Roman

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

»Herr Kapitän?

– Mistreß Barnett.

– Was denken Sie von Ihrem Lieutenant, Herrn Jasper Hobson?

– Ich halte ihn für einen Officier, der weit vordringen wird.

– Was verstehen Sie unter den Worten, weit vordringen? Wollen Sie damit sagen, daß er den achtzigsten Breitengrad überschreiten wird?«

Der Kapitän Craventy konnte sich bei dieser Frage Mrs. Barnett’s des Lächelns nicht erwehren. Er und sie plauderten nahe dem Ofen, während die Eingeladenen zwischen dem Tische mit Speisen und dem mit Erfrischungen hin- und hergingen.

»Madame, erwiderte der Kapitän, Alles, was einem Manne möglich ist, wird Jasper Hobson thun. Die Compagnie hat ihn mit der Durchforschung ihrer nördlichsten Besitzungen und der Errichtung einer Factorei, möglichst nahe der Nordküste Amerikas beauftragt, und das wird er auch ausführen.

– Da ruht aber eine große Verantwortlichkeit auf dem Lieutenant Hobson, sagte die Reisende.

– Ja, Madame, doch ist Jasper Hobson nie vor der Durchführung eines Versuches, und wenn dieser auch noch so mühsam war, zurückgeschreckt.

– Ich glaube Ihnen, Kapitän, antwortete Mrs. Paulina, und ich werde ja diesen Lieutenant in Thätigkeit sehen. Welches Interesse treibt aber die Compagnie, auch an der Küste des Arktischen Oceans noch ein Fort zu errichten?

– O, ein sehr großes Interesse, Madame, um nicht zu sagen, ein doppeltes. Voraussichtlich wird Rußland in nächster Zeit seine amerikanischen Besitzungen der Regierung der Vereinigten Staaten abtreten. 1 Tritt diese Cession ein, so wird der Handel der Compagnie nach dem Pacifischen Ocean hin wesentlich erschwert, wenn die von Mac Clure entdeckte nordwestliche Durchfahrt keinen brauchbaren Seeweg bieten sollte. Darüber müssen erst neue Untersuchungen Licht geben, und die Admiralität rüstet eben ein Schiff aus, dessen Aufgabe es sein wird, von der Behrings-Straße aus längs der amerikanischen Küste bis zum Krönungs-Golf an der Ostgrenze, wo das neue Fort gegründet werden soll, hinzufahren. Gelingt das Vorhaben, so wird dieser Punkt zu einer sehr wichtigen Factorei werden, in der sich der ganze Rauchwaarenhandel des Nordens concentriren müßte. Und während der Transport der Pelze über die Indianer-Territorien sehr viel Zeit und hohe Spesen kostet, könnten flinke Dampfer den Stillen Ocean von jenem Fort aus in wenigen Tagen erreichen.

– Das wäre freilich, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, ein schwerwiegender Erfolg, wenn die Nordwest-Passage überhaupt benutzbar ist. Doch Sie sprachen, glaub‘ ich, von einem doppelten Interesse?

– Das zweite Interesse, fuhr der Kapitän fort, berührt gewissermaßen eine Lebensfrage der Compagnie. Hierzu muß ich Sie jedoch um die Erlaubniß bitten, Ihnen deren Ursprung mit kurzen Worten zu berichten. Sie werden daraus abnehmen können, wie diese einst so blühende Handelsverbindung jetzt in ihrer Wurzel bedroht ist.«

In wenigen Worten erzählte also der Kapitän die Geschichte dieser weitberühmten Compagnie.

Es ist bekannt, daß der Mensch schon in den ältesten Zeiten nach den Fellen und Pelzen gewisser Thiere trachtete, um sie zu seiner Kleidung zu verwenden. Der Rauchwaarenhandel reicht also bis in das hohe Alterthum zurück. Der Kleiderluxus ging ja manchmal so weit, daß mehrere Male sogenannte Aufwands-Gesetze (Kleiderordnungen) erlassen wurden, um dieser Mode, welche vorzüglich in Pelzwaaren Verschwendung trieb, zu steuern. So mußte z. B. das graue Pelzwerk im zwölften Jahrhundert verboten werden.

Im Jahre 1553 gründete Rußland in seinen Steppen des Nordens mehrere Niederlassungen, und englische Compagnien folgten bald diesem Beispiele. Der Handel mit Zobel, Hermelin, Viber u. s. w. wurde damals durch die Samojeden vermittelt. Unter der Regierung Elisabeth’s aber wurde der Gebrauch kostbarer Pelzwaaren durch ein königliches Verbot streng verpönt, und einige Jahre lag diese Handelsbranche völlig brach.

Am 2. Mai 1670 erhielt dann die Pelzwaaren-Compagnie der Hudsons-Bai ein Privilegium. Diese Compagnie hatte eine Anzahl Theilhaber aus den höchsten Kreisen, wie den Herzog von York, den Herzog von Albemarle, den Grafen von Shaftesbury u. s. w. Ihr Capital betrug anfangs nur 8400 Pfund Sterling. – Als Rivalen hatte sie besondere Genossenschaften, deren französische, in Canada seßhafte Agenten oft sehr abenteuerliche, aber auch ergiebige Züge unternahmen. Die unerschrockenen Jäger, welche unter dem Namen der »Canada-Reisenden« bekannt sind, machten der jungen Compagnie eine derartige Concurrenz, daß deren Fortbestand ernstlich in Zweifel gestellt wurde.

Die Eroberung von Canada aber veränderte diese bedrohliche Sachlage. Drei Jahre nach der Einnahme von Quebec, im Jahre 1766, blühte der Rauchwaarenhandel sehr merkbar auf. Die englischen Factore hatten sich in die Schwierigkeiten dieses Geschäftes eingelebt, sie kannten nun die Landessitten, die Gewohnheiten der Indianer und das Verfahren, welches diese bei ihrem Tauschhamdel einhielten. Dennoch war von Erträgnissen der Compagnie noch keine Rede. Dazu waren, gegen 1784, Kaufleute aus Montreal zur Ausbeutung desselben Geschäftes zusammengetreten, und hatten die mächtige »Compagnie des Nordwestens« gegründet, welche bald Alles zu sich heranzog. Im Jahre 1798 belief sich der Umsatz dieser neuer Compagnie auf die enorme Ziffer von hundertundzwanzig Millionen Pfund Sterling, während die Hudsons-Bai-Compagnie noch um ihren Fortbestand kämpfte.

Freilich schreckte jene Compagnie des Nordwestens auch vor keiner Immoralität zurück, wenn ihr Interesse im Spiele war. Sie beutete ihre eigenen Beamten aus, speculirte auf das Elend der Indianer, mißhandelte sie, machte sie trunken, um sie zu berauben, und übertrat das Parlamentsverbot, welches den Verkauf von Spirituosen in den Gebieten der Eingeborenen untersagte. So ernteten die Agenten dieser Gesellschaft reiche Erträgnisse, trotz der Concurrenz der inzwischen gegründeten amerikanischen und russischen Handelsgesellschaften, unter Anderen der »Amerikanischen Rauchwaaren-Compagnie«, welche 1809 mit dem Kapitale von einer Million Dollars gegründet worden war und den Westen der Felsengebirge ausbeutete.

Von allen Gesellschaften blieb die Hudsons-Bai-Compagnie die bedrohteste, bis sie im Jahre 1821 nach lange hingezogenen Verhandlungen ihre alte Rivalin, die Compagnie des Nordwestens, in sich aufnahm, und sich nun »Hudson’s bay fur Company« nannte.

Heutzutage hat diese mächtige Gesellschaft keine andere Rivalin, als die »Amerikanische Pelzwaaren-Compagnie von St. Louis«. Sie besitzt zahlreiche Etablissements, welche auf einem Raume von 3,700,000 Quadratmeilen verstreut liegen. Ihre Hauptfactoreien befinden sich an der James-Bai, an der Mündung des Severn, im südlichen Theile und nahe den Grenzen von Ober-Canada, an den Seen Athapeskow, Winnipeg, Supervior, Methye, Buffalo, ferner an den Strömen Colombia, Mackenzie, Saskatchavan, Assinipoil u. s. w. Fort-York, welches den Nelson-Fluß, der in die Hudsons-Bai mündet, beherrscht, bildet das Hauptquartier der Compagnie, bei dem sich die ausgedehntesten Rauchwaarenmagazine befinden, daneben hat sie, seit 1842, gegen eine jährliche Entschädigung von 200,000 Francs die russischen Etablissements im Norden Amerikas übernommen. Sie beutet also für eigene Rechnung die ungeheuren Ländereien zwischen dem Mississippi und dem Stillen Weltmeere aus. Nach allen Richtungen hat sie unerschrockene Reisende entsendet, so Hearn nach dem Polarmeere, welcher 1770 Copernicia entdeckte; Franklin, von 1819 bis 1822, über 5550 Meilen des amerikanischen Küstenlandes; Mackenzie, welcher nach der Entdeckung des Flusses, der seinen Namen trägt, die Ufer des Stillen Oceans unter 52° 24′ nördlicher Breite erreichte. Von 1833 bis 1834 sendete sie folgende Massen von Häuten und Pelzfellen nach Europa, welche den erstaunlichen Umfang ihres Handels genau angeben:

Eine solche Production mußte der Gesellschaft wohl einen reichen Ertrag liefern; unglücklicher Weise waren aber solche Ziffern nicht beständig, und etwa seit zwanzig Jahren nahmen sie fortwährend ab.

Woher kam nun diese Abnahme, welche Kapitän Craventy jetzt Mrs. Barnett erklärte?

»Bis zum Jahre 1837, Madame, sagte er, konnte man den Zustand der Compagnie einen blühenden nennen. In eben diesem Jahre hatte sich der Export bis auf 2,358,000 Felle erhoben. Seitdem hat er sich aber stets vermindert, und erreicht jetzt kaum die Hälfte.

– Worin suchen Sie aber die Ursache hierfür? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– In der Entvölkerung, welche die Thätigkeit der Jäger, und, fügen wir hinzu, die Sorglosigkeit derselben in den Jagdgebieten erzeugt hat. Man stellte dem Wilde nach und tödtete es ohne Schonzeit. Die Metzeleien vollzogen sich ohne Ausnahmen. Selbst die Jungen und die tragenden Weibchen wurden nicht verschont. Die Otter ist fast ganz verschwunden und findet sich nur nahe den Inseln des höchsten Nordens. Die Biber sind in kleinen Gesellschaften an die Ufer der entlegensten Ströme entflohen. Dasselbe ist mit anderen kostbaren Thieren der Fall, welche vor dem Andringen der Jäger entfliehen mußten. Die sonst immer gefüllten Fallen und Gruben sind jetzt leer. Der Preis der rohen Felle steigt, gerade wo die Pelzwaaren sehr gesucht sind. Auch verlieren die Jäger die Lust, und nur die Kühnsten und Unermüdlichen dringen noch bis zu den Grenzen des amerikanischen Festlandes vor.

– Ich begreife jetzt das Interesse, sagte Mrs. Paulina Barnett, welches die Compagnie an der Gründung einer Factorei an der Küste des Eismeeres hat, da sich die jagdbaren Thiere über den Polarkreis hinaus geflüchtet haben.

– So ist es, Madame, antwortete der Kapitän. Uebrigens mußte sich die Compagnie bald entschließen, den Mittelpunkt ihrer Thätigkeit mehr nach Norden zu verlegen, da vor zwei Jahren eine Parlamentsacte ihr Jagdgebiet wesentlich eingeschränkt hat.

– Und was konnte der Grund dieser Einschränkung sein? fragte die Reisende.

– Ein sehr wichtiger nationalökonomischer war es, Madame, der die Staatsmänner Großbritanniens lebhaft berühren mußte. Die Mission der Kompagnie ist offenbar keine civilisatorische gewesen; im Gegentheil. In ihrem eigenen Interesse mußte sie den Zustand der öden Landgebiete in Gleichem erhalten. Jeder Versuch einer Urbarmachung, welche die Pelzthiere verscheucht hätte, wurde unerbittlich von ihr unterdrückt. Ihr Monopol ist der Feind des Landbaues. Alle seiner Industrie fremden Fragen wurden von ihrem Verwaltungsrathe von der Hand gewiesen. Dieses absolute, und von gewissem Gesichtspunkte unmoralische Regime hat jene Maßnahme des Parlaments veranlaßt und eine im Jahre 1857 von dem Secretär der Colonien ernannte Commission entschied dahin, daß alle zum Ackerbau geeigneten Ländereien zu Canada geschlagen würden, wie die Territorien des Rothen, und die Districte des Saskatchavan-Flusses, während der Gesellschaft fernerhin nur diejenigen Strecken als Domäne zu überlassen seien, welche für die Civilisation keine Zukunft hätten. Im folgenden Jahre verlor die Compagnie die Abhänge der Felsen-Gebirge, welche nun direct unter dem Colonialamte stehen und der Jurisdiction der Hudsons-Bai-Compagnie entzogen wurden. Und deshalb, Madame, will die Compagnie, statt ihren Handel aufzugeben, die noch fast unbekannten nördlichen Gegenden ausbeuten, und Mittel und Wege zu einer Verbindung mit dem Pacifischen Oceane suchen.«

Mrs. Paulina Barnett war über diese Projecte der berühmten Handelsgesellschaft sehr zufrieden. Sie sollte in Person an der Gründung eines neuen Forts an der Küste des Eismeeres theilnehmen. Kapitän Craventy hatte sie mit der Sachlage völlig bekannt gemacht, und bald wäre er – denn er plauderte gern – auch noch auf weitere Einzelheiten eingegangen, wenn ihm nicht ein Zufall das Wort abschnitt.

Corporal Joliffe meldete nämlich mit lauter Stimme an, daß er mit Mrs. Joliffe’s Hilfe daran gehe, den Punsch zu bereiten. Diese Nachricht fand die verdiente Würdigung. Die Bowle – doch es war vielmehr ein Bassin – war mit dem köstlichen Naß gefüllt; sie enthielt nicht weniger, als zehn Maß Branntwein, auf dem Boden lag ein ganzer Haufen Zucker und auf der Oberfläche schwammen die nöthigen, freilich vor Alter schon runzlichen Citronen. Es bedurfte nur noch der Entzündung dieses Sees von Alkohol, und der Corporal wartete, mit der Lunte in der Hand, der Befehle seines Kapitäns, so als gelte es eine Mine anzuzünden.

»Los! Joliffe!« rief nun Kapitän Craventy.

Sofort flammte unter dem Jubel der Umstehenden das Meer von Punsch in die Höhe.

Zwei Minuten später wurden die gefüllten Gläser umhergereicht, welche stets eifrige Abnehmer fanden.

»Hurrah! Hurrah! Der Mrs. Paulina Barnett! Ein Hurrah für unseren Kapitän!«

Mitten in diesen Freudenlärmen ertönte da plötzlich ein Geschrei von außerhalb. Erstaunt schwieg die Gesellschaft.

»Sergeant Long, sehen Sie nach, was draußen vorgeht«, sagte der Kapitän.

Und auf den Befehl seines Chefs ließ der Soldat sein Glas halb ausgetrunken stehen und verließ den Salon.

  1. Ist inzwischen wirklich geschehen.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Der breite Meerbusen, den die Gesellschaft nach sechswöchentlicher Fahrt erreichte, bildete einen trapezförmigen, scharf in das Festland Amerikas hinein verlaufenden Einschnitt.

In seiner westlichen Ecke befand sich die Mündung des Coppermine-Flusses. An der östlichen dagegen zog sich eine lange Meerstraße hin, welche den Namen »Bathurst’s Eingang« erhalten hat. An dieser Seite zeigt das Ufer eine launenhafte Bildung, ist von Buchten und kleinen Schlüpfhäfen unterbrochen und mit scharfen Caps und steil abfallenden Vorgebirgen besetzt, verliert sich auch weiterhin in jenes Gewirr von Meerengen, Oeffnungen und Durchlässen, welche den Karten der Polargegenden einen so sonderbaren Anblick verleihen. An der anderen, also an der westlichen Seite des Meerbusens, steigt die Küste, von der Mündung des Coppermine aus, nach Norden zu an und lauft in dem Cap Krusenstern aus.

Dieser Meerbusen trägt den Namen der Krönungs- Bai, und seine Gewässer sind mit Inseln und Eilanden, welche den Archipel des Herzogs von York bilden, bedeckt.

Nach Zuratbeziehung des Sergeants Long beschloß Jasper Hobson, seinen Begleitern an diesem Punkte einen Rasttag zu gewähren.

Die Erforschung im eigentlichen Sinne, welche dem Lieutenant eine zur Gründung einer Factorei geeignete Stelle nachweisen sollte, begann also von hier ab. Die Compagnie hatte empfohlen, sich so weit als möglich oberhalb des siebenzigsten Breitengrades und an der Küste des Polarmeeres zu halten. Seinem Mandate gemäß konnte der Lieutenant also nur im Westen nach einem Punkte suchen, welcher so hoch und doch noch auf dem Festlande läge. Nach Osten hin bilden die so merkwürdig zerrissenen Ländermassen (vielleicht mit alleiniger Ausnahme des Bootia-Landes), welche von jenem Breitengrade durchschnitten werden, Theile der eigentlich arktischen Gebiete, deren geographische Gestaltung aber nur erst sehr unvollkommen bekannt ist.

Nach Aufnahme der Länge und Breite und Einzeichnung seiner Position in der Karte sah Jasper Hobson, daß er sich noch mehr als hundert Meilen unterhalb des siebenzigsten Breitengrades befand. Oberhalb des Cap Krusenstern aber durchschnitt die Küste, welche sich nach Nordwesten fortsetzte, etwa mit dem hundertunddreißigsten Meridiane, jenen Parallelkreis, genau in der Höhe des Cap Bathurst, welches von Kapitän Craventy als Ort des Zusammentreffens bezeichnet worden war. Diesen Punkt galt es also zu erreichen und dort etwa konnte sich auch das neue Fort erheben, wenn die Oertlichkeit die nöthigen Hilfsquellen für eine Factorei versprach.

»Da, Sergeant Long, sagte der Lieutenant und zeigte seinem Unterofficier die Karte der Polargegenden, da werden wir uns unter den von der Compagnie vorgeschriebenen Bedingungen befinden. An diesem Punkte gestattet das einen großen Theil des Jahres über offene Meer den Schiffen von der Behrings-Straße bis an das Fort zu gelangen, dieses mit allem Nöthigen zu versehen und seine Producte auszuführen.

– Ohne zu erwähnen, fügte Sergeant Long hinzu, daß unsere Leute von der Zeit ab, da wir uns über dem siebenzigsten Breitengrade befinden, doppelte Löhnung beziehen sollen.

– Das versteht sich von selbst, entgegnete der Lieutenant, und ich denke, sie werden sie ohne Murren annehmen.

– Nun wohl, Herr Lieutenant, dann haben wir also nur nach Cap Bathurst aufzubrechen«, sagte einfach der Sergeant.

Da aber einmal ein Rasttag angesagt war, fand die Abreise erst anderen Tages, am 6. Juni, statt. Dieser zweite Theil der Reise mußte dem ersten gegenüber sehr verschieden sein und war es auch wirklich. Die Ordnung, welche den Schlitten bis hierher vorgeschrieben gewesen war, wurde nicht weiter aufrecht erhalten. Man zog in kleinen Tagereisen weiter, hielt an allen Ecken der Küste und ging häufig zu Fuß. Lieutenant Hobson empfahl seinen Begleitern nur dringend, sich niemals weiter als drei Meilen von der Küste zu entfernen und zweimal des Tages, Mittags und Abends, bei der Hauptabtheilung wieder einzutreffen. Bei einbrechender Nacht lagerte man sich. Das Wetter war zu dieser Jahreszeit beständig schön, und die Temperatur, welche bis + 15° C. stieg, sehr angenehm. Zwei- oder dreimal brachen zwar plötzliche Schneestürme los, welche aber nicht andauernd genug waren, um die Luftwärme wesentlich zu beeinträchtigen.

Der ganze Theil der amerikanischen Küste zwischen Cap Krusenstern und Cap Parry, welcher eine Ausdehnung von etwa zweihundertundfünfzig Meilen hat, wurde nun zwischen dem sechsten und dem zwanzigsten Grad möglichst sorgsam bereist. Wenn die geographische Aufnahme dieses Küstenstriches Nichts zu wünschen übrig ließ, wenn Jasper Hobson sogar – und hierbei wurde er von Thomas Black sehr erfolgreich unterstützt – einige hydrographische Irrthümer zu berichtigen vermochte, so wurde doch auch das benachbarte Land fortwährend scharf im Auge behalten, vorzüglich in der Hinsicht, welche die Hudsons- Bai-Compagnie direct interessirte.

Waren diese Gebiete z. B. wildreich? Konnte man auf eßbare Thiere ebenso rechnen, wie auf Pelzthiere? Würden die selbständigen Hilfsquellen des Landes ausreichen, eine Factorei, mindestens den Sommer über, zu erhalten? Das waren die wichtigeren Fragen, welche sich Jasper Hobson vorlegte und die ihn mit vollem Rechte beschäftigten. In Bezug hierauf beobachtete er etwa Folgendes:

Das eigentliche Wild, d. h. dasjenige, dem Corporal Jolisse, so gut wie Andere, den Vorzug gaben, schien nicht eben im Ueberfluß vorhanden. Geflügel, welches zu der zahlreichen Familie der Enten gehörte, gab es zwar in großer Menge, aber Nagethiere waren nur durch einige Polarhasen, welche sich übrigens schwierig ankommen ließen, vertreten. Dagegen mußten Bären hier häufig sein. Sabine und Marbre hatten nicht selten frische Spuren dieser Raubthiere angetroffen. Mehrere waren sogar bemerkt oder aufgespürt worden, doch hielten sie sich immer in gemessener Entfernung. Jedenfalls lag es auf der Hand, daß diese Thiere, wenn sie die strengere Jahreszeit durch Hunger aus den höher gelegenen Gegenden vertrieb, an den Küsten des Eismeeres nicht selten sein konnten.

»Uebrigens, sagte Corporal Jolisse, den die Verproviantirungsfrage vorwiegend beschäftigte, wenn der Bär in der Speisekammer hängt, ist er auch gar nicht zu verachten. Ist das aber noch nicht der Fall, so stellt er nur ein sehr problematisches Wild, welches alle Vorsicht nöthig macht, dar, und droht Euch Jägern immer dasselbe Loos, welches ihr ihm bestimmt habt.«

Klüger konnte wohl kein Mensch reden. Bären konnten die Bedürfnisse des Forts nicht wohl mit Sicherheit decken. Glücklicher Weise war das Gebiet aber auch von Banden noch nützlicherer, und vorzüglich wohlschmeckenderer Thiere, als es die Bären sind, häufiger besucht, denen die Indianer und manche Eskimostämme oft ihre einzige Nahrung entlehnen. Es sind das die canadischen Rennthiere, deren häufiges Vorkommen Corporal Joliffe auf diesem Küstenstriche constatirte. Wirklich hatte die Natur Alles gethan, sie hierher zu locken, indem sie den Boden mit jener Moosart bedeckte, nach welcher das Rennthier vorzüglich lüstern ist, die es sogar geschickt unter dem Schnee hervorzuscharren weiß, und von der es den Winter über ausschließlich lebt.

Jasper Hobson war nicht minder befriedigt, als Corporal Joliffe, als er mit diesem die Fußtapfen solcher Wiederkäuer auffand, welche sich dadurch leicht von anderen unterscheiden, daß die innere Huffläche, ähnlich der des Kameels, einen convexen Abdruck hinterläßt. Man begegnet in gewissen Gegenden Amerikas ganz beträchtlichen wilden Heerden dieser Thiere, die sich wohl bis zu mehreren tausend Köpfen ansammeln. Lebend lassen sie sich leicht zähmen, und leisten dann den Factoreien beträchtliche Dienste; entweder durch ihre selbst die Kuhmilch an Stoffreichthum übertreffende Milch, oder auch als Zugthiere für die Schlitten. Todt sind sie kaum minder nützlich, da ihr sehr dichtes Fell sich zu Kleidungsstücken verwerthen läßt; ihr Haar liefert gesponnen sehr dauerhafte Fäden; ihr Fleisch ist ziemlich schmackhaft, und kaum giebt’s unter den hohen Breiten ein allseitiger verwendbareres Geschöpf. Das Vorkommen solcher Rennthiere, welches unzweifelhaft bestätigt war, konnte also Jasper Hobson in seiner Absicht, auf einem Punkte dieses Gebietes eine Niederlassung zu begründen, nur bekräftigen.

Bezüglich der Pelzthiere war er aber ebenso befriedigt. Längs der kleinen Wasserläufe fanden sich häufige Bauten von Bibern und Bisamratten. Dachse, Luchse, Hermelins, Vielfraße, Marder und Wiesel waren in der Umgebung zahlreich, wo das Nichtauftreten von Jägern ihnen Ruhe gelassen hatte. Von Menschen sah man hier noch keine Spuren, folglich mußten die Thiere ebenda eine gesicherte Zuflucht finden. Gleichzeitig fanden sich auch Spuren von blauen, und von Silber-Füchsen, eine Abart, welche immer seltener und deren Fell sozusagen mit Gold aufgewogen wird. Die Jäger hätten auf dem Zuge nicht selten Gelegenheit gehabt, sich einen Preis herauszuschießen, doch verbot kluger Weise Hobson vorläufig alles Jagen. Er wollte die Thiere nicht vor der Saison, das heißt, vor der Zeit aufschrecken, in welcher ihr Fell dichter und schöner ist, und auch höher im Preise steht. Nebenbei wäre es nutzlos gewesen, die Schlitten zu überlasten. Sabine und Marbre sahen diese Gründe wohl ein, aber ihre Hand bewegte sich doch unwillkürlich, wenn ihnen ein Zobel oder ein kostbarer Fuchs vor den Lauf kam. Jasper Hobson’s Befehl war aber einmal ausgesprochen, und der Lieutenant hätte nicht geduldet, daß man dem zuwider handelte.

Die Gewehre der Jäger hatten also während dieser zweiten Reiseperiode kein anderes Ziel, als einige Eisbären, welche sich manchmal an den Seiten des Zuges sehen ließen. Diese Raubthiere aber liefen, da sie jetzt nicht Hunger litten, meist eiligst davon, so daß es zu keinem ernsthaften Engagement mit ihnen kam. Hatten die Vierfüßler des Landes aber von der Ankunft der Reisegesellschaft nicht zu leiden, so hatte dafür das ganze Federvieh reichlich zu bezahlen. So erlegte man weißköpfige Adler, eine Art großer Vögel, welche sehr laut kreischen, Fischer-Falken, die gewöhnlich in den Höhlungen abgestorbener Bäume nisten und während des Sommers bis in die arktischen Breiten hinaufziehen; ferner Schneegänse von prachtvoll weißem Gefieder, wilde Baumgänse, vom Standpunkte der Eßbarkeit wohl die beste Art des Geschlechts der Gänse; Enten mit rothem Schnabel und schwarzer Brust; aschfarbene Krähen, eine Art Spott-Elstern von ausnehmender Häßlichkeit; Eidergänse, Trauerenten und noch verschiedene Arten Geflügel, die mit ihrem Geschrei das Echo der Uferwände wach riefen. Die Vögel bewohnen diese Nachbarschaft der Seeküste zu Millionen, und ihre Menge übersteigt wirklich jede Schätzung.

Die Jäger, denen jede andere Jagd streng untersagt war, stillten also ihre Lust an dem Federvieh. Mehrere hundert, meist gut eßbare Vögel erlagen während der ersten vierzehn Tage dem Schrote, und brachten in die gewöhnliche aus Pökelfleisch und Schiffszwieback bestehende Tafel eine gern gesehene Abwechselung.

Thiere fehlten also in diesen Gebieten offenbar nicht. Die Compagnie konnte leicht ihre Magazine füllen, sowie das Personal des Forts seine Speisekammern. Hiermit allein war aber die Zukunft einer Factorei nicht sicher gestellt. In so hohen Breiten war eine dauernde Niederlassung ja ohne bequemen Bezug reichlichen Brennmaterials nicht zu begründen, da es hier auch der schneidigen Kälte des Polarwinters zu widerstehen galt.

Glücklicher Weise war das Küstengebiet bewaldet. Die Hügel, welche sich im nächsten Hinterlande erhoben, waren mit grünen Bäumen, vorherrschend mit Fichten so besetzt, daß diese fast den Namen von Wäldern verdienten. Da und dort bemerkte Jasper Hobson auch in einzelnen Gruppen Weiden, Pappeln, Zwergbirken und andere baumartige Gesträuche. Jetzt, in der warmen Jahreszeit, grünten alle diese Bäume und machten auf das Auge, gegenüber der gewohnten Nacktheit der Polarländer, fast einen fremdartigen Eindruck. Am Fuße der Hügel war der Erdboden mit kurzem Grase bedeckt, das die Rennthiere begierig aufsuchen, und von dem sie sich den Winter über ausschließlich nähren.

Man sieht also, daß der Lieutenant sich nur Glück wünschen konnte, dies neue Jagdgebiet im Norden des amerikanischen Festlandes aufgesucht zu haben.

Kamen aber Thiere in der erwähnten Gegend fast im Ueberfluß vor, so schienen Menschen dagegen fast absolut zu fehlen. Man traf weder Eskimos an, deren Stämme mit Vorliebe die der Hudsons-Bai näher liegenden Ländereien durchstreifen, noch Indianer, welche sich so weit über den Polarkreis nur selten hinauswagen. Wirklich könnten solche Einzeljäger hier auch von einem plötzlichen und nicht selten andauernden Rückschlage der schlechten Witterung überrascht und von jeder Verbindung abgeschnitten werden. Daß Lieutenant Jasper Hobson keine Ursache hatte, sich über die Abwesenheit von Seinesgleichen zu beklagen, liegt wohl auf der Hand, da er in ihnen doch nur Rivalen hätte sehen können. Ein jungfräulicher Boden war es, den er suchte; eine Einöde, in der nur die Pelzthiere ein Asyl gefunden hätten, und hierüber sprach er öfters sehr eingehend mit Mrs. Paulina Barnett, welche sich sehr lebhaft für den Erfolg der Unternehmung interessirte. Die Reisende vergaß nie, daß sie Gast der Hudsons-Bai-Compagnie sei, und ihre Wünsche richteten sich auf ein möglichst durchgreifendes Resultat bezüglich Jasper Hobson’s Vorhabens.

Wie groß mußte da die unangenehme Verwunderung des Lieutenants sein, als er sich am 20. Juni plötzlich angesichts eines Lagers, das erst vor mehr oder weniger langer Zeit verlassen sein konnte, sah.

Es befand sich bei einer kleinen, schmalen Bucht, welche den Namen Darnley-Bai führt, und deren westlichste Spitze das Cap Parry bildet. An dieser Stelle sah man am Fuße eines kleinen Hügels noch Pfähle, welche zu einer Art Umzäunung gehört haben mochten, und auf den erloschenen Herden noch Haufen erkalteter Asche.

Die ganze Reisegesellschaft lief an diesem Lager zusammen.

Jeder fühlte, daß dieses auf Lieutenant Hobson einen sehr unangenehmen Eindruck hervorbringen mußte.

»Das ist ein übles Ding, sagte er; lieber wäre ich auf dem Wege einer Familie Eisbären begegnet.

– Die Leute aber, wer sie nun auch gewesen sein mögen, welche hier gelagert haben, antwortete Mrs. Paulina Barnett, sind nun schon wieder ohne Zweifel fern, und haben sich wahrscheinlich nach ihren gewöhnlichen Jagdgebieten im Süden zurückgewendet.

– Das ist die Frage, Mistreß Paulina, entgegnete der Lieutenant. Waren es Eskimos, so sind, sie voraussichtlich weiter gegen Norden gezogen. Waren es dagegen Indianer, so dürften sie, so gut wie wir, wohl in der Auskundschaftung neuer Jagdgebiete begriffen gewesen sein, und ich wiederhole, daß das für uns von sehr üblen Folgen begleitet sein könnte.

– Aber kann man denn, fragte Mrs. Paulina Barnett, an gar Nichts erkennen, welcher Race diese Reisenden angehörten? Sollte sich nicht entscheiden lassen, ob es Eskimos oder Indianer aus dem Süden gewesen sind? Stämme von so verschiedenem Ursprünge und Volkssitten werden ein Lager doch nicht auf ganz gleiche Weise herstellen.«

Mrs. Paulina Barnett hatte hiermit offenbar recht, und es war wohl möglich, daß diese Frage durch ein genaueres in Augenschein-Nehmen des Lagers eine Lösung versprach.

Jasper Hobson ging also mit einigen Anderen an diese Prüfung, und suchte peinlich nach jeder Spur, nach irgend einem vergessenen Gegenstände, selbst nur nach einer Fußspur, welche ihnen einige Andeutung gegeben hätte. Doch weder aus dem Zustande des Erdbodens, noch der Feuerherde, war eine solche herzuleiten. Einige Thiergebeine, welche da und dort umherlagen, waren dazu ebenso ungenügend. Schon wollte der Lieutenant die fruchtlose Nachforschung aufgeben, als ihn Mrs. Joliffe, die sich etwa hundert Schritte nach links hin entfernt hatte, anrief.

Jasper Hobson, Mrs. Paulina Barnett, der Sergeant und noch Mehrere eilten sogleich auf die junge Canadierin zu, welche unbeweglich den Erdboden betrachtete.

»Sie suchten nach Spuren, sagte Mrs. Joliffe zu dem Lieutenant. Nun, hier sind deren!«

Sie zeigte dabei auf zahlreiche Fußeindrücke, welche sich in dem thonichten Erdboden sehr scharf erhalten hatten. Diese hätten wohl ein charakteristisches Merkmal bieten können, denn der Fuß des Eskimos und der des Indianers ist ebenso verschieden, wie das beiderseitige Schuhwerk. Vor Allem war Jasper Hobson über die eigentümliche Art dieser Eindrücke verwundert. Gewiß rührten sie von einem menschlichen, mit einem Stiefel bekleideten Fuße her, zeigten aber nur den Abklatsch der Sohle, während der des Fersentheiles fehlte. Daneben waren diese Fußspuren nach allen Seiten gerichtet, und nur in beschränktem Umkreise sehr zahlreich.

Jasper Hobson machte seine Begleiter auf diese Eigenthümlichkeit aufmerksam.

»Das sind keine Fußtapfen einer Person, welche im Gehen begriffen war, sagte er.

– Und auch keine eines springenden Menschen, da der Abdruck der Ferse fehlt, setzte Mrs. Barnett hinzu.

– Nein, antwortete Mrs. Joliffe, das sind Fußspuren einer tanzenden Person!«

Mrs. Joliffe hatte vollkommen recht. Bei genauerer Betrachtung bestätigte sich ihre Annahme, daß jene von irgend einer choregraphischen Vorstellung herrührten, und dazu nicht von einem langsamen, abgemessenen, sondern von einem leichten, lustigen Tanze. Die Thatsache war unbestreitbar. Aber welcher Mensch konnte wohl so leichtlebigen Charakters sein, um den Gedanken, oder gar das Bedürfniß zu einem flotten Tanze, hier an den Grenzen Amerikas, einige Grade über dem Polarkreise zu bekommen?

»Das war sicher kein Eskimo, sagte der Lieutenant.

– Auch kein Indianer! meinte Corporal Joliffe.

– Nein, entschied sehr ruhig Sergeant Long, das war ein Franzose!«

Und nach der Ansicht Aller mußte es wirklich nur ein Franzose gewesen sein, welcher an einer solchen Stelle der Erdkugel noch – an’s Tanzen denken konnte!

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

War denn Sergeant Long’s Ausspruch doch nicht etwas zu kühn? Ein Tanz war hier abgehalten worden; durfte man aber von seiner Leichtigkeit allein schließen, daß nur ein Franzose ihn habe ausführen können?

Indessen, Lieutenant Jasper Hobson theilte die Ansicht seines Sergeanten, und alle Uebrigen mit ihm. Alle hielten es für ausgemacht, daß sich an dieser Stelle eine Reisegesellschaft, unter der sich wenigstens ein Landsmann Vestris‘ befand, aufgehalten habe.

Selbstverständlich war das für den Lieutenant keine besonders erfreuliche Entdeckung. Jasper Hobson kam die Befürchtung, daß ihm in den nordwestlichen Gebieten des britischen Amerika schon Concurrenten vorausgeeilt seien, und so geheim sein Vorhaben auch seitens der Compagnie gehalten wurde, so konnte es doch in den Handelsbrennpunkten Canadas oder der Vereinigten Staaten bekannt geworden sein.

Als er dann sein einen Augenblick unterbrochenes Vordringen fortsetzte, erschien der Lieutenant sehr sorgenvoll, der Sachlage nach war aber an eine Rückkehr gar nicht zu denken.

Nach obigem Vorfalle stellte Mrs. Barnett an ihn die Frage:

»Herr Hobson, begegnet man denn noch Franzosen in diesen Gebieten des arktischen Continentes?

– Ja, Madame, erwiderte Jasper Hobson; und wenn auch nicht eigentlich Franzosen, so doch, was fast dasselbe sagen will, Canadiern, welche von den früheren Herren Canadas, aus der Zeit, wo es eine französische Besitzung war, herstammen, und man muß gestehen, daß diese Leute gar nicht zu verachtende Rivalen sind.

– Ich glaubte immer, entgegnete die Reisende, daß die Hudsons-Bai-Compagnie, nachdem die Compagnie des Nordwestens in ihr aufgegangen war, auf dem amerikanischen Festlande ohne Concurrenten sei.

– O, Madame, antwortete Jasper Hobson, wenn neben ihr auch keine bedeutendere Gesellschaft, welche den Pelzhandel betreibt, existirt, so bestehen doch noch kleinere, ganz unabhängige Vereinigungen. Im Allgemeinen sind es amerikanische, welche sich noch französischer Agenten, oder doch der Abkömmlinge dieser, bedienen.

– Diese Agenten scheinen also in hohem Ansehen zu stehen? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Gewiß, Mistreß, und das mit vollem Rechte. Während der vierundneunzig Jahre, welche die Oberherrschaft Frankreichs über Canada dauerte, zeigten sich diese französischen Agenten den unserigen immer überlegen. Man soll immer gerecht sein; selbst gegen Rivalen.

– Vorzüglich gegen Rivalen! verbesserte Mrs. Paulina Barnett.

– Ja wohl … vorzüglich … Jener Zeit drangen die französischen Jäger von Montreal, ihrer Hauptstation, aus kühner als alle Anderen nach Norden vor. Jahre lang lebten sie mitten unter Indianerstämmen und heirateten nicht selten unter diesen. Man nannte sie «Waldläufer» oder «Canada- Reisende», und sie behandelten sich einander Alle als Brüder oder Vettern. Sie waren kühne, geschickte Männer, mit der Flußschifffahrt wohl vertraut, muthig, sorglos, und schickten sich mit der ihrem Stamme eigenen Fügsamkeit in alle Umstände. Dabei waren sie sehr treu und lustig und unter allen Verhältnissen aufgelegt, zu singen und zu tanzen.

– Und Sie argwöhnen, daß die Reisegesellschaft, deren hinterlassene Spuren wir trafen, nur zu dem Zwecke, Pelzthiere zu jagen, so hoch hinauf vorgedrungen ist?

– Etwas Anderes ist gar nicht anzunehmen, Madame, antwortete Lieutenant Hobson, und sicher sind jene Leute auf Kundschaft nach neuen Jagdgründen. Da uns nun kein Mittel zu Gebote steht, sie aufzuhalten, so wollen wir unser Ziel nur desto eher zu erreichen suchen, und dann gegen jede Concurrenz muthig ankämpfen!«

Lieutenant Hobson, der sich des Gedankens einer drohenden Concurrenz nicht erwehren konnte, trieb also sein Detachement zu möglichster Eile an, um schneller über den siebenzigsten Breitengrad hinaus zu gelangen. Vielleicht – er hoffte es mindestens – würden ihm seine Rivalen nicht bis dahin folgen.

Während der nächsten Tage wandte sich die kleine Gesellschaft einige zwanzig Meilen nach Süden, um schneller um die Franklin-Bai herum zu kommen. Das Land bot immerfort ein grünes Aussehen. Die schon beobachteten Säugethiere und Vögel waren ebenfalls in großer Anzahl vorhanden und der ganze Nordwesten aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso reich bevölkert.

Das Meer, welches hier die Küste netzte, dehnte sich noch immer endlos vor den Blicken, und fand sich auch auf den neuesten Karten kein nördlich von der Festlandgrenze gelegenes Land verzeichnet. Es bildete einen freien Raum, und nur das Eis hätte also Seefahrern hinderlich sein können, von der Behrings- Straße bis zum Pole vorzudringen.

Am 4. Juli war das Detachement um eine andere tief einspringende Bai, die Washburn-Bai, gekommen, und erreichte die Spitze eines noch wenig bekannten Sees, der aber nur eine kleine Fläche, etwa zwei Quadratmeilen, bedeckte. Er bildete eigentlich nur eine Süßwasser-Lagune, mehr einen großen Teich, als einen See.

Die Schlitten glitten leicht dahin. Der Anblick des Landes reizte hier zur Gründung einer neuen Factorei, und allem Anschein nach mußte ein Fort an der Spitze des Cap Bathurst, hinter sich jene Lagune, vor sich die vier Monate lang im Jahre freie Behrings-Straße, das heißt das offene Meer, sich in einer sehr günstigen Lage für die Productenausfuhr sowohl, als auch für seine eigene Verproviantirung befinden.

Am 5. Juli, Nachmittags gegen drei Uhr, hielt das Detachement endlich an der Spitze des Cap Bathurst an, dessen Position, welche die Karten über den sicbenzigsten Breitengrad verlegten, nur noch genau zu bestimmen war. Auf die Hydrographie dieses Küstenstriches, welche noch nicht sehr genau sein konnte, durfte man sich nämlich nicht allzusehr verlassen. Jasper Hobson beschloß, vorläufig an dieser Stelle anzuhalten.

»Was hindert uns, uns hier endgiltig festzusetzen? fragte Corporal Joliffe. Sie werden zugeben, Herr Lieutenant, daß die Oertlichkeit ganz verführerisch ist.

– Sie wird es Ihnen noch mehr sein, erwiderte Lieutenant Hobson, wenn Sie da eine doppelte Löhnung erhalten, mein wackerer Corporal.

– Das ist ja nicht zweifelhaft, antwortete Joliffe, man kann sich stets auf die Instruktionen der Compagnie verlassen.

– Gedulden Sie sich bis morgen, fügte Jasper Hobson hinzu, und wenn Cap Bathurst, wie ich voraussetze, wirklich über dem siebenzigsten Breitengrade liegt, so werden wir hier unser Zelt aufschlagen.«

Wirklich zeigte sich diese Stelle zur Gründung einer Factorei sehr geeignet. Die Ufer der Lagune, welche von bewaldeten Hügeln umgeben war, konnten genug Fichten, Virken und anderes zum Hausbau und zur Heizung nöthiges Material liefern. Der Lieutenant, der mit einigen seiner Begleiter bis nach der Spitze des Caps gegangen war, sah, wie die Küste im Westen in einem langen Bogen zurückwich. Das Wasser der Lagune erkannte man als trinkbar und nicht als Brackwasser, wie es doch bei der nahen Nachbarschaft des Meeres leicht zu erwarten gewesen wäre. Jedenfalls hätte der Colonie aber Trinkwasser nicht gefehlt, denn es verlief ein kleines, klares und frisches Flüßchen nach dem Eismeere, in dem es, einige hundert Schritte südöstlich von Cap Bathurst, in einer engen Bucht mündete. Diese Bucht, welche nicht von Felsen, sondern von einer auffälligen Anhäufung von Sand und besserer Erde geschützt war, vermochte bequem zwei bis drei Schiffe gegen etwaige Stürme der offenen See zu decken; sie bildete also einen ganz vortheilhaften Ankerplatz für diejenigen Fahrzeuge, welche in der Folge durch die Behrings-Straße kommen würden. Aus Galanterie gegen die Reisende taufte Jasper Hobson den kleinen Wasserlauf »Paulina-Fluß« und nannte die Bucht »Barnett-Hafen«, worüber die Dame offenbar sehr erfreut war.

Errichtete man das Fort etwas hinter dem durch Cap Bathurst gebildeten Vorsprunge, so mußten sowohl das Hauptgebäude, als auch die Magazine, gegen die schneidendsten Winde vollkommen geschützt sein. Voraussichtlich deckte sie die Erhebung auch einigermaßen gegen die heftigen Schneewehen, welche in einigen Stunden ganze Wohnungen, wie unter großen Lawinen, zu begraben vermögen. Der Raum zwischen dem Fuße des Vorgebirges und dem nördlichen Ende der Lagune war übrig hinreichend, alle für die Factorei notwendigen Baulichkeiten aufzuführen. Man konnte diese sogar noch mit einem Palissadenzaune umgeben, welcher sich an das steile Ufer anlehnen sollte, und das Cap selbst mit einer Schanze krönen – reine Vertheidigungsmaßregeln, welche doch in dem Falle nützlich sein konnten, daß es Concurrenten einfallen sollte, sich auch hier festzusetzen. Ohne daß Jasper Hobson für jetzt an die Ausführung solcher Maßnahmen dachte, erkannte er doch mit Genugthuung, daß dieser Platz leicht zu vertheidigen sein werde.

Noch immer war das Wetter sehr schön, und die Wärme beträchtlich. Weder am Zenith, noch am Horizonte schwebte eine Wolke. Den klaren Himmel der gemäßigten und heißen Zonen durfte man freilich in so hoher Breite nicht suchen. Auch während des Sommers erfüllte die Atmosphäre immer ein leichter Dunst. Aber im Winter, wenn sich die Eisberge festsetzten, wenn der rauhe Nordwind die Uferwände peitschte, wenn die viermonatliche Nacht über diese Länder herabsank, wie mochte es wohl dann um Cap Bathurst aussehen? Jetzt dachte keiner von Jasper Hobson’s Begleitern daran, denn das Wetter war herrlich, die Landschaft mit Grün geschmückt, die Wärme angenehm, und lieblich glitzerte das Meer.

Ein provisorisches Lager, zu welchem man auf den Schlitten alles Nöthige mit sich führte, wurde für die Nacht am Ufer der Lagune aufgeschlagen. Bis zum Abend durchstreiften Mrs. Paulina Barnett, der Lieutenant, selbst Thomas Black und Sergeant Long die nächsten Umgebungen, um deren Erzeugnisse kennen zu lernen. Das Land erschien in jeder Beziehung günstig. Jasper erwartete ungeduldig den andern Tag, um die geographische Lage genau aufzunehmen und zu wissen, ob er sich unter den von der Compagnie vorgeschriebenen Verhältnissen befinde.

»Nun, Lieutenant, sagte der Astronom, als sie ihre Umschau beendet hatten, ich dächte, das wäre ein herrliches Plätzchen, und hätte nie geglaubt, daß man über dem Polarkreise noch solch‘ ein Land antreffen könne.

– O, Herr Black, antwortete Jasper Hobson, hier finden sich sogar die schönsten Länder der Erde, und ich brenne darauf, die Länge und Breite des Unsrigen zu bestimmen.

– Vorzüglich die Breite, meinte der Astronom, der nur an seine zukünftige Sonnenfinsternis dachte, und ich glaube, daß Ihre wackeren Gefährten nicht weniger ungeduldig sind, als Sie, Herr Hobson. Es gilt den doppelten Sold, wenn Sie sich oberhalb des siebenzigsten Breitengrades festsetzen!

– Doch, Sie selbst, Herr Black, fragte Mrs. Paulina Barnett, haben Sie nicht ein rein wissenschaftliches Interesse daran, diese Parallele zu überschreiten?

– Ohne Zweifel, Madame, erwiderte der Gelehrte, zu überschreiten wohl, aber nur nicht zu weit. Unseren unbedingt verläßlichen Berechnungen zufolge wird die Sonnenfinsterniß, mit deren Beobachtung ich betraut bin, nur für denjenigen Beobachter eine totale sein, der sich ein wenig über dem siebenzigsten Breitengrade befindet. Ich bin also ebenso ungeduldig, als unser Lieutenant, die Lage des Cap Bathurst aufzunehmen.

– Soviel ich aber weiß, Herr Black, erwiderte die Reisende, soll jene Sonnenfinsterniß erst am 18. Juli stattfinden.

– Ganz recht, Madame, am 18. Juli 1860.

– Und wir schreiben erst den 5. Juli 1859! Mit dem Ereignisse hat es demnach noch über ein Jahr Zeit.

– Zugestanden, Madame, sagte der Astronom. Doch wenn ich erst nächstes Jahr abgereist wäre, gestehen Sie auch zu, daß ich dann hatte Gefahr laufen können, zu spät einzutreffen?

– Dem ist wirklich so, Herr Black, fiel Jasper Hobson ein, und Sie haben gut gethan, sich vorher aufzumachen. So find Sie doch sicher, Ihn Sonnenfinsterniß nicht zu verfehlen, denn ich muß Ihnen gestehen, daß unsere Reise von Fort-Reliance bis Cap Bathurst unter sehr ausnahmsweise günstigen Verhältnissen verlaufen ist. Wir haben nur wenig Hindernisse, und folglich auch nur geringe Verzögerungen gehabt. Offen gestanden hatte ich vor Mitte August nicht darauf gerechnet, hier die Küste zu erreichen, und wäre die Verfinsterung am 18. Juli 1859, also in diesem Jahre eingetreten, so hätten Sie dieselbe recht leicht verfehlen können. Dazu wissen wir auch jetzt noch nicht, ob wir uns über dem siebenzigsten Breitengrade befinden.

– Mein lieber Lieutenant, sagte Thomas Black, ich bereue auch gar nicht, die Reise in Ihrer Gesellschaft zurückgelegt zu haben, und werde« meine Sonnenfinsterniß geduldig bis nächstes Jahr erwarten. Die blonde Phöbe ist ja eine so hohe Dame, daß man ihr die Ehre, zu warten, schon anthun kann.«

Am anderen Tage, dein 6. Juli, hatten Jasper Hobson und Thomas Black kurz vor Mittag alle Anstalten getroffen, eine genaue Aufnahme des Cap Bathurst, nach seiner geographischen Länge und Breite vorzunehmen. Die Sonne glänzte hell genug, um ihre Peripherie genau abzuvisiren. Uebrigens hatte sie zu dieser Jahreszeit ihre größte Höhe über dem Horizonte erreicht, nnd ihre Culmination bei Durchschreitung des Meridianes mußte die Aufgabe der Beobachter wesentlich erleichtern.

Schon am Abend vorher und am Morgen hatten der Lieutenant und der Astronom, mittels Aufnahme verschiedener Höhen und Berechnung der Stundenwinkel die Lange des Ortes genau gefunden. Seine Lage bezüglich der Höhe aber war es, welche Jasper Hobson vorzüglich interessirte. Der Meridian des Cap Bathurst war ja von geringerer Bedeutung, wenn es nur über dem siebenzigsten Breitengrade lag.

Der Mittag rückte heran. Alle Mitglieder des Detachements umringten die mit ihren Sextanten versehenen Beobachter. Die braven Leute erwarteten das Resultat der Höhenmessung mit erklärlicher Ungeduld. Für sie handelte es sich darum, ob das Ziel der Reise erreicht oder noch ein neuer, den Absichten der Compagnie entsprechender Küstenpunkt aufzusuchen sei.

Die letztere Alternative hätte auf ein befriedigendes Resultat übrigens wenig Aussicht geboten. Nach den allerdings nicht ganz zuverlässigen Karten der amerikanischen Küste dieser Gegenden zog sich jene westlich von Cap Bathurst wieder unter den siebenzigsten Grad zurück, und überschritt diesen erst im russischen Amerika von Neuem, auf dem sich niederzulassen die Engländer ja kein Recht hatten. Jasper Hobson hatte sich also nach Einsichtnahme der Karten der Polarländer mit gutem Grunde nach Cap Bathurst gewendet. Dieses Cap streckt sich wie eine Spitze über den siebenzigsten Breitengrad hinaus, eine Höhe, welche zwischen dem hundertsten, und dem hundertundfünfzigsten Meridian kein zum Festlande und zum britischen Amerika gehöriges Vorgebirge wieder erreicht. Es blieb demnach nur zu bestimmen, ob Cap Bathurst die auf den Landkarten verzeichnete Lage wirklich habe.

Hierin gipfelte also die wichtige Frage, welche Thomas Black’s und des Lieutenants genaue Aufnahmen lösen sollten.

Die Sonne näherte sich jetzt ihrem Culminationspunkte. Die beiden Beobachter richteten die Fernrohre ihrer Sextanten nach dem noch immer aufsteigenden Tagesgestirn. Mittels daran schief stehender Spiegel wurde die Sonne scheinbar an den Horizont versetzt, und der Augenblick, in dem der untere Rand ihres Bildes eben diesen berührte, war dann derselbe, an welchem sie den höchsten Punkt ihres Tagesbogens erreichte, oder in dem sie, mit anderen Worten, die Mittagslinie des Ortes passirte.

Alle sahen zu und beobachteten ein tiefes Schweigen.

»Mittag! rief bald Jasper Hobson.

– Mittag!« erscholl es auch in demselben Augenblicke von Thomas Black.

Die Instrumente wurden herabgesenkt. Der Lieutenant und der Astronom lasen auf dem graduirten Limbus den Werth des Winkels ab, den sie erhalten hatten, und machten sich sogleich daran, ihre Beobachtungen niederzuschreiben.

Wenige Minuten später erhob sich Lieutenant Hobson und wandte sich an seine Begleiter.

»Meine Freunde, sagte er, von diesem Tage, dem 6. Juli, an, erhöht die Compagnie, die sich durch mich verpflichtet, Euren Sold auf das Doppelte.

– Hurrah! Hurrah! Hurrah der Compagnie!« riefen die würdigen Gefährten des Lieutenants Hobson wie aus einem Munde.

Cap Bathurst und das angrenzende Landgebiet befand sich wirklich, oberhalb des siebenzigsten Breitengrades.

Wir geben hier auf eine Secunde genau die geographische Lage, welche später von so großer Bedeutung werden sollte, an. Die Stelle des neuen Forts lag unter:

127° 36′ 12“ östlicher Länge von Greenwich, und 70° 44′ 37“ nördlicher Breite.

An demselben Abend sahen die kühnen Pionniere, welche fern von der bewohnten Welt, mehr als achthundert Meilen von Fort-Reliance, lagerten, die Sonne den nördlichen Horizont streifen, ohne daß ihre Scheibe im Geringsten untertauchte.

Zum ersten Male leuchtete die Mitternachtssonne ihren Augen.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Die Oertlichkeit des Forts war also nun endgiltig festgestellt. Keine andere, als diese natürliche, im Rücken des Cap Bathurst und an dem Ostende der Lagune sich ausdehnende Ebene konnte dazu geeigneter erscheinen. Jasper Hobson beschloß in Folge dessen den Bau des Hauptgebäudes sofort in Angriff zu nehmen. Inzwischen mußte sich Jeder helfen, so gut es eben anging, und man verwendete auch die Schlitten auf sehr sinnreiche Weise zu Zwecken der provisorischen Niederlassung.

Der Lieutenant rechnete übrigens, Dank der Geschicklichkeit seiner Leute, darauf, daß mindestens das Hauptgebäude nach Verlauf eines Monates fertig gestellt sein werde. Es mußte groß genug angelegt werden, um vorläufig alle neunzehn Mitglieder des Detachements aufzunehmen. Später, und noch vor Eintritt der strengen Kälte, sollten dann die gemeinschaftlichen Wohnräume für die Soldaten, so wie die zur Aufspeicherung der Felle und Pelzwaaren bestimmten Magazine errichtet werden. Vor Ende September war indessen an die Vollendung aller dieser Baulichkeiten nicht zu denken. Nach diesem Monate aber mußten die längeren Nächte, das schlechte Wetter und der eintretende Winterfrost zur Einstellung jeder Arbeit zwingen.

Von den zehn durch Kapitän Craventy ausgewählten Soldaten waren Zwei, Marbre und Sabine, Jäger von Fach. Die acht Anderen wußten mit der Axt eben so gut umzugehen, als mit der Muskete. Wie die Seeleute waren sie zu Allem geschickt und mit Allem bekannt. Vor der Hand sollten sie mehr als Werkleute, denn als Soldaten Verwendung finden, da es sich erst um die Errichtung eines Forts handelte, welchem ja kein feindlicher Angriff drohte. Petersen, Belcher, Raë, Garry, Pond, Hope und Kellet bildeten eine Gesellschaft geschickter und eifriger Zimmerleute unter Führung Mac Nap’s, eines Schottländers aus Stirling, der in der Construction von Häusern und auch von Schiffen sehr erfahren war. Werkzeuge, wie Beile, Queräxte, Lochsägen, Hebel, Hohlbeile, Armsägen, Schlägel, Hämmer, Meißel u.s.w., waren in Ueberfluß zur Hand. Einer jener Leute, Raë, eigentlich von Fach ein Schmied, konnte selbst mit Hilfe einer Feldschmiede allerlei Bolzen, Zapfen, Anker, Schrauben und Muttern, und was sonst nothwendig wurde, anfertigen. Ein Maurer war allerdings nicht vorhanden, aber auch nicht von Nöthen, da alle Factoreigebäude des Nordens nur aus Holz hergestellt werden. An Bäumen dazu fehlte es in der Umgebung des Cap Bathurst nicht, wohl aber fand man, wie schon erwähnt, nirgends einen Felsen, oder auch nur einen Kiesel am Strande, sondern nichts weiter, als Erde und Sand. Dafür war das Ufer mit zahllosen zweischaligen Muscheln, welche die Brandung angespült hatte, so wie mit Meerpflanzen und Zoophyten übersäet, deren Letztere meist aus See-Igeln und See-Sternen bestanden. In seiner Masse baute sich der Landvorsprung aber aus loser Erde auf, welche von einigen Vegetabilien nur mühsam zusammen gehalten wurde.

An diesem Nachmittage wählten Jasper Hobson und Meister Mac Nap noch den Platz am Fuße des Caps aus, welchen das Hauptgebäude einnehmen sollte. Von ihm aus beherrschte der Blick die Lagune und bis auf zehn bis zwölf Meilen das Land im Westen. Rechts erhob sich da stufenweise das steilere Ufer, welches aber in der Entfernung von vier Meilen im Dunste verschwand; links dagegen dehnten sich ungeheure Ebenen, wüste Steppen aus, welche im Winter von den übereisten Oberflächen der Lagune und des Oceanes wohl kaum zu unterscheiden sein mochten.

Nachdem man über den Platz einig geworden war, grenzten Jasper Hobson und Mac Nap den Umriß des Hauses mittels einer Schnur ab. Man entwarf jenes als längliches Viereck, dessen lange Seiten sechzig, und dessen schmale dreißig Fuß maßen. Die Façade sollte vier Oeffnungen, drei Fenster und eine Thür nach der einem späteren inneren Hofe und dem Vorgebirge zugekehrten Seite, und vier Fenster nach der Lagunenseite zu, erhalten. Die Thür wurde der Wohnlichkeit halber statt in die Mitte der Hinterwand, an der linken Ecke projectirt. Man bezweckte hierdurch vorzüglich, daß die Außentemperatur nicht so leicht bis zu den am entgegengesetzten Hausende gelegenen Wohnräumen eindringen könne.

Die erste Abtheilung bildete eine Art Vorraum, welcher mit doppelter Thüre gegen die Unbilden der Witterung geschützt werden sollte; – eine zweite diente nur als Küche, um alle beim Kochen entstehenden Dämpfe und alle Feuchtigkeit von den speciell zu Wohnungen bestimmten Räumen fern zu halten; – eine dritte umfaßte einen geräumigeren Saal zum Zwecke der täglich gemeinschaftlich einzunehmenden Mahlzeiten; – eine vierte Abtheilung endlich sollte, wie der oberste Raum eines Schiffes in Cabinen, so in Einzelkammern zerlegt werden. Das war der einfache, zwischen den beiden Baumeistern vereinbarte Plan.

Die Soldaten mußten vorläufig mit dem großen Saale und einem darin herzustellenden breiten Feldbette vorlieb nehmen. Für den Lieutenant und Thomas Black, Mrs. Paulina Barnett mit Madge und endlich für Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë waren die Kammern der vierten Abtheilung vorgesehen. Im Grunde genommen würde man zwar »etwas über einander hocken«, aber diese Verhältnisse konnten ja nicht von langer Dauer sein, und sobald die Soldatenwohnungen hergestellt wären, sollte das Hauptgebäude für den Lieutenant, Thomas Black und Mrs. Paulina nebst ihrer unzertrennlichen Madge reservirt bleiben.

Dann erschien es thunlich, die vierte Abtheilung nur in drei Einzelwohnungen zu theilen und die provisorischen Cabinen wieder zu entfernen, denn »allen Ecken den Krieg zu erklären« ist ein Hauptgrundsatz, der bei einer Ueberwinterung nie aus den Augen gelassen werden darf. Winkel und Ecken sind immer Sammelpunkte für das Eis; Zwischenwände verhindern die so nothwendige Luftcirculation, und die Feuchtigkeit, welche sich in Form von Schnee niederschlägt, macht die Zimmer unbewohnbar und ungesund, und ruft bei Denen, welche sich darin aufhalten, leicht die schwersten Störungen hervor. So richten auch Seefahrer, wenn sie im Eise zu überwintern gezwungen sind, im Innern ihrer Schiffe gemeinsame Säle ein, welche von der ganzen Besatzung, von Officieren und Soldaten untereinander, bewohnt werden. Aus leicht begreiflichen Gründen mußte Jasper Hobson indeß von dieser Regel abweichen.

Man sieht aus obiger anticipirten Beschreibung einer Wohnung, welche noch gar nicht vorhanden war, daß das Hauptgebäude des Forts nur aus einem Erdgeschosse mit geräumigem, und, um den Wasserabfluß zu begünstigen, steil abgewalmtem Dache bestand. Der Schnee konnte noch immer darauf liegen bleiben und hatte, wenn er sich da aufhäufte, den doppelten Nutzen, die Wohnung sowohl dicht abzuschließen, als auch in ihrem Inneren eine mehr gleich bleibende Temperatur zu erhalten. Der Schnee ist ja seiner Natur nach ein sehr schlechter Leiter der Wärme; er verwehrt dieser freilich den Zugang, aber auch, – und das ist während eines arktischen Winters weit wichtiger – das Entweichen.

Ueber das Dach hinaus sollte der Zimmermann zwei Feueressen, eine von der Küche, die andere von dem Stubenofen aus, führen. Der Letztere hatte nämlich die Einzelkammern mit zu erwärmen. Das Ganze stellte dann gewiß kein Prachtwerk der Architektur dar, aber das Haus befand sich doch in dem für seine Bewohnbarkeit günstigsten Zustande. Was war denn auch mehr zu verlangen? Uebrigens mußte dieses Gebäude beim Dämmerungsdunkel und mitten in den Schneestürmen, halb im Eise eingesargt, weiß von oben bis unten, und mit seinem grauschwarzen, vom Winde in Drehungen hinweggeführten Rauche doch einen fremdartig düstern und traurigen, der Erinnerung eines Malers würdigen Anblick gewähren.

Der Plan zu dem neuen Hause war also festgestellt; es galt nur noch ihn auszuführen, was Meister Mac Nap’s und seiner Leute Sache war. Doch während die Zimmerleute arbeiteten, gingen auch die Jäger, welche für frischen Proviant zu sorgen hatten, nicht müßig. Ueberhaupt fehlte es für Niemand an Beschäftigung.

Mac Nap suchte zunächst passende Baumstämme aus. Auf den Hügeln fand er den schottischen sehr ähnliche Kiefern in großer Menge. Diese Bäume waren nur mittelgroß, doch zu dem zu errichtenden Hause sehr geeignet. Denn in solchen roh hergestellten Wohnungen bestehen Außenwände und Dach, Scheidewände und Fußboden, kurz Alles aus Balken und Planken.

Selbstverständlich verlangt eine derartige Construction keine besondere Meisterschaft, und konnte Mac Nap, ohne der Solidität derselben Eintrag zu thun, sehr kurz und bündig verfahren.

Er wählte also möglichst gerade Stämme aus, die man einen Fuß über dem Erdboden fällte. Nachdem sie alle zwanzig Fuß lang gleichmäßig zugeschnitten waren, wurden sie nur an den Enden wegen der zur Verbindung dienenden Zapfen und Zapfenlöcher, mit der Axt bearbeitet. Diese Zurichtung beanspruchte nur wenige Tage, dann wurden gegen hundert solcher Stämme durch die Hunde nach dem für das Hauptgebäude bestimmten Platze herangeschleift.

Letzterer war vorher sorgfältig wagrecht geebnet worden, wobei man den aus Sand und fetterer Erde bestehenden Boden tüchtig festrammte. Das kurze Gras und die mageren Gesträuche, welche ihn früher theilweise bedeckten, wurden an Ort und Stelle niedergebrannt und erzielte man durch die sich bildende Aschenlage auch noch den Vortheil einer dichten, für Feuchtigkeit undurchdringlichen Zwischenlage. So erlangte Mac Rap einen reinen und trockenen Baugrund, auf dem er die untersten Balkenlagen bequem und sicher anbringen konnte.

Dann wurden an den Ecken des Hauses und an den Enden der späteren Zwischenwände die Hauptpfeiler, welche zum Tragen der ganzen Construction bestimmt waren, eingetrieben. Diese hatte man, um der Fäulniß besser zu widerstehen, äußerlich leicht verkohlt. Auf den Seitenflächen ausgefalzt, dienten sie zur Aufnahme der die eigentliche Mauer bildenden Längsbalken, in welchen die nöthigen Thür- und Fensteröffnungen wohlberechnet ausgespart waren. Die Deckbalken hatten wiederum Zapfen, welche in die Zapfenlöcher der Grundpfeiler eingepaßt waren, so daß die Gesammtconstruction einen recht soliden Zusammenhang bekam; auch bildeten sie mit den etwas hervorragenden Theilen den Sims der beiden Façaden, auf welchem sich der ein wenig überhängende Dachstuhl, so wie man ihn von Schweizerhäusern her kennt, aufstützte. Die Balken des Daches ruhten auf diesem Sims, die des Fußbodens auf der Aschenlage.

Natürlich lagen die Stämme der äußeren und inneren Mauern im Allgemeinen nur auf einander. Doch hatte sie der Schmied Raë da und dort der sichereren Verbindung halber theils noch durch Schrauben, theils durch lange eiserne Bolzen verbunden. Bei jenem Aufeinanderlegen mußten offenbar noch Ritzen und Oeffnungen bleiben, welche luftdicht zu verschließen waren.

Mac Nap bediente sich dazu mit bestem Erfolge des Kalfaterns, wodurch man ja die Schiffe so vollkommen dichtet, wie es durch ein bloßes Ausfugen nie zu erreichen wäre. An Stelle des zum Kalfatern gebräuchlichen Hanfes benutzte man hier gewisse Moosarten, welche auf dem östlichen Abhange des Cap Bathurst überreichlich vorkamen. Dieses Moos wurde nun zuerst mittels des Kalfatereisens eingetrieben, jede Fuge aber darüber noch mit Fichtenharz, das sich in Ueberfluß vorfand, ausgegossen. Mauern und Decken schlossen hierdurch vollkommen luft- und wasserdicht und daneben bot ihre Stärke hinreichende Garantie gegen die Winterstürme und den strengen Frost.

Die Thür und die Fenster, welche die Mauerfläche unterbrachen, wurden roh, aber haltbar hergestellt. Als Scheiben dienten in den kleinen Fenstern freilich nur solche hornartige, gelbliche, halb durchsichtige Platten, welche man aus getrocknetem Fischleime gewinnt; doch man mußte wohl damit vorlieb nehmen.

Während der besseren Jahreszeit wurden jene Fenster, der nöthigen Lüftung des Hauses wegen, so wie so offen gehalten werden; während der schlechten aber, wenn in der arktischen Nacht auch der Himmel kein Licht spendete, machte es sich nothwendig, sie immer hermetisch mit dichten, eisenbeschlagenen Klappen zu verschließen, denen man den nöthigen Widerstand gegen die Gewalt des Sturmes zutrauen durfte.

Der innere Ausbau des Hauses wurde bald vollendet. Eine zweite Thür hinter der äußeren in der als Vorraum dienenden Abtheilung gestattete den Ein- und den Austretenden, den Uebergang zwischen der inneren und äußeren Temperatur durch eine dazwischen liegende zu vermitteln. So konnte auch der Wind, selbst wenn er noch so eisig oder mit Feuchtigkeit beladen war, nicht gleich bis zu den Wohnräumen dringen. Uebrigens wurden die Luftpumpen, welche man von Fort-Reliance mitgeführt hatte, sammt dazugehörigem Reservoir, in Stand gesetzt, um die Luft im Innern nach Bedürfniß zu erneuern, wenn der gar zu strenge Frost das Oeffnen der Thür oder eines Fensters unthunlich machen sollte. Die eine dieser Pumpen diente dazu, die durch deletäre Stoffe verdorbene Luft nach außen abzuführen, während die andere reine Luft von außen in das Reservoir einsaugte, von dem aus diese, nach Bedürfniß erwärmt, in die Einzelräume vertheilt werden konnte. Lieutenant Hobson widmete dieser Einrichtung alle Aufmerksamkeit, da man von ihr im Nothfalle große Dienste erwartete.

Das Hauptstück der Küche bildete ein großer, gußeiserner Kochofen, den man in Stücke zerlegt von Fort-Reliance aus mitgenommen hatte. Der Schmied Raë vermochte ihn ohne viele Mühe wieder aufzustellen. Mehr Zeit und Ueberlegung erforderte aber die Anlage der Rauchfänge von der Kochmaschine sowohl, als auch von dem Ofen im Saale aus. Blechrohre waren dazu nicht wohl anwendbar, insofern diese den Stürmen zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche nicht gewachsen waren; jedenfalls machten sich widerstandsfähigere Materialien hierzu erforderlich. Nach mehreren mißlungenen Vorversuchen entschied sich Jasper Hobson dahin, ein anderes Material als Holz, zu verwenden. Wären Steine zur Hand gewesen, so konnte wohl kaum von großer Schwierigkeit die Rede sein. Aber, wie erwähnt, fehlten diese sonderbarer Weise ganz und gar in der Umgebung des Cap Bathurst. Wie zum Ersatz fanden sich dagegen jene auch schon erwähnten Muscheln im Sande des flachen Ufers zu Millionen.

»Wohlan, sagte Lieutenant Hobson zu Meister Mac Nap, unsere Rauchfänge werden wir also aus Muscheln bauen.

– Aus Muscheln? rief erstaunt der Zimmermann.

– Ja wohl, Mac Nap, wiederholte Jasper Hobson, aus Muscheln, d.h. aus zerstückelten, gebrannten und in Kalk verwandelten Schalen. Aus diesem Kalk formen wir Täfelchen und vermauern sie dann wie gewöhnliche Bausteine.

– Nun, meinetwegen; also aus Muscheln!« stimmte der Zimmermann ein.

Lieutenant Hobson’s Idee war wirklich gut und wurde sofort zur Ausführung gebracht. Das Ufer erwies sich mit einer unerschöpflichen Menge dieser Schalthiere übersäet, welche zum Theil das Kalkgestein der unteren Schichten der Tertiärformation, den sogenannten Muschelkalk, bilden. Mac Nap ließ also einige Tonnen voll sammeln und eine Art Brennofen errichten, in welchem die Kohlensäure, die in jenen mit Kalk gebunden erscheint, ausgetrieben werden sollte. So gewann man einen zum Zweck des Mauerns ganz geeigneten Kalk.

Das Brennen desselben nahm etwa zwölf Stunden in Anspruch. Es hieße übertreiben, wollte man behaupten, daß Jasper Hobson und Mac Nap durch jenes etwas urwüchsige Verfahren einen schönen, fetten, von fremden Körpern freien Kalk, der sich leicht in Wasser löscht, viel Bindekraft hat und auch mit größeren Mengen Wasser und Sand einen festen Mörtel bildet, erzielt hätten. Doch war er mindestens von solcher Beschaffenheit, daß er zu Tafeln verarbeitet und zum Essenbau verwendet werden konnte. Binnen wenigen Tagen erhoben sich also zwei conische Rauchfänge über dem Dachstuhl, deren Stärke sie auch gegen die heftigsten Windstöße sicherte.

Mrs. Paulina Barnett beglückwünschte den Lieutenant, so wie den Zimmermann Mac Nap, das schwierige Werk so gut und in so kurzer Zeit durchgeführt zu haben.

»Vorausgesetzt, daß Ihre Kamine nicht rauchen! setzte sie schelmisch hinzu.

– Sie werden rauchen, Madame, entgegnete philosophisch Jasper Hobson, sie sollen rauchen, verlassen Sie sich darauf. Es rauchen alle ja Essen!«

Im Zeitraume eines Monats wurde das große Werk vollständig zu Ende gebracht. Am 6. August sollte die Einweihung des Hauses stattfinden. Während aber Mac Nap mit seinen Leuten unausgesetzt arbeitete, hatten Sergeant Long, Corporal Joliffe – Mrs. Joliffe stand dem Departement der Küche vor –, und die beiden Jäger Marbre und Sabine unter Anführung Jasper Hobson’s die weiteren Umgebungen des Cap Bathurst durchstreift. Zu ihrer Befriedigung hatten sie von dem Ueberflusse an Pelzthieren und Geflügel Kenntniß genommen. Eigentliche Jagden waren zwar noch nicht angestellt worden, da vorläufig die Auskundschaftung des Terrains mehr in Betracht kam; dennoch fingen sie dabei einige Rennthierpärchen lebend ein, welche man zu zähmen beschloß. Diese Thiere sollten sich vermehren und Milch liefern. Man brachte sie also baldigst innerhalb einer Umzäunung unter, welche ein halbes hundert Schritte weit vom Hause ab errichtet wurde. Mac Nap’s Frau verstand sich, als Indianerin von Geburt, auf die Behandlung jener Thiere, und demnach wurde ihr die specielle Fürsorge um dieselben übertragen.

Mrs. Paulina Barnett, und Madge natürlich mit ihr, wollte sich auch ihren Beitrag an der inneren Einrichtung nicht nehmen lassen, und bald machte sich der Einfluß dieser intelligenten und guten Frau bei einer Menge Einzelheiten, welche Jasper Hobson und seinen Leuten wahrscheinlich nie in den Sinn gekommen wären, recht angenehm fühlbar.

Nach Durchwanderung des Terrains im Umkreise einiger Meilen erkannte der Lieutenant, daß dasselbe eine ausgedehnte Halbinsel von etwa hundertundfünfzig Quadratmeilen bilde. Eine höchstens vier Meilen breite Landenge heftete dieselbe an das Festland Amerikas und erstreckte sich vom hintersten Theile der Washburn-Bai im Osten bis zu einer entsprechenden Ausbuchtung der entgegengesetzten Seite. Die Begrenzung dieser Halbinsel, welche der Lieutenant »Halbinsel Victoria« taufte, war also sehr deutlich erkennbar.

Jasper Hobson wünschte hierauf auch kennen zu lernen, was die Lagune und das Meer hier wohl zu bieten vermöchten.

Auch damit konnte er recht zufrieden sein. Das nur seichte, aber sehr fischreiche Wasser der Lagune enthielt Seeforellen, Hechte und andere Süßwasserfische in großer Menge; in dem kleinen Flusse tummelten sich Lachse und wimmelnde Haufen von Weißfischen und Stinten. Das Meer erschien an der Küste minder bevölkert, als die Lagune. Von Zeit zu Zeit sah man aber in der Ferne große Spritzfische, Wale und Pottfische, welche vor der Harpune der Walfischjäger aus der Behrings-Straße entflohen sein mochten, vorüberziehen, und erschien es deshalb nicht unmöglich, daß auch einmal ein solcher Seeriese auf der Küste stranden könne. Es war dies wohl der einzige Weg, auf welchem die Colonisten des Cap Bathurst sich eines solchen bemächtigen konnten. Die westliche Seite der Küste zeigte sich zur Zeit von zahlreichen Robbenfamilien belebt; Jasper Hobson empfahl aber seinen Leuten, jetzt nicht unnützer Weise auf diese Jagd zu machen. Später werde man sehen, ob sich das als vortheilhaft empfehle.

Am 6. August also nahmen die Colonisten des Cap Bathurst von ihrer neuen Wohnung Besitz. Vorher gaben sie ihr, nach allgemeiner Besprechung darüber, einstimmig einen Namen von guter Vorbedeutung.

Man nannte diese Wohnung, oder vielmehr dieses Fort – für jetzt den am weitesten vorgeschobenen Posten auf dem amerikanischen Festlande – Fort Esperance.

Wenn aber dieser Name auch auf den neuesten Karten der arktischen Gegenden nicht glänzt, so hat das darin seinen Grund, daß zum Nachtheil der modernen Kartographie dieser Ansiedelung in nächster Zukunft ein schreckliches Loos bestimmt war.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Die Einrichtung der neuen Wohnung war bald vollendet. Das in dem Hauptsaale aufgeschlagene Feldbett harrte nur noch seiner Schläfer. Mac Nap hatte einen großen, schweren Tisch mit starken Füßen gebaut, der wohl nie unter der Last der aufgetragenen Speisen, und wäre diese noch so groß gewesen, seufzen konnte. Um diesen Tisch herum waren am Boden befestigte Bänke angebracht, welche also den Namen »Meubles«, der ja nur beweglichen Hausgeräthen zukommt, nicht eigentlich verdienten. Einige Sessel und ein Paar große Schränke vervollständigten die Zimmerausstattung.

Auch das Zimmer im Hintergrunde war nun beziehbar. Dicke Scheidewände theilten dasselbe in sechs Cabinen, von denen zwei durch die letzten Fenster der Vorder- und der Rückenfaçade erleuchtet wurden. Das Mobiliar jeder Cabine bestand nur aus einem Tisch und einem Bett. Mrs. Paulina Barnett und Madge bezogen diejenige Abtheilung welche eine directe Aussicht auf den See bot. Die andere erleuchtete, nach dem Hofe gelegene Cabine hatte Jasper Hobson Thomas Black angeboten, welcher sofort von ihr Besitz nahm. Er selbst begnügte sich, in der Erwartung, daß seine Leute ja in ferneren Neubauten untergebracht werden sollten, mit einer Art halbdunklen Zelle, welche sich nach dem Hauptsaale zu öffnete und durch ein kleines, rundes, durch die Scheidewand gebrochenes Fenster nothdürftig Licht erhielt. Mrs. Joliffe, Mrs. Mac Nap und Mrs. Raë nahmen mit ihren Männern die übrigen Räumlichkeiten ein. Es wäre ja grausam gewesen, diese wohlgeordneten Hausstände zu zerreißen.

Uebrigens sollte die Colonie in nicht zu ferner Zeit um ein Mitglied vermehrt werden, und Meister Mac Nap stellte eines Tages die vorläufige Anfrage an Mrs. Paulina Barnett, ob sie ihm die Ehre erweisen werde, gegen Ende des Jahres bei ihm Gevatter zu stehen, was die Dame mit großer Befriedigung zusagte.

Die Schlitten wurden nun vollends entladen und das Bettzeug in die entsprechenden Räume gebracht. Auf dem Dachboden, zu welchem man mittels einer im Vorraum befindlichen Treppe gelangte, legte man alle Geräthe, Proviant und Schießbedarf, deren man nicht augenblicklich benöthigte, vorläufig nieder. Die Winterbekleidungen, nebst Stiefeln und Reiseröcken fanden, um vor jeder Feuchtigkeit geschützt zu sein, in den großen Schränken Platz.

Nach Beendigung dieser ersten Arbeiten beschäftigte sich der Lieutenant mit der zukünftigen Heizung des Hauses. Von den bewaldeten Hügeln ließ er demnach einen großen Vorrath an Brennmaterial anfahren, da er wohl wußte, daß es während einiger Wochen ganz unmöglich sein werde, sich in’s Freie zu begeben. Er dachte sogar daran, aus der Anwesenheit der Robben an der Küste insofern Nutzen zu ziehen, als er aus ihnen einen hinreichenden Vorrath an Oel zu gewinnen hoffte, da man der Polarkälte oft mit den durchgreifendsten Mitteln entgegen zu treten gezwungen ist. Auf seinen Befehl und unter seiner Leitung construirte man im Hause zwei Kondensatoren für die Feuchtigkeit im Innern, Apparate, welche von dem Eise, das sich während des Winters in ihnen ansammelt, leicht befreit werden können.

Diese gewiß sehr ernste Frage der Heizung des Hauses beschäftigte Lieutenant Hobson auf das lebhafteste.

»Madame, wandte er sich manchmal an die Reisende, ich bin ein Kind des Polarlandes, ich habe einige Erfahrung nach dieser Seite und manche Berichte über Durchwinterungen wiederholt gelesen – man kann nie vorsichtig genug sein, wenn es sich darum handelt, die kalte Jahreszeit in diesen Gegenden zu verbringen. Man muß Alles vorhersehen; eine Vergeßlichkeit, oft eine einzige, kann bei einer Ueberwinterung zur unheilvollsten Katastrophe führen.

– Ich glaube Ihnen, Herr Hobson, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, und sehe wohl, daß die Kälte an Ihnen einen unversöhnlichen Gegner haben wird. Erscheint Ihnen aber die Nahrungsfrage nicht mindestens ebenso wichtig?

– Ganz gewiß, Madame, und ich rechne auch darauf, daß das Land uns mit der nöthigen Reserve versorgt. So sollen binnen wenigen Tagen, wenn wir erst etwas wohnlicher eingerichtet sind, Jagden angestellt werden, um uns mit Proviant zu versehen. Bezüglich der Pelzthiere werden wir noch etwas verziehen müssen, bevor sich die Magazine der Compagnie füllen, da jetzt auch nicht die geeignete Zeit ist, Zobel, Hermelins, Füchse und andere Pelzthiere zu jagen. Diese haben heute ihren Winterpelz noch nicht, und ihre Felle würden fünfundzwanzig Procent minder werth sein, wenn man sie jetzt einsammelte. Nein; vorläufig begnügen wir uns damit, die Speisekammern des Fort-Esperance zu füllen. Rennthiere, Elenns, Wapitis, wenn solche bis in diese Gegenden heraufgekommen sind, sollen allein das Ziel unserer Jäger sein. Zwanzig Personen und ein Schock Hunde zu ernähren ist schon der Mühe, der Ueberlegung werth!«

Man ersieht hieraus, daß der Lieutenant ein ordnungsliebender Mann war. Er wollte in Allem Methode haben, und wenn seine Genossen ihn einsichtig unterstützten, hoffte er seine schwierige Aufgabe glücklich zu Ende zu führen.

Das Wetter blieb zu dieser Jahreszeit fast unveränderlich schön. Vor fünf Wochen war der Eintritt von Schnee noch nicht zu erwarten. Jasper Hobson ließ also nach Vollendung des Hauptgebäudes rüstig weiter zimmern und einen geräumigen Stall zur Unterbringung der Hunde errichten. Dieses »Dog-house« wurde am Fuße des Vorgebirges, an dessen Abhang angelehnt, und etwa vierzig Fuß zur Rechten des Hauses erbaut. Die Soldatenwohnungen sollten jenem Stalle gegenüber, links vom Hause hergestellt werden, während das Pulvermagazin innerhalb der Umplankung vor dasselbe zu stehen kommen sollte.

Diese Umplankung beschloß Jasper Hobson in Folge vielleicht etwas übertriebener Vorsicht, noch vor dem Winter zu vollenden. Tüchtige, aus zugespitzten Pfählen bestehende, tief eingerammte Palissaden sollten die Factorei ebenso gegen Angriffe durch Thiere, wie gegen einen solchen durch Menschen schützen, im Fall sich feindliche Indianer oder Andere zeigten. Der Lieutenant konnte die Spuren nicht vergessen, denen er kaum zweihundert Meilen von Fort-Esperance begegnet war. Er kannte das Ungestüm solcher nomadisirender Jäger, und hielt es für besser, auf jeden Fall gegen einen Handstreich gesichert zu sein. Die Umwallung wurde also abgesteckt, und unterließ Mac Nap nicht, an den beiden vorderen Winkeln, welche das Ufer der Lagune deckten, zwei Wartthürme aus Holz zum Schutze der Wachhabenden zu erbauen.

Mit ein wenig Fleiß – und seine wackeren Werkleute arbeiteten ohne Unterlaß – war es wohl möglich, diese Schutzbauten noch vor dem Winter zu Ende zu führen.

Während dieser Zeit veranstaltete Jasper Hobson mehrere Jagden. Die Expedition auf die Robben verschob er noch einige Tage, und stellte vielmehr den großen Wiederkäuern nach, deren getrocknetes und conservirtes Fleisch die Versorgung des Forts während der schlechten Jahreszeit sichern sollte.

So durchstreiften also Sabine und Marbre, vom 8. August ab, manchmal vom Lieutenant und Sergeant Long begleitet, tagtäglich in einem Umkreise von mehreren Meilen das Land. Nicht selten schloß sich ihnen auch die unermüdliche Mrs. Paulina Barnett an, handhabte ihr Gewehr mit allem Geschick, und stand nach keiner Seite hinter ihren Jagdgenossen zurück.

Diese Ausflüge während des ganzen Monats August waren sehr ergiebig, und der Proviantvorrath auf dem Hausboden nahm sichtlich zu. Freilich war Sabine und Marbre auch keine in diesen Gebieten anwendbare Jägerlist, vorzüglich auch in Bezug auf die außerordentlich scheuen Rennthiere, unbekannt. Welche Mühe verwandten sie darauf, jenen hinter den Wind zu kommen, um nicht durch den so scharfen Geruchssinn dieser Thiere vorzeitig entdeckt zu werden. Manchmal lockten sie dieselben dadurch heran, daß sie über den Zwergbirken irgend ein schönes Geweih, eine Trophäe früherer Jagden, hin- und herbewegten, worauf sich die Rennthiere – oder vielmehr die »Caribous«, um ihnen ihren indianischen Namen wieder zu ertheilen – den Jägern getäuscht näherten, und in bequemer Schußweite sicher erlegt wurden. Manchmal verrieth auch ein sogenannter »Angeber«, eine Marbre und Sabine wohlbekannte, taubengroße Art Tageule, das Versteck der Caribous. Er lockte die Jäger durch einen scharfen Schrei, ähnlich dem eines Kindes, heran, und rechtfertigte also den Namen eines »Anzeigers«, den ihm die Indianer gaben. Wohl fünfzig solcher Thiere wurden erlegt. Ihr in lange Streifen zerlegtes Fleisch lieferte eine ansehnliche Menge Proviant, und ihre lohgar gemachten Haute sollten zur Ausbesserung des Schuhwerks dienen.

Die Caribous lieferten aber nicht den einzigen Zuwachs der Nahrungsvorräthe. Polarhasen, welche sich in diesen Gebieten stark zu vermehren schienen, hatten daran beträchtlichen Antheil. Sie erschienen weniger flüchtig, als ihre europäischen Stammverwandten, und kamen leicht zum Schusse. Es waren große, langohrige Nagethiere mit braunen Augen, und einem weißen, dem Flaum der Schwäne ähnlichen Pelze. Die Jäger erbeuteten eine große Zahl solcher Thiere, deren Fleisch besonders schmackhaft ist. Hundertweise wurden sie geräuchert, ohne die zu zählen, welche sich unter den Händen der geschickten Mrs. Joliffe in ganz köstliche Pasteten verwandelten.

Während aber auf diese Weise die Hilfsquellen für die Zukunft geschaffen wurden, vernachlässigte man auch das Tagesbedürfniß nicht. Viele solcher Polarhasen kamen frisch gebraten auf den Tisch, und die Jäger, so wie Mac Nap’s Zimmerleute waren nicht dazu angethan, ein saftiges und wohlschmeckendes Stück Wildpret zu verachten. In Mrs. Joliffe’s Laboratorium unterlagen jene Nagethiere den verschiedensten culinarischen Kombinationen; die geschickte Frau übertraf sich zur großen Freude des Corporals selbst, welcher gern Lobsprüche, mit denen auch Niemand karg war, für sie einheimste.

Einige Wasservögel gewährten dazwischen eine sehr angenehme Abwechselung. Ohne von den Enten zu reden, welche die Lagunenufer bevölkerten, sind hierbei noch einige Vogelarten zu erwähnen, welche an Stellen, wo sich einige magere Weiden angesiedelt hatten, in zahlreichen Gesellschaften vorkamen. Es waren das gewisse Rebhühnerarten, für welche es an fachwissenschaftlichen Namen keineswegs fehlte. Als Mrs. Paulina Barnett zum ersten Male an Sabine die Frage stellte, welches der Name dieser Vögel sei, antwortete der Jäger:

»Madame, die Indianer nennen sie ›Weiden-Tetras‹, für uns andere Jäger aus Europa aber sind es einfach ›Auerhähne‹.«

Wirklich hätte man weiße Rebhühner mit großen, an der Schwanzspitze schwarz gesprenkelten Federn zu sehen geglaubt. Sie bildeten ein vorzügliches Wild, das nur schnell an hellem und lebhaftem Feuer gebraten werden mußte.

Neben diesen verschiedenen Sorten Wildpret lieferten auch die Gewässer des Sees und des kleinen Flusses recht reichliche Gaben. Niemand verstand sich besser auf das Fischen, als der ruhige, friedliche Sergeant Long. Ob er die Fische nun sich an seinem Köder festbeißen, oder auch seine Schnur mit leeren Haken durch das Wasser streifen ließ, – Niemand konnte an Geschick oder Geduld mit ihm wetteifern, höchstens Mrs. Barnett’s Begleiterin, die getreue Madge. Ganze Stunden saßen diese beiden Schüler des berühmten Isaac Walton 2, die Schnur in der Hand, schweigend neben einander und beobachteten ihre Spule; glücklicher Weise »blieb die Fluth niemals aus«, und Lagune oder Fluß lieferten täglich wahre Prachtexemplare aus der Familie der Lachse.

Während der Ausflüge, welche bis Ende August fast täglich unternommen wurden, hatten die Jäger auch nicht selten Begegnungen mit gefährlicheren Thieren. Nicht ohne Besorgniß überzeugte sich Jasper Hobson, daß Bären auf diesem Theile des Gebietes sehr zahlreich waren. Kaum verging ein Tag, an dem nicht eine Meldung über die Anwesenheit einiger dieser furchtbaren Raubthiere einlief, und mancher Flintenschuß galt diesen gefährlichen Besuchern. Bald war es eine Bande jener braunen Bären, welche im ganzen Gebiete des Verwünschten Landes so häufig sind, bald eine Familie ungeheuer großer Polarbären, von denen der erste Frost dem Cap Bathurst wohl noch eine beträchtlichere Menge zuführen mußte. Wirklich erzählen die Berichte über Durchwinterungen, daß Forscher oder Walfänger fast Tag für Tag von diesem Raubgesindel belästigt wurden.

Marbre und Sabine sahen auch zu wiederholten Malen ganze Banden von Wölfen, welche aber bei Annäherung der Jäger wie eine abfließende Woge davonflohen. »Bellen« hörte man sie vorzüglich, wenn sie Rennthiere oder Wapitis aufgespürt hatten. Es waren das große, graue, drei Fuß hohe Wölfe mit langen Schwänzen, deren Felle mit Annäherung des Winters erbleichten. Dieses wenig bevölkerte Gebiet bot ihnen leicht ihre Nahrung, so daß sie hier überhand nahmen. Häufiger begegnete man auch an buschigeren Stellen Löchern mit mehreren Eingängen, in welchen diese Thiere, ähnlich den Füchsen, sich unter der Erde verkrochen. Zu dieser Zeit des üppigen Futters flohen sie die Jäger, sobald sie diese gewahr wurden, mit aller ihrer Race eigenthümlichen Feigheit. In der Zeit des Hungers aber konnten sie durch ihre Anzahl wohl furchtbar werden, und da ihre Erdbaue hier waren, mußte man daraus schließen, daß sie diese Gegend auch im Winter nicht verlassen würden.

Eines Tages brachten die Jäger nach Fort-Esperance ein grundhäßliches Thier ein, welches weder Mrs. Paulina Barnett, noch der Astronom Thomas Black bisher zu Gesicht bekommen hatten. Dieses Thier war ein dem amerikanischen Vielfraß sehr ähnlicher Plattfüßler, ein abschreckendes Raubthier mit untersetztem Körper, kurzen, durch furchtbare Krallen bewehrten Beinen und gewaltigen Kinnladen, seine Augen waren lauernd und wild, und das Rückgrat geschmeidig, wie überhaupt bei dem Katzengeschlechte.

»Was ist das für ein gräuliches Thier? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Madame, erwiderte Sabine, der mit Vorliebe etwas dogmatische Antworten gab, ein Schotte würde Ihnen sagen, daß es ein «Quickhatch» sei; bei einem Indianer wäre es ein «Ockelcoo-haw-gew»; bei einem Canadier ein «Carcajou …»

– Und bei Euch Anderen, fiel Mrs. Barnett ein, ist es …

– Ein «Vielfraß», Madame«, erwiderte Sabine, offenbar selbstbefriedigt von seiner lehrreichen, gebildeten Antwort.

In der That ist Vielfraß die richtige zoologische Bezeichnung für diesen eigentümlichen Vierfüßler, einen gefährlichen Nachtstreicher, der in hohlen Bäumen oder Felsenlöchern rastet, Biber, Moschuskatzen und andere Nagethiere eifrig verfolgt und ein erklärter Feind der Füchse und Wölfe ist, denen er sogar ihre Beute noch streitig zu machen wagt. Uebrigens ist er ein sehr listiges, muskelstarkes Thier von scharfem Geruchsinne, das sich auch in den höchsten Breiten vorfindet, und dessen kurzhaariges, schwarzes Winterfell in der Ausfuhr der Compagnie nicht die untergeordnetste Rolle spielt.

Bei den Ausflügen schenkte man auch der Pflanzenwelt dieselbe Aufmerksamkeit, wie der Thierwelt. Die Pflanzen waren natürlich nicht so reich an Arten als die Thiere, da sie nicht wie diese die Fähigkeit besitzen, während der schlechten Jahreszeit ein milderes Klima aufzusuchen. Fichten und Tannen wuchsen noch am meisten auf den Hügeln, welche das östliche Ufer der Lagune bekränzten. Jasper Hobson bemerkte auch einige »Tacamahacs«, eine Art Balsam-Pappeln von großer Höhe, deren Blätter bei der ersten Entfaltung von gelber, bei voller Entwickelung von grünlicher Farbe sind. Doch diese Bäume waren selten, ebenso wie einige schwindsüchtige Lärchenbäume, welchen die schräg auffallenden Sonnenstrahlen kaum das Leben fristeten. Gewisse Schwarztannen gediehen besser, vorzüglich in den gegen die Nordwinde geschützten Bodensenkungen. Ueber das Vorkommen dieses Baumes war große Freude, denn seine Sprossen verwendet man bei der Herstellung eines geschätzten, in Nordamerika unter dem Namen »Pine-ale« oder »Pineporter« bekannten Bieres. Man verschaffte sich einen reichlichen Vorrath solcher Sprossen, der in dem Speisegewölbe des Fort-Esperance geborgen wurde.

Die weiteren Pflanzen bestanden aus Zwergbirken, niedrige, kaum zwei Fuß hohe Gesträuche, welche den kalten Klimaten eigenthümlich sind, und aus Zwergwachholderbüschen, die ein zur Heizung sehr taugliches Holz liefern.

Sonst waren Nährpflanzen, welche auf diesem geizigen Boden wild gewachsen wären, sehr selten. Mrs. Joliffe, die sich für die »positive« Botanik stark interessirte, konnte nur zwei Pflanzen finden, welche sie der Verwendung in ihrer Küche würdig erachtete. Die eine, eine Wurzelzwiebel, welche schwer aufzufinden war, da ihre Blätter mit Eintritt der Blüthe sehr schnell abfallen, wurde als der gemeine Lauch erkannt. Derselbe lieferte eine reichliche Ernte an Zwiebeln von Eigröße, die als Gemüse genossen wurden.

Die andere Pflanze, im ganzen Norden Amerikas unter dem Namen »Labradorthee« bekannt, wuchs in großer Menge zwischen den Weidengebüschen und anderem Gesträuche am Ufer der Lagune und war das Lieblingsfutter der Polarhasen.

Dieser Thee bildet, mit siedendem Wasser aufgegossen und mit wenig Brandy oder in versetzt, ein vortreffliches Getränk, und gestattete jene im Vorrath angesammelte Pflanze an dem vorhandenen chinesischen Thee wesentlich zu sparen.

Um aber einem Mangel an pflanzlicher Nahrung zu entgehen, hatte Jasper Hobson eine reichliche Menge Samenkörner zur Aussaat in passender Jahreszeit mitgebracht, hierunter vorzüglich auch Sauerampher und Löffelkraut, deren antiscorbutische Eigenschaften man unter jenen Breiten sehr hoch zu schätzen weiß. Wählte man ein gegen die schneidendsten Winde geschütztes Terrain, welche ebenso wie eine Flamme alle Vegetation scheinbar verbrennen, so durfte man wohl auf das Aufkeimen dieser Körner im nächsten Sommer rechnen.

Uebrigens war die Apotheke des neuen Forts mit Mitteln gegen den Scorbut reichlich versehen. Die Compagnie hatte einige Kisten Citronen und Limoniensaft geliefert, deren eine Polar-Expedition niemals entbehren kann. Der Vorrat hieran, wie der anderer Artikel, mußte aber weise geschont werden, da anhaltendes schlechtes Wetter die Verbindung von Fort-Esperance mit den Factoreien im Süden auf lange Zeit unterbrechen konnte.

  1. Verfasser einer in England sehr geschätzten Anleitung zur Angelfischerei.

Fünfzehntes Capitel.


Fünfzehntes Capitel.

Die ersten Septembertage waren herangekommen. In drei Wochen mußte, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, die rauhe Jahreszeit zur Einstellung jeder Arbeit nöthigen. Man mußte also eilen. Glücklicher Weise waren die neuen Bauten schnell aufgeführt worden. Meister Mac Nap hatte mit seinen Leuten wahre Wunder der Arbeit vollbracht. Das »Dog-house« wartete nur noch des letzten Hammerschlages, und die Palissade umschloß das Fort fast vollkommen in der vorgezeichneten Linie. Man war jetzt dabei, das Thor anzufertigen, welches den Zugang zum inneren Hofe bildete. Die aus zugespitzten, fünfzehnfüßigen Pfählen bestehende Umplankung bildete an der Vorderseite eine Art Halbmond oder »Katze«. Zur Vollendung des Vertheidigungsystemes sollte aber auch der Gipfel des Cap Bathurst, welcher die Position beherrschte, befestigt werden. Man sieht hieraus, daß Lieutenant Hobson neben dem System der fortlaufenden Umwallung auch das der detachirten Forts anwandte, womit ein großer Fortschritt in der Kunst Vauban’s und Cormontaigne’s bezeichnet ist. In Erwartung dieser Krönung des Caps gewährte aber auch schon die Palissade allein hinreichenden Schutz gegen einen »Tatzenstreich«, wo nicht gegen einen Handstreich.

Den 4. September bestimmte Jasper Hobson zur Jagd auf die Amphibien des Ufers, denn es wurde allgemach nöthig, sich vor Eintritt der schlechteren Jahreszeit mit dem nöthigen Heiz- und Leuchtmaterial zu versorgen.

Das Lager der Robben war etwa fünfzehn Meilen weit entfernt.

Jasper Hobson schlug Mrs. Paulina Barnett vor, den Zug zu begleiten, was diese gern annahm. Hatte auch das beabsichtigte Gemetzel für sie nichts besonders Anziehendes, so reizte doch die Aussicht, das Land zu sehen, die Umgebung des Cap Bathurst, und vorzüglich diejenigen Theile, welche unmittelbar an die steile Küste grenzten, kennen zu lernen, ihre lebhafte Neugierde.

Als Begleitung bestimmte Lieutenant Hubson den Sergeant Long und die Soldaten Petersen, Hope und Kellet.

Um acht Uhr Morgens brach man auf. Zwei mit je sechs Hunden bespannte Schlitten folgten der kleinen Gesellschaft, um die Körper der erlegten Amphibien zum Fort zurückzubefördern.

Da die Schlitten jetzt leer waren, so benutzten sie die Theilnehmer der Expedition für sich selbst. Das Wetter war schön, doch dämpften die niedrigen Nebel des Horizontes die Strahlen der Sonne, deren gelbliche Scheibe zu dieser Zeit des Jahres während der Nacht schon einige Stunden lang unterging.

Der Küstenstrich westlich von Cap Bathurst zeigte eine vollkommen ebene Oberfläche, welche das Niveau des Polarmeeres nur um einige Meter überragte. Diese Eigentümlichkeit des Erdbodens erregte aus folgenden Gründen Jasper Hobson’s Aufmerksamkeit:

In den arktischen Meeren ist die tägliche Fluth eine sehr hohe, wenigstens nach der allgemeinen Annahme. Viele Seefahrer, welche darauf Acht hatten, wie Parry, Franklin, die beiden Roß, Mac Clure und Mac Clintock, haben das Meer zur Zeit der Syzygien (d.i. des Neu- oder des Vollmondes) zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß über den gewöhnlichen Wasserspiegel steigen sehen. War diese Beobachtung richtig – und es lag kein Grund vor, die Wahrheitsliebe jener Beobachter in Zweifel zu ziehen, – so mußte sich Lieutenant Hobson nothwendiger Weise fragen, woher es käme, daß der unter dem Einflusse der Anziehungskraft des Mondes anschwellende Ocean dieses kaum über das Meer hervorragende Ufer nicht überfluthete, da sich keinerlei Hinderniß, keine Düne und keine Bodenerhebung der Ausbreitung des Wassers widersetzte; wie es zuginge, daß die Hochfluth nicht das ganze Gebiet bis zum fernsten Horizonte überschwemmte, und keine Vermischung zwischen den Wassern des Binnensees und des Eismeeres stattfand. Es lag deutlich auf der Hand, daß ein solches Ereigniß weder in der Gegenwart eintrat, noch jemals früher eingetreten war.

Jasper Hobson konnte eine dahin zielende Bemerkung nicht unterdrücken, was seine Begleiterin zu dem Ausspruche veranlagte, daß Ebbe und Fluth im Arktischen Ocean trotz der gegentheiligen Berichte doch eben nicht bemerkbar sein würden.

»Im Gegentheil, Madame, erwiderte Jasper Hobson, die Berichte aller Seefahrer stimmen in dem Punkte überein, daß Ebbe und Fluth in den Polarmeeren sehr ausgesprochen auftreten, und es ist gar nicht anzunehmen, daß alle diese Beobachtungen falsch wären.

– Dann, Herr Hobson, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, erklären Sie mir gefälligst, warum die Fluthen des Oceans dieses Land, welches sich kaum zehn Fuß über den niederen Wasserstand erhebt, nicht bedecken?

– Ja, Madame, entgegnete Jasper Hobson, diese Thatsache nicht erklären zu können ist ja eben der Grund meiner Verlegenheit. Seit einem Monat nach unserer Ankunft auf diesem Küstenpunkte habe ich mich mehr als einmal überzeugt, daß das Meer sich unter gewöhnlichen Verhältnissen kaum um einen Fuß hob, und ich möchte fast behaupten, daß die Niveau-Differenz in vierzehn Tagen, am 22. September, zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche, das heißt eben dann, wenn diese Erscheinung ihr Maximum erreichen muß, an den Ufern des Cap Bathurst nicht ein und einen halben Fuß übersteigen wird. Uebrigens werden wir das ja selbst sehen.

– Aber die Erklärung, Herr Hobson, wo bleibt die Erklärung dafür, da es eine solche doch für Alles in der Welt geben muß?

– Nun, Madame, antwortete der Lieutenant, sie kann nur in einer der beiden folgenden Erwägungen gesucht werden. Entweder haben die Seefahrer ungenau beobachtet, was man bei Leuten wie Parry, Franklin, den Roß und Anderen nicht voraussetzen kann, oder die Gezeiten sind speciell für diese Stelle der amerikanischen Küste gleich Null, vielleicht aus denselben Gründen, welche sie in gewissen abgeschlossenen Meeren, wie z.B. dem Mittelländischen und anderen, unmerkbar machen, bei welchen die nahe aneinanderrückenden Festlandsufer und die Enge der Durchlässe dem Wasser des Atlantischen Oceans nicht hinreichend Zutritt geben.

– So nehmen wir also die letztere Hypothese an, Herr Hobson, sagte Mrs. Paulina Barnett.

– Wir müssen wohl, bestätigte der Lieutenant durch eine Neigung des Kopfes, trotzdem sie mich noch nicht befriedigt; ich habe hierbei immer die Empfindung einer Eigenheit der Natur, von der ich mir nicht klare Rechenschaft geben kann.«

Um neun Uhr waren die beiden Schlitten, welche stets dem sandigen und vollkommen ebenen Ufer gefolgt waren, an der gewöhnlich von den Robben besuchten Bucht angekommen. Man ließ die Bespannung zurück, um die Thiere, welche man auf dem Ufer überraschen mußte, nicht zu erschrecken.

Wie verschieden war aber dieses Gebiet von demjenigen, welches Cap Bathurst unmittelbar begrenzte!

Bei der Haltestelle der Jäger verrieth das Küstengebiet, das am Saume vielfach ausgehöhlt und gleichsam angenagt war, auch in seiner ganzen Ausdehnung sonderbare, schroffe Erhebungen aufwies, deutlich seinen plutonischen Ursprung, der von den Sedimentschichten, welche die Umgebungen des Cap Bathurst kennzeichneten, sehr wesentlich abwich.

Diese Landstriche waren in Zeiten der zoologischen Geburtsarbeit durch Feuer, nicht durch Wasser entstanden. Das Gestein, welches Cap Bathurst ganz abging – nebenbei gesagt, eine ebenso unerklärliche Sonderbarkeit, wie das Fehlen der Ebbe und Fluth, – trat hier in der Form erratischer Blöcke, d.h. beträchtlicher, tief in den Erdboden versenkter Felsstücke, auf. Ueberall hin lagen auf schwärzlichem Sande und feinblasiger Lava Kiesel umhergestreut, welche zu den thonigen Silicaten, die man unter dem Collectivnamen der Feldspathe zusammenfaßt, gehören und deren Vorhandensein die vulkanische Entstehungsursache dieses Küstenstrichs unwiderleglich darthut. Auf Letzterem glitzerten auch unzählige Labradoriten, Kieseldiamanten mit lebhaften, zwischen blau, roth und grün wechselnden Lichtreflexen; ferner da und dort Bimsteine und Obsidiane. Im Hintergrunde erhob sich das steile Gestade bis zweihundert Fuß über die Oberfläche des Meeres.

Jasper Hobson beschloß, diese Höhenpunkte zu besteigen, um sich einen Ueberblick über das ganze Land im Osten zu verschaffen. Er hatte genügend Zeit dazu, denn die Stunde der Robbenjagd war noch nicht gekommen. Bis jetzt sah man nur einige Pärchen jener Amphibien, welche sich auf dem Ufer gütlich thaten, während es sich empfahl, erst die Ansammlung einer größeren Anzahl abzuwarten, um sie während ihrer Siesta, oder vielmehr während des Schlummers, welcher bei allen Meersäugethieren in Folge der Bestrahlung durch die Sonne eintritt, zu überraschen. Lieutenant Hobson sah übrigens auch, daß diese Amphibien nicht, wie seine Leute ausgesagt hatten, eigentliche Robben waren. Sie gehörten wohl zu der Familie der Flossenfüßler, aber es waren sogenannte See-Pferde und See-Kühe, welche in den zoologischen Systemen die Unterart der Walrosse bilden, sowie an den langen von oben nach unten verlaufenden und zur Vertheidigung dienenden Spitzzähnen erkennbar sind.

Die Jäger umgingen also die kleine, von jenen Thieren scheinbar bevorzugte Bai, der sie den Namen »Walroß-Bai« gaben, und bestiegen die Erhöhungen am Ufer. Petersen, Hope und Kellet blieben auf einem kleinen Vorgebirge zurück, um die Amphibien im Auge zu behalten, während Mrs. Paulina Barnett, Jasper Hobson und der Sergeant den hundertundfünfzig bis zweihundert Fuß über seine Umgebungen emporragenden Gipfel erstiegen. Ihre drei Begleiter mußten sie fortwährend in Sicht behalten, da diese ein verabredetes Zeichen geben sollten, sobald sich die Walrosse in genügender Menge angesammelt hätten.

Binnen einer Viertelstunde hatten die Drei den höchsten Punkt erreicht. Von hier aus konnten sie die ganze Landschaft, welche sich rund umher entfaltete, überschauen.

Zu ihren Füßen dehnte sich das unendliche Meer, das sich nach Norden zu im Horizonte verlor. Kein Land, keine Scholle, kein Eisberg war in Sicht. Der Ocean war gewiß auch über Sehweite hinaus offen, und das Eismeer unter diesem Breitengrade allem Anscheine nach bis zur Behrings-Straße hin fahrbar. Während des Sommers konnten demnach die Schiffe der Compagnie Cap Bathurst von Nordwesten her leicht anlaufen.

Nach Westen hin entdeckte Jasper Hobson eine bisher ganz unbekannte Gegend, welche ihm das Vorkommen der vulkanischen Trümmer, mit denen das Ufer vollkommen übersäet war, genügend erklärte.

In einer Entfernung von etwa zehn Meilen ragten feuerspeiende Berge mit kegelförmigen Gipfeln in die Luft, die man von Cap Bathurst, der eben hier befindlichen Uferhöhen wegen, nicht wahrnehmen konnte. Sie starrten in allerhand Richtungen zum Himmel empor, so als ob eine zitternde Hand ihre Umrisse ausgeschnitten hätte. Nach eingehender Betrachtung wies sie Jasper Hobson dann, mit der Hand auf sie hinzeigend, dem Sergeanten und der Mrs. Paulina Barnett, wandte sich aber, ohne ein Wort über dieselben zu sagen, nach der entgegengesetzten Seite.

Im Osten erstreckte sich jener lange Ufersaum hin, welcher ohne Unregelmäßigkeiten oder Terrainbewegungen bis nach Cap Bathurst verlief. Mit guten Ferngläsern versehene Beobachter hätten wohl Fort-Esperance erkennen und den bläulichen Rauch sehen müssen, der zu dieser Stunde aus Mrs. Joliffe’s Küchenesse aufwirbelte.

Im Rücken bot das Territorium zwei sehr streng geschiedene Bilder. Im Osten und im Süden das einer ungeheuren Ebene, welche das Cap mehrere hundert Quadratmeilen groß umschloß, wogegen das Hinterland der Gegend des steilen Gestades, von der Walroß-Bai bis zu den Vulkangruppen hin, furchtbar zerrissen erschien und deutlich zeigte, daß es seinen Ursprung früheren vulkanischen Ausbrüchen verdankte.

Der Lieutenant betrachtete den so auffallenden Unterschied zwischen den beiden Theilen des Landes, der ihm doch als etwas »Fremdartiges« auffiel.

»Glauben Sie, Herr Hobson, fragte da Sergeant Long, daß jene Berge, welche den Horizont im Westen abschließen, wirklich Vulkane sind? – Ohne Zweifel, Sergeant, erwiderte Jasper Hobson. Eben diese haben die Bimsteine, die Obsidiane und die zahllosen Labradoriten bis hierher geschleudert, und wir würden keine drei Meilen weit zu gehen haben, um auf Lava und Asche zu treten.

– Und setzen Sie voraus, Her Lieutenant, daß jene noch thätige Vulkane sind? fragte der Sergeant weiter.

– Das vermag ich nicht zu entscheiden.

– Augenblicklich bemerkte man gerade keine Rauchsäule an ihrem Gipfel.

– Das ist noch kein Beweis, Sergeant Long; haben Sie etwa immer die Pfeife im Munde?

– Nein, Herr Hobson.

– Nun, sehen Sie, ganz eben so verhält es sich mit den Vulkanen, sie rauchen auch nicht immerfort.

– Das begreife ich, Herr Hobson, antwortete Sergeant Long, was ich aber nicht begreife, das ist das Vorkommen der Vulkane in den Polarländern überhaupt.

– Sie sind da auch nicht allzu zahlreich, bemerkte Mrs. Barnett.

– Nein, Madame, bestätigte der Lieutenant, und doch kennt man eine gewisse Anzahl: auf der Insel Johann-Mayen, auf den Aleuten, in Kamtschatka, im russischen Amerika und in Island; auf der südlichen Halbkugel aber in Feuerland. Diese Vulkane stellen nur die Rauchfänge der gewaltigen Centralwerkstätte des Innern vor in der sich die chemischen Vorgänge in der Erdkugel vollziehen, und ich glaube, daß der Schöpfer aller Dinge diese Abzugscanäle überall da errichtet hat, wo sie nothwendig waren.

– Gewiß, Herr Hobson, antwortete der Sergeant, aber am Pole, in diesem eisigen Klima!…

– Und was thut das, Sergeant, ob am Pole oder am Aequator! Ich möchte sogar behaupten, daß die Sicherheitsventile am Pole noch weit nothwendiger wären, als an jedem anderen Punkte der Erde.

– Und weshalb das? fragte der Sergeant, der über diese Ansicht höchlichst erstaunt war.

– Weil zur Zeit, als diese Ventile sich unter dem Druck der Gase des Erdinnern öffneten, das vorwiegend an solchen Stellen geschehen mußte, an welchen die Erdrinde die geringste Stärke hatte, und in Folge der Abplattung an den Polen wird es wahrscheinlich, daß… Doch, da sehe ich Kellet’s Signal, sagte der Lieutenant, indem er seine Beweisführung unterbrach. Haben Sie Lust, uns zu begleiten, Madame?

– Ich möchte Sie lieber hier erwarten, Herr Hobson, entgegnete die Reisende. Jenes Gemetzel unter den Walrossen hat für mich nichts Verlockendes.

– Ich widerstreite dem nicht, Madame, antwortete Jasper Hobson, und wenn es Ihnen beliebt, uns in einer Stunde wieder zu treffen, so werden wir uns vereinigt auf den Rückweg zum Fort begeben.«

Mrs. Paulina Barnett blieb also allein auf der Anhöhe zurück und betrachtete das an Abwechselung so reiche Panorama, welches sich vor ihren Blicken entrollte.

Eine Viertelstunde später langten Jasper Hobson und der Sergeant an dem Ufer an.

Walrosse waren jetzt in großer Menge da und konnte man deren wohl hundert zählen. Einige derselben krochen mit Hilfe ihrer kurzen, handförmigen Füße auf dem Sande hin, der größere Theil lag aber zu Familien vereinigt im Schlafe. Ein oder zwei sehr große, wohl drei Meter lange, aber mit wenig dichtem Pelze versehene und fast röthlich aussehende Thiere schienen für die ganze Heerde Wache zu stehen.

Die Jäger durften nur mit äußerster Vorsicht herankommen, benutzten Felsstücke und Unebenheiten des Bodens als Deckung und suchten einige Haufen Walrosse zu umstellen und ihnen den Rückzug nach dem Meere abzuschneiden, da diese Thiere auf dem Lande sehr schwerfällig, langsam und ungeschickt sind. Sie bewegen sich auf diesem nur in kurzen Sprüngen oder indem sie durch Krümmung des Rückgrats, ähnlich gewissen Raupenarten, kriechen. Im Wasser, ihrem Lebenselemente, aber werden sie zu flinken Fischen und furchtbaren Schwimmern, welche die sie verfolgenden Schaluppen nicht selten in Gefahr bringen.

Jene großen Exemplare schienen mißtrauisch zu werden und eine nahende Gefahr zu wittern. Sie hoben die Köpfe in die Höhe und sahen sich nach allen Seiten um. Aber bevor sie noch Zeit zu einem Warnungsignale hatten, stürzten Jasper Hobson und Kellet von der einen, Petersen, Hope und der Sergeant von der anderen Seite hervor und erlegten durch ihre Kugeln fünf Walrosse, denen sie mit den Messern vollends den Garaus machten, während die übrige Heerde sich so schnell als möglich in’s Meer stürzte.

Der Sieg war leicht gewesen. Die fünf Amphibien waren von ansehnlicher Größe. Das wenn auch etwas gekörnte Elfenbein ihrer Häuer schien doch von erster Sorte zu sein; Lieutenant Hobson freute sich aber weit mehr über ihren großen und fetten Körper, weil dieser eine beträchtliche Menge Oel zu liefern versprach. Man beeilte sich, sie auf die Schlitten zu verladen, und hatten die Hunde an ihnen auch eine hinreichende Last.

Eine Stunde war verflossen. Mrs. Paulina Barnett schloß sich ihren Gefährten wieder an, und Alle begaben sich längs des Ufers auf den Weg nach Fort-Esperance.

Natürlich ging man jetzt, da die Schlitten vollkommen beladen waren, zu Fuß. Es waren nur zehn Meilen, jedoch in gerader Linie, zurückzulegen. Nun sagt aber ein englisches Sprichwort: »Nichts ist so lang als ein Weg, der gar keine Ecken macht«, und dieses Sprichwort hat vollkommen Recht.

Um die Langeweile des Weges hinweg zu täuschen, plauderten die Wanderer wohl von Dem und Jenem. Mrs. Paulina Barnett mischte sich häufig in das Gespräch und zog aus den Specialkenntnissen der wackeren Jäger für sich manche Belehrung. Alles in Allem kam man aber nicht allzu rasch vorwärts. Die Fleischmassen waren für die Hunde eine tüchtige Last, und die Schlitten glitten nicht zum Besten. Auf fester Schneefläche hatten die Hunde die Entfernung zwischen der Walroß-Bai und Fort- Esperance mit Bequemlichkeit in noch nicht zwei Stunden zurückgelegt.

Mehrere Male mußte Lieutenant Hobson Halt machen lassen, um die Thiere, deren Kräfte zu Ende gingen, verschnaufen zu lassen. Das veranlaßte den Sergeant Long zu dem Ausspruche:

»In unserem Interesse hätten die Walrosse auch eine dem Fort näher gelegene Lagerstätte auswählen können.

– Sie würden keine geeignete Stelle dazu gefunden haben, antwortete Lieutenant Hobson kopfschüttelnd.

– Und warum das, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett, erstaunt über diese Antwort.

– Weil diese Amphibien nur die sanft abfallenden Küsten besuchen, auf denen sie kriechend das Meer verlassen können.

– Aber das Ufer des Caps? …

– Das Ufer des Caps, erwiderte Jasper Hobson, ist steil wie eine Festungsmauer, und zeigt nirgendswo eine schiefe Ebene. Es erscheint wie lothrecht abgeschnitten. Das, Madame, ist wiederum eine für jetzt unerklärliche Eigentümlichkeit dieser Landstrecke, und wollten unsere Leute an seinem Gestade fischen, so müßten ihre Schnuren, um bis zum Grunde zu reichen, wohl dreihundert Faden lang sein! Woher diese Bildung stamme? – Ich weiß es nicht, doch verleitet mich die Thatsache zu der Annahme, daß vielleicht vor vielen Jahrhunderten einst ein Theil des Continentes durch vulkanische Kräfte abgerissen wurde und im arktischen Oceane untergegangen sein mag!«

Achtes Capitel.


Achtes Capitel.

Hod gegen Banks.

Die Betwa war überschritten. Schon trennten uns hundert Kilometer von der Station Etawah.

Vier Tage verliefen ohne Zwischenfall, sogar ohne jedes Jagdabenteuer. In diesem Theile des Königreichs Scindia hielten sich nur wenige Raubthiere auf.

»Offenbar komme ich nach Bombay, wiederholte Hod öfters nicht ohne einen gewissen Groll, ohne meinen Fünfzigsten erlegt zu haben!«

Kâlagani führte uns mit wunderbarer Sicherheit durch dieses nur ganz schwach bevölkerte Gebiet, dessen Topographie er auf’s genaueste kannte, und am 29. September begann unser Zug den nördlichen Abhang der Vindhyas emporzusteigen, um durch den Paß von Sirgur zu gehen.

Bis hierher war unsere Fahrt durch Bundelkund ohne jede Belästigung verlaufen. Gerade dieses Land ist aber eines der unsichersten von ganz Indien. Hier suchen sich alle Verbrecher gern zu verbergen. Landstreicher giebt es in Menge. Die Dacoits vorzüglich treiben hier ihr unheimliches Doppelgewerbe als Giftmischer und Räuber. Wer durch dieses Gebiet kommt, muß also immer sorgsam auf der Hut sein.

Den schlimmsten Theil von Bundelkund nun bildet die Berggegend der Vindhyas, welche das Steam-House eben betrat. Der Weg ist nicht lang – höchstens hundert Kilometer – bis nach Jubbulpore, der nächsten Station der Eisenbahn von Bombay nach Allahabad. Freilich durften wir nicht daran denken, hier so schnell und bequem fortzukommen wie in den Ebenen von Scindia. Steile Wegstrecken, schlecht unterhaltene Straßen, ein steiniger Boden, scharfe Biegungen und manchmal auch die ungenügende Breite des Weges, Alles trug dazu bei, unsere mittlere Geschwindigkeit zu vermindern. Banks rechnete darauf, während der zehn Fahrtstunden jedes Tages nicht mehr als fünfzehn bis zwanzig Kilometer zurückzulegen. Tag und Nacht mußten wir übrigens die Umgebungen der Straße oder unseres Nachtquartiers scharf bewachen lassen.

Kâlagani hatte uns zuerst diesen Rath ertheilt, obwohl wir uns ja in günstiger Lage zur Vertheidigung befanden. Die beiden Häuser und das Thürmchen – eine wirkliche Kasematte, welche der Stahlriese auf dem Rücken trug – boten ja, um einen beliebten Ausdruck dafür zu gebrauchen, eine gewisse »Widerstandsfläche« dar. Schwerlich würde es irgend welchen Landstreichern, Dacoits oder anderen, nicht einmal Thugs, wenn in diesem Theile Bundelkunds noch solche umherlungerten, in den Sinn gekommen sein, uns anzugreifen. Vorsicht ist jedoch niemals vom Uebel, und besser war es doch, für jeden Fall bereit zu sein.

Noch in den ersten Stunden dieses Tages erreichten wir den Paß von Sirgur, durch den sich unser Zug ohne größere Beschwerden dahinwand. Dann und wann, wenn die Steigung zu stark wurde, mußte wohl etwas mehr Dampf gegeben werden, der Stahlriese entwickelte aber unter Storr’s Hand stets hinreichende Kraft, selbst wenn es galt, Steigungen von zwölf bis fünfzehn Centimeter auf einen Meter zu überwinden.

An ein Abweichen vom richtigen Wege war wohl nicht zu denken. Kâlagani kannte alle Schluchten und Stege der Vindhyas, und vor Allem des Passes von Sirgur. Er fand sich stets zurecht, selbst wenn mehrere Straßen an einer zwischen hohen Felsen verlorenen Stelle ausmündeten, trotz der dichten Wälder von Alpenbäumen, welche die Aussicht schon in einer Entfernung von zwei- bis dreihundert Schritten absperrten. Wenn er uns zuweilen verließ und entweder allein oder von mir, von Banks oder irgend einem Anderen begleitet, vorausging, so geschah das nicht, um sich über die Richtung des Weges, sondern nur über dessen Zustand aufzuklären.

Der viele Regen während der kaum beendeten nassen Jahreszeit hatte die Straßen selbstverständlich arg beschädigt und Furchen in dem Erdboden hinterlassen, ein Umstand, der nicht ganz unberücksichtigt bleiben durfte, da wir nicht gern Wege einschlugen, von denen wir schwierig hätten umkehren können.

Wir kamen also den Umständen nach ganz leidlich vorwärts. Der Regen hatte völlig aufgehört. Der von leichtem Gewölk, durch das zuweilen die Sonne blitzte, halb verschleierte Himmel drohte nicht mehr mit den schweren Unwettern, deren Heftigkeit man vorzüglich im Centrum der Halbinsel fürchtet. Wenn die Hitze auch nicht bedeutend war, so machte sie sich doch noch während einiger Stunden des Tages bemerkbar, doch hielt sich die Temperatur im Ganzen auf mittlerer Höhe, so daß sie Reisenden mit Schutzmitteln, wie sie uns zu Gebote standen, nicht eigentlich lästig wurde. An eßbarem Wild fehlte es nicht, und unsere Jäger beschafften leicht die Bedürfnisse für die Tafel, ohne sich vom Steam-House allzuweit zu entfernen.

Nur Kapitän Hod – und natürlich auch Fox – mochten das Nichtvorhandensein von Raubthieren, durch das sich Tarryani auszeichnete, bedauern. Konnten sie überhaupt darauf rechnen, Löwen, Tiger und Panther da anzutreffen, wo es diesen an Wiederkäuern, ihrer hauptsächlichsten Nahrung, fast vollständig mangelte?

Fehlten in der Fauna der Vindhya-Berge aber die Fleischfresser sehr auffallend, so fanden wir desto mehr Gelegenheit, die Elephanten Indiens kennen zu lernen – ich meine die wilden Elephanten, von denen wir bisher nur sehr wenige Exemplare gesehen hatten.

Am 30. September gegen Mittag wurde ein Paar dieser herrlichen Thiere vor unserem Zuge sichtbar. Bei unserer Annäherung wichen sie nach der Seite der Straße aus, um das ihnen noch unbekannte Fuhrwerk, welches sie zu erschrecken schien, vorüberziehen zu lassen.

Was hätte es uns nützen können, sie ohne allen Grund, vielleicht nur um die Jagdlust zu befriedigen, zu tödten? Selbst dem Kapitän Hod fiel das gar nicht ein. Er begnügte sich, in ihrer Freiheit die schönen Thiere zu bewundern, die hier in den oberen Bergschluchten hausten, wo Bäche und Weideplätze alle ihre Bedürfnisse decken mußten.

»Eine herrliche Gelegenheit für unseren Freund Mathias Van Guitt, bemerkte er, um uns einen gelehrten Vortrag über Zoologie zu halten!«

Bekanntlich ist Indien vor allen anderen das Land der Elephanten. Diese Pachydermen gehören alle einer und derselben Art an, welche aber niedriger steht, als die der afrikanischen Elephanten, und zwar ebenso diejenigen, welche in den verschiedenen Provinzen der Halbinsel selbst umherschweifen, als auch die, deren Fährten man in Birma, im Königreiche Siam bis zu den östlich vom Busen von Bengalen gelegenen Gebieten verfolgt.

Wie man sie einfängt? Gewöhnlich in einem »Kiddah«, d.i. ein von Palissaden umschlossener Platz. Wenn es sich dabei um eine ganze Heerde handelt, so treiben sie die in der Zahl von drei- bis vierhundert Mann zusammentretenden Jäger unter Führung eines »Djamadar«, d.i. ein darauf besonders eingeübter Eingeborner, in den Kiddah zusammen, schließen sie darin ein, suchen sie mit Hilfe gezähmter, speciell hierzu abgerichteter Elephanten von einander zu trennen, fesseln sie dann an den Hinterbeinen und haben sie damit in ihrer Gewalt.

Diese Methode, welche Zeit und einen gewissen Kraftaufwand erfordert, erweist sich aber häufig nutzlos, wenn man große, starke Männchen einfangen will. Es sind das ziemlich bösartige Thiere, welche den Kreis der Treiber oft durchbrechen und sich nicht in den Kiddah hineindrängen lassen. Auch benutzt man wohl Weibchen, welche jenen Männchen tagelang folgen. Diese tragen in dunkle Stoffe gehüllte Mahouts auf dem Rücken, und wenn die Elephanten sich ahnungslos dem süßen Schlummer überlassen, werden sie von jenen mit Ketten gefesselt, ehe sie recht wissen, was mit ihnen vorgeht.

Ich erwähnte schon einmal, daß man Elephanten früher mittelst tiefer, an den von ihnen gewöhnlich gewählten Wegen gelegener Gruben zu fangen pflegte; da diese fünfzehn Fuß tief ausgehoben wurden, so verletzte sich das Thier meist beim Hineinfallen oder fand dabei den Tod, so daß man dieses barbarische Mittel fast allgemein aufgegeben hat.

Endlich kommt in Bengalen wie in Nepal auch noch der Lasso zur Verwendung. Eine solche Jagd bietet dann die interessantesten Momente. Man benutzt dazu gut abgerichtete Elephanten, welche drei Mann tragen. Auf ihrem Halse sitzt ein Mahout, der sie führt, auf dem Rücken ein Hindu, der den mit einem Laufknoten versehenen Lasso zu werfen hat, und noch weiter rückwärts ein Treiber, der sie mit einem Schlägel oder scharfen Haken anspornt. So ausgerüstet verfolgen diese Pachydermen den wilden Elephanten, oft mehrere Stunden lang, weit hin über Ebenen, quer durch dichte Wälder, wobei die Leute auf dem Thiere nicht immer ohne Schaden davon kommen, endlich aber stürzt das einmal »lassirte« Thier in schwerem Fall zusammen.

Mittelst dieser verschiedenen Methoden fängt man in Indien jährlich eine große Anzahl Elephanten. Es ist das auch kein schlechtes Geschäft. Ein Weibchen wird mit siebentausend, ein Männchen mit zwanzigtausend, und wenn es von »reinem Blute« ist, mit bis fünfzigtausend Francs bezahlt.

Wenn man für diese Thiere so hohe Summen anlegt, so müssen dieselben doch sehr nützlich sein. Das ist auch wirklich der Fall, wenn man sie genügend nährt, d. h. ihnen im Laufe eines Tages etwa sechzig bis siebenzig Kilo grünes Futter verabreicht; sie dienen dann zum Transport von Soldaten, Proviant, von Artilleriematerial in bergigen Gegenden oder durch Dschungeln, welche für Pferde unzugänglich sind, oder werden auch von Einzelnen, welche sie als Zugthiere gebrauchen, zu besonders schweren Arbeiten benutzt. Diese mächtigen und gelehrigen, in Folge eines eigenthümlichen Instincts, der sie zum Gehorsam zu nöthigen scheint, leicht zähmbaren und lenksamen Riesen werden in ganz Hindostan allgemein verwendet. Da sie sich in gezähmtem Zustande nicht vermehren (ganz neuerdings hat doch ein Elephantenweibchen in einer amerikanischen Menagerie ein Junges geworfen), so jagt man sie ohne Unterlaß, um den Bedarf der Halbinsel wie des Auslandes zu decken.

Man verfolgt sie, stellt ihnen nach und fängt sie fortwährend auf die oben angegebene Weise. Trotzdem scheint ihre Zahl nicht abzunehmen, denn sie streifen noch immer in vielköpfigen Heerden in verschiedenen Theilen Indiens umher.

Ja, ich möchte fast sagen, in gar zu zahlreichen Heerden, wie man bald erkennen wird.

Die beiden Elephanten traten, wie erwähnt, so zur Seite, daß unser Zug bequem vorüber passiren konnte, und trotteten dann ruhig weiter. Da wurden hinter uns plötzlich noch andere Elephanten sichtbar, welche sich offenbar beeilten, das Pärchen, an dem wir eben vorüber gekommen, einzuholen. Eine Viertelstunde später zählten wir schon ein ganzes Dutzend. Sie beobachteten das Steam-House und folgten uns in einer Entfernung von höchstens fünfzig Metern. Sie schienen eben nicht gewillt, uns zu überfallen, aber noch weniger, uns zu verlassen. Es wäre ihnen das um so leichter geworden, als der Stahlriese, auf den bergigsten der Vindhya-Kämme kaum schneller fortzutreiben gewesen wäre.

Ein Elephant dagegen läuft schneller, als man glauben sollte, und legt, nach Sanderson, der in dieser Beziehung vielfache Erfahrung besitzt, sogar bis fünfundzwanzig Kilometer in der Stunde zurück. Es konnte also für die Thiere, welche hinter uns hertrabten, keine Schwierigkeiten haben, uns einzuholen oder sogar zuvorzukommen.

Das schien aber – wenigstens für den Augenblick – ihre Absicht nicht zu sein. Wahrscheinlich warteten sie nur, bis noch mehr dazu gekommen waren. Jetzt bildeten sie schon eine ganze Gesellschaft, die sich ebensogut noch weiter vergrößern konnte. Eine solche Heerde von Pachydermen besteht gewöhnlich aus dreißig bis vierzig Individuen, welche eine Familie mehr oder weniger verwandter Glieder bilden; es kommt aber nicht selten vor, daß man Haufen von über hundert solcher Dickhäuter begegnet, was für die Reisenden, die ihnen in den Weg kommen, immer ziemlich mißlich, wenn nicht gar gefährlich wird.

Oberst Munro, Banks, Hod, der Sergeant, Kâlagani und ich hatten auf der Veranda des zweiten Wagens Platz genommen und beobachteten, was hinter uns vorging.

»Ihre Anzahl wächst noch immer, sagte Banks, und wird sich wahrscheinlich durch alle in der Umgegend zerstreuten Elephanten weiter vermehren.

– Sie können sich aber, bemerkte ich, doch nicht auf so große Entfernungen hin verständigen?

– Das nicht, erwiderte der Ingenieur, aber sie spüren einander; ja, ihr Geruchsinn ist so fein, daß z.B. zahme Elephanten das Vorhandensein von wilden sogar auf drei bis vier Meilen Entfernung wittern.

– Das ist ja eine wahre Völkerwanderung! sagte da Oberst Munro. Seht nur da, hinter unserem Zuge, eine ganze Heerde, vertheilt zu Gruppen von zehn bis zwölf Elephanten, welche alle gleichmäßig einhertraben. Wir werden unsere Fahrt etwas beschleunigen müssen, lieber Banks.

– Der Stahlriese leistet, was er kann, Munro, entgegnete der Ingenieur. Wir haben fünf Atmosphären und guten Zug, aber die Straße ist zu steil.

– Weshalb sollen wir denn so besonders eilen? meinte Kapitän Hod, den die ganze Geschichte weidlich amüsirte. Die liebenswürdigen Thiere mögen uns doch begleiten, wenn ihnen dies Spaß macht. Das ist ja ein unseres Zuges ganz würdiges Gefolge. Rings war das Land verlassen – jetzt ist es das nicht mehr, und wir ziehen unter Escorte dahin wie mächtige Rajahs!

– Wir wollen sie gewähren lassen, antwortete Banks, ja, ich wüßte auch gar nicht, wie wir sie hindern könnten, uns nachzufolgen.

– Das beunruhigt Sie doch nicht? fragte Kapitän Hod. Sie wissen ohne Zweifel, daß eine Heerde Elephanten minder gefährlich ist als ein einziger Tiger. Jene dort sind ja prächtige Kerle! ….. Lämmer, große Lämmer mit Rüsseln, weiter nichts!

– Aha, unser Freund Hod geräth wieder in Begeisterung! sagte Oberst Munro. Ich gebe gern zu, daß wir von jener Heerde nichts zu fürchten haben, so lange sie sich in gebührender Entfernung hält; wenn es den Lämmern aber einfallen sollte, uns auf dieser schmalen Straße zu überholen, so dürfte das ohne Beschädigung für das Steam-House wohl nicht abgehen.

– Vorzüglich, fügte ich hinzu, wenn sie Alle ganz in die Nähe unseres Stahlriesen kämen, weiß ich doch nicht, wie sie diesem begegnen würden.

– Sie würden ihn begrüßen, alle Wetter! rief Kapitän Hod. Sie würden ihn ebenso achtungsvoll begrüßen, wie seiner Zeit die Elephanten des Prinzen Gouru Sing!

– Ja, das waren aber zahme Elephanten, bemerkte der Sergeant Mac Neil.

– Richtig, erwiderte der Kapitän Hod, jene werden, oder dürften bei dem Anblick unseres Elephanten vielmehr so sehr erstaunen, daß sie ihn ehrfurchtsvoll respectiren!«

Offenbar hatte unseres Freundes Enthusiasmus für den künstlichen Elephanten, »das aus den Händen des englischen Ingenieurs hervorgegangene Meisterwerk der Mechanik«, sich noch nicht vermindert.

»Die Proboscidien übrigens – er hatte sich das Wort nun einmal angewöhnt – diese Proboscidien, fügte er hinzu, sind sehr intelligent; sie überlegen, urtheilen, vergleichen, sie verbinden ihre Gedanken und legen überhaupt fast eine menschliche Einsicht an den Tag.

– Darüber ließe sich doch streiten, antwortete Banks.

– Wie, darüber wäre noch zu streiten? rief Kapitän Hod. Da müßte man doch nicht in Indien gelebt haben, um so zu sprechen! Benutzt man denn nicht die schönen Thiere zu allerhand häuslichen Arbeiten? Giebt es einen zweibeinigen ungefiederten Diener, der ihnen gleichkäme? Ist der Elephant im Hause seines Herrn nicht zu jedem Dienste bereit? Ist Ihnen, Maucler, wohl bekannt, was die erfahrensten Schriftsteller über dieselben sagen? Wenn man denselben glauben darf, so ist der Elephant gegen Diejenigen, welche er liebt, geradezu zuvorkommend aufmerksam; er nimmt ihnen jede Last ab, holt für sie Blumen und Früchte, er sammelt Geld ein, wie z. B. die Elephanten der berühmten Pagode von Willenoor bei Pondichery; in den Bazars bezahlt er das Zuckerrohr, die Bananen oder Mangofrüchte, die er für sich selbst einkauft; in Sunderbund vertheidigt er die Heerden und das Haus seines Herrn gegen reißende Thiere; er pumpt Wasser in die Cisternen und führt die ihm anvertrauten Kinder mit größerer Sorgfalt spazieren als die beste Bonne in ganz England! Er nähert sich dem Menschen durch seine Erkenntlichkeit, denn sein Gedächtniß ist vorzüglich, und so vergißt er niemals die Wohlthaten, die man ihm zugewendet, freilich auch nicht die Neckereien oder üble Behandlung! Seht, meine Freunde, einen solchen Riesen an Humanität – ja, ich sage mit Absicht, an Humanität – könnte man nicht vermögen, ein unschuldiges Insect zu tödten. Einer meiner Freunde – das sind so Züge, die man nicht vergißt – hatte ein kleines Gottesküchlein sich auf einen Stein setzen sehen und einem zahmen Elephanten geboten, dasselbe zu zerdrücken. Der herrliche Dickhäuter hob seine Tatze aber nur desto vorsichtiger über den Stein weg, und weder Zureden noch Schläge hatten ihn vermocht, dieselbe auf das Insect zu legen. Als man ihm dagegen befahl, dasselbe wegzunehmen, faßte er es vorsichtig mit der wunderbaren Art von Hand, welche das Rüssel-Ende bildet, und gab ihm die Freiheit! Sagen Sie dann immer noch, lieber Banks, daß der Elephant nicht gut, edelmüthig und überhaupt allen anderen Thieren, selbst dem Affen und dem Hunde geistig überlegen sei, oder muß man nicht vielmehr zugeben, daß die Indier recht haben, wenn sie ihm fast so viel Einsicht wie dem Menschen zuschreiben?«

Kapitän Hod wußte seine begeisterte Lobrede nicht besser zu schließen, als daß er den Hut vor der gewaltigen Heerde zog, die uns gemessenen Schrittes folgte.

»Sehr schön, Kapitän Hod, sagte Oberst Munro lachend. Die Elephanten haben in Ihnen einen warmen Vertheidiger!

– Habe ich aber nicht vollkommen recht, Herr Oberst? fragte der Kapitän.

– Es mag sein, daß Kapitän Hod mit dem, was er zum Besten gab, recht hat, antwortete Banks, aber ich glaube nur, ich gehe auch nicht fehl mit meinen Ansichten, die ich Sanderson, einem Elephantenjäger und mit allen einschlagenden Verhältnissen vertrauten Mann verdanke.

– Und was sagt denn Ihr Sanderson? fragte Kapitän Hod in etwas wegwerfendem Tone.

– Er behauptet, der Elephant besitze nur mittelmäßigen Verstand und die erstaunlichsten Handlungen, die man diese Thiere ausführen sieht, wären die Folgen einer willenlosen Unterwürfigkeit, so daß sie nur weniger bemerkbaren Winken ihrer Cornacs nachkämen.

– Das möchte ich bewiesen sehen! versetzte Kapitän Hod, der allmälich wärmer wurde.

– Auch macht er darauf aufmerksam, fuhr Banks fort, daß die Indier den Elephanten auf ihren Denkmälern oder Bildern niemals als Symbol der Intelligenz benutzt haben, sondern daß sie dazu stets den Fuchs, den Raben oder den Affen wählen.

– Dagegen protestire ich! rief Kapitän Hod, während er mit den Armen eine Bewegung gleich dem Schwingen eines Elephantenrüssels ausführte.

– Protestiren Sie nach Belieben, Herr Kapitän, aber hören Sie weiter! erwiderte Banks. Sanderson sagt ferner, der Elephant zeichne sich vorzüglich durch den phrenologisch nachweisbaren Sinn für Gehorsam aus – und der muß an seinem Schädel einen hübschen Höcker bilden! Er weist darauf hin, daß der Elephant sich in wahrhaft kindischen Fallen – das ist das richtige Wort – fangen lasse, wie in von Zweigen überdeckten Gruben, und daß er nicht einmal versuche, aus denselben zu entkommen. Er führt an, daß jener sich ohne zu große Schwierigkeiten in Umzäunungen treiben lasse, was mit anderen wilden Thieren niemals gelingen möchte. Er bestätigt endlich, daß gefangene Elephanten, welche etwa wieder entflohen, sich doch so leicht auch wieder fangen lassen, daß es ihrem Scharfsinn wahrlich nicht zur Ehre gereicht. Nicht einmal die Erfahrung vermag sie klüger zu machen!

– Arme Thiere! seufzte Kapitän Hod in komischem Tone, dieser Ingenieur läßt auch kein gutes Haar an Euch!

– Endlich, fuhr Banks fort, und das ist ein weiterer Beleg für die Richtigkeit meiner Ansicht, widerstreben manche Elephanten, eben aus Mangel an Einsicht, jedem Zähmungsversuche, und man hat oft große Mühe, jüngere Thiere oder auch Weibchen zur Vernunft zu bringen!

– O, das ist wieder eine Ähnlichkeit mehr, die sie mit dem Menschen haben! antwortete Kapitän Hod. Sind nicht Männer auch eher zu leiten als Kinder und Frauen?

– Lieber Kapitän, antwortete Banks, um darüber urtheilen zu können, fehlt es uns wohl Beiden zu sehr an Erfahrung aus der Ehe.

– Sehr richtig!

– Schließlich, fügte Banks noch hinzu, darf man ja nicht zu sehr auf die Gutmüthigkeit jener Thiere bauen oder etwa glauben, man könne mit einer ganzen Heerde jener Riesen fertig werden, wenn sie durch irgend etwas gereizt würden, und ich sähe es z. B. viel lieber, daß die, welche uns jetzt begleiten, nach Norden zu wanderten, während wir nach Süden fahren.

– Ja, und das umsomehr, sagte Oberst Munro, als ihre Zahl während Deines Streites mit Hod in wirklich bedrohlichem Grade zugenommen hat!«

Neuntes Capitel.


Neuntes Capitel.

Hundert gegen Einen.

Sir Edward Munro täuschte sich nicht. Jetzt marschirte schon eine Truppe von fünfzig bis sechzig Elephanten hinter unserem Zuge her. Sie gingen in dichten Reihen und schon trabten die Vordersten dem Steam-House nahe genug – kaum in einer Entfernung von zehn Metern – um sie genau beobachten zu können.

An der Spitze marschirte der größte der ganzen Gesellschaft, obwohl seine lothrechte Höhe bis zur Schulter drei Meter gewiß nicht überschritt. Wie ich schon sagte, erreichen die hiesigen nicht die Größe der Elephanten in Afrika, unter denen man Exemplare von vier Meter Höhe antrifft. Seine Stoßzähne, welche ebenfalls kleiner bleiben als die der afrikanischen Race, messen an der äußeren Krümmung etwa hunderfünfzig Centimeter bei einem Durchmesser von vierzig Centimeter an dem Knochenzapfen, der ihre Basis bildet. Wenn man auf der Insel Ceylon eine gewisse Anzahl dieser Thiere findet, welche jener furchtbaren Waffen, der sie sich gegebenen Falles sehr geschickt bedienen, beraubt sind – ich meine die sogenannten »Muknas« – so sieht man solche dafür im eigentlichen Hindostan ungemein selten.

Diesem Elephanten folgten mehrere Weibchen, die wirklichen Führer der Karawane. Wäre das Steam-House nicht auf der Straße gewesen, so würden diese den Vortrab gebildet haben, wahrend jenes Männchen, unter den Uebrigen eingereiht, bestimmt zurückgeblieben wäre. Die Männchen nämlich scheinen zur Anführung einer Heerde völlig ungeeignet; sie bekümmern sich ebensowenig um die jungen Thiere, wissen nicht, wann es nöthig ist, wegen der Bedürfnisse dieser »Babies« Halt zu machen, und verstehen sich auch kaum auf die Auswahl eines passenden Lagerplatzes. In der That sind es nur die Weibchen, welche sozusagen das erste Wort führen und die wandernden Heerden leiten.

Die Frage, warum sich die ganze uns nachfolgende Gruppe in Bewegung gesetzt habe, ob sie blos ihre erschöpften Weideplätze verließ, vor den Stichen einer sehr gefährlichen Fliegenart entfloh, oder ob sie nur die Neugier, unserem seltsamen Gefährt zu folgen, jetzt durch die Vindhya-Berge verlockte – das wäre vorläufig schwer zu sagen gewesen. Das Land lag jetzt offen vor uns, und die Elephanten zogen, wie sie es zu thun gewohnt sind, wenn sie sich nicht in bewaldeten Gegenden aufhalten, am hellen Tage weiter. Ob sie mit einbrechender Nacht, so wie wir es gezwungen waren, Halt machen würden, mußte sich ja bald zeigen.

»Nun, Kapitän Hod, fragte ich da unseren Freund, sehen Sie, wie unser Nachtrab sich immer mehr vermehrt? Erweckt Ihnen das noch immer keine Besorgniß? …

– Pah! versetzte Kapitän Hod, weshalb sollten die Thiere etwas gegen uns im Schilde führen? Es sind ja keine Tiger, nicht wahr, Fox?

– Nicht einmal Panther!« antwortete der Diener, der natürlich immer mit seinem Herrn übereinstimmte.

Kâlagani schüttelte freilich den Kopf ein wenig bei diesen zuversichtlichen Behauptungen; er theilte die Ansicht der beiden Jäger offenbar nicht.

»Sie scheinen mir beunruhigt, Kâlagani, sagte Banks, der jene Bemerkung gehört hatte, zu diesem.

– Könnten wir nicht etwas schneller vorwärts kommen? antwortete der Hindu.

– Das dürfte seine Schwierigkeit haben, antwortete der Ingenieur. Doch wir wollen versuchen, was sich thun läßt!«

Banks verließ die Veranda und begab sich nach dem Thürmchen, in welchem Storr seinen Platz hatte. Bald darauf pustete und schnaufte der Stahlriese stärker und in kürzeren Zwischenräumen und unser Zug rollte etwas schneller dahin.

Es war nur wenig und bei dem beschwerlichen Wege nicht mehr zu erreichen. Doch auch die verdoppelte Geschwindigkeit unseres Zuges hätte an der Sachlage gewiß nichts Wesentliches geändert. Die Elephantenheerde trabte eben etwas schneller mit. Das that sie denn auch jetzt, so daß unser Steam-House einen Vorsprung nicht gewinnen konnte.

Ohne besondere Veränderung verliefen so mehrere Stunden. Wir nahmen nach dem Essen wieder auf der Veranda des zweiten Wagens Platz.

Jetzt dehnte sich die Straße hinter uns auf eine Strecke von mindestens zwei Meilen in gerader Richtung aus, so daß wir sie, durch Windungen derselben nicht mehr behindert, in der ganzen Ausdehnung überblicken konnten.

Da sahen wir denn mit Schrecken, daß die Zahl der Elephanten seit einer Stunde noch immer zugenommen hatte – es mochten ihrer jetzt mindestens Hundert sein.

Die Thiere marschirten, je nach der Breite des Weges zu Zweien, Dreien, schweigend und gleichmäßigen Schrittes, die einen mit hoch erhobenem Rüssel, die anderen mit den Stoßzähnen hoch in der Luft. Das Ganze erschien wie das Wogen eines von Grundwellen bewegten Meeres. Noch zeigte sich – um die Metapher weiter zu führen – keine Brandung; welcher Gefahr waren wir aber preisgegeben, wenn ein Sturm diese dahinwogende Masse empörte?

Inzwischen sank die Nacht – eine mond- und sternenlose finstere Nacht – hernieder. Durch die höheren Luftschichten wallte ein feiner Nebel daher.

Wie Banks vorausgesagt, konnten wir nach dem Eintritt völliger Finsterniß gar nicht daran denken, auf dieser gefährlichen Straße weiter zu fahren, sondern mußten wohl oder übel Halt machen. Der Ingenieur brachte also unseren Zug an einer breiteren Stelle des Thales zum Stehen, wo wir in eine kleinere Schlucht einfahren konnten, um der gefährlichen Heerde Raum zu lassen, ihre Wanderung nach Süden fortzusetzen.

Freilich vermochte Niemand vorherzusagen, ob die Heerde nicht an derselben Stelle wie wir Halt machen würde.

Als es dunkler wurde, bemächtigte sich unserer Nachfolger eine gewisse Unruhe, von der wir vorher nichts bemerkt hatten. Sie brüllten gewaltig, aber dumpf und dazu gesellten sich noch ganz eigentümliche, uns unbekannte Töne.

»Was hat das zu bedeuten? fragte Oberst Munro.

– Das ist, erklärte Kâlagani, der Ton, den diese Thiere von sich geben, wenn sie einen Feind in der Nähe wittern.

– Und als solchen betrachten sie augenblicklich offenbar uns, nicht wahr? fragte Banks.

– Das fürchte ich leider auch!« antwortete der Hindu.

Jenes erwähnte Geräusch glich fast entferntem Donner. Es erinnerte an das, welches man hinter den Coulissen eines Theaters durch Erschütterung eines großen Stahlbleches zu erzeugen pflegt. Die Elephanten berührten mit den Rüsseln fast den Boden und trieben die durch tiefe Einathmung aufgesammelte Luft gegen denselben aus, wodurch jenes dumpfe rollende Geräusch zu entstehen schien.

Es war jetzt neun Uhr Abends.

Wir befanden uns auf einer kleinen, etwa eine halbe Meile breiten offenen Ebene, an der die zu dem Puturia-See hinführende Straße ausmündete. An genanntem See hatte Kâlagani Halt zu machen vorgeschlagen, da jener aber noch gegen fünfzehn Kilometer von uns entfernt lag, mußten wir darauf verzichten, ihn noch heute zu erreichen.

Banks gab Befehl, den Dampf abzusperren. Der Stahlriese hielt an, wurde aber nicht abgespannt. Auch das Feuer sollte nicht gänzlich gelöscht werden. Storr erhielt Auftrag, stets Dampf zu halten, um in jedem Augenblick weiter fahren zu können. Wir mußten eben auf Alles vorbereitet sein.

Oberst Munro zog sich in seine Cabine zurück. Banks und Kapitän Hod wollten sich nicht niederlegen, und ich beschloß auch, ihnen Gesellschaft zu leisten. Uebrigens blieb des ganze Personal auf den Füßen. Was sollten wir aber beginnen, wenn es den Elephanten einfiel, das Steam-House zu überfallen?

Während der ersten Stunde dauerte rings um unseren Halteplatz eine dumpfes Gemurmel fort. Allem Anschein nach betrat die vierbeinige Gesellschaft nach und nach die kleine Ebene. Ob sie wohl darüber hinwegziehen und ihren Weg weiter nach Süden fortsetzen würde?

»Das wäre wohl möglich, meinte Banks.

– Sogar wahrscheinlich!« fügte Kapitän Hod hinzu, der noch immer an seiner optimistischen Auffassung festhielt.

Gegen elf Uhr wurde es stiller und zehn Minuten später herrschte ringsum das tiefste Schweigen.

Die Nacht war ruhig. Jedenfalls hätten wir das leiseste auffällige Geräusch wahrgenommen. Aber nichts ließ sich hören außer dem leisen Brodeln im Kessel des Stahlriesen. Nichts war zu sehen, außer dann und wann eine Garbe von Funken, welche aus dessen Rüssel emporstieg.

»Nun, hatte ich nicht recht? begann da Kapitän Hod. Sie sind abgezogen, die braven Elephanten!

– Glückliche Reise! sagte ich dazu.

– Abgezogen? bemerkte Banks den Kopf schüttelnd. Das werden wir sogleich sehen!«

Darauf rief er nach dem Mechaniker.

»Storr, sagte er, die Leuchtfeuer!

– Sofort, Herr Banks!«

Zwanzig Secunden später blitzten zwei elektrische Strahlenbündel aus den Augen des Stahlriesen hervor und beleuchteten, durch einen automatischen Mechanismus bewegt, allmälich jeden Punkt im Bereiche des Horizonts.

Da standen die Elephanten alle im großen Kreise rings um das Steam-House und unbeweglich wie eingeschlafen – vielleicht schliefen sie auch wirklich, die grellen Strahlen, welche ihre unförmigen Massen trafen, schienen ihnen aber ein übernatürliches Leben einzuhauchen. Durch eine einfache optische Täuschung nahmen diejenigen unter den Ungeheuern, auf welche die glänzenden Lichtbündel fielen, wahrhaft riesenmäßige Proportionen an, so daß sie an Größe mit unserem Stahlriesen wetteifern zu können schienen. Von den Lichtblitzen getroffen, erhoben sich dieselben plötzlich, so als hätte sie eine feurige Nadel gestochen. Sie streckten die Rüssel vor und die gewaltigen Zähne in die Höhe. Es sah aus, als wollten sie sich schon auf unseren Train stürzen. Aus den gewaltigen Kinnladen drang ein heiseres Knurren hervor. Wie durch Ansteckung bemächtigte sich Aller bald eine plötzliche Wuth und rings um unser Lager ertönte ein drohendes Geräusch, als ob hundert Hornisten auf einmal Appell bliesen.

»Auslöschen!« rief Banks.

Der elektrische Strom wurde sofort unterbrochen und der Lärm legte sich augenblicklich wieder.

»Sie lagern im Kreise rund umher, sagte der Ingenieur, und werden bei Tagesanbruch auch noch da sein.

– Hm!« brummte Kapitän Hod, dessen gutes Zutrauen doch ein wenig erschüttert schien.

Was war aber zu thun? Kâlagani wurde darum gefragt. Er machte kein Hehl daraus, daß er unsere Situation etwas beunruhigend fand.

Konnte man daran denken, den Lagerplatz in dieser pechschwarzen Nacht zu verlassen? Das war von vornherein unmöglich. Was hätte das auch nützen können? Die Elephantenheerde wäre uns unzweifelhaft nachgefolgt und unsere Lage erschien dann eher schlimmer, als am hellen Tage. Wir kamen also dahin überein, erst mit dem Morgengrauen aufzubrechen, mit möglichster Vorsicht und Schnelligkeit weiter zu dampfen, aber unser furchtbares Gefolge auf keine Weise zu reizen.

»Und wenn nun die Thiere nicht ablassen, uns zu folgen? fragte ich.

– So werden wir versuchen, eine Oertlichkeit zu erreichen, wo das Steam-House vor ihrem Angriffe gesichert ist.

– Werden wir eine solche aber innerhalb der Vindhya-Berge finden? sagte Kapitän Hod.

– Doch, es giebt eine, fiel der Hindu ein.

– Und welche? fragte Banks.

– Den Puturia-See.

– Wie weit ist er von hier?

– Gegen neun Meilen.

– Aber Elephanten schwimmen auch, antwortete Banks, und vielleicht besser als irgend ein anderer Vierfüßler! Man hat schon beobachtet, daß sie sich einen halben Tag lang auf der Wasseroberfläche erhielten. Ist nicht auch zu fürchten, daß jene uns auf den Puturia-See nachfolgen und das Steam-House damit in eine noch gefährlichere Lage käme?

– Ich sehe keinen anderen Ausweg, einem Angriffe zu entgehen!

– So werden wir ihn versuchen!« antwortete der Ingenieur.

Es blieb uns in der That nichts anderes übrig. Vielleicht wagten sich die Elephanten unter diesen Verhältnissen doch nicht in’s Wasser, oder wir konnten sie wenigstens überholen.

Mit Ungeduld erwarteten wir den Tag. Bald fing der Morgen an zu grauen. Während der Nacht war es zu keiner feindlichen Demonstration gekommen, mit Sonnenaufgang zeigte es sich aber, daß auch kein Elephant von der Stelle gewichen und das Steam-House von allen Seiten umschlossen war.

Da entstand eine allgemeine Bewegung auf dem Ruheplatze. Es schien, als ob die Elephanten alle einem Commando gehorchten. Sie schwangen die Rüssel, rieben die Stoßzähne am Boden, machten gleichsam Toilette, indem sie sich mit frischem Wasser bespritzten, und nagten endlich eine Portion des fetten Grases ab, an dem es dieser Stelle nicht fehlte. Endlich näherten sie sich dem Steam-House, manche derselben soweit, daß man sie aus dessen Fenstern schon mit Spießen hätte erreichen können.

Banks empfahl uns indessen ausdrücklich, ihnen auf keine Weise zu nahe zu treten. Es erschien zu wichtig, ihnen keine Veranlassung zu einem Angriffe zu bieten.

Einzelne von den Elephanten drängten sich jetzt immer mehr an unseren Stahlriesen heran. Offenbar wollten sie sehen, was an diesem gewaltigen, augenblicklich unbeweglichen Thiere sei. Erkannten sie in ihm wohl einen ihresgleichen? Vermutheten sie in ihm irgend welche geheimnisvolle Kraft? Am vergangenen Tage hatten sie keine Gelegenheit gehabt, jenen in Thätigkeit zu sehen, da sich auch die ersten Reihen immer in einer gewissen Entfernung hinter unserem Zuge hielten.

Was würden sie aber beginnen, wenn sie ihn erst schnaufen hörten, wenn sein Rüssel Dampfwirbel ausstieß, wenn sie ihn seine großen, gegliederten Füße heben, sich in Bewegung setzen und unsere rollenden Wagen mitschleppen sahen?

Oberst Munro, Kapitän Hod, Kâlagani und ich hatten vorn auf dem Wagen Platz genommen. Der Sergeant Mac Neil und seine Genossen hielten sich auf dem hinteren Theile auf.

Kâlouth stand vor seiner Feuerthür und beschickte den Rost noch immer mit Brennmaterial, obwohl der Dampf schon eine Spannung von fünf Atmosphären hatte.

Banks saß im Thürmchen neben Storr, die Hand am Regulator.

Die Zeit zur Abfahrt war herangekommen. Auf ein Zeichen von Banks öffnete der Mechaniker den Hahn zur Dampfpfeife, die ihren schrillenden Laut ertönen ließ.

Die Elephanten erhoben die Ohren, dann wichen sie ein wenig zurück und räumten uns auf einige Schritte den Weg.

Jetzt strömte der Dampf in die Cylinder, eine Wolke drang aus dem Rüssel hervor, die Räder begannen sich zu bewegen, wirkten auf die Füße des Stahlriesen und der ganze Zug rückte von der Stelle.

Meine Gefährten werden Alle zustimmen, wenn ich sage, daß sich unter den Thieren der ersten Reihe zuerst eine gewisse Bestürzung bemerkbar machte. Sie wichen wenigstens auseinander und die Straße bot jetzt genügend Raum, um das Steam-House mit der Schnelligkeit eines in kurzem Trabe dahintrottenden Pferdes fortzutreiben.

Sofort aber setzte sich auch die ganze »proboscidische Masse« – ein Ausdruck des Kapitän Hod – vor und hinter uns mit in Bewegung. Die ersten Gruppen derselben nahmen die Spitze des Zuges ein, die letzten folgten dem Train. Alle schienen entschlossen, nicht von unserer Seite zu weichen.

Dabei begleiteten uns, da der Weg hier gerade breiter war, andere Elephanten noch an beiden Seiten, sowie etwa Reiter neben einem Wagen. Jetzt drängte sich Alles durcheinander, Männchen und Weibchen, Thiere von jeder Größe und von jedem Alter, Jünglinge von fünfundzwanzig Jahren und »gemachte Männer« von sechzig, alte Pachydermen, welche vielleicht über hundert Jahre zählten, und Babies neben ihren Müttern, die Lippen – nicht, wie man früher meinte, den Rüssel – an deren Brust und unterwegs saugend. Die ganze Gesellschaft hielt eine gewisse Ordnung ein, drängte sich nicht mehr als nöthig und regulirte ihren Schritt nach dem des Stahlriesen.

»Wenn sie uns in dieser Weise bis zum See begleiten, bemerkte Oberst Munro, so habe ich nichts dagegen….

– Gewiß, antwortete Kâlagani, was wird aber geschehen, wenn die Straße sich wieder verengert?«

Hierin lag allerdings eine Gefahr.

Während der drei Stunden, welche wir brauchten, um zwölf Kilometer von den fünfzehn zurückzulegen, welche zwischen dem letzten Halteplatz und dem Puturia-See lagen, ereignete sich nichts besonderes. Nur zwei- bis dreimal stellten sich einige Elephanten quer auf die Straße, als wollten sie dieselbe sperren. Der Stahlriese schritt jedoch mit horizontal vorgestreckten Stoßzähnen auf sie zu, und spie ihnen heißen Dampf in’s Gesicht, wodurch sie leicht veranlaßt wurden, den Durchgang freizugeben.

Um zehn Uhr Morgens hatten wir also noch etwa drei Kilometer bis zum See vor uns. Da – so hofften wir wenigstens – mußten wir in verhältnißmäßig sicherer Stellung sein.

Im Falle die ungeheuere Heerde uns aber wirklich unbelästigt lassen sollte, beabsichtigte Banks, den Puturia- See, ohne daselbst zu halten, im Westen liegen zu lassen, um am nächsten Tage schon aus den Vindhyas herauszukommen. Dann hatten wir bis zur Station Jubbulpore nur noch eine Fahrt von wenigen Stunden.

Ich bemerke hier, daß das Land um uns nicht nur sehr wild, sondern auch völlig verlassen war. Nirgends sah man ein Dorf, nirgends eine Farm – der Mangel an Weideland erklärte das genügend – eine Karawane oder einen einzelnen Reisenden. Seit unserem Eintritt in die Gebirgslandschaft von Bundelkund waren wir noch keiner lebenden Seele begegnet.

Gegen elf Uhr begann das Thal, in dem das Steam-House hindampfte, sich allmälich zusammenzuziehen. Wie Kâlagani vorausgesagt, wurde die Straße bis zur Stelle, wo sie am See ausmündete, sehr schmal.

Unsere ohnehin beunruhigende Lage verschlimmerte sich dadurch natürlich noch weiter.

Wären die Elephanten nur vor oder hinter unserem Zuge hergetrabt, so hätte das ja keine besonderen Schwierigkeiten geboten. Aber die, welche uns zur Seite marschirten, konnten unmöglich länger daselbst bleiben. Entweder drängten uns diese gegen die Felsenwand neben der Straße, oder sie stürzten selbst in eine der Schluchten, die sich da und dort zwischen derselben öffneten. Instinctmäßig suchten die Thiere sich theils vor, theils hinter uns noch einen Platz zu erobern, wodurch wir so eingeengt wurden, daß unser Zug sich weder vor-, noch rückwärts bewegen konnte.

»Die Sache wird unangenehmer, sagte Oberst Munro.

– Ja freilich, erwiderte Banks, es wird nichts anderes übrig bleiben, als in die Masse einzudringen.

– Nun dann, darauf zu, darauf zu! rief Kapitän Hod. Alle Teufel! Die stählernen Stoßzähne unseres Riesen werden doch gegen die Elfenbeinzähne jener dummen Thiere aufkommen!«

Für den launigen Kapitän waren die Proboscidien jetzt schon nichts mehr als »dumme Thiere«.

»O gewiß, fiel der Sergeant Mac Neil ein, wir sind aber Einer gegen Hundert!

– Das gilt jetzt gleich, rief Banks; schnell vorwärts, sonst marschirt die ganze Heerde da hinten über unsere Köpfe weg!«

Die Einlaßventile wurden weiter geöffnet und der starke Dampfdruck brachte den Stahlriesen in schnellere Bewegung. Seine Stoßzähne erreichten einen der Elephanten dicht vor ihm.

Das Thier schrie laut auf vor Schmerz und die ganze Truppe stimmte bald mit ein. Ein Kampf, dessen Ausgang nicht vorauszusehen war, schien nun unvermeidlich.

Wir hatten die Waffen ergriffen, die Büchsen mit Spitzkugeln, die Flinten mit explodirenden Geschossen geladen und die Revolver in Bereitschaft gesetzt, um jeden Angriff nachdrücklich abweisen zu können.

Ein gewaltiges männliches Thier wandte sich, die Zahne zum Stoße bereit und die Hinterbeine fest auf die Erde gestemmt, zuerst in voller Wuth gegen das Steam-House.

»Ein »Gunesch!« rief Kâlagani.

– Ah, der hat ja nur einen Zahn! meinte Kapitän Hod, verächtlich die Achseln zuckend.

– Dafür ist er um so gefährlicher!« erwiderte der Hindu.

Kâlagani hatte jenen Elephanten mit dem Namen bezeichnet, den die Jäger für die Männchen mit nur einem Stoßzahn gebrauchen. Die Indier zollen diesen Thieren ganz besondere Verehrung, vorzüglich, wenn jenen der rechte Zahn fehlt. Unser Feind gehörte zu dieser Art und war, wie Kâlagani gesagt hatte, nur um so mehr zu fürchten.

Das zeigte sich auch bald. Der Gunesch stieß einen langen Ton, wie von einem Horn, aus, schlug den Rüssel zurück, dessen sich die Elephanten übrigens nie im Kampf bedienen, und drang auf unseren Stahlriesen ein.

Der Stoßzahn traf geradlinig das Deckblech der Brust, brach aber, als er hinter diesem auf die feste Kesselwand traf, glatt weg.

Wir fühlten den Stoß im ganzen Zuge. Dennoch bewegte sich dieser nach vorwärts und drängte den Gunesch, der ihn noch immer aufzuhalten suchte, unwiderstehlich zurück.

Der Ruf des letzteren war jedoch verstanden worden. Die ganze Heerde vor uns machte jetzt Halt und bildete ein unübersteigliches Hinderniß von lebenden Massen. Gleichzeitig stießen die hinteren Gruppen, welche ihren Weg fortsetzten, heftig gegen die letzte Veranda. Konnten wir der drohenden Zermalmung entgehen?

Einige von ihnen, die uns sonst zur Seite marschirten, faßten die Trittbretter der Wagen und schüttelten sie gewaltig.

Hielten wir an, so war es um den ganzen Train geschehen – jetzt galt es, sich nach Kräften zu vertheidigen. Büchsen und Flinten wurden auf die Angreifer gerichtet.

»Daß kein Schuß verloren geht! rief Kapitän Hod. Zielt nach dem Ursprung des Rüssels oder nach der Stelle unter den Augen; nur so ist etwas auszurichten!«

Wir thaten wie Kapitän Hod gesagt. Mehrere Schüsse krachten schnell hintereinander – ein wüthendes Schmerzgeheul antwortete darauf.

Drei oder vier gut getroffene Elephanten hinter und neben uns – ein glücklicher Umstand, da uns der Weg nicht versperrt wurde – stürzten zu Boden. Die ersten Gruppen wichen ein Stück zurück und der Zug konnte etwas vorwärts dringen.

»Wieder laden und abwarten!« befahl Kapitän Hod.

Wenn er unter dem Abwarten verstand, daß wir es erst zu einem ernsten Angriff kommen lassen sollten, so dauerte das nicht eben lange. Die ganze Heerde drängte sich jetzt gegen uns heran und wir schienen rettungslos verloren.

Ringsum ertönte ein wüthendes Geheul und Gebrüll. Man hätte glauben können, Kriegs-Elephanten vor sich zu haben, welche die Hindus durch besondere Mittel zur höchsten Wuth, die sie »Musth« nennen, anzustacheln verstehen. Man kann sich kaum etwas Entsetzlicheres vorstellen. In Guicowar bildet man »Elephantadors,« um gegen diese furchtbaren Thiere zu kämpfen; aber auch der verwegendste derselben wäre wohl vor den schrecklichen Feinden, welche das Steam-House bestürmten, zurückgewichen.

»Vorwärts! rief Banks.

– Feuer!« commandirte Hod.

Unter das beschleunigte Schnaufen der Maschine mischte sich der Knall der Gewehre. Auf diese sich hin und her schiebende Masse konnte man freilich nicht so sorgsam zielen, wie der Kapitän das empfohlen hatte. Jede Kugel fand zwar ein Stück Fleisch, um hineinzudringen, sie traf damit aber keineswegs immer tödtlich. Die verwundeten Elephanten wurden nur um so wüthender und antworteten auf unsere Flintenschüsse durch die Stöße ihrer gewaltigen Zähne, welche die Wände des Steam-Houses durchlöcherten.

Mit den Detonationen der Feuerwaffen, die man auf allen Seiten hörte, und dem Krachen der explodirenden Geschosse im Körper der getroffenen Thiere verband sich auch ferner das Zischen des durch künstlichen Zug noch mehr erhitzten Dampfes. Der Druck desselben nahm fortwährend zu. Der Stahlriese zwängte sich in den Haufen hinein, theilte ihn und drängte ihn zurück. Dazu arbeitete er mit dem beweglichen Rüssel, der gleich einer furchtbaren Keule auf die Fleischmassen niederfiel, die seine Stoßzähne zerrissen.

So kamen wir auf der engen Straße doch langsam vorwärts. Manchmal glitten wohl die Räder über dem Boden, griffen aber doch wieder mit ihren gefurchten Kränzen ein und wir näherten uns dem See mehr und mehr.

»Hurrah! rief Kapitän Hod, wie ein Soldat, der sich in das dichte Kampfgewühl stürzt.

– Hurrah! Hurrah!« riefen wir Alle nach ihm.

Da senkte sich eben ein Rüssel auf die vordere Veranda nieder. Ich sah schon den Augenblick kommen, wo Oberst Munro von dem lebenden Lasso emporgehoben und unter die Füße der Elephanten geschleudert werden würde. Das wäre sicherlich so weit gekommen, wenn nicht Kâlagani noch rechtzeitig zugesprungen wäre und den Rüssel durch einen kräftigen Axthieb getrennt hätte.

Der Hindu verlor also, obschon er sich an der allgemeinen Vertheidigung betheiligte, Sir Edward Munro doch niemals aus den Augen. Diese Ergebenheit gegen die Person des Obersten, welche er niemals verleugnete, lehrte uns wiederholt, wie er sich bewußt war, unter uns gerade diesen vorzüglich beschützen zu müssen.

O, welche unwiderstehliche Macht entwickelte doch unser Stahlriese! Mit welcher Sicherheit drang er in die Masse der Feinde ein, gleich einem Keil, der ja zuletzt jedes Hinderniß zu überwinden vermag. Da nun die hinter uns befindlichen Elephanten gleichzeitig nachdrängten, so kam unser Zug ohne Aufenthalt, wenn auch nicht ohne Erschütterungen, fast schneller vorwärts, als wir zu hoffen wagten.

Plötzlich entstand noch ein anderes Geräusch, das sich mitten unter dem allgemeinen Lärmen vernehmbar machte.

Eine Anzahl Elephanten zermalmte eben den zweiten Wagen, den sie an die Felsenwand drängten.

»Hierher zu uns! Schnell! Schnell!« rief Banks den Leuten zu, welche die Rückseite des Steam-Houses vertheidigten.

Goûmi, der Sergeant und Fox hatten sich schon aus dem zweiten Wagen geflüchtet.

»Wo steckt aber Parazard? fragte Kapitän Hod.

– Er will seine Küche nicht verlassen, antwortete Fox.

– So holt ihn mit Gewalt!«

Unser Koch hielt es offenbar für unvereinbar mit seiner Ehre, den ihm anvertrauten Posten aufzugeben. Den starken Armen Goûmi’s, wenn diese einmal anfaßten, hätte Jemand aber ebensowenig widerstehen können, wie den Backen einer Blechscheere. Monsieur Parazard sah sich also plötzlich wider Willen in den Speisesaal versetzt.

»Seid Ihr Alle da? rief Banks.

– Alle, antwortete Goûmi.

– So trennt die Verkuppelung!

– Die Hälfte unseres Zuges opfern! …. fuhr Kapitän Hod auf.

– Es muß sein!« erkärte Banks.

Die Ketten wurden gelöst, die Laufbrücke durch Axtschläge zertrümmert und unser zweiter Wagen blieb nun stehen.

Es war die höchste Zeit. Schon wurde der Wagen gepackt, emporgehoben und umgeworfen, und die Elephanten stürzten über denselben hin, um ihn durch ihr Gewicht vollends zu zerstören. Er bildete nur noch eine unförmige Ruine, welche jetzt die Straße hinter uns sperrte.

»Sehr schön! bemerkte Kapitän Hod, aber in einem Tone, der uns Alle zum Lachen reizte, und da sagen die Leute noch, so ein Thier könne nicht einmal ein Gottesküchlein zertreten!«

Wenn die nun einmal wüthenden Elephanten mit dem ersten Wagen eben so verfuhren wie mit dem zweiten, konnten wir uns keiner Täuschung über das unser harrende Geschick mehr hingeben.

»Schüre das Feuer, Kâlouth!« rief der Ingenieur.

Noch einen halben Kilometer, eine letzte Anstrengung und wir hatten den Puturia-See erreicht.

Auch jetzt versagte der gewaltige Stahlriese unter der Hand Storr’s, der die Ventile so weit als möglich öffnete, den verlangten Dienst nicht. Er erzwang sich den Durchgang durch diesen Wall von Elephanten, bohrte ihnen die Stoßzähne in den Rücken, und sprühte ihnen kochenden Dampf entgegen, wie damals den Pilgern am Phalgou, oder übergoß sie mit Strahlen siedenden Wassers! ….. O, er that mehr als seine Schuldigkeit!

Endlich wurde der See jenseits der letzten Krümmung des Weges sichtbar.

Wenn unser Zug noch zwei Minuten Widerstand leistete, so waren wir gerettet.

Die Elephanten ahnten das, wie es schien – ein Beweis ihrer Intelligenz, welche Kapitän Hod vertheidigt hatte. Sie versuchten zum letzten Male, unseren Zug umzustürzen. Wir eröffneten dagegen das Feuer von Neuem. Wie ein Hagel schlugen die Kugeln in die nächsten Reihen ein. Höchstens fünf oder sechs Elephanten sperrten uns noch den Weg. Die Meisten fielen und die Räder knarrten über einen von Blut getränkten Boden.

Etwa hundert Schritte vom See mußten wir noch diese letzten Thiere zu verdrängen suchen. »Noch einmal Dampf! Fest darauf!« rief Banks dem Mechaniker zu.

Der Stahlriese schnaubte, als würden noch ganz neue Maschinenkräfte in ihm geboren. Unter einem Drucke von acht Atmosphären zischte der Dampf aus den Sicherheitsventilen. Hätten wir diese nur im Geringsten belastet, so mußte der Kessel, dessen Wände erzitterten, unbedingt springen. Es war unnöthig. Nichts vermochte der Gewalt des Stahlriesen mehr zu widerstehen. Fast sprungweise stürmte das Ungethüm vorwärts. Was von unserem Zuge noch übrig war, folgte ihm polternd und schwankend und zermalmte, auf die Gefahr hin, selbst umzustürzen, die Glieder der gefallenen Elephanten. Wenn unser Wagen umfiel, wäre es freilich noch immer um alle Insassen desselben geschehen gewesen.

Dieses Unglück sollte uns erspart bleiben, wir erreichten das Ufer des Sees und bald schwamm der Zug auf dem ruhigen Wasser.

»Gott sei gelobt!« rief Oberst Munro.

Zwei oder drei in ihrer Wuth verblendete Elephanten, eilten in den See nach und versuchten noch auf der Wasserfläche die zu verfolgen, welche sie auf dem festen Lande nicht zu besiegen vermochten.

Die Tatzen des Stahlriesen thaten jedoch ihre Schuldigkeit. Der Zug entfernte sich bald vom Ufer und einige wohlgezielte letzte Schüsse befreiten uns von den »See-Ungeheuern« gerade in dem Augenblicke, als sie die hintere Veranda mit den Rüsseln packen wollten.

»Nun, mein Herr Kapitän, fragte Banks, was halten Sie jetzt von der Sanftmuth der indischen Elephanten?

– Pah, erwiderte Kapitän Hod, gegen die Raubthiere ist das immer noch nichts! Setzen Sie nur dreißig Tiger an die Stelle der hundert Pachydermen, und ich wette, was Sie wollen, daß in diesem Augenblicke Niemand von uns übrig wäre, das erlebte Abenteuer zu berichten!«

Zehntes Capitel.


Zehntes Capitel.

Der Puturia-See.

Der Puturia-See, auf dem das Steam-House vorläufig Zuflucht gefunden hatte, liegt etwa vierzig Kilometer östlich von Dumoh. Diese Stadt, der Hauptort der englischen Provinz, der sie den Namen gegeben, ist im erfreulichen Aufblühen und beherrscht mit ihren zwölftausend Einwohnern, welche noch eine kleine Garnison verstärkt, gewissermaßen den gefährlichsten Theil von Bundelkund. Jenseits ihrer Mauern, vorzüglich in den weiter östlich gelegenen Landschaften und in der verwahrlosten Gegend der Vindhya-Berge, deren Mittelpunkt der See etwa einnimmt, macht sich dieser Einfluß freilich kaum fühlbar.

Was konnte uns überhaupt aber noch Schlimmeres zustoßen, als dieses Zusammentreffen mit Elephanten, aus dem wir ja heil und gesund hervorgegangen waren?

Immerhin hatte unsere Lage etwas Beunruhigendes, da ein großer Theil unseres Materials verschwunden war. Der eine von den Wagen, welche unseren Zug bildeten, war ja vernichtet worden, ohne Aussicht, ihn wieder »flott zu machen«, um einen seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen. Da die Elephanten denselben umgeworfen und gegen den Felsen gedrängt hatten, konnten von seinem Rumpfe, über den jene schwerfälligen Dickhäuter hinmarschirten, nichts anderes mehr als formlose Trümmer übrig geblieben sein.

Ohne zu erwähnen, daß jener Wagen dem Personal der Expedition als Wohnung diente, enthielt er ja nicht allein die Küche, sondern auch die Vorrathskammern und unser Munitionsmagazin. Wir besaßen jetzt kaum noch ein Dutzend Patronen, doch war nicht anzunehmen, daß wir deren vor der Ankunft in Jubbulpore bedürfen könnten.

Bezüglich der schwer zu ersetzenden Nahrungsmittel lag die Sache freilich anders.

Die Vorräthe der Speisekammer waren vollständig verloren gegangen. Selbst wenn wir am nächsten Abend bei der noch gegen siebzig Kilometer entfernten Station eintrafen, mußten wir doch etwa vierundzwanzig Stunden lang fasten.

Nun, man lernt sich ja in Alles fügen!

Natürlich erschien Monsieur Parazard unter diesen Verhältnissen der Unglücklichste von Allen. Der Verlust seiner Speisekammer, die Zerstörung seines »Laboratoriums« und die Verstreuung seiner Vorräthe gingen ihm gar sehr zu Herzen. Er machte auch kein Hehl aus seiner Verzweiflung, erwähnte der Gefahr, der wir Alle wie durch ein Wunder entgangen, kaum mit einem Worte, sondern jammerte nur über das Mißgeschick, das ihn persönlich getroffen hatte.

Eben als wir im Salon zusammenkamen, um zu überlegen, was unter den jetzigen Umständen zu thun sei, betrat Monsieur Parazard mit gewohnter Feierlichkeit die Schwelle desselben und meldete sich »um uns eine Mittheilung von höchster Bedeutung« zu machen.

»Sprechen Sie, Monsieur Parazard, sagte Oberst Munro, indem er jenem einzutreten winkte.

– Meine Herren, begann unser Koch sehr ernst, es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß der ganze Inhalt des zweiten Wagens vom Steam-House bei jener Katastrophe verloren gegangen ist. Aber selbst wenn wir noch einige Vorräthe besäßen, wäre ich, in Ermanglung einer Küche, in der größten Verlegenheit, Ihnen auch nur die bescheidenste Mahlzeit zu bereiten.

– Wir kennen das, Monsieur Parazard, erwiderte Oberst Munro. Es ist bedauernswerth, doch wir müssen uns wohl in das Unvermeidliche fügen, und wenn wir fasten müssen, nun, so thun wir es eben.

– Ja, meine Herren, fuhr der Koch fort, es ist um so bedauernswerther, als ich gegenüber jener großen Anzahl Elephanten, von denen mehr als einer unter ihren mörderischen Kugeln geendet hat ….

– Ein herrlicher Satz, Monsieur Parazard, fiel Kapitän Hod ein. Bei einiger Uebung würden Sie bald dahin gelangen, sich nicht weniger elegant auszudrücken wie unser Freund Mathias Van Guitt.«

Monsieur Parazard verneigte sich höflich und fuhr nach einem Seufzer also fort:

»Ja, ich wollte eben sagen, meine Herren, daß mir da eine Gelegenheit geboten wäre, Ihnen meine Geschicklichkeit im vollen Glanze zu zeigen. Das Fleisch des Elephanten ist, wie sich leicht denken läßt, nicht in allen Stücken brauchbar, denn es ist zum Theile abscheulich hart und zähe; es scheint jedoch, als habe der Schöpfer aller Dinge unter dieser Frischmasse noch zwei Stücke besonders bevorzugt, zwei Stücke, welche werth sind, auf der Tafel des Vicekönigs von Indien zu erscheinen. Ich habe hierbei im Sinne erstens die Zunge dieses Thieres, ein ungemein wohlschmeckender Leckerbissen, wenn dieselbe nach einem mir allein bekannten Recept zugerichtet wird, und zweitens die Füße der Pachyderme….

– Pachyderme? …. Sehr schön, obwohl der Proboscidie eleganter klingt, sagte Kapitän Hod.

– …. die Füße also, fuhr Monsieur Parazard fort, aus denen man die besten Suppen bereitet, welche die Küchenkunst, deren Vertreter ich im Steam-House bin, jemals gekannt hat.

– Sie machen mir den Mund wässrig, Monsieur Parazard, antwortete Banks. Unglücklicher Weise einerseits und glücklicher Weise andererseits sind uns die Elephanten auf den See nicht nachgefolgt, und ich fürchte, wir werden wenigstens zur Zeit auf eine Klauensuppe und ein schmackhaftes Ragout von der Zunge jener Thiere verzichten müssen.

– Wäre es nicht möglich, begann der Koch noch einmal, an’s Land zurückzukehren und sich damit zu versorgen….

– Nein, das geht nicht, Monsieur Parazard. So vortrefflich Ihre Zubereitungen auch sein möchten, so dürfen wir uns deshalb einer augenscheinlichen Gefahr nicht auf’s Neue aussetzen.

– Nun denn, meine Herren, sagte der Koch, so genehmigen Sie den Ausdruck des aufrichtigen Bedauerns, das ich über diesen beklagenswerthen Zwischenfall empfinde.

– Wir nehmen das für geschehen an, Monsieur Parazard, sagte Oberst Munro. Was das Mittagessen und das Frühstück betrifft, so machen Sie sich darüber, bevor wir nach Jubbulpore kommen, keine weitere Sorge.

– So darf ich mich wohl wieder zurückziehen,« erwiderte Monsieur Parazard mit einer Verbeugung, ohne die ihm angeborne Würde zu verlieren.

Wir hätten über die komische Erscheinung unseres Kochs fast laut aufgelacht, doch benahmen uns andere, sehr ernsthafte Fragen zunächst die Lust dazu.

Zu so vielen Verlegenheiten trat nämlich noch eine andere. Banks eröffnete uns, daß unter den gegenwärtigen mißlichen Umständen weder der Mangel an Nahrungsmitteln, noch der an Munition der schlimmste sei, wohl aber der Mangel an – Brennmaterial. Bei der Unmöglichkeit, wahrend der letzten achtundvierzig Stunden frische Holzvorräthe zum Betriebe der Maschine einzunehmen, erschien das nicht wunderbar. Bei der Ankunft am See besaßen wir davon fast gar nichts mehr. Hätte sich der Weg hierher nur um eine Stunde verlängert, so konnten wir das Wasser überhaupt nicht erreichen und der erste Wagen des Steam-Houses verfiel noch zuletzt demselben Schicksale wie vorher der zweite.

»Jetzt, fügte Banks hinzu, haben wir nichts mehr zu feuern; die Dampfspannung nimmt ab, sie ist schon bis auf zwei Atmosphären gesunken, und uns fehlt jede Möglichkeit, sie wieder zu steigern!

– Ist unsere Lage wirklich so schlimm, wie Du zu glauben scheinst, Banks? fragte Oberst Munro.

– Wenn es sich nur darum handelte, nach dem Ufer, von dem wir noch nicht weit entfernt sind, zurückzukehren, antwortete Banks, so ließe sich das wohl ausführen. In einer Viertelstunde würden wir das erreichen. Es wäre aber zu unklug, nach der Stelle zu gehen, wo die Elephanten ohne Zweifel noch zusammen sind. Nein, wir werden über den Puturia-See fahren und an dessen südlichem Ufer einen Landungsplatz suchen müssen.

– Wie breit mag der See in dieser Richtung sein? fragte Oberst Munro weiter.

– Kâlagani schätzt die Entfernung auf etwa sieben bis acht Meilen. Unter den gegebenen Verhältnissen würden wir dazu gewiß mehrere Stunden brauchen, und ich sage im voraus, daß die Maschine in vierzig Minuten nicht mehr im Stande sein wird, zu arbeiten.

– Nun wohl, antwortete Sir Edward Munro, so bringen wir die Nacht ruhig auf dem See zu. Wir sind hier ja in Sicherheit. Morgen findet sich schon Rath.«

Etwas anderes war offenbar nicht zu thun. Wir bedurften der Ruhe gar zu sehr. Auf dem letzten Halteplatze, wo uns die Elephanten umringten, hatte ja kein Mensch schlafen können.

Jetzt nahte eine dunkle Nacht – ja, eine dunklere, als uns lieb war.

Gegen sieben Uhr entstand auf dem See ein leichter Nebel. Man erinnert sich, daß sich schon während der vergangenen Nacht dichte Dünste in der Höhe bildeten. Hier gestaltete sich, bei der Verschiedenheit des Ortes, auch die Erscheinung anders. Wenn die Dunstmassen über dem Elephantenlager einige hundert Fuß hoch dahinzogen, so wälzten sie sich hier, in Folge der Ausdünstung des Wassers, auf dem Puturia selbst hin. Nach dem ziemlich warmen Tage vermischten sich höhere und tiefere Luftschichten und der ganze See verschwand bald in einem zwar noch dünnen Nebel, der aber jede Minute an Dichtheit zunahm.

Hierdurch entstand, wie Banks schon vorher sagte, eine neue Schwierigkeit, der wir wohl Rechnung tragen mußten.

Mit seiner früheren Berechnung übereintreffend, ging dem Stahlriesen gegen siebeneinhalb Uhr der Dampf allmälich aus, die Kolben arbeiteten langsamer, die beweglichen Füße schlugen nicht mehr das Wasser und die Dampfspannung sank endlich unter eine Atmosphäre herab. Brennmaterial oder irgend ein Mittel, diese wieder zu steigern, war nicht vorhanden.

Der Stahlriese und der einzige Wagen, den er noch zog, schwammen nun freilich auf dem stillen See, kamen aber nicht von der Stelle.

Bei dem herrschenden Nebel war es natürlich sehr schwer, unsere Lage einigermaßen sicher zu bestimmen. Während der kurzen Zeit, als unsere Maschine noch arbeitete, hatte sich der Zug nach dem südöstlichen Ufer des Sees zu bewegt, um da einen Landungsplatz aufzusuchen. Da der Puturia nun die Gestalt eines ziemlich langen Ovals besitzt, so konnte es ja möglich sein, daß das Steam-House sich gar nicht weit von dem einen oder anderen Ufer befand.

Das Gebrüll der Elephanten, die uns auch hier ziemlich eine Stunde lang verfolgt hatten, war der großen Entfernung wegen nicht mehr zu hören.

Wir besprachen also, was unter den jetzigen Verhältnissen wohl am besten zu thun sei. Banks ließ auch Kâlagani rufen, dessen Ansicht er kennen lernen wollte.

Der Hindu kam sofort und wurde aufgefordert, seine Meinung auszusprechen.

Wir befanden uns in dem Speisesaale, der, da er seine Beleuchtung durch Oberlicht erhielt, gar keine Seitenfenster hatte. So konnte der Schein der Lampen nicht nach außen dringen. Das gewährte uns den Vortheil, die Lage des Steam-Houses etwaigen Landstreichern an den Ufern des Sees nicht zu verrathen.

Auf die an ihn gerichteten Fragen schien Kâlagani – mir wenigstens kam es so vor – nicht ohne Zögern zu antworten. Es handelte sich darum, zu sagen, an welcher Stelle des Puturia-Sees sich das Steam-House befand, und ich gebe zu, daß eine Antwort darauf nicht eben leicht war. Vielleicht hatte eine schwache Brise aus Nordwesten unseren Zug ein wenig weiter getrieben; vielleicht führte uns auch eine leichte Strömung nach dem unteren Ende des Sees.

»Nun, Kâlagani, sagte Banks, dem daran gelegen war, über diesen Punkt in’s Klare zu kommen, Sie kennen die Ausdehnung des Puturia doch genau genug?

– Gewiß, antwortete der Hindu, doch ist bei diesem Nebel so gut wie gar nichts zu sehen.

– Sind Sie im Stande, annähernd die Entfernung bis zu dem uns zunächst gelegenen Ufer abzuschätzen?

– Ja, so ziemlich, antwortete der Hindu nach kurzer Ueberlegung, sie kann über anderthalb Meilen kaum betragen.

– Nach Osten zu? fragte Banks.

– Ja, nach Osten.

– Und wenn wir nach diesem Ufer kämen, wären wir Jubbulpore näher als Dumoh?

– Gewiß.

– Eben in Jubbulpore, setzte Banks hinzu, müssen wir uns wieder mit allem Nöthigen versorgen. Wer weiß aber, wann es uns gelingt, an jenes Ufer zu kommen! Das kann einen oder gar zwei Tage dauern, und uns fehlt nicht weniger als Alles!

– Aber, fuhr Kâlagani fort, könnten wir nicht, oder könnte wenigstens nicht Einer von uns versuchen, noch in dieser Nacht das Land zu erreichen?

– Ja, aber wie?

– Ei nun, schwimmend!

– Einundeinehalbe Meile inmitten dieses Nebels! antwortete Banks, das hieße das Leben auf’s Spiel setzen ….

– Aber es ist doch kein Grund, den Versuch nicht zu wagen!« erwiderte der Hindu.

Ich weiß zwar nicht warum, aber es schien mir immer, als habe Kâlagani’s Stimme heute gar nicht die gewohnte Offenheit.

»Würden Sie es unternehmen, den See soweit zu durchschwimmen? fragte da Oberst Munro, der den Hindu scharf fixirte.

– Gewiß, Herr Oberst, und ich glaube das auch ausführen zu können.

– Da würden Sie uns einen großen Dienst leisten, mein Freund! fiel Banks wieder ein. Zu Lande kann es Ihnen nicht schwer fallen, die Station Jubbulpore zu erreichen und uns Hilfe zu bringen.

– Ich bin sofort bereit!« antwortete einfach der Hindu.

Ich erwartete, auch Oberst Munro würde unserem Führer seinen Dank für dieses Anerbieten abstatten; nachdem er jenen aber noch einmal kurze Zeit aufmerksam betrachtet hatte, rief er nach Goûmi.

Goûmi erschien auf der Stelle.

»Goûmi, redete Sir Edward Munro diesen an, Du bist ein vortrefflicher Schwimmer?

– Man sagt es, Herr Oberst.

– Würdest Du davor zurückschrecken, noch in dieser Nacht anderthalb Meile weit durch das laue Wasser des Sees zu schwimmen?

– O, auch zwei Meilen, wenn es sein muß.

– Nun denn, fuhr Oberst Munro fort, Kâlagani hatte sich erboten, nach dem Ufer zu schwimmen, das Jubbulpore am nächsten liegt. Auf diesem See sowohl, wie überhaupt in ganz Bundelkund werden immer zwei kühne und intelligente Männer, die sich gegenseitig unterstützen können, sicherer zum Ziele gelangen, als ein Einzelner. – Willst du Kâlagani begleiten?

– Wenn es Ihnen beliebt, Herr Oberst! antwortete Goûmi.

– O, ich brauche Niemand, erklärte da Kâlagani, doch wenn es der Herr Oberst wünscht, nehme ich Goûmi gern als Begleiter an.

– Nun, so geht in Gottes Namen, sagte Banks, und seid ebenso vorsichtig, wie Ihr muthig seid!«

Oberst Munro nahm hierauf Goûmi beiseite und ertheilte ihm einige kurze Verhaltungsmaßregeln. Fünf Minuten später schon glitten die beiden Hindus, ein Paket mit Kleidungsstücken auf dem Kopfe, in das Wasser des Sees hinab. Der Nebel war immer dichter geworden, so daß jene uns bereits in der Entfernung weniger Faden gänzlich aus dem Gesichte schwanden.

Ich fragte Oberst Munro, warum ihm allem Anscheine nach so viel daran gelegen habe, Kâlagani einen Begleiter mitzugeben.

»Die Antworten dieses Hindu, erklärte Sir Edward Munro, dessen Ergebenheit ich bisher nie mißtraut hätte, schienen mir nicht offen zu sein.

– Denselben Eindruck machten sie auf mich, sagte ich.

– Ich für meinen Theil habe nichts bemerkt …, meinte Banks.

– Glaube mir, Banks, fuhr Oberst Munro fort, Kâlagani hatte, als er sich erbot, an’s Land zu gehen, irgend einen Hintergedanken.

– Aber welchen?

– Das weiß ich nicht! Doch als er den Zug zu verlassen wünschte, geschah dies nicht, um in Jubbulpore für uns Hilfe zu suchen.

– Oho!« ließ Kapitän Hod sich vernehmen.

Banks blickte den Oberst, die Stirn runzelnd, an.

»Lieber Munro, begann er, bisher hat sich dieser Hindu stets treu und vorzüglich, Dir gegenüber wirklich ergeben bewiesen! Heute vermuthest Du, daß Kâlagani uns verrathen wolle? Was berechtigt Dich dazu?

– Nun, antwortete Oberst Munro, während Kâlagani sprach, sah ich, wie er dunkler wurde, und Leute mit hellkupferfarbener Haut werden dunkler, wenn sie lügen. Wohl zwanzigmal habe ich auf diese Beobachtung hin Bengalen und Hindus verblüffen können und habe mich damit niemals getäuscht. Was auch Alles zu Kâlagani’s Gunsten sprechen könnte, ich bleibe doch dabei, daß er nicht die Wahrheit geredet hat!«

Ich habe mich inzwischen vielfach überzeugt, daß Sir Edward Munro mit jener Behauptung vollkommen Recht hatte.

Die Hindus bräunen sich, wenn sie lügen, ebenso wie die Weißen erröthen. Dieses Symptom hatte der Scharfsichtigkeit des Oberst nicht entgehen können, wir mußten also seiner Beobachtung einen gewissen Werth beimessen.

»Was könnte Kâlagani aber beabsichtigen, fragte Banks, und warum sollte er uns verrathen?

– Das wird sich ja später zeigen, sagte Oberst Munro, vielleicht erst zu spät!

– Zu spät, Herr Oberst, fiel Kapitän Hod ein. Ei, wir sind doch noch nicht verloren, denke ich!

– Jedenfalls, Munro, fuhr der Ingenieur fort, hast Du gut daran gethan, ihm Goûmi mitzugeben – der ist uns bis in den Tod ergeben, dazu gewandt und einsichtig genug, um, wenn er Unheil wittern sollte ….

– Ja, ja, und darum erschien es mir gerathen, unterbrach ihn Oberst Munro, ihn aufmerksam zu machen, seinen Begleiter scharf im Auge zu behalten.

– Nun gut, sagte Banks; jetzt wollen wir ruhig den Tag abwarten; mit Sonnenaufgang verschwindet voraussichtlich der Nebel und wir werden ja sehen, was dann zu thun ist!«

Diese Nacht sollte und mußte in der That unthätig hingebracht werden.

Der Nebel hatte sich mehr und mehr verdichtet, ohne daß jedoch Anzeichen von schlechter Witterung eintraten. Es war das ein glücklicher Umstand, denn wenn unser Zug auch schwimmen konnte, so war er doch keineswegs gebaut, um »See zu halten«. Man durfte also hoffen, daß die Dampfbläschen in der Luft sich mit Anbruch des Tages condensiren würden, was uns für den folgenden Tag schönes Wetter versprach.

Während das Personal im Speisezimmer Platz nahm, setzten wir uns auf die Divans des Salons und sprachen nur wenig, lauschten aber desto aufmerksamer auf jedes etwaige Geräusch von draußen.

Plötzlich, es mochte gegen zwei Uhr nach Mitternacht sein, unterbrach ein Geheul von Raubthieren das Schweigen der Nacht.

In der Richtung nach Südosten mußte also Land sein, wenn wir von demselben auch noch ziemlich weit entfernt waren. Das Heulen und Brüllen tönte nur so abgeschwächt bis zu uns herüber, daß Banks die Entfernung auf eine gute Meile schätzte. Wahrscheinlich hatte sich eine Heerde wilder Thiere zur Stillung ihres Durstes an jener Stelle des Sees eingefunden.

Bald überzeugten wir uns auch, daß der schwimmende Train unter dem Drucke einer leichten Brise langsam und gleichmäßig nach dem Gestade zu trieb. Jene Töne drangen nicht nur deutlicher zu unseren Ohren, sondern man unterschied auch schon das dumpfere Brüllen des Tigers von dem heiseren Geheul der Panther.

»Aha, konnte Kapitän Hod sich nicht enthalten zu sagen, welch‘ hübsche Gelegenheit, seinen Fünfzigsten zu erlegen.

– Ein andermal, lieber Kapitän, entgegnete Banks. Ich hoffe, daß die Bestien, wenn wir bei Tageslicht an’s Ufer stoßen, den Platz geräumt haben werden.

– Kann es von Nachtheil sein, fragte ich, die elektrischen Leuchten in Thätigkeit zu setzen?

– Das glaube ich nicht, antwortete Banks. Am Ufer dort befinden sich gewiß nur Thiere, welche des Trinkens wegen dorthin gekommen sind. Es hält uns nichts davon ab, zu sehen, was wir da vor uns haben.«

Auf Bank’s Anordnung wurden zwei Lichtbündel in südöstlicher Richtung hingeworfen. Leider vermochten die elektrischen Lichtstrahlen den dicken Nebel nicht zu durchdringen und beleuchteten nur einen verhältnißmäßig beschränkten Raum vor dem Steam-House, während das Ufer selbst den Blicken verborgen blieb.

Das immer lauter werdende Geheul verrieth inzwischen, daß der Zug noch immer über die Wasserfläche weiter trieb. Die Zahl der an jener Stelle versammelten Thiere war aller Wahrscheinlichkeit nach eine sehr große, was sich leicht daraus erklärte, daß der Puturia-See sozusagen die natürliche Tränke für die Raubthiere dieses Theiles von Bundelkund bildete.

»Wenn nur Goûmi und Kâlagani nicht unter diese Heerde gerathen sind! sagte Kapitän Hod.

– Die Tiger sind es gerade nicht, die ich für Goûmi fürchte!« erwiderte Oberst Munro.

Der Verdacht, den der Oberst hegte, hatte entschieden noch zugenommen. Ich für meinen Theil begann allmälich, ihn zu theilen. Immerhin sprachen die guten Dienste Kâlagani’s seit unserer Ankunft im Himalaya-Gebiete, seine Opferwilligkeit bei den bekannten Vorgängen, wo er für Sir Edward Munro und Kapitän Hod sogar sein Leben auf’s Spiel setzte, doch gewiß zu seinem Vortheil. Wenn der Zweifel aber einmal im Geiste platzgreift, so vermindert sich leicht die Bedeutung und wechselt der Eindruck früherer Thatsachen, man vergißt die Vergangenheit und fürchtet für die Zukunft.

Welche Beweggründe konnten den Hindu aber treiben, uns jetzt zu verrathen? Hegte er einen persönlichen Haß gegen die Bewohner des Steam-Houses? Das gewiß nicht. Warum sollte er sie in einen Hinterhalt gelockt haben? Das erschien ganz unerklärlich.

Jeder machte sich darüber seine eigenen Gedanken, ohne eben klar sehen zu lernen, und ungeduldig erwarteten wir die weitere Entwicklung dieser peinlichen Situation.

Gegen vier Uhr Morgens hörte das Gebrüll der Thiere plötzlich auf. Was uns dabei auffiel, war, daß sie sich offenbar nicht einzeln nach einander entfernt und nach dem letzten Schluck noch einmal einen Ton von sich gegeben hatten. Nein, im Augenblicke war Alles vorüber, so daß man annehmen konnte, es habe sie irgend ein zufälliger Umstand bei ihrem Geschäfte gestört und sie zur eiligen Flucht veranlaßt. Sie zogen sich in ihre Höhlen und Schlupfwinkel nicht zurück wie Thiere, welche heimkehren, sondern wie solche, welche sich zu retten suchen.

Ohne vermittelnden Uebergang folgte die Stille auf den vorigen Lärm. Hier wirkte also eine Ursache mit, die uns noch vollständig entging, aber gerade deshalb unsere Unruhe eher noch vermehrte.

Aus Vorsicht gab Banks Befehl, die Leuchtfeuer zu löschen. Waren die Thiere etwa vor einer Rotte von Landstreichern entflohen, welche sich in Bundelkund und den Vindhyas umhertrieben, so erschien es wichtig, die Lage des Steam-Houses möglichst zu verbergen.

Jetzt unterbrach das Schweigen ringsum nichts, als das Plätschern der Wellen. Der Wind legte sich mehr und mehr. Ob unser Zug noch durch eine schwache Strömung weiter getrieben wurde, konnte man nicht unterscheiden. Bald mußte es jedoch Tag werden und der Nebel, der nur in den untersten Schichten der Atmosphäre lagerte, verschwinden.

Ich sah nach der Zeit, es war fünf Uhr Morgens. Ohne den Nebel würde das Morgenroth den Gesichtskreis um uns schon auf einige Meilen erweitert haben, so daß das Ufer sichtbar gewesen wäre. Noch zerriß der Dunstschleier aber nicht. Wir mußten uns in Geduld fassen.

Oberst Munro, Mac Neil und ich im Vordertheil des Salons, Fox, Kâlouth und Monsieur Parazard im Hintertheile des Speisezimmers, Banks und Storr im Thürmchen und Kapitän Hod auf dem Rücken des gigantischen Thieres nahe dem Rüssel sitzend, wie ein wachthabender Matrose am Buge seines Schiffes, wir warteten Alle gespannt, daß Einer »Land!« rufen sollte.

Gegen sechs Uhr erhob sich eine schwache, zuerst kaum bemerkbare Brise, frischte aber bald ein wenig auf. Die ersten Strahlen der Sonne durchbrachen die Nebelmassen und der Horizont zeigte sich unseren Blicken. Im Südosten lag das Ufer vor uns. Es bildete am Ende des Sees eine schmal verlaufende Bucht mit dichtem Wald dahinter. Die Dünste stiegen allmälich empor und legten weiter rückwärts eine Reihe Berge frei, deren Gipfel schnell nach einander hervortraten.

»Land!« hatte Kapitän Hod gerufen.

Der schwimmende Train befand sich kaum noch zweihundert Meter von dem Ufer der Bucht des Puturia und trieb unter der nordwestlichen Brise weiter auf dieselbe zu.

Alles war hier still, weder ein Thier, noch ein menschliches Wesen sichtbar. Alles erwies sich als gänzlich verlassen. Keine Wohnstätte, keine Farm unter dem Dache der ersten Bäume. Es schien also gefahrlos, hier zu landen.

Mit Hilfe des Windes gelangten wir denn auch bald an das flache, einen sandigen Strand darstellende Ufer. Freilich konnten wir wegen Mangels an Dampf weder auf dieses hinauffahren, noch eine unfern sichtbare Straße einschlagen, welche der Himmelsrichtung nach auf Jubbulpore zuführen mußte.

Ohne einen Augenblick zu verlieren, waren wir Alle dem Kapitän Hod gefolgt, der zuerst an’s Land sprang.

»Nun Brennmaterial herbei! rief Banks. Binnen einer Stunde haben wir Druck und dann vorwärts!«

Der Bedarf war leicht zu decken. Holz gab es ringsum in Menge und auch trocken genug, um sogleich verfeuert werden zu können. Wir brauchten also nur den Rost zu beschicken und den Tender zu füllen.

Alle legten Hand an’s Werk. Kâlouth allein blieb vor dem Kessel, während wir Anderen das nöthige Material für vierundzwanzig Stunden herbeischafften. Das war mehr, als wir bis Jubbulpore brauchten, und dort konnte es an Kohle nicht fehlen. Jetzt meldete sich allmälich auch der Hunger, doch dem konnten ja die Jäger unterwegs abhelfen, Monsieur Parazard sollte dann am Kesselfeuer kochen, so gut es eben anging.

Drei Viertelstunden später zeigte der Dampf hinreichende Spannung; der Stahlriese setzte sich in Bewegung und klomm endlich den Strand in die Höhe, um nach der Landstraße zu gelangen.

»Nach Jubbulpore!« rief Banks.

Storr hatte den Regulator aber kaum einmal halb umgedreht, als sich aus dem Walde heraus ein entsetzliches Geschrei vernehmen ließ. Eine Rotte von wenigstens hundertfünfzig Hindus stürzte sich auf das Steam-House. Das Thürmchen des Stahlriesen, der Wagen, dessen vordere und Hintere Veranda wurden bestürmt, bevor wir nur zur Ueberlegung kommen konnten.

Sofort schleppten uns die Hindus etwa fünfzig Schritt weit von dem Zuge fort und machten uns jede Flucht unmöglich.

Unser Zorn, unsere Wuth über das Bild der Zerstörung und Plünderung, das sich nun vor unseren Augen entrollte, wird Jeder leicht begreifen. Mit Aexten in den Händen, warfen die Hindus sich auf das Steam-House. Alles wurde geplündert, verwüstet und vernichtet. Von dem Mobiliar des Wagens blieb kein Stückchen ganz. Zuletzt vollendete das Feuer die Zerstörung und in wenigen Minuten war Alles, was der letzte Wagen unseres Zuges noch enthielt, durch die Flammen zerstört.

»O, diese Spitzbuben, diese Schurken!« rief Kapitän Hod, den mehrere Hindus kaum zu fesseln vermochten.

Er sah sich aber, wie wir Alle, auf unnütze Schimpfreden beschränkt, welche die Hindus nicht einmal zu verstehen schienen. Denen zu entkommen, die uns bewachten, daran war gar nicht zu denken.

Die letzten Flammen erloschen; von unserer fahrbaren Pagode, welche die eine Hälfte der Halbinsel durchmessen hatte, war nichts mehr übrig als das unförmliche Gerippe.

Nun griffen die Hindus den Stahlriesen selbst an, offenbar in der Absicht, auch diesen zu zerstören. Hier vermochten sie freilich nichts auszurichten. Weder Axt, noch Feuer konnten dem dicken Stahlpanzer und der Maschine im Innern des künstlichen Elephanten etwas anhaben. Trotz aller Bemühungen blieb dieser unversehrt, während Kapitän Hod, halb vor Befriedigung, halb vor Wuth, ein Hurrah nach dem andern rief.

Da trat ein Mann hervor, wahrscheinlich der Anführer jener Hindus.

Die ganze Räuberbande sammelte sich sofort um ihn. Ein Anderer begleitete ihn. Jetzt wurde Alles klar, dieser zweite war unser Führer – es war Kâlagani.

Von Goûmi keine Spur. Der Treue war verschwunden, der Verräther geblieben. Ohne Zweifel hatte die Anhänglichkeit des wackeren Dieners an uns diesem das Leben gekostet und wir sollten ihn nicht wieder sehen. Kâlagani schritt auf Oberst Munro zu, senkte ein wenig die Augen und sagte frostig:

»Dieser ist’s!«

Auf ein Zeichen wurde Sir Edward Munro ergriffen, fortgeschleppt und verschwand in der Mitte der Bande, die nach Süden zu abzog, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, uns zum letzten Male die Hand zu drücken oder nur ein Lebewohl zu sagen.

Kapitän Hod, Banks, der Sergeant, Fox, kurz wir Alle versuchten zwar, frei zu kommen, um ihn den Händen der Hindus zu entreißen.

Vergebens! Fünfzig Arme drückten uns nieder – noch eine Bewegung und wir wären erwürgt worden.

»Leistet keinen Widerstand!« sagte Banks.

Der Ingenieur hatte wohl Recht; augenblicklich vermochten wir doch nichts, um den Oberst Munro zu retten; es erschien räthlich, uns zu sichern und die Entwickelung der Dinge abzuwarten.

Eine Viertelstunde später ließen die Hindus uns los und zogen den Vorangegangenen nach. Verfolgten wir sie, so konnte das eine Katastrophe herbeiführen, ohne dem Oberst Munro etwas zu nützen, und wir fühlten doch die Verpflichtung, Alles zu seiner Rettung zu versuchen ….

»Keinen Schritt weiter!« rief Banks.

Wir gehorchten ihm.

Alles zeigte, daß der Ueberfall jener von Kâlagani herbeigeführten Hindus nur dem Oberst Munro galt. Welche Absichten mochte der Verräther haben? Aus eigenem Antrieb konnte er schwerlich handeln. In wessen Auftrage aber dann? … Mir kam unwillkürlich der Name Nana Sahib in den Sinn! ….

Hiermit schließt das von Maucler verfaßte Manuscript. Der junge Franzose wohnte den Ereignissen welche die Lösung dieses Dramas vorbereiteten, nicht mehr bei. Jene selbst sind aber später bekannt geworden, und wir fügen sie also, zur Vollendung des Berichtes über diese Reise durch das nördliche Indien, in erzählender Form an.

Fünftes Capitel.

Fünftes Capitel.

Nächtlicher Ueberfall.

Die Reise des Oberst Munro erregte in uns doch eine lebhafte Unruhe. Er handelte offenbar in der Erinnerung an eine Vergangenheit, die wir längst für immer abgeschlossen glaubten. Doch was war zu thun? Den Spuren Sir Edward Munro’s nachzugehen? Wir wußten ja nicht, welche Richtung er zu erreichen sich vorgenommen habe. Andererseits konnten wir uns nicht verhehlen, daß, wenn er gegen Banks über nichts gesprochen hatte, er nur die Einwürfe seines Freundes fürchtete, denen er enthoben sein wollte. Banks bedauerte jetzt lebhaft, an unserer Expedition theilgenommen zu haben.

Wir mußten uns also zufrieden geben und den Lauf der Dinge abwarten. Oberst Munro wollte ja sicherlich vor Ende August zurück sein, da dieser Monat der letzte war, den wir im Sanatorium zuzubringen gedachten, um dann in südwestlicher Richtung den Weg nach Bombay einzuschlagen.

Kâlagani, dem Banks alle mögliche Sorgfalt widmete, blieb nur vierundzwanzig Stunden im Steam-House, seine Wunde schien sehr schnell zu vernarben, und er verließ uns, um seinen Dienst im Kraal wieder anzutreten.

Auch zu Anfang des August fiel reichlicher Regen – es war ein Wetter, bei dem sich »Frösche einen Schnupfen holen konnten«, wie Kapitän Hod sagte. Immerhin durfte man erwarten, daß dieser Monat weniger regenreich sein werde als der Juli und uns folglich auch mehr Ausflüge in die Umgegend gestatten würde.

Mit dem Kraal standen wir wie bisher in häufiger Beziehung. Mathias Van Guitt war leider immer noch nicht zufriedengestellt. Auch er wollte sein Lager mit Anfang September aufgeben. Da ihm aber noch immer ein Löwe, zwei Tiger und zwei Leoparden fehlten, hegte er doch einige Zweifel, ob es bis dahin noch gelingen werde, seinen Thierbestand zu completiren.

Statt der Schauspieler, die er für Rechnung seiner Auftraggeber engagiren wollte, fanden sich in seiner Agentur andere ein, für die er kein Interesse hatte.

So fing sich z. B. am 24. August ein schöner Bär in einer der Fallen.

Wir befanden uns eben im Kraal, als die Chikaris in einem fahrbaren Käfig einen Gefangenen von großem Wuchse, mit schwarzem Pelze, scharfen Krallen und langbehaarten Ohren – dem besonderen Kennzeichen für die Familie der Bären in Indien – zur Stelle schafften.

»Nun, was thue ich mit diesem unnützen Tardigraden! rief der Händler achselzuckend.

– Bruder Ballon! Bruder Ballon!« ließen sich dagegen die Hindus vernehmen.

Es scheint fast, als ob die Hindus, wenn sie nur die Neffen der Tiger sind, sich als die Brüder der Bären betrachten.

Ungeachtet dieses Verwandtschaftsgrades empfing Mathias Van Guitt Bruder Ballon doch mit ganz unzweideutig schlechter Laune. Bären fangen, wo er Tiger brauchte, daran konnte ihm nicht viel liegen. Was sollte er mit dem lästigen Thiere beginnen? Er verspürte keine Lust, dasselbe zu füttern, ohne die Aussicht, auf seine Kosten zu kommen.

Der indische Bär ist auf den Märkten Europas nicht besonders gesucht. Er hat weder den Handelswerth des amerikanischen Grizzly, noch den des Eisbären. Deshalb bekümmerte sich Mathias Van Guitt als gewiegter Kaufmann nicht viel um ein so beschwerlich fortzuschaffendes Thier, das er nur schwierig wieder an den Mann bringen konnte.

»Wollen Sie ihn? fragte er den Kapitän Hod.

– Was soll ich denn damit anfangen? antwortete der Kapitän.

– Ei, Sie machen Beefsteaks davon, sagte der Händler, wenn ich mich dieser Katachrese bedienen darf.

– Herr Mathias Van Guitt, bemerkte da Banks ganz ernsthaft, die Katachrese ist eine in jedem Falle erlaubte Redefigur, wo sie, in Ermanglung eines anderen Ausdruckes, den Gedanken passend verdeutlicht.

– Das war auch meine Absicht, meinte der Händler.

– Nun, Hod, fuhr Banks fort, nehmen Sie den Bären des Herrn Van Guitt oder nehmen Sie ihn nicht?

– Meiner Treu, nein! erklärte der Kapitän bestimmt. Beefsteaks von einem erlegten Bären zu essen, das möchte zur Noth noch angehen; aber einen Bären zu schlachten, um ihn zu Beefsteaks zu verarbeiten, das reizt meinen Appetit wahrlich nicht!

– Nun, so setzt den Plantigraden wieder in Freiheit!« rief Mathias Van Guitt seinen Chikaris zu.

Diese gehorchten dem Befehle. Der Käfig wurde aus dem Kraal hinausgeschafft. Einer der Hindus öffnete das Gitter desselben.

Bruder Ballon, der seine beschämende Lage fühlte, ließ sich das nicht zweimal sagen. Er trabte ruhig durch die Thür des Gefängnisses, schüttelte ein wenig den Kopf, womit er vielleicht seinen Dank ausdrücken wollte, und trollte mit vergnügtem Grunzen seines Weges.

»Da haben Sie ein gutes Werk gethan, sagte Banks, das wird Ihnen Glück bringen, Herr Van Guitt!«

Banks sollte richtig prophezeit haben. Schon der Morgen des 6. August brachte dem Händler seine Belohnung, da er ihm eines der seiner Menagerie noch fehlenden Raubthiere in die Hand lieferte.

Das ging folgendermaßen zu.

Mathias Van Guitt, Kapitän, Hod und ich in Begleitung Fox‘, des Maschinisten Storr und Kâlagani’s, durchsuchten seit der Morgendämmerung ein Cactus- und Mastixdickicht, als wir plötzlich ein halbersticktes Brüllen vernahmen.

Sofort machten wir die Gewehre zum Feuern fertig, schlossen uns alle Sechs dicht aneinander, um nicht einzeln überfallen werden zu können, und gingen nach der verdächtigen Stelle langsam vor.

Nach fünfzig Schritten ließ der Händler Halt machen. Aus der Art des Gebrülls schien er zu erkennen, um was es sich hier handle, und so bat er – womit er sich vor Allem an Kapitän Hod wandte – darum, ja nicht unnöthig zu schießen.

Dann ging er allein noch einige Schritte vorwärts, während wir zurückblieben.

»Richtig, ein Löwe!« rief er.

An dem Ende eines festen, an der Gabelung zweier starken Zweige angebrachten Strickes hing in der That ein gewaltiges Thier.

Es war ein Löwe, zwar ein Löwe ohne Mähne – wodurch die hiesigen sich von ihren Stammverwandten in Afrika unterscheiden – aber doch ein wirklicher Löwe, wie ihn Mathias Van Guitt brauchte und längst suchte.

Das wilde Thier, das mit einer Vordertatze durch den Laufknoten des Strickes gehalten war, riß an diesem zwar heftig herum, konnte sich aber nicht davon befreien.

Kapitän Hod wollte doch schon, trotz der Ermahnung des Händlers, Feuer geben.

»Schießen Sie nicht, Kapitän! rief Mathias Van Guitt, ich beschwöre Sie, schießen Sie nicht!

– Aber ….

– Nein, nein, sage ich Ihnen! Dieser Löwe hat sich in einer meiner Schlingen gefangen, er gehört mir!«

Wir hatten freilich eine Schlinge – eine Hängeschlinge, möchte ich sagen, – von sehr einfacher und doch sinnreicher Construction vor uns.

Ein tüchtiger Strick wird an einem starken, aber biegsamen Baumzweige befestigt. Dieser Zweig wird so zur Erde herabgebogen, daß der untere Theil des Strickes, dessen Ende einen Laufknoten bildet, in den Einschnitt eines fest in den Boden gerammten Pfahles geklemmt werden kann. An dem Pfahle selbst bringt man einen Köder in der Weise an, daß ein Thier, wenn es diesen heranholen will, entweder den Kopf oder doch eine Tatze durch die Schlinge stecken muß. Wenn es nun aber nur ganz wenig an der Lockspeise zerrt, zieht es auch den Strick aus dem Einschnitte, der Zweig schnellt empor, das Thier wird mit in die Höhe gehoben und gleichzeitig gleitet ein schwerer Holzcylinder an dem Stricke herab, schließt dadurch die Schlinge fester und verhindert, daß diese sich durch die Anstrengung des hängenden Thieres wieder öffnet.

Diese Sorten Fallen trifft man in den Wäldern Indiens sehr häufig an, und Raubthiere fangen sich darin leichter, als man auf den ersten Blick glauben sollte. Meist wird das Thier dabei freilich am Halse eingeschnürt, wodurch es schnell erstickt, während das schwere Holzstück ihm auch den Schädel halb zerschmettert. Der Löwe aber, der sich vor unseren Augen wand, hatte sich nur mit einer Tatze gefangen. Er war also lebend und werth, unter den vierbeinigen Gästen des Kraals zu figuriren.

Erfreut über diesen Fang, sendete Mathias Van Guitt Kâlagani nach dem Kraal, um den fahrbaren Käfig und einen Wagenführer herbeizuholen. Inzwischen konnten wir das Thier, dessen Wuth unsere Anwesenheit verdoppelte, mit aller Muße beobachten. Der Händler wendete kein Auge von demselben ab. Er umkreiste den Baum von allen Seiten, natürlich mit der Vorsicht, sich außer Schuß- oder eigentlich Hiebweite zu halten, da der Löwe mit den Tatzen gewaltig ausschlug.

Nach einer halben Stunde kam der von zwei Büffeln gezogene Käfig an. Man ließ den Gehängten hineinsinken, was kein so leichtes Stück Arbeit war, und wir schlugen wieder den Weg nach dem Kraal ein.

»Ich fing wirklich schon an zu verzweifeln, äußerte Mathias Van Guitt; die Löwen sind nicht in zu großer Anzahl unter den Nemoralen Indiens vorhanden….

– Was? Unter den Nemoralen? fragte Kapitän Hod.

– Ja, d. h. unter den Thieren, welche durch die Wälder schweifen, und ich gratulire mir, diesen Kerl, der meiner Menagerie Ehre machen wird, gefangen zu haben.«

Mathias Van Guitt hatte sich von diesem Tage ab überhaupt nicht mehr über den frühern Unstern zu beklagen.

Am 11. August wurden zwei Leoparden zusammen in der nämlichen Falle gefangen, aus der wir den Händler befreit hatten.

Es waren das zwei Tchitas, ähnlich jenem, der in den Ebenen von Rohilkande den Stahlriesen so kühn angegriffen hatte und dessen wir damals nicht habhaft werden konnten.

Jetzt fehlten nur noch zwei Tiger, um den Stock Mathias Van Guitt’s vollzählig zu machen.

Der 15. August kam heran. Oberst Munro war noch nicht wieder erschienen, ebensowenig erhielten wir Nachrichten von ihm. Banks war unruhiger, als er sich den Anschein gab. Er befragte Kâlagani, der ja die nepalische Grenze kannte, über die Gefahren, denen Sir Edward Munro ausgesetzt sein könne, wenn er sich in jene unabhängigen Gebiete hineinwagte. Der Hindu versicherte ihm, daß sich in der Nähe von Tibet kein einziger Parteigänger Nana Sahib’s mehr aufhalte. Jedenfalls bedauerte er, daß der Oberst ihn nicht als Führer mitgenommen habe. Seine Dienste wären ihm in einem Lande, das er bis auf den einsamsten Fußsteg kannte, gewiß von Nutzen gewesen. Jetzt war ja aber gar nicht daran zu denken, jenen aufzusuchen.

Kapitän Hod und Fox setzten ihre Ausflüge durch Tarryani unermüdlich fort. Unterstützt von den Chikaris des Kraals, gelang es ihnen, drei weitere mittelgroße Tiger ohne große Gefahr zu erlegen. Zwei von diesen kamen auf Rechnung des Kapitäns, der eine auf Rechnung des Dieners.

»Achtundvierzig! sagte Hod, der die runde Summe von fünfzig gern voll gemacht hätte, bevor er den Himalaya verließ.

– Neununddreißig!« zählte Fox, ohne von einem gewaltigen Panther zu reden, der unter seiner Kugel gefallen war. .

Am 20. August ging der vorletzte der von Mathias Van Guitt gesuchten Tiger in eine der Fallen, der er aus Instinct oder Zufall bisher ausgewichen war. Wie das gewöhnlich geschieht, verletzte sich das Thier durch den Fall, doch schien die Wunde keine schwere zu sein. Einige Tage Ruhe genügten zur Heilung derselben, und jedenfalls sah man zur Zeit der Ablieferung an Hagenbeck in Hamburg davon nicht mehr das Geringste.

Die Verwendung solcher Fallen wird von allen Kennern als eine barbarische Methode verurtheilt. Handelt es sich nur darum, die Thiere zu vernichten, so mag wohl jedes Mittel gelten, beabsichtigt man aber, dieselben lebendig einzufangen, so verenden sie doch zu häufig in Folge des Sturzes, vorzüglich, wenn sie in jene fünfzehn bis zwanzig Fuß tiefen Gruben fallen, welche zum Fange der Elephanten bestimmt sind. Unter zehn findet man kaum eines, das nicht einen gefährlichen Knochenbruch erlitten hat. Selbst in Mysore, wo man diesem Verfahren mit Vorliebe huldigte, wird es, nach Aussage des Händlers, jetzt mehr und mehr verlassen.

Ein einziger Tiger fehlte also noch der Menagerie des Kraals, und Mathias Van Guitt hätte diesen gar zu gern in seinem Käfig gesehen, denn es drängte ihn jetzt, nach Bombay aufzubrechen.

Dieser Tiger sollte nun zwar bald genug erlangt werden, aber freilich um welchen Preis! Ich muß hierüber etwas ausführlicher berichten, denn das Thier wurde theuer – sehr theuer – bezahlt.

Kapitän Hod hatte für die Nacht des 26. August einen Jagdausflug verabredet. Alle Vorzeichen ließen auf einen günstigen Erfolg rechnen, da der Himmel wolkenlos, die Luft ruhig und der Mond im Abnehmen war. Bei ganz tiefer Finsterniß verlassen die Raubthiere nur ungern ihre Höhlen, während sie bei mäßigem Lichtschein desto lieber umherschweifen. Der »Meniscus« – ein Wort, womit Mathias Van Guitt den sichelförmigen Mond zu bezeichnen pflegte – der Meniscus mußte also nach Mitternacht seine bleichen Strahlen herabsenden.

Kapitän Hod und ich, Fox und Storr, der an solchem Sport allmälich Gefallen fand, bildeten den Kern der Expedition, der sich der Händler, Kâlagani und einige Hindus anschließen sollten.

Nach beendigter Mahlzeit und nachdem wir uns von Banks, der eine Einladung, uns zu begleiten, abschlug, verabschiedet hatten, verließen wir das Steam-House gegen sieben Uhr Abends und kamen gegen acht Uhr ohne bemerkenswerthen Zwischenfall an.

Mathias Van Guitt stand eben vom Abendessen auf. Er begrüßte uns in der gewohnten eigenthümlichen Weise. Sofort traten wir zur Berathung zusammen und verabredeten alles Weitere bezüglich der anzustellenden Jagd.

Wir wollten uns in der Nahe eines Bergstromes auf die Lauer legen, der im Grunde einer jener Schluchten, welche man hier »Nullahs« nennt, zwei Meilen vom Kraal und an einer Stelle vorüberfloß, wohin ein Tigerpärchen jede Nacht zu kommen pflegte. Ein Köder war daselbst nicht angebracht worden, da das nach Aussage der Hindus überflüssig schien. Ein vor kurzer Zeit in diesem Theile Tarryanis abgehaltenes Treibjagen hatte den Beweis geliefert, daß die Tiger schon, um ihren Durst zu löschen, jene Schlucht regelmäßig aufsuchten. Es war auch bekannt, daß man sich dort günstig aufstellen konnte.

Den Kraal sollten wir vor Mitternacht nicht verlassen. Jetzt war es erst neun Uhr. Nun hieß es warten zu lernen, ohne sich dabei zu sehr zu langweilen.

»Meine Herren, begann Mathias Van Guitt, meine Wohnung steht gänzlich zu ihrer Verfügung. Ich ersuche Sie, es wie ich zu machen und sich niederzulegen. Wir müssen noch vor dem frühen Morgen hinaus, und einige Stunden Schlaf werden uns für etwaige Strapazen stärken.

– Haben Sie Lust, zu schlafen, Maucler? fragte mich Kapitän Hod.

– Nein, gab ich zur Antwort. Ich werde lieber umherspazieren, bis wir fortgehen, als mich gerade dann wecken zu lassen, wenn ich im tiefsten Schlafe liege.

– Wie es Ihnen beliebt, meine Herren, bemerkte der Händler. Ich für meinen Teil fühle schon jenes spasmodische Blinzeln der Augenlider, welches die Müdigkeit hervorbringt. Sie sehen, ich schwanke schon so zwischen Wachen und Schlafen!«

Mathias Van Guitt erhob dabei die Arme, warf, wie durch unwillkürliche Muskelbewegung, den Kopf zurück und gähnte recht herzhaft.

Als er mit seinen Verrenkungen fertig war, winkte er uns noch ein Adieu zu und verschwand in der Hütte, wo er jedenfalls bald in sanftem Schlummer lag.

»Und was beginnen wir nun? fragte ich.

– Wir gehen spazieren, antwortete Kapitän Hod, wir gehen im Kraal auf und ab. Die Nacht ist schön und ich werde zur Zeit besser bereit sein, zu marschieren, als wenn ich jetzt zwei bis drei Stunden schliefe. Der Schlaf ist zwar unser bester Freund, leider läßt er aber manchmal lange Zeit auf sich warten!«

So trotteten wir also plaudernd und träumend, langsam durch den Kraal. Storr, »den sein bester Freund gewöhnlich nicht lange warten ließ«, lag am Fuße eines Baumes und schlief schon fest. Die Chikaris und die Wagenführer hockten ebenfalls in ihrer Ecke und überhaupt wachte sonst kein Mensch innerhalb der Einzäunung.

Es wäre das auch überflüssig gewesen, da der von einer Palissade umschlossene Kraal vollständig abgesperrt war.

– Kâlagani hatte sich selbst noch überzeugt, ob das Thor gut verwahrt sei; nachdem das geschehen, wünschte er uns im Vorübergehen gute Nacht und begab sich nach dem Häuschen, das er mit seinen Gefährten bewohnte.

Kapitän Hob und ich, wir befanden uns nun ganz allein.

Nicht allein die Leute Van Guitt’s, sondern auch die Hausthiere und die Raubthiere schliefen alle, diese in ihren Käfigen, jene zusammen unter großen Bäumen am Ende des Kraals. Drinnen und draußen herrschte allgemeines Schweigen.

Unsere Promenade führte uns zunächst nach der Stelle, wo die Büffel lagen. Die schönen, sanften und gelehrigen Wiederkäuer waren nicht einmal eingeschlossen. Gewohnt, unter dem Blätterdache mächtiger Ahornbäume zu lagern, sahen wir sie gemächlich hingestreckt, die Hörner untereinander verwickelt, die Füße untergeschlagen, und man hörte nur das langsame, schnaufende Athmen der mächtigen Körper.

Auch unsere Annäherung störte sie nicht aus ihrer Ruhe. Nur einer derselben erhob ein wenig den dicken Kopf, glotzte uns mit dem unsteten Blicke an, der dieser Art von Thieren eigenthümlich ist, und duckte sich dann wieder langsam nieder.

»Da sieht man, wie das Leben im Hause oder vielmehr die Zähmung sie verändern kann, sagte ich zum Kapitän.

– Ja, erwiderte dieser, und doch sind gerade Büffel sehr gefährliche Thiere, wenn sie in der Wildniß hausen. Aber, wenn es ihnen nicht an Kräften fehlt, so geht ihnen dafür jede Gewandtheit ab, und was vermögen ihre Hörner z. B. gegen den Zahn der Löwen oder gegen die Tatze der Tiger? Offenbar sind diese Raubthiere ihnen gegenüber im Vortheil.«

In dieser Weise plaudernd, hatten wir uns den Käfigen genähert. Auch hier herrschte vollständige Ruhe. Tiger, Löwen, Panther und Leoparden schliefen in ihren abgesonderten Käfigen. Mathias Van Guitt ließ sie nicht eher zusammen, als bis sie durch einige Wochen Gefangenschaft etwas mürber geworden waren, und daran that er ganz recht. Während der ersten Tage der Einsparung hätten die Bestien wahrscheinlich einander selbst aufgezehrt.

Vollkommen unbeweglich, lagen die drei Löwen, großen Katzen gleich, krumm zusammengebogen. Den Kopf, der zwischen den dicht behaarten schwarzen Tatzen verschwand, sah man gar nicht; so schliefen sie den Schlaf des Gerechten.

In den Zellen der Tiger herrschte nicht derselbe Friede. Glühende Augen blitzten zuweilen durch das Dunkel auf, eine kräftige Tatze rüttelte wohl auch einmal an den eisernen Gitterstäben. Es war der Schlaf von Raubthieren, deren Grimm selbst der Schlaf nicht sänftigt.

»Sie haben böse Träume, das begreife ich wohl!« sagte der mitleidige Kapitän.

Einige Gewissensbisse oder wenigstens das Gefühl von Reue schien auch die drei Panther zu quälen. Um diese Stunde waren sie, frei von jeder Fessel, in den Wäldern umhergestrichen und hatten sich nach den Weideplätzen geschlichen, wo sie lebendes Fleisch witterten.

Den Schlaf der vier Leoparden störte offenbar kein Alpdrücken. Sie lagen friedlich und still. Zwei dieser Katzen, ein Männchen und ein Weibchen, besaßen ein gemeinsames Schlafzimmer und befanden sich darin ebenso wohl wie im Grunde ihrer Höhle.

Nur eine einzige Zelle stand noch leer – die, welche der sechste und gar nicht zu erlangende Tiger einnehmen sollte, den Mathias Van Guitt sich noch beschaffen mußte, bevor er Tarryani verlassen konnte.

Unser Spaziergang mochte etwa eine Stunde gewährt haben. Nachdem wir an der inneren Seite der Kraal-Einfriedigung dahingegangen, ließen wir uns am Fuße einer mächtigen Mimose nieder.

Im ganzen Walde ringsum regte sich nichts, selbst der Wind, der gegen Abend noch durch die Bäume rauschte, hatte sich jetzt gelegt. Kein Blättchen rührte sich. Die Atmosphäre über der Erde war eben so ruhig wie in den oberen Regionen, wo die Sichel des Mondes langsam heraufzog.

Kapitän Hod und ich saßen dicht bei einander, sprachen aber kaum noch ein Wort. Der Schlaf überfiel uns nicht etwa, es machte sich vielmehr der mehr geistige als körperliche Einfluß der Stille in der Natur für uns geltend. Man denkt dann wohl, verleiht aber dem Gedanken keine Worte. Man träumt wie ein Mensch, der doch nicht schläft, und der Blick, den die Augenlider nicht verschleiern, verliert sich gern in einer phantastischen Vision.

Nur ein Umstand fiel dem Kapitän auf und mit leiser Stimme, wie man es unwillkürlich thut, wenn Alles ringsumher schweigt, sagte er:

»Wissen Sie, Maucler, eine solche Stille setzt mich wirklich in Erstaunen. Gewöhnlich brüllen die Raubthiere im Dunklen und während der Nacht schallt es sonst durch den ganzen Wald. Fehlt es an Tigern oder Panthern, so hört man dafür die Schakals bellen. Dieser Kraal voll lebender Wesen sollte sie eigentlich zu Hunderten herbeilocken, und doch hört man nicht das Geringste, kein Knacken von dürrem Holz auf der Erde, kein einziges Geheul da draußen. Wenn Mathias Van Guitt wach wäre, würde er sich ebenso darüber wundern wie ich und gewiß irgend ein sonderbares Wort finden, sein Erstaunen auszudrücken!

– Sie haben recht, lieber Hod, antwortete ich, und ich weiß mir das Ausbleiben aller jener Nachtschwärmer auch nicht zu erklären. Doch, achten wir auf uns selbst, daß wir bei der Stille ringsum nicht zuletzt noch einschlafen.

– Nein, nein, wir müssen, aushalten, meinte Kapitän Hod, indem er die Arme dehnte. Die Stunde zum Aufbruch kommt bald heran!«

Wir fingen also wieder an zu plaudern, wenn auch mit längeren Pausen.

Wie lange das dauerte, vermag ich nicht zu sagen; plötzlich entstand aber eine dumpfe Bewegung, die mich aus diesem Zustande der Somnolenz weckte.

Kapitän Hod, der ebenfalls wieder völlig munter wurde, sprang gleichzeitig mit mir auf.

Der Lärmen ging offenbar von den Käfigen der Raubthiere aus.

Löwen, Tiger, Panther und Leoparden, die noch eben ganz ruhig gelegen hatten, ließen ein heimliches Murren und Knurren hören. Sie hatten sich erhoben, trabten in ihren Zellen hin und her, schnüffelten hinaus, als wenn sie irgend etwas witterten, und richteten sich wuthschnaubend an den Eisenstangen der Käfige empor.

»Was mögen sie nur haben? fragte ich.

– Ich weiß es nicht, erwiderte Kapitän Hod, aber ich fürchte, sie wittern die Annäherung von….«

Plötzlich entstand rings um den Kraal ein entsetzliches Gebrüll.

»Das sind Tiger,« rief Kapitän Hod, und eilte nach dem Hause Mathias Van Guitt’s.

Der Höllenlärm hatte das ganze Personal des Kraals auf die Füße gebracht und der Händler erschien mit mehreren Leuten an der Thür.

»Ein Ueberfall! … rief er.

– Ich glaube, ja, antwortete Kapitän Hod.

– Ich werde mich sofort überzeugen!« …

Ohne ein weiteres Wort zu äußern, ergriff Mathias Van Guitt eine Leiter, die er an die Palissade lehnte. In einem Augenblicke stand er auf der obersten Stufe.

»Zehn Tiger und ein Dutzend Panther! rief er herab.

– Das mag ernsthaft werden, meinte Kapitän Hod. Statt daß wir jene jagen wollten, werden sie nun uns zu Leibe gehen!

– Die Gewehre! Schnell die Gewehre her!« befahl der Händler.

Alle beeilten sich, dem Gebote zu folgen, und in zwanzig Secunden waren wir fertig, Feuer zu geben.

Solche Ueberfälle einer ganzen Bande von Raubthieren sind in Indien übrigens nicht gar zu selten. Wie oft wurden nicht die Bewohner solcher Gegenden, in denen Tiger hausen, vorzüglich die der Sunderbunds, in den Wohnungen geradezu belagert! Das sind kritische Stunden, und leider bleibt der Vortheil häufig genug auf Seite der Angreifer.

In das Geheul von draußen mischte sich nun auch noch das Gebrüll in den Behältern. Der Kraal schien dem Walde Antwort zu geben. Wir konnten kaum noch das eigene Wort hören.

»An die Palissaden!« rief Mathias Van Guitt, der sich mehr durch Gesten als durch die Stimme verständlich machte.

Wir stürzten Alle nach der Einfriedung.

Die Büffel packte der Schreck und sie erhoben sich eben, um den bisher innegehabten Platz zu verlassen. Vergeblich suchten die Wagenführer sie zurückzuhalten.

Plötzlich sprang das Thor, dessen Riegel doch nicht ordentlich geschlossen sein konnte, heftig auf und in tollen Sätzen stürzten eine Menge Bestien in den Kraal herein.

»Kâlagani hatte das Thor doch, wie er das immer that, auch heute gut verwahrt.

»In’s Haus! In’s Haus!« schrie Mathias Van Guitt und eilte nach demselben hin, da dieses jetzt allein noch einigen Schutz gewähren konnte.

Blieb uns auch Zeit genug, dahin zu entfliehen?

Schon wälzten sich zwei von Tigern überfallene Chikaris auf der Erde. Die Anderen, welche das Haus nicht erreichen konnten, eilten durch den Kraal, um irgend einen Schlupfwinkel zu suchen.

Der Händler, Storr und sechs Hindus befanden sich schon in dem Hause, dessen Thüre gerade in dem Moment zugeworfen wurde, als zwei Panther hineindringen wollten.

Kâlagani, Fox und die Uebrigen erkletterten die Bäume, um in deren Aesten Schutz zu suchen.

Kapitän Hod und ich fanden weder Zeit noch Gelegenheit, zu Mathias Van Guitt zu gelangen.

»Maucler! Maucler!« rief Kapitän Hod, der von einem Tatzenschlage am Arme verwundet war.

Mich selbst hatte ein furchtbarer Tiger mit dem Schweife zu Boden geworfen. Ich raffte mich wieder auf und sprang, als das Thier eben auf mich losgehen wollte, dem Kapitän zu Hilfe.

Nur eine Zuflucht blieb uns noch: die leere Zelle des sechsten Käfigs. In einem Augenblicke hatten wir uns Beide dahin geflüchtet und die schnell zugeschlagene Thür schützte uns einstweilen vor den Bestien, welche wüthend an den Gitterstäben emporsprangen.

Die rasende Wuth der Thiere im Hofe und der Tiger in den Zellen ging so weit, daß der auf den Rädern schwankende Käfig fast umgeworfen worden wäre.

Bald ließen die Tiger jedoch von demselben ab, um sich einer bequemeren Beute zuzuwenden.

Welch‘ entsetzlicher Anblick, von dem uns nichts entging!

»Das ist die verkehrte Welt! rief Kapitän Hod, der sich kaum bemeistern konnte. Sie draußen und wir drinnen!

– Und Ihre Wunde? fragte ich.

– Das hat nichts zu bedeuten!«

Jetzt krachten fünf oder sechs Schüsse. Sie blitzten aus dem Häuschen auf, in dem Mathias Van Guitt sich befand und welches zwei Tiger und drei Panther bestürmten.

Eines der Thiere fiel von einer Explosionskugel, welche von Storr’s Büchse herrühren mußte.

Die übrigen hatten sich gleich anfangs auf die Büffel gestürzt, die sich gegen solche Gegner freilich kaum zu vertheidigen vermochten.

Fox, Kâlagani und die Hindus, welche, um die Bäume erklettern zu können, die Waffen hatten wegwerfen müssen, konnten sie nicht schützen.

Nun gab auch Kapitän Hod, die Büchse durch das Gitter unseres Käfiges steckend, Feuer. Trotz der halben Lähmung seines rechten Armes in Folge der Wunde, die ihn nicht so sicher wie gewöhnlich zu zielen erlaubte, gelang es ihm doch, seinen neunundvierzigsten Tiger zu erlegen.

Da sprangen die erschrockenen Büffel eben brüllend durch den Kraal. Vergebens versuchten sie, sich den Tigern zu widersetzen, die den Stößen der Hörner durch geschickte, gewaltige Sätze zu entgehen wußten. An einem derselben hatte sich ein Panther festgeklammert, der ihm mit den Tatzen den Nacken zerfleischte – vor Schmerz betäubt, rannte das arme Thier davon, erreichte das Thor des Kraals und flüchtete nach außen.

Fünf bis sechs andere, denen die Bestien ebenso zusetzten, folgten jenem und flohen gleichfalls.

Mehrere Tiger eilten denselben nach; die noch im Kraal befindlichen Büffel aber lagen schon mit zerbissener Kehle und aufgerissenem Leibe am Boden.

Aus den Fenstern des Häuschens dauerte das Gewehrfeuer fort. Kapitän Hod und ich suchten auch unser Bestes zu thun. Da schien noch eine neue Gefahr zu nahen.

Die in den Käfigen eingesperrten Thiere, welche das Getöse des Kampfes, der Blutgeruch und das Heulen der Bestien nur noch mehr erhitzte, schäumten geradezu vor unbeschreiblicher Wuth. Sollte es ihnen gelingen, die Gitterstäbe zu durchbrechen? Auf jeden Fall war das zu befürchten.

Schon kam es so weit, daß ein Tigerkäfig umstürzte. Einen Augenblick glaubte ich, dessen Wände könnten gebrochen sein, so daß den Insassen der Weg geöffnet wäre ….

Zum Glück bestätigte sich diese Annahme nicht; ja, die Insassen konnten jetzt nicht einmal mehr sehen, was draußen vorging, da die vergitterte Seite des Käfigs auf die Erde zu liegen gekommen war.

»Wahrlich, das sind doch zuviel!« brummte Hod, während er die Büchse wieder lud.

Da machte ein Tiger einen furchtbaren Sprung, und mit Hilfe der Krallen gelang es ihm, die Baumgabelung zu erreichen, nach welcher sich zwei oder drei Chikaris geflüchtet hatten.

Einer der Unglücklichen, den jener an der Kehle packte, versuchte vergeblich, sich fest zu halten und stürzte zur Erde.

Gleich fiel ein Panther über den schon leblosen Körper her, dessen Knochen in einer breiten Blutlache knackten.

»So schießt doch! So schießt doch!« rief Kapitän Hod, als könne er sich Mathias van Guitt und dessen Leuten vernehmlich machen.

Wir selbst vermochten nichts mehr auszurichten; unsere Patronen waren zu Ende und wir sahen uns zu ohnmächtigen Zuschauern des entsetzlichen Gemetzels verurtheilt.

Da gelang es einem Tiger in der Zelle neben uns, als er mit aller Macht an den Eisenstaben rüttelte, den Käfig aus dem Gleichgewichte zu bringen, der einen Augenblick hin und her schwankte und dann gänzlich umfiel.

Von dem Falle trugen wir nur leichte Verletzungen davon und erhoben uns wenigstens schnell wieder auf die Kniee. Die Wände hatten ausgehalten, aber auch wir konnten nun nicht mehr beobachten, was im Hofe geschah.

Doch, wenn auch nichts zu sehen war, so hörte man ja genug. Welch‘ ein Hexensabbath von Gebrüll innerhalb der Planke des Kraals! Wie gewahrte man den Dunst von Blut in der Luft! Es schien, als ob jetzt der Kampf noch wüthender entbrannt wäre. Was war wohl vorgegangen? Sollten die Gefangenen aus den anderen Käfigen entkommen sein? Griffen sie vielleicht Mathias Van Guitt’s Hütte an? Kletterten Tiger und Panther etwa auf die Bäume, um die Hindus herabzureißen?

»Und aus diesen vermaledeiten Kasten nicht heraus zu können!« rief Kapitän Hod in voller Wuth.

So verging eine Viertelstunde – eine Viertelstunde, deren endlose Minuten wir beklommen zählten.

Dann legte sich allmälich das Getöse, das Gebrüll wurde schwächer. Die Tiger in den anderen Zellen unseres Käfigs sprangen nur seltener umher. War das Gemetzel zu Ende?

Da hörte ich, wie das Thor des Kraals heftig zugeworfen wurde. Kâlagam rief laut nach uns und Fox‘ Stimme hörten wir daneben, wie er immer »Herr Kapitän! Herr Kapitän!« halb jammernd wiederholte.

»Kommt hierher!« antwortete Hod.

Man hörte uns und ich fühlte sogleich, wie der Käfig langsam aufgerichtet wurde. Noch einen Augenblick und wir waren wieder befreit.

»Fox! Storr! rief der Kapitän, dessen erster Gedanke seinen Gefährten galt.

– Hier!« erwiderten der Maschinist und der Diener.

Sie waren unverwundet. Auch Mathias Van Guitt und Kâlagani heil und gesund. Zwei Tiger und eine Pantherin lagen leblos auf dem Boden. Die anderen waren lebendig aus dem Kraal entkommen, dessen Thor Kâlagani sofort sorgfältig verschloß. Wir waren in Sicherheit.

Keines der Thiere der Menagerie hatte während des Kampfes entwischen können, der Händler zählte sogar einen Gefangenen mehr. Ein junger Tiger hatte sich unter dem umgestürzten kleineren fahrbaren Käfig wie in einer Falle gefangen.

Mathias Van Guitt’s Stock war also vollzählig – aber wie theuer kam ihm das zu stehen! Fünf von seinen Büffeln waren erwürgt, die anderen entflohen und drei entsetzlich verstümmelte Hindus schwammen im Hofe des Kraals in ihrem Blute!