Roman

Dreiundzwanzigstes Capitel.


Dreiundzwanzigstes Capitel.

Leider zerstreuten sich die Nebel nicht. Die Sonne war nur wie durch einen dichten Dunstvorhang sichtbar, was dem Astronomen angesichts seiner Sonnenfinsterniß sehr zu Herzen ging. Oft war der Nebel so dicht, daß man vom Hofe des Forts aus kaum den Gipfel des Cap Bathurst wahrnehmen konnte.

Lieutenant Hobson’s Unruhe stieg von Tage zu Tage. Er war nicht mehr in Zweifel, daß der von Fort-Reliance entsendete Zug sich in den verlassenen Gegenden verirrt habe. Unbestimmte Befürchtungen und traurige Ahnungen quälten seinen Geist, und dieser so energische Mann sah jetzt der Zukunft mit wahrer Angst entgegen. Warum, wußte er im Grunde nicht zu sagen. Alles glückte ihm ja vortrefflich, und trotz des überstandenen rauhen Winters erfreute sich die kleine Colonie der besten Gesundheit. Keine Uneinigkeit herrschte unter seinen Leuten, welche sich alle ihrer Aufgabe mit lobenswerthem Eifer hingaben. Die Umgegend war voll Wild, die Beute an Pelzfellen überreich, und die Compagnie konnte mit den von ihrem Agenten erzielten Erfolgen gewiß zufrieden sein. Selbst angenommen, daß Fort-Esperance nicht mit neuem Proviant versehen wurde, bot ja das Land so ergiebige Hilfsquellen, daß einer zweiten Ueberwinterung ohne große Besorgniß entgegen zu sehen war. Weshalb fehlte also dem Lieutenant Hobson das Zutrauen?

Mehr als ein Mal kam er mit Mrs. Paulina Barnett hierüber in’s Gespräch. Die Reisende suchte ihn durch Vorführung der oben dargelegten Gründe zu beruhigen. Als sie jetzt mit ihm am Ufer spazieren ging, trat sie mit ganz besonderem Eifer für Cap Bathurst und die mit so großer Mühe gegründete Factorei ein.

»Ja, Madame, Sie haben Recht, erwiderte Jasper Hobson, aber seiner Ahnungen ist man nicht immer Herr. Ich bin gewiß kein Schwarzseher. Hundert Mal in meinem Leben habe ich mich als Soldat in den kritischsten Lagen befunden, ohne daß es mich nur gerührt hätte. Jetzt zum ersten Male ängstigt mich die Zukunft! Hätte ich eine bestimmte Gefahr vor mir – ich würde sie nicht fürchten. Aber eine unklare, unbestimmte, die ich nur vorausfühlen kann …

– Aber welche Gefahr, fragte Mrs. Paulina Barnett, und was fürchten Sie, die Menschen, die Thiere oder die Elemente?

– Die Thiere? Keineswegs, antwortete der Lieutenant, sie haben vielmehr die Jäger des Cap Bathurst zu fürchten. Die Menschen? Nein. Diese Gegenden werden kaum von Eskimos besucht, und Indianer verirren sich nur selten hierher …

– Und dazu bemerke ich Ihnen, Herr Hobson, setzte Mrs. Paulina Barnett hinzu, daß diese Canadier, deren Besuch Sie in der guten Jahreszeit in gewisser Hinsicht zu fürchten gehabt hätten, nicht ein Mal gekommen sind …

– Was ich sehr bedauere, Madame!

– Wie? Sie bedauern diese Concurrenten der Compagnie, welche ihr doch stets feindlich gegenüber stehen?

– Madame, entgegnete der Lieutenant, ich bedauere sie und bedauere sie auch nicht. Es ist das etwas schwierig zu erklären. Wollen Sie beachten, daß von Fort-Reliance eine Sendung ankommen sollte und das doch nicht geschehen ist. Dasselbe ist mit den Agenten der Pelzwaaren-Compagnie von St. Louis der Fall, welche wohl hierher kommen konnten, aber nicht gekommen sind. Nicht einmal ein einziger Eskimo hat in diesem Sommer den Küstenstrich besucht …

– Und daraus schließen Sie, Herr Hobson? …

– Daß man nach Cap Bathurst und Fort-Esperance nicht «so leicht» gelangen könne, Madame, als es mir wünschenswert!) wäre.«

Die Reisende blickte Lieuteuant Hobson an, dessen Stirn sehr sorgenvoll erschien, und der das Wort »leicht« so auffallend betont hatte.

»Nun, Lieutenant Hobson, sagte sie, da Sie weder von Seiten der Thiere, noch von der der Menschen etwas befürchten, muß ich glauben, daß es die Elemente sind …

– Madame, fiel Lieutenant Hobson ein, ich weiß nicht,ob meine Sinne befangen sind und meine Nerven mich blind machen; mir erscheint aber dieses Land im Grunde sonderbar. Kannte ich es vorher besser, ich glaube nicht, daß ich mich daselbst niedergelassen hätte. Einige Eigentümlichkeiten, die mir unerklärlich geblieben sind, habe ich Ihnen schon mitgetheilt, wie das vollkommene Fehlen von Steinen auf dem ganzen Gebiete und das so glatt abgeschnittene Küstengebiet. Die Urformation dieses Winkels des Festlandes ist mir nicht ganz klar. Wohl weiß ich, daß die Nachbarschaft eines Vulkanes gewisse Erscheinungen im Gefolge haben kann … Sie erinnern sich z.B., was ich Ihnen in Bezug auf Ebbe und Fluth gesagt habe –

– Vollkommen, Herr Hobson.

– Da, wo das Meer nach den Untersuchungen Derjenigen, welche diese Gebiete zuerst durchforscht haben, fünfzehn bis zwanzig Fuß hoch steigen sollte, steigt es in Wirklichkeit kaum einen Fuß!

– Ja wohl, erwiderte Mrs. Paulina Barnett, das erklärten Sie aber als eine Folge der sonderbaren Konfiguration des Landes, der Enge der Meerstraßen …

– Ich versuchte es zu erklären, das ist richtiger, antwortete Lieutenant Hobson; gestern aber habe ich eine noch weit unerklärbarere Erscheinung beobachtet, eine Erscheinung, welche wohl auch die größten Gelehrten nicht zu deuten vermöchten.«

Mrs. Barnett sah Jasper Hobson an.

»Und diese wäre …? fragte sie. !

– Vorgestern, Madame, war Vollmond, und die Fluth hätte in Folge dessen sehr hoch sein müssen. Nun, und gerade da hat sich das Meer nicht nur nicht um einen Fuß, nein, es hat sich «gar nicht» gehoben.

– Dann haben Sie sich wohl getäuscht, bemerkte die Reisende dem Lieutenant.

– Ich habe mich nicht getäuscht und die Beobachtung auch selbst angestellt. Vorgestern, am 4. Juli, war die Fluth gleich Null an der Küste des Cap Bathurst, bestimmt gleich Null.

– Und was schließen Sie daraus, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Daraus schließe ich, Madame, erwiderte der Lieutenant, entweder, daß die Naturgesetze sich verändert haben, oder daß dieses Land sich unter ganz besonderen Verhältnissen befindet … oder vielmehr, ich schließe noch gar nichts – ich erkläre es nicht – aber ich bin darüber unruhig.«

Mrs. Paulina Barnett drang nicht weiter in Lieutenant Hobson. Offenbar war dieses vollkommene Ausbleiben der Fluth unerklärlich, unnatürlich, so wie es unnatürlich wäre, wenn die Sonne zu Mittag nicht im Meridian erschiene.

Wenn die Erderschütterung die Formation des Küstenlandes und der arktischen Länder überhaupt nicht geändert hatte … doch diese Hypothese genügte einem strengen Beobachter terrestrischer Erscheinungen nicht.

Daß der Lieutenant sich bezüglich seiner Beobachtung getäuscht habe, war auch nicht wohl anzunehmen, und noch an demselben Tage – am 6. Juli – constatirten Mrs. Paulina Barnett und er durch am Ufer angebrachte Marken, daß die Fluth, welche seit einem Jahre immer um einen Fuß zu steigen pflegte, jetzt Null, vollständig Null war!

Ueber diese Beobachtung versprach man sich zu schweigen. Lieutenant Hobson hatte auch guten Grund, seine Leute auf keine Weise zu beunruhigen. Oft aber konnten sie ihn allein, schweigsam und unbeweglich sehen, wie er von der Spitze des Caps das jetzt noch offene Meer betrachtete, das vor seinen Blicken lag.

Im Juli mußte nun die Jagd auf Pelzthiere aufgegeben werden. Marder, Füchse und andere Thiere hatten schon ihre Winterfelle verloren. Man verfolgte also nur eßbares Wild, wie canadische Rennthiere, Polarhasen und andere, welche, wie Mrs. Paulina Barnett selbst bemerkte, sich sonderbarer Weise in der Umgebung des Cap Bathurst sichtbarlich vermehrten, während die Schüsse der Jäger sie doch vielmehr daraus hätten vertreiben sollen.

Am 15. Juli hatte sich noch nichts an der Sachlage geändert.

Von Fort-Reliance war keine Nachricht eingetroffen; die erwartete Sendung erschien nicht. Jasper Hobson beschloß also, sein Vorhaben auszuführen und zum Kapitän Craventy zu senden, statt dieser zu ihm.

Natürlich konnte der Führer dieses kleinen Detachements kein Anderer sein, als Sergeant Long, der sich jedoch von dem Lieutenant nicht gern trennen wollte. Es handelte sich hierbei in der That um eine lange Abwesenheit, denn nach Fort-Esperance konnte man vor dem nächsten Sommer nicht zurückkehren, was also einer Trennung von mindestens acht Monaten gleich kam. Mac Nap oder Raë hätten zwar den Sergeanten ersetzen können, doch diese beiden wackeren Soldaten waren verheiratet. Ueberdies war der eine als Zimmermann, der andere als Schmied in der Factorei, welche Beider Dienste nicht entbehren konnte, nothwendig.

Das waren die Gründe, welche bei Lieutenant Hobson den Ausschlag gaben und denen Sergeant Long sich »militärisch« fügte. Die vier Soldaten, welche ihn begleiten sollten, und sich auch dazu bereit erklärten, waren Belcher, Pond, Petersen und Kellet.

Vier Schlitten nebst der nöthigen Bespannung an Hunden wurden für die Reisenden bestimmt. Außer Lebensmitteln sollten sie Pelze, welche man unter den kostbarsten, wie Füchse, Hermeline, Zobelmarder, Schwäne, Luchse, Bisams und Vielfraße, auswählte, mitnehmen.

Die Abfahrt wurde auf den 19. Juli, den Tag nach der Sonnenfinsternis festgesetzt. Selbstverständlich sollte Thomas Black den Sergeant Long begleiten und einer der Schlitten zum Transport seiner Person und der Instrumente dienen.

Es verdient erwähnt zu werden, daß der würdige Gelehrte während der Tage, die der von ihm so ungeduldig erwarteten Erscheinung vorhergingen, ganz unglücklich war. Der Wechsel zwischen gutem und schlechtem Wetter, die Häufigkeit der Dünste, die bald mit Regenwolken, bald mit feuchtem Nebel erfüllte Atmosphäre, der unsichere Wind, welcher sich auf keinem Punkte des Horizontes fixirte, Alles beunruhigte ihn mit vollem Rechte. Er aß nicht mehr, er schlief nicht mehr, kaum lebte er noch! Wenn der Himmel während der wenigen Minuten, welche die Finsterniß andauern sollte, bedeckt war, wenn das Gestirn der Nacht und das des Tages sich hinter einem dicken Schleier verbargen, wenn er, Thomas Black, der zu diesem Zwecke hergesendet war, weder den Lichtkranz, noch die röthlichen Protuberanzen beobachten konnte, – welche Enttäuschung! Und so viel unnütze Strapazen, so viel vergeblich bestandene Gefahren!

»So weit hierher gekommen, um den Mond zu sehen, rief er in fast weinerlich komischem Tone, und nun ihn nicht zu sehen!«

Nein, diesen Gedanken konnte er nicht fassen! Sobald es dunkel wurde, bestieg der würdige Gelehrte den Gipfel des Caps, um nach dem Himmel zu blicken. Er hatte nicht einmal den Trost, den silbernen Trabanten zu beobachten. In drei Tagen sollte Neumond sein, und in Folge dessen begleitete er die Sonne bei ihrem Wege um die Erde sehr nahe, so daß er in ihren Strahlen verschwand.

Oft schüttete Thomas Black sein Herz gegen Mrs. Paulina Barnett aus. Die mitfühlende Frau konnte nicht umhin, ihn zu beklagen, und eines Tages beruhigte sie ihn nach Möglichkeit durch die Versicherung, daß das Barometer eine gewisse Neigung zum Steigen zeige, und rief ihm in’s Gedächtniß, daß sie sich ja in der schönen Jahreszeit befänden.

»In der schönen Jahreszeit! rief Thomas Black achselzuckend; giebt es in einem solchen Lande eine schöne Jahreszeit?

– Nun, Herr Black, antwortete die Dame, wenn Ihnen diese Finsterniß am letzten Ende entgehen sollte, wird es ja wohl noch andere geben. Gewiß ist die am 18. Juli nicht die letzte in diesem Jahrhundert!

– Nein, Madame, erwiderte der Astronom, nein. Außer dieser werden wir noch fünf totale Sonnenfinsternisse bis zum Jahre 1900 haben. Die erste am 31. December 1861, welche für den Atlantischen Ocean, das Mittelmeer und die Wüste Sahara total sein wird; die zweite am 22. December 1870, total für die Azoren, das südliche Spanien, Sicilien und die Türkei; eine dritte am 19. August 1887, total für Nordost-Deutschland, das südliche Rußland und Mittel-Asien; eine vierte am 9. August 1896, welche in Grönland, Lappland und Sibirien sichtbar ist, und endlich im Jahre 1900, am 28. Mai, eine fünfte, welche für die Vereinigten Staaten, Spanien, Algier und Egypten total sein wird.

– Nun denn, Herr Black, versetzte Mrs. Paulina Barnett, wenn Sie also die Finsterniß vom 18. Juli 1860 versehen sollten, werden Sie sich mit der vom 31. December 1861 zu trösten wissen; das sind ja nur siebenzehn Monate!

– Ich würde mich nicht nur siebenzehn Monate trösten müssen, Madame, entgegnete der Astronom, sondern müßte sechsunddreißig Jahre warten.

– Und warum das?

– Weil von allen diesen Verfinsterungen nur eine, die vom 9. August 1896, für Gegenden in so hoher Breite, wie Lappland, Sibirien oder Grönland, total sein wird.

– Welches Interesse haben Sie aber daran, eine Beobachtung nur unter einem so hohen Breitengrade anzustellen? fragte Mrs. Paulina Barnett.

– Welches Interesse, Madame! fuhr Thomas Black auf, ein wissenschaftlich es Interesse von allerhöchster Wichtigkeit. Finsternisse sind bis jetzt nur selten in den dem Pole nahe liegenden Ländern beobachtet worden, da, wo die Sonne, indem sie sich nur wenig über den Horizont erhebt, scheinbar eine Scheibe von großem Durchmesser zeigt. Dasselbe ist mit dem Monde der Fall, der sie überdeckt, und so ist es möglich, daß das Studium des Strahlenkranzes und der Protuberanzen unter diesen Verhältnissen ein weit ergiebigeres wäre. Aus diesem Grunde, Madame, bin ich selbst über den siebenzigsten Breitengrad hinausgekommen. Aehnliche Verhältnisse werden aber erst im Jahre 1896 wiederkehren. Können Sie mir nun versichern, daß ich zu der Zeit noch leben werde?«

Auf diese Beweisführung gab es allerdings keine Antwort. Thomas Black blieb also fortdauernd sehr unglücklich, denn die Unbeständigkeit der Witterung drohte ihm einen garstigen Streich zu spielen.

Am 16. Juli war es sehr schön. Am anderen Tage aber gerade im Gegentheil bedeckt und sehr nebliges Wetter. Thomas Black war an diesem Tage wirklich krank. Der fieberhafte Zustand, in dem er sich schon seit einigen Tagen befand, drohte in eine wirkliche Krankheit überzugehen. Vergebens versuchten Mrs. Paulina Barnett und Jasper Hobson ihn zu trösten. Sergeant Long und alle die Uebrigen konnten gar nicht begreifen, daß man »aus lauter Liebe zum Mond« so unausstehlich sein könne.

Endlich brach der große Tag, der 18. Juli, an. Nach den Angaben der Ephemeriden sollte die totale Verfinsterung vier Minuten und siebenunddreißig Secunden dauern, das heißt, von elf Uhr dreiundvierzig Minuten und fünfzehn Secunden bis elf Uhr siebenunduierzig Minuten und siebenundfünfzig Secunden Vormittags.

»Was verlange ich denn Großes, rief der bedauernswerthe Astronom, der seine Haare zerwühlte, ich verlange einzig und allein ein kleines Eckchen Himmel rein von allen Wolken, nur das kleine Fleckchen, an dem die Verfinsterung vor sich gehen soll; und wie lange denn? Nur kurze vier Minuten! Nachher mag es schneien, donnern, mögen die Elemente sich entfesseln, ich werde mich so wenig darum kümmern, wie ein Specht um ein Chronometer!«

Thomas Black hatte wirklich einigen Grund zum Verzweifeln. Allem Anschein nach sollte aus der Beobachtung nichts werden. Bei Tagesanbruch war der Himmel dick von Nebel bedeckt. Im Süden stiegen große Wolken auf, und zwar gerade an derjenigen Stelle, an der die Verfinsterung stattfinden sollte. Ohne Zweifel hatte aber der Gott der Astronomen mit dem armen Thomas Black Mitleid, denn gegen acht Uhr erhob sich eine frische Brise aus Norden und fegte das ganze Firmament rein!

O, welche Ausrufe des Dankes quollen da aus der Brust des würdigen Gelehrten! Rein war der Himmel; hell glänzte die Sonne, in Erwartung, daß der Mond, der jetzt vor ihren Strahlen noch nicht sichtbar war, sie nach und nach verlöschen sollte.

Sofort wurden Thomas Black’s Instrumente geholt und auf dem Gipfel des Vorgebirges aufgestellt. Dann richtete sie der Astronom nach der südlichen Himmelsgegend, und verharrte in Erwartung. Seine ganze gewohnte Geduld hatte er jetzt wieder gefunden, sein ganzes, für die Beobachtung so nöthiges kaltes Blut. Was hatte er nun noch zu fürchten? Wenn der Himmel ihm nicht auf den Kopf fiel, Nichts. Um neun Uhr war nicht eine Wolke, noch ein Nebelstreifen weder am Horizonte noch am Zenith! Nie konnte eine astronomische Beobachtung unter günstigeren Umständen beginnen!

Jasper Hobson und alle seine Leute, Mrs. Pau lina Barnett und alle ihre Gefährtinnen wollten der Operation beiwohnen. Die ganze Colonie war auf, Cap Bathurst versammelt und umringte den Astronomen. Langsam stieg die Sonne empor und beschrieb ihren sehr flachen Bogen über der ungeheuren Ebene, die sich nach Süden erstreckte. Kein Mensch sagte ein Wort. Man wartete mit einer gewissen feierlichen Sorge.

Gegen neun ein halb Uhr begann die Verfinsterung. Die Scheibe des Mondes berührte die der Sonne. Die Erstere sollte die Zweite aber nicht vor elf Uhr dreiundvierzig Minuten fünfzehn Secunden vollständig bedecken! Das war die in den Ephemeriden für die Sonnenfinsterniß berechnete Zeit, und Jedermann weiß, daß sich in diese Rechnungen kein Fehler einschleichen kann, Rechnungen, welche von den Gelehrten aller Sternwarten der Welt aufgestellt, berichtigt und controlirt werden.

Thomas Black hatte in seinem Gepäck auch eine, Anzahl geschwärzter Gläser mitgebracht; diese vertheilte er an seine Gefährten, welche so die Fortschritte der Erscheinung ohne Anstrengung der Augen verfolgen konnten.

Allmälig rückte die dunkle Mondscheibe vor. Schon nahmen die Gegenstände auf der Erde eine eigenthümliche Färbung an; auch die Atmosphäre hatte im Zenith ihre Farbe verändert. Um zehn ein viertel Uhr war die Hälfte der Sonnenscheine verdunkelt. Einige frei umher laufende Hunde zeigten eine merkwürdige Unruhe und bellten manchmal ganz kläglich. Enten, welche unbeweglich am Seeufer saßen, erhoben ihr Nachtgeschrei und suchten sich einen zum Schlafen geeigneten Platz. Die Alten riefen die Jungen zusammen, welche sich unter ihren Fittigen verbargen. Für alle diese Thiere kam die Nacht herein und mit ihr die Stunde des Schlafes.

Um elf Uhr waren zwei Drittheile der Sonne bedeckt. Die Gegenstände nahmen eine weinrothe Färbung an. Noch herrschte ein gewisses Halbdunkel, welches aber bald während der vier Minuten der totalen Verfinsterung in ein vollkommenes übergehen sollte. Schon wurden einige Planeten, wie Mercur und Venus, sichtbar, ebenso wie gewisse Sternbilder, z. B. der Stier, der Orion und Andere. Die Dunkelheit nahm von Minute zu Minute zu.

Thomas Black folgte, das Auge an dem Ocular seines Fernrohres, unbeweglich und schweigend dem Fortschreiten der Erscheinung. Um elf drei viertel Uhr sollten die beiden Scheiben einander decken.

»Elf Uhr dreiundvierzig Minuten«, sagte Jasper Hobson, der den Secundenzeiger seines Chronometers genau im Auge hatte.

Thomas Black, der über sein Instrument geneigt war, rührte sich nicht. – Eine halbe Minute verfloß.

Thomas Black erhob sich mit weit aufgerissenen Augen. Dann postirte er sich noch eine halbe Minute vor sein Ocular und rief, indem er sich eine Secunde lang erhob:

»Aber sie nimmt ab! Sie nimmt ab. Der Mond, der Mond entflieht! Er verschwindet!«

In der That glitt die Mondscheibe über die Sonne, ohne diese vollkommen verdeckt zu haben. Nur Zwei Drittheile der Sonnenscheibe waren verfinstert gewesen.

Entsetzt war Thomas Black zurück gefallen. Die vier Minuten waren vorbei. Langsam wurde es wieder heller; der Lichtkranz hatte sich nicht gezeigt.

»Aber was in der Welt ist denn los? fragte Jasper Hobson.

– Was los ist! schrie der Astronom, daß die Verfinsterung keine vollständige, für diesen Punkt der Erdkugel keine totale gewesen ist. Verstehen Sie, mich? Keine to–ta–le!

– Dann sind also Ihre Ephemeriden falsch!

– Falsch! O gehen Sie und sagen Sie das einem Anderen, Herr Lieutenant!

– Nun dann … rief Jasper Hobson, dessen Gesicht sich plötzlich veränderte.

– Dann befinden wir uns nicht unter dem siebenzigsten Breitengrade, antwortete Thomas Black.

– Das wäre! rief Mrs. Paulina Barnett.

– Das werden wir sogleich erfahren, sagte der Astronom, aus dessen Augen Zorn und Verzweiflung blitzten. In wenig Minuten geht die Sonne durch den Meridian … Meinen Sextanten! Schnell! Schnell!«

Einer der Soldaten lief nach dem Hause und brachte das verlangte Instrument.

Thomas Black visirte das Tagesgestirn, ließ es den Meridian passiren, dann senkte er seinen Sextanten und warf schnell einige Zahlen in sein Notizbuch.

»Wie hoch lag Cap Bathurst, fragte er, als wir vor einem Jahre hier ankamen und seine geographische Lage bestimmten?

– Unter 70° 44′ 37“! antwortete Lieutenant Hobson.

– Nun wohl, mein Herr, jetzt liegt es unter 73° 7′ und 20“. Sie sehen, daß wir uns nicht im siebenzigsten Breitengrade befinden!

– Oder vielmehr, daß wir uns nicht mehr da befinden!« murmelte Jasper Hobson.

In seinem Geiste war es plötzlich hell geworden. Alle ihm bis jetzt unerklärlichen Erscheinungen wurden ihm nun klar! …

Das Territorium des Cap Bathurst war seit Ankunft des Lieutenant Hobson um drei Grad nach Norden – – abgewichen.

Ende des ersten Bandes.

Viertes Capitel.


Viertes Capitel.

Der Sklavensee ist einer der größten, welchen man über dem einundsechzigsten Breitengrade begegnet. Er ist bei fünfzig Meilen Breite einhundertundfünfzig Meilen lang und liegt unter 61° 25′ nördlicher Breite und 144° westlicher Länge. Seine ganze Umgebung dacht sich von weither nach einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte, eben jener Bodensenkung hin, ab, welche der erwähnte See ausfüllt.

Die Lage dieses Sees, mitten in den Jagdgebieten, welche früher von Pelzthieren fast übervölkert waren, hatte von jeher die Aufmerksamkeit der Compagnie erregt. Zahlreiche Wasserläufe mündeten in denselben, oder entsprangen aus ihm, wie der Mackenzie, der Foin-Fluß, der Athapeskow u. A. m. An seinen Ufern waren einige ansehnliche Forts errichtet, wie Fort-Providence im Norden und Fort-Resolution im Süden. Fort-Reliance selbst lag am nordöstlichen Ende des Sees, nur dreihundert Meilen vom Chesterfield-Busen, den die Gewässer der Hudsons-Bai füllen.

Der Sklavensee ist von kleinen, zwei- bis dreihundert Fuß hohen Inseln, auf welchen Granit und Gneiß da und dort zu Tage steht, so zu sagen übersäet. Sein nördliches Ufer ist von dichtem Gehölz besetzt, welches an jenen dürren und eisigen Theil des Festlandes grenzt, der den Namen des »verwünschten Landes« nicht mit Unrecht erhalten hat. Dagegen ist die aus kalkigem Boden bestehende Gegend im Süden flach, ohne jeden Hügel oder irgend eine Bodenerhebung. Dort zieht sich die Grenze hin, welche die großen Wiederkäuer Amerikas, die Büffel und Bisonochsen, fast nie überschreiten, und deren Fleisch fast die ausschließliche Nahrung der canadischen und eingeborenen Jäger bildet.

Der Baumbestand im Norden bildet prächtige Wälder. Es ist nicht zu erstaunen, daß man in einer so entlegenen Gegend doch einen so schönen Pflanzenwuchs antrifft. Wirklich liegt der Sklavensee nicht in höherer Breite, als etwa Stockholm und Christiania in Schweden und Norwegen. Doch gehört hierzu die Bemerkung, daß die Isothermen, d. h. die Linien der gleichen Wärme, fast gar nicht den Breitengraden parallel laufen, und daß Amerika in gleicher Breite ungleich kälter ist, als Europa. Im April liegt in den Straßen New-Yorks z. B. noch Schnee, während diese Stadt etwa mit den Azoren in gleicher Breite liegt. Es kommt das daher, daß die Natur eines Continentes, seine Lage bezüglich der Meere, und selbst seine Bodengestaltung, von großem Einflusse auf sein Klima ist.

Fort-Reliance war zur Sommerzeit von Grün umgeben, an dem sich das Auge nach dem langen, strengen Winter ergötzte. Die Wälder bestanden in der Hauptsache aus Pappeln, Fichten und Birken. Die See-Eilande trugen herrliche Weidenbäume. Wild war im Ueberflusse darin und verließ es sogar während der schlechten Jahreszeit nicht. Mehr nach Süden zu erlegten die Jäger des Forts reichlich Bisonochsen, Elennthiere und eine Art canadischer Stachelschweine, deren Fleisch sehr geschätzt ist. Die Gewässer des Sklaven-Sees waren sehr fischreich. Seeforellen erlangten darin eine außergewöhnliche Größe und öfters ein Gewicht von über sechzig Pfunden. Hechte, gefräßige Quappen, eine Art Schattenfisch, den die Engländer den »blauen Fisch« nennen, ganze Legionen »Tittamegs«, der »weiße Corregu«, der Naturforscher, vermehrten sich darin im Ueberfluß. Die Nahrungsfrage bot demnach für die Insassen des Furt-Reliance eine leichte Lösung, und unter der Bedingung, daß sie sich den Winter über wie die Füchse, die Marder, die Bären und andere Pelzthiere bekleideten, konnten sie es wohl mit der Strenge des Klimas aufnehmen.

Das genannte Fort bestand zunächst aus einem hölzernen Hause mit Erdgeschoß und einem Stockwerke, welches dem Commandanten und dessen Officieren zu Wohnungen diente. Rund um dieses Haus befanden sich die Wohnstätten der Soldaten, die Magazine der Compagnie und die Comptoire, in welchen die Tauschgeschäfte abgewickelt wurden. Ein kleines Bethaus, dem nur ein Priester fehlte, und ein Pulverhäuschen vervollständigten die Bauwerke des Etablissements. Das Ganze war von zwanzig Fuß hohen Palissaden umplankt, die ein weites von vier Eckbastionen mit spitzen Dächern vertheidigtes Parallelogramm bildeten. Gegen einen Handstreich war das Fort also hinreichend geschützt. Diese Vorsicht war übrigens zu einer Zeit nöthig, während der die Indianer, statt Lieferanten der Kompagnie zu sein, für die Unabhängigkeit ihrer Territorien kämpften; gleichzeitig bedurfte man ihrer früher auch gegen die Agenten und Soldaten concurrirender Gesellschaften, als um den Besitz und das Ausbeutungsrecht dieser pelzreichen Ländereien noch Streit war.

Auf ihrem ganzen Gebiete zählte die Hudsons-Bai-Compagnie früher ein Personal von etwa tausend Mann. Ueber ihre Beamten und Soldaten stand ihr die ausgedehnteste Gerichtsbarkeit, selbst das Recht über Leben und Tod, zu. Die Chefs der Factoreien regelten die Gehalte nach Belieben und stellten eben so den Kaufwerth des Proviantes, wie den der Pelzwaaren fest. In Folge dieses Systemes, das jeder Controle entbehrte, war es nicht selten, daß sie zwei- bis dreihundert Procent Nutzen erzielten.

Aus folgender Zusammenstellung, welche der »Reise des Kapitän Robert Lade« entnommen ist, kann man ersehen, welche Ansätze dem Tauschhandel mit den Indianern zu Grunde gelegt wurden. Letztere sind übrigens die eigentlichen und besten Jäger der Compagnie geworden. Ein Biberfell war zu jener Zeit die beim Ein- und Verkauf benutzte Werthseinheit.

Seit einigen Jahren waren aber Biber so selten geworden, daß man mit der Münzeinheit wechseln mußte, und jetzt dient eine Bisonhaut als solche. Kommt ein Indianer nach einem Fort, so erhält er von den Agenten eben so viele Holzmarken, als er Häute bringt, welche er dann am betreffenden Orte gegen irgendwelche Producte umtauscht. Da die Compagnie alle Ein- und Verkaufspreise nach Gutdünken feststellt, erzielt sie bei diesem Systeme meist einen glänzenden Gewinn.

Wie in allen Factoreien galten diese Handelsbräuche auch in Fort-Reliance. Mrs. Paulina Barnett konnte sie während ihres Aufenthaltes, der sich bis zum 16. April ausdehnte, kennen lernen. Oft unterhielten sich die Reisende und Lieutenant Hobson mit einander, entwarfen stolze Plane und waren jedenfalls entschieden dafür, vor keinem Hindernisse zurückzuweichen. Thomas Black sprach nur dann, wenn es seine Specialmission betraf. Der Lichtkranz und die röthlichen Protuberanzen um den Mond verschlangen sein ganzes Interesse. Man fühlte es heraus, daß er sein ganzes Leben an die Lösung dieses Problems gesetzt hatte, und zuletzt erregte er auch in Mrs. Paulina ein lebhaftes Interesse für dieses wissenschaftliche Räthsel. O, wie verlangte es sie Beide, nur erst den Polarkreis zu überschreiten, und wie entfernt erschien noch dieser 18. Juli 1860, mindestens dem Astronomen aus Greenwich.

Die Vorbereitungen zur Abreise konnten erst gegen Mitte März begonnen werden und nahmen einen vollen Monat in Anspruch. Es bedurfte auch wirklich einer langwierigen Arbeit, eine solche Expedition nach den Polargegenden zu organisiren, da man ja Alles, wie Lebensmittel, Kleidung, Werkzeuge, Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Munition mitnehmen mußte.

Die von Lieutenant Jasper Hobson befehligte Truppe sollte aus einem Officier, zwei Unterofficieren und zehn Soldaten bestehen, von denen drei Verheiratete auch ihre Frauen mitnahmen. Aus den energischsten und entschlossensten Mannschaften der Besatzung hatte Kapitän Craventy folgende ausgewählt:

1) Lieutenant Jasper Hobson.
2) Sergeant Long.
3) Corporal Joliffe.
4) Petersen, Soldat.
5) Belcher, „
6) Raë, „
7) Marbre, „
8) Carey, „
9) Pond, „
10) Mac Nap, „
11) Sabine, „
12) Hope, „
13) Kellet, „

Darüber:

Mrs. Raë.

Mrs. Joliffe.
Mrs. Mac Nap.

Fremde:

Mrs. Paulina Barnett.
Madge.
Thomas Black.

Zusammen waren das also neunzehn Personen, welche es mehrere Hundert Meilen über wüste und wenig gekannte Gebiete zu transportiren galt.

Mit Rücksicht hierauf hatten die Agenten der Compagnie alles für diesen Zug Nöthige nach Fort-Reliance geschafft. Ein Dutzend Schlitten nebst zugehöriger Bespannung standen bereit. Diese sehr kunstlosen Fahrzeuge bestanden aus leichten Planken, welche durch Querhölzer fest mit einander verbunden waren. Dazu kam ein dem Vordertheile eines Schlittschuhs ähnliches Stück Holz, welches also nach aufwärts gebogen war, und dem Schlitten gestattete, leicht, und ohne tief einzusinken, über den Schnee zu gleiten. Sechs paarweis angespannte Hunde bildeten die Zugkraft jedes Schlittens, – intelligente und flüchtige Thiere, welche unter günstigen Umständen bis fünfzehn Meilen in der Stunde zurückzulegen vermögen.

Die Garderobe der Reisenden bestand aus Rennthierfellen, welche mit dickem Pelze gefüttert waren. Alle führten auch noch wollene Kleidung mit sich, um gegen den in jenen Breiten oft sehr schroffen Temperaturwechsel gesichert zu sein. Jedermann, Officier und Soldat, Mann oder Weib, war mit Stiefeln aus Robbenfell, die mit Sehnen genäht werden, ausgerüstet, und welche die Eingeborenen mit einer Geschicklichkeit ohne Gleichen herstellen. Diese Stiefeln sind für Wasser ganz undurchlässig und empfehlen sich zum Marschiren durch ihre leichte Biegsamkeit. An die Sohlen derselben waren Schneeschuhe aus Fichtenholz von drei bis vier Fuß Länge angepaßt, Apparate, welche das Gewicht eines Menschen auch auf dem lockersten Schnee tragen, und eine sehr schnelle Fortbewegung, etwa wie die der Schlittschuhläufer auf den Eisflächen, ermöglichen. Pelzmützen und Gürtel aus Damwildleder vervollständigten diese Ausrüstung.

An Waffen nahm Lieutenant Hobson, neben hinreichender Munition, von der Compagnie gelieferte Dienstgewehre, Pistolen und einige Ordonnanz-Säbel mit; an Werkzeugen Aexte, Sägen, Hohlbeile und andere zur Zimmerarbeit nöthige Instrumente; an Ausrüstungsgegenständen Alles, was zur Gründung einer Factorei unter den gegebenen Umständen gehörte, unter Anderem einen Ofen, einen Kochofen, zwei Luftpumpen als Ventilatoren, ein »Halkett-Boat«, das ist ein Kautschuk-Canot, welches man im Augenblicke des Bedarfs aufbläst.

Bezüglich der Verpflegung durfte man wohl auf die Jäger des Detachements rechnen. Einige der Soldaten waren geübte Treiber, und Rennthiere fehlten in diesen hochnördlichen Gegenden niemals. Ganze Stämme von Indianern oder Eskimos nähren sich, aus Mangel an Brod und anderen Speisen, ausschließlich von diesem Wild, welches reichlich vorhanden und sehr schmackhaft ist. Da jedoch auch auf unvermeidliche Verzögerungen und Schwierigkeiten aller Art zu rechnen war, so mußte immerhin eine gewisse Menge Proviant mitgeführt werden.

Dieser bestand aus Bisonochsen-, Elenn- und Damhirschfleisch, welches durch große Treibjagden im Süden des Sees gewonnen wurde; ferner aus Pökelfleisch, das sich ja eine beliebige Zeit lang eßbar erhält, und endlich aus einem Präparate nach Indianerart, in welchem das getrocknete und zu ganz feinem Pulver gemahlene Fleisch alle seine nährenden Bestandtheile bei geringster Masse behält. So zerrieben, braucht es auch gar nicht gekocht zu werden, und bildet in dieser Form eine sehr stoffreiche Nahrung.

An Liqueuren nahm Lieutenant Hobson mehrere Barils Ein Baril – etwa siebenzig Liter. Branntwein und Whisky mit, nahm sich aber vor, damit so sparsam als möglich umzugehen, da Spirituosen bei ganz strenger Kälte dem Menschen leicht Nachtheile zuziehen können. Dagegen hatte ihm die Compagnie, nebst einer Taschenapotheke, beträchtliche Mengen von »Lime juice« (Limoniensaft), Citronen und andere Droguen zur Verfügung gestellt, welche zur Bekämpfung der in jenen Gegenden so furchtbar auftretenden scorbutischen Affectionen, wie zum Verhindern ihres Eintritts, unentbehrlich sind. Alle Theilnehmer waren übrigens sorgfältig ausgewählt, um nicht zu fett und nicht zu mager zu sein; seit langen Jahren an die Strenge dieses Klimas gewöhnt, mußten sie die Strapazen eines Zuges nach dem Eismeere leichter ertragen. Zudem waren es gutwillige, herzhafte und unerschrockene Leute, welche ungezwungen teilnahmen. Während der Zeit ihres Aufenthaltes an den Grenzen des amerikanischen Continentes war ihnen ein doppelter Sold für den Fall zugesichert, daß sie bis über den siebenzigsten Breitengrad hinauskamen.

Für Mrs. Paulina Barnett und ihre getreue Madge war ein besonderer, etwas bequemerer Schlitten hergestellt worden. Die muthige Frau wollte zwar durchaus keinen Vorzug vor ihren Mitreisenden genießen; sie mußte sich jedoch der Einsprache des Kapitäns fügen, der übrigens nur der Dolmetscher der Compagnie selbst war.

Den Astronomen Thomas Black sollte dasselbe Gefährt, welches ihn nach Fort-Reliance gebracht hatte, auch sammt seinem gelehrten Apparate bis zum Ziele führen. Die, übrigens wenig zahlreichen, Instrumente des Astronomen, – bestehend aus: einem Fernrohre zur Mondbeobachtung, einem Sextanten zur Bestimmung der geographischen Breite und einem Chronometer zu der der Längengrade, einigen Karten und wenigen Büchern – Alles war auf diesen Schlitten verpackt, und Thomas Black rechnete stark darauf, daß ihn seine getreuen Hunde nicht im Stiche lassen würden.

Selbstverständlich war das Futter für die Bespannung nicht vergessen. Es galt unterwegs im Ganzen zweiundsiebenzig Hunde, also eine ganze Heerde, zu unterhalten, wofür die Jäger des Detachements speciell zu sorgen hatten. Diese klugen und kräftigen Thiere waren von Chipeway-Indianern angekauft, welche sie zu ihrer harten Arbeit ausgezeichnet abzurichten wissen.

Die ganze Organisation der kleinen Gesellschaft erfreute sich der einsichtigsten Leitung. Lieutenant Jasper Hobson unterzog sich ihr mit einem über alles Lob erhabenen Eifer. Stolz auf seine Mission, begeistert für sein Werk, wollte er Nichts vernachlässigen, was den Erfolg unsicher machen könnte. Corporal Joliffe, der immer alle Hände voll zu thun hatte, brachte doch nicht viel zu Stande; doch die Gegenwart seiner Frau war und wurde für die Expedition sehr nützlich. Mrs. Paulina Barnett schloß diese intelligente und muntere Canadierin, mit den blonden Haaren und großen Augen, bald in ihr Herz.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß Kapitän Craventy für den guten Ausgang der Unternehmung Nichts unterließ. Die seitens der Oberagenten der Compagnie ihm zugestellten Instructionen bewiesen, welchen Werth man auf den Erfolg der Expedition und auf die Gründung einer neuen Factorei jenseit des siebenzigsten Breitengrades legte. Alles, was menschenmöglich war, wurde denn auch zu diesem Zwecke aufgeboten. Wenn die Natur aber dem Fuße des kühnen Lieutenants unübersteigliche Hindernisse entgegenthürmte? – Das entzog sich freilich aller Vorausberechnung.

Fünftes Capitel.


Fünftes Capitel.

Die ersten schönen Tage waren herangenaht. Der grüne Mantel der Hügel kam unter dem theilweise verschwundenen Schnee zum Vorschein. Einige Vögel, als: Schwäne, Auerhähne, kahlköpfige Adler und andere Zugvögel, strichen, von Süden kommend, durch die lauere Luft. An den Zweigspitzen der Pappeln, Birken und Weiden schwollen die Knospen. Große Wasserlachen, welche durch das Schmelzen des Schnees entstanden, lockten jene rothköpfigen Enten herbei, von denen es im nördlicheren Amerika so zahllose Arten giebt. Die Taucherhühner, Wasserscheerer und Eidergänse suchten sich im Norden kältere Gegenden auf. Spitzmäuse, in der Größe von Haselnüssen, spielten neben ihren Löchern und zeichneten mit ihrem kleinen, spitzigen Schwanze bunte Linien auf dem Erdboden. Es war jetzt eine Wollust, zu athmen und die Sonnenstrahlen einzusaugen, welche den Frühling so lebenweckend machen. Die Natur erhob sich nach der endlosen Winternacht aus dem Schlafe und lächelte beim Erwachen. Die Wirkung dieser Rückkehr zu neuem Leben ist in diesen nördlichsten Gegenden vielleicht fühlbarer, als auf jedem anderen Punkte der Erde.

Immerhin war die Thauwitterung noch nicht durchgreifend. Zwar zeigte das Thermometer +5°, aber die weit niedrigere Temperatur der Nächte erhielt noch die Schneeflächen. Es war das übrigens ein für die Benutzung der Schlitten allzugünstiger Umstand, als daß Jasper Hobson nicht davon hätte Nutzen ziehen sollen.

Das Eis des Sees stand noch fest. Die Jäger des Forts machten bei ihren weiten Excursionen auf dieser ebenen Fläche immer gute Beute, da das Wild schon wiedergekommen war. Mrs. Paulina Barnett konnte gar nicht genug die Geschicklichkeit bewundern, mit welcher diese Männer sich ihrer Schneeschuhe bedienten. Sie erreichten mit denselben die Geschwindigkeit eines galopirenden Pferdes. Auf den Rath Craventy’s übte sich auch die Reisende in dem Gebrauche dieser Apparate, und erwarb sich bald eine hinlängliche Geschicklichkeit, über den Schnee zu gleiten.

Schon seit einigen Tagen kamen die Indianer truppweise zum Fort, um die Ergebnisse ihrer Winterjagden gegen allerhand andere Gegenstände umzutauschen. Pelze gab es aber nicht im Ueberflusse; Marder- und Wieselfelle erreichten zwar eine hohe Zahl, aber Biber, Ottern, Luchse, Hermelins und Füchse waren selten. Die Compagnie that also gewiß gut daran, höher im Norden neue, von der Raubgier des Menschen noch verschonte Jagdgebiete aufzusuchen.

Am Morgen des 16. April war Lieutenant Jasper Hobson nebst Gesellschaft zur Abreise fertig. Durch die ganze bekanntere Gegend zwischen dem Sklaven-See und dem des Großen Bären, welcher schon über dem Polarkreise liegt, war der Weg im Voraus festzustellen. Jasper Hobson sollte zunächst nach Fort-Confidence, das am nördlichsten Theile dieses Sees liegt, ziehen. Dann war ein ganz geeigneter Punkt zur frischen Verproviantirung der Gesellschaft das Fort-Entreprise, welches zweihundert Meilen im Nordwesten, am Ufer des kleinen Snure-Sees erbaut ist. Bei Zurücklegung von fünfzehn Meilen täglich rechnete Jasper Hobson darauf, dort in den ersten Tagen des Mai einmal Halt zu machen.

Von dieser Stelle aus sollte die Expedition auf kürzestem Wege die amerikanische Küste zu erreichen suchen und sich von da aus nach dem Cap Bathurst begeben. Man war dahin übereingekommen, daß Kapitän Craventy nach einem Jahre eine Proviantsendung nach demselben Punkte dirigiren, und daß Lieutenant Hobson dieser Sendung einige Mann entgegenschicken sollte, um sie nach dem Orte, an dem dann das neue Fort errichtet wäre, zu geleiten. Auf diese Weise war die Zukunft der Factorei gegen alle Uebelstände sicher gestellt, und der Lieutenant nebst seinen Begleitern, diese freiwillig Verbannten, blieben doch in einiger Beziehung zu ihren Nebenmenschen.

Am Morgen des 16. April erwarteten die angespannten Hunde vor dem äußeren Thore des Forts nur noch die Reisenden. Kapitän Craventy hatte die zu dem Detachement gehörigen Mannschaften versammelt und richtete an sie einige herzliche Worte. Vor allen Dingen empfahl er ihnen die vollkommenste Einigkeit mitten in den Gefahren, denen sie zu trotzen berufen waren. Die Unterordnung unter ihre Führer war eine unabweisliche Bedingung für dieses Unternehmen, eine Sache der Entsagung und Ergebenheit. Ein Hurrah antwortete der Rede des Kapitäns. Dann sagte man kurz Lebewohl, und Jeder nahm in dem ihm vorher bezeichneten Schlitten Platz. Jasper Hobson und Sergeant Long nahmen die Spitze des Zuges ein. Mrs. Paulina Barnett und Madge folgten ihnen, die lange Eskimopeitsche, welche in trockene gedrehte Sehnenstücke auslief, geschickt handhabend. Thomas Black und einer der Soldaten, der Canadier Petersen, kamen in dritter Reihe. Hieran schlossen sich dann die anderen, von den Soldaten und den drei Frauen besetzten Schlitten. Corporal Joliffe nebst Gattin bildeten den Schluß. Nach Jasper Hobson’s Anordnung sollte jeder Schlitten in der vorgeschriebenen Reihenfolge verbleiben, auch eine gewisse Distanz halten, um jeder Unordnung vorzubeugen. Der Stoß eines solchen Schlittens, der im vollsten Jagen war, hätte auch sicher leicht Unheil anrichten können.

Von Fort-Reliance aus schlug Jasper Hobson sogleich eine nordwestliche Richtung ein. Dabei war zunächst ein breiter Strom zu überschreiten, welcher den Sklaven-See mit dem Wolmsley-See verbindet. Dieser Wasserlauf, welcher noch dick gefroren war, unterschied sich indeß in keiner Weise von der ungeheuren, weißen Ebene. Ein gleichmäßiger Schneeteppich lag über die ganze Umgebung gebreitet, und die von der kräftigen Bespannung gezogenen Schlitten sausten über die feste Unterlage.

Das Wetter war schön, aber noch sehr kalt. Die nur wenig über den Horizont aufsteigende Sonne beschrieb am Himmel nur einen sehr flachen Bogen. Ihre von der Schneedecke glänzend reflectirten Strahlen spendeten mehr Licht, als Wärme. Glücklicherweise bewegte kein Windhauch die Luft, welche Ruhe die Kälte weit erträglicher machte. Dennoch mußte wohl der durch die Schnelligkeit der Schlitten entstehende Luftstrom den beiden, nicht an das rauhe Polarklima gewöhnten Begleitern des Lieutenants Hobson empfindlich in’s Gesicht schneiden.

»Es geht gut, sagte da Jasper Hobson zu dem Sergeanten, welcher ruhig neben ihm saß, als stände er ›Gewehr auf Schulter‹, die Fahrt läßt sich gut an. Der Himmel ist günstig, die Temperatur mäßig, unsere Bespannung läuft wie ein Expreßzug, und wenn diese gute Witterung anhält, wird unsere Ueberfahrt ohne Hinderniß verlaufen. Was denken Sie darüber, Sergeant Long?

– Was Sie selbst denken, Lieutenant Jasper, antwortete der Sergeant, der sich nichts anders vorstellen konnte, als sein Vorgesetzter.

– Sind Sie ebenso wie ich dafür, Sergeant, fuhr Jasper Hobson fort, so weit als möglich nach Norden vorzudringen?

– Sie haben nur zu befehlen, Herr Lieutenant, ich gehorche.

– Ich weiß es, Sergeant, ich weiß, daß es hinreicht, Ihnen eine Ordre zuzustellen, um sie ausgeführt zu sehen. Möchten unsere Leute ebenso die Tragweite unserer Mission einsehen, und sich mit Leib und Seele den Interessen der Compagnie widmen. O, Sergeant Long, ich glaube, wenn ich Ihnen einen ganz unausführbaren Befehl gäbe…

– Es giebt keine unausführbaren Befehle, Herr Lieutenant.

– Was? Und wenn ich Sie bis an den Nordpol schickte?

– Dann ginge ich hin, Herr Lieutenant.

– Um auch von dort zurückzukehren? setzte Jasper Hobson lächelnd hinzu.

– Ich käme auch wieder«, antwortete einfach der Sergeant.

Während dieses Zwiegesprächs zwischen Lieutenant Hobson und seinem Sergeant hatten auch Mrs. Paulina Barnett und Madge, als die Schlitten der Steilheit des Bodens wegen etwas langsamer gingen, einige Worte gewechselt. Diese beiden beherzten Frauen betrachteten, wohl verwahrt in ihren Otterpelzhauben und unter einem dicken, weißen Bärenfelle halb begraben, diese rauhe Natur und die blassen Umrisse der hohen Eisberge, welche sich längs des Horizontes abhoben. Das Detachement hatte die Hügel schon hinter sich gelassen, welche das nördliche Ufer des Sklaven-Sees uneben machen, und deren Gipfel von starrenden Baumgerippen bekrönt waren. Die unendliche Ebene dehnte sich ohne Grenzen vor den Augen aus.

Doch belebten einige Vögel durch ihre Stimmen und ihr Auffliegen die ungeheure Einöde. Unter diesen bemerkte man einige Schwärme von Schwänen, welche nach Norden zogen und deren Weiße des Gefieders sich mit der des Schnees verschmolz. Man unterschied sie blos, wenn man das Grau der Atmosphäre als Hintergrund hatte. Auf dem Erdboden aber waren sie auch von dem schärfsten Auge kaum zu entdecken.

»Welch‘ wunderbare Gegend! sagte Mrs. Paulina Barnett. Welch‘ ein Unterschied zwischen diesen Eisregionen und den grünenden Ebenen Australiens! Erinnerst Du Dich, meine gute Madge, als uns am Golf von Carpentaria die Hitze überwältigte; entsinnst Du Dich dieses unerbittlichen Himmels, ohne jede Wolke und jeden Wasserdunst?

– Meine Tochter, antwortete Madge, ich besitze nicht, wie Du, die Gabe der Erinnerung. Du bewahrst Deine gehabten Eindrücke, ich vergesse die meinen.

– Was, Madge, rief Mrs. Barnett, Du hast die Tropenhitze Indiens und Australiens vergessen? Dir ist keine Erinnerung an unsere Qualen verblieben, wie uns in der Wüste das Wasser fehlte, wie die Sonnenstrahlen uns brannten bis in’s Mark hinein, und selbst die Nacht unsere Leiden kaum unterbrach?

– Nein, nein, Paulina, erwiderte Madge, die sich dichter in die Pelzdecken wickelte, nein, ich erinnere mich dessen nicht. Und wie kannst Du mir auch jetzt die Leiden, von denen Du sprichst, die Hitze und den quälenden Durst in’s Gedächtniß zurückrufen wollen, jetzt, wo das Eis uns rings umstarrt, und ich nur die Hand auszustrecken brauche, um einen Schneeball zu erfassen. Du sprichst mir von Hitze, und wir frieren unter den dicken Bärenfellen! Du erinnerst Dich der Sonnengluth, während diese Aprilsonne nicht einmal das Eis von unseren Lippen wegthauen kann! Nein, meine Tochter, sprich mir nicht mehr von Hitze, sage nicht, daß ich mich je beklagt hätte, es sei mir zu warm gewesen, jetzt könnte ich Dir’s nicht glauben.«

Mrs. Paulina Barnett konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

»Ach, sagte sie, Du frierst wohl sehr, meine gute Madge?

– Gewiß, meine Tochter, mir ist’s kalt, aber diese Temperatur mißfällt mir nicht. Im Gegentheil, dieses Klima muß recht gesund sein, und ich hoffe, mich an diesem Ende von Amerika sehr wohl zu befinden. Das ist wirklich ein schönes Land hier! – Ja wohl, Madge, ein wunderbares Land, und bis jetzt haben wir von seinen Wundern nur noch sehr wenig gesehen. Laß aber unsere Reise sich bis an die Küsten des Polarmeeres ausdehnen, laß den Winter kommen mit seinen gigantischen Eisgebilden, seiner tiefen Schneedecke, seinen Borealstürmen, mit dem Nordlichte, den funkelnden Sternbildern, der langen sechsmonatlichen Nacht – dann wirst Du es begreifen, daß des Schöpfers Werk allüberall vollkommen ist!«

So sprach, bei ihrer lebhaften Einbildung, Mrs. Paulina Barnett.

In diesen entlegenen Regionen mit ihrem unerträglichen Klima sah sie nur die schönsten Phänomene der Natur. Ihr Reisetrieb überwog die Vernunft. Jetzt sog sie aus diesen Polargegenden nur die ergreifende Poesie, welche die Weisen durch die Legende fortgepflanzt und die Barden aus Ossian’s Zeiten gesungen hatten. Die nüchternere Madge aber machte sich aus den Gefahren einer Reise nach den arktischen Ländern kein Hehl, so wenig, wie aus den Leiden einer Ueberwinterung bei weniger als dreißig Graden vom Nordpole.

Wirklich unterlagen ja oft auch die Stärksten den Anstrengungen und Entbehrungen, den geistigen und körperlichen Qualen dieser rauhen Klimate. Lieutenant Jasper Hobson’s Mission gab freilich keine Veranlassung, bis zu den höchsten Breitengraden der Erdkugel vorzudringen; es handelte sich nach seinem Auftrage nicht darum, den Pol zu erreichen oder sich auch nur auf die Fährten eines Parry, Roß, Mac Clure, Kane oder Morton zu wagen. Hat man den Polarkreis aber einmal überschritten, so sind die Prüfungen fast die nämlichen, nehmen wenigstens nicht in dem Verhältniß, wie das Wachsthum der Breite, zu. Jasper Hobson dachte wohl auch gar nicht daran, über den siebenzigsten Grad hinauszugehen! Gut. Man erinnere sich aber, daß Franklin und seine Unglücksgenossen durch Hunger und Frost umgekommen sind, an einer Stelle, wo sie noch nicht einmal den achtundsechzigsten Grad nördlicher Breite passirt hatten!

In dem vom Joliffe’schen Ehepaare besetzten Schlitten war unterdessen von ganz anderen Dingen die Rede. Wahrscheinlich hatte der Corporal seinen Abschied etwas zu reichlich begossen, denn er wagte ganz ausnahmsweise anderer Ansicht zu sein, als sein Weibchen. Ja, er trotzte ihr sogar, was nur bei ganz außergewöhnlichen Gelegenheiten vorkommen konnte.

»Nein, liebe Frau, sagte der Corporal, keine Furcht! Ein Schlitten ist nicht schwieriger zu regieren, als ein Ponygespann, und der Kukuk hole mich, wenn ich nicht mit solch‘ einer Hundebespannung fertig werde.

– Dein Geschick hierzu bestreite ich ja gar nicht, entgegnete Mrs. Joliffe, Du sollst nur die Schnelligkeit der Fahrt mäßigen. Da sind wir schon an der Spitze des Zuges, und ich höre den Zuruf des Lieutenant Hobson, daß Du Deinen Platz am Ende desselben wieder einnehmen sollst.

– Laß ihn nur rufen, Frauchen, immer laß ihn rufen …«

Von neuen Peitschenschlägen angetrieben, flogen die Hunde mit dem Schlitten in wachsender Schnelligkeit dahin.

»Nimm Dich in Acht, Joliffe! mahnte seine Frau. Nicht so schnell! Es geht hier bergab!

– Bergab? erwiderte der Corporal, Du nennst das bergab?

– Ich sage es Dir noch einmal, es geht hier bergunter!

– Und ich versichere Dir, daß es bergauf geht. Da sieh‘ doch, wie die Hunde ziehen müssen!«

In Wahrheit zogen aber die Hunde keineswegs. Die Abhängigkeit des Bodens war im Gegentheil ganz auffallend. Mit schwindelnder Schnelligkeit flog der Schlitten dahin, und war jetzt den anderen schon weit voraus. Mr. und Mrs. Joliffe sprangen darin auf und nieder. Die Stöße in Folge der Unebenheit des Weges wurden häufiger. Die beiden Gatten, welche bald nach links, bald nach rechts und bald an einander geworfen wurden, schüttelte es tüchtig durch. Der Corporal wollte aber einmal auf Nichts, weder auf die Ermahnungen seiner Frau, noch auf das Zurufen des Lieutenants Hobson, hören. Da Letzterer die Gefahren dieser wilden Jagd einsah, trieb er sein eigenes Gespann an, um den Tollkopf einzuholen, und ihm folgte die ganze Karawane in demselben Sturmschritte.

Der Corporal aber flog immer tapfer weiter; seine Schnelligkeit berauschte ihn; er focht mit den Armen; rief und handhabte seine lange Peitsche, als wäre er ein vollkommener Sportsman.

»Ein prächtiges Instrument, eine solche Peitsche, sagte er, und dazu verstehen die Eskimos mit unglaublicher Geschicklichkeit mit ihr umzuspringen.

– Du bist aber kein Eskimo, fiel seine Frau ein und machte den vergeblichen Versuch, den Arm ihres tollen Schlittenlenkers fest zu halten.

– Ich habe mir sagen lassen, lallte der Corporal, ja, ich habe mir sagen lassen, daß die Eskimos jeden Zughund und auch an jeder beliebigen Stelle zu treffen wissen. Mit dem harten sehnigen Ende können sie ihm sogar ein kleines Endchen vom Ohre abschlagen, wenn sie das für passend halten. Ich werde versuchen …

– Versuche Nichts, Joliffe, thu‘ es nicht! rief die kleine auf’s Höchste erschreckte Frau.

– Keine Furcht, Mrs. Joliffe, nur keine Furcht. Ich verstehe mich darauf. Da ist gerade unser fünfter Hund, der Dummheiten macht, ich werde ihn gleich in Ordnung bringen! …«

Ohne Zweifel war aber der Corporal weder genug »Eskimo«, noch mit dem Gebrauche des langen Riemens, der bis vier Fuß über die Bespannung hinausreicht, genügend vertraut, denn pfeifend rollte sich zwar die Peitsche lang auf, schnellte aber durch einen falsch berechneten Rückschlag zurück und schlang sich um Mr. Joliffe’s Kopf und Hals, wobei auch seine Pelzkapuze verloren ging. Ohne diese dicke Mütze hätte der Corporal wahrscheinlich sein eigenes Ohr ganz empfindlich getroffen.

Gleichzeitig warfen sich die Hunde nach der Seite, der Schlitten stürzte um und die Insassen rollten in den Schnee, der zum Glück tief genug war, um sie keinen Schaden nehmen zu lassen. Aber welche Beschämung für den Corporal! Wie verdutzt sah er sein Weibchen an! Und dazu die Vorwürfe seitens des Lieutenants Hobson!

Der Schlitten ward wieder aufgerichtet, aber gleichzeitig bestimmte man, daß die Zügel von Rechts wegen nun Mrs. Joliffe zu überlassen seien. Der ganz beschämte Corporal mußte sich fügen, und der kurze Zeit unterbrochene Zug des Detachements bewegte sich weiter.

Die folgenden vierzehn Tage verliefen ohne weiteren Zufall. Die Witterung blieb dauernd günstig, die Temperatur erträglich, und am 1. Mai langte die Gesellschaft bei Fort-Entreprise an.

 

Sechzehntes Capitel.


Sechzehntes Capitel.

Die erste Hälfte des Monats September war verflossen.

Wäre Fort-Esperance am Pole selbst gelegen gewesen, d.h. also noch um zwanzig Grad nördlicher, so würde es am 21. desselben Monats die Polarnacht schon mit ihren Schatten umhüllt haben. Ueber diesem siebenzigsten Breitengrade aber zog die Sonne wohl noch einen Monat lang ihre Kreise über dem Horizonte. Nichts desto weniger sank die Temperatur schon sehr fühlbar und in der Nacht fiel das Thermometer gelegentlich bis auf -1° C. Da und dort bildete sich junges Eis, das freilich die Sonnenstrahlen während des Tages wieder schmolzen. Manchmal mischte sich ein kurzes Schneegestöber unter die Regenschauer und die Windstöße. Offenbar war die schlechte Jahreszeit nahe.

Die Bewohner der Factorei konnten dieser jedoch sorglos entgegen sehen. Der aufgespeicherte Proviant versprach die ganze Zeit über, und wohl noch länger, auszureichen. Der Vorrath an trockenem Wildpret hatte wesentlich zugenommen, auch waren noch weiter gegen zwanzig Walrosse erlegt worden. Mac Nap hatte Zeit gefunden, einen wohlverwahrten Stall für die Rennthiere, welche man im Fort hielt, und einen geräumigen Schuppen zur Aufnahme des Heizmateriales zu errichten.

Der Winter, das will sagen: die Nacht, der Schnee, das Eis, die Kälte konnten nun kommen; man war auf Alles vorbereitet.

Nach Sicherung der späteren Bedürfnisse der Bewohner des Forts faßte Jasper Hobson aber auch die Interessen der Compagnie in’s Auge. Es war die Zeit gekommen, während der die Thiere, welche ihr Winterfell wieder bekommen haben, die schätzbarste Beute sind. Jetzt konnte man sie durch Pulver und Blei erlegen, während später, wenn sich die Schneedecke gleichmäßig ausgebreitet hatte, Schlingen und Fallen aufgestellt werden sollten. Jasper Hobson organisirte also förmliche Jagdzüge.

Die Concurrenz von Seiten der Indianer war in diesen hohen Breiten kaum zu fürchten, da diese gewöhnlichen Lieferanten der Factoreien meist nur südlichere Gebiete durchstreifen. Lieutenant Jasper Hobson, Marbre, Sabine und zwei bis drei ihrer Genossen sollten also für die Compagnie jagen, und es ist einleuchtend, daß es ihnen nicht an Arbeit fehlte.

An einem Arme des kleinen Baches, etwa sechs Meilen südlich vom Fort, war ein Bibervolk bemerkt worden. Nach diesem Punkte richtete Jasper Hobson seinen ersten Ausflug.

Früher, als es die Hutmacher noch vielfach verwendeten, galt das Kilogramm Biberhaare bis zu vierhundert Franken; seitdem der Verbrauch dieses Flaumenhaares aber abgenommen hat, ist zwar auch der Preis gesunken, aber dennoch an den Rauchwaaren- Märkten ein ziemlich hoher, da diese unerbittlich und unvernünftig verfolgte Nagerfamilie dem Verschwinden nahe zu sein scheint.

Die Jäger begaben sich also nach dem bezeichneten Orte an den Fluß.

Der Lieutenant rief Mrs. Paulina Barnett’s Bewunderung hervor, als er ihr die sinnreichen Anlagen zeigte, welche diese Thiere behufs Errichtung ihrer halb unter dem Wasser erbauten Stadt getroffen hatten. Gegen hundert Biber bewohnten pärchenweise in der Nachbarschaft des Wasserlaufes ausgehöhlte Löcher, hatten aber schon den Bau ihrer Winterwohnungen begonnen, an denen sie fleißig arbeiteten.

Quer durch das schnelllaufende Wasser, welches tief genug war, um nicht vollkommen auszufrieren, hatten die Biber einen gegen die Strömung hin etwas ausgebogenen Damm erbaut; er bestand zunächst aus lothrecht und nahe an einander gestellten Pfählen, welche in wagerechter Richtung von biegsamen Baumästen umschlungen und verbunden waren. Das Ganze bedeckte eine thonige Erde, welche die Füße der Nager erst geknetet hatten, wie mit einem Cemente überdeckt.

Hierauf war der Thon mit Hilfe der breiten ovalen, horizontal abgeplatteten und schuppigen Schwänze zu einzelnen Werkstücken geformt und damit das ganze Zimmerwerk des Dammes gleichmäßig gedichtet worden.

»Dieser Damm, Madame, sagte Jasper Hobson, hat den Zweck, das Flüßchen immer bei unverändertem Wasserstande zu erhalten und gestattet er den Baumeistern der Biber, stromaufwärts ihre rundlichen Wohnungen, deren oberste Theile sie dort wahrnehmen, zu errichten. Diese Bauten sind sehr solid construirt; ihre aus Holz und Thon hergestellten Wände haben eine Stärke von zwei Fuß, und bieten als Eingang nur eine unterhalb des Wasserspiegels gelegene Oeffnung, was Jeden, der heraus oder hinein will, allerdings zum Tauchen nöthigt, aber auch die Sicherheit der Biberfamilie erhöht. Bei Zerstörung eines solchen Baues findet man ihn aus zwei Stockwerken bestehend, einem unteren, welches als Vorrathsraum dient und den Winterproviant an Zweigen, Wurzeln und Rinden enthält, und einem oberen, welches das Wasser nicht erreicht und in dem der Eigenthümer mit seinem kleinen Hausstande lebt.

– Ich sehe aber keines dieser klugen und fleißigen Thiere, sagte Mrs. Paulina Barnett. Sollte die Ansiedelung schon wieder verlassen sein?

– Nein, Madame, erwiderte Lieutenant Hobson, jetzt ruhen die Arbeiter im Schlafe aus, denn sie sind nur in der Nacht thätig und wir werden sie in ihren Höhlen überraschen!«

Wirklich verursachte der Fang dieser Nagethiere keinerlei Schwierigkeit. Binnen einer Stunde hatte man wohl hundert Stück erbeutet, und darunter Einige, deren Fell vollkommen schwarz war, von sehr hohem Handelswerthe. Die Anderen hatten auch einen seidenweichen, langhaarigen, glänzenden Pelz, der aber eine rothbraune Nuance zeigte, und unter diesem einen feinen, dichten, silbergrauen Flaum. Die Biberfelle wurden in das Magazin gebracht und unter dem Namen »Parchemins« oder »junge Biber«, je nach ihrem Werthe registrirt.

Während des ganzen Septembers und bis Mitte October wurden derartige Jagdzüge wiederholt und lieferten diese immer sehr günstige Resultate.

Dachse wurden nur in geringer Menge gefangen. Man stellte ihnen wegen ihrer Haut, welche zur Garnitur der Pferdekummete dient, und wegen der Haare nach, die man zu Bürsten und Pinseln verarbeitet. Diese Raubthiere – denn sie sind wirklich kleinen Bären gleich – gehören zu der Nordamerika eigenthümlichen Abart der Vielfraß-Dachse.

Andere zum Geschlechte der Nagethiere gehörige und dem Biber an Intelligenz sehr nahe stehende Arten erreichten in den Magazinen der Factorei eine sehr hohe Ziffer. Es waren das z. B. die einen Fuß langen Bisamratten mit sehr entwickeltem Schwänze, deren Pelz ziemlich geschätzt ist.

Eine Katzenart, welche auch dann und wann vorkam, machte die Anwendung der Feuerwaffen nöthig. Es waren das gelenkige, lebhafte Thiere mit hellröthlichem, schwarz gesprenkeltem Haar, welche selbst den Rennthieren gefährlich werden, kurz Luchse, die sich sehr wacker vertheidigen. Aber weder Marbre noch Sabine standen ihnen zum ersten Male gegenüber, und sie erlegten auch gegen sechzig dieser Thiere.

Eben so erbeutete man einige wenige Vielfraße mit sehr schönen Pelzfellen.

Hermeline zeigten sich nur selten. Diese eben so wie die Iltisse zum Mardergeschlechte gehörigen Thiere hatten ihr schönes Winterfell, welches bis auf ein kleines schwarzes Fleckchen an der Schwanzspitze ganz weiß ist, noch nicht wieder. Ihr Haar war äußerlich noch gelblich grau und röthlich darunter. Jasper Hobson hatte seinen Leuten also anempfohlen, jenes Wild für jetzt zu schonen. Man mußte warten und die Felle nach Marbre’s Ausdruck »reif« werden, d. h. durch die Winterkälte bleichen lassen. Iltisse, deren Jagd wegen des unangenehmen Geruches, den sie um sich verbreiten, sehr lästig ist, erlegte man entweder durch Umstellung der hohlen Bäume, welche ihnen als Zuflucht dienten, oder durch Flintenschüsse, wenn sie in den Aesten umher sprangen.

Die Zobelmarder waren der Gegenstand einer ganz speciellen Jagd. Es ist bekannt, wie sehr das Fell dieser Raubthiere geschätzt ist, wenn es auch im Preise etwas gegen den eigentlichen Zobel, dessen Pelz im Winter von schwärzlicher Farbe ist, zurücksteht. Dieser eigentliche Zobel tritt aber nur im nördlichen Europa und Asien, bis nach Kamtschatka hin, auf und wird von den Sibiriern lebhaft gejagt. An der amerikanischen Küste des Eismeeres begegnet man anderen Marderarten, deren Fell immerhin von hohem Werthe ist, wie der »Wison« und der »Pékan«, welche auch den Namen »canadische Marder« führen.

Während des Monates September sollten diese der Factorei nur wenige Pelzfelle liefern. Diese sehr munteren und lebhaften Thiere haben einen langen und biegsamen Körper, der ihnen auch den Namen »Vermiformes« (d. i. wurmförmige) erworben hat. Wirklich können sie sich auch strecken wie ein Wurm, und folglich durch die engsten Oeffnungen schlüpfen, weshalb sie den Nachstellungen der Jäger natürlich leicht entgehen. Während des Winters fängt man sie leichter in Fallen und Schlingen, und Marbre und Sabine erwarteten schon ungeduldig den geeigneten Augenblick, wieder zu »Trappern« (Fallenstellern) zu werden. Sie waren fest überzeugt, daß die Magazine der Compagnie bei der Rückkehr des Frühlings mit diesen gesuchten Fellen reichlich versehen sein sollten.

Zur Vervollständigung des Verzeichnisses derjenigen Pelzwaaren, welche sich in Fort-Esperance durch jene Jagden anhäuften, verdienen auch die blauen und die Silber-Füchse eine Erwähnung, da sie an den russischen so wohl, wie an den englischen Märkten als die allerkostbarsten Pelzwaaren betrachtet werden.

Allen steht der blaue Fuchs, bekannt unter dem zoologischen Namen »Isatis«, voran. Dieses hübsche Thier hat eine schwarze Schnauze, sonst aber aschfarbene, fast dunkelblonde Behaarung, sieht indeß nirgends blau aus, wie man nach seinem Namen vermuthen sollte. Sein langes, dichtes und festes Haar ist wirklich bewundernswerth und besitzt alle die Eigenschaften, welche die Schönheit eines Pelzes ausmachen: Weichheit, Festigkeit und Länge, Dichtheit und schöne Färbung. Der blaue Fuchs ist der unbestrittene König der Pelzthiere; sein Pelz gilt den sechsfachen Preis jedes anderen, und ein Pelzmantel des Kaisers von Rußland, der ganz aus Halsstücken des blauen Fuchses besteht, welche man für die hochfeinsten Theile des Felles hält, wurde auf der Londoner Weltausstellung von 1851 zu 3400 Pfund Sterlings 34,000 Oesterr. S.-Gulden, 68,000 Reichsmark. geschätzt.

Einige solcher Füchse waren in der Umgebung von Cap Bathurst erschienen, doch von den Jägern nicht erlangt worden, denn diese Raubthiere sind sehr listig, flink und schwer zu fangen, dagegen gelang es, ein Dutzend Silberfüchse zu erlegen, deren prachtvoll schwarzes Haar weiße Spitzen hat. Obgleich das Fell der Letzteren dem der blauen Füchse an Werth nicht gleichkommt, so ist dies dennoch ein kostbarer Balg, der an den Märkten Rußlands und Englands einen hohen Preis erzielt.

Der eine dieser Silberfüchse war ein vorzügliches Exemplar, der den gemeinen Fuchs an Größe überragte. Seine Ohren, Schultern und der Schwanz waren rauchschwarz, aber das feine Ende seines Schwanzes und die Spitzen der Haare um die Augen silberweiß.

Die besonderen Umstände, unter welchen dieser Fuchs getödtet wurde, verdienen eine eingehende Schilderung, denn sie rechtfertigten gewisse Befürchtungen Jasper Hobson’s eben so, wie die Vertheidigungsmaßregeln, welche zu treffen er für nöthig erachtet hatte.

Am 24. September früh hatten zwei Schlitten Mrs. Paulina Barnett, den Lieutenant, Sergeant Long, Sabine und Marbre nach der Walroß-Bai gebracht. In der Mitte von Felsen, zwischen denen wenige magere Gesträuche sproßten, hatten einige Leute des Detachements Tags vorher Spuren von Füchsen entdeckt, die es unzweifelhaft machten, daß Letztere in der Nähe umherschweiften. Die Jäger, deren Lust einmal gereizt war, drängten daher, die Fährte wieder aufzusuchen, welche ihnen eine so kostbare Beute versprach und in der That auch lieferte. Zwei Stunden nach ihrer Ankunft lag ein schöner Silberfuchs todt auf dem Boden.

Da wurden noch zwei bis drei andere Exemplare bemerkt, was die Jäger veranlaßte, sich zu theilen. Während Sabine und Marbre den Spuren des einen nachgingen, suchten der Lieutenant, Sergeant Long und Mrs. Paulina Barnett einem anderen schönen Thiere, welches sich hinter Felsstücken zu verbergen suchte, den Rückweg abzuschneiden.

Es bedurfte gegenüber diesem Fuchse, der sich schlau zu decken und keinen Körpertheil einer Kugel auszusetzen wußte, der Aufbietung der größten List.

Eine halbe Stunde währte schon diese resultatlose Verfolgung. Drei Seiten waren indessen dem Thiere abgesperrt und das Meer verschloß die vierte. Jenes mochte das Mißliche seiner Lage einsehen und beschloß derselben durch einen glücklichen Sprung zu entgehen, der dem Jäger keine andere Wahl, als die, ihn im Fluge zu schießen, übrig ließ.

Der Fuchs sprang also auf einen Felsblock, doch Jasper Hobson lauerte ihm schon auf, und in dem Augenblicke, da das Thier wie ein Schatten vorüber flog, begrüßte er es mit seiner Kugel.

Fast zu derselben Zeit donnerte ein zweiter Schuß, und der tödtlich getroffene Fuchs sank zu Boden.

»Hurrah! Hurrah! rief Jasper Hobson, der ist mein!

– Und mein!« antwortete ein Fremder, der, als Jasper Hobson eben die Hand nach dem Thiere ausstreckte, seinen Fuß darauf setzte.

Erstaunt wich Jasper Hobson zurück. Er hatte den zweiten Schuß aus Sergeant Long’s Gewehr gekommen geglaubt, und jetzt stand er vor einem vollkommen fremden Jägersmann, dessen Büchsenlauf noch rauchte.

Die beiden Rivalen maßen sich mit den Augen.

Mrs. Paulina Barnett und ihr Begleiter kamen hinzu, auch Sabine und Marbre fanden sich eiligst ein, während ein Dutzend Menschen vom Ufer her auf den Fremdling zukamen, der sich höflich vor der Reisenden verneigte.

Jener war ein hochgewachsener Mann, der vollständige Typus jener »Canada-Reisenden«, deren Concurrenz Jasper Hobson vor Allem fürchtete. Der Jäger trug noch ganz jenes traditionelle Costüm, welches Washington Irving, der amerikanische Romanschriftsteller, genau beschrieben hat: eine in Mantelform übergeschlagene Decke, ein baumwollenes Hemd mit bunten Streifen, weite kurze Tuchhosen, Gamaschen aus Leder und Schuhe aus Damfell, einen bunten Gürtel, welcher das Waidmesser, Tabaksbeutel nebst Pfeife, und einige Lagergeräthschaften barg, mit einem Worte, eine halb civilisirte und halb wilde Kleidung. Vier seiner Begleiter waren so wie er, nur minder elegant, ausgerüstet, die acht Anderen, welche als Bedeckung dienten, gehörten zu den Chipeway-Indianern.

Jasper Hobson konnte sich nicht täuschen; er hatte einen Franzosen, mindestens einen Abkommen der canadischen Franzosen, vielleicht den Agenten einer amerikanischen Compagnie vor sich, welcher die Errichtung der neuen Factorei zu beobachten entsendet war.

»Dieser Fuchs gehört mir, mein Herr, sagte Jasper Hobson nach einigen Augenblicken des Schweigens, während deren er und sein Gegner sich Auge in Auge gegenüber gestanden hatten.

– Er gehört Ihnen, falls Sie ihn getroffen haben, antwortete der Unbekannte in gutem Englisch, aber mit einem leichten fremden Accente.

– Sie irren sich, mein Herr, entgegnete Jasper Hobson lebhafter. Selbst für den Fall, daß ihn Ihre Kugel und nicht die meinige getödtet hätte!«

Ein verächtliches Lächeln antwortete dieser Behauptung, welche die ganze Anmaßung der Hudsons-Bai-Compagnie über die Territorien vom Atlantischen bis zum Stillen Oceane wiederspiegelte.

»Sie betrachten also, fuhr der Fremdling fort, während er sich gefällig auf die Mündung seines Gewehres stützte, die Hudsons-Bai-Compagnie als vollkommene Herrin über die Gebiete des nördlichen Amerikas?

– Ohne Zweifel, erwiderte Lieutenant Hobson, und wenn Sie, mein Herr, wie ich voraussetze, etwa einer amerikanischen Gesellschaft angehören…

– Der Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis, bekannte der Jäger mit einer Verneigung.

– Ich meine, dann sollten Sie, fuhr der Lieutenant fort, sich doch veranlaßt fühlen, die Acte aufzuweisen, welche Ihnen in irgend einem Theile dieses Gebietes ein Jagdrecht zugesteht.

– Acten! Privilegien! sagte verächtlich der Canadier, das sind Worte aus dem altersschwachen Europa, welche in Amerika einen schlechten Klang haben.

– Sie sind auch nicht auf amerikanischem, sondern auf englischem Grund und Boden! belehrte ihn Jasper Hobson mit Stolz.

– Herr Lieutenant, antwortete der Jäger, der nun auch seinerseits etwas wärmer wurde, jetzt ist wohl nicht der geeignete Zeitpunkt, über diese Frage zu debattiren. Die Ansprüche Englands im Allgemeinen und die der Hudsons-Bai-Compagnie im Besonderen, welche bezüglich dieser Jagdgebiete geltend gemacht werden, sind uns schon seit langer Zeit bekannt; doch denke ich, der Tag soll nicht mehr fern sein, wo die Ereignisse diese Sachlage ändern sollen, und Amerika von der Magelhaens-Straße bis zum Nordpole wirklich amerikanisch sein wird.

– Das glaube ich nicht, erwiderte trocken der Lieutenant.

– Wie dem auch sei, mein Herr, entgegnete unbeirrt der Canadier, ich schlage Ihnen vor, die internationale Seite der Frage nicht zu betonen. Was sich die Compagnie auch anmaße, so liegt es doch auf der Hand, daß die nördlichsten Theile des Continentes dem zugehören, der sie besetzt, und vor Allem gilt das vom Küstengebiete. Sie haben bei Cap Bathurst eine Factorei gegründet; gut, so werden wir nicht in Ihrem Gebiete jagen; Ihrerseits erwarte ich aber auch, daß Sie unsere Grenzen respectiren, wenn die Pelzwaaren-Gesellschaft von St. Louis an einer anderen Stelle der Nordküste eine Factorei errichtet haben wird.«

Jasper Hobson’s Stirne faltete sich. Der Lieutenant erkannte es zu klar, daß die Hudsons-Bai-Compagnie in nächster Zukunft gefährliche Rivalen bis hinauf an die nördliche Küste haben, daß man ihre Ansprüche auf den ganzen Norden Amerikas nicht anerkennen, und mancher Kugelwechsel zwischen den Concurrenten stattfinden werde. Aber auch er konnte sich der Einsicht nicht verschließen, daß jetzt nicht der geeignete Augenblick sei, die Privilegienfrage zu discutiren, und sah es nicht ungern, daß der im Uebrigen höfliche Jäger die Rede wieder auf etwas Anderes lenkte.

»Was nun die Angelegenheit betrifft, welche uns entzweit, sagte der Canada-Reisende, so ist diese doch nur von sehr untergeordneter Bedeutung, und ich denke, wir schlichten sie nach Waidmanns-Brauch. Ihr und mein Gewehr haben sicher verschiedenes Caliber, und unsere Kugeln werden leicht wieder zu erkennen sein. Der Fuchs gehöre also Demjenigen, der ihn wirklich getödtet hat.«

Der Vorschlag war gerecht. Die Frage nach dem Eigentumsrechte an dem Thiere konnte auf diese Weise mit Gewißheit entschieden werden.

Der Cadaver des Fuchses wurde also untersucht. Er hatte von den zwei Jägern auch zwei Kugeln bekommen. Die eine saß ihm in der Seite, die andere in der Brust. Die Kugel des Canadiers war diese Zweite.

»Das Thier gehört Ihnen, mein Herr«, sagte Jasper Hobson, der seine Enttäuschung, sich eines so kostbaren Balges durch fremde Hand beraubt zu sehen, nur schlecht verhehlte.

Der Reisende nahm den Fuchs auf; doch als man schon glaubte, daß er ihn über die Schulter werfen und davon gehen werde, schritt er mit einer weltmännischen Verneigung auf Mrs. Paulina Barnett zu.

»Die Damen lieben ja schönes Pelzwerk, sagte er. Wüßten sie, mit welchen Mühen, ja manchmal, mit welchen Gefahren man dieses zuerst erlangt, sie würden wohl nicht immer eine solche Sehnsucht darnach haben! Doch, sie lieben es einmal! Erlauben Sie mir also, Madame, Ihnen dieses Stück zur Erinnerung an unser Zusammentreffen zu überreichen.«

Mrs. Paulina Barnett zögerte, das Geschenk anzunehmen, der canadische Jäger hatte das kostbare Fell aber mit solcher Verbindlichkeit und so gutherzig angeboten, daß es beleidigend für ihn gewesen wäre, es abzuschlagen.

Die Reisende nahm es also mit einem Danke gegen den Fremdling an.

Dieser verneigte sich noch einmal vor Mrs. Paulina Barnett, grüßte die Engländer und verschwand, gefolgt von seinen Begleitern, hinter den Uferfelsen.

Der Lieutenant begab sich mit den Seinigen auf den Rückweg nach Fort-Esperance. Jasper Hobson wanderte aber in Gedanken vertieft dahin. Die Lage des durch seine Mühen gegründeten Etablissements war nun einer rivalisirenden Gesellschaft bekannt, und diese Begegnung mit dem Canada-Reisenden ließ ihn für die Zukunft die größten Schwierigkeiten vorhersehen.

Siebenzehntes Capitel.


Siebenzehntes Capitel.

Man schrieb den 21. September. Die Sonne stand im Herbst-Aequinoctium, das heißt, Tag und Nacht waren auf der ganzen Erdkugel von gleicher Dauer. Die Abwechselung zwischen Licht und Finsterniß hatte den Insassen des Fort-Esperance, welche während der Stunden der Dunkelheit natürlich besser schliefen, zu großer Befriedigung gedient. Das Auge ruht dabei aus und stärkt sich wieder, vorzüglich, wenn einige Monate ununterbrochenen Sonnenlichtes es hartnäckig ermüdet hatten.

Es ist bekannt, daß die Fluth zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche eine besonders hohe ist, da sich Sonne und Mond dabei in Conjunction befinden und die Summe ihres Einflusses die Intensität jener Erscheinung erhöht. Es war das also eine Veranlassung, die Fluth an der Küste des Cap Bathurst mit möglichster Sorgsamkeit zu beobachten. Einige Tage vorher hatte Jasper Hobson deshalb verschiedene Merkzeichen, eine Art Seehöhenmesser, angebracht, um den Unterschied zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Wasserstande genau kennen zu lernen. Auch dieses Mal fand er es, trotz aller Angaben früherer Beobachter, bestätigt, daß der Einfluß der Sonne und des Mondes sich an diesem Theile des Eismeeres kaum bemerkbar machte. Die Fluth war eben annähernd gleich Null, – was den Berichten so vieler anderer Seefahrer widersprach.

»Hier liegt etwas vor, was nicht natürlich ist!« sagte sich dabei der Lieutenant Hobson.

Er wußte in der That nicht, was er davon zu halten habe. Da ihn aber andere Sorgen in Anspruch nahmen, beschäftigte er sich mit der Erklärung dieser Eigenthümlichkeit nicht allzulange.

Am 29. September trat in dem Zustande der Atmosphäre eine wesentliche Veränderung ein. Das Thermometer fiel auf 5° unter Null. Der Himmel war mit Dünsten erfüllt, welche sich auch bald als Schnee niederschlugen. Die schlechte Jahreszeit rückte heran.

Mrs. Joliffe beschäftigte sich, bevor der Schnee den Boden bedeckte, mit ihren Sämereien. Es stand zu hoffen, daß die nicht überempfindlichen Sauerampher- und Löffelkrautsamen, wenn sie durch die Schneedecke geschützt waren, der Rauhigkeit des Klimas widerstehen und im Frühlinge hervorknospen würden. Ein hinter dem ansteigenden Cap gelegenes Terrain von mehreren Ackern war vorher zugerichtet worden, und wurde nun in den letzten Tagen des Septembers besäet.

Jasper Hobson wollte nicht die strenge Kälte abwarten, um seine Gefährten die Winterkleidung wieder anlegen zu lassen. Alle eilten auch, sich entsprechend zu bekleiden, und trugen nun Wolle auf dem bloßen Körper, Ueberzieher von Damhirschfell, Beinkleider von Robbenhaut, Pelzmützen, und für Wasser undurchlässige Stiefeln. Gleichzeitig machten auch die Wohnräume so zu sagen Wintertoilette. Die Holzwände wurden nämlich mit Pelzfellen überdeckt, um zu verhindern, daß sich bei zufälligen Temperaturerniedrigungen Eisschichten an ihrer Oberfläche ablagerten. Meister Raë setzte zu derselben Zeit die Condensatoren in Stand, welche den in der Luft verbreiteten Wasserdampf aufnehmen und zweimal wöchentlich entleert werden sollten. Das Feuer im Ofen wurde nach den Schwankungen der Luftwärme so regulirt, daß das Thermometer in den Wohnräumen immer +10° Celsius zeigte. Bald mußte das Haus ja auch mit einer dicken Schneelage bedeckt sein, welche gegen jeden Verlust der Wärme seines Innern schützte. Mit diesen Hilfsmitteln hoffte man den beiden furchtbarsten Feinden der Ueberwinternden, der Kälte und der Feuchtigkeit, siegreich entgegen zu treten.

Am 2. October war die Thermometersäule noch weiter gesunken, und der erste dauernde Schnee umhüllte die ganze Umgebung des Cap Bathurst. Die leichte Brise veranlaßte keinen eigentlichen in den Polarländern so bekannten Schneewirbel, denen die Engländer den Namen »Drifts« gegeben haben. Ein weißer, gleichmäßig gelagerter Teppich breitete sich bald über das Cap, die Umzäunung des Forts und das Küstenland. Nur die Gewässer des Sees und des Meeres waren noch nicht in Banden geschlagen, und stachen durch ihre graue, trübe, fast schmutzige Farbe grell gegen alles Andere ab. Am nördlichen Horizonte aber gewahrte man schon die ersten Eisberge, welche sich scharf am Himmel abzeichneten. Es bildeten diese noch keine eigentliche Schollenwand, aber die Natur häufte langsam das Material zusammen, welches die Kälte bald zu einer unübersteiglichen Schranke verlöthen sollte.

Uebrigens währte es nicht lange, bis das »junge Eis« die Oberfläche des Meeres und des Sees fest überzog. Die Lagune kam zuerst an die Reihe. Da und dort wurden ausgedehnte weißlich-graue Stellen auf ihr sichtbar, die Vorzeichen des baldigen Gefrierens, das durch die Ruhe der Atmosphäre sehr begünstigt wurde. Und als sich das Thermometer eine Nacht über auf – 9° Celsius gehalten hatte, zeigte der See am anderen Tage eine Eisfläche, welche auch die wählerischsten Schlittschuhläufer der Serpentine 3 befriedigt hätte. Am fernen Horizonte nahm der Himmel nun eine eigenthümliche Färbung an, der die Walfänger die Bezeichnung »Blink« gegeben haben, und welche von dem Wiederschein der Eisfelder herrühren soll. Bald fror auch das Meer auf ungeheure Strecken hinaus zu, nachdem sich durch einzeln angeschobene Schollen ein weites Eisfeld längs der Küste gebildet hatte. Es bot dieses freilich nicht eine Spiegeloberfläche, wie das Eis des Sees, da es bei seiner Entstehung durch die Wellenbewegung gestört worden war. Da und dort schwankten einzelne Schollen noch auf und ab, schwimmende Eisblöcke, welche unter dem Namen »Drift-ices« bekannt sind, und an manchen Stellen ragten verschieden geformte und manchmal sehr steile Erhöhungen hervor, welche ihre Bildung dem allseitigen Drucke verdanken und die die Walfänger »Hummocks« (Spitzhügel) benennen.

Schon nach wenigen Tagen hatte sich der Anblick des Cap Bathurst und seiner Umgebung vollkommen verändert. Mit fortwährender Bewunderung verfolgte Mrs. Paulina Barnett dieses ihr so neue Schauspiel. Mit welchen Mühen und Anstrengungen hatte sie sich doch die Betrachtung desselben erkauft! Es giebt aber auch nichts Erhabeneres, als diesen Eintritt der kalten Jahreszeit, diese Besitznahme der Polarländer durch den Winterfrost. Kein Aussichtspunkt, kein Landschaftsbild, wie sie sich der Erinnerung der Mrs. Paulina Barnett bis hierher eingeprägt hatten, war wieder zu erkennen. Die Gegend erschien wie umgewandelt. Ein neues Land, mit dem Stempel der großartigsten Trauer, erzeugte sich vor ihren Blicken. Die Einzelheiten gingen unter, so daß der Schnee der Landschaft nur ihre gröberen Linien übrig ließ, und auch diese waren durch die Dunstmassen nur unklar sichtbar. Das Ganze war aber doch ein Schmuck, der dem früheren mit magischer Schnelligkeit folgte. Da war kein Meer zu sehen, wo früher der weite Ocean sich dehnte; kein Erdboden mit wechselnden Farben, sondern ein gleichmäßiger, blendender Teppich. Keine Wälder von verschiedenen Bäumen, sondern ein Gewirr ihrer blätterlosen Silhouetten, welche der Rauchfrost sein überzog. Keine strahlende Sonne gab es mehr? sondern an ihrer Stelle eine bleiche Scheibe, welche sich durch den Nebel schleppte und kaum während einiger Stunden des Tages einen sehr gedrückten Bogen beschrieb. Auch der Meereshorizont, der sich sonst so scharf vom Himmel abhob, war verschwunden; dagegen bildete eine launenhaft unterbrochene Kette von Eisbergen jene unübersteigliche Schollenschranke, welche die Natur zwischen dem Nordpole und den kühnen Reisenden, die nach ihm zu gelangen trachten, aufgethürmt hat.

Welchen Stoff für Gespräche, welche Fülle von Beobachtungen dieser Wechsel der Außenwelt bot, wird man sich leicht vorstellen können. Nur Thomas Black blieb allein von den Reizen dieses Schauspiels ungerührt. Was konnte man auch Anderes von dem so sehr beschäftigten Astronomen erwarten, der bis jetzt bei dem Personal der Colonie in der That kaum mitzählte. Der verschlossene Gelehrte lebte ja nur in der Beobachtung der Himmelserscheinungen und erging sich einzig in den Azurstraßen des Firmamentes; er verließ manchmal einen Stern, aber blos, um sich schnell nach einem anderen zu begeben. Und eben jetzt verschleierte sich ihm der Himmel, die Sternbilder verschwanden seinem Auge, jetzt wälzte sich ein undurchdringlicher Nebel zwischen ihm und dem Zenithe hin! O, wie wüthend er darüber war! Dennoch beruhigte er sich bei Jasper Hobson’s tröstlicher Versicherung, daß binnen Kurzem schöne, frosthelle Nächte, welche zu astronomischen Beobachtungen besonders günstig wären, eintreten müßten, und dazu Nordlichter, Mondhöfe, Nebenmonde und andere Erscheinungen, welche den Polarländern eigenthümlich sind, seine astronomische Bewunderung hervorrufen sollten.

Inzwischen war die Temperatur noch recht erträglich. Es blieb auch windstill, und vorzüglich ist es ja die bewegte Luft, welche die Empfindung des Frostes so sehr steigert. Einige Tage setzte man demnach die Jagden noch fort. Weitere Mengen von Pelzfellen häuften sich in den Magazinen der Factorei an, weitere Proviantvorräthe in der Speisekammer. Rebhühner und Schneegänse flohen nach milderen Gegenden, kamen dabei zu Hunderten vorüber, und lieferten eine frische, gesunde Fleischkost.

Auch Polarhasen, welche nun den Winterpelz trugen, gab es jetzt. Etwa hundert dieser schmackhaften Nagethiere vergrößerten die Reserven des Forts.

Dazu erschienen große Züge sogenannter »Pfeifer-Schwäne«, eine im nördlichen Amerika vorkommende schöne Abart, von welcher die Jäger einige Paare tödteten. Es waren prächtige, vier bis fünf Fuß lange Thiere, mit weißem Gefieder, aber kupferfarben am Kopfe und oberen Theile des Halses. Im Begriff, in einer gastlicheren Zone die zu ihrer Nahrung nöthigen Wasserpflanzen und Insecten zu suchen, flogen sie auffallend schnell, denn auf dem Wasser und in der Luft sind sie gleichmäßig in ihrem Elemente. Andere Schwäne, sogenannte »Trompeter-Schwäne«, deren Schrei dem Tone eines Signalhornes ähnelt, wurden ebenfalls in großen Schwärmen bemerkt. Weiß wie die Pfeifer, hatten sie auch ungefähr deren Gestalt, aber schwarze Schnäbel und Schwimmfüße. Weder Marbre, noch Sabine waren so glücklich, einen dieser Trompeter zu erlegen, sie riefen ihnen aber ein sehr bezeichnendes »Auf Wiedersehen!« zu. Mit den ersten Frühlingswinden kommen diese Vögel nämlich in der Regel wieder und werden dann mit Leichtigkeit gefangen. Wegen ihrer Haut, ihrer Federn und ihres Flaums wird ihnen von Jägern und Indianern eifrig nachgestellt, und in ergiebigen Jahren versenden die Factoreien diese Schwäne zu Zehntausenden nach den Märkten der alten Welt, wo sie mit einer halben Guinee das Stück bezahlt werden.

Bei diesen nur wenige Stunden dauernden und zudem oft von schlechter Witterung unterbrochenen Ausflügen begegnete man auch nicht selten ganzen Banden von Wölfen. Es war nicht nöthig, deshalb weit zu gehen, da diese vom Hunger getrieben nahe genug an die Factorei herankamen. Sie besitzen einen sehr feinen Geruch und wurden von den Ausdünstungen der Küche angelockt, so daß man während der Nacht oft ihr schauerliches Geheul hörte. Wenn diese Raubthiere vereinzelt auch nicht gerade gefährlich sind, so können sie es doch durch ihre große Anzahl werden, was die Jäger nöthigte, die Umplankung des Forts niemals unbewaffnet zu überschreiten.

Auch die Bären wurden jetzt angriffslustiger. Es verging kein Tag, ohne daß sich nicht einige dieser Thiere zeigten. In der Nacht streiften sie wohl bis an die Palissadenwand heran, so daß verschiedene angeschossen wurden, deren blutige Spur dann auf dem Schnee zu finden war. Bis zum 10. October hatte aber noch keiner sein warmes und kostbares Pelzfell in den Händen der Jäger gelassen; übrigens erlaubte Jasper Hobson seinen Leuten jetzt auch noch nicht, diese gefährlichen Gesellen anzugreifen. Er hielt es für besser, ihnen gegenüber die Defensive zu bewahren, da zu erwarten stand, daß sie später der Hunger treiben werde, Fort-Esperance vielleicht unmittelbar anzugreifen. Dann wollte man ihnen natürlich gegenübertreten und sich auf jeden Fall den nöthigen Vorrath einsammeln.

Einige Tage lang hielt sich das Wetter trocken und kalt. Der Schnee bot eine harte Oberfläche, welche das Gehen darauf leicht gestattete.

Man unternahm deshalb auch einige Ausflüge nach der Küste und dem Gebiete im Süden des Forts. Der Lieutenant wünschte zu erfahren, ob von den Agenten der Pelzwaaren-Gesellschaft in St. Louis, im Fall sie sein Territorium verlassen hätten, Spuren zu finden wären; doch war alles Nachsuchen vergeblich. Wahrscheinlich waren die Amerikaner nach einem südlicher gelegenen Fort abgezogen, um dort den Winter zu verbringen.

Die schönen Tage währten aber nicht allzu lange und in der ersten Woche des Novembers fiel, bei gleichzeitigem Umspringen des Windes nach Süden und merkbarem Steigen der Temperatur, außerordentlich reichlich Schnee. Tagtäglich mußten die Zugänge zum Hause mühsam gereinigt und je ein Gang nach dem Thore, dem Schuppen, dem Rennthier- und dem Hundestalle freigelegt werden. Ausflüge wurden nun seltener und waren nur unter Anwendung der sogenannten Schneeschuhe auszuführen.

Wenn die Schneedecke nämlich durch die Kälte erhärtet ist, trägt sie ja das Gewicht eines Menschen ganz sicher, und bietet dem Fuße einen festen Stützpunkt. Das Gehen ist im Allgemeinen also dadurch nicht behindert. Ist dieser Schnee aber weich, so vermöchte Niemand einen Schritt über denselben zu thun, ohne bis zum Knie einzusinken; dann eben machen die Indianer von jenen Schneeschlittschuhen Gebrauch.

Lieutenant Hobson und seine Leute waren in der Anwendung dieser »Snow-shoes« vollkommen geübt und erreichten auf dem mürben Schnee wohl die Schnelligkeit eines Schlittschuhläufers. Auch Mrs. Paulina Barnett hatte sich ja schon an dieses seltsame Schuhwerk gewöhnt, und wetteiferte bald an Geschwindigkeit mit ihren Gefährten. Derartige schnelle Spaziergänge wurden sowohl auf dem Eise des Sees, als auch an der Küste unternommen. Einige Meilen weit konnte man sich sogar auf die feste Oberfläche des Oceans hinauswagen, denn dessen Eis hatte schon eine Dicke von mehreren Fußen. Eine solche Excursion war freilich der holprigen Eisfläche wegen etwas anstrengender, denn allenthalben traf man auf über einander geschobene Schollen, mußte Spitzhügel umkreisen und hatte weiterhin die Kette von Eisbergen oder vielmehr die Schollenmauer, welche durch ihren wohl fünfhundert Fuß hohen Kamm ein unübersteigliches Hinderniß darstellte, vor sich. Diese malerisch über einander gehäuften Eisberge boten einen prächtigen Anblick. An einer Stelle glaubte man wohl die weißen Ruinen einer Stadt mit ihren Monumenten, Säulenhallen und niedergelegten Wällen vor sich zu haben; an einer anderen aber eine vulkanische Landschaft, eine Anhäufung von Eisschollen, welche ganze Bergketten mit überragenden Gipfeln, Widerlagern und Thälern, kurz, eine ganze Schweiz aus Eis bildeten! Einige spät wegziehende Vogelarten, wie die Sturmvögel und Wasserscheerer, belebten noch diese Einöde mit ihrem durchdringenden Geschrei. Große weiße Bären trotteten zwischen den Spitzhügeln, bei deren blendender Weiße sie schwer zu unterscheiden waren, umher.

Neue Eindrücke und Aufregungen fehlten der Reisenden wahrlich nicht. Die treue Madge theilte sie stets an ihrer Seite. Wie unendlich fern waren die Beiden jetzt von den Tropenzonen Indiens oder Australiens!

Mehrere Ausflüge wurden auf dem übereisten Oceane unternommen, dessen dicke Kruste ganze Artillerieparks, selbst die schwersten Denkmale getragen hätte. Bald aber erwiesen sie sich so mühselig, daß man sie endgiltig aufgeben mußte. Die Temperatur sank nämlich beträchtlich, und die kleinste Arbeit, die geringste Anstrengung verursachte Jedermann eine fast betäubende Lähmung. Auch die Augen litten jetzt von der intensiven Weiße des Schnees, und war die Rückstrahlung von derselben, welche die Ursache von so häufiger Blindheit bei den Eskimos ist, auf keinen Fall lange zu ertragen. Zudem beurtheilte man, in Folge einer eigenthümlichen Erscheinung, welche ihre Erklärung in der Brechung der Lichtstrahlen findet, Entfernungen und Tiefen nicht mehr richtig. Oft war eine Entfernung von fünf bis sechs Fuß zwischen zwei Eisstücken, die das Auge trotzdem nur auf zwei Fuß schätzte. In Folge dieser optischen Täuschung kam man auch sehr häufig und oft sehr empfindlich zum Fallen.

Am 14. October zeigte das Thermometer -16° Celsius, eine Temperatur, welche deshalb sehr rauh war, weil sie ein starker Wind begleitete. Die Luft stach, wie mit Nadeln. Wer außerhalb des Hauses zu verweilen wagte, lief immer Gefahr, schnell den oder jenen Körpertheil zu erfrieren, wenn er die Blutcirculation in demselben durch Frictionen mit Schnee nicht eiligst wieder herzustellen suchte. Mehrere Insassen des Forts, z. B. Garry, Belcher und Hope, machten diese üble Erfahrung, kamen aber durch rechtzeitige Hilfe noch ohne dauernden Nachtheil davon.

Selbstverständlich wurde unter solchen Verhältnissen jede Handarbeit im Freien unmöglich. Dazu waren die Tage in dieser Jahreszeit außerordentlich kurz; nur einige Stunden lang verweilte die Sonne über dem Horizonte, auf welche dann eine lange dauernde Dämmerung folgte. Die eigentliche Ueberwinterung, das heißt, die Beschränkung auf den geschlossenen Raum, nahte nun heran. Schon hatten die letzten Polarvögel das düsterer werdende Küstengebiet verlassen. Nur wenige Pärchen gefleckter Falken hielten noch aus, denen die Indianer auch den Namen »Wintergäste« beigelegt haben, weil sie in den Eisregionen bis zum Eintritt der eigentlichen Polarnacht ausharren. Aber auch diese mußten bald verschwinden.

Lieutenant Hobson betrieb also die Vollendung der noch nöthigen Arbeiten, das heißt, das Aufstellen von Fallen und Schlingen, mit welchen Cap Bathurst den Winter über umgeben werden sollte.

Diese Fallen bestanden im Wesentlichen aus sehr schweren Bohlenwänden, welche durch drei in Form einer 4 aufgestellte und leicht umzustoßende Holzstücke gehalten wurden. Sie waren also den Fallen, wie sie die Vogelsteller in den Feldern anwenden, ganz ähnlich, nur in vergrößertem Maßstabe ausgeführt. Das Ende des horizontalen Holzstückes trug als Köder ein Stück Wildpret, und mußte jedes mittelgroße Thier, wie ein Fuchs oder Zobelmarder, das nur mit der Tatze daran rührte, unfehlbar erschlagen werden. Ganz so sind die Fallen beschaffen, welche die berühmten Jäger, deren abenteuerliches Leben Cooper so dichterisch schildert, oft auf einem Raum von mehreren Meilen verstreut aufstellen. Rund um Fort-Esperance brachte man gegen dreißig solcher Fallen an, welche in kurzen Zwischenräumen untersucht werden sollten.

Am 12. November vermehrte sich die Colonie um ein neues Mitglied. Mrs. Mac Nap gab einem tüchtigen, wohlgestalteten Jungen das Leben, den der Meister Zimmermann stolz umherzeigte. Mrs. Paulina Barnett wurde die Pathe des kleinen Bürschchens, dem man die Vornamen »Michael Esperance« gab. Die Taufceremonie verlief mit möglichster Feierlichkeit, und zu Ehren des kleinen Wesens, das oberhalb des siebenzigsten Breitengrades das Licht der Welt erblickt hatte, wurde der ganze Tag als Festtag begangen.

Wenige Tage später, am 20. November, blieb die Sonne zum ersten Male ganz unter dem Horizonte, um nun erst nach zwei Monaten wieder zu kehren. Die Polarnacht hatte ihren Anfang genommen.

 

  1. Ein kleiner Fluß im Hyde-Park zu London.

Achtzehntes Capitel.


Achtzehntes Capitel.

Diese lange Winternacht führte sich mit einem heftigen Sturme ein. Die Kälte war vielleicht etwas minder lebhaft, aber die Atmosphäre ungemein feucht. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln drang Letztere in das Haus ein und jeden Morgen enthielten die Condensatoren einige Pfund Eis.

Draußen wirbelte ein furchtbares Gestöber. Der Schnee fiel nicht mehr vertical, sondern nahezu horizontal. Jasper Hobson mußte das Oeffnen der Thüre vollständig untersagen, da zu befürchten war, daß der Vorraum sich sofort anfüllen möchte. Die Ueberwinterer waren nun in der That Gefangene.

Die Fensterläden wurden möglichst luftdicht verschlossen. Stets waren also die Lampen in Brand und beleuchteten die langen Stunden dieser nicht dem Schlafe gewidmeten Nacht.

Wenn aber auch außerhalb des Hauses Dunkelheit herrschte, so war an die Stelle des Schweigens in dieser hohen Breite das Getöse des Sturmes getreten. Der Wind, welcher zwischen dem Hause und der Ufererhöhung hindurch fegte, erzeugte einen langen, klagenden Ton. Wenn er sich an das Wohnhaus stieß, erzitterte dieses in seinen Grundpfeilern, so daß es ihm ohne die Solidität seiner Construction schwerlich hätte Widerstand leisten können. Zum Glück brach der sich ringsum anhäufende Schnee die Gewalt seiner Stöße. Mac Nap fürchtete nur für die Rauchfänge, deren äußerer aus Kalkziegeln errichteter Theil dem Drucke leicht nachgeben könnte. Indeß auch diese widerstanden, nur mußte man ihre vom Schnee verstopften Mündungen öfter reinigen.

Mitten durch das Pfeifen des Sturmes ließ sich dann und wann auch ein eigenthümliches Krachen hören, über das Mrs. Paulina Barnett sich keine Rechenschaft geben konnte. Dasselbe rührte von dem Sturze von Eisbergen her, dessen Geräusch das Echo vervielfältigte und es dem Donner ähnlich wiedergab. Unaufhörlich drang auch eine Art Knattern, von der Verschiebung des Eisfeldes, welche die Bergstürze veranlaßten, herrührend, an das Ohr. Wohl mußte man an das Wüthen der Elemente in diesen rauhen Klimaten schon gewöhnt sein, um sich dabei nicht bedrückt und geängstigt zu fühlen. Bei Lieutenant Hobson und seinen Leuten war das schon der Fall; Mrs. Paulina Barnett und Madge härteten sich allmälig dagegen ab. Sie hatten bei ihren Reisen auch schon jene furchtbaren Stürme mit erlebt, welche über zwanzig Meilen in der Stunde durchrasen und einen Vierundzwanzigpfünder von der Stelle rücken. Hier am Cap Bathurst aber wurde ein solches Naturereigniß durch die Nacht und den Schnee noch grauenvoller. Wenn dieser Wind das Haus auch nicht zertrümmerte, so begrub er es doch, und die Befürchtung lag nicht fern, daß zwölf Stunden Sturm hinreichen würden, die ganze Ansiedelung unter einer gleichmäßigen Schneedecke einzusargen.

Während dieser Gefangenschaft kam nun das Leben im Inneren in seine Gleise. Alle die wackeren Leute verstanden sich unter einander, und dieses Zusammenleben in so engem Räume gab dennoch zu keiner Belästigung oder Klage Veranlassung. Sie hatten sich ja übrigens von Fort-Reliance und Fort- Entreprise her gewöhnt, unter solchen Verhältnissen zu leben. Mrs. Paulina Barnett verwunderte sich also nicht besonders, zu sehen, wie leicht Alle zu leiten und zu behandeln waren.

Die Arbeit auf der einen, Lectüre und Spiele auf der anderen Seite nahmen jeden Augenblick in Anspruch. Die Arbeit bestand in der Anfertigung und Ausbesserung von Kleidungsstücken, der Instandhaltung der Waffen, der Verfertigung von Schuhwerk, der Abfassung des von Jasper Hobson geführten Tagebuches, welches auch die kleinsten Vorkommnisse des Winteraufenthaltes, aber auch über das Wetter, die Temperatur, die Windrichtung, die Erscheinung der in den Polargegenden so häufigen Meteore u.s.w. berichtete. Sie bestand aber auch in der Instandhaltung des Hauses selbst, der Reinigung der Zimmer, der täglichen Besichtigung der aufgespeicherten Pelzwaaren, denen die Feuchtigkeit Schaden bringen konnte; ferner in der Ueberwachung der Feuer und des Zuges in den Oefen und endlich in der unausgesetzten Jagd nach jeder Spur von Feuchtigkeit, welche sich in den Ecken ansammelte. Einem Jeden war, entsprechend den Vorschriften eines in dem großen Saale angehefteten Reglements, bei dieser Arbeit sein Theil zugewiesen. Ohne über die Maßen angestrengt zu sein, hatten die Bewohner des Forts doch stets Etwas zu thun. Während dieser Zeit zerlegte Thomas Black seine Instrumente und schraubte sie wieder zusammen, oder prüfte seine astronomischen Berechnungen; fast immer in seiner Cabine eingeschlossen, schimpfte er höchstens auf den Sturm, der ihm jede nächtliche Beobachtung raubte. Von den drei verheirateten Frauen hatte Mrs. Mac Nap mit ihrem lustig gedeihenden Säuglinge alle Hände voll zu thun, während Mrs. Joliffe mit Unterstützung der Mrs. Raë und dem unvermeidlichen »Topfgucker« von Corporal die Küchengeschäfte besorgte.

Zu gewissen Stunden, Sonntags aber den ganzen Tag über, erging man sich vereinigt in verschiedenen Zerstreuungen. Diese bestanden vor Allem in Lectüre. Die Bibel und einige Reisewerke bildeten allerdings die ganze Bibliothek des Forts, aber auch dieses Wenige genügte den wackeren Leuten. Für gewöhnlich las Mrs. Paulina Barnett zum großen Vergnügen ihrer Zuhörer vor. Die biblischen Geschichten, so wie die Reiseberichte, gewannen einen ganz besonderen Reiz, wenn sie mit ihrer volltönenden, sicheren Stimme einige Kapitel aus dem heiligen Buche vortrug. Die sinnbildlichen Persönlichkeiten, die Helden der Legende belebten sich und traten überzeugend vor die Augen. Mit großer Befriedigung sahen Alle stets die Stunde heran kommen, in der die liebenswürdige Frau ihr Buch zur Hand nehmen sollte. Sie war wirklich die Seele dieser kleinen Welt, belehrte sich und andere, fragte um Rath und theilte solchen aus und blieb immer und überall zu einem gewünschten Dienste bereit. Sie vereinigte alle Liebe und Güte des Weibes in sich, verband sie aber mit der geistigen Energie des Mannes. Dieses Doppelwesen hatte in den Augen der rauhen Soldaten einen doppelten Werth. Sie waren ganz vernarrt in sie und hätten nicht gezaudert, ihr Leben für sie zu lassen. Es verdient auch Erwähnung, daß Mrs. Paulina Barnett die allgemeine Lebensweise in Allem theilte, sich nicht in ihrer Cabine abschloß, sondern mitten unter ihren Gefährten arbeitete und durch ihre Reden und Fragen Jedermann in die allgemeine Unterhaltung hineinzog. Nichts feierte also in Fort-Esperance, weder Hände, noch Zungen. Man arbeitete, plauderte und, was das Wichtigste ist, man befand sich wohl dabei. Bei guter Laune und vortrefflicher Gesundheit wurde man der Langeweile während dieser Einsperrung Meister.

Der Sturm schien sich gar nicht legen zu wollen. Drei Tage lang waren die Ueberwinternden schon einzig auf das Haus beschränkt, und immer noch währte das Schneetreiben mit unverminderter Heftigkeit fort. Jasper Hobson wurde unruhig. Die mit Kohlensäure überladene Atmosphäre des Hausinneren mußte nothwendig einmal erneuert werden, denn schon brannten die Lampen in der ungesunden Luft nur trübe. Man gedachte also die Luftpumpen in Betrieb zu setzen. Die Rohre fanden sich aber, wie es ja zu erwarten stand, durch Eis verstopft und functionirten nicht; sie waren auch nur für den Gebrauch in dem Falle bestimmt, daß das Haus nicht unter solchen Unmassen von Schnee vergraben lag. Jetzt war guter Rath theuer. Lieutenant Hobson berieth mit Sergeant Long die Sachlage und beschloß, am 23. November eines der Fenster der Vorderseite, welches in dem Vorraume angebracht war, zu öffnen, da der Sturmwind dort noch am wenigsten anschlug.

Es war das keine so leichte Arbeit. Der Fensterflügel schlug zwar bald nach innen auf, der Laden aber, der von hart gewordenen Eisstücken gehalten wurde, trotzte jeder Anstrengung, so daß er endlich aus den Angeln gehoben werden mußte. Hierauf griff man die Schneeschicht mit Schaufeln und Hacken an. Sie war mindestens zehn Fuß dick, machte also die Aushöhlung einer Art Laufgrabens nöthig, durch welchen dann die freie Luft eindringen konnte.

Jasper Hobson, der Sergeant, einige Soldaten und selbst Mrs. Paulina Barnett wagten sich durch diesen Gang, durch welchen der Sturmwind mit ganz absonderlicher Wuth pfiff, nicht ohne große Mühe hinaus.

Welchen Anblick bot ihnen das Cap Bathurst und die nächst liegende Ebene! Es war jetzt zwar Mittagszeit, doch färbte kaum ein schwaches Dämmerlicht den südlichen Horizont. Die Kälte zeigte sich nicht so heftig, als man es hätte glauben sollen, und las man am Thermometer nur 9° unter dem Gefrierpunkte ab.

Das Schneegestöber setzte sich aber noch immer mit ganz unvergleichbarer Heftigkeit fort, und der Lieutenant, seine Leute und die Reisende wären bestimmt umgeworfen worden, hätte ihnen nicht die Schneelage, in welche sie bis zum halben Körper eingesunken waren, gegen das Ungestüm des Windes den nöthigen Halt verliehen. Zu sprechen vermochten sie nicht; ja bei dem Entgegenschlagen der Flocken, das sie halb blind machte, kaum etwas zu sehen. In weniger als einer halben Stunde wären sie wohl vollkommen überschneit gewesen. Alles rings um sie war weiß; die Umplankung überhäufelt; das Dach des Hauses verschwamm mit seinen Mauern unter einer gleichen Oberfläche, und ohne die bläulichen Rauchsäulen, welche aus den beiden Essen hinaufwirbelten, hätte kein Fremder an dieser Stelle das Vorhandensein eines bewohnten Hauses auch nur geahnt.

Unter solchen Umständen war »der Spaziergang« natürlich nur sehr kurz, dennoch hatte sich die Reisende einen schnellen Ueberblick der trostlosen Scene verschafft. Nur halb hatte sie zwar diesen schneegepeitschten Polarhimmel und den arktischen Sturm in seinem ganzen Schrecken sehen können, und dennoch nahm sie bei der Rückkehr in’s Haus eine unauslöschliche Erinnerung daran mit.

Die Luft im Hause war schon in wenigen Augenblicken erneuert gewesen, und die schädlichen Dünste verschwanden unter dem Einflüsse der reinen belebenden Atmosphäre. Lieutenant Hobson und seine Begleiter beeilten sich, wieder Schutz zu suchen. Das Fenster wurde wieder geschlossen, doch sorgte man im Interesse der Ventilation für die tägliche Reinigung seiner Oeffnung.

Auf diese Weise verfloß die ganze Woche. Glücklicher Weise hatten Rennthiere und Hunde hinreichendes Futter, so daß es unnöthig war, nach ihnen zu sehen. Acht Tage lang blieb die kleine Gesellschaft eingeschlossen. Für Leute, welche an die frische Luft gewöhnt sind, wie für Soldaten und Jäger, ist das eine sehr lauge Zeit. Am Ende verlor auch das Vorlesen seinen Reiz, und das »Cribbage« 4 drohte langweilig zu werden. Immer legte man sich mit der heimlichen Hoffnung nieder, am anderen Tage den Sturm austoben zu hören, immer sah man sich getäuscht. Fortwährend lagerte sich der Schnee vor den Scheiben des Fensters ab und heulte der Wind, fortwährend krachte es mit Donnergepolter in den Eisbergen und schlug der Rauch in die Wohnräume zurück, welche unausgesetzt von Husten wiederhallten – kurz der Sturm legte sich nicht nur nicht, sondern schien sich gar nicht wieder legen zu wollen.

Am 28. November endlich zeigte das in dem großen Saale angebrachte Aneroid-Barometer eine nahe Veränderung in dem Zustande der Atmosphäre an und stieg ganz bemerklich. Zu derselben Zeit fiel das außerhalb angebrachte Thermometer auch plötzlich auf 20° Celsius unter Null. Das waren untrügliche Erscheinungen. Und wirklich konnten die Bewohner von Fort-Esperance am 29. November aus der draußen herrschenden Ruhe das Ende des Unwetters bemerken.

Schnell suchte nun Jedermann hinaus zu gelangen. Die Gefangenschaft hatte lange genug gedauert. Die Thüre war nicht gangbar. Man mußte durch das Fenster klettern und es von den angehäuften Schneewehen reinigen. Jetzt galt es aber keine weiche Schneelage zu durchbrechen; im Gegentheil hatte die strenge Kalte die ganze Masse erhärtet, so daß sie nur durch Spitzhacken beseitigt werden konnte.

Das war das Werk einer halben Stunde, und bald befanden sich alle Wintergenossen, mit Ausnahme der Mrs. Mac Nap, welche noch nicht aufstand, in dem inneren Hofraume.

Die zwar strenge Kälte erschien, da der Wind sich gelegt hatte, ganz erträglich. Dennoch mußte man beim Verlassen einer geheizten Wohnung einigermaßen vorsichtig sein, um sich einem Temperaturunterschiede von vollen dreißig Graden ohne Nachtheil aussetzen zu können.

Es war acht Uhr Morgens. Vom Zenith, in dem der Polarstern leuchtete, bis zum Horizonte hinab glänzten die Sternbilder in prachtvoller Klarheit. Man hätte wohl geglaubt, Millionen zählen zu können, obgleich für das unbewaffnete Auge an der ganzen Himmelskugel nur etwa 5 000 deutlich unterscheidbar sind. Thomas Black gab seiner Bewunderung unverhohlen Ausdruck. Er jauchzte nach dem sternenbesäeten Firmament empor, welches kein Dunst, kein Wölkchen verhüllte. Nie breitete sich wohl ein schönerer Himmel vor dem Auge eines Astronomen aus!

Während Thomas Black in Verzückung schwelgte und gegen die Zustande auf der Erde ganz ohne Theilnahme war, begaben sich die Anderen bis nach der befestigten Umwallung hin. Zwar hatte die Schneelage die Festigkeit des Felsens, sie war aber so glatt, daß so Mancher deshalb hinfiel.

Der Hof des Forts war selbstverständlich ganz ausgefüllt. Nur das Dach des Hauses trat etwas über die weiße, vom Winde ganz horizontal abgewetzte Masse hinaus. Von der Palissade ragte nur noch das Ende der Pfähle hervor und in diesem Zustande würde sie auch dem ungelenkigsten Thiere kein Hinderniß gewesen sein. Was war aber dagegen zu thun? An das Wegschaffen einer zehn Fuß dicken und harten Schneelage von einer so großen Fläche war nicht zu denken. Höchstens konnte man versuchen, die äußere Fläche frei zu legen, indem man einen Graben um dieselbe zog, dessen Gegenböschung noch zum weiteren Schutze der Palissade diente. Jetzt war der Winter aber erst im Beginnen und man mußte fürchten, daß ein wiederholter Sturm den Graben in wenigen Stunden zuschütten würde.

Als der Lieutenant die Werke besichtigte, welche dem Hauptgebäude jetzt keine weitere Deckung boten, bis einst der Sonnenstrahl diese Schneekruste schmolz, rief Mrs. Joliffe:

»Und unsere Hunde! Unsere Rennthiere!«

In der That war es nöthig, sich nun einmal um diese Thiere zu bekümmern. Das »Dog-House« und der Stall, beide niedriger als das Wohnhaus, mußten wohl vollständig überweht sein und vielleicht gar der nöthigen Luft entbehrt haben. Man eilte also, die Einen nach dem Hunde-, die Anderen nach dem Rennthierstalle, sah aber bald jede Befürchtung zerstreut. Die Eismauer, welche jetzt die nördliche Ecke des Hauses mit der Uferhöhe verband, hatte die beiden Baulichkeiten so weit geschützt, daß der Schnee um sie her nur vier Fuß hoch lag. Die in den Wänden angebrachten »Lichter« waren also nicht verstopft. Man traf die Thiere ganz munter an, und sobald der Stall geöffnet wurde, sprangen die Hunde freudig bellend im Hofe umher.

Nun wurde die Kälte aber doch empfindlicher, und nach einstündiger Promenade sehnte sich Jeder nach dem wohlthuenden Ofen zurück, der im großen Saale prasselte. Draußen war ja überhaupt Nichts zu thun. Die Fallen, welche sechs Fuß tief unter dem Schnee lagen, konnten für jetzt nicht nachgesehen werden. Man kehrte demnach zurück. Das Fenster ward wieder geschlossen und da die Zeit des Mittagessens heran gekommen war, suchten Alle ihren Platz am Tische.

Natürlich kam das Gespräch auf die plötzliche Kälte, welche die dicke Schneeschicht so schnell fest gemacht hatte. Hierin lag der bedauerliche Umstand, daß die Sicherheit des Forts bis zu einem gewissen Punkte in Frage gestellt war.

»Aber, Herr Hobson, fragte Mrs. Paulina Barnett, dürfen wir nicht noch auf einige Tage Thauwetter rechnen, welche dieses ganze Schnee-Eis wieder in Wasser verwandeln?

– Nein, Madame, antwortete der Lieutenant. Thauwetter zu dieser Jahreszeit ist nicht wahrscheinlich. Ich glaube vielmehr, daß die Kälte bald zunehmen wird, und es ist zu bedauern, daß wir diesen Schnee nicht, als er noch weich war, fortschaffen konnten.

– Wie? Sie glauben, daß die Temperatur noch beträchtlich herabgehen werde?

– Ohne Zweifel, Madame. Was wollen denn zwanzig Grad unter dem Gefrierpunkte in so hoher Breite bedeuten?

– Wie würde sich aber das gestalten, wenn wir am Pole selbst wären, fragte die Reisende.

– Der Pol, Madame, ist höchst wahrscheinlich nicht der kälteste Punkt der Erdkugel, da alle Seefahrer dort ein freies Meer voraussetzen. Die niedrigste Mitteltemperatur scheint vielmehr, in Folge gewisser geographischer und hydrographischer Einflüsse, an einem unter 95° der Länge und 70° nördlicher Breite gelegenen Punkte, das wäre also an der Küste von Nord-Georgia, zu herrschen. Dort soll die Mitteltemperatur des Jahres 19° Celsius unter dem Gefrierpunkte betragen. Es ist dieser Punkt auch unter dem Namen des »Kältepols« allgemein bekannt. – Von diesem Punkte, Herr Hobson, erwiderte die Reisende, sind wir aber um acht Längengrade entfernt.

– Gewiß, antwortete der Lieutenant, und ich hoffe auch, daß wir am Cap Bathurst nicht ebenso hart daran kommen werden, wie es in Nord-Georgia der Fall sein müßte. Von dem Kältepole spreche ich Ihnen aber, um einer Verwechselung mit dem wirklichen Pole vorzubeugen, wenn es sich um das Herabgehen der Luftwärme handelt. Merken Sie sich übrigens, daß auch an anderen Punkten der Erdkugel oft eine sehr bedeutende Kälte beobachtet worden ist, nur war diese dann nie so anhaltend.

– Und wo, Herr Hobson? fragte Mrs. Paulina Barnett. Ich versichere Ihnen, daß mich gerade jetzt die Kälte ganz besonders interessirt.

– So weit ich mich entsinne, antwortete Lieutenant Hobson, haben Polar-Seefahrer bestätigt, daß die Temperatur auf der Insel Melville bis auf -51° und bis -53° Celsius am Port Felix herabgegangen ist.

– Liegen diese Insel Melville und der Port Felix nicht unter noch höherer Breite, als Cap Bathurst?

– Gewiß, Madame, aber bis zu einer gewissen Grenzlinie ist die Breitenlage ohne erheblichen Einfluß. Es genügt schon die Zusammenwirkung gewisser atmosphärischer Verhältnisse, um sehr heftige Kälte zu erzeugen. Trügt mich mein Gedachtniß nicht, so beobachteten wir im Jahre 1845 … Sergeant Long, waren Sie jener Zeit nicht in Fort- Reliance?

– Zu Befehl, Herr Lieutenant, antwortete Long. – Nun hatten wir im Januar eben dieses Jahres nicht eine ganz außergewöhnliche Kälte?

– Ja wohl, bestätigte der Sergeant, ich erinnere mich mit Bestimmtheit, daß das Thermometer 50°,7 unter Null zeigte.

– Was? rief Mrs. Paulina Barnett, über fünfzig Grad Kälte und das bei Fort-Reliance an dem großen Sklaven-See?

– So ist es, Madame, fuhr der Lieutenant fort, und nur bei einer Breite von fünfundsechzig Graden, in derselben Polhöhe, wie etwa Christiania oder St. Petersburg.

– Dann, Herr Hobson, werden wir auf Alles gefaßt sein müssen.

– Gewiß, wenn man in diesen arktischen Ländern den Winter zubringt, auf Alles!«

Am 29. und 30. November nahm der Frost nicht ab, und mußte man in den Oefen fortwährend ein tüchtiges Feuer unterhalten, sonst würde sich die Luftfeuchtigkeit in Ecken und Winkeln bald in Form von Eis abgelagert haben. Brennmaterial war jedoch in Ueberfluß vorhanden, und man schonte es deshalb auch nicht. Trotz der strengen Kälte im Freien wurde die Wärme im Inneren stets auf + 10° Celsius gehalten.

Ungeachtet der so niedrigen Temperatur wollte Thomas Black, den der klare Himmel verlockte, Sternbeobachtungen vornehmen. Er hoffte von den glänzenden Gestirnen, die um den Zenith kreisten, den oder jenen in zwei aufzulösen; doch mußte er auf jede Beobachtung verzichten. Die Instrumente »brannten« ihm in den Händen.

Brennen ist das einzige Wort, welches die durch einen metallischen und so starker Kälte ausgesetzten Körper hervorgebrachte Empfindung verdeutlichen kann. Im physikalischen Sinne ist die Erscheinung auch ganz die nämliche, der Eindruck ist derselbe, ob ein brennender Körper der Haut plötzlich hohe Wärmegrade zuführt, oder ein eiskalter Körper sie ihr eben so schnell entführt. Der würdige Gelehrte erkannte das recht handgreiflich, als die Haut seiner Finger an dem metallenen Rohre hängen blieb. Sofort stellte er dann seine Beobachtungen ein.

Der Himmel entschädigte ihn aber reichlich durch das unbeschreiblich schöne Schauspiel seiner prachtvollsten Erscheinungen, erst der Paraselene und dann eines glühenden Nordlichtes.

Die Paraselene oder der Mondhof bildet rings um den Mond einen Weißen, röthlich-bleich geränderten Kreis. Dieser Lichtabschnitt, welcher von der Brechung der Lichtstrahlen durch kleine, in der Atmosphäre schwebende Eiskrystalle herrührt, zeigte einen Durchmesser von etwa fünfundvierzig Graden. In der Mitte dieses Kranzes leuchtete das Gestirn der Nacht im lebhaftesten Glänze.

Fünfzehn Stunden später flammte über dem nördlichen Horizonte ein prächtiges Nordlicht auf, welches einen Bogen von mehr als hundert geographischen Graden einnahm. Der Gipfel des Bogens schien über dem magnetischen Meridiane zu stehen, auch war das Meteor, wie es dann und wann beobachtet wird, mit allen Farben des Prismas, unter welchen sich die rothe allerdings besonders geltend machte, geschmückt. An gewissen Stellen des Himmels erschienen die Sterne wie in Blut getaucht. Von der Nebelschicht, welche am Horizonte lagerte und den Kern der Erscheinung ausmachte, schossen manchmal Gluthstrahlen aus, die zum Theil den Zenith überschritten und den Mond erbleichen ließen, wenn er unter diese elektrischen Wellen tauchte. Diese Strahlenbündel erzitterten, als ob ein Luftstrom ihre Moleküle bewegte. Keine Beschreibung vermöchte die unerhörte Pracht dieses »Glorienscheines« wieder zu geben, welcher den Nordpol der Erde in vollem Glänze umrahmte. Dann verlöschte nach etwa, einer halben Stunde, ohne daß es sich verkleinert oder concentrirt hätte, ja ohne eine auch nur theilweise Verminderung seines Lichtscheines, das glänzende Meteor ganz plötzlich, als habe eine unsichtbare Hand die Elektricitätsquellen, von denen es sich nährte, mit einem Schlage verschlossen.

Für Thomas Black war es die höchste Zeit. Noch kurze fünf Minuten, und der eifrige Astronom wäre auf der Stelle angefroren.

  1. Ein in England sehr verbreitetes Kartenspiel.

Neunzehntes Capitel.


Neunzehntes Capitel.

Am 2. December erfolgte ein Abschlag der Kälte. Die Erscheinung des Mondhofes war ein Zeichen, welches ein Meteorolog nicht hätte mißverstehen können. Sie verrieth das Vorhandensein einer gewissen Menge Feuchtigkeit in der Luft, und wirklich fiel die Barometersäule auch zu der nämlichen Zeit, als sich die Thermometersäule bis auf -9° Celsius hob.

In gemäßigten Zonen wäre diese Kälte noch für sehr streng gehalten worden; Leute, wie die unserigen, ertrugen sie sehr bequem. Dazu war der Luftkreis ruhig. Da Lieutenant Hobson die Beobachtung gemacht hatte, daß die oberen Schneeschichten wieder mürber geworden waren, so ordnete er die Reinigung der äußeren Wand der Umplankung an. Mac Nap und seine Werkleute griffen die Arbeit muthig an und führten sie auch binnen wenigen Tagen glücklich zu Ende. Zu gleicher Zeit legte man auch die vom Schnee überdeckten Fallen wieder frei und stellte sie von Neuem auf.

Zahlreiche Spuren wiesen darauf hin, daß Pelzthiere sich in der Umgebung des Forts ansammelten, und da ihnen der Erdboden kein Futter lieferte, so mußten sie durch die Lockspeisen der Fallen leicht gefangen werden.

Auf den Rath des Jägers Marbre errichtete man auch eine Rennthiergrube nach Art der Eskimos. Diese besteht aus einem zehn Fuß im Durchmesser haltenden und zwölf Fuß tiefen Loche. Eine schaukelartig angebrachte Planke, welche sich durch ihr eigenes Gewicht wieder aufrichtet, lag darüber hin. Ließ sich das Thier von den am Ende der Planke hingestreuten Kräutern verlocken, so stürzte es sicher in die Grube, aus der es nicht wieder heraus kam.

Man sieht, daß sich diese Falle durch Anwendung der Schaukel selbstthätig wieder einstellte und daß sich auf diese Weise mehrere Rennthiere nach einander fangen konnten. Bei Errichtung seiner Falle fürchtete Marbre keine andere Schwierigkeit, als die, einen sehr harten Boden aufgraben zu müssen; aber er – und Jasper Hobson nicht minder – war höchlichst erstaunt, daß seine Hacke nach Beseitigung einer vier bis fünf Fuß messenden Erd- und Sandschicht wieder eine felsenfeste Schneelage antraf, welche von beträchtlicher Stärke zu sein schien.

»Notwendiger Weise, sagte der Lieutenant nach Betrachtung dieses Ergebnisses, muß dieser Küstenstrich, wahrscheinlich vor sehr vielen Jahren, einer ganz außerordentlichen Kälte ausgesetzt gewesen sein, und das auch eine sehr lange Zeit hindurch. Später hat dann Sand und Erde diese Eisschicht, welche höchst wahrscheinlich auf einem Bette von Granit ruht, überdeckt.

– Das mag sein, Herr Lieutenant, antwortete der Jäger, für unsere Fallgrube ist es aber gar nicht schädlich. Im Gegentheil werden die Rennthiere darin eine sehr glatte Wand ohne jeden Anhaltepunkt vorfinden.«

Marbre hatte recht, und die Zukunft bestätigte seine Voraussicht.

Als Sabine und er am 5. December nach der Grube gegangen waren, hörten sie ein dumpfes Brummen daraus hervor kommen. Sie hielten an.

»Das ist aber kein Rennthierschrei, sagte Marbre; das Thier, welches sich da drinnen gefangen hat, könnte ich Wohl nennen.

– Ein Bär? fragte Sabine.

– Ja, nickte Marbre, dessen Augen freudig erglänzten.

– Nun, meinte Sabine, bei solchem Tausche werden wir nichts einbüßen. Ein Beefsteak vom Bären ist wohl so viel werth, wie ein solches vom Rennthier, und das Fell haben wir obendrein! Vorwärts denn!« Die beiden Jäger waren bewaffnet. Sie luden noch eine Kugel auf ihre schon mit Hagel geladenen Gewehre, und begaben sich nach der Grube. Die Schaukel war wieder an richtiger Stelle, aber der Köder war verschwunden, und wahrscheinlich mit in die Grube hinabgefallen. Das Brummen wurde lauter; ohne Zweifel rührte es von einem Bären her. In einer Ecke der Grube hockte eine gigantische Masse, ein wahres Pack von weißem Pelze, das in dem Dunkel kaum zu erkennen war, aber in dessen Mitte zwei funkelnde Augen leuchteten. Die Wände der Grube erschienen von Tatzenschlägen zerkratzt, und hätte sich der Bär, wenn sie nur aus Erde bestanden, gewiß einen Ausweg in’s Freie verschafft. Auf dieser gleitenden Fläche aber vermochten seine Tatzen nicht zu haften, und wenn er sein Gefängniß sich auch ein wenig erweitert hatte, so hatte er mindestens nicht daraus entweichen können.

Jetzt bot es also keine Schwierigkeit, sich des Riesen zu bemächtigen. Von zwei Kugeln getroffen, sank er auf dem Grunde der Grube zusammen, und bestand das größte Stück Arbeit darin, ihn heraus zu ziehen. Die beiden Jäger kehrten nach der Factorei zurück, um sich Unterstützung zu holen. Etwa zehn ihrer Genossen folgten ihnen mit Stricken belastet nach der Grube, aus der das große Thier auch dann nur mühsam herauf zu bringen war. Es war ein riesiges Exemplar von sechs Fuß Höhe und mindestens sechshundert Pfund Gewicht, das eine ungeheure Stärke besessen haben mußte. Durch seinen platten Kopf, den länglichen Körper, die kurzen und wenig eingebogenen Krallen, die feine Schnauze und das vollkommen weiße Fell gehörte es zu der Unterart der sogenannten Weißen Bären. Die eßbaren Theile des Kolosses wurden in Mrs. Joliffe’s Hände sorgfältig abgeliefert, und figurirten bei der Mahlzeit an diesem Tage als hauptsächlichstes Fleischgericht.

In der folgenden Woche lieferten die Fallen noch so manchen Fang. Man erbeutete gegen zwanzig Zobelmarder, deren Winterfell jetzt am schönsten war, jedoch nur zwei bis drei Füchse. Diese schlauen Thiere witterten wohl die ausgelegten Köder, gewöhnlich aber höhlten sie den Erdboden unter und neben der Falle auf, gelangten auf diese Weise zur Lockspeise, und wußten sich dann unter der über ihnen zugeschlagenen Falle wegzustehlen. Sabine brachte diese Erfahrung ganz außer sich, und der Jäger erklärte eine solche Ausflucht für »ganz unwürdig eines anständigen Fuchses!«

Am 10. December war der Wind nach Südwesten umgesprungen; wieder fiel Schnee, aber nicht in großen Flocken. Es war ein feiner, nicht sehr reichlicher Schnee, der sich aber sofort zu Eis umwandelte, gleichzeitig aber eine tüchtige Kälte, und diese bei steifem Winde kaum zu ertragen. Man mußte sich demnach von Neuem kaserniren und die Stubenarbeiten wieder vornehmen. Der Vorsicht halber vertheilte Jasper Hobson an seine Leute Kalkpastillen und Citronensaft, da die anhaltende feuchte Kälte deren Gebrauch rathlich erscheinen ließ. Uebrigens war bisher noch bei keinem Inwohner von Fort-Esperance nur ein einziges Zeichen von Scorbut aufgetreten. Dank den getroffenen hygienischen Vorsichtsmaßregeln erlitt die allgemeine Gesundheit keinerlei Störung.

Jetzt war es tiefe Polarnacht. Das Winter- Solstitium rückte heran, das heißt, die Zeit, in der das Tagesgestirn am tiefsten unter den Horizont der nördlichen Erdhälfte taucht. Bei dieser mitternächtlichen Dunkelheit färbte sich, zu Mittag der südliche Horizont nur mit etwas helleren Farbentönen. Das ganze Gebiet machte vollkommen den Eindruck tiefster Trauer, als es die Schatten so allseitig umrahmten.

Einige Tage verbrachte man in der gemeinschaftlichen Wohnung. Wegen eines Ueberfalls durch wilde Thiere war Jasper Hobson beruhigter, seitdem die Außenseite der Umplankung von Schnee gereinigt war. Ein Glück war es auch zu nennen, denn oft ließ sich bis in das Haus hinein ein dumpfes Brummen vernehmen, über dessen Natur man gar nicht in Zweifel sein konnte. Ein unwillkommener Besuch indianischer oder canadischer Jäger war zu dieser Jahreszeit nicht zu erwarten.

Da trug sich ein Ereigniß zu, eine Unterbrechung der langen und langweiligen Durchwinterung, welches bewies, daß diese Einöden selbst im tiefsten Winter von Menschen nicht ganz verlassen sind. Auf der Jagd nach Walrossen und sich mit Lagerstätten unter dem Schnee begnügend, durchstreiften menschliche Wesen diesen Küstenstrich. Sie gehörten zur Race der »rohen Fisch-Esser« 5, welche sich im ganzen Norden Amerikas auf sehr verschiedenen Punkten vorfinden, wenigstens in der ganzen Breite von der Baffins-Bai bis nach der Behrings-Straße, wahrend der Sklaven-See etwa ihre Grenze im Süden darstellt.

Am Morgen des 14. Decembers, oder vielmehr um neun Uhr Vormittags, als Sergeant Long von einem Ausflug nach der Küste heimkam, schloß er seinen dem Lieutenant abgestatteten Bericht mit den Worten, daß, wenn seine Augen ihn nicht getauscht haben sollten, ein nomadisirender Stamm etwa vier Meilen von dem Fort entfernt, nahe einem kleinen Cap, welches die Küste dort bildete, sein Lager aufgeschlagen haben müsse.

»Und was für Nomaden sind es? fragte Jasper Hobson.

– Entweder Menschen oder – Walrosse, antwortete der Sergeant, denn ein Mittelglied dazwischen giebt es doch nicht.«

Der wackere Sergeant würde wohl nicht wenig erstaunt gewesen sein, hätte man ihm mitgetheilt, daß gewisse Naturforscher allerdings jenes ihm unbekannte »Mittelglied« angenommen haben. Denn wirklich betrachten einige Gelehrte, mehr oder weniger im Scherz, die Eskimos »als eine zwischen dem Menschen und dem Seekalbe rangirende Race«.

Lieutenant Hobson, Mrs. Paulina Barnett, Madge und einige Andere machten sich sofort auf, die Anwesenheit dieser Besucher sicherer zu begründen. In warmer Verhüllung, und gegen plötzlich eintretenden härteren Frost wohl geschützt, mit Flinten und Aexten bewaffnet und mit Pelzstiefeln versehen, da sie damit bequem über die Eiskruste des Schnees gehen konnten, verließen sie das äußere Thor und folgten dem Ufer, dessen Linie jetzt durch angeschobene Schollen nicht überall klar erkennbar war.

Der Mond, welcher zur Zeit im letzten Viertel stand, warf durch die Dünste am Himmel nur ein unsicheres Licht über das Eisfeld. Nach einer Stunde Wegs glaubte der Lieutenant schon annehmen zu müssen, daß sein Sergeant sich getäuscht, oder wirklich nur Walrosse gesehen habe, die durch die Oeffnungen, welche sie sich im Eise stets offen zu erhalten wissen, schon wieder in ihr Element zurückgekehrt seien.

Der Sergeant wies aber auf einen graublauen aus einer conischen Erhöhung noch einige hundert Schritte von ihnen aufsteigenden Rauch und sagte ganz gelassen:

»Da ist auch Rauch von den Walrossen!«

In demselben Augenblicke verließen einige lebende Wesen auf dem Schnee kriechend die Hütte. Es waren Eskimos; ob aber Männer oder Frauen, das hätte nur ein Stammesgenosse sagen können, so wenig unterschieden sie sich in der Kleidung.

Und in Wahrheit glaubte man, ohne damit im Geringsten der Anschauung oben erwähnter Naturforscher beizutreten, zottige, behaarte Amphibien vor sich zu haben. Jene waren ihrer sechs, vier größere und zwei kleine, breitschulterig, aber von geringer Größe, mit platter Nase, die Augen unter buschigen Brauen versteckt, mit großem Munde, dicken Lippen, langem, schwarzem, ungeordnetem Haare und bartlosem Gesicht. Als Kleidung trugen sie einen runden Ueberrock aus Walroßfell, Kapuzen, Stiefeln und Fausthandschuhe aus dem nämlichen Stoffe. Diese halbwilden Wesen näherten sich den Europäern und sahen sie schweigend an.

»Versteht Niemand die Sprache der Eskimos?« fragte Jasper Hobson seine Begleiter.

Niemand kannte dieses Idiom, aber plötzlich ließ sich eine Stimme vernehmen, welche eine Begrüßung in englischer Sprache darbrachte.

»Welcome! Welcome!« erklang es von einem Eskimo, oder, wie man bald erfuhr, von einer Eskimodin, welche auf Mrs. Paulina Barnett zuging und diese auch durch eine Handbewegung grüßte.

Die erstaunte Reisende erwiderte einige Worte, welche die Eingeborene leicht zu verstehen schien, weshalb man die Familie einlud, den Europäern nach dem Fort zu folgen.

Die Eskimos schienen einander durch Blicke zu fragen; nach einigen Augenblicken des Zögerns begleiteten sie aber in geschlossener Gruppe den Lieutenant.

Als man an der Umplankung ankam, rief die Eingeborene beim Anblick des Hauses, dessen Vorhandensein sie gar nicht vermuthet hatte:

»House! House! Snow-House?« (Haus! Haus! Schneehaus?)

Zu dieser Frage war sie wohl nicht unberechtigt, denn die Wohnung verschwand jetzt fast vollständig unter der weißen Masse, welche die Erde bedeckte. Man gab ihr zu verstehen, daß es sich um ein hölzernes Haus handele. Die Eskimoden sprach hierauf einige Worte zu ihren Genossen, welche mit einem Zeichen der Zustimmung antworteten. Alle traten nun durch das äußere Thor ein, und in kurzer Zeit waren sie in den großen Saal eingeführt.

Erst als sie dort die Kapuzen zurückschlugen, konnte man die Geschlechter unterscheiden. Es waren zwei Männer von vierzig bis fünfzig Jahren, mit rothgelbem Teint, spitzigen Zähnen und hervortretenden Backenknochen, was ihnen eine entfernte Aehnlichkeit mit Raubthieren verlieh. Zwei Frauen in jugendlicherem Alter trugen die Haare geflochten und mit Zähnen und Krallen des Polarbären verziert. Endlich waren zwei fünf- bis sechsjährige Kinder dabei, arme Wesen, aber mit munterem Gesichtsausdruck, welche Alles mit großen Augen anstaunten.

»Da man annehmen muß, begann Jasper Hobson, daß die Eskimos immer Hunger haben, so denke ich, wird ihnen ein Stück Wildpret nicht unwillkommen sein.«

Corporal Joliffe schaffte also einige Stücken Rennthierfleisch herbei, auf welche sich die armen Menschen mit wahrhaft thierischer Begierde stürzten.

Nur die junge, der englischen Sprache etwas mächtige Eingeborene zeigte eine gewisse Zurückhaltung, und hatte die Augen immer auf Mrs. Paulina Barnett und die anderen Frauen der Factorei geheftet. Als sie dann Mrs. Mac Nap’s kleines Kind bemerkte, das diese auf den Armen trug, erhob sie sich, lief zu diesem hin, flüsterte ihm mit schmeichelnder Stimme zu, und herzte es auf die artigste Weise.

Sie schien überhaupt, wenn sie nicht über ihren Gefährten stand, civilisirter zu sein als diese; man bemerkte es vorzüglich, als sie bei einem leichten Hustenanfall, ganz entsprechend den Grundregeln gesellschaftlicher Bildung, die Hand vor den Mund hielt.

Es entging das auch Niemandem. Mrs. Paulina Barnett, welche sich unter Anwendung der gebräuchlichsten englischen Worte mit der jungen Eskimofrau unterhielt, erfuhr bald, daß dieselbe früher ein Jahr lang bei dem dänischen Gouverneur in Uppernawik, dessen Gattin eine geborene Engländerin war, in Diensten gestanden hatte. Später hatte sie Grönland wieder verlassen, um ihrer Familie in die Jagdgebiete zu folgen. Die beiden Männer waren ihre Brüder. Die andere Frau war mit Einem derselben verheiratet, also ihre Schwägerin; dieser gehörten auch die beiden Kinder. Alle kamen von der an der Ostküste des britischen Amerika liegenden Insel Melbourne, und waren auf dem Wege nach der Barrow-Spitze, im Westen gelegen und zu Nord-Georgia im russischen Amerika gehörig, wo auch ihr Stamm wohnte. Sie erstaunten nicht wenig, am Cap Bathurst eine Factorei errichtet zu finden. Die beiden Eskimos schüttelten sogar mit dem Kopfe, als sie das Etablissement sahen. Mißbilligten sie den Bau eines Forts an diesem Küstenpunkte? Fanden sie die Oertlichkeit nicht gut gewählt? Trotz seiner Geduld gelang es Lieutenant Hobson nicht, Jene zur Kundgebung ihrer Ansicht hierüber zu veranlassen, oder mindestens verstand er ihre Antworten nicht.

Die junge Eskimodin, welche Kalumah hieß, schien sich der Mrs. Paulina Barnett schnell freundschaftlich anzuschließen. Ungeachtet ihres geselligen Wesens sehnte sie sich jedoch nicht nach ihrer bei dem Gouverneur von Uppernawik inne gehabten Stellung zurück, sondern schien sehr ihrer Familie anzuhängen.

Nachdem sie sich gestärkt und eine halbe Pinte Branntwein, von dem auch die Kinder einige Schlucke bekamen, redlich unter einander getheilt hatten, nahmen die Eskimos von ihren Wirthen Abschied. Bevor sie aber weggingen, lud die junge Eingeborene die Reisende ein, sie in ihrer Schneehütte zu besuchen. Mrs. Paulina Barnett versprach, wenn die Witterung nicht zu ungünstig wäre, am folgenden Tage zu kommen.

Wirklich begab sich am anderen Tage Mrs. Paulina in Begleitung von Madge, dem Lieutenant Hobson und einigen – nicht wegen jener armen Leute, aber für den Fall, daß etwa Bären an der Küste herumlungern sollten, – bewaffneten Soldaten nach dem Cap Eskimo, welchen Namen man der Stelle, an der sich das Lager der Eingeborenen befand, zugetheilt hatte.

Kalumah lief ihrer Freundin vom Tage vorher entgegen und wies ihr mit einer gewissen Selbstbefriedigung ihre Hütte. Diese bestand aus einem umfangreichen Kegel aus Schnee, hatte am obersten Punkte eine enge Oeffnung, die zum Austritte des Rauches diente, und in diesem Schneehaufen hatten die Eskimos ihre vorübergehende Wohnung ausgehöhlt. Die »Snow-Houses«, welche sie mit großer Geschwindigkeit herzustellen verstehen, heißen in der Landessprache »Igloo«. Dem Klima sind sie ganz vorzüglich angepaßt und ihre Bewohner ertragen darin, selbst ohne Feuer und ohne zu viel davon zu leiden, eine Kälte von 40° unter Null. Den Sommer über lagern die Eskimos unter Zelten aus Rennthier- oder Robbenfellen, welche den Namen »Tubic« führen.

In diese Hütte einzudringen, war keine so leichte Arbeit. Einen Eingang besaß sie nur dicht am Erdboden, durch welchen man, wie durch einen drei bis vier Fuß langen Gang, dessen Länge die Dicke der Wände darstellte, kriechend schlüpfen mußte. Doch eine Reisende von Profession, die ein Diplom der Königlichen Geographischen Gesellschaft besaß, konnte das nicht aufhalten. Gefolgt von Madge schob sich Mrs. Paulina Barnett hinter der jungen Eingeborenen her in den engen Schlauch. Lieutenant Hobson und seine Leute verzichteten auf diesen Besuch.

Auch Mrs. Paulina Barnett kam bald zu dem Einsehen, daß es noch nicht die schwierigste Aufgabe war, in diese Schneehütte zu gelangen, sondern erst, darin zu verweilen. Die Atmosphäre, welche durch einen offenen Herd, auf dem Walroßtheile verbrannt wurden, erwärmt, und von den Ausdünstungen einer rußenden Thranlampe ebenso, wie durch die der Kleider und des die Hauptnahrungsmittel bildenden Amphibienfleisches erfüllt wurde, – diese Atmosphäre war wirklich erstickend. Madge konnte sich nicht darin aufhalten und kroch sogleich wieder hinaus. Mrs. Paulina Barnett bewies, um die junge Eingeborene nicht zu kränken, einen ganz übermenschlichen Muth und verlängerte ihren Besuch bis auf fünf Minuten, – fünf Ewigkeiten für sie! Anwesend waren die beiden Kinder und deren Mutter, während die Männer vier bis fünf Meilen weit zur Walroßjagd ausgezogen waren.

Als Mrs. Paulina Barnett einmal aus der Hütte wieder heraus war, sog sie die kalte Außenluft, welche ihr erst wieder Farbe gab, mit einer wahren Wollust ein.

»Nun, Madame, fragte sie der Lieutenant, was sagen Sie von diesen Eskimo-Wohnungen?

– Daß der Luftwechsel darin Etwas zu wünschen läßt«, erwiderte einfach die Reisende.

Acht Tage lang blieb jene interessante Familie an der nämlichen Stelle wohnen. Von je vierundzwanzig Stunden verbrachten die beiden Eskimos zwölf mit der Jagd auf Walrosse. Sie lauerten auf jene Amphibien mit einer ihnen ganz eigenthümlichen Geduld am Rande der Oeffnungen, durch welche jene öfters auftauchen, um Athem zu schöpfen, auf. Zeigte sich nun ein Walroß, so wurde ihm eine Schlinge um die Brustflossen geworfen, mittels welcher die beiden Eingeborenen das Thier mit großer Mühe auf das Eis herausbugsirten, und es mit Axthieben tödteten. Eigentlich war das Verfahren mehr ein Fischfang, als eine Jagd zu nennen. Das größte Vergnügen bestand dann darin, das Blut dieser Amphibien zu trinken, was die Eskimos mit größter Vorliebe thun.

Trotz der Kälte kam Kalumah tagtäglich nach Fort-Esperance. Sie fand ein großes Vergnügen daran, die einzelnen Räume zu durchlaufen, oder sah der Nadelarbeit zu, und folgte Mrs. Joliffe’s Thätigkeit in der Küche bis in’s Einzelnste. Von jedem Gegenstande wollte sie den englischen Namen wissen und plauderte ganze Stunden lang mit Mrs. Paulina Barnett, wenn man »plaudern« einen Gedankenaustausch nennen kann, für den die Worte auf beiden Seiten nur mühsam gefunden wurden. Wenn die Reisende laut vorlas, hörte ihr Kalumah mit größter Aufmerksamkeit zu, obwohl sie gewiß kaum eine Sylbe davon verstand.

Kalumah sang auch mit weicher Stimme Lieder mit eigenthümlichem Rhythmus, Lieder, aus denen man die Kälte und das Eis, die ganze Melancholie des Nordens herausfühlte. Mrs. Paulina Barnett hatte sich die Mühe genommen, eine dieser grönländischen »Sagas« zu übersetzen, eine treffende Probe hochnordischer Poesie, welcher eine traurige Melodie, die von Pausen unterbrochen und in wunderlichen Intervallen fortgesetzt wurde, einen unbeschreibbaren Reiz verlieh. Wir geben hier eine möglichst getreue deutsche Übertragung aus dem Album der Reisenden.

Grönländisches Lied.

Am Himmel ist Nacht!
Kaum streift ein schwacher Sonnenstrahl
Das Erdenthal!
Nur ich halte Wacht,
In meinem Herzen allzumal
Des Zweifels Qual.
Das schöne Kind verlacht mein zärtlich Liebeslied –
Ob denn ein Eisberg wohl ihr Herzchen überzieht?

Du Engelsgestalt,
Von Deiner Liebe leb‘ ich hier,
Berauscht von ihr.
Des Sturmes Gewalt
Trotzt‘ ich um einen Blick von Dir,
O, send‘ ihn mir!
Mein heißer Kuß schmilzt nicht mit seiner Liebesgluth
Den Schnee, der kalt und dicht auf Deinem Herzen ruht!

O gieb, daß geschwind
Auch Deine Seele endlich sich
Anschließ‘ an mich.
Und morgen, mein Kind,
Wenn meine Hand nach Deiner schlich,
Dann schenk‘ mir Dich.
Die Sonne glänzt gewiß viel schöner Dir als Braut,
Hat nur die Lieb‘ einmal Dein Herzchen aufgethaut!

Am 20. December kam die Eskimo-Familie nach Fort-Esperance, um von dessen Bewohnern Abschied zu nehmen. Kalumah hatte sich an die Reisende sehr innig angeschlossen, und diese hätte sie gerne bei sich behalten; die junge Eingeborene brachte es aber nicht über sich, die Ihrigen zu verlassen; doch versprach sie, im Laufe des kommenden Sommers nach Fort-Esperance zurück zu kehren.

Der Abschied war rührend. Sie ließ Mrs. Paulina Barnett einen kupfernen Ring zum Andenken, und erhielt dafür ein Halsband von schwarzem Gagath, mit dem sie sich auf der Stelle schmückte. Jasper Hobson ließ die armen Leute nicht ohne einen tüchtigen Vorrath von Lebensmitteln, den man auf ihre Schlitten lud, davongehen, und nach einigen Dankesworten Kalumah’s verschwand die interessante Familie auf ihrem Zuge nach Westen in dem dicken Nebel der Küste.

  1. Übersetzung des Wortes Eskimo.

Zwanzigstes Capitel.


Zwanzigstes Capitel.

Noch einige Tage begünstigte das trockene und ruhige Wetter die Jäger; vom Fort entfernten sie sich aber niemals weit. Der Ueberfluß an Wild gestattete ihnen übrigens auch, sich mit einem beschränkten Raume zu begnügen.

Lieutenant Hobson konnte sich also nur Glück wünschen, sein Etablissement an einer so günstigen Stelle des Landes begründet zu haben. Die Trapper erbeuteten eine große Anzahl Pelzthiere aller Art. Sabine und Marbre tödteten eine beträchtliche Menge Polarhasen. Einige zwanzig hungerige Wölfe wurden geschossen. Diese Raubthiere waren sehr angriffslustig und, zu Heerden vereinigt, erfüllte ihr Bellen die Luft in der Umgebung des Forts. Auf der Seite des Eisfeldes passirten zwischen den Spitzhügeln häufig große Bären, deren Annäherung sorgsam überwacht wurde.

Am 25. December mußte wiederum jeder Ausflug aufgegeben werden. Der Wind sprang nach Norden um, und die Kälte wurde äußerst heftig; man konnte nicht in der freien Luft verweilen, ohne Gefahr zu laufen, sofort zu erfrieren. Das Thermometer fiel bis auf – 28° Celsius. Wie ein Kartätschenhagel blies der Wind. Bevor sich aber Alle verkrochen, trug Jasper Hobson Sorge, daß den Zugthieren genügend Futter zu Theil wurde, um einige Wochen damit auszudauern.

Der 25. December war ja Weihnachten, dieses, den Engländern so theure häusliche Fest. Es wurde mit aller religiösen Andacht gefeiert. Die Ueberwinternden dankten der Vorsehung, daß dieselbe sie bis hierher bewahrt hatte; dann fanden sich die Werkleute, nachdem sie den ganzen Christtag gefeiert hatten, zu einem splendiden Mahle zusammen, bei dem auch zwei gewaltige Puddings nicht fehlten.

Am Abend dampfte ein Punsch mitten zwischen den Gläsern. Die Lampen wurden verlöscht, und der nur durch die bleichen Flammen des Branntweins erhellte Saal gewann ein phantastisches Ansehen. Schon bei den zitternden Reflexen wurden alle diese braven Soldaten munter, was durch die Vertilgung des heißen Gebräues nur noch zunehmen sollte.

Darauf würden die Flammen kleiner,sprangen noch wie bläuliche Irrlichter um das nationale Gebäck herum, und verloschen endlich.

Da, o Wunder, trotzdem daß die Lampen noch nicht wieder angezündet waren, wurde doch der Saal nicht dunkel. Ein lebhaftes Licht drang durch die Fenster, welches vorher zu sehen nur die Lampen verhindert hatten. Erschrocken sprangen Alle auf und sahen sich an.

»Eine Feuersbrunst!« riefen Einige.

Wenn das Haus aber nicht selbst brannte, so konnte in der Nachbarschaft des Cap Bathurst keine Feuersbrunst ausbrechen.

Der Lieutenant stürzte an das Fenster und erkannte bald die Ursache des Wiederscheins; sie bestand in einer vulkanischen Eruption.

In der That stand westlich von dem steilen Ufer, jenseits der Walroß-Bai, der Horizont in Flammen. Den Gipfel der feuerspeienden Berge, welche etwa fünfundzwanzig Meilen von Cap Bathurst entfernt waren, konnte man allerdings nicht erkennen, die Flammengarbe aber, welche zu bedeutender Höhe aufstieg, erhellte die ganze Umgegend mit ihren Farbenreflexen.

»Das ist noch schöner als ein Nordlicht!« rief Mrs. Paulina Barnett.

Thomas Black widersprach dem; wie konnte ein Erdenphänomen schöner als eine Himmelserscheinung sein!

Doch anstatt dieses Thema zu besprechen, verließen Alle, trotz der heftigen Kälte und des scharfen Nordostwindes, den Saal, um das Schauspiel dieser funkensprühenden Flammengarbe zu bewundern, die sich glänzend von dem dunkeln Himmel abhob.

Hätten Jasper Hobson und seine männlichen und weiblichen Begleiter nicht Mund und Ohren dick in Pelze verhüllt gehabt, so hätten sie das dumpfe Geräusch hören müssen, das von der Eruption ausging, und hätten einander den Eindruck mittheilen können, den dieses wahrhaft erhabene Schauspiel auf sie machte. Aber so, wie sie vermummt waren, konnten sie weder hören, noch reden, und mußten sich mit dem Sehen begnügen. Und welch‘ imposanter Anblick bot sich da ihren Augen! Welche Erinnerung ihrem Geiste! Zwischen der tiefen Dunkelheit des Firmamentes und dem ungeheuren weißen Schneeteppich, brachte das Aufleuchten der vulkanischen Flammen Effecte hervor, welche keine Feder und kein Pinsel zu schildern vermögen. Bis über den Zenith hinaus erstreckte sich der helle Wiederschein, der nach und nach alle Sterne verlöschte. Der weiße Erdboden war dabei in goldene Tinten gekleidet. Die Spitzhügel des Eisfeldes und, weiter rückwärts, die ungeheuren Eisberge, warfen, wie ebenso viele glänzende Spiegel, die verschiedensten Lichter zurück. An allen Ecken und Kanten brachen und spiegelten sich diese Lichtbündel, und die verschieden geneigten Flächen sendeten sie mit lebhafterem Glanze und in neuen Farben weiter. Es war ein wahrhaft magischer Strahlenkampf; man hätte eine ungeheure Eisdecoration aus einer Feerie vor sich zu haben geglaubt, die eigens für dieses Fest des Lichtes hergestellt wäre.

Bald zwang die Kälte die Zuschauer freilich, in ihre warmen Wohnräume zurück zu lehren, und manche Nase mußte dieses Vergnügen theuer bezahlen, das die Augen bei einer solchen Temperatur nur sehr zum Nachtheil jener genossen hatten.

In den folgenden Tagen verdoppelte sich die Kalte. Es war zu befürchten, daß das Quecksilberthermometer nicht mehr ausreichen würde, die Grade derselben anzugeben, so daß man zu einem Alkoholthermometer werde greifen müssen. Wirklich ging die Quecksilbersäule in der Nacht vom 28. zum 29. December bis auf – 37° herunter.

Fast wurden die Oefen durch Feuermaterial erstickt, und doch gelang es nicht, die Temperatur im Innern über – 7° zu erhöhen. Bis in die Zimmer herein litt man von der Kälte, und in einem Umkreise von zehn Fuß um den Ofen war von Wärme überhaupt nichts mehr zu fühlen. Den besten Platz räumte man dem kleinen Kinde ein, dessen Wiege von Denen, welche sich nach und nach dem Feuerherde näherten, in Gang gehalten wurde. Fenster oder Thüren zu öffnen, wurde ein für alle Mal verboten, denn der in dem Saale aufgehäufte Dampf hätte sich dabei sofort in Schnee verwandelt. Der menschliche Athem brachte in dem Vorraume schon einen ähnlichen Effect hervor. Von allen Seiten hörte man ein kurzes Krachen, welches Personen, die an die Erscheinungen dieser Klimate nicht gewöhnt waren, erschreckte, und von den Baumstämmen, die die Wände des Hauses bildeten, herrührte, indem sie unter dem Einflüsse der Kälte sprangen. Die Vorräthe an Liqueuren, Branntwein und Gin, welche auf dem Boden untergebracht waren, mußten in den allgemeinen Saal herunter geholt werden, denn aller Weingeist dieser Flüssigkeiten concentrirte sich am Grunde der Flaschen, in Form eines Kernes. Das aus Tannensprossen hergestellte Bier zersprengte beim Gefrieren die Gefäße. Alle festen Körper widerstanden dem Einfluß der Wärme, als wären sie versteinert. Selbst das Holz brannte nur schwer, und Jasper Hobson mußte deshalb eine ansehnliche Menge Walroßfett opfern, um eine lebhaftere Verbrennung zu erzielen. Zum Glück zogen die Kamine sehr gut, und verhinderten das Uebertreten irgend welchen schlechten Geruches in’s Innere. Draußen aber mußte sich Fort- Esperance schon weithin durch den scharfen, unangenehmen Geruch des Rauches verrathen, und verdiente unter die gesundheitswidrigen Etablissements gezählt zu werden.

Als bemerkenswerthes Symptom stellte sich in dieser ungeheuren Kälte bei Jedermann ein brennender Durst ein. Um diesen zu löschen mußte man aber alle Flüssigkeiten erst am Feuer aufthauen, denn in ihrer Form als Eis waren sie nicht zu vertragen. Eine andere Erscheinung, gegen welche Lieutenant Hobson seinen Genossen anzukämpfen empfahl, war eine sonderbare Schlafsucht, deren Einige nicht Herr zu werden vermochten. Mrs. Paulina Barnett, die immer munter war, wirkte durch ihre Nachschlage, ihre Unterhaltung, ihr Ab- und Zugehen, durch das eigene Beispiel, und ermuthigte alle Uebrigen. Oefter las sie aus einem Reisewerke vor oder sang einige alte englische Lieder, die von Allen im Chore wiederholt wurden. Diese Gesänge weckten wohl oder übel die Eingeschlafenen wieder, welche dann auch ihrerseits bald mit einstimmten. So verrannen die langen Tage unter vollständiger Einschließung, und wenn Jasper Hobson durch die Scheiben nach dem außerhalb angebrachten Thermometer sah, fand er nur, daß die Kälte noch immer zunahm. Am 31. December war das Quecksilber in der Kugel des Instrumentes vollständig gefroren. Es war demnach eine Temperatur von mehr als 42° unter Null.

Am anderen Tage, am 1. Januar 1860, brachte Lieutenant Jasper Hobson der Mrs. Paulina Barnett seine Glückwünsche zum neuen Jahre dar und sprach ihr seine Anerkennung über den Muth und den guten Humor aus, mit welchen sie sich allen Strapazen unterzog. Dieselben Glückwünsche richtete er auch an den Astronomen, welcher aber in dem Neujahrstage Nichts als den Wechsel der Jahreszahl 1859 gegen 1860 sah, d. h. des Jahres, in welchem seine hochwichtige Sonnenfinsterniß stattfinden sollte. Zwischen allen Mitgliedern dieser kleinen Colonie, welche bis jetzt noch so einig und, Gott sei Dank, auch so vollkommen gesund geblieben waren, wurden herzliche Wünsche ausgetauscht. Hatten sich bei Einzelnen auch einige Vorzeichen von Scorbut gezeigt, so waren diese doch immer der rechtzeitigen Anwendung von Limoniensaft und Kalkpastillen gewichen.

Immerhin durfte man sich nicht zu zeitig freuen! Die schlechte Jahreszeit sollte ja noch drei Monate währen. Die Sonne mußte zwar bald wieder über dem Horizonte erscheinen, aber damit war nicht gesagt, daß auch die Kälte nun auch ihr Maximum erreicht haben müsse, und gewöhnlich tritt sogar in allen hochnördlichen Gegenden die stärkste Temperaturerniedrigung erst im Februar ein. Jedenfalls nahm die Kälte in den ersten Tagen des neuen Jahres nicht ab, und am 6. Januar zeigte das vor dem Fenster des Vorzimmers angebrachte Thermometer eine Kälte von 52° an. Noch einige Grade, und die im Jahre 1835 in Fort-Reliance beobachteten Temperaturminima waren erreicht, wenn nicht überschritten!

Die andauernde Kälte von solcher Heftigkeit beunruhigte Jasper Hobson mehr und mehr. Er fürchtete, daß die Pelzthiere gezwungen sein möchten, im Süden ein minder strenges Klima aufzusuchen, was seinen Absichten bezüglich der Jagden im kommenden Frühlinge sehr entgegen gewesen wäre.

Außerdem vernahm er durch die Erdschichten hindurch öfter ein dumpfes Rollen, das offenbar mit der vulkanischen Eruption zusammen hing. Der nördliche Horizont erschien fortwährend von dem Feuer aus der Erde erleuchtet, und gewiß vollzog sich jetzt in diesen Gegenden der Erdkugel eine furchtbare plutonische Arbeit. Konnte diese Nachbarschaft eines Vulkanes nicht für die neue Factorei gefährlich sein? Das ging Lieutenant Hobson immer durch den Kopf, wenn er dieses unterirdische Grollen vernahm, doch behielt er jene zunächst noch grundlosen Befürchtungen für sich.

Selbstverständlich dachte bei so enormer Kälte Niemand daran, das Haus zu verlassen. Hunde und Rennthiere waren reichlich versorgt; diese an ein langes Fasten während der Winterszeit gewöhnten Thiere nahmen auch seitens ihrer Herren keine Dienste in Anspruch. Es war also gar kein Grund vorhanden, sich der Strenge der Atmosphäre auszusetzen, und wohl schon genug, eine Temperatur auszuhalten, welche auch die Verbrennung von Holz und Fett kaum erträglich machte. Aller Vorsicht ungeachtet sammelte sich endlich doch Feuchtigkeit in dem gar nicht gelüfteten Raume an und schlug sich an den Balken als glänzende, von Tag zu Tag an Stärke zunehmende Schicht nieder. Die Condensatoren waren verstopft, und einer derselben sprang sogar unter dem Drucke des gefrierenden Wassers.

Unter solchen Verhältnissen dachte Lieutenant Hobson gar nicht daran, das Brennmaterial zu schonen. Er verschwendete es sogar, um die Temperatur etwas zu heben, welche, sobald die Feuer sich nur ein wenig minderten, bis auf – 9° herab ging. Alle Wachthabenden, welche sich von Stunde zu Stunde ablösten, hatten Befehl, wirklich zu wachen und die Feuer gut zu unterhalten.

»Das Holz wird uns bald ausgehen«, sagte da eines Tages Sergeant Long zum Lieutenant.

– Was? Uns ausgehen? rief Jasper Hobson.

– Ich will sagen, daß der Vorrath im Hause sich bald erschöpfen könnte, und daß wir uns aus dem Schuppen werden mit neuem versehen müssen. Ich weiß aber aus Erfahrung, daß man, wenn man sich bei dieser Kalte an die Luft wagt, auch das Leben auf das Spiel setzt.

– Ja, erwiderte der Lieutenant, es ist ein Fehler, den wir begangen haben, den Schuppen nicht im Anschluß an das Haus zu bauen. Ich bemerke das jetzt etwas spät und durfte es eigentlich, wenn wir über dem siebenzigsten Breitengrade überwintern wollten, nicht vergessen. Indeß, was geschehen ist, ist geschehen. Sagen Sie mir, Long, wie viel Holz haben wir noch im Hause?

– Höchstens so viel, um die Oefen noch zwei bis drei Tage heizen zu können, antwortete der Sergeant.

– Hoffen wir, versetzte Lieutenant Jasper Hobson, daß sich die Temperatur bis dahin ermäßigt hat, und daß wir ohne Gefahr über den Hof gehen können.

– Daran zweifle ich, Herr Lieutenant, sagte Sergeant Long, den Kopf schüttelnd. Der Himmel ist klar, der Wind hält sich nördlich, und ich würde mich nicht wundern, wenn diese Kälte noch vierzehn Tage, d.h. bis zum Neumond anhielte.

– Nun, mein wackerer Long, entgegnete der Lieutenant, vor Kälte werden wir nicht umkommen, und wird es nüthig, sich ihr auszusetzen …

– So wird es geschehen, Herr Lieutenant«, schloß Sergeant Long. Jasper Hobson drückte dem Sergeanten, dessen Ergebung ihm bekannt war, die Hand.

Man konnte glauben, daß Jasper Hobson und Sergeant Long übertrieben, als sie die plötzliche Einwirkung einer solchen Kälte für hinreichend ansahen, den Tod zu veranlassen. Doch stand ihnen, die an das herbe Polarklima gewöhnt waren, eine lange Erfahrung zur Seite. Sie hatten kräftige Menschen, die sich unter ähnlichen Umständen hinaus gewagt hatte, wie vom Schlage getroffen niederstürzen sehen; der Athem war ihnen ausgegangen und man hatte sie todt gefunden. Diese Thatsachen sind, so unglaublich sie scheinen, bei verschiedenen Durchwinterungen bestätigt worden. Gelegentlich ihrer Reise an der Küste der Hudsons-Bai im Jahre 1746, haben William Moor und Smith mehrere Fälle der Art erlebt, und einige ihrer Begleiter, die von der Kalte wie vom Blitze getroffen waren, dabei verloren. Unbestreitbar heißt es sich einem plötzlichen Tode aussetzen, wenn man einer Temperatur trotzen will, deren Intensität die Quecksilbersäule nicht mehr zu messen vermag. So war die beunruhigende Lage der Insassen des Fort-Esperance, als ein unerwarteter Zufall diese noch verschlimmern sollte.

Drittes Capitel.


Drittes Capitel.

Als Sergeant Long in dem engen Gange war, auf welchen sich die Außenthüre des Forts öffnete, hörte er die Rufe sich verdoppeln. Irgend Jemand klopfte auch heftig an das Ausfallsthor, welches zu dem von hohen Holzmauern geschützten Hofe den Zugang bildete. Der Sergeant stieß die Thür auf. Ein fußhoher Schnee bedeckte den Boden. Bis an die Kniee in diese weiße Decke sinkend, blind vom Schneewirbel, und geschüttelt von der eisigen Kälte ging jener quer über den Hof auf das Thor zu.

»Wer, zum Kukuk, mag nur bei diesem miserablen Wetter noch kommen! sagte sich Sergeant Long und hob methodisch, um nicht zu sagen »reglementmäßig« die schweren Schließbalken des Thores aus, – bei einer solchen Kälte wagen sich doch nur Eskimos heraus.

– Aufmachen! Aufmachen! drängte von draußen eine Stimme.

– Es wird schon aufgemacht«, antwortete Sergeant Long, der allerdings seine zwölf Tempos zum Oeffnen zu brauchen schien.

Endlich schlugen sich die Thorflügel nach Innen auf, wobei den Sergeanten ein Schlitten halb in den Schnee schleuderte, welcher mit einer Bespannung von sechs Hunden wie ein Blitz hereinfuhr. Fast wäre der wackere Long überfahren worden. Doch erhob er sich ohne Murren, schloß das Thor wieder und kam in gewöhnlichem Marschirtempo, das heißt mit fünfundsiebenzig Schritt per Minute, an das Hauptgebäude nach.

Schon waren Kapitän Craventy, Lieutenant Jasper Hobson und Corporal Joliffe da, welche, der entsetzlichen Kälte trotzend, den überschneiten Schlitten betrachteten, der vor ihnen hielt.

Soeben entstieg demselben ein dick in Pelze verpackter Mann.

»Das Fort-Reliance? fragte dieser.

– Ist hier, antwortete der Kapitän.

– Der Kapitän Craventy?

– Bin ich; und Sie?

– Ein Courier der Compagnie.

– Allein?

– Nein, ich bringe einen Reisenden.

– Einen Reisenden? Und was will er hier?

– Er will den Mond sehen.«

Bei dieser Antwort fragte sich der Kapitän, ob er es mit einem Tollhäusler zu thun habe, was in Anbetracht der begleitenden Umstände nicht unwahrscheinlich war. Jetzt hatte er aber keine Zeit, darüber nachzudenken. Der Courier hatte eine schwere Masse, eine Art schneebedeckten Sack, von dem Schlitten gezogen, den er Anstalt traf, in das Haus zu bringen, als der Kapitän ihn fragte:

»Was ist’s mit diesem Sacke?

– Das ist mein Reisender.

– Und wer ist er?

– Der Astronom Thomas Black.

– Aber er ist erfroren!

– Nun, dann thauen wir ihn wieder auf.«

Von den Händen des Sergeanten, des Corporals und des Couriers getragen, hielt Thomas Black seinen Einzug in das Haus, wo man ihn in einem Zimmer des ersten Stockwerks niederlegte, dessen Temperatur in Folge eines wohlgeheizten Ofens eine ganz erträgliche war. Dort legte man ihn auf ein Bett, und der Kapitän ergriff seine Hand.

Diese Hand war buchstäblich gefroren. Man löste die Decken und Pelzhüllen, welche Thomas Black, der wie ein Packet verschnürt war, umschlossen, und fand darunter einen dicken, kleinen Mann von gegen fünfzig Jahren, mit graulichen Haaren und struppigem Barte, dessen Augen geschlossen und dessen Lippen zusammengepreßt waren, als wären sie mit Leim verbunden. Dieser Mann athmete gar nicht, oder doch nur so schwach, daß er dadurch keinen Spiegel getrübt hätte. Joliffe entkleidete ihn weiter, und wendete und drehte ihn immer hin und her mit den Worten:

»Nun vorwärts, mein Herr! Wollen Sie denn nicht wieder zu sich kommen?«

Die also angeredete Persönlichkeit schien aber nur noch ein Leichnam zu sein. Um in ihm die entschwundene Wärme wieder zurückzurufen, fand Joliffe nur ein heroisches Mitttel, welches darin bestand, den Patienten in den heißen Punsch zu tauchen.

Ohne Zweifel zum Glücke für Thomas Black kam Lieutenant Jasper Hobson auf einen anderen Gedanken.

»Schnee her! befahl er. Sergeant Long, schaffen Sie einige Hände voll Schnee!«

Im Hofe von Fort-Reliance war daran kein Mangel. Während der Sergeant den verlangten Schnee zu holen ging, kleidete Joliffe den Astronomen vollends aus. Der Körper des Unglücklichen zeigte sich mit weißen Flecken bedeckt, welche auf ein tiefes Eindringen der Kälte in den Organismus hinwiesen. Gewiß war es die höchste Zeit, den ergriffenen Stellen wieder Blut zuzuführen, was Jasper Hobson durch kräftige Abreibungen mittels Schnee zu erreichen hoffte. Bekanntlich bedient man sich in den Polargegenden ganz allgemein dieses Mittels, um die Blutcirculation wieder herzustellen, welche eine übermäßige Kälte eben so hemmt, wie sie das Wasser der Flüsse zum Stehen bringt.

Sergeant Long war zurückgekommen, und er und Joliffe frottirten nun den neuen Ankömmling auf eine Weise, die dieser vorher sicher nicht gewöhnt war. Es war das kein sanftes Abreiben oder Einsalben mehr, sondern ein handfestes Kneten, das mehr etwa an die Bearbeitung mit einer Striegel, als mit der Hand erinnerte.

Während dieser Operation sprach der schwatzhafte Corporal immer auf den Reisenden, der ihn doch nicht hören konnte.

»Nun aber vorwärts, mein Herr! Was ist Ihnen nur eingefallen, sich dermaßen durchfrieren zu lassen. So seien Sie doch nicht so halsstarrig!«

Jedenfalls blieb Thomas Black zunächst noch halsstarrig, denn eine halbe Stunde verging noch ohne ein Lebenszeichen von seiner Seite. Schon wollte man daran verzweifeln, daß er wieder zu beleben sei, und die Massirenden gedachten eben ihre anstrengenden Versuche aufzugeben, als der arme Mann leise aufseufzte.

»Er lebt! Er erholt sich!« rief freudig Jasper Hobson.

Nach Wiedererwärmung der Körperoberfläche durch jene Frictionen durfte man auch die inneren Organe nicht vergessen.

Corporal Joliffe beeilte sich demnach, einige Gläser Punsch herbeizuschaffen, die dem Reisenden sehr wohl zu thun schienen. Seine Wangen bekamen wieder Farbe, seine Augen den Blick, seine Lippen die Sprache, und der Kapitän durfte endlich auf die Mittheilung hoffen, warum Thomas Black hierher, und das in so jämmerlichem Zustande gekommen war.

Der nun wieder warm zugedeckte Thomas Black richtete sich halb empor, stützte sich auf einen Ellenbogen und sagte mit schwacher Stimme:

»Fort-Reliance?

– Ist hier, erwiderte der Kapitän.

– Der Kapitän Craventy?

– Bin ich selbst, mein Herr, der Sie hier willkommen heißt. Doch darf ich fragen, was Sie nach Fort-Reliance führte?

– Er will den Mond sehen!« fiel der Courier ein, der beharrlich bei dieser Antwort blieb.

Sie schien übrigens Thomas Black zu befriedigen, denn er nickte beifällig mit dem Kopfe. Dann fuhr er fort:

»Der Lieutenant Hobson?

– Steht auch vor Ihnen.

– Also noch nicht abgereist?

– Wie Sie sehen, noch nicht, mein Herr.

– Schön, schön, mein Herr, versetzte Thomas Black, dann habe ich zunächst Ihnen nur noch zu danken und bis morgen auszuschlafen.«

Der Kapitän zog sich mit seinen Begleitern zurück und überließ den Sonderling der so nothwendigen Ruhe. Eine halbe Stunde später war das Abendfest zu Ende und Alle suchten ihre betreffenden Wohnungen auf, entweder im Fort selbst, oder in einigen kleinen Baulichkeiten, welche außerhalb desselben in der Nähe lagen.

Am anderen Tage war Thomas Black annähernd wieder hergestellt. Seine kräftige Konstitution hatte der furchtbaren Kälte widerstanden. Ein Anderer wäre wohl nicht aufgethaut, aber Er war eben von besserem Holze geschnitzt.

Doch wer war dieser Astronom? Woher kam er? Wozu diese Reise durch die Compagnieländereien, und das jetzt, noch während des strengen Winters? Was bedeutete die Antwort des Couriers, den Mond zu sehen? War denn der Mond nicht überall sichtbar und hatte es einen Zweck, ihn hier im hohen Norden zu suchen?

Diese Fragen stellte sich Kapitän Craventy. Als er jedoch Tags nachher ein Stündchen mit seinem neuen Gast gesprochen hatte, war er sich über alle im Klaren.

Thomas Black war in der That Astronom und zwar an der von Airy mit so großem Geschick geleiteten Sternwarte von Greenwich. Ein mehr intelligenter und kluger Kopf, als Theoretiker, hatte Thomas Black seit den vierundzwanzig Jahren, die er seine Stelle schon einnahm, den uranographischen Wissenschaften (d.i. der Himmelskunde) sehr große Dienste geleistet. Im Privatleben war er ein ganz unbrauchbarer Mensch, der außerhalb seiner astronomischen

Fragen gar nicht existirte und mehr im Himmel als auf der Erde wohnte; ein würdiger Abkomme des gelehrten La Fontaine, der bekanntlich in einen Ziehbrunnen fiel. Mit ihm war keine Unterhaltung möglich, wenn man nicht von Sternen und Sternbildern sprach. Er war ein Mann, geschaffen, gleich im Fernrohr zu leben. Aber wenn er beobachtete, that es ihm auch Keiner gleich. Welch‘ unerschöpfliche Geduld hatte er dann! Ganze Monate lang konnte er nach einem kosmischen Phänomen auf der Lauer liegen. Meteore und Sternschnuppen bildeten seine Specialität, und seine Entdeckungen in dieser Richtung sind von bleibendem Werthe. Handelte es sich um ganz feine Beobachtungen oder genaue Messungen und Bestimmungen, so wandte man sich stets an Thomas Black, der eine sehr merkwürdige »Gewandtheit des Blickes« besaß. Beobachten zu können ist nicht Jedermanns Sache. So nimmt es nicht Wunder, daß der Greenwicher Astronom ausersehen worden war, die nachfolgenden Beobachtungen, welche für die Selenographie (d. i. die Mondkunde) von hohem Werthe waren, auszuführen.

Bei einer totalen Sonnenfinsterniß erscheint die Mondscheibe nämlich von einem Strahlenkranze umgeben, dessen Ursprung indessen noch nicht fest steht. Ist er thatsächlich vorhanden oder Brechungsphänomen der Sonnenstrahlen rund um den Mond? Noch ist das eine offene Frage.

Seit 1706 schon haben die Astronomen diese »Aureola« wissenschaftlich beschrieben. Louville und Halley beobachteten bei der totalen Sonnenfinsterniß von 1715, Maraldi bei der von 1724, Antonio de Ulloa 1778, Bouditch und Ferrer 1806, diesen Strahlenkranz möglichst genau. Bei Gelegenheit der totalen Sonnenfinsterniß von 1842 suchten Gelehrte aller Nationen, wie Airy, Arago, Peytal, Laugier, Mauvais, Otto Struve, Petit, Baily u. A. die Lösung des Ursprungs dieser Erscheinung zu finden; aber so streng auch diese Beobachtungen waren, so sagt Arago darüber doch, daß »der Mangel an Übereinstimmung, welchen man an den von geübten Astronomen an verschiedenen Punkten angestellten Beobachtungen ein und derselben Sonnenfinsterniß findet, über diese Frage eine solche Dunkelheit verbreitet habe, daß vor der Hand an eine bestimmte Entscheidung über den Ursprung dieser Erscheinung nicht gedacht werden könne«.

Diese Frage berührt jedoch die Mondkunde sehr wesentlich und verlangt gebieterisch ihre Lösung. Jetzt bot sich eine neue Gelegenheit, diesen Lichtkranz zu beobachten. Am 18. Juli 1860 stand wieder eine totale Sonnenfinsterniß bevor, welche im Norden Amerikas, in Spanien und dem nördlichen Afrika sichtbar sein mußte. Die Astronomen verschiedener Länder waren übereingekommen, gleichzeitige Beobachtungen an verschiedenen Punkten in der Zone der Sichtbarkeit anzustellen. Thomas Black war zu dem Ende für den Norden Amerikas gewählt worden. Er befand sich da etwa unter denselben Verhältnissen, wie die englischen Astronomen, welche zur Beobachtung der Finsterniß von 1851 nach Schweden und Norwegen gegangen waren.

Es ist selbstverständlich, daß Thomas Black die ihm gebotene Gelegenheit, jenen Lichtkranz zu beobachten, mit Begierde ergriff. Er sollte gleichzeitig so weit als möglich die Natur der röthlichen Protuberanzen in’s Auge zu fassen suchen, welche an verschiedenen Stellen des Umkreises an unserem Tagesgestirne bemerkt werden. Gelang es dem Astronomen aus Greenwich, diese Frage auf unwiderlegliche Weise zu lösen, so durfte er der Anerkennung der ganzen gelehrten Welt sicher sein.

Thomas Black rüstete sich also zur Abreise und erhielt an die Hauptagenten der Hudsons-Bai-Compagnie die gewichtigsten Empfehlungsschreiben. Gleichzeitig sollte auch nächstens eine Expedition nach den Nordgrenzen abgehen, um dort eine neue Factorei zu gründen. Von dieser Gelegenheit galt es Nutzen zu ziehen. Thomas Black reiste also ab und durchschiffte den Atlantischen Ocean nach New-York, gelangte über die amerikanischen Seen nach der Niederlassung am Rothen Flusse, und dann von Fort zu Fort auf flüchtigem Schlitten, unter Leitung eines Couriers der Compagnie, trotz des Winters, trotz der Kälte, unter Mißachtung aller Gefahren einer Reise durch die arktischen Länder, am 17. März in Fort-Reliance unter den eben beschriebenen Umständen an.

Das waren die Aufklärungen, die der Astronom dem Kapitän Craventy gab, welcher sich in Folge dessen Thomas Black vollkommen zur Verfügung stellte.

»Aber, Herr Black, sagte er, warum eilten Sie dermaßen, um hierher zu kommen, da diese Sonnenfinsterniß erst im nächsten Jahre, also 1860, statthaben wird?

– Ich hatte ja gehört, Herr Kapitän, daß die Compagnie eine Expedition nach dem nördlichen Küstengebiet und über den siebenzigsten Breitengrad hinaus entsende, und wollte also die Abreise des Lieutenant Hobson nicht verfehlen.

– Herr Black, versetzte der Kapitän, wäre der Lieutenant schon fort gewesen, so würde es mir eine Ehre gewesen sein, Sie bis an die Küsten des Eismeeres zu geleiten.«

Endlich wiederholte er dem Astronomen, daß dieser völlig auf ihn rechnen könne, und nannte ihn nochmals in Fort-Reliance herzlich willkommen.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Um Abend des 17. März 1859 gab Kapitän Craventy im Fort-Reliance ein Fest.

Mit diesen Worten verbinde aber Niemand den Begriff einer großartigen Galaversammlung, eines Hofballes, eines mit allen Glocken eingeläuteten »raout« oder den einer Festlichkeit mit großem Orchester. Der Empfang bei Kapitän Craventy war einfacher, und doch hatte dieser Nichts gespart, ihm den möglichsten Glanz zu verleihen.

Wirklich hatte sich der Salon im Erdgeschoß unter der Leitung des Corporal Joliffe vollkommen verwandelt. Freilich waren die Wände, welche aus kaum behauenen, horizontal gelegten Stämmen bestanden, noch sichtbar, doch verhüllten vier in den Ecken angebrachte englische Flaggen und eine Anzahl dem Arsenale entnommene Waffen einigermaßen deren Nacktheit. Wenn sich die langen, rohen und geschwärzten Deckbalken auch kunstlos auf ihre Strebepfeiler stützten, so hingen doch dafür zwei mit Blechschirmen versehene Lampen als Kronleuchter davon herab und verbreiteten eine hinreichende Helligkeit in der dunstigen Atmosphäre des Saales. Die Fenster desselben waren schmal, und zum Theil vielmehr Schießscharten ähnlich; ihre dicht verblendeten Oeffnungen verwehrten jede Neugier, und zwei bis drei geschmackvoll daran angebrachte Stücken rothen Baumwollenstoffes erregten die Bewunderung der Eingeladenen. Der Fußboden bestand aus dicken Bohlen, welche Joliffe bei dieser Gelegenheit sorgfältig mit dem Besen gereinigt hatte. Weder Lehnsessel, noch Sophas oder Stühle, noch irgend welch‘ anderes Möbel stand im Wege. Holzbänke, welche in den dicken Wänden befestigt waren, roh zugehauene Klötze und zwei Tische mit stämmigen Füßen bildeten die ganze Ausrüstung des Salons; dagegen war die Zwischenwand, durch welche eine Thür nach dem Nebenzimmer führte, in außergewöhnlicher Weise reich geschmückt. An den Balken hingen, geschmackvoll angeordnet, so überreichlich Pelzfelle, daß man eine gleiche Auswahl in den Schaufenstern der Regent-Street oder Niewski-Perspective vergeblich gesucht haben würde. Alle arktischen Thierfamilien waren unter dieser Decoration durch Muster ihrer Felle vertreten. Da sah man die von Wölfen, grauen Bären, Eisbären, Ottern, Wieseln, Bibern, Moschusratten, Hermelinen und Silberfüchsen. Ueber dieser Ausstellung prangte eine Inschrift, deren Buchstaben kunstreich aus buntem Papiere ausgeschnitten waren, das Motto der weltberühmten Hudsons-Bai-Compagnie:

Propelle cutem.

»Wahrlich, Corporal Joliffe, sagte Kapitän Craventy zu seinem Untergebenen, Ihr habt Euch selbst übertroffen.

– Ich glaub‘ es, Herr Kapitän, ich glaub‘ es selbst, erwiderte der Corporal. Aber Jedem das Seine! Ein Theil Ihrer Lobsprüche trifft Mrs. Joliffe, die mir bei alledem geholfen hat.

– Das ist eine Capitalsfrau, Corporal.

– Sie hat nicht ihresgleichen, mein Kapitän.«

Mitten im Salon erhob sich ein ungeheurer Ofen, der halb aus Backsteinen und halb aus glasirten Kacheln aufgebaut war. Sein dickes Eisenblechrohr ging durch die Decke und verbreitete draußen dichte, schwarze Rauchwirbel. Dieser Ofen zog, prasselte und glühte bei der unausgesetzten Kohlenfütterung, die ihm der Heizer – ein speciell dazu angewiesener Soldat – zuführte. Manchmal verfing sich der Wind in der Esse, dann wälzte sich ein scharfer Rauch durch den Rost in den Salon; lange Flammen leckten an den Backsteinen in die Höhe; ein dichter Nebel verschleierte den Schein der Lampen und schwärzte die Balken der Decke. Diese kleine Unbequemlichkeit störte indeß die Gäste des Fort-Reliance nicht im Mindesten. Der Ofen spendete ja Wärme, und diese war damit nicht zu theuer erkauft, denn draußen war eine bittere Kälte, welche durch einen scharfen Nordwind doppelt fühlbar wurde.

Rund um das Haus tobte der Sturm. Der Schnee, der fast in festen Stücken fiel, trommelte an den Fenstern. Der Luftzug, welcher durch die Ritzen der Thüren und Fenster einen Eingang fand, verstärkte sich manchmal bis zum hörbaren Pfeifen. Dann wurde es wieder ganz still. Die Natur schien Athem zu holen, und erhoben die Windstöße dann sich wieder mit furchtbarer Gewalt. Man fühlte das Haus in seinen Grundpfählen erzittern, hörte die Dielen krachen und die Balken seufzen. Jeder Fremdling, der weniger, als die Gäste des Fort-Reliance, an dieses Wüthen des Luftmeeres gewöhnt war, hätte sich gefragt, ob dieser Haufen von Brettern und Bohlen nicht Gefahr liefe, ganz umgerissen zu werden. Kapitän Craventy’s Gäste kümmerte der Sturm aber wenig und hätte sie auch draußen eben so wenig erschreckt, wie die Sturmvögel, die dabei umherflatterten.

Die Gesellschaft bestand aus etwa hundert Personen beiderlei Geschlechts; nur Zwei – zwei Frauen – zählten nicht zu dem gewöhnlichen Personal und Besuchscontingent des Forts. Zu dem Ersteren gehörte Kapitän Craventy, Lieutenant Jasper Hobson, Sergeant Long, Corporal Joliffe und etwa sechzig Soldaten und Beamte der Compagnie. Einige von diesen waren verheiratet, unter Anderen der Corporal Joliffe, der glückliche Gatte einer munteren und geschickten Canadierin; ferner ein gewisser Mac Nap, ein Schotte, und mit einer Landsmännin verheiratet, und John Raë, der sich kürzlich eine Indianerin aus der Nachbarschaft zur Frau genommen hatte. Diese ganze Gesellschaft ohne Unterschied des Ranges, Officiere, Beamte und Soldaten, wurde an diesem Abende von Kapitän Craventy festlich bewirthet.

Das Personal der Compagnie lieferte aber die Festgäste nicht allein. Die Forts in der Nachbarschaft – und in solchen entlegenen Gegenden rechnet man diese bis auf hundert Meilen Entfernung – waren der Einladung des Kapitän Craventy gefolgt. Eine gute Anzahl Beamte oder Geschäftsführer waren aus Fort-Providence oder Fort-Resolution, ja sogar aus dem südlicher gelegenen Fort-Chipeway und Fort-Liard herbeigekommen. Eine so seltene Lustbarkeit und so unerwartete Zerstreuung durften sich diese Einsiedler, diese Verbannten, welche in der Einsamkeit der Borealgegenden halb verloren waren, nicht entgehen lassen.

Endlich hatten auch einige Indianerchefs die ihnen zugegangene Einladung nicht abgeschlagen. Diese Eingeborenen, welche zu den Factoreien in dauernder Beziehung stehen, liefern zum größten Theil und mittelst Tauschhandel die Pelzwaaren, welche die Compagnie vertreibt. Es waren zumeist Chipeway-Indianer, starke, prächtig gebaute Menschen, die in Lederröcke und Pelzumhänge der schönsten Art gekleidet waren. Ihr halb rothes, halb schwarzes Gesicht gewährte einen Anblick, wie man ihn in Europa bei Zaubervorstellungen etwa an den Teufeln sieht. Auf ihrem Haupte thronte ein Adlerfederbusch, wie der Fächer einer Sennora, der bei jeder Bewegung ihres pechschwarzen Haares erzitterte. Diese Häuptlinge, etwa ein Dutzend an Zahl, hatten ihre Frauen nicht mitgebracht, welche bedauernswerthen »Squaws« ein Leben nicht besser als das von Sklaven führen.

So war die Gesellschaft zusammengesetzt, welcher der Kapitän des Fort-Reliance seine Honneurs machte. Getanzt wurde, wegen Orchestermangels, nicht; das Büffet ersetzte aber reichlich die Lohnmusik der europäischen Bälle. Auf der Tafel erhob sich ein pyramidenförmiger Pudding, den Mrs. Joliffe hergestellt hatte; er bildete einen großen abgestumpften Kegel und war aus Mehl und Rennthier-, sowie Bisonochsenfett zusammengebaut. Vielleicht fehlte ihm die Zuthat an Eiern, Milch und Citronen, welche die Kochkünstler vorschreiben; diesen Mangel ersetzte er aber reichlich durch seine erstaunliche Größe. Mrs. Joliffe schnitt fleißig davon ab, ohne daß man deshalb eine wesentliche Verminderung der enormen Masse bemerkt hätte. Ferner figurirten sogenannte Sandwichbrödchen auf der Tafel, bei welchen freilich der Schiffszwieback die Scheiben feinen englischen Brodes ersetzen, mußte. Zwischen diese Zwiebackschnitten, welche trotz ihrer Härte den Zähnen der Chipeways nicht zu widerstehen vermochten, hatte Mrs. Joliffe erfinderischer Weise Schnitten von »corn-beef«, d. i. eine Art Pökelrindfleisch gelegt, welches den Schinken von York und die Trüffel-Gelatine der europäischen Büffets ersetzen mußte. Als Erfrischung reichte man Whisky und Gin in kleinen Zinnbechern herum, ohne des riesigen Punsches zu gedenken, der ein Fest beschließen sollte, von dem die Indianer in ihren Wigwams gewiß noch lange sprachen.

Wie viele Lobsprüche ernteten die Joliffe’schen Eheleute an diesem Abende! Aber welche Thätigkeit und Liebenswürdigkeit entfalteten sie auch! Sie schienen sich zu vervielfältigen. Mit welcher Freundlichkeit besorgten sie die Vertheilung der Herzstärkungen; sie erwarteten die Wünsche eines Jeden gar nicht, sie kamen ihnen zuvor. Niemand kam dazu, Etwas zu verlangen oder nur zu wünschen. Den Sandwichbrödchen folgten die Schnitten des unerschöpflichen Puddings, dem Pudding der Gin und der Whisky.

»Nein. ich danke, Mrs. Joliffe.

– Sie sind zu gütig, Corporal, lassen Sie mich nur einmal zu Athem kommen.

– Mrs. Joliffe, ich versichere Ihnen, daß ich ersticke!

– Corporal Joliffe, Sie machen aus mir, was Sie wollen.

– Nein, jetzt nicht, Mistreß, ich bin es nicht im Stande.«

Der Art waren die fast stehenden Antworten, welche sich das glückliche Ehepaar zuzog. Der Corporal und sein Weib nöthigten aber so herzhaft, daß ihnen auch die Widerspenstigsten den Willen thun mußten. Man aß ohne Unterlaß und trank eben immer.

Die Unterhaltung ward munter; Soldaten und Beamte wurden lebendiger. Hier sprach man von der Jagd, dort vom Handel. Was gab es da für Pläne für die kommende Saison! Die ganze Thierwelt der arktischen Regionen hätte die kühnen Nimrods nicht befriedigen können. Schon fielen Bären, Füchse und Bisonochsen unter ihren Kugeln. Biber, Hermeline, Wiesel und Marder fingen sich in ihren Fallen zu Tausenden. Die kostbarsten Pelze füllten die Magazine der Compagnie, welche in diesem Jahre einen ganz unerwarteten Segen einheimste. Während die reichlich fließenden Liqueure aber die Einbildung der Europäer erhitzten, ließen die ernsten und schweigsamen Indianer, welche zu stolz sind, um zu bewundern, und zu vorsichtig, um leichtsinnig zu versprechen, jene geläufigen Zungen schwatzen und vertilgten nur in großer Menge das »Feuerwasser« des Kapitän Craventy.

Dieser selbst, glücklich über den Jubel und befriedigt, daß sich diese armen Leute, welche fast außerhalb der bewohnten Erde dahinleben, einmal ergötzten, ging voller Freude unter seinen Gästen umher, antwortete aber auf alle Fragen, welche bezüglich des Festes an ihn gerichtet wurden, mit:

»Fragen Sie Joliffe! Immer nur Joliffe!«

Joliffe hatte aber auf jede Frage eine freundliche Antwort.

Von den Personen nun, welche eigentlich zum Fort-Reliance gehörten, müssen wir Einige naher betrachten, da wir sie in so schrecklichen Verhältnissen, wie keine menschliche Voraussicht sie erwarten konnte, wiederfinden werden. Es sind dies aber: der Lieutenant Jasper Hobson, Sergeant Long, das Joliffe’sche Ehepaar, und zwei weibliche Fremdlinge, denen zu Ehren der Kapitän jene Festlichkeit veranstaltet hatte.

Lieutenant Hobson war ein Mann von vierzig Jahren. Klein und mager, besaß er keine besondere Körperkraft, seine geistige Energie half ihm aber über alle Prüfungen und Unfälle hinaus. Er war ein »Kind der Compagnie«. Sein Vater, Major Hobson, ein Irländer aus Dublin, war erst seit einigen Jahren todt, nachdem er sehr lange Zeit mit Mrs. Hobson auf Fort-Assiniboine gewaltet hatte. Dort war auch Jasper Hobson geboren. Dort, am Fuße felsiger Berge, verlebte er seine Kindheit und Jugend.

Bei dem strengen Unterrichte Major Hobson’s ward er durch seine Kaltblütigkeit und seinen Muth zum »Manne«, als er den Jahren nach noch Jüngling war. Jasper Hobson war kein Jäger, aber ein Soldat, ein tüchtiger und gebildeter Officier. Während der Kämpfe, welche die Compagnie in Oregon gegen rivalisirende Compagnien zu bestehen hatte, zeichnete er sich durch seine Kühnheit ebenso, wie durch seinen Eifer aus, und avancirte bald zum Lieutenant. In Folge seiner anerkannten Verdienste war er eben zum Befehlshaber einer Expedition nach dem hohen Norden ausersehen worden. Diese Expedition sollte die Gegenden nördlich vom »See des Großen Bären« erforschen, und an der Küste des amerikanischen Festlandes ein Fort errichten. Lieutenant Jasper Hobson’s Abreise hatte in den ersten Tagen des April zu erfolgen.

Bot nun der Lieutenant das vollkommene Bild eines Officiers, so war dagegen Sergeant Long, ein Mann von fünfzig Jahren, dessen röthlicher Bart aus Kokosfasern zu bestehen schien, der Urtypus eines Soldaten; eine wackere Natur, gehorsam von Temperament, kannte er nur seine Ordre, grübelte über keinen noch so sonderbaren Befehl, und dachte an nichts Anderes, sobald es sich um den Dienst handelte; eine wahre Maschine in Uniform war er doch eine vollkommene, welche sich nicht abnutzte, immer im Gange blieb, und nie ermüdete. Dabei war Sergeant Long gegen seine Leute, aber auch gegen sich selbst, etwas hart. Er duldete nicht die geringste Lockerung der Disciplin, und machte unerbittlich von dem geringsten Fehler Meldung, wogegen wider ihn nie eine Anzeige eingelaufen war. Er commandirte wohl, weil er als Sergeant das mußte, aber man sah, daß er nur ungern Befehle ertheilte. Mit einem Worte, er war nur zum Gehorchen erschaffen, und diese Verneinung seines eigenen Ichs ihm ganz in Fleisch und Blut übergegangen. Aus solchen Leuten bildet man die furchtbaren Armeen. Sie sind nur Arme, welche einem Kopfe gehorchen. Liegt aber darin nicht die wahrhafte Organisation der Kraft? Die Fabel hat zwei Bilder erfunden: Briareus mit hundert Armen und die Hydra mit hundert Köpfen. Wenn diese beiden Ungeheuer mit einander kämpften, wer trüge den Sieg davon? – Briareus.

Corporal Joliffe ist schon etwas bekannt. Er war schon mehr eine schwärmende Fliege, aber man ergötzte sich bei deren Summen. Zu einem Haus- und Hofmeister eignete er sich besser, als zum Soldaten, und wußte das auch selbst. Mit Vorliebe nannte er sich den »Corporal für alles Mögliche«, aber dabei wäre er hundertmal nicht zurecht gekommen, hätte ihn nicht die sichere Hand der kleinen Mrs. Joliffe geleitet. Daraus folgt, daß der Corporal, ohne es zuzugestehen, nach seines Weibchens Pfeife tanzte, wobei er wohl mit dem Philosophen Sancho denken mochte: »An dem Rathschlage einer Frau ist zwar nicht viel, aber ein Thor ist, wer gar nicht auf einen solchen merkt.«

Das fremde Element der Abendgesellschaft war, wie erwähnt, durch zwei Frauen, im Alter von etwa vierzig Jahren, repräsentirt. Die Eine derselben verdiente mit Recht in der Reihe der berühmtesten weiblichen Reisenden zu stehen. Als Rivalin der Ida Pfeiffer, der Tinné, der Haumaire de Hell, wurde auch Paulina Barnett’s Name in den Sitzungen der Königlich Geographischen Gesellschaft häufig ehrenvoll erwähnt. Paulina Barnett hatte auf ihrem Zuge längs des Bramaputra bis zu den Gebirgsstöcken Tibets, und bei einem solchen durch unbekannte Theile Australiens, nämlich von der Bai der Schwäne bis zum Golf von Carpentaria, alle Eigenschaften einer großen Reisenden entfaltet. Sie war eine Frau von hohem Wuchse, seit fünfzehn Jahren Witwe, welche die Leidenschaft zu reisen immerfort durch unbekannte Länder jagte. Ihr von langen Bändern umrahmter, stellenweise schon ergrauter Kopf brachte eine stählerne Energie zum Ausdruck. Ihre etwas kurzsichtigen Augen verbargen sich hinter einem silbernen Lorgnon, welches seinerseits auf einer langen, geraden Nase aufsaß, deren bewegliche Flügel »nach der Weite zu trachten« schienen. Ihr Auftreten war freilich etwas männlich, und ihre ganze Erscheinung athmete weniger Liebreiz, als moralische Kraft. Sie war eine reiche Engländerin aus der Grafschaft York und verwendete einen großen Theil ihres Vermögens auf abenteuerliche Reisen. Auch wenn sie sich jetzt in Fort-Reliance befand, kam das daher, daß eine neue Entdeckungsfahrt sie dorthin verschlagen hatte. Nach Durchstreifung der Tropenregionen wollte sie nun zweifellos bis an die letzten Grenzen der Polarländer vordringen. Ihre Gegenwart im Fort galt als ein Ereigniß. Der Director der Compagnie hatte sie dem Kapitän Craventy schriftlich speciell empfohlen. Dieser sollte, nach dem Inhalte des Briefes, die Absicht der berühmten Reisenden, nach den Küsten des Eismeeres zu ziehen, nach Kräften fördern. Welch‘ großes Unternehmen! Es galt, den Weg eines Hearne, Mackenzie, Raë und Franklin einzuschlagen. Welche Mühen und Prüfungen, welche Kämpfe gegen die in den Polarländern so schreckliche Natur standen damit bevor! Wie konnte ein Weib sich dahin wagen, wo so viele Forscher umgekehrt oder untergegangen waren? Aber die Fremde, welche jetzt schon bis nach Fort-Reliance gekommen war, war kein gewöhnliches Weib, es war eben Paulina Barnett, die Preisgekrönte der Royal Society.

Wir fügen hinzu, daß die berühmte Reisende in ihrer Begleiterin, Namens Madge, mehr als eine Dienerin, eher eine muthige, ergebene Freundin besaß, welche nur für sie lebte, eine Schottin aus der guten alten Zeit, die ein Caleb ohne langes Besinnen hätte heiraten können. Madge war noch einige Jahre älter, als ihre Herrin, dabei groß und von gesundem Holze gezimmert. Madge duzte Paulina, wie diese Madge. Paulina betrachtete Letztere mehr als ältere Schwester, Madge aber Paulina als ihre Tochter. Alles in Allem machten Beide nur ein zusammengehöriges Wesen aus.

Zu Ehren dieser Paulina Barnett also bewirthete Kapitän Craventy an jenem Abende seine Beamten und die Indianer vom Stamme der Chipeways. Die Reisende sollte sich dann dem Detachement des Lieutenants Jasper Hobson auf dessen Erforschungsreise nach dem Norden anschließen. Für Paulina Barnett ertönte der große Salon der Factorei von kräftigen Hurrahs.

Wenn der Ofen an diesem denkwürdigen Abend einen Centner Kohlen consumirte, so lag das daran, daß draußen eine Kälte von vierundzwanzig Grad Die Temperaturangaben beziehen sich im Folgenden auf Celsiusgrade, (100° Celsius = 80° Réaumur.) – Unter Meilen sind englische zu verstehen, von denen 4, 611 einer geographischen, 4, 681 einer österreichischen Meile gleich sind. herrschte, und Fort-Reliance unter 61° 47″, also weniger als fünf Grade vom Polarkreise lag.