Roman

Kapitel 16

 

16

 

Joan Bray bewohnte ein großes Oberzimmer, das nach und nach der gemütlichste Raum im ganzen Haus geworden war. Als man es ihr überließ, war es ganz einfach möbliert. Aber die Angestellten in Sunni Lodge verehrten Joan, und auf geheimnisvolle Weise waren seltene und hübsche Möbelstücke in den geräumigen Dachraum mit seinen großen Fenstern gekommen, von denen man einen guten Fernblick hatte. Dieses Zimmer war ihr jetzt besonders wertvoll, da sie von hier aus den viereckigen Schornstein von Slaters Cottage sehen konnte. Dies gab ihr ein undefinierbares Gefühl von Zusammengehörigkeit mit dem seltsamen Mann, der ihren Weg gekreuzt hatte.

 

Die beiden Mädchen waren nicht zu Hause, als sie ankam. Sie ging die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf, verschloß die Tür und setzte sich auf ein altertümliches Sofa nieder. Dann stützte sie ihren Kopf in die Hand und versuchte ihrer Aufregung Herr zu werden. Von Anfang an hatte sie vermutet, daß Clifford Lynne kein Angestellter ihres Verwandten war. Jetzt wußte sie, daß er ein riesiges Vermögen besaß und viel reicher war als Joe selbst. Was für einen Eindruck würde das auf Stephen Narths Verhalten machen, wenn er es wüßte? Wenn Clifford Lynne nun nicht als wilder Mann mit großem Bart und schlechtsitzenden Kleidern nach Sunni Lodge gekommen wäre, sondern als vornehmer, gutaussehender Gentleman und außerdem nicht in der Rolle eines Geschäftsführers, sondern als Teilhaber Joe Brays, zweifelte sie keinen Augenblick daran, was sich dann ereignet hätte. Trotzdem bedrückte sie die Tatsache, daß Clifford so reich war. Sie konnte nicht sagen, warum. Damals hatte sie ihre Gefühle bezwungen und in diese schreckliche Heirat mit einem unbekannten Mann gewilligt, und was damals ein großes Opfer schien, hatte sich jetzt als ein großes Glück entpuppt. Sie schüttelte den Kopf. Selbst betrügen wollte sie sich nicht. Von Anfang an war es für sie eigentlich kein Opfer, der Fremde hatte sie vom ersten Augenblick an gefesselt. Er war eine Persönlichkeit, die so außerhalb alles gewöhnlichen Erlebens stand, daß schon dadurch gleich alle ihre Zweifel beseitigt waren.

 

Joan begann das Leben von einem ganz anderen Gesichtswinkel aus zu betrachten. Sie war sich klar, welchen großen Umschwung diese Heirat hervorrufen würde, und Letty (oder war es Mabel?) hatte ganz recht: was wußte ein Mädchen über ihren Liebsten, in dessen Hände sie ihre Zukunft legte? Aber sie hatte schon vieles erfahren und wußte mehr von dem Wesen Clifford Lynnes, als viele andere Bräute in ihrer Bekanntschaft von dem Charakter der Männer wußten, die sie später heiraten sollten.

 

Sie ging zum Fenster und war in dem Anblick von Slaters Cottage versunken, das heißt, man konnte davon nicht viel mehr als den viereckigen Schornstein sehen, der jetzt rauchte. Sie erinnerte sich daran, daß Clifford eine Menge Lebensmittel in seinem Wagen hatte, und sie war gespannt, ob er als Koch sich ebenso auszeichnen würde wie sonst im Leben.

 

Holzfäller waren bei der Arbeit, die Bäume um das Haus niederzulegen. Gerade sah sie, wie eine hohe Fichte sich langsam neigte, sie hörte das Brechen der Äste, als sie auf den Boden aufschlug. Morgen würde das Haus ganz zu sehen sein, dachte sie. Sie drehte sich um, da sie Schritte vor der Türe hörte.

 

»Hier ist Letty«, sagte eine schrille Stimme. Als sie schnell aufgeschlossen hatte, fragte Letty:

 

»Warum schließt du dich denn ein, Joan?«

 

Letty war lange Zeit nicht mehr hier oben gewesen und sah sich nun ganz erstaunt um.

 

»Du bist hier oben sehr gut eingerichtet«, sagte sie. Wäre Joan lieblos genug gewesen, so hätte sie in dieser überraschten Äußerung einen Unterton von Mißbilligung hören können. »Vater war eben am Telephon. Er wird heute abend nicht nach Hause kommen. Er möchte, daß wir mit ihm in der Stadt zu Abend essen. Macht es dir etwas aus, allein zu bleiben?«

 

Die Frage war deplaciert. Wie oft hatte sie die Abende allein zugebracht und war froh, daß man sie nicht störte.

 

»Es ist möglich, daß wir sehr spät nach Hause kommen, weil wir nach dem Theater noch ins Savoy-Hotel zum Tanz gehen.«

 

Letty stand schon wieder in der Tür, als ihr noch etwas einfiel.

 

»Ich habe diesen Mr. Lynne gesehen, Joan. Er sieht sehr gut aus. Warum kam er denn zuerst in solch einem lächerlichen Aufzug hierher?«

 

Jetzt kam die unvermeidliche Auseinandersetzung, die Joan ja vorausgesehen hatte. Gedankengänge entwickelten sich scheinbar parallel in Sunni Lodge.

 

»Nicht daß das irgendwelchen Unterschied in meiner Haltung gegen ihn machte!« sagte Letty, indem sie ihren Kopf nach hinten warf. »Ein Mädchen kann eben nicht auf gut Glück heiraten.«

 

Joan konnte auch ein Kobold sein und Schabernack spielen, obendrein war sie auch neugierig; was Letty sagen würde, wenn sie ihr auch noch das andere mitteilte.

 

»Clifford Lynne ist keineswegs ein armer Mann – er ist unendlich reich«, sagte sie. »Mr. Bray hat nur ein Zehntel der gesamten Aktien der Gesellschaft, Clifford Lynne dagegen acht Zehntel.«

 

Letty sperrte Mund und Nase auf.

 

»Wer hat dir das gesagt?« fragte sie scharf.

 

»Clifford Lynne – und ich weiß, daß er mich nicht belogen hat.«

 

Letty wollte etwas sagen, änderte aber ihre Absicht und schlug die Türe hinter sich zu. Sie stürmte die Treppe hinunter. Fünf Minuten später hörte Joan Stimmen vor der Tür, und, ohne anzuklopfen, eilte Mabel herein, gefolgt von ihrer Schwester.

 

»Stimmt das, was Letty mir über Lynne gesagt hat?« fragte sie mürrisch. »Es ist doch seltsam, daß wir vorher nichts davon gehört haben.«

 

Joan amüsierte sich. Sie hätte laut auflachen mögen, aber sie beherrschte sich.

 

»Du meinst Mr. Lynnes großes Vermögen? Er ist ein sehr reicher Mann, das ist alles, was ich weiß.«

 

»Weiß Vater darum«, fragte Mabel, indem sie sich bemühte, ihren unberechtigten Ärger zu verbergen.

 

Joan schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube nicht, daß er es weiß.«

 

Die beiden Schwestern sahen einander an.

 

»Diese Tatsache ändert die ganze Situation«, sagte Mabel mit Nachdruck. »Erstens will doch niemand eine Vogelscheuche heiraten, und zweitens wäre es doch lächerlich gewesen, wenn man von einer von uns gefordert hätte, daß wir uns lebenslänglich an einen armen Angestellten unseres Onkels binden sollten.«

 

»Ganz abgeschmackt«, stimmte Letty bei.

 

»Offensichtlich war es Mr. Brays Absicht, daß Lynne eine von uns heiraten sollte«, sagte Mabel. »Ich glaube nicht, daß er jemals etwas von deiner Existenz gehört hatte, Joan.«

 

»Ich bin sicher, daß das nicht der Fall war«, antwortete Joan. Und Mabel lächelte, als sie sich in den bequemsten Sessel des Zimmers warf.

 

»Dann müssen wir möglichst vernünftig in dieser Angelegenheit handeln«, sagte sie so liebenswürdig wie möglich. »Wenn das, was du sagst, wahr ist, und in der Tat zweifle ich keinen Augenblick daran, dann muß der Wunsch von Onkel Joe –«

 

»Erfüllt werden!« fügte Letty hinzu, als Mabel nach einem Wort suchte.

 

»Ja, das ist es, erfüllt. Das mag für dich ein wenig peinlich sein, aber du kennst den Mann ja gar nicht, und ich bin sicher, daß dich der Gedanke an diese Heirat sehr bedrückt hat. Ich habe damals auch gleich zu Letty gesagt, wenn ein Opfer gebracht werden muß, dann ist es an uns. Wir wollen dich nicht, um bildlich zu sprechen, als unser Werkzeug gebrauchen. Aber zugleich fühle ich, daß wir dir gegenüber nicht ganz korrekt waren, Joan. Noch heute morgen habe ich Vater gesagt, daß ich meine großen Zweifel über diese Hochzeit habe, und daß wir die Sache doch noch sehr überlegen müssen, bevor wir zugeben können, daß du einer womöglich schrecklichen Zukunft entgegengehst mit einem Mann, den du gar nicht kennst.«

 

»Und du kennst ihn doch ebensowenig«, fühlte sich Joan verpflichtet zu sagen.

 

»Aber wir haben größere Erfahrungen mit Männern«, sagte Mabel vorwurfsvoll. »Und denke nur nicht, Joan, daß sein Reichtum den geringsten Eindruck auf uns macht. Vater ist reich genug, mich gut zu versorgen, ob ich nun Clifford Lynne heirate oder nicht.«

 

»Ob eine von uns beiden Clifford Lynne heiratet oder nicht«, verbesserte Letty mit einer gewissen Schroffheit.

 

»Und –«

 

Es klopfte an der Türe. Letty, die am nächsten stand, öffnete. Der Diener kam herein.

 

»Drunten wartet ein Herr, der Miß Joan sprechen möchte«, begann er.

 

Letty nahm ihm die Karte aus der Hand.

 

»Clifford Lynne«, sagte sie atemlos.

 

Joan lachte.

 

»Das ist eine günstige Gelegenheit, die Sache in Ordnung zu bringen«, sagte Joan ironisch. »Unter allen Umständen muß er nach seiner Meinung gefragt werden!«

 

Letty verfärbte sich.

 

»Untersteh dich ja nicht«, rief sie atemlos, »ich würde es dir niemals verzeihen, Joan, wenn du ihm auch nur ein Wort davon sagtest!«

 

Aber Joan war schon halbwegs den ersten Treppenlauf heruntergeeilt.

 

Sie trat allein in das Wohnzimmer und bekümmerte sich nicht um die Ermahnungen, die man ihr noch mit auf den Weg geben wollte. Am liebsten hätte sie laut aufgelacht. Denn plötzlich kam ihr eine hübsche Parallele in den Sinn: wenn sie Aschenbrödel war, dann konnte man Letty und die dicke Mabel mit den beiden häßlichen Schwestern identifizieren.

 

Als sie ins Zimmer trat, fand sie Clifford am Fenster stehen. Er schaute über den Rasenplatz. Schnell drehte er sich um, als er das Öffnen der Tür hörte. In seiner etwas abrupten Art, und ohne irgendwelche Einleitung fragte er:

 

»Kann ich Sie heute abend sehen?«

 

»Ja«, sagte sie erstaunt. Dann fügte sie hinzu: »Ich werde allein sein, die Mädchen gehen zur Stadt.«

 

Er faßte an sein Kinn, als sie dies sagte.

 

»So, sie gehen zur Stadt?« Er zog die Augenbrauen hoch. »Aber das macht nichts aus. Ich möchte Sie in Slaters Cottage sehen. Würden Sie dahin kommen, wenn ich Sie rufe?«

 

Die Anstandsregeln machten Joan keine große Sorge. Sie war ihrer selbst so sicher und so überzeugt von der Richtigkeit ihrer Handlungsweise, daß sie sich wenig um die Meinung anderer Leute kümmerte. Aber sein Wunsch stimmte nicht mit ihren Anschauungen von Anstand überein.

 

»Muß das sein?« fragte sie. »Ich will kommen, wenn Sie es wünschen, denn ich weiß, Sie würden mich nicht einladen, wenn es nicht ganz besonders wichtig wäre.«

 

»Ich habe einen sehr triftigen Grund dazu«, sagte er. »Ich möchte, daß Sie jemand bei mir treffen, ich hoffe wenigstens so.«

 

Er fuhr sich nervös durch das Haar.

 

»Meinen Freund – ich möchte sagen, unseren Freund.«

 

Sie war erstaunt über seine Erregung und war neugierig, die Ursache zu erfahren.

 

»Ich werde Sie um zehn Uhr aufsuchen«, sagte er. »Und Joan – ich habe alles überdacht, und ich bin sehr beunruhigt.«

 

Sie wußte gefühlsmäßig, daß sie selbst der Grund seiner Unruhe war.

 

»Haben Sie es sich anders überlegt?«

 

Er schüttelte den Kopf.

 

»Sie meinen, daß wir uns heiraten wollen? Nein. Ich durfte mir selbst niemals klarmachen, welches Ende dieses närrische Abenteuer nehmen würde. Wenn ich nicht immer durch übertriebenes Pflichtgefühl geleitet würde – aber das hat ja nichts mit dieser Sache zu tun. Wir müssen die ganze Lage heute abend von einem neuen Gesichtspunkt aus betrachten. Ich bin nun so weit gereist und habe so viel unternommen und so viel gelitten –«

 

»Gelitten?«

 

Er nickte heftig.

 

»Durch eine weise Vorsehung«, sagte er düster. »Ihnen ist es erspart geblieben, sich einen langen, kostbaren Bart wachsen zu lassen. Als ich noch viele Meilen entfernt in meinem kleinen Haus in Siangtan lebte, war das nicht so schlimm. Auch noch nicht auf der Heimreise. Erst als ich in nähere Berührung mit der Zivilisation kam – können Sie sich vorstellen, was das heißt, sich zum Diner anzuziehen und dabei zu fühlen, wie weh es tut, wenn man seinen Kragen schließt und einen großen Büschel Barthaare mit einklemmt?… Nun wohl, das ist alles vorüber, und jetzt« – er machte eine Verlegenheitspause – »bin ich nicht traurig.«

 

»Darüber, daß Sie sich den Bart haben wachsen lassen?« fragte sie unschuldig.

 

Er sah ihr gerade in die Augen.

 

»Sie wissen doch ganz genau, daß ich nicht über meinen Bart sprechen wollte, sondern nur von Ihnen. Ich wünschte, ich hätte Zeit genug, um Sie zu studieren. Möglicherweise haben Sie einen bösen Charakter – –«

 

»Einen ganz schlechten«, log sie ihn an.

 

»Und vielleicht sind Sie eitel und hohl«, fuhr er ruhig fort. »Alle hübschen Mädchen sind eitel und hohl. Das habe ich von meiner unverheirateten Tante gelernt, die mich aufzog. Aber trotz dieser Schattenseiten habe ich Sie ziemlich gern. Ist das nicht sonderbar?«

 

»Es würde sonderbar sein, wenn es nicht so wäre«, sagte sie und ging auf seinen Ton ein.

 

Er mußte lachen.

 

»Haben Sie Ihren Mord begangen?« fragte sie.

 

Er stutzte.

 

»Mord? Ach so, Sie meinen Fing-Su? Nein, ich fürchte, heute abend werde ich zuviel andere Dinge zu tun haben. Sicherlich werde ich ihn umbringen«, sagte er. Obwohl seine Worte nach derbem Witz klangen, zitterte sie, da sie überzeugt war, daß er im Ernst gesprochen hatte. »Ich muß ihn töten, aber gerade heute abend?« Er schüttelte den Kopf. »Da muß vorher noch viel anderes erledigt sein. – Wann können Sie mich heiraten?«

 

Seine Frage war ernst gemeint, und sie fühlte, wie sie rot wurde.

 

»Ist das notwendig?« fragte sie ein wenig verzweifelt. Jetzt, da sie sich der logischen Konsequenz ihres Abenteuers nicht mehr entziehen konnte, war sie einen Augenblick von panischem Schrecken gelähmt. In seiner Frage lag eine solche Bestimmtheit, daß sie ein banges Glücksgefühl überkam. Aber sie klang auch wieder so sachlich und kühl, und sie vermißte die zärtliche Atmosphäre, in der man gewöhnlich eine solche Werbung anbringt. Sie ärgerte sich über ihn. Das brachte die ganze Lage wieder zu ihrer ursprünglichen Geschäftsmäßigkeit zurück und tötete den feinen Schimmer von Romantik, der in den letzten Tagen über ihrem Leben gelegen hatte.

 

»Ich vermute, daß Sie damit Ihre eigene Bequemlichkeit befriedigen«, sagte sie kalt. »Sie wissen natürlich, Mr. Lynne, daß ich Sie nicht mehr liebe als Sie mich?«

 

»Darüber brauchen wir nicht zu sprechen«, sagte er schroff. »Aber ich will Ihnen etwas sagen: ich war niemals verliebt, ich hatte meine Träume und Ideale, wie sie jeder Mann und jede Frau hat, und Sie kommen der geheimnisvollen Frau meiner Träume, der ich jemals zu begegnen hoffte, am nächsten. Wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie gern mag, so meine ich das so. Ich bin nicht in so verzückter Gemütsverfassung, daß ich bereit wäre, den Boden zu küssen, auf dem Sie gehen – aber vielleicht kommt diese Form des Deliriums später.«

 

Während er sprach, lag ein gütiges und freundliches Lächeln in seinen Augen, das es ihr unmöglich machte, ihren Unwillen auf die Spitze zu treiben. Sie war erzürnt über ihn und mußte doch seine Aufrichtigkeit bewundern. Sie spürte keinerlei Neigung, ihm klar zu entgegnen, daß schließlich ihr Herz ebenso frei sei wie das seine.

 

»Heute ist Montag«, sagte er. »Mit besonderer Genehmigung werden wir am Freitag heiraten. Freitag wird ein unglücklicher Tag sein – für irgend jemand.«

 

»Sie meinen wirklich Freitag?« fragte sie in angstvoller Bestürzung.

 

»Es ist etwas plötzlich, ich weiß – aber die Dinge entwickeln sich rascher, als ich dachte«, sagte er.

 

Er nahm seinen Hut vom Tisch.

 

»Ich werde Sie um zehn Uhr rufen. Haben Sie Bedenken?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Und Sie fürchten sich auch nicht?« neckte er sie, aber schnell fügte er hinzu: »Es ist wirklich kein Grund zur Furcht vorhanden – jetzt noch nicht.«

 

»Sagen Sie mir bitte, wann ich anfangen muß mich zu fürchten«, sagte sie, als sie mit ihm zur Türe ging.

 

»Mich brauchen Sie niemals zu fürchten«, sagte er ruhig. »Ich dachte an jemand anders.«

 

»Fing-Su?«

 

Er sah sie schnell an.

 

»Sie sind auch Gedankenleserin?« Er legte seine Hand auf ihren Arm und drückte ihn leise. Er tat das so freundlich und brüderlich, daß sie nahe daran war, zu weinen.

 

Die beiden Mädchen, die sofort auftauchten, als sich die Tür hinter Clifford geschlossen hatte, folgten ihr zu der Bibliothek.

 

»Du hast ihm doch nichts gesagt?« fragte Mabel rasch. »So gemein und niederträchtig kannst du nicht sein, Joan!«

 

Joan sah sie überrascht an.

 

»Worüber sprachen wir denn?« fragte sie. Ihre Bestürzung war aufrichtig, denn sie hatte die Unterhaltung in ihrem Zimmer vergessen.

 

»Letty hatte das fürchterliche Gefühl, du würdest ihm erzählen, was wir besprachen, aber ich sagte: ›Letty, Joan tut das nicht, Joan handelt nicht so jämmerlich.‹«

 

»Über eure Heirat mit ihm?« fragte Joan und verstand plötzlich. »Ach nein – das hatte ich vergessen – wir waren so sehr damit beschäftigt, das Datum festzusetzen: Mr. Lynne und ich heiraten am Freitag.«

 

»Guter Gott!« rief Mabel.

 

Diese voreilige Äußerung mußte man verzeihen, denn in einem Augenblick großer Selbstaufopferung hatte Mabel beschlossen, Mrs. Clifford Lynne zu werden.

 

Kapitel 17

 

17

 

Die Schwestern gingen um sechs Uhr in die Stadt, und Joan war herzlich froh, als sie von ihrem Fenster aus die Limousine die Egham Road hinunterfahren sah. Sie aß allein zu Abend und wartete geduldig auf die Ankunft Clifford Lynnes. Sie war ein wenig enttäuscht über sein Verhalten. Die Heirat sah immer noch wie eine geschäftliche Vereinbarung aus; mit Ausnahme der kleinen Liebkosung hatte er weder Zärtlichkeit noch jene gefühlvolle Aufmerksamkeit für ihre Reize gezeigt, die man selbst von sehr beherrschten Männern erwartet. Und doch war kaum etwas Unfreundliches und Kaltes in seinem Wesen, dessen war sie sicher. Es war eine Schranke zwischen ihnen, die niedergerissen werden mußte, ein Abgrund, den nur gegenseitige Liebe überbrücken konnte. Für einen kurzen Augenblick erschrak sie vor der Aussicht auf diese kaltblütig eingegangene Heirat.

 

Sie stand vor der halbgeöffneten Tür des Hauses, als sie seinen schnellen Schritt auf dem Sand hörte. Nachdem sie sich vergewissert Halle, daß die Schlüssel in ihrer Handtasche waren, schloß sie leise die Tür hinter sich und ging ihm entgegen.

 

Plötzlich stand sie in einem hellen Lichtkegel.

 

»Schade!« hörte sie Clifford sagen. »Ich war ganz sicher, daß Sie es waren, aber ich mußte mich erst überzeugen.«

 

»Wer sollte es denn sein?« fragte sie, als sie mit ihm fortging.

 

»Ich weiß nicht«, war die unbefriedigende Antwort.

 

Sie legte wie selbstverständlich ihren Arm in den seinen.

 

»Von Natur aus bin ich vorsichtig, ja sogar argwöhnisch. Das Leben hier auf dem Lande in England ist für mich noch etwas gefährlicher als für einen Reisenden, der in dem verrufenen Honan eine Kamelladung mexikanischer Dollars mit sich führt! Drüben kennt man seine Lage ganz genau – entweder lebt man im Frieden oder im Krieg mit seinen Nachbarn. Aber in England kann man die ganze Zeit mit jemand im Krieg leben und weiß es selbst nicht einmal. Stört es Sie, wenn wir in der Mitte der Straße gehen?« fragte er schnell. Sie mußte lachen.

 

»Ich habe unerschütterliches Zutrauen zur Polizei«, sagte sie.

 

Sie hörte ihn kichern.

 

»Zur Polizei? Ja, die ist überall auf dem Posten, besonders, wenn es sich um bekannte Verbrecher und feststehende Verbrechen handelt. Aber Fing-Su ist als Verbrecher nicht bekannt – im Gegenteil, er gilt als eine höchst achtbare Persönlichkeit. Wir müssen jetzt rechts einbiegen.«

 

Das hätte er nicht zu sagen brauchen. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, und sie sah die große schwarze Öffnung, die den Eingang zu dem Fahrweg nach Slaters Cottage bildete. Der früher holperige Fahrweg war jetzt ein mit Kies bestreuter, feingewalzter Weg. Ein paar Meter den Fahrweg hinunter erhob sich ein großer Kandelaber für eine Laterne.

 

»Ja, wir sind modern eingerichtet«, sagte er, als sie seine Aufmerksamkeit auf diese Neuerung lenkte. »Nur der Böse liebt die Finsternis. Ich gebrauche diese Tausendkerzenbogenlampe als Beweis für meine Redlichkeit!«

 

Plötzlich stand er still, und sie mußte notgedrungen auch Halt machen.

 

»Ich sagte Ihnen neulich, daß Narth eine Auseinandersetzung mit Ihnen hatte, und Sie gaben es zu«, sagte er. »Vor einigen Tagen habe ich gefunden, warum er eine Differenz mit Ihnen hatte. Ihr Bruder wurde bei einem Unfall getötet, als er das Land mit einer Summe Geldes verlassen wollte, das er aus dem Bureau von Narth gestohlen hatte?«

 

»Das stimmt«, sagte sie mit leiser Stimme.

 

»Das war es also?«

 

Er seufzte erleichtert auf. Was anders konnte er denn vermutet haben, fragte sie sich verwundert.

 

»Jetzt wird mir der Zusammenhang klar«, begann er, als sie weitergingen. »Sicher sagte er zu Ihnen: ›nach allem, was ich für dich getan habe?‹ nicht wahr? Sonst wäre ich glatt von Ihnen abgewiesen worden. Ich bin froh darüber.«

 

Er sagte dies so schlicht und treuherzig, daß sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen schoß.

 

»Ist Ihr Freund schon angekommen?« fragte sie.

 

»Ja«, sagte er kurz. »Vor einer Stunde kam dieser –« er murmelte einen Fluch.

 

»Man könnte denken –« begann sie, als er plötzlich ihren Arm umklammerte.

 

»Nicht sprechen!« flüsterte er.

 

Joan sah, wie er den Weg zurückspähte, den sie gekommen waren. Angestrengt lauschend beugte er den Kopf vor, und ihr Herz begann heftig zu schlagen. Dann führte er sie ohne ein Wort auf die Seite der Straße in den Schutz einer großen Fichte und schob sie hinter den Baumstamm.

 

»Bleiben Sie hier stehen«, sagte er in demselben leisen Ton.

 

Gleich darauf war er verschwunden. Geräuschlos schlich er über den Nadelteppich von Baum zu Baum. Sie blickte starr hinter ihm her, sie konnte nur den blassen Abendhimmel erkennen, der hinter einer Reihe schlanker Fichten hervorlugte. Der Reflex des Firmamentes in einer Wasserlache auf der Seite des Fahrweges sah aus wie ein matter Spiegel. Für gewöhnlich war sie nicht nervös, aber jetzt fühlte sie doch ihre Knie zittern, und ihr Atem ging schnell. Nach kurzer Zeit sah sie ihn ganz nahe wieder aus der Dunkelheit auftauchen.

 

»Es war nichts«, sagte er, aber er sprach immer noch ganz leise. »Ich dachte jemand zu hören, der uns folgt. Morgen werde ich diese Bäume abhauen lassen, sie geben zu gute Deckung –

 

Es schwirrte etwas an ihnen vorbei wie eine geworfene Waffe. Man hörte einen dumpfen Aufschlag, dann herrschte tiefe Stille. Er sagte etwas in einer fremden Sprache, dann ging er zurück und zog etwas aus dem Stamm einer Fichte.

 

»Ein Wurfmesser«, flüsterte er. »Ich sage Ihnen, diese Yünnanmörder sind wunderbare Schützen, und die Teufel können im Dunkeln sehen! Wo ist der nächste Polizeiposten?«

 

Trotz ihres Mutes zitterte sie.

 

»Die Patrouille wird erst nach einer Stunde wieder hier vorbeikommen«, stammelte sie. »Hat jemand mit einem Messer geworfen?«

 

»Erst nach einer Stunde?« sagte er fast fröhlich. »Das Geschick ist auf meiner Seite!«

 

Er nahm einen Gegenstand aus seiner Tasche – in dem Dämmerlicht sah es aus wie ein dicker silberner Zylinder; sie sah, wie er ihn auf den Lauf einer langen, schwarzen Pistole schob.

 

»Die Nachbarn sollen nicht beunruhigt werden«, sagte er. Wieder entfernte er sich von ihrer Seite und verschwand im Dunkel.

 

Sie wartete, ihr Herz schlug bis zum Halse herauf.

 

»Plob!«

 

Der Schall kam aus überraschender Nähe. Sie hörte auf dem Kieswege sich entfernende Schritte, die schwächer und schwächer wurden. Als man kein Geräusch mehr vernahm, kam Clifford wieder zu ihr und nahm die Silberröhre von der Pistole wieder ab.

 

»Ich habe ihn getroffen, aber nicht schwer«, sagte er. »Ich bin froh, daß ich ihn nicht getötet habe. Ich hätte ihn sonst im Wald begraben müssen und einen Skandal riskiert, oder ich hätte ihn zur Wache bringen müssen und damit den Zeitungen eine Sensation gegeben.«

 

»Haben Sie ihn verwundet?« fragte sie.

 

»Ja«, sagte er sorglos. »Ich glaube, er hatte keine Begleiter.«

 

Wieder nahm er sie am Arm und führte sie den Fahrweg entlang. Sie gingen nun schnell nach Slaters Cottage. In dem Haus zeigte sich kein Leben: hinter den mit Läden geschlossenen Fenstern war kein Licht zu sehen, und selbst der Schall der gedämpften Explosion schien den Gast Clifford Lynnes weder interessiert noch neugierig gemacht zu haben.

 

Er stand fast eine Minute lauschend auf der Treppe.

 

»Ich denke, es war nur einer,« sagte er dann mit einem Seufzer der Erleichterung, »wahrscheinlich war es ein Spion, der die Dämmerstunde zu einem kleinen Scheibenschießen benützen wollte. Sie fürchten sich doch nicht?«

 

»Doch«, sagte sie. »Ich bin sehr erschrocken.«

 

»So bin ich!« sagte er. »Ich bin mir selbst böse, daß ich diesen Gang mit Ihnen gewagt habe, aber ich wußte nicht, daß jetzt schon Gefahr drohte.«

 

Er schloß die Türe auf, und sie traten in einen engen Gang. Als er das Licht einschaltete, sah sie, daß zwei Türen von hier ausgingen, eine zur Rechten und eine zur Linken.

 

»Hier sind wir.« Er ging voran, drückte die Klinke der linken Tür nieder und öffnete.

 

Das Zimmer war vollständig neu und gut möbliert. Zwei in die Decke eingelassene große Lampen warfen zerstreutes Licht durch opalfarbene Gläser in den Raum.

 

Vor dem Holzfeuer, das im Kamin brannte, saß ein großer Mann. Sie schätzte sein Alter auf etwa sechzig Jahre. Er war merkwürdig gekleidet. Über einem Paar schön gebügelter Beinkleider trug er einen weiten, roten Schlafrock, unter dem ein weißes, steifes Oberhemd vorschaute. Er hatte weder Kragen noch Schlips an. Ein tadelloser Gehrock hing über der Sessellehne. Als sich die Tür öffnete, drehte er sich um, nahm seine kurze Tonpfeife aus dem Mund und schaute ernst auf den Besuch.

 

»Begrüße Miß Joan Bray«, sagte Lynne kurz.

 

Der große fremde Mann erhob sich schwerfällig. Er wandte sein dickes Gesicht mit dem Doppelkinn Joan zu und sah sie an wie ein Schuljunge, der bei irgendeinem dummen Streich erwischt wurde.

 

»Nun, Joan«, sagte Lynne finster, »sollen Sie einen Ihrer Verwandten kennenlernen. Darf ich Ihnen den verstorbenen Joe Bray vorstellen, der in China tot war und in England wieder lebendig wurde!«

 

Kapitel 1

 

1

 

Kein Haus in ganz Siangtan glich dem Wohnsitz Joe Brays. Aber Joe war selbst für China ein Original, und das wollte viel heißen für ein Land, in das seit Marco Polos Tagen so viele ungewöhnliche Menschen verschlagen wurden.

 

Pinto Huello, ein dem Trunk ergebener portugiesischer Architekt, hatte die Pläne für dieses Steinhaus erdacht. Portugal hatte er unter Verhältnissen verlassen müssen, die wenig ehrenvoll für ihn waren; über Kanton und Wuchau war er in diese große, wenig saubere Stadt gekommen.

 

Allgemein nahm man an, daß Pinto seine Pläne nach einer durchzechten Nacht, im Hochgefühl eines Rausches und in dicke Tabakswolken gehüllt, genial aufs Papier warf. Später hatte er sie dann in einem Anfall von Zerknirschung und Reue wieder umgestoßen und verbessert. Zu dieser Änderung entschloß er sich aber erst, als das Gebäude schon halb fertig war. Daher kam es, daß der eine Teil des Hauses eine große Ähnlichkeit mit der berühmten Porzellanpagode hatte und als Denkmal für die exzentrisch phantastischen Launen Pintos der Nachwelt erhalten blieb. Der andere Teil des Gebäudes aber glich mehr einem Güterschuppen, wie man sie an den Ufern des Kanals zu Dutzenden sehen konnte, und spiegelte in seiner grauen Melancholie getreulich die Katerstimmung des ziellosen Portugiesen wider.

 

Joe hatte eine Gestalt wie ein Koloß, groß und stark, mit vielfältigem Kinn. Er liebte China und Genever, seine Lieblingsbeschäftigung aber war, lange in den Tag hineinzuträumen. Wunderbare Pläne kamen ihm dann, doch die meisten waren unausführbar. In solcher Stimmung fühlte er mit Entzücken und Freude, daß er von diesem entlegenen Weltwinkel aus Hebel ansetzen und Weichen stellen könnte, die weittragende Änderungen im Geschick der Menschheit hervorrufen würden.

 

Er glich in solcher Stimmung einem verträumten Harun al Raschid; er würde verkleidet unter die Armen gegangen sein, um Gold über die regnen zu lassen, die es verdienten. Schade nur, daß er seine Wohltäterlaune niemals befriedigen konnte, da die rechten Armen ihm bisher noch nicht begegnet waren.

 

China ist ein Land, in dem man leicht träumen kann. Von seinem Sitz aus sah er in der Ferne die vom Verkehr wimmelnden Wasserfluten des Siang-kiang. Der Schein der untergehenden Sonne glitzerte in tausend Reflexen auf den kleinen Wellen. Im Vordergrund erhob sich die schwarze unregelmäßige Silhouette der Stadt Siangtan. Viele viereckige Segel glitten den großen Strom entlang, dem großen See entgegen, und färbten sich bronzen und goldfarben in den letzten verglühenden Strahlen. Das geschäftige Treiben dieser Stadt glich dem Summen eines Bienenstocks. Aber aus dieser Entfernung konnte man es weder deutlich erkennen noch hören, und – was für China das Wesentlichste war – auch der Geruch dieser Stadt drang nicht bis hierher.

 

Aber der alte Joe Bray war an diese Dünste gewöhnt und ließ sich nicht dadurch abschrecken. Er kannte dieses weite Land von der Mandschurei bis nach Kwang-si, von Schantung bis zum Kiao-Kio-Tal, wo das wunderliche Mongolenvolk ein bis zur Unkenntlichkeit entartetes Französisch schwätzte. China bedeutete für ihn den größten und bedeutendsten Teil der Welt. Seine Greueltaten und sein Gestank waren für ihn normale Lebensäußerungen. Sein Denken war chinesisch geworden, und er hätte auch vollständig als Chinese gelebt, wenn eben nicht sein unerbittlicher Teilhaber gewesen wäre. Er hatte die ganzen Provinzen des Reiches der Mitte zu Fuß durchwandert und hatte sich zu mehr Städten und Plätzen durchgeschlagen, zu denen den Weißen der Zutritt damals noch verboten war, als irgendeiner seiner Zeit. Einmal hatte man ihm die Kleider weggerissen, um ihn in dem Namen jenes schrecklichen Fu-chi-ling hinzurichten, der eine Zeitlang Gouverneur von Sukiang war, und dann hatte man ihn mit den höchsten Ehren in der Sänfte eines Mandarinen zu dem Palasthof der Tochter des Himmels getragen.

 

Aber Joe Bray war das alles gleich. Von Geburt war er Engländer. Später, als Amerika in China mehr in Gunst kam, wechselte er gewissenlos seine Nationalität und wurde Amerikaner. Er konnte sich das gestatten, denn er war Millionär und mehr als das. Sein Haus, das sich an der Flußbiegung erhob, war so schön und prachtvoll wie ein Palast. Große Summen hatte er an Kohlenbergwerken, an Kupferminen und anderen Unternehmungen verdient, die sich bis zu den Goldfeldern im Amurgebiet erstreckten. In den letzten zehn Jahren hatten sich die ungeheuren Verdienste mit staunenerregender Schnelligkeit zu fabelhaftem Vermögen angehäuft.

 

Joe lag bequem zurückgelegt in einem tiefen Deckstuhl. So konnte er sitzen und träumen. Neben ihm saß Fing-Su. Für einen Chinesen war er groß von Gestalt und hatte auch selbst für europäische Begriffe ein gutes Aussehen. Außer den schräggeschlitzten, dunklen Augen war eigentlich nichts Chinesisches an ihm. Er hatte den kecken Mund und die gerade, scharfgeschnittene Nase seiner französischen Mutter, das pechschwarze Haar und die charakteristische blasse Gesichtsfarbe des alten Schan Hu, jenes verschlagenen Kaufmanns und Abenteurers, der sein Vater war. Er trug einen dickgepolsterten Seidenrock und formlose Beinkleider, die bis zu den Schuhen hinabreichten. Seine Hände verbarg er respektvoll in seinen weiten Rockärmeln, und wenn eine zum Vorschein kam, um die Asche seiner Zigarette abzustreifen, verschwand sie mechanisch und instinktiv wieder in ihrem Versteck.

 

Joe Bray seufzte und nippte an seinem Glas.

 

»Es ist alles so gekommen, wie ihr es verdient, Fing-Su. Ein Land, das keinen Kopf hat, hat auch keine Füße und kann sich nicht bewegen – überall elender Stillstand, alles geht schief! Das ist China! Früher waren einmal ein paar tüchtige Kerle hier am Ruder, die Ming und der alte Hart und Li Hung.«

 

Er seufzte wieder; seine Kenntnis des alten China und der alten Dynastien war gerade nicht weit her.

 

»Geld hat nichts zu bedeuten, wenn ihr es nicht richtig gebrauchen könnt. Sieh mich an, Fing-Su! Hab‘ weder Kind noch Kegel und bin doch Millionär, viele, viele Millionen wert! Wie man sagt, ist meine Linie beinahe ausgestorben.«

 

Erregt rieb er seine Nase.

 

»Beinahe«, sagte er vorsichtig. »Wenn gewisse Leute täten, was ich wollte, würde das nicht so sein – aber werden sie es tun? Das ist die Frage.«

 

Fing-Su sah ihn mit seinen unergründlichen Augen prüfend an.

 

»Man sollte meinen, daß Sie nur einen Wunsch auszusprechen brauchten, damit er in Erfüllung ginge.«

 

Der junge Chinese sprach mit dem übertriebenen Nasallaut, der so typisch für die Oxforder Studenten ist. Nichts freute Joe Bray mehr, als wenn er die Stimme seines Schützlings hören konnte; ihre Kultur, die fehlerlose Konstruktion jedes Satzes und die unbewußte Überlegenheit in Ton und Sprechweise waren Musik in seinen Ohren.

 

Fing-Su hatte tatsächlich sein Examen auf der Universität in Oxford bestanden und war Bachelor of Arts. Joe hatte dieses Wunder bewirkt.

 

»Sie sind ein gebildeter Mann, Fing-Su, und ich bin ein alter, ungehobelter Kerl ohne Kenntnis von Geschichte, Geographie und sonst etwas. Bücher interessieren mich den Teufel. Habe mich auch nie um den Krempel gekümmert. Die Bibel – besonders die Offenbarung – ist auch so eine verworrene Sache.«

 

Er trank den Rest des farblosen Reisschnapses aus und holte tief Atem.

 

»Wir müssen noch eine Sache besprechen, mein Junge – die Aktien, die ich Ihnen gab –«

 

Eine lange Verlegenheitspause entstand. Der Stuhl krachte, als sich der große Mann mißmutig herumdrehte.

 

»Da ist noch etwas dabei. Er hat nämlich gesagt, daß ich das nicht hätte tun sollen. Verstehen Sie, was ich Ihnen sagen will? Sie haben gar keinen Wert. Das war so eine von ›seinen‹ Ideen, daß sie nicht an der Börse gehandelt werden sollten. Keinen Cent sind die Dinger wert.«

 

»Weiß er denn, daß ich sie habe?« fragte Fing-Su.

 

Wie Joe nannte er Clifford Lynne nie beim Namen, sondern nannte ihn immer nur »er«.

 

»Nein, er weiß es nicht!« sagte Joe mit Nachdruck. »Das ist es ja gerade. Aber er sprach neulich abends davon. Er sagte, daß ich niemand Aktien abgeben soll, nicht eine einzige!«

 

»Mein verehrter und ehrenwerter Vater hatte neun,« sagte Fing-Su mit seidenweicher Stimme, »und ich habe jetzt vierundzwanzig.«

 

Joe rieb sein unrasiertes Kinn. Er war ärgerlich, fast argwöhnisch.

 

»Ich gebe sie Ihnen – Sie waren ein guter Junge, Fing-Su … Latein haben Sie gelernt und Philosophie und alles andere. Meine Bildung ist dürftig, und da wollte ich natürlich etwas für Sie tun. Eine große Sache das, die Bildung.« Zögernd unterbrach er sich und nagte an seiner Unterlippe. »Ich gehöre nicht zu den Leuten, die etwas geben und es nachher zurücknehmen. Aber Sie kennen ihn ja, Fing-Su.«

 

»Er haßt mich«, sagte der andere gelassen. »Gestern nannte er mich sogar eine ›gelbe Schlange‹.«

 

»Hat er das getan?« fragte Joe traurig.

 

Aus dem Ton seiner Stimme war deutlich zu hören, daß er diese Differenz gern aus der Welt gebracht hätte, aber er konnte sich nicht helfen.

 

»Früher oder später werde ich ihn schon wieder herumkriegen«, sagte er, indem er sich vergeblich bemühte, seine Unsicherheit zu verbergen. »Ich bin ein heller Kopf, Fing-Su – ich habe Ihnen Ideen beigebracht, von denen niemand eine Ahnung hat. Ich habe jetzt einen Plan …«

 

Er kicherte bei dem Gedanken an sein Geheimnis, aber gleich darauf wurde er wieder ernst.

 

»… was nun diese Aktien angeht, ich will Ihnen einige tausend Pfund Sterling dafür geben. Ich sagte schon, daß sie keinen Cent wert sind. Trotzdem will ich aber ein paar tausend dafür geben.«

 

Der Chinese bewegte sich geräuschlos in seinem Stuhl und sah plötzlich seinen väterlichen Freund mit dunklen Augen an.

 

»Mr. Bray, was kann mir Geld nützen?« fragte er beinahe unterwürfig. »Mein verehrter und ehrenwerter Vater hat mir ein großes Vermögen hinterlassen. Ich bin nur ein Chinese mit wenigen Bedürfnissen.«

 

Fing-Su warf den Rest seiner Zigarette fort und rollte sich mit außerordentlicher Geschicklichkeit eine andere. Kaum hatte er Papier und Tabak in seiner Hand, so war auch schon die länglich-runde, weiße Zigarette gedreht.

 

»In Schanghai und Kanton erzählt man sich, daß die Yünnan-Gesellschaft über mehr Geld verfügt, als die jetzige Regierung jemals gesehen hat«, sagte er langsam. »Die Lolo-Leute sollen im Liao-Lio-Tal Gold gefunden haben –«

 

»Wir haben das gefunden«, sagte Joe selbstzufrieden. »Diese Lolo konnten doch gar nichts finden, höchstens haben sie Ausreden erfunden, um die chinesischen Tempel zu brandschatzen.«

 

»Aber Sie lassen das Geld nicht arbeiten«, sagte Fing-Su hartnäckig. »Totes Kapital –«

 

»Durchaus kein totes Kapital! – bringt viereinhalb Prozent«, brummte Joe vor sich hin.

 

Fing-Su lächelte.

 

»Viereinhalb Prozent! Hundert Prozent könnte man damit machen! Oben in Schan-Si sind Kohlenlager, die eine Billion Dollars wert – was sage ich, eine Million mal eine Billion! Sie können das nicht machen – aber ich sage Ihnen, wir haben keinen starken Mann in der ›Verbotenen Stadt‹ sitzen, der befehlen könnte: ›Tue dies!‹ und es wird getan. Und wenn er tatsächlich gefunden würde, dann fehlte ihm eine Armee. Dazu wären Ihre Reservefonds nutzbringend anzulegen. Ja, ein starker Mann –«

 

»Mag sein.«

 

Joe Bray sah sich ängstlich um. Er haßte chinesische Politik, und »er« haßte sie noch viel mehr.

 

»Fing-Su,« sagte er verlegen, »der amerikanische Konsul mit dem langen, schmalen Gesicht war gestern zum Mittagessen hier. Er war sehr aufgebracht über euren Klub der ›Freudigen Hände‹. Er sagte, überall im Lande werde soviel davon gesprochen. Die Zentralregierung hat schon Erkundigungen darüber eingezogen. Ho Sing war letzte Woche hier und hat gefragt, wann man wohl damit rechnen könnte, daß Sie wieder nach London zurückkehrten.«

 

Die dünnen Lippen des Chinesen kräuselten sich lächelnd. »Man macht viel zu viel Lärm über meinen kleinen Klub«, sagte er. »Er verfolgt doch nur soziale Zwecke – mit Politik haben wir nicht das mindeste zu tun. Mr. Bray, glauben Sie nicht, daß es eine gute Idee ist, die Reservefonds der Yünnan-Gesellschaft dazu zu brauchen, daß –«

 

»Das denke ich durchaus nicht!« Joe schüttelte heftig den Kopf. »Die kann ich in keiner Weise angreifen. Was nun aber die Aktien betrifft, Fing –«

 

»Sie liegen bei meinem Bankier in Schanghai – sie sollen zurückgegeben werden«, sagte Fing-Su. »Ich habe nur den Wunsch, daß unser Freund mich gerne hat. Ich habe nur Bewunderung und Hochachtung für ihn. ›Gelbe Schlange!‹ hat er gesagt. Das war doch wirklich unfreundlich.«

 

Die Sänfte des Chinesen wartete, um ihn nach Hause zu tragen. Joe Bray sah den laufenden Kulis lange nach, bis eine Biegung des Weges in dem hügeligen Gelände sie seinen Blicken entzog.

 

Vor dem kleinen Hause Fing-Sus warteten drei Leute. Sie hockten vor der Türe. Er entließ seine Träger und winkte die Leute in den dunklen, mit Matten bedeckten Raum, der ihm als Arbeitszimmer diente.

 

»Zwei Stunden nach Sonnenuntergang wird Clifford Lynne« – er nannte ihn jetzt mit seinem richtigen Namen – »durch das Tor des ›Wohltätigen Reises‹ kommen. Tötet ihn und bringt mir alle Papiere, die er bei sich trägt.«

 

Clifford war pünktlich auf die Minute, doch er kam durch das Mandarinentor, und die Meuchelmörder verfehlten ihn. Sie berichteten ihrem Herrn alles, aber der wußte bereits, daß Clifford zurückgekehrt war und auf welchem Wege.

 

»Es gibt viele Möglichkeiten, daß du um die Ecke gehst«, sagte Fing-Su vor sich hin. »Vielleicht ist es gut, daß das Ding nicht passierte, während ich in der Stadt war. Morgen werde ich nach England gehen und dann mit großer Macht zurückkehren!«

 

Kapitel 10

 

10

 

Fing-Sus Bestürzung dauerte nur einen Augenblick. Die zusammengelegten Arme sanken wieder herunter, die geneigte Gestalt richtete sich plötzlich gerade auf und Grahame St. Clay wurde wieder zum Europäer. In seinen Augen leuchtete tödlicher Haß, der ihn plötzlich schrecklich erscheinen ließ. Aber nur für den Bruchteil einer Sekunde regte sich in ihm das Tier, das Feuer erlosch, und er war wieder der Alte.

 

»Diese Zudringlichkeit ist unerhört«, sagte er in einem sonderbar abgerissenen Ton, der bei jeder anderen Gelegenheit lächerlich erschienen wäre.

 

Clifford Lynnes Augen wanderten auf den weißgedeckten Tisch mit den Silberbestecken, Glasgarnituren und Blumen. Dann sah er langsam das Mädchen an und lächelte. Und dieser Mann lächelte so wundervoll, wie sie es noch nie gesehen hatte.

 

»Wenn Sie meine Gegenwart eine Mahlzeit lang ertragen können, würde ich mich sehr freuen, Sie einzuladen«, sagte er.

 

Joan nickte.

 

Sie war von dem Vorfall erschreckt und sah in ihrer Verwirrung noch schöner aus. Sie wäre kein junges Mädchen gewesen, wenn es anders gewesen wäre. Ihr Interesse war geweckt. Diese beiden Männer waren unerbittliche Feinde. Das erkannte sie in diesem Augenblick so klar, als ob man ihr die Geschichte erzählt hätte, welche Bewandtnis es mit der Schlange hatte, die sich in Sunningdale aus dem Kasten herauswand. St. Clay hatte sie geschickt. Dieser aalglatte Chinese, den Clifford Lynne soeben Fing-Su nannte! Diese Erkenntnis ließ sie erbleichen. Unwillkürlich näherte sie sich Clifford.

 

»Mr. Narth!«

 

Fing-Su konnte kaum sprechen. Das Selbstbewußtsein, das ihm sein Universitätsstudium gab, ließ ihn vor Wut kochen. Seine Stimme zitterte, fast von Tränen erstickt.

 

»Sie haben mich und diese junge Dame zu Tisch gebeten. Sie können unter keinen Umständen erlauben –« Er konnte nicht weiter sprechen.

 

Stephen Narth fühlte, daß er in diesem Moment seine Persönlichkeit geltend machen mußte.

 

»Joan, du bleibst hier!« kommandierte er.

 

Das war sehr leicht gesagt. Aber in welchem Ton sollte er nun zu dem Mann an der Türe sprechen? Das war sehr schwer. Wenn die übelaussehende Gestalt in Sunningdale schon schwer zu behandeln war, wieviel schwerer war es erst, mit diesem kühlen und höflichen Weltmann fertig zu werden!

 

»Hm – Mr. Lynne –« begann er freundlich. »Ich bin in großer Verlegenheit. Ich habe Joan gebeten, mit unserem Freunde zu speisen –«

 

»Ihr Freund«, unterbrach ihn Lynne rasch, »ist nicht der meine, Mr. Narth! Ich wünsche um Erlaubnis gefragt zu werden, bevor Sie es wagen, meine zukünftige Frau mit einem Menschen zusammen zu Tisch zu laden, der gemeinen Mord als ein erlaubtes Mittel betrachtet, Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen!«

 

Er winkte Joan durch eine kleine Kopfbewegung zu sich. Freundlich folgte sie seinem Wink. Mr. Narth brachte nicht den Mut auf, ärgerlich zu sein.

 

Lynne trat einen Augenblick zur Seite, um das Mädchen in den äußeren Raum zu lassen.

 

Ohne Narth eines Blickes zu würdigen, zeigte er auf den Chinesen.

 

»Fing-Su, ich warne Sie zum drittenmal! Der Bund der ›Freudigen Hände‹ braucht einen anderen Führer, und die schöne Fabrik in Peckham wird in Flammen aufgehen und Sie mit ihr!«

 

Er wandte sich kurz um, verließ den Raum und schlug die Tür hinter sich zu.

 

Joan wartete draußen im Gang. Sie war bestürzt und aufgeregt, und doch glaubte sie in dem Gewirr ihrer Gefühle an den fremden Mann, der so unerwartet und heftig in ihr Leben getreten war. Sie wandte sich ihm zu und lächelte ihn an, als er die Türe schloß.

 

»Wir wollen zu Ritz gehen«, sagte er kurz. »Ich bin sehr hungrig, schon seit heute morgen um vier Uhr bin ich auf den Beinen.«

 

Während sie im Fahrstuhl nach unten fuhren, war er schweigsam. Erst als sie im Auto saßen und ihren Weg durch den riesigen Verkehr nach dem Mansion House nahmen, sprach sie.

 

»Wer ist eigentlich Fing-Su?«

 

Er fuhr in die Höhe, als ob er aus einem Traum aufwachte.

 

»Fing-Su,« sagte er gleichgültig, »ach, das ist nur ein Chinesenbengel, der Sohn eines alten Unternehmers, der an sich kein schlechter Kerl war. Nur hatte der Alte seine Erziehung in der Missionsschule erhalten, und das hatte seinen Charakter verdorben. Denken Sie nicht, daß ich die Missionare schlecht machen will, aber die können eben auch keine Wunder tun. Es dauert mindestens neun Generationen, um Schwarze so weit zu erziehen, daß sie wie Weiße denken lernen. Aber zehntausend Jahre genügen nicht, um die Mentalität eines Chinesen zu ändern.«

 

»Er hat aber die Sprache eines feingebildeten Mannes«, sagte sie.

 

Er nickte.

 

»Er hat sein Examen in Oxford gemacht – der alte Joe Bray sandte ihn dorthin.« Über ihr Erstaunen mußte er lächeln. »Ja, Joe hat mit seinem guten Herzen so manche merkwürdigen und verrückten Dinge angestellt«, sagte er. »Daß er Fing-Su nach Oxford sandte, war einer seiner tollen Streiche.«

 

Später konnte sie sich nicht mehr genau erinnern, was sich bei dem Essen alles zugetragen hatte. Sie besaß nur eine vage Erinnerung, daß er die meiste Zeit zu ihr gesprochen hatte. Gegen das Ende ihres Zusammenseins drückte sie ihre Befürchtungen über das Verhalten von Mr. Narth aus.

 

»Machen Sie sich keine Sorgen über ihn – er hat mit seinen Schwierigkeiten genug zu tun, die sind sehr böse und nehmen ihn ganz in Anspruch«, sagte er finster.

 

Aber es drängte sie, mit ihm über einen Punkt zu sprechen. Er hatte einen Wagen bestellt, der vor dem Hotel wartete, und bestand darauf, daß er sie nach Sunningdale heimbegleitete.

 

»Mr. Lynne,« sagte sie zögernd, »dieses merkwürdige Heiratsproblem –«

 

»Ist nicht merkwürdiger als andere Eheschließungen,« sagte er kalt, »wirklich gar nicht so seltsam, wie es schiene, wenn mein Bart noch in voller Blüte stände. Wollen Sie nicht mehr mittun?«

 

Es war nur erklärlich, daß Joan sich über die Freude ärgerte, die aus seiner Frage klang.

 

»Davon kann keine Rede sein, ich bleibe dabei, ich habe es doch versprochen«, sagte sie.

 

»Warum?« fragte er.

 

Sie errötete.

 

»Was wollen Sie damit sagen?«

 

»Warum haben Sie so schnell Ihre Einwilligung gegeben? Das war mir damals schon ein Rätsel«, sagte er. »Sie gehören doch nicht zu den Mädchen, die sich auf den ersten besten Mann stürzen, der ihnen in den Weg kommt. Es ist ein großer Unterschied zwischen Ihnen und der hochmütigen, sentimentalen Mabel und der überspannten Letty. Welchen Vorteil hat denn Narth davon?«

 

Auf diese Frage gab sie keine Antwort.

 

»Sicherlich hat er doch einen Vorteil. Er hat zu Ihnen gesagt: ›Du mußt diesen sonderbaren Vogel heiraten oder ich werde‹ – nun was?«

 

Sie schüttelte abweisend den Kopf. Aber er drang weiter in sie, und seine kühnen grauen Augen suchten die ihren.

 

»Ich hatte mich damit abgefunden, irgendwen zu heiraten, als ich hierherkam, aber ich erwartete nicht – Sie!«

 

»Warum hatten Sie sich denn damit abgefunden, irgendwen zu heiraten?« griff sie ihn an. Ein listiges Lächeln zeigte sich in seinen Augen.

 

»Ihre Frage ist berechtigt«, gab er zu. »Nun wohl, ich will es Ihnen erzählen. Ich hatte den alten Joe wirklich gern, zweimal rettete er mir das Leben. Er war der beste Mensch, aber ein alter romantischer Phantast. Er war darauf versessen, daß ich jemand aus seiner Familie heiraten sollte. Ich habe nichts davon gewußt, bis er im Sterben lag – ich glaubte es nicht, aber dieser verrückte Doktor aus Kanton bestätigte mir, daß er sterben müsse. Joe sagte mir, daß er glücklich sterben würde, wenn ich seine Linie weiterführte, wie er es nannte, obgleich, Gott weiß, niemand in der Familie ist, mit dem es wert wäre, die Linie fortzusetzen – mit Ausnahme von Ihnen natürlich!« fügte er schnell hinzu.

 

»Und Sie gaben Ihr Versprechen?«

 

Er nickte.

 

»Und ich war bei vollem Verstand, als ich es versprach. Ich habe das entsetzliche Gefühl, daß ich es aus Sentimentalität getan habe. Er starb in Kanton – von daher kam das Telegramm. Wie ähnlich sieht es Joe, ausgerechnet in Kanton zu sterben!« sagte er bitter. »Konnte er denn nicht normalerweise am Siang-kiang sein Leben beschließen!«

 

Sie erschrak über seine Gefühllosigkeit.

 

»Sagen Sie mir bitte offen, was Sie von mir erwarten, nachdem Sie mir gestanden haben, daß Sie nur heiraten, um ein Versprechen einzulösen?« fragte sie.

 

»Sie können Ihren Vorteil wahrnehmen und sich zurückziehen«, sagte er schroff. »Erst bei meiner Ankunft in England sah ich das Testament des alten Joe, als es zu spät war, dasselbe zu ändern. Wenn Sie mich vor Ende dieses Jahres heiraten, bringt das Narth eine Million Pfund ein.«

 

»Eine so große Summe?« fragte sie verwirrt.

 

Er staunte.

 

»Ich dachte, Sie würden sagen: ›Ist das alles?‹ In Wirklichkeit ist es mehr als eine Million – oder wird es in einiger Zeit sein. Die Firma ist ungeheuer reich.«

 

Es folgte eine Pause, in der beide zu sehr mit eigenen Gedanken beschäftigt waren, um zu sprechen. Dann unterbrach sie das Schweigen.

 

»Sie haben die Geschäfte für ihn geführt, Mr. Lynne, nicht wahr?«

 

»Meine besten Freunde nennen mich Cliff«, sagte er. »Aber wenn Sie das zu intim finden, nennen Sie mich ruhig Clifford. Ja, ich führte die Geschäfte.«

 

Er gab keine weitere Auskunft, und das Schweigen wurde so drückend für sie, daß sie froh war, als der Wagen vor der Tür ihrer Wohnung in Sunningdale hielt. Letty, die auf dem Rasen Croquet spielte, kam mit ihrem Hammer in der Hand herbei und zog die Augenbrauen hoch.

 

»Ich dachte, du würdest in der Stadt speisen, Joan«, sagte sie tadelnd. »Wirklich, es ist sehr peinlich, heute nachmittag kommen die Herren Vasey, und ich weiß, daß du sie nicht leiden kannst.«

 

Jetzt erst sah sie den feinen fremden Herrn, senkte den Blick und wurde äußerst verlegen. Denn Lettys Bescheidenheit und Verwirrung in Gegenwart von Männern war bekannt und ließ sie in solchen Augenblicken sehr charmant erscheinen.

 

Joan machte gar keine Anstalten, ihren Begleiter vorzustellen. Sie sagte nur »Auf Wiedersehen« und sah dem Wagen nach, wie er die Straße herunterfuhr.

 

»Aber Joan,« sagte Letty ärgerlich, »du hast abscheuliche Manieren! Warum in aller Welt hast du mir den netten Herrn denn nicht vorgestellt?«

 

»Ich dachte, du wolltest ihm nicht vorgestellt werden, da du das letztemal so sehr aufgebracht warst, als er bei uns war«, sagte Joan ein wenig schadenfroh.

 

»Aber er ist doch noch nie bei uns gewesen«, widersprach Letty. »Und es ist noch unglaublicher, daß du behauptest, ich hätte irgend etwas Schlechtes über jemand gesagt. Wer ist es denn?«

 

»Clifford Lynne«, sagte Joan und fügte hinzu: »Mein Bräutigam!«

 

Sie ließ Letty mit offenem Munde und wie vom Blitz getroffen zurück und ging auf ihr Zimmer. Aber am Nachmittag war sie doch sehr besorgt, was Mr. Narth bei seiner Rückkehr sagen würde. Als er dann aber kurz vor dem Abendessen zurückkam, war er sehr liebenswürdig, ja väterlich zu ihr. Sein Wesen zeigte jedoch eine Nervosität, die sie vorher niemals bei ihm bemerkt hatte, und sie zerbrach sich den Kopf, ob die Ursache hierfür Clifford Lynne oder der böse Chinese sei, von dem sie in der folgenden Nacht noch so entsetzlich träumen sollte.

 

Kapitel 11

 

11

 

Mr. Clifford Lynne hatte ein kleines, möbliertes Haus in Mayfair gemietet. Er schätzte sein Quartier, weil es einen Eingang von der Rückseite hatte. Hinter dem Hause befand sich eine kleine Garage, die einen Ausgang nach einer langen, sehr engen Gasse hatte, an der andere Garagen lagen. Über den Wagenräumen befanden sich die Wohnungen der Chauffeure.

 

Clifford Lynne war über eine Nachricht sehr verblüfft, aber sie betraf weder Fing-Su, noch Mr. Narth noch Joan. Ein Zweifel hatte sich zu starkem Verdacht verdichtet, und er war nicht weit davon entfernt, ihn als Tatsache zu nehmen.

 

Den ganzen Nachmittag hatte er in Zeitungen aus China gelesen, die mit der letzten Post aus China gekommen waren. Kurz vor sieben fand er einen Abschnitt im North China Herald, der ihn plötzlich mit einem Fluch in die Höhe fahren ließ. Leider war es zu spät, um sofort Nachforschungen anzustellen, da im selben Moment Besuch angekündigt wurde. Mr. Ferdinand Leggat, dieser liebenswürdige, freundliche Mann, war durch die Garage in einem geschlossenen Wagen auf den Hof gekommen, und der Chauffeur Mr. Lynnes hatte ihn durch die Hintertüre hereingelassen. Es gab aber auch gute Gründe für diese Vorsicht.

 

Als er das kleine Speisezimmer betrat, drehte er sich hastig um und wollte die Tür hinter sich fest schließen. Aber der Diener, der ihm auf dem Fuß folgte, machte dies überflüssig. Sein Gesicht zeigte einen merkwürdigen Ausdruck, der nicht gerade Furcht bedeutete, aber man sah doch, daß ihm nicht ganz wohl zumute war.

 

»Ich wünschte, Sie hätten die Zusammenkunft etwas später arrangieren können, Mr. Lynne«, sagte er, als dieser ihm einen Platz anbot.

 

»Was bei Tage vor sich geht, sieht immer unschuldig aus«, bemerkte Clifford ruhig. »Außerdem verdächtigt niemand eine Droschke. Ich vermute, daß Sie sie auf der Straße anriefen? Und nach den paar halblauten Instruktionen brachte der Kutscher Sie hierher. Ja, wenn Sie in einer langen, grauen Limousine gekommen wären, die Sie in einer dunklen Straße aufgenommen hätte, würden Sie vielleicht die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben.«

 

»Diese Kutscher schwatzen«, sagte der andere und spielte mit Messer und Gabel.

 

»Nicht dieser Mann, denn seit acht Jahren steht er in meinen Diensten. Alles, was Sie zu Essen und Trinken brauchen, steht auf dem Büfett – bitte bedienen Sie sich selbst.«

 

»Kommt Ihr Diener auch nicht herein?« fragte der andere nervös.

 

»Wenn das der Fall wäre, würde ich Sie nicht bitten, sich selbst zu bedienen«, entgegnete Clifford. »Ich möchte mit Ihnen ein wenig sprechen, bevor Sie gehen. Deswegen bat ich Sie, so früh zu kommen. Sagen Sie mir bitte, was hat sich heute ereignet?«

 

Lynne wandte sich zum Büfett, legte sich ein Stück Huhn und Salat auf den Teller und kam damit zu dem Tisch.

 

»Was ist passiert?« fragte er noch einmal.

 

Mr. Leggat schien keinen Appetit zu haben, denn er nahm nur eine Whiskyflasche und einen Siphon mit Sodawasser.

 

»St. Clay rast vor Wut«, sagte er. »Sie müssen sich sehr vor diesem Menschen in acht nehmen, Lynne. Er ist wirklich ein gefährlicher Kerl.«

 

Clifford Lynne lächelte.

 

»Habe ich Sie den ganzen weiten Weg von Ihrem Heim in South Kensington hierherkommen lassen, um das zu erfahren?« fragte er ironisch. »Natürlich ist er ein gefährlicher Kerl. Aber sagen Sie mir lieber, was hat sich zugetragen?«

 

»Ich weiß es nicht genau. Ich sah Spedwell vor einigen Minuten, und er sagte mir, daß St. Clay –«

 

»Nennen Sie ihn doch lieber Fing-Su – dieses Gerede mit St. Clay fällt mir wirklich auf die Nerven!«

 

»Er sagte, daß Fing-Su zuerst Himmel und Hölle in Bewegung setzte und dann darauf bestand, daß Narth die Sache als einen Scherz ansehen sollte. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich das Mädel sorgsam bewachen lassen.«

 

Clifford sah den andern scharf an.

 

»Sie meinen Miß Bray – ich glaube, es ist besser, daß Sie die Dame Miß Bray nennen. ›Das Mädel‹ klingt ein wenig respektlos«, sagte er kühl. »Meinen Sie nicht auch?«

 

Leggat zwang sich zu einem Lächeln.

 

»Ich wußte nicht, daß Sie so verflucht korrekt sind«, brummte er.

 

»Ja, das bin ich in der Tat«, sagte Clifford. »Also – Fing-Su ist bestimmt gefährlich, das habe ich nie bezweifelt. Aber wissen Sie auch, wie tödlich gefährlich er ist?«

 

»Ich?« fragte Leggat verwundert. »Warum?«

 

Der andere sah ihn sonderbar an.

 

»Ich vermute, daß Sie in seine kostbare Gesellschaft der ›Freudigen Hände‹ eingetreten sind, und daß Sie da so eine Art Hokuspokuseid geschworen haben?«

 

Leggat rutschte unbehaglich in seinem Stuhl hin und her.

 

»Ach so! Nun ja, ich kümmere mich sehr wenig um diese Dinge«, sagte er verlegen. »Geheimgesellschaften sind alle ganz gut in ihrer Weise, aber sie sind doch schließlich nur eine Spielerei mit allerhand mystischen Dingen. Aber abgesehen davon – Fing-Su besitzt eine große Fabrik in London. Es würde ihm schaden, wenn er sich auf unreelle Tricks einließe. Er sagte mir zum Beispiel, daß er in etwa einem Jahr den ganzen Handel Südchinas in seiner Hand haben wird, und man erzählt sich, daß er Handelsniederlassungen bis weit an die tibetanische Grenze hat! Der Mann muß jährlich Tausende verdienen! Diese Geheimgesellschaft ist nur ein Handelskniff. Von Spedwell weiß ich, daß Logen dieses Systems fast in jeder größeren Stadt Chinas bestehen. Natürlich kommt das dem Geschäft zugute. Er hat es dadurch erreicht, daß er von seinen Landsleuten fast wie ein Gott verehrt wird. Sehen Sie sich doch einmal die Bureaus an, die er am Tower Hill baut, und die Fabrik draußen in Peckham!«

 

»Ich will die Fabrik in Peckham diesen Abend noch besuchen«, sagte Lynne. Erstaunen malte sich auf Leggats Gesicht.

 

»Was wollen Sie denn damit erreichen?« fragte er. »Der Platz wimmelt von Chinesen. Er beschäftigt dort über zweihundertfünfzig Mann. Die Peckham-Leute würden bei Ihrem Erscheinen einen Aufstand machen, auch wenn es nur fünfzig wären. Deshalb läßt er die Leute auch innerhalb der Fabrik wohnen. Sie können in die Werke nicht hineinkommen, selbst nicht für Geld und gute Worte.«

 

Clifford Lynne lächelte.

 

»Trotzdem werde ich es versuchen«, sagte er. »Alles, was ich von Ihnen dazu brauche, ist der Hauptschlüssel zu den äußeren Toren.«

 

Der große Mann wurde totenbleich, und die Hand, die das Whiskyglas hielt, zitterte.

 

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte er mit heiserer Stimme. »Großer Gott, Mann, Sie werden doch nicht dorthin gehen – ich kann Sie unmöglich dorthin bringen – gibt es denn gar keinen anderen Weg? Können Sie Ihr Ziel nicht mit Hilfe der Polizei oder des Auswärtigen Amtes erreichen?«

 

»Die Polizei und das Auswärtige Amt würden mich auslachen«, sagte Lynne. »Ich will selbst mit eigenen Augen sehen, was sich innerhalb der Umfassungsmauer dieses drei Morgen großen Grundstücks abspielt. Ich will genau feststellen, was Mr. Grahame St. Clay mit seinen Warenhäusern, seinen Schiffen und seinen Motorbooten macht. Aber besonders begierig bin ich, die Halle der ›Weißen Ziege‹ kennenzulernen.«

 

Leggat zitterte wie Espenlaub. Er öffnete seinen Mund, um zu sprechen, aber er konnte kein Wort hervorbringen.

 

»Dort lauert der Tod!« stieß er endlich hervor.

 

Ein stahlharter Blick des andern ließ ihn erschauern.

 

»Vielleicht auf Sie – aber nicht auf mich!« sagte Clifford Lynne.

 

Kapitel 12

 

12

 

Die rührige Tätigkeit der Chinesischen Handelsgesellschaft hätte weiter keine große Beachtung erfahren, wenn man sie nicht für die Arbeiterunruhen verantwortlich gemacht hätte, die wegen der Verwendung gelber Menschen ausgebrochen waren. Man wußte, daß die Gesellschaft mit dem Kapital reicher Chinesen gegründet war. Deshalb war es nicht verwunderlich, daß die Gründer es vorzogen, Landsleute anzustellen. Als die Beschwerden der Arbeiterschaft beigelegt und die Leute der Chinesischen Handelsgesellschaft als Gewerkschaft anerkannt waren, verstummten die Anfeindungen. Aber die Proteste erneuerten sich, als die Bewohner der umliegenden Gegend durch ein Verbrechen in Schrecken versetzt wurden, das in der Nähe der Fabrik begangen wurde. Es blieb aber glücklicherweise bei dem einen Fall, da die Gesellschaft durchgreifende Maßnahmen ergriff und den chinesischen Arbeitern Wohnungen in dem Fabrikgebäude selbst zuwies. Es war Platz genug dazu vorhanden, denn es standen viele Betonhäuser hier. Es war eine der vielen Fabrikanlagen, wie sie während des Krieges aus dem Boden wuchsen und mit dem Waffenstillstand entbehrlich wurden. Die Firma hatte diese große Niederlassung für einen Bruchteil des Wertes erworben.

 

Die Fabrik erhob sich an den Ufern des träge dahinfließenden Surrey-Kanals. Sie hatte eine eigene kleine Dockanlage und einen Uferkai, wo unzählig viele Lastboote Woche um Woche entladen und wieder beladen wurden. Nur die Lastboote waren mit weißen Arbeitern bemannt; auf den Schiffen, welche die Waren der Gesellschaft an die afrikanische Küste brachten, waren sowohl die Offiziere wie die Mannschaften Chinesen.

 

Die sogenannte »Gelbe Flotte« bestand aus vier Schiffen, die man günstig erworben hatte, als die Schiffahrt ganz daniederlag. Offensichtlich handelte die Firma mit gutem Erfolg in Reis, Seide und den tausendundein Produkten des fernen Ostens. Diese Waren wurden gewöhnlich an den Ufern des Pool unterhalb London entladen und kamen auf dem gewöhnlichen Handelsweg in den Markt. Die Ladung der Schiffe wurde durch Leichter herangebracht, die vom Surrey-Kanal kamen. Man lud nur solche Güter, welche die Gesellschaft in China schnell umsetzen konnte.

 

Es regnete, als Clifford Lynne in einer Droschke aus der Old Kent Road fuhr, um möglichst schnell nach Peckham zu kommen. Kurz vor der verlassenen Kanalbrücke hielt der Wagen, und Lynne stieg aus. Er gab dem Kutscher kurze, leise Instruktionen. Dann ging er zu dem Kanalufer hinunter. Außer dem Sirenengeheul eines entfernten Dampfers, der auf dem Wege zum Meere war, wurde die Stille durch kein Geräusch unterbrochen. Rasch ging er die enge Uferstraße auf der Wasserseite entlang. Einmal kam er an einem Boot vorbei, das am Ufer festgemacht war, und hörte die leisen Stimmen des Bootsmannes und seiner Frau, die sich miteinander unterhielten.

 

Nachdem er zehn Minuten gegangen war, verlangsamte er seine Schritte. Gerade vor ihm, auf der linken Seite, lagen die dunklen Gebäude der chinesischen Fabrik. Er ging durch das Haupttor. Die kleine Türe für Fußgänger stand offen. Davor hockte ein ungeheuer großer Kuli, den er im Schein der Zigarre sah, die der Mann rauchte. Der Wächter entbot ihm mit gurgelnder Stimme »Guten Abend«, und er erwiderte den Gruß.

 

Der Kanal machte hier, etwas oberhalb des Tores, eine Biegung, und in einigen Sekunden konnte ihn der Kuli nicht mehr sehen. Jetzt bog die Mauer im rechten Winkel ab, und er kam in einen engen, dunklen Durchgang, der an der Mauer entlang lief. Es hatte sich eingeregnet, und die Tropfen fielen melancholisch auf seinen Mantel. Er hatte eine elektrische Lampe aus seiner Tasche gezogen. Mit ihrer Hilfe konnte er den tiefen Löchern in dem scheinbar selten benutzten, schlechten Fußweg ausweichen.

 

Jetzt fand er, wonach er gesucht hatte – eine schmale Tür, die tief in der Mauer zurücklag. Er stand still und lauschte ein paar Minuten, dann steckte er den Schlüssel in das Loch und drehte ihn um. Er öffnete leise und schlüpfte hinein.

 

Soweit er sehen konnte, hob sich zu seiner Linken die gerade Umrißlinie des Hauptgebäudes gegen den Himmel ab. Zu seiner Rechten stand ein Betonschuppen, der so niedrig war, daß die Traufkante des Daches sich nicht über Augenhöhe erhob. Während des Krieges hatte man diesen Platz benutzt, um die Bomben mit Sprengstoff zu füllen, und augenscheinlich hatte dieser Schuppen zur Unterbringung der Sprengstoffe gedient.

 

Er tastete sich vorsichtig weiter und vermied es, seine Taschenlampe zu gebrauchen. Von irgendwoher kamen aus dem dunklen Gelände die tiefen Töne eines Chorgesangs. Da sind die Quartiere der Leute, dachte er, als er bemerkte, aus welcher Richtung das Geräusch kam.

 

Eine schöne breite Steintreppe, die unterhalb der Erdgleiche lag, führte ihn zu dem Tor des Schuppens. Wieder stand er still und lauschte, steckte den Schlüssel ein und drehte ihn leise um. Nachdem er seine Lampe einen Augenblick eingeschaltet hatte, sah er eine zweite Flucht von Stufen, die tief in die Erde hinabführten. Hier waren zwei Tore, aber sie glichen keinem von denen, durch die er bisher gegangen war. Sie waren reich mit fein geschnitzten Figuren verziert und mit leuchtenden, lebhaften Farben bemalt. Selbst wenn er in solchen Dingen nicht kundig gewesen wäre, hätte er chinesische Kunstformen in ihnen erkannt.

 

Es dauerte einige Zeit, bevor er das Schlüsselloch fand. Aber schließlich hatte er eines der beiden Tore geöffnet. Als es sich auftat, kam ihm schwerer Weihrauchduft und ein beißender Geruch entgegen, den er nur allzu gut kannte. Trotz seines Mutes fühlte er sein Herz schneller schlagen.

 

Nachdem er die Tür sorgsam hinter sich geschlossen hatte, leuchtete er mit seiner Blendlaterne die Wand entlang, und nach einer oder zwei Sekunden hatte er den elektrischen Schalter gefunden. Ohne Zögern drehte er das Licht an. Sofort leuchteten zwei glitzernde, elektrische Lampen auf, die von massiv bronzenen Pfosten getragen wurden.

 

Der Raum war lang und schmal und hatte eine niedrige Decke. Die Betonwände, die ehemals die Sprengstoffe eingeschlossen hatten, waren mit roter Seide bespannt, in die chinesische Sprüche eingestickt waren. Diese Wandbespannungen wechselten mit Pilastern ab, die aus gehämmertem Golde zu sein schienen. Der Steinboden war mit leuchtenden, farbigen Majolikafliesen gedeckt, und an drei Seiten des Raumes zog sich der breite Streifen eines dunkelblauen Teppichs hin. Aber das beachtete er im Augenblick alles nicht, seine Aufmerksamkeit wurde auf einen länglichen Marmoraltar gelenkt, der am anderen Ende des Raumes stand. Hinter diesem, auf einem steinernen Unterbau, befand sich das besondere Symbol der Geheimgesellschaft: zwei goldene Hände, die in Freundschaft ineinandergeschlungen waren. Sie waren an einem rotlackierten Pfosten befestigt, der mit Inschriften von Goldbuchstaben bedeckt war.

 

Eine Weile las er diese Inschriften. Sie waren von wunderbarem Inhalt und ermahnten besonders zur Tugend und zur Kindesliebe. Unter den Händen stand unter einem kleinen, purpurroten Baldachin ein Thron. Als er näher kam, sah er glitzerndes Licht, das von der Spitze des Altars kam, und zu seinem Erstaunen bemerkte er, daß der Rand mit Diamanten besetzt war!

 

»Mag kommen, was will!« sagte er verwundert und streckte die Hand aus, um die glänzenden Edelsteine zu berühren.

 

In diesem Augenblick gingen plötzlich alle Lichter im Raume aus. Er fuhr herum und zog blitzschnell seinen Revolver aus der hinteren Tasche.

 

Mit schwirrendem Tone sauste etwas an seiner Backe vorbei. Er hörte den Aufschlag eines Messers, das gegen die Wand fuhr und dann auf den Boden niederfiel. Ein zweites Messer schwirrte hinterher. Da feuerte er zweimal in der Richtung nach der Tür. Er hörte ein Stöhnen, das plötzlich verstummte, als ob kräftige Hände den Mund des Getroffenen geschlossen hätten.

 

Tiefes Schweigen herrschte. Nur das Gleiten bloßer Füße auf dem glatten Boden zeugte von der Gegenwart seiner Angreifer.

 

Clifford stürzte nach vorn und setzte sich nieder. Im Nu hatte er seine Schuhe ausgezogen, knotete die Schnürriemen zusammen und hing sie um den Hals, wie er es früher als Schüler gemacht hatte, wenn er durch einen verbotenen Teich watete. Dann erhob er sich geräuschlos und tastete sich an dem Teppich entlang. Seine Ohren waren darauf eingestellt, den leisesten Ton zu erhaschen.

 

»Klick!«

 

Da stieß Stahl gegen den plattenbelegten Fußboden. Sie suchten ihn mit ihren bloßen Schwertern – wie viele mochten es sein?

 

Weniger als ein Dutzend, schloß er daraus, daß sie das Licht ausgedreht hatten. Eine größere Schar hätte es gewagt, seinem Revolver entgegenzutreten. Nach einer Weile wandte sich die Reihe der Sessel nach links. Er bewegte sich jetzt auf die Tür zu und mußte die größte Vorsicht gebrauchen.

 

Er stand still und lauschte. Jemand atmete tief, ganz dicht bei ihm. Das mußte der Torwächter sein. Da kam ihm ein Gedanke. Die Chinesen haben eine ganz besondere Art zu flüstern – ein tiefes Zischen, nicht lauter als das Seufzen des Nachtwindes.

 

»Geht alle zu den Händen!« flüsterte er. Er sprach in dem Dialekt von Yünnan und hatte damit Erfolg. Das Geräusch des Atmens verschwand aus seiner Nähe, und er bewegte sich verstohlen auf die Türe zu. Bei jedem Schritt stand er still und lauschte.

 

Der Teppich endete plötzlich, seine Finger berührten die seidene Bespannung und dann die bloße Wand. Nach einem weiteren Augenblick war er durch die offene Tür gegangen und stieg die Stufen herauf. Über ihm erhob sich am äußeren Eingang die Gestalt eines stehenden Mannes in vornübergeneigter, lauschender Haltung. Die Figur stand schwarz gegen den hellen Nachthimmel.

 

Clifford blieb stehen, um Atem zu holen. Dann sprang er mit zwei großen Schritten die Treppe hinauf.

 

»Wenn du dich rührst, bist du des Todes!« flüsterte er und drückte die Mündung seiner Pistole in den wattierten Rock.

 

Der Mann schreckte zurück, faßte sich aber sofort wieder. Clifford hörte ein Lachen, das er kannte.

 

»Schießen Sie nicht, Mr. Lynne! Sic itur ad astra! Aber ich ziehe einen anderen Weg zur Unsterblichkeit vor!«

 

In dem Lichte seiner Taschenlampe erkannte Clifford den Mann. Er trug einen langen Rock, der bis zu den Knöcheln herabreichte, auf seinem Kopf saß eine runde Chinesenmütze.

 

Es war Grahame St. Clay, B. A.!

 

Kapitel 13

 

13

 

Clifford hörte die Tritte nackter Füße auf den Treppenstufen. Sofort wandte er sich mit erhobener Pistole um.

 

»Rufen Sie Ihre Hunde zurück, Fing-Su!« rief er.

 

Der andere zögerte einen Augenblick, aber dann zischte er etwas mit einem scharfen Unterton. Das Rascheln hörte auf. Aber als Clifford in die Türöffnung nach unten sah, blitzte eine bloße Klinge auf. Er lächelte.

 

»Nun zum Ausgang, mein Freund«, rief er. Dabei faßte er den Arm Fing-Sus mit eisernem Griff und führte ihn nach der Mauer, in der sich das Tor befand.

 

»Mein lieber Mr. Lynne« – sagte der Chinese vorwurfsvoll – »warum in aller Welt haben Sie mir denn nicht einen kurzen Brief geschrieben, wenn Sie unseren Logenraum sehen wollten? Es wäre mir ein großes Vergnügen gewesen, Ihnen das ganze Anwesen zu zeigen. So haben sich diese armen Leute natürlich eingebildet, daß ein Dieb eingebrochen sei – denn wie Sie sich selbst überzeugt haben, befindet sich eine Menge wertvoller Dinge in der Halle der ›Freudigen Hände‹. Ich hätte es mir in der Tat niemals verziehen, wenn Ihnen irgend etwas zugestoßen wäre.«

 

Der Europäer antwortete nicht, alle seine Sinne waren aufs äußerste angespannt. Seine Blicke tasteten bald zur linken, bald zur rechten Seite ab. Er wußte genau, daß die ganzen Höfe voll von bewaffneten Leuten steckten. Er brauchte Fing-Su nur einen Augenblick von seiner Seite zu lassen, und es war um sein Leben geschehen.

 

Offenbar dachte Fing-Su dasselbe.

 

»Ich habe nie gewußt, daß Sie nervös wären, Lynne«, sagte er.

 

»Mr. Lynne«, verbesserte ihn der andere mit Nachdruck. Sein Gefangener schluckte.

 

Als sie nahe an das Tor der Mauer gekommen waren, zog Clifford seine Taschenlampe. Das Gelände fiel leicht nach dem Ausgang zu ab. Jetzt drückte er zum erstenmal auf den Lichtknopf. Er hatte dabei keinen Hintergedanken, er wollte nur den Weg beleuchten. Das Licht beschien für eine Sekunde das Tor, und dann wanderten die Strahlen nach rechts. Ein langes Dach, das an der Wand entlang lief, dehnte sich in einer Höhe von sechs Fuß über der Erde, so weit die Mauer reichte. In diesem Augenblick entdeckte Clifford, was er vermutet hatte. Eine lange Reihe von Fahrgestellen stand dicht gedrängt in dem mit Schiefer gedeckten Schuppen. Nur für den Bruchteil einer Sekunde konnte er die dunklen, grauen Räder sehen, dann wurde ihm die Lampe aus der Hand geschlagen.

 

»Bitte entschuldigen Sie«, sagte Fing-Su. »Es ist wirklich nur aus Versehen geschehen.« Der Chinese bückte sich, hob die Lampe auf und gab sie ihm zurück. »Es wäre mir lieber gewesen, Sie hätten kein Licht gemacht. Denn es ist mir sehr unangenehm, daß meine Leute beobachten konnten, daß ein Fremder die ›Halle des Geheimnisses‹ gesehen hat. Mr. Lynne, Sie wissen ganz genau, daß dieses Volk sehr erregbar ist und die Fremden haßt. Um es gerade heraus zu sagen, ich bin in großer Sorge, daß ich Sie hier wieder heil herausbringe, ohne daß Ihnen etwas zustößt. Wenn Sie das Licht anmachen, geben Sie den Leuten doch direkt ein Ziel.«

 

Clifford Lynne antwortete nicht darauf. Sie hatten das Tor erreicht. Fing-Su ging voraus, schloß auf und öffnete die Türe weit. Lynne entfernte sich rückwärts gehend, mit erhobener Pistole.

 

»Ich möchte Sie warnen«, sagte er zuletzt. »Meine Worte können Ihnen sehr nützlich sein. Sie haben mehr Geld als irgendein anderer Chinese. Gehen Sie doch in Ihre Heimat zurück, brauchen Sie Ihre Reichtümer, um Ihr Vaterland zu heben, und denken Sie nicht mehr an diese phantastischen Träume von Kaiserherrschaft!«

 

Er vernahm ein ruhiges, selbstbewußtes Lachen und wußte, daß seine Worte vergeblich waren. Das Tor wurde leise hinter ihm zugedrückt, und er hörte, wie der Schlüssel umgedreht wurde. Schnell wandte er sich dem Kanalufer zu, indem er mit der Taschenlampe leuchtete. Still und verlassen lag der Platz da. Er eilte den Weg am Ufer entlang, den er gekommen war. Er zweifelte nicht daran, daß er noch schwer zu kämpfen haben würde, um sicher zu entkommen, wenn es Mr. Grahame St. Clay so gefallen sollte. Noch lief er auf Strümpfen. Ungefähr zwölf Meter vom Haupttor der Fabrik machte er Halt. Das Geräusch der Türangeln zog seinen Blick nach der Richtung. Das Tor tat sich auf.

 

Sofort ließ er sich auf die Uferbefestigung nieder. Eine Reihe unheimlicher Gestalten strömte heraus. Ohne zu zögern, steckte er seine Pistole in die Tasche und glitt geräuschlos in das Wasser hinab. Vorsichtig schwamm er zum jenseitigen Ufer, in der Richtung auf einen Leichter, der dort festgemacht war. Das Wasser war schmierig und roch ölig, aber er achtete nicht darauf. Es war jedenfalls lange nicht so unangenehm, als wenn er in die Hände der Chinesen gefallen wäre.

 

Jetzt hatte er das Boot erreicht und hielt sich an einer Kette fest. Schweigend schwang er sich auf das Deck eines Kohlenbootes. Mit ein paar Schritten war er auf der Werft. Irgendwo im Dunkeln heulte ein Hund, vom jenseitigen Ufer hörte er die erregten Stimmen seiner Verfolger. Sie hatten ihn verfehlt und vermuteten jetzt, auf welche Weise er entkommen war.

 

Er nahm seinen Weg quer durch die Werft, auf der Kisten und Waren umherstanden. Schließlich kam er an ein hohes, hölzernes Tor. Als er darüber klettern wollte, bemerkte er, daß es oben mit einem Rande scharfer, rostiger Spitzen geschützt war, so daß er es nicht übersteigen konnte. Er suchte nach der Türe für Fußgänger. Entschlossen drückte er die Klinke herunter, und mit einem Seufzer der Erleichterung sah er, daß das Tor nachgab.

 

Aber die Gefahr war noch nicht vorüber, wie er erst jetzt gewahr wurde. Als er durch dieses Labyrinth von engen Gassen lief, erreichte er eine schmutzige Straße, die nur schwach durch trübe Laternen erleuchtet war. Er war ein paar Schritte gegangen, als an dem anderen entfernten Ende das düstere Licht eines Autos auftauchte. Sofort versteckte er sich hinter einem großen Holzstapel. Der Wagen fuhr langsam vorwärts, und er konnte sehen, wie ein Mann, der an der Seite des Fahrers saß, die Straße rechts und links mit einer starken Handlampe absuchte. Der Wagen kam näher. Einige Schritte vor seinem Versteck hielt der Fahrer an. Er hörte das zischende Gewisper, das er so gut kannte. Er stand ganz still, die triefende Pistole in der Hand – aber der Wagen fuhr vorbei, und er lief den Weg zurück, den er gekommen war, erreichte die Kanalbrücke ohne Unfall und sah zu seiner großen Befriedigung zwei Polizisten, die hier auf und ab gingen. Einer richtete seine Lampe auf ihn, als er vorüberging.

 

»Hallo, Freund, im Wasser gewesen?«

 

»Ja, ich bin hineingefallen«, sagte Clifford. Ohne weitere Erklärung ging er weiter.

 

Am Ende der Glengall Road wartete sein Wagen, und eine halbe Stunde später gönnte er sich den Luxus eines heißen Bades.

 

In dieser Nacht mußte er über vieles nachdenken, besonders aber über die lange Reihe der Wagengestelle, die er unter dem Dach des Schuppens gesehen hatte; er hatte sie als Batterien von Schnellfeuergeschützen erkannt und wunderte sich darüber, wozu Mr. Fing-Su sie verwenden wollte.

 

Kapitel 4

 

4

 

Böse Zungen sagten Mr. Leicester Crewe nach, daß er sich früher auf höchst verdächtige Weise sein Geld verdient hätte. Manche Leute erinnerten sich auch noch an die Zeit, wo er sich auf der Effektenbörse herumgetrieben hatte. Damals hieß er einfach Billy, hatte nur sehr wenig Geld, kannte sich dafür aber ausgezeichnet in Minenaktien aus.

 

Mr. Crewe dachte an diese Zeit zurück … Er sah sich mit einem düsteren Blick in der schönen Bibliothek seines Hauses um, das durch besondere Umstände sein Eigentum geworden war. Wie lange würde es ihm noch gehören? Hatte dieses unheimliche Schlangenbild irgendeine unheilvolle Vorbedeutung?

 

Es war sechs Uhr abends. Kurz vorher war Daphne Olroyd von dem Besuch bei ihrem neuen Chef zurückgekehrt. Mr. Crewe wußte noch nichts von dem bevorstehenden Stellungswechsel seiner Sekretärin. Er war heute früh nach Hause gekommen, weil er noch eine sehr wichtige Verabredung hatte. Als er daran dachte, öffnete er den in die Wand eingebauten Tresor und nehme ein schmutziges Stück Papier heraus, auf dem einige ungelenk geschriebene Worte standen. Er überlas sie, faltete das Papier wieder zusammen und steckte es in die Westentasche. Der Diener kam herein, um im Kamin nachzulegen, und Mr. Crewe fragte ihn:

 

»Ist der Mann noch nicht da?«

 

»Nein, Sir.«

 

Mr. Crewe zog nachdenklich die Stirn kraus.

 

»Sagen Sie mir sofort Bescheid, wenn er kommt. Ich möchte, daß Sie ihn im Auge behalten. Er ist ein entlassener Sträfling, ich kannte ihn früher mal – hm – bevor er ins Gefängnis kam.«

 

»Sehr wohl, Sir.«

 

Zehn Minuten verstrichen, dann schlug die kleine Uhr auf dem Kamin halb. Im gleichen Augenblick klopfte es, und der Diener kam mit einem kahlköpfigen kleinen Mann in abgerissenen Kleidern herein. Auffallend an dem Mann waren seine saubergeputzten alten Schuhe und die langen Narben, die sein unrasiertes Kinn verunzierten.

 

»Hugg – Harry Hugg«, stellte er sich vor.

 

Mr. Crewe winkte dem Diener, sich zu entfernen.

 

»Vor zwei Monaten erhielt ich von Ihnen einen Brief«, begann er, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. »Ich antwortete damals nicht darauf, weil ich mich nicht auf den Mann besinnen konnte. Seitdem hat sich einiges ereignet … Ich erinnere mich jetzt – Lane – war das nicht der Name?«

 

Mr. Hugg nickte. Mit hängendem Kopf stand er in der Mitte des Zimmers. Anscheinend waren Mr. Crewe seine Stühle für diesen schmutzigen Menschen zu schade.

 

»Lane – William Lane – kriegte sieben Jahre für Falschmünzerei …«, murmelte der kleine Mann verlegen.

 

»Falschmünzerei?«

 

»Hat Banknoten gefälscht, und die Polente erwischte ihn dabei. Er bekam sieben Jahre – war seine erste Straftat. Ein ruhiger Mensch – wir lagen beide in demselben Flügel in Dartmoor. Merkwürdigerweise war er die ganze Zeit, die er absitzen mußte, niemals krank oder traurig. Wir waren beide an demselben Tag ins Gefängnis gekommen ich wurde wegen Einbruch verknackt – und kamen zur gleichen Zeit wieder raus.«

 

»Hat er mal meinen Namen erwähnt?«

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Sir, niemals. Wir gingen dann beide nach London: Ich hatte Verwandte in Reading, und ich sagte, er solle mitkommen, denn er hatte kein Zuhause. In Reading erfuhr ich, daß meine Verwandten fortgezogen waren, und wir wanderten weiter auf der Landstraße nach Newbury. Er starb in Thatcham – fiel tot um auf der Straße.«

 

Er kramte ein Stück Papier aus der Tasche, nach dem Mr. Crewe hastig griff. Es war ein amtliches Dokument, das den Tod William Lanes bestätigte.

 

»Was ganz Merkwürdiges sagte er, kurz bevor er starb: ›Harry, wenn mir was zustoßen sollte, dann geh zu Mr. Leicester Crewe und sage ihm, er soll nicht die gefiederte Schlange vergessen!‹«

 

»Die gefiederte Schlange?« Crewe atmete schwer. »Sind Sie sich auch ganz sicher?«

 

Harry Hugg nickte.

 

»Ja, ganz bestimmt – und er sagte ja auch weiter nichts.«

 

Niemals vorher hatte Crewe sich mit Schlangen beschäftigt, weder gefiederten noch ungefiederten. Nervös ging er im Zimmer auf und ab – es bestand also eine gewisse Verbindung zwischen dem toten William Lane und der phantastischen Warnung …

 

»Ist dieser Lane auch wirklich tot?« unterbrach Mr. Crewe plötzlich das Schweigen. »Wissen Sie das ganz bestimmt …? Sie kannten ihn doch?«

 

»Kannten ihn!« entgegnete Hugg verächtlich. »So gut wie ich meine rechte Hand kenne. Ich war bei ihm, bis sie ihn begraben hatten.«

 

»Hat er irgendwelche Verwandte?«

 

Hugg schüttelte den Kopf.

 

»Ich glaube nicht. Als er tot war, hat mich diese Sache mit der gefiederten Schlange mächtig beunruhigt. Er war so ernst, als er mir das auftrug – eigentlich gar nicht wie ’n Verrückter …«

 

Mr. Crewe ging unablässig im Zimmer auf und ab. Diese Karten waren also kein Scherz! Der Überfall auf Ella hatte seine tiefe und unheimliche Bedeutung. Angenommen, Lane wäre noch am Leben – gegen wen würde er etwas unternehmen? Doch nur gegen Ella, Paula Staines, Joe Farmer und ihn selbst! Ungeduldig zuckte er die Schultern und sah den früheren Sträfling mißtrauisch an.

 

»Hat er sonst wirklich nichts gesagt? Hat er nicht Ihnen und Ihren Freunden noch allerhand über mich vorgeflunkert? Hören Sie zu, Hugg – ich werde Ihnen ein hübsches Sümmchen geben, wenn Sie mir die Wahrheit sagen!«

 

Aber Huggs Gesicht blieb ausdruckslos; er schüttelte nur den Kopf.

 

»Aber Sir, was sollte er denn auch von ’nem Gentleman wie Ihnen erzählen? Übrigens war auch er ein gebildeter Mann, nicht so einer wie ich und die andern – er hätte zu unsereinem gar nichts gesagt.«

 

Crewe zog seine Brieftasche heraus und ließ nachlässig einige Banknoten durch die Finger gleiten.

 

»Was würden Sie zu hundert Pfund sagen?«

 

Hugg lächelte schmerzlich.

 

»Das wäre die Rettung für mich – aber ich kann Ihnen wirklich nichts sagen, obgleich ich’s gern täte.«

 

Leicester nahm zwei Noten und reichte sie dem Mann. Er fühlte, daß er die Wahrheit sagte – daß Lane tot war. Aber was hatte es mit der gefiederten Schlange auf sich?

 

»Hier sind zwanzig Pfund.«

 

Der kleine Mann steckte das Geld hastig ein.

 

»Ich habe Ihre Adresse«, fuhr Crewe fort. »Wenn Sie die Wohnung wechseln, dann lassen Sie es mich wissen. Den Totenschein werde ich behalten.«

 

Als Mr. Crewe nach dem Diener läutete, trat Hugg einen Schritt vor und sagte plötzlich noch etwas recht Unmotiviertes.

 

»Dieser Lane war ’n guter Kerl. Er hat mir in Dartmoor sogar das Leben gerettet …« In seiner Stimme klang jetzt etwas Herausforderndes.

 

»Ja, ja, schon gut«, winkte Crewe ungeduldig ab. »Sehr interessant – nun, das wär’s dann wohl!«

 

Harry Hugg verließ das Zimmer; er murmelte einige unzusammenhängende Worte vor sich hin.

 

So war das also. Leicester Crewe richtete sich auf, als ob ihm eine Last von den Schultern gefallen wäre. Lange stand er vor dem Kamin, schaute ins Feuer und dachte über den verstorbenen William Lane nach – ein Gespenst, das ihn die letzten Jahre verfolgt hatte, war nun verschwunden.

 

Schließlich ging er zum Schreibtisch und drückte auf einen Klingelknopf. Gleich darauf trat Daphne Olroyd ins Zimmer.

 

Mr. Crewe schaute sie abschätzend an. Sie sah wirklich sehr gut aus, und er hatte ihr auch schon verschiedentlich zu verstehen gegeben, daß sie ihm ausgezeichnet gefiel. Zu seinem Ärger hatte sie seine Komplimente bis jetzt allerdings nur sehr kühl quittiert.

 

»Haben Sie sich die Sache inzwischen überlegt, Miss Olroyd? Die Angelegenheit, die ich noch regeln mußte, ist jetzt – hm – beigelegt. Am 14. dieses Monats möchte ich abreisen. Wir fahren zuerst einige Wochen nach Capri dann dachte ich daran, nach Istanbul …«

 

»Sie werden sich eine andere Sekretärin suchen müssen, Mr. Crewe«, unterbrach sie ihn ruhig.

 

Er lächelte gezwungen.

 

»Aber Miss Olroyd – halten Sie es etwa für unschicklich, als meine Privatsekretärin mit mir auf Reisen zu gehen?«

 

»Vielleicht«, erwiderte sie trocken. »Auf jeden Fall habe ich keine Lust dazu.«

 

Er sah sie ungeduldig an, und sie dachte, wie schon oft, daß er in manchen Augenblicken eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Geier habe.

 

»Ist ja alles Unsinn«, erklärte er dann laut. »Mrs. Staines wird uns begleiten.«

 

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

 

»Auch das ändert nichts an der Sache«, entgegnete sie.

 

Er murmelte etwas von Gehaltserhöhung und nannte eine beträchtliche Summe. Mit einer entschiedenen Handbewegung wehrte sie ab.

 

»Ich habe mir meine Zukunft grundsätzlich anders vorgestellt«, sagte sie. »Außerdem wollte ich Ihnen sowieso mitteilen, daß ich mir eine andere Stelle gesucht habe.«

 

Leicester Crewe zog ärgerlich die Augenbrauen hoch. Mühsam schluckte er die unliebenswürdigen Worte hinunter, die er schon auf der Zunge hatte, und antwortete in verhältnismäßig freundlichem Ton:

 

»Tut mir sehr leid, das zu hören – wie heißt denn der glückliche Chef?«

 

Als sie ihm den Namen genannt hatte, war er auch nicht klüger.

 

»Danke schön – Sie können gehen.«

 

Sie war froh, daß sie das Zimmer verlassen konnte.

 

Er ging mit den Händen auf dem Rücken auf und ab, als sich plötzlich die Tür wieder öffnete und eine Dame in das Zimmer trat. Sie war ungefähr dreißig Jahre alt; man konnte sie nicht gerade hübsch nennen, auf jeden Fall aber hatten verschiedene Kosmetiksalons das ihre getan, Frisur und Gesicht möglichst attraktiv zu gestalten. Ihr Kleid, selbstverständlich ein Pariser Modell, war von der entsprechend raffinierten Eleganz.

 

Paula Staines ging zum Kamin.

 

»Ich habe deine Sekretärin gerade getroffen – sie schien von deinem Plan nicht so begeistert zu sein, wie ich eigentlich erwartet hatte.«

 

»Was heißt nicht begeistert«, brummte Leicester. »Sie lehnt es rundweg ab mitzugehen.«

 

Paula Staines lachte leise.

 

»Das hätte ich nicht gedacht«, entgegnete sie. »Warum heiratest du die junge Dame nicht einfach?«

 

Er starrte sie verdutzt an.

 

»Ich bin doch nicht verrückt«, entgegnete er dann grob. »Was führst du eigentlich im Schild? Willst du mich etwa aufs Glatteis führen, um mich später wegen Bigamie anzeigen zu können?«

 

Sie lachte wieder, diesmal ziemlich hart.

 

»Wie genau du es in der letzten Zeit mit den Gesetzen nimmst! Wirklich, die Zeiten haben sich geändert. Bigamie! Ich erinnere mich an Tage, an denen dir so kleine Fische nichts ausgemacht hätten, Billy.«

 

Dann änderte sie plötzlich ihren Ton und trat dicht vor ihn hin.

 

»Billy, ich habe so ein seltsames Angstgefühl …«

 

Er schaute sie erstaunt an.

 

»Du fürchtest dich? Was soll das heißen?«

 

Sie gab einige Zeit keine Antwort; dann schaute sie ihm gerade in die Augen.

 

»Hat Ella dir eigentlich erzählt, daß sie nicht nur beraubt wurde, sondern daß auch ihr Haus vollständig durchsucht worden ist? Vor allem im Safe war alles durchwühlt.«

 

Mr. Crewe biß sich auf die Lippen.

 

»Das verstehe ich nicht – und gestohlen wurde nichts?«

 

»Nein, das war ja auch gar nicht beabsichtigt. Daß ihr die unechten Perlen und die Smaragdspange abgenommen wurden, war doch nur ein Trick. Die Räuber suchten nach etwas ganz anderem – und das haben sie auch gefunden!«

 

»Du gibst Rätsel auf«, erwiderte er. »Was sollen die Beauftragten der gefiederten Schlange denn gesucht haben?«

 

»Ellas Siegelring«, war die knappe Antwort.

 

Crewe wurde bleich.

 

»Den … Siegelring?« flüsterte er. »Den haben sie ihr abgestreift? Warum hat Ella denn das nicht der Polizei mitgeteilt?«

 

Ihr Lächeln war jetzt offensichtlich verächtlich.

 

»Konnte sie denn das?« fragte sie geringschätzig. »Nein, dazu ist Ella viel zu klug. Soll ich dir noch etwas sagen, Billy? Wenn die Perlen und Smaragde echt gewesen wären, hätte man sie zurückgeschickt. Denn der Mann, der in Ellas Haus einbrach, war – William Lane!«

 

Er lachte so geringschätzig, daß sie stutzte.

 

»Dann muß er sich dazu extra Urlaub von der Hölle genommen haben«, sagte er wegwerfend. »William Lane starb vor zwei Monaten – ich habe seinen Totenschein in der Tasche!« Er zog ein schmutziges Stück Papier heraus und zeigte es ihr. Sie las es Wort für Wort langsam durch.

 

»Ich habe es von einem alten Sträfling, der bei ihm war, als er starb. Diese ganze Sache mit der gefiederten Schlange ist weiter nichts als Einbildung; ich glaube auch das ganze Geschwätz mit dem Siegelring nicht … Ella ist eine geborene Lügnerin, die nur auf Sensationen aus ist.«

 

»Warum hat sie es dann nicht dem Zeitungsreporter mitgeteilt? Nein, mein Lieber, Ella ist ja selbst völlig durcheinander.« Sie betrachtete den Schein und seufzte tief. »Danach wäre also die Sache mit William in Ordnung«, meinte sie düster. Während sie sprach, klingelte das Telefon auf dem Schreibtisch, und Crewe nahm den Hörer ab. Der Anrufer sprach so schnell, daß er zuerst überhaupt nichts verstand.

 

»Wer spricht denn?« fragte er ungeduldig.

 

»Joe – Joe Farmer. Ich muß dringend mit dir reden habe etwas Wichtiges entdeckt … Ist Paula bei dir?«

 

»Ja«, antwortete Crewe. »Was hast du denn herausgefunden?«

 

»Das Geheimnis der gefiederten Schlange«, war die überraschende Entgegnung. »Na, was sagst du nun …?«

 

»Von wo aus sprichst du?«

 

»Von Tidal Basin – der alten Stelle. Ich habe dort einige Nachforschungen angestellt. In zwanzig Minuten bin ich bei dir – warte auf mich!«

 

Crewe legte den Hörer auf und teilte Paula den Inhalt des Gespräches mit.

 

»Wird doch nicht viel dabei rauskommen«, sagte er zum Schluß verächtlich.

 

»Unterschätze Joe nicht – hast du etwa vergessen, daß er seinerzeit den Plan zur Gründung unserer kleinen Interessengemeinschaft ausarbeitete?«

 

Leicester Crewe antwortete nicht. Es war ihm anzusehen, daß er aufgeregter war, als er zugeben wollte.

 

»Wenn ich wirklich annehmen müßte …«, begann er.

 

»Wenn du wirklich annehmen müßtest, daß Gefahr im Anzug wäre, würdest du kurzerhand fliehen – das willst du doch sagen, nicht wahr?« unterbrach sie ihn. »Billy, du bist immer noch der alte Feigling. Ich möchte fast wetten, daß du alles für eine Flucht vorbereitet hast.«

 

»Du brauchst nicht zu denken, daß mir dieser Unsinn mit der gefiederten Schlange so in die Glieder gefahren ist«, widersprach er mürrisch. »Ich habe eben seit einiger Zeit das Gefühl, daß wir Unannehmlichkeiten bekommen werden – und zwar seitdem ich den Brief von diesem früheren Sträfling erhielt.«

 

»Ja, genau zu dem Zeitpunkt, als William Lane aus dem Gefängnis entlassen wurde.« Sie sprach seine innersten Gedanken aus. »Aber ich habe mich niemals von Lane beunruhigen lassen. Erstens ist es nicht leicht, uns zu überführen; zweitens würde so ein Schwächling wie er sich hüten, etwas gegen uns zu unternehmen – und drittens ist er doch schließlich tot, nicht wahr?«

 

Leicester gab ihr keine Antwort, aber das Streichholz, mit dem er seine Zigarette anzündete, zitterte leicht.

 

»Du siehst Gespenster, Billy, und machst dir Sorgen um nichts. Wenn du heute abend fliehen solltest – ich würde bestimmt bleiben, nur um zu sehen, was weiter geschieht. Wirklich, ich bin neugierig darauf!«

 

»Du bist ganz einfach verrückt«, knurrte er gereizt und verfiel wieder in langes Schweigen. Sie beobachteten die Zeiger der Uhr, die langsam vorrückten. Eine Viertelstunde ging vorüber – zwanzig Minuten – dreißig Minuten – dann hörten sie von der Straße herauf das Geräusch eines Wagens und gleich darauf das Anziehen der Bremsen.

 

»Das ist Joe«, sagte Leicester und sprang auf.

 

Er ging in die dunkle Halle hinaus und öffnete vorsichtig die Haustür. Als er die Klinke herunterdrückte, schlug ihm die Tür entgegen, als ob sich jemand von außen dagegenstemmte. Er trat einen Schritt zurück – eine dunkle Gestalt fiel mit dumpfem Aufprall vor ihm auf den Teppich.

 

Crewe sah die Scheinwerfer des Wagens, der anfuhr und gleich darauf verschwunden war – dann hörte er hinter sich Paulas Stimme.

 

»Was ist los?« fragte sie ängstlich.

 

»Mach Licht!« rief Leicester. Die Halle wurde hell, und beide starrten schreckerfüllt auf den Boden. Dort lag der Länge nach Joe Farmer – die Füße noch außerhalb der Türschwelle, die linke Hand um eine Karte verkrampft.

 

Leicester Crewe kniete bei ihm nieder, drehte ihn auf den Rücken – und schaute in die weit aufgerissenen starren Augen eines Toten.

 

Was für eine seltsame Nachricht Joe Farmer auch hatte überbringen wollen – sie war mit ihm verlorengegangen.

 

Kapitel 5

 

5

 

Offensichtlich hatte man Joe Farmer von hinten niedergeschossen. Leicester schaute ihn noch immer entsetzt an; erst nach einer Weile nahm er mechanisch die Karte aus der Hand des Toten. Wieder die gefiederte Schlange!

 

Joes Uhr und ein anderer Gegenstand waren bei dem Sturz aus seiner Tasche auf den Boden gefallen. Leicester schaute reglos auf den viereckigen, flachen Geldbeutel, den er nur allzugut kannte. Was für ein Idiot dieser Joe doch gewesen war. Immer noch hatte er dieses Andenken mit sich herumgetragen! Crewe beugte sich über den Toten, nahm den Geldbeutel und reichte ihn nach hinten.

 

»Merkwürdig …, man konnte keinen Schuß hören«, murmelte er. »Nimm das Ding, Paula – wirf es ins Feuer, bevor die Polizei kommt.«

 

Der Geldbeutel wurde ihm aus der Hand genommen. Er drehte sich nicht um, sondern blickte erst auf, als er eine weiche, erschreckte Stimme hörte:

 

»Soll ich die Polizei rufen …? Ist er verletzt, Mr. Crewe?«

 

Daphne Olroyd stand dicht hinter ihm.

 

»Ach, Sie sind es«, sagte er verwirrt. Dann erst sah er, daß Paula auf einem Stuhl an der Wand saß. Anscheinend war ihr schlecht geworden; sie war kalkweiß, und ihr Gesicht sah plötzlich ganz verfallen aus.

 

»Bitte … wenn Sie so freundlich sein wollen … telefonieren Sie …«

 

Als Daphne gerade zum Telefon lief, kam der Diener hastig die Treppe herunter. Sie hatte noch ein wenig ausgehen wollen und war nur zufällig Zeugin dieser Tragödie geworden.

 

Am Telefon berichtete sie dem Beamten auf der Polizeiwache in abgerissenen Worten, daß sich ein Unglück ereignet hätte. Sie hatte dabei das ungewisse Gefühl, daß der Polizeisergeant den Eindruck haben müsse, daß sie verrückt sei. Dann erinnerte sie sich plötzlich an den jungen Journalisten und suchte im Telefonbuch die Nummer seiner Zeitung. Die Verbindung mit seinem Büro wurde hergestellt, und gleich darauf hörte sie Peters Stimme:

 

»Hallo, wer ist dort?«

 

Ihr Bericht fiel noch verwirrter aus, als der Anruf bei der Polizei.

 

»… eine schreckliche Sache … Ich glaube, der Mann ist tot … er hatte eine Karte in der Hand … können Sie sich an die gefiederte Schlange erinnern?«

 

»Von wo aus sprechen Sie denn?« unterbrach er sie plötzlich.

 

»Ich bin in Mr. Crewes Haus. Der Tote heißt Joe Farmer … es ist furchtbar …!«

 

»Ist er wirklich tot? Und er hatte eine Karte mit der gefiederten Schlange in der Hand? Ich komme sofort!«

 

Sie erschrak. »Aber bitte erzählen Sie Mr. Crewe auf keinen Fall, daß ich Sie benachrichtigt habe.«

 

»Verlassen Sie sich nur auf mich«, entgegnete er heiter und brach das Gespräch ab.

 

Sie hörte, daß ihr Name gerufen wurde und lief schnell die Treppe hinunter.

 

»Paula ist ohnmächtig geworden – schauen Sie bitte nach ihr!«

 

Crewes Stimme war heiser; es schien Daphne, als ob er selbst dem Zusammenbruch nahe sei.

 

Um den Toten hatte sich inzwischen das gesamte Hauspersonal versammelt. Einer der Diener untersuchte gerade die Wunde. Sie hörte, wie er leise sagte: »Mitten durchs Herz!«

 

Paula Staines lag in der Bibliothek bleich und vollständig kraftlos auf der Couch. Anscheinend war sie schon vor einiger Zeit wieder zum Bewußtsein gekommen, denn als Daphne hereinkam, schaute sie sie starr an.

 

»Joe Farmer ist ermordet worden«, sagte sie dann, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und warf krampfhaft den Kopf hin und her.

 

Ratlos ging Daphne wieder in die Halle, um Mr. Crewe zu rufen. Seine Augenlider zuckten nervös; er war unfähig, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen oder etwas zu unternehmen.

 

»Es wird am besten sein, wenn Sie gehen«, sagte er schließlich zu ihr. »Nehmen Sie den Küchenausgang durch den Garten; die Polizei wird in wenigen Minuten hier sein.«

 

»Kann ich Ihnen nicht irgendwie behilflich sein?«

 

»Behilflich …?« entgegnete er heiser. »Was könnten Sie helfen … Auf jeden Fall möchte ich nicht, daß Sie hier bleiben. Und dann, Miss Olroyd, wenn die Polizei Sie fragen sollte, ob Farmer hier im Hause ein häufiger Besucher war, dann müssen Sie sagen, daß Sie ihn kaum gesehen haben. Selbstverständlich habe ich geschäftlich mit ihm zu tun gehabt, aber er war nicht mein Freund – ich habe ihn erst letztes Jahr kennengelernt. Verstehen Sie mich?«

 

Dann schien er sich plötzlich an ihre frühere Unterhaltung zu erinnern.

 

»Ach, Sie wollten ja sowieso die Stellung wechseln dann ist es besser, wenn Sie gleich ganz gehen. Ich werde Ihnen einen Scheck über Ihr restliches Gehalt schicken …«

 

Er drängte sie hastig aus dem Raum, und sie stand draußen im Nebel, bevor sie noch eine Erklärung für seine außerordentliche Ängstlichkeit finden konnte.

 

Als Daphne das Grundstück durch einen Seitenausgang verließ, fuhr eben ein Streifenwagen vor. Einige Beamte sprangen heraus; mit knirschenden Bremsen hielten gleich darauf ein Krankenwagen und ein Taxi, aus dem Peter Dewin stieg. Sie rief ihn an, und er drehte sich zu ihr um.

 

»Hallo! Ich hoffte eigentlich, Sie wären nicht mehr hier. Was ist denn nun passiert?«

 

Sie erzählte ihm alles, was sie wußte. Sie war oben in ihrem kleinen Arbeitszimmer gewesen und hatte eben den Mantel angezogen, um nach Hause zu gehen. Als sie das Licht ausdrehte und noch einmal ans Fenster trat, um die Vorhänge zu schließen, sah sie, wie ein Wagen vor dem Tor hielt. Gleich darauf war sie die Treppe hinuntergegangen. Sie hatte vergessen, oben das Licht anzumachen, so daß die Halle im Dunkeln lag. Sie war eben in die Halle getreten, als sich die Haustür öffnete. Dann hörte sie, wie etwas zu Boden fiel und wie Mr. Crewe nach Licht rief – gleich darauf sah sie die reglos ausgestreckte Gestalt auf dem Teppich.

 

»Ach so – noch etwas!« rief sie plötzlich.

 

»Was ist?« fragte er.

 

»Mr. Crewe gab mir diesen Geldbeutel und sagte, daß ich ihn ins Feuer werfen sollte. Wahrscheinlich hielt er mich für Mrs. Staines. Würden Sie so liebenswürdig sein und ihm das Ding zurückgeben?«

 

Er nahm den Geldbeutel aus ihrer Hand und steckte ihn ein. Sein Taxi wartete noch.

 

»Fahren Sie nach Hause, nehmen Sie gleich das Taxi hier«, meinte er dann.

 

Er fragte nach ihrer Adresse. Sie hatte eine kleine Wohnung in der Nähe der Baker Street; Peter drückte dem Chauffeur einige Silbermünzen in die Hand und nannte ihm die Straße.

 

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie heute abend noch einmal aufsuche? Oder wohnt die unvermeidliche sittenstrenge Tante bei Ihnen?« erkundigte er sich noch durchs Wagenfenster.

 

Sie lachte.

 

»Kommen Sie auf jeden Fall – auf Kosten meines guten Rufes. Aber jetzt auf Wiedersehen, ich halte Sie von Ihrer Arbeit ab.«

 

Er wartete, bis das Rücklicht des Wagens verschwunden war; dann ging er die Treppe zum Haus hinauf. Die Tür stand weit offen, und in der hellerleuchteten Halle sah er Oberinspektor Clarke. Der Beamte kam ihm bis zur Treppe entgegen.

 

»Sie haben wohl eine Nase für solche Angelegenheiten, Dewin«, sagte er. »Wir haben doch selbst eben erst davon erfahren.«

 

»Sie wissen doch, daß ich manchmal hellsehen kann«, entgegnete Dewin. »Ist er tot?«

 

Clarke nickte.

 

»Besser, Sie besuchen mich morgen früh. Jetzt kann ich Ihnen wirklich noch nichts sagen.« Dies erklärte er in einem so bestimmten Ton, daß Peter wußte, daß dagegen nichts zu machen war.

 

Immerhin besaß er schon bedeutend mehr Informationen, als der Oberinspektor ahnte. Er konnte sich den Hergang der Tat ungefähr zusammenreimen und wußte außerdem, daß der Ermordete in Bloomsbury gewohnt hatte. Peter hatte ihn dort schon verschiedentlich interviewt und kannte auch seine alte Haushälterin.

 

Jetzt galt es vor allem, schnell zu handeln, denn Peter hatte die Absicht, die Wohnung Joe Farmers unter allen Umständen vor der Polizei zu erreichen. Er mußte irgendeinen Anhaltspunkt finden, der auf den Weg zum Motiv des Verbrechens führte.

 

Als er bei Joe Farmers Wohnung ankam, wollte die Haushälterin gerade ins Kino gehen. Sie hatte an diesem Abend Ausgang, und Mr. Farmer hatte ihr außerdem gesagt, daß er erst sehr spät zurückkommen würde.

 

»Macht gar nichts, Mrs. Curtin«, sagte Dewin freundlich. »Ich muß ihn unbedingt sprechen und werde warten, bis er kommt.«

 

Die alte Frau ließ ihn ohne weiteres ein. Es war durchaus nichts Ungewöhnliches, daß Farmers Freunde in der Wohnung des häufig abwesenden Hausherrn auf ihn warteten; vor allem wußte sie auch, daß Mr. Farmer den Zeitungsreporter stets sehr liebenswürdig empfangen hatte.

 

Peter Dewin wartete, bis sich die Haustür hinter der alten Frau geschlossen hatte, und begann dann eine schnelle Durchsuchung. Die Wohnung bestand aus vier Zimmern und einer Küche, die sich alle um einen Korridor gruppierten. Dieser führte zu einem kleinen Vorraum und der Haustür.

 

Der größte Raum der Wohnung – Farmers Arbeitszimmer – war mit viel Geld und wenig Geschmack eingerichtet. In der einen Ecke stand ein einfacher Büroschreibtisch mit Rolläden – ein merkwürdiger Gegensatz zu den Stilmöbeln der übrigen Einrichtung. Der Schreibtisch war verschlossen, aber schon der erste kleine Schlüssel, den Dewin der reichhaltigen Auswahl seines Schlüsselbundes entnahm, paßte in das Schloß. Er öffnete und durchsuchte systematisch sämtliche Schubladen. Anscheinend war Farmer ein Mann gewesen, der ordentlich und methodisch gearbeitet hatte. Dewin fand Aktenordner, die Abrechnungen über Farmers verschiedene Nachtlokale und andere Unternehmungen enthielten; am meisten interessierte ihn aber eine Schublade, die allem Anschein nach später eingebaut worden sein mußte. Sie war mit einem Patentschloß gesichert, aber Peter Dewin hatte heute seinen glücklichen Tag, denn der Schlüssel steckte im Schloß. Wie sich später herausstellte, hatte Joe Farmer gerade an diesem Tag den Inhalt der Schublade kontrolliert.

 

Dewin schloß auf und zog eine Metallkassette heraus, die nicht verschlossen war. Er hob den Deckel auf – der Inhalt bestand lediglich aus zwei zusammengefalteten Papieren. Er faltete sie auseinander und betrachtete sie. Das erste Blatt zeigte offensichtlich einen Grundriß für einen großen Block von Arbeiterwohnungen. Er brummte mißmutig; er wußte, daß Joe Farmer seine Hand in vielen Bauunternehmungen gehabt hatte.

 

Das zweite Schriftstück bestand aus zwei zusammengehefteten Blättern Papier, die mit Seite 3 und 4 numeriert waren. Die Seiten 1 und 2 fehlten. Aus dem Text ging ohne weiteres hervor, daß dies ein amtliches Aktenstück war, anscheinend eine Zeugenaussage bei einem Verhör. Er las:

 

»Der besagte William Lane war mir als ein Mann bekannt, der Falschgeld vertrieb. Ich traf ihn zum erstenmal in dem Gasthaus ›Rose und Krone‹, das ich gepachtet hatte. Er erzählte mir, daß er früher Matrose gewesen und selten in England gewesen sei. Dann fragte er mich, ob ich nicht Falschgeld von ihm kaufen wolle. Er sagte mir, daß er selbst Drucker sei und mir jede beliebige Menge falscher Pfundnoten liefern könne. Er habe bereits zwanzig Stück davon ausgegeben, ohne daß jemand Verdacht geschöpft hätte. Ich dachte, er mache einen Scherz und erwiderte, daß ich gar nicht daran denken würde, so etwas zu tun. Er lachte und sprach von etwas anderem. Zwei Tage später kam er dann in ein Lokal, das im West End liegt und auch mir gehört, und fragte den Barmixer, ob er ihm nicht eine Fünfpfundnote wechseln könne. Mein Angestellter, der William Lane kannte, berichtete mir abends den Vorfall. Als ich meine Abrechnung machte, untersuchte ich den Geldschein genau. Er schien mir völlig echt zu sein, aber ich legte ihn trotzdem am nächsten Morgen in meiner Bank vor. Der Kassierer prüfte ihn und sagte, daß es eine Fälschung wäre und daß in den letzten Tagen schon mehrfach ähnliche Noten eingegangen seien. Ich brachte den Schein sofort zu Inspektor Bradbury und erzählte ihm von meiner Unterredung mit William Lane. Einige Tage später erhielt ich von der Polizei eine Benachrichtigung, daß die Wohnung William Lanes durchsucht worden sei. Man hatte dort eine Presse, Druckmaschinen und Falschgeld gefunden. Bei der Gegenüberstellung sagte der Gefangene aus:

 

Es sei nicht wahr, daß zwischen William Lane und Farmer eine Unterhaltung über den Verkauf von Falschgeld stattgefunden habe. Es würde auch nicht stimmen, daß William Lane eine falsche Fünfpfundnote zum Wechseln vorgelegt habe.

 

Nachdem er noch einmal vom Staatsanwalt befragt worden war:

 

Es ist nicht richtig, wenn Lane behauptet, daß er sein Freund war. Er hat höchstens zwei- oder dreimal mit ihm gesprochen und kannte ihn nur als einen Gast der ›Rose und Krone‹.«

 

Hier endete das Aktenstück, das ganz offensichtlich nicht vollständig war; schließlich fand er auf einer Rückseite noch eine Bleistiftnotiz in Farmers Handschrift:

 

»Ich bin sicher, daß dieser Mann William Lane war, weil über sein linkes Handgelenk die Narbe einer alten Schnittwunde lief, die ihm nach seiner Erzählung einmal ein Neger auf einem Schiff beigebracht hatte.«

 

Am unteren Rand des Blattes standen noch drei Zeilen, mit blauem Farbstift geschrieben:

 

»A. Bone starb am 14. Februar. Harry, der Barmann, 18b Calle Rosina, B. A., sehr krank.«

 

Peter Dewins Augen glänzten. Ohne Zögern faltete er die Papiere wieder zusammen, steckte sie in seine Tasche und wollte den Bauplan eben in die Schublade legen, als er den Namen des Architekten und das Datum las. Warum hatte Joe Farmer diesen Plan so lange aufgehoben? Ohne Gewissensbisse schob Dewin auch den Plan in seine Tasche. In diesem Augenblick hörte er ein Klopfen an der Haustür. Er schaute sich schnell noch einmal im Zimmer um, schob dann die Rolljalousie des Schreibtisches hoch und schloß ab, bevor er Oberinspektor Clarke die Haustür öffnete. Das Gesicht des Beamten zog sich merklich in die Länge, als er den Reporter erblickte.

 

»Donnerwetter, Sie verlieren aber wirklich keine Zeit«, sagte er. »Wer ist außer Ihnen hier in der Wohnung?«

 

»Niemand«, entgegnete Dewin gelassen. »Die Haushälterin ist ins Kino gegangen – sie schaut sich den neuesten Kriminalfilm an.«

 

»Hören Sie mit dem Blödsinn auf!« Oberinspektor Clarke betrat die Wohnung, seine Beamten folgten ihm, »Haben Sie etwa schon hier herumgeschnüffelt und etwas gefunden?«

 

»Ich bin erst vor ein paar Minuten gekommen«, log Dewin frech drauflos, »und ich überlegte eben, ob ich hier nicht etwas mitgehen lassen könnte, als ich durch Ihr Klopfen wieder auf den Pfad der Tugend zurückgeführt wurde.«

 

Clarke brummte etwas Unliebenswürdiges und begann dann mit der Durchsuchung der Räume. Dewin ging bescheiden hinter ihm her.

 

»Vermutlich haben Sie diesen Schreibtisch geöffnet und alle Papiere angesehen«, sagte der Inspektor, während er geschickt das Schloß aufdrückte und die Schubladen herauszog.

 

Dann bückte er sich und hob einen Blaustift vom Boden auf.

 

»Ist der Ihnen aus der Tasche gefallen?« erkundigte er sich ironisch.

 

Peter Dewin wurde klar, daß die Notiz auf der Rückseite des einen Blattes erst kürzlich geschrieben worden war. Es war ein neuer Farbstift, frisch angespitzt. Die Holzspäne lagen auf dem Teppich, und das offene Federmesser auf dem Tisch zeigte blaue Spuren.

 

»Keine Spur von gefiederten Schlangen, wie?« meinte Clarke, als er seine Untersuchung beendet hatte. Dann ließ er sich dazu herbei, Dewin einige Informationen zu geben.

 

»Farmer wurde mit einer automatischen Pistole erschossen, die wahrscheinlich einen Schalldämpfer hatte wir fanden eine leere Patronenhülse mitten auf dem Gartenweg. Er hatte ein Taxi benutzt; der Wagen wurde an der Ecke des Grosvenor Square gesehen und bog dann in die Grosvenor Street ein. Mr. Crewe gab an, es sei ein kleiner Wagen gewesen, aber seine Beschreibung stimmt nicht mit der anderer Zeugen überein. Der Mann, der Farmer tötete, fuhr in diesem Auto mit – vielleicht war es der Chauffeur selbst. So, das können Sie veröffentlichen, Peter. Sie dürfen aber nicht schreiben, daß Farmer noch eine halbe Stunde vor seinem Tode mit Crewe telefonierte – ich erzähle Ihnen das nur deshalb, weil Sie es wahrscheinlich doch erfahren werden. Farmer sagte, daß er etwas über die gefiederte Schlange in Erfahrung gebracht habe und Crewe aufsuchen wolle, um es ihm mitzuteilen.«

 

»Wieso interessierten sich die beiden eigentlich für die gefiederte Schlange?« fragte Dewin. Der Oberinspektor sah ihn nachdenklich an.

 

»Wollen Sie mich bluffen? Sie wissen doch ganz genau, daß Crewe und Farmer diese mysteriösen Karten erhalten haben. Wie erklärt man sich die Geschichte eigentlich auf Ihrer Redaktion?«

 

»Wir haben die Sache bis jetzt nicht ernst genommen – es sah zu sehr nach Sensationsmache aus. Daß so etwas in Wirklichkeit nicht passiert, das wissen Sie doch am besten, Clarke.«

 

»Dafür hat sich dieser Mord aber wirklich zugetragen«, entgegnete Clarke grimmig.

 

Als sie zusammen zum Bloomsbury Square gingen, schaute er Dewin immer noch ab und zu argwöhnisch von der Seite an und fragte schließlich:

 

»Haben Sie wirklich nichts gefunden?«

 

»Bestimmt nichts, was der Polizei irgendwie von Nutzen sein könnte«, erwiderte Dewin prompt.

 

»Das heißt also, daß Sie mich irgendwie aufs Glatteis führen wollen. Es wäre eigentlich meine Pflicht, Sie auf die Polizeiwache zu bringen und Ihre Taschen vollständig durchsuchen zu lassen.«

 

Als Peter Dewin in seinem Büro am Schreibtisch saß, war er sich schon klar darüber, wie er die Reportage über das Verbrechen abfassen wollte. Es waren inzwischen auch einige weitere Details der Zeugenaussagen gemeldet worden, und schließlich war der Bericht, den er den Lesern seiner Zeitung vorsetzte, derselbe, der am nächsten Morgen in jedem anderen Blatt zu lesen war.

 

*

 

Für gewöhnlich verbrachte Peter Dewin sein Wochenende in einem kleinen Landhaus an der Godalming Road. Gern hätte er auch diesmal die Gelegenheit wahrgenommen, in ländlicher Abgeschiedenheit über die verschiedenen Probleme nachzudenken, die sich ergeben hatten; aber diesmal konnte er sich beim besten Willen kein Wochenende gönnen. Für seine Verhältnisse ziemlich aufgeregt und bestürzt, fuhr er schließlich zu seiner Wohnung in Bayswater.

 

Wie Dewin aus langer Erfahrung wußte, war ein Mord fast immer eine sehr prosaische und unromantische Angelegenheit. Zum ersten Male hatte er hier über eine Tat zu berichten, die etwas geradezu Phantastisches an sich hatte.

 

Er saß auf dem Rand seines Bettes und zog seine Schuhe aus, als ihm plötzlich der kleine Geldbeutel einfiel, den ihm Daphne gegeben hatte. Er zog ihn aus der Tasche; es war eigentlich mehr ein flaches Etui aus weichem Leder, die Klappe wurde durch einen Druckknopf festgehalten. Im Innern fühlte er einen harten Gegenstand; als er öffnete, fand er einen Schlüssel, an dem ein Streifen Pappe hing.

 

Der Schlüssel gehörte anscheinend zu einem Patentschloß. Er war sehr klein und trug oben am Griff die Nummer 7916.

 

Daneben schien noch etwas eingraviert gewesen zu sein; es war dann aber ziemlich nachlässig wieder weggekratzt worden.

 

Er betrachtete den Pappstreifen, auf dem zwei Reihen Buchstaben standen:

 

 

F. T. B. T. L. Z. S. Y.

H. V. D. V. N. B. Z. A.

Entweder waren es Codeworte, oder es war der Schlüssel zu einer Geheimschrift. Die Pappe war ziemlich alt; die mit Tinte geschriebenen Buchstaben begannen bereits zu verblassen. Weiter fand sich nichts in dem Geldbeutel, und Peter wollte ihn gerade wieder in seine Tasche stecken, als er aus irgendeinem Grund, über den er sich selbst nicht im klaren war, seine Meinung änderte und ihn unter sein Kopfkissen legte. Dann zog er sich aus und ging ins Bett. Todmüde schlief er sofort ein.

 

Kapitel 6

 

6

 

Ein leichter Stoß gegen seine eiserne Bettstelle weckte ihn plötzlich auf. Durch die Spalten der Rolläden vor dem Fenster schimmerten Streifen gelblichen Lichts von der Straßenlaterne.

 

Er richtete sich auf. Die Tür seines Zimmers stand offen – er konnte das Fenster sehen, das auf der andern Seite des Ganges lag, seiner Zimmertür gegenüber. Angestrengt lauschte er und hörte plötzlich hastiges Atmen. Jemand stand dicht neben ihm!

 

Vorsichtig tastete Dewin nach der kleinen Taschenlampe, die stets auf seinem Nachttisch lag. Er knipste sie an und sprang aus dem Bett. Unklar erkannte er im Lichtkegel seiner Lampe eine zum Sprung geduckte Gestalt, deutlich sah er einen gesenkten Kopf mit stark gelichtetem grauem Haar. Im gleichen Augenblick bekam er schon einen so heftigen Schlag auf die Schulter, daß er die Lampe fallen ließ. Gleich darauf war er mit dem Einbrecher in einen heftigen Ringkampf verwickelt; mit Mühe machte er sich frei und holte zu einem kräftigen Stoß aus – stieß aber nur in die Luft. Dann krachte die Tür zu, und jemand drehte von außen den Schlüssel um. Das ganze Haus geriet in Aufruhr, Dewin hörte eilige Schritte auf der Treppe und hämmerte an die Tür.

 

Es dauerte einige Zeit, bis einer der aufgeregten Hausbewohner den Hausmeister geholt hatte, der mit seinem Hauptschlüssel aufschloß. Der ganze Raum war in Unordnung; der Einbrecher hatte sein Jackett mitgenommen; die Hosentaschen waren umgestülpt und ihr Inhalt verschwunden. Seltsamerweise hatte der Dieb zwar Taschenuhr und Kette aus der Weste gezogen, aber auf dem Tisch zurückgelassen.

 

Nach kurzer Untersuchung war es Dewin klar, wie der Einbrecher entkommen war. Das Fenster auf dem Korridor stand weit offen, und da es nicht allzu hoch über dem flachen Küchendach lag, war es leicht, von hier aus die Hofmauer und die Straße zu erreichen.

 

Der Morgen dämmerte bereits, als sich Peter Dewin zusammen mit einigen andern Bewohnern der Pension ins Eßzimmer setzte und Kaffee trank, den die erschrockene Pensionsinhaberin schnell gekocht hatte. Zu Peters großem Ärger bestand sie darauf, die Polizei zu holen. Er selbst war fest davon überzeugt, daß er das zufällige Opfer eines armseligen Diebes geworden war, der sich nur deshalb sein Zimmer ausgesucht hatte, weil es dem Flurfenster gerade gegenüber lag. Diese Meinung setzte er auch dem Kriminalbeamten auseinander, der bald darauf kam, um ein Protokoll aufzunehmen.

 

»Können Sie mir dann vielleicht auch sagen, warum der Einbrecher zwar Ihr Jackett gestohlen, Ihre goldene Uhr aber liegengelassen hat?« entgegnete der Beamte trocken.

 

Dewin konnte als Antwort nur mit den Schultern zucken. Einige Stunden darauf wurde das Jackett von einer Polizeistreife in einem benachbarten Hof gefunden. Man sah deutlich, daß die Taschen durchsucht worden waren trotzdem befand sich in der einen noch sein silbernes Zigarettenetui.

 

Er begann sich ernstlich den Kopf zu zerbrechen, aber die Lösung des Rätsels fiel ihm erst ein, als er zufällig das Kopfkissen seines Bettes umdrehte und den kleinen Geldbeutel sah. Es wurde ihm plötzlich klar, daß der nächtliche Besucher nur nach diesem Gegenstand gesucht haben konnte. Nicht im entferntesten hätte er daran gedacht, daß letzten Endes Daphne Olroyd für diesen nächtlichen Besuch verantwortlich sein könnte!