 

Aber er war kein Mann nach dem Herzen der Beamten von Scotland Yard, und sie hielten ihn den jüngeren Leuten auch nicht als leuchtendes Beispiel vor.

 

Wetter Long war groß, schlank und hübsch und verfügte über die Kraft eines trainierten, geschulten Körpers. Er zeichnete sich besonders im Laufen aus und hatte als Boxer seit zwei Jahren den Meistertitel für Amateure im Mittelgewicht. Klettern konnte er wie eine Katze, und er besaß auch etwas von der Zähigkeit und dem Instinkt dieses Tieres.

 

Auf seinem langen, schmalen Gesicht lag gewöhnlich ein Lächeln, denn er betrachtete Leben und Welt als einen großen Scherz.

 

»Meinen Sie wirklich, der Wetter wäre dieser Aufgabe gewachsen?« fragte Colonel Macfarlane und biß sich nachdenklich auf die Unterlippe. »Das kann ich eigentlich nicht riskieren. Er stellt sicher irgend etwas Unmögliches an, und wir müssen nachher wieder die Vorwürfe hören … und doch, man müßte es überlegen…«

 

Er dachte den ganzen Tag darüber nach, und um fünf Uhr abends ließ er Arnold Long in sein Büro kommen.

 

Mit einem vergnügten Grinsen hörte der Wetter, was ihm sein Vorgesetzter zu sagen hatte.

 

»Nein, ich brauche die Akten nicht einzusehen, ich weiß alles auswendig, was über Shelton berichtet worden ist. Geben Sie mir drei Monate Zeit, dann sitzt der Mann hinter Schloß und Riegel.«

 

»Nehmen Sie die Sache nur nicht zu leicht«, warnte Colonel Macfarlane.

 

»Wetten, daß?«

 

Kapitel 10

 

10

 

Miß Revelstoke ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Sie gehörte zu den selbstsicheren Menschen, die auch ein Erdbeben nur als eine interessante Naturerscheinung betrachten.

 

Deshalb lauschte sie auch dem Bericht Noras ziemlich interesselos.

 

»Gefürchtet haben Sie sich in der Kabine des Motorboots?« fragte sie ironisch. »Mr. Long interessiert mich allerdings. Wir müssen ihn einmal abends zum Essen einladen. Aber im Augenblick ist unsere eigene Mahlzeit aufgetragen, und der arme Mr. Henry ist schon sehr ungeduldig.«

 

Der Rechtsanwalt war eine landläufig hübsche Erscheinung, aber Nora blieb er gleichgültig. Sie fühlte sich weder von ihm abgestoßen noch zu ihm hingezogen.

 

Bei Tisch kam das Gespräch schließlich wieder auf Marlow.

 

»Sie haben entschieden Eindruck gemacht«, sagte Miß Revelstoke. »Ich habe vorhin kurz mit Monkford telephoniert. Er war ganz begeistert von Ihnen und lobte Sie über alle Maßen.«

 

»Mich?« fragte Nora verwundert. »Er hat mich doch kaum angesehen. Das muß ein Mißverständnis sein. Wahrscheinlich hat er über die kleine Figur gesprochen, die ich ihm gebracht habe.«

 

»Und Mr. Jackson Crayley haben Sie auch kennen gelernt? Was halten Sie denn von ihm?«

 

»Ach, er ist etwas merkwürdig«, erwiderte sie zögernd.

 

»Das stimmt«, entgegnete Henry geringschätzig. »Ich kenne keinen Menschen, der langweiliger ist als Jackson.«

 

»Er beschäftigt sich eben nur mit sich selbst«, meinte Miß Revelstoke. »Ich kenne ihn sehr gut.«

 

Anscheinend hatten weder sie noch der Rechtsanwalt eine große Meinung von Mr. Crayley.

 

Als die Unterhaltung etwas ins Stocken geriet, erzählte Nora von der Bande des Schreckens. Aber sie bereute es sofort, denn sie hatte plötzlich das unangenehme Gefühl, daß sie Longs Vertrauen mißbrauchte. Sie machte Anstrengung, das Gespräch wieder auf Mr. Monkford zu bringen, aber Miß Revelstokes dunkle Augen sahen sie forschend an.

 

»Ich fürchte, dieser Detektiv hat zu großen Eindruck auf Sie gemacht, Nora«, sagte sie freundlich. »Es scheint, als ob Sie uns nichts mehr von der Bande des Schreckens erzählen wollen.«

 

Diese merkwürdige Frau hatte die außerordentliche Gabe, Gedanken lesen zu können, und hatte Nora dadurch schon mehrmals in Verwirrung gebracht. Auch jetzt errötete das junge Mädchen wieder. Henry lachte leicht auf.

 

»Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, weil Sie uns davon erzählt haben«, sagte er. »Ich habe auch davon gehört. Aber diese Gerüchte sind einfach abgeschmackt und unmöglich. Ich kenne Sheltons Leben genau, nur in Scotland Yard weiß man vielleicht etwas mehr davon. Er hat immer nur auf eigene Faust gearbeitet, er hatte keine Freunde, keine Verwandten und keine Verbündeten. Nur deshalb konnte er sich so viele Jahre vor den Verfolgungen der Polizei schützen. Und von langer Hand vorbereitete Racheakte gibt es in unserem Lande nicht. Warum sollte sich denn auch jemand an dem Richter, dem Staatsanwalt und dem Henker rächen wollen, die doch schließlich nur Werkzeuge des Staats sind? Die einzigen Leute, die derartige Pläne hegen könnten, müßten doch sehr eng mit Shelton verbunden gewesen sein. Es kämen also nur Verwandte in Betracht, und soweit bekannt ist, hatte er keine.«

 

»Und dafür konnte er recht froh sein«, meinte Miß Revelstoke mit einem Seufzer. »Hat Ihnen Mr. Long noch etwas erzählt, was sich in letzter Zeit zugetragen hat – ich meine, was besonders mit der Bande des Schreckens zu tun hätte?«

 

»Nein, er fürchtet nur –« Wieder ertappte sie sich dabei, daß sie zuviel sagte.

 

Aber Henry kam ihr zu Hilfe.

 

»Er fürchtet für Monkford. Das ist auch ein offenes Geheimnis«, erwiderte er lächelnd.

 

»Aber Monkford hat doch nur seine Pflicht getan«, sagte Miß Revelstoke ungeduldig. »Es ist direkt absurd, daß er bedroht werden sollte. Nora, ich muß Ihren Detektiv tatsächlich einmal kennenlernen. Er scheint Ihnen das Gruseln beigebracht zu haben!«

 

»Nein, er ist sehr nett und liebenswürdig«, verteidigte sie ihn. »Und er hat durchaus keine übertriebenen Ansichten.«

 

Henry betrachtete sie nachdenklich und strich seinen Schnurrbart.

 

»Das kann ich eigentlich auch bestätigen. Der Wetter ist zwar exzentrisch, und seine Methoden sind nach Ansicht der Behörden etwas ungewöhnlich. Aber er hält sich streng an gegebene Tatsachen.«

 

»Wer ist er eigentlich?« fragte Miß Revelstoke, und Nora hörte zum erstenmal von Arnold Longs Wohlhabenheit.

 

»Eines Tages wird er Baronet und erbt ein Vermögen von zwei Millionen«, entgegnete Henry. »Deshalb ist er ja auch bei seinen Kollegen in Scotland Yard so unbeliebt.«

 

Miß Revelstoke hatte ausgedehnten Grundbesitz in London, und nach dem Essen ging Henry mit ihr in das kleine Büro, das hinter dem Wohnzimmer lag, um verschiedene Angelegenheiten mit ihr zu besprechen.

 

»Das wird ja wieder ein interessanter Abend«, flüsterte er Nora halblaut zu, als er mit seiner großen Mappe an ihr vorbeiging.

 

Sie lächelte mitleidig. Miß Revelstoke war eine tüchtige Geschäftsfrau, und der Rechtsanwalt würde keinen leichten Stand haben.

 

Kapitel 11

 

11

 

»Die Bande des Schreckens« war nur ein Name, eine ungewisse Bezeichnung für allerhand Verbrecher und schemenhafte Gestalten, die man nicht fassen konnte. Colonel Macfarlane machte ein ärgerliches Gesicht, als Long an diesem Abend zu ihm kam und wieder über sein Lieblingsthema zu sprechen begann.

 

»Immer wieder diese Bande des Schreckens! Sie machen mich noch ganz krank mit Ihren Geschichten. Wenn Sie mir wenigstens sagen wollten, wer diese Leute sind! Aber Sie wissen doch tatsächlich nichts von ihnen!«

 

»Ich nenne sie so, und ich habe recht mit meiner Behauptung, wenn ich auch nichts Näheres über sie weiß«, entgegnete der Wetter vertrauensvoll. »Man kann sie nicht Sheltons Bande nennen, denn er arbeitete niemals mit anderen Leuten zusammen, soweit wir wissen. Einen Eid will ich allerdings darauf nicht leisten. Er hat sich doch nur sehr selten in der Öffentlichkeit gezeigt, vielleicht fünf Tage im Jahr. Was er an den anderen dreihundertsechzig Tagen getrieben hat, können wir nur vermuten. Er hatte Hunderte von Agenten und Helfershelfern, aber sie waren nur Handlanger, die eine bestimmte Aufgabe zu lösen hatten und dafür bezahlt wurden. Diese kleinen Leute haben nicht den Richter, den Staatsanwalt und den Henker umgebracht. Sie haben auch nichts gegen mich unternommen. Wie erklären Sie sich denn diese drei plötzlichen Todesfälle?«

 

»Es waren Unglücksfälle«, erwiderte der Colonel mißmutig.

 

»War es tatsächlich auch ein Unglücksfall, daß Ulanen-Harry auf mich geschossen hat und die Tat mit dem Leben bezahlen mußte?«

 

»Harry konnte Sie nicht leiden und wollte Sie eben aus dem Weg schaffen. Und als ihm das nicht gelang, hat er Selbstmord begangen.«

 

Der Wetter warf unwillkürlich den Kopf in den Nacken.

 

In Scotland Yard hatte man seine Theorie über die Bande des Schreckens äußerst skeptisch aufgenommen. Die Bezeichnung wurde zwar in den Akten erwähnt, aber im allgemeinen glaubte man, daß diese Leute nur in Arnold Longs Einbildung existierten.

 

Und doch sprachen gewisse Anzeichen für seine Ansicht.

 

Der ältere Bruder Mr. Monkfords war tot aufgefunden worden; der Richter, der Shelton verurteilt hatte, der Staatsanwalt und der Henker waren auf geheimnisvolle Weise ermordet worden. Die breite Öffentlichkeit wußte nichts von den seltsamen Vorgängen, die sich abgespielt hatten und sah in dem Ableben der Beamten nur natürliche Ereignisse. Der Tod des Henkers Wallis hatte allerdings einige Sensation hervorgerufen, aber niemand dachte an einen Racheakt.

 

Macfarlane strich seinen grauen Schnurrbart und runzelte die Stirne. Schon zum drittenmal in dieser Woche erwähnte der Wetter das Schicksal dieser drei Leute, die in gewisser Weise für Clay Sheltons Tod verantwortlich waren.

 

»Ich will die Möglichkeit, daß Sie recht haben, nicht ganz und gar bestreiten«, sagte er schließlich. »Wenn Joshua Monkford wirklich ermordet wird, sind alle meine Zweifel beseitigt.«

 

Long sah ihn vorwurfsvoll an.

 

»Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Monkford erst sterben muß, um Scotland Yard von der Existenz der Bande des Schreckens zu überzeugen?«

 

Derartige Bemerkungen machten den Wetter so unbeliebt bei seinen Vorgesetzten.

 

»Natürlich nicht«, erwiderte der Colonel kurz. »Es ist doch Ihre Aufgabe, ihn zu schützen. Hoffentlich haben Sie alle Vorsichtsmaßregeln getroffen.«

 

»Ich habe zwei Beamte in Marlow stationiert. Die beiden Privatdetektive von der Bankiervereinigung sind auch dort. Aber die Gefahr liegt nicht in Marlow.«

 

»Wo denn?«

 

»In Little Heartsease. Das ist ein luxuriöses, komfortables Hotel. Ein gewisser Cravel ist der Eigentümer.«

 

Der Colonel kannte den Namen.

 

»Wird dort nicht auch jedes Jahr ein Golfturnier ausgetragen?«

 

»Ja, das vornehmste und bekannteste von ganz England. Was Ascot für die Rennen ist, das ist Heartsease für das Golfspiel. Monkford versteht nicht mehr davon wie hundert andere Menschen. Die meisten Leute kommen nur hin, weil es ein gesellschaftliches Ereignis ist. Aber in Heartsease wartet eine große Gefahr auf Monkford. Ich kann es Ihnen nicht genauer erklären, weil es nur eine innere Überzeugung ist. Aber solche Vorahnungen sind wichtiger als genaue Kenntnisse.«

 

Colonel Macfarlane sah einige Zeit vor sich hin.

 

»Etwas ist mir an Clay Shelton aufgefallen – ich weiß nicht, ob Sie schon darüber nachgedacht haben.«

 

»Was ist es denn?«

 

»Er hat niemals Ihren Vater betrogen.«

 

Long starrte ihn erstaunt an.

 

»Ja, da haben Sie recht. Das hat er nicht getan.«

 

Sein Vater war der Direktor der größten Privatbank in der City und hielt streng an alten Geschäftsprinzipien fest. Seine Bank zu berauben, wäre ein großes Kunststück gewesen.

 

»Es ist wirklich sonderbar«, meinte der Wetter nachdenklich.

 

Kapitel 12

 

12

 

Arnold Long verließ nach dieser Unterredung Scotland Yard und fuhr nach Berkeley Square. Im letzten Jahr hatte er seinen Vater kaum zwölfmal besucht. Sir Godley las gerade die Druckkorrektur eines Buches über Kunstgeschichte, das er selbst verfaßt hatte. Er nahm die Brille ab und sah Arnold interessiert an.

 

»Kommst du als Beamter oder als mein Sohn?«

 

»In keiner der beiden Eigenschaften. Bist du eigentlich Mitglied der Bankiervereinigung?« fragte er etwas abrupt, als er sich einen Stuhl an den Schreibtisch zog.

 

»Warum willst du das wissen?«

 

»Beantworte, bitte, meine Frage«, sagte der Wetter ernst.

 

»Die Bank ist natürlich Mitglied der Vereinigung, aber ich habe keine offizielle Stellung darin. Welton vertritt uns immer bei den Versammlungen. Ich könnte es nicht aushalten, mit Monkford dauernd in Sitzungen zusammenzusein. Er spricht mir zuviel.«

 

»Hast du jemals etwas von der Bande des Schreckens gehört?«

 

»Meinst du etwa die Bande, über die du selbst in der Zeitung geschrieben hast?«

 

Der Wetter nickte.

 

»Nein, von der habe ich noch nicht gehört. Shelton kenne ich natürlich dem Namen nach, aber er hat niemals einen Penny von meiner Bank bekommen. Glaubst du wirklich, daß Monkford in Gefahr ist?«

 

»Sein Schicksal ist besiegelt«, entgegnete Arnold so entschieden, daß der alte Herr erstaunt aufsah. »Willst du ganz offen mit mir reden?«

 

»Soweit es möglich ist.«

 

»Warum hat Clay Shelton niemals versucht, deine Bank zu berauben?«

 

»Das weiß ich nicht.« Die Worte Sir Godleys klangen nicht sehr sicher. »Ich glaube, unsere Bank war nicht groß genug für ihn.« Er wechselte das Thema plötzlich. »Arnold, wenn du tatsächlich von der Gefährlichkeit der Bande des Schreckens überzeugt bist, warum verläßt du dann nicht den Polizeidienst? Es gibt doch wahrhaftig keinen Grund, warum du noch länger in Scotland Yard tätig sein solltest. Ich könnte dir einen guten Posten in unserer Bank anbieten.«

 

»Dieses Angebot machst du mir schon zum zweitenmal. Als ich dir seinerzeit erklärte, daß ich Clay Shelton fangen wollte, hast du mir ein Jahresgehalt von zehntausend Pfund aussetzen wollen, falls ich die Filiale deiner Bank in Südamerika übernehmen würde. Warum legst du so großen Wert darauf, daß ich den Polizeidienst quittiere?«

 

Sir Godley sah ihm nicht in die Augen. Er lachte nur, als ob ihn diese Antwort belustigte. Aber es klang gezwungen.

 

»Was bist du doch für ein argwöhnischer Mensch geworden! Die Tätigkeit bei der Polizei hat den Glauben an deine Mitmenschen anscheinend vollständig erschüttert. Klingle bitte, ich möchte etwas zu trinken haben.«

 

Sie sprachen dann noch über weniger wichtige Dinge, und Clay Shelton und die Bande des Schreckens wurden nicht mehr erwähnt.

 

Es war fast Mitternacht, als der Wetter das Haus verließ. Es lag an der Westseite des Platzes, und der Hauptverkehr wickelte sich an der Ostseite ab. Sir Godley begleitete ihn bis zur Türe.

 

»Ich will lieber ein Auto für dich holen lassen«, sagte der alte Herr, als seine Blicke über die einsame Straße schweiften.

 

Aber der Wetter lachte nur.

 

»Du scheinst in letzter Zeit sehr nervös geworden zu sein.«

 

Er wartete, bis sich die Haustür geschlossen hatte, dann ging er zu Fuß nach der Oxford Street. Der Teil der Straße, den er benützte, war vollkommen leer. Long war kaum fünfzig Schritte gegangen, als eine Gestalt auf ihn zueilte. Im Schein einer Straßenlaterne sah er, daß es eine Frau war, und er war neugierig, was das bedeuten sollte.

 

Plop!

 

Ein Geschoß flog dicht an seinem Kopf vorbei. Jemand feuerte mit einem Schalldämpfer. Als er näher hinschaute, entdeckte er weiter unten auf der Straße einen Mann. Sicher schoß dieser auf die Frau. Das nächste Geschoß prallte dicht neben Long an der Bordschwelle ab und surrte wie eine ärgerliche Wespe. Er zog sofort seine Pistole, die er in diesen Tagen stets bei sich trug. Aber bevor er feuern konnte, war die Frau nahe an ihn herangekommen und warf sich ihm atemlos in die Arme.

 

»Retten Sie mich, retten Sie mich!« stieß sie keuchend hervor. »Die Bande des Schreckens …«

 

Kapitel 13

 

13

 

Der verdächtige Mann auf der Straße war plötzlich verschwunden. Der Wetter steckte seine Waffe wieder ein und hielt das halbohnmächtige junge Mädchen in den Armen. Er hörte, daß ihn jemand rief, und als er sich umwandte, sah er, daß sein Vater und ein Diener auf ihn zukamen.

 

»Was ist denn geschehen?«

 

»Ach, es war nur eine kleine Schießerei. Hilf mir, das Mädchen ins Haus zu bringen.«

 

Sie führten sie in das Arbeitszimmer Sir Godleys. Sie war sehr hübsch, nur hatten ihre Züge einen etwas strengen, männlichen Charakter. Wetter Long betrachtete sie erstaunt, denn er hatte sie schon irgendwo gesehen. Er wußte allerdings nicht, wer sie war.

 

Plötzlich schlug sie die Augen auf und blickte wild um sich.

 

»Wo bin ich?« fragte sie. Ihre Wangen hatten sich wieder gerötet, aber sie zitterte noch.

 

Plötzlich erinnerte sich der Detektiv: Sie hatte sich in dem kleinen Boot gerade von Jackson Crayley verabschiedet, als er mit Nora Sanders zu ihm zurückkehrte. Sie trug ein kostbares Abendkleid. Eine große Diamantnadel glitzerte an ihrem Gürtel, und sie hatte wertvolle Ringe an den Händen.

 

»Ich weiß nicht, was geschehen ist«, erwiderte sie noch ganz verstört auf seine Frage. »Ich sah nur diese schrecklichen –« Sie schwieg schaudernd.

 

Erst als sie ihr ein Glas Wein gegeben hatten, faßte sie sich soweit, daß sie erzählen konnte. Sie und ihr Bruder waren die Inhaber eines Hotels auf dem Lande. In London hatten sie eine kleine Wohnung in der John Street. An diesem Abend hatte sie das Theater besucht und sich entschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen, weil das Wetter gut war. Als sie nach Berkeley Square kam, sah sie einen Wagen, der an der Straßenseite hielt. Als sie ihn erreichte, wurde plötzlich die Tür aufgerissen, und zwei Leute sprangen heraus.

 

»Sie trugen weiße Stoffmasken, und ich war so erschrocken, daß ich ihnen keinen Widerstand leisten konnte. Sie versuchten, mich in den Wagen zu zerren, aber im gleichen Augenblick erschien ein dritter Mann und rief: ›Das ist ja gar nicht Nora Sanders!‹«

 

»Nora Sanders?« fragte der Wetter schnell. »Haben Sie sich in dem Namen auch nicht getäuscht?«

 

»Nein, ich irre mich nicht. Der Mann, der mich festhielt, war so überrascht, daß er mich plötzlich losließ, und dann lief ich davon. Einer von ihnen sagte: ›Die muß erledigt werden‹. Ich hörte dann noch einen Schuß. Das ist alles, was ich weiß.«

 

Die beiden hatten ihrem Bericht gespannt gelauscht.

 

»Ich habe Sie schon einmal gesehen. Sie sind Miß –«

 

»Alice Cravel. Mein Bruder und ich sind die Besitzer von Little Heartsease.«

 

Der Wetter starrte sie erstaunt an.

 

»Kennen Sie denn Nora Sanders?«

 

Zu seiner größten Verwunderung nickte sie.

 

»Ich kenne sie vom Sehen. Sie ist die Sekretärin von Miß Revelstoke, die gewöhnlich während des großen Golfturniers eine Woche bei uns logiert. Nächsten Montag kommt sie auch wieder. Voriges Jahr war sie schon bei uns. Sie ist sehr schön.«

 

Der Wetter biß sich nachdenklich auf die Lippe.

 

»In welchem Theater waren Sie denn heute abend?«

 

Sie nannte ohne Zögern eine bekannte Bühne.

 

Little Heartsease! Nicht nur Nora Sanders würde nächste Woche dort sein. Auch Monkford hatte seine Zimmer schon bestellt und gleichfalls einen Raum für Arnold reservieren lassen. Dort sollte der Bankier den Tod finden. Arnold war dessen ganz sicher. Und er glaubte auch nicht, daß diese Schießerei heute abend ein Zufall war. Er ließ ein Auto rufen, begleitete Miß Cravel zu ihrer Wohnung und ging dann zu Fuß nach Scotland Yard. Unterwegs dachte er über den Vorfall nach. Warum wollte man wohl die Eigentümerin des Hotels gefangennehmen, in dem John Monkford nächste Woche logieren würde? Man konnte sie doch gar nicht mit Nora Sanders verwechseln, denn Alice Cravel war bedeutend kleiner und hatte auch eine ganz andere Gesichtsfarbe. Und was sollte Nora Sanders um Mitternacht am Berkeley Square suchen?

 

Am nächsten Morgen fuhr er nach Berkshire und kam schon sehr frühzeitig in Little Heartsease an.

 

Das Hotel befand sich in einem schönen, alten Gebäude, das in einem großen Park stand. Sein Golfplatz war in der ganzen Welt berühmt, und das Hotel selbst war wegen seiner guten Küche und seiner luxuriösen Ausstattung bekannt.

 

Long fragte sofort nach dem Eigentümer und stand kurz darauf einem großen, schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn ernst begrüßte.

 

Mr. Cravel war sehr elegant und nach der neuesten Mode gekleidet. Trotzdem machte er mehr den Eindruck eines Angestellten als eines Chefs.

 

»Ich habe schon von dem unangenehmen Erlebnis meiner Schwester gehört. Sie hat mich noch in der Nacht antelephoniert.«

 

Sein Auftreten war äußerst ruhig und sicher. Die Gefahr, in der seine Schwester geschwebt hatte, schien wenig Eindruck auf ihn gemacht zu haben.

 

»Meine Schwester und ich haben keine Feinde, und dieser nächtliche Überfall ist sicher ein Irrtum gewesen. Sind die Leute eigentlich verhaftet worden? Nein? Nun, das überrascht mich nicht. Wollen Sie sich vielleicht Ihr Zimmer ansehen? Es liegt direkt neben Mr. Monkfords Räumen.«

 

»Es würde mich vor allem interessieren, die Gästeliste für nächste Woche einmal einzusehen.«

 

»Die kann ich Ihnen zeigen.« Mr. Cravel nahm einen großen Bogen aus einer Mappe und reichte ihn dem Detektiv, der die langen Reihen schnell überflog.

 

»Miß Revelstoke kommt alle Jahre hierher?« Cravel nickte.

 

»Sie interessiert sich nicht für das Golfspiel, aber sie liebt Gesellschaft. Nora Sanders, die gestern abend von den Verbrechern gesucht wurde, ist ihre Sekretärin.«

 

Der Wetter entgegnete nichts, sondern las die Liste bis zu Ende durch.

 

»Ist Jackson Crayley auch ein Stammgast von Ihnen?«

 

»Ja, letztes Jahr war er hier. Er ist einer unserer besten Freunde, soweit man das von Hotelgästen sagen kann. Mit meiner Schwester ist er besonders befreundet. Wir haben ihn auch schon öfter in Marlow besucht.«

 

Long ging dann nach oben, um sein Quartier zu sehen. Es gehörte zu einer Flucht von drei Räumen, die aus zwei Schlafzimmern und einem Salon bestand. Sie waren bis zur halben Höhe mit schwerem Eichenpaneel getäfelt, nur das Wohnzimmer war in heller schwedischer Birke gehalten. In jedem Zimmer befand sich ein Telephon. Die Schlafzimmer besaßen außerdem noch je einen Baderaum.

 

»Hier schläft Mr. Monkford«, erklärte Cravel und öffnete die Tür zu dem prachtvoll ausgestatteten Raum. »Das Zimmer ist etwas größer als das Ihrige und hat auch eine bessere Aussicht.«

 

Die Räume lagen im zweiten Stock. Long machte ein Fenster auf und schaute hinaus. Unter sich sah er das vorspringende Glasdach des Speisesaals. Die Lage war günstig. Von draußen drohte dem Bankier kaum eine Gefahr, denn das Glasdach machte es unmöglich, eine Leiter an die Wand zu lehnen.

 

Drei Türen führten in das Zimmer. Sie bestanden aus starkem Eichenholz und waren durch Schlösser und Riegel gesichert. Die eine führte zu dem Badezimmer, die andere zum Korridor, die dritte in den Salon.

 

Der Wetter ging an den Wänden entlang und klopfte das Paneel ab.

 

Mr. Cravel lächelte, als er es bemerkte.

 

»Wir haben weder geheime Falltüren noch unterirdische Gänge hier. Ich glaube, Detektive bilden sich immer ein, daß man in alten Häusern dergleichen finden müßte. Aber es stehen nur noch die Außenwände des alten Gebäudes, die innere Einrichtung habe ich vollständig erneuert. Kommen Sie eigentlich aus einem besonderen Grund hierher? Entschuldigen Sie die Frage, aber ich möchte es gern wissen.«

 

»Was für ein Grund sollte denn vorliegen?«

 

»Ich weiß es nicht. Aber man hört so merkwürdige Gerüchte über Mr. Monkford. Mr. Jackson Crayley ist doch sein Nachbar, und er erzählte, daß er große Angst hat. Er fürchtet, daß man ihn ermordet. Stimmt das?«

 

»Mr. Jackson Crayley scheint ja sehr viel von seinem Nachbar zu wissen«, entgegnete der Wetter trocken.

 

Mr. Cravel lachte.

 

»Ich glaube, er weiß viel mehr, als die Leute im allgemeinen annehmen.«

 

Kapitel 14

 

14

 

Miß Revelstoke öffnete gewöhnlich den Briefkasten an der Haustür selbst, um ihre eigene Korrespondenz auszusuchen. Beim Frühstück reichte sie Nora ein eingeschriebenes Päckchen über den Tisch hinüber.

 

»Für mich?« fragte das junge Mädchen erstaunt.

 

»Der Adresse nach wenigstens«, entgegnete die ältere Dame, die am Morgen gewöhnlich etwas kurz angebunden war. »Haben Sie am Ende Geburtstag?«

 

»Nein.«

 

Nora öffnete das kleine Paket und nahm ein Lederetui von winzigen Abmessungen heraus.

 

»Ein Ring?« fragte Miß Revelstoke, die interessiert zugesehen hatte.

 

Nora betrachtete das Schmuckstück in höchster Verwunderung. Sie hatte noch nie einen so großen Brillanten gesehen wie den in diesem Goldreif.

 

»Das muß ein Irrtum sein«, erklärte sie und faltete den kleinen Bogen auseinander, der dabeilag.

 

Es standen nur ein paar Worte in Maschinenschrift darauf:

 

»In Verehrung von einem Freund«.

 

Miß Revelstoke nahm den Ring und betrachtete ihn aufmerksam. Sie kannte den Wert von Juwelen sehr gut.

 

»Ein Diamant von bläulicher Färbung – er ist mindestens dreihundertfünfzig Pfund wert. Aber Nora, wer ist denn dieser unbekannte Verehrer?«

 

»Ich bin sicher, daß der Ring nicht für mich bestimmt ist.«

 

Aber die Adresse war richtig. Das Päckchen trug den Stempel eines Postamtes im Westen.

 

»Wirklich ein merkwürdiger Mensch!« sagte Miß Revelstoke ein wenig belustigt.

 

»Wissen Sie denn, wer es ist?« fragte Nora betroffen.

 

»Monkford – wer denn sonst? Der Mann ist so leicht entflammt wie ein Jüngling von zwanzig Jahren. Ich kenne das bei ihm.«

 

»Aber das ist unmöglich! Ich habe ihn doch kaum gesehen!«

 

»Dann kommt der Ring von Mr. Henry«, erklärte die alte Dame entschieden und bestrich eine Toastschnitte mit Butter. »Ich werde die beiden einmal anläuten und hören, wer ihn geschickt hat.«

 

»Ach, bitte, tun Sie das nicht«, rief Nora erschreckt. »Das wäre mir sehr peinlich. Wenn ich wüßte, daß Mr. Monkford –«

 

»Würden Sie den Ring dann zurückschicken? Das wäre sehr töricht von Ihnen«, entgegnete Miß Revelstoke ruhig. »Während meines langen Lebens bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß eine Frau von einem Verehrer alles annehmen sollte, was er ihr geben will. Wenn man älter ist, erhält man nicht mehr derartige Geschenke. Könnte übrigens nicht der Detektiv, den Sie kennenlernten, so aufmerksam gewesen sein?«

 

»Nein!« Nora fühlte, daß sie errötete, und ihre Verlegenheit wuchs. »Warum sollte denn gerade Mr. Long mir den Ring schicken? Polizeibeamte haben doch gewöhnlich kein Geld für derartig kostbare Geschenke.«

 

»Aber Mr. Long macht eine Ausnahme. Sein Vater ist ein Millionär.«

 

Nora schwieg. Sie glaubte keinen Augenblick, daß dieses wundervolle Schmuckstück von Wetter Long kommen könnte. Er war nicht der Mann, der sich ihr nach derartig kurzer Bekanntschaft so aufdringlich näherte. Sie betrachtete den Ring aufs neue und war etwas bestürzt.

 

»Was soll ich nur damit anfangen?«

 

»Behalten Sie ihn doch. Sie brauchen ihn ja nicht zu tragen. Legen Sie ihn solange beiseite, bis Sie sich an seinen Besitz gewöhnt haben. Er ist immerhin dreihundertfünfzig Pfund wert, und das sind dreihundertfünfzig stichhaltige Gründe, weswegen Sie ihn nicht zurückgeben sollten, selbst wenn Sie wüßten, von wem er stammt. Es ist doch eigentlich ganz gut, daß Sie den Absender nicht kennen.«

 

Nora ging später aus, um Einkäufe zu machen. Als sie zurückkehrte, fand sie den jungen Rechtsanwalt im Wohnzimmer.

 

»Henry hat Ihnen den Ring nicht geschickt«, erklärte Miß Revelstoke, als sie das junge Mädchen begrüßte.

 

»Hatten Sie etwa Geburtstag?« fragte Mr. Henry etwas verlegen.

 

»Alter schützt vor Torheit nicht«, sagte die alte Dame. »Ich bin fest davon überzeugt, daß der Ring von Monkford kommt.«

 

»Aber er kennt mich doch gar nicht!« protestierte Nora.

 

»Er ist ein Idealist«, entgegnete Miß Revelstoke so bestimmt, daß Nora nichts mehr darauf erwiderte.

 

»Telephonieren Sie jetzt einmal nach Heartsease und fragen Sie Cravel, ob ich für Mittwoch noch ein Extrazimmer haben kann. Henry kommt auch dorthin.«

 

Nora ging zur Bibliothek und führte den Auftrag aus.

 

Als das erledigt war, stieg sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf und nahm das kleine Lederkästchen mit sich. Sie betrachtete den Ring wieder, und sie wäre keine Frau gewesen, wenn sie sich nicht sehr über das Geschenk gefreut hätte. Sie hätte allerdings gern mit Long über die Sache gesprochen. Sicher hätte er einen Ausweg gewußt. Aber am Ende würde er ihr auch den sehr materiellen Rat geben, das Schmuckstück einfach anzunehmen.

 

Am Abend speiste Miß Revelstoke auswärts, und Nora saß allein im Eßzimmer. Sie war gerade fertig und las in der Abendzeitung, als das Mädchen hereinkam.

 

»Würden Sie Mr. Long empfangen?«

 

Nora erhob sich und errötete leicht.

 

»Ja – bitte, führen Sie ihn ins Wohnzimmer.«

 

Als sie hinüberging, betrachtete der Wetter gerade ein großes Ölgemälde über dem Kamin, das ein hübsches Mädchen darstellte.

 

»Hallo, wer ist denn das? Wahrscheinlich Miß Revelstoke? Damals muß ihr Leben sehr rosig und heiter gewesen sein.«

 

Nora starrte auf das Bild, und es kam ihr zum erstenmal zum Bewußtsein, wessen Porträt es war.

 

»Hoffentlich hat sie nichts dagegen, daß ich Sie besuche? Ist sie zu Hause?«

 

»Nein, sie ist ausgegangen.«

 

»Ich dachte es mir. Ich traf ihren Wagen in Piccadilly. Gehen Sie eigentlich oft ins Theater, Miß Sanders?«

 

»Nicht zu häufig«, entgegnete sie schnell. »Natürlich, wenn Miß Revelstoke ausgegangen ist –«

 

»Ich lade Sie nicht ein«, erwiderte er ruhig und blinzelte verschmitzt mit den Augen. »Ich wollte nur wissen, ob Sie öfter abends spät in der Gegend von Berkeley Square spazierengehen. Aber ich sehe schon an Ihrer jungfräulichen Entrüstung, daß das nicht der Fall ist.«

 

Sie mußte lachen.

 

»Meine jungfräuliche Entrüstung nehmen Sie allerdings nur an. Aber ich kenne die Gegend kaum und bin dort noch nicht spazierengegangen.«

 

»Aber nächste Woche gehen Sie nach Heartsease. Sind Sie eigentlich eine Golfspielerin?«

 

»Ja, aber ich würde mich schämen, mich unter all den guten Spielern in Heartsease sehen zu lassen. Nein, ich begleite nur Miß Revelstoke. Warum fragen Sie eigentlich danach? Gibt es etwas Neues von der Bande des Schreckens?«

 

Er seufzte.

 

»Ich hoffte, Sie hätten alles vergessen, was ich Ihnen darüber erzählt habe. Ich bin leider viel zu mitteilsam, und das ist nicht gut. Ich weiß auch gar nicht, warum ich Ihnen solche Gedanken in den Kopf gesetzt habe.«

 

Er wandte sich wieder um und sah auf das Bild von Miß Revelstoke.

 

»Eine wirklich hübsche Erscheinung. Ich wundere mich nur, daß sie nicht geheiratet hat.«

 

Nora überlegte, ob sie ihm von dem Ring erzählen sollte. Vorher hatte sie die Gelegenheit herbeigesehnt, aber jetzt kamen ihr wieder Zweifel. Ob er ihn nicht doch selbst geschickt hatte?

 

»Senden Sie eigentlich Geschenke an andere Leute?« fragte sie, indem sie ihren ganzen Mut zusammennahm.

 

Erstaunt hob er die Augenbrauen.

 

»Nein. Diese Angewohnheit habe ich im allgemeinen nicht, weil ich das für eine Verschwendung von Zeit und Geld halte. Meinen Sie Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten? Nein. Gewöhnlich können die Leute nicht brauchen, was man ihnen schenkt. Wer hat Ihnen denn etwas geschickt?« forschte er und runzelte die Stirne leicht.

 

»Niemand.« Sie fühlte, daß das eine kindische Antwort war.

 

»Zeigen Sie es mir doch, bitte.«

 

»Aber warum denn?« fragte sie und erkannte zu spät, daß das bereits ein halbes Zugeständnis war.

 

»Ich interessiere mich sehr für Geschenke, besonders wenn sie jungen Damen geschickt werden, die ich schätze.«

 

Nach einem kurzen Zögern ging sie in ihr Zimmer. Sie sagte sich selbst, daß ihre Nachgiebigkeit Schwäche war, und daß sie sich von einem Mann beherrschen ließ, der ihr doch vollkommen fremd war. Aber als sie zurückkam, hatte sie bereits die Feder des Kästchens gedrückt, und der Deckel sprang auf. Er nahm das Schmuckstück in die Hand und ging damit zum Fenster.

 

»Wer hat Ihnen das geschenkt?«

 

»Ich weiß es nicht. Es kam heute morgen als eingeschriebenes Päckchen. Miß Revelstoke dachte, daß es mir jemand geschickt haben müßte, der mich sehr gern hätte.«

 

»Hat sie eine Andeutung gemacht, wer dieser Mann sein könnte?«

 

Wieder zögerte sie.

 

»Sie dachte, es wäre einer ihrer Bekannten, ein Herr, den ich kaum kenne.«

 

»Mr. Monkford?«

 

Sie errötete.

 

»Wir wollen uns nicht den Kopf darüber zerbrechen. Ich möchte es nur gern wissen, damit ich den Ring sofort zurückschicken könnte.«

 

Er betrachtete ihn nochmals eingehend.

 

»Haben Sie ihn schon angehabt?«

 

»Nein«, entgegnete sie erstaunt.

 

Er nahm ihre Hand und streifte ihn über ihren Finger.

 

»Er ist ursprünglich für eine größere Hand angefertigt und später verkleinert worden. Sehen Sie, auf Ihren Ringfinger paßt er. Ich möchte nur wissen, woher der unbekannte Geber Ihre Ringgröße kannte.«

 

»Meinen Sie Monkford?«

 

»Nein. Monkford hat Ihnen den Ring nicht geschickt. Wenigstens glaube ich das nicht. Er ist ein merkwürdiger Mann. Selbst ein Detektiv, der ihn längere Zeit beobachtet hat, kann sich nicht rühmen, seine Herzensgeheimnisse ausgekundschaftet zu haben.«

 

Er überlegte angestrengt.

 

»Wissen Sie eigentlich, wo Ihr Zimmer in ›Little Heartsease‹ liegt?«

 

»Nein«, erwiderte sie verwundert. »Aber Miß Revelstoke nimmt gewöhnlich eins der besten Appartements.«

 

»Ich hätte mich darum kümmern sollen«, meinte er nachdenklich. »Aber ich habe ja noch genug Zeit dazu. Wer begleitet außer Ihnen Miß Revelstoke noch dorthin?«

 

»Niemand – doch, Mr. Henry, ihr Rechtsanwalt, kommt auch für einen Tag.«

 

»Ist Crayley eigentlich ein Freund von ihr?«

 

Sie runzelte die Stirne.

 

»Ja. Geht er auch hin?«

 

»Er kommt zur Golfwoche, und ich bin auch dort. Ich wünschte nur – nein, ich wünschte es nicht. Es wird harte Arbeit geben und viel Aufregung.«

 

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und zu Noras Verwunderung trat Miß Revelstoke ins Zimmer. Sie lächelte ihr zu, und ihre Blicke ruhten einen Augenblick auf dem Ring, den Nora noch in der Hand hielt. Dann sah sie den Detektiv an.

 

»Ach, das ist Mr. Long? Sind Sie etwa der Schuldige? Hat er Ihnen gestanden, daß er Ihnen den Ring geschickt hat?«

 

Nora wollte gerade antworten, als der Wetter zu ihrem größten Erstaunen nickte.

 

»Ja, Miß Revelstoke, ich habe eben mein Gewissen durch eine Beichte erleichtert. Der Ring war lange Zeit im Besitz unserer Familie – mein Onkel kaufte ihn in Kopenhagen im Jahr 1862!«

 

Miß Revelstokes dunkle Augen blickten ruhig und fest, aber ihr Gesicht wurde plötzlich grau und alt.